Kitabı oku: «Wettkampfkulturen», sayfa 6
6 Zielsetzungen: Wettkampfkulturen – Formen der Pluralisierung
Das Thema der Arbeit lässt sich einfach benennen: Es geht um narrative Vervielfältigung einfacher Formen des Wettkampfs. Doch zeigten die Vorsondierungen zugleich eine Reihe von Schwierigkeiten, die einfache Fragen und Antworten verwehren:
1 Einfachheit und Vielfalt besitzen nicht nur weitverzweigte Begriffsgeschichten und lassen sich auf verschiedenste Dimensionen von Erzähltexten beziehen, sondern können Formen auf unterschiedlichste Weise bestimmen. Während klassische Komplexitätsannahmen Einfachheit und Vielfalt als Pole gegenüberstellen oder als Skalierungsstufen verstehen, erzeugen mittelalterliche Erzählungen vielfach Phänomene, die auf seltsame Weise einfach und vielfältig zugleich erscheinen.
2 Formen von Einfachheit und Vielfalt unterliegen dabei historischem Wandel und reflektieren ihrerseits den historischen Wandel von Differenzierungspraktiken. Wenn die Organisation von Vielfalt in der Neuzeit mit Kulturbegriffen gebündelt wird, zeichnet sich an Verhältnissen von Einfachheit und Vielfalt zugleich die Genese von Kulturalität ab. Während kulturwissenschaftliche Forschungen diese Prozesse häufig an Diversitäts- und Kontingenzperspektiven messen, drohen dahinter die Vervielfältigungsformate vormoderner Kulturalität zu verschwinden.
3 Die Frage nach den Selbstbeschreibungen mittelalterlicher Kulturalität führt damit unweigerlich zur Frage, inwiefern die Neigungen der modernen Kulturwissenschaften zu offenem Pluralismus und irreduzibler Vielfalt gerade die historischen Spielräume solcher Vervielfältigung verdecken, wenn nicht sogar verzerren. Auch in der Mediävistik verführt die Frage nach Einfachheit und Vielfalt zu unbehaglichen Übertragungen, die vormoderne Literatur entweder auf implizite Modernisierungsperspektiven verpflichten oder umgekehrt zur (oft ebenso pauschalen) Überzeichnung ihrer Alterität führen.
4 Einfachheit und Vielfalt verschränken und potenzieren sich in Formen, unter denen Wettkämpfe in der mittelalterlichen Literatur besonders prominent sind. Ihr Verhältnis ist in vielen Fällen paradox: Einfache Oppositionsstrukturen verbinden sich in Schleifen, Rekursionen, Verschiebungen und Wiederholungen zu schwierigen Komplexen, die sich in unterschiedlichsten Gattungszusammenhängen finden. Wie sich im Blick auf klassische Ansätze der Streitsoziologie, aber auch angesichts der mediävistischen Forschung zu Agonalität zeigte, bereiten jedoch gerade diese paradoxen Umschläge von Einfachheit in Komplexität, von klar bestimmter in unbestimmte Ordnung hartnäckige Theorieprobleme.
Daraus ergeben sich neue Wege. Wenn viele Kulturbegriffe Bedingungsrahmen oder Praktiken des Vergleichens bezeichnen – wo lassen sich diese Bedingungen und Praktiken auch diesseits der Begriffe finden? Methodisch suchen die nachfolgenden Studien nach Antworten, indem sie mit sorgfältigen Beschreibungen von Einzeltexten und ihren Erzählformen ansetzen, ihre formalen Züge schrittweise abstrahieren und diese Einzelbefunde vergleichen. Die Analysen verfolgen dabei drei aufeinander aufbauende Fragen:
1 Wettkampfanalytische Fragestellung: Welche Formen von Vielfalt produzieren Erzählungen, die mit der Erzählform des Wettkampfs experimentieren?Wenngleich Wettkämpfe besonders eindrückliche Motive und Semantiken darbieten, lässt sich ihre funktionale Leistung der Vervielfältigung eher an ihren Formen ablesen, die viele Ebenen prägen. Die folgenden Untersuchungen legen dafür ein formales Verständnis zugrunde, das Wettkampf als einfache Potenzierungsstruktur versteht, die zwischen Einheit und Differenz oszilliert und dabei Komplexität aufbaut.1 In textnahen Analysen ist zu untersuchen, zu welchen Gestalten volkssprachige Erzähltexte diese allgemeine Form konkretisieren und modifizieren, auf welchen narrativen Ebenen diese Formen wirksam werden (Handlungsstrukturen und Figuren, Erzählinstanzen und Diskursebene),2 welche Reichweiten diese Formen im Textzusammenhang entfalten und schließlich, welche Stabilität sie dabei entwickeln oder welche Transformationen sie dabei durchlaufen. Im ersten Schritt werden damit Wettkampfnarrative erschlossen, die sich nach den genannten Parametern höchst unterschiedlich zeigen – von den Wettkämpfen heldenepischer Texte und Artusromane bis zu Heiligenlegenden und religiösen Erzähltraditionen vom Seelenkampf, von ›artes‹-Dichtungen im Umfeld scholastischer Disputation bis zum Erzählwettstreit mittels Exempeln. Höchst unterschiedlich sind auch die narrativen Effekte zu bestimmen, die im Einzelnen aus der Spannung von Wettkampfformen hervorgehen: Paradoxien von Divergenz und Konvergenz können offen hervorgetrieben werden und in Krisen und Blockaden, Auflösungen oder Abbrüche münden – aber ebenso verdeckt und überlagert werden, auf verschiedene Erzählebenen oder andere Kontexte verschoben werden. Solche und andere Möglichkeiten, die den Umgang mit Differenzzusammenhängen vielfältiger machen, gilt es an prägnanten Fallbeispielen zu erkunden.
2 Komplexitätstheoretische Fragestellung: Welche Komplexitätstypen lassen sich auf dieser Grundlage einzeltextübergreifend aufweisen?Zweitens ist auszuwerten, inwiefern diese Befunde gemeinsame Profile oder Züge erkennen lassen. Welche Einsichten in die Komplexitätstypik von Erzählungen sind zu gewinnen, die bislang meist nach Stoffen und Sujets, Überlieferungszusammenhängen oder Gattungsreihen getrennt erforscht wurden? So experimentiert etwa Hartmanns Iwein ebenso mit Komplexitätstypen der Einfaltung wie das Nibelungenlied; Märtyrerlegenden ›von unzerstörbarem Leben‹ wickeln Komplexität in seriellen Formen ab, an denen prinzipiell auch heldenepische Reihenkampferzählungen wie der Rosengarten zu Worms arbeiten. Aber handelt es sich dabei um dieselben Typen von Komplexität, die durch Wettkampf gebildet werden?
3 Kulturtheoretische Fragestellung: Welche formalen Strukturierungsmöglichkeiten zur Kommunikation von Vielfalt stellen diese Komplexitätstypen zur Verfügung?Wettkämpfe strukturieren Komplexität mittels unterschiedlicher Funktionen, Anordnungen und Tiefen ihrer agonalen Formen. Sie entfalten dabei hohe Attraktions- und Gravitationskräfte, die Akteure und Beobachter rasch hineinziehen und in diese Strukturen einbinden – darin liegt ihre sozialisierende Wirkung, die Kulturformen und Wettkampfformen verbinden. Doch erschöpft sich ihr Potential zur Bildung kultureller Formen nicht auf Ebene von Einzeltexten oder literarischen Typen, sondern erschließt sich durch abstrahierende Vergleiche.In diesem Sinne soll in einem dritten Auswertungsschritt versucht werden, einige formale Eigenschaften jener Komplexitätstypen hervorzuheben, die Wettkampferzählungen für die Kommunikation von Vielfalt entwickeln. Natürlich kann es – schon aus methodischen Gründen – nicht darum gehen, solche formalen Züge zu einer Kulturtheorie des Mittelalters überzugeneralisieren. Doch versprechen Formen des Wettkampfs wichtige Hinweise, wie einfachere oder vielfältigere Unterscheidungen aufeinander bezogen wurden, ohne dafür explizite Kulturperspektiven vorauszusetzen.
7 Zur Textauswahl
Wenn das Erkenntnisinteresse somit letztlich auf Kulturformen im Medium von Wettkampferzählungen zielt, kann sich diese Sondierung nicht von vornherein auf spezifische Motivlinien, Semantiken oder Gattungsreihen beschränken. Vielmehr ist die Textbasis diachron und interdiskursiv so breit anzusetzen, dass ersichtlich werden kann, wie eingeführte Differenzen und Grundoperationen des Wettkampfs in ganz unterschiedlichen Textsorten und unterschiedlichen Phasen der mittelalterlichen Literatur entfaltet werden konnten. Mit welchem Spektrum von Wettkampfformen ist in volkssprachlichen und lateinischen Erzähltexten des Mittelalters grundsätzlich zu rechnen?
Ich wähle dafür ein Corpus von Texten, das nicht im engeren Sinne als repräsentativ zu verstehen ist, sondern dieses Spektrum in seiner Breite zuallererst anhand exemplarischer Stichproben sichtbar machen soll. Ihre Auswahl ist nicht klassifikatorisch begründet, weil nach derzeitigem Forschungsstand keine tragfähige Typologie von Streit- oder Kampfformen vorauszusetzen ist, sondern formale Aspekte mittelalterlicher Wettkampftypen im Gang der Untersuchung erst erarbeitet werden sollen. Und schließlich bilden die gewählten Beispiele keine experimentelle Gruppe im strengen Sinne, da sie keineswegs zufällig gewählt sind, sondern alle Texte ausgeprägt daran arbeiten, ihre Wettkämpfe zu komplexen Ordnungen zu vervielfältigen. Narrative Texte spiegeln dies in besonderer Weise, da sie widerstreitenden Formen ausführlichen Raum geben und zugleich in zusammenhängenden Sequenzen verknüpfen.1
Um allzu engen Zirkelschlüssen, aber auch Übergeneralisierungen einzelner Wettkampfmodelle zu entgehen, versucht die Textauswahl einen möglichst großen zeitlichen Längsschnitt vom 9. bis zum 15. Jahrhundert zu ziehen:2 vom frühmittelalterlichen Heldenliedfragment (älteres Hildebrandslied) bis zur Heldenballade (jüngeres Hildebrandslied); von höfischer Epik (Iwein, Nibelungenlied) und Didaktik (Welscher Gast) des 12. und 13. Jahrhunderts bis zu Märtyrerlegenden, artes-Dichtungen (u.a. Heinrich von Mügeln, Der meide kranz) und Exempelsammlungen (Sieben weise Meister) des Spätmittelalters. Die gewählten Texte entstammen dabei nicht nur verschiedenen Diskursen – von religiöser Anthropologie (Psychomachia des Prudentius, Vorauer Sündenklage, Visio Philberti) über höfische Liebe und Ethik (Hartmann, Thomasin) bis zu Wissenschaftsdebatten (Alanus von Lille, Heinrich von Mügeln) und politischer Übung (Sieben weise Meister). Berücksichtigt werden Texte, die möglichst unterschiedliche Grade diskursiver, intertextueller oder materieller Verflechtung spiegeln: von überlieferungsstarken Knotenpunkten und einflussreichen Erzähltraditionen (Nibelungenlied, Narrative des ›Seelenkampfs‹, Sieben weise Meister) bis zu Experimentalfällen, die extreme Wettkampfmöglichkeiten ausloten, aber auch erhebliche Anschlussprobleme aufwarfen und in der Überlieferung z.T. isoliert stehen (Der meide kranz, Hartmanns Klage). Aus methodischen Gründen gehen die nachfolgenden Studien somit bewusst von einem möglichst breiten und heterogenen Corpus aus, um die formale Vielfalt von Wettkampferzählungen diesseits von Einflussbeziehungen zu sondieren. Angestrebt sind exemplarische Stichproben, die sich zwanglos fortführen und erweitern lassen.
Ihre (weitgehend) chronologische Anordnung könnte freilich den Eindruck erwecken, dass Wettkämpfe das mittelalterliche Erzähluniversum unausgesetzt beschäftigten. Doch halten sich die Fallstudien zurück, aus exemplarischen Stichproben diachrone Entwicklungen abzuleiten – ob nun als Einflussgeschichte von Ideen, Motivlinien oder Diskursen der Pluralisierung. Denn zum einen drohen solche Konstruktionen zu überdecken, dass Erzählversuche der agonalen Vervielfältigung oft heterogen und unabgestimmt,3 mitunter wie Störungen ihrer pragmatischen Rahmungen oder Gattungskontexte wirken – und daher nicht selten Anschlussprobleme oder Parallelfassungen provozierten, die ganz andere Richtungen einschlagen. Zum anderen verführt gerade die weite Verbreitung von Wettkampfformen rasch dazu, spezifische Modelle zu globalen Kulturmustern zu überhöhen.4 Gegenüber solchen paradigmatischen Entgrenzungen z.B. von ›höfischer‹ zu ›mittelalterlicher Agonalität‹ schlechthin gehen die folgenden Studien auf kritische Distanz, indem sie den Blick für agonale Entwürfe und Spielräume möglichst genau am Einzelfall zu schärfen versuchen. Skepsis ist dabei auch gegenüber eingespielten Axiologien geboten, die komplexen Erzählphänomenen zumeist bevorzugte Aufmerksamkeit und Wertschätzung beimessen, während einfache Erzählformen als anspruchslos verdächtigt werden. Daher gelten die Lektüren nicht nur vermeintlich komplexitätsorientierten Texten, die wie das Nibelungenlied B auch von der Forschung bevorzugt sind, sondern auch Vereinfachungen des Wettkampferzählens, die wie der Rosengarten zu Worms bis heute unter dem Verdikt ermüdender Schemaliteratur stehen.
8 Worum es (nicht) geht
Gegenstand und Erkenntnisinteresse der vorliegenden Arbeit lassen sich damit genau einkreisen. Zu untersuchen ist, welchen Beitrag mittelalterliche Erzählformen des Wettkampfs für die Entwicklung von Vielfalt leisten. ›Wettkampfkulturen‹ gehören in diesem Sinne zu den Versuchen mittelalterlicher Gesellschaften, diesseits von Diversitäts- oder Kontingenzperspektiven gleichwohl Darstellungsmöglichkeiten für Vielfalt zu entwickeln. Wettkampferzählungen zeigen davon nur einen Ausschnitt – es gibt andere Motive, Semantiken und Logiken mehr, mit Differenz umzugehen –, doch bieten sie einen besonders produktiven, risikofreudigen und daher aufschlussreichen Objektbereich.
Er ist für die mediävistische Forschung bis heute schwer zu fassen. Denn nicht nur gilt es, unreflektierte Übertragungen moderner Kulturbegriffe einzuklammern. Auch ist zu berücksichtigen, dass im Mittelalter kein Begriffsäquivalent für unbestimmte Vielfalt zur Verfügung steht. Erzählformen, die wie Wettkampf kulturfunktional wirksam sind, zeigen sich instabil und experimentell; obwohl ihre Texte keineswegs randständig sind, bilden sie keine zusammenhängenden Diskurse, Gattungen oder Traditionen.1 Aus diesem Grund strebt die folgende Untersuchung weder eine Gattungs- noch eine Kulturgeschichte von ›Wettkampf im Mittelalter‹ an, deren Grundlagen erst noch zu legen sind. Ihr Ziel sind allenfalls Vorstudien, die eine solche Geschichte vorbereiten. Dafür sind Fallstudien fruchtbar, die ein möglichst breites Spektrum von Wettkampfformen in prägnanten Momenten erkunden, in denen Vielfalt ›diesseits von Kulturkonzepten‹ greifbar wird. Um sie zu erschließen, setzen alle Analysen erstens auf der Ebene konkreter Erzählarrangements mittelalterlicher Wettkämpfe an. Sie fragen zweitens nach typischen Formen, die daraus hervorgehen, und suchen drittens allgemeinere Gesichtspunkte anzugeben, unter denen man ihre Komplexität kulturtheoretisch auswerten kann. Während die textnahen Beschreibungen auf erzähltheoretische Analysekategorien zurückgreifen und hermeneutische Lektüren erarbeiten, wagt dieser letzte Schritt formale Abstraktion, um die Einzelstudien an Grundfragen der Kulturtheorie anzuschließen.
II Theoretische Grundlagen
1 Wettkampf
»Es gibt wohl keine Seele, der der formale Reiz des Kampfes […] ganz versagt wäre […].« (Georg Simmel)1
1.1 Vorbemerkung
Um Pluralisierungspotentiale mittelalterlicher Wettkampferzählungen beschreiben zu können, bedarf es einer Arbeitsdefinition, die formal zielsicher, aber heuristisch offen genug angelegt ist, um historisch fremde Kulturformen zu erfassen. Wie lässt sich ein solcher Ausgangspunkt gewinnen, dem nicht schon eine moderne Form von Pluralismus – und damit eine spezifische kulturelle Differenztypik – eingeschrieben wäre? Sollte man dafür eher historischen Beschreibungen oder modernen Forschungsperspektiven folgen? Einen Vorschlag zu diesem methodischen Spannungsfeld möchte ich im folgenden Kapitel in drei Schritten entwickeln. Dazu möchte ich zunächst kurz mittelalterliche und moderne Vorschläge in Erinnerung rufen, die ein vielgestaltiges Feld von Kampfformen differenzieren. Schon die Art ihrer Differenzierung, so wird sich zeigen, gibt wichtige Fingerzeige im Hinblick auf die historische Alterität vormoderner Wettkämpfe (Kap. II.1.2). Daran anschließend möchte ich in einem zweiten Schritt ein differenztheoretisches Modell skizzieren, das aus modernen Theoriezusammenhängen der mathematischen Logik schöpft. Trotz seiner systematischen Abstraktion hält sich dieser Ansatz offen genug, um die historischen Unterscheidungslogiken mittelalterlicher Wettkampferzählungen einfangen zu können, für deren formale Aspekte er in besonderer Weise sensibilisiert (Kap. II.1.3). Eine formale Arbeitsdefinition könnte somit helfen, möglichst textnahe, präzise Analysen von Wettkämpfen mit der übergreifenden Frage nach Formen des Unterscheidens zu vermitteln, denen das weitergehende kulturtheoretische Erkenntnisinteresse dieser Arbeit gilt. Trotzdem haben auch Wettkampfkulturen ihre Grenzen, die in aller Kürze anzusprechen sind – und dies nicht nur als Phänomene der Komplexitätsbildung (II.1.4), sondern dementsprechend auch als Forschungskonzept (II.1.5).
1.2 Kampf, Streit, Konflikt? Zum Verhältnis von mittelalterlicher und moderner Wettkampfsemantik
Wie weit kann man sich von der historischen Semantik leiten lassen, um die kulturellen Dimensionen von Wettkämpfen ermessen zu können? Aus unterschiedlichen Disziplinen hat die mediävistische Forschung in diese Richtung gefragt.1 Erforscht wurde ein breites Spektrum agonaler Formen im Mittelalter, das von Kampf und Krieg, Streit und Konflikt über Rivalität und Konkurrenz bis zu Wettbewerben und Disputen reicht.2 Dies weckt Wünsche nach Differenzierungen: Sind nicht destruktive Kollektivkämpfe wie Krieg von Spielformen des Wettkampfs abzugrenzen?3 Unterscheidet sich nicht auch im Mittelalter gewaltsame Konfliktaustragung von jenem »zweckfrei[en] Tun« des Vergleichs,4 das Jacob Burckhardt als Kennzeichen des künstlerischen Agon betrachtete, der jegliche »Kolonialisierung des Anderen« vermeide?5 Wenn in mediävistischen Zusammenhängen vom Agonalen die Rede ist, werden Streit und Konflikt dadurch nur zu oft in Gegensatz zum Freiheits- und Reflexionsraum der Kunst gebracht. Entweder handelt man sich damit jedoch historisch unangemessene, zumindest schwierig auszuräumende Konnotationen der Autonomieästhetik ein –6 oder man muss gerade jene emphatischen Wirkungszuschreibungen des Künstlerischen abschwächen, denen sich das Konzept des Agonalen zuallererst verdankte.7 Könnte es dann nicht Auswege eröffnen, auf strukturelle Minimalkriterien des Wettstreits zurückzugreifen? Auch für Streitgedichte des Mittelalters ist schließlich davon auszugehen, dass sie mindestens zwei Sprecherpersonen dialogisch in Beziehung setzen und deren Positionen wechselweise miteinander konfrontieren.8 Allerdings: Das spezifische Konfliktprofil und seine Dynamik erfassen strukturelle Minimalkriterien meist nicht näher. Erweitert man an dieser Stelle den Blick von kulturgeschichtlichen und philologischen Ansätzen zu soziologischen Traditionen der Streit- bzw. Konflikttheorie, stößt man auf jüngere Angebote, die vor allem zwischen dem Streitverhalten individueller Akteure und sozialen Konflikten, zwischen personaler Rivalität und systemischer Konkurrenz unterscheiden. Weitere Anregungen könnten darin bestehen, kämpferische Interaktion und Kommunikation hinsichtlich ihrer symbolischen Mittel und normativen Bezüge, hinsichtlich der Grade ihrer Ritualisierung (Schemata und Scripts des Wettkampfs) und Aspekte ihrer Institutionalisierung (Regeln und Rahmungen des Wettkampfs) zu differenzieren.9 Innerhalb der Theorietradition der Soziologie verdanken sich solche und andere analytische Gesichtspunkte jedoch ihrerseits Diskussionsverschiebungen, die für das Interesse an vormodernen Wettkampfformen nicht unerheblich sind. Während Georg Simmel noch in erster Linie ein Kontinuum von paradoxen Streitformen aufzuzeigen versuchte, bemühte sich die an Simmel anschließende Tradition eher um Trennung und Ausdifferenzierung von Sphären, die Simmels Pionierarbeit als verbunden betrachtete. Im Unterschied zu jüngsten Beiträgen zur Konflikttheorie bietet Simmels wegweisende Studie hingegen keinen trennscharfen Begriff des Streits.10
Grundlegender als die Frage, welche Merkmale vormoderne Wettkämpfe auszeichnen, könnte daher vielleicht sein, inwiefern eine Definition distinktiver Merkmale überhaupt historisch angemessen sein könnte. Weshalb aber sollte sich die Untersuchung dann an den Wettkampfbegriff halten, wenn dieser doch in der Neuzeit zunehmend an regelgeleitetes, in hohem Maße koordiniertes oder gar kooperatives Verhalten in herausgehobenen Arena-Situationen denken lässt?11 Kurzum: Fasst der Titel ›Wettkampfkulturen‹, so griffig er zunächst klingen mag, nicht höchst Ungleichartiges zusammen, das entschieden zu differenzieren wäre?
Damit sind nicht nur Etikettierungsprobleme aufgerufen, die man leicht mit dem Hinweis entkräften könnte, dass ›Wettkampf‹ ebenso wenig wie ›Kultur‹ zum Vokabular volkssprachlicher Texte des Mittelalters gehört und daher als Forschungskonzept eingeführt werden kann. Wie jedoch Beate Kellner und Peter Strohschneider in einer grundlegenden Studie zur »Poetik des Krieges« zeigen konnten, nutzt etwa die Sangspruchdichtung Metaphern des kriegens durchaus, um ihren textuellen Status und Bedingungen ihrer Reproduktion zu reflektieren.12 Es gibt also durchaus Bezüge zwischen Objekt- und Untersuchungsbegiffen; volkssprachliche Wettkampfbezeichnungen verweisen durchaus auf reflexive Potentiale, auch wenn diese meist nicht begrifflich zugespitzt,13 sondern öfter performativ inszeniert, narrativ entfaltet oder imaginativ vor Augen geführt werden. Zugleich verdeutlichte die Studie von Kellner und Strohschneider: Auch Annäherungen über die historische Semantik münden in jenes methodische Spannungsfeld, auf dem Selbstbeschreibungen mittelalterlicher Texte und mediävistische Fremdbeschreibungen auseinander laufen. Deutlich wird dies, sobald Kellner und Strohschneider die volkssprachliche Poetik des kriegens im Rückgriff auf Konzepte der »Agonalität« und »Dialogizität« erläutern: Literarischer kriec erzeuge im Zusammenwirken aggressiver und kooperativer Dimensionen paradoxe Spannungen zwischen Abbruch und Fortsetzung, die Wettkampfkommunikation auszeichne.14 Für eine Kulturtheorie der paradoxen Produktivität von Wettkämpfen sind solche Überlegungen ohne Frage attraktiv. Doch lassen sie die Frage offen, wie das »Selbstbeschreibungsvokabular« der Objektebene mit Konzepten der wissenschaftlichen Fremdbeobachtung methodisch zu vermitteln ist.15 Denn sofern die ›Poetik des Krieges‹ gerade nicht an Begriffen historischer Texte selbst zu fassen ist, dann ist diese Lücke kaum auf dem Weg historischer Begriffssemantik zu schließen. Schwer jedenfalls ist sie durch moderne Strukturbegriffe wie ›Agonalität‹ und ›Dialogizität‹ zu füllen, die jeweils eigenen Explikationsbedarf aufwerfen und in eigene Theoriekontexte führen.
Weiter könnte es führen, die Frage nach vormodernen Wettkampfsemantiken gezielt um die Inszenierungsmodi, Erzählformen und Bildentwürfe volkssprachlicher Wettkampfliteratur zu erweitern. Auch dabei ist Vorsicht gegenüber ›großen Erzählungen‹ geboten. Kaum wird man etwa moderner Streitkultur pauschal eine höhere Komplexität unterstellen dürfen;16 vormoderne Kampfkulturen entwickeln ebenfalls vielfältige Varianten, die auf verschiedene symbolische Ressourcen zurückgreifen, Normen stabilisieren, soziale Rahmen reflektieren und Formen verfestigen, ohne schlicht auf Reduktion zu zielen. Keineswegs wirken vormoderne Wettkampfmuster vornehmlich ordnungskonservativ. Im Gegenteil: Eindrücklich bezeugen etwa die zahlreichen Wettkampferzählungen isländischer Sagas, wie offene Rechtslagen und Fragen gesellschaftlicher Ordnung im Zuge der Kolonisierung flexibel über Wettkampfrituale ausgehandelt wurden.17 Weder lässt sich aus dominanten Wettkampfformen wie z.B. wettbewerblicher Konkurrenz schließen, gegenwärtige Gesellschaften seien von Wettkampf generell dichter durchdrungen;18 noch wird Wettkampf erst in der Moderne zum Sonderthema sozialer Selbstbeschreibung.19
Während moderne Streitsphären von Politik, Wirtschaft, Recht oder Kunst distinkte Kommunikationsformen des Kampfes ausprägen, überlappen sich in Texten des Mittelalters soziale Streitsphären und Streitformen in vielfältiger Weise.20 So unterscheidet etwa die im gesamten Mittelalter einflussreiche Enzyklopädie Isidors von Sevilla im XVIII. Buch zwar zahlreiche Formen vom Krieg (bellum) bis zum spielerischen Wettkampf (ludus), schreitet dabei jedoch insgesamt ein lückenloses Kontinuum ab, das von Kriegen und Zweikämpfen über Bindeglieder wie Kampfspiele (ludicra) bis zu Brett- und Ballspielen reicht.21 Isidors kompendienartiger Überblick gilt somit einem durchaus differenzierten, aber eben nicht kategorisch getrennten Feld von Kampftypen, die miteinander in ›familienähnlicher‹ Beziehung verbunden sind. Ebenso demonstrieren literarische Inszenierungen gattungsübergreifend: Selbst wenn Kämpfe auf Leben und Tod ausgefochten werden, können sie als regelgeleitete Wettbewerbe gestaltet sein.22 Auch das Vokabular des Streitens volkssprachlicher Texte umfasst ein breites Spektrum von bewaffneten Konflikten über verbalen Schlagabtausch bis zum spielerischen Messen.23
Daher suchen die nachfolgenden Studien nicht einzelne Sphären und Formen kategorisch abzugrenzen, sondern Typen der Komplexität zu bestimmen, die mittelalterliche Erzähltexte auf diesen eigentümlich überlappenden Feldern entwickeln. Nur bedingt helfen dafür Ordnungsvorschläge der modernen Streitsoziologie weiter, um diese Vielfalt in ihrer historischen Alterität zu erkunden. Erfordert ist vielmehr ein Ansatz, der einerseits die spezifisch ausgearbeiteten Arrangements von Wettkampferzählungen erschließt, andererseits aber auch typische Züge von Wettkampfkomplexität hervorhebt, die unter der anschaulichen Fülle wechselnder Motive, Semantiken und Gattungskonventionen andernfalls verdeckt blieben. Fasst man diese Züge als Formen mittelalterlicher ›Kampf‹-Kultur zusammen, könnte dies die falsche Erwartung wecken, es gehe damit vornehmlich um destruktive Interaktion. Spricht man hingegen von ›Wettkampfkultur‹, muss man sich von modernen Erwartungen lösen, die nach besonders kooperativen, regelgeleiteten Mustern fahnden. Unter diesem Titel wagen die nachfolgenden Studien also ein begriffliches Risiko, das aber aufschlussreich in der Sache sein könnte. Denn auch die zu untersuchenden Texte gehen es ein. Obwohl etwa mittelhochdeutsche Heldenepen zwischen blutigem Ernstkampf und reglementierten Schaukämpfen unterscheiden, werden beide Formen oft engstens miteinander verflochten: Was etwa im Rosengarten zu Worms als Wettkampfspiel inszeniert ist, bewerten seine Akteure selbst als Blutvergießen, Mord und Totschlag.24 Höfische Texte wie das Nibelungenlied oder Hartmanns Iwein unterscheiden ernste Konflikt- von spielerischen Kampfszenen, um ihre Grenze zu durchbrechen, unscharf zu machen oder ineinander umschlagen zu lassen. Wenn die folgenden Untersuchungen dies unter dem Begriff des ›Wettkampfs‹ versammeln, geht es somit vor allem um Aspekte dynamischer Relationierung, den die ›Wette‹ aufruft:25 In Frage stehen Praktiken des Vergleichens unter Differenzbedingungen, die Positionen aufs Spiel setzen, indem sie diese ins Spiel bringen.26 Und diese Praktiken prägen ein breites Spektrum, das vom »freundschaftlichen Austausch« bis zu »Formen offensiver Handlungen« reicht,27 spil und strît gemeinsam umfasst.