Kitabı oku: «Wettkampfkulturen», sayfa 8
1.4 Grenzen des Wettkampfs
Trotz aller Dynamik: Wettkämpfe gelangen aus den verschiedensten Gründen an ihr Ende. Ressourcen, Kapazitäten und Motivation für Fortsetzungen können sich erschöpfen;1 materielle Infrastrukturen können überfordert zusammenbrechen;2 Gewalt kann Formbildung jäh unterbrechen, institutionalisierte Regeln können die Verkettungsdynamik von Kämpfen stoppen.3 Auch vor dem formalen Abschluss von Wettkämpfen können sich alternative Ausweichmöglichkeiten anbieten, um aus Wettkämpfen auszuscheren. Solche Abbruchbedingungen sind stets in Rechnung zu stellen. Jedes Interesse an der Komplexität von Wettkämpfen stößt auf solche einfachen Zustände.4
Aus ihrer formalen Anlage heraus scheinen Wettkämpfe jedoch Fortsetzbarkeit zu begünstigen, nicht fixierte Unterschiede.5 Oder pointiert gesagt: Wenn Wettkämpfe von Potenzierungsstrukturen vorangetrieben werden, können sie nicht ›einfach‹ enden – sie benötigen begrenzende Abbruchprozeduren. Auch dies ist aus alltäglichen Kommunikationszusammenhängen bekannt: Man beharrt auf einer Position, einigt sich auf ein Ergebnis oder verweigert nächste Schritte – und muss dafür weitere Einsätze investieren. Je nach Kontext und Streittypik bieten sich dafür unterschiedliche Lösungen, doch gehen sie auf wenige Operationen zurück:
(1.) Insistieren: Wettkämpfe können abbrechen, indem sie ihre Werte wiederholen, ohne Differenzen erneut umzubesetzen. In diesem Fall schrumpfen Wettkämpfe zu einfachen Formen, die keine weiteren Kontexte erschließen, indem sie alternative Hervorhebungen und Seitenwechsel aktiv ausschließen. Insistieren bedeutet nach dieser Transformation: Die Form wird zwar rekursiv fortgeführt, bleibt so gesehen produktiv, doch erlischt ihre Wettkampfstruktur.
(2.) Blockieren: Umgekehrt enden Wettkampfformen, die den Zustand ihrer Variablen festhalten, ohne diese erneut zu reproduzieren. Während insistierende Verhaltensweisen rasch die Wettkampfform auflösen und mit repetitivem Aufwand vergessen machen, bewahren Blockaden einen Strukturzustand der Wettkampfrelation. Siege basieren in diesem landläufigen Sinne auf formalen Blockaden.
(3.) Stabilisieren: Eine dritte Art der Begrenzung entwickeln Wettkämpfe, die ihre Form auf Gedächtniseffekte umstellen, also die Werte ihrer Variablen festhalten und wiederholen. Formal betrachtet kombinieren sie Momente des Insistierens (indem sie die Form reproduzieren) mit Momenten des Blockierens (indem sie Werte festhalten). Stabilisierte Wettkämpfe sichern dadurch nicht bloß Relationen als Ergebnisse, sondern stellen diese für weitere Formbildung zur Verfügung. Das Ende des Kampfes wird dadurch beispielsweise zum Beginn von Tradition.
1.5 Reduktion oder Steigerung von Komplexität?
Siegen, so bemerkt schon Aristoteles lapidar über das Streitgespräch, »kann nicht mehr als einer«.1 Scholastische Disputationen bieten eine Vielzahl an Argumenten auf, um schließlich eine eindeutige Antwort festzusetzen.2 Für Thomas Hobbes zielen Wettkämpfe darauf, den anderen zu töten, zu unterwerfen und gesellschaftlich auszulöschen.3 Neigen Wettkämpfe also nicht eher dazu, Differenz gewaltsam zu vereinfachen statt zu vervielfältigen? Sind Vergleichsperspektiven nicht allenfalls Nebeneffekte von Strategien, die eigentlich auf Dominanz und Ausschluss des anderen zielen?4 Weshalb sollten sich dann ausgerechnet Wettkampfformen für Experimente der Pluralisierung anbieten?
Diese Ambivalenz lässt sich so wenig ausräumen, dass man geradezu von ihr ausgehen sollte.5 Denn einerseits wirken Wettkämpfe reduktiv, insofern sie Differenz in gemeinsamen Formzusammenhängen integrieren und unterwerfen. Darin tritt ein grundsätzlich zerstörerischer Zug zutage. Andererseits wirken Wettkämpfe der Reduktion von Differenz entgegen, insofern sie fortgesetzt Asymmetrien unterwandern, Bezeichnungen und Werte oszillieren lassen und dadurch in hohem Maße Beobachtungswechsel befördern. Auch in vormodernen Texten lässt sich die Fülle von Wettkämpfen kaum übersehen, die entweder krasse Reduktionen erzwingen oder aber fortwuchernde Dynamiken freisetzen. Einiges spricht also dafür, diese Spannung nicht als Defizit, sondern geradezu als Leistungsprofil von Wettkämpfen zu verbuchen: Sie bilden Formen von hoher Anziehungskraft, die fortlaufend Redundanzen aufwerfen, überprüfen und vereinfachen.6 Wettkämpfe verhandeln Identität, indem sie Relationen dynamisieren und Unterscheidungen aufs Spiel setzen – selbst dann, wenn dieses Spiel auf Ausschlüsse und Asymmetrien zielt.7 Diese Spannung prägt auch Wettkampfformen des Mittelalters. Einflussreiche religiöse Texte entwerfen Allegorien des Widerstreits, die Verhältnisse der Vielfalt zugleich als Gefahr der Zerstörung werten.8 Gott schmücke die Welt wie ein Gedicht mit unzähligen Gegensätzen (opposita), doch solle der Mensch diese Vielfalt auf die alles begründende Leitdifferenz von Gott und Welt zurückführen.9 Zwischen einfachen und komplexen Antworten changieren nicht zuletzt auch die Entwürfe kultureller Selbstbeschreibungen, die höfische Texte mittels Wettkampfformen erzählen. Man sieht sie genauer, wenn man von einseitigen Festlegungen und Entwicklungserwartungen ›von Einfachheit zu Komplexität‹ absieht.10
1.6 Zwischenbilanz
Das Arbeitsmodell ist damit im Kern umrissen. Die nachfolgenden Studien fragen danach, wie narrative Texte des deutschsprachigen Mittelalters Unterscheidungen produzieren, diese alternieren lassen und dabei komplexe Bezeichnungsräume organisieren. Auch Abgrenzungen sind damit gezogen: Nicht relevant für die Erzählgeschichte agonaler Pluralisierung sind solche Fälle, in denen Differenzen entweder nur vertieft oder nur entgrenzt werden. Ein zweites Ziel des Abschnitts bestand darin, mit Hilfe dieses formalen Wettkampfmodells heuristische Fragen anzuregen. In welche Richtungen entwickeln Wettkämpfe ihre Differenzen? Welche erzählerischen Mittel investieren sie, um Bezeichnungen zu dynamisieren? Welche Effekte, welche Stabilität rufen sie hervor? Und welche Arten von Unbestimmtheit gewinnen Wettkampferzählungen aus ihren formalen Arrangements? Die folgenden Analysen stellen diese Fragen an die Erzähltexte selbst.
2 Komplexität
[…] ubi pluralitas ibi discordia […] (Wilhelm von Ockham)1
Wettkämpfe, so lautet die Hauptthese der Arbeit, begünstigen die Entstehung von Komplexität selbst dann, wenn sie von einfachen Strukturen ausgehen oder einfachen Zuständen zustreben. Damit bleibt als letzter theoretischer Baustein zu sondieren, was unter Komplexität zu verstehen ist. Einschlägige Überblicke führen die Breite an Begriffsangeboten, aber auch deren Klärungsschwierigkeiten rasch vor Augen:2
Komplexität ist nicht leicht zu definieren, zumal es zahlreiche miteinander konkurrierende Definitionen gibt. Bewährt sind die Definitionen von Komplexität als Überforderung des Beobachters durch ein Phänomen, das viele heterogene Elemente in wechselnden und sich im Zeitablauf ändernden Relationen untereinander aufweist, zugleich Einheit und Vielfalt, zugleich Unordnung und Regelmäßigkeit aufweist und offenbar dank Selbstorganisation in der Lage ist, Probleme seiner Reproduktion zu lösen, ohne dass der Beobachter in der Lage wäre, nachzuvollziehen, wie es das tut.3
Eine solche Einschätzung ist charakteristisch für Untersuchungen, die sich auf den Komplexitätsbegriff einlassen. Einerseits lässt sich die Vielzahl »konkurrierende[r] Definitionen« kaum ignorieren. Andererseits zwingt dies oft zur pragmatischen Konzentration auf Gesichtspunkte, die sich im jeweiligen Forschungskontext »bewährt« haben – ob für Fragen soziologischer Netzwerkforschung, der Biologie adaptiver Systeme oder der Erforschung von ›artificial intelligence‹. Trotz hoher transdisziplinärer Anschlussfähigkeit werden dadurch selten die theoretischen Anregungen ausgeschöpft, die der Begriff der Komplexität aus verschiedenen Disziplinen gewinnt.
2.1 Mediävistische Perspektiven
Wenn Studien der mediävistischen Literaturwissenschaft von Komplexität sprechen, stehen zumeist Abgrenzungen gegenüber einfacher strukturierten Phänomenen zur Diskussion. Romane wie Kurzerzählungen stützen sich auf ›einfache Formen‹, stereotype Elemente und narrative Schemata, kombinieren, variieren und hybridisieren diese jedoch zu Strukturen, die Handlungsverknüpfungen mehrdeutig und Figuren brüchig machen, Alternativen ausstellen oder gar für unentscheidbare Zurechnungsmöglichkeiten sorgen.1 ›Komplexität‹ liefert eine hermeneutische Vokabel, um »Überlagerung der Bedeutungen« zu bezeichnen, die etwa in höfischen Romanen den Eindruck von »Uneindeutigkeit des Sinns«2 verstärkt oder in zyklischen Reihen von Heldenepen zur »Sinnkomplexion«3 einfacher Basisplots führt. Kombination und Wiederholung werden als Verfahren komplexen Erzählens gehandelt.4 Dialoge gelten als komplex, wenn sie »ein gesteuertes und zugleich unkalkulierbares Wechselspiel« inszenieren und damit für Emergenzeffekte sorgen.5 Auch religiöse Textsorten wie Legenden pendeln zwischen einfacher Pragmatik und rhetorischen Überschüssen des Erzählens,6 geistliche Spiele changieren zwischen liturgischer Heilsvermittlung und wuchernden Abweichungen.7 In allen diesen Fällen sind Zuschreibungen von Komplexität prominent, wie eine ausführlichere Bestandsaufnahme nachweisen könnte.
Dass viele Texte komplex sind, gilt als ausgemacht. Selten ist dabei jedoch geklärt, was ›komplex‹ in analytischer Hinsicht genau heißt. Obwohl seit langem alteritäre Logiken mittelalterlichen Erzählens erforscht werden,8 hat die Mediävistik ausgewiesene Komplexitätstheorien kaum aufgenommen. Wo ausdrückliche Stichwortgeber in Anspruch genommen werden – von André Jolles’ »Einfachen Formen« bis zur Systemtheorie Niklas Luhmanns –, werden Komplexitätsbegriffe zwar zitiert, doch meist ohne deren Prämissen zu diskutieren, im Hinblick auf spezifische Gegenstandsbereiche mittelalterlicher Literatur zu modifizieren und im Kontext jüngerer Debatten zu aktualisieren.9 Dass ein Text ›komplex‹ sei, liefert also seltener ein analytisches Argument, häufiger dafür ein normatives Wertprädikat: Erzählungen gelten dann als besonders interessant, wenn sie zu einer »komplexeren Textordnung« führen als andere Fälle;10 diskussionswürdig wird eine Wiedererzählung im Vergleich zu anderen Adaptationen, wenn sie eine besonders »komplexe Verhandlung« ihres Themas anregt.11 Auch im Verhältnis von Objekt- und Beobachtungsebene bezeichnet der Komplexitätsbegriff vor allem schwierige Konstellationen, die besonderer Aufmerksamkeit bedürfen.12 Doch wodurch sich diese Komplexität genauer auszeichnet, darüber besteht – jenseits von Hinweisen auf Schemata und Muster – gründlicher Dissens und viele Einzelantworten.13
Oberflächlich betrachtet scheint die literaturwissenschaftliche Rede von Komplexität somit oft ähnlich unscharf wie der Begriff der Kultur. Doch während dieser häufiger überbestimmt wird, d.h. in verschiedenartigsten Varianten aufgerufen und mit verschiedenartigsten Aspekten besetzt wird, bleibt das Argument der Komplexität öfter unterbestimmt. Es stellt weder den Rahmen für Textanalysen noch ein geschärftes Analysewerkzeug bereit, sondern beschließt häufig Argumentationszüge, statt diese weiter zu erhellen. Nicht selten artikuliert das Stichwort der Komplexität gewissermaßen »Seufzer« über die Grenzen der Beschreibbarkeit – oder beschwört ein solches »Flair der Intransparenz und der Unbestimmbarkeit« geradezu als Auszeichnung.14
Mit starken Wertungen ausgestattet, aber mit schwachen Analyseaufgaben belastet, wirken Komplexitätszuschreibungen dadurch auf eigentümliche Weise programmatisch und vage zugleich. Selbstverständlich ist die Mediävistik damit im Kreis der Kulturwissenschaften nicht allein.15 Präferenzen für ›komplexe Texte‹ wurzeln allgemein in normativen Wertungen, die literarischen Texten ein erhöhtes Maß an »Vielschichtigkeit und Komplexität« zuschreiben.16 Und selbstverständlich benötigt jede Wissenschaft solche geltungsstarken, aber unsauberen Begriffe, um Forschungsfelder mit Relevanz auszuzeichnen und gleichzeitig ihre Zugriffsmöglichkeiten zu begrenzen. Problematisch wird es jedoch, wenn zentrale Phänomene zu unterbelichteten Stellen werden. Für die Frage nach narrativer Vervielfältigung bezeichnet der Komplexitätsbegriff keine periphere, sondern eine solche zentrale Leerstelle in der mediävistischen Diskussion. Welche Anregungen könnten helfen, diese Leerstelle zu füllen?
2.2 Transdisziplinäre Komplexitätsforschung: Anregungen und Risiken
Ein möglicher Weg wäre, Verhältnisse von Komplexität und Einfachheit auf Kernfragen zu literarischen Gattungen, Epochen und Medien zurückzubeziehen – und schillernde Wertzuschreibungen konsequent auszuklammern. Ein riskanterer, aber möglicherweise lohnenderer Schritt wäre es, über die literaturwissenschaftliche Diskussion hinaus Disziplinen und ihre Forschungsstände genauer zur Kenntnis zu nehmen, die seit längerem explizite Komplexitätstheorien pflegen und analytisch verwenden. Damit kommt eine Vielzahl von Leitdefinitionen aus Informatik, Sozial-, Natur- und Ingenieurswissenschaften ins Blickfeld, die sich keineswegs unbesehen importieren lassen. Denn je nach Gegenstandsbereich unterscheiden sich schon die Definienda erheblich: Ökonomie, Physik und Biologie etwa untersuchen die Dynamiken ›komplexer Systeme‹, »in which large networks of components with no central control and simple rules of operation give rise to complex collective behavior, sophisticated information processing, and adaptation via learning or evolution.«1 Selbstorganisation, Intelligenz und Effekte unvorhersagbarer Emergenz gehören zu den Kernmerkmalen, die auch Komplexitätstheoreme zur ›artificial intelligence‹ in den Mittelpunkt stellen.2 Die Informatik bezeichnet mit dem Komplexitätsbegriff »den Aufwand von Zeit, Beschreibung und Größe des Computerprogramms zur Berechnung einer Funktion bzw. eines Problems«,3 verwendet das Konzept also als Rechenmaß von Prozeduren. Netzwerkanalysen und Systemtheorie betrachten eine »Menge von Elementen« als »komplex«, »wenn auf Grund immanenter Beschränkungen der Verknüpfungskapazität der Elemente nicht mehr jedes Element jederzeit mit jedem anderen verknüpft sein kann«.4 Keine Basisdefinition ist jedoch bislang gefunden, die alle Felder der Komplexitätsforschung transdisziplinär umgreift.5 Allenfalls lassen sich verschiedene Typen von Komplexität greifen: Messen kann man etwa die Entropie komplexer Phänomene, ihren algorithmischen Informationsgehalt, ihre logische Struktur oder thermodynamische Tiefe, ihre Berechnungskapazität und statistische Eigenschaften, ihre fraktalen Dimensionen und Hierarchiegrade u.v.m.6 Folgt man diesen Ansätzen auf ihre jeweiligen Gebiete, wird rasch deutlich, dass der Komplexitätsbegriff nicht bloß auf unterschiedliche Größen angesetzt wird (z.B. auf Verhalten und Programme, auf strukturelle Kapazitäten und rechnerische Eigenschaften), sondern auch als Theorieinstrument höchst unterschiedlichen Aufgaben dient (z.B. der Rekonstruktion und Exploration, der Beschreibung und Bewertung). Trotz theoretischer Schärfung sind solche Begriffsverwendungen schwer in literaturwissenschaftliche Zusammenhänge zu übertragen, wenn man nicht zugleich die mathematischen, statistischen oder technischen Implikationen offenlegt, die solche Anregungen mit sich bringen. Ausgewiesene Komplexitätstheorien stellen dann vor die (neuen) Aufgaben, sich mit Rechnen und Statistik, empirischen Experimenten und künstlicher Intelligenz beschäftigen zu müssen, ohne dass ausgemacht wäre, dass ihre Epistemologien überhaupt auf literarische Objekte anwendbar sind. Keineswegs wird man jedenfalls Theoreme unbesehen übernehmen können, die an kollektiven intelligenten Systemen, biologischer Evolution oder Modellen des adaptiven Problemlösens entwickelt wurden.7
Statt Definitionen zu übernehmen, könnte man dazu einen weiteren Schritt zurückgehen und prüfen, wie fruchtbar die grundsätzlichen Fragen für literaturwissenschaftliche Zwecke sind, auf die Komplexitätstheorien antworten. Seth Lloyd zufolge sind drei Dimensionen besonders einschlägig, um Komplexität zu bemessen: »1. How hard is it to describe? 2. How hard is it to create? 3. What is its degree of organization?«8 Zweifellos vereinfachen solche Fragen die Auseinandersetzung erheblich, indem sie den Komplexitätsbegriff überterminologisch handhabbar machen – doch geben sie für die Analysearbeit wenig an die Hand. Vielleicht empfiehlt sich daher, nach Anhaltspunkten zu suchen, die sich auf mittlerer Ebene konkretisieren lassen.9 In diesem Sinne könnte es fruchtbar sein, zu beschreiben, in welchem Maße Wettkämpfe
reduzible oder irreduzible Differenzen erzeugen,10
diese mit Bestimmungen versehen oder aber unbestimmt lassen,11
ihre Ordnungen vertiefen oder aber neue Strukturen entwerfen12
und inwiefern dieses Ergebnis messbar ist, d.h. inwiefern die Frage nach dem »Maß« von Komplexität auf bestimmbare Größen oder Funktionen führt.13
Für die Untersuchung von Wettkampferzählungen liefert dies präzise Gesichtspunkte, an denen sich die nachfolgenden Analysen orientieren.
2.3 Flechten und Falten
Lassen sich damit auch die Erwartungen schärfen, worin die Vielfalt von Wettkampfkulturen bestehen könnte, als nur von bloßer Vielzahl möglicher Unterschiede auszugehen? Die vorliegende Arbeit schlägt dazu vor, den Begriff der Komplexität beim Wort zu nehmen, wie die Informatikerin Melanie Mitchell erinnert: »The word complex comes from the Latin root plectere: to weave, entwine. In complex systems, many simple parts are irreducibly entwined, and the field of complexity is itself an entwining of many different fields.«1 Com-plexio meint dementsprechend, Teile in einem Zusammenhang zu verweben oder zu flechten, ohne deren Elemente und Relationen reduzieren zu können (»irreducibly«). Wenn Mitchell auch die Forschungspraxis als ›verflochtene‹ Felder betrachtet, wird das assoziative Übertragungspotential der vestimentären Metapher offenkundig. Es erschöpft sich nicht im Wortspiel, sondern verweist auf eine reiche Begriffsgeschichte, die Komplexität als ›Verknüpfen‹ und ›Verweben‹ beschreibt.2 Ihr entspringt auch der Begriff der ›Faltung‹, der auf »Unterscheidungen« zielt, »die das Unterschiedene gleichzeitig als Identisches kennzeichnen«.3 Wie das ›Verweben‹ akzentuieren ›Falten‹ nicht nur Differenz, sondern setzen einen Stoffbegriff voraus, der auf mediale Einheit aufmerksam macht. Soziologische Konflikttheorien sprechen so zum Beispiel von ›Einfaltung‹ (›folding-in‹), wenn sie die Assimilation außenstehender Personen in eine Gruppe bezeichnen.4 Aber auch Streit kann ein Interaktionsmedium sein, in dem sich Streitende »[v]erweben«.5
Man muss also keineswegs die Emphase poststrukturalistischer Philosophien für irritierende Faltungen (›pli‹) teilen, um den analytischen Wert von Komplexitätsmetaphern anzuerkennen. Denn: »Bei Faltungen muß gefragt werden, wie die Entfaltung jeweils vonstattengeht, wie also die Unterschiedenheit des Identischen oder die Identität des Unterschiedenen gehandhabt werden soll.«6 Wenn Wettkämpfe solche formalen Einheiten des Unterschiedenen erzeugen, wäre ihre Komplexität darin zu bestimmen, wie diese gefaltet, d.h. unterschieden wird.
Wie ergiebig sind diese Gesichtspunkte für mittelalterliche Wettkampfkulturen? Nur kurz ist daran zu erinnern, dass sie sich keineswegs auf Differenzdenken und Sozialtheorien der Moderne beschränken. Sie sind schon dem Mittelalter geläufig, und dies nicht nur auf dem Höhenkamm spekulativer Theologie, sondern selbst in einfachsten Texten. Jacobus de Voragine etwa greift die Metapher des Faltens u.a. in seiner Silvester-Legende auf, um die interne Komplexität der Trinität handgreiflich zu veranschaulichen:
Et accipiens purpuram imperatoris tres ibi plicas fecit dicens: »Ecce uidete tres plicas«. Et explicans ait: »Ecce quia tres plice sunt unus pannus, ita tres persone sunt unus deus.« 7
(Und er nahm den Purpurmantel des Kaisers, faltete ihn dreimal und sprach: »Seht hier die drei Falten.« Daraufhin erläuterte er: »Seht, dass die drei Falten ein einziges Tuch sind. So sind auch die drei Personen ein Gott.«)
Theologische Differenzspekulationen setzen auf die Metapher des Faltens, um ein komplexes Modell substantieller Einheit zu illustrieren. Anders als im Falle Gottes gilt für Wettkampfformen jedoch keineswegs, dass diese Komplexität nur auf interne Differenz verweist: Werfen Falten grundsätzlich Seiten auf, stehen prinzipiell zwei Richtungen offen, um weitere Differenzen aufzuwerfen; ziehen Wettkämpfe prinzipiell an, können ebenso unterschiedliche Stoffe verwoben werden. Daher fragen die nachfolgenden Analysen sowohl nach Einfaltungen (Formen interner Differenzierung) als auch nach Ausfaltungen (Formen externer Differenzierung) und damit nach der Pluralisierung grundsätzlicher Richtungen, in denen Komplexität anwachsen kann.
Offen ist ebenfalls, in welchen ›Stoffen‹ literarische Wettkämpfe diese Differenzen produzieren, wenn damit nicht nur Themen und Motive, sondern Kontexte und Medien im weiten Sinne gemeint sind. Wie die untersuchten Texte demonstrieren, reichen solche Kontexte und Medien von konkreten bis zu abstrakten Einheiten, von Wettkämpfen in Seelen, Körpern und Herzen über Kampfplätze und Arenen bis zu allegorischen Zeichenräumen und narrativen Stimmen. Sie alle werden von Wettkämpfen formal bearbeitet: Entsprechend bemisst sich die Komplexität agonaler Seelen und Herzen, Arenen und Allegorien daran, wie viele Unterscheidungen diese auf welchen Seiten einsetzen; und die spezifischen Qualitäten solcher Entwürfe lassen sich danach genauer beschreiben, inwiefern diese durch literarische Mittel als (un)reduzierbar, (un)bestimmt oder (un)gerichtet ausgewiesen werden.
Zugleich hält die Leitmetapher des Faltens aber auch die Grenzen des analytischen Anspruchs bewusst. Wenn die nachfolgenden Studien nach Formen des Wettkampferzählens fragen und dabei immer wieder von ›einfalten‹ und ›ausfalten‹ sprechen, beschreiten sie Wege der Lektüre und Interpretation. Komplexitätstheoretische Leitfragen können diesen Weg präziser abstecken, ändern aber nichts an seiner hermeneutischen Ausrichtung.

