Kitabı oku: «Gib deiner Sehnsucht Raum»
Bernard Huber
Gib deiner
Sehnsucht Raum
Mit dem Herzen glauben

Zu diesem Buch
Mit dem Herzen glauben – wie ist das möglich? Und was bedeutet das überhaupt? Das Herz hat zentrale Bedeutung für unser Leben und ist beteiligt an allem, was wir tun.
Trotzdem wird die Rolle des Herzens für unser Leben und unseren Glauben oft vernachlässigt. Ist es möglich, Einfluss auf unser Herz zu nehmen und es dahin zu steuern, wohin wir wollen?
Bernard Huber ermutigt dazu, der eigenen Sehnsucht Raum zu geben – sich auf die tiefsten Wünsche des eigenen Herzens einzulassen und sie auf Gott auszurichten. Im Zentrum steht dabei das Gebet der Stille. Ermutigende Erfahrungsberichte und kurze Erzählungen machen dieses Buch abwechslungsreich und anschaulich. Eine Fülle von praktischen Hinweisen und Anregungen hilft dabei, sich selbst auf den Weg zu machen – und mit dem Herzen zu glauben.
Über den Autor
Bernard Huber, geboren 1954, wuchs im Elsass auf und lebt heute mit seiner Familie mit seiner Familie in der Ostschweiz, wo er als Pfarrer in der Evangelisch-reformierten Landeskirche tätig ist.
Seit vielen Jahren setzt er sich außerdem mit dem Bartimaeus-Projekt für indische Bettler ein.
Impressum
Dieses Buch als E-Book:
ISBN 978-3-86256-754-6, Bestell-Nummer 590 052E
Dieses Buch in gedruckter Form:
ISBN 978-3-86256-052-3, Bestell-Nummer 590 052
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische
Daten sind im Internet über www.d-nb.de abrufbar
Bibelzitate, sofern nicht anders angegeben, wurden der
Lutherbibel in der revidierten Fassung von 1984 entnommen
© 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
Lektorat: Lukas Baumann Umschlaggestaltung: spoon design, Olaf Johannson Umschlagbilder: 4Max, Balazs Kovacs Images, ShutterStock.com® Satz: Neufeld Verlag
© 2014 Neufeld Verlag Schwarzenfeld
Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise,
nur mit Genehmigung des Verlages
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An alle Bettler Indiens und dieser Welt; an alle Menschen, die nicht wissen, wie sie dem Gott der Liebe begegnen können.
Inhalt
Zu diesem Buch
Über den Autor
Impressum
Einleitung
Die Begegnung Josuas mit dem Fremden
1 Das neue Herz
Auf der Spur des neuen Herzens
Setzen wir beim Herz an!
Herzensbildung als Aufgabe
Bemerkungen zu den Übungen
Die Begegnung Josuas mit dem Religionslehrer
Die Entmachtung der Babylonier
Sich mit Gott versöhnen lassen
Übergabegebete
Die Begegnung Josuas mit dem Gebet der Stille
2 Der Weg zum Zentrum
Auf Gott zentriert
Konkrete Schritte im Gebet der Stille
Im Westen wie in Asien
Beginn mit kleinen Schritten
Auch mit wenig Zeit
Die Begegnung Josuas mit dem Auferstandenen
3 Früchte des Gebets der Stille
Wirkungsvolle Entscheidungen
Reich im Geist werden
Weg von den Parallelwelten
Beobachter statt Opfer
»Bildlose« Begegnungen mit dem Mitmenschen
Auswirkungen auf das gemeinsame Leben
Der Schrei des Herzens
Zusätzliche Hilfsmittel: Gedächtnis, Vernunft, Wille
Die Begegnung Josuas mit Nathan in Florida
Das Nathan-Prinzip
Learning by heart
Beten ohne Unterlass
Die Begegnung Josuas mit dem Vater
4 Das umkämpfte Herz
5 Der Himmel wartet!
6 Gottes Freunde sein
Die Begegnung Josuas mit Nathan im Traum
Wir und Josua
Anhang
Die Praxis des Gebets der Stille
Der innere Werdegang während der Stille
Loslassen von Gedanken – das Wort aussprechen
Entscheidungen und innere Umwandlung
Übertragung auf den Alltag
Weiterführende Literatur
Über den Verlag
Einleitung
Wissen Sie, warum Ihr Herz so wichtig für Ihr Leben ist? Und dass es in allem, was Sie tun, beteiligt ist? Es mag liebend oder gleichgültig, zufrieden oder gekränkt, offen oder verschlossen sein, immer stehen wir unter seinem Einfluss! So nimmt das Verlangen unserer Herzen nach Liebe und Anerkennung eine maßgebliche Stellung im Leben ein, und es wirkt unterschwellig in unseren Worten und Handlungen. Ja, wir sind letzten Endes, was wir mit unserem Herzen geworden sind! Alles spiegelt nur seinen Zustand wider.
Dieses Buch handelt von der Rolle und den Fähigkeiten Ihres Herzens und davon, wie Sie dessen Bedürfnissen gerecht werden können. Es lädt Sie ein, sich in den Garten Ihres Lebens und in Ihr Herz zu begeben, um sich darin aufzuhalten und damit vertraut zu werden.
Zusätzlich zu den Texten zum Thema Herz finden Sie im Buch Anregungen zu Übungen sowie Erzählungen, die von einer Person namens Josua handeln. Josua macht eine geistliche Entwicklung durch und begegnet mehrere Male der mysteriösen Gestalt Nathan, die ihm zeitweise wie ein Engel vorkommt. Warum diese fast fiktive Geschichte eines Menschen und seines geistlichen Werdegangs? Nun, die Geschichte Josuas ist nicht fiktiv, denn sie spiegelt viele Begebenheiten und Ereignisse wider, die real stattgefunden haben. Sie zeigt auf, dass wir alle mit Gottes Führungen rechnen dürfen, wenn wir uns von der Sehnsucht nach ihm treiben lassen.
Durch die Berichte von Erlebnissen indischer Christen möchte ich dem Leser zudem einen Einblick in die indische Spiritualität geben, und in die Art, wie Inder mit dem Gebet der Stille umgehen.
Bernard Huber
Die Begegnung Josuas mit dem Fremden
Sommer 1994. Mit seiner Frau Nicole und ihren zwei Kindern verbringt Josua zwei Wochen Ferien in einem gemieteten Haus außerhalb von Siena. Schon seit langem hat er davon geträumt, einmal Urlaub mit seiner Familie in der Toskana zu machen, wo er schon als Jugendlicher öfters mit seinen Eltern gewesen war. Er hatte sich schon damals in die farbigen Sommerlandschaften mit ihren goldgelben Weizenfeldern verliebt, und sie wurden für ihn zum Inbegriff idealer Ferien. Auch gewisse Städte, darunter Siena, wo die Mystikerin Katharina sechs Jahrhunderte früher gelebt hatte, übten schon immer eine Faszination auf ihn aus. Er hat mehrere Bücher über diese Frau gelesen, die ihr Leben schon als Kind Gott weihte. Die Art, wie sie als Frau im Mittelalter ihr kontemplatives Leben mit politischem und karitativem Wirken verknüpfte, fasziniert ihn.
An diesem warmen Nachmittag entschließt sich Josua nun, einmal allein nach Siena zu gehen, um durch die Altstadt zu bummeln, obwohl er es gewohnt ist, während der Ferien alles gemeinsam mit seiner Familie zu unternehmen. Im Geheimen erhofft er sich etwas von diesem Ausflug, ohne genau zu wissen, was. Nicole gönnt ihm diesen, da sie beide doch ständig dabei sind, etwas mit den Kindern zu unternehmen und kaum Zeit für sich selbst finden. »Geh doch, Josh, ich weiß, dass du das brauchst!«, sagt sie liebevoll, bevor er sich in den Wagen setzt und nach Siena fährt.
Dort angekommen, findet er ausnahmsweise sofort einen guten Parkplatz nahe der Altstadt. Mit schnellem Schritt geht er durch die Gassen, bis er das Zentrum erreicht, so, als würde er verspätet zu einer Verabredung eilen. Auf der Piazza del Campo angelangt, nimmt er Platz auf einem Stuhl unter den großen Sonnenschirmen eines Cafés, gegenüber dem Rathaus. Er schaut vergnügt den vorbeiziehenden Touristen zu.
»Endlich kann ich ein wenig zu mir selbst finden!«, denkt er sich. Er setzt gerade die Tasse Kaffee an seine Lippen, als eine sanfte Stimme seine Gedanken unterbricht. »Darf ich mich zu Ihnen setzen?«, fragt ihn ein großer und schlanker Mann mit weißem Haar, gekleidet in einen hellen Anzug. Er steht lächelnd vor ihm. Josua nickt, obwohl er eigentlich keine Lust hat, sich auf ein Gespräch mit einem Unbekannten einzulassen. Aber die Art des Mannes weckt in ihm im Nu Vertrauen, sodass sie schnell in ein Gespräch verwickelt sind. Er überrascht sich selbst dabei, wie er beginnt, über seine Gottessuche zu reden. Hier ein Auszug aus dem Gespräch.
Der Fremde: »Und wenn du Gott näher kämest, womit, meinst du, könnte er dir dienen?«
Josua: »Er könnte mir sicher helfen, ein besserer Mensch zu werden, oder mindestens, mit Problemen besser umgehen zu können. Um ehrlich zu sein: Ich suche nach mehr Erfüllung im Leben und im Glauben, und bin es satt, Zeit mit Dingen zu vergeuden, von denen ich weiß, dass sie mich nicht weiterbringen.«
Der Fremde: »Aus dem, was du sagst, höre ich heraus, dass du sehr mit dir beschäftigt bist.«
Josua: »Ich gebe zu, mich quält eine gewisse Unruhe. Ich werde stets von Dingen abgelenkt und versucht. Ich spüre in mir ein großes Potential an Energie, Möglichkeiten und Begabungen, das brachliegt. Tief in mir merke ich, dass ich noch nicht der Mensch geworden bin, der ich sein möchte. Ich will niemandem und nichts dafür die Schuld geben, vielmehr fühle ich mich selbst dafür verantwortlich.
Der Fremde: »Warum nimmst du dir nicht Zeit, um in dich einzukehren? Viele sehnen sich nach Änderungen, aber halten nicht an, um ihr Leben gründlich zu überdenken. Dabei sind doch jedem Menschen im Leben die Möglichkeiten und genug Zeit gegeben, um sich zu entfalten. Statt dich hin- und her reißen zu lassen von Sorgen und Trieben, gib der Sehnsucht nach Gott in dir Raum.«
Josua wird einen Moment still und nachdenklich. Was ihm der Fremde sagt, klingt zwar neu in seinen Ohren, aber es leuchtet ihm ein. Es ist ihm, als möchte er sich selbst entschuldigen oder gar rechtfertigen, als er fortfährt:
»Ich bin von Natur aus sehr auf das Denken bezogen. Weißt du, es ist mir, als würde ich in einem starken, reißenden Strom schwimmen, der aus Verpflichtungen, Ängsten, Leidenschaften, Sorgen, aber auch aus Musik, Reizen, Bildern und Zerstreuungen besteht. Dies alles absorbiert meine Kräfte und mein Gedankenleben derart, dass ich nicht zur Ruhe komme und am anderen Ufer strande. Es ist mir, als hätte ich kaum Zeit, um zu mir selbst zu finden.«
Der Fremde: »Warum suchst du nicht Gott in der Stille und lässt dir von ihm ein neues Herz geben? Man kann Gott nur in der Stille des Herzens finden. Ich meine: Empfange eine von Grund auf andere Einstellung, denn Gott verspricht, dass er die innere Leere des Menschen mit seiner Gegenwart und Liebe füllen will!«
Josua schaut einen Moment weg. »Im Grunde genommen hat er recht, und er spricht mich genau auf das an, wonach ich mich sehne«, denkt er sich. Die Stimme einer vorbeilaufenden Mutter, die laut mit ihrem Kind redet, lenkt ihn kurz ab. Als er sich wieder seinem Gesprächspartner zuwenden will, ist dieser verschwunden. »Komisch, hat er sich etwa aufgelöst?«, fragt er sich. »Ich bin es nicht gewohnt, dass jemand so mit mir redet. Und obwohl er mir fremd war, hat er doch mein Problem auf den Punkt gebracht.« Es läuft ihm kalt den Rücken herunter.
1
Das neue Herz
Je mehr ihr euch nach ihm sehnt, umso schneller werdet ihr ihn finden.1
Teresa von Avila
Auf der Spur des neuen Herzens
Persönlich bewegte ich mich lange in einem Kreis, der mir zeitweise endlos zu sein schien. Ich wusste wirklich nicht, wie ich hätte Bewegung in mein inneres Leben bringen können, aber fühlte mich dennoch ständig von einem starken Hunger nach Gott getrieben. Weil ich nicht wusste, was unsere persönliche Entwicklung mit der unseres Herzens zu tun hat, versuchte ich wie viele andere, meinen Hunger auf intellektuelle Art zu befriedigen. Hatte ich irgendwann etwas Wichtiges überhört? Besonders während der Jahre, die ich in meinem Herkunftsland Frankreich verbrachte, schien es mir sowohl auf der Universität als auch in Kirchen, als meinte man, dass der kluge Homo sapiens, für den wir uns hielten, nicht mehr brauche als einen gut geschulten Verstand und etwas Glauben, um sich gut durchzuschlagen. »Cogito ergo sum« (ich denke, also bin ich), das bekannte Sprichwort des Philosophen René Descartes, schien alles Denken zu durchdringen.
Aber war der Mensch nicht mehr als Denken? Man pflegte zwar miteinander einen freundlichen Umgang, aber man war es nicht gewohnt, sich über Dinge des Herzens zu unterhalten, erst recht nicht, wenn es um den Glauben ging. Aber woher kam es, dass ich meinen Glauben als trocken erlebte, obwohl ich mich damit persönlich auseinandersetzte?
Oft dachte ich an ein Kindheitserlebnis zurück, wo ich als katholischer Junge anfing, etwas von der Nähe Gottes zu spüren; damals, als ich beim Abendmahl betete: »Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach. Aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.« In meiner kindlichen Glaubensweise glaubte ich damals etwas von Christi Gegenwart wahrzunehmen. Schade war nur, dass niemand dies merkte und verstand, mich weiterzuführen.
So machte ich lange die traurige Erfahrung, die Teresa von Avila mit dem Wort ausdrückte: »Man erklärt uns nichts, was wir uns selbst nicht erklären können. Und von dem, was der Herr in einer Seele bewirkt – dem Übernatürlichen, das in ihr geschieht –, wird uns wenig gesagt.«2
Viele Jahre später, nachdem ich mein Theologiestudium längst hinter mir hatte und als Seelsorger tätig war, stieß ich auf die christliche Mystik, die den Glauben als Herzenssache angeht. Ich atmete auf und vertiefte mich in die Lektüre mystischer Literatur! Indem ich auf die Bedeutung des Loslassens aufmerksam wurde, entdeckte ich, dass es mit der Hilfe Gottes möglich ist, direkt auf das eigene Herz und unser Leben Einfluss zu nehmen. Das gab meinem geistlichen Leben Antrieb. In diesem Buch stoßen Sie darum immer wieder auf Zitate von Mystikerinnen und Mystikern der Vergangenheit, deren Gedanken allgemeine Gültigkeit haben.
In einer späteren Phase meines Lebens kam dann die Begegnung mit dem indischen Christentum und der Armut. Ich merkte, wie gerade Bettler und von Armut betroffene Menschen, die keine Möglichkeit haben, in eine Konsumwelt zu fliehen, viel eher bereit sind, sich auf eine tiefgründige Gottesbeziehung einzulassen. Sie begeben sich schneller in einen Zustand der geistlichen »Armut«, der vieles möglich macht, das sonst nie zustande käme.
Das Beispiel der Armen, die sich auf Gott einlassen, ließ mich nicht mehr los. Es machte mir deutlich, dass Glaube nur gedeihen kann, wenn wir es schaffen, uns von der Liebe zu Konsumgütern zu lösen, die uns ständig vom Wesentlichen abhalten.
Setzen wir beim Herz an!
Gibt es etwas am christlichen Glauben, das Sie besonders anspricht? Der christliche Glaube wirkt da authentisch, wo er in Verbindung mit dem von Gott gegebenen neuen Herz gelebt wird! Wo Menschen nämlich erfahren, dass Gott für die Grundbedürfnisse ihrer Herzen aufkommt, da wirkt der Glaube ansteckend und bringt die ersehnten Veränderungen hervor. Das liegt daran, dass Gott uns die größte Hilfe gewährt, indem er mit seiner Liebe unser Grundverlangen nach Geborgenheit und Heil befriedigt. Er wird darum in der Heiligen Schrift »Liebe« genannt und er bleibt uns in seinem Wesen praktisch unbekannt, solange wir ihn nicht in seiner Liebe wahrnehmen. Treffend ist das Wort von Teresa von Avila: »Wenn man auf diesem Wege gut vorankommen will, kommt es nicht darauf an, viel zu denken, sondern viel zu lieben.«3
Die Entwicklung von Herzenstugenden wie »Liebe, Freude, Friede, Geduld, Treue …«4 zeugt deshalb mehr von echtem Glauben als viele fromme Worte und Floskeln. Freilich darf diese Aussage nicht gegen das mündliche Glaubenszeugnis ausgespielt werden, das als Liebeszeichen Gott gegenüber verstanden wird.
Aber bereits Christen der ersten Generation mussten sich den Vorwurf gefallen lassen, ihre »erste Liebe« verlassen zu haben, weil sie Mühe hatten, bei ihrer Entscheidung für Gott zu bleiben. Ein typisches Beispiel dafür sind die damaligen Christen der griechischen Hafenstadt Korinth; sie waren zwar reich an charismatischen Begabungen, aber weil die Nächstenliebe in ihren Reihen zu kurz kam, wurde sichtbar, dass sie die Arbeit an ihren eigenen Herzen vernachlässigten.
Wenn es nun schon im ersten Jahrhundert den Menschen schwer fiel, in der Abhängigkeit von der Liebe Gottes zu bleiben, wie sollte dies den heutigen Menschen, die ständig Versuchungen ausgesetzt sind, leicht fallen! Muss das Herz nicht stets zurücktreten zugunsten von tausend Nebensächlichkeiten? Dabei haben seine Bedürfnisse laut dem Apostel Paulus absoluten Vorrang.
Was würde uns nicht alles erspart bleiben, würden wir bei den Bedürfnissen des Herzens ansetzen! Viele Fehlentscheidungen, Enttäuschungen, Scheidungen, Suizide usw. könnten verhindert werden, würden wir es verstehen, unsere Herzen positiv zu beeinflussen!
Beim Herz ansetzen heißt, ihm die nötige Aufmerksamkeit, Fürsorge und Pflege zukommen lassen, weil man weiß, welchen Nutzen man davon hat. Tun wir dies, so gleicht es einer Gartenpflanzung, in der das Wort Jesu sich erfüllt: »Bei dem aber auf gutes Land gesät ist, das ist, der das Wort hört und versteht und dann auch Frucht bringt; und der eine trägt hundertfach, der andere sechzigfach, der dritte dreißigfach.«5
Wird diese Pflanzung vernachlässigt und sich selbst überlassen, so verwandelt sie sich schnell mal in einen Urwald, in dem sich allerlei giftige Unkräuter und Schädlinge verbreiten! Die Heilige Schrift nennt diese beim Namen; sie redet von »körperlichen Begierden«.6 Darunter versteht sie Süchte wie Alkoholsucht, sexuelle Sucht usw.; ebenso ist die Rede von »Augenlust«, das heißt, von Habgier, Materialismus und Mediensucht. Auch Hochmut, worunter man Geltungsbedürfnis, Stolz, Egoismus, Eifersucht, Machtstreben usw. versteht, wird immer wieder genannt. Wer sich kennt und beobachtet, weiß, dass auf dem Boden des Herzens Großartiges und das Schlimmste zugleich entstehen und gedeihen können.
Setzen wir also beim Herz an! Für Jesus gilt es als der Ort schlechthin, an dem das Entscheidende geschieht, wenn er sagt: »Ein guter Mensch bringt Gutes hervor aus dem guten Schatz seines Herzens; und ein böser bringt Böses hervor aus seinem bösen Schatz.«7 Es gab deshalb bei ihm keinen Versuch, Menschen durch endlose Diskussionen von der Wahrheit zu überzeugen, als er sah, dass sie gegenüber seiner Liebe verschlossen waren. Für ihn galt, dass die Wahrheit zuerst auf der Ebene des Herzens erfasst werden musste, wenn sie etwas bewirken sollte.
INNEHALTEN
Viele von uns schaffen es lange, gut zu »funktionieren«, ohne dass ihre Umwelt wahrnimmt, dass sie »in Sachen Herz« zu kurz kommen! Spätestens bei einem groben Fehlverhalten oder einem seelischen Zusammenbruch kommt zum Vorschein, wie schlecht es um ihr inneres Leben bestellt ist. Können wir aus den Fehlhandlungen unseren Mitmenschen den Schrei des nach Liebe seufzenden Herzens heraushören?
Herzensbildung als Aufgabe
Wer ist nicht beeindruckt von Menschen, die ständig bereit sind, Verständnis und Zeit für andere aufzubringen; die entschuldigen, wo andere anklagen; die für Menschen hoffen, wenn andere sie aufgeben? Wir begegnen solchen Menschen immer wieder und suchen ihre Gesellschaft, weil wir ihre Fähigkeit schätzen, sich zurückzustellen, um für andere da zu sein. Solche Menschen zeigen uns, wie nötig Menschen mit Herzensbildung in einer Gesellschaft und in der Kirche sind.
Nichts kann deswegen die Arbeit am eigenen Herz und das Erlangen des neuen Herzens ersetzen. Diese Arbeit zählt in der Heiligen Schrift zu den dringendsten und sicher schönsten Aufgaben, die es freudig anzupacken gilt. Denn das Herz ist nun einmal das Zentrum der Persönlichkeit. Sein Zustand verdient unsere ganze Aufmerksamkeit, weil davon Glück, Seligkeit und überhaupt unsere ganze Lebensqualität abhängen. Dort werden Entscheidungen getroffen, streiten Motive miteinander, sprudelt der Mut zum Leben und entsteht Begeisterung. Es ist auch vornehmlich der Ort, wo Gott gesucht wird. Als Sitz des Willens und des Gewissens ist das Herz das eigentlich Wichtigste an uns.
Die Zeit, die wir für die Arbeit am eigenen Herz aufwenden, ist also am besten investiert. Und es gibt keine Abkürzung, die schneller zum Ziel führen könnte. Ebenso gibt es keinen Grund, diese Arbeit zu fürchten oder sie nicht schon heute fröhlich anzupacken.
Anthony de Mello sagte mit Recht: »Wenn dein Gebet zu lange im Kopf bleibt und nicht in das Herz eindringt, wird es langsam austrocknen, lästig und frustrierend werden.«8 Unser Leben bleibt geistlich gesehen unfruchtbar, solange der Glaube sich nicht mit dem Herzen verbindet.
Jesus war sich der Wichtigkeit dieser Arbeit an sich selbst derart bewusst, dass er sich vierzig Tage in die Wüste zurückzog, um sich ganz der Beziehung zu seinem Vater zu widmen. Aus dieser Beziehung bekam er während seiner ganzen Wirkungszeit die Kraft und die Motivation, um die Liebe zu seinem Vater und zu den Menschen über alles zu stellen.
Aber wie packt man diese Arbeit an? Klingt das Ganze nicht etwas unrealistisch oder zu einfach? Das Erlangen des neuen Herzens verlangt meistens Geduld mit uns selbst. Wer sich da hineinbegibt, darf aber hoffen, denn diese Arbeit wird bald einmal zu den Beschäftigungen zählen, die ihm am meisten Freude bereiten.
Natürlich muss er damit rechnen, dass Hindernisse auftreten. Der ganze Prozess wird ihm zeitweise komplizierter erscheinen, als er zuerst dachte. Er wird auf Dinge stoßen, die er nie in sich vermutete; oder die er glaubte, längst überwunden zu haben. Wir sind uns selbst oft das größte Rätsel!
Besonders zuversichtlich stimmt uns dabei das Versprechen Gottes für ein neues und hörendes Herz! Der Prophet Ezechiel verbindet die Verheißung dieses Herzens mit der des Geistes, als er fünf Jahrhunderte vor Christus ankündigt: »Ich schenke ihnen ein anderes Herz und schenke ihnen einen neuen Geist. Ich nehme das Herz von Stein aus ihrer Brust und gebe ihnen ein Herz von Fleisch, damit sie nach meinen Gesetzen leben und auf meine Rechtsvorschriften achten und sie erfüllen. Sie werden mein Volk sein und ich werde ihr Gott sein.«9
Die Bildung des neuen Herzens ist eng verknüpft mit dem Wunsch, auf Gott zu hören und Christus nachzufolgen. Sie ist eng mit der Gabe des Heiligen Geistes verbunden. Es ist tröstlich zu wissen, dass Gott unser Leben nicht nach unseren Mängeln oder Fehlern beurteilt, sondern eben nach unserer Bereitschaft, dieses Herz zu empfangen, »denn der Herr sieht nicht auf das, worauf ein Mensch sieht. Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an«.10 Der neue Mensch, wie er in der Heiligen Schrift gemeint ist, entsteht mit der Bildung des neuen Herzens.
INNEHALTEN
Wie viel Zeit, Kraft und welche Mittel haben Sie bisher aufgewendet, um an sich zu arbeiten?
Könnte es sein, dass Gott in Ihrem Leben bisher Schwierigkeiten zugelassen hat, weil er darauf wartet, dass Sie auf die Bedürfnisse Ihres Herzens aufmerken und bereit werden, daran zu arbeiten?
Haben Sie schon einmal in sich den Wunsch verspürt, von der Liebe, die Gott für sie empfindet, erfasst oder gar fasziniert zu werden?
ÜBUNG: FÜHREN SIE EIN GESPRÄCH MIT IHREM HERZEN
Nehmen Sie sich einen Moment Zeit, in dem Sie in der Stille versuchen, mit Ihrem Herzen ins Gespräch zu kommen. Fragen Sie es, wonach es sich sehnt, was ihm Freude bereitet und was es gegenwärtig traurig stimmt. Kommt es auf seine Kosten? Empfängt es genug Liebe von Gott und von Menschen? Liebt es Gott? Und geben Sie ihm genügend Gelegenheit, anderen Menschen Liebe zu verschenken?
Nehmen Sie sich Zeit für diese Übung und brechen Sie sie nicht vorzeitig ab. Gelingt es Ihnen, solch ein Gespräch aufzubauen? So versuchen Sie, die Wünsche Ihres Herzens in einem Gebet zu formulieren und an Gott zu richten.
Bemerkungen zu den Übungen
Ich empfehle Ihnen, sich Zeit zu nehmen für die vorgeschlagenen Übungen, und besonders für das Gebet der Stille, das Herzstück dieses Buches. Es mag sein, dass uns eine Übung, je nach innerer Verfassung, mehr oder weniger gelingt. Es gibt Situationen, in denen wir leicht Zugang zu einer Übung finden, von der wir uns etwas erhoffen. Ebenso gibt es Momente, in denen uns der Weg zu einer Übung verbaut ist und wir nicht fähig sind, uns darauf einzulassen.
In diesem Fall können wir auf eine andere Übung zurückgreifen oder einfach abwarten, bis wir die nötige Bereitschaft dazu aufbringen, sie umzusetzen. Es lohnt sich auf alle Fälle, Übungen, zu denen wir einen besonderen Zugang finden, zu wiederholen. So lange, bis wir darin eine gewisse Routine erlangen und entdecken, welchen Nutzen wir davon erhalten. Und so lange, bis wir sie spontan anwenden können.
Das Ziel der Übungen ist es, uns zur Einkehr zu verhelfen, damit wir fähig werden, jederzeit einer negativen gedanklichen Fixierung oder einer inneren Gefangenschaft zu entgehen. Je vertrauter uns unser inneres Leben wird, und je mehr wir merken, wie Gott bereit ist, an uns zu wirken, desto mehr werden wir ihn in unsere Gedanken- und Gefühlswelt eindringen lassen wollen. Eines der Ziele des Gebets der Stille ist es, uns zu helfen, mit der ständigen Gegenwart Jesu zu rechnen.
Die Begegnung Josuas mit dem Religionslehrer
Wie wurde in Josua das Interesse für den Glauben geweckt? Er wurde als kleines Kind von Eltern adoptiert, die ihn liebten und ihm alles boten, was Eltern nur bieten können. Auffallend an ihm war, dass er sich schon sehr früh vom geistlichen Leben angezogen fühlte, obwohl in seinem Elternhaus nie über Glauben gesprochen wurde.
Noch heute fragt er sich, warum Glaubensfragen so früh begonnen haben ihn zu beschäftigen und ihn während all der Jahre nie losließen.
Es gab eine Episode in seiner Jugendzeit, die ausschlaggebend für seinen Werdegang sein sollte. Es geschah an einem Mittwochmorgen an einem regnerischen Herbsttag. Er war vierzehn Jahre alt und befand sich mit seiner Schulklasse im Unterrichtszimmer, als der Religionslehrer eine gerade Linie auf die Tafel zog und darauf wichtige Punkte der biblischen Geschichte fixierte: das Auftreten von Adam und Eva, von Mose, die Zeit der Könige und der Propheten, und dann den großen Einschnitt in die Weltgeschichte: die Menschwerdung Gottes durch Christus. Josua hört noch heute den Lehrer erklären, dass dies geschah, um den Schaden wiedergutzumachen, den die Menschen durch ihre Abwendung von Gott angerichtet hatten. Durch den stellvertretenden Tod Jesu Christi werden nämlich alle mit Gott versöhnt, die an Christus glauben, sagte er.
Diese Botschaft ging dem jungen Josua wie ein Blitz durchs Herz. Spontan fühlte er den Wunsch, Gott um Vergebung zu bitten. Und seitdem, wann immer er sich eines Fehlers bewusst wurde, der ihn belastete. Er spürte daraufhin fast immer eine Erleichterung.
Er erinnert sich noch, wie er sich kurz darauf ein Neues Testament kaufte, in dem er anfing, regelmäßig im Geheimen zu lesen. Dieses Ereignis war der Anfang seines geistlichen Werdegangs.
Die Entmachtung der Babylonier
Stellen Sie sich vor, dass jemand Ihr Haus oder Ihre Wohnung ohne Ihre Erlaubnis besetzen würde, um sich darin breitzumachen und Sie sogar daraus zu verdrängen. Wie würden Sie wohl darauf reagieren? Sie würden es nicht hinnehmen, ohne alles Mögliche gegen den unverschämten Eindringling zu unternehmen.
Aber wie schnell besetzen uns irgendwelche Gedanken, Gefühle oder Triebe, um uns in eine Richtung zu treiben, die wir wahrscheinlich nicht bewusst als Lebensziel wählen würden? Obwohl wir gewissermaßen frei sind, unser Schicksal zu bestimmen, so müssen wir uns doch in vielen Fällen eingestehen, dass wir auf Hilfe angewiesen sind, um Gefangenschaften zu entgehen, in die wir so hineingeraten. Diese Hilfe dürfen wir von Gott erwarten.
Die Geschichte von Sujat Rani aus Indien sagt etwas über die Macht dieser fremden Besetzer aus. Sie kam mit einer Sozialarbeiterin in Berührung und erzählt, wie es ihr gelang, ihre inneren »Feinde« in die Flucht zu schlagen:
Ich bin eine sechzigjährige alte Witwe. Nach dem Tod meines Mannes verfiel ich dem Alkoholismus und meine Situation wurde zusehends schlechter. Für meine Söhne wurde die Situation unerträglich, sodass ich das Haus verlassen musste und gezwungen wurde zu betteln, um den Kauf der Getränke zu decken.
Ich verdiente täglich etwa 100 Rupien und verbrachte die Nächte auf dem Bahnsteig. Dort tauchten regelmäßig Sozialarbeiterinnen des Bartimaeus-Projekts11 auf, um mit Bettlern ins Gespräch zu kommen. Eine Beziehung mit ihnen kam zustande, und schon nach mehreren Begegnungen hörte ich eine innere Stimme sagen: »Es ist Zeit, dass deine Seele zur Ruhe kommt.«
Während ich mich mit einer der Frauen unterhielt, beschloss ich eines Tages, mein Leben nicht mehr ohne Gott zu führen. Daraufhin verging nicht viel Zeit, bis man mir vom Gebet der Stille erzählte; es machte mich derart neugierig, dass ich mich entschloss, damit zu beginnen.
Ich fühlte mich dazu gedrängt, Gott auf diese Art zu suchen und erlebte, wie in mir eine innere Kehrtwende stattfand. Diese Erfahrung veränderte mein Leben innerhalb kurzer Zeit. Daraufhin verschwand das Verlangen nach Alkohol und ich empfand plötzlich eine tiefe Abneigung gegen das Betteln. Man ermutigte mich, eine offene Kirche zu besuchen, wo ich mich mit anderen Frauen austauschen konnte.
Ich bat die Sozialarbeiterinnen, meinen Söhnen mitzuteilen, welche Änderungen in meinem Leben eingetreten waren. Sie kamen mich kurz darauf mit ihren Frauen besuchen und trafen mich als einen völlig anderen Menschen an; sie waren verblüfft! Ich unterhielt mich mit ihnen als normaler Mensch und erzählte ihnen, was mit mir geschehen war.
Sie fingen daraufhin an, sich für diesen Gott zu interessieren, der fähig ist, einen Menschen, der so tief gefallen war wie ich, zu verändern. Sie baten mich, heimzukommen, und seither lebe ich wieder mit ihnen. Auf Wunsch meiner Familie besucht uns jetzt regelmäßig ein Sozialarbeiter.
Es möchte zwar niemand so tief fallen wie Sujat, aber von dem schnellen Wandel, den sie innerhalb kurzer Zeit durchlief, und der Art, wie sie sich ihrer inneren Feinde entledigte, können viele von uns nur träumen.
Um dem Glauben mehr Innerlichkeit abzugewinnen, versuchte auch ich vieles in meinem Leben. Mein hartnäckiger Wunsch, meine Gottesbeziehung zu vertiefen, war sicher auch darauf zurückzuführen, dass ich es leid war, irgendwelchen »Besetzern« einen Tribut bezahlen zu müssen. Ich will versuchen, dies zu erklären:
In der Antike forderten mächtige Staaten von den Ländern, die sie eroberten und besetzten, eine Steuer als Zeichen ihrer Untertanentreue. Israel weigerte sich immer wieder, seinen Eroberern – den Babyloniern – den Tribut zu bezahlen, und lehnte sich vergeblich gegen sie auf.
Gibt es nicht auch in unserem Leben solche Eindringlinge, denen wir einen Tribut bezahlen, der ihnen nicht zusteht? Wie hoch ist doch der Tribut, den wir dem Wohlstand, dem Medienkonsum und dem Intellektualismus opfern! Auch die Abhängigkeit von Mitmenschen, deren Gunst wir um keinen Preis verlieren wollen, kann unser Leben besetzen. Gewisse Gewohnheiten oder Süchte, die uns in einem Alltag voller Zwänge immer wieder kurze Glücksmomente bescheren, fordern ständig ihren Tribut. Und nicht weniger kraftraubend sind Alltagssorgen oder ein negatives Gemüt! Manche trauern auch ihrer verlorenen Kindheit nach, die ihnen schmerzliche Entbehrungen brachte. Es ist schwer, sich des Gefühls der inneren Boden- und Heimatlosigkeit zu entledigen, das manchen durch die Lieblosigkeit von Menschen vermittelt wurde. Das sind alles Dinge, die unsere Herzen und Gedanken in Beschlag nehmen und uns daran hindern, zur Ruhe zu kommen.
In viele Abhängigkeiten »rutschen« wir oftmals ahnungslos hinein. Manche von uns sogar während ihrer Kindheit und Jugendzeit, sodass sie sich nicht einmal mehr daran erinnern, wann genau die Besetzer begonnen haben, in ihr Leben einzudringen. Diese Besetzer nenne ich Babylonier. Sie nutzen jede Schutzlosigkeit aus und verfolgen keine andere Absicht, als uns zu »versklaven«. Im Gegensatz zu den Babyloniern der Antike können sie entmachtet werden!
Zwar können nicht in allen Fällen die Schäden, die sie angerichtet haben, wiedergutgemacht werden, so als hätte es sie nie gegeben. Aber wir können uns weigern, ihnen weiterhin den Tribut zu zahlen, den sie von uns in Form von Zeit, Gesundheit, Energie, Geld usw. fordern!
Sind wir bereit, uns gegen sie aufzulehnen? Natürlich benötigen manche von uns Zeit, bis sie bereit werden, ihre »Gefängniszelle« zu verlassen, selbst wenn ihnen die Tür in die Freiheit gewiesen wird. Aber viele warten auch darauf, dass die Tür sich endlich öffnet und Licht durch den Spalt eindringt, damit ihr Herz sich langsam mit Wärme füllt. Die Bildung des »neuen« Herzens findet praktisch immer parallel zur Entmachtung der Babylonier statt.
INNEHALTEN
Wem bezahlen Sie gegenwärtig Ihren Tribut?
Sind Sie mit Ihren Besetzern bzw. mit Ihren Feinden einen Kompromiss eingegangen? Oder ist es Ihnen gelungen, sich gegen sie aufzulehnen?
ÜBUNG: ABSCHIED NEHMEN VON DEN BABYLONIERN
Stellen Sie sich vor, dass Sie Ihren Besetzern gegenüberstehen. Versuchen Sie, ihnen einen Namen und – wenn möglich – ein Gesicht zu geben, und schauen Sie ihnen in die Augen. Verweilen Sie einen Moment stehend in dieser Haltung.
Ist es nicht ein komisches Gefühl, so mit seinen Feinden konfrontiert zu werden? Wie geht es Ihnen dabei? Tauchen in Ihnen Gefühle der Wut oder der Angst, des Bedauerns, der Ohnmacht oder der Überlegenheit auf? Wie viel Zeit, Energie, Geld und Gesundheit rauben diese Besetzer Ihnen?! Sie sofort zu besiegen, ist trotz vieler Versuche und großen Kraftaufwands nicht immer möglich. Es mag sein, dass wir uns an manche von ihnen derart gewöhnt haben, dass wir uns an ihrer Anwesenheit nicht einmal mehr stören.
Wägen Sie nun ab, wem Sie dienen wollen. Diese Mächte haben keinerlei Recht, Ansprüche auf Ihr Leben zu erheben. Bieten Sie Ihnen die Stirn. Drehen Sie sich um und kehren Sie ihnen den Rücken. Sie sind es nicht einmal wert, dass Sie auf sie zurückzuschauen und ihnen auch nur einen Tag länger einen Tribut zahlen.
Mit dieser Übung beginnen Sie bewusst, die Beziehung zu Ihren Besetzern zu lösen. Spätere Übungen werden Ihnen dazu helfen, die Trennung weiter zu vollziehen.
Sich mit Gott versöhnen lassen
Wer den Himmel zu sehen bekommen will, der muss sich mit Gott versöhnen lassen. Es heißt deswegen, dass der Himmel keinen größeren Grund hat, sich über uns zu freuen, als anlässlich unserer Entscheidung, uns mit Gott versöhnen zu lassen. In der Heiligen Schrift werden wir ständig zu dieser Versöhnung eingeladen mit Worten wie »Lasst euch versöhnen mit Gott!«12 Diese Erfahrung nimmt eine zentrale Stellung im Glauben ein und legt den Grundstein für die Umwandlung des alten Herzens ins neue Herz. Jesus nennt dieses Erlebnis im Johannesevangelium auch »Wiedergeburt«.
Das Wort »Wiedergeburt« deutet darauf hin, dass jeder von uns bei Gott mindestens so sehnlichst und liebevoll erwartet wird, wie ein Kind normalerweise von seinen Eltern bei seiner Geburt erwünscht ist. Damit wir glauben, dass wir bei Gott willkommen sind, stellte Jesus mit seinem Sterben und Auferstehen von den Toten die Liebe Gottes unter Beweis. Er tat damit das Maximum von allem, was er für uns tun konnte. Und es gibt niemanden, der jemals mehr unternommen hat, um uns die Liebe Gottes so nahe zu bringen wie Jesus! Er schuf damit die idealen Bedingungen für unsere Aufnahme bei Gott, denn »Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und hat ihnen ihre Sünde nicht angerechnet.«13 So bereitete Gott alles vor, damit wir unseren Platz in seinem Hause einnehmen können. Er macht uns den Weg bis dorthin so einfach wie möglich. Und wer sich nach ihm sehnt, der wird sowohl seine Sprache als auch seine Absichten verstehen. Hier ein paar wichtige Angaben zum Verständnis der Liebe Gottes:
Zuerst sei betont, dass der Glaube entsteht, wenn wir beginnen, Gottes Liebe in Anspruch zu nehmen. Wie jede Freundschaft beruht auch die Freundschaft mit Gott auf Gegenseitigkeit. Sie setzt sowohl die Liebe Gottes zu uns Menschen als auch die Liebe des Menschen zu Gott voraus. Seine Liebe anzunehmen heißt darum zuallererst, das Geschenk der Vergebung unserer Schuld zu akzeptieren. Sie allein macht aus uns Freunde Gottes. Unsere Liebe zu ihm ist somit immer eine Reaktion auf seine Liebe, denn »darin besteht die Liebe: nicht, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat, und gesandt hat seinen Sohn zur Versöhnung für unsere Sünden.«14
Zweitens ist für das Evangelium unsere Erfahrung mit Gottes Liebe mit dem Einhalten der Worte Jesu verknüpft. Seine Worte werden hörbar und verständlich, wenn wir uns damit innerlich in Ruhe und Bewusstheit auseinandersetzen.
Das Wort »Wer meine Gebote hat und hält sie, der ist’s, der mich liebt. Wer mich aber liebt, der wird von meinem Vater geliebt werden, und ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren«15 gibt Aufschluss über die Frage: Wie gelange ich zur Gewissheit, dass Gott mich liebt und in meinem Leben präsent ist?
Natürlich kann sich Gott einem Menschen auf übernatürliche Weise zeigen und ihm in Kürze zu allen Gewissheiten verhelfen. Aber in der Regel beginnt er sich uns zu zeigen, wenn wir bereit werden, die Worte Jesu ernst zu nehmen.
Viele unserer Mitmenschen betrachten den christlichen Glauben als trocken und unattraktiv, weil sie nicht ahnen, dass Gott erst erfahrbar wird, wenn wir seine Liebe erkennen und anfangen, seine Worte konkret in die Tat umzusetzen. Manche sehnen sich zu gewissen Zeiten nach Zeichen seiner Existenz, übersehen aber, dass solche Zeichen bereits seit langem geliefert wurden. Ist es nicht das Selbstverständlichste der Welt, dass Gott, der uns so geliebt hat, das Recht hat, von uns geliebt zu werden?
In allem sollte das Herz um keinen Preis vergessen werden! Wird es in der Annahme der Liebe Gottes nicht ganz mit einbezogen, so könnte es zwar zu einem Umdenken, aber niemals zu einer inneren Umkehr kommen. Dies erklärt, warum wir immer wieder Menschen antreffen, die sich zwar mündlich zum christlichen Glauben bekennen, aber wenig christliche Charaktereigenschaften vorweisen.
Aber wie sehr bewegt uns das Verlangen, mit Gott in einem Zustand der Versöhnung zu leben? Sind wir bereit, aus dem Weg zu schaffen, was uns von ihm trennt? Gelingt solch eine Umwandlung blitzartig? Es braucht im Leben meistens besondere Anlässe, die uns Grund geben, in uns einzukehren und umzudenken. Es ist alles andere als selbstverständlich, dass Menschen anfangen, sich Gedanken zu machen über ihr inneres Leben und über ihre Ewigkeit. Es braucht auch mehrere Entscheidungen, bis die Bereitschaft entsteht, Gott und seinem Wort den ganzen Raum des Herzens zu überlassen. Auf diesem Weg kann uns das Gebet der Stille eine Hilfe sein.
Hier noch ein Wort an die Adresse sensibler Menschen, die oft lange brauchen, um Selbstanklage und Schuldgefühle fallen zu lassen: Vertrauen Sie darauf, dass Gott es wirklich gut mit Ihnen meint, so ist es wichtig, dass Sie sich definitiv Ihrer Schuldgefühle entledigen. Wesentlich ist, dass Sie sich im neuen Herz aufhalten, um vertrauter zu werden mit der Liebe Gottes in Ihrem ganzen Umfang!
Unsere Fehler der Vergangenheit mögen noch so schwerwiegend sein, es ist wichtiger, dass wir lernen, uns auf Gott auszurichten und uns daran gewöhnen, zu sagen: »Herr, ich liebe dich von ganzem Herzen«, als endlos zu wiederholen: »Es tut mir leid.« Echte Schuldbekenntnisse lösen zwar viel Gutes aus, aber noch wichtiger für unsere geistliche Entwicklung ist letzten Endes unsere Liebe zu Gott und den Mitmenschen.
Dieser Versöhnungsprozess mit Gott leitet die Heilung des Herzens ein. Wo die Versöhnung mit Gott Einzug hält, da fängt die Macht der fremden Besetzer an, zu zerbröckeln. Wir beginnen, Menschen zu vergeben, und – wo immer es möglich ist – Menschen um Vergebung zu bitten, denen wir Verletzungen zugefügt haben.
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