Kitabı oku: «Alkohol adé»

Yazı tipi:

Gaby Guzek | Dr. med. Bernd Guzek

Alkohol adé

Der direkte Weg zurück zur Gesundheit

Impressum

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So: Forget it and move on

1. Auflage 2020

Copyright © 2020 Guzek Verlagsgesellschaft mbH, Parkring 10, 1010 Wien

Titel: Bild oben: Michal Jarmoluk/Pixabay

Bild unten: bruce mars/Pexels

ISBN: 978-3-200-07029-5

E-Mail: info@alkohol-ade.com

www.alkohol-ade.com

Dieses Buch dient ausschließlich der Weitergabe von Informationen zu den Themen Alkoholismus, Medizin, Gesundheit und Ernährung. Indem wir diese Inhalte zugänglich machen, werden keine Diagnosen oder Therapien erstellt, kein medizinischer Rat erteilt oder Heilungsversprechen gegeben. Ärztliche oder psychotherapeutische Begleitung darf nicht ersetzt werden. Die Texte sind urheberrechtlich geschützt, eine Reproduktion in Wort und/oder Schrift ist nur nach ausdrücklicher schriftlicher Genehmigung der Autoren erlaubt.

Möglicherweise ohne ärztliche Begleitung begonnene Therapieschritte fallen ausschließlich in die individuelle Verantwortung des Lesers, Autoren und Verlag übernehmen keinerlei Haftung.

Inhalt und Konzept des Buches basieren rein auf wissenschaftlichen Fakten und sind frei von jeglichen weltanschaulichen Ideologien. Unglücklicherweise spielen Nährstoffe auch im Konzept der Psycho-Sekte Scientology eine Rolle, auf missbräuchliche, irreführende und unwissenschaftliche Art. Wir lehnen das Gedankengut und die Praktiken dieser Vereinigung zutiefst ab und unterstreichen, mit dieser keinerlei Verbindung zu haben.

„Leider lässt sich eine wahrhafte Dankbarkeit mit Worten nicht ausdrücken“

(Johann Wolfgang von Goethe in einem Brief an Adelheid Amalia Fürstin von Gallitzin)

Wir widmen dieses Buch Peter, ohne den es wohl niemals erschienen wäre.

Ungefähr 52.000 Wörter versuchen wenigstens, Danke zu sagen.

Inhaltsverzeichnis

Titelseite

Impressum

Widmung

Warum dieses Buch entstand – oder: Mein morgendliches Murmeltier ist blau

Die Meisterin des Bullshit-Bingo

Alkoholiker sind intelligent, erfolgreich und einkommensstark

In drei Etappen zurück zur Gesundheit

I. Teil: Alkoholismus ist eine körperliche Erkrankung

Der Medizinbetrieb ist ein verknöcherter Verein

Wie der Alkohol unser Denken kapert

„Ich freu mich so, ich bin was wert“ – Endorphine und Dopamin

Das verdammte Suchtgedächtnis

Die Spirale abwärts

Der nächste Stimmungstorpedo: Angriff auf das Glückssystem

Entspannung aus dem Glas

Vom wachen Geist zum Nervenwrack: Glutamat

Und noch mehr Stress: Kortisol

Warum wird der eine zum Alkoholiker und der andere nicht?

Alkohol torpediert nicht nur Gefühle

Gesunder Schlaf – das war einmal

Alkohol schickt den Blutzucker auf Talfahrt

Alkohol ist ein Nährstoffräuber

II. Teil: Mit Nährstoffen gegen den Alkohol

Der Gründer der „Anonymen Alkoholiker“ war ein Nährstoffpatient

Sofort-Effekt erwünscht

Schritt 1: Die Ruhe zurückgewinnen

GABA – Entspannung pur

Taurin und GABA – wirklich beste Freunde

Der Dritte im Bunde: Glycin

Nieder mit dem Kortisol: Phosphatidylserin

Schritt 2: Das Frohsystem wieder ankurbeln

Tryptophan: die Ursuppe für Glück und Schlaf

Schritt 3: Das Belohnungssystem auf Vordermann bringen

Dopamin: Einfach füttern funktioniert nicht

Schritt 4: Den Blutzuckerspiegel beruhigen

Glutamin bringt die Balance zurück

Schritt 5: Schlafen wie ein Baby

Das langfristige Wohlbefinden

Pflege für die Leber – sie hat genug gelitten

Arginin kümmert sich um den Blutdruck

Das unschlagbare Trio: Kalzium, Kalium und Magnesium

Universeller Schmierstoff: die B-Vitamine

Fehlt nicht nur Matrosen: Vitamin C

Vitamin D, das Sonnenvitamin

Winzige Helfer: Spurenelemente

Eiweiße: Bausteine für einfach alles

Alkohol und die fatalen Fünf – mehr Fragen als Antworten

Mit Nährstoffen den Ausstieg begleiten (Dr. med. Bernd Guzek)

Labortest: ja oder nein?

Laborwerte: Normal heißt noch lange nicht gesund

Nährstoffe: das Elend der empfohlenen Tagesdosis

Das Guzek-Protokoll: Mit Nährstoffen raus aus dem Alkohol

Der Nährstoff-Fahrplan für die ersten 30 Tage ohne Alkohol

Ein Wort an Betroffene mit Angst, Panik oder Depressionen

III. Teil: Alkohol adé

Dem Alkohol entsagen: allein oder unter ärztlicher Aufsicht?

Das Gespräch mit dem Hausarzt

Die Schimäre des „kontrollierten Trinkens“

Der Einstieg in den Ausstieg

Tipps für den alkoholfreien Alltag

Motivation für schwache Minuten

Entlarven Sie Ihre Trinkfallen

Tipp für Geschäftsreisende

Umgang mit Höhen und Tiefen

Wenden Sie die „Split-Screen-Technik“ an

Vorsicht, Stolpersteine

Strategien für eine alkoholisierte Gesellschaft

Vorsicht vor der „rosa Wolke“

Rückfall – und nun?

Falle Urlaub

Die Rolle der Ernährung

Ein schwieriges Thema: Zigaretten und Kaffee

Das Internet als Dopaminpumpe

Bewegung, Massagen, Akupunktur: Bringen Sie Ihre Botenstoffe in Schwung

Darf ich jemals wieder Alkohol trinken?

Mein Angehöriger trinkt – was kann ich tun?

Angehöriger oder Co-Abhängiger?

Was tun, wenn gar nichts mehr hilft?

Über die Autoren

Weitere Bücher

Warum dieses Buch entstand – oder: Mein morgendliches Murmeltier ist blau

Der Wecker klingelt, ich bin völlig gerädert. Die erste Nachthälfte verdient die Bezeichnung Schlaf nicht. Koma wäre treffender. Um drei Uhr knallwach, mit dem üblichen Herzrasen. Gedankenkarussell. Alltagsdinge pusten sich zu riesigen Angstgespenstern auf und sitzen als schwarze Krähen auf meinem Kopfkissen. Irgendwann verziehen sie sich wieder und ich schlafe ein. Zwei Stunden noch – dann muss ich raus.

Den Blick in den Spiegel beschränke ich schon lange auf einen Sekundenbruchteil. Das aufgequollene, müde Gesicht mag ich nicht sehen. Dabei ist die Fassade noch das Beste an mir. Grauer Gedankennebel umwabert meine Hirnzellen. Es reicht gerade, um die Brote für die Kids zu schmieren. Ein starker Kaffee muss her. Dringend. Mir ist schwindelig und übel. An Frühstück ist überhaupt nicht zu denken.

Verstohlener Blick in den Mülleimer. Wie viel war es denn gestern eigentlich wieder? Zu viel, so viel steht fest. Genauso fest steht: Das war es nun wirklich. Das geht so doch nicht weiter. Heute Abend trinke ich nichts mehr, das schwöre ich.

Dieser Schwur und ich, wir sind beste Freunde. Wir kennen uns schon seit Jahren. Alle 24 Stunden wiederhole ich ihn.

Natürlich habe ich die Lage völlig unter Kontrolle. Ich könnte jederzeit aufhören. Die Tage sind halt nur so anstrengend. Voll berufstätig, selbstständig, drei Kinder. Da braucht man abends schon mal was zur Entspannung. Aber auch ohne Stress gibt es immer einen Grund für einen Schluck. Im Urlaub beispielsweise, da lässt man es sich doch gut gehen. Ohne den Sundowner ist selbst der Sonnenuntergang von Santorin nur die halbe Miete. Dieses Bild habe ich heute noch auf meinem Handy: Die abendliche Märchenkulisse, meine Füße ragen aus dem privaten Pool unseres Appartements. Im Bildzentrum: ein gut gefülltes Weinglas. Der ultimative Wohlfühl-Beweis. Heute empfinde ich das Glas eher als Fotobombe. Die Caldera ertrinkt im Abendrot – ich im Rotwein. Erst Alkohol adelt die überirdische Schönheit dieses Fleckchens Erde.

Ich habe die Lage natürlich trotzdem voll im Griff, das ist sicher. Genauso sicher ist es noch niemandem aufgefallen, wie viel ich eigentlich wirklich trinke. Die Kinder merken zwar, dass ich viel zu oft schon um acht auf dem Sofa einschlafe, aber das ist ja auch plausibel. Ich arbeite halt viel und bin müde. Okay, mein Mann ist ein anderes Thema. Der reibt mir mein Pensum schon regelmäßig unter die Nase. Aber ich bin ja schlau und deshalb dazu übergegangen, mindestens eine Reserveflasche im Haus zu haben. Wenn die leer ist, habe ich so meine Tricks, sie unauffällig zu entsorgen. Genauso wie die Nachschub-Beschaffung. Man muss halt aufpassen, dass es in den Einkaufstüten nicht allzu laut klappert. Mitgenommene Geschirrtücher zum Einwickeln regeln das. Daheim schützt ein „Lass nur, Schatz, ich räum das schon ein“ vor unangenehmen Fragen.

Trinken wir nach dem Abendessen etwas, habe ich meistens schon vorher meinen Küchenwein gekippt. Das ist nichts Schlimmes, das hat Biolek auch immer gemacht. Aber nur eine Flasche zu zweit für den ganzen Abend, das reicht mir nicht. Alles nur zur Entspannung, klar. Deshalb macht sich die Zweitflasche ganz hinten im Küchenschrank doch gut. Im Laufe des Abends daraus noch was nebenbei und die Menge passt. Gehen wir abends aus, sind diese Extravorräte zum stillen Vorglühen praktisch. Dann kann man in etwa das Gleiche trinken wie der Rest der Runde, ohne groß aufzufallen.

Heute weiß ich, dass diese ach so schlau erdachten Geheimvorräte auch in Millionen anderer Küchenschränke stehen. Dabei hielt ich sie für eine absolut geniale, einzigartige Idee.

Die Meisterin des Bullshit-Bingo

Alkoholiker-Bullshit-Bingo ist das dämlichste Spiel der Weltgeschichte: Es gibt nur einen Mitspieler, trotzdem dauert es Jahre, manchmal Jahrzehnte. Noch blöder: Niemand hat es je gewonnen. Ich spielte es schon in der Meisterklasse. Natürlich wusste jeder, dass ich zu viel trinke. Und natürlich hatte ich das alles nicht mehr im Griff. Es hat lange gedauert, bis ich das endlich akzeptierte. Ich bin keine Alkoholikerin. Ich doch nicht. Ich bin glücklich, habe eine wunderbare Familie, ein gutes Einkommen, bin beruflich erfolgreich.

Alkoholiker? Das sind die zusammengesunkenen Gestalten vor dem Hauptbahnhof. Sie waren meine morgendliche Bestätigung, wenn ich den ersten ICE erwischen musste, um rechtzeitig zum Termin in Frankfurt zu sein. Egal, wie miserabel ich mich fühlte, wie sehr mein Kopf auch hämmerte und wie verquollen die Augen waren – mit den Menschen, die dort saßen, hatte ich nichts gemein. Ich eilte ja mit einer schicken Laptop-Tasche auf Pfennigabsätzen zum Geschäftstermin. Auf dem Rückweg war ein Besuch im Bordbistro Standard. Zur Entspannung. Die Alkoholiker saßen abends immer noch vor dem Haupteingang. Gott sei Dank hatte das ja alles nichts mit mir zu tun. Ich war das, was man einen funktionierenden Alkoholiker nennt. Aber das habe ich erst viel später herausgefunden.

Beim Thema Alkohol klafft eine Riesenlücke zwischen den gängigen Klischees und den harten Fakten. Über 10 Millionen Menschen allein im deutschsprachigen Raum haben ein Alkoholproblem. Zahlenmäßig sind das die Einwohner der Städte Berlin, Köln, Hamburg, München, Wien, Salzburg, Zürich und Basel zusammen.

Alkoholiker sind intelligent, erfolgreich und einkommensstark

Die meisten Alkoholiker sind intelligent, haben ein gutes bis sehr gutes Einkommen und einen gehobenen Sozialstatus. So steht es im „Alkoholatlas“, den die deutsche Bundesregierung erstellen ließ. Immerhin: Allein war ich also nicht.

Ähnliche Erhebungen gibt es aus anderen Ländern, im Prinzip gilt dies für die gesamte westliche Welt. Ein Engländer beispielsweise, der 40.000 Pfund pro Jahr verdient, trinkt mit einer doppelt so hohen Wahrscheinlichkeit zu viel Alkohol wie jemand aus unteren Einkommensschichten. Von einzelnen Berufsgruppen weiß man, dass ihre Vertreter besonders oft zur Flasche greifen. Ganz vorn dabei: Ärzte und Lehrer.

Der Engländer Craig Beck hält Seminare zum Alkoholausstieg. Über 100.000 Menschen haben ihm bereits zugehört. Er stellt fest: „Jeder Einzelne von ihnen war intelligent. Jeder, den ich treffe, ist hochfunktional und höchst erfolgreich. Ich habe Millionäre getroffen. Menschen, die mit mehreren eigenen Unternehmen erfolgreich sind, ich habe Arbeitgeber getroffen, die mehrere Zehntausend Menschen beschäftigen. Alle hatten dasselbe Problem: Sie kamen einfach nicht mehr vom Alkohol los.“

Ich habe mich auch auf YouTube umgesehen. Ich habe Videos über Menschen jeden Alters gefunden. Unternehmer, Sport- und Fernsehpromis, Hausfrauen oder Handwerker. Alle sprechen vor der Kamera offen über ihre Alkoholprobleme. Auf unserer Website www.alkohol-ade.com/videos haben wir Ihnen einige Links dazu zusammengestellt.

Eines schönen Tages googelte ich dann das erste Mal. Nur so ganz unverbindlich. Wollte ja nur mal schauen. „Habe ich ein A…?“ Den Rest brauchte ich nicht mal mehr zu tippen. Scheint ein paar mehr Leute zu interessieren, ob sie ein Alkoholproblem haben. Die Suche landet deutlich vor „Habe ich ein Abo auf dem Handy?“. Bei „bin ich A…?“ rätseln allerdings offenbar noch mehr Menschen: „Bin ich attraktiv?“ Kann man ja auch verstehen. Fraglich allerdings, ob Google darauf die Antwort kennt.

Anders als auf die Frage, ob man ein Alkoholproblem hat. Die Antwort fiel für mich leider ziemlich eindeutig aus. Das Gute ist aber: Es gibt im Internet unendlich viele Selbst-Tests. Auf der Suche nach dem Persilschein kann man so lange suchen, bis man den passenden findet.

Als Wissenschaftsjournalistin fand ich es allerdings frappierend, dass es offenbar keine handfesten Kriterien für Alkoholismus gibt. Die Tests unterschieden sich alle, manchmal sogar ziemlich krass. Einer fragte mich, ob ich bereits morgens trinken würde und ob mir ohne Alkohol die Hände zittern. Erleichtert konnte ich verneinen. Ein anderes beliebtes K.-o.-Kriterium: „Trinken Sie allein?“ Klare Antwort: „Nein!“ (Der Hund war ja immer da). Damit war das Thema erst mal wieder erledigt.

Sag ich doch: Ich habe kein Alkoholproblem. Ich trinke nur zu viel.

Sehr viel später habe ich aber eines gelernt. Sobald man sich fragt, ob man ein Alkoholproblem hat – dann hat man auch eins. Eigentlich weiß man es schon, der Selbstbetrug ist nur so perfektioniert. Ich gehe davon aus, dass Sie dieses Buch nicht wegen seines schönen Covers gekauft haben. Somit kann ich Ihnen ins Ohr flüstern: Sehr wahrscheinlich sind wir schon zu zweit. Aber vielleicht wissen Sie das ja schon. Oder Sie sind Angehöriger.

Gehen wir also mal davon aus, Sie haben ein Alkoholproblem. Ob das so ist, verrät Ihnen unser Test, den Sie auf unserer Website anonym machen können: https://www.alkohol-ade.com/test.

„Ich habe ein Alkoholproblem“, das konnte ich nach einiger Zeit dann doch hinausquetschen. Jedenfalls gedanklich. Probleme lassen sich ja lösen, in der Regel liegt das in der eigenen Hand. „Ich bin Alkoholikerin“ aber – das ging irgendwie gar nicht. Daran hinderte mich nicht mal mehr so sehr der Gedanke an die armen Gestalten vor dem Hauptbahnhof. Vielmehr störte mich die Aussicht, dieses Etikett lebenslang mit mir rumzutragen. Laut Lehrmeinung ist man ja selbst dann noch Alkoholiker, wenn das letzte Glas schon Jahrzehnte zurückliegt. Dann heißt man „trockener Alkoholiker“. Warum eigentlich? Es gibt doch auch keine „trockenen Raucher“ oder „trockene Heroinsüchtige“. Letztere adelt man im Gegenteil sogar mit dem Etikett „clean“.

Einmal am Alkohol kleben geblieben – lebenslang krank. Egal, ob man noch trinkt oder nicht. Eine Jammertal-Perspektive, fand ich. Ich will aber nicht lebenslang krank sein. Ich will wieder gesund werden. So gesund, wie ich es vor den alkoholgetränkten Jahren war. Auch will ich mich nicht noch nach Jahren vor eine Selbsthilfegruppe stellen und sagen: „Ich bin Alkoholikerin.“

Als Wissenschaftsjournalistin guckte ich mir natürlich auch an, wie man Menschen mit Alkoholproblemen helfen will, davon wieder wegzukommen. Mein Frust wuchs ins Unendliche. Der Standard: körperliche Entgiftung, danach Langzeittherapie und lebenslanger Besuch einer Selbsthilfegruppe. Erfolgsquote: miserabel. Etwa einer von fünf schafft es so, die Finger langfristig vom Glas zu lassen.

Ich war mir sicher, noch nicht so stark abhängig zu sein, dass ich einen Entzug in der Klinik brauchen würde. Langzeittherapie? Unmöglich. Allein zeitlich – drei Kinder, selbstständig, beruflich voll eingespannt? Ein klares Nein. Und außerdem: Körbchenflechten und Specksteinschnitzen fand ich schon in der Schule doof.

Stopp! Bevor Sie jetzt innerlich feixend applaudieren – ich habe jetzt bewusst mal ganz tief in die Kiste mit Vorurteilen gegriffen. Bitte legen Sie diese ab – genau wie ich. Ob jemand in die Klinik zur Entgiftung muss oder nicht, das ist überhaupt nicht leicht zu entscheiden. Allein und kalt zu entziehen birgt – je nach Abhängigkeitsgrad – große Risiken. Ich war in einer besonderen Situation: Mein Mann ist Arzt. Hätte ich mich getäuscht und es wäre doch zu körperlichen Entzugserscheinungen gekommen, hätte er fachkundig eingegriffen. Im Extremfall kann ein kalter Entzug auch tödlich enden. Witzig geht wirklich anders.

Zweitens: Eine Langzeittherapie bietet natürlich mehr als Malen, Basteln und Stuhlkreis. Das habe ich aber erst später von Menschen gehört, die sie absolviert haben und denen sie geholfen hat. Ich habe mich wie gesagt dagegen entschieden – und es hat bei mir auch ohne geklappt.

Was ich über Hilfen zum Alkoholausstieg erfahren konnte, hinterließ anfangs trotzdem mehr Fragezeichen als Antworten. Denn vieles passte nicht zu dem, wie ich mich selbst wahrnahm. Ich hatte nie das Gefühl, mein ständiger Drang zum Glas hätte etwas mit meiner Psyche zu tun. Mir ging es ja gut. Ich musste mir keinen Kummer wegschwemmen oder Mut antrinken, Freunde hatte ich genug und glücklich war ich auch. Ich konnte trotzdem nicht aufhören.

Ich war mir sicher: Das lag nicht an meinem zu schwachen Willen. Im Gegenteil. Ich bin ein sehr willensstarker Mensch, Durchsetzung ist mein zweiter Vorname.

Nur beim Wein, da klappte das nicht.

Für mich fühlte sich das körperlich an. Etwa so, wie meine zuckerkranke Schwiegermutter ihren übermächtigen Drang nach Schokolade, Kuchen und Co beschrieb. Diabetiker hecheln dem Zucker ja auch nicht hinterher, weil sie ein „Psychoproblem“ haben. Das hat handfeste medizinische Gründe.War da vielleicht eine Parallele?

In drei Etappen zurück zur Gesundheit

Ich bin nicht umsonst seit 30 Jahren Medizin- und Wissenschaftsjournalistin. Meine Neugier war geweckt – und jetzt hatte ich den besten Recherchegrund überhaupt: Ich war auf der Suche nach Hilfe für mich selbst. Mein Mann ist Arzt und ebenfalls Wissenschaftsjournalist. Gemeinsam begannen wir zu recherchieren. Wir haben uns mehr als vier Jahre durch Fachliteratur gefräst. Was ist Alkoholsucht wirklich? Was passiert da im Körper? Wie schafft es Alkohol, mich so ans Gängelband zu nehmen? Unsere Ergebnisse stehen in diesem Buch. Sie lauten:

 Der Drang zum Alkohol ist eine körperliche Erkrankung. Die Unterscheidung πpsychisch abhängig“ und „körperlich abhängig“ ist genau genommen falsch. Bekommt man die Finger nicht vom Glas, hat das keine psychologischen Gründe. Die Triebfeder liegt in Nervenbotenstoffen, deren Balance der Alkohol aus der Bahn geworfen hat.

Es ist von Anfang an eine körperliche, biochemische Abhängigkeit. Die sogenannte psychische Abhängigkeit ist eigentlich nur die Soft-Version der sichtbaren körperlichen Abhängigkeit. Eigentlich ist Alkoholsucht eine Art Stoffwechselerkrankung. Warum, das erklärt Ihnen dieses Buch.

Sie werden verstehen, dass nicht Ihre „Psyche“ nach Alkohol schreit, sondern dass Ihr Drang zum Glas rein medizinische Gründe hat. Als ich das verstanden hatte, fiel mir ein Stein vom Herzen, denn damit konnte ich viel besser umgehen. Wer sich das Bein bricht, beschimpft ja auch nicht die eigene Psyche dafür, dass er nicht gehen kann. Es ist wie mit Asthma, Diabetes oder Rheuma: Wer die eigene Krankheit genau versteht, kann am besten dagegen angehen und sie am Ende besiegen. Wenn Sie das erste Buchkapitel gelesen haben, wird es Ihnen mit dem Alkohol so gehen.

 Alkoholsucht ist eine handfeste medizinische Erkrankung. Man kann dem Körper helfen, sich davon wieder zu erholen. Hilfe zur Selbsthilfe heißt das Stichwort. Der Schlüssel waren für mich Nährstoffe. Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente und Aminosäuren haben den Drang zum Alkohol in den Flüstermodus geschickt. Dafür waren aber Dosierungen nötig, die über die Ernährung nicht zu erreichen sind – ich habe diese Nährstoffe als Tabletten, Pulver und Shakes zu mir genommen. Wir schildern in diesem Buch, welche Nährstoffe dies waren.

 Der Alltag kann natürlich nicht so bleiben, wie er mit Alkohol war. Die Versuchung lauert an jeder Ecke, man braucht Tricks und Tipps für das Leben in unserer alkoholgeschwängerten Gesellschaft. Sie sind gerade im Notfall Gold wert und machen es leichter, „Nein“ zu sagen.

Auch wenn Sie bereits abstinent leben, sich trotzdem aber nicht wirklich wohl in Ihrer Haut fühlen, ist dieses Buch für Sie sicherlich hilfreich. Denn leider kehrt mit dem Abschied vom Alkohol nicht immer automatisch auch die volle Gesundheit zurück. Nicht nur sogenannte „psychische“ Symptome bleiben oft übrig, sondern auch handfeste Beschwerden wie Muskelschmerzen, Magen-Darm-Probleme oder Herzrhythmusstörungen. Die Ursache hierfür kann ebenfalls ein Riesenmangel an Vitaminen, Mineralstoffen und Co sein.

Vieles mag Ihnen zunächst ungewöhnlich erscheinen. Immerhin entspricht es oft nicht dem, was allgemein über Alkoholabhängigkeit gesagt und geschrieben wird. Sie können sich aber darauf verlassen, dass wir ganz fest auf dem Boden der aktuellen Wissenschaft stehen. Unsere Literaturliste mit Fundstellen aus der internationalen Forschung finden Sie auf unserer Website www.alkohol-ade.com/literatur.

„Akohol adé“ ist das erste deutschsprachige Buch, das die Zusammenhänge der Alkoholabhängigkeit so genau aufarbeitet und sie allgemeinverständlich zusammenfasst. Ein Schwerpunkt des Buches sind Nährstoffe, also Vitamine, Mineralstoffe und Co – und wie sie beitragen können, schneller und erfolgreicher aus dem Alkohol auszusteigen. Aber auch wenn Sie diesem Aspekt skeptisch gegenüberstehen, kann Ihnen dieses Buch sehr helfen. Die Begleitung durch Nährstoffe ist ein „Kann“ und kein „Muss“. Sie kommen auch schon ein Riesenstück weiter, wenn Sie im ersten Teil genau verstehen, wie der Alkohol Sie in den Griff bekommen hat und die Tipps aus dem dritten Teil im Alltag umsetzen.

Unser Buch bietet geballtes Wissen. Wir gucken tief hinein in Wissenschaft und Medizin. Das Ganze ist locker und verständlich verpackt. Trotzdem kann es sein, dass Ihnen mal etwas unklar bleibt. Dann fragen Sie uns einfach. Auf unserer Website www.alkohol-ade.com finden Sie nicht nur zusätzliche Informationen rund um das Thema, sondern auch ein Leserforum. Dort können Sie sich mit anderen austauschen und auch uns Ihre Fragen stellen. Bitte beachten Sie, dass wir Autoren dort keine individuelle medizinische Beratung bieten oder Therapievorschläge geben.

Bevor wir in den ersten Teil einsteigen, einigen wir uns noch auf ein Detail. Ich benutze oft auch den Begriff „Alkoholiker“. Das macht das Schreiben einfacher. Wenn ich mich jedes Mal stilistisch um diesen Begriff herumdrücken muss („Menschen, die zu viel Alkohol trinken“ oder „wer die Finger nicht vom Glas bekommt“), wird das alles nicht gerade lesbarer. Das nur, damit Sie als Leser keinen Schreck bekommen und innerlich auf Abwehr gehen.

Ich selbst habe mit dem Begriff meinen Frieden geschlossen. Warum auch nicht. Laut offizieller Definition ist Alkoholiker, wer seinen Konsum nicht mehr kontrollieren kann. Das traf klar auf mich zu. Einige Betroffene trinken täglich – wenn auch vielleicht nicht bis zur Besinnungslosigkeit und auch „nur“ abends. Andere geben sich nur am Wochenende die Kante, dafür aber bis ins Koma.

Allen aber ist gemein: Trotz besserer Vorsätze bleibt es nie beim ersten Glas.

Ich bin ziemlich sicher, dass dies irgendwie auch auf Sie zutrifft. Sonst hätten Sie nicht dieses Buch in der Hand. Es sei denn, Sie sind Angehöriger. Also einigen wir uns bitte darauf, dass mit dem Wort „Alkoholiker“ auch Sie gemeint sind, ja? Es hört uns ja keiner zu.

I. Teil: Alkoholismus ist eine körperliche Erkrankung

Die Forschung über Alkoholmissbrauch und Abhängigkeit füllt ganze Bibliotheken. Wissenschaftler haben einen tiefen Blick in den Stoffwechsel von Alkoholikern geworfen und herausgefunden, wo dieser klemmt. Sie haben Gehirn-Aufnahmen von Alkoholikern gemacht und riesige Unterschiede zu Gesunden gefunden.

Genetiker haben sich bis ins Erbgut von Trinkern vorgearbeitet. Hirnforscher konnten zeigen, dass die Hirn-Nerven von Alkoholikern ganz anders gepolt sind als die von Gesunden – und wie Alkohol deren Denken und Gefühle kapert. Die Beweise sind erdrückend: Alkohlabhängigkeit ist eine rein körperliche Erkrankung. Mit der Psyche hat das Ganze nur sehr wenig zu tun.

Die psychologisierte Gesellschaft

„Wir sind eine psychologisierte Gesellschaft“, konstatiert Peter-André Alt, ehemaliger Präsident der Freien Universität Berlin. Alles wird heute mit der Psyche erklärt. Ehestreit, Burnout, Alkoholsucht oder Depressionen – für alles ist der Psychologe und Psychiater zuständig. „Blanker Unsinn“, schießt der Amerikaner Dr. Daniel Amen dagegen.

Er sieht das Ganze pragmatischer. Im Laufe seines Berufslebens hat er mehr als 150.000 Aufnahmen von Gehirnen sogenannter psychisch Kranker gemacht – darunter auch viele Alkoholiker. Sein Fazit: „Wenn dein Gehirn richtig funktioniert, funktionierst auch du richtig. Wenn dein Gehirn Probleme hat, dann hast du auch welche in deinem Leben.“

Amen kenn das Geschäft sozusagen von beiden Seiten: Er ist Psychiater und Radiologe. Sein boshafter Seitenhieb: „Psychiatrie ist die einzige medizinische Disziplin, die niemals das Organ betrachtet, das sie behandelt. Jeder andere Facharzt tut das. Kardiologen, Neurologen, Gastroenterologen – alle sehen sich das genau an. Nur der Psychiater nicht. Der behandelt seine Patienten immer noch nur aufgrund von Verdachtsmomenten und Symptomen.“ Das alles sei nicht besser als ein Ratespiel. Dabei gäbe es diese Möglichkeit heute ja, wettert Amen. Die Psychiater würden sich nur aktiv dagegen wehren. „Diese Gehirnaufnahmen seien etwas für die Forschung, aber nicht für die Diagnostik von Patienten“, hätte er oft genug gehört.

Gucken wir uns mal an, was Amen meint. Die ersten 30 Tage ohne Alkohol sind für einen Trinker oft eine besonders bittere Zeit. Er fühlt sich niedergeschlagen, gefrustet oder antriebslos. „Alles Psyche“, erzählt man heute den frisch Trockenen. Der Wunsch, wieder zu trinken, käme genau daher. Eine Verhaltenstherapie soll helfen.

Dabei gibt es von frisch Trockenen Gehirnaufnahmen, die eine ganz andere Sprache sprechen. Auf unserer Website www.alkohol-ade.com/gehirn finden Sie eine solche Aufnahme. Sie zeigt die Gehirnaktivität eines Trinkers nach 10 Tagen ohne Alkohol, nach drei Wochen und nach 30 Tagen. Sie werden sehen: Am Anfang ist das Gehirn wie ausgeknipst. Mit jeder Woche steigt die Aktivität – und damit logischerweise auch das Wohlbefinden des Betroffenen.

Das Fiese daran: Ein Glas Alkohol würde im dämmernden Gehirn sofort ein wahres Feuerwerk entfachen. Weil der Alkohol auf Knopfdruck die Hirn-Aktivität zurückbringt. Ist es Willensschwäche, da nicht „Nein“ sagen zu können? Treibt da eine nebulöse „Psyche“ zum nächsten Glas? Wohl kaum. Das ist ein sichtbares, knallhartes und körperliches Problem.

Ich frage mich, warum man das den Betroffenen nicht genau so erklärt. Diabetiker, Rheumatiker, Asthmatiker – alle unterrichtet man möglichst genau über ihre Krankheit, damit die Betroffenen gut mitarbeiten können, wenn es ums Gesundwerden geht. Nur Alkoholiker lässt man nach wie vor in dem Glauben, aufzuhören sei am Ende doch eine reine Willenssache. Alkoholismus ist aber keine „psychische Erkrankung“. Diabetes heilt man ja auch nicht auf der Couch.

Der Medizinbetrieb ist ein verknöcherter Verein

Die Medizin geht nicht gerne neue Wege, das ist bei der Behandlung von Alkoholikern nicht anders. „Haben wir schon immer so gemacht“ ist unter Ärzten ein schlagkräftiges Argument. Auch die miese Erfolgsquote der gängigen Alkoholikerbehandlung ändert daran nichts. Nur einen von fünf holt man aus der Abhängigkeit. Ein Chirurg, der nur jeden fünften Patienten erfolgreich operiert, wäre für jede bessere OP-Methode dankbar. Bei der Sucht nimmt man die niederschmetternden Ergebnisse achselzuckend hin.

Es dauert in der Medizin sehr lange, bis alte Zöpfe fallen und sich neue Erkenntnisse oder bessere Behandlungsmethoden durchsetzen. Hauptgrund ist die fast mittelalterliche Hierarchie im Medizinbetrieb. „Was der Chef sagt, das stimmt – und da wird auch nicht dran gerüttelt“, ist eine eherne Regel. Wäre sich ein Kreis von grauhaarigen Ärzte-Eminenzen einig: „Die Erde ist eine Scheibe“, dann würde kein Jung-Doktor dagegen das Wort erheben – jedenfalls nicht, bis er nicht selbst eine gewisse Stufe auf der Hierarchie-Leiter erreicht hat. Er würde sonst seine Karriere gefährden.

Es gibt den boshaften Spruch, der medizinische Fortschritt müsse sich biologisch entwickeln. Gemeint ist: Ärzte-Chefs müssen erst wegsterben (oder mindestens in Rente gehen) bevor der Weg für neue Behandlungsmethoden frei wird. Die Medizingeschichte steckt voller Beispiele, bei denen sich die Ärzteschaft lange an alte Ideen klammerte, obwohl die Forschung es schon besser wusste. Magengeschwüre beispielsweise galten früher als seelische Erkrankung, die Patienten landeten auf der Psycho-Couch – ohne dadurch ihr Geschwür loszuwerden. Viele starben an inneren Blutungen, anderen musste der Magen komplett entfernt werden. Trotzdem beharrte die Medizinwelt darauf: Magengeschwüre „kommen aus dem Kopf“.

1983 entdeckten Robin Warren and Barry Marshall das Bakterium Helicobacter pylori als Ursache für Magengeschwüre. Die Ärztewelt hätte erleichtert aufatmen müssen. Immerhin verschwindet der Keim durch simpleAntibiotika und mit ihm die Geschwüre. Eine einfache und wirksame Therapie. Doch weit gefehlt, dass man sich über eine neue Behandlungsmethode freute. Ganz im Gegenteil: Ein Sturm der Entrüstung brach los.

Warren und Marshall hatten es gewagt, als medizinische Nobodys ein Dogma infrage zu stellen. Für die Fachwelt stand fest: Im Magen leben keine Bakterien. Punkt. Der Gegenwind war so stark, dass die beiden Forscher ihre Entdeckung nur unter größten Schwierigkeiten veröffentlichen durften. Doch auch danach kümmerte sich einfach niemand darum. Die Fachwelt ignorierte die neuen Erkenntnisse. Die beiden Wissenschaftler blieben stur und Marshall griff zum Selbstversuch: Er schluckte Helicobacter-Keime, bekam prompt ein Magengeschwür und heilte es mit Antibiotika.

2005 erhielten Warren und Marshall den Nobelpreis für Medizin. Man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen: Obwohl die Fakten auf dem Tisch lagen, dauerte es mehr als 20 Jahre, bis Magengeschwür-Patienten endlich mit Antibiotika behandelt wurden.

Follow the money

Ein Bremsklotz für neue Therapien ist auch das liebe Geld. Das trifft besonders auf die Behandlung von Suchtpatienten zu. Die gängige Alkoholismus-Therapie ist auch Big Business. Gucken wir mal über den großen Teich – denn von dort kommen zumeist die Standards für die Medizin in Europa. In den USA liegen die durchschnittlichen Kosten für eine Behandlung in einer Alkoholklinik bei 400 bis 900 Dollar pro Tag, einen Monat müssen die Betroffenen mindestens bleiben, viele Programme laufen aber auch über ein Vierteljahr. Kosten: bis zu 58.0000 Dollar. Für eine ambulante Therapie rechnen die Institute 100 bis 500 Dollar pro Sitzung ab – und diese können sich über Jahre hinziehen, eine Sitzung pro Woche ist die Regel. Hinzu kommen noch 5.000-7.000 Dollar für eine eventuelle stationäre Entgiftung.

Jährlich erhalten ca. 1,4 Millionen Amerikaner eine solche Behandlung. Setzt man pro Betroffenen durchschnittlich 40.000 Dollar Behandlungskosten an (wobei das nur ein grober Mittelwert ist), klingeln bereits 56 Milliarden Dollar in der Kasse – jedes Jahr aufs Neue. Ein Multimilliarden-Business mit steigender Tendenz. Wachstumsmarkt nennt das die Finanzwelt und reibt sich die Hände. Schon längst hat sie den Markt für sich entdeckt. Seit 2014 kaufen so genannte Private-Equitiy-Firmen gezielt amerikanische Suchtkliniken auf, um sie in einer großen Kette zu vereinen und den Profit zu maximieren. So kaufte allein der Konzern Acadia Healthcare innerhalb von nur sechs Jahren 579 Kliniken.

Auch im deutschsprachigen Raum geben die Krankenkassen jährlich zig Milliarden aus, um Alkoholiker zu behandeln. Auch bei uns gibt es eine ganze Therapieindustrie nur dafür. Kliniken, Ärzte, Psychologen, Sozialtherapeuten – Alkoholismusbehandlung ernährt Zehntausende. Viele Patienten kommen immer wieder, eben weil die Behandlung langfristig so wenig erfolgreich ist. „Drehtür-Patienten“ nennt man sie. Eine sichere Einkommensbasis. Welches Interesse an kürzeren und effektiveren Therapien sollte es also geben?

Auch die Pharmaindustrie spielt natürlich in diesem Spiel eine Rolle. Allerdings ist sie nicht der böse Bube, als der sie so gerne hingestellt wird. Schon seit vielen Jahren forscht sie an Substanzen, die Alkoholismus heilen sollen, einige sind bereits auf dem Markt. Ein Beweis mehr übrigens, worin die eigentliche Ursache dieser Sucht liegt: im Stoffwechsel, in der Biochemie. Sonst würden die Pharmafirmen nicht Millionen in die Forschung stecken.

Allerdings hat Big Pharma es auch nicht leicht. Alkohol wirft den Stoffwechsel so gründlich aus der Bahn, dass eine einzige Pille niemals alles auf einmal wieder ins Lot bringen kann. Interessanterweise basieren übrigens viele pharmazeutische Anti-Alkohol-Präparate auf Nährstoffen, also auf Vitaminen, Mineralstoffen oder Eiweißbestandteilen. An diesen haben Forscher im Labor ein wenig herumgespielt und ein neues Molekül erschaffen, das sich patentieren und mit dem sich deshalb ordentlich Geld verdienen lässt. Auf die zu Grunde liegenden Nährstoffe hingegen gibt es keine Patente – die kann man in vielen Fitness-Läden oder bei Amazon frei kaufen. Wir kommen später noch mal darauf zurück.

Wie der Alkohol unser Denken kapert

Warum laufen viele Alkoholiker direkt nach dem Entzug zur nächsten Tankstelle, um sich wieder ein Bier zu holen? Warum sagen sich viele Menschen im Brustton der Überzeugung: „Das ist mein letztes Glas, ab morgen trinke ich nichts mehr“ – nur, um es am nächsten Tag zu wiederholen? Habe ich ja auch. Jahrelang.

Ich weiß jetzt: Wir sind nicht willensschwach. Der Alkohol hat unsere Hirnchemie gekapert. Alkohol manipuliert die Biochemie in unserem Kopf und stört den Funkverkehr in unserem Gehirn. Er pfuscht Botenstoffen ins Handwerk, die dafür zuständig sind, dass wir Glück empfinden, etwas lernen oder uns entspannen können. Genau das schauen wir uns jetzt genauer an.

Belohnung, Sehnsucht, Freude, Trauer, Schreck, Erinnern und Vergessen. Unser Gehirn ist die Schaltzentrale für Gefühle und Denken. Es klingt ernüchternd, aber all das basiert auf reiner Chemie. So fremd ist Ihnen das wahrscheinlich aber gar nicht. Sicherlich haben Sie schon vom Glücksbotenstoff Serotonin gehört. Davon haben Depressive meist zu wenig und sind deshalb niedergeschlagen und antriebslos. „Adrenalin pur“ hingegen jagt uns den Schreck in die Glieder und den Puls nach oben. Genau von solchen Substanzen wie Serotonin oder Adrenalin ist die Rede. Sie heißen Nervenbotenstoffe oder auch Neurotransmitter. Ohne sie läuft in Körper und Oberstübchen gar nichts. Gäbe es sie nicht, hätten wir keine Gefühle, keine Erinnerung und könnten uns auch nicht bewegen.

Bislang kennt die Forschung etwa 100 Nervenbotenstoffe, von denen jeder eine spezielle Aufgabe im Körper erfüllt. Sind unsere Neurotransmitter ausbalanciert, läuft alles reibungslos und es geht uns gut. Alkohol aber zerstört diese chemische Harmonie. Wir schauen jetzt noch ein wenig genauer hin, damit Sie verstehen, wo und wie der Alkohol seine fatale Wirkung entfaltet.

Nervenbotenstoffe, die chemischen Gefühlskuriere

Unsere Nerven sind keine durchgehenden Kabelstränge. Gäbe es nur Info-Direktverbindungen quer durch den Körper (etwa „Gehirn an Daumen“, „Gehirn an kleinen rechten Zeh“, „Gehirn an linkes Knie“ und so fort) wäre der dazu nötige Nerven-Kabelbaum wohl so dick wie eine tausendjährige Eiche – und wir entsprechend breit. Eher unpraktisch, das Ganze.

Die Natur hat eine sehr platzsparende Lösung erfunden. Nerven haben immer nur eine bestimmte Länge. Das Nervende verzweigt sich wie ein Ast. So entstehen aus einem Nerv ganz viele Enden. Diese können sich mit anderen Nervenden chemisch verkoppeln. Allein unser Gehirn besteht aus ca. 90 Milliarden Nervenzellen. Zwischen ihnen und ihrem unmittelbaren Nerv-Nachbarn klafft ein winziger Spalt, so klein, dass man ihn mit bloßem Auge nicht mal erkennt. Diesen Spalt nennt man Synapse. Knapp eine Billiarde (das ist kein Schreibfehler) Synapsen hat allein unser Gehirn.

Informationen laufen im Nerv wie in einem Stromkabel. Durch den Nerv sausen winzige elektrische Spannungen. Am Nerven-Ende angelangt, muss dieser elektrische Impuls den Spalt zum nächsten Nerv überwinden. Anders können die Information nicht weiterfließen.

Stellen Sie sich die Situation am Nerven-Ende bildlich so vor: Da steht ein Kurier an einer Kaimauer, seine Info muss ans andere Ufer. Deshalb braucht er einen schwimmenden Nachrichten-Überbringer. Genau diesen Fährmanns-Job übernehmen Nervenbotenstoffe.

Diese Neurotransmitter sind die Informations-Transportschiffchen im kleinen Spalt zwischen zwei Nervenzellen. Gelangt ein elektrischer Impuls ans Ende einer Nervenzelle, kickt er einen Neurotransmitter los. Dieser schwimmt durch den Nerven-Zwischenspalt, dockt am nächsten Nerv wieder an und lädt dort seine Information ab. Diese flitzt dann im nächsten Nerv elektrisch weiter. Diese Information kann lauten „Achtung, Gefahr!“ oder auch „alles cool, entspannt euch Jungs“. Da jeder Nerv durch seine Verästelung am Ende enorm viele Nachbarn hat, entsteht so ein ganzes Informationsnetzwerk.

Natürlich muss der Körper dieses chemische Kuriersystem straff organisieren. Würden knapp 100 verschiedene Nervenbotenstoffe in unserem System unkontrolliert herumwerkeln, bräche das schiere Chaos aus. Wenn sie nicht gebraucht werden, parken die Nervenbotenstoffe in Zellen am Ende eines Nervenstrangs. Erst wenn ein Neurotransmitter loslegen soll, darf er seinen Parkplatz verlassen und im Spalt zwischen den Nerven schwimmen. Er dockt am am nächsten Nerv an und übermittelt so seine Information. Damit stellt der Körper sicher, dass nur die Botenstoffe auf Reisen gehen, die gerade gebraucht werden. Nervenbotenstoffe sind im Idealfall immer in einer ausgewogenen Mischung unterwegs.

Jeder dieser chemischen Kuriere hat nicht nur seinen speziellen Parkplatz im Nerv. Hat er ihn verlassen und wandert durch den Nerven-Zwischenspalt, wartet auf der anderen Seite eine ganz spezielle Andockstelle auf ihn, der Rezeptor. Man kann sich diesen vorstellen wie einen speziellen Liegeplatz im Hafen. Jeder Nervenbotenstoff hat seine eigene Andockstelle, seinen Rezeptor, an den nur er passt. Durch dieses von der Natur fein austarierte System trampelt nun der Alkohol und bringt so ziemlich alles durcheinander. Er produziert ein Informationschaos und hinterlässt ein Trümmerfeld.

Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt: die Macht unserer Hirnchemie

Nervenbotenstoffe sind die Champions unserer Gefühlswelt. Jeder Neurotransmitter hat seinen eigenen Job. Der eine bringt uns Glücksgefühle, der andere Gelassenheit, wieder ein anderer versetzt uns in Angst und Schrecken. Zugegeben: Es klingt ein wenig befremdlich, dass reine Chemie ausmachen soll, was wir als unsere Psyche bezeichnen. Wo die Chemie aufhört und unser Geist anfängt – das mag irgendwann die Wissenschaft herausfinden. Fakt ist aber, dass Neurotransmitter unsere Gefühlswelt bestimmen.

Normalerweise ist unsere Hirnchemie ausgewogen, die einzelnen Botenstoffe halten sich gegenseitig in einer feinen Balance. Nun gibt es aber Substanzen, die manipulieren dieses Gleichgewicht. Sie sorgen dafür, dass einige Neurotransmitter die Oberhand bekommen, andere in ihrer Wirkung abstumpfen oder gar ganz stumm geschaltet sind. Genau so manipuliert der Alkohol. Er pfuscht allen mächtigen Hirnbotenstoffen ins Handwerk.

Die folgenden Kapitel verraten Ihnen, wie er das anstellt. Dann verstehen Sie, warum es Ihnen so schwerfällt, die Finger vom Glas zu lassen.

„Ich freu mich so, ich bin was wert“ – Endorphine und Dopamin

Bestimmt erinnern Sie sich an einen Moment, in dem Sie kräftig gelobt wurden. Oder Sie haben sich für eine Sache mächtig ins Zeug gelegt und einen dicken Erfolg eingefahren. Da haben Sie sich so richtig gut und glücklich gefühlt, richtig? Klar. Das hat Ihnen eine kräftige Extraportion Glücksbotenstoffe beschert. Diese heißen Endorphine und Dopamin.

Endorphine schießen die Stimmungslage direkt in den Himmel. Endorphin ist ein zusammengesetztes Wort aus „endogen“ (also körpereigen) und Morphin. Morphine – das sagt Ihnen was. Morphium ist eine der mächtigsten Drogen überhaupt. Natürlich produziert unser Körper nicht so viel davon, dass es zum Rausch reicht.

Endorphine sind Glücksgefühls-Auslöser. Sie unterdrücken auch Schmerzen und helfen dem Körper, mit starker Belastung umzugehen. Vielleicht haben Sie schon mal von dem sogenannten Runner’s High gehört. Das sind glücksartige Rauschzustände von Extremsportlern. Unter starker körperlicher Belastung produziert der Körper reichlich Endorphine, um mit der Situation klarzukommen.

Auch Alkohol lässt den Körper eine Extraportion Endorphine ausschütten. Gelangt er ins Blut, öffnen sich die Endorphin-Parkplätze in den Nervenzellen und die Glücksgefühls-Botenstoffe gehen auf die Reise. Auf einmal schwimmen deshalb viele Endorphine in den Nervenzwischenräumen herum und lösen Glücksgefühle aus. Chemisch getriggert durch den Alkohol. Deshalb macht er happy. Das Glücksgefühl aus dem Glas. Wie verführerisch.

Stehen die Endorphine auf Höchststand, setzt der Alkohol gleich noch einen drauf und flutet unser Nervenkostüm mit einem zweiten Glücklichmacher: dem Botenstoff Dopamin. Dieser ist ein echtes Multitalent. Er belohnt uns mit einem Gefühl der Zufriedenheit. Gleichzeitig ist Dopamin dafür zuständig, dass wir etwas lernen und uns etwas merken können.

Lassen Sie sich das bitte auf der Zunge zergehen: Alkohol duscht das Hirn mit einer Extraportion Dopamin, das uns ein Gefühl von Belohnung und ausgefüllter Zufriedenheit beschert. Gleichzeitig ist Dopamin aber auch dafür zuständig, dass wir uns sehr genau daran erinnern, wer der Auslöser für das Glücksgefühl war: der Alkohol. Nicht lange, und das Gehirn hat ganz fest abgespeichert: Alkohol macht glücklich.

Das Ganze entzieht sich Ihrem Bewusstsein. Diese Verkoppelung von Alkohol und Glücksgefühl ist eine chemische Verdrahtung in Ihrem Gehirn – und damit fest eingebrannt. Diese Verbindung können Sie auch mit stärkster Willenskraft nicht lösen. Die fatale Verkettung spielt sich dann auch noch in einer Hirnregion ab, die entwicklungsgeschichtlich schon uralt ist. In ihr tummeln sich auch unsere Urinstinkte. In diesem Hirnteil spielen sich so grundlegende Bedürfnisse ab wie Hunger, Überlebens- oder Fortpflanzungstrieb.

Genau da ist bei Ihnen der Drang nach Alkohol gelandet. Alkohol ist dem Gehirn dann genauso wichtig wie Sex oder Essen. Schlimmstenfalls sogar noch wichtiger.

Hier ein Wort an die Angehörigen von Alkoholikern. Vielleicht haben Sie sich schon oft gefragt: „Warum kann er/sie den Alkohol mir zuliebe nicht sein lassen?“ Sie kennen jetzt die Antwort. Liebe, Beziehung, Partnerschaft – das sind alles Dinge, die sich in unserem bewussten Denken abspielen. In einer Hirnregion, die deutlich später entstanden ist. Es ist aber ein Instinkt, der Ihren Partner oder Angehörigen treibt. Instinkt geht nun mal über Verstand. Leider.

Dopamin ist ein allmächtiger Botenstoff. Manche Forscher sagen, dass er spielentscheidend für das Überleben unserer Spezies war. Stellen wir uns vor: Einer unserer Vorfahren tobt durch den Urwald auf der Suche nach etwas Essbarem. Ihm knurrt kräftig der Magen. Er sieht einen Busch mit roten Beeren, den er noch nicht kennt. Er macht sich über die Früchte her – und ist begeistert. Sie sind zuckersüß und machen satt. Das ist dann gleich eine Mehrfach-Dopamindusche: schmackhafte Nahrung, ein voller Magen und der Erfolg, etwas zu essen gefunden zu haben. Sofort klickt es im Hirn: Unser Urahn merkt sich sehr genau, wie der Beerenstrauch aussieht – denn er bedeutet ja einen vollen Magen und Glücksgefühle. Gut für ihn, denn Nahrung sichert Überleben.

Unser Vorfahre tobte den Beeren hinterher – und Sie heute dem Alkohol. Die Triebfeder ist exakt dieselbe. Den mächtigen Befehl dazu löst noch immer der gleiche Nervenbotenstoff aus: Dopamin. „Das macht glücklich, das muss ich haben.“

Endorphine und Dopamin machen nicht nur glücklich. Sie übermitteln auch das Gefühl, belohnt worden zu sein. Das funktioniert auch beim Alkohol. „Diesen Drink habe ich mir jetzt verdient.“ Wie oft haben Sie das schon gedacht, gesagt oder gehört? Eigentlich ist das ja widersinnig, oder? Wieso ist ein Glas Alkohol für uns mehr „Belohnung“ als ein Glas frisch gepresster Orangensaft?

Jetzt verstehen Sie aber, wer da eigentlich wirklich spricht: Das Dopamin, das Belohnungssystem unseres Körpers. Alkohol katapultiert das Dopamin im Blut künstlich nach oben. Übrigens spielen auch viele andere Drogen genau an diesen Hirnbotenstoffen herum. Sie lassen sie kurzfristig in den Himmel schießen. Sogar Spielsucht lässt sich so erklären.

Spielsucht und „Black Friday“: reine Dopaminsache

Rauschen die Münzen aus dem Automaten, löst das Glücks- und Belohnungsgefühle aus. Endorphine und Dopamin betreten die Bühne. Bei Spielsüchtigen passiert das sogar ohne Jackpot. Forscher haben herausgefunden, dass bei ihnen die Endorphin/Dopamin-Dusche überdies größer ist, während sie noch um den Gewinn bibbern. Kommt dieser dann tatsächlich, fällt der Kick sogar kleiner aus als während der Wartezeit darauf.

Das Zittern bis zum Gewinn wird zum Kick-Faktor. „Vorfreude ist die schönste Freude“, sagt man. Jetzt verstehen Sie auch, warum: Das Dopamin hat seinen großen Auftritt. Genau dieses Gefühl der Vorfreude läuft bei Spielsüchtigen Amok und sie verzocken im Zweifelsfall auch noch den letzten Groschen.

Dopaminkicks machen sich auch Marketingexperten zu Nutze. Das sogenannte Neuromarketing ist unter ihnen der letzte Schrei. Damit zieht man Ihnen Geld für Dinge aus der Tasche, die Sie eigentlich gar nicht brauchen. Bekanntestes Beispiel ist der „Black Friday“, der größte Verkaufshype der Weltgeschichte. Mit Werbe-Trommelfeuer wird er wochenlang ins Bewusstsein gedroschen. Der Appell an Ihre Urinstinkte: „Sei schnell, dann wartet fette Beute, du wirst dich belohnt fühlen, weil du ein ganz tolles Schnäppchen ergattern konntest.“

Öffnen sich die Ladentüren, flimmern jedes Jahr die gleichen Bilder über den Fernseher: Menschen stürmen hysterisch die Geschäfte, quetschen sich dabei fast zu Tode – nur, um dann zufrieden mit Dingen nach Hause zu gehen, die sie sonst vielleicht nie gekauft hätten. Die Beute ist erjagt, die Erwartung befriedigt, man fühlt sich belohnt, das Dopaminsystem ist happy. Wer nicht nur am Black Friday, sondern sogar 365 Tage im Jahr zwanghaft auf Einkaufstour ist, den hat die Kaufsucht im Griff. Alles reine Dopaminsache.

Das verdammte Suchtgedächtnis

„Dieses Bierchen habe ich mir verdient.“ Oder: „Den Wein gönne ich mir jetzt.“ Sich etwas verdient haben, sich etwas gönnen, sich mit Alkohol belohnen: Es grüßt Ihr Dopamingedächtnis. Belohnung, Zufriedenheit und Alkohol sind im Trinker-Kopf chemisch fest verkettet – und zwar in einem Hirnbereich, der mit rationalem Denken nichts zu tun hat und Ihrem Willen nicht zugänglich ist. Dieser Hirnbereich ist für grundlegende Dinge zuständig, für Instinkte.

Das geht noch viel weiter. Wer regelmäßig in der gleichen Kneipe Alkohol trinkt, bringt es kaum über sich, dort irgendwann nur eine Limo zu bestellen. Allein der Ort ist für das Gehirn zu fest mit dem Glücks-Kick durch Alkohol verknüpft. Der Schritt durch die Kneipentür weckt die Erwartung eines emotionalen Höhenfluges. Glücks-Erwartungen durch Alkohol, die befriedigt werden wollen. Auch Gerüche, Geschmäcker oder allein schon Tageszeiten können den Drang danach auslösen. „Es wird Abend – jetzt ein Bier.“

Klingt bekannt? Eben.

Die andere Seite der Medaille: Ihr Suchtgedächtnis hat genauso fest intus, dass sich auch Frust und Stress durch Alkohol in Luft auflösen – so meint es jedenfalls. Auf der Festplatte des Urzeitgehirnes sind zwei Dinge fest eingebrannt: Freude wird durch Alkohol zum Feuerwerk, Frust und Unwohlsein verstummen – man fühlt sich wieder wohl. Auch dafür hat das Dopamin gesorgt. Noch mal, zum Mitschreiben: Diese blödsinnige Verkettung sitzt in dem Teil des Gedächtnisses, der für Instinkte zuständig ist – und der rationalem Denken verschlossen bleibt.

Das bedeutet praktisch: Egal ob Freude oder Frust, Alkohol muss instinktiv sein. Instinkte sind mächtig. Übermächtig. Sie beginnen zu ahnen, wo die Crux liegt. Regt sich der Instinkt „jetzt ein Glas“, zieht Ihr Verstand in der Regel den Kürzeren. Das ist ein Kampf David gegen Goliath. Lassen Sie aber den Kopf nicht hängen. Der biblische David hat am Ende ja auch gewonnen.

Goliath war ein wahres Monster. Der Alkohol ist auch eines. Eigentlich ein schönes Bild. Bleiben wir dabei. Umbringen können Sie das Alkohol-Monster nicht. Sie können aber viel dafür tun, es schlafen zu lassen. So lange es sich nicht rührt, hat Ihr Verstand die Oberhand – und Sie können bewusst nichts trinken. Wir kommen später noch einmal ausführlicher auf das Monster-Bild zurück.

Opium im Hirn – durch einen chemischen Betriebsunfall

Die Glücksdusche aus dem Glas – dazu gibt es sogar noch eine Steigerung. Durch einen chemischen Betriebsunfall beim Alkohol-Abbau kann im Gehirn ein opiumähnlicher Stoff entstehen. Ja, Opium. Sie haben richtig gelesen. Denn um den Alkohol abzubauen, benutzt der Körper eine Substanz, die er eigentlich auch für den Dopaminstoffwechsel braucht. Zwei chemische Vorgänge konkurrieren also um ein und dieselbe Substanz. Der Körper gibt der Alkoholentgiftung den Vortritt. Auf der Strecke bleibt das Dopamin. Es bleibt halb fertig liegen.

Das halb fertige Dopaminmolekül wiederum schließt sich mit anderen zusammen. Es entsteht eine Substanz mit dem unglaublichen Namen Tetrahydropapaverolin, kurz THP. Dieses THP kommt auch in der Natur vor: Aus ihm baut die Mohnpflanze das Opium. Im Körper wirkt THP wie Morphium. Opium, Morphium und Heroin sind chemische Geschwister. Genau das bildet sich im alkoholbenebelten Gehirn.

Einige Forscher sind der Meinung, dass starke Alkoholiker eben durch diesen chemischen Betriebsunfall eigentlich zusätzlich opiumabhängig sind. Ohne es zu wissen oder zu wollen. Was das für den Ausstieg aus dem Alkohol bedeutet, kann man sich unschwer ausmalen.

Die Spirale abwärts

Alkohol lässt die Hirnbotenstoffe sprudeln, die glücklich und zufrieden machen. Trotzdem werden Alkoholiker auf Dauer immer unzufriedener, grantiger, fühlen sich leer und unausgefüllt – und müssen immer mehr trinken, um dem zu entkommen.

Der Grund: Der Körper schottet sich gegen die ständigen Glücksboten-Duschen ab. Er hat es nun mal gerne ausgewogen, und was zu viel ist, ist zu viel. Einmal Euphorie durch Alkohol? Schön. Zweimal? Meinetwegen. Wer sich aber regelmäßig mit Alkohol den Glücks-Kick verschafft, dem macht der eigene Körper einen Strich durch die Rechnung. Mit einem Trick.

Sie erinnern sich: Jeder Nervenbotenstoff hat seine spezielle Andockstelle, seinen Rezeptor. Nur wenn er da anlegen kann, entfaltet er auch seine Wirkung. Flutet beispielsweise zu lange zu viel Dopamin den Körper, weil der ständige Alkohol es in die Höhe treibt, spielt der Körper Hafenmeister. Er macht immer mehr Dopamin-Andockstellen einfach dicht. Medizinisch gesprochen: Er reduziert die Dopaminrezeptoren. Es sind dann schlicht weniger davon da.

Der Alkoholiker muss also immer mehr trinken, damit Dopamin noch den letzten Hafen findet und er seinen Glücks-Kick empfindet. Irgendwann aber fährt der Körper dann auch noch die Dopaminproduktion selbst herunter. Das bedeutet, man hat einfach weniger davon im Körper.

Entscheidet sich der Alkoholiker dann eines schönen Tages, nicht mehr zu trinken, nimmt das Drama seinen Lauf: Sein Dopaminsystem liegt in Schutt und Asche. Der Körper produziert nicht mehr genug davon. Dopamin-Andockstellen sind nur noch spärlich vorhanden und selbst die wenigen bleiben teilweise unbesetzt. Das Funksystem für Motivation, Belohnung und Zufriedenheit ist verstummt, die Leitung ist tot.

Die Folge: Der Betroffene fühlt sich ständig unzufrieden, gelangweilt, gefrustet und leer. Viele werden auch launisch und aggressiv. Freunde und Familie von frisch Trockenen können ein Lied davon singen. Diesen Dauerfrust soll der Betroffene nun aushalten – und hört gleichzeitig ständig die Sirenengesänge seines Urahnen-Gehirns: „Ein Schluck, und Dir geht es wieder prima.“

Das folgende Posting stammt aus einem Internetforum. Sie werden jetzt verstehen, was dem jungen Mann eigentlich fehlt:

„Hallo Leute. Ich wollt mal fragen, wie das bei euch ist. Bin seit vier Wochen trocken, aber irgendwie ist fast jeder Tag mies. Ich habe null Bock auf nix, manchmal kriege ich den ganzen Tag den Hintern nicht vom Sofa. Alles nervt irgendwie. Hänge dann den ganzen Tag im Internet rum. Als meine Freundin mich neulich deshalb angemacht hat, bin ich ausgeflippt und hab sie angebrüllt. Seitdem ist hier echt schlechte Stimmung. Die meinte, ich würde mich immer noch so asi benehmen wie mit Alk. Manchmal denke ich, ich sollte wieder saufen, dann wäre alles wieder rund. Kennt das noch jemand? Wie kriegt ihr das hin? Ich bin im Moment echt voll gefrustet.“

Wir sind erst am Anfang des ganzen Elends, das der Alkohol in der Hirnchemie anrichtet. Sie werden jetzt aber schon eines unterschreiben können: Die Finger nicht mehr vom Glas zu bekommen, ist ein biologisches Problem, kein psychisches.

Die gute Nachricht ist: Der Flurschaden, den der Alkohol im Gehirn angerichtet hat, repariert sich auch wieder.

Der nächste Stimmungstorpedo: Angriff auf das Glückssystem

Gelassenheit und innere Harmonie. Das Glück des Augenblicks genießen können. Die Welt in wohligen Farben sehen, Freude empfinden und positiv in die Zukunft schauen. Motiviert in den Tag starten. Das alles beschert uns ein Hirnbotenstoff, von dem Sie vielleicht sogar schon gehört haben: Serotonin. Es ist das Salz in der Suppe unseres Gefühlslebens. Fehlt Serotonin, schlagen Angst und Depressionen zu. In schlimmen Fällen plagen die Betroffenen Selbstmordgedanken.

Sie ahnen es bereits: Alkohol manipuliert auch das Serotonin-System. Er verpasst ihm einen Kickstart. Dabei zieht der Alkohol alle Register. Er regt den Körper an, mehr Serotonin auszuschütten. Gleichzeitig macht er die Serotonin-Andockstellen im Hirn besonders empfindlich und empfangsbereit. Er sorgt also doppelt für ein wahres Serotonin-Feuerwerk. Kein Wunder, dass Alkohol „glücklich“ macht. Jedenfalls, solange er wirkt. Lässt seine Wirkung nach, ist auch die gute Laune wie weggeblasen – jedenfalls bis zum nächsten Glas. Trinkt man zu oft und zu viel, läuft das gleiche Programm ab, wie Sie es auch schon vom Dopamin kennen: Der Körper streikt gegen das Serotonin-Dauerfeuer und regelt das System herunter. Er schließt Serotonin-Andockstellen und drosselt die Serotoninproduktion. Das körpereigene Frohsystem bekommt schwere Schlagseite. Immer mehr Alkohol ist nötig, um überhaupt noch Glück empfinden zu können.

Auf Dauer geht ohne Alkohol allerdings nicht nur das Glücksempfinden verloren, was schon schlimm genug ist. Ohne permanenten Nachschub wird es noch grausamer. Die Betroffenen quälen dann graue Gedanken und Depressionen, Angst und Panikattacken können sich einstellen. Sie fühlen sich leer, traurig, hoffnungslos, plagen sich mit Zukunftsängsten, schlafen schlecht, ziehen sich von Familie und Freunden zurück und sehen nur noch wenig Sinn im eigenen Dasein. Ein jammervolles Leben, das scheinbar nur noch durch Alkohol wieder lebenswert wird. Dabei verschlimmert jeder Rausch die Lage weiter.

Kein Zweifel: Dopamin und Serotonin sind die Königsklasse unserer Gefühls-Botenstoffe. Es gibt noch einen Dritten im Bunde. Dieser Neurotransmitter beruhigt nicht nur den Geist, sondern ist auch für körperliche Entspannung zuständig. Natürlich wirft Alkohol auch ihn aus der Bahn.

Entspannung aus dem Glas

Ein kräftiger Schreck oder Stress setzen Körper und Geist unter Hochspannung. Auch das stammt aus alten Zeiten: Wen ein Raubtier angriff, der musste in Sekundenbruchteilen auf Hochtouren laufen – sonst hatte er leider schlechte Karten. Ist der Stress vorbei, brauchen wir eine beruhigende Signalsubstanz, die Aufregung und Anspannung wieder abpfeift. Dieser natürliche Stress-Stopper nennt sich GABA. Das ist eine Abkürzung für „Gamma-Aminobutyric Acid“, auf Deutsch wäre das die Gamma-Aminobuttersäure. Aber Schluss mit Fremdworten. Merken Sie sich GABA, das reicht völlig.

GABA stimmt die Welt von Dur auf Moll. Eine tiefe Meditation beispielsweise steigert den GABA-Spiegel im Blut um bis zu ein Drittel. Leider aber ist in unserer hektischen Welt Entspannung häufig Mangelware. Wie praktisch wäre da doch so eine Extra-Portion GABA auf Knopfdruck. Einfach zum Runterkommen.

Sie ahnen es bestimmt: Alkohol werkelt auch im GABA-System herum. Das berühmte Entspannungsglas ist chemisch gesehen nichts anderes als ein GABA-Ersatz. Alkohol hat eine sehr interessante Eigenschaft: Er passt an die Nerven-Andockstelle, die eigentlich ausschließlich für GABA reserviert ist. Medizinisch gesprochen: Alkohol passt an den GABA-Rezeptor. Auch wenn er da überhaupt nichts zu suchen hat. Alkohol segelt unter falscher Flagge, hat aber den gleichen Effekt wie der entspannende Nervenbotenstoff selbst. Der Nerv kann nicht unterscheiden, ob an ihm nun GABA oder das trojanische Pferd Alkohol angedockt hat. Es ist ihm auch herzlich egal. Er bekommt das Signal „GABA-Hafen belegt, alles auf Ruhe schalten, bitte weitersagen“ – und das macht er dann auch. Deshalb entspannt Alkohol. Nebenbei: Es gibt noch eine andere Substanz, die ebenfalls am GABA-Hafen andocken kann: Diazepam, besser bekannt als Valium.

Überflutet Alkohol die GABA-Andockstellen, knallt dem ungeübten Trinker schon bald der Kopf auf den Tisch – er schläft einfach ein. Sind viele GABA-Rezeptoren alkoholbesänftigt und funken laut: „Entspannung“, kommt der Sandmann im Sauseschritt. Übrigens: Wenn alle GABA-Rezeptoren bis auf den letzten Platz besetzt sind, können Chirurgen ihre Arbeit tun. So wirken Narkosemittel.

Der Alkoholtrainierte hingegen ist auch nach mehreren Gläsern noch putzmunter. Will er sich entspannen, muss immer mehr Alkohol her, um den Effekt zu erzielen. Der Grund ist derselbe, den Sie auch schon vom Dopamin und Serotonin kennen: Der Körper toleriert die Dauertrance nicht und wehrt sich. Er beginnt, GABA-Andockstellen dicht zu machen. Deshalb haben Trinker weniger GABA-Häfen, an die der Alkohol andocken und seine entspannende Wirkung entfalten kann. So vertragen Alkoholiker auch Mengen, nach denen jeder andere bereits halb bewusstlos wäre. Wer weniger GABA-Andockstellen hat, weil er ständig zu viel trinkt, bekommt auf Dauer ein Problem: Wo keine GABA-Andockstelle mehr ist, kann der Nerv auch nicht mehr „Entspannung“ funken. Das natürliche Bremssystem des Körpers funktioniert nicht mehr.

Glycin, der GABA-Bruder

Ein weiterer Entspannungsbotenstoff des Körpers ist das Glycin. Sie haben es jetzt schon so oft gelesen, es lohnt kaum, das Ganze noch einmal zu wiederholen. Es ist wieder das gleiche Spiel: Wieder kitzelt der Alkohol die Glycin-Wirkung auf Höchststände und entspannt deshalb zunächst. Wieder hält der Körper irgendwann dagegen – und auch dieses Nervenbotenstoff-System bekommt schwere Schlagseite.

Nun haben Sie von GABA und Glycin vielleicht noch nie vorher gehört und zweifeln, ob diese beiden Nervenbotenstoffe denn wirklich so wichtig sein können. Doch, können sie.

Ein Extrembeispiel verdeutlicht das. Wundstarrkrampf, auch bekannt als Tetanus – das sagt Ihnen etwas. Wen die Krankheit erwischt, der windet sich unter fürchterlichen Krämpfen, schlimmstenfalls bis in den Tod. Der Grund: Bakteriengifte verhindern, dass der Körper GABA und Glycin freisetzt. Den Muskeln der Betroffenen fehlen die Entspannungskommandos. Sie krampfen so stark, dass manchmal dabei sogar Knochen brechen.

Vom wachen Geist zum Nervenwrack: Glutamat

Der Entspannungsbotenstoff GABA hat einen natürlichen Gegenpart: das Glutamat. GABA und Glutamat sind wie Ebbe und Flut. Während GABA bremst, drückt Glutamat aufs Gaspedal. Betritt Glutamat die Bühne, steht unser Nervenkostüm auf „Achtung!“.

Vielleicht haben Sie den Namen Glutamat schon mal gehört und sind verwirrt. So heißt auch ein Geschmacksverstärker in Lebensmitteln, der immer mal wieder für negative Schlagzeilen sorgt. Beide sind verwandt, aber nicht dasselbe. Den natürlichen Neurotransmitter Glutamat nennen Chemiker auch Glutaminsäure – den künstlichen Geschmacksverstärker dagegen Mononatriumglutamat. Für beide hat sich der Begriff Glutamat eingebürgert, es ist also nur eine verwirrende Namensgleichheit. Sprechen wir hier von Glutamat, ist der körpereigene Botenstoff gemeint.

Bewegung, Aufmerksamkeit, Wachsamkeit, Konzentration. Das ist Glutamat-Revier. Wer ein ausgewogenes GABA- und Glutamatsystem hat, der kann sich gut konzentrieren, ist aufmerksam und hellwach – kann sich danach aber genauso wieder beruhigt entspannen.

Auch wenn es schon fast langweilig wird: Natürlich ahnen Sie es. Alkohol wirft auch dem Glutamatsystem einen Stock zwischen die Beine. Er knipst die Glutamat-Andockstellen einfach aus. Da kann so viel Glutamat im Nervensystem herumschwimmen, wie es will – wenn es nicht andocken kann, kann es auch nicht wirken.

Jetzt haben wir einen miesen Doppeleffekt. Alkohol tut so, als wäre er GABA und entspannt. Gleichzeitig schaltet er das Glutamatsystem auf stumm und unterdrückt die nötige Gegenspannung und Wachsamkeit. So erzeugt er eine künstliche Tiefenentspannung – solange der Alkohol durch die Adern fließt.

Kaputte Bremse und durchgetretenes Gaspedal

Der Körper hat es aber nun mal immer gerne ausgeglichen. Ein Alkohol-Nirvana lässt er auf Dauer nicht zu. Er schließt nicht nur die Andockstellen für das beruhigende GABA, sondern erhöht gleichzeitig die Anzahl der Häfen für das erregende Glutamat. Die Folge: Unter Alkohol-Dauerberauschung sprießen Glutamat-Andockstellen wie eine Blumenwiese im Frühling.

Das Ganze ist dann ein Teufelskreis: Zu wenige Andockstellen für GABA verhindern die Entspannung – dafür sind aber viel zu viele Häfen für das Glutamat vorhanden, das die Erregung auslöst. Der Körper gerät in einen Zustand der ständigen Anspannung, kann aber nicht mehr runterfahren. Die schnelle Lösung: Alkohol, der GABA imitiert und das Glutamat in Schach hält. Fällt der Alkohol dann weg, wird es übel. Ein Kfz-Mechaniker würde über ein solches Nervenkostüm sagen: „Das Gaspedal ist voll durchgedrückt, aber die Bremse klemmt.“ Dieses wild gewordene Auto soll nun ein Alkoholiker einzig und allein mit seiner Willenskraft aufhalten, wenn er trocken werden will. Finde den Fehler.

Das war jetzt recht viel Theorie, zugegeben. Aber jetzt verstehen Sie, warum regelmäßige Trinker irgendwann nur noch mit Alkohol entspannen können. Im Extremfall werden sie dann fahrig, rast- und ruhelos. Manchen beginnen die Hände zu zittern, Schlafstörungen und Schweißausbrüche stellen sich ein. Das sind die sichtbaren Zeichen des verschobenen GABA-Glutamin-Systems – und das ist es, was man landläufig als körperliche Abhängigkeit bezeichnet.

Der Grund ist ein Nervenbotenstoff-System, das aus der Bahn geschossen ist. Vom Prinzip her nichts anderes als auch beim Dopamin oder Serotonin. „Psychisch“ sind die Antriebslosigkeit oder Depressionen in der ersten Zeit ohne Alkohol aber genauso wenig wie Zittern oder Schwitzen.

Durch das wild gewordene Glutamat-System entstehen im schlimmsten Fall die gefürchteten Krampfanfälle, wegen derer ein schwerer Alkoholiker viel besser in der Klinik entgiftet. Dort hält man diese Anfälle mit Medikamenten unter Kontrolle. Auch wer noch nicht so tief in der Sucht steckt, kämpft vor allem in der ersten Zeit ohne Alkohol heftig mit der Schieflage im Glutamat- und GABA-System. Der Körper steht unter Dauerstress. Selbst 24 Stunden im Bett liegen bringt dann nichts. Der biochemische Stress sorgt für Daueranspannung. Eine blöde Situation, wenn gleichzeitig das Suchtgedächtnis zirpt: „Nur ein Gläschen und du hast Frieden.“

Willensschwäche? Wohl kaum. Eher ein massives Stoffwechsel-Problem.

Und noch mehr Stress: Kortisol

Auch wenn er so tut, als wäre er ein Entspannungsmittel: Alkohol stresst den Körper. Glutamat-Dauerfeuer ist für uns Anspannung pur. Unter dieser Dauerbelastung schüttet der Körper Kortisol aus. Das Hormon ist dafür da, den Stoffwechsel schnell auf Höchstleistungen zu trimmen – denn Stress bedeutete für unsere Urahnen Überlebenskampf.

Kortisol verengt die Blutgefäße, erhöht den Herzschlag und den Blutdruck. Gleichzeitig lässt es den Blutzuckerspiegel steigen. So steht in Gehirn und Muskeln schnell ausreichend Energie für Kampf oder Jagd zur Verfügung. Kortisol ist ursprünglich dafür da, im Augenblick großer Anspannung den Stress sogar noch zu steigern. Volle Konzentration auf eine Sache, dafür sorgt Kortisol.

Eigentlich ja eine gute Idee. Kortisol macht hellwach – allerdings nur für Dinge, die mit der unmittelbaren Gefahr in Verbindung stehen. Um volle Konzentration nur auf das Wichtigste zu garantieren, schaltet Kortisol alle Hirnaktivitäten ab, die nicht nötig sind, um die Situation zu überstehen. Kortisol blockiert das höhere Denkvermögen sowie das Gedächtnis. Fragen Sie mal einen Leistungssportler, ob er während eines Wettkampfes nebenbei noch Matheaufgaben lösen oder ein Lied auswendig lernen kann. Kann er nicht. Weil Kortisol das verhindert.

Kortisol ist auch Feind Nummer eins aller Menschen mit Prüfungsangst: Ihr Körper schüttet wegen der Aufregung so viel Kortisol aus, dass die Betroffenen am Ende manchmal nur noch stur auswendig Gelerntes wiedergeben können. Sämtliches weitergehende Denken funktioniert in dem Moment nicht mehr. Normalerweise fällt der Kortisolspiegel im Körper natürlich wieder, sobald eine Gefahr oder Stress-Situation vorbei ist. Nicht aber bei dem, der zu viel Alkohol trinkt.

Forscher haben herausgefunden, dass im Blut von Alkoholikern bis zu ein Drittel mehr Kortisol herumschwimmt als normal – und zwar auf Dauer. Praktisch bedeutet das: Der Körper ist in einem 24-Stunden-Stressmodus. Wer so in Stresshormonen badet, kann sich weder ordentlich konzentrieren noch erholsam schlafen. Ohne ordentlichen Nachtschlaf fängt der neue Tag schon mies an – man ist kaputt und gestresst. Da kommt er dann wieder vorbeigesprungen, der Alkoholteufel: „Ein Glas und du fühlst dich besser!“ Psycho-Problem? Wohl kaum.

Sie wissen jetzt: Alkohol schüttelt Ihre Hirnchemie kräftigst durcheinander. Je länger Sie schon trinken, umso größer ist der Salat. Dabei beeinträchtigt der Alkohol noch viel mehr Nervenbotenstoffe als die, die Sie jetzt kennen gelernt haben. Es gibt insgesamt über 100 davon. Am Ende ist das Durcheinander so groß, dass gefühlt nur noch der Alkohol alles wieder ins Lot bringen kann.

Erinnern Sie sich an das Monster des Suchtgedächtnisses? Etwas weiter vorn haben wir schon mal über das Instinkt-Monster Goliath gesprochen. Denken Sie mal weiter: Das Chaos im Nervenbotenstoff-System führt dazu, dass man sich einfach nur miserabel fühlt. Goliath Alkohol schiebt Überstunden: Ständig funkt das Urzeitgedächtnis „bitte trinken, damit ich mich wieder wohl fühle, damit der Frust, der Stress, die Niedergeschlagenheit verschwindet“. Die Hirnchemie läuft Amok. Sie stecken in einer biochemischen Falle.

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22 aralık 2023
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