Kitabı oku: «Die Kuh gräbt nicht nach Gold»

Yazı tipi:

Bernd Gunthers

Die Kuh gräbt nicht nach Gold

Kriminalroman


Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Countrypixel / stock.adobe.com

ISBN 978-3-8392-6730-1

Kapitel 1 – Samstag

»Der sieht nicht gut aus, wirklich nicht. Irgendwie sehr tot«, meinte Milka und beugte sich gefährlich weit über den Bootsrand des Kanadiers. Es klang nicht nach Meinung, eher nach einer definitiven Feststellung.

»Wenn du dich samt Paddel weiter über den Süllrand hinauslehnst, liegen wir beide gleich neben ihm im Wasser«, mahnte Kriminalhauptkommissar Eichert eindringlich, angesichts der zunehmenden Schräglage des Kanus. »Milka, lass das, der treibt uns sonst weg!«

Dabei hatte der gestrige Tag, ein warmer, sonniger Sommerfreitag, vielversprechend begonnen. Paul Eichert hatte sich mit einer ominösen Andeutung für den Abend angesagt, und Milka Mayr fand am späten Nachmittag, nach Erledigung ihrer Pflichtaufgaben auf dem elterlichen Hofgut in Bühlerzell, tatsächlich eine Stunde Zeit, die sie hingebungsvoll ihrem restaurierten 1965er Käfer, 1200er Maschine, lackiert in L469 fontanagrau, widmete. Eigentlich gab es nichts mehr zu schrauben, allein die Kupplung bereitete einiges Kopfzerbrechen. Zum wiederholten Mal ging sie akribisch ihre Checkliste durch. Die Langenburg Historic Rallye stand kurz bevor – und ihre erstmalige Teilnahme. Das Nenngeld war bezahlt – ein Familiengeschenk zum 37. Geburtstag. Nur der Beifahrer blieb vorläufig offen. Oder die Beifahrerin. In einem kleinen Anfall emotionaler Annäherung hatte Milka vor zwei Wochen ihre Schwägerin Bettina angefragt. Dabei war ihr »Bergprüfung« herausgeflutscht. Ob nun absichtlich oder unabsichtlich, da wollte sie sich nicht festlegen. Jedenfalls winkte Bettina spontan ab, verwies mit ungewöhnlich blässlicher Gesichtsfarbe auf ihre bereits im Kindesalter erlittenen Schwindelanfälle auf dem Pferd im Karussell. Die Besetzung blieb also offen. Milka stellte am getriebeseitigen Ende den Kupplungszug nach, prüfte, und ließ nach einem letzten Blick die Haube ins Schloss fallen.

Zeit, ihrer Mutter Karin, mit 64 gerade mal ein Jahr jünger als ihr Mann Georg, in der Küche zu helfen. Es sollte Maultaschen und ihren traditionell schlotzigen Kartoffelsalat geben. Wie immer bereitete ihre Mutter die Maultaschen selbst zu, nur der Maultaschenteig war fertig gekauft. Und wie immer verscheuchte sie Milka mit einer kurzen Handbewegung aus ihrer Küche. Ihr Reich. Milka deckte den Tisch im Esszimmer, verzog sich dann in den großen Wohnraum und studierte den Prospekt einer Veranstaltung der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft.

Paul Eichert, seit mehreren Jahren schon Kriminalhauptkommissar in Schwäbisch Hall, kam nach leisem Klopfen ins Zimmer. »Dein Bruder Christoph hat mich reingelassen.« Milka schmunzelte, gab ihm einen Kuss. »Du bist hier doch beinahe zu Hause. Also, jetzt raus damit, was ist das Geheimnisvolles, das morgen passieren soll?« Paul strich über Milkas kurze schwarze Haare, entließ sie aus seiner Umarmung. Er öffnete die Sporttasche, die er zuvor auf der Bank des Kachelofens abgestellt hatte, und zog ein kleines Päckchen heraus.

Milkas gespannter Gesichtsausdruck wechselte zu Verblüffung. »Wie entzückend von dir, lieber Paul. Du schenkst mir ein Paar Socken?« Milka befühlte das Material. »Neoprensocken? Willst du mit mir unsere arten- und blütenreichen Feuchtwiesen an der Bühler erkunden?«

Der Kriminalhauptkommissar wusste Milkas Neckerei zu nehmen, fixierte ihre tiefblauen Augen. »Wir beide gehen morgen aufs Wasser.«

»Aufs Wasser?«, wiederholte Milka mit fragendem Blick. »Fehlt dir die Elbe oder die Alster? Heimweh?«

Paul grinste spitzbübisch. »Es geht auf die Jagst. Wir machen eine Fahrt mit einem Kanadier.«

»Führt die Jagst überhaupt genügend Wasser?«

»Jo!«

»Und kannst du überhaupt …«

»Jo, kann ich.«

»Was kannst du, bitte?«

»Ich hab in meiner Hamburger Zeit den Sportküstenschifferschein gemacht – und den Sportbootführerschein See.« Pauls Grinsen wurde breiter.

»Auf einem Kanu, ja? Das sind doch diese wackligen Dinger, die bereits kippen, wenn man an Bord geht.«

»Landratte! Bei einem Kanu geht man nicht an Bord.«

»Man entert, ja? Und Neoprensocken! Das kann doch nur bedeuten, dass du mich über Bord werfen willst.«

Milkas Bruder Christoph steckte den Kopf durch den Türspalt und beendete die Kabbelei: »In fünf Minuten gibt’s was zu essen.«

Pauls fragenden Blick richtig deutend, klärte Milka ihn auf: »Es gibt Herrgottsbscheißerle, selbst gemachte.«

Vor zwei Jahren hätte sich Paul Eichert stante pede nach Hamburg zurückgewünscht, inzwischen wusste er, dass es sich um Maultaschen handelte. Und dass zu früherer Zeit der Begriff Maultasche auch für Ohrfeige oder Backpfeife stand.

»Alles eingepackt?«, fragte Paul und deutete auf Milkas prall gefüllte Sporttasche, als er sie am frühen Samstagmorgen abholte. »Auch die Socken?«

»Dank deiner fürsorglichen Beratung am gestrigen Abend habe ich alles dabei. Wo steigen wir ein?«

»In Krautheim. Und dann geht es Jagst abwärts bis zum berühmten Kloster Schöntal, zur Besichtigung. Das sind knapp 16 Kilometer. Wir haben ein klitzekleines Wehr auf der Strecke, da müssen wir eventuell umtragen, je nach Wasserpegel.«

»Umtragen? Das ganze Boot? Wie bist du denn überhaupt auf diese Tour gekommen?«

»Erzähl ich dir später. Wir fahren jetzt erst mal los. Etwa eineinhalb Stunden hier von Bühlerzell aus. Über Vellberg und Künzelsau. Übrigens, wie kommt die Jagst eigentlich zu ihrem Namen?«

»Musste ich auch erst nachsehen. So gegen 770 ist sie als Teil des Gaunamens Jagesgouwe nachgewiesen, und 1024 als Jagas. Der Name ist wohl keltischen Ursprungs.«

»Hm, schon wieder die Kelten. Hast du nicht kürzlich erzählt, Professor Ebert würde irgendwo graben?«

»Heuneburg, in der Nähe von Sigmaringen. Und dieses Krautheim, bietet das was Besonderes?«

»Soll ein nettes mittelalterliches Stadtbild und eine sehenswerte Kirche aufweisen. Und, nicht zu vergessen, eine Burg, zu der es im Jahr 1516 Götz von Berlichingen zog. Der zündete im Tal unterhalb der mainzischen Stadt eine Scheune an, wollte damit den ihm verhassten erzbischöflichen Amtmann Max Stumpf herbeilocken. Der streckte aber nur den Kopf aus dem Burgfenster und schimpfte lautstark hinunter. Darauf sandte der Ritter mit der eisernen Hand seinen berühmten, wortgewaltigen Schwäbischen Gruss (»… er kann mich hinden lekhen«) hinauf zur Burg. Übrigens fand der Ritter im Kloster Schöntal seine letzte Ruhe.«

Milka beäugte misstrauisch die an der Einstiegsstelle, direkt hinter der Brücke Neue Straße, bereitstehenden Kanadier. »Paul, ich will den roten da, links.«

»Können Sie haben«, antwortete eine Stimme hinter ihr.

Milka drehte sich um.

»Alfred Hirsch, Grüß Gott. Sie sind Herr Eichert?« Der Mann, so um die 45, drahtig und bärtig, eine blaue Cap auf dem Kopf, Jeans und T-Shirt, schien es eilig zu haben. Paul Eichert konnte gerade mal mit dem Kopf nicken. »Sie kennen sich aus, ja? Jeder erhält ein Paddel und Schwimmweste. Im Boot ist eine wasserdichte Packtasche. Und die Paddel hätten wir auch gern wieder.« Er grinste. »Spätestens um 17 Uhr müsst ihr am Kloster Schöntal sein. Genügend Zeit für ein Picknick zwischendurch. So, und jetzt eine Einweisung.« Milkas weiterhin skeptischen Blick erkennend, fügte er an: »Junge Frau, die Jagst ist hier ganz brav. Sie haben überwiegend leichtes Wildwasser sowie Zahmwasser, also keine Bange.«

Milka hörte nur »Wildwasser« heraus.

»Übrigens haben wir ausreichenden Pegelstand, das Wehr ist also leicht fahrbar. So und jetzt zur Einweisung. Ein- und Ausstieg immer über Bug oder Heck. Wenn Sie seitlich einsteigen, kann es leicht kippen.« Milka hörte nur »kippen«. »Sie, Herr Eichert, sitzen hinten und steuern, ja?« Milka versuchte, sich zu konzentrieren, was bei der Fülle der Informationen nicht einfach war. »Und denkt bitte daran, wenn ihr herunterhängenden Zweigen ausweicht, nie beide nach rechts oder links beugen, immer nur nach vorn oder hinten.«

Erst ganz allmählich gelang es Milka, sich zu entspannen. Das Wasser floss ruhig, beinahe träge, und Paul gab seine Paddeltipps wie beiläufig und motivierend. Die Jagst machte einen leichten Bogen, Milka warf erste Blicke auf die Umgebung. Das uferbegleitende Gehölz zeigte sich streckenweise überraschend üppig: überkragende Weiden, deren Astwerk sich weit in die Jagst hinein beugte und sich zauberhaft im Wasser spiegelte, Bruchweiden mit dünnen Zweigen, große Sträucher der Mandelweiden, aufrechte, buschige Purpurweiden und hoch und gerade aufragende Schwarzerlen. Im Uferbereich Gräser, Schilf, gelbe Schwertlilien, Kalmus und Rohrglanzgras. Milka atmete tief ein. Das dünne Zweig­ende einer Weide streifte ihre Wange. »Schau mal da vorn, Paul, zwei Trauerschwäne.« Sie zuckte kurz, als ein Kanu in, wie sie meinte, gefährlich naher Distanz überholte.

Auf der Höhe von Gommersdorf verlief die Jagst in einer engen Flussschlinge. Hinter dem Ufergehölz erstreckte sich Grünland. Bei Marlach wies Paul auf eine große, steil aufragende Felswand am nach Süden gerichteten Talhang. Hier mündete der Sindelbach, trotz seiner geringen Wasserführung der längste linke Nebenfluss der Jagst.

Die Strömung wechselte im jetzt niedrigeren Wasser. An einer meterweit in den Fluss ragenden Flachstelle zeigten sich zarte Schaumkronen. Milka ignorierte das Wildwasser nonchalant, hielt kurz danach abrupt inne, als Paul durch sein Paddel dem Kanu eine ungewollte Richtungsänderung gab. »Was ist los, Milka? Eine Pause?«

»Hörst du diesen wild rauschenden Wasserfall da vorn?«

»Das ist kein Wasserfall, nur das kleine Wehr.«

»Wollen wir nicht lieber doch umtragen?« Milkas Skepsis klang merkbar durch, vibrierend.

»Das ist höchst gefährlich, da lauern …«

»Du lügst doch, was soll da gefährlich werden?«

»Vampire!«

»Bitte?«

»Das Mückenaufkommen ist an den Anlegestellen extrem hoch. Die Biester warten dort in Heerscharen auf verschwitzte Touris und frisches Blut. Die wissen genau, dass wir beim Tragen keine Hand frei haben, um sie tot zu klatschen.«

»Aber …« Das Rauschen des kleinen Wehrs übertönte ihren Einwand.

»Festhalten, es geht drüber!« Paul Eichert brachte das Kanu mit drei kräftigen Bewegungen des Paddels in Position, Milka, weit vorgebeugt, klammerte sich links und rechts am Süllrand fest und schrie. Laut.

Paul korrigierte die Richtung mit einem kleinen Paddelschlag. »War das ein Angstschrei?«

»Hm, nein, woher denn«, meinte Milka, wieder aufrecht sitzend, scheinbar relaxed und lächelnd nach hinten blickend. »Es war eine Mischung aus ich-mach-mir-Mut-Schrei und Jubelschrei – als wir drüber waren. Könnten wir gern wiederholen. Nur müssten wir dann das Kanu zurücktragen.« Pauls zurückhaltend süffisantes Lächeln bemerkend, sah Milka wieder nach vorn, stieß das Paddel ins jetzt ruhig fließende, schimmernde Wasser. Das sanfte Gleiten gab ihr Zeit, den Blick schweifen zu lassen. Über eine Badestelle, die momentan von einer Gruppe Jugendlicher bevölkert wurde, das Grünland, die Hanglagen der hügeligen Landschaft. Die Bäume gewährten traumhaft schöne Durchblicke. Ein ruhiges Wohlgefühl stellte sich ein. Milka begann, die Flussfahrt zu genießen. »Schau mal da vorn, Paul, links! Der Baum!«

»War wieder mal ein Biber am Werk. Das Jagsttal erfreut sich großer Beliebtheit bei den Nagern. Die spielen hier Landschaftsarchitekt und Holzfäller. Nicht jeder ist da hellauf begeistert, und …«

»Paul, ich meine weniger deinen Castor fiber, sondern das da, unter dem umgestürzten Baum. Ragt unter den Zweigen bis ins Wasser. Neben der überhängenden Weide. Irgendwas liegt da.«

»Ich seh da nichts. Pass auf die Richtung auf, bleib in Flussmitte … nein, rechts der Biegung folgen. Verd…, rechts.«

»Ich will da aber hin! Irgendwas ist da.«

Paul Eichert fügte sich widerwillig. Jeder weitere Disput wäre sinnlos. Er lenkte das Kanu vorsichtig näher. Die kleine Ausbuchtung am linken Ufer, das über eine längere Strecke von einer dichten, dunklen Waldfläche begleitet wurde, hatte so etwas wie einen kleinen Gumpen geformt. »Sieht aus wie ein Körper, ein totes Tier«, sagte der Kriminalhauptkommissar, als sie der Stelle näherkamen, und wollte die Sache damit abtun.

Milka widersprach. »Ein Mensch.« Nach zwei weiteren behutsamen Paddelschlägen: »Der sieht nicht gut aus, wirklich nicht. Irgendwie sehr tot«, meinte Milka und beugte sich gefährlich über den Bootsrand des Kanadiers. Es klang nicht nach Meinung, eher nach einer definitiven Feststellung.

»Wenn du dich samt Paddel weiter über den Süllrand hinauslehnst, liegen wir beide gleich neben ihm im Wasser«, mahnte Kriminalhauptkommissar Eichert eindringlich, angesichts der zunehmenden Schräglage des Kanus. »Milka, lass das, der treibt uns sonst weg! Hilf mir mal, wir müssen ein Stück zurück und anlegen.«

»Du willst jetzt nicht deinem Beruf nachgehen, oder? Das ist doch nicht dein Jagdrevier. Weißt du überhaupt, wo du bist?« Milka gelang es, ihrem ironischen Tonfall einen Hauch aufkommenden Ärger beizumischen.

»Auf der Jagst!« Paul gab sich kurz angebunden. »Wir sind hier kurz vor Bieringen«, fügte er erläuternd hinzu.

»Das sagt mir jetzt viel – außer, dass dieser Ort nicht zu deinem Verantwortungsbereich gehört, Herr Hauptkommissar«, meinte Milka.

»Wir legen dennoch an, hilf mal mit. Kurze Strecke zurück, da ist es flach.« Das konzertierte Anlegemanöver gelang im zweiten Anlauf.

»Jetzt konnte ich zumindest deine Neoprensocken testen. Schuhe nass, Füße trocken«, meinte Milka, als sie das Kanu glücklich ans Ufer gebracht hatten. Pauls Hosenbeine trieften.

Der Kommissar blickte auf sein Handy. »Unser Standort: Länge 9,5386, Breite 49,3393.«

»Danke. Das sagt jetzt wirklich alles.«

»Ein paar 100 Meter vor der Stelle, wo die Landstraße die Jagst quert«, sagte Paul, das Handy jetzt am Ohr. »Kripo in Künzelsau, die ist da zuständig, und …«, er unterbrach seinen Kommentar. »Herr Karle? … Ja, ich warte. Herr Karle? Wir sind hier auf der Jagst, kurz vor Bieringen. Nein, ich will Sie nicht zu einer Kanufahrt einladen. Wir haben hier einen Toten. … Ja doch. Sehr tot, soweit ich sehen kann. Ja, wohl ein Mann. Schlage vor, Sie kommen mit der Spurensicherung. Sanitäter? Nein bestimmt nicht, Tage zu spät. Ja, über die Brücke in Ortsmitte und dann gleich links, da müsste ein befahrbarer Weg in kurzer Distanz zum Ufer verlaufen. … Klar warte ich.«

Milka kramte in ihrer Tasche.

»Was machst du denn da?«

»Ich hab Durst. Und Hunger. Und Schöntal kann ich jetzt wohl abschreiben? Oder paddeln wir gleich weiter, wenn dein Kommissar kommt?«

Paul Eichert zuckte mit den Achseln und versuchte, das Wasser aus den Hosenbeinen zu wringen und sich mit dieser Aktivität einer Festlegung zu entziehen.

»Aha«, meinte Milka. Sie schnappte sich eine Wasserflasche und ihr Handy.

»Wo willst du hin?«

»Ein kleiner Spaziergang. Flussaufwärts. Ich gebe hier keine Totenwache. Der Tag dürfte wohl gelaufen sein.«

Paul unterdrückte seinen aufkommenden Ärger. Schließlich – da konnte er nichts für (manchmal dachte er auch im hanseatischen Idiom). Und sie wollte doch unbedingt die Stelle näher in Augenschein nehmen, nicht er. Mit seiner abschließenden Schuldzuweisung war Milka bereits hinter den ersten Bäumen verschwunden. Paul griff nach seinem Handy. »Wollte nur wissen, ob du hier ein Netz hast. Verirr dich nicht. Ja … nein. Vielleicht 20 Minuten, Milka. Nicht länger.«

Milka bewegte sich auf dem in geringem Abstand zum Fluss verlaufenden Weg, machte einzelne kurze Abstecher ans Ufer, das sich hier als wenig anlegefreundlich zeigte. Nicht allein wegen der Böschung. Auch der dichte Bewuchs mit den krautigen Brennnesseln störte. Ihr spontaner Ärger über den Abbruch der Kanufahrt wich einer insgeheimen Neugier. War der Mann – ihrer Meinung nach musste es ein Mann sein – gestolpert, gefallen? Konnte sich nicht mehr aufrichten? Der Kopf im Wasser – ertrunken, erstickt? Ein Unfall? Gar ein Mord? Die Überlegungen umschwirrten sie wie ein Mückenschwarm an der Badestelle. Nach zehn Minuten öffnete sich ein schmaler Zugang zum Ufer. Sie sollte jetzt umkehren. Nur ein letzter Blick auf den Fluss. Die Stelle bot sich an. Milka stoppte kurz vor der dünn bewachsenen Uferlinie abrupt, wenige Meter vor der Böschung, die hier einen guten Meter steil zum Wasser der Jagst abfiel. Sie sah sich um, rief. Niemand zu sehen, niemand gab Antwort. Merkwürdig. Sehr merkwürdig. Sie richtete ihren Blick auf den Boden. Das Gras stand relativ hoch. Es gab nur eine einzige Spur: ihre eigene. Milka kehrte um, versuchte, exakt auf den eigenen Fußstapfen bis zum Weg zurück zu gehen, keine zusätzliche Spur zu verursachen.

Milka hatte das Kanu noch nicht erreicht, als schon die ersten Martinshörner von der gegenüberliegenden Straße zu hören waren. Ihr Fund am Ufer bewegte sie. Gab es irgendeine Beziehung zu dem Toten am Fluss? Sie legte die leere Wasserflasche ins Kanu, wechselte nach einem sichernden Rundblick ihr Polo und ging in Richtung des Fundortes. Drei Streifenwagen und ein Zivilfahrzeug blockierten den schmalen Weg. Vier Mann in Uniform sperrten einen weit gesteckten Bereich mit Flatterbändern ab. Ein blau besternter Polizeihauptmeister, ein Ende des Absperrbandes um einen Baum wickelnd, bedeutete Milka freundlich, aber bestimmt, weiterzugehen. Ich werde mich hier nicht vom Acker machen, sagte sich Milka in ihrer landwirtschaftlichen Sprache, und blieb stur stehen. Bevor der PHM, jede Freundlichkeit war von ihm abgefallen, handgreiflich werden konnte, kam Paul auf sie zu. Mit einem ebenfalls in Zivil gekleideten Mann etwa in ihrem Alter, schätzte Milka. Paul winkte dem pflichtbewussten PHM ab und stellte Kriminalhauptkommissar Oliver Karle vor. Irgendeine Story, die sich bestimmt nicht auf ihre Paddelleistung im Kanadier beschränkte, musste Paul seinem Kollegen bereits erzählt haben. Jedenfalls begrüßte er Milka nach einer raschen Musterung, als trage sie zumindest einen silbernen Stern. Sein Blick zeigte dabei ein leichtes Funkeln, das sich nur auf Milkas attraktives Erscheinungsbild beziehen konnte.

»Wir haben den engeren Tatort und die einzuhaltenden Pfade zur Fundstelle festgelegt. Werden gerade markiert«, informierte Karle in knappem Tonfall. Wir warten jetzt auf …« Er blickte über die Schulter. »Kommen gerade. Spurensicherung und Rechtsmediziner.«

Milka wunderte sich. Rechtsmediziner so schnell vor Ort? Aus Künzelsau? An einem Samstag? Sie musterte Karle. Er war etwa so groß wie sie selbst, durchtrainiert, kurzer dunkler Bürstenschnitt. Ihren Blick bemerkend, fuhr er sich mit der rechten Hand über die Frisur, als gäbe es da auch nur irgendetwas zu richten.

Drei Mann der Spurensicherung und ein Fotograf, alle bereits in Tatort-Schutzanzügen und Überschuhen, nahmen Karle in Beschlag und reichten nach einer kurzen Instruktion ihm und Paul Eichert zwei verpackte Einwegoveralls.

Paul fing Milkas fragenden Blick auf, interpretierte ihre Botschaft richtig und nahm sie beiseite. »Hab mit Karle gesprochen. Du musst da leider außen vor bleiben. Das ist seine Entscheidung.« Sein bedauernder Gesichtsausdruck konnte Milka allerdings nicht trösten. »Ich hab den Typ entdeckt. Du wärst doch glatt vorbei gerauscht, wenn ich nicht …«

»Milka, hier gilt nicht ›ich hab ihn zuerst gesehen, also gehört er mir‹. Und, wir haben nicht genügend Schutzanzüge. Und, je mehr herumtrampeln, umso größer die Gefahr einer …«

»Jaja.« Milka winkte mürrisch ab. »Hör schon auf mit deiner Aufzählung.«

»Bist du jetzt mucksch?«

»Nein, ich bin nicht ärgerlich.« Dennoch sah es ganz danach aus. »Und was mach’ ich jetzt? Soll ich hier rumstehen?«

Bevor Paul Eichert eine Antwort fand, eilte ein Mann in weißem Schutzanzug an ihnen vorbei, ihm auf dem Fuß folgte ein koffertragender zweiter, ebenfalls in weißem Einwegoverall, die Kopfhaube gab ein braun gebranntes Gesicht frei. Er nickte nach vorn: »Doktor Sven Rühle, Rechtsmedizin, Uni Heidelberg. Ich bin Peter Riegel. Nur Assi.« Er streifte Milka mit einem kurzen Blick, eilte weiter, vorbei an Karle, vorbei an Paul.

Der Hauptkommissar interpretierte Milkas Erstaunen richtig. »Wir holen die Rechtsmediziner aus Tübingen oder Heidelberg. Es war reiner Zufall, dass die beiden am gestrigen Abend für unseren ganzen Landkreis einen Vortrag gehalten haben. Sehr interessant übrigens. Haben sich in der Früh Langenburg angeschaut, und dann kam sein Notruf.« Er sah Paul schmunzelnd an. »Na ja, eine Wasserleiche wollte sich Doktor Rühle nicht entgehen lassen.«

Sie verbrachten eine gute Viertelstunde mit zunehmend mysteriösen Spekulationen über den Toten und Karles wiederholten Versuchen, auf scheinbar unverfängliche Weise Milkas Beziehung zu Hauptkommissar Eichert zu ermitteln. Ihre Antworten waren so glatt wie eine quicklebendige Bachforelle – nicht wirklich zu greifen. Karle, im Begriff, einen allerletzten Versuch zu starten, stoppte, als sich Peter Riegel näherte und ihnen winkend die Freigabe erteilte: »Sie dürfen jetzt.«

Milka wandte sich halblaut an Paul, startete erneut einen Versuch. »Du lässt mich jetzt wirklich hier stehen?« Paul schnitt eine Grimasse tiefsten Bedauerns, zuckte in einer hilflosen ich-kann-nicht-anders-Geste die Achseln und eilte dem Künzelsauer Kommissar nach.

Riegel streifte seine Kopfhaube nach hinten und zum Vorschein kam ein jugendlich-attraktives Gesicht. Er schüttelte seinen braunen Haarschopf zurecht und öffnete den Reißverschluss des Schutzanzugs. »Ganz schön heiß hier. Ich leiste Ihnen ein wenig Gesellschaft, Frau …«

»Mayr, Milka Mayr. Mayr mit Ypsilon.«

Riegels Augen blitzten bei dem Namen schelmisch, er unterließ jedoch jede anzügliche Bemerkung. »Sie wundern sich sicher, dass die Rechtsmedizin so schnell am Fundort war.«

»Nicht mehr«, klärte Milka ihn auf. »Kriminalhauptkommissar Karle hat mich informiert. Ich hab den Toten vom Wasser aus entdeckt.« Milkas Bericht war kurz und knapp.

»Ich gebe Ihnen mal einige Informationen«, sagte Riegel, der eher intuitiv Milkas Interesse an der Situation erkannte. »Der Tote liegt bereits längere Zeit an dieser Stelle. Bestimmt mehr als vier Tage.«

»Nicht ertrunken, vermute ich mal.«

»Soweit wir wissen, nein. Hätte natürlich ein Badetod sein können, und irgendjemand hat ihn dann rausgezogen.«

Milka nutzte die Gunst der Stunde und fragte nach.

»Ertrunken? Da gibt es einen klassischen Ablauf. Man hält beim Untertauchen zuerst die Luft an. Die einsetzende Anreicherung des Bluts mit Kohlendioxid führt dann zu einer zwanghaften Atmung. Wasser dringt in den Kehlkopf ein, löst einen Hustenreiz aus und führt dann mit weiterer Aspiration von Wasser zu starker Atemnot«, dozierte Riegel.

»Und dann ertrinkt der Mensch – mit dem eindringenden Wasser?«

Riegel nickte. »Da gibt es dann Erstickungskrämpfe, eine Schnappatmung und schließlich Atemstillstand.« Riegel holte Luft, sah in Richtung Ufer, der Blick zur Spurensicherung war aber von Bäumen versperrt. »Es kann aber auch unmittelbar zu einer Wassereinatmung kommen – bei schnell eintretender Bewusstlosigkeit, beispielsweise einem Infarkt.«

»Stimmt es eigentlich, dass alle Wasserleichen wieder nach oben kommen? Jetzt mal abgesehen von der Jagst, deren Wasser doch recht flach ist – zumindest im Sommer.«

»Wir kennen da den Spruch ›Die Wahrheit taucht immer auf – irgendwann‹. Wasserleichen, die nicht tiefer als 20 Meter liegen, tauchen nach einigen Tagen wieder auf, bleiben dann so zwei oder drei Tage an der Wasseroberfläche und sinken dann für immer wieder ab. Die Ursachen für das Auftauchen beschreibe ich Ihnen lieber nicht.« Herr Riegel rümpfte seine Nase.

»Und Sie sagen, bei unserem Toten war das nicht der Fall.«

»Bestimmt nicht. Mit abgehackten Händen geht man nicht ins Wasser. War übrigens wenig professionell gemacht, die reine Schlachterei.« Riegel schien Milkas heftiges Zucken nicht zu bemerken. »Der Mann ist bis zur Hüfte bekleidet, mit Jeans, deren Gürtel sich an einem Ast verfangen hat. Das hielt ihn fest. Der Oberkörper, der ab Brusthöhe im Wasser hängt, ist nackt. Keine Schuhe, keine Socken. Das Gesicht muss einen schweren Schlag erhalten haben. Der Kopf ist teilweise frei, wohl, weil der Wasserspiegel in den letzten Tagen leicht gesunken ist. Das alles, auch die Lage an diesem Baum, sieht so aus, als sei jemand beim Verbergen der Leiche gestört worden.«

Milka hatte sich wieder gefangen, biss kurz auf die Lippen, wollte abgebrühte Härte zeigen. »Die Verwesung hat bereits …?«

Riegel grinste, er betrachtete es wohl als kleine Vorlesung. »Die setzt bereits fünf Minuten nach dem Tod ein. Der menschliche Körper macht dann die letzte Metamorphose durch. Ein Wissenschaftler sagte einmal, der Mensch beginne sich selbst zu verdauen. Die Zellen lösen sich von innen nach außen auf. Erst wird das Gewebe flüssig, dann gasförmig.« Milka hielt sich anscheinend tapfer, jedenfalls sah Riegel keinen Anlass, seine Ausführungen zu beenden, schien aber neugierig zu werden. »Von der Kripo sind Sie wohl nicht, Frau Mayr? Andererseits, na ja, so ganz unbeleckt erscheinen Sie auch wieder nicht. Haben Sie denn, wie soll ich sagen, Erfahrung mit Mordfällen?«

»Ja, habe ich. Letztes Jahr. Ich konnte dabei Kommissar Eichert etwas helfen.« Milka zeigte einen ganz zarten Anflug von Lächeln.

»Klingt so, als wäre es mehr gewesen«, sagte Herr Riegel, mit einem Auge zwinkernd. »Warten Sie mal.«

Er war nach einer Minute vom Auto zurück, entfaltete nach einem kurzen Rundblick einen Schutzanzug. »Rein mit Ihnen, schnell.«

Plötzlich kamen Milka Bedenken. Klar, die Situation war höchst verlockend. Andererseits …

»Nun kommen Sie schon. Ich nehme das auf meine Kappe. Kapuze wäre wohl richtiger. Ziehen Sie die Haube über. Erkennt Sie niemand. Bleiben Sie immer an meiner Seite.«

Riegel bewegte sich in Richtung Fundort. Es war ein befremdliches, ein bizarres Bild, das sich ihnen bot. Einerseits die sanfte, reizvolle, beinahe liebliche Natur mit der leise murmelnden Jagst, sich im Uferbereich kräuselndes Wasser, das Grün der Wiese und eine idyllische Baumgruppe. Andererseits eine unwirklich erscheinende Szenerie. Der Tote, inzwischen vollständig aus dem Wasser gezogen, ein Fotograf, der seine Ausrüstung einpackte, der Rechtsmediziner auf den Knien, mit einer Lupe das Gesicht des Mannes absuchend und zugleich diktierend, fünf in Schutzanzüge Gekleidete. Einer, der Stimme nach konnte es Hauptkommissar Karle sein, schimpfte in Richtung Fluss, machte einem mit dem Handy fotografierenden Kanufahrer unmissverständlich klar, gefälligst zu verschwinden.

»Komplexe Geschichte«, flüsterte Riegel, der dicht bei Milka stehen blieb. »Einerseits haben wir den Körperteil, der an Land lag. Der bot verschiedenen Organismen sozusagen eine reich gedeckte Tafel.« Milka schauderte unter ihrem Schutzanzug ob der Wortwahl des Assistenten. »Da sind Bakterien, Insekten, Schmeißfliegen – das sind übrigens die schnellsten. Tja, und dann die Larven, die aus den Eiern schlüpfen. Die laben sich an der Substanz des Toten. Dann verlassen die Maden den Körper in Reih und Glied, folgen einer imaginären Linie nach Süden. Merken Sie übrigens den leichten Ammoniakgeruch? Das alles wurde hier gefördert durch die hohe Luftfeuchtigkeit am Wasser.«

»Das sind sicher keine Schauermärchen, Herr Riegel?« Trotz der Schwüle unter dem Anzug fröstelte Milka plötzlich.

»Ganz gewiss nicht. Manche Leicheninsekten sind für uns wie postmortale Totenuhren.« Riegel schüttelte den Kopf, die Bewegung eingeschränkt von der Kopfhaube. »Das Entwicklungsstadium, also Eier oder Larven, lässt auf die Liegezeit schließen. Nach dem, was ich gesehen habe, tippe ich auf etwa eine Woche Liegezeit. Ansonsten müssten bei den hohen Temperaturen bereits Anzeichen einer Skelettierung vorhanden sein. Da müssen wir aber ergänzend die Merkmale an den Körperteilen, die im Wasser lagen, hinzuziehen.« Milka versuchte, ihre Gefühlswelt durch kalte Schnoddrigkeit zu schützen. »Sie meinen, er wird angeknabbert?«

»Hm, ich kenne die Jagst und deren Besatz nicht. Aber wir finden da sicher Blutegel, Krebse, im Uferbereich möglicherweise …« Er brach ab, als Doktor Rühle mit eindringlicher Stimme seinen Namen rief.

Milka bewegte sich nicht von der Stelle, atmete tief durch, vermeinte, den Ammoniakgeruch wahrzunehmen, bemerkte, wie Pauls Blick über sie hinweg ging, als er, Karles Fingerzeig folgend, den Kopf drehte. Er sah Milka mit einer Mischung aus ungläubigem Staunen und tiefster Missbilligung an. Mit einem schelmischen Blinzeln wandte sich Milka ab, flüchtete gemessenen Schrittes Richtung Weg und streifte kurz davor den Schutzanzug ab. Zwei Polizisten lehnten gelangweilt an einem der Einsatzfahrzeuge. Mit einem knappen »Wird nicht mehr gebraucht« übergab sie ihnen den Schutzanzug und ging zurück bis zur Absperrung. Sie räumte Paul maximal fünf Minuten ein. Es wurden nur vier. Und er schien sich keineswegs beruhigt zu haben. Im Laufen schob er die Kapuze des Overalls nach hinten. Sein Gesichtsausdruck war eine Mischung aus mühsam unterdrücktem Zorn und verbissener Professionalität.

Bevor er seinen Unmut loswerden konnte, kam Milka ihm zuvor. »War das nicht reichlich übervorsichtig, dem Mann die Hände abzuhacken? Die Arme lagen doch im Wasser, da dürften dann beim Aufweichen der Haut kaum Fingerabdrücke mehr möglich sein, oder?«

»Der oder die Täter wollten wohl ganz sicher gehen. Sie konnten schließlich nicht wissen, wie schnell der Tote gefunden würde. Oder sie waren besonders schlau. Es gibt da neue Verfahren, die es erlauben, auch nach … Verdammt, warum erkläre ich dir das denn.« Milkas strahlendes Lächeln war einfach zu viel. Zumindest führte es zu einer gewissen Besänftigung. »Eigentlich sollte ich dir …«

»… die Leviten lesen, lieber Paul? Ich kann hier doch nicht auf Tourismus machen, während du auf Spurensuche gehst. Außerdem wurde ich eingeladen.«

»Von diesem jungen Assi etwa?«

Milka nickte, weiterhin strahlend. »Ja, netter Typ. Hat mir viel erklärt und …«

Paul unterbrach sie. »Still. Kein Wort weiter. Da kommt Karle.«

»Sie haben sich hoffentlich nicht gelangweilt, Frau Mayr.« Es klang beinahe fürsorglich, als würde 50 Meter weiter hinten die Welt in Ordnung sein, kein übel zugerichteter Toter hier liegen. »Die Spurensicherung ist eben eine langwierige Angelegenheit.«

»Aber nein, keineswegs.«

»Bitte?«

»Ich habe mich nicht gelangweilt. Wenn die Spurensicherung da fertig ist – ich hätte vielleicht etwas für sie.«

»Für mich?« Karle staunte, ratlos.

»Für Ihre Spurensicherung. Ich hab da was gefunden, das könnte …«

Paul, in der festen Überzeugung, es handle sich um das Umfeld am Fundort der Leiche, sandte Milka einen verzweifelten Blick zu.

»… von Interesse sein«, fuhr Milka unbeirrt fort, Pauls dezentes Kopfschütteln und Stirnrunzeln ignorierend.

»Soso. Und was?«

»Etwa 400 Meter flussaufwärts öffnet sich der Wald zum Ufer hin. Auf der kleinen Wiese liegen neben einem umgekippten Klappsessel eine Angel und ein Anglerkorb. Und Gummistiefel. Kein Angler weit und breit.«

»Hm.« Der Kommissar fand die Entdeckung nicht gerade weltbewegend. »Vielleicht musste er mal?« Karle grinste.

»Es roch nach verfaultem Fisch.« Milkas Kommentar veranlasste die beiden Kommissare zu einem kurzen Blickaustausch.

»Kommen Sie, da fahren wir hin.«

Milka deutete auf die gut erkennbare Spur, die sie in dem hohen Gras hinterlassen hatte. Hauptkommissar Karle ließ seinen Blick prüfend über die freie Uferstelle gleiten. »Sie sind dann da vorn herumgelaufen und haben sich umgeschaut?«

»Keineswegs. Ein paar Schritte nach vorn, haargenau auf dieser Spur wieder zurück.«

Der Kommissar zeigte sich einigermaßen verblüfft, griff nach seinem Handy und rief zwei Mitarbeiter der Spurensicherung. »Sie müssen wissen, Frau Mayr, Herr Riegel äußerte die Vermutung, der Tod könnte an anderer Stelle eingetreten sein – ein heftiger Schlag auf Gesicht und Schläfe.«

Milkas Augen glänzten, als Karle ihr nach Ankunft der Spurensicherung einen Schutzanzug bot. Beim Überziehen warf sie Paul einen Ätsch-Blick zu, gemildert durch ein spitzbübisches Grinsen.

Paul verschluckte seinen bissigen Kommentar, als er sah, wie Doktor Sven Rühle und sein Assistent, bis auf die Kapuzen bereits eingekleidet, einem Einsatzfahrzeug entstiegen. Peter Riegels verschwörerisches Zwinkern, als er an Milka vorbei eilte, entging ihm nicht. Milka stapfte hinterher, blieb auf der Spur und hielt in gebührendem Abstand zur Anglerausrüstung inne. Hier konnte sie nur stören. Das dachten wohl auch die beiden Hauptkommissare, die eine abwartende Beobachterposition einnahmen. Milka gesellte sich dazu.

»Die müssen Verdächtiges gefunden haben«, vermutete Kriminalhauptkommissar Karle angesichts der konzentrierten Aktionen. Er fand sich bestätigt, als gleich darauf der Fotograf mit seiner Ausrüstung erschien. »Sie haben eine hervorragende Beobachtungsgabe, Frau Mayr. Bin gespannt, was die herausfinden, und …« Er fummelte unter seinem Overall herum, als sein Handy plötzlich losheulte. Paul schreckte auf, Milka konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. Statt eines gewöhnlichen Klingeltons war eine amerikanische Polizeisirene zu vernehmen. »Ja, ich höre … ja, okay. Die Adresse habt ihr bereits? Gebe ich weiter.«

Peter Riegel kam auf sie zu, streifte seine Kapuze ab und öffnete den Overall. »Kurzer Bericht: Wir haben Fußspuren von mindestens zwei verschiedenen Personen gefunden. Zu vermuten ist, dass eine davon wohl der Angler war. Dann …«

»Und das ist unser Toter«, unterbrach Karle.

»Mit großer Wahrscheinlichkeit. Dann gibt es Blutspuren. Auch hier nur eine Vermutung: Der Schlag auf Gesicht und Schläfe könnte hier, an dieser Stelle, erfolgt sein. Jedenfalls sind Blutspuren vorhanden. Ein DNA-Abgleich wird das klären.«

»Eine Blutmenge, die auf ein Abhacken der Hände an diesem Ort schließen lässt?«, warf Milka ein.

Riegel schüttelte den Kopf. »Definitiv nicht. Das muss am Fundort der Leiche erfolgt sein.« Der Assistent, das gewiss grausige Geschehen anscheinend ignorierend, lächelte Milka an. So, als hätte sie ihn gerade zu einem privaten Kerzenscheinsouper eingeladen. »Doktor Rühle meint, der Schlag auf den Kopf könnte bereits tödlich gewesen sein. Das wird sich bei der Obduktion erweisen.« Er richtete den Blick auf Karle, der nickte. »Ihr Opfer ist bereits auf dem Weg nach Heidelberg. Haben Sie so was wie eine Tatwaffe gefunden? Ich meine, für den Schlag, der dem Mann versetzt wurde?«

Riegel verneinte. »Wir haben hier alles abgesucht – außer …« Er blickte auf die träge dahinfließende Jagst.

»Sie meinen …«, setzte Karle an, stockte abrupt, als ihm der Rattenschwanz an Konsequenzen bewusst wurde.

»Tja, liegt an Ihnen. Wenn die Dichte der verwendeten Waffe größer als die Dichte von Wasser war, können Sie im Bereich der Wurfweite suchen. War die Dichte kleiner als ein Gramm je Kubikzentimeter, ist sie Ihnen weggeschwommen.«

Karle nahm es mit Humor. »Finden Sie das jetzt hilfreich?«

»Nicht wirklich. Reine Schulphysik.« Riegel hörte unvermittelt auf zu grinsen, als sich Doktor Rühle zu ihnen gesellte. »Wir sind jetzt hier durch. Unsere Hausaufgaben müssen wir am Institut erledigen. Und fragen Sie mich nicht, wann der Bericht kommt. Keine Ahnung, was alles zwischenzeitlich in Heidelberg auf meinem Seziertisch gelandet ist.«

»Wenigstens eine kleine, eine erste vorsichtige Einschätzung?« Karle wollte sich nicht so schnell abspeisen lassen.

Der Rechtsmediziner streifte seinen Overall ab und reichte ihn an Riegel weiter. »Das hat er Ihnen doch bestimmt schon erklärt. Also: Vor etwa einer Woche wurde der Mann an dieser Stelle mit einem stabartigen Gegenstand geschlagen. Ob der Schlag tödlich war? Hm, vermutlich. Wir werden sehen. Täter: eventuell eine Person, können auch zwei gewesen sein. Lässt sich aus den Spuren nicht klar erkennen. Einfach zu lange her.«

»Eine Woche?« Paul Eichert griff Riegels Andeutung auf.

»Plus ein oder zwei Tage. Werden wir ziemlich genau bestimmen können. Wir holen uns später die Wetterdaten.«

»Und nach dem Schlag wurde er zum Fundort geschafft?«

»Bei dem Gewicht des Mannes voraussichtlich mit einem Fahrzeug, ist immerhin ein halber Kilometer oder so«, sagte der Rechtsmediziner.

Oliver Karle nickte, als teile er die Einschätzung. »Dann könnten Blutspuren im Fahrzeug sein. Das Gesicht ist schließlich übel zugerichtet.«

»Da können Sie zuvor eine Plastiktüte drüber stülpen, damit nicht alles versaut wird. Aber theoretisch haben Sie recht.«

»Wie alt schätzen Sie denn das Opfer?«

»Schwer zu sagen«, Rühle zog die Augenbrauen hoch, »so um die 60, vielleicht knapp darunter. So. Das muss jetzt aber reichen. Wenn Sie noch etwas Wichtiges wissen wollen, fragen Sie Herrn Riegel.« Er blickte auf seinen Alukoffer. Sein Assistent verstand.

»Ich begleite Sie zum Auto«, meinte Karle. An Paul gewandt: »Bin gleich zurück.«

Peter Riegel nickte, lächelte Milka an und stapfte hinter seinem Chef her.

Paul Eichert sah für einen kurzen Moment den Kriminaltechnikern zu, die gerade ihre Utensilien verstauten. »Gehen wir, Milka?«

»Wohin?« Abgekoppelt von der Tatortanalyse und Spekulationen zum Geschehen, fehlte irgendwie der Plan. »Für Schöntal dürfte es jetzt zu spät sein.«

»Komm, wir gehen Karle nach.«

Der Künzelsauer Kommissar stand auf dem Weg und blickte dem Fahrzeug des Rechtsmediziners nach. »Ich nehme euch mit zum Kanu.«

»Und dann?«, fragte Milka trocken und blickte zwischen Karle und Paul hin und her.

Karle warf einen Blick auf das Display seines Handys. »Verdammt, schon spät. Ihr wollt bestimmt nicht weiter flussabwärts, Kloster Schöntal, oder? Ich rufe den Bootsverleiher an, der soll das Kanu abholen. Und euch nehme ich mit nach Krautheim zum Auto.«

Kommissar Karle und Paul schwiegen. Sie hängen anscheinend ihren eigenen Gedanken nach oder sind nach der nervenaufreibenden Aktion geistig entkräftet, dachte Milka. Sie fühlte sich selbst angegriffen, versuchte, Distanz zum Geschehen zu finden. Erst eine prickelnde, neugierige Anspannung zu Beginn ihrer Kanufahrt, das Wohlfühlen nach den ersten Kilometern in einer beruhigenden Natur. Und dann ein abrupter Schwenk, ein grausiger Fund, der an den Nerven zerrte und tief betroffen machte – obwohl sie persönlich nicht tangiert war. Es war das sich entfaltende innere Bild. Ein Mann, der geruhsam in einem Sessel am Flussufer sitzt, entspannt und geduldig auf den Biss eines Fisches wartend. Mit sich und der Welt zufrieden. Ruhig. Und dann, plötzlich, eine explosive Aktion. Womöglich ein kurzes, täuschend harmloses Gespräch über das Angeln an der Jagst, bei dem er den Kopf nach oben wendet und etwas über Elritzen oder Flusskrebse oder seinen Fang erzählt. Aus dem Nichts ein heftiger, brutaler Schlag auf Kopf und Gesicht, der Schmerz. Stille. Nichts mehr. Einfach so. Vorbei.

»Milka?«

Sie schreckte hoch. »Ja?«

»Kommissar Karle schlug gerade vor, hier in Krautheim in der Gaststätte zum Rad eine Kleinigkeit zu essen. Ist das okay für dich?«

»Ja sicher.« Im gleichen Moment bereute sie ihre Zusage. Eigentlich verspürte sie keinen Hunger und eine sicher belebte, laute Gasthausstube widersprach eigentlich ihrem momentanen Gemütszustand. Andererseits fehlte ihr die Energie, sich zu weigern und damit eine Diskussion auszulösen.

Milka atmete erleichtert auf, als sie das Lokal betraten. Nur an zwei Tischen saßen Gäste. Sie wählten einen entfernten Ecktisch.

Milkas Versuch, jedwede Nahrungsaufnahme zu verweigern und nur eine Apfelsaftschorle zu trinken, wurde von Hauptkommissar Karle entschieden abgeblockt – mit dem Hinweis, dies sei seine Einladung, sein Revier, und überhaupt. Schließlich musste sie seiner Empfehlung zu Kalbsbäckchen in Rahmsoße mit Spätzle und Salat Folge leisten. »Einen Seniorenteller«, rief sie der Wirtin nach, eingedenk ihrer Appetitlosigkeit.

»So äbbes hem’r ned«, kam es zurück, »s’isch ned so arg viel.«

Milka war froh, dass sich das Gespräch um, aus ihrer Sicht, eher belanglose Inhalte drehte. Die Konsequenzen der Polizeireform, neue Analysemethoden, die Kriminalstatistik im Landkreis. Für Milka war es nur ein Hintergrundrauschen, und so konnte sie ihren eigenen Gedanken nachhängen, bis die Wirtin das Essen auftrug. Zu ihrer eigenen Verwunderung entwickelte sie nach den ersten Bissen einen gesunden Appetit, es schmeckte auch zu gut. Als Karle dann doch auf den Mord zu sprechen kam, hatte Milka gerade ihren leer gegessenen Teller beiseitegeschoben und eine zweite Schorle bestellt.

»Die Tat soll ja vor gut einer Woche begangen worden sein. Mich wundert, dass in diesem Zeitraum keine Vermisstenmeldung auf unseren Tisch kam.«

»Viele Möglichkeiten«, meinte Paul Eichert. »Kann sein, er kommt von außerhalb, macht Urlaub, ist alleinstehend.«

»Muss er nicht eine Erlaubnis zum Angeln haben?«, warf Milka ein. »Ihre Leute könnten beim Hohenloher Fischereiverein nachfragen.«

»Ja, die Idee kam mir auch. Wenn er eine Gastkarte hat, dann wäre das wahrscheinlich ein Volltreffer. Ist er Mitglied, dann wird es schon schwieriger. Unsere IT-Spezialisten müssen mal zusehen, ob sie eine der Aufnahmen so bearbeiten können, dass ein halbwegs erkennbares Gesicht entsteht. Das Foto der Leiche kann ich unmöglich herumreichen.«

»Dem Anglerkorb konnten Sie nichts entnehmen, kein Handy, kein …?«

»Nichts«, sagte Karle in Milkas Satz hinein. »Kein Angelschein, kein Ausweis, kein Ring, keine Uhr – na ja, wir wissen, warum. Keine Geldbörse, kein Autoschlüssel. Absolut nichts, was irgendwie einen Hinweis auf die Identität des Toten geben könnte.«

»Also war jemand sehr gründlich«, folgerte Paul Eichert. »Unter der Annahme, dass ein Angler nicht in Gummistiefeln, Angelausrüstung und Klappstuhl Bus fährt, muss jemand sein Auto genommen haben.«

»Muss nicht, spricht aber einiges dafür.«

»Vielleicht sollten Sie doch die Jagst absuchen lassen.« Paul Eichert brachte den Vorschlag eher beiläufig, ins Off gesprochen vor.

Karle grinste. »Wollte diesem jungen Riegel nicht das Wort reden. Die Suche ist bereits veranlasst. Wir werden den Wald entlang des Weges absuchen und zwei Taucher in die Jagst schicken. Glaube zwar nicht, dass wir was finden, dran vorbei kommen wir aber nicht.«

»Irgendwie«, sagte Kriminalhauptkommissar Karle, als er Milkas Sporttasche in Paul Eicherts Auto umlud, »gefällt mir die Sache ganz und gar nicht.«

Paul hörte mit. »Ja? Ich ahne, was Sie meinen.«

Karle nickte. »Sie denken so wie ich. Das ist kein einfacher Mord. Hast du die feste Absicht, eine Person umzubringen, dann gehst du hin, haust ihr mit einem harten Gegenstand eins über die Rübe. Und wenn notwendig, dann eben nochmal. Aber du säbelst keine Hände ab, entfernst nicht alle Hinweise auf ihre Identität, versuchst nicht, sie zu verbergen, damit sie nicht so schnell gefunden wird, und fährst dann kaltblütig mit dem Wagen des Opfers weg. Nein und nochmals nein. Das wird uns länger beschäftigen, fürchte ich.«

Euch in Künzelsau, dachte Milka. Nicht Paul, und schon gar nicht mich.

Sie sollte sich irren.

Kapitel 2 – Sonntag

Milkas Nacht war kurz. Ihr Bruder Christoph hatte sie am gestrigen Abend wegen einer anscheinend unaufschiebbaren Ersatzinvestition in Beschlag genommen. Es gab zwar keine schriftliche Festlegung, aber eine gewachsene Verantwortung. Milka war für Marketing, Vertrieb und für Buchführung und Finanzen zuständig. Jedenfalls bedurfte der neue Trecker ihrer Zustimmung. Die Diskussion entzündete sich an den Sonderausstattungen, die den vorgesehenen Finanzierungsrahmen sprengten. Wie immer wurde es ein Kompromiss, der mit den beiden Kooperationspartnern und Mitnutzern abzustimmen war. Und wie immer dauerte es lang, trotz des guten Verhältnisses zwischen Bruder und Schwester. Und dann hatte es Ewigkeiten gedauert, bis sie einschlafen konnte. Es gab da etwas, das ihr am Tatort aufgefallen war. Etwas, das nur für einen winzigen Augenblick in ihr Blickfeld geraten war. Oder, sie zweifelte, hatte sie sich das nur eingebildet? Sie haderte mit ihrem Gedächtnis.

Wie üblich meldete sich ihr innerer Wecker kurz vor 6 Uhr. Milka blieb liegen, ging in Gedanken ihr Meeting mit Beate Balzer, zuständig für den Hofladen, und den Brüdern Lukas und Tim Holl vom benachbarten Betrieb durch.

Sie kam später als sonst zum Frühstück. Bettina, ihre Schwägerin, redete gerade auf ihre beiden Kinder Jonas und Laura ein. Es ging um eine Theaterprobe, die ausgerechnet heute Vormittag stattfinden sollte. Ihr Vater Georg, 65 Jahre alt, war bereits irgendwo auf dem Hofgut unterwegs. Christoph blickte von der Zeitung auf. »Kaffee?«

»Und ob. Steht was Wichtiges in der Zeitung?« Sie griff nach dem Bauernbrot und der Butter.

»Wir werden wieder mal aufs Korn genommen. Ein Rundumschlag von A wie Antibiotika über G wie Gülle bis Z wie Zerstörung der Insektenwelt. Von den Bienen ganz zu schweigen. Die Wunschliste an uns ist riesengroß. Ach was, Wunschliste. Es sind alles Forderungen. Dabei mussten in den vergangenen zehn Jahren mehr als 100.000 Höfe aufgeben.«

»Das hatte nicht nur wirtschaftliche Gründe, Christoph«, warf Milka kauend ein.

»Stimmt ja. Aber trotzdem.«

Bettina bugsierte ihre Kinder zur Tür, die zwölfjährige Laura, riss sich wieder los. »Ich hab morgen meine erste Reitstunde. Kommst du dazu?«, flüsterte sie Milka ins Ohr. »Bitte!«

Milka nickte. »Bei den Paludis?«

»Ja. Britta macht das. Danke.« Sie eilte zur Tür. »Um 14 Uhr!«

Milka wechselte von ihrem kleinen Büro zum Hofladen, der sich seit der Neugestaltung im Vorjahr immer besser entwickelte. Abgelehnt hatte sie bislang allerdings, zusätzlich auch einen Bio-Lieferservice anzubieten. Nachdem aber viele Stammkunden nachfragten und es ihr gelungen war, mehrere Heime und Firmenkantinen als Abnehmer zu gewinnen, änderte sie langsam ihre Meinung.

Lukas und Tim Holl, deren benachbarter Hof zu ihrem kleinen Kooperationsverbund gehörte, saßen bereits mit Beate Balzer, der Leiterin des Hofladens, am großen Tisch vor der Theke.

Milka stellte das Konzept vor, unterbreitete Vorschläge für die Hinzunahme von Waren aus fremder Produktion, um das Angebotssortiment auf eine breitere Basis zu stellen. »Eines muss klar sein«, betonte Milka, »die Produkte aus unserer Kooperation müssen überwiegen. Und das, was wir dazu nehmen, muss ausnahmslos unseren Bio-Anforderungen entsprechen.« Allgemeines Nicken. »Und wir dürfen uns nicht verzetteln.«

Tim Holl demonstrierte eine Vorversion der Internetseite, auf der die Kunden ihre Warenbestellung vornehmen sollten. Die Diskussion übersprang die Funktionen, entzündete sich an der grafischen Darstellung und den Bildern. Bis Tim laut wurde: »Diese Fotos, das sind doch nur Platzhalter. Ihr müsst aber endlich eine Lösung für die Auslieferung finden. Die sollten nicht wir übernehmen.«

»Und für eine personelle Unterstützung, wenn der Lieferservice ins Laufen kommt«, ergänzte Beate Balzer.

Milka drehte sich um, als sie das »Guten Morgen« einer bekannten Stimme in ihrem Rücken hörte. Angesichts der Präsenz von Beate Balzer und den Holls fiel Pauls Begrüßung vornehm zurückhaltend aus. Er wies in Richtung des Eingangs. »Ihr habt da draußen vor dem Hofladen freilaufende Hühner und sogar einen kleinen Stall mit Leiter, bringt denn …«

»Den hat Christoph zusammen mit Laura und Jonas gebastelt«, erklärte Milka.

»Was ich wissen wollte: Bringt das überhaupt was für euren Laden? Die Fläche ist doch ziemlich klein.«

»Aber mit Baum und Sträuchern. Die Anlage ist eher für Kinder gedacht, die mit ihren Eltern zum Einkaufen kommen. Die haben dann was zum Gucken. Und einen Hahn haben wir auch.«

»Hab ich gesehen. Der beschützt dann die Hennen, wenn der Fuchs kommt, ja?« Paul grinste.

Milka und Beate konnten ein Kichern nicht unterdrücken. »Wenn ein Fuchs kommt, ist der Hahn in Regel der Erste, der Fersengeld gibt und sich über die Hühnerleiter verdrückt. Ist schließlich kein Hocco, kein Buschhahn«, erklärte Milka.

»Ist nicht wahr. Kann nicht sein.«

»Doch. Wie im richtigen Leben.«

Paul grinste breiter. Er kannte Milkas manchmal spitze Ironie und wechselte das Thema. »Und die braunen Hühner legen die braunen Eier, die weißen die weißen Eier?«

»Nix da. Die Schalenfarbe hat mit der Farbe der Federn nichts zu tun. Hängt von den Genen ab. Meist ist es so: Hat die Henne rote Ohrscheiben, so legt sie braune Eier. Hat sie weiße Ohrscheiben, dann meist weiße. Können wir jetzt das Thema wechseln?«

Paul nickte zustimmend. »Gern. Hab ich eure Besprechung unterbrochen?«

»Nein. Wir sind mehr oder weniger durch. Setz dich dazu. Ein Kaffee?«

Paul ging mit Frau Balzer zum Kaffeeautomaten hinter der Theke. »Habt ihr heute die Zeitung gelesen?« Paul balancierte den Becher mit Cappuccino zurück zum Tisch.

»Allerdings«, sagte Milka, »wir werden wieder mal als die großen CO2-Sünder gebrandmarkt.«

»Na ja, eure Trecker und Maschinen, die …«

»Die, lieber Paul, werden statistisch im Energiesektor verbucht. Ackerbau und Viehzucht machen gerade acht Prozent des Treibhausgasausstoßes, und …«

»Das ist doch schon erheblich.«

»… und Haushalte etwa zehn und der Verkehr weitaus mehr, um die 18 Prozent«, schaltete sich Lukas Holl ein. »Das Thema beschäftigt uns ja, sehr sogar, Herr Eichert. Wir bringen weniger Dünger auf die Felder, nutzen demnächst in unserem Dreierverbund die Gülle zur Energieproduktion, stoppen die Umwandlung von Grünflächen in Ackerland. Was uns nicht gefällt, ist, dass alles auf Verzichtsstrategien hinausläuft.«

Milka lächelte leise und beobachtete die Diskussion, in die sich nun auch Beate Balzer einbrachte. »Wenn die Verbraucher ihren Hamburger oder ihr Steak wollen, können wir nicht einfach die Tierhaltung stoppen. Sonst kaufen die eben Importware, und wir fahren die Betriebe gegen die Wand. Wir sind ja dabei, stärker auf Obst und auf Gemüse umzustellen. Ein Butterverzicht allein wird unser Klima nicht retten und uns auch nicht.« Frau Balzer redete sich in Rage, holte tief Luft.

Milka nutzte die kleine Pause. »Wir verkennen gar nicht, dass Methan und Lachgas weitaus schädlicher sind als CO2. Deshalb sind wir auch dran, mit Maßnahmen auf breiter Front. Was mich persönlich ärgert, das ist eine gewisse, beinahe blinde Fokussierung auf bestimmte Hassobjekte. Mal sind pauschal alle SUVs die Umweltsünder, die verteufelt werden, mal der Diesel und morgen wieder etwas anderes. Die Diskussionen hängen sich pauschal an einzelnen Dingen oder Objekten auf, ohne wirkliche Differenzierung.«

Tim Holl setzte seine Cola ab. Kaffee war nicht sein Ding. »Eigentlich müssten wir dann unseren Canis sofort einschläfern lassen.«

Paul erinnerte sich. »Euren Schäferhund? Warum das? Und was hat das jetzt mit …«

»Hat es.« Tim grinste. »Hab gerade ein Buch darüber gelesen. Der Titel lautet: ›Time to eat the dog?‹«

Paul schüttelte nur den Kopf und wunderte sich über Milkas helles Lachen. Sie kannte die Story.

»Zu Deutsch: Ist es an der Zeit, den Hund zu essen?«, übersetzte Tim vorsorglich. »Anscheinend wird momentan für alles und jedes das Treibhausgas berechnet. In der Schweiz titelte eine Zeitung: ›Lumpi ist ein Sauhund‹. Jedenfalls soll die Haltung eines Hundes einer jährlichen Umweltbelastung von 1.400 Fahrkilometern mit dem Auto entsprechen. Die Katze kommt etwas besser weg. Das Pferd schlechter, da sind es 21.500 Kilometer.«

Paul schmunzelte. »Eines ist mal sicher. Wenn nach dem Butter- ein Hunde- und Katzenverbot kommt, dann bleibt in dieser Republik nichts mehr so, wie es war.«

»Kommt nicht durch, wäre auch zu kurz gesprungen«, meinte Milka. »Kein Hund, kein Spaziergang mehr an der frischen Luft, zu wenig Bewegung, kein Ansprechpartner zu Hause. Dann füllen sich die Wartezimmer bei den Ärzten bis zum Bersten. Man muss die Dinge einfach zu Ende denken.«

»Du hast heute frei?«, wollte Milka wissen, als sie zu zweit im Kaminzimmer saßen.

Paul nickte. »Du hast den gestrigen Tag überstanden?«

»Das Geschehen ging mir nach. Die halbe Nacht. Hast du was von deinem Kollegen gehört, diesem Karle?«

»Nein, nichts gehört, und das ist auch gut so. Hast du etwas vor? Mit mir?«

Milka zauberte ein Lächeln auf ihr Gesicht, stand auf, gab Paul einen Kuss, schenkte Apfelsaft nach, ging zum Fenster und sah auf den Hof hinaus.

»Also was?«

»Also gut. Demnächst ist diese Langenburg Historic Rallye. Hab ich dir erzählt.«

»Ist mir bekannt. Und …« Paul stand auf, ging zum Fenster, hob sacht Milkas leicht geneigten Kopf an, blickte ihr in die Augen. »Und? Nun red schon.«

»Und? Ich suche weiter nach einem Beifahrer. Hättest du … ich meine, kannst du dir vorstellen …« Milka verstärkte ihr Lächeln.

Paul lächelte zurück. »Dein Bruder? Nein? Dieser Deiniger, der dir stets die Tipps für deinen Käfer gibt, nein? Und dein Professor, der könnte doch …«

»Paul, bitte. Der drückt doch das Bodenblech schon durch, wenn ich langsam an eine rote Ampel rolle. Du nimmst mich nicht …«

»Also gut. Zusage. Das geht über drei Tage, ja?«

»Und würdest du heute mit mir einmal die Bergstrecke fahren? Vom Startort bis hoch nach Langenburg?«

Paul akzeptierte. »Du hast deinen Oldtimer bereits vor die Scheune gestellt. Du wusstest, dass ich zusage, ja?«

Milka öffnete die Beifahrertür, sah zu, wie Paul mit skeptisch prüfendem Blick einmal um das Fahrzeug schlich und sich dann in den schmalen Sitz des 64er Käfers fädelte. »Du bist sicher, das Teil bringt uns bis nach Langenburg?« Er bewunderte den makellosen Zustand des lackierten Armaturenbretts, das zerbrechlich wirkende Zweispeichenlenkrad, den hoch aufragenden Ganghebel, drückte eine der fünf Tasten des Radios, öffnete das Handschuhfach.

»Ist deine Kontrolle damit zur vollen Zufriedenheit abgeschlossen, lieber Paul?«

»Dein Radio tut nicht.«

»Puh. Erstens ist die Zündung nicht an, und zweitens fehlt die Verbindung zur Antenne. Aber keine Sorge: Alles vom TÜV abgenommen. Einschließlich der Sicherheitsgurte.«

»Wunderte mich bereits, dass es welche gibt.«

»Die waren nicht serienmäßig. VW hat aber seit dem Jahr 1961 Verankerungspunkte eingebaut. Also hab ich nachgerüstet.«

Der Boxermotor sprang willig an, äußerte ein vernehmliches Brabbeln, das auch im Innenraum gut zu hören war. Milka fuhr los.

Es dauerte immerhin gute 20 Kilometer, bis Paul Eichert anfing, sich zu entspannen und nach den technischen Daten fragte.

»116 Stundenkilometer Spitze und in 32 Sekunden von null auf 100«, gab Milka bereitwillig Auskunft.

»Und damit willst du ein Bergrennen fahren? Gegen Porsche, Maserati und Co.?« Pauls Stimme klang eher belustigt als erstaunt.

»Das ist eine GLP, eine Berggleichmäßigkeitsprüfung. Es ist nicht so, dass der Schnellste gewinnt. Du hast zwei Trainingsläufe und dann zwei möglichst zeitgleich zu fahrende Wertungsläufe.«

»Und jetzt willst du mit mir einen Testlauf machen?«

»Aber nein, das ist eigentlich untersagt. Ich fahr einfach mal die Strecke bis hoch zum Schloss, und du schaust halt aus Versehen auf die Uhr, ja?«

Paul gab sich geschlagen, genoss die abwechslungsreiche Landschaft und schielte ab und zu verstohlen zu Milka hinüber, die konzentriert und umsichtig fuhr.

»Ab da vorn, Paul, ab der Brücke bitte Zeit nehmen.«

»Bist du jetzt zufrieden, Milka?«

Nach dem obligatorischen Besuch des Deutschen Automuseums im Schloss Langenburg saßen sie unter einem riesigen gelben Sonnenschirm auf der Terrasse des Schlosscafés bei einem bunten Sommersalat mit Frischkäsetasche für Milka. Mit einem herrlichen Blick hinunter ins sattgrüne Jagsttal, zum kleinen Ort Bächlingen und auf die Orangerie und den weitläufigen Barockgarten. Paul, im Status eines Junggesellen, benötigte eine deftigere Stärkung, obwohl er in letzter Zeit häufig Kostgänger bei den Mayrs war. Und das nicht nur, weil es dort gut schmeckte. Er bestellte einen Schwäbischen Zwiebelrostbraten mit Spätzle und Salat.

»Hast du von diesen Gerichtsmedizinern aus Heidelberg etwas gehört? Irgendeine Information zu dem Toten?«

Paul gab etwas Zucker in seinen Espresso, verneinte. »Habe ich auch nicht erwartet. Karle ist ihr Ansprechpartner.« Paul streckte sich und korrigierte den Sitz seiner Sonnenbrille. »Warum fragst du?« Nicht, dass er es wirklich wissen wollte. Es war eher eine belanglose Floskel. Ein externer Fall, nicht seine Zuständigkeit.

»Mir ist da was eingefallen.«

Es dauerte eine kleine Ewigkeit, bis der Kriminalhauptkommissar Milkas Antwort inhaltlich registrierte. »Du meinst jetzt nicht …«

»Doch.«

Paul räumte sich erneut Bedenkzeit ein, bevor er nachfragte. Nicht gerade unwirsch, aber doch so, als würde er das Thema am liebsten über die Brüstungsmauer ins Tal kippen. »Und was?«

Milka ignorierte seine Unwilligkeit. »Stell dir mal vor, dieser Angler sitzt da, in der sengenden Sonne. Und wartet. Wartet darauf, dass ein Fisch beißt. Es ist heiß. Richtig heiß.«

»Milka, bitte!«

»Er bekommt Durst. Richtigen Durst. Was macht er?«

»Er trinkt, verflixt auch. Was ist da …«

»Habt ihr was gefunden? Eine Flasche, eine Milchtüte, irgendwas?«

»Den Angler möcht’ ich sehen, der in der Sommerhitze eine Tüte Milch neben sich stehen hat. Hm. Aber du hast recht. Es wurde alles abgesucht. Und in seinem Anglerkorb war auch nichts. Vielleicht hat er Jagstwasser geschöpft.«

»Da hätte er springen müssen. Was machst du, wenn du beispielsweise ein Bier kalt oder zumindest kühl halten willst? Du bindest die Flasche fest und hängst sie ins Wasser.«

Pauls Kombinationsgabe erwachte zu neuem Leben. »Da er bereits mehrere Fische gefangen hatte, könnte man vermuten, dass nicht mehr viel in der Flasche war. Aber, vielleicht, seine Fingerabdrücke drauf.«

»Wir fahren jetzt da hin und sehen nach.«

»Nix da. Ich ruf Karle an, der soll jemanden vorbeischicken.«

»Nein. Wenn dann nichts ist, stehe ich da wie ein Idiot. Wenn du nicht mit willst, bitte. Dann hol ich dich hier wieder ab.« Milka stampfte zur Bekräftigung mit dem linken Fuß auf.

»Liebe Milka, manchmal bist du schon …«

»Was bin ich, Paul? Sag’s schon. Nur Mut.«

»… so stur, na ja, so störrisch, wie ein Esel.«

»Eselin. Esel sind nicht stur, sie geben dem Menschen nur die Chance, seine Fehler zu erkennen.« Paul gab sich geschlagen.

Nun war Milka nicht einfach nur stur. Nicht im Sinn von bockig. Und nicht, dass sie neben ihrer Meinung keine andere duldete. Rechthaberisch war sie ganz und gar nicht. Milka nahm sich aber Zeit, analysierte, wog ab, versuchte, die Dinge zu drehen, sie aus anderen Winkeln zu betrachten. Hatte sie sich eine Meinung gebildet, ein Ziel vor Augen, bedurfte es überzeugender Argumente, sie umzustimmen. Andererseits ließ Milka auch Raum für Empfindungen. Sie schloss Gefühle nicht aus. Am wenigsten die Gefühle für ihre Familie, die Menschen, mit denen sie zu tun hatte. Ihr war bewusst, dass rationale Argumente allein nicht überzeugen konnten. Meist jedenfalls.

Und selbstverständlich wusste das alles auch Paul Eichert. Manchmal war es zwischen ihm und Milka eine Art Spiel. Zu sehen, zu hören, wie der andere argumentierte, antwortete.

Milkas Vertrauen in ihren Käfer war am Wachsen. Dass es sich jetzt um die Jungfernfahrt handelte, das hatte sie Paul vorsichtshalber verschwiegen. Mit einem beherzten Tritt aufs Gaspedal nahm sie Anlauf, um den Anstieg zur nächsten Ortschaft zu nehmen. Als sie sich Künzelsau näherten, unternahm Paul den erneuten Versuch eines Abbruchs ihres Vorhabens mit bürokratischem Hinweis auf die Zuständigkeit der lokalen Kripo und einer kritischen Anmerkung zum Tankinhalt des Käfers. Milka blockte das durchsichtige Argument ab. In Bieringen nahm sie die Brücke über die Jagst, dann links den Weg Zum Lauschbusch, fuhr langsam über den holprigen Waldweg, passierte die Fundstelle und hielt am Wegrand, als sie links die schmale Lichtung zum Ufer erreichte.

Das Gras zeigte deutliche Spuren der gestrigen Trampelei. »Wo würdest du als Angler deine Flasche kühl halten? Im Schatten eines Baumes oder im Wasser?« Milka ging vor bis zum Ufer, suchte alles ab. Nichts. Sie drehte sich nach Paul um. Der stand ganz links, neben einer buschigen, ausladenden Purpurweide und zog offensichtlich an einer Schnur – so dünn, dass Milka sie auf die Entfernung nicht erkennen konnte. Paul zog weiter, langsam jetzt. Einen Augenblick später hielt er am Ende der Angelschnur eine Bierflasche hoch. So triumphierend, als hätte er gerade mit der bloßen Hand eine kapitale Forelle aus einem Gebirgsbach gefischt. »Du hattest recht. Eine Bügelflasche.«

Milka beäugte den Fund. »Da ist was drin.«

»Bier vielleicht?«, sagte Paul in leicht süffisantem Ton.

»Sieht eher nach Papier aus. Steckt ganz oben.«

»Stimmt. Das Ding bringen wir Karle auf dem Rückweg.«

»Der ist bestimmt nicht im Büro. Nicht heute. Und ich will wissen, ob da was draufsteht.«

Es bedurfte Milkas hartnäckiger Überzeugungskraft und mehrerer Papiertaschentücher aus dem Handschuhfach des Käfers sowie einer Pinzette aus dem Erste-Hilfe-Kasten, bevor es Milka gelang, den Zettel weitgehend unbeschädigt aus der Flasche zu ziehen. Paul kommentierte den Vorgang vorrangig unter dem Aspekt, Fingerabdrücke nicht zu verwischen. Milka wollte wissen, was auf dem Zettel stand. Unter Pauls gewissenhafter Aufsicht rollte sie das lädierte Papier behutsam auf, es nur mit Pinzette und Taschentuch berührend. Die Schrift war krakelig und an verschiedenen Stellen kaum zu entziffern.


»Hm, merkwürdig«, kommentierte Milka sibyllinisch.

»Wieso? Ist doch eine recht klare Aussage«, sagte Paul. Er zückte sein Smartphone und fotografierte den Zettel und die Fundstelle der Flasche. »So, das packen wir alles ein und geben es auf dem Rückweg bei Karle ab.«

»So klar nun auch wieder nicht. Warum nennt er nicht Ross und Reiter? Sagt, wer ihm an die Gurgel will. Und warum.«

»Du meinst, so wie in den Krimis, wenn der Angeschossene mit letzter Kraft die Anfangsbuchstaben des Täters in den Sand schreibt. Vielleicht kam er nicht mehr dazu. Dachte, er hätte mehr Zeit.«

»Das könnte sein. Paul, da ist noch was.«

»Wo?«

»Nicht wo, etwas, das mir eingefallen ist. Bei dem umgekippten Klappsessel des Anglers lag doch ein dünnes Sitzkissen. Da war was aufgedruckt. Oder aufgestickt. Konnte ich auf die Entfernung nicht erkennen.«

»Ich erinnere mich. Das war aufgedruckt. Auf einer Seite. Und ziemlich lädiert, durchgescheuert vom Sitzen. Ein Oldtimer war da abgebildet. Frag mich nicht, welcher Typ.«

Milka schwieg, dachte nach.

»Was fängst du jetzt mit der Information an?«

Milka zögerte. »Angler und Oldtimer. Klar, kein Widerspruch. Passt aber irgendwie nicht zwingend zueinander.«

»Du denkst wahrscheinlich an Langenburg? Liegt bei deiner bevorstehenden Rallye auch nahe. Komm, wir fahren jetzt.«

Paul Eichert lieferte den Fund bei der Kripo in Künzelsau ab. Sein Kollege Karle hatte anscheinend dienstfrei. Einer seiner Kollegen notierte sich Pauls Handynummer.

Kurz vor Vellberg wies Milka auf die rechts liegende Stöckenburg hin. »Da gab es mal eine keltische Siedlung mit einer Fliehburg. Heute steht da die evangelische Sankt Martins-Kirche, sozusagen die Mutterkirche der ganzen Region.«

»Hast du bestimmt von deinem Miraculix, Professor …« Pauls Handy klingelte in Milkas Worte »Lothar braut nix« hinein. Kommissar Karle ließ sich die Umstände des Funds erklären, versprach für später eine Überraschung, wollte aber partout nicht verraten, was er damit meinte.

Milka saß mit Paul zusammen, beide über das Programm und die Formulare zur Langenburg Historic gebeugt. »Am Freitag Anreise, Dokumente und technische Abnahme. Und die wiederholt sich jeden Tag. Ab 18 Uhr starten dann die ersten Fahrzeuge zum Oldathlon. Am Samstag sind wir nach der Fahrerbesprechung um 9 Uhr dran. Zum ›Landtag‹?« Paul setzte ein Fragezeichen hinter Landtag.

»Damit ist nicht der Landtag in Stuttgarts Schlossgarten gemeint, Paul.«

»Dachte ich mir schon. Und am Sonntag ist dann Bergtag.«

»Genau. Zwei Trainingsläufe und dann die zwei möglichst zeitgleich zu fahrenden Wertungsläufe. Den Start erklär ich dir später.«

Die Tür zum Kaminzimmer öffnete sich rücksichtsvoll langsam, Laura steckte vorsichtig ihren Kopf durch den Spalt. »Morgen nicht vergessen, bestimmt nicht?« Milka schüttelte den Kopf. »Bestimmt nicht.«

Ihr Bruder Christoph tauchte hinter seiner Tochter auf: »Da draußen steht Sebastian mit seinem Hund, beäugt gerade deinen Käfer.« Das Peterle, der schwarze Hofkater, zwängte sich zwischen Christophs Beinen durch und sprang auf Milkas Schoß. Allen Bemühungen zum Trotz hatte sie seinerzeit die Namensgebung durch Laura und Jonas nicht mehr abbiegen können.

Sebastian Wild, ehemaliger Kreisjägermeister und Pauls Onkel und, nicht zu vergessen, Lieferant einer leider nur geringen Menge an exzellenter Wildsalami für den Hofladen, war durch den Flur zu hören. Genauer, sein Deutsch-Kurzhaar machte sich bemerkbar.

Milka begrüßte ihn im Flur, wies auf das Kaminzimmer. Sebastian Wild kannte den Weg. Der Deutsch-Kurzhaar folgte Milka in die Küche, wartete artig auf seinen dicken Wurstzipfel, folgte Milka auf dem Fuß und machte in respektvoller Distanz zu Peterle Platz. Man kannte sich und die jeweiligen Reviergrenzen.

Milka stellte einen Lauffener Katzenbeißer auf den Tisch und schenkte dem ehemaligen Kreisjägermeister ein sehr gutes Viertele ein. Sebastians Augen begannen zu glänzen. Den kritischen Blick seines Neffen bemerkend, fragte er: »Bist du im Dienst?«

Paul ging nicht darauf ein. »Du siehst etwas erschöpft aus, Sebastian. Etwas derangiert. Und das Pflaster an der Hand?«

»Wir waren auf Fuchsjagd. Und mein Deutsch-Kurzhaar ist hinterher, wollte in den Bau – dafür ist er aber nicht geschaffen.«

»Momentan ist doch keine Jagdsaison.«

»Das ist wohl richtig. Aber meine Nichte, die Inge, in Gaildorf, kennst du doch …«

»Das ist schon ewige Zeiten her.«

»Na ja, und vor ewigen Zeiten hatte ich mal so viele Fuchsfelle zusammen, dass sie sich vom Kürschner einen Mantel …«

»Sebastian, was hat das mit heute zu tun?«

»Mach ja schon.« Sebastian Wild nahm einen großen Schluck des Rotweins. »Vor einigen Tagen rief sie mich an. Also, wie soll ich sagen, sie hat etwas zugenommen. Oder etwas mehr. Jedenfalls passt der Mantel nicht mehr so recht. Sie fragte an, ob ich einige Füchse erlegen könnte, sodass der Kürschner …«

Paul platzte laut heraus, Milka unterdrückte ihren Lachreiz, so gut es eben ging. Es ging ausgesprochen schlecht.

»Also bist du jetzt im Sommer auf Fuchsjagd. Falsche Zeit, oder?«

»Nicht die beste. Aber an den Waldrändern mit den Übergängen zu Feldern und mit Geduld hat man eine Chance.« Sebastian Wild nahm einen kräftigen Schluck Katzenbeißer, das Glas war schon beinahe leer. »Nur, das Schwierige daran ist, du musst Füchse aus der gleichen Region schießen. Je nach Standort haben die andere Fellfarben und dann, na ja, dann passt es erst wieder nicht.«

Das Gelächter fiel diesmal verhaltener aus, übertönte jedoch das Klopfen an der Tür.

Michael Deiniger kam herein, zwar ein eher seltener Gast im Mayr’schen Hofgut, aber Milkas technischer Ratgeber für die Komplettrestaurierung ihres Käfers. »Guten Abend. Geht lustig zu bei euch.« Nur die Mundwinkel seines hageren Gesichts bewegten sich zu einem angedeuteten Lächeln, als Paul die Story vom Fuchsfellmantel in Kurzfassung wiederholte.

»Dein Käfer steht draußen, Milka. Hattest du heute deine Jungfernfahrt?«

Milka behauptete später steif und fest, Pauls Gesicht habe in diesem Moment eine kränkliche Blässe angenommen. Was Paul vehement bestritt.

»Sehr gut bestanden. Paul kann das bezeugen. Und du bist bei der Rallye auch dabei? Mit deinem 75er Morgan Plus8 Cabrio?«

Diese Fachsimpelei sagte Sebastian Wild nun gar nichts. Er schenkte sich nach und füllte ein Henkelglas für Deiniger. Sein fragender Blick an Paul fand nur ein Kopfschütteln. »Du warst wohl zu lang in Hamburg. Ihr Nordlichter habt eben vom guten Württemberger keine Ahnung.«

»Du bist es, der keine Ahnung hat, Sebastian. Im Norden, genauer gesagt in Bremen, lagert mehr Württemberger Wein als bei euch.«

»Du tüddelst doch«, meinte Sebastian, der das Wort bei Paul aufgeschnappt hatte, es aber »tüddelscht« aussprach. Der reine Horror für Paul.

»Von wegen. Das geht zurück auf einen Ratsbeschluss der Hansestadt aus dem Jahr 1405. Heute ist der Ratskeller mit seinen 5.000 Quadratmetern die weltweit größte Lagerstätte für deutschen Wein und gehört zum Weltkulturerbe. Alle Großen waren hier. Bismarck, Kaiser Wilhelm I und II, Richard Wagner, Strauss, Gogol. Selbst die Queen war einmal da und hat Wein verkostet. Richtiggehend legendär waren die Besäufnisse von Friedrich Engels.«

»Der Revoluzzer? Der …« Pauls Smartphone meldete sich und verhinderte Sebastians Ansatz zu einer heftigen Replik. Auch Milka und Deiniger, die Köpfe zu einem Flüstern zusammengesteckt, horchten auf.

Pauls eingestreuten Worten war so gut wie nichts zu entnehmen. Zumindest Milka wartete gespannt. »Kommissar Karle«, erklärte Paul, öffnete seine Foto-App und starrte gebannt auf das sich öffnende Bild. Eine digitale Rekonstruktion des Aussehens des Toten. Die linke Gesichtshälfte, weitgehend vom Schlag verschont geblieben, hatte anscheinend geholfen.

Milka nahm das Handy in die Hand. »So knapp unter 60, würde ich schätzen.« Paul nickte nur, gab eine kurze Erklärung zu der Aufnahme und der Person.

Michael Deiniger beugte sich interessiert zu Milka, drehte ihre Hand mit dem Smartphone ein wenig, hob seine Augenbrauen zu einem erstaunten Blick, sah Milka an. »Und der soll tot sein? Ich kenne ihn. Das ist Alfred Wagner aus Langenburg. Der technische Haus- und Hofmeister von Claus Peter Thaler, dem Fabrikanten.«

»Den kenn ich auch«, hustete Sebastian Wild, der sich bei der Nennung des Namens an seinem Katzenbeißer verschluckt hatte.

»Alfred Wagner?«, erkundigte sich Deiniger, schlug ihm mit der flachen Hand zweimal zwischen die Schulterblätter.

»Nein«, hustete Wild erneut. »Nicht den Wagner, aber den Thaler. Von der Jagd her.«

Kapitel 3 – Montag

Die Nacht war kurz geworden. Michael Deiniger war gegangen, schließlich auch Sebastian Wild. Und endlich auch Paul – als Milka bereits die Augen zufielen.

Milka beeilte sich mit dem Frühstück, verdrängte die gestrige ausufernde Diskussion mit ihren abrupten Richtungswechseln, den hakenschlagenden Spekulationen zu Motiven und irrwitzigen Mutmaßungen zu potenziellen Tätern. Die gipfelten in der weinseligen Vermutung, militante Fischschützer könnten die grausige Tat in einer Art kollektiven Wahn begangen haben. Besser sollten sie die zweite Flasche Katzenbeißer nicht entkorken, meinte auch Paul schon gestern. Der hielt sich zurück, nahm nur zwei winzige Schlucke aus Milkas Glas. Aus seiner Zeit in Offenburg – nach Hamburg – brachte er eine Vorliebe für Badische Grauburgunder mit. Wenn es denn ein Wein sein sollte.

Milka schnappte sich einen frischen Kaffee, entzog sich wortlos, was an sich nicht ihre Art war, den gemurmelten Fragen ihres Vaters und verschwand in ihrem Büro. Rechnungen, Überweisungen, Statistiken. Vorschriften. Das Quartalsergebnis wollte vorbereitet sein. Und sie musste von den Holls und vom Hof Feldmann, ihrem anderen Kooperationspartner, die Daten anfordern. Dann standen das Gespräch mit ihrem Tierwirt an und eine Unterhaltung mit Beate Balzer im Hofladen, der um die Mittagszeit wenig frequentiert war. Beate hatte ein kleines Vesper vorbereitet. Es dauerte, bis sie die Organisation des geplanten Bio-Lieferservices von allen Seiten beleuchtet hatten, bis Beate zur zentralen Frage kam – wer denn bitte die Organisation übernehmen und steuern sollte. Die Frage allein machte deutlich, dass sie selbst nicht in Frage kam. Was Milka verstand. Ihr kam eine Idee. Nein, verraten wollte sie nichts. Jetzt nicht.

Bettina und Laura, sichtlich ungeduldig, warteten vor Milkas Skoda, bereit zur Abfahrt nach Obersontheim. Über einen Aushang am Schwarzen Brett des Reitstalls hatte Laura passende Stiefel gefunden, für den Anfang musste ein Fahrradhelm genügen. Ihre blauen Jeans waren eng genug. Enger ging nicht. Während der Fahrt berichtete Laura aufgeregt von ihrer ersten Stunde. Ihre anfängliche Enttäuschung, nicht sofort aufs Pferd zu dürfen, war schnell verflogen. »Britta hat mir erst mal alles über Pferde erzählt. Aber das Meiste hatte ich schon gelesen. Ich geh da doch nicht so unbedarft hin. Ist aber dann doch ganz anders, wenn man neben dem Pferd steht.«

Milka warf einen verständnisvoll lächelnden Blick zu Bettina auf dem Beifahrersitz. »Hast du dein Pferd schon gesehen?«

»Na klar. Ein brauner englischer Vollblutwallach, elfjährig und ein Meter 60 groß. Also das Stockmaß. Den hab ich aber nicht allein. Und er hat eine schöne kleine Blesse am Kopf. Aber heute darf ich endlich aufs Pferd. An der Longe.« Die Vorfreude schwang in Lauras Stimme und Tonfall mit.

Milka wandte sich an ihre Schwägerin. »Kennst du diese Paludis näher? Denen gehört wohl der Reitstall.«

»Ich war ein einziges Mal in deren Haus. Eine imposante Villa, so im italienischen Stil. Beinahe ein Anwesen.«

»In Schwäbisch Hall?«

»Ja, am Rand von Steinbach mit Blick auf die Großcomburg. Ich hab mal Laura begleitet, als eine Mitschülerin von ihr eine Vorführung hatte.«

»Was für eine Vorführung?«

»Die geben sich so als Mäzene. Kunstmäzene.« Bettinas Tonfall nahm eine merkwürdige Klangfärbung an. Bewunderung schwang mit. Und irgendwie auch Staunen, aber auch ein klein wenig Neid. »Die veranstalten zwei- oder dreimal im Jahr Konzerte für handverlesene Gäste. Und dann gibt es einen Förderpreis für Musikschüler, die viermal im Jahr ihr Können unter Beweis stellen dürfen.«

Milka bremste ab, bog in den Weg zum Reitstall ein, hielt auf dem großzügig dimensionierten Parkplatz, der von einer kleinen Baumreihe beschattet wurde. »Paludi. Klingt italienisch.«

Bettina zuckte mit den Schultern. Laura riss die Tür auf und stürmte zum Stall, zu den Pferden.

Ein Bild wie gemalt – als Milka und Bettina am eingezäunten Longierplatz ankamen. Laura, gerade und aufrecht auf dem von Britta an der Trense gehaltenen Wallach sitzend, hatte ein fast überirdisches Strahlen auf ihr Gesicht gezaubert und bemühte sich, auf Brittas Erklärungen zu Sitz, Haltung und mitgehender Bewegung zu achten. Milka holte ihr stumm geschaltetes Handy hervor, es zeigte zwei Anrufe, die sie ignorierte. Vier Fotos gelangen, bevor die Reitlehrerin das Pferd an der Nylonlonge führend bewegte, Laura ab und an erste Anweisungen zu Sitz und Gleichgewicht zurief. Milka ignorierte einen weiteren Anruf und schaltete um auf Video.

»Könnten wir auf dem Hofgut nicht auch ein Pferd halten?« Bettinas Frage sollte eher beiläufig klingen, hörte sich aber beinahe wie eine Forderung an. Milka nahm es positiv auf. »Das Reitabzeichen 10 sollte Laura vorher haben. Wenigstens. Und dann lass uns wieder drüber reden, ja?« Eingedenk ihrer bislang unausgesprochenen Idee, Bettina in den Hofladen einzubinden, verstärkte sie ihre Antwort. »Wir könnten uns mal überlegen, wie und wo wir ein Pferd unterbringen. Einen Stall braucht es schließlich. Und eine Weide.« Und eigentlich zumindest ein weiteres Hottehü für eine Sozialgemeinschaft, überlegte Milka für sich. Das könnten auch Pensionspferde sein. »Sprich doch mit Christoph darüber.«

Kriminalhauptkommissar Eichert sah nach seinem Tagewerk leicht verschwitzt aus, als er am frühen Abend auf dem Mayr’schen Hof nach Milka suchte. Schließlich traf er sie in der Maschinenhalle. Verschwitzt. Mehr als leicht.

20 Minuten waren eine gute Zeit, fand Milka, als sie in schmal geschnittenen Jeans und einem dezent roséfarbenen Polohemd im Kaminzimmer eintraf. Sie riecht nach Orangenblüten, fand Paul, als er einen Kuss und den gekühlten Ingwer-Limetten-Drink entgegennahm. Er ließ sich in einen schweren Sessel fallen, der in der Ecke neben der Bank des Kachelofens stand und spätabendlicher Stammplatz von Milkas Vater war. Der Ofen befand sich im sommerlichen Tiefschlaf. Holzfrei, auch im schwarzen Schlund hinter der Kamintür. »Du warst in Langenburg? Bei Thaler?«

Paul nickte, nahm einen tiefen Schluck. »In seiner Firma. Thaler Packaging Systems. Kommissar Karle und ich.«

»Er für den Fundort, du für den Toten, für seinen Wohnort, ja?«

»Wagner war unter der Privatadresse von Thaler gemeldet. Eine kleine Einliegerwohnung mit zwei Zimmern. Der Thaler ist schon eine Type.« Paul griff nach seinem Glas.

»Da kann ich mir jetzt alles und nichts darunter vorstellen. Jedenfalls kein Normalo, oder?«

»Bestimmt nicht. Seine Sekretärin holte uns am Empfang ab, Wartezeit gefühlte zehn Minuten, trotz Anmeldung. 52 Jahre, hatte ich zuvor gegoogelt, groß, schlank, eine hohe Stirn, graue Haare, eine Art Mecki-Frisur. Ein klein wenig der Cary Grant-Typ, nur nicht ganz so britisch. Macht den Eindruck eines grundsoliden Unternehmers. Gab sich sehr jovial. Zugleich vermittelte sein Auftreten aber das Gefühl, als gewähre er uns eine Audienz. Formulierte Karle eine Frage, nur um nachzuhaken, mit etwas anderen Worten, wurde er unvermittelt biestig. ›Konnten Sie sich meine Antwort nicht merken, Herr Karle?‹, so etwa.«

»Und mit so einem Typen geht Sebastian auf die Jagd.«

»Nur selten, wie er gestern erzählt hat. Der Thaler hat eine Jagd gepachtet. Und ab und an will er eben Gesellschaft. Aber nun zu Wagner. Der war früher in seiner Firma, in der Produktion. Hatte dann einen Unfall – die unwichtigen Details lass ich mal weg. Zuständig war er für die Technik in Thalers Villa, für den Bürotrakt der Firma und, nicht zu vergessen, für Thalers drei Oldtimer.«

»Also auch für seinen Austin-Healey 3000 Mk III«, sagte Milka und schenkte Limonade nach. »Mit dem will er bei der Langenburg Historic antreten. Ist jedenfalls angemeldet, wie Deiniger sagte. Hat Thaler seinen Haus- und Hofmeister nicht vermisst? Oder jemand anders? Frau, Freunde, Haushälterin? Nun lass dir nicht alle Würmer …«

»Immer langsam. Simultandenken – berichten und gleichzeitig überlegen, die Aussagen durchdenken – das geht nicht so schnell«, meinte Paul lapidar.

»Quatsch. Es gibt Multi-Tasking, das kann meine Mutter prima beim Kochen, aber nicht Multi-Thinking«, widersprach Milka. »Zwei Gedanken auf einmal denken. Wer kann denn so was?«

»Ich«, meinte Paul mit einem Schmunzeln, das auf Milka nur zu einem Teil ironisch wirkte. »Das vertiefen wir ein andermal«, sagte Milka. »Jedenfalls hatte Wagner, nach Deinigers Worten Junggeselle, Urlaub. Eine Woche zum Angeln. Und wurde nicht vermisst? Klingt irgendwie höchst merkwürdig, meinst du nicht?«

Paul runzelte seine Stirn, machte eine Handbewegung, die nach »ja, und« aussah, und schob sein Glas zur Seite.

Milka diagnostizierte bei ihrem mundfaulen Paul eine gewisse Artikulationsmüdigkeit, wollte aber den wichtigsten Ermittlungsaspekt nicht auslassen. »Und zu einem möglichen Motiv sagte Thaler nichts? Wer Wagner möglicherweise warum an die Gurgel wollte? Feinde, Drohungen, Anfeindungen?«

»Milka!«

»Ich höre.«

Paul stand auf, ging zum Fenster und blickte auf den Hof. Milkas Bruder fuhr mit einem Trecker vor. »Er wusste nichts. Falsch. Er sagte, er wisse von nichts. Kein Motiv weit und breit.«

»Und dann?«

»Sind wir zu seiner Villa gefahren, um mit seiner Frau zu sprechen. Ein echter zweigeschossiger Luxusbau am Stadtrand von Langenburg. Mit Auffahrt und kurzer zweiläufiger Treppe zum Eingang. Alles penibel gepflegt und irgendwie darauf aus, Status zu zeigen.«

»Und wie ist seine Frau?«

»Weg. War nicht da. Wir haben mit der Haushälterin gesprochen. Eine Stefanie Koch, 55 Jahre, eher klein, dunkle nach hinten gekämmte und zusammengebundene Haare – vielleicht kam sie vom Staubsaugen – schmallippig, kein Lächeln. Nicht einmal bei der Begrüßung. Danach schon gar nicht.« Paul drehte sich um, setzte sich neben Milka auf die Bank. »Sie war bestürzt. Und das war bestimmt nicht gespielt. Zumindest erhielten wir einige brauchbare Informationen zu Wagner, nach dem ersten Schock.«

»Zu seiner Person, oder auch …« Milka hielt inne, als sie ein vom Hof kommendes knirschendes Geräusch hörte.

»Zu seiner Person. Nach seinem Unfall wurde er wohl zunehmend verschlossen. Extrem pflichtbewusst. Kümmerte sich um alle seine Aufgaben mit einer, wie sie sich ausdrückte, pingeligen Verbissenheit. Sie kamen gut miteinander aus, sagte sie. Solange sie ihm nicht zu nahe kam. Nicht, dass sie etwas mit ihm anfangen wollte. Glaube ich nicht. Er ließ nur nichts an sich ran. Sie durfte sich nicht um ihn kümmern. Wobei – so zurückhaltend, wie sie sich uns gegenüber gab, dürfte ihr das nicht schwergefallen sein.«

»Und das war’s dann schon?«

Paul stand wieder auf, als ein leises Geräusch vom Flur aus zu hören war. »Ja. Sie wusste um seinen Urlaub. Wusste, dass er gern angelte. Und wusste auch: keine Fragen zum wie-geht-es, oder was-haben-Sie-heute-gemacht. Das passte ihm nicht.«

»Und sie wusste nichts über Probleme, Anfeindungen …« Milka brach ab, als sie Pauls Gesichtsausdruck sah. »Jaja, weiß schon. Keine Freunde, die ihn besuchten?« Das Geräusch im Flur wurde lauter. Ihr Bruder Christoph öffnete die Tür, nickte Paul mit einem angedeuteten Lächeln zu. »Milka, kommst du mal? Jetzt!«

Milka folgte mit einem Achselzucken. Hielt im Flur abrupt inne. Ein derangierter Professor Lothar Ebert stand unsicher und zitternd an die Flurwand gelehnt, gestützt von Milkas Mutter Karin, die ein leeres Wasserglas in der Hand hielt. Milka packte den Professor fest am Arm und leitete ihn fürsorglich ins Kaminzimmer. Paul half, bis Lothar Ebert aufatmend sicher im Lehnstuhl saß.

Für Milka war der emeritierte Kunstgeschichtsprofessor aus Kirchberg an der Jagst ein guter Freund. Zweimal hatte er Paul und ihr mit seinem Wissen und seinen analytischen Fähigkeiten geholfen. Im Moment sah es so aus, als bedürfe er selbst der Hilfe. Dringend. Das längliche Gesicht tief gebräunt, bildeten seine langen weiß-grauen Haare, an den Ohren vorbei nach hinten gekämmt, einen harten Kontrast. Buschige, erstaunlich dunkle Augenbrauen und ein kurz gestutzter grauer Schnurrbart verliehen ihm ein distinguiertes Aussehen. Nur jetzt nicht. Die helle Cordhose verrutscht, das weiße Hemd nass unter den Achseln und die Haare zerzaust. So ziemlich alles schien durcheinander zu sein. Auch der Kopf. Allmählich wich das Zittern. Er blickte hoch, hielt kurz Milkas Blick fest. »Ich habe angerufen. Ein paar Mal.«

Milka unterdrückte einen Fluch. Ihr Smartphone und die Anrufversuche hatte sie total vergessen, als Christoph und ihr Vater sie nach ihrer Rückkehr in Beschlag genommen hatten. Das Handy lag oben in ihrem Zimmer. Sie eilte in die Küche, kam mit einem gut eingeschenkten Obstler zurück und drückte Herrn Ebert das Glas in die Hand. »Hier Lothar, zur Stärkung.«

Der Professor richtete sich auf, strich mit dem Zeigefinger über seine Schnurrbarthaare. »Hab seit heute Morgen nichts mehr gegessen. Und dann bin ich die ganze Strecke von Herbertingen hierher gefahren.« Seine Hand zitterte ein wenig.

Milka nahm ihm das Glas wieder weg. »Mit dem Schnaps warten Sie dann ein wenig, Lothar. Ich bringe Ihnen lieber einen Apfelsaft.«

Nach dem zweiten Glas erholte sich der Professor sichtlich.

»Was machen Sie denn dort, in Herbertingen?«, fragte Paul Eichert, wohl wissend, dass er mit solchen Fragen manchmal – er setzte das Manchmal gedanklich in Klammern – recht ausschweifende und in doppeltem Wortsinn erschöpfende Ausführungen erwarten durfte.

»Die Kelten«, sagte Herr Ebert und führte sein Glas zum Mund.

»Sie sind Kunsthistoriker und, wie wir wissen, Hobbygenealoge. Aber auch Kelten? Asterix und Obelix?«

Milka runzelte missbilligend ihre Stirn. Paul sollte das jetzt nicht ins Lächerliche ziehen.

»Als ich zehn war, hat mir ein Freund den ersten Band des Comics in die Hand gedrückt.«

Paul rechnete blitzschnell. »Die französische Ausgabe, 1961. Die deutsche kam erst sieben Jahre später.«

Lothar Ebert zeigte versuchsweise ein erstes Lächeln. »Sie kennen sich aber sehr gut aus. Haben Sie den ersten Band?«

Paul grinste. »Ich wollte, ich hätte.«

»Ich auch. Jedenfalls hat das damals mein Interesse geweckt. An den Kelten, meine ich. Und später: Auch in Comics steckt Kunst. Comics sind quasi ein Versuch, mit Zeichenkunst Geschichten in Bildern zu erzählen. Allerdings haben sie nie einen richtigen Platz gefunden. Für die Literatur nicht komplex genug, für die bildende Kunst nicht genial genug, hat mal jemand gesagt. Etwas anders sieht das in Amerika aus. Ich erinnere nur an Andy Warhol oder Roy Lichtenstein und ihre …«

Der Professor wurde unterbrochen. Karin Mayr stieß die Tür mit dem Fuß auf und brachte ein großes schwäbisches Vesper herein. Auf einer überdimensionierten Holzplatte fanden sich, liebevoll angerichtet, verschiedene Wurstsorten. Schinkenwurst lag neben Schwartenmagen, Presskopf an Schwarzwälder Räucherschinken, grobe Leberwurstscheiben neben geräuchertem Schinken vom Hällischen Landschwein. Und Tellersülze. Auch die Käseauswahl konnte sich sehen lassen: Romadur – ein Rotschmierkäse aus Kuhmilch, Emmentaler und Luckeleskäs. Dazwischen kleine Gewürzgurken. »Ein schwäbisches Vesper!« Karin Mayr sprach es »Veschbr« aus.

Paul, mit hungrigem Blick auf das überbordende kulinarische Angebot, stieß ein vernehmliches »Hm« aus. »So, nu wüllt wi mol Foffteihn moken.«

Nicht nur Milka schaute erstaunt drein. »Foffteihn? 15, du Hamburger?«

»Richtig, nach Veerteihn kommt Foffteihn. Bedeutet im Norddeutschen so viel wie Brotzeit im Bayrischen. Und die Fünfzehn, die kommt aus der 15-Minuten-Pause für die Brotzeit der Arbeiter. Früher. Wenn ich das Angebot richtig sehe, schaffen wir das nicht in einer Viertelstunde.«

Milkas Mutter brachte frisches Holzofenbrot, Butter, Griebenschmalz und, sozusagen als kleinen vitaminhaltigen Ausgleich, »äbbas G’sonds««: Tomatenschnitze, Paprikastreifen, Zucchinischeiben und Radieschen. »Lassed’s euch schmecka!«

Milka holte Nachschub an naturtrübem Apfelsaft aus der Küche für alle. Als sie zurückkam, kreiste Lothar Eberts Gabel über dem Vesperbrett, um eine erste Auswahl zu treffen. »Vellberg«, sagte der Professor gerade, »da wurde vor Jahren mein Interesse an den Kelten wirklich geweckt. Die Stöckenburg, direkt gegenüber vom Städtchen Vellberg auf einem Bergvorsprung gelegen, ist der älteste besiedelte Bereich der ganzen Region. Schon vor Christi Geburt und in der Merowingerzeit haben sich dort die Kelten herumgetrieben. Und sie haben eine Fliehburg errichtet.«

Milka nutzte den günstigen Zeitpunkt, da Herrn Eberts Gabel erneut in eine Umlaufbahn eintrat, die seine volle Konzentration verlangte. »Das war dann eine Art Schutzburg, Lothar?«

Herrn Eberts Gabel verharrte unmittelbar über den Leberwurstscheiben, sein Blick rutschte ab, glitt zu seinem nebenstehenden Obstler, entschied aber bedauernd, dafür sei es zu früh. »Das darf man sich nicht als klassische Burg mit Gebäuden vorstellen. Eine Art ringförmige Befestigung, in der die Leute Schutz bei Angriffen suchten. Eine richtige Burg an dieser Stelle entstand erst im neunten Jahrhundert, sie schützte dabei eine Kirche.« Der Professor griff nach dem Obstler und nahm einen ersten kleinen Schluck. Sein Gesicht belebte sich zusehends. Paul fragte sich, auf was wohl sein eigenartiger Zustand bei der Ankunft zurückzuführen gewesen war. Nur ein Schwächeanfall? Es war merkwürdig. Der Gefahr eines längeren Vortrags ins Auge sehend und bei anhaltendem Appetit, wagte er eine Frage. »Wann und wo traten denn die Kelten überhaupt auf?«

Herr Ebert kaute und schluckte. »Also, sozusagen erstmals, jedenfalls als eigenständige Kultur – da müssen wir unseren Blick auf ihren Kernraum werfen. So etwa 1800 bis 1600 vor Christus entstehen die ersten keltischen Siedlungen in Südwestdeutschland. Ein reiselustiges Völkchen, das sich – wir sind gerade 900 vor Christus – auf Goidelisch unterhält. Eine Sprache, aus der das Gälisch hervorgeht. Und ein Volk, das sich ausbreitet. Nach Frankreich, nach Spanien, nach England. Sogar Marseille gründen sie. Und so um 800 vor Christus treffen wir auf Kelten am Oberrhein und an der Oberdonau. Da beginnt die Hallstattzeit. Hat aber nun nichts mit Schwäbisch Hall zu tun, sondern mit einem Ort in Oberösterreich.« Der Professor gestattete sich ein winziges Schmunzeln, holte genüsslich den letzten Tropfen des Obstlers aus dem Glas und leckte sich über die Lippen. Er bemerkte Bettina Mayr, die seit zwei Minuten an der Tür stand, eigentlich, um abzudecken, dann aber gebannt lauschte. »Und so ab 450 vor Christus beginnt die Latènezeit, eine Epoche der vorrömischen Eisenzeit.« Bettina schmunzelte.

Herr Ebert blickte hoch. »Bei Teutates und Belenus, Sie sind aber gut informiert, Frau Mayr.« Man kannte sich, allerdings nur von kurzen Begrüßungen zwischen Tür und Angel. »Woher wissen Sie denn das?«

»Mit Schulkindern lernt man das, abhängig vom Lehrkörper allerdings. Manches bleibt dann hängen. Außerdem war ich mit meinen beiden im Frühjahr auf der Stöckenburg und habe das aufgefrischt.«

»So setzen Sie sich doch zu uns, das können wir nachher zusammen raustragen.« Milka nickte lächelnd in Bettinas Richtung, stand auf und rückte einen Stuhl für Bettina zurecht. Und trug dann doch die nahezu leergeräumte Platte weg. Noch an der Tür hörte sie, dass Lothar bereits wieder in die Historie eintauchte.

Milka kam mit Gläsern und einer Flasche Weißburgunder aus dem Badischen zurück. Sie dachte an Paul. Der Professor befand sich bereits im ersten Jahrhundert vor Christus, als die Römer in Gallien auf die Kelten trafen, und der lange Gallische Krieg seinen Anfang nahm. »Cäsar selbst hat in seinem Werk De bello Gallico umfänglich darüber berichtet. Übrigens unsere wichtigste Informationsquelle zur späten Latènezeit.« Herr Ebert hob sein Glas.

»Kennen Sie denn die Heuneburg, Herr Professor?« Bettina streute die Frage ein.

Herr Ebert setzte abrupt sein Glas ab. Einige Tropfen schwappten über. Milka hatte ihn nie zuvor stottern hören. »Das ist – ich rief, das ist doch der …«, seine Stimme stockte. Bettina biss sich entsetzt auf die Unterlippe, unsicher, ob ihre Bemerkung auslösendes Moment für seine plötzlichen Emotionen sein konnte. Milka stand auf, legte sanft ihre Hand auf seine Schulter. »Lothar, ganz ruhig, ganz ruhig. Heuneburg bei Herbertingen – ist das der Grund, warum Sie …« Milka sprach es nicht aus, ließ ihm Zeit.

Er schien sich langsam zu fassen. »Die Heuneburg – ja. Ich bin dort seit mehreren Monaten tätig. Zumindest sporadisch. Und heute …« Er griff mit beiden Händen nach dem Glas, nahm einen kleinen Schluck, stellte es vorsichtig zurück. »Die Polizei hat mich heute Morgen verhaftet und verhört.« Lothar Ebert atmete tief ein. »Es war schrecklich. Einfach schrecklich.«

Paul schüttelte innerlich den Kopf. Nur eine emotionale Überreaktion konnte den Professor zu dieser Aussage führen. Ansonsten würde er ganz bestimmt hier nicht sitzen. Er fing Milkas Blick auf, hilfesuchend und zugleich auffordernd. Warum Lothars kurze Mitteilung ein erkennbar skeptisches Stirnrunzeln bei Paul auslöste, verstand sie nicht.

Der Kriminalhauptkommissar packte es vorsichtig an, wollte den Professor erst beruhigen, ihn in ruhiges, unkritisches Fahrwasser bringen. »Die Heuneburg ist, glaube ich, von beinahe weltgeschichtlicher Bedeutung. Wie kommt sie denn zu dieser Auszeichnung?«

Der Professor schluckte den Köder wie ein ausgehungerter Fisch. »Eigentlich reicht schon, dass es die erste Stadt nördlich der Alpen ist. Die handelsstrategische Lage oberhalb der Donau, die für den Lastentransport mit Booten geeignet war, war entscheidend. Schon in der Bronzezeit wurde die Höhensiedlung wehrhaft ausgebaut.« Herrn Eberts Gesichtszüge entspannten sich. Über sein gebräuntes Gesicht legte sich ein Hauch rötlicher Tönung, vom Weißburgunder oder der archäologischen Begeisterung oder von beidem, war nicht erkennbar. »Die Blütezeit allerdings erlebte die Heuneburg zwischen 620 und 460 vor Christus als großes Siedlungszentrum der Kelten. Mit Fürstensitz.«

»Sie sagten Stadt, Herr Professor. Wie viele Menschen wohnten denn da?«, fragte Bettina, jetzt wieder beruhigt.

»Nach aktuellen, fundierten Schätzungen etwa 5.000. Und bereits der griechische Schriftsteller Herodot erwähnte …«

Paul Eichert erkannte die latente Gefahr eines längeren geschichtlichen Ausflugs und versuchte, Herrn Ebert vorsichtig in eine andere Richtung zu lenken. »Sie sind dort tätig, sagten Sie. Ist da denn nicht alles längst erforscht?«

»Aber nicht im Geringsten.« Ebert lächelte wissend. »Obwohl inzwischen tatsächlich in der fünften Generation von Archäologen gegraben wird. Gerade eben sind wir wieder auf sensationelle Funde gestoßen.«

»Und Ihre Aufgabe? Oder ist das nur ein Hobby?« Paul empfing Milkas missbilligenden Blick ob seiner beinahe despektierlichen Unterstellung. Hobby – pah.

»Nun«, hob Herr Ebert an, »ich bin nicht an den Grabungen beteiligt. Mir geht es allein um wissenschaftliche Erkenntnisse. Und da ist das Team von Doktor Weigel von der Eberhard Karls Universität Tübingen für mich wichtig.«

»Nur dieses Team, und Sie sozusagen begleitend?«

Der Professor schüttelte den Kopf. »Wir haben momentan drei rechteckige Flächen abgesteckt. Das Sediment ist soweit abgetragen, und in Quadranten eingeteilt. Das zweite Team kommt von Arch.Search und ist auf ein Jahr Subunternehmer zum Uniteam. Dahinter steht wohl ein finanziell gut ausgestatteter Sponsor. Ich selbst – nun …« Der Professor deutete mit einer leichten Handbewegung und dem Anheben seiner Schultern an, dass er bestenfalls eine unwichtige Nebenrolle spiele. »Mich interessiert primär die Schnittstelle der Hallstattzeit zur Latènezeit und, in Bezug auf die Heuneburg, die Positionierung der Funde auf dem Plateau. Und im Umfeld. Daher gehe ich diesem Thema …«

Der Kriminalhauptkommissar musste erkennen, dass sein Lenkungsversuch missglückt war. Er kam direkt auf den Punkt. »Und bei diesen, hm, Ausgrabungen, kam es zu einem Kontakt mit der dortigen Polizei?«

Lothar Ebert griff nach seinem beinahe leeren Glas, hielt es in der Hand. Bereit sozusagen. Zeigte sich jetzt aber gefasst. »Ein wertvolles Fundstück war, völlig unerklärlich, plötzlich verschwunden. Drei Ringe, ein fein gearbeiteter Goldschmuck aus einem Mädchengrab. Weg. Einfach weg. Doktor Weigel rief die Polizei. Die kam gestern. Und heute … und heute nahmen die mich mit aufs Revier. Und verhörten mich!« Herrn Eberts ganze Person war eine einzige personifizierte Entrüstung.

»Hat man Ihnen einen Haftbefehl gezeigt und Sie dann belehrt?« Paul Eichert versuchte, so ernst wie möglich zu bleiben, unterdrückte seine aufkeimende Belustigung.

»Mich belehrt? Mich? Worüber denn?« Sein wissenschaftliches Selbstverständnis schien unberührt.

»Na, über Ihre Rechte! Dass Sie nicht aussagen müssen, und dass Sie das Recht auf juristischen …«

Herr Ebert unterbrach. »Aber nein. Die befragten mich doch nur. Irgendwer, das entnahm ich einigen Fragen, muss mich wohl beschuldigt haben. Aber ich bin doch kein Raubgräber wie Indiana Jones oder Lara Croft. Denen ging es ja allein ums Geld. Um den Wert der Sache. Und dann behauptet dieser Doktor Henry Walton Jones im dritten Teil tatsächlich ›We are not searching for things, we are searching for facts.‹ Lügenbold. Hält sich nicht an das, was er sagt. Dabei wird angehenden Archäologen bereits im Studium das Prinzip der guten wissenschaftlichen Praxis eingeimpft. Da kann ich mein Wissen doch nie in die Dienste unseriöser Sammler stellen.« Herr Ebert blickte bestätigungsheischend reihum – sah in drei lächelnde Gesichter und musste schließlich selbst lachen. Er leerte sein Glas.

»Hat sich das dann geklärt – zumindest, was Sie anbelangt, Lothar?« Milka war sich nicht wirklich sicher, ob das bereits das glückliche Ende der Geschichte war.

»Nein, keineswegs. Sie haben angekündigt, mich erneut sprechen zu wollen. Ich müsse erreichbar bleiben. Ich bin dennoch hierher gefahren.« Es klang trotzig.

Paul Eichert unterstellte, dass einem Master der Kunstgeschichte vergleichbare Ethik-Grundsätze der guten wissenschaftlichen Praxis abverlangt wurden. Er wagte sich mit einer Frage vor. »Ihre Nachforschungen zur Hallstatt- und dieser hm, Latènezeit, – werden Sie da irgendwie finanziell unterstützt?« Milka gab Paul einen warnenden Tritt unterm Tisch.

Der Professor räusperte sich. »Nun ja, nicht direkt. Aber gewissermaßen doch. Also, ich kenne einen Fabrikanten aus Langenburg. Der ist Antiquitätensammler. Mit Schwerpunkt Römer, und ja, Kelten. Und wenn es Fragen gibt, berate ich ihn. Beispielsweise, wenn es um die Herstellung von Replikaten geht oder wenn ihm Stücke angeboten werden.« Er holte tief Luft, sein Ausdruck änderte sich urplötzlich. »Sie glauben doch wohl nicht wirklich, dass ich …«

Der Kommissar ging dazwischen, entschieden und überzeugend. »Herr Professor, wir glauben gar nichts! Ihre Integrität steht doch völlig außer Frage. Nur so interessehalber: Hat Ihr Fabrikant auch einen Namen?«

Herr Ebert hatte sich wieder gefasst. »Sicher. Es ist Claus Peter Thaler in Langenburg. Hat übrigens eine sehr nette Frau. Ach ja, Milka, er hat auch ein Faible für Oldtimer. Drei Stück besitzt er. Warum fragen Sie?«

Milkas und Pauls Blicke trafen sich. Paul hob seinen Kopf mit einer kaum wahrnehmbaren auffordernden Bewegung.

»Sie kennen doch Paul. Er geht schon von Berufs wegen den Dingen immer auf den Grund. Ich kenne zwar Thaler nicht – noch nicht, könnte ich sagen – werde ihn aber am Wochenende treffen. Wir nehmen beide an der Langenburg Historic teil.«

Bettina verabschiedete sich mit einem kurzen Hinweis auf ihre Kinder. »Es hat Sie hoffentlich nicht gelangweilt, Frau Mayr«, sagte der Professor und stand auf, um ihr zum Abschied die Hand zu geben.

»Ich horche ihn ein wenig aus«, flüsterte Paul und erhielt ein bejahendes Augenzwinkern von Milka.

»Zunächst einmal, Herr Professor, können Sie selbstredend auf uns zählen. Wenn es Probleme mit der örtlichen Polizei gibt, sagen Sie mir Bescheid.«

Herrn Eberts Blick hing noch an der Tür, die Bettina schloss. Er nahm seinen Platz wieder ein. »Ich hatte gehofft, dass Sie mich unterstützen, und weiß das sehr zu schätzen. Ich bin momentan …«

Paul nickte nur verständnisvoll. »Ein Thema beschäftigt mich in diesem Zusammenhang. Soweit mir bekannt, bleiben Fundstücke aus legalen Grabungen grundsätzlich in hoheitlichem Besitz, werden entweder in Museen oder Fundarchiven verwahrt.«

Professor Ebert rückte seinen Stuhl zurecht, warf einen kurzen prüfenden Blick auf die Weinflasche. Milka entging der Blick nicht. »Das ist absolut richtig. Handelt es sich, wie bei der Heuneburg, um ein Projekt des Landesamts für Denkmalpflege, dann ist das so. Wird Ihnen so etwas angeboten, ist es gefälscht oder es wurde geraubt. Allerdings kommen immer wieder auch echte Fundstücke aus illegalen Ausgrabungen in den Handel. Auf der ganzen Welt übrigens.«

»Wobei beraten Sie diesen Herrn Thaler dann? Wenn doch keine echten Fundstücke zu erwerben sind?«

Herr Ebert strich sich übers Kinn, das am heutigen Morgen wohl keine Rasur erfahren hatte. »So pauschal kann man das nicht sagen. Es werden immer mal auch echte Stücke aus legalen Sammlungen angeboten. Nur – da muss ich aufpassen wie ein Luchs. Kommt mir jemand mit Geschichten vom Urgroßvater und dem Dachboden, beginnen bei mir alle Alarmglocken zu läuten.«

»Und die Stücke prüfen Sie dann und raten Herrn Thaler dann zum Kauf oder auch nicht?«

»Ich lasse mir vom Anbieter alle Nachweise zeigen. Herkunft, Exportbestätigung, Ausfuhrgenehmigung. Aber: Es gibt selbstverständlich auch Funde privat in Auftrag gegebener Nachforschungen, die beim Amt für Bodendenkmalpflege angemeldet wurden. Da wird dann die Schürftiefe festgelegt, man muss das Betretungsrecht einholen und …«

»Und was dann gefunden wird, darf man behalten?«

Der Professor griff nach seinem Glas, das Milka zwischenzeitlich mit höchstens einem Achtele gefüllt hatte. »Darüber befindet dann das Amt. Funde von besonderer wissenschaftlicher Bedeutung gehen in das Eigentum des Landes über.«

Es entstand eine kurze verbale Erschöpfungspause, bevor Herr Ebert sein leeres Glas absetzte und mit hörbarem Bedauern seine Heimfahrt zum Kirchberger Wohnort ankündigte. Milka protestierte, noch bevor Paul mit kurzem Überschlag des Promillepegels sein berufsbedingtes Veto einlegen konnte. »Sie bleiben hier, Lothar. So fahren Sie nicht zurück. Wir haben ein Gästezimmer. Ich bringe Sie jetzt nach oben.« Der Professor zierte sich zwar kurz, leistete dann aber keinen Widerstand.

»Du siehst auch nicht gerade munter aus«, meinte Milka, als sie zurückkam und Paul am Tisch sitzen sah, den Kopf auf die Hände gestützt.

»Wie? Ach so, ja. Der Tag war lang. Und mir gehen immer wieder die Gespräche mit Thaler und dieser Frau Koch durch den Kopf. Merkwürdig genug, dass Thaler auf Wagners Tod so sachlich und unterkühlt reagierte. So, als erhalte er die Mitteilung, der Springbrunnen in seinem Vorgarten funktioniere nicht. Und wenn ich es bei ihm schon irgendwie verstehen kann, so ist mir die Verschlossenheit der Haushälterin ein Rätsel. Auf jeden Fall bringe ich die Art und Weise, wie Wagner umgekommen ist, nicht mit seinem Umfeld in Einklang. Und Karle versteht das auch nicht.«

»Und was ist mit Lothar? Er ist doch nicht wirklich verhaftet worden, oder?«

Paul stand auf, es sah nicht gerade dynamisch aus. »Unsinn. Die Kripo von Sigmaringen, ich nehme an sie war es, hat ihn befragt und wollten das nicht im Umfeld der Ausgrabung machen. Jedenfalls musst du dir über diese polizeiliche Maßnahme dein hübsches Köpfchen nicht zerbrechen.«

»Soll das heißen, es ist nicht genug drin? Grips, meine ich? Oder ich soll mich aus allem raushalten? Ein Hinweis mit dem Gummiknüppel.«

»Wir knüppeln nicht.«

»Ich hatte meine Fragezeichen woanders gesetzt.«

Paul brummte nur etwas Unverständliches.

»Ich halte hier keinen kabarettistischen Monolog. Besser, du fährst jetzt nach Hause, Paul.«

Paul folgte, während Milka, bereits auf dem Weg zur Haustür, leise murmelte: »Mein Kopf gehört mir.«

Kapitel 4 – Dienstag

Milka hatte das Frühstück hinter sich. Und den Bürokram. Von Professor Ebert war nichts zu hören, nichts zu sehen. Sie gab ihm noch eine halbe Stunde, holte sich in der Küche einen zweiten Kaffee und setzte sich ins Esszimmer. Neben der Zeitung lag ein Prospekt der Dorfkäserei Geifertshofen. Deren vorzüglichen Bio-Heumilchkäse hatten sie bereits vor Wochen in das Sortiment ihres Hofladens aufgenommen.

Ihre Schwägerin Bettina kam herein, beinahe unmittelbar gefolgt von Beate Balzer. Jetzt, dachte Milka, warum nicht jetzt. Sie holte zwei Kaffees. »Hast du mit Christoph wegen des Pferdes gesprochen, Bettina?«

Beate wunderte sich. »Pferd? Da bin ich dabei.«

»Du?« Milka staunte. Bettina auch. Das »Du« kam unisono.

»Ja, ich. Hab immerhin das Reitabzeichen 6.«

Wunderbar, dachte Milka. Das ist jetzt eine prima Basis. Zuerst antwortete aber ihre Schwägerin. »Ja, aber nur kurz. Christoph schien nicht begeistert. Vielleicht hab ich auch den falschen Zeitpunkt erwischt.«

»Ich rede mal mit Tim Holl. Er reitet, glaube ich, auch. Dann entwerfen wir einen gemeinsamen Plan, wo und wann. Okay?« Die Zustimmung war einhellig. »Wir haben uns übrigens entschieden, Bettina, einen Bio-Lieferservice aufzubauen. Wir übernehmen die Kundenkontakte, werben, sprechen Großkunden an, nehmen die Aufträge an. Kurz gesagt, wir organisieren die ganze Abwicklung. Nur die Auslieferung überlassen wir einem professionellen Zusteller.«

»Christoph hat mir kurz berichtet. Und wer ist zuständig für die Organisation hier?«

Milka blickte Bettina an, lächelte, wartete den Augenblick des Verstehens ab. »Wir haben dabei …«

»An mich gedacht, ja?« Jetzt lächelte auch Bettina. »Ich hab mir das bereits überlegt. Einverstanden – wenn wir zwischen mir und Beate eine Arbeitsteilung finden, mit der wir beide leben können.«

Sie standen mit ihrer Diskussion kurz vor einem Abschluss, als ein sichtlich verschlafener Professor Ebert ins Zimmer trat. Immerhin war er so wach, dass er allen einen Guten Morgen wünschte. Milka verschwand in der Küche, bereitete ein Frühstück und hörte nur durch die offene Tür, dass die Kelten ausgegraben wurden. Sie hatte sich geirrt, stellte sie fest, als sie Teller und Kaffee auf den Tisch stellte. Der Professor war weiter bei den ersten Menschen in Süddeutschland – also 800.000 Jahre zurück. »Das war selbstverständlich keine richtige Besiedlung, sondern wenige 100, die in Familien umherzogen, sich von Jagd und Fischfang ernährten. Und Früchte und Haselnüsse suchten. Und anders, als man bisher glaubte, drangen in dieser Zeit einige unserer Vorfahren sogar bis nach Nordeuropa vor. Die Archäologen fanden altsteinzeitliche Werkzeuge in England. Die Immigranten trotzten also der Kälte und nahmen ohne Murren auch die britische Küche in Kauf.« Herr Ebert wartete das Schmunzeln seiner Zuhörerinnen ab. Beate wies auf das langsam erkaltende Spiegelei hin, was den Redefluss des Professors jedoch nicht wirklich ausbremste. Erst als sich Bettina, dann auch Beate, mitten in der Hallstattzeit und der Detailbeschreibung eines Grabfundes verabschiedeten, setzte Herr Ebert seine Prioritäten neu. Appetit hatte er jedenfalls. Dennoch erfuhr Milka von den Grabbeigaben: Halsketten mit Anhängern, Ringe, Amulette, Bernsteinschmuck. Und von den Schuhanhängern, mit denen die Kelten einen besonderen Fruchtbarkeitszauber verbanden. Paul verfügte immerhin über ein Triskele und behauptete steif und fest, es würde ihm bei diffizilen Entscheidungen helfen.

Eine knappe Stunde später verabschiedete sich Herr Ebert mit Bedauern in der Stimme. Die Aussicht, womöglich erneut von der Polizei in Herbertingen befragt zu werden, behagte ihm gar nicht. Und Milka möge bitte nicht vergessen, Sebastian einen schönen Gruß auszurichten.

Milka räumte auf, trank den Rest ihres Kaffees. Ihre Testfahrt mit dem Käfer, überlegte sie, war jetzt, mit wenigen Tagen Abstand betrachtet, nicht wirklich ihrer Vorstellung entsprechend ausgefallen. Bereits auf der Hinfahrt nach Langenburg hatte Paul sie in ein Gespräch über seine erneute Wohnungssuche verwickelt, die sich selbst in Schwäbisch Hall nicht mehr einfach gestaltete. Eine Diskussion, der sie sich nicht hatte entziehen können. Und seine wiederholte Erwähnung eines bestimmten Stadtteils hatte die Vermutung in ihr aufkeimen lassen, dass er bereits ein bestimmtes Objekt auf seinem Schirm hatte. Zugegeben, die Bergprüfung hatte er ernstgenommen, hatte sich auf die kurze Strecke konzentriert. Aber die Rückfahrt von Wagners Angelplatz – die musste sie komplett abschreiben. Eine Fahrt wie vom Einkauf im Supermarkt. Man will eben nach Hause, sonst nichts.

Die Idee kam ihr spontan. Eine Fahrt allein, voll konzentriert. Fokussiert auf die Strecke, auf ihr Fahrzeug. Ein Gefühl entwickeln für Schaltzeitpunkte, das Motorengeräusch aufnehmen. Das Fahrverhalten in engen Kurven testen. Das Ansprechen der Bremse prüfen. Am besten die Strecke über Vellberg, Obersteinach und Nesselbach. Da war alles dabei, was zu einer Testfahrt gehörte.

Milka packte vorsichtshalber eine kleine Werkzeugtasche in den Kofferraum, den die Ingenieure wenige Jahre vor Erscheinen ihres 1200er Modells auf sagenhafte 140 Liter vergrößert hatten. Zwei Flaschen Wasser fanden Platz im Innenraum.

Bereits die kurvige Strecke von Bühlerzell nach Bühlertann bot alles, was ihr Oldtimerherz begehrte: Kurven, leichte Steigungen und ein wundervolles Tal entlang der Bühler. Nur ein Cabrio wäre schöner gewesen. Kurz vor dem malerischen Städtchen Vellberg kam ihr spontan die Idee, bei Michael Deiniger vorbeizuschauen. Vor zwei Jahren hatte er umfirmiert in Deiniger Automotive, nicht nur auf dem Papier. Sein Faible für Oldtimer behielt er bei. Er musste mehr über Thaler wissen, als er am vorgestrigen Abend in der Runde preisgegeben hatte.

Milka setzte sich in den Vorraum der Werkstatt und nahm eine Uraltausgabe der Datenschleuder des CCC Chaos Computer Clubs in die Hand, die neben ihrem Sessel lag. Sie kam über die erste Seite nicht hinaus, weil Michael hereinkam. Hager, ein schmales Gesicht mit einer leichten Hakennase, die dunklen Haare mit zunehmendem Grauanteil und bereits etwas schütter geworden. Er strahlte Milka an und gab ihr links und rechts einen sachten Wangenkuss. »Du duftest gut. Tust du eigentlich immer.«

»Du solltest besser nicht an mir schnuppern, wenn ich aus dem Stall komme«, gab Milka lachend zurück.

»Gesunde Landluft kann nicht schaden«, grinste Michael. »Komm, wir gehen in mein Büro.«

Er schenkte ein Glas Wasser ein, setzte sich in den Sessel neben Milka. »Dein Käfer macht Kummer?«

»Nein. Mich bewegt dieser Wagner. Hast du ein paar Minuten Zeit?« Michael Deiniger nickte, ernst jetzt. »Du kennst ihn schon lang? Warst mit ihm befreundet?«

»Seit, warte mal, ja, etwa drei Jahren. Er hatte damals ein kniffliges Problem mit einem der drei Oldtimer seines Chefs. Neben dem Austin-Healey 3000 Mk III, den er am Wochenende fahren will, hat Thaler einen 71er Ferrari 365 GTB/4 Daytona und, vielleicht für seine Frau, einen 64er 230 SL Pagode. Der Healey sieht schon sagenhaft gut aus. Und erst der Ferrari!«

»Deine Bewunderung habe ich herausgehört. Und Wagner selbst? Jetzt mal ohne Oldtimer?«

»Hm, kein einfacher Mensch. Kein Problem, wenn es um technische Fragen oder Raffinessen ging. Da konnte er sich mit mir in Details verlieren. Und er war auch mit Emotion dabei. Kaum hast du das Thema verlassen, wurde er so verschlossen wie der Safe der Sparkasse. Nicht, dass er unangenehm wurde. Du sahst direkt, wie der Rollladen fiel. Er wich aus, konnte eine Frage auch total ignorieren und über den Neuzugang im Automobilmuseum oder sonst was sprechen.«

Milka insistierte. »Und nie über etwas Persönliches, gar nie?«

Michael grübelte. »Doch. Als wir an einem lauen Sommerabend in einem Weinlokal an der Jagst saßen. Er hatte wohl etwas zu viel getrunken. Nach dem zweiten Viertele erzählte er, zumindest andeutungsweise, von seinem Unfall im Betrieb. Es war irgendwie merkwürdig.«

»Unklar, seltsam? Oder was?«

Deiniger schien nach den richtigen Worten zu suchen. »Es muss mit seinem Chef zusammenhängen. An irgendeiner Maschine haben sie sich gestritten, anscheinend heftig. Ich hab ihn so verstanden, dass er von Thaler einen Stoß bekam und dadurch mit seiner linken Hand in die Maschine geriet. Bevor du fragst – er sagte, das war ohne Absicht geschehen. Jedenfalls hat die Unfallversicherung gezahlt. Nach zwei Operationen war es wieder okay, äußerlich. Wie es allerdings um seine Psyche bestellt war … In die Produktion konnte er nicht zurück.«

Milka speicherte die Information. Mehr war da aber nicht. »Und Wagner war Technikfreak?«

Deiniger lachte und schüttelte den Kopf. »Schon beinahe wunderlich. Er hat sich einen Mikrochip unter die Haut implantieren lassen. Ausgerechnet in seine linke Hand, zwischen Daumen und Zeigefinger. Das erzählte er mir vor, na ja, vielleicht vor vier Wochen etwa. Er rief mich an wegen des Austin Healey seines Chefs.«

»So einen NFC-Chip wie bei unseren Viechern oder bei Brieftauben?«

»Genau, dieser Funkstandard zur drahtlosen Datenübertragung. Die Dinger sind nicht größer als ein Reiskorn. Kannst damit die Haustür öffnen.«

Milkas Gedanken wanderten blitzschnell ab. Wagner. Abgehackte Hände. Transplantat. Woher sollte jemand davon wissen? Michael wusste es. Wer sonst? Konnte sie Michael wegen der Hände … Nein, ganz bestimmt nicht. Paul würde sie auf der Stelle wegschließen. »Wo bist du gerade in Gedanken?«, hörte sie mit einem Ohr. »Entschuldige. Mir schoss gerade etwas durch den Kopf. Hatte er selbst denn auch Oldtimer?«

»Ja, einen. Ein 79er Golf Karmann Cabriolet, grüne Originallackierung. Fängst du mit diesen Informationen was an? Bist du wieder mal auf der Jagd nach Missetätern und nimmst Fährte auf?« Deiniger zeigte ein wissendes Lächeln.

»Du kennst mich zu gut. Hab mich nur gewundert, dass Wagners Pkw nicht am Fundort war.« Milka stand auf, verabschiedete sich nach einem kurzen Austausch über die bevorstehende Rallye und die jeweiligen Startplätze bei der Bergprüfung.

Lothar Ebert hatte mit seinem historischen Ausflug ihre Neugier geweckt – und ebenso Bettinas überraschende Kenntnis der Kelten. Zwar hatte sie selbst Paul auf die Stöckenburg hingewiesen, war aber an der Sehenswürdigkeit regelmäßig vorbeigefahren. Sie zwängte ihren Käfer in eine Spitzkehre über die Bühler hoch zur Burg. Spuren der Kelten allerdings suchte sie vergeblich. Sie nahm sich Zeit für eine Besichtigung der im siebten Jahrhundert gegründeten Martinskirche, in ihrer derzeitigen Form im Jahr 1435 gebaut. Das Kirchenschiff mit dem Blick auf den Altar faszinierte sie. Mehr noch der Altar selbst. Bilder, Skulpturen und Szenen aus dem Leben des Heiligen Martin entführten Milkas Gedanken in eine andere Welt. Es fiel ihr schwer, sich zu lösen.

Kurz vor Langenburg, in Bächlingen, hielt Milka an. Obwohl sie sich auf ihren Käfer konzentrierte und jetzt die Bergfahrt wiederholen wollte, ließ eine Mitteilung Michael Deinigers sie nicht los: Wagners Implantat in der Hand. Sie verwünschte sich selbst, den Gedanken daran nicht ausschalten zu können. Alle Versuche, sich voll und ganz auf Strecke und Käfer zu konzentrieren, waren kläglich gescheitert. Ihre Überlegungen verdrängten alle Gedanken an die bevorstehende Rallye. Und was Paul von dieser Haushälterin der Thalers berichtete, das war auch ausgesprochen dürr. Machte nicht satt. Wenn sie selbst, wo sie schon da war …? Nur um ihren Kopf von diesen Gespinsten zu befreien? Sie suchte nach der Adresse und merkte sich die Anfahrt. Sie lächelte in sich hinein. Ein kurzer Moment des Eingestehens. Es ging ihr nicht darum, die klebrigen Gedanken abzuschütteln. Sie wollte herausfinden, wieso und warum Wagner auf diese Weise umkam. Und wer dahinter steckte. Und ja, irgendwie spielte da auch ein paradoxer Wettbewerb mit Paul mit hinein.

Die Lage der Thaler’schen Villa im östlichen Bereich der Stadt war beeindruckend. Noch beeindruckender war das Gebäude selbst. Eigentlich wurde die Bezeichnung Villa dem Gebäude nicht gerecht. Es war eher eine Residenz. Milka lenkte ihren Käfer durch das offen stehende Tor der Einfahrt. Vor ihr lag ein kleiner Park. Der gekieste Weg, eingefasst von niedrigen Büschen und Blumenrabatten, führte zu einem lang gestreckten zweigeschossigen Gebäude. Die Fassade gliederte sich durch geschosshohe Fenster und erkerähnliche Vorsprünge über beide Stockwerke. Ein säulengestützter Vorbau betonte den Eingang, zu dem fünf Stufen hoch führten. Milka schmunzelte. Die Konstruktion gab dem Hausherrn die Möglichkeit, seine vorfahrenden Gäste mit einem Blick von oben herab zu begrüßen. Sie parkte ihren Käfer hinter einer versetzten Doppelgarage an der rechten Seite des Gebäudes. Am Durchgang zwischen Garage und Villa wies ein eindrucksvoller Standbriefkasten auf Koch und Wagner hin. Milka drückte auf den Knopf »Koch«.

Stefanie Koch kam nach einer knappen Minute auf sie zu. Pauls Eindruck war sicher richtig gewesen: Um die 55 Jahre, vielleicht ein Meter 65 groß, flache Schuhe, graue Sommerhose, weißes Polohemd. Auch heute trug sie die dunklen Haare nach hinten gebunden, zusammengehalten von einem bunten Gummiband. Mit der kaum wahrnehmbaren Andeutung eines Lächelns blickte sie Milka an. »Ja?«

Milka hatte sich blitzschnell eine Einführung zurechtgelegt. Eine glatte Lüge widerstrebte ihr zutiefst, die konnte ihr irgendwann auf die Füße fallen. Andererseits – irgendein Grund, ein Bezug musste her. »Ich heiße Milka Mayr. Ich werde mit meinem Käfer«, Milka deutete Richtung Garage, »an der Langenburg Historic teilnehmen.«

Frau Koch hielt ihr Lächeln. »Ja?«

»Ich weiß von einem Freund, dass sich Herr Wagner immer um die Oldtimer …«

»Herr Wagner ist tot.« Das Lächeln war wie weggewischt.

»Ich weiß. Ich habe ihn gefunden, Frau Koch. Bei einer Kanufahrt auf der Jagst. Daher dachte ich, Sie könnten mir etwas über ihn …« Milkas Stimme hatte keinen Beileidston, war aber leise, weich. Es fiel ihr schwer, Frau Kochs Reaktion einzuschätzen. Ihre Augen zeigten für einen Moment Neugierde, ihr Gesichtsausdruck dagegen Abwehr. Gegen was auch immer. »Kommen Sie, wir gehen zu mir.« Ein eingeschossiger gestreckter Anbau hinter den Garagen beherbergte zwei kleine separate Wohnungen. Frau Koch verharrte an der offen stehenden Tür, deutete weiter nach hinten. »Dort ist Wagners Wohnung.«

Frau Koch führte Milka in einen großen Wohnraum. Die Stirnseite wurde von einer Kochzeile eingenommen, davor befand sich ein großer Esstisch. Frau Koch deutete auf das Sofa. »Ein Wasser?«

Milkas Blick wanderte. Auch hier raumhohe Fenster mit hellgrauen Klappläden. Der Bodenbelag mit hellbeigen Fliesen in Terrazzo-Optik, der Esstisch mit geschwungenen Beinen in dunklem Nussbaum mit passenden Stühlen. An den Wänden hingen zwei Ölbilder, die unverkennbar eine toskanische Landschaft zeigten. Bis auf die supermoderne Küche ein stimmiges Bild.

Milka nahm das Glas entgegen und setzte sich. »Danke. Ihr Raum hat eine italienische Anmutung.« Sie deutete auf das Gemälde zwischen zwei Fenstern. »Toskana?«

Stefanie Koch nickte nur. Ihrem Ausdruck entnahm Milka eine gewisse stolze Befriedigung. »Sie sagten, Sie hätten Wagner gefunden. Es waren zwei Männer von der Kriminalpolizei hier. Und einer, der aus Schwäbisch Hall, meinte …«

»Kommissar Eichert, ja. Er war mit mir im Kanu.« Milka lächelte. »Vielleicht sollte ich sagen, ich war mit ihm im Kanu. Herr Wagner – war er öfter mal mehrere Tage weg?«

Frau Koch setzte sich in den Sessel neben dem Sofa. »Kam schon vor. Und da sein Auto nicht da war …«

»Sie meinen seinen grünen Oldtimer?«

Frau Koch schüttelte den Kopf. »Aber nein, den hat er in der Firma stehen, neben den Autos seines Chefs.«

Sie gibt sich sehr entspannt, empfand Milka. Und keineswegs verschlossen. »Hatte er öfter Besuch, fiel Ihnen da etwas auf? Hatte er Verwandte?«

»Nein. Ich meine Besuch. Sehr selten. Ich weiß nur von seiner Mutter, die ist in einem Seniorenheim untergebracht. Na ja, nennt sich Residenz – in Künzelsau.«

»Sie selbst, Sie wohnen ja sozusagen Tür an Tür …«

»Aber nein. Er hatte seine Interessen und ich meine.«

Das war schnell gekommen, dachte Milka. Sehr schnell und ein wenig laut. Ein Detail nur. Mit sich selbst war sie unzufrieden. Sie fand weder einen Zugang zu der Haushälterin noch einen Ansatz. Merkwürdig, dass sie nicht nachfragte. Nach dem Wie, dem Wo genau, den Umständen von Wagners Tod. Diese Informationen hatte die Polizei ihr bestimmt nicht verraten. Das Telefon klingelte. Frau Koch erhob sich. Sehr schnell, dachte Milka, als wäre sie erleichtert, einer weiteren Frage auszuweichen. Das Telefon stand in einer Raumecke neben dem Fernseher. Frau Koch drehte Milka beim Telefonieren den Rücken zu. Sie sprach leise, nur ihre Schlussworte konnte Milka verstehen. Ein »Ciao«, und »a presto«. »Ich würde gern einen Blick in Herrn Wagners Wohnung werfen. Können Sie aufschließen?« Milka stellte die Frage obwohl sie vermutete, dass die Spurensicherung und Paul bereits alles durchsucht hatten.

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Litres'teki yayın tarihi:
25 mayıs 2021
Hacim:
324 s. 8 illüstrasyon
ISBN:
9783839267301
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