Kitabı oku: «Hackschnitzel»

Yazı tipi:

Bernd Leix

Hackschnitzel

Oskar Lindts dritter Fall


Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

3. Auflage 2013

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © sxc.hu

Druck: CPI books GmbH, Leck

Printed in Germany

ISBN 978-3-8392-3276-7

1

›Ungewöhnlich warm für die Jahreszeit‹ meldete der Wetterbericht im Radio. ›Straßencafés im Januar geöffnet‹, ›Wo bleibt nur der Winter?‹, schrieben die Tageszeitungen in ganz Süddeutschland.

Die Silvesternacht brachte noch klirrende minus acht Grad, doch nun strömte schon seit sieben Tagen angenehm warme Luft aus Nordafrika ein.

Die Schneedecke begann auch in den höheren Schwarzwaldlagen bedenklich zu schwinden und auf den Gesichtern der Wintersport-Organisatoren gruben sich die Sorgenfalten immer tiefer ein.

Im Rheintal jedoch, von Basel bis Mannheim, lockte der Sonnenschein mehr und mehr Menschen ins Freie.

Auch die drei jungen Mütter, die nebeneinander auf der Holzbank saßen und ihre spielenden Kinder beobachteten, zogen die Jacken aus und genossen im T-Shirt und mit Sonnenbrille die Wärmeperiode kurz nach Dreikönig.

Eine Elterninitiative hatte sich mächtig ins Zeug gelegt, um den vormals recht dürftig ausgestatteten Spielplatz attraktiver zu gestalten. Ein neues Klettergerüst mit Tarzanbahn, drei zusätzliche Wipptiere, ein riesiger Sandbereich und eine farbenfroh gestrichene Schaukelanlage waren mit vielen Stunden Arbeitseinsatz und der finanziellen Unterstützung des ortsansässigen Kiesgrubenbetreibers entstanden.

Der Oberbürgermeister von Rheinstetten, einer südlich von Karlsruhe gelegenen Zwanzigtausend-Einwohner-Stadt, hatte bei der Einweihung viele herzliche, lobende und dankende Worte für die aktiven Eltern gefunden und gleichzeitig in mitleiderregender Weise über die katastrophale Finanzsituation seiner Kommune lamentiert. Nicht einmal ein ordentlicher Spielplatz für die jüngsten Mitbürger könne finanziert werden. Umso dankbarer sei er der Elterninitiative für die geleistete Arbeit und hoffe, dass die Anlage ein vielbenutzter Treffpunkt für die Familien des ganzen Wohngebietes würde.

»Wenigstens hält der Bauhof den Platz hier in Schuss«, meinte zufrieden eine der drei jungen Frauen, die gerade beobachtete, wie ihre siebenjährige Tochter in hohem Bogen von der Kettenschaukel flog. »Gut, dass dort alles mit frischem Häcksel-material bestreut ist. So kann sich keines der Kinder wehtun.« Sie wartete darauf, dass sich ihre Sarah-Lisa wieder aufrappeln würde.

Stattdessen aber und zum Schrecken aller begann das Mädchen markerschütternd zu schreien und blieb stocksteif liegen. Es schien zu keiner Bewegung mehr fähig zu sein.

Das Schlimmste vermutend und schon mit einer Hand das Handy für den Notruf aus der Hosentasche ziehend, rannte die schockierte Mutter zur Schaukel, die beiden anderen folgten ihr auf dem Fuß.

Fest davon überzeugt, dass sich das Kind eine schwere Kopfverletzung zugezogen hätte, warf sie sich auf die Knie neben ihre Tochter, die bäuchlings vornüber im Holzhäcksel gelandet war. Ganz auf der Suche nach Blut oder anderen Verletzungsspuren bemerkte sie nur am Rande, dass die knöcheltiefe Unterlage aus Hackschnitzeln eigentlich so weich war, dass jeder Sturz gut abgefedert werden musste.

»Sarah-Lisa, wo tut’s dir weh? Was hast du denn?«, rief die aufgeregte Mutter, nachdem sie auf den ersten Blick nichts erkennen konnte. Das Kind schrie jedoch nur noch lauter starrte wie versteinert nach vorne.

Als die Frau dem Blick folgte und realisierte, was wenige Zentimeter vor dem Kopf des Mädchens aus dem Holzhäcksel ragte, stieß auch sie einen markerschütterten Entsetzensschrei aus und erbleichte.

Wesentlich ruhiger ging es dagegen im Karlsruher Polizeipräsidium zu.

»Im Herbst sterbst!« Mit diesem markigen Spruch brachte Oskar Lindt das Ergebnis der jährlichen Statistik auf einen Nenner.

»Diesen süddeutschen Ausdruck würde aber ein Kollege aus Hamburg nur schwer verstehen«, runzelte sein Mitarbeiter Paul Wellmann die Stirn.

»Für unseren Bericht und insbesondere für Nordlichter müssen wir das auch etwas anders formulieren. Wie wäre es denn so: ›Auffallende Häufung von Tötungsdelikten im letzten Quartal des Jahres!‹ Das begreift man wohl auch dort, wo’s nach Fisch riecht.«

»Also bitte, Oskar, du brauchst mich nicht schon wieder daran zu erinnern, wo meine Wurzeln liegen. Schließlich lebe ich jetzt bereits über vierzig Jahre hier im sonnigen Süden«, schmollte Wellmann, aber eine gelegentliche Stichelei verzieh er gerne.

Seit über zwei Jahrzehnten waren die beiden Hauptkommissare ein eingespieltes Team und bearbeiteten alles, was in und um Karlsruhe mit Mord und Totschlag zu tun hatte.

Kurz nachdem der damalige Polizeipräsident die Leitung der Abteilung für Tötungsdelikte an Oskar Lindt übertragen hatte, war auch Wellmann in diese Ermittlungsgruppe versetzt worden.

»Wenn wir mal viel Zeit haben«, sinnierte Lindt mit qualmender Pfeife im Mund, »also, wenn wir gar nicht wissen, was wir tun sollen, weil alle Fälle gelöst sind und es nur noch natürliche Todesursachen gibt, dann sollten wir doch mal zusammenzählen, wie viele gemeinsame Erfolge wir in diesen vielen Jahren vorweisen können.«

»Ach, mir reicht eigentlich auch die Arbeit für die jährliche Statistik. Was unsere Oberen da wieder alles wissen wollen …« Wellmann raufte sich die Haare. »Unglaublich, jedes Jahr wird es mehr. Da noch eine Sonderauswertung und dort noch eine Spezialerhebung, nach Altersgruppen, Bevölkerungsschichten, Nationalitäten, Zusammenarbeit mit anderen Kripo-Abteilungen und alles noch getrennt nach Stadt- und Landkreis. Ich weiß wirklich nicht, wofür das gut sein soll. Die Presse veröffentlicht doch nur die wichtigsten Entwicklungen und der Rest unserer Arbeit verschwindet auf Nimmerwiedersehen zwischen zwei grauen Aktendeckeln.«

»Aber Paul«, beruhigte ihn sein Kollege, »wir sind doch schon fast fertig damit und außerdem können wir dieses Mal die Besonderheit melden, dass die Tötungsfälle im letzten Viertel des vergangenen Jahres deutlich angestiegen sind. Das hatten wir noch nie. Ob es einen Grund gibt?«

»Reiner Zufall, aber hoffentlich geht das neue Jahr nicht so weiter, wie das alte aufgehört hat.«

Traditionell machten die zwei Kriminalisten von Weihnachten bis zum Dreikönigstag Urlaub und waren nur bei Kapitalverbrechen erreichbar. Die ungeliebte Arbeit, ihre letztjährigen Ermittlungen zusammenzustellen, nahmen sie immer am ersten Arbeitstag des neuen Jahres in Angriff.

Tradition war es auch, dass sie sich am späteren Nachmittag dieses Tages mit ihren engsten ›Verbündeten‹ zum gemeinsamen Kegeln trafen.

Staatsanwalt Conradi gehörte zu diesem Kreis, Ludwig Willms, der Leiter der Kriminaltechnik und seit einigen Jahren auch Jan Sternberg, der dritte Mann in der Ermittlungsgruppe. Überraschenderweise war es Lindt nach langjährigem penetrantem Bohren doch gelungen, bei der Personalverwaltung die dringend notwendige, weitere Stelle für seine Abteilung zu bekommen. Technik- und Computerfreak Sternberg war dem erfahrenen Kommissar schon während der Ausbildungszeit sehr positiv aufgefallen und ergänzte das Team durch seine Spezialkenntnisse jetzt optimal.

Das vergangene Jahr hatte zwar mehr Arbeit gebracht, insgesamt vier Morde und fünfzehn Mal Totschlag, wie die nüchternen Zahlen auf dem Monitor auswiesen, aber das Kommissariat konnte ganz stolz eine Aufklärungsquote von 100 Prozent vermelden. Meistens war schon von vornherein bekannt, wer die Taten begangen hatte, oder die Spuren zeigten ein so eindeutiges Bild, dass die Ermittler mit der Beweisführung nur wenig Mühe hatten.

»Wir können unsere Arbeit wirklich vorzeigen«, lehnte sich Lindt zufrieden zurück und paffte dicke Rauchwolken in den Raum, nachdem er den Bericht abgeschlossen und über das polizeiinterne Datennetz an seinen direkten Vorgesetzten und die Pressestelle gemailt hatte.

»Erstaunlich auch, wie ruhig die Feiertage verlaufen sind«, stimmte ihm Wellmann zu und erinnerte sich daran, dass sie schon öfter wegen weihnachtlichen Beziehungstragödien ihren Urlaub hatten unterbrechen müssen.

»Freu dich nicht zu früh, Paul … du kannst sicher sein, der nächste dicke Fall kommt bestimmt!«

Die Kegelrunden waren voll im Gang. Natürlich lag Ludwig Willms in Führung. Ehrensache für den durchtrainierten, hageren Sportler, die Kollegen stets deutlich zu übertrumpfen und wenn versehentlich seinem alten, aber etwas in die Breite gegangenen Freund Oskar mal ein guter Wurf gelang, quittierte er es nur mit: »Dusel, das war reiner Dusel!«

Die anderen kannten den Ehrgeiz des Marathonläufers und nahmen ihn deswegen gerne auf die Schippe. Besonders, wenn Willms’ Kugel, was aber sehr selten vorkam, die Bande berührte, gab es johlendes Gelächter und schadenfrohe Kommentare.

Manchmal ließ Lindt auch absichtlich beim Wurf seine Pfeife im Mund. Er wusste genau, dass Willms jedes Mal entsetzt das unsportliche Verhalten kommentieren würde und grinste nur erfreut darüber, dass es ihm wieder einmal gelungen war, einen verbohrten Sportler auf den Arm zu nehmen.

Stimmung und Geräuschpegel steigerten sich stetig und fast hätte Oskar Lindt deshalb das schrille und immer lauter werdende Klingeln, das von der Garderobe herkam, überhört.

»Ihr Handy, Chef«, meinte Jan Sternberg, der die Geräte seiner Kollegen problemlos am Ton unterscheiden konnte.

»Carla wartet wohl schon auf dich«, witzelte Willms noch, doch dann verstummte die Unterhaltung schlagartig.

Alle hatten die Gesprächsfetzen aus Lindts Telefonat mitbekommen.

»Wie bitte, ein Finger, was, wo? Wir kommen sofort!«

Der Hauptkommissar wandte sich wieder seinen Kegelbrüdern zu: »Man hat einen Finger gefunden.«

Er machte eine bedeutungsschwere Pause.

»Und den Rest auch.«

Wieder eine Zäsur.

»Gehackt!«

Einige Sekunden lang herrschte völlige Stille im Raum, bis Paul Wellmann zögernd nachfragte: »Du meinst, jemand hat sich einen Finger abgehackt … beim Holzspalten oder so?«

Doch insgeheim wusste er schon, dass er seinen Kollegen richtig verstanden hatte.

»Nein«, antwortete Lindt tonlos und man konnte ihm förmlich ansehen, dass er gerade ein scheußliches Bild vor seinem inneren Auge hatte, »alles gehackt. Nur den Finger kann man noch erkennen.«

»Da müssen wir wohl hin«, konstatierte Wellmann trocken und griff nach seiner Jacke. »Wo?«

»Rheinstetten-Mörsch, auf einem Spielplatz!«

Ein gespenstisches Szenario erwartete die drei Kripo-Beamten, als sie nach einer knappen Viertelstunde über die B 36 ihr Ziel erreicht hatten. Es war erst halb sechs Uhr, aber die frühe Dunkelheit des Januarabends machte eine komplette Ausleuchtung des Spielplatzes notwendig. Die örtliche Feuerwehr war mit zwei Rüstwagen im Einsatz und versorgte aus laut knatternden Stromaggregaten insgesamt sieben Flutlichtstrahler.

Zahlreiche Schaulustige drängten sich hinter dem rot-weißen Plastikband, mit dem die Beamten des zuständigen Polizeireviers Ettlingen den Platz abgesperrt hatten.

Beim Aussteigen schnappte Lindt einige Gesprächsfetzen aus der Menge auf: »… das muss man sich mal vorstellen …«, »… das arme Kind, so ein Schreck …«, »… und die Mutter erst … ist ja fast in Ohnmacht …«

Ein langer schmaler Oberkommissar der Schutzpolizei mit korrekt gestutztem Schnauzbart steuerte auf die Kriminalisten zu, um kurz und knapp das Wesentliche zu berichten.

Ein siebenjähriges Mädchen war von der Kettenschaukel gestürzt und bäuchlings weich im Häckselmaterial gelandet, das die Arbeiter des Städtischen Bauhofes am Vormittag ganz frisch unter den Spielgeräten ausgebracht hatten.

Als es die Augen aufmachte, musste das Kind wohl unmittelbar auf einen menschlichen Finger geblickt haben, der vor ihm aus den Holzhackschnitzeln emporragte. Reflexartig war es stocksteif liegengeblieben und hatte schrill zu schreien begonnen.

Der Uniformierte führte Lindt und Wellmann zur Schaukel, wo die Spurensicherung bereits am Werk war. »Nicht näherkommen, bitte«, rief einer der Beamten im weißen Overall. »Man sieht es auch vom Rasen aus. Da steckt der Finger und hier, da und dort der Rest. Alles, was rot ist.«

Lindt beugte sich vor, um genauer zu sehen und ganz allmählich erkannte auch er zwischen den Holzstückchen die rötlichen Fremdkörper.

»Und das da?« Der Kommissar zeigte auf eine Handvoll undefinierbarer Masse seitlich im Gras.

Der Kriminaltechniker grinste: »Eine der Mütter hat wohl was angefasst und schlagartig gekotzt.«

Panisch hatten dann alle Eltern ihre Kinder vom Spielplatz gezerrt.

Zwei Polizeibeamte des örtlichen Postens waren zuerst eingetroffen. Pflichtgemäß wurde abgeriegelt und die eintreffende Kriminalbereitschaft unterrichtet.

»Die Fotos sind fertig.« Schnell schob der Techniker den Finger in einen durchsichtigen Plastikbeutel und reichte ihn den wartenden Kommissaren.

Lindt hob ihn hoch und drehte ihn ins Licht. Ohne Zweifel ein menschlicher Finger, allerdings nicht vollständig, sondern nur das erste und die Hälfte des zweiten Gliedes – dann Hautfetzen und ein spitz herausstechender Knochensplitter.

»Auf jeden Fall nicht glatt abgetrennt«, waren sich die Kriminalisten einig.

Lindt beobachtete aus einiger Entfernung, wie nach und nach immer mehr weiche, rötlich-weiße Gewebefetzen aus dem gehäckselten Holz aufgesammelt wurden.

Paul Wellmann kam mit einem leitenden Mitarbeiter des Städtischen Bauamtes dazu, der eben eingetroffen war und über die Herkunft des Materials Auskunft geben sollte.

»Ganz frisch alles«, beeilte sich der Tiefbau-Ingenieur zu versichern. »Unsere Bauhofmitarbeiter haben das Hackgut erst heute Vormittag ausgestreut. Wissen Sie, wegen der Unfallgefahr! Dass die Kinder wenigstens weich fallen. Sie glauben ja gar nicht, Herr Kommissar, wie schnell wir von der Stadt eine Klage am Hals haben, wenn sich mal eines beim Spielen den Kopf anschlägt. Die Eltern rennen heutzutage gleich zum Anwalt. Ich könnte ihnen erzählen …«

»Kann ich mir gut vorstellen«, beeilte sich Lindt, den Redeschwall des offensichtlich sehr kommunikativen Menschen abzukürzen, denn ihn interessierte viel mehr, wo das fein gehäckselte Holz herkam.

»Das kann ich ihnen ganz genau sagen«, zeigte der Ingenieur mit der ausgestreckten Hand nach Osten in die Nacht. »Da draußen an dem Feldweg rüber zum Hardtwald. Alte Pappeln haben wir dort fällen lassen. Die waren schon ziemlich abgängig und wenn einem der vielen Radfahrer ein Ast auf den Kopf gefallen wäre – sie können sich ja gar nicht ausmalen, was da wieder für Schadenersatzforderungen auf unsere Stadt …«

Ziemlich genervt unterbrach ihn der Kommissar mit gerunzelter Stirn: »Ist ja schön, dass sie die Verkehrssicherungspflicht so ernst nehmen, aber diese alten Bäume, die wurden gehäckselt?«

»Nein, natürlich nicht die ganzen Stämme, nur die Kronen, die dicken Äste und die feinen Zweige. Irgendwie müssen wir das Zeug ja entsorgen. Fürchterlich teuer alles. Sie glauben nicht, was die Stunde bei so einem Großhacker kostet.«

Irgendwie konnte sich Lindt des Gedankens nicht erwehren, dass Jammern in der Führungsetage der Kommunen wohl zur Hauptaufgabe gehören musste, doch der Mann war nicht zu bremsen: »Geht alles an ein Heizkraftwerk, da bekommen wir wenigstens noch ein paar Euro dafür.«

Das wollte der Kommissar genau wissen: »Wieso wurde dann gerade dieses Material hier nicht zu Strom und Wärme?«

»Bisher ging alles ins Kraftwerk. Fünf große Abrollbehälter waren das vorgestern. Aber vor dem Feiertag sind wir nicht mehr ganz fertig geworden und so gab es heute früh noch mal einen Container voll. Den haben unsere Bauhofmitarbeiter gleich für Eigenbedarf abgezweigt. Da brauchen wir immer mal wieder solches Material. Als Mulchdecke gegen das Unkraut in den Grünanlagen oder um kleine Fußwege damit anzulegen … ja und auch als Fallschutz auf den Spielplätzen.«

Der Ingenieur verzichtete glücklicherweise darauf, abermals über hohe Kosten zu jammern, weshalb Lindt gleich nachlegte: »Dieser Container muss natürlich auch untersucht werden, wo steht der denn?«

»Der Container? Der wird wohl im Bauhof stehen … aber denken sie etwa, dass da noch mehr … bisher hörte ich nur von einem gefundenen Finger?«

»Leider müssen wir davon ausgehen, dass hier nicht nur Holz kleingehackt wurde.«

Sie traten dichter heran. Mittlerweile hatte die Spurensicherung schon einige weitere Klarsichtbeutel mit unförmigen, rötlich–schmierigen Gewebsfetzen gefüllt.

Der Tiefbauer war so schockiert von dem Anblick und auch von dem Gedanken an mögliche Zusammenhänge, dass er verstummte.

»Das würde ja heißen …«, begann er dann doch wieder.

»Ganz genau«, bestätigte Lindt, »und deshalb müssen wir auch noch diese Hackmaschine und den Ort, wo gearbeitet wurde, ganz genau unter die Lupe nehmen.«

Der Vorstellung, dass nicht nur Astwerk, sondern gleich ein ganzer Mensch im Einzugstrichter eines Großhäckslers verschwunden sein könnte, machte dem Mann sichtlich zu schaffen. Das Ganze auch noch im Zusammenhang mit städtischen Arbeiten in seinem Verantwortungsbereich, dieser Gedanke missfiel ihm sehr. Allerdings setzte der Kommissar gleich noch eines drauf: »Sagen Sie, fehlt eigentlich jemand in ihrer schönen Stadt?«

Jetzt hatte es dem sonst so selbstsicheren Bauingenieur endgültig die Sprache verschlagen. Er wandte sich ab und verließ kopfschüttelnd den taghell erleuchteten Spielplatz.

»Ich … ich kümmere mich darum …« drehte er sich nochmals um und schlüpfte schnell unter der Absperrung durch.

Hauptkommissar Lindt informierte seine beiden Mitarbeiter, die sich bisher mit den Beamten des örtlichen Polizeipostens unterhalten hatten.

»Das könnte passen, Chef«, wurde Jan Sternberg ganz eifrig. »Der Kollege hier hat mir gerade was von einem aufgebrochenen Lastwagen erzählt. Mit dem Fall war er heute früh beschäftigt.«

Interessiert hörten die Kommissare sich den Bericht des Postenführers an. Der Fahrer eines über den Dreikönigstag am Waldrand abgestellten LKWs mit aufgebautem Großhacker hatte kurz nach acht Uhr am Morgen Anzeige erstattet. Das Führerhaus des Fahrzeuges war aufgebrochen und zu diesem Zweck ein kleines Seitenfenster eingeschlagen worden. Merkwürdigerweise hatte aber nichts gefehlt und es gab auch keine weiteren Schäden. Allerdings musste jemand in der Kabine gewesen sein, denn einige Gegenstände lagen nicht mehr am gewohnten Platz.

Eine Streifenwagenbesatzung hatte sich der Sache angenommen, Fotos gemacht und versprochen, sich um die Angelegenheit zu kümmern.

»Wird wohl kaum aufgeklärt, so was kommt hier laufend vor«, meinte der Polizist. »Wir waren uns ziemlich sicher, dass da einer mal in einem LKW pennen wollte.«

»Oder vielleicht auch zwei«, grinste Jan Sternberg.

»Nun sieht das Ganze ja wohl etwas anders aus«, überlegte sein Vorgesetzter und beauftragte die Spurensicherung, auch den abgestellten Container, den Großhacker und dessen Arbeitsort genauestens zu untersuchen.

»Allerdings am besten bei Tageslicht«, überlegte er und gab Anweisung, die Örtlichkeiten so lange zu sperren und zu überwachen.

»Wenn auch der letzte Container wie geplant im Heizkraftwerk gelandet wäre«, sinnierte Oskar Lindt, als er am späten Abend zu Hause seiner Frau vom abrupten Ende der Kegelpartie berichtete, »dann hätte die Entsorgung dieses Menschen optimal geklappt.«

»Scheußlich«, antwortete Carla und schüttelte sich angewidert, »das mag ich mir nicht einmal vorstellen. Erst häckseln und dann verbrennen. Ob der oder die denn schon tot war, als …?«

»Hoffentlich kann uns das Labor da weiterhelfen«, meinte der Kommissar zweifelnd, »und außerdem gibt es bisher überhaupt keinen aktuellen Vermisstenfall. Kurz gesagt, wir wissen noch gar nichts.«

Er ahnte auch nicht, dass irgendwo in einer abgeschlossenen Garage im Rheinstettener Stadtteil Forchheim ein für den Winterurlaub fertig gepackter, zweisitziger Mercedes SLK stand. Die Carving-Ski auf der Beifahrerseite ließen keinen Platz für einen Mitfahrer, doch leider wartete der schicke schwarze Sportflitzer auch vergebens auf seinen Fahrer.

2

Nach einer unruhigen Nacht war der Kommissar früh auf den Beinen. Schon kurz nach sieben erschien er im Büro und konnte es kaum erwarten, dass es hell wurde, um die verschiedenen Lokalitäten bei Tageslicht zu betrachten.

»Wenn es kein Unfall war«, überlegte Paul Wellmann auf der Fahrt, »dann haben wir es mit einem fast perfekten Verbrechen zu tun.«

»Rückstandsfreie Beseitigung im Heizkraftwerk, ähnlich wie im Säurebad, mal was Neues.«

»Fast hätte es geklappt. Leider hat der Bauhof dazwischengefunkt.«

Die außergewöhnliche, winterliche Wärmeperiode schien kein Ende nehmen zu wollen.

»Jetzt haben wir Januar und stehen in der leichten Sommerjacke hier rum«, schüttelte Wellmann den Kopf.

Lindt gab ihm recht: »Normalerweise frieren wir um diese Jahreszeit wie die Schneider.«

Er erinnerte sich an verschiedene ›Winter-Fälle‹, wo die Ermittlungen im Freien von schneidendem Ostwind, klirrendem Raureif oder dichtem Schneetreiben begleitet worden waren.

Regen machte ihm nichts aus. Mit Schirm, wasserdichter Jacke und festen Schuhen konnte man sich gut dagegen schützen, aber Kälte mochte er nicht. Zumindest nicht ohne ausreichende Bewegung. Stundenlange Außentermine mit der Staatsanwaltschaft bei Minusgraden und knöcheltiefem Neuschnee …

Er erinnerte sich und war gleichzeitig wieder dankbar, dass im Moment diese absolut untypische Wetterlage vorherrschte. Die Haselsträucher am Waldrand und die Weidenkätzchen gaben schon kräftig stäubend ihre gelben Pollenladungen in die laue Luft ab und die Knospen der Schlehdornen waren so dick geschwollen, dass es schien, als wollten die weißen Blüten jeden Moment hervorbrechen.

›Frühling im Januar‹, dachte der Kommissar und sog mit einem ausgedehnten Rundumblick die Örtlichkeit in sich auf. Den strauchbewachsenen Waldrand auf der südlichen und die landwirtschaftlichen Flächen auf der nördlichen Seite des asphaltierten Feldweges, dazu die dicken Stämme der gefällten Pappeln, aufgestapelt zu drei LKW-Ladungen.

Der Polizist des örtlichen Postens, der die Anzeige wegen des aufgebrochenen Lastwagens bearbeitete, übernahm die weiteren Erklärungen. Er berichtete, wo das Fahrzeug gestanden hatte, daneben der große Haufen mit grobem Astwerk, der noch zu zerkleinern war und dahinter der lange Abrollcontainer, in den die Holzspäne geblasen wurden.

»Ein extra Motor, nur für den schwedischen Hacker, hat mir der Fahrer erklärt, 500 PS, mehr als die LKW-Maschine hat, aber damit können auch Stämme bis 60 Zentimeter Durchmesser völlig mühelos zerkleinert werden.« Die Faszination für die Großtechnik war dem Beamten am Gesicht abzulesen.

»Wo finden wir das Fahrzeug denn im Moment?«, wollte Lindt wissen.

»Um zehn gestern Morgen war der hier fertig und ist dann nach Muggensturm weitergefahren. Dort am Kieswerk hat er noch den ganzen Tag gehackt. Der Firmenchef ist natürlich ziemlich sauer, weil wir seine Maschine am Abend von den Rastatter Kollegen sicherstellen ließen. Kostet immerhin hundert Euro in der Stunde, da kommen die gleich mit Verdienstausfall und drohen mit ihren Anwälten.«

Lindt nickte. Wie Firmen auf polizeiliche Ermittlungen reagierten war für ihn nichts Neues und trotzdem legte er Wert darauf, dass alle nötigen Untersuchungen mit größter Sorgfalt durchgeführt wurden.

»Die Kollegen von der SpuSi Rastatt sind sicherlich bereits dort und wir fahren auch gleich hin, aber etwas Zeit brauche ich hier schon noch«, kratzte sich der Kommissar am Hinterkopf und lehnte in aller Ruhe an seinem Dienstwagen, um die erste Pfeife dieses Morgens zu stopfen.

Es war völlig windstill und so bildete der Rauch des Presstabaks eine regelrechte Nebelwand um Oskar Lindt. Seine Mitarbeiter brauchten den nach nirgendwohin gerichteten, ganz ausdruckslosen Blick des Kommissars nicht weiter zu interpretieren, um zu wissen, dass sie ihren Chef jetzt besser nicht störten. In solchen Situationen bat er immer darum, einige Minuten nicht angesprochen zu werden.

Das Bild eines Tatorts möglichst vollständig im Kopf zu haben, war seiner Meinung nach die wichtigste Voraussetzung, um sich den Ablauf der Geschehnisse mit allen entscheidenden Einzelheiten vorstellen zu können.

Der Kommissar entfernte sich von seinen Kollegen, ging ein Stück entlang des Weges, verschwand im Unterholz und machte einen großen Bogen um die eifrig suchenden Techniker der Spurensicherung. Mehrere hundert Meter weiter hinten tauchte er wieder auf, ging im sandigen Ackerboden durch die grünen Halme des schon knöchelhoch aufgekeimten Winterweizens und blieb dazwischen immer wieder stehen.

Wellmann und Sternberg störten sich nicht an diesem recht unkommunikativen Verhalten ihres Chefs, das man auf den ersten Blick doch für reichlich merkwürdig halten musste. Sie hatten sich schon lange an seine unkonventionellen Methoden gewöhnt, aber auch die Beamten der Schutzpolizei, die den altgedienten Kriminalkommissar nur selten zu Gesicht bekamen, warteten respektvoll bei ihrem Wagen, bis er seinen Rundgang beendet hatte.

Wer Oskar Lindt war und welche erstaunlichen Erfolge die Jahrzehnte seiner Ermittlungsarbeit zierten, das wusste im Umkreis von Karlsruhe selbst jeder neue Streifenpolizist bereits nach wenigen Wochen.

»Wir können dann …« Er hatte seinen von reichlichen Pausen unterbrochenen Spaziergang beendet und war wieder bei den Kollegen eingetroffen.

»Auf jeden Fall ein ungestörter Ort, um mal eben kurz eine Hackmaschine anzuwerfen und einen Menschen in kleinfingerlange Stücke zu zerlegen«, gab Paul Wellmann seine Einschätzung der Lokalität zum Besten und auch Jan Sternberg stimmte ihm zu: »Von der Stadt her nicht einsehbar, auch keine öffentlichen Straßen oder einzelnen Häuser in der Nähe – wenn also nicht gerade ein Bauer mit dem Traktor, ein Radfahrer oder sonst ein Herr ›Zufall‹ daher kommt, ist so eine Leiche hier ruckzuck zerkleinert.«

»Na dann wollen wir mal hoffen, dass es diesen Herrn ›Zufall‹ tatsächlich gibt und er sich auch noch bei uns meldet«, brummte Lindt, ohne weiter auf die Äußerungen seiner Kollegen einzugehen. Er gab Gas und setzte den weinroten Dienstwagen Richtung Muggensturm in Bewegung.

Viel zu sehen gab es dort nicht, außer den Kriminaltechnikern der Rastatter Kripo, die sich gründlich mit dem imposanten, dreiachsigen Lastwagen beschäftigten, der auf dem Gelände eines Kieswerks darauf wartete, sein zerstörerisches Werk wieder aufzunehmen. Da das Fahrzeug jetzt im Nachbarlandkreis stand, leisteten die dortigen Kollegen Amtshilfe und übernahmen die Spurensicherung.

»Wir sind jetzt so weit«, kam einer der Männer im weißen Tyvek-Overall auf die Karlsruher Kriminalisten zu. »Führerhaus und Kran-Kabine können wir schon wieder freigeben. Die Walzen am Einzug, die Schwungscheibe mit den Hackmessern und den Auswurfschacht haben wir auch bearbeitet.«

»Den Greifer vorne am Kran?«, wollte Lindt wissen und zeigte auf die stählernen Zangen. Der Kollege nickte – »Nichts dran, fertig!« – und gab dem ungeduldig wartenden Maschinisten ein Zeichen, dass er seine Arbeit fortsetzen konnte.

Das laute Grollen der startenden Motoren ließ jedes weitere Gespräch verstummen. »Bei 500 PS bebt der Boden«, schrie Jan Sternberg seinem Chef ins Ohr. Es dauerte eine Weile bis die Hackerscheibe im Innern der Maschine die nötige Drehzahl erreicht hatte, doch dann brach das lärmende Inferno erst richtig los.

Mit dem langen Kranausleger wurde ein ganzer Erlenstamm mit sämtlichen Ästen dran von einem seitlichen Stapel aufgehoben und in den stählernen Schlund seiner Maschine geschoben. Die beiden stacheligen Einzugswalzen zerrten den Baum in wenigen Sekunden hinein und mit infernalischem Krach zerhäckselten die scharf geschliffenen Hartmetallmesser das Holz. In hohem Bogen spuckte ein Auswurf die Hackschnitzel in den bereitstehenden Container.

Während der technikbegeisterte Jan Sternberg mit leuchtenden Augen die gewaltige, schwedische Maschine bei der Arbeit betrachtete, schauten sich Lindt und Wellmann nur gegenseitig an. Jeder wusste, was der andere jetzt dachte. Statt eines Baumstammes sahen sie einen menschlichen Körper zwischen den Stacheln der beiden Walzen verschwinden. Wellmann schüttelte seinen Kopf, wie wenn er dieses schreckliche Bild abschütteln wollte.

Oskar Lindt biss fester auf das Mundstück seiner Pfeife, wandte sich ab und als sie wieder im Wagen saßen, meinte er nur tonlos: »Hoffentlich war er schon tot!«

Nach dem möglichen Tatort am Waldrand und der Besichtigung des Großhackers hatten Lindt, Wellmann und Sternberg am späten Vormittag auch noch den großen Stahlcontainer in Augenschein genommen, der im Bauhof der Stadt Rheinstetten abgestellt und noch zu über drei Vierteln mit Holzhackschnitzeln gefüllt war.

Auch hier waren zwei Beamte der Spurensicherung schon seit dem frühen Morgen am Werk und suchten penibel das gesamte Material durch.

»Sieht wirklich sehr nach Nadel im Heuhaufen aus«, war der Kommentar von Jan Sternberg gewesen, doch Paul Wellmann hatte verbessert: »Wenn schon, dann Finger im Holzhaufen! Vielleicht taucht ja noch einer auf. Die Gerichtsmedizin würde es uns auf jeden Fall danken, wenn sie nicht nur lauter unförmige Gewebefetzen untersuchen müsste.«

»Mafia, ganz klar organisierte Kriminalität«, lautete die Einschätzung von Sternberg, als das Dreier-Team gegen Mittag wieder im Karlsruher Polizeipräsidium eingetroffen war, um die bisherigen Fakten zusammenzustellen. »Früher haben die ihre Opfer im Rhein versenkt, aber heute geht es ja viel problemloser. Hacker knacken, kurzschließen, warten bis die Messerscheibe genügend Schwung hat und dann eins-zwei-drei hinein damit.«

»Irgendwie denke ich dabei an Wilhelm Busch«, musste Oskar Lindt, der am Fenster stand, unwillkürlich lächeln. »Wenn ich mich recht erinnere, war das Ende von Max und Moritz doch ganz ähnlich. Rein in den Trichter, ab durch das Mahlwerk und hinten warteten schon die Gänse auf die Brocken.«

»Allerdings hatten die Mühlen damals keine 500 PS«, warf Paul Wellmann grinsend ein. »Aber wir könnten uns ja jetzt SOKO Max & Moritz nennen.«

Lindt stieß dichte Rauchwolken aus und meinte nachdenklich: »Ob auch in unserem Fall ein ›Böser‹ für seine Übeltaten bestraft wurde?«

»Oder vielleicht waren es ja auch zwei?«

»Das wird uns die DNA-Analyse wenigstens sagen können, aber wenn der Gen-Code nirgends gespeichert ist und die Fingerabdrücke genauso wenig, dann sieht es schlecht aus mit der Identifizierung.«

Sternberg nickte und zeigte nach vorne auf den Computermonitor: »Es gibt zwar im Kreis Karlsruhe momentan acht aktuelle Vermisstenfälle, aber ob von denen einer passt …? Das dürfte schwierig werden.«

»… nach den bisherigen Erkenntnissen ist ein Unfall zwar theoretisch denkbar, aber ein Gewaltverbrechen für uns sehr viel wahrscheinlicher«, verkündete Oberstaatsanwalt Wolf bei der Pressekonferenz am späten Nachmittag.

Es war unumgänglich geworden, die Öffentlichkeit zu unterrichten, denn der Fingerfund hatte sich in Rheinstetten wie ein Lauffeuer herumgesprochen und das Großaufgebot der verschiedensten Polizeieinheiten tat ein Übriges, die Gerüchteküche anzuheizen.

Sogar ein privater Fernsehsender war erschienen und hatte Mutter und Kind vor der Kulisse des Spielplatzes und der dort arbeitenden Kriminaltechniker gefilmt. Das Mädchen werde von einem ortsansässigen Psychotherapeuten intensiv betreut, um sein Trauma zu verarbeiten, hatte es im TV-Bericht geheißen.

Was Oskar Lindt von so viel öffentlicher Schaumschlägerei hielt, konnte man unschwer an seinem Gesicht ablesen, aber er gab vor den hungrigen Journalisten dazu lieber keinen Kommentar ab. Die Macht der Medien hasste er, wusste aber auch, dass er auf Tipps aus der Bevölkerung angewiesen war.

»Die Auswertung der Ergebnisse von Spurensicherung und Kriminaltechnik wird noch mehrere Tage dauern«, informierte Ludwig Willms die Presse über den Stand der Untersuchungen in seiner Abteilung und Hauptkommissar Lindt appellierte mit eindringlichem Tonfall: »… sachdienliche Hinweise bitte direkt an uns oder jede andere Polizeidienststelle. Wir gehen allen Spuren nach.«

Die Karlsruher KTU arbeitete zusammen mit den Spezialisten des Landeskriminalamtes unter Hochdruck. Wie ein riesiges Puzzlespiel sortierten vier Gerichtsmediziner in einem taghell erleuchteten Saal auf acht langen Edelstahltischen die wenig appetitlichen Fundstücke, die sie von der Spurensicherung geliefert bekamen. Am ergiebigsten hatte sich der Inhalt des Containers erwiesen, der in zweitägiger Kleinarbeit regelrecht durchgesiebt worden war. Nach und nach wurden von den Kriminaltechnikern insgesamt sechs Kubikmeter Holzhackschnitzel Schaufel für Schaufel auf mehreren, herbeigeschafften Tapeziertischen ausgebreitet und sortiert. Makabere Sprüche wie: »Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen« machten dabei die Runde, wenn sich wieder ein harmlos aussehendes Holzstückchen doch als Knochenfragment von menschlicher Schädeldecke oder Beckenschaufel erwies. Von weitem schon zu erkennen waren die weichen, lappigen Reste der inneren Organe, die der Hackscheibe nicht so viel Widerstand geboten hatten und deshalb weniger stark zerkleinert worden waren. Ein Teil des Dünndarms mit vierundzwanzig Zentimetern Länge war das größte Fundstück. Muskeln und vor allem Knochen waren dagegen auf höchstens fünf Zentimeter zerhackt worden. Fast unversehrt fanden sich neben dem Fingerteil vom Spielplatz noch drei Fingerkuppen, vier Zehen und sechs Zähne.

Gerade davon versprachen sich die Pathologen viel, denn vier wiesen Gold-Inlays auf. Das daraus rekonstruierte Zahnschema wurde zusammen mit hochauflösenden Digitalfotos an über hundertachtzig Zahnärzte in der Region Karlsruhe gemailt und auch als Download ins Internet gestellt.

Weitere körperfremde Metallteile oder Bruchstücke von Schmuck? Fehlanzeige!

Die Abdrücke der Finger ergaben zwar leidlich gute Ergebnisse, aber nach Abgleich mit den Datenbanken war keine Übereinstimmung mit registrierten Personen zu finden.

Die Untersuchungen des möglichen Tatorts und des Großhackers führten auch nicht weiter. Zwar gab es in Führerhaus und Krankabine Fingerabdrücke, die nicht zum Maschinist oder anderen Firmenangehörigen passten, aber keiner der Abdrücke war irgendwo gespeichert.

Schließlich lieferte das LKA nach vier Tagen auch die Ergebnisse der DNA-Untersuchung.

»Leider nichts Konkretes«, zuckte Ludwig Willms

mit den Schultern, als er die Resultate an Lindt und sein Team weitergab. »Wir können nur ein wenig eingrenzen: Alle Proben stammen von einer einzigen Person, männlich, hellhäutig, Haare blond mit Übergang zu grau, daher ganz grob im mittleren Alter. Leider ist der Erbgut-Code in keiner Datenbank gespeichert, also können wir die Person auf diesem Wege nicht identifizieren.«

»Aber ausschließen, ob es sich um eine der vermissten Personen handelt, könnten wir vielleicht«, hatte Jan Sternberg eine Idee. »Wenn wir zum Beispiel die Zahnbürsten dieser Leute untersuchen würden oder die Haare aus ihren Kämmen …«

Mit wenig begeistertem Gesichtsausdruck drehte sich Willms zu Lindt und wollte einen Kommentar über die Kosten und Zeitdauer einer derartigen Aktion abgeben, doch der Kommissar kam ihm flugs zuvor: »Immer die besten Ideen, unser Nachwuchs, meinst du nicht auch, Ludwig?«

»Na gut«, knurrte der, »aber fangt mal mit den Vermissten im näheren Umkreis an, dass es nicht gleich so viele werden. Ich sag solange in Stuttgart Bescheid.«

Der KTU-Chef war schon an der Tür, da fiel ihm noch etwas ein: »Halt, die Faserspuren, die hätte ich ja fast vergessen.«

»Faserspuren?«, fragten Wellmann und Sternberg wie aus einem Mund.

»Natürlich, Reste der Kleider. Oder glaubt ihr, der Mann war nackt, als er gehäckselt wurde?«

»Auf das Naheliegendste sind wir noch gar nicht gekommen«, musste auch Lindt zugeben. »Die ganze Zeit diskutieren wir hier über Darmfetzen und Kniescheibenfragmente, Leberhack und Lungenbläschen, aber an die Kleider hat tatsächlich noch niemand gedacht.«

»Deshalb habt ihr ja uns«, antwortete Willms mit einem Gesichtsausdruck, der die Freude widerspiegelte, diesmal der eingespielten Ermittlertruppe eine Nasenlänge voraus zu sein.

»Also«, fuhr er etwas theatralisch fort, »wir hätten da folgendes im Angebot: Schweizer Unterwäsche, reine Baumwolle, in weißer Oxford-Qualität als Oberhemd, Edel-Denim bei der schwarzen Hose, Alpakawolle für die Socken, ein genauso nobler Wollstoff für das Sakko und schwarzes Rindsleder von den Schuhen. Budapester Form übrigens, ein Stück der oberen Ziernähte ist vollständig erhalten.«

»Wie wäre es denn mit den Fabrikaten?«, stichelte Jan Sternberg etwas vorlaut.

»Kein Problem«, kam gleich die Retourkutsche. »Falls euch Calida und Bogner etwas sagen, dann wisst ihr über die Preisregion Bescheid. Von Hemd und Jackett konnten wir leider nichts finden, aber die Schuhe sind rahmengenäht und bestimmt nicht unter dreihundert Euro zu haben.«

Lindt pfiff leise durch die Zähne: »Also im Milieu der Obdachlosen brauchen wir wohl nicht zu suchen.«

»Und bei allzu großen Größen vermutlich auch nicht«, schielte Willms auf die etwas vollschlanke Figur des Kommissars. »Einen Gürtel musste der Mann jedenfalls nicht tragen. Seine Hüftknochen haben wohl weit genug herausgeschaut, um die teure Jeans zu halten.«

»Immerhin brauche ich noch keine Hosenträger«, verteidigte sich Lindt mit gespielter Schmollmiene.

»Noch nicht, mein Lieber! Nächste Weihnachten legt Carla dir bestimmt welche unter den Christbaum.«

Lindt machte sich nichts aus den kleinen Sticheleien des hageren Extremsportlers und revanchierte sich ab und zu mit spitzen Bemerkungen über Sportverletzungen und abgenutzte Kniegelenke.

»Jetzt aber zurück zu unserem Hacker-Opfer«, mischte sich Paul Wellmann ein. »Wenn ich recht verstanden habe, war es ein Mann mittleren Alters, gute Kleidung lässt auf passable finanzielle Verhältnisse schließen und eine sportliche Figur scheint er auch gehabt zu haben.«

»Stimmt genau, die Gerichtsmedizin schreibt hier von sehr wenig Körperfett.«

»Jetzt reicht’s aber«, entrüstete sich Lindt. »Wahrscheinlich auch so ein hyperaktiver Triathlet wie du.«

»Aber Oskar, du musst nicht jede Bemerkung persönlich nehmen. Außerdem sind die Schlanken meist ausgeglichener und gehen nicht so schnell an die Decke«, grinste Willms über den Erfolg seines kleinen Seitenhiebes.

Der Kommissar schnaufte tief durch und blies zur Beruhigung ein paar dicke Rauchwolken aus seiner Pfeife in den Raum.

»Passt denn so ein Profil auf einen der Vermissten?«, wandte er sich an Jan Sternberg.

»Leider nicht, Chef. Ich hab auf die Schnelle mal die ganze Liste durchgeschaut. Allerdings sind das nur die Fälle aus unserem Landkreis. Vielleicht kam der Mann ja von außerhalb.«

»Denkst du schon wieder an die Mafia?«, warf Paul Wellmann ein.

»Ach so, wegen dem schwarzen Jackett meinst du? Aber dann hätten wir auch eine Sonnenbrille finden müssen«, lachte der KTU-Chef.

»Also bitte, Ludwig, jetzt aber mal wieder den nötigen Ernst bei der Arbeit!«

»Und wenn er gar nicht vermisst wird?«, überlegte sich unterdessen Jan Sternberg. »Vielleicht lebte er allein, Single, geschieden oder was weiß ich.«

»Aber am Arbeitsplatz, da müsste doch jemand was merken?«, gab Wellmann zu bedenken.

»Freiberufler, Künstler, Durchreisender … wer weiß?«

»Stimmt«, nickte Oskar Lindt. »Da ist alles Mögliche denkbar. Wir müssen einfach die gesamten Spuren und Hinweise abarbeiten. Irgendwo findet sich was. Das ganz perfekte Verbrechen gibt es nicht, davon bin ich fest überzeugt.«

»Ja, Chef«, gab ihm Sternberg recht. »Hackschnitzel verbrennen im Kraftwerk, das wäre perfekt gewesen.«

Lindt stimmte zu: »Das heißt wiederum, der oder die Täter hatten vermutlich keine Ahnung, dass das Material für einen Spielplatz gebraucht wurde.« Er besann sich einen Moment. »Oder es war ihnen egal. Vielleicht ging es ja nur darum, eine Leiche so unkenntlich wie möglich zu beseitigen – wer weiß?«

»Eines haben wir aber noch nicht bedacht«, meldete sich Paul Wellmann wieder zu Wort. »Auch wenn irgendeiner den LKW geknackt hat – um die ganze Maschinerie anzuwerfen, braucht es einiges an technischem Verständnis. Also ich wüsste nicht, wie man so ein Monstrum startet.«

»Richtig Paul. Wieder ein wichtiger Aspekt, um den Täterkreis einzugrenzen. Vielleicht müssen wir doch noch mal diese Hackerfirma genauer unter die Lupe nehmen. Zumindest aber war es jemand, der sich mit LKWs oder Großgeräten auskannte.«

»Zudem muss er gewusst haben, dass die Maschine dort arbeitet und …«, Wellmann machte eine Gedankenpause, »… wo sie über den Feiertag geparkt ist.«

»Und wenn das alles nur ein Zufall war? Vielleicht so: Zwei Männer müssen eine Leiche beseitigen …«

»Also bitte, Jan, das klingt aber sehr nach einem amerikanischen Billig-Krimi!«

»Lassen Sie mich doch mal fertig überlegen, Chef. Die wollten im Wald ein Loch graben, kommen aber mitten in der Nacht an diesem Holzhackmaschinchen vorbei und ändern kurz entschlossen ihren Plan. Einer der beiden ist technisch begabt, Baggerfahrer oder so, also Scheibe einschlagen, Maschine anwerfen und ruck-zuck ist die Arbeit erledigt. Längst nicht so ermüdend wie ein Loch auszuheben.«

»Du schaust einfach zuviel Fernsehen«, meinte Lindt schmunzelnd. »Vor allem die falschen Serien. Zuviel Action, zuwenig Hirn. Ich finde, du solltest dich mal an die Arbeit machen, was deinen Vorschlag mit den Vermissten betrifft. Der hat mir doch wesentlich besser gefallen, als die Theorie von den zwei Männern, die zufällig mit einer Leiche im Kofferraum vorbeikommen.«

»Aber ganz ausschließen, dass es sich so zugetragen hat, können wir auch nicht«, musste Sternberg doch noch das letzte Wort haben.

3

Oskar Lindt spürte, dass es Zeit wurde, sich dem Sachverhalt von einer unkonventionellen Seite zu nähern. Nicht, dass er der KTU, den Pathologen und ihren peniblen Untersuchungen misstraut hätte, aber als kreativer Querdenker, wie ihn ein früherer Polizeipräsident einmal halb bewundernd und halb mit disziplinarrechtlich erhobenem Zeigefinger bezeichnet hatte, fühlte er, dass es einen anderen Zugang, einen anderen Lösungsansatz geben musste.

Er beschloss die Sandsteinmauern des Präsidiums zu verlassen und auf Außenermittlung zu gehen. So sagte er zumindest. Wellmann und Sternberg kannten diesen Ausdruck aber nur zu gut als Umschreibung für einen ausgedehnten Spaziergang, bei dem ihr Chef alleine sein wollte.

»Bei dem tollen Wetter …«, begann Jan Sternberg.

»Ja, genau«, unterbrach ihn Lindt schnell, denn er hatte keine Lust auf Begleitung. »Paul und du, ihr könntet auch raus und euch um die Vermisstenliste kümmern.«

Er hatte schon oft darüber nachgedacht, aber noch nie eine wirklich passende Erklärung dafür gefunden, warum er manchmal einfach alleine sein musste. Vielleicht, damit er sich voll konzentrieren konnte? Lindt wusste es nicht, doch schon oft war er bei seinen einsamen Spaziergängen plötzlich auf Zusammenhänge gestoßen, die ihn in den Ermittlungen entscheidend vorwärts brachten.

So wollte er es auch jetzt versuchen und ließ sich in die weichen Sitzpolster seines dunkelroten Citroen XM sinken, den er als Dienstwagen fuhr. Ein unkonventionelles Fahrzeug, gewiss, keines aus der langen Liste der deutschen Behördenwagen und zudem hatte es einmal mehrere Kilo Kokain in den ausgehöhlten Polstern seiner Rückbank versteckt gehabt, aber Lindt liebte den französischen Charme des beschlagnahmten Wagens und seinen unübertroffenen Fahrkomfort. Er war immer noch stolz darauf, dass er den gepflegten Sechszylinder von der polizeieigenen KFZ–Werkstatt ergattern konnte.

Heute aber schien es so, als wollte das Auto ein Eigenleben entwickeln und wieder seine Heimat ansteuern. Der Kommissar war einfach ohne Ziel losgefahren und irgendwie, er wusste selbst nicht wieso, an der Rheinfähre bei Neuburgweier gelandet. Auf der anderen Seite des breiten Stroms war zwar noch nicht Frankreich, aber bis zur Grenze fehlten nur ein paar Kilometer.

Lindt blieb am badischen Ufer des Flusses, parkte und nahm den Weg auf dem vorderen Hochwasserdamm. Die ungeheuren Wassermassen, die sich nach Norden wälzten, faszinierten ihn stets aufs Neue und manchmal sorgte ein Frachtschiff für Abwechslung.

Sand und Kieselsteine knirschten deutlich hörbar unter den Sohlen seiner stabilen braunen Halbschuhe und zügig ausschreitend genoss der Kriminalist das ungewöhnlich warme Wetter, dessen Ende allerdings für den übernächsten Tag vorhergesagt worden war.

Ab und zu blieb er stehen, schaute auf ein vorbeifahrendes Schiff oder auch nur auf den Strom.

›Eine besonders perfide Art, jemanden loszuwerden‹, kam ihm schon nach wenigen hundert Metern das Bild des holzfressenden Großhackers wieder in den Sinn.

Er wandte seinen Blick hinüber zum Auewald und betrachtete die hohen Pappeln, die ihre unbelaubten, silbergrauen Kronenäste jetzt hoch in den Himmel streckten. Solche oder ganz ähnliche Bäume mussten es auch gewesen sein, die am Tatort gefällt worden waren.

Der Kommissar stellte sich vor, wie bei den Stämmen mit über einem Meter Durchmesser eine orangefarbene Motorsäge angesetzt wurde. Es war sicherlich ein schweres Gerät und besaß ein silbrig blitzendes Metallschwert, über das die scharf geschliffene Sägekette sauste und sich in das weiche Holz der schnell gewachsenen Bäume fraß. Auch den tropischen Urwaldriesen trachteten die Holzfäller mit derartig monströsen Kettensägen nach dem Leben.

Ein lauter Achtungsruf ertönte und im Zeitlupentempo neigte sich der dreißig Meter hohe Baum. Im Fallen nahm er Fahrt auf, wurde schneller und schneller und die ausladende Krone zerbarst schließlich mit infernalischem Krachen auf dem Asphalt des Feldweges.

Lindt rieb sich die Augen, schaute wieder zu den alten Pappeln und freute sich, dass die stolzen Bäume alle noch standen.

Seine Einbildungskraft hatte ihm einen Streich gespielt. Nein, er war nicht dort, wo der Holzhäcksler vor wenigen Tagen gearbeitet hatte, sondern immer noch einige Kilometer weiter westlich auf dem sonnigen Rheindamm.

Hatte das Verbrechen etwa direkt mit den Baumfällarbeiten zu tun? Der Kommissar schaute wieder aufs Wasser, begann fast automatisch Tabak in einen Pfeifenkopf zu drücken und grübelte weiter.

Die Arbeiten waren von der Gärtnergruppe des Städtischen Bauhofs durchgeführt worden. Ein auf Baumpflege spezialisierter Mitarbeiter hatte die Pappeln präzise gefällt, das Nutzholz abgetrennt und die sperrigen Äste etwas kleingesägt.

So stand es in Paul Wellmanns Notizen von der Ortsbesichtigung.

Als nächsten Arbeitsschritt hatte der Kran eines großen Forstschleppers die Stämme seitlich aufgestapelt und erst danach kam die Hackerfirma zum Einsatz, um das übrig gebliebene Astwerk zu schreddern.

Bedächtig zog Lindt an seiner Pfeife und sah die Rauchwolken vom Rhein weg nach Osten ziehen. ›Westwind‹, konstatierte er. ›Also hat die Vorhersage doch recht gehabt. Die stabile, warme Wetterlage wird sich jetzt ändern.‹

Er stand, schaute aufs Wasser, blies Wolke um Wolke von sich, sinnierte und überlegte weiter.

Die Gärtnerkolonne und den Fahrer des Forsttraktors müsste man auf jeden Fall mit zu den Verdächtigen zählen. Sie hatten gewusst, wo die Maschine arbeitete und vermutlich auch, wie sie zu bedienen war.

Genauso war diesem Personenkreis bekannt gewesen, dass die Hackschnitzel in einem Heizkraftwerk verfeuert werden sollten.

Aber – Lindt zweifelte – Mitarbeiter des Städtischen Bauhofes hatten den Inhalt des letzten Containers für die Spielplätze verwendet.

Also doch nicht verdächtig?

Oder war für Spielplätze wieder eine andere Abteilung zuständig?

Aber wer könnte dann …?

Der Kommissar nahm sich vor, trotzdem von allen, die am Tatort gearbeitet hatten, Fingerprints abzunehmen und mit den Spuren in der LKW-Kabine zu vergleichen.

Reine Routine natürlich, würde er sagen, nein, nein, niemand ist direkt verdächtig, gehört alles zum üblichen Ermittlungsprogramm …

Er wollte jeder möglichen Fährte nachgehen.

Doch diese Spur führte ins Leere.

Gleich am nächsten Morgen stattete Lindt zusammen mit einem Kollegen des Reviers Ettlingen dem Bauhof der Stadt Rheinstetten einen Besuch ab. Die Mitarbeiter waren sehr kooperativ, ließen bereitwillig ihre Fingerkuppen auf die Erkennungsdienstformulare stempeln und bedauerten ein ums andere Mal, wie leid es ihnen täte, nichts gemerkt zu haben, als sie die Holzhäcksel auf dem Spielplatz ausstreuten.

Allgemeines Erstaunen machte sich breit, weil die Identität des Opfers immer noch nicht geklärt war. ›Dass den auch niemand vermisst!‹, wunderten sich die Arbeiter ein um das andere Mal und schließlich erklärte der Vorarbeiter der Truppe: »Wer das auch war, eines ist sicher: Keiner von uns, wir sind alle komplett!«

Lindt zuckte nur die Schultern, brummte etwas von sehr langwierigen Ermittlungen, bedankte sich und steuerte wieder das Präsidium an.

Doch auch dort sollten die Nachforschungen nicht den kleinsten Fortschritt ergeben.

DNA-Spuren von allen aktuellen Vermisstenfällen im Umkreis zu sichern, war zwar nicht einfach, aber mit einigen Hürden schließlich doch gelungen. Sämtliche Angehörigen zeigten Verständnis für die Arbeit der Ermittler und nach einigem Suchen und drei Überstunden hatten Sternberg und Wellmann das nötige Material beisammen. Haar- und Zahnbürsten erwiesen sich dabei als besonders ergiebige Spurenträger.

Nun galt es wieder zu warten, bis das Landeskriminalamt mit Ergebnissen dienen konnte.

Lindt machte es sich in seinem Bürosessel bequem, überlegte hin und her, dachte zurück an die ›Außenermittlung‹ am Rhein, die aber auch nichts Produktives erbracht hatte, stellte Theorien auf, verwarf die Gedanken wieder und kam einfach nicht vorwärts. Seine Stimmung verschlechterte sich mehr und mehr, aber fatalerweise konnte er nichts dagegen tun. Allen denkbaren Spuren waren er und sein Team schon nachgegangen, alle Hinweise aus der Bevölkerung hatten sie ergebnislos abgearbeitet … Nur ein paar Ergebnisse aus Stuttgart noch … Vielleicht war ja dort etwas dabei? Er glaubte es eigentlich selbst nicht.

Der sinnierende und grübelnde Kommissar wurde durch das Klopfen an der Tür jäh aus dem pfeifenqualmenden Nachdenken gerissen. Paul Wellmann trat ein und mit ihm ein gut gekleideter Mann, der so groß war, dass seine graue, gewellte, nach hinten gekämmte Mähne fast oben am Türrahmen streifte.

»Herr Gero Langenbach«, stellte Wellmann den Besucher vor. »Inhaber der Baufirma ›Langenbach‹, Ettlingen, Hoch-, Tief- und Straßenbau.«

Lindt bot Platz an und hörte aufmerksam zu.

»Wir vermissen unseren Prokuristen«, kam der Bauunternehmer gleich zur Sache. »Konrad Fink, so heißt er, meine rechte Hand sozusagen. Er fuhr am Dreikönigstag zum Skilaufen nach Österreich, ins Montafon, wo er eine kleine Ferienwohnung besitzt und hätte eigentlich heute früh wieder zur Arbeit erscheinen sollen.«

»Und er kam nicht«, vervollständigte der Kommissar. Er schaute sein Gegenüber einige Sekunden lang mit zusammengekniffenen Augen an. »Ich verstehe. Was haben Sie unternommen?«

»Handy, Telefon, kein Kontakt, schließlich bin ich zu seiner Wohnung gefahren, aber nichts. Sie müssen wissen, der Conny, so nennen wir ihn alle, ist Single, eingefleischter Junggeselle, wie man so schön sagt und lebt in Forchheim allein in einer Dachgeschosswohnung.«

›Schon wieder Rheinstetten‹, dachte Lindt. ›Der abgehackte Finger lag auf einem Spielplatz in Mörsch, diesmal ist Forchheim dran. Wenn jetzt auch noch was in Neuburgweier geschieht, dann haben wir die drei Stadtteile komplett.‹

»Ich hab bei den Nachbarn geklingelt«, fuhr der Besucher fort. »Aber seit er sich abends zum Skifahren abgemeldet hatte, haben die ihn auch nicht mehr gesehen.«

Der Kommissar schaute Langenbach durchdringend an. »Das alles wäre aber noch kein Grund, schon am ersten Tag seines Fehlens hier bei uns aufzutauchen?«

Der Firmenchef schüttelte den Kopf: »Nein, eigentlich noch nicht, wenngleich der Conny sehr zuverlässig ist und in den über zwanzig Jahren, die er in der Firma arbeitet, noch nie unentschuldigt gefehlt hat. Nicht umsonst habe ich ihm vor fünf Jahren Prokura gegeben. Wir alle konnten uns bisher jederzeit auf ihn verlassen.«

»Aber …?«, ermunterte ihn Lindt, weiter zu berichten.

»Aber als ich schon wieder in meinem Wagen saß, um zurückzufahren, kam mir noch ein Gedanke. Ich erinnerte mich, dass seine Garage an der Rückwand ein schmales, langes, vergittertes Lüftungsfenster besaß. Das hat er mal extra einbauen lassen, weil ihm die üblichen kleinen, runden Luftlöcher nicht genügten. ›Zu feucht für mein teures Auto‹, sagte er damals, ›eine Garage braucht Luft.‹ Also habe ich mich nach hinten durchgekämpft – sie müssen wissen, sechs zusammengebaute Garagen und das Ganze schön mit allerlei stachligen Sträuchern eingegrünt – und durch dieses Gitterfensterchen geschaut.«

»Und?«

Langenbach nickte: »Sein schwarzer Sportwagen stand drin in der Garage und sogar die Ski und einen kleinen Rucksack auf dem Beifahrersitz konnte ich erkennen.«

»Und jetzt denken Sie …?«

»Es muss ihm etwas passiert sein! Ich habe da ein ganz komisches Gefühl. Ich bin mir sicher, dass er gar nicht im Skiurlaub war.«

Die beiden Kommissare sahen sich nur stumm an und dachten genau dasselbe.

»Wir fahren sofort hin«, entschied Lindt, sprang in einer für ihn ungewöhnlichen Schnelligkeit auf und griff nach seiner Jacke.

Er ließ sich noch die genaue Adresse geben, wies Jan Sternberg an, eine Streife und den Schlüsseldienst zu bestellen und war schon auf dem Weg zum Parkplatz.

Zusammen mit Paul Wellmann fuhr er hinter dem großen dunkelblauen Audi des Bauunternehmers her und nach gut zehn Minuten hatten sie ihr Ziel erreicht.

Langenbach, der sich durch das Verhalten der Kommissare in seiner bösen Vorahnung bestätigt sah, war schon aus dem Wagen gesprungen und zu der fraglichen Garage geeilt. Energisch versuchte er, den Handgriff zu drehen, um das Schwingtor zu öffnen, hatte aber keinen Erfolg.

Er führte die Ermittler nach hinten, wo sie einen Blick ins Halbdunkel des Garageninnern werfen konnten.

»Sie könnten recht haben«, stimmte Lindt zu.

Zeitgleich trafen die Funkstreife und der Geschäftswagen einer ortsansässigen Schlosserei ein.

Lindt zeigte erst seinen Dienstausweis und dann auf das Garagentor. »Bitte keine Beschädigung.«

Der Handwerker nickte und begann ohne weitere Fragen den Schließzylinder zu bearbeiten. Ein kleines Gerät in seiner Hand summte, dann klackte es vier Mal, der Knebelgriff ließ sich mühelos drehen und das Tor schwenkte nach oben.

Die Männer blickten auf einen vornehm glänzenden, schwarzen Zweisitzer-Mercedes.

Der Kommissar hatte sich zwischenzeitlich Einmalhandschuhe angezogen und trat als Einziger ein. Er öffnete Kofferraum und Fahrertür, erblickte eine Reisetasche, Skischuhe, Rucksack und Carving-Ski. Gleichzeitig bemerkte er aber auch noch eine seltsam verwischte Schmutzstelle seitlich an der Fahrertür des ansonsten makellos sauberen Wagens.

»In die Wohnung?«, schaute Paul Wellmann fragend.

Lindt nickte, wies einen Streifenbeamten an, Garage und Auto abzusperren und wollte gerade den Schlosser bitten, mitzukommen.

»Halt, ich muss noch mal …«, drehte er sich um und ging zu dem schwarzen Sportwagen zurück. Er öffnete die Fahrertür und griff rechts neben die Lenksäule.

»Ich glaube, wir brauchen Sie doch nicht mehr«, wandte sich der Kommissar an den Handwerker und zeigte einen kleinen Schlüsselbund, den er aus dem Zündschloss des Sportwagens abgezogen hatte. »Da ist bestimmt auch der Wohnungsschlüssel dran.«

Schon der erste Schlüssel, den er in seiner Hand hielt, passte in das Zylinderschloss der Haustür.

Sie stiegen vier Treppen hoch, dann wies Bauunternehmer Langenbach auf die linke von zwei Türen am obersten Absatz. ›Konrad Fink‹ stand in schwarzer Schrift, säuberlich in ein Edelstahlschild geätzt, neben dem Klingelknopf.

Lindt wählte einen anderen Schlüssel und hatte wieder Glück. Zwei Mal umgedreht und die Wohnungstür öffnete sich.

Der Streifenpolizist und Paul Wellmann entsicherten ihre Neun-Millimeter-Pistolen, stießen die Tür vollends auf und drangen, sich gegenseitig sichernd, in die Wohnung ein.

»Sie bleiben bitte draußen«, drehte sich Lindt zu Langenbach in einem Ton, der keinen Widerspruch zuließ und folgte seinen Kollegen.

»Niemand hier«, meldete der Uniformierte. Auch Wellmann sicherte seine Pistole, steckte sie wieder in das eng anliegende Gürtelholster und bestätigte: »Alles leer.«

»Sagen Sie bitte der Spurensicherung Bescheid«, beauftragte Oskar Lindt den Polizisten, warf seinem Kollegen ein Paar Latexhandschuhe zu und begann, sich umzusehen.

Erstaunlich wenige Einrichtungsgegenstände verteilten sich über die weitläufige Fläche des Wohnzimmers. Ein Zweiersofa und zwei einzelne Sessel in streng rechteckiger Formgebung, bezogen mit schwarzem, glattem Leder, davor ein freistehender, großformatiger, offensichtlich teurer Fernseher, neuestes Modell mit Plasmatechnik und Edelstahlgehäuse.

Passend dazu auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes ein Schreibtisch mit Edelstahlgestell und einer Platte aus weiß mattiertem Glas, kombiniert mit einem Bürosessel, natürlich aus Edelstahl und schwarzem Leder.

»Fühlst du es auch, Paul?«, schaute Lindt seinen Kollegen an. Der nickte: »Kalt, sehr kalt hier drin!«

»Genau – alles in denselben Farben gehalten. Weiß, schwarz, silbergrau. Eigentlich sind das ja gar keine Farben.«

Wellmann bestätigte: »Das Ganze passt ganz genau zusammen, fast wie in einer Ausstellung. Aber kein einziger warmer Ton im Raum.«

Die Wände und die Dachschräge waren hoch bis in den First mit feinem, weißem Streichputz versehen, das Grau der Bodenfliesen passte zum Metallton des Edelstahls und auch der Computer auf dem Schreibtisch war samt Monitor und Drucker im selben Silberglanz gehalten.

»Eigentlich hätte er die Bücher da hinten im Regal noch in passendes Papier einschlagen müssen.« Lindt drehte sich zur Rückwand. Dicke Regalbauteile, selbstverständlich in strahlendem Weiß, waren passgenau eingebaut und tatsächlich milderten nur die verschiedenfarbigen Bücherrücken die Kälte des Raumes. Mehrere Reihen von Aktenordnern, natürlich in glänzend schwarzem Kunststoff und sauber gedruckter Rückenbeschriftung, füllten die untersten Etagen der Regalwand aus.

Die Kommissare nahmen sich noch Küche, Bad und Schlafzimmer vor und fanden überall dieselbe Farb- und Formgebung.

»Möchtest du hier wohnen, Paul?«

»Schön ruhig scheint es ja zu sein und die Aussicht ist auch nicht schlecht.« Wellmann zeigte durch die großen Glasfenster der Giebelwand nach draußen. »Da drüben der kleine Bach und dahinter der Wald.«

»Wenn die Bäume dort in zwei Monaten grün werden, stört das die Farbkomposition in der Wohnung aber gewaltig.« Lindt schüttelte sich schaudernd. »Ich finde es hier drin richtig ungemütlich.«

»Wenn Conny wenigstens eine Holzdecke hätte einbauen lassen. Das habe ich ihm so oft gesagt«, mischte sich Langenbach in die Unterhaltung der Kommissare.

»Ach, wir hatten Sie ja ganz vergessen vor der Tür«, entschuldigte sich Lindt schnell. »Sie kennen sich aus hier?«

»Das wäre zuviel gesagt, aber ein paar Mal im Jahr habe ich ihn schon besucht in seiner Designerwohnung. Klare Formen und klare Farben, das ist so ein Tick von ihm. Im Büro übrigens auch … kein Schriftstück zuviel auf dem Schreibtisch. Telefon, Computer, Bleistifte, Füller … alles hat seinen genau festgelegten Platz.«

»Scheint ein sehr penibler Mitarbeiter zu sein. Sind Sie mit ihm zufrieden?«

»Mein Bester! Denken Sie, ich hätte ihn sonst zum Prokuristen gemacht? Der findet jeden noch so kleinen Fehler in den Abrechnungen und auch, was juristische Fragen anbelangt ist er fit wie kein anderer. Hat meinem Betrieb schon viel Geld eingebracht.«

»Dann ist er wohl weniger auf dem bautechnischen Gebiet tätig, eher als Buchhalter?«

»In der Buchhaltung hat ihn mein Vater vor zwanzig Jahren eingestellt, aber mittlerweile ist er unser kaufmännischer Direktor. Auf Conny ist wirklich hundert Prozent Verlass.«

Lindt schluckte: »Oder es war Verlass auf ihn. Die ganzen Indizien mit dem fertig gepackten Wagen in der Garage … ich habe gar kein gutes Gefühl.«

Man konnte dem Bauunternehmer ansehen, dass er ähnliche Befürchtungen hatte. Mit sorgenvoller Miene schaute er sich in dem fast steril wirkenden Raum um: »Allerdings scheint hier nichts durchsucht worden zu sein. So hat es schon immer ausgesehen, so lange ich mich zurückerinnern kann.«

Der Kommissar schwieg und begann, bedächtig in der Wohnung umherzugehen. Vorsichtig setzte er einen Schritt vor den anderen, als wenn er aufpassen wollte, die wie geleckt wirkenden Räume bloß nicht schmutzig zu machen.

Aus allen möglichen Perspektiven ließ er die Atmosphäre auf sich wirken. In der schmalen Küche nahm er auf einem Barhocker an dem thekenartigen Essbereich Platz und betrachtete die hochpreisigen Küchengeräte, die aber nur wenig benutzt zu sein schienen. Eine Ceranplatte mit Induktionskochfeldern, Edelstahl-Designer-Esse als Dunstabzug, Schweizer Nobelfabrikat eines Kaffeeautomaten und … Lindts Herz schlug schneller … sogar einen Einbauherd als Kombination von Backofen und Dampfgarer!

Ein derartiges Gerät hatte er sich zusammen mit Carla erst vor wenigen Wochen in einer Küchenausstellung angesehen. Ein Traum für jeden Hobbykoch! Die Worte des Verkäufers klangen Lindt noch im Ohr: ›unvergleichliches Geschmackserlebnis‹ – ›vitaminschonend zubereitete Gemüsegerichte‹ – ›alle Inhaltsstoffe bleiben erhalten‹ – ›die Profis garen nur mit Dampf‹ – aber knapp sechstausend Euro auf dem verschämt seitlich angeklebten Preisschild ließen die Wünsche wie eine Seifenblase zerplatzen.

Auf Gäste schien weder Finks Küche noch die restliche Wohnungseinrichtung zugeschnitten zu sein. An der Theke gab es nur drei Sitzplätze und ein großer Esstisch fehlte vollständig.

Das Schlafzimmer verstärkte diesen Eindruck noch. Lindt schätzte die Breite des Bettes, mit silbergrauer Seide bezogen, auf maximal einen Meter zwanzig – viel zu schmal, als dass dauerhaft zwei Personen hätten darin schlafen können. Allerdings musste er sich von Carla zu Hause auch immer wieder den Vorwurf gefallen lassen, er würde sich im Bett sehr breit machen.

In Gedanken versunken holte er die kurze, gerade Pfeife aus seiner Jackentasche und begann sie zu stopfen.

Noch bevor er nach seinem Feuerzeug tastete, drehte er den Griff an einer der vier Kleiderschranktüren. Schleiflack, schwarz, genauso wie das Bett, kontrastierte auch hier sehr hart zum Weiß von Wand und Deckenschräge.

Der Kommissar öffnete einen Schrank und fand vor, was er erwartet hatte. Weder bei den Anzügen, noch bei den Hemden oder der Wäsche gab es andere Farbtöne, als schwarz und weiß! Alles akkurat und fast millimetergenau ausgerichtet und gestapelt.

»Das hat Conny bestimmt nicht gerne«, zeigte Langenbach, der Lindt gefolgt war, auf dessen zwar gestopfte, aber noch kalte Pfeife. »Rauch hasst er wie die Pest. Wenn bei einer Besprechung in unserer Firma irgendjemand wagt zu rauchen, verlässt er sofort und kommentarlos den Raum.«

»Tut mir leid«, entschuldigte sich der Kommissar und schob die Pfeife vorsichtig wieder in seine Jackentasche. »Nur so eine Angewohnheit von mir – allerdings wird Pfeifenrauch im Gegensatz zum Gestank von Zigaretten meistens als wesentlich angenehmer empfunden.«

»Ja, mir geht es auch so. Pfeife rieche ich gerne, ab und zu genehmige ich mir eine Havanna, aber Conny ist da absolut kompromisslos. Auf unseren Baustellen draußen hätte er einen schweren Stand. Einer meiner Ingenieure hat ihn mal als ›militanten Nichtraucher‹ bezeichnet.«

Dieses Thema interessierte Lindt. »Wie kommt er denn sonst mit den Arbeitskollegen klar?«

Langenbach zögerte – für das Gespür des Kommissars eine Idee zu lange – bevor er antwortete: »Wissen Sie, ich messe meine Mitarbeiter an ihrer Leistung. Das Ergebnis ist mir wichtig und da gibt es wirklich nur Bestes zu berichten. Seine Kollegen … nun …«

Wieder kam eine Pause, wie wenn der eindrucksvoll große, grauhaarige Unternehmer sich seine Worte erst genau zurechtlegen müsste.

»Ich bin überzeugt, dass nicht alle seinen Arbeitsstil mögen. Korrekt, penibel bis in alle Einzelheiten. Die Genauigkeit eines erstklassigen Buchhalters hat er auch als kaufmännischer Direktor nicht abgelegt und damit natürlich manche Schlamperei in meiner Firma aufgedeckt.«

»Gab es denn irgendwann einmal richtige Reibereien?«

»Keine Probleme, die nicht zu lösen waren …«

Lindt merkte sich diesen Satz ganz genau, denn er konnte nichts und doch alles bedeuten. Falls dieser Konrad Fink, den sein Chef immer nur Conny nannte, tatsächlich verschwunden oder gar durch die Einzugswalzen des 500-PS-Hackers gegangen war, müssten die Ermittlungen in dieser Richtung wohl noch sehr vertieft werden.

›Wenn der so kalt war wie seine Wohnung …‹

Paul Wellmann unterbrach die Gedanken seines Vorgesetzten. »Oskar, die Kollegen von der Technik.«

Lindt schreckte hoch: »Alles auf den Kopf stellen hier. Zuerst natürlich DNA-taugliches Material suchen und schnellstens mit den Spuren aus dem Hacker vergleichen.«

»So sauber, wie es hier ist«, meinte einer der Kriminaltechniker im weißen Overall, »da werden wir unsere Mühe haben.«

Lindt klopfte ihm auf die Schulter. »Haare findet ihr bestimmt im Staubsauger und eine Zahnbürste hatte er sicherlich auch.«

Der Kommissar machte zwei Schritte zur Tür, griff sich dann aber an den Kopf und drehte wieder um, wie wenn er etwas vergessen hätte.

»Sagten sie nicht, er hätte nie mehr Papier als unbedingt nötig auf seinem Schreibtisch gehabt?«, wandte er sich an den Bauunternehmer. Der nickte.

»Na, dann müssen wir doch mal dort reinschauen.« Zielgerichtet ging er wieder in das großzügige Wohnzimmer und steuerte den Schreibtisch an.

Er tastete nach dem Einschaltknopf des PC’s, drückte aber irgendwie daneben und erschrak. Ein Segment an der Gehäusefront gab nach und klappte zurück. Dahinter war nichts. Leere! Ein Loch. Verduzt rieb Lindt sich die Augen. So etwas hatte sein Dienstcomputer nicht.

»Was kann denn das …?«

Der Kollege von der Spurensicherung wusste die Lösung: »Herausnehmbare Festplatte! Optimale Datensicherung – fragt sich nur, wo die versteckt ist.«

»Na, dann sucht mal schön«, gab der Kommissar zur Antwort und wandte sich an Langenbach.

»Wenn Sie gestatten, würden wir jetzt gerne den Arbeitsplatz Ihres Prokuristen sehen.«

»Natürlich, klar, selbstverständlich«, stotterte der ansonsten so selbstsicher wirkende, imposante Bauunternehmer.

»Ach, Paul«, warf Lindt seinem Kollegen in einer plötzlichen Eingebung die Schlüssel des Dienstwagens zu. »Bleib du doch hier, bestelle Jan zur Firmenzentrale und versiegle nachher die Wohnung.«

Er sah Langenbach direkt in die Augen. »Sie nehmen mich doch sicherlich gerne mit.«

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26 mayıs 2021
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9783839232767
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