Kitabı oku: «Der Tanz der Koperwasy»

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Vom Autor

Wir saßen am Küchentisch und redeten über die Familie, die Kindheit, wie wir zur Tante gefahren sind, mehrmals umsteigen und auf den Zug warten mussten … An diesem Tisch fiel der erste Satz des Romans: »Tante Gienia starb viele Male.« Und so begann ich mit dem »Tanz« … Redend und lachend. Ich bekam Lust, Firlefanz zu schwatzen, an Familienmitglieder zu erinnern, über ihre gewöhnlichen und doch so unglaublichen Abenteuer zu lachen … Also, das ist in etwa diese Art von Literatur. Diese Art der Improvisation, ein Sich-Erinnern an darauffolgende Geschichten aus langer Weile – was im Wesentlichen leicht ist, wenn man sich darauf einlässt, gleichsam mit der Forke hantiert und eine Garbe nach der anderen weiterreicht. Das ist die Grundlage der Literatur. Reden, ohne aus dem Rhythmus zu kommen oder denen die Arbeit zu komplizieren, die einem diese Garben abnehmen. Das ist so eine bäuerliche Metapher für das Schreiben. Danach braucht es nur noch Sorgfalt, um dieses Gerede nicht zu verlieren – und ein Stück zu erfinden, aus dem eine Wahrheit, an die wir nie gedacht haben, an die Oberfläche gelangt. Eine seltsame Wahrheit, aber eine seltsam wahre.

Bernard Nowak

DER TANZ DER KOPERWASY

Übersetzung aus dem Polnischen von Zbigniew Wilkiewicz

Mit einem Nachwort von J. Cymerman

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2015

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2015) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

Bild »Totentanz«: Pieter Brueghel (Fragment)

Homepage des Autors: www.bernard-nowak-wydawnictwo-test.com

Übersetzung © Zbigniew Wilkiewicz

Übersetzung des Nachwortes und redaktionelle Mitarbeit: Herbert Ulrich

www.engelsdorfer-verlag.de

Für meine Mutter

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Kapitel I. Der Tanz der Koperwasy

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Kapitel VIII

Kapitel IX

Kapitel X

Kapitel XI

Kapitel XII

Kapitel XIII

Kapitel XIV

Kapitel XV

Kapitel XVI

Kapitel XVII

Kapitel XVIII

Nachwort

Biografische Anmerkung

Der Tanz der Koperwasy

Tante Gienia starb viele Male. Man könnte ohne größere Übertreibung sagen, dass sie diese Kunst in vollkommener Weise beherrschte. Dann kamen bei den Koperwasy alle Familienangehörigen zusammen, die engeren und die ferneren, in erster Linie aber ihre neun Kinder, und jedes von ihnen mit dem eigenen, zahlreichen Anhang. Es kamen alle, sogar »die Stettiner von hinter dem Bug«, die von der Familie am weitesten entfernten Umsiedler. Im Haus wurde es eng und dunkel, man hörte Geflüster und das fieberhafte Aufzählen von Details, man zählte die Ansässigen und die Angereisten, aber alle wussten, dass auf den Listen sowieso jemand fehlen würde. Immer wenn sie starb, warteten wir auf die Anreise einer weiteren Person. Gienia erwartete den Besuch ihrer Schwester, Tante Marta. Und immer wartete sie umsonst.

Das Sterben fand im größten Zimmer des Fachwerkhauses statt, wo die Tante die Angereisten in dem bald nach dem Krieg irgendwoher beschafften Ehebett liegend empfing. »Meine lieben Kinder …«, seufzte sie auf den ihre vollbusige Gestalt stützenden Kissen. »Ihr seht mich zum letzten Mal, danke, dass ihr gekommen seid … Ist Iryś auch da? Aha, er soll übermorgen kommen, dieser Schlauberger taucht immer als Letzter auf. Du, Aloch, bist sicher wieder besoffen, was? Kannst du nicht die paar Tage abwarten, du siehst doch, wie schwach ich bin … Geh lieber und hilf Sabcia, das Mädel hat alle Hände voll zu tun«, dirigierte sie aus der Höhe ihres Todesthrons und zeigte damit allen, dass sie die Situation im Griff hatte und ihre Herrschaft bis zum letzten Atemzug verteidigen würde.

Bei jedem dieser Auftritte vergaß sie auf keinen Fall, zumindest für einen Moment einen Schwächeanfall zu erleiden und eine ihrer Hände so herabsinken zu lassen, dass sie schließlich kraftlos herabhing. Diese leblose Gelöstheit, die leicht geöffneten altersschwachen leberblauen Lippen und ihre durch Kosmetika balsamierte Blässe hielten sie nicht davon ab, den Moment abzuwarten, bis ihr eine der Töchter einen Becher mit leicht verdünntem Kompott an den Mund hielt. Verstohlen lugte sie unter ihren Lidern hervor, welche von ihnen die Erste sein würde. Und gerade in diesem Moment, urplötzlich, als das Ritual beendet schien, warf sie die noch heute in meinen Ohren nachklingende Frage in den Raum: »Habt ihr Marta ein Telegramm geschickt?«

Langsam und etwas zögerlich antwortete eine Stimme mit einem »Ja«.

Dann ereilte uns die zweite Frage: »Hat sie geantwortet?«

Es wurde still. Schließlich erklärte ein etwas Mutigerer: »Wir waren heute noch nicht auf der Post, Tante, aber wahrscheinlich noch nicht …«

Dann drehte sich Gienia, deren letzter Wusch unerfüllt geblieben war, zur Wand und wir – ignoriert und voller Hochachtung – schoben uns in die Küche hinaus, wo sich, so weit ich zurückdenken kann, schon immer das Familienleben abgespielt hatte.

In der westfälischen Küche war es ruhig und heimelig, wie mit Resten jener anderen, deutschen Gemütlichkeit versetzt, die auf häuslichen Gerüchen und der vom Ofen her pulsierenden Wärme beruht. So war es hier, dort aber, im Zimmer der Tante, herrschten Starre, Ruhe und Kälte. Und all dies, damit die Kranke leichter atmen und besser schlafen konnte, wobei jedem klar war, dass sich das Leben, mit den sich zwischen unseren Beinen tummelnden Hunden und Katzen, ganz auf unserer Seite vollzog. Auf Seiten der Tante gab es nur noch die zur vollkommenen Starre heruntergekommene Zeremonie der letzten Vermählung.

Wir, die Heranwachsenden, lungerten ziellos herum, wie irgendwo vergessene Jungs, und warfen verstohlene Blicke auf die selten gesehenen Altersgenossen der ferneren Verwandtschaft. Die blasse Sabina, die Tochter der Tante, schon ein wenig Hausfrau, kochte irgendetwas, ihr Mann, der von der Sterbenden erwähnte Aloch, nahm aus dem Backofen, feierlich wie aus einem privaten Tabernakel, Gefäße mit aromatischem Punsch heraus. All dies geschah, um sich aufzuwärmen, denn der Zufall wollte es, dass das Sterben der Tante auf die Wintermonate fiel, wenn die Feldarbeiten beendet waren und das Geschäft mit dem Vieh weniger wurde. Wenn – kurz gesagt – die Zeit fürs Sterben am günstigsten war.

Man muss zugeben, dass Gienia es verstand, den Moment fehlerfrei zu wählen, um für uns all die Langeweile, die uns wie eine dunkle Herbstnacht zusetzte, erträglicher zu machen. Ich glaube, alle Verwandten waren ihr ein wenig dankbar, dass sie die Feiertage um einen neuen, etwas makabren Brauch bereicherte. Gern fuhren wir, selbst vom ganz anderen Ende Polens, zu ihr. Gern kämpften wir uns durch das Land, froren in schlecht beheizten Bahnhöfen, garten in überfüllten Abteilen, nur, um die in der Kindheit so verlockende Odyssee erleben zu dürfen.

Bis zu einem bestimmten Alter fuhren wir zu zweit, Ania und ich. Später fuhr ich meistens allein und ein- oder zweimal mit Michał. Am liebsten war ich mit Ania unterwegs, denn dann war ich mir sicher, dass nichts passieren konnte. Dass sie es immer schaffen würde, mir zu helfen. Später wurde ich allein losgeschickt, man kaufte mir die Fahrkarte und erinnerte mich daran, wo ich umsteigen musste.

Zur Sicherheit nahm ich allerdings eine Landkarte mit: vergilbt und abgewetzt, mit nicht mehr gültigen Grenzen, aber mit den gleichen Verbindungen wie vor dem Krieg. Grenzen lassen sich ändern, aber Schienen bleiben am Ort, selbst nach allen noch so großen Verschiebungen. Damals bemerkte ich, dass man sich mithilfe des Schienennetzes leicht orientieren kann, wie weit der Einfluss der einen Zivilisation reicht und wo eine andere beginnt. Oder – genauer gesagt – gar nicht vorhanden ist. Und auf einer solchen Landkarte zeichnete ich mir mit einem dicken Strich meine eigene, von Süden nach Norden führende Trasse ein.

Wir kamen im Morgengrauen an. Der Zug hielt an einer kleinen, in einem Tal gelegenen Station und wir suchten mit unbeholfenen Füßen nach den hölzernen Stufen des Waggons, um – mit dem Köfferchen beladen – nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Das schwarze Ungeheuer fuhr weiter, während wir, zwei auf dem geschotterten Bahnsteig stehende Kinder, die nach Ferienfrische duftende Landschaft in uns aufnahmen.

Wir gingen dann den leeren, sich wie alle pommerschen Chausseen schlängelnden Weg entlang. Wir schritten wortlos nebeneinander her, mit in Träumen verfangenen Gedanken und mit Augen, die die vertrauten Orte wiedererkannten. Den Backsteinschlot ließen wir hinter uns und in der Ferne zeichneten sich das Kirchlein und der Dorffriedhof ab, auf dem die Zwillinge Martas lagen. Beim Sägewerk dufteten die Bretter und gleich dahinter fiel einem der rote Backstein der Tabakfabrik ins Auge. Hier hatte direkt nach dem Kriege Marta, die von allen nur »die Amerikanerin« genannt wurde, gearbeitet.

Wir wussten nie, auf welche Situation wir treffen würden. In den Telegrammen stand, dass der Zustand der Tante bedenklich sei, dabei war seit der frühesten Kindheit, seit den ersten Besuchen klar, dass sie krank war. Man sprach bei jeder möglichen Gelegenheit darüber. Ringsherum wuchsen die Kinder heran, gingen zur Kommunion, die Familie kam zu Kirchweihen und Hochzeiten zusammen und die Tante lebte gleichsam nebenher und außerhalb der Zeit, mit einer für die Ärzte ungeklärten Erkrankung ausgestattet. Wenn wir uns also zum wiederholten Mal dem Ort näherten, von dem aus die Fachwerkmauern dieses in der ganzen Gegend größten Hauses sichtbar wurden, wich die durch die Reise verursachte Aufregung jäh einer die Kehle zuschnürenden Angst.

Die Tante fragte auch uns wegen Marta und jedes Mal mussten wir hervorbringen, dass sie »momentan nicht vorhabe, zu kommen«. Marta hatte sich mit unserer Großmutter angefreundet und schrieb ihr oft, aber aus dem, was man mitbekam, zeichneten sich keine Reisepläne ab. Zunächst dachte ich, dass es eine Frage der Entfernung und der vielen Dollars sei, erst später erfuhr ich, dass es um mehr ging. Ein wenig von der Großmutter und ein wenig aus den in den Ferien aufgeschnappten Äußerungen folgerte ich, dass es zwischen ihnen Dinge gab, die viele Jahre zurücklagen, aber für ein Kind war es schwer, sich zu orientieren, und noch schwerer, sich Fragen zu erlauben. Es ging nicht um Geld, denn die kinderlose und berufstätige Marta war eine der wohlhabendsten Personen in unserer Familie und musste nicht auf jeden Groschen achten. Außer dieser Tatsache verstand ich nicht viel; die halb ausgesprochenen Worte und Andeutungen vergrößerten die Verwirrung nur. Immer dann, wenn der Name Marta fiel, öffnete ich aus purer Neugier den Mund.

Der Weg nach rechts führte nach Brachlewo, wohin ich als Kind, trotz zahlreicher Streifzüge, niemals kam. Die Grenze meiner Welt verlief unmittelbar am Anwesen der Tante entlang, am Ansatz der asphaltierten Gabelung; dahinter begann ein unbekanntes Land. Der dortige Himmel, weiter weg, war wie aus Blei, durch den kein Strahl hindurchdringt, nicht hindurchgelangen kann, obschon es doch etwas Verkehr in beiden Richtungen der Chaussee gab. Manchmal sprang hinter der Kurve ein LKW hervor, nicht selten fuhr an mir ein PKW vorbei, und ich war so vergafft, dass der Fahrer kurz bremsen musste, um mir mit der Faust zu drohen, doch die Fahrtgeräusche brachen – was mir erst jetzt bewusst wird – schon ein paar Meter weiter wie abgeschnitten ab. Die Fahrzeuge, egal welche, wurden unglaublich schnell kleiner und verschwanden zusammen mit den Motorgeräuschen und den sich ringelnden Abgasen im Raum, so als würden sie aufgesogen.

Nicht nur ich, sondern keiner von der Familie, die doch zahlreichen Geschäften nachging, fuhr jemals in diese Richtung. Schon bei der Nennung des Ortsnamens spürte man geradezu Abneigung. Auch der Pfarrer von Brachlewo (manche sagten noch immer Brachnebrau) wurde von der Tante kaum toleriert. Die offizielle Ursache war seine berühmte Gefräßigkeit, die jede Hausfrau fürchten musste, aber auch in dieser Angelegenheit witterte man eine durch das familiäre Beschweigen bemäntelte Unklarheit. Die Abneigung war gegenseitig. Der Pfarrer kam, wenn er zur Kirchweih erschien, niemals auf meine Tante zu.

Wir gingen weiter, vorbei an dem zu dieser Tageszeit abgezäunten Kółeczko, wo ein mir wenig bekannter Teil der Familie lebte. Die in den dortigen Häusern wohnenden Anverwandten und Verwandten gehörten – obschon vom Stamm der Koperwasy – zu einem Seitenzweig der Dynastie. Ich erinnere mich wie durch einen Nebel an diese Menschen; sie waren klein, dunkel, mit ein wenig semitischem, rötlichem Einschlag und trugen Vornamen, die mir heute nicht mehr geläufig sind. Der Stammbaum des Geschlechts war recht verworren, sodass mir manchmal schien, dass jeder mit jedem verwandt war, was wohl in gewisser Weise auch stimmte. Niemand außer Großmutter Weber war in der Lage, diese Verwandtschaftsverhältnisse zu entwirren.

Nach Kółeczko ging man, um mit anderen Jungen zu spielen. Dort war es leichter, einem der Altersgenossen zu begegnen, während andere in den auf den Feldern verstreuten oder sich an der asphaltierten Chaussee hinziehenden Gehöften unauffindbar blieben.

Die Gehöfte hießen nicht wirklich Kółeczko. Vielmehr bildeten sie das eigenständige Dorf Ołędry Sztumskie. Allerdings benutzten alle den verkürzten Ersatznamen, indem sie etwas hervorhoben, was sowieso klar war: Das Dorf war in Kreisform aufgebaut worden. Dort, mitten auf dem Platz, stand eine der wichtigsten Requisiten meiner Kindheit: eine große gusseiserne Pumpe mit einem abgewetzten glänzenden Griff. Dieses Meisterstück deutscher Gusskunst, das unter unseren Füßen unsichtbar blieb, hatte eine Eigenart, die mich immer wieder neugierig machte. In gewisser Weise identifizierte ich mich sogar mit ihr; ich kann sogar behaupten, dass sie genauso stotterte wie ich. Wenn man den Hebel bewegte und nicht das Wasser, sondern die neben dem Kolben entweichende Luft angesaugt wurde, gab die Pumpe Geräusche von sich, die aus dem Erdinneren zu kommen schienen, indem sie lange, metallische Selbstlaute ausstieß. »Aa… Aahh… Iiii… Aaa… Aah«, stöhnte sie arm und einsilbig vor sich hin, als könne sie trotz der Anstrengung nichts anderes hervorbringen.

Aber diese Spiele dauerten sogar im Sommer nicht lange. In der Abenddämmerung wurde Kreislein mit einem breiten, unüberwindlichen Zaun abgesperrt. Wir spürten, dass die von dort doch etwas anderes waren als die Kinder an der Chaussee oder die aus den im Tal verstreuten Gehöften. Die Dorfbewohner bildeten eine Gruppe für sich mit einem durch Sitte festgelegten Rhythmus des Verschließens, während alle anderen ein weitaus weniger geregeltes Leben führten. Für uns war das beschwerlich, denn manchmal wären wir gern bis abends geblieben, aber da wurde schon der Palisadenzaun aufgestellt und wir mussten weichen. Die aus Kółeczko blieben zurück, auf der Wiese und mit der geheimnisvollen Pumpe, wir aber gingen zögerlich in alle Richtungen auseinander. So richtig habe ich diese Unbequemlichkeit aber erst viel später verspürt. Und zwar dann, als mich die dort – wie hinter der Palisade einer von Schwarzerde umgebenen Burg – eingesperrte Kasia Kurcjanow zu interessieren begann.

Kasia war die Erste von den Altersgenossinnen aus der Familie, bei der ich schon lange die immer größer werdenden Wölbungen ihrer Brüste wahrgenommen hatte. Sie nahm meinen ebenso verschämten wie kühnen Blick genau wahr und erwiderte ihn mit der ganzen Direktheit einer zum Leben erwachenden jungen Frau. Sie sah mir gleichermaßen mutig wie schamlos in die Augen. Sie war älter und brauchte mich nicht ernst zu nehmen, weshalb sie bei mir weitergehen konnte als bei anderen. Mit den anderen hatte sie sicher schon das eine oder andere ausprobiert, sie musste sich also vor ihnen in Acht nehmen, aber mit mir konnte sie sich alles erlauben. Ich glaube, dass ich für sie so etwas wie ein bequemes Versuchskaninchen war, von dem man sich, wenn es denn so weit ist, ein für alle mal trennt. Das habe ich erst viel später verstanden und bevor dieser Moment kam, war ich überzeugt, dass sie für mich die gleichen Gefühle hegte wie ich für sie. Dabei handelte es sich – denn ich muss den Mut haben, die Dinge beim Namen zu nennen – um mit Provokation vermischtes Mitleid und Erbarmen.

Wir bogen nach links ab und gelangten vorsichtig durch das verwässerte Ultramarin des Morgens zu den an dem doppelten Bogen – aus Weg und Bachlauf – gelegenen Gebäuden. Das große Haus, mit dem unter einem Dach untergebrachten Wirtschaftsteil, war im Schlaf versunken. Manchmal klirrte ganz kurz eine von einem Kuhschädel bewegte Kette. Ihr antwortete von der gegenüberliegenden Seite des Hofes die andere, durch die Schwelle der Bude hindurchgezogene und auf dem Holz schnarrende Kette des Hundes. Der alte Schäferhund, der von Aloch als »einstdeutsch« bezeichnet wurde, begrüßte uns als Erster. Wir waren immer ein wenig verwundert, dass in dem Trauerhaus kein Licht zu erblicken war, dass alle schliefen, so als ob nichts passiere. Und dass es nicht gelingen würde, dem für niemanden angenehmen Wecken, den verschlafenen Gesichtern und den nächtlichen, uns küssenden Mündern zu entgehen.

Zunächst ein schüchternes, dann ein zweites Anklopfen und danach die blässliche Cousine Sabina in der Tür, der die Mutter einst, als es ihr schlecht ging, die Schlüssel übergeben hatte. Danach das Eintreten, das Hinstellen der Koffer und der Blick in die nach Knoblauch duftende Küche, während Sabina, noch immer in dem mit braunen Punkten bekleckerten Nachthemd, die Herdringe abnahm und Feuer machte. »Wie geht es der Tante?«, fragten wir, nachdem wir einen Moment gewartet hatten, um im Gegenzug das zwischen dem Kratzen der Schaufel erwiderte »Krank … Gestern war der Arzt da« zu hören.

Nach dem Frühstück, bei dem kaum gesprochen wurde, legten wir uns für zwei, drei Stunden hin; wir in unser kühles Bett, die blasse Sabine in ihr warmes, zu dem im ganzen Haus vernehmbar schnarchenden Aloch. Es schickte sich zu so früher Tageszeit nicht, in das von Krankheit erfüllte Zimmer der Tante hineinzuschauen. Sie schlief.

Während unserer Besuche erhielten wir immer dasselbe Zimmer. Auf der einen Seite des Korridors befand sich der Kuhstall, auf der anderen der Wohnbereich, von dem aber nur die Küche und die drei größten Stuben hergerichtet worden waren. Unsere Tür war die zweite in der Zimmerflucht, die dritte führte zu einer Stube, die nie genutzt wurde. Dahinter befand sich noch eine Stube mit Blick auf die Darre, das sogenannte Gästezimmer, das den Trauernden zur Verfügung gestellt wurde. Gerade hier sollte später, für ein paar Wochen, Marta wohnen.

Auch unsere Stube war, außer den zwei Betten und einigen Stühlen, von denen jeder einzelne einer anderen Garnitur entstammte, nicht eingerichtet. Als Tante Gienia einmal gefragt wurde, warum dort niemand wohne, erwähnte sie die Feuchtigkeit, die man zwar noch nicht spüre, aber die noch kommen werde, die unter dem Fußboden scharrenden Mäuse und noch etwas anderes … Sie gab mir aber niemals eine eindeutige Antwort.

Das Haus der Tante war mit allerlei Absonderlichkeiten vollgestopft, die für ein Kind unverständlich blieben. Oben der verwahrloste Dachboden voller Gerümpel, hinter dem Kuhstall der verfallende Keller, schließlich die in der Scheune stehenden, niemals in Gang gesetzten Maschinen. Dies alles formte sich zu einer unverständlichen und dadurch noch attraktiver werdenden Chiffre. Es wurden keine neuen Gebäude errichtet und nur selten nahm man Reparaturen am Gehöft vor. Sicherlich, keiner konnte in jenen Jahren wissen, wie lange er dort bleiben würde, aber man hätte doch die einstdeutschen Werkzeuge oder das niemals in Bewegung gesetzte und mit Grünzeug überwucherte Göpelwerk benutzen können. Zur Rechtfertigung von Frau Koperwas muss allerdings ergänzt werden, dass die Gerätschaften der Tante nicht die einzigen waren, die ungenutzt herumlagen. Jeder, der sich in jenen Jahren nach Pommern verirrte, konnte mit eigenen Augen wesentlich schlimmere Dinge erblicken.

Wir erhoben uns von unseren Schlafstätten, wenn das Haus schon lange auf den Füßen war. »Die Kinder sollen sich richtig ausschlafen, sie waren die ganze Nacht unterwegs, Gott verhüte, dass sie krank werden …«, rechtfertigte uns die von einem aufs andere Jahr schmaler werdende Sabine. Man weckte uns also erst, wenn das Mittagessen schon fertig war, sodass wir uns wieder schläfrig abermals an den Tisch setzten. Man erzählte, unterhielt sich und erkundigte sich nach unseren Angelegenheiten, also nach der Oma und der Schule; wir fragten umgekehrt nach der Tante, nach ihrem Befinden und der neuesten Entwicklung ihrer Erkrankung. Ich wusste, dass ich sie auch diesmal im gleichen Zustand erblicken würde. Dass wir wiederum ein ums andere Mal bei ihr hineinschauen würden, immerzu verlegen und desorientiert und selbst nach einigen Tagen nicht wissend, ob wir uns auf die Rückreise vorbereiten oder auf ihren Tod warten sollten.

Im Trauerhaus wurde natürlich nur halblaut gesprochen. Man fragte uns nach Marta, nach den Chancen für ihr Kommen und nach anderen Neuigkeiten, worauf wir aber nur wenig zu antworten wussten. Im Laufe der Jahre schrieb Marta immer seltener und beschränkte sich auf Postkarten, die sie zu bestimmten Anlässen verschickte. Ihre langen und auf Deutsch verfassten Briefe (sie hatte es ein wenig während der Besatzungszeit und später gut von Kurt gelernt) erhielt die Großmutter, die uns Kindern allerdings nicht erzählte, worauf sie sich bezogen.

Ich verbrachte alle Ferien in Koperwasy und das nicht nur deshalb, weil Gienia für mich einer engen Verwandten gleichkam, sondern aus dem einfachen Grund, weil es in den Nachkriegsjahren kaum Orte gab, wohin man reisen konnte. Allein hätte man mich nicht reisen lassen, und beide Kinder irgendwohin zu schicken, konnte sich die Großmutter nicht leisten. Um sich zu revanchieren, schickte Marta, meine Patin, etwas Geld, Pakete mit Kleidung und für die Erwachsenen Ansichtskarten, die man hinter die Scheibe der Anrichte steckte. Im Gegenzug wurden wir als Kinder von den Koperwasy ein wenig umsorgt.

Eine spezielle Betreuung ist in diesem Alter übrigens nicht nötig. Wir verbrachten viel Zeit damit, bei der Arbeit zu helfen, den Rest der Zeit verbrachte ich mit Streifzügen durch die Gegend oder in der immer interessanten Ziegelei mit ihrem ganzen System von Lehmhöhlen. Die Tante mochte mich wohl trotz all meiner Wunderlichkeiten und drückte mich öfters an sich als ihre echten Enkel, die sich das ganze Jahr über in ihrer Nähe aufhielten. Ich musste allerdings schon jetzt und etwas beschämt feststellen, dass die Aussicht auf ihren Tod mich nicht so richtig in Angst versetzte. Nicht nur deshalb, weil ich die mit der Möglichkeit ihres Ablebens verbundenen Zweifel der Erwachsenen wahrnahm, sondern weil ich selbst den Eindruck hatte, dass all das – diese ganzen Todesvorbereitungen – eine mit unbekanntem Ziel ausgedachte Inszenierung darstellten. Man hatte den Eindruck, dass Gienia, nachdem sie auf die Idee mit dem Todesspiel gekommen war, sie immer dann, wenn die Bedingungen günstig waren, in Szene setzte. Damals war noch niemand aus der Familie gestorben, es gab also keinen Grund, sich mit so extremen Lösungen zu beschäftigen. Auch der in der Nähe gelegene Friedhof weckte keine Unruhe. Sicher, ich ging da ab und zu hin und ich kannte schon das kleine Grab von Martas Kindern, aber all das, was aus einer anderen Epoche stammte, konnte die bestehende Bedrohung nicht anschaulich werden lassen.

Die fast alljährlichen Querelen mit der Tante sorgten für Situationen, denen ich niemals Glauben geschenkt hätte, wäre ich selbst nicht einmal ihr Zeuge geworden. Es geschah, wenn ich mich recht erinnere, im Herbst, nach einer der ersten Gesundungen. Es goss damals in Strömen, wohl an die zwei Wochen lang, und niemand wollte sich rühren. Es stellte sich aber heraus, dass Aloch hinausmusste, und zwar bis nach Sztum, um einen Auftrag zu stornieren. Ob er wollte oder nicht, er musste sich auf das nasse, unter der Dachtraufe stehende Fahrrad setzen und losfahren. Wegen der Blumen. Denn gerade damals hatten sie es, wie sich herausstellte, mit der Ausstattung übertrieben.

Seit dieser Zeit zahlte die Familie für die Blumen einen kleinen, immer wieder verfallenden Vorschuss, während sie bei anderen Einkäufen Abmachungen traf, die an konkrete Bedingungen geknüpft waren. Ich erfuhr nämlich, dass dies nicht die einzige Vorbereitung war und dass sich die engsten Verwandten der Tante schon seit einiger Zeit um die Ausstattung für ihren letzten Weg gekümmert hatten. Ich wunderte mich über diese Art zu denken, ich war sogar bestürzt, aber im Laufe der Jahre verstand ich, dass sie diese traurigen Probleme nicht so behandeln konnten, als würde zukünftig nichts geschehen.

Einige Dinge erledigte man früher, andere, die heikel waren, sah man für die letzte Stunde vor. Im Falle der Kleidung gelang es zum Beispiel, einen vorsichtigen, absolut vernünftigen Kompromiss zu schließen. Die von dem mehrjährigen Tanz erschöpfte Familie kam zum Ergebnis, keine Kleider zu kaufen, die sämtliche Merkmale von Einmaligkeit trugen, sondern sowohl das Kostüm als auch die Stiefel sorgfältig auszuwählen. Sie sollten der Tante länger als nur eine Saison dienen. Man vermied Schwarzes und wählte Brauntöne, die zu älteren Damen passten, und man ergänzte das Ganze um geschmackvolle Schuhe mit niedrigen Absätzen. Die schwarze Unterwäsche hatte die Tante selbst gekauft. Sie hob sie im Wäscheschrank auf dem Todesregal auf.

Es gab noch ein anderes Problem. Das war für ein Kind zwar sonderbar, aber nicht ganz so makaber. Viele alte Menschen, die sich eine Ruhestätte sichern möchten, kaufen auf dem Friedhof eine Parzelle und bereiten sie vor, indem sie einen Grabstein aufstellen und auf der Platte ihren Namen sowie den Namen ihres Ehepartners eingravieren lassen. Die Tante machte das auch. In ihrem Fall stellte sich die Angelegenheit allerdings einfacher dar als sonst. Es war bekannt, dass sie einzeln, auf Ewigkeit allein ruhen würde, weil sie weder verwitwet noch geschieden und schon gar nicht Jungfrau war.

Ich erinnere mich an sie und sehe immer wieder, wie sie aus dem Zug steigt, ihre Frisur automatisch richtet und – sich rasch aus der Menschenmenge lösend – entschlossenen Schrittes in Richtung Laden geht. Ich höre noch heute, wie sie mit ihren wohlgeformten, in Leder glänzenden Beinen den Asphalt bearbeitet. Leicht tragen die guten Schuhe den nicht gerade kleinen Körper, während sich das anmutige, hoch erhobene Köpfchen kaum bewegt. Ich sehe sie inmitten des Dorfladens mit dem vergitterten Fenster, mit den zwei Töchtern, die sich in ihrer Gegenwart schneller hinter der Theke bewegen als gewöhnlich. Die Tante macht sich an der Kasse zu schaffen, schaut in das Lager, füllt irgendwelche Rechnungen aus und setzt sich schon wieder in Richtung Wirtshaus in Bewegung, um die Höhe der für den Markttag bestimmten Lieferungen festzulegen.

Gienia, die auf der vom Regen glänzenden Straße entlangmarschiert, an der Kapelle den Gruß des Kirchendieners erwidert, das verrauchte Wirtshaus betritt (der Lärm ebbt respektvoll ab), das sind Bilder aus all meinen Ferien. Irgendwann einmal wurde dieses Portrait durch einen Spazierstock – einem Herrschaftszeichen gleich – ergänzt. Aber das war nur ein Detail. Ehrlich gesagt, hatte ich während meiner ganzen Kindheit den Eindruck, dass meine Tante außer während ihrer Krankheitsphasen wirklich unsterblich sei. Dass dies, wem sonst, wenn nicht ihr, ganz sicher gelänge. Gelingen müsse.

Sterben ist keine einfache Angelegenheit. Und auch nicht komisch. Man kann darüber zuweilen einen Scherz machen, wie man über ernste Dinge scherzt, also nur des Scherzes wegen. Das weiß man, selbst wenn man es nur einmal in seinem Leben mit einer nicht simulierten Agonie zu tun hatte. Deswegen wäre es falsch, anzunehmen, dass Gienia nach jedem ihrer Tode wieder so auferstand, als sei nichts gewesen, wie bis zur nächsten Folge einer nie endenden Serie. Das war durchaus nicht so. Die Tante behandelte den Tod mit vollkommenem, seiner Majestät angemessenem Ernst. Dies ergab sich aus der schrecklichen Überzeugung, dass diesmal – und bei jedem anderen Mal auch – ihr letzter Moment gekommen sei. Andernfalls wäre es von ihrer sowie von der Seite der Trauernden eine nie endende Komödie gewesen. Sicherlich, wir lächelten dümmlich vor uns hin, wie Kinder das so tun, allerdings nicht so sehr deshalb, weil wir nicht an den nächsten Akt dieses düsteren Trauerspiels glaubten, sondern weil wir nicht in der Lage waren, auf die uns über den Kopf wachsende Situation angemessen zu reagieren. Diejenigen, die die Wahrheit über die Erkrankungen der Tante kannten, waren sich der todbringenden Klinge bewusst, die in jedem Moment – einem Stilett gleich – den letzten Stoß setzen konnte.

Gut erinnere ich mich an das dunkelblaue Gesicht Gienias und die Gesichter der anderen. Und an die verzweifelten, unsere Blicke suchenden Augen. Ich fühle den stummen Druck der erlöschenden Hand auf meinem Arm und ebenso den stummen Mund, der nicht mehr wusste, was er noch fragen sollte. Ferner herrschte bereits jene gänzlich hoffnungslose Leere vor, durch die keinerlei Worte vordringen können.

Dass Gienia so oft an die Grenze des Zerfalls geriet – und so oft wieder zurückkam –, grenzte an ein Wunder. Man sieht, Wunder geschehen, ich selbst kann es bezeugen. Unabhängig davon spürte ich – trotz der glücklichen Rückkehr –, dass etwas, irgendeine Welt, zu Ende ging. Dass diese neue Welt, nach dem momentan aufgeschobenen Tod, ein wenig anders war. Die Leere nach dem Tode der Tante musste noch niemand füllen, aber leichte Verschiebungen waren zu bemerken. Jedes Mal übernahm einer der Hausgenossen einen Bruchteil ihrer vorherigen Anwesenheit. Die Erste war die schwächliche Sabina, danach der sich nicht nur um seine Dinge kümmernde Iryś und schließlich, nach dem Tode Sabinas, Aloch, der wie im Scherz – aber trotz allem – diese neuen Grenzen absteckte. Das Herrschaftsgebiet von Gienia Koperwas begann zu schrumpfen.

II

Ein oder zwei Jahre, genau weiß ich es nicht mehr, waren vergangen und ich fuhr wieder in die Gegend meiner Kindheit, zur nächsten Beerdigung meiner Tante. Und wieder war alles so wie in einem geheimnisvollen, warmen Märchen. Man stand früh an einem winterlichen oder herbstlichen Morgen auf, ging den kurzen Weg zur Station, setzte sich in das Bähnlein und schlief abermals ein, bevor die Waggons es geschafft hatten, so richtig loszuschaukeln. Danach wachten wir – am Ärmel gezupft – auf, um umzusteigen, suchten unseren Bahnsteig und kletterten auf den hohen Stufen in den nächsten gemütlichen Waggon. Jetzt war es am wichtigsten, sich in den Mantel der Schwester oder eines zufälligen Mitreisenden hineinzuschmiegen und mit der vor sich hin pfeifenden Lokomotive durch die samten schwarze Nacht zu gleiten. Schwaden weißen Dampfes umhüllten die Holzwaggons und die vom Frost bereiften Beschläge, die Scheiben blitzten im widergespiegelten Licht der Laternen und wir, einer neben dem anderen, Abteil für Abteil, einem dahinrasenden Gruppenschlafraum gleich, fielen in einen harten, sich selbst genügenden Schlaf. Die schwarze Gestalt des Schaffners, die einen wankenden Schatten auf den Boden des Pullmannkorridors warf, tauchte dann und wann in den Türen des Abteils auf, stellte sich so in sie hinein, als erwarte sie den Fluchtversuch eines der Mitreisenden, und prüfte – um den Anschein zu wahren – die Gültigkeit der hingehaltenen Fahrkarten.

Und so vergingen die Stunden. Wenn der Zug mit Getöse über Weichen rollte, betrachtete ich, vom veränderten Rhythmus geweckt und ohne zu wissen, wo ich war, verwundert und im flimmernden Licht der Lampen die verschlafenen Gesichter meiner Mitreisenden. Mit geweiteten Pupillen, nach hinten geworfenen Köpfen und am Körper herunterbaumelnden Armen ließen wir uns – resigniert oder unbewusst – in den schwarzen, wolledichten Abgrund der Nacht tragen. Ein Lichtbündel hinter dem Fenster strich über die Wände des Abteils, war, nachdem es geschwind über die ewigen Schlafmützen hinweggehuscht war, auf dem Rückzug nach draußen und ließ uns wieder in der undurchdringlichen Schwärze der Nacht zurück. Unter den mit Getöse überquerten Brücken schimmerten die schwarzen Wellen der Flüsse, dann wurden irgendwelche Waggons abgekuppelt, wir hielten auf Nebengleisen und änderten die Fahrtrichtung. In dieser gleisverwirrten Expedition verloren wir vollends die Orientierung und nur mit einem kleinen Rest an Vertrauen war daran zu glauben, dass wir am Ende der Reise an dem uns vertrauten Ufer ankommen würden.

Ein matter Morgen graute, danach stellte sich der Tag ein, der die erschlafften Körper der Reisenden zur Ordnung rief. Sie gerieten ins Licht, kniffen die Augen zu und ergriffen, indem sie ihre Ausgehanzüge in Ordnung brachten, ihr Pappdeckelgepäck, um in den Bahnhofspassagen zu verschwinden.

Wir wohnten damals in der Breslauer Provinz, wo Großmutter das einzige Gesundheitszentrum in der Gegend unterhielt. Unten befanden sich das Sprechzimmer, der Warte- und der Behandlungsraum, oben wohnten wir, fünf durch den Krieg zusammengewürfelte Menschen. Von dort brachen wir im Laufe etlicher Jahre mehrmals nach Danzig auf, um nach einigen Tagen, nachdem die Familienbande erneuert worden waren, auf derselben Trasse wieder ins alte Leben zurückzukehren. Denn in eben diese ehemalige Danziger Wojewodschaft verschlug es einst die durch das zerstörte Land streifende Tante. Als mutige und rührige Person häufte sie mit einer Pionieren gern zugeschriebenen Leichtigkeit ein beträchtliches Vermögen an, das sie in dem von ihr geführten Laden verdiente, aber hauptsächlich, indem sie den Hauptgewinn aus dem auf Nachkriegsdiebstählen beruhenden Schwarzhandel zog. Offiziell nannte Gienia dies die Suche nach dem im Krieg verloren gegangenen Ehegatten. Sie wurde dabei von zweien ihrer Söhne, später von allen vieren unterstützt und machte aus den Koperwasy in Kürze eine sehr gut bekannte, angesehene und respektierte Familie.

Es gibt verschiedene Versionen über diese Ereignisse, aber sicher ist, dass es die Tante war, die sich als Erste in dem von den Deutschen verlassenen Dorf niederließ. Sie begab sich als Erste in die Minenfelder und als Erste reparierte sie die durch die Kriegshandlungen zerstörten Zäune. Die Minen erwiesen sich als Gerücht, was aber niemand von den Zugereisten wissen konnte. Später lief alles glatt ab. In Anerkennung der Verdienste und um die Bürgerin Genofewa Koperwas für ihre erneuerend-patriotischen Aktivitäten gebührend zu würdigen, schlugen ihr die neuen Herrschenden vor, in die Parteiorganisation der Gemeinde einzutreten. Die Tante trat ein. Dem erbeuteten Dorf gab man ihren Namen.

Das Dorf hieß seitdem Koperwasy. Dieser Name verwischte den Unterschied zwischen Familie und Dorf und machte aus zwei Dingen eins. Er war auch eine Quelle des Stolzes. Man ging zu den Koperwasy, bei den Koperwasy war das Licht am längsten an, die Kinder stammten von den Koperwasy ab, obwohl die Tante alle neun ganz allein erzog. Nebenbei bemerkt war dies – außer dem Namen – das einzige Geschenk, das ihr der auf die Antipoden geflüchtete Onkel hinterließ.

Die Geschichte von Tantes Ehe wurde oftmals erzählt. Die einen behaupteten, dass die Koperwasy ein ideales Paar gewesen seien und dass sie mit dem gleichen Eifer Handel trieben wie sie sich vermehrten. Andere neigten dazu, zu behaupten, dass die Mehrung der Kinderzahl sowie des Vermögens die Sache von Gienia war. Auf diese Weise versuchte sie, den Luftikus Koperwas an sich zu binden. Dies gelang ihr lange, aber – wie das bei immer wieder gekitteten Ehen so ist – der Tag musste kommen, von dem an sich die Ereignisse in eine von der Tante unerwünschte Richtung entwickelten.

An jenem Tag geriet der Onkel, der ein wütendes Gespräch mit unschuldigen Worten eingeleitet hatte, mit seinem Teilhaber in Sachen Kriegsproduktion von Schwarzgebranntem in Streit. Ab einem bestimmten Moment der Fehde, bereits nach der Phase der Verkostung, kam es zu Handgreiflichkeiten. Es ist unmöglich, zu ergründen, wer anfing und worum es ging. Bekannt ist, wer aufhörte. Mir nichts, dir nichts traf der streitsüchtige Onkel den armen Teufel mit einem am Herd stehenden Kartoffelstampfer.

Von hier an wurde die Erzählung über die Kriegsgeschichte der Familie noch verworrener. Einige erwähnten Verrat und einen Volksdeutschen, andere eine geheime Bestattung sowie ein getarntes oder wiederentdecktes Grab, genug, um den Onkel zu verhaften. Er wurde zur Zwangsarbeit mitgenommen, von wo er nie mehr zurückkehren sollte. Nicht, dass er nicht überlebt hätte; man wusste, dass er nach dem Krieg Frankreich bereiste, das Benelux streifte, wo ihn Argonauten aus dem gleichen Dorf gesehen hatten, aber später, in Dünkirchen, bestieg er ein Schiff, um es erst in Australien zu verlassen. Hier verlor sich die Spur und man hörte, außer einem einzigen Brief an den ältesten Sohn Iryś, nichts mehr von ihm.

Zur Überraschung aller Familienangehörigen weinte sich die Tante nicht die Augen aus. Nur einmal, anlässlich eines Namenstags, brauste sie in Gesellschaft auf. Später, aller Illusionen beraubt, nahm sie das Steuer der üppig bevölkerten Arche in ihre Hände und segelte durch die unsicheren Zeiten. So begann bei den Koperwasy das über lange Jahre anhaltende Matriarchat.

Es stellte sich heraus, dass die erzwungene Wendung zur Frauenherrschaft kein Hindernis für die Erweiterung des Familienbesitzes darstellte. Auf der einen Seite dehnte die Tante, die die Kriegspfründe nutzte, die Latifundien aus, auf der anderen tat es die Familie. Diese bevölkerte, sich mit plebejischer Verbissenheit vermehrend, sehr bald nicht nur dieses Dorf, sondern auch die benachbarten. So waren in dieser Gegend alle miteinander verwandt, väterlicherseits, mütterlicherseits – oder auf nicht ganz so formale Art.

Niemals gelang es mir, mich im komplizierten Netz familiärer Verwandtschaftsverhältnisse zurechtzufinden. Sie waren Großmutter Weber bekannt, die bei den meisten Geburten geholfen hatte, sicherlich kannte sie auch Marta, obwohl ich mit ihr darüber nie sprach. Tante Gienia antwortete mir, wenn ich sie wegen jemandem fragte, aus Zeitmangel gewöhnlich mit einem Scherz. »Das sind die aus dem Haus mit dem Schornstein« oder »dieselben, bei denen wir die Gänse gekauft haben« – und ähnliche Rätsel. Die von allen und am häufigsten benutzte Abkürzung war die Antwort Alochs, die zu einer Art Familienspruch wurde. »Das ist der Sohn des Onkels von Vaters Bruder«, antwortete er zuweilen genervt. Und dann gab es nichts mehr zu entwirren.

Marta war die Lieblingsschwester von Gienia. Aufgrund des Altersunterschieds behandelte sie die Jüngere wie ihr Kind. Aber dieses Kind verhielt sich widerspenstig. Kurz nach dem Krieg fuhr es über den Ozean und nicht nur, dass es nicht zurückkommen wollte, es antwortete sogar (außer den erwähnten Karten) nicht auf Gienias Briefe. Aus nebligen Erzählungen wusste ich, dass Marta aus dem Land geflohen war und zunächst nicht mehr einreisen durfte, es später aber nicht mehr wollte. Ich dachte, sie sei einfach an ihrem neuen Ort fest verwurzelt, aber später begann ich aufgrund der von Aloch hingeworfenen Worte etwas anderes zu vermuten. Wie schon erwähnt, soll es zwischen den Schwestern nach dem Krieg eine Angelegenheit gegeben haben, in die der erste Mann Martas, Kazik, verwickelt war, irgendein Gefängnis, die Deutschen, aber auch ein Russe mit einem Hengst (oder vielleicht nur mit einem Hengstfohlen). Das war ein Wirrwarr, den ich nicht zu einer Familienlegende zusammenfügen konnte. Es half mir auch niemand dabei. Gienia selbst sprach nicht nur nicht darüber, sie schien es den anderen zu verbieten. Ausgerechnet Aloch stieß ab und an etwas hervor, natürlich erst nach einem tiefen, versonnenen Schluck. Viele Jahre später erfuhr ich von der Großmutter mehr.

Sie war also schon wieder krank. Ihre engsten Verwandten bezweifelten dies, natürlich auf taktvolle Art, doch man erlaubte sich nie, die Diagnose des Arztes infrage zu stellen. Noch wichtiger war der tatsächliche Zustand der Tante. Wie auch immer, einige Male war es so, dass sie bei der Leitung der vielköpfigen Familie pausieren musste. Im Laufe der Jahre lieferte sie – in diesem sehr schwierigen Handwerk geübt – durch Leber- oder Bauchspeicheldrüsenattacken hervorgerufene Beweise für ihre Leiden. Ihre Echos ließen das Haus still werden und bewirkten, dass alle mit versteinerten Gesichtern umhergingen. »Sie stirbt«, flüsterten sie oder hoben, wenn sie zufällig im Korridor aufeinandertrafen, den Blick mit der eindeutigen Frage: »Lebt sie noch?«

Außer der Bauchspeicheldrüse (genauer gesagt des »Sechsers«) war der Organismus der Tante auch mit dem »Zwölfer« ausgestattet. Diese beiden Organe, die sie am häufigsten plagten, waren ihr am besten vertraut. Es ist nicht bekannt, welche Nummern die übrigen erhielten, es ist aber auch nicht auszuschließen, dass sie überhaupt keine besaß. Diese drei, inklusive der Leber, befanden sich auf der ersten Frontlinie. Sie mussten über Jahre mit dem unbändigen Appetit zurechtkommen und die mehrtägigen üppig begossenen Zechgelage aushalten. Ein durch nichts beschränkter Lebensstil war ihre zweite Natur, die viel voller und breiter war als die Seele einer Dorfladenbesitzerin. Zu diesem Stil kehrte sie nach jedem ihrer Tode zurück, vielleicht nicht gestärkt, aber gleichsam verjüngt. Sie kehrte zurück, ohne die Abreise der Trauernden abwarten zu wollen, vielmehr nutzte sie ihre zahlreiche Anwesenheit geradezu aus. Wie auch immer, solche doppelten Anlässe ergaben sich nicht gerade häufig, zunächst der kritische Zustand und dann die wundersame Gesundung. Es wäre leichtsinnig gewesen, sie nicht auszunutzen. Dank dessen nahm Gienia mehrmals an ihrem eigenen Leichenschmaus teil, nicht nur in Gestalt einer aus Albträumen wiederauferstandenen Leiche, sondern als erster Beweger und Organisator eines Mehrgenerationenfestmahls. Natürlich freuten wir uns alle, dass die Tante wieder der Sense entkommen war und dass jetzt, nach einem kleinen Koma, alles zum alten Rhythmus zurückkehren würde.

Ich komme eines Tages, recht zufällig, nach Koperwasy und stoße mitten in der Woche auf einen seltsamen Feiertag. Im Dorf wird nicht gearbeitet. Scharen in der Kirche, Scharen vor der Kirche, das Volk vereint und eifrig betend, obschon wir weder Mariä Geburt noch Mariä Himmelfahrt haben. Im Alltag waren sie weder besonders fromm noch gottlos, aber dass man einen Werktag in einen Feiertag ummünzt? Ich trete ins Haus der Tante – niemand da. Alles ist abgeschlossen, sogar die Kinder sind abwesend, nur der Schäferhund trippelt vor der Bude hin und her und wedelt mich mit seinem einstdeutschen Schwanz an. Ich setze mich auf die Bank vor der Darre und warte. Schließlich sehe ich, wie die Gesellschaft zurückkommt. Feierlich angezogen, in weißen Hemden und dunklen Hosen, die Kinder vorneweg, die Junggesellen und jungen Frauen hinten. Wir begrüßen uns, ich frage nach dem Grund der Feierlichkeit und bekomme »Dankgottesdienst« zu hören. Ja, gerade in der Wochenmitte, »denn am Dienstag gab es eine Explosion«. Was für eine Explosion, wundere ich mich. »Na, eine Explosion. Im Wirtshaus.« Die Tante, die an diesem Tag das Lager der Garküche »Hafen« betrat, bemerkte, dass der Zeiger des auf dem Kessel befindlichen Druckanzeigegeräts bereits am Anschlag stand und dass im nächsten Augenblick alles in Fetzen fliegen würde. Also kam Gienia mit Geschrei und die einzelnen Wörter in Kleinteile zerlegend in den Gastraum gelaufen: »Leu-te!! Flüch-tet!! Den Kes-sel zer-reist’s gleich!« Die Leutchen sprangen auf, rannten aus dem Lokal und kurz darauf eine gewaltige Explosion. Sie riss eine ganze Wand heraus und zerstörte das Buffet. Die Tante trat als Letzte hinaus.

Das Volk versammelte sich, kam zur Messe zusammen, der Pfarrer sprach schön über die Vorsehung, er empfahl die Gläubigen der Obhut der Mutter Gottes der Empfängnis und alle Anwesenden der Obhut der Gottesmutter Gebärerin, aber diese wussten sowieso, dass sie vor diesem Unglück nicht durch den goldzüngigen Priester und auch nicht so sehr durch die Vorsehung bewahrt worden waren als vielmehr durch die allgemein geschätzte Genofewa Koperwas. Sie, die – jetzt durch Krankheit gefesselt – auf ihrem Totenbett dahinsiechte. Gerade trat der Arzt aus ihrem Haus.

In jenen Jahren schien es mir, dass die Konzession der Tante lediglich das makabre, nicht ganz verständliche Spiel mit dem Tod beinhaltete. Jetzt, wo ich das schreibe und mir aufs Neue Gedanken mache, neige ich zur Ansicht, dass die Kunst des Sterbens ein Werkzeug in ihrer Hand war, mit dessen Hilfe sie Dinge berührte, die auf einem anderen Weg nicht zu erreichen waren. Sicherlich, mit dem Komödiantentum setzte sie eine wahrlich theatralische Maschinerie in Gang, aber ich denke, dass das nur ein Nebeneffekt war. Dieses Komödiantentum erlaubte ihr, eine Grenze zu erreichen, hinter der alles tödlich und unumkehrbar wurde. Sie berührte sie, zog sich zurück und lieferte einen Vorgeschmack dessen, was einst unentrinnbar eintreten würde und von wo es keine Rückkehr mehr gab.

Es ist schon seltsam, aber alles in jenen Zeiten Wichtige geschah in der Abenddämmerung oder aber bei vollkommener Dunkelheit. Nicht auf dem Feld, sondern eher im Haus, und wenn überhaupt, dann im Wald. Sogar jetzt, wenn ich daran denke, zöge ich es vor, dass Dunkelheit herrschte. Gern lege ich mich aufs Sofa, um mit der bis über den Kopf gezogenen Decke zu den Waisenjahren zurückzukehren. Niemand wird mich besuchen, niemand wird anrufen, ich kann also in der Stille noch einmal versuchen, das einstige Geschreibsel zu entschlüsseln.

Ich hatte damals, wie jeder Junge, mein kleines Versteck. Wenn mir der Tag zu sehr zusetzte oder wenn mich die Altersgenossen zu sehr gepiesackt hatten, streifte ich durch die nahen Wälder, versteckte mich in der Darre oder des Sommers in der hinter dem Haus in den Hügel getriebenen Erdhöhle. Es genügte, den halbrunden, halbwegs verschlossenen Einlass zu lüften, um sich in Sicherheit zu fühlen. Ich konnte hier so lange bleiben, bis ich genug Kraft gesammelt hatte, um jenes unaufhörliche, großfamiliäre Treiben wieder aushalten zu können.

Es zog mich mit einer geradezu krankhaften Leidenschaft in diese undurchdringliche Dunkelheit. Dort konnte ich ohne den Widerstand der Dinge und Farben in die Tiefe unbekannter oder momentan vergessener Kontinente vorstoßen. Der irdene Einbaum trug den in einer Position taub gewordenen Körper in Zonen, in denen ich mich nach Belieben an der kindlichen Einsamkeit berauschen konnte. Gerade dort blieb ich – als kleiner, zu einem Bündel zusammengerollter Junge, der in halb wache Betrachtungen vertieft war – häufig so lange sitzen, bis jemand hineinschaute und mich mit scharfen Worten zum Abendessen rief.

»Junge, Junge«, nörgelte die Tante aus Gewohnheit. »Ich hab dir doch gesagt, dass du da nicht hineingehen sollst … Für welche Sünden straft mich der Herrgott nur so?«, fragte Gienia weder mich noch den Himmel.

»Hör doch auf, Mama«, verteidigte mich Aloch. »Das ist doch ein braver Junge, er hat nichts angestellt …«

Gienia winkte ab und ging – die Resignierende mimend – zu irgendwelchen Tätigkeiten über. Der siegreiche Aloch drehte sich augenzwinkernd auf dem Absatz um und tätschelte mir den Kinderrücken.

So waren ihre Dialoge, immer in derselben Tonlage, immer im Bereich ausprobierter und sicherer Worte.

Einmal erlebte ich, der in Fragen der Endgültigkeit so etwas wie ein ständiger Gesandter unserer Familie war, in Koperwasy andersartige, wenn auch subkutan mit der Krankheit der Tante verbundene, Gefühle. Von Empfindungen zu sprechen, ist etwas übertrieben, denn es waren eher gefühlte denn vollzogene Dinge, aber – wie auch immer – sie ereigneten sich zum ersten Mal.

Eines Nachts träumte ich von der nicht so nahen, aber doch blutsverwandten Cousine. Nicht von der aus Koperwasy, sondern von jener Kasia Kurcjanow. Mit einem kurzen, von oben auf französische Art eingeflochtenen Zopf. Das war nichts Ungewöhnliches. Sie kam häufig ins Haus der Tante, um sich – ähnlich wie ich – nach ihrer Gesundheit zu erkundigen und die Neuigkeiten dann der engeren und weiteren Familie in Kółeczko zu überbringen.

In diesem Traum schwammen wir zu dritt, zusammen mit meiner Ania, in den warmen und sicheren Gewässern der Lehmhöhle. Wir badeten nachts, ich vollkommen nackt und sie in weißen und nassen, sich an ihre blutjungen Körper anschmiegenden Gewändern. Die Stimmung des nächtlichen Bades verband sich mit dem im Hause der Tante hängenden, kitschigen Öldruck, auf dem inmitten des Waldes und im obligaten Mondlicht einige Damen mit offenen Haaren in einer Muschel schwammen, die von Schwänen gezogen wurde. Die Mädchen aus meinem Traum, stärker entblößt und fülliger als jene anderen, teilten mit ihren Armen das Wasser. Ihre mit kleinen Brustwarzen besetzten Brüste und ihre Hinterbacken, als kugelige Wiederholung jener anderen, wogten immer näher an mich heran und setzten einen fernen, übersüßen Rhythmus in Gang. Angesichts der wachsenden Erregung hatte die kitschige Entourage keinerlei Bedeutung. Die Cousine war nicht weit entfernt, die Schwester schwamm davon und kehrte so lange nicht zurück, bis sich die Gelegenheit für ein näheres Kennenlernen von Kasia bot. Furchtlos, wie das im Traum so ist, entledigte ich mich aller lästigen Ängste.

Ich wachte am ganzen Körper zitternd auf. Kataleptisch und steif saß ich auf dem von Schweiß und nächtlichem Samenerguss feuchten Laken. Ich war entsetzt. Ich zog alles aus, nahm das Laken vom Bett und, da ich nicht wusste, wie ich die Spuren beseitigen sollte, stand mitten in der Nacht da mit einem durch das Fenster lugenden, spöttischen Mond.

Schließlich fand ich einen Weg, um mit der kompromittierenden Situation fertigzuwerden. Ich stellte zwei Stühle auseinander und spannte das blasse Laken über den beiden Lehnen auf, während ich selbst beschloss, mich an die warmen Kacheln des Ofens lehnend, zu warten, bis die Spuren verschwunden wären.

Als ich die Augen öffnete, war es Tag. Die Stühle standen auf ihrem Platz, das Laken war spurlos verschwunden. Ich zog mich an und öffnete ängstlich die Tür. Das Frühstück wartete an der Tischecke. Ich aß und spürte, wie ich vor Scham im Erdboden versank. Ich aß lange, ganz auf die Bewegungen des Bestecks konzentriert, mit einem in den Teller versenkten Blick. Aber niemand hat an diesem oder an einem der folgenden Tage auch nur mit einem einzigen Wort das Thema berührt. Heute denke ich, dass die Person, die mir half, die Spuren meiner einsamen Initiation zu beseitigen, ausgerechnet Sabinka war. Mit dem für Frauen eigenen Takt beschwieg sie – so wie sich das wohl jeder Junge wünscht – mein schamhaftes Geheimnis.

Am Nachmittag, als Kasia vorbeikam, um nach dem Zustand der Tante zu fragen, begegneten sich unsere Augen so, als hätten sie und ich denselben Traum gehabt.

III

Krankheiten kommen – sagen Personen, die in Gesundheitsdingen über größeres Wissen verfügen – grundsätzlich vom »Zug« oder vom »Überheben«. Alle anderen, die nicht in reiner Form auftreten, bilden eine Kombination dieser beiden grundlegenden Typen, ihrer Proportionen und ihrer Intensität. Die Krankheiten der Tante hatten die erste dieser Erscheinungen zur Ursache, denn seit frühester Jugend konnte sie dem Überheben entgehen. Sie heiratete im Alter von sechzehn einen zehn Jahre älteren Handelsreisenden und führte an dessen Seite ein leichtes, auskömmliches Leben.

Onkel Józef war auf größere Waren spezialisiert. Landwirtschaftliche Geräte, die Versorgung der Schmiede mit Rohstoffen, schließlich – und danach vor allem – der Handel mit gestohlenen Pferden. Józef kannte alle Geheimnisse der Branche. Er wusste, wie man ein Pferdefell farblich nachbessert und wie man es aufhellt, wie viel Alkohol man einer Mähre einflößen muss, damit sie im Moment der Transaktion so munter wie ein Jungpferd wirkt. Schließlich wusste er, wo, von wem und wie viele Male ein Pferd verkauft worden war.

Man sagte, dass es keine Kunst sei, einen Wallach so betrunken zu machen, dass er sich auf sein Hinterteil setzte und verdächtig wieherte. Die Kunst bestand darin, die dem Alter und der Kondition entsprechende Dosis zu verabreichen, die die wundersame Verwandlung der Ware in Bargeld garantiert. Perfekt konnten das die Zigeuner, und nur sie. Ihre Frauen, die Zigeunerinnen, wurden zu minderen Tätigkeiten abgeschoben, zum Diebstahl von Federvieh und zur kartenlegerischen Manipulation fremder Schicksale. Der Onkel ging umgekehrt vor. Sich mit Gienia verbindend, stieß er sie nicht in die Sphäre der Hilfsarbeiten ab, sondern behandelte sie partnerschaftlich. Deshalb wurden sie sehr bald zu einem sich hervorragend ergänzenden Paar.

Gienia half auf vielfältige Weise bei der Arbeit. Sie überredete und ermutigte die Käufer, flirtete mit ihnen, scherzte, schlüpfte manchmal in die Rolle der Konkurrentin und servierte »auf gutes Gelingen« immer ein Glas Grog. Da der Bauer zu Frühlingsanfang auf den Markt kam, bot sich ein Glas zum Aufwärmen auf jeden Fall an. Den so aufgeweichten Delinquenten ließ die Tante nicht mehr aus ihren Fängen. Sie verstand es, ihn aufzuhalten, den Preis hochzutreiben oder – ohne mit der Wimper zu zucken – einen Vortrag über die Vorzüge des Braunen zu halten, während sie nicht vergaß, dem frierenden Interessenten ein wenig von ihrem »Tee« einzuschenken. Später, nach dem abgeklatschten Handel, folgte der schönste Augenblick, wenn sie den beiden beschwipsten Glückspilzen, dem Pferd und seinem Herrn, mit ungetrübtem und höflich schmachtendem Blick folgte. Sie war die geborene Spezialistin für psychologische Kriegsführung. Ich denke, dass die damals erworbene Selbstständigkeit ihr später, als der Onkel nicht mehr zurückkam, erlaubte, die schlimmsten Jahre zu überstehen.

Der Beruf des Pferdediebs erfordert Beweglichkeit, gute Beherrschung der Topographie, schließlich die Fähigkeit, seine Ware rasch loszuschlagen. Die Tante musste das nicht erlernen, eher lernte der Onkel von ihr. Das war ein aktives Leben, an der frischen Luft, mit guter Kost. Es half, Figur und allgemeine Leistungsfähigkeit zu erhalten. Sie lebten mit einem Wort glücklich und aßen ein leichtes, umso schmackhafteres Brot. Seit Jahren in der Branche tätig, war sie keine Feldarbeit mehr gewohnt, zu der sie die Eltern seit Kindesbeinen (»Erde macht nicht schmutzig!«) vergeblich anhielten. So also, niemals schwer hebend, war sie auch nie krank. Erst später, bereits nach der Flucht des Onkels, begann ihre Gesundheit zu schwanken.

Von den neun Kindern Gienias war es Iryś, der außergewöhnlich gelungen war. Eher Philosoph als Schmied (er führte die Werkstatt von Fred weiter, als dieser im Gefängnis landete), war er der Einzige, der das Matriarchat der Tante in eine Männerwirtschaft hätte umwandeln können. Als Ältester begann er recht bald, während der Abwesenheit des Vaters, seinen Platz einzunehmen.

Seine Führungsqualitäten kamen nicht nur darin zum Ausdruck, dass er bei jedem Dorftanzfest die tonangebende Person war. Denn er war nicht nur ein hervorragender Tänzer, sondern konnte sich auch wie kein anderer prügeln. Dafür war er berühmt, und zwar nicht nur im eigenen Dorf. Er entschied, wenn eine Schlägerei begann, wer schuld war und auf wessen Seite man zu stehen hatte, er sprach, wenn nötig, auch zahlreiche Urteile. Manchmal, wenn eine Feier schon im Gange war, kam man zu ihm nach Hause gelaufen, weil es dort zu brodeln begann und jemand sofort auf seelische oder körperliche Unterstützung angewiesen war. Sich seiner Verantwortung bewusst, ließ Iryś alles stehen und machte sich auf den Weg. Die Tante musste ihn nicht einmal bitten, vorsichtig zu sein. Sie wusste, dass Iryś, wer sonst, wenn nicht er, keinen Fehler machen würde. Genau damit bezauberte er Jadzia.

Wie jeder Führer fürchtete er sich weder vor fremdem noch vor eigenem Blut. Er war immer bereit, es wegen einer gerechten oder weniger gerechten Sache zu vergießen. Seit seiner Kindheit hatte man ihm eingeflößt, sich niemals gegen die eigenen Leute zu wenden, also stellte er sich immer, auch wenn die Situation nicht ganz eindeutig war, ohne zu zögern auf die Seite der Koperwasy.

Aus Gesprächen hatte ich noch etwas erfahren. Er war es auch, der die erste Bestattung der Familie Wuttke durchführte. Ich sage erste, denn nach einer Weile hat man sie ausgegraben und auf den Friedhof umgebettet. Iryś nahm genauso, wie er sie begrub, auch an ihrer Exhumierung teil. Er wies den Platz und griff zum Spaten.

Er war zusammen mit der Tante nach Sedlenken, also das heutige Koperwasy, gekommen. Gienia ging trotz ihres Muts nicht allein auf solche Erkundungsreisen. Immerhin herrschten noch Kriegszeiten. Die Front war gerade vorbeigezogen, allein unterwegs zu sein, war für eine junge Frau gefährlich. Sie hatten auf der Suche nach etwas Passendem gemeinsam schon ein großes Gebiet durchstreift und bei dieser Gelegenheit das eine oder andere mitgenommen. Als sie schließlich auf jenes riesige Gehöft mit Fachwerkmauern stießen, als sie schon aus der Ferne entschieden hatten, dass es das war, ergab sich eine Komplikation. Die mit den Körpern der Getöteten. Sie fanden sie gleich hinter der Darre. Genau so auf einem Haufen liegend, wie man sie, zu einem Haufen zusammengedrängt, erschossen hatte.

Man könnte meinen, dass er, als er die Familie an Ort und Stelle begrub, ungebührlich handelte. Heute ist es leicht, so zu urteilen, damals standen die Dinge allerdings ganz anders. Da herrschte Krieg, immer noch Krieg, die Toten bestattete man wo auch immer, denn für etwas anderes fehlte die Zeit. Besonders, wenn es um die Front und das an oder hinter der Front liegende Gebiet ging. Dass man sie überhaupt begraben hatte, war bereits ein humanitärer, für die Koperwasy überraschender Akt. Wer dachte damals an ein normales Begräbnis und einen Pfarrer? Wo hätte man ihn suchen sollen, wenn man doch nicht selten gerade einen Pfarrer begraben musste?

Das Gleiche gilt für die Verwaltung. Es gab in diesen Gebieten keine Ämter, die für Bestattungen zuständig gewesen wären oder Totenscheine hätten ausstellen können. Solche Dinge waren weder möglich noch wurde darauf – wie heute – Wert gelegt. Nicht nur solche Menschen wie die Koperwasy, sondern auch diejenigen, die wirklich an die Wiederauferstehung der Leiber glaubten, konnten nicht viel mehr tun, als die Toten in die geduldige Erde zu legen.

Jene, die Iryś nicht mögen, können sagen, dass er einfach das Terrain reinigte. Wenn sie wollen, sollen sie so reden, man sollte aber daran erinnern, was die Tante sagte: »Söhnchen, das war Krieg. Und das waren doch Deutsche.«

Trotzdem hat Iryś es gemacht. Er verspürte wohl auch keine größeren Hemmungen. Alle haben damals Leichen gesehen. Die von Deutschen, von Russen und auch polnische. Außer ihm war damals niemand dabei. Hätte es die Tante vielleicht tun sollen? Sie half ihm sowieso, die Grube zuzuschaufeln, nachdem er die Leichen dort hineingelegt hatte. Man sollte darin eher einen Akt des Mutes erblicken. Genauso, wie er sich später mitten in eine Keilerei begab, tat er bereits am ersten Tag etwas, wofür sich nicht jeder andere entschieden hätte.

Wenn ich heute über sie alle, diese Koperwasy, nachdenke, weiß ich, dass sie vielleicht gar nicht zu denen gehörten, die es in den Augen anderer verdienten, hervorgehoben zu werden. Der Blick des Erwachsenen reduziert solche Größen auf die eigentlichen Ausmaße, verschiebt sie sogar manchmal ins vollkommene Vergessen. Damals aber waren sie für mich die Wichtigsten. Sie verdienten in den Augen des Kindes, die wie ein Vergrößerungsglas sind, Aufmerksamkeit. Sie füllten den Horizont der Kindheit.

Sicherlich waren sie keine sogenannten Persönlichkeiten, aber gerade deshalb trieben sie auch niemanden in die Enge. Jeder wuchs dort so auf, wie er wollte. Ohne züchterische Eingriffe, wie größeres oder kleineres, mehr oder minder gelungenes Unkraut. Nur Marta war vielleicht eine Ausnahme.

Das muss ich allerdings präzisieren. Jeder von ihnen war für mich wichtig, denn jeder unterschied sich durch irgendetwas vom anderen. Bereits die grundsätzliche Teilung in Frauen und Männer bildete für die Koperwasy die Grundlage für weitere Unterscheidungen. Außerdem die Kleidung und die Gesichter. Die Kleidung vielleicht am wenigsten, denn damit beschäftigten sie sich angesichts ihrer Möglichkeiten in geringem Maße. Doch die Gesichter, obschon ähnlich, waren der Anfang weiterer Klassifizierungen. Nicht für äußere Unterscheidungen, sondern für die in die Tiefe reichenden. Und menschliche Gesichter waren für mich – trotz allem – ein großes Geheimnis; sie sind es noch immer. Als der am stärksten vergeistigte Teil des Menschen, mit Augen und Nase, ließen sie darunter die Existenz – noch nicht der Seele – aber eines Innenlebens voller Rätsel und Möglichkeiten vermuten. Sie verbargen unter der Haut der Stirn die Erinnerung an all das, was sich viele Jahre vor mir ereignet hatte, und bewahrten eine unzugängliche und unverständliche Weisheit. Ich war nämlich zutiefst überzeugt, dass alle Erwachsenen das verstehen, was man in meinem Alter nicht wissen kann. Dass man automatisch, nach Überschreitung einer recht vagen Grenze, eine Erleuchtung erfährt und weiß, oder zumindest vermutet, wofür man lebt. Und, wie man leben sollte. Woher sollte ich, ein Kind, wissen, dass dies nur eine weitere Mystifikation war.

Iryś war einer der begabteren Diebe. Onkel Fred, ein guter Kumpel Kazik Krupniaks, des ersten Mannes von Marta, nahm ihn – trotz seines jungen Alters – auf seine Streifzüge mit. Sie fuhren bis zur Festung Breslau, um von dort mit Fuhrwerken zurückzukommen, die mit allerlei Gut beladen waren. Die Tante begleitete sie. Sie wusste nur zu gut, dass diese Philosophen ohne sie nichts, was für die Hauswirtschaft nötig war, herbeischaffen würden. Gerade zu jener Zeit versorgten sie die Gegend mit starken Pferden, die auf deutschen Höfen davongekommen waren. Und mit Aloch, wenn man das so sagen darf. Denn bei einer dieser Unternehmungen kam er mit ihnen hierher. Und blieb.

Die ersten waren die besten Monate. Später fingen schlechtere an. Es wurde kontrolliert, man forderte Empfangsscheine und Genehmigungen oder immer größere Schmiergelder – was so weit ging, dass sich die Sache nicht mehr lohnte. Iryś hatte noch die Idee, die Güter per Bahn herzuschaffen, aber das gelang nicht öfter als zweimal. Beim dritten Mal bekam es jemand mit – und alles ging verloren. Es gelang ihnen noch, die jungverheiratete Marta mit hineinzuziehen. Nur einmal, was aber genügte, dass sie – nach der Geschichte mit dem Russen und nach dem Tod der Kinder – gerade in jene Gegend reiste.

Nicht reiste, sondern floh. Dort eine neue Bleibe zu finden und von Neuem anzufangen, war recht einfach. Es genügte, an die Haustür eines verlassenen Hauses einen Zettel – »Von einem Polen belegt« – zu hängen, und man wurde zum Besitzer des gesamten Gehöfts mit all seinen Gerätschaften. Sie war eine der Ersten. Sie wählte ein hübsches Haus mit kleinem Garten und wirtschaftete einsam auf ein paar Morgen Land.

Diese Einsamkeit war, wie sich bald herausstellen sollte, unvollkommen. Man wunderte sich, dass sie die Offerten der von hinter dem Bug heranströmenden Freier ablehnte. Man wusste nicht, dass der Platz an ihrer Seite bereits besetzt war. Durch Kurt. Eines Tages nämlich, als sie in den Schweinestall ging, um etwas zu holen, stieß sie auf einen vor dem Trog knienden Soldaten in Uniformfetzen. Er nahm gerade das restliche Schweinefutter heraus. Niemand von den beiden geriet in Panik; beide hatten schon so viel gesehen, dass sie sich über nichts mehr wunderten.

Der mit deutschen Uniformresten bedeckte und von mehrtägigem Bartwuchs schwarzgesichtige Kurt sah aus wie ein menschlicher Fetzen. Der junge Organismus sollte aber bald wieder zu Kräften kommen. Nach ein paar Wochen kam Kurt wieder zu sich und begann mit seinen Reisevorbereitungen. Marta besorgte ihm einen Anzug und eine hübsche Reisetasche.

Eines Tages verschwand er aus dem Dorf; im letzten für die Flucht geeigneten Moment. Sie verschwanden beide. Kurt wusste nur zu gut, dass sie ihn erschießen würden, wenn sie ihn fänden. Bevor er auch nur im Stande gewesen wäre, den Mund aufzumachen.

Die Abwesenheit Martas entdeckte man erst nach vier Tagen. Direkt vor der Flucht hatte sie den Tieren noch Futter in den Trog gelegt, aber als keines mehr da war, alarmierten die im Stall eingeschlossenen Kühe die nächsten Nachbarn durch lautes Brüllen. Diejenigen, die das Haus als Erste betraten, fanden eine in der Eile hinterlassene Unordnung vor, ein Koppel mit der Aufschrift Gott mit uns sowie zwei Knöpfe. Gerade wegen dieser auf die Fantasie eines Kindes wirkender Accessoires und der über sie verbreiteten halb legendären Erzählung schlichen sich vollkommen neue Gedanken in meine Kindheit ein. Das, was magisch und unschuldig war, begann unumkehrbar auszutrocknen. Ich betrat den schwierigen Weg von Gut und Böse.

Die Geschichte Kurts erfuhr ich erst später, übrigens von Marta selbst. Er war einer der wenigen, dem es gelungen war, aus Lambsdorf zu entkommen. Von polnischen und sowjetischen Kommandos verfolgt, schlug er sich nächtens nach Westen durch. Er versuchte, zu Großmutter Weber, seiner Mutter, zu gelangen, die, in der Hoffnung, dass sie ihm würde helfen können, von Pommern dorthin, in die Nähe gezogen war. Vollkommen entkräftet, nachdem er zahlreiche Märsche zu Ehren Adolf Hitlers – wie dies von den polnischen Kapos bezeichnet wurde – hinter sich gebracht hatte, konnte er kaum noch die Beine schleppen. Als der erste Schnee fiel, beschloss er, abzuwarten. Hungrig und frierend stieß er auf den Schweinestall Martas. Sie wurden ein Paar und verbanden so meine beiden Familien, die der Koperwasy und der Großmutter Weber, miteinander.

All dies blieb über die Jahre in geheimnisvollen Vermutungen versunken. Entweder wusste Gienia nicht so viel oder sie wollte das Thema nicht berühren. Aber es war ausgerechnet die Tante, die mir bewusst machte, dass es schien, als würde jemand, wenn nicht das Schicksal aller, so doch das von Marta lenken. Als hätte sie jemand von hier, wie einst aus Ägypten, herausgeführt. Wie durch Zufall flüchtete ihr zweiter Mann aus dem Gefängnis, als ihr erster Mann Kazik gerade seine Strafe absaß. »Das Gefängnis hat ihr einen Kerl genommen und einen Kerl gegeben«, erklärte sie mir philosophisch. »Es hat ihr den besseren gegeben und den schlechteren genommen. Weil Kurt, obwohl Deutscher, besser ist.«

Damals verwunderte mich dieser Satz, denn ich wusste, dass Kazik Krupniak gleichsam ein Zögling der Tante war. Aus dem Priesterseminar geflogen, wurde er von den Koperwasy noch vor dem Krieg, als das junge Ehepaar seine Karriere begann, aufgenommen. Relativ schnell erreichte er die bequeme – wenn auch der Würde etwas abträgliche – Position eines angeflickten Bruders. Als man begann, nach einem Heiratskandidaten für Marta Ausschau zu halten, kam die Familie einvernehmlich zum Ergebnis, dass es wenig Sinn mache, einen fremden zu nehmen, wenn man einen eigenen habe. Einen guten, recht vermögenden und allseits bekannten. Auch vom Aussehen her fehlte es ihm an nichts. Hochgewachsen und dunkel, mit weißen Zähnen und gelockten Haaren, war er ein im Dorf auffallender junger Mann. Marta ließ sich überreden, obwohl ihr Kazik, warum auch immer, nicht so ganz gefiel. Über das Schicksal der ersten Ehe von Marta erfuhr ich zunächst etwas von Aloch, später von dem unglückseligen Kazik. Den Rest erzählte sie mir dann selbst.

Es war schon nach Kriegsende. Die Russen kehrten etwas lustlos ins sowjetische Paradies zurück, Dankbarkeit und Angst legten einem nicht nur nahe, alles mit ihnen zu teilen, sondern sich auch über ihre Anwesenheit und die neue Form von Freiheit zu freuen. Also freute man sich auch. Gerade da tauchte Grischa im Dorf auf. Onkel Ed, Inhaber einer erbeuteten Schmiede, freundete sich schnell mit dem Offizier an und bewirtete ihn wochenlang auf den gerade in Besitz genommenen Ländereien. Mehrtägige Zechgelage, die mit dem vor Ort beschafften Schwarzgebrannten versetzt waren, dauerten an. Unters Messer kamen Ferkel und schließlich auch Ziegen, die die Kriegswirren überstanden hatten. Gemordet wurde alle Schöpfung, die man anfangs noch abtastete, dies aber später ließ.

An der nicht enden wollenden Feier der Sieger nahm auch Krupniak, ein enger Freund des russischen Leutnants, teil, dem er die wärmsten – wenn auch recht trunkenen – Gefühle entgegenbrachte. Bis zur Besinnungslosigkeit betrunken küsste man sich und weinte, schließlich sang man traurige – Kazik nur brummelnd – Volkswaisen. Der Russe trug ihnen lebenslange Freundschaft und sie boten ihm Blutsbruderschaft an. Später, nachdem sie sich aus dem Haus gewälzt hatten, schossen sie mit Pistolen Salut oder – nüchterner geworden – auf die sogenannte Freiheit und den Sieg. »Das waren«, erinnerte sich die Tante, »wirklich großartige Zeiten.«

Der Gesellschaft schlossen sich auch andere an. Die Männergesellschaft (manchmal wurde eine der Soldatinnen mitgebracht oder, was besser war, eine erbeutete Deutsche) lumpte besinnungslos vor sich hin. Fast jeder der Russen schleppte all das mit sich herum, was er gestohlen hatte. Auf seine Findigkeit stolz, war man sofort bereit, einen Tauschhandel – etwas gegen nichts – abzuschließen.

An einem dieser Tage wurde beschlossen, das Zechgelage mir der Heirat der jungen Leute zu verbinden. Marta wehrte sich, stimmte aber – in den Wahnsinn der Feier mit einbezogen – schließlich zu. »Koperwasy! Koperwasy!«, schrie man bei Tisch und stieß so mit den Gläsern an, als wäre dieser Name mehr als nur ein Name. Als wäre es der alte Schlachtruf eines Geschlechts, das man jetzt neu entdeckte und präsentierte – wie ein frisches Wappen.

Die Hochzeitsfeier musste natürlich drei Tage dauern. Niemand von den Hochzeitern konnte sagen, wann die Feier begann und wann sie endete. Noch lange nach der kirchlichen Trauung (die ausgerechnet der Pfarrer aus Brachlewo vollzog) wurde vom Kuchen gegessen. Der Russe hatte aus einem bei Berlin gelegenen Gestüt einen stattlichen Hengst mitgebracht. Die Onkel, obschon betrunken, kalkulierten dessen Qualitäten nüchtern. Als der Leutnant aus Meve (heute das Städtchen Gniew) auf ihm angeritten kam, traten nur wenige Dorfbewohner heraus, um zu schauen. Braun, glänzend vor Sauberkeit und Haferkost, ging er in leichtem, alle Muskeln bewegendem Trab. Er glich dort einem fremden, aristokratischen Tänzer.

Diese Freundschaft, selbst die hochzeitliche, konnte nicht ewig währen. Es kam die Zeit des Abzugs – und der Russe reiste ab. Der Befehl sprach von Montag. Grischa aber war schon Freitag abgezogen … Allerdings stand der rassige Deckhengst weiter im Stall der Koperwasy.

Es dauerte einige Monate, bis das NKWD auf eine Spur stieß. In der Scheune wurde Grischas Leiche ausgegraben und die als Hauptschuldige verurteilten Onkel Fredek und Kazik gingen für lange Jahre ins Gefängnis von Sztum. Dass sie, entgegen der Erwartungen, nicht zum Tode verurteilt wurden, hatten sie angeblich Gienia zu verdanken.

Freds Schmiede wurde geschlossen, die Pferde Kaziks wurden verkauft und Marta – gerade erst Braut geworden – blieb allein auf dem Hof. Fünf Monate später gebar sie die Zwillinge, nach neun Monaten begrub sie die Kinder. Sie waren aus ungeklärter Ursache in einer Nacht gestorben. Man bestattete sie in einem kleinen Grab, direkt neben den Kriegsgräbern. Ohne Grabstein und Tafel; nur die Familie wusste, wen diese Grasdecke barg.

»Der Krieg hat alles durcheinandergebracht …«, seufzte die Tante einmal, ganz im Begriff, sich anzuvertrauen. »Marta war jung und die Zeiten unsicher. Ich dachte, es wäre gut, wenn sie denn einen hätte. Aber es kam anders …«

IV

Wir fuhren in den Ferien und zu Beerdigungen manchmal zu Taufen oder zu Erstkommunionen nach Koperwasy, aber nicht an Feiertagen. Und zwar niemals, wenn ich mich recht erinnere.

Nicht nur deshalb, weil es an Feiertagen ganz wenig Zeit gab, es zu weit war und die Züge überfüllt und teuer waren. Die Ursache lag woanders. Großmutter hätte uns nicht gelassen. Während der Feiertage wollte sie uns alle bei sich haben. Das waren Familientage, die nur einer Sache gewidmet waren, deren Wesen, Kern und Zentrum das frühe Aufstehen zur Ostermesse, der Gang zur Christmette, das Teilen der Oblate oder das österliche Frühstück waren. »Was wir ersehnten, haben wir erhalten, Alleluja«, sprach Großmutter, ohne ihre Rührung zu verbergen. Oder, wenn die Schneeflocken vor dem Fenster tanzten und das Mondlicht von den Feldern und Dächern widergespiegelt wurde, sprach sie in dem ihr vertrauten Latein den wunderschönen Satz: »Gloria! Gloria in excelsis Deo.«

An diesen Tagen wurden wir von nichts anderem abgelenkt. Weder von der Schule noch von Freunden oder von dem damals noch nicht vorhandenen Fernsehen. Und die Großmutter nicht von ihrer Arbeit. Es war seltsam und überraschend, dass nicht einmal die Arbeit als Hebamme, die ihrem Wesen nach Überraschungen und unmöglich festzulegende Termine in sich trägt, uns die Großmutter wegnahm. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie uns jemals an einem dieser Tage hätte allein lassen müssen. Sie war immer mit uns zusammen. So, als ob man da oben irgendwie wusste, dass man jetzt nicht stören durfte, besonders in einer Situation, in der wir für alle anderen Dinge so viele Tage hatten, an denen wir uns nicht auf die Angelegenheiten Gottes und – was vielleicht noch wichtiger war – der Menschen konzentrieren. Angelegenheiten der Eltern, Brüder und Schwestern. Der Eltern, die als Erste am Tisch fehlen würden. Der Brüder, die – wie das eben so ist – den Vater und die Mutter verlassen, um ihrer Frau zu folgen. Der Schwestern, die ihre Nester bauen. Ihre neuen Nester, die für sie wichtiger sind als jene, aus denen sie kamen. Jetzt also, so lange es nur geht, sollten wir uns gemeinsam an uns erfreuen, uns in die Gesichter schauen, uns mit Armen und Blicken umgarnen, denn der Moment, in dem jemand von uns nicht mehr da ist, könnte näher sein, als wir in unserer Weisheit meinen. Also sollten wir zusammenbleiben, so lange es nur geht.

Während der Festtage blieben wir also zu Hause. Die Großmutter und unter ihren Fittichen wir sechs. Mit einer einzigen Ausnahme. Aber das erzähle ich später.

Tante Gienia erwartete uns nicht und lud uns auch nicht ein. Ihr Kalender, von dauernder Agonie und der Perspektive auf die Beerdigung geprägt, trat in diesen Fällen hinter den Kalender der elementaren Liturgie zurück. Der kirchlichen, die in einem mindestens so hohen Grade in die natürliche Ordnung eingeschrieben war wie ihre eigene. Eine Ordnung, die im Handumdrehen ausgedacht worden war, einst in plötzlicher Not schnell geschaffen und später für immer in die Familienfeste hineinmontiert. Was auch immer man über ihre Marotten sagen mochte, hier ordnete sie sich klaglos dem Lauf der Dinge unter. Ich denke, dass sie ihn aus verschiedenen Gründen sogar heimlich unterstützte. Denn obschon wir in der Lage sind, einzelne Tage aus dem Strom der Zeit herauszubrechen, so müssen wir uns doch in bestimmten Momenten einer höheren Ordnung unterwerfen. In der keimenden Hoffnung, dass wenigstens sie uns nicht in den Abgrund der Stille, der Sinnlosigkeit und des Vergessens reißt. Und da war noch die Sache mit der Konkurrenz. Gienia spürte instinktiv, dass sie sich nicht in sie hineinbegeben sollte. Besonders nicht mit Ostern, angesichts dessen ihre Prozeduren und deren – verglichen mit der echten Auferstehung – totale Vergeblichkeit zum Vorschein kamen und sogar für die Jüngsten erkennbar waren.

Sehr viel später machte ich mir bewusst, dass es ihr deshalb immer gelang, ihre Festtage in einem zeitlichen Abstand zu jenen anderen durchzuführen, damit niemand – und zwar möglichst lange – die einen mit den anderen in Verbindung bringen konnte. Damit man nicht das Universelle mit dem Individuellen, das der Tante mit dem Göttlichen verglich. Die ungleichen Kräfteverhältnisse, das Zweitrangige ihrer Liturgie, der Kitsch des häuslichen, mit einstdeutschen Gegenständen angefüllten Tempels musste gegen jene andere Liturgie verlieren.

Die Tante besaß also so viel Weisheit, um sich nicht auf ein Terrain zu begeben, wo die Niederlage von Beginn an beschlossene Sache gewesen wäre. Ob sie sich sofort oder später einstellen würde, war dabei von keiner größeren Bedeutung. Ich denke, dass im Falle des Weihnachtsfestes, das von ihr nicht strapaziert wurde, noch etwas anderes von Bedeutung war. Etwas sehr Verlockendes, Attraktives und uns allen Nahes. Die Tatsache, dass wir ein Fest haben, das wir begreifen, erfühlen und erleben können. Und dass wir es so begehen wie eine ersehnte Situation, die uns und die Welt erneuert, still und geborgen. Es gibt noch einen anderen, ebenso fundamentalen Grund. Die Tatsache, dass die Geburt eines Menschen, selbst wenn es Gott ist, nicht über unser Begreifen hinausreicht.

Weihnachten. Immer wieder verwundert mich die Anziehungskraft eines Säuglings. Man stelle sich vor: Unter uns taucht ein Wesen auf, dem alles fehlt. Manchmal fehlt es ihm auch an gutem Aussehen. Nicht selten sehen wir (obwohl man das erst später, nachdem man wieder zu Hause ist, sagt), dass das Neugeborene hässlich ist wie die Nacht. Wie sein Vater. Hässlich wie ein Popo mit Ohren. Dennoch wird dort, wo es ist, ein ununterbrochenes Fest gefeiert. Und manchmal erlebt man, wie das mit Gästen gefüllte Haus sich auf nichts anderes konzentriert. Es wird nicht gesprochen, nichts anderes ist attraktiv, und wenn etwas eingeschaltet wird, so ist es die Videokassette mit dem Film über die ersten Tage. Über diesen kleinen, wehrlosen und gänzlich schwächlichen Schatz. Und dies geschieht aus einem Grund, den wir alle kennen. Denn es ist ein Mensch zur Welt gekommen, der noch alles vor sich hat, der ein Geheimnis und das Wunder des sich erneuernden Lebens darstellt. Eines Lebens, das genauer betrachtet gar nicht notwendig ist. Das nicht nur in einer von uns geschaffenen Welt, sondern im gesamten Weltall keine Chancen hat. Ein Leben, das nicht das Recht und die logischen Voraussetzungen hat, um zu existieren. Und dennoch ist es da. In der Wiege, im Steckkissen oder im Bettchen. Das große, herrliche Leben mit feuchter Windel zwischen den Beinen. Und wenn dieses Leben Gott ist – wer wird ihm dann widerstehen können?

Aus diesen Gründen, die wir als Kinder gar nicht formulieren konnten, blieben wir während der Festtage zu Hause. Wie gingen zur Christmette und danach, am zweiten Feiertag und in der Zeit der gesamten Oktav, zur Krippe. Begeistert und entzückt von diesem in einer Position erstarrten Püppchen, kalt und in der kalten Kirche liegend, aber immerhin lächelnd. Geheimnisvoll lächelnd, nicht zu uns hin, sondern wie zu sich selbst, in Gedanken an das Wunder, das geschehen war – aber vielleicht auch zu dem Vater, mit dem man zu dritt diese in ihrer Art einzigartige Ankunft erdacht hatten. Und dieses Lächeln, das von seinem Gesicht erstrahlte, füllte den gesamten Kirchenraum aus, setzte sich allmählich wie die Schneeflocken draußen auf Kleidung und Gesichter und erneuerte uns zumindest ein wenig. Wenn auch nur für diesen einen Tag. Wegen dieses Tages und dieses Gefühls waren wir immer mit Großmutter zusammen. Außer einer einzigen Ausnahme. Als wir an Weihnachten zu den Koperwasy fuhren. Die Kinder allein, denn Großmutter wollte aus uns unerfindlichen Gründen zu Hause bleiben. Warum das so sein musste, erfuhr ich erst Jahre später.

Die Feiertage bei den Koperwasy begeisterten uns nicht. Zwar vollzog sich alles, wie es sich gehört: Heiligabend, Christmette, Geschenke. Und nach den Feiertagen organisierte Aloch eine gemeinsame Schlittenfahrt – aber es war dennoch nicht so, wie es hätte sein sollen. Es war nicht bei uns. Nicht zu Hause, nicht im eigenen Nest, nicht bei Großmutter. Wir waren nicht unter uns, sondern wie Anhängsel. Und wir spürten das alle. Immer wieder sah ich, dass jemand von uns allein in der Ecke saß, was bedrückend traurig war.

Aber es hatte so kommen müssen. Heute weiß ich, dass es sein musste. Dass Großmutter richtig gehandelt hatte. Was war passiert? Es war nichts passiert, was für Großmutter neu gewesen wäre. Nur, dass es diesmal im Geheimen und in unserem Haus geschah. Sie hatte uns zu den Koperwasy verfrachtet, damit das Haus leer war. Großmutter nahm während unserer Abwesenheit eine Entbindung vor.

Eine Schwangerschaft lässt sich nicht verbergen, eine Geburt sowieso nicht, sie ist recht gut voraussehbar. Aber diesmal geschah es plötzlich, genauer gesagt, erfuhr Großmutter erst im letzten Moment davon. Eines Tages, bereits zu Beginn der Ferien, wurde sie von einem Mann besucht. Es war der Vater von derjenigen, die sich auf das Wochenbett vorbereitete, einer jener wenigen Deutschen, die übrig geblieben waren. Nach eben diesem Gespräch mit ihm, das natürlich auf Deutsch geführt wurde, verkündete Großmutter, dass wir über die Feiertage zu den Koperwasy fahren würden. Wir waren überrascht, aber Großmutter antwortete auf unsere fragenden Blicke nur: »Es muss sein.« Danach – wie zur Abmilderung – fügte sie hinzu: »Irgendwann einmal erkläre ich euch das.« Und damit genug.

Also fuhren wir hin. Und Großmutter führte die Entbindung durch. Das Mädel wurde im Schutz der Nacht gebracht. Und danach, als alles zu Ende war, auch wieder nachts weggebracht. Nicht in ihr Dorf, sondern nach Breslau. Wo sie niemand kannte. Sie fuhr zusammen mit ihrem Bruder, der einige Jahre lang ihren Ehemann mimen sollte. Und den Vater des Neugeborenen. Der echte war unbekannt und nicht feststellbar.

Es gab mehrere echte Väter. Das Mädel war von Russen und Polen, siegreichen Soldaten, vergewaltigt worden. Wie durch ein Wunder kam sie mit dem Leben davon und wie durch ein Wunder wurde sie von ihrer Familie wiedergefunden, die wusste, dass sie sich an niemanden wenden konnte. Die, wenn sie sich sogar für eine Abtreibung entschied, keine Möglichkeit hatte, sie durchzuführen. Also gab es nur die Zeit und das Warten. Die Zeit und die Hoffnung, dass es gelingen würde, sich etwas auszudenken. Eine Lösung zu finden. Ich weiß nicht, was und wie sie dachten, ob sie etwas entschieden oder sich dem Schicksal ergeben hatten. Immerhin war an jenem Tag ihr Vater zu Großmutter gekommen, die ohne zu zögern alles beiseiteschob, sogar uns und Weihnachten.

Damals also, an Heiligabend 1946, kam jener Junge zur Welt. Von einer deutschen Mutter, von einem unbekannten Vater, einem Polen oder Russen. Der vielleicht bis heute noch unter uns lebt. Der – um mich so auszudrücken – wie ein lebendiges Denkmal jener Zeiten weiterlebt. Chaotischer und schlimmer Zeiten, wie die Abgründe der menschlichen Seele.

Die Geburt erfolgte in der Nacht. Ebenfalls in der Nacht kam der Pfarrer zu Großmutter, um das Neugeborene zu taufen. Er kam allein, von Großmutter gerufen, die wieder einmal Taufpatin wurde. Der Pfarrer kam mit einem dicken Buch unter dem Arm und mit einem Gefäß voll Weihwasser. Er kam wie einst jene drei Könige zu dem Kind, ohne Gold, aber mit Weihrauch. Mitten in der Nacht lief er mit dem Weihrauchfass durch das ganze Haus. Denn in dieser Nacht führten diese zwei Menschen, von denen der Mann nicht nur kein Vater, sondern etwas wie ein Anti-Vater war, den kleinen Jungen in die Welt ein. In eine Welt, die rings um sie herum wütete. Eine von Herodessen erfüllte Welt, der sie sich entgegenstellten. Gegen die sie, eingeschlossen und bei verschlossenen Fensterläden, ein Leben vor einem rachsüchtigen Blutbad bewahrten.

V

Ich war wohl sechzehn Jahre alt, als das größte der Begräbnisse der Tante stattfand. Nichts wies anfangs auf das Ereignis hin, über das man noch viele Jahre später sagen sollte, dass es wichtiger gewesen sei als das wirkliche.

Ich reiste in der Osterzeit an. Wieder ging ich auf der Chaussee von der Bahnstation zum Gehöft und wieder schaute ich auf dem Friedhof vorbei. Ich blickte zur Ziegelei und zur Darre hinüber und ließ Kółeczko seitlich liegen. Alles war wie früher: in der Ferne die blaue Wand des Waldes, auf der Chaussee ein Radfahrer – nur die Häuser schienen kleiner zu sein.

Die Tür öffnete Sabina. Aloch schnarchte im Schlafzimmer, die Tante schlief im größten Zimmer. Ich war allein gekommen, man bot mir dasselbe Bett wie gewöhnlich an. Am Mittag wurde, nach den üblichen Gesprächen, ein Glas Schnaps vor mich hingestellt. Das war etwas Neues.

»Trink nur, Junge, du bist ja jetzt erwachsen. Nach der Reise tut das gut«, sagte die gutmütige Sabina.

»Jo, jo«, pflichtete ihr Aloch bei. »Nimm nur einen, der Klare macht keine Flecken aufs Herz.

»Suchst wohl bei dem Kind nach einem Saufkumpan?«, fuhr ihn seine Frau an. »Du bist mir ein rechter Künder der Klarheit.«

Aloch ließ sein gerötetes Auge durch die Küche kreisen. Dann richtete er es zwinkernd auf mich: »Ja, ja, einem Weib machst du’s halt nie recht.«

Nach dem Frühstück gingen wir in den Stall hinaus. Aloch wollte unbedingt mit seinem neuen Pferd prahlen. Schön und störrisch, dem keiner hatte beikommen können und das er gerade gekauft und gezähmt hatte. Nichts wird die Koperwasy jemals von dieser fatalen Liebe heilen, fuhr es mir durch den Kopf. Aloch, obschon nur ein angeflickter Koperwas, war in dieser Hinsicht genauso. Er tätschelte dem Braunen das Hinterteil und zog hinter dem Leiterchen eine bereits gut begonnene Halbliterflasche hervor.

»Der Tante geht’s so schlecht wie nie zuvor«, bemerkte er, den Korken herausziehend. Ich wurde verlegen, denn bisher hatte ich nicht einmal nach ihr gefragt. »Aber sie ist immer so«, setzte er mit dem angedeuteten Lächeln eines Säufers hinzu. Er beugte sich vor, nahm einen tüchtigen Schluck, lächelte säuerlich und stellte das Glas auf den Krippenrand. »Trinken ist leben«, entfuhr es ihm in einem Atemzug.

Wir traten vor den Stall hinaus, um auf die zum Leben erwachende Erde zu schauen. Wir standen schweigend da und wollten nicht, dass sich irgendwer äußert.

»Meine ist irgendwie krank«, teilte er mir unerwartet mit. »Sie leidet an Blutungen …Weißt du, sie möchte, dass man sie verbrennt.«

»Die Tante?«

»Nein, Sabcia«, seufzte er. »Was für ein Haus. Wird Marta kommen?«

»Wird sie von der Tante erwartet?«

»Ohne sie stirbt sie wahrscheinlich nicht«, lachte er auf und schwieg, als er merkte, dass das ein ungehöriger Scherz war. »Aber Kazik würde sich freuen … Über Martas Kommen.«

»Krup-niak?«, fragte ich verwundert.

»Ja sicher. Ich habe ihn vorgestern gesehen, wir haben sogar miteinander gesprochen. Er sagte, dass er dir einmal auf dem Weg begegnet sei. Dass du ihr ähnelst.« Er lächelte. »Kennst du ihn nicht? Er kümmert sich um die Kirche. Ist Kirchendiener. Sitzt auf dem Turm.«

»Auf dem Turm?«, wunderte ich mich erneut.

»Sicher. Im Wald. Auf dem Feuerwehrturm.«

Plötzlich wurde mir klar, dass ich niemals darüber nachgedacht hatte, was mit ihm geschehen war. Von den damaligen fünf Personen war die Tante hier, Fred lebte nicht mehr. Zwei in Übersee – Józef Koperwas in Australien und Marta in Amerika. Was Kazik anging, so war das so, als hätte er aufgehört, zu existieren. Bei den Koperwasy sprach man nicht über ihn, erwähnte ihn mit keinem Wort – bis ich plötzlich erfuhr, dass es ihn gab. Und zwar im selben Dorf.

Also war er die ganzen Jahre hier gewesen und sie hatten nicht einmal über ihn gesprochen. Gott weiß, wie das alles an der Tante vorbeiging. Onkel Fred ließ sich nach seiner Rückkehr aus dem Gefängnis in Iława nieder, eröffnete einen Dorfladen und starb bald. Die Kinder starben, Marta wanderte aus – und er fand sich außerhalb des Beritts der großen Familie der Koperwasy. Dazu kam, dass er ein zweites Mal heiratete, niemanden von unseren Verwandten, und sich – wie man so sagte – »selbst zurückzog«. Ich wusste nicht, dass ich ihn nach ein paar Tagen auf Armlänge von mir entfernt sehen würde.

Schon während der ersten Stunden des damaligen Aufenthalts wurde mir klar, dass die Dinge wirklich schlecht standen. Vieles wies darauf hin, dass die Tante diesmal einverstanden war, endgültig zu sterben. Die Vorbereitungen schienen in der letzten Phase zu sein. Die Kranke hatte selbst nach einem Priester gefragt und darum gebeten, dass man einige Trauermessen bezahlen sollte.

Ich dachte damals, dass der Tod der Zwillinge wohl einfacher gewesen sein müsse. Dass der Tod eines Kindes eine relativ einfache Tatsache sei, weil sich eigentlich noch niemand so recht an etwas hatte gewöhnen können. Weder es an das Leben noch wir an es. Wenn es fortgeht, zerreißt es nur einen dünnen Faden. Mit einem Erwachsenen ist es umgekehrt. Er muss nicht einen, sondern Tausende ihn mit dem Leben verbindende Knoten lösen – und das schmerzt sowohl ihn als auch uns. Das, was Tante Gienia tat, war so, als wolle sie dem Schmerz zuvorkommen und das Leben Faden für Faden ausreißen. Es war ein systematischer, zelebrierter Abschied vom Leben.

Aus Neugier ging ich an einem Vormittag los, um mir die von der Tante ausgesuchte Stelle anzuschauen. Der banale Grabstein, auf Hochglanz gebürstet, mit einem sorgfältig geharkten Umfeld, stand im zentralen Bereich des Friedhofs. Sie sollte an der Seite jenes aufgeblähten Grabhügels der Zwillinge liegen, der nicht größer war als der Bauch einer schwangeren Frau. Und ausgerechnet dort, auf dem Friedhof, begegnete ich Kazik.

Ich konnte kaum fassen, dass er es war. Sicherlich, ich hatte ihn schon früher gesehen. Das gewöhnliche Aussehen eines Bauern in Drillichweste mit verschossener Schirmmütze in der Hand – keine besonderen Kennzeichen. Ich hatte ihn mir anders vorgestellt. Er soll ein gut aussehender, resoluter Junge gewesen sein, mit einem ewigen Lachen im Gesicht und göttlichen Funken im Auge. Aber bei den Bauern gibt es das oft. In der Jugend durch gutes Aussehen beschenkt, verlieren sie später, durch Nachlässigkeit und schwere Arbeit, die von großzügiger Hand verliehene Anmut.

Er schien mir inmitten all dieser Gräber allein zu sein. Erst nach einer Weile erblickte ich in der ältesten, sich in eine Grabhügellandschaft verwandelnden Ecke des Friedhofs einen Mann. Er wuchs gleichsam aus der Erde heraus. Als ich ihn bemerkte, richtete er sich gerade auf. Später, als er auf mich zukam, nahm ich seine verschmutzten Knie wahr.

Ich stand vor dem kleinen Grab der Zwillinge und er näherte sich in Schleifen. Er blieb immer wieder stehen, richtete den Blick hin und wieder auf ein Grab, schaute manchmal zu mir hinüber, als wolle er sichergehen, dass er sich nicht irrt. Er ging in meine Richtung.

Er trat nicht von der Seite, sondern eher von vorn an mich heran. Im Übrigen kam er nicht besonders nah heran; er blieb ein paar Schritte vor mir stehen und fragte aus der Distanz: »Und warst du auch schon im alten Teil?«

Da war ich nicht gewesen, aber seiner Tonlage entnahm ich, dass ich dort hingehen musste. Er ging als Erster los, ich hinter ihm her. Wir betraten den zugewachsenen, einstdeutschen Teil. Er blieb stehen. Vor uns, in der Friedhofsecke, waren zwei Gräber, die sich von den übrigen unterschieden. Er deutete auf ein Grab mit rotem Stern, das ummauert war. »Das ist der, den ich getötet habe«, sagte er leise. »Ich fürchte mich nicht mehr vor ihm.«

Ich schwieg. Sprachlos geworden durch dieses plötzliche Bekenntnis, versuchte ich für mich irgendeinen Aufhänger zu finden. Ich schaute zur Seite, auf ein – wodurch auch immer –schwarz angelaufenes Aluminiumtäfelchen und buchstabierte: Fa-mi-lie Wut-tke.

Kazik kniete nieder. Ich machte es ihm, wie nach unten gezogen, nach. Ich wollte beten, aber in meinem Kopf herrschte vollkommene Leere. Er stand auf. Stellte sich schweigend neben mich und klopfte nicht einmal seine Knie ab. Danach beugte er sich herunter und richtete die gerade stehenden Lämpchen. Seufzend flüsterte er: »So haben sie sie hier bestattet…«

Was hätte ich, ein Kind, ihm sagen können? Was wusste ich über all das und was wollte er von mir? Was erwartete er von mir, dass ich, ein Kind, das alles verstünde? Wenn vielleicht nicht alles, doch wenigstens ihn? Dass ich entsetzt sein würde, dass ich ihn vielleicht tröstete? Dass vielleicht ich, ein noch unschuldiges Kind, eine andere Macht haben könnte als er? Für mich war das Vergangenheit, an der niemand etwas ändern und die ich nicht ergründen konnte. Er, Kazimierz Krupniak, konnte das vielleicht, aber nicht ich. Ich nicht mehr.

»Es ist Zeit für mich«, sagte er mit einem Blick auf die Uhr. »Ich habe heute Dienst. Vielleicht sehen wir uns einmal wieder.«

Ich fuhr zusammen, als hätte er mich berührt.

Krupniak fügte zögerlich hinzu: »Wenn du willst, kannst du mich ein Stück begleiten.«

Wir durchschritten das gusseiserne, seit Jahren nicht mehr benutzte Tor. Wie ließen den kreisrunden, von drei Seiten umpflügten Friedhof langsam hinter uns zurück.

»Das ist der alte Weg«, brachte er munter wie ein Reiseführer hervor. »Die Deutschen beerdigten von dieser Seite, nach dem Krieg wurde ein neuer gebaut.«

Danach, als wären die vorigen Sätze nur dazu da gewesen, um irgendeine Stimme zu hören, stieß er in einem Atemzug hervor: »Ich habe einen Menschen getötet. Das ist meine sehr große Schuld. Was nutzt es schon, dass mich Gienia dazu überredet hat.«

Diese beiden einzelnen Sätze wurden in ein und derselben Tonlage ausgesprochen, wie ein Blitzschlag. Oder zwei Blitze, die an der gleichen Stelle einschlagen. In der Ferne bewegte sich der wogende Wald. Ich ging neben ihm her, aber ich war abwesend. So liefen wir einige Minuten lang, keiner sprach etwas. Er erwartete keine Antwort und das nicht nur deshalb, weil er meine Verwirrung wahrnahm. Dann blieb er stehen, lehnte sich an das Fahrrad und streckte die Hand aus: »Auf dem Pfad kommst du bis zur Chaussee, dort, wo die Pappeln stehen.«

Ich war wie vom Blitz getroffen. Durch die Blitze von vorhin. Alles, was er gesagt hatte, hämmerte wie ein Echo in meinem Kopf. Im Tal lag, einem Familiennest gleich, der Hof der Koperwasy. Was mit sich selbst anfangen, was tun? Etwa unter ihnen sitzen und so tun, als wüsste ich nichts? Nicht zugeben, dass ich ihm begegnet war? Vielleicht wussten ja alle schon lange alles und nur ich allein hatte es verpasst und erfuhr es zuletzt?

Ich bog ab, um es weiter zu haben. Um wenigstens ein paar Minuten mehr zu haben. Wem würde ich begegnen, vor wem würde ich Normalität mimen, was würde ich nur sagen? Das waren die ersten Gedanken, die sich fast automatisch einstellten, dann aber verdrängt wurden, weil etwas Schlimmeres an ihre Stelle trat.

Angst stellte sich ein, Angst vor den Menschen, die mir plötzlich unbekannt vorkamen. Fast fremd, obwohl ich so viel mit ihnen zusammengewesen war und – wie ich glaubte – so viel von ihnen wusste. Das war keine Angst davor, dass sie mir etwas tun könnten, nein. Es war eher die Furcht vor allen und vor allem. So wie, wenn du plötzlich etwas von einer Seite zu sehen beginnst, deren Existenz du nicht vermutet hättest. Ich hatte bei der Tante meine Kindheit verbracht, ihr Heim war für mich wie ein zweites Zuhause, und jetzt stellte sich heraus, dass ich in Wirklichkeit so gar nichts über sie wusste. Warum lebte sie so, warum taten alle so, als wäre nichts passiert?

Ich kehrte um. Ohne zu wissen, was ich tun würde, lief ich zurück. Ich lief, wohin mich die Füße trugen. Ich lief in den Wald hinein und überlegte, ob ich nicht auf den Turm hinaufklettern und von Krupniak den Rest erfragen sollte. Aber so richtig kannte ich ihn gar nicht, und war das, was ich gehört hatte, nicht schon genug? Nein, es war nicht so, dass ich mich vor ihm fürchtete. Umgekehrt; ausgerechnet er, so hatte ich wahrgenommen, war ruhig und sanft. Anscheinend war alles Böse, das jeder in sich trägt, in ihm vollkommen ausgebrannt. Ich spürte eher, dass es übertrieben wäre, Dinge zu erfragen, über die er so viel gesagt hatte, wie er es wollte. Und auch das Ersteigen des Turms war irgendwie … ging irgendwie nicht. Mit diesen Zweifeln lief ich weiter, an seinem Pfad vorbei, bis mir plötzlich bewusst wurde, dass ich bis Sztum laufen wollte. Dass ich die Grenze der Kindheit überschreiten und endlich jenes Städtchen sehen wollte, das sich einer so düsteren Berühmtheit erfreute.

Nachdem ich mich entschieden hatte, bewegte ich mich schneller voran. Zuerst lief ich noch, später begann ich zu rennen. Ich wusste nicht, ob in die richtige Richtung, ich wusste auch nicht, wie viele Kilometer ich vor mir hatte, aber das war alles nicht so wichtig. In diesem Moment genügte das schon; wichtig war, sich vorwärtszubewegen. Vor sich hin, die ganze Zeit vor sich hin. Flüchten, ja flüchten von jener Stelle, an der ich mich von Kazik getrennt hatte. Vor den Koperwasy und vor der Tante, von der er mir jene schreckliche, unbegreifliche und unerträgliche Sache erzählt hatte.

Ich rannte. Zuerst langsam, dann beschleunigte ich. Ich spürte, dass ich so rasch wie möglich müde werden musste. Rennen ist wie eine Erlösung. Es erlaubt einem, nicht nur sämtliche überflüssigen Kräfte, sondern auch Gedanken loszuwerden. Nach einigen hundert Metern hast du eine einfache, rhythmische Losung im Kopf, die du ebenso sinnlos wiederholst wie ein hundertfaches Mariengebet oder ein anderes, entliehenes Mantra. Ja eben, nur Körper sein. Ein ermüdeter Körper, der zu nichts Kraft hat. Nicht zum Denken, nicht zum Überlegen.

Der Waldweg war nicht länger als einige hundert Meter, er kreuzte die Chaussee, die von beiden Seiten von einer Baumreihe gesäumt wurde. Sie war wohl eher von den einstigen Bewohnern benutzt worden als von den heutigen, denn jetzt war, wohin das Auge auch reichte, keine lebendige Seele zu sehen. Der Asphalt fühlte sich unter den Füßen wie vermodert an. Niemand benutzte und niemand pflegte ihn. Ich überlegte einen Moment, ob ich weiterrennen sollte. Ich wollte nicht, dass mich jemand, ohne ersichtlichen Grund, rennen sah. Ich schaute noch einmal nach allen Seiten – da war niemand.

Ich rannte auf dem Straßenbankett. Vielleicht einen halben Kilometer, vielleicht etwas mehr. Als unweit hinter der Kreuzung die Gebäude eines verlassenen Bauernhofes dunkelten, beschloss ich, dort zu halten und auszuruhen. Den Atem für einen Moment beruhigen und dann weiterlaufen. So lange, bis ich nicht einmal die Kraft hätte, zu gehen. Ich verließ den Weg und sprang über den Graben.

Es sah aus wie das Gehöft von Onkel Fred, allerdings in einer noch tieferen Phase des Verfalls, wohl der letzten. Es stand einsam und unbewohnt da. Der Hof war schon lange von Grünzeug und verwildertem Gras überwuchert. Vor der nachgedunkelten Scheune versanken die rostroten Maschinen in Brennnesseln. Ihre hölzernen Teile waren verfault und abgefallen, die metallenen Nägel und Nieten wirkten – als ich mir sie näher betrachtete –, wie durch unbekanntes Gewürm abgenagt. Die Knäufe waren zwar noch da, aber der Rest war so abgefressen, dass sie bei der ersten Berührung brachen. Eine Seite der Scheune sah so aus, als wäre sie von einem apokalyptischen Ungeheuer aufgerissen worden. Über mir baumelten Bretter, die für die menschliche Hand unerreichbar waren.

Ich schaute durch das Fenster in das Innere des Hauses. Im Küchentrakt gähnte statt des Fußbodens ein großer Trichter, wie von einer Bombe. Über ihm hingen die an die Wand geklebten Reste eines gekachelten Küchenherds. Einige himmelblaue Hollandkacheln waren unversehrt geblieben. Im Hausinnern, in den anderen Zimmern, war sonst nichts. Gesplittertes Holz ragte aus den herausgerissenen Fensterrahmen.

Ich rannte weiter. Mich wieder an Sztum erinnernd, beschleunigte ich meine Schritte. Es musste schon Nachmittag sein und ich wusste weder, wie viel des Weges ich noch vor mir hatte, noch, ob ich auf dem richtigen Weg war. Einen Moment später klärte sich alles auf. An einen an der nächsten Kreuzung stehenden Baum hatte jemand ein – wie einen Wegweiser zugespitztes – Brettchen genagelt. Die handgeschriebene Aufschrift informierte: Brachlewo Wiel. 4 km.

Ich machte also einen Kreis, schlug einen großen Bogen um das Haus der Tante. Ich umkreiste die Sztumer Heide an ihren Rändern. Irgendwo – dachte ich – muss diese kleine Straße mit der am Haus der Tante vorbeilaufenden zusammentreffen. Mit der, auf der ich schon so oft herumgeschlichen war und niemals den Mut gehabt hatte, sie weiterzugehen. Ich entschied sofort. Ich werde weit entfernt von der verbotenen Kurve sein und – von niemandem bemerkt – bis nach Brachlewo gelangen können. Und sobald ich dort bin, gehe ich zum Pfarrer. Zu dem aus Brachlewo. Und erfahre mehr, als mir Kazik erzählt hat. Er, der schon seit Jahren hier ist, wird sicher wissen, wie das alles wirklich war.

Jetzt wusste ich, wozu ich unterwegs war. Und ich war überzeugt, dass sich die in Gesprächen chiffrierten Geheimnisse endlich würden erklären lassen. Diese vier Kilometer waren nicht weit, ich hatte doch genauso viel zur Bahnstation, von der ich zur Schule fuhr. Schon bald, nach der nächsten Biegung und unter der Wand des dunkelblauen Waldes, erblickte ich das Dorf.

Die zu einer Herde zusammengedrängten Häuser gruppierten sich um den Turm der neogotischen Kirche. Neben der Kirche stand, ebenfalls aus Backstein, das offensichtlich gleichzeitig errichtete Pfarrhaus. Die Fensterrahmen waren weiß, die Fensterläden und Türen dagegen von dunkelgrüner Farbe, die hier und dort in kleinen Spänen abblätterte. Ich klopfte an.

Ich wartete einen längeren Moment, aber niemand öffnete. Schon wollte ich zum zweiten Mal anklopfen, als ich auf dem Türrahmen eine runde Klingel entdeckte. Ich drückte auf den knochenweißen Knopf. Drinnen gab es irgendwo einen schrillen Ton und fast sofort begannen die Hunde zu bellen. Durch den Lärm drang die Bassstimme des Pfarrers hindurch. Ich kannte ihn nicht, aber niemand außer einem Dorfpriester besitzt eine so laute Stimme. Dem Eingang näherten sich allerdings nicht seine Schritte, sondern ganz deutlich solche in Damenschuhen. Die Tür öffnete sich so weit, wie die Kette dies zuließ, und im Türspalt zeigte sich das reife Gesicht einer Frau.

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Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
22 aralık 2023
Hacim:
260 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9783957446824
Telif hakkı:
Автор
İndirme biçimi:

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