Kitabı oku: «Immer im Rampenlicht»
BERND R. HOCK

SCM Hänssler ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung Christliche Medien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.
ISBN 978-3-7751-7511-1 (E-Book)
ISBN 978-3-7751-6016-2 (lieferbare Buchausgabe)
Datenkonvertierung E-Book: CPI books GmbH, Leck
© der deutschen Ausgabe 2021
SCM Hänssler in der SCM Verlagsgruppe GmbH
Max-Eyth-Straße 41 · 71088 Holzgerlingen
Internet: www.scm-haenssler.de; E-Mail: info@scm-haenssler.de
Soweit nicht anders angegeben, sind die Bibelverse folgender Ausgabe entnommen:
Die Heilige Schrift, übersetzt von Hermann Menge. Neuausgabe.
© 1949, 2003 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
Weiter wurden verwendet:
Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
Neues Leben. Die Bibel, © der deutschen Ausgabe 2002
und 2006 SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Witten/Holzgerlingen
Lektorat: Christiane Kathmann, www.lektorat-kathmann.de
Umschlaggestaltung: Sybille Koschera, Stuttgart
Bilder Innenteil: privat
Coverfoto und Bild 1.1 im Bildteil: © 2020 Tom Pingel Fotografie
www.tompingel.de
Bildrechte Bildteil, wenn nicht anders vermerkt privat.
Bild S. 6 im Bildteil unten: © Hartmut Streckenbach
Bilder Seite 8 des Bildteils: © Walter Rennert (walter.rennert@arcor.de)
Satz: typoscript GmbH, Walddorfhäslach
MEINER GELIEBTEN EHEFRAU KERSTIN,
MEINEN WUNDERVOLLEN KINDERN ANNIKA UND DAVID
UND MEINEN GROSSARTIGEN ELTERN
INHALT
Über den Autor
Vorwort
1 Bühne frei für mein erstes Mal
2 Mein erster Blick ins Licht
3 Verabredung im Keller meiner Gedanken
4 Mitleid, Marzipan und eine Heldentat
5 Armer Kerl – ich?
6 Zögern oder weitergehen?
7 Der Weg in die Freiheit
8 »Der Bu macht sein Wech«
9 Siegt am Ende der Tod?
10 Alle werden mich lieben
11 Meine Freiheit hat einen Haken
12 Wächter-Gespräch
13 Kerstin
14 Der Weg der Erinnerungen
15 Erwin
16 Lebt sie noch?
17 Lieber Gott, mach mich fromm …
18 Hingekotzt
19 Neues Leben
20 Vor allem Gesundheit?
21 Ich hab’s erlebt: Er lebt!
22 Wo ist er denn, dein Gott?
23 Herzstillstand
24 Wem vertraue ich?
25 Ich kann Vater!
26 Annika – zwei Striche für ein Halleluja
27 David – Nutella am Zeh
28 Alles anders
29 Wie ist das mit den Nichtbehinderten?
30 Kommt gut nach Hause
Epilog: Vorwort für die zweite Hälfte
Dank
[ Zum Inhaltsverzeichnis ]
ÜBER DEN AUTOR
HOCK, BERND R. (Jg. 1968) lebt im Großraum Hamburg. Neben seiner Tätigkeit als Heilpraktiker für Psychotherapie tourt der Kabarettist und Entertainer gerne durch Deutschland und erzählt auf kreative Weise und mit Leidenschaft von Gottes Liebe.
[ Zum Inhaltsverzeichnis ]
VORWORT
Vielleicht sterbe ich schon morgen. Vielleicht sogar noch heute. Oder ich eifere Johannes Heesters nach und habe mit meinen fast 53 Jahren gerade mal die Hälfte meiner Lebenszeit erreicht. Möglicherweise liegen die spannendsten und wertvollsten Lebensjahre noch vor mir. Eventuell habe ich sie schon hinter mir gelassen. Ich weiß es nicht.
Fakt ist: Ich habe in dem halben Jahrhundert, in welchem ich auf dieser Weltbühne agiere, ganz schön viel erlebt. Genug für ein Buch. Für dieses Buch. Fakt ist auch, dass meine letzten zehn Lebensmonate enorm wertvoll für mich waren. Auf meiner Lebensstraße habe ich in jüngster Vergangenheit nicht nur durch die Windschutzscheibe nach vorne geblickt, sondern auch intensiv und lange in den Rückspiegel. Habe mich an vieles aus meinem Leben erinnert und es aufgeschrieben. Daraus wurde schnell mehr als ein einfaches Zurückblicken und Notieren. Ich erkannte die Chance, meine Vita genauer unter die Lupe zu nehmen.
Diese Selbstreflexion entwickelte eine Eigendynamik, die für mich immer bedeutungs- und eindrucksvoller wurde. Ich wollte mehr erfahren, wollte die psychischen und seelischen Prozesse, die in mir ablaufen, erkennen und verstehen. Deshalb habe ich mir Zeit genommen, um immer wieder in mein Innerstes, in meine Psyche, in meine Seele hineinzuschauen. Ich tat dies mit der Hoffnung, Antworten zu finden auf zahlreiche Fragen, die mich immer wieder beschäftigen:
• Was macht mich aus?
• Was lässt mich so sein, wie ich bin?
• Warum reagiere ich so, wie ich reagiere?
• Wie viel Übereinstimmung gibt es zwischen dem, was ich rede, und dem, wie ich handle?
• Warum tue ich immer noch so viele Dinge, die mir nicht guttun?
• Was tut mir überhaupt gut?
• Warum fällt es mir manchmal so schwer, zu vertrauen?
• Wem oder was vertraue ich überhaupt?
• Welche verschiedenen Bernds leben in mir und sind wann wie und warum aktiv?
Dabei entwickelte ich das immer stärker werdende Bedürfnis, mein Seelenleben konkreter und deutlicher wahrzunehmen. Deshalb habe ich versucht, es zu personifizieren, eine gängige Methode in der psychotherapeutischen Beratung, die ich auch in meiner Praxis als Heilpraktiker für Psychotherapie anwende.
Was manch einer oder manch einem auf den ersten Blick vielleicht vorkommt wie irgendein komischer spiritueller oder vielleicht sogar okkulter Kram, ist bei genauerem Hinsehen ziemlich sinnvoll. Gerade die Methode, das Seelische in uns zu personifizieren und anzusprechen, ist ja keineswegs neu. Schon König David wandte sie vor etwa 3000 Jahren an, wie wir in den ersten beiden Versen von Psalm 103 nachlesen können:
Lobe den HERRN, meine Seele,
und all mein Inneres seinen heiligen Namen!
Lobe den HERRN, meine Seele,
und vergiss nicht, was er dir Gutes getan!
Der Dichter spricht seine Seele nicht nur an, er ermahnt sie förmlich! Gedankenstopp nennen wir dies heute in der Psychotherapie, und in meiner Tätigkeit als Heilpraktiker für Psychotherapie übe ich dies immer wieder mit Patientinnen und Patienten ein. Wenn wir negativen, destruktiven Gedanken Einhalt gebieten wollen, müssen wir lernen, sie anzusprechen und abzuweisen.
»Nun reiß dich einmal zusammen, Seele! Hör auf, ständig zu jammern und alles düster zu sehen. Erinnere dich lieber einmal daran, was du alles Gutes erlebt hast, daran, was Gott dir Gutes getan hat!«, ruft David sinngemäß aus.
Auch ich möchte mich daran erinnern, was Gott mir Gutes getan hat, und mein Seelenleben besser kennenlernen. Damit sich mir alles besser erschließt, habe ich diese inneren seelischen Prägungen und Schutzmechanismen in einem »inneren Wächter« zusammengefasst und mich in Gedanken mehrfach mit ihm getroffen und unterhalten. Immer wieder habe ich so eine Reise in mein Innerstes unternommen. Diese Reisen wurden zu einem intensiven Nachdenken über mich selbst und über mein bisheriges Leben.
Dies half mir, zu erkennen, wie viel Unnötiges und Unsinniges sich über die Jahre in meinem Inneren angesammelt hat. Lebenslügen konnten sich nicht mehr länger verschleiern und Wahrheiten fingen an, neu zu glänzen. Auch entwickelte sich diese Form der Selbstreflexion immer mehr zu einem »Glauben-TÜV«, der dringend fällig war. Wie stand, wie steht es um mich als überzeugter Christ? Wie viel ist noch echt und authentisch und wie viel hat die geistliche Routine über die Jahre in Automatismen verwandelt?
Dies alles hat mir enorm geholfen und vielleicht können auch Sie, liebe Leserin, lieber Leser, etwas davon profitieren.
Vor allem aber erzähle ich in diesem Buch aus meinem Leben, von vielen schönen Begebenheiten und auch manchen weniger schönen. Bestimmt können Sie an manchen Stellen über meine Erlebnisse als behinderter Mensch herzlich lachen. Bitte tun Sie dies auch!
Applaudieren müssen Sie beim Lesen jedoch nicht. Es sei denn, wir treffen uns einmal bei einer öffentlichen Lesung. Dort freue ich mich selbstverständlich über Ihren Beifall, denn da bin ich ja wieder – mitten im Rampenlicht!
Bernd R. Hock
Im August 2020
[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

1
BÜHNE FREI FÜR MEIN ERSTES MAL
»Ist es dein erstes Mal?«, fragt sie mich und holt ihre Maske aus der Plastiktüte. Sie wartet keine Antwort ab: »Das muss klappen hier, hörst du?! Du darfst nicht versagen, darfst dir keine Fehler erlauben. Die da draußen sind gnadenlos!«
Ich nicke – ungewohnt schüchtern.
»Ist das deine komplette Verkleidung oder ziehst du dich noch um?«, fragt sie weiter und mustert mich dabei von oben bis unten. Verunsichert betrachte ich mich im Spiegel. Ich trage das, was ich immer trage, weil es bequem und trotz meiner Körperbehinderung – meinen kurzen Armen, krummen Händen und den wenigen kleinen, deformierten Fingern – selbstständig für mich handelbar ist: Schuhe, Socken, eine dunkelblaue Jogginghose und ein rotes Sweatshirt. Ganz wichtig: ein Sweatshirt ohne Bündchen am unteren Ende. Bündchen sind etwas ganz Schreckliches für Menschen mit kurzen Armen! Sie verhindern nämlich, dass das Kleidungsstück von alleine, also nur von der Erdanziehungskraft geleitet, am Körper hinuntergleitet. Pullover mit Bündchen müssen heruntergezogen werden. Dazu braucht man eigene lange Arme oder freundliche Helfer. Mit meinem roten bündchen-freien Sweatshirt kann ich beides entbehren. Das ist Freiheit!
Corinna zieht ihre Latex-Maske über den Kopf. Ihre Stimme klingt nun gedämpft: »Mit so einer Maske auf dem Kopf bist du ganz weit vorne, musst aber auch echt Profi sein. Du musst ganz konzentriert atmen, sonst kippst du aus den Latschen, weil dir die Luft ausgeht!«
Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Ich habe Corinna vor circa einer Stunde kennengelernt. Wir teilen uns eine Garderobe im Backstage-Bereich, denn wir haben beide heute Abend im Rahmen einer großen Faschingsveranstaltung einen Auftritt.
»Jetzt sieht sie saudämlich aus in diesem Hühnchen-Kostüm«, denke ich. Auch die Hühnerkopf-Latexmaske reißt es nicht raus. Wie »Bibo« aus der Sesamstraße in billig! Ich finde es gar nicht witzig, sondern einfach nur peinlich.
»Na? Wie findest du mich in dem Kostüm!«, fragt sie, tänzelt mit riesigen Hühnerfüßen aus Gummi um mich herum und wackelt mit ihrem auffälligen Kunstfeder-Hintern.
»Richtig gut! Total lustig! Das wird bestimmt der Brüller, wenn du gleich auf die Bühne gehst!«, lüge ich.
»Als verrücktes Huhn trete ich schon seit fünf Jahren auf. Hier in der Rhein-Mosel-Halle in Koblenz bin ich allerdings zum ersten Mal. Das ist die beliebteste Faschingsveranstaltung in der ganzen Gegend. Wenn du hier auftrittst, wird über dich geredet. Richtig fette Promo. Die nehme ich natürlich gerne mit.«
Tausendfünfhundert Menschen! Wo ist das nächste Tier-Kostüm?! Ich will hinein, um mich darin zu verstecken.
Die Garderobentür wird geöffnet und Bettina, die zierliche, selbstbewusst wirkende Regieassistentin, steckt ihren Wuschelkopf herein: »Corinna! Du bist gleich dran. Bist du so weit?«
Corinna präsentiert sich mit einer Bewegung wie ein »Nummern-Girl« aus dem Varieté, entlockt Bettina allerdings überhaupt keine Regung. Stattdessen wendet sie sich an mich: »Bernd, nach Corinnas Hühnchen-Darbietung wird das Motto-Lied mit dem Publikum gesungen und danach bist du dran! Du kannst dich also auch gleich auf den Weg zur Bühne machen.«
Corinna hat sich schon an uns vorbeigeschoben und ist weg. Bevor auch Bettina wieder verschwindet, schaut sie mich etwas gedankenversunken an. Wie oft in solchen Augenblicken glaube ich, ihre Gedanken lesen zu können: »Ob das richtig war, den zu engagieren? Der hat keine Bühnenerfahrung, ist offensichtlich behindert – und dann hier in so einer bedeutenden Sitzung. Das geht nicht gut.«
Doch Bettina verschwindet ohne ein weiteres Wort. Ich schaue mich noch einmal im Spiegel an: platte Frisur, viel zu große Brille und viel zu großer Bauch. Mit einem Achselzucken und einem leichten Kopfschütteln verlasse ich meine Garderobe und gehe durch einen schmalen Flur. Je näher ich der Bühne komme, desto lauter wird die Musik – und ein lautes Gackern vom Band. »Okay, Corinna zieht gnadenlos durch!«, schießt es mir durch den Kopf.
Ich gelange an den Bühnenrand, von wo aus ich im Schutz des Seitenvorhangs das Geschehen genau verfolgen kann. Die Halle ist ausverkauft. Über 1 500 Menschen in Feierlaune warten, nein, nicht speziell auf mich, aber anscheinend mehr auf gute Satire als auf flache Gags.
Ich treffe erneut auf die Regieassistentin, die mir letzte Anweisungen gibt: »So, Bernd, nach dem Lied werden wir deinen Tisch in die Mitte der Bühne tragen und du wirst angesagt. Dann gehst du bitte direkt auf deine Position und lieferst den Beitrag ab!«
Mein Lampenfieber schießt in schwindelerregende Höhen. Ich bin der einzige Neuling in der Szene an diesem Abend und werde nächsten Monat gerade mal zwanzig Jahre alt. Okay, ich parodiere hobbymäßig Promis aus Politik, Sport und Showbusiness, für meine Begriffe aber mehr schlecht als recht. Alles bisher nur für den Hausgebrauch. Auf Geburtstagsfeiern – »Mensch, Bernd, mach doch mal den Helmut Kohl!« –, auf Schul- oder Studentenfesten und immer vor Publikum, welches mich kennt und mir wohlgesonnen ist. Niemals vor Fremden und niemals vor so einer großen Masse. Warum habe ich mich nur in dieses Engagement hineinquatschen lassen?
Corinna ist gerade dabei, sich unter verhaltenem Applaus zu verbeugen. Für meine Begriffe ist sie immer noch nicht unterhaltsam in ihrem Kostüm, nur peinlich. Jetzt verlässt sie die Bühne und kommt direkt auf mich zu: »Ein Scheiß-Publikum! Kein bisschen locker. Voll bescheuert! Bin froh, dass ich es hinter mir habe. Zieh einfach professionell durch. Hörst du? Abhaken. Toi, toi, toi!«
Ich hoffe spontan auf Feueralarm oder Stromausfall oder etwas anderes, das den sofortigen Veranstaltungsabbruch nach sich ziehen würde. Noch befinde ich mich im Schutz des Seitenvorhangs.
Der letzte Refrain des geselligen Stimmungsliedes reißt mich aus meinen Gedanken. Ich beobachte, wie zwei Bühnenarbeiter für meine Darbietung einen Tisch in die Mitte der Bühne tragen, einen Stuhl dahinterstellen, ein Mikrofon aufbauen und mein Skript bereitlegen.
Im Saal wird das Licht wieder dunkler, auf der Bühne auch. Tisch und Stuhl werden mit einem Spot ausgeleuchtet.
Irgendwie kriege ich jetzt Bock! Ganz plötzlich. Ich kann es nicht erklären, aber von der einen auf die andere Sekunde sinkt mein Lampenfieber, als hätte man mir riesige, eiskalte Wadenwickel gemacht. Ich bin bereit. Ich habe Lust. Ich will raus!
Nun sagt mich doch endlich an!
Endlich höre ich meine Stichworte: »Begrüßen Sie jetzt mit einem donnernden Applaus …«, der Sitzungspräsident muss noch einmal auf seinen Notizzettel schauen, ich laufe schon los. »… Bernd Hock!«
Ich gehe direkt zu meinem Tisch. Nicht schüchtern, nein, ich schreite festen Schrittes. Ich gehe nicht wie ein Anfänger in Trainingshose, ich trete auf!
Der Begrüßungsapplaus ist ganz und gar nicht donnernd. Kein Vorschuss, einfach Geklatsche halt. Wahrscheinlich hat das Publikum nicht mit einem »Behinderten« gerechnet.
Als ich am Tisch sitze, schaue ich ins Publikum, obwohl ich es aufgrund des Scheinwerfers gar nicht richtig sehen kann. Ich mache nichts, schaue nur. Mit mir zusammen haben an diesem Samstag, den 13. Februar 1988, 14 prominente Personen aus den Bereichen Politik, Sport, Show-Business, Kirche und Journalismus Platz genommen, die ich nun gleich in Mimik, Gestik und vor allem in ihrer Stimmlage parodieren und in meiner Satire agieren lassen werde, unter ihnen Ronald Reagan, Willy Brandt, Boris Becker und der Papst.
Die Aufregung, die ich jetzt spüre, ist gut, sie macht mich high. Gleichzeitig habe ich aber auch noch etwas Angst vor einem Texthänger oder davor, dass mir eine Parodie nicht so gut gelingen wird.
Ich beginne mit meiner Parodie der Journalisten-Legende aus dem WDR, Ernst-Dieter Lueg, und stelle alle Promis am Tisch einmal kurz vor. Die Stars parodiere ich jeweils, kurz nachdem Lueg sie vorgestellt hat, lediglich pantomimisch. Das kommt schon recht gut an und ich freue mich, dass das Publikum reagiert.
Als Ernst-Dieter Lueg stelle ich nun Helmut Kohl eine Frage. Für die Antwort ziehe ich mir eine entsprechende »Kohl-Brille« auf, modelliere mimisch das Kanzler-Doppelkinn, Zunge raus, Zunge rein und Ton zum Bild: »Also in aller Enchiedenheit, Herr Lueg …« Ich werde direkt von Applaus unterbrochen und das Orchester spielt drei Tuschs! Ich empfinde ein Glücksgefühl, welches ich in meinem späteren Leben immer nur auf der Bühne oder beim Sex empfunden habe.
»Ich krieg sie!«, denke ich. Ich bin dort, wo ich mich wohlfühle: im Mittelpunkt des Geschehens. Ich genieße die volle Konzentration des Publikums. Dass man diese Gabe professionell »Bühnenpräsenz« oder etwas deftiger ausgedrückt das »Rampensau-Gen« nennt, wusste ich damals noch nicht.
Jetzt komme ich in den sogenannten Flow, den jeder Künstler kennt. Ich koste die von mir deutlich überzeichneten Charakteristika der Promis bis ins Letzte aus, lasse mir Zeit und genieße es, dass meine Pointen und Wortspiele zünden.
Die Promis streiten miteinander und meine Überzeichnungen sorgen immer wieder für spontanen Zwischenapplaus und Tuschs. Mein Publikum geht total ab, ich fliege durch meine Nummer. Es herrscht eine ausgelassene Stimmung und Freude im Saal, dass ich es kaum fassen kann.
Ich bin ein Star! Bitte hol mich niemals jemand hier raus! Kein Defizit steht im Mittelpunkt. Man nimmt mich so wahr, wie ich gerne bin. Ich genieße es, dass ich angeguckt und beobachtet werde, weil so viel Positives rüberkommt. Ich fühle mich angenommen!
Das Schaumbad der Bewunderung ist eingelassen und ich tauche ganz tief ein und genieße. Nicht still, das bin ich nicht. Ich genieße laut. Ich gebe alles, verausgabe mich total. Schwitze wie ein Schwein und presse die verschiedenen Stimmen am Kehlkopfdeckel vorbei, bis ich im Verlauf der Nummer etwas heiser werde.
Das ist perfekt für meine abschließenden Parodien von Willy Brandt und Ronald Reagan, dem vierzigsten Präsidenten der USA. Danach mache ich den Sack zu und wünsche allen als Ernst-Dieter Lueg »eine gute Nacht!«.
Ich stehe auf und verbeuge mich. Setze mich wieder hin, denn ich muss mehrere Zugaben geben. Eine habe ich vorbereitet, dann folgen noch weitere vier, alle spontan. Als ich wieder aufstehe, um mich endgültig zu verabschieden, bleibt mein bündchen-freies rotes Sweatshirt nicht in der Position hängen, in die es durch meine gedrungene Sitzhaltung geschoben wurde, sondern fällt nach unten und verdeckt meinen untersten Rettungsring aus Fett. Perfekt! Ich trete ganz nach vorne an den Bühnenrand, die »Sau« tritt an die Rampe. Heraus aus dem grellen Licht des Scheinwerfers, der mir den Schweiß literweise aus den Poren treibt. Ich will dieses großartige Publikum sehen, mich bedanken bei den Menschen, die mich angenommen haben. Will mich suhlen im warmen Matsch der schnellen Anerkennung.
Ich kann es kaum fassen. Alle stehen auf! Standing Ovations! Die Menge jubelt mir zu. Publikum und Festkomitee feiern mich in einer Art und Weise, wie ich mir dies nicht hätte träumen lassen. Eine Applaus-Rakete nach der anderen wird gezündet.
Ich könnte weinen vor Glück. Vielleicht tue ich es auch ein wenig. Wie ein Staubsauger, an dessen Saugschlauch man bei vollem Betrieb das Rohr entfernt und der dann wild durch den Raum fliegt, versuche ich, den ganzen Zuspruch einzusaugen.
Nachdem ich mindestens eine Viertelstunde überzogen habe, gehe ich ab und trete zurück in den Schutz des Seitenvorhangs, der nun für mich kein Schutz mehr sein muss. Jeder darf mich sehen! Jeder!
Am Bühnenrand empfängt mich Corinna. Anscheinend hat sie meinen gesamten Auftritt von dort verfolgt, denn sie hat immer noch ihr Hühnchen-Kostüm an und hält die Latexmaske in der Hand. »Die sind bei dir ja richtig abgegangen!«, meint sie anerkennend, aber auch mit einer Portion Neid in der Stimme.
Von links kommt Bettina, die Regieassistentin, auf mich zu, umarmt mich und küsst mich. Ja, sie küsst mich! »Alter, das war ganz großes Kino! Richtig klasse! Du warst grandios! So war das Publikum noch nie dabei! – Machen wir nachher noch was zusammen?«
Ich spüre, wie Glückshormone tonnenweise in mir ausgeschüttet werden, und bin überzeugt, dass die Menge an Serotonin mich ab jetzt bestimmt jahrelang durch den Alltag tragen wird. Dass solche durch Beifall freigesetzten Hochgefühle nur eine Halbwertszeit bis zum nächsten Frühstück haben, werde ich erst am nächsten Morgen erfahren.
»Wie war ich?«, schießt es wie automatisiert aus mir heraus und ich registriere überhaupt nicht, welch selten dämliche Frage ich da gerade gestellt habe. Bettina wirkt für einen kurzen Augenblick völlig entgeistert. Kurz, sehr kurz friert ihr Gesicht ein, aber rasch entspannt sich ihre Mimik wieder und sie sagt, wohl in der festen Überzeugung, dass ich sie gerade hochgenommen habe: »Du bist echt ne coole Sau! Also nicht abhauen, hörst du. Ich will nachher noch mit dir feiern.«
Aus dem Augenwinkel heraus sehe ich, wie ein Bühnenarbeiter auf Hühnchen-Corinna zugeht. »Corinna! Du warst wieder sensationell!«, sagt er. Die beiden umarmen sich und beginnen zu tuscheln. Der Arbeiter blickt in meine Richtung und guckt unfreundlich. Er tuschelt weiter und ich habe das Gefühl, dass er sich abfällig über mich äußert. Während ich die beiden mit meinem Blick fixiere, laufen immer wieder Menschen an mir vorbei, die mich anlächeln, mir auf die Schulter klopfen oder mir mit wenigen Worten ihre Anerkennung ausdrücken. Ich bedanke mich beiläufig, meine komplette Aufmerksamkeit richtet sich jedoch auf den Dialog zwischen Corinna und ihrem Fan. Zu gerne würde ich mitkriegen, was die beiden jetzt über mich reden.
Plötzlich zerdrückt die eiskalte dunkle Hand der Angst meinen Magen und mein Herz kurzzeitig zu Brei. Ich meine, das Wort Behinderten-Bonus gehört zu haben. Ich will mich auf die beiden zubewegen, doch da wird der Bühnenarbeiter von hinten gerufen und Corinna marschiert Richtung Garderobe.
Hilfe suchend schaue ich mich um. Eine Dame mit Fotoapparat kommt auf mich zu, stellt sich als Redakteurin der hiesigen Lokalzeitung vor und meint: »Sie waren wundervoll! Hätten Sie gleich noch etwas Zeit für ein paar Fragen und ein Foto?«
»Natürlich!«, antworte ich und merke, wie ich wieder festen Boden in Form von Bühnen-Brettern unter die Füße bekomme. Bretter, die nur die Welt bedeuten! Aber in genau dieser Welt muss ich ein ganzes Leben lang zurechtkommen! Alleine!
Ich ahne nicht, dass Gott persönlich mich ziemlich genau drei Jahre später im Herzen ansprechen und beginnen wird, im »Rampen-Saustall meiner Gefühlsabhängigkeiten« aufzuräumen. Noch viel weniger ahne ich, dass dieses Aufräumen ziemlich lange dauern wird.
Gut gelaunt sehe ich noch einmal hoch zum Bühnenscheinwerfer, der gerade eine Gruppe junger Musiker anstrahlt. Ich schaue in dieses Scheinwerferlicht, in dessen Kegel ich mich getraut habe. Dick, mit kurzen Armen, in Trainingshose und mit Sweatshirt ohne Bündchen.
Der Spot bewegt sich, verfolgt das Bühnengeschehen. Ich blicke ihm versonnen nach. Das hat zwanzig Jahre früher schon einmal viel bewirkt, in einem Kreißsaal in Landau in der Pfalz.
[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

2
MEIN ERSTER BLICK INS LICHT
Es gibt Geburtstage, an die kann man sich ein Leben lang erinnern. Der Fünfzigste zum Beispiel, der groß gefeiert wurde. Oder der Achtzehnte. Endlich volljährig! Oder meinetwegen auch der Dreiundvierzigste, weil man etwas ganz Unpassendes geschenkt bekommen hat, Tante Rosi sich ein Glas Rotwein über ihr nagelneues Satinkleid gekippt hat oder Onkel Harald und Onkel Franz sich am späten Abend ziemlich betrunken fürchterlich über Politik gestritten haben.
Wie ist es mit dem echten Geburts-Tag? Die persönliche Stunde null! Der Tag, an dem man das Licht der Welt erblickt hat!
Daran hat man keine bewussten Erinnerungen, man kennt ihn nur aus Erzählungen. Ich natürlich auch. Trotzdem glaube ich, ziemlich genau zu wissen, wie meine Geburt abgelaufen und was unmittelbar danach geschehen ist. Diese Sicherheit gründet sich auf intensive Gespräche mit meiner Mutter und ihre Erinnerungen an den 15. März 1968 und auf meine nicht logisch erklärbare Herzens-Überzeugung: »Genau so muss es gewesen sein damals, als Gott wollte, dass ich lebe!«
Ich bin splitternackt und es geht mir gut. Sehr gut! Ich habe alles, was ich brauche: Nahrung, Wärme und irgendwie rundherum gute Gefühle.
Obwohl? So ganz stimmt das nicht. Heute nicht. Heute fühlt es sich anders an, irgendwie unruhiger. Zumindest seit ein paar Stunden. Es rumpelt und gluckert um mich herum. Mehr als sonst. Gedämpft nehme ich aufgeregte Menschen da draußen wahr, die irgendetwas vorbereiten, was mit mir zu tun hat.
Der Herzschlag meiner Mutter, dem ich stets so nah bin, ist schneller als sonst. Schneller, wuchtiger, unregelmäßiger. Okay! Es ist etwas enger hier drinnen geworden in den letzten Wochen, aber das ist noch lange kein Grund umzuziehen! Warum denn auf einmal so ein Stress? Hoffentlich beruhigt sich die Lage gleich wieder!
»Herr Doktor, ich glaube Sie können sich schon einmal bereit machen. Bei der Frau Hock geht das jetzt langsam los«, höre ich dem Treiben zu und spüre, dass Veränderungen mit großer Tragweite wohl nicht mehr abwendbar sind. Auch mein Herz pocht jetzt heftiger als sonst.
Irgendetwas drückt massiv. Dann wieder diese Stimme: »Oh! Steißlage!« Mit heftigem Druck werde ich aus meiner wunderbaren Behausung, in der es mir die letzten neun Monate so gut ging, in einen viel zu engen Kanal gepresst.
Sag mal, packt mich da jemand am Hintern?! Wieder Druck. Panik! Was soll denn das alles? Kann es nicht einfach für immer so bleiben, wie es ist?
Danach geht es verhältnismäßig schnell und ziemlich brutal weiter. Ich bin nicht sicher, ob ich das alles überleben werde, was mir da gerade passiert: Stöhnen vor Schmerzen, Kommandos, Druckwellen, Herzrasen, Enge, heftiges Schaukeln, Schwindel, Panik, Atemnot, wieder Druck und plötzlich wird es verdammt hell. Hell und richtig kalt.
»Es ist ein Junge!«
Ich bin jetzt vollkommen schutzlos! Blut und andere glibberige Massen kleben überall, auch in meinem Mund und meinen Nasenlöchern. Ich will schreien. Es geht nicht.
Dass hinter mir meine total erschöpfte Mutter liegt, merke ich nicht. Dass vor mir eine Frau und ein Mann total erschrocken sind, nehme ich irgendwie wahr. Auch dass der Mann im weißen Kittel sehr schnell dafür sorgt, dass ich auf einen Untersuchungstisch gebracht werde, entgeht mir nicht.
»Was isch donn do los? Der kreischt jo gar net, der Bu!«, ruft meine Mutter sorgenvoll im Pfälzer Dialekt.
Der Gynäkologe, der ihr immer noch den Rücken zudreht, mich verdeckt und untersucht, antwortet: »Der kreischt glei, awwer er hot ebbes on de Ärm!« (»Der schreit gleich, aber etwas mit seinen Armen stimmt nicht.«)
Meine Mutter fragt zunächst nicht weiter nach, sie ist zu erschöpft. Fühlt sich kraftlos und hilflos. Die Untersuchungen mit dem Hörrohr während der Schwangerschaft meiner Mutter sind alle unauffällig gewesen. Niemand hat etwas Außergewöhnliches bemerkt – bis jetzt.
Ich bin immer noch unter Schock und immer noch so still wie später mein ganzes Leben nicht mehr. Ich werde sauber gewischt und es wird weiter an mir herumgedoktert. Ich bemerke eine gedrückte und traurige Stimmung im Kreißsaal und spüre, dass ich wohl der Grund dafür bin.
Endlich kann ich schreien und tue dies auch. Vielleicht aus Wut. Die Hebamme bringt mich frisch gesäubert und eingewickelt zu meiner Mutter und legt mich auf ihren Bauch. Meine allererste, kleine Bühne!
»Da bin ich, Mama! Wahrscheinlich nicht ganz so, wie du dir das vorgestellt hast, tut mir leid. Entschuldigt alle hier im Kreißsaal! Ich wollte euch bestimmt nicht erschrecken!«
Irgendwann am Abend sind meine Mutter und ich endlich ganz allein in einem Klinikzimmer. Nicht, weil meine Eltern sich den Luxus eines Einzelzimmers leisten können, sondern vielmehr deshalb, weil man andere Wöchnerinnen durch meine Anwesenheit nicht beunruhigen will.
Es ist so aber auch genau richtig für Mama und mich. Schön, dass wir beide jetzt endlich einmal allein sind! Sie legt mich an ihre Brust und ich beruhige mich. Angeschmiegt an warme weiche Haut ist es zwar nicht ganz so angenehm wie in der Gebärmutter, aber doch durchaus akzeptabel.
Ich glaube, meine liebe Mutter ist noch ziemlich aufgewühlt. Sie schaut mich an. Was sie wohl denkt? »Wie soll des donn alles werre? Wie solle ma donn des alles schaffe? Ma wääß jo noch gar net, was der Bu noch fer Behinnerunge hot?« (»Wie soll das bloß alles werden? Wie sollen wir das alles schaffen? Wer weiß, was der Junge vielleicht noch für Behinderungen hat?«)
Ich verfolge mit meinen glänzenden Augen wachsam ein flackerndes Deckenlicht. Kein Rampenlicht, wie es mich später in Koblenz und anderswo erwarten wird, einfach eine stinknormale, defekte Neonröhre. Mal flackert sie auf der einen, mal auf der anderen Seite. Da flackert plötzlich wohl auch etwas im Herzen von Mama auf, die mich beobachtet. Eine wohltuende Wärme breitet sich aus. Freude bricht sich Bahn. Endlich etwas Mutterglück. Sie bleibt mit ihren Gedanken im Heute, im Hier, im Jetzt. Dies ist spürbar für mich, denn Mama wird ruhiger. Ihre Ruhe überträgt sich über die Muttermilch auch auf mich. Die Nabelschnur wurde gekappt, eine neue Leitung ist gelegt.
Dankbar beobachtet meine Mutter meine interessierten Augen und weiß ganz plötzlich: »Also am Kopp hot der Bu nix!« (»Also eine geistige Behinderung hat der Junge nicht!«)
Das scheint Trost und Ermutigung genug. Genug für jetzt. Genug für diesen Moment. Genug für uns beide.
Mama streichelt meinen Kopf und gibt mir einen zärtlichen Kuss auf die Stirn. Die Deckenleuchte verliert an Bedeutung und ich schaue in das Gesicht meiner Mutter. Ich fühle mich geborgen. Sie schaut mich an. Sie nimmt mich an. Sie lächelt. Fürs Erste bin ich in Sicherheit. Vielleicht lässt es sich hier draußen doch leben?!
Hier, auf dieser großen Weltbühne!
[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

3
VERABREDUNG IM KELLER MEINER GEDANKEN
Irgendwie bin ich immer auf einer Bühne, immer auf irgendeinem Präsentierteller. Bin einfach nie inkognito, mit meiner besonderen Figur. Sobald ich mich in freier Wildbahn bewege, werde ich beobachtet. Mal verstohlen aus dem Augenwinkel heraus, mal direkt, mit weit aufgerissenen Pupillen wie bei einer Waldohreule. Unzählige Augen haben mich seit meiner Geburt vor über einem halben Jahrhundert beobachtet, manche angestarrt.
Lachende Augen, die mich ermutigt haben. Barmherzige Augen, die mich getröstet haben. Schöne Augen, die mich angezogen haben. Gierige Augen, die mich ausgezogen haben. Elektrisierende Augen, die mich gierig gemacht haben. Bedrohliche Augen, die mich in die Flucht geschlagen haben. Traurige Augen, die mich verunsichert haben. Unehrliche Augen, die mich wütend gemacht haben. Vielsagende Blicke ohne Worte. Leere Blicke mit vielen Worten.
Viele Augen-Blicke in meinem Leben habe ich nicht vergessen. Diese Beobachtungen machten und machen jede Alltagssituation zu einem kleinen Bühnenauftritt: Vorhang auf! Wir spielen heute das Stück: Bernd an der Supermarktkasse!
Das Bezahlen beim Discounter an der Kasse ist unter normalen Umständen ein recht unspektakulärer Moment. Es sei denn, man hat gerade sechzehn Leute hinter sich in der Schlange und einem selbst fällt das Portemonnaie aus der Hand und die Geldmünzen rollen munter auf dem Boden herum. Die Bühne ist bei mir nicht der Augenblick, der Moment, als solcher, sondern es sind die Augen-Blicke, die Augen, die aus der Schlange hinter mir heraus auf mich blicken. Diese Menschen, die mich beobachten, werden rasch zu Publikum. Meinem Publikum!
Wenn ich gut drauf bin und es mir zum Beispiel auf Anhieb gelingt, mit meinen drei Fingern mein Portemonnaie aus meiner Tasche zu holen, Cent für Cent aus dem Geldbeutel zu fummeln und das Münzgeld der Verkäuferin abgezählt hinzulegen, dann genieße ich den stillen Applaus des Schlangen-Publikums hinter mir in Form von anerkennenden Augen-Blicken: Beeindruckend, wie der das kann. Oft gab und gibt es auch lauten Applaus! Anerkennung! Lob! Ehrliche und tiefe Wertschätzung! Zahlreiche Augenblicke allerdings waren bedrohlich und einige, so erinnere ich mich, hatten nahezu Vernichtungspotenzial.
Genau vor diesen vernichtenden Blicken, vor diesen Bedrohungen, hat er mich in über fünf Jahrzehnten immer zuverlässig und sicher bewahrt. Keinen einzigen Tag hat er sich freigenommen, nie hat er wegen Krankheit gefehlt. Niemals hat er gestöhnt, dass ihm die Arbeit zu anstrengend sei. Stets hat er dafür gesorgt, dass ich mit meiner Situation leben konnte und in relativer Sicherheit war. So manches Mal hatte ich es ihm zu verdanken, dass ich überlebt habe. Er war immer zur Stelle, höchst effektiv und zu einhundert Prozent verlässlich.
Dabei kenne ich ihn gar nicht richtig. Genau genommen weiß ich noch nicht allzu lange, dass es ihn überhaupt gibt und was ich ihm alles zu verdanken habe. Und heute sind wir verabredet. Ich will ihn treffen. Will ihn kennenlernen. Nicht um mich zu bedanken. Nicht um mit ihm gemeinsam ein Dienstjubiläum zu feiern. Nein! Ich möchte ihn treffen, um ihn zu feuern! Rausschmeißen will ich ihn! Kündigen! Fristlos! Deshalb habe ich mich auf diesen Weg gemacht, um ihn zu treffen. Von seiner Existenz erfahren habe ich in einer psychotherapeutischen Sitzung.
Am Anfang kam mir das etwas komisch vor. Ich glaube an Gott! Ich glaube an einen liebenden Gott! Glaube an Jesus Christus, an die Kraft des Evangeliums! Da brauche ich doch nicht noch irgend so einen, so einen … so einen … Wächter. Wächter, ja, so haben wir ihn genannt in dem Therapiegespräch.
Mir ist mulmig zumute. Ich fühle mich, als würde ich einen kalten dunklen unterirdischen Gang betreten. Irgendwie tue ich das auch, wenn ich mich so ins Erinnern und Reflektieren begebe. Ich mache das immer öfter in letzter Zeit. Versuche, zu rekonstruieren, wo so manche Verhaltensweisen von mir herkommen. Will erkennen und verstehen, in welchen Situationen was, wie und durch wen genau in mich hineingeprägt wurde. Wo Verletzungen entstanden sind und wo ich fast unmerklich verschiedene Schutzmechanismen entwickelt habe, die in diesem inneren Wächter zusammengefasst sind. Ich steige sozusagen hinab in den Keller meines Unterbewusstseins.
Und das fühlt sich tatsächlich an wie ein dunkler Gang. Kühl ist es auch. Kalt wird mir ums Herz, wenn ich gedanklich zu weit vordringe. Manchmal wage ich es nicht, weiterzudenken, so wie man sich im Dunkeln auf einer Kellertreppe nicht weitertraut. Dann muss ich mich behutsam vortasten in meinen Gedanken. Das fällt mir mitunter ziemlich schwer. Genauso wie es mir im realen Leben schwerfällt, mich mit meinen kurzen Armen in der Dunkelheit irgendwo entlangzutasten.
Unsicherheit überkommt mich: »Warum habe ich mich auf diesen blöden Weg gemacht?«, rufe ich, um mich nicht ganz im Unterbewusstsein zu verlieren. »Weil es so nicht mehr weitergehen kann, Bernd!«, schießt es mir sofort durch den Kopf.
Mein Herz schlägt kräftig und schnell. Sehr schnell und unregelmäßig. Schweißperlen drängen auf meiner Stirn von innen nach außen, um sich ihren Weg an den Schläfen hinunter zum Hals zu bahnen. Ich habe Angst! Angst vor dem, was ich vielleicht da in meinem tiefsten Inneren finden werde.
Plötzlich sehe ich vor meinem inneren Auge ein Licht. Eigentlich ist es nur ein kleiner heller Schimmer. Wirklich nur ein klein wenig Helligkeit und ich weiß, dass ich noch weit abschweifen muss, bis meine Gedanken aus der Dunkelheit heraus dieses Licht berühren können. Soll ich meine innere Reise abbrechen oder mich weiter vorwagen?
Im Rückspiegel meines Lebens erkenne ich bei genauerem Hinsehen ganz deutlich, dass es mich und die Umstände um mich herum stets positiv verändert hat, wenn ich mich dafür entschieden habe, aus dem Dunkeln heraus ins Licht zu treten. Sichtbar zu werden. Unsichtbar ist nichts für mich. Für die Unsichtbarkeit bin ich nicht gemacht. Unscheinbar ist kein Adjektiv, welches mich zutreffend beschreibt. Daher bin ich lieber öffentlich, offensiv, angreifbar. Obwohl, ich bin mir gar nicht so sicher, ob ich das lieber bin. Aber hatte ich bisher eine Wahl?
Tatsache ist, dass das Leben am intensivsten wird, wenn man sich aus der Deckung wagt. Im Verborgenen regieren Tristesse und Langeweile. Man spürt nichts, irgendwann nicht einmal mehr sich selbst. Es gibt dann kein Feedback von anderen, mit dem man sich auseinandersetzen müsste. Doch in dem Moment, in dem ich mich aus der Deckung in die Öffentlichkeit wage, prasseln die Reaktionen der anderen auf mich ein wie Hagelkörner in einem heftigen Graupelschauer. Kleine Hagelkörner, die einfach so an mir abtropfen, aber auch größere Brocken, die Dellen verursachen. Zwischendurch gibt es aber auch wohltuende lauwarme Regenschauer der Bewunderung.
Eine Ausgewogenheit wäre schön. Eine Balance zwischen einem unbeachteten Leben und einzelnen Reaktionen von anderen.
Oh Mann, ist das alles kompliziert! Ich brauche jetzt erst mal Schokolade! Schokolade und Marzipan!
[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

4
MITLEID, MARZIPAN UND EINE HELDENTAT
Marzipan und Schokolade waren eigentlich immer genug da. Bis heute.
War ich als Kind noch auf die »Auslieferung der Ware« durch alte Menschen, die Mitleid mit mir hatten, angewiesen, so erhalte ich meine absolute Lieblingsschokolade Ritter Sport Marzipan heute an jeder Tanke.
Diese Schokoladentafel in ihrer rot glänzenden Hülle hat durchaus so ihre Tücken. Nicht dass ich etwa Schwierigkeiten hätte, die Leckerei aus der Verpackung zu lösen. Nein, das mit dem Knicken und Aufreißen bekomme ich locker mit zwei Fingern auf meinem Oberschenkel im Auto hin. Sogar angeschnallt. Das Durchbrechen der Schokoladentafel an der Sollbruchstelle verursacht jedoch Schokokrümel, die mir beim Essen unbemerkt überall hinfallen, vorzugsweise in die Brusttasche meines Oberhemdes, wo sie kleine braune Flecken auf dem Stoff erzeugen.
Ich passe einfach nicht genug auf. Ich esse dieses Zeugs viel zu hastig, fresse es regelrecht. Ach könnte ich Süßigkeiten doch mehr genießen und langsamer, ja achtsamer essen. So wie meine frühere Kommilitonin Anja.
Wir begannen unseren gemeinsamen Studientag Anfang der Neunzigerjahre nicht selten mit einem Käffchen und einem Schokoriegel. Bei schönem Wetter setzten wir uns vor dem Unigebäude auf die Treppe. Wenn Anja zum ersten Mal an ihrem Kaffee nippte, hatte ich meinen Riegel bereits komplett inhaliert. Kurz bevor wir zu unserer Vorlesung aufbrachen, packte auch Anja ihren Schokoriegel aus, betrachtete ihn und biss genüsslich ein Stückchen ab. Sie kaute lange, bevor sie die Köstlichkeit ihren Hals hinuntergleiten ließ. Die restlichen zwei Drittel wickelte sie wieder in das Papier, verstaute alles in ihrer Tasche und wir beide gingen studieren. In der Mittagspause packte Anja die Schokolade erneut aus, biss wieder ab, genoss und steckte das letzte Drittel abermals in ihre Tasche. Am Ende des Studientages, wenn wir erneut auf der Treppe vor dem Gebäude saßen, ließ sie das letzte Stück der Köstlichkeit auf ihrer Zunge zergehen. Menschen mit einem solch achtsamen Essverhalten haben meinen höchsten Respekt.
Ich hingegen verschlinge Schokolade, und dies meist heimlich. Genieße nicht im Licht, sondern fresse Süßes oft im Dunkeln. Süßigkeiten sind für mich nicht in erster Linie ein gelegentliches Genuss-, sondern eher ein schambehaftetes Suchtmittel und erfüllen unterbewusst Funktionen, die sich mir noch nicht bis ins Detail erschlossen haben, sondern vielmehr irgendwo in der hintersten Ecke vergraben sind. Nur ganz kurz, genau in dem Moment, in dem die Schokomasse meine Mundhöhle ausfüllt, genieße und entspanne ich für einen Augenblick. Danach quält mich sofort mein schlechtes Gewissen wieder – und mein starkes Übergewicht.
Eine große Rolle spielte Schokolade schon, als ich noch ein Kind war, besonders im Zusammentreffen mit alten Menschen – fast immer mit alten Damen, um präzise zu sein. Die Begegnungen liefen stets nach einem ähnlichen Schema ab: Eine alte Frau sah mich irgendwo in freier Wildbahn, entdeckte meine kurzen Arme, lächelte mich an und kippte fast unmittelbar und meist weinerlich einen Container Mitleid über mir aus. Ich wurde verlegen und unsicher, konnte die Traurigkeit meines Gegenübers nicht einordnen, spürte aber, dass ich sie einfach nur mit meinem Dasein ausgelöst hatte. Dies verunsicherte mich. Was nun? Sollte ich Trost spenden? Die alte Frau streichelte mir dann fast immer ungefragt über den Kopf, bevor ihre Hand in eine Lederhandtasche griff und eine Tafel Schokolade zum Vorschein brachte. Diese wurde mir fast immer mit den gleichen Worten übergeben: »Da, Biewel, hoscht e Schoklaad.« (»Hier, mein Junge, hast du eine Tafel Schokolade.«)
Ich begriff nicht, was sich da abspielte, bemerkte aber, dass sich im Moment der Schokoladenübergabe ein Happy End ankündigte und sich die Lage deutlich entspannte. Also verinnerlichte ich unbewusst. »Schokolade entspannt! Schokolade heilt! Schokolade macht alles wieder gut!« Meist bekam ich Sarotti, manchmal Alpina und selten Lindt. Sarotti mochte ich nicht, Alpina ging und Lindor von Lindt war das große Los.
Heute müssen Kinder bis zum 31. Oktober warten, sich übelst verkleiden, sich schreckliche Fratzen ins Gesicht schminken, allen Mut zusammennehmen, an Haustüren klingeln und Menschen mittels sinnfreier Reime zur Herausgabe von Süßigkeiten nötigen. Ich hatte manchmal sogar mehrmals täglich mein ganz persönliches, gruseligsüßes Straßen-Halloween, bekam Saures verpackt in Süßem.
Einem Kind mit einer offensichtlichen Körperbehinderung gibt man Schokolade. Einem geschwächten Igel gibt man Milch. Einem obdachlosen Bettler am Straßenrand gibt man nichts, der kauft sich sowieso nur Alkohol. Alle drei Thesen sind Bullshit!
Natürlich wurde ich nicht von Anfang an mit Schokolade ernährt. Als ich meinen holprigen Umzug von der Gebärmutter auf die Bauchdecke meiner Mutter erfolgreich hinter mich gebracht hatte, gab es erst einmal Muttermilch.
Für meine Ursprungsfamilie, meine Großeltern und besonders für meinen drei Jahre älteren Bruder Rainer war es mehr als eine schwere Herausforderung, als meine Eltern mit mir vom Krankenhaus nach Hause kamen. Da wurde nicht einfach das süße kleine Baby, der knuffige Nachwuchs, heimgebracht. Ich war nicht einfach der neue, der jüngste Hock, ich war auch ein Schock! Doch nach einer gewissen Zeit stellte sich so etwas wie Normalität ein. Wunden der Traurigkeit und Verzweiflung verheilten, Narben auf den Seelen blieben bis zuletzt. Teilweise sind sie heute noch da. Ich glaube, bei uns allen.
Im Großen und Ganzen entwickelte ich mich gut, wurde akzeptiert und geliebt. Nur der allererste Moment in der Begegnung von mir und anderen Menschen war halt immer anders. Man erschrak zunächst. Man wusste nicht so recht, ob einen nun das hübsche, meist fröhlich lächelnde Kindergesicht erfreuen oder die fehlgebildeten Arme traurig machen sollten. Auch heute noch stört es mich enorm, ängstigt und verunsichert mich, ja macht mich manchmal fast wütend, wenn ich das Gefühl habe, dass Leute bei meinem Anblick erschrecken.
Thomas Gottschalk moderierte 151-mal die Samstagabendshow Wetten, dass …?. In 357 Folgen spielte Larry Hagman den Bösewicht J.R. Ewing in der US-amerikanischen Serie Dallas. Seit über fünfzig Jahren betrete ich täglich, ja manchmal mehrmals täglich die Bühne der Ermutigung, wenn Menschen im Kontakt mit mir erschrocken und verunsichert sind, und spiele mein Einpersonenstück »Der fröhliche Bernd!«. Während dieses Einakters verliert mein Gegenüber seine Hemmung und nimmt nach kurzer Zeit mein äußerliches Anderssein nicht mehr wahr. Für meine Hemmungen und unklaren Gefühle gab und gibt es Schokolade. Schokolade und Marzipan!
Mein erstes Marzipan wurde mir mit knapp vier Jahren von meinen Eltern geschenkt. Irgendwie war es wohl als Trost gedacht, denn hinter mir lag eine der schlimmsten Wochen meines Lebens. Was sich in dieser Woche zugetragen hatte, war wohl auch für meine Eltern, besonders für meine Mutter, sehr belastend. Ich erinnere mich noch sehr genau an diese Situation. Eine blaue Strumpfhose trug ich damals und mein Gesicht war tränenüberströmt. In meiner großen Not schrie ich unbändig, als das Gitter hochgefahren wurde, unwiderruflich einrastete und ich Hilfe suchend meine kleinen Hände hindurchsteckte. Geholfen hat mir dies alles nichts!
Geholfen aber haben die vier kleinen Marzipanschweinchen, die ich eine Woche später bekam. Sie lagen in einem kleinen, mit künstlichem Stroh ausgepolsterten Körbchen und waren zusammen mit einem vierblättrigen Kleeblatt und einem kleinen Schornsteinfeger aus Plastik in Klarsichtfolie verpackt. Ein »Mitbringsel«, das Geschenk meiner Eltern, die ich zuvor eine Woche nicht hatte sehen dürfen. Eine ganze Woche!
Man hatte meiner Mutter und meinem Vater geraten, mich stationär in einer Klinik behandeln zu lassen. Unter anderem sollten die Beweglichkeit und der Einsatz meiner Füße und Zehen überprüft und trainiert werden.
So brachten mich meine Eltern also eines Tages in dieses Krankenhaus. Bekleidet mit einem Unterhemd und der bereits erwähnten Strumpfhose wurde ich in ein vergittertes Bettchen gelegt. Als das letzte noch offene Seitengitter hochgeschoben wurde, verstand ich die Welt nicht mehr. Ich registrierte, dass Mama und Papa sich nun von mir verabschiedeten, aber ich wusste überhaupt nicht, warum, und vor allen Dingen wusste ich nicht, für wie lange. Würde ich meine Eltern jemals wiedersehen? Ich hatte panische Angst!
Am Ende waren meine Mutter, eine Krankenschwester und ich alleine in diesem Raum und ich schrie um mein Leben. Ich streckte meine kleinen Ärmchen zwischen den weißen Gitterstäben hindurch, bei denen an zahlreichen Stellen der Lack abgeplatzt war und das nackte, kalte Metall so blank lag wie meine Nerven und bestimmt auch die meiner Mutter. Ich streckte mich Hilfe suchend nach Mama aus. »Mama, Arm!« Meine kleine Kinderseele konnte es nicht fassen, dass nun tatsächlich geschah, was nicht geschehen durfte: Meine Mutter musste das Zimmer verlassen und tat dies auch. Gefühlt habe ich noch Stunden jämmerlich geschrien und literweise Tränen vergossen, bis ich irgendwann total erschöpft einschlief.
Von der Notwendigkeit einer sicheren Bindungsentwicklung zwischen Kind und Eltern, von lebenswichtiger Feinfühligkeit, von Integration oder gar Inklusion wusste und hielt man damals ungefähr so viel wie von Mülltrennung oder einem Verbot betäubungsloser Ferkelkastration.
Die nächste Möglichkeit, meine Eltern wiederzusehen, die nächste Besuchszeit, war exakt eine Woche später um 15 Uhr. An das, was in der Zwischenzeit mit mir so alles gemacht wurde, habe ich nur brüchige und überwiegend unangenehme Erinnerungen.
Wir waren recht viele Kinder, alle mit einer ähnlichen Behinderung. Die meisten waren älter als ich und die Ursache ihrer Körperbehinderung waren fast ausnahmslos die Nebenwirkungen des Medikamentes Contergan mit dem Wirkstoff Thalidomid. Contergan war von 1958 bis 1961 ein beliebtes rezeptfreies Beruhigungs- und Schlafmittel, welches auch die morgendliche Übelkeit bei Schwangeren linderte. Als ernst zunehmende Vermutungen aufkamen, dass Thalidomid in der frühen Schwangerschaft Schädigungen in der Wachstumsentwicklung der Föten hervorruft, wurde das Medikament 1961 zunächst rezeptpflichtig und anschließend vom Markt genommen.
Die Ursache meiner Behinderung ist jedoch bis heute ungeklärt. Contergan hat meine Mutter niemals eingenommen.
Das Schlimmste war, dass manche Krankenschwestern und -pfleger uns überhaupt nicht emotional zugewandt waren. Es gab keine liebevolle Ansprache. Null Empathie. Fast ausschließlich schroffe Kommandos, Ermahnungen und Sanktionen. Wir hatten keine Lobby zwischen den Besuchszeiten. Tränen wurden nicht mit Taschentüchern, sondern mit eiskalten Worten weggewischt: »Hör jetzt auf zu heulen und zu schreien! Mama hört dich nicht.«
Besonders schlimm war es, wenn die eine ziemlich ruppige Pflegerin das kollektive Abduschen übernahm. Bruchstückhaft erinnere ich mich, wie sie mich an meinem rechten Arm gegen meinen Widerstand nackt durchs Badezimmer schleifte und viel zu heiß abbrauste. Das tat weh und ich schrie wie am Spieß. Über irgendetwas fluchend zog die Ruppige ihr Programm durch, agierte schroff und meist mit Zwang.
Das Gegenteil war ein junger Mann. Er hatte einen Bart und war wahrscheinlich so etwas wie ein Ergotherapeut. Vielleicht war er aber auch ein Engel. Er befreite mich manchmal aus den Fängen der Lieblosigkeit und dem Machtbereich der Ruppigen und half mir so, mein Heimweh eine Zeit lang zu vergessen. Mit ihm durfte ich in einer Sporthalle auf ein überdimensionales Trampolin steigen, eine riesige Freude für mich! Ich begann zu springen und der bärtige Engel gab am Rand auf mich acht.
Ich hüpfte und hüpfte. Höher und höher und höher. Ich sprang über zehn Meter hoch. Nein, über zwanzig, fünfzig, ja hundert, nein fünfhundert Meter sprang ich hoch hinaus. Gefühlt. Dabei juchzte ich, wie wenn ich von meinem Vater in die Luft geworfen und wieder aufgefangen wurde. Für Bruchteile von Sekunden verließ ich beim Springen den traurigen Boden der Klinik-Tatsachen und war dem Himmel nah. Dem Himmel und Gott, der dort ja wohnt, wie man mir erzählt hatte.
Wie nah Gott mir auch in dieser Zeit war, erfuhr ich erst viel später in meinem Leben. Heute jedoch weiß ich: Meine von Jubelschreien begleiteten fröhlichen Trampolinsprünge waren das Hochwerfen und wieder Auffangen durch meinen himmlischen Vater.
Auch das Malen mit den Füßen machte mir Spaß. Doch dazwischen rastete die Ruppige immer wieder aus und abends, viel zu früh, das Bettgitter ein. Die Nacht gehörte dem Heimweh, den Tränen und der Erschöpfung. Bis zu dem Tag, an dem die Eltern ihre Kinder besuchen durften.
Natürlich konnte ich die große, quadratische, analoge Uhr im Krankenhausflur noch nicht lesen, doch irgendwie verstand ich, dass der kleine Zeiger waagerecht rechts zu stehen hatte und der große Zeiger senkrecht oben stehen musste, damit die Frau mit der dunklen Hornbrille eine Woche später endlich die Glastür mit dem blauen Metallrahmen und den übergroßen, rechteckigen Holzgriffen öffnete. Auf der anderen Seite dieser Glastür standen zahlreiche Eltern, die ihre Kinder besuchen wollten, ganz vorne mein Papa und meine Mama! Doch zwischen uns dieses beschissene Glas. Im Gegensatz zum Zoo, wo eine solche Scheibe beispielsweise davor schützt, dass der Gorilla ein Kind munter durchs Gehege schleudert, hielt diese Glastür mich davon ab, mich endlich ganz dicht an meine Mama zu kuscheln. Egal wie stark wir Kinder bettelten, wie intensiv ich dieser Frau an ihrem weißen Kittel hing, in dem sie den Türschlüssel verborgen hatte, sie öffnete exakt um 15 Uhr und keine Sekunde früher.
Circa eine Stunde durften meine Eltern bei mir sein. Warum sie danach wieder gehen mussten, verstand ich selbstverständlich genauso wenig wie eine Woche zuvor. Kurz bevor sie aufbrachen, schenkten sie mir die bereits erwähnten Marzipanschweinchen. Unterbewusst versuchte ich, die Situation zu begreifen: »Ich merke, dass Mama und Papa mich nicht mitnehmen, sondern wieder alleine lassen werden. Ich spüre auch, dass Mama und Papa dies gar nicht wollen. Ich bin traurig, habe Angst und das alles tut sehr weh im Bauch! Mama und Papa helfen mir. Jetzt helfen sie mir gerade mit Marzipan!«
Somit wurde dieser Moment zur Geburtsstunde einer fundamentalen Festlegung: Gegen tiefe seelische Schmerzen, gegen Trennungsangst, tiefe Traurigkeit und Lieblosigkeit hilft Marzipan. Hilft Zucker!
Nach drei Wochen sollte ich aus der Klinik entlassen werden und meine Eltern kamen, um mich abzuholen. Auch diesen Moment kann ich noch gut erinnern. Ein Büro mit dunklen Eichenmöbeln, die Sitz- und Rückenflächen der Stühle waren mit gepolstertem dunkelgrünem Leder bezogen, welches an den Kanten mit zahlreichen goldenen abgewetzten Beschlägen am Holz festgenietet war. Meine Eltern und ich saßen vor einem mächtigen Schreibtisch, hinter dem der Herr Professor über meinen Fall dozierte. Ich habe ihn noch genau vor Augen. Er war eigentlich recht nett. Manchmal war ich einfach so mir nichts, dir nichts in sein Büro gelaufen, dann hatte er sich gefreut und sich mir freundlich zugewandt. In dem Gespräch mit meinen Eltern berichtete er von Verbesserungen und Fortschritten, die ich in den letzten Wochen gemacht hätte. Von meiner Angst und meiner Kinderseele, die so abgewetzt war wie seine Stuhlnieten, kein Wort. Am Ende riet der Professor meinen Eltern, meinen Klinikaufenthalt noch um ein paar Wochen zu verlängern, damit ich weitere Fortschritte machen könne.
Sofort bekam ich wieder Angst! In den vergangenen drei Wochen war mir nicht entgangen, welche Macht der Herr Professor besaß. Was nun? Ich hatte die Marzipanschweinchen doch bereits alle aufgegessen. Musste ich etwa noch weiter in dieser Klinik, getrennt von meinen Eltern, bleiben?
Stille. Meine Mutter war sehr unsicher. Nach einer kurzen Weile richtete sich mein Vater in seinem Stuhl auf und vollbrachte die erste Heldentat in meinem Leben, für die ich ihn noch heute liebe. Er fragte den Mediziner höflich: »Sind Sie jetzt fertig?«
Wenn überhaupt, dann hatte der Arzt höchstens mit der Frage, wie lange ich denn noch bleiben solle, gerechnet. Er schaute meinen Vater unsicher an und es war allen im Raum klar, dass die Gesprächsleitung gerade die Schreibtischseite gewechselt hatte. Mein Vater wartete keine weitere Reaktion ab: »Vielen Dank, wir nehmen den Jungen jetzt mit und fahren nach Hause!«
Circa zwei Stunden später saß ich als der glücklichste Mensch auf der ganzen Welt auf einem riesigen Schaukelpferd, meinem Willkommensgeschenk, im Schlafzimmer meiner Eltern in Landau. Als Mama und Papa mich an diesem Tag zum zweiten Mal nach meiner Geburt aus einer Klinik nach Hause brachten, war ich für niemanden mehr ein Schock, ganz im Gegenteil! Alle freuten sich, mich wiederzusehen.
Dass es mein Vater rein aus väterlichem Liebesinstinkt geschafft hat, sich der ärztlichen Autorität zu widersetzen und mich einfach mit nach Hause zu nehmen, kann ich ihm gar nicht hoch genug anrechnen. Seine innere Stärke hat meine Psyche damals vor schwerem Schaden bewahrt. Er hat sich später noch mehrfach erfolgreich für mich eingesetzt und mir dieses Durchsetzungsvermögen vererbt.
Als ich meine Eltern damals fragte, ob ich wieder einmal von ihnen getrennt in so ein Krankenhaus müsse, versicherten sie mir: »Nein! Jetzt bleibst du immer bei uns!«
Was soll ich sagen?! Mama und Papa haben Wort gehalten! Danke!
[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

5
ARMER KERL – ICH?
Ich mag diese überdimensionalen Fahrstühle in Krankenhäusern, in die sogar ein ganzes Bett geschoben werden kann. Auf Knopfdruck setzen sie sich in Bewegung und bringen einen nach oben oder unten. Als Kind war ich unheimlich fasziniert davon, dass diese riesige Maschine sich genau dann in Bewegung setzte, wenn ich mit meinem kleinen Finger den entsprechenden Knopf drückte – eine schöne Metapher für mein Leben. Am liebsten habe ich es, wenn ich nur einen Knopf drücken muss und damit viel in Bewegung setze, mit wenig Aufwand hoch hinaus.
Einmal standen meine Mutter und ich in einem solchen Fahrstuhl. Ich war sechs, hatte gerade eine Blinddarmoperation überstanden und es ging mir gut, aber ich musste noch im Krankenhaus bleiben. Diesmal war ich nicht allein, meine Mutter schlief bei mir im Zimmer. Plötzlich öffnete sich die Fahrstuhltür und eine sympathisch wirkende Frau im weißen Kittel trat ein. Sie trug die gleiche Hornbrille wie vor Jahren die Pflegerin mit der Schlüsselgewalt über die Besuchertür in der Klinik.
Die Frau freute sich sichtlich, meine Mutter und mich zu treffen, und brachte dies lebhaft zum Ausdruck: »Ach Gott, Fra Hock, wie schä, dass ich Sie treff. Isch des de Biewel?! Ach Gott, bischt du en sauwrer Bu.« (»Ach Gott, Frau Hock, wie schön, dass ich Sie treffe. Ist das Ihr Sohn?! Was für ein hübscher Junge.«)
Es war die Hebamme, die mich »geholt« hatte. Ihre Freude war echt und sie griff auch nicht in irgendeine Tasche, um eine Schokoladentafel hervorzuzaubern. So wie die Hebamme aussah, aß sie die lieber selbst.
Wie schön, dass Gott mir in meinem Leben immer wieder Begegnungen geschenkt hat, die vorangegangene unangenehme Zusammentreffen ein wenig ausglichen. Frauen mit Hornbrillen in weißen Kitteln blieben in meinem Herzen nicht ausschließlich negativ besetzt.
Vom Tag meiner Geburt an hatte ich Menschen an meiner Seite, die mich liebten, die sich ein ganzes Stück für mich aufopferten und mir Mut machten. Bis heute war und bin ich durch solch wunderbare Menschen beschenkt. Es sind meine ganz persönlichen Helden! An erster Stelle stehen hier natürlich meine Eltern!
Nicht nur mein Vater, sondern auch meine Mutter hatte sich einem Facharzt widersetzt und damit eine Heldentat für mich vollbracht. Ungefähr sechs Monate war ich alt, als der Mediziner meinte, dass es fraglich sei, ob ich richtig laufen lernen könne. Daher riet er meinen Eltern dringend an, mich nachts in ein sogenanntes Gipsbett zu legen, um meine Wirbelsäule zu stabilisieren. Dieses Gipsbett war eine Schale, die exakt an meinen Körper und meine Gliedmaßen angepasst war. Dort wurde ich rücklings hineingezwängt und mit kleinen Lederriemchen an den Ärmchen und den Beinen festgeschnallt. Es gab keinen Bewegungsspielraum.
Nicht mal eine ganze Nacht habe ich in diesem Konstrukt verbracht. Ich habe so geschrien und geweint, dass es meine Mutter nicht übers Herz brachte, mich weiter dieser Fixierung auszusetzen. Sie entschied ganz eigenmächtig, einfach ihrem liebenden Mutterherz folgend, das Gipsbett in die hinterste Ecke zu stellen und mich ab sofort wieder in meinem ganz normalen Kinderbettchen schlafen zu lassen. Nach vier Wochen wurde mein Knochenbau erneut begutachtet. Meine Mutter traute sich nicht, dem Mediziner zu erzählen, dass sie sich seinen Anordnungen komplett widersetzt und das Gipsbett den Hausstaubmilben zum Fraß vorgeworfen hatte. Vermutlich war ihr ein wenig bang zumute.
Der Arzt betrachtete nachdenklich die Röntgenbilder und stellte schließlich stolz fest: »Sehen Sie, Frau Hock, wie gut, dass ich Ihnen das Gipsbett für Ihren Sohn verordnet habe. Seine Wirbelsäule hat sich vollkommen normalisiert!« Meine Mutter bedankte sich und wir drei verließen die Sprechstunde: Mama, ich und unser Geheimnis!
Dies ist kein Plädoyer dafür, sich medizinischen Ratschlägen zu widersetzen. Vielmehr will ich Eltern dazu ermutigen, bei allen Ratschlägen immer auch das eigene Mutter- oder Vaterherz zu befragen und Entscheidungen stets auf der Grundlage der tiefen inneren Überzeugung zu treffen, was jetzt gut ist und was nicht.
Ich wünsche jedem Kind auf dieser Welt Eltern, die aus einem solchen Holze sind! Eltern und auch Großeltern, wie ich sie hatte!
Besonders von Omi muss ich berichten. Omi war die Allerbeste! Sie war Gottes Ausgleich für die zahlreichen Halloween-Damen, die mir begegneten. Sie machte die schönsten Ausflüge mit mir und ich war sehr gerne mit ihr zusammen. Sie hat alles mitgemacht. In ihrer Wohnung durfte ich die Fransen ihres Teppichs kämmen, ich spielte an ihrer Tretnähmaschine Straßenbahn und als Zahnarzt durfte ich sogar mit ihrer Häkelnadel an ihrem Backenzahn rumfummeln, Behandlungsstuhl war der Fernsehsessel.
In Landau gibt es einen Tiergarten, den meine Mutter mit uns Kindern viele Jahre mehrmals die Woche besuchte. Seither gibt es kaum einen Ort, an dem ich mich besser entspannen kann als in einem Zoo. Betrete ich einen solchen, rieche den Mist und höre das Trompeten von Elefanten und das Schreien von Pfauen, dann geht es mir sofort richtig gut. Der Zoo ist eine Bühne, auf der ich mich gerne und sicher bewege. Eine echte Heimspielstätte. Die Tiere und ich, wir sind ein Ensemble. Angestarrt werden gehört im Zoo zur Normalität, und Kamele, Löwen und Affen machen mir noch heute vor, wie man sich in einer solchen Situation entspannen kann.
Ein ganz besonderes Erlebnis war es für mich jedoch immer, wenn ich mit meiner Omi mit dem Zug nach Karlsruhe fahren konnte, um dort in den Zoologischen Garten zu gehen.
Im Vergleich zu Landau war Karlsruhe die große, weite Welt. Karlsruhe hatte Kaufhäuser, Karlsruhe hatte eine Straßenbahn, Karlsruhe hatte in der Vorweihnachtszeit viel mehr bunte Lichter und der Karlsruher Zoo hatte richtig große Tiere: Nilpferde, Elefanten und Giraffen.
An Omis Seite war ich mutig, manchmal sogar ein wenig übermütig. Als wir einmal etwas länger die Giraffen betrachteten, ich muss so um die fünf Jahre alt gewesen sein, blieb eine alte Frau – wie könnte es anders sein – neben uns stehen, betrachtete mich ganz genau und bedauerte mich: »Ach Goood, isch sella do jezed en armer Bu!« (Badisch für: »Ach Gott, ist das da jetzt ein armes Büblein.«)
Dieses Mal ließ ich mich nicht verunsichern. Ich war gerade überglücklich, war mit meiner allerliebsten Omi im Zoo und wir schauten uns Giraffen an. Arm? Ich? Nein! Noch bevor die alte Dame ihre Handtasche nach Süßigkeiten absuchen konnte, stellte ich mich ganz nah vor sie, versuchte, ihr in die Augen zu sehen, und entgegnete ziemlich laut und selbstbewusst: »Ich bin doch kä arm Biewel, Sie bleedi Kuh!«
Der Satz hallte durchs Giraffenhaus, die Frau schaute uns total perplex an, doch die beste Omi von allen sah keinen Grund zur Korrektur ihres Enkels und meinte nur: »Kumm, Berndl, ma gehn jetzt weider zu de Affe!«
Aus dem Berndl, wie meine Familie mich stets liebevoll nannte, wurde der Bernd. Meine enorme Schlagfertigkeit ist jedoch bis heute geblieben und ich bin dankbar dafür. Ich kann wirklich sagen, dass mir nahezu in jeder Situation etwas Passendes und Originelles einfällt. Mal sorge ich mit dieser verbalen Schlagkraft für allgemeine Erheiterung und Fröhlichkeit, mal trägt sie zur Problemlösung bei, doch manchmal verschärft sie das Problem und verursacht Verletzungen bei meinem Gegenüber. Letzteres bedaure ich sehr. Zum Glück habe ich gelernt, mich zu entschuldigen. Meist bewirkt meine Schlagfertigkeit einen Befreiungsschlag. So wie in einem Linienbus in Mainz, Ende der Achtzigerjahre, Haltestelle Stadttheater.
Vorweihnachtszeit. Ein ungemütlicher, nasskalter Tag. Der Schnee, der morgens gefallen war, war zu Matsch geworden. Gefühlt zweihundert Menschen stiegen aus dem ankommenden Bus aus und mindestens achthundert Menschen stiegen ein. Darunter auch ich. Dennoch ergatterte ich einen Sitzplatz am Fenster. Eine junge Frau setzte sich neben mich, stand aber gleich wieder auf, um einer kleinen, alten Dame Platz zu machen.
Die Stimmung war angespannt, nahezu explosiv. Für jeden war dieses öffentliche Verkehrsmittel in diesem Moment ein unausweichliches Übel. Keiner wollte hier sein, jeder musste. Die Menschen standen und saßen dicht gedrängt, eingewickelt in Jacken, Schals und Mützen und beladen mit prall gefüllten Einkaufstüten. Fenster und Brillen beschlugen und keiner wusste, wo er hingucken sollte. Mobiltelefone zur Ablenkung gab es noch nicht. War es draußen viel zu kalt gewesen, war es im Bus viel zu warm. Es roch nach Schweiß, Parfum und nassem Hund. Mit einem Ruck fuhr der Bus an und jeder versuchte, Berührungen mit dem Nachbarn oder der Nachbarin zu vermeiden. Unmöglich.
Meine Sitznachbarin drehte sich mehr oder weniger zufällig zu mir, entdeckte meine kurzen Arme, erschrak und tat ihren Schrecken laut kund: »Oh Gott, wie furchtbar!« Ich starrte aus dem Fenster, um jeglichen Blickkontakt zu vermeiden.
Nun geschah etwas Unglaubliches. Die Frau begann zu weinen. Nicht zu schluchzen oder leise zu wimmern, nein, sie heulte unfassbar laut, so wie man sich ein Klageweib vorstellt. Ich mochte mich irren, aber das Heulen wirkte nicht echt. Nahezu alle Augenpaare im Linienbus waren auf uns, besonders auf mich, gerichtet. Auch die Augen des Busfahrers, wie ich in dessen Rückspiegel erkennen konnte. Die alte Dame wandte sich in einer Lautstärke an mich, als wäre sie auf der Bühne und nicht ich. »Können Sie denn überhaupt irgendetwas machen mit diesen kaputten Händen?«, fragte sie und erzeugte damit eine noch unangenehmere Atmosphäre.
Ich blieb konsequent von der Frau abgewandt und schaute nach links oben zu dem kleinen roten Hämmerchen, mit dem man im Notfall die Scheibe einschlagen soll. Dies hier war ein Notfall! Da gab es keine zwei Meinungen! Eindeutig! Ich war in Not und die anderen Passagiere auch, so unangenehm war die Situation.
In Gedanken spielte ich durch, ob es mir gelingen könnte, aufzuspringen und mit meinen drei Fingern das Hämmerchen aus der Halterung zu lösen. Würde meine Kraft ausreichen, um die Fensterscheibe zu zerschlagen? Wäre ich gelenkig genug, um zügig aus dem Bus zu klettern und zu fliehen? Spätestens beim letzten Punkt war der Plan zum Scheitern verurteilt und ich verwarf ihn wieder.
»Ich weiß ganz genau, wie Sie sich fühlen. Ich war im Krieg Rote-Kreuz-Schwester und habe ständig mit solchen Opfern, wie Sie eines sind, zu tun gehabt! Das ist so fürchterlich! Sie sind so ein jämmerlicher Mensch!«, schrie mich die Rentnerin weiter an. Der Linienbus steckte im Verkehrschaos fest. Normalerweise hätten wir schon längst an der nächsten Haltestelle sein müssen, die sich viele bestimmt herbeisehnten.
Jetzt wurde die angespannte Stimmung noch weiter angeheizt, indem die Krankenschwester außer Dienst ihre Frage noch einmal sehr laut wiederholte. Dabei schaute sie mich diesmal nicht direkt an, sondern wanderte mit ihrem Blick durch den ganzen Bus: »Können Sie mit diesen kleinen, komischen Händen auch irgendetwas machen?«
Jetzt konnte ich nicht weiter versuchen, die Eskalation um jeden Preis zu vermeiden. Nun musste ich meine verunsicherten Mitmenschen hier im Bus retten, und zwar sofort. Der Bühnenvorhang war bereits weit aufgerissen und ich trat an die Rampe. Sinnbildlich löste ich mein ganz persönliches Notfall-Hämmerchen aus der Halterung: meine unverwechselbare, wuchtige Schlagfertigkeit! Ruckartig drehte ich mich zu der Frau, schaute ihr direkt in die Augen und näherte mich mit meinem Gesicht dem ihren so sehr, dass sich unsere Nasenspitzen fast berührten. Die kurze Schrecksekunde hielt meine Sitznachbarin nicht davon ab, mir ihre rhetorische Frage ein drittes Mal ins Gesicht zu brüllen: »Können Sie mit diesen kleinen, verkrüppelten Händen auch irgendetwas machen?«
»Ja!«, skandierte ich messerscharf und für alle hörbar. »Alte Frauen würgen!«
Wie bei einem Menschen mit einem Asthmaanfall, bei dem sich die Atemwege wieder weiten, nachdem ihm ein Notfallmedikament verabreicht wurde, entspannte sich die Atmosphäre im Linienbus. Manch einer kicherte, andere kamen miteinander ins Gespräch und selbst der Busfahrer lächelte. Die Rot-Kreuz-Schwester war sichtlich beleidigt. Nicht traurig, eher in ihrem Stolz gekränkt. Sofort hörte sie auf zu weinen und murmelte »Unverschämtheit«.
Schillerplatz! Die Türen öffneten sich. Ich zwängte mich an der alten Frau vorbei, verbeugte mich innerlich vor meinem Publikum, verließ das »Linienbus-Theater« und beschloss, den Rest zu Fuß zu gehen.
[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

6
ZÖGERN ODER WEITERGEHEN?
Stufe für Stufe steige ich innerlich in meinen seelischen Keller hinab, bis ich vor der Tür stehe, durch die der Lichtschein strahlt. Auch wenn ich nur in meiner Vorstellung hier bin, frage ich mich, ob ich wirklich hindurchgehen soll. Wenn ich dies tue und mich meinen unbewussten Mechanismen stelle, wird das einiges verändern. Manche Tür, vor der ich im Laufe meines Lebens gestanden habe, hätte ich besser verschlossen lassen sollen, während ich mich bei manch anderer durchaus schneller hätte entschließen sollen, sie zu öffnen und durchzugehen.
Gern hätte ich auf dieser inneren Reise einen Begleiter. Conny wäre toll! Sie hätte ich jetzt gerne an meiner Seite.
Und während ich an Conny denke, höre ich sie förmlich schnaufen. Schnaufen und schmatzen.
Conny hatte in meiner Kindheit meiner Tante gehört und ich hatte diese Boxerhündin sehr gemocht. Ich bin generell ein großer Hundefreund, und wenn ich mir jemals einen anschaffen sollte, dann wird es tausendprozentig ein Boxer sein. Da ist sie wieder: die Prägung. Das asthmatische Schnaufen, das ständige Schmatzen und auch das Sabbern dieser Hunderasse sind in meinem Inneren absolut positiv besetzt.
So wie Conny sich freute, wenn mein Vater und ich sie besuchten, um mit ihr spazieren zu gehen, konnte sich kein weiteres Lebewesen auf diesem Planeten freuen.
Hunde wedeln ja bekanntlich mit dem Schwanz, wenn sie sich freuen. Doch früher wurden bei Boxern und anderen Hunden Ohren und Schwänze kupiert. Gott sei Dank ist dies heute nicht mehr so! Weil also Conny keinen Schwanz zum Wedeln hatte, wedelte ihr ganzer Körper! Trotz ihres Übergewichts bewegte sie sich wild, drehte sich um ihre eigene Achse, hüpfte auf und ab und schnaufte, schmatzte und sabberte dabei, dass es eine wahre Pracht war.
Als Kind musste ich immer lachen, wenn ich mir vorstellte, dass Menschen sich wie Hunde begrüßen und sich gegenseitig am Po beschnuppern würden. Wie unangenehm! Eine solche Begrüßungsform wollte ich um keinen Preis aus dem Tierreich ins menschliche Leben übernehmen. Absolut keine Alternative zum Handgeben oder Sichanlächeln!
In puncto Freudezeigen-Können allerdings wäre Conny heute noch als Vorbild für uns Deutsche geeignet! Es täte unserer gesamten Nation unheimlich gut, wenn wir regelmäßig unsere Freude so zum Ausdruck bringen würden wie eine übergewichtige Boxerhündin.
Meine Gedanken wandern zu anderen Hunden, die in meinem Leben wichtig waren. Mein Umgang mit Hunden war generell immer sehr unerschrocken und ich hatte stets einen guten Draht zu den Vierbeinern. Sie waren meine guten Freunde.
Der erste Hund in meinem Leben war Buzzo, eine tiefschwarze Schnauzermischung aus dem Tierheim, ein Hund von großartigem Charakter. Er gehörte unseren Nachbarn, einem kinderlosen Künstler-Ehepaar, bei dem ich mich sehr gerne aufhielt. Sie war Malerin und er Schriftsteller und ich erhielt von den beiden Inspirationen für mein Leben, von denen ich später noch etwas mehr berichten werde. Haus und Garten waren voller Tiere, ein Paradies für mich. Enten, Schildkröten und eben immer ein schwarzer Hund aus dem Tierheim. Buzzo durfte ich sogar alleine ausführen. Wenn ich ihn abholte und die Leine in die Hand nahm, sprang er mir vor Freude bis zum Kinn. Dann ging er mit mir spazieren und büxte regelmäßig aus. Buzzo war ein echter Casanova, der in zahlreichen Stadtteilen Landaus Welpen zeugte. Sein Herumstreunen brachte ihm leider irgendwann den Tod. Frühmorgens kam er einmal schwer verletzt nach Hause und von diesen Verletzungen erholte er sich nicht mehr.
Auf Buzzo folgte Tazzo, ein schwarzer Irish-Setter-Mix, der ebenfalls aus dem Tierheim kam. Mit ihm drängte es mich auf die Bühne. Tazzo war absolut zirkusreif. Er war äußerst gelehrig und ich studierte Kunststücke mit ihm ein, an denen er sichtlich Freude hatte. Ich veranstaltete mit Tazzo kleine Zirkusvorstellungen mit spektakulärer Akrobatik. Unsere Bühne war die Terrasse und unser Publikum waren Frauchen und Herrchen und deren Freundinnen und Freunde. Einmal stapelte ich drei Küchenstühle aufeinander und der schwarze Mischling sprang tatsächlich erfolgreich auf den obersten! Gott sei Dank ist nie was schiefgegangen! Für mich gab es Applaus und für Tazzo »Frolic«, das berühmte »Hunde-Leckerli«.
Dann schafften wir uns als Familie selbst eine Hündin an: Anka. Leider bekam ich zu der kleinen Münsterländerin keinen guten Draht, denn Anka war absolut auf meine Mutter fixiert und ließ niemand anderen richtig gelten.
Während meines Studiums lernte ich Axel kennen, einen Schäferhund-Collie-Mischling, der für mich aussah wie ein richtiger Wolf. Er war so groß, dass er aus dem ganz normalen Stand heraus seine Schnauze auf den Tisch legen konnte, ohne sich zu strecken. Er gehörte dem Besitzer der Tankstelle, bei der ich einen Nebenjob hatte.
Ich liebte Axel! Und Axel liebte mich! In meiner Freizeit zeigte ich ihm die große, weite Welt. Ich holte ihn ab und fuhr mit ihm in die Natur. Erst durch mich lernte er Wald und Wiesen kennen. Der Geruch nach Tannengrün, Hasen und anderem Getier machte ihn sichtbar glücklich, kannte er doch sonst nur den Gestank von Benzin, Gummi und Frostschutzmittel.
Axel machte aber auch mich glücklich. Machte meine Arme in Situationen, in denen ich sonst viel unsicherer war, ein Stückchen länger. Gaffte jemand gar zu lange oder sprach mich komisch von der Seite an, dann knurrte Axel auch mal. Das half immer! Außerdem hatte der Mischling eine solch eindrucksvolle Figur, dass mich die Passanten nicht wie gewohnt wegen meiner Arme, sondern wegen des schönen Hundes ansprachen.
Mit einem Hund an meiner Seite war ich immer ein wenig mutiger als sonst, vielleicht habe ich mich deshalb gerade jetzt an diese beiden Vierbeiner erinnert. Doch so richtig feige war ich eigentlich nie. Kneifen gehört nicht zu meinem Verhaltensrepertoire und so gehe ich nun innerlich weiter auf die Tür im Keller meines Unterbewusstseins zu. Schritt für Schritt werde ich ein Stück entschlossener, ähnlich wie in Koblenz, in der Rhein-Mosel-Halle, als ich mich entschlossenen Schrittes aus der Deckung des Seitenvorhanges heraus auf die Bühne, mitten ins Rampenlicht, gewagt habe. Nur mit dem Unterschied, dass ich jetzt auf dem Weg hinter die Kulissen bin. Ich will einen Bereich betreten, von dem ich nicht genau weiß, ob es mir wirklich guttun wird, wenn ich mich dort genauer umsehe. Dieses unbekannte Terrain ist mir nicht geheuer, auch wenn ich sonst gerne immer wieder Neues erkunde und schon so viele Schritte in die Freiheit gewagt habe.
[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

7
DER WEG IN DIE FREIHEIT
Ich fühlte mich richtig gut, während ich den riesigen Opel Rekord über die deutschen Autobahnen steuerte. Automatikgetriebe, elektrische Fensterheber und eine flexible Lenkhilfe am Lenkrad – so war es mir von Amts wegen her erlaubt, den Führerschein zu machen und Auto zu fahren. Jetzt lenkte ich die goldbraune gebrauchte Limousine, die schon 130 000 Kilometer auf dem Tacho hatte, gerade an Alzey vorbei auf der A61 Richtung Landau. Hinten saß Martin, rechts neben mir auf dem Beifahrersitz Martina. Wir drei Oberschüler vom Landauer Max-Slevogt-Gymnasium fuhren von einem Informationstag der Mainzer Johannes Gutenberg-Universität zurück in die Heimat.
Ich war äußerst beschwingt, hatte ich doch die ganz große Freiheit in den letzten Stunden verbindlich für mich eingetütet und sogar vertraglich vereinbart. Einen Studienplatz der Diplom-Pädagogik hatte ich mir für das kommende Wintersemester gesichert und meine Begegnung mit dem Leiter des Studentenwerks Mainz war so positiv gewesen, dass dieser mir am Ende des Gesprächs sogar ein Einzelapartment im Studentenwohnheim »Inter II« auf dem Campusgelände zugesichert hatte. Behinderte wurden hier bei der Vergabe bevorzugt. Warum nicht auch mal einen Vorteil abgreifen?
»Behinderte«, jawohl, so wurden Menschen wie ich damals noch genannt, und dies war überhaupt kein Problem für mich. Mein erster amtlicher Ausweis war ein »Schwerbeschädigtenausweis« und so wurde unsereins auch genannt: »schwerbeschädigt«. Nicht schön! Eine solche Beschreibung provozierte mich. Ich erinnere noch genau eine Situation, als ich an der Kasse eines Museums stand, die etwas ältere Kassiererin mich ansah und meinte: »Aha! Einmal schwerbeschädigt!« Darauf entgegnete ich wie aus der Pistole geschossen: »Nein, nur ein Materialfehler, aber machen Sie sich keine Sorgen, alles voll funktionstüchtig.«
Mit der Bezeichnung »Behinderter« kann ich dagegen gut umgehen. Es muss nicht der »Mensch mit Behinderung« oder »Inklusions-Hintergrund« sein.
Doch zurück auf die A61. Ich freute mich also unheimlich darüber, bald im Studentenwohnheim zu leben. Achtzehn Quadratmeter, eine eigene Toilette, eine eigene Dusche und eine Kochnische mit zwei Herdplatten, einer Spüle und einem Kühlschrank würde ich mein Eigen nennen!
Mit circa einhundert Stundenkilometern fuhr mein Schlachtschiff bei leichtem Nieselregen dahin und in Gedanken richtete ich mir nicht nur mein neues Apartment, sondern meine ganze neue Welt, meine neue Freiheit ein, die ab Herbst beginnen würde.
Ein paar hundert Meter vor uns Warnblinker. Ich nahm meinen Fuß vom Gas und ließ den Opel rollen. Die orangenen Lichter kamen näher. Martin, der eingenickt war, wurde wach, sah die Blinklichter vor uns, erschrak und schrie: »Pass auf, Bernd, das ist ein Stau!«
Nun erschrak auch ich. Unüberlegt und hastig stieg ich in die Eisen und trat das Bremspedal voll durch. Draußen war es deutlich kälter geworden und der feine Nieselregen auf dem Asphalt war zu einer gefährlichen Eisfläche gefroren. Mein Opel war nicht mehr zu halten und rutschte sofort quer über die Fahrbahn in Richtung Mittelleitplanke. Martina schlug sich die Hände vors Gesicht und Martin auf der Rückbank verstummte. Ich würde jetzt gerne davon berichten, wie ich sicher und souverän mein Fahrzeug bändigte, zurück in die Spur lenkte und langsam zum Stehen brachte. Das Gegenteil war der Fall. Ich hatte viel zu wenig Fahrpraxis für eine solche Situation. Ich fühlte mich komplett überfordert und sah uns schon alle gegen die Mittelleitplanke knallen.
Planlos riss ich das Lenkrad herum und mit ihm den ganzen Wagen, jetzt wieder über die Fahrbahn nach rechts. Ein Aufprall wurde somit zwar verhindert, doch nun drehten wir uns um die eigene Achse. Eine Bilderfolge aus Büschen, Katzenaugen, Regentropfen und Lichtfetzen zog rasend schnell an mir vorbei, und als sich der Wagen zum zweiten Mal um sich selbst drehte, sah ich einen großen LKW quer auf uns zurutschen. Mein Auto drehte sich weiter und jetzt gab es in beide Richtungen nur noch einen sehr begrenzten Zwischenraum. Nach vorne die stehenden Fahrzeuge und hinter uns der außer Kontrolle geratene LKW. Ich drehte weiterhin am Rad. Nervlich sowieso und eben auch buchstäblich am Lenkrad. Plötzlich schepperte, knallte und kratzte es. Rauch stieg aus der Motorhaube auf. Zum Orientieren blieb keine Zeit, schon gab es den nächsten heftigen Knall, lauter als das ganze Rumsen vorher. Der Lastwagen war krachend auf die stehenden Fahrzeuge aufgeprallt. »Moment mal, und wir?!« Nun erst realisierte ich, dass wir mit meinem Auto rechts neben der Fahrbahn in den Seitengraben gerollt und zum Stehen gekommen waren. Wir drei konnten ohne Mühe und unverletzt aus dem Fahrzeug aussteigen und mussten nur auf Hilfe warten.
Immer wieder krachte es. In diesem Stau knallten sehr viele Autos ineinander. Irgendwann kam die Polizei, nahm unsere Personalien auf und viel, viel später kam der Abschleppdienst. Vollkommen durchgefroren stiegen wir zu dem Fahrer ins Führerhaus, hinter uns auf der Ladefläche mein Opel Rekord und ein grüner, zusammengedrückter Blechhaufen. »Des war vor drei Stunde noch en VW Golf gewese!«, klärte uns der Mann vom Abschleppdienst auf und fügte hinzu: »Die Fahrerin hot net so viel Glick gehat wie ihr. Die is tot.« Wir waren entsetzt und dankbar zugleich. Dankbar dafür, dass wir lebten.
Ich wusste damals immer noch nicht viel von Gott, von seinem Schutz, von Bewahrung. Sonst hätte ich die Schutzengel um uns und das Auto herum vielleicht wahrgenommen. Die Situation war äußerst gefährlich gewesen, aber wir waren sanft in den Straßengraben gerollt. Wieder wollte Gott, dass ich lebe.
Der Schaden an meinem Opel belief sich auf 180 Deutsche Mark, das sogenannte Luftleitblech musste erneuert werden. Sonst nichts. Martina, Martin und ich, wir waren alle drei vollkommen unverletzt. Also, ich war immer noch behindert, aber keiner von uns war schwerbeschädigt.
[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

8
»DER BU MACHT SEIN WECH«
Bevor ich den riesigen Opel durch die Lande steuerte, lenkte ich so manch anderes Gefährt. Meine allererste eigenständige Fahrt auf vier Rädern fand, wie könnte es anders sein, im Landauer Zoo entlang der heutigen Afrika-Anlage statt. Ich war überglücklich und trat in die Pedale eines Kettcars. Ich durfte dieses Gefährt ausprobieren, eroberte es im Sturm und war überglücklich, weil ich es ganz ohne fremde Hilfe fahren konnte. Großartig! Der eigentliche Fahrzeughalter, Oliver, beobachtete mich geduldig. Ich wollte gar nicht mehr absteigen und hätte am liebsten noch vor Ort meine Mutter mit der Enteignung des Besitzers beauftragt. Oli und ich waren beide um die dreieinhalb Jahre alt und wir begegneten uns an diesem Tag zum ersten Mal.
Doch ich gab Oli sein Kettcar zurück und bekam später ein eigenes. Unsere Kettcars sind längst verschrottet, die Herstellerfirma Kettler ist seit 2019 insolvent, aber meine Freundschaft zu Oli lebt und besteht nunmehr seit fast 50 Jahren.
Für meine Eltern war es gar kein Thema, dass auch ich in den Kindergarten gehen würde. Ich ging zuerst in die Langstraße zu Tante Liesel und später in den Kindergarten am Schützenhof zu Tante Dagmar. Die Berufsbezeichnung »Kita-Fachwirt/-in« war noch lange nicht geboren, nicht einmal gezeugt und auch von Erzieherinnen und Erziehern wurde nicht gesprochen. Sogar die Bezeichnung Kindergärtnerin wurde selten gebraucht. Es waren schlicht die Kindergartentanten. Auch wenn allzu oft in den Rückspiegel geguckt und glorifizierend von den »guten, alten Zeiten« geschwärmt wird, wie gut, dass die Zeit nicht stehen geblieben ist. Wie wertvoll, dass aus den »Tante Liesels« und »Tante Dagmars« heute »pädagogische Fachkräfte« geworden sind. Sie waren das damals schon, aber heute werden sie auch so genannt.
Die gesellschaftliche Anerkennung gegenüber diesem Berufsstand hat sich, wenn auch viel zu wenig, durchaus positiv verändert. Dennoch fehlt mir der Glaube, dass ich eine wirklich angemessene Wertschätzung von Erzieherinnen und Erziehern, Kinderpflegerinnen und Kinderpflegern oder Krankenschwestern und Krankenpflegern in unserer Gesellschaft noch erleben werde. Es will mir einfach nicht in den Kopf, warum ein Mensch, der den ganzen Tag alte Menschen füttert, mit ihnen singt, sie wäscht und kämmt, oder ein anderer, der in seinem Arbeitsalltag kleine Kinder wickelt, mit ihnen die Welt erkundet, ihnen Toleranz und Nächstenliebe beibringt, am Ende des Monats so viel weniger verdient, als er wirklich verdient.
Dies gilt auch für die Erzieherinnen in meinen beiden Kindergärten. Besonders an meine Zeit im Schützenhof-Kindergarten habe ich gute Erinnerungen. Die zeitweise Trennung von meinen Eltern machte mir nichts aus. Oli war dort und viele andere Freundinnen und Freunde auch. Ich bespielte in dieser Zeit nicht allzu viele Bühnen, war einfach ein Kindergartenkind. Schön!
Nicht schön war die Begegnung mit Christoph, der eines Tages während des Freispiels zu mir auf einen Hügel im Außengelände des Kindergartens stieg und fragte: »Horch! Willscht e Ringkämpfel?«
Christoph war berüchtigt und so sagte ich schnell »Nein!« zu seinem Ringkampf-Angebot. Ich habe dabei aber wohl nicht sehr selbstsicher gewirkt, denn ehe ich mich versah, hatte ich seine Faust im Gesicht, fiel zu Boden und kugelte wie ein Mitglied der Blechbüchsenarmee aus der Augsburger Puppenkiste den gesamten Hügel hinunter. Leider bemerkte keiner der Erwachsenen diesen Vorfall und man hörte mir auch nicht richtig zu, als ich unter Tränen schilderte, was passiert war. Dementsprechend war ich mit der fehlenden Sanktionierung von Christoph höchst unzufrieden.
Etwas später packte ich unbemerkt meine Sachen und es gelang mir, mich aus dem Kindergarten zu schleichen. Geduckt lief ich am Jägerzaun entlang, bis ich außer Sichtweite war. Ich richtete mich auf und ging schimpfend nach Hause. Obgleich ich eine sehr befahrene Straße überqueren musste, kam ich heil an. Ja, viele Engel waren und sind mit meinem Leben beschäftigt!
Ich möchte noch einmal daran erinnern, dass zur damaligen Zeit wirklich niemand an Integration oder Inklusion gedacht hat. Ich war einfach mit dabei. »De Bernd isch de Bernd!«, hieß es. (»Der Bernd ist halt so, wie er ist.«) Und dieses Konzept funktionierte, weil ich die Unterstützung erhielt, die ich brauchte.
So einfach war es allerdings bei der Einschulung nicht. Vertreter der frisch gegründeten Landauer Sonderschule besuchten meine Eltern und warben intensiv darum, mich in ihrer Einrichtung einzuschulen. Besonders meinem Vater behagte dies irgendwie nicht. Er wollte es gern erst einmal auf einer Regelschule versuchen. Dieses Unterfangen erschien nahezu aussichtslos, doch auch hier zahlten sich seine Stärke, sein Einfühlungsvermögen und seine Überzeugungskraft aus. Seine Idee traf tatsächlich auf offene Ohren und Herzen, besonders beim damaligen Schulrat von Landau. Und so wurde ich 1974 in der heutigen Thomas-Nast-Grundschule, die damals noch Horst-Schule hieß, eingeschult.
Soweit ich mich erinnern kann, war ich dort gut integriert, und hier begann auch meine Karriere als Entertainer. Ich punktete mit meiner Ausstrahlung, meinen Witzen und meiner starken Bühnenpräsenz, die so manches Mal das Klassenzimmer ausfüllte. Einmal musizierten wir als Klasse auf einem Sommerfest. Jedes Kind spielte irgendein kleines Instrument und wir probten regelmäßig. Ich war zunächst ziemlich traurig, dass ich kein Instrument bedienen konnte, deshalb bot mir die Lehrerin an, die Triangel zu spielen. Die Triangel? Ich? Alle paar Minuten nur ein einfaches »Bing«? Von dieser Idee war ich zunächst wenig begeistert. Der Triangel-Spieler erschien mir zu weit im Hintergrund.
Am Ende spielte ich dieses Instrument aber doch, allerdings ganz und gar nicht im Hintergrund. Schon rein äußerlich war ich mit der Triangel und wie ich sie hielt und bediente, ein Hingucker. Außerdem schlug ich das Metall sehr akzentuiert und das ein oder andere Mal auch durchaus ungeplant, stets aber mit einer solch sichtbaren Freude, dass mir die Herzen des Publikums zuflogen, als hätte ich ein Violinen-Solo von Schostakowitsch dargeboten.
Trotzdem brauchte ich natürlich im Schulalltag für vieles länger als die anderen und tat mich in vielen Bereichen deutlich schwerer. Heute gibt es sogenannte Integrationshelferinnen und -helfer (oder kurz: Schulbegleitungen), um behinderte Kinder in der Schule zu unterstützen. Damals kannte man das nicht und so kam meine Mutter beispielsweise unermüdlich regelmäßig zum Sportunterricht, um mich vorher und hinterher umzuziehen. Ohne diesen Einsatz wäre mein Besuch einer normalen Grundschule nicht möglich gewesen.
Deshalb machten meine Eltern sich immer wieder Sorgen, wie ich wohl meinen schulischen Weg weiter bewerkstelligen würde. Meine Mutter äußerte diese Bedenken mehr als einmal an Elternsprechtagen gegenüber dem damaligen Rektor, der auch mein Klassenlehrer war. Voller Inbrunst und Überzeugung beruhigte er meine Mutter regelmäßig mit dem Satz: »Jo Fra Hock, machen Se sich doch kä Sorche. Der Bu macht sein Wech.« (»Ach Frau Hock, machen Sie sich doch keine Sorgen. Der Junge wird seinen Weg machen.«)
Geholfen hat diese pauschale Aussage meiner Mutter nur mäßig, recht hat er aber gehabt, der Herr Rektor, und gemocht habe ich ihn sehr.
Er war ein leidenschaftlicher Raucher, dieser Rektor. Daher gab er uns Viertklässlern mindestens einmal pro Unterrichtsstunde eine kleine Aufgabe und ging selbst vor die Tür auf den Flur, wo er sich oberhalb der Garderobe einen Aschenbecher auf ein Brett gestellt hatte. Er öffnete ein Fenster, rauchte eine Zigarette und kam zurück in die Klasse. Ich mochte den Geruch, der ihm anhaftete, eine Mischung aus Zigarettentabak und »Tabac Original«, einem Rasierwasser, welches damals viele Männer benutzten und das ich heute noch mag.
Da ist er wieder, dieser Dreiklang aus Duft, Erinnerung und bestimmten Emotionen, diesmal wieder sehr angenehm. Wenn ich jemals ein spezielles, individuelles und ganz persönliches »Bernd R. Hock-Wohlfühlparfum« kreieren sollte, müsste der Duft wohl am ehesten auf einem Jahrmarkt, am besten auf der »Landaacher Kerwe«, eingefangen werden.
In den beiden Wochen im Jahr, in denen die Landauer Kerwe stattfand, schlug mein Herz immer etwas schneller, immer etwas intensiver. Die Zeit für Hausaufgaben und fürs Lernen war knapper als sonst, da die Kerwe mich brauchte. Schon in der Woche davor lief ich jeden Tag über den Messplatz, um nachzusehen, welche Fahrgeschäfte diesmal aufgebaut wurden. Viele Schausteller kannten mich. Da war der dicke Besitzer des Süßwarenstandes, der während der Kerwe hinter seinen Süßigkeiten thronte, immer die gleiche Schiebermütze aufhatte und mir freundlich zulächelte. Kaufte ich bei ihm zwei Marzipankartoffeln, so packte er stets eine dritte mit in die Tüte. Hier das Ponyreiten, da der Autoscooter, im Pfälzischen einfach »Boxauto« genannt, und dort das Entenangeln.
Auf der Kerwe fühlte ich mich besonders frei. Wurde nicht intensiver beachtet als die anderen auch. Schließlich waren damals die berüchtigte Dame ohne Unterleib oder kleinwüchsige Menschen, sogenannte Liliputaner, Kerwe-Attraktionen und ich fühlte mich eben auch als eine solche. Ich stellte mir vor, ein Teil dieser großen Jahrmarkt-Familie zu sein und mitzureisen. Ähnlich wie ich mit Begeisterung den großen Fahrstuhl im Krankenhaus per Knopfdruck in Bewegung setzte, hätte ich gerne auch die großen Fahrgeschäfte bedient und Menschen auf den Kopf gestellt und sie durch die Luft gewirbelt. Dabei hätte ich ohne Unterlass ins Mikrofon gesabbelt: »Kommen Sie herein! Fahren Sie mit! Hier können Sie was erleben!«
Da mir dies im realen Leben nicht vergönnt war, baute ich regelmäßig zu Hause aus Lego meine eigene Kerwe, bediente dort die Fahrgeschäfte und kommentierte alles in meinem fiktiven Kassenhäuschen. Der Jahrmarkt war eine ganz besondere bunte Bühne, auf der ich mich sicher und selbstbewusst bewegte, und das Wohlfühl-Parfum duftet heute noch nach gebrannten Mandeln, Popcorn, Gewürzen, Bratwurst, Pommesfrites-Fett, abgewetztem Reifengummi und Pferdeäpfeln. Schaustellerinnen und Schausteller genießen bei mir eigentlich immer einen Sympathie-Vorschuss und die, die ich persönlich kennengelernt habe, waren mir immer wohlgesonnen.
Eine Begebenheit beim Entenangeln auf der Kerwe ist mir noch sehr präsent. In einem speziellen Schaustellerwagen war eine Art Planschbecken aufgebaut, in dem unzählige Gummienten schwammen. Alle Enten hatten einen Metallknopf auf dem Kopf. Nachdem man einen bestimmten Betrag bezahlt hatte, bekam man eine Angel, ein Rohrstock, an dessen Ende sich ein Magnet befand. Mit diesem Magneten konnte man eine Ente wählen und sie herausziehen. Das Schausteller-Ehepaar griff sich die entsprechende Ente und zeigte die Unterseite. Die meisten Enten hatten einen schwarzen Punkt und waren somit eine Niete. Kein Preis. Die anderen Farben standen für die entsprechenden Preiskategorien. Eine einzige Ente schwamm in dem Becken, die einen goldenen Punkt auf ihrer Unterseite hatte. Der Hauptgewinn! Freie Auswahl!
Ich habe das Schaustellerehepaar noch genau vor Augen: Die Frau hatte eine starke Gehbehinderung und saß immer in einer schrägen Haltung auf einer Art Sitzkissen. Der Mann hatte eine sehr ledrige, faltige Gesichtshaut und trug genau wie der Besitzer des Süßigkeitenstandes eine Schiebermütze.
Die beiden mochten mich und ich angelte regelmäßig am Entenstand. Einmal wollte ich fast protestieren, denn als ich meine Angel so über den Enten hin und her bewegte, drückte der Schausteller diese plötzlich herunter. »Klick« – der Magnet haftete auf einer Ente, die ich gar nicht ausgewählt hatte. Trotzdem hob ich die Angel, der Schausteller nahm die Ente und zeigte mir ihre Unterseite. Der goldene Punkt! Freie Auswahl! Stolz wie Oskar ging ich mit meiner Mutter nach Hause. In meinen kleinen Ärmchen trug ich einen Stofftiger, der halb so groß war wie ich selbst.
Der Heimweg von der Kerwe führte unmittelbar am Max-Slevogt-Gymnasium vorbei, auf welches ich nach meiner Grundschulzeit kam. Genau wie der Leiter der Grundschule war auch mein neuer Direktor ein Raucher. Er rauchte aber ausschließlich Pfeife, und das nur in seinem Büro. Die roten, grünen und schwarzen Filzstifte auf seinem Schreibtisch waren alle an beiden Enden angekokelt und mit Ruß beschmiert, da der Direktor sie regelmäßig zum Nachstopfen seiner Pfeife nutzte. Dies weiß ich deshalb so genau, weil ich damals auf dem Max-Slevogt-Gymnasium in Landau relativ viel Zeit mit ihm in seinem Büro verbrachte. An den Nachmittagen, wenn das Schulgebäude schon weitgehend leer war, erklärte er mir nämlich sehr geduldig und effektiv Mathematik, ein Fach, mit dem ich niemals richtig warm wurde. Ohne seine Hilfe wäre ich damals beim Abitur wahrscheinlich an Mathe gescheitert und es hätte nicht zur Fünf minus im letzten Zeugnis gereicht. Sein Einsatz war keinesfalls selbstverständlich und ich bin ihm sehr dankbar dafür.
Überhaupt tat ich mich mit so manchem ziemlich schwer und war auf keinen Fall ein eindeutiger Gymnasialschüler. Real- oder Hauptschule kamen für mich aber nicht infrage, denn es war klar, dass ich niemals einen handwerklichen Beruf erlernen konnte. Deshalb sollte alles darangesetzt werden, »dass der Bernd sein Abitur schafft«.
Ich war einfach ein Spätzünder, obwohl man dies nicht so pauschal behaupten kann. Zum Beispiel erkannte ich sehr früh, früher als manch anderer, dass ich vieles, was man mir in der Schulzeit zu lernen aufzwang, niemals mehr im Leben brauchen würde. Seit ich denken kann, lasse ich mich nicht über Straßen führen, über die ich nicht rübermöchte. So habe ich auch nicht gelernt, was mir unsinnig erschien oder einfach nicht gefiel. Obgleich ich sehr literaturaffin bin, mochte ich beispielsweise »Effi Briest« überhaupt nicht. Nachdem ich zwanzig Seiten des entsprechenden Reclambüchleins gelesen hatte, sperrte sich alles in mir, und ich las keine Zeile weiter. Dass ich in der Deutsch-Leistungskurs-Klausur über das Werk von Theodor Fontane noch eine Vier minus bekam, fand ich persönlich beachtlich. Dafür verschlang ich den »Besuch der alten Dame« von Friedrich Dürrenmatt. Bis heute kann ich mit der Fabel dieses Buches viel anfangen und bis heute hat es mir nicht geschadet, »Effi Briest« nicht weitergelesen zu haben.
Geschadet allerdings hat mir, dass ich in der Oberstufe im Fach Französisch nahezu bei allen Klassenarbeiten hemmungslos abgeschrieben habe. Im Zeugnis bekam ich eine Zwei plus, aber ich kann in dieser Sprache nicht einmal nach dem Weg fragen oder mir im Restaurant ein Croissant und einen Milchkaffee bestellen.
Geschadet hat mir auch, dass ich mich bezüglich Kommasetzung beim Diktat in Deutsch auf das Husten von Annette verlassen habe. Damals fand Entertainer-Bernd seine Idee genial. Auch die allermeisten meiner Klassenkameradinnen und Klassenkameraden waren begeistert und die übrigen hielten wenigstens die Klappe. Annette war perfekt in Kommasetzung. Ich bat sie, während des Diktates bei jedem Komma laut und deutlich zu husten, und sie tat es. Besonders bei einem Relativsatz war die kurz vor der Pensionierung stehende Deutschlehrerin geneigt, Annette ein Hustenbonbon anzubieten. Einen Zusammenhang zwischen Hustenreiz und Kommata stellte sie aber nicht her. Bei diesen Diktaten stand nach der Korrektur bei mir regelmäßig unter der Note die Bemerkung »Satzzeichen sehr gut«! Heute setze ich nahezu jedes Komma falsch.
Als ich meine Deutschlehrerin nach ihrer Pensionierung einmal besuchte, erzählte ich ihr von dem Betrug. Ihre Reaktion war altersmilde und großherzig. Sie sagte nichts dazu, lächelte und goss mir einfach noch einen Tee ein.
Die Schule bereitete mir nur wenig Freude. Zumindest der Teil, für den die Lehrkräfte die Regie übernahmen. Ich bespielte aber die »Gymnasial-Bühne« so geschickt, dass mir neben dem lästigen Unterricht genügend Zeit für freudige Aktivitäten blieb.
Zum Beispiel übernahm ich die Betreuung des Schul-Aquariums, war ein aktives Mitglied der Schach-AG und gründete und leitete später die Bio-AG. Hier erkundeten wir gemeinsam die Natur, setzten uns mit Themen wie Tierschutz auseinander und beim Schulfest veranstalteten wir Rennen mit Weinbergschnecken, bei denen die Eltern jeweils eine D-Mark auf den Sieg einer Schnecke setzten. Diese Schneckenrennen schafften es in einen Bericht der regionalen Presse und durch diesen Artikel wiederum wurde der Südwestfunk auf die Kriechtiere aufmerksam. So besuchte mich eines Tages die SWF-Redakteurin Judith Kaufmann und ich veranstaltete exklusiv für sie ein Schneckenrennen auf dem Küchentisch, über welches im Hörfunk berichtet wurde.
Zu diesem Zeitpunkt hielt ich zu Hause über vierzig Weinbergschnecken. »Guck bloß, dass die Deckel uff denne Aquarie richdich druff sinn. Wann dir die Viecher abhauen un an mein Salat drogehn, dann rabbelt’s!«, kommentierte mein Opa regelmäßig mein Hobby. (»Pass bloß auf, dass die Deckel der Aquarien immer fest aufsitzen. Wenn die Schnecken abhauen und an meinen Salat gehen, dann kannst du etwas erleben!«)
Häufig schauten wir in meiner Bio-AG eine Folge der Nachmittagsserie »Ein Heim für Tiere«. Wir liebten diese ZDF-Fernsehproduktion mit dem Charakter-Schauspieler Siegfried Wischnewski, der den Tierarzt Dr. Willi Beyer spielte.
Als ich während eines privaten Berlinbesuches einmal aus einer Toilettenbox bei Burger King auf dem Ku’damm herauskam, stand genau dieser Siegfried Wischnewski an der Pinkelrinne. Ich war so fasziniert, dass ich ihn direkt ansprach und ihm von der Bio-AG erzählte. Ich fragte ihn frei heraus, ob wir denn nicht einmal Dreharbeiten der beliebten Serie in Berlin besuchen könnten. Tatsächlich fand der Schauspieler diese Idee interessant und schrieb mir wenig später einen handschriftlichen Brief, in dem er uns in die damals noch geteilte Stadt einlud.
Eine total verrückte Idee war geboren und das Unterfangen hatte im Leitungsgremium des Gymnasiums einige Gegner. Der Direktor allerdings war fasziniert und ich kümmerte mich um alles. Mein Bio-Leistungskurs-Lehrer ließ sich ebenfalls von der Idee anstecken und war bereit, die Exkursion als Lehrkraft zu begleiten. So flogen wir für drei Tage nach Berlin und hatten dort eine wunderbare Zeit mit dem Filmteam von »Ein Heim für Tiere«. Meine wirklich umfangreiche und professionelle Organisation und Durchführung dieses Ausflugs wurde mir später im Grundstudium Pädagogik an der Universität sogar als Facharbeit anerkannt!
Mit besagtem Biologielehrer verstand ich mich überhaupt sehr gut. Er war ein großer Pädagoge, der es schaffte, mich durchgehend für die Themen im Bio-Leistungskurs zu interessieren. Okay, außer vielleicht für den Zitronensäurezyklus. Bei der Abifeier führten wir zusammen einen Sketch auf, in dem ich ihn und er mich parodierte. Ganz großes Kino!
Biologie war mir überhaupt wichtig, besonders der Natur- und Artenschutz der regionalen Flora und Fauna. Ich engagierte mich aktiv im »Vogel- und Naturschutzverband Südpfalz e. V.«, war dort Schriftführer und leitete sogenannte Vogelstimmenwanderungen oder Exkursionen zu Feuchtgebieten, bei denen wir Amphibien und Insekten beobachtete. Ich beriet Privatpersonen in der Region, wenn sie sich einen Gartenteich anlegen wollten, und sammelte unermüdlich Spenden für den Naturschutzverband. 1987 erhielt ich dafür den Umweltpreis der Stadt Landau.
Gerade im Bereich Naturschutz hatte ich sehr gute Lehrmeister, die mich mochten, mir unheimlich viel beibrachten und mir immer wieder die Bühne bereiteten, auf der ich mich austoben konnte. Ich glaube, ich habe meinen damaligen Lehrerinnen und Lehrern viel mehr zu verdanken, als mir heute bewusst ist. DANKESCHÖN!
Anstatt einhundert Prozent in die Abi-Vorbereitung zu investieren, nutzte ich mindestens zwei Drittel der Zeit dafür, ein Kabarettprogramm zu schreiben.
Im »Traumschiff« gingen die Lehrkräfte unseres Gymnasiums zusammen mit Politikern und anderen Prominenten, die alle von mir und einem Mitschüler parodiert wurden, auf die Reise, um viel Skurriles zu erleben.
Am Ende hatte ich in meinem Abitur gerade noch eine Zwei vorm Komma, hatte aber gelernt, Konventionen nicht ganz so ernst zu nehmen, und mich ein ganzes Stück weiter befreit aus Schubladen, in die ich schon lange nicht mehr hineinpasste.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.