Kitabı oku: «Die Zecke auf Abwegen»

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Zum Buch:

Die „Zecke” ist zurück! Der kleine Finanzbeamte Hartmut Schminke steckt in großen Schwierigkeiten. Sein Sachgebiet wird umstrukturiert und ehe er sich versieht, ist er als „Teamfürst” dafür verantwortlich, aus behäbigen Beamten hocheffi ziente Dienstleister zu machen. Diese Herkulesaufgabe setzt ihm gehörig zu und auch privat kommt er ins Schwitzen, denn seine ambitionierte Frau Britta will hoch hinaus: Ein eigenes Haus muss her! „Nur Deppen lassen bauen” verheißt die Bau-doch-selbst GmbH und ködert Hartmut mit der „Muskelhypothek”. Um den Hausbau zu fi nanzieren, entwickelt Hartmut sein ganz eigenes Steuersparmodell…

Die Ereignisse überschlagen sich: Hartmut, von Natur aus eher arbeitsscheu, wird zum Betriebsprüfer befördert. Er nistet sich in der renommierten Steuerberatungssozietät Dr. Plunse ein und erhält dort einmalige Einblicke in die Machenschaften einer Familiensozietät auf der Jagd nach potenten Mandanten.

Über allem schwebt die Finanzkrise, die auch bei Familie Schminke ihre Spuren hinterlässt. Was tun, wenn sich das Schwarzgeld-Depot bei Payman-Brothers in Luft aufl öst und der Fiskus mit einer Steuersünder-CD droht? Hartmut muss sich etwas einfallen lassen…

Zum Autor:

Bernd Wieland, Jahrgang 1966, ist seit 1996 als Betriebsprüfer tätig. Er ist zudem Verfasser von humoristischen Kurzgeschichten und Sketchen. Nebenberufl ich verdingt er sich als Kabarettist mit eigenem Programm und Darsteller beim Fernsehen.

1. Veränderungen

06:03 Uhr. Wie konnte das passieren? Ich, Hartmut Schminke, war unpünktlich. Hartmut Schminke kam immer um 06:01 Uhr! Aber war es ein Wunder? Herr Axthammer, mein Sachgebietsleiter, hatte uns schon vorgewarnt: Wenn die Controlling-Tante von der Oberfinanzdirektion kommt, wird nichts mehr sein wie es war.

Tatsächlich begann es im Oktober Schlag auf Schlag. In der Kantine wurde eine dritte Wurstsorte eingeführt und im Foyer des Finanzamts eine „Langeweile-Insel” mit drei kuscheligen Plüschsofas und einem ähnlich üppigen Zeitschriftenangebot wie am Bahnhofskiosk aufgestellt. Am beliebtesten waren die beiden Spielekonsolen, die eigentlich immer besetzt waren.

Frau Stöhr und Herr Goller, mit denen ich immer in der Kantine frühstückte, hätten beinahe eine Abmahnung bekommen. Sie hatten auf der Insel täglich gut und gerne zwei Stunden rumgehangen, ohne sich auszustempeln. Frau Stöhr reagierte immer noch gereizt, wenn man sie darauf ansprach: „Das hätte die Amtsleitung aber eindeutig sagen müssen, dass man sich vorher ausstempeln muss!” Da wussten wir, das war erst der Anfang, jetzt wurde es wirklich ernst.

Seit sechs Wochen saß ich jetzt mit Herrn Goller in einem Büro zusammen. Mein Kollege hatte die Hosen randvoll: „Hartmut, ich sag dir, die wollen uns fertig machen!”, jammerte er in jedem zweiten Satz wie ein Waschweib. Irgendwann glaubte man es selbst. Mit einem Mal streckte er seine Hand nach dem gerahmten Gruppenbild aus, das wir an der verlausten Palme vor dem Fahrstuhl als Abschiedsgeschenk für Frau Hoppe-Reitemüller geschossen hatten: „Ja, unser Hoppe-Hoppe-Reiterle, die hat’s richtig gemacht! Haut im seligen Alter von 58 Jahren einfach in den Sack.”

Mit Frau Hoppe-Reitemüller hatte ich volle sieben Jahre eine Büro-Ehe geführt. Es war eine gute Ehe gewesen. Wir hatten uns sogar zu Nikolaus gegenseitig überrascht. Einmal schenkte sie mirOblaten, die ich aber nur im Büro essen durfte, weil sie meiner Frau Britta zu laut knackten.

Und dann verließ sie mich so Hals über Kopf von heute auf morgen. Ihre Kündigung war der Skandal. Sie hätte ja auch einen auf krank machen können, ab und zu mal schrille Schreie ausstoßen oder Steuerbescheide vor dem Finanzamt an Passanten verteilen können. Aber nein, sie verließ ihren Norbert und brannte mit einem Ami durch nach Amerika.

Mir war das gleich verdächtig vorgekommen, dass sie plötzlich dreimal in der Woche tanzen ging. Aber wo war sie wirklich? Beim Wohnmobil-Clubtreffen! Und da hat sie ihren Mc Donald – oder wie der Knabe heißt – kennengelernt.

Mc Donald hatte natürlich eine Concorde – wenn schon, denn schon. Concorde: Das waren diese Luxusappartements auf Rädern. Wie Frau Hoppe-Reitemüller zu diesen Clubtreffen gekommen war, ließ sich nur erahnen. Wahrscheinlich brauchten sie noch ein Bunny-Girl. In der Altersklasse, in der man sich eine Concorde leisten kann, durfte man nicht mehr so wählerisch sein. Da tat es dann auch eine gutgelaunte 58-Jährige, die nicht nur aus Ersatzteilen bestand.

Goller ging mir jetzt schon auf die Nerven. Ich dachte ja immer, der Goller sei so ein ganz Lieber. Jetzt, sechs Wochen später, wusste ich: er war bekloppt. Sogar eine noch beklopptere Zecke als ich.

Wenn Goller kam, zog er erstmal seine Gesundheitstreter aus. Neben seinem Schreibtisch standen in Pole-Position vier Puschenmodelle, in die er je nach Ansage des Wetterberichts und Konstitution seiner Hühneraugen spontan umrüsten konnte. Die geschlossene Variante eines Birkenstockplagiats von ALDI war mir noch die Liebste, weil die Ausdünstungen nur langsam entweichen konnten.

Dann öffnete er so bedächtig, als wolle er eine Bombe entschärfen, seine Schreibtischschublade, holte Kuli, Lineal und die übrigen Büro-Utensilien hervor und ordnete sie immer nach dem gleichen Muster auf seinem Schreibtisch an. Abends wurde alles wiedereingepackt und ein Schreibtischschoner wie ein XXL-Kondom über die Tischplatte gezogen.

Ich hatte mir einmal einen Spaß daraus gemacht und jede Minute notiert, in der er an einem Arbeitstag produktiv tätig war: es waren 41 Minuten. Ein verblüffendes Ergebnis. Ich hatte mit erheblich weniger gerechnet. Meine Zeit lag bei einer Stunde und 33 Minuten. Ich weiß, das war Wahnsinn! Meine Mutter hatte mich auch schon gewarnt: „Junge, wenn du im Dienst so weitermachst, fällst du eines Tages tot vom Stuhl.”

Die Tür wurde aufgestoßen. „Die Pfuhl ist jetzt beim Axthammer!” Frau Stöhr keuchte, ihre Neurodermitis am Hals stand in voller Blüte. „Nächste Woche will sie in unserem Sachgebiet Teams einführen, hat Herr Brettler erzählt.”

Goller versuchte einen Angstfurz zu vertuschen, indem er grundlos in ein Taschentuch schnaubte.

Wenn Brettler es sagte, musste es stimmen. Brettler, der Personalratsvorsitzende, sorgte schon dafür, dass auch der verpeilteste Willi mit vertraulichen Informationen versorgt wurde.

2. Teamfürst

Goller war den ganzen Tag schon so unruhig. Hatte immer nur Akten umsortiert und war damit beschäftigt, seine Büroutensilien auf dem Schreibtisch im rechten Winkel zur Tischplatte auszurichten. Wenn er zur Toilette ging, machte ich mir einen Spaß daraus und brachte irgendetwas durcheinander. Aber unbewusst bemerkte und korrigierte er es danach sofort.

Kurz vor der Mittagspause schaute er mich plötzlich mit einem merkwürdig glasigen Blick an, beugte sich über den Schreibtisch und sagte so leise, dass ich ihn kaum verstehen konnte: „Ich bin heute mit ihr Fahrstuhl gefahren.”

Er nannte nie ihren Namen. Seit Tagen ging das schon so. Völlig aus dem Zusammenhang gerissen, sprach er von ihr: „Beim letzten Amt hat sie als erstes 24 Leute umgesetzt.” Oder: „Giesi Heine hat erzählt, die prüft, wie sich leistungsgerechte Bezahlung umsetzen lässt. Nach dem Grundsatz, wer nicht spurt, bekommt Abzüge.”

Goller sah nicht gesund aus. „Goller, was ist mit dir? Soll ich Gerda anrufen, dass sie dich abholt?”

Goller reagierte nicht. „Hartmut, die kam vorhin aus der Telefonzentrale, hatte die Telefonlisten über Privatgespräche und dienstliche Telefonate unterm Arm.” Seine Stimme versagte.

Mein Puls beschleunigte sich. Gerade letzten Monat hatte ich bestimmt vier Stunden mit Britta telefoniert, ohne die „3” für Privatgespräche vorweg zu wählen. Mama hatte ich auch dauernd zurückrufen müssen, weil sie sich wegen Papa und seiner Sauferei ausheulen wollte.

Mein Telefon klingelte: Axthammers Nummer! „Schminke, sofort in mein Büro!”

„Was, wieso?”, stotterte ich.

„Dienstliche Unterredung.”

Meine Hände zitterten. Konnte es sein, dass sie die Telefonlisten schon ausgewertet hatte und sie dem „Kopf” vorgelegt hatte? Regierungsdirektor Niemeier, der Finanzamtsvorsteher, wurdewegen seines abnorm großen quadratischen Schädels, der im Alter immer noch zu wachsen schien, von allen Bediensteten nur „Der Kopf” genannt.

Um mir Mut zusprechen zu lassen, rief ich Britta an: „Axthammer will mich wieder fertig machen!”, jammerte ich. Doch Britta war selbst schlecht drauf. Die fünfjährigen Zwillinge hatten gerade ihren Barbiepuppen die Haare geschnitten, sie im Waschbecken hinuntergespült und dadurch das Waschbecken verstopft.

„Stell dich nicht so an”, zickte Britta, „wirst schon überleben.” Aber das Weib war mit mir noch nicht fertig: „Und Hartmut!” – wenn Britta „und Hartmut!” sagte, wusste ich, dass ich den Zeitpunkt verpasst hatte, rechtzeitig aufzulegen.

„Du kannst ja wohl selbst mal auf die Idee kommen, deiner Mutter was zu Weihnachten zu besorgen! – Hartmut? Hörst du mir überhaupt zu?” – Ich würde ihr später erzählen, die empfindliche Telefonanlage im Finanzamt hätte wieder mal gesponnen.

Herr Axthammer saß angespannt vor seinem PC. Schweißflecken zeichneten sich unter den Achseln seines rosafarbenen Hemdes ab – dabei war es erst 09:30 Uhr. Unaufgefordert nahm ich vor seinem Schreibtisch Platz. Mit leicht nach vorn gebeugtem Kopf starrte er auf den Bildschirm, knabberte geistesabwesend an seinem Mittelfinger und murmelte: „Was soll’s, jetzt ist es eh zu spät.”

Erst jetzt bemerkte er mich und wandte sich ruckartig von seinem Bildschirm ab. Seinen Blick konnte ich nicht einordnen. Bei ihm wusste ich nie, was kam. „Herr Schminke, nun zu uns.” Er griff nach einer roten Umlaufmappe und klappte sie langsam auf. „Seit wann sind Sie Steuerhauptsekretär?”

Was sollte das jetzt? Eine ganz neue Taktik, um mich klein zu kriegen? Oder … – für den Bruchteil einer Sekunde schöpfte ich Hoffnung. Sollte ich es doch einmal erleben …? Seit Jahren rauschten alle an mir vorbei. Selbst der blöde Meyer war letzte Woche vor mir befördert worden.

Axthammer war aufgestanden und zum Fenster gegangen. „Herr Schminke, bestimmt ist es schon zu Ihnen vorgedrungen, dass ab April Frau Pfuhl unser Sachgebiet auf Teamarbeit umstellen wird.”

Also war es doch wahr, was Frau Stöhr gestern beim Frühstück mit vorgehaltener Hand erzählt hatte: „Die wollen, dass wir uns gegenseitig zerfleischen. Ein Team gegen das andere. Und sie brauchen nur zuzuschauen! Guck dir die Pfuhl an: Tut ganz unschuldig, aber in Wirklichkeit ist sie ’ne schwarze Mamba.”

Die Bürotür wurde energisch geöffnet. Herr Axthammer zuckte kurz zusammen und eilte untergeben auf Frau Pfuhl zu.

„Frau Pfuhl, ich habe bereits alles mit Herrn Schminke besprochen.”

„Das passt gut, ich habe nämlich in fünf Minuten schon die nächste Dienstbesprechung mit den Sachgebietsleitern der Betriebsprüfung.”

Frau Pfuhl gab mir die Hand. Fester Händedruck, fast wie bei Britta. Aber Britta war ja auch Fitnesstrainerin. Ein bisschen viel Schwarz hatte sie an. Am Auffälligsten waren ihre schwarzen, glänzenden Stiefel. Jetzt wusste ich, warum Frau Stöhr immer was von ‚schwarzer Mamba‘ gefaselt hatte.

„…Sie sind natürlich am Anfang nur MdWdGb.”

„Was bitte?” Konzentrier dich, Hartmut! Aus dem Fenster gucken kannst du immer noch den ganzen Tag. Fragend starrte ich Frau Pfuhl an.

Mit arrogantem Lächeln erklärte Axthammer schulmeisterhaft: „‚MdWdGb‘ – Mit der Wahrung der Geschäfte betraut – das müssten Sie aber wissen, Schminke, steht in jedem Geschäftsverteilungsplan.”

Der Geschäftsverteilungsplan war das Verzeichnis der einzelnen Schlafplätze im Finanzamt. Noch immer hatte ich nichts begriffen.

„Sie übernehmen zunächst die Vertretung für Herrn Döpke, bis seine Elternzeit vorbei ist”, ließ sich Frau Pfuhl zu einer Erklärung herab. „Außerdem wollen wir natürlich sehen, ob Sie als Team­leiter geeignet sind.” Ihre Miene nahm einen autoritären Zug an: „Herr Axthammer, haben Sie mit Herrn Schminke schon eine Zielvereinbarung abgeschlossen?”

„Das werden wir selbstverständlich noch tun”, beeilte sich Herr Axthammer zu sagen.

Auch am Rücken seines Hemdes: alles feucht.

Keine Verabschiedung, weg war sie. Herr Axthammer wirkte noch immer angespannt: „Schminke, mal unter uns, nur damit Sie wissen, wo Sie dran sind: Von mir ist der Vorschlag nicht gekommen, Sie zum Teamleiter zu ernennen – MdWdGb – versteht sich. Eigentlich wäre Ihnen ja Meurer vorgegangen, aber der Junge verbaut sich ja alles durch seine Sauferei.”

War mir egal, was Axthammer dachte. Auf dem Weg in mein Büro war mir danach „Freude schöner Götterfunken” zu summen.

3. Aktion Bockwurst

„Was war letzten Monat mit Ihnen los, Frau Stöhr? Wieder nur im Schnitt drei Fälle pro Tag!” Die Frage kam ärgerlicher raus, als ich es gewollt hatte. Wenn ich sie nicht gleich in Ruhe ließ, würde sie bestimmt wieder losflennen. Guckte schon so komisch auf ihre Fußspitzen.

„Olga hatte Durchfall. Da macht man sich halt Sorgen.”

Jetzt wurde ich sauer: „Frau Stöhr, auch wenn Ihre Siamkatze Durchfall hat: Team 3 erwartet von Ihnen nächsten Monat fünf Fälle am Tag. Ist das klar?”

Herr Goller sah Frau Stöhr entschuldigend an: „Hartmut, fünf Fälle ist ganz schön happig. Wie soll man das schaffen?”

„Das sagt der Richtige!” Mit dem Kuli tippte ich auf Gollers Namen. Alle Teammitglieder schauten angespannt auf die vor ihrer Nase aufgebaute Flipchart mit der monatlichen Rangliste.

„Goller, wieder mal die rote Laterne, nur 55 Fälle im Monat – das sind 2,5 am Tag! Und dabei sage und schreibe zwölf Einsprüche produziert. Das muss dir mal einer nachmachen!”

„Ich hatte letzten Monat dreimal Teamtelefon”, versuchte Goller sich zu rechtfertigen.

„Haben andere Kollegen auch und schaffen trotzdem ihre Arbeit”, zischte Meurer.

Lorenz, der Finanzanwärter, grinste schadenfroh. Goller lief rot an und duckte sich hinter Pitti Platsch. Tabea Pinne wurde von allen nur Pitti Platsch genannt. Passte auch viel besser zu ihrem Mickey-Mouse-Stimmchen und ihrer moppeligen Figur.

Noch war ich mit Goller nicht fertig. „Goller, einfach mal Haken dran und weg! Fahrten zwischen Wohnung und Arbeitsstätte werden ab sofort nicht mehr mit dem Routenplaner abgecheckt. Ist das klar geworden?”

Nur Meurer nickte – es kam selten vor, dass er mir Recht gab. Meurer musste ich besonders im Auge behalten. Ständig zog er meine Anweisungen in den Teambesprechungen ins Lächerliche.Wahrscheinlich war er nur froh, dass Goller heute im Fokus stand. Seiner roten Birne nach zu urteilen, hatte er sein Blut bestimmt schon wieder zur Hälfte mit Mariacron verdünnt. Kaute ständig Kaugummi – als wenn er damit seine Fahne vertuschen wollte. Andererseits schaffte der Junge was weg, da konnte ich nicht meckern. Hauptsache seine Leber hielt noch ein paar Jahre durch und er wurde wegen seines Alkoholproblems nicht von ganz oben aus meinem Team entsorgt. Norbert Büschel, Teamfürst von Team 1, hatte seine Chance gewittert und letzten Monat Herrn Gümmersbach vom Präventionsrat eingeschaltet. Hinter meinem Rücken hatten sie Meurer bedrängt, sechs Wochen Kur einzureichen. Umstellung auf Jever alkoholfrei.

Aber da war ich gerade noch rechtzeitig dazwischen gegangen. Sechs Wochen Kur – das wäre das Ende von Team 3 gewesen. Büschel hatte sich schwarz geärgert.

Mit Frau Stöhr war ich auch noch nicht fertig: „Und Frau Stöhr, nicht ständig mit Frau Nullmeier aus Team 2 den Wohnweltkatalog durchstöbern. Kein Wunder, dass Ihre Schlagzahl nicht stimmt.”

Jetzt war ich zu weit gegangen. Erst zuckten ihre Mundwinkel, dann wurden ihre Augen feucht. Sie heulte von einer auf die andere Sekunde los: „Ich kann nicht mehr. Ich seh nur noch einen großen Berg!”

Die Männer sahen betreten zu Boden. Betroffen nahm Pitti Platsch Frau Stöhr in ihre dicken, weichen Arme: „Angie, was hast du denn? Ist doch alles nicht so schlimm.”

„Doch! Alles ist schlimm! Und es wird immer noch schlimmer”, schluchzte Frau Stöhr.

„Aber Frau Stöhr, wir sind doch ein Team!”, versuchte ich sie zu beruhigen.

Wieder brüllte sie los: „Nächste Woche ist Heiligabend, und …”

Pitti Platsch streichelte ihren Arm. „Und was? Du kannst es uns ruhig erzählen.”

Frau Stöhr nahm dankbar das ihr angebotene Taschentuch undsagte stockend: „Nun – ich hab’ doch erst drei Geschenke; und ich weiß nicht, ob ich es schaffe, noch die restlichen zu besorgen. Bei dem Stress habe ich einfach nicht den Kopf frei.” Erneuter Heulkrampf. Pitti Platsch nickte verständnisvoll. Sie setzte sich aufrecht hin und sah mich mit ihrer Pottschnitt-Dauerwelle pampig an: „Herr Schminke, so geht das nicht weiter! Wir müssen in unserem Team mal was machen – ’ne richtige Aktion meine ich.”

Alle nickten.

Die Kollegen hatten Recht. Die Luft war einfach raus. Mir kam eine Idee: „Ich könnte uns zu einer Einkommensteuer-Fachtagung anmelden. Jetzt wird gerade von der Oberfinanzdirektion ‚Neues vom Sonderausgabenabzug‘ angeboten.”

Entsetzt starrte mich Goller an. Pitti Platsch schüttelte energisch den Kopf: „Wir könnten doch mittags mal ’ne schöne Bockwurst essen. Ich könnte den Einkocher von Oma mitbringen.”

Alle waren begeistert! „Aktion Bockwurst” wurde einstimmig beschlossen und sollte am 23.12. stattfinden.

Vielleicht war ich wirklich ein bisschen übers Ziel hinausgeschossen. „Ich bezahle Senf und Ketchup”, bot ich mich großzügig an, „Herr Meurer, Sie sind für den Einkauf zuständig. Lorenz fragt ab, wie viele Würste jeder essen möchte und Tina kümmert sich darum, die Würstchen heiß zu machen.” Tina rümpfte die Nase: „Die Dinger fasse ich nicht an! Ich hole mir lieber einen Salat von Mc Donald’s.”

Das fing ja gut an! Ich wollte schon auf Tina losgehen, aber Goller kam mir zuvor: „Ist schon okay, Hartmut. Ich kümmere mich um die Bockwürste. Hab zwar so was noch nie gemacht, aber wozu gibt’s denn Chefkoch.de.”

Uns blieb nur noch etwa eine Woche. Ich ahnte, dass wir als Team an unsere Grenzen stoßen würden.

Meurer kam am Mittwoch aufgeregt in mein Büro und beschwerte sich über Lorenz: „Hartmut, glaubst du es denn, der Bengel hat mir immer noch nicht durchgegeben, wie viele Bockwürste ich besor­gen soll! Diese Handy-Generation kriegt nichts mehr gebacken.” Meurer hatte Recht. Na, der konnte was erleben!

Geladen öffnete ich die Tür zum Anwärterbüro. Lorenz saß auf der Fensterbank und löffelte in aller Seelenruhe einen Joghurt. Sein Schreibtisch war blank. Nichts! Nicht mal ein aufgeschlagenes Steuergesetz lag dort. Drei Jahre Ausbildung – und was kam dabei heraus? Wir hatten früher immer zur Tarnung die Eingeweide einer Steuererklärung auf dem Schreibtisch liegen. War Pflicht. Lernte man in der ersten Woche. Da konnte selbst der Vorsteher jederzeit unangekündigt ins Büro schneien.

„Sag mal, Junge”, fuhr ich ihn an, „das sind ja schöne Sachen, die ich da von dir höre!” Lorenz glotzte mich gleichmütig an und leckte genüsslich den Löffel ab. Frechheit!

„Herr Meurer hat mir gerade erzählt, dass du bei ihm noch nicht die Bestell-Liste für die Bockwürste abgeben hast”, blaffte ich.

„’Tschuldigung, Herr Schminke, aber die Kollegen können sich nicht entscheiden. Frau Stöhr hat von Frau Nullmeier gehört, die Grobe ist zu grob. Da ist sie jetzt unsicher geworden. Und Pitti Platsch weiß nicht, ob sie eine mit Kräutern oder eine ohne alles nehmen soll.”

„Wir nehmen ohne alles und für alle das Gleiche”, entschied ich und trieb damit das Projekt entscheidend voran.

Mittwoch, 23.12. Ich traf Meurer in der Teeküche. „Hartmut, stell dir vor: Goller will die Würste schon eine Stunde vorher in den Einkocher legen! Er meint, sie werden sonst nicht heiß. Aber da mache ich nicht mit!”

Die Tür flog auf. Goller kam aufgebracht mit einer weißen Plastiktüte herein, durch die sich die Bockwürste abzeichneten.

„Hartmut, misch dich ja nicht ein, sonst spül ich die Dinger eigenhändig in der Toilette runter!”

Da gehörte schon was dazu, wenn Goller sich so aufregte. Selbst als seine Gerda zwei Wochen zu ihrer Mutter abgehauen war, hatte er sich nichts anmerken lassen.

Nach einer halben Stunde war es mir gelungen, einen Kompromiss auszuhandeln: Meurer sollte seine Wurst in den letzten neun Minuten in den Topf legen. „Und wie wollen Sie Ihre Wurst im Auge behalten?”, fragte Goller Herrn Meurer skeptisch. „Kein Problem”, meinte Meurer, „ich bringe hinten am Zippel eine Büroklammer an.”

Konnte ich mir zwar nicht vorstellen, dass das klappen sollte, aber egal. War jetzt sein Problem.

Um 12:30 Uhr sollte gegessen werden. Bereits eine Stunde vorher saßen alle um den Einkocher herum, ein monströses Teil, fast so groß wie eine Gulaschkanone. Gespannt verfolgten wir, wie Goller Wurst für Wurst vorsichtig ins Wasser ließ. Er ging dabei so bedächtig vor, als handelte es sich um Neutronenbomben. Meurer saß vor seiner präparierten Bockwurst und prüfte den Sitz der Büroklammer. Gebannt schaute er auf die Uhr. Um Punkt 12:21 Uhr ließ er seine Bockwurst eigenhändig zu Wasser. Goller grunzte verächtlich.

12:30 Uhr. Meurers Funkuhr piepte dreimal. Sofort sprang er auf, stellte sich neben den Topf und stierte hinein, als sei gerade ein Nichtschwimmer hineingesprungen. Auffordernd schaute er Goller an: „Nehmen Sie jetzt die Würste aus dem Topf!” Goller blieb sitzen. „Noch zwei Minuten.”

Jetzt zitterte Meurers Stimme: „Herr Goller, geben Sie mir jetzt meine Wurst!” Alle hielten die Luft an. Goller blickte immer noch trotzig in den Topf. Der Knabe konnte verdammt bockig sein.

War es meine Aufgabe als Teamfürst einzugreifen? Zum ersten Mal hatte ich Mitleid mit Axthammer, der täglich genötigt war, Personalentscheidungen zu treffen. Von mir hing jetzt alles ab. Beschwörend sagte ich: „Goller, gib Meurer sofort seine Bockwurst.”

Er rührte sich immer noch nicht. Dann – unendlich langsam und so, als wolle er es sich noch einmal anders überlegen – griff Goller mit der Zange in den Topf und angelte nach der Wurst mit der Büroklammer. Dann die Katastrophe! Noch über dem Topf glittihm die Bockwurst aus der Zange und flutschte wie ein Goldfisch zurück ins Wasser.

Alle waren aufgesprungen und starrten ins heiße Wasser, in dem sich ein gutes Dutzend Brühwürste tummelte. Auf dem Grund des Topfes schwamm die Büroklammer.

„Goller, jetzt tun Sie doch endlich was, Sie Nulpe!”, schrie Meurer Goller an.

„Da!”, Meurer deutete auf eine Bockwurst, die auf dem Grund des Einkochers schwamm.

„Nee, nee, die ist das nicht.” Goller in seiner drögen Art machte keine Anstalten nach der Wurst zu angeln.

„Doch! Ganz bestimmt. Meine Wurst hatte in der Mitte Pigmentstörungen.” Goller rührte mit der Zange im Wasser herum. „Da oben!” Lorenz deutete belustigt auf eine Wurst, die gerade Auftrieb bekommen hatte: „Voilá! Die Wurst mit den Pigmentstörungen.”

„Goller, Zugriff”, schrie ich ihn an. Jetzt hatte er sie, hielt sie triumphierend über unsere Köpfe und legte sie auf einen Pappteller. Meurer nahm die Wurst in die Hand. Alle starrten ihn an. Er biss in die Wurst. Sie knackte nicht. Meurer nickte zufrieden und log: „Genau richtig.”

Kurz vor 17:00 Uhr war endlich alles wieder aufgeräumt. Nun konnte es weihnachtlich werden. In meinem Büro zündete ich eine Kerze an, hörte Radio und packte meine Aktentasche. Der Wiener Knabenchor sang gerade: „Oh du Fröhliche”. Feierlich stimmte ich in den Refrain ein: „Freue dich, oh Christenheit.” – ‚Aktion Bockwurst‘ war ein voller Erfolg!

Jetzt noch schnell den Computer herunterfahren. Vorher ein schneller Blick in die Monatsstatistik – was war denn das? Bearbeitungsstand der erledigten Steuererklärungen am 23.12.: 75,3 Prozent. Das konnte nicht sein! Alle übrigen Teams hatten ein besseres Ergebnis. Selbst Team 1 hatte es auf 83,5 Prozent gebracht! Und die hatten wirklich die letzten Schnecken an Bord. Musstensogar Herrn Wellhausen mit durchziehen, der montags und freitags immer krank machte.

Wie konnte das passieren? Hektisch sah ich bei Goller nach. Gerade mal acht Fälle hatte er in den letzten zwei Wochen erledigt. Der Einlauf neulich hatte überhaupt nichts gebracht. Goller hatte stundenlang im Internet gesurft, um auch ja alles richtig zu machen. Mit Johann Lafer persönlich hätte er telefoniert, um noch einen Tipp für die perfekte Bockwurst zu bekommen, hat er irgendwann in der Kaffeerunde stolz erzählt.

Meurer, die Rakete, hatte auch nur 14 Fälle abgegeben. Kein Wunder, wenn man von sieben Schlachtern Vergleichsangebote einholt und alle Betriebsprüfungsakten von geprüften Imbissbuden nach Wiegeprotokollen durchsucht. Die dicksten Bockwürste verkaufte sowieso meine Frau Britta in unserem Imbiss. Hätte ich ihm gleich sagen können.

Es gab nur noch eine Möglichkeit die Statistik zu retten: Aus dem Auto holte ich zwei Faltboxen und packte sie randvoll mit unbearbeiteten Steuererklärungen. Über Weihnachten würde ich sie zu Hause eingabegerecht vorbereiten und am 30.12. kurz vor Statistikschluss im Amt in den PC hacken. Noch gab ich mich nicht geschlagen.

4. Weihnachten bei Familie Schminke

Heiligabend, 07:14 Uhr. Ich war in Topform, hatte bereits elf Steuererklärungen bearbeitet. Die Faltboxen wurden trotzdem kaum leerer. Für jeden Steuerpflichtigen hatte ich mir ein kleines Weihnachtsgeschenk überlegt: Lehrer bekamen ihre Arbeitszimmer anerkannt, auch wenn sie mit Whirlpool ausgestattet waren, und einem Klempner gestattete ich den Roman Feuchtgebiete als Fachliteratur abzusetzen. Dazu gesellten sich großzügige Zahlendreher und imaginäre Pauschalen. Ein Rentner hatte der Steuererklärung eine Weihnachtskarte beigefügt und darauf vermerkt: „Sehr geehrtes Finanzamt! Tut mir leid, wenn ich nicht alles richtig eingetragen habe. Ich weiß leider nicht, wo was reinkommt.” – Ein klarer Fall von Hilflos im Sinne des § 33b Absatz 6 Einkommensteuergesetz. In Zeile 33 ein Kreuz und der Herr Büttner konnte sich zusätzlich zum Schwerbehinderten-Pauschbetrag auf einen Weihnachtsbonus von 3.700 Euro freuen.

Ganz uneigennützig waren meine Weihnachtsgeschenke allerdings nicht. Ich wollte vermeiden, dass es nach Weihnachten Einsprüche regnete, die unser Team völlig lahm legten.

Die Zwillinge waren auch schon seit 06:30 Uhr auf. Sie fegten über den Flur und waren jetzt schon völlig durch den Wind. Mit roten Wangen sangen sie „Leise rieselt der Schnee”. Draußen hatten wir 12 Grad mit leichtem Nieselregen – also typisches Heiligabend-Wetter.

Britta verbreitete Hektik. „Hartmut, ich sauge und wische jetzt noch die Wohnung und dann stellst du den Baum auf”, befahl sie, und schon hatte ich den Staubsauger zwischen meinen Füßen.

Um 12:00 Uhr klingelte es. Papa stand mit dem Vogel vor der Tür. Papa hatte mir noch gefehlt! Eigentlich war ich gerade so schön im Fluss.

Noch völlig außer Atem setzte er die schwere Wanne vor mir ab. „Hier guck mal, Hartmut!” Er zog das Handtuch von der Wanneund zeigte mir stolz seinen Gänsebraten. „Echt Öko! 90 Euro wollte der olle Flachsbart dafür haben – Wucher!”

Bei dem Anblick der frisch aufgetauten goldgelben Gans mit den dicken Keulen lief mir schon das Wasser im Mund zusammen. Seit unserer Hochzeit war es Tradition, dass Papa die Weihnachtsgans bei uns zubereitete – für Papa das größte Weihnachtsgeschenk. Mama wollte den tagelangen Gestank nicht in ihrer Wohnung haben.

Papa legte sich Einmalhandschuhe an und breitete auf der Anrichte chirurgisches Werkzeug aus. Spätestens wenn er seine grüne Schürze anlegte, strahlte er eine Fachkompetenz aus, dass man ihm die Durchführung einer spektakuläre Gehirntransplantation zutraute. Während Britta um ihn herumwischte, setzte er die letzte Spritze unter die Haut und dozierte: „Britta, wusstest du, dass der Ananassaft die molekulare Struktur vom Eiweiß im Muskel zerstört und das Fleisch dadurch besonders zart wird?” Noch hatte Papa wenig getrunken und brachte so einen komplizierten Satz fließend über die Lippen. Britta hatte im Moment keinen Sinn für die molekulare Zerstörung von Eiweißstrukturen und trieb Papa an: „Kalle, jetzt schick endlich den Vogel auf seine letzte Reise, sonst müssen wir Heiligabend ohne ihn feiern.”

Wieder bekam ich einen Einlauf: „Hartmut, jetzt reicht’s! Leg endlich die Steuererklärungen zur Seite. Du musst dringend den Baum aufstellen!”

Widerstrebend packte ich die noch nicht bearbeiteten Steuererklärungen in die Box zurück und trollte mich auf den Balkon, um den Tannenbaum ins Wohnzimmer zu schleppen – die Zwillinge „Alle Jahre wieder” singend hinterher.

Was hatte Britta sich denn da für einen Strunk andrehen lassen? Ein erbärmliches grünes Gerippe wurde von einem Plastiknetz notdürftig zusammengehalten. Braune Nadeln rieselten heraus, wenn man den Baum nur schief ansah. Das Schlimmste aber war der Fuß: krumm wie ein Regenschirm.

Auf dem Weg vom Balkon ins Wohnzimmer hinterließen das Gerippe und ich eine Spur brauner Nadeln und kleiner Käfer, die schnell hinter die Fußleiste huschten. Lucy schnitt mit einer Schere das Plastiknetz auf: „Papa, warum hat denn der Baum so wenig Nadeln?”

„Lucy, die Tannenbäume haben heute nicht mehr so viele Nadeln – liegt am Waldsterben.”

„Ist der Baum auch schon tot?”, fragte Luisa mich mit besorgtem Blick.

Mir war jetzt nicht danach, philosophische Kinderfragen zu beantworten. „Nein, der wird jetzt von euch ganz toll geschmückt und dann geht es ihm wieder gut”, lautete meine pädagogisch inkorrekte Antwort.

Ich versuchte, den Baum mit Gewalt in den Tannenbaumständer zu zwängen, aber sein Fuß war einfach zu krumm. Als er endlich in der Halterung steckte, schwebte der Baum in einem 60 Grad-Winkel.

Der Baum hatte sich noch nicht ganz entschieden, ob er stehen bleiben wollte, da hing bereits die erste Glaskugel, ein mundgeblasenes Einzelstück für 34 Euro.

„Lucy, warte noch!” Keine zehn Sekunden später – süßer die Glocken nie klingen! Die Scherben lagen sogar in der Yuccapalme.

Britta rief vom Flur aus: „Na, Harti, alles okay? Ich geh mal eben rüber zu LiDL.”

„Ja, lass dir Zeit”, flötete ich in Richtung Flur. Wenigstens war Britta aus der Schusslinie. Aber da kam Papa und latschte wie blind durch Nadeln und Scherben in Richtung Backofen. Er riss die Backofentür auf und schwärmte: „Mein Gott, wird die Haut heute wieder knusprig!”

Es half nichts: Wollte ich den Baum nicht in der Horizontalen schmücken, musste ich den Fuß der Tanne radikal kürzen. Im Keller fand ich den elektrischen Fuchsschwanz aus dem Nachlass von Onkel Lothar. Das Ding war mir nicht ganz geheuer. Noch waren alle Finger dran – bei meinem Talent wahrscheinlich eine Fragevon Minuten. Ich rief nach Papa, aber Papa klebte am Fernseher: Richterin Barbara Salesch. Ich schickte Luisa vor: „Luisa, geh doch mal zum Opa. Der Opa soll ganz schnell kommen.”

Nur widerwillig und mit ständigen Blicken zum Bildschirm ließ sich Papa von Luisa abführen.

„Beeil dich, Hartmut, ich muss mich noch um die Gans kümmern! Wie viel soll denn ab?”

„Zehn Zentimeter müssten reichen.”

Papa schmiss die Höllensäge an. Noch bevor ich „Halt” schreien konnte, hatte er bereits die Spitze um 20 Zentimeter gekürzt.

Luisa plärrte los und hielt mir heulend die kahle Spitze vor die Nase: „Wieder ankleben!”, schluchzte sie. Lucy stimmte solidarisch in ihr Geheule ein.

Papa hatte mit der Säge schon wieder Gas gegeben und malträtierte nun den Fuß des Baumes. Langsam kamen mir Bedenken. Vier Bier hatte Papa schon getrunken – vielleicht war es doch besser, die Aktion abzublasen.

„Papa!” Papa hörte nichts.

Die Sägespäne stoben nach allen Seiten, hingen in der Gardine, im Obstkorb und zwischen Brittas Dekoplunder, der in jeder Ecke herumstand.

„Aufhören, Papa!”, schrie ich.

„Bin gleich durch!”, schrie Papa zurück. Rums! Eine tiefe Schramme war im Parkett.

Papa versuchte sie unsinnigerweise wegzureiben und murmelte: „Ach, das kriegt man schon wieder weg.” Dann stürmte er Richtung Backofen: „Muss nur mal eben die Haut pflegen. Mein Gott, wird die Haut wieder … Scheiße!” Er hatte die Fettpfanne mit zu viel Schwung aus dem Backofen gezogen. Plötzlich war sie aus der Führung geraten und landete auf dem Fußboden. Die Sägespäne saugten sich voll Fett und wurden unter den Esstisch geschwemmt.

In dem Moment hörte ich den Schlüssel im Haustürschloss – Britta. „Bin wieder da!” Schon stand sie in der Tür. Auch Lucy undLuisa hatten mit ihren fünf Jahren die Lage bereits begriffen und heulten wie die Sirenen los. Britta zitterte, war bleich vor Zorn. „Raus!”, sagte sie leise.

Wir mussten die Treppe nehmen, weil der Fahrstuhl mal wieder ausgefallen war. In jeder Etage hörte man kreischende Kinder und meckernde Frauen. Und immer wieder aus dem Radio „Oh du Fröhliche”. Aus Kochs Wohnung drang eine schrille Frauenstimme: „Wenn der Backofen nicht in einer Stunde wieder läuft … Weihnachten ohne mich!”

Dann standen wir an der frischen Luft.

„Ist Britta immer so schnell auf 180?” – Papa war wirklich so verpeilt, wie Mama es immer beklagte.

Schweigend gingen wir eine Weile nebeneinander her. Der Regen war stärker geworden.

„Und was machen wir jetzt mit dem angebrochenen Tag?”

„Wenn deine Mutter mich Heiligabend rausgeschmissen hat, bin ich immer zum ‚Lustigen Johannes‘ gegangen – zum Leberzirrhose-Stammtisch.”

„Dann gehen wir da jetzt auch hin.”

Papa schien allen bekannt zu sein. Der lustige Johannes brachte sofort für jeden ein Helles und einen Korn und klopfte Papa aufmunternd auf die Schulter: „Kalle, Heiligabend geht auch mal vorbei.”

Dann musste ich mir eine Stunde lang Papas Finanzamtsgeschichten anhören: Von den Lochkarten in der Finanzkasse, von Regierungsdirekter Bölke, der um 07:30 Uhr jeden Bediensteten, der sich verspätet hatte, per Handschlag an der Eingangstür begrüßte. Immer wieder die gleiche Story: „Junge, einmal in der Woche sind wir mit ’nem Benzinkanister in die Garage zu unserem Dienstwagen gegangen. Die Anwärter mussten immer mit dem Mund den Sprit ansaugen und jeder bekam zwei Liter.” Papa hatte Tränen in den Augen vor Lachen.

Plötzlich sah er auf die Uhr und fuhr nervös mit der Hand über seine sorgsam quer über die Glatze gekämmten Haarsträhnen:”Hartmut, wir müssen nach Hause. Die Gans ist noch im Ofen!”

Wie durch ein Wunder hatte sich Britta beruhigt und war dabei, mit den Mädchen den Baum zu schmücken. Papa wollte schon mit Schuhen zum Backofen stürmen, doch Britta hielt ihn resolut zurück: „Kalle, Hartmut: erst Schuhe ausziehen!”

„Die Gans, die Gans!”, jammerte Papa. Panisch zerrte er an seinen Schuhen, die Socken blieben stecken, aber egal. Er wetzte Richtung Küche, riss den Backofen auf und starrte auf den Gänsebraten – und dann lächelte er glücklich: „Mein Gott, ist die Haut dieses Jahr knusprig!”

Schließlich kam Mama mit dem Christstollen und der Schwarzwälder Kirschtorte. Der Tölzer Knabenchor sang „Es ist ein Ros entsprungen” und die Zwillinge standen hinter der Gardine und warteten auf den Weihnachtsmann.

Es klingelte. Endlich mal ein pünktlicher Weihnachtsmann! Erwartungsvoll öffnete ich die Haustür, die Mädchen in einem Sicherheitsabstand hinter mir. Kein Mann mit rotem Kittel und Rauschebart, sondern Herr Speer, der Vorsitzende der Eigentümerversammlung.

„Entschuldigen Sie, dass ich Sie störe, Herr Schminke, aber es ist wirklich dringend: Wir müssen leider eine außerordentliche Eigentümerversammlung einberufen. Übermorgen um 19:00 Uhr in unserer Wohnung.”

„Übermorgen?” Ungläubig starrte ich ihn an. „Übermorgen ist der zweite Weihnachtstag.”

Herr Speer zuckte nur mit den Achseln. „Ich weiß. Der Termin ist etwas unglücklich, aber es ist wirklich dringend!”

Schon war er einen Treppenabsatz tiefer bei Familie Koch.

Wir hatten die Nachricht noch nicht verarbeitet, da klingelte es erneut. „Jetzt! Jetzt ist er da!”, rief Luisa aufgeregt und sprang im Flur umher.

Frau Koch stand zitternd vor mir, war vollkommen aufgelöst: „Haben Sie schon gehört, wir sind pleite!”

„Kommen Sie doch herein.” Britta schob Frau Koch in unseren Flur. Betroffen blickte ich sie an. Sie hatte geheult. Ihr schwarzer Kajal war an ihren Krähenfüßen heruntergelaufen.

So lange war es auch noch nicht her gewesen, dass die Bank uns die Versteigerung der Eigentumswohnung angedroht hatte. Nur meine geniale Idee, einen Imbiss auf Brittas Namen zu eröffnen, hatte uns vor dem Ruin gerettet.

„Eine Privatinsolvenz kann auch ein neuer Anfang sein”, versuchte ich Frau Koch zu trösten.

Frau Koch sah mich entrüstet an: „Aber Herr Schminke, was denken Sie eigentlich von uns! Nicht wir sind pleite, sondern die Eigentümergemeinschaft! Wir alle sind pleite! Weiß ich von Herrn Higgins. Soll was ganz Schlimmes passiert sein.”

Britta und ich schauten uns erschrocken an.

„Was ist denn passiert?”, fragte Britta besorgt.

„Wenn ich das wüsste! Aus dem Speer ist nichts rauszukriegen. Er will uns erst am zweiten Weihnachtstag genauer informieren.”

Und endlich kam dann doch noch der Weihnachtsmann. Er brachte die beiden Dackel mit der Zwei-Kanal-Funkfernsteuerung, die wir ihm tags zuvor in seinem Lager neben dem Reifencenter vorbeigebracht hatten. Mit ruckartigen Bewegungen stapften die Hunde um den Tannenbaum und krächzten mechanisch: „Füttere mich, sonst beiß ich dich.”

Papa knabberte selig das Gerippe des Gänsebratens ab und strahlte: „Mein Gott, ist die Haut dieses Jahr wieder knusprig.”

5. Krisensitzung

Wir feierten den zweiten Weihnachtstag. Speers Wohnung platzte fast aus allen Nähten. Sonst hatten wir immer den Konferenzsaal im Kreisverwaltungsamt für Eigentümerversammlungen angemietet. Aber heute war ja Feiertag. So hatten Speers ihre Wohnung zur Verfügung gestellt. Immer noch drängten sich die Eigentümer in die Wohnung. Auch die letzten Schnarchsäcke, die sich sonst nie blicken ließen, hatte Herr Speer aufgeschreckt. Wer nicht mehr ins Wohnzimmer passte, konnte durch ausgeteilte Babyphone das Geschehen im Wohnzimmer mitverfolgen.

Wir saßen in einem Raum, der dazu diente, Bügelwäsche und ausrangierten Wohlstandsmüll aufzubewahren. Heute waren es die Eigentümer, die sich nirgendwo mehr unterbringen ließen. Auf einem klapprigen Kleiderschrank verhüllte eine karierte Wolldecke einen langen, unförmigen Gegenstand. Neugierig zog Britta die Decke ein Stück beiseite: rotblondes Haar kam zum Vorschein. Unglaublich! War es das, was ich vermutete? Ich weiß nicht, ob Britta wirklich so begriffsstutzig war oder was sie sonst getrieben hatte, jedenfalls zog sie noch einmal kräftig an der Decke.

„Britta”, zischte ich, „lass das!” Doch es war schon zu spät. Die schwere Decke verlor an Halt und rutschte herunter. Alle starrten verdutzt auf die nackte Frau auf dem Schrank, die mit ihrem weit geöffnetem Mund und den dunklen Kulleraugen ziemlich belämmert aussah.

Ein junger Mann, Typ Seebär, mit Bauch und Vollbart, fing dröhnend an zu lachen und prustete: „Wusst ich gar nicht, dass Speers hier zu dritt wohnen.”

Frau Tunte-Grieshalm schüttelte tadelnd den Kopf und versuchte die Brüste der Schrank-Frau mit einem Oberhemd aus der Bügelwäsche zu bedecken.

„Guck da nicht so hin, Hartmut!”, zischte Britta mir zu und versuchte die Decke wieder über die Gummipuppe zu ziehen. Endlich guckte nur noch ein großer Zeh hervor.

Aus dem Schlafzimmer hörten wir wütende Stimmen: „Und in so eine Ruine haben wir unser ganzes Geld gesteckt!”

„Man sollte ihn anzeigen – oder besser gleich lynchen!”

Die Stimmung heizte sich jetzt auch in unserer Abstellkammer auf. Herr Dr. Keuscher, der zwischen mir und einer hölzernen Skulptur eines Deutschen Schäferhundes eingeklemmt war, jammerte: „Vor zwölf Jahren hat sich der Betonsockel geneigt! Wusste ich doch gleich, dass bei der Sanierung gepfuscht wurde. Kostet Hunderttausende, wenn man das vernünftig machen lässt!”

Ich rechnete mit dem Schlimmsten. Jeder suchte Streit. Der über die Weihnachtstage aufgestaute Ärger über die Verwandtschaft und dazu das Völlegefühl von dem fetten Gänsebraten suchten jetzt dringend ein Ventil. Nicht ohne Grund werden an Weihnachten die meisten Verwandten umgebracht.

Alle redeten durcheinander. Auf einmal eine schrille Frauenstimme: „Da kommt das Schwein!”

„Wer?” Von meinem Platz aus sah ich niemanden.

„Kuckuck natürlich”, raunte mir Frau Tunte-Grieshalm zu. Offenbar wusste sie mehr. Ihr süßliches Parfum, ein Lamöff übelster Sorte, nahm mir fast den Atem.

Herr Speer bahnte sich jetzt einen Weg durch den Flur, vorbei an unserer Abstellkammer. Für einen Moment konnte ich sehen, wie er Herrn Kuckuck, den Hausverwalter, durch die Menge schob. Kuckuck wurde im Wohnzimmer vor eine Anrichte gestoßen, die als Pult für den Beirat diente.

Dann begann Herr Speer mit seinen Ausführungen. Mit seinem Gewerkschaftler-Organ konnte er sich auch ohne Babyphone verständlich machen.

„Wie ich Ihnen bereits bei unserer letzten Eigentümerversammlung ausführlich mitgeteilt habe, sind in den nächsten Wochen einige Reparaturarbeiten dringend erforderlich: Das Flachdach in Block B ist undicht und muss komplett saniert werden. Die Heizung wurde vom Schornsteinfeger wegen der schlechten Emissionswerte nicht mehr abgenommen. Außerdem steht der Heizöl­tank auf Reserve. „Na, und?”, wandte Herr Higgins mürrisch ein. „Wozu gibt‘s denn die Instandhaltungsrücklage? Für das, was ich da jeden Monat einzahle, hätte ich mir schon einen richtig dicken Mercedes kaufen können.”

Zustimmendes Gemurmel und Gefluche über die Höhe der Rücklagebeiträge und über den Bezirksschornsteinfeger, diesen Pendanten.

„Da kommen wir langsam zu unserem kleinen Problem, Herr Higgins”, fuhr Herr Speer fort: „Heiligabend habe ich Herrn Kuckuck gebeten, mir einen aktuellen Kontoauszug von unserem Festgeldkonto zu geben. Er hat sich zuerst geweigert. Aber Sie kennen mich ja …” Anerkennendes Gemurmel.

Bewohner, die es wagten, irgendwelche Faxen zu machen, bekamen von Herrn Speer einen Hausbesuch, den sie so schnell nicht wieder vergessen sollten. „Herr Kuckuck, sagen Sie den Damen und Herren doch bitte selbst, was los ist”, beendete Herr Speer seinen Vortrag.

Herr Kuckuck hatte die ganze Zeit zu Boden geblickt. Der kleine Mann mit Habichtsnase und hängenden Augenlidern schluckte und fing an zu stottern: „Das, das … habe ich alles nicht gewollt. Können Sie mir glauben.” Schweigen.

Günther Balzak vom Beirat mischte sich ungeduldig ein: „Um es mal auf den Punkt zu bringen, das Geld ist weg. Futsch! Aus die Maus! Nix mehr da – haben jetzt alle verstanden?”

Ein paar Sekunden Stille. Dann war die Hölle los.

Frau Knarrsack keifte: „Und so was läuft noch frei rum!”

Frau Hopfgartner, die gerade neu gebaut hatte und ihre jetzige Wohnung nächste Woche bei Immobilien-Scout einstellen wollte, schnappte ein paar Mal nach Luft, verdrehte unnatürlich die Augen und wurde in letzter Sekunde von dem Seebären aufgefangen.

„Wir müssen sie auf den Boden legen und ihre Beine hochlegen”, forderte Seebär uns auf. Zu Britta gewandt sagte er mit einem Blick auf den Schrank: „Geben Sie mir mal die Decke da oben.”

Britta zog erneut an der Decke.

„Das geht so nicht!”, schimpfte Frau Grieshalm. Aber Seebär konnte auch anders: „Junge Frau”, fuhr er sie an, „das ist ein Notfall! Angekommen bei Ihnen?”

Frau Hopfgartner kam wieder zu sich und murmelte: „Es geht schon wieder.”

„Liegen bleiben”, befahl der Seebär. Frau Hopfgartner wagte nicht, ihm zu widersprechen.

Aus dem Augenwinkel sah ich an meinem rechten Fuß einen Schatten: eine fette Kreuzspinne. Bestimmt hatte sie unter der Wolldecke Winterschlaf gehalten. Mir kam eine perfide Idee. Mit einem schnellen Griff fing ich die Spinne und setzte sie direkt vor Frau Hopfgartners Nase wieder aus. Frau Hopfgartner starrte die Spinne an. Ein gellender Schrei. So schnell konnten wir gar nicht gucken, wie Frau Hopfgartner wieder auf den Beinen war und sich an Britta festklammerte. Am ganzen Leib zitternd zeigte sie auf mich: „Ihr Mann will mich umbringen!”

Die Spinne versuchte zu flüchten. Doch Herr Dr. Keuscher war schneller, schnappte sich den schweren Korb mit Bügelwäsche und ließ ihn auf die Spinne fallen. Drei Beine guckten noch hervor. Vorsichtig hob ich den Korb an. Die Spinne war zäh, sie hinkte weiter in Richtung Fußleiste. Frau Hopfgartner war kurz davor zu hyperventilieren.

Im Wohnzimmer war Herr Kuckuck dabei, stotternd zu erklären: „Ich wollt halt auch mal jemanden kennenlernen. Und dann hab ich der Lucky-Farm die Provision überwiesen.”

„Von unserem Konto!”, quakte eine Frauenstimme.

„Ich wollt’ das Geld doch nur ausleihen”, versuchte Herr Kuckuck sich zu rechtfertigen.

„Aber da war doch noch erheblich mehr Geld auf dem Konto”, forschte Herr Speer nach.

„Ja, natürlich. Ich hab’ doch nur 25.000 Euro gebraucht.”

„Wahnsinn!”, Britta schüttelte fassungslos den Kopf.

„Die restlichen 50.000 Euro habe ich in einen Immobilien-Fond bei Payman-Brothers angelegt.”

„Na, hoffentlich gut verzinst”, redete Frau Knarrsack dazwischen.

„Auf welchem Stern leben Sie denn?”, erregte sich Herr Balzak „Noch nie was von Finanzkrise gehört? Das Geld ist futsch! Nix mehr da!” Wieder tobende Empörung.

Frau Hopfgartner fing leise an zu schluchzen: „Eugen hat sich auch ein Depot bei Paymann-Brothers aufschwatzen lassen. Mein Erbteil von Tante Iris – alles weg!”

Nachdem sich der erste Sturm gelegt hatte, wandte sich Frau Tolle an Herrn Kuckuck: „Wo ist denn Ihre Frau? Ich habe sie schon lange nicht mehr gesehen.” Und flüsternd an Frau Haschemeier gewandt: „Thailänderin! Fast noch ein Kind.”

Das war zu viel für Herrn Kuckuck. Sein hängendes Augenlid begann zu zucken, der kleine Mann verlor alle Hemmungen: „Das ist es ja gerade”, schluchzte er. „Ten-Pas-Pu hat alles von mir bekommen. Selbst den Skianzug von Nike, den sie im thailändischen Werbefernsehen gesehen hat – und sicher nie tragen wird. Ich bin nur ganz kurz in den Heizungskeller gegangen, um nach dem Rechten zu sehen. Als ich wieder in die Wohnung kam, war sie weg. Auf dem Spiegel im Schlafzimmer hat sie noch mit ihrem Lippenstift geschrieben: Dear Detlef, thanks for all!”

Frau Haschemeier-Dieterich, die heute ein fliederfarbenes Gewand mit Fransen trug, reichte Herrn Kuckuck ein Taschentuch.

„Haben Sie denn der Lucky-Farm den Schadensfall gemeldet?”, fragte Herr Hecke, Vertrauensmann der Gothaer-Versicherung.

„Natürlich! Ich hab mich sofort beschwert”, versicherte Herr Kuckuck, „aber die Tante von der Lucky-Farm hat nur mit den Achseln gezuckt und gesagt, sie würden schließlich keinen Menschenhandel betreiben.”

Die Lage verbesserte sich nicht gerade als Herr Speer dem Mob eröffnete, jeder Eigentümer müsste jetzt zunächst eine Sondereinlage von 3.000 Euro einzahlen.

Frau Knarrsack schrie Kuckuck empört an: „Ich zeige Sie an! Wegen Betrugs und Menschenhandels!”

Erst als Herr Mollenhauer, ein Diakon der katholischen Kirchengemeinde, sich zu Wort meldete, wurde es wieder ruhiger.

„Herr Kuckuck, Sie haben mir doch nach der Christmette erzählt, dass Sie aus der NS-Zeit alte Säbel, Wappen und Orden sammeln.”

Herr Kuckuck, der sonst keine zwei Sätze hintereinander fließend herausbekam, fing jetzt an zu sprudeln: „Neulich habe ich auf einem Trödlermarkt in Osnabrück einen traumhaften Reichssäbel von 1939 erstanden.”

Diakon Mollenhauer unterbrach ihn: „Dann schlage ich vor, die Sammlung im Rahmen unserer Ausstellung ‚Verbrechen in der NS-Zeit‘ in St. Jakobus zunächst auszustellen und sie anschließend bei ebay zu versteigern.” 20 Prozent des Erlöses sollte St. Jakobus zukommen.

„Das … das können Sie mit mir doch nicht machen!”, stammelte Herr Kuckuck. Erst als Herr Speer ihn mit der Einleitung eines Strafverfahrens wegen Veruntreuung gehörig eingeschüchtert hatte, gab er resigniert seine Zustimmung zum Verkauf. Alle klatschten.

„Wer übernimmt den Verkauf?”, fragte Herr Balzak.

„Das wird Herr Schminke übernehmen”, sagte Herr Speer bestimmend. Ich dachte, ich hätte mich verhört.

„Herr Schminke, kommen Sie doch mal nach vorne. Ich weiß, dass Sie da hinten sind.”

„Los!”, trieb mich Britta an. „Du bist gemeint.”

„Ich verstehe doch gar nichts von diesem Plunder”, raunte ich ihr zu.

„Kannst dich ja reinlesen!”

So war es immer bei uns. Wenn es unangenehm wurde, musste ich mich „reinlesen”. Unsanft wurde ich ins Wohnzimmer geschoben. Herr Speer legte seinen Arm um mich: „Herr Schminke ist Finanzbeamter. Der weiß, wie man den Leuten das Geld aus der Tasche zieht.”

„Aber ich verstehe doch gar nichts von Säbeln und diesem ganzen Kram!”

„Verstehen Sie die Steuergesetze?”

Ich schwieg eisern.

„Na, also! Kann man gar nicht. Alles Schwachsinn! Deshalb sind Sie für uns auch der richtige Mann.”

Wieder johlten und klatschten alle.

Herr Speer beendete die Sitzung und wies Diakon Mollenhauer an, die Sammlung sicherzustellen.

6. Britta muckt auf

Wieder in der Wohnung, schenkte ich uns auf den Schreck einen doppelten Ouzo ein. Ich wollte den Fernseher einschalten, mich einfach nur berieseln lassen, doch unerwartet nahm mir Britta die Fernbedienung aus der Hand und schaute mich ernst an. „Hartmut, mir ist jetzt Einiges klar geworden.”

Brittas Erleuchtungen waren nie ungefährlich. Ich tat jetzt gut daran, zumindest einen interessierten Blick aufzusetzen.

„Hartmut, wir verkaufen die Wohnung – und zwar bevor dieser klinisch tote Verwalter sich noch mehr Dummheiten einfallen lässt.”

Entsetzt starrte ich Britta an. „Und was hast du dir dann stattdessen vorgestellt?” Ich hatte im Amt schon genug Stress, da brauchte ich privat nicht auch noch Veränderungen. Britta hatte nicht im Entferntesten eine Vorstellung, welche Bürde ich als Teamfürst zu tragen hatte. Vor allen Dingen, wenn einem nur eine Mannschaft von angeschossenen Indianern vom Typ Goller oder Stöhr zur Verfügung standen.

Britta setzte sich aufrecht hin. Sie überragte mich jetzt um mehr als einen Kopf. „Wir bauen ein Haus. Und zwar schlüsselfertig.”

Eindeutig: Sie war wieder verrückt geworden. Ich hätte doch lieber bis an mein Lebensende bei Papa und Mama wohnen bleiben sollen. Als ich Mama davon erzählt hatte, dass ich Britta heiraten wollte, hatte sie nur gesagt „Junge, du weißt, dein Zimmer wird dir immer bleiben! Und denk dran, wie teuer das Leben da draußen ist!” Eine Woche vor der standesamtlichen Trauung war ich direkt von Mama und Papa in Brittas Wohnung gezogen. Am Tag meines Umzugs heulten beide wie die Schlosshunde.

Ich musste Zeit gewinnen: „Keine schlechte Idee, Britta, wir bauen ein Haus. In zehn Jahren müssten wir mit dem Imbiss …”

„Das ist der zweite Punkt”, unterbrach mich Britta. „Hartmut, ich will auch nie wieder in meinem Leben hinter dem Tresen einer stinkenden Frittenbude stehen!”

Und an dem entschlossenem Funkeln in ihren Augen konnte ich erkennen, dass das ihr letztes Wort war. Auch das noch.

Meine Idee vor einigen Jahren, einen Imbiss auf Brittas Namen zu eröffnen, hatte uns vor dem sicheren Ruin gerettet. Um ein Haar wäre sonst unsere Wohnung versteigert worden.

Mama hatte Recht: Britta war ein verwöhntes, undankbares Luxusweibchen. Wer stand denn die meiste Zeit hinter dem Tresen der Frittenschmiede? Unsere Angestellte Mandy und Brittas fette Cousine Karin. Ich gebe zu: auf Karin war nicht sonderlich Verlass. Aber es war ohnehin nur noch eine Frage der Zeit, bis Karin nicht mehr durch die schmale Tür vom Imbisswagen passen würde. Britta stand eigentlich nur noch zur Rushhour und am Wochenende im Imbiss. Natürlich war das zu spüren. Durch die höheren Personalkosten war der Gewinn ganz schön in den Keller gegangen.

„Mandy ist doch schon seit langem scharf darauf, den Imbiss zu übernehmen”, sagte Britta. „In jedem Fall können wir vom Gewinn, den der Verkauf abwirft, das Grundstück bezahlen.”

„Und wie willst du die Restsumme von deinem Häuschen finanzieren? Glaub nicht, dass wir für die Eigentumswohnung viel bekommen. Seit der Krise sind die Preise total im Keller.”

„Natürlich mit unserem kleinen Depot in der Schweiz. Das müsste sogar ausreichen, um Griechenland aufzukaufen.”

Wenigstens das Schwarzgeld aus dem Imbiss hatte ich vor Brittas Streifzügen durch die Boutiquen und Schuhläden retten können. Und vor allen Dingen vor Betriebsprüfer Glockemüller, der die Frittenschmiede um ein Haar totgeprüft hätte. Noch Wochen nach der Prüfung rechnete ich immer, wenn es auf 10:00 Uhr zuging, mit einem Hausbesuch der Steuerfahndung.

Britta hatte ja Recht. Warum das Geld nicht in ein Häuschen investieren. So langsam hatten wir uns aus der Schusslinie der Steuerfahndung gebracht. Und wenn der Imbiss erst einmal auf Mandy überschrieben wäre, wären wir ohnehin raus aus der Nummer. Mir brannte es ja auch schon unter den Nägeln, mir ein anderes Autozu kaufen. Der alte „Strich Achter” löste sich langsam in seine Bestandteile auf.

„Gut Britta, wenn ich am Dienstag ins Amt fahre, spreche ich in der Mittagspause mit Mandy. Und was willst du stattdessen machen? Hausmütterchen spielen – oder noch einen Wurf Kinder ausbrüten?”

„Quatsch! Ich werde mich um die Pläne für unser Haus kümmern. Und anschließend mache ich endlich mein Studium fertig.”

Wenn Außenstehende Britta auf ihre Arbeit als Imbisshummel ansprachen, betonte sie immer, sie studiere hauptberuflich Psychologie und Freizeitpädaogik. Mittlerweile hatte ich aufgehört, die Semester zu zählen. Konnte das Zweiunddreißigste sein, würde mich aber auch nicht wundern, wenn es das Sechsundvierzigste war. Zuletzt hatte sie wieder eine Auszeit genommen, weil sie im Kindergarten zur Elternvertreterin gewählt worden war.

Gleich am nächsten Morgen saß Britta vor dem PC und lud sich Grundrisse von ihren Traumhäusern herunter. Enthusiastisch hielt sie mir den Entwurf einer Villa mit Schwimmbad vor die Nase.

„Genauso habe ich mir unser Haus vorgestellt, vielleicht ein bisschen größer und nicht ganz so schlicht.”

Irgendwo im Kleingedruckten las ich: ab 759.000 Euro.

Britta schob beleidigt ab: „Erbsenzähler! Ab jetzt plane ich alleine. Macht mit dir überhaupt keinen Spaß!”

Mich quälten ganz andere Sorgen: Bis zum 30.12. mussten noch mindestens 50 Steuererklärungen bearbeitet werden. Ich bekniete Britta, mir zu helfen.

„Du musst nur die Belege eintüten und hinter jede Kennziffer in der Steuererklärung einen Haken setzen.” Außerdem drückte ich ihr meinen Lieblingsstempel „Geprüft, keine Beanstandungen” in die Hand und forderte sie auf, davon reichlich Gebrauch zu machen.

Britta war eine miserable Sachbearbeiterin: Sie stellte zu viele Fragen. „Hartmut, hier hat eine Bankangestellte auf der Anlage Neinen Nettoarbeitslohn von 39.456 Euro erklärt. Lohnsteuerabzug 23.755 Euro. So viel Lohnsteuer – kann das überhaupt sein?”

„Was glaubst du denn, was passiert, wenn die Progression erstmal zuschlägt! Dann geht der Steuersatz ab wie ’ne Rakete.”

„Was ist denn Progression?”

Es war ein Jammer. Selbst die einfachsten Grundkenntnisse fehlten Britta.

„Ich will es mal plastisch erklären. Nehmen wir an, du bist eine gut verdienende Friseurin mit einem jährlichem zu versteuernden Einkommen von 13.469 Euro. Dann beträgt die Einkommensteuer (912,17 · y + 1.400) · y. Unterstellen wir weiter: du erhältst in dem betreffendem Jahr einen Euro Trinkgeld.”

„Einen Euro Trinkgeld – in einem Jahr! Was ist denn das für ein idiotisches Beispiel?”

„Beispiele können im Steuerrecht gar nicht idiotisch genug sein. Also: Du erhältst einen Euro Trinkgeld. Dann erhöht sich dein zu versteuerndes Einkommen auf 13.470 Euro. Die Einkommensteuer beträgt dann bereits (228,74 · z + 2.397) · z + 1.038. § 32a Absatz 1 Einkommensteuergesetz. Jetzt weißt du, warum ich meiner Friseurin kein Trinkgeld gebe.”

„Und was ist y?”

„y ist ein Zehntausendstel des 8.004 Euro übersteigenden Teils des auf einen vollen Euro-Betrag abgerundeten zu versteuernden Einkommens – lernt ein Steueranwärter in der ersten Unterrichtsstunde.”

Brittas Rückfragen wurden jetzt deutlich weniger, was sich in der Fallerledigung positiv bemerkbar machte.

Als ich am 29.12. nach Mitternacht die bearbeiteten Steuererklärungen durchzählte, waren es 52. So viel hatte ich früher nicht mal in einem Monat geschafft! Team 1 und 2 konnten sich warm anziehen.

7. Pole-Position?

Es war genau ein Tag vor Silvester. Wer heute im Amt war, hatte keine Familie oder war vor ihr geflüchtet. Mit der schweren Faltbox tappte ich über den Flur, vorbei an Axthammers Büro. Es brannte Licht. Wenn er gewusst hätte, dass ich bergeweise Steuererklärungen durch die Gegend karrte, wäre das meine letzter Gang über diesen Flur gewesen. Nur bei Tina brannte auch Licht.

Im Akkord hackte ich mit Tina den ganzen Vormittag die über Weihnachten vorbereiteten Steuererklärungen in den PC ein. Wir mussten uns beeilen: Was bis 12:00 Uhr nicht im Kasten war, wurde in diesem Jahr nicht mehr vom Zentral-Computer verarbeitet.

Tina hatte zu Weihnachten einen hautengen, schwarzen Pulli geschenkt bekommen. Am Bauch zeichnete sich ein kleines Speckröllchen ab. Sie knabberte die ganze Zeit Möhren und trank dazu Entschlackungstee. Zweimal hatte ihr Magen schon empört aufgejault. War ihr sichtlich peinlich. Von mir aus bräuchte sie sich nicht so zu quälen.

„Geschafft, Hartmut!” Tina strahlte.

Jetzt kam der große Moment der Wahrheit. Gespannt rief ich die Teamstatistik auf. Noch ein Klick – doch was war das? Team 3: ein fetter roter Balken! 7 Prozent hinter Team 1 und sogar 14 Prozent schlechter als Team 2. Das konnte gar nicht sein! Mein Puls begann zu rasen.

Tina sah mich beunruhigt an: „Stimmt was nicht, Hartmut?” Ich brachte kein Wort heraus, starrte sprachlos auf den Bildschirm. Tina war aufgesprungen und hatte sich hinter mich gestellt. Sie war genauso geschockt. „Da kann etwas nicht stimmen. Wir sind ja fast auf dem Stand 23.12.!”

„Wir sind auf dem Stand 23.12.!”, stammelte ich. Da waren sie wieder: diese Stiche in der linken Brust. Ich rief EDV-Rösel an. Ging natürlich nicht ans Telefon. Dann musste ich ihm eben einen Besuch abstatten.

Rösels Büro hatte von außen keine Klinke – höchste Sicherheitsstufe. Rösel war stolz auf dieses Privileg. Ungeduldig hämmerte ich gegen die Tür. Nichts tat sich.

„Rösel – Kundschaft!” Der Bursche machte bestimmt Mittagsschlaf. Endlich öffnete sich die Tür einen Spalt breit. Auf den ersten Blick konnte ich erkennen, dass er mal wieder private DVDs brannte. Frau Stöhr hatte neulich erzählt, er würde sich mit dem Schwarzbrennen ein nettes Sümmchen dazuverdienen.

„Wer kann sich mit A 9 schon einen BMW 530i leisten?”, hatte sie böswillig gezischt.

Rösel sah mich genervt an: „Na, Harti, haste mal wieder deinen PC platt gemacht?”

„Hör zu, Rösel, ich habe gerade unsere Statistik aufgerufen: Wir sind immer noch bei 75,3 Prozent – das ist Stand 23.12!”

„Tja, Herr Teamleiter. Rote Laterne! Ich würde sagen: kleine Audienz bei Frau Pfuhl.”

„Hör zu Blödel-Rösel: Wir haben zwischen Weihnachten und heute mindestens 60 Fälle eingegeben. Das kann gar nicht sein!”

„Wann habt ihr die Freigabe durchgeführt?”

„Heute – eben gerade.” Am liebsten hätte ich ihn geschüttelt und angeschrien: „Du bist auch nur ein Mensch! Und zwar das arroganteste Arschloch …”

„Tja, Herr Teamleiter, wieder die aktuellen News nicht gelesen? Ab 29.12. werden keine Eingaben mehr für das alte Jahr in der Statistik verarbeitet. Mach dir nichts draus. In diesem Sauhaufen geht nichts verloren – leider.”

„Alles umsonst!” hämmerte es in meinem Kopf. Selbst die Zwillinge hatten am 1. Weihnachtstag Belege eingetütet.

Als ich in mein Büro zurückkam, war Tina schon weg. Sie hatte mir eine Flasche Mumm-Sekt hingestellt mit einer Karte, auf der ein Lama auf seiner eigenen Spucke ausgerutscht war. Darüber stand: „Guten Rutsch”.

Das Telefon klingelte. Britta. „Um 15:00 Uhr bist du aber heute zu Hause! Ich könnte deine Kinder vor die Tür setzen, die machen nur Blödsinn. Eben haben sie mit dem Parfum, das du mir zu Weihnachten geschenkt hast, den Teddy besprüht. Der Flakon ist leer! Stinkt hier wie im Bordell”, blubberte sie ohne Punkt und Komma. „Außerdem muss ich heute um 16:00 Uhr im Fitnessstudio einen Kurs geben: Bauch, Beine, Winkeärmchen.”

„Britta, stell dir vor, was passiert ist …”, versuchte ich zu Wort zu kommen. Im Hintergrund hörte ich, wie Britta die Zwillinge zusammenstauchte: „Wenn ihr nicht gleich euer Zimmer aufräumt, streich ich euch alles!”

Ich legte jetzt wohl besser auf – aber Britta war schneller: „Und nun zu dir, Hartmut!”

„Ich habe heute das Teamtelefon, du blockierst die Leitung”, versuchte ich verzweifelt, Britta zum Auflegen zu bewegen.

„Du wirst doch wohl noch mit deiner eigenen Frau telefonieren dürfen!”, zeterte Britta. Ich musste den Hörer einen halben Meter vom Ohr weg halten. „Du hast mir versprochen, mit Mandy über den Imbiss-Verkauf zu reden. Und? Nichts ist passiert! Eins verspreche ich dir, im neuen Jahr stell ich mich nicht mehr hinter den Tresen.” Aufgelegt.

Endlich Ruhe. Dann würde ich mich eben heute Mittag von Mandy bei einer Currywurst trösten lassen.

8. Der Deal

„Haste Sorgen? Geht’s dir nicht gut?” Mandy drückte mich so stark an ihren mächtigen Busen, dass ich kaum Luft bekam. Ihre Haare stanken nach Frittenfett. War vielleicht besser, wenn ich danach gleich nach Hause ging und mir etwas Frisches anzog. Ich konnte ja verstehen, dass Britta keine Lust mehr hatte, im Imbiss zu stehen. Der Gestank nach Frittierfett blieb in jeder Pore haften. Aber das Geld würde uns fehlen. Der Imbiss lief wirklich verdammt gut. Überall standen die Leute mit ihren Pappschalen und tunkten Pommes in unsere geniale, gelbe Spezialsoße.

Das Rezept sollte ich mir patentieren lassen. Papa benutzte das Zeug sogar als Handwaschpaste nach dem Winterreifenwechsel.

„Komm, ich mach dir erstmal ’nen schönen Monsterjäger mit Spezialsoße.”

Gerade kam Karin vom Bäcker zurück. Dem dicken Paket nach zu urteilen, hatte sie nach der Weihnachtspause erfolgreich von Gänsebrüstchen auf Sahnetorte umgestellt.

„Karin, übernimm doch mal den Grill, ich muss mich erstmal um Hartmut kümmern.” Schmachtender Blick zum Kuchenpaket, aus dem die Kalorien schon heraustropften. Schmollend band sich Karin die Schürze um und bediente die Kunden.

Mandy schien schon lange darauf spekuliert zu haben, dass wir früher oder später den Imbiss verkaufen würden. Als ich ihr allerdings die Summe nannte, die ich dafür von ihr noch haben wollte, wurde sie sichtlich zurückhaltender.

„Mensch Hartmut, ich hab doch auch kein Geld.”

„Bei der Goldgrube hast du die Kohle schneller wieder drin als du gucken kannst”, entgegnete ich. „Weniger kann ich wirklich nicht nehmen. Was meinst du, was ich auf den Veräußerungsgewinn an Steuern zahlen muss!”

„Ist der nicht steuerfrei?”

Ich winkte ab. „Nee, Mandy, so läuft das diesmal nicht. Die Steuerfahndung hat mich ohnehin schon auf dem Kieker. Da geheich kein Risiko ein.”

„Nee, so meine ich das doch gar nicht”, wehrte Mandy ab. „Du kennst doch den Heiko, meinen Schwager. Der ist ja Steuerberater. Er hat mir gesagt, dass Betriebsaufgabe immer steuerfrei ist.”

Heiko Haberstroh – der Name bürgte für Qualität. Unter den Betriebsprüfern wurde eine interne Liste schwarzer Schafe aus der Zunft der steuerberatenden Berufe gehandelt. Haberstroh war innerhalb von einem halben Jahr von Rang 15 auf Rang 4 aufgestiegen. In der DDR war er Agrarökonom gewesen. Nach der Wende hatte Haberstroh sich nach ersten Erfolgen mit einem Steuerprogramm mit einem Büroservice selbstständig gemacht. Seitdem buchte er jeden Belegkarton gnadenlos weg, der ihm auf den Schreibtisch gestellt wurde. Natürlich nur gegen Vorkasse.

„Kann ich mir nicht vorstellen, dass Veräußerungsgewinne so ohne weiteres steuerfrei sind. Da gibt’s immer irgendwelche Haken und Ösen. Das ist genauso wie bei diesen Garantiebestimmungen beim Autokauf. Oder hast du schon erlebt, dass dir ein Autohaus einen Rostfleck auf Garantie wegmacht?”

„Die Autos, die ich mir leisten kann, haben so viel Rost, dass ich froh bin, wenn mein Hintern nicht auf dem Boden schleift”, entgegnete Mandy.

Mühsam kramte ich in meinem Gedächtnis: Waren Veräußerungsgewinne wirklich steuerfrei? Irgendwas war da doch … Ich muss gestehen, dass ich seit langem nicht mehr in die Tiefen des Steuerrechts vorgedrungen war. Dafür hatte ich gar keine Zeit. Sicher, mit Fahrten zwischen Wohnung und Arbeitsstätte und Arbeitszimmern kannte ich mich ein bisschen aus. Nur mit dem, was man während der Ausbildung so mit auf den Weg bekommen hatte. Aber ansonsten konnte ich mich mit diesem Firlefanz nicht abgeben. Änderte sich ohnehin alle Nase lang. Als Teamfürst wurde ich dafür bezahlt, die Statistik aufzumotzen und die EDV auszutricksen. Hatte ich ja heute am eigenen Leibe zu spüren bekommen, was passierte, wenn man zu blöd dafür war.

Plötzlich wurde mir ein Dienstausweis unter die Nase gehalten: „Gestatten, Betriebsprüfung!” Die Visage auf dem Passbild kam mir doch irgendwie bekannt vor. Ich blickte hoch: Horst!

Mit Horst hatte ich jahrelang in einem Büro zusammen gesessen, bevor er in den Betriebsprüferhimmel entrückt worden war.

Ich schilderte Horst unser steuerliches Problem.

„Ist Britta 55 Jahre alt?”

„Du kennst doch Britta. Neulich ist sie beim Schnaps kaufen an der Kasse sogar aufgefordert worden, ihren Personalausweis zu zeigen.”

„Oder ist sie dauernd berufsunfähig?”

„Ich habe manchmal schon den Eindruck, sie sei berufsunfähig. Jedenfalls studiert sie bereits im 36. Semester. Zählt das auch?”

„Keine Chance, Hartmut. Wenn du verkaufst, muss alles voll versteuert werden. Da bleibt nicht mehr viel übrig.”

Mandy mit ihrem Hang für pragmatische Lösungen hatte eine Idee: „Hartmut, du überschreibst mir den Imbiss und dafür gibt’s von mir eine Flatrate für die nächsten fünf Jahre.”

„Wie, Flatrate?”

„Na, wenn es dich hierher treibt, füttere ich dich mit Kind und Kegel die nächsten fünf Jahre auf meine Kosten durch. Und Horst kriegt auch ab und zu mal ‚nen Monsterjäger.” Liebevoll streichelte sie über Horsts Vollglatze.

Horst war von der Idee sofort begeistert: „Hartmut, schlag ein! Ich würd’ sagen, in krisengeschüttelten Zeiten ein innovativer Vorschlag! Aber immer schön den geldwerten Vorteil versteuern.”

„Quatsch”, ich klopfte Mandy auf die Schultern, „den Wareneinkauf wird dir dein Heiko schon auf Nimmerwiedersehen unter Schwund wegbuchen.”

Ich brauchte nicht lange, um mich zu entscheiden.

„Red noch mal in Ruhe mit Britta, ob sie mit dem Deal einverstanden ist. Sie ist ja schließlich die Betriebsinhaberin und ich will keinen Ärger”, riet mir Mandy.

Aber für mich war die Sache klar. „Britta liegt mir schon seit langem in den Ohren. Sie ist doch nur froh, wenn das Kapitel ‚Frittenschmiede‘ endgültig abgeschlossen ist”.

Also schlugen wir ein.

9. Payman-Brothers

„Das sind die Entwürfe, die ich für Herrn van Rahden vorbereitet habe.” Britta hielt mir eine grüne Mappe unter die Nase.

„Wer ist denn Herr van Rahden?”

„Unser Architekt. Hat sonst fast nur Großbaustellen in Berlin. Soll sogar für Frau Merkel mal was gemacht haben.”

Ich überflog die Entwürfe. Britta hatte einen Hang zu XXL und Erkerchen hier und dort.

„Am Mittwoch hat van Rahden einen Termin dazwischengeschoben. Hat aber schon gesagt, er muss Zahlen haben, sonst kann er das Bauvorhaben nicht kalkulieren. Wie viel haben wir denn auf dem Schweizer Depot?”

„100.000 Euro bis 120.000 Euro, muss ich mal Herrn Huber von der Schweizer Hypo anrufen.”

„Den Imbiss bekommt Mandy jedenfalls nicht unter 40.000 Euro.”

Sollte ich mich jetzt in mein grausames Schicksal ergeben und die Hosen runter lassen? Ich versuchte Britta auf die unbekümmerte Art abzulenken: „Habe ich dir schon erzählt, dass Mandy den Imbiss übernehmen will?”

„Klasse, Hartmut. Und was springt an Kohle heraus?”

Britta war schwer abzuhängen.

„Mandy hatte einen Super-Vorschlag: Für die nächsten fünf Jahre Flatrate-Essen für die ganze Familie.”

Britta bohrte ihren Zeigefinger in meinen Bauch: „Du wirst nach Silvester erstmal ’ne Runde abspecken. Und Luisa auch. Ist dir nicht auch schon aufgefallen, dass sie ein richtiges Bäuchlein bekommen hat? Und ein Doppelkinn – genau wie du.”

„Eben ein bisschen Babyspeck”, versuchte ich zu beschwichtigen.

„Babyspeck! Das Kind ist fett geworden. Nach Neujahr gibt’s jedenfalls keine Fanta mehr.”

Wir schwiegen eine Weile.

„Und wie will Mandy die 40.000 Euro bezahlen? Nimmt sie ein Darlehen auf?” Die Frau war hartnäckig.

„Britta, ich habe mich mal mit Horst beraten. Horst sagt, wenn wir das Geld versteuern, bleibt so gut wie nichts übrig.”

„Wo ist das Problem? Dann wird es halt nicht versteuert.”

„Unsinn, die Sache ist viel zu heiß. Und außerdem ist es nicht unwahrscheinlich, dass bei Mandy gleich nach Betriebseröffnung der Betriebsprüfer vorbeischaut. Um es kurz zu machen: Ich habe mit Mandy die Sache schon perfekt gemacht: Flatrate-Essen für uns und damit ist das Thema Frittenschmiede ein für allemal gegessen.”

Britta war sofort auf 180: „Hartmut, wenn es ums Essen geht, schaltet dein Hirn aber auch sofort auf Notstromaggregat um! Flatrate läuft nicht. Wir brauchen Eigenkapital!”

„Mandy bekäme soviel Geld überhaupt nicht zusammen.”

„Dann verkaufen wir eben an einen anderen!” Feindselig starrte Britta mich an. Bis zum Abend redeten wir kein Wort mehr miteinander.

Während ich das Abendbrot vorbereitete, hörte ich wie Britta mit ihrer besten Freundin Gundula telefonierte: „… du hast ja Recht. Einerseits bin ich ja auch froh, dass ich den Schuppen nicht mehr an der Backe habe. Diesen Gestank vom Frittierfett bekommt man nicht mehr aus den Haaren heraus – einfach eklig. Und diese Fernfahrer, die glotzen dich an, als wenn sie dich am liebsten sofort in ihre Fahrerkabine ziehen wollen. Nee, ich bin auch froh, dass das vorbei ist.”

Zwei Minuten später nahmen wir uns in den Arm. „Aber versprich mir, Hartmut, dass du am Dienstag diesen Nadelstreifenaffen von der Hypo anrufst.”

Natürlich war Herr Huber am Dienstag nicht erreichbar. Und auch nicht am Mittwoch, sodass Britta für ihren Termin mit Herrn van Rahden keine genauen Zahlen vom Depotwert hatte.

Ich lieferte Britta beim Architekten ab und ging in der Zwischenzeit mit Lucy und Luisa ins Hallenbad. Anschließend wollte ich zum Flatrate-Essen zu Mandy – mussten wir ja schließlich ausnutzen.

Im Hallenbad kam Luisa heulend vom Softeisstand zurück. Sie deutete auf einen kleinen Jungen mit langen, blonden Haaren, der auf der Rutsche saß: „Der da hat Fettfleck zu mir gesagt!”

Luisa stand schluchzend mit ihrem rasch schmelzenden Eis vor mir. Britta hatte Recht, das Kind hatte ein Doppelkinn und ordentliche Kartoffelstampfer bekommen. Dazu ein dickes, pralles Bäuchlein. Luisa war eben eine echte Schminke.

„Ein guter Futterverwerter” würde Mama sagen. Konnte man halt nichts machen. Mehr Sorgen machte ich mir um Lucy, die ständig über Magenprobleme klagte und halb so viel wog wie ihre Schwester.

Britta kam zufrieden nach Hause. „Van Rahden sagt, wenn wir zusätzlich zu den 120.000 Euro aus dem Depot 180.000 Euro für die Eigentumswohnung bekommen, kann er uns ein nettes Häuschen hinstellen. Hier ist unser Bauherrenvertrag.”

Während ich den Vertrag aufmerksam studierte, fragte Britta: „Was ist das eigentlich für ein Depot? Kommt man denn sofort ran an das Geld?”

„Windparkanlagen – kann man jederzeit verkaufen.”

„Zeig mir doch mal die Depotauszüge”, forderte mich Britta auf.

Ich gab ihr die Auszüge und ging in die Küche, um mir eine Flasche Bier zu holen.

„Hartmut!” Die Art, wie Britta „Hartmut” sagte, ließ nichts Gutes erahnen. Sie knallte mir die Auszüge vor die Nase. „Nichts mit Windparkanlagen: Payman-Brothers!”

Schweißperlen bildeten sich auf meiner Stirn. Wie war das noch? Ich wollte eigentlich in Windparkanlagen investieren, aber …

„Britta”, stotterte ich, „jetzt weiß ich es wieder: Herr Huber von der Hypo hat mir geraten, alles bei Payman-Brothers anzulegen.”

„Du meinst …”, Britta starrte mich entsetzt an.

Herr Balzak würde jetzt sagen: Das Geld ist weg. Futsch! Aus die Maus! Nix mehr da – jetzt alle verstanden?

„Das kann aber doch nicht sein! Das fällt dir jetzt erst ein?” Britta schüttelte fassungslos den Kopf. Wenn Britta nicht einmal mehr Kraft für einen Wutausbruch hatte, wollte das schon was heißen.

„Paymann-Brothers – das kam doch immer und immer wieder im Fernsehen! Spätestens nach der Eigentümerversammlung hättest du doch mal aufwachen müssen!” Britta fing an zu heulen. „Was ist bloß mit dir los, Hartmut? Du bist doch sonst hinter jedem Cent her.”

Was war mit Hartmut Schminke los? Seitdem ich Teamleiter geworden war, hatte sich alles verändert. Morgens galt mein erster Griff nicht der BILD-Zeitung, sondern es hieß PC hochfahren und Bearbeitungsstand von Team 3 abfragen. So konnte das nicht weitergehen! Andererseits konnte ich so kurz vor dem Ziel nicht aufgeben. Im März standen die Beurteilungsgespräche für den mittleren Dienst an.

„Britta, am 01.04. sind die Beurteilungen gelaufen. Ich verspreche dir, dann hast du deinen guten, alten Hartmut zurück.”

„Ich will aber ein Haus!” Britta fing wieder an zu schluchzen.

Als sie sich ein wenig beruhigt hatte, fragte sie: „Was ist eigentlich aus der Versteigerung der Säbel und Orden geworden – ist da wenigstens noch mit Kohle zu rechnen?”

Ich druckste herum, aber Britta ließ nicht locker.

„Kleiner Reinfall – Herr Kuckuck ist einer Fälscherbande aufgesessen. Bis auf einen Orden im Wert von 800 Euro, alles nur gut gemachte Plagiate. Den ganzen Krempel hat Mollenhauer bereits auf der Müllkippe entsorgt.”

„Heißt das, da kommen auch noch 3.000 Euro für die Instandhaltungsrücklage auf uns zu?”

Ich wagte Britta nicht mehr anzusehen.

Am nächsten Tag rief Britta van Rahden an. Als Britta ihm stotternd zu verstehen gab, dass das Budget um 120.000 Euro gesunken war, schrie er in den Hörer: „Wir sind doch hier nicht bei Hartz IV-Bau! Für das Geld stell ich Ihnen nicht mal ’ne Fertiggarage hin.”

„Schatz”, versuchte ich Britta zu trösten, „unsere Wohnung ist doch auch nicht schlecht. Weißt du: Wir kaufen uns dafür ein neues Auto. Ich habe gestern in einer Oldtimerzeitung einen Opel Diplomat gesehen. Topzustand.”

Unser über 30 Jahre alter Daimler war eigentlich nur noch im Stadtverkehr zu gebrauchen. Wenn die gelben Engel vom ADAC nur meinen Namen hörten, kamen sie schon in Rage.

Britta wurde jetzt richtig grantig: „Neues Auto – Baujahr 1973 oder wie?”

„Dezember 1969”, verbesserte ich.

Sie schüttelte entschieden den Kopf: „Erstens will ich ein Auto mit mindestens einem Airbag: nämlich meinem! Und zweitens will ich hier raus!”

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22 aralık 2023
Hacim:
241 s. 2 illüstrasyon
ISBN:
9783482728310
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