Kitabı oku: «Dürnsteiner Puppentanz»

Bernhard Görg:
Dürnsteiner Puppentanz
Alle Rechte vorbehalten
© 2019 edition a, Wien
www.edition-a.at
Cover: Isabella Starowicz
Satz: Lucas Reisigl
Lektorat: Andreas Görg
E-Book-ISBN 978-3-99001-368-7
E-Book-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
Freitag, 16. April 16 Uhr 18
Kapitän Leutgeb blickte zuerst voll Stolz auf die vier goldenen Streifen auf dem linken Ärmel seiner dunkelblauen Uniformjacke und dann voll Ungeduld auf seine Uhr. Siebzehn Minuten Verspätung. Und noch immer eine mindestens dreißig Meter lange Menschenschlange an der Spitzer Anlegestelle. Würde wohl noch eine Weile dauern, bis sein Schiff endlich ablegen konnte. Dabei war ihm Unpünktlichkeit schon seit seiner Kindheit ein Gräuel.
Schon in Melk hatte seine MS Wachau bei der Abfahrt vierzehn Minuten Verspätung gehabt. Weil die meisten Passagiere, bevor sie an Bord gingen, noch schnell ein Foto der Benediktinerabtei machen wollten. In Dürnstein würde die Verspätung sicher weiter zunehmen. Die Schlange an Touristen würde dort mindestens dreimal so lang sein wie hier in Spitz.
Er fuhr seit sechsundzwanzig Jahren im Dienst der DDSG Blue Danube auf der Donau. Die letzten zehn Jahre davon zwischen Krems und Melk. Seit sieben Jahren als Kapitän. Zu seiner Zeit als Lehrling vor einem Vierteljahrhundert hatte das Unternehmen froh sein müssen, seine Dampfer wenigstens in der Hochsaison halbvoll zu bekommen. Jetzt waren die Schiffe schon im April ausgebucht. Außer bei schlechter Witterung. Heute herrschte Postkartenwetter. An einem für den Frühling typischen blassblauen Himmel nur eine einzige kleine Wolke und ein einsames, einen Kondensstreifen hinter sich herziehendes Flugzeug, das direkt in die über dem Horizont stehende Sonne zu fliegen schien. Kein Wunder, dass sich die Menschen auf dem Sonnendeck drängten. Er konnte auch sehen, dass viele von ihnen ihre Kameras oder Smartphones griffbereit hielten.
Endlich signalisierte ihm ein Mitglied der Crew mit Handzeichen, dass die MS Wachau bereit zum Ablegen war. Die beiden Dieselmotoren sorgten für ein leichtes Zittern des Schiffs. Er brauchte weniger als eine Minute, um es mit dem Joy Stick in die für ihn vorgesehene Fahrtrinne zu navigieren. Ihm wäre ja das Manövrieren des Schiffes mit dem Steuerrad, wie er es von früher kannte, lieber gewesen. Aber das durfte er nur mehr verwenden, wenn die elektronische Steuerung ausfiel.
Im Rückspiegel seines Steuerstands beobachtete er die teils offenen, teils versteckt ausgetragenen Rangeleien um die besten Aussichtspositionen auf dem Sonnendeck. Dabei hatte er schon des Öfteren Handgreiflichkeiten erlebt. Aber heute schien alles friedlich abzulaufen. Es erheiterte ihn immer wieder, dass unter den Fotografen die Männer bei weitem in der Überzahl waren, während sich die Mehrzahl der Damen darauf konzentrierte, ihre Gesichter in die Sonne zu halten.
Auf weniger als hundert Strommeter genau konnte er den Punkt vor der Ruine Aggstein voraussagen, an dem wie auf Kommando das Klicken der Kameras einsetzte. Er kannte natürlich auch die Stelle kurz nach Weißenkirchen ganz genau, an der sich die Fotografen für die beiden Highlights der Fahrt in Stellung brachten: Für die Ruine der Burg Dürnstein, die vor vielen Jahrhunderten dem englischen König Richard Löwenherz gegen dessen Willen Kost und Quartier geboten hatte, und für die barocke Stiftskirche, die unterhalb der Ruine, aber noch immer hoch über dem Strom lag. Gleich würden sich die Gesichter der Damen von der Nachmittagssonne ab- und Dürnstein zuwenden. Er erinnerte sich, dass es noch vor fünfundzwanzig Jahren an Bord jedes Mal heiße Diskussionen über die Farbe des Kirchturms gegeben hatte. Mit den Jahren waren diese Diskussionen immer lauwärmer geworden. Heute löste das Hellblau des Turms überhaupt keine Debatte mehr aus.
Auf der Höhe von Weißenkirchen sah er von seinem Kommandostand, wie sich auf einmal mehrere Passagiere, die auf der Backbord-Seite des Oberdecks saßen oder standen, über die Reling beugten. Auch ein Mitglied seiner Crew. Sofort übertrug er dem Steuermann das Kommando, verließ seinen Posten und rief zu dem Matrosen hinunter: »Was ist denn los?«
»Kann ich nicht genau sagen«, antwortete der Mann. »Hat wie eine Vogelscheuche oder so etwas Ähnliches ausgesehen.«
»Entfernung?«
»Knapp zehn Meter.«
Ein Passagier, der gerade dabei war, ein Foto zu machen, rief dazwischen:
»Mit einem dunklen Gewand. Aber wegen der Wellen schwer zu erkennen. Ist schon wieder weg.«
Mit dieser Auskunft war der Kapitän noch nicht zufrieden.
»Sicher kein Mensch?«
»Dann müsste er tiefgefroren sein«, antwortete der Fotograf. »Weil sich das Ding ganz steif genau im Rhythmus der Wellen bewegt hat.«
Der Matrose und einige Passagiere nickten.
Der Kapitän betrat wieder den Steuerstand und machte eine Eintragung ins Bordbuch. Er wusste aus langjähriger Erfahrung, dass die Leute alles Mögliche ins Wasser warfen. Es wurde immer schlimmer. Null Verantwortungsgefühl für die Umwelt. Allerdings kein Grund, die Strompolizei zu alarmieren oder gar die Geschwindigkeit zu drosseln, um zu warten, bis der Gegenstand wieder in Sichtweite kam. Er wollte keine weitere Verspätung riskieren.
Freitag, 16. April 16 Uhr 30
Nach sechs Jahren sah ihr am Weinberg gelegenes Haus richtig heimelig verwachsen aus. Weinreben, die sich am warmen, rötlichen Holz des Balkons und über die grobe weiße Fassade entlangschlängelten. Modern und rustikal zugleich. Auf dieses Schmuckstück war sie stolz. Ihr Klaus hatte es vor sechs Jahren gekauft. Um Umbau und Einrichtung hatte sie sich gekümmert. Geld verdiente Klaus als Seniorpartner einer großen Wiener Anwaltskanzlei genug. Daher hatte sie sich hier verwirklichen können. Alles vom Feinsten. Aber dezent, alles andere als überladen, denn Protz war ihr zuwider. Seit Abschluss der Umbauarbeiten hatte sie fast jedes Wochenende hier verbracht. Die Namen Klaus und Theresa Strasser hatte sie selbst in das Türschild geschnitzt. Dass am Hang gegenüber, genau im Zentrum des Blickfeldes, der Spitzer Friedhof lag, betrachtete sie nur als kleinen Nachteil. Durch die ansonsten prachtvolle Aussicht auf die Ruine Hinterhaus, den Tausendeimerberg und die Donau wurde dieser Nachteil mehr als wettgemacht. Ein einmaliges Panorama.
Sie hätte heute natürlich auch gleich hier in Spitz einkaufen können. Seit dem Kauf des Wochenendhauses war sie immer darauf bedacht gewesen, sich als loyale Ortsbewohnerin zu zeigen und in den wenigen Geschäften, die es in dem kleinen Ort noch gab, gutes Geld zu lassen. Aber der Freitag Nachmittag gehörte immer der Fahrt nach Krems. Mit einer Entfernung von knapp zwanzig Kilometern ja nur ein Katzensprung. Zum Markt auf dem Dreifaltigkeitsplatz. Denn dort gab es die schönsten Blumen. Also setzte sie sich ans Steuer ihres Einkaufswagens, wie Klaus ihr geräumiges Elektroauto abfällig zu nennen pflegte. Er hätte ihr am liebsten ein repräsentativeres und schnelleres Auto geschenkt. Aber das lehnte sie der Umwelt zuliebe ab.
Als gebürtige Wienerin, die sich immer als reine Großstadtpflanze betrachtet hatte, war sie erstaunt, wie sehr ihr das dörfliche Leben in der Wachau ans Herz gewachsen war. Sogar mehr als Klaus, obwohl der keine fünf Kilometer von Spitz entfernt geboren war. Aber er war ja schon im Alter von acht Jahren mit seinen Eltern nach Wien übersiedelt. Anfangs waren auch noch ihre beiden Kinder regelmäßig nach Spitz mitgekommen. Aber mit der Zeit waren deren Besuche immer seltener geworden. Katja war gleich nach der Matura aus dem Elternhaus ausgezogen. Der jetzt neunzehnjährige Mathias lebte zwar noch bei ihnen, aber an den Wochenenden zog auch er es immer öfter vor, in Wien zu bleiben.
Morgen würden aber beide kommen. Weil eine große Feier anlässlich der Wahl zum Vizepräsidenten der Wiener Rechtsanwaltskammer und des gleichzeitigen fünfundvierzigsten Geburtstags des Vaters anstand. Die offizielle Feier mit Kanzleipartnern, wichtigen Klienten und Vertretern der Anwaltskammer hatte schon vor einer Woche in einem Wiener Nobelhotel stattgefunden. Für morgen waren die privaten Freunde eingeladen. Eine kleine Runde. Zwanzig Gäste. Mehr hatten im Wochenendhaus beim besten Willen keinen Platz.
Klaus hätte lieber einen der umliegenden Heurigen gemietet, lieber mehr Menschen eingeladen. Vor allem solche, die seinen Aufstieg zum Präsidenten der Anwaltskammer fördern konnten. Aber sie hatte sich durchgesetzt. Sie wollte das Fest lieber intim halten. Mit dem Argument »Qualität vor Quantität« hatte sie ihn schließlich überzeugt.
Außerdem hätte sie ihre liebe Not gehabt, allzu viele von fern anreisende Gäste in den Hotels der Umgebung unterzubringen. Obwohl es erst Mitte April war, war es gar nicht leicht gewesen, Zimmer für die wenigen Geburtstagsgäste, die über Nacht bleiben wollten, zu reservieren. Dass fast alles ausgebucht war, war dem Höhepunkt der Wachauer Marillenblüte geschuldet. Die hatte heuer eine gute Woche später als in den Vorjahren eingesetzt. Der Weg nach Krems war gesäumt von diesen vergleichsweise unscheinbaren Obstbäumen, die nur für knappe zwei Wochen mit ihrer Pracht auftrumpften. Weiße Blüten, die aus kräftig rosafarbenen Knospen herauswuchsen und lange gelbe Stempel ausbildeten. Da hatte die Natur barock gespielt. In den letzten Jahren war die Wachauer Marillenblüte ein ähnlich großer Touristenmagnet geworden wie die Narzissenblüte im Ausseerland. Sollte sie den Blumenschmuck mit Marillenbaumzweigen ergänzen? Nein. Den Freunden des Geburtstagskindes würde diese Blüte ohnehin auf dem Silbertablett serviert, weil sie von der Terrasse des Wochenendhauses einen Traumblick auf ein Meer von blühenden Marillenbäumen hatten.
Ihr Wagen surrte leise dahin. Was für ein herrlicher Nachmittag. Sie hatte Klaus überreden wollen, mit ihr gemeinsam nach Krems zu fahren. Vergeblich. Dabei hatte sie sich wirklich ins Zeug gelegt, ihm sehr bildhaft beschrieben, wie schön die Fahrt durch die Wachau im Licht der tiefstehenden Sonne sein würde. Auf der einen Seite die glitzernde Donau, auf der anderen Seite die mit erstem Grün noch zaghaft überzogenen Weinberge, die alten Orte, in die nach dem langen Winter das Leben zurückkehrte, dazu überall Marillenbäume, barocke Blüten in orangem Licht. Zum Abschluss dann vorbei an den pastellfarbenen Fassaden von Stein. Sehr warm für Mitte April war es obendrein. Was konnte es Schöneres geben?
Als sie schließlich bei der Einfahrt nach Krems zur großen Tankstelle kam, musste sie seufzen: Warum konnte man die hässlichen Dinge nicht unter die Erde verlegen?
Kurz vor dem Dreifaltigkeitsplatz fand sie einen Parkplatz. Zwei Minuten später stand sie in der Mitte des Marktes neben dem ungewöhnlichen Pestdenkmal, dessen drei weiße Säulen die heilige Dreifaltigkeit symbolisierten. Dass es schon späterer Nachmittag war, war unverkennbar. Die Bauern aus der Umgebung, die hier frische Ware zumeist aus eigenem Anbau feilboten, hatten an diesem schönen Tag bereits ein gutes Geschäft gemacht. Die Holzkisten, die wohl in der Früh noch voller Kartoffeln, Karotten, Äpfel, und allerlei Gemüse gewesen waren, waren weitgehend leer. Aber frische Blumen gab es noch in Hülle und Fülle. Sie ließ den Blick über diese Farbenfreude schweifen.
Da erspähte sie jemanden, der ihr aus Richtung Landstraße entgegenkam, den sie seit bald fünfundzwanzig Jahren kannte: Roman Gröger. Wahrscheinlich der älteste Freund ihres Mannes. Ebenfalls Anwalt und selbstverständlich zum morgigen Geburtstagsfest eingeladen. Sie erhob die Stimme: »Kann es sich ein Anwalt in Krems leisten, an einem Freitag Nachmittag schon in Freizeitkleidung herumzulaufen? Servus, Roman!«
Der Rechtsanwalt, der sie offensichtlich noch nicht bemerkt hatte, riss seinen Kopf in ihre Richtung. Was für ein strahlendes Lächeln in seinem tief gebräunten Gesicht! Völlig ansatzlos. Kein Wunder, dass sie auf der Uni kurz für ihn geschwärmt hatte.
Er machte drei große Schritte auf sie zu und umarmte sie. »Theresa, meine Liebe. Das ist aber eine schöne Überraschung. Was machst du denn in Krems? Du wirst doch die Vorbereitungen für die Geburtstagsfeier nicht vernachlässigen?« Er trat einen Schritt zurück und zeigte ihr seinen tadelnden rechten Zeigerfinger.
Den schob sie beiseite und hängte sich bei ihm ein. »Ganz im Gegenteil. Ich bin hier, um die Blumen für den Tischschmuck zu besorgen.« Sie ließ ihren Blick wieder über die verschiedenen Blumenstände schweifen. Klaus hatte sich Rosen gewünscht. Möglichst königlich, hatte er gemeint. Kein Problem. An prächtigen Rosen herrschte hier kein Mangel. Der Einkauf würde nicht viel Zeit in Anspruch nehmen. »Wenn du Lust hast, kannst du mich zum Raimitz begleiten. Eine Cremeschnitte und ein kleiner Brauner gehen sich noch aus. Gehört sowieso zu meinem Krems-Ritual.«
»Nichts, was ich lieber täte.« Er entwand sich ihrem Arm.
»Ich verstehe«, kommentierte sie seine Bewegung neckisch. »Du willst wohl angesichts deiner zahllosen Kremser Verehrerinnen nicht den Eindruck erwecken, als hättest du die Frau deiner Träume schon gefunden.« Sie lachte ihn von der Seite an.
»Im Gegenteil. Ich will nur nicht, dass wir wie ein altes Ehepaar aussehen.« Er legte seinen Arm um ihre Schulter.
»Jetzt schauen wir eher wie ein junges Liebespaar aus, findest du nicht?« Sie gab ihm mit ihrer Hüfte einen Stoß. »Alter Schwerenöter. Wenn du so weitermachst, werde ich das Klaus erzählen. Der wird dich dann von der Geburtstagstafel ausschließen.«
Sie merkte, dass sein Gesicht für einen Augenblick sein Strahlen verlor. Allerdings nur kurz, sodass sie der Sache keine Bedeutung beimaß.
Keine fünf Minuten später saß sie mit Roman im Schanigarten der Konditorei an einem kleinen Tischchen, das gerade frei geworden war. Genau dort, wo die Kirchengasse in den Pfarrplatz überging. Zur Pfarrkirche waren es nicht einmal hundert Meter. Und gleich dahinter, aber deutlich höher gelegen, erhob sich die Piaristenkirche mit ihrer großen Turmuhr. Bei jedem Besuch der Konditorei stellte sie sich von Neuem die Frage, ob der göttliche Geschmack der Cremeschnitten etwas mit dem erhebenden Blick auf diese beiden Kirchen zu tun hatte.
Nachdem er seinen ersten Schluck Kaffee genommen und die Tasse abgestellt hatte, zeigte sich wieder der ernste Ausdruck in seinem Gesicht. »Du, Theresa, ich wollte heute noch Klaus anrufen. Aber jetzt kann ich es dir sagen. Ich werde morgen nicht nach Spitz kommen.«
Also hatte sie sich vorhin doch nicht getäuscht. Sie war ehrlich betroffen. Auch wenn der Kontakt zwischen Klaus und Roman früher enger gewesen war, so war eine Geburtstagsfeier von Klaus ohne Roman doch unvorstellbar. »Ja, aber warum denn nicht? Du gehörst doch fast zur Familie.«
»Lieb von dir, dass du das sagst. Aber Klaus hat doch nur mehr recht großkotzige Freunde. Da passe ich als kleiner Provinzanwalt einfach nicht dazu. In der Runde würde ich mich nicht wohlfühlen. Ich komme lieber am Sonntag zu einem späten Frühstück. Da habe ich euch für mich allein.«
Sie klopfte ihm auf seinen Schenkel. »Nur keine falsche Bescheidenheit, mein Lieber. Die Damen morgen wären jedenfalls von dem kleinen Provinzanwalt hingerissen. Du kannst es dir ja noch überlegen. Klaus wäre sehr enttäuscht.«
Wenn sie es recht bedachte, war sie da gar nicht so sicher. In den letzten ein, zwei Jahren hatte sich die Freundschaft der beiden alles andere als weiterentwickelt. Klaus moserte immer öfter an Roman herum. Dass er keinen Biss hätte und zu wenig aus seinen Talenten mache, dass er in Krems versauern würde und Ähnliches. Schade. Sie nahm sich vor, in den nächsten Wochen einen Anlauf zu nehmen, um alles wieder so wie früher werden zu lassen. »Gehst du jetzt in deine Kanzlei?«
»So gut wie. Meine Wohnung liegt nämlich, wie du weißt, über meiner Kanzlei. Für diese Woche habe ich genug gearbeitet.«
»Ein bisschen mehr könntest du dich schon anstrengen, damit aus dir zumindest ein großer Provinzanwalt wird. Aber wenn du es nicht eilig hast, könntest du mir noch beim Aussuchen der Blumen helfen. Ich würde das morgen Abend lobend erwähnen.«
Er lächelte. »Gib zu, dass du einen Kuli brauchst, der dir die Blumen zum Auto bringt.«
»Du durchschaust mich noch immer.« Sie schenkte ihm ein charmantes Lächeln, erleichtert darüber, dass die kurze Irritation sich offensichtlich schon wieder verflüchtigt hatte. Während er zahlte, stand sie auf und strich sich wie beiläufig ihren Dirndlrock über den Hüften glatt, um ihn weiter zu necken. »Danke für die Einladung.«
»Kann sich selbst ein kleiner Anwalt leisten. Und das nächste Mal rufst du mich an, wenn du nach Krems kommst. Mit oder ohne Klaus.«
Es war wohl übertrieben, aber sie bildete sich ein, die Blumen schon mehr als hundert Meter vom ersten Blumenstand entfernt riechen zu können.
Er nickte in Richtung der dreifaltigen Pestsäule, deren goldener Strahlenkranz an der Spitze im Licht der tiefstehenden Sonne funkelte. »So ein Strahlenkranz würde dir auch gebühren. Allerdings stammst du nicht aus der Barockzeit. Gott sei Dank.«
»Wenn du weiter so Süßholz raspelst, trage ich mir meine Blumen allein zum Auto.« Sie gab ihm einen Knuff auf den Oberarm.
Der Markt war noch immer voll mit Besuchern. Um den steinernen Mittelpunkt des Platzes herum war das Gedränge groß.
»Klaus wünscht sich besonders königliche Rosen«, raunte sie ihm mit einem Lächeln zu. Mit dieser Aussage wollte sie ihn amüsieren, allerdings verfinsterte sich sein Gesichtsausdruck einmal mehr. War zwischen Klaus und Roman etwas vorgefallen, von dem sie nichts wusste? Sollte sie ihn darauf ansprechen? Nein. Klaus und Roman waren erwachsen und durchaus in der Lage, ihre Probleme selbst zu klären. Sie schlenderten von Stand zu Stand. Roman lächelte schon wieder. Konnte also nicht so schlimm sein.
Mehrere Blumenverkäuferinnen grüßten sie freundlich. Von ihren vielen früheren Einkäufen war sie hier bekannt. Sie erntete auch einige überraschte Blicke. Zweifelsohne deshalb, weil sie zum ersten Mal in Begleitung eines Mannes hier war.
Eine sagte sogar: »Sie sollten Ihren Mann öfter mitbringen, so fesch, wie er ist.«
Sie hoffte, nicht verlegen zu werden, und erwiderte mit einem Lachen, das ihr eine Spur zu forciert erschien: »Das ist aber gar nicht mein Mann, sondern ein guter Freund von ihm.«
Irrte sie sich, oder sah sie da ein verschwörerisches Zwinkern der Blumenverkäuferin? Schnell wandte sie sich ganz den Blumen zu. Wäre es nach ihr gegangen, hätte sie für den Tischschmuck weiße und gelbe Narzissen mit ein paar violetten und roten Tulpen genommen. Märzenbecher wären auch schön gewesen. Oder gleich Topfpflanzen? Es gab Krokusse in allen Farben. Sie beugte sich zu einem prächtigen Exemplar. Der Geruch der feuchten Erde war stärker als der der Blüten. Sie überlegte. Am schönsten wäre es doch, jeden Tisch mit einem ganz eigenen Blumenschmuck auszustatten. Ja, warum eigentlich nicht? Klaus würde seine königlichen Rosen bekommen. Aber er hatte nicht gesagt, dass er nur Rosen wollte. Sie schlenderte mit Roman weiter, wollte zunächst nur ihre Augen und auch ihre Nase verwöhnen. Dabei würde sie entscheiden, wo sie welche Blumen kaufen würde. Natürlich würde sie für den morgigen Festtag vor allem heimische Frühlingsblumen erstehen. Die Rosen waren Mitte April bestimmt Importware. Egal. Sie kaufte dreißig Stück mit besonders langen Stielen und prächtigen dunkelroten Blüten. Die würden Klaus sicher gefallen. Ein paar lachsfarbene, die noch mehr nach ihrem Geschmack waren, mussten auch sein. Dann ging sie mit Roman ein zweites Mal über den Markt und verteilte ihre weiteren Aufträge. Sie achtete darauf, dass sie an jedem Stand in etwa gleich viel kaufte, weil sie keine der Verkäuferinnen enttäuschen wollte.
Beim Stand mit besonders schönen Narzissen stand ein halbwüchsiges Mädchen vor ihr, das zwei Töpfe mit weißen Krokussen kaufen wollte, aber eineinhalb Euro zu wenig Geld dabeihatte. Als sie die Enttäuschung im Gesicht der Kleinen sah, bedeutete sie der Marktfrau mit einem leichten Wink, das fehlende Geld ihr in Rechnung zu stellen. Der freudige Blick und der dankbare Knicks des Mädchens waren die eineinhalb Euro mehr als wert.
»Das macht dir so schnell niemand nach. Toll«, flüsterte Roman ihr ins Ohr.
Sie drehte sich zu ihm um. Was für ein Unterschied zu Klaus. Der hätte sie in dieser Situation wohl wie üblich abfällig als Mutter Teresa von Spitz bezeichnet.
Bald waren Romans Arme schwer beladen mit Sträußen von Märzenbechern, Narzissen und Tulpen in allen Farben, gekrönt von den roten und lachsfarbenen Rosen. Sie ging mit ihm zum Auto. Während er die Blumen auf der Ladefläche ihres Autos ablegte, nahm sie eine gelbe Narzisse und steckte sie ihm in den Ausschnitt seines dunkelblauen T-Shirts.
»Danke. Und bitte überlege es dir noch einmal wegen morgen.« Dann küsste sie ihn auf beide Wangen und stieg ein.
Sie musste sich beeilen. In einer halben Stunde würde der Bürgermeister von Spitz kommen, um zu gratulieren. Diesen Wunsch hatte sie ihm nicht abschlagen wollen, obwohl sich Klaus schon vor der gestrigen Abfahrt aus Wien darüber beschwert hatte. Was sollte er mit einem kleinen Provinzpolitiker, den er nicht einmal kannte? Ihren Einwand, dass man auch den Bürgermeister eines kleinen Orts nicht ohne Not vor den Kopf stoßen sollte, ließ er mit einigem Murren letztlich gelten.
Keine zwanzig Minuten später war sie wieder in Spitz. Beim Abstellen des Wagens hupte sie kurz, um ihre Rückkehr zu signalisieren. Sie tat es auch in der Hoffnung, ihren Mann dazu zu bewegen, ihr beim Tragen der Blumen zu helfen. In dieser Hoffnung sah sie sich bald enttäuscht. Aber sein demonstratives Desinteresse wollte sie nicht auch noch unterstützen. Ohne ein einziges Blumenbukett in die Hand zu nehmen, stieg sie aus, um ihn zu holen. Eigenartig. Die Tür war versperrt. Konnte nur bedeuten, dass er joggen war. Was für ein Affront dem Gast gegenüber, der nicht mehr lange auf sich warten lassen würde. Wenn Klaus nicht in den nächsten Minuten kam, würde für eine Dusche gar keine Zeit mehr bleiben.
Einigermaßen verärgert trug sie die Blumen ins Haus. Danach machte sie sich frisch. Kurz überlegte sie, ob sie sich umziehen sollte, entschied sich dann aber dagegen, nachdem ihr eine kurze Kontrolle im Spiegel zeigte, dass ihre Dirndlbluse weder vom Kaffee noch von der Cremeschnitte einen sichtbaren Schaden davongetragen hatte.
Da hörte sie auch schon die Geräusche eines einparkenden Autos. Konnte nur der Bürgermeister sein. Sieben Minuten zu früh. War ihr schon öfter aufgefallen, dass die Leute auf dem Land – ganz im Unterschied zu Wien – immer eher zu früh als zu spät dran waren. Sie wollte den Bürgermeister dennoch nicht warten lassen und ging ihm entgegen. Als er aus seinem Auto stieg, sah sie, dass er eine Flasche Wein mitgebracht hatte.
»Ich muss meinen Mann noch für ein paar Minuten entschuldigen. Er wird aber gleich da sein.«
»Soll ich solange im Auto warten?«
»Kommt doch überhaupt nicht in Frage. Bitte, kommen Sie weiter.«
Kaum zwei Minuten später tauchte Klaus auf. Pünktlich. Allerdings in dem dunkelblauen Trainingsanzug von Adidas, den er sich im Winter gekauft hatte. Total verschwitzt und ausgepumpt. Völlig unmöglich. Sie würde ihm später ernsthaft ins Gewissen reden müssen. Breitbeinig stellte er sich vor den Bürgermeister hin, ohne ihm die Hand zum Gruß entgegenzustrecken. »Ach, Sie sind offensichtlich der angekündigte Bürgermeister. Soll ich mich noch umziehen oder bringen wir die Zeremonie gleich hinter uns? Würde uns beiden Zeit sparen.«
Freitag, 16. April 16 Uhr 50
Der Tag hatte für Josefa Machherndl ganz mies begonnen. Eigentlich schon die Nacht davor. Offenbar half nicht einmal mehr ihr heißgeliebter Marillenschnaps, mit dem sie sonst jeden Ärger zuverlässig hinunterspülen konnte. Sechs Stamperl zwischen neun und elf Uhr abends und keines davon hatte auch nur eine Spur von Trost geboten. Sie legte die Kuppe ihres linken Zeigefingers ganz vorsichtig auf die grau-schwarze Warze an ihrem Kinn, die heute eher eine grau-rote Tönung hatte. Wegen des getrockneten Bluts. Wieso musste sie auch nach so einer Nacht auf die Idee kommen, die beiden Haare zu kürzen, die aus der Warze herauswuchsen? Hätte wohl auch noch bis morgen Zeit gehabt. An diesem katastrophalen Fehl-Schnitt mit dem Rasiermesser, das zu allem Unglück erst vor einer Woche von einem Messerschmied in Krems geschärft worden war, konnte nur diese vermaledeite Maria Magdalena schuld sein. Als angebliche Heilige geradezu eine Provokation für alle treuen Dienerinnen der Kirche, die sich ihr ganzes Leben lang bemühten, den Versuchungen des Teufels zu widerstehen. In Josefas Fall selbstverständlich erfolgreich.
In aller Herrgotts Früh war sie schon mit dem alten Fahrrad von ihrem Haus in Oberloiben zur Stiftskirche gefahren. Auf der Fahrt hatte sie nicht einmal einen kurzen Blick auf die Marillenbäume geworfen, die links und rechts der alten Wachaustraße blühten. Denn auf dieser Fahrt war ihr, der pensionierten Dürnsteiner Gemeindesekretärin, klar geworden, dass sie unbedingt etwas unternehmen musste. Kneifen war ja so gar nicht ihre Art. Geradezu eine Frechheit, was sich diese deutschen Fernsehsender leisteten. Jede Woche mindestens eine Sendung über ein angebliches fünftes Evangelium. Gefunden in einer obskuren Wüstengegend und geschrieben von einem noch obskureren Philippus, der sich erdreistete, aus Jesus und dieser Hure Maria Magdalena ein Liebespaar zu machen. Mit allem Drum und Dran, an das sie lieber gar nicht denken wollte. Gestern wieder so ein Machwerk im TV. Fast zur Hauptsendezeit. Konnte nicht mehr lange dauern, bis auch österreichische Sender diesen Schund bringen würden. Nicht nur, dass diese Fernsehmacher alle linke Brüder und Schwestern waren. Jetzt machten sie sich auch noch daran, den Herrn und Meister systematisch in den Schmutz zu ziehen. Was für eine teuflische Strategie dieses gottlosen Packs. Wobei sie Jesus von einer gewissen Mitschuld gar nicht freisprechen wollte. Warum musste er für den Beweis, dass es für eine Umkehr nie zu spät sein würde, ausgerechnet eine Dirne auswählen? Eine reuige Oliven-Diebin hätte es doch auch getan. Mit zweitausendjähriger Verspätung begann sich das jetzt zu rächen. Jesus Christus war eben eine Person, die in der Öffentlichkeit stand. Eine solche Person musste bei der Wahl ihres Umgangs eben vorsichtig sein. Schon damals. Heutzutage wusste das doch jeder kleine Provinzbürgermeister.
Seit einiger Zeit kaufte sie in einer Trafik am Täglichen Markt in Krems alle Programmzeitschriften, derer sie habhaft wurde. Einerseits, um keine der Sendungen, die von diesem angeblichen neuen Evangelium handelten, zu versäumen. Andererseits, um sich einen Raster anzulegen, mit dem sie die zunehmende Häufigkeit dieser Schandberichte dokumentierte. Wäre doch gelacht, wenn sie diesen Spießgesellen des Teufels nicht die Masken vom Gesicht reißen könnte. Natürlich würde sie Verbündete brauchen. Den Dürnsteiner Pfarrer hatte sie schon darauf angesprochen. Aber der schien kein Interesse an der Sache zu haben. Kein Wunder, dass es bei solch lahmarschigen Vertretern mit der Kirche bergab ging. Wenn sie das früher gewusst hätte, hätte sie ihm die Bitte, für den Blumenschmuck der Stiftskirche zu sorgen, wahrscheinlich abgeschlagen. Ihren Blumendienst heute Früh hatte sie jedenfalls mit heftigem Widerwillen erledigt. Wenigstens hatte ihr der Erlöser, als sie gerade vor dem Hochaltar stand, einen Geistesblitz eingegeben. Sie sollte sich an den Chef des Pfarrers, den Propst von Stift Herzogenburg, wenden. Der war ja ein gelernter Fleischhauer. Also ganz sicher kein Weichei, und schon allein deshalb ein Mann nach ihrem Geschmack.
Ihr Kopf brummte. Immer noch beinahe so stark wie um sechs Uhr, als der Wecker geläutet hatte. So früh aufzustehen war sie seit ihrer Zeit als Gemeindesekretärin gewohnt. Sie hatte nie einen Grund gesehen, im ungeliebten Ruhestand von dieser Gewohnheit abzuweichen. Weder die Fahrt mit dem Rad und noch weniger ihre morgendliche Beschäftigung in der Stiftskirche hatten Linderung gebracht. Sie war sicher, dass die Kopfschmerzen nur von ihrem Ärger über die gestrige Fernsehsendung herrühren konnten.
Nach dem Mittagessen mit bereits am Vortag zubereiteten Fleischlaberln samt Erdäpfelpüree war bei ihr der Entschluss gereift, noch einmal nach Dürnstein zu fahren, um an der Schiffsanlegestelle den Touristenstrom zu beobachten, der die MS Wachau bestieg. An der Massenansammlung an sich hatte sie kein Interesse. Sie wollte lediglich die Menschen zählen, die die Frechheit gehabt hatten, sich am Blumenschmuck der Kirche zu vergreifen und ihn als Andenken an den Ausflug nach Dürnstein mitzunehmen. Solchem Pack sollte der Eintritt in ein Haus Gottes verboten sein.
Jetzt saß sie auf einer Bank nahe der Anlegestelle. Vor ihr Treppelweg und Donau, hinter ihr die Mauer von Schloss Dürnstein, die ihr den Blick auf den Turm der Stiftskirche verstellte. Zum Glück. Scheußliche Farbe. Die meisten Leute hatten sich in der Zwischenzeit an die hellblaue Fassade gewöhnt und wollten sich gar nicht mehr daran erinnern, wie heftig ihr Widerstand gegen die Vorgabe des Denkmalamts bei der Restaurierung des Turms vor mehr als dreißig Jahren gewesen war. Sie war stolz darauf, aus einem ganz anderen Holz geschnitzt zu sein. Die Farbe des Turms blieb ihr verhasst und das betonte sie bei jeder Gelegenheit. Trotz aller Ärgernisse genoss die ehemalige Gemeindesekretärin die ehrerbietigen Grüße der Dürnsteiner, die die wärmende Nachmittagssonne für einen kleinen Spaziergang auf dem Treppelweg nutzten. Einmal Respektsperson, immer Respektsperson. Zu ihrer Freude würdigten ihre Dürnsteiner Mitbürger die Touristenschlange keines einzigen Blickes.
Sie schätzte die Zahl derer, die aufs Schiff wollten, auf mindestens hundert. Und mindestens jede zehnte Person hielt ganz ungeniert eine Narzisse oder eine Tulpe in der Hand. Eine Frau hatte offenbar die Frechheit gehabt, sogar einen Topf mit violetten Krokussen mitgehen zu lassen. Alles Blumen, davon war sie überzeugt, die sie gestern in Dürnstein und Umgebung mühsam zusammengebettelt hatte. Vor vierzig, fünfzig Jahren hatten es die Dürnsteiner ja noch für eine Ehrenpflicht gehalten, eifrig für den Herrn zu spenden. Heutzutage alles längst vorbei.
Nachdem das Schiff endlich abgelegt hatte, stand sie auf und bestieg ihr Rad. Der Gedanke an den heimischen Marillenschnaps flößte ihr eine gewisse Vorfreude ein. Heute würde der Schnaps ihr seine tröstende Wirkung nicht versagen. Da fiel ihr Blick auf ein mannsgroßes Etwas, das sich in einem kleinen Strudel auf und ab drehte, um dann weiter stromabwärts zu treiben. Josefa Machherndl war stolz auf ihre Augen. Was ihr Adlerblick da erspähte, ließ ihr die Nackenhaare zu Berge stehen. Es konnte keinen Zweifel geben. In knapp fünfzig Metern Entfernung trieb eine Leiche. Den Schädel wie mit einer Hacke eingeschlagen. Jetzt versank sie. Im nächsten Moment tauchten die Beine wieder auf, dann der Rumpf, dann tauchten sie wieder unter. Leblos. Unfassbar. Niemand schien etwas zu bemerken. Zehn Meter stromabwärts waren wieder ein paar Teile knapp an der Wasseroberfläche zu sehen.
Die beiden Lehrer, die mitsamt ihren Schulklassen gerade von Bord des Schiffes gegangen waren, wollte sie unter keinen Umständen alarmieren. Ihre Beobachtung würde den Kindern womöglich einen Schock versetzen. Nach kurzer Überlegung entschied sie, auch den Radfahrer nicht anzuhalten, der gerade den Treppelweg fröhlich pfeifend entlang fuhr. Das sollte einzig und allein ihr Fall sein. Bei so etwas kannte sie sich aus. Schließlich war sie ja schon einmal im Zentrum einer Mord-Untersuchung gestanden. Oder zumindest in der Nähe des Zentrums.
Freitag, 16. April 17 Uhr 07
Doris Lenhart war so aufgekratzt, dass sie einen ABBA-Song trällerte. Einen so populären, dass auch er ihn kannte. »Waterloo,… Waterloooo«, sang er leise mit und lehnte seinen massigen Körper an den Türrahmen.
Sie warf ihm einen amüsierten Blick zu, trällerte jedoch weiter und ließ sich auch sonst nicht von den letzten Handgriffen in ihrem Büro abhalten. Freitag, 17 Uhr, war Dienstschluss.
»Waterloo handelt von einer verlorenen Schlacht«, kommentierte er. »Kein passender Song, um sich auf das Wochenende einzustimmen.«
»Banause!«, schimpfte sie, während sie ihren Computer abschaltete. »Waterloo handelt von der Übermacht der Liebe.«
»Du freust dich wohl auf euren Kochkurs. Freu’ dich nicht zu früh. Mörder arbeiten auch nach Dienstschluss. Sogar in Österreich.« Er nippte an dem Becher aus Pappendeckel, den er seit fünf Minuten in der Hand hielt. Pappendeckel passte hervorragend zu der wenig repräsentativen grau-beigen Büroeinrichtung. Und der unnötige Papierhenkel passte zu den Fenstern, die Formen und Ausmaße von Schießscharten hatten. Sogar ihn, dem jeglicher Sinn für Ästhetik fremd war, störten diese schmalen Fenster. Bei jedem Blick hinaus stellte er sich die Frage, ob der verantwortliche Architekt das Gebäude in der Überzeugung geplant hatte, die Polizei vor Attacken anstürmender Verbrecherhorden schützen zu müssen. »Scheußliches Gesöff«, murrte er. »Mit der Besteilung einer neuen Kaffeemaschine könntest du unsterblich werden.«
»Das werde ich auch ohne neue Kaffeemaschine. Bist du am Sonntag wieder auf einem Fußballplatz unterwegs?«
»Klar, in Hohenau. Nicht gerade eine Traumgegend, aber immer noch besser als euer Kochkurs. Was dein Erich dort soll, ist mir schleierhaft.«
»Mein Erich weiß wenigstens, was eine Frau glücklich macht. Wenn du den Kochlöffel beizeiten geschwungen hättest, dann wäre deine Frau vielleicht bei dir geblieben.« Mit einem Seufzen nahm sie die Tulpen auf ihrem Schreibtisch, die schon den Kopf neigten, aus der Vase. Über dem Mistkübel hielt sie inne, überlegte es sich offenbar anders, zog ein kleines Messer aus der Schreibtischschublade, schnitt die braunen Stellen unten an den Stielen weg, holte frisches Wasser und stellte die Tulpen zurück in die Vase.
Er schüttelte den Kopf. Ausgeschlossen, dass die Blumen das Wochenende überlebten.
»Oder wenn du wenigstens dein Hemd über deinem Bauch zugeknöpft hättest«, kommentierte sie sein Kopfschütteln.
Widerwillig nahm er einen weiteren Schluck Kaffee, bevor er an dem Becher vorbei an sich hinabblickte. Allerdings machte er keine Anstalten, sich das Hemd über dem Gürtel zuzumachen. »Frauen stehen doch auf Männerbäuche. Habe ich einmal gelesen.«
Seine Chefin warf ihm einen Blick zu, den er nur zu gut kannte. »Es ist wirklich ein Jammer mit dir. Mein innigster Wunsch ans nächste Christkind ist, dass du einmal in einem Gewand im Büro aufkreuzt, in dem du nicht die Nacht davor geschlafen hast. Ein einziges Mal würde mir schon genügen.«
Er kraulte seinen Bart, von dem er wusste, dass der ihn zusammen mit seinem Leibesumfang wie eine Kopie von Bud Spencer aussehen ließ. An seinen bürointernen Spitznamen »Spencer« hatte er sich längst gewöhnt. »Kann ich dir leicht versprechen. Bis zu den nächsten Weihnachten hat mich nämlich unser hochverehrter Herr Polizeidirektor längst in Pension geschickt.«
»Schafft er nur über meine Leiche.« Doris Lenharts Augen blitzten.
Aber auch ohne dieses Blitzen, dessen einschüchternde Wirkung auf manchen Verbrecher er nur zu gut kannte, hätte er, der fünfzehn Jahre älter war als seine Chefin, gewusst, dass er sich auf sie verlassen konnte. Sie hatte in den letzten Monaten wie eine Löwin für ihn gekämpft und sie würde das auch weiterhin tun.
»Außerdem würde ich nicht darauf wetten, dass wir unseren hochverehrten Chef noch bis Weihnachten haben.« Das Blitzen in ihren Augen wich einem verschmitzten Zwinkern. »Meine Wiener Spione berichten mir, dass er auf einen Sprung nach oben spitzt.«
»Oh.« Er rieb sich vergnügt den Bauch. »Deine Spione versüßen mir mein Wochenende auch ohne Mehlspeis-Kurs bei einem Meisterkoch.«
Doris strich sich eine Strähne ihres kohlrabenschwarzen Haares, ein Erbe ihrer Großmutter, wie sie ihm einmal erzählt hatte, aus dem Gesicht. »Von mir aus kann er gern nach oben springen. Hauptsache, er springt von St. Pölten weg.«
»Exzellente politische Verbindungen zahlen sich halt immer aus.« Er löste sich vom Türrahmen, stellte den Pappbecher auf ihren Schreibtisch und fläzte seine hundertfünf Kilo in den davor stehenden Sessel, der wie üblich mit einem leisen Ächzen antwortete. »Du willst wohl sagen, dass große Idioten besonders gern noch größere Dummköpfe rekrutieren.«
Da klopfte es an der offenen Tür. Ein Mitarbeiter, der offenbar Journaldienst hatte, wandte sich an Doris Lenhart. »Da ist eine Frau Machherndl am Apparat, die sich absolut nicht abwimmeln lässt. Sagt, dass sie unbedingt mit Ihnen sprechen muss.«
Malzacher schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Um Himmels willen. Die alte Schnapsdrossel hat uns gerade noch gefehlt. Hast du nicht gerade etwas von ‚Waterloo‘ gesungen?«
Offensichtlich hatte sie seine Spitze nicht gehört oder überhört, was er eher vermutete. In solchen Dingen war sie eine absolute Meisterin und ihm haushoch überlegen. Stattdessen blickte sie den Beamten an.
»Hat sie gesagt, weswegen sie mit mir sprechen möchte?«
»Absolut nicht aus ihr herauszukriegen. Will es nur Ihnen sagen.« Der Journalbeamte machte ein unglückliches Gesicht.
Doris ließ sich die Laune jedoch sichtlich nicht verderben. Mit dem Anflug eines bösen Lächelns deutete sie auf die Stelle, wo sein Bauch zwischen den Hemdknöpfen zum Vorschein kam. »Ich bin schon auf dem Sprung zu einem wichtigen Termin. Du redest mit ihr.«
»Sorry, das ist dein Waterloo.« Nun war es an ihm, verschmitzt zu grinsen. »Sie will nur mit dir reden, wie du ja gehört hast. Abgesehen davon bin ich dafür nicht der Richtige. Bei Nervensägen neige ich dazu, meine gute Erziehung zu vergessen.« Er kraulte einmal mehr seinen Bart. »Aber ich habe einen Vorschlag zur Güte. Du sprichst mit ihr, aber schaltest den Lautsprecher ein. Damit ich dich seelisch unterstützen kann, wenn das Gespräch aus dem Ruder läuft.«
Doris gab dem an der Tür wartenden Beamten einen Wink. »Dann geben Sie mir die Gute halt in Gottes Namen.«
Kurze Zeit später war die pensionierte Gemeindesekretärin in der Leitung. »Hier Frau Machherndl aus Dürnstein. Ich hoffe, Sie erinnern sich noch an mich.«
»Wie könnte ich Sie je vergessen. Wo brennt es denn?«
Er reckte seinen rechten Daumen hoch, während die Chefinspektorin begann, die Strähne ihres Haars, die wieder in die Stirn gefallen war, um ihren Zeigefinger zu drehen.
»Ich möchte einen Mord melden.«
Er sah, wie sich der ganze Körper seiner Chefin plötzlich anspannte, und sie die Haarsträhne wieder ins Gesicht fallen ließ. Er merkte aber auch sofort, dass sie sich um betonte Ruhe und Unaufgeregtheit bemühte.
»Und wo soll der Mord passiert sein?«
»Woher soll ich denn das wissen? Ich bin ja nicht dabei gewesen.«
Doris Lenhart holte tief Luft. »Frau Machherndl, woher wollen Sie dann wissen, dass es einen Mord gegeben hat?«
»Weil ich die Leiche gesehen habe. Sie schwimmt in der Donau.«
Die Leiterin der niederösterreichischen Mordkommission nahm einen auf ihrem Schreibtisch liegenden Kugelschreiber in ihre Hand.
»Und wo genau wollen Sie die Leiche in der Donau gesehen haben?«
»Frau Lenhart, als ehemalige Dürnsteiner Gemeindesekretärin, die immer für ihre Genauigkeit bekannt gewesen ist, sage ich Ihnen eines ganz klar: Ich will nicht eine Leiche gesehen haben, sondern ich habe sie gesehen.«
»Ist ja gut, Frau Machherndl. Also, wo haben Sie die Leiche gesehen?«
»Bei der Schiffsstation Dürnstein. Es ist keine drei Minuten her, da ist sie an mir vorbei getrieben. Ich bin nämlich auf einer Bank am Ufer gesessen.«
»In welcher Entfernung ist das Objekt an Ihnen vorbeigeschwommen?«
»Vierzig bis fünfzig Meter. Und meine Augen sind immer noch so gut, dass ich keine Brille brauche. Daher weiß ich auch, dass es kein Objekt sondern ein toter Mensch gewesen ist. Dem hat ein ganzes Eck vom Schädel gefehlt.«
Ihm war spätestens in diesem Moment klar, dass sie der Sache nachgehen mussten. Schnapsdrossel hin oder her.
»Gut, Frau Machherndl, wir kümmern uns darum. Wo können wir Sie erreichen, falls wir Sie noch brauchen?«
»In meinem Haus in Oberloiben. Und ich gehe davon aus, dass Sie mich bestimmt noch brauchen werden. Meine Telefonnummer haben Sie ja.«
Er war sicher, dass Doris die Nummer längst weggeschmissen hatte. War ja schließlich mehr als ein Jahr her, dass sie zum letzten Mal mit Josefa Machherndl gesprochen hatte.
»Selbstverständlich.«
Lügnerin, dachte er. Aber toll, wie sie es verstand, gut- Wetter zu machen.
»Und was werden Sie in dem Fall tun?«
»Das werde ich gleich mit meinem Stellvertreter, dem Herrn Chefinspektor Malzacher, besprechen, der gerade mir gegenüber sitzt.«
»Ist das noch immer der unmögliche ältere Herr mit dem dicken Bauch?«
»Auf Wiederhören, Frau Machherndl. Und nochmals Dank für Ihren Anruf.«
Die Chefinspektorin legte auf und sah ihn an. Sichtlich quietschvergnügt.
»Einen sehr tollen Eindruck hast du ja bei ihr nicht hinterlassen. Aber für eine Schnapsdrossel scheint sie noch sehr gute Augen zu haben. Zumindest was dich betrifft.«
»Blöde Kuh.«
»Und was hältst du von ihrer Geschichte?«
Er kratzte sich am Ohr. »Zwar nicht sehr viel, aber zu meinem Leidwesen auch nicht so wenig, dass wir es uns leisten könnten, sie zu ignorieren.«
»Sehe ich genauso. Sichtbar eingeschlagener Schädel. Wenn das stimmt, dann kann es kein Schwimmer gewesen sein, der sich totgestellt hat. Aber eine Leiche müsste doch eigentlich untergehen.« Sie rieb sich nachdenklich am Kinn. »Egal. Wenn die Machherndl die angebliche Leiche vor ein paar Minuten bei der Anlegestation in Dürnstein gesehen hat, dann kann sie ja noch nicht weit weitergetrieben sein. Also: Du verständigst in Krems die Strompolizei. Die sollen die Donau zwischen Krems und Loiben absuchen. Zur Sicherheit aber bis Dürnstein fahren. Vielleicht ist ja dort etwas ans Ufer gespült worden.«
Freitag, 16. April 17 Uhr 05
Der Kapitän hatte auf seinem Steuerstand so lange gewartet, bis der letzte Passagier in Krems von Bord gegangen war. Er zog den Knoten seiner roten Krawatte enger und rückte seine weiße Mütze so zurecht, dass sie auf seinem Kopf ganz leicht, aber erkennbar, schief saß. Nach rechts abfallend. Würde ihm nach Meinung seiner Frau ein besonders schneidiges Aussehen verleihen. Dann verabschiedete er sich von seinem Steuermann mit Handschlag und winkte den auf dem Deck stehenden Mitgliedern der Crew zu.
Er war froh, nur ein paar Schritte von der Anlegestelle entfernt einen reservierten Parkplatz zu haben. Weil Parken an dieser Stelle ein riesiges Problem war. Viele Passagiere ließen sich deshalb von Verwandten oder Bekannten mit dem Auto abholen. Nachdem die MS Wachau deutliche Verspätung gehabt hatte, würde heute kaum jemand auf seinen Chauffeur warten müssen.
Zu seiner Überraschung standen noch immer sechzig bis achtzig Leute um die Anlegestelle herum, einige sogar noch auf dem Ponton. Als er das Schiff verließ, wusste er genau, was folgen würde. Kameras und Handys wurden mit ihm als Ziel gezückt und einige Passagiere wollten sich mit ihm gemeinsam fotografieren lassen, wobei sich zwei Damen bei ihm sogar einhängten. Er war diese Prozedur gewohnt und ließ sie geduldig und auch recht gern über sich ergehen. Kundenzufriedenheit war für ihn oberstes Gebot. Allerdings hatte er eine eiserne Regel: Er würde sich nie zu einem Kaffee oder einem Glas Wein einladen lassen. Nicht einmal ins der Anlegestelle gegenüberliegende »Wellenspiel«. Das probierten alleinstehende Damen immer wieder.
Kaum war er mit der Foto-Prozedur fertig, steuerte ein schlanker, bebrillter Mann auf ihn zu, an den er sich erinnerte. Es war der Passagier, der die Vogelscheuche fotografiert hatte. In der Hand hielt er ein Tablet.
»Entschuldigung, Herr Kapitän. Ich wollte Ihnen nur das Foto zeigen, das ich gemacht habe. Ich habe es jetzt rüberkopiert.« Er hielt ihm den Bildschirm hin. »Hier in der Vergrößerung, sehen Sie? Ich habe mich geirrt. Es war doch keine Vogelscheuche.«
Freitag, 16. April 17 Uhr 09
Was für ein Kaff. Gföhl. Der Ort genauso nichtssagend wie sein Name. Noch gestern um diese Zeit hätte ihn das gar nicht gestört. Weil er zu dieser Zeit noch überzeugt gewesen war, hier seine Abschiedsvorstellung als niederösterreichischer Polizeidirektor zu geben. Die hätte von ihm aus auch in Alt-Nagelberg oder Großmugl stattfinden können. Alles Orte, die er ohnehin kein zweites Mal in seinem Leben sehen würde.
Heute stand die Eröffnung der neuen Polizeistation auf dem Programm. In Wahrheit nur ein Umbau. Er hatte sich alle Mühe gegeben, aus der Veranstaltung ein großes Fest zu machen. Nicht nur dem Image der Polizei, sondern auch dem Landeshauptmann zuliebe, der schon vor sechs Wochen sein Kommen zugesagt hatte. Ihn würde er ja auch in seiner neuen Funktion gut brauchen.
Wenigstens war das Wetter hervorragend. Blauer Himmel. Die Frühlingssonne spendete ausreichende Wärme. Kein Wind, allenfalls ein Lüftchen, schwer beladen mit dem aufdringlich süßen Duft des Flieders an der Mauer da drüben. Dazu allerlei Blütenpollen, die ihn in der Nase juckten. Im wahrsten Sinne des Wortes reizend war es hier im Freien. Auf dem Hauptplatz. Eine Festveranstaltung mit allem Drum und Dran. Örtliche Blasmusikkapelle. Glanzpolierter Spritzenwagen der Freiwilligen Feuerwehr. Mit Frühlingsblumen bekränzte Weinkönigin im Dirndl. Die Gföhler Gemeinderäte und sonstigen Honoratioren vollständig angetreten. Und gut hundert Personen als Publikum. Begrüßung durch den Bürgermeister, dessen Nase eine innige Beziehung zu alkoholischen Getränken aller Art verriet. Selbstverständlich mit dem Herrn Landeshauptmann als erstem Adressaten der Grußbotschaft. Dann hatte der Gemeindevorsteher aber als zweiten Ehrengast nicht ihn, sondern die neue Sicherheitssprecherin der Volkspartei begrüßt. Landtagsabgeordnete Katharina Krenn. Sie saß neben ihm, zog die Blicke auf sich und stahl ihm, Wolfgang Marbolt, dem obersten Sicherheitsverantwortlichen des Landes, die Show. Das tat weh. Aber lang nicht so weh wie der Telefonanruf eines guten Freundes gestern Abend.
Jetzt saß er in der ersten der vor dem Gemeindeamt aufgestellten sechs Reihen und tat so, als würde er den salbungsvollen Worten des Landeshauptmanns aufmerksam lauschen. Die ölige Stimme schien ihm heute den falschen Zungenschlag, den er bei Reden des Landesfürsten immer zu hören glaubte, besonders deutlich zu unterstreichen. Neben sich die Sicherheitssprecherin. Zugegeben attraktiv, aber in Sicherheitsfragen völlig unbeleckt. Eigentlich hatte er erwartet, vor der Besetzung dieser Position vom Landeshauptmann zumindest konsultiert zu werden. Wozu war er denn der oberste Sicherheitsbeamte des Landes? Aber nichts dergleichen. Als ob er Luft wäre.
Aber der Landeshauptmann und seine Abgeordnete konnten ihm heute so oder so gestohlen bleiben. Seine Gedanken kreisten um ein viel dringenderes Problem. Wie sollte er das Desaster seiner Frau erklären? Warum war er auch so dumm gewesen? Vor drei Wochen hatte er ihr gegenüber geprahlt, dass die öffentliche Ausschreibung eine reine Formsache sei. Weil er den Posten ohnehin schon so gut wie in der Tasche habe. Und dann vor knapp 24 Stunden die niederschmetternde Nachricht. Zwar inoffiziell, aber aus sicherer Quelle. Die sprudelten für ihn ja noch immer. Der Herr Innenminister habe sich für einen anderen Kandidaten entschieden. Dieser Hurensohn. Fand es nicht einmal der Mühe wert, ihn persönlich von seiner Entscheidung zu informieren. Ihn, der fast drei Jahre lang als Büroleiter mit seinem Chef ein Herz und eine Seele gewesen war. Die ganze Drecksarbeit, deren Erledigung der hohe Herr, feige wie Politiker eben waren, wie die Pest hasste, hatte er ihm abgenommen.
Dabei hatte er es geahnt. Aus dem Innenministerium hätte schon viel früher eine positive Nachricht kommen müssen. Schon seit einer guten Woche hatte er ein flaues Gefühl im Magen. Dieses Gefühl hinterließ bereits Spuren außerhalb des Magens. Im Büro war er noch kürzer angebunden gewesen, als es ohnehin seine Art war. Als Vorgesetzter war er nie einer von der Bussi-Bussi-Sorte gewesen. Wollte er auch nie wirklich sein, obwohl ihm in dem Punkt sein Minister ein großes Vorbild hätte sein können. War eben ein typischer Politiker, der den Höhepunkt seiner Karriere noch vor sich zu haben glaubte. Selbstverständlich mit halb Österreich per Du. Er hingegen war auf Distanz bedacht.
In den letzten Tagen auch mehr Alkohol als üblich. Sogar Whisky, den er eigentlich gar nicht mochte. Nur für hochrangige Besucher hatte er den in seinem Büro vorrätig. Die gaben ihm für seinen Geschmack allerdings viel zu selten die Ehre. Weil er seine Vorzimmerdamen nicht um ein Glas bitten wollte, hatte er gestern sogar einen kräftigen Schluck aus der Flasche genommen, oder auch zwei. Für ihn ein deutliches Signal, dass er mit sich nicht im Reinen war. Ein weiteres Signal dieser Art: Seine Frau war vorgestern durchaus in Stimmung für Sex gewesen. Kam nicht sehr häufig vor. Aber nicht einmal dazu hatte er Lust gehabt.
Seit gestern Nacht zermarterte er sich sein Gehirn. Wie war es nur möglich gewesen, dass er mit seiner Bewerbung nicht zum Zug gekommen war? Für eine Position wie maßgeschneidert für ihn. Generalsekretär des Innenministeriums. Also die klare Nummer Zwei. De facto eigentlich die Nummer Eins. Weil sich der Minister ja nie um operative Angelegenheiten kümmerte. Mit sieben Sektionschefs als Untergebenen. Selbstverständlich mit einer speziell für ihn entworfenen Uniform. Er sah an sich hinunter. Wie er seine jetzige Arbeitskleidung hasste, mit der er sich von seinen Amtskollegen aus den anderen Bundesländern nicht unterscheiden konnte. Nicht einmal von denen aus Vorarlberg oder dem Burgenland. Dabei waren diese Bundesländer gerade einmal so groß wie ein einziger politischer Bezirk in Niederösterreich.
Der Landeshauptmann salbaderte dahin. Von der Präsenz der Polizei, die dem Volk Sicherheit vermitteln würde. Er galt wohl nur deshalb als guter Redner, weil alle anderen Politiker noch ermüdender redeten. Müde. Das war der Punkt. Diese ganze Sache machte ihn unendlich müde. Wahrscheinlich war er einer läppischen Intrige zum Opfer gefallen. Wenn er nur dahinterkommen würde, wer warum welches Gift in das Ohr des Innenministers geträufelt hatte, würde er gegensteuern können. Information war der Schlüssel zum Erfolg. Früher war er im Zentrum des Informationsflusses gesessen. Aber jetzt, jetzt saß er in Gföhl, in St. Pölten, oder sonst irgendwo im niederen Österreich, abseits der wichtigen Kanäle, abseits der Büros der Macht. Was für ein leichtgläubiger Mensch sein früherer Chef doch war. Immer auf die Person hörend, die sein Büro als letztes betreten hatte. Gerade deshalb hätte der Minister ihn als Generalsekretär so dringend gebraucht: weil er ein untrügliches Gespür für Intrigen hatte. Wie fein gesponnen sie auch immer sein mochten. Dabei half ihm seine überragende Menschenkenntnis. Als Leiter des Ministerbüros war er im ganzen Ministerium für diese Menschenkenntnis berühmt und gefürchtet gewesen. Der Minister mochte ja über eine Reihe von Qualitäten verfügen, aber Menschenkenntnis gehörte sicher nicht dazu.
Applaus. Applaus. Offensichtlich war der Landeshauptmann mit seiner Rede am Ende. Wenigstens etwas. Der Marsch, den die Kapelle jetzt intonierte, kam ihm irgendwie bekannt vor. Diese Amateurmusikanten spielten doch immer dasselbe. Und der Landeshauptmann griff zum Taktstock. Der war sich auch für nichts zu blöd. Naja. Jetzt noch schnell ein bis zwei Gläser Wein, dann Händeschütteln mit den Ehrengästen und ab nach Hause.
Morgen beim Frühstück musste er seiner Britta endlich reinen Wein einschenken. War ohnehin eine schauspielerische Meisterleistung von ihm gewesen, beim gestrigen Abendessen so zu tun, als könnte er den Anruf des Ministers gar nicht mehr erwarten. Mit der Nachricht, die sie wahrscheinlich noch schlimmer treffen würde als ihn selbst, konnte er nicht länger hinterm Berg halten. Sonst würden ihm die Buschtrommeln womöglich zuvorkommen. Britta hasste dieses Niederösterreich noch mehr als er. Und überhaupt St. Pölten. In seiner Bedeutungslosigkeit höchstens von Eisenstadt übertroffen.
Ihre Wiener Arroganz würde er nie verstehen. Schließlich hatte sie die ersten achtzehn Jahre ihres Lebens in einer Genossenschaftswohnung in Liesing gewohnt. Auch nicht besser als St. Pölten. Aber sie tat immer so, als wäre sie in einer hochnoblen Cottage-Villa in Hietzing oder Grinzing aufgewachsen. Eines aber musste er ihr lassen: Wenn es darauf ankam, hatte sie einen geradezu sagenhaften Instinkt. Vielleicht konnte sie ihm helfen. Vielleicht konnte sie erraten, über welche Intrige er zu stolpern drohte.
Als er von seinem Sessel aufstand, fiel sein Blick auf das von der Sonne angestrahlte blonde Haar seiner Sitznachbarin. Die Frau Landtagsabgeordnete hätte ein gutes Model für eine Shampoo-Werbung abgegeben. Ihr Haar war beinahe so perfekt wie das von… Es durchfuhr ihn wie ein Blitz. Um Himmels willen! Das Model! Der Polizeiball vor zwei Monaten. Konnte der schuld an der Katastrophe sein? Britta war damals jedenfalls richtig wütend auf ihn gewesen.
Er hatte damals den Auftrag gegeben, den Polizeiball wieder zum Höhepunkt der Saison zu machen. Über die letzten Jahre war diese einst leuchtende Rose im St.Pöltner Ballkalender zu einem mickrigen Mauerblümchen verkümmert. Da galt es, keine Kosten und Mühen zu scheuen. Einem Mitglied des Organisationskomitees war die Idee gekommen, ein in Deutschland sehr bekanntes Erotik-Model für die Mitternachtseinlage zu engagieren. Das hatte ihm gefallen. Sozusagen als Kampfansage gegen den St. Pöltner Mief. Und gegen den niederösterreichischen gleich dazu. Die Lady war auch ein voller Erfolg gewesen. Bei den Medien schon im Vorfeld. Vor Ort bei den Herren aller Altersgruppen. Und auch bei den Damen, zumindest bei den jungen. Sowohl der Landeshauptmann als auch der Minister, die stark akklamierten Ehrengäste des Balls, hatten während der Vorstellung Stielaugen. Daher war er sehr zufrieden gewesen. Anders als seine Britta hatte er allerdings die Ehefrauen der beiden Politiker nicht beobachtet. Auf der Heimfahrt vom Ball war sie dann fuchsteufelswild gewesen. Warum hatte er nicht dafür gesorgt, dass die Damen der beiden hohen Herren während der Mitternachtseinlage weggelotst wurden? Ins Spielcasino im ersten Stock oder sonst wohin, wo sie die gierigen Blicke der Ehemänner nicht aus nächster Nähe mit ansehen mussten. Diese Dummheit würde ihm noch auf den Kopf fallen, hatte ihm seine Britta prophezeit. Denn der Landeshauptmann und der Minister würden ihn dafür verantwortlich machen, wenn bei ihnen der Haussegen wegen des tanzenden Models schief hing.
Er spürte Schweiß auf seiner Stirn. Zwar konnte er nicht hundertprozentig sicher sein, ob er die Verhinderung seiner Beförderung wirklich zwei spießigen Ehefrauen zu verdanken hatte. Aber er wusste aus vielen Erlebnissen, dass der Minister unter dem Pantoffel seiner Frau nicht nur stand, sondern geradezu darunter verschwand. Britta würde in diesem Faktum ganz sicher die Ursache der Misere sehen. Und er musste zugeben, dass ihr Instinkt sie wirklich selten trog.
Er blickte auf sein Handy, das er zu Beginn der Zeremonie auf lautlos gestellt hatte. Eine neue Nachricht: »Der Minister möchte Sie sehen. Bitte um Anruf Montag Früh.« Sein Herz machte einen Sprung. Sein ehemaliger Chef würde ihn nie zu sich bestellen, um ihm eine negative Nachricht zu geben. Dazu war er viel zu feig. Hatte er es sich doch anders überlegt?
Freitag, 16. April 17 Uhr 20
Zwar war es noch hell, aber die Sonne war bereits hinter den Hügeln verschwunden. Wegen den dunkel getönten Scheiben seines Wagens war von außen wohl höchstens schemenhaft zu erkennen, dass er mit dem Fernglas das Wasser absuchte. Kein anderes Auto stand auf diesem kleinen Parkplatz am Ufer. Hier war er schon oft allein gewesen. Meistens, um keine hundert Meter weiter stromaufwärts in die Donau zu steigen und sich bis Krems treiben zu lassen. Unter der Mauterner Brücke durch, wobei er dabei immer darauf versessen war, ganz nah an einen Brückenpfeiler heranzuschwimmen. Um sich seinen Mut zu beweisen. Schon als Zwölfjähriger hatte er begonnen, hart zu trainieren. Gern wäre er ein sehr schneller Schwimmer geworden. Aber andere waren noch schneller. Auch, weil er erst spät gewachsen war. Bis zum Ende der Schulzeit war er kleiner gewesen als seine Altersgenossen. Wenigstens hatte die Ausbildung zum Rettungsschwimmer geklappt.
Jetzt saß er nicht an diesem Platz, um in die Donau zu springen und sich neuerlich seinen Mut zu beweisen. Dazu hätte er heute einen Neoprenanzug gebraucht. Die Temperatur des Wassers schätzte er wegen des langen Winters auf maximal neun Grad.
Heute hatte seine Anwesenheit hier einen anderen Grund. Er zitterte. Obwohl es in seinem Auto sehr warm war. Er zitterte, weil er Angst hatte, sein Plan würde schon im ersten Anlauf scheitern. Dieses Zittern kannte er von früher. Fühlte sich ganz anders an als ein Frösteln, das ihm selbstverständlich ebenfalls vertraut war. Er fröstelte, wenn ihm kalt war. Er zitterte, wenn er Angst vor Misserfolg hatte.
Durch sein Fernglas blickte er über die Donau, hinüber zur Terrasse des Schlosshotels Dürnstein. Recht voll für Mitte April. Den Menschen schien die Kühle, die vom Fluss aufstieg, nichts auszumachen. Ein Paar an der Brüstung machte immer wieder schwungvolle Bewegungen mit den Armen. Offenbar warfen die beiden ein paar frechen Spatzen Krümel von ihrer Mehlspeise zu. Weiter oben erblickte er eine Gruppe von Leuten, die den steilen Weg von der Ruine herabstiegen. Durch das Fernglas alles gut zu erkennen. Aber auf der Donau selbst regte sich nichts.
Er war froh, im Auto sitzen zu können. Seit seiner Kindheit reagierte er äußerst empfindlich auf Kälte. Sehr robust war man in seiner Familie ja seit Generationen nicht gewesen. Sein Vater war schon im Alter von achtundfünfzig Jahren gestorben. Und seine Mutter mit vierundsechzig. Und sein Bruder sogar schon mit vierzehn.
In letzter Zeit hatte er sich öfter bei der Frage ertappt, wie lange er wohl selbst noch leben würde. Nicht, dass ihn ein frühes Ende übermäßig gestört hätte. So toll war sein bisheriges Leben ja nicht gewesen. Viel stärker als die mögliche Dauer seines Lebens hatte ihn seit vielen Jahren die Frage beschäftigt, warum ihm von seinen Eltern nicht die Gene, die er für ein erfolgreiches Leben hätte brauchen können, in die Wiege gelegt worden waren. Er hatte Erfolgsmenschen in seinem Umfeld über Jahre studiert. Fast alle waren intelligent, zum Teil sogar hochintelligent. Es war ein Lügenmärchen, dass Erfolg im Beruf auch ohne Intelligenz zu haben war. Aber daran allein konnte es nicht liegen. Er selbst hatte ja schon als Schüler als begabt gegolten. Nicht ganz so talentiert wie sein verstorbener Bruder, aber immerhin. Seinen Beobachtungen zufolge hatten Erfolgsmenschen ihm bestimmte Eigenschaften voraus: Sie hatten wesentlich kräftigere Ellbogen, die sie nicht nur benutzten, um sich vorzudrängen. Sie rammten damit auch ohne Hemmungen alle beiseite, die ihnen im Weg standen. Sie waren berechnender und ohne Mitgefühl. Schlossen nur Freundschaft mit Menschen, von denen sie sich etwas versprachen. Und logen, ohne rot zu werden, wenn die Lüge ihren Interessen diente. Manchmal fragte er sich, ob er diese Fähigkeiten insgeheim auch alle gern gehabt hätte. Kleinere Anläufe in diese Richtung hatte er zweifellos unternommen. Aber letztlich fehlte ihm dann doch die Härte. Im letzten Moment hatte er immer zurückgezuckt. Ob er diesmal auch zurückzucken würde? Nein. Diesmal nicht. Er war fest entschlossen. Er musste es tun.
Ungeduldig ließ er sein Fernglas über die Donau schweifen. Das Motorboot, auf das er wartete, würde er schon von Weitem sehen können. Ein ganz bestimmtes Motorboot. Wahrscheinlich würde es von Krems heraufkommen. Von dort, wo die vollbesetzte MS Wachau auf ihrer Fahrt zu ihrer Endstation schon vor einiger Zeit verschwunden war. Auf die MS Wachau hatte er die größten Hoffnungen gesetzt. Sein ganzes Timing war darauf ausgerichtet, dass ein Passagier oder sonst wer auf dem Schiff Alarm schlug.
Seine zweite Hoffnung waren die Paddler. Immer wieder kamen ein paar kleine Boote in gemächlichem Tempo an ihm vorbei. Es war ein schöner Tag gewesen. Da gab es auch unter der Woche immer ein paar Paddler, die sich mehr oder weniger treiben ließen. Am Wochenende würde sich deren Zahl sicher verzehnfachen. Vielleicht hätte er zur Sicherheit bis zum Wochenende warten sollen. Die Leute schauten ja eher in die Gegend oder in die Luft, als dass sie einen Blick auf die Wasseroberfläche warfen.
Das Motorboot kam einfach nicht daher. Vor mittlerweile drei Stunden hatte er sie der Donau übergeben. Enttäuschend war das. Aber er war noch nicht deprimiert. Spätestens bei der Staustufe in Altenwörth würde irgendjemand auf sie aufmerksam werden. Das war sein Plan B. Allerdings konnte es immer noch sein, dass sie doch am Ufer hängengeblieben war. Obwohl sie sich zunächst wie geplant Richtung Strommitte bewegt hatte.
Er schaute mit dem Fernglas Richtung Mauterner Brücke. Da sah er es. Das Boot. Endlich. Größer als die meisten Motorboote, die die Donau befuhren. Unverkennbar nicht nur an der silbergrau-blauen Lackierung, sondern auch an der rot-weiß-roten Fahne, die am Heck flatterte. Noch konnte er sich aber nicht sicher sein. Hätte ja auch eine Routinefahrt der Polizei sein können.
Keine zwei Minuten später war er sicher. Das Boot fuhr nicht in direkter Linie stromaufwärts, sondern in einem Zickzack-Kurs. Als würden die Personen an Bord nach etwas Ausschau halten. Er wollte gar nicht weiter warten. Was er sah, reichte ihm.
Das Zittern hörte mit einem Schlag auf. Die ersten beiden Schritte seines Plans hatten funktioniert. Er ermahnte sich, deswegen nicht übermütig zu werden. Diese Schritte waren eine vergleichsweise leichte Übung. Der nächste würde ihm viel schwerer fallen. Mit einem beklemmenden Gefühl in der Brust startete er sein Auto.
Freitag, 16. April 17 Uhr 30
Die Größe des Kunststücks, gleichzeitig das Boot zu steuern und die Wasseroberfläche mit dem Fernglas abzusuchen, hatte er zugegebenermaßen etwas unterschätzt. Das war sogar für einen Felix Frisch eine Herausforderung. Noch dazu im Zwielicht des späten Nachmittags. Es herrschte ja beinahe schon Dämmerung. Vielleicht hätte er seinen jungen Kollegen doch nicht wegschicken sollen. Aber er hatte eben ein weiches Herz und wollte für die jungen Kollegen ein leuchtendes Vorbild in Sachen Kameradschaft sein. Gerade als sie beide das schnittige Polizeiboot besteigen wollten, hatte der Kollege den Anruf von seiner Frau bekommen. Der kleine Sohn hätte hohes Fieber und würde ständig nach seinem Vater rufen. Da musste er den Kollegen doch drängen, sich schleunigst auf den Weg nach Hause zu machen. Die Donau abzusuchen würde er auch allein schaffen.
Schaffte er ja auch. Ein gestandenes Mannsbild wie er war sogar diesem schwierigen Auftrag gewachsen. Spezialauftrag von der Mordkommission. Die Donau zwischen Krems und Dürnstein sollten sie nach einer angeblichen Leiche absuchen. Oder einem Gegenstand, der wie eine Leiche aussah.
Irgendetwas musste da wohl im Wasser sein. Das sollte er finden. Also fuhr er im Zickzack stromaufwärts. Die Donau kannte er in diesem Abschnitt mittlerweile wie seine Westentasche. Vielleicht war es gut, dass er diesen Auftrag alleine erledigte. In letzter Zeit fehlten ihm sowohl die Herausforderungen als auch die Erfolgserlebnisse. Wenn da irgendwo doch eine Leiche schwamm, dann war er jedenfalls der Richtige, um sie zu bergen. Dazu brauchte es schon einen Mann mit seiner Erfahrung.
Vor einem knappen Jahr war er endlich vom Revierinspektor zum Gruppeninspektor befördert worden. Ohne dass ihm die Beförderung Freude bereitet hätte. Es hatte schon mit der Beförderungszeremonie begonnen. Die war gar nicht nach seinem Geschmack verlaufen. Er musste ja zugeben, dass es bei der Kremser Polizei nicht üblich war, dass bei solchen Anlässen der niederösterreichische Polizeidirektor oder zumindest ein Kremser Vizebürgermeister persönlich anwesend waren. Aber in seinem speziellen Fall wäre das schon gerechtfertigt gewesen. Welcher zukünftige Gruppeninspektor konnte schon von sich behaupten, einen so großen Beitrag nicht nur zur Aufklärung eines Mordes, sondern einer ganzen Mordserie geleistet zu haben. Gott sei Dank hatte wenigstens seine Elfriede für die Feier eine Torte gebacken. Die ließen sich natürlich alle gut munden. Sogar eine Kaffeemaschine hatte seine Frau mitgebracht, weil der Kaffee aus dem Automaten wie Abwaschwasser schmeckte. Im Torte-Essen waren alle ganz groß. Aber keiner der Kollegen erwähnte seine großartigen Ermittlungsleistungen auch nur mit einem Wort. Bei diesem einen Wort hätte er ihnen sogar einen mit Torte vollgestopften Mund nachgesehen.
Die Stimmung ihm gegenüber war auch in den folgenden Wochen und Monaten nicht besser geworden. Deshalb hatte er im Herbst den Antrag gestellt, zur Dienststelle Mautern, die im Abschnitt Wachau auch für die Strompolizei zuständig war, versetzt zu werden. Der Antrag war innerhalb von zwei Wochen bewilligt worden. Offensichtlich deshalb so schnell, weil die Kollegen in Mautern einen Mann mit seiner Erfahrung dringend brauchten. Zum Unterschied von Krems hatte der Postenkommandant von Mautern wohl keine Angst vor einem neuen Star in der Mannschaft. Natürlich war ihm die Prüfung für den Bootsführerschein nicht erspart geblieben. Für einen Mann seiner Klasse nur eine kleine Hürde, die er schon im zweiten Anlauf bewältigte.
So ein Polizeiboot war schon ein beachtliches Gerät. Ein Motor, bei dem jedes Motorrad vor Neid erblassen konnte. Pferdestärken ohne Ende. Diese Pferdestärken mit der linken Hand zu bändigen, während er mit der rechten das Fernglas hielt und den Adlerblick über den Strom gleiten ließ, das machte ihm so schnell keiner nach. Geschmeidig um die Kurve. Nur nicht zu nahe ans Ufer. Bei der ersten Boots-Prüfung war er knapper an die Ufersteine herangefahren. Der Prüfer hatte einfach die Nerven verloren.
Aber Moment einmal. Das war doch… Schlagartig bekam er eine Gänsehaut. Das musste es sein. Motor drosseln. Beidrehen. Geschmeidig beidrehen. Motor abstellen. Verdammt! Wo war das Biest jetzt? Ah, da tauchte es wieder auf. An der Längsseite des Boots war der lange Stock mit dem Enterhaken an der Spitze befestigt. Den nahm er zur Hand. Nur nicht zu weit vorbeugen. Nur nicht ins Wasser fallen. Er musste noch etwas näher heran. Zum Glück trieb dieses Ding in seine Richtung. Der Kopf sah tatsächlich eingeschlagen aus. Noch ein kleines Stück. Nein. Leiche war das keine. Es war eine ordinäre Schaufensterpuppe. Aus Holz. Mit eingerissenem Kopf und bekleidet mit einem dunkelblauen Trainingsanzug. Schöner Anzug. Er lächelte. Diese Suchaktion würde für ihn noch einen sehr befriedigenden Abschluss bringen. Sein eigener Trainingsanzug war ja doch schon sehr alt. An den Knien und an der Sitzfläche bereits mehr als fadenscheinig. Ein kurzer Blick auf die Puppe genügte, um zu erfassen, dass der Trainingsanzug so gut wie neu war. Konnte er feststellen, obwohl der Anzug klitschnass war. Da bewährte es sich wieder einmal, dass er immer gut darin gewesen war, zwei und zwei zusammenzuzählen und auch aus komplizierten Sachverhalten einfache Schlüsse zu ziehen.
Nach zwei vergeblichen Anläufen hatte er die Puppe endlich an Bord. Das Ding war sauschwer und das Wasser saukalt. Er musste darauf achten, mit dem Enterhaken nicht den Anzug aufzureißen. Aber es war die Mühe wert. Sowohl Oberteil als auch Hose waren wie neu. Noch am Boot rief er bei der Mordkommission an und berichtete, dass es sich bei dem Fund nur um eine alte Schaufensterpuppe handelte.
Ebenfalls noch am Boot entkleidete er die Puppe. Den Trainingsanzug drückte er aus, so gut es ging, und rollte ihn zu einem Bündel zusammen.
Den Hafen verließ er mit dem Bündel in der einen Hand. Mit dem anderen Arm umfasste er die Puppe und schleifte sie mehr oder weniger neben sich her. Schließlich konnte er das Ding nicht einfach am Boot oder im Polizeihafen herumliegen lassen. Leider war niemand da, der ihm zur Hand gehen konnte.
Verschwitzt kam er bei seinem roten Skoda Octavia an und verfrachtete das Ding in den Kofferraum. Später würde er die Puppe in einen Müllcontainer werfen, der in der Nähe seiner Wohnung aufgestellt war. Aber vorher würde er dem nassen Trainingsanzug noch eine schnelle Handwäsche im Waschbecken besorgen und ihn zum Trocknen aufhängen. Er konnte es kaum erwarten, seine Beute anzuprobieren. Seine Elfriede würde Augen machen.
Freitag, 16. April 19 Uhr 30
In Gföhl war sie so lange wie möglich an der Seite des Landeshauptmanns gestanden und hatte mit den Leuten geredet. Sie fand, dass sie ihn gut ergänzt hatte. Und umgekehrt. Von ihm konnte sie viel lernen. Ganz besonders mochte sie es, wenn er seine große Hand väterlich auf ihre Schulter legte und sie vorstellte: Katharina Krenn, unsere Sicherheitssprecherin. Das kam bei den Leuten gut an.
Von Gföhl war sie direkt nach Weißenkirchen gefahren. Als sie den Bahnübergang kurz vor der Ortseinfahrt überquerte, warf sie einen Blick auf die Uhr über dem Tachometer. Sie war zu früh dran. Der Beginn der Veranstaltung war für 19 Uhr 30 angesetzt. Jetzt war es 19 Uhr 30. So etwas war ihr zu Beginn ihrer politischen Karriere fast immer passiert. In letzter Zeit immer seltener. Bei der richtigen Inszenierung eines Auftritts war die Zeit ein entscheidender Faktor. Sie hatte vom Landeshauptmann gelernt, dass ein Politiker nie pünktlich sein durfte. Erstens würden die Leute sonst glauben, dass Politiker nichts zu tun hätten. Zweitens müsse unter den Wartenden eine gewisse Ungeduld oder sogar Unruhe geschürt werden, um schon das Erscheinen der Hauptperson zu einem wesentlichen Teil des nachfolgenden Erlösungsrituals zu machen. Sie wusste allerdings auch, dass es für ihn als Spitzenpolitiker eine deutlich höhere Verspätungstoleranz gab als für sie als einfache Landtagsabgeordnete. Sie beschloss daher, nur fünfzehn Minuten an der Ortseinfahrt zu parken.
Heute Abend hatte die Weißenkirchener ÖVP zu einer Veranstaltung geladen. Die Schwarzen waren in der traditionsreichen Weinbaugemeinde immer die Platzhirsche gewesen. Sie waren die einzige Partei, die es sich leisten konnte, außerhalb von Wahlzeiten Parteiveranstaltungen abzuhalten. Ursprünglich hatte der Ortsparteiobmann den Landeshauptmann höchstpersönlich wegen des politischen Referats angefragt. War aber von dessen Büro abschlägig beschieden worden. Terminkollision. Daher war sie zum Zug gekommen.
Pünktlich, mit der ihr angemessenen Verspätung, startete sie ihren Wagen und fuhr zum »Holzer«. Dieses Gasthaus war in Weißenkirchen eine Institution. Seit neun Generationen im Besitz der Familie. Sie war seit drei Jahren im Landtag und kannte daher fast alle Ortsparteiobmänner und -obfrauen ihres Wahlkreises. Auch den vor dem Lokal wartenden Weißenkirchener Obmann Hans Wiesner.
Mit einem deutlichen Handzeichen signalisierte er ihr, ihren Wagen in die geöffnete Hofeinfahrt zu lenken. Ein kleines Schild aus Stuck, ursprünglich weiß, aber nie gereinigt, prangte über der Hofeinfahrt. Mit einer in abgeblättertem Gold eingravierten Jahreszahl: 1738. Die Holzers waren nicht nur Wirtsleute, sondern auch Weinbauern. Im zweiten Beruf nicht ganz so bekannt wie im ersten. Ihre Veltliner und Rieslinge waren durchaus gut zu trinken, aber in den großen nationalen oder gar internationalen Wein-Führern waren sie nicht zu finden.
Nach einer kurzen Begrüßung mit einem zaghaften Kuss auf beide Wangen führte der Obmann sie hinein. Das Gasthaus hatte neben der Schankstube einen großen Saal. Dessen Decke war gemessen an der Größe zu niedrig, sodass der Raum etwas Bedrückendes ausstrahlte. Bis zu 120 Leute fanden hier Platz. Normalerweise wurde so viel Platz in Weißenkirchen nur in der Faschingszeit gebraucht. Beim Feuerwehrball etwa, oder beim Pfarrball. Da musste allerdings ein großer Teil der Ballbesucher in der Schankstube Platz nehmen, weil der Saal für die Kapelle und die Tanzfläche reserviert war. Den Pfarrball gab es schon lang nicht mehr. Ebenso wenig wie das Kindergschnas. Früher ein Fixpunkt im Weißenkirchener Veranstaltungskalender. Jetzt wurde der Saal in erster Linie für Hochzeiten verwendet. Bei geschickter Anordnung der Tische sah der Saal auch mit deutlich weniger Gästen ziemlich voll aus. So auch an diesem Abend.
Katharina hatte sich schon früh angewöhnt, bei ihren Auftritten die Zahl der Besucher zu schätzen. Weil sie daraus auf die organisatorische Schlagkraft der örtlichen Parteileitung schließen konnte. Aber natürlich auch, weil die Besucherzahl ein höchst brauchbares Indiz für ihre eigene Zugkraft darstellte. Zirka sechzig Personen. Gar nicht schlecht.
Dass der Publikumsandrang auch ihr zu verdanken war, bemerkte sie am deutlichen Überhang der männlichen Besucher, die auch einen stärkeren Beitrag zum insgesamt sehr freundlichen Begrüßungsapplaus leisteten als die anwesenden Damen. Das kannte sie schon von anderen Veranstaltungen. Bei der Wahl ihrer Garderobe legte sie stets Wert darauf, Frauen, die von der Natur nicht mit denselben Vorzügen ausgestattet worden waren wie sie selbst, nicht vor den Kopf zu stoßen. Deshalb schminkte sie sich bei solchen Gelegenheiten auch ausgesucht dezent. Trotzdem wusste sie, dass viele ihrer Geschlechtsgenossinnen mit ihr bei der ersten Begegnung ein Problem hatten. Sie hatte aber auch die Erfahrung gemacht, dass sie solche Vorbehalte mit ihrer Rede nach wenigen Minuten zum Schwinden bringen konnte.
Ortsparteiobmann Wiesner, der die Anwesenden offensichtlich alle persönlich kannte, gab in seiner kurzen Begrüßungsansprache seiner Freude über das zahlreiche Erscheinen Ausdruck. Auf eine recht sympathische Art. Schwerer tat er sich mit der Vorstellung ihrer Person. Etwas linkisch, wie sie fand. Sie hatte sich vorgenommen, in ihrer Rede, die sie völlig frei halten wollte, auf die Bedeutung des Weinbaus nicht nur für die Region sondern für das gesamte Bundesland einzugehen. In Weißenkirchen natürlich ein Selbstläufer.
Etwas schwieriger war es für sie schon, beim Thema Tourismus die richtige Balance zu finden. Die Wachau lebte zwar vom Tourismus, aber es gab viele Bewohner, für die der Fremdenverkehr mehr Fluch als Segen bedeutete. Weil sie seit drei Monaten Sicherheitssprecherin ihrer Partei im Landtag war, wollte sie sich im bundespolitischen Teil ihrer Rede auf die neue Parteilinie in Sachen Sexualstrafrecht konzentrieren. Aber auch deswegen, weil sie wusste, dass sie damit den meisten Frauen im Saal aus der Seele sprechen würde. Dem Beifall am Ende ihrer Rede nach zu schließen hatte sie ihr Ziel voll erreicht. Einige Damen hatten sich dabei sogar von ihren Sesseln erhoben.
Nachdem der Applaus endlich verklungen war, lud der Ortsparteiobmann die Zuhörer ein, Fragen an die Referentin zu stellen. Ein übliches Ritual bei Parteiveranstaltungen. Ebenso wie es üblich war, dass sich alle Anwesenden zunächst gegenseitig ansahen, und niemand den Mut hatte, die erste Frage zu stellen. Bis der Parteiobmann die schön langsam peinlich werdende Stille mit einer eigenen Frage durchbrach. Kannte sie auch zur Genüge.
»Liebe Frau Abgeordnete! Man munkelt ja schon seit einiger Zeit, dass du der nächsten Landesregierung angehören wirst. Ich bin sicher, dass alle hier im Raum wissen wollen, welches Ressort du denn gern hättest?« Ziemlich die blödeste Frage, die er ihr stellen konnte. Abwiegeln, rundweg bestreiten oder gar bejahen? Jede Antwort war möglich, aber keine wirklich befriedigend. Als Frage zum Aufwärmen absolut nicht zu gebrauchen. Dem Gesichtsausdruck des Obmanns konnte sie aber die Überzeugung ansehen, ihr eine besonders intelligente Frage gestellt zu haben. Vollkoffer.
Samstag, 17. April 8 Uhr 20
Die Luft war an diesem sonnigen Morgen noch frisch. Sie fröstelte, als sie auf die Veranda hinaustrat. Von der Donau stiegen zarte Dunstschleier auf. Morgenmantel allein war zu wenig. Gestern in Weißenkirchen war es ziemlich spät geworden. Lange Abende war sie gewohnt. Vielleicht war es dennoch auch Restmüdigkeit, die sie frösteln ließ. Mit ihren einundvierzig Jahren war sie eben nicht mehr die Jüngste. Immerhin eine der jüngeren Landtagsabgeordneten.
Jedenfalls musste sie sich vor einer Verkühlung hüten. Angesichts ihres Terminkalenders war eine Erkrankung so ziemlich das Letzte, was sie brauchen konnte. Also zurück ins Haus. Ein Paar dicke Socken und unter dem Morgenmantel noch eine warme Trainingshose, das würde reichen. Jedenfalls wollte sie es sich nicht nehmen lassen, mit Martin auf der Veranda zu frühstücken. Sie hörte ihn schon in der Küche. Für das samstägliche Frühstück gab es im Hause Krenn seit Jahren und zu allen Jahreszeiten eine fixe Arbeitsteilung. Sie deckte nur den Tisch. Alles andere war allein seine Sache. Es war sein Ritual, um sich auf das Wochenende einzustimmen. Er holte beim Bäcker, den es in Rossatz noch gab, frisches Gebäck. Früher war er um Wurst und Käse auch noch in die örtliche Gemischtwarenhandlung gepilgert. Die hatte jedoch vor zwei Jahren zugesperrt. Einen Feinkostladen hatte es in dem kleinen Dorf nie gegeben. Also kaufte er die übrigen Zutaten je nach Zeit schon am Donnerstag oder Freitag in einem Supermarkt in Mautern. Den Kaffee hingegen bezog er via Internet aus Vietnam. Kein anderer Kaffee hatte diese cremige Schokoladennote.
Sie wollte ihn in der Küche nicht stören. Also nahm sie alles aus der Anrichte neben der Verandatür. Zunächst ein frisches, blassgrünes Tischtuch. Darauf drapierte sie das Gmundner Porzellan und das alte Silberbesteck.
Sie deckte nur für zwei Personen. Allzu selten gesellte sich zum Frühstück ihre sechzehnjährige Tochter Emma dazu. Am Wochenende war sie in der Regel nicht vor zehn Uhr aus dem Bett zu kriegen. Der vierzehnjährige Philipp tauchte überhaupt nie auf. Er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, gar nicht zu frühstücken. Um dann beim Mittagessen umso kräftiger zuzulangen.
Das Tischdecken war schnell erledigt. Die dicken grünen Polsterauflagen holte sie noch und legte sie auf die Sessel. Dann ließ sie sich in ebendiese grüne Polsterung fallen. Sie zwang sich, das Handy noch liegen zu lassen. Stattdessen ließ sie den gestrigen Abend Revue passieren. Von ihrer Rückfahrt von Weißenkirchen nach Rossatz musste sie Martin unbedingt erzählen. Gerne hätte sie die Rollfähre über die Donau genommen. Aber die war ja so spät abends längst nicht mehr in Betrieb. Sie musste donauabwärts bis Stein, dann über die Donaubrücke nach Mautern und schließlich noch ein paar Kilometer wieder stromauf nach Rossatz fahren. Rund 17 Kilometer, um ihr Haus zu erreichen, das am gegenüberliegenden Ufer fast in Sichtweite lag. Beim Wegfahren hatte sie wegen dieses Umweges zu später Stunde noch geseufzt. Aber schon bei der Ausfahrt aus Weißenkirchen war ihr die Pracht der Frühlingsnacht aufgefallen. Ein echter Genuss. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals blühende Marillenbäume im Mondlicht bewusst wahrgenommen zu haben. Gestern zum ersten Mal. Fast noch schöner als bei Sonnenschein.
Ihr Wohnort rühmte sich in seinen Werbebroschüren, das größte Marillenanbaugebiet der ganzen Wachau zu beherbergen. Dennoch konnte sie von ihrer Veranda aus nur in der Ferne vereinzelt ein paar Bäume in weißer Blütenpracht sehen. In ihrem Garten standen nur Apfelbäume. Die würden sich mit ihrer Blüte noch einige Wochen Zeit lassen. Vielleicht ging es sich bis zum nächsten Vollmond aus. Sie tröstete sich mit dem Gedanken, dass es das Rosa der Apfelblüten locker mit dem Weiß eines blühenden Marillenbaums aufnehmen konnte. Aber ob das Rosa bei Vollmond auch so strahlen würde? Würde sich Martin, der honorige Herr Notar und umsorgende Familienvater, zu einem späten Spaziergang mit dem gewissen Extra verführen lassen?
Seit siebzehn Jahren war sie verheiratet. Sie fragte sich manchmal, ob sie nicht erst später hätte heiraten und ihre Ungebundenheit noch länger hätte genießen sollen. Auf diese Frage fand sie allerdings nie eine eindeutige Antwort.
Klar war ihr jedenfalls, dass sie es mit ihrem Martin recht gut getroffen hatte. Respektabel, verständnisvoll, ihre Karriere fördernd, witzig und durchaus zum Herzeigen. Auch ein Vorzug, der für sie, die sich oft auch bei gesellschaftlichen Anlässen zeigen musste, nicht zu unterschätzen war. Ihr Mann machte sowohl im Niederösterreicher-Anzug als auch im Smoking eine ausgezeichnete Figur. Nach ihrem Einzug in den Landtag hatte Martin ihr empfohlen, dafür zu sorgen, dass sich alle das Kürzel »KK« einprägten. Würde ihr bei ihrem weiteren Aufstieg nützlich sein. Hatte bis jetzt auch prächtig funktioniert. Im Grunde war er es gewesen, der ihr Interesse an der Politik geweckt hatte. Ihr Vater hatte das nie vermocht, obwohl er Kremser Bezirkshauptmann gewesen war, und Politik bei ihm immer an erster Stelle stand.
Ja, Martin war ein guter Griff. Aber sehr schön war auch die Freiheit gewesen, die sie in ihrer Jugend weidlich genutzt hatte. So weidlich, dass sie im Interesse ihres weiteren Aufstiegs auf die Diskretion all derer hoffen musste, die einst in den Genuss dieser Freiheit gekommen waren. Bisher kein Problem. Schließlich war das alles schon recht lang her. Als ÖVP-Abgeordnete musste sie sich jedenfalls davor hüten, mit solcher Freiheit assoziiert zu werden. Daher war sie dieser Tage eine mustergültige Ehefrau. Aber von Vollmondnächten unter blühenden Bäumen träumte sie trotzdem.
Da ihr der Sinn so nach Blüten stand, holte sie ein kleines scharfes Messer aus der Anrichte, schlüpfte in die Pantoffel, die auf der Veranda stets bereit standen, ging hinunter in den Garten und schnitt ein paar Blumen aus der Wiese. Ein paar große Gänseblümchen, die Namen der anderen, der kleinen roten und blauen, kannte sie nicht. Wiesenblumen eben. Das hübsche kleine Sträußchen stellte sie in einer Vase auf den Frühstückstisch. Ein wenig dufteten sie sogar.
Allerdings wurde der Duft überlagert vom Aroma des Kaffees, das durch die Verandatür herausströmte. Ein untrügliches Zeichen, dass Martin gleich mit dem großen Tablett aus der Küche kommen würde.
Sie blieb mit dem Rücken zur Tür sitzen. Denn sie wusste, dass es ihm Spaß machte, sich lautlos anzuschleichen. Obwohl sie das wusste, schaffte er es manchmal tatsächlich, sie zu überraschen, wenn sie in Gedanken versunken war. Heute jedoch hörte sie ein leises Klimpern hinter sich.
»Für einen Mann gibt es in der Früh nichts Schöneres«, hauchte er ihr ins Ohr, »als den Geruch von frischem starkem Kaffee.«
»Nicht gerade ein Kompliment für mich«, konterte sie mit einem Lächeln. »So etwas darfst du erst sagen, wenn wir die goldene Hochzeit hinter uns haben.«
Grinsend stellte er das Tablett ab und ließ sich ebenfalls in den Sessel sinken. »Aahh«, seufzte er wohlig, griff zum Kaffee und schenkte ihr zuerst ein. Dann nahm er eine der vier goldbraunen Semmeln aus dem aus Stroh geflochtenen Brotkorb, schnitt sie entzwei und bestrich die eine Hälfte mit feinen Scheiben der Bauernbutter, die er bedächtig von einem großen, etwas unförmigen Stück abschnitt.
Sie beobachtete ihn gerne beim Genießen. Es war ein heimeliges Gefühl, jemanden so gut zu kennen. Seine Abfolge kleiner Rituale funktionierte wie ein Uhrwerk. Nach den ersten zwei Bissen würde er das Gespräch eröffnen.
»Ich habe dich gestern zwar noch gehört, wie du nach Hause gekommen bist. Aber ich bin zu müde gewesen, um dich zu fragen, wie es in Weißenkirchen gelaufen ist.«
»Ich habe den Landeshauptmann sicher bestens vertreten.« Sie lachte und nahm einen Schluck Kaffee.
»Gut besucht?«
»Zirka sechzig Leute.«
Er pfiff durch seine Zähne. »Sechzig Leute? Donnerwetter. Also viel mehr wären beim LH auch nicht gekommen.«
»Ja, gut organisiert, aber der Parteiobmann von Weißenkirchen ist trotzdem nicht der Hellste. Am Ende fragt er mich glatt vor Publikum, ob ich in die Landesregierung einziehen werde.« Er zuckte die Achseln. »Ich nehme an, du hast souverän pariert. Glaubst du, dass der Landeshauptmann einen Spion dagehabt hat?«
Sie zog ihre Stirn hoch und wiegte ihren Kopf hin und her. »Ehrlich gesagt wäre ich enttäuscht, wenn nicht. Dann würde ich nämlich noch nicht zu den potentiellen Erben zählen. Gestern in Gföhl hat er mich jedenfalls präsentiert wie eine Königin. Also nehme ich an, dass er auch mich mit seinem ganz besonderen Überwachungssystem kontrolliert.«
»Du darfst jetzt nur nicht keck werden. Immer schön brav zu ihm aufschauen. Das lieben Leute wie er. Ist ja in Wahrheit ein extrem unsicherer Mensch. Und deshalb ein Angstbeißer.«
Warnend erhob sie das Buttermesser. »Kein falsches Wort über den LH. Womöglich nehmen seine Spione auch dich unter die Lupe. Zumindest stichprobenartig.« Sie bohrte das Messer durch die Luft zwischen ihnen und grinste. »Für mich ist nur wichtig, dass ich nach der nächsten Wahl Landesrätin werde. Da muss ich voll und ganz auf ihn setzen.« Sie nahm sich ebenfalls eine Semmel, bestrich sie mit Butter und legte eine Scheibe Bauernschinken drauf. »Daher bin ich eine brave Soldatin und habe nur das Wohl der Partei im Auge. Apropos: Heute Nachmittag steht mir ein besonderer Leckerbissen ins Haus. Wanderung mit den Melker ÖVP-Frauen auf die Ruine Aggstein.«
»Klingt nach Strafverschärfung.«
»Kannst du laut sagen. Aber ich werde so freundlich und süß sein, wie ich es nicht einmal bei dir bin. Wenn ich mir den Hatscher schon antue, dann möchte ich wenigstens keine schlechte Nachrede haben. Du weißt ja, wie bösartig Frauen sein können. ÖVP-Frauen ganz besonders.«
Martin setzte ein schiefes Lächeln auf. »Ein Glück, dass dich deine Parteifreunde nicht hören können.«
»Irgendwo muss ich mich ja abreagieren.« Sie blinzelte ihm verschwörerisch zu und biss herzhaft in ihre Schinkensemmel.
Samstag, 17. April 9 Uhr 05
In den letzten Wochen hatte Erich Lenhart stundenlang alle möglichen Internetportale konsultiert und Homepages studiert, um den richtigen Kochkurs für seine Frau und sich zu finden. Im Internet hatte er fast alles gefunden: Wie man Sushi-Variationen oder Pralinen herstellt, wie man salzige Hauptgerichte mit Schokolade oder einen Bachsaibling mit Zitronenschaum verfeinert, eine Einführung in spezielle Serviettenfalttechniken und Tipps für schonendes Garen. Aber nichts, was ihn vom Sitz gerissen hätte. Er hätte aber auch gar nicht sagen können, wonach er wirklich suchte. Klar war ihm von vornherein nur, dass es ein Kurs bei einem Meisterkoch sein musste. Weil er sich von einem großen Namen die größte Inspiration erwartete. Er suchte nichts weniger als ein Gesamtkunstwerk.
Während des Sichtens der Angebote hatte er mehrmals an seine Mutter denken müssen. Vor mehr als dreißig Jahren hatte sie sich von ihrem Mann ebenfalls einen Kochkurs schenken lassen. Damals mussten die Teilnehmer noch Messer und Schürze selbst mitbringen. Jetzt bekam man nach Absolvierung des Kurses nicht nur die Schürze als Präsent, sondern ein Kochbuch des jeweiligen Meisters noch dazu. Plus einer Urkunde über den erfolgreichen Abschluss des Kurses, die den gezeigten Fotos nach zu schließen aufwändiger gestaltet war als seine Promotionsurkunde.
Ihm wäre ja am liebsten ein Kurs für italienische Küche gewesen. Weil er sie besonders gern mochte. Aber ein solcher Kurs war in ganz Österreich nicht zu finden. Außerdem hatte seine Doris protestiert. Sie würde es nie wagen, Gästen italienische Küche zu servieren. Die würde in Italien doch am besten schmecken. Oder zur Not auch bei einem Italiener, den es nach Österreich verschlagen hatte.
Letztlich war die Entscheidung nach Rücksprache mit Doris auf das Angebot eines jungen Wachauer Spitzengastronomen gefallen. Dieser versprach den Kursteilnehmern, bei ihnen ein untrügliches Gespür für die ideale Harmonie von Zutaten zu wecken. Das würde für die Kochkünste seiner Frau und vor allem für seine eigenen den meisten Mehrwert bringen. Heute war der große Tag. Er saß startklar am Sofa im Wohnzimmer.
Doris hingegen hatte er vorhin noch unter der Dusche singen gehört. Haare waschen gehörte zu ihrer samstäglichen Routine. Er mochte ihre halbnassen Haare, die sie noch jünger aussehen ließen, als sie ohnehin war. Was er allerdings nicht mochte, war Verspätung. Er sah auf die Uhr. Kurz nach neun. Noch war keine Eile geboten. Der Kochkurs startete erst um zehn Uhr. Aber viel Spielraum gab es nicht mehr. Für die Fahrt von St. Pölten nach Joching mussten sie vierzig Minuten rechnen. Wo blieb sie denn nur?
Da hörte er, dass sie im Arbeitszimmer telefonierte. Ihrer Tonlage nach zu schließen musste es ein ziemlich heftiges Gespräch sein. Soweit er seine Frau verstehen konnte, schien es um die Schaufensterpuppe zu gehen, die gestern Nachmittag von der Strompolizei in Krems geborgen worden war.
Die Geschichte mit der Puppe kannte er wegen des Anrufs, den sie gestern Abend von ihrem Stellvertreter erhalten hatte. Der gute Spencer. Wirklich nicht zum Anschauen. Aber seine Doris schwor auf ihn. Und er mochte Spencer auch.
Sie riss die Tür zum Esszimmer auf. »So eine blöde Kuh! Da bin ich so nett, rufe sie extra an. Sage ihr, dass da doch keine Leiche in der Donau war. Nur eine Schaufensterpuppe. Da fängt sie an zu schimpfen. Dass ich unfähig bin, wenn ich mich auf Idioten verlasse. Dass die Strompolizei bekanntermaßen das polizeiinterne Abstellgleis für alle Idioten ist. Ich hab natürlich dagegengehalten. Hab sie ruhig gefragt, wie sie zu der Meinung kommt, dass dort alle unfähig sind. Da sagt sie mir mit einem Unterton, der an Süffisanz nicht zu überbieten ist: Inspektor Felix Frisch ist zur Strompolizei versetzt und mit offenen Armen aufgenommen worden.«
»Sie scheint sich bei der Kremser Polizei gut auszukennen«, kommentierte er.
»Weiß der Himmel, woher sie diese Information mit dem Frisch hat. Habe nicht einmal ich gewusst, dass sie den zur Strompolizei versetzt haben.«
»Ist dieser Inspektor Frisch wirklich ein Idiot?« fragte er.
Sie nickte. »Kann man wohl sagen. Aber eine Schaufensterpuppe wird er ja doch von einer Leiche unterscheiden können.«
Er zuckte mit den Achseln. »Lass’ dir von der Machherndl den Tag nicht versauen. Es gibt halt Leute, die nichts Besseres zu tun haben, als im Mist anderer Leute zu stierln. Solltest du am besten wissen.«
»Du hast ja Recht. Aus. Schluss. Ich werde das ganze Wochenende nicht mehr an sie denken.« Sie ließ sich zu ihm aufs Sofa fallen. »Wie würdest du mich denn heute am liebsten sehen?«
»Am liebsten natürlich nackt.«
Doris spitzte ihre Lippen, beugte sich zu ihm und gab ihm einen leichten Kuss auf die Nasenspitze. »Erich Lenhart, du alter Schleimer. Ich meine, was ich anziehen soll?«
»Auf alle Fälle ganz leger. Ich würde sagen, bequeme Hose und ein leichter Pullover. Und ganz flache Schuhe. Du wirst dir nämlich dort die Füße in den Bauch stehen.«
Erich merkte an der Miene seiner Frau, dass sie mit seiner Empfehlung nicht recht zufrieden war.
»Du wärst auch in Sack und Asche die strahlende Königin jeder Küche.«
»Also gut. Schlabberlook. Auf deine Verantwortung.«
Samstag, 17. April 10 Uhr 10
Der Anblick der Küche erschlug sie. Mindestens fünfzig Quadratmeter nichts als blitzender Edelstahl. Acht Kochinseln mit gewaltigen Gasherden. In den von der Decke hängenden Oberschränken Töpfe und Pfannen in allen Größenordnungen. Sie hatte ja schon viele Küchen gesehen. Von anderen Restaurants und Hotels. Aber nicht so etwas. Diese Küche hatte wirklich was gekostet. High-Tech, wohin sie schaute. Nur die Messer, die penibel nach Größe gereiht auf einem magnetischen Ständer auf jedem Arbeitstisch griffbereit standen, schienen ihr auf den ersten Blick Low-Tech zu sein. Bei genauerem Hinsehen bemerkte sie allerdings Schleifspuren auf allen Messerblättern. Wahrscheinlich waren sie gefährlich scharf.
Sie riss sich vom einschüchternden Anblick der Küche los und nahm die anderen Kursteilnehmer in Augenschein. Wenig überraschend: Mindestens drei Viertel von ihnen waren Frauen. Die vier männlichen Teilnehmer wirkten fast deplatziert. Es überraschte sie allerdings, dass sich die wenigsten Teilnehmerinnen an die tollen Bekleidungstipps ihres Erich zu halten schienen. Abgesehen von zwei älteren Damen waren alle so herausgeputzt, als würden sie sich gleich an einen festlich geschmückten Tisch setzen wollen, um ein von hilfreichen Geistern zubereitetes und serviertes Fünf-Gänge-Menü zu verzehren. Wobei ihre Anstrengungen einzig und allein darin bestehen würden, die kunstvoll gefaltete Serviette über dem Rock auszubreiten und das Silberbesteck in ihre zarten Hände zu nehmen.
Natürlich waren die Dirndln in der Überzahl. Kein Wunder bei einem Kochkurs in der Wachau. Aber es waren keine gewöhnlichen Dirndln. Jedenfalls nicht solche, wie sie Doris Lenhart kaufte. Hier waren Dirndln von Nobelmarken das untere Limit. Die meisten waren allerdings maßgeschneidert. Sündteuer. Das sah sie auf den ersten Blick.
Eine der Damen trug zwar nur ein Nobelmarken-Dirndl, dafür aber eine ungewöhnlich tief ausgeschnittene Bluse. Viel fehlte da nicht, und die Brustwarzen wären freiliegendes Ziel der allgemeinen Bewunderung geworden. Ganz schön schamlos. Dazu eine blonde Haarpracht, die in makellosen Wellen auf die Schultern herabfiel. Hier wollte jemand unbedingt die strahlende Königin des Tages sein.
Doris blickte sich kurz um. Zu dieser Dame schien kein Mann zu gehören. Das würde sich im Lauf des Kurses ändern, davon war sie überzeugt. Jede Wette. Diese Frau hatte etwas vor. Wobei abgesehen vom Chefkoch von den vier anwesenden nur zwei Herren als Bewunderer in Frage kamen. Von vornherein schied der ältere Herr aus, der schon sehr nach Großvater aussah und neben einer ebenfalls sehr großmütterlich wirkenden Frau stand, die noch legerer gekleidet war als sie selbst. Und ihr Erich.
Natürlich inspizierte sie auch die Schuhe der Damen. Zwei flache Paare, einmal sogar Turnschuhe, und der Rest waren Schuhe mit Absätzen zwischen drei und sechs Zentimetern Höhe. Mit den Stilettos der Möchtegernkönigin als krönendem Abschluss. Die Bleistiftabsätze mussten mindestens zehn Zentimeter hoch sein. Was ja auch gar kein Wunder war. Ohne diese Absätze würde ihr die Dame nicht einmal bis zur Schulter reichen. Doch irgendwie eine Genugtuung.
Erst jetzt nahm sie den Chefkoch richtig wahr. Obwohl er sie und ihren Mann schon vor fünf Minuten begrüßt hatte. Für einen Koch ausgesprochen schlank, maximal vierzig, mit schon leicht grau meliertem, gleichwohl dichtem dunkelblondem Haar. Mit der Ausstrahlung von jemandem, der weiß, dass er Erfolg hat. Würde sie nicht wundern, wenn der Mann bald in einer Fernsehshow auftreten würde. Vielleicht hatte es die Dame mit den Stilettos ja auf ihn abgesehen.
»Einen recht schönen, guten Morgen, meine Damen und Herren!«, hob er an. »Ich heiße Sie in meinem Lokal herzlich willkommen. Ich habe natürlich gesehen, dass speziell die Damen unter Ihnen diese Küche bestaunen. Ich würde Sie aber bitten, zunächst aus dem Küchenfenster hinauszuschauen. Sie werden mir Recht geben mit meiner Einschätzung, dass es in der ganzen Wachau keine Küche gibt, die einen schöneren Blick auf die Donau erlaubt. Wenn Sie diese Aussicht für einen Moment auf sich wirken lassen, wird Ihnen Ihr Menü gleich viel besser gelingen. Was mich bereits zu meiner Lektion Nummer eins bringt: Wirklich gut kochen kann man nur, wenn man in guter Stimmung ist.«
Er machte eine kleine Pause.
»Die entsprechenden Zutaten braucht es natürlich auch.« Doris sah auf fast allen Gesichtern der Teilnehmer ein zumindest leises Lächeln.
Gekonnte Eröffnung, dachte sie. Obwohl sie nicht in der vom Meister beschworenen Gemütsverfassung war, verstand sie natürlich sofort, warum er diese Eröffnung gewählt hatte. Die Stimmung im Kurs würde sich vielleicht nicht auf die Kochkünste aber ganz sicher auf die Nachrede und die daraus folgende Mundpropaganda auswirken. Sein Konzept schien aufzugehen. Die Kursteilnehmer blickten alle voll andächtiger Begeisterung aus dem Riesenfenster. Die Lage des Restaurants zwischen Donau und Uferstraße war ja auch tatsächlich großartig. Das gab es in der ganzen Wachau wahrscheinlich nur in Joching.
Überrascht war sie, dass vom starken Autoverkehr auf der Uferstraße, also auf der Rückseite des Hauses, gar nichts zu hören war. Dafür aber das leise Plätschern der Donau. An diesem Effekt musste ein Toningenieur tagelang getüftelt haben. Vielleicht funktionierte es auch deshalb, weil am gegenüberliegenden Donauufer eine bewaldete Böschung aufragte, die wohl viel Schall schluckte. Im Blickfeld waren nur der Fluss und die Aulandschaft. Natur pur. Sie hatte das Gefühl, nur eine Angel aus dem Fenster hinaushalten zu müssen und schon würden Barsche und Karpfen daran zappeln. Mit dem sanften Plätschern war es allerdings gleich vorbei, weil ein Lastkahn daherkam, der sich laut brummend stromaufwärts mühte.
Von der Aussicht war sie höchst angetan. Allerdings ärgerte sie sich, dass sie in Sachen Kleidung auf Erich gehört hatte. Sie hatte auch ein Dirndl, nicht ganz so teuer, aber sehr hübsch, das sie bei ihrer Größe sogar mit flachen Schuhen hätte tragen können. Aber morgen war ja auch noch ein Tag.
»Ich werde natürlich oft speziell von den Kursteilnehmerinnen nach Bekleidungstipps gefragt. Wenn ich mich hier kurz umblicke, dann haben Sie alle instinktiv das Richtige getan. Es gibt nämlich auch keine fürs Kochen typische Bekleidung. Man soll einfach das anziehen, worin man sich wohlfühlt. Und das reicht eben von ganz zwanglos und leger bis elegant.«
Ein richtiger Profi, dachte sie. Kein Wunder, dass er pro Kursteilnehmer dreihundert Euro verlangen konnte. So sehr sie sich auf das Wochenende gefreut hatte, so kamen ihr jetzt doch Zweifel, ob ihr Mann und sie die sechshundert Euro nicht für etwas anderes hätten verwenden sollen. Aber ihr Erich war ja richtig versessen auf diesen Kurs gewesen.
»Und bevor ich Ihnen jetzt eine kleine Einführung in meine Küche gebe, möchte ich Sie bitten, dass sich jeder von Ihnen jetzt eine von diesen Schürzen umbindet. Damit gleich das richtige Gefühl aufkommt für das, was wir in den nächsten Stunden gemeinsam tun wollen.«
Der Koch zeigte auf den Stapel an beigen Schürzen, die auf einem Hocker lagen. Amüsant zu sehen, wie die Damen diese Schürzen skeptisch ansahen. Mit diesen Fetzen sollten sie ihre schönen Kleider überdecken? Farblich passend war das Beige auch in den seltensten Fällen.
Sie selbst hatte zwar ebenfalls keine gesteigerte Sehnsucht nach einer Schürze. Aber ihr Outfit zu verdecken konnte nicht schaden. Allerdings wollte sie sich die missmutigen Gesichter der Damen nicht entgehen lassen. Daher ließ sie den anderen Kursteilnehmern den Vortritt.
Da sah sie, wie die Dame mit dem tiefen Ausschnitt sich an Erich wandte, der unmittelbar hinter dieser Exhibitionistin stand. Mit der offensichtlichen Bitte, ihr die Schürze an ihrem Rücken zusammenzubinden. Und was tat ihr Mann? Er kam dieser Aufforderung bereitwilligst, wie ihr schien, nach. Aber nicht nur das. Er nutzte auch die Gelegenheit, der trotz ihrer Stilettos klein geratenen Frau über die Schulter ins Dekolletee zu schauen. Bei seiner Körpergröße von 1,85 kein Problem.
Doris wusste nicht, ob sie in dem Moment rot oder ganz blass wurde. Aber eines wusste sie: dass ihr Gesicht mit Sicherheit seine Farbe wechselte. Am liebsten hätte sie Reißaus genommen.
Das ließ allerdings ihr Stolz nicht zu. Außerdem hätte sie damit alles nur noch schlimmer gemacht. Sie versuchte, sich zu beruhigen. Sie war doch bis jetzt immer selbstbewusst genug gewesen, um sich ihres Mannes sicher zu sein. War vielleicht doch diese verdammte Josefa Machherndl und nicht diese Kokotte an ihrer Gemütslage schuld?
Bei der Zubereitung des Menüs konnte sie sich überhaupt nicht konzentrieren. Sie war so zerstreut, dass sie sich sogar vom Koch die Frage gefallen lassen musste, ob sie heute zum ersten Mal in einer Küche stehen würde. Zwar mit einem Augenzwinkern vorgetragen. Aber bei jemandem, dessen oberstes Ziel es doch war, nur ja keinen Kursteilnehmer zu verärgern, war das doch eine sehr deutliche Ansage. Den heutigen Tag musste sie jedenfalls abschreiben.
Samstag, 17. April 16 Uhr 05
Die Weinreben des Tausendeimerbergs zeigten erst einen kleinen Anflug von Grün. Dennoch schirmte das knorrig verästelte Gehölz ihn und sein Fernglas gut genug gegen Blicke ab. Im Garten seiner Zielperson war alles ruhig. Er wusste nicht, ob sich Klaus Strasser an der Blütenpracht seiner Marillenbäume erfreute. Wenn ja, dann sollte es heute zum letzten Mal sein.
Wieder dieses Zittern. Würde Klaus Strasser heute laufen gehen oder nicht? Schon seit eineinhalb Stunden beobachtete er das Haus. Jedenfalls war Strasser spät dran. Um drei Uhr war ein Lieferwagen vorgefahren. Mehrere Kisten wurden ausgeladen. Er hätte es trotz seines Fernglases nicht beschwören können. Aber so vorsichtig. wie Fahrer und Beifahrer mit den Kisten umgingen, musste es sich hauptsächlich um Geschirr handeln. Bei den Strassers gab es offensichtlich ein Fest zu feiern.
Zum fünften oder sechsten Mal richtete er sein Fernglas auf die umliegenden Hügel. Es kam vor, dass auch andere Menschen mit einem Fernglas unterwegs waren. Die hätten ihn erspähen können. Zumal immer das Risiko bestand, dass sich das Sonnenlicht in seinen Linsen spiegelte und das Glas aufblitzen ließ. Aber da war niemand.
Vor dem Haus tat sich wieder etwas. Zwei junge Mädchen, er schätzte sie auf Anfang zwanzig, kamen in einem Kleinwagen an. In schwarzem Gewand und weißer Schürze. Extra engagierte Serviererinnen. Jetzt konnte es nicht mehr lange dauern, bis das Fest begann. Wenn die ersten Gäste ankamen, war seine Chance vorbei.
Das Zittern erfasste seine Arme. Unkontrollierbar. Er konnte das Fernglas kaum noch halten. Die Puppe war gestern in der Donau gefunden worden. Daher musste er heute zuschlagen. Heute. Samstag. Da war Strasser noch hier. Am Sonntag fuhr er meist schon am frühen Nachmittag zurück nach Wien.
Da kam der Anwalt aus seinem Bau. Zielstrebig steuerte er auf seinen protzigen Porsche zu. In einem blauen Trainingsanzug mit weißen Streifen. Er ging laufen. Trotz des Festes. Trotz des baldigen Eintreffens der ersten Gäste.
Den Porsche durfte er nicht entwischen lassen. Daher rannte er zu seinem Wagen, der nur ein paar Meter entfernt im Schatten von ein paar Bäumen parkte. Er fuhr, so schnell er konnte, den Berg hinunter durch die verwinkelten Gassen. Bald sah er den Porsche in einiger Entfernung vor sich.
Jetzt musste Strasser nur noch eine einsam gelegene Laufstrecke wählen. Die Chancen dafür standen 7:2. Von vielen Beobachtungen wusste er, dass Klaus Strasser immer wieder seine Laufstrecken wechselte. Bis heute hatte er neun gezählt. Von diesen eigneten sich sieben für seinen Plan. Wegen der einsamen Lage und der Uneinsehbarkeit von Teilen der Laufstrecke. Jetzt kam es drauf an. Fuhr Strasser zur Donau hinunter, um am Treppelweg zu laufen, der an einem so schönen Samstag im Frühling voller Radfahrer war? Oder wählte er eine einsame Strecke in den Wäldern?
An der Hauptstraße bog der Porsche nach Norden Richtung Waldviertel ab.
Das Schicksal war heute offenbar nicht auf Strassers, sondern auf seiner Seite. Er wollte bewusst von Schicksal reden, nicht von Glück. Schicksal passte besser zu dem, was in der nächsten Stunde geschehen sollte.
Samstag, 17. April 17 Uhr 55
Ihre ursprüngliche Idee war gewesen, sein Geburtstagsfest ohne fremde Hilfe zu gestalten. Nur die Familie Strasser. Klaus, Theresa, Katja und Mathias. Bald hatte sie jedoch eingesehen, dass das für sie nicht zu schaffen war. Weil die Kinder protestierten und auch Klaus von diesem Plan alles andere als begeistert war. Hilfe im Haushalt war nie seine Sache gewesen. Daher hatte sie einen Koch und zwei junge Studentinnen aus Spitz engagiert. Die schienen sich über den in Aussicht gestellten Verdienst aufrichtig zu freuen.
Der Koch war schon gestern Nachmittag zu einem Bauern nach Mühldorf gefahren, um sich von einem frisch geschlachteten Kalb die schönsten Stücke auszusuchen. Und von einem Rind, das schon seit einer Woche in der Kühlkammer des Bauern hing. Mit dem Auftrag an den Landwirt, das Fleisch bis heute vierzehn Uhr bei den Strassers abzuliefern. Hatte auch bestens geklappt.
Seit einer guten Stunde füllte sich das Haus mit den angesagten zwanzig Gästen. Obwohl das Geburtstagsfest offiziell erst um achtzehn Uhr starten sollte. Gute Freunde nahmen es mit Beginnzeiten eben nicht so genau. Die meisten Gäste waren schon mehrmals bei ihnen zu Besuch gewesen und hatten keine Mühe gehabt, das Haus zu finden. Dennoch verbrachte sie viel Zeit am Telefon, um diejenigen herzulotsen, die sich in dem verwinkelten Ort verfuhren.
Die, die über Nacht bleiben wollten, hatten schon in ihren Quartieren eingecheckt und sich auch vorsichtshalber den Schlüssel zu ihrer Unterkunft mitgenommen, wie sie es ihnen empfohlen hatte. Der Abend würde ja sehr lang werden und die Rezeptionen der meisten kleinen ländlichen Hotels waren nachts nicht durchgehend besetzt.
Gott sei Dank hatte sie die Mehrheit der zu früh Kommenden überreden können, noch einen kleinen Ausflug zur Ruine Hinterhaus und zum Tausendeimerberg, dem bekanntesten Weinberg der ganzen Wachau, zu machen. Keine zehn Gehminuten vom Wochenendhaus der Strassers entfernt. Jetzt waren fast alle wieder zurück.
Das Geburtstagskind war jedoch noch immer nicht da. Sie hatte Klaus gebeten, doch ausnahmsweise am Vormittag laufen zu gehen. Aber nein. Seit der Zeit ihres Kennenlernens wusste sie, dass Klaus erstens ein Sturkopf und zweitens wenig rücksichtsvoll war. Also Joggen am Nachmittag. Heute kurz nach sechzehn Uhr. Dieses Timing hatte er bestimmt absichtlich so gewählt, um sie nervös zu machen. Langweilig würde ihr mit ihm nie werden.
Zum Glück kannten ihn seine Freunde gut genug, um sich von seiner Sturheit und seiner Abwesenheit nicht vor den Kopf stoßen zu lassen. Anders als der Bürgermeister von Spitz, der gestern sichtlich empört von dannen gezogen war.
Normalerweise brauchte Klaus eine Stunde zum Joggen. Bis jetzt war er immer spätestens binnen eineinhalb Stunden zurück gewesen. Diese eineinhalb Stunden waren längst vorbei.
An seine manchmal merkwürdige Art von Humor hatte sie sich im Lauf der Jahre gewöhnt. Wollte Klaus erst im letzten Moment auf der Bildfläche erscheinen? Ohne geduscht und sich umgezogen zu haben? Um ja sicherzugehen, dass alle Gäste bereits erschienen waren? Um das Gehabe eines Königs an den Tag zu legen? Oder wollte er sie und seine Gäste in Schrecken versetzen, um ihr und allen anderen klar zu machen, welch unbeschreiblichen Verlust für die Welt ein Verschwinden von Klaus Strasser bedeuten würde?
Sie war froh, dass ihre Gäste ihre steigende Nervosität nicht zu bemerken schienen. Jedenfalls ließen sich alle die Horsd’oeuvres und den Champagner schmecken, den die beiden Studentinnen auf ihr Geheiß fleißig ausschenkten. »Typisch Klaus!«, war ein Kommentar, den sie immer wieder aufschnappte. Bis ihr ein Kollege ihres Mannes durch die offene Küchentür zurief: »Theresa! Jetzt übertreibt dein Mann aber schön langsam. Auf diese Art wird er nie Kammerpräsident.«
Sie bemühte sich um ein Lächeln und konterte: »Wenn er deswegen nicht Präsident wird, dann soll er von mir aus ruhig noch eine Stunde wegbleiben.« Sie hoffte dabei, dass niemand ihr Zittern bemerken würde. Diese Hoffnung währte allerdings nur eine Sekunde lang. Eine Sekunde brauchte die Porzellanplatte mit hauchdünn geschnittenem Zarenlachs, die sie eben noch in der Hand gehalten hatte, um auf dem Boden vor ihren Füßen zu zerspringen. Da wusste sie, dass sie Angst hatte. Große Angst.
Samstag, 17. April 18 Uhr 05
Sie hielt ihren rechten Arm am Sicherheitsgurt und drehte ihren Kopf nur ganz vorsichtig nach links, weil Erich ihre Bewegung gar nicht bemerken sollte. Sie versuchte, in seinem Gesicht, das ganz auf die Fahrbahn konzentriert zu sein schien, zu lesen. Das Gesicht eines wahren Unschuldslamms. In der Dienststelle war sie bekannt dafür, dass ihr niemand etwas vormachen konnte. Da wäre es doch gelacht, wenn das ihrem Ehemann gelingen würde. Der ohnehin immer wie ein offenes Buch für sie war.
Dabei glaubte er wahrscheinlich, es besonders schlau angelegt zu haben. Mit geradezu obszöner Lässigkeit hatte er dieser Femme fatale die Schürze umgebunden. Nur ein paar Zentimeter über ihrem aufreizenden Hintern. Dabei hatte er diesen verräterischen Blick in ihren Ausschnitt riskiert. Die Dame hatte das ganz sicher bemerkt. Ihrem Gesichtsausdruck nach zu schließen hatte sie es auch goutiert. Danach jedoch gab es nur mehr ganz gelegentlichen und wie zufällig wirkenden Blickkontakt zwischen den beiden. Aber dafür einen umso intensiveren, wie es ihr schien. Besonders einmal. Da kam ein Augenaufschlag von ihr, als hätte sie es auf ihn abgesehen.
Aus den Augenwinkeln sah sie, dass er seinen Blick von der Straße ab und ihr zuwandte.
»Ich kann dir gar nicht sagen, wie froh ich bin, dass wir diesen Kurs belegt haben. Du wirst sehen, der morgige Tag wird noch besser werden. Heute warst du nicht ganz bei der Sache. Hat diese Frau Machherndl dich noch beschäftigt?«
Diese scheinbar besorgte Frage war doch geradezu der Gipfel an Heuchelei. Sie hatte ja selbst für einen Augenblick geglaubt, dass die alte Giftspritze schuld an ihrer schlechten Stimmung war. Aber diese Erklärung erschien ihr viel zu billig. Erst recht aus seinem Mund. Kurz überlegte sie, ob sie widersprechen sollte. Hielt es dann aber für klüger, zu schweigen.
»Gegen trübe Gedanken weiß ich ein tolles Rezept«, fuhr er fort. »Du kannst dich schon auf zuhause freuen.«
Durfte das wahr sein?! Der Mensch konnte doch nicht ernsthaft glauben, dass sie dafür herhalten würde, seinen gestiegenen Hormonspiegel wieder auf Normalmaß zu reduzieren. Sie wusste zwar aus langjähriger Erfahrung, dass ein gutes Essen bei ihm eine anregende Wirkung hatte. Oft hatte sie das durchaus genossen. Aber sie war sicher, dass sie seinen Vorschlag diesmal dem Blick über die Schulter einer anderen zu verdanken hatte. In der Sekunde beschloss sie, ihren Ehemann zumindest für einige Zeit zappeln zu lassen und ihm fürs Erste den Blick auf ihren eigenen Busen zu verwehren.
Samstag, 17. April 22 Uhr 05
Die Scheinwerfer hatte Theresa Strasser abgedreht. Denn das starke Strahlen tauchte den Wald abseits des Scheinwerferkegels in umso tiefere Dunkelheit. Der Vollmond hingegen leuchtete den gesamten Waldweg gleichmäßig sanft aus. Der Nachthimmel war wolkenlos und das erst seit wenigen Tagen sprießende Laub an den Bäumen ließ noch genügend Licht durch. Im Schritttempo fuhr sie mit ihrem von Klaus so bezeichneten Einkaufswagen über den Schotter. Irgendwo in diesen Hügeln musste der dunkelblaue Porsche Cayenne doch stehen. Vor jeder Kurve stand die Hoffnung, hinter jeder Kurve stand die Enttäuschung. Immer und immer wieder. Sie kämpfte mit den Tränen. Seit mittlerweile mehr als drei Stunden fuhren sie auf Wegen dahin, die sonst wohl nur ein paar Jäger und Waldarbeiter kannten. Warum fanden sie nicht einmal diesen vermaledeiten Wagen?
Am Beifahrersitz saß ihre Tochter Katja. Sie hatte den Kampf gegen die Tränen längst aufgegeben, schluchzte vor sich hin, schaute aber dennoch angestrengt hinaus in die Dunkelheit.
Hinter ihr folgten noch zwei andere Autos, ebenfalls im Schritttempo und mit abgeschalteten Schweinwerfern. Denn in diesem Waldstück gingen laut Karte drei kleinere Wege von diesem Hauptweg ab. Sie suchten systematisch. Die meisten Gäste beteiligten sich an dieser Suchaktion. Die hatten sich den Abend sicher anders vorgestellt.
Knapp nach neunzehn Uhr hatten sie es nicht mehr ausgehalten. Weil Klaus noch immer nicht aufgetaucht war, hatten sie gemeinsam beschlossen, sich an den Polizeiposten in Spitz zu wenden. Denn weder Theresa noch die Kinder hatten eine Ahnung, welche Strecken Klaus beim Joggen bevorzugte. Ihnen war nur klar, dass er mehrere Lieblingsstrecken hatte. Die meisten davon irgendwo in den umliegenden bewaldeten Hügeln.
Für eine formelle Vermisstenanzeige war es zu früh. Dennoch schickte der diensthabende Postenkommandant sofort einen Einsatzwagen mit zwei Beamten zu ihrem Haus. Beim Eintreffen der Funkstreife waren noch sechzehn der ursprünglich zwanzig Gäste anwesend. Nur zwei Paare hatten es vorgezogen abzureisen. Mit der Begründung, dass sie keinen Orientierungssinn hätten und mit den örtlichen Gegebenheiten nicht vertraut wären. Daher würden sie die Suche nach Klaus womöglich noch zusätzlich behindern. Nutzlos herumsitzen wollten sie auch nicht.
Die meisten der verbliebenen Freunde dachten anfangs, dass sie bei einer Suche ebenfalls keine große Hilfe sein würden. Ihre Kenntnis der Wachau beschränkte sich mehr oder weniger auf die Straße am Donauufer.
Die beiden Polizisten machten ihnen jedoch klar, dass es ein großer Glücksfall war, dass sie alle da waren, und dass sie sehr wohl helfen konnten. Gemeinsam mit dem Streifenwagen hatten sie zehn Autos zur Verfügung. Die meisten waren soweit geländegängig, dass sie auch Forststraßen befahren konnten. Außerdem entpuppten sich die beiden Serviererinnen als Glücksgriff, weil sie beide gerne wanderten und sich in der Gegend auskannten.
Die Polizisten zeigten ihnen auf einer großen Karte, wie die Suche funktionieren konnte. Die meisten Straßen, die von der Hauptstraße abzweigten, fanden irgendwo an einem Hügel oder tief im Wald ein Ende. Diese Nebenstraßen mussten sie gemeinsam absuchen, ihnen also bis zu ihrem Ende folgen und keine Abzweigung auslassen. So hofften die Polizisten, zunächst irgendwo den dunkelblauen Porsche Cayenne von Klaus aufzuspüren. Dann konnten sie die Suche dort konzentrieren. Denn sie alle rechneten mit einem Unfall beim Laufen. Vielleicht ein böser Sturz oder ein Herzinfarkt.
Jedenfalls fand der Plan der beiden Polizisten schnell allgemeine Zustimmung.
Die eintretende Dunkelheit erschwerte ihr Unterfangen. Aber der Tipp der Polizisten, die Scheinwerfer auszuschalten und sich auf das Licht des Vollmonds zu verlassen, gab ihnen wieder Sicherheit. Einen irgendwo geparkten Porsche Cayenne würden sie jedenfalls sehen.
Mit zehn Autos konnten sie ein großes Gebiet zügig durchkämmen. Per Mobiltelefon blieben sie in ständigem Kontakt, trafen sich immer wieder als Kolonne auf der Hauptstraße und nahmen die nächsten Abzweigungen in Angriff. Im Nu rückten sie Richtung Norden bis ins fünf Kilometer entfernte Mühldorf vor. Sie weiteten den Suchradius immer mehr aus.
»Da ist die nächste Abzweigung.« Katja deutete nach vorne und schaute gleichzeitig auf ihr Handy. Dank GPS war ihre Position als roter Punkt am Display zu sehen. »Fahr rechts, das ist der Weg ohne weitere Abzweiger«, kommentierte sie matt.
Theresa betätigte kurz den rechten Blinker. Die beiden Autos hinter ihr blinkten links. Soweit alles klar.
Nach der Abzweigung begann ihr Wagen zu holpern. Sie fuhr noch langsamer. Die Furchen waren so tief, dass sie im fahlen Licht aussahen wie dunkle Lacken. Nach ein paar Metern ging es außerdem steil bergauf. Wahrscheinlich fuhren hier nur Waldarbeiter mit Fahrzeugen, die meterhohe Reifen hatten. Über Stock und Stein, ohne das Auto zu schonen, holperten sie weiter. Eine ganze Weile.
»Vergiss es«, kommentierte Katja schließlich. »Mit seinem heißgeliebten Cayenne wäre Papa keine drei Meter weit auf diesem Weg gefahren. Und gelaufen wäre er hier auch nicht.«
Theresa nickte und brachte den Wagen zum Stehen. »Wo können wir noch suchen?«
Katja verkleinerte die Karte auf ihrem Display und zog die Stirn in Falten. »Wir sind hier oben.«
»So weit von Spitz entfernt?«, fragte Theresa ungläubig.
»Ja. Vorhin waren wir bis hier drüben. Die andere Gruppe hat sich von der Straße hinter Weißenkirchen gemeldet. So weit weg würde Papa doch nie fahren.«
»Ja. Wenn er laufen will, will er laufen, nicht herumkutschieren«, pflichtete sie ihrer Tochter bitter bei.
Da läutete ihr Handy.
»Mathias?«
»Mama, wir haben nochmal alle Krankenhäuser angerufen. Und alle, zu denen er gefahren sein könnte. Auch Roman. Der sucht jetzt in Krems. Sonst fällt uns niemand mehr ein.« Dass er verzagt war, war nicht zu überhören. Zwei Gäste, die besonders viele andere Kollegen, Freunde und Bekannte von Klaus kannten, waren bei Mathias zu Hause geblieben und hatten sich ans Telefon gehängt. Auch erfolglos.
Sie holte tief Luft, atmete bewusst langsam aus. Das Schlimmste war, dass sie sich das Verschwinden von Klaus nicht erklären konnte. Hätte er einen Unfall gehabt, dann hätten sie ihn bestimmt gefunden. Aber was sollte es sonst sein? Sie warf einen Blick auf die Uhr. Es war jetzt kurz nach 22 Uhr. »Kinder«, sagte sie und machte eine Pause, um ihrer Stimme Festigkeit zu geben. »Ich denke, es liegt an uns, eine Entscheidung zu treffen.« Ihre Stimme zitterte trotzdem. »Ich denke,… wir haben getan, was wir konnten. Wir finden ihn nicht.«
»Aber das kann doch nicht sein«, schrie Mathias durchs Telefon.
Katja vergrub das Gesicht in ihren Händen.
Theresa legte ihr sanft die Hand auf die Schulter. »Wir brechen die Suche ab.«
Ihre Tochter heulte auf.
»Mathias, bitte ruft alle zurück nach Hause.«
»Das kann doch nicht sein«, wiederholte ihr Sohn leise.
Da kamen auch ihr die Tränen.
Sonntag, 18. April 8 Uhr 45
Die Kremser Großbäckerei hatte zweihundert Stück Gebäck pünktlich an Bord gebracht. Aber der Fleischhauer war mit der Lieferung der täglichen hundertfünfzig Paar Frankfurter zehn Minuten später als vertraglich vereinbart dran gewesen. Kapitän Leutgeb notierte zwar die Verspätung in seinem Bordbuch. Da der Lieferant aber seit dem Beginn der Zusammenarbeit mit der DDSG immer pünktlich gewesen war, wollte er daraus keine große Sache machen. Er würde die verspätete Lieferung nicht nach Wien melden.
Ein Ablegen ohne die Würstel wäre für das Schiff freilich eine kleine Katastrophe gewesen. Stimmungsmäßig und finanziell. Frankfurter waren die bei Weitem beliebteste Speise auf einem Wachau-Schiff. An einem guten Tag verzehrten die Passagiere mehr als zweihundert Paar. Besonders gern zusammen mit einem Wachauer Laberl. Viele Passagiere kamen von weit her mit dem Auto nach Krems, um den Schiffsausflug in die Wachau zu machen. Darunter war stets eine erkleckliche Anzahl von Personen, die ohne zu frühstücken in ihre Autos gestiegen waren. Die stürmten gleich nach dem Ablegen des Schiffs das Bordrestaurant. Um ihren ersten Kaffee des Tages zu trinken oder sich ein Paar Frankfurter zu gönnen.
Heute gab es kaum Wellengang. Der Wasserstand der Donau war seit Monaten ausgesprochen niedrig. Der Winter war zwar recht lang und überraschend kalt, aber niederschlagsarm gewesen. Auch in den letzten Wochen hatte es wenig geregnet. Und die Schneeschmelze in den Bergen hatte gar noch nicht richtig begonnen.
Bei niedrigem Wasserstand war das Ablegemanöver für die gesamte Mannschaft eine tausendfach durchexerzierte Routineangelegenheit. Dennoch war der Kapitän wie immer aufmerksam und überwachte die Einhaltung der für das Manöver geltenden Vorschriften sehr penibel. Immerhin hatte es auch auf der Donau schon Schiffsunglücke mit mehreren Toten gegeben. Er wusste, dass sich das eine oder andere Crew-Mitglied von ihm manchmal einen etwas laxeren Umgang mit den Regeln gewünscht hätte. Davon ließ er sich jedoch nicht beeindrucken. Auf seinen Schultern lag ja die ganze Verantwortung.
Als das Manöver beendet war, lehnte er sich an die Fensterfront des Kapitänsstandes und gönnte sich bewusst eine Pause. Bewusste Pausen förderten die Konzentrationsfähigkeit. Außerdem würden sie gleich an Stein vorbeifahren. Die ufernahe Häuserfront von Stein war für ihn eines der Highlights der Fahrt. Die weißen und grauen Fassaden hinter der Reihe alter Bäume, die breite, fast unbefahrene Straße parallel zur Uferstraße, die beiden kleinen Plätze, die sich wie Buchten zur Donau hin öffneten, das alles vermittelte ein Gefühl von Gemütlichkeit und Lebensfreude, irgendwie ein mediterranes Flair. Immer wieder war er überrascht, dass offenbar nur wenige Passagiere seine Begeisterung für Stein teilten. Allenfalls zückten die Passagiere ihre Handys und Fotoapparate, wenn sie die Pfarrkirche und die gleich dahinter am Hügel stehende Frauenbergkirche sahen. Beide Kirchen lagen hinter der jahrhundertealten Häuserzeile. Er hatte schon mehrmals mit seiner Frau Führungen durch Stein mitgemacht. Da gab es traumhafte barocke Innenhöfe mit Arkaden und Balustraden, die mit Weinlaub verwachsen waren. Außerdem reich verzierte Bürgerhäuser, die vom bis ins Mittelalter zurückreichenden Reichtum dieses alten Handelsplatzes zeugten. Die beiden zur Donau hin offenen Plätze hätten seiner Meinung nach auch gut in eine alte italienische Stadt gepasst. Die Kremser Plätze waren zwar bei den Touristen beliebter. Aber an Schönheit konnten es die Plätze in Stein locker mit denen in Krems aufnehmen.
Kurz vor der Mauterner Brücke wurde er aus seinen Gedanken gerissen.
Der Steuermann rief ihm zu: »Da schwimmt schon wieder eine Vogelscheuche! Backbord.«
»Du meinst eine Schaufensterpuppe«, berichtigte er. Gab es entlang der Donau jemanden, der sich einen Spaß daraus machte, mannsgroße Puppen ins Wasser zu schmeißen? Er blickte hinunter auf die Wellen. Dieser erste Blick machte ihn stutzig. Schnell griff er nach dem Fernglas, das hinter ihm an der Wand hing und verließ hastig seinen Steuerstand. Keine zehn Sekunden später war er sicher, dass diesmal keine Puppe in der Donau schwamm. Noch an der Reling stehend nahm er sein Handy aus der Tasche und wählte den Polizeinotruf.
Sonntag, 18. April 8 Uhr 55
»Gehet hin in Frieden!«
»Dank sei Gott dem Herrn!« Josefa Machherndl antwortete so laut, dass es in der ganzen Kirche zu hören sein musste. Trotz dieser Inbrunst musste sie sich eingestehen, dass sie in der heutigen Messe nicht bei der Sache gewesen war. Auch über deren Ende war sie froh. Ihr war klar, dass sie damit eine Sünde beging. Am kommenden Donnerstag, ihrem wöchentlichen Beichttag, würde sie dafür die Absolution erbitten müssen. So unauffällig wie möglich befühlte sie den Schorf auf ihren beiden Warzen. Noch zu früh, um ihn schon herunterzukratzen. Sie blieb noch in der Bank sitzen, wartete darauf, dass die anderen Messbesucher die Kirche verließen. Gedränge am Ausgang vom Haus Gottes konnte sie nicht leiden.
Ihre langjährige Sitznachbarin erhob sich und nickte ihr zu. Josefa verabschiedete sie mit einem huldvollen und, wie sie innerlich hoffte, durchaus nachsichtigen Lächeln. Wie immer hatte die Gute die Messlieder mit einer Hingabe gesungen, die in einem krassen Gegensatz zu ihrer Fähigkeit stand, die richtigen Töne zu treffen. Josefa hatte sie deswegen auch schon mehr als ein dutzendmal angesprochen und ihr dringend empfohlen, entweder nicht mitzusingen oder sich in eine der hinteren Bankreihen, die bei der Frühmesse ohnehin alle leer waren, zu bequemen. Aber da hätte sie auch gegen eine Wand reden können. Die Sängerin war Gemeinderätin in Dürnstein. Aber, dem Herrn sei Dank, keine schwarze. Die fehlenden Sangeskünste waren für Josefa Machherndl ein weiterer Beweis für die bemitleidenswert dünne Personaldecke der Roten. Sie ermahnte sich aber immer, nicht zu streng zu sein. Wenigstens ging die Frau in die Kirche, was bei dieser Gottesleugner-Partei ein Wunder war. Ihr Religionslehrer hatte den Schülern seinerzeit erzählt, dass die Evangelischen nur einen Stehplatz im Himmel bekommen würden. Die Sozialisten sicher ebenso. Aber auch nur dann, wenn sie regelmäßig in die Kirche gingen.
Seit sie sich erinnern konnte, hatte sie immer die sonntägliche Frühmesse in Dürnstein besucht. Als Kind gemeinsam mit ihren Eltern. Damals hatte es ja einen guten Grund dafür gegeben. Weil man vor dem Empfang der heiligen Kommunion, was bei den Machherndls zum sonntäglichen Pflichtprogramm gehörte, nüchtern sein musste.
Diese sonntägliche Routine hatte sie bis heute beibehalten. Sowohl die Frühmesse als auch die Nüchternheit. Obwohl es heutzutage erlaubt war, vor der Kommunion zu frühstücken. Die Menschen taten das ohne die geringsten Gewissensbisse. Ihrer Meinung nach war das einer der Gründe, warum es mit der Kirche bergab ging. »Ein Glaube ohne Selbstdisziplin ist nichts wert.« Das hatte ihr und ihren Mitschülern vor mehr als fünfzig Jahren ihr damaliger Religionslehrer immer wieder gesagt. Nicht nur gesagt hatte es der Herr Monsignore, sondern richtig eingebläut hatte er es ihnen. Wenn es sein musste, mit einer Ohrfeige. Je älter sie wurde, umso überzeugter war sie von der Richtigkeit seines Grundsatzes. Für seine strenge Hand würde sie ewig dankbar sein.
In Erinnerung an den hochverehrten Herrn Monsignore hatte sie vor dem heutigen Kirchgang nicht nur auf ein Frühstück, sondern auch auf das morgendliche Gläschen Schnaps verzichtet. Den Gusto auf den Schnaps Sonntag Früh niederzuringen, fiel ihr immer schwerer. Aber Gott, der Herr, liebte eben seine Kinder nicht nur, er prüfte sie auch.
Ihre heutige Unaufmerksamkeit in der Messe hatte allerdings nichts mit ihrem Gusto zu tun. Daran war einzig und allein das gestrige Telefonat mit der Chefin der Mordkommission schuld. Diese kurze Auseinandersetzung hatte ihr schon die Nacht versaut. Zum zweiten Mal hintereinander kaum Schlaf. Eine Schaufensterpuppe. Lächerlich. Ja, die Strompolizei hatte wohl zufällig eine Schaufensterpuppe in der Donau entdeckt. Aber deswegen die Suche abzubrechen, das war schon ein starkes Stück. Von Frau Lenhart hatte sie bis gestern recht viel gehalten. Wahrscheinlich stand Frau Lenhart unter dem unheilvollen Einfluss ihres Stellvertreters, diesem ungepflegten Ungetüm, den sie selbst längst und ohne falsche Sentimentalitäten in die Pension verabschiedet hätte. Naja, mit der Polizei ging es eben auch bergab. Zuerst die Kirche und jetzt auch die Polizei. Wo würde das alles noch hinführen? Irgendwie musste es doch möglich sein gegenzusteuern.
Da nun fast alle Menschen die Kirche verlassen hatten, stand sie ebenfalls auf. Beim Ausgang der Kirche gab sie dem Pfarrer, der zu den weichen Vertretern seiner Zunft zählte und somit Teil des Problems war, nur schweigend die Hand. Sie war nicht in der Stimmung, gute Miene zu machen, mit ihm wie sonst üblich ein paar Worte zu wechseln und seine Predigt zu loben. Sie musste etwas anderes tun, etwas wirklich Effektives, um einem Sitzplatz im Himmel näher zu kommen. In der ersten Reihe selbstverständlich.
Der barocke Innenhof des Stifts begann sich bereits mit staunenden Touristen zu füllen. Warum gingen diese Leute nicht in die Messe? Stattdessen warteten sie hier und konnten es offensichtlich kaum noch erwarten, die Kirche zu stürmen. Auch an Tagen, an denen ihre Stimmung besser war, hatte sie für diese Leute nur einen abfälligen Blick übrig. Sie war wirklich in schlechter Stimmung und wollte nur ganz schnell weg von hier. Zu ihrem Rad, das sie beim Rathaus vorschriftsmäßig an einen offiziellen Fahrradständer angekettet hatte.
Als sie den steilen, mit jahrhundertealten Kopfsteinen gepflasterten Weg von der Kirche zum Rathaus hinaufging, kam ihr ein Mann entgegen. Den kannte sie doch. In Weißenkirchen zuhause, wenn sie sich richtig erinnerte. Der war doch Redakteur beim Niederösterreichischen Tagblatt. In diesem Augenblick durchfuhr sie die Eingebung wie ein Blitz. »Dank sei Gott dem Herrn!« entfuhr es ihr laut. Diese Begegnung konnte nur der Allmächtige höchstpersönlich eingefädelt haben. Die Polizei würde sich noch wundern.
Sonntag, 18. April 9 Uhr 03
Felix Frisch war in seinem Element. Eine Leiche. Und das an einem Sonntag, an dem es normalerweise für einen Strompolizisten noch weniger Höhepunkte gab als an Wochentagen. Wahrscheinlich, weil die Leute an einem Sonntag doch friedlicher waren. Nicht so eine lächerliche Schaufensterpuppe, sondern eine richtige Leiche. Obwohl er sie noch gar nicht gesehen hatte, war er sich seiner Sache sicher. Ein Kapitän eines Schiffs war ja quasi ein Kollege. Ein Mann in Uniform. Der würde eine Schaufensterpuppe sehr wohl von einem toten Menschen unterscheiden können. Gestern schon ein Glückstag für ihn und heute schon wieder. Er hoffte natürlich, dass es kein Selbstmord war. Einen Selbstmörder oder gar eine Selbstmörderin aus dem Strom fischen zu müssen, würde nur lästigen Bürokratiekram bedeuten. Ohne Aussicht darauf, weiter oben in der Polizeihierarchie positiv aufzufallen.
Er bedauerte nur, dass er seinen heutigen Kollegen nicht wieder nach Hause schicken konnte. Einen Revierinspektor, der wohl noch lange auf seinen dritten Stern würde warten müssen. So faul und uninteressiert wie er war. Und ihm gegenüber ohne den geringsten Respekt. War ihm wohl den Rang neidig.
Beim Einsteigen in das Polizeiboot beschloss er, dem Kollegen das Steuer zu überlassen. Wenn der das Boot steuern musste, würde es ihm schwererfallen, gleichzeitig die Donau abzusuchen. Denn die Leiche zu entdecken, war sein Vorrecht als Ranghöherer. Würde sich im Bericht sicher gut machen. Eine furchtbar zugerichtete und übel verstümmelte Leiche, entdeckt von Gruppeninspektor Felix Frisch. Hoffentlich eine Frauenleiche. Machte einfach mehr her, wie er mit seinen mehr als fünfundzwanzig Jahren Polizeierfahrung wusste. Vielleicht würde er damit sogar in die Zeitung kommen.
Kaum hatten sein Kollege und er den Behörden-Hafen verlassen, brachte er auch schon sein Fernglas in Anschlag. Der Kapitän hatte die Leiche knapp vor der Mauterner Brücke gesichtet. Zeitpunkt des Anrufs: 8 Uhr 54. Vor zehn Minuten. Blitzschnell schätzte er die Strömungsgeschwindigkeit ein. Die Leiche musste schon hier vorbeigetrieben sein. Also flussabwärts. »Richtung Hollenburg. Volle Kraft voraus!« dröhnte er wie der Kapitän eines großen Kriegsschiffs im Fernsehen. Ob ein solches Kommando auch auf der Donau auf einem doch ziemlich kleinen Boot üblich war?
Sein Kollege ließ sich den Befehl jedenfalls nicht zweimal sagen. Daher war er sicher, instinktiv das Richtige getan zu haben. Was ihn auch gar nicht verblüffte. Der richtige Riecher hatte ihn ja bis jetzt immer begleitet. Musste sogar seine Elfriede zugeben. Und die war schließlich seine schärfste Kritikerin.
Wie ein Falke suchte er die Wasseroberfläche mit dem Fernglas ab. Es dauerte nur wenige Minuten, bis er etwas treiben sah, das seinen Verdacht erregte. Ungefähr hundert Meter vom linken Ufer entfernt. Das hätte sein Kollege sicher übersehen, weil der nur stur geradeaus in Fahrtrichtung blickte. Nicht einmal sein Fernglas hatte der vor seinen Augen. Dem fehlte es eindeutig an Motivation.
Wenigstens gehorchte der Kollege seinem Befehl und schwenkte mit einem Manöver scharf nach links. So scharf, dass Felix Frisch fast den Halt verloren hätte. Der Gruppeninspektor war überzeugt, dass jeder andere Polizist an seiner Stelle kopfüber in die Donau gestürzt wäre. Dafür hätte er den rangniedrigeren Steuermann gleich zur Rede stellen müssen. Er wollte aber noch einmal Gnade vor Recht ergehen lassen. Schließlich gab es jetzt Wichtigeres zu tun.
Nachdem sein Kollege das Manöver vollendet hatte, reduzierte er die Geschwindigkeit. Offensichtlich sah er jetzt auch, was Felix Frisch schon vor einer Ewigkeit erspäht hatte. »Eindeutig ein Mann!« rief ihm der Kollege zu.
Felix Frisch hoffte bis zuletzt. Aber das Fernglas ließ dann doch keinen Zweifel mehr. Doch keine Frauenleiche. Enttäuschend.
Der Kollege stellte den Motor ab und ließ das Boot auf die Leiche zugleiten. Geschmeidig, wie Felix zugeben musste.
»Vollständig bekleidet. Das deutet auf einen Selbstmörder hin«, meinte der Kollege.
Eine weitere Enttäuschung. Felix verlor schlagartig jegliches Interesse an der Leiche. Mehr noch. Seit gestern wusste er, wie schwer es war, etwas Menschengroßes an Bord zu heben. Und eine echte Leiche war womöglich noch schwerer als eine Holzpuppe. Wozu sollten sie sich die Mühe machen, wenn sie nicht einmal zuständig waren. Der skeptische Blick des Kollegen verriet, dass der sich dasselbe dachte. Also nickte Felix ihm zu: »Da werden wir wohl die Feuerwehr verständigen müssen. Wir kriegen die Leiche sowieso nie ins Boot.« Er nahm sein Handy.
Da beugte sich sein Kollege nach vorne. »Du, wart einmal. Schau. Der Kopf.«
»Uuuuh«, entfuhr es Felix. Instinktiv zog er den Kopf ein, als er den eingeschlagenen Schädel sah.
Die Leiche trieb jetzt längsseits.
Um ein Haar hätte er sein Handy fallen lassen. So elektrisiert war er. Waschechter, astreiner Mord. Das sah er aufgrund seiner Erfahrung sofort. Was er da vor sich hatte, war ein Fall wie maßgeschneidert für ihn. Aber noch etwas hatte er da vor sich: einen schönen dunkelblauen Adidas-Trainingsanzug.
»Verstehe gar nicht, wieso der Tote nicht untergegangen ist«, murmelte der Kollege, griff zur Hakenstange und hängte sie beim Trainingsanzug über der Brust ein.
So ein grobschlächtiger Kerl. Der Anzug war hin.
»Heben wir ihn rauf oder ziehen wir ihn am Haken in den Hafen?«
Felix erfasste die Situation sofort und ging zum Steuer. »Heben ist chancenlos. Wir ziehen ihn.« Genauer gesagt würde der Kollege den Haken halten und beim Ziehen der Leiche schwitzen. Er hingegen würde das Boot steuern. Geschmeidig natürlich. Schließlich sollte der Kollege nicht ins Wasser fallen. Beim Anfahren verlor er dennoch beinahe den Halt. Felix grinste in sich hinein. Rache war süß.
Aber jetzt musste er nachdenken. Die Sache mit dem Trainingsanzug war doch irgendwie eigenartig. Die Holzpuppe gestern hatte haargenau den gleichen Anzug angehabt. Jeder normale Polizeibeamte würde das sicher für reinen Zufall halten. Aber er war ja kein normaler Polizist.
Heute beim Frühstück hatte er den Anzug schon getragen. Seine Elfriede hätte beinahe durch die Zähne gepfiffen, als er damit ins Esszimmer getreten war. Im nächsten Moment hatte sie allerdings die Stirn gerunzelt, die Arme in die Hüften gestemmt und gefragt, was der Anzug gekostet hatte.
Da hatte er gelacht und gesagt: »So wenig, dass du es nicht glauben würdest.« Mehr hatte er ihr nicht verraten. Allerdings hatte sie ihn erst in Ruhe gelassen, als er ihr geschworen hatte, dass dieser Luxusanzug kein Loch in ihr knappes Haushaltsbudget reißen würde.
Nun stellte sich die Frage: Sollte er seinen neuen Trainingsanzug als mögliches Beweismittel der Mordkommission überlassen? Auch wenn es möglicherweise reiner Zufall war und er die Kollegen damit auf eine falsche Fährte brachte? Auch wenn niemand dabeigewesen war, als er den Anzug genommen hatte? Auch wenn die Puppe genauso gut zwischen der Sichtung vor Dürnstein und seinem Eingreifen vor Mautern irgendwo hätte angespült werden können, sodass jemand anderer den Anzug hätte nehmen können? Auch wenn der Anzug von ihm und vom Donauwasser gründlich gewaschen worden war, sodass sich sicher keine Spuren mehr darauf fanden? Nein, nein und nochmal nein. Der Anzug war viel zu kostbar. Als unnützes Beweisstück würde er ja doch nur irgendwo in einem Keller der Polizeidirektion in St. Pölten verrotten. Er musste den Anzug unbedingt vor einem solchen Schicksal bewahren. Allerdings würde dabei die ganze Cleverness eines Felix Frisch gefragt sein.
Sonntag, 18. April 9 Uhr 40
Wie oft und wie lange sie wachgelegen war, konnte Doris nicht genau sagen. Ihr unruhiger Schlaf war dem selig neben ihr schlummernden Erich Gottseidank entgangen. Nach dieser Nacht wollte sie zunächst eine Migräne vorschützen, um sich die Fortsetzung des Kochkurses zu ersparen. Allerdings verwarf sie die Idee gleich wieder. Hätte sie diese Unpässlichkeit schon gestern Früh heimgesucht, wäre Erich bestimmt bei ihr zuhause geblieben. Kochkurs um sechshundert Euro hin oder her. Aber heute? Da würde er ihr ein paar Tabletten ans Bett bringen und ihr gute Besserung wünschen. Er würde sich mit dem Versprechen Richtung Wachau verabschieden, beim Kochkurs ganz genau aufzupassen und alles haargenau mitzuschreiben, um die Gerichte bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit mit ihr gemeinsam nachkochen zu können. Sein Zuhausebleiben würde ja den Gesundungsprozess weniger beschleunigen als ein gutes Buch, das er ihr selbstverständlich vor seiner Abfahrt ebenfalls ans Bett bringen würde. Außerdem wäre dann das Geld auch nicht hinausgeschmissen, was ihr ja bestimmt ein noch größeres Anliegen wäre als ihm.
Nein. Krankheit schied als Lösung aus. Blieb nur noch eine andere: Sich heute ebenfalls ordentlich herzurichten. Nicht als Femme fatale, aber doch so, dass ihre eigene Attraktivität zum Unterschied von gestern nicht zu übersehen sein würde. Dazu noch ein kleiner Flirt mit dem Meisterkoch und ihr Mann würde keinen einzigen Blick mehr für die Zwergin übrighaben.
Zum Frühstück erschien sie wieder nur in Pyjama und Schlafrock. Sie wollte ihn im Glauben lassen, dass sie heute wiederum in weiter Hose, Schlabberpullover und bequemen Latschen zum Kochkurs fahren würde. Sie hatte sich schon in der Nacht vorgenommen, ihre Eifersucht unter keinen Umständen zu zeigen. Wobei sie sich nicht darüber im Klaren war, ob Stolz oder Kalkül der entscheidende Antrieb dafür war. Wahrscheinlich beides.
Sie hatte schon im Bett lang darüber nachgedacht, was sie heute anziehen würde. War dabei aber zu keiner Entscheidung gekommen. Klar war nur, dass ihr Dirndl angesichts der kostspieligen Konkurrenz nicht in Frage kam. Obwohl es ihr ausgezeichnet stand. Beim nächtlichen Grübeln war sie draufgekommen, warum sie ihr Dirndl selten trug. Weil Erich der Meinung war, dass ein Dirndl und pechschwarzes Haar nicht zusammenpassten.
Dirndlträgerinnen müssten seiner Meinung nach blond sein. Das hatte er irgendwann tatsächlich von sich gegeben. Und nun tauchte da diese blonde Zwergin im Dirndl auf.
Erich schien an diesem Morgen bestens gelaunt. Keine Spur von schlechtem Gewissen. Er umsorgte sie, als ob sie mit ihm auf Hochzeitsreise wäre. Ganz Kavalier. Beim Frühstück nahm er demonstrativ jene Semmel aus dem Brotkorb, die beim Aufbähen deutlich zu dunkel geraten war, und legte die lichtere Semmel auf ihren Teller. Tat er sonst nie. Da war doch was faul. Normalerweise ließ er die angebrannten Semmeln liegen. Woher auf einmal diese auffällige Verhaltensänderung?
Während des Frühstücks gab sie sich ganz locker. Sie wollte völlige Harmonie vortäuschen. Gestern hatte sie ihm nach dem Frühstück einen Kuss auf die Nasenspitze gegeben. Tat sie also wieder. Aber diesmal mit innerem Widerwillen. »Räumst du bitte den Tisch ab, während ich mich anziehe?«, bat sie ihn mit einem huldvollen Augenaufschlag.
»Klar.« Er schaute auf die Uhr. »Du hast noch zehn Minuten.«
Von wegen zehn Minuten. Jetzt wollte sie sich alle Zeit der Welt nehmen. Sie ging ihren Kleiderschrank durch. Legte einige schöne Stücke aufs Bett, um besser gustieren zu können. Aber nichts erschien ihr wirklich passend. Dann ein Griff zu einem Rock, den sie seit drei Jahren nicht mehr getragen hatte. Schwarz. Sie schlüpfte rasch hinein und war erleichtert, dass er ihr noch passte. Zwar knapp, aber das war auch vor drei Jahren so gewesen. Dann suchte sie in ihrer Kommode nach einer weißen, ganz engen Bluse mit Stehkragen. Hatte sie vor einem halben Jahr gekauft, weil sie den Kontrast, den der hohe Kragen zum breiten Ausschnitt der Bluse bildete, überaus reizvoll fand. Hohe Pumps dazu. Perfekt. Jetzt noch ein ordentliches Make-up. Und die Haare so zurechtgemacht, dass sie ein wenig unfrisiert aussahen, in Aktion durcheinandergeraten, schlicht frivol.
Als sie zwanzig Minuten später wieder ins Wohnzimmer trat, frohlockte sie.
Erich sah sie mit offenem Mund an.
Teil eins ihres Plans schien aufzugehen.
»Wow. Ähm.« Er suchte offenbar nach den richtigen Worten. »Findest du deine Aufmachung für einen Kochkurs nicht etwas übertrieben?«
Sie setzte ihren süßesten Schmollmund auf. »Gefall ich dir nicht?«
Sein hilflos schmachtender Gesichtsausdruck war schon Antwort genug.
Beinahe hätte sie angesichts seines verliebten Blickes vergessen, was er gestern getan hatte. Sie zeigte ihm ein gefährliches Lächeln. »Wegen dir bin ich gestern als Aschenputtel aufgetreten. Die anderen waren alle herausgeputzt. Heute dreh ich den Spieß um.«
Erich grinste fröhlich. »Und ich darf zuschauen.«
Ihm eine Show zu liefern, war eigentlich gar nicht ihre Absicht gewesen.
»Aber im Ernst«, meinte er. »Möchtest du dir nicht wenigstens etwas flachere Schuhe anziehen? Sonst kannst du heute Abend nicht mehr stehen. Und gehen schon gar nicht.«
»Wenn du mich provozierst, zieh ich Stilettos an.«
»Brauchst du gar nicht«, meinte er. »Du bist auch ohne Stilettos groß genug.«
Doris zuckte innerlich zusammen. War sie ihm etwa zu groß? »Stimmt«, antwortete sie spitz. »Wenn ich Stilettos trage, kannst du mir nicht mehr so leicht über die Schulter ins Dekolletee schauen.«
»Dann schau ich eben von vorne«, konterte er und lächelte verschmitzt.
Ihre auf die blonde Zwergin gemünzte Spitze schien er gar nicht zu registrieren. Oder er war ein perfekter Schauspieler und steckte sie ohne sichtbare Reaktion weg. Sie mochte sein verschmitztes Lächeln. Deshalb musste sie sich auch zur Ordnung rufen. Schließlich war es das Lächeln eines Halunken. Sie würde die Konkurrenz ausstechen und ihn dann eine ganze Weile schmachten lassen. Das hatte er verdient. Sie zwang sich zu einem koketten Augenaufschlag und winkte zum Aufbruch in Richtung Tür.
Dabei merkte sie, dass ihr linkes Auge zu jucken begann. Hatte sie doch zu viel von der neuen Wimperntusche erwischt? Dabei hatte doch der Beipackzettel hundertprozentige Verträglichkeit versprochen.
Sie waren heute später dran als gestern. Deshalb drückte Erich aufs Tempo, sobald sie die Schnellstraße Richtung Krems erreichten. Je schneller er fuhr, umso weniger gesprächig war er. Seit jeher bei ihm so üblich.
Ihr war es heute besonders recht. Jetzt begann auch ihr rechtes Auge zu jucken. Verdammtes Make-up! Eigentlich müsste sie den Hersteller klagen. Aus diesen Überlegungen riss sie auf der Höhe Traismauer ihr läutendes Handy. Höchste Zeit, einmal den Klingelton zu wechseln. Radetzkymarsch. Klang beim Neujahrskonzert viel weniger penetrant. Sie blickte auf das Display. »Der hat mir zu meinem Glück gerade noch gefehlt.«
Erich blickte zu ihr hinüber. »Kann also nur dein Chef sein.«
Sie antwortete ihm indirekt, indem sie ins Telefon sprach. »Einen schönen Sonntagmorgen, Chef!« Mit abgewinkeltem Zeigefinger ribbelte sie ihr rechtes Auge. »Was verschafft mir das Vergnügen deines Anrufs?«
»Das wirst du gleich hören. Vor zehn Minuten hat mich ein Mitglied der Chefredaktion einer sehr angesehenen Zeitung angerufen und mich mit dem Gerücht konfrontiert, dass wir eine Leiche in der Donau übersehen haben. Weil ein Volltrottel von Gruppeninspektor statt einer Leiche nur eine zufällig in die Donau geschmissene Schaufensterpuppe herausgefischt hätte. Dabei hätte die Leiche einen eingeschlagenen Schädel. Also klassischer Mord. Behauptet, seine Quelle sei absolut zuverlässig.«
Sie wusste natürlich genau, woher dieser Journalist seine Information hatte. Von wegen sehr zuverlässige Quelle. Jetzt begann auch ihr linkes Auge ganz stark zu jucken. Fast unerträglich. Am liebsten hätte sie ihr Handy weggelegt. »Da bleibt dir jetzt nur eine Wahl. Entweder du glaubst mir oder dieser angeblich zuverlässigen Quelle.«
An der Reaktion ihres Chefs merkte sie, dass sie nicht die eleganteste Antwortvariante gewählt hatte. »Als Polizeidirektor des größten österreichischen Bundeslandes habe ich nichts und niemandem zu glauben, sondern mich einzig und allein auf unfehlbare Tatsachen zu verlassen. Wer ist denn dieser volltrottelige Gruppeninspektor?«
»Jemand, der auf dein Betreiben hin voriges Jahr befördert worden ist.« Diese Spitze würde ihr keine Gutpunkte einbringen. Trotzdem wollte sie sich die kleine Gemeinheit nicht verkneifen. Erstens war wirklich Marbolt für die Beförderung verantwortlich und zweitens war ihre Stimmung mies. Zuerst ihr Erich, dann diese verdammte Wimperntusche und jetzt auch noch ihr Chef. War einfach des Guten zu viel.
Ihr Gesprächspartner schluckte und blieb zehn lange Sekunden still. »Also, du garantierst mir, dass ich den Journalisten guten Gewissens beruhigen kann?«
»Du kannst ihm sagen, dass da die Eisenbahn drüberfährt. Der Gruppeninspektor ist zwar tatsächlich ein Idiot, aber die Informantin deines Journalisten ist eine noch größere Idiotin.«
»Da bin ich ja sehr froh, das zu hören. Ich kann dir nämlich im Vertrauen sagen, dass mich der Herr Innenminister für morgen zu sich bestellt hat. Ich weiß natürlich nicht, was er von mir will, aber ein Störfeuer wegen einer Leiche, die ihr übersehen habt, kann ich da unter keinen Umständen brauchen.«
Sie hatte ihr Handy in der Zwischenzeit lauter gestellt. Bei aller Wut auf ihren Mann, aber die Selbstbeweihräucherung sollte er doch hören.
»Sollte ich Niederösterreich in absehbarer Zeit verlassen, dann möchte ich mir nicht zum Abschied meinen Ruf durch einen Vollidioten wie diesen Gruppeninspektor ruinieren lassen. Ich reiße ihm alle seine Sterne eigenhändig vom Kragen, wenn er Mist gebaut hat. Sag ihm das!«
Ohne ihr noch Gelegenheit zu geben, etwas zu sagen, hatte Wolfgang Marbolt aufgelegt.
»An einem so schönen Sonntagmorgen von deinem Chef belästigt zu werden, schreit ja nach einer Gehaltszulage.« Erich grinste sie an.
»Ich bin eben von Arschlöchern umzingelt.«
»Umzingelt? Jetzt übertreibst du aber. Schließlich hast du ja noch Spencer und mich.«
Noch bevor sie zu einer schnippischen Antwort ansetzen konnte, läutete wieder ihr Handy. Spencer. Wenigstens ein kleiner Trost. Wollte wahrscheinlich wissen, wie der Kochkurs lief.
»Hallo, mein Lieber. Wir sind gerade wieder auf dem Weg nach Joching. Also der Kurs läuft großartig. Und Erich, der dich grüßen lässt, wird dir demnächst vorführen, was er alles gelernt hat.«
»Dann tut es mir umso mehr leid. Der Kurs ist für dich zu Ende. Die Strompolizei hat vor zehn Minuten eine Leiche aus der Donau gefischt. Kurz vor Hollenburg. Knapp fünfzigjähriger Mann. Schwere Schädelverletzung. Eindeutig Fremdverschulden. Die Leiche liegt schon in der Kremser Pathologie. Wo seid Ihr denn gerade?«
»Kurz vor Mautern.«
»Dann steig bitte auf der Steiner Seite der Donaubrücke aus. Ich sorge dafür, dass dich eine Funkstreife dort abholt. Ich bin in zehn Minuten im Spital. War schon unterwegs zum Fußballplatz. Und noch eines. Der Mann hat eine Art Schwimmweste getragen.«
»Okay, bis gleich.« Sie beendete das Gespräch mit Spencer und versuchte es sofort bei ihrem Chef. Hoffentlich hatte Marbolt noch nicht mit dem Journalisten geredet. Nach dem vierten Läuten meldete sich ein Tonband. »Der Teilnehmer, den Sie angerufen haben, ist derzeit leider nicht erreichbar. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.«
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