Kitabı oku: «Die schöne Anna von Hake auf Scheventorf»
Bernhard Köster
Die schöne Anna von Hake auf Scheventorf
Saga
Zur Person:
Schwarz wie sein bodenlanger Talar war auch die Tinte, mit der er seine Predigten und Bücher schrieb, und drum fiel es nicht weiter auf, wenn er eine in die Schreibfeder geratene Fussel mit einem Ratsch über die breite Seite seines Gewandes entfernte. Die unbeirrbare Versenkung in sein Werk am Altar, auf der Kanzel und an seinem Stehpult bekam der zu spüren, der da nicht mittat; er kriegte eins über die Finger, hörte es laut und deutlich oder hatte es schwarz auf weiß.
Aufrecht war seine Haltung, sogar auf dem Fahrrad unterwegs in seiner Gemeinde, im Beichtstuhl und selbst am Eßtisch, wenn Maruschka, die humorvolle polnische Haushälterin, für das leibliche Wohl treu sorgte mit ihrer Kunst der Küche, die gerühmt ward und weite Kreise zog, hin und wieder sogar den Bischof aus dem fernen Osnabrück an die gastliche Tafel des Pastorats nach Glandorf. Aber auch Bettler und Zigeuner taten sich dort gütlich. So erfuhr Pastor Bernhard Köster, weil nur geistlicher Rat und deshalb der Zigeunersprache nicht kundig, an der Quelle eines Zigeunermundes, was das heißt: er ist gekocht, nicht Krebse oder der Hahn im Suppentopf, sondern einer in der Geschichte der Schönen Anna, doch lesen Sie es selbst!
Aber mit dem Duft von solchermaßen Gutgekochtem begnügte er sich nicht, nein, auch den Duft der großen weiten Welt lernte dieser abenteuerliche Mann im schwarzen Rock schon kennen um neunzehnhundertzehn, indem er betteln ging. Durch ganz Europa, von Hof zu Hof, von Banken zu Kardinalspalästen und so fort. Warum? Nun, um Spenden für das Krankenhaus in Lübeck, doch das führt jetzt weit, wie seine Reisen damals auch, zu weit hier. Drum lesen Sie es und vieles mehr in dem guten Buch von Dr. Riese über die „Glandorfer Gestalten“.
Vielleicht ahnen Sie dann, was meine Großmutter – Gott hab sie selig – schon vor vielen Jahren meinte mit den Worten: Wenn der Onkel nicht ein guter Pastor geworden wäre, hätten wir heute einen großen Gauner in der Familie.
Waren die Zigarern, die guten, einmal am Ende, so packte er in seine weiten und tiefen Gesäßtaschen einige Stücke Speck, fuhr nach Osnabrück der Zigarren wegen, schlug sich dort im Laden hinten drauf und sagte nur ein einziges Wort: Fettigkeiten. Und er bekam in der Kriegszeit Zigarren, sagte dann auch dem Bischof guten Tag, erhielt auch dort ab und an eine Zigarre, blätterte in alten Archiven seiner Heimatgeschichtsforschung wegen und kam zufrieden zurück nach Glandorf.
Ganz ernst soll er den Brautunterricht genommen haben, sagte mir erst kürzlich ein ehemaliger Kandidat, und da riet er trotz der damaligen Tabus und trotz gewisser zölibatär bedingter Gewissenskonflikte durchaus zur Freude und zur Einhaltung der Regel nach Luther.
Als der große Krieg begann, hub er ein sofortiges Beten um ein baldiges Ende an, daheim im stillen Kämmerlein und auch mit seiner Gemeinde, und lauschte gläubig und hoffnungsvoll, wie er ja war, den täglichen englischen Botschaften auf gute Kunde von Radio London. So laut zuweilen, daß es ins Dorf schallte. Saßen wir doch beim Abendmahl auf der Gartenterrasse und stand das Radio am anderen Ende des Hauses in Straßennähe beim offenen Fenster, eilte er erst hinüber beim Dröhnen des englischen Big Ben. Aber es ist ihm nichts passiert.
Das erflehte Ende hat er nicht erlebt; denn am 23. Juni 1944 raffte diesen Mann des starken Willens und des guten Geistes voller Liebe eine schwere Krankheit im Alter von 75 Jahren dahin.
Als der Bischof am Sterbelager zum Segen seine Hände erhob, raunzte der Sterbende die Dabeistehenden an: „Knien!“ Und sie gingen alle in die Knie. Entschlafen ist er gegen vier Uhr nachmittags, in Frieden. –
Es ist in seinem Sinn, wenn wir nach 33 Jahren heute Dr. Riese danken für den Anstoß und die Hilfe zur Neuauflage des Werks, Frau Isolde Köhler sagen, wie einfühlsam und gelungen ihre Zeichnungen sind, und den Verleger und die Buchdrucker loben für Wagemut und Kunst.
Stuttgart, den 6. Februar 1977
Dr. Hermann Schomaker
Zum Buch:
Bernhard Köster schrieb in seiner Glandorfer Zeit 14 Erzählungen und Romane. Das Buch von der schönen Anna von Hake auf Scheventorf führt uns in die finstere Zeit des 16. Jahrhunderts. Wiedertäufertum, Glaubenskämpfe, Religionskriege, Hexenwahn mit Folterungen und Verbrennungen, Feuersbrünste und Seuchen kennzeichnen diese Epoche. Auf den vielen kleinen Rittersitzen und Burgmannshöfen des Osnabrücker Landes herrschte gefährliches Leben und Treiben. Die einen hielten zum Fürstbischof, die anderen zur Stadt Osnabrück. Rauflustige schlossen sich bekannten Räuberbanden an, zum Beispiel Cord Grodhus und dem berüchtigten Seißenbernd. Nur wenige kämpften für sich allein um Geld und Rittergut. Der Verfall des Lehnswesens und des Rittertums kündigte sich an. Miguel de Cervantes karikierte mit seinem Roman „Don Quijote“, dem Ritter von der traurigen Gestalt, das nicht mehr edle Rittertum und ließ die böse Zukunft erahnen.
Es kann nicht verwundern, daß in jenen Kriegszeiten, in denen die Männer auszogen, um zu rauben, zu plündern, zu brandschatzen und zu morden, Sitte und Anstand in Städten und Dörfern, Gehöften und Burgen in Verfall gerieten. Wurden Fälle von Untreue oder Fehltritten ritterlicher Frauen oder Mädchen ruchbar, so waren Strafen oder Rache entsprechend mittelalterlich und grausam. Ein Verhältnis mit einem nicht ebenbürtigen Mann wurde nicht selten durch die Familie mit dem Tode bestraft. Auf manchen Burgen und Rittersitzen wurden „gefallene“ Frauen oder Mädchen vom Leben zum Tode gebracht. Daß hier noch Zusammenhänge mit germanischen Rechtsgepflogenheiten bestehen, glaube ich nicht. Eher dürften Tötungen von Frauen durch die eigene Familie ihre Ursache in überbewerteter Ritterehre und verletztem Männerstolz haben.
Anna von Hake ist eine geschichtliche Persönlichkeit und hat im 16. Jahrhundert auf Scheventorf gelebt. 1858 fand man in einem zugemauerten Kellergewölbe Reste von morschen Knochen und Holz. Seither heißt dieses Gewölbe „Annekenloch“. Bei meinem letzten Besuch auf Scheventorf diente es als Runkelkeller. Ob Anna von Hake von ihrem Vater, Bruder oder Schwager zum Tode gebracht wurde, darüber geben Urkunden keine Auskunft. Es stand darum Bernhard Köster durchaus frei, sich für seinen Roman seine eigene Version auszusuchen.
Die Wasserburg Scheventorf liegt an der B 51, etwa einen Kilometer südlich der Iburg, am Fuße des Teutoburger Waldes. Ihre Gräften reichten dereinst an die Allee, die von Iburg nach Glandorf führte. In dem großen Mühlenteich westlich der Burg lag auf einer nur über einen schmalen Pfad zu erreichenden Insel ein Hausgarten. Das noch stehende Herrenhaus stammt aus dem Jahre 1552 und ist zugleich das älteste Fachwerkgebäude des Osnabrücker Landes. Einen besonders malerischen, mittelalterlichen Eindruck erweckt der auf drei steinernen Säulen ruhende Fachwerkbau (Taubenhaus) in der Ecke am Gefangenenturm, dessen Füllbretter im Obergeschoß die Jahreszahl 1578 aufweisen. Aus jener Zeit dürften auch noch das eingemauerte Wappen des Bistums Osnabrück, der große, steinerne Löwe auf der Hofmauer am Eingang zur Burg sowie im Innern das reichverzierte Treppengeländer sowie Türen, Wandschränke und die dicken Eichenpfosten und die eichenen Unterzüge stammen. Die Burg Scheventorf war ein Burgmannssitz der Iburg. Urkundlich war sie seit 1252 im Besitz der Familie Scevincdorpe. Das Geschlecht derer von Hake ist urkundlich seit 1225 im Osnabrücker Lande nachweisbar, kommt im 14. Jahrhundert als alteingesessene Iburger Burgmannsfamilie in den Besitz der Burg Scheventorf und machte sich im Osnabrücker Land rümlich und unrühmlich bemerkbar, bis es 1633 im Mannesstamm erlosch. Agnes Josina von Hake heiratete den schwedischen Oberstleutnant Bernhard Jakob von Henderson. Für einige Jahre fiel die Burg Scheventorf sodann an den Osnabrücker Hofmarschall Christoph von Hammerstein, der sie dem Bischof von Osnabrück gegen das Tafelgut Gesmold überließ. Seit 1664 verblieb das Wasserschloß im Besitz der Osnabrücker Fürstbischöfe. 1803 wurde Scheventorf durch Säkularisation Staatsdomäne und ist seither verpachtet.
Bernhard Köster waren selbstverständlich auch die Verhältnisse auf den Nachbarburgen bekannt. Alle bis dahin erschienenen Bände der „Osnabrücker Mitteilungen“ hatte er studiert. Vom Volksmund und von Überlieferungen her wußte er von dem Räubergeschlecht der Untkemänner in Knetterhausen bei Versmold, welche dort hinter den Wäldern und Knetterhäuser Dünen Kaufleuten und Reisenden auflauerten, die über den Tatenhausener Weg ihre Waren transportierten oder die Reiseroute Osnabrück-Ravensberg benutzten. Auf ihren Raubzügen kamen die Untkemänner auch in die benachbarten Dörfer Füchtorf, Milte, Glandorf und Laer. Sie bestahlen besonders die größeren Bauern und die Geistlichkeit. Erst 1923 wurden sie von einer vereinigten Kohorte von Landgendarmen und Förstern endgültig ausgehoben.
Bernhard Kösters Sprache ist derb und deutlich, kurz und bündig. Man könnte sogar, wie es J. Boesch anläßlich der zweiten Auflage dieses Buches getan hat, von einem eigenen „Köster-Stil“ sprechen. Köster ist ein Meister der kurzen Ausdrucksweise. Wo andere einen Satz gebrauchen, nimmt er ein Wort oder eine Silbe. Kräftige Satzwendungen liegen ihm besonders. Dieser Stil ist zwar etwas rauh, aber er paßte zum Mittelalter und zu Räubergeschichten.
Dank gebührt Hermann Schomaker und dem Verlag Krimphoff, daß sie vielen Verehrern von Bernhard Köster und den Freunden heimischer Literatur mit der Neuauflage dieses einzigen historischen Romans des Südosnabrücker Landes eine echte Freude bereitet haben. Darüber hinaus wünsche ich diesem Buch viele neue Leser und Freunde; denn dadurch würden Herausgeber und Verlag in die Lage versetzt, weitere Köster-Bücher neu auszustatten und aufzulegen.
Füchtorf, den 22. Februar 1977
Dr. Riese
1.
Auf Scheventorf war heute mancherlei Besuch. Darum war auch den ganzen Tag die Zugbrücke heruntergelassen, und auf dem Burgfried flatterte die Fahne mit den Scheventorfer Farben. Im Schloßhof war buntes Leben. Das kam von den vielen Kindern, die sich allmählich über die Zugbrücke geschlichen hatten. Sonst durften sie niemals über das Wasser, aber nun heute – o wie fein! – Die Brücke war immer heruntergelassen, und man konnte ganz nach Belieben hin- und herlaufen. Schön war es, die Pferde zu besehen, im Hof und im Stall; einige hatten noch die bunten Schabracken aufliegen. Freilich, den Reitknechten mit ihrem Brustharnisch und den Beinschienen durfte man nicht zu nahe kommen, wenn sie aus dem Teiche Wasser holten. Denn die schrien und fluchten fürchterlich und hauten mit ihren eisernen Fäusten so schrecklich grob zu, daß man meinte, der Kopf flöge einem auseinander.
„Jetzt, du, guck mal dahin, aus der Burg da, der Ritter mit den wallenden Federn, ist das der Harkotten?“
„Ist doch nicht der Harkotten, ist doch unser eigener; hast unsern Ritter von Hake noch nie gesehen?“
„Oh, wie du lügst, hab’ ich nicht neulich erst Ritter Hake vor der Kirche in Glane gesehen? Und da – – –“
„Und da lügst du jetzt, das war er ja gar nicht, das war ja der Herr von der Krankenburg.“
„Still doch! Was ruft der Kerl da?“
Der Kerl war wirklich der Ritter Harbort von Hake und bestellte dem Nesselroder Reiter, daß er die Pferde wieder absatteln sollte, weil sein Herr lange noch nicht reiten könne, und die Zugbrücke sollte sofort herauf! – Damit ging er wieder in die Burg zurück.
Der Nesselroder hatte seine Pferde mit großer Sorgfalt gezäumt und gesattelt. Er schimpfte und brummte also, daß nun die ganze schöne Arbeit für nichts gewesen sein sollte. Was wußte auch dieser grobe, einfältige Tölpel von den wichtigen Dingen, die die großen Herren jetzt in den Kopf zu nehmen hatten. O weh, was glühten die Gesichter da oben im Saal der Scheventorfer Wasserburg. Das kam von den eifrigen Beratungen. – „Ach was“, sagten die Reitknechte, „das Glühen kommt bloß von all dem Burgunder und Tokaier, den sie da oben pokulieren.“
Aber die Reitknechte hätten bloß hören sollen, wie sie da oben durcheinander schrien und berieten. Es war gerade der Spanisch-Niederländische Krieg in vollem Gange, und hier im Osnabrükker Lande, so nahe der holländischen Grenze, verging doch kein Tag in den letzten Jahren, wo man sich nicht einen neuen Unfug, Raubzug oder Spuk erzählte. An einem Ort hatten die Spanier geplündert, am andern die Holländer, man nannte sie auch wohl die Statischen, auch wohl die Geusen, und wieder an andern Orten hatten einfach bewaffnete Räuberbanden ganz grausamlich gehaust. Vor Bewaffneten hatten die Bauern solchen Schrecken, daß ihrer zwanzig feldein stürmten, wenn sich ein Harnisch oder eine Kriegslanze sehen ließ.
„Es ist weit gekommen mit unserer lieben Heimat“, sagte Herr Korff-Schmising von Harkotten, „unsere Dörfer sehen entsetzlich aus. Glandorf zum Beispiel ist kürzlich wieder einmal gründlich geplündert, und zwar diesmal von sechzig Engländern, die aber freilich im Solde der Generalstaaten waren; und dabei ist es vor zwei Jahren noch von den Statischen bis auf den letzten Faden ausgeraubt worden. Ähnlich in Laer. Nach Füchtorf kommen sie auch, aber meist nachts und ganz rasch; werden doch wohl Respekt haben vor unseren Reisigen. Die Angst der Menschheit ist so entsetzlich, daß sie fliehen und sich verstecken, sobald sie irgendein fremdes Gesicht sehen. Ja, Ihr mögt es glauben oder nicht: Ich habe heute, als ich mit meinen Knechten über Glandorf hierher ritt, auf dem ganzen weiten Weg auch nicht ein einziges menschliches Wesen zu Gesicht bekommen; Krähen und Kaninchen wohl, auch einen Hasen, aber Menschengesichter? Nicht ein einziges!“
„Kommt alles nur von den aberwitzigen Religionsstreitereien. Die Spanier sind nun einmal so schrecklich katholisch“, sagte der dicke Kerstapel von der nahen Schleppenburg und dehnte sich dabei behaglich in einem breiten Polstersessel am Kamin; „wenn die Mynheers bloß von ihrem reformierten Glauben lassen wollten; aber das tun die Dickköpfe auch nicht. Wären sie nur alle so vernünftig wie ich und der Harbort.“
Dabei schlug er dem Ritter von Hake, der neben ihm saß, mit der fleischigen Rechten auf den Oberschenkel.
„Was haben wir gemacht? Wir haben unsere Federfuchser zum Fürstbischof geschickt, er solle uns in Glane neben dem katholischen Pater auch einen lutherischen Prädikanten verstatten!“
„Was ist das?“ fuhr der Nesselroder von Palsterkamp auf, „wollt Ihr zwei lutherisch werden?“
Auch Korff-Schmising sah starr auf den Schleppenburger: „Ich meinte, euer Klosterpater in Glane wäre ein so umgänglicher und feiner Mann? Ist doch der Herr von Kneheim?“
„Ach was, Kloster hin, Kloster her; wenn die Papen mir nicht einmal in der Ostenfelder Mark meine Gerechtigkeit zukommen lassen wollen, dann mag sie mitsamt dem Prior und dem Abt und dem Kellner der Teufel holen! Ich halte es damit, zwei Eisen im Feuer zu haben! Harbort, ich bring’ dir’s!“
Harbort von Hake sah ihn freundlich an und tat ihm Bescheid, sagte aber nichts von seiner Zwei-Eisen-Theorie.
„Wie habt Ihr’s denn, Freund Hake?“ fragte der Nesselroder, „tragt Ihr auch auf zwei Schultern?“
Ritter von Hake lenkte ab: „Ich meine, das ist jetzt nicht unsere dringendste Sorge; das können wir auf später vertagen. Heute sind wir hier zusammen, um zu beraten, wie wir uns und unsere Leute und unsere Burgen gegen das Raubgesindel schützen. Habt Ihr das Neueste schon gehört? Auf der Burg Wolbeck sind zwölf Landzwinger eingebracht, die hatten bei Ostbevern dreizehn Osnabrücker Pferde geraubt und beim Kloster Rengering zwei Iburger Bürger ausgeplündert und halbtot geschlagen. Jetzt hat sie der münstersche Fürst.“
„Herr Gott im Himmel“, schnaufte der Kerstapel dazwischen, „jeden Tag neue Raubstücke, und dann die ‚wilden Geusen‘.“
„Ja, ja, also der Münstersche hat die Frevelanten unserm Fürsten hinführen lassen, und der hat sie in Osnabrück mit goldenen Ketten aufgehängt.“
„Eiserne hätten’s auch getan“, sagte der Schleppenburger. – „Also was nun?“
Korff-Schmising riet: „Vor allem muß jeder von uns seine Knechte und alle seine Gewaffen Nacht und Tag parat halten und muß wissen, daß er zu jeder Stunde seine gesamten umwohnenden Leute rufen kann. Ich bringe vierzig Gewaffnete auf die Beine, sie kennen alle genau meinen Hornruf und auch die Burgglocke.“
Herr Nesselrode von Palsterkamp meinte, in jedem Anfall müßten doch die Ritter und Burgherren sich gegenseitig helfen und benachrichtigen, wenn eine von ihren Burgen überfallen würde. Denn auf den Fürsten und auf Iburg könne man sich nicht verlassen.
Ritter von Hake stimmte ihm lebhaft bei: „Nein, auf Iburg ist wirklich kein Verlaß, da sitzt der Abt mit seinen Benediktinern in dem großmächtigen Gebäu und kann sich selbst nicht mal verteidigen, und dann das Bischofshaus mit dem Bischofsturm dabei – ja, ja, es sind ja schon einige Landsknechte und einige Reuter da, besonders wenn der Fürst hier wohnt. Aber bis sein Drost endlich beredet ist, uns davon etwas zu schicken, sind die Räuberbanden entweder längst auf ihren schnellen Gäulen entflohen, oder wir sind allein mit ihnen fertig geworden, und sie baumeln an unseren Eichen; darum ist Nesselrodes Vorschlag sehr wichtig, Ihr Herren.“
Damit hob er den Pokal und trank dem Palsterkamper kräftig zu. Ritter Harbort von Hake konnte sehr freundlich sein, und heute war er es auch wirklich. – Er war ein stattlicher Mann in den besten Jahren, eigentlich kein geborener Hake, sondern einer von Langen aus der Grafschaft Lingen, ob von Spiek oder von der Kreienburg oder Venhaus oder – nun, man wußte es nicht genau, war ja auch nicht wichtig.
Jedenfalls war Ritter Harbort auf den Nachbarburgen wohlgelitten; und man bedauerte nur, daß seine meistens kränkliche, blasse Frau so gar nicht zu ihm paßte. – wenigstens schien es so nach ihrer stillen, fast ängstlichen Art.
Jetzt eben fragte der von Harkotten ihn: „Wie geht’s Frau Heilwigis?“
Ritter Harbort zog sein Gesicht in bedauernde Falten: „Ach Gott, liebwerter Nachbar, es ist ein Elend. Sie liegt in letzter Zeit oft zu Bette und ist immer am Klagen, wenn man sie besucht.“
„Gesunde Weiber sind eine nützliche Sache auf der Burg“, behauptete wichtig der Kerstapel; „aber solche Dinge kommen später. Erst laßt uns über die Räuberhülfe zu Ende sprechen. Ich meine, die Kerle sollten beharrlich verfolgt werden. Sie verjagen, genügt in keinem Fall. Und dann sie ohne Ausnahme und ohne Gnade sofort aufhängen, wie’s unser Fürst ja auch macht.“
Viel weiter kam man aber nicht in der Beratung. Nur daß man sich noch gegenseitige schnellste Benachrichtigung und nachdrücklichste Hülfe versprach. Und das war doch alles eigentlich ohne Beratung schon selbstverständlich.
Aber so ging das meist auf Scheventorf, besonders wenn der Kerstapel von Schleppenburg dabei war. Da wurde tapfer pokuliert und nicht minder tapfer getafelt. Harbort Hake machte es seinen Gästen sehr behaglich, und meist war es spät in der Nacht, wenn die Herren Gäste nach Palsterkamp oder Helfern, oder Iburg, Osnabrück, oder Bevern und Harkotten strebten. Es war auch heute nicht anders. Die Herren waren so lebhaft und laut in der Unterhaltung, daß noch niemand an das Nachtessen dachte. Nur Kerstapel hatte ein- oder zweimal erwartend nach, der Saaltür geschaut. Da zogen zwei Diener in schmucker Liverei herein, der eine mit Zinntellern und Bestecken, der andere mit einer mächtigen Schüssel Ochsenzunge.
Kerstapel räusperte sich, schrie „Attention!“ und setzte sich in Positur. Er bekam auch die riesige Platte zuerst und sorgte sich gründlich vor. Nur langsam folgte die eine Schüssel der andern. Man hatte Zeit dazwischen; die Pausen waren leicht auszufüllen, indem man die Becher kreisen ließ. Kerstapel stimmte auch schon einmal ein Soldaten- oder Schelmenlied an.
Ritter Korff fragte besorgt: „Euer Gemahl wird doch nicht durch unser lautes Sprechen gestört?“
„Behüte Gott, Herr Nachbar, Frau Heilwigis liegt eine Stiege höher, ist ja auch nicht krank auf den Tod und kann von uns hier nicht den mindesten Laut hören.“
„Lippold!“ – Das galt dem Mundschenk. – Der stürzte geradezu heran. Man sah, Ritter Harbort hielt auf rasches Folgen.
„Lippold, Malvasier holen, sämtliche Becher neu füllen!“
„Auf die Gesundheit der edlen Burgherrin!“ sagte Korff-Schmising.
„Und die der liebreizenden Frau Juttilde auf Harkotten“, erwiderte Harbort Hake mit großer Höflichkeit.
Indes half Nesselrode mit rauher Kehle seinem Schwiegervater singen. Endlich sang auch Ritter Hake. Bis dann der Harkottener aufstand und heimwärts begehrte. Aber, das war leichter gesagt als ausgeführt. Kerstapel ließ ihn einfach nicht an sich vorbei, und auf der anderen Seite hinderte der hohe Kamin. Also Korff setzte sich wohl oder übel wieder hin. Weiter ging das Zechen und Singen. Gelegentlich eine scharfe Bemerkung über die Domherren, besonders Klaus Bar und Beverförde schienen ihnen nicht zu behagen, gelegentlich auch sehr derbe Witze. Korff und Hake hielten sich aber zurück, nur lachte Ritter Hake aus Herzensgrund mit Kerstapel und Nesselrode.
Endlich kam doch der lange hinausgeschobene Aufbruch. Viel Unruhe und Lärm in der Halle, bis die Ritter mit Brustharnisch und Wehrgehänk versehen waren, Noch mehr Lärm draußen, wo die Landsknechte ihren Herren in die Sättel halfen. Korff sagte noch: „Ich hätte Frau Heilwigis noch aufsuchen wollen, wie mich auch mein Gemahl gebeten hat. Bestellet Ihr doch, Herr Nachbar, unsere guten Wünsche.“
„Das tue ich mit tausend Freuden. Ich hoffe, das nächste Mal begrüßt sie selber Euch im Saal.“
„Walte es Gott!“
Inzwischen war auch Herr Kerstapel reisefertig; nicht in Panzer oder Koller, sondern in ein dickes, warmes Wams gehüllt, auch nicht oben auf Rossesrücken, sondern in einer niedrigen, äußerst behaglichen Sänfte, deren Gebrauch er jedem, der es hören wollte, mit vollen Backen empfahl. Dann verschwand der ganze Menschentrupp über die große Zugbrücke auf die Heerstraße zu, die Osnabrück mit Münster verband. Nur Kerstapels Sänfte schaukelte langsam nach Schleppenburg fort; die Flüche und Scheltworte des ungeduldigen Herrn im Innern der Sänfte verklangen erst allmählich.
Ritter Harbort sah noch aufmerksam zu, wie die Zugbrücke aufgezogen und die Kette gehörig festgemacht wurde, fragte mit hartem Klang in der Stimme, wer die erste Wache hätte, und schlug die Saaltür ohne ein weiteres Wort hinter sich zu. Er warf sich in einen Sessel und brütete mit finsterm Gesicht vor sich hin. Dann holte er sich Wein, weißen und roten, trank mehrere große Pokale in langen Zügen aus, aß auch von dem kalten Wildfleisch auf dem Tisch und wanderte zwischendurch im Saal auf und ab. – Was bewegte den einsamen Mann? Freundliche Gedanken waren es, nach dem mürrischen, verdrossenen Blick zu urteilen, nicht. Mehrfach blieb er auch stehen, starrte mit großen, wilden Augen empor und lauschte. Aber da regte sich nichts.
„Will doch mal nachsehen, ob – nein, Torheit, morgen sehe ich schon alles. Was soll ich nur, damit diese Nacht –“
Wahrhaftig, jetzt ballt er die Faust aufwärts zur Zimmerdecke, knirscht mit den Zähnen, ingrimmig starren seine Augen nach oben. Sein eben noch rotes Gesicht wird aschgrau. – War das noch der ruhige, gesetzte und immer freundliche Ritter Harbort? Ein ganz fremdes, wahrhaft erschreckendes, verzerrtes Männerantlitz starrte da im Saal herum. – Allgemach verloren die Augen das gräßliche Starren, wurden matter. Er stand still auf einem Fleck und starrte vor sich hin. Da wurde der Blick schon wieder stier:
„Was sind das für Tropfen auf den Buchendielen? Ist das – allmächtiger Gott! – ist das – Blut? Satan!!“
Schon kniete er am Fußboden und wischte mit der Handfläche die Tropfen auf, besah sie, lachte laut auf und sah sich ängstlich um. Dann ging er rasch durch eine Seitentür des Saales. Ein paar Augenblicke war alles still, dann sprang er wieder in den Saal, auf die Kerzen zu und löschte sie aus, bis auf eine, die er mitsamt dem wuchtigen kupfernen Leuchter mitnahm, verrammelte die Saaltür mit einem starken Balken und lief wieder durch die Seitentür weg. Der Saal lag finster und totenstill.
2.
Totenstill – das qualvolle Schluchzen der zwei jungen Frauen da oben in der Burg hörte man im Saal nicht.
Was war doch nur auf diesem Scheventorf? – Eng hielten die beiden sich umschlungen, als wollten sie nie voneinander lassen. Aufrecht im Bett saß die eine, und zu ihr beugte sich die zweite, jüngere, und barg ihren Kopf in dem aufgelösten Haargelock der älteren.
„O Anna, nun laß mich! Anna, mir ist so elend, so furchtbar elend, ich kann nicht mehr sitzen!“
Anna gab sie frei, und sie sank wie ohnmächtig in die Kissen. – So leichenblaß lag sie da, die Augen geschlossen, daß man sie für tot halten mochte. Aber plötzlich fuhr sie wieder auf, zuckend vor Pein und innerer Qual:
„O Anna! Anna, hilf mir, gib mir zu trinken! Hat der Pater denn gar kein Mittel?“
Anna hatte so lange vor dem Bett gekniet; mit unendlicher Zärtlichkeit faßte sie die eiskalten Hände der Schwerleidenden und preßte sie an ihre Lippen.
„Heilwig, liebe Heilwig, warte nur, ich gebe dir etwas!“
Sie reichte ihr von der Medizin, die der Pater von der Krankenburg geschickt, etwas Rotwein hatte sie dazu gemischt.
„O wie schrecklich!“ seufzte Heilwig. „Riech doch nur, so etwas kann mir doch nicht gut sein. Wie kann der Pater nur so etwas schicken? Ach, möchtest du nicht morgen zu ihm gehen, um eine andere Latwerge, und zeige ihm doch diese, die unmöglich richtig sein kann! O Anna, o Anna!“ – die junge Frau warf ihre Arme um Annas Hals – „gib mir zu trinken, ich verbrenne vor innerlichen Schmerzen!“
Anna wendete das Gesicht weg, um der Schwester ihren Gram und ihre Tränen zu verbergen, und hantierte am Tisch mit den Gläsern herum.
Nun lag die Kranke wieder wie tot in den Kissen. Anna war allein mit ihren verzweifelten Gedanken. – Ach, wenn doch wenigstens die Wendelburg noch hier wäre! Die war doch treu. „Du hast sie uns weggenommen!“ – drohend ballte sie ihre schmale Hand nach der Zimmerdecke – „du, du!“ – Heiße Tränen ohnmächtiger, hilfloser Wut strömten über ihr Gesicht. „Du – du Scheusal ohne Mitleid, ohne Herz, du Menschenquäler! Du hast uns auch die Goda weggejagt! Du allein! Warum? Weil sie zu uns hielt und nicht zu dir! Du – du!“
Hinreißend schön war die Anna in ihrem Schmerz und Zorn! Die „schöne“ Anna Hake, sagten die Bekannten, sagten auch die Leute von Scheventorf und Glane bewundernd, und sie hatten wahrhaftig recht. Diese entzückende, ja berückende Schönheit hatte sie als Kind schon vor ihren Altersgenossinnen ausgezeichnet, manchen rohen Jungen zu stummer Begeisterung gezwungen, war ihr unvermindert geblieben ins Jungfrauenalter hinein. Wer sie sah, war entzückt! Unschuldig und kindlich gutmütig war Anna Hake immer durchs Leben gegangen mit ihrem lieben, süßen Madonnengesicht! Aber die schreckliche Krankheit ihrer ach so heiß geliebten Heilwig hatte sie verändert. Sie zwei waren ja immer ohne Vater, ohne Mutter gewesen, immer allein, mit fremden Leuten auf der großen, weiten Burg. Keine Freude, keinen Schmerz, den sie nicht gemeinsam empfunden, gemeinsam getragen. Und jetzt lag Heilwig da in ihren Qualen, und sie konnte ihr nicht helfen. Wenn doch wenigstens dieser Harbort – still, kam er da die Stiege herauf? – Sie lauschte mit wild pochendem Herzen. Nein, Gott Lob, es war nichts! Du, du da unten! Wieder ballte sie die Hand.
„Mußt nicht schelten, Anna, bitte, nicht!“ sagte Heilwig ganz leise, matt wie ein Hauch. „Ist doch der Vater unserer Kinder. Anna, schlafen die Kinder alle gut?“
„Will gleich eben schauen!“
Anna ging leise hinaus. – Ja, da lagen die zwei Schwesterchen und schliefen mit zart geröteten Wangen. Anna beugte sich still und leise über sie und berührte mit ihren Lippen die Kinderstirnen, und da der kleine Kerl in seiner Wiege, der Lukas, wie ein Englein so schön, ganz wie Heilwig, gar nicht wie Harbort. – Zu den zwei größeren Jungen ging sie nicht, sie mußte erst zurück und nach der kranken Schwester schauen.
„Schlafen alle schön!“ beruhigte sie die Kranke. „Wie ist dir jetzt?“
„Schlecht, ach, so schlecht, Anna!“ – Heilwig faßte tastend nach ihrer Hand – „Anna, wenn ich – sterben muß, verlaß – meine Kinder nicht! Oh, es wird dunkel – die Kerze –“
Anna starrte entsetzt auf sie, die Kerze brannte hell wie immer. Da lag Heilwig, weiß wie eine Leiche – atmete nicht.
„Sie stirbt, sie stirbt!“ schrie sie auf, „und niemand – niemand –“ Heilwig schlug matt die Augen auf: „Anna, verlaß meine Kinder nicht – ich sterbe noch nicht!“ Angsterfüllt hingen die Augen der todkranken jungen Mutter an dem Blick der Schwester. „Anna, verlaß . . .“
„Heilwig, glaub doch nicht, daß ich deine Kinder je verlasse. Eher lasse ich mich in Stücke zerreißen! Sei ganz, ganz ruhig!“
Es war, als wenn ein Lächeln wie ein Leuchten über das Gesicht der armen Dulderin ging. Anna flüsterte: „Nein, Liebe, nie in meinem Leben, und wenn der Harbort –“ Da winkte die Kranke müde mit der Hand ab.
Anna verstummte. Es war, als ob Heilwig ein wenig schlummern könne. Sie strich sich aufatmend durch das zarte Gesicht, kniete lange da und schaute in das liebe Antlitz der Schwester. Endlich stand sie auf und setzte sich in den Ledersessel, bedeckte das Gesicht mit den Händen und weinte und weinte und hörte gar nicht wieder auf zu weinen.
Es waren wirklich zwei arme, arme Menschen da in der einsamen, totstillen Nacht. Keine Magd, kein Diener, keine Pflegerin, ganz allein! Wäre die gute Wendelburg noch da, dann ginge ich morgen früh gleich zur Krankenburg, ob dann nicht ein heilkundiger Pater mit mir kommen möchte. Aber ich muß hier bleiben. Oh, lieber Vater im Himmel, erbarme dich über uns zwei verlassene Waisen, habe Mitleid – Barmherzigkeit! – Ihre Lippen bewegten sich im Gebet. – Für kurze Minuten überwältigte sie der Schlaf. Aber dann sah sie wieder verstört um sich. Heilwig schien noch immer sanft zu schlummern. Anna betete leise weiter. Jetzt sieht sie starr herüber zur schlafenden Schwester. Wie war das Gesicht da vor ihr in den Kissen so wächsern und die Nase so spitz! – Wie betäubt stand Anna vor dem Bett – faßte die Hand – – eiskalt, das Gesicht – eiskalt.
„Heilwig, liebe Heilwig!“ schrie sie überlaut. Keine Antwort. – Da schlägt Anna mit einem dumpfen Stöhnen zur Erde nieder, hart streifte ihr Gesicht im Fallen den Bettpfosten. Dann lag sie regungslos, das feine, edle Antlitz leichenblaß, vor dem Totenbett der Schwester. –
3.
Pater von Kneheim schüttelte den Kopf: „Nein, was für Dinge geschehen doch auf Erden! Wie traurig für die armen Kinder! Das muß ich ihnen doch einmal auf der Krankenburg erzählen!“ Der gute Pater mußte sich immer aussprechen, wenn’s nicht anders war mit dem Klosterbruder, denn mehr waren sie nicht im Hause. Aber er hatte ja die Krankenburg ganz nahe, keine dreihundert Schritte entfernt. Und da waren immer einige vom Kloster, besonders kränkliche Patres, manchmal auch Gäste. Was der eine nicht wußte, wußte der andere. Also gleich am Vormittag noch stapfte der alte Pater zur Krankenburg. Die lag da auch wie eine Wasserburg, rings herum Gräben, doch nicht so breit wie um Scheventorf, und die Zugbrücke wurde gar nicht aufgezogen. – Er traf es gut; da war Pater Heribert von Langen und auch Pater Jodokus, der Beichtvater von den Oeseder Nonnen. Gerade war auch der Mühlmeier aus der Krankenburger Mühle gekommen, und weil er ein ganz manierlicher Mensch war, auch bisweilen einen herzhaften Witz aufzubringen wußte, so hatte ihn der Pater Heribert mit ins Refektorium genommmen.
„Hoh, Diedrich“, schallte es dem guten Glaner Pfarrvikar laut entgegen, als sein Gesicht sich in der Tür zeigte, „geschwind heran, du fehltest uns hier gerade noch. Was erzählte der Mühlmeier da von deinen Pfarrkindern? Eins liegt tot im Bett, das andere davor? Und deine allervornehmsten sind es obendrein? Ritterliches Geschlecht?“
„Kinder, so laßt mich doch mal zu Atem kommen!“ sagte Pater Diedrich von Kneheim und tat einen tiefen Zug aus dem zinnernen Bierkrug, den der Bruder ihm ohne viel Fragen hingestellt hatte. Nahm auch ein Stück Weißbrot aus dem Korb. Denn Brot stand immer beim Bier auf dem Tisch. „Ja, ist es nicht schrecklich? Die armen Waislein; die können einen wirklich dauern! Und alles so rasch!“
„Also, beide sind tot? Heilwig und die Schwester, die schöne Anna?“
„Gott behüte! Das Freifräulein lebt und ist auch soweit gesund; aber die edle Frau Heilwig, ja, die ist allerdings im Herrn entschlafen. Gott habe sie selig! War eine gute Seele, habe ihre Mutter noch gut gekannt, Orkradis von der Hoya!“
„Vorbeigeschossen, Diedrich!“ sagte Pater Heribert, „es war Orkradis von Dalewigk!“
„So? Irre ich mich da? War das –“
„Sicher irrst du; ich bin ja mit Dalewigks verwandt, also weitläufig auch mit Haken. Aber nun, was ist das? Nec poenituit, nec confituit nec communitatus et etiam non oleastus, schrieb der Pastor an seinen Bischof, ergo sepultatus sine lux, sine crux, sine aqua benedictus? So geht’s meiner adeligen Base? Mühlmeier“, erklärte er nebenher dem Bauern, „das ist Latein, das versteht Ihr nicht.“
„Doch“, sagte der Mühlmeier, „ich kann soviel Latein, dies heißt, er ist nicht ‚versehen‘ und wird also ohne Kreuz, ohne Kerzen, ohne Weihwasser unter die Erde getan.“
„Nun schau diesen klugen Mehlwurm an“, staunte der Pater Jodokus.
Aber Pater Diedrich sagte: „Nicht doch, Frau Heilwig war mit allem berichtet, nur ohne die heilige Ölung gestorben, ja, das konnte man auch so rasch unmöglich vermuten.“
„Was ist denn nun mit der schönen Anna?“
„Ganz einfach, die ist ohnmächtig geworden und hat sich im Fallen ihr Gesicht etwas gestreift. Liegt zwar noch zu Bett, aber ihr fehlt weiter gar nichts.“
„Ach so, das ist alles. Da wird dann gleich solch groß Geschrei gemacht in Glane!“
„Das ist in Glane wohl nicht schlimmer als anderwärts auch“, verteidigt Pater Diedrich seine Pfarrkinder; „es lautete auch gefährlich genug. Da ist gestern morgen die neue Kindesmagd, die der Ritter Harbort angeschafft hat, ins Vorzimmer gegangen, hört drinnen nichts, klopft und klopft, macht endlich leise auf und sieht da durch den Türspalt die beiden liegen, die Frau im Bett, das Fräulein davor, beide natürlich marmorblaß, die Kerze schwelt noch; wird ja auch grauslich ausgeschaut haben. Und nun dies dumme Ding, statt vernünftig den Ritter Harbort zu rufen, damit der ganz ruhig, wie immer, das Nötige anordnet, was tut dies einfältige Geschöpf? Läuft im Schloß herum, in der einen Hand einen Kandelaber, in der andern eine Handeule, und schreit wie eine Irrsinnige, bis sie richtig die ganze Burg, vom Turmwart bis Gänsejungen, und vor allem die sämtlichen fünf kleinen Würmer da im Schlafzimmer, vor den beiden Leichen stehen hat. Natürlich, das Kindervolk schreit greulich – ach Gott ja, es war ja doch auch ihre eigene liebe Mutter, und dann dazu die beinahe noch liebere Tante Anna, die die Kinder so gern hatte. Aber die gerade macht nun von all dem Getue endlich die Augen auf, ist erst, versteht sich, völlig kopflos, schon mehr ganz außer sich, und als sie die Leiche sieht, fällt sie wieder vor dem Bett hin und weint herzzerbrechend. Aber dann faßt sie doch noch am ersten Verstand, schickt die Völker weg, führt die Kinder in ein anderes Zimmer und schafft Ordnung, so gut es geht. Inzwischen weiß der eine, den es doch am allernächsten angeht, ganz allein auf der Burg noch nichts. Der Ritter schläft nämlich noch, und niemand weckt ihn oder ruft ihn.“
„Verstehe ich nicht“, sagte Pater von Langen, „so viel hätte die Anna doch wissen können!“
„Das ist doch nichts Auffälliges“, wirft Pater Jodokus ein, „in solchen schrecklichen Augenblicken kann ein junges Mädchen schon etwas übersehen!“
Der Mühlmeier sagt: „Immerhin, dies ist morgens sechs Uhr gewesen, und um zehn Uhr soll der Ritter noch immer geschlafen haben. So was passiert in einem Bauernhaus nicht! Und am Abend vorher soll viel Besuch und Gasterei in der Burg gewesen sein. Und den dicken Herrn von der Schleppenburg hat man beinahe in Visbeck singen und schimpfen hören.“
„Mühlmeier“, sagte etwas schärfer als sonst Pater Heribert, „man muß nicht alles herumposaunen, was der große Haufen sich zusammenschwätzt. Wenn die Herren zusammengewesen sind, dann war das wegen unserer jetzigen bösen Zeit. Habt Ihr schon von der blauen und roten Fahne gehört? Und von dem spanischen Feldobristen Verdugo? Oder von Alfonsus Mendo? Oder von Major Kurtzbach? Nein, Mühlmeier, das habt Ihr nicht! So was werdet Ihr Bauern nicht eher gewahr, als bis es zu spät ist. Das aber ist eben die Sorge und die Beratung der Herren Ritter. Denn die tragen für euch die Last und die Verantwortung! Daran denket gefälligst! Und das mit dem Singen und Schimpfen? Was kann das anders gewesen sein als ein paar betrunkene Bauern? Herr Kerstapel von der Schleppenburg ist über solche Roheiten hoch erhaben, Mühlmeier, dafür kenne ich ihn besser.“
Der Mühlmeier schwieg und tat einen Schluck aus seinem Bierkrug. Vielleicht hatte die Belehrung ihn überzeugt, vielleicht auch nicht. Jedenfalls fragte Pater Jodokus: „Ja, aber als der Ritter um zehn Uhr ausgeschlafen hatte, da ist man gekommen, hat ihm alles gesagt, und er ist sehr traurig an der Leiche gekniet, nicht wahr, oder wie ist es gewesen?“
„Sicher, natürlich“, antwortete Pater Diedrich, „wie soll es sonst wohl gewesen sein? Der Ritter hat lange an der Leiche gebetet, und bitter geweint hat er, man hat ihn schluchzen hören, die Burgleute alle haben sich sehr gewundert.“
„Worüber gewundert?“
„Nun, gewundert, daß der Ritter weinte. Werden ihn wohl sonst noch nie im Leben haben weinen sehen, schätze ich. Ist eben ein ganzer Mann, unser tapferer Herr Harbort, und hatte sein Gemahl, die edle Heilwig, rechtschaffen lieb. Wenn er auch als Burgherr streng ist, so muß er es doch sein in diesen entsetzlichen Zeiten, wo jeden Augenblick wilde Geusen oder noch wildere Spanier oder richtige Räuberbanden einem alles nehmen, das Haus in Brand stecken, die Leute elend massakrieren können. Ich sage, streng ist der Ritter Hake, aber das muß so sein, und ein gutes, edles Herz hat er doch, das wissen wir alle.“
Der Mühlmeier schmunzelte ob dieser langen Lobrede von Pater Diedrich.
„Was lacht Ihr, Mühlmeier?“ fragte Pater Heribert, der auch auf Ritter Harbort nichts kommen ließ.
„Ich?“ fragte der Mühlmeier unschuldig, „habe ich gelacht? Weiß ich doch gar nicht. Könnte höchstens sein, fielen meine Gedanken eben auf die schöne Predigt – habe ich neulich gelesen die der Fuchs den Gänsen hält.“
„Sprecht uns nicht solch ungereimtes Zeug dazwischen, das nicht zur vorhandenen Sache gehört, Mühlmeier; bedenket, mit wem Ihr hier redet.“
„Nun, Heribert“, sagte der Jodokus, „nicht gar zu ernst! Der Mühlmeier ist ein guter Kerl. Freuen uns immer, wenn er kommt; hat immer treffende Vergleiche und Anmerkungen in petto und meint’s ehrlich. Was wollten wir auf der Krankenburg auch machen, wenn der Mühlmeier uns nicht die Forellen und Hechte lieferte! Der Nagelteich, der Ruwenteich und die vielen anderen schönen Teiche, ja, die sind nicht für uns Krankenburger. Da halten wir uns eben an unsere treue Mühle.“
„Das tue ich nicht mehr als gerne“, versetzte der biedere Mühlmeier.
„Aber nun, Diedrich, erzähle weiter von Scheventorf“, bat Pater Heribert.
„Da ist nicht viel mehr zu erzählen. Wann die Leiche sein wird, weiß ich noch nicht. Wird wohl noch acht Tage dauern. Die verlassenen armen fünf Waislein können einen dauern. Gut nur, daß Muhme Anna da ist. Das Gescheiteste wäre, die nähme der Ritter als Frau.“
„Das wird Fräulein Anna nicht tun; ist auch ja ein strenges Ehehindernis“, meinte der Mühlmeier.
Heribert sagte: „Von der Schwägerschaft dispensiert der Fürst in diesem dringenden Falle sofort. Aber die Anna wird’s nicht tun, meint Ihr? Warum denn wohl nicht? Ist an dem Ritter auch nur etwas zu monieren? Ein stattlicher, hübscher Mann ist er, mit altem Adelsblut, nobel und rechtlich gesinnt, ein liebevoller Gatte seiner verewigten Frau Heilwigis, ein Feind der Bösen, ein Freund der Guten, ein Wohltäter unseres Klosters! Wird Anna nicht tun, sagt Ihr? Was soll sie denn besseres tun? Wo bekommt ein Jüngferlein heute kräftigeren Schutz als von einem solchen Mann?“
„Oh“, sagte der Mühlmeier, „daß Herr Harbort so brav ist, habe ich noch gar nicht gewußt. Wenn Fräulein Anna Hake das alles hört, nimmt sie ihn gleich morgen.“
Pater Heribert sah den Müller etwas zweifelnd an. War das nun ehrlich gemeint, oder war es blanker Hohn? Was hatte der Mühlmeier denn gegen den edlen Ritter? Aber nun, es war ja eigentlich auch noch etwas früh, vom Wiederheiraten zu beratschlagen, wo Frau Heilwigis kaum erkaltet, geschweige denn zur Erde bestattet war in der Erbgruft der Scheventorfer Burg, dem Turm der Glaner Pfarrkirche.
Da mußte das Grab noch erst ausgemauert, das Pflaster mit Sorfalt aufgebrochen werden und was alles sonst dazu gehörte; vor allem mußte die ganze weitläufige Verwandtschaft der Haken, der Dallwigks, der Bevern, Langen und dann auch die Nachbarburgen bis zur Ravensburg und noch weit bis ins Ravensbergische hinein, und das Tecklenburgische natürlich ganz, geladen werden. – Das forderte Zeit. Also vor acht Tagen konnte die Leiche unmöglich sein. Das machte ja auch weiter nichts. Es war ein schwerer Steinsarg – die Steine kamen von der Herrenrest –, und nach zwei oder drei Tagen wurde der einfach geschlossen, dann konnte er stehen und störte niemand.
Ritter von Hake hatte sehr viel zu tun, besonders dafür zu sorgen, daß die Boten die richtigen Wege nahmen, und auch daß sie hinreichend gewappnet oder begleitet waren, um nicht sofort vor jedem statischen oder spanischen Schnapphahn beidrehen zu müssen. Er wußte auch in der Haken-Verwandtschaft noch nicht so ganz sicher Bescheid. Dann mußte Anna Auskunft geben, sie wußte das alles. Aber sie lag noch immer krank zu Bett. Erst wollte der Ritter schon selbst zu ihr hinaufsteigen, aber dann besann er sich und ließ durch das neue Mädchen fragen, ob er um eine Auskunft kommen dürfte. – „Nein, bitte lieber nicht; Fräulein Anna würde ihm jede Auskunft durch das Mädchen geben oder, wenn er lieber wollte, auf ein Täfelchen schreiben.“ Ritter Harbort bedauerte herzlich, daß das Fräulein noch so leidend sei, freute sich sehr, daß die Kinder bei ihr wären, und ließ recht baldige und gänzliche Genesung wünschen. Also ging er nicht nach oben. – Was er wissen wollte und mußte, ließ sie ihm mitteilen. Ja, lieber Himmel, wo saßen nicht überall die Haken. In Lonne bei Fürstenau, in Heeke bei Alfhausen, in Lengerich auf der Wallage, im Bentheimschen, auf der Devensburg bei Rheine, sogar in Hildesheim und Hameln, in Homburg und Schaumburg. Es ging wirklich nicht an, allen Nachricht zu geben, obwohl Herr Harbort sich alle Mühe gab. Es war ihm durchaus nicht gleichgültig. Sein Schloßverwalter staunte über diesen Eifer, den sein Herr bei den Einladungen an den Tag legte; wenn die alle kamen, mußten sie für fünf bis zehn Tage untergebracht werden. Scheventorf war eine mächtig weitläufige Burg, aber für soviel Gäste bot sie doch nicht Platz. Da kam es nun sehr zustatten, daß die Haken von Junker Schmising auf Tatenhausen dessen großen Burgmannshof in Iburg nahe am Haskenteichstor gekauft hatten. Im übrigen mußten das Kloster und das Bischofsschloß in Iburg, auch die Krankenburg in Glane und die Schleppenburg in Visbeck für solch einen Fall Gäste aufnehmen. Das war alter Brauch, darum brauchte Scheventorf nicht einmal erst zu bitten.
„Peter“, sagte der Ritter zum Verwalter, „es muß überhaupt alles nachgesehen werden, besonders auch Wagen, Geschirre, Sättel, und dann vergiß nicht Küche und Keller. Unsere Eigenbehörigen müssen frühzeitig ihre Leute schicken, besonders der Brinkmann und der Averbeck und auch Winkelmann. Gib mal die Liste der Einladungen. Da fehlt ja Korff von Sutthausen und Böselager von der Honeburg. Sofort nachtragen! Weißt über die Nesselrodes im Herzogtum Berg ganz genau Bescheid?“
Nein, ganz genau wußte Peter Brockhagen doch nicht alle Burgen und Plätze, wo ein Nesselrode saß. Aber hier half wieder einmal Anna Hake aus.
„Wir müssen auch noch um einige Reisige erbitten, vielleicht von der Holterburg oder einfach von Ravensberg? In der Nähe sind keine mehr, die nicht schon mit unsern Boten unterwegs wären.“
„Gut, aber überschlage erst, wieviel Boten wir noch schicken müssen, damit wir nicht zu wenige Gewappnete erbitten.“
„Gnädiger Herr, die Feier kann unmöglich eher als in vierzehn Tagen sein, es ist wohl so viel nachzusehen, auch anzuschaffen, daß –“
„Soll sie auch nicht. Alle Boten haben die Nachricht schon mitbekommen. Wenn wir nur wenigstens in vierzehn Tagen soweit sind. Mir schwebt übrigens vor, sowohl mit Ledeburs wie mit Bars stimmt noch nicht alles. Da sitzt noch irgendwo ein Ledebur und mindestens auch noch ein Ursus, die noch nicht geladen sind.“
„Herr Ritter, wegen der Bars ist alles in Ordnung; Fräulein Anna Hake vergißt sicher keinen Bar“, lächelte der Brockhagen bedeutsam; „denn Herr Gysebert von Bar –“
„Ach so“, sagte Ritter Harbort, und das Blut stieg ihm dabei zu Kopfe; „ja, der junge Herr Gysebert!“ Er sprach das so etwas höhnisch aus, sieht den Peter Brockhagen an und lächelt wieder, wie eben.
Brockhagen scheint mit den Gedanken seines Herrn gut bekannt zu sein.
„Aber wegen Ledebur kannst du doch noch fragen. Es darf eben diesmal niemand übersehen und nichts vergessen werden, Peter!“
„Nein, gnädiger Herr!“ sagte der Peter devot.
Vom zehnten Tage ab nach dem Tode der Frau Heilwig kamen schon die weitläufigen Verwandten, und an den folgenden Tagen strömte es in immer dichteren Haufen. Aber Ritter von Hake, Peter Brockhagen und, soweit die Küche in Frage kam, auch Anna Hake hatten mit großer Umsicht derartig vorgesorgt, daß nach keiner Seite hin Störungen oder Verlegenheit durch all die Gäste entstehen konnten.
Auf den fünfzehnten Tag war die Beisetzung der Leiche anberaumt. Der riesige Burghof war schwarz von Menschen, und noch immer kamen auf allen Wegen schwarzgekleidete Leute heran, auch noch einzelne gewappnete Ritter. Einige hundert Harnische waren schon im Schloßhof. Als der mächtige Steinsarg von den vielen Dienstleuten langsam aus der Halle auf den Wagen getragen wurde, weinten alle Leute auf dem Schloßhof. Dann begannen die Glocken von Glane zu läuten, man hörte sie ganz klar, und als die zwölf Pferde anzogen, donnerten Kartaunen ihre letzten Grüße der Burgherrin nach. Vierundzwanzig Gewappnete trugen die Zipfel der schwarzen Decken der Pferde und des Sarges. Hinter dem Wagen ritten alle die Harnischmannen, ganz vorne Ritter Harbort und viele Haken und Langen. Die Harnische blitzten in der Sonne, die vielen Kinder an den Wegen konnten sich nicht satt daran sehen und auch an den bunten Federn auf den Helmen. Manche Farben wußten die Knaben zu benennen; natürlich Scheventorper, Schleppenburger kannten alle, die von Palsterkamp, Harkotten viele auch noch und die vom Iburger Kloster und vom Iburger Bischofsschloß, aber mehr wußten sie nicht. Nach den vielen, vielen nickenden Federbüschen kamen die Karossen in endloser Reihe. Vorn die erste gleich war für die Kinder sehr bemerkenswert; denn sie saß ganz voll von Kindern.
„Das sind die Scheventorfer“, sagt ein Junge laut, denn die in den Kutschen hörten ja doch nichts, „und die schöne Anna sitzt bei ihnen drin. Guck bloß, sie weint; du, das ist dem dicken Kerstapel seine Frau; ist auch so dick wie er, sitzt ganz allein drin, kann auch niemand zu ihr hinein.“ Einige sonderbare Gefährte waren dazwischen, auch geflochtene Korbwagen, ein paar zweirädrige, auch eine ganze Menge Sänften, einige gleich hinter den Rittern. Jede Sänfte wurde von zwei, manche auch von vier Bedienten in schöner Livree getragen.
Der Weg ging geradeaus von der Burg auf den niedrigen Kirchturm mit seinen breiten, tief herabhängenden Ziegeldächern zu. Er war nicht sehr lang, keine halbe Stunde. Die erste Wegeshälfte stieg an. Da konnte man ganz klar das Iburger Kloster und das Schloß mit dem Bennoturm und den anderen Türmen vor dem breiten Rücken des Dörenberges liegen sehen. Wo die Steigung aufhört und der Weg nach Glane zu abfällt, war ein Wäldchen und mitten drin eine Jakobusklause. Hier hielt der Leichenwagen still. Das taten alle Leichenwagen, die da vorbei mußten. Denn da wurde erst hingekniet und sieben Vaterunser, manchmal auch zwölf Sei gegrüßt Maria für die Leiche gebetet. Steil stand der spitze Bergkegel des Vreden vor dem Wege, als wollte er die altersgraue Kirche zu seinen Füßen betreuen und schirmen, genau wie der Dörenberg an der andern Seite des Passes das Iburger Schloß beschützt. Aber als der Wagen da oben hielt, waren die letzten im Zuge noch keinen Schritt gegangen, sondern standen noch am Burgtor und warteten. Dann fuhr der Wagen weiter bis zum Kirchhofstor. Dort waren die Geistlichkeit, die Küster und zahlreiche Sänger und Ministrantenknaben aufgestellt, sogar der Abt selbst stand da in vollem Ornat, mit dem schönen Brustkreuz und der schweren goldenen Kette. Früher hatten die Glaner Geistlichen schon mal die Scheventorfer Leichen von der Jakobusklause eingeholt, ja, einzelne Male ganz von der Burg. Aber Abt Patroklus Meierinck meinte: Aus so etwas würde leicht ein Recht. Es war alles sehr feierlich, sehr würdig, sehr ernst. Pater Diedrich von Kneheim hielt die Leichenrede und der Abt das Requiem. Viele Leute weinten, als die Leiche in das Grab herabgelassen wurde. Von den ausgemauerten Wänden sah man nichts, die waren ganz mit Tannenzweigen behangen. Noch mehr weinten sie bei der Predigt, auch viele Ritterfrauen.
Anna sah nicht auf während der ganzen Feier. Drei von den Kindern hatte sie bei sich, die sahen immer nur nach der lieben Muhme Anna und waren auch schrecklich traurig und schluchzten laut. Ganz nahe Verwandte hatte Anna unter den Frauen nicht. Aber die Edelfrau von Harkotten, das war Korff-Schmising, hielt sich immer an ihrer Seite und stand ihr und den lieben Kleinen bei, so viel sie konnte. Nicht einmal ordentlich beten konnte Anna, so zerrissen war ihr Herz. Selbst die Ritter erbarmte es, und sie sprachen auf dem Rückwege viel von Anna. Die von Langen sagten, sie hätten sich das Fräulein schöner vorgestellt, weil sie doch überall die schöne Anna genannt werde, und sie müsse nur bald Ritter Harbort heiraten. Aber andere meinten, solch schönes Fäulein habe die Wahl unter all ihren vielen Freiern und brauche sicher keinen Witmann mit fünf kleinen Kindern zu nehmen. Dem stimmte auch Gysebert von Bar sehr lebhaft zu. Ob auch Ritter Harbort, der gerade an ihnen vorbeitrabte zur Spitze des Zuges, das Gespräch gehört hatte? Jedenfalls war er gegen alle, auch gegen den jungen Bar, sehr artig.
„Habt Ihr Euren ehrwürdigen Ohm Domküster schon begrüßt, Herr Gysebert?“ fragte er ihn nachher in der Burg. „Hat mich herzlich erfreut, daß das ehrwürdige Thumb-Kapitel in Herrn Klaus von Bar und Herrn Dorgelo uns die hohe Ehre erweisen!“
Saßen auch nachher oben an der Tafel beim Leichenschmaus, die beiden ehrenfesten Thumbherren und der Herr Abt; gleich neben ihnen saß Anna Hake, bleich und stumm wie ein Marmorbild. Neben ihr der Ritter Harbort. Vergebens bemühten sich die Herren, das arme unglückliche Kind in ihrem verzweifelten Schmerz aufzurichten. Anna sagte nichts, aß nichts. Hielt’s auch nicht lange aus in dem großen Saal bei den vielen Menschen, sondern suchte sich unbemerkt zu entfernen. Aber ihre mütterliche Freundin, die mitfühlende Frau Korff-Schmising, hatte es doch gesehen und kam ihr nach. Sie traf sie noch in der Halle vor dem Saal, wo einige bekannte Ritter ihr eben teilnehmend zusprachen. Die beiden Frauen gingen die Treppe hinauf.
Oben allein in Annas Gemach sprach die Edelfrau ihr freundlich tröstend zu. Anna sagte nichts. Schluchzend umarmten sich die Frauen.
„Sag, Anna, ist Ritter Harbort nicht gut zu dir?“ Erneutes qualvolles Schluchzen. „Anna, so sprich dich doch offen aus. Ich helfe dir gern, das weißt du doch!“
„Mir kann niemand helfen; ach, die armen, armen Kinder!“ Von Ritter Harbort sagte die Trauernde nicht ein Wort. Den wiederholten Fragen der Frau von Harkotten wich sie stets aus. Aber soviel schien der gewiß: Anna trauerte nicht nur um die liebe Heilwig. War es Angst vor Harbort? Aber warum denn nur? Ihr Mann lobte doch immer den ruhigen, tatkräftigen Ritter von Hake.
Noch jemand hatte Annas Abwesenheit bemerkt. Es klopfte, erst leise, dann kräftiger. Die Edelfrau horchte auf und ging hinaus. Da stand Ritter Gysebert von Bar und fragte mit sanfter Teilnahme nach dem Edelfräulein. Frau Korff kam wieder herein und meldete es ihr.
„Laßt ihn nur hereinkommen, er ist ein guter, treuer Mann!“ erwiderte Anna aufatmend.
Der junge Bar sprach mit zartestem Mitleid: „Oh, Fräulein, wie leid ist mir Euer bitterer Schmerz. Könnte ich Euch doch helfen, wie herzlich gerne täte ich es!“
Frau Korff-Schmising horchte auf. Das war mehr als gewöhnliche Teilnahme eines wohlwollenden Nachbarn. Sofort kam ihr ein Gedanke: Bei dem wäre die Verlassene geborgen!
Laut fragte sie darum: „Wie geht es Euren Eltern, lieber Herr von Bar?“
„Meine alte Mutter ist mit mir auf der Burg und ist wohlauf! Aber unser Vater ist jetzt Drost auf Fürstenau und hat viel Sorge und Ungemach wegen der Spanier und wegen dem Grothaus!“
„Ach, das ist der unbändige Cord auf Spiek bei Bramsche; ich habe davon gehört. Grüßt mir Eure Mutter, ich habe sie lange nicht gesehen!“
Herr Gysebert wandte sich wieder Anna zu. Aber da klopfte es an der Tür, etwas weniger zart, als vorher Herr Bar getan, und herein trat – Ritter Harbort von Hake.
Anna fuhr auf: „Ritter!“ – Aber sogleich sank sie wieder zurück und wurde leichenblaß.
Ritter Harbort sagte freundlich, aber seine Stimme bebte doch: „Verzeiht, edle Frauen, ich suchte nur Ritter von Bar! In der Halle sagte man mir, er wäre hier. Herr Ritter, darf ich Euch bitten, in den Saal zu kommen, es ist Nachricht von Eurem Vater gekommen, darob die Ritter im Saal gern Eure Ansicht hören wollen. Ach, edle Frauen, unsere harte Kriegszeit macht selbst vor dem herben Gram dieses schwarzen Tages nicht Halt. Aber ich hoffe, Euch Herrn Gysebert bald wieder zuzuführen!“
Eine höfliche Verbeugung und die beiden Ritter verschwanden.
Peinlich überrascht sah Frau Korff auf Anna. War Ritter Gysebert wirklich unten so nötig?
„Ach, edle Frau, er gönnt mir meinen treuen Gysebert nicht!“
Wieder eine Überraschung für die Edelfrau. Also so stand Anna mit dem jungen Bar? Nun, um so besser, dann hätte sie doch wenigstens einen zuverlässigen Beschützer in dieser schweren Zeit.
Gegen Abend wurde es ruhiger in der Burg. Viele Gäste waren schon aufgebrochen. Anna sah sich nach den Kindern um, die recht als verlorene Waislein zwischen all den vielen Leuten umherirrten. Sie hatten wohl niemand, der sich ihrer annahm. Anna flüsterte dem ältesten Mädchen schnell ins Ohr: „Geht nach oben auf mein Gemach, ich komme gleich! Dann spielen wir schön zusammen, oder ich erzähle Euch eine feine Geschichte!“
Die kleinen Gesichter hellten sich augenblicklich auf. Ja, nach oben, die liebe Muhme Anna. Lutgard, die Älteste, sagte zu Juttilde: „Komm, faß die Duda an der Hand, wir gehen hinauf!“ Aber der Älteste war ein Junge, der schon seine eigenen Wege ging. Er sah ganz gut, wie Lutgard mit ihren zwei kleinen Trabanten hinaufzog, sie sah ihn noch an und winkte ihm, er solle doch mitkommen. Aber er blieb; es war auch hier unten jetzt zuviel zu sehen, besonders wenn die Ritter mit ihren Knappen und auch die Frauen Abschied nahmen; die einen auf stolzen Rossen – manche Pferde waren noch gepanzert, alle hatten bunte Decken –, die anderen in Kutschwagen oder Sänften, die zusammengelegt werden konnten, und wenn die Frauen lieber fahren wollten, oben auf die Kutschen kamen. Nein, jetzt konnte doch der Johann unmöglich Weggehen. Da kam auch gerade der Vater mit dem Abt und den Patres, die kannte der Johann alle ganz gut, und mit den Osnabrücker Domherren, und Muhme Anna war auch dabei. Der Vater winkte ihm und schnell flog er herbei, reichte dem Herrn Abt die Hand und küßte seinen Ring. Der Abt wunderte sich sehr, daß der Johann schon so groß wäre, und der Vater antwortete, der Herr Abt wäre auch so lange nicht mehr auf der Burg gewesen, das letzte Mal wohl, als der Herr Guardian von Bielefeld auf dem Wege von Iburg nach Scheventorf leider so plötzlich vom Schlagfluß ereilt, für tot in die Burg getragen und ja auch allda verstorben sei.
„Herr Ritter“, entschuldigte sich der Abt, „glaubt mir, ich weiß oft nicht, wo mir der Kopf steht. Da fehlt einem die Zeit und vergeht einem die Lust zu einem friedlichen Nachmittagsspaziergang. Aber Ihr, Herr Ritter, macht Euch gar selten im Kloster; schickt mir die Kleinen, vorab den Ältesten, doch einmal nach oben. Die Anna kann sie ja führen. Werde ihr dann auch“, fügte er leiser, nur für Herrn Harborts Ohr bestimmt, hinzu, „ins Gewissen reden, daß sie sich zu Euch nicht so kalt und schroff abseits stellt auf der Burg.“
Der Ritter hatte offenbar mit dem Abt über die Anna gesprochen, auch wohl erwähnt, daß sie sich gar nicht freundlich und offen, wie es nahen Verwandten gebühre und eigne, zu ihm stelle.
„Wollen wir vielleicht zu Fuß die kurze Strecke nach Iburg heraufgehen? Die Wagen sind doch noch nicht angespannt.“
Das taten die Osnabrücker Domherren gerne, denn es war stilles, angenehmes Wetter. Als sie allein waren, sagte der Abt: „Ich begreife das Mädchen nicht. Die Anna sollte sich freuen, wenn ihr Schwager sich ihrer annähme, besonders in unseren dunklen Zeiten, und Gott auf den Knien danken, wenn er sie zur Frau nähme. Was meint Ihr, Herr Domküster, von den vielen Kriegsgerüchten?“
„Das sind leider Gottes“, antwortete Herr Klaus von Bar, „nicht bloß Gerüchte, sondern nackte, häßliche Wahrheiten. Habt Ihr gehört? Lienen, Glandorf und Laer sind schon wieder ausgeplündert worden. Es ist entsetzlich! Die armen Menschen müssen ja verzweifeln und davonlaufen: Es muß doch mal auf dem Landtag unter der Oeseder hohen Linde auf Abhilfe gesonnen werden. Aber, was Ihr da eben sagtet von der guten Anna Hake –“
„Die schöne Anna Hake heißt sie weit und breit“, warf Pater Diedrich dazwischen.
„Ja, schön ist sie wirklich; da haben die Leute recht, wenn auch heute etwas verweint, aber es geht ein Liebreiz von ihr aus und von ihrer stillen, ernsten Art, der alt und jung unwiderstehlich lockt und fesselt. Alles schaute bei der Tafel nach ihr, die einen mehr verstohlen, die andern offener. Also, Ihr meint, sie soll ihren Schwager heiraten? Ich weiß nicht, ob das der rechte Mann für sie ist. Und schon gleich fünf Kinder annehmen müssen? Und dann das kanonische Hindernis! Ich weiß nicht recht; mir schien auch nicht, als wenn sie sehr große Stücke auf ihn hält. Angesehen wenigstens hat sie ihn nicht!“
Der Abt dachte das Seinige und schwieg. Er hatte auch wohl davon gehört, daß Herr Gysebert von Bar, ein Neffe des hochwürdigen Domküsters, oft und gerne auf Scheventorf war, auch bei Anna gut angeschrieben stand, und hütete sich also, dem hohen Herrn zu widersprechen. Er brachte das Gespräch auf den Fürsten, der auf Iburg wohnte, und auf dessen Gesundheitszustand.
„Stirbt er“, meinte Herr Johann von Beverförde, und Herr Dorgelo stimmte ihm eifrig bei, „dann wird’s für uns erst recht nicht besser. Unsere Zahl im Thumbkapitel ist, Gott sei es geklagt, recht gering geworden. Die Neuerer haben die Oberhand, und der Bischof Bernhard ist allmählich auch zu ihnen übergeschwenkt.“
„Auf die Waldecker ist kein Verlaß!“ brummte Klaus Bar in seinen Knebelbart. „Aber ich habe Hoffnung auf den jungen Kaspar Schade. Wenn der erst Kapitular ist, ich glaube, der steht fest. Jedenfalls besser wie der Nagel von Wallenbrück, der uns in St. Annen mehr schadet als nützt!“
Gerade stiegen sie langsam den Schloßberg herauf. Rechts lag das lange Klostergebäude, links hatte man einen freien Ausblick auf die weite Ebene bis nach Füchtorf und zu den Klöstern Vinnenberg und Rengering. Herr von Bar sagte: „Ein richtiger Aufgang zur Burg; von links her steigt man herauf, rechts ist die Burg, damit nicht die geschützte Schildseite, sondern die freie Schwertseite den Angriffen von der Burg exponiert ist. So sind die alten Burgen alle. Ob Iburg wirklich schon eine Widekindsburg war?“
Niemand antwortete; ihnen ging der Atem aus bei dem steilen Aufstieg. In der nicht sehr großen und einfachen Abtswohnung sahen sich die reichen altadligen Domherren etwas enttäuscht und beinahe geringschätzig um. Da wohnten sie in Osnabrück doch etwas behaglicher. Aber dafür wußte der alte, erfahrene Abt Patroklus seine Gäste sehr angeregt zu unterhalten. „Denket euch, was der Bischof vor zwei Sonntagen in unserer Klosterkirche aufstellte. Er hatte seinen neugläubigen Prädikanten mit in seinen Kirchenstuhl genommen; und eben sind wir im Gesang bis zur Epistel gekommen, da stößt er heftig mit dem Stock auf den Fußboden; immer heftiger, bis schließlich unser Gesang verstummt. Dann tritt sein Prädikant herfür, will uns die Schriften erklären. Macht’s einmal gar zu arg, so daß die Unsrigen ihm laut Widerreden. Flugs stößt und klopft wieder des Fürsten Stock. Die Predigt wird nicht mehr gestört. Dann geht der Fürst mit seinem Prediger aus der Kirche, und wir setzen traurig die Messe fort. Ist das denn nun ein katholischer Bischof? Wie oft haben wir ihn früher eingeladen und sind mit ihm zu unserm Helfernhof gefahren und haben ihm da ein artig Gastmahl bereitet, oder auf der Insel im Ruventeich bei dem Lohmeier.“
„Kommt nicht viel heraus bei solchen Klostergastereien“, meinte Herr Klaus Bar anzüglich.
„Glaubt gewiß nicht, daß wir so etwas anstiften, wenn wir es irgend vermeiden können. Ich weiß genau, das Kloster hat nur Nackenschläge davon. Ich predige meinen Brüdern immer wieder: Demut und Sparsamkeit sind die zwei Schwestern, die unser Kloster aufrecht halten müssen. Aber eins wollte ich noch fragen: Was ist mit Cord Grothaus? Man hört soviel von ihm. Haben wir hier von ihm etwas Übles zu erwarten?“
Die Osnabrücker Domherren entgegneten: „Wenn er hierhin kommt, geht’s Euch böse. Er ist ein aufgeregter und stürmischer Ritter und meint, mit Gewalt könne man die Welt stürmen. Sein Vater war lange in Livland, und als er wiederkam, wollte ihm Osnabrück nicht erlauben, seine Mühle zu Heringen wieder aufzubauen, weil sich inzwischen da andere Mühlen aufgetan hatten. Da fing der alte Grothaus offene Fehde an, und jetzt, wo Spanier und Holländer im Osnabrückschen herum katzbalgen, meint sein Sohn Cord, müßte er schleunigst da anfangen, wo sein Vater aufgehört hat, und raubt, mordet, brennt. Es ist zum Erbarmen! Aber ich denke“, setzte Klaus Bar hinzu, „mein Bruder, der Drost von Fürstenau, wird ihm schon den Pelz ausklopfen; sein Sohn, der Gysebert, erzählte mir eben auf Scheventorf davon. Mehr kann ich noch nicht sagen. Doch wenn der Plan gelingt, bekommt diese ganze Gegend Ruhe nicht nur vor diesem Strauchritter, sondern auch vor den feindlichen Kriegsvölkern.“
Das Gespräch zog sich tief in die Nacht hinein. Es waren auch zu große und schwere Sorgen, die ihnen im Herzen saßen. Alle waren streng katholisch, alle vom festen Willen beseelt, zu retten, was zu retten war. Aber die Neuerer gewannen täglich mehr Boden. Wohin man schaute, bei geistlich und weltlich, in den Klöstern wie in den Pfarrhäusern und in den Domherrenkurien bis zum Bischofsstuhl hinaus, wo war noch vollständige Festigkeit, unbeschränkte Zuverlässigkeit? Der Abt erzählte auch, daß der Scheventorfer und der Schleppenburger neulich auf einen neugläubigen Prädikanten für Glane bei ihm angehalten hätten. Das hätte er nie erwartet.
„Warum denn nicht?“ fragte Herr von Bar.
„Nun, hochwürdigster Thumb-Herr“, warf Abt Jodokus ein, „Ritter Harbort hat immer mit unserem Kloster wenigstens gute Nachbarschaft gehalten, auch uns und seine Glaner Pfarrkirche viel Guts getan.“
Bar sagte: „Die beiden wackeln zwischen dem neuen und dem alten Glauben hin und her, wissen wohl selber nicht, was sie glauben. Geht heute mehr Leuten so. Was sagt denn Anna Hake dazu?“
„Die hat schon unserm Glaner Diedrich erklärt, sie bliebe beim alten Glauben und würde auch die Kinder so aufziehen.“
„Ei, Herr Klaus“, sagte Beverförde bedenklich zu Bar, „da sollte sie doch den Schwager heiraten, dann würde auch der wohl gut katholisch bleiben.“
„Meinetwegen mag sie ihn nehmen; aber ob sie je auf den Harbort Hake Einfluß gewinnt, das steht auf einem andern Blatt.“
Spät wurde es so im Abtzimmer, viel später, als die Benediktinerregel es vorsah.
Spät wurde es auch auf Scheventorf, sogar noch viel später, als da oben im Iburger Kloster. Bis allmählich die letzten Gäste, die auf der Burg übernachteten, ihr Lager aufgesucht hatten, war es über Mitternacht geworden. Endlich war Ritter Harbort allein im Saal; ganz wie neulich, als oben die zwei armen Frauen in grenzenloser Verlassenheit sich umschlungen hielten, als wollten sie sich in Ewigkeit nicht trennen. Aber der Ritter war heute ruhiger als damals; beinahe heiter und zufrieden erschien sein herrisches, doch nicht häßliches Gesicht. Er saß behaglich auf seinem Wandpolster, zog ein paar Kerzen näher zu sich heran und langte ein Schreiben hervor, das er tief versteckt unter Koller und Wams bei sich trug. Das hatte ihm während des Leichenschmauses der junge Eghard von Ledebur heimlich zugesteckt. Vorsichtig schnitt er um das schwarze Siegel herum und entfaltete den großen Bogen.
Das Entziffern dauerte geraume Weile. Ritter Harbort zog die Stirne kraus, aber allmählich erhellte sich sein Gesicht und schließlich lächelte er sogar hämisch. – Das Schreiben war von Cord Grothaus, und nicht das erste, das der nach Scheventorf schickte. Was wollte denn dieser gewalttätige Freibeuter, dieser ränkesüchtige Galgenvogel von dem ehrbaren Ritter Harbort? Ja, was wollte er? Das erzählte der Ritter keinem Menschen, nicht einmal seinem vertrauten Verwalter Peter Brockhagen, und der war doch sonst so ziemlich in alles eingeweiht. Jedenfalls war es etwas, das unserm Ritter in seine Pläne paßte. Das sah man ihm an. Jetzt stand er auf, ging auf einen Wandschrank unter der tiefen Fensternische zu, schloß ihn auf und zog eine Lade ganz heraus. Dahinter zeigte sich ein eisernes Türchen, das die Lade für gewöhnlich nicht bloß ganz verdeckte, sondern auch recht gut versteckte. Das Türchen war mit zierlich geschmiedetem Rankenwerk von Messing verziert. Irgend ein Schloß, Schlüsselloch oder Griff war nicht zu sehen. Aber der Burgherr nestelte unter seinem Koller einen kleinen Schlüssel hervor, mit fein gearbeitetem Bart; wenn man die Fläche, die ins Schlüsselloch kam, vors Auge hielt, sah sie so regelmäßig strahlenförmig aus wie ein versteinerter Seeigel –, und dann hob er mit dem Finger eines der vielen Schräubchen, die das Rankenwerk auf der Platte befestigten. – Klirr, da sprang eine Messingblume hervor, ließ sich leicht zur Seite schieben, und da war dann das Schlüsselloch. Der feine Strahlenschlüssel wurde einmal links herum gedreht und dann herausgezogen. Jetzt ließ sich der eiserne Längsstreifen mitten vor dem Türchen verschieben, und man sah wieder ein Schlüsselloch. Ein zweiter zierlicher Schlüssel, einmal rechts herum, und dann konnte man das schwere, eisengefütterte Türchen ohne Mühe aufziehen. Harbort lachte bei dieser Prozedur und murmelte: „Die Nürnberger sind doch kluge Leute, Meister Ehmann, deine Schlösser mit ihren „Besatzungen“ und „Eingerichten“ – sagtest du nicht so in deinem Rotwelsch? – öffnet so leicht keine unberufene Hand.“ Dahinein legte der Ritter das Schreiben von dem Raubgesellen auf Gut Spiek, Cord Grothaus. – Was war sonst noch in der Nische versteckt? Gold und Edelsteine? Dehnte sie sich weiter aus, hinter die anderen Schubläden? Nichts konnte man so geschwind entdecken. Der Ritter wollte sofort wieder absperren. Halt, da fühlte seine Hand in dem Geheimfach ein anderes zusammengerolltes Papier; das war ein Pergamentstreifen. Einen Augenblick stand er still, starr geradeaus sahen seine Augen; wieder dieser halb scheue, halb wilde Blick nach den Türen. Dann zog er den Streifen hervor und las. Sein Gesicht verzerrte sich, und er hatte wieder den entsetzten Ausdruck in seinen Zügen wie neulich.
Das war allerdings eine etwas sonderbare Geschichte mit dem Pergamentstreifen. – Neulich war der Hake, ungefähr zwei Monate mochten es her sein, auf einen Abend allein beim Nesselrode zu Palsterkamp gewesen. Nicht weit vor Mitternacht war er mit einem Knappen nach Haus geritten; geradeaus über den Blumenberg an Laer vorbei durch Remsede nach Glane. Eben hatte er das lustige Palsterkamp verlassen, als ein tosendes Unwetter losbrach, ein entsetzlicher Orkan, ein Blitzen und Donnern. Plötzlich stand bei einer Wegbiegung, der Knappe war gerade einige Schritte voraus, in einem fürchterlichen fahlen Blitz wie aus der Erde hervorgezaubert, ein Weib, größer als ein Mann, vor ihm und faßte sein Pferd am Zaum. Das Pferd stieg zitternd und schnaubend, der Ritter griff schon zum Schwert, um den Spuk zu bannen, da sagte das Weib – schwarz, alt, zerlumpt, eine richtige Hexe – mit einer schweren Männerstimme: „Stolzer Burgherr! Tief in Sinnen? Möcht’st die Schönst’ im Land gewinnen?“ Das Weib neigte den Kopf – schwarze Haarsträhnen hingen ihr wild ums Gesicht – und sah von unten herauf den Ritter tückisch lächelnd an. Der fuhr auf: „Weib, wenn du kannst, sag’ mir die Zukunft! Wie wird’s werden?“ Das Weib blinzelte mit gesenktem Kopf boshaft zu ihm auf; dann kam es tropfenweise heraus: „Obstakul – steh’n – auf deinen Wegen? Bald werden sie – kein Glied – mehr regen!“ Damals in der rabenschwarzen Waldfinsternis unter Blitzen und Donnerkrachen, hatte er dem Weib in atemberaubender Spannung zugeherrscht: „Und dann? Was wird dann?“ Aber erst mußte er in die ausgestreckte Raubvogelhand ein Goldstück opfern, und darauf krächzte es weiter ihm entgegen. „Und dann und dann? nun! Die du begehrt hast stets vor allen, dann hältst du sie in deinen Krallen!“ – Und als es da wie stolzes triumphierendes Leuchten aus seinen Augen schoß, lachte das Teufelsweib, lachte ein entsetzliches Hohnlachen, o das klang Ritter Harbort noch heute in den Ohren, dies Satansschnarren, und plötzlich hatte das Weib laut gerufen, fast geschrien: „Ja, ja, in falschen Haken-Krallen! Weiß nicht, ob’s will euch zwei gefallen!“ Dann war sie verschwunden. Der Ritter sprang ab, rief seinen Knappen, sie suchten und suchten. Nicht die leiseste Spur war zu entdecken. Zu Hause schrieb er die Worte sofort auf den Pergamentstreifen.
Und den eben las er jetzt. Obstakul stehen? Also nicht nur ein Obstakul, nein zwei oder mehr. Auch gut! Hindernisse sind dafür da, weggeräumt zu werden. Der Ritter lachte schon wieder vor sich hin, ein kaltes, boshaftes und grausames Lachen.
Dann faßte er sich mit der Hand ans Kinn. Sein Gesicht bekam einen gespannten, lauernden Zug: Ja – vielleicht ginge es so? – Wie schrieb doch der Cort Grothaus? Er nahm noch mal das Schreiben und las es aufmerksam durch! Natürlich, es mußte gehen! Der alte von Bar war Drost von Fürstenau! Ritter Hake stürmte in großen erregten Schritten durch den Saal, bis er schließlich in Hast und Wut die Kerzen auslöschte. Nur die letzte mit dem schweren Kupferarm nahm er mit sich durch die Seitentür, wie neulich.
4.
Der Herr Korff-Schmising hatte den jungen Gysebert Bar mit sich nach Harkotten genommen. Er und seine Frau hatten den jungen Ritter so dringend eingeladen, daß er kaum widerstehen konnte. Wenn er dann nach zwei oder drei Tagen zurückkehrte auf Barenaue, dann wollte er wieder über Scheventorf und dort noch einige Tage verweilen. So hatte die gute Frau Korff es mit der Anna überlegt, denn sie wußte ja, wie es um die beiden jungen Leute stand, und auch, daß die Anna, weiß Gott, wohl etwas Trost nach diesen schwarzen Kummertagen gebrauchen konnte.
Auf Harkotten war natürlich viel von Anna Hake die Rede. Das war ein Gedanke, der allen, Gysebert Bar nicht zuletzt, nahe lag. Der junge Bar sagte, er sehe doch jetzt ein, daß Anna so nicht weiterleben könne, und er wolle sofort mit seiner Mutter sprechen, auch seinem Vater in der Fürstenauer Burg von seinem Plan berichten. Irgend ein Hindernis sei von beiden nicht zu erwarten; seine Mutter sei schon in seinen Plan eingeweiht und habe die liebe Anna sehr, sehr gerne, werde sie also auch als Schwiegertochter auf Barenaue willkommen heißen. Bliebe nur noch die Sorge für die Kinder ihrer seligen Schwester. Aber das ließe sich auch wohl machen: Anna könne die drei kleinsten, oder auch alle fünf – jedoch das werde Ritter Harbort wohl nicht zugeben – gerne mitbringen nach Barenaue; seine Mutter freue sich darüber, denn sie habe Kinder, vorab kleinere Kinder immer sehr gerne gehabt.
„Oh, wie freut mich das“, sagte Frau von Korff. „Jetzt hoffe ich wirklich bestimmt, daß auch noch für die gute Anna bessere Tage anbrechen; es wird auch hohe Zeit, denn sie hat in den letzten Jahren viel mitmachen müssen. Wie war sie früher munter und harmlos lustig, und jetzt so ernst, beinahe schwermütig. Seit Jahren schon habe ich das ängstliche Gefühl, so oft wir beiden allein sind: Gib acht, sagst du noch ein paar Worte, bricht sie in Schluchzen und Weinen aus. Was ist das bloß da auf Scheventorf? Ritter Harbort mag ja wohl nicht der allerfreundlichste sein; gegen die Burgleute ist er strenge, dafür ist er und der Schleppenburger bekannt, aber gegen seine selige Frau war er doch gut. Gegen seine Kinder ist er gut, er wird auch gegen die Anna gut sein. Also was will sie mehr? Warum läßt sie ihr Köpfchen hängen? Freilich, ihre Schönheit, ihr auffälliger Liebreiz wird durch dieses Schwermütige beinahe noch gehoben. Ich wenigstens habe sie jetzt in ihrer Traurigkeit doppelt so gern wie früher, als sie noch vergnügt und aufgeräumt war.“
„Sicher“, sagte Gysebert Bar, „gerade im Schmerz entfaltet sich das Feine und Liebliche an ihr. Ich möchte am liebsten morgen zu ihr und alles festmachen. Dann kann ja auch bald die Heirat sein.“
„Nein, Herr Gysebert“, widersprach die Edelfrau, „mit der Heirat müßt Ihr ein Jahr warten, weil doch eben erst die gute Frau Heilwig beigesetzt ist.“
„Ja, daran dachte ich nicht, das muß wohl so sein. Aber das Fräulein Anna kann doch inzwischen meine Mutter so oft und so lange besuchen wie sie will.“
„Sicher, Herr Ritter, und das wird sie, je näher der Hochzeitstag kommt, desto lieber tun. Aber Ihr, wollt Ihr nicht doch noch einige Tage auf Harkotten bleiben? Ihr kennt ja unsere großen Wälder noch gar nicht.“
„Ich komme wieder, edle Frau, für jetzt entschuldigt mich; Ihr wißt, was mich jetzt weiter drängt.“
Gysebert von Bar brach schon am andern Morgen auf und war bereits vormittags an der stolzen Scheventorfer Wasserburg. Großartig! dachte er im Anreiten, Barenaue kann sich nicht damit messen. Der Teich ging ganz bis an den Hauptweg, der Münster mit Osnabrück verband und noch heute verbindet. Links die große Wassermühle und mitten im Mühlenteich ein kleiner Garten mit einem schönen Lusthaus. Dann geradeaus die Vorburg mit dem Pforthaus und den weitläufigen Ställen. Über einen nochmaligen Teichgraben führte die Zugbrücke zur Hauptburg mit dem Gefangenenturm, dem „Bergfried“, der die Zugbrücke deckte. Vorburg und Hauptburg waren durch starke Zwischenwerke verbunden. Man sah nichts als Wasser und trutziges Mauerwerk mit Schießscharten. Hinter der Burg der große Garten war umgürtet von der hohen Burgmauer mit dem Wehrgang. Wahrlich, ein wohlbewahrter starker Horst! Da konnten sich Niederländer wie Spanier die härtesten Schädel einrennen, da konnten auch Kartaunen und Feldschlangen lange donnern, ehe man den zwanzig Fuß dicken Mauern etwas ansah. Gysebert Bar, aufgewachsen und erzogen nach ritterlichen Gedankengängen und Wünschen, und besonders in der jetzigen stürmischen Zeit tagtäglich mit der Verteidigung gegen die Landzwinger beschäftigt, sah mit Interesse und Verständnis herüber, und als er in der Halle Ritter Harbort begrüßte, sagte er ihm warme, anerkennende Worte über die gediegene, starke Anlage der Burg. Der Ritter antwortete höflich, aber ohne innere Wärme und begann ein Gespräch über den Unterschied der Waffenführung bei Belagerungen und bei offenen Feldschlachten. Bar erwiderte, für Feldschlachten sei unser Volk wenig brauchbar. Die Landsknechte seien ihnen durch die tägliche Waffenübung zu sehr überlegen; aber bei Belagerungen seien die Bauern als Verteidiger sehr brauchbar.
„Das stimmt sicher“, sagte Hake, „aber was Ihr da sagt von offener Feldschlacht, ist nicht richtig. Gewiß, die Landsknechte sind geübter, aber dafür greifen die Bauern auch nur an, das heißt, ihre vernünftigen Führer, die Ritter, gestatten die Schlacht nur, wenn sie in drei- oder vierfacher Zahl überlegen sind. Wird aber ein Landsknecht von vier wütenden Bauern zu gleicher Zeit angefallen, dann nützt ihm auch seine größte Waffenübung nichts, die Bauern schlagen ihm mit ihren Dreschflegeln den Schädel ein oder mähen ihm mit ihren Sensen den Kopf weg, bevor er sie alle vier wie Hämmel abstechen kann.“
Gysebert Bar hatte nicht recht Lust, in der Halle und stehend mit dem Ritter gleich eine lange kriegerische Erörterung anzufangen. Aber es blieb ihm wohl nichts anderes übrig, denn Ritter Hake sprach sonderbarerweise nicht davon, daß er es sich bequem machen oder wenigstens sich setzen möchte, sondern sie standen beide zur stillen Verwunderung und bald stillen Empörung des jungen Bar in der Halle am Kamin und unterhielten sich, als wenn der Gysebert eigens den weiten Ritt unternommen hätte, um militärische Probleme mit Hake durchzusprechen. Schließlich konnte er es sich doch nicht versagen, als Ritter Harbort eine Augenblickspause in seiner Feldschlachtendarlegung machte, zu fragen: „Eure schöne Schwägerin hat sich von der Aufregung erholt, hoffe ich, und befindet sich wohl?“
„Ja“, versetzte Hake, „meine schöne Schwägerin –.“
Gysebert Bar horchte überrascht auf, klang da nicht ein Unterton von Spott? Oder was war es?
„Ja, die ist nicht da, die macht Besuche in Glane und wird wohl jetzt beim Pater Kneheim sitzen.“
„Nun, dann geht es ihr also wieder besser, und zum Mittag wird sie gewiß wieder hier sein.“
„Wie lange sie ausbleibt, pflegt sie mir nicht zu sagen.“
Das Gespräch wurde beinahe eisig, und dabei standen die beiden noch immer, Hake im leichten Wams, in bequemen niedrigen Schuhen, der Bar aber noch in Harnisch und mit schweren Reiterstiefeln, so wie er nach dem zwei- bis dreistündigen Ritt aus dem Sattel gestiegen war. Nachgerade fing er nun doch an zu kochen, ob dieser schnöden Verachtung aller ritterlichen Gastfreundschaft.
„Also“, sagte er kühl, „es ist wohl das Beste, ich steige mit meinem Knappen wieder auf und reite auch zum Pater von Kneheim, damit ich dort das Freifräulein begrüßen kann.“
Das paßte dem Hake denn nun doch nicht. Vielleicht wäre die Anna mit dem jungen Ritter wer weiß wie lange, den ganzen Tag beim Kneheim oder auf der Krankenburg zusammengeblieben, und seine Unhöflichkeit hatte er ja nun wohl auch so weit getrieben, als ihm irgend angängig schien. Wenn der junge Bar etwas Gefühl hatte – und das hatte er sicher –, dehnte er seinen unwillkommenen Besuch jetzt wohl nicht mehr zu lange aus. So sagte er denn laut: „Gott bewahre, Herr Bar, bleibt hier, legt ab, ich lade ein, bei uns zu Mittag zu bleiben. Inzwischen trefft Ihr meine schöne Schwägerin gewiß. Johann, komm her, mach’ dem Herrn Ritter von Bar deine Reverenz.“
Johann kam heran, die andern Kinder, die drei Mädchen, wagten sich nicht herunter, wenn sie in der Halle sprechen hörten, aber Johann, der älteste, hatte den meisten Mut. Eben reichte er dem Ritter die Hand, als er laut aufjubelte: „Muhme Anna kommt!“ In Ritter Gysebert jubelte es auch auf, freudig bewegt ging er ihr entgegen. Merkwürdig, sie wurde leichenblaß und schien tief befangen. Er sah nach Ritter Hake, der am Kamin stehen geblieben war, die Hände auf dem Rücken. Der hatte einen hämischen Zug im Gesicht, aber nur einen Augenblick, dann kam auch er herbei, begrüßte Anna und sagte: „Schon zurück, schöne Schwägerin! Ich sagte eben dem jungen Herrn, es wäre unbestimmt, wann der Pater Kneheim Euch entließe.“
„Zu entlassen ist da nichts“, erwiderte Anna leise, „ich gehe, wann ich will, und jetzt rief mich ja meine Pflicht, für den Mittagstisch zu sorgen.“
„Und heute eine doppelt süße Pflicht, weil wir einen so lieben Gast bei uns sehen.“
Anna wurde feuerrot und ging ohne ein Wort die breite Eichentreppe herauf zu ihren Gemächern, wo gewöhnlich die Kinder, wenigstens die drei Mädchen mit dem kleinen Luck, oder meist sagten sie Lukelchen, zusammen waren. Aber heute hatte Anna keine Zeit für die Kleinen, sie mußte gleich herunter in die Küche und hatte noch viel zu richten, weil doch schon gleich Mittag und der liebe ersehnte Besuch zu Tisch war. Ihr ist wieder so bange, wenn sie an den Mittag denkt. Ritter Harbort, Gysebert und sie! Der Ritter, o der Ritter! Was für Gedanken, was für heimliche Absichten, was für unfreundliche Pläne glühten hinter diesen schwarzen, stechenden Augen? Wenn sie doch die ergründen könnte! Oh, sie kennt ihn ganz genau, sie weiß, was auf seine Freundlichkeit zu geben ist. Sie weiß, welche Orkane diesen Mann zu Zeiten schütteln. Wie furchtbar sein Jähzorn ist. Wie er dann Worte spricht, so entsetzlich, daß einem das Herz zu Eis erstarren sollte. Und den Gysebert haßt er in tiefster Seele. Was mag ihm der wohl getan haben? Anna lächelte leise und traurig. Weiß sie’s? Sicher, sie weiß es.
Bei Tisch war sie ganz still und blaß. Die Kinder waren diesmal nicht dabei. Die bildeten sonst eine recht erwünschte Ablenkung und gaben ungezwungenen Anlaß zu manch freundlichem Wort. Annas Hände zitterten so, daß mehrfach die Schüsseln, die sie anfaßte, leise klirrten oder hart und laut ihr fast aus den Fingern auf die Tafel fielen. Der Ritter bemerkte es wiederholt; auch der junge Bar sah es mit Unbehagen. Schließlich spottete der Hake, anscheinend ganz freundlich: „Ei, ei, schöne Schwägerin, sonst so ruhig und heute so stürmisch! Was doch solch lieber Besuch nicht alles anstiften und verwirren kann!“
Annas Verwirrung wurde dadurch nicht geringer. – Ihr blasses Gesicht erglühte. Ritter Gysebert empfand tiefes Mitleid und wagte den Vorschlag, das Freifräulein möchte mit den Kindern für einige Tage oder Wochen zu seiner Mutter nach Barenaue auf Besuch kommen, damit sie dort den ersten Schmerz überwinde, leichter als hier, wo sie alles an die selige Schwester erinnere.
Sofort erwiderte kurz und bestimmt Ritter Hake – und Anna hörte in atemloser Unruhe zu. – „Ganz unmöglich, lieber Bar! Die Schwägerin kann hier sofort nach dem Tode der Burgfrau unmöglich entbehrt werden!“
Fertig, Punktum. Anna sagte nur noch leise, sie danke herzlich und könne vielleicht später in der Jahreszeit auf zwei oder drei Wochen kommen.
Hake sah sie scharf an, sagte aber nichts mehr.
„Doch etwas anderes, lieber Herr Gysebert! Soeben hat Eure Frau Mutter einen Reisigen geschickt – er ist noch in der Burg, Ihr könnt ihn nachher selber hören –, daß Euer Vater, der Drost, wünscht, Ihr sollt sofort zu ihm nach der Fürstenau reisen. Es droht ein Kriegsunwetter, und vermutlich sollt Ihr ein Fähnlein führen gegen diesen Landfriedensbrecher, den tollen Cord Grothaus von Spiek! Toll, wie der Mensch es treibt. Er meint, weil nun schon Spanier und Holländer uns hier täglich brandschatzen, kann auch er wie vor dreißig Jahren schon sein Vater Otto, brennen und rauben. Aber Gott sei gelobt und gedankt, daß wir in der Fürstenau auf der Bischofsburg solch einen tapferen Drosten haben, wie Euer Vater ist! Da könnt Ihr Euch die ersten Sporen verdienen! Denkt an meine Worte eben: Drei Bauern gegen einen Soldaten! Da kann’s nicht fehlen. Wollt Ihr sofort reisen?“
Der Bar sah ihn aufgeregt an. Sicher, Hake wollte ihn los sein, und das nur Annas wegen. Aber vorher mußte er mit Anna allein sprechen!
„Ich spreche erst mit dem Reisigen, und danach bestimme ich meinen Aufbruch. Übernachten muß ich ohnehin irgendwo, in Bramsche oder Westerkappeln.“
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