Kitabı oku: «Frau ohne Welt. Teil 2: Der Krieg gegen das Kind»
FRAU OHNE WELT
Trilogie zur Rettung der Liebe von Bernhard Lassahn
TEIL II – DER KRIEG GEGEN DAS KIND

INHALT
Krieg gegen das Kind?
Non-Stop-Sex-Party
Das kleine Vergnügen
Der Doktor spielt nicht
Blutige Experten
Vorwärts in die Vergangenheit
Die Stärke der Schwäche
Aus der Suche nach dem Paradies
Der letzte Rest von Gottesfürchtigkeit
Die Insel der Seligen
Der Kita-Krieg
Gleich und gleich gesellt sich ungern
Es sieht nur so aus
Tiere sind besser als Menschen
Die Lila Pädagogik
Ein halber Völkermord
Billiger Kaffee
Die Familie wird verrechnet
Unsichtbare Gräben
Die Neue Mädchenordnung
Wie geht es eigentlich Nora?
Das Brandzeichen mit drei Buchstaben
Fahne und Familie
Löcher im Rettungsboot
Allein in einem leeren Haus
Heimliche und unheimliche Wünsche
Liebe ist ungerecht
Impressum

Bernhard Lassahn, 2012
© Foto: Fabian Nicolay
Krieg gegen das Kind?
Ein Krieg gegen das Kind erscheint uns – jedenfalls auf den ersten Blick – völlig abwegig. Ist es denn nicht selbstverständlich, für Kinder alles zu tun? Sie zu lieben, sie zu beschützen, sich für sie aufzuopfern und dafür zu sorgen, dass sie es später noch besser haben als wir? Kinder sind unsere Zukunft, heißt es. Warum sollten wir die aufs Spiel setzen?
Genau das geschieht aber. Dass Deutschland als nicht be sonders kinderfreundlich gilt, nehmen wir gelassen hin. Doch es ist noch schlimmer. Es wird tatsächlich ein Krieg gegen das Kind geführt, der in seinen Erscheinungsformen neu und in seinen Auswirkungen nicht unmittelbar erkennbar ist. Er wird nicht nur gegen das leibhaftige Wesen geführt, sondern schon gegen die Idee vom Kind. Er ist zugleich ein Krieg gegen die Familie, die wir als »Auslaufmodell« betrachten sollen, als »überholt« und »vorgestrig«, ohne dass wir etwas Besseres wüssten und ohne zu berücksichtigen, dass Kinder eine Familie brauchen. Sie brauchen Mutter und Vater, Oma und Opa, Brüder und Schwestern.
Die Familie hat mächtige Feinde bekommen, die sich fest in der Politik etabliert haben und in den Medien den Ton angeben. Sie sind blind oder stellen sich blind und tun so, als wüssten sie nichts von dem Scheitern aller bisherigen Versuche, die Familie abzuschaffen und einen »neuen Menschen« zu züchten, und als hätten wir nie erleben müssen, welche Gefahren von einem Staat ausgehen können, der sich immer mehr Zuständigkeiten anmaßt.
Wir haben es mit einer Agenda zu tun, die Kinder zunächst einmal zu verhindern sucht und zweitens die Lebensbedingungen der wenigen, die doch noch geboren werden, den Bedürfnissen mit sich selbst beschäftigter Erwachsener unterwirft. Die »Agenten des Wandels«, wie sie sich selbst nennen, versuchen, sich als moralische Instanz zu inszenieren; dabei müssen sie die Kosten verheimlichen, die »Risiken und Nebenwirkungen« – in dem Fall möchte ich die bekannte Formel ein wenig abwandeln und von den »riesigen Nebenwirkungen« sprechen –, sie müssen so tun, als existiere das Leid der unschuldigen Kinder nicht, die ohne Familie leben müssen.
Doch es ist sehr wohl bekannt, dass es dieses Leid gibt, denn in der Vergangenheit haben wir es stets als zweitgrößtes Unglück empfunden, wenn ein Kind einen Elternteil entbehren muss und als größtes Unglück, wenn ihm beide Eltern fehlen. Heute wird so ein Unglück bedenkenlos von Leuten herbeigeführt, die eine Verschiebung der Wertmaßstäbe mit allen erdenklichen Mitteln durchsetzen wollen, mit verhüllten und unverhüllten Drohungen und mit aggressiven Beschuldigungen gegenüber allen, die den Vorreitern der neuen »Ideale« im Wege stehen. Diese Ideale heißen »sexuelle Vielfalt«, »Toleranz« und »Gleichstellung«. Doch eine Gleichstellung, die alle sexuellen Orientierungen als gleich ansieht, geht über Kinder hinweg wie eine Planierraupe: Wenn eine Liebe, aus der Kinder entstehen, nicht bedeutender wäre als eine, aus der keine Kinder hervorgehen, dann wären Kinder bedeutungslos. Aus der gleichen Gültigkeit wird Gleichgültigkeit. Das Kind wird zu einem Nichts.
Der Krieg gegen das Kind ist der Preis für die »geschlechtersensible« Normalität, die auf uns zukommt.
Non-Stop-Sex-Party
Die Lesung war vorbei, der Schulbus war noch nicht da, die Kinder – es waren Schüler der dritten Klasse – hatten noch ein wenig Zeit. Sie durften sich auf eigene Faust in der Bibliothek umsehen und nach Büchern Ausschau halten, die sie vielleicht ausleihen wollten. Plötzlich wurde es laut. Einige Kinder kreischten:
»Iiih, nackte Bücher!«
Sie hatten beim Blättern blasse Buntstiftzeichnungen entdeckt, die Nackte darstellten. Ohne dass es ihnen bewusst war, hatten die Kinder mit ihrem Aufschrei »Iiih, nackte Bücher« eine überraschend gute Formulierung für den Stellenwert gefunden, den Sexualität heute für uns hat. Sie machten schreiend deutlich, was für ein Menschenbild wir haben.
Die Formulierung ist natürlich nicht korrekt. Die Kinder haben denselben Fehler gemacht, den wir machen würden, wenn wir von einem »dreistöckigen Hausbesitzer« sprächen – der Hausbesitzer selber ist nicht dreistöckig, und die Bücher sind nicht nackt. Die Kinder wollten auch nicht darauf hinweisen, dass irgendwo Bücher ohne Schutzumschläge herumlägen. Sie verrieten etwas anderes: Für sie war Nacktheit nicht etwas, was in gewissen Büchern vorkommt, sondern etwas, was diese Bücher durch und durch kennzeichnet.
Den gleichen Fehler machen wir, wenn wir von einer »Männersprache« reden oder von einer »männlichen Gesellschaft«. Unsere Sprache ist keine Männersprache. Und die Gesellschaft ist nicht männlich. Wir leben in einer Gesellschaft, in der es Männer gibt. Das ist selbstverständlich, das muss nicht extra erwähnt werden.
Es soll etwas anderes damit gesagt werden: Mit der Verkürzung auf »männliche Gesellschaft« machen wir eine Aussage darüber, welche Rolle die Männer in dieser Gesellschaft vermeintlich spielen. Wir unterstellen, dass Männer aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit die Gesellschaft – oder die Sprache – so stark dominieren, dass damit alles andere, was man sonst noch über sie sagen könnte, in den Schatten gestellt wird. So haben auch die Kinder gedacht, als sie von »nackten Büchern« sprachen: Sie meinten eigentlich Bücher, in denen es Zeichnungen von Nackedeis gibt. Doch das war für sie so überwältigend, dass alles andere zweitrangig, ja sogar nichtig wurde.
So wie die Kinder diese Bücher sehen, so sehen wir heute den Menschen, als würden wir alle auf der Reeperbahn leben und hätten es mit einer Non-Stop-Sex-Party zu tun. Auch wenn wir nur ein Konto eröffnen oder einen Text schreiben wollen, in dem es gar nicht um Sex geht, immer sollen wir »geschlechtersensibel« handeln und in allen Lebenslagen berücksichtigen, dass es Männlein und Weiblein gibt – als wüssten wir es nicht.
Stellen wir uns vor, jemand würde bei jeder passenden und auch unpassenden Gelegenheit seine Essensgewohnheiten erwähnen und sagen: »Ich möchte gerne eine Fahrkarte kaufen. Ich bin übrigens Vegetarier.« Oder: »Können Sie mir bitte sagen, wie spät es ist? Ich bin übrigens Vegetarier.«
So sollen wir uns verhalten.
Die allumfassende Sexualisierung ist zum obersten Gebot geworden. Doch die Überbetonung schlägt schnell in ihr Gegenteil um und führt zur Banalisierung. Wir werden ständig mit Reizen traktiert und stumpfen ab, je mehr die Sexualität aus den Zusammenhängen von Liebe und Fortpflanzung gelöst wird und nur noch kleine Vergnügungen übriglässt, die mehr und mehr an Bedeutung verlieren, so dass wir ohne Sehnsucht zurückbleiben wie Überlebende, denen man alles genommen hat und die längst emotional pleite sind.
Dennoch: Sex soll unser ein und alles sein.
Schon der Sprachgebrauch soll unsere Anpassung an die Zwangssexualisierung ausweisen: Bei jeder Pluralbildung sol len wir die Doppelnennung (Leserinnen und Leser) oder das Binnen-I (LeserInnen) verwenden. In der Schule gibt es heute keine Schüler mehr, sondern »SuS« (Schülerinnen und Schüler). Wir sollen auch das sogenannte generische Maskulinum (die Leser) meiden und stattdessen von Lesenden sprechen. Deshalb gibt es an unseren Universitäten keine Studenten mehr, sondern, obwohl sachlich falsch, nur noch Studierende, denn alles, was einen männlichen Beiklang hat, soll aus dem Sprachgebrauch und aus unserem Bewusstsein vertrieben werden.
Wir sollen so reden, als wäre unser Selbstverständnis dermaßen stark von unserer Geschlechtszugehörigkeit bestimmt, dass alles andere nicht mehr zählt. Als wären wir so gründlich von der Geschlechterfrage durchdrungen und durchfeuchtet wie eine Packung Papiertaschentücher, die versehentlich in die Waschmaschine geraten ist.
So ist es heute bei den Erwachsenen. Ist es bei Kindern, die noch nicht geschlechtsreif sind, auch so? Sind sie auch oversexed?
Als Sigmund Freud unterstellte, dass schon kleine Kinder ein – wenn auch verdrängtes – Interesse an Sex hätten, wurde er heftig angefeindet. Gerade von feministischer Seite wurde ihm vorgeworfen, dass er damit die Kinder verraten und den Päderasten ein Einfallstor geöffnet hätte. Von nun an würde Missbrauch als normal angesehen werden können. Freud, so meinten sie, hätte sich mit seinen Überlegungen mit Kinderschändern verbündet und auf ihre Seite geschlagen; denn die könnten nun behaupten, dass die Kinder eine sexuelle Begegnung genauso gewollt hätten wie sie selbst. Sie könnten sich problemlos auf »einvernehmlichen« Sex berufen.
Bei Freud war das noch Theorie, Spekulation. Alfred Kinsey ging einen Schritt weiter. Er wollte den Beweis erbringen, dass es eine frühkindliche Sexualität tatsächlich gibt, und legte dazu den Kinsey-Report vor, der aus zwei Bänden besteht: Sexual Behavior in the Human Male (1948) und Sexual Behavior in the Human Female (1953). Kinsey gilt bis heute als Pionier der sexuellen Revolution. Er hat in der Tat eindrucksvolle Zahlen in die Welt gesetzt, die sich zwar später als gigantischer Schwindel herausstellten, was aber seinem Ruhm nicht geschadet hat. Sein Report gilt nach wie vor als Grundlagenwerk.
Kinsey hat sich speziell für die Orgasmusfähigkeit von Kindern interessiert. Besonders die kleinen Jungs hatten es ihm angetan, die ganz kleinen, die Babys. Sie alle wurden bei ihm unter »male« subsumiert – also unter »männlich« –, ohne dass sie dafür ein Mindestalter haben mussten. Er unterstellte, dass sie wie Erwachsene zum Orgasmus, ja sogar zum multiplen Orgasmus kommen könnten. Eben das wollte er mit seinen Forschungen belegen. Indirekt war damit aber noch etwas anderes gesagt: Wenn Kinder zu Orgasmen kommen können, dann sollten sie sie auch haben.
An dieser Stelle kann man leicht einem wissenschaftstheoretischen Fehlschluss erliegen. Vielen, die mit statistischem Material arbeiten, ergeht es so. Man muss jedoch immer berücksichtigen, dass der Ist-Zustand noch nichts über den Soll-Zustand aussagt.
Wenn wir Fliegenbeine oder Erbsen zählen und schließlich wissen, wie viele es davon gibt, heißt das noch lange nicht, ob es mehr oder weniger davon geben sollte. Solche Fragen stehen immer außerhalb der Versuchsanordnung. Zahlen sind buchstäblich »nackt«. Sie sagen uns nicht, wie wir mit ihnen umgehen sollen.
Was wollte Kinsey mit seinen imposanten Zahlen zeigen? Für ihn war die behauptete Orgasmusfähigkeit eine Art Goldmine, die man unbedingt ausbeuten müsse. Das tat er dann auch.
Schon Säuglinge im Alter von fünf Monaten, so behauptete er, könnten wiederholte Orgasmen erreichen. In den berühmt gewordenen Tabellen (englisch tables) 30–34 präsentierte er Daten zur Orgasmusfähigkeit von insgesamt 317 männlichen Säuglingen und Kindern – wie beispielsweise in table 34 (aus Sexual Behavior in the Human Male, S. 180). Daraus kann man ersehen, dass ein elf Monate alter Säugling innerhalb von 38 Minuten 14 Orgasmen hatte, ein zweijähriges Kleinkind sieben Orgasmen in neun Minuten. Die Zahlen machen den Eindruck, als wollte jemand einen Rekord aufstellen. Genau darum ging es Kinsey. Das Maximum an Orgasmen, das Kinsey beobachten konnte, waren 26 Höhepunkte in 24 Stunden bei einem vierjährigen Jungen. Doch selbst das war ihm noch nicht genug. Kinsey spekulierte, dass in derselben Zeiteinheit noch mehr Orgasmen möglich gewesen wären.
Er hatte den Ehrgeiz, möglichst imposante Zahlen zu präsentieren, doch nur »32 Prozent der Jungen im Alter zwischen zwei bis zwölf Monaten kamen zum Höhepunkt«, wie er bedauernd einräumen musste, und er beklagte, dass es »einige« präadoleszente Jungen gäbe, »… die den Höhepunkt selbst unter anhaltender, verschiedener und wiederholter Stimulation nicht erreichten«. Dennoch blieb er davon überzeugt, dass eine bis dahin unentdeckte Orgasmusfähigkeit existiere: »Es ist sicher, dass ein noch höherer Anteil der Jungen multiple Orgasmen hätte haben können (…). Sogar die jüngsten Säuglinge, fünf Monate alt, sind zu solch wiederholten Reaktionen in der Lage.«
Seine Zahlen werfen verschiedene Fragen auf. Was bedeutet es für ein zehnjähriges Kind, wenn es 24 Stunden lang, wie in der Tabelle aufgeführt, pausenlos unter Beobachtung steht? Was für eine Art von Beobachtung wird das gewesen sein? Wie lange – und auf welche Art? – wurden Jungen stimuliert, bis man schließlich zu dem Ergebnis – besser gesagt: zu der Einsicht – kam, dass sie doch keinen Orgasmus haben können? Es sind immerhin 68 Prozent der Jungen, die getestet wurden, also gut zwei Drittel; denn, wie beschrieben, nur 32 Prozent von ihnen hatten einen Orgasmus. Einen Orgasmus?
Kinsey unterscheidet sechs verschiedenen Orgasmustypen, die er im Detail beschreibt. Er beobachtet beispielsweise: »Extreme Spannung mit heftiger Konvulsion. Oft mit plötzlichem Heben und Werfen des ganzen Körpers verbunden.« Außerdem stellt er fest, »dass die Beine oft steif werden, wobei die Muskeln kontrahiert und hart sind, Schultern und Nacken steif und oft nach vorn gebeugt, der Atem angehalten wird oder keuchend ist, die Augen starr sind oder fest geschlossen, die Hände klammernd, der Mund verzerrt, wobei manchmal die Zunge hervordringt, der ganze Körper oder Teile in spastische Zuckung geraten.« Er erkennt, was er einen Orgasmus nennt, »zuverlässig« an schwerem Atem, am Seufzen, am Schluchzen oder an heftigem Schreien und – besonders bei kleinen Kindern – an Tränenausbrüchen.
Der Orgasmus, den Kinsey erforschte, war mit Schmerzen verbunden.
Kinsey war Sadist und Masochist, er hat unzählige Kinder gequält oder quälen lassen, und er hatte sein Vergnügen daran. Er hat sich selbst schwere Verletzungen im Genitalbereich zugefügt, an denen er möglicherweise verstorben ist (offiziell wurden Herzleiden und Lungenentzündung als Todesursache angegeben).
Woher hatte er seine Versuchspersonen? Einer seiner Zulieferer, der ihn über viele Jahre mit »Material« versorgte, war Friedrich Karl Hugo Viktor von Balluseck, der als Nazioffizier Kreishauptmann von Jędrzejów und verantwortlicher Kommandant des dortigen Ghettos war.
Markus Roth, der über die Besatzungszeit geschrieben hat, zeigt in seinem Buch Herrenmenschen – die deutschen Kreishauptleute im besetzten Polen (2009), dass keiner der ehemaligen Kreis- und Stadthauptleute später verurteilt wurde, manche sogar in der späteren Bundesrepublik in hohe Ämter gelangen konnten. Diese Herrenmenschen fühlten sich als Auserwählte, die oft eigenmächtig ohne »Befehl von oben« handelten. Sie fühlten sich gesandt, die deutsche »Mission« im Osten zu erfüllen.
Weit weg von der Heimat, umgeben von einer Bevölkerung, die sie als minderwertig ansahen, konnten sie schalten und walten wie Tyrannen. Sie bereicherten sich, wo immer sie konnten; Frauen und Mädchen – auch Kinder – waren für sie Freiwild. Schon damals war bekannt, dass von Balluseck Kinder sexuell missbrauchte und ihnen drohte: Entweder ich oder die Gaskammer.
In Jędrzejów überlebte kein einziges jüdisches Kind. Auch nach dem Krieg missbrauchte von Balluseck Kinder, sogar seine eigene Tochter, und zwang sie, ihre sexuellen Erfahrungen aufzuschreiben – für Kinsey. Im Jahre 1957 stand er in Berlin wegen Kindesmissbrauchs vor Gericht und erklärte, dass Kinsey ihn gebeten hätte, solche Berichte zu verfassen.
In Deutschland wurde über den Fall berichtet, in den USA nicht. Kinsey überstand alle Skandale und Angriffe. An seiner Bedeutung hat sich nichts geändert – nicht dadurch, dass sein Doppelleben aufgeflogen ist, nicht dadurch, dass von kriminellen Machenschaften berichtet wurde, und auch nicht dadurch, dass sich die Ergebnisse seiner Forschungen als von – gelinde gesagt – zweifelhaftem Wert erwiesen haben. Mit dem Film Kinsey – die Wahrheit über Sex (freigegeben ab 12 Jahren) wurde ihm im Jahre 2004 symbolisch ein Denkmal gesetzt. Nach wie vor ist er der berühmte »Dr. Sex«.
Kinsey hat Kinder so gesehen, wie die Kinder in der Bibliothek »nackte Bücher« gesehen haben: als durch und durch von Sex bestimmte Lebewesen, als sexual beings by birth.
So sah er Kinder. Wie sah er Frauen?
Zu seiner Zeit war es nicht leicht, an Daten zu kommen, die die »Wahrheit« über Sex enthüllen konnten. Kinseys besonderes Verdienst wird gerade darin gesehen, dass es ihm trotzdem gelungen sei. Er hatte, wie wir gesehen haben, keine Hemmungen, wenn es darum ging, sich Daten über Jungs zu beschaffen. Bei Daten zu Frauen schon. Mehr noch, in Kinseys Statistiken taucht keine einzige verheiratete Frau auf, die gleichzeitig Mutter ist. Das ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass es in dem von Kinsey gegründeten Institut für Sexualforschung ursprünglich »Ehevorbereitungskurse« geben sollte, also Beratungen für junge Ehen und Familien. Der Soziologe Geoffrey Gorer, einer seiner besonders scharfen Kritiker, schreibt: »Es ist fast nicht zu fassen, aber dennoch wahr: Schwangerschaft, Geburt und Stillen von Kindern sind komplett außer acht gelassen. Für Dr. Kinsey hat Mutterschaft keinerlei Verbindung mit Sexualität.«
»Baby da, Lust weg?« So stand es vor einiger Zeit in der Bild-Zeitung. Im Film Harry und Sally werden schon im voraus die möglichen Widrigkeiten eines Zusammenlebens erörtert, ehe die beiden sympathischen Helden am Ende erwartungsgemäß zusammenkommen. Sallys Befürchtungen klingen so, als hätte sie die Bild-Zeitung gelesen: Mit einem Kind könnte das Sexleben aufhören und damit das, was sie als Grundlage des Zusammenlebens, als das Wichtigste in ihrem Leben ansieht, als etwas, was nicht gefährdet oder auch nur vorübergehend zurückgestellt werden dürfe. Ziel aller Sehnsüchte solle sie selber bleiben, ewig jung und kerngesund – eine Attraktion voller sexueller Lockstoffe.
Eine berauschende Liebesnacht mit ihr soll die »Endstation Sehnsucht« sein, wie der deutsche Titel des Dramas von Tennessee Williams A Streetcar Named Desire lautet (in New Orleans gab es tatsächlich eine Straßenbahnlinie mit der Endhaltestelle »Desire«). Der sexuelle Höhepunkt wäre nicht etwa ein »Unterwegsbahnhof«, wie in ICE-Durchsagen immer die Zwischenstationen genannt werden, sondern schon das Ziel.
Aber sobald »diese Liebeserwartungen zum primären Motiv des Sichfindens und der Heirat der Ehepartner werden«, mahnte Helmut Schelsky schon 1955 in seinem Werk Soziologie der Sexualität, »muß ein Familienleben (…) diese Ansprüche enttäuschen«. Die »ursprüngliche Gemeinsamkeit der erotischen Erlebniswelt« reiche nicht aus. Sex allein, und sei es noch so »guter Sex«, kann nicht der Klebstoff sein, der eine Ehe zusammenhält. Erst recht nicht, wenn die Bedeutung der sexuellen Erfüllung überstrapaziert wird. Es muss noch etwas hinzukommen; im Alter muss etwas anderes an die Stelle der Sexualität treten können. Wenn es nicht Tradition, Sitte und Gesetz sind, dann ist es für Schelsky die gegenseitige Fürsorge.
Die Tragik heutiger Liebesbeziehungen liegt darin, dass die Fürsorge für Kinder und die Fürsorge füreinander im Alter von der Gesellschaft immer geringer gewürdigt, die Bedeutung der Sexualität hingegen immer höher veranschlagt wird.
In dem Lied Have You Ever Really Loved a Woman von Bryan Adams heißt es, dass der schmachtende Liebhaber bereits die ungeborenen Kinder – »unborn children« – in den Augen der Frau erkennt. Es passt eigentlich nicht zu dem Film Don Juan DeMarco, für den der Song geschrieben wurde, denn ein Don Juan (der sowieso nur eine fiktive Figur ist) will nicht eine Frau lieben, sondern möglichst viele besitzen und in deren Augen auch nicht nach ungeborenen Kindern Ausschau halten.
»Eine Mutter wird geboren, die Frau stirbt?« So dramatisch – wenn auch mit Fragezeichen – wird es in der Rheingold-Studie für die Firma Milupa beschrieben, die der »deutschen Angst vorm Kinderkriegen« auf die Spur kommen will und nachfragt, worin sie denn begründet sei. Da wird erwartungsgemäß die Sorge genannt, dass das »liebe Geld« nicht ausreichen könnte. Doch auch die Angst vor dem Rollenwechsel sei groß. Frauen verhielten sich nach der Geburt eines Kindes wie multiple Persönlichkeiten. »Einerseits möchten sie voll und ganz Mutter sein, andererseits aber auch als Frau keine Veränderungen zulassen und die attraktive Lebenspartnerin bleiben, die selbstständig ihren Weg geht, so als hätte sie gar kein Kind.«
Da die Frauen nicht willens oder fähig sind, in diesem Konflikt klare Prioritäten zu setzen, heißt das: Das Kind stört. Es ist der Mutter im Weg, die sich von ihrer alten Rolle nicht trennen mag, bei der es in hohem Maße um Sex und um sexuelle Attraktivität ging. Die Schlagzeile aus der Bild-Zeitung kann man auch umdrehen. Dann erkennen wir die heimliche Leitlinie unseres Lebens: »Lust da, Baby weg!« Hauptsache, wir haben unser Vergnügen.
Wenn man den Schlagerweisheiten glaubt, dann wollen Frauen sowieso »nur spielen«, sie wollen »fun«, wie es bei Cindy Lauper heißt, die fröhlich verkündet, was »girls« in Wirklichkeit wollen, »fun« nämlich, »that’s what they really want«. Sie wollen bloß ihr Vergnügen. Mehr nicht. Jedenfalls in der Freizeit.
Was wollen sie in der Politik? Auch das Vergnügen. So sieht es auf den ersten Blick aus. Doch wollen sie das wirklich? Die Journalistin Dale O’Leary war nicht nur auf der Weltfrauenkonferenz 1995 in Peking, sie war auch bei den Vorbereitungstreffen, sie hat sich die Referate angehört, sie hat hinter die Kulissen geschaut und hat versucht herauszukriegen, was mit The Gender Agenda – so auch der Titel ihres Buches von 1997 – angestrebt wird; sie wollte wissen, was die mächtigen Frauen des Gender-Establishments wirklich wollen. Das Motto der Konferenz in Peking lautete bekanntlich »Handeln für Gleichberechtigung, Entwicklung und Frieden« – wer könnte dagegen sein? Es klingt, als wäre es von Herzen gut gemeint und letztlich harmlos.
Doch was wollen diese Frauen wirklich?
Dale O’Leary hat es zu fünf programmatischen Forderungen zusammengefasst, die das Programm des sogenannten Gender Mainstreaming erklären, das mit der 4. Weltfrauenkonferenz in die Welt gesetzt wurde. Dabei taucht immer wieder die Formulierung »die Welt braucht« auf. Das erinnert womöglich so manchen Alt-Hippie an den Song What the World Needs Now, in dem es heißt, dass die Welt vor allem Liebe brauche, »love, sweet love«. Aber um Liebe geht es nicht. Es geht um das Vergnügen, das uns winkt, wenn wir die Postulate des Gender Mainstreaming umsetzen.
Die Forderungen wirken in ihrer Maßlosigkeit so abwegig, dass man leicht verleitet wird, sie nicht ernst zu nehmen. Nimmt man sie jedoch ernst, erkennt man schnell eine finstere Anti-Utopie: Wir erkennen die Zerstörung der Familie und der Liebe; die fünf Punkte sind eine Beschreibung eines Endstadiums der Menschheitsgeschichte und eine verdeckte Kriegserklärung gegen Kinder.
Bei Dale O’Leary liest es sich so:
1.In der Welt braucht es weniger Menschen und mehr sexuelle Vergnügungen. Es braucht die Abschaffung der Unterschiede zwischen Männern und Frauen sowie die Abschaffung der Vollzeit-Mütter.
2.Da mehr sexuelles Vergnügen zu mehr Kindern führen kann, braucht es freien Zugang zu Verhütung und Abtreibung für alle und Förderung homosexuellen Verhaltens, da es dabei nicht zur Empfängnis kommt.
3.In der Welt braucht es einen Sexualkundeunterricht für Kinder und Jugendliche, der zu sexuellem Experimentieren ermutigt; es braucht die Abschaffung der Rechte der Eltern über ihre Kinder.
4.Die Welt braucht eine 50/50-Männer/Frauen-Quotenregelung für alle Arbeits- und Lebensbereiche. Alle Frauen müssen zu möglichst allen Zeiten einer Erwerbsarbeit nachgehen.
5.Religionen, die diese Agenda nicht mitmachen, müssen der Lächerlichkeit preisgegeben werden.
Nun will ich auch einen Satz bilden, in dem ein »müssen« vorkommt: Wir müssen aufhören, das lediglich für eine abseitige Spinnerei zu halten, die uns nicht betrifft. Vergleichen wir diese Grundforderungen von 1995 mit der realen Situation von heute, so können wir sehen, wie weit die Entwicklung schon vorangeschritten ist. Nicht etwa weil wir es so wollen, sondern weil Rahmenbedingungen geschaffen wurden, die diese Entwicklung steuern. Wer es auf Fördergelder abgesehen hat oder Applaus für seine Meinungsäußerung sucht, sollte die Punkte unbedingt beachten. Wer sich vor Strafe schützen will, ebenfalls.
Es geht nicht nur um Vergnügungen. Hier wird eine Drohkulisse aufgebaut, die sich nur notdürftig hinter dem Versprechen von »mehr sexuellen Vergnügungen« versteckt, es blitzt immer wieder die Bereitschaft auf, die Forderungen auch mit dem nötigen Nachdruck durchzusetzen – das heißt: mit gesetzlichen Regelungen und mit harten Strafen. Das Programm läßt keine Alternativen zu. Niemand muss ja sagen, aber wehe, jemand sagt nein! Das ist nicht vorgesehen. Man kann nur »Gefällt mir« anklicken.
Wer auch nur zu einem dieser Punkte – Gleichstellung, Abtreibung, Förderung von Homosexualität, frühkindlicher Sex, Quote, Vollzeit-Berufstätigkeit der Frauen und Religionsfeindlichkeit – in Opposition geht, begibt sich ins gesellschaftliche Abseits und gehört nicht mehr zur Konsensgesellschaft.
Das kleine Vergnügen
Für Kinder wird so ein Programm die Hölle auf Erden. Es wird ihnen von Anfang an deutlich gemacht, dass sie nicht gewollt sind. Sie werden nur noch gebraucht, um das 50/50-Quoten-Modell am Leben zu halten, das jeden Ergeiz und Leistungswillen unterdrückt und Arbeit zur bloßen Pflichterfüllung macht. Damit wird dem Motor, von dem unser kultureller und wissenschaftlicher Fortschritt abhängt, schon bald der Treibstoff ausgehen.
Der Geburtsfehler der Frauenpolitik liegt darin, dass die Frauen, die sich als »Agentinnen des Wandels« sehen, immer unter sich geblieben sind, damit ihr Weltbild nicht irritiert wird. Ihre Weltanschauung ist nur die halbe Wahrheit (die eine ganze Lüge ist). Sie nehmen die Weltsicht der Männer gar nicht erst zur Kenntnis, sie verkennen das Interesse der Männer am Wagemut, am Spiel und am Aufbruch ins Unbekannte; sie verstehen nicht, was an Dynamik verlorengeht, wenn die Wunschträume der Männer in Fesseln gelegt werden. Schon der kleine Wilhelm Busch wollte, dass er »zauberhaft fliegen und hupfen könnte, hoch in der Luft, von einem Baum zum andern«. Und er stellte sich vor, dass seine Angebetete »es mit ansähe und wäre starr vor Bewunderung«. So sind sie, die kleinen, die mittelgroßen und die großen Männer; sie wollen Höhenflüge wagen, wollen den Frauen gefallen und der ganzen Nachwelt und speziell ihren eigenen Kindern Außergewöhnliches hinterlassen.
Doch wenn das Arbeitsleben zum Dienst nach Vorschrift gerät, der beargwöhnt und überwacht wird, resignieren die Männer. Dann macht sich ein Schlendrian breit, wie man ihn aus der Endphase des Sozialismus mit seinen Propagandaschlachten um die Planerfüllung kennt. In Zukunft könnte es heißen: »Es geht wirtschaftlich bergab, aber unsere 50/50-Quote ist erfüllt.«
Das Privatleben wird ebenso lustlos werden. Es wird nicht nur Dienst, sondern auch Sex nach Vorschrift geben. Die kreative Spannung zwischen Mann und Frau wird abgebaut; es wird spannungslos werden – und langweilig. Schon die Kleinen werden einer zwangsverordneten Sexualisierung unterworfen, an der fremde »Tanten« und »Onkel« mehr interessiert sind als sie selber. Die werden ihnen den Spaß gründlich verderben. Ein Familienleben, wie wir es (noch) kennen, wird es in dieser Welt nicht mehr geben.
Die Liste mit den fünf Punkten, die Dale O’Leary aufgeführt hat, gibt uns einen Universalschlüssel zum Verständnis vieler aktueller Diskussionen an die Hand. Der Schlüssel öffnet mehrere Türen zugleich. Schlagartig wird dasselbe Ziel hinter den verschiedenen Themen erkennbar, als hätte jemand mit einem Hauptschalter auf der gesamten Etage Licht angemacht. Nun stellt sich heraus, dass so mancher Journalist oder Politiker, der lautstark nach neuen Wegen ruft, in Wirklichkeit nur brav einfordert, was längst beschlossen ist. So jemand ist alles andere als mutig. Er passt sich nur im vorauseilenden (oder nachtrabenden) Gehorsam der kommenden Einheitsmeinung an.
Das Gender-Programm kommt von oben, es geht top down. Es geht nicht etwa, wie uns eine treuherzige Vorstellung von Demokratie nahelegt und wie man es bei einem mündigen Wahlvolk, das seine eigenen Interessen an die Politik weiterleitet, erwarten sollte, von unten – also von der Basis aus – nach oben, sondern umgekehrt: Es geht von oben nach unten. Die Würfel sind gefallen, die Weichen sind gestellt. Wir werden nicht mehr gefragt, sondern nur noch manipuliert und immer weiter in die vorgegebene Richtung gedrängt.
Es sind nur kleine Vergnügungen, die uns die Gender-Agenda gönnt. Wir sollen nur ein bisschen Spaß haben – wie in dem Lied Ein bisschen Frieden von Nicole, nur der »kleine Hunger«, den man aus der Werbung kennt, soll gestillt werden. Es geht um die sparsamen Vergnügungen für Leute, die ihre Leidenschaft nicht mehr aus der Unterschiedlichkeit der Geschlechter beziehen, denn die Unterschiede zwischen Mann und Frau, die für den großen Spaß sorgen, werden abgeschafft.
Das heißt, dass es einen neuen Begriff von Sexualität geben wird. Wir sollen einem Partner zukünftig nicht mehr tief in die Augen blicken, um nach ungeborenen Kindern Ausschau zu halten. Die Bryan-Adams-Frage, ob man jemals eine Frau wirklich geliebt hat, wird demnächst nicht nur pauschal mit Nein beantwortet werden, es wird auch viele geben, die auf Nachfrage zugeben müssen: Ich bin nicht sicher, ob es überhaupt eine Frau war.
Wir neigen dazu, hochnäsig zu sein, unsere Kultur für überlegen zu halten und jede Literatur, die aus einem Teil der Welt kommt, den wir früher als die »dritte« bezeichnet haben, als literarisch minderwertig anzusehen, womöglich als Kitsch. Mit der Liebesgeschichte, vor der Morgendämmerung erzählt hat die vietnamesische Autorin Duong Thu Huong das Glück und Unglück eines Paares beschrieben, dem wir seine besondere Liebe herzlich gönnen, das aber aufgrund von Verwicklungen, die mit Frauenrechten und mit Beschlüssen der Partei zusammenhängen, nicht heiraten und keine Kinder bekommen darf. Die beiden müssen sich heimlich treffen, ihre Liebe ist so schön wie »frische Blumen in einer Vase«; ihre Liebe ist wirklich wunderschön, aber sie ist zugleich tieftraurig und schon halbtot, weil die Blumen, so anmutig sie auch sein mögen, in einer Vase keine Wurzeln schlagen können.
Auch wir sollen keine Wurzeln schlagen können. Das Modell der Gender-Agenda erinnert an die Bedingungen im Paradies oder an die Geschichte von Blaubart. Im Paradies war es Gott, der zu Adam und Eva sagte: Ihr dürft alles, nur eins nicht. Im Märchen war es der unheimliche Blaubart, der seiner Frau einen Schlüsselbund anvertraute, von dem sie alle Schlüssel ausprobieren durfte, nur einen nicht. Das Gebot von heute lautet: Habt noch mehr sexuelle Vergnügungen als bisher, aber kriegt keine Kinder.
Das heißt, dass wir uns auf Vergnügungen spezialisieren sollen, die nicht mit Zeugung verbunden sind. Deshalb soll es auch mehr Homosexualität geben, mehr Verhütung, mehr Abtreibung – mehr Pornofilme. Die werden zwar im Programm von Peking nicht ausdrücklich erwähnt, gehören aber ins Gesamtbild.
Pornos sind Propagandafilme gegen das Kinderkriegen. Eine Befruchtung findet ganz offensichtlich nicht statt. Dazu wird der bildhafte Beweis geführt; es gibt eindeutige Szenen, die zeigen, dass auf diese Art keine Kinder gezeugt werden. So wie neuerdings im Abspann mancher Filme zu lesen ist, dass »für diesen Film keine Tiere gequält« wurden, so könnte es im Abspann von Pornos heißen: »Bei den Dreharbeiten wurden garantiert keine Kinder gezeugt.« Dabei geht es fast ausschließlich um das »Instrumentarium« der Zeugung, das nun für andere Zwecke genutzt wird: zum bloßen Vergnügen, das damit allerdings zum zweifelhaften Vergnügen wird.
Die Filme folgen einem Schema, bei dem festgelegte Stationen durchlaufen werden. Sie erinnern an einen sportlichen Wettkampf, an einen Dreikampf – oral, genital, anal – bei dem wir zum Schluss nicht überrascht wären, wenn die Kamera auf eine Jury schwenkte, die nach Punkten wertet, wie sich das Paar in den drei Disziplinen geschlagen hat.
Auf zweierlei Weise wird damit eine gigantische Gleichmacherei vorangetrieben. Zum einen durch die unendliche Menge der weltweiten Porno-Produktionen, die immergleiche Szenenfolgen mit austauschbaren Darstellern vorführen, als würde ein Ideal von »ewiger Gleichgültigkeit« angestrebt. Zum anderen dadurch, dass die jeweiligen »Disziplinen« – wie beim Dreikampf Werfen, Springen, Laufen – als gleich bedeutend hingestellt werden, was sie nicht sind. Sie sollen aber so gesehen werden.
Wie auch immer wir uns sexuell betätigen und auf welche Art wir zum Orgasmus kommen, es soll stets gleichwertig sein.
Doch selbst wenn wir »die Sache«, wie man früher in der DDR dazu sagte, sportlich sehen, merken wir, dass nicht alle Disziplinen gleichermaßen beliebt sind, es haben auch nicht alle dieselben Risiken und Nebenwirkungen. Selbst wenn wir nur das Vergnügen suchen, die Sache rein hedonistisch angehen und nach dem »besten Sex« fragen, wie er uns in Ratgeberbüchern empfohlen wird, finden wir eine eindeutige Antwort:
Es ist nicht alles gleich.
Es gibt eine »Königsdisziplin« unter den sexuellen Praktiken, die alle anderen zweitklassig macht. Sie ist die Grundform der sexuellen Betätigung, alles andere sind Varianten, Trostpreise und Verlegenheitslösungen, die durchaus ihre besonderen Reize haben, auf die man aber notfalls auch verzichten könnte. Sie haben die Melancholie des Zweitbesten und den Nachgeschmack von Methadon. Sie bringen uns nicht die Befriedigung, die uns der Idealfall einer sexuellen Vereinigung verschaffen kann, sie führen uns bestenfalls in den sechsten, nicht aber in den siebenten Himmel.
Frauen haben ausgerechnet dann am meisten Vergnügen, wenn sie die Pille abgesetzt, gerade ihre fruchtbaren Tage haben und obendrein das Ticken der biologischen Uhr vernehmen. Es gibt nach wie vor nur eine Art der sexuellen Begegnung, bei der die Geschlechtsteile beider Partner aufeinandertreffen, im Film A Clockwork Orange wird es hämisch »das alte Rein-Raus-Spiel« genannt. Es ist die Grundform, von der alle anderen Möglichkeiten abgeleitet sind, die tendenziell näher an der Selbstbefriedigung liegen, was die Austauschbarkeit erleichtert und unversehens den Beitrag des Gegenübers zu einer Art Dienstleistung macht. »I guess, you call it love«, heißt es in einem Song von Leonard Cohen, »I call it service.«
Den Zeugungsakt haben wir nie als Ersatzbefriedigung oder als Perversion bezeichnet. Unsere Körper belohnt uns, indem er im idealen Fall all das an Oxytocinen, Endorphinen und sonstigen Neurotransmittern ausschüttet, was er auf Lager hält. Mehr noch: Es wird ein Fenster zur Unendlichkeit aufgemacht; es erfüllt sich uns der Wunsch, die Sehnsucht, der biologische Auftrag … wie immer wir es nennen wollen, uns fortzupflanzen und zu »verewigen«.
Wenn es nicht so wäre und andere Praktiken eine genauso vollständige Befriedigung böten, bräuchte man keine Verhütungsmittel und hätte auch nie welche gebraucht. Dann würde es uns leichtfallen, auf den »klassischen« Geschlechtsakt zu verzichten, der das Risiko der Schwangerschaft enthält, weil wir problemlos auf andere sexuelle Betätigungen ausweichen könnten, die gleichbedeutend wären (was sie jedoch nicht sind), die uns genauso ein Gefühl von Befriedigung verschaffen könnten (was sie aber nicht können) und nichts vermissen ließen (was sie eben doch tun).
Unser Sexleben ist selbst dann nicht folgenlos, wenn wir meinen, wir hätten alles dafür getan, dass es nicht zu einer Schwangerschaft kommt. Die vielzitierten Risiken und Nebenwirkungen, die auf keinem Beipackzettel stehen, betreffen aber nicht nur eine ungewollte Schwangerschaft, sondern auch die Folgen eines Lebens ohne Kinder, sie betreffen die Bedeutung, die wir dem Leben selber geben. Es genügt nicht, mögliche Nebenwirkungen für die nächsten neun Monate zu beachten, wir müssen auch die Langzeitwirkungen bedenken.
Wenn wir die »Liebe«, die zunehmend zum Synonym für sexuelle Aktivität verkümmert, von der Zeugung trennen, trennen wir zugleich die Zeugung von der Liebe. Der Schnitt wirkt in beide Richtungen. Von der Liebe, wie wir sie früher besungen haben, bleiben nur Restbestände; sie wird immer unvollständiger und schließlich verzichtbar. So wird der Weg frei für eine künstliche – eine lieblose – Befruchtung. Allein dadurch, dass Verhütungsmittel und Möglichkeiten zur künstlichen Befruchtung existieren, finden bedeutende Veränderungen in unseren Wertvorstellungen statt.
Selbst wenn wir die Mittel und Möglichkeiten nicht nutzen.
Die intime Begegnung wird zu einem Akt, der immer banaler wird, je mehr er sich von der Zeugung entfernt. Sie wird zum Liebesspiel, das zwar leidenschaftliche Züge annehmen kann, aber doch immer nur Spiel bleibt. Es fehlen die Ernsthaftigkeit und die Bereitschaft, die süße Mühsal, die ein neues Leben mit sich bringen würde, zu ertragen.
Mit den Verkümmerungen, die der Liebe angetan werden, wenn wir die einmalige Qualität durch vielfältige Quantitäten ersetzen, schleicht sich eine unstillbare Sehnsucht ein und führt zu einer süchtigen Suche nach mehr und immer mehr. Auf die Dauer lässt sich der Gedanke nicht verdrängen, dass wir uns gegen das Leben entschieden haben, ohne dass es uns aufgefallen wäre und ohne dass wir uns an den Termin, an dem die Entscheidung gefallen ist, erinnern könnten. Es stimmt schon: Ein Orgasmus ist eine auf das Höchstmaß gesteigerte Lebenslust. Wenn jedoch der Wille zum »Leben« an der »Lust« fehlt, wird die Lust, die nun auf sich allein gestellt ist, immer schaler. Vielleicht kann man sich, wenn wir den Vergleich nicht auf die Goldwaage legen, so ein Sexleben als eine Art von Bulimie vorstellen: Wir wollen essen, uns aber nicht ernähren.
Verhütungsmittel verführen uns dazu, Beziehungen auf Vor behalt einzugehen. Doch der Vorbehalt ist trügerisch, er ist keine wirkliche Neutralität, keine Indifferenz. Er ist bereits ein ganzes Nein zum Kind und ein halbes Nein zum Partner. Wir leben mit einem unausgesprochenen Nein, ohne dass es uns bewusst ist.
Unter solchen Umständen sollen Kinder, die nicht gewollt sind, ihrerseits ja zum frühkindlichen Sex sagen. Das wollen sie nicht. Erwachsene wollen es. Die wiederum haben verschiedene Interessen. Die einen pflegen ihre (noch) verbotenen Gelüste nach Sex mit Kindern – womöglich schämen sie sich dafür und suchen nach Auswegen. Die anderen schämen sich nicht. Sie sehen in so einem hochsensiblen Punkt die geeignete Stelle, die Gesellschaft im großen Stil anzugreifen und womöglich umzustürzen. Wir haben es also mit zwei Varianten von Kindesmissbrauch zu tun: Die einen benutzen Kinder für ihre Gelüste, die anderen für ihre Vorstellung von Revolte und Aufruhr.
Genau das will – wie schon der Name sagt – die Frauen-Bande Pussy Riot, die für den Martin-Luther-Preis Das unerschrockene Wort nominiert wurde. Die Damen nennen sich nicht etwa Bunt Kiski, wie ihr Name auf Russisch lauten würde, sie haben sich von Anfang an der Aufmerksamkeit des sexbesessenen Westens versichert, wo sie gepriesen und gefördert werden. Auf Spiegel online wurde eine von ihnen sogar als »Heilige« bezeichnet. Bekannt wurde die Gruppe durch eine Randale mit Terroristenmasken in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau. Vorher schon waren sie durch verschiedene provozierende Aktionen aufgefallen und hatten beispielsweise in einem Supermarkt gefrorenes Hähnchenfleisch in ihre »Pussys« eingeführt.
Von besonders klarer Symbolsprache war ein Spektakel im Moskauer Naturkundemuseum, wo sie in Anwesenheit von Kindern einen Pornofilm drehten, der nach herkömmlichem Verständnis gar kein richtiger Pornofilm war, weil er nicht zur sexuellen Stimulierung dienen sollte, sondern den Geschlechtsverkehr als etwas Belangloses oder gar Widerwärtiges darstellte, auf dass einem die Lust darauf vergehe.
Es war ein Angriff auf das Patriarchat, auf die Vaterschaft, auf Kinder, auf die Zeugung. Mit der Zeugung entsteht Vaterschaft, und die wurde durch die Aktion lächerlich gemacht und in einer Hässlichkeit zur Schau gestellt, die ihr vom Wesen her fremd ist. Für eine Geburt, bei der Mutterschaft entsteht, brauchen wir einen geschützten Raum; wenn es nicht anders geht, tut es auch ein Stall, wie ihn Maria und Josef fanden, ohne dass sie, wie man heute sagt, einen »Anspruch auf einen Krippenplatz« gehabt hätten. Doch auch die Zeugung, die ebenfalls eine Grenzsituation darstellt, sollte einen geschützten Raum haben. Eben diesem Schutzraum galt der Angriff von Pussy Riot.
Ein Kind entsteht durch Zeugung und durch Geburt. Ein Kind braucht Vaterschaft und Mutterschaft. Es gibt religiöse Sekten, die beide Ereignisse feiern; ein Kind hat dann zwei »Geburtstage«. Der Angriff der laienhaften Porno-Darsteller galt ebenso den Kindern, die in das pornographische Treiben mit einbezogen wurden, um ihnen zumindest den ersten von zwei Geburtstagen zu vermiesen.
Wir schaffen Schutzräume für Frauen. Aber nicht für den Vorgang der Zeugung oder Geburt, sondern für den Fall, dass sie Sport treiben, in einem Frauen-Café etwas trinken, in einer Bibliothek »Nur für Frauen« etwas lesen oder auf Frauenparkplätzen rückwärts einparken wollen. Intimitäten werden heutzutage nicht mehr geschützt. Auch Geburten wurden schon in allen Einzelheiten gefilmt und in ihrer Gesamtheit zur Kunstaktion erklärt. Das öffentliche Interesse mit seiner unstillbaren Lust an peinlichen Enthüllungen und Bloßstellungen ist bis in die letzten Winkel des Privaten vorgedrungen. Am Rande von Christopher-Street-Day-Paraden gibt es nicht selten Open-air-Geschlechtsverkehr. Da dürfen auch Kinder zugucken.
Neil Postman spricht davon, dass unseren Kindern nicht das »Geheimnis« und vor allem nicht die »Scham« fehlen dürften. Für ihn sind das die entscheidenden Elemente, die eine Kindheit ausmachen: Ohne Geheimnis und ohne Scham keine Kindheit.
Mit dem Verschwinden der Kindheit, so der Titel seines Buches, schreiten wir vorwärts in die Vergangenheit. Eine Kindheit, wie wir sie heute verstehen, gab es früher nicht, wie Postman uns am Beispiel von alten Gemälden zeigt. Im Mittel alter etwa war »Kind« lediglich die Bezeichnung für den Verwandtschaftsgrad, nicht für das Alter, ein Junge konnte fünfzig sein. Postman befürchtet, dass die neuen elektronischen Medien, die kein Geheimnis mehr zulassen und rund um die Uhr Schamlosigkeit verbreiten, die Kindheit, die überhaupt erst mit der Aufklärung entstanden ist, wieder zum Verschwinden bringt und dass wir damit zurückfallen in Zustände, wie es sie vor der Aufklärung gab.
Doch wir brauchen gar keine elektronischen Medien, um mit schamlosen Selbstdarstellungen konfrontiert zu werden. Es geht auch mit Plakaten, die uns zeigen, wie sich die übergroßen »Vorbilder« von heute ihre sexuellen Abenteuer wünschen, für die sie ungeniert Reklame machen. Es sind allerdings keine echten Abenteuer, der Umgang mit Sexualität wird wie ein Einkauf in einem Supermarkt dargestellt, bei dem man sich aus dem gutsortierten Angebot seine Lieblingsstückchen aussuchen darf. So groß die Plakate auch sind, sie machen die Sache klein. Die angepriesenen Varianten des Geschlechtsverkehrs sind billige Vergnügungen, für die in erster Linie Kondome benötigt werden, als wären sie das Wichtigste dabei. »Ich will’s romantisch« oder »Ich will’s wild«, heißt es angeberisch, doch es wirkt so beiläufig, als wollten sie sagen: »Heute möchte ich den Kaffee ohne Zucker.«
In einer ihrer Kurzgeschichten erzählt Doris Dörrie von einem einschneidenden Kindheitserlebnis, nämlich von ihrer ersten Begegnung mit einem Kondom, das ihr geheimnistuerisch von einer Freundin vorgeführt wird, von der sie den Eindruck hat, dass sie ihr damit etwas antun wolle. Sie ist fasziniert und verstört zugleich. Sie sagt es genau in den Worten: Sie hatte das Gefühl, ihre Kindheit wäre damit vorbei.
Der Doktor spielt nicht
Die Mädchen aus dem Kindergarten in Hannover sehen nicht gerade glücklich aus. Sie haben Besuch von der Presse und der damaligen First Lady Bettina Wulff, die anhand von großen Dildos aus Holz den richtigen Umgang mit Kondomen erklärt.
Die »Aufklärung«, von der die ehemalige Präsidentengattin unbedarft spricht, hat unauffällig ihre Akzente verschoben; sie ist anderes gemeint als früher. Es geht nicht mehr darum, den Kindern zu erklären, wie Leben entsteht und wie sie vor unerwünschten Schwangerschaften geschützt werden. Dafür sind sie noch zu klein. Es geht vielmehr darum, sie mit den verschiedenen Formen von Sexualität vertraut zu machen. Doch dafür sind sie auch noch zu klein.
Warum tut man es dann?
Es gehört zur »Querschnittsaufgabe« des Gender Mainstreaming.
In diesem Sinne fordert auch Ina-Maria Philipps in ihrer Broschüre Körper, Liebe, Doktorspiele, die von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung vertrieben wurde, dass die Sexualaufklärung noch einen mutigen Schritt weiter gehen müsse. Kinder hätten ein Recht darauf, anzufassen und angefasst zu werden. Deshalb sollten sich die Eltern zur Verfügung stellen, sich berühren lassen und ihrerseits die Kinder überall streicheln. »Scheide und vor allem Klitoris erfahren kaum Beachtung durch Benennung und zärtliche Berührung«, klagt Philipps; so werde es dem Mädchen schwergemacht, »Stolz auf seine Geschlechtlichkeit zu entwickeln«.
Sigmund Freud sieht das anders: »Kinder, die sexuell stimuliert werden, sind nicht mehr erziehungsfähig, die Zerstörung der Scham bewirkt die Enthemmung auf allen anderen Gebieten, eine Brutalität und Missachtung der Persönlichkeit der Mitmenschen.«
Offenbar will Philipps genau das. Mit Nachdruck. Worte reichten nicht mehr aus, meint sie, es müssten nun Taten folgen, um eine wirkliche »Offenheit« zu ermöglichen. »Es ist nur ein Zeichen der gesunden Entwicklung Ihres Kindes, wenn es die Möglichkeit, sich selbst Lust und Befriedigung zu verschaffen, ausgiebig nutzt«, schreibt sie weiter. Wenn Mädchen dabei »eher Gegenstände zur Hilfe nehmen«, sollte man das nicht »als Vorwand benutzen, um die Masturbation zu verhindern«. In der Familie soll die Frühsexualisierung anfangen – in der Schule geht es weiter.
Selbstbefriedigung steht gleich als erstes auf dem Lehrplan. Grundschüler sollen Fragen diskutieren wie: »Was ist, wenn dein Freund oder deine Freundin Sex haben wollen, du aber nicht?« Kinder ab der siebten Klasse sollen Begriffe wie »Sadomaso«, »Orgasmus«, »Homosexualität« und »Darkroom« interpretieren und darstellen. Ziel ist es, dass Kinder eine »selbstbestimmte und angstfreie Sexualität entwickeln«.
Ängstlich sind sie.
Doch wie sollen sie »selbst« etwas »bestimmen«? Wie sollen sie schon als Kleinkinder ein »Selbst« haben, das die Erwachsenen noch suchen?
Auch hier sind keine elektronischen Medien nötig. Ob Pornofilme eingesetzt werden sollen, ist noch umstritten. Man braucht sie eigentlich nicht. Es genügt, wenn bei den Kindern Fantasien ausgelöst werden, wenn »nackte Bilder«, wie sie sagen würden, vor ihrem inneren Auge auftauchen. Ausgerechnet die Grünen, die für den Schutz der Umwelt vor Verschmutzung angetreten sind, machen sich nun für die Verschmutzung der Innenwelt von Kindern stark.
Das Programm, mit dem man in der Schule schon so früh wie möglich anfangen will, heißt tatsächlich Für Selbstbestimmung und Akzeptanz sexueller Vielfalt. Doch wie – bitte schön – können Kinder etwas akzeptieren, was sie nicht kennen und auch nicht kennen dürfen, weil sofort der Jugendschutz eingreifen würde, wenn es ihnen zum Beispiel ein Kinofilm zeigen wollte. Wenn Kinder wirklich etwas »selbst« bestimmen sollen, müsste man sie in Ruhe lassen. Gerade das tut man nicht. Der Jugendschutz müsste schon in dem Moment eingreifen, wenn solche Programme entwickelt werden. Gerade das tut er nicht.
In Erfurt wurde ein vierzehnjähriger Junge durch einen Knutschfleck überführt, den er einem dreizehnjährigen Mädchen beigebracht hatte (er hatte sie geküsst und außerdem durch die Kleidung im Genitalbereich berührt). Er wurde zu gemeinnütziger Arbeit verurteilt und sollte zudem – später wurde allerdings, nachdem sich das Bundesverfassungsgericht (!) mit dem Fall beschäftigt hatte, anders entschieden – eine DNA-Probe für die Gendatei »Sexualstraftäter« hinterlassen, obwohl er beteuerte, dass das Mädchen einverstanden gewesen sei und das auch so gewollt habe.
Wie passt das zusammen?
Schon aus der erwähnten Broschüre von Philipps lässt sich herauslesen, dass hier eine Trennung vorgenommen wird: Frauen und Mädchen dürfen, Männer und Jungs nicht. Es wird nur indirekt, aber deutlich genug erklärt: Das Inzesttabu soll nicht für Mütter gelten; denn es ist eine »patriarchalische Erfindung«, mit der sich der Mann zwischen Mutter und Sohn stellt und so die »innige Verschränkung« von Mutter und Kind stört.
Wenn ein Junge etwa vier Jahre alt ist, »rivalisiert« er mit dem Vater; in der Situation soll die Mutter vorbeugend eingreifen und ihre Liebe »gerecht aufteilen«, um keinen zu »benachteiligen«. In diesen Broschüren wird über Liebe gesprochen, als ginge es um Nachtisch und als hätte eine Mutter noch nie die Erfahrung gemacht, dass der Appetit und die Geschmäcker verschieden sind. Der erotischen Liebe zwischen den Eltern wird, wenn auch noch die Kinder mitmachen, zwar die Exklusivität genommen, aber das ist, wenn wir den Ratschlägen folgen, nicht so wichtig; die Unterschiede zwischen den Geschlechtern und den Generationen sollen sowieso eingeebnet werden. Spannungen, die sich daraus ergeben, sollen rechtzeitig abgebaut werden, das Kind soll von vornherein kein übermäßiges Interesse an der Sexualität entwickeln – nur ein mäßiges, es soll den Geschlechtsverkehr als etwas »Normales« empfinden. Eltern sollen ein Kind getrost mit ins Bett holen und erklären, dass das, was sie da machen, ein »Spiel« ist. Eines, bei dem das Kind mitspielen darf.
Mütter sind entschuldigt. Was als patriarchalische Erfindung erkannt und damit gebrandmarkt ist, gilt nicht mehr als Maßgabe für moderne Frauen. Die gelten als mutig, wenn sie sich von Zwängen, die Männer erschaffen haben, lossagen.
Als »kontroversestes« (aber auch als das »krankhafteste«) Buch des Jahres 2013 wurde der Überraschungserfolg Tampa von Alissa Nutting bezeichnet, ein pornographischer Roman aus der Sicht einer weiblichen Pädophilen – einer Lehrerin, die ihre Schüler verführt und schon in der Nacht vor ihrem ersten Unterrichtstag in einer »erregten Endlosschleife« von Selbstbefriedigungen keinen Schlaf findet. Der Autorin bescherte das Buch Erfolg und mediale Aufmerksamkeit; sie ist eine junge, attraktive Frau, sie darf so etwas schreiben, sie muss sich nicht vor Konsequenzen fürchten. Auch ihre Heldin wäre im richtigen Leben längst nicht so gefährdet, wie es ein Mann wäre. Sie hätte gute Chancen, dass man ihre Übergriffe stillschweigend durchgehen ließe und sie nicht weiter behelligte. Weibliche Pädophile haben ein berühmtes Vorbild: Simone de Beauvoir. Die wurde zwar aus dem Schuldienst entlassen, als aufflog, dass sie Schülerinnen zu Sexspielen verführt hatte, ihrer Bedeutung als Ikone der Frauenbewegung hat es aber nicht geschadet.
Die Freiheiten, die sich Frauen herausnehmen und ständig weiter ausbauen, finden ihr Gegenstück in der zunehmenden Unfreiheit der Männer, für die neue Straftatbestände geschaffen werden. Sie stehen unter verschärfter Beobachtung, sie sind nur noch geduldet, als wären sie in einer missgünstigen Frauenwelt auf Freigang, sie dürfen sich nicht die kleinsten Ausrutscher leisten und keinesfalls nachts an einer Bar einer neugierigen Journalistin gegenüber die Worte »Tanzkarte« oder »Dirndl« fallenlassen.
Ein Vater, der in Scheidung lebt, hat nur wenige Möglichkeiten, den Umgang mit seiner dreijährigen Tochter wahrzunehmen. Die nutzt er, so gut er kann. Das Mädchen hat gerade eine Pilzinfektion im Windelbereich; dem Vater wird eine Salbe mitgegeben, mit der er das Kind zweimal täglich einreiben soll. Kurz darauf folgt eine Vorladung beim Jugendamt, der Verein Wildwasser e. V. wirft ihm sexuellen Missbrauch vor.
Eine Beilegung erfolgt in solchen Fällen dann meist außergerichtlich, aber nur, wenn der Verein einen Rückzieher macht und feststellt, dass höchstwahrscheinlich doch kein Missbrauch vorgelegen hat. Das ist beileibe keine Ausnahme; so etwas kommt in Umgangs- und Unterhaltsverfahren derart häufig vor, dass man es den »Salben-Trick« nennt. Solche Tricks, Foulspiele und Verdächtigungen kennzeichnen das gegenwärtige Klima. Junge Männer werden zwar in Kindergärten händeringend als Erzieher gesucht, doch da stehen sie schon mit einem Bein im Gefängnis. Windeln wechseln dürfen sie nur unter Aufsicht.
Die Arbeitsgemeinschaft Wildwasser lehnte es – zumindest in der Anfangsphase – grundsätzlich ab, mit sexuell missbrauchten Jungen zu arbeiten, und verweigerte ihnen jegliche Hilfe. Zu öffentlichen Vorträgen wurde Männern kein Zutritt gewährt, es gab extra Rausschmeißerinnen, die entschlossen eingriffen, wenn sich einer vorgewagt hatte. Das Thema Missbrauch sollte ein Monopol der Frauen bleiben. Frauen beanspruchen, wie es heißt, die »Deutungshoheit«, Jungs sind grundsätzlich keine Opfer, Mütter sind keine Täter. In Werbeanzeigen von Wildwasser heißt es: »Sexueller Missbrauch schadet Mädchen immer.« Jungs kommen in so einer Sichtweise nicht vor.
So schadet man speziell Vätern und Jungs und macht allen Kindern Angst vor Männern. Damit rechtfertigen sich weitere Maßnahmen zur Förderung einer »angstfreien« Sexualität. Doch die Angst vor dem Mann ist maßlos, sie ist so überrissen, dass es keine Rettung mehr gibt. Die Kinder lernen früh, dass alle Männer als potentielle Vergewaltiger und als Verbrecher anzusehen sind.
Da darf ein vierjähriges Kind ausnahmsweise mit dem Scheidungsvater einen Jahrmarkt besuchen. Anschließend trifft beim Jugendamt ein Schreiben ein, das Kind sei verstört gewesen und hätte immer wieder etwas von einem »Würstchen« erzählt, was auf sexuellen Missbrauch schließen lasse. Ein Lehrer sollte eine Schülerin bei einem Wandertag lieber nicht mit Mückencreme einreiben, auch nicht vor Zeugen, es könnte ihn ruinieren. Die Gefahr besteht darin, dass allein die Anwendung der Creme – ohne dass daraus etwas folgt – als Missbrauch gelten kann. Ein Vater, der dabei »erwischt« wird, wie er auf dem Kinderspielplatz die Wollstrumpfhose seiner Tochter zurechtzieht, muss sich, wie Ralf Bönt in Das entehrte Geschlecht berichtet, vor der flugs herbeigerufenen Polizei ausweisen. Kinder – genauer gesagt Mädchen – lernen schon früh, dass die Berührung durch einen Mann traumatische Schäden hinterlassen kann, die sie ein Leben lang begleiten werden und ihnen ein späteres Glück unmöglich machen.
Katharina Rutschky, die zu den reflektierten Stimmen unter den Feministen gehört, hat es »den Missbrauch mit dem Missbrauch« genannt. In dem Körpersong hört sich das beispielsweise so an: »Mein Körper, der gehört mir allein, / Du bestimmst über dein’ und ich über mein’. / Wenn ich berührt werde, weiß ich, wie’s mir geht!/ Mein Gefühl, das ist echt!/ Mein Gefühl hat immer Recht.« Kinder sollen mit solchen Liedern spielerisch lernen, dass sie ein »Ja-Gefühl« und ein »Nein-Gefühl« haben. Sollten sie jemals ein Nein-Gefühl verspüren, dann, so erklären es die dem Song beigefügten Materialien des Donna-Vita-Verlages mit dem Titel Mein Körper gehört mir, liegt ein Fall von sexuellem Missbrauch vor. Das Gefühl des Kindes entscheidet.
Damit wird eine primitive Schwarz-Weiß-Sicht auf die hochkomplizierte, sich erst entwickelnde Gefühlswelt des Kindes übertragen, als gäbe es keine Ambivalenzen, kein Vorher und kein Nachher. Als gäbe es nicht etwas, was einem zuerst nicht schmeckt, was man aber nachher umso lieber mag, und als gäbe es nichts, was gut schmeckt, aber in Wirklichkeit giftig ist. Damit wird dem Kind eine eigene Entwicklung, eine allmähliche »Bildung« der Gefühle abgesprochen – früher sprach man sogar von »Herzensbildung«. Die Entwicklung der Sexualität eines Kindes, die noch nicht angefangen hat, wird behandelt, als wäre sie bereits abgeschlossen.
Woher kommen die Gefühle? Aus dem Inneren.
Und woher kommt die Bewertung der Gefühle?
»Mein Gefühl hat immer Recht!«, heißt es in dem Lied, doch auch Lustmörder haben Gefühle. Was Recht ist und was nicht, kann ein Kind nicht aus dem »Bauch heraus« entscheiden, wie es neuerdings die Fernsehkommissarinnen tun und Kandidaten bei Wer wird Millionär?.
Die Entscheidung ist sowieso schon gefallen. Das Kind hat gelernt, dass es ein Nein-Gefühl haben soll – ja, haben muss –, und unser Beispielkind mit der rutschenden Wollstrumpfhose wird demnächst auch eins haben, wenn es sich erinnert, dass nach der letzten Berührung durch den Vater die Polizei anrückte.
Aus der heilen Welt ist eine geile Welt geworden. Eine böse, geile Welt. Die vielfältigen Maßnahmen gegen sexuelle Gewalt und gegen Missbrauch – wie die vom Donna-Vita-Verlag – haben ein Nein-Gefühl zunächst herausgekitzelt, dann aufgeblasen und in vielen Fällen überhaupt erst erschaffen. Nun herrscht der Horror einer ständigen Bedrohung durch männliche Sexualität. Das will die Mikado-Studie der Uni Regensburg genauer erforschen. Sie richtete an Acht- und Neuntklässler Fragen wie diese: »Hat dich jemals jemand dazu gedrängt, seinen Penis oder den einer anderen Person in den Mund zu nehmen?« »Wurdest du jemals von einer anderen Person zur Prostitution (Sex gegen Geld) gezwungen?« Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend stellt für solche Erhebungen Millionenbeträge zur Verfügung und belohnt Mädchen, die mit ja antworten, mit Aufmerksamkeit; sich selbst belohnt es mit der Einbildung, dass seine Politik richtig sei.
Das Ja-Gefühl ist eine Falle. Das musste nicht nur der Junge aus Erfurt erleben. Ein Ja darf gar nicht sein, weil es ein Ja zum Missbrauch wäre. Auch Päderasten sollten sich nicht auf das Jawort eines Kindes berufen dürfen. Sie versuchen es nichtsdestoweniger. Vielleicht werden sie bald Erfolg damit haben, denn ein Kind soll neuerdings ein »Recht auf Sexualität« geltend machen dürfen, und wenn das Kind »selbst« bestimmt und die »Gefühle« immer »Recht« haben, dann ist die Tür zur Legalisierung von Sex mit Kindern geöffnet.
Kindern bleibt ein Ausweg aus der Zwickmühle: Das Ja zur gleichgeschlechtlichen Liebe. Was sie an »Vielfalt« akzeptieren sollen, ist nicht viel, sondern wenig. Akzeptieren soll ein Kind nicht etwa eine verlockende Vielfalt, sondern die speziell empfohlene Homosexualität, die den Vorteil hat, dass sie frei ist vom Missbrauchsverdacht. Da lernt ein Junge in der siebenten Klasse, wie man ein Kondom benutzt, und der Lehrer sagt dazu – es folgt eine Szene aus dem richtigen Leben von heute mit echten Kindern –: »Und dann ab damit in den Popo!«
Für Mädchen lautet die Lösung: lesbisch werden. Die Vagina-Monologe der Theaterautorin Eve Ensler wurden am V-Day (V wie Vagina, wie Victory Over Violence und wie Valentinstag), dem Aktionstag gegen Gewalt, im Europaparlament vorgetragen – um Zeichen zu setzen. Eines der Zeichen, das in einer Szene aus den Monologen gesetzt wird, sieht so aus: Ein junges Mädchen wird von einer älteren Frau zum lesbischen Sex verführt. Anschließend wird ihm erklärt, dass es keine Vergewaltigung war.
So ist es korrekt. Aber es müssen alle mitmachen. Wenn Eltern nicht mitmachen wollen und ihre Kinder vom Sexualkundeunterricht fernhalten, droht ihnen – zumindest in einigen Bundesländern – Erzwingungshaft. So wird die behauptete »Zwangsidentität«, der wir angeblich unterliegen, mit echtem Zwang abgeschafft. Dann haben wir tatsächlich eine Zwangsidentität.
Blutige Experten
Beim Thema Sex wird gelogen. Da fragt man Frauen und Männer, ob sie schon mal fremdgegangen sind, und stellt fest, dass es so viel mehr Männer als Frauen sind, die einen Seitensprung zugeben, dass da schon rein statistisch etwas nicht stimmen kann. Dann gibt es eine zweite Fragerunde, diesmal – so behauptet man jedenfalls – mit einem Lügendetektor. Schon tun es Frauen und Männer etwa gleich oft.
Auch im Krieg wird gelogen. Wir haben es heute mit einem besonderen Krieg zu tun – dem Geschlechterkrieg. Da wird gelogen wie in anderen Kriegen auch. Und wie in der Politik. Verdeckte Foulspiele, kleinere und größere Gesetzesübertretungen gehören schon beim normalen Politikbetrieb zum Tagesgeschäft. Für feministische Aktivisten, die außerhalb der »männlichen Logik« unterwegs sind, ist es ein selbstverständlicher Teil ihres Tuns, mit Übertreibungen, Halbwahrheiten und mit künstlichen Aufgeregtheiten zu operieren, die sie für zutiefst berechtigt halten, solange alles dem »guten Zweck« dient.
Was als guter Zweck gilt, geht aus den fünf Punkten hervor, in denen Dale O’Leary die Forderungen der Pekinger Weltfrauenkonferenz zusammengefasst hat. Wir sollten uns nicht täuschen und in dieser Frage etwa einen Streit zwischen konservativen und fortschrittlichen Kräften erwarten. Sie streiten nicht, sie sind sich einig. Der Konsens umfasst alle, er geht über Partei- und Landesgrenzen hinweg. Es ist eines der Kennzeichen totalitärer Regime, dass sie, wie uns Hannah Arendt erklärt, die Frage, ob sie links oder rechts sind, unbedeutend machen.
Für die Konservativen ist das Mitschwimmen mit der Gender-Agenda eine Frage des Machterhalts, für alte Linke und neue Grüne Voraussetzung für die Erfüllung eines Traums aus einer ganz frühen Phase der russischen Revolution – des Traums von Wilhelm Reich, dem »Vater der sexuellen Revolution«. Er war nicht der einzige Träumer. Auch Georg Lukács, ein Vordenker der Frankfurter Schule, der vor allem als Literaturkritiker bekannt wurde, hatte, als er stellvertretender Volkskommissar für Unterrichtswesen der ungarischen Räterepublik war, ein Programm der freien Liebe eingeführt.
Das ist wenig bekannt.
Umso bekannter ist das Schlagwort von der »antiautoritären Erziehung«, das zum Grundbestand der 68er Ideale gehört und schon deshalb großen Widerhall fand, weil man in dem »autoritären Charakter«, wie ihn Erich Fromm beschrieb, genau den Typus erkannte, der für Fremdenhass, Kadavergehorsam und letztlich für den Krieg verantwortlich war. Wenn man der Entstehung so eines »Charakters« entgegentrete, so die Folgerung, wehre man den Anfängen und leiste damit einen Beitrag zum Frieden. Diesen Eindruck vermittelte das 1960 erschienene Buch Summerhill: A Radical Approach to Child Rearing. Der britische Pädagoge Alexander S. Neill berichtet darin von Erfahrungen, die er schon in den zwanziger Jahren in der von ihm gegründeten Privatschule Summerhill gemacht hatte – einer Schule, die auf Kinder mit Verhaltensproblemen spezialisiert war.
Neill war ein Freund von Wilhelm Reich, der wiederum seinen Sohn Peter zu ihm auf die Schule schickte. Obwohl Neill mit dem Ausdruck »antiautoritär« nicht in Verbindung gebracht werden wollte, veröffentlichte der Rowohlt Verlag die deutsche Taschenbuchausgabe 1969 unter dem Titel Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung. So neu und provokant sie wirken mochten, die Methoden der sogenannten antiautoritären Erziehung waren alt und schon fast wieder in Vergessenheit geraten.
Unter »antiautoritär« wurde nicht zuletzt »sexuell freizügig« verstanden. Die Sexwelle, die in den sechziger Jahren heranrollte, erfasste nun auch Kinder, und das galt als – politisch gesehen – gut so. Das berühmte Foto aus der Kommune 1 zeigt nackte Männer und Frauen neben nackten Kindern. In Universitätsstädten wurden »Kinderläden« gegründet, die sich – wie Buchläden von Buchhandlungen – vom Kindergarten dadurch unterschieden, dass sie »fortschrittlich« und mehr oder weniger antiautoritär waren. Auch in jungen Familien setzte sich ein »antiautoritärer« Erziehungsstil durch, der den Eltern das Gefühl gab, auf der Höhe der Zeit zu sein, aber eigentlich nur darin bestand, dass man die Kinder machen ließ, was sie wollten.
In manchen der Kinderläden konnten die Kleinen schon bis vier zählen und lernten die Parole: »Eins, zwei, drei, vier. Kommunisten sind wir!« Eine politische Identität wurde ihnen so früh wie möglich eingetrichtert. Eine sexuelle auch. Theorien, die die Themen Sexualität und Marxismus verbanden, wurden abgestaubt und wiederaufgelegt; Hans-Peter Gente gab die Taschenbücher Marxismus Psychoanalyse Sexpol Band 1 und 2 heraus – das Kurzwort Sexpol steht für den von Wilhelm Reich begründeten Reichsverband für proletarische Sexualpolitik, eine Unterorganisation der damaligen KPD. Im Jahre 1970 schrieb Hans-Jochen Gamm, der bekannt war für eine radikal verstandene pädagogische Parteilichkeit, die sich am Marxismus orientiert: »Wir brauchen die sexuelle Stimulierung der Schüler, um die sozialistische Umstrukturierung der Gesellschaft durchzuführen und den Autoritätsgehorsam einschließlich der Kinderliebe zu den Eltern gründlich zu beseitigen.«
Was ist die Grundidee – damals wie heute? Zuerst wird ein Keil zwischen die Generationen getrieben. Die Kinder werden den Eltern entfremdet, um sie dem Staat zu überlassen, dem sie dann schutzlos ausgeliefert sind.
Können wir das hinnehmen?
Wenn wir jemanden an unsere Kinder heranlassen, der sie für »Vielfalt öffnen« will, können wir dann nicht auch erwarten, dass er seinerseits offenlegt, was für Interessen er hat und wie vielfältig diese sind? Wir sollten Aufklärung über die Aufklärer verlangen. Was wollen sie? Wollen sie die Gesellschaft umstürzen? Bisher verbotene Gelüste legalisieren? Wollen sie bei einer Mode mitmachen, weil sie gewohnheitsmäßig allem nachlaufen, was von oben kommt? Oder wollen sie einfach nur die Chance auf mediale Aufmerksamkeit nutzen und sich in Szene setzen?
Dass es nicht um das Wohl der Kinder geht, ist offensichtlich. Johann Friedrich Herbart, Nachfolger auf dem Lehrstuhl von Immanuel Kant, gilt als ein Klassiker der Pädagogik. Er gab zu bedenken, dass wir alles, was wir Kindern antun, erst in deren späterem Alter bemerken werden. Ein kluger Gedanke, der nur auf den ersten Blick den Eindruck erweckt, als bringe die Erziehungswissenschaft lediglich Banalitäten hervor – weil es doch jeder sowieso wisse. Inzwischen sollte es tatsächlich jeder wissen: Schäden, die in früher Kindheit entstehen, zeigen sich erst später und können sich ein Leben lang auswirken. Auch dass die Kindheit »irreversibel« ist, wie Herbart betont, sollte hinreichend bekannt sein. Wir können bei Kindern nicht wie bei einem Computer auf »Neustart« gehen, noch mal von vorn anfangen und kurzerhand alle Dateien, die wir nicht mehr wollen, löschen.
Das heißt in unserem Fall, dass wir das Kindeswohl nicht losgelöst von der späteren Entwicklung beurteilen können. Wer es trotzdem tut, erweist sich als Scharlatan. Studien, die belegen wollen, dass das Kindeswohl nicht gefährdet ist, sind wertlos. Sie können die Problematik überhaupt nicht erfassen, es sei denn, die Forscher wären – wie bei einem Sciencefiction-Film – in eine Zeitmaschine gestiegen und wohlbehalten mit guten Nachrichten zurückgekehrt.
Wir haben es mit »Experten« vom Schlage einer Bettina Wulff zu tun, einer Anna-Maria Philipps oder einer pädagogischen Blindgängerin wie Prof. Dr. Luise F. Pusch, nach deren Vorgaben sich die Anhänger der »geschlechtergerechten« Sprache richten. Sie machte 1991 anlässlich einer Kindergärtnerinnensynode, bei der ausgerechnet sie als »Expertin« geladen war, den Vorschlag, den »Buben« – wie man in Winterthur sagt, wo das Treffen stattfand –, »Wunden« zuzufügen, falls sie sich »frauenfeindlich« zeigen; denn diese »Verletzungen heilen sowieso wieder zu schnell.«
Wir sprechen von einem »blutigen Laien«, wenn jemand keine Ahnung hat. Günther Anders hat vorgeschlagen, lieber von »blutigen Experten« zu sprechen, weil es gerade die Fachidioten seien, an deren Fingern Blut klebe. Nicht alle Experten sind Fachidioten, aber viele sind nützliche Idioten.
Die Deutsche Gesellschaft für Familienplanung, Sexualpädagogik und Sexualberatung – Pro Familia bildet neuerdings Teenager zu sogenannten »Sexperten« aus. Das sind Vierzehn- oder Fünfzehnjährige, die vor Gleichaltrigen über verschiedene Sexualpraktiken referieren und durch ihre jugendlich unbefangene Art dazu beitragen sollen, Hemmungen zu überwinden.
Ein Experte ist heute nicht etwa jemand, der wissenschaftlich arbeitet und sich auf seinem Fachgebiet besondere Qualifikationen erworben hat, er muss vielmehr in der Lage sein, genau den Moment abzupassen, wenn die Politik dabei ist, ein neues Terrain abzustecken, auf dem sie sich ausbreiten will. Der Experte von heute meldet sich immer dann zur Stelle, wenn neue Opfergruppen erfunden werden und nach neuen Maßnahmen gerufen wird. Er gilt als besonders kritisch – und damit als mutig und glaubwürdig –, wenn er im großen Stil Vorwürfe gegen die gesamte Gesellschaft erhebt und ihr ein schändliches Versagen vorhält, das nicht länger zu ertragen sei. Zum »Beweis« werden dann Betroffene präsentiert, die sich aber oft nicht gut genug darstellen und ihre Nöte nicht richtig formulieren können. Dafür gibt es dann die Experten, die sich dadurch ausweisen, dass sie mit Begriffen, die wir noch nie gehört haben, auftrumpfen und neue Abkürzungen in die Welt setzen – wie LSBTTIQ.
Was ist das?
Es ist ein überparteilicher und weltanschaulich nicht gebundener Zusammenschluss von lesbisch-schwul-bisexuell-transsexuell-transgender-intersexuellen und »queeren« Gruppen, Vereinen und Initiativen, LSBTTIQ also. Die Buchstabenkombination erinnert an Zungenbrecher, wie sie Kinder mögen; der Volksmund spricht sie »Lesbo-Titti-Kuh« aus. Um diese Kuh wird bei der Durchführung der »Bildungsplanreform 2015« in Baden-Württemberg ein Tanz veranstaltet, als wäre es der Tanz um das Goldene Kalb: Alles dreht sich um die Lesbo-Titti-Kuh, deren Interessen fächerübergreifend berücksichtigt werden sollen. In Zukunft sollen Lehrkräfte die Schüler an eine neue Sexualethik heranführen, in der sämtliche LSBTTIQ-Lebensstile ohne ethische Beurteilung als gleichermaßen erstrebenswert hingestellt werden. Alle Varianten der Sexualität werden dadurch als neue Norm angesehen und der Ehe zwischen Mann und Frau gleichgestellt.
Solche Initiativen sollte man nicht leichtfertig als »Lobby-Gruppen« bezeichnen. Sie halten sich nämlich gar nicht erst in der Lobby – also im Vorraum – auf, wo sie darauf warten müssten, irgendwann vorgelassen zu werden. Sie haben längst in der guten Stube der Politik Platz genommen. Sie sind die neuen Günstlinge, die es geschafft haben, die Gunst der Stunde zu nutzen.
Es hat sich in zweierlei Hinsicht eine »Verantwortungslücke« aufgetan. Zum einen gibt es keine Personen, die Verantwortung übernehmen könnten. Zum anderen erlaubt der Faktor Zeit, auf den Herbart hingewiesen hat, unverantwortliches Handeln. Man kann also in unserem Fall nicht sagen, dass irgendjemandem »die Zeit davonläuft«, vielmehr erlaubt die Zeit allen Tätern und Mittätern davonzulaufen. Erst mitlaufen, dann weglaufen – so machen es die, die es nachher nicht gewesen sein wollen. Wann sollte denn auch der richtige Zeitpunkt für eine kritische Überprüfung der Maßnahmen zur sexuellen Verfügbarmachung der Kinder sein? Wen sollte man dann für die seelischen Verwundungen verantwortlich machen?
Verantwortungslücken sind brandgefährlich; denn sie erlauben, wie es Günther Anders nennt, die »Möglichkeit zur unbestraften Unmenschlichkeit«, sie locken speziell Leute an, die so eine Chance nutzen wollen, um das auszuleben, was ihnen sonst untersagt wäre. »Schwärmer, wie bist du getäuscht, nimmst du die Menschen für gut!«, sagt Goethe in einer Zeile aus den Xenien.
Das Gute ist nicht selbstverständlich.
Das Böse schon. Es gibt einen Bodensatz von Feindseligkeit in jeder Beziehung, der durch besondere Umstände aktiviert werden könnte. Darauf hinzuweisen ist banal und müßig. Um das Schlechte und Böse zu vermeiden, müssen Verantwortungslücken sorgsam beobachtet und nach Möglichkeit geschlossen werden. An die neuen »Aufklärer« und »Befreier«, die oft selber keine Kinder haben und sich fremden Kindern zuwenden, müssen wir besonders hohe Ansprüche stellen, wenn uns das Kindeswohl etwas wert ist.
Ist es das? Den meisten Eltern gewiss, aber im Streitfall ist es ein Muster ohne Wert. Jugendämter und Gerichte agieren in einem unübersichtlichen Verschiebebahnhof von Zuständigkeiten: Da treten selbstgerechte Vereine und Interessengruppen auf, gelangweilte Richter (die sich hinter Gutachtern verstecken), teure Gutachter (die sich hinter Richtern verstecken), überforderte Prozessbegleiter (die sowieso nicht zuständig sind) und angeberische Rechtsanwälte (die ihr eigenes Geld verdienen wollen). Wenn ein Kind bei diesem grausamen Schauspiel den Eindruck hat, dass alle aus Eigeninteresse über seinen Kopf hinwegreden, dann trügt er nicht.
Das Kindeswohl ist in diesem Drama so etwas wie ein Joker und eine Karo Sieben zugleich. Einerseits sticht die Karte bei Familienstreitigkeiten, andererseits ist sie nichts wert. Familienrichter wissen, dass sie über das Kindeswohl substantiell nichts wissen können. Sie müssten eigentlich im Zweifel stets im Interesse der Kinder handeln und möglichen Schaden von ihnen abhalten. Doch gerade das tun sie nicht. Sie wissen, dass Scheidungen einem Kind Wunden zufügen; sie wissen, dass die Ausgrenzung eines Elternteils das Kind quält. Sie wissen, dass Prozessverzögerungen dem Kind schaden – und sie wissen, dass es letztlich um Geld geht.
Auch für die von der Politik abhängigen »Wissenschaftler«, »Experten« und Verfasser von Expertisen ist das Kindeswohl terra incognita. Es wird nicht einmal eine vorläufige Bestandsaufnahme gemacht. Wenn einzelne Studien bekannt werden, die das Elend dokumentieren, werden sie ignoriert. Wer wissen will, wie es Scheidungskindern geht und wie sich Kukkuckskinder fühlen, muss sich an Selbsthilfeorganisationen und private Initiativen wenden. Die Politik beschränkt sich darauf, Schaden anzurichten. Würde sie ihn zur Kenntnis nehmen, dürfte sie nicht mehr so weitermachen.
Ginge es nach dem Willen der Politik, dürften Kinder bei der Non-Stop-Sex-Party der Erwachsenen mitmachen, wenn sie auf ihre Kindheit verzichten, wenn sie sich sexualisieren und schon im Kindergarten auf ein »vielfältiges« Sexleben vorbereiten lassen. Neuerdings wird behauptet, Kinder hätten ein »Recht« auf Sexualität, es wird aber »vergessen«, dass sie zunächst einmal ein Recht auf Identität haben, ein Recht darauf zu wissen, wer der Vater ist.
Es wird so getan, als gäbe es die seriösen Forschungen zu dem Thema nicht mehr und als könnte man alles über Bord werfen, was Pädagogik und Psychologie hervorgebracht haben, alles, was man an Lehren aus der literarischen Überlieferung und der Geschichte – und aus den Erfahrungen unserer Eltern – ziehen könnte. Als könnten wir unser Schiff noch ein Weilchen vor dem Sinken bewahren, indem wir es leichter machen.
Vorwärts in die Vergangenheit
Der Mensch ist ein sehr fragiles Lebewesen. Es gab Zeiten, da erreichten achtzig Prozent der Kinder nicht das zwölfte Lebensjahr, bis zum Ende des 18. Jahrhunderts schaffte nur jedes zweite Kind das fünfte. Michel Montaigne sagt von sich, er wisse gar nicht, wie viele Kinder er hatte, er wisse nur, dass sie alle jung gestorben seien. Das mag roh und kaltherzig klingen, als hätten die Menschen in grauer Vorzeit nur eine geringe Wertschätzung für Kinder gehabt. Doch wir müssen bedenken, dass es sich die Menschen nicht leisten konnten, eine Anhänglichkeit zu einem Neugeborenen zu entwickeln, wie wir sie heute kennen, weil die Kindersterblichkeit enorm hoch war. Es war eine evolutionsbiologische Notwendigkeit, dass sich der Mensch gegen seine Zuneigung und Begeisterung für das Kind immunisieren konnte.
Das ist heute anders. Die Kindersterblichkeit ist – zumindest auf den ersten Blick – niedrig. Doch die Abtreibungszahlen sind hoch. Und im Rahmen der Präimplantationsdiagnostik kommt es über die Selektion von Embryonen (nach der künstlichen Befruchtung) zu einer neuen Form von Kindersterblichkeit, der Embryonensterblichkeit.
Es lohnte sich früher nicht, Kinder unter allen Umständen am Leben zu halten oder sich wenigstens um ihr Seelenheil zu kümmern. Manchmal aber doch. Bei dem kleinen Antonio Vivaldi, der sehr schwächlich wirkte, wurde eine Nottaufe vorgenommen, weil man fürchten musste, dass er gleich sterben würde, was er glücklicherweise nicht tat. Leopold Mozart wird gelegentlich vorgeworfen, seine Kinder viel zu großen Belastungen ausgesetzt zu haben, indem er sie auf gefährliche Reisen mitnahm. Doch er war überzeugt, das unbedingt tun zu müssen, weil Gott ihm diese Talente geschenkt hatte, die er nicht für sich behalten durfte. Er musste schon deshalb den kleinen Wolferl und das Nannerl so schnell wie möglich in der großen weiten Welt vorführen, weil beide, wie er fürchtete, nicht lange zu leben haben würden. Damals gab es schon so etwas wie eine Sensationspresse mit Meldungen über Wunderkinder, die alle früh verstarben.
Aus dieser Überlegung heraus kam auch die Kritik am Verhalten von Vater Mozart. Dass man Kinder »lieben«, wie es Voltaire und andere Aufklärer seinerzeit forderten, dass man ihnen ihr Leben auf Erden gönnen solle und sie schonen müsse, weil ihre Zeit womöglich nicht lange währte, das waren ungewohnte Töne. Es war nicht selbstverständlich.
Es gab in der Geschichte immer wieder Zeiten, in denen nicht zu viele, sondern zu wenige Kinder geboren wurden. Schon bei den Griechen gab es solche Phasen. Etwa 150 v. Chr. mussten sie fürchten, dass Griechenland sich abschafft, wie man in Analogie zum Titel von Thilo Sarrazins Buch Deutschland schafft sich ab sagen könnte. Der Geschichtsschreiber Polybios sieht in seinen Historien die Ursache für das damalige Elend, das er mit ansehen musste, im Rückgang der Geburtenraten, weil »die Menschen keine Lust mehr zum Heiraten haben«. Kinder hatten keinen Wert mehr. Sie wurden in Jauchegruben geworfen und auf Misthaufen ausgesetzt.
Heute werden Kinder in den Mikrowellenherd oder in eine Tiefkühltruhe gesteckt. Meldungen dieser Art schaffen es gelegentlich auf die Titelseiten der Sensationspresse. »Früher dachte ich, das sind Einzelfälle«, sagte der Berliner Rechtsmediziner Michael Tsokos. Doch über die Jahre sah er sich immer wieder mit unvorstellbaren Grausamkeiten konfrontiert, die er in dem Buch Deutschland misshandelt seine Kinder (2014) schildert, das er mit Saskia Guddat zusammengestellt hat. Da wird von Müttern berichtet, die Kleinkinder auf heiße Herdplatten oder in Badewannen mit kochend heißem Wasser setzen, und von Vätern, die ihre Kinder ins Koma prügeln. Pro Woche sterben in Deutschland drei Kinder durch Quälerei und Gewalt. Der Präsident des Bundeskriminalamtes Jörg Ziercke spricht davon, dass in Deutschland jeden zweiten Tag ein Kind Opfer eines Tötungsdeliktes wird.
Hier gibt sich der »Krieg gegen das Kind« in seiner grausamsten Form zu erkennen.
Die öffentliche Aufregung darüber hält sich in Grenzen. Auf der Internetseite Deutsches Dokumentationszentrum weiblicher Gewalt werden solche Fälle seit dem Jahre 2003 gesammelt. Der Name klingt, als wäre es eine offizielle Seite – so ist es nicht. Die Seite wurde von einer Privatinitiative erstellt, und die Betreiber weisen extra darauf hin, dass sie nicht vom Bundesministerium gefördert werden. Das ist nicht überraschend: Sie geben die Schuld an dem grausamen Geschehen nicht ausschließlich den Männern, sie klagen ebenfalls die Frauen an.
So vermitteln es uns die Politiker und die Medien nicht. Wenn bei uns jemals zwischen Prominentenklatsch und Katastrophenmeldungen aus fernen Ländern über dieses Thema berichtet wird, dann stets so, dass Frauen dabei in Schutz genommen und selbst aus überführten Täterinnen Opfer gemacht werden: »Wie einsam muss eine Frau sein, die heimlich ein Kind zur Welt bringt, es tötet und im Keller versteckt, um kurz darauf wieder neben ihrem Mann vor dem Fern seher zu sitzen? Wie blind muss ein Partner sein, wenn er die Schwangerschaft nicht bemerkt?«, fragt der Spiegel, der in derselben Ausgabe berichtet, dass die Zahl der Kindstötungen seit dem Jahre 2010 um zwanzig Prozent gestiegen ist.
Wenn es um die Bestrafung von Frauen geht, wird eher Rücksicht genommen als bei Männern. Es wird sogar eine generelle Straffreiheit für Frauen diskutiert. Neuerdings wird gefordert, dass Abtreibungen noch im neunten Monat legal sein sollen – selbst nach der Geburt noch, was nichts anderes wäre als Kindstötung. Ausgelöst wurde die Debatte darüber durch einen Artikel des Medizinethikers (!) Alberto Giubilini und der Philosophin Francesca Minerva: After-birth-abortion: Why should the baby live? aus dem Jahre 2012. Frauen sollen entschuldigt werden. Sie sollen sich nicht vor dem Gesetz fürchten. Auch nicht vor einer moralischen Verurteilung. Sie sollen sich vor niemandem verantworten müssen. Auch nicht vor ihrem Gewissen. Auch nicht vor Gott.
»I AM GOD« stand auf der entblößten Brust einer Femen-Aktivistin zu lesen, die sich im Kölner Dom in Szene setzte. Die Frau sieht sich also als Gott. Doch sie ist es nicht, sie beansprucht lediglich einen Tyrannen-Status. Tyrannen können Todesurteile aussprechen. Es ist jedoch nicht so, wie man gemeinhin sagt, dass sie über »Leben und Tod« entscheiden können. Sie können nur über den Tod entscheiden. Nicht über das Leben. Sie können Leben zerstören, aber nicht erschaffen.
Wie konnte es zu solchen schamlosen Selbstüberhebungen und Kaltherzigkeiten gegenüber Kindern kommen?
Ist womöglich das Kinderkriegen eine Herausforderung, die mehr gefürchtet als ersehnt wird? Ist es etwa so, dass in Zeiten, in denen es den Menschen relativ gut geht und sie das Gefühl haben, sie hätten ein Niveau erreicht, das sich nicht mehr steigern lasse, der Nachwuchs vernachlässigt wird? Wird das Kinderkriegen in dem Moment als gefährlich und werden Kinder als lästig empfunden, wenn die Gesellschaft im Luxus lebt und meint, auf solche Risiken verzichten zu können? Wenn man zurückblickt, scheint es gar, als hätten Menschen eine Art Kippschalter und könnten von Kinderliebe, die bis zur Selbstaufopferung reicht, problemlos auf Gleichgültigkeit und Taubheit gegenüber Kindern umschalten, deren sie sich dann ohne Gewissensbisse entledigen können.
Wir vergessen leicht, dass das Gebären und die Mühe, ein Kind wenigstens über die ersten Runden des Lebens zu bringen, im wahrsten Sinne des Wortes eine Lebensaufgabe war. Im Mittelalter gab es Frauen, die nur selten oder fast gar nicht ihre Periode hatten, weil sie ständig schwanger waren oder gerade stillten. Oft haben nicht nur Kinder, sondern auch ihre Mütter die Geburt nicht überlebt. Es verstarben derartig viele dabei, dass man das Kindbett als »Schlachtfeld der Frauen«, auf dem sie den »Heldentod« starben, bezeichnet hat. Nur in Ausnahmefällen blieb Frauen Zeit für anderes, als zu gebären und Kinder aufzuziehen.
Aus feministischer Sicht erscheint diese Situation als eine einzige Unterdrückung. Es wird unterstellt, dass eine Verschwörung von Männern selbst den hochbegabten Frauen grundsätzlich eine »faire Teilhabe« am gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Leben verwehrt hätte. Aber warum hätten Männer so etwas tun sollen? Es war das Leben selbst, das lebensbedrohlich war, und es war die Weitergabe des Lebens, die Frauen vollständig in Beschlag nahm. Die feministische Sichtweise macht da aus einem malum naturale ein malum morale und macht den Mann pauschal für etwas verantwortlich, was in der Natur (die man leugnet) liegt und nicht im Einflussbereich der Männer (die man als allmächtig imaginiert).
Die noble Venezianerin Modesta Fonte, die wir als sehr frühe – möglicherweise erste – Stimme der querelle des femmes kennen, konnte sehr wohl ein Buch schreiben und sich am geistigen Leben der Stadt beteiligen. Niemand verwehrte ihr das (sie sperrte allerdings ihrerseits Männer aus ihrem Colloquium aus). Sie starb im Jahre 1592 an Komplikationen nach der Geburt ihres vierten Kindes. Für die streitbare Ur-Feministin war – wie für andere Frauen auch – das Kinderkriegen eine Selbstverständlichkeit. Und es war lebensgefährlich.
Wie empfindet eine Frau das Wunder und den Schrecken der Geburt? Eine eindrucksvolle Beschreibung finden wir an einer Stelle, an der wir es nicht erwarten. Maria Montessori fügt in ihrem Buch Kinder sind anders ein kleines »Biologisches Zwischenspiel« ein. Es ist kursiv gesetzt, also auch optisch herausgehoben. Damit ändert sie die Tonlage, in der ihr Buch sonst gehalten ist, als würde sie beiseite treten und plötzlich an einem ganz anderen Buch schreiben. Es muss für sie eine dramatische Situation gewesen sein, weil es um die Geburt ihres eigenen, unehelichen Kindes ging, das sie lange verheimlicht hat. »Von einem Menschen habe ich gehört, der in der Stille gelebt hatte«, schreibt sie. Schließlich kommt dieser Mensch in einem gewaltigen Kraftakt auf die Welt und »stößt einen lauten Schrei aus«. Und was hört die Mutter aus diesem Schrei heraus?
Der Mensch ruft: »Warum hast du mich verlassen?«
Die ersten Worte des Menschen sind zugleich die letzten Worte Jesu. »Und das ist das erste Mal, dass der Mensch in seinem Dasein den sterbenden Christus wie auch den Christus der Auferstehung widerspiegelt.«
Es scheint eine dünne Trennwand zwischen Leben und Tod zu geben. Wenn wir uns den Vorgang der Geburt als riskante Reise vorstellen, auf der man verschiedene Hindernisse überwinden muss, dann ist mindestens eines dabei, das lebensgefährlich ist. Lebenslust und Todeskult berühren einander, und es scheint im Grenzverlauf undichte Stellen zu geben. Bei einer Geburt reicht eine Frau dem Tod den kleinen Finger, und die Nähe zum Schöpfungsgeheimnis ist gleichzeitig eine Begegnung mit dem Mysterium des Todes. Wenn man religiös ist, wie es Maria Montessori war, kann man darin eine Gnade Gottes sehen, eine Nähe zum Schöpfer, die den Frauen gewährt ist und die ihnen ein einmaliges Glück verschaffen kann, das allerdings mit einem existentiellen Risiko verbunden ist und Menschen zu Dankbarkeit und Demut bringt. So erklärt sich auch die Schutzbedürftigkeit der Frau, die zu der Bezeichnung »schwaches Geschlecht« geführt hat, und so erklärt sich ihre Angst. Sie bestimmt das Verhältnis zum Kind. Daran ändern auch die neue Medizin und der Feminismus nichts.
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