Kitabı oku: «Spanische Lexikologie»

Yazı tipi:

Bernhard Pöll

Spanische Lexikologie

2., überarbeitete und erweiterte Auflage

A. Francke Verlag Tübingen

[bad img format]

© 2018 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

www.francke.de • info@francke.de

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

E-Book-Produktion: pagina GmbH, Tübingen

ePub-ISBN 978-3-8233-0105-9

Inhalt

  Vorwort

 1 Lexikologie – eine Disziplin mit unscharfen Rändern1.1 Der Gegenstandsbereich der Lexikologie1.2 Exkurs: Zum Begriff des mentalen Lexikons1.3 Zusammenfassung und Vorausschau auf die folgenden Kapitel

 2 Die Einheiten des Wortschatzes2.1 Wörter und Lexeme2.2 Komplexe und mehrgliedrige Lexeme: Phraseologie2.3 Satzwertige Phraseologismen und Sprichwörter

 3 Zur Formseite des Wortschatzes: Wörter und ihr innerer Aufbau3.1 Allgemeines3.2 Grundbegriffe: Morphem, Allomorph, Basis etc.3.2.1 Konstituentenanalyse: ausgewählte Beispiele3.2.2 Typen von Morphemen3.3 Verfahren der Wortbildung3.3.1 Derivation3.3.2 Komposition3.3.3 Andere Verfahren3.3.4 Produktivität, Aktivität, Blockierungen3.4 Wortfamilien3.5 Zusammenfassung: Formelemente des Lexikons

 4 Die Inhaltsseite des Lexikons4.1 Semasiologie, Onomasiologie, Semantik4.2 Was ist eigentlich Bedeutung?4.3 Strukturalistische Bedeutungsbeschreibung (“strukturelle Semantik”, “Lexematik”)4.4 Prototypensemantik4.5 Paradigmatik4.5.1 Wortfeld4.5.2 Hyponymie und Hyperonymie4.5.3 Synonymie4.5.4 Antonymie4.5.5 Polysemie und Homonymie4.6 Syntagmatik4.6.1 Lexikalische Solidaritäten4.6.2 Eingeschränkte Kombinatorik: Kollokationen, lexikalische Funktionen, Funktionsverbgefüge und Verwandtes

 5 Zur diasystematischen Schichtung / Struktur des spanischen Wortschatzes5.1 Historische Schichtung5.2 Diaphasische, diastratische und diamesische Variation5.3 Diatopische Variation

 6 Wörter und Wortschätze im Vergleich: Kontrastive Lexikologie6.1 Grundlegendes6.2 Methodischer Ausgangspunkt: das tertium comparationis6.3 Typen von Kontrasten6.3.1 Unterschiedlicher Referenzbereich / unterschiedliche semantische Struktur6.3.2 Morphologischer Aufbau und Lexikalisierungsmuster6.3.3 Syntaktische Eigenschaften6.3.4 Unterschiedliche Polysemie6.3.5 Situationsabhängige Eigenschaften und konnotative Unterschiede6.4 Gibt es “lexikalische Lücken”?6.5 Versteckte Kontraste: Falsche Freunde

 7 Lexikologie und ihre anwendungsorientierten Nachbardisziplinen I: Terminologie7.1 Fachsprache und Gemeinsprache7.2 Terminus – Wort – Fachwort7.3 Bildung von Termini und Fachwörtern

 8 Lexikologie und ihre anwendungsorientierten Nachbardisziplinen II: Lexikographie und Metalexikographie8.1 Vorbemerkung8.2 Zum Verhältnis von Lexikologie und Lexikographie8.3 Marksteine der spanischen Lexikographie8.4 Grundkonzepte der Metalexikographie: Bauteile von Wörterbüchern8.4.1 Zur Struktur von Wörterbuchartikeln: die Mikrostruktur8.4.2 Makrostruktur8.5 Arbeitsbereiche der spanischen (Meta-)Lexikographie in Auswahl8.5.1 Phraseologie im Wörterbuch8.5.2 Diatopische Variation im Wörterbuch: zur Lexikographie der Amerikanismen8.5.3 Lernerlexikographie

 9 Bibliographie9.1 Forschungsliteratur9.2 (Sprach-)Wörterbücher9.3 Verzeichnis der Internetadressen

  10 Deutsch-spanisches Glossar

  Verzeichnis der Abkürzungen und Symbole

Vorwort

Seit dem Erscheinen der ersten Auflage dieses Bandes im Jahre 2002 sind 16 Jahre vergangen. Dies machte für die vorliegende Neuauflage vor allem eine bibliographische Aktualisierung notwendig, die sich jedoch auch im Text selbst niederschlägt. An den grundlegenden Zielsetzungen dieses Studienbuches hat sich jedoch nichts geändert: Es richtet sich primär an Studierende, die bereits über sprachwissenschaftliche Grundkenntnisse verfügen, aber mit diesem konkreten Bereich der hispanistischen Sprachwissenschaft bislang nicht oder nur am Rande konfrontiert waren. Es ist für das Selbststudium (z.B. zur Prüfungsvorbereitung) konzipiert, eignet sich aber auch als Begleitlektüre zu einschlägigen (Pro-)Seminaren.

Eine Einführung zu schreiben, ist wohl für jeden Forscher,1 dessen Herz auch für die wissenschaftliche Lehre schlägt, eine Herausforderung, gilt es doch, gesicherte, aber dennoch komplexe Wissensbestände einer Disziplin auf gut verständliche Weise Lesern zu vermitteln, deren Vorkenntnisse nicht immer ganz leicht abzuschätzen sind. Bei jedem Kapitel, bei jedem Abschnitt muss entschieden werden, was banal ist und als bekannt vorausgesetzt werden darf und was die potentiellen Rezipienten nicht wissen (können). Ob mir dieser Spagat immer gelungen ist, mögen meine Leser und Rezensenten entscheiden. Verbesserungsvorschläge sind in jedem Fall willkommen und werden hoffentlich in eine dritte Auflage einfließen können.

Viele haben auf die eine oder andere Weise zur Entstehung dieses Buches beigetragen; nachdrücklich gedankt sei an dieser Stelle Kathrin Heyng vom Gunter Narr Verlag sowie insbesondere Karoline Wurzer, die den Band mit viel Umsicht und Geschick zum Druck vorbereitet hat.

Dass es dieses Buch in der vorliegenden Form überhaupt gibt, geht auf die Initiative von Franz Josef Hausmann zurück (bis 2008 Ordinarius für Angewandte Sprachwissenschaft/Romanistik an der Universität Erlangen). Ohne seine Empfehlung hätte ich wohl nicht die Gelegenheit gehabt, dieses Buch zu schreiben. Es sei ihm daher ganz herzlich gewidmet!

Salzburg, im März 2018 Bernhard Pöll

1 Lexikologie – eine Disziplin mit unscharfen Rändern
1.1 Der Gegenstandsbereich der Lexikologie

In der für die romanistische Linguistik maßgeblichen Romanischen Bibliographie (Online-Datenbank)1 finden sich in der Rubrik “Lexikologie. Etymologie. Lexikographie“ u.a. Arbeiten mit den folgenden Titeln:2

1 “Apuntes sobre lexicocronología española”

2 “Características lexico-semánticas de los verbos prefijados con ‘des-’ en DRAE 1992”

3 “El léxico indígena en el español hablado en Puerto Rico: variables socioculturales.”

Hier geht es – soweit sich dies ohne die genaue Kenntnis dieser Aufsätze sagen lässt – um Fragen der chronologischen Schichtung des spanischen Wortschatzes, um die Spezifika von Verben mit einem bestimmten Präfix wie sie im Wörterbuch der Real Academia Española (DRAE) beschrieben sind, und um die sozial bedingte Verwendung von indigenen Lehnwörtern im gesprochenen Spanisch von Puerto Rico.

In der darauffolgenden Rubrik, die den Titel “Semantik. Pragmatik” trägt, taucht erneut der Aufsatz über die präfigierten Verben im DRAE auf, daneben erscheinen hier aber auch

1 “Apuntaciones críticas sobre el diccionario de Cuervo. A propósito de los artículos fabricar, fácil y facilitar.”

2 “Die Bedeutung von spanisch silla.”

und viele andere mehr.

Zu Recht darf man sich fragen, ob den Verfassern da nicht Fehler unterlaufen sind: Sollte man (4), weil es ja um ein Wörterbuch3 geht, nicht besser unter “Lexikologie. Etymologie. Lexikographie“ eintragen? Gehört (3) nicht in eine ganz andere Kategorie, etwa Soziolinguistik? Hätte es nicht gereicht, (2) nur unter “Lexikologie. Etymologie. Lexikographie“ zu verzeichnen? Hat (5) nicht auch etwas mit Lexikologie zu tun?

Der Fairness halber wird man die Autoren der Bibliographie vom Vorwurf der Schlampigkeit oder des unüberlegten Handelns freisprechen müssen, denn solche Unsicherheiten, Doppelzuordnungen oder Überschneidungen sind symptomatisch für eine sprachwissenschaftliche Subdisziplin, in deren Gegenstandsbereich – dem Wortschatz – letztlich alle Fäden zusammenlaufen: Die Einheiten des Wortschatzes – nennen wir sie vorläufig einmal Wörter – haben Bedeutungen, und diese Bedeutungen bedingen sich oft gegenseitig, sie sind aus kleineren, isolierbaren Einheiten aufgebaut und lassen sich z.B. chronologisch nach ihrem Auftreten ordnen. Darüber hinaus ist ihre Verwendung, ihr Vorkommen in der Rede von vielfältigen u.a. geographischen, sozialen und individuellen Faktoren abhängig. Schließlich sammelt man sie auch mit verschiedenen Zielsetzungen und Ordnungskriterien in Inventaren – es entstehen Wörterbücher. Mit diesen wenigen Zeilen sind nicht einmal ansatzweise die Kernbereiche der Lexikologie beschrieben, im besten Falle haben wir eine Paraphrase der Titel unserer vorhin genannten Aufsätze. Die Ränder bleiben jedenfalls unscharf.

Dass der Aufgabenbereich der Lexikologie nicht ein für allemal fixiert ist, zeigt schon ein oberflächlicher Vergleich der in den letzten Jahrzehnten für verschiedene Einzelsprachen erschienenen Einführungen in die Lexikologie4 und ihrer jeweiligen Konzeptionen:

 WUNDERLI, Peter (1989): Einführung in die französische Lexikologie. Tübingen: Niemeyer.Im Bewusstsein des interdisziplinären Charakters der Lexikologie greift der Autor in verschiedene relevante Bereiche aus: historische Schichtung, Entlehnung, Wortbildung, Translation (verstanden als syntagmatische Ausweichverfahren, um Schwächen der Wortbildung auszugleichen), Semantik (wird hier mit “struktureller Semantik” bzw. “Lexematik” [cf. Kapitel 4.3 dieses Bandes] gleichgesetzt).

 SCHIPPAN, Thea (1992): Lexikologie der deutschen Gegenwartssprache. Tübingen: Niemeyer.Das 306 Seiten starke Werk behandelt sehr umfassend die folgenden Aspekte: Wort als sprachliche Einheit, Wortbildung, lexikalische Bedeutung, lexisch-semantisches System der Sprache (Bedeutungsbeziehungen; unter Einbeziehung psycho- und soziolinguistischer Aspekte), soziale Gliederung des Wortschatzes (mit Terminologie), neuere Entwicklungen im deutschen Wortschatz (Bedeutungswandel, Entlehnungen usw.). Einführende Kapitel versuchen den Gegenstandsbereich der Lexikologie zu umreißen, situieren die Lexikologie gegenüber “Nachbarwissenschaften” und geben allgemeine Informationen zur Schichtung und diatopischen Verbreitung des deutschen Wortschatzes.

 LUTZEIER, Peter Rolf (1995): Lexikologie. Ein Arbeitsbuch. Tübingen: Stauffenburg.Um Formalisierung bemüht, fußt diese hauptsächlich auf das Deutsche abgestellte Einführung ebenfalls auf den Grundgedanken des Strukturalismus. Aspekte wie die kognitive Relevanz der von der Linguistik aufgedeckten lexikalischen Strukturen werden berücksichtigt (Stichwort: mentales Lexikon). Die Perspektive ist dominant synchronisch.

 HALLIDAY, M.A.K./YALLOP, Colin (2007): Lexicology. A Short Introduction. London/New York: Continuum.Der schmale Band beschäftigt sich, ausgehend von Überlegungen zum Wortbegriff, primär mit grundlegenden Fragen der Semantik (denotative Bedeutung, Zusammenhang zwischen Wörtern und der Welt etc.). Überlegungen zu Etymologie, Lexikographie (insbesondere die Geschichte englischer Wörterbücher) und zum Vergleich von Wortschätzen unterschiedlicher Sprachen werden punktuell eingeflochten.

 LEHMANN, Alise/MARTIN-BERTHET, Françoise (42013): Introduction à la lexicologie. Paris: Colin.Den Autorinnen zufolge sind die “domaines constitutifs” der Lexikologie die “sémantique lexicale” (lexikalische Semantik) und die “morphologie lexicale” (Wortbildung). Dem entspricht die Zweiteilung des Buches, wie sie in der Erstauflage (1998) vorgenommen wurde. Spätere Auflagen beinhalten auch ein umfangreiches Kapitel zur Lexikographie des Französischen. Im Bereich der Semantik werden auch neuere Ansätze (Prototypen, Stereotypen) behandelt.

 HARM, Wolfgang (2015): Einführung in die Lexikologie. Darmstadt: WBG.Auf etwas mehr als 160 Seiten werden in diesem germanistisch ausgerichteten Band – wie auch in anderen Werken vom Konzept Wort ausgehend – die Form- und Inhaltsseite des Wortschatzes (Wortbildung und Modelle der Bedeutungsbeschreibung), Sinnrelationen zwischen Wörtern (paradigmatisch und syntagmatisch), die diasystematische Schichtung des Wortschatzes und der lexikalische Wandel sowie die Lexikographie behandelt.

Wir haben vorläufig als Gegenstand der Lexikologie den Wortschatz und seine vielfältigen Strukturierungen genannt. Intuitiv kann sich jeder etwas darunter vorstellen, weil dieser Begriff auch zur Alltagssprache gehört: Man hat einen großen, reichen, kleinen, differenzierten Wortschatz, etwas gehört nicht zu unserem aktiven Wortschatz, manche Wörter gehören überhaupt nicht zu unserem Wortschatz – oder zumindest behaupten das manche, um die Sprachreinheit besorgte Beobachter –, wenn es sich nämlich um Fremdwörter handelt.

Mit dieser alltagssprachlichen Verwendung ist nur ein Teil, wenngleich ein sehr wichtiger, des Interesses der Lexikologie abgedeckt, nämlich der individuelle Sprachbesitz wie er sich in Form von Wörtern und dem damit verbundenen semantischen, phonetisch-phonologischen, syntaktischen und pragmatischen Anwendungswissen manifestiert.

Um die damit nicht beschriebenen Bereiche zu umreißen, kommen wir nicht umhin, einen zusätzlichen, in hohem Maße mehrdeutigen (= polysemen) Begriff einzuführen: Lexikon.

Damit meinen wir

1 in Bezug auf die Sprache: den Wortschatz in Opposition zur Grammatik. Wer z.B. eine Fremdsprache lernt, eignet sich in diesem Sinne einerseits Lexikon und andererseits grammatische Regeln (= Grammatik) an.5

2 in Bezug auf das Individuum: lexikalische Kompetenz im Sinne der Fähigkeit zur Rezeption und Produktion. In der kognitiven Linguistik und in der Psycholinguistik spricht man vom mentalen Lexikon als dem Sitz dieser Kompetenz.

3 im Rahmen einer Sprachtheorie: eine Komponente des Sprachsystems in Form eines Inventars von Einheiten, auf das phonologische und syntaktische Regeln angewandt werden.

4 das konkret vorliegende, aufgrund von im Vorhinein fixierten Kriterien erstellte Inventar, d.h. ein Wörterbuch. Je nach Ausrichtung handelt es sich eher um ein Sprachwörterbuch oder um ein Sachwörterbuch, das Informationen zu den von den Wörtern bezeichneten Sachen angibt (cf. Lutzeier 1999, 16).6

In der weiter unten stehenden Tabelle versuchen wir, diese komplexe terminologische Situation wieder aufzulösen. Was darin als getrennt erscheint, wird in der Praxis jedoch häufig nicht so scharf geschieden.

Lag in der strukturalistisch geprägten Lexikologie das Hauptinteresse auf dem Lexikon 3, so haben sich seit den 1970er Jahren deutliche Verlagerungen ergeben: Die zentralen Bereiche der Lexikologie hängen heute am Lexikon 2 und Lexikon 3. Mit der sog. kognitiven Wende der 1960er und 1970er Jahre trat das mentale Lexikon als Erkenntnisobjekt neben das modelllinguistische Lexikon (= Lexikon 3).


Objektbereich Lexikon 1 (auch: Wortschatz) Lexikon 2 (auch: mentales Lexikon) Lexikon 3 (auch: Lexik) Lexikon 4 (auch: Wörterbuch)
Element Wort (oder größere Einheit, z.B. Redewendung) Wort (oder größere Einheit, z.B. Redewendung) Lexem (und seine Komponenten) Wörterbucheintrag (auch: Lemma)
Reihenfolge bzw. Struktur der Anordnung der Elemente ? theorieabhängig abhängig von Konzeption (alphabetisch, nach Lautung etc.)
Status schriftlich, mündlich mental theoretisch klassifiziert und beschrieben schriflich fixiert, definiert
Rolle des Elements Bestandteil einer Zeichenkette Komponente eines (individuellen) Reservoirs Komponente eines (überindividuellen) Reservoirs Komponente eines Reservoirs
wissenschaftliche Prozeduren Erforschung der Struktur, der Art des Zugriffs usw. Deskription Deskription und/oder Kodifikation
Abhängigkeit des Objektbereiches nach Umfang und Struktur von Lernprozess und Sprachbeherrschung von einer bestimm-ten Sprachtheorie von benutzerabhängigen Zielvorgaben
wissenschaftliche Disziplinen u.a. Sprachdidaktik, Lexikologie Psycho-/Neurolinguistik, kogn. Linguistik, Spracherwerbsforschung, Lexikologie theoretische Lin-guistik, Semantik, Terminologie, Lexikologie Metalexikographie, Lexikographie, Terminographie

1.2 Exkurs: Zum Begriff des mentalen Lexikons

Faktisch liefert das mentale Lexikon – über den Wortschatz, der uns in geschriebenen und gesprochenen Texten entgegentritt – das Material für linguistische Theoriebildung und den Versuch, Strukturen des Wortschatzes (= Lexikon 3) aufzudecken. Die von der Lexikologie entdeckten Strukturen (siehe Kapitel 4) sollten sich im Idealfall mit jenen des mentalen Lexikons decken. Das Fragezeichen in der Tabelle soll andeuten, dass damit eine große Unbekannte angesprochen ist, denn es bleibt trotz unzähliger empirischer Untersuchungen weitgehend eine black box, wenngleich seit vielen Jahren hoher Forschungsaufwand dazu betrieben wird. Die relevanten Disziplinen für die Erforschung des mentalen Lexikons und damit in Zusammenhang stehender Fragen der menschlichen Sprachverarbeitung sind neben der Linguistik i.e.S. vor allem die Psychologie sowie die Psycho- und Neurolinguistik.

Die folgenden Ausführungen gelten heute als einigermaßen gesicherte Erkenntnisse über das mentale Lexikon:

1 Man darf sich das mentale Lexikon als jenen “Teil unseres Langzeitgedächtnisses vorstellen, in dem das Wissen über alle Wörter einer Sprache gespeichert ist” (Schwarz 1992, 70), allerdings sind Konzepte und Wortformen wahrscheinlich getrennt gespeichert. Diese Sicht wird durch zahlreiche Erkenntnisse der Erstspracherwerbsforschung und der Psycho- bzw. Neurolinguistik (z.B. Priming-Experimente, cf. Rummer/Engelkamp 2005) gestützt. So erwerben z.B. Kinder Konzepte von Quantität oder räumlichen Dimensionen, bevor sie sie versprachlichen können. Alltägliche Erscheinungen wie das “tip of the tongue”-Phänomen, bei dem zwar das Konzept, aber nicht die dazugehörige Wortform präsent ist, weisen ebenfalls in diese Richtung. Auch der Umstand, dass wir mental Kategorien bilden, bevor wir sie bezeichnen (können), spricht für eine getrennte Speicherung und Verarbeitung. Daraus ergibt sich, dass die von Saussure postulierte untrennbare Verbindung von signifiant (Ausdruck, Form) und signifié (Inhalt, Bedeutung) eine Idealisierung darstellt, zu der uns die normalerweise problemlos funktionierende Sprachproduktion/ Sprachrezeption verleitet (cf. Börner/Vogel 1997, 1f.). Schließlich dürften aber auch die phonologische und die morphologische Komponente eines Eintrags im mentalen Lexikon getrennt gespeichert sein, wie Ergebnisse der Aphasie-Forschung suggerieren.

2 Das im mentalen Lexikon gespeicherte Wissen hat deklarative und prozedurale Komponenten, m.a.W. es handelt sich einerseits um eine Art Faktenwissen, andererseits um in jedem Fall unbewusstes Handlungswissen (motorische Muster, Artikulationsprogramme usw.), das auf Basis des deklarativen Wissens funktioniert.

3 Neben mehrgliedrigen Einheiten, deren Bedeutung nicht (mehr) transparent ist, also formelhaften Ausdrücken oder idiomatischen Wendungen wie z.B. (dar) carta blanca ‘(jmd.) freie Hand (lassen)’, cada oveja con su pareja ‘gleich und gleich gesellt sich gern’, con su permiso ‘wenn Sie gestatten’ oder (no tener) ni son ni ton ‘weder Hand noch Fuß haben’, sind wahrscheinlich auch zahlreiche transparente und aktuellen syntaktischen Regeln gehorchende Ausdrücke als solche im mentalen Lexikon gespeichert, da sonst flüssiges Sprechen vermutlich nicht möglich wäre (cf. Coulmas 1985). Solche Einheiten dürften (bei Muttersprachlern) in Form von prozeduralem Wissen vorliegen, das konzeptuell aktiviert wird (cf. Möhle 1997, 47f.). Aus der Annahme, dass solche Ausdrücke im mentalen Lexikon gespeichert sind, ergibt sich, dass linguistische Modelle, die eine scharfe Trennung von lexikalischer und grammatikalischer Komponente anstreben, den Prozessen der tatsächlichen Sprachverarbeitung nicht vollständig gerecht werden.

1.3 Zusammenfassung und Vorausschau auf die folgenden Kapitel

Lexikologie ist die Wissenschaft vom Wortschatz und seinen Strukturen. Die Vorstellungen des Begriffs Wortschatz lassen sich im Wesentlichen auf zwei reduzieren:

1 individueller Sprachbesitz, der im mentalen Lexikon gespeichert ist und bei der Sprachproduktion/-rezeption realisiert wird,und

2 kollektives Reservoir lexikalischer Einheiten, das nach verschiedenen Dimensionen gegliedert ist und dessen Strukturen sich unter verschiedenen Gesichtspunkten beschreiben lassen.

Für beide Grundauffassungen wird auch der Begriff Lexik(on) verwendet. Hinsichtlich der möglichen Perspektiven bei der Betrachtung des Lexikons (als kollektivem Reservoir) halten wir für den vorliegenden Band die folgenden fest (cf. auch Lutzeier 2002, Scheppan 2002):

 Die Einheiten des Lexikons stehen in vielfältigen, kognitiv relevanten Beziehungen zueinander. Da diese Beziehungen z.T. mit dem inneren Aufbau der Einheiten zusammenhängen, dürfen Fragen der Morphologie und Wortbildung nicht außer Acht gelassen werden (Kapitel 3).

 Inhaltsmäßige Beziehungen zwischen Wortschatzeinheiten, die auf der syntagmatischen oder der paradigmatischen Ebene angesiedelt sein können, werden im Kapitel 4 behandelt. Dies setzt auch eine grundsätzliche Beschäftigung mit der Frage nach der Bedeutung und ihrer Beschreibung voraus.

 Lexikon als System von Systemen: Der Wortschatz einer Sprache besteht aus Teilwortschätzen, die historisch, sozial und situationsabhängig definiert werden können. Eine Betrachtung unter dem Gesichtspunkt der Diasystematizität verlangt die Behandlung der historischen Schichtung, der Register und Sprachniveaus sowie der Variation im Raum. Diesen Fragen ist das Kapitel 5 gewidmet.

 Einzelsprachspezifische Wortschatzstrukturen werden besonders im Sprachvergleich deutlich; der Forschungsrichtung der kontrastiven Lexikologie und ihren Ergebnissen ist deshalb ein eigenes Kapitel (6) gewidmet.

 Neben dem Alltagswortschatz gibt es auch Fachwortschätze, deren Verwendung situationell und sprechergruppenspezifisch determiniert ist. Als Sonderfall von lexikalischen Einheiten sind Termini und die Systeme, die sie bilden (Terminologien), ein praxisrelevantes Arbeitsfeld lexikologischer Forschung, das im Kapitel 7 skizziert wird.

 Wortschatz wird nicht nur theoretisch klassifiziert, sondern auch zu vielfältigen theoretischen und praktischen Zwecken in Inventaren beschrieben. Die Lexikologie gilt dabei als eine der theoretischen Grundlagen für die Lexikographie (Praxis der Wörterbucherstellung) und die ihr vorgelagerte Metalexikographie (Theorie der Lexikographie) (Kapitel 8).

Zunächst scheint es aber unabdingbar, der Frage nachzugehen, was die Grundeinheiten des Lexikons sind.

2 Die Einheiten des Wortschatzes
2.1 Wörter und Lexeme

Das Wort als intuitiv erkannte Grundeinheit des Wortschatzes hat auch in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung seinen festen Platz, obwohl häufig nicht genau gesagt wird, was damit eigentlich gemeint ist. Wie bei ähnlichen Problemfällen, z.B. Satz, stört das in aller Regel aber nicht.

Fast alle gängigen Definitionen von Wort sind in höchstem Maße problematisch; zu den im Alltag häufigsten zählt „vorne und hinten abgegrenzte Buchstabenfolge“ – eine Definition, die z.B. für den Großteil des Mittelalters nicht gehalten hätte: In der Tat sind mittelalterliche Handschriften häufig ohne jeglichen Zwischenraum geschrieben, und erst mit Änderungen im Rezeptionsverhalten – selbst stumm lesen statt Vorgelesenes rezipieren – geht man von der sog. scriptio continua ab. Ein noch näher liegendes Beispiel ist die „neue“ deutsche Rechtschreibung von 1996, deren Regeln für die Getrennt- bzw. Zusammenschreibung ebenfalls bedeutende Auswirkungen auf die Wortdefinition haben, wenn sie auf graphischen Kriterien beruht.

Die Problematik solcher Kriterien tritt besonders deutlich zutage, wenn man

1 stilistisch oder grammatisch motivierte Schreibvarianten vor sich hat, z.B. quiero decírtelo vs. te lo quiero decir bzw. lo veo vs. viéndolo,

2 zwischensprachlich vergleicht und z.B. feststellen muss, dass ein und dasselbe Konzept in der einen Sprache mit einem graphischen Wort, in der anderen aber mit mehreren graphischen Wörtern ausgedrückt wird, z.B. dt. Zuckerrohr vs. sp. caña de azúcar.

Im ersten Beispiel wären te und lo einmal Teil eines Wortes, ein anderes Mal eigenständige Wörter, in (b) hätten wir im Deutschen nur ein Wort, im Spanischen gleich drei, wenn wir uns ausschließlich auf die Graphie berufen.

Dem graphischen Kriterium widerspricht u.U. eine weitere, häufig ins Spiel gebrachte Definition: „Ein Wort ist eine Einheit zwischen Sprechpausen.“ Mit diesem Merkmal kämen wir im obigen Beispiel caña de azúcar wieder zu einem Wort, da in normaler Sprechweise weder zwischen caña und de, noch zwischen de und azúcar eine Pause zu erwarten ist.

Wieder eine andere Definition sieht vor, dass Wörter minimale freie Formen sind, d.h. auch unabhängig vorkommen können: Leonard Bloomfield baut diese Argumentation in drei Stufen auf: 1. “forms which occur as sentences are free forms”, 2. “a free form which is not a phrase, is a word”, 3. “a word is a minimum free form” (Bloomfield 1933, 177f.). Damit können wir z.B. quiero in der Äußerung quiero decírtelo zweifelsfrei als Wort identifizieren, und diese Sicht deckt sich auch mit unserer Intuition. In anderen Fällen aber würden Einheiten ausgegliedert, die wir intuitiv sehr wohl als Wörter ansehen: Da beispielsweise der Artikel nie allein vorkommt und auch nicht als Satz auftreten kann, wäre er kein Wort, dasselbe gilt etwa auch für Präpositionen, die nie ohne das Element vorkommen, das sie regieren. Anders gesagt, es fallen alle sog. Funktionswörter, deren Leistung darin besteht, Beziehungen zwischen Elementen eines Satzes oder Textes herzustellen, aus der Definition heraus: Artikel, Konjunktionen, (adjektivische) Pronomen.

Das wesentliche und leicht mit unserer Intuition zu vereinbarende Kriterium zur Bestimmung des Wortbegriffs scheint der innere Zusammenhang von Einheiten zu sein. So können wir beispielsweise in dem Satz tienes que formatear el disco duro zwischen el und disco duro problemlos ein attributives Adjektiv, etwa nuevo, einfügen. Auf der darunterliegenden Ebene ist dies nicht mehr möglich: Bricht man Einheiten wie formatear oder disco duro auf, indem man ein Element einschiebt oder Komponenten vertauscht, ist das Ergebnis kein wohlgeformtes, d.h. den Regeln der spanischen Morphologie gehorchendes Produkt mehr. Analog gilt das auch für komplexere Einheiten: *caña azul de azúcar, *caña de mi azúcar usw. In diesen Fällen bleibt die Äußerung zwar prinzipiell interpretierbar (wie?), man kann damit aber wohl kaum mehr auf das Sachobjekt ZUCKERROHR referieren.

Unter Anwendung dieses Kriteriums können wir in dem Mini-Text

[ajkerespetaɾlas'foɾmas 'kujðalas'foɾmasiseɾasrespe'taðo]

problemlos diese elf Wörter wiedererkennen:

Hay que respetar las formas; ¡cuida las formas y serás respetado!

Allerdings werden manche vielleicht sagen, es handle sich nicht um elf Wörter, sondern nur um sieben. Beide Berechnungen sind auf ihre Weise richtig: Wer zum Ergebnis elf kommt, zählt einzelne Wortformen, wer nur auf sieben kommt, fasst jeweils zwei Wortformen zu einer abstrakteren Einheit zusammen, zu einem Lexem.1 Doch auch hinter den anderen Wortformen nehmen wir sinnvollerweise abstrakte Lexeme an.

Um Lexeme zu zitieren, verwendet man bei den flektierbaren Wortarten in der Regel den Infinitiv (beim Verb) bzw. die Form des Singulars2 (Substantive, Adjektive); gelegentlich wird auch nur der Stamm zitiert (z.B. respet-), insbesondere dann, wenn sie unter dem Gesichtspunkt der Wortbildung oder Morphologie betrachtet werden.3 Für Lexem als Basiseinheit des Lexikons verwendet man gelegentlich auch den vom französischen Semantiker Bernard Pottier geprägten Begriff Lexie.

Zusammenfassend können wir festhalten, dass wir es bei Wörtern entweder mit konkreten Wortformen oder abstrakten Lexemen zu tun haben. Wie der Gegensatz zwischen (Allo-)Phon und Phonem beruht auch diese Opposition auf der Saussureschen Dichotomie langue – parole.

2.2 Komplexe und mehrgliedrige Lexeme: Phraseologie

Lexeme können aus mehreren Komponenten oder Formelementen bestehen. Einfache Beispiele dafür sind Komposita, z.B. lavavajillas, fotocopia oder altavoz. Auch abgeleitete Wörter wie bíblico (← biblia), ensayista (← ensayo) oder formalizar (← formal) gehören hierher. Neben diesen komplexen Lexemen gibt es auch Einheiten, die in ihrem Aufbau syntaktischen Regeln gehorchen, ohne allerdings wie Phrasen zu funktionieren. Beispiele wären:

1 saber (algo) a demonios ‘tener (algo) muy mal sabor’

2 como una bala ‘velozmente’

3 (dar) carta blanca ‘(otorgar) plenos poderes’

4 lobo de mar ‘marinero con mucha experiencia’

5 subírsele el pavo ‘ponérsele (a uno) la cara roja a causa de la vergüenza’

6  ¡buenas noches!

Es handelt sich um formelhafte Wendungen, die man v.a. auch als idiomatische Wendungen, Phraseologismen, Phraseolexeme oder Idiome (von engl. idiom) bezeichnet. Im Spanischen spricht man von frases hechas, modos de decir, modismos, unidades fraseológicas usw. Man fasst sie unter den Begriffen Phraseologie oder auch Idiomatik zusammen.1

Phraseologismen sind durch drei je unterschiedlich stark ausgeprägte Grundmerkmale gekennzeichnet (cf. Ruiz 1998, Zuluaga 2012):

 Idiomatizität

Darunter versteht man, dass die Bedeutung der Einheit nicht direkt aus der Bedeutung der Komponenten abgeleitet werden kann. In aller Regel ergibt sich gemäß dem sog. Kompositionalitätsprinzip (auch: Frege-Prinzip) die Bedeutung mehrgliedriger Äußerungen aus den Bedeutungen der Komponenten; man könnte auch sagen, sie ist eine Funktion dieser Einzelbedeutungen. Ausdrücke, in denen keine der Komponenten zur Gesamtbedeutung beiträgt, sind vollidiomatisch. Das oben zitierte Beispiel subírsele el pavo fällt in diese Kategorie. Andere Phraseologismen wie saber a demonios sind teilidiomatisch, weil nicht alle Komponenten umgedeutet sind; saber kommt hier auch in seiner wendungsexternen Bedeutung vor. Faktisch sind vollidiomatische Phraseologismen völlig unmotiviert; vor allem muttersprachliche Sprecher empfinden dies aber anders, weil der idiomatischen Bedeutung u.U. eine für sie einleuchtende und besonders treffende Metapher zugrundeliegt (cf. Burger 1989a, 26). Das kann auch für Phraseologismen gelten, die unikale Elemente enthalten, d.h. solche, die in anderen Kontexten nicht (mehr) vorkommen, z.B. de pe a pa ‘desde el principio hasta el fin’ oder en un santiamén ‘rápidamente, en muy poco tiempo’. Sie müssen ebenfalls als vollidiomatisch aufgefasst werden. Neben der Metapher sind die Metonymie und die Synekdoche die wichtigsten Formen der Bedeutungskonstitution bei Phraseologismen. Auffällig ist dabei, dass es in allen europäischen Sprachen einen Grundstock an gleichen oder zumindest sehr ähnlichen Phraseologismen gibt; in der Regel sind sie nicht polygenetisch entstanden (verschiedene Sprachgemeinschaften greifen zufällig zur selben Metapher), sondern erklären sich aus einer gemeinsamen Bildquelle (z.B. Bibel, Texte der Weltliteratur), die durch Übersetzung an verschiedene Sprachgemeinschaften vermittelt wurde.2

Schließlich sind auch bestimmte, auf den ersten Blick völlig transparent erscheinende, feste Wendungen wie legítima defensa oder saber perder idiomatisch im Sinne von “semantisch nicht ganz regulär”: legítima defensa ist nicht das gleiche wie defensa legítima, und saber perder bedeutet nicht ‘zu wissen, was man tun muss, um zu verlieren’.

 Stabilität

Wie eingangs erwähnt, verhalten sich Phraseologismen, egal ob vollidiomatisch, teilidiomatisch oder nur semantisch leicht irregulär, anders als freie Phrasen; sie sind fixiert. Ihre Festigkeit und Stabilität manifestiert sich in mehrerlei Form:

 Lexikalisch-semantische Fixierung, d.h. die Bedeutung ist an die Realisierung bestimmter Komponenten gebunden: canela fina ‘das Feinste vom Feinen’ vs. *canela delicada; no tener sangre en las venas ‘Fischblut in den Adern haben’ vs. *no tener sangre en las arterias; brillar por su ausencia ‘durch Abwesenheit glänzen’ vs. *resplandecer por su ausencia. Der Austausch von Komponenten, wie hier versuchsweise mit Lexemen ähnlicher Bedeutung, lässt nur mehr eine wörtliche Interpretation als freie Phrase zu.

 Fixierung der Abfolge der Komponenten, was z.B. in den folgenden Paarformeln deutlich wird: sano y salvo vs. *salvo y sano; al fin y al cabo vs. *al cabo y al fin; amigos y enemigos vs. *enemigos y amigos.

 Pragmatische Fixierung: Die sog. pragmatischen Idiome oder Routineformeln (Grußformeln, stereotype Entschuldigungsformeln etc.) sind nicht nur in ihren Komponenten fixiert, sondern auch an bestimmte Situationen gebunden. Ähnliches gilt auch für andere Typen von Phraseologismen, die einen bestimmten Situationskontext verlangen.

 “Transformationelle Defektivität”: Der Begriff, der von Vertretern der Generativen Grammatik geprägt wurde,3 bezeichnet den Umstand, dass Phraseologismen in der Regel Transformationen wie Topikalisierung, Nominalisierung, Expansion und Passivierung nicht unterzogen werden können: pagar el pato (‘etwas ausbaden’) vs. *el pato que pagó, *el pato, no lo ha pagado, *el pago del pato, *pagar el nuevo pato. Da hier in jedem Fall semantisch nicht präsente Elemente manipuliert werden, geht die an die fixe Komponentenabfolge gebundene Bedeutung verloren, sodass die entstehenden Äußerungen nur mehr wörtlich verstanden werden können. Eine andere Form von Nominalisierung, bei der der gesamte Ausdruck manipuliert wird, ist hingegen nicht ausgeschlossen: el hecho de pagar el pato.

Alle genannten Beschränkungen gelten für den normalen Gebrauch ohne spezifische Ausdrucksintentionen wie Ironie, Sprachspiel etc. Wenn eine Komponente eines Phraseologismus vom Sprecher aber mit der Sprechsituation konkret in Verbindung gebracht werden kann (Remotivierung), sind prinzipiell wieder alle Modifikationen möglich: Austausch von Komponenten, Expansion, Umkehr der Abfolge etc. Solche “Verletzungen” der Stabilität von Phraseologismen sind häufig in journalistischen Texten und in der Werbesprache zu beobachten, cf. die folgenden Beispiele (aus Piñel 1997):

Divide y ganarás (Werbung für Grupo Santander; < divide y vencerás)

Deja vivir y vive (Kampagne für Aids-Prävention; < vive y deja vivir)

Las copas claras (Werbung für Marie Brizard; < las cosas claras)

 Lexikalisierung und Reproduzierbarkeit

Unter Lexikalisierung versteht man im Allgemeinen die Aufnahme einer neuen Einheit in das Lexikon. Sie dient wie die Wortbildung und die Entlehnung aus anderen Sprachen der Erweiterung des Begriffs- und Ausdrucksvorrats einer Sprache (cf. dazu Motsch 1983). Der Prozess der Aufnahme einer neuen Einheit geht häufig mit phonologischen und morphologischen Veränderungen einher; bei neuen mehrgliedrigen Einheiten, die ins Lexikon übernommen werden, ist damit immer eine (wenn auch manchmal nur minimale) semantische Veränderung verbunden:

Lexikalisierung ist oft (aber nicht immer) damit verbunden oder davon gefolgt, daß die komplexen Wörter idiosynkratische Eigenschaften annehmen, d.h. formal, semantisch oder phonologisch nicht mehr transparent sind. (Schwarze/Wunderlich 1985, 16)

Im zeitlichen Ablauf kann man sich diesen Prozess etwa so vorstellen: Die semantische Veränderung (Abbildung eines neuen Begriffs) geht dem Eintreten voran, was nachfolgende Bedeutungsentwicklungen aber nicht ausschließt; durch hohe Gebrauchsfrequenz folgen eventuell morphologische und phonologische Modifikationen (Vereinfachungen) – es kommt zu “interne[m] Strukturverlust” (Coulmas 1985, 255). Häufige Beispiele dafür wären Verschiebungen der Flexionsmarkierungen (alta voz > altavoz, pl. altavoces), Akzentverschiebungen ('rica 'dueña > rica'dueña), phonologische Assimilation (agua ardiente > aguardiente), Genuswechsel (una cara dura > un caradura) usw.

Reproduzierbarkeit meint, dass ein Element im konkreten Sprechakt nicht konstruiert, sondern aus dem (mentalen) Lexikon abgerufen wird, wo es als Ganzes gespeichert ist. In der Terminologie von E. Coseriu wird deshalb der Bereich der Phraseologie auch als “wiederholte Rede” bezeichnet (cf. z.B. Thun 1978).

Lexikalisierung zieht oft die Aufnahme in Wörterbücher nach sich. Für komplexe Wortschatzelemente stellt sich dabei die Frage, wie (und wo) sie in traditionell alphabetisch geordnete Wörterbücher integriert werden sollen.4

2.3 Satzwertige Phraseologismen und Sprichwörter

Neben den weiter oben nur kurz angesprochenen pragmatischen Idiomen gehören zur Phraseologie i.w.S. auch satzwertige Phraseologismen. Aus traditioneller Sicht ist ihre Zugehörigkeit zum Lexikon problematisch, da sie nicht auf der Satzebene integriert werden oder in jedem Fall ihre sprachliche Anschließbarkeit geringer ist, cf.

ni hablar del peluquín ‘das kommt gar nicht in Frage’

el mundoV: Stadtname o.ä. es un pañuelo ‘die Welt ist ein Dorf’

Ha pasadoV: pasó un ángel.1

Ein ähnliches Problem ergibt sich mit Sprichwörtern, Sentenzen und sprichwörtlichen Redensarten, dem Gegenstandsbereich der traditionell eng mit der Volkskunde und Literaturwissenschaft verbundenen Parömiologie.

Was ihre Bedeutungsstruktur betrifft, sind natürlich auch sie als nicht kompositionell zu interpretieren. Man muss sich allerdings fragen, ob man sie zum Sprachsystem zählen soll oder ob sie eher Texte sind, die zum kulturellen und sozialen Gemeingut gehören und als solche zitiert werden. Thun (1978, 242) betrachtet sie als “fertige Texte […], die andere kommentieren”. Neben der Funktion des Kommentars haben sie aber auch noch andere illokutionäre Funktionen (z.B. Rat, Vorschlag, etc.). A quien madruga, Dios le ayuda kann beispielsweise als Rat oder Mahnung gemeint sein; bei De la abundancia del corazón habla la boca kann in der Verwendung Ironie oder vielleicht auch Mitleid ausgedrückt werden, und bei Quien la hace la paga mag der Ausdruck der Überlegenheit oder Schadenfreude Hauptintention der Verwendung sein.

3 Zur Formseite des Wortschatzes: Wörter und ihr innerer Aufbau
3.1 Allgemeines

Im vorangegangenen Kapitel wurden ausgehend von der lexikalischen Basiseinheit Wort bzw. Lexem weitere Einheiten des Lexikons beschrieben (komplexe Wörter, Phraseologismen etc.). Dabei war die Perspektive vom Kleineren zum Größeren gerichtet. In diesem Abschnitt nehmen wir eine umgekehrte Blickrichtung ein und befassen uns mit der Frage,

1 wie einfache und komplexe Wörter aufgebaut sind und

2 nach welchen Prinzipien aus Bauteilen unterhalb der Wortebene neue Wörter entstehen.

Die beiden Fragen können nicht getrennt voneinander behandelt werden, da sich aus (a) die Prinzipien von (b) ableiten lassen. Der existierende Wortschatz gibt also vor, wie zukünftig gebildete Wörter aufgebaut sein werden.

Neue Wörter werden aus zwei Gründen gebildet: Auf der einen Seite muss eine Sprechergemeinschaft dem Wandel der sie umgebenden Welt Rechnung tragen und neue Begriffe sprachlich abbilden (sog. Nomination). Wortbildung ist eine von mehreren Möglichkeiten, diese Aufgabe zu erfüllen. Sie steht neben der Entlehnung aus anderen Sprachen und der Bedeutungsveränderung bestehender Wörter, z.B. durch Metaphorisierung.

Auf der anderen Seite haben manche Produkte der Wortbildung auch die Funktion von Phrasen, dann nämlich, wenn sie der individuellen, meist spontanen Beschreibung von bestimmten Situationen und Sachverhalten dienen. Beispiele dafür sind die sog. Augenblicksbildungen wie coleccionista trotagalerías ‘Sammler, der gern/häufig Galerien besucht’ (nach dem Vorbild trotamundos ‘Weltenbummler’ gebildet), teoherético (Wortkreuzung aus teórico und herético), encezannarse ‘sich in Cézanne vertiefen’, enciclomedia (Wortkreuzung aus enciclopedia und comedia).1 In der Regel werden solche Neologismen nicht in das aktuale Lexikon übernommen und natürlich auch nicht in Wörterbüchern beschrieben.

3.2 Grundbegriffe: Morphem, Allomorph, Basis etc.
3.2.1 Konstituentenanalyse: ausgewählte Beispiele

Die meisten Wörter, denen wir in Texten begegnen, lassen sich in kleinere Einheiten zerlegen; untersuchen wir die folgenden Beispiele: ilusionistas, descolgar, deseoso, por.

 ilusionistas: Unter der Bedingung, dass die Teile noch in irgendeiner Form eine “Bedeutung” haben sollen, ergibt die Zerlegung dieses Wortes drei Komponenten: ilusión, -ista und -s. Alle drei haben eine bestimmte Bedeutung, und nur diese Analyse des Wortes führt zu kleineren Einheiten, die die genannte Bedingung erfüllen. Eine weitergehende Analyse würde – auf der Ebene der Lautung – zu Phonemen, also bedeutungsunterscheidenden Einheiten führen. Die bedeutungstragenden Minimaleinheiten nennt man in der Regel Morpheme.1 Welche Bedeutung oder Funktion kann man nun diesen Komponenten zuschreiben? Als das Grund- oder Basismorphem trägt ilusión die lexikalische Bedeutung; es bildet den Ausgangspunkt für die Ableitung des Substantivs ilusionista. Das Morphem -ista ist offensichtlich dafür verantwortlich, dass die komplexe Bildung jemanden bezeichnet, der das realisiert, durchführt oder betreibt, was durch die Basis ausgedrückt wird, also einen Handelnden. Beim Vergleich mit anderen Substantiven auf -ista – z.B. violonista, fisioterapista, comentarista – ist zu erkennen, dass diese Bedeutung durchaus systematisch ist. Neben anderen Funktionen, die dieses Suffix hat, bildet man damit also sog. Nomina agentis. Die Endung -s schließlich hat keine Bedeutung im engeren Sinn, sie drückt nur die Kategorie PLURAL aus. Wenn man den Begriff Morphem dafür auch gelten lassen will, muss er erweitert werden: ‘kleinste bedeutungstragende oder funktionale Einheit’.

 descolgar: Hier ist die Morphemanalyse schon etwas komplizierter, weil nicht auf den ersten Blick klar ist, ob drei oder vier Komponenten vorliegen. Das Grundmorphem ist zweifelsohne in jedem Fall colg-. Allerdings könnte man die Frage stellen, ob die weiteren Morpheme (1) des-, -ar, d.h. Präfix mit der ungefähren Bedeutung ‘weg’ und Infinitivendung oder (2) des-, -a-, -r mit einer sog. Stammerweiterung (auch: Themavokal) und -r als Infinitivendung sind. Zwar ist bei der Stammerweitung keine Bedeutung nachweisbar, man kann ihr aber eine grammatische Funktion zuschreiben, da sie Ausgangspunkt für die Flexion (z.B. colgamos) und auch die Derivation (z.B. colgadura) ist. Andererseits kommt sie nicht in allen flektierten Formen vor, was dazu verleiten könnte, sie als Teil der Endung anzusehen (z.B. cuelgo, cuelguen). Bleiben noch zwei weitere Fragen: (a) Wie ist die Alternanz des Basismorphems zu interpretieren, die in einigen flektierten Formen von colgar und descolgar auftritt? (b) In welcher hierarchischen Beziehung stehen die einzelnen Glieder zueinander?In den stammbetonten Formen vieler Verben treten andere Vokale bzw. Diphthonge auf als in den nicht stammbetonten Formen. Dieses Phänomen lässt sich nur sprachhistorisch erklären, denn es hängt mit einem der charakteristischen Lautwandelprozesse des Spanischen zusammen, dem Wandel Ŏ > [we], der nur in betonten Silben auftritt: CŎLLŎCÁRE > vlat. CŎLGÁRE > sp. colgar vs. vlat. CŎ́LGO > sp. cuelgo.2 Alternanzen von Morphemen sind häufig und betreffen auch Konsonanten, z.B. indivisible vs. imbatible vs. irregular/ilimitado. Da diese Formen die gleiche Funktion haben und bedeutungsgleich sind, werden sie als Allomorphe, d.h. verschiedene Realisierungen eines Morphems, aufgefasst. Allomorphische Variation kann frei (z.B. delinea-mento = delinea-miento), phonologisch (unser obiges Beispiel) oder lexikalisch (moned-a vs. monet-ario) bedingt sein (cf. Schpak-Dolt 2012, 8f.).Spontan, dem modernen Sprecherbewusstsein folgend, würde man descolgar wohl so zerlegen: des- + colgar. Bei dieser Analyse müssten aber die Verbalformen als Ableitung der jeweils flektierten Form des Verbs colgar gelten, also des- + colgasen, des- + cuelguen usw. Als Ausgangspunkt der komplexen Form geht man deshalb von colg- aus, an das des- tritt, und diese Form wird dann flektiert. Als Klammerausdruck kann man das so darstellen [[des- [colg -a- ]] r] – übersichtlicher ist die Visualisierung als Baumdiagramm:

 deseoso: Im Unterschied zum Verb descolgar lässt sich dieses Adjektiv nicht in ein Präfix und eine Basis zerlegen. Was wie ein Präfix aussieht, ist in Wirklichkeit ein unabtrennbarer Teil des Substantivs deseo, von dem unter Tilgung des Auslautvokals mit -oso ein Adjektiv abgeleitet wird.

 por: Auf der Ebene der Wortbildung oder der Flexion kann dieses Wort nicht weiter zergliedert werden.

3.2.2 Typen von Morphemen

Aus den oben diskutierten Beispielen kann man die folgende Klassifikation von Morphemen ableiten:


frei gebunden
lexikalisch deseo; ilusión -oso; des-; -ista;
grammatisch por -s; -a-; -r

Freie lexikalische Morpheme und freie grammatische Morpheme fassen wir intuitiv als Wörter auf; erstere sind in jedem Fall Autosemantika, die eine volle kontextunabhängige Bedeutung aufweisen, letztere sind immer Synsemantika (grammatische Wörter, Funktionswörter): y, con, él, para usw. Freilich können aber auch Funktionswörter aus mehreren Morphemen bestehen.

Gebundene lexikalische Morpheme dienen der Wortbildung, während gebundene grammatische Morpheme Funktionen innerhalb der Flexion (Deklination, Konjugation, Komparation) haben.

Die gebundenen wie die freien grammatischen Morpheme bilden ein im Wesentlichen geschlossenes Inventar, das sich kaum verändert. Die lexikalischen Morpheme sind eine offene Klasse.

3.3 Verfahren der Wortbildung

Je nach theoretischem Standpunkt unterscheidet man verschiedene Verfahren der Wortbildung. Wir gehen im Folgenden von zwei Grundtypen aus: Derivation (Ableitung), in der wir einen Überbegriff für Suffigierung und Präfigierung sehen, und Komposition (Zusammensetzung). Daneben gibt es noch andere, quantitativ weniger bedeutende Bildungstypen, auf die wir am Schluss eingehen.

3.3.1 Derivation

Bei Derivationsprozessen, deren Ergebnisse Derivate heißen, wird eine Basis mit Hilfe von Derivationsaffixen erweitert. Bei der Präfigierung geht das Affix der Basis voran; bei der Suffigierung folgt es der Basis.

3.3.1.1 Bei der Suffigierung gibt es prinzipiell zwei Möglichkeiten: (a) durch den Derivationsprozess tritt keine Änderung der Wortart ein (homogene Derivation) und (b) das Derivat gehört einer anderen Wortart an als die Basis (heterogene Derivation).

1 Homogene Derivation: Zu dieser Gruppe gehören die qualifizierend-quantifizierenden Suffixe, z.B. -ito, -iño (nur regional), -illo; -azo, -ón, -ote: caballo + -ito → caballito, blanco + -illo → blanquillo, libro + -ote → librote, fácil + -ón → facilón ‘kinderleicht’. Z.T. haben augmentative Suffixe eine abwertende Nuance (z.B. cobarde → cobardón), deutlich pejorativ sind: -aco, -acho/a, -ucho/a, -uco/a, -ejo/a, -orrio, -astro. Mit der Verkleinerung (durch Diminutivsuffixe) verbindet sich meist eine positive Wertung. Der genaue semantische Gehalt dieser Suffixe hängt jedoch stark vom jeweiligen Kontext ab.Gelegentlich tritt zwischen Stamm und Suffix ein Fugenelement (auch: Interfix): mujercita, panecillo, corazoncillo, pueblecito usw.Bei diesen Suffixen, die man auch als Evaluativsuffixe bezeichnet, fällt generell auf, dass sich die Wortbildungsbedeutung und die Wortschatzbedeutung oft nicht decken, d.h. das Derivat muss nicht die Bedeutung haben, die aufgrund der Komponenten zu erwarten wäre: Die Diminutivbildungen bolsillo und bolsito bedeuten nicht einfach ‘kleine Tasche’ (Wortbildungsbedeutung) sondern ‘Tasche (in einem Kleidungsstück)’ bzw. ‘kleine (Hand-)Tasche’ (Wortschatzbedeutung). Auch mensajito illustriert dieses Phänomen sehr gut, da es nicht generell für eine kleine Botschaft steht, sondern auf eine kurze Mitteilung referiert, die man mit Hilfe eines Handys verschickt.Ein weiteres Merkmal dieser Bildungen ist, dass das Derivat in der Regel das Genus des Basiswortes behält.1Homogene Suffigierung gibt es aber auch mit anderen Suffixen; im Folgenden geben wir nur einige wenige Beispiele:N → N:vaca + -ada (Kollektivsuffix) → vacada ‘Rinderherde’; decano + -ato → decanato; carta + -ero → cartero ‘Briefträger’; limón + -ero → limonero2 ‘Zitronenbaum’; símbolo + -ismo → simbolismoV → V:morder + -isc(ar) → mordiscar ‘knabbern’; correr + -ete(ar) → corretear ‘herumlaufen’; nevar + -isc(ar) → ‘leicht schneien’A → A:rojo + -izo → rojizo ‘rötlich’; mísero + -érrimo → misérrimo; feo + -ísimo → feísimo

2 Heterogene Suffigierung: Wir geben im Folgenden einige Beispiele für die häufigsten Transpositionen; je nach Basis spricht man von deverbalen, denominalen oder deadjektivischen Ableitungen:V → N:almacenar + -aje → almacenaje ‘Lagerung; Lagergebühr’; educar + -dor → educador; ayudar + -nte > ayudante; dormir + -torio → dormitorioA → N:pedante + -ería → pedantería; humano + -ismo → humanismo; agudo + -eza → agudezaV → A:agradar + -ble → agradable (aktivische Bedeutung); lavar + -ble → lavable (passivische Bedeutung); tolerar + -nte → toleranteN → A:deseo + -oso → deseoso; leche + -ero → lechero ‘Milch …’; escuela + -ar → escolar (Stammallomorphie);3 elemento + -al → elementalA4 → Adv.:clara + -mente → claramenteN → V:verso + -ific(ar) → versificar; boicote + -e(ar) → boicotear, carbón + -iz(ar) → carbonizarA → V:simple + -ific(ar) → simplificar; estable + -iz(ar) → estabilizar (Stammallomorphie); verde + -e(ar) → verdear

3.3.1.2 Im Unterschied zur Suffigierung tritt bei der Präfigierung nie ein Wortartenwechsel ein. Da manche Präfixe auch als Präpositionen bzw. Adverbien frei vorkommen (a, ante, con, contra, en, entre, sobre, tras) wird die Präfigierung in der Literatur manchmal zur Komposition gezählt oder als zwischen Derivation und Komposition stehend betrachtet. So unterscheiden Berschin et al. (2012) z.B. zwischen Präpositionalkomposition (mit Beispielen wie entreacto, sobrecargar oder transnacional) und Präfigierung (im Rahmen der Derivation; Bsp.: panamericano, paramilitar, archifamoso etc.). Wir folgen hier vor allem aus beschreibungsökonomischen Gründen in der Darstellung Schpak-Dolt (2012, 106) und betrachten alle Fälle als Präfixbildungen im Rahmen der Derivation. Dies setzt die Annahme einer Homonymiebeziehung5 zwischen (freien) Präpositionen und (gebundenen) Präfixen voraus.

Die meisten Präfixe verbinden sich mit verschiedenen Wortarten. Von den gut 200 spanischen Präfixen, die Rainer (1993, 299–379) beschreibt, können wir hier nur die geläufigsten aufführen und mit Hilfe eines Beispiels grob nach ihrer semantischen Leistung klassifizieren, wobei viele der klassifizierten Präfixe natürlich auch andere Funktionen haben können:

 Negations-/Privativpräfixe: a- (mit Allomorph: an-; ahistórico, anorgánico); in- (mit Allomorphen: i-, im-; indisciplina, ilegal, imposible); anti- (anticonceptivo); contra- (contradecir); des- (Allomorphe: dis-, de-; desvalorizar, discontinuo, devaluar) etc.;

 Richtungspräfixe: a- (acorrer); retro- (retroactivo); en- (enterrar); re- (reexportar);

 Temporale Präfixe: pos(t)- (posponer); pre- (precolombino);

 Graduierungs-/Intensivierungspräfixe: hipo- (hipotensión); super- (superdenso); ultra- (ultraligero); sub- (subdesarrollo); archi- (archicatólico);

 Quantifizierende Präfixe: mono- (monocultivo); tri- (trimensual); poli- (policéntrico); pan- (panarabismo).

Diese Liste enthält auch zahlreiche Präfixoide, das sind ursprünglich griechisch-lateinische Vollwörter (meist Substantive und Adjektive), die im Spanischen in aller Regel nicht frei vorkommen. Deshalb kann man sie zur Präfigierung zählen. Beispiele: geo- (gr. ‘Erde’; geofísica), hidro- (gr. ‘Wasser’; hidro-avión), auto- (gr. ‘selbst’; autocensura), video- (lat. ‘ich sehe’; videoconferencia) usw. Aufgrund des erwähnten Vollwortcharakters werden solche Bildungen manchmal auch als Komposita klassifiziert (z.B. Thiele 1992, 110ff.).

3.3.1.3 Drei Sonderfälle im Zusammenhang mit der Derivation müssen noch erwähnt werden:

1 die regressive Derivation (oder Rückbildung), bei der aus einem morphologisch komplexen Wort durch Tilgung – und gegebenenfalls nachfolgende Anfügung eines anderen Wortbildungselements – ein neues Wort abgeleitet wird, z.B. legislador → legislar; teledetección → teledetectar;

2 die Konversion (oder Nullableitung), die zu einem Wortartenwechsel führt, ohne dass ein Flexionsaffix hinzutritt: deber → el deber; bueno → lo bueno; derecho → el derecho; entonces (Adv.) → entonces (A) usw. und

3 die parasynthetische Derivation, bei der gleichzeitig ein Präfix und ein Suffix an die Basis treten. Dies lässt sich daran erkennen, dass keine der Zwischenformen existiert: des- + alma- + -ado und nicht *desalma + -ado oder des- + *almado, analog enmohecer, atemorizar u.v.a. Eine parasynthetische Derivation ist allerdings nur dann anzunehmen, wenn andere (binäre) Konstituentenanalysen nicht möglich sind. Unter diesem Gesichtspunkt ist z.B. enriquecimiento nicht als Parasynthetikon zu interpretieren, sondern als regelmäßige deverbale Ableitung von enriquecer. Dieses Verb ist freilich parasynthetisch (en + rico + ec(er), weil *enrico und *riquecer).6

3.3.2 Komposition

Bei der Komposition treten zwei freie lexikalische Morpheme oder flektierte Formen zu einer größeren Einheit zusammen: sordo + mudo → sordomudo ‘taubstumm’; guardar + barrera → guardabarrera ‘Bahnwärter’; pelo + rojo → pelirrojo ‘rothaarig’; hombre + rana → hombre-rana ‘Froschmann’; por + venir → porvenir ‘Zukunft’ usw. Als Erst- und Zweitkonstituenten kommen alle Wortarten vor; besonders häufig sind Substantive, Adjektive und Verben. In einigen Fällen treten Fugenelemente auf (z.B. -i- in pelirrojo).1

Anhand der Beispiele sordomudo und hombre-rana kann man die beiden grundlegenden Beziehungen zwischen den Komponenten von Komposita beschreiben: (a) koordinativ: sordomudo bedeutet das gleichzeitige Vorhandensein der durch die Adjektive ausgedrückten Eigenschaften, (b) subordinativ: in hombre-rana ist das zweite dem ersten Nomen untergeordnet und bestimmt dieses näher. Diese Einteilung in koordinative (Kopulativ-) Komposita und subordinative (Determinativ-) Komposita ist sehr grob, wie die folgenden Beispiele zeigen, in denen das Verhältnis zwischen den Komponenten der N+N-Komposita durch eine Paraphrase verdeutlicht wird (cf. Zierer 1993, 120f.):

alumno problema: N1 ist N2

vestido sastre: N2 ist der Urheber von N1

viaje relámpago: N1 hat ein wesentliches Merkmal von N2

radio periódico: N1 dient als Medium oder Instrument für N2

papel periódico: N1 ist für N2 bestimmt

decreto ley: N1 hat die Wirkung von N2

usw.

Im Vergleich zum Deutschen sind echte Komposita im Spanischen relativ selten; in vielen Fällen behalten die spanischen Komposita gewisse Eigenschaften von freien Kombinationen bei, insbesondere, wenn die zugrundeliegenden Beziehungen syntaktisch interpretiert werden können. Dies gilt insbesondere für Bildungen des Typs N + N,2 N + A und A + N. Während z.B. Komposita des Typs V + N oder A + A vollständig verschmolzen sind und die Pluralmarkierung daher am Ende der neu entstandenen lexikalischen Einheit erfolgt, zeigen die erwähnten Kompositionstypen ein sehr uneinheitliches Verhalten: contestador automático ‘Anrufbeantworter’ markiert den Plural an beiden Konstituenten, ricadueña ebenfalls, obwohl es im Unterschied zum ersten Beispiel nur eine Akzentstelle hat und auch graphisch verschmolzen ist; das nach dem gleichen Prinzip gebildete caradura wiederum bildet den Plural “regelmäßig” (caraduras), obwohl formal der gleiche Verfestigungsgrad festzustellen ist (eine Akzentstelle, graphische Amalgamierung). Diese Unterschiede korrelieren nicht mit der Bedeutungsstruktur der Komposita und betreffen gleichermaßen endozentrische wie exozentrische Komposita.

Mit diesen Begriffen beschreibt man den Umstand, dass im ersten Fall die Bildung das bezeichnete Objekt auch formal ausdrückt und das Determinatum die grammatische Kategorie, das syntaktische Verhalten und die Distribution festlegt, während im zweiten Fall keine Komponente auf das Denotat hinweist, cf. hombre-rana ‘Froschmann’ vs. piel roja ‘Indianer’: Ein hombre-rana ist ein hombre, das Kompositum übernimmt von dieser Komponente die syntaktischen und kategoriellen Merkmale; piel roja bezeichnet keine spezifische Form von Haut und erhält weder das Genus noch die Distribution von piel.

Ein im Spanischen – und den romanischen Sprachen generell – häufigerer Wortbildungstyp sind die sog. syntagmatischen Komposita des Typs N + P (+Art.) + N: viga de acero, libro de bolsillo, balanza del poder usw. Auch deren syntaktisches Verhalten variiert, was man deutlich erkennt, wenn man sie modifizieren will: libro estupendo de cocina vs. *libro estupendo de bolsillo vs. libro de bolsillo estupendo; caballo negro de carrera vs *mano cara de obra. Bei diesem Typ scheint die Semantik (transparent/kompositionell vs. nicht transparent) eine Rolle für die Modifizierbarkeit zu spielen (cf. Cartagena/Gauger 1989 II, 79).

Einen Sonderfall stellen gelehrte Komposita dar, da hier ein Grundmerkmal fehlt: Die Komponenten kommen in der Regel nicht frei vor. Beispiele aus griechisch-lateinischem Material wären: geólogo (gr.-gr.), democracia (gr.-gr.), radiólogo (lat.-gr.), polivalencia (gr.-lat.) uvam. Aufgrund des reihenbildenden Charakters sowie des nur gebundenen Vorkommens der Komponenten werden Wortbildungsprodukte mit tele-, bio-, -logo etc. von vielen Morphologen im Kontext der Derivation behandelt (cf. Kapitel 3.3.1.2).

3.3.3 Andere Verfahren

Neben Derivation und Komposition existieren noch verschiedene, quantitativ weniger bedeutende Verfahren der Wortbildung.

Im weiteren Sinne als syntagmatisch kann man auch die Univerbierung bezeichnen, da sich dabei ebenfalls Phrasen verfestigen: nomeolvides ‘Vergissmeinnicht’, enhorabuena ‘Glückwunsch’, pagaré ‘Schuldschein’ etc.

Die Wortkürzung kann am Ende (Apokopierung, Kopfformen) oder am Anfang (Aphärese, Schwanzformen) der Basiseinheit erfolgen; es kommen auch Bildungen vor, die Elemente aus dem vorderen und dem hinteren Teil der Basis bzw. der Basen kombinieren und bei denen dazwischenliegende Morpheme ausfallen (Kontraktionen, Wortkreuzungen):

 Apokopierungen: cine ← cinema; kilo ← kilograma; radio ← radiotelefonía etc. Manche Kurzformen sind umgangssprachlich oder gruppenspezifisch (Jugendsprache; cf. Montero 2013): profe ← profesor; mani ← manifestación; bici ← bicicleta. Bei der Kürzung kann es zu einer Bedeutungsdifferenzierung kommen; so bedeutet taxímetro, die Vollform von taxi, heute nur mehr ‘Fahrpreisanzeiger’ (cf. Thiele 1992, 128).

 Aphäresen sind in der Gemeinsprache relativ selten: bus ← autobus; fono ‘Hörer’ ← teléfono

 Kontraktionen: helipuerto ← helicóptero + aeropuerto; docudrama ← documento + drama

Die Bildung von Siglen und Akronymen (Initialwörtern) ist ein Ausdruck von Sprachökonomie. Mit Rainer (1993, 705f.) versteht man unter Siglen Einheiten, die nur aus den Anfangsbuchstaben der Komponenten bestehen: BOE (← Boletín oficial del Estado), AP (← Alianza Popular), OUA (← Organización de la Unidad Africana) etc. Akronyme bestehen aus mehr als dem Anfangsbuchstaben der Komponenten (muss nicht für alle Komponenten gelten): RENFE (← Red Nacional de Ferrocarriles Españoles), MATESA (← Material Textil S.A.). Akronyme werden immer wie Wörter gelesen, Siglen werden entweder buchstabiert (z.B. PSA, DNI) oder – wenn es phonotaktisch möglich ist – ebenfalls gelesen (OTAN, ETA, ONU etc.).1

Vor allem aus der Kindersprache ist uns die Reduplikation gut bekannt: Wörter oder Segmente, die manchmal einen Bezug zu einer Ausgangsform erkennen lassen, werden verdoppelt, und so entsteht ein neues Wort mit oft affektiver Konnotation: nene ‘niño’ (fam.); (hacer) pipí ‘Pipi’ (fam.); (polvos de) picapica ‘Juckpulver’ usw.

3.3.4 Produktivität, Aktivität, Blockierungen

Wir haben eingangs festgehalten, dass neue komplexe Wörter in Analogie zu bereits vorhandenen Wortbildungen entstehen. Der Kreativität der Sprecher sind dabei – Wortspiel, poetische Sonderverwendung u.Ä. ausgenommen – vielerlei Grenzen gesetzt: 1. Ein Wortbildungsmittel oder -modell hat in einem bestimmten Zeitraum ein gewisses Ausmaß an Produktivität, z.B. kann man heute neue Verben auf der Basis von Substantiven nicht (mehr) mit -er oder -ir bilden, sehr wohl aber mit -ar bzw. -ificar, -izar und -ear. Produktiv ist auch die deverbale Ableitung von Substantiven mit -ción, nicht jedoch mit -zón. Ein Beispiel aus dem Bereich der evaluativen Suffixe wäre das unproduktive -uelo, das äußerst produktiven Suffixen wie -illo und -ito gegenübersteht. Sind Bildungstypen synchron verständlich, kann man sie als aktiv bezeichnen; damit ist die “prinzipielle Verfügbarkeit und Anwendbarkeit für die Bildung neuer Wörter” (Thiele 1992, 13) gemeint, ohne dass auf diesen Bildungstyp zwingend zurückgegriffen wird (z.B. -isa für die Motion, d.h. Femininbildung). Produktivität ist nichts anderes als die Intuition der Sprecher, dass ein bestimmtes Muster zur Bildung neuer Wörter verwendet werden kann. Voraussetzung dafür ist die semantische Regularität des Schemas – d.h. Wortbildungsbedeutung und Wortschatzbedeutung dürfen nicht zu stark divergieren – und das Fehlen von Beschränkungen (cf. Piera/Varela 1999, 4378).

Beschränkungen sind z.B. semantischer bzw. pragmatischer Art:1 So muss ein Verb *desnadar wohl als inakzeptabel abgelehnt werden, weil die Bedeutung des Präfixes nicht mit jenem der Basis verträglich ist, die einen umkehrbaren Vorgang ausdrücken müsste (z.B. descolonizar, desempaquetar etc.). Arbiträr semantisch begründet ist die Einschränkung des Adjektivsuffixes -uno (für Relationsadjektive) auf Tiere. In der Phonologie sind z.B. die Gründe für Beschränkungen bei Ableitungen von Dichternamen mit -iano (*gracianiano vs. kafkiano) zu suchen. Phonotaktische Beschränkungen liegen dann vor, wenn das entstehende Wort nicht den akzeptablen Lautkombinationen der Sprache gehorchen würde (z.B. pollo + -illo > *pollillo).

Da Wortbildung zur Begriffsbildung dient, können Wörter grundsätzlich nur dann gebildet werden, wenn der entsprechende Begriff nicht bereits abgedeckt ist: Das Präfix in- verbindet sich beispielsweise nicht mit der Basis guap- (*inguapo), weil dafür bereits feo existiert. Ganz ähnlich steht es mit dem Begriff DIEB, der im Spanischen mit dem Wort ladrón ausgedrückt ist, deshalb ist es nicht möglich, robador zu bilden, obwohl dieses deverbale Substantiv semantisch unproblematisch wäre und sich der Bildungstyp durch hohe Produktivität auszeichnet (synonymische Blockierung, Synonymieverbot). Diese Blockierung könnte nur durchbrochen werden, wenn robador z.B. eine Spezialbedeutung bekäme.2 Eine analoge, aber formbezogene Blockierung liegt vor, wenn das neu gebildete Wort homonym zu einem bereits existierenden Wort ist (homonymische Blockierung).3

3.4 Wortfamilien

Unter Wortfamilie versteht man eine Gruppe von Lexemen, die etymologisch betrachtet über einen gemeinsamen Stamm verfügen: viaje, viajar, viajero, viajante; historia, historiador, historial, historiar, histórico etc.; nudista, nudismo, desnudo, desnudar etc. (< lat. NUDU; nicht aber nudo ‘Knoten’ < NODU). Bei all diesen Fällen handelt es sich um Ableitungen von einem Grundwort.

Daneben gibt es aber zahlreiche Beispiele, bei denen der etymologische Zusammenhang nicht sofort klar ist: humo vs. fumar, fumata, fumador etc.; niebla vs. nebuloso, nebulosidad, neblina, nebulizador; dedo vs. digital, digitación ‘Fingersatz’; voz vs. vocal etc. Solche Beispiele sind zwar nicht so häufig wie etwa im Französischen, dennoch gibt es auch im spanischen Wortschatz zahlreiche Asymmetrien dieser Art.

Unter Beibehaltung einer streng synchronen Perspektive können solche Beispiele auch als (gelehrte) Ableitungen betrachtet werden: hijo → filial; madre → maternal; agua → acuoso, acuático; ojo → ocular; moneda → monetario. Die Variation im Stamm wäre als Allomorphie zu beschreiben. Aus diachroner Perspektive handelt es sich aber um spätere Entlehnungen aus dem Lateinischen bzw. um Neubildungen mit lateinischem Material, wodurch sich das Fehlen der zu erwartenden Lautwandelprozesse erklärt. In einigen durch Analogie regularisierten Fällen scheint auf den ersten Blick eine normale, genuin spanische Ableitung vorzuliegen (cf. Lüdtke 1998, 512), z.B.: nutrir (16. Jhdt.; < NUTRIRE) – nutrición (13. Jhdt.; ursprünglich: nudrición).

3.5 Zusammenfassung: Formelemente des Lexikons

Die unten stehende, aus Schwarze/Wunderlich (1985, 10) entnommene und für das Spanische adaptierte Graphik verdeutlicht noch einmal die hierarchischen Strukturierungen der lexikalischen Einheiten nach formalen Gesichtspunkten.

Besonders im Hinblick auf das mentale Lexikon müssen wir unsere Bestimmung von minimalen Einheiten vom einfachen Wort nicht nur – wie im vorhergehenden Kapitel – auf mehrgliedrige und komplexe Bildungen ausweiten, sondern auch nach unten hin zu den Morphemen öffnen: Das mentale Lexikon ist sicherlich nicht nur ein “Vollformlexikon”.


Bsp.:

1 crimen de guerra; ahorcar los libros ‘abandonar los estudios’

2 bocacalle; dentista; hablamos

3  pelirrojo

4  avión, contra

5 cant-, des-, -oso

4 Die Inhaltsseite des Lexikons
4.1 Semasiologie, Onomasiologie, Semantik

Die Beschäftigung mit der Bedeutung kleinerer oder größerer sprachlicher Einheiten stellt für verschiedene sprachwissenschaftliche Forschungsrichtungen eine zentrale Aufgabe dar. Der Begriff der Semantik für jene Disziplin, die sich exklusiv mit sprachlichen Inhalten beschäftigt, wurde Ende des 19. Jahrhunderts eingeführt1 und war zunächst gleichbedeutend mit Semasiologie (auch: Bedeutungslehre), die – ausgehend von sprachlichen Formen – nach Inhalten fragt.

Traditionell beschäftigt sich die Semasiologie mit dem Wandel der Bedeutung von Lexemen bzw. mit dem Hinzutreten neuer Bedeutungen und Verschwinden alter Bedeutungen im Laufe der Zeit. Meist unterscheidet man die folgenden Typen des Bedeutungswandels:

 Bedeutungsverengung bzw. -spezialiserung: lat. secare ‘schneiden’ → sp. segar ‘mähen’; lat. materia ‘Baustoff’ → sp. madera ‘(Bau-)Holz’; lat. collocare ‘setzen, stellen, legen’ → sp. colgar ‘(auf)hängen’; lat. femina ‘Frau, weibliches Tier’ → sp. hembra ‘weibliches Tier’.

 Bedeutungserweiterung/Generalisierung: armario ‘Waffenschrank’ → ‘Schrank’; lat. passer ‘Spatz’ → sp. pájaro ‘(kleiner) Vogel’; vlat. plicare (vela) ‘(die Segel) falten, d.h. anlegen, landen’ → sp. llegar ‘ankommen’;2 lat. tenere ‘halten’ → sp. tener ‘haben’.

 Bedeutungsübertragung, z.B. durch Metonymie: paella ‘tipo de sartén’ → ‘typisch valenzianisches Gericht’; durch Metapher: pie ‘Bein’ → pie ‘(Tisch-)bein’; sp. boca ‘Mund’ → ‘Flussmündung’/‘Eingang’ (cf. boca de metro).

 Bedeutungsverschlechterung: lat. vulgaris ‘gewöhnlich, alltäglich’→ sp. vulgar ‘(auch:) vulgär’; ar. alwazir ‘Minister, Statthalter, Beauftragter’ → sp. alguacil ‘Gerichtsdiener’.

 Bedeutungsverbesserung: mlat. comite ‘Begleiter (des Herrschers)’ → sp. conde ‘Graf’; lat. casa ‘Häuschen, Baracke’ → sp. casa ‘Haus’; lat. mancipiu ‘Sklave’ → sp. mancebo ‘Gehilfe; Bursche’.

Die beschriebenen Wandelprozesse darf man sich nicht als abrupten Wechsel vorstellen; vielmehr handelt es sich um länger andauernde Prozesse, die u.U. über verschiedene Zwischenstufen laufen und mit synchroner Variation verbunden sind (d.h. die betroffenen Wörter waren einmal oder sind noch heute polysem, z.B. pie).3

Während der Begriff Semantik früher also mit diachronen Fragestellungen (z.B. der Bedeutungsgeschichte einzelner Wörter) verknüpft war, besteht diese Assoziation heute nicht mehr. Oft wird Semantik auch als Überbegriff für Semasiologie und Onomasiologie verwendet.

Mit letzterem Begriff ist eine Perspektive gemeint, die – im Gegensatz zum semasiologischen Herangehen – von den Sachen ausgeht und nach den sprachlichen Einheiten fragt, die zu ihrer Bezeichnung dienen; daher auch der deutsche Begriff Bezeichnungslehre. Zur Verdeutlichung des Unterschieds zwischen semasiologischer und onomasiologischer Perspektive: Eine klassische semasiologische Thematik wäre z.B. die Frage nach den Unterschieden in der Bedeutung der Adjektive inculto, ignorante und simple; aus onomasiologischer Perspektive könnte man sich fragen, welche Adjektive im Spanischen für die Konzepte DUMM und VERRÜCKT zur Verfügung stehen (cf. z.B. die Arbeit von Nagel 1972; zu Semasiologie und Onomasiologie grundlegend: Baldinger 1964). In ihrer Ausprägung als Wörter- und Sachen-Forschung, die eng mit der Sprachgeographie verbunden ist, hat die Onomasiologie vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Herausragendes geleistet.

4.2 Was ist eigentlich Bedeutung?

In unseren bisherigen Ausführungen haben wir stillschweigend mit einer der wesentlichsten Grundannahmen der modernen Sprachwissenschaft gearbeitet: der auf Ferdinand de Saussure zurückgehenden Annahme von der Gegliedertheit des sprachlichen Zeichens. Saussure hatte radikal mit der Ansicht gebrochen, die Wörter einer Sprache entsprächen, gleich einem Verzeichnis (er verwendete den Begriff nomenclature), den Dingen der realen Welt.

Anstelle dieser Sichtweise schlägt Saussure Folgendes vor: Das sprachliche Zeichen hat zwei untrennbar miteinander verbundene Komponenten, die Lautfolge (image acoustique, signifiant)1 und das dazugehörige Konzept (concept, signifié), d.h. das geistige Bild, das im Kopf des Sprechers/Hörers entsteht, wenn die betreffende Lautfolge geäußert wird.

Die Beziehungen zwischen signifiant, signifié und Denotat (Referent) lassen sich graphisch in Form des auf Charles K. Ogden und I.A. Richards zurückgehenden semiotischen Dreiecks darstellen:


Mit Hilfe des in dieser Form visualisierten Saussureschen Zeichenmodells lassen sich nun sehr einfach zwei grundlegend verschiedene Bedeutungstheorien unterscheiden (cf. Lyons 1991): die Referenztheorie und die Ideationstheorie.

I. Die Referenztheorie steht der vor-Saussure’schen Konzeption der Entsprechung von Wörtern und realen Dingen sehr nahe. Sie basiert auf dem Postulat, dass die Bedeutung eines Ausdrucks seine Referenz ist bzw. durch diese konstituiert wird. Mit anderen Worten: Die Bedeutung ist die Beziehung zwischen Ausdruck und Denotat. Diese Sicht lässt sich mit einfachen Argumenten aus dem Weg räumen (wir lehnen uns im Folgenden an Lyons (1991, 10) an, verwenden aber spanische Beispiele):

 Mit dem Wechsel des Referenten müsste sich im Rahmen der Referenztheorie auch die Bedeutung ändern; dadurch gäbe es aber für Ausdrücke wie mi padre keine konstante, übersetzbare und in gleicher Weise variierende Bedeutung.

 el jefe de Gobierno y de Estado und el máximo líder haben die gleiche Referenz (Fidel Castro), sind also im Rahmen der Referenztheorie synonym. Synonymie impliziert Austauschbarkeit in gleichen Kontexten, ohne dass dies Auswirkungen auf die Gesamtaussage hat. Mit den beiden Sätzen(1) Juan no sabía que el máximo líder era el jefe de Gobierno y de Estado.(2) Juan no sabía que el jefe de Gobierno y de Estado era el máximo líder.

 müsste folglich unterschiedslos die gleiche Aussage gemacht werden können. Zudem müssten sie auch die gleiche Aussage implizieren wie(3) Juan no sabía que el máximo líder era el máximo líder.

 Keine dieser Annahmen ist bei näherem Hinsehen haltbar.

 Ganz offensichtlich referieren die in normalen Definitionswörterbüchern verzeichneten Wörter nicht (bzw. nur auf sich selbst), z.B. jefe als Lemma im DRAE. Referenz haben sie erst in einer Äußerung, z.B. el jefe necesita unas vacaciones.

II. Aus dem zur Referenztheorie Gesagten ergibt sich schon deutlich die repräsentationistische Position: Die Bedeutung eines Ausdrucks ist nicht seine Referenz, sondern sein Konzept. So lässt sich erklären, dass mi padre übersetzbar ist (sein Konzept ist konstant) und die Sätze (1) und (2) nicht gleichbedeutend sind: Die betreffenden Ausdrücke haben zwar den gleichen Referenten, ihnen liegt aber nicht das gleiche Konzept zugrunde, sie haben das gleiche Referenzpotential (Extension, d.h. die damit bezeichenbaren Referenten), nicht aber die gleiche Intension (Sinn, Bedeutungskomponenten).

Die Ideationstheorie ist der Ausgangspunkt strukturalistischer Bedeutungsbeschreibung, die trotz mancher Kritiken (s.u.) einen wesentlichen Beitrag zur semantischen Forschung geleistet hat und der wir deshalb besonderes Augenmerk schenken müssen. Die Referenztheorie darf man jedoch auch nicht einfach beiseite lassen, da Referenz sehr wohl für die Bedeutung konstitutiv sein kann: Man denke nur an die Deiktika (Personal- und Demonstrativpronomen, temporale und lokale Adverbien), die eine referentielle, d.h. nur in Bezug auf die Äußerungssituation fixierbare Bedeutung haben, oder auch an die in Kapitel 3.3.2 beschriebenen N + N-Komposita, deren Bedeutung sich u.U. auch erst durch die spezifische Referenz ergibt.

Schließlich sei noch darauf hingewiesen, dass auch repräsentationistische Positionen ihre Schwächen haben. Zum einen ist der (mentale) Status des Konzepts unklar: Handelt es sich wirklich um ein Bild? Lassen sich Konzepte unabhängig nachweisen? Zum anderen ist zu vielen Wörtern einfach kein Konzept oder Bild denkbar, sodass sich etwa die Bedeutung von Funktionswörtern oder Abstrakta letztlich nur aus ihrem konventionalisierten Gebrauch ableiten lässt (zur Kritik an repräsentationistischen Bedeutungstheorien cf. Keller 1995).

4.3 Strukturalistische Bedeutungsbeschreibung (“strukturelle Semantik”, “Lexematik”)

Der im Wesentlichen in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts entstandenen “strukturellen Semantik”, die auf den Forschungen von Persönlichkeiten wie E. Coseriu, H. Geckeler, A.J. Greimas, G. Hilty, B. Pottier, P. Schifko1 u.a. beruht, liegt das Saussure’sche Postulat zugrunde, dass in der Sprache (als langue) nichts von sich aus gegeben ist, sondern alles als Produkt von Oppositionen angesehen werden müsse.

Diese Überzeugung kam erstmals in der Phonologie zum Tragen; gemäß der “Prager Schule” (insbesondere N.S. Trubetzkoy) erhält ein Phonem seinen Wert dadurch, dass es in direkter Opposition zu anderen Phonemen steht, von denen es sich in mindestens einer Eigenschaft unterscheidet: So ist beispielsweise im Spanischen das Phonem /b/ durch das Merkmal [+ stimmhaft] vom Phonem /p/, durch die Merkmale [– nasal] und [+ plosiv] vom Phonem /m/ geschieden. Die zitierten Beispiele unterscheiden sich natürlich noch durch andere Merkmale, die allerdings nicht distinktiv sind, also den funktionalen Wert des jeweiligen Phonems nicht mitbestimmen.

Implizit ist mit diesen Beispielen ein weiteres strukturalistisches Grundprinzip angesprochen: die Zerlegbarkeit in kleinere Einheiten bzw. die Kombinierbarkeit kleinerer zu größeren Einheiten.

Diese Prinzipien werden nun konsequent vom lautlichen auf den lexikalischen Bereich übertragen; so wie Phoneme durch ein Bündel von distinktiven Merkmalen bestimmt sind, wird die Bedeutung eines Lexems als die Summe seiner semantischen Merkmale (auch: Seme) verstanden. Man spricht deshalb von Merkmalssemantik (auch: Merkmalanalyse, Semanalyse).

Die Idee, die Bedeutung über Merkmale oder Komponenten zu definieren, ist nicht wirklich neu, sondern letztlich nur eine Formalisierung der Prinzipien aristotelischer Logik. Die Begriffsdefinition, wie sie seit Aristoteles betrieben wird – ein Begriff wird dadurch definiert, dass man ihn in seine nächsthöhere Klasse einreiht (genus proximum) und die Merkmale angibt, die ihn von seinen “Nachbarn” unterscheiden (differentia specifica) –, ist uns aus Wörterbüchern vertraut, da viele Definitionen so formuliert sind.2 Auch bei alltäglichen metasprachlichen Aktivitäten, wie dem Differenzieren von Synonymen, wird unbewusst mit semantischen Merkmalen operiert. Dieses Vorgehen wird vielfach auch als das Prinzip der hinreichenden und notwendigen Bedingungen bezeichnet: Um in eine Kategorie eingereiht zu werden, muss ein Begriff alle genannten Bedingungen erfüllen – sie sind für diese Kategorisierung notwendig –, und der Umstand, dass ein Begriff die relevanten Bedingungen erfüllt, führt automatisch zur Eingliederung in die Kategorie – die Bedingungen sind hinreichend.

Im Unterschied zu den Merkmalen der Phonologie, die mit Mitteln der akustischen Phonetik direkt physikalisch beschreibbar sind, ist der Status der semantischen Merkmale diffuser; ob sie neben ihrer offensichtlichen kognitiven Realität auch eine neuro-physiologische haben, ist unklar (cf. Lüdi 1985, 68 u. 88f.).

Die relevanten Oppositionen für das Aufdecken der Merkmale sind paradigmatisch und syntagmatisch: Lexeme stehen in Opposition zu anderen, u.U. bedeutungsähnlichen Lexemen; analog zu Minimalpaaranalysen können aus solchen Vergleichen die distinktiven semantischen Merkmale ermittelt werden. Bei der syntagmatischen Methode erfolgt die Bestimmung der semantischen Merkmale über die Distribution, d.h. die verschiedenen Kontexte, in denen das betreffende Lexem vorkommt.

Die paradigmatische Methode lässt sich anhand des schon klassischen Beispiels der “Sitzgelegenheiten” gut darstellen; ursprünglich wurde dieser Komplex von B. Pottier für das Französische analysiert. K. Baldinger (1970, 79) hat es analog für das Spanische durchexerziert. Zufällig decken sich hier die spanischen und die französischen Strukturen weitestgehend:


s1 s2 s3 s4 s5 s6
chaise/silla + + + + – +
fauteuil/butaca + + + + + +
tabouret/taburete – + + + – +
canapé/canapé + + – + + +
pouf/posón (vulg.) – + + + – –

“s” steht für die verschiedenen semantischen Merkmale (Seme):

s1 = con respaldo

s2 = sobre pie (= elevado sobre el suelo)

s3 = para una persona

s4 = para sentarse

s5 = con brazos

s6 = con material rígido

Die Summe der jeweiligen Seme des Lexems bezeichnet man als sein Semem. Auffallend ist, dass alle Lexeme die Seme 2 und 4 gemeinsam haben und sich jedes von den anderen in mindestens einem Sem unterscheidet. Für die Seme 2 und 4 existiert ein eigenes Lexem, das man als Archilexem bezeichnet (frz. siège, sp. asiento). Ein solches muss aber nicht existieren, wie das Deutsche beweist; man spricht dann von einem Archisemem, das man gegebenenfalls mit Hilfe eines Kompositums (Sitzgelegenheit) oder einer beschreibenden Paraphrase explizieren kann.

Anhand dieses Beispiels lassen sich einige Probleme und Missverständnisse im Zusammenhang mit der Semanalyse aufzeigen:

Solchen Analysen hat man gelegentlich vorgeworfen, es handle sich nicht um sprachliche, sondern um Sachfelder, die angenommenen Seme seien nichts anderes als Sacheigenschaften der Referenten. Dies kommt letztlich dem Vorwurf gleich, Bedeutung würde über die Referenz bestimmt. Richtig ist sicherlich, dass Seme teilweise Abbildfunktion für den Referenten haben, allerdings handelt es sich beim jeweiligen Bündel an semantischen Merkmalen keinesfalls um eine rein sachweltliche Strukturierung, sondern um eine sprachliche und – daraus folgend – häufig einzelsprachspezifische Strukturierung. E. Coseriu (1995, 118) hat dies in seiner umfassenden und wortreichen Apologie der Lexematik deutlich gemacht:

el campo fr. ‘siège’ estudiado por B. Pottier no es […] un campo no lingüístico, de ‘cosas’; es campo léxico del francés, con distinciones propias de la lengua francesa, y en que en otras lenguas podría presentar estructuración muy diferente. Los asientos mismos, sí, son objetos propios de un determinado ámbito de cultura material; pero no es hecho de cultura material la estructuración semántica de los lexemas que los designan.

Und weiter:

Así, todos los tipos de objetos designados por los lexemas del campo fr. ‘siège’ se conocen en la misma forma también en Rumanía; pero el correspondiente campo léxico rumano está estructurado de otro modo que el del francés. Y claro está, tampoco importa que los rasgos diferenciadores correspondan a propriedades objetivas de las cosas designadas; lo que importa es si son o no son rasgos distintivos del significado en una lengua. Por ejemplo, ‘con respaldo’ corresponde a una propriedad objetiva de las ‘chaises’ de Pottier, pero – aunque también las sillas rumanas tengan respaldo – no es rasgo distintivo del significado de rum. scaun, que, por ello, corresponde también a fr. tabouret.

Dennoch bleiben weitere Probleme bestehen:

1 Der Analyse der Oppositionen ist ein onomasiologisch motiviertes, d.h. von den Referenten ausgehendes Verfahren vorgeschaltet, in dem der zu untersuchende Wirklichkeitsausschnitt selbst bestimmt wird. Dabei kommt es – wie man z.B. Pottier vorgeworfen hat – zu einer unzulässigen Reduktion. Warum findet sich im Ensemble der Sitzgelegenheiten nicht auch sofa (sp. sofá) oder banc (sp. banco). Pottier hat seine Beschränkung mit pragmatisch-situationellen Argumenten zu retten versucht (Disponibilität der Lexeme in einer bestimmten Situation). Damit ist aber z.B. nicht geklärt, warum im Spanischen poltrona nicht mit einbezogen wurde. Die Hinzunahme anderer Lexeme könnte u.U. zu einer Erweiterung der relevanten Seme führen, da andere Distinktionen notwendig werden können.

2 Es ist nicht auszuschließen, dass Merkmale als distinktiv angenommen werden, die nur akzidentell sind und beim Referenten mit mehr oder weniger großer Konstanz beobachtet werden. Damit ist u.a. die in hohem Maße prekäre Unterscheidung zwischen sprachlichem Wissen und Sachwissen (enzyklopädisches oder Weltwissen) angesprochen.

3 Eine einmal durchgeführte Semanalyse kann nicht immerwährende Gültigkeit beanspruchen, da sich die Welt der Referenten ändern kann und die Bezeichnungen “mitziehen”. Im Lichte der Analyse von Sessel und Stuhl durch Hoinkes (1995), der die distinktiven Merkmale über die Funktion ermittelt (Stuhl: [zum Sitzen] vs. Sessel: [zum bequemen Sitzen]), wird man heute vielleicht auch die auf dem Vorhandensein oder Nicht-Vorhandensein des Merkmals [con brazos] beruhende Unterscheidung zwischen chaise/silla und fauteuil/butaca in Frage stellen dürfen. Daraus ist zu schließen, dass die Referenz nicht ausgeblendet werden kann, so wünschenswert dies auch manchen erscheinen mag.

4 Ein generelles Problem des strukturalistischen Herangehens an Bedeutung liegt im ausschließlichen Erfassen der denotativen Bedeutung, d.h. des objektiven und prinzipiell invarianten semantischen Gehalts. Konnotationen als expressive, emotionale, registerspezifische u.a. Bedeutungskomponenten meist überindividueller Natur können sich zur Denotation hinzugesellen, verändern sie aber nicht: Ob man die Ureinwohner Amerikas als indios bezeichnet oder als indígenas, verändert nicht den Wahrheitswert der Aussage, lässt aber beispielsweise auf Haltungen und Werte des Sprechers schließen. Soll man zur Beschreibung der Konnotationen zusätzlich Seme annehmen? Oder ist die Konnotation ein eigenes signifié, mit dem jeweiligen Lexem als signifiant?

Im Unterschied zur paradigmatischen Methode bedarf es bei der syntagmatischen Methode keines onomasiologischen Vorspanns zur Eingrenzung. Außerdem können die Lexeme in ihrer ganzen Bedeutungsvielfalt analysiert werden – bei silla etc. war ja im Vorhinein nur eine Bedeutung betrachtet worden (Monosemierung).

Exemplarisch lässt sich dieses Verfahren wieder unter Rückgriff auf die Sitzgelegenheiten illustrieren; Hilty (1995, 298) kommt durch eine Distributionsanalyse zu folgende Merkmalen von silla:


Die Darstellung als Baumdiagramm ist nicht zufällig, sondern spiegelt eine Hierarchie in den Merkmalen wider, die bei der paradigmatischen Analyse nicht zutage tritt. Die verschiedenen Lesarten (Sememe) entsprechen so unterschiedlichen Kombinationen und Strukturierungen von Semen.

Semantische Merkmale kann man nach dem Grad ihrer Allgemeinheit einteilen:

 Seme sind die kleinsten distinktiven Merkmale; von ihnen können syntaktische Beschränkungen abhängen. Beispiele wären die Seme der Lexeme für Sitzgelegenheiten.

 Archisememe (bzw. wenn lexikalisch realisiert: Archilexeme) sind Bündel von Semen (Semkomplexe), die sich spezifisch mit anderen sie determinierenden Lexemen verbinden. So gibt es z.B. bestimmte Adjektive, die nur mit den Vertretern einer bestimmten Gruppe von Substantiven verträglich sind (cf. Kapitel 4.6.1, mit Beispielen).

 Klasseme sind sehr globale Seme, die allen Vertretern einer bestimmten Klasse gemein sind und diese konstituieren. Beispiele wären [Sache], [konkret], [abstrakt], [Tier], [weiblich] usw. Klasseme unterschiedlichen Allgemeinheitsgrades können in syntaktisch relevante hierarchische Beziehungen gebracht werden. Z.B. lässt sich [Sache] vs. [Tier] vs. [Mensch] besser so darstellen (cf. Greimas 1966, 54):


Zusammenfassend kann man festhalten: Die semantischen Merkmale sind “sprachspezifische Inhaltskomponenten lexikalischer Zeichen, die als Gebrauchsbedingungen interpretiert werden können und das systemhaft Relevante in den Zeichenbedeutungen, in der Paradigmatik […] ebenso wie in der Syntagmatik […] erschöpfend reflektieren” (Lüdi 1985, 84). Man muss jedoch darauf hinweisen – und dies ist schon ein Vorgriff auf den folgenden Abschnitt –, dass die semantischen Merkmale nicht zwingend bzw. nur z.T. die Gebrauchsbedingungen selbst reflektieren. M.a.W. ist der Gebrauch nicht unbedingt auf Basis der Merkmale vorhersagbar.

Auf die im Zitat angesprochenen paradigmatischen Beziehungen werden wir in Kapitel 4.5 näher eingehen; den syntagmatischen Beziehungen ist das Kapitel 4.6 gewidmet.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

₺890,20