Kitabı oku: «Wirtschaftsethik und Menschenrechte»

Yazı tipi:

Bernward Gesang

Wirtschaftsethik und Menschenrechte

Ein Kompass zur Orientierung im ökonomischen Denken und im unternehmerischen Handeln

Mohr Siebeck GmbH & Co. KG


Inhaltsverzeichnis

  Für Irene ...

  Einleitung: Warum machen wir uns überhaupt die Mühe zu arbeiten? Der Plan des Buches:

 1. Kapitel: Wie rationale Homines Oeconomici einen Vertrag schließen und was im Kleingedruckten des Vertrages stehtI. EinleitungII. Rezepte gegen „Appellitis“III. Der Rahmen und seine KrankheitenIV. Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf – Die VertragstheorieV. Ist es die billigste Methode anständig zu sein, um anständig zu erscheinen?VI. Die Vertragstheoretiker träumen vom KonsensVII. Ist Dagobert Duck der Held der Moderne?VIII. Was von der Ökonomischen Ethik bleibt

 2. Kapitel: Pareto-Optimalität, weil mehr nicht geht?I. Utilitarismus – Was ist das?II. Die Grundpfeiler des UtilitarismusIII. Eine heilige Kuh der Ökonomie: Pareto-OptimalitätIV. Ein Dogma auf dem Prüfstand: Pareto in der KritikV. Kann ich wissen, wie sehr dir ein Bier besser schmeckt als mir?VI. Jenseits der Grenzen der Wissenschaftlichkeit?

 3. Kapitel: Nachhaltiges Wachstum oder Postwachstumsökonomie – wohin geht die Reise?I. Die Schattenseiten unseres WirtschaftssystemsII. Schluss mit dem Wachstum?III. Wachstum ade – scheiden tut nicht weh?IV. Green New Deal: Die ökosoziale MarktwirtschaftV. Eine Ökonomie, die auf Sonnenenergie beruht, verursacht keine UmweltproblemeVI. Kontraktion und KonvergenzVII. Drei Modelle – kein KönigswegA. Sind die Grenzen des Wachstums erreicht?B. Die „dritte Welt“ fehlt!C. Der arme Norden – umsonst geopfert?D. Kritik des Green New DealVIII. Wie es gehen sollte, wenn man wollte: Die AB-EconomyA. Grundidee und ethische RechtfertigungB. Einwände und KonsequenzenC. Knappe GrößenIX. Der Notausgang: Eine kleine moralische Wende zum Green New Deal?

 4. Kapitel: Wie sollte eine Demokratie aussehen, die Nachhaltigkeit kann?I. Die DiagnoseII. Politikversagen – die PolitikerIII. Politikversagen – die BürgerIV. Volksentscheide, BasisdemokratieV. Zukunftsräte als Hoffnungsträger?VI. Eine andere Variante der Idee: Ombudsmänner für zukünftige GenerationenVII. Generationengerechtigkeit als Staatsziel

 5. Kapitel: Wirtschafts- und Unternehmensethik – Kompass MenschenrechteI. Der Staat und die UnternehmenII. Wie Erzengel auf die Erde kommen oder wie Ethik-Komitees die Krankenhäuser verlassenIII. Menschenrechte anstelle bloßer Intuitionen: Wie ein Kompass für Entscheidungen entstehtIV. Gibt es Menschenrechte für Unternehmen?V. Individualrechte im Utilitarismus – Die Quadratur des Kreises?VI. Exkurs: Leistet der Chef 400 Mal so viel wie sein Angestellter? Soziale GerechtigkeitVII. Menschenrechte im Utilitarismus – Die Quadratur des Kreises zweiter TeilVIII. Was die Menschenrechte Unternehmern und Politikern sagen: 16MR-NormenIX. Was die Menschenrechte Unternehmern und Politikern nicht sagen: Sechs MR+-Normen

  Literatur

  Personenregister

  Sachregister

[Zum Inhalt]

|V|Für Irene

[Zum Inhalt]

|1|Einleitung: Warum machen wir uns überhaupt die Mühe zu arbeiten?

Jede wirtschaftsethische Betrachtung tut gut daran, zu Beginn die Frage zu stellen, wozu wir überhaupt Wirtschaft betreiben. Was ist der Zweck hinter unseren täglichen Mühen? Die Antwort mag einfach erscheinen: Wir wollen genug Güter zum Leben haben. Darüber hinausgehende Antworten haben dann mit Lebensqualität und Wohlergehen zu tun. So schreibt der Wirtschaftsethiker P. Ulrich: „Der grundlegende lebensdienliche Sinn des Wirtschaftens besteht also in der Versorgung aller Menschen mit den notwendigen ‚Lebensmitteln‘.“ (Ulrich 1997/2008, 224) Man kann das so erweitern, dass es bei der Wirtschaft darum geht, primär das materielle Wohlergehen der Menschen sicherzustellen.

Mit Ulrichs Zitat ist allerdings auch schon heiß umkämpfter Boden betreten, denn Ulrich spricht von „allen“ Menschen. Ist das Wohl aller notwendig der Zweck des Wirtschaftens? Will ich durch meine wirtschaftliche Tätigkeit das Wohl aller fördern? A. Smith meinte eher „nein“. Ich wolle mein eigenes Auskommen sicherstellen, wodurch ich „indirekt“ das Wohl aller bewerkstelligen würde. Diese Verbindung von Individual- und Allgemeinwohl übernimmt bei Smith einer gängigen (wenngleich umstrittenen, vgl. Sen und Rothschild 1994, 369) Interpretation zufolge die „unsichtbare Hand“ (Smith 1989/1990 Buch 4. Kpt. 2.). L. Erhard, Verfechter unserer heutigen sozialen Marktwirtschaft, bringt eine weitere Variante ins Spiel:

Da der Zweck des Wirtschaftens – Mittel für den Verbrauch zur Verfügung zu stellen und damit der sozialen Wohlfahrt des Volkes zu dienen – unabhängig von Zeiterscheinungen und Systemvorstellungen unverrückbar gegeben ist, sollte der Streit der Meinungen eigentlich nur noch um Fragen der Zweckmäßigkeit der dabei anzuwendenden Verfahren gehen können. (Erhard 1947)

Damit haben wir nun drei Parteien identifiziert, deren Wohl durch das Wirtschaften sichergestellt werden kann: Das Individuum, „das Volk“ und alle Menschen. Das Zweitgenannte legt auch der Begriff „Volkswirtschaft“ nahe, da in der Volkswirtschaftslehre untersucht wird, wie das Wohl eines Volkes als Wirtschaftseinheit vergrößert werden kann. Somit hat das Wirtschaften also mindestens drei potenziell Begünstigte und scheint einen Mechanismus zu bezeichnen, der das (primär |2|materielle) Wohlergehen seines jeweiligen Begünstigten angesichts knapper Güter optimiert.

Alle drei Begünstigten spielen in der Wirtschaft, und damit auch in der Wirtschaftsethik, eine Rolle. So geht die in Deutschland dominierende Wirtschaftsethik, die Ökonomische Ethik von K. Homann, davon aus: „Ökonomik befasst sich mit den Möglichkeiten und Problemen der gesellschaftlichen Zusammenarbeit zum gegenseitigen Vorteil.“ (Homann und Suchanek 2000, 5) Dabei wird betont, dass diese Wissenschaft (und eben auch der Untersuchungsgegenstand, die Wirtschaft selbst) „auf das Vorteilsstreben der einzelnen Akteure“ (Homann und Suchanek 2000, 5) aufbaut.

Schon J. Locke und viele andere Autoren der Philosophiegeschichte bringen dieses Motiv zum Vorschein, das die wirtschaftliche Tätigkeit etwa mit dem Erwerb von Privateigentum verknüpft: „So viel, als ein jeder zu irgendwelchem Vorteil für sein Leben nutzen kann, bevor es verdirbt, darf er sich zu seinem Eigentum machen.“ (Locke 1974/1999, 25) Arbeit wird dabei so verstanden, dass das Individuum seine Güter durch Arbeit vom Gemeingut abgrenzt (Locke 1974/1999, 25). Nennen wir dieses Wirtschaftsmotiv und die damit verbundene Zweckzuweisung den egozentrischen Wirtschaftszweck. Dieser wird variiert, wenn als Ziel des Wirtschaftens eines Unternehmens die Maximierung der Rendite des eingesetzten Eigenkapitals gesehen wird, was einem Shareholder Value-Ansatz entspricht. Dann wird die egozentrische Perspektive auf eine Gruppe ausgedehnt: „All powers granted to a corporation or to the management of a corporation, or to any group within the corporation are at all times exercisable only for the ratable benefit of all the shareholders as their interest appears.“ (Berle 1931, 1049)[1]

Eine andere, durch weniger egozentrische Sympathien geprägte Gruppe wird de facto in den Wirtschaftswissenschaften erfasst, wenn das Wirtschaften den Wohlstand eines Volkes mehren soll. Hier werden andere Volkswirtschaften als Konkurrenten gesehen und man beabsichtigt, die eigene Volkswirtschaft gegenüber den Konkurrenten besser zu stellen, nennen wir das den nationalen Wirtschaftszweck.

Als dritte Möglichkeit kann der Zweck des Wirtschaftens in der Steigerung des Wohles aller Menschen gesehen werden. Das ist eine Bedingung für einen utilitaristischen Wirtschaftszweck, der jüngst noch |3|von T. Jones und W. Felps hervorgehoben wurde: „Indeed, the classic justification for the economic system we call market capitalism is fundamentally utilitarian.“ (Jones und Felps 2013, 212) G. Gysi bringt es auf den Punkt: „Der Zweck von Wirtschaft ist die Wohlfahrt des Menschen.“ (Gysi 2005, 83) Und auch moderne Ökonomen wie R. Vaubel äußern sich annähernd poetisch: „Ökonomen sind verhinderte Utilitaristen.“ (Vaubel 2007, 109; vgl. Kleinewefers 2008, 35f.)

Zum utilitaristischen Wirtschaftszweck gehört aber auch ein spezielles Verständnis von „optimieren“ als maximieren. Man kann Wohlergehen optimieren, indem man Nutzen maximiert, Gleichheit zwischen den Menschen herstellt, die Schlechtestgestellten bevorzugt etc. Bei manchen Ökonomen gibt es ein besonderes Verständnis von Optimierung: das sogenannte Pareto-Prinzip. Es ist die nach Vaubel dem „verhinderten Utilitaristen“ übrig gebliebene „Ersatzposition“. Ein Utilitarismus erscheint vielen Ökonomen unmöglich, weil er erfordert, meinen Nutzen mit deinem Nutzen aus einem Gut x zu vergleichen. Nutzenvergleiche zwischen Personen sind seit L. Robbins (Robbins 1932/2005) in der Volkswirtschaftslehre ein Problem. Daher befürworten manche eine andere Position, die solche Vergleiche nicht benötigt: Das Wohl wird bei einer gegebenen Ausgangsverteilung der Güter optimiert, wenn ein Zustand erzeugt wird, in dem das Wohl eines Subjekts S nicht mehr weiter verbessert werden kann, ohne das eines anderen Subjekts S’ zu verschlechtern (vgl. dazu Kpt. 2).

Zwischen den Zwecksetzungen zu entscheiden, ist einer der wichtigsten Ausgangspunkte der Wirtschaftsethik. Dazu kann man sich verschiedener Quellen der normativen Ethik bedienen. Man kann argumentieren, dass dem egozentrischen und dem nationalen Wirtschaftsbild oft eine Vertragstheorie der Moral zugrunde liegt, die ein Mensch, der moralisch sein will, nicht akzeptieren kann (vgl. Kpt. 1). Ebenso kann man gegen das egozentrische und das nationale Wirtschaftsbild vorbringen: Es nicht rational begründbar, wieso die eigene Person bzw. die eigene Gemeinschaft oder der eigene Staat Vorrang gegenüber anderen Personen, Gemeinschaften oder Staaten haben sollte, nur weil es sich gerade um die eigene Person oder Gruppe handelt (vgl. Gesang 2000a, 62–90; Hare 1992, Kpt. 6). Das ist genauso, als würde man den Begriff „Fernsehstar“ nicht auf alle in relevanter Hinsicht ähnlichen, also durch das Fernsehen bekannten, eitlen und egomanen, sicher aber reichen und stylisch gekleideten Personen anwenden. Unterlässt man dies, handelt man willkürlich und begeht einen Bruch des logisch zwingenden Prinzips, Gleiches |4|gleich zu behandeln. Ein solcher Bruch verlangt nach Begründung.

In diesem Buch soll der utilitaristische Wirtschaftszweck verteidigt werden und es soll analysiert werden, welche Forderungen mit ihm verbunden sind.

Der Plan des Buches:

Das ökonomische Denken ist in einigen fixen Vorstellungen gefangen: Diese Vorstellungen müssen ergänzt oder ausgetauscht werden. Ökonomische Rationalität rechtfertigt häufig egozentrische und nationale Zwecksetzungen. Das ist insbesondere so, seit J. Buchanan Vertragstheorien von der Art verteidigte, wie sie T. Hobbes hinterlassen hat (Buchanan 1975/1984). Viele Wirtschaftswissenschaftler haben sich seit V. Pareto auf Wege beschränkt, die es erlauben, pareto-optimale Zustände zu erzeugen und bauen ihre Methodik wesentlich auf den Homo Oeconomicus[2] auf. Inhaltlich vertreten sie die Marktwirtschaft und das hinter dieser stehende Wachstumsparadigma: Wirtschaft muss wachsen oder zugrunde gehen. Auf Ebene der Unternehmen wird das mit M. Friedmans „The business of business is business.“ übersetzt (Friedman 1970, 32f.).

Diese Paradigmen ökonomischen Denkens sind zu überwinden: Die Vertragstheorie und die auf ihr beruhenden Zwecksetzungen sind unmoralisch, das Pareto-Prinzip sollte durch einen humanen Utilitarismus (Gesang 2003) ergänzt werden. Das Prognoseinstrument des Homo Oeconomicus (HO) stellt ein Verhalten als unumgänglich dar, das man verändern kann und muss. Wachstum muss nachhaltig werden oder es gefährdet zahllose Leben in Gegenwart und Zukunft. Auf Ebene der Unternehmen brauchen wir ein moralisches Leitbild, und das sollte sich an den Menschenrechten orientieren. Diese Ideen will ich durch eine bestimmte Variante des Utilitarismus begründen. Damit ist das Programm des Buches kurz beschrieben.

Eine Standardposition der heutigen Ökonomie will ich aber hier nicht herausfordern. Auch ich glaube, dass eine marktwirtschaftliche Ordnung angesichts der Aufgabe, die Bedürfnisse in Massengesellschaften zu koordinieren, derzeit als alternativlos gelten kann, denn wo wären Konzepte für eine völlig neue Organisation des Wirtschaftens?

|5|Selbst moderne Varianten des Ökosozialismus legen sich häufig auf eine mixed economy oder einen market socialism fest, welche Schlüsselindustrien vergesellschaften wollen, staatliche Kontrolle und Mitarbeiter-Mitbestimmung groß schreiben oder ein bedingungsloses Grundeinkommen fordern, aber den Markt als Koordinationsinstanz beibehalten (z.B. Arndt und Rogall 1983/1984, 496f.; oder als Beispiel für eine anarchistische Form des Anti-Kapitalismus: Chartier und Johnson 2011). Jedenfalls scheint es derzeit kaum ein Wirtschaftssystem zu geben, das völlig auf den Markt verzichtet und ich werde alle Systeme als „Marktwirtschaften“ bezeichnen, welche den Markt beibehalten, aber unterschiedlich stark eingrenzen. Wie stark ich selbst meine, den Markt politisch eingrenzen zu müssen, zeigen die Kapitel drei und fünf. Allerdings versuche ich soweit wie möglich in den Grenzen des Durchsetzbaren zu bleiben. Wenn im Sozialismus also Enteignungen von Unternehmen und Branchen gefordert werden, kann dies z.B. in Bezug auf Banken ein richtiger Gedanke sein, der aber so weit von den derzeit realisierbaren Optionen entfernt ist, dass ich meine Konzeption nicht darauf aufbauen möchte.

Die Kritik des egozentrischen und des nationalen Wirtschaftszwecks soll in diesem Buch nicht im Vordergrund stehen, gleichwohl werden beide Zwecke im ersten Kapitel kritisiert. Die dominierende Wirtschaftsethik in Deutschland, die sogenannte Ökonomische Ethik, macht sich den egozentrischen Ansatz zunutze. Obgleich ihr schon häufig widersprochen wurde, soll ihr hier mit neuen Argumenten widersprochen werden. Im zweiten Kapitel wird der Utilitarismus vorgestellt und das von vielen Ökonomen verfochtene Verständnis von Optimierung als Pareto-Optimalität kritisch beleuchtet, denn es stellt die Möglichkeit eines Utilitarismus in Frage. Beide Kapitel sind hilfreich, um den in diesem Buch vorgestellten Entwurf hinreichend gegen andere Konzepte abzuheben. Im weiteren Verlauf des Buches soll dann Neuland beschritten und geklärt werden, welche Wirtschafts- und Unternehmensethik sich ergibt, wenn man eine utilitaristische Perspektive einnimmt. Diese Perspektive fehlt im Konzert der wirtschafts- und unternehmensethischen Positionen derzeit häufig, wie Jones und Felps (Jones und Felps 2013) feststellen. Das ist ein guter Grund, sie zu ergänzen.

Allerdings hätte man damit zwar die ethischen Stimmen in der Partitur des Musikdramas „Wirtschafts- und Unternehmensethik“ vervollständigt, aber dieses klänge deshalb nicht besser, sondern immer noch nach Donaueschingen im Jahr 1970. Was nützt es dem Politiker, |6|Unternehmer oder Manager, wenn er liest, dass er als Kantianer a, als Utilitarist b und als Vertragstheoretiker c tun soll? Wie ordnet man einen völlig dissonanten Orchesterklang, so dass Harmonie entsteht? Sollen Politiker und Unternehmer selbst normative Ethik betreiben, sich also die Vor- und Nachteile der Modelle klar machen, um einen eigenen Standpunkt zu beziehen? Im Idealfall wäre das gefordert, aber de facto führt es häufig dazu, dass Praktiker sich überfordert von der Ethik abwenden.

Das eigentlich gute Vorhaben, sich für Ethik zu interessieren, fällt dann zusammen wie ein Kartenhaus. Daher wird im fünften Kapitel dieses Buches eine Konsensposition formuliert, der Kantianer, Utilitaristen, Mitleidsethiker und andere Moralphilosophen weitestgehend zustimmen können. Diese Position ist aber utilitaristisch begründet und zeigt, dass der Utilitarismus imstande ist, viele Forderungen aus anderen Positionen zu übernehmen, weil sie seinem Ziel der Glücksmaximierung zuträglich sind. Daher ist er ein besonders guter Ausgangspunkt, um eine Konsenslösung zu entwerfen. Ein Baustein für diese Lösung sind die Menschenrechte, da sie von vielen Theoretikern, Menschen in der Praxis und westlichen Unternehmen anerkannt werden, die nach wie vor tonangebend auf der Welt sind. Das heißt, das Buch soll im letzten Kapitel einen Kanon von Pflichten für Unternehmen und Staaten ausformulieren, der auf den Menschenrechten fußt, und der lediglich um einige weitere Forderungen ergänzt wird, die zwischen den am Konsens beteiligten Ethiken weitgehend unstrittig sind.

Im dritten Kapitel wird der Frage nachgegangen, wie man die aus der Perspektive des Utilitarismus größten ethischen Probleme unseres vorherrschenden Wirtschaftssystems bekämpfen kann: globale Armut und Raubbau an zukünftigen Generationen. Dabei werden Postwachstumsökonomie, Green New Deal sowie Kontraktions- und Konvergenzansätze kritisch beleuchtet. Es zeigt sich, dass die utilitaristische Perspektive erneut zu Schlussfolgerungen führt, die von vielen anderen ethischen Konzepten geteilt werden:

Wenn wir uns mit fehlenden Ressourcen und Kapazitäten des Planeten, Schadstoffe aufzunehmen (Senken), befassen, wird klar: Wir können nur eine Wirtschaft verantworten, die den Naturverbrauch nach naturwissenschaftlichen und ethischen Vorgaben beschränkt (Cap). Für verbleibende Restmengen, die verbraucht werden dürfen, bietet sich ein Handelssystem (Trade) an. Dieses Handelssystem muss nicht auf einen Emissionshandel beschränkt gedacht werden, sondern kann viele knappe Größen einbeziehen. Die armen Menschen dieser Welt |7|müssen als Verkäufer von Zertifikaten, die zum Verbrauch knapper Größen ermächtigen, von dem System profitieren. Wenn eine solche Wirtschaft wächst, wächst sie in den durch das Cap fest definierten absoluten Grenzen, daher nenne ich sie Absolute Border Economy (AB-Economy). Damit löst man sich von der vorherrschenden Fixierung auf die Frage, ob die Wirtschaft der Zukunft noch wachsen darf. Innerhalb absoluter Grenzen ist ein Wachstum harmlos und der Markt, nicht die Politik entscheidet, ob es stattfindet.

Die Durchsetzung, nicht die normative Begründung einer AB-Economy, ist das eigentliche Problem. Das wird uns im vierten Kapitel zu Fragen wie der führen, ob die heutige demokratische Ordnung noch „Zukunft kann“ und nicht verändert werden müsste, um dies zu leisten. Hier wird der Ruf nach einer demokratisch legitimierten Reform unserer Institutionen laut, die gerade dann unausweichlich ist, wenn man Ökodiktaturen eine Absage erteilen will.

Die fünf Kapitel leisten eine Kritik des ökonomischen Denkens und sie gehen darüber hinaus, indem sie neue Wege bahnen und auch einen Kanon praxistauglicher Prinzipien für Unternehmen formulieren.

Danksagung: Für interessante Diskussionen und Anmerkungen zu diesem Buch muss ich mich bei vielen Menschen und Auditorien bedanken. Besonders hervorheben möchte ich: Vuko Andric, Gerhard Bronner, Karl Homann, Peter Graf Kielmansegg, Stefan Mann, Matthias Neumann, Mathew Rendall, Julius Schälike, Bryan Scheler, Jonathan Schmitt, Max Schormair, Bill Shaw, Elias Strehle, Roland Vaubel und Florian Wettstein.

Für Korrekturarbeiten und hilfreiche stilistische Hinweise bin ich Nina Fahr-Rühland, Sinah Döhren, Barbara Guckes, Sandra Göhl, Franziska Ludwig, Jonathan Schmitt, Birgit Schulte-Kloke und Annerose Eichenlaub dankbar. Nicht zuletzt gebühren dem Mohr Siebeck Verlag und der Lektorin Stephanie Warnke-De Nobili mein Dank.

[Zum Inhalt]

|8|1. Kapitel: Wie rationale Homines Oeconomici einen Vertrag schließen und was im Kleingedruckten des Vertrages steht
I. Einleitung

In diesem Kapitel möchte ich eine aktuelle Hauptströmung der deutschen Wirtschaftsethik, die ökonomische Ethik[3], mit einigen der wichtigsten und in den Debatten immer wieder verzerrten Kritikpunkten konfrontieren. Damit will ich den egozentrischen und den nationalen Wirtschaftszweck schwächen und so den utilitaristischen plausibler machen. Dass der egozentrische oder der nationale Wirtschaftszweck moralisch erlaubt seien, basiert wesentlich auf vertragstheoretischen Überzeugungen wie den folgenden:

 1) Alles Handeln ist nur vernünftig, wenn es durch Maximierung von Eigeninteressen erklärbar ist.

 2) Alles moralisch erlaubte Handeln muss vernünftig sein.

 3) Der Zweck des Wirtschaftens muss moralisch erlaubt sein.

 K) Alles moralisch erlaubte Handeln, inklusive des Zwecks des Wirtschaftens, muss durch Maximierung von Eigeninteressen erklärbar sein.

Daher schwächt es die besagten Zwecke, wenn man die Vertragstheorie und ihre Verbindung von Vernunft, Moral und Eigennutzen verwirft, in der die ökonomische Ethik verankert ist. Auch die Debatte um den homo oeconomicus (HO) war bislang durch ein „Aneinander-Vorbeireden“ geprägt, da verschiedene HO-Konzepte nicht voneinander unterschieden wurden. Daher standen zwei aufeinander aufbauende Thesen der ökonomischen Ethik nicht genügend im Zentrum der Debatte: 1) Die These, dass ein moralisch akzeptables Wirtschaftssystem auf die Zustimmung jedes Betroffenen angewiesen ist. 2) Die These, dass diese Zustimmung gerade in einer marktwirtschaftlichen Ordnung zu erwarten ist, weil die aufgeklärten Interessen |9|der Individuen darauf ausgerichtet sind, den Eigennutzen zu maximieren.

Ich will in diesem Kapitel begründen, dass 1) die von T. Hobbes stammende Vertragstheorie einen unzureichenden normativen Rahmen bietet, dass 2) gerade in einer Marktwirtschaft ein Konsens aller Betroffenen über diese Wirtschaftsform nicht besonders wahrscheinlich ist, selbst wenn die Menschen ihren Eigennutzen maximieren wollen und dass 3) die aufgeklärten Interessen der Individuen nicht automatisch mit denen eines Eigennutzenmaximierers zusammenfallen, weshalb „die Menschen“ auch unter Konkurrenz nicht automatisch ihren Eigennutzen maximieren. Das erschwert den Konsens über die Marktwirtschaft noch einmal. Zuletzt soll auch eine konstruktive Würdigung der ökonomischen Ethik stattfinden, um für die weiteren Kapitel Lehren aus dieser Theorie ziehen zu können.

II. Rezepte gegen „Appellitis“

Die ökonomische Ethik versucht, eine in der Ethik immer wiederkehrende Grundkonstellation aufzulösen: Hier gebietet die Ethik die Norm N und dort scheitert N an der Umsetzung. Ethik wird damit nach Auffassung der ökonomischen Ethik zur Moralpredigt, d.h. zur wirkungslosen „Appellitis“ (vgl. Homann und Blome-Drees 1992, 36). Diese Problemkonstellation versuchen Homann und seine Schüler zu vermeiden: Der Grund für das Problem ist demnach ein normativistischer Fehlschluss, in dem von normativen Idealen direkt auf Handlungsnormen geschlossen wird, ohne die realen Umsetzungsbedingungen zu beachten. Diese gibt die Empirie vor (Suchanek 2007, 31, 43–46). Die Fakten, an denen Ethiker mit normativistischen Fehlschlüssen meist vorbeigehen, bestehen demnach darin: Unter scharfem Konkurrenzdruck können selbst altruistisch motivierte Menschen nicht anders, als im Extremfall sogar ihre eigenen moralischen Überzeugungen zu verraten (Homann und Blome-Drees 1992, 26). Es besteht ein Zwang, dass letztlich alle Individuen unter Konkurrenz wie ein HO handeln (Suchanek 2005, 99; vgl. Homann und Blome-Drees 1992, 26). Damit sind empirische Annahmen derart gemacht, dass „auch moralisch motivierte Menschen nicht bereit sein werden, dauerhaft gegen ihre (sonstigen) eigenen Interessen zu verstoßen“ (Suchanek 2005, 99). Und: Wenn „moralisches Verhalten (…) systematisch und dauerhaft mit ökonomischen Nachteilen ‚bestraft‘ wird, dann wird die Moral (…) |10|sehr schnell erodieren; sie kann keinen Bestand haben.“ (Homann und Blome-Drees 1992, 94).

Wirkungslose Moralpredigten sollen vermieden werden, indem betont wird, dass das Individuum nicht die primär zuständige Instanz für moralische Veränderungen ist, sondern die Ordnungspolitik. Die Institutionen sind gefordert. Diese setzen in wesentlichen Teilen den Rahmen, also beispielsweise die gesetzlichen Spielregeln. Gegeben ein perfektes Regulierungssystems wäre somit allein der Rahmen der systematische Ort der Moral (Homann und Blome-Drees 1992, 35–47). Die Anreize, d.h. die Vorteilserwartungen für die Individuen, müssen durch die Institutionen verändert werden[4], damit so viel Kooperation möglich wird, wie in der eigentlich wettbewerbsorientierten Marktwirtschaft erwünscht ist. Ansonsten sind die Individuen, selbst bei guten Absichten, nicht fähig zu moralischer Kooperation, wie mit dem Gefangenen-Dilemma (zur Darstellung: Homann und Blome-Drees 1992, 29–34) demonstriert wird. Erst wenn eine ursprünglich wirkungslose Norm N den Vorteil der Individuen vergrößert, wird sie umsetzbar, denn Individuen werden nicht dauerhaft gegen ihren Vorteil handeln (Suchanek 2007, 49f.). In einem perfekten Regulierungssystem sind die einzelnen Handlungen der Firmen und Kunden (Spielzüge) auf einer ersten, die Absichten der Akteure betreffenden Ebene „moralfrei“. Die Moral oder besser die Anreize für moralisches Handeln werden durch den Rahmen hergestellt. Dies ist nicht Aufgabe der Individuen, wenn der Rahmen perfekt ist. Diese sollen sich allein darum sorgen, den Gewinn zu maximieren, während sie die bestehenden Gesetze achten. Diese Gestaltung der Spielzüge wird auf einer zweiten Ebene begründet, denn dort soll dieses individuell „moralfreie“ (d.h. insbesondere von moralischen Motiven befreite) Verhalten moralisch fruchtbar sein. So wird nämlich das für alle nützliche marktwirtschaftliche System in Gang gehalten (eine Mischung aus unsichtbarer Hand und prästabilierter Harmonie). Daher wird sogar eine moralische Pflicht für Unternehmen darin gesehen, den Gewinn konform mit dem Rahmen zu maximieren (Homann und Blome-Drees 1992, 38).

|11|Das Allgemeinwohl[5] und damit das Wohl jedes Einzelnen wird ohne Marktwirtschaft gemindert, denn von ihr profitiert jedermann; das zumindest in der Rolle des Konsumenten, die jedes Wirtschaftssubjekt einnimmt (Homann und Blome-Drees 1992, 26; vgl. Suchanek 2007, 77). Durch die Marktwirtschaft fallen die Preise und erhöht sich die Qualität der Produkte für die Konsumenten. Das vermehrt deren Freiheitsspielräume, denn mit gleichem Geld lassen sich mehr Präferenzen realisieren (Homann 2003, 123). Also gilt: Je billiger und besser die Produkte, desto höher die Freiheitsspielräume der Konsumenten und desto größer ihre Freiheit. Und individuelle Freiheit ist für Homann der höchste ethische Wert, der realisiert werden kann (Homann 2003, 125). Neben dem Konsumentenwohl werden auch andere Errungenschaften der Marktwirtschaft für das Wohl jedes Einzelnen hervorgehoben, etwa der stetige Innovationsprozess, der z.B. medizinische Erfolge für alle hervorruft. Wir leben alle länger dank der Marktwirtschaft (Lin-Hi 2011, 10).

Weiterhin wird von Homann auch mehr Solidarität als Ziel des Wirtschaftens und als vorteilhafte Wirkung der Marktwirtschaft ausgewiesen (Homann und Blome-Drees 1992, 26, 45). Aber diese Solidarität zu gewähren, heißt in modernen Massengesellschaften, Mittel für einen sozialen Ausgleich bereitzustellen. Diese müssen erwirtschaftet werden, eine arme Gesellschaft kann nicht solidarisch sein. Da die nötigen Mittel nur auf den Märkten und damit unter Konkurrenz erwirtschaftet werden können, gilt für die ökonomische Ethik: Wettbewerb ist solidarischer als Teilen (Homann und Blome-Drees 1992, 26). Sankt Martin hätte demnach nicht seinen Mantel teilen, sondern eine Fabrik für Mäntel bauen und dann Mäntel verkaufen sollen, das wäre marktwirtschaftliche Solidarität. (Man denke an all die Sankt-Martins-Aufführungen, für die dementsprechend ein neues Drehbuch geschrieben werden müsste.) So kommt Homann zu dem Fazit, dass „das Streben nach individueller Besserstellung – unter einer geeigneten Rahmenordnung – auch den anderen, allen anderen, Vorteile bringt“ (Homann 2003, 171).[6]

|12|All das begründet einen Perspektivwechsel: „Habgier“ von Unternehmern sei nicht schuld an moralischen Problemen, sondern sei moralisch erwünscht, sofern sie auf dem Boden der Rahmenordnung verbleibe. Es sei niemandem damit gedient, wenn ein „guter“ Unternehmer, der Moralappellen folge, vom Markt verschwinde. Der Bankrott würde sich zwangsläufig bei einem Unternehmen einstellen, wenn es Moralvorstellungen gegen die bestehenden Anreize durchsetze und zulasten seiner Gewinne handele (Homann und Blome-Drees 1992, 34). Der Wettbewerb wird als scharf aufgefasst (es gebe keine „Schlafmützenkonkurrenz“ und es solle sie auch nicht geben) und es wird behauptet, Unternehmen könnten sich seinem Zwang nicht entziehen und trotzdem fortbestehen. Wenn moralisches Handeln dauerhafte Gewinneinbußen bewirken würde, könne dies vom Individuum bzw. Unternehmen nicht gefordert sein (zur vertragstheoretischen Begründung dessen, s.u.). Alles andere wäre eine „Hypermoralisierung“ (Homann und Blome-Drees 1992, 36), eine Überdehnung der Individualethik (Pies 2010, 254). Eine Ethik des Opferns und Teilens stamme aus vergangenen Zeiten, in denen es keine modernen Massengesellschaften gab.

Fazit: Moral wird umgesetzt, indem von Institutionen dafür Sorge getragen wird, dass sie sich langfristig lohnt. Es muss gewährleistet sein, dass Moral eine langfristige Investition zur Steigerung der Gewinne eines Unternehmens ist. I. Pies nennt eines seiner Bücher sogar „Moral als Produktionsfaktor“ (Pies 2009; vgl. Suchanek 2007, 51). So werden Win-win-Situationen aufgezeigt und erzeugt, um den wechselseitigen Vorteil zu mehren. Wenn das gelingt, wird Moral schnell umsetzbar, weil sie keine Revolution des menschlichen Denkens erfordert, sondern an die bestehenden, egoistischen Motivationsmuster der Mehrheit anschlussfähig ist. (Zwischenzeitlich mag man an die beste aller möglichen Welten von Leibniz erinnert werden, in der jedes „Übel“ in einen Vorteil umgemünzt wird – es gab allerdings schon Religionsphilosophen, die hier leichte Zweifel hatten …). Win-win-Situationen werden erzeugt, indem Institutionen geschaffen werden, die Moral möglich machen. Das heißt, es müssen Regeln eingeführt werden, die nicht von Trittbrettfahrern ausnutzbar sind, denn dauerhaft ausgenutzt zu werden, tötet die Motivation jedes moralischen Akteurs. Daher müssen die Institutionen und Regeln so konzipiert werden, dass sie den sogenannten HO-Test bestehen. Das heißt, dass sie es für einen HO-Akteur nicht attraktiv machen, sie auszunutzen, denn das kann eine Erosion auslösen: „Ein Anbieter, der legal die Umwelt |13|verschmutzt, zwingt die moralischer gesinnten Konkurrenten, ihre freiwillige Zurückhaltung aufzugeben.“ (Homann und Blome-Drees 1992, 42)[7]

III. Der Rahmen und seine Krankheiten

Soweit das Grundmodell der ökonomischen Ethik. Nun kümmern sich deren Vertreter aber auch um die tiefergehende Rechtfertigung und um einige Probleme des Grundmodells. Auch an die Rahmenordnung selbst, die sich vorrangig aus Gesetzen und weit verbreiteten Moralvorstellungen in der Gesellschaft zusammensetzt (Homann und Blome-Drees 1992, 23), sind moralische Anforderungen zu stellen, gerade damit sie jedermann nützlich sein kann. Wann ist der Rahmen moralisch? Homann bettet seine Konzeption in eine Hobbessche Vertragstheorie ein.[8] Diese besagt, wenn man sie auf die Moral überträgt, dass moralische Regeln (oder „Verträge“) nur zustande kommen, wenn sie dem Eigeninteresse jedes Menschen dienen. Beim Urahn dieses Theorietyps, bei T. Hobbes (Hobbes 1970/2002, Kpt. 13–14), gebe ich mein „Recht“ jemanden zu töten oder zu berauben nur dann auf, wenn ich mir davon selbst einen Nutzen versprechen kann (auch ich werde von den anderen nicht getötet und beraubt). Moral wird völlig auf Eigennutzen zurückgeführt. Mithilfe eines Cartoons lässt sich das wunderbar veranschaulichen. In diesem geben sich zwei Herren im Anzug die Hand und jeder hält hinter seinem Rücken eine steinzeitliche Keule versteckt: Der Vertrag ist nur eine besondere Form der Gewalt. Homann wählt diese Ethik aufgrund des gesellschaftlichen Wertpluralismus. Das heißt, die Menschen sind sich über Werte heutzutage nicht mehr einig. Daher kann man Homann folgend nur auf einem von allen geteilten, nicht strittigen und nicht moralischen Fundament aufbauen, dem Eigeninteresse (Homann und Blome-Drees 1992, 22, 167ff.; Homann 2005, 205).[9] Homann geht davon aus, dass der Rahmen in einem bestimmten Sinne moralisch sein muss, um |14|eine optimale Verwirklichung des je eigenen Vorteils zu garantieren: „Der Mensch erlegt sich autonom per kollektiver Selbstbindung die moralischen Regeln auf – um größerer Vorteile willen und aus keinem anderen Grund.“ (Homann 2003, 174) Nur wenn die Rahmenordnung zum wechselseitigen Vorteil aller (d.h. „moralisch“ im Sinne der ökonomischen Ethik) ist, werden der individuelle Vorteil und der soziale Friede als Bedingung für bessere Geschäfte gewahrt (Homann und Blome-Drees 1992, 85; Homann 2003, 176).[10] Um die Moralität des Rahmens und des gesamten Wirtschaftssystems zu sichern, wenden Homann und Blome-Drees ein scharfes Konsenskriterium an: Jedes Mitglied der Gesellschaft und genau genommen jeder Vertragspartner des Welt-Gesellschaftsvertrags (Homann 2003, 176) müssen der durch den Rahmen vorgegebenen Wirtschaftsordnung im Prinzip zustimmen können (Homann und Blome-Drees 1992, 54ff.). Sonst ist das Wirtschaftssystem eben keines zum wechselseitigen Vorteil aller (Homann 2003, 171). Jeder nicht berücksichtigte Akteur droht das gesamte System der Kooperation zu beenden, indem er bei geeigneten Dilemmastrukturen alle anderen zwingen kann, die Kooperation aufzugeben und Gegenausbeutung zu betreiben (Homann und Suchanek 2000, 425).

Zustimmung aller zu einer Ordnung, die dem Einzelnen auch Opfer auferlegt, wenn er arbeitslos wird, kann nur die Ausweitung der Marktwirtschaft zur sozialen Marktwirtschaft garantieren (Buchanan 1975/1984, 91). Durch Sozialleistungen wird die Zustimmung zum System „erkauft“, denn in der sozialen Marktwirtschaft wird es den Schlechtestgestellten – frei nach Adam Smith (Smith 1989/2009, 58) – immer noch bessergehen als den Schlechtestgestellten in anderen Wirtschaftssystemen (Homann und Blome-Drees 1992, 58f.). Daher gibt es ein Recht auf Sozialleistungen. Nur so wird das System als eines ausweisbar, das den wechselseitigen Vorteil vermehrt, d.h. nur so wird das Grundsystem ein moralisch gerechtfertigtes. Anders formuliert, darf die Wirtschaft nicht zu (unkompensierten) Lasten Dritter gehen (wie etwa im Falle der Korruption) (Suchanek 2007, 43), denn dann würden diese „Dritten“ den Konsens zu Recht aufkündigen. Allerdings darf auch nicht gefordert werden, das Eigeninteresse irgendeines Akteurs zu opfern, um die Interessen Dritter zu wahren. Auch dann ist der Kon|15|sens mit diesem Akteur bzw. die Vertragsgrundlage des wechselseitigen Vorteils hinfällig.[11]

Weiterhin wird anerkannt, dass Rahmenordnungen nie perfekt sind (Homann und Blome-Drees 1992, 114f.). Allgemeine Regeln können individuellen Fällen nie ganz gerecht werden, Gesetze laufen den zu regulierenden Fehlentwicklungen zeitlich immer hinterher. Viele Rahmenordnungen sind zudem, selbst gemessen an den Maßstäben der Vertragstheorie, nicht immer moralisch. In manchen Teilen der Welt existiert z.B. nur ein auf „Vetternwirtschaft“ basierender gesetzlicher Ordnungsrahmen zum alleinigen Vorteil von Eliten. In solchen globalisierten Kontexten bleibt nur das positive Image des Unternehmens[12] als Instanz bestehen, die das Unternehmen zügeln kann. Während die Unternehmen unter einem hypothetisch unterstellten, perfekten Rahmen nur die Pflicht haben, Gewinne zu maximieren, ist dies in der Realität nicht mehr ihre alleinige Aufgabe. Es wird eine eigene Unternehmensethik notwendig, die im Idealzustand gar nicht gebraucht würde.

Die ethischen Aufgaben von Unternehmen sind unterschiedlich. Zuerst müssen ethische Ansprüche aus der Gesellschaft auf ihre ethische Berechtigung geprüft werden, wozu sehr wenig gesagt wird (Homann und Blome-Drees 1992, 128). Unternehmen können auf der Ebene der Spielzüge, d.h. auf einer Wettbewerbsebene, durch individuelle Selbstbindung oder innovative Produkte, Verbesserungen bewirken (d.i. die Wettbewerbsstrategie) (Homann und Blome-Drees 1992, 136f.). Eine Forderung aber, welche zu dauerhaften Nachteilen führt, brächte das Vertragskalkül zum Einsturz und ist daher innerhalb der ökonomischen Ethik unmöglich: „Es kann keine ethische Begründung für Normen geben, die ständige wirtschaftliche Benachteiligungen nach sich ziehen.“ (Homann und Blome-Drees 1992, 146)

Moral ist einem Unternehmen nur zumutbar, wenn sie langfristig seine Gewinne vergrößert, sie ist eine langfristige Investition (Homann und Blome-Drees 1992, 145).

|16|Lässt sich eine Win-win-Situation durch Veränderung der Spielzüge auf der Wettbewerbsebene langfristig nicht herstellen, bleibt dem Unternehmen nur die ordnungspolitische Strategie (Homann und Blome-Drees 1992, 138; Suchanek 2007, 144ff.). Das heißt, es sollte dann versuchen, Einfluss auf die Politik zu nehmen (Verbände, öffentlicher Druck, Lobbyarbeit etc.), um die moralischen Lücken des Rahmens wettbewerbsneutral für alle Akteure zu schließen. Der Antrieb, für eine solche Moralisierung des Rahmens einzutreten, stammt aus zwei Überlegungen: Einerseits kann ein unmoralischer Rahmen zum Zerbrechen des sozialen Friedens und damit dazu führen, dass der Eigennutzen für jeden Akteur schwerer realisierbar wird. Andererseits kann ein Engagement für eine moralische Gesetzgebung die langfristige Gewinnsteigerung vereinfachen, beispielsweise indem man die Gesetze mit den Moralurteilen der Mehrheit[13] in Übereinstimmung bringt und so Akzeptanz für Gesetzestreue gewinnt (Beispiel: Tierschutz).

IV. Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf – Die Vertragstheorie

In diesem Abschnitt beginne ich mit der Kritik der vertragstheoretischen Ausrichtung der ökonomischen Ethik. Es ist wahr, dass sich die Menschen heute nicht mehr ohne weiteres einig werden, worin das Gute und Richtige besteht. Aufgrund dieses Pluralismus das Eigeninteresse als „kleinsten gemeinsamen Nenner“ zu identifizieren und zu suggerieren, damit wäre der Pluralismus überwindbar, ist aber ein Trugschluss. Viele Menschen sind sich darüber einig, dass die Vertragstheorie mit ihrer Minimalmoral (s.u.) kein befriedigendes Moralmodell ist (Zu einer aktuellen Version der Theorie: Hoerster 2003. Zur Kritik: Ott 2001). Das Faktum, dass gerade die Vertragstheorie nicht von jedermann befürwortet wird[14], obwohl sie sich am vermeintlich kleinsten gemeinsamen Nenner orientiert, übergehen die Vertreter der ökonomischen Ethik allenfalls mit Verweis auf Aufklärungsdefizite. Aufgeklärte Gründe für die breite Ablehnung und den obigen Vor|17|wurf, dass die Vertragstheorie nur eine Minimalmoral sei, sind etwa folgende:

a) Wäre die Vertragstheorie richtig, wären erzwungene Konsense moralisch, die einfach von den faktischen Machtpositionen der Vertragspartner abhängen. Es ist für Sklaven und Herren – gegeben ihre Machtpositionen – eventuell von Vorteil, sich auf eine Beschränkung der Arbeitszeit auf 16 Stunden am Tag zu einigen. Aber moralisch ist dieser Konsens noch lange nicht, da er von den Sklaven nur anerkannt wird, weil diese Beschränkung das Beste ist, was sie mit ihrer geringen Verhandlungsmacht herausholen können. Das lässt die Vertragstheorie aber nicht gelten, denn alle haben zugestimmt und Pareto folgend ihren Vorteil vergrößert. So kann man Sklaverei mit unakzeptablen Gründen als moralisch rechtfertigen (vgl. die Diskussion bei Hoerster 2003, 181–184).

b) In einer solchen Minimalmoral hätten wir keinerlei Verpflichtung zukünftigen Generationen oder Tieren gegenüber. Diese wären schlicht aufgrund ihrer Machtlosigkeit rechtlos, denn sie zu beachten, vergrößert nicht den Eigennutzen der heutigen Menschen. Machtlose Wesen können diesen nicht schaden. Homann gesteht das offen ein: „Noch nicht geborene Generationen sind für vertragstheoretische Begründungsfiguren nicht erreichbar.“ (Homann 2003, 271) Ein solcher Kurzschluss der „natürlichen Gegner“ Macht und Moral ist ein Skandal.

Es kommt der Einwand auf, dass die allgemeinen Schwächen der Vertragstheorie nicht auf ihre Anwendung im Sektor Wirtschaft durchschlagen. Es führt jedoch ein direkter Verbindungspfad von der minimalmoralischen Ausrichtung der Vertragstheorie zur Vernachlässigung von Ökologieproblemen durch die ökonomische Ethik. Auch die im nächsten Abschnitt aufgeworfenen Fragen nach moralischem Sein und moralischem Schein in diesem Theoriegebäude, lassen sich als direkte Auswirkungen der vertragstheoretischen Orientierung verstehen. Die ökonomische Ethik ist aufs engste mit der Vertragstheorie verbunden, auch wenn sie sich selten zu dieser Bindung bekennt. Daher findet sich der ganze „Sündenkatalog“ der Vertragstheorie „im Kleingedruckten“ der ökonomischen Ethik wieder.

c) Die Vertragstheorie ist einem gut begründeten Moralverständnis zufolge gar keine Moraltheorie, da Moral inhaltlich so definiert ist, dass der Standpunkt eines jeden Betroffenen unparteilich beachtet werden muss (v. Kutschera 1982, 302). Sklaven, zukünftige Lebewesen, Tiere u.a. gehören unstrittiger Weise zu den von den Handlungen im |18|Wirtschaftssystem Betroffenen, werden aber von der Vertragstheorie ignoriert, weil sie machtlos sind.

Suchanek versucht Punkt b) zu entkräften und zukünftige Generationen in das Modell der Vertragstheorie einzubauen. Dabei soll Nachhaltigkeit als vertragstheoretisch geboten erwiesen werden, wenn sie dem wechselseitigen Vorteil dient, während sie in jedem anderen Fall nicht geboten ist. Die Leitfrage lautet: „Inwiefern lassen sich heutige Maßnahmen zur Erhaltung der Lebensgrundlagen künftiger Generationen als Investition begründen, deren Erträge (auch) der gegenwärtigen Generation zugutekommen?“ (Suchanek 2004, 8) Suchanek nimmt an, dass eine Generation G2 Versorgungsbezüge von der Generation G3 erhalten will, dass G3 diese Bezüge von G4 wünscht usw. In diesem Falle ist es rational für G2, diesen Generationenvertrag aufrecht zu erhalten (also G1 auszuzahlen), insbesondere wenn man ihn als wiederholtes Spiel analysiert.

Wie aber beim Klimawandel mit seinen langfristigen Zeitdimensionen, bei der Artenvielfalt oder bei der Weltarmut überhaupt die Rede von „Versorgungsbezügen zwischen den Generationen“ mit Sinn gefüllt werden kann, wird von Suchanek nicht gezeigt. Versorgungsbezüge sind im Normalfall Rentenbezüge. Für meine Rente sind Bürger meines Staates verantwortlich. Es wäre also zu zeigen, wie genau deutsche Renten in den nächsten ca. 50 Jahren vom Klimawandel und von der Artenvielfalt abhängen, und dass man sie am kostengünstigsten sichern kann, wenn man diese Gefahren bekämpft.

Da das wenig erfolgversprechend ist, ist dieser Weg, Nachhaltigkeit zu sichern, eine Illusion. Hoffnung auf Nachhaltigkeit resultiert eher daraus, dass von einer Idee begeisterte Menschen in der Not doch Verschlechterungen für sich selbst in Kauf nehmen, wenn sie damit die Zukunft retten können. Eine solche Hoffnung hat in der ökonomischen Ethik keinen Raum. Diese Hoffnung kann aber realistisch sein. Auch Phänomene wie der Tierschutz, der Schutz schwer behinderter Menschen, der Schutz machtloser Staaten usw. existieren und wachsen ständig, was Vertragstheoretiker (Harman und Thomson 1996, 25f.) schwer erklären können (vgl. Abschnitt VIII.).

Ob nur die Maximierung des Eigennutzens „vernünftig“ ist, wie im Eingangs aufgestellten Schluss behauptet, muss hinterfragt werden. Was bedeutet der Begriff „vernünftig“ in der ersten Prämisse dieses Schlusses? In rein instrumenteller Bedeutung sagen „x ist vernünftig“ und „x ist ein geeignetes Mittel um gegebene Zwecke zu erfüllen“ das |19|Gleiche aus. Den Inhalt dieser Zwecke kann instrumentelle Vernunft aber nicht mehr vorgeben. Bezogen auf unsere Zwecke bei instrumenteller oder bei nicht nur instrumenteller Vernunft zu meinen, diese legten uns ausschließlich auf Eigennutzen fest, ist also schlicht eine unbelegte Annahme. Dann würden der vernünftige Zweck und die Moral in Opposition zueinander treten, wenn man Moral so versteht wie unter c) oben definiert. Das moralisch erlaubte Handeln dürfte dann nicht mehr in diesem Sinne vernünftig sein.

V. Ist es die billigste Methode anständig zu sein, um anständig zu erscheinen?

Die ökonomische Ethik verweist darauf, dass sich Moral für Unternehmen bezahlt machen müsse. Nun impliziert Sollen aber Können. Wie die Chancen für eine rentable Moral stehen, hängt auch davon ab, wie wahrscheinlich es ist, dass Moral unter den gegebenen Rahmenordnungen zu Gewinnen führt und das ist empirisch kontrovers. Es gibt inzwischen hunderte von Studien über diese Frage und die Ergebnisse sind uneinheitlich. So zeigten 2003 von 109 Studien 54 einen positiven Zusammenhang von Moral und Gewinnen, 20 gemischte Resultate, 28 nicht signifikante Resultate und sieben einen negativen Zusammenhang (Margolis und Walsh 2003). Das beweist aber noch keinen positiven Zusammenhang. Denn den sich zeigenden Zusammenhang kann man auch wie folgt erklären: Ethische Maßnahmen verbessern nicht die Performance, sondern erfolgreiche Unternehmen setzen ethische Instrumente eher ein als andere. Ihr überdurchschnittlicher finanzieller Erfolg besteht aber schon vor dieser Maßnahme (Garcia-Castro et al. 2010). Eine Vielzahl von Studien legt jedoch dennoch einen positiven Zusammenhang von Unternehmensgewinnen mit Maßnahmen nahe, die als moralisch gelten. Allerdings zeigt die Empirie auch, dass diese Win-win-Verhältnisse a) sich kaum sicher berechnen lassen, da der Markt ständig wechselnde Aktivitäten honoriert (Bird et al. 2007, 200) und b) sich schnell auflösen, wenn grundlegende moralische Reformen durchgeführt werden, die ein Minimalmaß überschreiten (Bird et al. 2007, 198). Wenn man moralische Innovationen also an Gewinne koppelt, dann werden wirklich tiefgreifende Reformen nicht durchgeführt und hier liegen Gefahren. Es wäre zumindest zu zeigen, wie diese Probleme, die auch unter den heute gegebenen differenzierten Rahmenordnungen der Industrienationen gegeben sind, durch weitere |20|Veränderungen der Rahmenordnung einzudämmen sind. Weiterhin muss bedacht werden, dass es häufig auch etwas kostet, neue Anreize zu setzen. Steuervergünstigungen, zinsarme Kredite usw. müssen gegenfinanziert werden.

Was Win-win-Situationen zwischen Moral und Eigennutzen schafft, ist nicht nur der Rahmen, sondern auch ein positives Image eines Unternehmens in der Öffentlichkeit.[15] Das kann sich aber auch durch Maßnahmen bewerkstelligen lassen, die sich in den Medien als moralisch verkaufen lassen, dies aber keineswegs sind. Das ist zumindest dann eine mögliche Handlungsstrategie, solange ein Verhalten vom Rahmen nicht verboten wird. Konformität mit dem Rahmen wird unternehmerischen Handlungen von der ökonomischen Ethik ja vorgeschrieben. Zwar könnte sich langfristig aus Täuschungen ein Nachteil für ein Unternehmen ergeben, aber ob dieser sich einstellt und ob er gravierend ist, ist ungewiss. Wieso sollte man sich etwa um Randgruppen kümmern, die medial kaum Aufmerksamkeit erhalten? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich das später einmal ändert und diese Randgruppen es dem Unternehmen heimzahlen können? Es gibt jedoch das vertragstheoretische Argument, dass eine Ordnung instabil wird, wenn sie zu Lasten Dritter geht. Wenn der Rahmen also grobe Defekte aufweist, hätte das Unternehmen einen Grund so zu handeln, als ob ein guter Rahmen existierte. Das sichert langfristig die Stabilität des Systems. Aber: Das bereitet auch Kosten, wenn sich nicht alle Konkurrenten ebenso verhalten. Unternehmensethik darf das Unternehmen jedoch netto nichts kosten und die Vorwegnahme eines guten Rahmens könnte solche Kosten verursachen. Das heißt, es verbleibt nur die „ordnungspolitische“ Strategie, die Rahmendefizite zu beklagen, anzuprangern und auszunutzen, solange sie bestehen. (Ein Programm zur Förderung unternehmerischer Schizophrenie.)

Damit bleiben Täuschungen möglich und vertragstheoretisch kann man Täuschungen auf Kosten der Moral nicht verurteilen, wenn sie gelingen. Dagegen schreibt N. Hoerster: „Die sicherste und billigste Methode, anständig zu erscheinen, ist immer noch die, anständig zu sein.“ (Hoerster 2003, 201) Das mag für das Individuum stimmen, aber für |21|ein Unternehmen mit einer gewieften Marketingabteilung liegt das weit weniger offensichtlich auf der Hand. Wenn es da die billigste Methode wäre, die Wahrheit zu sagen, wären die zahllosen Versuche nicht zu erklären, das zu umgehen, – ein Stoff aus dem Skandale sind. Also: Zwischen moralisch scheinen und moralisch sein, muss man auf Ebene der Vertragstheorie nicht wertend unterscheiden. Die ökonomische Ethik kann aufgrund von situativen Vorteilskalkülen Mal zu moralischem oder Mal zu unmoralischem Verhalten motivieren. Dabei ist allerdings auf Basis obiger Studien einzuräumen, dass diese Umstände derzeit eher zu begrenzt moralischem Handeln motivieren. Gleichwohl: Wenn sich ethische Maßnahmen rechnen müssen, kann eine eklatante Lücke zwischen Moral und Gewinn offen bleiben, von der nicht klar wird, wie der Rahmen sie schließen könnte. Damit betrachte ich mein erstes Beweisziel als eingelöst: Die Vertragstheorie stellt keinen ausreichenden normativen Rahmen bereit.

VI. Die Vertragstheoretiker träumen vom Konsens

Die ökonomische Ethik behauptet, dass in der (sozialen) Marktwirtschaft das Wohl jedes Vertragspartners (wahlweise gedacht für unsere Industriegesellschaften oder im Rahmen eines „Weltgesellschaftsvertrages“) vergrößert werde, insbesondere in der Konsumentenrolle. Nur dann ist es der ökonomischen Ethik zufolge überhaupt möglich, das vertragstheoretisch erforderliche Konsenskriterium zu erfüllen. Das ist aber problematisch, denn bei weitem nicht jeder Mensch auf der Welt oder in den Industriegesellschaften konsumiert die Früchte des globalen Marktes oder hat auf anderen Wegen Anteil an den Vorteilen des Wachstums.

Global agierende Großunternehmen nehmen sich z.B. Sonderstellungen auf Kosten normaler Bürger heraus. Sie haben durchaus Erfahrungen damit, die Bürgerpflicht als good corporate citizen und Steuerzahler zu umgehen. Viele der DAX30 Unternehmen verfügen beispielsweise über Tochterunternehmen in sogenannten Steueroasen, d.h. Staaten mit besonders niedrigen Steuersätzen. So belaufen sich die Verluste durch Steuerhinterziehung und Steuervermeidung von Unternehmen in der gesamten EU auf über eine Billion Euro pro Jahr (WDR2015).[16] Profitiert davon haben in erster Linie Management |22|und Investoren. Ob solche Entwicklungen eine behebbare Entgleisung sind oder eine Schwachstelle des Systems aufweisen, lasse ich dahingestellt. Die Menge der Lebewesen, die vom Markt profitieren, ist jedenfalls nicht identisch mit der Menge der von den Handlungen im Wirtschaftssystem Betroffenen, die zu achten die Moral gebietet (s.o.). So konsumieren zukünftige Generationen noch nicht und unsere Art zu wirtschaften beraubt sie der Grundlagen, das jemals zu tun. Dass die Vertragstheorie ihre Ansprüche nicht anerkennt (s.o.), macht die Theorie nicht besser …

Es gibt viele Indizien dafür, dass viele aktuell lebende Bürger der Staaten der „dritten Welt“ nicht von der Marktwirtschaft profitieren bzw. von ihr geschädigt werden. Lokale Märkte werden durch internationalen Freihandel ruiniert, insbesondere in Afrika, wo kein sozialer Ausgleich stattfindet, der die Zustimmung zum Wirtschaftssystem schaffen würde.[17] Das ist ein Problem für die Vertragstheorie, denn diese Betroffenen sind, anders als zukünftige Lebewesen, nach ihren eigenen Maßstäben Vertragspartner im Weltgesellschaftsvertrag und sind daher jedenfalls zu berücksichtigen. Alternativ muss man vertreten, dass nicht alle Betroffenen, sondern nur besonders mächtige Vertragspartner relevant sind – ein eklatanter Widerspruch zur Definition von Moral, der den egozentrischen und den nationalen Wirtschaftszweck prägt und diskreditiert.

Das alles soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir heutigen Bewohner der Industrienationen der Marktwirtschaft sehr viel verdanken. Davon aber auf das gesteigerte Wohl jedes Einzelnen zu schließen, ist verkürzt. Allerdings kann eine marktwirtschaftliche Ordnung angesichts der Aufgabe, die Erfüllung der Bedürfnisse in Massengesellschaften zu koordinieren, derzeit als alternativlos gelten (vgl. die Einleitung).

Es ist jedoch eine offene Frage, ob sich die Marktwirtschaft angesichts der ökologischen Bedrohungen der Zukunft als Erfolgsmodell erweist (vgl. Kpt. 3). Dass die Rahmenordnung die drohenden Katastrophen, z.B. des Klimawandels, aufhalten kann, ist derzeit unwahrscheinlich und unsere Art zu wirtschaften, verursacht diese existentiellen Gefahren. Diese Wirtschaftsweise bewirkt zudem, dass Staaten als Akteure geschwächt werden, weshalb es in Zeiten der Globalisierung als schwierig erscheint, mit der ökonomischen Ethik auf von Staaten durchgesetzte Rahmenordnungen zu setzen. Sicher hat die Marktwirtschaft dafür gesorgt, dass es vielen Bewohnern der Industrienationen |23|besser geht als denen vor 65 Jahren. Aber wenn die Marktwirtschaft über die Klimakatastrophe oder über atomare Verseuchung zu einer Verelendung der Menschheit führt, dann vernichtet sie das Wohl vieler einzelner Individuen und letztlich auch in der Summe mehr Nutzen, als sie geschaffen hat. So würde dann manche spontane Zustimmung zur Marktwirtschaft zurückgezogen werden, wenn diese Wirtschaftsform langfristig als gegen die wahren Präferenzen nicht nur einiger, sondern vieler Betroffener verstoßend entlarvt würde. Marktwirtschaft ist also kein Weltbeglücker, sondern eine lebensgefährliche Notwendigkeit, die nicht automatisch auf den Konsens aller Betroffenen setzen kann.

Zusätzlich muss man fragen, ob Konsum und das marktwirtschaftliche, auf Wachstum ausgerichtete System wenigstens alle Menschen in den reichen Ländern der „ersten Welt“ weiter glücklich machen. Dabei setze ich voraus, dass „Glück“, „Wohlergehen“ oder „Lebenszufriedenheit“, für wen auch immer, Ziel des Wirtschaftens sind. Bezüglich eines linearen Zusammenhangs von Glück und Wohlstand lehrt die empirische Glücksforschung seit Jahrzehnten Skepsis (Diener und Seligman 2004). Das sogenannte „Easterlin-Paradox“ sorgt für Irritationen: Wenn die Existenz gesichert ist, führt mehr Einkommen nicht automatisch zu mehr Glück (Clark et al. 2008).[18] Jedenfalls kann durch manche Teile der Glücksforschung der Befund erhärtet werden, dass Marktwirtschaft und Wachstum nicht einmal alle Bürger der „ersten Welt“ wirklich glücklich machen. Im Gegenteil, sie kosten diese vieles, was sie glücklicher machen würde (Muße, echte persönliche Bindungen etc.). Also liegt auch hier Potenzial dafür bereit, dass Betroffene der marktwirtschaftlichen Ordnung nicht den Segen erteilen werden. Sollte die Vertragstheorie darauf reagieren, indem sie auch einige mächtige Vertragspartner ignoriert? Was ist die Idee vom Konsens aller dann noch wert? Damit betrachte ich mein zweites Beweisziel als eingelöst: die These, dass ein Konsens aller über die Marktwirtschaft nicht wahrscheinlich ist (vgl. Gesang 2011, 3. Kpt.). Das gilt selbst wenn die Individuen immer dem zustimmen, was zu ihrem Vorteil führt. Ob es auch andere Formen der Marktwirtschaft geben könnte, die konsensfähiger sind, bleibt Spekulation. Jedenfalls beziehen wir uns mit der ökonomischen Ethik auf die heutige soziale Marktwirtschaft.

Die Befunde der Glücksforschung belegen die allgemeinere These, dass die ökonomische Ethik die wahren, aufgeklärten Präferenzen der |24|Individuen aus den Augen verliert, welche die Glücksforschung z.T. ausführt. Die aufgrund des Konsenskriteriums der Vertragstheorie notwendige Zustimmung jedes Einzelnen zur Wettbewerbswirtschaft wird also noch fragwürdiger, wenn man von den voll informierten Präferenzen der Vertragsparteien ausgeht. Die ökonomischen Ethiker denken hingegen, dass gerade Aufklärung Zustimmung zur Marktwirtschaft schaffe. Aufklärung zeige, dass Marktwirtschaft die Interessen eines HO erfülle, die letztlich jeder habe („wenn’s um die Wurst gehe“). Aber dass diese HO-Präferenzen nicht immer die wahren Präferenzen der Individuen sind, werden wir im Folgenden weiter vertiefen.

VII. Ist Dagobert Duck der Held der Moderne?

Bevor näher auf den HO eingegangen werden kann, ist zunächst eine problematische Annahme der ökonomischen Ethik zu diskutieren: Die Annahme, dass der Wettbewerb derartig scharf sei, dass Unternehmen, die nicht in jedem Augenblick Gewinne maximieren, aus dem Markt ausscheiden müssten (Homann und Blome-Drees, 1992, 34).[19] Dabei verwechselt die ökonomische Ethik allerdings Modell und Wirklichkeit (dazu auch: Sautter 1994, 67). Diesen Vorwurf muss man dieser Ethik ganz allgemein machen. Unsere Marktwirtschaft wird de facto an so vielen Stellen eingeschränkt, dass das Vorgehen der ökonomischen Ethik, erst vom idealen Rahmensystem und vom idealen Wettbewerb auszugehen und dann Störfälle zu behandeln, wie eine Lehrbuchweisheit erscheint, die mit der Realität wenig zu tun hat. Die Wirklichkeit beschreibt der Ökonom N. Stern sehr gut, wenn er zahlreiche Gründe für Marktversagen anführt, etwa unvollständige Informationen, unvollkommene Kapitalmärkte, politische Eingriffe, nicht repräsentierte Konsumenten etc. (Stern 2009, 101). Diese Faktoren sind nicht etwa temporäre Übergangserscheinungen auf dem Weg hin zum perfekten Markt, sondern es gibt keine empirische Begründung, nach der sie sich als vorläufig erweisen würden. Zum Teil liegen sie im Wesen des Menschen begründet.

Die strikten Wettbewerbsbedingungen, von denen die ökonomische Ethik ausgeht, werden durch zahllose Gegenbeispiele in Frage gestellt |25|(Kimakowitz et al. 2011, 1f; Diercksmeier 2014, 60f).[20] So konnte ein Marktführer wie Levi-Strauss sehr wohl häufiger zugunsten ethischer Standards auf Gewinne verzichten (Shaw 2005, 178–182). Ebenso sind Unternehmen wie SAP, BASF und Danone zu nennen, die sich explizit Social-Business-Projekten verschrieben haben, bei denen die erwirtschafteten Profite zurück in das jeweilige soziale Projekt fließen. Hier ist unklar, ob sich das durch Know-How-Gewinne oder neue Vertriebsstrukturen für besondere Märkte gegenrechnen lässt. Banken, die sämtliche Dienstleistungen anhand von Nachhaltigkeitskriterien neu strukturieren (zum Beispiel ABN Amro Real oder die Triodos Bank), entlarven den Mythos der Wettbewerbszwänge ebenso. Sämtliche Fälle von Fehlmanagement und Verschwendung (nicht zuletzt bei Vorstandsgehältern und Abfindungen vgl. Kpt. 5. VI) durch Unternehmen, die diese Vorfälle überlebt haben, sind zu ergänzen. Daher meine These: Unternehmen, können – begrenzt – Normen umsetzen, die langfristige Gewinneinbußen bedeuten. Das zeigt, dass man auch auf Märkten nicht immer als HO handeln muss, wenn man überleben will.

Die gerade diagnostizierte Verwechselung von Modell und Wirklichkeit geht in der ökonomischen Ethik noch weiter: Das HO-Modell wird von Homann, Suchanek und Pies als allumfassendes Prognoseinstrument für Dilemmasituationen eingeführt: „Da allen Interaktionen Dilemmastrukturen zugrundeliegen, wird das langfristige Resultat von Interaktionen durch diesen homo oeconomicus zuverlässig abgebildet.“ (Homann und Suchanek 2000, 420) Das ist leider falsch. Um das zu erkennen, muss man erst einmal begrifflich nachforschen: Das Konzept des HO kann man auf zwei Weisen interpretieren (und die ökonomischen Ethiker machen erfrischend von beiden Gebrauch):

Das enge HO-Konzept, das die Ökonomie beherrscht, besteht in der Annahme, dass Menschen informiert sind und ihre egoistischen Präferenzen maximieren (klassisch: Sie wünschen wie Dagobert Duck zum morgendlichen Bad im Geldspeicher anzutreten …) (Kirchgäßner 1991, 2000, 16). Auf den naheliegenden Hinweis, es gäbe aber auch |26|altruistisches Verhalten, reagiert die ökonomische Ethik, indem sie betont, es handele sich beim HO nur um ein „Modell“ (vgl. Suchanek 2007, 177–184). Dieses sei nur eine Beschreibung der Wirklichkeit in Dilemmasituationen, d.h. unter Konkurrenz, da Menschen in diesen Situationen ihre „egoistischen“ Präferenzen dominieren lassen würden (Homann und Blome-Drees 1992, 94).[21] Zudem seien Konkurrenzsituationen die in der Marktwirtschaft typischen Situationen (Homann und Suchanek 2000, 420). Diese Aussagen sollen es erlauben, empirische Gegenbeispiele abzuwehren. So wird darauf verwiesen, dass Modelle stets die Welt vereinfachen müssten, was in diesem Fall bedeute, dass das Modell nur strikt auf Handeln in Konkurrenzsituationen zuträfe (Homann und Suchanek 2000, 421).

Zu bedenken bleibt allerdings: Auch Modelle haben Verbindungen zur Empirie, jedenfalls sollte jedes Modell, wenngleich es die Zusammenhänge vereinfacht, „der Wahrheit (…) hinreichend nahe“ (Popper 2000, 355) sein, wie K. Popper sagt. Das heißt, wenn man es auf den Menschen insgesamt anwendet, sollte es wenigstens die statistischen Normalverhältnisse beschreiben.[22] Ob das hier der Fall ist, werden wir noch sehen. Diese Verbindung zur Empirie verschleiern die ökonomischen Ethiker beständig, indem sie den „präempirischen“ Charakter des HO betonen (Homann und Blome-Drees 1992, 94; Homann und Suchanek 2000, 418), aus dem sie dann im nächsten Atemzug klare empirische Konsequenzen in puncto „Gegenausbeutung“ ableiten (Homann und Suchanek 2000, 420; ein offenes Bekenntnis zur empirischen Verankerung des HO: Homann und Suchanek 2000, 422f.)

Das weite HO-Konzept setzt sich aus zwei Komponenten zusammen: Einem Schema, das vor aller Erfahrung gelten soll und einer empirischen Zusatzannahme. Das Schema besteht darin, jeden informierten Menschen bei jedem Handeln als Maximierer von Präferenzen zu verstehen, gleichgültig, wie diese beschaffen sind (psychologischer Egoismus) (vgl. v. Kutschera 1982, 60f.; Popper 2000, 356f.). Nur so wird sein Handeln überhaupt verständlich: Jeder Mensch tut alles, was er |27|tut, um seine Präferenzen zu erfüllen und er will dies immer im größtmöglichen Maße. Dabei verfolgt der Akteur sowohl im klassischen Sinne eigennützige Präferenzen, wie aber auch solche, die zu seiner Präferenzerfüllung beitragen, indem sie Präferenzen anderer Subjekte erfüllen (altruistische Präferenzen). Mutter Teresa hat demnach Armen geholfen, weil sie den Wunsch dazu hatte und es sie befriedigt hat, ihn zu erfüllen. Dass die Erfüllung dieses Wunsches anderen geholfen hat, ändert nichts daran, dass sie ihren eigenen Wunsch umsetzte. Sie war „egoistisch“ im Sinne des psychologischen Egoismus, insofern sie nur auf Grundlage eigener Wünsche handelte. Aber sie war auch nicht egoistisch im Sinne eines umfassenden und im Alltag zugrunde gelegten Begriffsverständnisses (dazu: Fehige 2001, 61; Haller 2012, 25f.), weil der Inhalt ihrer Wünsche das Wohl anderer war. Es handelt sich beim psychologischen Egoismus laut Homann um eine Rationalitätsannahme vor aller Erfahrung. Von solchen Annahmen meint Popper, dass wir sie selbst bei der Interpretation des Verhaltens von Verrückten machen sollten, wenn wir diese verstehen wollen (Popper 2000, 356f.). Das erlaubt es, auch altruistisches Handeln als existent und rational zu beschreiben und so auf besagte Kritik am engen Konzept des HO einzugehen. Wie G. Becker es ausdrückt: „Alles menschliche Verhalten kann vielmehr so betrachtet werden, als habe man es mit Akteuren zu tun, die ihren Nutzen bezogen auf ein stabiles Präferenzsystem, maximieren.“ (Becker 1993, 15) Auch mildtätige Personen fallen für Becker unter diese Beschreibung (Becker 1993, 306). Das ist der Teil der HO-Annahme, der vor aller Erfahrung gilt und der empirisch ergänzt wird. Empirisch kommt mindestens die Annahme hinzu, dass Menschen in Dilemmasituationen zur „präventiven Gegenausbeutung“ greifen, d.h. ihre klassisch egoistischen Präferenzen in solchen Situationen dominieren lassen (Homann und Blome-Drees 1992, 42, 94).[23] Diese Annahme braucht man, um etwa den HO-Test überhaupt anwendbar zu machen (s.u.). Der besagt: Wenn andere auf Kosten der Ehrlichen schwarzfahren, überlegen die Ehrlichen sich auf Dauer, ob sie die „Dummen“ sein sollen, welche die Schwarzfahrer finanzieren oder ob sie selbst schwarzfahren sollen und am Ende fahren auch die Ehrlichen definitiv schwarz.

Zur Kritik beider Konzepte: Die experimentelle Ökonomik führt dazu, die mit den Konzepten verbundenen empirischen Annahmen ein|28|zuschränken: „In einer umfassenden Studie an 15 Kulturen haben Henrich et al. das Standardmodell des Homo Oeconomicus experimentell überprüft und dabei festgestellt, dass das ‚canonical model – based on self-interest – fails in all of the societies studied‘.“ (Haller 2012, 48) Es zeigt sich: Die Annahme des HOs versagt selbst dabei, nur das Verhalten in bestimmten Situationen zu prognostizieren: Akteure verzichten auch in Dilemmasituationen bei besonderen Public-Good-Spielen auf eigenen Nutzen (Auszahlungen), wenn sie unfaire Mitspieler strafen können (vgl. Sigmund et al. 2002, 98; vgl. Aßländer und Nutzinger 2010) und das ohne sich davon eine Disziplinierung der Mitspieler in weiteren Spielrunden zu versprechen. Es geht ihnen einfach um Gerechtigkeit oder, unschöner formuliert, um Revanche für unfaires Verhalten oder, noch banaler, um Rache. Die Akteure haben eben auch Fairnesspräferenzen und wollen unfaire Mitspieler strafen, was durch den HO begründete Erwartungen über Ausgänge dieser Spiele über den Haufen wirft. Also können die auf das Wohl anderer Menschen bezogenen Präferenzen die im engeren Sinne egoistischen Interessen auch dauerhaft überwiegen. Dabei muss zugestanden werden, dass dies in anonymen Massengesellschaften ohne „Strafmechanismen“ für unfaire Akteure wohl nicht der Regelfall ist. Es gilt gleichwohl auch in Dilemmasituationen: Wer (nur) auf den HO baut, hat auf Sand gebaut (Fehr und Gächter 2000).

Zwar zeigt sich, dass die Fairnesspräferenzen bei starker Konkurrenz weniger wirksam werden (wobei selbst dann immer noch keine mit der HO-Annahme übereinstimmenden Ergebnisse herauskommen) (Panther 2005, 82f.). Das heißt aber höchstens, dass der HO bei perfekten Märkten bestätigt wird. Solche Märkte haben wir jedoch nicht (s.o.), solange Menschen an Märkten teilnehmen. Zudem wird aus den Befunden der experimentellen Ökonomik klar, dass es viele Akteure mit Fairnesspräferenzen gibt. Diese werden vielleicht in faktischen Wirtschaftszusammenhängen nicht aktiviert, sie sind aber potenziell aktivierbar, wenn man das Setting verändert und einen Strafmechanismus für unfaire Aktionen garantiert.

Weitere Befunde lassen sich anführen, die für beide HO-Konzepte problematisch sind: Kooperatives Verhalten wurde auch in Experimenten festgestellt, in welchen eigens Gefangenen-Dilemmata konstruiert wurden. Diese Spiele sind dadurch gekennzeichnet, dass kooperatives Verhalten eines Spielers vom anderen Spieler ausgebeutet werden kann. Cooper et al. führten ein Experiment durch, in welchem Spieler zwanzig Mal anonym auf einen jeweils anderen Spieler trafen. In den letzten |29|zehn Runden, also nachdem den Spielern definitiv bewusst war, dass sie ausgebeutet werden können, war der Anteil kooperativen Handelns zwar zu einem Minderheitenverhalten geschrumpft, lag aber immer noch bei etwa 22 Prozent (vgl. Cooper et al. 1996, 199). Ein Fazit zu diesen Fragen gibt E. Fehr: In zahlreichen Experimenten zeigt sich, „that a substantial percentage of the people are strongly motivated by other-regarding preferences and that concerns for the well-being of others, for fairness and for reciprocity, cannot be ignored in social interactions.“ (Fehr und Schmidt 2005, 1) Die These der ökonomischen Ethik, dass sich Individuen in Dilemmasituationen prinzipiell nicht ausbeuten lassen würden, ist empirisch falsch, da eine Übergeneralisierung.[24] Dass die These jedoch ein Mehrheitsverhalten unter Konkurrenz beschreibt, ist damit noch nicht widerlegt. Diese wenigstens statistische Adäquatheit war ja oben mit Popper zur Bedingung eines sinnvollen Modells gemacht worden.

Das trifft auch das weite Konzept, weil man die empirische Zusatzannahme des Konzepts fallen lassen muss. Diese Annahme ist aber für das Konzept entscheidend. Was ansonsten bleibt, ist eine für ökonomische Zwecke leere Erklärungsstrategie (der psychologische Egoismus), mit der allein man beim HO-Test gar kein Ergebnis erzielen kann. Wie soll man ein Testergebnis prognostizieren, wenn sich die Hälfte der Fahrgäste bei der Bahn gemäß dem ersten Teil des (weiten) HO-Konzepts verhalten und als Spender für die Bahn statt als Schwarzfahrer auftreten können, weil sie auf das Gemeinwohl zielende, nicht zur „Gegenausbeutung“ verführbare, Präferenzen haben? Der Erfolg des HO-Tests hängt am Primat klassischer egoistischer Präferenzen, nur dann ist die Anwendung dieses Tests informativ. Diesen Primat bestätigt die Empirie aber nicht durchgängig. Für das weite HO-Konzept ergibt sich die Problematik, dass es in den Situationen, in denen seine Verwendung interessant wird, mit dem engen zusammenfällt. In allen anderen Situationen erklärt es jedes Verhalten (vgl. Schulte 2014, 39f.; Haller 2012, 23f.) und man kann (je nach Lage der empirischen Präferenzen) alles Mögliche mit ihm vorhersagen.

Eindeutig versagen beide HO-Modelle selbst für Homann in ganz fremden Kulturkreisen wie dem chinesischen (Homann 2002, 86), wo sie weder insgesamt noch unter Konkurrenz ein Mehrheitsverhalten abbilden (vgl. Haller 2012, 48). Sie versagen zudem allgemein dann, wenn |30|Menschen von einer Idee begeistert sind, wie Widerstandsbewegungen wie die „Weiße Rose“ zeigen, bei denen Menschen für uneigennützige Zwecke erhebliche Gefahren auf sich nehmen. Das extremste Beispiel sind religiöse Fanatiker[25], die selbst in Dilemmasituationen, in denen ihr Leben auf dem Spiel steht, nicht als HOs handeln. Diese Begeisterung kann verstärkt durch massenpsychologisch erklärbare Mechanismen offenbar ganze revolutionäre Massenbewegungen wie bei der Befreiung der DDR tragen, bei der große unbewaffnete Mengen gegen gefährliche Soldaten demonstrierten. Tatsächlich setze ich Hoffnung darauf, dass Menschen unter dem Eindruck einer starken moralischen Idee ihren Egoismus häufig und vielleicht sogar auch mehrheitlich überwinden können. Solche Ansätze gilt es mit allen Mitteln von Bildung, Psychologie (z.B. auch „Nudging“; vgl. Thaler und Sunstein 2009) etc. zu fördern und die oft flüchtige Begeisterung zu verstetigen. Das Pendant zu besagter Begeisterung kann Furcht bilden. Wenn die Furcht vor der Zukunft – durch einzelne kleinere Katastrophen bewirkt – groß genug wird, kann das ebenfalls ein Verhalten auslösen, bei dem der HO (mehrheitlich) überwunden wird (Jonas 1979/1985, 391f.). Letztlich kann man vielleicht sagen, dass das HO-Modell (und der Singular ist gerechtfertigt, da weites und enges Konzept letztlich zusammenfallen) ein faktisches Mehrheitsideal in unserem Kulturkreis abbildet (Cooper et al. 1996, 199; Bonoli und Häusermann 2009, 201), demgemäß sich die meisten Menschen unter Konkurrenz wenigstens verhalten wollen. Aber sie scheitern häufig aufgrund von Fehlinformationen und anderer menschlicher Schwächen daran (Kahneman und Krueger 2006). Das Modell unterschlägt das Potenzial zu einem anderen Verhalten, das empirisch ebenfalls verbürgt ist. Damit ist das HO-Modell also gemessen an obigen Adäquatheitsbedingungen geschwächt, aber doch bestätigt.[26]

Folglich betrachte ich auch mein drittes Beweisziel als eingelöst: die aufgeklärten Präferenzen der Individuen fallen nicht auto|31|matisch mit denen eines HO zusammen. Zudem überzeugen die mit HO-Modellen verbundenen Aussagen nicht umfassend. Sie vernachlässigen eine existente und vergrößerbare Gruppe von Akteuren in unserem Kulturkreis. Damit ist ein einstimmiger Konsens über die Marktwirtschaft unwahrscheinlicher, als es die ökonomische Ethik annimmt, denn die wahren Interessen der Akteure fallen nicht bei allen mit den HO-Interessen zusammen: Aufklärung von Interessen führt nicht automatisch zum Konsens über Marktwirtschaft. Also gute Nachrichten für die Menschheit: Der Mensch ist besser als sein Ruf!

VIII. Was von der Ökonomischen Ethik bleibt

Nach dieser ausführlichen Kritik soll gesichtet werden, welche Errungenschaften die ökonomische Ethik erzielt hat, denn es lässt sich einiges von ihr lernen. Ganz Recht haben ihre Verteidiger mit der These, dass letztlich zählt, welche Folgen der Ethik sich in der Welt ergeben. Das heißt, Moral muss so gut wie irgend möglich umgesetzt werden. Einige Normen lassen sich nur umsetzen, wenn sie vom gesetzlichen Rahmen ermöglicht werden. Dazu auf die Rolle der Institutionen zu verweisen, ist ein guter, wenngleich hier oft verabsolutiert auftretender Ansatzpunkt: Letztlich können nur Individuen Institutionen verändern, wenn man den von der ökonomischen Ethik wohl – wie von fast der gesamten nichtmarxistischen Ökonomie – akzeptierten „methodologischen Individualismus“ (Hollis 1995, 148, Homann und Blome-Drees 1992, 95, Homann und Pies 1994, 11) voraussetzt. Diese Lehre besagt, dass Gesellschaften und ihr Handeln allein aus dem Handeln der einzelnen Individuen erklärbar sind, welche die Gesellschaft bilden. Nur wenn sich die Überzeugungen der Individuen in ihrer Rolle als Wähler ändern, wird eine neue Politik zustande kommen. Alles andere wäre Zauberei, zum Besten gegeben von einem imposanten Magier mit langem grauem Bart und funkelnden Augen, der beschwörende Worte wie „Unterbau“ und „Überbau“ raunt, bevor er mit Pathos zum „Simsalabim“ kommt. Man sollte einzelne Menschen mit moralischen Argumenten animieren, den Marsch durch die Institutionen anzutreten und dabei auch in diesen aktiv zu werden. Politisches Engagement und der Versuch, eigene Interessen zu organisieren, sind unabdingbar. Explizit greife ich den institutionenethischen Ansatz auf, in dem ich die Einführung einer neuen Institution (Anwalt für die Rechte zukünftiger |32|Generationen) als wesentlichen Schritt zur Lösung unserer globalen Probleme vorschlage (vgl. Kpt. 4.).

Der HO-Test kann helfen, Institutionen leistungsfähig zu halten. Selbst wenn sich durch den „Zwang zur Gegenausbeutung“ motiviert nicht alle, sondern nur viele Menschen wie konsequente HOs verhalten, stellt der Test bedenkenswerte Herausforderungen an die Architektur von Institutionen. Zudem ist die Unterstellung eines HO-Verhaltens besonders prognosestark, insbesondere für den Umgang mit Unternehmen: Man weiß, dass Menschen, die gewohnheitsmäßig mit diesem Modell operieren, seine Logik übernehmen (Frank et al. 1993, 167). Allerdings ist es möglich, das im Alltag weit verbreitete HO-Verhalten ein Stück weit zu überwinden, insbesondere wenn die Menschen von einem höheren Ziel begeistert sind. Darauf beruhen viele Hoffnungen und für diese lässt die ökonomische Ethik keinen Platz.

Es ist eine wichtige Aufgabe für Unternehmen, Politiker und Ethiker, nach echten Win-win-Situationen zu suchen. „Echt“ sind diese dann, wenn moralische Verbesserungen mit monetärem Gewinn umgesetzt werden und nicht nur Imagepflege betrieben wird. Den Blick von Theoretikern, Politikern und Unternehmern dafür zu schärfen, wie man solche Situationen aktiv schafft, indem man langfristige Vorteilsüberlegungen mobilisiert, ist ein echtes Verdienst der ökonomischen Ethik. An Unternehmen so heranzutreten, dass man ihnen Moral als Gewinnfaktor plausibel macht, ist psychologisch geschickt und hilft Ethik umzusetzen, solange man die Ethik eben nicht auf einen Produktionsfaktor zurechtstutzt.[27] Für die ethischen Belange, die nicht über Win-win-Kalkulationen durchsetzbar sind, sind dann eben andere Umsetzungsstrategien zu suchen. Ein besonders wirksames Mittel sind nicht Moralappelle, sondern anschauliche moralische Argumentationen. Das eigene Verhalten kritisch zu reflektieren, verändert etwas, was durch psychologische Versuche bestätigt wird (Duval et. al. 2001). Zudem kann Moral durch öffentliche Kampagnen, Produkt- oder Unternehmensboykotte, kritische Konsumenten, kritische Aktionäre, ethisches Investment usw. umgesetzt werden. Da informierte Individuen eben auch unter Konkurrenz nicht nur HO-Präferenzen haben, ist es nicht unrealistisch, auf ein Zustandekommen dieser nicht egoistisch motivierten Durchsetzungswege zu setzen.

|33|Fazit: Man muss das für die ökonomische Ethik spezifische Wechselspiel von Vertragstheorie und HO-Annahmen kritisieren, das eine vertragstheoretische Legitimation der Marktwirtschaft erzeugen soll. Zudem muss man Unstimmigkeiten bei der Verwendung des HO-Konzepts aufdecken und klären, weshalb Kritiken der empirischen Ökonomik dieses Konzept sehr wohl treffen, gleichgültig, ob man einen engen oder weiten Gebrauch zugrunde legt. Man kann von der durch die ökonomische Ethik empfohlenen Orientierung an Anreizen und der institutionenethischen Ausrichtung Gebrauch machen. So können mehr Forderungen umgesetzt werden, sofern diese Orientierung nicht als einzig erfolgreiches Instrument verstanden wird, um Moral durchzusetzen. Letzteres kann gerade dazu führen, Moral zu verhindern.

Damit ist eine Theorie, die auf dem egozentrischen Wirtschaftszweck aufbaut, mitsamt der häufig hinter diesem und dem nationalen Zweck stehenden Vertragstheorie zurückgewiesen worden. Andere Rechtfertigungen dieser Zwecke sind denkbar, aber können hier nicht alle untersucht werden. Im nächsten Kapitel wird einer Kritik des utilitaristischen Wirtschaftszwecks nachgegangen, deren Scheitern gemeinsam mit den gerade vorgebrachten Argumenten plausibilisieren soll, weshalb ich vom utilitaristischen Zweck ausgehe.

[Zum Inhalt]

|34|2. Kapitel: Pareto-Optimalität, weil mehr nicht geht?
I. Utilitarismus – Was ist das?

Bevor wir weiter die Zwecke des Wirtschaftens analysieren, muss noch ein anderer Punkt geklärt werden. Jede Bewertung geht von einem ethischen Fundament aus, auf dem sie beruht. Wie genau sieht der Utilitarismus aus, auf den ich mich in der Einleitung festgelegt habe? Ein geradezu „natürlich“ anmutendes Verfahren, um Handlungen moralisch zu bewerten, besteht darin, zuerst die Folgen einer Handlung für die von ihr Betroffenen abzuwägen. Das Verfahren wenden wir im Alltag unentwegt an. Ethische Entscheidungen werden also fast überall auch durch Zuhilfenahme einer Analyse der Konsequenzen dieser Entscheidungen getroffen. Meint man, diese Analyse allein reiche aus, um die ethische Bewertung durchzuführen, dann ist man Konsequenzialist. Aber schnell drängt sich die Frage auf, nach welchem Maßstab man denn die Konsequenzen einer fraglichen Handlung bewerten soll. Es ist keine Lösung, immer nur auf die Folgen „auszuweichen“, es muss einen Wert geben, demzufolge „gute“ Konsequenzen gut sind. Die prominenteste Antwort auf die Frage nach einem Maßstab lautet: Die Menge des Nutzens, den eine Handlung hervorbringt, soll ihr Maßstab sein. Aber diese Antwort ist unterbestimmt. Nutzen für wen? Und was genau ist Nutzen? Die bekannteste konsequenzialistische Ethik, der Utilitarismus, beantwortet diese Fragen genauer: Nutzen ist nicht nur der individuelle Nutzen des Akteurs, sondern der „Gesamtnutzen“, also der Nutzen, der insgesamt für alle von der Handlung betroffenen Individuen durch diese Handlung entsteht. Auf die Frage, was Nutzen aber genau bedeutet, kann man antworten: Glück! Aber was ist Glück? Für „klassische Utilitaristen“ bemisst sich die Größe des Glücks an der Bilanz lustvoller und schmerzvoller Gefühle. Dabei fordert dieser Utilitarist, Lust zu maximieren und Schmerz zu minimieren. Und letztlich wird dann dieses Glückskriterium zum einzigen Maßstab der moralischen Qualität von Handlungen erklärt. All die komplizierten ethischen Probleme sollen also allein durch einen Vergleich von Lust und Schmerz der Betroffenen entscheidbar sein.

|35|II. Die Grundpfeiler des Utilitarismus

Um den Utilitarismus genauer zu darzustellen (eine Begründung habe ich in Gesang 2011 Kpt. 3 versucht), kann man vier „Grundpfeiler“ der Theorie unterscheiden:

1. Universelle Glücksmaximierung: Es ist ein an sich wertvolles Gut, dass Lebewesen Lust, Freude oder Befriedigung empfinden. Dieses an sich oder intrinsisch wertvolle Gut, nennen wir es vorerst undifferenziert Glück, möchte der Utilitarist maximieren, d.h. er möchte, dass die Gesamtsumme des Glücks in der Welt so groß wie möglich wird. Damit setzt der Utilitarist dem Egoisten ein universelles Prinzip entgegen, anhand dessen er Handlungen als moralisch richtig oder falsch beurteilt. Dieser Gedanke ist intuitiv einleuchtend und sehr einfach. Man will, dass es den Lebewesen gut geht, und zwar so gut wie möglich. Mehr Glück ist besser als weniger Glück. Es würde irrational und falsch anmuten, wenn man sich darauf beschränken wollte, dort einen kleineren Betrag an Glück zu produzieren, wo man auch einen größeren produzieren könnte.

Nach J. Bentham ist Nutzen (utility) das, was das Glück (happiness) einer Interessenpartei befördert (Bentham, 1789/1970, I.2). Happiness, das Ziel allen Handelns, lässt sich in den Maßeinheiten von pleasure und pain messen und über deren Gesamtbilanz definieren (Bentham, 1789/1970, IV.5). Pleasure und pain sind Gefühle, die in unterschiedlichen Intensitäten auftreten. Gefühle kann man als bestimmte mentale Zustände beschreiben. Bentham macht das Nutzenprinzip zum Maßstab der Begriffe „richtig“, „sollen“ usw. Versteht man diese Begriffe losgelöst davon, so Bentham, dann werden sie sinnlos (Bentham, 1789/1970, I.10). Die Größe des erzielten Glückszustands ist also das Maß für die moralische Qualität unserer Taten. Bentham gebraucht die Begriffe pleasure und pain, die in der Umgangssprache primär im Zusammenhang mit körperlichen Lüsten und Schmerzen verwendet werden. Aber die erwähnten mentalen Zustände beziehen sich natürlich auch auf Freude am Wohlergehen anderer oder auf ästhetische oder intellektuelle Freuden (Bentham, 1789/1970 V. Mehr zu den verschiedenen Glückkonzepten: Gesang, 2010a).

2. Wertmonismus: Der Utilitarismus basiert auf der Vorstellung, dass es ein und nur ein an sich wertvolles Gut gibt und dass man daher alle moralisch relevanten Güter in die eine „Währung“ Glück umrechnen kann. Glück wird als die Quelle verstanden, der alle anderen moralischen Werte entspringen. Gerechtigkeit hat nur dann einen |36|Wert, wenn sie etwas zur Glücksvermehrung beiträgt. Hingegen findet sich in unserem Alltag oft eine wertpluralistische Grundeinstellung, der zufolge es verschiedene gleichberechtigte Werte, nämlich z.B. Glück, Gerechtigkeit, Freiheit oder Würde gibt. Der monistische Ansatz ist schwer zu verstehen, wenngleich auf der Hand liegt, dass er die Ethik enorm vereinfacht, ja ein Stück weit operationalisierbar macht.

Ich möchte eine Begründung dieses intuitiv schwierigen Punktes wenigstens andiskutieren: Was spricht für den Monismus? Betrachten wir das Beispiel der Gerechtigkeit. Ist diese wertvoll, wenn sich durch ihre Realisierung niemandes Wünsche erfüllen, wenn sie niemandes Glück vergrößert? Wäre es nicht völlig gleichgültig, ob eine solche „glücksleere“ Gerechtigkeit existieren würde, da sich niemand durch sie besser fühlt? Wäre der, der diese Gerechtigkeit oder parallel eine „glücksleere“ Würde durchsetzen will, nicht jemand, der die Menschen zugunsten eines abstrakten Ideals aus den Augen verliert?

Stellen wir uns das Beispiel „Sadomasochiens“ vor. Das ist eine Welt, die aus Sadisten und Masochisten besteht. Die einen quälen gerne Menschen, selbst wenn diese Masochisten sind, die anderen werden gerne gequält. Beide Gruppen sind maximal befriedigt in ihrer Welt die Glückssumme ist groß. Wir haben es mit einem Glücksfall einer Koevolution zu tun. Nun tritt unser irdischer, deontologisch angehauchter Alltagsethiker auf und moniert, dass diese Welt zutiefst ungerecht und menschenunwürdig sei. Die Sadisten beuteten die Masochisten aus (unabhängig davon, ob eine Zustimmung der Masochisten vorliege oder nicht, man könne sich ja auch nicht freiwillig versklaven) und die Menschenwürde letztlich beider Gruppen sei nicht gewahrt. Dann ändert der irdische Moralapostel diese Welt, die danach gerechter und menschenwürdiger ist. Denn Gerechtigkeit (und Würde) gibt es nur eine, die von der Perspektive der Menschen und ihrem Glück unabhängig ist, zumindest frei nach I. Kant, der vertritt: „Wenn die Gerechtigkeit untergeht, so hat es keinen Wert mehr, daß Menschen auf Erden leben (…) die Gerechtigkeit hört auf, eine zu sein, wenn sie sich für irgend einen Preis weggibt.“ (Kant, MdS A 197) Zudem versucht der Moralapostel, die Bewohner Sadomasochiens für die Werte sensibel zu machen, die sie seiner Meinung nach „übersehen“ haben. Aber vergebens: Die unglücklichen Sadisten und Masochisten träumen an ihren Lagerfeuern von der schönen Vergangenheit. Ist die Intervention zu rechtfertigen? Zeigt das Beispiel nicht, dass Gerechtigkeit und Menschenwürde nur abgeleitete Werte zweiter Ordnung sind, die nur normativen Gehalt haben, wenn sie sich in Interessenbefriedigung |37|widerspiegeln? Das Beispiel könnte dazu zwingen, einige Intuitionen auf den Prüfstand zu stellen, selbst wenn man meint, „Sadomasochien“ sei eine traurige Welt, in der man sich keinen Platz im Neubaugebiet suchen würde.

3. Konsequenzialismus: Alle moralischen Fragen sind mit Blick auf ihre Konsequenzen in Hinsicht auf die Maximierung des an sich wertvollen Gutes Glück zu bewerten und zu entscheiden. Gibt es nur ein an sich wertvolles, also intrinsisches Gut, dann müssen alle weiteren Güter extrinsisch sein, also von ihren Konsequenzen für die Vermehrung des einzig intrinsischen Gutes abgeleitet werden.

4. Aggregierbarkeit: Ein weiterer Pfeiler des Utilitarismus besteht darin, dass Nutzen messbar, interpersonal vergleichbar und anhäufbar sein soll. Man geht davon aus, dass der Nutzen jeder Einzelperson messbar und mit dem Nutzen jeder anderen Person verrechenbar ist, so dass durch das Aufaddieren des Individualnutzens aller Personen eine Summe des Gesamtnutzens erstellt werden kann. Die Güte eines Zustands kann demnach durch die Größe dieser Gesamtsumme (oder entsprechend selteneren Spielarten in Bezug auf den Durchschnittsnutzen pro Kopf) bestimmt werden. Man spricht in diesem Zusammenhang von einem Nutzenkalkül, in dem solche Berechnungen vollzogen werden sollen. Sieht sich ein Handelnder einer Handlungsalternative gegenüber, sollte er berechnen, wie viel Glück durch die verschiedenen Handlungen wohin fließen wird. Im Anschluss sollte er jene Alternative wählen, die den größten Betrag an Glück für alle Betroffenen produziert. Dieses Kalkül wird in der Regel kardinal[28] verstanden, aber es könnte auch untersucht werden, wie die Chancen für einen ordinalen Utilitarismus stehen. Immerhin scheint es nur ordinaler Angaben zu bedürfen, um zu entscheiden, ob Partei a oder b mehr nutzen aus dem Gut G zieht. Das Prinzip vom abnehmenden Grenznutzen auf die Nord-Süd Problematik anzuwenden, wäre so möglich. Es reicht zu wissen, dass der Nutzen von zusätzlichen Gütern für sehr arme Menschen den von Gütern für reiche Menschen deutlich übersteigt. Um wie viel er das tut, ist erst einmal nicht relevant. Jedes Nutzenkalkül wird jedoch von einer Vagheit der Nutzeneinschätzungen überlagert, worauf wir gegen Ende dieses Kapitels ausführlich zu sprechen kommen werden.

|38|III. Eine heilige Kuh der Ökonomie: Pareto-Optimalität

Nachdem ich das normative Fundament dieser Arbeit erläutert und mich somit zum utilitaristischen Wirtschaftszweck und dem Postulat der Glücksmaximierung bekannt habe, müssen wir beachten, dass sich in den Wirtschaftswissenschaften eine andere häufig vertretene Auffassung von Optimierung findet: Die Pareto-Optimalität. Dieses Denkmodell will ich in diesem Kapitel erläutern und kritisieren. Zwar gibt es viele Ökonomen, die es nicht mehr als hinreichendes wohlfahrtsökonomisches Modell verstehen, aber es findet z.B. in den Lehrbüchern der Ökonomie regelmäßig Verwendung (Varian 2009, Kpt. 1.9; Pindyck und Rubinfeld 2009, 763–792) und zwar auch in Zusammenhang mit der These, dass interpersonale Nutzenvergleiche nicht möglich seien (z.B. Wiese 2014, 267, Endres und Martiensen 2007, 67). Viele konzipieren die Wohlfahrtsökonomie weiterhin so, dass Wohlfahrtsveränderungskriterien nicht hinter die Einsichten Paretos, z.B. in puncto Nutzenvergleiche zurückgehen dürfen (Kleinewefers 2008, 45f.). Ich setze mich vor allem deshalb mit dem Pareto-Weltbild auseinander, weil es den Utilitarismus in puncto Nutzenvergleiche in Frage stellt, was geklärt werden muss, will man den Utilitarismus vertreten. Viele Paretianer gingen ursprünglich vom utilitaristischen Wirtschaftszweck, von der Maximierung des Wohls insgesamt aus, hielten aber Messung und Vergleich des Nutzens bei verschiedenen Personen für unmöglich. Der vierte Pfeiler des Utilitarismus, der sogenannte Aggregationismus, wird abgelehnt. Damit scheiden auch egalitaristische und viele andere „Wohlfahrtsfunktionen“ aus, für die man auch interpersonale Vergleiche braucht (Hammond 1991, 201). Dann bleibt zur Vermehrung des Wohlergehens nur noch übrig, pareto-optimale Zustände zu erzielen: Pareto-superiore Zustände sind Zustände, in denen wenigstens eine Person ökonomisch bessergestellt werden kann, ohne dass eine andere schlechtergestellt wird. Ein pareto-optimaler Zustand s liegt vor, wenn kein anderer Zustand erzielbar ist, der pareto-superior zu s ist.[29] Diese Zielvision hat sich im Laufe der Zeit zur Hochburg der Effizienz bei den Ökonomen entwickelt: Die Zustände in einer Gesellschaft können dann und nur dann effizienter gemacht werden, wenn es möglich ist, |39|die Situation von mindestens einer Person zu verbessern, ohne die einer anderen zu verschlechtern.

Der Übergang von der utilitaristischen Wohfahrtsökonomie zum Pareto-Weltbild resultiert meist aus messtheoretischen Problemen. Die interpersonale ordinale oder kardinale Messung von Nutzen wird von vielen Ökonomen als gescheitert angesehen; es wird ein „empirischer Kollaps“ der klassischen Wohlfahrtsökonomie diagnostiziert (Kleinewefers 2008, 277). Woher soll man wissen, dass zehn Nutzeneinheiten für dich dasselbe bedeuten wie zehn Nutzeneinheiten für mich? Insbesondere dann, wenn wir verschiedenen Kulturkreisen angehören? Wie sind interpersonelle Nutzenmessungen möglich, wenn kein gemeinsamer Nutzennullpunkt und kein gemeinsames Ende der Nutzenskala bekannt sind? Das sind die Gründe, aus denen heraus der Aggregationismus abgelehnt wird. Damit ist der Weg zu einem vertragstheoretischen Verständnis des Pareto-Weltbilds geebnet:

Wenn jeder nur seinen eigenen Nutzen (…) kennt (…), dann ist der einzige operationalisierbare Test, ob eine bestimmte Handlung den Gesamtnutzen der Menschen erhöht, (…) die Zustimmung der Betroffenen. Menschen äußern ihre Zustimmung, indem sie freiwillige Verträge abschließen. (…) Wenn alle zustimmen, erwarten alle für sich Vorteile, ist der Erwartungswert (…) positiv. (Vaubel 2007, 111)

So wird angenommen, dass der Nutzen des Einzelnen nur durch freiwillige Tauschverträge nachweislich erhöht wird. Es gibt nicht ein Pareto-Optimum wie es ein Nutzenmaximum gäbe, sondern die Individuen realisieren verschiedene pareto-optimale Zustände abhängig von ihren Präferenzen und den Ausgangsbedingungen beim Tausch (Pindyck und Rubinfeld 2009, 766f.). Dabei werden nur intrapersonale Präferenzen in ordinaler Ordnung als bekannt vorausgesetzt, die sich durch Tauschhandlungen nach außen hin manifestieren (Kleinewefers 2008, 64). Wie Vaubel oben schon sagte: Jeder kennt nur seinen Nutzen. Aussagen über Präferenzen (stated preferences) werden hingegen als nicht verlässlich eingestuft, da die Subjekte bei Befragungen den Anreiz haben könnten, die Unwahrheit zu sagen, um sich Vorteile zu verschaffen. Es zählen Taten, nicht Worte.

Der paretianische Ansatz fragt nur noch: Holt der Einzelne sein persönliches Maximum an Nutzen aus den Gütern heraus (Kleinewefers 2008, 43)? Aber es kann relativ zu den Grundausstattungen verschiedene Optima geben, das nützlichste oder gerechteste Optimum für alle ist nicht ermittelbar. Umverteilung kommt nur noch zustande, wenn niemand durch sie schlechtergestellt wird. Für jede diese Pareto-|40|Bedingung verletzende Umverteilung wird man die Zustimmung des durch sie schlechtergestellten Individuums nicht erhalten: „Niemand wird freiwillig in einen Tausch einwilligen, wenn er dadurch schlechter gestellt wird.“ (Kleinewefers 2008, 65, vgl. 21) Und: „Da die Marktverträge (…) freiwillig abgeschlossen werden, also die Zustimmung der Beteiligten voraussetzen, ist die Marktwirtschaft ein herrschaftsfreier Koordinationsmechanismus.“ (Vaubel 2007, 113)

Wenn alle Verträge freiwillig eingegangen worden sind, die zu einem Status Quo geführt haben, an dem nicht weiter getauscht wird, kann man diesen Status eben durch diese Eigenschaft moralisch rechtfertigen: Da alle Tauschhandlungen freiwillig zustande kamen und so zu diesem bestimmten Status quo führten, ist dieser Status quo durch den Wert der Freiheit gerechtfertigt. Von diesem Status quo abzuweichen, ist nur im Konsens möglich, sonst kann man nicht ausschließen, dass sich der gute, da von den Tauschpartnern frei hergestellte Status quo verschlechtert. H. Kleinewefers bringt das auf den Punkt: „Würde man normativ verlangen, dass politische Entscheidungen die Wohlfahrt nach dem Pareto-Kriterium erhöhen, so käme dies einem absoluten Schutz der jeweiligen Besitzstände bzw. einem Vetorecht für jeden einzelnen möglicherweise negativ Betroffenen gleich.“ (Kleinewefers 2008, 65) Oder mit H. Wiese gesprochen: „Freie Märkte sind eine wunderbare Sache.“[30] (Wiese 2014, 279)

Also basiert die Attraktivität des Pareto-Prinzips u.a. auf einem Werturteil. Wie Homann schon ausführte, wird Freiheit von ihm und vielen Ökonomen als höchster Wert angesetzt (Homann 2003, 125). Das führt J. Coleman weiter aus: „Individuals engage in transactions until it is no longer in the interest of at least one of them to do so. (…) In the ideal world of noncoercive markets (…) the exercise of liberty leads to Pareto-optimal states of affairs.“ (Coleman 1980, 540f.) Und gerade weil Pareto-Optimalität ein Ausdruck so verstandener (Tausch-)Freiheit ist und diese als Leitwert fungiert, halten viele Ökonomen dieses Prinzip hoch.

Nun wird das Pareto-Prinzip eben nicht auf politische Situationen angewendet, in denen es Gewinner und Verlierer gibt. Daher wurde zum Zweck der Politikberatung eine Debatte darüber begonnen, wie man Kriterien finden könne, die Aufschluss darüber geben, wann eine staatliche Maßnahme die gesellschaftliche Wohlfahrt erhöht. Dabei sollten die Einsichten, die Pareto bezüglich des Allokationsmecha|41|nismus gehabt hatte, möglichst gewahrt werden. Die Debatte um sogenannte Wohlfahrtsveränderungskriterien war eröffnet (Kleinewefers 2008, 45f.). Ein Kandidat war etwa das Kaldor-Hicks-Kriterium. Auf diese Debatte brauchen wir aber nicht eingehen, da wir bereits die eben benannten Voraussetzungen kritisieren werden.

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