Kitabı oku: «Gesund ohne Aluminium»
Bert Ehgartner
Gesund ohne
Aluminium
Alu-Fallen erkennen
Schwere Krankheiten vermeiden
ENNSTHALER VERLAG STEYR
Erklärung:
Autor, Verlag, Berater, Vertreiber, Händler und alle anderen Personen, die mit diesem Buch in Zusammenhang stehen, können weder Haftung noch Verantwortung für eventuelle Folgen übernehmen, die direkt oder indirekt aus den in diesem Buch gegebenen Informationen resultieren oder resultieren sollten.
www.ennsthaler.at
1. Auflage 2014, erstellt aus der 2., korrigierten Druckausgabe 2014
ISBN 978-3-7095-0038-5 (EPUB)
Bert Ehgartner · Gesund ohne Aluminium
Alle Rechte vorbehalten
Copyright © 2014 by Ennsthaler Verlag, Steyr
Ennsthaler Gesellschaft m.b.H. & Co KG, 4400 Steyr, Österreich
Satz und Umschlaggestaltung: Traxl Thomas – www.traxl-thomas.at
Titelbild: Deklofenak · fotolia.de
Dieses Buch ist
meiner Mutter gewidmet
Einleitung
»In der fatalen Tendenz der Menschen, das Denken einzustellen, wenn eine Angelegenheit einmal als ›erledigt‹ abgehakt wurde, liegt die Ursache für die Hälfte aller Irrtümer.«
John Stuart Mill
Noch nie habe ich auf ein Buch so viele Reaktionen bekommen, wie auf »Dirty Little Secret – Die Akte Aluminium«, das 2012 ebenfalls im Verlag Ennsthaler erschienen ist. Das Feedback war überwältigend und zum großen Teil positiv. Überwältigend war aber auch die Flut an Fragen, die auftauchte, die Flut an Anregungen und Hinweisen.
Aluminium hat sich in der Recherche als das wohl eigenartigste und potenziell gefährlichste Element unserer Erde entpuppt. Obwohl es das häufigste Metall der Erdkruste ist – doppelt so häufig wie Eisen – gibt es vom kleinsten Bakterium bis hinauf zum Menschen keinen einzigen biochemischen Mechanismus, für den Aluminium gebraucht würde. Bevor wir vor etwa 120 Jahren damit begonnen haben, das Aluminium mit enormem Einsatz von Chemikalien und elektrischer Energie aus der Erde zu holen, war Aluminium für das Leben auf der Erde nicht verfügbar. Heute ist es allgegenwärtig und erst langsam erkennt die Wissenschaft, welchen gefährlichen »Alien« wir da aus der Erde geholt haben.
Aluminium ist chemisch extrem reaktionsfreudig und wird in zahlreichen Funktionen eingesetzt. In Deodorants verbinden sich die Alu-Ionen mit den Zellen der Haut, zerstören die Zellen und verhindern dass die Haut schwitzen kann. Man gerbt sich mit Alu-Deos bei lebendigem Leib die Haut. Aluminiumhydroxid ist ein Gelbildner. In Sonnencremes fördert Aluminium die leichtere Verteilung und schützt vor Verklumpung. Mehr als 50 Aluminiumverbindungen werden von den Kosmetikfirmen für die verschiedensten Zwecke verwendet. Doch man weiß mittlerweile, dass die Haut – entgegen den Beteuerungen der Industrie – keine unüberwindliche Barriere darstellt. Bereits kurz nachdem sie das Deo oder die Creme aufgetragen haben, lassen sich bereits Aluminium-Ionen im Blut nachweisen. In der weiblichen Brust werden in der Region neben den Achseln – dort wo die Deos aufgetragen werden – 60 Prozent aller Fälle von Brustkrebs diagnostiziert. Aus anderen Bereichen der Wissenschaft wissen wir, dass man mit Hilfe von Aluminiumverbindungen alle Arten von Allergien auslösen kann. Wir wissen, dass Aluminium die Reaktionsweise des Immunsystems auf Dauer verändern kann. Und schließlich gibt es auch noch die seit Jahrzehnten diskutierte Verbindung zur Alzheimer-Krankheit, wobei Wissenschaftler immer mehr Belege für eine ursächliche Beteiligung von Aluminium finden.
Ich trete vehement dafür ein, dass endlich mehr Industrie-unabhängige Forschung auf diesem Gebiet betrieben wird. Es kann nicht sein, dass die Behörden, bloß weil sie in der Vergangenheit zu sorglos umgegangen sind mit diesem Problem, nun auf immer versuchen hier einen Deckel drauf zu halten und mögliche negative Resultate gar nicht erst aufkommen zu lassen.
Objektive Studien müssen finanziert werden. Überall dort, wo es keine Daten zur Sicherheit gibt, müssen Aluminiumverbindungen entfernt werden und Alternativen angeboten werden. Auch bei Impfungen, welche ja ein besonders sensibler Punkt sind. Es ist verantwortungslos, weiter die Augen zu schließen. Speziell für die Babyimpfungen gehören endlich Alternativen angeboten, welche kein Aluminium enthalten.
Wir brauchen auch andere Lösungen bei der Trinkwasser-Aufbereitung bzw. bei der Klärung von Abwasser, wo besonders häufig Aluminium verwendet wird. Wir brauchen Sicherheits-Standards für Arbeiter in diesen Branchen: etwa für Servicetechniker, die beruflich mit Laserdruckern zu tun haben, weil vom Toner Aluminiumstaub frei werden kann.
Dazu müssen auch noch alle Bereiche der Erzeugung von Aluminium einer systematischen Prüfung unterzogen werden. Das beginnt beim Abbau von Bauxit im Regenwald und führt zur ungelösten Problematik, dass für jede Tonne Aluminium einige Tonnen toxischer ätzender Rotschlamm anfallen, welche als Sondermüll in oftmals undichten Becken gelagert werden. Dazu kommen riesige Wasserkraftwerke um die nötige Energie für die Aluschmelze aufzubringen. Projekte wie Belo Monte in Brasilien oder auch die gigantischen Kraftwerke in China nehmen überhaupt keine Rücksicht auf die Lebensgrundlagen der betroffenen Bevölkerung.
Eine Handvoll internationale Konzerne streichen die Profite ein – die dunkle Seite des Leichtmetalls wird aber in Länder mit niedrigen Umweltstandards wie Brasilien, China, Jamaica und die Staaten Westafrikas ausgelagert.
Mittlerweile gibt es – aus den unterschiedlichsten Forschungsbereichen – so viele beunruhigende Nachrichten zum Thema Aluminium, dass es höchste Zeit wird, dass die Behörden ihre Verantwortung ernst nehmen. Es kann nicht sein, dass jeder Hersteller Alu-Verbindungen nach Gutdünken überall anwenden kann, wo es ihm gerade passt – sogar in den sensibelsten Lebensbereichen. Es ist die Pflicht der Behörden, die Konsumenten zu schützen. Wer Alu-Verbindungen einsetzen möchte, trägt auch die Beweislast, deren Sicherheit nachzuweisen. In der Realität ist das aber längst nicht so.
Mein Appell an die Mediziner ist es, die Warnungen jener Wissenschaftler ernst zu nehmen, die sich viele Jahre lang mit den dramatischen Folgen von Gesundheitsschäden durch Aluminium-Verbindungen befasst haben. Am stärksten ist die Beweislage im Bereich der neurodegenerativen Erkrankungen, aber auch bei Allergien oder Autoimmunstörungen und manchen Krebsarten. Vieles deutet darauf hin, dass wir es hier mit einer Bedrohung zu tun haben, welche die Ausmaße des Tabakrauchens erreichen oder sogar übertreffen könnte.
Dieses Buch beginnt mit einem Aluminium-Check, einem Fragebogen, der eine Übersicht zu den möglichen Alu-Kontaminationen unseres Lebens liefert.
Machen Sie den Alu-Check als eine Orientierungshilfe für ihre persönliche Situation. Und erfahren Sie dann in den Kapiteln des Buches Näheres, wie man Aluminium fortan vermeiden und wieder ausscheiden kann.
Ich habe zum Thema Aluminium mit interessierten Freunden und Fachexperten eine Institution gegründet, die sich ganz der Aufklärung der vielen offenen Fragen widmet: Das Al-ex Institut. Dort wollen wir positiven Lobbyismus betreiben und Einfluss nehmen auf Gesundheitspolitik und Behörden. Damit wir nicht dasselbe Desaster erleben wie bei den Gesundheitsgefahren durch das Rauchen. Auch dort handelt es sich um ein Massenphänomen, von dem ein Großteil der Bevölkerung betroffen ist. Und auch dort gab und gibt es Lobbyisten, welche lange Zeit versucht haben, die Aufklärung zu behindern.
Mit unserem »Al-ex Institut zur Wissensvermittlung im Umgang mit Aluminium« versuchen wir gegenzusteuern. Wir haben dazu auch eine Website gestaltet, die kontinuierlich wachsen soll und auf der ausreichend Platz ist für die vielen Anregungen, Produkthinweise und aktuellen Ereignisse, für die ein Buch wohl immer zu dünn bleiben wird. Die Adresse lautet: www.al-ex.org
Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre und gute Gesundheit für Sie und Ihre Familie – ohne Aluminium.
Bert Ehgartner Mai 2014
Der Alu-Test:
Wie hoch ist Ihre Aluminium-Belastung?
1.) Alu-Check Kosmetik
| 0 | 10 | 20 | 30 | 40 | 50 | 60 | 70 | 80 |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| keine Belastung | starke Belastung | |||||||
| stimmt gar nicht | stimmt selten | stimmt teilweise | stimmt großteils | stimmt vollständig | |
|---|---|---|---|---|---|
| Zu schwitzen oder zu riechen bedeutet für mich enorme Unsicherheit und Verlust an Lebensqualität. | 0 | 1 | 2 | 3 | 4 |
| keine | 1 – 2 | 3 – 4 | 5 – 7 | 8+ | |
| Wie viele aluminiumhaltige Deos besitzen Sie? | 0 | 3 | 6 | 8 | 10 |
| Werfen Sie einen Blick auf ihre sonstigen Kosmetikprodukte. Wie viele Artikel enthalten Alu-Verbindungen? | 0 | 3 | 5 | 6 | 8 |
| nie | < 1 Monat | < 1 Jahr | < 5 Jahre | > 5 Jahre | |
| Wie lange haben Sie aluminiumhaltige Deos in der Vergangenheit verwendet? | 0 | 2 | 4 | 8 | 10 |
| Wie lange haben Sie aluminiumhaltige Sonnencremes verwendet? | 0 | 1 | 3 | 5 | 8 |
| Wie lange haben Sie aluminiumhaltige Lippenstifte oder Zahnpasta verwendet? | 0 | 1 | 3 | 5 | 8 |
| Wie lange haben Sie aluminiumhaltige Hautcremes verwendet? | 0 | 1 | 3 | 5 | 8 |
| nein, nie | selten | 1 – 2 mal pro Woche | beinahe täglich | mehrmals täglich | |
| Wie häufig haben Sie aluminiumhaltige Deos, Kristall- oder Alaun-Stifte verwendet? | 0 | 3 | 5 | 6 | 8 |
| Wie häufig haben Sie aluminiumhaltige Lippenstifte oder Zahnpasta verwendet? | 0 | 2 | 4 | 6 | 8 |
| Wie häufig haben Sie aluminiumhaltige Kosmetikprodukte für die Gesichts- und Körperpflege verwendet? | 0 | 2 | 4 | 6 | 8 |
2.) Alu-Check Arzneimittel
| 0 | 10 | 20 | 30 | 40 | 50 | 60 | 70 | 80 |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| keine Belastung | starke Belastung | |||||||
| stimmt vollständig | stimmt großteils | stimmt teilweise | stimmt selten | stimmt gar nicht | |
|---|---|---|---|---|---|
| Ich lese die Packungsbeilagen aller Medikamente, die ich nehmen soll und vermeide Mittel, die Aluminium enthalten | 0 | 1 | 2 | 3 | 4 |
| nie | selten | manchmal | häufig | sehr oft | |
| Leiden Sie unter Sodbrennen? | 0 | 1 | 2 | 3 | 4 |
| Wie häufig haben Sie im letzten Jahr aluminiumhaltige Mittel gegen Sodbrennen genommen? (z. B. Maaloxan, Riopan, Talcid) | 0 | 2 | 4 | 6 | 8 |
| Haben Sie in der Vergangenheit aluminiumhaltige Medikamente »als Magenschutz« genommen? | 0 | 2 | 4 | 6 | 8 |
| nie | nur kurze Zeit | mehr als 1 Jahr | mehr als 5 Jahre | mehr als 10 Jahre | |
| Wie viele Jahre haben Sie insgesamt aluminiumhaltige Medikamente genommen? | 0 | 2 | 4 | 6 | 8 |
| keine | 1 | 2 – 3 | 4 – 5 | 6+ | |
| Wie viele Impfungen (z.B gegen Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten, Hepatitis A und B, Pneumokokken) haben Sie während der letzten zehn Jahre ungefähr erhalten? (Anzahl der Injektionen) | 0 | 2 | 4 | 6 | 8 |
| Wie viele FSME-Impfungen (gegen von Zecken übertragene Viren) haben Sie bisher erhalten? | 0 | 2 | 4 | 6 | 8 |
| nein | ≤ 10 Spritzen | > 10 Spritzen | > 20 Spritzen | > 30 Spritzen | |
| Haben Sie in der Vergangenheit eine aluminiumhaltige Spritzenkur zur Allergie-Desensibilisierung gemacht? | 0 | 2 | 4 | 6 | 8 |
| Ja, starke Belastung | Ja, mäßige Belastung | Ja, leichte Belastung | Krankheit ist ausgeheilt | Nein, nie | |
| Leiden Sie an einer dieser potenziell aluminiumassoziierten Krankheiten: Allergien, Asthma, Neurodermitis oder ähnliches? | 6 | 4 | 2 | 1 | 0 |
| Leiden Sie an einer Autoimmunerkrankung der Schilddrüse, an Diabetes Typ 1, rheumatoider Arthritis, einer chronisch entzündlichen Magen- oder Darmerkrankung, Multipler Sklerose, Lupus E., Parkinson oder einer ähnlichen Erkrankung? | 6 | 4 | 2 | 1 | 0 |
| Leiden Sie an chronischer Müdigkeit? | 6 | 4 | 2 | 1 | 0 |
| Leiden Sie an Gedächtnis- oder Konzentrationsstörungen? | 6 | 4 | 2 | 1 | 0 |
3.) Alu-Check Essen & Leben
| 0 | 10 | 20 | 30 | 40 | 50 | 60 | 70 | 80 |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| keine Belastung | starke Belastung | |||||||
| stimmt gar nicht | stimmt selten | stimmt teilweise | stimmt großteils | stimmt vollständig | |
|---|---|---|---|---|---|
| Ich verwende Alu-Kapseln für die Kaffeemaschine | 0 | 1 | 2 | 3 | 4 |
| Ich kaufe regelmäßig Getränke in Tetrapaks | 0 | 1 | 2 | 3 | 4 |
| Ich trinke regelmäßig Getränke aus Alu-Dosen | 0 | 1 | 2 | 3 | 4 |
| Ich verwende Kochtöpfe und Geschirr aus Aluminium | 0 | 1 | 2 | 3 | 4 |
| Ich verwende regelmäßig Alufolie im Haushalt | 0 | 1 | 2 | 3 | 4 |
| Ich lese bei Lebensmitteln die Etiketten und kaufe nur Produkte ohne künstliche Aromen und Farbstoffe | 4 | 3 | 2 | 1 | 0 |
| Ich esse viel Schokolade und Kakaoprodukte | 0 | 1 | 2 | 3 | 4 |
| Ich esse häufig Süßigkeiten | 0 | 1 | 2 | 3 | 4 |
| Beim Grillen verwende ich Alu-Tassen | 0 | 1 | 2 | 3 | 4 |
| nein, nie | weiß nicht | nur in seltenen Ausnahme-fällen | je nach Schmutz | ja, im Normal-betrieb | |
| Verwenden die Wasserwerke in Ihrem Bezirk Aluminiumverbindungen zur Aufbereitung des Trinkwassers? | 0 | 2 | 4 | 6 | 8 |
| nein | selten | weiß nicht | manchmal | oft | |
| Trinken Sie Mineralwasser mit hohem Gehalt an Silizium bzw. Kieselsäure? | 8 | 6 | 4 | 2 | 0 |
| stimmt gar nicht | stimmt selten | stimmt teilweise | stimmt großteils | stimmt vollständig | |
| Im Büro/Arbeitszimmer steht ein Laserdrucker nahe meinem Schreibtisch, der häufig benutzt wird | 0 | 2 | 4 | 6 | 8 |
| stimmt gar nicht | stimmt selten | stimmt teilweise | stimmt großteils | stimmt vollständig | |
| Ich habe beruflich Kontakt mit dem Werkstoff Aluminium (Alu-Staub, Alu-Schweißen, Alu-Verpackungen) | 0 | 2 | 4 | 6 | 8 |
| Ich gehe häufig in öffentliche Schwimmbäder oder besuche Thermen, wo aluminiumhaltige Flockungsmittel verwendet werden | 0 | 1 | 2 | 3 | 4 |
| Im eigenen Pool oder in Pools von Freunden, bei denen ich zu Gast bin, werden regelmäßig aluminiumhaltige Flockungsmittel verwendet | 0 | 1 | 2 | 3 | 4 |
| Ich liebe Feuerwerke und bin dabei immer mitten im Geschehen. | 0 | 1 | 2 | 3 | 4 |
| GESAMTPUNKTE: |
|---|
| 0 – 30 Punkte: | Sie leben weitgehend aluminiumfrei und beschranken die Risiken auf ein Minimum. |
|---|---|
| 31 – 100 Punkte: | Sie haben moderaten Kontakt mit Aluminium. Sehen Sie, ob Sie es in die niedrigere Risikogruppe schaffen. |
| 101 – 150 Punkte: | Sie haben eine Reihe von Lebensbereichen, in denen Sie intensiv mit Aluminium in Kontakt kommen. Sehen Sie zu, einige der Risiken zu minimieren oder auszuschalten |
| 151 – 240 Punkte: | Ihre Aluminiumbelastung im Alltagsleben ist extrem hoch. |
1. Was kann Aluminium anrichten?
»Wir leben in einer aktiven Phase der Evolution« – Exley Interview Teil 1
Christopher Exley[1] ist Professor für bioanorganische Chemie an der britischen Keele University. Er gilt in der Branche als »Mr. Aluminium«, weil das Leichtmetall seit beinahe drei Jahrzehnten sein Forschungsschwerpunkt ist. Weltweit hat kein anderes wissenschaftliches Zentrum so viele Details zum aktuellen Kenntnisstand über die Einflüsse von Aluminium auf die Gesundheit beigetragen. Alle zwei Jahre veranstaltet er das »Keele Meeting on Aluminium«. 2013 wurde dieser »Weltkongress der kritischen Aluminium-Forschung« zum zehnten Mal abgehalten.
Ich habe Christopher Exley in den letzten Jahren mehrfach getroffen und mit ihm Interviews zu seinem Forschungsgebiet geführt. Ich schätze ihn sehr als Wissenschaftler und auch als Mensch.
Im ersten Teil unseres Gesprächs geht es um die Entdeckungsgeschichte von Aluminium und die Frage, was dieses Element so einzigartig macht.
Professor Exley, was ist denn das Besondere an Aluminium? Was unterscheidet es von anderen Metallen?
Christopher Exley: Das Besondere an Aluminium ist, dass es keine sinnvolle Rolle in der Biologie spielt. Es gibt keinen einzigen bekannten Mechanismus in der Biologie, für den Aluminium gebraucht und verwendet wird. Das ist das wahre Mysterium! Wir haben Aluminium aus seinem Erz extrahiert, wir haben daraus ein Metall gemacht, können Aluminiumsalze und vieles andere herstellen. Und langsam wird nun klar, dass wir mit Aluminium etwas ganz Spezielles aus der Erde geholt haben, das mit keinem anderen Element vergleichbar ist.
Und warum hat es keinerlei Aufgabe in biologischen Systemen?
Exley: Diese Frage habe ich mir oft gestellt. Jedes andere häufige Metall hat gleich eine ganze Reihe von Aufgaben. Warum Aluminium nicht? Darauf gibt es zwei mögliche Antworten: Entweder es war während der Entstehung des Lebens nicht verfügbar und konnte deshalb im Rahmen der natürlichen Selektion der Elemente gar nicht verwendet werden. Oder Aluminium wurde absichtlich nicht verwendet, weil es unbrauchbar war.
Und jetzt muss sich das Leben mit etwas auseinander setzen, das unbrauchbar ist?
Exley: Wir sind jedenfalls mit etwas konfrontiert, worauf das Leben nicht vorbereitet ist. Seine chemischen Eigenschaften greifen in so viele Prozesse ein. Und dies ist der Grund, warum ich den Ausdruck geprägt habe, dass wir jetzt im Zeitalter des Aluminiums leben. Wir hatten die Bronzezeit, die Eisenzeit, welche die Zivilisation und das Leben auf der Erde geprägt haben. Und nun leben wir in der Aluminiumzeit. Der Grund dafür ist seine unglaubliche chemische Vielfalt, man kann so viel damit anstellen. Und es ist so billig. Es gibt obendrein kaum Hindernisse bei seiner Anwendung. Du kannst Aluminium für alles verwenden, was Du gerade willst. Und niemand wird dich zurechtweisen, weil es eventuell toxisch ist.
Was charakterisiert denn das »Aluminium-Zeitalter«. Was ist denn das Typische, das Wesentliche für dieses Zeitalter?
Exley: Aluminium ist das häufigste Metall in der Erdkruste. Obwohl wir wissen, dass Aluminium unter vielen verschiedenen Umständen eine toxische Wirkung hat, ging es uns Menschen und den anderen Lebewesen trotz dieser Präsenz doch lange Zeit ganz wunderbar. Ein Grund dafür ist, dass das Aluminium in der Erdkruste nicht toxisch ist, sondern als Aluminiumsilikat vorkommt. Der Mensch holte das Element aber aus der Erdkruste heraus und begann Aluminiumsalze herzustellen. Darauf beziehe ich mich, wenn ich vom Aluminium-Zeitalter spreche. Wir haben Aluminium erstmals in der Geschichte der Menschheit in den biochemischen Kreislauf des Lebens herein geholt.
Wenn Aluminium in den Kreislauf des Lebens eingebracht wird, kann es nicht mehr entkommen. Es kann nirgends anders mehr hin, auch nicht zurück in das Erdgestein. Und jedes Jahr gelangt mehr und mehr Aluminium in den Kreislauf des Lebens und damit aller Lebewesen auf dieser Erde: von den Bakterien bis hin zum Menschen.
In der Erde findet sich Aluminium meist in Verbindung mit Silizium. Das nach Sauerstoff häufigste Element der Erde scheint eine besondere chemische Freundschaft mit Aluminium zu pflegen.
Exley: Silizium kommt meist als Kieselsäure in unsere biologischen Systeme. Das ist eine sehr schwache Säure. Diese Sauerstoffsäuren des Siliziums schauen aus wie Wasser und sind chemisch gesehen absolut passiv. Mit einer großen Ausnahme: ihrer Beziehung zu Aluminium. Darum besteht auch der Großteil der Erdkruste aus Alumosilikaten. Das Leben hat sich entwickelt während Aluminium in den Silikaten eingeschlossen war. Das Problem entsteht, wenn man Aluminium raus lässt. Und das passierte im späten 19. Jahrhundert – vor etwa 120 Jahren. Die Biologie hat Aluminium nicht gekannt, bevor es von Menschenhand frei gelassen wurde.
Sie schreiben, dass es im Verlauf der Evolution des Lebens zu einer natürlichen Selektion der Elemente kam. Im Lauf vieler Millionen Jahre wurden die Elemente für alle möglichen Funktionen ausprobiert. Was von Wert war wurde beibehalten und weiter entwickelt, evolutionäre Irrwege starben aus. Aluminium war dabei eines der wenigen Elemente, das vollständig ignoriert wurde. Aluminium war ja in der Erdkruste eingeschlossen. War es überhaupt für derartige Experimente verfügbar?
Exley: Die Ursache, dass es heute in biologischen Systemen keine Rolle spielt, liegt wohl darin, dass es nicht verfügbar war. Als wir vor 120 Jahren begannen, das Element aus den inerten Erzen und Gesteinsschichten zu entziehen und daraus Metall herzustellen, wurde Aluminium ins biologische System künstlich zurückgeführt. Mit all seinen unglaublich vielfältigen chemischen Eigenschaften.
Wie kann man sich das vorstellen?
Exley: Wo immer Magnesium in biologischen Abläufen beteiligt ist – und da gibt es hunderte lebenswichtige Funktionen – kann sich auch Aluminium einmischen. Manche dieser Prozesse werden vom Aluminium unterbrochen oder verlangsamt, andere vielleicht beschleunigt. Weil Aluminium sich chemisch vollständig anders verhält als Magnesium, werden alle diese biochemischen Mechanismen verändert und gestört.
In anderen Worten: Wenn Aluminium im Lauf der Evolution präsent gewesen wäre, hätte sich natürlich auch eine Form von Leben entwickelt. Aber es wäre eine andere Form gewesen mit anderen Lebewesen, wie wir sie heute haben. Und Aluminium würde in ihren biochemischen Systemen involviert sein.
Wir befinden uns mit der massiven Einführung von Aluminium in unser Ökosystem also mitten in einem weltweiten Experiment?
Exley: Ja, für mich ist das der faszinierendste Aspekt an diesem gesamten Thema. Wir sind alle Teilnehmer an diesem Experiment, dass Aluminium nun biologisch verfügbar ist. Aluminium nimmt nun teil im evolutionären Prozess und es wird sich vieles dadurch ändern.
Wir können aus der Geschichte lernen, wie verschiedene Elemente im Lauf der biochemischen Evolution ausgewählt wurden und welche enormen Auswirkungen das hatte. Calcium ist beispielsweise extrem toxisch für Zellen. Es bringt Zellen in beinahe jeder Konzentration um. Andererseits hat Calcium so fantastische Eigenschaften, dass das Leben darauf nicht verzichten wollte. Die Evolution ist diesem Prozess so begegnet, dass die Zufuhr von Calcium in die Zellen strengstens kontrolliert wurde. Calcium wurde aber – in minimalsten Konzentrationen – für Impulse verwendet, für die Signalübertragung von Zelle zu Zelle. Damit wurde es überhaupt erst möglich, dass so etwas Kompliziertes wie ein Nervensystem entstehen konnte. Überschüssiges Calcium wurde weggesperrt in Depots, wo es keinen Schaden anrichten konnte. Daraus entwickelten sich Knochen und ein Skelett, was wiederum die Entwicklung größerer Organismen ermöglichte.
Calcium hatte in der biochemischen Evolution also einen enormen Einfluss, dass so etwas wie wir Menschen überhaupt entstehen konnten. Aber als vor Milliarden Jahren die ersten Einzeller im Meer damit Bekanntschaft machten, war Calcium eine enorme Gefahr. Ein neu auftauchendes Element ist nahezu immer toxisch. Und das ist wahrscheinlich die Phase, in der wir uns heute mit Aluminium befinden.
Ein weiteres Beispiel für den Einstieg neuer Elemente war die große Sauerstoff-Katastrophe, die sich vor etwa zwei Milliarden Jahren ereignete. Damals begannen die Pflanzen mittels Photosynthese Sauerstoff zu erzeugen und die Erde mit diesem neuen Element zu überfluten. In der Folge starben 95 Prozent aller Lebewesen aus, für die Sauerstoff extrem toxisch war.
Exley: Und natürlich ist Sauerstoff bis heute noch toxisch. Auch für Lebewesen wie uns, die selbst auf Sauerstoff angewiesen sind. Wir haben aber im Lauf der Evolution biologische Systeme entwickelt, mit denen wir das Schadenspotenzial von Sauerstoff kontrollieren und einschränken können. Diese Systeme sorgen dafür, dass freie Radikale effizient unterdrückt werden, so dass sie nicht zu viel Schaden anrichten können. Wenn man allerdings diesem System Aluminium zuführt, arbeitet das Kontrollsystem bei weitem nicht mehr so effizient und der oxidative Schaden wird um ein Vielfaches größer.
Und was denken Sie, wird das Resultat dieses evolutionären Prozesses sein, den wir gerade durchmachen?
Exley: Auf Grund unserer Kenntnis wie sich das Leben auf dieser Erde entwickelt hat, wissen wir, dass sich das Leben der immer höheren Menge von Aluminium anpassen wird. Manche denken, dass die Evolution des Lebens lange zurück liegt und nun abgeschlossen ist. Doch das stimmt nicht. Mit dem Eintritt von Aluminium befinden wir uns derzeit in einer hoch aktiven Phase der Evolution. Das Ergebnis könnte durchaus negativ ausfallen. Denn zunächst einmal hat ja Aluminium keinerlei Nutzen für das Leben und ist toxisch. Vielleicht – aber das ist eine Frage von Jahrhunderten – werden Aluminium und Biologie einmal so chemisch miteinander verschmolzen sein, dass das Leben daraus sogar profitiert. Aber das wird höchst wahrscheinlich keine menschliche Lebensform sein. Das Problem ist nämlich, dass wir von unserer Biologie her nicht besonders gut mit Aluminium klar kommen. Es könnte also durchaus sein, dass es zu diesem Zeitpunkt, an dem Aluminium zu einem integralen Bestandteil des Lebens wird, vielleicht keine Menschen mehr gibt. Also eine spannende Frage.
Wir versuchen jene Systeme zu identifizieren, die bei uns am meisten verwundbar sind. Das sind vor allem die Energie-Systeme, wo Phosphate wichtige Aufgaben haben. Eines der wichtigsten Symptome einer Aluminiumvergiftung beim Menschen ist Lethargie und Energielosigkeit. Patienten, bei denen Aluminiumvergiftung nachgewiesen wurde, leiden am »Chronic Fatigue Syndrom«, an chronischer Müdigkeit. Das ist kein psychologisches Problem, das hat handfeste physische Ursachen.
Das zweite System, wo Aluminium massiv eingreift sind oxidative Prozesse. Es kann zwar selbst keinen oxidativen Prozess auslösen, aber es kann stattfindende Prozesse verstärken und um ein vielfaches schlimmer machen.
Also kann man Aluminium als eine Art Alien, einen Außerirdischen bezeichnen, den wir aus der Erde geholt haben und der nun hyperaktiv und unberechenbar seine Kontakte mit dem Leben macht.
Exley: Ja, das ist ein passendes Bild. Ich spreche diesbezüglich lieber von einem »silent visitor«, einem »stillen Besucher«. Wenn man beispielsweise ein Sandwich isst, das mit toxischem Cadmium kontaminiert ist, denn wird dein Körper sofort damit beginnen, bestimmte Proteine zu erzeugen, die versuchen das Gift möglichst schnell zu entsorgen. Das bedeutet allerdings, dass der Körper Cadmium kennt. Dass sich hier im Lauf der Evolution ein Mechanismus eingespielt hat, der uns vor Cadmium schützt – oder das zumindest versucht.
Bei Aluminium suchen wir so einen Mechanismus vergebens. Es gibt keine spezifischen Antworten auf Aluminium. Der Körper erkennt Aluminium nicht. Also ist es ein stiller Besucher. Ein Szenario ähnlich dem Trojanischen Pferd.
Wie reagieren denn Ihre Studenten, wenn Sie ihnen derartige Dinge erzählen?
Exley: Wenn ich meinen Studenten oder anderen Menschen erzähle, was wir bisher über Aluminium wissen und was es anrichten kann, so nehmen die Leute automatisch an, dass wir alles unternehmen, um das zu verstehen und uns vor dieser potenziellen Gefahr zu schützen. Sie sind dann völlig perplex, wenn sie rausfinden, dass wir in Wahrheit gar nichts tun.
Wird Ihnen manchmal vorgeworfen, Sie betreiben Angstmache. Was entgegnen Sie solchen Kritikern?
Exley: Ich bin nicht im Mindesten daran interessiert Panik auszulösen. Ich möchte die Geschichte auf Basis der Fakten erzählen. Und zwar deshalb, weil es eine wichtige Geschichte ist. Die Leute werden das zu schätzen wissen, wenn es gelingt, das gut zu vermitteln. Und dann werden sie zu fragen beginnen. Dann werden sie wissen wollen. Es sind die Behörden, die hier auf den Bremsen stehen – und einige Gruppen innerhalb der Gesellschaft. Sie sind es, die sich mit aller Macht sträuben, dass in diesem Bereich neues Wissen ans Tageslicht kommt.
Aluminium: Gift für das Nervensystem
»Wir machen Kochtöpfe und Verpackungen daraus, bauen Flugzeuge damit, verarbeiten es zu Medikamenten, Zusatzstoffen und Kosmetika: Die Rede ist vom Aluminium, das, so scheint es, zu einem unverzichtbaren Bestandteil unseres modernen Lebens geworden ist. Doch der breite Einsatz hat auch seine Schattenseiten. Seit langem wird ein Zusammenhang zwischen der Alzheimer-Demenz und der Aluminiumaufnahme vermutet. Eine Reihe von Gründen spricht für eine ursächliche Beziehung.«
Und dann zählt der Autor eine Reihe von Argumenten auf. Etwa die Tatsache, dass die Aluminiumspiegel im Gehirn von Alzheimerpatienten deutlich erhöht sind. Oder dass zu viel Aluminium bei Nierenkranken Demenz auslöst oder die Häufigkeit von Alzheimer ansteigt, wenn das lokale Wasserwerk Alu-Verbindungen benützt, um das Trinkwasser zu reinigen. Seit langem werde das diskutiert, schreibt der Autor. Und doch ist der Artikel, aus dem ich hier zitiere und den ich bei Recherchen zufällig fand, auch schon wieder fast zwanzig Jahre alt. Der ebenso streitbare wie unkonventionelle Lebensmittelchemiker und Publizist Udo Pollmer hat ihn geschrieben, im Jahr 1995. Damals war eine ganze Ausgabe des EU.L.E.N-Spiegel, dem »Wissenschaftlichen Informationsdienst des Europäischen Institutes für Lebensmittel und Ernährungswissenschaften« dem Schwerpunktthema »Aluminium und Alzheimer« gewidmet.[2]
»Aluminium galt lange als ›inertes‹ harmloses Material, das vom Darm nicht aufgenommen wird und die Blut-Hirn-Schranke nicht überwinden kann«, schreibt Pollmer weiter. »Wenn Tausende von Patienten jahrelang Magensäurebinder auf Aluminiumbasis ohne sichtbare Nebenwirkungen einnehmen können, so die Argumentation der Aluminiumbefürworter, kann das Leichtmetall doch so schädlich nicht sein.« – Die Frage ist nur, ob überhaupt jemand konsequent die gesundheitlichen Folgen untersucht hat. Die Hersteller der Medikamente hatten kein Interesse daran und die Gesundheitsbehörden haben nicht das Geld – und oft auch nicht den Willen, hier Industrie-unabhängige Studien zu finanzieren. »Das Thema Aluminium ist heute genauso brisant, wie vor 20 Jahren«, sagte Udo Pollmer als wir kürzlich darüber sprachen. »Das Problem ist nur, dass Jahrzehnte der Forschung verschlafen wurden und bis heute alles nach der Pfeife der Industrie tanzt.«
Dazu eine Episode aus den Recherchen zum Film »Die Akte Aluminium« der seit der Premiere im März 2013 (im Programm von ARTE) auf vielen Film-Festivals weltweit gelaufen ist. Wir haben damals versucht, einen Patienten zu finden, der noch in der Lage wäre, über seine Krankheit zu sprechen. So wie Rudi Assauer, der an Alzheimer erkrankte Fußballmanager, der eine Zeitlang mit bemerkenswertem Mut und der ihm eigenen Offenheit in den Medien auftrat.
Im Zuge der Vorbereitung habe ich mit zahlreichen Patienten-Organisationen Kontakt aufgenommen und schließlich auch eine ganze Reihe von Patienten bzw. deren Angehörige besucht oder zumindest mit ihnen telefoniert.
Bei den meisten war rasch klar, dass nichts mehr möglich ist. Mehrfach fand ich Männer und Frauen, die ihre Partner pflegten und liebevoll umsorgten, obwohl diese nicht einmal mehr zu einem Satz fähig waren. Man merkte diesen älteren Menschen oft an, wie sehr sie verzweifelten und auch vereinsamten neben ihrem einst geliebten Partner, von dem nur eine Hülle geblieben war. Und wo sich der Geist aufgelöst hatte, bis fast nichts mehr übrig blieb.
Unvergesslich ist mir die Szene, als ein etwa 70-jähriger Mann mich gar nicht mehr aus der Wohnung lassen wollte vor Redebedürfnis; wo er mir sogar noch die alten Fotoalben zeigte und Filme aus den 1970er-Jahren vorführen wollte. Und nebenan saß seine Frau und starrte in den Fernseher. Ohne Anzeichen, ob sie überhaupt wusste, wo sie war. »Schlagersendungen beruhigen sie«, sagte ihr Mann. »Früher hat sie das geliebt.« Früher. »Jetzt ist es auch schon wieder zwei Jahre her, dass sie den letzten Satz zu mir gesprochen hat.«
Was das war, frage ich. Und er sagte nachdenklich: »Ich soll nicht vergessen, die Heizung abzudrehen.« Dann fügte er noch traurig hinzu: »Da hatten wir Hochsommer.«
Er hob seine Frau auf, reinigte und wickelte sie, gab ihr dann Grießbrei, den sie mit Appetit verspeiste, legte sie ins Bett, als die Schlagersendung aus war und überlegte ständig, ob ihm nicht noch etwas einfällt, mit dem er mich ein paar Minuten länger halten könnte. Die Kinder, sagte er, kommen nur noch selten. Sie schaffen es nicht lange, die Mama so zu sehen.
Das war der typische Fall. Manchmal waren die Alzheimer-Patienten auch noch ansprechbar. Doch es wäre regelrecht gefährlich gewesen, sie zu filmen, sagten mir die Partner oder die Therapeuten. Sobald etwas nicht dem normalen Ablauf entspricht oder wenn Unbekannte auftauchen, werden viele der Alzheimer-Patienten extrem aggressiv.
In einer Therapiegruppe, die ausschließlich aus Angehörigen von Alzheimer-Patienten bestand, hörte ich die unglaublichsten Geschichten. Je nachdem, in welcher Gehirnregion der Verfall begann, zeigten sich bei ihren Partnern besondere Symptome, erzählten die Frauen. Einige entwickelten eine regelrechte kriminelle Energie. Sie begannen plötzlich, ihr ganzes Geld für bestimmte Vorlieben auszugeben. Manche kippten in die Pornographie, andere ins Glücksspiel oder in den Kaufrausch. Andere verfielen auf Süchte. Etwa auf Naschsucht. Ihre ganze Wohnung sei voll mit halb aufgegessenen Schokoladestücken, erzählte eine Frau. »Ständig kauft oder stiehlt er Schokolade, vergisst aber ständig, wo sie ist und versaut die ganze Wohnung. Er sitzt auf Schokolade, hat Schokolade im Bett oder im Bart.«, klagte sie. Es sei zum Verzweifeln.
Eine andere erzählte von ihrem Vorhaben, mit ihrem Mann – trotz der Demenz – auf Urlaub zu fahren, um ihren runden Hochzeitstag am Meer im Sommerhaus zu feiern. Sie sagt, sie verfluche ihre Offenheit. Sie hätte ihm nie etwas von der Idee erzählen sollen. In zwei Monaten wollen sie fahren. Und ihr Mann fragt nun alle paar Minuten, ob es schon so weit ist und ob er die Koffer zum Auto tragen soll.
Tja, meinte daraufhin der Therapeut. Das sollten sich alle zur Lehre nehmen: Nie vorzeitig etwas erzählen. Für den Alzheimer-Patienten ist alles Gegenwart. Die Zeiten verschwimmen, die Vergangenheit vernebelt sich und die Zukunft existiert nicht mehr.
Schließlich sprach noch eine Frau, die schon weinend in den Gruppenraum gekommen war. Sie erzählte von der unglaublichen Kälte ihres Mannes, der alles vergessen hat außer seinen Jähzorn; der sich jeden Tag wieder in absurde Ausbrüche reinsteigerte. Und in seiner Kälte und seinem Hass gleichzeitig vollkommen hilflos war. – »Wie soll ich das alles aushalten«, fragte die Frau unter Tränen. »Wie soll ich ihn pflegen, wenn er so zu mir ist. Ich habe schon seit Ewigkeiten kein gutes Wort oder eine liebevolle Berührung bekommen.« Und sie erzählte, dass sie seit Wochen an Selbstmord denkt.
Es ist eine unglaubliche Tragik, wenn sich alles, was geliebte Menschen ausmacht, auflöst und verschwindet. Als seien sie gestorben bei lebendigem Leib.
Schließlich haben wir doch einige wenige Alzheimer-Patienten gefunden, die über ihr Empfinden, ihre Krankheit, ihr Erleben des Verlustes und der Veränderung erzählen konnten und wollten.
Und hier ergab sich ein eigenartiges Bild, das den Behauptungen der von Udo Pollmer zitierten »Aluminiumbefürworter« diametral widersprach. Jener Aussage, dass »Tausende von Patienten jahrelang Magensäurebinder auf Aluminiumbasis ohne sichtbare Nebenwirkungen einnehmen können«. Denn drei der vier Personen, die wir fanden, waren langjährige Konsumenten dieser Mittel. Diese so genannten Antazida heben über die Abgabe von Aluminium den pH-Wert des Magens in einen neutralen Bereich und lindern damit Sodbrennen oder andere Magenbeschwerden.
Zwar ist das natürlich wegen der kleinen Zahl nun kein Beweis, doch auch auf der anderen Seite sieht es diesbezüglich finster aus. Denn abseits der Vermutungen, dass Antazida harmlos wären, gibt es keinerlei wissenschaftliche Belege für diese Annahme. Die Hersteller der Mittel kennen dieses Problem und sichern sich rechtlich ab, indem sie alle möglichen Risiken und Sicherheitstipps in ihre Beipacktexte schreiben. So sollen beispielsweise die Konsumenten des rezeptfreien Sodbrenn-Mittels Maaloxan »bei längerfristiger Einnahme« darauf achten, dass ihre Aluminiumspiegel im Blut regelmäßig kontrolliert werden. Oder es wird zynisch darauf hingewiesen, dass die Einnahme des Bayer-Bestsellers Talcid kontraindiziert ist, wenn ein Patient bereits an Demenz oder Alzheimer leidet. Ein Gipfel der Geschmacklosigkeit: dann, wenn es ohnehin schon zu spät ist, plötzlich eine mögliche Ursache der Krankheit zu verbieten.
Drei der vier Alzheimer-Patienten, die wir fanden, waren also langjährige Konsumenten von Mitteln gegen Sodbrennen. Einer hatte über viele Jahre immer wieder die aluminiumhaltigen Mittel genommen, bei zwei waren es sogar mehr als 20 Jahre. Hier sagten beide Ehefrauen, dass ihre Männer bereits die Mittel genommen haben, als sie sich kennen lernten. Sie habe das auch angesprochen, weil es ihr seltsam vorkam, so lange ein Medikament zu nehmen, sagte uns eine der Ehefrauen. »Doch mein Mann hat damit argumentiert, dass das Mittel ja rezeptfrei in der Apotheke abgegeben wird, da könne man ja wohl davon ausgehen, dass es total harmlos ist.«
Alle drei dieser langjährigen Antazida-Konsumenten waren sehr jung. Einer war 52 als er die Diagnose bekam, einer 57 Jahre alt. Bei beiden begannen die Symptome aber schon viel früher. Zuerst zeigten sie sich jeweils beim Autofahren. Die Orientierung verschwand. »Früher ist mein Mann beruflich quer durch Europa gefahren, jetzt war er schon unsicher, wenn er unsere Tochter vom Bahnhof abholen sollte.« Schließlich wurde es immer schlimmer. Die räumliche Orientierung ging als nächstes verloren, das Gefühl für Dreidimensionalität und Abstände. An den Fahrzeugen häuften sich die Blechschäden. »Als mein Mann zum dritten Mal beim Einparken in der Garage die Mauer streifte, habe ich an keine Zufälle mehr geglaubt.«
Günther P., der schließlich auch in unserem Film »Die Akte Aluminium« mitmachte, erzählte, dass er selbst seinen Führerschein abgegeben hat: »Ich war eine Gefahr geworden. Ich wusste nicht mehr wo die Straße ist, wo links und rechts ist. Manchmal bin ich sogar über den Bürgersteig gefahren.«
Rupert, der dritte Alzheimer Patient, der noch selbst über seine Krankheit und seine Situation reflektieren konnte, hatte seine Diagnose im Rekordalter von 47 Jahren bekommen. Er wurde mir von einem Wiener Alzheimer-Therapeuten vermittelt, der ganz begeistert war von seinem fitten Patienten. Man merkte Rupert auf den ersten Blick auch gar nichts an. Ein starker, kräftiger Mann. Doch als er den Uhrentest machen sollte, den vorrangig verwendeten Test zur Diagnostizierung der Alzheimer Krankheit, offenbarte sich das Desaster. Bei diesem Test werden die Patienten ersucht auf ein Blatt Papier in einem Kreis eine Uhrzeit einzuzeichnen. Also beispielsweise zehn Uhr dreißig. Oder zwanzig nach zehn. Als Rupert an der Reihe war, schrieb er alle Ziffern der Uhr in die rechte obere Ecke des Kreises. Für die Uhrzeit zwanzig nach zehn schrieb er die Ziffer zwanzig nach der Ziffer zehn irgendwo in den Kreis hinein. Als ihn der Therapeut darauf ansprach, dass er Zeiger verwenden sollte, um die Uhrzeit darzustellen, dass eine Uhr einen großen Minutenzeiger und einen kleinen Stundenzeiger habe, sah ihn Rupert verständnislos an: »Zeiger?« – Dieser Begriff war aus seinem Gehirn gelöscht.
Auf seine mehr als zwanzig Jahre andauernde Selbsttherapie gegen Sodbrennen hat Rupert während seiner zahlreichen Arztbesuche nie jemand angesprochen. Niemand interessierte sich für mögliche Auslöser der Krankheit. Aber alle wollten ihn therapieren.
Bloß bei einer medizinischen Studie zur Erprobung einer neuartigen Alzheimer-Impfung, von der sich Rupert und seine Frau sehr viel erhofften, gab es anfangs Probleme. Mit seinen 47 Jahren war er nämlich zu jung. An sich war das Einstiegsalter nämlich mit 50 Jahren festgelegt worden. Nach einiger Wartezeit und heftiger Korrespondenz mit der Studienzentrale in den USA konnte diese Hürde aber gemeistert werden. Rupert bekam die Anti-Alzheimer-Impfung und verstummte zusehends. Mittlerweile ist Ernüchterung eingekehrt. Sowohl bei Ruperts Frau als auch bei den Alzheimer-Therapeuten. Die Impfung gilt als Fehlschlag, die Abermillionen an wissenschaftlichen Forschungsgeldern verbraucht hat. Den Schaden im Gehirn konnte sie jedoch nicht reparieren.
Jeder, der sich die Mühe macht, ältere medizinische Studien zu durchsuchen, wird sich wundern, wie konkret Aluminium als Auslöser von Alzheimer bereits vorgeführt wurde. Etwa in einer Arbeit[3] von 1997, wo die Besonderheiten von Patienten mit Down-Syndrom in Bezug auf deren Aluminium-Aufnahme thematisiert wurden. Nach der Gabe von aluminiumhaltigen Sodbrennmedikamenten hatten die 15 teilnehmenden Down-Syndrom-Patienten nämlich eine vierfach höhere Konzentration von Aluminium im Blut als die 15 gesunden Teilnehmer aus der Kontrollgruppe. Die Autoren der Arbeit schreiben:
»Obwohl die Mechanismen der erhöhten Aufnahme unbekannt sind, belegen die Studiendaten, dass bei Down-Syndrom-Patienten ähnliche Abnormitäten in der Verarbeitung von Aluminium vorkommen wie bei Alzheimer-Patienten. Wir schlagen daher vor, dass es empfohlen werden sollte, bei allen Menschen mit Risiko für die Entwicklung der Alzheimer-Krankheit, die Aufnahme von Aluminium über Nahrungsmittel möglichst zu minimieren.«
Auf solche Formulierungen muss man erst einmal kommen. »Menschen, die ein Risiko für die Entwicklung der Alzheimer-Krankheit haben« – wie erkennt man die? Sind wir das nicht alle? Und sollten wir dann nicht auch alle darauf achten, »die Aufnahme von Aluminium möglichst zu minimieren«? Nicht nur »über Nahrungsmittel«, sondern überhaupt?
Konkret wurde die Frage gar nie beantwortet, ob nun aluminiumhaltige Magen-Medikamente Alzheimer auslösen oder nicht. Es ist erstaunlich, wie wenige Studien sich überhaupt dieser Forschungsfrage widmeten. Millionen von Patienten nahmen weltweit diese Mittel. Ob sie aber sicher waren, oder ob man in der Folge dement würde, das interessierte niemanden.
Am kuriosesten fand ich eine US-amerikanische Arbeit aus dem Jahr 1990[4]. In diese Studie wurden 130 Alzheimer-Patienten aufgenommen und mit einer gleichaltrigen Kontrollgruppe verglichen, die aus 130 Freunden, Partnern oder sonstigen, den Patienten nahestehenden Personen bestand. Daraufhin wurde über Fragebögen der lebenslange Gebrauch von Antazida und Deodorants erhoben. Dabei zeigten sich Resultate in geradezu achterbahnartiger Willkür. Aluminiumhaltige Deos erhöhten das Risiko, an Alzheimer zu erkranken um 60 Prozent mit einer Tendenz zu höherem Risiko, wenn die Deos nicht ab und zu sondern regelmäßig verwendet wurden. Dann war das Alzheimer-Risiko gleich dreifach höher. Bei jenem Drittel der Teilnehmer, welche den größten Verbrauch an Sodbrenn-Mittel hatten, war das Alzheimer-Risiko gar um das elffache erhöht. Doch waren hier auch alu-freie Medikamente dabei. Wenn nur die reinen Alu-Mittel gewertet wurden, so gab es keine signifikanten – das heißt gültigen – Resultate mehr.
Was sollte man aus so einer Studie schließen? Die Autoren beantworten die Frage folgendermaßen:
»Die Resultate sind herausfordernd – aber sie sind in sich nicht schlüssig wegen methodischer Probleme – und auch wegen der langen Zeitperiode der möglichen Exposition für die Entstehung der Demenz.«
Tja, Pech gehabt. Solche Arbeiten erbrachten also regelmäßig Null-Aussagen. Die lange Zeit, in der sich die Krankheit entwickelt und die Vielfalt der möglichen Einflüsse ergaben ein überwältigendes Messproblem. Und deshalb wurden die Geldgeber für solche Studien langsam rar.
Zu gewinnen war ja sowieso nie etwas, zumindest in Bezug auf finanzielle Einnahmen. Ein Geschäft wäre das nie geworden. Wenn sich eindeutig heraus gestellt hätte, dass Aluminium der Auslöser für die Alzheimer-Krankheit ist, so wäre daraus wahrscheinlich die Schlussfolgerung gezogen worden, aluminiumhaltige Arzneimittel abzusetzen.
Wenn aber bloß etwas vermieden wird, so verdient damit niemand etwas. Verdient wird mit der Neuentwicklung gut vermarktbarer Produkte, aber nicht mit deren Absetzung. Das bedeutet, dass von Seiten der Pharmazeutischen Industrie ohnedies nie Geld in diese Arbeiten investiert wurde.
Sicherlich, die Bevölkerung hätte großes Interesse daran, einen möglichen krank machenden Einfluss zu vermeiden. Die Krankenversicherungen hätten auch geschäftlich profitiert, wenn weniger Menschen chronisch krank werden. Doch die Gesundheitsbehörden und in der Folge die öffentlichen Geldgeber verloren das Interesse an dem komplizierten Thema. Zumal es dazu kaum Berichterstattung von Seiten der Medien gab – und damit auch aus der Bevölkerung wenig Druck kam.
Und mittendrin agierte ständig eine Heerschar von Lobbyisten, die in allen möglichen Institutionen als Einflüsterer und Financiers, als Druckmacher, Verhinderer und Manipulatoren tätig wurden. Ihr Anliegen war es, Aluminium aus der Schusslinie zu halten. »Besonders fies war die Unterstellung, dass unsere Forschungsergebnisse auf schlampiger Arbeit und Laborkontaminationen beruhen«, ärgerte sich Daniel Perl, der damals als Neurobiologe an der Mount Sinai Universität in New York forschte[5]. Da half es ihm wenig, dass seine Studien in hoch angesehenen Journalen wie »Science« erschienen waren. Die von der Alu-Lobby finanzierte Forschergruppe warf mit Dreck um sich, ohne selbst Belege zu liefern. Und sie hatte Erfolg der weltweit ausstrahlte. Die Botschaft kam an: An Aluminium ist nichts dran.
Dazu ein kurzer Ausschnitt aus dem Buch »Die Alzheimer’sche Krankheit«[6] von Joachim Bauer, der damals Facharzt für Innere Medizin und Psychiatrie an der Psychiatrischen Universitätsklinik Freiburg war und später erfolgreiche Sachbücher schrieb (u. a. »Warum ich fühle, was Du fühlst«, Hoffmann & Campe 2005, »Schmerzgrenze«, 2011, Blessing). Zu Aluminium und Alzheimer notierte er Anfang der 90er-Jahre ganz unter dem Einfluss der lobbygesteuerten Kampagne folgendes:
»Inwieweit Toxine bei der Alzheimer-Demenz eine Rolle spielen, ist unklar. Vermutungen über eine pathogenetische Rolle von Aluminium basierten auf Berichten über eine erhöhte Erkrankungsrate in Gebieten mit vermehrter Aluminiumbelastung des Trinkwassers [Martyn et al. 1986] und auf dem angeblichen Nachweis von Aluminium in Plaques [Candy et al. 1986] und in Neurofibrillenbündeln [Good et al. 1992]. (…) Nachdem jüngst gezeigt wurde, dass Plaques kein Aluminium enthalten und frühere diesbezügliche Messungen auf einer Kontamination des jeweils untersuchten Gewebes mit aluminiumhaltigen Fixierlösungen beruhten [Chafi et al. 1991; Landsberg et al. 1992], ist eine pathogenetische Rolle von Aluminium eher unwahrscheinlich.«
Hunderte Seiten dick sind die Arbeiten, die sich – auf den ersten Blick vollkommen objektiv und sachlich – mit den möglichen Gesundheitsgefahren von Aluminium befassen. Und ja, die Arbeiten sind geschickt gemacht. Sie erwähnen auch alle bekannten Risiken, wo Aluminium bereits als Auslöser überführt wurde: Die Dialysedemenz, Knochenerweichung, Blutarmut, Aluminiumasthma und einige mehr. Doch stets wird betont, dass die Dosis das Gift mache und von den geringen Mengen, die bei Aluminium-Verbindungen im Umlauf sind, keine Gefahr ausgehe, zumal Aluminium vom Organismus kaum aufgenommen und gleich wieder ausgeschieden werde.
Als unschlagbares Argument erwies sich schließlich die Botschaft, dass Aluminium als häufigstes Metall der Erde ja ohnehin omnipräsent sei. Wenn von Aluminium irgendeine relevante Gefahr ausgehe, dann wäre die Menschheit wohl schon längst ausgestorben.
Mit dieser Botschaft, die am Anfang der meisten von der Industrie gesponserten Forschungsberichte als eine Art Mantra heruntergebetet wird, ließen sich auch die Behörden, die Mediziner, die Journalisten leicht überzeugen. Kaum jemand fragte daraufhin noch weiter nach. Wenn Aluminium ohnehin überall ist, wie sollte man es dann auch vermeiden?
»Das ist die Frage, mit der ich immer als erstes konfrontiert werde, wenn sich jemand ohne Hintergrundwissen zu Aluminium bei mir meldet«, sagt Christopher Exley. »Für die Leute ist Aluminium Aluminium, egal ob das nun als Bestandteil eines Felsens in der Erde steckt, oder als chemische Verbindung mit Chlor im Antitranspirant oder im Deo drin ist. Doch das sind vollständig unterschiedliche Dinge. So wie Natrium, Chlor und Natriumchlorid, also Speisesalz, vollständig unterschiedliche Dinge sind.«
Allein in Kosmetikprodukten werden mehr als 50 verschiedene Aluminiumverbindungen eingesetzt. Aus vielen diesen Verbindungen lösen sich Aluminium-Ionen deutlich leichter als aus ihrer Verbindung mit Silizium und Sauerstoff, wie sie im Erdboden vorherrschen. Das Aluminium im Lehm oder im Granit ist mit dem Aluminium im Deo also überhaupt nicht vergleichbar. Und in der Natur kommt Aluminium in gediegener, also reiner Form gar nicht vor.
Besonders leicht binden Aluminium-Ionen an Nervenzellen, überwinden dabei die Blut-Hirn-Schranke und dringen ins Gehirn ein. Dass Aluminium an der Entstehung von Alzheimer beteiligt ist und möglicherweise eine bedeutsame Rolle spielt, entdeckten mehrere Forscher-Gruppen bereits in den 1970er- und 80er-Jahren.
Der prominenteste dieser Wissenschaftler ist der schon erwähnte Daniel Perl, langjähriger Professor für Neuropathologie an der Mount Sinai School of Medicine in New York. »Wir kannten die Ergebnisse von Kollegen, die im Tierversuch bei Hasen Alzheimer ausgelöst hatten, indem sie deren Gehirn mit Aluminium in Kontakt brachten«, erzählte mir Perl. Er wollte daraufhin prüfen, ob dies für Menschen auch gilt. Perls Team entwickelte eigene bildgebende Verfahren, um das Aluminium in den Alzheimer-Plaques sichtbar zu machen. Er verglich die Gehirne von Menschen, die an Alzheimer gestorben waren, und der Zusammenhang war frappierend. »Aluminium hatte sich zwar ungleichmäßig im Gehirn verteilt, aber genau dort, wo wir die höchste Konzentration fanden, waren auch die Zerstörungen am massivsten.« In den beschädigten Regionen lag der Aluminiumanteil beim zwei- bis dreifachen Gehalt, den man bei Gesunden findet.
Seine Ergebnisse wurden in den weltbesten Journalen veröffentlicht. Hochrangige Wissenschaftler wie der Nobelpreisträger Carleton Gajdusek arbeiteten an Nachfolgestudien mit, welche die Ergebnisse bestätigten. Und dennoch heißt es heute »offiziell«, dass Aluminium keinerlei Einfluss auf die Entstehung von Alzheimer hat.
Perl beschreibt, wie eine kleine Gruppe recht bekannter und im Wissenschafts-Betrieb sehr angesehener Kollegen auf Kongressen und in den Medien ständig lautstark gegen diese These auftrat. »Diese Wissenschaftler vertraten vehement den Standpunkt, es handle sich bei dem Aluminium, das wir fanden, wohl um Labor-Verunreinigungen oder sonstige schlampige Arbeit.« – Nach und nach wirkte diese Art der Darstellung, zumal die Gruppe auch stets ausreichend finanzielle Mittel für Übersichts-Artikel zur Sicherheit von Aluminium hatte. Und in den von der Industrie finanzierten voluminösen Arbeiten, welche ebenfalls in hochrangigen Journalen erschienen, wurde Aluminium von jeglichem negativen Einfluss beim Untergang der Gehirnzellen freigesprochen. »Jeder Forschungsdollar, der weiterhin in diese Richtung investiert wird, ist ein verlorener Dollar«, erklärte etwa der angesehene New Yorker Alzheimer-Experte Henry Wisniewski. Und diese Sichtweise setzte sich nach und nach weltweit durch. Das Thema Aluminium und Alzheimer geriet in Vergessenheit.
»Wir vermuteten schon damals, dass diese Gruppe von der Aluminium-Industrie finanziert wurde«, sagt Perl. »Später tauchten nach und nach die Beweise auf, dass hier massive Geldmittel geflossen sind und bis heute weiter fließen.«
In diesem Ausschnitt aus einem von der Aluminium-Industrie herausgegebenen Buch[7] heißt es:
»Im Jahr 1955 beauftragte der Aluminium-Verband Wissenschaftler am Kettering-Laboratorium der Universität von Cincinnati mit einer Übersichtsarbeit zu Aluminium und Gesundheit. Ihre Schlussfolgerung war, dass es keinen Grund für gesundheitliche Bedenken gegenüber einer Exposition von Aluminium gab. Dieselben Schlussfolgerungen veröffentlichten sie noch einmal in den Jahren 1974 und 1979. Diese beruhigenden Ergebnisse gaben der Industrie ein falsches Gefühl der Sicherheit, und so kam es zu einer verspäteten Reaktion auf die Anschuldigung, dass Aluminium die Ursache der Alzheimer-Erkrankung sei. Im Jahr 1980 wurde das Kettering-Team beauftragt, kontinuierlich Übersichtsarbeiten zu Aluminium und Gesundheit zu verfassen, was sie auch bis 1988 taten. Seit dieser Zeit wurden die Übersichtsarbeiten vom New York State Institute für Grundlagenforschung bei Entwicklungsstörungen unter der Direktion von Dr. Henry Wisniewski vorgenommen. Der Aluminium-Verband hat außerdem viele Monographien veröffentlicht und war in den Jahren 1989, 1992 und 1994 Sponsor von internationalen Gesundheits-Konferenzen.«
Henry Wisniewski stand also mitsamt seinem Institut auf der Gehaltsliste der Aluminium-Industrie. Dasselbe gilt für Nicholas Priest, einen britischen Alzheimer-Experten, der Herausgeber und Autor mehrerer von der Industrie finanzierter Arbeiten ist und heute als Toxikologe im Auftrag der kanadischen Regierung arbeitet. Als ich Professor Priest im August 2012 in London für ein Interview getroffen habe, schlug er als Treffpunkt die Räume des Internationalen Aluminium-Instituts, der Lobbying-Organisation der Industrie, am noblen Haymarket im Zentrum von London vor. Wir durften jedoch nichts drehen, wodurch dies erkennbar gewesen wäre. »Ich möchte nicht, dass in der Öffentlichkeit der Eindruck entsteht, ich könnte nicht unabhängig sein«, begründete er mir gegenüber seine Weigerung.
Im Interview erzählte mir Priest dann seine Sicht der Dinge, welche einem Freispruch von Aluminium in allen Punkten gleich kam. Zwar sei Aluminium neurotoxisch und es stimme schon, dass im Tierversuch Alzheimer ähnliche Symptome ausgelöst werden können, auf den Menschen sei das jedoch alles keinesfalls übertragbar. »Es wird höchste Zeit, dass wir hier endlich das Prinzip der Vorsorge verlassen«, erklärte Priest im Interview. »Es wurde in hunderten Arbeiten gezeigt, dass von Aluminium keine Gefahr ausgeht – und deshalb brauchen wir hier auch nicht länger vorsichtig zu sein. Dieses Thema ist vollkommen tot.«
Im selben Jahr als der Industrie-Großauftrag abgeschlossen wurde, gründete Henry Wisniewski die jährlich stattfindende »Internationale Konferenz der Alzheimer-Gesellschaft zur Alzheimer-Krankheit« (AAICAD). Es ist nicht wirklich überraschend, dass dort das Thema »Aluminium« kaum vorkommt.
Seit seinem Tod im Jahr 1999 vergibt die AAICAD jährlich einen »Henry Wisniewski-Preis« für das Lebenswerk im Bereich der Alzheimer-Forschung.
Blinde Passagiere am Weg ins Gehirn
Viele Jahre gelang es den Industrie-freundlichen Alzheimer-Gesellschaften, den möglichen Einfluss von Aluminium auf die Entstehung der Krankheit vollständig zu negieren. Erst in den letzten Jahren steigt die Anzahl der Studien wieder an, die sich dem Thema widmen. Eine neue Generation von Wissenschaftlern ist mit ihren Arbeiten nachgerückt. Und sie prüft mit neuen technischen Verfahren den alten Verdacht. Und fast alle dieser Studien zeigen nun, dass es fahrlässig war, einen der Hauptverdächtigen so lange ungeschoren zu lassen.
Eine dieser wichtigen neuen Arbeiten stammt von Pasquale De Sole und seiner Arbeitsgruppe von der Abteilung für klinische Biochemie an der Katholischen Universität Rom. Die Italiener untersuchten die Rolle von Ferritin, einem Proteinkomplex, der im Organismus als Eisenspeicher fungiert. Normalerweise.
Ferritine sind etwa sechs Nanometer große Proteinkomplexe und bieten Raum für bis zu 4.500 Eisen-Atome. Der Großteil des Ferritins befindet sich innerhalb der Zellen, vor allem in Leber, Milz, Knochenmark und Muskeln und wurde bisher vor allem als »eiserne Reserve« für Zeiten eines Eisenmangels angesehen.
Eisen erfüllt im Organismus zahlreiche wichtige Funktionen. Am bekanntesten ist seine Rolle bei der Erzeugung des roten Blutfarbstoffes Hämoglobin und damit der Sauerstoff-Versorgung der Zellen. Die Eisenmangel-Anämie ist eine relativ häufige Form der Unterversorgung mit Eisen.
Ein Eisenüberschuss kann jedoch ebenso dramatische Folgen haben. Es gibt zahlreiche Schutzmechanismen im Organismus, welche dem möglichen toxischen Effekt von Eisen vorbeugen.
Und einer davon könnte eben die Auslagerung von zu viel Eisen im Ferritin sein, vermutete Pasquale De Sole. Seine These: Neben seiner Rolle als Eisenspeicher könnte Ferritin auch noch die Aufgabe haben, den Organismus generell vor einem Überschuss an toxischen Metall-Ionen zu bewahren.
Bei einer Untersuchung an Nierenpatienten[8] im Jahr 2009 entdeckten die Römer, dass Ferritin auch andere Metalle einlagern kann. Vor allem handelt es sich dabei um Aluminium- und Zink-Ionen. »Der hohe Gehalt an Nicht-Eisen-Ionen führte uns zur Erkenntnis, dass Ferritin nicht nur ein Eisenspeicher ist, sondern insgesamt ein Regulator chemisch aktiver Ionen«, erklärt De Sole.
In zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten wird beschrieben, dass im Zentrum zerstörter Alzheimer-Gehirne ein überraschend hoher Gehalt an Ferritin-Molekülen gefunden wird. Davon stammt die These, dass Eisen toxisch wirken kann und möglicherweise mitschuldig ist an der Entstehung der Krankheit. Andererseits war die Anwesenheit von Ferritin im Gehirn auch wieder keine Überraschung, weil Eisen gerade im größten Sauerstoff-Verbraucher unseres Organismus viele sinnvolle Aufgaben erfüllt.
Für De Sole und seine Kollegen eröffnete sich nun aber eine neue spannende These: Was wäre, wenn die Aluminium-Ionen im »Bauch« des Ferritins gleichsam als blinde Passagiere ins Gehirn gelangen?
Um diese Frage zu klären, plante Pasquale de Sole die aktuelle Arbeit[9], die 2013 publiziert wurde. Als Krankheit mit dem stärksten Einfluss von Aluminium gilt Alzheimer-Demenz. Also lag es nahe, nachzusehen, ob sich der Aluminiumgehalt im Ferritin von Alzheimer-Patienten von dem unterscheidet, was bei gesunden Menschen gefunden wird.
Die Forscher rekrutierten 21 Patienten mit Alzheimer-Diagnose und verglichen ihre Werte mit einigen Vergleichsgruppen, darunter einer Gruppe von 200 gesunden Blutspendern.
Und tatsächlich war der Unterschied spektakulär: Während in den Kontrollgruppen das Ferritin ganz klar von seinem Gehalt an Eisenatomen definiert war – mit Anteilen bis zu 75 Prozent – war es in der Gruppe der Alzheimer-Patienten umgekehrt: Hier lag der Anteil des Aluminiums im Schnitt bei 62 Prozent. Die Ferritin-Moleküle waren demnach keine Eisenspeicher mehr, sondern Aluminium-Transporter. Da Ferritin ungehindert die Blut-Hirn-Schranke überwindet, wäre nun auch eine wichtige Route bekannt, wie Aluminium ins Gehirn eindringt.
»Ich denke, dass wir mit dieser Arbeit eine Art Missing Link zum Verständnis der Entstehung der Alzheimer-Krankheit geleistet haben«, stellte Pasquale de Sole recht selbstbewusst fest. Und auch die wissenschaftliche Community reagierte positiv. – »Die Resultate klingen überzeugend«, sagte mir etwa Kurt Jellinger, der als emeritierter Direktor des Instituts für Klinische Neurobiologie der Universität Wien mehrere Jahrzehnte Alzheimer-Forschung überblickt. »Die kontroverse Beurteilung der Rolle von Aluminium in der Entstehung der Alzheimer-Erkrankung ist noch immer ein Thema reger Diskussionen, die Klärung dieser Frage über weitere Untersuchungen sicherlich notwendig.«
Auch Konrad Beyreuther, Direktor des Netzwerks Altersforschung an der Universität Heidelberg und einer der führenden Alzheimer-Forscher Deutschlands hält die Entdeckung der Italiener für höchst interessant. In einem Interview, das ich mit ihm für einen Artikel im Deutschen Ärzteblatt[10] führte, sagte er:
»Aluminium wirkt auf isolierte Nervenzellen neurotoxisch und führt zum Untergang dieser Zellen. Die Frage ist daher, ob Aluminium-Ionen die Blut-Hirn-Schranke überwinden können. Ich habe vermutet, dass dies bei Alzheimer-Patienten der Fall sein kann, die eine Schrankenstörung aufweisen. Dass Ferritin eine vergleichbare Wirkung haben könnte, ist ein neuer Befund.«
Angesprochen auf die im Mainstream der Wissenschaft, wie auch in den Fachmedien weithin verbreitete Ansicht, dass Aluminium bei der Entstehung der Alzheimer-Krankheit keine Rolle spielt, sagte Beyreuther: »Diese Argumentation bezieht sich auf Befunde, die vor zwanzig und mehr Jahren erhoben wurden. Die heutigen Methoden zur Bestimmung von Aluminium-Ionen sind viel genauer.« Als Beleg führte Beyreuther an, dass mittlerweile überzeugend gezeigt wurde, dass Aluminium im Zentrum der – für die Alzheimer-Krankheit charakteristischen – Amyloid-Plaques in hoher Konzentration vorliegt. Und zudem treten bei Kaninchen, denen man im Tierversuch Aluminium verabreicht, die gleichen krankhaften Strukturen auf, wie sie regelmäßig auch bei verstorbenen Alzheimer-Patienten gefunden werden.
Das Immunsystem: Unser bedrohter Schutzengel
Eine der Besorgnis erregendsten Eigenschaften des Aluminiums ist sein enormer Einfluss auf das Immunsystem. Dies wird in der langsam beginnenden Diskussion über mögliche schädliche Folgen und toxische Einflüsse des wohl eigenartigsten chemischen Elements dieser Erde bisher fast vollständig übersehen. Sogar die Gesundheitsbehörden befassen sich mittlerweile mit den toxischen Eigenschaften von Aluminium in Lebensmitteln und Kosmetikprodukten. Es wird darüber diskutiert, dass Aluminium Nerven im Gehirn abtöten kann oder die DNA von Zellen der Brust so schädigt, dass daraus vielleicht Krebs entsteht, doch über die Folgen auf das Immunsystem herrscht weitgehend Schweigen. In keinem Bereich ist der Mangel an Verständnis der Vorgänge so groß, und nirgends wird weniger Forschungsförderung betrieben. Es sind meist Zufälle, wenn doch wieder etwas Neues über die Auswirkungen von Aluminium bekannt wird. Und das, was dabei ans Tageslicht dringt, ist oft erschreckend.
Ich persönlich denke, dass hier ein so gigantischer Forschungsschatz begraben liegt, dass man damit eine ganze Generation von Wissenschaftlern mit der Beantwortung existenzieller Fragen für die Zukunft unserer Gesellschaft befassen kann.
Während Infektionskrankheiten ihren Schrecken weitgehend verloren haben, leben wir derzeit inmitten einer wahren Epidemie von chronischen Krankheiten. Die tödlichen Seuchen früherer Jahrhunderte sind heute durch Hygiene und medizinische Interventionen weitgehend verdrängt. Die Kindersterblichkeit ist im Lauf der letzten Jahrzehnte kontinuierlich zurückgegangen. Doch sind unsere Kinder in Zeiten von Frieden, Wohlstand und umfassender medizinischer Versorgung deshalb heute gesünder? – Ganz im Gegenteil.
Speziell in den reichen Ländern gab es noch nie so viele behandlungsbedürftige chronisch kranke Kinder wie heute.
Eine bundesweite Erhebung[11] aus den USA belegt, dass derzeit 43 Prozent der Kinder im Alter unter 18 Jahren an mindestens einer der 20 wichtigsten chronischen Krankheiten leiden. Wenn man krankhaftes Übergewicht sowie Entwicklungsstörungen miteinbezieht, steigt der Anteil auf 54,1 Prozent. Damit sind die vollständig gesunden Kinder erstmals in einem Industrieland sogar in der Minderzahl.
Dieser Trend greift auch auf Europa über. Eine nach demselben Muster in Deutschland durchgeführte Erhebung ergab bei 38,7 Prozent der Kinder eine chronische gesundheitliche Einschränkung, die seit mindestens einem Jahr besteht.
Wie ist diese ebenso paradoxe wie katastrophale Entwicklung zu erklären?
Als ich vor etwa 20 Jahren mehr und mehr in den Gesundheits- und Wissenschaftsjournalismus einstieg, war es oft notwendig, die Arbeit des Immunsystems kurz zu beschreiben. Etwa wenn eine Grippewelle nahte. Wenn ich mir jetzt derartige Berichte von mir oder anderen ansehe, so wirkt das wie ein Blick ins finstere 20. Jahrhundert, ein Blick zurück in die Zeit des Kalten Krieges. Seither gab es einen radikalen Wandel im wissenschaftlichen Verständnis seiner Aufgaben. Was einst als recht simples kriegerisches Abwehrsystem gegen die bösen Mikroben und Krankheitserreger gesehen wurde, entpuppte sich zunehmend als ein faszinierendes System der hochkomplexen Interaktion und als Partner sowohl des Nervensystems als auch der Mitbewohner im Lebenssystem Mensch, dem Mikrobiom. Erst langsam erkennen wir, welch ausgeklügeltes System wir damit zur Verfügung haben. Doch unverwundbar ist es nicht.
Die Möglichkeit, das Immunsystem zu beeinflussen, verführte die Medizin dazu, dieses hoch komplexe System zu manipulieren. Dahinter steht die Unfähigkeit der meisten Ärzte abzuwarten und die Selbstheilung zuzulassen, welche bei der großen Mehrzahl der Infekte auch ohne medizinische Intervention erfolgt wäre. Stattdessen wird ein ganzes Arsenal an Wirkstoffen eingesetzt, welche das Immunsystem der Kinder in ihrer Arbeit behindern und manipulieren.
Wenn das Immunsystem etwa die Körpertemperatur um ein paar Grad hinaufreguliert, verbessert es damit die eigenen Arbeitsbedingungen und schwächt jene der Infektionskeime. Ebenso sinnvoll kann es sein, den Zellen des Immunsystems mit Hilfe lokaler Entzündungen Zugang ins Gewebe zu verschaffen um dort Schäden zu reparieren. Vom Arzt verordnete Fiebersenker und Entzündungshemmer wirken hier kontraproduktiv. Ebenso verhält es sich meist mit der Verschreibung von Antibiotika, welche mitten im Heilungsprozess gegeben werden. Sie behindern das kindliche Immunsystem dabei, eigene Erfahrungen mit der erfolgreichen Bekämpfung von Infekten zu machen und stören die ausgewogene und artenreiche Besiedlung des Darmes, dessen wichtige Funktion für eine nachhaltige Gesundheit sich erst langsam in die Arztpraxen durchspricht.
Ein besonders heikles Thema sind die immer zahlreicher werdenden Babyimpfungen, deren langfristige Auswirkungen großteils unbekannt sind. Zum einen »ersparen« sie dem Immunsystem die Auseinandersetzung mit Krankheiten wie Windpocken, Rotaviren oder Influenza, welche früher von praktisch allen Kindern durchgemacht wurden und als natürliches Trainingscamp für das Immunsystem fungierten. Zum anderen wird immer deutlicher, dass Aluminiumsalze als Wirkverstärker in Impfungen Fehlprogrammierungen im Immunsystem auslösen können, welche sich bei empfänglichen Kindern als Allergien oder Autoimmunerkrankungen chronifizieren.
Auf und in uns leben Milliarden an Lebewesen in ungeheurer Vielfalt: das Mikrobiom. Jeder Mensch ist ein Zoo. Wir beherbergen zehnmal so viele Bakterien als wir Körperzellen besitzen.
Erst seit wenigen Jahren wächst in der Wissenschaft das Verständnis für die Bedeutung dieser Tatsache. Wir leben seit Anbeginn der Menschheit in einer Symbiose mit unserem Mikrobiom. Im Gegensatz zu der kleinen Zahl an krankmachenden Bakterien haben wir es hier mit Lebewesen zu tun, die selbst untergehen würden, wenn der Mensch stirbt. Deshalb haben sich im Lauf der Evolution unzählige Beziehungen zum gegenseitigen Vorteil entwickelt.
Manche der Bakterien erzeugen lebenswichtige Vitamine, andere schließen die Nahrung auf und machen Spurenelemente verfügbar. Das Mikrobiom steht in engem Kontakt mit dem Immunsystem – mit dem es sich über zwei Milliarden Jahre gemeinsam entwickelt hat. Hier begegnen sich – aus Sicht der Evolution – uralte Freunde aus den Zeiten, als es noch lange keine Säugetiere gab.
Wir leben in einer Welt der Mikroben. Sie sind uns fremd, weil wir sie mit bloßem Auge nicht erkennen können. Doch wir riechen sie, wir schmecken sie, wir beherbergen sie; in ungeheurer Vielfalt. Unter dem Mikroskop eröffnet sich die faszinierende Lebenswelt dieser Organismen. Hauptsächlich in Form von Bakterien und Viren, aber zumindest zeitweilig auch als Amöben, Würmer, Pilze oder Milben führen wir – mit uns selbst als Lebensraum – einen ganzen Zoo spazieren.
Dieses Mikrobiom, das wir mitführen, wiegt bei einem Erwachsenen im Schnitt etwa zwei Kilogramm. Allein auf der Haut einer einzigen Person siedeln mehr Bakterien als es Menschen auf dem gesamten Globus gibt. Der Punkt am Ende dieses Satzes würde 1.000 Bakterien Platz bieten. Viren sind noch einmal eine Zehnerpotenz kleiner. Ein hohler Stecknadelkopf könnte 500 Millionen Schnupfenviren aufnehmen.
Streng genommen gelten Viren aber noch gar nicht als Lebewesen, weil ihnen dazu jegliche Funktionen der Selbstorganisation oder -ernährung fehlen. Sie besitzen nicht einmal eine Zelle, sondern sind – vereinfacht gesagt – bloß eine winzige Kapsel mit ein wenig Erbmaterial drin. Bei manchen Viren ist das ganze noch mit einer Schutzhülle aus Proteinen und Fetten umgeben.
Viren benutzen fremde Zellen, um ihre eigene Bauanleitung in deren Genpool einzuschmuggeln. Sie sind der Kuckuck der Evolution. Influenza oder Polioviren wüten dabei richtiggehend, zwingen die Körperzellen, bis zur völligen Erschöpfung Unmengen von Kopien ihrer selbst herzustellen bis die Wirtszelle restlos ausgebrannt ist und stirbt. Doch nur die wenigsten Viren verfolgen eine derartige Taktik der verbrannten Erde, die ja auch zur Folge hat, dass sie selbst ständig flüchten müssen. Zum einen, weil sie ihren eigenen Lebensraum zerstören, zum anderen, weil sie dadurch natürlich auch eine besonders starke Abwehrreaktion des Immunsystems hervorrufen, das bei solchen Terroraktionen keinen Pardon kennt und jeden einzelnen dieser Eindringlinge gnadenlos verfolgt.
Die meisten Viren pflegen deshalb einen weniger radikalen »Lebensstil«. Hepatitis- oder Papillomaviren beispielsweise bevorzugen die chronische Infektion. Sie richten wenig akuten Schaden an, tarnen sich gut und werden deshalb vom Immunsystem oft jahrzehntelang nicht richtig ernst genommen, ignoriert und nebenher mitgefüttert. Hunderte andere Virenarten existieren überhaupt nur als Information in unseren Genen. Sie schlafen dort und niemand weiß, ob sie jemals wieder erwachen um sich zu vermehren. Die meisten zeigen keinerlei Aktivität und sind wohl eher ein vergessenes Relikt der Zeit, das die Erforscher der menschlichen Erbsubstanz meist als »genetischen Junk« einstufen.
Tatsächlich haben Viren und Immunsystem eine gemeinsame Vergangenheit, die in die Urzeit des Lebens zurückreicht und sich im Lauf der Evolution immer wieder gegenseitig beeinflusst und herausgefordert hat. Die Fähigkeit des Immunsystems zu lernen und sich anzupassen, wäre ohne die viralen Lebens- und Sparringspartner nicht denkbar.
Ohne den Einfluss der Viren gäbe es die ganze Menschheit nicht. Viren waren immer so etwas wie der Motor der Evolution, trieben die Entwicklung voran. Auch wenn sie selbst niemals wussten, wo es hingehen sollte. Doch gerade ihre Eigenschaft Fehler, Mutationen und sonstige Missgeschicke zu fördern, machte schließlich auch die Herausbildung höheren Lebens möglich.
Aber nicht nur ihre Eigenschaft als Quälgeist macht evolutionär gesehen Sinn, auch ihre Struktur war von Nutzen. Dass unsere Zellen heute einen Kern haben als »Hirn« und Schaltzentrale ist durch die Eingliederung viraler Bestandteile gelungen. Begriffe wie »gut« und »böse« spielten in der Entwicklungsgeschichte des Lebens ohnedies nie eine Rolle. Was taugte und im Wettlauf der Jahrmillionen Vorteile bot, wurde verwendet, der Rest ging unter.
Und so haben bereits die Vorfahren der ersten Mehrzeller in Symbiose mit Bakterien gelebt. Als Andenken haben wir bis heute in jeder Zelle Mitochondrien, das sind Bakterien, die im Lauf der Jahrtausende geschluckt und in den eigenen Zellverband integriert wurden, weil deren Fähigkeit zur Energiegewinnung Vorteile bot. Diese Mitochondrien blieben bis heute innerhalb der Zelle überraschend eigenständig. Sie besitzen eine eigene Hülle, haben eigenes Erbgut und pflanzen sich unabhängig vom Teilungszyklus der Zelle selbstständig fort. Die Hauptaufgabe der Mitochondrien ist die Energiegewinnung im Rahmen der Zellatmung. Muskelzellen haben demnach besonders viele Mitochondrien. Wenn diese absterben, stirbt auch die Zelle mit. Alleine leben könnten die ehemaligen Bakterien heute jedoch auch nicht mehr, weil sie sich völlig auf ihren Aufgabenbereich im Zellsystem spezialisiert haben und dafür zum Dank von den Versorgungsmechanismen der Zelle mitgefüttert werden.
Jeder Mensch ist entwicklungsgeschichtlich gesehen also ein Produkt der Mikrobenwelt. Unsere »Zell-Hardware« selbst besteht aus eingegliederten Viren und Bakterien. Und unsere »Gen-Software« hätte ohne deren Entwicklungsdruck nie die Herausbildung intelligenten Lebens gemeistert. Die meisten Mikroben leben mit uns in Symbiose. Sie profitieren davon, dass es uns gut geht und wir profitieren von ihnen. Bakterien sind für uns lebensnotwendig. Wirkliche Gefahr geht nur von den allerwenigsten aus.
Ein Alien im System
Aluminium ist einer der massivsten Störfaktoren für unser Immunsystem. Es ist für das Immunsystem, das sich aus den primitivsten Lebewesen bis rauf zum Menschen über viele Millionen Jahre entwickelt hat, ein Alien. Ein Unbekannter. Aluminium war nicht vorhanden, als das Leben im Meer entstand. Es war auch an Land nicht vorhanden, bevor wir es mit einem enormen Einsatz an Chemie und elektrischer Energie aus seinen Verbindungen in der Erde geholt haben. Und deshalb gab es für die biologischen Systeme des Lebens auch keine Chance, Strategien zu entwickeln, wie man mit so einem hyperaktiven Element wie Aluminium umgehen soll, wie es am besten entschärft oder raschest wieder ausgeschieden werden kann.
Aluminium wirkt im Organismus toxisch, so wie fast jedes neue Element, das in den Kreislauf des Lebens neu eingeführt wird. Wenn es, so wie bei Impfungen, ins Muskelgewebe injiziert wird, sorgt es für massenhaften Zelltod rund um die Einstichstelle. Die herbeigerufenen Zellen des Immunsystems können mit Aluminium jedoch nichts anfangen. Sie kennen es nicht. Wenn Makrophagen oder andere Fresszellen des Immunsystems Aluminium-Partikel aufnehmen, so wissen sie nichts damit anzufangen. Sie können es weder zerlegen noch ausscheiden und werden darüber hyperaktiv. Makrophagen regulieren und steuern viele andere Immunzellen. Wenn man Pech hat, lösen die Makrophagen über ihre Botenstoffe Alarmreaktionen aus, starten laufend Kaskaden von Entzündungsreaktionen, die sich im Dominoeffekt im Organismus verbreiten können und zu kaum kontrollierbaren Mikroentzündungen führen.
Aluminium sorgt für höchste Alarmstimmung im Immunsystem. Weil es selbst nicht als Problem erkannt wird, warten Abermillionen von patrouillierenden Zellen auf den nächsten Verdächtigen, der sich zeigt. Und wer sich als nächstes zeigt, ist verdächtig. Wir wissen heute aus den Ergebnissen der Allergieforschung, dass man mit Hilfe von Aluminium das Immunsystem gegen beinahe alles was es gibt sensibilisieren kann. Dazu muss es gar nicht gespritzt werden. Wiener Allergieforscher rund um Erika Jensen-Jarolim zeigten, dass es auch genügt, aluminiumhaltige Wirkstoffe wie etwa den »Magenschützer« Sucralfat den Versuchsmäusen oral zu verabreichen und ihr Immunsystem wird auf jedes Beiprodukt scharf gemacht. Wenn Mäuse zusammen mit Sucralfat Erdnüsse bekommen, sind sie fortan gegen Erdnüsse allergisch. Wenn man das Mittel mit Eiern mischt, sind die Mäuse fortan Hühnereiweiß-Allergiker.
Wir wissen heute, dass Aluminium das Immunsystem in eine bestimmte Reaktionsrichtung manipuliert, so dass es eher Antikörper produziert und die zelluläre Immunantwort eher geschwächt wird. Daraus ergeben sich – möglicherweise für viele Wochen und Monate – Abwehrschwächen und Fehlreaktionen, wenn das Immunsystem mit Viren oder Bakterien konfrontiert wird. Normalerweise banal verlaufende Infekte können daraufhin plötzlich einen ernsthaften Verlauf nehmen oder sie dauern ewig, bis die Krankheit endlich besiegt ist. Speziell Kinder sind sehr anfällig für derartige Abwehrschwächen. In Ländern mit schlechten Hygiene- und Sozialstandards kann so eine Krise tödlich enden, wie etwa die Forschungen Peter Aabys und seiner Wissenschaftler des Bandim Health Projects in Dutzenden hochwertiger Studien dargelegt haben (siehe hier).
Vielen Menschen fällt es schwer, die Dimension dieser Gefährdung zu verstehen, weil das Immunsystem im Verborgenen arbeitet und bei gesunden Menschen kaum wahrgenommen wird. Das Immunsystem hat für das Leben die Funktion eines klassischen Schutzengels. Es wurde von der Natur im Lauf der Evolution dafür geschaffen, ein Lebewesen zu schützen und möglichst fit und gesund durch seine Zeitspanne auf Erden zu führen.
Das Immunsystem ist jedoch ein streitbarer und recht sensibler Schutzengel, der sich auch gegen den eigenen Körper wenden kann, wenn er aus dem Gleichgewicht geworfen wird. Und wehe, welche Tragödien dann ablaufen. Wer den Drachen reizt, kann damit eine Kraft heraufbeschwören, bei der alle Künste der Medizin heute nicht reichen, das Monster wieder zu besänftigen.
Deshalb sollten wir alle froh sein, dass wir ein Immunsystem geschenkt bekommen haben, das nichts anderes möchte, als sich ungestört und prächtig zu entwickeln. Wir sollten froh sein, über jedes Gleichgewicht, das wir dabei erlangen. Und es nicht gefährden über leichtfertige Eingriffe.
Je harmloser eine Krankheit, desto schwerer wiegen Nebenwirkungen der Therapie. Je seltener und unwahrscheinlicher ein Risiko, desto strenger sollten die Ansprüche an die Sicherheit der Risikovorsorge sein. Wir haben diese Abwägung seit langer Zeit aus den Augen verloren und uns von den Marketing-Sprüchen der medizinischen Versicherungsvertreter täuschen lassen. Mittlerweile ist das Risiko, das von den zahlreichen Vorsorgemaßnahmen ausgeht, längst höher als jenes von den Krankheiten selbst. Wir leben in einem Zeitalter der medizinischen Kollateralschäden ohne das überhaupt zu merken.
Wir haben vergessen, dass Heilung der Normalfall wäre, auch wenn wir gar keine Medikamente nehmen und nicht zum Arzt gehen. Weil die Natur uns mit dem Immunsystem ein über viele Millionen Jahre entwickeltes hochkomplexes System mitgegeben hat, das über die Abläufe im Organismus über Wissen verfügt, das jenes der Ärzte um Lichtjahre übersteigt.
Doch dem Medizinsystem ist es gelungen, uns diesen Schutzengel madig zu machen, ihn gering zu schätzen und zu verleumden: uns die feste Überzeugung zu vermitteln, dass alle Hilfe nur von außen – nämlich von den Weißkitteln, ihren Pillen und Therapien kommen kann.
Aluminium als Auslöser von Allergien und Asthma
Wenn man bestimmte Therapien und Heilmittel im Tierversuch wissenschaftlich erproben möchte, kann man schwerlich warten, bis irgendwo bei einem Tierarzt genügend kranke Tiere zur Behandlung abgeliefert werden. Diese Tiere wären verschieden alt, verschieden krank, mit unterschiedlichem genetischen Hintergrund und was es sonst noch alles an Einflussfaktoren gibt, welche die Aussagekraft einer Studie verfälschen würden.
Deshalb werden für die Forschung spezielle Tiermodelle künstlich erzeugt. Die Tiere also absichtlich krank gemacht, um sie dann in Studien für Experimente einsetzen zu können. Wenn man beispielsweise Therapien zur Linderung oder gar zur Heilung von Asthma ausprobieren möchte, braucht man Mäuse, Meerschweinchen oder Hasen, die an Asthma leiden.
Wie erzeugt man also eine allergische Atemwegsentzündung, welche dem klinischen Bild einer Asthma-Erkrankung beim Menschen entspricht?
Man muss die Tiere zunächst auf etwas sensibilisieren, gegen das sie allergisch reagieren. Wogegen man sie sensibilisiert, ist nicht so wichtig. Das können Birkenpollen sein, Erdnüsse, Hühnereiweiß oder weniger geläufige Allergene.
In der Forschung wird Häufig Hühnereiweiß verwendet. Genauer gesagt ist es aus Hühnereiweiß gewonnenes Ovalbumin (OVA), das gut dosierbar und im Großhandel für Versuchszwecke mit genormter Qualität und billig zu erwerben ist.
Man bereitet daraufhin Injektionen vor. Dafür nimmt man 10 Mikrogramm OVA, 2.800 Mikrogramm Aluminiumhydroxid als Hilfsstoff und löst beides zusammen in 200 Mikroliter »Phosphatgepufferter Salzlösung« (PBS), der gebräuchlichen bioneutralen Flüssigkeit, die isotonisch und für Zellen nicht schädlich ist.
Den Schaden besorgen die beiden anderen Inhaltsstoffe der Injektion, die durchs Bauchfell in den Bauchraum der Maus gespritzt werden.
Das Aluminiumsalz sorgt bei den Mäusen für eine Entzündung und eine Alarmreaktion des Immunsystems. Das Immunsystem wird im Rahmen dieser Entzündung gegen die Hühnereiweiß-Moleküle scharf gemacht.
Die Mäuse sind also nun gegen OVA sensibilisiert und können sich für zwei Wochen vom Schock erholen, dann wird das Verfahren wiederholt.
Im zweiten Schritt werden die Mäuse – wieder zwei Wochen später in eine so genannte Expositionskammer gebracht und dort für etwa 20 Minuten den Dämpfen eines Aerosolgenerators ausgesetzt. Diese kleine Dampfmaschine bläst feuchte Luft in die Kammer der Mäuse, der eine einprozentige OVA-Lösung beigemengt wurde. Es fliegen also eine Menge winzige Hühnereiweiß-Partikel im Dampf und werden von den Mäusen eingeatmet. Auf den Schleimhäuten in Nase und Hals sowie in der Lunge treffen die OVA-Partikel auf spezifische Antikörper und Zellen der Immunabwehr, die nun Alarm geben, weil sie eine gefährliche Invasion von Fremdeiweiß fürchten, das schon einmal – bei der Entzündung im Bauchraum – unangenehm aufgefallen ist. Die Zellen des Immunsystems schalten auf Notbetrieb, die Mäuse erkranken an einer akuten allergischen Atemwegsentzündung. Nun können also Therapien gegen diese typische Verlaufsform des allergischen Asthmas ausprobiert werden.
Auf diese Art und Weise wurden bereits eine Menge Arzneimittel entwickelt, die man zur Linderung der Symptome von Asthma verkaufen konnte. Heilen konnte man Asthma bisher noch nicht. Das ist vielleicht auch gar nicht beabsichtigt, denn schließlich lässt sich als Therapeut und Medikamentenhersteller von einer chronischen Krankheit wesentlich besser leben als von einer schnöden Heilung, wo man die Patienten nie wieder sieht.
Ich habe eine Wissenschaftlerin, die im Bereich der Allergieforschung tätig ist, gefragt, ob bisher noch niemand auf die Idee gekommen ist, ob nicht auch beim Menschen vielleicht derselbe Mechanismus ablaufen könnte wie bei den Modellmäusen: dass nämlich auch hier über Aluminium aus den verschiedensten Quellen Asthma oder sonstige Allergien erzeugt werden.
Doch, sagte sie, auf die Idee sind schon einige gekommen.
Ob man dann nicht untersuchen könnte, ob die Vermeidung von Aluminium zur Vorbeugung von Asthma und Allergien taugt?
Ja, meinte sie, auch auf diese Idee seien schon einige gekommen.
Und, fragte ich, was ist passiert?
Nichts ist passiert, sagte sie, die Förderung der jeweiligen Forschungsprojekte wurde abgelehnt. Nicht einmal, sondern mehrfach. An einen Zufall will sie diesbezüglich nicht mehr glauben.
Die Wissenschaftlerin ersuchte mich, dass ich ihren Namen in diesem Zusammenhang nicht nenne.
Krebs durch Aluminium?
Seit Jahrzehnten steigt die Häufigkeit von Brustkrebs rasant an. Mehr als die Hälfte der Tumore werden im Quadrant neben den Achseln diagnostiziert: Dort wo Roll-on oder Deospray aufgetragen werden. Viele dieser Kosmetikprodukte enthalten als Wirkstoff eine Aluminium-Chlor-Mischung. Diese Chemikalie dringt in die Haut ein und verklebt die Schweißporen. Das oberste deutsche Kontrollgremium, das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), stellte den Alu-Deos bisher einen Freibrief aus. Nun stellt sich heraus, dass die Behörde bei dieser Einschätzung einen wichtigen Einflüsterer hatte: die Kosmetikindustrie.
Es ist eines der ungelösten Rätsel bei Brustkrebs: Fast 60 Prozent der Tumoren treten im so genannten »oberen äußeren Quadranten« der Brust auf. Also in jenem Bereich, der den Achseln am nächsten ist. Da die weibliche Brust in fünf etwa gleich große Bereiche – die vier Quadranten und einen zentralen Bereich um den Nippel – gegliedert wird, sollten es rein mathematisch doch nur 20 Prozent sein.
Als Erklärung wird genannt, dass dieser Bereich bei den Achseln eben besonders dichtes Gewebe enthalte und hier besonders viele der milchproduzierenden Zellen versammelt sind, aus denen meist das Krebsgeschehen entspringt.
Die britische Onkologin Philippa Darbre von der Universität Reading im Norden Londons gab sich mit dieser Antwort nicht zufrieden und vertiefte sich in historische Aufzeichnungen[12] aus der Zeit bevor massenhaft Deos verwendet worden sind. Und siehe da:[13]In den 1930er- und 1940er-Jahren waren die Tumoren deutlich gleichmäßiger über die gesamte Brust verteilt. Nur 31 Prozent fanden sich damals im »oberen äußeren Quadranten«. Zu Beginn der 1980er-Jahre war der Anteil in England, Wales und Schottland bereits auf fast 40 Prozent angestiegen, mit der Jahrtausendwende übersprang er schließlich die 50-Prozent-Marke. Und jetzt liegt er schon fast beim Doppelten der Vor-Kosmetik-Ära.
»Das«, meint Darbre, »weist deutlich darauf hin, dass Kosmetikprodukte hier eine Rolle spielen.« Sie tippte zunächst auf die Parabene. Schließlich aber fand sie einen anderen, noch deutlich aggressiveren Inhaltsstoff, den sie seit zwei Jahrzehnten erforscht und zu dem sie viele Studien[14] veröffentlicht hat: Aluminium-Chlor-Verbindungen.
Das Wirkprinzip dieser Chemikalie klingt an sich schon reichlich ungesund: Die reaktionsfreudigen Alu-Ionen verschmelzen mit den Zellen der Haut und verkleben dabei die Schweißdrüsen, so dass man kaum noch schwitzt.
Von Seiten der Kosmetikindustrie wurde stets Entwarnung gegeben: Die Haut sei für Aluminium eine unüberwindliche Barriere, Deo-Rückstände würden beim Duschen gleich wieder abgewaschen und falls doch kleine Mengen in den Organismus geraten, so würden sie umgehend ausgeschieden.
»Dabei wird völlig übersehen, dass sich speziell Frauen meist die Achselhaare rasieren«, sagt der französische Toxikologe Olivier Guillard von der Universität Poitiers. Er zeigte mit einem wissenschaftlichen Hautmodell[15], dass das einen gewaltigen Unterschied macht. Bei unrasierter Haut werden 1,81 Mikrogramm (µg) der Aluminium-Chlor-Mischung pro Quadratzentimeter Haut aufgenommen. Wenn die Achselhaare gerade frisch rasiert worden sind, so nimmt die Haut 11,5 µg der Aluminiumverbindung auf. Es geht also sechsmal so viel Gift ins Gewebe.
Darbres Forschungsergebnisse der letzten Jahre ziehen die Darstellung der Industrie ebenfalls massiv in Zweifel. Bereits kurz nach der Anwendung seien die Inhaltsstoffe im Blut nachweisbar, fand sie heraus. Je weiter man von den Achseln weggeht, desto geringer wird die Aluminiumkonzentration im Brustgewebe. Und wenn man die Flüssigkeit aus der Brust krebskranker Frauen mit jener von gesunden Frauen vergleicht, so findet man dort eine doppelt so hohe Konzentration an Aluminium. Besonders beunruhigend sind aktuelle Resultate, in denen Darbre Kulturen lebender Brustzellen im Labor mit minimalen Konzentrationen des Alu-Chlor-Gemisches versetzte, wie sie auch in Deos verwendet werden. Bereits nach einigen Monaten begann ein schockierender Prozess: Unter dem Mikroskop war deutlich sichtbar, wie sich kleine schwarze Zellhaufen bildeten, während in der alu-freien Kontrollgruppe die Zellen völlig unverändert blieben. »Es scheint, dass Aluminium fähig ist, eine normale Zelle in eine Krebszelle zu verwandeln«, lautet Darbres Verdacht.
Darbres Forschungsteam an der Universität Reading ist längst nicht mehr das einzige, das derartige Resultate vorlegt. Ein Genfer Team um den Biologen Stefano Mandriota und den Brustkrebsspezialisten André-Pascal Sappino hat sich der Frage, ob Deos so harmlos sind, wie das immer behauptet wurde, ebenfalls angenommen.
Die Forscher kultivierten für ihre Arbeit[16] gesunde Brustzellen. Diese wurden mit winzigen Mengen von Aluminiumchlorid versetzt – in Dosen, die 1.500 bis 100.000-mal weniger hoch waren als jene in herkömmlichen Deodorants. Nach ein paar Wochen stellten die Forscher fest, dass die Zellen geschädigt waren.
Das Aluminiumchlorid bewirkte in den Zellen ein abnormales Verhalten, das jenem entspricht, das in den ersten Phasen einer tumorartigen Veränderung von Zellen beobachtet wird. Zudem fanden die Forscher eine erhöhte Zahl von so genannten Doppelstrangbrüchen des Erbguts, die ebenfalls mit Krebsentstehung in Zusammenhang stehen könnten.
Die Studie reiche zwar nicht um nachzuweisen, dass Aluminiumsalze, wie sie in klassischen Deos benutzt werden, Brustkrebs auslösten, erklärte Stefano Mandriota, doch sei sie ein wissenschaftlicher Beweis dafür, dass diese Stoffe für Brustzellen schädlich seien.
Im krassen Gegensatz zu diesen Erkenntnissen gab das Deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) jedoch in seinen Publikationen bisher stets grünes Licht für die Alu-Deos. Hier eine der Entwarnungen des BfR aus dem Jahr 2008 im Wortlaut[17]:
»Die geschätzte Aufnahme über die Haut (dermale Resorption) liegt bei 0,01 %. (…) Ein Zusammenhang zwischen einer erhöhten Aluminiumaufnahme aus unterschiedlichen Quellen wie Lebensmitteln, Medikamenten oder kosmetischen Mitteln und einer Alzheimer-Erkrankung wurde bisher wissenschaftlich nicht belegt. Nach Auffassung der Kosmetikkommission besteht kein Risiko durch eine Aluminiumaufnahme aus kosmetischen Mitteln speziell aus Deodorantien.«
Vom wissenschaftlichen Gehalt machte die Risikobewertung des BfR den Eindruck eines recht banalen, wie nebenher verfassten Gutachtens. Die oben zitierte Aussage stützte sich auf wenige kleine Studien und berücksichtigte die neuere kritische Evidenz zum Thema Brustkrebs gar nicht.
Mehrfach wurde ich von Journalistenkollegen kontaktiert, welche im Zuge ihrer Recherchen beim BfR nachgefragt hatten und dort die Auskunft bekamen, Aluminium stelle keinerlei Gesundheitsgefahr dar. Angesprochen auf die Belege, die ich in meinem Buch »Dirty Little Secret – Die Akte Aluminium« sowie in meinen Filmen präsentiert habe, hieß es von Seiten der BfR-Sprecher sinngemäß: »An der Sache ist nichts dran.« Hier würde bloß jemand (also ich) ohne jegliche Substanz Angst verbreiten.
Im Herbst 2013 stand auf der Webseite des BfR dann die Mitteilung, dass die Frage der Sicherheit von Kosmetikprodukten – speziell auch wegen der vielen Anfragen zu Alu-Zusätzen – neu bewertet werde.
Anfang 2014 wurden die neuen Erkenntnisse publiziert[18].
Zur Frage, ob aluminiumhaltige Deos gesundheitsschädlich sind, erklären die BfR-Experten[19] jetzt Folgendes:
»Die geschätzte Aufnahme von Aluminium aus Antitranspirantien liegt möglicherweise im Bereich dessen, was von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit als duldbare wöchentliche Aufnahmemenge festgesetzt wurde. Da Aluminium auch aus anderen Quellen, wie beispielsweise Lebensmitteln, aufgenommen wird, könnte diese Menge bei einem Teil der Bevölkerung überschritten werden. Um eine zu hohe Aluminiumaufnahme zu verhindern, sollte ein übermäßiger Gebrauch von aluminiumhaltigen Antitranspirantien daher vermieden werden. Außerdem sollte nach der Rasur oder bei geschädigter Achselhaut ein Deodorant ohne Aluminiumsalze verwendet werden.«
Das klingt immerhin nicht mehr ganz so sorglos, wie die letzte größere Erörterung dieser Problematik, wo es noch sinngemäß geheißen hatte, man brauche sich diesbezüglich überhaupt keine Gedanken machen.
Etwas mühsam zu lesen, aber durchaus interessant sind die Sitzungs-Protokolle, welche auch über die Hintergründe der Entscheidungsfindungen Aussagen zulassen.
Das Protokoll zur 11. Sitzung der Kosmetik-Kommission[20], die im Mai 2013 stattfand, wurde am 23. Januar 2014 (!) veröffentlicht. Darin wird zum Tagesordnungspunkt Aluminium ein interessantes Faktum erwähnt. Dass nämlich bei einer der zurückliegenden Sitzungen des BfR (am 23. November 2011) ein Vertreter der Industrie anwesend war. – Zitat aus dem Bericht: »Damals stellte ein Vertreter der Industrie eine Expositionsberechnung vor, bei der sich unter der Annahme einer Penetrationsrate von 0,012% eine systemische Expositionsdosis (SED) von 9 µg/Person/Tag bzw. 0,15 µg/kg KG ergab.«
Damit, hatte der Industrievertreter der BfR-Kommission erklärt, liege das Risiko um das 200-fache unter dem Grenzwert. Also weit jenseits jeglicher Gefahr. Der Vertreter bezog sich dabei auf eine Ministudie aus dem Jahr 2001, an der gerade einmal zwei Personen teilgenommen hatten. Genau diese Studie[21] wurde aber in den BfR-Entscheidungen stets als wichtiger wissenschaftlicher Hinweis für die Harmlosigkeit der Alu-Deos genannt, weil doch angeblich damit bewiesen wurde, dass nur 0,01 Prozent der aufgetragenen Alu-Verbindung von der Haut aufgenommen wird.
Bei der aktuellen Sitzung des BfR war nun ein neuer Experte anwesend, von dem im Bericht keine Industrienähe gemeldet wird. Und siehe da, er kam nun zu gänzlich anderen Resultaten. – Zitat aus dem Protokoll:
»Ein Experte berichtet zum aktuellen Sachstand von Aluminium in kosmetischen Mitteln und stellt eine neue Expositionsberechnung nach Notes of Guidance vor. Aus einem neuen, nach OECD-Richtlinie durchgeführten in vitro-Versuch ergaben sich Penetrationsraten in Abhängigkeit von der Formulierung zwischen 0,3 (für ein Roll-On) und 1,61 µg/cm 2 (für ein Aerosol). Anhand dieser Penetrationsraten ergäben sich weitaus höhere systemische Einträge.«
Demnach werde allein über Deos so viel Aluminium in den Körper aufgenommen, dass damit der Grenzwert der EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) für die »tolerierbare wöchentliche Aufnahme« von einem Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht bereits erreicht werde. Also keine Rede mehr von einem 200-fachen Sicherheitsabstand.
Umgerechnet auf diesen Grenzwert, schreiben die BfR Experten gilt bei einem 60 Kilogramm schweren Erwachsenen eine »systemisch verfügbare Dosis von 8,6 µg Aluminium pro Tag als unbedenklich«.
8,6 µg Aluminium?
Sehen wir uns nochmal an, wie viel Aluminium aus Deodorants in der oben erwähnten französischen Studie von der Haut aufgenommen wird. Bei gesunder unverletzter Haut wird 1,81 µg aufgenommen, bei frisch rasierter Haut 11,5 µg. Und zwar pro Quadratzentimeter!
Man braucht also nicht einmal einen halben Quadratzentimeter pro frisch rasierter Achsel mit Deo bestreichen, um den Tages-Grenzwert vollkommen auszuschöpfen.
Wie ist es möglich, dass sich die wissenschaftlichen Studien in ihren Resultaten voneinander um das 200-fache unterscheiden – je nachdem wer die Studie finanziert hat? Daraus entspann sich im Plenum des BfR eine Diskussion, bei der u. a. Kritik an den Mängeln der vorangegangenen – vom Industrie-Lobbyisten – vorgetragenen Studie aufkam. Der Bericht des BfR fasst den Abschluss der Debatte folgendermaßen zusammen:
»Aufgrund der insgesamt schlechten Datenlage zum Thema dermale Penetration sei es schwer, eine vernünftige Expositionsbetrachtung zu machen. Es bestehe dringender Bedarf an einer OECD-konformen in vivo-Studie unter Anwendungsbedingungen.«
Es sollte also jemand forschen?
Auf der Homepage des BfR[22] gibt es ein Übersichtspapier, welches Daten und Fakten zum BfR auflistet. Gegründet wurde das BfR im Jahr 2002 als Anstalt öffentlichen Rechts im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft. Mit letztem Zählstand von Ende 2012 beschäftigte das Institut in seinen drei Berliner Standorten zusammen genommen 775 Mitarbeiter, darunter 302 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.
Wenn »dringender Bedarf« besteht an zuverlässigen Anwendungsstudien, um endlich einmal die Frage zu klären, wie viel des toxischen Alu-Chlor-Gemisches über die Antitranspirantien nun tatsächlich in den Körper – und damit auch ins Brustgewebe – gelangt, was hindert das BfR, diese Frage selbst zu klären?
Hierzu noch ein Blick in die Aufgaben des BfR: »Das BfR hat den gesetzlichen Auftrag, Forschung zu betreiben, soweit diese in engem Bezug zu seinen Arbeitsschwerpunkten und Tätigkeiten steht und für die Wahrnehmung der gesetzlichen Aufgaben nötig ist.«
Unter den mehr als 300 beim BfR angestellten Wissenschaftler wären sicherlich einige für diese Aufgabe zu gewinnen.
Nachdem sich damit hoffentlich zweifelsfrei klären lässt, wie viel Aluminium in die Haut geht, schließe ich mich gleich mit einer Inspiration für eine mögliche weitere Fragestellung an: Hochinteressant wäre nämlich auch, was die toxischen Aluminium-Ionen dann – nachdem sie die Haut durchdrungen haben – im Brustgewebe machen. Auch hier gibt es großen Bedarf an Industrie-unabhängiger Forschung.
Wir haben in der EU eine Heerschar von Wissenschaftlern, die im öffentlichen Dienst angestellt sind und aus Steuergeldern bezahlt werden. Es wäre höchste Zeit, wenn zumindest ein Teil davon gesundheitlich relevante Fragen untersucht, deren Beantwortung im Interesse der Bevölkerung schon längst überfällig ist.
Sonne auf der Haut
Wer sich Fotos der altehrwürdigen Sanatorien in den »Luftkurorten« Österreichs oder der Schweiz ansieht, dem stechen vor allem die großzügigen Sonnenterrassen ins Auge. Hier sollten die Kranken täglich einige Stunden verbringen um bei guter Luft und den wohltuenden Strahlen der Sonne Heilung zu erlangen. »Das Sonnenlicht führt reine positive Lebensgeister aus dem kosmischen Äther mit sich«, heißt es etwa in einer »Anleitung zur Sonnenkur« aus dem 19. Jahrhundert. Berühmte Kurorte wie Davos, oder die Sanatorien am Semmering warben mit ihren zahlreichen »Sonnentagen«, welche den Gästen auch dann noch Sonnenbäder ermöglichten, wenn die Täler längst in den Herbst- und Winternebeln versunken waren.
Seit dieser Zeit hat der Ruf der Sonne einige Schrammen abbekommen. Ausgehend von der hohen Hautkrebsrate der Australier ging über mehrere Jahre eine regelrechte Lawine von Schockmeldungen durch die Medien. Sonne wurde zum Synonym für Melanome – die bösartigste Form von Schwarzem Hautkrebs. Und an manchen Badeorten hat man den Eindruck, die Designer der aktuellen Sommermode seien strenggläubige Taliban. Wer seine Haut dennoch der Sonne aussetzen wollte, wappnete sich – angeleitet durch die mediale Hysterie – mit einem Sonnenschutzfaktor von 25 aufwärts.
Wer bei der Wahl der Sonnencreme das falsche Mittel erwischt, kann eine recht hohe Dosis an Aluminium ausfassen. »Wenn man sich nach den offiziellen Empfehlungen der WHO zum Sonnenschutz richtet«, sagt Alu-Experte Chris Exley, schmiert man sich an einem durchschnittlichen Tag am Strand mehr als ein Gramm Aluminium auf die Haut.«
Zur Erinnerung: Die tolerierbare Wochendosis bei Lebensmitteln liegt bei einem Aluminiumgehalt von einem Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht.
Bleibt also die Frage, wie viel Aluminium durch die Haut in den Körper dringt. Laut Kosmetikindustrie wird der Großteil der Produkte abgewaschen. Genauere Untersuchungen fehlen jedoch.
Aber auch zur Frage, was das Aluminium in der äußeren Hautschicht anstellt, ist wenig Substanzielles bekannt. Wie hoch ist etwa das Risiko, dass Aluminium – ähnlich wie bei den Zellen der Brust – Doppelstrangbrüche an der DNA der Hautzellen auslöst und damit zum Hautkrebsrisiko beiträgt?
Wenn man in die internationale Medizin-Datenbank »pubmed« die Suchwörter Hautkrebs, Sonnencreme und Aluminium eingibt, erhält man null Resultate.
Wenn man in der Suchmaske Hautkrebs weg lässt, sieht es schon anders aus. Dann erscheinen gleich mehrere hundert Studien zu eigenartigen Themen, wo auch jemand wie ich, der fast täglich medizinische Studien liest, ein Fachlexikon braucht, um auch nur annähernd den Sinn und Zweck der Arbeiten zu verstehen. Meist geht es dabei um die Rezeptur neuer Sonnencremes aus metallischen Partikeln die verbesserte Filtereffekte gegen die UV-Strahlen der Sonne liefern sollen. Solche Arbeiten erscheinen dann in Publikationen wie beispielsweise dem »Journal of Nanoscience and Nanotechnologie«.
Als Nanopartikel bezeichnet man Atom- oder Molekül-Verbände im Bereich von 1 bis 100 Nanometer (nm).
1 nm entspricht einem millionstel Millimeter. Diese Partikel sind so winzig, dass sie – wenn sie eingeatmet werden – bis in die Lungenbläschen vordringen können und dort ins Blut übergehen. Dabei geraten sie mit dem Immunsystem in Konflikt und können heftige Entzündungen auslösen. Über die Nasenschleimhaut aufgenommen, zeigte sich dass Nanopartikel entlang der Nervenbahnen des Riechkolbens wandern können und im Weiteren auch die normalerweise recht gut abgesicherte Blut-Hirn-Schranke überwinden und ins Gehirn gelangen. Der Schutz des Gehirns vor hochreaktiven und vermutlich gewebeschädigenden Substanzen ist somit aufgrund der Größe der Nanopartikel nicht mehr gewährleistet.
Wie weit Nanopartikel aus Kosmetikprodukten über die Haut in den Organismus gelangen können, wird kontrovers diskutiert. Einige Studien widerlegen eine Aufnahme von Nanopartikeln bis zu lebenden Zellschichten des Epithelgewebes; andere Untersuchungen geben Hinweise auf gegenteilige Befunde. So können in Kosmetikprodukten enthaltene Nanopartikel über die Hornhaut direkt oder über Haarwurzeln in die Haut aufgenommen werden und dort zur Schädigung der Zellen durch Radikalenbildung führen und möglicherweise Hautirritationen und -allergien auslösen. Im Organismus besteht die Gefahr, dass die Partikel die Arbeit der Mitochondrien und somit den Zellstoffwechsel stören[23]. Medizinisch eingesetzte Nanopartikel können die DNA sogar schädigen, ohne dafür in die Zellen eindringen zu müssen[24]. Die genaue Wirkung ist jedoch noch unzureichend erforscht, deshalb scheint es sehr bedrohlich, dass zahlreiche Hautpflegeprodukte bereits Nanopartikel enthalten.
Wie sich konkret die Nanopartikel von Aluminium im lebenden Organismus verhalten, dazu findet man bisher nur vereinzelt Arbeiten. Wissenschaftler der Universität Kairo testeten in einer Studie mit Ratten [25] wie Nanopartikel von Aluminium im Gewebe und den verschiedenen Organen aufgenommen werden. »Aluminium akkumulierte sich in Gehirn, Leber, Nieren, Darm und Rückgrat der Ratten signifikant stärker als in der Kontrollgruppe, wenn das Aluminium in Form von Nanopartikeln zugeführt wurde«, schreiben die Autoren und bemerken abschließend: »Aluminium hat eine hohe Neigung sich im Gewebe bis zu einem Grad anzusammeln, der sich toxisch auf die Gene auswirken kann.«
Hautkrebs ist eine der häufigsten Krebsformen. In Deutschland waren im Jahr 2012 beinahe 1,5 Millionen Menschen erkrankt, davon 318.000 mit dem gefürchteten bösartigen Melanom. Seit 2005 bedeutete das einen Anstieg um 60 Prozent. Der »helle Hautkrebs« mit Basalzell- und Stachelzellkarzinom ist deutlich harmloser und bildet selten Metastasen. Er ist laut Erhebung der Barmer Krankenkasse im selben Zeitraum sogar um 79 Prozent angestiegen. Ein Teil der Steigerungen ist sicherlich durch die Einführung des Hautkrebs-Screenings im Rahmen der Früherkennungsprogramme erklärbar. Doch womit erklärt man den Rest?
Sind es wirklich vor allem die Sonnenbrände und die Schädigung der Hautzellen in der Folge übertriebener Solarium-Bräunungskuren? Oder geht vielleicht von den Sonnencremes ebenfalls ein Risiko aus? – Warum ist Australien nach wie vor internationaler Spitzenreiter bei Hautkrebs obwohl dort auch am meisten gecremt und eingeölt wird? Ist das wirklich damit zu begründen, dass Menschen, die sich eincremen dann selbstgefährdend lange in der Sonne schmoren, weil sie ihren Schutz überschätzen? Oder geht zumindest ein Teil des Risikos auf das Konto der Inhaltsstoffe?
Gesicherte Antworten auf diese Fragen gibt es derzeit nicht. Immer klarer wird jedoch die Tatsache, dass die Gefahr nicht in der Sonne liegt und die sonnenfeindlichen Kampagnen vielleicht den Kosmetik-Konzernen nützt, aber nicht den Konsumenten.
Viele Ärzte haben bis heute Probleme damit, ihren Patienten therapeutische Sonnenbäder zu empfehlen. Dabei ist der Zusammenhang zwischen Sonne und Melanomen, der gefährlichen Form des »schwarzen Hautkrebs«, bis heute wissenschaftlich umstritten. So gibt es beispielsweise kein geringeres Melanom-Risiko bei traditionell verhüllten Moslem-Frauen im Vergleich zu jenen, die nichts dabei finden im Bikini an den Strand zu gehen. »Menschen, die sich berufsbedingt ständig in der Sonne aufhalten, haben im Gegenteil sogar ein geringeres Melanom-Risiko«, erklärt Marianne Berwick, Leiterin der Division für Epidemiologie und Prävention von Krebserkrankungen an der Universität von New Mexico in Albuquerque.
Wissenschaftlich eindeutig gesichert sind die ursächliche Rolle der UV-Strahlung und der Einfluss von Sonnenbränden nur bei der häufigsten Form von »weißem Hautkrebs«, dem Basalzellkarzinom. Diese Tumoren entwickeln sich meist im Kopfbereich, bilden keine Metastasen und können normalerweise gut entfernt werden. Damit ist der Krebs dann in den meisten Fällen endgültig geheilt.
Im Jahr 2010 erschien dazu eine große dänische Übersichtsarbeit[26], die ein wirklich sensationelles Ergebnis brachte: nämlich die meines Wissens erste und einzige Studie, in der die Gruppe der Krebspatienten einen Überlebensvorteil hatte. Die Auswertung der dänischen Daten von 72.295 Fällen von Basalzellkarzinom ergab nämlich, dass diese Patienten nicht kürzer, sondern signifikant länger lebten als die Durchschnittsbevölkerung.
Natürlich war es nicht der Krebs, der diesen Überlebensvorteil bewirkte, sondern der Zusammenhang mit der Sonne. Wer diesen Krebs bekam, war öfter in der Sonne und hatte einen höheren Vitamin-D-Spiegel als der Durchschnitt.
Mittlerweile ist die aggressive Angst-Kampagne, nur ja nicht zu lange in die Sonne zu gehen, etwas abgeebbt. Zu offensichtlich standen die Hautkrebs-Organisationen im Bund mit den Sonnencreme-Herstellern.
Langsam erlebt die Einsicht ein Comeback, dass der Stern, dem wir alles Leben auf Erden verdanken, doch nicht so schlecht sein kann. Über neue wissenschaftliche Erkenntnisse materialisieren sich nun auch die »Lebensgeister«, die im Sonnenlicht enthalten sind. Verantwortungsvolle Mediziner raten heute dazu, wann immer sich die Gelegenheit bietet, Sonne zu tanken – speziell im Herbst und Winter. Und besonders gilt dieser Rat – so wie in den alten Zeiten der Sonnenkuren – für kranke und gebrechliche Menschen. Die generelle Einführung von Sonnenterassen in Alten- und Pflegeheimen – und die eifrige Nutzung derselben – wäre demnach ein konsequenter und vor allem heilsamer Schritt.
Natürlich ist das alles kein Plädoyer für den Sonnenbrand, sondern ein Aufruf zu verantwortungsvollem Umgang mit dem Sonnenlicht. Und dazu gehört es auch, die Sonne an die Haut zu lassen und diese nicht über nanotechnologisch aufgepeppte Filterschichten aus modernen Sun-Blockern abzuschirmen. Besonders gilt das natürlich für Sonnenschutzmittel, die zu allem Überfluss auch noch Alu-Verbindungen enthalten.
Tabuthema Aluminium
Vor einigen Jahren betrieb ich einen Blog auf der Plattform »Scienceblogs.de«. Dabei handelte es sich um die kleine deutsche Schwester einer recht bekannten und einflussreichen US-Plattform. Ich war heftig umworben worden und erhoffte mir ein attraktives Umfeld und größeres Publikum für meine Beiträge. Also war ich von meiner alten Blogger-Plattform dorthin übersiedelt. Honorare für meine Beiträge erhielt ich keine.
»Scienceblogger« sind im Idealfall Wissenschaftler aus den verschiedensten Fachbereichen, die auch noch journalistische Qualitäten haben und ihre Berichte direkt von der Quelle liefern, entweder aus ihrer eigenen Forschung oder aus ihrem Fachbereich. Soweit die Theorie. Während dem knappen Jahr, das ich auf der deutschen Plattform verbracht habe, wunderte ich mich oft über das recht beschränkte Interessensprofil meiner Blogger-Kollegen. Denn in erster Linie sah man sich als eine Art freiwillige Kampfgruppe gegen Homöopathie, Alternativmedizin und vermutete esoterische Umtriebe. Mehr als die Hälfte der Hervorbringungen der Bloggerkollegen widmeten sich diesem Themenbereich.
Dass auch Impfkritik in diesen Kreisen als esoterischer Umtrieb gilt, merkte ich an den Reaktionen auf einen Beitrag zum Thema ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung), der ein regelrechtes transatlantisches Pulverfass zündete.
Zunächst kurz zu meinem Artikel. Ich hatte von einem neuartigen Untersuchungsverfahren [27] berichtet, mit dessen Hilfe zwei Gruppen von Kindern auf Hirnveränderungen untersucht worden sind: 47 Kinder mit der Diagnose ADHS und 66 Kinder ohne diese Störung in der Kontrollgruppe. Bei Jungen mit der Diagnose ADHS wiesen die Gehirnaufnahmen aus der MR-Röhre ein signifikant verringertes Volumen im Bereich der Basalganglien auf. Diese Hirnregion ist besonders in der Kontrolle der Motorik involviert.
Die Ergebnisse hatten sich auch in vorangegangenen Studien bereits angekündigt. Allerdings brauchte es das neue technische Verfahren, um die Volumenbestimmung zu präzisieren. Anlass des Artikels war also ein technisches Verfahren, das bei Kindern mit der Diagnose ADHS konkrete Schäden im Gehirn fand. »Ob die Hirnveränderungen von Geburt an bestehen oder ob sie beispielsweise über entzündliche Prozesse oder Vergiftungen im frühen Lebensalter hervorgerufen werden, ist unklar«, schrieb ich und befasste mich mit diesem »Grundrätsel von ADHS«.
Seit rund drei Jahrzehnten wird ja heftig über alle möglichen Ursachen dieses Syndroms diskutiert. Manchmal auch über die Frage, ob es sich dabei überhaupt um eine Störung handelt, oder ob nicht bloß eine gestörte Gesellschaft mit »den besonders aktiven, unangepassten Kindern« nicht mehr zurechtkommt – und diese deshalb »mit Psychopharmaka ruhigstellt.«
Unbestritten gibt es auch solche Phänomene der Übertherapie – ohne organischen Hintergrund. Doch ist es bei sorgfältiger fachlicher Anamnese durchaus möglich, gesunde Kinder mit rein psychischer Auffälligkeit von wirklichen ADHS-Fällen zu unterscheiden. Die Studie war in diesem Sinne ein klarer Beweis, dass die Entwicklungsstörung körperliche Ursachen hat und nicht als Erziehungsfehler oder Einbildung abgetan werden kann.
Immer mehr Fachexperten zählen ADHS denn auch dem Krankheitsbereich des Autistischen Spektrums zu. Auch hier gibt es etwa dasselbe Geschlechterverhältnis mit deutlich mehr Jungen, dieselbe Bedeutung der genetischen Komponente, und etwa dasselbe Manifestationsalter. Außerdem gibt es in der Praxis derartig viele Überschneidungen bei den Patienten, dass allein aus diesem Grund eine gewisse Verwandtschaft der Diagnosen logisch scheint.
Bei Autismus besteht das Kernproblem in einer »Vernetzungsstörung« im Gehirn, wo bestimmte wichtige Areale nicht miteinander in Kontakt sind, isolierte Areale aber à la »Rain Man« besonders hoch entwickelt sein können. ADHS wäre somit eine Spezialform des Autistischen Spektrums. Welche Krankheit sich manifestiert, hängt demnach von Art und Ausmaß der Hirnschädigungen ab.
Nach dieser These, schrieb ich, müsse also ein Umwelteinfluss bestehen, ein Trigger, der die genetischen Anlagen überhaupt erst zum Ausbruch bringt. Denn während sich Erbkrankheiten über die Jahrhunderte in der Prävalenz recht stabil verhalten, haben sich die Fallzahlen bei Autismus und Hyperaktivität allein im Lauf der letzten Jahrzehnte vervielfacht.
Als ich im Jahr 2008 Jahren diesen Artikel schrieb, war in den USA laut US-Behörde CDC (Centers for Disease Control) ein Kind von 150 autistisch. 2013 wurde auf der CDC-Webseite[28] ein Verhältnis von eins zu 88 angegeben. Und im März 2014 war in den USA bereits eines von 68 Kindern betroffen[29]. Beim männlichen Geschlecht ist es noch deutlich schlimmer: Einer von 42 Jungs leidet heute an Autismus.
ADHS ist noch viel häufiger und liegt je nach Bundesstaat in einer Bandbreite von 8 bis 11 Prozent. Auch in Mitteleuropa sitzen bereits in jeder Schulklasse im Schnitt ein bis zwei Kinder mit »Zappelphilipp-Syndrom«.
Als möglichen Umwelteinfluss vermuten manche die fortgeschrittene Reizüberflutung im Kindesalter mit Dauerfernsehen, Computerspielen und Mobiltelefonen. Andere machen die Strukturlosigkeit mancher Familien oder die überbordenden Leistungs-Ansprüche der Schule verantwortlich. Ältere Thesen identifizierten Erziehungsfehler, Vernachlässigung oder frühkindliche Traumata als Auslöser. Als heiße Kandidaten werden auch Lebensmittelzusätze und ein Übermaß an künstlichem oder natürlichem Zucker gehandelt.
Nachdem ich dies alles angeführt hatte, kam schließlich die Passage in meinem Artikel, welche die Explosion auslöste. Ich schrieb:
»Mir persönlich erschiene es wichtig, endlich auch den möglichen Einfluss der Impfungen im Babyalter unvoreingenommen zu untersuchen. Konkret geht es dabei um die Aluminiumsalze, die in zwei Drittel der derzeitigen Kinderimpfungen als Hilfsstoffe enthalten sind. Anstatt die Ursachensuche ernsthaft zu forcieren, beschäftigen sich Wissenschaft und Medizin aber lieber mit der Verwaltung und Vermarktung von ADHS. Ritalin und Co. sind heute Megaseller. Und die ADHS-Experten ausgebucht.«
Jemand hatte dieses Zitat anscheinend übersetzt und über den Teich zum großen Bruder »scienceblogs.com« gemailt und sofort nahmen zwei prominente US-Blogger die Diskussion auf. Orac nannte sich der eine, der zweite war PZ Myers, Autor des weltweit damals populärsten Wissenschaftsblogs Pharyngula. Und sie konzentrierten sich sofort auf das Wesentliche: Nicht auf die Frage, ob Aluminium an der Entstehung von Gehirnentzündungen beteiligt sein kann, ob es Autoimmunreaktionen fördert und die Entwicklung des kindlichen Nervensystems stört; nein, das wurde gar nicht erst erwähnt. Zentrales Thema der Beitrage war die Frage: Gibt es da etwa Quacksalberei bei unserer kleinen deutschen Schwester? Hat sich gar ein Impfgegner ins wissenschaftliche Heiligtum geschummelt?
Es folgten unzählige Kommentare, in denen sowohl aus dem deutschen Sprachraum als auch aus den USA mit wirklich bemerkenswerter Aggressivität auf mich draufgeknüppelt wurde. Nur sehr vereinzelt fanden sich Leute, die für mich Partei ergriffen oder zumindest zugestanden, dass im Wissenschaftsbetrieb doch Fragen und Diskussionsbeiträge eigentlich erlaubt sein sollten.
Als schließlich die Kampagne mit hunderten hasserfüllten Kommentaren im Dezember 2008 ihren Höhepunkt erreichte, fand ich nicht mehr die Zeit und verspürte auch immer weniger Lust, mich gegen diese Flut von Anwürfen zu wehren. Nachdem die Leitung von »scienceblogs.de« selbst ins Visier dieser Pressure-Group geriet wurde mir mitgeteilt, »dass man sich von mir trennt«.
Ich weine den Scienceblogs keine Träne nach und wünsche ihnen viel Erfolg bei ihrer ebenso kindischen wie fruchtlosen Mission als Sammelplattform für selbst ernannte Eso-Ghostbuster.
Zum Abschied schrieb ich dem Scienceblogger Ulrich Berger, Mathematiker mit Schwerpunkt Spieltheorie, der einer meiner schärfsten Kritiker war folgendes:
»Es gibt verschiedene Arten von Medizinjournalismus. Manche schreiben jeden Tag an einer anderen Studie oder einer anderen Pressekonferenz und liefern dann brav ihren Artikel ab, so wie ein Huhn auch jeden Tag ein Ei legt. Produziert aus dem, was vorgefunden und verarbeitet wurde. Und mit nur undeutlicher Erinnerung, welches Ei genau gestern oder vor einer Woche gelegt wurde.
Das ist dann Wissenschaftsjournalismus im Random-Modus. Wo ein und dieselbe Substanz mal Krebs verursacht, dann begünstigt und sechs Monate später schließlich heilt.
Solche Kollegen sind dann nebenher meist fanatische Radfahrer oder Segler. Denn irgendwas muss es ja geben, auf das man sich freuen kann – neben dem öden Brotjob.
Ich selbst bin seit mehr als 20 Jahren Journalist, seit mehr als 10 Jahren mit dem Schwerpunkt auf Medizin. Ich habe mir die Hochachtung für die Wissenschaft bewahrt. Ich mache meine Arbeit nach wie vor gerne. Es genügt mir aber längst nicht mehr, den geworfenen Stock zu apportieren, die gesprochenen Sätze brav abzutippen und die vermittelte Botschaft wortneutral ans Publikum zu bringen. Zu vieles – auch von dem was ich berichtet habe – hat sich schon nach kurzer Zeit als falsche Hoffnung, als viel zu optimistisch oder sogar als kontraproduktiv erwiesen. Und so denke ich bei jeder neuen frohen Botschaft auch die alten frohen Botschaften mit.
Manche werfen mir hier nun vor, dass ich Thesen behaupte, die ich nicht belegen kann. Dass es mir also nicht gelingt, einen klaren Zusammenhang zwischen Aluminiumsalzen in Impfstoffen und der nachfolgenden Entstehung von ADHS zu beweisen.
Nein das gelingt mir nicht. Wenn dieser klare Zusammenhang bereits bestätigt wäre, müsste ja auch niemand mehr darüber nachdenken.
Ich habe nicht behauptet, dass ich das beweisen kann, sondern gefordert, dass hier wissenschaftliche Ressourcen eingesetzt werden, um diesen Zusammenhang zu prüfen, bzw. auszuschließen.
Ich habe in einer kurzen Literaturübersicht gezeigt, wie enorm die Wissenslücken und auch die Risiken im Bereich der Interaktion von Adjuvantien + Immunsystem + Nervensystem sind.
Ein ganz Witziger meinte, dann könne man ja ebenso Förderungsgelder zur Erforschung des Flugverhaltens der Maikäfer im November beantragen.
Ich denke nicht, dass der von mir angesprochene Zusammenhang so an den Haaren herbeigezogen und lächerlich ist.
Allein schon die ganz primitive Korrelation von höherer Aluminiumsalz-Belastung durch die in den letzten Jahrzehnten zahlreicher werdenden Impfungen und der im selben Zeitraum steigenden Prävalenz von Krankheiten, die mit Störungen des Immunsystems assoziiert sind, hätte Anlass für eine ganze Batterie von Forschungsaufträgen sein müssen.
Was gibt es stattdessen? Eine magere Metaanalyse der vorhandenen Literatur zu Nebenwirkungen nach Impfung mit aluminiumhaltigen Impfstoffen die zu folgender großartigen Schlussfolgerung kommt:
›Trotz einem Mangel an Evidenz von guter Qualität empfehlen wir nicht, dass bei diesem Themenbereich weitere Forschungen unternommen werden.‹
Ich habe Tom Jefferson, den Hauptautor dieser Metaanalyse [30] konkret gefragt, warum er hier quasi einen Forschungsstopp gefordert hat, bevor die Forschung überhaupt richtig begonnen hat. Er ist mir die Antwort schuldig geblieben, hat bloß achselzuckend gemeint, da sei nichts dran.
Ich bin zu lange im Geschäft, um mich mit derart substanzlosen Auskünften abspeisen zu lassen.
Ich weiß ja nicht, ob Sie Jeffersons Schluss teilen. Und wir dafür nicht besser wieder ein paar Millionen Euro an Forschungsgeld in die Suche nach Genen stecken sollten, die an Autoimmun-Prozessen beteiligt sind, oder diese begünstigen.
Bloß ja nicht am Impfen anstreifen. Bloß ja keine unangenehmen Fragen stellen. Bloß ja nicht das autoimmune Potenzial der aluminiumhaltigen Adjuvantien thematisieren und damit die Impffreudigkeit der Bevölkerung gefährden, wo es draußen im Land ohnehin nur so wimmelt vor lauter radikalen Impfgegnern. Das wäre doch bloß Wasser auf deren Mühlen.
Es stimmt, es ist ein schwieriges Umfeld.
Es ist ein schmaler Grad. Sowohl für Wissenschaftler als auch für Journalisten.
Und es ist immer einfacher, seine Beißreflexe auszuleben, als möglichst vorurteilsfrei zu diskutieren.« [31]
Soweit mein Abschlussbrief zu meiner Scienceblogs-Episode. Ich zitiere die Auseinandersetzung hier als ein Beispiel von unzähligen derartigen Vorfällen. Mit der Auseinandersetzung um mein Buch »Dirty Little Secret« haben die Anwürfe weitere Höhepunkte erklommen. Wer möchte, kann diese Schlammschlacht, die von einem weitgehend gleich bleibenden Kern bestehend aus fanatischen Impfbefürwortern sowie der so genannten »Skeptiker«-Bewegung mit ihrer »Gesellschaft zur Wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften« (GWUP) ausgeht, gerne googeln. Allerdings braucht es einen guten Magen.
Da werde ich als fanatischer Impfgegner bezeichnet, als Kindesmisshandler beschimpft, weil ich den Kindern die segensreichen Impfungen vorenthalten will, oder – wenn die Argumente vollständig versiegen – als »Aidsleugner« oder »Aidsspinner« apostrophiert. Letzteres ist besonders originell, als ich mich mit dem französischen Entdecker der HI-Viren Luc Montagnier bei unseren bisherigen Kontakten großartig verstanden habe und seine wissenschaftlichen Ansichten weitgehend teile. Dass ich seinen US-Konkurrenten und Gegenspieler Robert Gallo mit der ihn umgebenden Clique von Geschäftemachern und Lobbyisten im Gegenzug für unseriös halte, auch dafür bin ich öffentlich eingestanden. Insofern hat es mich besonders gefreut, als Robert Charles Gallo im Jahr 2008 bei der Nobelpreis-Verleihung an Luc Montagnier vom schwedischen Komitee übergangen wurde.
Doch das ist ein anderes Thema. Wissenschaftliche Forschung wird seit langem als Verkaufsargument für Marketing-Kampagnen missbraucht und es ist kein Geheimnis, dass mehr als 90 Prozent der wissenschaftlichen Studien von Auftraggebern bezahlt werden, die ein kommerzielles Interesse an »guten« Resultaten haben. Niemals bestand ein Mangel an gut ausgebildeten Experten, die sich gerne hier einspannen und bezahlen lassen. Doch auch abseits finanzieller Vorteile schöpfen viele Menschen ihr Selbstbewusstsein aus der Tatsache, dass sie auf Seiten der Mehrheit stehen. Unzählige Personen haben keine Probleme damit, den Mainstream noch etwas dickflüssiger zu machen und auf Kritiker und Opponenten aggressiv hinzuhacken.
Tabus offen anzusprechen und Graubereiche an der Grenze zwischen Wissenschaft und Ökonomie darzustellen, war für mich stets eine der wesentlichen Motivationen in meinem Beruf. Und es stört mich auch nicht, wenn ich damit anecke. Es stört mich bloß, wenn ich im Internet von Feiglingen, die sich hinter Nicknames verstecken und sich nicht einmal getrauen, mit ihrem eigenen Namen für ihre Anwürfe einzustehen, aus dem anonymen Off heraus verleumdet werde. Ich werde weiterhin offen für meine Aussagen einstehen.
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