Kitabı oku: «Wikipedia und der Wandel der Enzyklopädiesprache»

Bettina Eiber
Wikipedia und der Wandel der Enzyklopädiesprache
Ein französisch-italienischer Vergleich
Narr Francke Attempto Verlag Tübingen
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© 2020 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG
Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen
www.narr.de • info@narr.de
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ISBN 978-3-8233-8407-6 (Print)
ISBN 978-3-8233-0274-2 (ePub)
Inhalt
Vorwort
1 Einführung
2 Die Geschichte der Enzyklopädie 2.1 Wort- und Begriffsgeschichte 2.2 Von den Anfängen bis zur Aufklärung 2.3 Aufklärung 2.4 Bürgerliches Zeitalter 2.5 Zeitalter nationaler Enzyklopädien 2.6 Gegenwart und Digitalisierung 2.7 Resümee
3 Wikipedia und der Wandel der Diskurstradition Enzyklopädieartikel3.1 Diskurstraditionen3.1.1 Konzept3.1.2 Wandel3.1.3 Zwischenresümee3.2 Gedruckte Enzyklopädieartikel3.2.1 Abgrenzung zu benachbarten Diskurstraditionen3.2.2 Kommunikationssituation3.2.3 Artikelaufbau3.2.4 Sprachlich-stilistische Merkmale3.2.5 Zwischenresümee3.3 Wikipediaartikel3.3.1 Wikitechnologie und Entstehung der Enzyklopädie3.3.2 Hierarchien und kommunikative Praktiken3.3.3 Kommunikationssituation3.3.4 Artikelaufbau3.3.5 Sprachlich-stilistische Merkmale3.3.6 Zwischenresümee3.4 Print- und Wikipediaartikel im Vergleich3.5 Resümee
4 Korpus und Methodik4.1 Forschungsdesign4.2 Korpuszusammensetzung4.3 Korpusaufbereitung4.4 Korpuslinguistische Analyseverfahren4.4.1 Definition: Token, Type, Lemma4.4.2 Korpusfrequenzen und Dispersion4.4.3 Schlüsselwortextraktion4.4.4 Kookkurrenzanalyse4.4.5 Kritische Betrachtung4.4.6 Zwischenresümee4.5 Resümee
5 Inhaltlicher Vergleich5.1 Behandelte Aspekte eines Konzepts5.1.1 „Chemische Substanz“5.1.2 „Land“5.1.3 „Krankheit“5.1.4 „Wirtschaftliches Konzept“5.1.5 Anzahl, Logik, Vollständigkeit5.1.6 Zwischenresümee5.2 Schlüsselwörter zu einem Konzept5.2.1 „Chemische Substanz“5.2.2 „Land“5.2.3 „Krankheit“5.2.4 „Wirtschaftliches Konzept“5.2.5 Zwischenresümee5.3 Kulturspezifische Bezüge5.3.1 Länderspezifische Kapitelüberschriften5.3.2 Verweise auf Frankreich und Italien5.3.3 Anspielungen auf kulturelles Wissen5.3.4 Standortabhängige Formulierungen5.3.5 Zwischenresümee5.4 Resümee
6 Fachsprachlichkeit6.1 Wortlänge6.2 Fachausdrücke6.2.1 Prozentualer Anteil6.2.2 Semantische Bereiche6.2.3 Zwischenresümee6.3 Lehngut6.3.1 Gelehrte Bildungen6.3.2 Anglizismen6.3.3 Zwischenresümee6.4 Erläuterungsstrategien6.4.1 Erklärungen6.4.2 Alternative Ausdrücke6.4.3 Zwischenresümee6.5 Resümee
7 Neutralität der Sprache7.1 Positive und negative Bewertungen7.1.1 Kapitelüberschriften7.1.2 Adjektive7.1.3 Substantive7.1.4 Metaphern7.1.5 Zwischenresümee7.2 Hyperbolische Formulierungen7.2.1 Superlative7.2.2 Hochwertende Ausdrücke7.2.3 Zwischenresümee7.3 Ideologische Positionierung7.3.1 Politisch wertende Bezeichnungen7.3.2 Politisch sensibler Sprachgebrauch7.3.3 Zwischenresümee7.4 Umgang mit Belegen7.4.1 Verweis auf Experten7.4.2 Verweis auf Studien7.4.3 Pseudoobjektivität7.4.4 Zwischenresümee7.5 Resümee
8 Informelle Schriftlichkeit8.1 Orthografie und Interpunktion8.1.1 Buchstaben8.1.2 Diakritika8.1.3 Groß- und Kleinschreibung8.1.4 Interpunktion8.1.5 Zwischenresümee8.2 Satzbau8.2.1 Satzlänge8.2.2 Kongruenz8.2.3 Vollständigkeit8.2.4 Anakoluthe8.2.5 Linksdislokationen8.2.6 Zwischenresümee8.3 Morphosyntaktische Mittel8.3.1 Pronominalformen8.3.2 Konjunktionen8.3.3 Tempusgebrauch8.3.4 Zwischenresümee8.4 Lexik8.4.1 Lexikalische Vielfalt8.4.2 Semantische Adäquatheit8.4.3 Umgangssprachliche Ausdrücke8.4.4 Zwischenresümee8.5 Resümee
9 Schlussbetrachtungen 9.1 Medienwandel und kulturelle Traditionen in Enzyklopädien 9.2 Fachlich bedingte Variation im Korpus 9.3 Medial bedingte Variation im Korpus 9.4 Kulturspezifische Variation im Korpus 9.5 Mediale Adaptation und (fach-)kulturelle Tradition in Wikipedia
Literaturverzeichnis
Personenregister
Sachregister
Vorwort
Das vorliegende Werk wurde im Herbst 2019 von der Philosophischen Fakultät der Universität Passau als Dissertationsschrift angenommen.
Mein besonderer Dank gilt der Betreuerin meiner Dissertationsschrift, Prof. Dr. Dr. h.c. Ursula Reutner. Sie begleitete konstant deren Entstehung und unterstützte mich maßgeblich durch ihre kritischen Nachfragen und ihren erfahrenen Blick fürs Detail. Ebenfalls herzlich bedanken möchte ich mich bei Herrn Prof. Dr. Rüdiger Harnisch für die Erstellung des Zweitgutachtens und auch dafür, dass er mich an seinem linguistischen Oberseminar teilhaben ließ. Ein herzlicher Dank gilt zudem Herrn Prof. Dr. Walter für die Erstellung des Drittgutachtens.
Bedanken möchte ich mich ebenfalls bei allen Freunden und Kollegen, die mich während der Promotion unterstützt haben. Ganz besonders gilt dieser Dank meiner Kollegin Hannelore Gillich, die fachlich und persönlich eine große Stütze während der Promotion war.
Während des gesamten Schreibprozesses und insbesondere in den letzten Wochen vor der Abgabe konnte ich zudem immer auf die Unterstützung meiner Familie vertrauen. Ganz herzlich möchte ich mich bei meinen Eltern und meiner Schwester für die aufwändige Korrekturlektüre und den moralischen Beistand in der Abschlussphase bedanken.
Dem Gunter Narr-Verlag danke ich für die Aufnahme der Dissertationsschrift in die Reihe Tübinger Beiträge zur Linguistik. Ein herzlicher Dank gilt zudem der Axel Springer Stiftung und dem Graduiertenzentrum Passau für den großzügig gewährten Druckkostenzuschuss.
Passau, im September 2020 Bettina Eiber
1 Einführung
Schon im Jahre 1962 postulierte der Medientheoretiker Marshall McLuhanMcLuhan, Marshall (1962: 278) das Ende der Gutenberg-GalaxisGutenberg-Galaxis durch die Einführung neuer Medien in die Gesellschaft. In der Folge scheint sich diese Annahme zu bewahrheiten und es ist die zunehmende Einstellung von gedruckten Büchern und Zeitungen zu beobachten, die durch digitale Ausgaben ersetzt werden. Besonders früh und ausgeprägt zeichnete sich diese Entwicklung bei EnzyklopädienEnzyklopädie ab. So erscheinen die Ausgaben der Encyclopædia Britannica (2020), des Brockhaus (2020), der Encyclopaedia Universalis (2020) und der Encyclopédie Larousse (2020) heutzutage ausschließlich online, die Enciclopedia Treccani (2020) existiert parallel als Online- und als Printausgabe. Diese Angebote reproduzieren in der Regel traditionelle EnzyklopädieartikelEnzyklopädieartikel auf statischen Webseiten und bewirken deswegen nur geringe Veränderungen im Vergleich zu den gedruckten Vorläufern. Allerdings wird schon mit der Gründung der WikipediaWikipedia im Jahre 2001 dieses Modell weitgehend obsolet und die statischen, expertenbasierten EnzyklopädieartikelEnzyklopädieartikel werden durch dynamische, kollaborativ im WikiWiki erstellte Artikel abgelöst (2.). Durch die weltweite Verbreitung und den schwindenden Qualitätsunterschied zwischen Print- und WikipediaartikelnWikipediaartikel (cf. Giles 2005) kann davon ausgegangen werden, dass kollaborativ in einem WikiWiki erstellte Artikel zunehmend Modellcharakter gewinnen, wodurch die DiskurstraditionDiskurstradition EnzyklopädieartikelEnzyklopädieartikel transformiert wird.
Angesichts der skizzierten Entwicklungen stellt sich nun die Frage, inwiefern sich EnzyklopädieartikelEnzyklopädieartikel verändern, wenn sie nicht mehr gedruckt, sondern als Wikipediaartikel vorliegen. Des Weiteren ist zu untersuchen, ob die verschiedenen Sprachversionen der WikipediaSprachversion (der Wikipedia) jeweils dieselben trägermedialen Anpassungen aufweisen und deswegen eine Homogenisierung zu beobachten ist oder ob sich sprach- und kulturspezifische Varianten von Wikipediaartikeln herausbilden. Nicht zuletzt ist zu berücksichtigen, in welcher fachlichen Tradition ein EnzyklopädieartikelEnzyklopädieartikel steht und ob diese im neuen Medium erhalten bleibt.
Dass der Wechsel des TrägermediumsTrägermedium das Potential besitzt, EnzyklopädieartikelEnzyklopädieartikel tiefgreifend zu transformieren, legen theoretische Überlegungen nahe, die diese als Diskurstraditionen konzeptualisieren (3.1.1), die sich aufgrund von historischen Ereignissen, wie beispielsweise eines MedienwandelsMedienwandel, sukzessive verändern (3.1.2). Ein Teil dieser Veränderungen kann auf der Basis bisheriger Erkenntnisse zu gedruckten Enzyklopädieartikeln und zu Wikipediaartikeln nachvollzogen werden. Zu deutschen PrintartikelnPrintartikel sind insbesondere die Studien von Hoffmann (1988), Fandrych/Thurmair (2011), Augustin (2016), zu französischen PrintartikelnPrintartikel Mochet/O’Neil (2000) und zu gedruckten italienischen Artikeln d’Achille/Proietti (2011) zu nennen, welche sich mit dem Artikelaufbau und den sprachlich-stilistischen Merkmalen beschäftigen (3.2). Wikipediaartikel der englischen Sprachausgabe werden von Emigh/Herring (2005), Baron (2008), Elia (2008) und Tereszkiewicz (2010) untersucht. Emigh/Herring (2005) vergleichen ein Korpus englischer Wikipediaartikel mit Artikeln der PrintenzyklopädieEnzyklopädie– Print-~ Columbia Encyclopedia und mit denen der OnlineenzyklopädieEnzyklopädie– Online-~ Everything 2. Dabei ergibt der Vergleich zwischen Wikipedia und der Printenzyklopädie kaum Unterschiede, während Everything 2 einen geringeren Grad an sprachlicher FormalitätFormalität aufweist. Angesichts der unterschiedlichen KommunikationsbedingungenKommunikationsbedingungen in Printenzyklopädien und Wikipedia erscheint diese Tatsache erstaunlich, wird jedoch von Emigh/Herring (2005) so erklärt, dass die WikipediarichtlinienWikipediarichtlinien restringierend wirken und somit die Anpassung an die neue mediale Umgebung verhindern. Auf dieses Ergebnis bezieht sich auch die Darstellung der Wikipedia in Baron (2008). Ebenso konstatiert Elia (2008) in ihrem Vergleich englischer WikipediaartikelWikipediaartikel mit Artikeln der Encyclopædia Britannica nur einen etwas höheren Grad an sprachlicher FormalitätFormalität in der Printenzyklopädie. Gravierendere Unterschiede ergeben sich zwischen dem distanzsprachlichenDistanzsprache Charakter der WikilanguageWikilanguage in einem Artikel und der nähesprachlichennähesprachlich WikispeakWikispeak auf der dazugehörigen DiskussionsseiteDiskussionsseite. Zu einem etwas anderen Resultat kommt Tereskiewicz (2010) in ihrem Korpus aus Wikipediaartikeln zum Buchstaben U, das ein ganzes Kontinuum an Artikeln, von traditionellen über etwas abweichende bis hin zu antienzyklopädischen Artikeln, die die InformationsfunktionInformationsfunktion nicht mehr erfüllen, beinhaltet. Im Gegensatz zum Englischen existieren für andere Sprachausgaben der Wikipedia keine größeren Studien. Artikel der deutschen Wikipedia werden in den Aufsätzen von Fandrych/Thurmair (2011) und Augustin (2016) besprochen, die zu dem Urteil kommen, dass in Wikipedia eine etwas abweichende Variante der Diskurstradition entsteht. Studien zu romanischsprachigen Wikipediaversionen liegen von Reutner (2013a, 2013b, 2014a) und d’Achille/Proietti (2011) vor. Im Gegensatz zu Untersuchungen der englischen WikipediakorporaWikipediakorpus konstatieren sie durchaus auffällige Abweichungen der Wikipediaartikel von gleichsprachigen gedruckten Artikeln, was die KommunikationssituationKommunikationssituation sowie inhaltliche und sprachliche Merkmale betrifft (3.3).
Angesichts der Tatsache, dass die Charakteristika von englischsprachigen Wikipediaartikeln bereits an größeren Korpora untersucht wurden und für die romanischsprachigen Versionen lediglich einzelne kleinere Untersuchungen zur Verfügung stehen, setzt sich die vorliegende Studie zum Ziel, die bereits beobachteten Eigenschaften romanischsprachiger Wikipediaartikel an einem größeren Korpus zu überprüfen und mögliche Unterschiede zudem durch die systematische Gegenüberstellung der Artikel nach Fach, Medium und Sprachversion zu erklären (4.1). Zu diesem Zweck wird ein Korpus aus 120 vollständigen Enzyklopädieartikeln in CQPwebCQPweb aufgebaut. Dabei wird ein Korpus mit französischen und eines mit italienischen Artikeln erstellt. Artikel aus französischen Printenzyklopädien werden deswegen analysiert, weil die Kultur Frankreichs über eine bedeutende Tradition verfügt, mit der die gedruckten italienischen Werke verglichen werden. Ein intermedialer Vergleich stellt den gedruckten Enzyklopädieartikeln die gleichnamigen Einträge aus der französischen und der italienischen Wikipedia gegenüber. Die französische Wikipedia ist zudem die größte romanischsprachige Ausgabe, was die Bedeutung von Enzyklopädien für Frankreich auch im Zeitalter des Internets unterstreicht. Pro Sprache werden Artikel aus zwei Printenzyklopädien und der jeweiligen Sprachversion der WikipediaSprachversion (der Wikipedia) ausgewählt. Zudem stammen die Artikel aus den vier Bereichen Chemie, Geografie, Medizin und Wirtschaft, wobei die Artikel pro Fach ein übergeordnetes Konzept präsentieren. Im Chemiekorpus sind deswegen nur StoffnamenEigenname– Stoffname, im Geografiekorpus Ländernamen und im Medizinkorpus Bezeichnungen für Krankheiten ausgewählt worden. Etwas heterogener ist das Wirtschaftskorpus, das Artikel enthält, die mehrere unterschiedliche Konzepte aus dem Bereich der Wirtschaft beschreiben (4.2). Die Artikel werden mit korpuslinguistischen Verfahren wie der Auszählung von TokensToken, TypesType, LemmataLemma, POS-TagsPOS-Tag, der Analyse statistisch auffälliger KeywordsKeyword und KookkurrenzenKookkurrenz und der Interpretation von KonkordanzenKonkordanz analysiert, durch die eine quantitativ informierte Interpretation linguistischer Auffälligkeiten möglich wird. Diese wird durch manuelle Auswertungen und qualitative Interpretationen ergänzt (4.4).
Die InformationsfunktionInformationsfunktion der EnzyklopädieartikelEnzyklopädieartikel legt es nahe, zunächst inhaltliche Unterschiede herauszuarbeiten (5.). Dazu werden jeweils dreißig Artikel zu den Konzepten „chemische Substanz“, „Land“, „Krankheit“ und „wirtschaftliches Konzept“ ausgewählt. Zu einem Konzept werden die in den Artikeln behandelten Aspekte identifiziert und die Verteilung nach Medium und Sprachausgabe ausgezählt (5.1.1–5.1.4). Zudem werden Anzahl und logische Anordnung der behandelten Aspekte in den Artikeln analysiert (5.1.5). Zusätzlich zu dieser relativ globalen Inhaltsanalyse werden SchlüsselwörterSchlüsselwort statistisch erhoben (5.2) und Kulturbezügekulturspezifischer Bezug im Korpus untersucht (5.3). Als Indikatoren für Kulturbezüge fungieren länderspezifische Kapitelüberschriften, Verweise auf Frankreich oder Italien, Anspielungen auf kulturelles Wissenkulturelles Wissen und standortabhängige Formulierungen (5.3.1–5.3.4).
Die folgenden drei Kapitel legen den Schwerpunkt auf die sprachliche Formulierung der ermittelten Inhalte. In Bezug auf die Tatsache, dass EnzyklopädieartikelEnzyklopädieartikel dazu dienen, Fachwissen an Laien zu vermitteln, wird der Grad der FachsprachlichkeitFachsprachlichkeit und der Umgang mit FachausdrückenFachausdruck in den Artikeln untersucht (6.). Der Grad der Fachsprachlichkeit wird anhand der durchschnittlichen WortlängeWortlänge analysiert, da davon ausgegangen wird, dass Ausdrücke mit zunehmender Länge einen spezifischeren Inhalt versprachlichen (6.1). Zudem wird der prozentuale Anteil fachsprachlicher TokensToken– fachsprachliches und Lemmata an der Gesamtzahl der Tokens und Lemmata im Korpus bestimmt, wobei die Einschätzung eines Items als fachsprachlich auf der Basis von MarkierungsangabenMarkierungsangabe, lexikografische in Wörterbüchern und der konkreten Verwendung des betreffenden Ausdrucks im Korpus vorgenommen wird (6.2.1). Zu den identifizierten Ausdrücken werden die semantischen Bereiche angegeben, aus denen sie stammen, und es wird eine quantitative Auswertung dieser Bereichsangaben pro Korpus vorgenommen (6.2.2). Die ermittelten fachsprachlichen Ausdrücke werden zudem hinsichtlich gelehrter Wortbildungselementegelehrtes Wortbildungselement untersucht, da diese insbesondere zum Eindruck der Fachsprachlichkeit beitragen und bei Laien möglicherweise die Lektüre erschweren. Da nicht alle Fächer gelehrte Elementegelehrtes Wortbildungselement zur Bildung ihrer TerminologieTerminologie verwenden, werden fachsprachliche AnglizismenAnglizismus untersucht (6.3.2). Zuletzt wird analysiert, in welchem Maß Strategien zum Einsatz kommen, die FachausdrückeFachausdruck erläutern, wobei zwischen Erklärungen und der Angabe alternativer Ausdrücke unterschieden wird (6.4).
Aufgrund des sprachlichen Ideals moderner Enzyklopädien, Informationen sachlich-nüchtern und neutral zu präsentieren, ist zudem herauszuarbeiten, ob die sprachlichen Formulierungen in den Artikeln neutral gehalten sind oder ob sie einem Werturteil gleichkommen (7.). Obwohl die Einschätzung, ob eine Formulierung eine Tatsache beschreibt oder ob sie ein Werturteil vornimmt, auf einer letztendlich subjektiven Interpretation basiert, wird aufgrund der Bedeutung dieses Aspekts für die Diskurstradition eine Einschätzung anhand möglichst eindeutiger Fälle vorgenommen. Dabei werden positive und negative BewertungenBewertung durch ganze Kapitelüberschriften, aber auch auf der Mikroebene durch Adjektive, Substantive und MetaphernMetapher analysiert (7.1). Zudem wird eine übertreibende Darstellung durch den Einsatz der morphologischen SuperlativformSuperlativ, aber auch auf lexikalischer Ebene durch die Verwendung von HochwertwörternHochwertwort berücksichtigt (7.2). Ein weiterer Aspekt des Konzepts von NeutralitätNeutralität, insbesondere in Wikipedia, besteht darin, keine politische Position einzunehmen. Deswegen werden Ausdrücke untersucht, die eine politische Bewertung beinhalten (7.3.1). Nicht zuletzt ist es das Ziel von Wikipedia, eine sprachliche Präsentation zu gewährleisten, die keine gesellschaftlichen Gruppen verletzt, weswegen die Orientierung der Artikel an einer politisch korrekten Darstellung untersucht wird (7.3.2). Das Verständnis einer multiplen Neutralität in Wikipedia umfasst zudem die Möglichkeit, mehrere Positionen mit Angabe von Autoritäten nebeneinanderzustellen. Diese Strategie wird in 7.4 untersucht.
Ein weiterer Aspekt der sprachlichen Analyse sind nähesprachlichenähesprachlich Merkmale und deren Häufigkeit, weil diese darüber Aufschluss geben, ob WikipediaartikelWikipediaartikel stärker als gedruckte Artikel vom Pol der DistanzsprachlichkeitDistanzsprache abrücken (8.). Auffälligkeiten werden in OrthografieOrthografie und InterpunktionInterpunktion untersucht (8.1), weil Studien zur computervermittelten Kommunikationcomputervermittelte Kommunikation darauf hinweisen, dass dieser Bereich die auffälligsten Erscheinungen beinhaltet, und Abweichungen in der Grammatik weitaus geringer sind (Stark 2015; Strätz 2011; Reinkemeyer 2013). Ergänzend werden aus dem Bereich der Syntax korpusvergleichend die SatzlängeSatzlänge, Verstöße gegen die KongruenzKongruenzschwäche, unvollständige Sätze, AnakolutheAnakoluth und DislokationenLinksdislokation untersucht (8.2). Im Bereich der Morphosyntax wird im italienischen Korpus die Häufigkeit von gehobenen Pronomina und Konjunktionen ausgewertet (8.3.1 und 8.3.2). Sprachübergreifend wird der TempusgebrauchTempusgebrauch analysiert, wobei die Häufigkeit einzelner Tempora, aber auch das Zusammenspiel der einzelnen Formen zur Erzeugung einer kohärenten Darstellung untersucht wird (8.3.3). Im Bereich der Lexik wird die lexikalische Vielfaltlexikalische Vielfalt der Korpora mithilfe von Maßen wie dem MSTTRmean-segmental type-token-ratio (MSTTR) oder dem MTLDmeasure of textual lexical diversity (MTLD) berechnet. Es wird der semantisch adäquate Einsatz von Ausdrücken überprüft und umgangssprachlicheumgangssprachlich Ausdrücke werden analysiert (8.4).
Die genannten Merkmale werden pro Korpus ausgezählt. Dabei werden zum einen die Korpora der vier gewählten Fächer gegenübergestellt, um die Verteilung der Häufigkeiten nach Fach zu analysieren. Zudem werden die Häufigkeiten pro Sprache jeweils im Print- und im Wikipediakorpus ermittelt, um intermediale Vergleiche zu ermöglichen. Die Gegenüberstellung von Frequenzen im französischen und im italienischen Korpus erlaubt den interkulturellen Vergleich der beiden Sprachkorpora.
Die Ergebnisse dieses interfachlichen, intermedialen und interkulturellen Vergleichs werden in einer Zusammenfassung präsentiert und vor dem Hintergrund historischer Entwicklungen und theoretischer Annahmen reflektiert. Abschließend wird herausgestellt, inwiefern Wikipediaartikel Merkmale einer Adaptation an das neue Medium aufweisen, aber auch welche fachlichen und kulturellen Merkmale aus den Printenzyklopädien übernommen und im neuen Medium unverändert fortgesetzt werden.
2 Die Geschichte der Enzyklopädie
Mit dem ersten Grundprinzip (fr. Wikipédia est une encyclopédie/it. Wikipedia è un’enciclopedia) stellt sich Wikipedia in die Tradition der Enzyklopädien und damit in eine historische Reihe von Werken wie der Encyclopédie ou Dictionnaire des sciences, des arts et des métiers von Denis DiderotDiderot, Denis und Jean le Rond d’Alembertd’Alembert, Jean le Rond, aber auch mit der Enciclopedia delle scienze, lettere ed arti von Giovanni TreccaniTreccani, Giovanni oder der Britannica. Was auf den ersten Blick als eine kontinuierliche Geschichte der Enzyklopädie erscheint, ist eine Vorstellung, die erst seit dem 19. Jahrhundert Bestand hat und eher auf einer Rekonstruktion als auf einer historischen Tatsache beruht (cf. Henningsen 1966: 327).
2.1 Wort- und Begriffsgeschichte
Sowohl die Bezeichnung Enzyklopädie (fr. encyclopédie/it. enciclopedia) als auch die Sache selbst unterliegen dem Wandel:
„Enzyklopädie“ ist eine dem historischen Wandel unterworfene Bezeichnung für eine Sache, die selbst in der Zeit sich wandelt, wobei einerseits die Bezeichnung das Bezeichnete vorprägt und damit eine gewisse Kontinuität der „Enzyklopädie“ […] gewährleistet, andererseits durch Umstrukturierung, Erweiterung und Einschränkung des Inhalts auch die Bedeutung des Wortes beeinflußt wird (Henningsen 1966: 274).
Deswegen ist zwischen der Geschichte der Bezeichnung Enzyklopädie und der Entwicklung einer außersprachlichen Vorstellung von EnzyklopädieEnzyklopädie zu unterscheiden und das Zusammenspiel dieser beiden Komponenten zu berücksichtigen.
Den Ausgangspunkt stellt die Wortgeschichte von fr. encyclopédie/it. enciclopedia dar. Anders als in einigen WörterbüchernWörterbuch angegeben, lässt sich die Bezeichnung nicht auf ein griechisches oder lateinisches Etymon zurückführen: „Ein Substantiv enkyklopaideia ist antik nicht zu belegen“ (Vogelgsang 2004: 19). Es handelt sich vielmehr um eine Neuschöpfung der Humanisten, die auf einer fehlerhaften Überlieferung beruht:
Il termine […] nasce come corruzione dell’espressione greca enkuklios paideia, che troviamo usata in alcuni autori latini (Vitruvio, Plinio il Vecchio e Quintiliano), e che viene erroneamente riprodotta come parola unica, enkukliopaideia, in qualche manoscritto rinascimentale (Picone 1994: 15f.).
Die Belegstellen in der Naturalis Historia des PliniusPlinius der Ältere und der Institutio Orationis des QuinitilianQuinitilian, Marcus Fabius zeigen, dass die Wendung enkuklios paideia ein pädagogisches Programm bezeichnet, wobei die „innere Zusammengehörigkeit des Wissenskanons“ hervorgehoben wird (Henningsen 1966: 284). Diese Bedeutung lässt sich in den griechischen Quellen jedoch noch nicht feststellen. Die frühesten Belege finden sich ab dem 4. Jahrhundert bei ZenonZenon von Kition, außerdem etwas später bei Dionysius von HalikarnassosDionysius von Halikarnassos und PlutarchPlutarch. In den griechischen Quellen ist mit enkuklios paideia jedoch keine allumfassende Bildung gemeint, sondern eine Art Grundbildung, „die ein Erwachsener benötigt, um mitreden zu können“ (Henningsen 1966: 308):
Unsere modernen Vorstellungen von „Enzyklopädie“ im Sinne von „umfassendem Wissen bzw. „umfassender“ Bildung leiten sich nicht aus der antiken enkuklios paideia her. Die enkuklios paideia umfasste ursprünglich nur einen Teilbereich der zu lehrenden und zu lernenden Gegenstände (Henningsen 1966: 308).
Erst in den römischen Quellen wird vermehrt der innere Zusammenhang des Wissens betont und in eben dieser Bedeutung wird der Ausdruck von den Humanisten rezipiert:
Da man im 16. und 17. Jahrhundert, als das neue Wort sich in Europa verbreitete, vom Altertum vornehmlich durch die Römer und die Kirchenväter Kenntnis hatte, bei diesen aber schon die charakteristische Bedeutungswandlung von „landläufiger, gewöhnlicher (Vor-)Bildung“ zum „Kreis des Wissensinsgesamts“ sich vollzogen hatte, bot sich die Möglichkeit an, „encyclopaedia“ auf dem Umweg über „orbis doctrinarum“ auch direkt auf ὲγχύχλιος παιδεία zu beziehen (Henningsen 1966: 309).
Der älteste Beleg für den Ausdruck encyclopaedia ist in einem Brief aus dem Jahre 1490 zu finden, in dem Franciscus PucciusPuccius, Franciscus dem Grammatiker PolitianPolitian zu dessen neuem Werk gratuliert und dieses als encyclopaedia bezeichnet (cf. Henningsen 1966: 283). Ab diesem Zeitpunkt verbreitet sich der Ausdruck in Europa und findet auch Eingang in die VolkssprachenVolkssprache. Der Erstbeleg im Französischen findet sich bei RabelaisRabelais, François (1537), der damit in Pantagruel 2,20 ironisierend auf ein Bildungsprogramm verweist. Etwas später tritt der Ausdruck bei Christoffe de Savignyde Savigny, Christoffe in Tableaux accomplis de tous les arts libéraux (1587) auf und referiert auf die Verbindung einzelner Künste und Wissenschaften (cf. Henningsen 1966: 286). Die frühesten Belege zeigen, dass mit encyclopédie zunächst „ein Wissensinsgesamt, dessen hervorstechendes Merkmal eine innige Verknüpfung des unter ihm Begriffenen ist“, gemeint ist und der Ausdruck erst später „ein Buch, das dieses Insgesamt zum Inhalt hat und „enzyklopädisch“ darbietet“ bezeichnet (Henningsen 1966: 303). Als einer der ersten, der encyclopaedia in einem Werktitel verwendet, gilt AlstedAlsted, Johann Heinrich, der eine umfassende Theorie der EnzyklopädieEnzyklopädie entwirft. Bekannt ist auch seine knappe Definition: „Encyclopaedia est methodica comprehensio rerum omnium in hac vita homini discendarum“ (Alsted nach Herren 2016), die in humanistischer Tradition den Zusammenhang, aber auch den Totalitätsanspruch der enzyklopädischen Bildung herausstellt.
In der Folge werden auch Werke in die Tradition der Enzyklopädie gestellt, deren Titel zwar anders lauten, deren Konzeption aber dem etablierten Enzyklopädiebegriff entspricht:
Viele als enzyklopädisch aufzufassende Texte (aus der Vormoderne) tragen nicht den Titel “Enzyklopädie”, sondern zum Beispiel “Schatzhaus”, “Goldgrube” oder “Marktplatz”. Umgekehrt können sich unter dem Titel “Enzyklopädie” ganz andere Werke verstecken (Herren 2016).
Die zeitgenössische Vorstellung von einer Enzyklopädie ist in etwa durch die folgenden Merkmale geprägt: Das Werk enthält „eine geordnete Darstellung eines jeweils für wichtig erachteten und für einen grösseren Kreis von Wissbegierigen brauchbaren Gesamtwissens“ (Schenda 2002: 21). Zudem erhebt es den Anspruch, eine umfassende Darstellung des Wissens zu bieten (Totalitätsanspruch). Dabei kann dieses Wissen aus mehreren Gebieten stammen oder es wird ein Wissensgebiet vertieft dargestellt. Die Wissensinhalte werden in spezifischer Weise angeordnet. Dabei gibt es je nach Weltanschauung verschiedene Typen der DispositionDisposition, beispielsweise die Anordnung des Wissens nach der Schöpfungsgeschichte, in einem Wissensbaum oder nach dem Dewey-Dezimalsystem (cf. Michel 2002: 40–46). Enzyklopädien werden nicht als Ganzschrift gelesen, sondern konsultiert. Dieser Lesemodus wird über eine ZugriffsstrukturZugriffsstruktur auf die Inhalte, aber auch durch Register erleichtert. Enzyklopädien beziehen zudem Informationen aus zweiter Hand und stellen dieses zusammen (KompilationKompilation). Auf diese Weise wird das gespeicherte Wissen von der Wissensproduktion abgeschnitten. Jedoch versuchen andere Typen von Enzyklopädien an die Quelle der Wissensproduktion heranzuführen und stellen Plattformen des Diskurses dar (z.B. BayleBayle, Pierre, DiderotDiderot, Denis). In der OnlineenzyklopädieEnzyklopädie– Online-~ Wikipedia sind mit dem Artikel, der eine neutrale Darstellung der Information anstrebt, dessen DiskussionsseiteDiskussionsseite und VersionsgeschichteVersionsgeschichte verknüpft, die diskursive AushandlungsprozesseAushandlungsprozess zeigen. Im Gegensatz zu Wörterbüchern geben Enzyklopädien Informationen zu Sachverhalten, nicht zu Wörtern. Die Sachinformationen in Enzyklopädien werden häufig von ParatextenParatext begleitet, die das Werk präsentieren und inszenieren (Vorrede, Frontispiz) oder dessen Erschließung erlauben (taxonomische Ordnungsangaben, Marginalien, Inhaltsverzeichnis, Register) (cf. Herren 2016). Neben der vordergründigen InformationsfunktionInformationsfunktion spielen in Enzyklopädien auch weniger offensichtliche Ziele eine Rolle. Dazu gehören die systematische Anordnung kontingenter Inhalte und die Legitimierung dieser Ordnung, das Lob auf die göttliche Ordnung, oder das Lob auf den Fortschritt durch Erkenntnis und die Ermöglichung gesellschaftlicher Konversation durch die Bereitstellung salonfähiger Themen. Zudem können Enzyklopädien unterhalten, einen Ersatz für eine fehlende Bibliothek darstellen, Gegenständen Wertschätzung verleihen, Lebensweisheiten bestätigen, die allgemeine Bildung fördern, und nicht zuletzt dienen sie Kulturen dazu, sich ihrer selbst zu vergewissern (cf. Herren 2016).
2.2 Von den Anfängen bis zur Aufklärung
Schon in der römischen Antike wurden Texte verfasst, die den Inhalten und Zielen moderner Enzyklopädien nahestehen. Das Wissen wurde häufig in thematischen Kapiteln oder in ganzen Büchern präsentiert, die zumeist den Wissensgebieten aus den artes liberales gewidmet waren. Als römische Enzyklopädien gelten CatosCato, Marcus Porcius Libri ad Marcum filium, die Werke VarrosVarro, Marcus Terentius (Disciplinarum libri IX, Rerum divinarum et humanarum antiquitates, Imagines) und die Naturalis historia von PliniusPlinius der Ältere dem Älteren, welche in 37 Bänden Wissen zu ganz unterschiedlichen Gebieten wie beispielsweise Geografie, Zoologie, Botanik oder Medizin vermittelt (cf. Rey 2007: 94–99; Collison 1966: 23f.).
Im Mittelalter trat neben die artes liberales ein christliches Wissen, das verbreitet wurde. So enthalten die Institutiones des CassiodorCassiodor neben Inhalten zu den Freien Künsten Anweisungen zum Klosterleben, da das Werk der Unterrichtung von Mönchen diente und auch für die mündliche Instruktion geeignet war. Ebenso wird in den Etymologiae (lat. Origines) des Isidor von SevillaIsidor von Sevilla antikes und christliches Wissen vermittelt, indem der ‚wahre‘ Sinn ausgewählter Wörter erläutert wird, der einen tieferen Einblick in die Natur der Dinge gewährt. Ebenfalls zu erwähnen ist De naturis rerum von Hrabanus MaurusHrabanus Maurus (9. Jh.), ein Werk, das enzyklopädisches Wissen in 22 Büchern enthält, darunter viele kompilierte Abhandlungen früherer Autoren. Für Klosterschüler ist auch das Didascalion (1127) von Hugo von Sankt-ViktorHugo von Sankt-Viktor gedacht, das Informationen zu den Sieben Freien Künsten, aber auch zu sieben mechanischen Künsten enthält und damit letztere in den Kanon des Wissenswerten aufnimmt. Die wohl bekannteste Enzyklopädie des Mittelalters ist der Speculum Maius von Vinzenz von BeauvaisVinzenz von Beauvais (1240–1260), der in den vier Teilen Speculum naturale, Speculum doctrinale, Speculum morale und Speculum historiale Wissen zu den genannten Gebieten bereitstellt (cf. Collison 1966: 60–62).
Die Enzyklopädien des Mittelalters sind zumeist für Geistliche und Gelehrte auf Latein verfasst. Mit dieser Tradition brach Brunetto LatiniLatini, Brunetto, der die erste volkssprachlichevolkssprachlich Enzyklopädie, Li livres dou Trésor (1260–1266) im Exil auf AltfranzösischAltfranzösisch erstellte (cf. Reutner/Schwarze 2011: 65; Rey 2007: 125; Collison 1966: 64f.). Das Werk war für das aufstrebende Bürgertum in Italien gedacht:
Latini wanted to reach the Italian cultured classes: he therefore used French, their common language, as his vehicle (Collison 1966: 64).
Das Werk enthält ein säkulares Wissen, das sich aus antiken Quellen wie Cicero und Seneca speist, und die Bereiche Philosophie, Politik und Wirtschaft abdeckt. Der dritte Teil, der Anweisungen für das gute Regieren enthält, nimmt bereits die politischen Konzepte der italienischen Renaissance vorweg (cf. Collison 1966: 64; Rey 2007: 126). Eine kürzere Darstellung enzyklopädischen Wissens findet sich im Lehrgedicht Il Tesoretto, das auf ToskanischToskanisch verfasst ist (cf. Reutner/Schwarze 2011: 65). Neben diesen ersten Versuchen enzyklopädischer Werke in der VolksspracheVolkssprache bestanden jedoch noch lange Werke auf LateinLatein wie etwa die Enzyklopädie Fons memorabilium universi (1444–1448) des italienischen Humanisten Domenico BandiniBandini, Domenico.1 Ebenfalls auf Latein erschien das Dictionarium historicum, geographicum et poeticum (1553) von Charles EstienneEstienne, Charles, das Erläuterungen zu Eigennamen enthält und von Collison als „the first indigenous French encyclopedia“ (Collison 1966: 79) eingestuft wird. Das Adjektiv French bezieht sich hier jedoch lediglich auf die inhaltliche Ausrichtung der Enzyklopädie, während andere Werke übersetzt wurden:
But for encyclopaedias in their own language, the French were still relying – in Estiennes time – on translations of the encyclopaedias of other nations, such as Les diverses leçons de Pierre Messie, contenans de variables histoires et autres choses mémorables, mises en françoys par Cl. Gouget (Collison 1966: 79).
Diese ÜbersetzungÜbersetzung basiert auf dem Werk des spanischen Historikers Pedro MexíaMexía, Pedro, das allerdings von mittelmäßiger Qualität ist. Ebenso handelt es sich bei Domenico DelfinosDelfino, Domenico Sommario di tutte le scientie (Venedig 1556) um ein Plagiat von Alfonso de la Torresde la Torre, Alfonso Visión deleitable (1435) (cf. Collison 1966: 79). Selbst wenn zur Zeit EstiennesEstienne, Charles noch keine eigenständigen volkssprachlichenvolkssprachlich Enzyklopädien verfügbar waren, so zeigt sich an wissenschaftlichen Abhandlungen, dass die VolksspracheVolkssprache immer weiter in die Domäne wissensvermittelnder Texte vordringt. Zu nennen sind hier der Thrésor de l’histoire des langues (1613) von Claude DuretDuret, Claude, das Praedium rusticum von Charles EstienneEstienne, Charles (1554), oder das Théâtre d’agriculture (1600) von Olivier de Serresde Serres, Olivier. Zudem wurden Sammlungen von FachterminiTerminus erstellt wie die Historia stirpium von Leonhart FuchsFuchs, Leonhart (1542), in deren französischer Fassung sich lateinischelateinisch Fachtermini in theoretischen Wissensgebieten und französische Bezeichnungen in angewandten Gebieten abwechseln. Diese Auflistungen von Fachtermini, aber auch von Eigennamen prägten das 16. Jahrhundert:
Si l’encyclopédisme global sous forme de grands ouvrages didactiques est absent au XVIe siècle, il n’en va pas de même pour la description des savoirs et usages spéciaux et des nomenclatures scientifiques, qui vont donner naissance à la notion plus récente de « terminologie » – d’abord sous forme de « nomenclature » –, ainsi que pour le répertoriage des noms propres et la bibliographie (Rey 2007: 162).
Im 17. Jahrhundert setzte sich das alphabetische Eigennamenlexikonalphabetisches Eigennamenlexikon vollständig durch und genoss große Popularität:
Mais les succès de ce temps furent surtout des dictionnaires de noms propres, réunissant alphabétiquement, sans angoisses classificatoires (Rey 2007: 171).
Neben Werken, welche die traditionelle DispositionDisposition enthalten, traten über den Weg des EigennamenlexikonsEigennamenlexikon im französischen Sprachgebiet Werke mit enzyklopädischen InformationenInformation– enzyklopädische in stichwortförmiger Anordnung auf. Zu nennen ist hier das Dictionnaire theologique, historique, poetique, cosmographique et chronologique (1627) von Daniel de Juigné Broissièrede Juigné Broissière, Daniel, das in alphabetischer Reihenfolge EigennamenEigenname von Orten oder auch Personen enthält und zu diesen ausschließlich enzyklopädische InformationenInformation– enzyklopädische liefert. Das Werk ist eine Übertragung des Dictionarium historicum, geographicum ac poeticum (1553) von Charles EstienneEstienne, Charles ins Französische, die später von Louis MorériMoréri, Louis im Vorwort von dessen Lexikon aufgrund der Unselbstständigkeit kritisiert wurde. Ebenfalls in Verbindung mit Eigennamen wird die enzyklopädische Information in La bibliothèque universelle (1649) von Paul Boyer präsentiert. Dabei handelt es sich um ein rückläufiges WörterbuchWörterbuch– rückläufiges, das zunächst Wörter und in einer eigenen Sektion Eigennamen mit den genannten Endungen präsentiert und dazu enzyklopädische Informationen gibt. Im 17. Jahrhundert traten auch italienischsprachige Enzyklopädien mit einer alphabetischen Anordnung der StichwörterStichwort auf, wie das Teatro de gl’inventori di tutte le cose (1603) von Bruno Vincenzo,Vincenzo, Bruno oder das Convito morale per gli etici, economici, e politici (1639), selbst wenn sich im Italienischen die Bezeichnung dizionariodizionario erst ab dem 18. Jahrhundert für solche Werke durchsetzte.
In der französischsprachigen Enzyklopädielandschaft zeichnete sich im 17. Jahrhundert eine Entwicklungslinie anhand dreier Enzyklopädien ab, die Merkmale der Grande Encyclopédie aus dem 18. Jahrhundert vorwegnehmen: Es handelt sich um Le Grand dictionnaire historique, ou le mélange curieux de l’histoire sacrée et profane von Louis MorériMoréri, Louis (1674), das Dictionnaire universel von Antoine FuretièreFuretière, Antoine (1694) und das Dictionnaire historique et critique von Pierre BayleBayle, Pierre (1697) (cf. Rey 2007: 172). Den Anfang bildet MorérisMoréri, Louis EigennamenlexikonEigennamenlexikon, dessen historische und biografische Einträge die Tradition enzyklopädischer Informationen in Lexikonform mitbegründen:
premier dictionnaire de noms propres de conception moderne, joignant biographies et descriptions géographiques ou textuelles […] arrangés alphabétiquement (Rey 2007: 172).
Jedoch übernahm MorériMoréri, Louis Material aus früheren Quellen, was später die Kritik BaylesBayle, Pierre hervorrief. Ein weiterer Wegbereiter der Grande Encyclopédie war Antoine FuretièresFuretière, Antoine Dictionnaire universel, ein enzyklopädisches Wörterbuchenzyklopädisches Wörterbuch, das anders als das Dictionnaire de l’Académie (1694) den FachwortschatzFachwortschatz der damaligen Zeit berücksichtigte und zu diesem enzyklopädische Informationen bereitstellte:
[il] inaugure dans un dictionnaire strictement alphabétique les développements factuels, les références textuelles récentes, les discussions sur la valeur des informations scientifiques qui vont renouveler le discours de l’encyclopédie (Rey 2007: 173).
Allerdings ist FuretièresFuretière, Antoine Werk zum Großteil darauf bedacht, eine verlässliche Synopse relativ unstrittiger Fakten zu geben:
On the whole, Furetières approach to scientific matters is to avoid controversial interpretations and instead to provide a synopsis of the subject matter in usually no more than five or six lines in length (Ross 1981: 61).
Die Wende von der neutralen Faktensammlung hin zu einer kritischen Darstellung wurde durch Pierre BaylesBayle, Pierre Dictionnaire historique et critique eingeleitet, das ursprünglich als Verbesserung von MorérisMoréri, Louis LexikonLexikon gedacht war, sich aber nach und nach zu einem eigenständigen Werk entwickelte:
Bayle fait entrer la critique textuelle, inaugurée au XVIe siècle par l’humanisme, dans le projet encyclopédique, en attendant que Diderot et d’Alembert y fassent entrer la polémique, mais aussi l’observation et l’esprit scientifique (Rey 2007: 173).
BaylesBayle, Pierre EnzyklopädieartikelEnzyklopädieartikel enthalten zwei Typen von VerweisenVerweis: Kleinbuchstaben zeigen bibliografische Referenzen zum Artikeltext an, Großbuchstaben verweisen auf den kritischen Kommentar, der sich in kleinerer Schriftart etwas abgesetzt unterhalb des Artikels befindet. Dieser Kommentar enthält wiederum Verweise in arabischen Ziffern auf die im Kommentar verwendeten Quellen. Die kritische Methode BaylesBayle, Pierre erstreckt sich somit auf drei Ebenen, nämlich auf das Belegen des Artikelinhalts mithilfe von Quellen, die Reflexion der Fakten in einem kritischen Kommentar und die Absicherung der Positionen in diesem Kommentar durch weitere Quellen. In etwas vereinfachter Form findet die kritische Methode auch in der Grande Encyclopédie Anwendung. MorérisMoréri, Louis Aufnahme von enzyklopädischen Inhalten, FuretièresFuretière, Antoine Erweiterung dieses Wissens um Informationen aus den aufkommenden Naturwissenschaften und BaylesBayle, Pierre kritische Methode bereiteten den Weg für die Grande Encyclopédie und stellten in ihrer Innovativität zeitgenössische Werke wie das Dictionnaire général et curieux (1685) von César de Rochefortde Rochefort, César oder das Dictionnaire des arts et des sciences von Thomas CorneilleCorneille, Thomas in den Schatten.
In der Tradition von MorériMoréri, Louis, FuretièreFuretière, Antoine und BayleBayle, Pierre steht auch die erste, jedoch unvollständige, italienische Enzyklopädie, die Biblioteca universale sacro-profana, antico romana (1701–1717) von Vincenzo CoronelliCoronelli, Vincenzo, die für die kulturelle Erneuerung des Franziskaner-Minoriten-Ordens konzipiert wurde, dessen Vorstand CoronelliCoronelli, Vincenzo war (cf. Barzazi 1996: 61). Die französischen LexikaLexikon dienten als Quellen für die KompilationKompilation, wie auf dem zweiten Frontispiz erklärt wird:
presentare inoltre notizie ed « erudizioni » contenute nel dizionario storico di Moréri e in quello geografico del Baudrand, « confrontati » rispettivamente con le « critiche » del Bayle (Barzazi 1996: 71).
Jedem Band ist ein Index vorangestellt, der die LemmataLemma des Bandes enthält. Die Artikel behandeln nicht nur Themen aus der Religion, sondern berücksichtigen auch die Wissenschaften:
Non poche pagine erano infatti riservate alla medicina. In una voce generale, « Anatomia », Coronelli ripresentava in otto colonne l’immagine del corpo umano della vecchia medicina galenica e umorale, inserendo però alla fine una bibliografia in cui figuravano i maggiori rappresentanti della tradizione sperimentale italiana e straniera (Barzazi 1996: 74).
Trotz seiner innovativen Züge gerät das Werk schnell in Vergessenheit und wird von den Nachfolgern lediglich sporadisch erwähnt (cf. Barzazi 1996: 83).
2.3 Aufklärung
Mit der Aufklärung brach ein Zeitalter an, in dem sowohl der antike als auch der christliche Kanon des Wissens hinterfragt und über die Voraussetzungen von Erkenntnis reflektiert wurde:
Les théories du signe de la philosophie anglo-saxonne en général, de BaconBacon, Francis à Locke en passant par Hobbes et, tout autrement, par Berkeley, élaborent une critique de la connaissance qui sera utile aux encyclopédistes de l’avenir (Rey 2007: 175).
Der Anspruch, Wissen nach erkenntnistheoretischen Prinzipien zu inventarisieren, spiegelt sich auch in den Enzyklopädien der Aufklärung wider. Als Pionier eines solchen Versuchs gilt Francis BaconBacon, Francis, der, als Teil seines Werkes The great instauration, eine Enzyklopädie mit dem Titel The Phenomena of the Universe, or a Natural and Experimental History for the Foundation of Philosophy plante (cf. Collison 1966: 82). Das enthaltene Wissen sollte in die drei Bereiche External Nature, Man und Man’s Action on Nature gegliedert werden. Obwohl Bacons Werk unvollendet blieb, übte es einen maßgeblichen Einfluss auf die nachfolgenden Enzyklopädien aus:
from that time on, all encyclopaedists took good care that their own efforts should be equally comprehensive and well-planned (Collison 1966: 84).
Unter Berufung auf BaconBacon, Francis stellte auch Ephraim ChambersChambers, Ephraim seiner Cyclopaedia, or an Universal Dictionary of Arts and Sciences (1728) einen Baum des Wissens voran: „Knowledge, is either Natural and scientifical […] or artificial and technical” (Chambers 1728: ii). Erklärt wird die Grundunterscheidung zwischen Kunst und Wissenschaft wiederum mit den Operationen des Geistes:
The Distribution we have made of Knowledge is founded on this, that the several Branches thereof commence with either Art or Science according to the Agency or Non-agency of the human mind in respect thereof (Chambers 1728: iv).
Diese Vorgehensweise wirkte modellbildend für die nachfolgenden Enzyklopädien und verbreitete sich auch dadurch, dass ÜbersetzungenÜbersetzung der Cyclopaedia ins Französische und ins Italienische geplant wurden (cf. Farinella 1996: 100). So ist die italienische Übersetzung Ciclopedia ovvero dizionario universale delle arti e delle scienze (1747) von Giuseppe de Borisde Boris, Giuseppe neben weiteren Versionen als durchaus bedeutend für die Geschichte der Enzyklopädie in Italien einzuschätzen (cf. Farinella 1996: 101; Schafroth 2012: 408f.).
In etwa zeitgleich entstand das Nuovo Dizionario scientifico e curioso von Gianfrancesco PivatiPivati, Gianfrancesco (1746–1751), das in seinen Notizie preliminari ebenfalls erkenntnistheoretische Reflexionen beinhaltet, die allerdings als zunehmender Erkenntnisprozess nach der Vertreibung aus dem Paradies im Rahmen der Schöpfungsgeschichte dargestellt werden. Ebenso wie BaconBacon, Francis und ChambersChambers, Ephraim unterscheidet PivatiPivati, Gianfrancesco Wissenschaften und Künste und setzt sie zu den drei Erkenntnismöglichkeiten in Beziehung:
dalla cognizione fattane, conosciuta che abbia rem per causam, forma la Scienza; della quale poi, per porre in pratica ciò che ha appreso colla specolazione, ne nasce l’Arte esecutrice delle idee concepite dall’anima illuminata. Ecco in tal guisa messe in opera tutte tre le potenze dell’anima stessa: L’Intelletto nel pensare, la Memoria nel richiamare le altre specie simili o analoghe, e la Volontà nel determinarsi a far sì che il corpo col suo materiale eseguisca (Pivati 1746–1751: ii).
Die Tatsache, dass bei PivatiPivati, Gianfrancesco das aufklärerische Gedankengut in die biblische Schöpfungsgeschichte eingebettet wird, die Theologie an erster Stelle steht, und auch die Illustrationen die Bedeutung religiöser Zeremonien betonen, stellt eine Adaptation an die italienischen Verhältnisse dar. Diese waren durch die Dominanz der katholischen Kirche geprägt und PivatisPivati, Gianfrancesco Werk wirkt vor diesem Hintergrund geradezu liberal (cf. Infelise 1996: 170; Garofalo 1981: 198f.).
In etwa zeitgleich zu den italienischen ÜbersetzungenÜbersetzung der Cyclopaedia und zu PivatisPivati, Gianfrancesco Werk entstand in Frankreich DiderotsDiderot, Denis und d’Alembertsd’Alembert, Jean le Rond Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers (1751–1772), die zunächst als Übersetzung von ChambersChambers, Ephraim Cyclopaedia gedacht war, sich dann jedoch schnell zu einem eigenen Werk entwickelte (cf. Rey 2007: 186). Schon der Titel verweist auf die zweifache Funktion des Werks, die im Discours préliminaire erläutert wird:
L’ouvrage dont nous donnons aujourd’hui le premier volume, a deux objets: comme Encyclopédie, il doit exposer, autant qu’il est possible, l’ordre & l’enchaînement des connaissances humaines: comme Dictionnaire raisonné des Sciences, des Arts & des Métiers, il doit contenir sur chaque science & sur chaque art, soit libéral, soit mécanique, les principes généraux qui en sont la base, & les détails les plus essentiels qui en font le corps et la substance (Diderot/d’Alembert 1751–1780: i).
In Anlehnung an ChambersChambers, Ephraim wurde dem Werk ein Baum des Wissens vorangestellt, wobei die Möglichkeiten der Erkenntnis über das Gedächtnis, die Vernunft und die Vorstellungskraft die Basisklassifikation der Wissenschaften in Geschichte, Philosophie und Poesie bedingen:
Les Êtres physiques agissent sur les sens. Les impressions de ces êtres en excitent les perceptions dans l’Entendement. L’Entendement ne s’occupe de ses perceptions que de trois façons, selon les trois facultés principales, la Mémoire, la Raison, l’Imagination. Ou L’Entendement fait un dénombrement pur & simple de ses perceptions par la Mémoire; ou il les examine, les compare, & les digère par la Raison; ou il se plaît à les imiter & à les contrefaire par l’Imagination. D’où résulte une distribution générale de la Connaissance humaine, qui paroît assez bien fondée, en Histoire, qui se rapporte à la Mémoire; en Philosophie, qui émane de la Raison; & en Poésie qui naît de l’Imagination (Diderot/d’Alembert 1751–1780: xc).
Jeder Artikel soll nun in diesem System verortet werden und die Bezüge zwischen den einzelnen Einträgen sollen durch QuerverweiseVerweis hergestellt werden:
Ainsi trois choses forment l’ordre encyclopédique; le nom de la Science à laquelle l’article appartient; le rang de cette Science dans l’Arbre, la liaison de l’article avec d’autres dans la même Science ou dans une Science différente; liaison indiquée par les renvois; ou facile à sentir au moyen des termes techniques expliqués suivant leur ordre alphabétique (Diderot/d’Alembert 1751–1780: xxxvj).
Jedoch ist die Encyclopédie weit davon entfernt, eine einfache Darstellung von Sachwissen zu liefern. Hatte BayleBayle, Pierre in seinem Werk schon die kritische Methode verwendet, so wurde diese in der Encyclopédie ebenso genutzt:
On s’est attaché autant qu’il a été possible, à éviter cet inconvénient, en citant dans le corps même des articles les Auteurs sur le témoignage desquels on s’est appuyé; rapportant leur propre texte quand il est nécessaire; comparant par-tout les opinions; balançant les raisons; proposant des moyens de douter ou de sortir de doute; décidant même quelquefois (Diderot/d’Alembert 1751–1780: lxiv).
Die Einträge in der Encyclopédie sind insgesamt äußerst heterogen, was auf das ExpertenprinzipExpertenprinzip zurückzuführen und auch beabsichtigt ist:
Les différentes mains que nous avons employées ont apposé à chaque article comme le sceau de leur style particulier, ainsi que celui du style propre à la matière & à l’objet d’une Partie. Un procédé de Chymie ne sera point du même ton que la description des bains & des théâtres anciens; ni la manœuvre d’un Serrurier exposée comme les recherches d’un Théologien sur un point de dogme ou de discipline. Chaque chose a son coloris, & ce serait confondre les genres que de les réduire à une certaine uniformité (Diderot/d’Alembert 1751–1780: xxxvj).
Jedoch ist auch die Qualität sehr schwankend. Während einige Einträge Meisterstücke philosophischer Abhandlungen sind, sind andere weniger eloquent bis fehlerhaft. Teilweise existieren zwei Einträge zum gleichen StichwortStichwort. Bemerkenswert in der Encyclopédie ist jedoch die Darstellung zeitgenössischer Technologien, die teilweise auf empirischer Beobachtung beruht und zu sehr realitätsgetreuen Abbildungen von Maschinen führt:
Pour Diderot, la partie la plus importante et la plus forte de l’ouvrage était sans aucun doute la « description des arts », la technologie. Ce domaine est en fait l’acte de naissance de la terminologie moderne, et, si le technologue historien peut y déceler des insuffisances, les questions de méthode et de « langage » y sont admirablement posées (Rey 2007: 192).
In der Nachfolge der Encyclopédie entstanden unter dem Verleger Charles PanckouckePanckoucke, Charles sieben Ergänzungsbände (Suppléments). Außerdem wurden Folgewerke publiziert, die insbesondere im französischsprachigen Raum bis 1780 stark von der Encyclopédie beeinflusst waren (cf. Kafker 1994: 398). Von 1770–1780 veröffentlichte Fortunato Bartolomeo de Felice die Encyclopédie d’Yverdon. PanckouckePanckoucke, Charles nahm die Gesamtheit der Artikel aus der Encyclopédie wieder auf und publizierte sie in den thematischen Bänden der Encyclopédie méthodique (ab 1788). Mit dem Erscheinen der Encyclopédie und der Encyclopédie méthodique war einerseits der Höhepunkt, andererseits jedoch auch ein Endpunkt der Enzyklopädien der Aufklärung erreicht:
L’Encyclopédie et l’Encyclopédie méthodique marquent la fin d’une époque, alors que les débuts de la Britannica ou le Conversations-Lexikon allemand inaugurent les conceptions plus pragmatiques, moins inspirées, plus « reproductrices », que l’édition moderne continue d’appliquer, à de rares exceptions près (Rey 2007: 193).
Nach 1780 schwächte sich der modellbildende Einfluss der Encyclopédie ab (cf. Kafker 1994: 398). Lediglich die Bezeichnung encyclopédie für ein Referenzwerk, die Größe, in manchen Fällen die Rekrutierung von Experten oder der Zugriff über einen Index wurden tradiert. Die kritisch-polemische Darstellung gesellschaftlicher Verhältnisse mit dem Ziel, diese zu transformieren wurde von den Nachfolgern nicht weiterverfolgt (cf. Kafker 1994: 395).
2.4 Bürgerliches Zeitalter
An die Stelle des Modells der Encyclopédie trat das KonversationslexikonKonversationslexikon, das maßgeblich durch die Werke aus dem Hause Brockhaus geprägt wurde. Ab 1809 erschien die erste Auflage unter dem Titel Konversations-Lexikon oder kurzgefasstes Handwörterbuch für die in der gesellschaftlichen Unterhaltung aus den Wissenschaften und Künsten vorkommenden Gegenstände mit beständiger Rücksicht auf die Ereignisse der älteren und neueren Zeit. Im Gegensatz zur Encyclopédie, in der gesellschaftskritisch das präsentierte Wissen hinterfragt wurde, liegt das Ziel des Konversationslexikons darin, knapp, präzise und neutral Wissen zu vermitteln, das für eine breite Bevölkerungsschicht die Teilhabe am gesellschaftlichen Diskurs ermöglicht:
Indem ich es versucht habe, durch gegenwärtige Erklärung der in das gemeine Leben übergegangenen wissenschaftlichen Kenntnisse und Begriffe die Theilnahme an einer lehrreichen Unterhaltung und zu gleicher Zeit die Benutzung schätzbarer Schriften zu erleichtern, haben mir im Allgemeinen folgende Grundsätze vorgeschwebt (Brockhaus 1809: vii).
Der Erfolg des Konversationslexikons basierte auf der einfachen Lektüre, dem homogenen Charakter, der Kürze und der Anonymität der Artikel (cf. Rey 2007: 198). In der Folge verbreitete sich das Konversationslexikon sehr schnell in weiteren germanischsprachigen Ländern wie Norwegen, Dänemark und Holland und erreichte wenig später romanischsprachige Länder wie Frankreich, Italien und Spanien. Der Einfluss dieses Lexikontyps reichte bis Ungarn, Russland und in die USA (cf. Rey 2007: 198). In Frankreich dominierte zu Beginn des Jahrhunderts noch die Encyclopédie méthodique von PanckouckePanckoucke, Charles, wurde jedoch durch Werke kleineren Formats abgelöst, wie beispielsweise durch die Encyclopédie portative (cf. Rey 2007: 203). Sukzessive entstanden auch im Hexagon Werke wie die Encyclopédie moderne, ou Dictionnaire abrégé des sciences, des lettres et des arts (1823–1832) von CourtinCourtin, Eustache Marie Pierre Marc Antoine, die sich am englischen und deutschen Vorbild orientieren und einer breiten bildungshungrigen Bevölkerungsschicht den Zugang zu aktuellem und anwendungsbezogenem Wissen ermöglichen möchten:
Il fallait donc, comme en Allemagne, comme en Angleterre, mettre l’Encyclopédie à la portée de toutes les fortunes; il fallait que les citoyens industrieux pussent connaître les conquêtes de l’industrie, que la classe studieuse pût apprécier les progrès des connaissances humaines (Courtin 1827–1832: v).
Am Konversationslexikon orientierten sich ebenfalls das Dictionnaire de la conversation et de la lecture (1833–1851) oder die Encyclopédie des gens du monde (1833–1845). In Anlehnung an den Brockhaus beanspruchen beide Werke für sich, dem Bürgertum des 19. Jahrhunderts ein zuverlässiges Orientierungswissen zu liefern und lehnen die kritische Methode der Enzyklopädisten ab:
Nous osons croire que le Dictionnaire de la Conversation et de la Lecture sera au milieu de ce chaos de passions, d’erreurs et de préjugés, un guide plus sûr que tous ceux qu’on a pu jusqu’à ce jour offrir au public (Duckett 1832–1851: 3).
Im Gegensatz zu den Enzyklopädisten, die gesellschaftliche Regeln hinterfragen, wurde das Nachschlagewerk im 19. Jahrhundert als „œuvre de sociabilité et de civilisation“ (Artaud 1833–1844: iii) gesehen, das den Lesern ermöglicht, in der bestehenden Gesellschaft akzeptiert zu werden.
Auch in Italien entstanden Nachschlagewerke, die dem Modell des KonversationslexikonsKonversationslexikon folgen wie die Enciclopedia italiana e dizionario della conversazione (1838–1852). Auf einer ÜbersetzungÜbersetzung der englischen Brockhausausgabe in das Italienische basierte die Nuova enciclopedia popolare (1841–1851) und die neue Auflage Nuova enciclopedia popolare italiana (1863–1870) von Giuseppe PombaPomba, Giuseppe, dem Begründer des Verlags UTET (Unione Tipografico Editrice Torinese). Die Werke PombasPomba, Giuseppe, aber auch die Manuali Hoepli und die Biblioteca Nazionale Le Monnier, waren in der Gestaltung ihrer Einträge, aber auch des Preises, für ein breites Publikum gedacht (cf. Carnazzi/Fedriga 2002: 78):
Lo scopo della Enciclopedia nostra […] è di usufruttare il meglio di tutte le Enciclopedie finora apparse, compendiarlo in forme perspicue, accessibili a tutte le intelligenze, e con uno sviluppo di dottrine informate d’ogni più alto spirito d’imparziale verità renderlo necessaria all’indotto, e non inutile al dotto (Pomba 1863–1870: viii).
Die Vermittlung von Wissen an breite Bevölkerungsschichten war auch das Anliegen des Grand Dictionnaire universel du XIXe siècle (1817–1875) von Pierre LarousseLarousse, Pierre. Der eigentliche Beitrag dieses Werks zur Geschichte der EnzyklopädikEnzyklopädik liegt jedoch darin, dass das Werk den Erfolg der enzyklopädischen Wörterbücherenzyklopädisches Wörterbuch mitbegründete, in denen Sprach- und Sachinformationen enthalten sind. Im Grand Dictionnaire universel dient die SprachinformationInformation– sprachliche als Ausgangspunkt:
Le Grand Dictionnaire universel du XIXe siècle étant, avant tout, le dictionnaire de la langue, la partie lexicographique a reçu des développements qu’on cherchait vainement ailleurs […]: sens propres, sens par extension, par analogie ou par comparaison, sens figurés purs, sont nettement déterminés par des exemples qui font rigoureusement ressortir les nuances et les délicatesses des diverses acceptions (Larousse 1866–1890: lxv).
Jedoch wurden auch EigennamenEigenname und FachterminiTerminus in das Nachschlagewerk aufgenommen und die Einträge wurden mit enzyklopädischen InformationenInformation– enzyklopädische angereichert. Dabei wurde auf eine systematische Abdeckung verschiedener Wissenschaften geachtet, die im Vorwort thematisiert wird:
Ainsi, nous avons entièrement parcouru le vaste cercle des connaissances humaines; pour chaque branche, nous avons établi une statistique précise, qui embrasse tout les progrès des lettres, des arts et des sciences, jusqu’au moment où nous écrivons; en sorte que le Grand Dictionnaire universel est l’image vivante, la photographie exacte, une sorte de grand-livre où se trouve consigné, énuméré et expliqué tout ce qui est sorti des inspirations du génie, de l’intelligence, des études, de l’expérience et de la patience de l’homme (Larousse 1866–1890: lxxiii).
Das enzyklopädische Wörterbuchenzyklopädisches Wörterbuch ist ein Produkt der „rencontre de la tradition du dictionnaire et la vogue des encyclopédies portatives inaugurée en Allemagne“ (Rey 2007: 208). LarousseLarousse, Pierre lieferte jedoch keine objektive Darstellung der enzyklopädischen InformationenInformation– enzyklopädische, sondern präsentierte diese von einem persönlichen Standpunkt aus und stellte sich in die kritische Tradition von BayleBayle, Pierre:
le Grand Dictionnaire universel du XIXe siècle regarde le Dictionnaire historique et critique comme un de ses plus glorieux ancêtres (Larousse 1866–1890: xxii).
In der Folge wurde das enzyklopädische Wörterbuchenzyklopädisches Wörterbuch auch für die Werke in anderen Ländern zum Modell. In Italien orientierte sich Giovanni Battista MelziMelzi, Giovanni Battista am Grand Dictionnaire universel, an dem er während seiner Zeit in Paris selbst als freier Mitarbeiter beteiligt war. Zurück in Italien publizierte er nach dem französischen Vorbild 1896 den Nuovissimo Melzi, ein enzyklopädisches Wörterbuchenzyklopädisches Wörterbuch, das einen sprachlichen und einen enzyklopädischen Band beinhaltet.
2.5 Zeitalter nationaler Enzyklopädien
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wirkte die Encyclopædia Britannica modellbildend, was auf den Erfolg der 11. Auflage zurückzuführen ist. Auf dieser Basis bildeten sich die Merkmale moderner Enzyklopädien heraus, welche die Abfassung in der Landessprache, die alphabetische Anordnung der Stichwörter, Experten als Autoren, die Biografien lebender Persönlichkeiten, grafische Elemente wie Illustrationen, Karten, Pläne, an die Artikel angehängte Bibliografien, einen Index mit Personen- und Ortsnamen, Supplemente zur Aktualisierung und zahlreiche sowie adäquate Verweise im Text umfassen (cf. Collison 1966: 199). Mit der Erwartung, dass moderne Enzyklopädien in der Landessprache abgefasst sind, leitet die Encyclopædia Britannica gleichzeitig das Zeitalter nationalsprachlicher Enzyklopädien ein (cf. Collison 1966: 199). Im Gegensatz zu den vorhergehenden Jahrhunderten wurden im 20. Jahrhundert Enzyklopädien lediglich dann übersetzt, wenn es ausschließlich um technisch-wissenschaftliche Inhalte ging, die als allgemein gültig angesehen wurden. Alle weiteren Inhalte wurden kulturell adaptiert (cf. Rey 2007: 215). Die elfte Auflage der Britannica besaß jedoch noch keinen national oder ideologisch eingeengten Fokus, sondern sie wollte ein Referenzwerk für alle anglophonen Sprecher sein:
The articles in the Encyclopaedia Britannica, however, are of course not limited to personages of the British Islands. Not only biographies here included the great men and women of French, German, Italian, Belgian, Dutch, Russian, Scandinavian, Japanese, and other foreign nationalities, as well as of those of the ancient world, but the same standard of selection has been applied to American and British Colonial biography as to English, Welsh, Scottish and Irish […] It thus completes its representation of the English-speaking peoples, to all of whom English history, even in its narrower sense, is a common heritage, and in its evolution a common example (Encyclopaedia Britannica 1910: xvi).
Dem Vorbild der Encyclopædia Britannica folgten auch die Grande Encyclopédie von Marcellin BerthelotBerthelot, Marcellin (ca. 1900) und die Enciclopedia universal ilustrada europeo-americana (1905) (cf. Collison 1966: 201).
Es entstanden jedoch in der Folge Werke, die, wie die Große Sowjetische Enzyklopädie, einer Staatsideologie verpflichtet sind. Eine der bekanntesten unter diesen ist die Enciclopedia italiana di scienze, lettere ed arti (1929–1939) von Giovanni TreccaniTreccani, Giovanni und Giovanni GentileGentile, Giovanni, die den italienischen Faschismus offen unterstützt:
Il clima che ha reso possibile un’opera come questa, alla quale non parve in passato possibile in Italia pensare, è il nuovo spirito esploso con l’avvento del Fascismo, che scosse idee e sentimenti e accese una passione inestinguibile di rinnovamento e di affermazione della potenza dell’Italia nel mondo (Treccani/Gentile 1929–1939: xii).
Sie ist als Nationalwerk Italiens konzipiert („illustrare il nostro paese e il nostro tempo“; Treccani/Gentile 1929–1939: xiii), mit dem Ziel, kulturell zu anderen Ländern aufzuschließen:
un’enciclopedia italiana, tutta italiana, nata dalla stessa letteratura nostra, originale insomma e da potersi paragonare a quelle che dal secolo XVIII in poi hanno avute le altre grandi nazioni di Europa e di America, fino ad oggi mancava (Treccani/Gentile 1929–1939: xi).
Insbesondere sollte den italienischen Verhältnissen Rechnung getragen werden, indem die kunsthistorische Bedeutung des Landes in Bildern illustriert wird. In Abkehr vom reinen Rationalismus der französischen Enzyklopädisten sollte das Werk die Fantasie der italienischen Leserschaft anregen:
E secondo il genio italiano abbiamo voluto che l’Enciclopedia fosse riccamente illustrata, e parlasse agli occhi e alla fantasia oltre che al pensiero, e presentasse il maggior numero possibile delle immagini che descrive o ricorda, paesaggi e persone, esseri naturali od oggetti d’arte, quadri, sculture, edifizî, e congegni e strumenti ed armi e scritti e frontispizî di libri rari e famosi (Treccani/Gentile 1929–1939: xvi).
Trotz einer teilweise erstaunlichen Internationalität der Artikel (cf. Collison 1966: 207) nimmt die Enzyklopädie überwiegend eine italozentrische Perspektive ein (cf. Carnazzi/Fedriga 2002: 74), was an der Überdimensionierung des Artikels Italia mit 359 Seiten offensichtlich wird. Die offene Unterstützung für das faschistische Regime findet im Artikel fascismo, der größtenteils von GentileGentile, Giovanni verfasst und von Mussolini unterzeichnet wurde (cf. Carnazzi/Fedriga 2002: 74), ihren Niederschlag. Trotz der ideologisch belasteten Inhalte wird das Werk bis heute fortgeführt. Der Kernbestand der 35 Bände wurde durch 17 Appendix-Bände erweitert, die der Aktualisierung der Inhalte dienen. Dies führte jedoch dazu, dass in der heutigen Republik Italien Enzyklopädieartikel aus der Zeit des Faschismus im Umlauf sind (cf. Carnazzi/Fedriga 2002: 75). Die meisten Inhalte zu Ländern und Kulturen sind entweder veraltet, oder Einträge zu historisch-politischen Schlüsselwörtern wie Italia, italianitàitalianità, nazione, guerra, razza sind ideologisch belastet (cf. Schafroth 2012: 427).
In Frankreich entstand in diesem Zeitalter die Encyclopédie française von Lucien FebvreFebvre, Lucien, die zwar der französischen Kultur verpflichtet, jedoch nicht ideologisch gefärbt ist. Die Enzyklopädie ist thematisch organisiert und präsentiert in eigenständigen Bänden Themen wie La physique (1955) oder Le ciel et la terre (1956). Jeder dieser Bände enthält einen bibliografischen Anhang und einen eigenen Index (cf. Collison 1966: 209f.). Außerdem entstanden im 20. Jahrhundert weitere nationale Enzyklopädien wie die Grande enciclopédia portuguesa e brasileira (1935–37), die Enciclopedia Românici (1939), das Mexican Diccionario enciclopédico U.T.E.H.A. (1953), die Encyclopédie belge (1934), The encyclopedia of Canada (1935–49) oder die Encyclopedia Canadiana (1957–58) (cf. Collison 1966: 225).
2.6 Gegenwart und Digitalisierung
Im Verlauf des 20. Jahrhunderts diente die Encyclopædia Britannica zwar immer noch als Modell, der nationale Fokus weitete sich jedoch um eine europäische und internationale Perspektive. Die Gegenwart enzyklopädischer Werke ist durch ein Nebeneinander vielfacher Traditionen geprägt. So entstand von 1970 bis 1978 La Grande Encyclopédie Larousse, eine alphabetische Enzyklopädie, deren Inhalte nicht mehr aktualisiert werden. Bekannt ist das Haus Larousse vor allem für seine enzyklopädischen Wörterbücherenzyklopädisches Wörterbuch. Zu nennen wären hier ältere Werke wie das Grand dictionnaire encyclopédique Larousse (1982–1985) oder der Nouveau Larousse encyclopédique (1998). Ungebrochen ist der Erfolg des Petit Larousse illustré (seit 1905), der einen sprachlichen und einen enzyklopädischen Teil beinhaltet und durch seine reichhaltige Illustrierung einen hohen Unterhaltungswert bietet. Ebenso beliebt sind die enzyklopädischen Wörterbücherenzyklopädisches Wörterbuch des Hauses Hachette wie das Dictionnaire Hachette: langue, encyclopédie, noms propres. Eine reine Enzyklopädie im Stil der Encyclopædia Britannica ist die Encyclopaedia Universalis (ab 1990), die eine gezielte Auswahl von LemmataLemma in handbuchartigen Abhandlungen enthält. Die Artikel stammen von ausgewiesenen Experten, die stellenweise ihre Meinung äußern (cf. Rey 2007: 221). Neben den alphabetischenEnzyklopädie– alphabetische Enzyklopädien erscheinen in Frankreich thematischeEnzyklopädie– thematische Bände, die in einem weiteren Sinne als Enzyklopädien bezeichnet werden können, wie beispielsweise der Quid (1963–2007) oder die Encyclopédie Alpha (1969–1974).
Auch in Italien wurde die Tradition der Enzyklopädien nach der Schaffung nationaler Werke fortgesetzt. Unter anderem wurden Referenzwerke in denjenigen Verlagshäusern produziert, die im 19. Jahrhundert gegründet worden waren, wie beispielsweise die Enciclopedia Hoepli (1955–1968). In den 1970er Jahren entstand die Enciclopedia europea des Hauses Garzanti ebenso wie die experimentelle Enciclopedia Einaudi (1977–1984). Letztere enthält eine sehr selektive Auswahl von Stichwörtern, zu denen philosophische Abhandlungen von Experten gegeben werden (cf. Carnazzi/Fedriga 2002: 71). Ein relativ junges Werk ist Nova. L’enciclopedia UTET aus dem Jahre 2001, die kürzere Einträge und hochwertige Abbildungen beinhaltet. Neben den Enzyklopädien wird in Italien ebenso wie in Frankreich die Tradition der enzyklopädischen Wörterbücherenzyklopädisches Wörterbuch fortgeführt. Die bekanntesten hierunter sind die Werke des Istituto dell’Enciclopedia Italiana und die Enciclopedia Zanichelli: dizionario enciclopedico di arti, scienze, tecniche, lettere (2003).
Die weitere Entwicklung der Enzyklopädien ist eng mit der Entwicklung der Computertechnologie und des World Wide WebWorld Wide Web verbunden. Diese unterzogen den Markt für Enzyklopädien einem tiefgreifenden Wandel, der bis heute andauert. Im Jahre 1985 fand mit Windows 1.0 die erste grafische Benutzeroberfläche für das Betriebssystem MS-DOS Verbreitung und machte somit auch für Laien die Arbeit mit dem Computer attraktiv. Für dieses System sind auch die meisten Enzyklopädien auf CD-ROMEnzyklopädie– auf CD-ROM konzipiert. Als erste Enzyklopädie dieses Typs gilt die Academic American Encyclopedia von Grolier aus dem Jahre 1985, am erfolgreichsten war jedoch Encarta von Microsoft (1993–2009). In der Folge wurden CD-ROM-Ausgaben der etablierten Enzyklopädien erstellt, wie beispielsweise die Encyclopædia Britannica auf CD (1994), die Encyclopaedia Universalis auf CD (1995–2012), die Encyclopédie Multimédia Hachette (1999–2007), die Treccani mit CD, Omnia (bis 2010) und Gedea von de Agostini. Zumeist wurden die CD-Versionen den Printausgaben beigegeben und erweiterten das Angebot um multimediale Inhalte wie Audiodateien, Bilder, Videos und Wörterbücher (cf. Fuertes-Olivera 2013: 1072). Da diese Versionen nach dem Modell der PrintenzyklopädienEnzyklopädie– Print-~ konstruiert wurden, lösen sie keinen Transformationsprozess aus:
encyclopedias on CD-ROM and/or DVD, which have also been called electronic encyclopedias, have not had any real impact on a theory of e-lexicography, as most if not all of them are ‘faster horses’, as Tarp (2011) calls lexicographical works made available on electronic platforms that are constructed by following the theoretical principles developed for elaborating printed reference tools (Fuertes-Olivera 2013: 1070).
Durch die Abschaltung des ARPANets im Jahr 1990 wurde der Weg für das kommerzielle Internet freigegeben. Einer der beliebtesten Dienste ist das World Wide WebWorld Wide Web, das im Frühjahr 1993 entstand und auf Tim Berners-LeeBerners-Lee, Tim zurückgeht. Im Zuge dieser Entwicklung gingen die Verlagshäuser dazu über, Webauftritte für ihre Enzyklopädien zu konzipieren. So sind die Webausgaben der Academic American Encyclopedia ab 1995, der Britannica ab 1995, der Treccani ab 1996 und der Universalis ab 1999 verfügbar, wobei der Zugang häufig über ein Abonnement gekauft werden muss. Die Webausgaben der PrintenzyklopädienEnzyklopädie– Print-~ sind der Web 1.0Web 1.0-Technologie verpflichtet, die noch keinerlei Partizipationsmöglichkeiten beinhaltet. Im Jahre 1995 wurde die Wikitechnologie, eine Web 2.0Web 2.0-Anwendung, erfunden, welche das kollaborativeKollaboration Erstellen und Teilen von Wissensinhalten ermöglicht. Auf dieser Technologie basiert WikipediaWikipedia, die im Jahre 2001 von Jimmy WalesWales, Jimmy und Larry SangerSanger, Larry gegründet wurde und als kollaborative Plattform zur Erstellung einer frei zugänglichen Enzyklopädie konzipiert ist:
Wikipedia is first and foremost an effort to create and distribute a free encyclopedia of the highest possible quality to every single person on the planet in their own language. Asking whether the community comes before or after this goal is really asking the wrong question: the entire purpose of the community is precisely this goal (Wales 2005).
Das nichtkommerzielle Projekt Wikipedia wirkte in der Folge als disruptive Technologie (cf. Flavin 2017: 38), welche die traditionellen PrintenzyklopädienEnzyklopädie– Print-~ aufgrund der Kostenlosigkeit und des einfachen Zugangs fast vollständig aus dem Markt drängte und Standards für digitale EnzyklopädienEnzyklopädie– digitale setzte:
Zehn Jahre nachdem der US-Amerikaner Jimmy Wales den Startschuss zur Online-Enzyklopädie Wikipedia gab, sind die Print-Enzyklopädien weitestgehend aus den Buchhandlungen verschwunden. Was ist geschehen? Die Verlage hinter den etablierten Enzyklopädien haben mit steigender Bedeutung des Internets ihre Werke ins Web gestellt. Sie haben es aber versäumt, die Enzyklopädien dem Internet anzupassen (Stöcklin 2012: 110).
Die Reaktionen der etablierten Verlage auf WikipediaWikipedia fielen unterschiedlich aus. Die gedruckte Ausgabe der Universalis wurde ab 2012 eingestellt ebenso wie die des Brockhaus und der Britannica. Diese Enzyklopädien bieten auf ihrer Internetplattform kostenpflichtige Abonnements an. Einen anderen Weg ging das Haus Larousse, das ab 2008 eine Plattform lancierte, auf der kostenlose Inhalte zur Verfügung gestellt werden. Das ursprüngliche Konzept, einen Teil der Artikel durch CrowdsourcingCrowdsourcing erstellen zu lassen, wurde jedoch zugunsten des Autorenprinzips wieder zurückgenommen. Wiederum einen anderen Weg gingen die italienischen Verlage. De Agostini bietet mit der Seite sapere.it ein kostenloses Wissensportal an, das neben einer Enzyklopädie und Wörterbüchern auch Spiele beinhaltet. Im Gegensatz zu vielen anderen etablierten Verlagen setzt das Istituto dell’Enciclopedia Italiana weiterhin auf die gedruckte Ausgabe der Enciclopedia Treccani, die einen großen Teil des Umsatzes ausmacht. Begleitet wird die Printversion von einem kostenlosen Onlineangebot auf der Seite treccani.it und einer App für die mobile Konsultation. Angesichts der Entwicklungen im Bereich der PrintenzyklopädienEnzyklopädie– Print-~, aber auch im Bereich der Onlineauftritte nationaler Enzyklopädien stellt der Fall der Enciclopedia Treccani eine Ausnahme dar. Die hohe Akzeptanz der Printenzyklopädie in Italien hängt einerseits mit einer verlangsamten Entwicklung und einer schlechteren digitalen Infrastruktur im Land zusammen, andererseits aber auch mit der außergewöhnlichen kulturellen Bedeutung der Enzyklopädie. Denn nicht nur die Printausgabe, sondern auch der Internetauftritt erfreut sich großer Beliebtheit und erreichte im Jahre 2014 10 Millionen Nutzer, was zwar im Vergleich zur italienischen Wikipediaausgabe sehr gering, im Vergleich mit den Auftritten anderer Verlagshäuser jedoch enorm ist.
2.7 Resümee
Insgesamt lässt sich sagen, dass die Bezeichnung enzyklopaedia eine Schöpfung der Humanisten ist (um 1490) und von diesen in der Bedeutung ʻumfassendes pädagogisches Programm, das den Zusammenhang des Wissens betontʼ verwendet wird. Erst mit AlstedAlsted, Johann Heinrich wird der Ausdruck zur Bezeichnung von Nachschlagewerken benutzt und es entsteht ein Enzyklopädiebegriff, in dessen Folge im 19. Jahrhundert die Geschichte der Gattung Enzyklopädie geschrieben werden kann.
In der Antike vermittelten enzyklopädische Werke vor allem Wissen zu den Sieben Freien Künsten, denen einzelne thematische Bücher gewidmet wurden (CatoCato, Marcus Porcius, VarroVarro, Marcus Terentius, PliniusPlinius der Ältere). Im Mittelalter wurde enzyklopädisches Wissen aus einer christlichen Sicht präsentiert und diente der Bildung von Geistlichen (CassiodorCassiodor, Isidor von SevillaIsidor von Sevilla, Vinzenz von BeauvaisVinzenz von Beauvais). Die Werke der Antike und des Mittelalters sind auf Latein abgefasst. Mit LatinisLatini, Brunetto Livres dou trésor begann die volkssprachlichevolkssprachlich Enzyklopädik und in der Renaissance wurde die zunehmende Fokussierung auf wissenschaftliche Inhalte durch Abhandlungen in der VolksspracheVolkssprache begünstigt. Im 17. Jahrhundert begann sich die Form des alphabetischen LexikonsLexikon– alphabetisches durchzusetzen. Als direkte Vorläufer der Enzyklopädien der Aufklärung gelten die Werke von MorériMoréri, Louis, FuretièreFuretière, Antoine und insbesondere das kritische Lexikon von BayleBayle, Pierre. Auf dieses bezog sich auch Vincenzo CoronelliCoronelli, Vincenzo.
Mit ChambersChambers, Ephraim Cyclopaedia setzte die Tradition der aufklärerischen Enzyklopädien ein. Diese systematisierten die Wissensgebiete nach erkenntnistheoretischen Prinzipien und stellten dem Werk häufig einen Baum des Wissens voran. Die bekannteste unter diesen ist die Grande Encyclopédie ou Dictionnaire raisonnée des arts, des sciences et des métiers von DiderotDiderot, Denis und d’Alembertd’Alembert, Jean le Rond, die aufgrund ihrer polemischen Artikel auch häufig als „Bollwerk der Aufklärung“ gilt. In etwa zeitgleich entstand das Dizionario PivatisPivati, Gianfrancesco, das den Verhältnissen in Italien Rechnung trägt und den Primat der katholischen Religion mit aufklärerischen Ideen zu vereinbaren sucht.
Die nachfolgenden Werke im 19. Jahrhundert bezogen sich zwar auf die Grande Encyclopédie, lehnten aber die kritische Vorgehensweise weitestgehend ab. Modellbildend wurden das KonversationslexikonKonversationslexikon, das breiten sozialen Schichten ein gesichertes Wissen vermitteln wollte, und das enzyklopädische Wörterbuchenzyklopädisches Wörterbuch von Larousse. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden Enzyklopädien als nationale Projekte. Als Modell wirkte die Encyclopædia Britannica. Die bekannteste Enzyklopädie dieses Zeitalters ist jedoch die Enciclopedia Italiana di scienze, lettere ed arti, die dem italienischen Faschismus verpflichtet ist. In der Folge weitete sich der Fokus und es existieren eine Vielzahl von Formaten nebeneinander.
Mit dem Siegeszug digitaler Technologien findet ein MedienwechselMedienwechsel statt. Die etablierten Verlage gehen zunehmend dazu über, Enzyklopädien zunächst auf CD-ROM, später Onlineversionen, kostenpflichtig anzubieten. Eine Zäsur stellte die Entstehung der WikipediaWikipedia im Jahre 2001 dar, die Standards für digitale Enzyklopädien setzt und aufgrund ihrer Kostenlosigkeit und schnellen Erreichbarkeit zum Verschwinden der Printenzyklopädien führt.
Die durch Wikipedia ausgelöste Zäsur wird insbesondere vor dem Hintergrund der Geschichte der Enzyklopädie sichtbar. Lässt sich durch die Geschichte hindurch eine Anpassung der Enzyklopädien an ein verändertes Zielpublikum erkennen, so bleibt doch der Produktionsprozess konstant. In Wikipedia folgt der Produktionsprozess durch CrowdsourcingCrowdsourcing und KollaborationKollaboration hingegen der Logik digitaler Plattform-Industrien.
3 Wikipedia und der Wandel der Diskurstradition Enzyklopädieartikel
In WikipediaWikipedia werden EnzyklopädieartikelEnzyklopädieartikel kollaborativ auf einer WikiplattformWikiplattform erstellt. Dadurch befinden sich die Artikel zum einen in der technischen Umgebung eines WikisWiki, die die Funktionalitäten der Artikel prägt. Zum anderen ermöglicht diese Technologie spezifische kommunikative und soziale Praktiken, die den Erstellungsprozess eines EnzyklopädieartikelsEnzyklopädieartikel grundlegend verändern. Dazu gehören die multiple Autorschaftmultiple Autorschaft durch relativ anonym und dezentral agierende Benutzer, die anhaltenden ModifikationenModifikation der Artikel, die an der VersionsgeschichteVersionsgeschichte nachvollziehbar werden und die intensiven AushandlungsprozesseAushandlungsprozess, die die Erstellung begleiten, und an Kommentaren in der VersionsgeschichteVersionsgeschichte oder auf den Diskussionsseiten der ArtikelDiskussionsseite sowie der NutzerprofileNutzerdiskussion sichtbar werden. In welchem Maße sich nun diese veränderten Bedingungen auswirken, und inwiefern sich WikipediaartikelWikipediaartikel von gedruckten Artikeln unterscheiden, wird in der Forschungsliteratur unterschiedlich eingeschätzt, wobei die Bewertungen von geringfügigen Abweichungen gegenüber PrintartikelnPrintartikel (cf. Fandrych/Thurmair 2011: 104) bis hin zu einer völlig neuen DiskurstraditionDiskurstradition (cf. Herring 2013: 15) reichen.
3.1 Diskurstraditionen
In der vorliegenden Studie werden Veränderungen in WikipediaartikelnWikipediaartikel vor dem Hintergrund des Konzepts der „Diskurstradition“ betrachtet, da sich dieses in besonderem Maße dazu eignet, Veränderungen in Enzyklopädieartikeln nachzugehen.
3.1.1 Konzept
Der Terminus DiskurstraditionDiskurstradition ist mit der Vorstellung verbunden, dass Diskurse nicht nur individuelle Realisierungen von Sprache sind, sondern dass sie durch Mustersprachliche Muster geprägt sind und deswegen Traditionen folgen. Es zeigt sich,
daß in Diskursen nicht nur einzelsprachliche Regeln zur Anwendung gebracht werden, sondern daß Diskurse notwendig ganz bestimmte Textmuster, Textschemata oder Textmodelle realisieren – eben Diskurstraditionen folgen (Oesterreicher 1997: 20).
Dieser Umstand führt dazu, dass Koch die historische Ebene in Coserius Modell des Sprachlichen doppelt, weil dieses den Diskurs lediglich auf der aktuellen Ebene der Realisierung sieht und somit die Traditionalität von Diskursen nicht erklären kann. Diese Traditionalität von Diskursen zeigt sich bei konkreten Texten anhand rekurrenter MerkmaleRekurrenz. Anhand dieser Merkmale wiederum können einzelne Texte einer Diskurstradition zugeordnet werden. Der Terminus Diskurstradition wird in der vorliegenden Studie bevorzugt verwendet, obwohl die Termini GattungGattung, GenreGenre, TextsorteTextsorte oder TexttypTexttyp ebenso zur Klassifizierung von Texten dienen. Jedoch werden bei der Einteilung nach Gattungen oder Genres häufig lediglich geschriebene und literarische Texte berücksichtigt. Der Terminus TextsorteTextsorte stammt aus der germanistischen Linguistik und wurde zunächst zur Erstellung von TexttypologienTexttypologie eingesetzt, die Texte top-downtop-down-Klassifikation nach einem zuvor festgelegten Merkmal klassifizieren. In der weiteren Entwicklung wurde der Terminus auch für Analysen verwendet, die Texte nach in ihnen enthaltenen Merkmalsbündeln klassifizieren und somit korpusbasiertkorpusbasierte Klassifikation vorgehen (cf. Adamzik 2001: 16f.). Bei weiter abstrahierenden Verfahren der Klassifikation wird häufig von Texttyp gesprochen. Während TextsorteTextsorte eher empirisch vorliegende TextmusterTextmuster beschreibt, ist Texttyp eine „theoriebezogene Kategorie zur wissenschaftlichen Klassifikation von Texten“ (Aschenberg 2003: 4). Für die vorliegende Arbeit erscheint das Konzept „Diskurstradition“ am geeignetsten. Im Gegensatz zu den Konzepten „Gattung“ oder „Genre“ werden auch nicht-literarische Gebrauchstexte berücksichtigt. Zudem erfassen die Konzepte „Textsorte“ und „Texttyp“ die einzelnen Texte und die daran ersichtlichen Konventionen eher unter dem Gesichtspunkt eines sprachlichen Produkts, während „Diskurstraditionen einen Wissensbestand unter dem Gesichtspunkt der dynamis fokussieren“ (Schrott 2015: 118), was bedeutet, dass die Dynamik von Konventionen im Vordergrund steht. Durch das Konzept „Diskurstradition“ werden zudem diskurstraditionelle Merkmale eines unterschiedlichen Komplexitätsgrads erfassbar (cf. Koch 1997: 45), die von FormelnFormel über TexttraditionenTexttradition bis hin zu DiskursuniversenDiskursuniversum reichen und somit auch für die korpusbasierte Textanalyse verwendet werden können. Bei der Analyse einzelner Textexemplare ist eine erhebliche Varianz zu erwarten, da Diskurstraditionen häufig komposit sind und mehrere Muster mischenDiskursmustermischung (cf. Oesterreicher 1997: 31). Die Varianz zwischen den einzelnen Textexemplaren ist wiederum Ausgangspunkt für den Wandeldiskurstraditioneller Wandel von Diskurstraditionen, der anhand von Serien historischer Textexemplare nachvollzogen werden kann (cf. Aschenberg 2003: 8; Große 2017: 45; Kabatek 2015: 62; Oesterreicher 1997: 32). Diskurstraditionelle Merkmale können somit aus einzelnen Textexemplaren abstrahiert werden, wobei sich die RegelnDiskursregel, nach denen die Muster gebildet werden, nach kommunikativen BedingungenKommunikationsbedingungen und gesellschaftlich-kulturellen Normenkulturelle Norm richten:
Abbildung 1:
Modell einer Diskurstradition (eigene Darstellung)
Auf der Ebene der Einzeltexte werden Diskurstraditionen an rekurrenten MerkmalenRekurrenz sichtbar. Wie der Terminus nahelegt, geht es darum, Konventionen von Diskursen zu erfassen. Von Diskursen wird gesprochen, weil hier die diskursiv-kulturelle Geformtheit der Sprachprodukte im Vordergrund steht und keine einzelsprachliche Perspektive auf Texte eingenommen wird, welche häufig Texte als komplexeste Ebene einer Einzelsprache ansieht.1 Es werden sprachübergreifende Gemeinsamkeiten von Diskursen herausgearbeitet. Diese Konventionen müssen sich zudem nicht unbedingt auf die MusterDiskursmuster ganzer Texte beziehen. Diskurstraditionen können von verschiedener Komplexität sein. Sie reichen von FormelnFormel, über Text- oder DiskursgattungenGattung bis hin zu DiskursuniversenDiskursuniversum (cf. Koch 1997: 45). FormelnFormel werden häufig zu Beginn oder am Ende eines Textes verwendet und verweisen auf ganze Text- und DiskursgattungenGattung wie die Formel Es war einmal auf ein Märchen, Gehet hin in Frieden auf eine Predigt oder Im Namen des Volkes auf ein Gerichtsurteil. Text- und Diskursgattungen sind durch ein ganzes Bündel rekurrenter MerkmaleRekurrenz gekennzeichnet. Beispielsweise wird in einem Kochrezept der Name des Gerichts in der Überschrift genannt, woraufhin eine Zutatenliste mit Mengenangaben folgt. In einem Fließtext werden häufig mithilfe von Infinitiven Instruktionen zur Zubereitung eines Gerichts angegeben, die von Zeitangaben begleitet sind. Einen noch höheren Komplexitätsgrad als Text-/Diskurstraditionen weisen DiskursuniversenDiskursuniversum auf, in denen Text- und Diskursgattungen gruppiert werden können. CoseriuCoseriu, Eugenio unterscheidet die DiskursuniversenDiskursuniversum Alltag, Fiktion, Religion und Wissenschaft (cf. Schlieben-Lange 1983: 140; Kabatek 2015: 63), wobei das Verhältnis des sprechenden Subjekts zu den beschriebenen Objekten als Einteilungskriterium dient:
Im Gegensatz zu feinmaschigeren Einteilungen, die etwa Bereiche wie die Jurisprudenz, die Mathematik oder die Philosophie als eigenständige Diskurs- oder Redeuniversen bezeichnen, bezieht sich diese Einteilung auf die grundlegenden semiotischen Verhältnisse, die jedem Sprechen zugrunde liegen, wobei sie das Verhältnis von Subjekt und Objekt als fundamentales Einteilungskriterium heranziehen: Im Universum des Alltags spricht das Subjekt aus subjektiver Perspektive über die Objekte; im Universum der Fiktion spricht das Subjekt über Objekte, die als nicht existent angenommen werden und einer ‚geschaffenen‘ Welt der Phantasie entsprechen; im Universum der Religion (oder des Glaubens) wird über eine ‚andere Welt‘ gesprochen, die nicht überprüfbar ist und dennoch als existent vorausgesetzt wird; und schließlich, im Universum der Wissenschaft, werden die Objekte als Objekte in ‚objektiver‘ Sicht beschrieben (Kabatek 2011: 95f.).
Anhand konkreter Einzeltexte können abstrakte DiskurstraditionenDiskurstradition in allen drei Komplexitätsgraden analysiert werden. Was auf der Textoberfläche als Muster erscheint, wird durch DiskursregelnDiskursregel erzeugt (cf. Lebsanft/Schrott 2015: 40):
Diskurstraditionen oder diskurstraditionelle Kennzeichen sollen hier vorläufig bestimmt werden als normative, die Diskursproduktion und Diskursrezeption steuernde, konventionalisierte Muster der sprachlichen Sinnvermittlung (Oesterreicher 1997: 20).
Die DiskursregelnDiskursregel geben „Anleitungen zum Sprechen in konkreten Situationen“ (Schrott/Völker 2005: 12), sie sind „bereits auf Typen von Situationen bezogen“ (Koch 1987: 34). Sie treten zu den Regeln der historischen Einzelsprachenhistorische Einzelsprache hinzu (cf. Koch 1987: 34). Im Gegensatz zu den SprachregelnSprachregel ist ihr Bewertungsmaßstab nicht die Korrektheit der sprachlichen Formen, sondern die Angemessenheit in der jeweiligen Situation (cf. Coseriu 1994: 58). Diskursregeln bestimmen sowohl das sprachliche als auch das nichtsprachliche Material und determinieren beispielsweise die spezifische Anordnung des Stoffes (dispositio), die Rhythmisierung des Sprachmaterials oder die Bezüge zwischen sprachlichen und anderen semiotischen Codes (cf. Koch 1997: 47; Kabatek 2015: 63). Zudem bewirken die Diskursregeln eine „nicht-deterministische Realisierung der Diskursmuster“ (Oesterreicher 1997: 30), was bedeutet, dass einzelne Texte auch mit Diskursregeln brechen können, wodurch der kommunikative Erfolg nicht unbedingt beeinträchtigt wird und in einigen Fällen sogar besondere Stileffekte erzeugt werden können. Ebenso sind diese Freiheitsgrade bei der Weiterentwicklung von DiskurstraditionenDiskurstradition entscheidend:
Jede konkrete Realisierung eines Einzeldiskurses ist theoretisch immer schon der Ort der Möglichkeit der Fortbildung von Diskursregeln (Oesterreicher 1997: 31).
Das Potential eines einzelnen Textes, DiskursregelnDiskursregel weiterzuentwickeln, wird im Schema mit kleinen Pfeilen symbolisiert, die zeigen, dass die Tendenzen pro Einzeltext in unterschiedliche Richtungen gehen können. Erst die Analyse wiederkehrender Veränderungen in einem Textkorpus kann Aufschluss über die Entwicklung einer Diskurstradition geben.
Dadurch, dass Diskurstraditionen bereits auf konkrete Kommunikationssituationen ausgerichtet sind, stehen sie in enger Verbindung zu den universellen Parametern der Kommunikation, die jeden erdenklichen Kommunikationsakt charakterisieren:
Was Diskurstraditionen angeht, ist damit aber nun behauptet, daß diese in einem präzisen Sinne selbst schon kommunikativ-konzeptionell determiniert sind, daß sie also selber je schon konzeptionelle Zusammenhänge spiegeln, die sich aus unterschiedlichen Konstellationen der skizzierten Kommunikationsbedingungen und Verbalisierungsstrategien ergeben, daß sie sich mithin in einem ganz fundamentalen Sinne auf das Nähe-Distanz-Kontinuum beziehen lassen. Dies bedeutet, daß kommunikativ-konzeptionelle Kriterien immer schon in die Definition von Diskurstraditionen einfließen, den Diskurstraditionen gewissermaßen eine konzeptionelle Grundstruktur einzeichnen (Oesterreicher 1997: 24).
In ihrem Modell setzen Koch/Oesterreicher insgesamt zehn Parameter2 an. Die Mischung der jeweiligen Parameterwerte ergibt das konzeptionelle Profil3 einer Diskurstradition. Die Parameter und ihre Werte charakterisieren „das kommunikative Handeln der Gesprächspartner im Verhältnis zueinander und im Blick auf die sozialen, situativen und kontextuellen Gegebenheiten“ (Koch/Oesterreicher 2007: 350). Parameter (1) unterscheidet, ob der Kommunikationsakt öffentlichÖffentlichkeit oder privat stattfindet. Ein öffentlicher Kommunikationsakt ist für eine Vielzahl von Rezipienten zugänglich, während ein privater Kommunikationsakt einen eingeschränkten Adressatenkreis erreicht. Im Modell von Koch/Oesterreicher korreliert Privatheit mit dem Nähepol, weil davon ausgegangen wird, dass bei steigender Anzahl der Rezipienten die direkte Beteiligung am Kommunikationsakt abnimmt und deswegen die Distanz zunimmt (cf. Koch/Oesterreicher 1985: 20). Parameter (2) unterscheidet, ob sich die Kommunikationspartner kennenVertrautheit und auf ein gemeinsames Wissen und gemeinsame Kommunikationserfahrungen zurückgreifen können, oder ob sich die Kommunikationspartner fremd sind. Ein hoher Grad der VertrautheitVertrautheit wird dem Nähepol zugeordnet, während die Fremdheit der Partner für das Distanzsprechen typisch ist. Parameter (3) beschreibt, in welchem Maße die Kommunikationspartner ihren EmotionenEmotionalität freien Lauf lassen (Nähesprechen), oder ob sie diese kontrollieren (Distanzsprechen). Parameter (4) charakterisiert den Grad der Handlungs- und SituationseinbindungHandlungs- und Situationseinbindung. Dieser Parameter „referiert […] auf die „Nähe“ der Kommunikationspartner zum situativen Kontext“ (Zeman 2016: 268). Beim Nähesprechen befinden sich die Kommunikationspartner in einem gemeinsamen Kommunikationsraum:
In der gesprochenen Sprache befinden sich die Partner in einer face-to-face-Interaktion (physische Nähe und gemeinsames Handeln) und/oder kommunizieren über Elemente des situativen Kontexts oder setzen sie als selbstverständlich voraus (Koch/Oesterreicher 1985: 20).
In Situationen des Distanzsprechens befinden sich Sprecher und Rezipient häufig nicht in einem gemeinsamen Kommunikationsraum und beziehen sich somit nicht auf eine gemeinsame Situation oder simultan erfolgende Handlungen. Parameter (5) beschreibt den Referenzbezug des Kommunikationsakts „bei dem entscheidend ist, wie nahe die bezeichneten Gegenstände und Personen der Sprecher-origo sind“ (Koch/Oesterreicher 2011: 7). Entscheidend ist dabei die „Anwesenheit oder Abwesenheit des Referenzgegenstandes“ (Koch/Oesterreicher 2011: 7). Referenzielle Distanz liegt beispielsweise bei Erzählungen über die Vergangenheit vor, da diese auf raum-zeitlich entfernte Ereignisse und Personen referiert (cf. Koch/Oesterreicher 2008: 207). Parameter (6) beschreibt sowohl die räumliche als auch die zeitliche Nähe der KommunikationspartnerNähe– der Kommunikationspartner, wobei bei einem Face-to-Face-Gespräch sowohl räumliche als auch zeitliche Nähe gegeben sind, während bei einem Telefonanruf zwar die zeitliche, nicht aber die räumliche Nähe gegeben ist, und dieses deswegen ein wenig in Richtung des Distanzpols verweist. Parameter (7) fokussiert den Grad der KooperationKooperation, also die Möglichkeit des Rezipienten, bei der Produktion des Diskurses mitzuwirken:
Kommunikation ist immer auch Kooperation. Hierbei sind allerdings in der gesprochenen Sprache Produktion und Rezeption direkt miteinander verzahnt: Produzent und Rezipient handeln miteinander Fortgang und auch Inhalt der Kommunikation aus; der Rezipient zeigt begleitende sprachliche und nichtsprachliche Reaktionen und kann jederzeit eingreifen, rückfragen (‚Rückkopplung‘). Demgegenüber sind in der geschriebenen Sprache Produktion und Rezeption – auch dort, wo sie gleichzeitig verlaufen (Vortrag) – voneinander ‚abgekoppelt‘; dies bedeutet, daß der Produzent die Belange der Rezeption von vornherein berücksichtigen muß (Koch/Oesterreicher 1985: 20).
Während demnach das Face-to-Face-Gespräch durch intensive Kooperation geprägt ist und durch Rückmeldungen des Kommunikationspartners aufrechterhalten wird, ist dies bei einem schriftlich fixierten Text nicht der Fall. Parameter (8) charakterisiert einen Diskurs als monologisch oder dialogischDialogizität, wobei Dialogizität die Möglichkeit meint, spontan die Rolle des Produzenten zu übernehmen:
Die Rollenverteilung zwischen den Kommunikationspartnern ist in der gesprochenen Sprache offen, und der Rollenwechsel wird ad hoc geregelt (Dialogizität). Demgegenüber zeigt geschriebene Sprache eine feste Rollenverteilung bis hin zur totalen Monologizität (Koch/Oesterreicher 1985: 19).
Parameter (9) beschreibt den Grad der SpontaneitätSpontaneität oder Geplantheit eines Diskurses. Während beim Nähesprechen die Planung der Kommunikationsakte während des Äußerungsaktes selbst erfolgt, ist beim Distanzsprechen eine längere Vorausplanung möglich, aber aufgrund der Situationsferne auch nötig, da auf keinen gemeinsamen Kontext zurückgegriffen werden kann (cf. Koch/Oesterreicher 1985: 20). Parameter (10) bezieht sich auf die Frage, ob das ThemaThemenfixierung sich wie in einem spontanen Gespräch frei entwickeln kann, oder ob dieses vorher festgelegt worden ist, wie dies beispielsweise in moderierten Talkshows der Fall ist. Jede Diskurstradition lässt sich durch eine Mischung von Werten der vorgestellten Parameter charakterisieren, wodurch sie ihr spezifisches konzeptionelles Profilkonzeptionelles Profil erhält.
Allerdings lassen sich unterschiedliche Realisierungen von Diskurstraditionen nicht vollständig durch eine Variation der Parameter und ihrer Werte erklären:
Diskursregeln sind nicht die Summe der kommunikativen Parameter, sondern es treten gesellschaftliche Funktionalisierungen und Normen des jeweiligen Diskursuniversums hinzu (Schlieben-Lange 1983: 140).4
Oesterreicher geht in seiner Definition der DiskurstraditionDiskurstradition nicht nur auf die kommunikativen Bedingungen von Diskurstraditionen ein, sondern stellt auch deren Prägung durch gesellschaftliche und kulturelle Normen heraus. Diskurstraditionen sind nach Oesterreicher:
konventionalisierte Kristallisationskerne von bestimmten Parameterwerten der oben skizzierten Kommunikationsbedingungen und mehr oder minder strikt vorgeprägten Versprachlichungsanforderungen einerseits sowie von bestimmten gesellschaftlich determinierten inhaltlich-thematischen Wissenskomplexen andererseits (Oesterreicher 1997: 25).
Dabei ist eine Diskurstradition durch die ParameterwerteParameterwert der jeweiligen Kommunikationssituation geprägt, wobei diese in der jeweiligen Diskurstradition eine kulturspezifische Umsetzung erfahren:
So ist etwa der Sprecherwechsel im Dialog ein universelles Prinzip, das in einzelnen Dialogkulturen in unterschiedlicher Weise umgesetzt wird (Schrott 2015: 123).
Nach Fix ist deswegen nicht mehr von ‚Textsorten an sich‘ auszugehen, sondern es ist eine „spezifische kulturelle Prägung von Textsorten anzunehmen“ (Fix/Habscheid/Klein 2001: 7). In Diskurstraditionen sind folglich gesellschaftlich-kulturelle Normengesellschaftlich-kulturelle Norm gespeichert. Diese enthalten Wissen über die Angebrachtheit oder Nichtangebrachtheit eines kommunikativen Verhaltens (cf. Fix/Habscheid/Klein 2001: 7; Fix 2008d: 116), über die übliche Art der Versprachlichung, das kulturelle Prestige der Diskurstradition oder den Wert des Mediums. Zusätzlich ist in den kulturellen Normen sowohl Alltagswissen der jeweiligen Gemeinschaft als auch Wissen enthalten, das dem kulturellen Gedächtniskulturelles Gedächtnis nach AssmannAssmann, Jan zugeordnet werden kann. Kultur kann als „Gesamtheit der Formen und Muster, die zur Deutung der Welt zur Verfügung stehen“ (Warnke 2001: 253) definiert werden und Diskurstraditionen leisten einen kulturspezifischen Zugriff auf die Wirklichkeit. Dabei kann sich die KulturspezifikKulturspezifikum auch darin äußern, dass in einigen Gemeinschaften ganze Diskurstraditionen fehlen. Zudem muss eine Diskurstradition nicht unbedingt kontinuierlich vorhanden sein. Anders als eine historische Einzelsprache, die in der Regel von einer Sprachgemeinschaft kontinuierlich gepflegt wird oder ganz ausstirbt, können Diskurstraditionen diskontinuierlich genutzt werden:
Während Sprachgemeinschaften sich durch die Kontinuität idiomatischer Traditionalität stets als durchgängig existierende Gemeinschaft manifestieren, können die kulturellen Gruppierungen, die Diskurstraditionen tragen und vermitteln, sich diskontinuierlich über zeitliche Unterbrechungen hinweg konstituieren. So können etwa Gelehrte und Dichter der Antike und deren „Wiederentdecker“ in der Renaissance als eine kulturelle Gruppierung aufgefasst werden, die über Zeit und Raum hinweg kulturell-literarische Traditionen der Textgestaltung praktiziert (Lebsanft/Schrott 2015: 38).
Als eine ähnlich diskontinuierliche Gruppierung könnten die Enzyklopädisten der französischen Aufklärung und sämtliche Nachfolger, die sich auf diese berufen, wie beispielsweise die Wikipedianer, aufgefasst werden.
Existiert eine Diskurstradition in mehreren Gemeinschaften, so können Unterschiede hinsichtlich „Stil, Art der Themenentfaltung, Argumentationsweise, Autoren“ (Fix 2008d: 122) feststellbar sein. Fix führt das Beispiel deutscher und russischer Wohnungsanzeigen an, wobei die deutschen Anzeigen ausführliche Beschreibungen mit Kontaktdaten enthalten, während die russischen Anzeigen möglicherweise aus Angst vor Einbruch und Diebstahl äußerst kurzgehalten sind (cf. Fix 2008a: 143). Im Gegensatz zu den universellen Parametern der Kommunikation, die jeden Kommunikationsakt gleich stark betreffen, kann der Grad der KulturspezifikKulturspezifikum von Diskurstraditionen variieren, wobei Fix die Diskurstraditionen Wohnungsanzeige (kulturspezifisch) und Sage (global) kontrastiert:
Textsorten, die den geistig-ordnenden Zugriff auf die Welt ermöglichen, sind eher globaler Natur und weniger an die Einzelkultur gebunden. Textsorten, die eine praktisch-ordnende Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit möglich machen, sind erfahrungsgemäß eher lokal und einzelkulturspezifisch geprägt (Fix 2008a: 144).
Diskurstraditionen stehen demnach in enger Verbindung zu universellen Parametern der Kommunikationssituation einerseits und zu gesellschaftlich-kulturellen Konventionen andererseits.
Des Weiteren bilden DiskurstraditionenDiskurstradition ein Bindeglied zwischen den genannten sprachbezogenen Bedingungen und dem Repertoire an sprachlichen Formen:
Dabei gilt es zu sehen, dass es gerade die Diskurstraditionen qua historisch vorgegebene Kommunikationsformen5 sind, die die Verbindung zwischen den formalen kommunikationstheoretischen Parametertypen und den sprachlichen Ausdrucksgestaltungen und sprachlichen Varietäten herstellen. Diskurstraditionen bestimmen daher einerseits die Wahl von sprachlichen Gestaltungen und Varietäten – sprachliche Merkmale sind andererseits direkt für bestimmte Diskurstraditionen kennzeichnend (Oesterreicher 1997: 24).
Die DiskursregelnDiskursregel wählen aus dem vorhandenen sprachlichen, aber auch nicht-sprachlichen Material die nach Situation und Kultur angemessenen Formen aus. Sprachliche Formen in Diskurstraditionen sind dadurch von einer doppelten Historizität geprägt, nämlich von derjenigen der Einzelsprache und derjenigen der DiskurstraditionDiskurstradition (cf. Lebsanft/Schrott 2015: 33). Die Tatsache, dass in Texten, die durch die gleichen ParameterwerteParameterwert gekennzeichnet sind und die den gleichen kulturellen Normen unterworfen sind, auch ähnliche Gestaltungsmöglichkeiten gewählt werden, führt zur „Verfestigung bestimmter Strategien und Formen der Versprachlichung“ (Frank-Job 2003: 20).
Diese verfestigten Muster werden in verschiedener Weise an einzelnen Texten sichtbar. Kabatek unterscheidet in seinem Vorschlag zur Analyse von Diskurstraditionen in Bezug auf die Form Diskursformen, Diskurszonen und Diskursformeln und in Bezug auf den Inhalt Diskursdomänen, Diskursthemata und Diskursmotive (cf. Kabatek 2015: 62). Die Diskursform wird am Aufbau des Textes ersichtlich, Diskurszonen wie Anfang oder Ende eines Textes stellen markante Bereiche für Diskurstraditionelles dar, bei Diskursformeln liegt eine (teilweise variierende) Wiederholung sprachlichen Materials vor. Die Diskursdomäne bezeichnet den Wirklichkeitsausschnitt, auf den sich die Inhalte der Diskurstradition beziehen, wie beispielsweise den Bereich der Mathematik oder des Gartenbaus, das Diskursthema bezeichnet das dominante Thema eines Textes, Diskursmotive sind Topoi, mit denen bestimmte Wissensbestände verbunden sind und die systematisch in einer Diskurstradition eingesetzt werden. Einen anderen Ansatz präsentiert Fix, die „Texte als komplexe Sprechakte betrachtet“ (Fix 2008c: 68) und deswegen Textproposition (der propositionale Gehalt des Textes), Textillokution (die dominante Sprachhandlung) und Textlokution (die sprachlichen Mittel der Formulierung) unterscheidet. Die Analyse der sprachlichen Mittel kann dabei Phänomene unterschiedlicher Komplexität behandeln, die sich zudem auf den verschiedenen Ebenen des Sprachsystems verorten lassen (cf. Große 2017: 52). Bei formal-grammatischen Elementen besteht jedoch die Problematik, dass ihre Interpretation Schwierigkeiten bereiten kann:
Man kann die Häufigkeit der Wortarten, der Tempora, der Modi, des Passivs – um die bei Textsortenstudien am häufigsten untersuchten Phänomene zu nennen – bestimmen. Die Frage ist allerdings, was wir mit entsprechenden Befunden gewonnen haben. Teilweise sind die Ergebnisse wiederum trivial, nämlich dem Sprachbenutzer ohnehin bekannt – z.B. die Feststellung, dass in deutschen Gebrauchsanweisungen für die Formulierung der Handlungsanweisung heute der Infinitiv bevorzugt wird. Teilweise sind die Daten den Sprachbenutzern aber auch völlig unbekannt: Wer wüsste schon, wie viel Prozent Passivstrukturen in offiziellen gegenüber privaten Briefen vorkommen? […] Das generelle Problem: Bei Kategorien wie den eben besprochenen ist der sachliche Abstand zwischen Ausdrucksabsicht und grammatischem Mittel zu groß (Adamzik 2001: 18f.).
Für die Interpretation diskurstraditioneller Elemente bietet es sich somit an, diese im Zusammenspiel mit weiteren Merkmalen in einem Mehrebenen-Ansatz zu beobachten. Des Weiteren sind die kommunikativen Bedingungen ihres Auftretens und die mit den Formen verbundenen Absichten zu rekonstruieren und vor dem Hintergrund kultureller Normenkulturelle Norm zu reflektieren.
3.1.2 Wandel
Das Konzept „Diskurstradition“ erlaubt es, Konventionen in Diskursen unter dem Aspekt der dynamis zu begreifen und deswegen auch Veränderungen der Diskurstraditionendiskurstraditioneller Wandel nachzuvollziehen. Dabei stellt Koch die diskurstraditionelle Dynamik in den Zusammenhang mit kulturellen Traditionenkulturelle Tradition. Für ihn sind DiskurstraditionenDiskurstradition ein Spezialfall einer kulturellen Tradition:
Dabei gehe ich davon aus, daß Diskurstraditionen im Grunde nur ein Typ der vielfältigen kulturellen Traditionen des Menschen sind (Koch 1997: 61).
Wie kulturelle Traditionen unterliegen auch Diskurstraditionen einer Dynamik:
Als Spezialfall dieser Sachlage lässt sich nun auch die diskurstraditionelle Dynamik beschreiben: aus neuen kulturellen, ökonomischen und technischen Herausforderungen entstehen neue kommunikative Bedürfnisse, die im ‚kommunikativen Haushalt‘ der betreffenden Kultur bislang nicht vorgesehen sind und denen die bestehenden Diskurstraditionen somit auch nicht ohne weiteres gerecht werden. An diesem Punkt können neue Diskurstraditionen entstehen (Koch 1997: 62).
Insbesondere an historisch bedeutenden Wendepunkten bilden sich häufig neue Diskurstraditionen heraus:
Auslöser können bestimmte kulturelle Ereignisse sein, technische Neuerungen, institutionelle Veränderungen. Hier liegt inzwischen eine ordentliche Zahl untersuchter Beispiele vor: die Arbeiten zu den Chroniken über die Eroberung und Kolonisation Amerikas, wo eine wirklich neue Welt zu neuen Texten führt; Arbeiten zu Schlüsselmomenten wie der Renaissance des römischen Rechts im Mittelalter, der Entstehung des Buchdrucks, der Französischen Revolution und ihrer Folgen bis hin zu Arbeiten zur Veränderung kommunikativer Praktiken durch Smartphones (Kabatek 2015: 59).
Gesellschaftliche Veränderungen können zur Entstehung, zur Ausdifferenzierung, zur Konvergenz, aber auch zum Verschwinden oder zum Ersatz etablierter Diskurstraditionen durch neue Diskurstraditionen führen (cf. Koch 1997: 66–69).
Unter den kulturellen Ereignissen spielen insbesondere mediale Umbrüche eine bedeutende Rolle. Der Buchdruck trug beispielsweise zur Verbreitung schriftlicher Erzeugnisse bei, und die Erfindung des Internets treibt die Ausbildung digitaler DiskurstraditionenDiskurstradition– digitale voran:
Epochenschwellen, die durch medialen Wandel bedingt sind, Übergänge von der Illiteralität zur begrenzten Verschriftung, von der begrenzten Verschriftung zur unbegrenzten Literalität (Buchdruck), von der Publikation durch Printmedien zur elektronischen, interaktiven Kommunikation (Aschenberg 2003: 8).
Insbesondere die InternetkommunikationInternetkommunikation hat eine Reihe neuer KommunikationsformenKommunikationsform hervorgebracht, wie beispielsweise BlogsBlog, ForenDiskussionsforum oder WikisWiki, welche die kommunikativen Rahmenbedingungen für die neu in ihnen entstehenden Diskurstraditionen setzen (cf. Frank-Job 2010: 37). Die veränderten Kommunikationsbedingungen haben zur Folge, dass häufig der „Rückgriff auf die bereits bewährten Handlungsmuster und Versprachlichungsstrategien hierfür nicht ausreicht“ und „die Kommunikationsteilnehmer daher neue Routinen für Kommunikationshandlungen entwickeln und kollektiv gültige Normen für diese Routinen aushandeln“ müssen (Frank-Job 2010: 43). Durch den medialen Wandel können völlig neue Diskurstraditionen entstehen. Allerdings entstehen digitale DiskurstraditionenDiskurstradition– digitale häufig nicht ex nihilo, sondern es lässt sich beobachten, dass etablierte Diskurstraditionen das TrägermediumTrägermedium wechseln:
Sprachtextsorten (mündliche wie das Märchen, schriftliche wie der Brief) „wandern“ zunehmend in andere Medien „aus“, das Märchen z.B. in den Film, der Brief z.B. ins elektronische Medium (Fix 2008b: 20).
Ein Beispiel für einen solchen Prozess ist die in der vorliegenden Studie behandelte Diskurstradition EnzyklopädieartikelEnzyklopädieartikel, die ihren Ursprung im Printmedium hat und sukzessive über die Reproduktion auf CD-ROM und die statische Repräsentation auf Internetseiten in die dynamische Umgebung eines WikisWiki wandert. Bei diesem Prozess wird der gedruckte EnzyklopädieartikelEnzyklopädieartikel– gedruckter vom WikipediaartikelWikipediaartikel abgelöst und befindet sich bereits heute im Verschwinden. Der Wechsel des Trägermediums bleibt häufig nicht ohne Folgen für die DiskurstraditionenDiskurstradition. Insbesondere der Wechsel in ein digitales TrägermediumTrägermedium scheint den Diskurstraditionen Merkmale wie Vermischtheit, Vernetztheit, Zersplitterung, Nichtabgeschlossenheit, Rezeptionsoffenheit, Autorenvielfalt, Normiertheit und Abwandlung einzuschreiben (cf. Fix 2014: 21), wobei die Merkmale in mehr oder weniger starkem Ausmaß auch auf die zuvor genannten Wikipediaartikel zutreffen. Trotz dieser allgemeinen Tendenzen bleibt jedoch im Einzelfall zu rekonstruieren, ob, und in welchem Maße, sich eine DiskurstraditionDiskurstradition verändert.
Denn nicht jede Veränderung in den medialen Bedingungen führt automatisch dazu, dass sich eine neue, vom Vorläufer unterscheidbare Diskurstradition etabliert. Dies zeigen schon die Überlegungen von Koch/Oesterreicher (2007: 349), die sich jedoch nicht mit dem Wechsel ganzer TrägermedienTrägermedium beschäftigen, sondern lediglich den Wechsel zwischen der phonischenRealisierung– phonische und der grafischenRealisierung– grafische Realisierung von DiskurstraditionenDiskurstradition berücksichtigen. Dabei gehen die Autoren davon aus, dass der alleinige Wechsel des Codes noch keinen Unterschied in der Diskurstradition bedingt. Es handelt sich um die „rein mediale Transkodierung“ (Koch/Oesterreicher 2007: 358) ein und derselben Diskurstradition:
Auf der Ebene des Diskurses sind Medium und Konzeption eindeutig zwei voneinander unabhängige Variablen: Wenn ich mir den Spaß mache, einen Zeitungsartikel vorzulesen, bleibt er immer noch ein Zeitungsartikel. Hier wird die für menschliche Sprache charakteristische medium transferability (Lyons 1981: 11) wirksam (Koch 1997: 57).
Allerdings ist die Annahme einer solchen medium transferabilitymedium transferability in der Forschung umstritten:
Die medium transferability besagt in ihrem Kern, dass sich ein und derselbe kommunikative Gehalt ohne Informationsverlust von einem Medium in das andere transferieren lasse. Dies wäre aber nur dann garantiert, wenn es medienneutrale Inhalte gäbe, die für sich existierten und durch das jeweilige Medium lediglich transportiert würden (Schneider 2016: 341).
Der Annahme, dass Inhalte unabhängig von einem Medium existieren, steht die Auffassung gegenüber, dass das Medium und das Mediatisierte eine Einheit bilden und nicht unabhängig voneinander existieren (cf. Schneider 2016: 343). Auf der Basis einer solchen Sichtweise kann davon ausgegangen werden, dass der jeweilige Code ebenfalls semiotisch wirksam ist und sich somit Unterschiede zwischen mündlichMündlichkeit– mediale und schriftlichSchriftlichkeit– mediale realisierten Botschaften ergeben:
Ein Inhalt, der mündlich realisiert wird, ist eindimensional: eine Kette von in der Zeit aufeinander folgenden Signalen. Wenn er verschriftlicht wird, wird er zweidimensional und bietet so unter Ausnutzung der zwei Dimensionen des Schriftträgers, die Möglichkeit von zusätzlichen, visuell-simultan – also nicht mehr nur nacheinander – wahrnehmbaren Signalen (Raible 2006: 15).
Es bleibt jedoch zu sagen, dass sich im Falle eines ausschließlichen Code-WechselsCode-Wechsel bei ansonsten gleichbleibenden Kommunikationsbedingungen eher kleinere Unterschiede zwischen Diskurstraditionen ergeben, die nur zu Varianten einer Diskurstradition führen. Allerdings beinhaltet eine Verschriftlichung durch die Tatsache, dass sich auch das TrägermediumTrägermedium ändert, bereits das Potential zu größeren Veränderungen, die lediglich nicht ausgeschöpft werden.
Im Falle einer stärkeren und dauerhaften Anpassung an das neue TrägermediumTrägermedium verändert sich in der Terminologie von Koch/Oesterreicher nicht nur das Medium, sondern auch die KonzeptionKonzeption einer Diskurstradition. Mit Konzeption sind dabei sowohl die Konstellation der Parameterwerte der Kommunikationsbedingungen als auch die Auswahl der sprachlichen Formen, der Duktus einer Diskurstradition, gemeint. Veränderungen in der Konzeption bewirken die Entstehung neuer Diskurstraditionen:
Wenn nun aber der Medienwechsel selbst traditionell wird, so sieht es anders aus: das Interview und das abgedruckte Zeitungsinterview sind zwei verschiedene Diskurstraditionen, und zwar nicht nur medial, sondern auch konzeptionell (das Zeitungsinterview neigt stärker zur Distanz). Dieses Beispiel zeigt uns aber zugleich, daß auch hier an der prinzipiellen Trennung von Medium und Konzeption festzuhalten ist: der mediale Sprung vom Phonischen ins Graphische führt einerseits keineswegs zu einem völligen konzeptionellen Sprung; vielmehr rückt das Zeitungsinterview auf dem konzeptionellen Kontinuum nur ein Stückchen weiter in Richtung Distanz, behält aber noch gewisse Elemente kommunikativer Nähe (Koch 1997: 57).
Insbesondere die Abänderung in den KommunikationsbedingungenKommunikationsbedingungen verändert das konzeptionelle Profilkonzeptionelles Profil einer Diskurstradition, durch das diese maßgeblich geprägt wird:
Besonders wichtig sind derartige Modifikationen, wenn sie auf wie auch immer bedingten objektiven Veränderungen der Parameter der skizzierten Kommunikationsbedingungen beruhen und damit die Grundstruktur der Diskurstraditionen tangieren (Oesterreicher 1997: 30).
Aus den Überlegungen Koch/Oesterreichers folgt, dass zwischen „rein medialen Transkodierungen“ und „Verschiebungen, bei denen sich konzeptionelle Profile von Diskursen verändern“ (Koch/Oesterreicher 2007: 358) zu unterscheiden ist, wobei nur letztere zur Ausbildung unterschiedlicher Diskurstraditionen führen können.
Diese Erkenntnis lässt sich auch auf Fälle anwenden, in denen das TrägermediumTrägermedium und die damit verbundenen KommunikationsbedingungenKommunikationsbedingungen, aber nicht die physische Realisierung (phonischRealisierung– phonische oder grafischRealisierung– grafische) verändert werden. Dabei stellt sich insbesondere bei digitalen DiskurstraditionenDiskurstradition– digitale die Frage, ob „bei Verlagerung in ein anderes Medium von derselben TextsorteTextsorte gesprochen werden“ kann (Fix 2014: 29):
Entspricht z.B. das so genannte elektronische Gästebuch dem, was wir alltagssprachlich mit Gästebuch meinen? Wie viele und welche durch den Medienwechsel bedingten Veränderungen sind zugelassen, ohne dass der Textsortencharakter verloren ginge? (Fix 2008d: 122).
Legt man nun die Ausführungen von Koch/Oesterreicher zugrunde, dann wären nur im Falle der Veränderung konzeptionellerKonzeption Aspekte zwei verschiedene Diskurstraditionen anzunehmen. Im Falle einer „rein medialen Transkodierung“ (Koch/Oesterreicher 2007: 358) handelt es sich um eine Variante ein und derselben Diskurstradition, die lediglich in einem anderen medialen Code realisiert wird. Ein solcher Fall liegt vor, wenn beispielsweise eine mittelalterliche Urkunde als Digitalisat zur Verfügung gestellt wird. Zwar tritt zur ursprünglichen Funktion der Urkunde als Rechtsakt diejenige als wissenschaftliches Untersuchungsobjekt hinzu, denn die Wissenschaftler sind als Leserschaft ursprünglich nicht intendiert, jedoch handelt es sich nach wie vor um dieselbe DiskurstraditionDiskurstradition, die in einer möglichst originalgetreuen Form zugänglich gemacht werden soll (cf. Gévaudan 2016: 94). Ein anderer Fall liegt vor, wenn Leserkommentare auf Le Monde in der Rubrik Réagissez mit Leserbriefen verglichen werden, oder wenn Kundenbewertungen auf Amazon traditionellen Rezensionen gegenübergestellt werden. In beiden Fällen sind Abänderungen in der KonzeptionKonzeption festzustellen, die den Schluss zulassen, dass es sich nicht um die Fortführung der etablierten DiskurstraditionDiskurstradition im Internet handelt, sondern dass die Abweichungen so groß sind, dass von eigenen Diskurstraditionen gesprochen werden kann. Im Falle des Leserbriefs kommt Hammer zu dem Schluss:
Aus dem argumentativ textorientierten Brief entwickelt sich ein interaktionsorientiertes Kommunikat (Hammer 2014: 50).
Letztendlich muss stets im Einzelfall überprüft werden, wie groß die Unterschiede zwischen der gedruckt und der digital realisierten Diskurstradition sind, um Aussagen über die Herausbildung digitaler DiskurstraditionenDiskurstradition– digitale machen zu können. Dies legen auch Modelle nahe, die annehmen, dass sich neue DiskurstraditionenDiskurstradition eher sukzessive aus bereits etablierten Diskurstraditionen herausbilden, indem sie sich den neuen medialen Gegebenheiten anpassen:
new information and communication technologies (ICTs) are first put mainly to old uses, and uses that take advantage of the full potential of the technologies emerge only later (Herring 2013: 8).
Diese Annahme bestätigt auch die Entwicklung der Diskurstradition EnzyklopädieartikelEnzyklopädieartikel, die zunächst gedruckt und dann auf CD-ROM realisiert wird. Diese wird später auf statischen Webseiten reproduziert. Auch der Vorläufer der Wikipedia, NupediaNupedia, ist ein Versuch, gedruckte EnzyklopädieartikelEnzyklopädieartikel online zu reproduzieren. Erst als dieses Modell nicht funktioniert und sich Wikipedia, die ursprünglich als kollaborativekollaborativ Entwurfsplattform für Nupediaartikel gedacht war, als geeigneter erweist, setzt sich das Prinzip der kollaborativen Produktion durch, eine Praxis, die aus der Softwareindustrie entlehnt ist.
In ihrem Modell zur Entwicklung von Diskurstraditionen nehmen Crowston/Williams (1997: 203) die Phasen reproduced, adapted und emergent an. Wie Erscheinungen des SprachwandelsSprachwandel wird auch die diskurstraditionelle Dynamikdiskurstraditionelle Dynamik von den kommunikativen Praktiken der Sprecher getragen, nur dass sich Diskurstraditionen schneller wandeln als ein Sprachsystem. Zunächst tendieren die Sprecher dazu, in neuen Situationen auf bereits bekannte Diskurstraditionen zurückzugreifen:
in a new situation individuals will typically draw on their existing genre repertoire, reproducing genres (Crowston/Williams 1997: 203).
Als Beispiele werden digitalisierte Bücher oder wissenschaftliche Artikel genannt, die fast unverändert in das neue TrägermediumTrägermedium transferiert werden. Allerdings erlauben die DiskursregelnDiskursregel auch Freiheitsgrade, weswegen es zu Abänderungen kommt, die häufig Anpassungen an die neuen medialen Bedingungen darstellen:
For example, the journal article will likely change as it moves onto the Web to take advantage of the possibilities of linking or embedding information (Crowston/Williams 1997: 203).
Wenn diese modifizierten Diskurstraditionen wiederholt verwendet und von den Sprechern akzeptiert werden, existieren sie eine Weile neben den traditionellen Diskurstraditionen und können diese nach längerer Zeit ersetzen. Dies verändert das gesamte Gefüge der DiskurstraditionenDiskurstradition einer kulturellen Gemeinschaft. Im Internet lassen sich jedoch auch Diskurstraditionen finden, die in keinem Zusammenhang mehr mit gedruckten Diskurstraditionen stehen und sich als eigenständige Diskurstraditionen vollständig separat weiterentwickelt haben, wobei es schwierig ist, den Zeitpunkt zu bestimmen, ab dem eine neue Diskurstradition entsteht:
Because the definition of genre relies on social acceptance, it is impossible to define the exact point at which a new genre emerges from the old one. Acceptance may take many years. However, after some period of coexistence, the new combination of form and purpose may become generally recognized and named as a separate genre (Crowston/Williams 1997: 203).
In ihrer Präzisierung nehmen Shepherd/Watters (1998) den grundsätzlichen Gedanken von Crowston/Williams (1997) auf und sprechen von den Stufen replicated, variant und novel. Jedoch unterscheiden sie zusätzlich bei neuen Diskurstraditionen, ob diese aus alten hervorgegangen sind, oder ob es sich um spontane Bildungen handelt:
The new functionality afforded by the new medium drives the evolution […] of replicated genres, i.e., those based on genres existing in other media, through variations on those genres until novel genres emerge that are significantly different from the original genres. In addition, the new medium supports the spontaneous creation of new genres that have never existed in other media (Shepherd/Watters 1998).
Als emergente DiskurstraditionDiskurstradition– emergente beschreiben Shepherd/Watters (1998) eine Zeitungsseite, die erst bei Seitenaufruf durch einen bestimmten Nutzer die für ihn passenden Nachrichten anzeigt. Als spontane Diskurstradition wird die FAQ-Liste (frequently asked questions) eingeschätzt, die keinen analogen Vorläufer hat.
Inspiriert von den Annahmen in Crowston/Williams (1997) ist der Ansatz in Herring (2013), die sich jedoch nicht auf ganze Diskurstraditionen, sondern auf Diskursphänomene konzentriert, wobei sie überwiegend Erscheinungen des Web 1.0Web 1.0 mit denen des Web 2.0Web 2.0 vergleicht, jedoch stellenweise auch analoge DiskurstraditionenDiskurstradition– analoge einbezieht. Herring nimmt die Stufen familiar, reconfigured und emergent an (cf. Herring 2013: 8), wobei familiar auf die Kontinuität eines Diskursphänomens mit eventuell geringfügigen Abwandlungen verweist, und nicht wie reproduced suggeriert, dass es sich um eine Kopie handelt (cf. Herring 2013: 7). Im Gegensatz zu adapted macht reconfigured auf die strukturelle Umgestaltung der Diskursphänomene aufmerksam (cf. Herring 2013: 8). Neue Diskursphänomene werden von Herring als emergent bezeichnet. Als familiar schätzt sie beispielsweise die genderspezifische Ausdrucksweise in Onlineforen und Chat-Räumen ein, die sich in sehr ähnlicher Form im Face-to-Face-Gespräch nachweisen lassen:
Gender differences in discourse style were documented in public online discussion forums and chatrooms throughout the 1990s that showed males to be more assertive, insulting, sarcastic, and profane, and females to be more accommodating, supportive, affectionate, and upbeat […]. These patterns reproduced gender styles in spoken conversation (Herring 2013: 9).
Als reconfigured wird von ihr die Praxis des turn-taking im Web 2.0Web 2.0 eingeschätzt, was beispielsweise mit dem Mühlenprinzip vieler Chatfunktionen zusammenhängen dürfte, die turn-taking nach einem Turn, aber nicht nach einem einzelnen Zeichen einer ganzen Eingabe erlauben. Als emergent betrachtet Herring die kollaborativekollaborativ Textproduktion in WikisWiki:
Collaborative text production of the sort that takes place on Wikipedia represents a new kind of online discourse. […] It leaves a manifest trace both front stage, in article pages and backstage […] in talk and user pages. Moreover, every addition, deletion, or alteration of the text is preserved in history pages, which in themselves constitute a new kind of text (Herring 2013: 15).
Im Gegensatz zu dieser neuen kommunikativen Praktik steht jedoch der Befund Herrings (2013), dass Artikel in PrintenzyklopädienEnzyklopädie– Print-~ und in WikipediaWikipedia große Ähnlichkeiten aufweisen:
Interestingly, despite being arrived at by entirely different means, the text of Wikipedia articles can be strikingly similar to that of traditional print encyclopaedias, both in quality of content […] and in style (Herring 2013: 15).
Ob sich die veränderten kommunikativen Bedingungen tatsächlich weder auf den Inhalt noch auf die Wahl sprachlicher Mittel in WikipediaartikelnWikipediaartikel auswirken oder möglicherweise andere diskurstraditionelle Merkmale betroffen sind, bleibt näher zu untersuchen.
Zusätzlich zu Veränderungen, die durch den Wechsel des TrägermediumsTrägermedium bedingt sind, stellt sich die Frage, „ob die Internetkommunikation zur Vereinheitlichung elektronischer Textsorten führt, sodass kulturelle Unterschiede in diesem Fall verschwinden“ (Fix 2014: 29) oder ob „kulturgeprägte Handlungsmuster auch in den Neuen Medien beibehalten“ werden (Reutner 2012: 9). Außer der Anpassung an eine dominante Leitkultur und dem Erhalt von KulturspezifikaKulturspezifikum ist eine Verschmelzung der Merkmale denkbar, aber auch die Ausbildung völlig neuer MusterDiskursmuster (cf. Reutner 2012: 9). Dass digitaleDiskurstradition– digitale ebenso wie analogeDiskurstradition– analoge Diskurstraditionen eine kulturelle Ausprägung aufweisen, legen kulturkontrastive Studien beispielsweise zu französischen und spanischen E-Mails (cf. Reutner 2010: 155f.) und zu deutschen, französischen, spanischen und englischen Unternehmenswebseiten (cf. Reutner 2014b: 156; Reutner 2015: 14–16; Schröder 2013: 340) nahe. Deswegen stellt sich auch in Bezug auf WikipediaartikelWikipediaartikel die Frage nach der Kultursensitivität der SprachversionenSprachversion (der Wikipedia).
Die Ausführungen zum Wandel von Diskurstraditionendiskurstraditioneller Wandel ergeben, dass diese in den größeren Rahmen der kulturellen Traditionenkulturelle Tradition eingeordnet werden können und folglich dem Wandel unterliegen. Ein wesentlicher Faktor, der diskurstraditionelle Dynamikdiskurstraditionelle Dynamik auslösen kann, sind gesellschaftliche und insbesondere mediale Umbrüche. Die Ausführungen von Koch (1997), Oesterreicher (1997) und einige Beispielstudien erlauben Überlegungen dazu, welcher Art diese medialen Veränderungen sein müssen, damit neue Diskurstraditionen entstehen und deuten auf graduelle Unterschiede hin, die von der Realisierung derselben Diskurstradition in einem anderen Medium bis hin zu konzeptionellen Verschiebungen und zur Ausbildung einer neuen Diskurstradition reichen. In diachroner Sicht entstehen neue Diskurstraditionen durch die Abänderung eines Vorläufers, von dem sie sich nach und nach entfernen. Ungeachtet aller medialen Einflüsse auf Diskurstraditionen bleibt zusätzlich zu berücksichtigen, ob kulturspezifische Ausprägungen in den Neuen Medien eine Vereinheitlichung erfahren, oder ob diese erhalten bleiben.
3.1.3 Zwischenresümee
Um die Transformation von EnzyklopädieartikelnEnzyklopädieartikel in WikipediaWikipedia zu untersuchen, wird das Konzept „DiskurstraditionDiskurstradition“ fruchtbar gemacht, das herausstellt, dass Diskurse nicht nur spontane Realisierungen von Sprache sind, sondern auch Konventionen folgen. Je nach Komplexitätsgrad können Diskurstraditionen von einfachen FormelnFormel über Text-/DiskurstraditionenDiskurstradition bis hin zu DiskursuniversenDiskursuniversum reichen. Die Konventionen, die die Ausprägung diskursiver MusterDiskursmuster steuern, sind gänzlich anderer Natur als die Regeln einer Einzelsprache. Im Gegensatz zu SprachregelnSprachregel sind DiskursregelnDiskursregel stets auf konkrete KommunikationssituationenKommunikationssituation bezogen, erlauben aber auch große Freiheitsgrade bei der Realisierung eines Musters. Sie sind zudem häufig sprachübergreifend wirksam. An diesen Eigenschaften zeigt sich bereits, dass Diskurstraditionen in Verbindung mit universellen Parametern der Kommunikation einerseits und mit gesellschaftlich-kulturellen Normengesellschaftlich-kulturelle Norm andererseits stehen. Eine DiskurstraditionDiskurstradition lässt sich somit nicht ausschließlich aus der Mischung der kommunikativen ParameterwerteParameterwert erklären, sondern diese erfahren in der Regel eine mehr oder weniger starke kulturelle Anpassung. Die DiskursregelnDiskursregel ergeben sich folglich aus einem Zusammenspiel der kommunikativen Parameterwerte mit kulturellen Normen und selegieren ihrerseits die jeweils angemessenen sprachlichen und nichtsprachlichen Gestaltungsmittel. Rekurrente Anforderungen führen zur wiederholten Auswahl derselben Mittel, wodurch sich Muster verfestigen.
Wandeln sich jedoch die kommunikativen oder die kulturellen Bedingungen, so kann sich die Auswahl der Gestaltungselemente verändern. Als Spezialfall einer kulturellen Tradition reagieren auch Diskurstraditionen auf historische Umbrüche, die häufig neue kommunikative Erfordernisse mit sich bringen. Insbesondere mediale Umbrüche machen eine Veränderung der kommunikativen Praktiken erforderlich, was sich auch daran zeigt, dass die Entstehung des Internets und insbesondere der Web 2.0Web 2.0-Technologie eine Reihe neuer Diskurstraditionen hervorbringt. Allerdings sind nicht alle digitalen DiskurstraditionenDiskurstradition– digitale völlig neu entstanden, sondern sie haben sich häufig aus analogen Vorgängern durch sukzessive Anpassungen an das neue TrägermediumTrägermedium entwickelt. Bei der Entscheidung, ob es sich um eine neue Diskurstradition handelt, ist folglich der Abstand zur analogen DiskurstraditionDiskurstradition– analoge entscheidend. Dabei ist abzuwägen, ob es sich um eine Variante derselben Diskurstradition in einem neuen Medium handelt, oder ob die Verschiebungen in der KonzeptionKonzeption der Diskurstradition so gravierend sind, dass eine neue Diskurstradition vorliegt. Die Konzeption einer Diskurstradition betrifft sowohl Veränderungen in der Mischung der kommunikativen Parameterwerte als auch eine veränderte Auswahl sprachlicher Mittel, die an der Textoberfläche sichtbar wird. Dass es dennoch nicht ganz einfach ist, zu entscheiden, ob eine neue Diskurstradition vorliegt oder nicht, zeigen die Befunde in Herring (2013: 15) zu Wikipedia. Die kollaborativekollaborativ Erstellung von EnzyklopädieartikelnEnzyklopädieartikel in einem WikiWiki schätzt sie als völlig neue kommunikative Praktik ein, die jedoch in diametralem Gegensatz zu ihrem Befund steht, dass sich das Produkt dieses Prozesses, die WikipediaartikelWikipediaartikel, kaum von gedruckten EnzyklopädieartikelnEnzyklopädieartikel– gedruckter unterscheiden.
3.2 Gedruckte Enzyklopädieartikel
Um nun Veränderungen in Enzyklopädieartikeln nachzugehen, die kollaborativ in Wikipedia produziert werden, ist es notwendig, zunächst die Konventionen gedruckter Enzyklopädieartikel zu rekonstruieren, um diese anschließend mit den Konventionen der Wikipediaartikel vergleichen zu können. Dazu wird der gedruckte Enzyklopädieartikel in einem ersten Schritt von benachbarten Diskurstraditionen abgegrenzt. Er wird anschließend hinsichtlich der Kommunikationssituation, des Artikelaufbaus und der sprachlich-stilistischen Mittel auf der Basis bisheriger Forschungsergebnisse charakterisiert.
3.2.1 Abgrenzung zu benachbarten Diskurstraditionen
In enger Verbindung zur Diskurstradition EnzyklopädieartikelEnzyklopädieartikel stehen der LexikonartikelLexikonartikel, der WörterbuchartikelWörterbuchartikel und der Eintrag im enzyklopädischen Lexikonenzyklopädisches Lexikon. Während die Bezeichnung Lexikonartikel teilweise als Sammelbezeichnung für Einträge in verschiedenen Arten von Nachschlagewerken fungiert, beziehen sich die Bezeichnungen Wörterbuchartikel, Eintrag im enzyklopädischen Lexikon und Enzyklopädieartikel auf unterschiedliche Diskurstraditionen, die jedoch nicht immer klar voneinander abgrenzbar sind. In dieser Trias bilden die Diskurstraditionen WörterbuchartikelWörterbuchartikel und EnzyklopädieartikelEnzyklopädieartikel zwei Extrempole. Der Eintrag im enzyklopädischen Lexikon, der insbesondere im romanischsprachigen Raum genutzt wird, stellt eine Mischform dar. Verglichen werden hier lediglich Prototypen, wobei im Bereich des SprachwörterbuchsWörterbuch– Sprach-~ der monolinguale Definitionsartikel mit rein sprachlicher InformationInformation– sprachliche als WörterbuchartikelWörterbuchartikel angesehen wird, und im Bereich der EnzyklopädieEnzyklopädie ein von der Textur her an der Encyclopédie geschulter Artikel betrachtet wird.
| Merkmal | Wörterbuchartikel | Enzyklopädieartikel |
| Semiotischer Status des Lemmas | Lemma als signifiant | Lemma verweist auf ein Konzept |
| Mediostruktur | Konzentration auf wörterbuchinterne Verweise externe Verweise auf Quellen zu Beispielangaben | interne und externe Verweise weiterführende externe Hinweise zur Vertiefung des Themas |
| Mikrostruktur | standardisierte Anzahl, Art, Reihenfolge der Kommentare programmierte Abfolge von Informationen (z.B. Formkommentar, semantischer Kommentar, etc.) | nicht-standardisierter Textaufbau thematische Entfaltung nach begrifflichen Aspekten (z.B. Oberbegriff/Unterbegriff, Chronologie) |
| Datendistribution | Angaben zum Lemma | Angaben zum Lemma weitere enzyklopädische Informationen zum Themenbereich |
| Adressierung der Angaben | Adressierung an das Lemma | Adressierung an andere Bezugswörter im Text möglich |
| Kondensation | nach standardisierten Regeln kondensierte Textfragmente | schwach bis nicht kondensierter Fließtext |
| Funktionalisierung zitierter Textpassagen | Angabe zur Bedeutung und Verwendung des Wortes | enzyklopädische Zusatzinformation zum Themengebiet Verifikation von Fakten |
| Illustration | keine | häufig |
| Inhalt | sprachliche Information | enzyklopädische Information |
Tabelle 1: Strukturelle Unterschiede zwischen Wörterbuch- und Enzyklopädieartikeln (cf. Lara 1989; Rey-Debove 1971; Schafroth 2014; Wiegand 2003, 2002, 1989a, 1989b; Wolski 1989)
Der grundlegende Unterschied zwischen den beiden Artikeltypen liegt darin, dass der Eintrag im SprachwörterbuchWörterbuch– Sprach-~ vor allem sprachliche InformationenInformation– sprachliche bereitstellen soll, der EnzyklopädieartikelEnzyklopädieartikel jedoch Wissen über die Welt, also enzyklopädische InformationInformation– enzyklopädische. Da Enzyklopädien als Referenzwerke angesehen werden, wird erwartet, dass ein EnzyklopädieartikelEnzyklopädieartikel in neutraler, informierender Weise ein gesichertes Wissen über das im LemmaLemma angegebene Thema vermittelt (cf. d’Achille/Proietti 2011: 93). Aus diesen unterschiedlichen Funktionen ergeben sich weitere Differenzen zwischen den beiden Diskurstraditionen: So fungiert das Lemma im WörterbuchartikelWörterbuchartikel als Wortform auf der signifiant-Ebene, zu dessen sprachlichen Eigenschaften Informationen in einem standardisierten und kondensierten Programm von Angaben gegeben werden, die einen strengen Bezug zum Lemma haben. Es geht hierbei um Angaben zur Form, Bedeutung und Verwendung eines Wortes, die allenfalls an Beispielangaben illustriert werden. Im Gegensatz dazu steht beim EnzyklopädieartikelEnzyklopädieartikel die enzyklopädische Information im Vordergrund. Dementsprechend fungiert das Lemma als Etikett für einen ganzen Themenbereich und verweist auf das mit dem Ausdruck verbundene gedankliche Konzept, das im Artikel in seinen Teilaspekten sprachlich dargestellt wird. Interne Verweise strukturieren und verknüpfen die Informationen, externe Verweise dienen der Verifikation der dargebotenen Fakten und der zusätzlichen Vertiefung. Der Artikelaufbau ist insgesamt wenig standardisiert, kaum kondensiert und hochgradig themenabhängig, da die Textgliederung eher begrifflichen Aspekten wie Ober- und Unterbegriffen oder der Ereignischronologie folgt. Die Angaben können sowohl Teilthemen des Oberthemas als auch verwandte Aspekte in Textteilen ausbauen, weswegen nicht alle Aussagen auf das Lemma bezogen sind.
3.2.2 Kommunikationssituation
Die Kommunikationssituation, in die ein gedruckter Enzyklopädieartikel eingebettet ist, lässt sich mithilfe der Parameter nach Koch/Oesterreicher (2011: 13) charakterisieren, die durch weitere Parameter ergänzt werden. Es lässt sich sagen, dass die Gesamtheit der Parameterwerte des gedruckten Enzyklopädieartikels darauf hinweisen, dass es sich um eine Diskurstradition der kommunikativen Distanzkommunikative Distanz handelt (cf. Reutner 2013b: 237). Gedruckte Enzyklopädieartikel werden für ein breites Publikum publiziert, weswegen es sich um ein Produkt der öffentlichen KommunikationÖffentlichkeit, ja sogar der Massenkommunikation handelt, wobei jedoch der Zugang in der Regel käuflich erworben werden muss. In einigen Enzyklopädien haben die Artikel einen einzigen Verfasser und die von Hoffmann beschriebene Kommunikationssituation „einer an mehrere“ (Hoffmann 1988: 156) trifft zu. Jedoch werden auch in den PrintenzyklopädienEnzyklopädie– Print-~ Artikel von mehreren Verfassern erstellt, die aufgrund einer fehlenden Signatur anonym bleiben können (cf. d’Achille/Proietti 2011: 93). Diese Praxis deutet bereits auf das Spezifikum von gedruckten Enzyklopädieartikeln hin, dass sich Verfasser und Publikum in der Regel nicht kennen, wobei der Verfasser eines Enzyklopädieartikels stark hinter den Informationen zurücktritt. Da es das Ziel heutiger Enzyklopädieartikel ist, sachlich-neutral Informationen zu einem Thema bereitzustellen, ist eine emotionaleEmotionalität Beteiligung der Kommunikationspartner unerwünscht. Dies schließt allerdings nicht aus, dass es auch in gedruckten EnzyklopädieartikelnEnzyklopädieartikel– gedruckter stellenweise zu emotionalen Äußerungen kommen kann. Die Kommunikationssituation ist außerdem durch die zeitliche und räumliche Trennung des Autors vom Leser geprägt, mit der weitere Merkmale von Situationen der kommunikativen Distanzkommunikative Distanz verbunden sind. So ist die Kommunikationssituation zudem durch Handlungs- und Situationsentbindung gekennzeichnet. Im Enzyklopädieartikel wird weder auf den situativen Kontext des Autors noch auf den des Lesers Bezug genommen, was auch damit zusammenhängt, dass in einem Enzyklopädieartikel ein Wissen kommuniziert werden soll, das situationsunabhängig gültig ist. Aus diesem Anspruch folgt, dass die Gegenstände, über die gesprochen wird, sowohl vom Sprecher als auch vom Rezipienten entfernt sind, weswegen referenzielle Distanz vorherrscht. Ein gedruckter EnzyklopädieartikelEnzyklopädieartikel– gedruckter wird ausschließlich von einem Autor produziert und vom Leser passiv rezipiert, ohne dass dieser den Diskurs mitgestalten könnte. Es besteht folglich keine Möglichkeit zur Kooperation. Der Text ist strikt monologisch und es ist kein Rollenwechsel zwischen Sprecher und Rezipient möglich. Der Grad der SpontaneitätSpontaneität ist äußerst gering, da die Abfassung eines Enzyklopädieartikels redaktionellen Vorgaben zu folgen hat, sorgfältig geplant ist, und das Produkt zudem von einer Redaktion überprüft wird. Aufgrund der Statik der PrintenzyklopädieEnzyklopädie– Print-~ können zudem keine spontanen Abänderungen gemacht werden (cf. Reutner 2013b: 236). Das Thema ist durch das Stichwort vorgegeben und kann innerhalb dieses Rahmens entwickelt werden. Die thematische Struktur eines EnzyklopädieartikelsEnzyklopädieartikel ist nicht so stark normiert wie die eines WörterbuchartikelsWörterbuchartikel, allerdings werden allzu große Abschweifungen vom Thema aufgrund des Platzmangels vermieden. Zudem wird das Thema häufig zentral von der Redaktion vorgegeben und der Artikel muss sich in die Makrostruktur der gesamten Enzyklopädie einfügen (cf. Reutner 2013b: 232). Die Aufnahme eines Gegenstandes als Stichwort zeugt von der besonderen enzyklopädischen Relevanz des Themas (cf. Fandrych/Thurmair 2011: 92).
Zusätzlich zu den Parameterwerten nach Koch/Oesterreicher (2011: 13) kann für die Kommunikationssituation der Diskurstradition EnzyklopädieartikelEnzyklopädieartikel ein fachliches und somit auch hierarchisches Gefälle zwischen Autoren und Lesern kennzeichnend sein. Dies trifft im Gegensatz zur Fachenzyklopädie, die häufig ausschließlich für Experten konzipiert ist, insbesondere auf die Artikel allgemeiner Enzyklopädien zu, die von ausgewiesenen Experten ihres Fachs verfasst werden und deren Leserschaft äußerst heterogen ist (cf. Fandrych/Thurmair 2011: 90; Hoffmann 1988: 132). Somit richten sich die Artikel der UniversalenzyklopädienEnzyklopädie– Universal-~ zwar in den meisten Fällen an Nicht-Fachleute, was jedoch die Konsultation von Experten nicht ausschließt, zumal die vorausgesetzten fachlichen und sprachlichen Kompetenzen „vergleichsweise hoch“ (Fandrych/Thurmair 2011: 91) sind. Trotz dieser Anforderungen sind EnzyklopädieartikelEnzyklopädieartikel in UniversalenzyklopädienEnzyklopädie– Universal-~, falls sie überhaupt einen fachlichen Gegenstand behandeln, höchstens als FachtexteFachtext der äußersten fachlichen Schicht einzuordnen (cf. Hoffmann 1988: 136), da sie in der Regel keine Originalarbeiten, sondern resümierend als Tertiärwerke einen gesicherten Kenntnisstand vermitteln. Die Nachschlagewerke dienen häufig dazu, sich einen ersten Überblick über einen Gegenstand zu verschaffen und fungieren als Referenzwerke, die ein gesichertes Wissen bieten, das von anerkannten Experten präsentiert wird (cf. Hoffmann 1988: 156). Da der Verfasser als Garant für das präsentierte Wissen fungiert, sind die Artikel zumeist signiert. UniversalenzyklopädienEnzyklopädie– Universal-~ sind somit Nachschlagewerke mit didaktischem Charakter, deren zusammenfassende und systematisierende Darbietung von Wissen (cf. Fandrych/Thurmair 2011: 91) eine punktuelle und schnelle Konsultation ermöglicht.
3.2.3 Artikelaufbau
Während die Werte der kommunikativen Parameter für einzelne Exemplare gedruckter EnzyklopädieartikelEnzyklopädieartikel– gedruckter sehr einheitlich ausfallen, ergibt die Analyse des Artikelaufbaus an konkreten Texten eine größere Variation. Diese wird durch das gewählte Stichwort, den Fachlichkeitsgrad und die Ausführlichkeit des Werks, aber auch durch die jeweilige Sprach- sowie Diskursgemeinschaft beeinflusst, durch die ein Artikel erstellt wird.
Vorwiegend deutsche Artikel untersuchen Hoffmann (1988) und Fandrych/Thurmair (2011). In seiner Studie wählt Hoffmann (1988) deutsche und russische Artikel aus Universalenzyklopädien1 aus. Für sein Korpus stellt er einen relativ schlichten Artikelaufbau nach dem Muster StichwortStichwort – DefinitionDefinition – Merkmal 1 – Merkmal 2 – Merkmal n fest. Allerdings ergeben sich je nach Artikel unterschiedliche Variationen dieses Grundschemas, weswegen Hoffmann bei seinen Analysen anstelle der Definition häufig nur von allgemeiner Charakteristik spricht, die der Anzahl von spezifischen Merkmalen gegenübersteht (cf. Hoffmann 1988: 142). Welche Merkmale genannt werden, hängt davon ab, welches KonzeptKonzept das Stichwort versprachlicht und welche weiteren Konzepte mit diesem verknüpft sind. Die Teiltexte stehen einerseits in einer hierarchischen Beziehung zum Stichwort, andererseits können Teilthemen weitere Unterthemen enthalten, die wiederum von diesen Oberthemen abhängig sind.2 Für einen Artikel zum Lemmatyp Fließendes Gewässer analysiert Hoffmann beispielsweise den Aufbau: AC: Allgemeine Charakteristik, SM1: Verlauf, SM2: Wasserkraftnutzung, SM3: Nebenflüsse, SM4: Wasserwege und Kanalsystem (cf. Hoffmann 1988: 142).
Eine Mischung aus wenigen obligatorischen und vielen fakultativen Texteinheiten analysieren Fandrych/Thurmair (2011: 95) in ihrem deutschsprachigen Korpus aus Lexikonartikeln.3 Als obligatorische Elemente identifizieren sie das StichwortStichwort und eine allgemeine Charakterisierung, „die meist aus einer Definition, teilweise aber auch in der Angabe von Synonymen oder anderen sprachlichen Charakterisierungen besteht“ (Fandrych/Thurmair 2011: 95). Fakultativ sind sprachbezogene Angaben zum Stichwort wie Aussprache, Herkunft und der Artikel bei Substantiven. Ebenso fakultativ ist eine Rahmensetzung, in der „Angaben zum Sach-/Fachbereich, in dem der Begriff verwendet wird“ (Fandrych/Thurmair 2011: 95), gemacht werden. Zudem wird das behandelte Konzept fachlich, gesellschaftlich und historisch eingeordnet sowie hinsichtlich wichtiger Eigenschaften charakterisiert. In einer begrifflichen Einordnung können Bezüge zu Nachbarbegriffen erläutert werden und das Konzept, auf das sich das Stichwort bezieht, in ein Begriffsnetz eingeordnet werden. Das Konzept kann zudem anhand von Beispielen erläutert werden. Am Ende des Artikels stehen Verweise und weiterführende Literaturangaben (cf. Fandrych/Thurmair 2011: 95).
Einen Vergleich zwischen deutschen und englischen Artikeln aus Universal enzyklopädien zu Stichwörtern aus dem Bereich der Technik4 nimmt Göpferich (1995) vor. Als häufige Elemente benennt sie die Elemente Stichwort – Definition – Überblick über das Begriffssystem – Explikation und Beispiele – Anwendung/historischer Überblick – Verweise – bibliografische Angaben – Anhang (cf. Göpferich 1995: 296–299). Dabei ist das StichwortStichwort durch Fettdruck hervorgehoben, die DefinitionDefinition besteht zumeist nur aus einem Satz und folgt in neun von zehn Fällen dem klassischen Definitionsverfahren durch die Angabe des genus proximum und der differentia specifica (cf. Göpferich 1995: 297). Auf die Definition folgt in vielen deutschen Artikeln ein Überblick über das Begriffssystem, wobei die unmittelbaren Unterbegriffe des Definiendums aufgezählt werden. In englischen Artikeln werden entweder nur sehr wenige oder keinerlei verwandte Begriffe aufgezählt (cf. Göpferich 1995: 298). Anschließend werden die Begriffe unter Angabe von Beispielen erläutert:
In den Explikationen zu Baugruppen werden die einzelnen Komponenten aufgezählt und ihr Zusammenwirken beschrieben; bei Verfahren werden in chronologischer Reihenfolge die Einzelschritte genannt und erklärt (Göpferich 1995: 298).
Zusätzlich können die Anwendungsgebiete beschrieben und ein historischer Überblick gegeben werden, was teilweise in Unterabschnitten mit eigenen Überschriften geschieht. Innerhalb der Artikel wird in Form von Pfeilen auf die Einträge verwandter Begriffe verwiesen, insbesondere, wenn die Stichwörter im Artikel vorkommen und in der Enzyklopädie Einträge zu diesen Stichwörtern existieren. Am Ende der Artikel befinden sich zudem bibliografische Angaben, die die Quellen der Informationen offenlegen und eine weiterführende Lektüre ermöglichen. In einigen Fällen treten Anhänge mit Umrechnungstabellen, Abkürzungsverzeichnissen oder Periodensystemen auf (cf. Göpferich 1995: 298).
Ausschließlich englische Artikel werden von Gläser (1990) und Lauer (1986) analysiert. Zudem fokussieren sich die beiden Studien auf Artikel in englischen FachlexikaLexikon– Fach-~ und FachenzyklopädienEnzyklopädie– Fach-~. Dabei unterscheidet Gläser zwischen einem eher knapp gehaltenen Eintrag in einem Fachlexikon und einem ausführlicheren Eintrag in einer Fachenzyklopädie. Während das
Fachlexikon in der Regel Stichwortartikel enthält, die sich durch eine hohe Informationsdichte und Sprachökonomie auszeichnen, beinhaltet die Fachenzyklopädie längere Artikel, die in der Art einer wissenschaftlichen Abhandlung durch Zwischenüberschriften gegliedert und mit einer Zusammenfassung, einem Anmerkungsapparat und einer Bibliographie versehen sind (Gläser 1990: 107).
Anhand von Artikeln aus 17 englischen Fachlexika5 stellt Gläser (1990: 98) den Aufbau Stichwort – Definition – Explikation/phänomenologische Beschreibung – Beispiele – visueller Code – Literaturhinweise fest. Obligatorisch sind insbesondere in kürzer gehaltenen Fachlexika lediglich StichwortStichwort und DefinitionDefinition. Der in Fachlexika „registrierte, systematisierte, definierte und z.T. auch normierte Fachwortschatz spiegelt die innere Systematik eines fachlichen Begriffssystems durch Verweise auf Hyperonyme, Hyponyme, Synonyme oder verwandte Termini wider“ (Gläser 1990: 107). In einigen Fällen werden metasprachliche Einschätzungen zu den Termini gegeben, „wenn z.B. ein Terminus zu vage oder mehrdeutig gefaßt ist, eine Vielzahl von Synonymen aufweist, wenn er dem veränderten Begriffsinhalt nicht mehr entspricht oder im Veralten begriffen ist“ (Gläser 1990: 93). Die Definition in Fachlexika folgt häufig dem Schema „Oberbegriff + artbildender Unterschied“ (Gläser 1990: 99), weil der Fachexperte „Realdefinitionen braucht, die gerade die Eigenmerkmale eines Begriffs explizieren“ (Gläser 1990: 99). Umschreibungen sind seltener zu finden. Allerdings lassen sich je nach fachlicher Zugehörigkeit des Artikels auch andere Definitionsverfahren feststellen:
Die hier mit Absicht reichhaltig angeführten Belege für den Teiltext ʻDefinitionʼ in Lexikonartikeln ganz unterschiedlicher Fachgebiete verdeutlichen zugleich verschiedene Herangehensweisen an die Bestimmung von Fachbegriffen. Die Herkunft eines Terminus ist zwar für das philologische Verständnis einer Bezeichnung aufschlußreich, bietet aber nur selten den semantischen Zugang zu einem Fachbegriff, dessen Inhalt und Umfang gerade durch seine Beziehungen innerhalb eines Begriffssystems bestimmt werden. Für den Mediziner ist dagegen ein Hinweis auf die griechischen oder lateinischen Terminuselemente hilfreich, weil diese in der Fachterminologie produktiven Wortbildungsmittel auch international üblich sind und eine eindeutige Interpretation eines Fachbegriffs ermöglichen (Gläser 1990: 101).
Auf die Definition folgt eine Explikation oder auch phänomenologische Beschreibung, welche Teilaspekte der allgemeinen Definition klassifiziert und erläutert (cf. Gläser 1990: 99). Zudem illustrieren Beispiele und Grafiken Aspekte der allgemeinen Definition. Am Ende von Artikeln in Fachlexika finden sich häufig Hinweise für eine vertiefende Lektüre (cf. Gläser 1990: 98). Einen komplexeren Aufbau weisen die Artikel6 aus der von Lauer (1986) untersuchten FachenzyklopädieEnzyklopädie– Fach-~ International Encyclopedia of Psychiatry, Psychology, Psychoanalysis and Neurology (1977) auf. Als obligatorisch stellt sie die Elemente Stichwort – Stichwortartikel – weiterführende Bibliografie – Name des Autors fest. Fakultativ lässt sich ein Glossar verwandter FachterminiTerminus dem Artikel voranstellen und die einzelnen Artikelabschnitte können am Ende in einer Zusammenfassung resümiert werden. Am Ende des Artikels einer Fachenzyklopädie finden sich außerdem häufig eine Bibliografie und Verweise auf weitere Literatur. Zudem wird der Name des Verfassers genannt. Artikel in Fachenzyklopädien sind somit Handbuchartikeln ähnlich, was sich auch daran zeigt, dass einzelne Abschnitte häufig durch Überschriften und Absätze separiert sind (cf. Lauer 1986: 98).
Der Aufbau von Artikeln in französischen PrintenzyklopädienEnzyklopädie– Print-~ wird in Mochet/O’Neil (2000) analysiert, wobei diachron die Entwicklung vom 19. Jahrhundert bis hin zu zeitgenössischen Werken verfolgt wird. Zur Analyse wird der Artikel croisade aus La Grande Encyclopédie André Berthelot (1855), Grand dictionnaire universel du XIXe siècle (1869), Nouveau Larousse illustré, Grand Larousse universel (1982–1995), Dictionnaire encyclopédique Quillet, Encyclopédie Universalis „corpus“ (1995), Axis: l’univers documentaire und der CD-ROM-Version Encyclopédie Hachette Multimédia untersucht. Dabei zeigt sich eine Tendenz zur ausführlichen Darstellung, die zwischen einer und maximal sieben Seiten schwankt. Der Artikel enthält in allen Werken außer Quillet eine Einführung, auf die eine chronologische Darstellung der Ereignisse folgt. Dabei setzen die Werke jedoch sehr individuelle Schwerpunkte, was die Darstellung einzelner Themen betrifft. Am Ende des Artikels befindet sich in allen Werken außer Larousse universel eine Zusammenfassung. In fünf der acht ausgewählten Werke wird am Ende des Kapitels eine Einschätzung des Ereignisses in Form eines bilan durch den Autor vorgenommen. In allen Werken außer Axis wird am Ende des Artikels eine Bibliografie angefügt. Eine Signatur des Autors weisen dagegen lediglich die Artikel in La Grande Encyclopédie André Berthelot und in Encyclopaedia Universalis auf. Auffällig ist außerdem, dass lediglich die jüngsten beiden EnzyklopädienEnzyklopädie, Universalis und Axis, über Inhaltsverzeichnisse verfügen. Ebenso ist die Anreicherung der Artikel mit Bildern, Karten und Kästen eine jüngere Erscheinung, die mit dem Nouveau Larousse illustré einsetzt und in der Folge immer stärker genutzt wird. Da das Korpus nicht nur reine Enzyklopädien, sondern auch enzyklopädische Lexikaenzyklopädisches Lexikon enthält, lässt sich in den Werken des Hauses Larousse und im Dictionnaire encyclopédique Quillet ein Teil mit sprachlichen Informationen zum StichwortStichwort feststellen, der für diese Diskurstradition typisch ist. Insgesamt fällt auf, dass die Artikel aus den untersuchten französischen Enzyklopädien und enzyklopädischen Lexika sich im Gegensatz zu einem kurzen Lexikonartikel durch eine diskursive Darstellung nach dem Schema Einleitung – Darstellung – Zusammenfassung auszeichnen. Am Artikelende werden zudem Einschätzungen der Experten und ausführliche Bibliografien angegeben.
Einen anderen Eindruck gewinnen d’Achille/Proietti (2011) anhand des von ihm untersuchten Korpus von Artikeln aus gedruckten italienischen Enzyklopädien. Ebenso wie die französischen Artikel tragen diese selten die Signatur des Autors. Allerdings sind die Artikel insgesamt kürzer gehalten und Fußnoten fehlen zumeist (cf. d’Achille/Proietti 2011: 94).
Die Ergebnisse der ausgewählten Studien zeigen, dass Einträge in Referenzwerken eine eigene Diskurstradition darstellen, die in einen ganzen Textverbund aus weiteren Artikeln, aber auch aus Hilfstexten, wie einem Vorwort, oder einen Index eingebettet sind. Der Zugriff auf die einzelnen Artikel erfolgt über die alphabetische MakrostrukturMakrostruktur– alphabetische, einzelne Artikel sind häufig über Verweise miteinander verknüpft. Die Artikel selbst können zum einen in der eher knappen Form eines Lexikoneintrags und zum anderen in der ausführlichen Form eines EnzyklopädieartikelsEnzyklopädieartikel vorliegen, wobei die Grenzen zwischen diesen beiden Diskurstraditionen fließend sind. In der kürzesten Variante besteht ein Artikel lediglich aus einem grafisch hervorgehobenen StichwortStichwort und einer allgemeinen Charakterisierung, die entweder in Form einer klassischen Definition, aber auch in Form einer Umschreibung des Stichworts vorliegen kann. In längeren Varianten werden mehrere Teilaspekte des Themas in eigenen Kapiteln entfaltet. Dabei versprachlicht das StichwortStichwort ein Konzept und in den Teilkapiteln werden weitere Konzepte beleuchtet, die einen realen Bezug zum übergeordneten Konzept des Artikels haben. Ein EnzyklopädieartikelEnzyklopädieartikel versprachlicht ein ganzes Netz aus Begriffen und setzt diese in Relation zueinander. Zusätzlich werden ausführliche EnzyklopädieartikelEnzyklopädieartikel durch weitere Teiltexte wie die Angabe des Wissensgebiets, ein Glossar, Tabellen, Quellenangaben, weiterführende Literaturhinweise und eine Signatur ergänzt.
Insbesondere Artikel in den untersuchten Fachlexika und -enzyklopädien zeichnen sich durch einen umfangreichen wissenschaftlichen Apparat aus und sind häufiger von den Experten signiert, weswegen sie eine Nähe zu Handbuchartikeln aufweisen. Diese Tendenz kann auch für fachsprachliche Stichwörter in UniversalenzyklopädienEnzyklopädie– Universal-~ festgestellt werden.
Es ergeben sich jedoch nicht nur Unterschiede zwischen Artikeln in Fach- und UniversalenzyklopädienEnzyklopädie– Universal-~ und zwischen eher allgemeinsprachlichen und eher fachsprachlichen Stichwörtern, sondern die auftretenden Textteile variieren auch danach, in welcher Sprache der Artikel verfasst ist. So fällt die ausführliche Präsentation von Inhalten in französischen Enzyklopädien auf, die Elemente wie Inhaltsverzeichnisse, einführende Resümees, Zusammenfassungen, Bibliografien und in einigen Fällen Abschnitte mit Expertenmeinungen enthalten. In italienischen Enzyklopädien sind die Artikel dagegen kürzer gehalten und häufig fehlen Fußnoten.
3.2.4 Sprachlich-stilistische Merkmale
Je nach Untersuchungskorpus variieren zudem die sprachlich-stilistischen Merkmale eines EnzyklopädieartikelsEnzyklopädieartikel. Hoffmann (1988) nimmt in seiner Studie exemplarische Analysen der deutschsprachigen Artikel Hegel und Donau aus Meyers Universallexikon vor. Der Artikel Hegel zeichnet sich durch wenig komplexe Subjektsphrasen aus. Häufig fungiert das StichwortStichwort in abgekürzter Form als Subjekt. Demgegenüber steht eine expandierte Prädikatsphrase, die komplexe Objekte enthält:
(1) H. suchte die Resultate aller bisherigen Philosophie u. Einzelwiss. sowie die Geschichte in ihrer histor.-widersprüchl. Entwicklung theoret. zu fassen, die Gesellschaft als gesetzmäßigen Selbsterzeugungsprozeß des Menschen durch die (allerdings idealist. interpretierte) Arbeit (Entäußerung u. Vergegenständlichung der menschl. Wesenskräfte) zu erklären (Hoffmann 1988: 138).
Durch diese Struktur wird das ThemaThema des Satzes, Hegel, über das etwas ausgesagt wird, sehr knappgehalten, wohingegen das RhemaRhema sehr lang und der Text damit maximal informativ ist. AbkürzungenAbkürzung ermöglichen zudem eine bessere Nutzung des begrenzten Platzes. Die Verben treten ausschließlich in der 3. Person auf. Der Text ist durch die ständige Bezugnahme auf das Artikelstichwort gekennzeichnet, was zu einer konstanten thematischen Progressionthematische Progression führt. Dabei ist zu beobachten, dass das Artikelstichwort häufig wiederholt wird und keine ProformenProform eingesetzt werden:
(2) Ausgestattet mit einem enzyklopäd. Wissen, entwarf H. ein objektiv-idealist. System, dem die Identifizierung von Denken u. Sein zugrunde lag. Nach H. ist der Weltgeist das tätige Prinzip […] (Hoffmann 1988: 138).
Der Pronominalisierungsgrad ist somit gering und die Sätze werden über die wörtliche Wiederaufnahmewörtliche Wiederaufnahme verknüpft. Häufig werden die einzelnen Sätze ohne Konnektoren nebeneinandergestellt. Der gesamte Artikel wird von einem lexikalischen Netz aus dem Wortfeld ‚Grundbegriffe der idealistischen Philosophie‘ durchzogen. Während diese Beobachtungen für den gesamten Artikel gemacht wurden, lassen sich jedoch auch Unterschiede zwischen den einzelnen Artikelabschnitten feststellen. Beispielsweise fehlt im ersten Satz des Abschnitts allgemeine Charakterisierung das Verb:
(3) Hegel, Georg Wilhelm Friedrich, 27.8.1770–14.11.1831, bedeutendster Repräsentant der klass. Deutschen Philosophie (Hoffmann 1988: 137).
Ebenso werden im Abschnitt zu Werken und Leistungen die Hauptwerke Hegels in Nominalsätzen aufgezählt. Im Artikel Donau finden sich teilweise ähnliche sprachliche Merkmale. Die Subjekte sind auch dort entweder sehr knappgehalten oder werden ganz ausgespart. Die Verben stehen ausschließlich in der 3. Person, die Prädikatsphrase ist erweitert. Der Artikel ist durch den ständigen Bezug auf das Thema Donau gekennzeichnet, wodurch auch dort eine konstante thematische Progressionthematische Progression vorliegt. Zudem durchzieht den Artikel ein Netz aus Lexemen des Wortfelds ‚Fluss/Strom‘. Die Pronominalisierung und die Verbindung von Sätzen durch Konnektoren werden völlig vermieden. Zusätzlich fällt die Reihung von Verben im Aktiv auf, die von Lokalangaben begleitet werden und so den Verlauf des Flusses beschreiben:
(4) Donau f: zweitlängster Strom Europas; 2.860 km, davon 2.580 schiffbar (ab Budapest für Seeschiffe); Einzugsgebiet 817.000 km2; entspringt mit den Quellflüssen Brigach und Brege im Schwarzwald […], durchströmt den SO Rumäniens, ist danach rumän.-sowjet. Grenzfluß, mündet mit 5.000 km2 großem, sumpfigem, schiff- u. fischreichem Delta […] (Hoffmann 1988: 141).
An Hoffmanns exemplarischen Analysen werden Merkmale ersichtlich, die sich in mehreren Artikeln finden lassen. Dazu gehört die ständige Bezugnahme auf das Artikelthema, was eine konstante thematische Progression erzeugt. Verfahren der sprachlichen Kürze, wie die EllipseEllipse des Kopulaverbs in der Definition, die Reihung von Nominalsätzen, deren Subjekt ausgespart wird, und die Verwendung von Abkürzungen ermöglichen einen ökonomischen Umgang mit dem begrenzten Platzangebot.1 Abhängig vom StichwortStichwort sind die auftretenden Wortfelder. Zudem können auch die verwendeten Verben je nach Lemmatyp variieren, beispielsweise je nachdem, ob es sich um ein statisches oder ein dynamisches Konzept handelt.
Die von Hoffmann für deutsche Artikel festgestellten sprachlich-stilistischen Merkmale bestätigen Fandrych/Thurmair (2011: 108) an ihrem deutschsprachigen Korpus von Artikeln: Progression mit einem durchlaufenden Thema, Wiederholung des Lemmas in abgekürzter Form, elliptischer Stil mit Auslassung des Kopulaverbs, Verzicht auf Konnektoren. Als Stilmittel sind im Korpus ParenthesenParenthese auffällig. Des Weiteren stellen Fandrych/Thurmair (2011) eine hohe Frequenz des Passivs in ihrem Korpus fest, wobei sie darauf hinweisen, dass dieses sprachliche Mittel der Deagentivierung insbesondere im Deutschen bevorzugt verwendet wird und im Englischen metonymische Subjekte verwendet werden (cf. Fandrych/Thurmair 2011: 113). Einer näheren Analyse unterziehen sie außerdem die sprachlichen Verfahren der nominalen Verdichtungnominale Verdichtung, die ebenfalls für das Deutsche typisch sind. Die Verdichtungnominale Verdichtung bewirkt, dass zum Ausdruck des propositionalen Gehalts weniger Formen auf der Textoberfläche erscheinen als in einer expandierten Form, was in romanischen Sprachen beispielsweise durch Konstruktionen mit einem Gerundium oder einem Partizip geleistet werden kann, die einen Nebensatz ersetzen. Im Deutschen stehen für die nominale Verdichtungnominale Verdichtung Wortbildungsmechanismen (Komposition, Substantivierung, Bildung komplexer Adjektive) sowie die Attribuierung zur Verfügung. Häufig folgt die Satzstruktur in EnzyklopädieartikelnEnzyklopädieartikel dem Schema X ist Y, wobei die Nominalphrase in Y durch Attribuierung stark erweitert wird, wie Fandrych/Thurmair am folgenden Beispiel aus dem Artikel mechanische Musikinstrumente illustrieren:
(5) […] Herzstück der m.M. ist seit dem 14. Jh. die Stiftwalze, eine drehbare Holzwalze (später auch Metall) mit vorstehenden Metallwinkeln, Eisenbolzen oder Nagelstiften, die in Umdrehungsrichtung entsprechend dem Rhythmus, in Querrichtung entsprechend der Tonhöhe angeordnet sind, wobei eine Walze mehrere Musikstücke tragen kann (Fandrych/Thurmair 2011: 108).
In diesem Beispiel wird das Element Stiftwalze durch eine Apposition erweitert, die mit eine drehbare Holzwalze beginnt und bis zum Ende des Satzes reicht (cf. Fandrych/Thurmair 2011: 109). Dabei werden verschiedene Verfahren der nominalen Verdichtungnominale Verdichtung miteinander kombiniert, was in dieser Weise lediglich in der deutschen Sprache möglich ist:
Eine solche Kombination von Wortbildung, pränuklearer und postnuklearer Attribution sowie Apposition ermöglicht es, mehrere Merkmale, die teils komplex ineinander verschachtelt sind, beidseitig an eine Nominalphrase „anzulagern“, eine Strukturmöglichkeit des Deutschen, die in anderen europäischen Sprachen nicht in dieser Weise ausgeprägt ist (Fandrych/Thurmair 2011: 109).
Gläser (1990) präsentiert in ihrer Studie sprachlich-stilistische Merkmale von englischsprachigen Fachlexika, Fachenzyklopädien und Fachglossaren. Insbesondere in den Fachlexika lassen sich Verfahren der sprachlichen Kürze feststellen. Häufig wird „auf satzartige Definitionen und Erläuterungen zugunsten elliptischer Aussagen verzichtet“ (Gläser 1990: 93). In Fachenzyklopädien finden sich dagegen eher „längere, ausformulierte Abhandlungen“ (Gläser 1990: 96). Dementsprechend liegt auch die Frequenz von EllipsenEllipse in Fachlexika höher als in Fachenzyklopädien, nämlich in der Fachenzyklopädie bei 4,7 % (cf. Lauer 1986: 102) und im Fachlexikon bei 83 % (cf. Fiedler 1986: 100). Des Weiteren lassen sich Verfahren feststellen, die eine neutrale, unpersönliche Darstellung bewirken. In den untersuchten Artikeln fehlen Pronomina der 1. und 2. Person ebenso wie emotional-expressive Stilmittel. Teilweise treten jedoch in den enzyklopädischen Lexikonartikeln persönliche Stellungnahmen und Wertungen auf, insbesondere wenn sie die sachliche Darstellung unterstützen (cf. Gläser 1990: 102). Zudem ist in den Artikeln der Fachlexika eine hohe Frequenz an PassivformenPassivform zu verzeichnen, während diese in den Artikeln aus den enzyklopädischen Lexikonartikeln niedriger liegt (cf. Gläser 1990: 103). Darüber hinaus weisen enzyklopädische Lexikonartikel im Vergleich zu Artikeln der Fachlexika eine größere Breite an Stilmitteln auf:
Infolge der obligatorischen Informationsverdichtung beschränken sich die Stilfiguren des Lexikonartikels auf die Ellipse, Parenthese und den Parallelismus. In enzyklopädischen Lexikonartikeln ist mit dem Asyndeton, der stilistischen Inversion, dem Nachtrag und einzelnen Metaphern zusätzlich zu rechnen (Gläser 1990: 108).
Die ermittelten Stilmittel stehen in enger Relation zu den kommunikativen Verfahren, die für Artikel in Nachschlagewerken typisch sind. So tritt die ParentheseParenthese in Zusammenhang mit dem Explizieren oder Kommentieren von Sachverhalten auf. Auch bei diesen Verfahren weist der Lexikonartikel ein schmaleres Spektrum als der Artikel der Fachenzyklopädie auf. Während sich der Lexikonartikel vorwiegend auf die Verfahren Definieren und Explizieren beschränkt, werden diese Verfahren im enzyklopädischen Lexikonartikel durch die Verfahren Feststellen, Referieren, Beschreiben, Kommentieren und Beurteilen ergänzt (cf. Gläser 1990: 107). Zusätzlich zu sprachlichen Mitteln, die eine unpersönliche, neutrale Darstellung bewirken, fallen Verfahren auf, die mit der didaktischen Funktion von EnzyklopädieartikelnEnzyklopädieartikel verbunden sind. Göpferich (1995) zufolge sind die EnzyklopädieartikelEnzyklopädieartikel in ihrem deutsch-englischen Korpus diejenigen Diskurstraditionen, die den höchsten Anteil an metasprachlichen Elementen beinhalten. Ebenso stellt sie eine hohe Frequenz verallgemeinernder Formulierungen fest (cf. Göpferich 1995: 296; Haß 2016: 13).
Sprachlich-stilistische Merkmale von französischen Artikeln aus Enzyklopädien und enzyklopädischen Wörterbüchern untersuchen Mochet/O’Neil (2000). Die Artikel folgen überwiegend einem sachlich-neutralen Stil. Die Definitionen sind elliptisch, wobei sie im Falle von Universalis nicht als eigenständiger Teiltext, sondern als Teil des einleitenden Resümees erscheinen. Die vergangenen Ereignisse im Artikel zum Stichwort croisade werden im passé simple, imparfait und passé composé präsentiert. Durch den Einsatz des imparfait wird insbesondere in La grande encyclopédie: inventaire raisonné des sciences, des lettres et des arts par une société des savants et des gens des lettres von Dreyfus/BerthelotBerthelot, Marcellin (1886–1902) ein narrativer Stil gepflegt, der in den nachfolgenden Enzyklopädien einer sachlich-neutralen Darstellung weicht. Lediglich der Teiltext bilan enthält in mehreren Enzyklopädien des 20. Jahrhunderts persönliche Urteile der Verfasser:
Seul le „bilan“ des croisades conserve, à travers les commentaires appréciatifs, la marque d’opinion des auteurs (Mochet/O’Neil 2000: 105).
Die Ausprägung sprachlich-stilistischer Merkmale in traditionellen italienischen Enzyklopädieartikeln2 untersuchen d’Achille/Proietti (2011: 93f.) und kontrastieren sie anschließend mit einem multilingualen Korpus aus Wikipediaartikeln. Als diskurstraditionell beschreiben sie die Auslassung des KopulaverbsKopulaverb in der Definition und die regelmäßige Wiederaufnahme des LemmasLemma in abgekürzter Form. Aufgrund des begrenzten Platzangebots weisen die Artikel häufig keinerlei Absätze auf. Aufzählungen, die von einem Doppelpunkt eingeleitet werden, garantieren eine kurze und knappe Präsentation der Information. Aus Gründen der Kondensation sind die EnzyklopädieartikelEnzyklopädieartikel durch einen hohen Grad an lexikalischer Dichte gekennzeichnet. Die Artikel orientieren sich an der Standardsprache und sind einer sachlich-nüchternen Darstellung in einem unpersönlichen Stil verpflichtet. Aus diesem Grund fehlen markierte Satzkonstruktionen sowie Frage- und Ausrufesätze. Die Interpunktionszeichen werden in ausschließlich syntaktisch-grammatischer Funktion verwendet. Ebenso beschränken sich die Tempusformen auf das Präsens und Vergangenheitstempora, das Futur wird zumeist vermieden. Des Weiteren fehlen Deiktika, Konnektoren und Gliederungssignale. Diskurstraditionell sind zudem ParenthesenParenthese, die auf kondensierte Weise Einschübe ermöglichen. Die Artikel streben insgesamt eine sprachlich homogene Darstellung an, wobei anhand von Abkürzungssystemen, Konventionen zur Großschreibung oder paragrafematischen Elementen der Stil eines Werks sichtbar werden kann.
Insgesamt lässt sich feststellen, dass Artikel in Nachschlagewerken zum einen in der knappen Form eines Lexikonartikels und zum anderen in der ausführlichen Form eines Enzyklopädieartikels auftreten können, wobei die Grenzen fließend sind. Sowohl der Lexikonartikel als auch der EnzyklopädieartikelEnzyklopädieartikel sind durch die permanente Wiederaufnahme des Artikelthemas gekennzeichnet, um das herum die neuen Informationen organisiert werden (cf. Fandrych/Thurmair 2011: 103). Dabei tritt die Initiale des Lemmas am Satzanfang als Thema auf, auf das eine häufig expandierte Prädikatsphrase mit der neuen Information folgt. Zusätzlich wird über ein lexikalisches Netz aus Ausdrücken, die in semantischer oder assoziativer Beziehung zum Lemma stehen, der thematische Zusammenhang aufrechterhalten. Die Häufigkeit von Mitteln der sprachlichen Kürze variiert je nach Ausführlichkeit des Artikels. In der knapp gefassten Version fehlt das Kopulaverb in der Definition, im Artikeltext werden Lexeme abgekürzt. Das Artikelstichwort wird einmal ausgeschrieben und anschließend wird nur noch die Initiale als abgekürzte Form angegeben. Im Artikeltext werden die Aussagen asyndetisch aneinandergereiht, auf Konnektoren wird verzichtet. Zu einer solchen Informationsverdichtung tragen auch die häufigen ParenthesenParenthese bei. In deutschen Artikeln sind stark expandierte Nominalphrasen zu beobachten, was in anderen Sprachen rein strukturell nicht in dieser Ausprägung möglich ist. In den romanischen Sprachen werden beispielsweise Gerund- und PartizipialkonstruktionenPartizipialkonstruktion eingesetzt. Die Verfahren der sprachlichen Kürze sind in enzyklopädischen Artikeln seltener zu beobachten. Zudem enthalten enzyklopädische Artikel ein breiteres Spektrum an Stilmitteln wie beispielsweise stilistische Inversionen, Nachträge und Metaphern. Die kürzeren Lexikonartikel sind durch einen hohen Grad an Unpersönlichkeit gekennzeichnet. Dieser wird durch den Verzicht auf Pronomina der 1. und 2. Person erreicht. Eine Deagentivierung erzeugen auch Passivkonstruktionen, die insbesondere deutsche Artikel kennzeichnen, während in anderen Sprachen auch Mittel des Passiversatzes denkbar sind. Die enzyklopädischen Artikel verzichten ebenfalls auf Pronomina der ersten und zweiten Person, jedoch weisen sie seltener Passivkonstruktionen auf. Zudem verzichten sie, anders als die Lexikonartikel, nicht komplett auf emotional-expressive Ausdrücke. Im Falle, dass Wertungen des Verfassers die Klarheit eines enzyklopädischen Artikels fördern, sind diese sogar als Expertenurteil erwünscht. Auffällig bei einigen EnzyklopädieartikelnEnzyklopädieartikel zu Stichwörtern aus den Naturwissenschaften und der Technik ist zudem der hohe Anteil metasprachlicher Elemente und verallgemeinernder Formulierungen, die auf die didaktische Funktion von EnzyklopädieartikelnEnzyklopädieartikel zurückzuführen sind. Der Vergleich mit den Merkmalen traditioneller italienischer Artikel zeigt außerdem, dass die sprachlich-stilistische Gestaltung sprachübergreifend eine möglichst prägnante, sachlich-neutrale Darstellung zum Ziel hat und dass große Ähnlichkeiten bestehen. Allerdings fallen in gedruckten französischen Artikeln Abschnitte mit einer kritischen Diskussion oder persönlichen Stellungnahmen der Verfasser auf, was zeigt, dass vor dem Hintergrund zahlreicher sprachübergreifender Gemeinsamkeiten auch sprach- und kulturspezifische Ausprägungen der Diskurstradition EnzyklopädieartikelEnzyklopädieartikel auszumachen sind.
3.2.5 Zwischenresümee
Zusammengefasst betrachtet, besteht die Funktion von Enzyklopädieartikeln darin, dem Leser ein gesichertes Wissen zu dem Konzept bereitzustellen, auf das sich das Stichwort bezieht. Im Gegensatz zum WörterbuchartikelWörterbuchartikel und zum Eintrag im enzyklopädischen Lexikonenzyklopädisches Lexikon enthält ein EnzyklopädieartikelEnzyklopädieartikel keine sprachlichen InformationenInformation– sprachliche zum StichwortStichwort, sondern lediglich enzyklopädische InformationenInformation– enzyklopädische zu dem Themengebiet, das durch das Lemma benannt wird. Diese Informationen werden in einem EnzyklopädieartikelEnzyklopädieartikel diskursiv dargeboten und gehen nicht auf ein kondensiertes Programm zurück, wie es in einem WörterbuchartikelWörterbuchartikel zu finden ist.
Der EnzyklopädieartikelEnzyklopädieartikel ist eine Diskurstradition, die durch die kommunikativen Parameterwerte des Distanzsprechens geprägt ist. Die Diskurstradition ist öffentlich für ein breites Publikum zugänglich, Autor und Rezipient sind einander fremd, die emotionale Beteiligung der Kommunikationspartner wird zugunsten einer sachlich-neutralen Darstellung vermieden. Die Inhalte eines EnzyklopädieartikelsEnzyklopädieartikel besitzen eine situationsunabhängige Gültigkeit, wodurch Handlungs- und Situationsentbindung vorliegt. Zudem beziehen sich die Inhalte auf Gegenstände, die sowohl vom Autor als auch vom Rezipienten entfernt sind (referenzielle Distanz). Zwischen dem Autor und dem Rezipienten herrscht sowohl räumliche als auch zeitliche Distanz. Der Artikel wird vom Rezipienten als fertiges Produkt konsultiert, weswegen weder eine Mitwirkung am Diskurs noch der Wechsel der Sprecherrolle möglich ist, da es sich um einen monologischen Text handelt. Aufgrund der Tatsache, dass EnzyklopädieartikelEnzyklopädieartikel häufig redaktionellen Vorgaben folgen und der redaktionellen Kontrolle unterliegen, wird sowohl deren Struktur als auch deren sprachliche Abfassung sorgfältig geplant. Das Thema des Artikels wird durch das StichwortStichwort vorgegeben, das sich in eine vorher redaktionell festgelegte Makrostruktur fügen muss. Allerdings haben die Autoren gewisse Freiheiten bei der Auswahl der präsentierten Informationen. Für gedruckte EnzyklopädieartikelEnzyklopädieartikel– gedruckter ist typisch, dass sie von Experten verfasst sind und in der Regel vom interessierten Laien konsultiert werden. Dadurch entsteht ein fachliches Gefälle zwischen Autor und Leser. Der Autor garantiert die Korrektheit der Informationen.
Während die Kommunikationssituation für einzelne EnzyklopädieartikelEnzyklopädieartikel relativ einheitlich ist und lediglich der Parameter Hierarchie zwischen den Kommunikationspartnern je nach Zuschnitt des Werks schwankt, sind im Aufbau der Artikel größere Unterschiede festzustellen. In der kürzesten Version besteht der Artikel aus einem grafisch abgehobenen Stichwort und einer allgemeinen Charakterisierung, die häufig die Form einer Definition annimmt. In der längeren Variante werden im Artikel zusätzlich Teilaspekte des Themas, das durch das Stichwort vorgegeben wird, in einzelnen Kapiteln behandelt, die von umfangreichen Begleittexten umgeben sein können wie Glossaren, Tabellen, Quellenangaben oder weiterführender Literatur. Ein wissenschaftlicher Apparat und eine Signatur fallen insbesondere bei den Fachlexika auf. Durch Querverweise ist der Artikel mit anderen Artikeln verknüpft, das Stichwort ist zudem Teil der alphabetischen Makrostruktur. Die Ausprägung des Artikelaufbaus ist nicht nur vom Grad der Fachlichkeit des Werks oder des Stichworts abhängig, sondern auch von kulturellen Traditionen in der jeweiligen Diskursgemeinschaft. So lässt sich beobachten, dass französische Enzyklopädieartikel häufig ausführlich gestaltet sind und eine Einleitung, eine Darstellung des Inhalts und eine Zusammenfassung aufweisen. Am Ende des Artikels kann eine Einschätzung des Sachverhalts durch den Autor enthalten sein. Die Informationen sind anhand einer Bibliografie nachvollziehbar. Eher kürzer und neutral gehalten sind dagegen italienische Enzyklopädieartikel, die keine Abschnitte mit Urteilen des Verfassers und in der Regel auch keine Fußnoten enthalten.
Die prominente Funktion des Stichworts als Themengeber, um das herum alle weiteren Informationen organisiert sind, zeigt sich auch darin, dass Artikel in Nachschlagewerken durch eine konstante thematische Progression geprägt sind, wobei das Lemma häufig in abgekürzter Form wiederholt wird. Der knapper gehaltene Lexikonartikel ist durch Verfahren der sprachlichen Kürze geprägt, die jedoch, wenn auch seltener, ebenso in Enzyklopädieartikeln auftreten können. Auffällig sind die Auslassung des Kopulaverbs in der Definition, nominale Sätze, Abkürzungen, ParenthesenParenthese, der Verzicht auf Kohäsionsmittel und insbesondere in deutschen Artikeln stark expandierte Nominalphrasen. In EnzyklopädieartikelnEnzyklopädieartikel werden diese Verfahren weniger häufig verwendet und durch Stilmittel, wie die stilistische Inversion, oder auch Metaphern ergänzt. Die Unpersönlichkeit der Darstellung wird durch einen Verzicht auf Pronomina in der 1. und 2. Person erzielt, in deutschen Artikeln werden auch häufig Passivkonstruktionen eingesetzt. Insbesondere zu fachsprachlichen Stichwörtern lassen sich metasprachliche Elemente finden, ebenso wie in einigen Artikeln verallgemeinernde Formulierungen zu finden sind, die sich mit der wissenspopularisierenden Funktion von Enzyklopädieartikeln erklären lassen. Welche sprachlich-stilistischen Mittel auftreten, ist zum einen durch die in einer Sprache zur Verfügung stehenden Mittel bedingt, nicht zuletzt aber auch durch kulturelle Traditionen der Diskursgemeinschaften. So sind in den Zusammenfassungen französischer Enzyklopädieartikel bewertende Ausdrücke auffällig, die in Enzyklopädieartikeln anderer Sprachen nicht diskurstraditionell sind.
3.3 Wikipediaartikel
WikipediaartikelWikipediaartikel sind im Artikelnamensraum der Wikipedia zu finden, wobei dieses Projekt „mehr als eine online gestellte Enzyklopädie“ ist (Reutner 2013b: 232). Die Wikitechnologie, aber auch die mit ihr verbundenen sozialen Praktiken in Wikipedia bilden den größeren Rahmen, in dem WikipediaartikelWikipediaartikel angesiedelt sind. Wikipediaartikel selbst sind durch eine spezifische Konstellation der kommunikativen Parameterwerte geprägt, sie weisen einen typischen Aufbau auf und lassen Präferenzen für die Wahl sprachlich-stilistischer Gestaltungsmittel erkennen.
3.3.1 Wikitechnologie und Entstehung der Enzyklopädie
Die Entstehung der Wikitechnologie wird auf den 25. März 1995 datiert. Als erstes WikiWiki gilt CunninghamsCunningham, Ward WikiwikiwebWikiwikiweb, das von ihm auf der Unternehmenshomepage seines Arbeitgebers als Begleitseite zum Portland Pattern Repository, einer Dokumentation über Entwurfsmuster,1 angelegt worden ist. Die wikibasierte Begleitseite zum Programmierprojekt sollte den Austausch zwischen den Programmierern erleichtern und es ermöglichen, Programmierideen selbst beizusteuern, zu teilen und zu diskutieren. CunninghamCunningham, Ward gibt die folgende Definition für ein WikiWiki:
A wiki is a freely expandable collection of interlinked web “pages”, a hypertext system for storing and modifying information – a database, where each page is easily editable by any user with a forms-capable Web browser client (Leuf/Cunningham 2001: 14).
Ein WikiWiki ist für CunninghamCunningham, Ward „the simplest online database that could possibly work” (Leuf/Cunningham 2001: 15) und wird deswegen mit dem hawaiianischen Ausdruck wikiwiki ʻschnell, raschʼ betitelt, was auf die schnelle und unkomplizierte Abänderbarkeit der Texte verweist (cf. Ebersbach/Glaser/Heigl 2005: 11):
The main difference in comparison with most other collaboration tools is that a collaborative wiki is very informal and easy to use. Some sites may for special reasons require logins and passwords, but on the whole, the basic wiki interactivity consists of people “dropping by”, browsing and reading, and when so inclined freely adding comments or new content (Leuf/Cunningham 2001: 12).
Die Funktionsweise der Wikitechnologie basiert auf einer Client-Server Kommunikation. Bei einer Suchanfrage läuft in einem Wikisystem der folgende Prozess ab:
Abbildung 2:
Funktionsweise eines Wikisystems nach Ebersbach/Glaser/Heigl (2005: 15–18)
Wird eine Suchanfrage nach einer Wikiseite in den Browser des Clients eingegeben, so sendet dieser die Anfrage an den Server, einen Zentralrechner. Auf diesem ist die Wikisoftware in Form von Skripten installiert. Die Wikiskripte lesen nun die Daten aus der Datenbank aus, in denen die Inhalte in Form von Rohtext oder Wikicode enthalten sind. Die Wikiskripte übersetzen die Rohtextdaten in html und betten diese anhand der Formatvorlagen in eine Webseite ein. Die erstellte html-Seite wird an den Browser gesendet, der wiederum die html-Seite ausliest und für den Nutzer darstellt.
Wird keine Suchanfrage im WikiWiki gestellt, sondern der Edit-Button betätigt, so sendet das Wikiskript keine html-Übersetzung der Daten, sondern sie werden als Rohtext an den Browser zurückgesendet und können im html-Bearbeitungsfenster direkt bearbeitet werden. Nach der Bearbeitung wird die modifizierte Version an die Datenbank zurückgesendet und ersetzt automatisch die alte Version.
Neben der Bearbeitung von Wikiseiten im Browser sind die folgenden Funktionalitäten der Seiten in einem WikiWiki typisch: Lesemodus, VersionsgeschichteVersionsgeschichte, Versionenvergleich, DiskussionsseiteDiskussionsseite, Seiten mit Nutzerprofilen, Suchfunktion, Hilfsseiten mit Tipps und Regeln sowie die Spielwiese (en. sandbox) für Seitenentwürfe. Zudem wird eine starke Verlinkung der Seiten untereinander angestrebt. Existiert die angeforderte Seite noch nicht, erscheint keine Fehlermeldung, sondern die Aufforderung, diese anzulegen – ein Verhalten, das Nutzer zur KollaborationKollaboration animieren soll.
Die Wikitechnologie war zunächst nur für die Entwicklung von Software gedacht, verbreitet sich jedoch schnell (cf. Ebersbach/Glaser/Heigl 2005: 11) und wird häufig als Content Management-System zur Erstellung und Pflege von Webpräsenzen eingesetzt (cf. Ebersbach/Glaser/Heigl 2005: 11). Das populärste WikiWiki ist zweifelsohne WikipediaWikipedia:
At Wikipedia, the wiki concept is utilized to integrate and display encyclopedic knowledge (Ebersbach et al. 2008: 14).
Die englische Version der WikipediaSprachversion (der Wikipedia)– englische entstand am 15. Januar 2001. Ihre Gründer sind der Internetunternehmer Jimmy WalesWales, Jimmy und der Philosoph Larry SangerSanger, Larry. Ursprünglich war Wikipedia als Entwurfsplattform für Artikel geplant, die für das Vorgängerprojekt NupediaNupedia verwendet werden sollten. Chefredakteur der Nupedia war Larry SangerSanger, Larry, dem die Aufgabe der Artikelkontrolle zukam. Nupedia war eine expertenbasierte OnlineenzyklopädieEnzyklopädie– Online-~, die jedoch aufgrund des aufwändigen Redaktionsprozesses im ersten Jahr lediglich zwölf Artikel enthielt. Um die Redaktion der Artikel zu beschleunigen, beschlossen WalesWales, Jimmy und SangerSanger, Larry, ein Wikisystem einzusetzen, in dem Artikelentwürfe entstehen sollten, die dann in Nupedia integriert werden. Die Idee, ein Wikisystem zur kollaborativenkollaborativ Erstellung von EnzyklopädieartikelnEnzyklopädieartikel zu verwenden, entstand bei einem Gespräch Larry Sangers mit dem Programmierer Ben KovitzKovitz, Ben am 2. Januar 2001. Dieser war ein regelmäßiger Nutzer von CunninghamsCunningham, Ward WikiwikiwebWikiwikiweb und erklärte SangerSanger, Larry die Vorteile des Wikisystems. Aufgrund der Vorbehalte der Nupediaautoren gegen eine kollaborativ erstellte Enzyklopädie wurde das WikiWiki separat von der NupediaNupedia betrieben und erhielt den Namen Wikipedia. Auf dieser Entwicklungsplattform stieg in sehr kurzer Zeit die Artikelzahl. Am 12. Februar 2001 wurde die Marke der tausend Artikel erreicht und überflügelte bei Weitem die Größe und Reichweite der Nupedia. Dennoch wurden beide Projekte bis 2003 parallel weitergeführt. Die Firma Bomis verließ jedoch sowohl Nupedia als auch Wikipedia im Jahre 2002. In diesem Jahr trennte sich auch Larry SangerSanger, Larry vom Enzyklopädieprojekt, weil er, anders als WalesWales, Jimmy, den Verzicht auf Experten kritisch sah und daraufhin eine eigene Enzyklopädie, Citizendium (Sanger 2007), mit einem Expertenprinzip gründete.
Kurz nach der Gründung der englischen Sprachversion entstanden weitere Sprachversionen, was Jimmy WalesWales, Jimmy mit dem folgenden Ziel begründete:
create and distribute a free encyclopedia of the highest possible quality to every single person on the planet in their own language (WPE 2017: s.v. Wikipedia).
Als erste SprachversionenSprachversion (der Wikipedia) gelten die deutsche, die katalanische und die japanische. Aktuell sind die Sprachausgaben auf Englisch, Cebuano, Schwedisch, Deutsch, Französisch, Niederländisch, Russisch, Italienisch, Spanisch und Waray die zehn Wikis mit den meisten Artikeln (WPE 2017: s.v. Wikipedia).
Die französische SprachausgabeSprachversion (der Wikipedia)– französische entstand frühestens am 23. März und spätestens am 11. Mai, die erste Startseite ist seit 6. Juni 2001 abrufbar (WPF 2017: s.v. Histoire de Wikipédia). Die italienische SprachversionSprachversion (der Wikipedia)– italienische ist seit 11. Mai 2001 verfügbar (WPI 2017: s.v. Storia di Wikipedia). Beide Sprachversionen entstanden unabhängig voneinander und werden von einer eigenen Nutzergemeinschaft erstellt. Dies zeigt sich an den ersten Seiten. In der französischen Wikipedia zählen zu diesen die Einträge Paul Héroult, physique des particules, algèbre linéaire, Antoine de Saint-Exupéry, Irlande du Nord, Arc de triomphe. Für die italienische Version wurden zunächst keine eigenen Artikel angelegt, sondern Artikel aus der englischen Version ohne weitere Übersetzung kopiert (WPI 2017: s.v. Storia di Wikipedia). Erst ab dem 11. Juni 2001 entstanden die ersten Artikel mit den Lemmata comunicazione, Dante Alighieri, Petrarca, Manzoni (WPI 2017: s.v. Storia di Wikipedia).
In der Folgezeit entwickelten sich die beiden Sprachversionen unterschiedlich schnell, was bis heute an ihrer Größe sichtbar bleibt. Die französische Ausgabe wuchs ab 2002 rasant und erreichte am 10. September 2005 eine Anzahl von 160.000 Artikeln. Im Jahr 2010 überschritt sie die Marke von einer Million Artikeln. Die italienische Version entwickelte sich langsamer. Bis in das Jahr 2004 wurden kaum eigene Artikel erstellt. Am 8. September überstieg sie die Anzahl von 100.000 Artikeln und erst 2013 enthielt sie mehr als eine Million Einträge. Bedingt durch die unterschiedlichen Wachstumsgeschwindigkeiten beinhaltete die französische Sprachausgabe im Jahr 2017 1,9 Millionen Artikel, während die italienische Wikipedia 1,3 Millionen Einträgen umfasste.
Jedoch enthält die italienische SprachversionSprachversion (der Wikipedia)– italienische nicht nur weniger Artikel, sondern auch weniger aktive Nutzer. Während die französische Wikipedia 17.410 aktive Nutzer angibt (WPF 2017: s.v. Statistiques), verzeichnet die italienische Ausgabe 8.450 Nutzer (WPI 2017: s.v. Statistiche), die mit einem Konto in der jeweiligen Version angemeldet sind. Ebenso ist die Anzahl der Bearbeitungen in der französischen Ausgabe höher als in der italienischen: Für das Jahr 2014 werden für WPF 110.758.415 Bearbeitungen, für die italienische Ausgabe 74.078.288 verzeichnet. Die meisten Bearbeitungen werden für die englische Ausgabe angegeben, nämlich 740.122.045. Zudem lässt sich ein Zusammenhang zwischen der Größe der Wikipedia, der Aktivität der Nutzergemeinschaft und der Rezeption feststellen. Die am meisten aufgerufene SprachversionSprachversion (der Wikipedia)– englische ist die englische mit 5.202.263 Sichtungen pro Tag. Die französische VersionSprachversion (der Wikipedia)– französische wird mit 468.763 Sichtungen pro Tag häufiger als die italienische SprachversionSprachversion (der Wikipedia)– italienische mit 254.336 Sichtungen pro Tag rezipiert.
Es zeigen sich außerdem unterschiedliche Präferenzen bei den Seitenaufrufen in den Sprachversionen. Die zehn meistbesuchten Einträge in der französischen WikipediaSprachversion (der Wikipedia)– französische im Oktober 2017 lauten: Agave, Jean Rochefort, Defense Advanced Research Project Agency, France, Harvey Weinstein, Parabole, Arielle Dombasle, Théorie du complot, Catalogne, Halloween (Wikimedia Tool Labs 2017a). In der italienischen WikipediaSprachversion (der Wikipedia)– italienische werden im selben Zeitraum die zehn Artikel It (film 2017), Catalogna, Suburra – La serie, Stranger Things, Cesare Battisti (1954), Blade Runner, Halloween, It (romanzo), Andrea Bocelli und Raffaello Tonon am häufigsten konsultiert (Wikimedia Tool Labs 2017b). Es ergibt sich somit eine unterschiedliche Nutzung der Sprachausgaben. Sprachübergreifend wird ersichtlich, dass Themen aus den Bereichen Unterhaltung und Freizeit in Wikipedia sehr beliebt sind.
Dieses Muster wiederholt sich bei den zehn Artikeln mit den meisten Bearbeitungen. In der französischen WikipediaSprachversion (der Wikipedia)– französische sind dies Einträge zu den Lemmata world wrestling entertainment, personnel de la wwe, Nicolas Sarkozy, Roger Federer, Liste des chaînes de Canal, Familles subsistantes de la noblesse française (A à K), Dieudonné, Rafael Nadal, France (Wikimedia Tool Labs 2017c). In der italienischen WikipediaSprachversion (der Wikipedia)– italienische werden vor allem Einträge zu Fußballvereinen bearbeitet: associazione sportiva Roma, roster della wwe,2 Napoli, società sportiva calcio Napoli, Football Club Internazionale Milano, Juventus Football Club, Milano, Italia, Società Sportiva Lazio, Unione Sportiva Salernitana 1919 (Wikimedia Tool Labs 2017d).
Auch die am aktivsten genutzten DiskussionsseitenDiskussionsseite unterscheiden sich nach Sprachversion erheblich. Im Januar 2017 wurden in der französischen VersionSprachversion (der Wikipedia)– französische die Einträge Donald Trump, Arash Derombarsh, Chelsea Manning, Anthroposophie, Charlotte Marchandise, Molière, Les Indivisibles, Serge Latouche, François Asselineau und Élection présidentielle française de 2017 am häufigsten diskutiert (Wikimédia France 2017a). In der italienischen SprachversionSprachversion (der Wikipedia)– italienische war die Beteiligung an den Diskussionen zu den Artikeln Pagina Principale, digit ratio, Terremoto del Centro Italia del 2016 e del 2017, categoria: lavoro sporco, Isole della Croazia, Federico Pizzarotti, Mauro Biglino, Giuseppe Antoci, Aborto und progetto di ferrovia Torino-Lione am höchsten (Wikimédia France 2017b). Anhand der zehn aktivsten DiskussionsseitenDiskussionsseite lässt sich ablesen, dass vor allem in den Ländern aktuelle Ereignisse (élection présidentielle de 2017, terremoto del Centro Italia del 2016 e del 2017), Skandale (Chelsea Manning), umstrittene Personen der Öffentlichkeit wie Schriftsteller (Mauro Biglino) und Politiker (François Asselinau, Giuseppe Antoci, Federico Pizzarotti) sowie kontroverse Themen (aborto) diskutiert werden, aber auch Artikel aus dem Bereich der Pseudowissenschaften (digit ratio, anthroposophie).
Es ergeben sich somit erhebliche Unterschiede zwischen den Wikipediaversionen hinsichtlich der Produktion und der Rezeption von Einträgen. Jedoch stellt die übergeordnete Projektseite Meta-Wiki eine Liste von Themen bereit, die jede Sprachversion enthalten sollte, die durch für die Sprachversionen spezifische Themen ergänzt wird:
The list concerns basic content by subject: biography, history, geography, society, culture, science, technology, and mathematics. As for the rest, it is not rare for articles strongly related to a particular language not to have counterparts in another edition. For example, articles about small towns in the United States might only be available in English (WPE 2017: s.v. Wikipedia).
3.3.2 Hierarchien und kommunikative Praktiken
Obwohl in Wikipedia jeder Nutzer einen Beitrag zu einem Artikel leisten kann, werden in der WikipediagemeinschaftWikipediagemeinschaft in hierarchischer Abstufung Rechte für weitere Tätigkeiten vergeben. Dadurch entstehen in der Nutzergemeinschaft unterschiedliche Statusgruppen, die im Benutzerkonto durch flags angegeben werden. Ein Organigramm der Wikimedia-Stiftung zeigt typische Statusgruppen, wobei die einzelnen Wikipediaausgaben geringfügige Abwandlungen dieser Struktur vornehmen (cf. außerdem WPF 2017: s.v. Aide:Statuts des utilisateurs; WPI 2017: s.v. Wikipedia:Livelli di accesso degli utenti zur näheren Beschreibung der Statusgruppen):
Abbildung 3:
Organisationsstruktur von Wikimedia-Projekten (adaptiert nach Wikimedia Commons 2017)
An oberster Stelle in der Hierarchie des Wikimedia-Organigramms steht die Gemeinschaft, denn diese ist es, die sich bis auf die Grundprinzipien alle Regeln in Abstimmungen selbst gibt und diejenigen Nutzer benennt, welche die Umsetzung der Regeln sicherstellen. Auf einer projektübergreifenden Ebene sind die StewardsWikipediagemeinschaft– Steward angesiedelt, die jedoch aus Gründen der Neutralität nicht in ihrer eigenen Gemeinschaft aktiv werden dürfen. Sie können Nutzer im Falle von VandalismusVandalismus blockieren, Versionen wiederherstellen, den Status eines jeden Nutzers abändern und haben zusätzlich die gleichen Rechte wie die BürokratenWikipediagemeinschaft– Bürokrat auf lokaler Ebene. Falls eine Funktion auf lokaler Ebene nicht besetzt ist, wird sie von den globalen Stewards übernommen, was in der italienischen Version für die Gruppe der OversighterWikipediagemeinschaft– Oversighter der Fall ist. Unabhängig von den Nutzern soll auch das SchiedsgerichtWikipediagemeinschaft– Schiedsgericht agieren, das jedoch in der italienischen SprachversionSprachversion (der Wikipedia)– italienische nicht existiert. In der französischen SprachversionSprachversion (der Wikipedia)– französische wird das Comité d’arbitrage mit einer 2/3-Mehrheit für ein Jahr gewählt und vermittelt bei Konflikten. Direkt nach der Wahl ernennen die Mediatoren außerdem in der französischen Version die CheckuserWikipediagemeinschaft– Checkuser (vérificateurs d’adresses IP) und die Oversighters (masqueurs de modifications), während in der italienischen Version aufgrund des fehlenden Schiedsgerichts die Ernennung der Checkuser von den Stewards übernommen wird und die Tätigkeit der Oversighters von den Stewards ausgeführt wird. Die Checkuser (fr. vérificateurs d’adresses IP, it. checkuser) können die IP-Adressen zu den Benutzerkonten in Relation setzen und somit verhindern, dass ein Nutzer unter mehreren Konten mehrfach abstimmt oder eine IP-Adressen-Sperre umgeht. Dem Oversighter (fr. masqueur de modifications, it. oversighter) ist es erlaubt, einzelne Versionen einer Seite zu löschen, ohne dass diese von den Administratoren wiederhergestellt werden könnte.
In beiden Sprachversionen werden zudem BürokratenWikipediagemeinschaft– Bürokrat (fr. bureaucrates, it. burocrati) gewählt, die den Status von Nutzern abändern können. Sie sind es auch, die den gewählten Administratoren und den BotsWikipediagemeinschaft– Bot ihren Status verleihen. Lediglich die Stewards können den Bürokraten-Status entziehen. Die AdministratorenWikipediagemeinschaft– Administrator (eng. sysops, fr. administrateurs, it. amministratori) haben das Recht, Seiten zu schützen oder diesen Schutz aufzuheben, Nutzer zu sperren oder deren Sperrung zurückzunehmen, Seiten zu löschen oder gelöschte Seiten wiederherzustellen. Bots sind Roboter, die wie ein menschlicher Nutzer ein Nutzerprofil in Wikipedia besitzen und Bearbeitungen in Serie durchführen, wie beispielsweise die Korrektur von Links oder Orthografiefehlern.
Neben den Administratoren verfügen einige weitere Gruppen im Gegensatz zum anonymen Nutzer, dessen Abänderungen lediglich unter der IP-Adresse erscheinen, über erweiterte technische Rechte. Anonyme Nutzer dürfen zwar Artikel bearbeiten, jedoch müssen sie sich eine Vorschau der Änderungen anzeigen lassen, sie dürfen keine halbgeschützten Seiten modifizieren und auch an keinen Abstimmungen teilnehmen. Angemeldeten NutzernNutzer– angemeldeter (fr. utilisateurs enregistrés, it. nuovi utenti) wird ein Benutzerkonto mit eigenem Profil und DiskussionsseiteDiskussionsseite zugewiesen und sie dürfen an Abstimmungen im Rahmen ihrer weiteren Rechte teilnehmen. Vier Tage nach der Anmeldung wird der NutzerNutzer– bestätigter automatisch bestätigt (fr. utilisateur autoconfirmed, it. utenti autoconvalidati). Er erhält dadurch das Recht, Seiten umzubenennen, halbgeschützte Seiten zu modifizieren und Dateien zu importieren. Möchte ein Nutzer früher bestätigt werden (fr. utilisateur confirmed, it. utenti convalidati) ist dies in Ausnahmefällen möglich. Nach 90 Tagen und mindestens 500 Bearbeitungen erhält der NutzerNutzer– autopatrolled den Status autopatrolled (fr. utilisateur autopatrolled, it. utenti autoverificati) und seine Abänderungen werden ohne Überprüfung angenommen. Zusätzlich kann er Dateien umbenennen und einem Administrator bei Vertrauensverlust sein Misstrauen aussprechen (fr. utilisateurs autopatrolled, it. utenti autoverificati). Für NutzerNutzer– account creator mit dem Status account creator (fr. créateurs de compte, it. creatori di utenze) können unter einer Adresse mehrere Benutzerkonten bei größeren Projekten angelegt werden, der StatusNutzer–rollbacker rollbacker erleichtert es, Versionen mithilfe der Rollback-Taste wiederherzustellen. Im Unterschied zur englischen und zur deutschen Sprachversion existiert die Funktion des SichtersNutzer– Sichter (en. reviewer) in der französischen und italienischen Version nicht. In den beiden romanischen Sprachversionen müssen Bearbeitungen oder Artikel von neuen Mitgliedern nicht durch ein Peer-Review-Verfahren begutachtet werden, um in einen Artikel für alle sichtbar übernommen zu werden. Zusätzlich zu diesen Funktionen auf den lokalen Ebenen der einzelnen Wikimedia-Projekte existieren die entsprechenden Funktionen auch auf einer globalen Ebene. Falls ein Projekt eine Position nicht besetzt hat, können die globalen Funktionsträger aktiv werden.
Wikipedia basiert global auf fünf GrundprinzipienWikipediagemeinschaft– Grundprinzipien der, die unabänderlich sind und sowohl in der französischen als auch in der italienischen SprachversionSprachversion (der Wikipedia)– italienische verbindlich festgelegt sind und folgendermaßen lauten: (1) fr. Wikipédia est une encyclopédie/it. Wikipedia è un’enciclopedia, (2) fr. Wikipédia recherche la neutralité de point de vue/it. Wikipedia ha un punto di vista neutrale, (3) fr. Wikipédia est publiée sous licence libre/it. Wikipedia è libera, (4) Wikipédia est un projet collaboratif qui suit des règles de savoir-vivre/Wikipedia ha un codice di condotta, (5) Wikipédia n’a pas d’autres règles fixes/Wikipedia non ha regole fisse.
Im ersten Prinzip wird das Wikipediaprojekt in der Tradition der Enzyklopädien verortet, geht aber darüber hinaus, indem es die Elemente einer UniversalenzyklopädieEnzyklopädie– Universal-~, einer Fachenzyklopädie und eines Almanachs vereint (WPF 2017: s.v. Wikipédia:Wikipédia est une encyclopédie; WPI 2017: s.v. Wikipedia:Wikipedia è un’enciclopedia). Als UniversalenzyklopädieEnzyklopädie– Universal-~ hat Wikipedia den Anspruch, das Wissen der Menschheit systematisiert zu präsentieren:
Wikipédia a une vocation universelle, et doit présenter une synthèse raisonnée de l’ensemble du savoir humain établi (WPF 2017: s.v. Wikipédia:Wikipédia est une encyclopédie).
Die Artikel sollen deswegen alle relevanten Aspekte zu einem Thema beinhalten:
Le titre doit définir le sujet de l’article […] Un article présente les connaissances établies sur un sujet précis, connaissances qui doivent donc être vérifiables (WPF 2017: s.v. Wikipédia:Wikipédia est une encyclopédie).
Damit grenzt sich Wikipedia von einem WörterbuchWörterbuch ab, denn es geht nicht um die Darstellung von Wortbedeutungen, sondern um Informationen zu Konzepten und Sachverhalten (WPF 2017: s.v. Wikipédia:Wikipédia est une encyclopédie; WPI 2017: s.v. Wikipedia:Wikipedia è un’enciclopedia). Da die Artikel nicht von Experten verfasst werden, wird die Zuverlässigkeit der Informationen und die enzyklopädische Relevanz eines Themas anhand der Belege eingeschätzt. Es werden nur Themen in Wikipedia aufgenommen, die in publizierten Büchern oder anderen Referenzwerken enthalten sind (WPF 2017: s.v. Wikipédia:Wikipédia est une encyclopédie; Wikipédia:Critères généraux de notoriété). Forschungsbeiträge, deren Ergebnisse noch nicht allgemein anerkannt sind, sind in Wikipedia nicht erwünscht. Solange es sich um gesichertes Wissen handelt, sind in Wikipedia auch Themen aus der Populärkultur erlaubt:
Wikipédia n’a pas vocation à n’accueillir que ce qui est „culturel“ ou „académique“. Même un sujet indubitablement commercial a sa place ici, tant qu’il est abordé d’un point de vue non promotionnel (WPF 2017: s.v. Wikipedia:Wikipédia est une encyclopédie).
Daneben enthält Wikipedia fachspezifische Themen, die häufig aus Überblicksartikeln in einen Spezialartikel (fr. article détaillé, it. lo stesso argomento in dettaglio) ausgelagert werden. Zudem werden Informationen in Listentexten aufgeführt:
Wikipédia étant aussi un almanach, des articles de type listes ou chronologies peuvent être admissible (WPF 2017: s.v. Wikipedia:Wikipédia est une encyclopédie).
Obwohl sich Wikipedia in der Tradition der Printenzyklopädien sieht, grenzt sie sich deutlich von ihnen ab (WPF 2017: s.v. Wikipédia:Ce que Wikipédia n’est pas; WPI 2017: s.v. Wikipedia:Cosa Wikipedia non è). Dabei wird auf die gesteigerten technischen Möglichkeiten wie unlimitierten Platz, die Möglichkeit zur Einbindung von Medien und automatisierte Links hingewiesen, jedoch weniger auf neue Praktiken, die aus Wikipedia eine Spielwiese für Demokratie- oder Anarchieexperimente machen könnten (WPI 2017: s.v. Wikipedia:Cosa Wikipedia non è).
Das zweite Grundprinzip in Wikipedia ist das der NeutralitätNeutralität, was bedeutet, dass kein Standpunkt zu einem Thema bevorzugt werden darf: „les articles ne doivent pas promouvoir de point de vue particulier“ (WPF 2017: s.v. Wikipédia:Principes fondateurs). Um dies zu vermeiden, müssen alle erforderlichen Standpunkte gemäß ihrer Bedeutung dargestellt und mit Quellen belegt werden:
il s’agit de présenter tous les points de vue pertinents, en les attribuant à leurs auteurs (WPF 2017: s.v. Wikipédia:Neutralité de point de vue).
Tali teorie devono essere presentate in modo chiaro, imparziale, proporzionale alla loro rilevanza, e con il supporto delle necessarie fonti (WPI 2017: s.v. Wikipedia:Cinque pilastri).
Diese Vorgehensweise folgt der Auffassung des Gründers Jimmy WalesWales, Jimmy, eher Haltungen zu kontroversen Themen zu präsentieren, als diese als Fakten zu verabsolutieren (WPF 2017: s.v. Wikipédia:Neutralité de point de vue). Die Politik der NeutralitätNeutralität in Wikipedia beugt Konflikten im Editionsprozess vor. Im Falle, dass diese doch auftreten, wird in der italienischen SprachversionSprachversion (der Wikipedia)– italienische das folgende Vorgehen empfohlen:
Nel caso sorgessero conflitti circa la versione da ritenersi maggiormente neutrale, è opportuno astenersi da ulteriori modifiche e procedere al suo sviluppo tramite il confronto nella pagina di discussione, seguendo la procedura per la risoluzione dei conflitti, e – nei casi più controversi – bloccando momentaneamente la voce (WPI 2017: Wikipedia:Cinque pilastri).
Das dritte Prinzip lautet, dass Wikipedia frei unter der Creative Commons-Lizenz verfügbar ist. Die Artikel können von jedem gelesen, aber auch modifiziert und sogar kommerziell weiterverbreitet werden:
Cette licence autorise chacun à créer, copier, modifier et distribuer le contenu de Wikipédia (WPF 2017: s.v. Wikipédia:Principes fondateurs).
Va tenuto che le voci possono essere modificate da chiunque e non sono mai sotto il controllo di un singolo, nemmeno qualora si tratti del soggetto della voce; di conseguenza ciascuna voce aggiunta o modificata può essere a sua volta modificata liberamente e ridistribuita dalla comunità (WPI 2017: s.v. Wikipedia:Cinque pilastri).
Bei der kollaborativenkollaborativ Erstellung von Artikeln in Wikipedia entstehen für die Artikelautoren keine Urheberrechte an ihren Artikeln (WPF 2017: s.v. Wikipédia:Droit d’auteur).
Das vierte Grundprinzip richtet im Gegensatz zu den anderen den Blick auf soziale Prozesse in der Wikipediagemeinschaft und gibt einige grundlegende Verhaltensregeln vor, die in der WikiquetteWikiquette formuliert werden:
Restez toujours poli, courtois et respectueux. Recherchez le consensus. Ne vous livrez pas à des aggressions contre des personnes, ni à des généralisations insultantes. Gardez votre sang-froid lorsque l’atmosphère chauffe. Évitez les guerres d’édition (WPF 2017: s.v. Wikipédia:Principes fondateurs).
Ci si comporti civilmente, cercando di prediligere il WikiLove ed evitando conflitti di interesse, attacchi personali, o facili generalizzazioni. Wikipedia è un progetto collaborativo: si cerchi il consenso, si evitino inutili “guerre di modifiche” e ripetuti ripristini delle pagine (WPI 2017: s.v. Wikipedia:Cinque pilastri).
Die Regeln sollen die Zusammenarbeit verbessern und Konflikte durch gegenseitige Provokationen (flamingflaming) oder BearbeitungskriegeBearbeitungskrieg, die durch mehrfaches Revertieren einer Änderung entstehen, vermeiden. Um die Zusammenarbeit an der Enzyklopädie effizient zu gestalten, wird empfohlen, Meinungen auf den DiskussionsseitenDiskussionsseite der Artikel oder der Nutzer zu äußern. Zur Verbesserung des Gemeinschaftsgefühls tragen auch die Nutzerprofile bei, die in Wikipedia angelegt werden können (WPF 2017: s.v. Wikipédia:Règles de savoir vivre).
Das fünfte Grundprinzip enthält die basisdemokratische Natur der Wikipedia. Bis auf die fünf Grundprinzipien ist jede Regel verhandelbar. Die Regeln werden durch Vorschläge und Abstimmungen in der jeweiligen Wikipediagemeinschaft erzeugt:
l’ensemble des règles sur Wikipédia résulte de consensus communautaires en constante évolution (WPF 2017: s.v. Wikipédia:Interprétation créative des règles).
Wikipedia ha molte altre regole, tutte compatibili con i pilastri e sviluppate dalla comunità degli utenti con il meccanismo del consenso (WPI 2017: s.v. Wikipedia:Non ci sono regole fisse).
Auf der Basis dieser fünf Grundprinzipien bilden sich nun soziale Rollen und Praktiken in der Wikipediagemeinschaft heraus, die in den Sprachversionen voneinander abweichen können:
though the various language editions are held to global policies such as „neutral point of view“, they diverge on some point of policy and practice (WPE 2017: s.v. Wikipedia).
Da das Ziel der Wikipediagemeinschaft darin besteht, kollaborativkollaborativ eine Enzyklopädie zu verfassen, dient ein wesentlicher Teil der Praktiken der Erstellung und Verbesserung der Enzyklopädieartikel. Seit Gründung wurden in der französischen SprachversionSprachversion (der Wikipedia)– französische 145.370.109 Bearbeitungen vorgenommen, in der italienischen Version mit 98.069.356 etwas weniger. In der italienischen SprachversionSprachversion (der Wikipedia)– italienische liegt allerdings die durchschnittliche Anzahl der Bearbeitungen pro Seite mit 19,58 etwas höher als in der französischen Wikipedia mit 15,93. In der französischen SprachversionSprachversion (der Wikipedia)– französische werden 62 % aller Bearbeitungen von registrierten Nutzern, 17 % durch anonyme Nutzer und 21 % durch Bots erbracht. In der italienischen SprachversionSprachversion (der Wikipedia)– italienische gehen 47 % aller Bearbeitungen auf registrierte Nutzer, 23 % auf anonyme Nutzer und 30 % auf Bots zurück. Es zeigt sich bei beiden Sprachversionen, dass ein Großteil der Modifikationen durch registrierte Nutzer erfolgt, und sogar die Bots eine geringfügig größere Rolle spielen als anonyme Nutzer. In der englischen und der deutschen Wikipediaversion liegt der Beitrag der Bots mit 9 % beziehungsweise 11 % jeweils unter dem der anonymen Nutzer, weswegen Auseinandersetzungen zwischen Bots in diesen Versionen seltener sind (Wikimedia Statistics 2017b, 2017a). Die Mehrzahl der Bearbeitungen sind kleinere Verbesserungen an den bestehenden Artikeln, da es mit zunehmender Größe der Wikipedia schwieriger wird, Themen von enzyklopädischer Relevanz neu anzulegen. Diese Korrekturen ähneln sich in den Sprachversionen stark und umfassen Anpassungen an die lokalen Formatierungskonventionen, Korrekturen von Interpunktion, Orthografie und der Ausdrucksweise, die Berichtigung oder Aktualisierung von Fakten oder auch die Abänderung der Artikelstruktur (cf. Dutrey et al. 2011: 1–24; Jones 2008: 272).
Um die Qualität der Enzyklopädie sicherzustellen und ein kontraproduktives Nutzerverhalten zu vermeiden, verfügt Wikipedia über ein System von Kontrollmechanismen. Zur Sicherung der Artikelqualität werden die Artikel in Echtzeit von BotsWikipediagemeinschaft– Bot und erfahrenen Wikipedianern überprüft. Besonders vorbildlichen Artikeln wird in der französischen SprachversionSprachversion (der Wikipedia)– französische der Status article de qualité und in der italienischen SprachversionSprachversion (der Wikipedia)– italienische voce in vetrina verliehen. Im Jahre 2017 waren dies in der französischen SprachversionSprachversion (der Wikipedia)– französische 1.635 der 1.933.435 Artikel und in der italienischen 559 der 1.401.924 Artikel. Eine Stufe darunter werden die Prädikate bon article (2.830 im Jahre 2017) und voce di qualità (395 im Jahre 2017) vergeben. Der Unterschied zwischen den beiden Bewertungen besteht darin, dass die beste Bewertung an Artikel mit einem ausgezeichneten Sprachstil, zahlreichen multimodalen Elementen und einer vertieften Argumentation vergeben wird, während für die Einschätzung als guter Artikel die Erfüllung der Wikipediakonventionen auf einem Basisniveau ausreicht (WPI 2017: s.v. Wikipedia:Confronto tra voci di qualità e voci in vetrina). Doch nicht nur die Artikelqualität wird kontrolliert, sondern auch das Nutzerverhalten. Um die produktive Erstellung der Artikel in der Gemeinschaft zu sichern, können Nutzer bei Fehlverhalten temporär blockiert oder ganz gesperrt werden.
Das Funktionieren der Wikipediagemeinschaft, aber auch die Inhalte der Artikel sind das Ergebnis von Aushandlungsprozessen. Die DiskussionsseiteDiskussionsseite der Artikel dient der inhaltlichen Diskussion von Standpunkten. Auch die Regeln der Gemeinschaft werden in Diskussionen ausgehandelt. Ist diese festgefahren, wird ein Meinungsbild (fr. prise de décision, it. sondaggi) eingeholt und zur Abstimmung gestellt. Das Abstimmungsergebnis ist für die Regelfindung bindend. In der französischen Wikipedia werden beispielsweise Regeln zum Status der Nutzer, aber auch zur Abfassung der Artikel in solchen Prozessen festgelegt. So ist der Titel von Artikeln zu Sprachen normiert, und auch die Regel, die Bezeichnung états-unien, wenn möglich, durch américain zu ersetzen, stammt aus einer solchen Abstimmung (cf. WPF 2015: s.v. Wikipédia:Prise de décision/Titre des articles sur les langues; WPF 2015: s.v. Wikipédia:Prise de décision/États-unien). In der italienischen Wikipedia werden die Regeln für die Gemeinschaft und die Erstellung der Artikel ebenfalls in Abstimmungsprozessen erarbeitet. So finden sich Abstimmungen zur Regelung der Groß- und Kleinschreibung von Toponymen in Vorbereitung (WPI 2015: s.v. Wikipedia:Sondaggi).
Bei der Artikelerstellung treten Konflikte auf, die in der Gemeinschaft nicht erwünscht sind, da sie die kollaborative Erstellung der Enzyklopädieartikel behindern. Diese werden verbal auf den DiskussionsseitenDiskussionsseite der Wikipedia ausgetragen (cf. Eiber/Reutner im Druck). Zu diesen Konflikten sind der VandalismusVandalismus, das mutwillige Manipulieren oder Beschädigen von WikipediaartikelnWikipediaartikel zu zählen. Zumeist sind davon Artikel zu berühmten Persönlichkeiten betroffen, aber auch kontroverse historische Ereignisse. Jedoch spielt VandalismusVandalismus in Wikipedia quantitativ gesehen eine relativ geringe Rolle. In der französischen SprachversionSprachversion (der Wikipedia)– französische sind 1–2 % (Manson 2015) aller Bearbeitungen als Vandalismus einzuschätzen, in der englischen Wikipedia sind es 5 % (Priedhorsky et al. 2007). Zudem werden die beschädigten Inhalte sehr schnell korrigiert: In der englischen SprachversionSprachversion (der Wikipedia)– englische werden Massenlöschungen innerhalb von 2,8 Minuten revertiert (cf. Viégas Bertini/Wattenberg/Dave 2004: 579). Ebenso kontraproduktiv sind BearbeitungskriegeBearbeitungskrieg (edit wars), bei denen Bearbeitungen wechselseitig revertiert werden, oder LöschkriegeLöschkrieg (deletion wars) zwischen Administratoren, bei denen Artikel wechselseitig gelöscht und wiederhergestellt werden. Untersuchungen zu BearbeitungskriegenBearbeitungskrieg in der englischen Wikipedia zeigen, dass der Editionsprozess zumeist friedlich verläuft und insgesamt nur ein Prozent aller Artikel betroffen sind (Sumi et al. 2011). BearbeitungskriegeBearbeitungskrieg zeugen nicht unbedingt von gegenseitiger Missgunst, sondern können auch aus mangelnder Kommunikation entstehen. Ebenso tragen Bots solche BearbeitungskriegeBearbeitungskrieg unbeabsichtigt aus, weil die Künstlichen Intelligenzen nicht aufeinander abgestimmt sind und so gegenseitig ihre Arbeit wieder rückgängig machen (cf. Tsvetkova et al. 2017: 1). Neben diesen Erscheinungen existieren zusätzlich Manipulationen von Artikelinhalten, aber auch von Abstimmungen, häufig unter Benutzung von Mehrfachkonten, den SockenpuppenWikipediagemeinschaft– Sockenpuppe (fr. faux-nez, it. sockpuppets).
3.3.3 Kommunikationssituation
WikipediaartikelWikipediaartikel werden kollaborativkollaborativ in einem WikiWiki erstellt, weswegen sich ihre Kommunikationssituation von derjenigen gedruckter Enzyklopädieartikel unterscheidet. Insgesamt unterliegen WikipediaartikelWikipediaartikel zwar mehrheitlich den Bedingungen der DistanzkommunikationDistanzkommunikation, allerdings rückt die Ausprägung einiger Parameter die Diskurstradition tendenziell in die Richtung des nähesprachlichenNähesprachlichkeit Pols (cf. Reutner 2013b: 236). Bei WikipediaartikelnWikipediaartikel handelt es sich um Produkte einer öffentlichen Massenkommunikation, da diese weltweit und kostenlos abgerufen werden können. In den meisten Fällen kennen sich die Autoren und die Rezipienten der Artikel nicht, selbst wenn einige der Autoren Profilseiten mit persönlichen Informationen in Wikipedia angelegt haben und sich ein relativ kleiner Kreis von Wikipedianern gebildet hat, die überproportional aktiv sind und sich zumindest unter Pseudonym kennen. Die Richtlinien fordern, dass beim Erstellen der Artikel die eigenen Emotionen zugunsten einer sachlich-neutralen Darstellung von Fakten zurückgehalten werden, jedoch ist stellenweise trotzdem eine emotionale BeteiligungEmotionalität der Wikipediaautoren zu beobachten (cf. Reutner 2013b: 236f.). Zudem sollen die Inhalte eine situationsunabhängige Gültigkeit besitzen. Der Artikel soll keine Handlungs- und SituationseinbindungHandlungs- und Situationseinbindung aufweisen. Dies trifft auf Themen ohne Aktualitätsbezug zu. Allerdings können WikipediaartikelWikipediaartikel durch ihre einfache Erstellung und schnelle Abänderung auch auf Ereignisse des situativen Kontexts reagieren, wodurch sie in die Nähe zu aktuellen Nachrichten geraten. In solchen Fällen wird häufig der Artikel simultan zum Ereignis angelegt, wobei mit der Darstellung einzelner Abschnitte so lange gewartet wird bis etappenweise gesicherte Informationen zur Verfügung stehen, die dann in den Artikel integriert werden. Ein Beispiel für eine derartige Artikelentstehung ist der Eintrag zum Stichwort Vol 9525 Germanwings, der simultan zum Ereignis entstand. Auf diesen Umstand verweist das angebrachte Banner mit der Information „Cet article concerne un événement récent ou en cours“ (WPF 2015: s.v. Vol 9525 Germanwings). In den ersten Versionen des Artikels finden sich Vermutungen wie „Dans l’hypothèse d’une absence de survivant, il s’agirait de l’accident aérien le plus meurtrier qui se soit produit sur le territoire français […]“ (WPF 2015: s.v. Vol 9525 Germanwings). Zudem wird im Versionsverlauf ersichtlich, wie Informationen aus Nachrichten in den Artikel integriert und mit zunehmender zeitlicher Distanz einem enzyklopädischen Stil angepasst werden:
(6) Dès la mi-journée le 24 mars, le président de la République française, François Hollande, annonce que « les conditions de l’accident laissent penser qu’il n’y a aucun survivant » (WPF 2015: s.v. Vol 9525 Germanwings, 24. März 2015, 14:16).
(7) Dès la mi-journée du 24 mars, le président de la République Française, François Hollande, ainsi que le secrétaire d’État aux Transports, Alain Vidalies, ont annoncé qu’il n’y avait aucun survivant (WPF 2015: s.v. Vol 9525 Germanwings, 27. Juli 2018, 12:10).
So enthält der erste Beleg durch die Nutzung des Präsens und eines wörtlichen Zitats, das zudem eine vorsichtige Vermutung enthält, einen zeitlich näheren Bezug zum Ereignis als der zweite Beleg, der das passé composé nutzt, das wörtliche Zitat streicht und ein gesichertes Faktum präsentiert. Die Verlässlichkeit der Informationen wird in der VersionsgeschichteVersionsgeschichte kommentiert, wobei das Statement Hollandes aus manchen Versionen mit der folgenden Begründung gelöscht wird:
Questions chiffres, il n’y a encore rien d’officiel pour l’instant; Hollande s’est borné à déclarer qu’il est vraisemblable que tous les occupants sont morts, mais à vrai dire on en sait encore rien personne n’ayant encore accédé au site du crash (WPF 2015: s.v. Vol 9525 Germanwings).
Bei einem solchen Prozess kann es vorkommen, dass auf Gegenstände referiert wird, die sich in der Nähe der Sprecher-origoSprecher-origo befinden, insbesondere was die zeitliche Nähe der Ereignisse in einem Jetzt betrifft. Mit zunehmendem Alter des Wikipediaartikels treten jedoch die Bedingungen der kommunikativen Distanz in Kraft und der Artikel bezieht sich auf entfernte Gegenstände. Die Rezeption von Wikipediaartikeln am Bildschirm eines PCs oder am Smartphone bringt es mit sich, dass Produzent und Rezipient in der Regel sowohl zeitlich als auch räumlich getrennt sind, obwohl durch den Aufenthalt in einem gemeinsamen virtuellen Raum ein Gemeinschaftsgefühl entstehen kann. Dies trifft besonders auf registrierte Wikipedianer zu, die aus Rücksicht auf den Artikelautor sehr vorsichtig mit der Abänderung von Artikeln umgehen. Trotz der physischen Distanz der Kommunikationspartner macht die Wikitechnologie eine intensive KooperationKooperation bei der Artikelerstellung möglich, was auch das herausragende Merkmal der Wikipedia darstellt. Die Kooperation über ein WikiWiki dynamisiert den Text und stellt somit das wesentliche Abgrenzungsmerkmal zu gedruckten Enzyklopädieartikeln dar (cf. Reutner 2013b: 236; Mederake 2016, die aufgrund der Überschreibungspraktik von digitalen Palimpsesten spricht). Bezogen auf die Parameter von Koch/Oesterreicher lässt sich zudem sagen: „Kooperationsmöglichkeit definiert Wikipedia geradezu und ist damit das einzige nähesprachliche Merkmal, das komplett zutrifft“ (Reutner 2013b: 236). KooperationKooperation erfolgt in Wikipedia „im Sinne eines parallel erfolgenden, arbeitsteiligen Schreibens“ (Kallass 2015: 324), wobei die Technologie dem Rezipienten erlaubt, zu jedem beliebigen Zeitpunkt den Bearbeiten-Button zu drücken und selbst an der Gestaltung des Diskurses mitzuwirken.1 Im Gegensatz zum Face-to-Face-Gespräch ist Kooperation jedoch keine Voraussetzung für die Existenz der Diskurstradition, denn ein WikipediaartikelWikipediaartikel könnte theoretisch von einem einzelnen Autor allein verfasst werden, während ein Gespräch ohne die Kooperation des Kommunikationspartners schnell abbricht. Ein Face-to-Face-Gespräch ist jedoch schon aufgrund seines dialogischen Charakters sehr viel stärker auf die Mitarbeit des Kommunikationspartners angewiesen als dies bei einem monologischen Wikipediaartikel der Fall ist. WikipediaartikelWikipediaartikel werden zwar kooperativ erstellt, das Ergebnis soll jedoch nach wie vor ein monologischer Enzyklopädieartikel sein, in dem kein Wechsel der Sprecherrolle stattfindet, und der zudem so wenig wie möglich von der PolyphoniePolyphonie der Autoren geprägt ist. Dementsprechend ist zwar in Wikipedia die kollaborativekollaborativ Beteiligung an der Artikelerstellung möglich, diese reicht jedoch nicht bis zum regelmäßigen, sichtbaren und aufeinander angewiesenen Wechsel der Sprecher im Sinne einer DialogizitätDialogizität, da die KooperationKooperation dazu auch zeitlich zu stark zerdehnt wäre (cf. Reutner 2013b: 236). Die Möglichkeit der kooperativen Erstellung und der Abänderung von Enzyklopädieartikeln kann jedoch dazu führen, dass Modifikationen durchgeführt werden, die eher spontanSpontaneität und weniger sorgfältig geplant erfolgen, obwohl in den Richtlinien die Reflektiertheit bei der Artikelerstellung einen hohen Stellenwert einnimmt (cf. Reutner 2013b: 236f.). Zudem finden sich Artikel im Entwurfsstadium, deren Struktur im Vorhinein nicht vollständig von den Autoren geplant worden ist, sondern die auf Vervollständigung warten. Ebenso kann in WikipediaartikelnWikipediaartikel teilweise ein tendenziell geringerer Grad der ThemenfixierungThemenfixierung als in PrintartikelnPrintartikel festgestellt werden, was erstens daran liegt, dass es für das Thema und dessen Ausführung keine redaktionellen Vorgaben gibt, und dass zweitens mehr Platz für Exkurse zur Verfügung steht, die jedoch in einigen Fällen in selbstständige Artikel ausgelagert werden (cf. Reutner 2013b: 237).
Neben den Parametern nach Koch/Oesterreicher (2011) spielt zudem eine Rolle, in welchem hierarchischen Verhältnis der Produzent und der Rezipient eines Wikipediaartikels stehen. Dies lässt sich im Falle der Wikipediaartikel kaum sagen, da eine Vielzahl anonymer Autoren, die unter ihrer IP-Adresse oder einem Pseudonym firmieren, einem noch größeren Kreis anonymer Rezipienten gegenüberstehen. In Wikipedia ist nicht klar, auf welcher Seite sich die Experten oder die Laien befinden, ebenso wird die Grenze zwischen Autor und Leser aufgeweicht, indem jeder Leser auch sofort zum Autor werden kann.
3.3.4 Artikelaufbau
Die MakrostrukturMakrostruktur von WikipediaartikelnWikipediaartikel ist zum Teil durch die Wikitechnologie vorgegeben (cf. Pentzold/Fraas/Meier 2013: 96), weswegen Artikel unterschiedlicher Sprachversionen einen zunächst homogenen Eindruck erwecken. Die Wikifunktionalitäten bleiben in jeder Sprachversion gleich, die Schaltflächen werden jedoch in der jeweiligen Sprache der Version betitelt. So kann im Browser die Artikelansicht (fr. article, it. voce) im LesemodusLesemodus (fr. lire, it. leggi) gewählt werden, womit der Enzyklopädieartikel für die einfache Rezeption dargestellt wird. Wird dagegen der BearbeitungsmodusBearbeitungsmodus gewählt (fr. modifier, it. modifica), so kann der Artikel in einem visuellen Editor bearbeitet werden. Mithilfe des Modus Quelltext anzeigen (fr. modifier le code, it. modifica wikitesto) ist es möglich, die Bearbeitungen in Wikicode vorzunehmen. Zusätzlich lässt sich die VersionsgeschichteVersionsgeschichte zum Artikel (fr. voir l’historique, it. cronologia) anzeigen. Diese enthält sämtliche vorherige Versionen, wobei für eine Version jeweils das Abänderungsdatum, das Pseudonym des Nutzers, ein Link auf dessen persönliche DiskussionsseiteDiskussionsseite und dessen Abänderungen, die Größe der Änderung in Oktetten, und manchmal ein kleiner Kommentar angezeigt werden. Zudem ist der automatische Vergleich zweier Versionen möglich. Mithilfe weiterer Programme können Artikelstatistiken generiert werden. Verknüpft mit der Artikelseite ist die zugehörige DiskussionsseiteDiskussionsseite (fr. discussion, it. discussione). Da Form und Inhalt der Artikel auf der DiskussionsseiteDiskussionsseite verhandelt werden, spricht Herring (2013: 5) von einer Text-Text-KonvergenzText-Text-Konvergenz, die sich auch in anderen Web 2.0Web 2.0-Anwendungen, wie etwa Kommentaren zu Zeitungsartikeln, zeigt. Auch die DiskussionsseiteDiskussionsseite lässt sich wiederum in den genannten Modi darstellen. Die Darstellbarkeit des Artikels im Lese- und BearbeitungsmodusBearbeitungsmodus sowie die Verknüpfung mit der DiskussionsseiteDiskussionsseite und der VersionsgeschichteVersionsgeschichte haben zur Folge, dass ein Enzyklopädieartikel nicht nur als Produkt rezipierbar ist, sondern dass auch dessen Entstehungsprozess nachvollzogen werden kann:
Wikis lenken die Aufmerksamkeit nicht nur auf das sich wandelnde Textprodukt, sondern auch auf den Entstehungsprozess, da eine Verschränkung von fließendem Textprodukt, von Diskussionsseiten und einer mehrstufigen Versionsverwaltung Einblicke in die Textentstehung sowie deren Dokumentation erlaubt (Endres 2016: 39).
Obwohl in der vorliegenden Studie der Fokus auf die Artikelansicht gelegt wird, stellt sich die Frage, ob sich diese in Wikipedia überhaupt als eigenständiger Text abgrenzen lässt, oder ob ein WikipediaartikelWikipediaartikel nicht vielmehr aus einem ganzen Geflecht von Texten zusammengesetzt ist, das die Artikelansicht, die DiskussionsseiteDiskussionsseite und die VersionsgeschichteVersionsgeschichte umfasst (cf. Endres 2016: 40; Gredel 2017: 102). Neben den verschiedenen Darstellungs- und Bearbeitungsmöglichkeiten ist der Artikel über Suchfunktionen auffindbar, welche die hypertextuelle Vernetzung der Artikel vor Augen führen und die zumeist alphabetische MakrostrukturMakrostruktur traditioneller Enzyklopädien weit übertreffen. In Wikipedia existieren ein alphabetischer Zugriff, eine Suche nach Schlagwörtern und ein thematischer Zugriff. Ein weiterer Effekt des Wikisystems ist die Vielzahl von Links zu anderen Wikipediaartikeln, zu detaillierteren Artikeln, externen Quellen oder Seiten der Wikipediagemeinschaft. Die Mindestanforderung an einen WikipediaartikelWikipediaartikel besteht in einem StichwortStichwort und einem Link zu einem anderen Artikel (cf. Pentzold/Fraas/Meier 2013: 93).
Eine größere Variation zwischen Artikeln aus verschiedenen Sprachversionen und zu verschiedenen Stichwörtern zeigt sich an denjenigen Elementen der Artikelstruktur, die nicht durch die Wikisoftware vorgegeben werden. In ihrem Aufsatz analysieren Pentzold/Fraas/Meier (2013: 91–97) den Artikel Chemnitz aus der deutschen Wikipedia und heben insbesondere die deutliche grafische Abtrennung des Lemmas und die horizontalen Überschriften hervor, die die Rezeption des Artikels erleichtern. Das Lemma wird im ausgewählten Artikel von geografischen Koordinaten und Aussprachehinweisen begleitet. Auffällig ist zudem die Vielzahl von Bildern, Landkarten, Tabellen und Diagrammen mit Bildunterschrift. Am Ende des Artikels befinden sich Literaturhinweise, Referenzen und Listen mit Weblinks (cf. Pentzold/Fraas/Meier 2013: 91–97). Ebenfalls einen Artikel aus der deutschen Wikipedia analysieren Fandrych/Thurmair (2011: 106–108), nämlich den Eintrag zum Stichwort Kritik. Sie stellen dabei eine mit gedruckten Enzyklopädieartikeln vergleichbare Textstruktur fest, wobei einige Elemente stärker ausgebaut sind. Dazu gehören die ausführlichen etymologischen Angabenetymologische Angabe, das vorgeschaltete Inhaltsverzeichnis und die breite Besprechung allgemeiner Verwendungsweisen von Kritik (cf. Fandrych/Thurmair 2011: 106–108). Der von Liebert/Kohl (2004: 139f.) aus der deutschen Wikipedia gewählte Artikel Ozonloch weist die Elemente Überschrift, Zusammenfassung, Inhaltsverzeichnis, Bild und Artikeltext auf. Auffällig ist auch, dass Fachausdrücke mit einem Link auf den entsprechenden Artikel versehen und nicht weiter erläutert werden. Der Artikel selbst ist kurz, weil über den Hypertext weitere Informationen in andere Artikel ausgelagert werden. Zudem sind unterschiedliche Kapitel in der deutschen und in der englischen Fassung feststellbar (cf. Liebert/Kohl 2004: 139f.).
Den Artikel Euro untersucht Reutner (2013b, 2014a) hinsichtlich der Artikelstruktur in der italienischen, französischen, englischen, spanischen und deutschen SprachversionSprachversion (der Wikipedia)– deutsche der Wikipedia. Als häufig auftretende Strukturelemente identifiziert Reutner das einleitende Resümee, die Infobox, ein Inhaltsverzeichnis, den in Kapitel gegliederten Textkörper, Fußnoten, eine Bibliografie und eine Liste mit Links. Allerdings fehlen im spanischen und deutschen Artikel die Fußnoten und im italienischen Artikel zum Stichwort Euro die Bibliografie, was zeigt, dass die genannten Elemente nicht in jedem Artikel zwingend auftreten müssen. Zudem weisen die Elemente eine unterschiedliche Länge auf. Der italienische Artikel zeichnet sich beispielsweise durch ein besonders langes Resümee aus. Die unterschiedliche Länge der Elemente bewirkt eine Schwerpunktsetzung der Artikel auf jeweils spezifische Themen.1 Ebenso variiert die Frequenz von Bildern, die im italienischen Artikel mehr Platz beanspruchen als im deutschen Artikel.
Den Aufbau von Wikipediaartikeln untersuchen auch d’Achille/Proietti (2011). Ihr Korpus besteht aus jeweils zwölf Artikeln der italienischen, französischen, englischen und deutschen Sprachversion.2 In ihrem Korpus stellen d’Achille/Proietti als häufige Elemente ein kurzes einführendes Resümee fest, das der DefinitionDefinition des StichwortsStichwort dient. Der kürzeste Artikel im Korpus Anacoluto besteht ausschließlich aus einem Resümee und enthält keine weiteren Elemente. In anderen Sprachversionen ist der entsprechende Artikel hingegen deutlich länger. Auf das Resümee folgt in allen Sprachversionen das Inhaltsverzeichnis. Auffällig sind auch die Abschnitte mit Verweisen auf weitere Wikipediaartikel oder Wikimedia-Projekte, externen Links, Fußnoten und die Bibliografie. Diese Elemente sind nicht zwingend bei jedem Stichwort vorhanden. Außerdem gleichen sie in einigen Fällen ungeordneten Listen. Zudem erhalten in den Wikipediaartikeln des Korpus ParatexteParatext wie Bildergalerien ein sehr starkes Gewicht.
Mit der Struktur von Wikipediaartikeln beschäftigt sich auch Tereskiewicz (2010). Sie untersucht sämtliche Artikel der englischen Wikipedia zum Anfangsbuchstaben U, was ein Korpus von insgesamt 968 Artikeln ergibt, die sich auf einem Kontinuum von konventionellen über unkonventionelle bis hin zu anti-enzyklopädischen Artikeln anordnen lassen. Die konventionellen Artikel machen 23 % des Korpus aus und zeichnen sich durch einen hohen Grad an logischer Konsistenz, Kohärenz und eine klare Struktur aus. In der Gruppe der unkonventionellen Artikel lässt sich einerseits die Tendenz zu einer mangelnden Strukturierung und andererseits die Tendenz zu einer verstärkten Fragmentierung feststellen. Insgesamt 267 Artikel im Korpus sind durch das Fehlen von Absätzen gekennzeichnet, was jedoch zunächst nur die grafische Gliederung des Artikels betrifft. Allerdings sind auch Artikel zu finden, in denen Teilaspekte ungeordnet aufgezählt werden und keinerlei Abschnitte zu einzelnen Themen feststellbar sind wie im Artikel Ugaritic language (cf. Tereszkiewicz 2010: 105). Obwohl auch in Printenzyklopädien die Artikel keine Absätze aufweisen, so sind sie doch strikt nach Teilaspekten gegliedert. Im Falle einer verstärkten Fragmentierung, die bei 174 Artikeln festgestellt worden ist, werden einzelne Sätze zu Aspekten einfach isoliert nebeneinandergestellt. Dies ist in den Artikeln Uria und Urs der Fall und entsteht durch die Praktik des kollaborativen Schreibenskollaboratives Schreiben:
The flow of paragraphs in such articles is abrupt, as successive authors insert new sentences into the structure in a random fashion, without paying attention to the effect their contribution produces on the overall structures and coherence of the article (Tereszkiewicz 2010: 107).
Neben diesen Ergebnissen von Tereskiewicz werden Abweichungen vom traditionellen Modell des gedruckten Enzyklopädieartikels auch in weiteren Studien beschrieben. So weist Augustin auf Serienartikel zu Stichwörtern aus den Klassen Asteroiden, Gemeinden, Tier- und Pflanzennamen hin, „die nicht selten identische bzw. teilidentische Sätze enthalten, bei denen sich ggf. nur das Subjekt und die Numeralia unterscheiden“ (Augustin 2016: 11). In manchen Artikeln wird das einleitende Resümee aus bereits vorhandenen Sätzen im Artikel zusammengestellt. Ebenso wird in d’Achilles/Proiettis Korpus die Bibliografie in den Fußnoten dupliziert (cf. d’Achille/Proietti 2011: 96). Des Weiteren stellen sie Artikelteile fest, die aus automatischen Übersetzungen resultieren, oder aus anderen Sprachversionen kopiert worden sind. Trotz einer erheblichen Länge decken manche Artikel die wichtigsten Punkte nicht vollständig ab (cf. d’Achille/Proietti 2011: 105). Ebenso bleiben manche Artikel StubsStub ʻStummelartikelʼ, die auf ihre Fertigstellung warten (cf. Tereszkiewicz 2010: 160). So manche angelegte Überschrift enthält keinen Artikeltext.
Insgesamt lässt sich feststellen, dass WikipediaartikelWikipediaartikel sprachübergreifend durch die Funktionalitäten der Wikisoftware geprägt sind, die neben der Artikelansicht auch die Prozesse der Artikelproduktion nachverfolgbar machen und den Text durch die Bearbeitungsfunktion dynamisieren. Typische Elemente eines WikipediaartikelWikipediaartikels sind: Stichwort – Definition – einleitendes Resümee – Inhaltsverzeichnis – Textkörper mit Themenblöcken – Fußnoten – Bibliografie – Links auf andere Artikel – Links auf andere Wikiprojekte – externe Links – Portale – Kategorien – Hinweis auf die letzte Modifikation. Diese treten jedoch nicht notwendigerweise bei jedem Stichwort auf. In Artikeln zum selben Stichwort aus verschiedenen Sprachversionen können unterschiedliche Artikelelemente zum Einsatz kommen. Im Vergleich mit den Artikeln von Printenzyklopädien fallen die deutliche Abgrenzung des StichwortStichworts, die ausformulierte Definition, das einleitende Resümee und das automatisch generierte Inhaltsverzeichnis auf, die einerseits die Textstrukturierung verbessern, andererseits aber auch dem großzügigen Umgang mit Platz geschuldet sind (cf. Reutner 2013b: 245). In die verbesserte Textstrukturierung passt zudem die vermehrte Verwendung von Tabellen, Grafiken, Diagrammen, Medienelementen und Auflistungen (cf. Pentzold/Fraas/Meier 2013: 93; Augustin 2016: 11; Reutner 2013b: 245). Die Vielzahl der Quellennachweise geht auf die Tatsache zurück, dass anstelle von Experten Verweise auf Quellen die Glaubwürdigkeit der Inhalte erhöhen sollen (cf. Liebert/Kohl 2004: 141). In Wikipedia lassen sich darüber hinaus Artikelstrukturen finden, die sehr deutlich vom traditionellen Modell eines Enzyklopädieartikels abweichen. Dazu gehören Artikel, die entweder unvollständig sind oder eine mangelhafte Gliederung aufweisen. Ebenso existieren zirkuläre oder redundante Strukturen, die teilweise durch Kopieren von Textpassagen entstanden sind.
3.3.5 Sprachlich-stilistische Merkmale
Ebenso wie der Artikelaufbau können die sprachlich-stilistischen Merkmale von WikipediaartikelnWikipediaartikel je nach Untersuchungskorpus variieren. In ihrer Studie untersuchen Emigh/Herring (2005) englischsprachige Artikel1 aus den OnlineenzyklopädienEnzyklopädie– Online-~ Wikipedia und Everything2. In ein Zusatzkorpus werden die mit den Wikipediaartikeln verlinkten Nutzerdiskussionen und Artikel zu denselben Stichwörtern aus der Onlineversion der Columbia Encyclopedia gegeben. Die Artikel werden hinsichtlich des Grads sprachlicher FormalitätFormalität analysiert, wobei die sprachlichen Merkmale Kontraktionen (I’m, don’t, he’s, etc.) und Personalpronomina (I, we, you, he/she, they), größere Artikellänge und kürzere WortlängeWortlänge auf einen eher niedrigeren Grad an sprachlicher Formalität hindeuten. Die nominalen Suffixe -ment, -(t)ion, -ity, -ism, -ance/-ence, -age, eine eher kürzere Artikellänge und eine größere WortlängeWortlänge zeigen dagegen einen höheren Grad an sprachlicher Formalität an (cf. Emigh/Herring 2005: 5). Werden nur die beiden Merkmale Artikellänge und WortlängeWortlänge berücksichtigt, so ergibt sich ein geringerer Grad an sprachlicher Formalität in den Wikipediaartikeln als in den Artikeln der Columbia Encyclopedia. WikipediaartikelWikipediaartikel sind durchschnittlich länger, haben aber durchschnittlich kürzere Wörter. In der Columbia Encyclopedia ist es genau umgekehrt. Werden alle Merkmale ausgewertet und einer Faktorenanalyse unterzogen, so ergeben sich keine statistischen Unterschiede zwischen Artikeln aus Wikipedia und der Columbia Encyclopedia. Allerdings zeigt sich eine Verteilung der nominalen Suffixe je nach StichwortStichwort, wobei im Artikel zum Golfspieler Ben Hogan am wenigsten Nomina mit den untersuchten Suffixen auftreten, im Artikel Karl Marx schon deutlich mehr und im Artikel Corporation am meisten (cf. Emigh/Herring 2005: 7). Die exemplarische Analyse des Artikels String Theory zeigt in Wikipedia und in Columbia Encyclopedia einen vergleichbaren Grad an sprachlicher FormalitätFormalität. Somit kommen Emigh/Herring auf der Basis des von ihnen gewählten Korpus und der ausgewerteten Merkmale zu folgendem Schluss:
Surprisingly, Wikipedia is statistically indistinguishable from the print encyclopedia in terms of the formality features measured in this study (Emigh/Herring 2005: 9).2
Sie schätzen WikipediaartikelWikipediaartikel deswegen als „case of genre reproduction“ (Emigh/Herring 2005: 9) ein und kontrastieren die an traditionellen PrintartikelnPrintartikel orientierten WikipediaartikelWikipediaartikel mit den DiskussionsseitenDiskussionsseite in Wikipedia, aber auch mit der OnlineenzyklopädieEnzyklopädie– Online-~ Everything2, die deutliche Spuren der InformalitätInformalität trägt und deswegen als neues Internetgenre betrachtet wird.
Einen Vergleich zwischen Artikeln aus Britannica und der englischen Version der Wikipedia nimmt Elia vor. Ihr Korpus enthält pro Enzyklopädie eine Zufallsstichprobe aus 100 Artikeln, wobei jeweils zehn Artikel aus den Kategorien Kunst, Biografie, Kultur, Gesellschaft, Geografie, Geschichte, Mathematik, Philosophie, Wissenschaft und Technik ausgewählt worden sind.3 Das Korpus enthält durch dieses Verfahren Artikel von unterschiedlicher Qualität und in unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Ausgeschlossen sind jedoch Artikel im Anfangsstadium und StubsStub (cf. Elia 2008: 64). Die Artikel werden vorwiegend quantitativ hinsichtlich ihres Grades an sprachlicher FormalitätFormalität untersucht. Dabei werden die folgenden dreizehn Merkmale ausgezählt, die als Indikatoren eines eher hohen Grads an sprachlicher Formalität gelten: Länge der WörterWortlänge in Buchstaben, SatzlängeSatzlänge, lexikalische Dichtelexikalische Dichte (tokens/types), NominalisierungenNominalisierung (anhand von Suffixen), Einsatz des Gerundiums und des Partizip Präsens, definite und indefinite Artikel, Nomina, Adjektive, Präpositionen, PassivformenPassivform, Konjunktionen und Konnektoren. Insgesamt ergibt die Summe aller Merkmale etwas höhere relative Frequenzen in den Britannicaartikeln (79,80 %) als in den WikipediaartikelnWikipediaartikel (76,10 %) (cf. Elia 2008: 270). Um den Grad an sprachlicher InformalitätInformalität zu bestimmen, werden insgesamt zehn sprachliche Merkmale im Korpus abgefragt: Orts- und Zeitangaben, Personalpronomina, Demonstrativa, Indefinitpronomina, abschwächende und verstärkende Formulierungen, Modalverben, die Frequenzen geläufiger Vollverben, Verneinungen, Interrogativsätze und Kürzungen. Die Frequenzen in diesem Set zeigen insgesamt in beiden Enzyklopädiekorpora gleich niedrige Ergebnisse (beide 7,5 %), woran ersichtlich wird, in welchem Maße sprachliche Mittel, die den sachlich-neutralen Stil der Enzyklopädieartikel beeinträchtigen würden, vermieden werden (cf. Elia 2008: 271). Die Ergebnisse aus den beiden Sets sprachlicher Merkmale zeigen somit, dass Britannicaartikel etwas höhere Frequenzen an sprachlichen Mitteln enthalten, die auf einen hohen Formalitätsgrad hindeuten, während Mittel der sprachlichen InformalitätInformalität in beiden Korpora in gleichem Maße nur gering ausgeprägt sind.
Ein anderes Korpus liegt der Studie von Tereszkiewicz (2010) zugrunde, die ausschließlich Artikel der englischsprachigen Wikipedia analysiert, die mit dem Buchstaben U beginnen. Diese Vorgehensweise ergibt ein Korpus von 968 Artikeln unterschiedlicher Länge und Qualität. Die Analyse der Artikel zeigt teilweise erhebliche Abweichungen von den diskurstraditionellen Normen eines Enzyklopädieartikels. So stellt Tereszkiewicz auf der Diskursebene fremde DiskursmusterDiskursmuster und narrative Elemente fest.4 Auf der Textebene zeigen sich unvollständige Artikel, zirkuläre Definitionen und ein Mangel an KohäsionKohäsion und KohärenzKohärenz. Zudem treten teilweise eine abweichende SatzgliedstellungSatzgliedstellung auf. In der Lexik fallen die Verwendung eines inadäquaten Vokabulars, eine ausschweifende Darstellung, HeckenausdrückeHeckenausdruck, umgangssprachliche Ausdrücke und idiomatische Formulierungen auf. Ebenso werden sprachliche Mittel verwendet, die subjektive Standpunkte transportieren oder sich stärker am Leser orientieren. Nicht zuletzt sind Fehler in OrthografieOrthografie und InterpunktionInterpunktion in den Artikeln zu finden. Diese Abweichungen können je nach Artikel unterschiedlich häufig sein, was Tereszkiewicz (2010) zu der Annahme führt, dass sich WikipediaartikelWikipediaartikel auf einem Kontinuum vom konventionellen Artikel (23 %) über unkonventionelle Artikel (65 %) bis hin zu antienzyklopädischen Artikeln (12 %) anordnen lassen, wobei letztere die InformationsfunktionInformationsfunktion eines Enzyklopädieartikels aufgrund ihrer Unverständlichkeit nicht mehr erfüllen:
Consequently, Wikipedia offers a collection of texts ranging from an expository presentation of information, through an involved and interactive expression of personal views, to unintelligible and obscure texts (Tereszkiewicz 2010: 168).
Angesichts der Tatsache, dass die meisten Artikel im Korpus der mittleren Kategorie angehören und somit deutliche Abweichungen von den diskurstraditionellen MusternDiskursmuster zeigen, stuft Tereskiewicz WikipediaartikelWikipediaartikel als eine neu entstehende Diskurstradition ein:
Its in-between composite structure places Wikipedia among the emergent genres, in which the conventional genre characteristics undergo far reaching changes due to the affordances of the new internet technologies (Tereszkiewicz 2010: 170).
Insgesamt demonstrieren die drei Studien zu Artikeln der englischsprachigen Wikipedia, dass sich je nach Merkmal und Korpus unterschiedliche Befunde ergeben. Während Herring in ihrer Studie keinerlei statistisch signifikante Unterschiede zwischen sprachlich-stilistischen Merkmalen von Print- und Wikipediaartikeln feststellt, zeigt sich im Korpus Elias ein etwas höherer Grad sprachlicher FormalitätFormalität der Britannicaartikel. Gravierende Abweichungen stellt Tereszkiewicz fest, was jedoch auch daran liegt, dass sie beispielsweise StubsStub in das Korpus integriert, die sehr viel deutlicher den Produktionsprozess eines Wikipediaartikels reflektieren als mehrfach bearbeitete oder gar prämierte Artikel.
Während zu den englischen Wikipediaartikeln bereits Korpusanalysen vorliegen, beschränken sich Untersuchungen sprachlich-stilistischer Merkmale in deutschen Wikipediaartikeln auf exemplarische Analysen. Fandrych/Thurmair (2011) analysieren den deutschen Wikipediaartikel zum Stichwort Kritik. Im Gegensatz zu PrintartikelnPrintartikel fallen die Ausschreibung aller Tokens von Kritik, die weniger starke nominale Verdichtungnominale Verdichtung und tabellenförmige Auflistungen auf (cf. Fandrych/Thurmair 2011: 107).
Augustin vergleicht den Artikel Mannheim in der gedruckten Brockhausenzyklopädie von 2006 mit dem Wikipediaartikel von 2011 (cf. Augustin 2016: 14). Beide Texte weisen Verdichtungsmerkmale wie komplexe Attribuierungen und Nominalphrasen auf. In keinem der beiden Textauszüge finden sich anaphorische Pronomina, weil diese für Enzyklopädieartikel nicht diskurstraditionell sind. Im Unterschied zum PrintartikelPrintartikel macht jedoch der Wikipediaartikel seltener Gebrauch von Strategien der nominalen Verdichtungnominale Verdichtung. Zudem wird auf EllipsenEllipse und AbkürzungenAbkürzung verzichtet, was mit dem vermehrten Platzangebot in Wikipedia zusammenhängen dürfte. Der Brockhausartikel ist insgesamt auch kürzer (cf. Augustin 2016: 14).
Eine Analyse des Artikels zum Stichwort Euro in der französischen und italienischen SprachversionSprachversion (der Wikipedia)– italienische der Wikipedia nimmt Reutner vor. Punktuell werden zusätzlich die deutsche und die englische Version des Artikels hinzugezogen (cf. Reutner 2013b; cf. ebenso Reutner 2014a zum italienischen Euroartikel). Zudem werden die Wikipediaartikel zum Stichwort Euro Artikeln zum Stichwort Lira aus den italienischen Printenzyklopädien Enciclopedia Italiana (1934), Enciclopedia Hoepli (1955), Grande Dizionario Enciclopedico UTET (1969) und der Enciclopedia Treccani (2010) gegenübergestellt. Einige der analysierten Unterschiede lassen sich auf ein vermehrtes Platzangebot in Wikipedia zurückführen. In allen untersuchten WikipediaartikelnWikipediaartikel wird das KopulaverbKopulaverb in der Definition gesetzt, und nicht, wie in den Artikeln der untersuchten gedruckten Werke, ausgelassen, wobei lediglich in Enciclopedia Italiana von diesem Prinzip abgewichen wird (cf. Reutner 2014a: 694). Ebenso wird in den Wikipediaartikeln weitestgehend auf AbkürzungenAbkürzung verzichtet. Der logische Zusammenhang zwischen Sätzen wird im italienischen Artikel explizit durch KonnektorenKonnektor versprachlicht (cf. Reutner 2014a: 696), selbst wenn diese teilweise unpassend eingesetzt werden (cf. Reutner 2014a: 695). Im französischen Artikel finden sich trotz des Platzangebots und entgegen der Forderung nach vollständigen Sätzen im Stilblatt elliptische SätzeEllipse. Allerdings sind im französischen Artikel auch komplexe Hypotaxen festzustellen, die einem lakonischen LexikonstilLexikonstil zuwiderlaufen (cf. Reutner 2013b: 242). Ebenso finden sich im italienischen Wikipediaartikel HervorhebungskonstruktionenHervorhebungskonstruktion, die zwar syntaktisch aufwändiger, dafür aber auch expressiver sind (cf. Reutner 2014a: 695). Von einem sachlich-nüchternen LexikonstilLexikonstil weichen zudem Vermutungen ab, die im französischen Artikel verwendet werden und durch Formulierungen wie fr. il est possible que oder fr. semble-t-il versprachlicht werden. Auffällig sind auch rhetorische Fragenrhetorische Frage und Hervorhebungen durch die Verfasser in Formulierungen wie fr. il est à souligner. Obwohl Erläuterungen in ParenthesenParenthese für Enzyklopädieartikel diskurstraditionell sind, weisen französische Wikipediaartikel teilweise überdeutliche und damit redundante Erläuterungen auf. Die häufigen Wortwiederholungen, die zwar aufgrund des Anspruchs der Präzision diskurstraditionell sein können, wirken an einigen Stellen ungeschickt. Nicht diskurstraditionell ist die witzige Geschichte zur Bezeichnung ecu im italienischen Wikipediaartikel zum Stichwort Euro, die mit einem Spannungsbogen erzählt wird und einem narrativen Vertextungsmuster folgt (cf. Reutner 2013b: 246, 2014a: 695). Insgesamt zeichnen sich die untersuchten Wikipediaartikel im Vergleich zu den PrintartikelnPrintartikel durch eine geringere Informationsdichte, eine schwächere syntaktische Komplexitätsyntaktische Komplexität, eine geringere lexikalische Elaboriertheit, Wortwiederholungen und eine punktuelle EmotionalitätEmotionalität aus. Diese Merkmale sind dem größeren Platzangebot, einer stärkeren Orientierung am Leser, aber auch der unterschiedlichen Kompetenz der Wikipediaautoren geschuldet. Allerdings zeigt jede Sprachversion kulturspezifische Ausprägungen der genannten Tendenzen, wobei Stilideale der angloamerikanischen Sprachversion, wie Klarheit und Kürze, an Einfluss gewinnen (cf. Reutner 2013b: 247).
Weitere Beschreibungen zur sprachlich-stilistischen Gestaltung italienischer Wikipediaartikel liegen zudem mit d’Achille/Proietti (2011) und Tavosanis (2011: 129–134) vor. In ihrer korpusbasierten Studie weisen d’Achille/Proietti (2011) auf die Vollständigkeit der Definitionssätze in den untersuchten Wikipediaartikeln hin und auf die Regel, dass das Lemma im fortlaufenden Text nicht abgekürzt wird. Zudem ist es jedoch im Italienischen möglich, dass das Subjekt nicht ausgedrückt wird (soggetto sottointeso), was dazu führen kann, dass in italienischen Artikeln, rein sprachstrukturell bedingt, die wörtliche Wiederaufnahmewörtliche Wiederaufnahme des Lemmas, die diskurstraditionell ist, in einigen Sätzen entfallen kann. Des Weiteren stellen d’Achille/Proietti einen geringeren Grad an lexikalischer Dichtelexikalische Dichte und sprachlicher FormalitätFormalität fest (cf. d’Achille/Proietti 2011: 100). In dieses Bild passen die häufigen Wortwiederholungen und „stilemi propri del parlato“ wie beispielsweise der Ausdruck tipo + X (d’Achille/Proietti 2011: 104). Im Bereich der Syntax weisen die untersuchten Wikipediaartikel ebenso wie die gedruckten Artikel keine Ausrufe- und Fragesätze auf. HervorhebungskonstruktionenHervorhebungskonstruktion treten mit geringer Frequenz auf. Vom traditionellen Stilideal der Kürze und Präzision weichen in den italienischen Wikipediaartikeln Schachtelsätze ab, die nicht immer logisch präzise konstruiert sind. Zudem finden sich auch SatzabbrücheSatzabbruch (cf. d’Achille/Proietti 2011: 103). Desgleichen ist die Reihung mehrerer Relativsätze auffällig, wobei die Relativpronomina che und il quale alternieren. Anstelle von Nebensätzen werden auch Konstruktionen mit einem participio passato oder einem gerundio eingesetzt, die kondensierend wirken. Allerdings ist ebenso festzustellen, dass anstatt von ParenthesenParenthese, wie sie in gedruckten Artikeln verwendet werden, in den Wikipediaartikeln Hypotaxen bevorzugt werden (cf. d’Achille/Proietti 2011: 106). Von der Norm abweichend sind syntaktisch uneinheitliche Aufzählungen (cf. d’Achille/Proietti 2011: 102).5 Im Bereich der Tempusformen fallen der Einsatz des futuro storico sowie eine Unsicherheit in der Aspektunterscheidung auf, was in einer unpräzisen Verwendung des imperfetto, passato prossimo und presente storico (cf. d’Achille/Proietti 2011: 102) resultiert. In der Grafie sind ein verstärkter, von der Norm abweichender, Gebrauch der Großschreibung, eine schwankende Akzentsetzung und häufige TippfehlerTippfehler zu konstatieren. Zudem setzen die italienischen Wikipediaartikel im Unterschied zu PrintartikelnPrintartikel Konnektoren ein, selbst wenn teilweise nicht gänzlich passende Ausdrücke gewählt werden (cf. d’Achille/Proietti 2011: 103). Die beobachteten Abweichungen gegenüber dem Modell der PrintartikelPrintartikel fallen im italienischen Wikipediakorpus insgesamt stärker auf als in den ausgewählten Artikeln der französischen, englischen und deutschen Sprachversion:
dai sondaggi effettuati, però, ci sembra che le voci in francese, in inglese e in tedesco risultino meno lontane dalle caratteristiche canoniche della voce enciclopedica tradizionale, sia a livello testuale, sia per l’aderenza allo standard linguistico (d’Achille/Proietti 2011: 107).
Die vorgestellten Studien zeigen insgesamt, dass WikipediaartikelWikipediaartikel in ihren sprachlich-stilistischen Merkmalen einerseits an das Modell von PrintartikelnPrintartikel anknüpfen, andererseits auch abweichende Merkmale aufweisen, die durch die Kommunikationsform WikiWiki und die darin ausgehandelten sprachlichen Praktiken bedingt sind.
Die folgenden Ergebnisse aus den vorgestellten Studien untermauern die sprachlich-stilistischen Gemeinsamkeiten zwischen Print- und Wikipediaartikeln. In deutschen Wikipediaartikeln findet Augustin (2016: 14) beispielsweise einen Verzicht auf anaphorische Pronominaanaphorisches Pronomen, wie ihn auch Hoffmann (1988: 142) für gedruckte Artikel feststellt. Dies hängt mit der Fixierung des Themas auf das Artikelstichwort zusammen, das im Artikel permanent wiederholt wird. In den italienischen Wikipediaartikeln stellen d’Achille/Proietti (2011: 100) einen Verzicht auf Frage- und Ausrufesätze fest (nicht jedoch Reutner (2013b: 243), die auf rhetorische Fragenrhetorische Frage hinweist), der ebenfalls diskurstraditionell ist und mit der InformationsfunktionInformationsfunktion einhergeht. Zudem weisen d’Achille/Proietti (2011: 100–102) auf die syntaktische Komplexitätsyntaktische Komplexität in den Wikipediaartikeln hin, die durch PartizipialkonstruktionenPartizipialkonstruktion, aber auch verschiedene Nebensatztypen erzeugt wird. In ausführlicheren Printenzyklopädien spielt dieses Merkmal ebenfalls eine Rolle, denn Fandrych/Thurmair (2011: 91) betonen, dass die Diskurstradition LexikonartikelLexikonartikel teilweise ein erhebliches sprachliches Niveau des Lesers voraussetzt.
Die sprachlich-stilistischen Unterschiede zwischen Print- und Wikipediaartikeln lassen sich auf ein vermehrtes Platzangebot zurückführen, das zu einem weniger ökonomischen Einsatz sprachlicher Mittel führt und mit dem Ziel einhergeht, die Informationen für Laien verständlich aufzubereiten. So wird in der englischen, deutschen, französischen und italienischen Sprachversion ein vollständiger Definitionssatz mit KopulaverbKopulaverb verwendet, das in den Definitionen der Printenzyklopädien zumeist ausgespart wird. Zudem wird in vielen Sprachversionen das Stichwort im fortlaufenden Text zumeist ausgeschrieben wie auch auf weitere AbkürzungenAbkürzung häufig verzichtet wird (cf. Fandrych/Thurmair 2011: 107; Reutner 2013b: 245; d’Achille/Proietti 2011: 99; Augustin 2016: 14). Den Artikeln wird sprachübergreifend ein geringerer Grad an sprachlicher Verdichtungnominale Verdichtung zugeschrieben, die in deutschen PrintartikelnPrintartikel häufig durch erweiterte Nominalphrasen erreicht wird (cf. Fandrych/Thurmair 2011: 108–111). Das größere Platzangebot führt außerdem zu einer verstärkten Explizitheit. So stellen d’Achille/Proietti (2011: 103) einen vermehrten Gebrauch von KonnektorenKonnektor fest, welche die Sinnzusammenhänge verdeutlichen, und Reutner (2013b: 244) verweist auf eine Überdeutlichkeit in der Darstellung und die häufigere Verwendung von illustrativen Beispielen. Der untersuchte französische Wikipediaartikel enthält zudem eine Reihe von subjektiv gefärbten Vermutungen und Hervorhebungen, die typisch für einen Vortragsstil sind. Ebenfalls auf das vermehrte Platzangebot, aber auch auf ein reduziertes stilistisches Bewusstsein, lassen sich die häufigen Wortwiederholungen in der italienischen SprachversionSprachversion (der Wikipedia)– italienische zurückführen (cf. Reutner 2013b: 245; d’Achille/Proietti 2011: 104).
Neben sprachlichen Merkmalen, die dem erhöhten Platzangebot geschuldet sind, lassen sich auch deutliche Abweichungen von der sprachlichen Norm erkennen, die durch die mangelnde redaktionelle Kontrolle der Artikel oft über viele Versionen hinweg bestehen bleiben. In der französischen Version stellt Reutner (2013b: 241) unvollständige Sätze fest. In der italienischen Version fallen stärker als in anderen Sprachversionen fälschliche Großschreibungen, Schwankungen in der Akzentsetzung, TippfehlerTippfehler, syntaktische Brüche, syntaktisch unzusammenhängende Aufzählungen nach Doppelpunkt und umgangssprachliche Ausdrücke auf (cf. Reutner 2014a: 695; d’Achille/Proietti 2011: 100–108). Derartige sprachliche Abweichungen ermittelt Tereszkiewicz (2010: 113) auch für ihr Set an englischen Artikeln, während weitere Studien zu englischen Wikipediaartikeln (cf. Emigh/Herring 2005: 9; Baron 2008: 124; Elia 2008: 7) keinerlei signifikante Abweichungen ergeben.
WikipediaartikelWikipediaartikel sind zudem offen für Diskursmuster aus anderen Diskurstraditionen. Reutner (2013b: 246) stellt in italienischen Artikeln narrative Muster fest, Tereszkiewicz (2010: 109) erkennt ebenfalls narrative Muster, aber auch werbende und instruierende Muster. Daraus lässt sich ableiten, dass Wikipediaartikel offensichtlich stärker zur Mischung von Diskursmustern neigen.
3.3.6 Zwischenresümee
Im Unterschied zur redaktionellen Erstellung von Artikeln in Printenzyklopädien werden WikipediaartikelWikipediaartikel kollaborativ in einem WikiWiki erstellt. Diese Technologie geht auf Ward CunninghamCunningham, Ward zurück und wurde von Larry SangerSanger, Larry und Jimmy WalesWales, Jimmy ursprünglich als kollaborative Entwicklungsplattform für traditionelle Enzyklopädieartikel verwendet, die sich jedoch aufgrund ihres Artikelwachstums schnell verselbstständigt und zur eigenständigen Enzyklopädie, nämlich der Wikipedia, entwickelt hat. Kennzeichnend für die Technologie ist die schnelle Abänderung von Artikeln, das Anlegen von VersionsgeschichteVersionsgeschichten, aber auch der Austausch über DiskussionsseitenDiskussionsseite.
Auf der Basis dieser technischen Bedingungen bilden sich kommunikative Praktiken und soziale Hierarchien im Wikipediaprojekt heraus, die sich je nach Sprachversion unterscheiden können. Je nach Position, die vom anonymen IP-Adressen-Nutzer bis zum Administrator oder Steward reichen kann, werden unterschiedliche Rechte vergeben. Die Teilnahme an Abstimmungsprozessen ist angemeldeten Nutzern vorbehalten. Durch diese Prozesse gibt sich die Gemeinschaft die DiskursregelnDiskursregel selbst, lediglich die fünf Grundprinzipien gelten als unumstößlich und sind in jeder Sprachversion gleich. Dies hat zur Folge, dass in Wikipedia nicht nur kollaborative Schreibprozessekollaboratives Schreiben zu beobachten sind (Artikelerstellung, Bearbeitung und Korrektur, Vandalismus und edit wars), sondern dass auch die Gemeinschaft selbst die Diskursregeln für die Diskurstradition Enzyklopädieartikel für alle Nutzer in Stilblättern expliziert und in Abstimmungsprozessen an das Projekt anpasst.
Die Einbettung in die Funktionalitäten der Wikisoftware und in die kommunikativen Praktiken der Wikipediagemeinschaft prägen die kommunikativen ParameterwerteParameterwert, die für Wikipediaartikel charakteristisch sind. WikipediaartikelWikipediaartikel sind öffentlich zugänglich, und die Kommunikationspartner sind sich in der Regel fremd. EmotionalitätEmotionalität wird zum größten Teil vermieden, ist jedoch punktuell nachweisbar. In der Regel liegt aufgrund der situationsunabhängigen Gültigkeit der Inhalte Handlungs- und Situationsentbindung sowie referenzielle Distanz vor. Eine Ausnahme bilden Artikel, die simultan zu einem aktuellen Ereignis entstehen und rezipiert werden, wodurch eine referenzielle Nähe in Bezug auf die Zeit gegeben ist. Bei diesen ist mit zunehmenden zeitlichen Abstand vom Ereignis eine Anpassung an die Normen des enzyklopädischen Stils festzustellen. In der Regel sind Produzent und Rezipient sowohl räumlich als auch zeitlich getrennt. WikipediaartikelWikipediaartikel entstehen im Gegensatz zu PrintartikelnPrintartikel durch intensive KooperationKooperation über die Wikisoftware, die jedoch teilweise zeitlich stark zerdehnt stattfindet. Das Resultat des Prozesses ist ein monologischer Text. Die Möglichkeit zur Abänderung lässt einen höheren Grad der SpontaneitätSpontaneität zu, und der Grad der ThemenfixierungThemenfixierung ist etwas niedriger als in PrintartikelnPrintartikel. Zudem ist in Wikipedia, anders als in einer Printenzyklopädie, nicht klar, in welchem fachlichen Verhältnis Autoren und Rezipienten zueinanderstehen, was eine Abkehr vom Expertenprinzip der Printenzyklopädie bedeutet.
Die Erstellung der Wikipediaartikel in einem WikiWiki determiniert zudem sprachübergreifend die technischen Funktionalitäten der Artikel. Ein WikipediaartikelWikipediaartikel verfügt über eine Artikelansicht, einen BearbeitungsmodusBearbeitungsmodus, die Anzeige und Bearbeitung des Quelltexts, eine VersionsgeschichteVersionsgeschichte sowie über eine mit dem Artikel verknüpfte DiskussionsseiteDiskussionsseite, die sich ebenfalls in unterschiedlichen Modi darstellen lässt. Ein WikipediaartikelWikipediaartikel ist über thematische und alphabetische Suchfunktionen auffindbar und über Links oder die Einsortierung in Kategorien mit anderen Artikeln automatisch verknüpft. Neben Elementen, die auf die Wikisoftware zurückzuführen sind, weist ein WikipediaartikelWikipediaartikel den typischen Aufbau eines gedruckten Enzyklopädieartikels auf, erweitert diesen jedoch um textstrukturierende Elemente. Typische Elemente sind ein grafisch deutlich abgesetztes StichwortStichwort, eine ausformulierte Definition, ein einleitendes Resümee, ein Inhaltsverzeichnis, ein Textkörper mit einzelnen Kapiteln, Fußnoten, eine Bibliografie, Links, Einordnung in Portale und Kategorien, und ein Verweis auf die jeweilige Version. Auffällig sind ebenfalls zahlreiche Tabellen, Grafiken und Diagramme. Des Weiteren wird in WikipediaartikelnWikipediaartikel eine Vielzahl von Quellen angegeben, um die Glaubwürdigkeit der Informationen zu unterstreichen. Aufgrund der kollaborativenkollaborativ Erstellung ist die Abfolge der Themen in Wikipediaartikeln nicht immer stringent und es ergeben sich teilweise zirkuläre oder auch redundante Artikelpläne.
In sprachlich-stilistischer Hinsicht orientieren sich WikipediaartikelWikipediaartikel am Modell der PrintartikelPrintartikel, weichen jedoch in einigen Punkten von diesen ab. Gemeinsam sind Print- und Wikipediaartikeln eine thematische Progressionthematische Progression mit durchlaufendem Thema, die wörtliche Wiederholung des LemmasLemma im Artikel und der weitgehende Verzicht auf pronominale Wiederaufnahmepronominale Wiederaufnahme, ein unpersönlicherUnpersönlichkeit Stil, der beispielsweise auf Frage- und Ausrufesätze verzichtet, sowie Verfahren der sprachlichen KondensationKondensation, die häufig zu einer erheblichen syntaktischen Komplexitätsyntaktische Komplexität führen. Unterschiede ergeben sich dadurch, dass in WikipediaartikelnWikipediaartikel der KopulasatzKopulaverb ausformuliert, das Lemma stets ausgeschrieben wird, und der Artikeltext zumeist weniger sprachlich verdichtet ist, was sich unter anderem am Einsatz von KonnektorenKonnektor zeigt, die in PrintartikelnPrintartikel häufig ausgespart werden. Kennzeichnend sind darüber hinaus überdeutliche Erläuterungen sowie Wortwiederholungen. In den untersuchten französischen Artikeln fallen zudem die geäußerten Vermutungen, sowie die Hervorhebung von Informationen durch die Verfasser auf. In den italienischen Artikeln und im von Tereszkiewicz (2010) untersuchten englischen Korpus treten zudem Verstöße gegen die sprachliche Norm auf, wohingegen die von Elia (2008) und Emigh/Herring (2005) untersuchten englischen Wikipediaartikel kaum Unterschiede im FormalitätsgradFormalität zu den PrintartikelnPrintartikel zeigen. Ein Spezifikum ausgewählter Wikipediaartikel ist zudem die Mischung verschiedener DiskursmusterDiskursmuster, wobei Reutner (2013b: 246) narrative Elemente und Tereszkiewicz (2010: 110) werbende und instruierende Muster in Wikipediaartikeln ermittelt.
3.4 Print- und Wikipediaartikel im Vergleich
Die vergleichende Analyse von Print- und Wikipediaartikeln stellt Veränderungen in der Kommunikationssituation und in der sprachlich-stilistischen Gestaltung der Artikel fest. Vor dem Hintergrund des theoretischen Konzepts der Diskurstradition wird das Zusammenspiel dieser einzelnen Beobachtungen deutlicher. Die Kommunikationsbedingungen prägen den Artikeln ein konzeptionelles Profilkonzeptionelles Profil ein, das bei Wikipediaartikeln im Vergleich zu den gedruckten Artikeln eine Tendenz in Richtung des nähesprachlichen Pols aufweist. Dies hat wiederum Veränderungen der Artikelgestaltung zufolge. Allerdings erklären Unterschiede in der Kommunikationssituation nicht alle Unterschiede zwischen einzelnen Enzyklopädieartikeln. Die Ausprägung einzelner Merkmale wird zudem durch die fachliche Zugehörigkeit von Artikeln, aber auch durch kulturelle Traditionenkulturelle Tradition geprägt.
Abbildung 4:
Print- und Wikipediaartikel (Parameterwerte nach Koch/Oesterreicher 2011: 13; Reutner 2013b: 237)
Im konkreten Fall von Print- und Wikipediaartikeln ergeben sich Unterschiede und Gemeinsamkeiten hinsichtlich der KommunikationssituationKommunikationssituation, in die die sprachlichen Erzeugnisse eingebettet sind: Sowohl ein gedruckter Enzyklopädieartikel als auch ein Wikipediaartikel sind größtenteils durch die Parameterwerte der kommunikativen Distanz geprägt. Beide Typen von Artikeln werden öffentlich rezipiert, die Kommunikationspartner kennen einander in den meisten Fällen nicht. Die Inhalte der Artikel sind von der Sprechsituation losgelöst und die Gegenstände, auf die im Artikel verwiesen wird, befinden sich weder in der Nähe des Verfassers noch des Rezipienten. Zudem sind beide Artikel streng monologisch angelegt. Geringfügige Unterschiede bestehen bei den genannten Parameterwerten lediglich, wenn keine weitestgehend abgeschlossenen Artikel betrachtet werden, sondern der Entstehungsprozess von Wikipediaartikeln fokussiert wird, indem beispielsweise die anfänglichen Versionen von Artikeln analysiert werden. In einem solchen Fall ist es möglich, dass sich Verfasser und Rezipient beide über die Wikipediagemeinschaft zumindest unter einem Pseudonym kennen und den Erstellungsprozess durch kollaboratives Rezipieren und Schreibenkollaboratives Schreiben koordinieren. Dieser Umstand würde implizieren, dass in manchen Fällen trotz einer physischen Distanz eine gewisse virtuelle NäheNähe– virtuelle angenommen werden kann. Zudem können Artikel zu aktuellen Ereignissen simultan zu diesen entstehen, womit zumindest ein zeitlich naher Bezug des Textes zum Ereignis gegeben wäre. Da in Wikipedia jedoch im Normalfall ein abgeschlossener Artikel konsultiert, und nicht die Entstehung eines Artikels verfolgt wird, ist davon auszugehen, dass sich Print- und Wikipediaartikel hinsichtlich der Handlungs- und SituationsentbindungHandlungs- und Situationsentbindung sowie der referenziellen Distanz ähneln. Deutlichere Unterschiede ergeben sich beim Grad der EmotionalitätEmotionalität, der in WikipediaartikelnWikipediaartikel punktuell höher liegen kann. Aufgrund der spontanen Abänderbarkeit liegen der Grad der Reflektiertheit,Reflektiertheit sowie der Grad der ThemenfixierungThemenfixierung in Wikipediaartikeln etwas niedriger. Der markanteste Unterschied zwischen Print- und Wikipediaartikeln liegt jedoch in den intensiven KooperationsmöglichkeitenKooperation, die Wikipedia über die WikiplattformWikiplattform geradezu einfordert. An die Stelle einer expertenbasierten Enzyklopädie tritt die Weisheit der Vielen, wobei multiple Perspektiven auf das Wissen auf den Begleitseiten der Artikel verhandelt werden. Die Möglichkeit zur Kooperation rückt WikipediaartikelWikipediaartikel minimal näher an den nähesprachlichen Pol heran, selbst wenn es sich insgesamt um eine Diskurstradition handelt, die nach wie vor von den Bedingungen der DistanzkommunikationDistanzkommunikation geprägt ist.
Im Hinblick auf den Aufbau und die sprachlich-stilistische Gestaltung der Artikel lässt sich einerseits eine Orientierung am Modell gedruckter Artikel erkennen, andererseits lassen sich Innovationen finden, die auf die veränderte Kommunikationssituation zurückzuführen sind, wobei diese häufig fach- und kulturspezifisch ausgeprägt sind. Gemeinsam ist beiden Typen von Artikeln, dass ihre Kommunikationsfunktion in der Präsentation eines gesicherten Wissensstandes besteht. Der Aufbau von WikipediaartikelnWikipediaartikel orientiert sich am Modell gedruckter Artikel. Beide Typen enthalten ein grafisch hervorgehobenes StichwortStichwort, eine Definition und einen Textkörper, in dem Teilaspekte eines Themas entfaltet werden. Zudem werden Enzyklopädieartikel häufig in thematische Kategorien eingeordnet und mit Verweisen auf weitere Artikel ausgestattet. Im Hinblick auf die sprachliche Gestaltung sind beide Typen von Artikeln durch eine Progressionthematische Progression mit konstantem Thema gekennzeichnet, indem ein ständiger Bezug zum Lemma hergestellt wird. Dies geschieht durch die wörtliche Wiederholung des Lemmaswörtliche Wiederaufnahme und nicht durch PronominalisierungPronominalisierung. Zudem streben beide Typen von Artikeln einen unpersönlichen StilUnpersönlichkeit an, indem auf Pronomina der 1./2. Person, Frage- und Ausrufesätze verzichtet wird und PassivformenPassivform eingesetzt werden.
Eine Besonderheit des Aufbaus gedruckter Artikel ist, dass die analogen Verweise durch kleine Symbole gekennzeichnet sind und dass am Artikelende teilweise ein Autor genannt wird. Insbesondere in gedruckten französischen Enzyklopädieartikeln sind vermehrt textstrukturierende Elemente wie Inhaltsverzeichnisse, Einleitungen und Zusammenfassungen zu finden, wohingegen italienische, aber auch englische und deutsche Artikel eine kurze und prägnante Darstellung bevorzugen, die teilweise ohne Absätze auskommt. Darüber hinaus gibt in den abschließenden Zusammenfassungen französischer Enzyklopädien häufig ein Experte eine Einschätzung ab, was in Artikeln anderer Sprachen kaum zu finden ist. In der Definition gedruckter Artikel wird das KopulaverbKopulaverb häufig ausgespart, das Lemma wird im fortlaufenden Text in abgekürzter Form wiederholt. Häufig ist die Information in gedruckten Enzyklopädieartikeln durch Einsatz des NominalstilsNominalstil stark verdichtet. Gedruckte Enzyklopädieartikel unterliegen zudem einer strengen redaktionellen Kontrolle, weswegen kaum Verstöße gegen die sprachliche Norm in ihnen auftreten.
Die Spezifika von WikipediaartikelnWikipediaartikel liegen in den für die Wikisoftware typischen Funktionalitäten, welche die Artikelansicht, den BearbeitungsmodusBearbeitungsmodus, den Quelltext, die VersionsgeschichteVersionsgeschichte und eine DiskussionsseiteDiskussionsseite beinhalten. Diese Funktionalitäten lenken den Blick weg vom statischen Produkt des Enzyklopädieartikels hin zu seiner dynamischen Entstehung und Veränderung. Aufgrund des größeren Platzangebots, aber auch durch die Rezeption am Bildschirm weist ein WikipediaartikelWikipediaartikel mehr textstrukturierende Elemente wie ein einleitendes Resümee, ein Inhaltsverzeichnis oder Tabellen und Grafiken auf. Oft wird lediglich das einleitende Resümee rezipiert, oder Artikel werden kursorisch auf einige Schlagwörter und Daten hin gelesen. Die dynamischen Links erlauben ein schnelles Nachschlagen unbekannter Lexeme. Jeder WikipediaartikelWikipediaartikel besitzt am Ende einen Verweis auf die aktuelle Version. Zudem findet sich häufig eine umfangreiche Bibliografie, die als Nachweis für die Informationen fungiert und die Glaubwürdigkeit der OnlineenzyklopädieEnzyklopädie– Online-~ untermauern soll. In sprachlich-stilistischer Hinsicht fallen in WikipediaartikelnWikipediaartikel der ausformulierte KopulasatzKopulaverb, der Verzicht auf Abkürzung des Lemmas, Wortwiederholungen und überdeutliche Erläuterungen auf. Die Erscheinungen sind zum einen auf ein vermehrtes Platzangebot, zum anderen aber auch auf eine stärkere Leserorientierung der Artikel zurückzuführen. Insbesondere in französischen Wikipediaartikeln nutzen die Autoren Vermutungen und Hervorhebungen. In WikipediaartikelnWikipediaartikel fallen zudem Verstöße gegen die sprachliche Norm auf, wobei diese nicht in jeder Sprachversion gleich stark ausgeprägt sind. Einige englische Artikel weisen durchaus einen mit PrintartikelnPrintartikel vergleichbar hohen Grad an sprachlicher FormalitätFormalität auf, während dies beispielsweise bei italienischen Artikeln kaum der Fall ist.
3.5 Resümee
Die kollaborative Erstellung von Enzyklopädieartikeln in einem WikiWiki dynamisiert die etablierte Diskurstradition und führt dazu, dass sich WikipediaartikelWikipediaartikel sowohl in ihrem konzeptionellen Profil als auch in der Artikelgestaltung von gedruckten Artikeln unterscheiden.
Diese Prozesse sind vor dem Hintergrund des Konzepts und der Dynamik von DiskurstraditionenDiskurstradition zu sehen. Schon der Terminus Diskurstradition verweist auf die Konventionalität von Diskursen, die nicht nur eine einmalige Aktualisierung von Sprache sind, sondern sich in Traditionslinien bewegen und an Modellen orientieren. Diskurstraditionen sind von vornherein auf eine spezifische Kommunikationssituation bezogen, die anhand einer spezifischen Mischung von Parameterwerten charakterisiert werden kann. Diese Konstellation prägt das konzeptionelle Profil der Diskurstradition und determiniert somit zum Teil die Auswahl sprachlicher und nicht-sprachlicher Mittel in konkreten Texten. Von der Tatsache, dass in derselben Kommunikationssituation stets auf das gleiche oder zumindest ähnliche TextmusterTextmuster zurückgegriffen wird, lassen sich Konventionen ableiten, die die Gestaltung der Diskurse leiten. Allerdings ist eine Diskurstradition nicht nur durch die KommunikationssituationKommunikationssituation geprägt, sondern sie folgt zusätzlich kulturellen Konventionenkulturelle Konvention. Deswegen können Diskurstraditionen im konkreten Fall nur in kulturspezifischer Ausprägung beobachtet werden. Diskurstraditionen werden im Gegensatz zu einer Sprache nicht von einer Sprachgemeinschaft, sondern von einer Diskursgemeinschaft getragen, die auch historisch diskontinuierlich existieren kann. Die Diskursmuster sind somit häufig auch sprachübergreifend zu finden, wenn auch teilweise mit leichten Modifikationen. Diskurstraditionen stellen einen Teil einer kulturellen Tradition dar und unterliegen dem Wandeldiskurstraditioneller Wandel. Veränderungen bei Diskurstraditionen können beispielsweise auftreten, wenn sich Veränderungen im Medium ergeben, wobei hier zu unterscheiden ist, ob sich nur der Code, oder das TrägermediumTrägermedium selbst verändert. Zudem ist zu überprüfen, ob die Veränderungen im Medium auch zu Verschiebungen im konzeptionellen Profilkonzeptionelles Profil beitragen, denn lediglich in diesem Fall ist es wahrscheinlich, dass sich im neuen Medium eine neue Diskurstradition entwickelt. Dieser Wandeldiskurstraditioneller Wandel findet in der Regel nicht abrupt statt, sondern kann als Anpassungsprozess an das neue Trägermedium modelliert werden. So ist davon auszugehen, dass zunächst eine sehr ähnliche Diskurstradition in einer neuen medialen Umgebung vorliegt, dann leichte Anpassungen vorgenommen werden und dass sich mit der zunehmenden Adaptation an das neue Medium und der Ausschöpfung neuer Funktionalitäten die Diskurstradition komplett vom etablierten Modell ablöst und auf diese Weise eine neue Diskurstradition entsteht.
Der Vergleich von Print- und Wikipediaartikeln zeigt, dass sich Wikipedia am Modell der PrintartikelPrintartikel orientiert und gleichzeitig neue Funktionalitäten nutzt. Das herausragende Merkmal der Wikipedia besteht in der kollaborativen Erstellung der Artikel über die WikiplattformWikiplattform. In WikipediaartikelnWikipediaartikel ist aufgrund der leichten Abänderbarkeit ein etwas höherer Grad der SpontaneitätSpontaneität möglich, punktuell kann ein erhöhter Grad an EmotionalitätEmotionalität auftreten. Dadurch, dass die Themen der Artikel nicht von einer Redaktion vorgegeben werden und es auch keine inhaltlichen Vorgaben gibt, ist der Grad der Themenfixierung etwas niedriger als in Artikeln der Printenzyklopädien. WikipediaartikelWikipediaartikel sind ebenso wie PrintartikelPrintartikel öffentlich einsehbar, die Kommunikationspartner sind einander fremd und beide Typen von Artikeln sind monologisch. Die Vielzahl der Stimmen in Wikipediaartikeln soll nicht auf der Textoberfläche sichtbar werden. Ebenso streben WikipediaartikelWikipediaartikel eine situationsunabhängige Gültigkeit ihrer Inhalte an, weswegen Handlungs- und Situationsentbindung, sowie referenzielle Distanz vorliegen. Die leichte Abänderbarkeit erlaubt es jedoch, unverzüglich auf aktuelle Ereignisse oder Erkenntnisse zu reagieren, was in gedruckten Werken nur mit größerer Verzögerung möglich ist.
Die Makrostruktur von WikipediaartikelnWikipediaartikel selbst wird zum einen sprachübergreifend durch die Wikisoftware vorgegeben. Zum anderen orientiert sich der Artikelaufbau an traditionellen PrintartikelnPrintartikel, die über ein grafisch abgesetztes StichwortStichwort, eine Definition und einen Textkörper mit Kapiteln verfügen. Im WikipediaartikelWikipediaartikel erleichtern ein einleitendes Resümee, ein Inhaltsverzeichnis, Listentexte und grafische Elemente den Überblick und die schnelle Lektüre. Zudem weisen die Artikel zahlreiche Verlinkungen auf. Die Glaubwürdigkeit der Informationen wird durch eine Vielzahl von Nachweisen untermauert. In PrintartikelnPrintartikel finden sich dagegen häufig keine textstrukturierenden Elemente und in manchen Werken wird gänzlich auf Absätze verzichtet. Ebenso entfallen häufig die Quellenangaben, da für die Korrektheit der Informationen der Autor, der zumeist ein Experte des Faches ist, bürgt. Allerdings ist der Artikelaufbau auch bei PrintenzyklopädienEnzyklopädie– Print-~ sowohl fach- als auch kulturspezifisch geprägt, da beispielsweise Bibliografien eher in Fachenzyklopädien, aber auch in französischen UniversalenzyklopädienEnzyklopädie– Universal-~ zu finden sind.
Die kollaborative Artikelerstellung in Wikipedia wirkt sich teilweise auf die sprachlich-stilistische Gestaltung der Artikel aus. Wikipedia- und Printartikel verfolgen das Ziel, sachlich-neutral einen gesicherten Kenntnisstand zu präsentieren. Es wird daher ein unpersönlicher StilUnpersönlichkeit bevorzugt, der auf Pronomina der 1./2. Person verzichtet und PassivformenPassivform zur DeagentivierungDeagentivierung einsetzt. Allerdings spielen in PrintartikelnPrintartikel sprachliche Verfahren der Kürze und Verdichtungnominale Verdichtung eine stärkere Rolle als in Wikipediaartikeln. Deswegen ist in Printenzyklopädien die Definition häufig elliptischEllipse und das Lemma wird im fortlaufenden Text in abgekürzter Form wiederaufgenommen. WikipediaartikelWikipediaartikel sind tendenziell länger als gedruckte Artikel, decken aber teilweise dennoch nicht alle Aspekte des Themas ab. In den untersuchten Wikipediaartikeln befinden sich häufig Wortwiederholungen und überdeutliche Erläuterungen, die die Rezeption für ein Laienpublikum erleichtern. Außerdem ist bei den Artikeln der OnlineenzyklopädieEnzyklopädie– Online-~ teilweise eine Mischung verschiedener Diskursmuster erkennbar, wie an werbenden und unterhaltsamen Elementen ersichtlich wird. Zudem sind Abweichungen von der Standardsprache in WikipediaartikelnWikipediaartikel feststellbar, die je nach Stichwort, aber auch nach Sprachversion variieren können.
Insgesamt lässt sich festhalten, dass WikipediaartikelWikipediaartikel unter veränderten Bedingungen produziert werden und dass die Möglichkeit zur Kooperation die Diskurstradition tendenziell in die Richtung des nähesprachlichen PolsNähesprachlichkeit bewegt. Die Abänderung von Parameterwerten im konzeptionellen Profil der Diskurstradition schlägt sich zudem in einer veränderten Gestaltung der Artikel nieder. Da veränderte Parameterwerte die Variation bei der Auswahl sprachlicher Formen jedoch nicht gänzlich erklären können, stellt sich im Falle der Wikipediaartikel die Frage, welche Rolle die Zugehörigkeit des Stichworts zu einem Fach, die medialen Bedingungen, aber auch die kulturellen Traditionen, in denen der jeweilige Artikel steht, spielen.
4 Korpus und Methodik
In der vorliegenden Studie wird ein digitales Korpus aus vollständigen Enzyklopädieartikeln in der Korpusarchitektur CQPwebCQPweb1 aufgebaut, womit die Treffer nach Fach, Medium, Zeit und Sprache des jeweiligen Korpus ausgewertet werden können. Mithilfe der Simple-Query-SyntaxSimple-Query-Syntax oder der CQP-SyntaxCQP-Syntax lassen sich sowohl Wortformen (Tokens), Wortarten (part of speech, kurz POS) als auch Grundformen (Lemma) abfragen. Zudem bietet diese Architektur eine Reihe von korpuslinguistischen Analyseverfahren, die von relativen Häufigkeiten bis zum statistischen Vergleich von Korpora reichen.
4.1 Forschungsdesign
Vor dem Hintergrund der theoretischen Ausführungen zu Diskurstraditionen und zu deren Veränderungen in Wikipedia stellen sich die folgenden Fragen: Inwiefern unterscheiden sich Wikipediaartikel von Printartikeln? Auf welche weiteren Faktoren neben dem Medium sind Unterschiede zwischen einzelnen Enzyklopädieartikeln zurückzuführen? Der bisherige Forschungsstand stützt sich auf Ergebnisse aus einzelnen Studien, die an einer unterschiedlichen Auswahl von Artikeln durchgeführt worden sind und deswegen Aufschluss über verschiedene Aspekte der Fragestellung geben. Die vorliegende Studie erstellt ergänzend zu den bisherigen Studien ein Korpus aus insgesamt 120 Enzyklopädieartikeln, die einander nach einheitlichen Kriterien gegenübergestellt werden. Ein solches Kriterium ist die Sprache, in der die Artikel abgefasst sind. Die meisten der bisherigen Studien untersuchen die englische Sprachversion der Wikipedia und vergleichen diese beispielsweise mit englischen Printenzyklopädien wie der Britannica (cf. Elia 2008; Giles 2005) oder der Columbia Encyclopedia (cf. Emigh/Herring 2005). Im vorliegenden Korpus wird der Schwerpunkt auf romanischsprachige Artikel gelegt. Ein Korpus französischsprachiger Artikel wird mit einem Korpus italienischsprachiger Artikel verglichen. In jedem Sprachkorpus werden Artikel aus national bedeutenden Printenzyklopädien den WikipediaartikelnWikipediaartikel der jeweiligen Sprachversion gegenübergestellt. Darüber hinaus werden einige Merkmale nach Werk ausgezählt, wobei die Entstehungszeit der Werke berücksichtigt wird und das Korpus so zusammengestellt ist, dass sowohl im französischen als auch im italienischen Korpus Artikel aus Printenzyklopädien der 70er, der 90er bis 2000er Jahre und Artikel aus der Wikipediaversion von 2015 enthalten sind. Zusätzlich wird die Zugehörigkeit der Artikel zu einem der vier Fächer Chemie, Geografie, Medizin und Wirtschaft berücksichtigt und es werden Korpora der einzelnen Fächer miteinander verglichen. Die WikipediaartikelWikipediaartikel im vorliegenden Korpus sind Artikel, die sich nicht mehr im Entwurfsstadium befinden. Sie decken bekannte Themen aus den genannten vier Fachgebieten ab und sind somit mit den gleichnamigen Einträgen in den Printenzyklopädien vergleichbar. Zudem ist zu erwarten, dass die Artikel zu wichtigen wissenschaftlichen Inhalten relativ normgerecht verfasst sind, weswegen Abweichungen und Innovationen hier ein noch größeres Gewicht zukommt als in Artikeln zu Themen aus der Freizeit oder zu aktuellen Ereignissen.
An den ausgewählten Artikeln wird überprüft, welche Auswirkungen die Faktoren Sprache, Medium, zeitliche Entstehung und fachliche Zugehörigkeit auf textinterne Merkmale haben. Die Artikel werden hinsichtlich ihres Inhalts, des Grads der FachsprachlichkeitFachsprachlichkeit, der NeutralitätNeutralität der Sprache und Merkmalen informeller SchriftlichkeitSchriftlichkeit– informelle analysiert.
Abbildung 5:
Forschungsdesign
Diese Analysekriterien erweitern das Spektrum der in vorherigen Studien untersuchten Aspekte. Die zu analysierenden Kriterien werden zum einen aus den traditionellen Vorgaben der Diskurstradition EnzyklopädieartikelEnzyklopädieartikel abgeleitet, zum anderen werden aber genau jene Merkmale auch in der Wikipediagemeinschaft diskutiert und finden ihren Niederschlag in Stilblättern und Normen. So sind die enzyklopädische Relevanz von Inhalten, der fachliche Schwierigkeitsgrad eines Artikels, die Neutralität der Darstellung und auch die sprachliche Korrektheit eines Artikels immer wieder Gegenstand von Auseinandersetzungen. Es ist deswegen interessant, wie die traditionellen Enzyklopädien mit diesen Fragen umgehen, und ob sich in Wikipedia unterschiedliche Konventionen in einzelnen Sprachversionen herausbilden, oder ob es Konvergenzerscheinungen zwischen den Sprachversionen gibt. Letztendlich soll die Veränderung diskurstraditioneller Merkmale von den PrintartikelnPrintartikel hin zu den WikipediaartikelnWikipediaartikel nachvollzogen und vor dem Hintergrund der genannten Einflussfaktoren verortet werden.
4.2 Korpuszusammensetzung
Das Enzyklopädiekorpus enthält insgesamt 549.685 TokensToken und ist im Vergleich zu Referenzkorpora wie DeReKo (Institut für deutsche Sprache 2020), FRANTEXT (ATILF-CNRS et al. 2020) oder BNC (Oxford Text Archive 2020) sehr klein. Allerdings besteht das Ziel des Korpus nicht darin, eine ganze Nationalsprache in ihrer Vielfalt abzubilden, sondern es ist als SpezialkorpusSpezialkorpus konzipiert, mit dessen Hilfe die Unterschiede zwischen gedruckten EnzyklopädieartikelnEnzyklopädieartikel– gedruckter und WikipediaartikelnWikipediaartikel festgestellt werden sollen. Dabei werden Einflussgrößen wie die Sprache, das Medium, das Werk, aber auch die fachliche Zugehörigkeit der Artikel kontrolliert.
Insgesamt wurden aus sechs Enzyklopädien stets die gleichen Stichwörter ausgewählt und die Artikel in voller Länge in das Korpus aufgenommen. Die Artikelzahl ist somit pro Fach, pro Werk und pro Sprache identisch. Die Artikel stammen aus den Werken La Grande Encyclopédie Larousse (1971–1976), Encyclopaedia Universalis (1990), Enciclopedia Europea Garzanti (1976), NOVA. L’enciclopedia UTET (2001) sowie aus Wikipédia. L’encyclopédie libre (2015) und Wikipedia. L’enciclopedia libera (2015):1
Diagramm 1:
Prozentuale Anteile der Enzyklopädien im Korpus bezogen auf die Gesamtzahl der Tokens
Aufgrund der unterschiedlichen Artikellängen variiert der Anteil des Materials aus den einzelnen Enzyklopädien. Das meiste Material stammt aus UV (38 %), weil diese Enzyklopädie die längsten Artikel enthält. An zweiter Stelle steht WPF (17 %), aus der etwas mehr Sprachmaterial entnommen wurde als aus LAR (16 %). Weniger Material stammt aus WPI (11 %), NOV (9 %) und EU (9 %). An der Verteilung des Materials lässt sich bereits erkennen, dass französische Artikel länger als italienische sind, und dass WikipediaartikelWikipediaartikel häufig länger als Artikel aus den gedruckten Enzyklopädien sind.
Die sechs untersuchten Enzyklopädien unterteilen sich in drei französische (LAR, UV, WPF) und drei italienische (EU, NOV, WPI). Diese beiden Sprachkorpora sind analog aufgebaut: Jedes enthält zwei PrintenzyklopädienEnzyklopädie– Print-~ und eine Wikipediaausgabe. Entsprechend der Bedeutung der Wikipedia werden zum Vergleich gedruckte UniversalenzyklopädienEnzyklopädie– Universal-~ mit einem hohen Stellenwert in den beiden Ländern ausgewählt. Zu diesen zählt in Frankreich die Encyclopédie Larousse (LAR) aus den 70er Jahren, wobei es sich nicht um ein enzyklopädisches Wörterbuchenzyklopädisches Wörterbuch handelt, für das das Haus Larousse bekannt ist, sondern um ein reines SachwörterbuchWörterbuch– Sach-~ (Schafroth 2014: 218). Ebenso bedeutend ist Encyclopaedia Universalis (UV) aus den 90er Jahren, die als französisches Pendant der Encyclopædia Britannica bezeichnet wird, und als Referenzwerk von hoher Qualität gilt. Die Enzyklopädieartikel der UV entsprechen jedoch nicht den kurzen Einträgen eines Nachschlagewerks, sondern sie ähneln in ihrer Länge und Komplexität eher Handbuchartikeln (Schafroth 2014: 218). Im italienischen Korpus werden Artikel der Enciclopedia Europea Garzanti (1976) (EU) aus den 70er Jahren und NOVA. L’enciclopedia UTET (2001) (NOV) aus den 2000er Jahren gewählt, wobei auch hier beide Verlage für ihre Referenzwerke in Italien bekannt sind. Bewusst nicht genutzt werden Artikel aus der Enciclopedia Italiana di scienze, lettere ed arti (1929–1939). Zwar existieren insgesamt ein Nachdruck aus dem Jahre 1949, eine Neuauflage des ersten Bandes und des zweiten Appendix aus dem Jahre 1952, ein kompletter Neudruck aus dem Jahre 2005 und eine Luxusausgabe, die vierte Auflage, aus dem Jahre 2009 (cf. Schafroth 2012: 412f.), jedoch sind auch in diesen neueren Auflagen die Originalartikel enthalten:
Aber neu aufgelegt bedeutet eben nicht, inhaltlich neu gestaltet. Vielmehr ist es aus ökonomischen und editorischen Gründen auch nicht wünschenswert, die Originaltexte zu verändern. Alles neue Wissen zu einem Begriff, Namen oder Thema, welches sich im Laufe mehrerer Jahrzehnte akkumuliert, wird also über die Appendizes abgehandelt (Schafroth 2012: 413).
Da im Printkorpus der vorliegenden Studie Enzyklopädieartikel aus den 70er und 90er bis 2000er Jahren enthalten sein sollen, können die Artikel der gedruckten Ausgaben der Enciclopedia Italiana nicht verwendet werden. Deren Inhalt stammt teilweise aus den 30er Jahren und ist in Einträgen wie Italia, italianità, religione, guerra oder nazione ideologisch markiert (cf. Schafroth 2012: 427). Das Onlinekorpus besteht lediglich aus den Wikipediaausgaben, weil der Fokus auf Unterschieden zwischen einer redaktionell erstellten PrintenzyklopädieEnzyklopädie– Print-~ und einer kollaborativ erstellten OnlineenzyklopädieEnzyklopädie– Online-~ liegen soll. Eine diachrone Komponente erhalten die Korpora dadurch, dass in beiden Sprachkorpora entsprechend Enzyklopädien aus den 70er und aus den 90er bis 2000er Jahren mit den Versionen der Wikipedia aus dem Jahr 2015 verglichen werden, wodurch punktuell Entwicklungen überprüft werden können.
Variiert das Material hinsichtlich der Parameter Sprache, Werk und Medium, so ist zudem entscheidend, welchem Fachgebiet ein Artikel zugeordnet werden kann, da davon beispielsweise Eigenschaften wie der Grad der FachsprachlichkeitFachsprachlichkeit oder die Frequenz von evaluativen Ausdrücken beeinflusst wird. Das Korpus enthält Artikel aus den vier Fächern Geografie, Chemie, Medizin und Wirtschaft:
Diagramm 2:
Prozentuale Anteile der Disziplinen im Korpus in Bezug auf die Gesamtzahl der Tokens
Aufgrund der Tatsache, dass Artikel aus der Geografie zumeist länger sind als Artikel aus den anderen Fächern, stammen ungefähr 45 % des Sprachmaterials aus diesem Fach. An zweiter Stelle folgt das Textmaterial aus der Wirtschaft mit 26 %. Artikel der Chemie machen 17 % und aus der Medizin lediglich 12 % des Korpus aus. Im Bereich Geografie wurden Länderartikel, im Chemiekorpus Artikel zu chemischen Stoffen, im Medizinkorpus Artikel über Krankheiten ausgewählt. Die Lemmata der Wirtschaftsartikel sind dagegen heterogen.
Zusätzlich zur quantitativen Verteilung des Korpusmaterials nach Werk oder Fach liegen zu den Wikipediaartikeln Daten zum Entstehungsprozess vor, die sich ebenfalls auf die textinternen Charakteristika der Artikel auswirken könnten.2 Eine Abfrage der Anzahl von Autoren, Bearbeitungen und Sichtungen pro Artikel ergibt für die beiden Wikipediakorpora die folgenden Durchschnittswerte:
| Autoren | Bearbeitungen | Sichtungen | Autoren | Bearbeitungen | Sichtungen | ||
| WPF | 414,38 | 926,8 | 28.509,8 | WPI | 362,05 | 774,8 | 22.679,95 |
| Che | 286,2 | 559,2 | 22.487,6 | Che | 180,8 | 349,2 | 15.104,8 |
| Geo | 911,4 | 2.259,4 | 59.355 | Geo | 915,8 | 2.131,4 | 45.950 |
| Med | 302,2 | 556,2 | 27.753,4 | Med | 197,4 | 333,6 | 21.839,8 |
| Wir | 200,5 | 431,5 | 8.454,17 | Wir | 154,2 | 285 | 7.825,2 |
Tabelle 2: Durchschnittliche Anzahl der Autoren, Bearbeitungen, Sichtungen in den Wikipediakorpora
Insgesamt werden im französischen Wikipediakorpus die Artikel durchschnittlich von mehr Autoren verfasst, häufiger bearbeitet und gesichtet als in der italienischen Version. Die französische Wikipediagemeinde ist insgesamt größer und aktiver, was zudem auch für das Zielpublikum der Enzyklopädie gilt. Berücksichtigt man die fachliche Zugehörigkeit der Artikel, so kann gesagt werden, dass in beiden Wikipediakorpora die Länderartikel von den meisten Autoren verfasst, am häufigsten bearbeitet und besucht werden. Am wenigsten Beachtung finden dagegen die Wirtschaftsartikel.
Eine Auflistung der Artikel sowie ein Überblick über die Schichtung des Korpus finden sich in der folgenden Tabelle:
| Französisches Korpus | Italienisches Korpus | |||||
| Wiki | Wiki | |||||
| La Grande Encyclopédie Larousse | Encyclopaedia Universalis | Wikipédia. L’encyclopédie libre | Enciclopedia Europea (Garzanti) | Nova. L’enciclopedia UTET | Wikipedia. L’enciclopedia libera | |
| LAR | UV | WPF | EU | NOV | WPI | |
| 1971 | 1990–1992 | 2015 | 1976–1977 | 2001 | 2015 | |
| Geografie | Afghanistan | Afghanistan | Afghanistan | Afghanistan | Afghanistan | Afghanistan |
| Albanie | Albanie | Albanie | Albania | Albania | Albania | |
| Angola | Angola | Angola | Angola | Angola | Angola | |
| Arabie Saoudite | Arabie Saoudite | Arabie Saoudite | Arabia Saudita | Arabia Saudita | Arabia Saudita | |
| Argentine | Argentine | Argentine | Argentina | Argentina | Argentina | |
| Chemie | acides | acides et bases | acide | acidi e basi | acidi e basi | acido |
| alcaloïdes | alcaloïdes | alcaloïde | alcaloidi | alcaloidi | alcaloidi | |
| alcools | alcools | alcool (chimie) | alcooli | alcoli | alcoli | |
| carbone | carbone | carbone | carbonio | carbonio | carbonio | |
| chlore | chlore | chlore | cloro | cloro | cloro | |
| Medizin | allergie | allergie et hypersensibilité | allergie | allergia | allergia | allergia |
| anémie | anémies | anémie | anemia | anemie | anemia | |
| anorexie | anorexie | anorexie | anoressia | anoressia | anoressia | |
| choléra | choléra | choléra | colera | colera | colera | |
| coma | coma | coma | coma | coma | coma | |
| Wirtschaft | banque | banques centrales + banques d’affaires | banque | banca + banca centrale | banca | banca |
| bourse de valeurs | bourse | bourse des valeurs | borsa | borsa | borsa valori | |
| conjoncture | conjoncture | conjoncture (économie) + cycle économique | congiuntura economica | congiuntura economica | ciclo economico | |
| crises et cycles économiques | crises économiques | crise économique | crisi economica | crisi economiche | recessione | |
| capital | capital | capital | capitale | capitale | capitale (economia) | |
Tabelle 3: Korpuszusammensetzung
Zur Erstellung des Geografiekorpus wurden aus jeder der sechs Enzyklopädien Länderartikel ausgewählt. Pro Enzyklopädie wurden Artikel zu den Ländern Afghanistan, Albanien, Angola, Saudi-Arabien und Argentinien in das Korpus integriert. Die Auswahl der Länderartikel führt dazu, dass das Geografiekorpus eher für den Bereich Humangeografie sowie für weitere Geistes- und Sozialwissenschaften repräsentativ ist, jedoch nur eingeschränkt für den Bereich Physische Geografie. Die Länderartikel enthalten Informationen zur geografischen Situierung, Geschichte, Wirtschaft und Politik eines Landes, womit sich beispielsweise auch Teilgebiete der Humangeografie wie die Sozialgeografie, die Politische Geografie, die Wirtschaftsgeografie und die Kulturgeografie, weitere Geistes- und Sozialwissenschaften wie die Geschichtswissenschaft und die Politikwissenschaft beschäftigen. Anstelle der Länderartikel hätten auch Artikel aus der Physischen Geografie beispielsweise zu Lemmata wie fr. glacier/it. ghiaccio ʻGletscherʼ, fr. lœss/it. löss ʻLößʼ oder fr. moraine/it. morena ʻMoräneʼ gewählt werden können. Aufgrund der größeren Beliebtheit der Länderartikel bei den Lesern werden diese für den Bereich Geografie als repräsentativer angesehen als Artikel zu Stichwörtern aus der Physischen Geografie. Zudem wird darauf geachtet, dass die Länder relativ weit entfernt von Frankreich oder Italien liegen, um auszuschließen, dass kulturspezifische Hinweise auf Frankreich oder Italien in der geografischen Nähe der Länder begründet liegen. Die ausgewählten Länder verteilen sich zudem über die Kontinente Asien, Europa, Afrika und Amerika, womit die Heterogenität des Korpus vergrößert wird und Ähnlichkeiten in der Darstellung eher auf die Enzyklopädien als auf tatsächliche Ähnlichkeiten zwischen den Ländern zurückzuführen sind.
Stellvertretend für den Fachbereich Chemie werden Artikel zu chemischen Substanzen in das Korpus aufgenommen. Dabei ergeben sich je nach Werk leichte Unterschiede bei der Benennung der Artikel. Der Artikel zum Thema Säure erscheint in LAR unter dem Stichwort acides, wobei die Pluralform darauf aufmerksam macht, dass es sich um eine ganze Gruppe von Stoffen handelt. In UV lautet der Titel acides et bases, was den Zusammenhang zwischen Säuren und Basen betont. Analog wählen die italienischen Printenzyklopädien acidi e basi. In beiden Wikipediaversionen wird der kürzeste Titel fr. acide/it. acido verwendet, wobei in der italienischen Wikipedia von der Pluralform it. acidi auf den Artikel, der mit der Singularform betitelt ist, weiterverwiesen wird. Unabhängig vom Titel behandeln die Artikel jedoch stets verschiedene Säuren und auch Säure-Base-Reaktionen, weswegen die inhaltliche Vergleichbarkeit trotz etwas abweichender Betitelung, die jeweils andere Aspekte hervorhebt, gegeben ist. Ebenso finden sich verschiedene Titel bei Artikeln zum Thema Alkaloide. Bis auf WPF wählen jedoch alle Werke einen Titel im Plural, der die Stoffgruppe in den Vordergrund stellt. In der französischen Wikipedia wird der Titel im Singular gewählt, zudem wird von fr. alcaloïdes auf fr. alcaloïde umgeleitet. In der italienischen Wikipedia ist es genau umgekehrt: der Titel steht im Plural, entsprechend wird von it. alcaloide auf it. alcaloidi weitergeleitet. Analog wird in allen Enzyklopädien, außer der französischen Wikipedia, bei Artikeln zum Thema Alkohole der Titel im Plural gewählt und somit wiederum die Stoffgruppe betont. In der französischen Wikipedia wird der Titel im Singular angegeben und durch den Zusatz chimie präzisiert, um ihn von einem gleichlautenden Artikel abzugrenzen, der seinen Schwerpunkt auf alkoholische Getränke legt. An den italienischen Titeln lassen sich zudem die orthografischen Varianten alcol und alcool ablesen, wobei alcol die heutzutage gängigste ist (LZ 2017: s.v.). Entsprechend leitet der italienische Wikipediaartikel von alcooli zur gängigeren Variante alcoli weiter. Die anderen Lemmata zu Stoffen im Chemiekorpus sind in allen Werken identisch. Insgesamt zeigt sich eine leichte Tendenz der französischen Wikipedia, kürzere und dafür etwas weniger präzise Titel bei der Bezeichnung von Stoffgruppen zu bevorzugen, weil auch die Artikel mit einem Titel in der Singularform jeweils Stoffgruppen behandeln und somit inhaltlich vergleichbar sind.
In das Medizinkorpus werden Artikel zu den Krankheiten Allergie, Anämie, Anorexie, Cholera und Koma aufgenommen. Zum Thema Allergie wird in allen Werken außer in UV der Titel fr. allergie/it. allergia gewählt. UV betitelt allergie et hypersensibilité und stellt somit in den Vordergrund, dass der Artikel auch Überempfindlichkeiten behandelt, die teilweise schwer von einer Allergie abgrenzbar sind. UV betitelt hier genauer als die anderen Enzyklopädien, deren entsprechende Artikel auch Informationen über Überempfindlichkeiten enthalten. Ebenso wählt UV zum Thema Anämie als einzige Enzyklopädie einen Titel im Plural, der betont, dass es verschiedene Arten von Anämien gibt, die jedoch in den entsprechenden Artikeln der anderen Enzyklopädien ebenso behandelt werden. Ebenso wie in der französischen wird in der italienischen Wikipedia der Titel im Singular gewählt. Die weiteren untersuchten Lemmata aus dem Bereich Medizin sind hingegen identisch.
Größere Abweichungen bei den Artikeltiteln sind zudem bei den Wirtschaftsartikeln erkennbar. Zum Thema Bank enthält LAR den Artikel banque. In UV besteht kein Eintrag zum Stichwort banque, sondern lediglich die Stichwörter banques centrales und banques d’affaires. Um eine inhaltliche Vergleichbarkeit mit Artikeln zum Stichwort banque aus den anderen Werken zu erreichen, werden in UV beide Stichwörter untersucht. In WPF wird der Artikel zum Stichwort banque gewählt, ebenso wie in NOV und WPI Artikel zum Stichwort banca analysiert werden. In NOV existiert neben dem Artikel banca ein Artikel mit dem Lemma banca centrale. Da in den Artikeln aus den anderen Enzyklopädien dieses Thema zumeist mitbehandelt wird und kein einzelner Artikel dazu existiert, werden in NOV die Artikel zum Stichwort banca und zum Stichwort banca centrale untersucht. Zum Thema Wertpapierbörse finden sich Artikel unter den Stichwörtern bourse de valeurs in LAR und WPF, sowie unter dem allgemeiner gehaltenen Titel bourse in UV, der unter anderem auch Wertpapierbörsen beschreibt und eine Abgrenzung, beispielsweise zu Warenbörsen, in der Einleitung vornimmt. Der allgemeiner gehaltene Titel findet sich auch in EU und NOV, die vergleichbare Inhalte unter dem Titel borsa präsentieren, während WPI hier analog zu WPF den präziseren Titel borsa valori wählt. Das Thema Konjunktur wird in LAR und UV unter dem Stichwort conjoncture präsentiert. In der französischen Wikipedia existiert ein Artikel zum Stichwort conjoncture (économie), wobei auf einer Homonymieseite der Gebrauch des Ausdrucks in der Philosophie von dem in den Wirtschaftswissenschaften unterschieden wird. Inhalte, die in den französischen Printenzyklopädien unter dem Stichwort conjoncture zu finden sind, werden in WPF zudem unter cycle économique behandelt, weswegen dieser Artikel in das Korpus aufgenommen wird. Sowohl EU als auch NOV beinhalten einen Artikel zum Stichwort congiuntura economica. In WPI existiert kein solcher Artikel, jedoch ist ein Artikel zum Stichwort ciclo economico angelegt, der als thematisch vergleichbar erachtet wird. Zum Thema Wirtschaftskrise enthält LAR das Stichwort crises et cycles économiques, das an einer Vielzahl von Beispielen über Wirtschaftskrisen informiert und diese zudem aus der Perspektive von wirtschaftlichen Zyklen sieht. Auf diese Vielzahl macht auch UV durch das Stichwort crises économiques im Plural aufmerksam, während WPF crise économique im Singular wählt. Auch EU betitelt im Singular mit crisi economica, während NOV crisi economiche im Plural wählt. In der italienischen Wikipedia existiert kein Artikel zu Stichwörtern wie crisi oder crisi economica. Thematisch am ehesten vergleichbar ist der Artikel recessione, weswegen er in das Wirtschaftskorpus aufgenommen wird.
Insgesamt zeigen die Bemühungen, ein inhaltlich weitestgehend vergleichbares Korpus zu erstellen, dass sich die Enzyklopädien schon allein in ihrer Auswahl an Stichwörtern unterscheiden und zusätzlich unterschiedliche Präferenzen für die Betitelung von Artikeln haben, wobei auffällt, dass die Printenzyklopädien häufig komplexere und präzisere Titel bevorzugen, während insbesondere die französische Wikipedia eher kürzere Titel bevorzugt.
4.3 Korpusaufbereitung
Um die Enzyklopädieartikel computergestützt auswerten zu können, ist es notwendig, dass die Texte in maschinenlesbarer Form vorliegen. Dazu wird für den Text eines jeden Enzyklopädieartikels zunächst eine separate Textdatei erstellt. Die Texte aus den Wikipediaartikeln werden von der Website als pdf gespeichert und später in die Textdatei eingefügt. Ebenso werden vorhandene Scans der Encyclopédie Larousse (LAR 1971) aus der Bibliothèque Nationale de France genutzt. Die Enzyklopädieartikel der anderen Printenzyklopädien werden mit Texterkennung gescannt und in die Textdateien überführt, wobei Scanfehler manuell ausgebessert werden. Die einzelnen Textdateien werden dann durch TreeTaggerTreeTagger (Schmid 1994) tokenisiertTokenisierung, mit WortartenTagging nach dem Stuttgart-Tübingen-TagsetStuttgart-Tübingen-Tagset annotiertAnnotation und mit den zu den Tokenformen zugehörigen Lemmata versehenLemmatisierung. Das Stuttgart-Tübingen-Tagset definiert unterschiedliche Annotationen für Wortarten im Französischen und im Italienischen. Das französische Tagset (Stein 2003) und das italienische Tagset (Stein 2017) enthalten die folgenden Annotationen, die durch die manuelle Annotation des Hilfsverbs bei zusammengesetzten Tempora ergänzt worden sind:
| ABR | abréviation | ABR | abbreviazione | |
| ADJ | adjectif | ADJ | aggettivo | |
| ADV | adverbe | ADV | avverbio | |
| DET:ART | article | CON | congiunzione | |
| DET:POS | pronom possessif | DET:def | determinante definito | |
| INT | interjection | DET:indef | determinante indefinito | |
| KON | conjonction | FW | foreign word | |
| NAM | nom propre | INT | interiezione | |
| NOM | nom | LS | list symbol | |
| NUM | numéral | NOM | nome | |
| PRO | pronom | NPR | nome proprio | |
| PRO:DEM | pronom démonstratif | NUM | numerale | |
| PRO:IND | pronom indéfini | PON | puntuazione | |
| PRO:PER | pronom personnel | PRE | preposizione | |
| PRO:POS | pronom possessif | PRE:det | preposizione più determinante | |
| PRO:REL | pronom relatif | PRO | pronome | |
| PRP | préposition | PRO:demo | pronome demonstrativo | |
| PRP:det | préposition plus article | PRO:indef | pronome indefinito | |
| PUN | ponctuation | PRO:inter | pronome interrogativo | |
| PUN:cit | ponctuation citation | PRO:pers | pronome personale | |
| SENT | sentence tag | PRO:poss | pronome possessivo | |
| SYM | symbole | PRO:refl | pronome riflessivo | |
| VER:cond | verbe conditionnel | PRO:rela | pronome relativo | |
| VER:futu | verbe futur | SENT | sentence marker | |
| VER:impe | verbe impératif | SYM | symbole | |
| VER:impf | verbe imparfait | VER:cimp | verbo congiuntivo imperfetto | |
| VER:infi | verbe infinitif | VER:cond | verbo condizionale | |
| VER:pper | verbe participe passé | VER:cpre | verbo congiuntivo presente | |
| VER:ppre | verbe participe présent | VER:futu | verbo futuro | |
| VER:pres | verbe présent | VER:geru | verbo gerundio | |
| VER:simp | verbe passé simple | VER:impe | verbo imperativo | |
| VER:subi | verbe subjonctif imparfait | VER:impf | verbo imperfetto | |
| VER:subp | verbe subjonctif présent | VER:infi | verbo infinitivo | |
| VER:aux.futu | verbe auxiliaire futur; aller+inf | VER:ppre | verbo participio presente | |
| VER:aux.futu. pass | allait+Inf, devait+Inf, conditionnel | VER:pres | verbo presente | |
| VER:aux.pc | verbe auxiliaire passé composé | VER:refl:infi | verbo riflessivo infinito | |
| VER:aux.plqpf | verbe auxiliaire plus que parfait | VER:remo | verbo passato remoto | |
| VER:aux.pc | verbo ausiliare passato prossimo | |||
| VER:aux.plqpf | verbo ausiliare trapassato prossimo |
Tabelle 4a/b: Annotationen im französischen und im italienischen Korpus (leicht adaptiert nach Stein 2003; 2017)
Die dreispaltigen annotierten Textdateien, die das TokenToken, das zugehörige POS-TagPOS-Tag und das LemmaLemma enthalten, werden so aufbereitet, dass sie in die Korpussoftware CQPwebCQPweb (Hardie et al. 2015) importiert werden können. Dazu werden die Textdateien pro Artikel in eine Textdatei pro Enzyklopädie zusammengeführt, die mit der Angabe der XML-VersionXML-Version und der EnkodierungEnkodierung betitelt wird (Bubenhofer 2017). Als EnkodierungEnkodierung wird UTF-8 gewählt. Der Beginn eines jeden Artikels wird mit einem XML-TagXML-Tag versehen, das den Titel des Artikels enthält (die sogenannte Text-IDText-ID, anhand derer die annotierten Listen den Artikeln im Korpusprogramm später zugeordnet werden können). Das Ende des Artikels wird ebenfalls mit einem XML-TagXML-Tag markiert. Die Korpusdaten sehen nun folgendermaßen aus, wobei der Ausschnitt den Beginn des Artikels Acide aus der französischen Wikipedia zeigt:
Abbildung 6:
Annotierte Korpustexte
Passend zu den Text-IDsText-ID wird für das gesamte französische Korpus und das gesamte italienische Korpus eine MetadatentabelleMetadaten erstellt, die in der ersten Spalte die festgelegten Text-IDsText-ID, in der zweiten Spalte das Medium, in der dritten Spalte das Werk, in der vierten Spalte das Jahr und in der fünften Spalte das Fach angibt:
| Text-ID | Medium | Werk | Jahr | Fach |
| WPF_acide | digital | WP | 2015 | Chemie |
| WPF_Afghanistan | digital | WP | 2015 | Geografie |
| WPF_alcaloide | digital | WP | 2015 | Chemie |
| WPF_alcool | digital | WP | 2015 | Chemie |
Tabelle 5: Ausschnitt aus der Metadatentabelle des französischen Korpus
Die Korpusdateien und die zugehörigen MetadatentabellenMetadaten werden in CQPweb importiert. Die Übereinstimmung der Text-IDText-ID zwischen den Korpusdateien und der Metadatentabelle ermöglicht es, textinterne Merkmale nach den Kategorien Medium, Werk, Jahr und Fach gesondert zu quantifizieren. Dabei ermöglicht CQPwebCQPweb nicht nur die Abfrage von TokensToken. Mithilfe der CQP-SyntaxCQP-Syntax können komplexe Suchanfragen gestellt werden, bei denen nach TokenToken, POS-TagsPOS-Tag, LemmataLemma oder Kombinationen aus den drei Einheiten gesucht werden kann. Zudem kann nach Buchstabenkombinationen am Anfang, in der Mitte oder am Ende des Wortes gesucht werden. Die Treffer werden entweder als Wortform allein oder als Wortform mit zugehöriger Wortart angezeigt. Zudem erlaubt das Programm die Quantifizierung der Treffer, die Erstellung von FrequenzlistenFrequenzliste und das Errechnen statistisch signifikanter SchlüsselwörterSchlüsselwort, KookkurrenzenKookkurrenz und noch weitere Verfahren, die von den Entwicklern fortlaufend ergänzt werden.
4.4 Korpuslinguistische Analyseverfahren
Um Phänomene aufzuzeigen, die den Wandeldiskurstraditioneller Wandel, aber auch die Konstanz der Diskurstradition EnzyklopädieartikelEnzyklopädieartikel in Wikipedia verdeutlichen, wird eine Kombination aus quantitativen und qualitativen Analysemethoden verwendet.
4.4.1 Definition: Token, Type, Lemma
Um sprachliche Erscheinungen im Korpus zu quantifizieren und die Ergebnisse transparent zu machen, ist es notwendig, diejenigen Einheiten, die gezählt werden, möglichst exakt zu definieren. In CQPwebCQPweb umfassen TokensToken sowohl Wortformen als auch Interpunktionszeichen (cf. Hardie 2012: 389). Die Anzahl der TokensToken in CQPweb entspricht der Anzahl der Zeichenketten in einem Text, die von Leerzeichen umgeben sind. Wenn TokensToken gezählt werden, werden der Reihe nach in einem Text alle TokensToken gezählt, mehrfach auftretende Formen werden dabei auch mehrfach gezählt. Jedoch kann man sich mit der Funktion Frequency breakdown die Frequenz jeweils einer Wortform anzeigen lassen, die das System dann als Type bezeichnet. Somit ergibt die Suchanfrage nach den Wortformen banque und banques insgesamt 2 TypesType und 933 TokensToken im französischen Korpus. Die Berechnung von Lemmata führt dagegen die Wortformen auf eine grammatikalische Grundform zurück. Somit wären banque und banques zwar zwei Types, aber beide Formen werden auf die Grundform banque zurückgeführt und als ein LemmaLemma gezählt. Diese LemmatisierungLemmatisierung nimmt der TreeTaggerTreeTagger bereits bei der Vorverarbeitung vor und CQPwebCQPweb greift dann auf die Informationen in der dritten Spalte der Listen zurück.
4.4.2 Korpusfrequenzen und Dispersion
Da die Korpora ungekürzte Enzyklopädieartikel enthalten und damit unterschiedlich groß sind, wird sowohl mit absolutenFrequenz– absolute als auch mit relativenFrequenz– relative Frequenzen gearbeitet, um die Korpora vergleichen zu können. Relative Frequenzen werden entweder pro hundert Wörter, also in Prozent, oder bei geringeren Frequenzen auch pro Million Wörter (pM) angegeben (cf. Hoffmann et al. 2008: 70ff.). Dabei wird einerseits die Frequenz von einzelnen sprachlichen Formen erhoben, andererseits werden aber auch Wörterlisten zu einzelnen Korpora automatisch erstellt, um beispielsweise einen typischen Wortschatz zu analysieren. Auf der Wortebene können in CQP auch die einzelnen Buchstaben eines Wortes gezählt werden, oder die Anzahl der Wörter pro Satz, was eine Berechnung der durchschnittlichen Wort-Wortlänge und SatzlängeSatzlänge ermöglicht. Zur Berechnung der lexikalischen Vielfaltlexikalische Vielfalt in den Texten wird außerdem das R-Paket koRpusR-Paket koRpus hinzugezogen, in das die für CQP aufbereiteten Dateien ebenfalls importiert werden können.
Jedoch ist zu beachten, dass die für das Korpus erhobenen MittelwerteMittelwert auch täuschen können. Sie repräsentieren die quantitativen Verhältnisse im gesamten Korpus nicht immer gleich gut, wenn sie durch Ausreißer in nur einem Teil zustande kommen, die den Mittelwert verfälschen:
As one learns in every introduction to statistics, “never provide a mean without also providing an index of dispersion.” This rule applies here, too. The overall mean does not reveal that the distribution of y […] is extremely uneven: While y’s overall relative frequency is 28.57%, its relative frequencies across the corpus varies between 0 and 85.71%, and neither of these frequencies is summarized well by the overall mean. Note how q, on the other hand, has a perfectly regular distribution: its overall relative frequency is 14.29%, as is its relative frequency in each corpus part. Situations like these can not only be rather frequent but can also potentially undermine any statistic based on frequencies. If an overall corpus frequency is high, then this will be reflected in whatever other statistic is based on that frequency, but if the high frequency is completely unrepresentative of most of the corpus, the results will be of dubitable value only (Gries 2010: 274).
In CQPweb wird deswegen zusätzlich angezeigt, in wie vielen Enzyklopädieartikeln eines Korpus der gesuchte Ausdruck auftritt. Neben diesem relativ groben Maß der Verteilung der Ergebnisse, das lediglich die Anzahl der Texte, jedoch nicht die Frequenzen des Items in diesen Texten berücksichtigt, existieren eine Reihe weiterer Möglichkeiten, die differenzierter gewichten, hier jedoch nicht verwendet werden (cf. Gries 2008).
4.4.3 Schlüsselwortextraktion
Neben Verfahren der deskriptiven Statistikdeskriptive Statistik, die Korpusfrequenzen und deren Verteilung im Korpus ermitteln, werden auch Verfahren der schließenden Statistikschließende Statistik verwendet, um SchlüsselwörterSchlüsselwort zu extrahieren:
In corpus-based linguistics, “keywords” for a (sub)corpus are words which are more frequent or infrequent in a particular “study corpus” when compared against a “reference corpus”. These words are considered “key” when the difference in textual frequencies is determined to be statistically significant – in other words, if we can say with a sufficient degree of confidence that the observed difference is not due to chance (Hoffmann 2008 et al.: 204).
Zusätzlich zur Analyse statistisch auffälliger SchlüsselwörterSchlüsselwort ist in CQPweb auch die Extraktion signifikanter Lemmata und POS-TagsPOS-Tag mithilfe der Funktion KeywordsKeyword and keytagsKeytag möglich. Ob ein Lexem statistisch signifikant häufiger in einem Korpus als in einem Vergleichskorpus auftritt, wird in CQPweb standardmäßig mit dem Log-Likelihood-AssoziationstestLog-Likelihood-Assoziationstest geprüft. Dabei werden die beobachteten FrequenzenFrequenz– beobachtete in beiden Korpora mit den errechneten erwartetenFrequenz– erwartete Frequenzen in Relation gesetzt. Um anhand der beobachteten Frequenzen die erwarteten Frequenzen zu berechnen, wird mit KontingenztabellenKontingenztabelle gearbeitet:
A rigorous statistical approach to measuring association is based on contingency tables representing the cross-classification of a set of items. Such tables naturally take marginal frequencies into account, unlike a simple comparison of O against E (Evert 2009: 1231).
Die Kontingenztabelle für die beobachtetenFrequenz– beobachtete Häufigkeiten stellt sowohl die Korpusfrequenzen als auch die Randsummen dar und sieht folgendermaßen aus (cf. Evert 2009: 1231):
| Korpus 1 | Korpus 2 | Randsumme | |
| Suchwort | O11 | O12 | R1 |
| Nicht-Suchwort | O21 | O22 | R2 |
| gesamt | C1 | C2 | N |
Tabelle 6: Kontingenztabelle für beobachtete Frequenzen
Dabei ist O11 die absolute Frequenz, mit der das betreffende Wort in Korpus 1 auftritt und O12 die absolute Frequenz, mit der das betreffende Wort in Korpus 2 auftritt. O21 ist die Frequenz aller anderen Wörter in Korpus 1 und O22 die Frequenz aller anderen Wörter in Korpus 2. C1 und C2 geben jeweils die Größe von Korpus 1 bzw. Korpus 2 an. Zudem gibt R1 die Frequenz des Suchworts insgesamt und R2 die Frequenz aller anderen Wörter außer der des Suchworts an. N steht für die Gesamtgröße des Korpus. In Kenntnis der Randsummen werden nun diejenigen Häufigkeiten berechnet, die man theoretisch erwartet, wenn kein Zusammenhang zwischen Kategorie und Häufigkeit besteht:
If we employ the null hypothesis that there is no difference between the frequencies found in each category, the first step is to decide what the frequencies would have been if there were no relationship between category and frequency. In such a case, all the frequencies would be the same, and equal to the sum of the frequencies in each cell, divided by the number of categories. This theoretical number of items per cell in the frequency table is called the expected value, E, while the actual number in each cell is called the observed value, O (Oakes 1998: 24).
Die KontingenztabelleKontingenztabelle für die erwarteten FrequenzenFrequenz– erwartete sieht demnach folgendermaßen aus (cf. Evert 2009: 1231):
| Korpus 1 | Korpus 2 | |
| Suchwort | | |
| Nicht-Suchwort | | |
Tabelle 7: Kontingenztabelle für erwartete Frequenzen
Nun werden die beobachteten Werte zu den erwarteten Werten in Relation gesetzt. Der einfachste Weg wäre, die beobachteten Werte durch die erwarteten Werte zu dividieren. Jedoch kann dieser Wert bei geringen Frequenzen leicht täuschen. Deswegen wird auf ein statistisches Assoziationsmaß, den Log-Likelihood-KoeffizientenLog-Likelihood-Koeffizient, zurückgegriffen, der hier in der in Oakes (1998: 42) angegebenen Form verwendet wird:

Dabei wird pro Wertepaar aus beobachtetem und korrespondierendem erwarteten Wert die folgende Berechnung vorgenommen: Es wird der natürliche Logarithmus des Quotienten aus beobachtetem und erwartetem Wert berechnet und das Ergebnis mit dem beobachteten Wert multipliziert. Diese Berechnung wird für jedes Wertepaar O11-E11, O12-E12, O21-E21 und O22-E22 vorgenommen; die Ergebnisse werden addiert und anschließend mit zwei multipliziert. Das Ergebnis ist ein Log-Likelihood-Wert (LL oder G2). Da die Verteilung der Log-Likelihood-Werte annähernd der Chi-Quadrat-VerteilungChi-Quadrat-Verteilung entspricht (cf. Oakes 1998: 42), wird diese herangezogen, um die kritischen Werte und die damit einhergehenden p-Wertep-Wert zu ermitteln:
| Freiheitsgrade | p-Werte | |||||
| 0,20 | 0,10 | 0,05 | 0,025 | 0,01 | 0,001 | |
| 1 | 1,64 | 2,71 | 3,84 | 5,02 | 6,64 | 10,83 |
| 2 | 3,22 | 4,61 | 5,99 | 7,38 | 9,21 | 13,82 |
| 3 | 4,64 | 6,25 | 7,82 | 9,35 | 11,34 | 16,27 |
Tabelle 8: Chi-Quadrat-Verteilung nach Oakes (1998: 266)
Bei einer Vier-Felder-Tafel mit einem FreiheitsgradFreiheitsgrad von 1 muss der LL-Wert bei mindestens 3,84 liegen, um einen Wert von p ≤ 0,05, bei 6,64 um p ≤ 0,01 und bei 10,83, um p ≤ 0,001 zu erreichen. In der Regel wird ab einem p ≤ 0,05 davon ausgegangen, dass die NullhypotheseNullhypothese mit ausreichender Wahrscheinlichkeit abgelehnt werden kann und die Differenz der Ergebnisse somit statistisch signifikantstatistische Signifikanz ist (cf. Oakes 1998: 43). In CQPweb erlaubt die Funktion KeywordsKeyword, einen Grenzwert für den p-Wert festzulegen. Es werden dann nur diejenigen Wörter angezeigt, deren p-Wert unter dem Grenzwert liegt oder diesem entspricht:
This parameter sets a cut-off point for the display of keywords. For example 0.1% means that the probability that the observed difference in frequency is purely due to chance is 0.1% or lower (Hoffmann et al. 2008: 208).
Zusätzlich lässt sich zu Beginn der Analyse eine Mindestfrequenz der Schlüsselwörter festlegen. In CQPweb ist diese bei fünf pro Korpus voreingestellt, um die Ergebnisse nicht durch niedrigfrequente Wörter zu verfälschen (cf. Hoffmann et al. 2008: 208).
Um nicht nur die Wahrscheinlichkeiten für ein signifikant häufigeres Auftreten eines Items in einem Korpus im Vergleich zu einem anderen Korpus anzugeben, sondern um auch den tatsächlichen Effekt zu messen, wird zusätzlich zu den Log-Likelihood-Werten ein Maß der EffektstärkeEffektstärke, der Log ratioLog ratio, hinzugezogen:
The problem with this accepted procedure is that log-likelihood is a statistical significance measure – it tells us how much evidence we have for a difference between two corpora. However, it doesn’t tell us how big/how important a given difference is (Hardie 2014).
Der Log ratio gibt dabei an, um wie viel Mal häufiger ein Wort im Korpus 1 als im Korpus 2 auftritt. Dazu wird der Quotient aus den relativen Häufigkeiten des Wortes in Korpus 1 und den relativen Häufigkeiten des Wortes in Korpus 2 gebildet. Zur besseren Darstellung bei großen Differenzen wird der Zweierlogarithmus des Quotienten berechnet. Ein Log ratioLog ratio von drei bedeutet demnach, dass die Differenz 23, also achtmal so groß ist:

4.4.4 Kookkurrenzanalyse
Zusätzlich zur schlüsselwortbasierten Analyse eines typischen Vokabulars von Teilkorpora lassen sich mittels CQPwebCQPweb auch typische Zweiworteinheiten extrahieren. Diese geben Aufschluss über kombinatorische Eigenschaften eines TokensToken in grammatikalischer oder semantischer Hinsicht (cf. Evert 2009: 1219) und lassen beispielsweise Rückschlüsse auf das Bedeutungspotenzial eines Lexems zu. Es lassen sich jedoch auch Verweise auf außersprachliche Gegebenheiten herauslesen, die besonders für eine Analyse der Enzyklopädieartikel hinsichtlich der angesprochenen Themen, aber auch hinsichtlich der vorgenommenen Wertungen interessant sein können:
[…] in gewisser Weise zeigt dies auch, welches Wissen oder welche Ansichten zu bestimmten Begriffen sich in Diskursen niederschlagen (Belica/Perkuhn 2015: 223).
Die Extraktion statistisch signifikanter Zweiworteinheiten wird in CQPweb von der Funktion Collocationscollocation durchgeführt, wobei der Kollokationsbegriff des Programms rein statistischer Natur ist. Als KollokationKollokation wird eine Kombination aus zwei Tokens definiert, die statistisch signifikant häufig auftritt:
By interpreting occurrences of words as events, statistical association measures can be used to quantify the attraction between cooccurring words. They thus complete the formal definition of empirical collocations (Evert 2009: 1215).
Eine solche Analyse filtert jedoch nicht nur Kollokationen im traditionellen Sinn heraus, sondern ergibt auch zweiteilige Eigennamen, Komposita, stereotype Phrasen, semantisch ähnliche Ausdrücke (cf. Evert 2009: 1219) oder grammatikalische Muster wie Artikel + Nomen. Aus diesem Grunde bedürfen die gefundenen KookkurrenzenKookkurrenz der linguistischen Analyse, um interessante Zweiworteinheiten herauszufiltern.
Die Extraktion statistisch signifikanter KookkurrenzenKookkurrenz erfolgt in CQPwebCQPweb nach demselben Prinzip wie die Extraktion der Schlüsselwörter. Lediglich die KontingenztabelleKontingenztabelle wird an die veränderte Fragestellung angepasst. Grundlegend sind dabei die Einheiten KollokationsbasisKollokationsbasis (node), KollokatorKollokator (collocate), Spanne (span; Entfernung von der Kollokationsbasis in Tokens; z.B. drei Tokens rechts und drei Tokens links von der Basis) und Fenster (window; Summe der Spannen, die eine Kollokationsbasis umgeben) (cf. Hoffmann 2008 et al.: 144ff). Anstatt zwei Korpora zu vergleichen, wird das Korpus in zwei Teile geteilt, einen Teil innerhalb des Kollokationsfensters und einen Teil außerhalb des Kollokationsfensters:
Each item, i.e. word token, is then classified into the first row of the contingency table if it cooccurs with the node words w1, i.e. if it falls into one of the collocational spans around the instances of w1; it is classified into the second row otherwise. The item is classified into the first column of the table if it is an instance of the targeted collocate w2, and into the second column otherwise (Evert 2009: 1233).
Die KontingenztabelleKontingenztabelle für die beobachteten Werte sieht nach diesem Verfahren folgendermaßen aus:
| f (Kollokator) | f (andere Wortformen) | gesamt | |
| im Fenster | O 11 | O12 | R 1 |
| außerhalb des Fensters | O21 | O22 | R2 |
| gesamt | C 1 | C2 | N |
Tabelle 9: Kontingenztabelle für beobachtete Werte bei Kollokationen; gegebene Werte fett gedruckt
Dabei ist O11 die Frequenz, mit der die Basis zusammen mit dem KollokatorKollokator auftritt. R1 ist die Größe des Fensters, die sich errechnet, indem die festgelegte Spanne mit zwei und mit der Frequenz der Basis multipliziert wird. C1 ist des Weiteren die Frequenz des KollokatorsKollokator im Korpus und N die Korpusgröße. Die übrigen Werte in der Tabelle können anhand der vier gegebenen Werte berechnet werden. Nach dem gleichen Prinzip werden nun zu den beobachteten Werten die erwarteten Werte berechnet. Beide Werte werden durch den Log-Likelihood-AssoziationstestLog-Likelihood-Assoziationstest in Beziehung gesetzt. Dabei lässt sich anhand der kritischen Werte bestimmen, mit welcher Wahrscheinlichkeit die KookkurrenzKookkurrenz zufällig ist oder nicht. Zusätzlich zur Auftretenswahrscheinlichkeit wird, wie schon bei der Schlüsselwortanalyse, die EffektstärkeEffektstärke mithilfe des Log ratioLog ratio gemessen. Dabei wird die relative Frequenz des Kollokators im Fenster mit der relativen Frequenz des Kollokators außerhalb des Fensters verglichen. Um zu messen, in welchem Verhältnis die beiden relativen Frequenzen stehen, wird ein Quotient aus der relativen Frequenz des Kollokators im Fenster und der relativen Frequenz des Kollokators außerhalb des Fensters gebildet. Der Quotient wird mit einem Zweierlogarithmus logarithmiert (Hardie et al. 2015).
4.4.5 Kritische Betrachtung
Die vorgestellten korpuslinguistischenKorpuslinguistik Methoden eröffnen die Möglichkeit sowohl quantitativer als auch qualitativer Analyse. In der vorliegenden Studie werden beide Verfahren kombiniert, um die Schwächen der jeweiligen Verfahren auszugleichen. Die Schwäche qualitativer Verfahren, die in einer vermehrten Subjektivität der Erhebung und Interpretation besteht, kann durch die computergestützte und damit objektivere Suche nach Formen kompensiert werden. Eine Schwäche computergestützter Verfahren besteht hingegen in der Beschränkung auf Phänomene der sprachlichen Oberfläche. Mithilfe von KonkordanzwerkzeugenKonkordanzwerkzeug kann zwar zuverlässig die Quantität einer sprachlichen Form erfasst werden, jedoch kann nur schwer nach Funktion oder Bedeutung eines sprachlichen Zeichens differenziert werden, weswegen die einzelnen Treffer manuell sortiert und linguistisch interpretiert werden müssen (cf. auch Reutner im Druck).1
Ein weit schwerwiegenderes Problem liegt in der Anwendung statistischer Hypothesentests auf sprachliche Daten, wie sie bei der SchlüsselwortextraktionSchlüsselwortextraktion oder der KookkurrenzanalyseKookkurrenzanalyse eingesetzt werden:
Es ist kein einziger Fall einer linguistischen Untersuchung bekannt geworden, bei dem die in anderen empirischen Wissenschaften vielfach automatisch als gegeben vorausgesetzten Bedingungen erfüllt gewesen wären. Ebenso ist es unzulässig, in Analogie zum induktiven Schluss von Stichproben auf eine Population von einem (oder mehreren) Text(en) auf ein Korpus zu schließen. Texte sind alles andere als Stichproben aus einem Korpus (Köhler 2005: 10).
Als größte methodologische Herausforderung bei der quantitativen Arbeit mit Sprachdaten führt Köhler die zumeist mangelnde Eignung des Korpus, als Repräsentant seiner Artikel zu dienen, an. Als weitere Schwierigkeiten nennt er die Heterogenität und die hohe Varianz der Daten (starke Streuung um den Mittelwert) und die schiefen HäufigkeitsverteilungenHäufigkeitsverteilung bei Sprachdaten. In diesen Fällen ist die Anwendung statistischer Tests, die eine NormalverteilungNormalverteilung der Daten erfordern, nicht möglich (cf. Köhler 2005: 11). Unabhängig davon, ob die Daten normalverteilt sind oder nicht, besteht weiterhin das Problem, dass ein sprachlicher Text keine zufällige Ansammlung von Wörtern ist. Ein Korpus ist somit keine Zufallsstichprobe und die einzelnen Datenpunkte sind nicht unabhängig voneinander oder wie Kilgarriff in seinem Aufsatz „Language is never ever ever random“ formuliert:
Language users never choose words randomly, and language is essentially non-random. Statistical hypothesis testing uses a null hypothesis, which posits randomness. Hence, when we look at linguistic phenomena in corpora, the null hypothesis will never be true. Moreover, where there is enough data, we shall (almost) always be able to establish that it is not true. In corpus studies, we frequently do have enough data, so the fact that a relation between two phenomena is demonstrably non-random, does not support the inference that it is not arbitrary. We present experimental evidence of how arbitrary associations between word frequencies and corpora are systematically non-random. We review literature in which hypothesis testing has been used, and show how it has often led to unhelpful or misleading results (Kilgarriff 2005: 263).
Bestimmte Wörter oder grammatikalische Strukturen treten in einigen Texten häufiger auf als in anderen, was durch das Thema, Autorenstile, den Kommunikationsbereich, die Diskurstradition oder andere Faktoren bedingt sein kann. Um solche Effekte zu vermeiden, müsste man folgendermaßen vorgehen:
This could only be avoided by sampling at the unit of measurement, i.e. individual words or sentences from the entire library, which is impracticable because it would require each word or sentence to be taken from a different book (Evert 2006: 185).
Trotz dieser Kritikpunkte an statistischen Methoden zur Analyse von Sprache plädiert Evert dafür, diese zu verwenden, denn es handelt sich zwar bei der Sprachprobe um keine Zufallsauswahl, doch bei der Auswahl der Korpustexte aus einer Gesamtheit spielt der Zufall eine Rolle – und auf dieser Ebene kann es sich dann bei einem Korpus doch um eine Zufallsstichprobe handeln:
Even though a sentence is not a random bag of words, and even though a text is not a random sequence of sentences, it is sensible to apply statistical methods based on a random sample model to corpus frequency data. The metaphor of language (defined extensionally) as a gigantic library, with each book corresponding to a language fragment (or corpus), explains how randomness finds its way into any quantitative corpus study. It is not inherent in language itself but is introduced by the choice of a particular corpus for the study, which can be likened to picking a book from one of the shelves in a library (Evert 2006: 188).
Angesichts der Schwierigkeiten, die HäufigkeitsverteilungHäufigkeitsverteilung sprachlicher Daten statistisch zu modellieren, wird empfohlen, zusätzliche Maße wie KonfidenzintervalleKonfidenzintervall oder die EffektstärkenEffektstärke heranzuziehen, um die Ergebnisse abzusichern (cf. Perkuhn/Keibel/Kupietz 2012: 87). Zuletzt ist zu beachten, dass statistische Assoziationsmaßestatistisches Assoziationsmaß in korpuslinguistischen Analysen nicht immer dazu dienen, auf eine Grundgesamtheit zu schließen:
Zumindest in der entdeckenden, datengeleiteten Korpuslinguistik sind solche Signifikanzangaben zu Assoziationswerten aber ohnehin weniger interessant. Hier verwendet man Assoziationsmaße vorwiegend zu dem Zweck, auffällige Verwendungsweisen und andere auffällige Eigenschaften eines Wortes aufzuspüren, die meist nicht direkt auf die Grundgesamtheit bezogen werden (Perkuhn/Keibel/Kupietz 2012: 102).
4.4.6 Zwischenresümee
Insgesamt wird angestrebt, mithilfe korpuslinguistischerKorpuslinguistik Analyseverfahren zu quantitativ informierten Ergebnissen zu gelangen, die qualitativ ausgelegt werden. Dabei werden die absoluten und relativen Frequenzen von sprachlichen Formen und deren Verteilung über Teilkorpora erhoben. Des Weiteren werden Wortlisten mit Frequenzen erstellt, um den typischen Wortschatz eines Fachkorpus sichtbar zu machen. Zudem lässt sich durch die Abfrage mithilfe von regulären Suchausdrückenregular expressions eine HäufigkeitsverteilungHäufigkeitsverteilung der Wort- und Satzlängen ermitteln und daraus der Durchschnitt pro Korpus berechnen. Ergänzend zu CQPweb wird zur Berechnung der lexikalischen Vielfaltlexikalische Vielfalt das R-Paket koRpusR-Paket koRpus herangezogen, in das dieselben Dateien importiert werden wie in CQPwebCQPweb. Neben diesen Verfahren der deskriptiven Statistik werden bei der Extraktion von Schlüsselwörtern und signifikanten Kookkurrenzen auch Verfahren der schließenden Statistikschließende Statistik verwendet, wobei diese jedoch durch andere Maße ergänzt werden sollten, weil sich statistische Tests nicht ohne Weiteres auf Korpora anwenden lassen.
4.5 Resümee
Die vorliegende Studie verfolgt auf der Basis eines elektronischen Korpus von Enzyklopädieartikeln die Frage nach der Veränderung der Diskurstradition Enzyklopädieartikel durch die Wikitechnologie. Die Schichtung des Korpus lässt es zu, den Einfluss der Faktoren Sprache, Medium, Zeit und Fach auf die ausgewählten textinternen Merkmale zu beobachten. Um Merkmale auf der sprachlichen Mikroebene zuverlässig im Korpus zu identifizieren, zu quantifizieren und anschließend zu interpretieren, werden die Enzyklopädieartikel annotiertAnnotation und in die Korpusarchitektur CQPwebCQPweb importiert. Das Korpusprogramm lässt Anfragen nach einzelnen Wortformen (TokensToken), Wortarten (POSPOS-Tag) und Grundformen von Wörtern (LemmaLemma) zu und bietet eine Reihe korpuslinguistischer Funktionalitäten an, mithilfe derer das Korpus quantitativ und qualitativ ausgewertet wird. Die inferenzstatistischen Methoden sind jedoch mit Vorsicht zu gebrauchen, da statistische Analysen nur eingeschränkt den Eigenschaften eines sprachlichen Korpus gerecht werden.
5 Inhaltlicher Vergleich
DiskurstraditionenDiskurstradition werden anhand wiederkehrender Elemente sichtbar, die sowohl auf inhaltlicher als auch auf formaler Ebene angesiedelt sein können. Die vorliegende Untersuchung konzentriert sich zunächst auf die Inhalte, bevor die sprachlichen Formen einer genaueren Untersuchung unterzogen werden. Die Inhalte eines Enzyklopädieartikels werden durch das StichwortStichwort bestimmt, das ein Konzept repräsentiert, dessen Merkmale im Artikel beschrieben werden. Einzelne Artikel sind miteinander vergleichbar, wenn ihre Stichwörter Konzepte repräsentieren, die einem gemeinsamen, übergeordneten KonzeptKonzept zugeordnet werden können. Im vorliegenden Korpus werden jeweils 30 Artikel zu den übergeordneten Konzepten „chemische Substanz“, „Land“, „Krankheit“ und „wirtschaftliches Konzept“ untersucht. Aus sechs Enzyklopädien werden pro Konzept fünf Stichwörter ausgewählt. Das Konzept „chemische Substanz“ wird durch die Stichwörter fr. acide/it. acido, fr. alcaloïde/it. alcaloidi, fr. alcool/it. alcoli, fr. carbone/it. carbonio, fr. chlore/it. cloro repräsentiert, das Konzept „Land“ durch die Stichwörter fr./it. Afghanistan, fr. Albanie/it. Albania, fr./it. Angola, fr. Arabie Saoudite/it. Arabia Saudita, fr. Argentine/it. Argentina, das Konzept „Krankheit“ durch die Stichwörter fr. allergie/it. allergia, fr. anémie/it. anemia, fr. anorexie/it. anoressia, fr. choléra/it. colera, fr./it. coma und ein Konzept aus der Wirtschaft wird anhand der Stichwörter fr. banque/it. banca, fr. bourse/it. borsa, fr. conjoncture/it. congiuntura, fr. capital/it. capitale, fr. crise/it. crisi oder zu diesen äquivalenten Einträgen untersucht. Dabei werden Unterschiede hinsichtlich der behandelten Aspekte, der SchlüsselwörterSchlüsselwort, aber auch hinsichtlich kultureller Bezüge herausgearbeitet und zu den Faktoren Fach, Medium und Kultur in Beziehung gesetzt.
5.1 Behandelte Aspekte eines Konzepts
Die behandelten Aspekte eines Konzepts erscheinen in Enzyklopädieartikeln zumeist in den Kapitelüberschriften, die auch für diese Analyse herangezogen werden. Existiert keine Überschrift, so wird der Inhalt eines Absatzes mittels Interpretation erschlossen. In einem ersten Schritt werden die vorhandenen Aspekte des jeweiligen übergeordneten Konzepts aufgelistet. In einem zweiten Schritt wird prozentual berechnet, in wie vielen aus den insgesamt 30 Artikeln der jeweilige Aspekt erwähnt wird. Ergebnis der Analyse ist eine Aussage darüber, mit welcher Häufigkeit die Aspekte thematisiert werden. Anschließend wird die Verteilung dieser Häufigkeiten im Korpus nach Medium und Sprache untersucht.
5.1.1 „Chemische Substanz“
Im gesamten Enzyklopädiekorpus können in den 30 romanischsprachigen Artikeln mit einem Stichwort zum Konzept „chemische Substanz“, die das Chemiekorpus bilden, 21 verschiedene Aspekte identifiziert werden, die mit den folgenden Frequenzen in diesem Teilkorpus zu finden sind:
Diagramm 3:
Frequenzen der behandelten Aspekte im Chemiekorpus (in Prozent der Artikel)
In etwa 50 % der Artikel werden die chemischen und physikalischen Eigenschaften der Substanzen beschrieben. In etwa 40 % der untersuchten Artikel werden die Herstellung (43,3 %) und die Verwendung (40 %) einer Substanz thematisiert. Zusätzlich werden die natürlichen Vorkommen (33,3 %), die Wirkung (30 %), die Struktur (30 %), die Verbindungen (26,7 %), die Geschichte (23,3 %) und die Klassifikation (23,3 %) einer Substanz behandelt. Seltener werden der Geschmack, Derivate, Überlegungen zum Umweltschutz oder die Erwähnung der Substanz in literarischen Werken thematisiert.
Die Verteilung der 21 identifizierten Aspekte im Gesamtkorpus lässt Unterschiede zwischen den Print- und den Wikipediakorpora, aber auch zwischen den französischen und den italienischen Korpora erkennen:
Diagramm 4:
Frequenzen der behandelten Aspekte im Chemiekorpus nach Medium und Sprache (in Prozent der Artikel)
Innerhalb des französischen Korpus lässt sich feststellen, dass in WPF insgesamt mehr Aspekte als in Print (fr) (17 zu 15) behandelt werden. In 80 % der Wikipediaartikel werden die Verwendung, Wirkung und Geschichte einer Substanz beschrieben, während im Printkorpus lediglich 30 % aller Artikel die Verwendung, 20 % die Wirkung und 10 % die Geschichte einer Substanz präsentieren. Besonders auffällig sind beispielsweise Ausführungen zur Wirkungsweise von Säuren, in denen Handlungsanweisungen für den Notfall angegeben werden:
(1) Les acides concentrés peuvent provoquer des brûlures sur la peau et les muqueuses (yeux, nez, bouche). En cas de brûlure par acide, il faut: protéger: en se protégeant (gants…), fermer le récipient et éviter que l’acide ne se répande (utilisation de papier absorbant), ouvrir les fenêtres pour éviter les dégagements de vapeurs […] (WPF 2015: s.v. acide).
Die etymologische Herleitung der Bezeichnung wird am folgenden Beispiel ersichtlich:
(2) Le nom carbone vient du latin carbo, carbōnis signifiant « charbon » (WPF 2015: s.v. carbone).
In 40 % aller untersuchten französischen Wikipediaartikel werden Klassifikationsmöglichkeiten für einzelne Substanzen der Stoffgruppe angegeben und Unterarten aufgezählt, wohingegen dies nur auf 20 % der PrintartikelPrintartikel zutrifft. Ebenso werden in 40 % der Wikipediaartikel Erscheinungsformen einer Substanz aufgelistet, während dies nur in 10 % der Printartikel der Fall ist. In 20 % der Wikipediaartikel werden die Bestandteile der Nomenklaturbezeichnung erläutert, während dies in 10 % der Printartikel geschieht. Ausschließlich in Wikipediaartikeln werden Isotope angegeben, die Bezeichnung etymologisch hergeleitet und der chemische Nachweis einer Substanz thematisiert. Ausführungen zum Geschmack einer Substanz lassen sich ebenfalls ausschließlich in Wikipediaartikeln finden:
(3) Le goût acide est reconnu grâce à des récepteurs particuliers PKD2L1, qui sont probablement sensibles à la présence des ions H+, ou à certains nucléotides cycliques. Malgré certaines études on sait à présent que sa reconnaissance est indépendante de la reconnaissance du goût salé (WPF 2015: s.v. acide).
Das französische Printkorpus zeichnet sich insbesondere durch die folgenden Aspekte aus: In mehr als der Hälfte der PrintartikelPrintartikel werden die Eigenschaften (Print: 80 %; WPF: 40 %), die natürlichen Vorkommen (Print: 60 %; WPF: 40 %), die Struktur (Print: 50 %; WPF: 20 %) und die Herstellung einer Substanz (Print: 50 %; WPF: 40 %) beschrieben, während dies nicht auf das Wikipediakorpus zutrifft. Ausschließlich in Artikeln der gedruckten Enzyklopädien werden eine zusätzliche Definition und Derivate erwähnt.
Innerhalb des italienischen Korpus werden im Wikipediakorpus mehr Aspekte behandelt als im Printkorpus (15 zu 9). In 60 % der Wikipediaartikel werden die Eigenschaften in einem eigenen Kapitel und die Verwendung einer chemischen Substanz beschrieben, während dies in nur 20 % der Artikel des Printkorpus der Fall ist. Beispielsweise wird im Artikel Alcaloidi die Verwendung der Stoffgruppe in der Krebstherapie erwähnt:
(4) È sin dagli anni ’40 che gli alcaloidi vegetali sono stati oggetto di intenso studio per trovarne un’applicazione nella terapia dei tumori (WPI 2015: s.v. alcaloidi).
In 40 % der Wikipediaartikel wird zusätzlich die Definition thematisiert, wohingegen dies nur auf 20 % der PrintartikelPrintartikel zutrifft. Außerdem werden in 40 % der Wikipediaartikel Verbindungen einer Substanz aufgelistet, was in nur 30 % der Printartikel feststellbar ist. Ausschließlich in Wikipediaartikeln finden sich Kapitel zu natürlichen Vorkommen (40 %), Wirkung (60 %), Geschichte (40 %), Erscheinungsformen (20 %), Isotopen (40 %), Umweltschutz (20 %) und literarischer Verarbeitung (20 %). Besonders auffällig sind im Wikipediakorpus Ausführungen zur Wirkung von Säuren, die in der italienischen Wikipedia jedoch nicht von Handlungsanweisungen begleitet werden:
(5) Il contatto della pelle (o di qualunque altra parte del corpo) con un acido produce generalmente un’irritazione (WPI 2015: s.v. acido).
Ebenso auffällig sind die frequenten historischen Darstellungen sowie die Rezeption einer Substanz in der Literatur:
(6) L’acido cloridrico era già conosciuto nell’800 d.C. dall’alchimista Jābir ibn Hayyān, mentre nel 1400 l’acqua regia, una mistura di acido cloridrico e acido nitrico era usata per sciogliere l’oro (WPI 2015: s.v. cloro).
(7) Al carbonio è dedicato uno dei racconti de "Il sistema periodico" di Primo Levi (WPI 2015: s.v. carbonio).
Die PrintartikelPrintartikel erläutern häufiger die Nomenklaturbezeichnung (Print: 30 %; WPI: 20 %). Ausschließlich in den PrintenzyklopädienEnzyklopädie– Print-~ erscheint ein Kapitel zu den Unterarten der betreffenden Substanz (Print: 20 %). Sprachübergreifend lässt sich feststellen, dass in prozentual mehr Wikipediaartikeln die Verwendung, Wirkung, Geschichte, Erscheinungsformen und Isotope eines Stoffs behandelt werden. Aus diesem Befund lässt sich einerseits ablesen, dass Wikipediaartikel in stärkerem Maße die anwendungsbezogenen Interessen eines Laienpublikums bedienen. Zum anderen ist die Tendenz der Auflistung von Stoffen nach verschiedenen Klassifikationskriterien festzustellen, was ein Inventar zum schnellen Nachschlagen bereitstellt.
Zudem lassen sich Unterschiede zwischen dem französischen und dem italienischen Korpus feststellen. Im französischen Korpus werden mehr Aspekte behandelt als im italienischen (19 zu 16 Aspekte), was auch mit der Tatsache zusammenhängt, dass französische Artikel zu vergleichbaren Stichwörtern häufig länger sind. In mehr französischen Artikeln werden die Eigenschaften, die Herstellung, die Verwendung, die natürlichen Vorkommen, die Wirkung, die Struktur, die Geschichte, Klassifikationsmöglichkeiten, Unterarten und Erscheinungsformen einer Substanz dargestellt. Ausschließlich in französischen Artikeln werden die Entdeckung, die Etymologie der Bezeichnung, der Geschmack, Derivate und der chemische Nachweis einer Substanz behandelt. In prozentual mehr italienischen Artikeln werden Verbindungen einer Substanz, eine Definition und die Nomenklaturbezeichnung angegeben. Ausschließlich im italienischen Korpus sind Informationen zum Umweltschutz und zur Rezeption einer Substanz in der Literatur zu finden. Es ergibt sich somit das Bild, dass die Artikel des französischen Korpus im Vergleich zu den italienischen Artikeln mehr Aspekte beschreiben, die sowohl in den Printenzyklopädien als auch in Wikipedia über die rein chemische Beschreibung eines Stoffes hinausgehen, während sich die italienischen Enzyklopädien (mit Ausnahme der Aspekte Umweltschutz und literarische Verarbeitung in WPI) in kürzeren Artikeln auf die Darstellung der chemischen Eigenschaften konzentrieren. Die Diskrepanz zwischen der thematischen Vielfalt der französischen Enzyklopädien und der Konzentration auf wenige Punkte in den italienischen Enzyklopädien wird in den beiden Wikipediaversionen etwas nivelliert (WPF: 17 Aspekte; WPI: 15 Aspekte). Aufgrund des größeren Umfangs französischer Wikipediaartikel werden die meisten Aspekte in prozentual mehr französischen als italienischen Wikipediaartikeln angesprochen. In mehr französischen Wikipediaartikeln finden sich Ausführungen zu den Aspekten Verwendung, Wirkung, Geschichte, Klassifikation und Erscheinungsformen. Ausschließlich in französischen Wikipediaartikeln werden die Aspekte Unterarten, Entdeckung, Etymologie, Geschmack und chemischer Nachweis genannt. Trotz des größeren Umfangs französischer Wikipediaartikel werden die Aspekte Eigenschaften und Verbindungen in mehr italienischen Artikeln genannt. Ausschließlich im italienischen Wikipediakorpus werden die Aspekte Definition, Umweltschutz und literarische Verarbeitung genannt.
5.1.2 „Land“
Im Geografiekorpus werden insgesamt 24 Aspekte zum Konzept „Land“ präsentiert, wobei in jedem Länderartikel die Geografie und die Geschichte eines Landes behandelt werden:
Diagramm
5: Frequenzen der behandelten Aspekte im Geografiekorpus (in Prozent der Artikel)
In der Mehrheit der Artikel (> 50 %) werden die Wirtschaft, Bevölkerung und Politik angesprochen. Zusätzlich werden in einigen Artikeln (> 20 %) die Verwaltung, Literatur, Sprache, Religion, Kunst und Traditionen/Folklore eines Landes behandelt. Eher selten sind separate Kapitel zu den Aspekten Sport, Toponymie, Verkehr, Umwelt, Codes, Wissenschaft, berühmte Persönlichkeiten, Feste und Feiertage, sowie Statistiken, Medien/Kommunikation, Bildungswesen, Situation der Frauen und Platzierung in Rankings.
Ein Vergleich hinsichtlich des Mediums, aber auch der Sprache lässt unterschiedliche thematische Präferenzen erkennen:
Diagramm 6:
Frequenzen der behandelten Aspekte im Geografiekorpus nach Medium und Sprache (in Prozent der Artikel)
Es zeigen sich die folgenden Unterschiede zwischen Print- und Wikipediaartikeln innerhalb des französischen Korpus: Wikipediaartikel thematisieren insgesamt mehr Aspekte als PrintartikelPrintartikel (22 zu 8). In allen Wikipediaartikeln werden die Geografie (Print: 100 %), Geschichte (Print: 100 %), Wirtschaft (Print: 90 %), die Bevölkerung (Print: 80 %), die Politik (Print: 70 %) und die Religion (Print: 10 %) eines Landes beschrieben. Ausschließlich in Wikipediaartikeln werden die Verwaltung (80 %), die Sprache (80 %), der Sport (40 %), die Toponymie (40 %), der Verkehr (40 %), die Umwelt (20 %), Codes (80 %), die Wissenschaft (20 %), berühmte Persönlichkeiten (20 %), Feste und Feiertage (40 %), Statistiken (40 %), Medien und Kommunikation (20 %), Bildungswesen (20 %), die Situation der Frau (20 %) und die Platzierung in Rankings (20 %) beschrieben. Die Literatur eines Landes wird in gleich vielen Print- und Wikipediaartikeln thematisiert. Die Kunst eines Landes wird ausschließlich in den Printartikeln dargestellt.
Die folgenden Unterschiede zwischen Print- und Wikipediaartikeln bestehen innerhalb des italienischen Korpus. Im Wikipediakorpus werden mehr Aspekte behandelt als im Printkorpus (Print: 11 Aspekte; WPI: 17 Aspekte). In prozentual mehr Wikipedia- als Printartikeln werden die Aspekte Verwaltung (WPI: 100 %; Print: 50 %), Sprache (WPI: 80 %, Print: 40 %), Kunst (WPI: 60 %; Print: 20 %), Tradition und Folklore (WPI: 80 %, Print: 40 %) und Sport (WPI: 60 %; Print: 10 %) besprochen. Ausschließlich im Wikipediakorpus finden sich die Aspekte Politik (80 %), Religion (100 %), Toponymie (60 %), Umwelt (80 %), Wissenschaft (20 %) und berühmte Persönlichkeiten (20 %). Die Geografie, Geschichte, Wirtschaft, Bevölkerung und der Verkehr eines Landes werden in prozentual ebenso vielen Print- wie Wikipediaartikeln behandelt. Die Literatur eines Landes wird dagegen in mehr Printartikeln beschrieben.
Sprachübergreifend zeigt der Vergleich zwischen dem Print- und dem Wikipediakorpus, dass in beiden Wikipediaversionen im Gegensatz zu den Printversionen die Aspekte Politik, Verwaltung, Sprache, Religion, Sport, Toponymie, Umwelt, Wissenschaft und berühmte Persönlichkeiten als eigenständige Kapitel auftreten. Während die Inhalte der Kapitel Politik und Verwaltung in den PrintartikelnPrintartikel auch in den historischen Abrissen und Informationen zu Sprache und Religion teilweise im Kapitel Bevölkerung zu finden sind, werden einige Informationen in den Printenzyklopädien tatsächlich nicht erwähnt. Ein Alleinstellungsmerkmal von Wikipediaartikeln ist das Kapitel Toponymie, in dem das Stichwort etymologisch erklärt wird:
(8) Le nom Afghanistan dérive des Pachtounes l’ethnie majoritaire du pays qui ont fondés l’Afghanistan actuel. Le suffixe du nom tient son origine du mot dari stān (« pays ») et afghan est synonyme du mot pachtoune, Afghanistan signifie donc pays des Afghans (WPF 2015: s.v. Afghanistan).
(9) Il nome del paese deriva dal termine Ngola, attributo di rispetto dei sovrani Ndongo corrispondente all’italiano "Maestà". I portoghesi diedero questo nome ufficiale al paese nel XVI secolo proprio in onore di quei sovrani, loro fedeli alleati (WPI 2015: s.v. Angola).
Zudem finden sich in den PrintartikelnPrintartikel keine Ausführungen zum Umweltschutz und auch keine Informationen zum Wissenschaftssystem und dessen Spitzentechnologien:
(10) Le pays abrite des paysages et écosystèmes très variés, en raison notamment d’un important gradient climatique. L’écosystème dominant est celui de la pampa, qui abrite une biodiversité originale et souvent endémique. La forêt a souvent fortement régressé au profit de boisements industriels (monocultures parfois) et de l’élevage bovin et d’une agriculture souvent industrielle qui contribue à dégrader les sols. Le sud du pays est exposé à une augmentation des UV solaires (cancérigènes, mutagènes), induite par le trou de la couche d’ozone, plus grande au-dessus de l’Antarctique qu’au-dessus de l’Arctique (WPF 2015: s.v. Argentine).
(11) L’ambiente è ricco di flora e fauna tipiche dell’Africa centrale. Fino ad oggi non è stato valorizzato a dovere, ma potrà costituire sicuramente una risorsa di grande interesse (WPI 2015: s.v. Angola).
(12) La recherche scientifique est organisée et coordonnée au niveau national par le KACST (WPF 2015: s.v. Arabie Saoudite).
(13) Gli aspetti più importanti della tecnologia in Argentina riguardano medicina, fisica nucleare, le biotecnologie, le nanotecnologie, e diversi campi relativi alle principali attività economiche del paese (WPI 2015: s.v. Argentina).
Ebenso spezifisch für Wikipediaartikel in beiden Sprachen sind Kapitel mit den Überschriften Afghans célèbres oder Personaggi celebri albanesi, die berühmte Persönlichkeiten eines Landes auflisten, sowie Ausführungen zu sportlichen Erfolgen:
(14) Abou Hanîfa: Juriste, Imam et un grand savant musulman, ce grand spécialiste de l’islam est à l’origine de l’école juridique musulmane dite Hanafit (WPF 2015: s.v. Afghanistan).
(15) Giorgio Castriota Scanderbeg (Gjergji Kastrioti Skënderbeu; 1403-1468), eroe nazionale albanese, re dei territori nazionali illiro-arbëresh, scelto dai principati albanesi (WPI 2015: s.v. Albania).
(16) L’équipe d’Angola de football se qualifie pour la première fois de son histoire pour les phases finales de la coupe du monde de 2006 en Allemagne (WPF 2015: s.v. Angola).
(17) L’8 ottobre del 2005 la nazionale di calcio dell’Angola si è qualificata ai Campionati mondiali di calcio di Germania 2006 (WPI 2015: s.v. Angola).
Neu eingeführte Aspekte, die sich in beiden Wikipediaausgaben finden, lassen die Orientierung am Laienpublikum erkennen. Die Stichwörter werden beispielsweise durch eine etymologische Herleitung erläutert. Aspekte wie Umwelt und Wissenschaft zeigen den Bezug zu aktuellen gesellschaftlichen Fragestellungen. Außerdem steigern Kapitel über berühmte Persönlichkeiten und Sport den Unterhaltungswert der Wikipediaartikel.
Zudem zeigen sich beim Vergleich des französischen und des italienischen Korpus unterschiedliche Schwerpunktsetzungen. In mehr französischen Artikeln werden die Politik (80 % zu 26,6 %) und die Religion (40 % zu 33,3 %) eines Landes dargestellt. Ausschließlich im französischen Korpus werden Codes (26,6 %), Feste und Feiertage (13,3 %), Statistiken (13,3 %), Medien und Kommunikation, Bildungswesen, die Situation der Frau und die Platzierung in Rankings (alle 6,6 %) für ein Land angesprochen. In etwas mehr italienischen Artikeln finden sich dagegen Ausführungen zur Wirtschaft (100 % zu 93,3 %), Bevölkerung (100 % zu 86,6 %) und Verwaltung (66,6 % zu 26,6 %). Größere quantitative Unterschiede zeichnen sich bei den Aspekten Sprache (53,3 % zu 26,6 %), Literatur (46,6 % zu 20 %), Kunst (33,3 % zu 20 %), Sport (26,6 % zu 13,3 %), Toponymie (20 % zu 13,3 %), Verkehr (20 % zu 13,3 %) und Umwelt (26,6 % zu 6,6 %) ab. Ausschließlich im italienischen Korpus werden Informationen zu Traditionen und Folklore gegeben (40 %).
Eine unterschiedliche Schwerpunktsetzung zeigt auch der Vergleich des französischen mit dem italienischen Wikipediakorpus. In der französischen Wikipedia werden in mehr Artikeln die Aspekte Politik (100 % zu 80 %) und Verkehr (40 % zu 20 %) behandelt. Ausschließlich in der französischen Wikipedia finden sich die Kapitel Codes (80 %), Feste und Feiertage (40 %), Statistiken (40 %), Medien und Kommunikation (20 %), Bildungswesen (20 %), die Situation der Frau (20 %) und die Platzierung in Rankings (20 %). Diese Aspekte sind spezifisch für die französische Wikipedia und lassen sich in keinem weiteren untersuchten Werk finden. Besonders auffällig ist das Kapitel Codes, das in vier von fünf französischen Wikipediaartikeln zu finden ist. In einem solchen Kapitel werden listenartig SiglenSigle zum behandelten Land angegeben:
(18) L’Afghanistan a pour codes:AF, selon la norme ISO 3166-1 (liste des codes pays), code alpha-2,AF, selon la liste des codes pays utilisés par l’OTAN, code alpha-2,AFG, selon la norme ISO 3166-1, code alpha-3 (liste des codes pays) (WPF 2015: s.v. Afghanistan).
In mehr italienischen Wikipediaartikeln finden sich Ausführungen zu Verwaltung (100 % zu 80 %), Literatur (40 % zu 20 %), Sport (60 % zu 40 %), Toponymie (60 % zu 40 %) und Umwelt (80 % zu 20 %). Nur in der italienischen Version der Wikipedia werden die Aspekte Kunst und Traditionen/Folklore genannt.
Die größten Unterschiede bestehen folglich bei behandelten Aspekten, die entweder nur in der französischen oder nur in der italienischen Wikipedia zu finden sind. Wird mit einbezogen, ob diese Aspekte bereits im französischen bzw. italienischen Printkorpus auftreten, dann fällt auf, dass die Aspekte der französischen Wikipedia wie Codes, die Position in Rankings oder die Situation der Frau Neuerungen der Wikipedia sind, also in keiner französischen Printenzyklopädie vorhanden sind. Diese Innovationen finden sich nicht im italienischen Wikipediakorpus. Die italienischen Wikipediaartikel knüpfen an die italienischen PrintartikelPrintartikel mit dem Kapitel Traditionen/Folklore an, das für italienische Länderartikel diskurstraditionell zu sein scheint:
(19) Uno dei rituali folcloristici più rappresentativi dell’Arabia Saudita è l’Ardha, il ballo nazionale del paese. Questo ballo della spada è basato sulle tradizioni antiche dei beduini: i suonatori di tamburi tengono un ritmo sostenuto e un poeta canta i versi, mentre gli uomini che portano la spada ballano spalla a spalla. La musica ha origini nella Spagna musulmana (al-Andalus). A Mecca, a Medina e a Gedda il ballo e la canzone sono eseguite al suono del mizmar, uno strumento di legno simile all’oboe (WPI 2015: s.v. Arabia Saudita).
(20) Il culto della persona corporea quale centro sintetico del rapporto col mondo (« al centro di tutto, al centro-centro sta il mio neo sulla fronte », recita un’antica poesia nomade) si rivela nella cosiddetta « vanità » degli uomini kuci, che usano sottolineare con cosmetico blu (sarman) o rosso (henné) lo splendore degli occhi o, con le stesse sostanze, disegnare nei sulla fronte (EU 1970: s.v. Afghanistan).
Insgesamt lässt sich festhalten, dass Länderartikel typischerweise Informationen zur Geschichte und zur geografischen Lage eines Landes enthalten. Beide Wikipediaversionen enthalten im Vergleich zu den Printenzyklopädien zusätzlich aktuelle Informationen (Umwelt, Wissenschaft) und solche, die den Unterhaltungswert der Artikel steigern (Sport, berühmte Persönlichkeiten). Während sich in den französischen Wikipediaartikeln eine Reihe weiterer neuer Aspekte finden (Codes, Statistiken, Rankings) ist dies in der italienischen Wikipedia nicht zu erkennen. Besonders auffällig ist bei den italienischen Artikeln jedoch das Kapitel über Traditionen und Folklore, das sich ebenfalls in den italienischen Printenzyklopädien, jedoch in keinem französischen Werk, findet und damit die Präferenzen gedruckter italienischer Werke in der italienischen Wikipedia fortsetzt.
5.1.3 „Krankheit“
Artikel zu Krankheiten, die das Medizinkorpus bilden, enthalten typischerweise Informationen über die Behandlung (76,7 %), die Symptome (63,3 %), die Ursachen (56,7 %) und die Diagnose (56,7 %):
Diagramm 7:
Frequenzen der behandelten Aspekte im Medizinkorpus (in Prozent der Artikel)
Seltener werden die Unterarten (46,7 %), der Entstehungsmechanismus (46,6 %), die Epidemiologie (23,3 %) und die Prävention (20 %) einer Krankheit behandelt. Lediglich in einem oder zwei Artikeln pro Enzyklopädie werden die Geschichte (13,3 %) und die Heilungschancen (13,3 %) einer Krankheit beschrieben. Spezialisten im beschriebenen Gebiet (6,7 %), die Rezeption einer Krankheit in den Medien (3,3 %) und damit verbundene ethische Fragen (3,3 %) werden nur in wenigen Artikeln erwähnt.
Es werden jedoch nicht in jedem Korpus alle identifizierten Aspekte genannt, wobei sich Unterschiede zwischen Print- und Wikipediaartikeln, aber auch zwischen französischen und italienischen Artikeln feststellen lassen:
Diagramm 8:
Frequenzen der behandelten Aspekte im Medizinkorpus nach Medium und Sprache (in Prozent der Artikel)
Innerhalb des französischen Korpus werden im Wikipediakorpus in etwa genauso viele Aspekte behandelt wie im Printkorpus (10 zu 11). In mehr Wikipedia- als PrintartikelnPrintartikel werden die Behandlung (100 % zu 80 %), die Ursachen (60 % zu 50 %), die Diagnose (80 % zu 50 %), die Epidemiologie (40 % zu 20 %) und die Geschichte (20 % zu 10 %) einer Krankheit dargestellt. Ausschließlich in Wikipediaartikeln wird die mediale Rezeption einer Krankheit beschrieben. In mehr Print- als Wikipediaartikeln wird dagegen der Entstehungsmechanismus einer Krankheit erläutert (90 % zu 20 %). Ausschließlich in Printartikeln werden Spezialisten (20 %) genannt und die Heilungschancen (10 %) dargestellt. Symptome, Unterarten und Prävention einer Krankheit werden sowohl im Print- als auch im Wikipediakorpus in gleich vielen Artikeln dargestellt.
Innerhalb des italienischen Korpus werden im Wikipediakorpus insgesamt etwas mehr Aspekte als im Printkorpus behandelt (11 zu 9). In mehr Wikipediaartikeln werden die Diagnose (60 % zu 50 %), die Geschichte (20 % zu 10 %) und die Heilungschancen (40 % zu 10 %) einer Krankheit dargestellt. Ausschließlich in Wikipediaartikeln werden die Epidemiologie (40 %) einer Krankheit und mit einer Krankheit verbundene ethische Fragen (20 %) thematisiert. In mehr Printartikeln werden die Behandlung (70 % zu 60 %), die Symptome (70 % zu 60 %), die Ursachen (70 % zu 40 %), die Unterarten (70 % zu 20 %) und der Entstehungsmechanismus (30 % zu 20 %) einer Krankheit beschrieben. Kein Unterschied zwischen den Korpora besteht beim Aspekt Prävention (20 %).
Es lassen sich nun Aspekte feststellen, die sprachübergreifend in mehr Wikipedia- als PrintartikelnPrintartikel behandelt werden. Auffällig sind Ausführungen zur Diagnose einer Krankheit, bei der Untersuchungsgeräte und Tests erläutert werden:
(21) la cartographie du cerveau par IRM fonctionnelle pourrait permettre de mieux poser le diagnostic et soigner le patient (WPF 2015: s.v. coma).
(22) la sua identificazione può avvenire con microscopio ottico su campo oscuro o con un test di immobilizzazione con l’uso di un antisiero specifico (WPI 2015: s.v. colera).
Ebenso wird häufig in einem Kapitel Epidemiologie die Verbreitung einer Krankheit beschrieben, worunter jedoch in manchen Fällen weniger medizinisch fundiertes Wissen, sondern vielmehr Alltagswissen präsentiert wird:
(23) Dans presque tous les pays, l’allergie devient un véritable phénomène de société parce que touchant un nombre croissant de personnes (WPF 2015: s.v. allergie).
(24) L’anemia è un problema che riguarda la salute mondiale, soprattutto nei bambini (WPI 2015: s.v. anemia).
Zudem stellen in beiden Wikipediaversionen prozentual mehr Artikel als im Printkorpus historische Abrisse zum Stichwort bereit. Während die Kapitel Diagnose, Verbreitung und Geschichte eher für Wikipediaartikel typisch sind, ist eine detaillierte Beschreibung der Entstehungsmechanismen sowohl im französischen als auch im italienischen Korpus in mehr PrintartikelnPrintartikel zu finden. Dieser Befund lässt sich an Erläuterungen zur Entstehung verschiedener Anämietypen beobachten. In beiden Wikipediaversionen werden diese lediglich unter dem Aspekt Unterarten stichwortartig aufgelistet:
(25) Les anémies sont classées en plusieurs familles selon le mécanisme de l’anémie:Anémie arégénérative: le taux de réticulocytes est diminué:aplasie médullaireSyndrome d’Irradiation aigüeanomalie de la structure de la moelle osseuse hématopoiétiquestimulation hormonale diminué (EPO)anémie par carence martiale (anémie ferriprive)malabsorption du fer (ex. Gastrite collagène)malnutritionsaignements occultes (digestifs)/menstruations abondantes (« chlorose des jeunes filles »)anémie par insuffisance en vitamine B12 ou folatesproduction d’inhibiteurs de l’érythropoïèse, comme dans les inflammations (WPF 2015: s.v. anémie).
(26) Anemie per difetto di produzioneDifetti del precursore ematopoieticoAnemia aplasticaDifetti a carico del DNASindrome mielodisplasicaAnemia megaloblasticaDifetti della formazione dell’HbCarenza di ferrocarenza d’EPOAnemia da nefropatia cronica (WPI 2015: s.v. anemia).
In den Printenzyklopädien wird dagegen ausführlich erläutert, auf welche Entstehungsursachen die verschiedenen Anämietypen zurückzuführen sind:
(27) l’anomalie de la synthèse de l’ADN peut être très pure, et elle résulte, en général, d’un défaut d’acide folique ou de vitamine B12; l’anémie est alors dite « mégaloblastique » (UV 1990: s.v. anémie).
(28) Anemie da diminuita o alterata produzione di globuli rossi. I globuli rossi vengono fabbricati dal midollo delle ossa. Una loro deficiente produzione può dipendere dunque in primo luogo da una insufficienza funzionale del midollo, leso da sostanze tossiche (infezioni, avvelenamenti da benzolo e da farmaci) o da radiazioni; ne conseguono anemie aplastiche, che hanno carattere normocromico ma sono caratterizzate dalla forte diminuzione non soltanto dei globuli rossi, ma anche dei globuli bianchi e delle piastrine, ossia di tutti gli elementi corpuscolati del sangue (EU 1970: s.v. anemia).
(29) A. arigenerative da difetto qualitativo caratterizzate da produzione midollare di globuli rossi anomali (inefficace eritropoiesi), comprendono le A. megaloblastiche da carenza di acido folico, e le A. megaloblastiche da carenza di vitamina B12 (NOV 2001: s.v. anemia).
Zusätzlich zeigen sich Unterschiede zwischen dem französischen und dem italienischen Korpus. In beiden Korpora werden in etwa gleich viele Aspekte einer Krankheit thematisiert (12 und 11). In mehr französischen als italienischen Artikeln werden die Behandlung (86,6 % zu 66,6 %), die Diagnose (60 % zu 53,3 %) und der Entstehungsmechanismus (66,6 % zu 26,6 %) einer Krankheit dargestellt. Ausschließlich im französischen Korpus werden Spezialisten des Fachgebiets (13,3 %) genannt und auf die Darstellung einer Krankheit in den Medien hingewiesen (6,6 %). In mehr italienischen als französischen Artikeln werden die Symptome (66,6 % zu 60 %), die Ursachen (60 % zu 53 %), die Unterarten (53,3 % zu 40 %) und die Heilungschancen (20 % zu 6,6 %) einer Krankheit erläutert. Ausschließlich im italienischen Korpus werden ethische Fragen diskutiert (6,6 %).
Unterschiede ergibt auch ein Vergleich des französischen mit dem italienischen Wikipediakorpus. In WPF werden in mehr Artikeln die Behandlung (100 % zu 60 %), die Ursachen (60 % zu 40 %), die Diagnose (80 % zu 60 %) und die Unterarten (40 % zu 20 %) einer Krankheit genannt. Ausschließlich die französische Wikipedia beinhaltet die Rezeption einer Krankheit in den Medien. Am Beispiel des folgenden Kapitels aus dem Artikel Choléra wird ersichtlich, wie die Sensationslust der Leser befriedigt werden soll, indem nicht nur die literarische Rezeption der Cholera, sondern auch ihr Einsatz als Kriegswaffe thematisiert wird:
(30) Le choléra a été utilisé comme arme de guerre par l’unité 731 de l’Armée impériale japonaise (WPF 2015: s.v. choléra).
Im italienischen Wikipediakorpus wird im Gegensatz zum französischen Wikipediakorpus in mehr Artikeln über die Prognose der Heilungschancen (40 % zu 10 %) gesprochen. Ein Kapitel über die ethische Beurteilung medizinischer Maßnahmen tritt ausschließlich im italienischen Wikipediaartikel Coma auf und zeigt, wie aktuelle gesellschaftliche Debatten Eingang in einen Enzyklopädieartikel finden können:
(31) Ci sono state e ci sono tuttora, a volte, controversie e cause legali sulla decisione se tenere in vita persone da lungo tempo in coma con l’ausilio di macchine per il supporto vitale, praticando l’accanimento terapeutico o se staccarle da tali ausili e praticare ad esse, nei fatti, una forma di eutanasia, stante la difficoltà di previsione di un risveglio anche solo parziale. Il caso di Karen Ann Quinlan ha fatto emergere il ruolo del talamo nei processi di coscienza (WPI 2015: s.v. coma).
5.1.4 „Wirtschaftliches Konzept“
Obwohl die Stichwörter im Wirtschaftskorpus lediglich unter dem sehr abstrakten Konzept „wirtschaftliches Konzept“ subsumiert werden können, lassen sich dennoch 14 Aspekte feststellen, die mehreren Artikeln gemeinsam sind:
Diagramm 9:
Frequenzen der behandelten Aspekte im Wirtschaftskorpus (in Prozent der Artikel)
In etwas weniger als der Hälfte der untersuchten Wirtschaftsartikel lässt sich ein Abriss zur Geschichte (48,4 %) und zur Funktionsweise (41,9 %) des dargestellten Konzepts finden. In über einem Drittel der Artikel werden Kontrollmechanismen (35,5 %), wirtschaftstheoretische Erklärungsansätze (32,3 %) und Aktivitäten (32,3 %) beschrieben, die mit dem Konzept in Zusammenhang stehen. Es werden außerdem Beispiele zum Stichwort präsentiert (25,8 %), Unterarten des Stichworts in einer Typologie angegeben (22,6 %), das Stichwort etymologisch hergeleitet (22,6 %), typische Akteure genannt (19,4 %), neuere Technologien behandelt (12,9 %) und ein Glossar mit Fachtermini angegeben (9,7 %). Es werden wichtige Persönlichkeiten vorgestellt (3,2 %), Rankings erstellt (3,2 %) und in wenigen Fällen findet sich eine kritische Betrachtung des beschriebenen Konzepts (3,2 %).
Die identifizierten Aspekte werden in den Print- und Wikipediakorpora, aber auch in den französischen und italienischen Korpora in einer unterschiedlichen Anzahl von Artikeln behandelt:
Diagramm 10:
Frequenzen der behandelten Aspekte im Wirtschaftskorpus nach Medium und Sprache (in Prozent der Artikel)
Innerhalb des französischen Korpus werden im Print- und im Wikipediakorpus gleich viele Aspekte angesprochen (jeweils 11). In mehr Wikipedia- als PrintartikelnPrintartikel werden die Geschichte (33,3 % zu 30 %), theoretische Erklärungsansätze (33,3 % zu 30 %) sowie die Etymologie des Lemmas (33,3 % zu 10 %) erläutert und es wird eine Typologie der Unterarten des beschriebenen Konzepts angegeben (33,3 % zu 20 %). Ausschließlich in den Wikipediaartikeln werden neuere Technologien beschrieben (33,3 %), Rankings erstellt (16,6 %) und es wird eine kritische Betrachtung durchgeführt (16,6 %). In mehr Printartikeln werden die Funktionsweise (50 % zu 33,3 %), Kontrollmechanismen (40 % zu 33,3 %), Aktivitäten (20 % zu 16,7 %) und Beispiele (30 % zu 16,6 %) beschrieben. Ausschließlich im Printkorpus treten Ausführungen zu den Aspekten Akteure (20 %) und Persönlichkeiten (10 %) auf und es wird ein Glossar mit Fachtermini angegeben (10 %).
Unterschiede zwischen Print- und Wikipediaartikeln lassen sich auch im italienischen Korpus feststellen. Im Wikipediakorpus werden insgesamt weniger Aspekte als im Printkorpus behandelt (11 vs. 7). In mehr Wikipediaartikeln werden die mit dem Konzept verbundenen Aktivitäten (60 % zu 40 %) und theoretischen Erklärungsansätze (40 % zu 30 %) vorgestellt und es wird auf neuere Technologien (20 % zu 10 %) eingegangen. In mehr italienischen PrintartikelnPrintartikel werden die Aspekte Geschichte (70 % zu 60 %), Kontrollmechanismen (40 % zu 20 %), Beispiele (30 % zu 20 %) und Akteure (30 % zu 20 %) behandelt. Ausschließlich in den Printenzyklopädien wird die Funktionsweise des beschriebenen Konzepts erläutert (60 %), das Lemma etymologisch hergeleitet (40 %), eine Typologie erstellt (30 %) und ein Glossar mit Fachtermini beigefügt (20 %).
Sprachübergreifend zeigt der Vergleich zwischen den Wikipedia- und den Printkorpora, dass in etwas mehr Wikipediaartikeln theoretische Erklärungsansätze zu einem wirtschaftlichen Konzept präsentiert werden. Die Beschreibung neuerer Technologien ist im französischen Korpus sogar ausschließlich in Wikipediaartikeln zu finden, im italienischen Korpus ist sie in mehr Wikipedia- als Printartikeln feststellbar:
(32) D’autre part, elles ont acquis une technologie très innovante, qui leur permet d’exécuter les ordres en quelques millisecondes (WPF 2015: s.v. bourse).
(33) La diffusione di Internet e delle carte di pagamento hanno favorito la creazione di banche che offrono servizi on-line, così come di istituti di credito senza filiali la cui operatività avviene solo sul web (home banking) (WPI 2015: s.v. banca).
Die Aspekte Funktionsweise, Kontrollmechanismen, Beispiele, Akteure und ein Glossar sind dagegen in mehr PrintartikelnPrintartikel zu finden, wobei die Vermutung naheliegt, dass an die Stelle eines Glossars in Wikipedia die Verlinkung der jeweiligen Ausdrücke tritt.
Ein Vergleich des französischen mit dem italienischen Korpus ergibt die folgenden Unterschiede: In mehr französischen als italienischen Artikeln wird eine Typologie erstellt (25 % zu 20 %). Ausschließlich im französischen Korpus werden das Bankensystem kritisiert (6,25 %), Börsen in ein Ranking eingeordnet (6,25 %) und Persönlichkeiten vorgestellt (6,25 %). In mehr italienischen Artikeln werden die Geschichte (66,6 % zu 31,3 %), die Aktivitäten (46,6 % zu 18,8 %), die Etymologie (26,6 % zu 18,8 %), sowie die Akteure (26,6 % zu 12,5 %) behandelt und ein Glossar beigegeben (13,3 % zu 6,25 %).
Ein Vergleich des französischen mit dem italienischen Wikipediakorpus zeigt die folgenden Unterschiede: In mehr französischen Wikipediaartikeln werden die Aspekte Kontrollmechanismen (33,3 % zu 20 %) und neuere Technologien (33,3 % zu 20 %) angesprochen. Ausschließlich in den französischen Wikipediaartikeln treten die Aspekte Funktionsweise (33,3 %), Etymologie (33,3 %), Typologie (33,3 %), Kritik (16,6 %) und Position im Ranking (16,6 %) auf. Insbesondere die letzten beiden Aspekte sind sehr auffällig und finden sich ausschließlich im französischen Wikipediakorpus. Das Kapitel zur Kritik am Bankensystem enthält die Unterkapitel Critiques concernant le service au client, Critiques concernant le rôle dans l’économie und Controverses diverses. Es werden Kritikpunkte angeführt, die von der Finanzkrise 2007/2008 geprägt sind:
(34) Les risques financiers produits par les banques, au détriment de la société et de l’économie dans leur ensemble (WPF 2015: s.v. banque).
(35) La confusion des genres entre les différents « métiers bancaires », qui conduit à la constitution d’entités dites too big to fail, too big to bail, c’est-à-dire trop grosses pour qu’on les laisse faire faillite (à cause des conséquences sur l’économie réelle) mais trop grosses pour que même un état puisse les renflouer sans se mettre lui-même dans une situation catastrophique (WPF 2015: s.v. banque).
Das italienische Wikipediakorpus enthält zwar kein Kapitel zur Kritik am Bankensystem, jedoch werden vergleichbare Inhalte auf eine sehr viel weniger polemische Art und Weise, unter dem Punkt Rating im Kapitel Caratteristiche präsentiert:
(36) Ogni anno il Financial Stability Board pubblica una lista di banche classificate come "Too Big To Fail", in italiano "troppo grandi per fallire", che a causa del loro ruolo chiave nell’economia globale devono essere aiutate dagli Stati in ogni modo per evitare la loro bancarotta, anche in caso di gravi perdite (WPI 2015: s.v. banca).
Die Tatsache, dass die Aussage too big to fail lediglich in den beiden Wikipediaartikeln zum Thema Bank auftritt und in keiner der Printenzyklopädien, zeigt, in welchem Maße die OnlineenzyklopädieEnzyklopädie– Online-~ fähig ist, Informationen mit Aktualitätsbezug bereitzustellen. Ausschließlich in der französischen Wikipediaversion ist ein Ranking der wirtschaftsstärksten Börsen enthalten. Auch diese Form der Informationsdarbietung ist spezifisch für Wikipediaartikel, wie das Ranking Argentiniens zeigt. In mehr italienischen als französischen Wikipediaartikeln werden die Aspekte Geschichte (60 % zu 33,3 %), Aktivitäten (60 % zu 16,7 %), theoretische Erklärung (40 % zu 33,3 %) und Beispiele (20 % zu 16,6 %) genannt. Ausschließlich in italienischen Wikipediaartikeln tritt der Aspekt Akteure (20 %) auf. In keiner der beiden Wikipediaversionen findet sich ein Abschnitt zu Persönlichkeiten1 oder ein Glossar.
5.1.5 Anzahl, Logik, Vollständigkeit
Die Analyse zeigt, dass zu jedem Konzept eine unterschiedliche Anzahl von Aspekten in den Artikeln behandelt wird:
Diagramm 11:
Durchschnittliche Anzahl der behandelten Aspekte nach Konzept
Durchschnittlich werden zu einem Land die meisten Aspekte präsentiert, nämlich 7,5 pro Artikel. Zu chemischen Substanzen werden 4,8, Krankheiten 3,8 und wirtschaftlichen Konzepten 3,5 Aspekte erwähnt. Dies lässt sich zum Teil dadurch erklären, dass Länderartikel sehr viel länger als Artikel zu anderen Konzepten sind. Allerdings ist zu sagen, dass die Artikel zu wirtschaftlichen Konzepten die zweitgrößte Länge aufweisen, jedoch weniger Aspekte präsentieren.
Ein Vergleich der durchschnittlichen Anzahl der behandelten Aspekte pro Artikel zeigt zudem Unterschiede zwischen den Enzyklopädien:
Diagramm 12:
Durchschnittliche Anzahl der behandelten Aspekte nach Enzyklopädie
Die Auswertung ergibt, dass Artikel in LAR durchschnittlich 3,9, in UV 5,7, in WPF 7,9, in EU 3,2, in NOV 2,4 und in WPI 6,2 Aspekte behandeln, die anhand der Kapitelüberschriften ermittelt wurden. Dabei erwähnen beide Sprachversionen der Wikipedia stets mehr Aspekte als die Artikel aus den Printenzyklopädien, was auch unabhängig von der fachlichen Zugehörigkeit der Artikel gilt. Artikel des französischen Wikipediakorpus enthalten zudem durchschnittlich etwas mehr Aspekte als die Artikel des italienischen Wikipediakorpus, was eventuell darauf zurückzuführen ist, dass die Artikel in der französischen SprachversionSprachversion (der Wikipedia)– französische länger sind.
Die Analyse der behandelten Aspekte zeigte, dass Wikipediaartikel diskurstraditionelle Inhalte aufgreifen und um neue, teilweise populäre Informationen erweitern. Allerdings sind nicht alle zusätzlichen Inhalte darauf zurückzuführen. Teilweise untergliedern Wikipediaartikel weniger konsequent als die Artikel der Printenzyklopädien und legen stattdessen mehrere unabhängige Überpunkte an. Dies zeigt sich gut an Hauptpunkten in den Artikeln Arabie Saoudite und Albania, deren Inhaltsverzeichnisse hier exemplarisch in Ausschnitten präsentiert werden:
| Sommaire | |
| 1. | Géographie |
| 1.1. | Toponymie |
| 1.2. | Climat |
| 1.3. | Biodiversité |
| 1.4. | Géographie administrative |
| 2. | Histoire |
| 3. | Politique |
| 4. | Situation des femmes |
| 5. | Économie |
| 5.1. | Composition des exportations |
| 5.2. | Composition sectorielle du PIB |
| 6. | Principales villes |
| 7. | Science |
| 8. | Démographie |
| 8.1. | Nom patronymique |
| 9. | Processus de sédentarisation |
| 9.1. | Installation de villages pour les semi-nomades entre 1992 et le début des années 2000 (WPF 2015: s.v. Arabie Saoudite). |
Im Artikel Arabie Saoudite aus der französischen Wikipedia zeigt sich, dass die Länderartikel über weitestgehend standardisierte Überschriften wie Géographie, Histoire oder Politique verfügen. Auffällig ist jedoch, dass sich speziellere Überschriften wie Situation des femmes, Principales villes und Processus de sédentarisation auf der ersten Gliederungsebene befinden. Die Überschriften Situation des femmes und Processus de sédentarisation könnten dem Kapitel Politique und Principales villes dem Kapitel Géographie zugeordnet werden. Ein ähnliches Bild ergibt sich für den Artikel Albania aus der italienischen Wikipedia:
| Indice | |
| 1. | Etimologia |
| 2. | Storia |
| 2.1. | Gli Illiri |
| 2.2. | Le colonie greche […] |
| 3. | Relazioni con l’Unione europea |
| 4. | Geografia |
| 4.1. | Morfologia |
| 4.2. | Le coste […] |
| 5. | Suddivisione amministrativa |
| 5.1. | Città principali |
| 6. | Popolazione |
| 6.1. | Lingua ufficiale e minoranze linguistiche |
| 6.2. | Etnie […] |
| 7. | Ordinamento |
| 7.1. | Il parlamento |
| 7.2. | Presidente |
| 7.3. | Il governo […] |
| 8. | Politica |
| 8.1. | Governo |
| 9. | Confini |
| 10. | Rapporti culturali con l’Italia (WPI 2015: s.v. Albania). |
Auch an diesem Artikel wird ersichtlich, dass Wikipediaartikel standardisierte Überschriften einsetzen, die sich auch in den Sprachversionen ähneln wie Storia, Geografia, Popolazione. Auch hier zeigt sich, dass Wikipediaautoren teilweise nicht so stringent untergliedern wie die Autoren der Printenzyklopädien. Dabei könnte die Überschrift Relazioni con l’Unione europea dem Punkt Politica zugeordnet werden, der Punkt Confini dem Kapitel Geografia und der Punkt Rapporti culturali con l’Italia, der zudem auf die italienische Wikipediaausgabe zugeschnitten ist, einem allgemeinen Punkt Cultura untergeordnet werden. Im Gegensatz zur mangelnden Untergliederung wird in einigen Wikipediaartikeln jedoch auch eine unnötige Untergliederung vorgenommen, nämlich dann, wenn das Kapitel genau einen Unterpunkt enthält. Dies ist in den Artikeln Arabie Saoudite, Albania und Crise économique der Fall.
Neben einer mangelnden Untergliederung lässt sich eine fehlerhafte Untergliederung feststellen, wobei die Unterpunkte inhaltlich zu den Überpunkten im Widerspruch stehen. Im Artikel Arabie Saoudite ist die Zuordnung des Unterpunktes Nom patronymique, in dem die Bildung arabischer Familiennamen erklärt wird, zum Kapitel Démographie inhaltlich unpassend. Diese Inkonsistenzen lassen sich auch in den Wikipediaartikeln des Chemiekorpus finden:
| Indice | |
| 1. | Definizione |
| 2. | Struttura |
| 2.1. | Alcaloidi e chemioterapia antitumorale (WPI 2015: s.v. alcaloidi). |
Während im Kapitel Struttura die chemische Struktur von Alkaloiden beschrieben wird, wird im Kapitel Alcaloidi e chemioterapia antitumorale die Anwendung von Alkaloiden in der Chemotherapie dargestellt, was logisch kein Unterpunkt zur Strukturbeschreibung ist. Ebenso wird der Unterpunkt Acides en géologie unlogischerweise dem Überpunkt Acides dans d’autres solvants zugeordnet. Auch die thematische Struktur der Medizinartikel in Wikipedia ist nicht in jedem Fall logisch und kohärent:
| Sommaire | |
| […] | |
| 6. | Acides dans d’autres solvants |
| 6.1. | Solvants protiques |
| 6.2. | Solvants non protiques |
| […] | |
| 6.3. | Acides en géologie (WPF 2015: s.v. acide). |
Im Artikel Allergie werden unter dem Überpunkt Signes et symptômes keine Symptome präsentiert, sondern Unterarten von Allergien nach Auslöser. Im Artikel Anoressia ist die inkohärente Struktur des ersten Kapitels Cause auffällig, dessen Unterpunkte sich teilweise überschneiden (Principali cause cliniche, da sostanze) oder sehr vage gehalten sind (altre cause). Die formal stärkere Untergliederung führt auch bei den Wirtschaftsartikeln der OnlineenzyklopädieEnzyklopädie– Online-~ nicht unbedingt zur kohärenten Verbindung von Teilthemen. So findet sich im Artikel Bourse unter dem Überpunkt Le palmarès des capitalisations boursières à fin 2009, der ein Ranking einzelner Börsen nach ihrem Ertrag einleitet, der Unterpunkt Les horaires d’ouverture, der die Öffnungszeiten einzelner Börsen angibt. Widersprüche zwischen Über- und Unterpunkten können sich auch anhand redundanter oder zirkulärer Strukturen zeigen. Im Artikel Albania tritt der Punkt Governo sowohl unter Politica als auch unter Ordinamento auf, wobei die Zuordnung der Unterpunkte Il Parlamento, Presidente, Il governo zu diesem Punkt unpassend erscheint und eher unter dem Punkt Politica aufgeführt werden sollte. Im Artikel Allergie wird unter dem Überpunkt Traitement der gleichnamige Unterpunkt Traitements aufgelistet.
Die Phänomene der mangelnden, aber auch unpassenden Zuordnung zu Überpunkten bestätigen den Befund von Tereszkiewicz, die einigen Wikipediaartikeln eine „split-structure“ (Tereszkiewicz 2010: 107) attestiert. Wikipediaartikel weisen eine weniger logisch stringente Gliederung als die Artikel der Printenzyklopädien auf. Diese tendieren einerseits dazu, größere Überpunkte zu bilden, wobei NOV diese Technik am stärksten einsetzt und unter dem Überpunkt Geografia die Unterpunkte Ambiente naturale, Popolazione, Economia, Commercio e comunicazioni zusammenfasst. Eine andere Vorgehensweise findet sich in UV. Diese Enzyklopädie enthält kaum standardisierte Überschriften, sondern formuliert diese jeweils individuell, wobei häufig Aspekte miteinander behandelt werden. Beispielsweise werden im Artikel Afghanistan Geografie und Bevölkerung in der Überschrift Conditions naturelles et peuplement, Geografie und Geschichte in Une géographie des temps de guerre zueinander in Beziehung gesetzt.
Neben offensichtlichen Widersprüchen zwischen den Kapitelüberschriften in Wikipedia treten auch sehr vage Formulierungen auf, die nur bedingt Rückschlüsse auf den Kapitelinhalt zulassen. Im Artikel Allergie wird das erste Kapitel mit Généralités überschrieben. Zudem finden sich wenig aussagekräftige Überschriften im Artikel Borsa valori, der die historische Entwicklung der Börse in Italien lediglich mit der Überschrift In Italia versieht. Noch inhaltsleerer ist die Überschrift Descrizione im Artikel Recessione. Die genannte Überschrift ist zudem die einzige Überschrift in diesem unvollständigen Artikel, der Ausführungen zu historischen Rezessionen, theoretischen Erklärungsansätzen aus der Wirtschaftswissenschaft oder auch zu wirtschaftspolitischen Maßnahmen vermissen lässt. Diese und weitere Aspekte werden in Artikeln zum selben Stichwort in den Printenzyklopädien häufig erwähnt. Unvollständig sind ebenso die Inhaltsverzeichnisse der Artikel Choléra und Anoressia. Im Artikel Choléra ist auffällig, dass jeder Überpunkt der ersten Gliederungsebene lediglich einen Unterpunkt enthält, der um weitere Punkte ergänzt werden müsste:
| Sommaire | |
| […] | |
| 5. | Épidémiologie |
| 5.1. | Les principales épidémies |
| 6. | Historique |
| 6.1. | Connaissances sur la maladie |
| 6.1.1. | Premières explications |
| 6.1.2. | Identification du bacille |
| 6.1.3. | Premières recherches anticholériques |
| 7. | Médias |
| 7.1. | Évocations littéraires (WPF 2015: s.v. choléra). |
Im Artikel Anoressia fehlen nicht nur Unterpunkte, sondern mehrere Überpunkte, weswegen der Artikel schon fast einem RumpfartikelRumpfartikel, einem sogenannten StubStub, im Entwurfsstadium gleicht, der sich sehr weit vom Modell des traditionellen Enzyklopädieartikels entfernt:
| Indice | |
| 1. | Cause |
| 1.1. | Principali cause cliniche |
| 1.2. | Da sostanze |
| 1.3. | Altre cause |
| 2. | Note |
| 3. | Bibliografia (WPI 2015: s.v. anoressia). |
Der Eindruck, der Artikel befinde sich im Entwurfsstadium, wird zudem dadurch verstärkt, dass der Artikel keinen Fließtext enthält und die einzelnen Überpunkte in einer Reihung von Stichpunkten dargeboten werden.
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