Kitabı oku: «Das Herz des Zauberers»
Betty Kay
Das Herz des Zauberers
Der König der Nebelseelen
(Band 2)
Die Reise eines Helden, der niemals einer sein wollte
Impressum
© dead soft verlag, Mettingen 2022
http://www.deadsoft.de
© the author
Cover: Irene Repp
http://www.daylinart.webnode.com
Bildrechte: © Hanna Gottschalk – shutterstock.com
1. Auflage
ISBN 978-3-96089-506-0
ISBN 978-3-96089-507-7 (epub)
Inhalt:
Geschlossene Allianzen sind gebrochen worden. Die Verluste sind größer ausgefallen, als erwartet. Lesithders Herz schmerzt mehr, als er es für möglich gehalten hat. Dennoch bleibt ihm keine andere Wahl, als sich immer neuen Herausforderungen zu stellen – das Schicksal seines Volkes hängt davon ab. Je mehr er über die zahlenmäßig überlegenen Gegner erfährt, umso geringer erscheint die Chance, dass er seine Welt retten kann.
Wie soll er kämpfen, wenn er bereits so viel verloren hat?
1. Kapitel
Mit meinen Händen bedecke ich mein Gesicht. Die Scham frisst sich in meine Eingeweide. In der letzten Nacht habe ich mich Umock hingegeben. Während unserer Zusammenarbeit habe ich mich in ihn verliebt. Die Art, wie er an meine Fähigkeiten geglaubt und mich nicht ständig infrage gestellt hat, wie es mein Großvater tut, hat mein Herz für ihn erwärmt. In der letzten Nacht hat er sich den Körper meines ohnmächtigen Bruders geliehen, um mich aufzusuchen. Er hat mich verführt. Viel Widerstand habe ich ihm allerdings nicht geleistet. Diese Nacht verändert mich für immer. Kaum hat Umock das von mir erhalten, was er anscheinend die ganze Zeit wollte, ist er verschwunden. Ich knie an der Stelle zwischen den Bäumen, wo der König der Nebelseelen vor Kurzem noch mit seiner Armee gelagert hat. Nun sind sie alle weg. Weil ich schwach geworden bin.
Die Welt sieht sich ihrer größten Bedrohung gegenüber. Unbekannte Wesen haben uns angegriffen. Um sie bekämpfen zu können, haben wir einen Pakt mit Umock geschlossen. Doch der sieht sich jetzt nicht mehr dazu verpflichtet, uns zu helfen. Weil ich eine Nacht voller Leidenschaft mit ihm verbracht habe.
Ich trage die Schuld am Untergang der Welt, wie ich sie kenne. Ich trage die Verantwortung für das Sterben unzähliger Menschen. Und das alles nur, weil Umock mich anscheinend bloß als Herausforderung angesehen hat.
Ein Schluchzer entringt sich meiner Brust, als Traurigkeit und Enttäuschung sich in meinem Magen zu einem eisigen Klumpen mischen. Ich habe kein Recht, traurig zu sein, weil Umock mich im Stich gelassen hat. Auch wenn ich mich verraten fühle, ist das, was ich getan habe, um vieles schlimmer. Ich hatte eine einzige Aufgabe zu erfüllen. Der König der Nebelseelen sollte durch meine Vermittlung an unserer Seite kämpfen. Danach wollte mein Großvater durch mich wirken. Er wollte diesen Krieg gewinnen, indem er seine Fähigkeiten durch mich fließen lässt. Ich hätte einfach nur tun müssen, was er mir aufgetragen hat, und alles hätte sich zum Guten gewendet. Stattdessen habe ich geglaubt, genug Macht zu haben, um eigenmächtige Entscheidungen treffen zu können. In meinem Größenwahnsinn habe ich mich für eine wichtige Schachfigur in diesem Spiel gehalten. Jetzt hat Umock mir deutlich gezeigt, wo mein Platz tatsächlich ist.
Was soll nun werden? Die Vision meines Großvaters war sehr deutlich. Ohne die Hilfe der Armee der Nebelseelen können wir nicht als Sieger aus diesem Krieg hervorgehen. Wir benötigen die Magie von Umock, damit unsere Gegner uns nicht überrollen. Oremazz hat sich bislang nie geirrt. Er hat uns in seiner Weisheit so weit geführt. Ich darf nicht erwarten, dass es möglich ist, unseren übermächtigen Feind allein in die Flucht zu schlagen.
Schritte nähern sich hinter mir. Ein lächerlich hoffnungsvoller Teil von mir will glauben, Umock ist zurückgekehrt, er hat seine Meinung geändert und alles war nur ein großes Missverständnis. Wütend versetze ich dem letzten Rest von Naivität in mir den Todesstoß. Ich nehme die Hände von meinem Gesicht und sehe der Wahrheit ins Auge.
Ich bin allein mit den Männern, die unser Land gegen eine Übermacht verteidigen müssen.
Es liegt an mir, die Illusion aufrechtzuerhalten und den Soldaten nicht die Hoffnung zu rauben. Ich kann sie nicht zum Sieg führen. Aber ich kann verhindern, dass sie das hinterhältige Verschwinden von Umock und seiner Arme bemerken.
Langsam drehe ich mich um. Janifik steht hinter mir und beobachtet mich mit besorgtem Gesichtsausdruck.
»Ist alles in Ordnung?«, fragt er. »Wieso ist der Nebel zwischen den Bäumen verschwunden?«
»Ein neuer Plan, um unsere Gegner zu verwirren«, behaupte ich. Da niemand außer mir in der Lage ist, die Armee der Nebelseelen zu sehen, kommt diese Lüge leicht über meine Lippen. »Der König hat die Tarnung aufgegeben, sodass niemand mit Sicherheit weiß, wo seine Männer sich verstecken. Unsere Feinde sollen denken, wir wären schutzlos.«
Janifiks Gesichtsausdruck zeigt seine Skepsis. »Soll das unsere Gegner tatsächlich täuschen? Was macht es in ihren Augen für einen Unterschied? Werden sie tatsächlich denken, unsere Verbündeten hätten uns im Stich gelassen?«
Er glaubt mir nicht. Ich kann es ihm nicht verübeln. Wenn ich Glück habe, erwarten unsere Feinde einen Hinterhalt. Wenn ich Pech habe, überlaufen sie uns jetzt, und wir haben ihnen nichts entgegenzusetzen. »Zweifelst du meinen Plan an?«
Er blinzelt, überlegt, schüttelt dann den Kopf. »Es steht mir nicht zu, Eure Entscheidungen nachvollziehen zu wollen.«
»Freut mich zu hören, dass dein Vertrauen in mich noch besteht.«
»Ich frage mich jedoch, weshalb Ihr hier auf dem Boden sitzt. Euer Schauspiel für unseren Feind geht ziemlich weit.«
Eine Anmaßung, mich auf diese Art anzusprechen. »Es handelt sich um kein Schauspiel.« Ich strecke die Hand aus. »Hilf mir einfach hoch. Ich bin gestolpert und habe mich am Fuß verletzt. Wenn unsere Feinde annehmen, ich sei vor lauter Verzweiflung zusammengebrochen, soll uns das nur recht sein. Sobald ich zurück in meiner Hütte bin, kann ich meine Wunden mit einem Zauber heilen.«
Der junge Soldat zieht an meinem Arm, bis ich mich aufrappeln kann. Obwohl mein Fuß unbeschadet ist, tut es gut, mich auf Janifik zu stützen, als wir zurück zu unserem Lager kehren. Gerade fühle ich mich so einsam, ich könnte nicht aufrecht gehen.
Wie sehr ich Elevander in diesem Moment vermisse. Mit Umock ist auch meine letzte Hoffnung verschwunden, meinen besten Freund noch einmal lebend wiederzusehen. Sollte es mir gelingen, ihn von meinem Zauber zu befreien, darf ich höchstens davon träumen, er würde sich ebenfalls dazu entschließen, Teil der Nebelseelenarmee zu werden. Dann werden wir uns zumindest nach meinem Tod gegenüberstehen. Mit ihm könnte ich die Ewigkeit in Dunkelheit ertragen. Wenn er allerdings das Licht wählt … Ich schiebe den Gedanken rasch von mir.
Janifik und ich haben die ersten Häuser beinahe erreicht, als ich das erste Mal überlege, weshalb Janifik mich überhaupt gesucht hat. »Weshalb bist du bei mir aufgetaucht?«, frage ich.
»Oh, verzeiht.« Er stolpert vor Aufregung beinahe über seine eigenen Füße. »Das habe ich tatsächlich aus den Augen verloren. Der Fürst verlangt, Euch zu sehen.«
Ich bin nicht bereit, mich ihm zu stellen. Es mag ihm nach meinem Rat dürsten. Doch ich will mit meinem Schmerz allein sein. Ich möchte meine Wunden lecken. »Sag ihm, ich brauche zwei Stunden in Abgeschiedenheit, bevor ich ihm zu Diensten sein kann.«
Janifik setzt an, um mir zu widersprechen. Ein leise gemurmeltes Wort von meinen Lippen reicht aus, damit er sich meinem Willen beugt. Er bringt mich in meine Hütte und hilft mir, mich auf einem Stuhl niederzulassen.
Dann bin ich endlich allein. Die Enttäuschung überrollt mich wie eine Welle. Traurigkeit presst mein Herz zusammen.
Als es schließlich an meiner Tür klopft, zucke ich zusammen. Ich habe nicht bemerkt, wie die Zeit verflogen ist. Habe ich mich tatsächlich zwei Stunden lang in Selbstmitleid gewälzt? Von draußen dringt Janifiks Stimme zu mir. Er klingt besorgt. Anscheinend ist der Moment gekommen, an dem meine Anwesenheit beim Fürsten verlangt wird. Statt die Gelegenheit zu nutzen, meinen Großvater um Rat zu bitten, habe ich mehr Tränen vergossen als in meinem ganzen bisherigen Leben zusammen.
»Geh weg«, brumme ich.
»Der Fürst wird bereits ungeduldig«, mahnt Janifik. »Ihr solltet ihn nicht länger warten lassen, wenn Ihr nicht in seine Ungnade fallen wollt.«
Sobald unser Fürst erfährt, was passiert ist, stehe ich ohnehin nicht mehr in seiner Gunst. Den Respekt, den ich mir mühsam erarbeitet habe, hätte ich innerhalb einer Sekunde verloren. »Ich kann ihm jetzt nicht unter die Augen treten.«
Diese Aussage zieht einen Moment entsetzten Schweigens nach sich. »Ehrenwerter Zauberer. Was soll ich ihm sagen?«
»Teile ihm mit, ich bin mitten in einer Sitzung. Ich empfange gerade Schwingungen aus allen Teilen des Landes. Diesen wichtigen Grad der Versunkenheit kann ich nicht verlassen, ohne die Geister zu verärgern.«
»Natürlich. Bei allen Göttern! Es tut mir leid, Euch gestört zu haben.«
Schlechtes Gewissen regt sich in mir. »Schon gut. Das konntest du nicht wissen. Aber jetzt geh.«
Schritte entfernen sich. Was Janifik jetzt wohl von mir denkt? Ob es ihm gelingt, den Fürsten davon zu überzeugen, dass ich unbedingt Zeit allein brauche?
Ich hole die Schüssel aus meiner Tasche und fülle sie mit Wasser. Dann konzentriere ich mich auf meinen Großvater, stelle mir sein Gesicht vor und schäme mich gleichzeitig, weil ich ihm meine Schwäche gestehen muss.
Am besten verrate ich ihm nicht alle Details der letzten Nacht. Mit Sicherheit sollte Oremazz nicht erfahren, dass ich mich dem König der Nebelseelen hingegeben habe, dass ich ihm erlaubt habe, Elevanders Körper zu benutzen, damit wir zusammen sein können. Ich kann ihm erzählen, Umock sei verschwunden, er und seine Soldaten hätten uns im Stich gelassen. Den Grund dafür kenne ich nicht. Ich weiß nicht, ob sein Aufbruch mit dem zu tun hat, was zwischen uns passiert ist. Ich kann keine direkte Verbindung zwischen den beiden Dingen herstellen, aber was verstehe ich schon von der Welt?
Habe ich letzte Nacht etwas falsch gemacht?
Sofort verachte ich mich selbst für diesen Gedankengang. Habe ich tatsächlich so wenig Selbstachtung, wieder einmal die Schuld bei mir selbst zu suchen? Es war ein Fehler, mich auf Umock auf diese intime und berauschende Art einzulassen. Doch in gewisser Weise ist meine Schwäche auch verständlich. Seit ich Umock das erste Mal getroffen habe, sind meine Emotionen auf die Probe gestellt worden. Er hat mich herausgefordert und mir das Gefühl gegeben, die Zuneigung eines anderen Wesens verdient zu haben. Ich habe ihm misstraut und mich gleichzeitig danach gesehnt, bei ihm Halt zu finden. Er hat mich glauben lassen, ich wäre etwas Besonderes. Ein Teil von mir hat immer versucht, ihn zu beeindrucken. Was nicht völlig abwegig ist und was mich zu einem besseren Zauberer gemacht hat. Umock hat mich viel Neues gelehrt.
Hätte mein Großvater diese Aufgabe übernommen, wäre es niemals so weit gekommen. Hätte Oremazz mir gezeigt, dass ich Wissen, Ehrlichkeit und Zuneigung wert bin, wäre ich nicht so empfänglich für Umocks Umwerbung gewesen. Meine Vergangenheit hat mich für seine Annäherungsversuche anfällig werden lassen. Wenn man es genau nimmt, trägt Oremazz die Verantwortung daran, dass ich Umock gegenüber schwach geworden bin. So viele Dinge in meinem Leben sind schiefgelaufen, weil der Große Zaubermeister sich mir gegenüber nie wie ein Großvater verhalten hat.
Nie ist er für mich da. Auch jetzt lässt er mich warten. Wieso zum Teufel nimmt er die Verbindung nicht an, die ich zu ihm aufnehmen will?
Wut steigt in mir auf. Dieser Tag ist bereits so schrecklich gestartet. Ich fühle mich richtig schlecht, weil Umock mich hintergangen hat. Wieso setzt sich das Drama denn auch noch an anderer Stelle fort? Weshalb lässt Oremazz mich gerade jetzt seine Überlegenheit spüren?
Ich konzentriere mich ganz auf meinen Großvater. Möglicherweise ist es nicht hilfreich, wenn ich meine Gedanken abschweifen lasse. Mein Ärger auf ihn könnte verhindern, dass wir miteinander in Kontakt treten können. Sollte das der Fall sein, würde Oremazz mir die Schuld daran geben. Ich kann ja doch nichts richtigmachen.
Als die Verbindung einfach nicht entstehen will, schließe ich meine Augen. Ich stelle mir meinen Großvater vor, lenke all meine Gedanken auf ihn, doch das Rauschen, mit dem üblicherweise die Verbindung über die Entfernung hinweg einhergeht, ist nicht zu hören. Meine Magie verpufft spürbar im Nichts. Irgendetwas stimmt nicht.
Mein Herz beginnt zu rasen. Ich fühle mich so allein, wie schon seit Langem nicht mehr. Elevander vermisse ich seit Tagen. Umock ist seit heute Morgen verschwunden. Und mein Großvater … Nein, ich brauche ihn. Jetzt, da ich alles verloren habe, seit ich ohne Umocks Unterstützung gegen unsere Feinde dastehe, benötige ich Oremazz’ Rat, sein Wissen und seine Fähigkeiten so dringend wie nie zuvor.
Hat er sich gänzlich von mir abgewendet? Er kann mich doch jetzt nicht im Stich lassen. Wenn er mir eine Lektion erteilen will, dann ist das der völlig falsche Weg.
Es fühlt sich nicht an, als würde er mich aussperren oder sich lediglich weigern, Kontakt mit mir aufzunehmen. Das hier ist anders. Ich darf nicht auf die Stimme der Unsicherheit und des mangelnden Glaubens an mich hören. Wenn ich die Anzeichen richtig lese und mich nicht von der Angst bestimmen lasse, von Oremazz wieder einmal mit Absicht auf Abstand gehalten zu werden, dann weiß ich, was hier los ist.
Die Verbindung zu meinem Großvater ist abgerissen.
Ich kann meinen Herzschlag überdeutlich laut hören. Er schwillt an, wird zu einem Rhythmus der Panik. Niemand ist hier, an den ich mich wenden kann. Die Verantwortung ruht nun ganz allein auf meinen Schultern. Niemand darf bemerken, dass die Nebelseelen uns nicht mehr unterstützen. Das, was letzte Nacht passiert ist, muss mein Geheimnis bleiben. Die Folgen wären zu schrecklich.
Vermutlich ist das die Strafe dafür, den Todesverhinderungszauber angewendet zu haben. Nun muss ich dafür bezahlen, Elevander gerettet zu haben, obwohl der Tod ihn sich bereits geholt hat. Mein Großvater hat mich gewarnt. Ich wollte ihm nicht glauben, als er behauptet hat, ich hätte einen Fehler begangen. Noch immer spüre ich das brennende Verlangen in mir, Elevander zu retten. Würde ich noch einmal auf diesem Schlachtfeld stehen und beobachten, wie mein bester Freund von dieser Waffe getroffen wird, würde ich die Worte noch einmal aussprechen. Ich kann meine Tat nicht bereuen. Es war das einzig Richtige. Und tief in meinem Herzen glaube ich nicht, dafür bestraft werden zu dürfen.
Möglicherweise hat der Zauber auch keine Schuld an meiner Unfähigkeit, die Verbindung mit meinem Großvater herzustellen. Die Götter zürnen mir möglicherweise nicht aufgrund meiner Entscheidung, Elevander zu retten. Doch letzte Nacht habe ich etwas anderes getan, was man mir zum Vorwurf machen könnte.
Ich habe mich Umock hingegeben. Mitten in gefährlichen Zeiten habe ich die Wollust über meinen Verstand bestimmen lassen. Wie viel Scham ich darüber empfinden müsste. Ich sollte mich schrecklich fühlen, weil ich etwas so Ungehöriges getan habe, während rund um mich herum Chaos ausgebrochen ist. Oremazz würde mich dafür direkt in die Hölle schicken. Unser Fürst würde mich verstoßen, würde er die Wahrheit herausfinden. Sollte er erfahren, welche Folgen meine Tat hat, würde er dafür sorgen, dass ich meines Lebens nicht mehr froh wäre.
Und doch kann ich es nicht bereuen. Umock verdanke ich eine wundervolle Erinnerung, ein Erlebnis, das mich verändert hat. Ich würde es niemals ungeschehen wünschen. Es rückgängig machen zu wollen, wäre ein Frevel, den ich nicht begehen werde. Wenn ich etwas ändern könnte, würde ich vielleicht jede einzelne Sekunde dieser Nacht noch intensiver genießen. Ich würde mich ganz auf Umock einlassen, ihn näher erforschen, ihn mit meiner Magie durchleuchten, bis ich alles von ihm wissen würde. Und dann würde ich seine geheimsten Wünsche wahr werden lassen. Er würde mich nicht allein hier zurücklassen. Er würde mich nicht vergessen. Er würde die Trennung von mir nicht ertragen.
Ein letztes Mal versuche ich, Kontakt zu meinem Großvater aufzunehmen. Die Stille, die sich in meinem Kopf ausbreitet, schmerzt. Die Pein streckt sich bis zu meinem Herzen aus. Panik überrollt mich, lässt mich in eine Schreckstarre verfallen, aus der ich vielleicht niemals wieder einen Weg finden werde. Ich möchte auch für immer hier sitzen, in der Erinnerung an die letzte Nacht schwelgen, jegliche Verantwortung zur Seite schieben, alle Ängste vergessen, alle Sorgen, einfach nur sitzen und alles verdrängen, was dort draußen auf mich wartet.
Doch Manekas hat nach mir verlangt. Vor ihm kann ich mich nicht verstecken. Bestimmt taucht Janifik gleich wieder hier auf. Er muss den Auftrag unseres Fürsten erfüllen. Ich will ihn nicht in Schwierigkeiten bringen.
Verdammtes schlechtes Gewissen! Wie immer mache ich mir mehr Gedanken um alle anderen als um mich selbst. Ich brauche ein paar Minuten für mich, vielleicht auch Stunden, bis ich mich wieder von diesem Verlust erholt habe. Warum bin ich nicht in der Lage, sie mir zu stehlen? Weshalb drängt alles in mir darauf, die Wahrheit auszusprechen, meinen Fehler einzugestehen und die Verantwortung dafür zu übernehmen? Wieso kann ich mir nicht einfach eine Lüge ausdenken, weiter schauspielern, wie mein Großvater es von mir verlangt hat? In den vergangenen Wochen habe ich Erfahrung darin gesammelt, andere zu täuschen. Ich habe Fähigkeiten simuliert, die ich nicht besitze. Inzwischen habe ich einiges von Umock gelernt. Möglicherweise brauche ich weder ihn noch meinen Großvater, um meinen Auftrag zu erfüllen.
Vielleicht bin ich genug.
Diese Art von Selbstbewusstsein habe ich immer mit Eitelkeit in Verbindung gebracht. All die Jahre habe ich versucht, ein guter Mensch zu sein, ehrlich, freundlich, gerecht, unvoreingenommen. Und wohin hat es mich gebracht? Ich bin immer noch ein Opfer der Umstände, dem Willen und den Wünschen anderer ausgeliefert. Doch damit muss jetzt Schluss sein.
Nachdem ich den Rücken durchgedrückt habe, schiebe ich die Hoffnung, doch noch zu meinem Großvater durchzudringen, zusammen mit der Schale mit Wasser zur Seite. Ich brauche sie nicht mehr, also leere ich sie. Daraus starrt mir ohnehin nur meine Scham entgegen. Nein. Halt. So nicht.
Ich bin genug!
Beim zweiten Mal fühlt es sich nicht mehr so falsch an, die Worte in meinem Kopf entstehen zu lassen. Nein, ich bin kein schlechter Mensch. Ich bin auch nicht eingebildet, nur weil ich eine Sekunde lang nicht an mir zweifle. Ich bin es wert, Respekt vor mir selbst zu zeigen. Zur Hölle mit allen anderen, mit denen, die mich klein halten, unterschätzen, demütigen. Nun bin ich ein neues Wesen. Ein Zauberer, der nicht mehr ausschließlich der Helligkeit angehört. Ich habe direkt in das Auge des Bösen gesehen. Auch wenn ich das spät erkannt habe, zeigt es nun Auswirkungen auf mich. Ich werde der Welt zeigen, wer ich bin. Meine Ängste sind mein Geheimnis. Niemand wird wissen, wie es in mir aussieht. Denn nun spiele ich den machtvollen Magier nicht mehr mit halbem Herzen. Jetzt bin ich genau das. Und dennoch wird niemand ahnen, wozu ich wirklich fähig bin.
Endlich rapple ich mich hoch und mache mich auf den Weg aus der Hütte. Als ich an Elevander vorbeikomme, werfe ich nur einen kurzen Blick auf sein Lager. Das Schuldbewusstsein brodelt immer noch in mir. Ich habe zugelassen, dass Umock den Körper meines Freundes benutzt hat. Als ich mit Umock geschlafen habe, ist auf verdrehte Weise auch Elevander Teil dieser Erfahrung gewesen. Ich bin schwach gewesen und habe unsere Freundschaft verwirrend werden lassen. Wenn Elevander nun aufwacht …
Ich halte mitten im Schritt inne, spüre den Schauer, der mich durchläuft.
Umock hat versprochen, mir dabei zu helfen, Elevander zu retten. Er hat mir keine großen Hoffnungen gemacht, doch ohne ihn weiß ich nicht, wie ich meinen Fehler ungeschehen machen kann. Jetzt ist der König der Nebelseelen verschwunden. Er hat mich hintergangen, mich betrogen. Mit Sicherheit kehrt er nie wieder zurück. Was soll also jetzt aus Elevander werden?
Bei all der Traurigkeit, weil ich mich von Umock im Stich gelassen fühle, muss ich jetzt damit klarkommen, Elevander nicht mehr zurückzubekommen. Mir wird die Möglichkeit genommen, ein letztes Mal mit ihm zu sprechen. Wir werden uns nicht voneinander verabschieden können. Ich muss mir keine Sorgen mehr darüber machen, ob mein bester Freund zur Armee der Nebelseelen gehören will oder ob er doch noch eine Zeit lang auf dieser Erde wandeln möchte. Ich muss mir keine Gedanken darüber machen, welche Folgen mein Zauber auf ihn gehabt hat. Ich werde ihn nicht danach fragen können.
Obwohl ich die letzte Nacht eigentlich nicht bereuen wollte, obwohl ich mich nicht dafür schämen will, ein einziges Mal das getan zu haben, was ich wollte, hasse ich die Tatsache, mit meiner Tat Elevanders Rettung unmöglich gemacht zu haben.
Umock wird schon sehen, was er von seinem Verschwinden hat. Ich werde ihm nicht mehr vertrauen, selbst wenn er noch einmal zurückkehren sollte. Ich fühle mich nicht mehr an meinen Schwur ihm gegenüber gebunden. Meine Seele gehört mir allein. Auch nach meinem Tod werde ich nur mir allein gehören.
Ich marschiere weiter, trete aus der Hütte. Sofort fällt mir die im Lager herrschende Unruhe auf. Die Männer eilen zu der Hütte, in der wir unsere Waffen gelagert haben. Andere sind bei der Hütte fleißig, in der unsere Vorräte lagern. In den Gesichtern der Soldaten kann ich angespannte Vorfreude erkennen. Etwas geht vor sich, und ich bin mir nicht sicher, ob mir gefällt, was es ist.
Statt durch das Lager zu laufen, transportiere ich mich zu Manekas. Ein Teil seiner Berater tuschelt miteinander. Andere sind über die Karten gebeugt. Unser Fürst diskutiert mit Sikiwer.
»Was ist geschehen?«, frage ich irritiert.
»Da seid Ihr ja endlich.« Manekas lächelt mir zu. »Wir haben endlich einen Plan. Ihr müsst lediglich dort neun Portale erschaffen, wo wir Euch mitteilen.«
»Dann greifen wir an?«
Er nickt. »Euer Wunsch geht nun in Erfüllung. Ihr bekommt heute noch Eure Gelegenheit, die Armee unserer Feinde außer Gefecht zu setzen.«
Nur dass ich jetzt nicht mehr so begierig darauf bin, mich in eine Schlacht mit unseren Gegnern zu werfen. Nun, da ich die Unterstützung von Umock verloren habe und mein Großvater uns nicht mehr unterstützen kann, hat sich mein Bedürfnis, unseren Feinden gegenüberzutreten, in Rauch aufgelöst. Schlechtes Wortspiel.
»Heute noch?«, murmle ich unsicher.
»Es gibt keinen Grund mehr für uns, noch länger zu zögern. Das ist doch das, was Ihr Euch erhofft habt.«
»Natürlich. Ein großer Tag! Wo genau sollen diese Portale entstehen?«
Sikiwer deutet mir, mich zu ihm zu gesellen, und zeigt dann auf eine Karte. »Das ist das Lager, in dem Ihr das seltsame Gerät entdeckt habt. Ihr müsst rund um diesen Ort neun Durchgänge erschaffen. Jede Armee unserer Verbündeten soll von einer anderen Seite eintreffen. Wir überrumpeln sie. Möglicherweise sind auch mehr Portale notwendig. Oder könnt Ihr eines bauen, das mehrere Männer gleichzeitig durchqueren können?«
Im Moment bezweifle ich sogar, dass es mir gelingt, ohne Umocks Hilfe auch nur eines zu erschaffen, das nicht sofort von unseren Feinden entdeckt wird. Dennoch nicke ich. »Wir werden einen Testlauf hier im Lager starten. Wenn es nicht funktioniert, das Portal breit genug zu machen, lasse ich für jeden von unseren neun Verbündeten mehrere entstehen.«
»Ihr müsst vorab nur noch klären, ob sich die feindlichen Armeen an den Orten befinden, an denen Ihr sie zuletzt angetroffen habt.«
Ach, stimmt, da ist ja noch etwas. Die Soldaten, die dafür verantwortlich sind, die Bewegungen der Truppen zu verfolgen, sind von Umock an den vorgesehenen Ort gebracht worden. Natürlich haben sie mir nicht berichtet, was in den Lagern vor sich geht. Es ist mir nicht möglich, eine Verbindung zu Nichtmagiern herzustellen. Ob es mir überhaupt gelingt, sie zu entdecken, nachdem sie von Umock unsichtbar gemacht worden sind?
So viele Fragezeichen, so viel Unsicherheit, so viel Verantwortung. Und das, während ich mich selbst noch nicht hundertprozentig davon überzeugt habe, auch ohne Hilfe ein guter Zauberer zu sein!
»Ich mache mich gleich auf den Weg«, sage ich. »Leider gibt es noch keine Information zu dem seltsamen Gerät. Sobald wir dort eingetroffen sind, muss es jemand außer Gefecht setzen, damit unsere Truppen davon nicht verwirrt werden. Möglicherweise sollte ich diese Aufgabe übernehmen, sobald ich die Portale erstellt habe und bevor Ihr eingetroffen seid.«
»Wir werden beratschlagen, ob wir das für eine gute Idee halten«, sagt Sikiwer. In seinen Augen ist deutlich zu lesen, dass er meinem Plan ablehnend gegenübersteht. Er traut mir noch immer nicht viel zu.
Oder beeinflusst meine eigene Unsicherheit meine Wahrnehmung?
Ich nicke ihnen zu und transportiere mich dann zu dem Lager unserer Feinde, das sich am weitesten entfernt von unserer Basis befindet. Obwohl ich mich mit einem Spruch unsichtbar gemacht habe, ducke ich mich hinter einen Busch. Jetzt wird sich zeigen, ob ich ohne Umocks Anwesenheit auf die gleiche Macht zurückgreifen kann.
Unsere Gegner hocken immer noch um die Feuer des Lagers herum. Inzwischen haben sie einige Bäume gefällt, um sie als Sitzmöglichkeit zu nutzen. Dennoch scheint es nicht, als hätten sie seit meinem letzten Besuch irgendetwas unternommen, um einen baldigen Aufbruch vorzubereiten. Ich wünschte, ich könnte herausfinden, was sie tatsächlich planen. Doch die fremden Soldaten sind nicht so nett, sich laut darüber zu unterhalten.
Tatsächlich fällt mir wieder auf, dass sie nicht mit Worten kommunizieren. Ich kann keine Laute hören, die ich aus unserer Sprache höre. Da wird nur gegrunzt und geschnaubt, schmutzig gelacht und gegrölt. Einzelne Worte meine ich allerdings nichts zu erkennen.
Wo diese Männer wohl herkommen? Das überlege ich, seit ich sie zum ersten Mal gesehen habe. Nein, eigentlich habe ich mir darüber bereits Gedanken gemacht, nachdem mein Großvater mir die Bilder seiner Vision geschickt hat. Schon damals hat mich interessiert, aus welchem Land diese unmenschlich wirkenden Gestalten stammen. Oremazz war der Meinung, das würde keine Rolle spielen, aber ich hätte diese Information gerne, um sie näher zu verstehen. In dem, was wir von unserer Welt wissen, kommen keine Erzählungen über ein fremdes Land außerhalb unseres Kontinentes vor. Wir sind kein Seefahrervolk, keine Eroberer, keine Entdecker. Das könnte uns jetzt zum Verhängnis werden.
Geduckt bewege ich mich um das Lager herum auf der Suche nach dem Soldaten unserer Armee, den Umock hier abgesetzt hat. Ich muss beinahe das gesamte Lager umrunden, bevor ich ihn hinter einem Busch entdecke. Obwohl ich nicht sonderlich gut im Anschleichen bin und immer wieder ein Ast unter meinen Füßen knackt, bemerkt der Soldat mich nicht. Ob ich ihn dafür tadeln sollte? Ich bin nur froh, überhaupt in der Lage zu sein, ihn zu sehen.
Im vollen Bewusstsein, ihn zu erschrecken, lege ich ihm eine Hand auf die Schulter und gebe mich sofort zu erkennen.
Der Arme zuckt dennoch zusammen, als würde er befürchten, von einem unserer Gegner erwischt worden zu sein. Da ich mich direkt hinter ihm befinde, kann ich hören, wie er nach Luft schnappt. Zum Glück ist er allerdings klug genug, nicht laut aufzuschreien.
»Tut mir leid, Euch in Aufruhr versetzt zu haben«, murmle ich. »Könnt Ihr mich sehen?«
»Ja, das kann ich.« Der Soldat nickt bekräftigend.
»Alles in Ordnung hier?«
»Keine auffälligen Bewegungen. Diese Männer sind mir unheimlich. Sie machen aber keine Anstalten, sich auf eine Schlacht vorzubereiten. In regelmäßigen Abständen treten sie gegeneinander in Zweikämpfen an, um ihre Fähigkeiten zu trainieren. Ansonsten könnten sie genauso gut planen, sich hier häuslich niederzulassen.«
Kein Gedanke, der mir gefällt. Auch wenn ich aus dem Verhalten der Truppen nicht schlau werde, erhalte ich damit die Sicherheit, dass es sich um keinen Trick handelt, um uns in eine Falle zu locken. Sie können nicht wissen, von uns beobachtet zu werden. Was sie tun, mag einen Grund haben, der sich mir nicht erschließt. Sollten sie allerdings versuchen, uns auf eine falsche Fährte zu locken, würden sie das wohl gänzlich anders anstellen.
»Ich werde Euch noch eine Zeit lang hier benötigen«, erkläre ich dem Kundschafter. »Damit Ihr mich über Änderungen informieren könnt, falls sich an der Situation hier etwas ändert, werde ich einen Zauber versuchen.«
»Ihr habt ihn noch niemals angewendet?« Er klingt besorgt.
»Kein Grund, beunruhigt zu sein. Es wird Euch nichts passieren.«
Offensichtlich ist der Mann nicht davon überzeugt. Er setzt sich allerdings auch nicht gegen mich zur Wehr. Was hat er schon für eine Wahl? Auch wenn er sich für diese Aufgabe nicht freiwillig gemeldet hat, ist er bereit, alles zu tun, um unserem Volk zu helfen.
Im Zauberbuch meines Großvaters habe ich keinen entsprechenden Spruch entdeckt. Ein Zauber, den ich darin gelesen habe, dient zur Kommunikation eines Zaubermeisters mit einem Nichtmagier. Eigentlich bin ich über den Status des Zauberlehrlings noch nicht hinausgewachsen. Ob das zu einem Problem werden wird, können wir womöglich gleich feststellen.
Ich bemühe mich um einen aufmunternden Gesichtsausdruck und murmle die Worte, die ich zum Glück aus meiner Erinnerung abrufen kann. Danach warte ich angespannt, was weiter passiert. Im ersten Moment scheint ihm nichts zu fehlen. Ob der Zauber funktioniert hat, steht allerdings auf einem anderen Blatt.
Mit gerunzelter Stirn beobachtet der Mann jede Regung in meiner Miene. Vermutlich bin ich ähnlich nervös wie er. »Wir starten einen Test«, bestimme ich. »Wenn ich verschwunden bin, zählt bis zehn. Dann versucht, mir eine Nachricht zu übermitteln. Konzentriert Euch ganz auf mich. Verdrängt alle anderen Gedanken. So sollte es möglich sein, mich zu erreichen, ohne gleichzeitig jede Eurer Überlegungen an mich zu schicken.«
»Ganz wie Ihr wünscht.«
Nach einem Nicken in seine Richtung transportiere ich mich ein paar Fuß weiter weg. Immer noch befindet er sich in Sichtweise, doch ich bin für ihn nicht sichtbar hinter einem Busch versteckt. Wie von mir gefordert, dauert es zehn Sekunden, bis die Worte des Soldaten in meinem Ohr erklingen.
»Könnt Ihr mich hören?«, fragt er mit angespannter Stimme.
»Ja, die Verbindung funktioniert ohne Schwierigkeiten«, antworte ich. »Haltet die Stellung, und sagt mir Bescheid, sobald es Neuigkeiten gibt.«
Ich warte die Bestätigung des Soldaten ab, bevor ich zum nächsten Lager unserer Gegner springe. Dort informiere ich den nächsten Soldaten, der sich verborgen hält und unsere Feinde beobachtet. Auch zu ihm stelle ich eine Verbindung her. Langsam arbeite ich mich durch alle Lager, bis mir nur noch eines übrig bleibt.
Die Truppe, in deren Besitz sich das seltsame Gerät befindet, habe ich mir für den Schluss aufgehoben. Meine Beunruhigung hat jetzt eine neue Ebene erreicht. Ich sehe die Umgebung jetzt mit ganz anderen Augen.
Hier soll der Überfall auf unsere Gegner stattfinden. An diesem Ort wird sich entscheiden, ob wir unsere Übermacht und das Überraschungsmoment nutzen können, um unsere Feinde auszuschalten. Wenn es mir gelingt, die Maschine zu zerstören, wird das möglicherweise unserer Sache von Nutzen sein. Doch wenn ich mich irre, wenn ich dadurch alles nur noch schlimmer mache, weil die Magie sich ungestört ausbreiten kann, und von den Füßen fegen kann …
Eigentlich kann es nicht schlimmer werden, als es jetzt ist. Wir müssen unseren Vorteil nutzen, solange er noch besteht. Besonders, da nach Umocks Verschwinden die Gefahr besteht, dass unsere Feinde uns nun doch ausfindig machen können. Deshalb kehre ich in unsere Basis zurück, um mich bei Manekas’ Ratgebern über den Verlauf der Vorbereitungen zu erkundigen. Im Gegenzug berichte ich von der erfolgreichen Visite bei unseren Feinden.
»Wir brauchen noch etwas Zeit«, stellt Sikiwer fest. »Könnt Ihr unsere Verbündeten über unseren Plan informieren?«
Ein Danke für meine Mühe wäre nett. Nachdem ich seit Stunden meine Magie einsetze, breitet sich langsam Müdigkeit in mir aus. In der letzten Nacht habe ich dank Umock zwar meine Überwachungstätigkeit ruhen lassen können. Zum Schlafen bin ich durch seinen unerwarteten Besuch allerdings auch nicht gekommen. Wenn man bedenkt, wie erschöpft ich bereits gestern gewesen bin …
Ich nicke und transportiere mich zuerst in meine Hütte. Dort beuge ich den Oberkörper vor und stütze mich auf meine Oberschenkel. Alles in mir drängt mich, Umock zu rufen. Möglicherweise erscheint er, wenn ich ihn darum bitte. Mein Stolz verbietet mir dies allerdings. Solange ich das Gefühl habe, die Situation würde mir nicht gänzlich entgleiten, werde ich mich vor dem König der Nebelseelen nicht demütigen, indem ich ihn auf den Knien um seine Rückkehr und Unterstützung bitte.
»Ist alles in Ordnung?« Janifiks leise Stimme erklingt so unerwartet neben mir, dass ich zusammenzucke.
»Ja, natürlich.« Ich richte mich auf. »Die Transportationen sind anstrengend für meinen Körper. Ich brauche nur einen kurzen Moment für mich.«
»Ihr überanstrengt Euch. Habt Ihr heute schon etwas gegessen?«
Darüber muss ich nachdenken. Schließlich schüttle ich den Kopf.
Janifik legt eine Hand auf meine Schulter und dirigiert mich zum Stuhl neben dem Esstisch. »Ihr müsst auf Euch achten. Wir alle sind Euch für Eure Taten zu großem Dank verpflichtet. Wir brauchen Euch. Wenn Ihr vor Erschöpfung zusammenbrecht, sind wir verloren.«
Auch wenn er mit dieser Einschätzung falsch liegt, tut es gut, zu hören, dass man meine Arbeit anerkennt. Vielleicht sollte ich nicht so sehr danach gieren. Ich bin genug, erinnere ich mich. Die Bestätigung von außen darf mir nichts bedeuten. In Zukunft will ich von niemandem abhängig sein. Ich möchte niemanden mehr brauchen. Ab jetzt kämpfe ich mich allein durch diese Welt. Ich habe Elevander verloren. Umock hat mich verlassen. Mein Großvater steht schon lange nicht mehr an meiner Seite. Nun nehme ich mein Leben selbst in die Hand und gehe meinen Weg allein. Dann kann mich niemand mehr verletzen.
Trotzdem kann ich zulassen, dass man sich um mich sorgt. »Danke, Janifik. Vielleicht bist du in der Lage, mir eine Schüssel Eintopf und eine Scheibe Brot zu besorgen, bevor ich wieder aufbreche? Meine Magie wird es mir danken, wenn ich ein paar Minuten hier sitzen bleibe.«
Der Soldat nickt mir zu und eilt dann davon. Es scheinen nur wenige Augenblicke vergangen zu sein, als er auch schon mit einer Schüssel Brei und Brot zurückkehrt. »Es tut mir schrecklich leid. Der Eintopf ist bereits gegessen. Ich habe Euch aber etwas anderes gebracht, das Euch Kraft schenken wird.«
Noch einmal bedanke ich mich bei ihm. Ich schaufle die Nahrung in mich hinein und merke erst jetzt, wie hungrig ich wirklich gewesen bin. Selbst den letzten Rest des Bribri-Breis, um den ich normalerweise einen großen Bogen mache, schiebe ich mir mit dem Brot in den Mund. So sehr ich die Bitterkeit der Bribri sonst hasse, umso mehr gibt mir das nun die Energie, die mir gefehlt hat. Die Düsterkeit meiner Seele verabschiedet sich. Ich fühle mich wieder bereit zu kämpfen.
Mit einem Lächeln auf den Lippen stehe ich auf und lege Janifik eine Hand auf die Schulter. »Ich danke dir. Deine Unterstützung hat mir sehr geholfen. Aber um eine Sache muss ich dich noch bitten.«
Nachdem er mir mit einem Nicken bestätigt hat, auf ihn zählen zu können, begleitet er mich nach draußen. Ich erschaffe ein Portal, in dessen Nähe ich Janifik warten lasse. Dass ich dazu mehr Energie verwendet habe, als ich es normalerweise getan habe, gestehe ich ihm nicht. Dann springe ich ein paar Fuß weiter und lasse ein Portal entstehen. Jetzt wird sich zeigen, ob mein Versuch gescheitert ist oder nicht.
Um keinen Unschuldigen zu gefährden, durchquere ich das Portal als Erster. Es hat sich nicht anders angefühlt als bei den anderen Portalen, die ich erschaffen habe. Ich nicke Janifik zu, um die Reise mit ihm gemeinsam anzutreten. Auch dieses Mal gibt es keine Schwierigkeiten. Zuletzt winke ich noch fünf weitere Soldaten herbei, die gerade an uns vorbeikommen. Nebeneinander gelingt es uns, uns auf die andere Stelle zu transportieren. Nun kann ich sicher sein, niemandem zu schaden, wenn ich Portale wie dieses hier direkt bei der Basis unserer Feinde enden lasse.
In der nächsten Sekunde reise ich zum ersten Lager unserer Verbündeten. Ich teile den Fürsten unseren Plan mit und erkläre, wie ich sie mithilfe des Portals informieren werde, wann sie es durchschreiten können. Ich muss alle neun Portale gleichzeitig öffnen. Da ich dazu nicht an neun Stellen gleichzeitig springen kann, muss ein Lichtsignal reichen. Zur Sicherheit teste ich es die ersten paar Male, doch dann bin ich selbstbewusst genug, um mich auf meine Fähigkeiten zu verlassen.
Zuletzt gilt es nur noch eine Aufgabe zu erfüllen. Ich springe zu dem Waldstück, in dem unsere Feinde das geheimnisvolle Gerät aufgestellt haben. Ein paar Minuten verhalte ich mich still und beobachte sie nur. Unsere Armee sollte inzwischen zum Kampf bereit sein. Dennoch will ich erst sichergehen, dass uns hier keine Falle erwartet. Wieder kann ich nichts von den Gesprächen im Lager verstehen. Deshalb achte ich auf die Haltung der fremdländischen Männer. Ich überprüfe, wohin ihre Blicke wandern, ob sie sich auffällig bemühen, sich unauffällig zu verhalten. Von meiner Entscheidung hängt ab, ob wir katastrophal scheitern oder Rache für das nehmen können, was diese gnadenlosen Soldaten uns bei der letzten Schlacht angetan haben.
Ob es angebracht wäre, mehr Angst vor diesen Wesen zu haben? Sie kämpfen mit übermenschlicher Kraft. Ihr Zauberer hat unsere Armeen und die Flugechsen die Orientierung verlieren lassen. Zum Glück sind wir bereits durch Umocks Hilfe durch ein Portal an den Ort gelangt, an dem wir gebraucht wurden. Bis jetzt gibt es keinen Hinweis darauf, sie könnten diese Fähigkeit auch. Ist ihr Zauberer doch nicht so mächtig, wie ich befürchte? Oder hält er sich noch zurück? Sind wir jetzt im Nachteil, weil Umock nicht mehr auf unserer Seite kämpft?
Ich entscheide mich, genug gewartet zu haben, und drehe mich suchend um. Die Ratgeber unseres Fürsten haben genau bestimmt, wo die Portale zu entstehen haben. Das erste ist in einer Entfernung von ungefähr zehn Fuß vom Lager geplant. Ob das weit genug ist? Schaffen wir es auf diese Art, uns unauffällig anzuschleichen? Können wir lange genug ungesehen bleiben, um die Soldaten zu überrumpeln? Ich kann versuchen, die ersten Männer, die das Portal durchschreiten, unsichtbar zu machen. Das wird mich große Kraft kosten. Vielleicht erhöht das aber unsere Chance.
Da ich den Unsichtbarkeitszauber nicht gleichzeitig an neun Portalen anwenden kann, verflechte ich ihn mit dem Erschaffungszauber des Durchgangs. Er sollte die ersten Soldaten, die auf der anderen Seite eintreffen, vor den Blicken unserer Feinde verbergen. Bestimmt ist die Magie, die ich verwende, schnell aufgebraucht. Aber in unserem Fall wird jede Sekunde von Vorteil sein.
Mit geschlossenen Augen konzentriere ich mich auf die Sprüche, die notwendig sind. Durch meine eigene Unsichtbarkeit geht bereits ein Teil meiner Energie verloren. Ich brauche länger, als es bei meinen bisherigen Portalen der Fall gewesen ist. Einen Fehler kann ich mir nicht leisten. Also harre ich aus, ziehe alle Energie, die ich erhaschen kann, aus der Luft. Meine Magie vibriert schmerzhaft in mir. Doch ich gebe nicht nach, bis ich endlich zufrieden bin.
Schwer atmend und völlig erschöpft beuge ich meinen Oberkörper nach vorne. Ich bin mir bewusst, in diesem Moment von unseren Feinden gehört werden zu können. Allerdings bin ich nicht in der Lage, Haltung zu bewahren. Dieser Vorgang hat viel mehr Kraft gekostet, als ich befürchtet habe.
Sobald ich wieder zu Atem gekommen bin, konzentriere ich die Macht neuerlich in mir. Statt mich an meinen Bestimmungsort zu transportieren, schone ich meine Kräfte und schleiche mich zu Fuß zur nächsten Stelle, an der ein Portal entstehen soll. Es nimmt mehr Zeit in Anspruch, als wenn ich meine magischen Fähigkeiten einsetzen würde, aber ich kann kein Risiko eingehen. Es kommt noch zu viel Anstrengendes auf mich zu.
Das zweite Portal kostet mich ebenfalls viel Energie. Ich kann spüren, wie ich schwächer werde. Viel zu schnell. Viel zu sehr. Ich muss unterbrechen und verfluche meine Kraftlosigkeit. Eine wichtige Aufgabe wartet auf mich, aber ich muss mich erst einmal ausruhen. So sollte das nicht laufen. So ist das nicht richtig. Alles fühlt sich schief an. So schwierig sollte die Arbeit eines angeblichen Helden nicht sein.
Ich lege den Kopf in den Nacken, breite die Arme weit aus und stoße ein Gebet in den Himmel. »Götter, hört mich an. Wenn ihr ebenso der Meinung seid, meine Aufgabe sei wichtig, müsst ihr mich unterstützen. Wenn ihr auf unserer Seite seid, dann müsst ihr mir dabei helfen, unseren Kontinent zu retten. Ich brauche euch. Schenkt mir die Kraft, die ich benötige.«
Angespannt lausche ich ins Nichts. Natürlich bekomme ich keine Antwort. Ich warte, ob etwas passiert, auch wenn das völlig verrückt wäre. Die Götter nehmen sich nicht die Zeit, um mit uns Menschen zu kommunizieren. Möglicherweise ist unser Schicksal ihnen völlig gleich.
Trotzdem fühle ich Enttäuschung, als ich die Arme senke. Im nächsten Moment scheint die Luft zu vibrieren. Die Energie, die mich umfließt, wird intensiver. Sie hüllt mich spürbar wie nie zuvor ein. Handelt es sich um ein zufälliges Phänomen? Wird mir auf meine Bitte hin tatsächlich Hilfe zuteil? Ich werde es nicht ergründen können, doch ich habe vor, dieses mögliche Zeichen der Götter dankbar anzunehmen. Gierig sauge ich die Energie in mir auf, bis ich fürchte, der Platz in meinem Inneren könnte nicht mehr ausreichen.
Ich vollende das begonnene Portal. Meine Energiereserven sind so weit aufgestockt, dass ich keine Probleme habe, den Unsichtbarkeitszauber mit dem Portalerschaffungszauber zu verflechten. Selbst als ich meine Arbeit beendet habe, fühle ich mich nicht schwach. Das kann kein Zufall sein. Ich muss Hilfe aus unerwarteter Richtung erhalten haben.
Zufrieden mache ich mich dann auf den Weg zur richtigen Stelle für den dritten Durchgang. Dabei beobachte ich die Soldaten im Lager. Von meiner Anwesenheit scheinen sie bislang nichts bemerkt zu haben. Auch während ich das vierte, fünfte und sechste Portal errichte, wird die Magie in mir nicht knapp. Erst als ich den siebenten und achten Durchgang erschaffen habe, bemerke ich, nicht mehr unerschöpflich stark zu sein. Das neunte Portal bereitet mir dennoch keine Schwierigkeiten. Ein erleichtertes Lächeln hebt meine Mundwinkel, während ich der Vollendung entgegenstrebe.
Irgendetwas verändert sich. Einen Moment lang kann ich nicht genau sagen, was mich irritiert. Ich bemerke nur, etwas ist anders als gerade noch zuvor.
Dann höre ich sie. Die Stille, die unheimliche Ruhe.
Langsam wende ich mich um, während ich hastig den Unsichtbarkeitszauber wiederhole. Entsetzt wird mit klar, dass die Soldaten ihre Unterhaltungen unterbrochen haben. Kein Laut dringt an mein Ohr, doch von meinem aktuellen Standpunkt aus kann ich das Lager nicht erkennen. Vorsichtig mache ich ein paar Schritte nach vorne, bis ich zwischen zwei Büschen einen Blick auf unsere Gegner werfen kann.
Reglos sitzen die Krieger um die Feuer herum. Ohne mit einem Muskel zu zucken, stehen die Soldaten in Gruppen zusammen. Das wirklich Unheimliche ist nicht die Tatsache, sie so plötzlich verstummt zu sehen. Nein, sie regen sich nicht, schwanken nicht, wirken wie erstarrt. Was genau ist mit ihnen passiert?
Ich kann es nicht beweisen, aber ich befürchte, sie haben meine Anwesenheit wahrgenommen.
Hat diese Bewegungslosigkeit etwas zu bedeuten? Horchen sie in die Umgebung, um Schwingungen von meiner Seite zu empfangen? Versuchen sie, die Energie zu erfühlen, die ich ausstrahle? Habe ich mich durch die Nutzung der plötzlich viel stärker fließenden Magie verraten? Wollen sie mich in Angst versetzen? Zumindest das ist ihnen problemlos gelungen. Ich spüre, wie meine Knie ganz weich werden. Hoffentlich sind sie nicht in der Lage, mich trotz meiner Unsichtbarkeit zu entlarven.
Verunsichert lasse ich meinen Blick in die Runde wandern. Von den Portalen ist von meinem Standort aus nichts zu sehen. Selbst wenn unsere Feinde direkt davor stehen würden, können sie es nicht ausfindig machen. Da bin ich mir sicher. Dennoch scheint man mich bemerkt zu haben. Was habe ich falsch gemacht?
In meinem Kopf trudeln unerwartete Nachrichten ein. Die Soldaten, die die anderen Lager unserer Feinde überwachen sollen, melden sich alle gleichzeitig zu Wort.
»Sie haben mich gesehen!«
»Die Fremden verhalten sich seltsam!«
»Ich glaube, sie sind soeben vom Blitz getroffen worden!«
»Irgendetwas geht hier vor!«
Es fällt mir schwer, die unterschiedlichen Ausrufe zu verstehen. Dass dieses Phänomen überall gleichzeitig auftritt, verwundert mich. Ich sende eine Antwort an alle Spione gleichzeitig und versichere ihnen, dass sie nichts fürchten müssen. Anscheinend erhalten die Soldaten selbst gerade Anweisungen, verständigen sich untereinander oder werden von einem Zauber in diesen Zustand versetzt.
Jedenfalls habe ich keinen Fehler gemacht. Sie haben meine Zauber nicht bemerkt. Wir müssen sie nur alle im Auge behalten.
Die Energie in der Luft verändert sich neuerlich. Ich glaube, eine Vibration zu spüren, die zuvor noch nicht da war. Die Temperatur scheint anzusteigen. Schweißperlen treten auf meine Stirn. Alle meine Sinne konzentrieren sich auf das seltsame Gerät in der Mitte des Lagers.
Das Gestein, das Umock damals bei der Entdeckung der Maschine mit meinen Lichtsteinen verglichen hat, hat seine Farbe verändert. Statt durchsichtig zu sein und leicht bläulich zu schimmern, glüht es nun in einem unheimlichen Schwarz. Selbst aus der Entfernung meine ich Nebel in den Brocken zu erkennen, die die Größe meines Kopfes haben. Dunkle Magie. Sie benutzen die Kräfte der Dunkelheit. Das ist wenig überraschend. Dieses seltsame Phänomen zu beobachten, macht mir dennoch Angst. Herrscht plötzlich Stille, weil die Steine Energie in ihre Mitte inhalieren? Benutzen die Soldaten die Magie aus der Maschine, um ihre Kräfte aufzuladen?
Zeit für meinen Aufbruch. Ich werde nicht warten, bis sie sich auf den Weg machen, um unsere Armee zu vernichten. Ich muss unsere Männer warnen, dass unsere Gegner möglicherweise stärker sind als beim letzten Mal. Und dann müssen wir unsere Übermacht nutzen.
2. Kapitel
Neben mir schleicht Manekas in geduckter Haltung vorwärts. Vor uns befindet sich seine Leibwache. Ich habe vorgeschlagen, unseren Fürsten im Basislager zu lassen, um nicht in Gefahr zu geraten, doch er hat sich geweigert. Wir haben einen perfekt koordinierten Plan. Jeder weiß, was er zu tun hat. Manekas will dennoch nicht in Sicherheit auf das Ergebnis dieser Schlacht warten. Ich wünschte, ich könnte ihn vom Gegenteil überzeugen.
Jetzt bei meiner Rückkehr herrscht unter unseren Feinden nicht mehr die seltsame Stille. Die Spione haben mir bereits vor einigen Minuten verraten, dass sich die Krieger wieder verhalten wie zuvor. Das Lachen und das ungewöhnliche Brummen sind zu hören, mit dem sie kommunizieren. Das sollte die leisen Geräusche dämpfen, die rund um uns die Ankunft unserer Bündnispartner verkünden. Zur Sicherheit murmle ich einen Spruch, der das Knacken der Äste und das Rascheln des Laubes dämpfen soll. Noch habe ich genug Energie, um solche Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. Der Rest liegt ohnehin in den Händen der Götter.
Unsere Armee weiß, was auf sie zukommt. Sie sind darauf eingestellt, den mächtigsten Gegnern gegenüberzustehen, auf die unsere Welt jemals gestoßen ist. Für die Truppen unserer Verbündeten gilt das jedoch nicht. Sie haben noch nicht erlebt, wozu diese gnadenlosen Kämpfer fähig sind. Ich hoffe, sie werden dieser Aufgabe gewachsen sein.
Ein Kommandant hebt seinen Arm mit einer geschlossenen Hand. Das Zeichen, anzuhalten. Er ist wohl in Sichtweite des Lagers gelangt. Jetzt folgt der schwierige Teil. Unsere Soldaten und die Truppen der anderen Länder sollten inzwischen die Lichtung umzingelt haben. Kein Gegner soll durch unser dichtes Netz entkommen können. Wir dürfen nicht zulassen, dass die anderen Lager unserer Feinde gewarnt werden. Wir müssen alle Männer gleichzeitig überwältigen.
Der Boden im Lager ist uneben. Durch die Sitzgelegenheiten und die Gegenstände, die überall verteilt sind, wird es schwierig für unsere Männer werden, sich problemlos fortzubewegen. Doch unsere Überzahl sollte dennoch von Vorteil sein. Daran klammere ich mich aus ganzem Herzen. Hinter uns kann ich die Ankunft weiterer Soldaten hören. Langsam wird der Platz zu eng. Wir müssen mit unserem Überfall beginnen, bevor wir uns gegenseitig zerquetschen.
Manekas nickt einem seiner Männer zu. Der stößt einen schrillen Pfiff aus. Das Zeichen zum Angriff.
Alle Soldaten in der ersten Reihe erheben sich und brechen durch das Dickicht, in dem sie sich versteckt gehalten haben. Immer noch sind sie unsichtbar. Ich kann es erkennen, weil sie für meine Augen nicht ganz scharf wirken. Jetzt müssen sie die letzten Fuß bis zu den ersten Feinden zurücklegen.
Unsere Gegner sind überrascht und wissen nicht, was der Lärm bedeutet. Dennoch springen alle auf und ziehen ihre Waffen, als ein Summton ertönt. Es handelt sich wohl um eine Warnung. Auf dem Schlachtfeld haben die Geräusche, die die Kommandanten ausgestoßen haben, ganz anders geklungen.
An mehreren Stellen erreichen unsere Soldaten die feindlichen Krieger. Ihre Schwerter bohren sich weit genug in die schwarzen Rüstungen, damit sie Schaden anrichten können. Leider gehen doch nur wenige Gegner zu Boden. Blut fließt, stoppt die Überrumpelten allerdings nicht an einem Gegenschlag. Obwohl unsere Soldaten noch unsichtbar sind, gibt das hell leuchtende Blut auf den ebenfalls nicht erkennbaren Schwertern ein gutes Ziel ab.
Ich schiebe mich ein Stück weiter durch das Unterholz und richte mich auf. Mit ein paar gemurmelten Worten wirke ich einen Zauber, der das Blut auf unseren Schwertern und unseren Kämpfern unsichtbar macht. Bis die Wirkung einsetzt, wurden bereits einige unserer Männer getroffen. Manch einer wurde tödlich verletzt. Neue Krieger nehmen ihre Plätze ein und drängen vorwärts. Aufgrund des Platzmangels wird es zu einem Kampf Mann gegen Mann. Die Hiebe unserer Gegner sind kraftvoll wie nie zuvor. Dagegen können wir nicht ankommen.
Noch einmal benutze ich meine Magie und schicke Wellen aus, die die feindlichen Soldaten von den Füßen werfen. Ich springe an eine andere Stelle und verursache auch dort eine Energiewelle, die einige Gegner ausschaltet. Unsere Soldaten können an dieser Stelle weiter vordringen.
Überall herrscht Chaos. Nach und nach werden unsere Männer sichtbar. Das Summen unserer Feinde vibriert in meinen Ohren. Das Geräusch schmerzt so sehr, dass ich mich kaum konzentrieren kann. Von allen Seiten sind Schreie zu hören und verstärken dadurch mein Unwohlsein nur noch. Verletzte gehen zu Boden. Leider handelt es sich vermehrt um unsere Leute. Mein Entsetzen steigt weiter an, während ich dabei zusehe, wie unsere Männer nicht gegen die kräftigen und gut ausgerüsteten Eindringlinge in unserem Land ankommen.
Mit bangem Herzen murmle ich den Zauber, der unsere Männer wieder unsichtbar macht. Zumindest unsere Soldaten an erster Front sollen eine Chance haben, sich unseren Feinden unbemerkt zu nähern. Wieder springe ich an einen anderen Ort und löse eine Energiewelle aus, um meinen Beitrag zu leisten. Meine erste Schlacht war ein abschreckendes Beispiel für mich. Ich werde mich nicht selbst mit der Verwendung eines Schwertes in Gefahr bringen. Ich bin ungeübt, habe nicht genug Kraft, um die Klinge zu führen. Deshalb nutze ich ausschließlich meine magischen Fähigkeiten, um unserer Sache zu dienen. Ich hoffe, es reicht dieses Mal.
Immer mehr unserer Soldaten drängen auf die kleine Lichtung. Mit der Unterstützung unserer Verbündeten sollte es uns eigentlich gelingen, unsere Feinde zu überwältigen. Allerdings haben unsere Gegner nicht vor, sich freiwillig zu ergeben. Diejenigen, die von einem Schwert getroffen wurden, kämpfen weiter, bis sie ihre Verletzungen zum Aufhören zwingen. Mitten im Getümmel sehe ich einen Feind, der sich in seine eigene Klinge stürzt, als zwei unserer Männer vergeblich versuchen, ihn zur Seite zu ziehen. Wenige Fuß weiter entdecke ich eine ähnliche Szene.
Sterben diese Krieger lieber, als sich von uns gefangen nehmen zu lassen?
In meinem Kopf suche ich nach einem Spruch, mit dem ich sie davon abhalten kann. Ich gehe all die Zauber durch, die ich in meinem Leben bereits gelesen habe. Mein Großvater hat von meiner Gabe, die einzelnen Seiten eines Buches vor meinem inneren Auge abrufen zu können, nie etwas geahnt. Ich sehe manche Stellen verschwommen und die Übung in der Anwendung fehlt mir, weshalb meine Zauber nicht immer funktioniert haben. Doch jetzt bin ich mir sicher, dass kein geeigneter Spruch in Oremazz’ Büchern steht.
Unsere Soldaten ergießen sich in einer Flutwelle über die Lichtung. Viele von ihnen sind sichtbar, doch ich muss mir nicht mehr die Mühe machen, sie vor den Blicken unserer Feinde zu verstecken. Die Krieger haben wohl eingesehen, sich nicht gegen unsere Übermacht zur Wehr setzen zu können. Die Intensität und die Höhe des Summens, das die Anführer von sich geben, verändert sich. Inzwischen bin ich mir sicher, dass sie auf diese Art kommunizieren. Ich würde nur gerne wissen, was sie miteinander besprechen. Einen Augenblick später erhalte ich eine unerwartete Antwort.
Alle unsere Gegner hören gleichzeitig damit auf, sich gegen uns zur Wehr zu setzen. Sie lassen von unseren Männern ab und richten ihre Waffen gegen sich selbst. Fassungslos muss ich mit ansehen, wie sie sich die Klinge in den Bauch rammen. Kein Schmerzenslaut ist zu hören, als sie einer nach dem anderen zu Boden sinken.
Mit einem Mal herrscht gespenstische Stille auf dem Schlachtfeld. Unsere Männer starren wie ich mit Entsetzen auf das Bild, das sich uns bietet. Tausend Tote liegen auf der Lichtung verteilt. Nur wenige davon gehören zu unserer Seite. Sie haben sich selbst geopfert, um nichts über ihre wahren Absichten zu verraten. Ich bin mir sicher, sie haben verhindern wollen, von uns zu ihren Plänen befragt zu werden. Sie haben etwas vor, von dem wir nicht erfahren dürfen. Um dieses Ansinnen vor uns zu bewahren, sind sie bereit gewesen, selbst in den Tod zu gehen.
Meine Neugier ist stärker als meine Abwehr. Vorsichtig nähere ich mich einem unserer reglos auf dem Boden liegenden Gegner und schiebe eine Hand unter seinen Helm. Mit den Fingerspitzen taste ich nach seinem Puls, um sicherzugehen, dass er tatsächlich tot ist.
Ich muss wissen, ob es sich bei ihnen überhaupt um Menschen handelt. Möglicherweise sind es nur von Magie erschaffene Wesen, die uns äußerlich ähneln, die bluten und sterben können wie wir, die aber keinen eigenen Willen besitzen. Nicht mehr als Kampfmaschinen, die sich dem Zauber unterwerfen müssen, der sie zum Leben erweckt hat. Wenn meine Untersuchungen meine Fragen vielleicht auch nicht beantworten, so können sie mir vielleicht eine Möglichkeit zeigen, um die anderen Truppen unserer Gegner kampfunfähig machen zu können, bevor sie sich selbst töten.
Mit klopfendem Herzen nestle ich an den Schnüren am Hinterkopf des Soldaten, um ihm dann die Maske vom Gesicht zu ziehen.
Auf den ersten Blick wirkt das Gesicht nicht unmenschlich. Es könnte sich um einen Fremden handeln, wie sie unser Dorf daheim in Maëlle hin und wieder besuchen. Wäre ich ihm vor dem Krieg begegnet, hätte ich mir bei seinem Anblick nichts gedacht und hätte ihn sofort wieder vergessen. Jetzt allerdings fällt mir der breitere Nasenrücken auf und der überraschend kleine Mund. Die ungewöhnliche Form der Augen, die mich an Reiskörner erinnern, ist davor durch den Schnitt der Sehschlitze nicht erkennbar gewesen. Ganz offensichtlich erinnern diese Gesichtszüge nicht an die Bewohner unseres Kontinents.
Schritte nähern sich mir. Als ich hochsehe, bemerke ich Manekas auf mich zukommen. »Was denkt Ihr?«, fragt er. Der Schock über das Geschehene schwingt in seiner Stimme mit.
»Ich weiß nicht, was ich davon halten soll«, gebe ich zu. »Diese Soldaten scheinen Menschen zu sein. Trotzdem handeln sie nicht menschlich. Oder kennt ihr jemanden, der den Tod der Gefangenschaft vorzieht?«
»Fremde Länder. Fremde Sitten.« Der Fürst betrachtet ratlos das Gesicht, das sich zuvor unter der Maske verborgen hat. »Wer kann schon sagen, was anderswo üblich ist? Möglicherweise gilt es bei diesem Volk als Schande, von seinem Gegner überwältigt zu werden. Aufgeben kommt einem Frevel gleich. Möglicherweise werden wir diese Kämpfer nie verstehen.«
Langsam nicke ich. Zu gerne hätte ich ein paar Antworten. »Ich kann die Energie fühlen, die von ihnen ausgeht. Sie müssen von einem Zauber geleitet worden sein. Möglicherweise kennen diese Wesen keine Sprache und kommunizieren lediglich über den Austausch von Summgeräuschen. Auf jeden Fall spüre ich hier eine Dunkelheit, wie ich sie noch niemals erlebt habe. Die Seelen dieser Wesen lösen sich wohl bereits von ihren Körpern. Welchem Glauben sie wohl anhängen? Sind sie davon überzeugt, in den Himmel aufsteigen zu können? Gibt es für sie Götter, die sie für ihre Taten belohnen werden? Irgendwann erhalten wir vielleicht Hinweise darauf, was sie bewegt.« Ich richte mich auf. »Bevor wir aufbrechen, werden wir ihre persönlichen Sachen untersuchen. In den Taschen befinden sich hoffentlich Aufzeichnungen oder Beweise für das, was sie planen.«
»Es ist zu befürchten, dass ihre Schrift ähnlich wie ihre Sprache für uns nicht zu verstehen ist. Dennoch habt Ihr recht. Wir müssen so viel wie möglich über unsere Feinde erfahren. Nichts in diesem Lager wird unbeachtet bleiben. Alles wird begutachtet werden.«
Besonders die Maschine in der Mitte des Lagers wird meine Aufmerksamkeit lange in Beschlag nehmen. Ich werfe einen kurzen Blick zu dem Ungetüm, das nun, da ich näher an dem Gerät stehe, noch beeindruckender wirkt als zuvor. Die Steine an den Ecken des seltsamen Dings glühen nun nicht mehr. Trotzdem werde ich versuchen, sie von der Apparatur zu entfernen. Eine Stimme in meinem Inneren flüstert mir zu, dass das wichtig sein könnte. Wenn die Soldaten davon ihre Energie erhalten, werden die restlichen Truppen an Stärke einbüßen. Wenn diese Maschine die Verwirrung unserer Flugechsen und Soldaten verursacht hat, werden die Menschen nur ungestört weiterleben können, wenn wir die Störung beseitigt haben.
Erst möchte ich allerdings noch etwas ausprobieren. In den Zauberbüchern aus der Bibliothek meines Großvaters habe ich vor langer Zeit einen Spruch gelesen, der es ermöglicht, einen Gegenstand auf die Energie zu untersuchen, mit der er in Berührung gekommen ist. Sie verrät, wer ihn sein Eigen genannt und welche magischen Fähigkeiten er besessen hat. Ich hoffe, dadurch Informationen über die Soldaten zu erhalten. Sie mögen kein Gegenstand sein. Der Zauber könnte mir dennoch mehr erzählen.
Ich schließe meinen Augen, um mir die Seite in Erinnerung zu rufen.
»Ding, das du jetzt mir gehörst, verrate mir, woher du stammst.
Zeig mir deine Vergangenheit, und von wo du davor kamst.
Offenbare mir die Magie, die zuletzt über dich bestimmen konnte.
Erzähle mir die Geschichte deiner Zauber, denen man dich aussetzen wollte.«
Keine Reaktion. Irgendetwas scheint an meinem Spruch nicht zu stimmen. Also kneife ich die Augen ein wenig mehr zusammen und stelle mir den Moment vor, in dem ich die Worte damals gelesen habe. Mein Großvater hatte damals noch nicht begonnen, mich zum Zauberer auszubilden. Ich hatte mich heimlich in sein Studierzimmer geschlichen, eines der Bücher hervorgeholt und unter seinem Schreibtisch gelesen. Die ganze Zeit hatte ich Angst, von ihm erwischt zu werden. Möglicherweise habe ich dadurch keine genaue Abbildung der Seiten vor meinem inneren Auge. Mit jedem langsamen Atemzug wird das Bild deutlicher. Endlich kann ich einen neuen Versuch wagen.
»Ding, das du jetzt mir gehörst, verrate mir, woher du stammst.
Zeig mir deine Vergangenheit in Bildern, und von wo du davor kamst.
Offenbare mir die Magie, die zuletzt über dich bestimmen konnte.
Erzähle mir die Geschichte deiner Zauber, denen man dich aussetzen wollte.«
Mehr als eine kleine Anpassung ist nicht notwendig gewesen, damit der Spruch Wirkung zeigt. Obwohl auf dem Boden vor mir ein Mensch liegt oder zumindest eine menschliche Hülle, kann ich fühlen, wie die Magie in mir zu kribbeln beginnt.
Hinter meinen geschlossenen Augen sehe ich Schiffe. Tausende und Abertausende davon. Auf jedem befinden sich unzählige Krieger. Blicklos starren sie auf die Küste, der sie sich nähern und die mich zu meinem Entsetzen an die von Nialling erinnert. Am Bug jedes Schiffes stehen die Anführer der Truppen, doch auch sie regen sich nicht. Es scheint, als würden die Soldaten mit offenen Augen schlafen. Ob sie mit dem Zauber geladen werden, der sie zum Leben erwecken wird? Ein Schiff erregt meine Aufmerksamkeit. Es segelt in der Mitte dieser erschreckend großen Armee. Auf dem Deck steht die Maschine, die sich jetzt in diesem Lager befindet. Die riesigen Steine sind am gleichen Platz. Sie leuchten, ähnliche wie der Lichtstein, den ich verwendet habe. Allerdings fehlt die Dunkelheit in der Mitte, die ich beim letzten Mal beobachtet habe.
Das Bild verändert sich. Ganz plötzlich stehe ich in einem fremden Land, das so ganz anders aussieht als unser Kontinent. Während meiner Nachforschungen nach dem Verbleib unserer Verbündeten habe ich den ganzen Kontinent bereist. Auch wenn ich wenig Blick für die Schönheit der Landschaft hatte und nicht auf die Details der Natur geachtet habe, weiß ich sofort, mich an einem völlig anderen Ort zu befinden. Der Boden hier ist steinig und uneben. Soweit das Auge reicht, kann ich keine Pflanzen entdecken. Das hier ist viel kälter und unwirtlicher. Der Wind streicht über meinen kurz rasierten Schädel und lässt meine Ohren kribbeln. Ein paar Fuß entfernt ragen seltsame Formen aus dem Boden. Baumstämme scheinen an vier Stellen schräg in den Boden gerammt worden zu sein, während sie oben aufeinandertreffen und zusammengebunden sind. Miteinander vernähte Felle überziehen das Gerüst. Werden die Felle hier getrocknet?
Die ungewöhnliche Bespannung bewegt sich, ein Spalt klafft dazwischen auf, bevor das Fell an dieser Seite zur Seite geschoben wird. Ein Mann tritt heraus. Seine Augen sind groß und rund, seine Nase unnatürlich schmal, sein Mund klein. Als er einen Schritt zur Seite macht, kann ich einen Blick in das seltsame Gebilde werfen. Decken und Felle liegen auf dem Boden. Töpfe und Teller stehen in der Mitte des Raumes um einen Stein herum, von dem ein warmes Glühen ausgeht. Soll dieses seltsame Ding die Behausung des Mannes darstellen? Bevor ich mehr vom Inneren erkennen kann, klappt die Öffnung in den Fellen wieder zu.
Der Fremde geht weiter, direkt an mir vorbei, bleibt dann stehen, nestelt an seiner Kleidung und erleichtert sich dann in Sichtweite seines Zuhauses. Durch den starken Wind verteilt sich die Feuchtigkeit weit über den steinigen Boden.
Die Öffnung zwischen den Fellen klafft wieder auf. Ein kleiner Junge tritt heraus. Durch die für sein Gesicht riesig wirkenden Augen besitzt er eine Niedlichkeit, die ich gar nicht an ihm entdecken will. Er läuft auf den Mann zu und schmiegt sich an seine Beine. Die beiden unterhalten sich, während der Fremde über das Haar des Kindes streicht. Dann kehren sie wieder in das Zelt zurück.
Seltsam bewegt wende ich mich ab. Ich habe genug gesehen. Vielleicht gelingt es mir, ein wenig in das Land vorzudringen und mehr über die Menschen zu erfahren, die hier leben. Als ich versuche, meine Magie anzuwenden, um mich zu transportieren, scheitere ich. In dieser Vision habe ich keinen Körper, dessen Beine ich benutzen kann, um mich fortzubewegen. Es bleibt mir also nichts anderes übrig, als geduldig zu sein. Nach all den Tagen bin ich, ehrlich gesagt, am Ende meiner Geduld angelangt.
Zum Glück verschwimmt die Umgebung vor meinen Augen. Ich kann ein neues Bild sehen, das sich vor meine Augen schiebt und langsam klarer wird.
Ein Gebäude. Kahle Steinwände. Fenster ohne Scheiben.
Auch hier ist es kalt und unwirtlich. Es gelingt mir, den Blickwinkel etwas anzupassen, sodass ich aus einem der Fenster sehen kann. Anscheinend befinde ich mich irgendwo hochgelegen, denn das Land breitet sich weit unter mir aus. Unzählige dieser seltsamen Hütten, vor denen ich gerade noch gestanden bin, stehen dichtgedrängt auf der Ebene unter mir. Es handelt sich wohl um eine größere Siedlung. Gibt es in diesem Land viele Dörfer wie dieses? Oder leben die Menschen in anderen Teilen dieses Kontinents anders?
Schritte nähern sich in meinem Rücken. Ich habe keine Zeit, mich umzudrehen, was vermutlich ohnehin nicht geklappt hätte. Ein seltsames Gefühl bringt mein Innerstes zum Kribbeln. Und dann geht ein Bewohner dieses Ortes einfach durch mich hindurch.
Ich schüttle mich, um die Beklemmung loszuwerden. Etwas zieht mich weiter hinter dem Fremden her. Er öffnet eine riesige Holztür und tritt dann in den Raum dahinter. An der Schwelle werde ich angehalten und kann den Thronsaal in all seiner Pracht bewundern, der mich an Manekas’ große Halle erinnert. Allerdings herrscht hier drinnen viel weniger Prunk. Die Einrichtung ist kahl und einfach, der Stuhl an der gegenüberliegenden Wand besteht aus einem einfachen Holzgerüst, auf dem mit Lederbändern eine Sitzfläche gebildet wird. Dekoration ist in dem Raum nicht zu entdecken.
Auf dem Stuhl sitzt ein Riese, der mich vermutlich um zwei Köpfe überragt. Die Breite seiner Schultern wirkt auch aus der Ferne furchteinflößend. Die eindrucksvolle Gestalt des Hünen, der vermutlich der Herrscher des Landes ist, wird von prachtvollen Fellen und feinen Stoffen umhüllt. Der Fremde, mit dem ich gekommen bin, und der Riese beginnen sich in der Sprache zu unterhalten, die ich nicht verstehe. Zwischen Summen und den harten Lauten kann ich kein Muster erkennen. Doch auch so lese ich aus den Gesichtern der beiden, dass es wohl schlechte Neuigkeiten gibt.
Weinen ertönt. Eine Frau drängt in den Raum. Männer versuchen, sie aufzuhalten, doch sie eilt weiter, bis sie vor dem Herrscher anlangt. Sie lässt sich zu seinen Füßen nieder und streckt ihm ein Bündel entgegen. Dann legt sie es vor ihm ab. Ein Stück Stoff rutscht zur Seite, und plötzlich kann ich das leblose Gesicht eines Babys erkennen. Die Laute der Frau werden anklagend, bis zwei Männer sie an den Armen packen und nach draußen ziehen. Der Gesichtsausdruck des Herrschers zeigt seinen Schmerz.
Er verlässt mit seinen Ratgebern den Saal durch einen anderen Eingang. Sie treten an einen Abgrund und sehen in die Tiefe. Dort unten scheint Magie zu vibrieren. Truppen von Soldaten warten auf ihren Einsatz. In der Mitte einer freien Fläche steht eine Statue, so groß und breit wie einer der Soldaten, die uns heimgesucht haben. Rund um sie herum befinden sich Erdklumpen, deren Sinn ich nicht verstehe. Angst erfüllt mich, als sich die Statue verändert. In ihrem Inneren entsteht ein Glühen, das immer mehr zunimmt. Rauch steigt aus ihren Füßen auf, vermehrt sich, bis er zu einer riesigen Wolke auf der Fläche geworden ist. Der undurchdringliche Rauch verhüllt mir kurz die Sicht. Als der sich wieder lichtet, sind die Erdklumpen verschwunden. Soldaten samt Rüstung und Waffen stehen an ihrer Stelle. Eine Person formt wieder Erdklumpen, indem sie mehr Wasser auf den bereits feuchten Boden schüttet und dadurch Matsch entsteht. Die gerade erschienenen Soldaten marschieren währenddessen los, bis sie zu weiteren Kopien stoßen, die bereits in Reihen am Rand der Fläche stehen.
Eine weitere Person erscheint neben dem Herrscher. Sie bewegt sich so geschmeidig vorwärts, dass ich keine Schritte erkennen kann. Als würde der Neuankömmling schweben. Sein langes, fließendes Gewand reicht bis zum Boden. Eine Kapuze an der hellblauen Kleidung verdeckt sein Gesicht. Wellen von Energie gehen von ihm aus. Kraftvoll und intensiv, wie ich sie noch niemals in der Gegenwart eines anderen Menschen gespürt habe.
Er tritt zu den anderen beiden und beginnt, sich leise mit ihnen zu unterhalten. »Wir sind bald so weit«, sagt er laut genug, damit ich ihn verstehen kann.
Aber warum ergeben die Laute für mich plötzlich Sinn? Verbindet mich die erdumspannende Magie mit dem Zauberer, sodass ich die Sprache mit einem Mal enträtseln kann?
»Nur noch ein paar Tage, bis die Männer aufbrechen können. Unsere Armee wird unbesiegbar sein.«
»Und die Wesen, die du erschaffst und die unsere Truppen vergrößern werden, verhalten sich wie Menschen?«, fragt der Herrscher.
»Es handelt sich um Menschen. Sie sind Euch treu ergeben.« Ganz plötzlich hält er allerdings inne und wendet den Kopf. Der stechende Blick aus seinen länglichen Augen richtet sich direkt auf mich.
Erschrocken will ich einen Schritt zurück machen, doch da es sich bei diesen Bildern um reine Fantasie handelt, kann ich auch nicht verschwinden. Ich reiße die Augen auf.
Im nächsten Augenblick stehe ich wieder mit schnell klopfendem Herzen auf der Lichtung.
»Was ist mit Euch geschehen?«, fragt Manekas beunruhigt. »Ich habe Euch mehrmals angesprochen, aber Ihr habt nicht auf mich reagiert.«
»Ein Spruch hat mich in das Land reisen lassen, aus dem unsere unerwünschten Besucher stammen. Leider habe ich dadurch nicht viel mehr erfahren. Ich weiß nur, sie haben einen mächtigen Zauberer auf ihrer Seite. Er besitzt möglicherweise mehr Macht als alle Großen Zaubermeister unseres Kontinents zusammen.«
Die Stirn unseres Fürsten runzelt sich. »Wie kommt Ihr darauf?«
Für mich selbst ist es schwer zu verstehen, woher ich die Gewissheit habe. Wie soll ich Manekas erklären, wieso ich davon überzeugt bin? Von den Soldaten, die er mit Zauber erschaffen hat, will ich ihm nichts erzählen. Das würde ihn und alle anderen nur ängstigen. Die Größe ihrer Armee ist von Wichtigkeit, nicht woher die Männer stammen. Sie kämpfen. Sie bluten. Sie sterben. Wir müssen sie auch weiterhin bekämpfen. Unsere Truppen dürfen dabei nicht durch übertriebene Angst geschwächt werden. »Die Energie, die von ihm ausgeht«, sage ich. »Ich weiß, es handelt sich lediglich um einen Eindruck aus einer Vision. Die Magie, die ich in seiner Nähe gespürt habe, war nicht real. Dennoch konnte ich es fühlen.«
»Welche anderen Erkenntnisse aus Eurem Erlebnis können für uns von Vorteil sein?«
»Diese Menschen leben nicht in Häusern. Ihr Herrscher ist ein angsteinflößender Riese. Doch diese Informationen können wir nicht für uns nutzen. Interessanter ist da, dass die Maschine zusammen mit ihnen auf unseren Kontinenten gekommen ist. Die Leuchtsteine, die an den Ecken der Apparatur angebracht sind, hatten zu dem Zeitpunkt keinen Kern aus Dunkelheit. Sie sahen aus wie jetzt, nur dass sie gestrahlt haben.«
Manekas sieht zu dem Gerät und brummt leise.
Ich folge seinem Blick. Sehr viel länger kann ich den Moment nicht hinauszögern. Obwohl ich eine diffuse Unruhe empfinde, werde ich mich diesem Ding widmen müssen. Hoffentlich gelingt es mir, es unschädlich zu machen. Ob es reicht, die Steine zu entfernen? Zur Sicherheit werde ich sie mit einem Zauber belegen. Danach werde ich diese Maschine auseinandernehmen. Was wohl passiert, wenn wir es einfach in Brand stecken?
Unsere Männer haben in der Zwischenzeit begonnen, die persönlichen Gegenstände der Toten zu durchsuchen. Die leblosen Körper unserer Feinde rollen sie dabei einfach nur zur Seite. Ich erschaure. Der Anblick der Leichenberge verursacht bei mir Übelkeit. Dennoch kann ich meine Augen nicht abwenden. So viele Leben ausgelöscht, nur weil jemand unser Land überfallen wollte. Ja, vielleicht sind einige dieser Wesen aus Magie erschaffen worden. Dennoch haben sie geatmet und gelebt. Diese Soldaten waren menschlich.
Was haben sich unsere Feinde erhofft, als sie hierhergekommen sind? Diese Frage hat mich von Anfang an beschäftigt. Jetzt, da ich ihre Lebensumstände kenne, nehme ich an, sie wollen unseren Kontinent für sich beanspruchen. Ihre Heimat scheint kein angenehmer Lebensort zu sein. Vermutlich erhoffen sie sich von hier fruchtbaren Boden, milderes Wetter, bessere Umweltbedingungen. Wären sie tatsächlich bereit, uns alle dafür auszulöschen?
Einer unserer Soldaten hebt einen gegnerischen Krieger hoch, um ihn aus dem Weg zu schaffen. Der Mann auf dem Boden gibt einen Schmerzenslaut von sich. Wut verzerrt das Gesicht meines Landsmannes. Er greift nach seinem Schwert, um dem Feind den Todesstoß zu versetzen.
»Stopp!«, schreie ich aufgeregt. »Haltet ein! Lasst ihn am Leben.« Ich laufe los, um das Schlimmste zu verhindern.
Der Soldat mustert mich mit abschätzigem Blick und lässt sein Schwert nicht sinken. »Habt Ihr etwa Mitleid mit ihm? Wollt Ihr ihn vor dem Tod bewahren, obwohl er zu unseren Gegnern gehört? Er hat sich selbst für das Schwert entschieden. Soll er es bis zum Ende genießen.«
»Es ist mir herzlich egal, ob er leidet oder nicht«, lüge ich. »Dennoch werde ich ihn erst einmal heilen und dann versuchen, Informationen von ihm zu erhalten. Was nach meiner Befragung mit ihm passiert, werden wir später entscheiden.«
Als ich bei dem Soldaten anlange, lege ich eine Hand auf seinen Arm, damit ich seine Schwerthand zur Seite schieben kann. Der Mann wirkt nicht, als würde er sich gerne davon abhalten lassen, unseren Feind endgültig aus diesem Leben zu reißen. Er öffnet den Mund, schließt ihn aber wieder, nachdem er einen Blick über meine Schulter geworfen hat.
Ich kann Manekas’ Aura fühlen. Ohne dass unser Fürst etwas sagen muss, weiß ich, er steht auf meiner Seite.
Widerwillig tritt der Soldat zur Seite und wendet sich dem nächsten Toten zu.
»Wenn Ihr weitere Verwundete findet, denen noch geholfen werden kann, um sie nach ihren Absichten zu befragen, haltet Euch bitte zurück«, mahne ich ihn. Jemand reicht mir ein Seil, mit dem ich den Gefangenen fessle. Ich bücke mich zu unserem Feind am Boden und strecke die Hände über seine Wunde. Mit geschlossenen Augen murmle ich erst einen Sicherheits- und anschließend einen Heilungsspruch.
Hoffentlich ist es noch nicht zu spät. Es schmerzt, dass ich diesen Mann möglicherweise retten kann, während ich an Elevander gescheitert bin. Ich verstärke meine Bemühungen, als der Spruch keine Wirkung zeigt. Der Zauber wird anscheinend nicht reichen, um die Verletzung unseres Feindes verschwinden zu lassen. Dennoch darf der Fremde nicht sterben, bevor ich ihm meine Fragen gestellt habe.
Der Körper des Kriegers erstarrt. Er regt sich zwei Sekunden nicht, bevor er unter seiner Maske hungrig nach Luft ringt und die Augen aufreißt.
»Willkommen zurück«, sage ich trocken. »Könnt Ihr verstehen, was ich sage?«
Mit wütend funkelnden Augen starrt der Mann zu mir hoch.
Um ihn besser beobachten zu können, nehme ich ihm die Maske ab. Ich kann die Frustration in seinem Blick erkennen, als ihm klar wird, gefesselt zu sein. Er hebt ruckartig den Kopf und spuckt mich an.
Zum Glück trifft er mich nicht im Gesicht, sondern verteilt seinen Geifer lediglich auf meiner Toga. Mein Zauber hindert ihn daran, mich verletzen zu können. Ich wünschte, dieser Zauber könnte auch dafür angewendet werden, jeden Soldaten unserer Armee zu beschützen. Doch die Magie will verhindern, dass ihr Botschafter getötet wird. Durch mich fließt die Energie. Nichtzauberer existieren in ihren Wertevorstellungen nicht.
»Haltet lieber ein wenig Abstand«, schlägt unser Fürst vor. »Sie sind um vieles stärker als wir. Er könnte Euch leicht überwältigen, und anschließend vernichtet er den Rest von uns.«
Denkt Manekas, ich hätte nicht vorgesorgt? Hält er die Fesseln für wirkungslos? Hat er nicht bemerkt, dass ich dem fremden Krieger der Möglichkeit beraubt habe, mich zu verletzen?
Der Soldat knurrt bösartig, doch seine Mundwinkel zucken. Triumph blitzt in seinen Augen auf.
»Jetzt wissen wir zumindest, dass er uns verstehen kann«, sagt Manekas.
»Ein kluger Schachzug von Euch«, gebe ich zu und schäme mich dafür, an unserem Fürsten gezweifelt zu haben. Ich packe unseren Feind am Kragen und ziehe ihn in eine aufrechte Position. Die Tatsache, dabei an den leblosen Körpern seiner Freunde zu lehnen, schiebe ich hastig zur Seite. »Wollt Ihr uns nicht ein wenig über Euch erzählen? Bestimmt liegen Euch unzählige Beschimpfungen auf der Zunge. Tobt Euch aus, und berichtet mir dann, was ich wissen will.«
Ekel huscht über das fremdartige Gesicht des Kriegers. Dann schüttelt er den Kopf.
Ob er unsere Sprache überhaupt sprechen kann? Ich wünschte, ich wäre dazu in der Lage. Vielleicht gibt es eine Möglichkeit, sie schnell zu lernen. Dieses Mal lasse ich keinen Platz für Zweifel. Dieses Mal glaube ich an mich und daran, eine Chance zu haben. In Gedanken gehe ich die Zauberbücher meines Großvaters durch und bleibe dann an einer Seite hängen. Ein Spruch ist dort angeführt, um jede Sprache und jeden Dialekt zu erlernen. Möglicherweise erlaubt es mir, alle Sprachen unserer Welt zu verstehen.
Lautlos spreche ich den Zauber. Danach fühle ich mich wie zuvor. Nichts hat sich verändert. Anscheinend ist meine Magie gescheitert.
»Berichtet mir ein wenig aus Eurer Heimat«, locke ich trotzdem. »Wie wäre es, wenn Ihr mir den Namen Eures Zauberers nennt?«
Hinter mir keucht Manekas auf. Die Augen des Fremden weiten sich überrascht. Scheint, als würde der Zauber doch Wirkung zeigen.
»Ich habe ihn in seiner blauen Robe gesehen«, fahre ich fort. »Faszinierend, wie er förmlich über allem schwebt. Berühren seine Füße überhaupt den Boden?«
»Ihr könnt ihm unmöglich begegnet sein. Er hat uns nicht hierhin begleitet. Wie könnt Ihr wissen, wer er ist?«
»Habt Ihr noch nicht bemerkt, dass ich die gleichen Fähigkeiten wie Euer Zauberer besitze?«
Wut flackert in seinem Blick. »Lüge. Niemand ist so mächtig wie er.«
Grübelnd lege ich den Kopf schief. Mit welchem Spruch soll ich ihn von seinem Fehler überzeugen? Schließlich entscheide ich mich dafür, eine Energiewelle auszusenden, die ihm den Atem rauben soll. Üblicherweise fächere ich diese Kraft möglichst breit, um viele unserer Gegner von den Füßen zu fegen. Jetzt konzentriere ich sie auf seinen Hals, drücke zu, ohne ihn zu berühren.
Ungläubig reißt der Mann den Mund auf und ringt nach Luft.
Ich entlasse ihn aus meinem Griff. »Genügt diese Demonstration, damit Ihr mir glaubt?«
»Du bist nur ein kleiner Wicht, der Tricks anwendet, um mich zu täuschen. Darauf falle ich nicht herein.«
»Schön, dann muss mein Beweis wohl ein wenig größer ausfallen.« Ich murmle die Worte, mit denen ich unsere Soldaten unsichtbar gemacht haben. Untereinander können sie sich immer noch erkennen. Für den Krieger vor mir muss es allerdings wirken, als wären sie von einer Sekunde auf die andere verschwunden.
»Teufelswerk«, behauptet er.
»Wenn du denkst, ich würde mit dem Teufel zusammenarbeiten, dann will ich nicht widersprechen. Tatsächlich bin ich ihm nähergekommen, als ich erwartet habe.« Ich habe sogar mit ihm im Bett gelegen, habe ihm erlaubt, himmlische Dinge mit mir anzustellen. So detailliert muss ich das wohl nicht ausführen.
»Trotzdem sage ich dir kein Wort. Du wirst von mir nichts erfahren, was dir ermöglicht, einen Vorteil über uns zu erringen.«
Mein Versuch, ihm zu zeigen, genauso mächtig zu sein wie sein Zauberer, hat nichts genutzt. Er will an seinem Glauben festhalten, der Seite anzugehören, die am meisten Magie besitzt. Seinen Widerwillen, seinen Fehler einzusehen, kann ich nachvollziehen. Er wehrt sich dagegen, seinen Glauben aufzugeben. Das kann ich ihm nicht verübeln.
Dennoch brodelt die Wut in mir. Wie viel muss ich noch leisten, wie viele Opfer muss ich noch bringen, damit ich vom Rest der Welt endlich für gut genug gehalten werde? Wie viel Mut muss ich noch beweisen, wie viel Klugheit, wie viel Finesse, bis man nicht mehr an mir zweifelt?
Die Frustration dieses Morgen kehrt mit voller Wucht zurück und lässt mein Herz brennen. Nicht wieder jemand, der mich unterschätzt und denkt, er kann respektlos mit mir umspringen. Ich habe es statt, nett und höflich zu sein. Jetzt bin ich an der Reihe! Jetzt werde ich beweisen, wozu ich fähig bin! Alle Muskeln in meinem Gesicht spannen sich vor Wut an. Ich packe den Mann und schüttle ihn durch. »Du denkst, du hast eine Wahl? Du weißt nicht, mit wem du dich einlässt.«
Eine Hand legt sich auf meine Schulter. »Lesithder«, mahnt Manekas. »So haltet ein.«
»Er hat es nicht besser verdient«, sage ich über meine Schulter. »Ihr wisst doch, er würde keine Gnade zeigen, wenn er an meiner Stelle wäre.«
»Jetzt habt Ihr die Kontrolle über ihn. Ihr könntet mit ihm machen, was Ihr wollt. Ich bezweifle allerdings, Ihr könntet Eure Tat nicht bereuen. So gut habe ich Euch bereits kennengelernt.«
Gut, er kann meine Worte verstehen. Obwohl ich mich nicht bemüht habe, die Sprache zu wechseln, beherrsche ich beide Zungen gleichzeitig.
Aber schlecht, dass er mich durchschaut hat. Nach seinen Worten bin ich nicht mehr in der Lage, in meiner Wut zu verharren.
Ich stoße den Soldaten von mir. »Glaub nicht, das würde irgendetwas ändern. Es wird euch nicht gelingen, uns zu besiegen. Ihr seid vielleicht in unser Land gekommen, um uns zu unterwerfen. Daran müsst ihr jedoch scheitern. Wir lassen uns aus unserem Zuhause nicht vertreiben.«
Der Fremde lacht auf. »Wir werden euch weder unterwerfen noch vertreiben. Wir werden euch vernichten. Keiner von euch wird übrigbleiben. Uns wird gehören, was ihr jetzt besitzt. Und wenn unser Zauberer erst einmal den Rest der Energie eures Kontinents aufgesaugt hat …« Mit erschrockenem Gesichtsausdruck unterbricht er sich.
Mein Blick wandert zu der seltsamen Maschine. »Tut das Ding das? Sammelt sie unsere Magie ein? Schickt ihr sie zu eurem Zauberer?«
Die fest zusammengepressten Lippen des Kriegers machen klar, dass er nichts mehr sagen wird. Möglicherweise hat er bereits genug verraten, damit ich die Bedrohung für uns verringern kann. Unter Umständen ist der Plan unserer Feinde bereits gescheitert, wenn ich diese Maschine außer Gefecht setze.
»Danke dir für deine Hilfe«, sage ich spöttisch und richte mich auf. Dann wende ich mich an Manekas und berichte ihm, was der Soldat ungewollt preisgegeben hat. »Wir müssen uns um diese Gerätschaft kümmern. Ich werde die Hilfe von einigen Männern brauchen. Keine Sorge, ich werde vorsichtig sein. Sie werden von mir mit einem Schutzzauber belegt, damit sie keine Gefahr von dem Ding fürchten müssen. Zur Sicherheit sollten wir diesen Krieger dennoch am Leben lassen. Wenn es uns gelingt, noch weitere Verletzte zu befragen, erhalten wir möglicherweise ein deutlicheres Bild.«
»Wir werden das im Hinterkopf behalten, auch wenn ich bezweifle, dass meine Männer über die Anweisung sonderlich erfreut sein werden«, stimmt Manekas zu. »Ich werde fragen, ob es Freiwillige gibt, die Euch mit der Zerlegung der Maschine helfen werden.«
Mit einem Nicken verabschiede ich mich und mache mich auf den Weg zu dem Ungetüm. Je näher ich komme, umso größer wirkt es. Bestimmt spielt mir meine Fantasie einen Streich, weil ich Angst vor dem Versagen habe. Zu viel steht auf dem Spiel. Wenn es mir nicht gelingt, das Gerät unserer Gegner auszuschalten, nutzt es uns auch nichts, die Eindringlinge zu überwältigen.
Der Zauberer unserer Feinde versucht, unsere Magie zu stehlen. Möglicherweise ist dem Fürsten gar nicht klar, welche Folgen das haben würde. Die Energie, die sich in der Luft befindet, speist uns mit göttlicher Magie. Wir Zauberer können darauf zugreifen und unsere Zauber wirken. Sollten wir dazu nicht mehr in der Lage sein, würde das keine großen Auswirkungen auf den Verlauf der Welt haben. Unser Volk würde nicht zugrunde gehen, nur weil die Zauberer an kleinen Tricks und größeren Schauspielen scheitern. Die Sonne würde weiterhin jeden Tag auf- und untergehen. Das Leben der Menschen würde keinen großen Änderungen unterworfen sein.
Doch wenn auch sie nicht mehr in der Lage sind, von der Energie zu profitieren, würde das die Fruchtbarkeit der Erde beeinflussen. Wir würden es am Ertrag der Ernte spüren, an der Qualität der Früchte. Langsam, aber sicher würden unsere Vorräte zu Ende gehen. Wir würden verhungern, wenn es uns nicht gelingt, neue Ressourcen zu erschließen. Selbst wenn unsere Generation überleben würde, hätten unsere Nachkommen an der fehlenden Energie zu leiden. Den Kindern, die auf die Welt kommen, würde es an Gesundheit fehlen. Sie würden nicht so lange leben, wie es jetzt der Fall ist. Unsere Welt wäre nicht mehr die Gleiche.
Für Manekas sind diese Dinge vermutlich abstrakt. Er hat als unser Fürst noch keinen einzigen Tag in seinem Leben hart arbeiten müssen. Mit Sicherheit hat er sich noch niemals die Finger beim Bestellen der Felder schmutzig gemacht. Wenn er krank wird, scharren sich unzählige Heiler um ihn und weichen nicht von seiner Seite, bis es ihm besser geht. Als unser Herrscher quälen ihn keine Sorgen um seine Zukunft. Er sitzt in seinem gläsernen Turm und weiß nichts von den Kümmernissen der einfachen Menschen. Ich kann ihn nicht dafür tadeln. Er hat nichts außer seinem privilegierten Leben kennengelernt.
In meinem Rücken diskutiert Manekas noch immer mit einigen Soldaten, die sich weigern, mir zu helfen. Das Ungetüm jagt ihnen wohl Angst ein.
Seufzend murmle ich einen Spruch, der mich beschützen soll, dann strecke ich den Arm aus und berühre mit den Fingerspitzen die Oberfläche des geheimnisvollen Geräts. Nichts passiert. Etwas ruhiger lege ich meine Handfläche auf das glattpolierte Holz.
Wellen von Energie springen auf mich über. Dunkle Kräfte, die in meinem Körper Chaos verursachen. Es handelt sich um nichts, was mich verletzen könnte. Die Magie ist zu schwach, um Auswirkungen auf mich zu haben. Hätte es einer unserer Soldaten berührt, würde die Sache möglicherweise anders aussehen. Ich hänge meine Finger an einem Vorsprung in Augenhöhe ein. Dann setze ich meinen Fuß auf das Gerät und ziehe mich hoch. Angespannt warte ich ab, ob die Angriffe der gegnerischen Magie jetzt schwerer werden. Doch wieder komme ich mit den Wirbeln, die sich in meinem Körper ausbreiten, gut zurecht.
»Seid vorsichtig«, bittet eine mir unbekannte Stimme.
Ich werfe einen Blick über meine Schulter und entdecke einen grauhaarigen Soldaten, der mit besorgtem Ausdruck in den Augen zu mir aufsieht. Er ist vermutlich älter als Oremazz. Wenn er nicht mit unserer Armee hierhergekommen wäre, hätte ich bezweifelt, dass er ein Schwert auch nur hochheben kann. »Seid Ihr meine Hilfe bei diesem Projekt?«
Er nickt. »Ich werde tun, was Ihr von mir verlangt.« Meine Miene verrät ihm anscheinend, dass ich seinen Kräften misstraue, denn er drückt den Rücken durch und strafft die Schultern. »Ich bin harte Arbeit gewohnt. Ihr könnt Euch auf mich verlassen.«
»Mit Sicherheit habt Ihr Euch in Eurem Leben vor keiner Aufgabe gedrückt. Dennoch bin ich mir nicht sicher, ob Ihr der Richtige für diese seid.«
»Die jungen Männer haben ihr Leben noch vor sich. Ich stelle mich gerne für diese gefährliche Mission zur Verfügung. Mein Glück habe ich an der Seite meiner wundervollen Frau bereits verbraucht.«
Stolz schwingt in seiner rauen Stimme mit. Ich möchte ihn nicht weiter vor den Kopf stoßen und nicke ihm einfach zu. »Bleibt in Sichtweite. Wenn es mir gelingt, das Ungetüm zu erklimmen und von oben zu untersuchen, finde ich hoffentlich heraus, wie es funktioniert. Ich werde Euch mitteilen, wenn ich Eure Hilfe benötige.«
Mein Blick wandert wieder das seltsame Bauwerk hinauf. Als ich die feindlichen Soldaten dabei beobachtet habe, wie sie das Ding bestiegen haben, hat es viel einfacher gewirkt. Bestimmt haben sie genau gewusst, welchen Weg sie wählen müssen. Diesen Luxus besitze ich leider nicht.
Angespannt strecke ich meinen Arm aus und taste nach einem weiteren Vorsprung, den ich benutzen kann, um mich hochzuziehen. Tatsächlich finden meine Finger eine Einkerbung, die groß genug ist, damit ich mich vorwärtsbewegen kann. Mein Fuß rutscht in eine Aussparung, sodass ich mich strecken kann, um einen weiteren Schritt zu wagen. Es geht nur langsam vorwärts, aber schließlich kann ich den oberen Teil der Maschine erkennen.
Die Fläche zwischen den vier Steinen ist gerade und bietet keinen Blick ins Innere. Enttäuscht klettere ich das letzte Stück, bis ich oben stehe. Ich habe gehofft, hier oben würde es einen Zugang zu den Gerätschaften geben, die sich im Innenteil der Maschine befinden. Habe ich den Aufstieg umsonst angetreten? Hätte es einen Zugang von unten gegeben?
Ich setze meinen Fuß auf das Dach und beuge mich dann nach unten, um die Holzbohlen zu untersuchen. Nicht aufgerichtet auf dieser Plattform zu stehen, stellt eine gewisse Erleichterung für mich dar. Hier oben fühle ich mich unwohl, bloßgestellt und wie eine leichte Beute. Bei jedem Windstoß, der an mir zieht, grummelt es in meinem Magen. Viel zu sehr verstört mich der Gedanke, von diesem Ding zu fallen. Leide ich etwa unter Höhenangst?
Um meine Gedanken davon abzulenken, ein Unglück heraufzubeschwören, widme ich mich ganz der Aufgabe, einen Zugang zu dem Gerät zu finden. Keine Nägel sind zu erkennen, keine Zähne, die ineinandergreifen. Auf den ersten Blick wirkt es, als wäre die Oberfläche aus einem einzigen Stück Holz geschaffen.
Das ist nicht möglich. Selbst wenn es in dieser Welt, die sich mir kahl und pflanzenlos gezeigt hat, doch Wälder geben sollte, würde kein Baum dick genug sein, um diese Form aus ihm herauszuschneiden. Mit der Handinnenfläche streiche ich über das Holz und teste, ob ich etwas erfühlen kann, was meinen Augen verborgen bleibt.
Die Energie, die die Maschine ausstrahlt, erhöht sich inzwischen. Von meiner Untersuchung ist sie anscheinend nicht sonderlich erfreut. Solange sie mir keinen Energiestoß versetzt und mich abwirft, werde ich meine Bemühungen nicht unterbrechen. Ich benutze meine Fingerspitzen und Nägel, um die Oberfläche zu erkunden, doch ich finde keinen Griff und keine Einkerbung, die eine Öffnung verbergen könnte.
Vielleicht handelt es sich um einen Zauber, der das Offensichtliche versteckt. Möglicherweise werden meine Sinne getäuscht, damit ich das Gerät nicht abschalten kann. Ich richte mich auf und gehe zu einer Ecke des seltsamen Würfels. Dann werde ich also dafür sorgen, dass die Energie dieser Maschine an Kraft verliert. Ich richte mich auf und gehe langsam auf die erste Säule zu.
Vorsichtig lege ich meine Hände um den ersten Leuchtstein, der jetzt durchscheinend und farblos ist. Die Oberfläche fühlt sich rau an. Mit Sicherheit wurde der Stein so belassen, wie er war, um seine Wirkungsweise nicht zu beeinträchtigen. Er scheint nur auf dem Sockel zu liegen, vor dem ich stehe. Allerdings gelingt es mir nicht, ihn zu entfernen. Ich beuge mich vor und untersuche die Stelle, wo der Stein das Holz berührt. Zuerst wirkt es, als fehlten Befestigungen. Als ich allerdings den Kopf bewege, bemerke ich eine Brechung des Lichts. Ich betaste die Stelle und fühle unter meinen Fingerspitzen durchsichtige Klammern, die den Stein festhalten. Vorsichtig fahre ich die Klammer nach unten und gelange an einen Hebel. Als ich den nach unten drücke, löst sich die erste Befestigung.
Mein Herz klopft sofort schneller. Ich bin so erleichtert, dass ich nicht sofort bemerke, wie die Klammer ohne meinen Finger wieder zurückschnappt. Noch einmal taste ich rund um den Stein. An vier Stellen ist er durch die unsichtbare Vorrichtung mit dem Sockel verbunden. Ich lege jeweils Daumen und Zeigefinger meiner linken und rechten Hand auf den Hebel und drücke ihn nach unten. Die Klammern lösen sich und geben den Stein frei.
Der beginnt zu kippen, weshalb ich ihn hastig festhalte. Überraschend schwer zieht er meine Hände nach unten. Während ich ihn noch betrachte, trübt er sich ein und wird schließlich stumpf und undurchsichtig. Ich sehe zu den anderen Steinen. An ihnen macht sich der seltsame Effekt nicht bemerkbar. Allerdings scheint es, als hätten sie einen Teil ihrer Klarheit verloren. Es wird mir also nichts anderes übrigbleiben, als auch sie zu entfernen. Und wie bekomme ich den Stein jetzt nach unten zu meinem Helfer?
Ich werfe einen Blick über den Rand. Mir wird bei dem Anblick der Höhe, in der ich mich befinde, ganz schummrig. Das Besteigen eines Berges macht mir nichts aus. Doch diese Erhebung ist gefährlicher. Der alte Mann steht immer noch direkt neben der Maschine und sieht mit besorgtem Gesichtsausdruck zu mir auf.
»Besorgt bitte ein festes Tuch«, rufe ich nach unten. »Und ersucht drei andere Soldaten um Hilfe. Ich werde Euch die Steine einzeln zuwerfen. Mit dem Tuch könnt ihr sie hoffentlich auffangen, ohne dass sie Schaden erleiden.«
»Sollten wir die einzelnen Teile der Maschine nicht ohnehin zerstören?«, fragt der Greis.
Eine berechtigte Frage, auf die ich keine Antwort habe. »Das entscheide ich zu einem späteren Zeitpunkt. Erst will ich überprüfen, ob sie Magie in ihrem Inneren festhalten. Wenn sie in tausend Stücke zerspringen, während wir alle danebenstehen, sind die Folgen nicht vorhersehbar.«
Der Mann nickt und verschwindet dann. Ich hoffe, er braucht nicht zu lange. Wir haben noch viel Arbeit vor uns. Erst wenn wir dieses Gerät vernichtet haben, können wir auch die anderen Truppen unserer Gegner überrumpeln. Wie lange es wohl dauern wird, bis sie bemerken, dass etwas nicht stimmt?
»Tuch und Helfer vor Ort, edler Zauberer«, tönt es von unten.
Ich unterdrücke ein grimmiges Lächeln und zögere ein letztes Mal. Ob ich den Stein mit einem Zauber schützen soll? Ich weiß nicht, ob er sich meine Magie einverleiben wird, wenn ich das tue. Der Stein soll nicht noch mehr Energie absorbieren als ohnehin schon. Ich muss das Risiko für uns alle so gering wie möglich halten. Zu viele Menschenleben könnten durch einen Fehler von meiner Seite gefährdet werden.
Vorsichtig schiebe ich mich weiter nach vorne, obwohl mein Magen dagegen rebelliert. Die Männer scheinen mir plötzlich noch weiter entfernt. Das Tuch wird winziger, je länger ich es betrachte. Ob es mir überhaupt gelingt, darauf zu zielen? Jetzt ist nicht die Zeit, um wegen der Höhe Bedenken zu haben. Ich halte den Stein in meinen ausgestreckten Armen, merke wieder, wie schwer das Ding wirklich ist. Wenn ich es nicht gleich loslasse, wird es mir ohnehin aus den Händen gleiten. Also los.
Im letzten Moment zögere ich doch. Hastig murmle ich einen Spruch, der verhindern wird, dass das Tuch durchreißt. Dann lasse ich den Stein los.
Angespannt beobachte ich, wie er auf die Erde zurast. Die Männer halten das Tuch gespannt. Ich hoffe, sie ziehen es nicht zu weit auseinander. Wenn der Stein nach dem Aufprall zu hoch hüpft, könnte er zur Seite springen, sodass sie ihn nicht erwischen. Zum Glück gehen die Männer einen Schritt nach vorne, als der Stein auf das Tuch auftrifft. So verhindern sie, dass der Stein wegrollen kann.
Gierig sauge ich die Luft in meine Lungen und nehme mir eine Sekunde, bis sich mein Puls wieder normalisiert hat. Dann trete ich zur nächsten Säule und setze dort meine Arbeit fort. Jetzt, da ich den Mechanismus verstanden habe, der den Stein festhält, kann ich die Klammern ganz schnell lösen. Wenige Augenblicke später stehe ich wieder am Rand der Maschine und blicke nach unten.
Die Soldaten haben den Stein inzwischen von der Decke gerollt. Er liegt ein paar Schritte entfernt am Boden und sieht so unscheinbar aus, man könnte fast denken, es würde sich um ein harmloses Gestein handeln.
Ich stoße einen Warnruf aus und schicke dann den zweiten Stein nach unten. Als der sicher unten angekommen ist, löse ich den dritten und vierten Stein. Kurz darauf sind die aus meiner Sicht wichtigsten Dinge vom Gerät entfernt. Ich warte, bis alles verstaut ist, und trete dann in die Mitte der Plattform. Es ist ein gewisses Risiko, Magie einzusetzen, um die Öffnung für den Abstieg in die Maschine zu suchen. Die Steine haben nicht reagiert, als sie mit dem Tuch in Berührung gekommen sind, das ich mit einem Zauber belegt hatte. Möglicherweise mache ich mir zu viele Sorgen. Dennoch werde ich zuerst die Oberfläche des Holzes noch einmal untersuchen.
Nachdem ich mich flach auf den Boden gelegt habe, taste ich das, was wie ein einziges Brett aussieht, mit den Augen ab. Die Klammern haben sich auch erst gezeigt, als ich meinen Blickwinkel gewechselt habe. Also bewege ich meinen Kopf hin und her und überprüfe, ob sich dabei irgendwelche Auffälligkeiten ergeben. Leider bleibt meine Suche erfolglos.
Obwohl mein Nacken kribbelt, gehe ich zu Plan B über. In Gedanken spreche ich einen Spruch, der Verborgenes sichtbar machen soll. Ich versuche, so wenig Magie wie möglich zu benutzen. Dann drehe ich mich auf dem Bauch liegend noch einmal im Kreis.
Ich habe erwartet, in der Mitte der Platte etwas beobachten zu können, doch da habe ich mich geirrt, stattdessen erscheint ein Metallring in meinem Blickfeld, als ich mich einer der Ecken zuwende. Während ich vorsichtig näherrobbe, verändert sich der Ring. Je nach Lichteinfall scheint er zu verschwinden und wieder zu erscheinen. Großartige Magie von jemandem, der jahrelange Übung hatte. Dass sein Zauber meinen Fähigkeiten nichts entgegenzusetzen hat, erfüllt mich mit Stolz.
Für diese Empfindung tadle ich mich. Noch habe ich nichts geleistet. Ich habe nicht mehr getan, als die Sprüche anzuwenden, die mich mein Großvater gelehrt hat. Dass ich mir Buchseiten bildhaft vorstellen kann, obwohl ich sie nur ein einziges Mal gesehen habe, ist mir in die Wiege gelegt worden. Dafür habe ich nicht arbeiten müssen. Also sollte ich mich in Zurückhaltung üben und mich nicht mit etwas brüsten, das ich nicht beeinflussen kann.
Inzwischen bin ich in Griffnähe gekommen. Ich strecke meinen Arm aus, um zu überprüfen, ob ich danach greifen kann. Es könnte sich immer noch um eine Täuschung handeln, damit ich mich in Sicherheit wiege, das Rätsel gelöst zu haben, während ich geradewegs in eine Falle tappe.
Meine Finger schließen sich um den kühlen Metallring. Langsam hebe ich ihn an und ziehe an ihm.
Etwas zischt über meinen Kopf hinweg. Was auch immer es gewesen ist, scheint aus vier Richtungen auf mich zugekommen zu sein. Das dazugehörige Surren war nicht nur vor mir zu hören. Als ich den Kopf drehe, fällt mein Blick auf einen Pfeil, der in Brusthöhe in der Säule vor mir steckt und immer noch vibriert. Vorsichtig drehe ich mich zur Seite und entdecke auch an den anderen Konstruktionen für die Steine Pfeile, die sich tief in das Holz gebohrt haben. Meine Höhenangst hat mir anscheinend das Leben gerettet.
»Alles in Ordnung?«, fragt jemand von unten.
Zittrig bejahe ich, während ich überlege, ob ich nicht auf dem schnellsten Weg wieder von dieser Plattform klettern sollte. Leider wird der Abstieg bestimmt viel schwieriger als der Aufstieg. Außerdem würde ich mir wie ein Feigling vorkommen, wenn ich nicht einmal versuchen würde, die in mich gesetzten Hoffnungen zu erfüllen.
Ich mache mich noch kleiner, liege so flach wie möglich auf dem Bauch und greife noch einmal nach dem Metallring.
Nichts passiert.
Vorsichtig ziehe ich ihn in meine Richtung.
Nichts passiert.
Ich versuche, ihn anzuheben.
Nichts passiert.
Möglicherweise waren die Pfeile die erste Stufe der Abwehrmaßnahmen und ich bin hier draußen erst mal sicher. Was mich im Inneren der Maschine erwartet, weiß ich allerdings nicht. Ich werde jeden meiner Schritte ab jetzt vorsichtig setzen müssen.
Der Ring bewegt sich in die Höhe. Mit ihm hebt sich eine Platte, die ein dunkles Loch freilegt. Seufzend ringe ich mit mir. Alles in mir schreit, dass ich mich nicht dort hinunterwagen soll. Die Gefahren sind nicht abschätzbar. Doch es gibt keine Alternative.
Ob ich mich mit einem Zauber schützen kann? Der Spruch, den ich vorhin angewendet habe, mag mich beeinflusst und meine Angst gefördert haben, aufgrund derer ich so ungern aufrecht hier oben stehen will. Verlassen möchte ich mich allerdings nicht darauf. Ich erneuere den Zauber zwar, doch ich werde einen Spruch finden müssen, mit dessen Hilfe ich die Maschine übertölpeln kann. Mit geschlossenen Augen gehe ich die Bücher meines Großvaters durch. Doch mir ist bewusst, nichts zu entdecken, das exakt auf meine Situation zutrifft. Wie hätte sich schon jemals jemand in einer ähnlich gefährlichen Lage befinden sollen? Ich werde mich unsichtbar machen, einen Spruch verwenden, der meine Körpertemperatur an die Luft anpasst, und einen, der mein Gewicht aufhebt. Es ist eine wilde Kombination, die in ihrer Vielfalt auch gefährlich sein könnte. Anders weiß ich mir allerdings nicht zu helfen.
»Ich werde in dieses Ding steigen«, rufe ich laut genug, damit man mich unten hört. »Wenn irgendetwas passieren sollte und ich nicht mehr in der Lage bin, die Maschine zu verlassen, müsst ihr sie zerstören. Haltet zu Eurer Sicherheit etwas Abstand. Versucht nicht, mich zu retten. Vermutlich bin ich ohnehin bereits verloren.« Den letzten Satz sage ich leiser zu mir selbst.
»Wartet. Ich erklimme das Ungetüm und gehe statt Euch ins Innere.« Die Stimme gehört dem Soldaten, der als Erster seine Hilfe angeboten hat.
»Das Angebot ist sehr nett von Euch gemeint. Allerdings kann ich es nicht annehmen. Ihr seid kein Zauberer. Ihr wisst nicht, wie Ihr mit der Magie in diesem Gerät umgehen sollt.«
Die Maschine schwankt leicht. »Dann begleite ich Euch.«
Steigt der gute Mann bereits auf die Maschine? Wenn ihm etwas passiert, würde ich mir das niemals verzeihen. Wenn er etwas tut, das uns beide in Gefahr bringt, weil er mir helfen will, ist das genauso schlimm.
»Bleibt unten!«, befehle ich. »Mir ist wohler dabei, wenn ich nur auf mich selbst aufpassen muss. Wartet einfach, was passiert.«
»Wir brauchen Euch«, gibt der Mann zurück. »Ihr seid wichtiger als ich es bin. Also seid nicht so uneinsichtig.«
Verblüfft lache ich auf. Wagt er es tatsächlich, mich zu tadeln? »Es ist zu gefährlich. Ich habe gerade versehentlich einen Abwehrmechanismus ausgelöst. Wenn ich nicht auf dem Bauch gelegen hätte, wäre ich von vier Pfeilen getroffen worden. Ich übernehme die Aufgabe also allein.«
Zur Sicherheit spreche ich noch einen Zauber, der ihn daran hindert, die Plattform zu erreichen und ihn sicher auf den Boden zurückbringt. Ich kann nicht sehen, ob mein Spruch funktioniert hat. Nach dem Gemurmel der anderen Männer unten zu schließen, das zu mir dringt, habe ich mich allerdings nicht ganz ungeschickt angestellt. Mit einer Sekunde Verspätung beginnt auch der grauhaarige Soldat, sich zu beschweren. Ich ignoriere seine Einwürfe.
Das Loch wartet immer noch wenig einladend auf meine Entscheidung. Ich entschließe mich, den Abstieg zu wagen. Noch niemals habe ich so viele Zauber gleichzeitig an einer Person angewendet. Das ist einer der Gründe, weshalb ich meinen fleißigen Helfer nicht mitnehmen möchte. Wenn ich die Sprüche verwende, könnte das bereits dafür sorgen, dass ich diese Maschine nicht mehr lebend verlasse.
Der Unsichtbarkeitszauber ist der erste Schritt. Mein Körper zeigt keine Reaktion. Also fahre ich mit dem Zauber fort, der meine Temperatur absenkt, bis meine Körperwärme keine Veränderungen in der Atmosphäre im Inneren verursacht. Zum Glück ist es nicht so kalt, dass ich Erfrierungen befürchten müsste. Dennoch fühlt es sich unangenehm an. Ich kann spüren, wie die Energie in ihr brodelt und nach einer Möglichkeit sucht, meinen Körper zu verlassen. Bleibt noch ein letzter Spruch. Mit dem sorge ich dafür, durch das Gewicht meines Körpers auf dem Boden keine Druckplatten auszulösen. Jeder meiner Schritte wird nun leichter als eine Feder sein, während sich für mich nichts ändert. Ich hoffe, diese Vorkehrungen reichen aus, um mich zu schützen.
Sobald die letzten Silben über meine Lippen gekommen sind, erzittert mein Körper. Die Magie in mir vibriert, wird zu einem Sturm, der sich gegen die übermäßige Anwendung der Sprüche wehrt. In den ersten Sekunden befürchte ich, das sei das Ende. Der Wirbel in mir wird schmerzhaft intensiv. Meine Eingeweide drehen sich um, werden zusammengepresst und gleichzeitig auseinandergezogen. Eine übermenschliche Kraft will sie aus meinem Körper reißen.
Die Angst lähmt mich. Habe ich mich jetzt endgültig übernommen? Habe ich meine Fähigkeiten überschätzt? Möglicherweise hat mein Großvater recht mit seiner Einschätzung, ich sei nicht zu einem guten Zauberer geeignet. Das Selbstvertrauen, das ich mir eingeredet habe, zeigt mir jetzt ganz deutlich, dass es nicht echt ist. Wer bin ich denn schon? Was kann ich denn schon? Wie kann ich denn glauben, die Magie beherrschen zu können?
Panik flutet all meine Sinne. Ich drohe ohnmächtig zu werden, weil ich einfach nicht genug Luft bekomme. Der Schmerz in meinem Inneren überwältigt mich. Obwohl ich weiß, dass ich mich davon nicht beeinflussen lassen darf und alles nur noch schlimmer mache, atme ich hastig ein und aus. Ich befinde mich mitten in einer Spirale, aus der ich mich scheinbar nicht allein befreien kann. Wenn doch nur Elevander bei mir wäre. Er würde die richtigen Worte finden. Wenn Umock bloß nicht verschwunden wäre. Er wüsste, was zu tun ist. Wenn die Verbindung zu Oremazz nur nicht abgerissen wäre. Sein Tadel würde mir die Kraft geben, gegen die Angst anzukämpfen.
Ich schließe die Augen, drücke meine Wange an die glatte Oberfläche des Holzes unter mir. Einatmen. Ausatmen. Konzentrieren. Entspannungsübungen haben bei solchen Anfängen in meiner Jugend geholfen. Nachdem meine Eltern gestorben sind, habe ich oft Panik empfunden. Ich habe sie vermisst, die Wärme, die Geborgenheit, die sie mir geschenkt haben. An der Seite meines Großvaters habe ich mich nicht sicher gefühlt. Als ich zu Elevanders Eltern gekommen bin, habe ich endlich einen sicheren Hafen gefunden. Elevanders Mutter hat mir geholfen, mich zu fokussieren, wenn die Traurigkeit mich verschluckt hat. Allein an sie zu denken, lindert den Schmerz in mir.
Die Magie kommt langsam zur Ruhe. Meine Eingeweide werden nicht mehr durch die Mangel gedreht. Ich kann wieder frei atmen. Die Angst lähmt mich nicht mehr. Dennoch warte ich ein paar Augenblicke, bis ich bereit bin, meine Mission zu beginnen.
Langsam schiebe ich mich näher zu der Öffnung heran und werfe einen Blick in den schwarzen Schacht. Keine Stufen sind zu sehen. Als ich mich aber weiter vorbeuge, entdecke ich an einer Wand eine Leiter, die nach unten führt.
Vorsichtig bringe ich mich in die richtige Position, um hinunterklettern zu können. Ich setze einen Fuß auf die erste Sprosse und halte inne.
Nichts passiert.
Ich belaste das Metall mit meinem Gewicht, das nicht mehr existieren sollte und warte.
Nichts passiert.
Den zweiten Fuß ziehe ich langsam nach, befinde mich jetzt bis zur Hüfte in dem Durchgang.
Nichts passiert.
Um die Anspannung, die meinen Brustkorb in enger Umklammerung hält, loszuwerden, atme ich ein paar Mal tief durch. Dann erst beginne ich mit dem Abstieg.
Nach jeder Sprosse halte ich kurz inne und lausche. Mit jedem weiteren Schritt wird mein Herzschlag ruhiger. Ich sehe nach oben. Die Leiter muss bald enden. Die Höhe kann ich nur schätzen, aber ich sollte den Boden des Geräts demnächst erreichen. Aus Angst, mich durch ein Geräusch zu verraten, gehe ich ein anderes Risiko ein und spreche einen Zauber, der mich lautlos macht. Selbst wenn ich jetzt einen überraschten Schrei von mir geben würde, könnte ihn niemand hören.
Es ist so unglaublich still hier drinnen. Die Dunkelheit streckt ihre Finger nach mir aus. Ich bereue, keinen Lichtstein mitgenommen zu haben. Unter mir gähnt eine unheimliche Leere. Nicht einmal der Rand des Tunnels nach unten ist noch zu erkennen. Ich befinde mich mitten im Nichts.
Mein Fuß tastet nach der nächsten Sprosse. Je länger ich mich in diesem Abstieg befinde, desto mehr habe ich den Eindruck, die Wände rücken näher an mich heran. Möglicherweise wird es auch nur in meiner Brust eng. Ich steige noch einmal tiefer, merke, immer langsamer zu werden.
›Du bist kein Feigling‹, flüstere ich mir selbst zu. ›Benimm dich nicht wie einer.‹
Noch eine Sprosse, dann strecke ich den Fuß nach unten. Plötzlich spüre ich eine glatte Fläche unter meinen Schuhen. Ich bin am Boden der Maschine angelangt.
Ratlos bleibe ich stehen, nachdem ich mich umgedreht habe. Meine Augen gewöhnen sich nach und nach an die Dunkelheit. Dennoch kann ich nicht mehr als Schatten ausmachen. Befinde ich mich in einem großen Raum? Ist er leer oder befindet sich ganz in der Nähe die Mechanik, die die Magie absorbiert? Bin ich allein?
Ich strecke meine Arme aus und mache einen Schritt nach vorne, streife dabei mit den Füßen über den Boden, um nicht versehentlich über etwas zu stolpern. Währenddessen bewege ich meine Arme langsam von links nach rechts, um auch in dieser Höhe nichts zu verpassen. Schließlich muss ich den anderen Fuß nachziehen. Ich weiß nicht, ob ich froh sein soll, dass sich nichts in meinem Weg befindet.
Die Stille schmerzt in meinen Ohren. Ich kann keinen Laut mehr von draußen hören. Meine Schuhe streifen nur leicht über den Boden, erzeugen durch den Lautlosigkeitszauber kein wahrnehmbares Geräusch. Dennoch erwarte ich, jemand könnte aufschrecken, der sich hier drinnen befindet.
Hätte jemand, der sich hier drinnen versteckt, nicht ohnehin den Kampf bemerkt? Wäre er nicht nach draußen gekommen, um zu sehen, was vor sich geht? Hätte jemand im Inneren der Maschine gewartet, bis wir wieder verschwinden? Wäre ihm das Schicksal seiner Truppe egal? Wieso sollte überhaupt jemand hier drinnen sein? Um das Gerät zu warten? Um zu überprüfen, ob es funktioniert? Braucht es einen Menschen, um die Maschine zu überwachen, oder würde so eine Tätigkeit von etwas übernommen werden? Selbst wenn es sich um ein Ding statt einer Person handeln sollte, ergibt es keinen Sinn, hier drinnen jemanden zu erwarten.
Auch wenn die Gefahr besteht, dass dieser Raum überwacht wird, beschließe ich, einen Lichtzauber anzuwenden. Das Risiko, dadurch in Schwierigkeiten zu geraten, ist meiner Einschätzung nach gering. Man kann mich nicht sehen, selbst wenn ein Beobachter auf das Licht aufmerksam werden sollte. Ich habe jedoch bessere Chancen mit guter Beleuchtung, also kann ich nur gewinnen.
Ich sage den Spruch lautlos. In der nächsten Sekunde flammt Helligkeit vor mir auf. Geblendet kneife ich die Augen zusammen und drehe den Kopf zur Seite. Ich nehme mir ein paar Sekunden, bis sich meine Augen an die Lichtverhältnisse gewöhnt haben. Dann sehe ich mich um.
Der Raum ist ungefähr fünfzehn Fuß lang und fünf Fuß breit. Ich befinde mich keine zwei Fuß von der Leiter entfernt. Weit habe ich es also nicht geschafft. Der Raum ist bis auf eine Säule in seiner Mitte leer. Die Wände sind glatt und in der seltsam braunen Holzoberfläche gestaltet, die ich von der Plattform oben kenne. Nur der Boden scheint aus Stein zu bestehen.
Langsam bewege ich mich näher auf die Säule zu. Ich nehme an, darin befindet sich das Geheimnis, wie diese Maschine funktioniert. Je näher ich komme, umso aufgeregter werde ich. Hoffentlich gelingt es mir, das Rätsel rasch zu lösen. Ich muss diese Gefahr bannen, damit wir die anderen Truppen unserer Feinde ausschalten können.
Die Säule wirkt massiv, aus derselben Holzplatte ohne Risse gefertigt, ohne Nägel, ohne Zusammenstöße. Ob sie lediglich dazu dient, das Gewicht der Maschinenteile über mir zu stützen?
Es muss sich um eine optische Täuschung handeln, erzeugt durch einen Zauber wie die Oberfläche der Plattform an der Oberseite des Gerätes. Ich bleibe in der Entfernung von drei Schritten vor der Säule stehen. Mein Blick tastet die Wände noch einmal ab. Als ich oben den Abstieg geöffnet habe, wurde ich beinahe getötet. Hier unten könnte es den gleichen Schutzmechanismus geben. Selbst wenn ich ihn nicht sehe, könnte ich mich in Gefahr bringen.
Auch beim näheren Hinsehen wirken die Wände rund um mich glatt und ohne Fallen. Dennoch vertraue ich nicht darauf, dass tatsächlich keine Sicherheitsvorkehrungen eingesetzt worden sind. Ich gehe auf die Knie und sehe mich noch einmal um. Der geänderte Blickwinkel lässt mich auch nichts erkennen. Schließlich lege ich mich flach auf den Boden und sage den Zauberspruch auf. Die Säule wirkt unverändert.
Als ich den Kopf hin und her bewege, kann ich erkennen, dass in eineinhalb Fuß Höhe über dem Boden ein Teil der Säule durchsichtig ist. Es scheint, als würde in der Holzkonstruktion ein quadratischer Schaukasten existieren. Ich überlege, ob ich das Risiko eingehen kann, das Innere näher zu begutachten. Langsam richte ich mich wieder auf, fühle mich, als würde ich auf Eiern stehen – eine falsche Bewegung und etwas geht zu Bruch. In meinem Fall handelt es sich dabei um mein Leben.
Immer wieder halte ich inne und versuche, mein schnell klopfendes Herz zu beruhigen. Wenn das Blut in meinen Ohren rauscht, bin ich nicht in der Lage, eine Bedrohung rechtzeitig zu hören.
Dann habe ich mich endlich in eine Position geschoben, von der aus ich durch das Glas blicken kann. Der Schaukasten beinhaltet einen weiteren Stein. Der sieht allerdings ganz anders aus als die Brocken, die an der Oberseite der Maschine befestigt gewesen waren. Das Ding hinter dem Glas ist ungefähr faustgroß und völlig schwarz. Silbrige Sprenkel brechen das Licht, mit dem ich mich hier drinnen orientiere. Sollte es sich bei diesem Stein um das Herz des Gerätes handeln? Zieht das hier die Magie an? Kann ich mit der Entfernung dieses Steins die Maschine funktionsunfähig machen?
Ich werde es testen müssen. Etwas anderes bleibt mir nicht übrig. Ich muss riskieren, den Stein zu berühren, auch wenn ich mich bei dem Gedanken nicht wohlfühle. Irgendwie muss ich dieses Ding transportieren. Damit es keinen Schaden anrichten kann, brauche ich einen magiesicheren Zauberkasten. In den Büchern meines Großvaters bin ich auf etwas Ähnliches gestoßen. Da wird beschrieben, wie man einen bereits vorhandenen Behälter mit einem Zauber versieht, damit darin Gefahrengut sicher verschlossen werden kann. Durch den Spruch kann ein Außenstehender das Behältnis nicht mehr öffnen, selbst wenn er Energie einsetzen sollte. Der Gegenstand, der darin aufbewahrt wird, verliert seine Magie. Es ist das, was ich brauche.
Allerdings habe ich kein Kästchen bei mir. Nicht einmal einen Rucksack. Alles, was sich in meinem Besitz befindet, trage ich an meinem Körper. Meine Kleidung kann ich nicht verwenden. Und sonst habe ich nichts … Mein Blick fällt auf den Wasserbeutel an meinem Gürtel. Der wird seine Aufgabe hoffentlich erfüllen.
Ich sage den Spruch, um den Beutel mit der notwendigen Magie auszustatten. Dann richte ich mich ein wenig weiter auf. Der Schaukasten besitzt auf einer Seite einen kleinen Griff. Vorsichtig strecke ich meine Finger danach aus. Bevor ich ihn berühre, halte ich allerdings inne.
Als ich an der Oberseite des Geräts am Eisenring gezogen habe, wurden die Pfeile auf mich abgeschossen. Wenn es auch hier eine Sicherheitsvorkehrung gibt, dann ist bestimmt der Moment, in dem ich den Schaukasten öffne, der gefährlichste. Meine Arme sind nicht lang genug, damit ich den Griff erreichen kann, wenn ich mich auf dem Boden befinde. Dennoch möchte ich kein Risiko eingehen. Ich lege mich flach hin und murmle einen Spruch, der den Schaukasten öffnen soll. Angespannt warte ich ab.
Die Tür des Kastens bewegt sich nicht. Anscheinend hat mein Zauber nicht ausgereicht, um sie in Bewegung zu versetzen. Ich konzentriere mich und setze mehr Energie ein, um die Glastür zu öffnen. Das Glas vibriert. Schon befürchte ich, erneut gescheitert zu sein. Da gibt es nach und schwingt auf. Im gleichen Augenblick zischen zwei Pfeile über mich hinweg und bleiben im Holz der Säule stecken. Auch aus der anderen Richtung wurden zwei Pfeile abgefeuert, von denen ich annehme, sie sind auf dem gegenüberliegenden Teil der Säule eingeschlagen.
Hoffentlich handelt es sich dabei um die einzigen Sicherheitsvorkehrungen. Vorsichtig richte ich mich auf, sehe mich nach allen Seiten um, ob von irgendwoher weitere Gefahr droht. Schließlich strecke ich die Hand aus, um sie durch den Spalt der geöffneten Tür zu schieben und nach dem Stein zu greifen, der sich im Inneren befindet. Mein Herz rast, als ich die kühle, raue Oberfläche an meinen Fingerspitzen fühle. Ich mache noch einen Schritt nach vorne und schließe meine Finger um den Stein.
Bevor ich ihn anhebe, warte ich ab, ob irgendetwas geschieht. Ich lausche, ob mir ein Klicken verrät, einen Mechanismus in Gang gesetzt zu haben. Es bleibt still, weshalb ich die angehaltene Luft ausstoße. Langsam kippe ich den Stein. Noch berührt er an einer Stelle die Konstruktion, auf der er abgelegt worden ist. Daran will ich so lange wie möglich nichts ändern, um auf jede Art von Gefahr reagieren zu können, die durch das Entfernen des Steins entsteht.
Ein Knacken ertönt über mir. Ich weiß nicht, woher genau es stammt. Noch ein seltsames Knirschen. Ob ich so lange gebraucht habe, dass der Soldat, der mir unbedingt helfen wollte, auf das Gerät geklettert ist? Verursacht er das Knarren, das in Abständen von zwei, drei Sekunden erklingt? Oder geht etwas anderes vor sich?
Angestrengt lausche ich, halte die Luft an und sehe mich um. Wieder dieses Knacken. Als würde Holz nachgeben. Nein, dabei kann es sich nicht um das Echo von Schritten handeln. Ein Rumpeln erklingt in der Konstruktion über meinem Kopf. Ein Vibrieren läuft durch das Holz und breitet sich zu der Stelle aus, auf der ich stehe. Eine Erschütterung verursacht andere, gefährlich klingende Geräusche in der gesamten Maschine. Das gefällt mir gar nicht.
Ich warte nicht ob, wie sich die Sache weiterentwickelt. Stattdessen schnappe ich mir den Stein, werfe ihn in den Beutel an meiner Seite und transportiere mich nach draußen. Die anderen sind inzwischen näher an das seltsame Gerät herangetreten, weshalb ich hinter ihnen zu stehen komme. Meine Zauber machen mich immer noch unsichtbar, sodass mich niemand bemerkt.
Bevor ich der Magie befehlen kann, mein Gewicht, meine Temperatur und meine Sichtbarkeit wieder zu normalisieren, stürzt die Maschine unserer Gegner in sich zusammen. Staub wirbelt auf. Ich spreche hastig einen Zauber, der ungeschützte Energieausbreitung verhindern soll, und der die Staubentwicklung eindämmt.
Die Männer schreien auf, ziehen sich hastig zurück. Ich kann besorgte Gesichter erkennen. Der Ausdruck in den Augen unseres Fürsten wirkt regelrecht schockiert. Trauert er, weil er denkt, ich würde mich noch immer in der Maschine befinden? Oder überlegt, was werden soll, wenn ich nicht mehr in der Lage bin, unserer Sache zu dienen?
»Es ist mir nichts passiert«, erkläre ich und beschließe, mir nicht zu viele Gedanken darüber zu machen, welchen Stellenwert ich für ihn haben könnte. »Ich habe mich rechtzeitig aus dem Ding transportiert.«
Niemand reagiert. Die Männer tuscheln und senden ratlose Blicke an Manekas, der den Berg aus Holz anstarrt. Die Maschine ist unbrauchbar. Ob sie tatsächlich wirkungslos ist, kann allerdings niemand genau sagen.
»Wir sollten unsere Soldaten lieber von hier wegbringen«, wende ich mich an unseren Fürsten und trete vor ihn. »Der Einsturz der Maschine könnte unsere Gegner anlocken. Ich habe zwar den Stein an mich genommen, in dem sich die Magie konzentriert haben könnte. Sicher bin ich mir allerdings nicht, dass nicht doch Energie austreten könnte, die uns alle in Gefahr bringt.«
Er ignoriert mich und sieht durch mich hindurch.
Mir wird klar, immer noch nicht sicht- und hörbar zu sein. Rasch spreche ich einen Spruch, der alle Zauber aufhebt, die auf mich einwirken. Dann wiederhole ich meine Worte.
Manekas zuckt zusammen und stolpert beinahe über seine Füße. Schließlich zeigt sich Erleichterung auf seinen Zügen. »Ihr habt mir einen Schrecken eingejagt. Was für eine Erleichterung, dass Ihr aus diesem Ding entkommen seid. Als ich die Reste gesehen habe, dachte ich, die Konstruktion hätte Euch erschlagen.«
»Ich hatte mich zum Glück schon davor transportiert. Allerdings war ich unsichtbar. Lasst uns jetzt keine Zeit mehr mit Erklärungen vergeuden. Ich hoffe, unsere Armee hat die Sachen unserer Feinde durchsucht. Wir müssen von hier weg. Alles in mir drängt darauf, zur Basis zurückzukehren. Auf meine innere Stimme ist eigentlich Verlass.«
»Dann wollen auch wir darauf hören.« Manekas gibt ein Zeichen, damit seine Ratgeber zu ihm treten. Er teilt ihnen mit, dass wir unverzüglich aufbrechen müssen. Die hohen Herren geben die notwendigen Anweisungen weiter. Wenige Augenblicke später haben sich unsere Verbündeten bei den Portalen versammelt.
Aufgeregt laufe ich die Portale entlang und wende bei jedem einen Zauber an, der sie bei unserer Basis enden lässt. Die Menge an Soldaten, die dort eintreffen wird, ist zu groß, um alle in den Hütten unterzubringen. Dennoch will ich nicht riskieren, noch einmal die Verbindung zu den einzelnen Truppen zu verlieren. Ich weiß nicht, ob Umocks Magie uns noch vor der Entdeckung unserer Feinde beschützt. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir im Basislager sicher sind, ist allerdings höher, als wenn ich die Soldaten an ihren Ausgangspunkt zurückreisen lassen würde.
Es dauert einige Minuten, in denen die Sorge wie ein schwerer Stein in meinem Magen liegt, bis wir die Lichtung verlassen haben. Ich bin die letzte Person, die einen Blick zurückwirft. Die Soldaten haben unsere Verletzten, die überlebenden Soldaten unserer Gegner und die vier Steine von der Oberfläche der Maschine bereits abtransportiert. Wir haben weitere, mit einem Zauber belegte Tücher verwendet, damit die vier großen Steine nicht zu einer Bedrohung werden können. Der letzte Stein, der das geheimnisvolle Gerät gefestigt hat, befindet sich im Beutel an meinem Gürtel. Die Maschine scheint damit ausgeschaltet zu sein.
Dennoch empfinde ich eine Unruhe, die ich mir nicht erklären kann. Ich habe Angst, etwas zu übersehen, weshalb ich die Lichtung unsichtbar noch einmal überquere und mich umsehe. Die Taschen und privaten Gegenstände unserer Feinde wurden durchsucht. Auf den ersten Blick hat sich nichts offenbart, das uns beim Kampf gegen unsere Feinde hilfreich sein kann. Sobald ich zurück im Lager bin, werde ich dennoch alles in Ruhe durchsehen, um mir ein genaues Bild der Männer machen zu können, die es sich in den Kopf gesetzt haben, unseren Kontinent für sich einzunehmen. Ich will wissen, was sie antreibt, welche Sorgen und Hoffnungen sie ausmachen. Möglicherweise kann ich dadurch einen Weg finden, sie zu besiegen.
Schließlich stehe ich vor der Maschine, die beinahe zu einer Todesfalle geworden wäre. Ich habe sie mit Hilfe von Zauber durchsucht, während die Männer sich auf den Aufbruch vorbereitet haben. Magie hat mir geholfen, die Holzbretter zu durchleuchten, die jetzt, da sie nicht mehr durch die von der Maschine ausgehenden Energie zusammengehalten werden, ihre makellose Oberfläche verloren haben. Jetzt kann ich Rillen, Astlöcher und einzelne Bretter erkennen. Feder und Nut haben die Verkleidung an manchen Stellen zusammengehalten. In anderen Teilen stecken Nägel. Die Konstruktion ist nicht so makellos, wie sie mir erscheinen sollte. Seit Magie meinen Blick geklärt hat, weiß ich genau, dass ich das Gerät problemlos hätte auseinanderbauen können. Es hat sich lediglich um eine optische Täuschung gehandelt, die Eindruck schinden sollte. Ich habe mich zu sehr auf das verlassen, was sich vor meinen Augen befunden hat.
Möglicherweise kann ich diese Erkenntnis auch bei unseren Feinden anwenden. Sie und ihre Pläne stellen ein Rätsel für uns dar. Wir können nicht erkennen, was sie so stark, furcht- und gnadenlos macht. Sie zeigen uns lediglich ein Bild, das uns in Angst versetzen soll. Doch wenn wir ihnen die Magie wegnehmen, wenn wir sie entzaubern, dann können wir einen Weg finden, wie sie zu besiegen sind.
Ein letztes Mal durchleuchte ich die Reste der Maschine, um sicherzugehen, dass nicht doch noch ein Stein im Gerümpel verborgen ist. Auch andere Gegenstände präsentieren sich nicht meinem Blick. Ich habe nichts übersehen, was noch Energie in sich tragen könnte. Also schließe ich die Augen und konzentriere mich. Noch einmal sauge ich die Macht der Götter ein, die in der Luft liegt und mich mit neuer Stärke füllt. Denn spreche ich einen Zauber, der die Toten und das seltsame Gerät in ihrer Mitte verschwinden lässt. Magie verbirgt sie nun vor den Blicken von zufällig vorbeikommenden Wanderern. Selbst wenn jemand mitten auf die Lichtung treten würde, wird sein Fuß an keinem Hindernis anstoßen. Ich bin in der Lage, die Leichen und die Trümmer der Maschine zu erkennen. Für den Rest der Welt existieren sie nicht mehr. Ich wünschte, es wäre so leicht, das Geschehene auch aus meinem Kopf zu verbannen.
3. Kapitel
Müde reibe ich über meine Augen und versuche, meine verschwommene Sicht zu klären. Schon seit Stunden sichte ich nun das Material. Dank einiger Zeichnungen und Skizzen im Besitz der Gegner bin ich nun sicher, die Dörfer auf dem Kontinent unserer Feinde sehen so aus, wie das, das ich in meiner Vision besucht habe. Die Zeichen auf dem Papier ergeben immer noch wenig Sinn. Von den Bildern von Pflanzen, die neben Grabsteinen wachsen, nehme ich allerdings an, veränderte Umweltbedingungen haben das Leben der Menschen unwiderruflich verändert. Da es sich bei den Soldaten um immer neue Kopien eines bestimmten Soldaten handelt, entdecke ich viele Zeichnungen, die sich aufs Haar gleichen. Kleine Abweichungen erzählen unterschiedliche Varianten der gleichen Geschichte. Diese berührt mich mehr, als ich zugeben möchte.
Die Menschen leiden Hunger. Kinder sterben, ohne Hilfe von ihren Eltern bekommen zu können. Krankheiten wüten, gegen die man aufgrund von Mangelerscheinungen nichts entgegenzusetzen hat. Ohne fruchtbares Land werden die Menschen auf dem anderen Kontinent sterben.
Das rechtfertigt nicht, dass sie uns heimsuchen und uns nehmen wollen, was uns gehört. Ihre Vorgehensweise kann ich nicht gutheißen, auch wenn ich verstehe, warum sie sich in diesen Krieg gedrängt fühlen.
Als ich eine der Papierrollen anfasse, die besonders reich verziert ist, verändert sich plötzlich meine Wahrnehmung. Ich werde in eine Vision gezogen, gegen die ich mich nicht wehren kann. Durch die Augen des Fürsten kann ich eine große Hütte sehen. Kompliziert geknüpfte Teppiche mit wunderschönen Bildern hängen an der Wand. Die Kleidung der Frau ist aus feinem Stoff gemacht. Dennoch hat sich Sorge in ihre attraktiven Gesichtszüge gegraben. Offensichtlich hat sie stark an Gewicht verloren. Ihre Augen haben einen fiebrigen Glanz.
Sie wendet sich zu mir um. »Es geht dem Ende zu«, presst sie hervor. Ihre Gestalt verhindert eine gute Sicht auf das Lager hinter ihr.
»Das kannst du nicht wissen.« Die Stimme stammt von mir. Von ihrem Mann, in dessen Körper ich geschlüpft bin.
»Er hat keine Kraft mehr, um zu kämpfen.« Tränen treten in die Augen der Frau. »Verabschiede dich von deinem Sohn, bevor es zu spät ist.«
»Nein!« Die Gefühle des Fürsten dringen auf mich ein. Seine Angst vor Verlust, seine Fassungslosigkeit, seine Wut erfüllen mein Herz als wären sie meine eigenen. »Ich habe eine zusätzliche Ration Heilkräuter vom Magier besorgt. Bereite daraus einen Brei, der seine Schmerzen lindern wird. Noch ist es nicht vorbei.« Er wirft einen Beutel auf den Tisch neben sich.
»Ich habe ihm bereits mehr Brei eingeflößt, als ich verantworten kann. Die Götter verlangen ein weiteres Opfer. Sie werden Mmmussmisu holen kommen. Heute Nacht. Ich kann es fühlen. Du musst ihm die Erlaubnis erteilen, diese Welt zu verlassen, sonst muss er hundert Leben in der Hölle verbringen.« Flehend streckt sie die Hand nach mir aus.
Ihr Mann schüttelt den Kopf. »Ich bin noch nicht bereit.« Sein Tonfall verändert sich. Schmerz dringt aus jedem Laut.
Seine Verzweiflung spiegelt sich in den Augen der Frau. »Das verstehe ich. Wenn ich könnte, würde ich dir diese Aufgabe abnehmen. Leider kannst nur du sie als Herr des Hauses und unser Herrscher übernehmen.«
Noch niemals hat er diese Tatsache so sehr gehasst wie gerade! »Es ist zu früh.«
»Es gibt keinen anderen Weg mehr. Hätten wir die Warnzeichen vielleicht früher entdeckt, könnte ihm noch geholfen werden können. Hätte unser Magier früher begonnen, die Armee zusammenzustellen, würden wir unter Umständen rechtzeitig Lebensmittellieferungen erhalten.«
»Die Vergangenheit kann nicht geändert werden. Dafür haben die Götter gesorgt. Bis vor Kurzem habe ich nicht an ihren Entscheidungen gezweifelt. Doch heute …« Endlich tritt er zu dem Lager und lässt sich daneben nieder.
Beim Blick auf das kleine Kind, das auf der Matratze liegt, wird meine Brust zusammengedrückt. Es wirkt so ausgemergelt und krank. Jeder Atemzug kostet ihm offensichtlich viel Kraft. Dennoch liegt ein leiser Frieden auf seinem Gesicht. Anscheinend wirkt der Brei schmerzlindernd. Der Junge hat sein Schicksal akzeptiert.
Wut regt sich in mir, weil ich meinem Sohn nicht helfen kann. Hass auf die Bewohner eines fernen Landes, von denen unser Magier erzählt hat und die im Überfluss leben, lässt mich erzittern. Ich möchte aufspringen und ihnen sofort dringend benötigte Nahrung entreißen, die mein Kind retten könnten.
Mmmussmisu öffnet völlig unerwartet die Augen und sieht sich um. Erst wandert sein Blick ohne Halt durch den Raum, als hätte ihm die Unterernährung das Augenlicht geraubt. Dann sieht er mich direkt an. Ein leichtes Lächeln hebt seine Mundwinkel.
Mein Herz schmerzt so sehr, dass ich losbrüllen möchte. Ich hasse es, ihn in diesem Zustand zu erleben. Die Wahrheit lässt sich allerdings nicht länger verleugnen. Er wird uns verlassen. Jetzt. Und ich kann nichts dagegen tun.
Meine Kehle ist wie zugeschnürt. Ich rücke näher an ihn heran und greife nach seiner Hand. »Mein geliebter Sohn. Die Götter verlangen nach dir im Himmel.«
Neben mir schluchzt meine Frau auf. Ich habe keine Kraft, um sie zu trösten.
»Du warst mir ein guter Sohn. Dein kurzes Leben lang hast du nichts falsch gemacht. Ich bin stolz, dein Vater zu sein. Nun muss ich dich ziehen lassen. Ich entbinde dich von deinen Pflichten mir gegenüber. Du darfst gehen.«
Ein Ausdruck von Erleichterung huscht über sein Gesicht. Dann atmet er tief aus. Voller Angst warte ich ab, doch er holt nicht noch einmal Luft. Er hat sein Leben ausgehaucht.
Der Schmerz des Soldaten ist der meine. Ich bin allerdings nicht in der Lage, die Trauer weiter mit ihm zu durchleben. Zu sehr erinnert sie mich an all den Verlust, mit dem ich zurechtkommen muss. Endlich gelingt es mir, mich aus der Vision zurückzuziehen.
Zusammengerollt bleibe ich am Boden liegen. Tränen laufen über meine Wange. Ich vermisse Elevander, dessen Ruhe mir in diesem Moment Kraft schenken würde. Ich vermisse Umock, der mich mit einem frechen Kommentar ablenken könnte. Ich vermisse mein altes Leben, in dem ich mir über die Gründe feindlicher Soldaten und Herrscher, warum sie unser Land überfielen, keine Gedanken machen musste.
Die Einsamkeit hinterlässt ein klaffendes Loch in meiner Brust. Es muss mir dringend gelingen, diesen Schmerz zu verarbeiten und in mir einzuschließen. Er darf meine Handlungen nicht beeinflussen. So viele Menschen verlassen sich auf mich. Der Druck ist unglaublich hoch. Ich darf nicht darunter zusammenbrechen.
Ein paar Minuten, die ich heulend auf den harten Holzdielen liege, sollten mir vergönnt sein. Ich werde verdrängen, dass die Soldaten, die über uns herfallen, eigene Leben hatten, sie von eigenen Problemen geschlagen waren, ganz eigene Gründe haben, warum sie nicht scheitern dürfen. Es ist zu viel für mein Herz. Doch es gibt niemanden, dem ich mich anvertrauen kann. Das tut mehr weh als alles andere.
»Es ist an der Zeit. Seid Ihr bereit?« Manekas sucht meinen Blick. Hinter uns drängen sich unsere Truppen zusammen. Lediglich das leise Knarzen der Rüstungen ist zu hören. Hin und wieder klirrt eine Waffe, wenn ein Soldat seine Haltung korrigiert. Gebannte Spannung liegt in der Luft und lässt keinen von uns unberührt.
Ich nicke grimmig. Nein, ich bin nicht bereit. Weder für das, was wir vorhaben, noch für das, was dadurch geschehen wird. Die Einsamkeit und Traurigkeit, weil ich das alles ohne Elevander und Umock durchstehen muss, frisst sich in meine Eingeweide. Alles, was es über unsere Feinde in diesem Lager zu erfahren gab, habe ich in mich aufgesogen. Nun habe ich ein ungefähres Bild ihres Landes, ihres Lebens, ihrer Vergangenheit. Was sie sich hier auf diesem Kontinent erhoffen, hat mir der gegnerische Soldat verraten, bei dessen Befragung ich die Nerven verloren habe. Jetzt wird sich bald zeigen, welche Zukunft sie in unserer Heimat erwartet. Ich hoffe, dass sie nicht lange andauern wird.
Zwischen den Zweigen eines Busches hindurch werfe ich einen Blick auf das gegnerische Lager, das wir überfallen wollen. Leider liegt es nicht so gut versteckte wie das, das wir zuvor aufgesucht haben. Wir können uns nicht ungesehen nähern. Denn zwischen dem Waldstück, in dem unsere gesamte Armee sich versteckt, und dem Lager liegt eine unbewachsene Fläche von mehreren Fuß. Sobald wir zwischen den Bäumen hervortreten, befinden wir uns auf dem Präsentierteller. Wir können unmöglich ungesehen bis zu unseren Gegnern gelangen. Selbst wenn es mir gelingt, uns alle gleichzeitig unsichtbar zu machen, hält der Effekt bei der Menge an Soldaten, auf die ich meinen Zauber anwenden muss, nicht lange genug an.
Manekas’ Ratgeber haben mehrere Varianten eines Ablenkungsmanövers besprochen. Schließlich ist die Wahl auf den Vorstoß einer kleinen Truppe von Soldaten gefallen, für die ich ein Portal hinter sieben Sträuchern direkt neben dem Lager erschaffen soll. Sie werden sich auf unsere Gegner stürzen, damit die unser Vorrücken nicht sofort bemerken.
Es handelt sich um ein Himmelfahrtskommando. Die Männer werden keine Chance gegen die Übermacht unserer Feinde haben. Sie werden innerhalb kürzester Zeit niedergemetzelt werden. Dennoch haben sich einige Soldaten freiwillig gemeldet. Sie scheint kein Zweifel zu quälen, es könnte eine andere Wahl geben, um die Eindringlinge zu verscheuchen. Für mich gilt diese Überzeugung von dem lückenhaften Plan nicht.
Ich habe die Idee für riskant gehalten, aber möglicherweise bleibt uns keine andere Wahl. Vielleicht müssen wir einige unserer Soldaten opfern, um unsere Feinde überwältigen zu können. Nein, der Gedanke will nicht in meinen Kopf. Alles in mir wehrt sich gegen die Vorstellung, wir könnten nur siegen, wenn wir unsere Männer in den unausweichlichen Tod schicken. Erst habe ich versucht, eine Illusion zu erschaffen. Es sollte so aussehen, als würden sich die Soldaten an einem anderen Ort aufhalten, um unsere Gegner abzulenken. Leider hat die Täuschung nicht länger als ein paar Sekunden angehalten.
Auf Situationen wie diese bin ich nicht vorbereitet. Ich habe mich lediglich auf das Erlernen von Sprüchen konzentriert, habe mich mit den Finten der Kriegsführung nie auseinandergesetzt. Welcher Weg der richtige ist, kann ich nicht entscheiden. Mein Großvater hätte diese Rolle übernehmen sollen. Er wäre dafür zuständig, jetzt den geeigneten Rat zu geben. Doch er hat mich im Stich gelassen. Schon bevor durch Umocks Verschwinden die Verbindung zu Oremazz abgerissen ist, hatte ich nicht mehr das Gefühl, mich auf ihn verlassen zu können. Ich habe begonnen, an ihm zu zweifeln. Ich ahne, er hätte auch kein Problem damit, den Tod einiger Weniger für das große Ganze in Kauf zu nehmen. Er würde sich nicht mit der Schuld belasten, die er mit der Billigung dieses Plans auf seine Schultern lädt.
Verrückterweise denke ich, Umock würde sich nicht auf diese Idee einlassen. Wieso ich davon so überzeugt bin, kann ich nicht sagen. Vermutlich höre ich eine Stimme in meinem Herzen, die immer noch daran glauben will, dass er kein bösartiges Wesen ist und etwas Gutes in ihm steckt. Ich muss mich selbst daran erinnern, dass er mich verlassen hat, dass er gegangen ist, ohne mich darüber zu informieren, ohne uns den Schutz zu bieten, den er uns versprochen hat. Er hat mich enttäuscht und mein Herz gebrochen. Ich sollte in einem Moment wie diesem gar nicht an ihn denken.
Dennoch sehne ich ihn an meine Seite herbei. Ich vermisse ihn. Seine Frechheit. Seine Herausforderung. Seine Fähigkeit, mich zur besten Version meiner selbst zu machen. Auf sein Urteil habe ich mich vor Kurzem noch blind verlassen. Wenn er behauptet hätte, es gäbe keinen anderen Weg, hätte ich ihm geglaubt. Aber er hätte mir einen Ausweg aufgezeigt. Zweifellos hätte er eine andere Möglichkeit gefunden, mit dieser verfahrenen Situation umzugehen. Er hätte seine Armee von Nebelseelen eingesetzt, um die gegnerischen Soldaten zu bekämpfen. Er hätte Nebel verwendet, um unsere Feinde zu verwirren …
»Wartet!«, fordere ich aufgeregt. »Einen Augenblick, bevor wir tun, was Ihr mir aufgetragen habt. Vielleicht gibt es eine Möglichkeit, das Leben der Freiwilligen zu verschonen.«
Manekas fragt nicht nach. Er vertraut mir, ohne zu wissen, was ich geplant habe. Das ist etwas, wofür ich ihm später danken muss. Jetzt allerdings muss ich die Magie in mir versammeln und einen Zauber versuchen, der alle Energie benötigen wird, die ich aus der Luft aufsaugen kann.
Ich schließe die Augen, um alles um mich herum auszublenden. Mein Herz brennt mit Sehnsucht nach Umock, doch ich schiebe den Gedanken an ihn beiseite. Er hat mir die Idee für diesen Zauber geschenkt. Alles andere darf jetzt keine Rolle spielen. Meine Gefühle für ihn müssen verblassen, auch wenn sie jetzt noch wie Flammen in meinem Herzen lodern.
Die Luft um mich herum wirkt wie elektrisiert. Unsere Gegner haben offensichtlich von der Zerstörung des mysteriösen Geräts nichts bemerkt. Sie gehen ihren üblichen Tätigkeiten in Lagern nach. Für mich hat sich allerdings etwas verändert. Die Energie, die ich vor dem heutigen Tage um mich herum gespürt habe, fühlt sich jetzt viel intensiver an. Hätte ich diese Erfahrung gemacht, wenn ich meine Zauberlehre begonnen hätte, bevor unsere Feinde die dunkle Wolke über unseren Kontinenten geschoben haben? Sind sie in der Lage gewesen, unsere Magie zu beschneiden, auf die ich jetzt endlich ungehindert zugreifen kann?
Diese Kraft ist so viel stärker als die, die ich nach der Anrufung der Götter erhalten habe. Wieder fehlt mir der passende Spruch, mit dem ich den von mir geplanten Zauber wirken kann. Dieses Mal suche ich allerdings nicht nach Worten, die ich für meine Bedürfnisse abwandeln kann. Nun wage ich etwas, das eigentlich den Großen Zaubermeistern vorbehalten ist. Ich lasse die Magie durch mich wirken, lasse mir die notwendigen Worte vom Universum eingeben. Wenn die Götter auf unserer Seite sind, werden sie mich unterstützen und mir die Macht geben, die ich benötige.
Der Spruch steht plötzlich deutlich vor meinen Augen. Ich murmle ihn leise, lege alle Magie, zu der ich fähig bin, in die Worte. Mein Körper erzittert, doch ich halte die Vibrationen aus, stelle mich dieses Mal aus freiem Willen als Werkzeug für die Energie der Götter zur Verfügung. Die Magie fließt durch mich hindurch, strahlt ins Freie, leuchtet weiter, bis ich glaube, keine Kraft sei mehr in mir selbst enthalten.
Hinter mir höre ich jemanden verwundert murmeln. Ich kann an den Auren der Soldaten um mich herum spüren, dass sie es mit der Angst zu tun bekommen. Habe ich versagt? Hat mein Spruch nicht funktioniert? Sind wir bemerkt worden?
Besorgt reiße ich die Augen auf und sehe mich um. Unsere Truppen scheinen nicht in Gefahr. Unsere Gegner allerdings springen auf und starren auf den Boden. Einige klettern auf die Baumstämme, die sie als Sitzmöglichkeit genutzt haben. Die Aufregung nimmt zu. Jetzt ist deutlich sichtbar, was sie verunsichert.
Aus der Erde steigt Nebel auf. Nicht so dicht und intensiv, wie von mir geplant. Mein Spruch hat dennoch funktioniert. Die Dunstwolken, die sich langsam aus dem niedergetrampelten Gras erheben, breiten sich im ganzen Lager aus. Die Krieger wissen nicht, was mit ihnen passiert.
»Ein kluger Schachzug, die Fähigkeiten des Königs zu verwenden«, sagt Manekas zufrieden. Bevor ich ihn korrigieren kann, sieht er mich fragend an. »Jetzt?«
Ich schüttle den Kopf. Es spielt keine Rolle, ob unser Fürst weiß, dass ich den Zauber erschaffen und etwas getan habe, von dem ich nicht einmal geahnt habe, dass ich dazu in der Lage bin. Wir müssen die Gelegenheit nutzen, bevor unsere Feinde herausfinden, wieso der Nebel so plötzlich aufgetaucht ist.
Hastig murmle ich einen Spruch, der uns unsichtbar macht. Ich sauge die Energie der Umgebung ein, lege alle Macht, derer ich habhaft werden kann, in diesen Zauber. Obwohl ich erschöpft bin und meine Eingeweide brennen, fahre ich fort, bis ich nach Luft ringend zur Seite kippe.
»Geht es Euch gut?«, fragt Manekas besorgt.
Für eine Antwort fehlt mir die Kraft. Ich schließe die Augen, sammle noch ein letztes Mal meine Kräfte. Dann versuche ich einen Zauber, der die Geräusche verschlucken soll, die unsere Truppen beim Vorwärtsstürmen zwangsläufig verursachen werden. Frustriert unterdrücke ich ein Seufzen. Das wird nicht reichen, um uns völlig lautlos zu machen. Mehr kann ich im Moment allerdings nicht tun.
Nach dem Öffnen meiner Augen suche ich den Blick unseres Fürsten. »Jetzt!«
Er nickt mir zu und gibt den Befehl dann weiter. In der nächsten Sekunde verlassen unsere Soldaten die Deckung und laufen los. Sie versuchen, unseren Feind zu umkreisen. Von meiner Position aus kann ich beobachten, wie sie sich verteilen. Obwohl ich sie bei diesem Kampf unterstützen sollte, bin ich zu müde, um mich aufzurichten. Meine Kräfte sind erschöpft. Jetzt liegt es an unseren Männern, den kleinen Vorteil zu nutzen, den ich ihnen verschaffen konnte.
Mühsam stemme ich meine Hände gegen die Erde und hebe den Kopf. Absolutes Chaos herrscht um das Lager herum. Die feindlichen Krieger wissen nicht, was mit ihnen geschieht. Gegen einen unsichtbaren Angreifer zu kämpfen, während Nebel sie einhüllt, bringt sie an ihre Grenzen. Sie schlagen wild um sich, ohne unseren Männern tatsächlich Schaden zuzufügen.
Alles in mir drängt darauf, mich ebenfalls in das Kampfgewühl zu stürzen, doch ich bin nicht in der Lage, auch nur aufzustehen. Ich möchte noch einen Zauber sprechen, der die Unsichtbarkeit unserer Männer lange genug aufrechterhält. Unter Umständen gelingt es uns, unsere Gegner zu überwältigen, bevor wir ihnen wieder von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen. Schon jetzt kann ich beobachten, wie einige unserer Soldaten bereits als Umrisse von unseren Gegnern wahrgenommen werden können.
Nein, es ist zu früh! Die Männer haben unsere Feinde in der Mitte des Lagers zusammengedrängt. Wenn ich jetzt einen Spruch anwenden kann, der ihre Bewegungsfreiheit einschränkt, können wir sie überwältigen. Unsere Truppen brauchen mich, um die Zahl der Verletzten so gering wie möglich zu halten. Ich muss meine Kräfte sammeln. Jetzt.
Meine Arme zittern, als ich mich weiter hochstemme. Meine Beine versagen den Dienst. Das Gefühl ist aus ihnen verschwunden. Ganz offensichtlich habe ich zu viel Magie verwendet, sodass mein Körper von der Anstrengung ausgelaugt ist. Verzweifelt spüre ich, wie Tränen in meine Augen treten. Mein Inneres schmerzt. Ich fühle mich leer und ausgehöhlt, als würde ich Durst leiden. Wasser wird meine Beschwerden allerdings nicht lindern. Was ich brauche, ist Energie. Mein Körper scheint jedoch zu schwach, um sie aufsaugen zu können, obwohl sie unzweifelhaft noch immer um mich herumschwirrt.
Wie schwach ich bin! Wie erbärmlich! Umock hat mich davor gewarnt, mich zu übernehmen. Schon einmal war ich kurz davor, ein Opfer meiner eigenen Energie zu werden. Damals ist Umock eingeschritten. Er hat mich beim letzten Mal gerettet, indem er einen Zauber gesprochen hat. Leider ist er nun nicht hier, um mich zu unterstützen.
Die Tränen beginnen zu laufen. Ich flehe die Götter an, mir zu helfen, doch nichts passiert.
Tatenlos muss ich mitansehen, wie nach und nach alle unsere Männer sichtbar werden. Noch verwirrt der Nebel unsere Feinde. Langsam scheint allerdings auch dieser Effekt nachzulassen. Ich kann beobachten, wie einige gegnerische Krieger die Reihen unserer Leute durchbrechen und davonlaufen. Vermutlich wollen sie die anderen Truppen warnen? Wissen sie, wo sich ihre Verbündeten aufhalten?
Der Rest der Krieger kämpft verbissen darum, von unseren Soldaten nicht überwältigt zu werden. Es gelingt ihnen, einige von uns zu verletzen. Doch die Männer sind zu viele, lassen in ihrem Bemühen nicht nach, unsere Feinde auszuschalten. Schwerter klirren. Verwirrend wenige Schreie sind zu hören, obwohl mein entsprechender Zauber inzwischen seine Kraft verloren haben muss. Alle sind fokussiert. Jeder weiß, was auf dem Spiel steht.
Ich schiebe mich langsam vorwärts. Obwohl meine Beine immer noch nicht meinen Befehlen gehorchen, krieche ich näher an das Schlachtfeld heran. Ich bin zu langsam. Mir ist bewusst, in diesem Zustand nicht kämpfen zu können. Doch ich will für unsere Leute da sein. Ich möchte eingreifen können. Sobald die Magie in meinen Körper zurückkehrt, werde ich Sprüche anwenden, um ihnen zu helfen.
Die Soldaten haben unsere Gegner eingeschlossen. Die Krieger haben uns nichts mehr entgegenzusetzen. Statt sich gefangen nehmen zu lassen, stößt sich einer der Männer die Klinge selbst in den Bauch. Andere folgen seinem Beispiel. Wieder fließt so viel mehr Blut, als eigentlich müsste.
»Nein!«, brülle ich. In meinem Kopf suche ich einen Spruch, der sie daran hindern soll, sich selbst zu richten. Obwohl ich die Worte laut ausspreche, passiert nichts. Ich habe nicht genug Macht, um die Magie wirken zu lassen. Entsetzt muss ich zusehen, wie unsere Feinde sich selbst töten.
Das Grauen über diese Tat lässt auch die Soldaten unserer Armee nicht kalt. Sie treten zurück, starren schockiert auf das Schauspiel, das sich ihnen bietet.
Warum fehlt es diesen Männern an Überlebenstrieb? Wieso kämpfen sie nicht für sich selbst? Sie müssten nur ihre Waffen niederlegen, dann würde ihnen nichts passieren. Ich würde nicht zulassen, dass sie niedergemetzelt werden. Dazu habe ich viel zu viele Fragen an sie. Wollen sie tatsächlich verhindern, dass wir sie ihnen stellen können? Haben sie Angst vor dem, was sie in Gefangenschaft erwartet, oder fürchten sie das, was mit ihnen passiert, wenn ihrem Fürsten klar wird, dass sie ihn enttäuscht haben?
Ich werde es nicht erfahren. Wieder haben die Männer den Tod vorgezogen. Unsere Truppen quittieren es mit Jubelschreien, nachdem der erste Schock nachgelassen hat. Wir alle wissen, dass uns dadurch erspart geblieben ist, weitere Verletzte auf unserer Seite in Kauf zu nehmen, um alle Feinde zu überwältigen.
So viele Tote. So viele verschwendete Menschenleben. Mögen sie auch unsere Feinde sein, die leblosen Körper, deren Blut die Erde tränkt, sind ein unnötiges Opfer für jemanden, der seinen Fuß nicht einmal auf unseren Kontinenten gesetzt hat. Ob tatsächlich alle tot sind? Ich bin zu weit weg, um auch nur einen von ihnen retten zu können. Unsere Soldaten halten nicht nach mir Ausschau. Sie werden mich nicht holen kommen. Außerdem habe ich keine Magie in mir, mit der ich die notwendigen Zauber wirken könnte. Es würde auch keinen Unterschied machen. Einer der Soldaten, die ich nach der letzten Schlacht gerettet habe, ist kurz vor unserem Aufbruch in unserem Lager verstorben. Ich habe dem Tod nur ein paar Minuten abgerungen, um meine Fragen stellen zu können. Nein, gegen diesen Gegner bin ich machtlos.
Wie demütigend! Wie unnötig ich mich fühle! Tränen laufen über mein Gesicht. Ich rolle mich auf den Rücken und starre durch die Tränenflut in den Himmel. Was, wenn ich meine Magie verloren habe? Was, wenn ich durch meine Überanstrengung die Verbindung zur Energie unserer Götter getrennt habe? Was, wenn ich nicht mehr von Nutzen bin?
Es wäre eine Katastrophe. Die Soldaten, die vor uns geflohen sind, werden den Rest ihrer Truppen informieren. Unsere Gegner werden vorgewarnt sein. Wir müssen uns auf eine Schlacht vorbereiten, wie sie uns in Medisia erwartet hat. Auch wenn wir jetzt mit unseren Truppen in der Überzahl sind, wissen unsere Feinde von unserem Kommen. Sie werden sich von uns nicht übertölpeln lassen. Jetzt müssen wir beweisen, dass wir uns nicht unterwerfen lassen, auch wenn sich uns Kräfte in den Weg stellen, auf die wir noch niemals getroffen sind.
Unser Fürst verlässt sich auf mich. Er weiß nicht, dass ich weder auf die Hilfe von Umock zählen kann, noch zu Beginn die Zauber selbst gewirkt habe. Ich werde ihm gestehen müssen, von Oremazz’ Macht dazu bemächtigt worden zu sein, ihm zu helfen. Auch wenn ich ohne die beiden mächtigen Männer erfolgreich Magie eingesetzt habe, steht außer Frage, dass meine Fähigkeiten beschränkt sind. Mir bleiben nur ein paar Stunden, um herauszufinden, ob ich überhaupt noch einmal in der Lage bin, genug Energie für einen neuen Spruch in mir zu versammeln. Manekas muss erfahren, dass ich ihn enttäuscht habe. Nicht einmal einen ganzen Tag ist es mir gelungen, die beste Version meiner selbst zu sein. Ich habe es nicht geschafft, der Mensch zu werden, der ich werden wollte. Die Zeit der Täuschung ist vorbei.
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