Kitabı oku: «Die Seele des Zauberlehrlings»

Yazı tipi:

Betty Kay

Die Seele des Zauberlehrlings
Der König der Nebelseelen

(Band 1)

Die Reise eines Helden, der niemals einer sein wollte

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2022

http://www.deadsoft.de

© the author

Cover: Irene Repp

http://www.daylinart.webnode.com

Bildrechte: © Hanna Gottschalk – shutterstock.com

1. Auflage

ISBN 978-3-96089-504-6

ISBN 978-3-96089-505-3 (epub)

Inhalt:

Eine Prophezeiung warnt vor der Zerstörung von Lesithders Welt. Mit seinem Großvater, dem Großen Zaubermeister seines Volkes, soll er sich auf die Gefahr einer Invasion vorbereiten. Als die ersten Feinde auf dem Kontinent landen, muss Lesithder ausgerechnet den König der Nebelseelen um Hilfe bitten. Für seine grausamen Taten in einen Sumpf verbannt, übt Umock dennoch große Faszination auf den Zauberlehrling aus. Aber das mächtige Wesen hat leider ganz eigene Vorstellungen, wie es für seine Hilfe entlohnt werden möchte.

Wird es Lesithder mit Hilfe des Königs der Nebelseelen gelingen, den unbekannten Feind aufzuhalten?

1. Kapitel

Ich ducke mich tiefer hinter dem Baumstamm und unterdrücke ein Lachen. Um besser hören zu können, halte ich die Luft an. Elevander soll mich nicht überrumpeln. Ich will ihn an der Nase herumführen.

Der Geruch von nassem Moos dringt mir in die Nase. Sonnenstrahlen schummeln sich immer wieder durch das Blätterdach über mir. In einiger Entfernung höre ich das Tschilpen der Flugechsen. Sie untermalen die leisere Musik des Waldes. Ich mag diese Komposition, die meinem Herzen Frieden schenkt. Das kann ich im Moment gut gebrauchen.

Das Schlagen von Flügeln erklingt. Weit über mir schießt eine Flugechse über die Baumkronen. Leider sind diese wunderschönen Tiere nicht stark genug, um einen Menschen zu tragen. Ich wünschte, ich könnte mit ihnen davonfliegen. Könnte ich nur genauso frei und ungebunden sein. Angeblich soll früher eine Rasse Flugechsen existiert haben, deren Flügelspannweite mehr als fünf Armlängen betragen hat. Die Menschen versuchten, diese Wesen als Transportmittel zu nutzen, waren allerdings nicht in der Lage, sie zu zähmen. Wohin die Echsen jemanden brachten, konnte nicht gesteuert werden, weshalb die Flugversuche schließlich gestoppt wurden. Danach verschwanden die Riesen aus den Landen der Maëlle.

Blätter rascheln in der Nähe. Holz wird zur Seite gebogen. Elevander hat meine Spur aufgenommen. Ich lege den Kopf schief und lausche reglos in meinem Versteck. Nicht weit von mir knackt ein Ast. Wie lange es dauern wird, bis er mich entdeckt?

In meinem Nacken beginnt es unangenehm zu kribbeln. Irgendetwas stimmt nicht. Der Klang von weichen Ledersohlen, die den moosigen Waldboden berühren, wischt das Lächeln aus meinem Gesicht. Ich mache mich noch kleiner. Jetzt halte ich die Luft vor Anspannung in meinen Lungen. So teures Schuhwerk tragen nur Bewohner des Schlosses. Niemand im Dorf kann sich den Luxus leisten. Wieso hat sich jemand von den hohen Herren in diesen Wald verirrt?

Ich murmle ein paar Worte, die mich unsichtbar machen. Ein kalter Schauer durchläuft mich, bis ich mich schwerelos und frei fühle. Dann hebe ich langsam den Kopf aus meinem Versteck.

Ein Mann schreitet zwischen den Bäumen hindurch. Auch über die Entfernung kann ich sein plattes, nichtssagendes Gesicht erkennen, er hat unser Dorf noch niemals besucht. Der Stoff seiner schwarzen Toga, die er über einem dunkelgrauen Hemd trägt, folgt jeder seiner Bewegungen. Es handelt sich um ein weiches, fließendes Material. So einen kostbaren Stoff habe ich noch nie gesehen. Nein, diesen Mann kenne ich mit Sicherheit nicht.

Ein festes Ziel scheint der Fremde nicht im Sinn zu haben. Suchend sieht er sich nach allen Seiten um. Was er in dieser Abgeschiedenheit zu finden hofft? Wen er in diesem Teil des Waldes verloren hat, der von den meisten Menschen niemals betreten wird?

Plötzlich blickt er genau in meine Richtung. Nur ungefähr zehn Armlängen trennen uns. Der Zauber verhindert, dass er mich wahrnehmen kann. Trotzdem läuft mir ein Schauer über den Rücken, als es scheint, als würde er mir direkt in die Augen schauen.

»Habe ich dich endlich gefunden«, sagt er und kommt näher. »Warum lernst du nicht in deinem Studierzimmer, wie es dir dein Großvater befohlen hat?«

Mein Herz bleibt vor lauter Überraschung beinahe stehen. Er kann mich sehen? Ist er tatsächlich hier, um mich wegen meines mangelnden Lerneifers zu tadeln?

Ich mache einen Schritt zur Seite. Er ist so nahe, dass er den Kopf drehen muss, wenn er mein Gesicht weiterhin beobachten will. Tatsächlich folgt er meiner Bewegung.

»Du wunderst dich, warum dein Zauber nicht funktioniert hat, Lesithder?«, fragt er.

Langsam nicke ich. Unruhe setzt sich wie ein klauenbesetztes Monster in meinem Nacken fest. Wenn er kein Zauberer ist, hat ihm jemand dabei geholfen, meine Magie zu überwinden.

»Oremazz hat mich geschickt, um dich zu suchen. Er hat mich mit einem Gegenzauber ausgestattet. Mir scheint, dein Großvater kennt dich ausgesprochen gut.«

Das alles ergibt noch immer keinen Sinn. Oremazz arbeitet als Großer Zaubermeister für unseren Fürsten. Dadurch nimmt er in unserer Gemeinschaft eine wichtige Position ein. Aufträge an hohe Herren, wie der Fremde einer zu sein scheint, erteilt er dennoch nicht. Ist meinem Großvater etwas zugestoßen?

»Geht es Oremazz gut?«

»Der Große Zaubermeister ist wohlauf. Unser Fürst hat ihn zu einer Audienz gebeten. Deine Anwesenheit ist dabei erforderlich.«

Dieses Gespräch verwirrt mich immer mehr. »Meine Anwesenheit?«

Die unbewegte Haltung des Mannes gerät ins Schwanken. Seine Schultern spannen sich an. »Frag nicht so viel, mach den Zauber rückgängig, und folge mir zum Schloss.«

»Zum Schloss? Zum Fürsten?«

»Bist du tatsächlich Lesithder, oder bin ich über den falschen Zauberlehrling gestolpert?«, fragt der Fremde. »Oremazz hat ein ganz anderes Bild von dir gemalt.«

»Es tut mir leid, wenn ich Euren Vorstellungen nicht entspreche. Euer Auftauchen hat mich überrascht. Ich habe keine Ahnung, warum man mich ins Schloss berufen sollte. Ich bin niemand, an den der Fürst auch nur einen zweiten Gedanken verschwenden würde.«

An der Wange des Mannes, der sich mir immer noch nicht vorgestellt hat, zuckt ein Muskel. »Die Zeiten verändern sich. Jeder muss seinen Anteil zu den Herausforderungen beitragen, die auf uns zukommen. Niemand kann für immer der bleiben, der er bis jetzt war. Man wird dir erklären, was du wissen musst. Im Schloss. Also tu, was von dir verlangt wird.«

In seinen Worten ist keine Bitte enthalten gewesen. Dennoch löse ich den Zauber auf und komme hinter dem Baumstamm hervor. Was könnte ich falsch gemacht haben? Mein letzter Zauber, den ich ohne die Genehmigung von Oremazz durchgeführt habe, ist schiefgelaufen, sodass ich einen Busch in Brand gesetzt habe. Es sollte aber niemand wissen, dass ich dahinterstecke. Beunruhigt trete ich näher. Vor den Fürsten wird man nicht zitiert, um für seine Leistungen gelobt zu werden. »Ihr wisst, wer ich bin. Werde ich erfahren, mit wem ich zu tun habe?«, frage ich.

»Mein Name lautet Sikiwer. Ich bin der Zeremonienmeister des Fürsten. Zumindest war ich das, bis man mich zum Botenjungen degradiert hat.« Seine letzten Worte triefen vor Sarkasmus. »Los jetzt. Das hier dauert bereits viel zu lange.« Er wendet sich ab und geht den Weg zurück, den er gekommen ist.

»Noch bin ich mir nicht sicher, ob ich Euch vertrauen kann.«

Seufzend bleibt Sikiwer stehen und sieht zu mir zurück. »Wenn du die Nerven des Großen Zaubermeisters genauso strapazierst wie meine, besitzt er mehr Geduld als ich. Oder er erkennt etwas in dir, das mir verborgen bleibt.«

Das hilft mir nicht bei meiner Entscheidung, ob ich ihm tatsächlich folgen sollte.

»Dir wird nichts geschehen«, sagt der Zeremonienmeister. »Ich schwöre es dir bei all unseren Göttern.«

»Da die niemand gegen sich aufbringen will, glaube ich Euch. Allerdings werde ich trotzdem nicht allein mit Euch kommen. Elevander wird uns begleiten.«

Ein fragender Ausdruck huscht über Sikiwers Gesicht. »Von wem sprichst du? Handelt es sich ebenfalls um einen Zauberlehrling?«

»Nein, er ist mein bester Freund und mit mir hierhergekommen. Ich werde ihn nicht zurücklassen.«

Der Zeremonienmeister schüttelte den Kopf. »Für den Fürsten sind Nichtmagier im Augenblick nicht von Interesse. Er verlangt, lediglich dich zu sehen.«

»Ohne meinen Freund gehe ich nirgendwohin«, wiederhole ich.

»Wegen dir werde ich noch in Schwierigkeiten geraten.« Sikiwer ballt die Hände. Eine Sekunde lang kann ich die Wellen der Frustration spüren, die von ihm ausgehen. Dann hat er die Kontrolle über seine Gefühle zurückerobert. »Noch nie habe ich so lange gebraucht, um einen Auftrag auszuführen. Wir haben keine Zeit, um uns auf die Suche nach einem kleinen, unwichtigen Jungen zu begeben. Die Herrschaften warten nicht gern.«

»Es dauert nicht lange. Elevander ist bereits hier.« Ich habe bemerkt, wie er sich näher zu uns herangeschlichen hat. Niemand ist so leise wie mein bester Freund. Außer mir hätte ihn bestimmt niemand gehört.

Sikiwer hebt misstrauisch eine Augenbraue.

»Elevander!«, rufe ich schlicht. »Zeig dich.«

Zwei Schritte von mir entfernt raschelt es in den Büschen. Dann erhebt sich mein bester Freund zwischen den Blättern. Er nickt mir ruhig zu. Sein feingezeichnetes Gesicht verrät nichts. Nur in seinen blauen, weisen Augen steht Neugierde, doch er schweigt. Wir wissen beide, dass wir uns gedulden müssen.

Sikiwers Gesichtsausdruck ist unverändert kühl. »Lasst uns endlich aufbrechen. Soll man sich im Schloss mit deinem Ungehorsam und dem unerwünschten Gast befassen.«

Zu dritt machen wir uns auf den Weg zum Schloss. Fast eine halbe Stunde marschieren wir durch den Wald. Erst müssen wir uns einen Weg zwischen den riesigen, hochstämmigen Bäumen und großen, fleischigen Pflanzen hindurch suchen. Dann gelangen wir auf einen Pfad, auf dem wir schneller vorwärtskommen. Elevander und ich werfen uns immer wieder neugierige Blicke zu, während wir Sikiwer schweigend folgen. Wir kennen dieses Gebiet wie unsere Westentasche, weshalb ich dem edlen Herrn zweimal den Weg weise. Sikiwer seufzt nur ungeduldig. Schließlich treten wir zwischen den Bäumen hervor.

Von dem Hügel aus, auf dem der Wald sich befindet, geht es sanft bergab zum Dorf, das sich in das kleine Tal schmiegt. Üblicherweise würden wir jetzt den schmalen Trampelpfad hinunterlaufen, um uns dann im Haus von Elevanders Eltern etwas zu essen aus der Speisekammer zu stibitzen. Wir würden uns noch eine Weile im Stall verstecken, bis wir uns vor unseren Aufgaben nicht mehr drücken können.

Sikiwer wendet sich allerdings nach links. Wir wandern über den Hügelkamm auf eine Erhöhung zu, auf der sich das Schloss unseres Herrn befindet. Mein Großvater lebt dort schon seit vielen Jahren. Er hat mich bei Elevanders Eltern zurückgelassen, um seine Fähigkeiten ganz in den Dienst des Fürsten stellen zu können. Trotzdem besucht er mich an drei Tagen der Woche und lehrt mich die Dinge, die seiner Meinung nach ein angehender Zauberer können muss. Noch bin ich zu jung, um in den Stand eines Zauberlehrlings erhoben zu werden. Noch drei Monate, dann feiere ich meinen sechzehnten Geburtstag. Danach muss ich das mir bekannte Leben verlassen, um mich unter Oremazz’ Obhut ganz der Magie zu widmen.

Je länger wir unterwegs sind, umso größer wird meine Unruhe. Ob der Ruf meines Großvaters mit meinem baldigen Studium zu tun hat? Es ist zu früh, um mich in die Schule mit den anderen Anwärtern zu stecken. Will Oremazz mich auf den Moment vorbereiten, an dem sich alles für mich ändern wird?

Ich sehe zu Elevander und entdecke die gleiche Beunruhigung in seinem Blick, die ich in meinem Herzen empfinde. Noch trage ich das Haar genauso kurz geschoren wie er – die Frisur des gemeinen Volks.

Weit unter uns liegt das Dorf. Dort befindet sich alles, was ich kenne. In den schmalen, ausgetretenen Gassen habe ich mein gesamtes Leben verbracht. Nach dem frühen Tod meiner Eltern hat der Große Zaubermeister nur halbherzig den Ersatz gespielt. Sein Verstand gehörte der Magie, sein Herz der Ausübung der Zauberkünste. Erst durch Elevanders Mutter habe ich Wärme und ein Zuhause gefunden. Ein Schatten legt sich über meine Seele, als ich an Moktuli denke. Wird mein Großvater mich zwingen, den Kontakt abzubrechen? Wie auch immer meine Zukunft aussieht, ohne einen Abschied werde ich sie nicht verlassen. Das kann niemand verlangen.

Sikiwer murmelt etwas, das ich nicht verstehe. Immer wieder treibt er uns an. Als ich stolpere, wirft er mir einen bösen Blick zu.

»Jetzt beeil dich! Der Fürst wird nicht sonderlich erfreut sein, wenn wir noch länger brauchen.«

»Soll ich uns schneller ins Schloss bringen?«, schlage ich vor. Die Idee könnte mich in Teufels Küche bringen. Viel länger will ich Sikiwers Missfallen jedoch nicht ertragen.

»Kannst du es denn?« Überrascht mustert mich Sikiwer.

Ich nicke. »Der Zauber ist einfach für mich. Die Erlaubnis, ihn zu wirken, habe ich allerdings nicht. Das muss mich jedoch nicht daran hindern. Ihr seid berechtigt, mir den Auftrag dazu zu erteilen.«

Der Zeremonienmeister wird langsamer. »Du wirst uns nicht versehentlich in Frösche verwandeln?«

»Natürlich nicht. Ich brauche Eure Hilfe, weil ich mich nur an Orte transportieren kann, an denen ich schon einmal war. Das Schloss habe ich noch niemals betreten. Wenn Ihr Euch die Gegebenheiten dort vorstellt, kann ich uns sicher ins Innere bringen.«

Sein Blick wandert zum Schloss, das noch unendlich weit entfernt wirkt. Dann nickt er. »In Ordnung. Ich befehle dir, uns schnellstmöglich an unser Ziel zu bringen.«

Aufregung ergreift von mir Besitz. Ich habe den Zauber noch nicht allzu oft angewendet. Grundsätzlich muss ich mich in der Öffentlichkeit mit meinen Übungen zurückhalten. Mein Großvater ist der Meinung, dass ich meine Fähigkeiten nicht austesten soll, solange ich kein Zauberlehrling bin. Doch diesen Spruch habe ich mir heimlich angeeignet. Elevander und ich benutzen ihn, wenn wir uns unerlaubt von Zuhause entfernen wollen. Obwohl seine Mutter jedes Mal furchtbar böse wird, wenn sie uns dabei erwischt, hat sie uns niemals verraten. In Moktulis Blick liegt nach ihrer Schimpftirade eine Mischung aus Bewunderung und Besorgnis.

Jetzt darf ich mich endlich mit Erlaubnis eines Erwachsenen daran versuchen. Ich weiß, dass ich dazu in der Lage bin, Elevander in meinen Zauber miteinzubeziehen. Nun ist noch eine zusätzliche Person dabei. Ob ich scheitern werde? Besser wäre wohl, wenn ich mir meine Unsicherheit nicht anmerken lasse.

Ich balle meine rechte Hand und schließe kurz die Augen. Dann spreize ich meine Finger, bis ich die Energie auf meiner Handinnenfläche spüre. Elevander macht von ganz allein einen Schritt auf mich zu, als ich mich neben Sikiwer stelle. Mit einer magischen Linie aus meinen Fingern, die langsam auf den Boden sinkt, zeichne ich einen Kreis um uns. Dann lege ich je eine Hand auf die Schulter meines besten Freundes und eine auf die des Zeremonienmeisters.

»Stellt Euch das Schloss vor«, bitte ich. »Am besten eine Stelle, an der wir uns aus dem Nichts materialisieren können, ohne Aufmerksamkeit zu erregen.«

»Wie groß muss der Raum sein?«, fragt Sikiwer.

Ein Grinsen unterdrückend zucke ich mit den Achseln. »Groß genug für uns drei, würde ich sagen.«

Er verdreht die Augen. »Soweit habe ich mitgedacht, frecher Bengel. Benötigt dein Zauber zusätzlichen Platz? Schickt er Energiewellen aus, die Gegenstände in unserer Nähe zerstören? Einige Zauberer verursachen jede Menge Chaos, wenn sie an einen fremden Ort reisen. Du musst mir daher ein paar Informationen geben.«

»Ich brauche keinen großen Raum. Die Energie, die ich freisetze, ist minimal. Verschwendung von Reserven vermeide ich, wie es mir mein Großvater gezeigt hat. Deshalb geht bei mir auch nichts zu Bruch.«

Sein Blick bleibt skeptisch. »Dann weiß ich einen Raum«, sagt er.

Mit einem aufmunternden Lächeln versuche ich ihn und mich gleichermaßen zu beruhigen. »Schließt die Augen, um die Verbindung nicht zu verlieren. Den Rest erledige ich.«

In Gedanken gehe ich die Worte des Zaubers durch, sage sie stumm vor mich her und konzentriere mich auf die Magie, die uns alle umgibt. Ich sauge die Energie aus der Luft, bis sie mich mit Wärme ausfüllt. Mit einem Flirren entlädt sie sich wieder, wobei mein Herz kurz aussetzt. Eine Sekunde später stehen wir nicht mehr auf dem Hügelkamm.

Dunkelheit umgibt uns. Elevander stößt einen unterdrückten Schrei aus.

Sikiwer räuspert sich. »In dieser Kammer hält sich niemals jemand auf. Deshalb gibt es auch kein Licht.«

Ich murmle nochmal ein paar Worte. Ein Lichtball entsteht auf meiner Handinnenfläche. Jetzt kann ich das Innere des Raums erkennen, in den Sikiwer uns geschickt hat. Holzvertäfelung bedeckt die Wände, filigran geschnitzt und reich verziert. Es existiert hier kein Fenster, was die absolute Dunkelheit erklärt. Die Kammer ist völlig leer. Was für eine Platzverschwendung! Dieser Raum ist größer als der Schlafraum, den wir uns zu viert teilen. Wozu der Raum wohl genutzt wird?

»Danke für die Beleuchtung«, sagt der Zeremonienmeister und greift nach dem Türknauf.

»Wartet. Es wäre vielleicht besser, wenn Ihr nicht erwähnen würdet, dass wir Zauber verwendet haben, um schneller vorwärtszukommen.« Auch wenn ich die Erlaubnis erhalten habe, würde mein Großvater die eigenmächtige Anwendung von Magie ohne seine Anwesenheit nicht gutheißen.

Mit zusammengekniffenen Augen mustert Sikiwer mich. Einen Moment scheint es, als würde er mir widersprechen. Er hebt eine Augenbraue, bevor er nickt. »Ihr habt mir bereits genug Schwierigkeiten bereitet.«

Er tritt nach draußen und sieht sich nach beiden Seiten um. Dann bedeutet er uns, ihm zu folgen. Elevander und ich marschieren hinter Sikiwer den Gang entlang und können unser Staunen nur schwer verbergen. Ein glänzendes Material ist auf Teile der Wandverkleidung angebracht worden. Es ist mir völlig fremd. Doch auch das Holz im Schloss hat eine ganz andere Beschaffenheit als das, welches wir in unseren einfachen Hütten verwenden. Es muss sich um edle Materialien handeln, derer wir nicht würdig sind.

Wir gelangen an einen kreuzenden Gang und wenden uns nach links. Wieder ist niemand zu sehen. Es ist gespenstisch leise. Beiläufig frage ich mich, weshalb all dieser Raum nicht ausgenutzt wird. Die Bewohner des Dorfes kennen nur Enge und Einfachheit. Aber das hier …

Ich ziehe bei der Größe und des Prunks den Kopf ein. Elevander verringert den Abstand zwischen uns. Dabei streifen sich unsere Finger. Ich greife danach. Elevander schiebt seine Hand in meine. Unsere Handinnenflächen sind feucht. Nein, wir fühlen uns beide hier nicht wohl.

Sikiwer hält an. Vor uns beginnt eine mit einem hochflorigen, golddurchwirkten Teppich ausgelegte Treppe. Sie führt zu einer doppelflügeligen Tür aus massivem Holz mit eleganten Ornamenten. Einige der Linien sind mit Gold ausgelegt. Der Zeremonienmeister wendet sich an Elevander. »Weiter kann ich dich nicht mit uns kommen lassen.«

Ich drücke die Finger meines Freundes fester. »Er begleitet mich überall hin.«

»Deine Aufsässigkeit habe ich jetzt lange genug toleriert«, sagt Sikiwer mit gefährlich ruhiger Stimme. Sein Blick ist drohend. »Sollte dieser Wicht mit dir vor dem Fürsten erscheinen, ohne dass seine Anwesenheit gefordert worden ist, kann alles passieren. Es sind schon wichtigere Männer in den Kerkern des Schlosses verschwunden, weil sie sich dem Willen des Fürsten nicht gebeugt haben.«

»Damit könnt Ihr mich nicht einschüchtern.« Leider hört man meinem hohen Tonfall an, dass es sich dabei um eine Lüge handelt. »Ich weiß nicht, was man von mir will. Trotzdem bin ich Euch hierher gefolgt. Elevander mag nicht als meine Begleitung geplant gewesen sein, doch dadurch hat er sich keines Fehlers schuldig gemacht.«

»Du hast keine Ahnung, welche Regeln es in den Hallen der Macht gibt«, erinnert mich Sikiwer. »Folge lieber meinen Ratschlägen.«

Elevander schüttelt den Kopf, als ich neuerlich widersprechen will. »Schon in Ordnung, Lesithder. Ich warte hier vor der Tür.«

Ohne ihn will ich nicht vor den Fürsten treten. Nur in seiner Gegenwart kann ich Selbstbewusstsein vortäuschen. Doch ich möchte Elevander auch nicht der Gefahr aussetzen, den Unwillen unseres Herrschers auf sich zu ziehen. »In Ordnung. Ich werde dich nicht zurücklassen, auch wenn man mich durch einen anderen Weg aus dem Schloss bringen will.«

»Es gibt nur diese Tür in den Audienzsaal des Fürsten«, mischt der Zeremonienmeister sich ein.

»Ich dachte, Ihr kennt meinen Großvater. Ihn hindern solche Details nicht daran, sich neue Wege zu schaffen.« Außerdem zweifle ich an seinen Worten. Es wäre viel zu gefährlich, keine Fluchtmöglichkeit für den Fürsten einzuplanen. Widerstrebend lasse ich die Hand meines besten Freundes los und stelle meinen Fuß auf die erste Stufe.

Neben mir holt Sikiwer tief Luft. Warum hat so ein hoher Herr Angst vor unserem Fürsten?

Mein Herz wird bang, als ich die Treppe erklimme. Bevor Sikiwer an der Tür klopfen kann, schwingen die beiden Flügel auf und gewähren einen ersten Blick auf den riesigen Saal dahinter. Ich erkenne einen Thron auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes. Mein davor stehender Großvater könnte die Spitze des Kopfteils nicht erreichen, wenn er auf den Schultern eines anderen Mannes stehen würde. Er sieht mir mit ernster Miene entgegen.

Während ich weitergehe, hebe ich den Blick zu der überwältigend hohen Decke. Muster bilden den Nachthimmel ab. Unzählige Sterne in Gold tanzen über unseren Köpfen. Das Firmament muss aufgrund seiner Detailgenauigkeit von jemandem zum Leben erweckt worden sein, dessen Hände durch Magie geführt wurden.

Hinter mir fallen die Türen mit einem dumpfen Knall ins Schloss. Ich zucke zusammen und kann die Anspannung nicht länger unterdrücken. Sikiwer bleibt stehen, weshalb ich es ihm gleichtue. Zehn Armlängen von uns entfernt steht ein fünf Armlängen hoher Thron, auf dem ein überraschend junger Mann in edler Kleidung sitzt. Er trägt eine Toga wie ich. Auf seinen Schultern befindet sich allerdings ein weiter mit Goldfäden durchwirkter Umhang mit pelzverbrämter Kapuze. Der leichte Stoff bauscht sich um unseren Anführer, als er sich erhebt.

Seine prächtige Kleidung unterstreicht seine Position. Beeindruckendere Wirkung hat allerdings sein respektgebietender, erhabener Gesichtsausdruck auf mich. In seinen Augen lese ich Härte und Ungeduld. Verärgerung flackert über seine kantigen, doch hübschen Züge. Sein Erscheinungsbild reicht aus, um mich in die Knie zu zwingen. Von Ehrfurcht ergriffen sinke ich nieder und beuge den Kopf. Die Magie, die der Fürst ausstrahlt, macht jeden Atemzug schwer. Sie vibriert in jedem Molekül der Luft. Sie schwirrt wie unzählige Libellen über mir.

»Mein Enkel, Lesithder«, stellt mich mein Großvater vor. Seine Stimme klingt angespannt. Erwartet mich ein Tadel oder eine Aufgabe?

Rascheln von Stoff erklingt. Gedämpfte Schritte sind zu hören. Der Fürst verlässt den Thron und kommt auf mich zu. Meinen Blick wage ich nicht zu heben, doch ich sehe den Saum seines Umhangs direkt vor mir. Die Magie verrät mir, dass unser Herrscher frustriert ist. Die Enttäuschung, die von ihm ausgeht, senkt die Temperatur in dem Raum um mehrere Grad.

»Er ist doch ein Kind!«, poltert er. »Was soll ich mit einem Nichts wie ihm?«

»Entschuldigt, wenn ich Euch nicht vorgewarnt habe, edler Fürst«, sagt mein Großvater. »Wir haben uns über die möglichen Zeitabläufe unterhalten. Er wird so weit sein, wenn er benötigt wird.«

Verwirrt versuche ich die Bedeutung hinter diesen Worten zu entschlüsseln. Haben Sie etwas mit meiner geplanten Ausbildung zum Zauberer zu tun? Werde ich jetzt endlich lernen, mit meinen Kräften umzugehen?

Obwohl es verboten ist, hebe ich den Kopf und suche den Blick meines Großvaters. Seine Stirn ist verkniffen. Seinen letzten Besuch bei mir hat er nicht angetreten. Ich dachte, wichtige Studien hätten ihn aufgehalten. Jetzt kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass etwas vorgefallen ist, das seinem Zeitplan im Weg stand.

»Ich wage zu bezweifeln, dass du aus ihm rechtzeitig einen großen Zauberer machen kannst. Dieser Schwächling ist mit Sicherheit nicht in der Lage, unser Volk vor der Bedrohung zu beschützen, die du vorausgesehen hast.«

Dann bin ich hier wegen einer Vision, die meinen Großvater heimgesucht hat. Der Große Zaubermeister übernimmt keine einfachen Zauber wie die Heilung von Krankheiten der Bürger unseres Dorfes. Er kümmert sich um die Erhaltung der Gesundheit unseres Herrschers. Wichtiger noch: Er ist in der Lage, dem Fürsten Ratschläge zu erteilen, deren Folgen weit in die Zukunft reichen. Oremazz weiß um die Geschehnisse in der näheren Zukunft Bescheid. Nun scheint es, als würde seine Vorhersage über die Nützlichkeit von Handelsabkommen und die Wetterbedingungen hinausgehen.

»Er wirkt im Augenblick vielleicht nicht, als wäre er der Aufgabe gewachsen …«, setzt mein Großvater an.

»Nein, ich würde mich nicht wundern, wenn er beim kleinsten Windstoß davongeweht werden würde. Wie kannst du behaupten, dass er die Lösung unserer Probleme ist? Dass er an deine Stelle treten soll?«

Mein Herz hüpft. Ich soll Oremazz vertreten? Wie kommt mein Großvater auf diese verrückte Idee? Ich habe keinerlei Erfahrung mit der Zauberei.

»Lasst mich mit ihm arbeiten. Geduldet Euch ein paar Monate. Dann erkennt Ihr in ihm, was ich jetzt schon sehen kann.« Der Große Zaubermeister verteilt kein Lob, erst recht nicht so großzügig wie jetzt. Das erste Mal fühle ich mich von ihm gestärkt.

Seine Aussage reicht aus, damit ich mehr davon will. Ich möchte ihm gefallen. Darum schlucke ich meine Widerworte hinunter.

»Einverstanden. Beginnt sofort mit den Vorbereitungen. Uns läuft die Zeit davon.«

Mein Großvater nickt, während er sich mir nähert. Er beugt sich zu mir und packt meinen Oberarm, um mich hochzuziehen. »Du kommst mit mir.«

Er murmelt etwas, macht eine Handbewegung, und plötzlich stehen wir in seinem Studierzimmer.

»Elevander«, sage ich zu spät. »Er steht vor der Tür des Audienzsaales. Wenn der Fürst in seiner Wut auf ihn trifft …«

»Ich schicke ihn nach Hause«, unterbricht Oremazz ungeduldig.

Seine Hände bewegen sich durch die Luft. Dann steigen Funken von seinen Händen auf. Er stößt den rechten Arm vorwärts.

Dann wendet er sich mir zu. »Du hast uns warten lassen. Der Fürst ist nicht für seine Geduld bekannt. Wärst du früher aufgetaucht, hätte ich ihn leichter beschwichtigen können.«

»Woher hätte ich wissen sollen, dass du ausgerechnet jetzt nach mir rufen solltest?«

Mein Großvater schnaubt. »Woher hättest du es wissen sollen? Du hättest es fühlen müssen. Würdest du nur einen Funken Talent besitzen, hätte es nicht Sikiwer gebraucht, um dich zu mir zu rufen.«

Der Tadel schmerzt. So kenne ich meinen Großvater schon eher. Hat er mich tatsächlich mit einem Zauber zu erreichen versucht? Habe ich seinen Ruf überhört? Bin ich so ein schlechter Lehrling? Scham steigt in mir auf.

»Es tut mir leid«, sage ich. »Heißt das, du hast den Fürsten belogen, als du ihm gesagt hast, ich würde diese geheimnisvolle Aufgabe erfüllen können?«

»Vielleicht habe ich ihm nicht die ganze Wahrheit verraten.« Ein verschlagener Ausdruck huscht über das Gesicht meines Großvaters. »Du wirst nicht allein tun, was er von dir erwartet. Ich werde es durch dich tun.«

Bei allen Göttern!? »Erkläre es mir.«

Mein Großvater nickt und geht zu seinem Schreibtisch, auf dem unzählige Papiere ausgebreitet liegen, darüber verteilt unterschiedliche Bücher. Auf einem Stapel entdecke ich handschriftliche Notizen. Es scheint, als hätte er Stunden über diesen Unterlagen gebrütet.

»Ich hatte eine Vision von einer Bedrohung, die uns heimsuchen wird und auf die wir uns vorbereiten müssen«, erzählt der Große Zaubermeister. »Es handelt sich um mehr als eine Hungersnot; eine größere Gefahr, als uns durch einen überlangen, harten Winter bevorsteht. Es wird schlimmer, als wenn wir über Monate hinweg in Dunkelheit leben müssten.«

Der Tonfall, mit dem Oremazz die Worte ausspricht, macht mir Angst. Er klingt besorgt, drängend, besessen. »Ich verstehe immer noch nicht.«

Er sieht mich mit einem Blick an, dessen Kälte mir bis in die Knochen fährt. »Eine gefährliche Macht bedroht unsere Leben. Das, was wir kennen, wird von Schwärze verschlungen, wenn wir uns nicht für den wichtigsten Kampf vorbereiten, den unser Volk jemals ausgetragen hat.«

»Wer sind unsere Feinde?«

»Das, Lesithder, ist eines der Rätsel, die es zu ergründen gilt. Der Macht, die uns überrollen will, sind wir nie begegnet. Es handelt sich um etwas Dunkles, Unheimliches, nicht Menschliches. Schwarze Magie hilft unseren Gegnern. Ich vermute, dass die antreibende Macht hinter dem geplanten Überfall auf unseren Kontinent nicht für uns Menschen begreifbar ist. Ich vertraue dir eine Befürchtung an, von der unser Fürst nichts erfahren darf. Du musst darüber schweigen, verstehst du mich?«

Gebannt nicke ich.

Oremazz macht einen Schritt auf mich zu. »Ich glaube, eine fremde Gottheit ist auf uns aufmerksam geworden und will unsere Welt für sich beanspruchen. Du kannst dir vorstellen, was das für uns bedeuten würde.« Er huscht zu einem Regal und zieht ein Buch daraus hervor. Aufgeregt wedelt er damit in der Luft herum. »Wenn ich mich nicht irre, finden sich die Beweise für meine Theorie in einem dieser Bücher.«

Ich spüre, dass es ihm ernst damit ist und er an diese Dinge wirklich glaubt. Als sein Enkel sollte ich ihm vertrauen, doch da ist eine leise Stimme, die dagegen ankämpft. Es ist kein Geheimnis, dass mein Großvater in die Zukunft sehen kann. Geschehnisse, die sich am selben Tag zutragen, kann er mit Sicherheit voraussagen, wenn er sich darauf konzentriert. Will man erfahren, was in einer Woche geschehen wird, muss man in seinen Prognosen lesen. Alle anderen Visionen beinhalten Andeutungen, Unsicherheiten, unterschiedliche Versionen der Zukunft. Alles befindet sich im Fluss. Denn wenn Menschen erfahren, welchen Schwierigkeiten sie sich gegenübersehen, verhalten sie sich nicht genau so, wie sie es ohne das Wissen um ihr Schicksal getan hätten. Das bedeutete zwangsläufig, dass das dunkle Bild, das ihm Angst gemacht hatte, nicht in dieser Form Wahrheit werden musste.

»Wann genau soll diese Bedrohung über uns hereinstürzen?«, frage ich.

Der Große Zaubermeister läuft zu einem Regal und zieht dort ein weiteres Buch hervor, in dem er auf dem Weg zurück zu seinem Schreibtisch zu blättern beginnt. »Meine Visionen reichen weit in die Zukunft hinein. Die weisen Wesen, die uns beistehen, haben meine Fähigkeiten anscheinend verbessert. Es werden noch einige Jahre vergehen, bis das Unausweichliche geschieht. Doch es besteht kein Zweifel daran, dass meine Version der Zukunft bereits auf uns lauert.«

Er vertraut so sehr auf seine Vision, dass ihm nicht mehr bewusst ist, dass seine Zauberkräfte Grenzen unterworfen sind. Auf diesen Denkfehler will ich ihn nur ungern hinweisen. »Möglicherweise reicht eine einzige Entscheidung aus, um deine Weissagung nicht wahrwerden zu lassen. Warum glaubst du, dass wir tatsächlich jetzt schon handeln müssen?«

»Weil ich nicht die Zukunft einer einzelnen Person vorausgesehen habe«, antwortet mein Großvater und legt das aufgeschlagene Buch neben die anderen. »Das, was ich in der Zukunft entdeckt habe, betrifft nicht nur eine Familie. Nicht nur unser Dorf. Die ganze Welt ist bedroht. Niemand wird überleben, wenn die Dunkelheit, die ich gesehen habe, sich über die Erde legt. Wir müssen uns mit anderen Völkern in Verbindung setzen. Wenn ich die Schwingungen richtig deute, die ich aus allen Teilen des Landes empfange, sind auch andere Zaubermeister in Aufruhr. Nicht nur ich scheine von diesen Visionen heimgesucht zu werden. Sie entsprechen unzweifelhaft der Wahrheit.«

»Vielleicht gelingt es uns, einen Krieg abzuwenden«, gebe ich zu bedenken. »Wenn wir mit dem Anführer der feindlichen Truppen verhandeln, wenn wir klarmachen, dass wir nicht vorhaben, ihnen unser Land freiwillig zu überlassen, geben sie möglicherweise auf.«

Oremazz schüttelt den Kopf. »Diese Hoffnung kannst du gleich vergessen. Das wird niemals passieren. Meine Visionen waren diesbezüglich sehr deutlich.« Er wendet sich von mir ab.

»Suchst du in den Büchern nach Antworten darauf, wie wir mit der Gefahr umgehen sollen?« Seine Aufregung springt auf mich über, als er zum nächsten Regal eilt und es durchforstet. Es fällt mir schwer, ruhig stehen zu bleiben und nicht ebenfalls durch den Raum zu laufen.

»Die großen Propheten aus unserer Vergangenheit haben Brotkrumen hinterlassen, denen ich folge. Die Welt hat sich schon immer vor etwas Vagem gefürchtet, das niemand näher benennen konnte. Wir leben nun in einer Zeit, in der die Bedrohung sich den Sehenden deutlicher zeigt. Wir sind endlich in der Lage, Prognosen zu erstellen und Gegenmaßnahmen in Angriff zu nehmen. Unsere Generation wird die Vorkehrungen treffen, damit wir uns gegen das Unbekannte zur Wehr setzen können. Die, die nach uns kommen, werden hoffentlich in Sicherheit leben können.«

Die Art, wie er rastlos durch den Raum läuft, der besessene Tonfall seiner Worte, das Feuer in seinen Augen, das gleichzeitig Kälte ausstrahlt, schüren meine Befürchtungen, dass er sich in etwas stürzt, das ihn verschlingen könnte. Meine Sorge, dass er sich übernimmt und über dieser Angelegenheit seinen Verstand verlieren könnte, lässt sich nicht mehr unterdrücken.

Als er wieder an mir vorbeiläuft, stelle ich mich ihm in den Weg. »Willst du dir die Verantwortung für die Bekämpfung dieser Gefahr ganz allein aufbürden?«

»Natürlich nicht. Die Anführer der Völker dieser Erde müssen informiert werden. Unser Fürst hat bereits alles Notwendige veranlasst. Man wird Abkommen treffen, die über die Zukunft der Welt entscheiden. Und dann, in ein paar Jahren, wird der Fürst in den Kampf ziehen und das Böse zerschlagen. Das ist der Augenblick, in dem die Zauberkräfte unserer Familie gefragt sind.«

»Ich verstehe nicht.«

Oremazz greift nach meinem Kinn und sieht mir tief in die Augen. »Unser Fürst wird die Herausforderung nicht allein meistern können. Er benötigt einen Zauberer, der ihn mit Magie unterstützt, der ihm Ratschläge erteilt, nachdem er einen Blick in die Zukunft geworfen hat. Unsere Welt wird fallen, wenn er die Kräfte der Magie nicht nutzt.«

»Du willst dich mit ihm auf das Schlachtfeld begeben?«, frage ich. Noch immer klingt diese Version unseres Schicksals so vage, dass ich damit nichts anfangen kann. Meinen Großvater möchte ich allerdings nicht im Zentrum dieser Gefahr wissen.

»Dafür werde ich zu alt sein, mein Junge. Darum habe ich nach dir rufen lassen. Wir müssen augenblicklich damit beginnen, dich auf deine Aufgabe vorzubereiten.«

Der Blick in seine Augen hat hypnotisierende Wirkung auf mich. Ich fühle mich benommen, überrumpelt, voller Angst. »Ich soll den Fürsten als dein Stellvertreter begleiten? Ich soll die Rolle des Großen Zaubermeisters übernehmen?«

Mein Großvater wirkt überrascht. Dann wirft er den Kopf in den Nacken und lacht beleidigend laut. Die Anspannung, die unablässig von ihm ausgegangen ist, entlädt sich in einem Gelächter, das tief in mein Herz schneidet.

Es dauert mehrere Augenblicke, bis er sich wieder beruhigt. Mein Innerstes ist zu Eis erstarrt. Es tut verdammt weh. Hier stehe ich vor dem einzigen Mann, der von meiner Familie übriggeblieben ist, und er sieht in mir nicht mehr als einen Scherz.

»Ich sehe es wie unser Fürst«, erklärt Oremazz. »Du bist noch zu jung. Deine Ausbildung würde zu lange dauern, damit du rechtzeitig als mein Stellvertreter fungieren könntest. Dafür würde vermutlich nicht einmal deine gesamte Lebensspanne reichen. Das darf der Fürst allerdings nicht erfahren.«

»Wie willst du ihn über meine … meine Unfähigkeit hinwegtäuschen?«, frage ich. Meine Zunge klebt an meinem Gaumen, weil die Worte meinen Mund nicht verlassen wollen.

»Du wirst mein Werkzeug sein. Ich bleibe hier. Allerdings sammle ich meine Kräfte und benutze meine Magie, wie ich es tun würde, wenn ich den Fürsten begleitet hätte. Du wirst mich über alles informieren, was vor sich geht. Unter Zuhilfenahme meiner Fähigkeiten wirst du entscheiden, was zu tun ist. Dann werde ich deine Hände benutzen, um meine Zauber zu wirken.«

Sein Werkzeug? Es klingt abfällig. Selbst wenn ich lediglich seine Marionette spielen soll, wäre es bestimmt von Vorteil, wenn ich nicht völlig ahnungslos wäre. Ich will die Grundlagen der Materie verstehen. Diese Form des Magietransfers haben wir noch niemals getestet. Das hier ist meine Chance, endlich lernen zu können, was er mir verweigert. »Es wird dauern, bis ich genug Wissen sammle, um als dein Instrument fungieren zu können.«

»Die Dunkelheit kommt immer näher, Lesithder. Wir können die Augen nicht länger davor verschließen. In meiner Vision sehe ich einen Kampf, der über unser aller Leben entscheidet. Auch du wirst deine Rolle in den drohenden Unglückszeiten spielen müssen. Wir müssen dich darauf vorbereiten.«

»Ich? Was soll ich schon bewegen? Ich bin kein Zauberer. Meine Fähigkeiten haben dir bislang nicht mehr als Unmut entlockt. Du musst dich irren. Bestimmt war es nicht mein Gesicht, das du in deiner Vision entdeckt hast.«

»Natürlich nicht«, blafft mein Großvater. Seine Augen sprühen Blitze. »Aber ich habe meine Macht vor Ort gespürt.«

Erleichterung durchflutet mich dennoch. Mit seiner Wut auf mich kann ich umgehen. Ich habe ihn im Laufe meines Lebens mehr als einmal enttäuscht. Wenn ich mich nun nicht so tapfer verhalte, wenn ich nicht so heldenhaft reagiere, wie er es sich von mir erhofft hat, werde ich ein weiteres Mal in seiner Achtung sinken. Meine Beruhigung durch die Tatsache, dass er nicht mich in seiner Offenbarung gesehen hat und mich dadurch aus meiner Pflicht entlässt, drückt um vieles schwerer auf meine Schultern. Worauf will er hinaus?

Mein Großvater macht einen Schritt auf mich zu. Je näher er mir kommt, umso unsicherer werde ich. Wellen magischer Energie gehen von ihm aus. In seinen Augen lodert es auf. Ich kann Flammen sehen, die das natürliche Blau seiner Iris verschlingen. Als die Feuerzungen auch das letzte Fitzelchen Weiß seiner Augäpfel überdeckt, entsteht in der roten Flammenhölle ein schwarzer Punkt, der langsam größer wird.

Angst schnürt mir die Kehle zu. Was passiert gerade? Wird mein Großvater mich in seiner Wut mit einem Flammenzauber belegen? Habe ich ihn dermaßen erzürnt, dass er mich in seiner Raserei direkt in die Zwischenwelt schickt?

Der schwarze Punkt gewinnt an Geschwindigkeit. Der Fleck rast auf mich zu. Und mit einem Mal verschlingt er mich. Meine Seele löst sich von meinem Körper und befindet sich plötzlich in absoluter Dunkelheit. Sie schwebt im Nichts. Ich fühle mich gewichtslos, unbedeutend, kleiner als ein Staubkorn im Angesicht des Universums.

Ich löse mich auf. Meinen Körper habe ich längst verloren. Gerade noch war ich nicht mehr als ein Gedanke. Doch auch der beginnt sich viel zu rasch zu zersetzen, als dass ich herausfinden könnte, was gerade mit mir passiert.

Von einem Wimpernschlag zum nächsten befinde ich mich in einem anderen Wesen. Ich sehe durch Augen, die mir fremd sind. Instinktiv weiß ich, dass mein Großvater mich in seinen Verstand gepflanzt hat. Nun kann er Wissen und Emotionen mit mir teilen. Noch bevor die Bilder auf mich einstürzen, ahne ich, dass der Große Zaubermeister seine Vision mit mir teilen will. Schon die ersten Gefühle machen mir klar, dass ich keine Wahl habe. Ich werde tun müssen, was man von mir erwartet.

Eine Armee von Schiffen spuckt Soldaten auf die Strände unseres Kontinents. Ihre Anzahl geht über den menschlichen Verstand hinaus. Sie überziehen das Land wie ein Schwarm hungriger Heuschrecken. Es dauert nicht lange, bis sie auch an den Grenzen unserer Heimat stehen.

Ihre Vorhut hat die Völker dieses Kontinents bereits vernichtend geschlagen. Unsere Feinde sind sogar bis nach Maëlle vorgedrungen. Wer sich nicht vor ihnen verstecken konnte, wurde getötet. Unser Fürst zieht mit dem Rest seiner Männer gegen die neue Flut an Gegnern in den Krieg. Körperlich bin ich nicht anwesend, obwohl mein Geist sich zwischen ihnen befindet. Ich kann keine Gesichter erkennen. Eine Schar an Gestalten kommt an mir vorbei, ihre Züge seltsam formlos. Dennoch verraten mir die Auren der einzelnen Personen, einige Bekannte vor mir zu haben. Ihre Körper sind nicht zu identifizieren, trotzdem weiß ich, wer an mir vorbeizieht. Darum also hat mein Großvater davon gesprochen, mich in seiner Vision gesehen zu haben, obwohl er keine Gesichter vor sich gehabt hat.

Eine erste Welle der Soldaten der Dunkelheit kann unser Fürst zurückdrängen. Dann erwartet uns eine weitere Flut unserer Feinde. Sie sind in der Übermacht und drohen, uns zu überschwemmen. Ein Mann stellt sich ihnen entgegen. Seine Aura erinnert mich an … an mich selbst. Was – gelinde gesagt – verwirrend ist.

Im Körper eines anderen zu stecken und mich selbst zu beobachten, wie ich aus einer Abteilung von Soldaten vortrete, meine Hand in die Luft recke und irgendetwas schreie, bevor ich auf unsere Gegner zulaufe, fühlt sich seltsam an. Ich kann das Bild nicht mit meinem heutigen Ich in Zusammenhang bringen. Sollte ich tatsächlich irgendwann so mutig, so energisch sein, dass mir eine Armee von Soldaten folgt? Was wird passieren, wenn wir auf die Reihen unserer Feinde treffen?

Die Vision zeigt es mir nicht direkt. Stattdessen verändert sich das Bild. Eine Wolke hat sich direkt über unser Land geschoben. Sie hat alles verdunkelt, bis die Sonne keinen Weg mehr hindurchfindet. Kein Lichtstrahl berührt mehr den Boden.

Überall entdecke ich Lager unserer Feinde, die sich auf unserem Kontinent ausgebreitet haben. Nur wenige Mitglieder unseres Volkes haben die große Schlacht überlebt. In den Dörfern leben größtenteils noch Alte und Kinder. Alle kampffähigen Männer, die eine Waffe halten konnten, sind in die Schlacht gezogen und mussten ihr Leben lassen. Die Frauen haben versucht, sich unseren Gegnern entgegenzustellen, konnten die feindliche Übernahme unseres Landes jedoch nicht verhindern. Die Eingebung meines Großvaters verrät mir die Details. Die schreckliche Realität durchdringt meinen ganzen Körper. Wir haben versagt.

Eine dunkle Wolke nähert sich vom Meer aus dem Kontinent. Magieblitze steigen vom Wasser in die Luft, erhellen die schwarze Masse, während sie Energie an das Ungetüm übertragen. In der nebeligen Hülle wächst mit jeder Stunde eine Macht, deren bösartige Gedanken die Welt vergiften wollen. Monster werden darin geboren. Fauliger Regen sammelt sich im Inneren. Blitze wirbeln darin. Die Luft lädt sich mit schwarzer Energie auf, während die Wolke an Größe gewinnt und sich immer näher schiebt.

Ein kalter Wind überzieht das Land mit seinem eisigen Hauch. Überall gefriert der Boden. Pflanzen sterben ab, werden zu Gerüsten aus Eis, die der Sturm in Tausende Splitter zerbersten lässt. Je näher diese Naturgewalt unserem Zuhause kommt, umso mehr nimmt sie an Kälte ab. Doch bis dahin ist bereits so viel zerstört, dass niemals wieder jemand in dieser Gegend siedeln kann. Die Kälte sickert in den Boden, lässt ihn für Generationen unfruchtbar werden.

Nach dem Wind schickt die Wolke, die immer noch über dem Meer schwebt, die Ausgeburten der Hölle aus. Krähen, größer als Häuser, fliegen über das Land und suchen sich ihre Opfer aus den verängstigten Menschen, die nicht schnell genug fliehen können. Sie tragen ihre Beute zurück in die Wolke, ohne dass sie jemals wieder zurückkehren. Unheimliche Kreaturen suchen unseren Kontinenten heim. Sie jagen in der Nacht, fallen über Unschuldige her, verspeisen sie im Schutz der Dunkelheit und verstecken sich bei Tag in den Schatten der Berge.

Durch die Vorboten des dunklen Angreifers verbreiten sich Schrecken und Angst. Keiner der wenigen Menschen, die den Krieg überlebt haben, fühlt sich vor der Gefahr sicher. Das Leben in unserer Welt ist zu einem Albtraum geworden. Die Magie des Feindes zerstört alles, was wir lieben.

Ob es einen Weg gibt, diese schreckliche Zukunft zu verhindern? Existiert ein Ausweg, um unser Land und seine Menschen zu retten? Kann ich etwas tun, damit unsere Feinde keinen Erfolg haben? Werde tatsächlich ich den Unterschied machen, oder sitzt mein Großvater einem Irrtum auf?

Ich werde es herausfinden. Daran gibt es für mich keinen Zweifel mehr. Das hier ist mein Schicksal. Ich werde auf dem Schlachtfeld stehen. Davor kann ich nicht davonlaufen. Denn wenn ich mich dem Albtraum nicht stelle, kann ich nicht verhindern, dass unsere Feinde über uns herfallen. Das würde ich mir niemals verzeihen.

2. Kapitel

Zwei Jahre später

»Halte den Zauberstab fester«, befiehlt mein Großvater. »Sobald dir ein Hauch von Gegenwind entgegenbläst, wirst du ihn verlieren.«

»Ich brauche ihn doch gar nicht mehr. Diese Zauber kann ich auch ohne Hilfsmittel anwenden.«

»Kommt nicht infrage.« Oremazz schüttelt den Kopf. »Die Sprüche, die ich dir beigebracht habe, kannst du vielleicht in diesen Räumen ohne Probleme umsetzen. Dich erwartet allerdings eine Aufgabe, die weit über diese Fingerübungen hinausgeht. Du wirst als mein Stellvertreter diese Reise antreten. Durch deine Hände wird meine Magie fließen. Wie willst du die Kräfte, die in dir toben werden, unter Kontrolle halten, wenn du dich ausschließlich auf deine unausgereiften Fähigkeiten verlässt?«

Eine Haarsträhne verdeckt mir die Sicht. Mit einer ungeduldigen Bewegung streiche ich sie hinter mein Ohr. Langsam nicke ich. Der Große Zaubermeister lässt keine Gelegenheit aus, um mich auf meine Unzulänglichkeiten hinzuweisen. Immer noch scheine ich nicht gut genug, um seine Ansprüche erfüllen zu können. Seit zwei Jahren üben wir jeden einzelnen Tag die gleichen einfachen Zauber und Sprüche. Im Gegensatz zu den anderen Zauberlehrlingen erhalte ich zusätzlich Einzelunterricht bei meinem Großvater. Letzte Nacht hat er mich in den frühen Morgenstunden geweckt, um mich auf den Prüfstand zu stellen.

»Die Übungen in der Lehrstunde mit den anderen Schülern sind gut verlaufen«, erinnere ich meinen Großvater. »Im Vergleich zu den anderen Lehrlingen habe ich mich nicht schlecht angestellt.«

»Das ist nicht genug. Verstehst du denn nicht, dass deine Aufgabe größer und komplizierter ist als ihre? Nur zwischen uns besteht die Verbindung des Blutes, durch die ich wirken kann. Dadurch hast du Fähigkeiten, die andere vielleicht niemals erreichen können. Doch das ist bei Weitem nicht genug, um es mit den Feinden aufzunehmen, die auf uns warten. Du weißt, dass die Zeit nicht auf unserer Seite ist.«

»Motivation ist eindeutig kein Grundpfeiler deines Unterrichts«, murmle ich.

Oremazz runzelt die Stirn und steht plötzlich direkt vor mir. »Wie bitte?«

Ich senke den Blick und schüttle den Kopf. Meine Worte will ich lieber nicht wiederholen.

»Du nimmst diese Sache nicht ernst genug«, beschwert sich der Große Zaubermeister. »Seit zwei Jahren versuche ich dir klar zu machen, wie wichtig deine Rolle werden wird.«

»Als deine Handpuppe.«

»Was interessiert es dich in ein paar Jahren, was genau du getan hast, um unsere Welt zu retten? Man wird dich als Helden feiern. Niemand wird ahnen, dass es sich nicht um deine eigenen Zauberkräfte gehandelt hat. Zumindest wenn du dich endlich anstrengst und versuchst, meine Magie auf die richtige Art zu kanalisieren.«

Mein Herz sollte nicht von Bitterkeit zerfressen werden. Ich weiß, dass ich niemals annähernd gut genug sein werde, um so mächtig zu werden, wie mein Großvater es ist. Ehrlich gesagt habe ich die Zauberei in meiner Kindheit tatsächlich nie als mein Schicksal angesehen.

Das hat sich allerdings geändert, als ich das erste Mal Magie wirken durfte. Noch bevor die Prophezeiung der Gefahr für unser Volk meine Person zu einer Spielfigur des großen Plans gemacht hat, wollte ich alles Notwendige lernen, um den überdimensionalen Fußstapfen meines Großvaters mit kleinen Schritten folgen zu können. Doch jetzt bin ich zu einer Marionette geworden. Oremazz hat nicht einmal in Betracht gezogen, ich könnte als Zauberlehrling genug Entwicklung zeigen, um auch nur einen Teil der Zauber selbst zu wirken.

»Ich verstehe, wie groß die Gefahr ist, die uns durch die schwarze Wolke droht«, stelle ich klar. »Wir müssen die Vorhut aus unserem Land verjagen, damit die Dunkelheit uns nicht vernichtet. Ich bin bereit, alles in meiner Macht Stehende zu tun, um das Schlimmste zu verhindern. Lehre mich alle Zauber, die du kennst. Lass mich nicht nur in den Büchern deiner Bibliothek lesen, wie Magie richtig angewendet wird. Erlaube mir, all diese Dinge auszuprobieren.«

»Eine schlechte Idee. Damit würden wir bloß unnötig Zeit verschwenden. Meine Vision war mehr als deutlich. Wir wissen, ich habe dich gelenkt. Wozu willst du dich mit etwas befassen, das ohnehin niemals eintritt?«

Obwohl es in seinem Studierzimmer langsam zu dunkel wird, um das Spiel seiner Miene genau deuten zu können, erkenne ich die Missbilligung auf seinem Gesicht. Die Sonne wird viel zu oft von Wolken verdeckt. Die Abstände, in denen es ihr gelingt, die verfinsternde Decke zu durchdringen, werden immer kürzer. Dennoch sehe ich, wie Oremazz’ Augen funkeln, als er sich seinen Büchern zuwendet.

Mit einer beiläufigen Handbewegung entzünde ich ein Feuer in den drei Laternen an der Wand. »Ich habe mich in den letzten Tagen an einigen einfachen Zaubern versucht«, gestehe ich. »Nichts allzu Großes. Doch es ist mir gelungen, Abwehrmechanismen anzuwenden.«

Der Große Zaubermeister lacht auf. »Lassen wir außer Acht, dass du lieber etwas anderes hättest üben sollen, und widmen wir uns einen kurzen Augenblick dieser ungenauen Aussage. Welchen Zauber hast du gewirkt?«

»Ich habe einen Schutzschild um mich herum gebildet. Elevander hat mit einem Ball auf mich geschossen, aber der Ball konnte den Schild nicht durchdringen.«

Wie stolz ich in diesem Augenblick gewesen bin! In den letzten Monaten habe ich nicht einmal den Anflug dieses Glücks empfunden. Oremazz glaubt nicht an mich. Elevander stachelt mich an. Mein bester Freund unterstützt mich bei meinen Übungen. Ihm ist es aufgrund seines Standes nicht erlaubt, Zauberlehrling zu werden, obwohl ich ihn zu gern an meiner Seite hätte. Genau wie sein Vater arbeitet er als Schreiner und ist damit mehr als zufrieden. Ihn dabei zu beobachten, wie geschickt er mit einem Stück Holz umgeht, schenkt mir den Frieden, den ich bei meiner Aufgabe niemals finde. Er tut, wozu er berufen ist, und motiviert mich, an mir selbst zu arbeiten. Durch seine Hartnäckigkeit habe ich meine Hoffnung noch nicht aufgegeben, irgendwann ein großer Zauberer zu werden.

Oremazz’ Augenbraue hebt sich. »Ein Schutzschild für dich allein? Das lernen Lehrlinge in den ersten Monaten ihrer Ausbildung. Wozu soll dieser Zauber schon gut sein? Willst du ihn in der Schlacht anwenden? Möchtest du dich damit vor unseren Feinden schützen, während um dich herum die Männer fallen?«

Mir ist bewusst gewesen, dass es sich bei meiner Übung nur um einen kleinen Trick handelt. Natürlich reicht das nicht, um in einem Kampf die Männer, die unser Fürst aus dem ganzen Land einberufen hat, vor Unheil zu bewahren. Trotzdem habe ich gehofft, mein Großvater würde in Betracht ziehen, dass ich hilfreicher als eine Handpuppe sein könnte.

»Hast du letzte Nacht die Sprüche gelernt, die ich dir aufgetragen habe?«, fragt der Große Zaubermeister streng.

»Selbstverständlich. Ich würde dich niemals enttäuschen.«

Oremazz seufzt. »Zeig es mir«, fordert er. »Sag eine der Formeln.«

Nervosität lähmt mich sofort. Ich weiß, welchen Spruch ich sprechen möchte. Unsichtbar sein. Dabei handelt es sich um eine Fähigkeit, die ich mir immer schon gewünscht habe. Tatsächlich habe ich ihn bereits vor dem Auftrag von Oremazz gelernt. Mehrmals habe ich den Zauber getestet, um mich heimlich mit Elevander wegschleichen zu können. Niemals hatte ich ein Problem damit, ihn richtig umzusetzen. Doch plötzlich ist mein Kopf wie leergefegt. Die Angst, zu versagen, lässt mich noch vor dem Beginn verzweifeln. Ich klammere mich an den Anfangsworten des Spruches fest und trage ihn leise und langsam vor.

»Mit meiner Seele rufe ich die Macht,

damit der helle Nebel über mich gebracht.

Unsichtbar wandle ich auf dieser Welt,

solange es mir so gefällt.«

Nichts passiert. Und das ist kein Wunder. Triumph blitzt in den Augen meines Großvaters auf.

»Du hast in der letzten Zeile ein paar Worte verwechselt«, tadelt Oremazz sofort. »Es heißt: solange mir diese Tarnung gefällt. Du musst darauf achten, die Sprüche fehlerfrei zu kennen. Wenn du unkorrekte Zauber aussprichst, wirst du keinen Erfolg haben. Du bringst damit nicht nur dich in Gefahr. Genau deshalb kann ich dich nicht ohne meine Hilfe zaubern lassen.«

Scham erhitzt meine Wangen. Dieser Fehler war unverzeihlich. Ich habe versucht, meinen Großvater davon zu überzeugen, sein Vertrauen verdient zu haben. Stattdessen habe ich ihm einen weiteren Grund geliefert, warum ich nicht würdig bin, sein Nachfolger zu werden. Unter Druck versage ich. Möglicherweise hat Oremazz recht, wenn er mir nicht mehr Verantwortung überträgt.

»Es tut mir leid, dich enttäuscht zu haben«, würge ich hervor.

»Ich habe nicht erwartet, dass du plötzlich zu einem Meistermagier wirst. Vergiss einfach deine Albernheiten, schlag dir aus dem Kopf, die Zauber allein zu wirken, und konzentriere dich auf die Aufgabe, die du wirklich umsetzen kannst. Bist du dazu bereit?«

Mehr als ein Nicken gelingt mir nicht.

»Schön. Dann lass uns nach draußen gehen und nach einem geeigneten Versuchsobjekt suchen.«

»Einem geeigneten Versuchsobjekt?«, echoe ich.

»Exakt. Wir werden sofort einen Versuch starten, bei dem ich den Zauber spreche, und du dich auf die Person konzentrierst, bei der sich die Wirkung zeigen soll. Es ist an der Zeit, deine Fähigkeiten zu testen. Ich will sehen, ob du in der Lage bist, meine Kräfte zu kanalisieren.«

Bisher haben wir uns hauptsächlich darauf beschränkt, an Gegenständen zu üben. In den letzten Wochen hat mein Großvater Freiwillige dazu abgestellt, mich meine Zauber an ihnen testen zu lassen. Wir haben niemanden darüber informiert, dass nicht wirklich ich es bin, der die Magie benutzt. Genau das wollten wir schließlich verhindern. Es hat auch niemand bemerkt, dass wir nur ein Theaterspiel veranstalten, was Oremazz in seinem Glauben bestärkt, dass wir den richtigen Weg beschreiten. Ich weiß nicht, ob ich glücklich darüber bin, so ein guter Schauspieler zu sein.

Jetzt soll ich jemanden beeinflussen, der nicht ahnt, für meine Zwecke benutzt zu werden. Seit drei Tagen versuchen wir uns an Zaubern, die unsere Gegner außer Gefecht setzen sollen. Das würde bedeuten, dass wir einen Dorfbewohner ohne Vorwarnung handlungsunfähig machen. Nein, wir könnten ihn sogar verletzen. Der Gedanke gefällt mir nicht.

»Hältst du das wirklich für eine gute Idee?«, frage ich. »Was, wenn jemand bemerkt, was wir tun? Was werden die Leute denken, wenn wir unsere Macht nicht auf verantwortungsvolle Weise einsetzen?«

»So ein Schwachsinn! Hast du vielleicht vor, unsere Feinde um Erlaubnis zu fragen, bevor du sie kampfunfähig machst?«

»Nein, aber das kannst du nicht vergleichen. Willst du einen unschuldigen Menschen in Angst und Schrecken versetzen …?«

Mein Großvater stößt einen Laut der Verärgerung aus. Mit dem Blick, den er mir zuwirft, könnte er glühende Kohlen zu Eis verwandeln.

Oremazz packt eines seiner Bücher – wozu er es benötigt, weiß ich nicht – und verlässt den Raum. Ich folge ihm auf den Gang. Es wäre ein Leichtes für uns, mit einem Zauber innerhalb einer Sekunde in den Hof zu gelangen. Er liebt den großen Auftritt. Doch dafür hat er es nicht nötig, Magie anzuwenden.

Bei jedem Schritt, den wir im Schloss zurücklegen, halten die Leute ehrfurchtsvoll inne. Die Frauen sinken in einen tiefen Knicks. Die Männer verbeugen sich. Während man ihn grüßt, wird der Name meines Großvaters nur leise gemurmelt. Es scheint, als wolle man ihn nicht abnutzen, als beinhalte er einen Zauber, den es zu bewahren gilt.

Obwohl ich direkt neben ihm gehe, werde ich keines Blickes gewürdigt. Als sein Enkel könnte ich eine gewisse Sonderstellung in unserer Gemeinschaft einnehmen. Das ändert allerdings nichts daran, dass ich neben Oremazz nicht beachtet werde.

»Warte hier«, befiehlt der Große Zaubermeister, als wir auf den Innenhof gelangen.

Eine Frau mit einem Korb voller Wäsche läuft an uns vorbei. Als sie in den Knicks sinkt, steigt sie sich auf den Saum ihres Kleides, das unter der Toga hervorschaut. Ich greife nach ihrer Hand, um sie am Fallen zu hindern. Sie flüstert einen Dank, bevor sie weitereilt.

Mein Großvater nimmt die Aufregung der Frau gar nicht wahr und eilt über den Hof. Vermutlich macht er sich auf die Suche nach einem geeigneten Opfer für unseren Versuch. In mir brodelt Unwohlsein. Das ist wohl ein schlechter Traum. Gleich wache ich auf. Das kann er doch nicht tun! Sucht er möglicherweise jemanden, der leicht zu manipulieren ist? Oder möchte er mir die Sache nicht zu leicht machen? Ich hätte nichts dagegen, einen kleinen Erfolg vorweisen zu können, auch wenn ich den Gedanken hasse, irgendjemanden gegen dessen Willen zu beeinflussen. Ich will das nicht!

Beiläufig beobachte ich das Treiben auf der plattgetretenen Fläche, die fünfzig Schritte auf der einen Seite und gut hundert auf der anderen Seite breit ist. Ein Mann repariert das Rad eines Karrens. Zwei weitere zimmern an einem Hühnerstall, was den Unmut einer Frau erweckt, die lautstark nach der Verlegung der Baustelle fordert.

Dann verändert sich etwas. Meine Nackenhaare richten sich auf, während mein Herz einen Hüpfer macht. Frieden breitet sich in mir aus. Er ist da.

Ich nehme seine Aura wahr, bevor er mich anspricht. Gesichter habe ich mir noch niemals gut gemerkt. Sie sind leicht zu verwechseln, austauschbar, verändern sich je nach Laune. Die Aura eines Menschen bleibt allerdings immer gleich.

»Was tust du hier? Solltest du nicht im Studierzimmer über deinen Büchern brüten?« Elevander bleibt hinter mir stehen.

Einen Moment lang habe ich Oremazz aus den Augen verloren. Dann entdecke ich ihn an den Stufen, die zum Rundgang im ersten Stock führen. Will er von dort aus den Zauber wirken?

»Ich soll mich an einem Opfer versuchen, das nichts von der Manipulation ahnt«, gestehe ich. Mein bester Freund weiß über die Täuschung Bescheid, die mein Großvater und ich planen. Ich musste mich jemandem anvertrauen, auch wenn der Große Zaubermeister das bestimmt nicht gutheißen würde.

»Eigentlich soll ich einen Schrank für die Bibliothek ausmessen. Jetzt lasse ich mir damit noch ein wenig Zeit. Wann geht es los?«

»Willst du wirklich dabei zusehen, wie ich mich vor allen lächerlich mache?«, frage ich.

Elevander lacht leise. »Vielleicht solltet ihr nicht nur an deinen Fähigkeiten als Zauberer arbeiten. Es würde nicht schaden, wenn ihr dein Selbstbewusstsein aufbauen würdet.«

Ich unterdrücke ein trauriges Seufzen. »Dafür haben wir keine Zeit. Mein Großvater gibt mir sehr deutlich zu verstehen, dass ich seine Erwartungen bei den Aufgaben nicht erfülle, die ich unbedingt erlernen muss. Wenn wir uns dann noch bei Nebensächlichkeiten verzetteln, wird das niemals etwas mit meiner Funktion als Simulationszauberer.«

Mein bester Freund hebt eine Augenbraue. »Das Problem verstehe ich nicht ganz. Warum kann dein Großvater denn nicht an deiner statt diese Reise unternehmen, wenn er der Meinung ist, bei ihm handle es sich um den besten Zauberer für diese Aufgabe?«

»Er ist nicht mehr jung genug«, zische ich Elevander zu, als ich den intensiven Blick von Oremazz auf mir spüre. Wenn ich mich jetzt nach meinem Großvater umsehen würde, könnte ich ihn nicht entdecken. Er hat sich einen Platz gesucht, an dem er keine Aufmerksamkeit erregt. Ich kann fühlen, wie er auch meine Augen benutzt, um sich einen besseren Überblick zu verschaffen.

»Weshalb lässt er dich dann nicht die Zauber lernen, die notwendig sind?«, will Elevander wissen. »Ihr hattet zwei Jahre, um aus dir einen echten Zauberer zu machen. Wieso hat er diese Zeit nicht genutzt?«

»Weil ich nicht gut genug bin.«

Elevander legt mir eine Hand auf die Schulter. »Womit wir wieder bei dem Problem deines mangelnden Selbstbewusstseins wären.«

Daran wird sich so schnell auch nichts ändern. »Ich danke dir, dass du an mich glaubst. Vielleicht wärest du als Enkel meines Großvaters nicht gescheitert.«

»Du bist der Bessere von uns«, behauptet mein Freund. »Du wirst deinen Weg gehen. Daran kann der Große Zaubermeister dich nicht hindern. Möglicherweise erkennt er nicht, wozu du fähig bist. Ich allerdings weiß, dass du zu Großem berufen bist.«

Das plötzliche Kribbeln in meinem Nacken hat seinen Ursprung in Magie, die zu mir durchdringen will. Inzwischen bin ich geübt darin, meinen Schutzwall Oremazz gegenüber hinunterzufahren. Sofort weiß ich, welche Nachricht mein Großvater mir schicken möchte. Er winkt mich heran. Zeit für meinen großen Auftritt. Ich muss das Gespräch mit Elevander beenden, obwohl ich ihm zu gern dabei zuhöre, wie er meine Zukunft in leuchtenden Farben für mich malt. »Ich weiß deinen Versuch zu schätzen, mich aufzumuntern. Wenn du irgendwann meine aufbauenden Worte benötigst, werde ich sie parat haben.«

Sein Lächeln ist ein warmer Sonnenstrahl an meinem Hinterkopf, der durch Blätter dringt. »Du irrst dich, wenn du denkst, ich würde dir nur einschmeichelnde Komplimente zumurmeln. Ich weiß, dass du uns alle überraschen wirst und zu mehr in der Lage bist, als Oremazz dir zutraut. Wenn die Zeit gekommen ist, werde ich dafür sorgen, dass du dich nicht mehr hinter deinem Großvater versteckst. Ich werde dich daran erinnern, an dich zu glauben.«

»Lesithder! Gehst du endlich zu dem Ort, den ich dir gezeigt habe?« Oremazz schickt mir mit Hilfe von Magie einen bösen Blick.

»Ich mache mich gleich auf den Weg«, teile ich ihm durch Gedankenübertragung mit, bevor ich mich Elevander zuwende. »Das ist sehr nett von dir.«

»Erspare mir deine unnötige Dankbarkeit. Deine Zeit wird kommen. Ein Moment, in dem du allen Zweiflern beweist, wozu du wirklich fähig bist. Ich werde mich vor dich stellen und dich dabei unterstützen, wenn es sein muss.«

Tränen brennen in meinen Augen. Die Zuversicht, die in Elevanders Augen leuchtet, schnürt mir die Luft ab. Wie kann jemand an mich glauben, der mich so oft hat scheitern sehen?

Ich öffne den Mund für weitere Dankesworte, halte dann aber kopfschüttelnd inne. Es gibt nichts, was ich Elevander nicht schon mehrmals gesagt habe. Er kennt mich gut genug, um zu wissen, was in mir vorgeht.

Nach einem Kopfnicken in seine Richtung, wende ich mich ab.

»Geh los«, fordert mein Großvater in meinem Kopf. »Ich weise dir den Weg.« An der gegenüberliegenden Wand befindet sich ein Durchgang, der zu den Räumen der Dienstboten führt. Mein Großvater lenkt meine Beine in diese Richtung. Ich verberge mich im Dunkeln und suche mit dem Blick den Innenhof nach dem Gesicht ab, das Oremazz mir geschickt hat.

Als ich noch einmal zu Elevander sehe, nickt der mir zu, als hätte er keine Schwierigkeiten, mich auch in der Finsternis zu finden. Ein Lächeln erscheint auf seinem Gesicht, bevor er sich auf den Weg macht, um seiner Arbeit nachzugehen.

Ich schiebe mich tiefer in die Schatten und setze meine Suche fort. Endlich entdecke ich den Mann, auf den der Große Zaubermeister es abgesehen hat. Der grauhaarige Kerl macht sich gerade an einer der Tonnen zu schaffen, in denen das Regenwasser aufgefangen wird. Anscheinend hat sich ein Ring gelockert, der die Holzbretter zusammenhält. Der Mann versucht, sie an die richtige Stelle zu rücken und dann mit dem Schlag seines Hammers zu festigen.

Seine Handlungen will Oremazz also mit meiner Hilfe beeinflussen. Ich werde das Werkzeug sein, mit dem er die Magie in die richtige Richtung lenkt. Jetzt wird sich entscheiden, ob unser Plan in die Realität umgesetzt werden kann.

Die Aufgabe stellt eine Herausforderung für mich dar. Ich muss mich jede Sekunde konzentrieren, um die Verbindung nicht abreißen zu lassen. Es wäre viel leichter, einfach die Augen zu schließen, meinen Körper ganz meinem Großvater zu überlassen. Wenn er die Kontrolle übernimmt, bemerke ich nicht, was vor sich geht. Es ist, als ob ich in Trance wäre und an einen anderen Ort katapultiert wäre. In einen dunklen Raum, in dem keine Zeit existiert.

Meine Miene wird dabei allerdings zu einer starren, gefühllosen Maske. Meine Lippen bewegen sich zu Oremazz’ Worten. Doch in meinen Augen fehlen die Lebendigkeit, das Feuer, das mich ausmacht. Jedem Beobachter ist sofort klar, dass etwas mit mir nicht stimmt.

Deshalb musste ich lernen, wie ich den Willen meines Körpers in dem richtigen Ausmaß an Oremazz übergebe. Er steuert meine Bewegungen, meine Worte, meine Gedanken. Dadurch bemerkt niemand die Täuschung. Niemand kann herausfinden, dass nicht ich die Magie wirke, nicht ich die weisen Ratschläge gebe. Es ist ein Schutz meiner Person, die als Hochstapler gebrandmarkt werden würde, und gleichzeitig die einzige Möglichkeit, das Vertrauen in mich zu stärken. Wenn jemand herausfinden würde, dass Oremazz über meine Fähigkeiten gelogen hat, würde das seine Position als Großer Zaubermeister gefährden. Er ist zu wichtig für unser Volk, als dass ich auch nur den geringsten Zweifel an seiner Position aufkommen lassen kann.

Jetzt bemühe ich mich um eine ruhige Atmung. Ich fokussiere meine Aufmerksamkeit ganz auf Oremazz. Gleichzeitig lasse ich den Mann nicht aus den Augen, den mein Großvater ausgewählt hat. In ein paar Sekunden werde ich die Worte sprechen, die mir der Große Zaubermeister in den Mund gelegt hat. Gleich werde ich einen Zauber wirken, um zu testen, ob der Fremde meinen Befehlen folgt. Nur so können wir herausfinden, ob Oremazz durch mich einzelne Feinde außer Kraft setzen kann.

Die Verbindung steht. Ich kann die Magie fühlen, die sich jetzt in mir sammelt, mich bis in die Zehenspitzen ausfüllt. In mir bündelt sich Wärme, Licht und Kraft. Meine Fingerspitzen prickeln, sodass ich meine Arme hebe und meine Hände die richtige Haltung einnehmen lasse. Währenddessen steigt die Kraft weiter in mir an. Gerade als ich denke, nicht mehr davon ertragen zu können, beginnt die Magie in einem steten Strahl zu fließen. Sie durchströmt meine Arme und verlässt durch meine Finger meinen Körper, während immer neue Kraft nachdrängt. Nur für mich ist dieser Fluss von Energie von mir weg als schnelle Vibration in der Luft sichtbar.

Die Magie erreicht den Mann, für den sie gedacht ist. Er richtet sich auf und drückt den Rücken durch. Der Hammer gleitet aus seiner Hand und landet direkt neben seinen Zehenspitzen auf dem Boden. Der lange Stiel prallt dabei von seinen Schuhen ab. Bestimmt ist das schmerzhaft, doch der Mann gibt keinen Laut von sich.

Ich kann sein Gesicht erkennen. Ein verblüffter Ausdruck liegt darauf, bevor er sich langsam in Angst wandelt, weil er nicht in der Lage ist, sich zu bewegen.

Oremazz befiehlt ihm, den Arm zu heben. Zuerst wehrt er sich dagegen. Vermutlich ist es nicht hilfreich, dass ich Mitleid mit dem armen Mann habe, der nicht weiß, was mit ihm geschieht. Die Verärgerung des Großen Zaubermeisters trifft mich wie ein Peitschenschlag.

Wieder einmal bin ich dabei, ihn zu enttäuschen. Zwei Sekunden lang schließe ich die Augen, fokussiere mich auf die Macht, die er durch mich strömen lässt. Dann blicke ich zu dem Mann, verstärke den Zauber meines Großvaters, indem ich auch meinen Befehl an unser Opfer schicke, das zu tun, was Oremazz ihm aufgetragen hat.

Langsam hebt sich der Arm des Mannes. Seine Muskeln zittern vor lauter Anstrengung, der Bewegung zu widerstehen. Doch er hat keine Chance. Schließlich reckt sich seine Hand hoch gen Himmel.

Ein Hochgefühl nie gekannten Ausmaßes macht mich trunken. Dieser Erfolg ist nur durch mich möglich gewesen. Jetzt hoffe ich nur, mein Großvater triumphiert über diesen Augenblick genauso sehr wie ich.

Der Mann, der unter unserem Bann steht, gibt einen wimmernden Laut von sich. Er will sich immer noch gegen uns wehren, was ich ihm nicht verdenken kann. Die Magie, die Oremazz durch mich fließen lässt, um die Kontrolle über ihn zu behalten, steigt an. Sie füllt mich bis zum Rand aus, sodass sich ein leichtes Schwindelgefühl in meinem Magen breitmacht. Ganz offensichtlich ist der Große Zaubermeister nicht zufrieden damit, wie der Versuch bis jetzt verlaufen ist.

Wieder lese ich erst die Gedanken meines Großvaters. Als ich weiß, welche Art von Bewegung ihm vorschwebt, helfe ich mit meiner eigenen Kraft nach. Ganz plötzlich streckt der fremde Mann die Hand zur Seite aus, während er sein linkes Bein anhebt.

Diese Position kann unmöglich bequem sein. Tatsächlich muss es sogar schwer sein, das Gleichgewicht zu behalten. Dennoch steht er gerade, als wäre sein rechtes Bein im Boden verwurzelt.

Der Gesichtsausdruck unseres Opfers zeigt seine Panik. Seine Augen huschen von links nach rechts. Der Zauberspruch von Oremazz verhindert, dass der arme Mann den Kopf drehen kann. Er ist nicht in der Lage, herauszufinden, woher die Bedrohung kommt, oder um Hilfe zu bitten. Wieder kommt dieses seltsame, unterdrückte Wimmern von ihm. Dann schickt mein Großvater etwas mehr Magie, und der Mann auf einem Bein verstummt zur Gänze.

Ich kann den Zauber lesen, den der Große Zauberer plant. Ich verstehe, was er vorhat.

Die Anziehungskraft der Erde soll keine Wirkung mehr auf den Mann haben. Wenn Oremazz ihm mit einem schnellen Ausbruch der Magie einen Stoß versetzt, wird er abheben und gegen eine der Wände des Innenhofs geschleudert werden. Sein Körper würde das nicht verkraften.

Verdammt, das kann mein Großvater nicht tun! Dieser arme Mann hat nichts Falsches getan. Er ist bloß zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Er hat nicht verdient, dass man ihn verletzt.

Mit der Kraft meiner Gedanken sende ich dem Großen Zaubermeister eine Nachricht. »Diesen Sturz wird er nicht überleben. Das können wir nicht riskieren.«

»Es gibt keine andere Möglichkeit, herauszufinden, ob du als Medium funktionieren kannst.«

Einen Moment stockt mir der Atem. Hat Oremazz tatsächlich gerade den Tod eines Menschen als notwendiges Opfer abgetan? »Wir haben keine andere Variante versucht.«

»Sträube dich nicht gegen das Unabwendbare«, befiehlt mein Großvater. »Öffne dich für die notwendige Magie.«

»Nein.« Ich bin einfach nicht in der Lage, Teil dieses bösen Spiels zu sein. Möglicherweise ist es notwendig, dass wir jemanden als Versuchskaninchen benutzen. Doch diese Person soll dabei nicht zu Schaden kommen. Dieser Mann hat nicht verdient, durch meine Unfähigkeit verletzt zu werden. Ich kann es nicht zulassen. Nun will ich ihn verteidigen. Komme, was wolle.

Die aufbrandende Wut des Großen Zaubermeisters flirrt spürbar in der Luft. Als ich meine Arme senke, um die Verbindung zu dem Fremden zu lösen, versucht Oremazz, in meinen Verstand einzudringen. Er will mich dazu zwingen, ihn bei dieser grausamen Tat zu unterstützen. Das erste Mal in meinem Leben wehre ich mich gegen ihn. Dieses eine Mal bin ich stärker als er.

Die überschüssige Magie sucht einen Weg in meinen Körper. Da ich mein Schutzschild hochgefahren habe, überzieht mich die Kraft wie ein schweres Tuch. Sie drängt immer näher, drückt mir die Luft ab. Ich beginne zu zittern, kann dem Druck nur schwer widerstehen, den der Große Zaubermeister auf mich ausübt. Meine Haut beginnt zu prickeln. Elektrische Entladungen tanzen auf meinen Armen. Doch ich bleibe reglos und warte auf den Moment, in dem ich in tausend Stücke zerrissen werde, weil die Macht zu groß wird, um sie zurückzudrängen.

Tatsächlich wird das Beben meines Körpers stärker. Ich schwanke und muss mich an die Wand lehnen, um nicht zu fallen. Mein Herz rast. Ich schließe die Augen und warte auf das Ende, das mich zweifellos erwartet.

Noch einmal steigt die Kraft der Magie an, während ich mich dagegen wehre, benutzt zu werden. Schmerz rast durch meinen Körper, weil ich den Fähigkeiten meines Großvaters nichts entgegenzusetzen habe. Angst schnürt mir die Kehle zu. Jetzt ist es so weit. Jetzt werde ich sterben. Aber lieber das, als das Leben eines Unschuldigen in Gefahr zu bringen.

Plötzlich wird der Energiestrom schwächer. Ein Schauer durchläuft mich. Dann ist der Ansturm der Magie zu Ende.

Ist es vorbei? Bin ich gestorben? Oder hat Oremazz selbst den Zauber an dem armen Mann im Innenhof angewendet, um mir eine Lektion zu erteilen?

Ich reiße die Augen auf und sehe mich um.

Der Mann, den wir als Opfer ausgewählt haben, hat wieder beide Füße auf dem Boden. Sein Arm hängt an seiner Seite hinunter. Auf seinem Gesicht spiegeln sich Schock und Unverständnis. Doch er scheint unverletzt. Kann er sich inzwischen wieder bewegen? Er muss von hier fort. Wenn mein Großvater versuchen sollte, ihn direkt mit seiner Magie anzugreifen, hat der Bauer dem nichts entgegenzusetzen.

Oremazz wird meinen Wunsch, dem Mann zu helfen, nicht verstehen. Ich verschwende keine Zeit damit, ihn um Erlaubnis oder Gnade anzuflehen. Tatsächlich stelle ich nicht einmal eine Verbindung zu ihm her, um ihn nach seinen Plänen zu fragen. Ich trete aus dem Durchgang hervor, eile vorwärts und laufe auf den Mann zu, der von dem, was mit ihm geschehen ist, immer noch verwirrt scheint.

»Verschwinde!«, rufe ich. »Weg hier!«

Der Mann wendet sich mir zu, völliges Unverständnis im Blick. So einfach wird er es mir nicht machen, ihn vor weiterem Unheil zu bewahren.

Ich wedle mit den Armen, als versuche ich einen Schwarm Flugechsen zu vertreiben. »Du solltest dir irgendwo anders eine Aufgabe suchen«, befehle ich. »Sofort.«

»Aber die Tonne …« Verwirrt bricht er ab.

»Willst du noch einmal bewegungsunfähig sein?«, brülle ich. »Lauf endlich!«

Der Ausdruck in den Augen des Mannes verändert sich. Der Schock scheint endlich nachzulassen. Verspätet wird ihm bewusst, was gerade passiert ist. Er stolpert rückwärts und läuft schließlich los. Erleichtert bleibe ich stehen.

Hinter mir nähern sich Schritte. »Wie konntest du nur?«, beschwert sich mein Großvater. »Was sollte das?«

»Ich weiß, dass ich noch einiges zu lernen habe. Das bedeutet aber nicht, dass ich jemanden verletzen werde.« Vermutlich klinge ich nicht so selbstsicher dabei, wie ich gerne würde. Dennoch drehe ich mich um und sehe Oremazz entgegen.

»Wie sollen wir üben, unsere Feinde außer Gefecht zu setzen, wenn du zögerst, die notwendigen Versuche zu machen?«

»Das war keine harmlose Übung, Großvater. Das war ein hinterhältiger Überfall auf jemanden, der nicht zu den Bösen zählt. Ich kann so etwas nicht tun.«

»Schwächling.« Das Gesicht des Großen Zaubermeisters verzieht sich voller Abscheu. »Wieso ist das Schicksal bloß der Meinung, du würdest für den Sieg gegen unseren Feind notwendig sein? Weshalb ist die Zukunft unseres Volkes nur untrennbar mit deinen Fähigkeiten verknüpft?«

Diese Frage habe ich mir in den letzten zwei Jahren unzählige Male gestellt, ohne eine Antwort zu finden. Wenn mein Großvater in der Lage wäre, mir einen Grund mitzuteilen, könnte ich vielleicht daran glauben, dass er sich nicht geirrt hat. Wenn es eine Erklärung gäbe, weshalb ausgerechnet ich durch die Vision meines Großvaters mit dieser Aufgabe beauftragt worden bin, würde ich mich vielleicht damit abfinden können, unangenehme Dinge zu tun. Doch solange man mir unablässig unter die Nase reibt, nicht gut genug zu sein, werde ich mich innerlich gegen die Vorstellung zur Wehr setzen.

Verärgert schüttelt Oremazz den Kopf. »Immer wieder enttäuschst du mich. Ich bin es leid, dich Dinge zu lehren, die du nicht verstehst. Deine Eltern würden sich für dich schämen.«

Ich habe keine Erinnerung an meine Eltern. Sie sind gestorben, als ich noch klein war. Mein Großvater hat mir auch nichts über meine Eltern erzählt. Ich besitze nichts, was ihnen gehört hat: kein Bild, kein Andenken, einfach nichts. Tatsächlich habe ich keine persönlichen Gegenstände mehr aus der Zeit, die ich mit ihnen verbracht habe. Solange ich denken kann, habe ich immer im Haus von Elevanders Eltern gewohnt und mir das Schlafzimmer mit ihm geteilt. Auch wenn seine Mutter sich bemüht hat, mir in ihrem Zuhause ein Heim zu bieten, habe ich mich immer fremd gefühlt. Mir hat etwas gefehlt, das ich nicht näher benennen kann. Wie sollte ich auch? Ich kenne nichts anderes. Eigenen Besitz habe ich nicht angesammelt. Die Souvenirs, die ich mir ersehnt habe, waren verloren, weil mein Großvater sie vernichtet hat.

Welche Art von Menschen meine Eltern waren, weiß ich nicht. War mein Vater ein großer Zauberer? Hatte meine Mutter ein Faible für Magie oder war sie eine Nichtzauberin? Ich kann sie nicht einschätzen, habe kein Gefühl für das, was sie bewegt hat. Deshalb weiß ich auch nicht, ob ich ihnen ähnlich bin, ob sie stolz auf mich waren, ob ich mich so entwickelt habe, wie sie es sich gewünscht haben. Der Gedanke, dass sie mich als Schande für unsere Familie empfinden könnten, schmerzt.

»Du bist ein Versager«, zischt mein Großvater. »Womit habe ich einen Klotz am Bein wie dich verdient?«

»Aber …«

»Geh mir aus den Augen. Versch…« Plötzlich verstummt er. Seine Stirn runzelt sich und er fasst sich an seine Brust.

So schlimm ist mein Versagen nicht gewesen. Misstrauisch beobachte ich, wie sein Gesicht an Farbe verliert. »Was ist los?«

»Ich …« Er schwankt, streckt die Hände nach mir aus.

Automatisch greife ich danach, um ihn aufrechtzuerhalten. Mein Argwohn hat sich in Rauch aufgelöst. Meine Sorge hingegen wächst ins Unermessliche.

Oremazz’ Hand rutscht aus meiner. Noch einmal torkelt er. Dann fällt er zu Boden. Seine Miene verzieht sich zu einer Grimasse, als hätte ihn etwas furchtbar erschreckt. Er wird noch eine Spur blasser, stöhnt leise. Seine Augen schließen sich flatternd, und er erschlafft. Auch seine Atmung verändert sich, sie wird flacher, gleichmäßiger. Er ist ohnmächtig.

Angst legt einen Eisenring um meine Brust. Was geschieht mit ihm? Woher kommt dieser Anfall? Wie kann ich ihm helfen?

Ich sehe mich um. Die Menschen im Schlossinnenhof beobachten uns mit schreckgeweiteten Augen. Niemand wagt sich an uns heran. Ich muss diese Situation allein bewältigen.

Die Aura von Elevander nähert sich. Ich kann spüren, dass er auf uns zuläuft. Auch wenn ich befürchten muss, dass er nichts tun kann, um meinen Großvater von seiner seltsamen Krankheit zu retten, schenkt mir seine Gegenwart ein Gefühl von Vertrauen, dass alles gut werden wird.

Über meine Schulter hinweg werfe ich Elevander einen Blick zu. Mein bester Freund wirkt besorgt. Er ist meine Familie. Er gibt mir die Kraft, die ich brauche.

»Helft mir, ihn von hier wegzubringen«, rufe ich. »Oremazz muss sich ausruhen. Wir müssen ihn ins Innere tragen. Bitte, jemand muss mit anpacken.«

Misstrauische Blicke streifen mich. Niemand scheint davon überzeugt zu sein, dass ich weiß, was zu tun ist. Tja, da geht es mir wie diesen Menschen.

Ich greife unter Oremazz’ Achseln und will ihn hochhieven. Auch wenn der Große Zaubermeister ein Mann von schmaler Gestalt und nur unmerklich größer ist als ich, gelingt es mir nicht, ihn hochzuheben. Es spielt keine Rolle für mich, wie lächerlich ich wirken muss, als ich rückwärtsstolpere und dabei meinen Großvater mit mir ziehe. Auf diese Art werde ich ihn unmöglich die Stufen hochbringen können. Aber wenigstens tue ich etwas.

»Ich nehme seine Beine«, sagt Elevander und klingt ein wenig außer Atem vom Laufen. »Gemeinsam schaffen wir ihn mit Sicherheit schneller nach drinnen.«

»Danke für deine Hilfe.« Ich warte, bis Elevander bei den Füßen meines Großvaters angelangt ist und sie anhebt. Gerade, als ich ihm ein Zeichen geben will, dass wir losmarschieren können, schlägt der Große Zaubermeister die Augen auf.

Er reißt den Mund auf, saugt hungrig Luft in seine Lungen. Die Farbe kehrt auf seine Wangen zurück. Seine Gesichtszüge entspannen sich.

Erschrocken lasse ich Oremazz los, weshalb er unsanft auf dem Boden aufkommt. Obwohl ich erleichtert bin, dass er sein Bewusstsein zurückerlangt hat, habe ich Angst vor dem Ausdruck in seinen Augen. Darin spiegelt sich eine neue Dunkelheit, etwas Böses, das nichts mit seiner eigenen Grausamkeit zu tun hat.

»Was tust du denn da?«, blafft der Große Zaubermeister mich an. »Warum versuchst du, mich zu tragen?«

»Du bist bewusstlos geworden. Ich hatte Angst, du wärst von etwas besessen …«

»Und das wolltest du mir in einem dreckigen Graben austreiben?« Mein Großvater ergreift die Hand, die Elevander ihm entgegenstreckt, rappelt sich mit seiner Hilfe auf und klopft sich den Dreck von der Kleidung. Sonderlich erfolgreich ist er damit nicht.

Verunsichert trete ich zurück. »Ich dachte, in deinem Studierzimmer einen Hinweis darauf finden zu können, wie ich dir helfen sollte.«

Oremazz seufzt. »In meinen Unterlagen entdeckst du bestimmt nichts, was mit dieser Vision zusammenhängt. Hätte ich vorhergesehen, Bilder der Zukunft zu erhalten, hätte ich selbst Vorkehrungen getroffen. Denk das nächste Mal besser nach. Jetzt ist meine gute Tunika völlig umsonst verdreckt.«

»Tut mir leid, Großer Zaubermeister. Dann hattest du eine Vision? Dabei bist du bis jetzt doch niemals ohnmächtig geworden.«

»Die Bedrohung ist auch näher als jemals zuvor. Ich muss sofort mit dem Fürsten sprechen. Du wirst in der Zwischenzeit ein paar Sprüche üben. Das, was du vorhin zustande gebracht hast, ist meines Enkels nicht wert.« Als er losmarschiert, scheint er Elevander das erste Mal zu bemerken, obwohl er ihm hochgeholfen hat. »Hast du nichts Besseres zu tun, als mich anzustarren?«

»Tatsächlich hätte ich Wichtigeres zu erledigen«, gibt mein bester Freund zu. »Ich dachte allerdings, es wäre ein Gebot der Höflichkeit, erst Lesithder dabei zu helfen, Euch zu versorgen.«

Der Große Zaubermeister macht eine wegwerfende Handbewegung. »Hätte er so viel Anstrengung ins Lernen der notwendigen Sprüche gesteckt, wäre unsere Lage jetzt nicht so angespannt. Mach dich endlich auf den Weg, Lesithder. Die Zeit arbeitet gegen uns.«

Ich nicke Elevander zur Verabschiedung zu und gehe dann durch einen Durchgang zu den Stufen, die mich zum Studierzimmer meines Großvaters bringen werden. Das Drängen in seiner Stimme gefällt mir nicht. Es scheint, als hätte ihn diese Vision aufgewühlt. Ob die Zeit tatsächlich knapp wird? Was, glaubt er, wird passieren, wenn sie abgelaufen ist?

Während ich mich noch auf dem Gang befinde, höre ich, dass im Innenhof Unruhe entsteht. Ein Reiter prescht ins Schloss und springt ab, bevor seine Reitechse vollständig angehalten hat. Er bellt Befehle, verlangt, sofort zum Fürsten vorgelassen zu werden.

Beunruhigt beobachte ich die Aufregung im Innenhof, bevor ich das Studierzimmer betrete. Die Geschehnisse scheinen sich tatsächlich zu überschlagen. Welche Neuigkeiten der Reiter dem Fürsten wohl übermitteln will? Ich befürchte, es handelt sich um keine guten.

»Es ist noch schlimmer, als ich nach meiner Vision vermutet habe«, sagt Oremazz, als er Stunden später zu mir kommt. Tiefe Furchen verunzieren seine Stirn. Sein Blick ist abwesend, als er auf dem Stuhl an seinem Schreibtisch Platz nimmt.

Ich klappe das Buch zu, in das ich vertieft gewesen bin, und trete näher. »Aus welchem Teil des Landes hat der Reiter Nachrichten ins Schloss gebracht? Weißt du, was er von unserem Fürsten wollte?«

»Unsere Feinde sind näher, als ich befürchtet habe. Der Bote hat einen Brief von Pitreu, dem Fürsten des Küstenstaates Nialling, überbracht. Der hat ihn mit Hilfe einer Flugechse an Ethoss geschickt, um ihn zu warnen, und der hat … Egal. Viel wichtiger ist, was in dem Schreiben gestanden hat. Unbekannte Boote haben sich Nialling genähert. Kriegsschiffe mit schwerer Bewaffnung, die außer Reichweite im Meer vor Anker gegangen sind. Auch wenn die Schiffe wieder aus der Sicht der Wachtürme verschwunden sind, werden sie zurückkehren. Bald. Sie werden Soldaten an unsere Küsten bringen, die uns vernichten sollen. Der Krieg steht unmittelbar bevor.«

»Bei allen Göttern!« Panik verursacht einen harten Knoten in meinem Magen.

»Die können uns nicht helfen. Die scheinen uns verlassen zu haben, wenn sie die Gefahr nicht abgehalten haben. Wir sind auf uns allein gestellt. Jeder von uns muss jetzt seine Aufgabe kennen, ihr seine Seele widmen und sie ohne Zögern erfüllen.«

Widerstand regt sich in mir. Das, was er gerade dem armen Mann angetan hat, darf nicht noch einmal passieren. Die Erinnerung an die Vision, die er mit mir geteilt hat, drängt in mein Bewusstsein. Wenn es uns gelingt, mit Zaubern wie diesem unseren Feinden zu schaden, werden wir sie anwenden müssen. Zukünftige Versuche an Unschuldigen werde ich nicht dulden; wenn der Krieg allerdings bald an unsere Haustüre klopft, werde ich mich meiner Aufgabe stellen müssen. Deshalb nicke ich mit bangem Herzen.

»Zum Glück sind die Verhandlungen mit den Herrschern der angrenzenden Länder bereits so gut wie abgeschlossen. Unser Fürst hat fast alle davon überzeugen können, dass wir nur gemeinsam in den Krieg ziehen können. Leider haben die Mächtigen unseres Kontinents sich nicht darauf einigen können, einen Anführer zu wählen, der die Truppen aller Länder führt. Wenn ich daran denke, welch ein Chaos entstehen könnte, wenn jeder Fürst seinen Soldaten andere Anweisungen gibt … Jemand muss die Männer anführen.«

»Wenn die Zeit gekommen ist, werden die notwendigen Entscheidungen gefällt werden«, versichere ich ihm. »Jemand wird unsere Völker vereinen. Unser Fürst Manekas wird die richtigen Worte finden.«

»Er ist bei den Bewohnern von Maëlle beliebt, weil sein Vater als gütiger und gerechter Herrscher bekannt war. Noch hat unser junger Fürst sich nicht beweisen müssen. Ich hoffe, er ist dieser Aufgabe gewachsen.«

»Wir werden es schaffen«, versuche ich, den Großen Zaubermeister zu beruhigen. »Da wir alle wissen, was davon abhängt, werden wir unser Bestes geben.«

»Ich dachte, wir hätten mehr Zeit«, murmelt Oremazz. Er klingt entsetzt und hoffnungslos zugleich, während er mich betrachtet. Sein faltiges Gesicht ist eine Maske des Grauens. In seinen blauen Augen lodert die Dunkelheit. So habe ich ihn noch nie gesehen.

»Wir wussten, dass wir uns beeilen müssen.«

Mein Großvater schüttelt den Kopf. »Es gibt noch so viel, das du lernen musst. Du bist überhaupt nicht vorbereitet auf das, was vor dir liegt.«

Da der Große Zaubermeister das regelmäßig wiederholt, habe ich keinen Zweifel am Wahrheitsgehalt seiner Worte. Also nicke ich. »Das wiederholst du ständig. Allerdings frage ich mich, weshalb du nicht vorhergesehen hast, dass die Staubkörner schneller durch die Sanduhr fließen, als du uns mitgeteilt hast. Warum ist dir dieses Detail verborgen geblieben?«

Ein finsterer Ausdruck huscht über das Gesicht meines Großvaters. »Stell meine Fähigkeiten nicht infrage.«

»Das tue ich nicht. Meine Frage ist, meiner Meinung nach, durchaus angebracht. Gibt es eine fremde Macht, die zu verhindern versucht, dass wir rechtzeitig Vorkehrungen treffen können?«

Diese Überlegung scheint Oremazz zu überraschen. Die Verärgerung weicht aus seinen Zügen. Stattdessen runzelt sich seine Stirn grüblerisch. »Eine fremde Macht?«, echot er.

Ich zucke mit den Schultern. »Es hat einen Grund, weshalb du diese Vorwarnungen erhalten hast. Das Gleichgewicht zwischen Gut und Böse möchte vermutlich Gerechtigkeit schaffen. Doch wieso macht dir die Magie dann etwas vor, wenn es um den genauen Zeitpunkt geht, an dem die Bedrohung für uns spürbar wird?«

Mein Großvater richtet sich auf. Die Farbe kehrt in sein Gesicht zurück. Tatsächlich wirkt er plötzlich sehr zufrieden. »Du hast recht. Das erste Mal in deinem Leben überraschst du mich mit deinen weisen Worten. Du hast den Finger an die richtige Stelle gelegt.«

Ein Kompliment verpackt in eine Beleidigung. Oder umgekehrt. Ich bin mir nicht ganz sicher, welches von beidem zutreffender ist.

»Eine fremde Macht!«, wiederholt Oremazz. »Unsere Gegner scheinen uns zu manipulieren. Das klingt sehr wahrscheinlich. Natürlich werden sie versuchen, unsere Pläne zu durchkreuzen. Wenn sie bemerkt haben, dass wir vorgewarnt wurden, müssen sie selbstverständlich versuchen, uns aus dem Konzept zu bringen. Gezielte Fehlinformationen. Ich konnte gar nicht richtig interpretieren, wann meine Vorhersage Realität wird. Unsere Feinde haben meine Magie beeinflusst.«

»Dir unterlaufen fast nie Fehler«, versichere ich dem Großen Zaubermeister.

»Natürlich nicht. Ich bin unfehlbar.« Er drückt den Rücken durch. »Wir müssen verhindern, dass unseren Feinden durch ihre Manipulation ein Vorteil erwächst. In ein paar Tagen sollten die letzten fehlenden Antworten von den Anführern unserer Verbündeten einlangen. Dann werden unsere Streitkräfte aufbrechen. Das bedeutet für uns, dass wir jede Stunde nutzen müssen, die uns noch zur Verfügung steht.«

Schon jetzt ist mir aufgrund der Studien nicht viel Freizeit geblieben. Es scheint, als würde ich in den nächsten Tagen auch wenig Schlaf erhalten.

Oremazz steht auf und tritt an seinen Studiertisch. »Die Kanalisation meiner Kräfte funktioniert gut genug. Wir können nicht noch mehr Zeit damit vergeuden. Es gibt noch so viel, was ich dir beibringen muss. Ich werde dir Bücher zur Lektüre überlassen, damit du deine Wissenslücken füllen kannst. Mir ist klar, dass es nicht ausreichen wird, um dir das notwendige Werkzeug in die Hand zu geben. Doch fürs Erste muss es reichen. Alle anderen Zauber werde ich dich lehren, wenn der Moment gekommen ist, an denen du sie anwenden musst.«

Tatsächlich habe ich den Eindruck, dass ich beim Lesen der Zauberbücher mehr erfahre, als ich es durch die einseitige Ausbildung meines Großvaters tue. Während er sich darauf konzentriert, mir die Sprüche einzutrichtern, die ich brauche, um als sein Werkzeug zu fungieren, kann ich nachts die Zauber üben, die ich in den dicken, alten Wälzern lese.

»Du weißt, welche Aufgabe dich ganz am Beginn dieses Abenteuers erwartet?« Oremazz sieht mich mit zusammengekniffenen Augen an.

»Ich muss als Mittelsmann fungieren, damit wir für den großen Krieg einen Verbündeten an unserer Seite haben. Nur dessen Macht wird uns siegen lassen.«

Mein Großvater nickt. »In meinen Visionen war dieses Detail ganz deutlich zu erkennen. Umock ist der Schlüssel zu unserem Erfolg. Ohne ihn sind wir verloren.«

Ein Schauer läuft mir über den Rücken. »Und wenn es mir nicht gelingt, ihn dazu zu bewegen, sich uns anzuschließen?«

»Dann Gnade uns die Magie.« Oremazz’ Stimme klingt dunkel.

Der strenge Blick, den er mir zuwirft, lässt mich den Kopf senken. Die Verantwortung, die auf meinen Schultern liegt, wiegt schwer. Die Verhandlungen mit unseren potenziellen Bündnispartnern führt normalerweise unser Fürst selbst. Doch mit Umock kann er sich nicht von Angesicht zu Angesicht unterhalten. Dafür ist meine Hilfe notwendig. Als Zauberer ist es mir möglich, den König der Nebelseelen zu rufen. Nur ich kann den Geist, der zurückgezogen in den Sümpfen von Anouk lebt, um eine Audienz bitten. Niemand außer einem Zauberer ist in der Lage, die körperlose Aura zu verstehen. Da mein Großvater sich dafür entschieden hat, mich an seiner Stelle in den Krieg ziehen zu lassen, werde ich die Verhandlungsposition des Fürsten übernehmen müssen.

Meine Nackenhaare stellen sich auf. Ich weiß nicht, was mich erwartet, wenn ich Umock gegenüberstehe. Möglicherweise lacht er mich aus. Unter Umständen glaubt er mir nicht. Vielleicht hält er unsere Bitte für einen Scherz. Egal, wie viel Zuversicht der Große Zaubermeister empfindet, ich fürchte, dass er sich in diesem Punkt irrt. Niemand kann voraussagen, was ein Wesen wie Umock antreibt.

»Wenn ich den Ausdruck auf deinem Gesicht betrachte, beginne ich an meiner Vision zu zweifeln«, brummt Oremazz. »Es fällt mir schwer, mir vorzustellen, dass du deine Rolle in dieser Zeit der Gefahr zufriedenstellend spielen kannst.«

»Dann wirst du uns begleiten?«, frage ich und verachte mich für die Hoffnung in meiner Stimme, in dieser Sache nicht allein zu sein.

»Du weißt, dass das nicht möglich ist. Lass uns noch einmal wiederholen, was ich dir über die Nebelseelen beigebracht habe. Nimm dich vor ihnen in Acht. Besonders Umock wird versuchen, dich zu manipulieren. Selbst nachdem er zugestimmt hat, uns zu helfen, darfst du ihm nicht den Rücken zuwenden.«

Ich nicke. Das ist das Erste gewesen, das mein Großvater mir klargemacht hat.

»Glaub ihm nichts, was du nicht überprüft hast. Dieses Wesen der Dunkelheit spricht mit gespaltener Zunge. Sei vorsichtig, wenn du ihm das erste Mal gegenüberstehst. Die Macht, die es besitzt, wird Auswirkungen auf deine Sinneswahrnehmungen haben, wenn du dich nicht davor schützt. Vergiss nicht, den Zauber zu sprechen, den ich dir beigebracht habe. Der wird dafür sorgen, dass Umock dich nicht manipulieren kann. Benutze ihn, bevor die du Sümpfe von Anouk betrittst. Dieses Moor ist gefährlich. Du kennst die Geschichten darüber.«

Wieder spüre ich, wie ein kalter Schauer über meine Wirbelsäule huscht.

Oremazz nickt zufrieden. »Es schadet nicht, gesunden Respekt vor Umock zu haben. Auch wenn er von den Großen Zaubermeistern und den Lichtwesen vor vielen Jahrhunderten in die Sümpfe verbannt worden ist, besitzt er Macht. Durch mich bist du vor ihm in Sicherheit. Schließlich bindet ihn die Magie, die mich zum Großen Zaubermeister gemacht hat. Solange es ihm nicht gelingt, die Fesseln der Zauber abzuwerfen, durch die er zum Schoßhündchen gemacht worden ist, kann er lediglich als unsere Marionette fungieren.«

Ganz ähnlich fühlt sich auch meine Rolle an. Doch ich darf kein Mitgefühl mit Umock empfinden. Er hat es verdient, aus der Reihe der Zaubermeister verstoßen worden zu sein. Ich kenne vage Geschichten der dunklen Zauber, die er gewirkt hat, bevor man ihn in seine Schranken gewiesen hat.

»Wiederholen wir die Details«, fordert Oremazz. »Womit wirst du ihm drohen, damit er uns in unserem Krieg gegen den unbekannten Feind unterstützt?«

»Damit, dass er seine Magie völlig verlieren wird, wenn er sich nicht unserem Willen beugt.«

»Du wirst ihm zeigen, dass es uns damit ernst ist. Während du mit ihm sprichst, kann ich dir nicht beistehen. Der Zauber, der verhindert, dass du zu einem Sklaven seiner Willkür wirst, sperrt auch mich aus deinem Kopf. Du musst deine Sinne beisammenhalten, Junge. Diesen einen Zauber, der Umock zeigt, dass er nicht Herr über dich ist, musst du allein anwenden. Ich habe dir befohlen, ihn zu lernen, bis du ihn im Schlaf beherrschst. Genauso wichtig ist der Spruch, mit dem du ein anderes Wesen unter deinen Bann stellen kannst. Bist du bereit, ihn auszusprechen?«

Erschrocken reiße ich die Augen auf. »Aussprechen?«

»Wie sonst, denkst du, wird er seine Wirkung zeigen?« Oremazz’ Stimme verhöhnt mich.

»Wenn ich ihn anwende, muss ich ihn auf jemanden lenken. Wer sollte die Macht dieses Zaubers zu spüren bekommen?«

Ein grimmiges Lächeln hebt die Mundwinkel meines Großvaters. »Such dir jemanden aus.«

Vehement schüttle ich den Kopf.

»Dir wird nichts anderes übrigbleiben. Du musst sicherstellen, dass du dazu in der Lage bist.«

»Ich habe dir bereits gesagt, dass ich dazu nicht bereit bin.«

»Tu, was ich dir sage!«, befiehlt Oremazz mit einem Knurren. »Du machst dich lächerlich. Einmal hast du bereits versagt. Versuch wenigstens, die Blamage von vorhin auszumerzen.«

Unter seinem Ärger ziehe ich die Schultern ein. Dennoch bewege ich den Kopf langsam von links nach rechts.

Der Große Zaubermeister hebt die Hand und ohrfeigt mich.

Mein Kopf wird zur Seite geschleudert. Diese Brutalität kommt so überraschend, dass es einen Moment dauert, bevor ich begreife, was gerade passiert ist. Noch niemals hat Oremazz Gewalt angewandt, um mich dazu zu bringen, etwas zu tun, was ich nicht wollte. Noch niemals hat er dermaßen die Beherrschung verloren. Noch niemals habe ich mich so gedemütigt gefühlt.

»Du denkst, du hast eine Wahl. Doch da irrst du dich.« Mein Großvater macht einen Schritt auf mich zu und fixiert mich mit finsterem Blick. »Wenn du dich weigerst, meine Forderung zu erfüllen, werde ich dich dazu zwingen.«

»Es ist nicht gerecht, Magie an jemandem anzuwenden, der sich nicht wehren kann.« Weder an mir noch an der Person, die ich mit meinem Zauber verletzen soll. »Große Macht darf nicht für das Böse genutzt werden.«

Oremazz lacht auf. »Soll das unsere Feinde davon abhalten, gegen uns zu kämpfen? Tu, was notwendig ist. Unsere Gegner werden nicht zögern, uns zu vernichten, wenn wir uns nicht angemessen verteidigen.«

Diese Argumentation kann ich nachvollziehen. Doch die Schlussfolgerung, die der Große Zaubermeister daraus zieht, ist falsch. »Einen Unschuldigen werde ich in diese Versuche nicht mit einbeziehen, wenn er oder sie dadurch zu Schaden kommen könnte.«

Eine Augenbraue meines Großvaters schnellt in die Höhe. Seine Lippen bewegen sich zu Worten, die ich nicht verstehe, deren Wirkung ich jedoch sofort zu spüren bekomme.

Ich bin nicht mehr Herr meines Körpers. Obwohl ich all meine Kraft ansetze, um mich gegen den Überfall der Magie zu wehren, bin ich nicht in der Lage, mich zu bewegen. Grauen erfasst mich, als meine Beine sich in Bewegung setzen und mich zum Fenster tragen, das den Blick auf das umliegende Gelände freigibt. Ich will meine Lieder schließen, als könnte ich dadurch das Schlimmste verhindern, doch meine Augen werden durch den Zauber von Oremazz gelenkt. Sie fixieren einen Mann, der auf das Schloss zugeht und eine Kuh am Strick führt.

Nein! Nein, das darf nicht passieren!

Die Worte sind in mir gefangen und finden keinen Weg nach draußen. Wut und Scham brodeln in mir, weil es mir nicht gelingt, mich dem Bann meines Großvaters zu entziehen. Hilflos bin ich gezwungen, meine Arme zu heben. Meine Finger zeigen in die Richtung des Mannes. Ich will schreien, toben, mich an einen anderen Ort transportieren. Ein Teil von mir möchte sogar den Großen Zaubermeister schlagen, obwohl er alles ist, was mir an Familie noch geblieben ist.

Magie erfüllt mich vom Scheitel bis zu den Zehenspitzen. Die Kraft ist so überwältigend, dass es meinen Verstand berauscht. Mein Widerstand gegen ihn beginnt aufgrund der Gewalt seines Zaubers zu bröckeln, während das Feuer der Magie, das in mir entzündet worden ist, überhandnimmt. Einen Augenblick lang empfinde ich ein Hochgefühl, das mich alles vergessen lässt. Selbstbewusstsein und Macht in nie gekanntem Ausmaß. Endlich lerne ich eine Kraft kennen, die meine Seele strahlen lässt. Ich habe mir immer gewünscht, so viel Wärme zu spüren.

Die Energie, die sich in meinem Körper gesammelt hat, sucht einen Weg über meinen Arm ins Freie. Meine Hand vollführt eine Bewegung, die ich ihr nicht befohlen habe. Oh, bei allen Göttern! Es beginnt! Gleich wird es passieren! Ich werde Schuld auf mich laden. Das Entsetzen schnürt mir die Kehle zu. Tränen, die ich aufgrund des Zaubers meines Großvaters nicht weinen kann, brennen in meinen Augen.

Aus meinen zitternden Händen schießt die Energie in Richtung des Mannes vor dem Schloss, der nichts von der Gefahr ahnt, in der er sich befindet. Er wird von der Macht erfasst, mit der der Zauber von Oremazz durch mich strömt. Ganz plötzlich reißt ihn die Magie zurück. Er hebt vom Boden ab und fliegt mehrere Armlängen weit, bis er an den Stamm eines Baumes geschleudert wird.

Sein Schrei reißt plötzlich ab. Einen Augenblick lang scheint es, als würde der Fremde in zehn Armlängen Höhe am Stamm festgenagelt sein. Dann löst er sich von der Rinde und fällt schlaff zu Boden, wo er reglos liegen bleibt. Die Kuh, die er geführt hat, trottet langsam davon.

Meine Unfähigkeit, ihn zu warnen, oder das Unheil von ihm abzuwenden, erschüttert mich bis ins Innerste. Es ist nicht meine Entscheidung gewesen, den Fremden zu verletzen. Trotzdem trage ich Schuld daran. Was ist mit dem Mann passiert? Ist er tot? Bin ich jetzt ein Mörder? Noch weigern sich meine Beine, sich in Bewegung zu setzen, um nach ihm zu sehen. Ich muss sichergehen, dass er noch lebt. Auch wenn ich mich gegen die Inbesitznahme meines Körpers gewehrt habe, wäre es ohne mich niemals so weit gekommen. Und das alles nur, weil der Große Zaubermeister meinen Willen brechen wollte. Ich werde Oremazz niemals verzeihen, was er mir angetan hat.

3. Kapitel

Die Schritte der zehn Schritte langen Reittiere erzeugen ein gleichmäßiges Geräusch, wenn sie auf dem Boden aufkommen. Es könnte beruhigend sein, würde es sich nicht um so viele handeln, dass die Töne ein Vibrieren in meiner Brust erzeugen. Das Getrappel von ungefähr fünfzig dunkelgrünen Reitechsen mit unterschiedlichen Farbabstufungen klingt wie das erste Donnergrollen vor dem Gewitter. Eine unterschwellige Drohung von Gefahr.

Ich drehe mich im Sattel um und werfe einen Blick hinter mich. Um am Hinterteil der Reitechse vorbeisehen zu können, muss ich mich weit zur Seite lehnen. Der mit schwarzen Zackenmustern geschuppte Schwanz des Tieres bewegt sich bei jedem Schritt hin und her und verstellt mir dadurch immer wieder die Sicht. Trotzdem ist der Anblick, der sich mir bietet, beeindruckend.

Zweihundert Soldaten folgen uns in Viererreihen den Weg zwischen den Hügeln hindurch. Sie tragen schwere Lederrüstungen, die eng an ihrem Oberkörper anlegen. Den Rest seiner Streitkräfte hat der Fürst direkt durch das Land geschickt. Alle Männer, die in der Lage sind, eine Waffe zu führen, wurden eingezogen, um die Invasion unserer Feinde zu verhindern. Irgendwo in der Nähe der Küste werden sie vielleicht auf die Krieger stoßen, die in den Schiffen übers Meer getragen wurden, die man in Nialling gesehen hat. Sie werden die erste Schlacht schlagen, bevor wir wieder zu ihnen stoßen.

Wir anderen haben eine Aufgabe zu erledigen, von der unser Erfolg in diesem Krieg abhängt. So viele Männer, die den Fürsten beschützen, der ein paar Reihen vor mir reitet. So viele Männer, die in Wahrheit mir folgen, weil nur ich dafür sorgen kann, dass wir Hilfe von Umocks Seite erhalten.

Niemals hätte ich mich freiwillig dafür entschieden, die Verantwortung für den Verlauf dieser Verhandlungen auf meine Schultern zu laden. Ob die Soldaten, die sich hinter mir den Berg hinaufquälen, freiwillig hier sind? Hat man sie gefragt, ob sie diese Mission begleiten wollen, statt sich direkt in die Schlacht zu werfen und unser Land zu verteidigen? Ist ihnen bewusst, wie wichtig unser Auftrag ist?

Zumindest gibt es eine Person, die fünf Armlängen hinter mir marschiert, weil er in meiner Nähe sein wollte. Elevander hat natürlich dafür gesorgt, dass wir in diesem Krieg nicht getrennt werden, während wir alles in unserer Macht Stehende tun, um unser Volk zu beschützen. Ich muss nicht zu ihm sehen, um zu wissen, dass er mich beobachtet. Ich kann seinen Blick auf mir spüren wie eine Stütze, die mich aufrecht hält.

Als ich mich wieder umwende, bemerke ich überrascht, dass sich der Fürst hat zurückfallen lassen und nun auf meiner Höhe reitet. Er mustert mich aufmerksam, während sein weiter Mantel sich hinter ihm bauscht. Sofort verbeuge ich mich, was auf dem Rücken meines Reittieres gar nicht so einfach ist. Zum Glück trage ich nur ein helles, langes Hemd und weite Hosen und muss deshalb nicht befürchten, dass eines der Tiere auf meine Kleidung steigt.

»Ihr wirkt besorgt. Gibt es dafür einen bestimmten Grund?« Seine tiefe Stimme erzwingt Respekt. Seine Frage verlangt nach einer ehrlichen Antwort.

»Wer in Zeiten wie diesen nicht von Sorge gequält wird, besitzt kein Herz.« Das entspricht der Wahrheit. Wenigstens jetzt kann ich ehrlich sein. Es gibt so viel, was ich vor ihm verheimlichen und ihm vorspielen muss. Täuschungen liegen mir nicht. Aber für die Rettung der Welt bleibt mir keine andere Wahl.

»Hattet Ihr ebenfalls Visionen der Bedrohung wie Oremazz?«

Ich schüttle den Kopf. Vielleicht zu schnell. Misstrauen zeigt sich auf dem Gesicht des Fürsten. »Soweit ich weiß, wurden lediglich die Großen Zaubermeister der unterschiedlichen Völker mit Offenbarungen gesegnet«, erkläre ich schnell. »Die Magie wendet sich immer an den höchsten Zauberer einer Familie.«

»Aber Ihr könnt in die Zukunft sehen, nicht wahr? Oremazz hat mir versichert, dass Ihr ihn in diesem Krieg würdig vertreten werdet.«

»Ich kann alles, was mein Großvater kann.«

Der Fürst nickt. Eine unerwartete Seitenbewegung des Reittiers lässt seinen Mantel flattern, bevor er wieder auf das mannbreite Hinterteil der dunkelgrünen Echse niedersinkt. »Die Verantwortung, die es mit sich bringt, in eine bedeutende Familie hineingeboren worden zu sein, kenne ich gut. Manchmal ist der Druck, Erfolg haben zu müssen, unglaublich belastend.«

Er hat ja keine Ahnung.

»Mein Vater hat Großes für unser Volk geleistet«, fährt der Fürst fort. Sein attraktives Gesicht ist auf den Weg vor uns gerichtet. »Ich habe versucht, ihm ein würdiger Nachfolger zu sein. Seine Fußstapfen sind riesig. Es wäre leicht, ihnen einfach nur zu folgen, doch ich habe versucht, seine Arbeit fortzusetzen.«

»Das tut Ihr mit großer Weisheit und Güte«, versichere ich.

»Als mein Vater mich zu seinen Lebzeiten auf meine Aufgabe vorbereitet hat, wusste ich noch nicht, wozu ich fähig bin. Mir war klar, welche Erwartungen in mich gesetzt werden. Ob ich diese würde erfüllen können, konnte allerdings niemand voraussagen. Mein Vater hat vor seinen Ratgebern voller Lob von mir gesprochen. Ich hatte jedoch die ganze Zeit das Gefühl, ich wäre ein Betrüger.«

Mein Herz setzt einen Schlag aus. Hat er mich durchschaut? Bin ich enttarnt? Weiß unser Fürst, dass ich ihn belüge? Ich werde die Scharade so lange wie möglich weiterspielen. Möglicherweise hatten seine Worte einen anderen Hintergedanken.

Er wirft mir einen kurzen Seitenblick zu. »Manchmal scheint es, als wäret Ihr von der Größe der ersten Aufgabe, die Euch in Eurem Erwachsenendasein erwartet, eingeschüchtert.«

Ich bin überfordert. Die Angst, zu scheitern, quält mich, seit wir von zu Hause aufgebrochen sind. Seit fast zwei Wochen sitze ich auf dieser unbequemen Reitechse, während nicht nur mein Körper, sondern auch mein Selbstbewusstsein ordentlich durchgerüttelt wird. Nein, ich bin nicht eingeschüchtert. Ich bin starr vor Panik.

Die Verabschiedung von meinem Großvater hat nicht viel Zeit in Anspruch genommen. Der Fürst hat unseren Aufbruch vorgezogen, als weitere bedrohliche Nachrichten von anderen Küstenländern eingelangt sind. Nur vier Tage nach dem entsetzlichen Versuch, gegen meinen Willen meine Fähigkeiten zu testen, haben wir unsere Reise begonnen. Die Verachtung, die Oremazz während dieser Spanne mir gegenüber gezeigt hat, hat sich in meine Seele eingebrannt. Die klitzekleine Flamme der Hoffnung, dass ich nicht versagen werde, ist vom Großen Zaubermeister erstickt worden. Dennoch kann ich ihm nicht die Schuld an meinem möglichen Scheitern geben. Ich allein trage die Verantwortung für mein Unvermögen.

Der Mann, an dem wir damals unsere Versuche durchgeführt haben, ist noch am Leben. Allerdings wird er für immer auf die Pflege durch andere Menschen angewiesen sein. Die Angst auf seinem Gesicht verfolgt mich in meinen Träumen. Ich habe seiner Familie heimlich Geld zukommen lassen. Doch das wird niemals meine Schuld ausgleichen.

»Meine Erfahrungen als Euer Berater mögen gering sein«, presse ich hervor. »Die Mission, für die die Verantwortung auf meinen Schultern lastet, entscheidet über das Schicksal unseres Volkes. Möglicherweise wirke ich auf einen außenstehenden Beobachter nicht wie jemand, der dem gewachsen ist. Ich bin mir der Bedeutung jedoch bewusst und versichere Euch, dass ich alles in meiner Macht Stehende tun werde, um diese Verhandlung erfolgreich abzuschließen.«

»Haltet Ihr mich für einen außenstehenden Beobachter?«, fragt der Fürst und schickt mir einen intensiven Blick.

Warum verbeißt er sich in diese Formulierung? Will er damit sagen, dass er ebenfalls meinen Fähigkeiten misstraut? Noch ein Hinweis darauf, dass er Zweifel an mir hegt. Mein Magen fühlt sich plötzlich an, als hätte ich zu lange nichts gegessen.

Ratlos blinzle ich, bevor ich mich abwende. Egal, was ich antworte, es kann nur falsch sein. »Nein, so würde ich Euch nicht bezeichnen.«

»Nun, denn. Wir werden bald herausfinden, ob Ihr ein würdiger Nachfolger Eures Großvaters seid. Der Weg ist nicht mehr lang.« Der Fürst nickt mir zu und gibt mit einem Druck seiner Schenkel den Befehl an seine Reitechse, das Tempo zu erhöhen, bis er wieder zu seinen Ratgebern aufgeschlossen hat.

Die drei Männer reiten links und rechts von ihm. Soldaten bewachen diese wichtigen Männer. Ich bin das Schlusslicht dieser seltsamen Truppe. An meiner Seite achten ebenfalls Soldaten darauf, dass mir nichts passiert. Man braucht mich für eine einzige wichtige Aufgabe. Danach habe ich meine Schuldigkeit getan und bin nicht mehr als einer dieser Wahrsager, die in die Sterne blicken, um vage Angaben über das zu erwartende Geschehen in den nächsten Tagen zu geben. Während unserer Reise hat man mich lediglich darum gebeten, meine Meinung zu Entscheidungen unsere Route oder unser Lager betreffend abzugeben. Man hat mich nicht in die Zukunft blicken lassen. Man hat nicht einmal den genauen Ablauf dieser Mission mit mir besprochen. Es fühlt sich an, als würde ich seit fast zwei Wochen tagtäglich Prüfungen ablegen. Ich weiß nicht, ob ich sie bestehe. Ich weiß nur, dass meine Worte unablässig auf die Goldwaage gelegt werden.

Frustration wallt in mir auf. Die Anspannung der letzten Tage will sich entladen. Die Wut auf meinen Großvater, weil er mich in diese Situation gebracht hat, wächst immer weiter an. Warum ist er nicht hier und sorgt dafür, dass wir die Hilfe bekommen, die wir brauchen? Wenn auch er nicht an mich glaubt, weshalb drückt er sich vor der Verantwortung? Wieso glaubt er an diese verdammte Vision, von der ich ein Teil gewesen bin? Er weiß ja nicht einmal, ob meine Anwesenheit bei der Schlacht einen Unterschied gemacht hat. Möglicherweise hätte es gereicht, wenn ich ihn begleitet hätte. Warum ist er so fest davon überzeugt, dass sein Verbleiben auf dem Schloss so wichtig ist? Wieso wird er so ärgerlich, wenn ich ihm diesbezüglich Fragen stelle?

Der nächste Teil des Weges fordert meine ganze Aufmerksamkeit, weshalb ich die immer gleichen Gedanken zur Seite schiebe. Ist der Anstieg des Pfades schon beschwerlich gewesen, so wird er nun zu einer Herausforderung. Besorgt ziehe ich die Zügel fester an und klammere mich an den Knauf meines Sattels.

Die Krallen der Reitechsen graben sich in die Erde. Sie haben keine Schwierigkeiten, den steilen Anstieg zu überwinden. Die Soldaten hinter uns fallen allerdings zurück. Ich blicke über meine Schulter, erhalte durch die Neigung freie Sicht auf sie. Ich muss aufpassen, das Gleichgewicht in meinem Sattel nicht zu verlieren, und beobachte, wie die Abstände zwischen den Reihen sich vergrößern. Nach und nach dehnt sich die Kolonne hinter uns auf die doppelte Länge. Die Anstrengung ist den Soldaten deutlich anzusehen.

Vielleicht hat die Zeit des Friedens zu lange gedauert. Möglicherweise haben wir uns zu sehr auf unsere Götter verlassen. Es ist mehrere Jahrzehnte her, seit wir das letzte Mal von einem verfeindeten Volk angegriffen wurden. Dieser Krieg trifft uns unvorbereitet. Ich bete, dass das unseren Sieg nicht unmöglich macht.

Mit schwerem Herzen wende ich mich nach vorne. Der Wald, der uns am Rand des Weges begleitet, drängt immer näher. Der Durchgang wird schmaler, doch noch können wir die Viererreihe aufrechterhalten. Hoffentlich ändert sich daran nichts, denn das würde einen Angriff auf uns erleichtern. Diese Reise ist bislang ohne große Zwischenfälle verlaufen. So kurz vor dem ersten Ziel darf sich daran nichts ändern.

Ganz unerwartet öffnen sich die Reihen der Bäume. Beim Weiterreiten müssen wir einen letzten Anstieg überwinden. Dann liegt uns die Welt zu Füßen. Wir befinden uns auf dem höchsten Punkt des Berges, der in einem Halbbogen links und rechts von uns weiterwächst. Das ermöglicht uns einen Blick über das, was vor uns wartet.

Ein schmaler Pfad schlängelt sich in die Tiefe, die von den Flanken des Berges umarmt wird. Nach ein paar Hundert Armlängen beginnt erneut ein Wald, der sich allerdings von dem unterscheidet, den wir bereits durchquert haben. Bäume ragen aus dem Nebel, der den Boden in eine trübe Suppe verwandelt. Ich weiß, dass wir dort auf jeden unserer Schritte achten müssen. Ein Sumpf, älter als die Menschheit, verschlingt alles, was sich zu nahe an ihm heranwagt.

Angeblich führt ein Weg durch diese gefährliche, graue Brühe. Noch habe ich allerdings von niemandem gehört, dem es gelungen ist, wieder lebend aus dieser feuchten Dunkelheit zu gelangen. Doch selbst wenn es gelingen sollte, einen Weg aus befestigtem Boden zu entdecken, wird man vom Nebel umhüllt. Der Pfad verschwindet. Ein falscher Schritt, und der Morast zieht einen in die Tiefe. Der Verstand wird von den Schwaden benebelt. Man vergisst, warum man sich überhaupt in dieses Moor gewagt hat. Nein, es ist kein Ort, an den man sich leichtfertig begeben sollte.

Und doch ist es das Zwischenziel unserer Reise.

In der Nähe des Sumpfes existiert keinerlei Leben. Kalt und unwirtlich liegt das mit Nebelschwaden verdeckte Moor inmitten unserer fruchtbaren Heimat. Während unserer Reise haben wir saftige Felder gesehen, deren Früchte man uns geschenkt hat, sobald der Fürst erkannt worden war. Äcker waren mit hohen Getreideähren bestückt, aus denen man die uns überlassenen Brote gebacken hatte. Flüsse hatten uns Nahrung im Überfluss gewährt. Doch das Land dort unten ist scheinbar in einem großen Radius vergiftet.

Mit einer Handbewegung lässt der Fürst seine Männer anhalten. Dann befiehlt er seine Berater zu sich. Irgendwo hier in der Nähe werden wir unser Lager aufschlagen. Ich kenne die Gesichtspunkte nicht, nach denen der geeignete Platz ausgewählt wird. Es ist mir auch egal. Für den Fall, dass man mich nach meiner Meinung fragen sollte, habe ich meinen Großvater bereits informiert. Sollte man sich an mich wenden, muss ich Oremazz lediglich kanalisieren, damit er mir die Worte einflüstert, mit denen ich den richtigen Ratschlag geben kann.

Meine Gedanken beschäftigen sich mit der Aufgabe, die ich allein erfüllen muss. In meinem Magen kribbelt es vor Aufregung. Meine Ausbildung sollte mich auf diesen Moment vorbereiten. Doch einmal mehr habe ich das Gefühl, dass das Misstrauen meines Großvaters in meine Fähigkeiten gerechtfertigt ist. Wie soll ich an mich glauben, wenn er mir eingepflanzt hat, niemals gut genug zu sein?

Der Nebel wabert. Man könnte glauben, dass er seine Finger ausstreckt, dass er sich neugierig hochreckt, um zu überprüfen, was auf dem Hügel über ihm vorgeht. Unter Umständen ist diese Vorstellung nicht einmal so unsinnig, wie sie klingen mag. Dort unten in den Sümpfen befindet sich eine Quelle der Magie. Die Macht, die darin wohnt, ist nicht von dieser Welt. Nein, die Wesen, die dort unten hausen, sind zu weit mehr in der Lage, als ein paar arme Seelen zu verwirren und ins Unheil zu stürzen.

Nebelseelen.

Der Name wird dem Grauen nicht gerecht, das sie verbreiten. Eine Armee aus verlorenen Seelen, die sich nach ihrem Tod dagegen entschieden haben, Teil der Armee der Engel zu werden, oder die als unwürdig befunden wurden, Teil des göttlichen Heeres zu sein.

Ich kann mir nicht vorstellen, was jemanden dazu bewegen sollte, freiwillig zu einer Nebelseele zu werden. Ein Leben in der Dunkelheit in alle Ewigkeit. Der Hunger, die Seelen von Menschen für sich zu vereinnahmen, sich in ihren Verstand einzunisten und von ihnen Besitz zu ergreifen, bis sie dem Wahnsinn anheimfallen. Es ist ein hoffnungsloses, sinnloses Dasein. Doch ich verstehe auch nicht die Menschen, die sich ganz dem Bösen hingeben. Dazu gehören die Nebelseelen ohne Zweifel. Sie sind die Armee der Dunkelheit.

In früheren Jahren sind die Nebelseelen Gerüchten zufolge durch die Lande gezogen und haben ihren giftigen Atem überall verteilt. Wer sich auf ihre Verlockungen eingelassen hat, verlor seine Seele bereits vor dem Tod. Überall existierten Personen, die nur noch eine fleischliche Hülle ohne eigenen Willen waren. Niemand soll vor ihnen sicher gewesen sein.

Jetzt allerdings ist ihr König der Schlüssel, der uns siegreich aus dem bevorstehenden Krieg heraustreten lassen soll.

»Mach kein so finsteres Gesicht«, fordert eine Stimme neben mir. »Man könnte annehmen, du wärest wegen irgendetwas beunruhigt. Dabei ist das mit Sicherheit nicht der Fall.«

Ich wende mich Elevander zu und bemühe mich um ein Lächeln. Mein bester Freund ist aus der Reihe seiner Truppe getreten, um mit mir sprechen zu können. »Natürlich nicht. Tut mir leid, wenn meine Gedanken abgeschweift sind. Der heutige Ritt war ziemlich anstrengend. Ich will mir nicht vorstellen, wie erschöpft du sein musst.«

Er zuckt mit den Schultern. »Mein Los habe ich mir selbst ausgesucht, als ich mich für diese Einheit entschieden habe.«

»Wir beide wissen, weshalb du diese Wahl getroffen hast.« Mir ist nichts anderes übriggeblieben, als in direkter Nähe zu unserem Fürsten zu reiten. Das gilt allerdings nicht für meinen besten Freund.

Elevander wollte mich nicht allein lassen. Er besteht darauf, mich im Auge zu behalten. Nicht, weil er mir nicht vertrauen würde. In seinen Augen kann ich nichts falsch machen. Er versucht, auf mich aufpassen, damit ich in meiner Unsicherheit keinen Fehler begehe. Wie immer glaubt er unerschütterlich an mich. Er wird dafür sorgen, dass ich den Respekt der Soldaten oder gar unseres Anführers nicht verliere, wenn sich so wie jetzt meine Anspannung auf meinem Gesicht zeigt.

Womit habe ich einen treuen Freund wie ihn verdient?

»Ich bin froh, dass ich hier vorne marschieren kann«, erklärt Elevander. »Wie viel Staub die Soldaten weiter hinten wohl schlucken müssen? Seit Tagen haben wir uns alle ein vernünftiges Bett gewünscht. Doch die Männer, die am Ende unseres Trupps gehen, haben noch ein härteres Schicksal. Wir brechen in den Morgenstunden als Erstes auf und erreichen den Rastplatz auch wieder vor den anderen. Die Männer hinten müssen mit uns zum Abmarsch bereit sein, stehen dann aber sinnlos herum, bis sie an der Reihe sind. Am Abend sind sie die Letzten, die ihr Lager errichten.«

»Beschwer dich nur nicht zu laut«, warne ich ihn. »Man könnte deine Worte als Tadel verstehen.«

Er wirft einen Blick über seine Schulter. Die Männer, neben denen er diesen Berg bestiegen hat, tragen reglose Masken. Sie haben Erfahrung darin, ihre Gedanken zu verbergen. Das bedeutet allerdings nicht, dass sie nicht bemerken, was rund um sie herum vorgeht. Dann ist da noch Janifik, der als mein Diener abgestellt worden ist und sich ständig in meiner Nähe aufhält. Wie oft ich erschrocken bin, weil er plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht ist. Unter Umständen berichten die Männer oder Janifik meine Worte und Kritik direkt an den Fürsten, dabei möchte ich, dass er eine gute Meinung von mir hat.

Verfolgungswahn kann ich nicht gebrauchen. Ich sehne mich nach jemandem, dem ich blind vertrauen kann. Zum Glück habe ich Elevander, der mir zur Seite steht. Die Soldaten verstärken meine Unsicherheit noch.

Elevander macht einen Schritt zurück, bis er sich wieder nahtlos in seine Reihe fügt. »Ich weiß zu schätzen, wo ich bin«, sagt er mit einem Tonfall, der seinen Worten eine geheime Bedeutung gibt.

Erleichterung macht sich in mir breit, als er wieder zu einem von vielen wird, als er mit der Masse verschwimmt und dadurch nicht in Gefahr gerät, für ein unbedachtes Wort bestraft zu werden. Elevander will mich nur beschützen. Doch ich will auch auf ihn aufpassen.

Der Fürst brüllt einen Befehl. Sofort setzen sich die Männer wieder in Bewegung. Hastig schließe ich zu meiner Gruppe auf. Wir reiten wieder direkt in einer Reihe, haben aber auf dem jetzt breiteren Pfad genug Platz, um mehr Abstand nebeneinander zu halten. Der Weg schlängelt sich den Berg hinunter. Bis in das Moor, in dem Umock lebt, werden sie mir nicht folgen. Ich bin nicht in der Lage, den Schutzzauber für sie alle zu sprechen.

Die Serpentinen sind eine Herausforderung für Reiter und Tier, weshalb wir nur langsam vorwärtskommen. Auch der steile Abfall des Berges bremst uns. Hat zu Beginn des Abstiegs die Sonne gerade den Horizont berührt, schiebt sie sich jetzt gnadenlos tiefer. Nicht mehr lange, und die Dunkelheit senkt sich über die Umgebung. Wir müssen uns beeilen, wenn wir rechtzeitig ein provisorisches Lager errichten wollen.

Als sich endlich vor uns der Weg weitet und wir auf einer kleinen Ebene einlangen, fühle ich Erleichterung. Der Gedanke, nach Sonnenuntergang unterwegs sein müssen, hat mich mit Sorge erfüllt. Wir haben uns auch beträchtlich dem Sumpf genähert. Ein Fußmarsch von vielleicht einer Viertelstunde trennt uns von den ersten Ausläufern der nebelverhangenen, abgestorbenen Baumlandschaft. Ich bin nicht böse, wenn wir dazu nachts reichlich Abstand halten.

Unser Fürst gibt den Befehl, einige Sträucher am Wegesrand auszureißen, um Platz für unsere Männer zu machen. Dann wendet er sich an mich. »Seid Ihr mit diesem Lagerort zufrieden?«

Ich schließe die Augen, stelle eine Verbindung zu meinem Großvater her. Tagsüber habe ich ihm, wie sonst auch immer wieder, Informationen über den Verlauf unserer Reise zukommen lassen. Er weiß also, wo wir uns befinden. Das ermöglicht es ihm, in den Zeiten zwischen unseren stummen Unterhaltungen Erkundigungen einzuholen. Jetzt sendet er mir Bilder, durch die ich die Gunst des Fürsten für mich gewinnen kann.

Mit einem vorsichtigen Lächeln wende ich mich an den Mann, der mich neugierig beobachtet. »Ich denke, er ist nahezu ideal. Allerdings sollten wir uns ein paar Armlängen in den Wald schlagen. Dort finden wir eine Lichtung, die für unsere Zwecke geeignet ist.«

Wir werden keinen anderen Wanderern begegnen. Hier kommt nur vorbei, wer eine Abkürzung erhofft oder Umock um die Erfüllung eines Wunsches bitten will. Ich weiß nicht, ob der König der Nebelseelen tatsächlich im Austausch für die Seele des Bittstellers dessen Träume wahr werden lässt. Wer würde schon seine Seele vor seinem Tod verschachern, nur um lächerlichen Tand zu erhalten, den er nicht in die Anderswelt mitnehmen kann? Ich könnte mir nichts vorstellen, wofür ich die Reinheit meiner Seele opfern würde.

»Seid Ihr sicher, dass es eine Lichtung mitten im Wald gibt?«, fragt der Fürst nach. »Es führt kein Pfad dorthin. Wir müssten Bäume abholzen, damit die Reitechsen hindurch können.«

»Die Lichtung befindet sich direkt vor uns. Nur ungefähr zehn Armlängen in diese Richtung. Schickt Botschafter aus, damit sie meine Aussage bestätigen. Es werden uns nicht viele Bäume im Weg sein. Das versichere ich Euch.«

Der Blick des Fürsten ruht noch einmal mit unangenehmer Intensität auf mir. Dann nickt er und gibt die Befehle weiter. Zum Glück sind die Aussagen meines Großvaters genau. Ich bin ein weiteres Mal der Enthüllung als Scharlatan entkommen.

Es dauert ungefähr eine Stunde, bis alle Männer auf der Lichtung angekommen, die Reitechsen versorgt und die Zelte für die Truppen aufgestellt sind.

In der Mitte der Lichtung hat man Lagerfeuer entzündet. In deren Nähe und damit gut beleuchtet und gewärmt, steht das Zelt, das der Fürst bewohnen wird. Daneben übernachten seine Ratgeber. Mir wird wieder eine Sonderstellung eingeräumt. Mein Zelt steht weder bei diesen wichtigen Männern, noch ist es Teil des Ringes von auf dem Boden ausgerollten Decken, der das Lager umgibt. Dort werden die Soldaten sich zur Ruhe begeben, um den Fürsten vor Angriffen zu schützen, während ich zehn Armlängen von den anderen in einem Zelt nächtigen werde. Es ist deutlich kleiner als die der Ratgeber. Ich muss allerdings meinen Kopf nicht direkt auf das Gras betten und habe ein Dach über dem Kopf. Viel mehr kann ich nicht verlangen.

Überall, wo ich meine Hilfe anbiete, werde ich abgewiesen. Jeder bedenkt mich mit einem vorsichtigen Blick, als könnte ich versehentlich Decken in Brand stecken oder die Reitechsen verschrecken. Ich komme mir wieder einmal überflüssig vor und bin froh, dass ich zumindest heimlich mit einem Zauber einen Krug heilmachen kann, der während der Reise zerbrochen ist. Wieso muss ich immer der Außenseiter bleiben?

Als es schließlich den Anschein hat, als wäre alles für die Nacht vorbereitet, nähere ich mich den Feuern in der Mitte des Lagers. Über den Flammen werden Schwimmechsen gebraten. Der Duft steigt mir sofort in die Nase und erinnert mich daran, dass ich seit Stunden nichts zu mir genommen habe. Die Soldaten haben große Exemplare dieser Flussbewohner erlegt. Ihr Geschmack erinnert an den von Hähnchen, aber viel würziger. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Ob die fast eine Armlänge großen Tiere dieser Gegend ähnlich lecker sein werden?

Ich nähere mich den Feuern. Bevor ich mich erkundigen kann, wie lange es noch dauert, bis ich vom Fleisch kosten darf, erscheint Janifik neben mir. Abgestellt, um mir zu dienen, scharwenzelt er um mich herum, sobald meine Füße festen Boden berühren. Ich sollte dankbar dafür sein, dass er sich so viel Mühe gibt. Dennoch fühle ich mich von seiner ständigen Nähe erdrückt. Der bewundernde Ausdruck in seinen Augen macht mir klar, welch große Hoffnungen er in mich hegt. Denen kann ich unmöglich gerecht werden.

»Wünscht Ihr zu speisen?«, fragt der Mann, der vermutlich sogar ein paar Jahre älter ist als ich. »Man hat mir gesagt, dass die Echsen in einer halben Stunde fertiggegart sind. Ich kann Euch in der Zwischenzeit Suppe und Brot organisieren.«

»Das ist sehr freundlich von Euch, aber nicht notwendig.«

Bestürzung zeigt sich in seinem Blick. Er tritt näher an mich heran. »So dürft Ihr mich nicht ansprechen. Ich bin nur ein einfacher Soldat, während Ihr der Vertreter des Großen Zaubermeisters seid.«

Müde unterdrücke ich ein Seufzen und nicke. »Es tut mir leid. Natürlich hast du recht. Ich werde auf meine Worte achten.«

Man muss mir meine Erschöpfung ansehen, denn Janifik schiebt mich zu einem Holzstamm und deutet mir, mich zu setzen. Meine Knochen protestieren. Jetzt kann ich nichts für sie tun. Morgen wartet zusätzlich noch eine längere Wanderung auf mich.

Janifik sieht mich fragend an. »Darf ich Euch Euren Tee bringen?«

Ich nicke. »Danke für Eure … deine Mühe.«

»Es ist mir eine Ehre, Euch zu dienen.« Er deutet eine Verbeugung an und verschwindet.

Würden wir diese Unterhaltung nicht jeden Tag führen, hätte ich mich durch seine Worte eingeschüchtert gefühlt. Doch da er die gleiche Floskel morgens, mittags und abends wiederholt, hat sie ihre beängstigende Bedeutung verloren.

Er sieht in mir einen Helden. Er denkt tatsächlich, er wäre dadurch geehrt, zu meinem Diener ausgewählt worden zu sein.

»Janifik erkennt das Feuer in dir«, sagt Elevander, der sich leise genähert hat. »Schau nicht so finster, weil er dir seine Ehrerbietung so deutlich zeigt.«

»Solltest du nicht bei deiner Einheit bleiben?«

»Nicht heute Abend. Nicht in den Stunden, in denen du dich auf das Zusammentreffen mit diesem Monster vorbereitest.« Mit einer geschmeidigen Bewegung nimmt er neben mir Platz.

Unsere Schultern berühren sich, weil auf dem Holzstamm so wenig Platz ist. Diese Nähe hat eine beruhigende Wirkung auf mich. Wieder einmal ist Elevander gekommen, um meine Seele aus der Dunkelheit zu retten.

»Woher nimmst du nur immer deine Selbstsicherheit?«, frage ich. »Woher stammt deine Fähigkeit, in allem und jedem etwas Gutes zu sehen?«

Mehrere Minuten lang schweigt er. Ich weiß, dass er über die richtige Antwort auf meine Fragen nachdenkt. Er gibt keine leichtfertigen Erklärungen, wenn es um die wirklich wichtigen Dinge im Leben gibt.

»Die Liebe meiner Eltern ist die Kraft, aus der ich jeden Tag schöpfe«, sagt er schließlich. »Sie haben mir immer das Gefühl gegeben, ich könnte sie niemals enttäuschen. Was auch immer ich tue, wie auch immer ich mein Leben gestalte, solange ich dabei glücklich bin, werden sie mich unterstützen. Das ist die Erklärung für meine Selbstsicherheit und möglicherweise auch der Grund, weshalb ich mich im Licht wohler fühle. Ich habe niemals so Schreckliches erlebt wie du.«

»Der Tod meiner Eltern hat mich schwer getroffen«, gebe ich zu.

»Du gibst dir tief in deinem Inneren die Schuld. Den Grund dafür verstehe ich nicht. Du warst bei dem Kutschunglück nicht mit dabei. Du hast der Reitechse nicht befohlen, vom Weg abzuweichen und vor der Klippe nicht Halt zu machen.«

Sein ruhiger, besonnener Tonfall lässt das, was geschehen ist, so harmlos klingen. Ich weiß, dass er absichtlich die Gefühle aus seiner Stimme gestrichen hat. Trotzdem trifft er mich direkt ins Herz.

»Vielleicht hätte ich mit ihnen sterben sollen«, murmle ich und starre in das Feuer vor uns.

»Unsinn. Oremazz hat sich dir gegenüber niemals verhalten, als wärest du sein Enkel. Ich glaube, du erinnerst ihn an seinen Sohn. Meine Mutter sagt ständig, dass du deinem Vater unglaublich ähnlich siehst. Vielleicht hat der Große Zaubermeister Angst, dich zu nahe an sich heranzulassen.«

»Weil er mich ebenfalls verlieren wird, wenn ich bei dieser Aufgabe scheitere.«

Elevander lacht leise auf. »Nein, du erinnerst ihn an seinen größten Verlust. Ich bin mir sicher, dass er dich tief in seinem Herzen liebt.«

Ich gebe ein Schnauben von mir. »Dann ist sein Herz tiefer als die tiefste Schlucht.«

»Manchen Menschen fällt es schwer, ihre wahren Gefühle zu zeigen.« Jetzt klingt mein Freund, als würde dieser Satz auch wieder eine geheime Bedeutung haben.

»Was bedrückt dich?« Die Traurigkeit auf seinem Gesicht lässt mich nicht kalt.

Einen Moment lang scheint es, als würde er mir etwas anvertrauen wollen. Doch er blinzelt bloß und lächelt. »Nichts. Unsere Welt ist ein dunkler Ort geworden. Ich vermisse das Licht.«

»Du bist das Licht«, flüstere ich. »Du erhellst meine Dunkelheit. Was würde ich nur tun, wenn ich nicht dein bester Freund sein dürfte?«

»Vermutlich würdest du noch mehr an dir zweifeln.«

»Das ist kaum möglich. Eigentlich sind wir noch mehr als Freunde. Es fällt mir allerdings immer noch schwer, das anzuerkennen. Es jagt mir Angst ein.«

Elevander holt hörbar scharf Luft. »Was meinst du?«

»Du bist mein Bruder. Deine Eltern … Sie waren so gut zu mir. Ich bin ihnen unendlich dankbar dafür, dass sie mich bei sich aufgenommen haben. Trotzdem fällt es mir schwer, sie auch als meine Familie zu sehen. So viele Jahre habe ich bei ihnen leben dürfen. Dennoch kann ich ihnen immer noch nicht zeigen, wie viel sie mir bedeuten.«

»Bruder?« Elevanders Stimme klingt seltsam, als er das Wort wiederholt.

»Deine Mutter nennt mich Sohn, wenn sie mich tadelt. Ja, wir sind Brüder. Obwohl nicht das gleiche Blut in unseren Adern fließt, sind wir untrennbar miteinander verbunden. Das geht weit über Freundschaft hinaus.« Ich blicke zu Elevander und suche in seinem Gesicht nach Bestätigung. »Das siehst du doch genauso, nicht wahr?«

Langsam nickt er. Es scheint, als wäre er nicht gänzlich überzeugt. Ich kann seine Miene nicht deuten.

Besorgt runzle ich die Stirn. »Trete ich dir damit zu nahe? Ich habe nicht vor, dir deine Eltern wegzunehmen. Natürlich bist du für immer ihr einziger wahrer Sohn. Diese Position will ich dir nicht streitig machen. Ich dachte bloß …«

»Nein, nein«, unterbricht Elevander mich rasch. »Natürlich sind sie auch deine Eltern. Du wohnst inzwischen so lange bei uns, dass es keinen Zweifel daran gibt. Die Wortwahl hat mich überrascht, weil du die Formulierung noch niemals benutzt hast.«

»Wie du vorhin gesagt hast. Manchen Menschen kommt nicht leicht über die Lippen, wie sie wirklich empfinden. Ich hätte deinen Eltern vor unserer Abreise mitteilen sollen, dass ich sie liebe. All die Jahre, die sie für mich gesorgt haben, konnte ich mich ihnen nicht öffnen. Ein Teil von mir flüstert mir immer noch zu, dass ich meine leiblichen Eltern verleugne, wenn ich deine in mein Herz lasse. Hätte ich mich allerdings nicht so vehement dagegen gewehrt, mehr als Dankbarkeit zu empfinden, wäre ich vielleicht in der Lage gewesen, die Meinung meines Großvaters über mich nicht zu meiner einzigen Wahrheit zu machen.«

»Meine Eltern wissen, wie viel sie dir bedeuten.« Elevander unterbricht den Blickkontakt.

Irgendetwas beschäftigt ihn. Das kann ich an den Schwingungen seiner Aura erkennen. Er scheint mir nicht verraten zu wollen, was wirklich in ihm vorgeht, aber möglicherweise sehe ich lediglich Schatten, die gar nicht existieren. Vermutlich lässt auch ihn das, was vor uns liegt, nicht so gleichgültig, wie er mich glauben lassen will.

Janifik tritt in den Feuerschein. Er hat einen Becher und eine Kanne bei sich. Den Becher drückt er mir in die Hand und füllt ihn mit einer heißen, duftenden Flüssigkeit. »Wünscht Ihr ebenfalls einen Tee?«, fragt er an Elevander gewandt.

Der schüttelt den Kopf. »Keine Umstände wegen einem einfachen Soldaten wie mir.«

»Wir sind beide nicht mehr als Diener für die Macht von Lesithder, dem Großen.«

Elevander unterdrückt das Lachen, bis Janifik verschwunden ist, um einen zweiten Becher zu holen. »Langsam bekomme ich eine Vorstellung davon, weshalb du ihn anstrengend findest.«

»Ich wünschte, du könntest einen Tag meine Rolle übernehmen«, sage ich mit einem Seufzen.

»Das wäre schrecklich für mich. Es tut mir leid, wenn ich direkt bin. Doch die Last, die auf deinen Schultern lastet, wäre zu schwer für die meinen.«

Dem möchte ich widersprechen. Elevander ist so viel stärker, mutiger und freundlicher als ich. Er hätte kein Problem damit, Umock um den Finger zu wickeln. Er würde ihm schmeicheln, ihn mit seiner Nettigkeit umgarnen, bis der sogar zustimmen würde, seinen Thron mit ihm zu teilen.

Schritte nähern sich uns. Elevander springt als Erster von uns beiden auf, als wir den Fürsten erkennen, der sich uns nähert. Mein Freund nimmt Haltung an.

»Lass uns allein«, befiehlt der Fürst in seine Richtung.

Elevander nickt. Bevor er sich auf den Weg zurück zu seiner Einheit macht, wirft er mir noch ein aufmunterndes Lächeln zu.

Der Fürst wendet seine Aufmerksamkeit ganz meiner Person zu. »Morgen wird sich unser Schicksal entscheiden. Wenn es Euch nicht gelingt, Umock auf unsere Seite zu ziehen, werden wir mit großer Wahrscheinlichkeit scheitern.«

Weshalb spricht er es aus und macht es dadurch zu einer unumstößlichen Wahrheit? Ist der Druck, der auf mir lastet, bisher nicht groß genug gewesen?

Sein Blick brennt sich in meine Seele ein. »Seid Ihr bereit?«

Mein Mund ist ganz trocken. Da ich auch meiner Stimme nicht traue, nicke ich.

»Das hoffe ich«, sagt unser Fürst düster. »All unsere Hoffnung ruht auf Euch.«

Ach, wenn es weiter nichts ist. »Ich werde mein Bestes geben.«

Ein grimmiges Lächeln erscheint auf dem Gesicht unseres Anführers. »Möge das genügen.«

Ich möchte fliehen, mich irgendwo verstecken, um diesem Albtraum zu entkommen. Das würde ich allerdings niemals wagen. Nicht, weil ich dann meinem Großvater Schande bereiten würde oder sich meine toten Eltern für mich schämen müssten. Nein, es hängt einfach zu viel vom Gelingen meiner Mission ab.

»Wann werdet Ihr aufbrechen?«, erkundigt sich Janifik, der sich herangeschlichen hat.

»Noch vor dem Sonnenaufgang«, antworte ich. In der Dunkelheit fühlen sich die Nebelseelen am wohlsten. Ich will ausnutzen, dass Umock sich auf sicherem Terrain wähnt. Die Dämmerung wird mir Sicherheit schenken, wenn die Verhandlungen nicht verlaufen, wie ich geplant habe. Der Anbruch des Tages wird es mir möglich machen, das Gespräch zu unterbrechen, wenn ich Gefahr laufe, die Kontrolle über die Unterhaltung zu verlieren.

Mein Blick huscht in die Richtung, in der der Sumpf liegt. Ob der dichte Nebel, der daraus aufsteigt, mir überhaupt ermöglichen wird, das rettende Sonnenlicht zu erkennen? Ich werde es bald herausfinden. Zu bald, wenn es nach meiner Einschätzung geht.

Ich schüttle den Gedanken ab und wende mich an Janifik. »Du musst mich nicht begleiten. Ruhe dich aus. Ich werde einen Zauber sprechen, der mich zur rechten Zeit weckt.«

Er deutet eine Verbeugung an. »Ganz wie Ihr wünscht. Dann werde ich jetzt Euer Lager bereiten, damit Ihr noch ein wenig schlafen könnt, bevor Ihr zu Eurer wichtigen Mission aufbrecht.«

Nach einem knappen Dank von meiner Seite verschwindet er.

Der Fürst mustert mich. »Informiert mich sofort, wenn Ihr von der Verhandlung mit Umock zurückkehrt. Ich will wissen, wie das Gespräch verlaufen ist. Wenn weitere Treffen notwendig sind, werden wir unser Lager befestigen müssen.«

»Selbstverständlich, mein Fürst.«

»Ich wünsche Euch viel Erfolg. Im Namen unseres ganzen Volkes bete ich, dass Ihr Umock davon überzeugen könnt, uns zu helfen. Zu viel hängt davon ab, als dass ein Scheitern infrage käme.«

Worte, die ich viel zu oft von meinem Großvater gehört habe. Ab morgen haben sie hoffentlich ihren Stachel verloren.

»Setzt Euer ganzes Vertrauen in mich«, presse ich hervor. »Ich werde nicht aufgeben, bis der König der Nebelseelen mir seine Zustimmung erteilt hat, uns bei unserem Kampf zu unterstützen.«

»Dieses Selbstbewusstsein habe ich mir seit zwei Wochen an Euch gewünscht. Ruht Euch aus. Der Segen unserer Götter möge Euch morgen begleiten.« Er nickt mir zu und lässt mich dann ebenfalls allein.

Ich setze mich noch einmal auf den Baumstumpf und nippe an meinem Tee, der in der Zwischenzeit kalt geworden ist. Reglos starre ich in die Flammen, bis die Kälte in meine Glieder und die Erschöpfung in meinen Verstand dringen. Dann erst bette ich meinen Kopf zur Nacht, um meine Sinne für den nächsten Tag zu sammeln.

4. Kapitel

Jeder einzelne Schritt fällt mir schwer. Ich habe den Eindruck, dass Gewichte an meinen Füßen hängen. Möglicherweise wird auch die Anziehung der Erde immer stärker, je näher ich dem Sumpf komme. Das Licht meiner Lampe, das ich mit Magie erzeugt habe, flackert. Ich halte das metallene Gefäß mit einem Arm hoch, um erkennen zu können, was vor mir liegt. Der Nebel dringt in die Ritzen der Öffnung an einer Seite der Lampe. Er versucht, das Licht zu ersticken, doch mein Zauber ist mächtiger. Zumindest im Augenblick kann ich die Dunkelheit ausreichend vertreiben.

Mein Herzschlag dröhnt in meinen Ohren. Meine Brust ist so eng, dass es schmerzt. In meinem Magen sammeln sich alle Ängste meines Lebens. Nun entscheidet sich, ob ich der Verlierer bin, für den mich mein Großvater hält. Unter Umständen schaffe ich es nicht ohne seine Hilfe. Dann hätte ich ihm bewiesen, dass er einen guten Grund hat, mich klein zu machen.

Er hat mir von diesem Teil seiner Vision erst spät erzählt. In dieser Wahrsagung hat er Umock und mich gesehen. Oremazz konnte hören, wie ich mit dem König der Nebelseelen Verhandlungen führe. In seiner Vorstellung war ich der Mensch, der das machtvolle Wesen überzeugt hat. Das ist der Grund, weshalb ich heute hier stehe.

Die Vorstellung irritiert mich immer noch. Je länger ich darüber nachdenke, umso mehr Fragen fallen mir dazu ein. Möglicherweise hat mein Großvater deshalb so lange geschwiegen. Er muss geahnt haben, dass ich seine Erzählung sezieren würde.

Mein innerer Widerstand wird mit jedem Schritt größer. Ich kämpfe mit meiner Verunsicherung, mit meinen Selbstzweifeln und meinem Verantwortungsbewusstsein. Wie sehr ich mir in diesem Moment Elevander an meine Seite wünsche. Nur er wäre in der Lage, einen Funken Mut in mir zu entzünden.

Der Nebel um mich wird immer dichter. Er schiebt sich mir in kompakten Wolken auf dem Boden entgegen, bäumt sich vor mir auf, bevor er wieder zusammensinkt. Meine Sicht wird von dem feuchten, grauen Vorhang eingeschränkt. Als ich mich umwende, habe ich den Anfangspunkt meiner Reise in den Sumpf aus den Augen verloren. Der Weg wird von der Dunkelheit verschluckt. Es ist ohnehin wichtiger, dass ich mich auf die Umgebung vor mir konzentriere. Rund um mich herum sind nur abgestorbene Sträucher zu erkennen. Bäume recken ihre nackten Arme gen Himmel, als würden sie um Gnade flehen. Noch befinde ich mich auf einem Weg, den ich ein paar Fuß weit erkennen kann und der sich zwischen den toten Pflanzen entlangschlängelt.

Gleich links von mir blubbert Wasser. Es riecht unangenehm faulig. Ich will mir nicht vorstellen, dass hier möglicherweise bereits ein sorgloser Wanderer die Orientierung verloren hat und von dem durchweichten Boden in eine tödliche Umarmung gezogen worden ist. Dringt der Gestank eines verwesenden Körpers zu mir, oder handelt es sich um den typischen Duft des Moores?

Spielt mir mein Gehirn vielleicht bereits einen Streich, als ich glaube, vor mir einen Schatten zu erkennen? Er wirkt zu massiv und bewegt sich viel zu schnell, als dass es einfach nur wabernder Nebel sein könnte. Dann ist der Schatten verschwunden. Hat mich Oremazz nicht genau vor solchen Sinneswirrungen gewarnt?

Bevor ich das Lager verlassen habe, habe ich den Zauber gesprochen, der verhindert, dass fremde Magie in meinen Verstand eindringen kann. Das ermöglicht mir noch kleine Zauber wie den mit dem leuchtenden Stein. Großes kann ich nun nicht mehr wirken. Obwohl ich vorsichtig sein muss, kann mir nichts geschehen. Trotzdem fürchte ich, dass die Energie, die hier im Sumpf mit fühlbarer Kraft vibriert, Einfluss auf mich haben könnte. Die Macht ist so stark, wie ich sie noch niemals erlebt habe. Selbst dann nicht, als mein Großvater mich gezwungen hat, den Unschuldigen zu Testzwecken zu verletzen. Als er mich meiner Gegenwehr beraubt hat und das volle Ausmaß seiner Magie durch mich geflossen ist, habe ich nichts Vergleichbares gespürt. Ich weiß, dass der Große Zaubermeister einer der Mächtigsten seiner Art ist. Dennoch war das damals übermächtige Gefühl, seine Energie wie einen Wirbelsturm in mir zu spüren, im Vergleich zu den jetzigen Eindrücken wie das Streicheln einer Feder auf meiner Haut. Hat sie beim Zauber von Oremazz nur geprickelt, steht sie jetzt in Feuer.

Ich bleibe stehen, hole tief Luft, sauge sie in meine Lungen. Obwohl die Feuchtigkeit jeden Atemzug zu einem anstrengenden Unterfangen macht, ringe ich ihr Sauerstoff ab, um meinen Brustkorb bis zum Anschlag mit Luft zu füllen. Ein paar Sekunden lang weigere ich mich, sie wieder zu entlassen. Ich warte, bis mein Herzschlag sich verlangsamt und Ruhe in meine Gedanken kehrt. Es gelingt mir, mich auf meine Aufgabe zu fokussieren, meine Ängste und Unsicherheiten zu überwinden und nur noch mein Ziel vor Augen zu haben. Dann stoße ich die Luft aus, heiße die Kraft willkommen, die mich durchflutet, und mache den nächsten Schritt.

Energisch schreite ich weiter den Weg entlang. Irgendwo vor mir, inmitten dieser Nebelwände, muss der Mittelpunkt des Sumpfes liegen. Das Zentrum der Macht, die Umock innehat. Direkt vor mir ragt ein riesiger, blätterloser Baum gen Himmel. Einer seiner Äste ist abgenickt. Ob er von einem Blitz getroffen worden ist? Ob die Feuchtigkeit ihn von innen heraus aufgefressen hat? Ich befasse mich nicht lange mit ihm, den plötzlich habe ich ein anderes Problem.

Vor mir teilt sich der Weg, dem ich gefolgt bin, doch ganz instinktiv wähle ich eine Richtung. Mein Herz gibt die Entscheidung vor. Ich folge dem Wink der Magie, die in mir wohnt, und beschleunige meine Schritte. Ich will den einen Moment nicht länger hinausschieben, der alles entscheidet. Ich will endlich das Wesen sehen, mit dem ich es zu tun habe.

Noch einmal gelange ich an eine Weggabelung. Wieder flüstert mir mein Herz ein, wohin ich mich wenden soll, und ich haste weiter. Wie lange irre ich bereits in diesem Nebel? Wie lange bin ich schon in dieser Dunkelheit gefangen? Habe ich mich etwa verlaufen, weil mir meine Sinne falsche Selbstsicherheit eingeflüstert haben?

Nein, ich bin stärker, als es ein Normalsterblicher ist. Es wird diesem verdammten Nebel nicht gelingen, mich aufzuhalten. Ich werde es schaffen, weil Scheitern nicht infrage kommt. Hier in diesem Sumpf die Orientierung zu verlieren, würde bedeuten, Elevander in Gefahr zu bringen. Ich muss zurückkehren. Ich muss Umock dazu überreden, uns zu helfen. Ich muss meinen Teil dazu beitragen, dass wir diesen Krieg gewinnen. Denn nur so kann ich meinen Freund auf die gleiche Art unterstützen, wie er es schon seit Jahren tut. Auch wenn er die Wahrheit nicht ahnt: Er hat mich bereits mehrmals gerettet. Ohne ihn hätte ich diese für mich hoffnungslose Welt längst verlassen. Die Liebe zu ihm ist der Grund, weshalb ich weiterkämpfen werde, solange ich dazu in der Lage bin. Und vielleicht noch darüber hinaus.

Die Magie, mit der ich das Licht in meiner Lampe entzündet habe, wird schwächer. Das Flackern des glühenden Steins darin wird stärker. Vermutlich wird das Licht bald zur Gänze erlöschen.

Ich beschleunige noch einmal meine Schritte, um so viel Weg wie möglich zurückzulegen, bevor ich meinen nächsten Zauber wirken muss. Tatsächlich habe ich das Gefühl, die schwarze Energie, die mich seit dem Betreten des Sumpfes umfängt, nimmt zu. Es ist nicht mehr weit. Nur noch ein paar Fuß, dann habe ich es hoffentlich geschafft.

Das Glühen in der Lampe wird ein letztes Mal schwächer, bis es gänzlich verschwindet. Von einem Moment zum anderen befinde ich mich in absoluter Dunkelheit. Abrupt bleibe ich stehen, um keinen falschen Schritt zu tun. Der Gestank des Sumpfes brennt in meiner Nase und erinnert mich daran, wie gefährlich meine Umgebung ist. Die Schwärze ist so vollkommen, dass ich auch genauso gut die Augen geschlossen haben könnte. Nein, denn dann würden Lichtpunkte mich an das erinnern, was ich gerade noch gesehen habe. Die Finsternis rund um mich lässt mich jedoch an Tod und völliges Vergessen denken.

Mit dem Erlöschen des Lichts wird es plötzlich um einige Grad kälter. Ein Schauer läuft mir über den Rücken, dort wo der Angstschweiß das Oberteil unter meiner Tunika getränkt hat. Die Feuchtigkeit der Luft fühlt sich wie eine nasse Hand in meinem Gesicht an. Ich weiß, dass es sich um eine Täuschung meines Verstandes handelt. Dennoch kann ich ein Zittern nicht unterdrücken.

Lautlos formuliere ich einen Zauber zum Verbessern meiner Sehkraft. Langsam schälen sich Umrisse aus der Dunkelheit. Es ist nur ein schwacher Trost im Vergleich zu dem Licht, das der Stein abgestrahlt hat, doch ich werde mir damit behelfen können.

Ich drückte die Lampe an mich und gehe vorsichtig weiter. Niemals würde ich sie freiwillig zurücklassen. Möglicherweise kann ich den gewirkten Zauber benutzen, wenn ich mich wieder auf den Rückweg mache.

Graue Schatten schieben sich an meinem Sichtbereich entlang. Wie ein Hindernis aus Watte verwehren sie mir die Sicht auf meine Umgebung. Ich setze vorsichtig einen Fuß vor den anderen, hebe meine Beine nach Möglichkeit nicht, um die Verbindung mit dem Boden nicht zu verlieren und dadurch einen Schritt neben den Pfad zu machen. Solange der Untergrund sich fest anfühlt, müsste ich auf dem richtigen Weg sein.

Ein Ast erscheint so plötzlich neben mir, dass ich zusammenzucke. Ich habe den Baum erst bemerkt, als ich beinahe dagegen gelaufen bin. Weiterzugehen wäre der absolute Irrsinn. Beim nächsten Mal befindet sich vielleicht direkt vor mir ein Hindernis, an dem ich mich verletze. Also bleibe ich stehen. Dieser Platz muss reichen.

Nach einem tiefen Atemzug, der bei Weitem nicht genug Luft in meine Lungen saugt, schließe ich die Augen und sammle die Magie in mir. Ich lasse sie anwachsen, bis sie auch den letzten Flecken meines Inneren ausfüllt. In Gedanken forme ich die Worte, die Umock herbeirufen sollen.

»Geister dieses Sumpfes, hört mich an. Verkündet eurem König die Botschaft, dass ich seine Gegenwart erbitte. Sagt ihm, dass ich gekommen bin, um mit ihm zu sprechen und ihm einen Vorschlag zu unterbreiten.«

Stille herrscht rings um mich herum. Lediglich ein sanfter Windhauch streift über meine Wangen, die sich vor Aufregung erhitzt haben.

Sollte nicht irgendetwas passieren? Sollte nicht ein Geisterwesen erscheinen, um mich nach Details zu fragen? Sollte nicht ein Nebelungeheuer vor mir aufragen, um mich zu vertreiben? Sollte nicht eine unsichtbare Macht versuchen, mich in ihre Fänge zu ziehen? Sollte sich nicht irgendetwas verändern?

Angestrengt lausche ich ins Nichts. Die Schwingungen der Magie, die ich seit dem Betreten des Sumpfes gespürt habe, werden immer deutlicher. Doch eine Reaktion der Wesen, die hier leben, bleibt aus. Schön, dann hat man meine Bitte wohl nicht gehört.

»Geister dieses Sumpfes«, setze ich noch einmal an, benutze diesmal nicht Magie, um die Worte zu transportieren, sondern spreche sie laut aus. »Hört mich an.«

»Schhhhhhhhon gut.«

Ich erstarre. Hat mir tatsächlich ein Flüstern geantwortet? Hat der Wind zugenommen und mir die Worte zugetragen oder handelt es sich bloß um Einbildung? Bin ich kurz davor, verrückt zu werden?

»Geister dieses Sumpfes …«

»Süssssssser kleiner Menschhhhhhhhh«, säuselt jemand … etwas … der Wind.

»Ist da jemand?«, frage ich ängstlich.

Die Nebelschwaden vor mir verformen sich und nehmen den Umriss eines Körpers an. »Natürlich«, antwortet jetzt eine Stimme, die viel deutlicher als das Gemurmel ist. Sie dringt nicht von außen an mein Ohr. Sie erklingt direkt in meinem Kopf. »Wer stört?«

»Ich … Lesithder vom Volk der Maëlle … ein Mensch.«

»Das kann ich sehen. Was willst du?«

»Mit Umock, dem großen König der Nebelseelen, sprechen. Ich bitte um eine Audienz bei seiner Gnaden …«

Ein Sturm kommt auf. Er ist so stark, dass er mich beinahe von den Füßen fegt. Ich kneife die Augen zusammen, die zu brennen begonnen haben, und drehe den Kopf zur Seite. Immer noch ist es völlig dunkel, weshalb ich nichts verpasse. Das Zentrum, von dem der Wind ausgeht, scheint näherzukommen. Eisige Nadelstiche treffen auf meine Wangen. Ist die Feuchtigkeit des Nebels gefroren, oder spielt mir meine Fantasie einen Streich?

Mit einem Mal spüre ich die Aura eines machtvollen Wesens. Energie hat schon vorher die Luft zum Vibrieren gebracht. Nun kann ich auf meiner Haut fühlen, wie Magie kleine elektrische Ladungen entstehen lässt. Jemand ist angekommen. Etwas. Ich glaube nicht, dass ein Mitglied von Umocks Armee in der Lage ist, solche Effekte zu erzeugen. Der König der Seelenlosen selbst muss eingetroffen sein.

Ich zwinge meine Augen auf. Die Dunkelheit wirkt nicht mehr so undurchdringbar wie gerade noch. Ein Glimmen, dessen Ursprung nicht auszumachen ist, weil es von überall gleichzeitig zu kommen scheint, erhellt die Finsternis. Die Schatten erwachen zum Leben, kriechen langsam auf mich zu. Das, was ich als Wind empfunden habe, entpuppt sich als dichte Nebelmasse, die einer Schlange gleich vor mir aufragt. Zwei rotglühende Lichtpunkte erscheinen in diesem durchsichtigen Nebelkopf. Die Augen von Umock. Sein Nebelkörper setzt sich ganz langsam in Bewegung, beginnt, sich um mich zu winden. Sein Schweif wird immer länger, während der Kopfteil auf Höhe meines Gesichts bleibt. Dann schwingt auch er herum und kommt auf der anderen Seite wieder an mir vorbei. Das Spiel wiederholt sich noch einmal.

Aus den Augenwinkeln beobachte ich, wie er verschwindet und wieder erscheint, während er mich umkreist. »Entschuldigt«, murmle ich. »Seid Ihr der König der Nebelseelen?«

Die körperlose Ansammlung von Energie hält inne. Der Wind erstirbt. Es herrscht wieder Totenstille. Zum Glück glüht die geheimnisvolle Macht immer noch, sodass ich das aus Nebel geformte Wesen vor mir erkennen kann.

»Ich bin Umock«, verkündet die Stimme um ein Vielfaches lauter als zuvor. Das Echo wiederholt diesen Satz, diesmal doppelt so dröhnend.

Das Geräusch schwillt weiter an. Mein Kopf droht zu platzen. Ich lasse die Lampe fallen, die ohnehin nutzlos für mich geworden ist. Unter Schmerzen hebe ich meine Hände an meine Ohren und drücke mit aller Macht dagegen. Doch die Worte hallen in meinem Verstand. Sie vibrieren in meinem Schädel. Sie vervielfältigen sich, bis es nicht mehr zu ertragen ist.

Die Stimme erfüllt meinen ganzen Körper. Jede einzelne Zelle in mir spürt die Macht, die darin liegt. Ich bin durchdrungen von der Kraft dieses Wesens, das aus dem Reich der Geister stammt. Tatsächlich habe ich den Eindruck, als wäre Umock in meine Haut geschlüpft.

Mein Mund ist weit geöffnet. Ich kann nicht hören, ob ich schreie. Aber diese Demonstration von Macht ist so peinvoll, dass ich nicht mehr weiß, was ich tun soll. Ich kann keinen vernünftigen Gedanken fassen.

Es muss enden.

Sofort.

Soll ich flehen?

Soll ich bitten?

Schwindel.

So viel Schmerz!

»Stopp!«

Ganz plötzlich ist es vorbei. Der Satz, der sich endlos wiederholt hat, verstummt. Angenehme Stille breitet sich aus, obwohl das Echo noch in mir nachhallt. Mein Schädel scheint von den Nachwirkungen des Lärms zu vibrieren. Als wäre ich eine Klangschale, die den letzten Ton einfach nicht freigeben will. Die Kraft des Königs hat meinen Körper allerdings bereits verlassen.

Mein Gleichgewichtssinn will versagen. Ich schwanke, zwinge mich jedoch, aufrecht stehen zu bleiben. Nach einem tiefen Atemzug senke ich meine Arme, um das Wesen zu betrachten, das mich gerade noch gefoltert hat.

Ich bin allein. Die Dunkelheit fühlt sich beunruhigend intensiv an. Nebelschwaden ziehen an der Grenze meines Sichtbereiches vorbei. Noch einmal wiederhole ich den Zauber, der es meinen Augen ermöglicht, in der Finsternis besser sehen zu können. Obwohl ich daraufhin den Umriss eines Baumes erkennen kann, dessen Äste wie unzählige Finger in die Luft zeigen, gibt Umock sich nicht zu erkennen. Was habe ich auch erwartet? Niemand kann diese machtvollen Wesen sehen.

Der Nebel wird dichter. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass er zum Leben erwacht. Die Worte meines Großvaters kommen mir in den Sinn. Er hat während unserer Unterrichtsstunden erwähnt, dass körperlose Wesen wie Umock Materie dazu nutzen können, um Menschen zu erschrecken. Versucht das der König der Seelenlosen gerade bei mir?

Die Schwaden ziehen sich zwei Fuß von mir entfernt zu einer Kugel zusammen. Die Form wächst in die Höhe, wird eine Säule, die über mich hinausragt. Langsam bewegt sich der Kopfteil der Säule auf mich zu. Schließlich lösen sich Züge aus der Masse, sodass die Ausbuchtungen mich an einen Schädel erinnern.

»Sprich!«, befiehlt die Stimme.

Zu meiner Erleichterung dröhnt sie nun nicht mehr direkt im Zentrum meines Verstandes. Außerdem ist sie nicht mehr so laut wie zuvor.

Ich sinke auf die Knie, senke meinen Blick, wie ich es auch bei der ersten Begegnung mit dem Fürsten gehandhabt habe. Unser Anführer würde diese Geste nicht befürworten. Selbst mein Großvater, dem ich genug Wissen über Umock verdanke, würde sie nicht gutheißen. Schließlich wollen die beiden den König der Nebelseelen nur für sich benutzen. Ich empfinde den Kniefall allerdings als richtig. Er ist die einzig logische Konsequenz, nachdem ich die Macht, die Umock ausstrahlt, in jeder einzelnen Zelle meines Körpers gespürt habe.

»Edler Herr, Euer Diener begrüßt Euch voller Ehrfurcht.«

Die dunkle Wut, die von Umock ausgeht, vibriert. »Du siehst dich als meinen Diener?«

»Meine Treue gehört meinem Fürsten. Als Teil seines Volkes der Maëlle muss ich seinen Befehlen gehorchen. Doch Eurer Stärke unterwerfe ich mich. Noch niemals bin ich einem so mächtigen Wesen begegnet. Ich bin es nicht wert, in Euer Antlitz zu blicken.«

»Eine interessante Behauptung«, murmelt die tiefe Stimme und schickt mir einen Schauer über den Rücken. »Besonders, wenn man bedenkt, dass ich keine menschliche Gestalt annehmen kann, damit das überhaupt möglich wäre.«

Klingt er verärgert? Habe ich ihn mit meinen Worten beleidigt? Zögernd hebe ich den Kopf und blicke zum rätselhaften Nebelwesen. »Es tut mir leid. Ich wollte Euch damit nicht zu nahetreten. Es war nicht meine Absicht, Euch an etwas zu erinnern, das außerhalb Eurer Entscheidungsmacht liegt.«

Die Energiestruktur vor mir verändert sich, wird für mich spürbar zu einer kompakteren Masse, die auf mich zurast und direkt vor mir anhält. »Du verstehst es, mich vor den Kopf zu stoßen.«

»Entschuldigt, ich … Als Abgesandter meines Herrn versage ich kläglich. Offensichtlich fehlt es mir an Übung, um Euch mit angemessener Unterwürfigkeit entgegenzutreten.«

»Dann frage ich mich, weshalb man ausgerechnet dich zu mir geschickt hat.« Umocks körperlose Gegenwart löst sich vom Boden und umkreist mich einmal.

»Unter den Männern meines Fürsten bin ich die einzige Person, die in der Lage ist, Euch zu rufen.«

»Das erklärt nicht, weshalb dein vornehmer Fürst nicht mitgekommen ist, um mit mir zu sprechen. Ich nehme an, dass er etwas von mir will. Jeder, der mich an diesem elenden Ort besucht, hat nur seinen eigenen Vorteil im Sinn. Warum bittet er mich nicht selbst darum? Wieso schickt er einen kleinen Jungen vor?«

Widerspruch regt sich in mir. Obwohl ich mich zurückhalten sollte, kann ich meinen Ärger nicht kontrollieren. Zu lange schon werde ich von allen behandelt, als wäre ich ein Nichts. Dieses Wesen aus dem Schattenreich misst mir vielleicht zurecht keinerlei Bedeutung zu. Mein junges Alter bedeutet allerdings nicht, dass ich so naiv bin, wie er denkt. Ich habe meine Kindheit schon vor vielen Jahren hinter mir gelassen.

Ich hebe den Kopf. »Im Vergleich zu Eurer Weisheit und Eurer langen Existenz muss ich wie ein Junge wirken. Seid Euch jedoch versichert, dass ich durchaus in der Lage bin, für meinen Fürsten zu sprechen.«

Die Energiemasse vor mir verliert etwas von ihrer Intensität. Es wirkt wie ein Zögern, ein Augenblick der Irritation. Einen Moment lang befürchte ich, zu weit gegangen zu sein. Dann fühle ich die Magie wieder auf meiner Haut kribbeln.

»Du bist ein interessantes Wesen«, sagt die Stimme. Belustigung klingt darin mit. »Warum bist du hier?«

Nun gilt es, Umocks Gunst zu gewinnen. Wir benötigen ihn für unseren Kampf. Die diesbezüglichen Visionen meines Großvaters waren sehr deutlich. Doch wie soll ich ihm meine Bitte so verkaufen, dass er ihr zustimmt? Oremazz ist der Meinung, es würde ausreichen, vor dem König auf dem Boden zu rutschen. Unser Fürst denkt, mit Erpressung würde man Umock dazu zwingen können. Nach unserem kurzen Gespräch bin ich allerdings der Meinung, dass ich ihn genauso manipulieren muss, wie er es bei mir versucht. Seine Versuche, mich aus dem Konzept zu bringen, zeigen mir deutlich, dass er das alles nur als Spiel sieht. Doch zuerst will ich ihn mit Schmeicheleien von mir überzeugen.

»Ich danke Euch, dass Ihr vor mir erscheint. Mein Fürst weiß Euer Entgegenkommen zu schätzen. Ihm ist bewusst, dass Euer Einverständnis, sich mit mir als seinem Vertreter zu treffen, nicht selbstverständlich ist. Euer Ruhm reicht weit über die Grenzen dieses Kontinents hinaus.«

Der kühle Nebel dreht sich um mich in enger werdenden Kreisen. Ein Geräusch erklingt, das mich an ein Lachen erinnert, doch das ist unmöglich. Nebelseelen besitzen keinen Humor. Das hat mein Großvater mir eingebläut. Er hat mich auf das Zusammentreffen mit den Bewohnern der anderen Seite vorbereitet. Ich weiß alles über diese Wesen. Dennoch überrascht Umock mich. Mein Verstand spielt mir offensichtlich einen Streich, oder der König der Nebelseelen versucht mich auszutricksen.

»Du bist ein beeindruckender Lügner«, sagt Umock.

Angst durchzuckt mich. »Ich weiß nicht, was Ihr damit sagen wollt.«

»Dein Fürst hat nicht so schmeichelhafte Worte verwendet, als er über mich gesprochen hat. Also warum tust du es?«

»Das … Er hat nicht … Ich wollte … Woher wisst Ihr davon?«

Seine Gegenwart hält hinter meiner Schulter an. Die Stimme erklingt direkt an meinem Ohr. »Sobald jemand meinen Namen ausspricht, kann ich hören, was über mich gesagt wird. Niemand kann Lügen über mich verbreiten, ohne dass ich es erfahre. Schon bevor du hergekommen bist, wusste ich von deinem Begehr.«

Meine Kehle ist wie zugeschnürt. Ich denke an alles, was mein Großvater über Umock erzählt hat. Die Worte, die der Fürst benutzt hat, um den König der Nebelseelen zu beleidigen, kommen mir in den Sinn. Wie überaus peinlich.

»Wieso habt Ihr dann überhaupt auf meinen Ruf reagiert?«

»Ich war neugierig, auf welche Art du versuchen würdest, mich um Hilfe zu bitten. Die Ewigkeit ist langweilig. In diesem Sumpf – so sehr ich ihn auch liebe – wird der Verstand nicht gefordert. Ich sehne mich nach Abwechslung. Nachdem ich dich bei deinem Training beobachtet habe, war ich sicher, dass du sie mir bieten kannst.«

Umocks Präsenz windet sich wieder um mich herum. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass er immer näherkommt. Seine Worte haben eine geheime Bedeutung, die ich nicht entschlüsseln kann. Obwohl ich Angst vor ihm haben sollte, obwohl ich ihn nicht in meine Gedanken blicken und in seiner Nähe Vorsicht walten lassen sollte, will ich mehr von ihm erfahren. Die Macht, die er ausstrahlt, ist um so vieles größer als die Energiewellen meines Großvaters. Oremazz ist der mächtigste Zauberer, den ich jemals getroffen habe. Ich bin mir sicher gewesen, dass es niemand mit ihm würde aufnehmen können. Und jetzt muss ich feststellen, dass ich überhaupt nichts über die wahre Magie weiß.

Zuerst muss ich mich auf meine Aufgabe konzentrieren. Wenn es mir gelingt, Umock dazu zu überreden, uns zu helfen, werde ich zwangsläufig Zeit mit ihm verbringen müssen. Ich werde ihn studieren können. Ich werde herausfinden, was ihn besonders macht. Und ich werde von ihm lernen können.

»Mit Sicherheit habt Ihr es nicht notwendig, Euch einem Volk Menschen anzuschließen, das Ihr zuvor noch niemals getroffen habt. Ich verstehe, wenn Ihr Euch in Vorsicht übt und meinen Worten keinen Glauben schenkt. Dennoch muss ich um eine Gelegenheit bitten, Euch zu überzeugen, dass Eure Hilfe dringend vonnöten ist.«

Umock lacht leise. »Nun, daran hege ich keinen Zweifel. Ohne die Unterstützung meiner Armee werdet ihr kläglich scheitern.«

Überraschung macht sich in mir breit. »Hattet Ihr ebenfalls Visionen von der Zukunft? Seid Ihr bereit, der Bedrohung an der Seite unserer Armee entgegenzutreten?«

»Nein. Nein, ich halte das für eine schlechte Idee.«

»Das verstehe ich nicht. Gerade habt Ihr mir zugestimmt, dass wir allein gegen diesen übermächtigen Feind keine Chance haben.«

»Hinter diesen Worten stehe ich. Und weiter?«

Ich rapple mich hoch, als mir klar wird, dass Umock egal ist, wenn unser Volk untergeht. Diese Seelenlosigkeit sollte mich nicht überraschen. Dennoch will ich die Wahrheit nicht akzeptieren. Versteht er denn nicht, dass die Gefahr auch nicht vor seiner Heimat haltmachen wird?

Die Energie, die Umock ausmacht, hält vor mir an. Ich meine, den Atem vom König der Nebelseelen auf meinem Gesicht zu spüren. Angst vor diesem mächtigen Wesen, das mich vernichten könnte, lähmt mich. Doch ich darf nicht aufgeben. Zu viel hängt davon ab.

»Ihr habt erwähnt, dass Euch Eure Heimat sehr viel bedeutet. Wenn die Visionen unseres Großen Zaubermeisters der Wahrheit entsprechen – und es gibt keinen Grund, warum sie das nicht sollten – werdet Ihr alles verlieren.«

Ein heiseres Lachen erklingt. »Ich besitze nichts. Ich bin lediglich ein Geist.«

Das könnte man glauben, wenn man noch naiver wäre als ich. »Ihr seid mächtiger, als die meisten Menschen auch nur ahnen können. Nur wenige Zauberer sind in der Lage, Magie so perfekt zu beherrschen wie Ihr. Noch dazu steht Euch ein ganzes Heer zur Verfügung. Dieser Sumpf ist Euer Zuhause. Hier ist Eure Macht am stärksten. Bestimmt wollt Ihr nicht darauf verzichten.«

»Sehr schmeichelhafte Worte, deren Wert ich allerdings anzweifle. Hattest du selbst eine Vision von der drohenden Gefahr?«

»Nein.« Der schnelle Themenwechsel lässt mich dieses Geständnis machen. Dass ich Umock nicht belügen sollte, gehört allerdings ohnehin zu den wenigen Dingen, derer ich mir sicher bin. »Der Große Zaubermeister unseres Volkes wurde von den Vorahnungen heimgesucht. Er ist damit allerdings nicht allein. Im ganzen Land haben Zauberer ihre Stimmen erhoben, um die Menschheit vor dem kommenden Unheil zu warnen. Überall machen sich Soldaten bereit, gegen den neuen, mächtigen Feind anzukämpfen. Unser Fürst hat sich mit den Führern anderer Völker zusammengetan. Seit wir von der Gefahr wissen, sind Verhandlungen geführt worden, damit wir gemeinsam gegen unsere Gegner ankämpfen können.«

»Und wenn ich dir nicht glaube? Wenn ich das alles für ausgemachten Schwachsinn halte?«

Panik erfasst mich. Wie kann er daran zweifeln? »Ihr habt uns doch belauscht. Ihr kennt unsere Überlegungen, unsere Ängste. Ihr habt den gleichen Wissensstand wie wir. Diese Bedrohung ist echt. Nicht nur Oremazz hat Visionen empfangen. Alle Welt weiß davon!«

»Das bedeutet nicht, dass dieser Schwachsinn der Wahrheit entspricht. Möglicherweise versucht man euch alle nur von etwas abzulenken, was in eurer Heimat passiert, während ihr hier draußen in der Wildnis herumstreift.«

Ein beunruhigender Gedanke, den ich weit von mir schiebe. »Es wäre zu einfach, die Augen vor der Wahrheit zu verschließen. Die Verlockung, die Visionen meines Großvaters für unecht zu halten …« Zu spät unterbreche ich mich.

Der Wirbel um mich herum wird unangenehm kalt. »Interessant.«

Ich habe nicht verraten wollen, dass ein Teil von mir nicht an Oremazz’ Eingebung glauben will. Es geht Umock nichts an. Natürlich wird er versuchen, das auf irgendeine Art und Weise gegen mich zu verwenden. Innerlich mache ich mich auf das Schlimmste gefasst.

»Du bist also der Enkel des Großen Zaubermeisters.«

»Genau. Seine Vorhersagen darf man nicht einfach abtun. Wäre er allein mit dieser Vision, könnte man in Betracht ziehen, dass es sich um eine Fantasie handelt, die niemals Realität wird. Ich verstehe, dass manch einer zweifelt. Dennoch …«

»Der Enkel des Großen Zaubermeisters«, unterbricht Umock mich, immer noch auf dieses eigentlich unwichtige Detail fixiert. »Hast du seine Fähigkeiten geerbt?«

Hitze kriecht von meinem Hals hoch. Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll. Umock hat doch unsere Gespräche mitangehört. Er kennt das Geheimnis, das mein Großvater und ich hüten. Möglicherweise hat das Verhalten von Oremazz nicht dem eines liebenden Verwandten entsprochen, weshalb Umock unser Familienverhältnis verborgen geblieben ist. Dass ich nicht sonderlich talentiert bin, hat er allerdings mit Sicherheit mitangehört.

Das Schweigen dehnt sich aus. Die Schwingungen, die Umock ausstrahlt, verändern sich. Neugierde scheint seine Stimmung zu ändern. Er durchleuchtet mich, als wolle er herausfinden, was in mir vorgeht. Riecht er die Scham, die ich empfinde und deren Bitterkeit ich ausdünsten muss?

»Du bist ein Betrüger. Mach dir nichts draus. Jeder von uns verbirgt einen Großteil seiner Seele vor dem Rest der Welt. Niemand kann dir vorwerfen, wenn dir die Magie die Fähigkeiten deiner Familie verwehrt hat.«

»Ich werde ein großer Zauberer werden«, korrigiere ich ihn. »Im Augenblick mögen mir nicht die gleichen Dinge gelingen wie meinem Großvater. Doch ich werde in seine Fußstapfen treten. Die Magie ist stark in mir, auch wenn sie noch nicht an das heranreicht, wozu der Rest meiner Familie in der Lage war.«

Umock lacht nur.

Wut wallt in mir hoch. Mir ist bewusst, dass er mich provozieren will. Auf dieses Spiel werde ich mich nicht einlassen. Ich weiß, wozu ich fähig bin. Noch mag mir nicht jeder Zauber gelingen. Doch irgendwann werde ich über mich selbst hinauswachsen. Elevander ist sich dessen sicher. Und so sehr ich auch an mir selbst zweifle, er hat sich noch niemals geirrt.

»Es spielt keine Rolle, was Ihr von mir denkt. Wichtig ist lediglich, dass wir zu einer Einigung kommen. Helft uns, dann werde ich meinen Fürsten darum bitten, Euch Eure Freiheit zu schenken.« Dieser Vorschlag ist gewagt. Ich weiß nicht, ob der Fürst es nicht rundweg ablehnen wird. Allerdings habe ich den Eindruck, nicht anders zu Umock durchdringen zu können.

»Diese selbstherrliche, selbstüberschätzende Imitation eines großen Anführers wird niemals darauf eingehen. Ich bezweifle sogar, dass er mächtig genug ist, um die Entscheidung darüber zu treffen. Also warum beleidigst du meine Intelligenz?«

Wieder habe ich einen Fehler begangen. »Es tut mir leid. Ich wollte Euch damit nur darauf aufmerksam machen, wie wichtig Eure Hilfe ist.«

Enttäuschung geht in Wellen von ihm aus. Seine Stimme klingt kühl, als er nach ein paar Sekunden des Schweigens das Wort ergreift. »Nun, ich habe es verstanden. Wie viel wäre dir meine Unterstützung wert?«

»Was meint Ihr?« Meine Nackenhaare stellen sich auf.

»Was wärst du bereit zu tun, damit ich mich dieser sinnlosen Mission anschließe?«

»Ich … ich weiß nicht, worauf Ihr hinauswollt.«

Umock umkreist mich langsamer. »Würdest du mir deine Seele versprechen?«

Ein eisiger Schauer, der nicht von dem mächtigen Wesen ausgeht, jagt meinen Rücken hinunter. »Meine Seele?«

Er sagt kein Wort, was Antwort genug ist.

»Warum verlangt Ihr ausgerechnet meine Seele?« Ich will die Ewigkeit nicht der Dunkelheit widmen. Ich widme mein Leben dem Licht, versuche immer nur Gutes zu tun. Weshalb sollte ich mich auf diese Verrücktheit einlassen, deren Ende nicht absehbar ist?

»Deine ist genauso gut wie jede andere. Dein Großvater mag es nicht erkennen, aber ich sehe die Magie in dir. Du besitzt Potenzial. Dich auf meiner Seite zu haben, wird für mich von Vorteil sein.«

»Wir verhandeln nicht über meine Seele.« Vehement schüttle ich den Kopf. »Stellt eine andere Forderung!«

»Und wenn es das Einzige ist, was ich begehre?« Umock klingt lauernd, während er vor mir anhält. Will er meine Überzeugungen prüfen?

Es gibt vieles, an dem ich zweifle. Meine Fähigkeiten und meine Eignung für diese Mission stelle ich am meisten infrage. Doch ich weiß, dass ich diese Vereinbarung nicht mit ihm treffen werde. »Mit Sicherheit gibt es andere Dinge, die Ihr gerne verlangen würdet.«

»Nun, dem will ich nicht widersprechen. Auf meiner Liste mit Dingen, die ich gerne tun würde, stehen viele Punkte. Diese wären allerdings nur möglich, wenn ich einen menschlichen Körper hätte. Ich würde mich betrinken, alles essen, was ich früher gemocht habe. Ich würde mit all meinen Sinnen, die ich jetzt nicht mehr besitze, genießen. Wäre ich in der Lage, dich zu berühren, würde ich zum Beispiel nicht zögern.«

In seiner Stimme schwingt etwas mit, das ich nicht zuordnen kann. Ich verstehe nicht, worauf er hinauswill. Möchte er mich von hier vertreiben? Deutet er damit an, dass er uns nicht helfen kann, weil er keine Hände besitzt, dass er keine Waffe führen kann, weil er sie nicht mit menschlichen Fingern umfassen kann?

Diese Angst kann ich ihm nehmen. Uns verlangt nach seiner Macht, nach dem Hauch der Dunkelheit, den er und seine Soldaten ausstoßen und der jeden Menschen in die Knie zwingt. Er muss für unsere Feinde nicht sichtbar sein, um sie vernichten oder zumindest außer Gefecht setzen zu können. Warum ist ihm das nicht bewusst?

»Ihr seid in der Lage, ganz ohne menschlichen Körper Unheil zu verbreiten. Wenn unser Fürst Euch erst einmal von dem Zauber befreien lässt, der Eure Magie in Schach hält, könnt Ihr wieder über Euren Hauch der Dunkelheit bestimmen.«

»Das war nicht, was mir durch den Kopf gegangen ist.«

Dieses Gespräch ist zu verwirrend. Ich will nicht rätseln, was in ihm vorgeht. Wenn er keine deutlichen Worte benutzt, werde ich ihn nicht darum bitten. Es ist nur seine Art, um mich in meine Schranken zu verweisen, um klarzustellen, dass er die Kontrolle über die Situation hat. Soll er daran ersticken.

»Die Gefahr verschwindet nicht von allein«, setze ich neuerlich an. »Davor könnt Ihr Eure Augen … Ich meine, Ihr könnt Euch davon nicht abwenden. Die Bedrohung hat auch Auswirkungen auf Eure Macht.«

»Nein, sie schenkt mir nur weitere Seelen für meine Armee«, erinnert er mich.

Ist er tatsächlich so kaltherzig? Ist er das Monster, für das mein Großvater und die ganze Welt ihn halten? Warum kann dann ich in ihm etwas anderes erkennen? Weshalb fühlt es sich für mich an, als würde er etwas empfinden können? Habe ich nicht vorhin aus seinen Worten gehört, dass er sich doch nach etwas sehnt? Will er mich glauben machen, keine großen Wünsche mehr zu hegen, damit ich ihm gegenüber Nachsicht walten lasse?

»Natürlich würde Eure Macht anwachsen, wenn die Menschen dieses Kontinents ihr Leben verlieren«, gebe ich zu. »Mit jedem weiteren Toten steigt die Möglichkeit, dass Eure Armee anwächst. Dieser Krieg wird die Menschen verändern. Das Böse wird ihnen nicht mehr fremd sein. Es wäre nur noch ein kleiner Schritt notwendig, um sich Euch anzuschließen.«

»Deine Verhandlungsfähigkeiten lassen zu wünschen übrig«, höhnt er. »Wenn du mir zustimmst, hast du nichts in der Hand, um mich davon überzeugen, euch doch noch zu helfen.«

»Diesbezüglich irrt Ihr Euch. Ich möchte Euch nämlich auf einen Fehler in Eurer Vision der Zukunft aufmerksam machen. Auch wenn Unschuldige abgeschlachtet werden und Soldaten durch das Grauen, das sie mitansehen mussten, entscheiden, sich auf Eure Seite zu stellen, wird gleichzeitig die Menschheit ausgerottet. Das Böse, das in unser Land einfällt, wird nicht aufgeben, bis sie das letzte Gute, die letzte Menschlichkeit, das letzte Leben ausgelöscht hat. Eure Freiheit würde wieder Euch gehören. Ihr wärt vielleicht immer noch König. Eure Armee wäre groß wie nie. Ihr hättet keine Konkurrenz zu fürchten. Aber Ihr hättet auch keine Untertanen, über die Ihr herrschen könnt. All die Magie, der Zauber, die Energie, die Ihr dann allein innehättet … Ihr könntet sie nicht genießen, weil Ihr Euch mit niemandem messen könnt. Eure Macht wäre nichts wert, weil Ihr sie niemanden spüren lassen könntet.«

Von einer Sekunde auf die nächste zieht Umock einen engen Kreis um mich. Er wird so dunkel, dass ich den besonderen Nebel erkennen kann, aus dem er gemacht ist. Ich meine, seinen Schädel auf mich zukommen zu sehen. Er besteht nicht aus Knochen oder Haut. Es ist nur eine Andeutung von etwas Menschlichem. Das Gebilde kommt so nahe, dass es mich beinahe berührt.

»Keine Untertanen?«, wiederholt er mit donnernder Stimme. Anscheinend lässt ihn diese Vorstellung nicht kalt.

»Diese unbekannte Gefahr will unsere Welt zerstören. Sie wird nicht aufgeben, bis sie uns alle vernichtet hat. Das ist aus den Visionen meines Großvaters deutlich hervorgegangen. Es mag dauern, bis unser Feind damit Erfolg hat. Möglicherweise gelingt es nach dem Verlust in der entscheidenden Schlacht einigen Menschen, sich vor der Bedrohung zu verstecken. Ein Teil der Tierwelt kann sich vielleicht retten. Irgendwann werden auch sie verschwinden. Unter Umständen könnt Ihr ein paar Wochen, Monate, Jahre über diese dann gebrandschatzte, unbewohnbar gemachte Erde herrschen. Es wird niemanden geben, den Ihr befehligen könnt. Mit etwas Glück könnt Ihr weiterhin als Geist durch die Lande ziehen. Doch dann wird die Gefahr einen Weg finden, auch Euch zu beherrschen und Eure Männer in alle Winde zu zerstreuen. Eure Soldaten werden sich in Nichts auflösen wie der Nebel, der sie sind. Ihr werdet nicht verhindern können, dass Ihr sie verliert. Ihr werdet einsam sein, bis auch Eure Macht abrupt erlischt wie eine Flamme im wütenden Sturm.«

»Wie kannst du es wagen, solche Unverschämtheiten anzudeuten? Wie kannst du mir solche abenteuerlichen Bilder der Zukunft malen?«

Es fällt mir schwer, nicht vor ihm zurückzuweichen. Seine Präsenz ist jetzt von solcher Intensität, dass ich mich noch kleiner und unwichtiger fühle, als ich es bin. Er rückt weiter auf. Obwohl er nur aus Nebel besteht, der mir nichts anhaben kann, spüre ich die eisige Umarmung. Ein eisiger Knoten entsteht in meiner Brust, die eng wird. Irgendetwas stellt er mit mir an. Irgendwie ist es ihm gelungen, einen Funken seiner Magie in meinen Brustkorb zu verpflanzen. Jetzt dehnt er sich in mir aus, nimmt mir die Luft zu atmen, während er gleichzeitig meinen Körper im Klammergriff hält. Er versucht mich zu zerquetschen! Er wird mich töten!

Hungrig ringe ich um Luft. Mit weit aufgerissenen Augen versuche ich, ihn um Gnade zu bitten, doch kein Wort verlässt meine Lippen. Ich habe keinen Atem mehr übrig, der Verständliches formulieren könnte. Lediglich in meinen Blick kann ich all mein Flehen legen.

Ganz plötzlich endet die tödliche Umarmung. Der Druck auf meine Brust lässt nach. Der Knoten, den Magie darin gebildet zu haben scheint, verschwindet von einer Sekunde auf die nächste. Umock umkreist mich wieder in knapper Entfernung. Lediglich meine schwer arbeitenden Lungen machen klar, dass ich diese beängstigende Erfahrung nicht geträumt habe.

Hat es sich um eine schockierend realistische Vorstellung gehandelt, die der König der Nebelseelen mir eingegeben hat? Wenn ja, was hat ihn zum Aufhören bewegt?

»Schwöre mir, dass du diese Bilder der Zukunftsvision tatsächlich gesehen hast«, fordert er.

»Das meiste davon. Ich weiß nicht, ob tatsächlich alles Leben ausradiert wird. Viel bleibt davon keinesfalls übrig. Unserem Feind verlangt es nach der vollständigen Vernichtung der Menschheit.«

Er knurrt. »Aber meine Macht wird untergehen, wenn die fremde Bedrohung über das Land hereinfällt und ihr sie nicht stoppen könnt.«

Ich nicke. Mein Großvater hat mir die Version des schrecklichsten Ausganges gezeigt. Da war nichts als Dunkelheit und Stille.

»Und du bist nicht bereit, mir schon jetzt deine kleine, interessante Seele zu versprechen?«, fragt Umock.

»Nein.« Wenn er darauf besteht, wenn er das von mir verlangt, damit er sich bereit erklärt, uns zu retten, werde ich es in Betracht ziehen müssen. Ich kann nicht mit einem Misserfolg aus dieser Verhandlung zurück zu meinem Fürsten kehren. Sollte sich Umock von meiner Beschreibung der Zukunft nicht dazu bewegen lassen, mit uns in den Kampf zu ziehen, werde ich selbstverständlich meine Seele gegen die Leben der Menschen eintauschen. Möglicherweise sollte ich nicht zögern, und einfach …

»In Ordnung, Enkel des Großen Zaubermeisters. Dann werden wir dieser geheimnisvollen Macht gemeinsam kräftig in den Arsch treten.«

Mir stockt der Atem. »Gemeinsam?«

»Sag deinem nervigen Anführer, dass ich euch unterstützen werde. Aber nur, wenn ich nach dem Kampf meine Freiheit zurückerhalte.«

»Ich weiß nicht, ob er …«

»Er wird. So wie du früher oder später zustimmen wirst, dich nach deinem Tod meiner Armee anzuschließen.«

Hitze kriecht über mein Gesicht, weil ich beinahe mein Einverständnis erklärt hätte. Mehr als ein Herzschlag hat nicht gefehlt, und ich hätte ihm gegeben, was er verlangt.

Noch einmal umkreist er mich schneller. »Es wird der Moment kommen, in dem ich dir noch einmal diesen Vorschlag unterbreite«, erklärt er mit lockender Stimme. »Ich freue mich darauf. Einen Zauberer hatte ich noch nie. Meiner Armee gehört jetzt schon eine beeindruckende Anzahl von Seelen an. Wenn ich meine Magie erst wieder einsetzen kann, wird die Liste der Anwärter schnell anwachsen. Auch du wirst dich meinem Zauber nicht entziehen können.«

»Ihr wollt mich mit einem Zauber belegen?«

»Ein mit Magie unterlegter Spruch ist nicht notwendig, um dich dazu zu verführen, dich mir anzuschließen. Du wirst schon sehen. Und jetzt kehre zu deinem Fürsten zurück. Unterbreite ihm mein Angebot. Ich bin mir sicher, er hat ein paar Forderungen, die er aufsetzen will.« Er geht auf Abstand.

Verwirrt stolpere ich zurück. »Natürlich. Ganz wie Ihr wollt.«

Ein leises, heiseres Lachen ertönt. »Die Sonne geht bald auf. Ich werde mich weiter in die Dunkelheit zurückziehen, um mich ungestört meiner Fantasie meiner neuen Zukunft hinzugeben. Das gibt dir die Gelegenheit, deinem Herrn die Hand zu küssen und ihn dazu zu bringen, meinen Wunsch zu erfüllen. Ich hoffe, wir treffen uns dann morgen wieder, damit wir die näheren Details besprechen können. Zum Glück kann dein Fürst nicht direkt mit mir verhandeln. Wir werden also viel Zeit miteinander verbringen. Damit du dich bei mir wohlfühlst, werde ich dir einen würdigen Wiedersehensempfang bereiten.«

Das Kribbeln in meinem Nacken ist wieder da. Die Art, wie Umock mit mir spricht, irritiert mich. Es klingt beinahe, als würde er mich umschmeicheln. Vermutlich handelt es sich um einen Trick, um mich in Sicherheit zu wiegen. Es beunruhigt mich, dass meine Seele darauf reagiert. Ein Anflug von Angst flattert in meinem Magen, weil mir die Vorstellung gefällt, dass er sich wirklich darauf freut, mich wiederzusehen.

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Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
03 ekim 2025
Hacim:
450 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9783960895053
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
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