Kitabı oku: «Geliebter Unhold»

Yazı tipi:

Billy Remie

Geliebter Unhold

Erben des Blutdrachen

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

Was bisher geschah…

Prolog

Teil 1: Der böse Bube

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Teil 2: Ein Licht aus Gold

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Epilog

Impressum neobooks

Vorwort

Liebe Leser:innen,

vorab möchte ich kurz ein paar Worte sagen. Vielen Dank an diejenigen, die immer noch dabei sind, ich gebe mir Mühe, mich weiterzuentwickeln. Doch um weiterhin Spaß am Schreiben zu haben, schreibe ich natürlich das, was mir persönlich gefällt. Ich weiß, dass ich damit nicht jeden Geschmack treffe, aber ich möchte gerne weiterhin meine Geschichten schreiben, so wie ich sie mag. Das heißt, inhaltlich bleib ich dem treu, was ich bisher geschrieben habe, es wird weiterhin Kämpfe, Sex, Politik, Abschiede und langatmige Szenen geben – weil ich es eben einfach gerne schreibe und es für mich zu meiner Welt dazu gehört, genauso wie fragwürdige oder hassenswerte Protagonisten und ihre nicht immer sympathischen Wesensarten. (Verzeiht mir das, wirklich, ich versuche immer, mich zu bessern, aber ich schreibe am Ende das Buch, das ich gerne lesen würde) Und weil ich eben so viele Charaktere und Handlungsstränge habe, kann ich leider natürlich nicht in jedem Buch kapitelweise von jedem einzelnen Protagonisten erzählen, aber seid versichert, sie tauchen wieder auf, wenn die Zeit dafür gekommen ist.

Ich möchte einfach so fair sein und es explizit erwähnen, für diejenigen, die sich an vielem davon stören, damit sich niemand darüber ärgert, wenn ich mich in gewissen Punkten nicht weiterentwickle, zumindest nicht im Moment, bzw nicht in dieser Buchreihe.

Da ich aber nun schon öfter gehört habe, dass viele meiner Leser den vorherigen Band noch mal queer lesen, um in den neuen einzufinden, habe ich mich mal an einem „Was bisher geschah“ versucht. Ich gestehe, dass ich das nicht gut kann, weswegen ich es bisher vermieden habe, weil ich mich nicht wohl dabei fühlte. (Ich kann mich schlecht kurzhalten und halte alles für relevant). Ich habe natürlich im Roman selbst alle wichtigen Ereignisse an den wichtigen Stellen in kurzen, knappen Sätzen immer wieder noch einmal „angerissen“, um die vergangenen Ereignisse im richtigen Moment aufzufrischen, dennoch habe ich im folgenden Kapitel versucht, alles Wichtige noch einmal zusammenzufassen. Wer das nicht braucht, springt gleich zum Prolog ;)

Vielen Dank für euer Verständnis,

nun viel Spaß beim Lesen (hoffentlich) und bleibt gesund!

Was bisher geschah…

Vor knapp acht Jahren geriet ein Götterportal in den Tiefen des Dschungels von Zadest außer Kontrolle und drohte, das Leben der gesamten sterblichen Welt auszusaugen. König Desiderius gab sein Leben im Kampf gegen eine fremde Göttin, die durch das Portal gekommen war, um alles Leben zu versklaven. Er starb nicht umsonst, denn nur so erlangte sein Sohn Sarsar die nötige Macht, um die freigesetzte Magie des Portals zu bannen.

Sarsar verteilte diese fremde Macht auf zehn Männer, um sie wegzuschließen. Sarsar, Derrick, Place, Korah, Doragon, Vaaks, Xaith, Riath, Kacey und Desith tragen seitdem ein Stück Göttlichkeit in sich, verschlossen in ihren Seelen und mit magischen Siegeln versehen, damit sie niemals ausbrechen kann. Doch allein der Hauch dieser Macht verändert sie.

Diese zehn Männer sind die Hüter eines Geheimnisses, das niemals in falsche Hände geraten darf, denn die göttliche Macht ist weiterhin am Leben und versucht, ihrem Gefängnis zu entkommen.

Doch Sarsar überlebte den Dschungel nicht, Riath ließ ihn im Turm von Zadest zurück, als dieser einstürzte. Niemand hatte gesehen, was Riath seinem Bruder angetan hatte. Er tat es aus Furcht, Sarsar könnte die Krone ihres Vaters erben, doch als Riath erfährt, dass sein Vater nur kurz zuvor für Sarsar sein Leben gelassen hatte, glaubt er, das Schicksal hätte ihn ob seiner Tat bestraft.

Wexmell Airynn, Desiderius` Gefährte, erbt die Krone Nohvas.

Sieben Jahre nach dem Schließen des Portals, taucht Sarsar aus dem Nichts wieder auf, doch er strandet in Zadest und geriet in die Versklavung der Frauenstämme, niemand weiß, dass er noch lebt und gefangen gehalten wird. Gleichzeitig entflammt in Carapuhr ein Bürgerkrieg, ein Ziegenhirte schwingt sich zum Propheten auf und greift nach der Krone des Nordens. Desiths Zwillingsschwester, die mit Vynsu – dem Erben Carapuhrs – vermählt war und ihm zwei Erben geschenkt hat, wird scheinbar Opfer eines Kutschüberfalls. Ihre Leiche besaß kein Gesicht. Um das Bündnis zwischen Desiths Vater – dem Kaiser von Elkanasai – und dem Großkönig von Carapuhr – Vynsus Onkel – zu wahren, verloben sich Desith und Vynsu. Doch was als Zweckehe gedacht, wurde schnell zu Respekt und schließlich zu Liebe. Gemeinsam decken sie in Carapuhr eine Verschwörung auf, dabei haben sie unerwartet fremdländische Hilfe von Riath und seinem Freund Marks, die nach Riaths Bruder Xaith suchen. Es schien zunächst so, als ob Xaith mit dem Krieg in Verbindung stünde.

Doch schließlich entdeckt Desith, dass der Bürgerkrieg und das Verschwinden seiner Schwester mit Riaths Anwesenheit zusammenhing, denn er war es, der diesen Ziegenhirten durch Magie Träume einpflanzte, die ihn zum Verräter machten und gegen den Großkönig intrigieren ließ, und Riath war es auch, der Desiths Zwillingschwester verführt und ihren Tod inszeniert hatte, bevor ihr bewusstwurde, dass es Riath nicht um sie, sondern nur darum gegangen war, Melecay zu schaden.

Desith findet schließlich seine doch noch lebende Schwester in einem Geburtenhaus, wo sie von Xaith vor Riath versteckt wurde. Sie gebar Drillinge, zwei der Kinder überlebten, sie selbst starb bei der Geburt. Eines der Kinder wurde von Xaith entführt, das andere versteckten Vynsu und Desith bei sich.

Es gelang Desith und Vynsu schließlich, den Aufstand in Carapuhr zu zerschlagen, allerdings entwischte ihnen Riath, der mit einem Schiff in Richtung Elkanasai floh…

Prolog

Wenn man jung ist, vergeht die Zeit viel zu langsam. Die Jahre ziehen sich wie kleine Ewigkeiten dahin und man kann den nächsten Geburtstag kaum erwarten, um groß und endlich ernst genommen zu werden. Ein Kind dachte nicht an verpasste Chancen, nicht an ungelebte Träume oder Verlust, es wollte schnell den Kinderschuhen entwachsen, um seinen eigenen Weg zu gehen.

Kinder dachten nicht über Sorgen, Kummer oder Zukunftsängste nach, sie sehnten sich nur nach Selbstbestimmung und vermeintliche Freiheit.

Die Ernüchterung kommt schnell genug und man wünschte sich zurück in ein Leben, als die Eltern noch den Zeitpunkt bestimmten, wann man zu essen und zu schlafen hatte. Und dass man vor dem zu Bettgehen noch einen Apfel essen sollte.

Am besten einen grünen. Das hatte sein Vater immer gesagt. Nimm einen grünen. Xaith M´Shier, Sohn des Blutdrachen – König Desiderius M`Shier –, mochte bis heute die grünen Äpfel lieber als die roten, und obwohl er mittlerweile ein junger Mann und sein Vater vor mehr als sieben Jahren aus dieser Welt gerissen worden war, aß er vor dem Schlafen einen grünen Apfel. Nun ja, sofern er denn einen im Gepäck dabeihatte und nicht gerade nach einer gerauchten Pfeife im Sitzen einschlief.

Der Morgen erhob sich über dem dichten Regenwald, goldene Streifen durchzogen das Rot am Horizont, der durch hellgrüne Blätter leuchtete.

Xaith hätte seine Freiheit, sein Leben, seine Unabhängigkeit gerne wieder eingetauscht, um Jahre zurück in die Vergangenheit zu reisen, damit er seinem damaligen Ich in die Augen sehen und sagen konnte: »Hör auf zu heulen, du Memme, in einem Jahrzehnt wirst du dir wünschen, dein einziges Problem wären Kinder, die dich hässlichen finden und Steine nach dir werfen, wenn deine Brüder nicht hinsehen. Denn man wird dir den Vater rauben – und damit all deinen Halt in der Welt.«

Aber genug der Melancholie, wie er so vortrefflich zu seinem eingebildeten, jüngeren Ich sagte: Hör auf zu heulen!

Wobei, geheult hatte er schon lange nicht mehr. Der Bengel hingegen schrie sich bereits die Lungen heraus, hatte etliche Vögel verscheucht und hungrige Raubtiere angelockt.

Es war wohl wieder an der Zeit, aufzustehen.

Xaith reckte sich, ließ den steifen Nacken knacksen und die Schultern rollen. Er hatte die Nacht mal wieder an einem Baum gelehnt verbracht, halb schlafend, halb meditierend. Nun ja, das, was man Nacht nennen konnte, wenn man mit jemanden reiste, der alle paar Stunden aufschreckte, Rotz und Wasser heulte, nach Essen verlangte und einem die Schultern vollkotzte. Oh und die vollgekackten Tücher nicht zu vergessen. Nein, die konnte er ganz bestimmt nicht vergessen. Selten hatte er je so etwas Schreckliches wie Neugeborenenkacke gesehen – und er hatte mal knietief in zusammengeflossenen, klebrigen Leichenteilen gestanden.

Er hörte hinter sich das Unterholz knistern. Wer auch immer sich dem winzigen Lager näherte, war nicht gerade ein Schleicher, eher ein Elefant. Äste knackten, Blätter raschelten, gedämpfte Schritte auf dem von Moos bewachsenen, nachgebenden Waldboden.

Xaith lauschte, wartete still darauf, dass derjenige näherkam. Noch näher. Komm schon, du kleine Ratte, noch näher!

Das Gebrüll des Säuglings ebbte nicht ab, vielleicht glaubte der Eindringling, man könnte ihn deshalb nicht hören. Die Schritte kamen zielstrebig auf sie zu.

Blitzschnell sprang Xaith auf, zog seinen Dolch aus der Scheide und huschte lautlos hinter den Schatten, der gerade aus dem Schutz des Unterholz trat und erschrocken einen Haufen getrockneter Äste zu Boden fallen ließ.

»Ich bin´s!«

Xaith atmete aus und nahm die gezogene Klinge von der schmalen Kehle des Jungen. »Dummkopf!«, schalt er ihn und gab ihm einen sanften Stoß ins Lager. »Ich hätte dich umbringen können.«

Der Junge – schlaksig, schwarzhaarig und etwa dreizehn Sommer alt – fiel auf die Knie und klaubte die Äste wieder auf. »Ich wollte dich nicht wecken, ich habe nur Feuerholz gesucht. Ich dachte, du wüsstest, dass ich es bin.«

»Ich nahm an, du schläfst noch.« Xaith schob den Dolch zurück in die Scheide an seinem Gürtel und trat demonstrativ gegen die zerwühlten Decken neben der Glut, die aussahen, als ob darunter noch ein schmächtiger Körper schlief. »Und du solltest dich trotzdem nicht wie eine Kutsche durch den Wald bewegen, du könntest Räuber herlocken.«

Der Junge blinzelte zu ihm auf. »Tut mir leid, ich passe besser auf.«

Xaith gab ein trockenes Schnauben von sich. Ja, klar… er passte besser auf. Er wollte nicht gemein sein, aber der Junge kannte sich mit dem Überleben außerhalb der Gossen einer Großstadt genauso gut aus wie ein Xaith mit Säuglingen.

Apropos. Er drehte sich nach dem greinenden Bündel um, das verzweifelter schrie, je länger sich niemand um es kümmerte.

»Ist ja gut.« Xaith beugte sich drüber und betrachtete das rotgeweinte Pausbackengesicht. Der kleine Fratz war seinem Bruder wie aus dem Gesicht geschnitten. Strohblond, grüne Augen, lange Wimpern, große Fresse. »Fang gar nicht erst damit«, warnte Xaith ihn und hob ihn aus seinen Decken. Das magische Kraftfeld, das er zum Schutz vor Raubkatzen und Schlangen um die Schlafstätte des Kleinen errichtet hatte, fiel mit seiner Berührung in sich zusammen. Die Energie kam zu ihm zurück, sodass er sich nicht mehr ganz so ausgelaugt fühlte.

Während der Junge sich um das Feuer kümmerte und Äste über dem Knie zerbrach, setzte Xaith sich mit dem Säugling unter einen Baum in die Nähe der Glut, hob einen Finger zum Mund und riss ihn mit einer seiner Luzianerfänge auf, bis ein dicker, roter Bluttropfen in der Morgensonne schimmerte. Dann schob er die Fingerkuppe in das Mäulchen des Säuglings. Sofort setzte der Reflex ein und der kleine Schreihals saugte unmenschlich stark das Blut aus Xaiths Finger, wie Milch aus einer Zitze.

Xaith spürte den Blick des Jungen auf sich. »Bist du sicher, dass das genügt? Braucht er keine Muttermilch?«

»Hast du denn Muttermilch in deinen kleinen Titten?«

Der Junge lief rot an, Zorn zuckte in seinen Mundwinken. »Nein!« Er warf einen Ast in die Glut, die langsam Feuer fing, und verschränkte die Arme vor der flachen Brust, sodass sein schmutziges, weißes Hemd Falten zog.

Sofort tat es Xaith leid. »Man siehts nicht, keine Sorge«, beschwichtigte er den Jungen, wobei er genervt klang, obwohl er es nicht wollte. Er war den Umgang mit anderen wirklich nicht gewohnt.

»Ich meine ja nur.« Der Junge ging nicht darauf ein, drehte ihm die Schulter zu und hockte sich neben das Feuer, um es anzufachen. »Kinder brauchen Muttermilch.«

»Er ist ein Luzianer, er kann allein durch Blut überleben.« Nun ja, zumindest in der Theorie.

»Hab ich noch nie von gehört.«

»Da wo du herkommst, hält man uns ja auch für Untote, was weißt du also über mein Volk?«

Ehrlich gesagt, wusste er selbst nicht, ob er das Richtige tat. Luzianer tranken eigentlich erst ab einen gewissen Alter Blut, Kinder brauchten es nicht. Aber er hatte keine Milch zur Hand, da er keine Ziege oder Kuh durch die Wildnis schleppen konnte. Blut würde den Bengel schon kräftigen, jedenfalls hatte es ihn bisher gesättigt und gesund gehalten.

Seine Erwiderung brachte den Jungen zum Verstummen, er zuckte mit den Achseln.

Siderius, einstmals Sida, stammte nicht aus einem der großen Königreiche, Xaith hatte den schmutzigen Jungen aufgelesen, oder besser gesagt, hatte Eri sich einfach an ihn gehängt und sich auch durch das rüpelhafteste Verhalten nicht mehr vertreiben lassen. Wie ein Straßenköter. Xaith war selbst schuld, er hätte ihm nichts zu essen geben sollen.

Nun reisten sie mehr oder weniger zusammen, nachdem Eri ihm zugegebener Maßen das ein oder andere Mal den Arsch gerettet hatte, indem er schlicht und ergreifend für ihn gesorgt hatte, als er nicht dazu in der Lage gewesen war. Xaith hatte dem Jungen auch einen angemesseneren Namen gegeben, weil dieser sich nicht überwinden konnte, sich selbst einen auszusuchen.

Er hatte gesagt: »Aber man gibt sich nicht selbst einen Namen.«

»Doch, vor allem, wenn man seinen nicht mag.«

»Das fühlt sich nicht richtig an«, war er stur geblieben, tiefbetrübt.

Xaith hatte mit den Augen gerollt. »Gut, dann gebe ich dir eben einen Namen.«

»Warum du?«

»Weil du es selbst nicht kannst.«

Ob der Erinnerung daran, musste er kurz schmunzeln. Er spürte wieder, wie er angestarrt wurde.

»Was ist?«, fragte er unwirsch, wodurch sich der Straßenjunge nicht abschrecken ließ, er sah ihn weiterhin mit diesem besonderen, wissenden Blick an.

»Du hattest ihn gern, richtig?«

Was für ein nervtötender Klugscheißer. »Weiß nicht, wovon zu sprichst. Und jetzt bring lieber mal was zum Frühstück herbei, ich verhungere.«

Siderius sah ihn weiter ungerührt an. »Den Magier, zu dem du immer gingst, mit den besonderen blauen Augen und dem goldenen Haar.«

Manchmal hatte er trotz aller Dankbarkeit und zarter Zuneigung das Bedürfnis, Eri etwas ins Maul zu stopfen. »Essen. Sofort.«

Er bewegte sich nicht, starrte Xaith in die Augen. »Du hattest ihn gern.«

Es war keine Frage mehr.

Na toll, der Morgen fing ja schon wieder gut an.

»Tut nichts zur Sache.« Die Sonne wanderte und warf Schattenspiele durch die Baumkronen auf ihre Gesichter. Der Bengel war satt, nuckelte nur noch schläfrig an Xaiths Finger. »Nimm ihn.« Er hob das Kind, das sie in weiche Wolldecken gewickelt hatten, dem Jungen entgegen, der nicht anders konnte, als es ihm abzunehmen oder fallen zu lassen.

Immer, wenn er den Schreihals halten sollte, riss er ängstlich die Augen auf, weil er sich fürchtete, ihn zerbrechen zu können.

Was für ein Quatsch, Luzianer waren von Geburt an robust, sie hätten mit dem Bengel Ballwerfen spielen können und es wäre ihm gut gegangen. Sonst hätte er die Reise durch die Wildnis wohl kaum länger als eine Woche überstanden. Und sie hatten noch einen sehr langen Weg vor sich.

Teil 1: Der böse Bube

Lieber Kacey,

ich habe deinen Brief erhalten, habe ihn zwei Jahre mit mir herumgetragen, ihn hervorgeholt, ihn so oft auseinandergefaltet, gelesen und wieder zusammengefaltet, dass die Ränder des Pergaments alt und abgegriffen aussehen. Ich habe dich nicht vergessen, glaub mir, du warst immer in meinen Gedanken. Aber da liegt das Problem, eine ganze Weile war mein Verstand wie eine dichte Gewitterwolke, durch die keine Klarheit dringen konnte. Ich hatte keine Ahnung, was ich will, wer ich bin, wie es weitergeht. Was ich jetzt fühle.

In meiner Heimat haben sich die Ereignisse überschlagen. Du kannst dir nicht vorstellen, wie schnell aus Liebe Hass werden kann. Doch dazu berichte ich ein andermal ausführlicher.

Ich wollte dir aus einem völlig anderem Grund schreiben, ich habe oft nächtelang grübelnd an meinem Tisch gesessen und Zeilen angefangen, doch es kam nichts Sinnvolles dabei heraus. Ebenso wie jetzt. Vielleicht ist für das, was ich dir die ganze Zeit schreiben will, einfach noch nicht der richtige Zeitpunkt gekommen. Mein Verstand sagt mir, dass es für derlei Angelegenheiten der falsche Moment ist, das falsches Jahr, vielleicht sogar das falsche Leben. Vielleicht schreibe ich dir nie das, was ich wirklich will.

Zuvorderst gelten diese Zeilen also eher einem Dienst der Pflicht. Ich möchte dich warnen, von Magiebegabten zu Magiebegabten. Wir sind alle in Gefahr, in Nohva erhob sich ein Kult, Die Blutreinen, und sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Welt von der Magie zu befreien. Ein Verräter schnitt mir die Kehle durch, versuchte mich zu töten. Ich bin noch sehr schwach, ich hätte nicht überleben dürfen, ich weiß nicht einmal, warum ich noch atme. Niemand weiß das. Meine Feinde verbreiten das Gerücht, ich sei ein Dämon.

Ich weiß nicht, warum ich ausgerechnet dir schreibe. Vielleicht steckt mehr dahinter als meine Sorge um dich, vielleicht möchte ich mir das Chaos einfach nur von der Seele schreiben. Doch dieses Gift, das Nohva heimsucht, wird sich ausbreiten, wenn wir nicht dagegen vorgehen. Ich habe Kinder brennen gesehen, nur aufgrund der Tatsache, dass sie Blumen wachsen ließen. Es ist ernst, die Stimmung ist gekippt. Und obwohl meine Magie wächst, bin ich nach dem Anschlag auf mein Leben noch immer zu schwach, um ein Schwert zu halten.

Warne so viele, wie du kannst, bereite deine Freunde in der Akademie auf die Unruhen vor. Es geht nicht um Throne, um Grenzen, um Reichtum oder Macht, sondern um die Freiheit und das Überleben aller Zauberkundigen. Ich will dafür kämpfen, das ist alles, was ich gerade weiß.

Unsere Existenz darf nicht ausgelöscht werden, wir dürfen keine Sklaven werden.

Wenn du wie ich der Meinung bist, dass wir uns wehren sollten, so schreib mir, ich werde einen Boten, dem ich vertraue, zwischen uns hin und her senden.

Spar dir Zeit und Tinte, solltest du meine Meinung nicht teilen.

Hochachtungsvoll und in Zärtlichkeit,

Kronprinz Riath M`Shier, Sohn des Blutdrachen, König Desiderius M`Shier, Erbe der Krone Nohvas.

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* Zweieinhalb Jahre nach König Desiderius` Tod verfasst und versendet.

Liebster Riath,

ich habe deine Briefe erhalten. Du hast Recht, ich habe nicht geantwortet, weil ich mir nicht sicher war, was ich denken soll und wem ich vertrauen kann. Dein Hass auf deine Feinde hat mich verunsichert. Und ich gebe zu, ich war noch sehr verletzt davon, dass du meinen ersten Brief so lange hast unbeantwortet lassen. Aber sei versichert, dass mich deine Zeilen oft zutiefst erschüttert und berührt haben.

Gleichwohl fürchte ich eine Entscheidung, die nicht rückgängig zu machen ist. Doch nun sitze ich hier und halte mich für einen Dummkopf, denn wie du befürchtet hast, hat sich das Gift ausgebreitet und sogar hier, im immer magischen Elkanasai, ist es in die Ohren einiger Bürger gedrungen, die nun glauben, sie allein sähen die Gefahr, die von der Magie ausgehe. In den Heilstätten weigern sich Bürger, ihre Gebrechen von einem Magier behandeln zu lassen, da das Gerücht umgeht, wir würden sie auf diese Weise mit Flüchen und Bannzaubern belegen, ihnen ihren Verstand verdrehen und sie zu Sklaven der Magie machen. Es ist vollkommen verrückt, das mit anzusehen. Ebenso wie bei Euch in Nohva, verliert die Obrigkeit an Autorität.

Ich würde lügen, würde ich behaupten, ich hätte keine Furcht. Es braut sich etwas Düsteres zusammen, ganz gewiss.

Es betrübt mich ebenso zu hören, dass du nach dem Anschlag noch immer außerstande bist, eine Stahlwaffe zu halten. Deshalb, und als Entschuldigung dafür, dass ich an deinen Absichten zweifelte, sende ich dir ein besonderes Schwert. Nur Mut, hebe es an, ich habe es eigenhändig verzaubert, es wird für dich leicht wie eine Feder sein. Und sollte dich einmal das Glück verlassen, so ist es imstande, die Zeit zu verlangsamen, damit du deinen Kopf retten kannst.

Möge dein Schakal Mak den Brief und das Schwert sicher zu dir tragen.

Ich erwarte, im Gegensatz zu dir, sehr wohl eine Antwort!

Sag mir, wie ich helfen kann.

Wir sind eins.

In aller Liebe und Zärtlichkeit,

dein Kacey.

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*Ein Jahr nach Erhalt des ersten Briefes verfasst und versendet

~1~

Es genügt ein einziges, unscheinbares Ereignis, um die Welt ins Wanken zu bringen. Eine winzige Veränderung, um alle zu spalten.

Und am Ende stand die Frage, auf welcher Seite du stehst, wohin du gehörst.

Wofür du kämpfst, macht dich zu dem, was du bist.

So und nicht anders drehte sich die Welt für Riath, Sohn des Blutdrachen, seit seine magischen Kräfte erwacht waren. Er hatte schneller als jeder andere gelernt, sie zu kontrollieren, die Macht in sich für, statt gegen sich arbeiten zu lassen, Herr seiner Magie zu werden. Er hatte sich angestrengt, sich Nächte und Tage um die Ohren geschlagen, um niemals einen fatalen Fehler zu begehen, um niemals die Kontrolle zu verlieren. Es war hart gewesen, denn er war nicht mit diesen Kräften geboren worden, sie waren erst vor wenigen Jahren im Kampf erwacht. Unerwartet.

Er hatte sich den Arsch aufgerissen, um allen zu beweisen, dass er mit großer Macht verantwortungsvoll umging. Er hatte nie mit seiner Magie gespielt, sie niemals eingesetzt, um schlicht zu imponieren. Er hatte seine Kräfte stets ernst genommen. Bücher gewälzt, nächtelang meditiert, es war ein Kampf gegen sich selbst gewesen, Gefühle und Kräfte gingen Hand in Hand, er musste lernen, beides zu kontrollieren, und das war das mit Abstand Schwerste, was er je erlernt hatte.

All die Mühe war am Ende doch vergebens, denn es genügte, dass er der Zauberei mächtig war, um seinem Volk Angst einzuflößen. Für viele Menschen in Nohva kam ein Hexenkönig nicht in Frage, es stand lange Zeit im Gesetz verankert, dass jemand wie er nicht über alle herrschen durfte.

Dass er dieses Gesetz kurzerhand außer Kraft hatte setzen wollen, aufgrund von Diskriminierung und weil es schlicht veraltet war, hatte den alten Säcken im Adel natürlich überhaupt nicht gepasst.

Aber er fing jetzt nicht an, deshalb rumzuweinen. Es führte zu nichts. Und zugegebener Maßen hatte er nicht gerade dazu beigetragen, den Konflikt friedlich zu lösen. Lange Zeit hatte er nur dagesessen und zugesehen, hatte die Gerüchte ertragen, gute Miene zu bösem Spiel, wie Wexmell es von ihm erbeten hatte. Am Ende brannten Städte, Fanatiker zogen Hexen allen Alters auf die Straßen, folterten sie, demütigten sie. Weshalb? Es genügte Angst und Hass gegenüber der Magie als Rechtfertigung für Mord. Riath hatte aufgehört, nur zuzusehen, hatte aufgehört zu glauben, mit guten Argumenten kämen sie gegen diese Volksverhetzer an, und er hatte zum Schwert gegriffen und seine Feinde entgegen jeden guten Rates niedergemetzelt, mit einer Armee, die ihm treu ergeben war, weil er den Namen seines Vaters trug. Er hatte Stahl und auch Magie gegen seine Gegner eingesetzt, sie zurückgetrieben, Zauberkundige befreit, gerettet, zusammengeführt. All das war sein Verdienst gewesen, er hatte Feuer gelöscht. Und doch war er es, der sich vor jedem Schatten in Acht nehmen musste, wie ein Verräter. Dabei war er der letzte Mann, der Wexmell verraten hätte.

Er wusste sehr genau, dass er alles andere als ein Opfer war und schlicht immer wieder das bekam, was er verdiente.

Das bedeutete aber nicht, dass er sich einfach damit abfinden würde. Nein, im Gegenteil, wenn ihm jemand ans Bein pisste, schlug er eben zurück. Das war immerhin sein gutes Recht.

Niemand konnte ihm weiß machen, ob gut oder böse, dass er sich ungestraft niederknüppeln ließ und dann liegen blieb, weil es für andere so besser wäre.

Er war nun mal nicht wie Wexmell, der sich für das Wohl aller selbst opfern würde, der immer das Gute in seinen Untergebenen sah, der immer alles vergeben konnte. Nun ja, fast alles. Und der immer den diplomatischen Weg einschlug.

Es gab so vieles, was sie entzweite, und doch dachte er jeden Abend und jeden Morgen an seinen Ziehvater, seinen König, und an seine Heimat. Er vermisste alles davon, doch wäre er geblieben, wäre er ein Heuchler gewesen, denn Wexmells Art zu regieren traf nicht mit seinen eigenen Überzeugungen überein. Sie dachten zu unterschiedlich und deshalb enttäuschten sie sich beide immer wieder gegenseitig.

Wexmell musste endlich die Augen öffnen und begreifen, dass er auf Riath hätte hören sollen.

Und er würde es begreifen. Bald.

Ganz sicher.

Definitiv.

»Mein Prinz?«

Riath drehte den Kopf, ein Sonnenstrahl fiel in das Zelt, und braune, treue Augen suchten besorgt das Innere ab, tasteten über die königliche Einrichtung, die massiven Möbel, die edlen Teppiche und Wandbehänge, suchten ihn an seinem Tisch, der leer war, da er noch nicht aufgestanden war.

Endlich fand Marks, Sohn von Lady Sigha aus dem Schwarzfelsgebirge, ihn unbekleidet und von einem dünnen Laken umhüllt auf seinem Lager liegen.

Marks straffte sich, nahm Haltung an, seine dunklen Schmalzlocken umspielten sein markantes Gesicht. Er war ein großer Mann in schwarzer Lederkluft und einem violetten Band, das er streng um seinen Oberarm gebunden hatte. Riaths Linke Hand, einer seiner engsten Vertrauten – und er wirkte nervtötend besorgt. »Mein Prinz, Ihr solltet frühstücken.«

Sollte er wohl. Nach wochenlanger Seefahrt, die ihn unentwegt zum Kotzen gebracht hatte, waren sie seit zwei Tagen endlich runter von diesem scheißschwankendem Schiff und hatten festen Boden unter den Füßen. Sein Magen fühlte sich noch immer flau an und er wusste nicht, ob er bereits etwas in sich behalten konnte, doch wenn er nicht bald aß, würden ihn seine Beine nicht mehr tragen.

Der einzige Grund, weshalb er noch immer im Bett lag, obwohl die Sonne schon seit Stunden am Himmel stand, und sich unnötigen Grübeleien hingab, war schlicht, dass er sich zu geschwächt fühlte, um sich aufzusetzen. Seine Beine waren wie knochenlos und sein Kopf war wie mit Wasser gefüllt, das ihn schwanken ließ, sobald er sich auch nur im Geringsten bewegte.

»Gibt es Blut?«, fragte er und blickte an die Zeltdecke, auf der sich wegen des Regens letzter Nacht – trotz, dass das Lager im dichten Urwald verborgen und von Baumkronen geschützt lag – dunkle, feuchte Flecken gesammelt hatten.

Marks ließ endlich den verdammten Zelteingang los, sodass der verirrte Sonnenstrahl ausgesperrt wurde. »Die Jäger haben einen Hirsch erlegt. Ein riesiges Vieh, sag ich dir. Ich kann dir einen Becher von ihm bringen, oder…« - er öffnete seine gepanzerte Armmanschette - »…du trinkst von mir.«

Riaths Mund verzog sich zu einem kühlen Grinsen. »Du hasst es doch, gebissen zu werden.«

»Du bist mein Prinz, ich würde einen Schwertstich für dich abfangen, ein paar Tropfen Blut sind nichts dagegen.« Er sagte das mit solch einer trockenen Selbstverständlichkeit, dass man ihn einfach lieben musste.

Riath drehte ihm den Kopf zu und bereute die Bewegung sofort. »Hirschblut klingt köstlich.«

Marks zog die Riemen seiner Manschetten wieder zu, sie klimperten hell. »Ich werde dir einen Becher organisieren, zusammen mit einem nahrhaften Frühstück.«

In der Zwischenzeit sollte er wohl versuchen, sich aufzusetzen. Auch wenn er es seinem Getreuen zutraute, dass er ihn wie einen Greis auf dem Sterbebett füttern würde, wollte er sich und ihm diese Peinlichkeit ersparen. Na ja, vor allem sich.

»Gibt es neue Meldungen?«, fragte er und lüftete das Laken. Scham? Kannte er nicht, vor allem nicht Marks gegenüber, neben dem er auch ungeniert pissen und scheißen ging.

»Mak traf soeben ein, aber seine Tasche war wie bei den letzten Malen leer.«

Verdammt. »Gut.« Nein, es war nicht gut, er nahm die Nachricht nur zur Kenntnis. Warum antwortete Kacey seit Wochen nicht?

»Auf Sari und auf Botschaften aus Nohva warten wir noch«, schloss Marks ab und beäugte Riath neugierig, während er nähertrat.

Das Zeltinnere schwankte und verschwamm, als Riath sich aufgesetzt hatte. Er petzte für einen Moment die Augen zusammen und massierte mit zwei Fingerspitzen seine Schläfe. Die schwüle Hitze war ein Graus, ein feiner Schweißfilm schimmerte auf seinen nackten, glatten Muskeln, er fühlte sich klebrig und unsauber, stank. Das Aufsetzen hatte seine Atmung angestrengt, seine Lunge fühlte sich ausgetrocknet an und stach, als hätte er einen Berg bestiegen, sein Herz klopfte schwer.

Verdammte, sterbliche Hülle.

»Ich weiß, du kannst meine Sorgen darüber nicht mehr hören« - Marks griff zu einem silbernen Krug und goss Wasser in einen Kelch - »aber bist du dir wirklich sicher, dass er uns nicht verraten wird?«

Riath sah zu ihm auf, als er ihm das Wasser reichte, und trank gierig und dankbar. Kühl und wohltuend floss die klare Flüssigkeit seine Kehle hinab und bekämpfte den Schwindel. Erst nachdem er seinen Durst gestillt hatte, antwortete er.

»Warum sollte er das tun?« Er wusste, warum, und wich deshalb grimmig Marks Blick aus, indem er so tat, als wollte er den Kelch austrinken.

»Immerhin«, Marks druckste etwas herum, »war sie seine Schwester.«

Riath wischte mit dem Unterarm über seine feuchten Lippen und stellte den Kelch mit einem lauten Geräusch auf den kleinen Tisch neben seinem Lager. »Wir können Kacey vertrauen, er weiß, dass es um mehr als um die Familienehre geht.«

Marks wirkte noch immer besorgt, er verzog die vollen Lippen.

»Wo bleibt mein Becherchen mit Blut, Mutti?« Riath klimperte mit scheinheiliger Unschuld mit seinen langen Wimpern, wodurch er nur verdeutlichte, dass für ihn das Thema beendet war.

Es genügte, wenn er sich den Kopf zerbrach, Marks‘ Sorgen verstärkten im Moment nur seine eigenen, und wenn er nervös war, konnte er keine klugen Entscheidungen treffen.

Ein Ruck ging durch Marks. »Ja. Natürlich.« Er wandte sich eilig ab.

Als er zum Zelt hinaus ging, schlüpfte Mak hechelnd herein. Der Goldschakal sprang freudig auf Riath zu, der sofort die Arme ausbreitete und lachend den kleinen Scheißer empfing.

Mak und Sari waren sozusagen seine ersten Kinder gewesen, zwei Schakale, die er bei einer Jagd gefunden und liebevoll aufgezogen hatte. Und sie waren die mit Abstand treusten Diener und vertrauenswürdigsten Boten.

»Nächstes Mal«, sagte Riath zu Mak und strich ihm über die weichen Ohren, »beißt du Kacey in seinen süßen, kleinen Schwanz und zwingst ihn für mich zu einer Antwort, dann bekommst du zur Belohnung auch ein echtes Würstchen.«

Der Schakal hechelte und drehte sich auf Riaths Schoß auf den Rücken, sodass er sich fast an der eigenen, langen Zunge verschluckte. Er verstand die gesäuselten Worte als Lob, nicht als fiesen Scherz.

Riath kraulte ihm den Bauch. »Ich muss das wohl einfach selbst in die Hand nehmen.«

Auch wenn ihn ein Weg in die Hauptstadt des Kaiserreichs höchstwahrscheinlich den Kopf kosten würde. Er brauchte einen verdammt guten Plan.

Und um diesen zu schmieden brauchte er erst einmal ein saftiges Frühstück.

*~*~*

Der Tee war erkaltet und er verzog das Gesicht, als er unwissentlich daran nippte. Unglücklich stellte er ihn zurück auf das Silbertablett und schob beides von sich.

War denn wirklich bereits so viel Zeit vergangen, dass er nicht bemerkt hatte, wie sein Getränk erkaltet war? Er war sich sicher gewesen, dass einer der Diener seinen Tee gerade erst aufgebrüht hatte. Doch nein, ein Blick zu den Terrassen hinaus, die sich um das rechteckige Gebäude zogen, und er entdeckte, dass die Sonne zwischen den weißen Marmorsäulen weitergewandert war.

Er sah sich in der Versammlungshalle des Gerichtshauses um, hunderte von Menschen mit Titeln oder schlichtem, bescheidenem Reichtum tummelten sich in dem riesigen Saal auf weißen Marmorbänken, die Tribünenartig an drei Wänden hochgezogen waren. Eine Ansammlung alter und junger Elkanasai in knappen Tuniken und Togen und bunten Seidenschärpen, geflochtenen Frisuren und spitzen Ohren. Auf der höchsten Empore saß für gewöhnlich der Kaiser – heute vertreten von der Kaiserin – üblich flankiert von den fünf weisen Männern des Rates – Der Rat der Fünf. An den Seiten der Halle nahmen alle anderen Platz, die glaubten, sie hätten eine Stimme. Normale Bürger wurden selten empfangen, niedere Landbesitzer nahmen auf Holzbänken auf dem Boden zwischen den Emporen Platz, wie Angeklagte vor dem Richter.

Kacey saß von der Kaiserin aus an der rechten Wand ganz oben zwischen seinen hochrangigen Magierkollegen, als Vertreter und Sprecher der Akademie von Solitude. Der größten und berühmtesten Magieruniversität des gesamten Kaiserreichs. Vor genau drei Tagen hatte man ihm den Titel Oberster Magister verliehen, womit ihm die Schule quasi gehörte, nachdem sein Vorgänger nun leider seiner langen, leidensvollen Krankheit erlegen war.

Und so unschicklich sein nächster Gedanke auch war, der alte Mann hätte nicht zu einem günstigeren Zeitpunkt abtreten können, denn er war zuvor schon nicht in der Lage gewesen, die Belange der Akademie und der Schüler angemessen zu verwalten, vom Bett aus und halb im Delirium wie er nun mal war, war es ohnehin Kacey gewesen, der alles am Laufen gehalten hatte, doch leider waren ihm oft die Hände gebunden gewesen, da er für alles die Zustimmung und die Unterschrift des im Sterben liegenden Greises – die Götter mögen ihm gnädig sein – benötigt hatte.

Auch wenn er es niemals offen sagen würde, es gab leider häufig zu viele ältere Personen – vor allem in Führungspositionen –, die an ihren alten Denkweisen festhielten. So auch in Bezug auf die Sicherheit der Schule, nachdem sie zweimal angegriffen worden war. Die alten Magister waren sich einig, dass die Wachen und der Schutz der Stadt vollkommen genügten, immerhin wurden bisher alle Angriffe abgewehrt. Dass die Angreifer ihre Verteidigung irgendwann durchschauen würden, wollten sie nicht begreifen, sie hielten sich für klüger – und handelten doch unsäglich dumm. Sie hielten an ihren Traditionen fest, sich auf die Waffenkraft allein zu verlassen, obwohl vor einer Woche eine junge Schülerin umgekommen war und immer mehr Magier die Akademie verließen. Der Tod eines Mädchens war nicht genug, um zu erlauben, dass sie Magier auf den Kampf vorbereiteten, nicht einmal einen Schutzschild aus gebündelter Kraft wollten sie zulassen, dabei ginge es nur um die Verteidigung der Anlage und ihrer Bewohner. Kacey hatte seine treuen Schüler einfach zu sich genommen und gemeinsam einen Schutzschild beschworen – und viel Zorn und Unglauben geerntet. Doch zum Glück wählten nicht nur die älteren Lehrer den neuen Magister, sondern alle, auch die Schüler, und so übernahm er das ehrenwerte Amt.

Kurz um, er trug nun die gesamte Verantwortung für alle Magier des Kaiserreiches. Er sollte nervös sein, er sollte Angst haben, doch das hatte er nicht. Noch nie im Leben hatte er sich so sehr einer Verantwortung gewachsen gefühlt. Dort, wo er jetzt saß, dort gehörte er hin, denn er wusste genau, wofür er sich einsetzen wollte, und er würde nicht weniger als sein Leben dafür hergeben, um seine Schützlinge vor Schaden zu bewahren.

Deshalb hatte er die ganze Nacht an seinem Tisch verbracht, um sich auf die Versammlung vorzubereiten, hatte seine Worte aufgeschrieben und mehrfach umgeschrieben, und war am Ende doch nicht zufrieden. Er hatte Briefe verfasst, um die geflohenen Schüler zur Akademie zurück zu bitten, da er es in der derzeitigen Situation für zu gefährlich hielt, wenn sie ungeschützt in ihren Elternhäusern verweilten. Er fürchtete, jemand könnte ihnen auflauern. Zusammen wären sie stärker.

Trotz, dass die Versammlungshalle groß genug war, um einen stehenden Drachen – einen von den ganz großen – unterzubringen und es weder Fenster noch Vorhänge gab, schien die Luft so dick im Raum zu stehen, dass er sie in Scheiben schneiden könnte. Hunderte Personen waren zusammengekommen, jeder stieß heißen Atem in die schwüle Luft Elkanasais, und selbst der kühle Stein, aus dem das Gebäude erbaut war, und das Fehlen von Fackeln machten es nicht erträglicher. Selbst er, der kälteempfindliche Kacey, hatte einen schimmernden Schweißfilm auf der makellosen, kleinen Stirn. Seine goldenen Löckchen klebten ihm im Nacken und kräuselten sich.

Zuerst hatte die Kaiserin sich die Belange der Stadträte und Verwalter angehört, allerlei über Wasserversorgung, Überfischung des Flusses, Streitfragen über Verbote, Tierschutz und Sklavengesetze, Nachbarschaftsstreit, Töchter und Söhne, die ihre Väter wegen versuchter Zwangsheirat anklagten. Die Kaiserin vertrat ihren Gemahl – Kaceys leiblichen Vater – mit beneidenswerter Geduld. Nicht ein einziges Mal hatte Kacey sie schnaufen gehört oder gesehen, dass sie die Augen verdrehen musste, sie nahm alle Belange ernst und ließ nicht zu, dass sich auch nur der kleinste Bürger ungehört fühlte, selbst dann nicht, als ein Tuchmacher sich über die Abwasserentsorgung beschwerte, da er kostengünstiger an Urin zu gelangen versuchte, um seine Stoffe einzufärben.

Kacey war an diesem Tag froh, dass er eine farblose, traditionelle Toga trug und keine seiner eingefärbten, aus Seide und Damast bestehenden, aufwändigen Magierroben. Natürlich wusste er, wie gewisse Stoffe zu gewissen Farben kamen, doch so genau wollte er nichts über den Prozess hören.

Kaiserin Ari wurde hin und wieder von einem spärlich bekleideten Diener mit einem weichen Tuch abgetupft, Zofen wedelten ihr etwas Luft zu und zupften ihre aufwendig geflochtene Frisur zurecht, während sie sich alle Belange Stunde um Stunde anhörte und Entscheidungen fiel. Sie war eine zierliche, hochgewachsene Frau, mit langen, braunen Haaren, durch die sich silberne Strähnen zogen, wie vom Mondschein angestrahlte Flüsse durch einen düsteren Wald. Sie war wunderschön, besaß kaum Falten, doch darüber hinaus war sie auch klug und stark, ihr Körper unter dem silbernen Seidenkleid war gestählt, denn einst war sie eine Kriegerin gewesen. Genau wie ihr Gemahl Eagle, und genau wie Kacey, stammte sie aus Nohva und besaß runde Ohren. Die Kaiserkrone von Elkanasai hatte Eagle durch seinen Vater erhalten, König Wexmell Airynn von Nohva, der nach seiner Wahl zum Kaiser die Bürde an seinen Sohn übertragen hatte, um in Nohva an der Seite seines mittlerweile gefallenen Gefährten Desiderius zu regieren.

Es war und würde immer das größte aller politischer Wunder in ganz Elkanasai darstellen, dass Wexmell Airynn, Erbe eines anderen Königreiches, zum Kaiser der Spitzohren gewählt worden war, nur auf Grund der Tatsache, dass er war, wie er war. Gerecht, Aufopfernd, dem Frieden zugeneigt, und sich nicht vor Dämonen fürchtete. Aber zuvorderst natürlich, da durch ihn ein Bündnis mit dem gefährlichen Carapuhr und seinem rachsüchtigen König ausgehandelt werden konnte.

Manchmal war die stärkste Waffe, die man im Kampf um eine Krone besaß, die Bündnisse, die man fähig war, einzugehen.

Kacey wusste über die Geschichte der großen Reichen fast alles, über den Krieg in Nohva, den Kampf gegen die Dämonen, den blutigen, jahrzehntelangen Krieg zwischen Elkanasai und Carapuhr. Er hatte die Geschichte studiert.

Nach seiner Kindheit in Zadest, wo seine Mutter mit ihm während der Dämoneninvasion hin geflüchtet war und wo er als magischer Sklave in den Frauenstämmen gelebt hatte, abgeschottet vom Rest der Welt, hatte er alles über die anderen Reiche erfahren wollen, hatte wissen wollen, was alles geschehen war, wissen wollen, wovon er so lange keinen blassen Schimmer gehabt hatte.

Ihm war es wichtig gewesen, Versäumtes aufzuholen, die Reiche zu kennen, mit denen er nun zu tun hatte. Immerhin war er der Bastard des Kaisers und er war ein Airynn. Er hatte wissen wollen, was es bedeutet, diesem Haus anzugehören, hatte seine Vorväter verstehen wollen, die Geschichte seines Geschlechts – und allen, die damit verbunden waren.

Man hatte ihm als Kind seine Magie abgezapft, um damit ein Götterportal zu speisen, er war wie eine Kuh gemolken worden. Noch heute zierte eine kreisrunde Narbe seine Stirn, die ihn als magischen Sklaven auszeichnete. Nur ein Objekt. Zwar hatten sie ihn nie körperlich misshandelt, doch nachdem seine Mutter gestorben war, war er in seiner Zelle vereinsamt, weshalb er es noch heute kaum ertrug, allein in einem stillen Raum zu sitzen, und sich eigentlich immerzu danach sehnte, von jemanden berührt zu werden. Und sei es nur eine Hand, die auf dem Markt flüchtig und ungewollt die seine streifte. Er brauchte das, weil er nur dann zu atmen vermochte. Doch das verbarg er gut hinter einem immerzu frohen Lächeln, und indem er sich in die Arbeit stürzte.

Die offensichtliche Narbe auf seiner Stirn verdeckte er durch einen goldenen Reif. Gedankenverloren berührte er das Schmuckstück, während einer der Stadtverwalter über das Eintreffen einiger Händler sprach, und wie er deren Stände auf dem großen Markt der Stadt unterzubringen gedachte, welche anderen Händler er zu verjagen bevorzugte, da sie ihre Pacht seit zwei Monden nicht mehr gezahlt hatten, und allerlei.

Warum dachte Kacey ausgerechnet jetzt über die Vergangenheit nach? Etwas hatte ihn darauf gebracht, er wusste nur nicht genau, was es war. Vielleicht hatte ihn die Langeweile und die tristen Gespräche dorthin abschweifen lassen.

Ha, von wegen. Er machte sich etwas vor, die Vergangenheit war stets präsent, immer unter der Oberfläche, das spürte er in allem was er tat und dachte, wonach er sich sehnte. Sie bestimmte ihn, ob er das wollte oder nicht.

Doch in diesem speziellen Moment war er darauf gekommen, weil er Ari angesehen und ihre stolzen, starken Gesichtszüge bemerkt hatte, wie sie genau wie Eagle handelte und immer die Interessen ihres Mannes durchsetzte, selbst in seiner Abwesenheit, da er zurzeit noch in Carapuhr verweilte. Sie waren so ein starkes Paar, so verliebt, eine Einheit, trotz vieler Schicksalsschläge und trotz verlorener oder weggelaufener Kinder. Sie hatten immer einander, selbst wenn sie nicht gerade im selben Raum – oder auch nur im selben Land – waren.

Und so kleinlich es in dieser schwierigen Zeit auch war und es gewiss tausend andere Dinge gab, die wichtiger waren als das, aber verdammt noch mal, er sehnte sich nach dem, was sein Vater mit Ari hatte. Liebe, Zuneigung, Vertrauen, Nähe.

Besonders Nähe, selbst wenn man sich räumlich fern war.

Etwas, das ihm irgendwie immer verwehrt war.

Unwillkürlich dachte er an Xaith, und …

Nein! Er schloss die Tür zu dieser Erinnerung und hing ein dickes Schloss davor.

Genug davon, sagte er sich und brachte sich mit einem lockeren Kopfschütteln zurück in die Gegenwart.

Der Verwalter endete gerade, und Ari gab ihr Einverständnis mit einem knappen Nicken, auch über ihren Hals lief nun der Schweiß. Kein Wunder, es war bereits Nachmittag und die Sonne hatte ihren höchsten Punkt überschritten. Die Hitze hatte den Boden aufgeheizt und die heißesten Stunden des Tages brachen an. Trotzdem war die Versammlung nicht vor dem Abend zu ende.

Kacey seufzte, griff nach seiner Tasse und trank von dem kalten Tee. Er hätte längst einen frischen ordern können, doch seine Diener schwitzten selbst, trotz ihren leichten Leibchen, und er traute sich nicht, den Arm zu heben, da er den Schweißfleck unter seiner Achsel fürchtete. Sein Nebenmann saß nämlich dicht an seiner Schulter.

Endlich kamen die Tagesthemen zu den für ihn wichtigen Belangen, zu den Magiern, und Kacey durfte im Namen der Akademie seine Stimme erheben. Ari nickte ihm mit einem Lächeln zu, sie hatte ihn mit Wohlwollen in ihre Familie aufgenommen und ein gewisser Stolz funkelte in ihren Augen, als sie ihn aufforderte: »Oberster Magister Kacey, als neuer Leiter der Akademie besitzt Ihr das Wort. Bitte erhebt Euch.«

Kacey stand auf, alle Blicke lagen auf ihm. Schon lange machte ihn das nicht mehr nervös, er war so oft bei Versammlungen vorgetreten, um seine Meinung kundzutun, hatte Zustimmung und Abweisung geerntet, dass es für ihn so normal geworden war wie der tägliche Gang zum Abort.

»Verehrte Lords und Ladys, Räte, Stadtverwalter, Gutsbesitzer und weitere«, er las von seinen Notizen ab, schob Blätter knisternd auseinander und faltete dann die Hände vor dem Bauch. »Ich spreche heute für alle Magier und es besteht Grund zur Sorge. Ich weiß, dass die Kaiserin und der Kaiser alles in ihrer Macht stehende tun, um uns zu schützen, doch nach dem letzten Angriff, habe ich große Zweifel.« Er pausierte kurz, sah dabei auf, fuhr dann fort. »Ihr wisst sicher alle, was ich getan habe, und ich stehe dazu und erwarte, wenn gewünscht, meine Strafe. Deshalb spreche ich heute vor, um zu erklären, was passiert ist.« Er sah sich um, einige Gesichter waren voller Argwohn, andere tuschelten, zweifelsohne über ihn, andere waren schlicht neugierig. »Die sogenannten Hexenjäger drangen erneut in die Akademie ein, mit Schwertern und silbernen Schilden bewaffnet, und griffen alles an, was sich bewegte. Es war mitten in der Nacht, sie verschafften sich leise Zugang, schlugen drei Gardisten nieder und überraschten eine junge Magierin im Erdgeschoss. Sie war sechszehn Sommer, als sie sich in der Küche etwas Milch warm machte. Sie wurde von fünf Schwertern durchbohrt.« Er blickte ernst in die Menge und betonte es noch einmal. »Fünf Schwerter. Breite Klingen, Ritterwaffen, die ein zierliches, kleines Mädchen niederstreckten. Meine Herrschaften, das war grausamer Mord, wie wir es auch drehen und wenden.«

Er erhielt zustimmendes Gemurmel und Nicken, doch es gab auch trotz aller Traditionen genug Elkanasai, die die Arme verschränkten oder spöttisch schnaubten. Er ignorierte sie.

»Daraufhin habe ich entgegen des guten Rates meiner Kollegen«, er deutete nach links und rechts zu den beiden Professoren, die ihn begleiteten und sich sichtlich von seinen Entscheidungen absondern wollten, indem sie nickten, »einen Schutzschild um die Akademie gezogen. Es handelt sich dabei um ein intelligentes, selbsthandelndes Kraftfeld, das den Verstand eines ungebetenen Eindringlings verwirrt, ihn vergessen lässt, wo er war, wohin er wollte, sogar wie er heißt, und seinen Fluchtinstinkt weckt, indem es sich bedrohlich zeigt. Es ist ein Alptraumfeld.« Er leckte sich die Lippen, er war stolz auf seine Arbeit, wusste aber auch, dass sie nicht bei allen Zustimmung fand. »Somit fällt diese Art von Schutzschild bereits in die Kategorie der magischen Kriegsführung. Mir ist bewusst, dass diese Art der Zauberei innerhalb der Stadt und innerhalb einer Friedensperiode verboten ist, doch möchte ich darauf hinweisen, dass wir bereits zwei Angriffe abwehren mussten, und einer endete für eine von uns blutig und tödlich.« Auch dieser Worte ließ er wirken, er musste leise schlucken, dann sah er auf. »Ich möchte nicht erneut einer Familie schlechte Nachrichten überbringen. Deshalb beantrage ich, das Kraftfeld bestehen zu lassen und fordere für die Sicherheit der Magier Elkanasais, dass an Akademien wieder Verteidigungszauber und auch Kampfmagie gelehrt werden darf« - er musste ob des durcheinandergeratenen Stimmengewirrs lauter sprechen - »damit wir gegenüber dem Feind, der sich erhoben hat, nicht völlig machtlos dastehen. Ich bitte um genaue und objektive Betrachtung und Beurteilung der Vorfälle und fordere deshalb ein Eilverfahren zur Aufhebung des Verbots der Zerstörungsmagie.«

Er hatte die letzten Zeilen von seinen Notizen abgelesen, obwohl dort etwas völlig anderes stand. Die ganze Nacht hatte er überlegt, wie er den Begriff geschickt umgehen konnte, denn es war nicht das, was er wirklich wollte. Zerstörung war solch ein hässlicher Begriff. Er wollte nichts zerstören, er wollte schützen. Als er nun aufsah, war er seit Jahren doch das erste Mal wieder nervös.

Die Anwesenden gingen beinahe über Tische und Bänke, während sie untereinander diskutierten. Es war ähnlich wie auf einem der Gemälde in den Fluren des Palastes, auf denen Versammlungen festgehalten wurden, Momente, als neue Zeitalter anbrachen und neue Denkweisen auf alte trafen, wo Tradition sich gegen Erneuerung auflehnte. Aufgebrachtes Rufen, erhobene Hände, tadelnde Finger, rote Köpfe.

Kacey verstand nicht ein Wort, doch die Decke und der Boden schienen unter dem Tumult zu vibrieren. Und plötzlich wusste er, wie Riath sich gefühlt haben musste, als er vor sein Volk getreten war und verkündet hatte, dass seine Kräfte erwacht waren und Wexmell ihn zu seinem Erben ernennen würde. Ähnlich wie das Bild, was sich Kacey bot, hatte Riath diesen Tag im Thronsaal in einem Brief an ihn beschrieben. Es war beängstigend zu sehen, wie viele Gegner die Magie besaß, nachdem alle Völker so lange von ihrem Nutzen profitiert hatten. Aber es schien ein Unding, dass die Magie verlangte, sich selbst zu schützen.

Doch was war so viel anders an einem Mann mit einem Schwert als an einem Mann mit Magie, beide konnten sowohl damit töten als auch schützen. Warum durften Wachen Speere und Schilde tragen, aber Magier mussten ungeschützt umherlaufen?

Kacey verstand das System nicht, denn in Kriegszeiten wurden seine Schüler dazu genötigt, zu töten, aber wenn man sie persönlich angriff, war Magie zum Einsetzen der eigenen Verteidigung ein Gräuel?

Die Welt der Magier war ungerechter, für einige Anwesenden in dieser Halle waren Hexer und Hexen nicht mehr als Hunde, Haustierchen, die den Hof bewachen konnten, aber einen Maulkorb aufgezwungen bekamen, wenn sie sich vor einem tierhassenden Besucher verteidigten, der nach ihnen trat.

Kacey würde es nie verstehen, wie es in Elkanasai zu dieser Art Konflikt gekommen war. Die Elkanasai waren gebildet, fortschrittlich und haben schon immer Seite an Seite mit Magiern gelebt, das halbe Volk war der Magie mächtig. Wie war es möglich, dass Angst und Hass so schnell wie ein Lauffeuer die Runde machen konnte? Ohne ersichtlichen Grund, nur aufgrund von gruseligen Geschichten aus Nohva, wo Kinder angeblich ihre eigenen Eltern während eines Wutanfalls durch unkontrollierte Magie getötet hatten. Wo Hexen Ehemänner verführten oder Liebhaber auf ewig verfluchten, nur weil sie ihre Liebe nicht erwidert hatten. All dies waren doch keine Gründe für solch einen Argwohn, für solchen Hass, dass man Magier regelrecht verfolgte.

Nur weil in Nohva ein Hexenprinz den Thron hätte besteigen sollen.

Doch es war, wie Riath es einst so vortrefflich in einem seiner Briefe formuliert hatte:

…es hat weder Sinn noch Verstand, Kacey, es ist völlig irrational. Angst geht Hand in Hand mit Wut, so hat Wexmell es gesagt, doch die Ängste des Volkes sind leichter zu entfachen, als sie wieder zu nehmen. Ich habe es hier beobachtet, ich kann mir auch nicht erklären, wie so eine Nichtigkeit eine Verfolgung einer ganzen Völkergruppe nach sich ziehen kann. Vermutlich ist es die Angst vor Dämonen, oder die Angst vor etwas, das sie nicht verstehen. Wir könnten ewig darüber grübeln, warum oder weshalb, vielleicht ist es jedoch schlicht ein Vorwand oder der einzige Weg, jemanden wie mich zu stürzen, indem man alle Zauberkundigen zu Sündenböcken macht.

Sie sind dumm, Kacey, man kann ihre Beweggründe nicht erklären. Sie sind einfach dumm, und der Hass auf etwas, das sie nicht verstehen, gibt ihrem tristen Leben Würze.

Während der lautstarken Diskussionen steckte die Kaiserin mit dem Rat der Fünf – der seit dem geisterhaften Verschwinden eines ihrer Mitglieder noch immer nur zu viert war – die Köpfe zusammen. Sie wirkte konzentriert, denn das Thema war äußerst brisant und bewegte derzeit alle Königreiche. Sie musste ihre Entscheidung umsichtig treffen, um alle Seiten zu beruhigen.

Wie sollte man mit Magie verfahren, wie viel Freiheit war ihr erlaubt? Tatsächlich diskutierten die Politiker bereits darüber, ob ein Kult wie die Hexenjäger vielleicht staatlich gemacht werden sollte, um sie einerseits zu kontrollieren, und andererseits, um gefährlich gewordene Magier zu jagen und unschädlich zu machen. Die Hexenjäger waren in Nohva emporgekommen, doch sie trugen ihre Wahrheit mittlerweile wie religiöse Missionare über jede Grenze hinweg, wie eine Seuche. Und statt sich davor zu schützen, handelten alle Reiche genauso abwartend wie König Wexmell in Nohva, wägten ab, beschwichtigten, zögerten hinaus, und wunderten sich hinterher, wenn der Aufstand nicht mehr aufzuhalten war.

Es ging den Jägern nicht nur um Nohva, sie wollten die Magie überall in Knechtschaft zwingen, damit niemals irgendwo ein Zauberkundiger auf einem Thron saß. Sie fanden in jedem Land Zustimmung, überall gab es jemanden, der schon immer einen persönlichen Argwohn gegen Magie gehegt hatte, viele Leute wollten auch einfach gegen die Obrigkeit rebellieren, sich wichtig fühlen. Wie Riath sagte, die Hexenjäger wollten schlicht, dass alle Magier litten, damit keiner von ihnen je Macht – und damit absolute Freiheit erlangte. Gleichberechtigung war nur ein Trugschluss, als es darauf ankam, zu den Magiern zu halten. Wer nicht gegen sie war, hielt sich lieber raus.

Kacey verstand ihre Angst sogar, Magie schien wie Wunder, sie war für Normalsterbliche unbegreiflich, sie sahen nicht die Energieströme, Auren oder geisterhaften Kräfte, nicht die Schönheit, die der Magie innewohnte. Die wahre Natur war für das normale Auge nicht sichtbar, nur Magier besaßen diese Sicht. Für alle anderen war das, was Zauber bewirkten, unerklärlich, vielleicht dämonisch. Doch Magie war ein Teil ihrer Welt, lebte im Boden und in jedem von ihnen, Seelen waren Magie. Und Magier, die diese Ströme lenken konnten, waren unglaublich wichtig, gerade im Kaiserreich, wo durch den Zusammenbruch des Sklavenhandels die Wirtschaft angegriffen war und wo das Klima lebensfeindlich sein konnte, brauchten sie Magie, um die Ernten zu retten und ihre Erträge zu verdoppeln, um fauliges Wasser wieder trinkbar zu machen oder sogar, um gefährliche Stürme abzumildern, damit keine ganzen Städte in Schutt und Asche verwandelt wurden.

»Zauberkundige sind da, um zu dienen«, erhob sich eine kräftige Frauenstimme von der gegenüberliegenden Wand über das Stimmengewirr, die Halle hörte sie an. »Magie sollte immer nur zum Wohle aller eingesetzt werden, zum Heilen und zum Erneuern, so will es das Gesetz.«

Kacey sah die Frau an, bemerkte ihre Empörung und beschwichtigte sie mit einer Geste. »Ich weiß, mein Antrag klingt drastisch, aber bitte, ihr kennt mich mittlerweile alle, habt mich oft angehört, ich war immer der festen Überzeugung, dass Magie dazu da ist, dem Wohl der Gemeinschaft zu dienen, und ich bin selbst ein Feind der Vorstellung, magische Kriege zu führen. Doch hier geht es darum, dass wir die Erlaubnis bekommen, uns selbst zu verteidigen. Denn hätte das Mädchen ihre Angreifer, die ganz offensichtlich nach ihrem Leben trachteten, in einem Impuls durch magisches Feuer oder Eis niedergestreckt, würde sie wegen ihres Vergehens hängen.«

Nun brach erneutes Chaos aus, denn seine Magierkollegen stimmten lautstark zu und es wurden sich verschiedene Ansichten durch den Raum entgegengerufen.

Ein älterer Lord erhob sich, schneeweißes Haar und glatte Wangen, strenges Gesicht, er fuchtelte wütend mit einem Arm. »Ihr sagt, wir würden Euch kennen? Was, wenn Ihr uns die ganze Zeit etwas vorgespielt habt, um unser Vertrauen zu erschleichen, um es jetzt auszunutzen?«, klagte er Kacey an, sodass einige andere sichtlich ins Grübeln kamen. »Ihr tut so, als ob Ihr nur das Wohl aller im Sinn habt, und dann bringt Ihr uns dazu, Verbote aufzuheben, damit Ihr die Herrschaft über die Stadt übernehmen könnt!«

Was?! Kacey war auf alles vorbereitet gewesen, aber nicht darauf, dass man ihm unterstellen könnte, dass er die Stadt an sich reißen wollte. Entsprechend ungläubig blinzelte er den Mann an.

»Ich sage Nein!«, rief der Mann aus und sprach nun zu allen, bevor Kacey sich hatte fangen können und begriff, wie die Stimmung kippte. »Wo kämen wir denn da hin, meine Lords und Ladys, wenn wir plötzlich alle Gesetze aufheben würden. Unsere Vorväter haben sich etwas dabei gedacht, als sie diese Verboten aufschrieben, sie wollten uns schützen! Die Magie ist mächtig, sie muss ihre Ketten anbehalten. Vergessen wir nicht, dass dieser Kult von Hexenjägern nicht ohne Grund entstand! Wir würden ja auch keinen Jaguar unter uns herumlaufen lassen und darauf hoffen, dass sein Instinkt, zu töten, nicht erwacht!«

»Vergebung«, mischte Kacey sich ein, freundlich und nachsichtig, obwohl ihm der eigene Herzschlag in den Ohren rauschte. »Aber bitte vergessen wir nicht, dass die Richtlinien für Magie von den gleichen Männern verfasst worden waren, die auch dafür verantwortlich waren, alle kurzlebigen Völker mit runden Ohren und ohne Fänge zu dem puren Bösen zu erklären, und außerdem Sklaven hielten.«

Davon wollte der Elkanasai gar nichts hören, er winkte grunzend ab, als ob Kacey ein schmutziger Straßenjunge wäre, dessen Meinung ihn nicht interessierte. »Ihr seid doch gar nicht objektiv, Ihr stammt nicht von hier, Ihr wart Sklave und vor allem seid Ihr selbst ein Magier!« Und wieder wandte er sich an alle. »Wenn wir erlauben, dass Magie zur Verteidigung eingesetzt wird, dann wird sie auch bald zur tödlichen Waffe gemacht. Und am Ende nehmen sie sich das ganze Land oder gar das Reich der Götter!«

Ein anderer aus den unteren Reihen stimmte ihm zu und erhob sich mit den Worten: »Schaut doch, was in Nohva geschehen ist, wo die Magier keine Akademien besitzen und keine Regeln bezüglich der Magie! Dort, wo die Magie frei ausgelebt werden durfte, nach eigenem Ermessen, starben so viele Menschen, ob gewollt oder durch Unfälle, dass sich ein Kult erhoben hat. Aus purer Verzweiflung!« Er wandte sich an die Emporen der Magier, legte seine Hände aneinander und verneigte sich tüchtig. »Verzeiht, ich will keinem etwas unterstellen, ich profitiere selbst von der Magie, aber wir Normalsterblichen müssen uns auch vor ihrer dunklen Seite schützen – und wir wollen euch vor euch selbst schützen.«

Nobel, dachte Kacey, aus diesem Mann sprach lediglich die Angst. Doch die Diskussion brannte heiß im Raum, mit solch einem Tumult hätte er niemals gerechnet. Dass man ihm durch die Bürokratie Steine in den Weg legen würde hatte er erwartet, aber eine offene, hitzige Debatte war für Elkanasai äußerst untypisch und zeugte davon, wie brisant dieses Thema bereits war.

Es hatte sich in die Köpfe der Bürger geschlichen, war bis in die hohe Politik vorgedrungen und spaltete sie. Innerhalb weniger Wochen.

»Wir haben sicher nicht vor, die Magie gegen unsere eigenen Brüder und Schwestern zu wenden«, wandte Kacey ein, »und ich spreche auch nicht davon, dass wir jedem Magier gestatten, überall und nach Belieben Zerstörung anzurichten.« Er musste lauter rufen, wenn er Gehör finden wollte, und erhob die Stimme. »Es geht lediglich darum, dass sich ein Magier mit seiner eigenen Magie verteidigen darf!«

»Dann soll er doch ein Schwert tragen«, rief jemand. Kacey konnte ihn unter all den aufgebrachten Togenträgern nicht herauserkennen.

»Wie soll sich ein einziger Magier mit einem Schwert gegen fünf Angreifer zur Wehr setzen?«, sagte nun auch der Professor zu seiner Linken. Dankbar legte Kacey dem älteren Kollegen eine Hand auf die Schulter seiner nachtblauen Robe.

»Wir können auch nur ein Schwert benutzen, um uns zu verteidigen, warum soll euch mehr gestattet sein als uns?«

Neid. Ein weiterer Grund, die Magie zu hassen. Kacey schloss kurz die Augen, musste sich sammeln. Es war völlig surreal, was hier geschah, er konnte es nicht begreifen. Und doch wusste er, dass der Fehler bei ihm lag, denn in einer so heiklen Situation hätte er nicht um mehr Freiheiten für seinesgleichen bitten dürfen, das hatte ihren Gegnern nur noch mehr Brennholz für Argwohn und absurde Geschichten und Ängste geliefert.

Aber was für eine Wahl hatte er, wenn er seine Schule schützen wollte?

Irgendwo hörte er jemanden zu einem anderen sagen: »Und am Ende tritt er die Wahl zum Kaiser an. Stell dir das mal vor, erst soll in Nohva ein Hexenprinz auf den Thron, dann wollen die Magier das Kaiserreich übernehmen.«

»Das kann er doch nicht, oder?«

»Jeder darf sich zur Wahl stellen.«

»Aber nur, wer die Gesetze achtet.«

»Na ja, der ist doch auch ein Prinz, Sohn des Kaisers, viele schätzen ihn. Warts nur ab, in ein paar Jahren haben die Magier uns ganz übernommen, dann gibt’s uns nicht mehr.«

Empörtes Einatmen folgte.

Kacey wünschte, er hätte das nicht mit angehört, Zweifel und Missgunst ihm gegenüber gingen ihm immer besonders nahe, da er nichts mehr wollte, als gemocht zu werden.

Er machte eine beschwichtigende Geste. »Ich versichere, dass wir lediglich um unsere Sicherheit besorgt sind. Wir wollen euch allen weiterhin dienen…«

»Brauchen wir sie denn wirklich, geschätzter Rat?«, rief eine junge Lady zur Empore der Kaiserin hinauf. »Ist es vielleicht nicht sogar Zeit, diese Akademie dicht zu machen? Dann kann sie nicht mehr angegriffen werden!«

Der Rat ignorierte Zwischenrufen, solange er mit der Kaiserin flüsterte. Doch ihre Worten fanden weitere Zustimmung. Und plötzlich stand die Frage im Raum, ob die Stadt die Magier überhaupt brauchte.

»Wir wollen euch dienen!«, rief Kacey und spürte doch, wie ihm die Zuhörer entglitten. »Wir wollen euch heilen, eure Ernten retten, eure Kinder sicher zur Welt bringen! Um euch zu dienen, brauchen wir aber auch euren Schutz und eure Zusicherung, dass wir nicht hängen, sollten wir uns einmal selbst verteidigen müssen!«

»Wer stirbt, wie viel Ernte es gibt und wessen Kind lebt oder nicht, bleibt allein den Göttern überlassen«, konterte der Mann mit der strengen Miene. »Das ist nun mal das Gesetz der Natur!«

Und so etwas von einem Elkanasai, der ohne die Magie wohl kaum sein Alter erreicht hätte – oder einfach Glück gehabt hatte.

»Verzeiht«, sagte Kacey beherrscht und kummervoll zu ihm, »aber das würdet Ihr bestimmt nicht sagen, hättet Ihr eine Frau oder ein Kind bei der Niederkunft verloren. Oder andere Angehörige, die zu früh aus der Welt schieden, weil die Pest sie holte.«

Nun erntete er laute Zustimmung, denn viele im Raum hatten gewiss schon einmal von der Magie profitiert und dank ihrer ein Familienmitglied aus dem Griff des Todes gerettet.

Er konnte nicht fassen, was er da hörte, wie kalt und ignorant diese Bürger sein konnten. Ein wenig begriff er Riaths Wut, er hatte das Gefühl, mit bloßer Vernunft und Logik gegen Wände zu laufen, oder gar noch mehr Misstrauen zu wecken.

Der Rat und die Kaiserin hatten zu ende beratschlagt. Als Ari ihre Hand zu einer beruhigenden Geste hob, verstummten alle Anwesend schlagartig. Als hätte das ganze Chaos nie stattgefunden.

»Danke, Oberster Magister Kacey«, sagte die Kaiserin mit ihrer samtenen Stimme ruhig zu ihm und bedeutete ihm, sich zu setzen.

Kacey strich die weite Toga glatt und nahm Platz.

Ari übernahm das Wort. »Was die Frage angeht, ob wir die Magier brauchen oder nicht, lautet die Antwort natürlich ganz klar Ja, dies kann ich bereits verkünden, liebe Anwesenden. Denn was wären wir ohne die Magie, sie ist Teil dieser Kultur, sie brachte uns den Fortschritt und sie sorgt für unsere Gesundheit und dafür, dass wir nicht Hunger leiden.« Sie ließ die Worte wirken, und Kacey sah sich aufmerksam um, entdeckte missgünstig verzogene Münder, aber hörte keinen Einspruch, denn Ari sagte die schlichte Wahrheit, ohne Magie lebte das Kaiserreich nicht.

Dann fuhr sie fort: »Und natürlich brauchen unsere Magier einen Ort, an dem sie leben und ihre Fähigkeiten studieren können. Einen Ort, an dem sie sicher sind. Es ist kein Gefängnis und das soll es auch nicht sein, es soll eine Zuflucht sein.«

Aber das war sie nicht mehr, dachte Kacey bitter, er fühlte sich dort selbst nicht mehr sicher.

Ari sah ihn an, ihr Blick war streng. »Dies berücksichtigend, gestatten wir das von Euch heraufbeschworene Kraftfeld.«

Er konnte seinen Ohren kaum trauen, blinzelte, bevor er begriff. »Danke, Eure Majestät«, brachte er hervor und wandte sich mit einem erleichterten Auflachen an seine Kollegen.

»Doch«, sprach Ari weiter, und obwohl ihre Miene streng wirkte, sah er auch das Mitgefühl und die unausgesprochene Entschuldigung in ihren sanften Augen, »habt Ihr, Oberster Magister, Eure Position ausgenutzt, um Schüler dazu zu bringen, ein Verbot zu missachten.«

Er fühlte, wie seine Freude dumpfer Leere wich, sein Gesicht wurde ernst.

»Du hast ohne unsere Erlaubnis«, fuhr sie im vertrauterem Tonfall fort, »und ohne unseren Rat gehandelt. Obgleich wir die Dringlichkeit deines Vorgehens verstehen und deine Ehrlichkeit schätzen. Dennoch müssen wir alle Fakten berücksichtigten, und du hast etwas Verbotenes getan, wenn auch in guter Absicht. Wir verhängen eine Geldstrafe, die Summe wird vom Rat aufgesetzt und schriftlich an dich übermittelt.«

Glücklicherweise war Kacey durch seine Bücher und Forschungen recht wohlhabend, und Geld bedeutete ihm ohnehin nichts, aber noch glücklicher konnte er sich schätzen, dass das Kaiserreich ein zivilisierter Ort war, denn in anderen Ländern hätte man ihn wohl zu dreißig Peitschenhieben verurteilt. Oder einem halben Jahr Zwangsarbeit.

Er legte eine Hand auf seine Brust und neigte dankbar den Kopf vor der Kaiserin und dem Rat, der aus vier alten Greises mit kleinen, verschlagenen Augen bestand. Ihm war wohl bewusst, dass er die milde Strafe seiner Stiefmutter zu verdanken hatte.

»Über deinen Antrag berät der Rat mit dem Kaiser nach seiner Rückkehr.« Ari musste wieder eine Hand heben, weil Zwischenrufe laut wurden. Sie ebbten sofort wieder ab, wie Mäuse, die sich im Stroh versteckten, wenn sich die Katze noch einmal umdrehte. »Es ist ein heikles Thema, das ist uns allen bewusst, der Rat und der Kaiser werden sich darüber viele Gedanken machen und alle Sichtweisen in Erwägung ziehen, liebe Anwesenden. Ich appelliere aber noch einmal an die Menschlichkeit, wir wollen uns alle sicher fühlen, und nach allem, was die Magier seit Jahrhunderten für uns tun, sollten wir ihnen weiterhin Respekt zollen, so sehr ihre Fähigkeiten den ein oder anderen auch das Fürchten lehren. Wir sind alle gleich und wir haben alle ein Recht auf Unterstützung und Verständnis.« Sie winkte ab, bevor jemand Einwand erhob. »Diese Angelegenheit ist vertagt. Ashen, nächster Tagespunkt!«

Ashen, des Kaisers fleißiger Schreiberling, hakte mit einer Schreibfeder einen Punkt auf seiner Liste ab und las dann vor: »Nächster Punkt: Steuererhöhung für Politiker zu Gunsten der Gutsbesitzer.«

Der Tumult, der daraufhin losbrach, erweckte den Glauben, die Kaiserhin hätte verkündet, das Balg eines Dämons zu erwarten und das Kaiserreich der Unterwelt auszuliefern.

Kacey schweifte gedanklich ab und war nur noch körperlich anwesend. Er griff zu Feder und Tinte und kritzelte unleserlich die Skizze eines überfälligen Briefes auf die Rückseite seiner Notizen.

Er wusste nicht, ob er ihn abschicken würde, doch der Wille dazu war seit Beginn der Versammlung deutlich gewachsen. Er hatte sich selten so allein und machtlos gefühlt.

Nicht einmal als Sklave.

~2~

Die Kanalisierung großer Magie über eine weite Entfernung hinweg konnte einen gewöhnlichen Magier auslaugen bis zum Herzstillstand.

Einen gewöhnlichen Magier.

Nicht den dunklen Prinzen. Und doch spürte natürlich auch er die große, mentale Anstrengung überdeutlich. Es war, wie nach einer langen, kräftezehrenden Krankheit zu erwachen und festzustellen, dass die Muskulatur abgebaut hatte, Beine und Arme sich wie flatternder, haltloser Stoff anfühlten, nicht wie Gliedmaßen. Wenn der Schwindel im Kopf zunahm, sobald man sich aufsetzte. Und wenn man Hunger hatte, aber bereits eine Keule Fleisch den Magen rebellieren ließ.

Immerhin schien das Blut zu helfen, das Marks ihm stündlich bringen ließ. Mit einem weiteren Tag Verspätung gelang es Riath dann endlich, aufzustehen und sich ein Hemd und eine Hose überzuziehen. Dafür hatte er den verdammten Schneesturm in Carapuhr allerdings loslassen müssen. Vermutlich klarte das Wetter im Norden bereits auf, was bedeutete, der Kaiser würde seinen Rückweg antreten.

Doch Riath glaubte ohnehin, dass Eagle längst Boten geschickt hatte, die das Kaiserreich über die »Wahrheit« informiert hatte. Anders konnte er sich Kaceys Schweigen nicht erklären.

Er musste ihn persönlich sprechen, es war höchste Zeit. Doch wenn ihn jemand in der Stadt erkannte, würde er wohl im Kerker und am Ende vor dem Henker landen. Dieses Mal, da war er sich absolut sicher, würden sie ihm den Kopf abschlagen. Da der letzte Angriff auf sein Leben nicht von Erfolg gekrönt gewesen war.

Nein, wenn er sich in der Stadt blicken ließe, müsste er zuvor einige Verbündete an Land gezogen haben.

Gedankenverloren strich er mit den Fingerspitzen über seine Narbe, die sich als hauchdünner Strich auf seiner Kehle abzeichnete. Sie war so gut verheilt, dass sie nur noch einer Falte glich, die keine Sonne abgekommen hatte. Dennoch spürte er, wenn er an sie erinnert wurde, die Atemnot, das Brennen, die Angst. Er hatte damals nicht gewusst, dass er den Anschlag überleben würde. Sterben war etwas Schreckliches, so voller instinktiver Furcht, voller Kälter, Schmerzen und Qual. Riath sah das Gesicht seines Mörders deutlich vor sich, immer wieder, jede Nacht, und in seinem Inneren brodelte eine so lebendige, heiße Wut, dass er brüllen und irgendetwas zerstören wollte, nur um dem Druck in seiner Brust ein wenig Luft zu verschaffen.

Er beherrschte sich, hob sich all die Wut für seinen allerletzten Zug auf, und wenn er Jahrzehnte darauf wartete, war es das wert.

Riath trat aus seinem Zelt in das Lager, wo seine Leute bereits tüchtig ihrer Arbeit nachgingen. Knechte kümmerten sich um die Feuer, das Essen, putzten Rüstungen, Stiefel, Zaumzeug und Sättel, leerten Bettpfannen aus, striegelte die kräftigen, ausdauernden Pferde aus Nohva.

Sie hatten die Zelte in einer dichten Baumgruppe aufgeschlagen, direkt ins Unterholz, das sie nun wie ein natürlicher Wall umgab. Das Blätterdach des Urwaldes war dicht, doch es gab diese eine Lücke, durch die die Sonne drang und direkt auf Riaths Zelt fiel.

»Mein Prinz!«, begrüßten ihn seine Getreuen ebenso wie die Knechte, die ihm begegneten, legte ihre Fäuste auf ihre Herzen und neigten huldvoll das Haupt, als er an ihnen vorüber ging. Er beachtete sie gar nicht, ihre Unterwürfigkeit war ihm so vertraut wie das Kribbeln der Sonne auf seinem Gesicht.

Disziplin musste sein, er hatte bei Wexmell gesehen, wohin zu intime Vertraulichkeit mit den Untertanen führte. Wie sie den Respekt vor dem Amt verloren hatten, wie sie den König als Freund, denn als Herrscher angesehen und geglaubt hatten, sich alles erlauben zu dürfen, einschließlich öffentlichen Beleidigungen und Drohbriefen. Und das nur, weil Wexmell sich weigerte, Zauberkundige in Nohva in Gefängnisse zu stecken oder sie zu Sklaven der Allgemeinheit zu machen. Es war sogar von magischer Kastration die Rede gewesen, was für einen Magiebegabten bedeutet, seiner Fähigkeiten beraubt zu werden.

Riath ließ unter seinen Leuten niemals zu, dass sie vergaßen, wer er war. Er war nahbar, er trank und kämpfte Seite an Seite mit seinen Getreuen, er unterhielt sich mit Knechten, er machte sich auch mal die Finger schmutzig, doch er erlaubte niemals, dass sie in seiner Gegenwart vergaßen, dass er ihr Prinz war und sie ihm Respekt schuldeten. Und Treue.

Und bisher hatte ihn niemand aus den eigenen Reihen verraten, im Gegenteil, er hatte dadurch sogar mehr Leute gewonnen, darunter Marks, der zuvor gegen die Magier rebelliert hatte.

Allerdings musste Riath gestehen, war es nicht mehr sonderlich schwer gewesen, den Krieger zu überzeugen, nachdem er mit eigenen Augen gesehen hatte, dass die Hexenjäger sinnlos brandschatzten und mordeten. Er würde niemals Marks ratloses, schmutziges Gesicht vergessen, als er ihn mitten in dem brennenden Dorf erblickt hatte, inmitten der völlig außer Kontrolle geratenen Hexenjäger, die wie die Barbaren über unschuldige Bauern hergefallen waren, wegen eines angeblichen Hexenmädchens. Eine Lüge, erschaffen von den Jägern, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Um das Volk mit Gewalt zu zwingen, den Magiern keinen Unterschlupf zu gewähren.

Da war dieser Junge gewesen, Riath erinnerte sich genau, als er im Lager vor einem der Feuer zum Stehen kam und die züngelnden Flammen erblickte. Er sah es noch vor sich, als wäre es gestern gewesen, ein Bursche im Alter von zehn Sommern rannte über die Straße und schrie so spitz, dass seine Stimme den Kampflärm übertönte. Ein helles, gellendes Kreischen, das von einer ungeheuren Qual zeugte. Er hatte gebrannt, lichterloh in Flammen gestanden, geschrien und war an Marks vorbeigerannt, eine Qualm- und Hitzewolke hinter sich herziehend, bis er einfach zusammengebrochen war, nicht mehr als ein zu Kohle verbranntes Stück Menschenfleisch. Marks hatte ihm mit grauenhaftem Unglauben nachgesehen und dann Riath am Ende der Straße erblickt. Er hatte geblinzelt, den Kopf geschüttelt, und Riath war langsam auf ihn zugegangen und hatte ihm die Wahl gelassen. Marks war auf die Knie gefallen – und versuchte noch heute Wiedergutmachung zu leisten. Riath war sich sicher, dass sein Getreuer noch immer von dem Jungen träumte.

Sie hatten die Hexenjäger gemeinsam vertrieben, aber der Schlange noch nicht den Kopf abgeschlagen. Es wäre zu riskant gewesen, in ihre Nachhut einzufallen.

Mak kam durch die Zelte auf Riath zugetrabt, die langen Ohren eingeknickt und mit der Rute wedelnd.

Riath begrüßte ihn, ging in die Hocke und ließ zu, dass der kleine Racker seine Pfoten auf seine Brust stellte, damit sie auf Augenhöhe waren. Mak hechelte erhitzt, als wäre er stundenlang gerannt, in seinen Augen glitzerte absolute Zufriedenheit und an seinen Lefzen klebte frisches Blut.

»Hast du eine Gazelle gerissen, kleines Reißzähnchen?« Riath kraulte ihn ausgiebig, der dünne Kopf des Schakals wirkte winzig und zerbrechlich in seinen großen Pranken, doch er ging so sanft mit ihm um wie mit einem Neugeborenen. »Keine Nachricht von unserem Schönling, hm?«

Riath griff in den Beutel, der um Maks Rumpf gebunden war und runzelte verwundert die Stirn. Seine Finger ertasteten ein Stück Pergament.

Damit hatte er nicht gerechnet.

Während Mak an ihm hochsprang und seinen Hals voller Zuneigung leckte, tätschelte Riath ihn nur noch halbherzig, da all seine Gedanken auf den Brief gerichtet waren. Obgleich es kein richtiger Brief war, sondern ein kurzer, winziger Zettel ohne Sigel und unsauber gefaltet. Er klappte ihn auseinander und las die wenigen Worte. Nur ein Satz, keine Namen. Das war auch nicht nötig.

Riath warf die Nachricht ins Feuer, seine Miene war undurchdringlich, aber in seinem Inneren verspürte er ein erdrückendes Gefühl.

»Komm«, sagte er dann ernst, »gehen wir ein Stück.«

Er wollte sich die Beine vertreten, auch wenn sich seine Knie noch immer anfühlten, als bestünden sie aus eingeschmolzenem Stahl.

Vom Lager führte ein schmaler Trampelpfad durch den dichten Urwald eine Anhöhe hinauf.

Er verscheuchte alle Gedanken.

Die schwüle Hitze legte sich bald nicht nur auf Riaths Haut und sorgte dafür, dass sein schwarzes Hemd an ihm klebte, sondern drang auch in seine Lunge ein und ließ ihn schwer schnaufen.

Mak sprang leichtfüßig neben ihm her, seine lange Zunge hing fast auf dem Boden, doch er jagte weiterhin begeistert allem nach, was sich bewegte.

Der Weg unter Riaths Stiefeln wurde steinig und immer steiler. Neben ihm plätscherte ein breiter Nebenarm des Blue Water, dem Hauptfluss Elkanasais. Der Fluss mündete in einem riesigen See, der von hohen Felsen umsäumt war. Riath stieg seitlich einige Klippen hinauf, bis er die Baumkronen des Urwaldes durchbrochen und über dem Dach des Waldes auf einem großen, braunen Felsen herauskam.

Mak hatte eine Schlange im Maul, sie bewegte sich nicht mehr, und zog sich in den Schatten eines kantigen Felsen zurück, um sie in aller Ruhe zu zerfleischen. Riath hatte nie erlebt, dass einer seiner Schakale von einem anderen Tier gebissen oder gestochen worden war, selbst als Welpen waren sie ungeheuer schlau und treu gewesen, weshalb er erst auf die Idee gekommen war, sie als Boten einzusetzen. Wenn sie nicht gesehen werden wollten, wurden sie auch nicht gesehen.

Riath ging langsam zum Rand der Klippe, braunes Gestein bröselte und rieselte hinab in die Tiefe, plätscherte ins weit entfernte, stille Wasser.

Ob dort unten gefräßige Alligatoren lauerten? Wasserschlangen? Drachen?

Heute war ein schwermütiger Tag, bereits nach dem Aufwachen hatte Riath sich in Grübeleien verloren. Vergangenes ließ ihn nicht los. Manchmal war es genau wie in den Jahren kurz nach dem Tod seines Vaters, als er dieser haltlose, verwirrte Junge gewesen war, der nicht wusste, was er eigentlich wollte und wohin sein Weg ihn führte. In gewisser Weise wusste er es immer noch nicht, er folgte einfach den Pfaden, die sich ihm boten, und jagte denen hinterher, die ihm Böses wollten, ohne Gnade, ohne Rücksicht auf Verluste. Was sollte er auch sonst tun, es kam gar nicht in Frage, dass er einen von ihnen verschonen würde. So war er einfach nicht gestrickt.

Sein Problem war, dass er nicht so einfältig handelte wie seine Feinde, er wollte sie nicht bloß töten, das hätte er längst gekonnt, wenn er es beabsichtigt hätte. Oh nein, er wollte sie vernichten. Er wollte, dass sie zusahen, wie alles, was sie kannten, brannte. Er wollte ihnen ihre Welt rauben und sie brechen, wollte sie in eine kalte, einsame Zelle stecken und sie zusehen lassen, wie die Welt zu einem Ort wurde, den sie hassten.

Rachsüchtig, so hatte Wexmell ihn genannt. »Du bist rachsüchtig, Riath, und das bringt dir irgendwann den Tod, oder den Menschen, die du liebst. Lass ihn ziehen, er will doch nur, dass wir uns entzweien, er will dich rauslocken, damit ich dich nicht mehr schützen kann.«

»Du bist der, der uns entzweit, Wexmell! Er hat versucht, mich zu töten, und du lässt ihn einfach flüchten!«

»Ihm zu folgen würde Kriege nach sich ziehen, Riath, du musst umsichtiger werden!«

»Und du musst endlich anfangen, etwas zu unternehmen, statt da zu sitzen und an die Vernunft zu appellieren. Er hat uns verraten!«

»Und im Gegenzug willst du ihn jetzt töten, woraufhin irgendein anderer wiederrum Rache an dir üben wollen wird. Verstehst du es nicht? Rache hört niemals auf, wenn man einmal damit anfängt. Gib ihm nicht das, was er von dir erwartet!«

Das hatte er nicht und das würde er auch nicht, oh nein, Riath würde grundsätzlich immer genau das tun, was man gerade nicht von ihm erwartete. Genau wie vor wenigen Wochen in Carapuhr, womit niemand von seinen Gegnern gerechnet hätte.

Aber es ist alles ein wenig schiefgelaufen.

Beinahe wäre es ihm gelungen, beinahe hätte er Großkönig Melecay alles geraubt. Wäre dieser fanatische Ziegenhirte nicht größenwahnsinnig geworden und hätte versucht, den Großkönig zu töten. Nein, das wäre viel zu einfach für diesen Mistkerl. Riath hatte sich einmischen und Desith und Vynsu zu Melecays Rettung schicken müssen.

So einfach würde er diesen Hurensohn nicht davonkommen lassen. »Du stirbst mir nicht einfach davon, Melecay, so leicht mache ich es dir nicht.«

Für sie beide hatte das Spiel gerade erst begonnen. Es wurde Zeit für den nächsten Zug.

Riath riss sich die Stiefel von den Füßen und warf sie zur Seite, dann trat er barfuß weiter vor. Der Fels war heiß, verbrannte ihm die Sohlen. Er blickte hinab, spürte den Sog der Tiefe, hörte wie sie flüsterte und ihn verlockte. Er machte noch einen Schritt, direkt ins Leere, und stürzte sich mit den Füßen voran in den Abgrund. Sein Körper zischte wie ein Pfeil nach unten, die Landschaft rauschte an ihm vorbei und wurde von einem Bild zu einer undeutlichen, grünbraunen Kulisse. Seine Füße tauchten ins kühle Nass, er sank wie ein kerzengerader Baumstamm in den See. Das Wasser schlug über ihm zusammen, bremste seinen Fall, sodass seine Zehen den Grund des Sees nur sanft berührten, statt auf ihm zu zerschlagen.

Er setzte sich im Schneidersitz hin, die Arme vor der Brust gekreuzt, und schloss die grünen Augen. Durch das Wasser drangen die Geräusche und das Licht der Welt nur gedämpft zu ihm herab und er nutzte diese Ruhe, um intensiv über seinen nächsten Schritt nachzudenken.

Ich weiß, was du ihr angetan hast, Prinz Unhold.

*~*~*

Der Tag verging in Windeseile, kaum war er angebrochen, verabschiedete sich die Sonne bereits wieder und ging mit einem letzten Aufbäumen in einem roten Inferno am Himmel über der weißen Hauptstadt Solitude unter. Ein Spektakel, an dem sich Kacey nie sattsehen konnte. Dieser heiße, brennende Himmel, durchzogen von einer Nova aus Licht und Wolken, die über dem satten, grünen Blätterdach des Urwaldes unterging, der die Stadt wie eine dichte Mauer umgab.

Er sah es sich jeden Abend an, vom Balkon seiner neuen Zimmer aus – die er von dem vorherigen Magister übernommen hatte – oder von den perfekt gepflegten Gartenanlagen der Akademie. Selbst wenn er wie in den letzten Tagen Stunde um Stunde in Arbeit versunken war.

Einige Schüler waren tatsächlich zur riesigen, aus dunklem Gemäuer erbauten Akademie mit ihren zahlreichen Türmen und Erkern und Buntglasfenstern – womit sich die Anlage deutlich von der aus weißem Marmor errichteten Stadt abhob – zurückgekehrt, sowie einige ausgelernte Magier und Illusionisten aus aller Welt, deren Namen und Fähigkeiten Kacey in den Archiven ausfindig gemacht und angeschrieben hatte. Sie kamen zum Lehren an die Akademie. Auch diese Entscheidung hatte er allein getroffen, denn für seine älteren Kollegen war es ein Unding, dass Magier, die nur einen einfachen Abschluss absolviert hatten – aus welchem persönlichen Grund auch immer – Kurse geben durften. Kacey hingegen hielt es für klug, so viele Magiebegabte wie möglich zu versammeln, denn er hatte das dumpfe Gefühl, dass die Unruhen erst ihren Anfang fanden. Außerdem fand er es wertvoll, ihre Erfahrungen zu nutzen, um seine Studenten weiter zu bilden. Praktische Erfahrungen im Umgang mit Magie im Alltag war sehr viel wichtiger als jede Theorie, die seine Schüler in den sonstigen Kursen paukten.

Der Magie-Konflikt durfte nicht so ausarten wie in Nohva, es durften keine ganzen Dörfer brennen, nur weil die Bewohner einen zauberkundigen Freund versteckten. Nein, lieber sollte ein einziger, abgesicherter Ort Ziel zum Hass ihrer Gegner werden, dann waren sie auf einen Angriff vorbereitet und konnten ihresgleichen schützen. Er hatte auch andere Schulen und ihre Magister angeschrieben und viele waren auf seiner Seite, riefen ihre Schüler zu sich und stellten Anträge, um Kraftfelder errichten zu dürfen.

Ihm war bewusst, dass er damit auch Argwohn säte, dass Bürger das Gerücht verbreiten konnten, er würde eine Armee aus Zauberkundigen zusammenstellen. Doch vorrangig war ihm das gleich, zuerst zählte der Schutz derer, die unschuldig dem Hass anderer ausgesetzt waren.

Es war ein regelrechter Ansturm aus Zurückkehrern und Neuankömmlingen, Kacey wäre dankbar gewesen, hätten sie ihm durch einen Boten von ihrer Anreise unterrichtet. Doch er verstand auch, dass dazu vermutlich bei einem schnellen Aufbruch keine Zeit gewesen war. Unter Furcht dachte man nur daran, so schnell wie möglich einen sicheren Hafen zu erreichen.

Gemeinsam mit den Studenten und Verwaltern hatte er dafür gesorgt, dass niemand lange auf ein Zimmer warten musste, nebenher hatte er noch Führungen für diejenigen organisiert, die seit Jahrzehnten nicht mehr hier gewesen waren, hatte alle über das Alptraumfeld informiert, Fragen beantwortet. Seine Tür zu seinen Räumlichkeiten hatte immer offen gestanden, den ganzen Tag. Er hatte Vorlesungen abgehalten, wobei seine Studenten überwiegend mehr über das Kraftfeld erfahren wollten und was bei der Versammlung herausgekommen war. Ardor, Kaceys Leibwächter, war natürlich mit undurchdringlicher Miene stets an seiner Seite gewesen.

Es gab den ganzen Tag so viel zu tun, dass Kacey seine Verabredung mit seinem Lieblingsschneider hatte ausfallen lassen müssen, was ihn ein wenig traurig stimmte, denn er hätte gerne eine neue Robe in Auftrag gegeben. Nur um etwas Normales zu tun, das ihn für einen Moment die brisante Lage hätte vergessen lassen. Aber er sollte wohl ohnehin sparen, denn die Höhe der zu zahlenden Strafe stand noch aus, der Brief würde gewiss erst in einigen Tagen eintreffen. Dann würde er wissen, ob er sich danach noch eine Robe leisten konnte, oder sogar die anderen verkaufen musste.

Was soll´s, dachte er bei sich, er umgab sich gern mit schmucken Dingen, mit Prunk und allem was extravagant war oder glitzerte, aber es würde ihn nicht umbringen, ohne all das zu leben.

Obwohl er es vermissen würde, das gab er ehrlich zu. Nachdem er seine Jugend nur mit dem Nötigsten verbracht hatte, sehnte er sich nun umso mehr nach all den Dingen, die ihm verwehrt gewesen waren. Abgesehen von Nähe zu lebendigen Wesen war das nun mal auch goldener Schmuck, Edelsteine, Seide, Samt und Damast. Oh und natürlich edler Wein und nahrhaftes Essen.

Und von letzterem hatte er an diesem Tag wenig zu sich genommen. Als er sich also etwas schwach fühlte, schob er es auf die Erschöpfung und den Mangel an Essen und Trinken.

Er zog sich gegen Abend, als das letzte Sonnenlicht verblasste, in seine mit dunklen, edlen Kirschbaumholzmöbel eingerichteten Räume zurück. Im Empfangszimmer saß noch eine Studentin und sortierte seine Unteralgen für den nächsten Tag.

Ardor hatte ihm ein Tablett mit Essen bringen lassen, dann hatte Kacey den großen Mann mit der Narbe über dem rechten Auge und dem polierten Brustpanzer für den Rest des Tages fortgeschickt, doch wie er seinen übereifrigen Leibwächter kannte, blieb dieser sicher in der Nähe und abrufbereit. Ardor war noch immer ein klein wenig vernarrt in Kacey und dementsprechend ein äußerst ambitionierter Leibwächter. Vielleicht der treuste Mann im ganzen Reich, zumindest würde Kacey sein Leben immer blind in seine Hände legen. Dennoch konnte er dessen Gefühle nicht erwidern.

Nein, stattdessen verliebte er sich in Männer, die zwielichtig und undurchschaubar waren.

Kacey ließ denn Abend über seinen Forschungen ausklingen und schrieb ein paar Seiten über das Alptraumfeld, das er beschworen hatte, auch wenn er sich sicher war, dass er diese Schriften niemals veröffentlichen würde. Doch er wäre kein Magister, würde er nicht jeden seiner Handgriffe niederschreiben. Er gab zu, dass er auf seine Arbeit stolz war.

Er hatte keine Lust, ins Bett zu gehen und sich herumzuwälzen, während seine Gedanken um Riath oder Xaith, und im schlimmsten Fall um beide kreisten, also blieb er wach, solange er konnte, bis er zu müde sein würde, um überhaupt noch an irgendetwas denken zu können.

Er spürte die Übelkeit urplötzlich, sie kroch ohne Vorwarnung seine Brust hinauf. Instinktiv legte er die Feder nieder und griff zu seinem rubinbesetzten Kelch, weil er das schlechte Gefühl einfach hinunterspülen wollte. Erst da bemerkte er, dass seine Hand stark zitterte. Stirnrunzelnd blickte er auf seine Finger und zog sie langsam zurück, um sie inspizieren zu können.

Das Schwächegefühl in seinen Armen und Beinen wurde stärker und wanderte in seinen Kopf, innerhalb von wegen Herzschlägen brach ihm der Schwindel aus. Kalter Schweiß drang aus seinen Poren, die Übelkeit kroch ihm bis in die Kehle und seine Brust wurde eng.

Die Erschöpfung, dachte er. Vermutlich war es an der Zeit, sich einfach ins Bett zu legen und zu schlafen.

Sein Teller war nur halb aufgegessen, worüber er nun froh war. Vermutlich war das Essen daran schuld, dass ihm übel geworden war. Nachdem er den ganzen Tag wie ein Spatz gegessen hatte, hätte er am Abend keine halbe Gans verspeisen sollen.

Ruhe und Entspannung würden ihm gewiss helfen, sich besser zu fühlen, also verschloss er das Tintenfässchen, steckte die Schreibfeder in ihren Halter und stand auf.

In dem Moment, als er die Knie durchstreckte, spürte er einen Druck im Kopf und einen Hammerschlag in seiner Brust, der ihn beinahe zu Boden stürzen ließ. Keuchend hielt er sich an der Tischkante fest. Die Welt verschwamm, er blinzelte, das Zimmer wurde wieder klar, dann noch klarer … zu klar… Kacey petzte die Augen zusammen, die Kerze auf seinem Tisch war auf einmal zu hell, der Raum wirkte, als sähe er ihn aus fremden Pupillen. Eine seltsame Sicht stellte sich ein, als dehnte sich das dunkle Arbeitszimmer aus. Er nahm Dinge wahr, die er noch nie gesehen hatte. Die einzelnen Fasern des Teppichs, die feinen Risse im Leder der Buchrücken, das Schwitzen des Kerzenwachses. Er konnte die toten, schwarzen Auren des Holzes der Möbel erkennen, die kalt und trostlos alles im Raum umgaben.

Er wusste sofort, dass dies nichts mit Erschöpfung zu tun hatte, und für einen Moment befürchtete er, jemand hätte sein Essen vergiftet.

Doch dann brüllte etwas in ihm, drängte nach draußen, drängte in seinen Kopf. Krallen bohrten sich in seinen Verstand, er konnte es spüren, wie heiße Dolche in seinem Schädel. Er riss den Mund zum Schrei auf, doch es kam nichts heraus, nur ein ersticktes Keuchen.

Etwas kitzelte seine Wange und er wischte es instinktiv fort, spürte warme Feuchtigkeit an seinen Fingerspitzen und blickte verwirrt auf seine Finger. Zuerst verstand er nicht, was er sah, er verrieb grübelnd die Flüssigkeit, bis ihm bewusstwurde, dass es sich dabei um dunkelrot schimmerndes Blut handelte, das regelrecht wie ein flüssiger Rubin auf seiner weißen Haut leuchtete.

Sein Herz erlitt einen kleinen Aussetzer, er war zu geschockt, um zu begreifen, erst als ein Bluttropfen unter ihm auf einer Pergamentseite landete und sich langsam wie eine öffnende Rosenblüte ausbreitete, begriff er, dass sein Gesicht blutete.

Beunruhigt sah er sich um, entdeckte den Silberspiegel an der Wand und stürzte darauf zu. Dass er seinen Stuhl dabei umriss und er polternd zu Boden fiel, war ihm gleich, er bemerkte es nicht einmal.

Nach vorne stolpernd fing er sich links und rechts neben dem winzigen Spiegel mit den Händen an der Wand ab, hinterließ einen roten Fleck wegen des Blutes an seiner Hand. Was er sah, ließ ihm den Atem stocken. Er erblickte sich selbst, ohne jeden Zweifel, das war sein zartes Gesicht, seine goldenen, mittellangen Haare, sein Stirnreif auf der kleinen Stirn, seine Stupsnase, seine geschwungenen, einladenden Lippen, seine langen Wimpern, das schmale Kinn, der schlanke Hals. Nur seine Augen waren ein Abbild skurrilen Grauens. Um die schwarzen, geweiteten Pupillen flammte ein goldener Kreis, ebenso umrandete ein weiterer goldener Schimmer seine eisblauen Iriden. Doch was ihm am Meisten den Atem raubte waren die blutigen Tränen, die sich wasserfallartig über seine hohen Wangenknochen ergossen hatten und von seinem Kinn tropften.

Rote Tupfer landeten auf dem weißen, hochgeschlossenen Stoff seiner Robe und breiteten sich zu großen, dunklen Kreisen aus.

Kacey erschrak vor sich selbst, zuckte zurück, entfernte sich von dem Spiegel, als hätte er darin einen Dämon erblickt.

Er wusste, was mit ihm passierte. Und er hatte Angst, dass er nicht stark genug sein würde.

Taumelnd wanderte er durch sein Arbeitszimmer, stieß mit den Schultern gegen Bücherregale, riss Stühle um, fegte Dokumente vom Tisch, während er sich zur Tür voran arbeitete.

Er schaffte es bis ins Schlafzimmer, dann überkam ihn eine neue Welle. Wieder ein Schlag von innen gegen sein Brustbein. Es war, als ob Knochen barsten. Er schnappte nach Luft, stolperte vorwärts und hielt sich an der geschnitzten Säule des Bettgestells aufrecht.

»Magister, geht es Euch gut?« Die junge Studentin erhob sich im Vorzimmer aus ihrem Stuhl, Kacey konnte ihre Schritte hören.

»Nein!«, rief er und streckte die Hand aus. Die Tür flog zu, obwohl er nicht einmal in ihrer Nähe gewesen war.

Er hörte einen erschrockenen Aufschrei.

Selbst verwundert blickte er auf seine ausgestreckte Hand, als erkenne er sie nicht wieder.

Die Krallen griffen nach seinem Verstand, der Schmerz raubte ihm die Sicht.

»Magister?« Die Studentin klang ängstlich und besorgt zugleich.

»Ich bin… unpässlich«, presste er hervor und stolperte zur Tür, während er sich zwei Finger in die Schläfen drückte. »Verzeih, Moonie, ich… ich brauche etwas Schlaf. Komm morgen wieder.«

Stille. Kacey erreichte die Tür, schloss sie ab und lehnte sich schwer atmend dagegen.

»Soll ich nach einem Heiler rufen?«, fragte sie unsicher durch das dicke, dunkle Holz.

»Nein, ich bin nur erschöpft.« Seine Stimme klang beunruhigend gepresst, doch so sehr er sich auch anstrengte, es gelang ihm nicht, gesund zu klingen.

Sie zögerte noch, doch dann hörte er, wie sie sich entfernte und ihren Umhang vom Nagel nahm. Er konnte noch hören, dass sie etwas sagte, vermutlich verabschiedete sie sich, aber er verstand die Worte nicht mehr, denn in seinem Kopf dröhnte es.

»Neiiiiiiin!«, knurrte er leise und nahm den Kampf gegen sein Innerstes auf. Er stolperte zum Bett und zog sich darauf wie ein verletzter Panther auf seinen Ast. Er wusste nicht, was er tun sollte, er wusste nur, dass er das, was in ihm vorging, aufhalten musste. Und das konnte er vielleicht nur, indem er sich dem Schmerz entgegenstellte. Es fühlte sich an, als ob sich ein Loch in seine Brust brannte, und gleichzeitig saß ein Drache in seinem Geist hinter dicken Gittern und wütete.

Vor knapp acht Jahren hatte Sarsar, Riaths und Xaiths Bruder, in Zadest im Gewölbe eines Turmes, die außer Kontrolle geratene Magie eines Götterportals auf die damals Anwesenden übertragen und sie mit einem Siegel verschlossen, damit sie niemals in falsche Hände geraten konnte. Sie alle, Kacey eingeschlossen, waren Gefäße, Gefängnisse für eine intelligente, gefährliche Macht.

Und genau diese Magie versuchte nun das Siegel zu brechen und Kaceys Verstand zu übernehmen.

~3~

»Urgh… ich glaub, er hat schon wieder gekackt.«

»Jetzt schieb es nicht auf den Schreihals.«

»He! Ich war das nicht!«, empörte sich Siderius, während er unbeholfen hinter Xaith über Wurzeln und Felsen durch die unwirtliche Wildnis stolperte. Er hatte Mühen, mit ihm mitzuhalten, dabei liefen sie in einem gemäßigten Schritt, immerhin war Xaith selbst noch geschwächt. Doch seinen Begleiter fehlten motorische Fähigkeiten und er litt offensichtlich unter einer Gleichgewichtsstörung, denn anders konnte er sich wirklich nicht erklären, warum der Junge bei jedem dritten Schritt stolperte oder taumelte.

Wie band er sich morgens eigentlich allein die Schuhe zu?

Kinder waren so anstrengend. Und doch zog er sie irgendwie magisch an, er hatte bereits zwei davon an der Backe, und einen davon ganz ungewollt. Nun ja, den Schreihals hatte er sich natürlich selbst zuzuschreiben, er hätte den Bengel ja auch in der Mutter sterben lassen können, aber er brauchte ihn für zweierlei Dinge. Und auch wenn er es nur widerwillig zugeben wollte, selbst wenn er ihn nicht bräuchte, hätte er ihn wohl kaum einfach im Leib der toten Mutter sterben lassen können, denn der Bengel war am Ende ja doch sein Neffe – und trug von allen am wenigsten Schuld an irgendetwas.

Ebenso sein Zwilling, den Xaith in der Hoffnung bei Desith und Vynsu gelassen hatte, dass er eine sichere Kindheit bekommen würde. Vielleicht sogar ein sicheres Leben, wenn Desith sich ein Herz fasste und niemals jemanden verriet, wessen Kind er Unterschlupf gewährte. Wenn Desith… in der Lage war, den Hass auf Riath nicht auf dessen Sohn zu übertragen. Doch Xaith war zuversichtlich, denn die Mutter der Kinder war Desith Schwester gewesen, so waren sie auch Desiths Neffen.

Lohna – Desiths Zwillingsschwester – hatte ihn gebeten, als er ihr half, in das Geburtenhaus in Carapuhr zu flüchten: »Bring die Kinder zu Desith, wenn ich die Geburt nicht überlebe. Bring sie zu ihm, ich weiß, er wird sie lieben, weil sie ein Teil von mir sind. Nur er wird sie beschützen.« Sie hatte gewusst, dass sie sterben würde, Vynsus Kinder Aegir und Heda hätten ihr bei der Niederkunft schon beinahe das Leben gekostet, doch Riath hatte ihr kein einzelnes Kind gemacht, sondern Drillinge. Xaith hatte zwei retten können, doch Riath wusste nur von einem. Und er wollte, dass es so blieb.

Xaith konnte Lohnas Bitte am Ende nur zum Teil erfüllen, doch er hoffte, dass sie Desiths Wut auf Riath nicht unterschätzt hatte.

»Können wir anhalten und ihn frisch machen?« Siderius klang nasal, als ob er krampfhaft versuchte, nicht durch die Nase einzuatmen. »Ich glaube, ich muss mich übergeben.«

Xaith verdrehte die Augen. »Ein Stück weiter noch, ich höre in der Nähe ein leises Plätschern«, beschloss er und führte Baron – seinen ruhigen Fuchshengst – weiter den steinigen Trampelpfad entlang. Über den Baumkronen hörte er das dunkle, kratzige Schreien seiner Raben, die seinen Willen spürten und abbogen, um ihm die Richtung zum Bach zu weisen. Die schwüle Luft schmeckte bereits nach klarem Wasser.

Siderius blieb einen Moment hinter ihm stehen und legte den Kopf schief, um zu lauschen. Sein junges Gesicht war dabei zu einem »Hä« verzogen, und er lief verwirrt weiter. »Wie kannst du das hören? Ich höre gar nichts.«

»Weil du dich nicht anstrengst.« Xaith suchte den von Baumkronen verdeckten Himmel ab und konnte durch die raschelnden Blätter Petalits weißes und Gagats schwarzes Federkleid entdecken.

»Ich strenge mich an!« Siderius stolperte zu ihm auf, beide Arme um das stinkende Bündel geschlungen, das er mit einem Tuch eng an seine Brust gebunden hatte.

Sie wechselten sich mit dem Tragen des Bengels natürlich ab. Irgendwann zumindest. Wenn und falls ihm danach war. Vielleicht. Gegen Abend.

Möglicherweise.

»Du könntest den Kleinen auch mal nehmen«, beschwerte sich der Junge, als hätte er seine Gedanken erraten, und keuchte vor Anstrengung, als Xaith ihn und das Pferd durch die Bäume führte.

»Nein, ich bin noch zu geschwächt von den magischen Anstrengung der letzten Wochen«, gab er trocken und unverfroren zurück.

Er konnte förmlich den angepissten Blick des Jungen im Nacken spüren. »Ich habe gesehen, wie du zig Portale geöffnet und dich danach noch in einen Schwarm Motten verwandelt hast!«

»Lerne, die Erwachsenen zu ehren.«

»Was?«, bellte der Junge verständnislos.

Xaith verdrehte die Augen und brummte entnervt, dann versuchte er, sich so auszudrückte, dass selbst ein Dummkopf ihn verstehen konnte: »Ich bin älter, also bist du am Arsch.«

Endlich hielt Siderius die Klappe, mahlte grimmig mit den Kiefern, aber er hielt die Klappe, und süße, wundervolle Ruhe drang in Xaiths Ohren. Nun ja, von diesen lauten Brüllaffen, den schnatternden Papageien und Siderius` lautem Schnaufen abgesehen.

Aber immerhin wurde das Plätschern lauter und endlich schimmerte ein kristallblauer Bach durch das dichte Unterholz hervor. Petalit und Gagat saßen auf einem Felsen im fließendem Wasser und putzten sich gegenseitig das schimmernde Federkleid.

Die Wahrheit, die er seinem Begleiter nicht unter die Nase reiben wollte, war, dass er sich wirklich geschwächt fühlte und sich schonen musste, denn bald würden sie die letzte Etappe erreichen. Was bedeutete, dass sie eigentlich dorthin zurückgingen, wo alles angefangen hatte, um es zu vollenden.

Doch er wusste gar nicht, ob das, was er sich vorgenommen hatte, am Ende auch Früchte trug.

Er wusste es einfach nicht – und wollte nicht darüber nachdenken, was geschah, sollte er scheitern.

Oder sollte er Erfolg haben.

*~*~*

Sie schöpften etwas Wasser und lösten den kleinen, gusseisernen Topf, der während ihrer Reise an Barons Flanke am Sattel befestigt war, um es über einem kleinen Feuer abzukochen. Zwar wirkte der Bach klar und sauber, aber er wollte sicher gehen, denn er säuberte damit den Arsch des Neugeborenen.

Die Rast dauerte etwas länger. Xaith säuberte den Bengel und wickelte ihn neu, wusch die Tücher aus, während Siderius sich auf einen vom Wasserstrom glattgeschliffenen Felsen gesetzt und die Stiefel ausgezogen hatte, um seine Blasen zu versorgen.

»Komm.« Xaith ging vor ihm in die Hocke, gab sich genervt, als er nach den dünnen Fesseln griff und sich die Blasen ansah.

Der Junge zischte und zuckte zusammen, als ob Xaith ihm die Klinge eines Breitschwertes aus der Brust zog, dabei stach er nur die vollgefüllten Blasen auf und ließ das Wasser ab.

»So ist es besser«, sagte er und hielt seine Hand über das offene Gewebe an den Sohlen, sammelte etwas Energie aus dem Boden, auf dem er kniete, und sandte heilende Ströme in die Wunden, um sie verschorfen zu lassen. »Das muss reichen.«

Siderius beobachtete ihn mit unergründlicher, stummer Miene, wirkte plötzlich äußerst zurückhaltend, gar schüchtern.

»Ich dachte«, sagte er zögerlich, »du musst deine Kräfte sammeln.«

Xaith atmete mit einem Stoß aus und erhob sich. »Kannst du nicht einfach Danke sagen?«

»Nein«, gab der Junge trocken zurück, zuckte mit den Schultern, als Xaith ihn mit verengten Augen ansah. Ohne eine Miene zu verziehen, sagte er im Brustton der Überzeugung. »Du hast mich lieb.«

Xaith drehte sich grunzend um und klopfte die Hände aneinander ab. Er blickte zum Himmel hinauf, Hochnebel zog sich um sie herum zu und verdeckte die Sonne, ein paar Vogelsilhouetten zeichneten sich im Dunst vor dem warmen, glühenden Ball des Himmelskörpers ab.

Er könnte behaupten, dass er Siderius nur geholfen hatte, weil es ihn nervte und aufhielt, dass er wegen der Blasen nicht schritthalten konnte, aber tatsächlich war es für ihn unerträglich, mitansehen zu müssen, wie er gelitten hatte. Diese großen, traurigen, dunkelgrünen Augen machten etwas mit ihm, etwas Unerklärliches, das ihn … berührte.

Er verzog das Gesicht, er mochte diese Gefühle nicht, obwohl sie ihn sein Leben lang begleiteten. Liebe, Zuneigung… schlicht die Fähigkeit, andere zu mögen, hatten ihm immer nur Kummer bereitet. Vaaks, Riath … Kacey. Die Liebe zu seinem Vater. Es tat weh, immer wieder, er wollte dieses zerreißende Gefühl nicht mehr fühlen, denn es wäre doch so viel einfacher, wäre ihm niemand wichtig.

Doch dem war nicht so, er konnte nicht ändern, wie sein Herz zu fühlen gedachte, sich nicht vor sich selbst verschließen. Wäre dem so, wäre er gar nicht erst auf dieser Mission.

Er konnte regelrecht das wissende Schmunzeln im Nacken spüren und hatte nicht übel Lust, den Kleinen ins Wasser zu schubsen. Aber die Aussicht darauf, sich die darauffolgenden Klagen darüber anzuhören, dass seine Kleider wegen der schwülen Hitze nicht trockneten und scheuerten war weniger erheiternd. Also ging er hinüber zu dem Bengel, der nach seiner Blutmahlzeit satt in seinen Decken am Ufer lag und den Schlaf der Gerechten schlief.

Xaith band sich seinen Neffen selbst um, schwer hing der kleine Klobs an seiner Brust, die warme Wange an den Streifen glatter Haut geschmiegt, der durch Xaith schwarzes, offenes Hemd hervorlugte. Das Neugeborene sabberte, Xaith glaubte bereits, winzige, nadelartige Fänge zu spüren. Er umhüllte das Kind mit seiner Aura und speiste dessen mit seiner Kraft, ließ sie kontrolliert in den winzigen Leib fahren, wie ein warmer Sonnenstrahl in die Poren der Haut, damit er wuchs und schneller alterte als je ein Kind zuvor.

Dies war die eine Sache, weshalb er das Kind brauchte, es war sein Versuch, ob es möglich war, ein Kind schneller heranwachsen zu lassen, als die Natur es vorgesehen hatte.

Er musste Erfahrungen sammeln, experimentieren. Damit er sie zu gegebener Zeit weitergeben konnte.

Sie machten sich wieder auf den Weg, Gagat und Petalit wiesen ihnen die Richtung, Baron trug ihre Lasten, die Wildnis bot ihnen Schutz.

Doch sie mussten sich sputen, denn er wusste, das Riath keinen Sichtkontakt brauchte, um ihn aufzuspüren. Und noch war nicht der richtige Moment und auch nicht der passende Ort erreicht, um sich mit Riath zu treffen.

Noch nicht, Bruder, aber bald.

Versprochen.

*~*~*

Kacey hatte eine grauenvolle Nacht verbracht, von Schmerzen gefoltert, gegen seine eigene Angst kämpfend, zitternd, panisch, erschöpft und kurz davor, einfach aufzugeben, hatte sich gegen die Magie aufgelehnt, die sich brennend wie Lava durch seine Venen gefressen hatte und hatte sie mit aller Macht zurückgedrängt, was ein weiteres verbrennendes Gefühl nach sich gezogen hatte. Übelkeit, Kopfschmerzen, Durchfall und Atemnot.

Auf die Qual folgte der schönste Morgen seines Lebens, denn als er die Augen blinzelnd öffnete – wobei er sich nicht erinnerte, wann er eingeschlafen war – leuchtete die Morgensonne sanft in sein Zimmer. Das Fenster stand auf, Nebel hatte sich gebildet, doch hinter ihm schien die rote Dämmerung hindurch. Es sah aus wie ein Bild, getünchte, zärtliche Farben. Weiße Häuser vor einem waldigen Hintergrund. Der Duft sich öffnender Blumen drang in seine Nase, wirkte beruhigend, ebenso der Gesang der Vögel. Es war ein unheimlich friedlicher Morgen, für den Kacey dankbar war.

Auf großes Leid folgte tiefe Ruhe, denn vor wenigen Stunden hatte er nicht ansatzweise so sehr wertschätzen können, sich gut zu fühlen.

Er hätte nicht erwartet, die Sonne noch einmal zu sehen.

Kacey fühlte sich schwach, seine Gliedmaßen zitterten als hätte er sie tagelang überanstrengt, in seinem Kopf herrschte ein dumpfer Druck, aber es ging ihm gut. Obgleich er deutlich in sich horchte und jedes Zwicken in seinen Muskeln ihn in Angst versetzte, doch seine Befürchtungen bewahrheiteten sich nicht. Er setzte sich im Bett auf und die Schmerzen blieben fern.

Getrocknetes Blut spannte auf seinen Wangen, er kratzte sich im Gesicht, während er die Beine über die Bettkante streckte und vorsichtig die Füße auf den Boden stellte.

Just in diesem Augenblick hämmerte es energisch an der Tür und er erschrak.

»Mein Prinz?« Es war Ardor, und er klang besorgt. »Geht es Euch gut? Es ist fast Mittag, wir haben noch nichts von Euch gehört.«

Mittag. Doch kein so friedlicher Morgen, eher ein idyllischer Tag.

»Mein Prinz? …. Kacey?« Ardor klopfte erneut. »Ich werde diese Tür eintreten, wenn Ihr nichts sagt.«

Kacey musste schmunzeln und spürte für den großen, stillen Krieger eine unheimlich tiefe Wärme. »Mir geht es gut, Ardor«, sagte er und erschrak ob seiner dünnen Stimme. »Ich bin jetzt wach.«

Es blieb still, doch er hörte keine Schritte.

Die Augen verdrehend, jedoch schmunzelnd zog er sich am Baldachin hoch, sodass seine hochgerutschte Robe herabfiel und sich um seine Fesseln schmiegte. Seine Knie waren noch zittrig und er schlurfte vorsichtig durch den Raum zur Tür. Kaum hatte er sie aufgeschlossen, wurde sie auch schon aufgerissen und sein Leibwächter stürmte an ihm vorbei in den Raum, die Hand auf dem Schwert und zugekniffene Augen, bereit, sich auf jeden Eindringling zu stürzen.

Dann stockte er, als er den Raum erblickte, richtete das breite Kreuz etwas auf, wobei sein Brustpanzer leise klimperte, und ließ die Augen über die Einrichtung wandern. »Bei den Göttern«, raunte der Elkanasai mit dem volkstypischen dunklem Haar und langen, spitzen Ohren, »was ist hier geschehen?« Er wandte sich zu Kacey um und weitete die Augen, als er ihm ins Gesicht sah.

Kacey hob die Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen. »Es ist nicht so schlimm, wie es aussieht.«

Aber das beruhigte seinen Leibwächter keineswegs, und er konnte es ihm auch nicht verübeln. Der Raum war verwüstet, obwohl Kacey sich nicht erinnern konnte, wie und warum es geschehen war. Bücher, Vasen, Blumen und loses Papier lagen am Boden, die Fenster standen alle offen, als ob eine Druckwelle sie aus den Rahmen gedrückt hätte. Das Bett war zerwühlt, die Kissen zerbissen, sodass alles von weißen Federn bedeckt war, als hätte es in seinem Schlafgemach geschneit. Und er selbst gab gewiss auch einen schaurigen Anblick ab.

Alles nicht so schlimm. Ja klar…, das hätte er sich nicht einmal selbst abgekauft.

»Ihr blutet.« Ardor bemühte sich sichtlich darum, die Fassung zu bewahren, wofür Kacey ihm sehr dankbar war.

Nickend schwankte er an seinem Leibwächter vorbei, zurück zum Bett, wo er sich erschöpft auf die Kante fallen ließ.

»Mein Prinz…« Der Leibwächter machte einen mutigen Schritt auf ihn zu, blieb dann aber stehen, als wäre er gegen eine unsichtbare Wand gelaufen. Noch nie war er Kacey zu nahegekommen, wenn nicht ausdrücklich erwünscht.

Kacey rieb sich die Stirn und versuchte, die Erschöpfung abzustreifen. »Ein… kleiner …Anfall«, versuchte er, es zu beschreiben.

»Anfall?«, echote der Krieger irritiert.

Kacey hob den Blick, sie sahen sich an, als sprächen sie beide eine andere Sprachen.

Niemand durfte je erfahren, dass seine Magie die Kontrolle hatte übernehmen wollen. Niemals. Es gehörte zu den Grundkursen, die ein Student bereits im ersten Lehrjahr absolvierte. Die Kontrolle über die eigenen Fähigkeiten. Ein Magier beherrschte seine Magie stets, er wurde nicht von ihr beherrscht. Eigentlich eine leichte Übung, vor allem wenn man mit Magie geboren wurde, wenn man innerlich im Reinen war und wenn man seine eigenen Gefühle kannte und einschätzen konnte. Denn Magie war Gefühl, Magie war an die Launen jedes einzelnen gebunden. Deshalb war Kontrolle wichtig, sie war das oberste Gebot. Wie Atmen um zu Leben.

Und er hatte niemals Probleme damit gehabt, bis zum gestrigen Abend.

Niemand durfte je davon wissen, sonst würden sie ihm seines neuen Amtes entheben, ihn nicht mehr lehren lassen, aber gerade jetzt brauchten die Magier ihn. Er musste stark sein.

Ardor stand mit ratloser Miene vor ihm, den Mund halb geöffnet, und wartete auf eine weitere Erklärung.

Er war sein Leibwächter, dachte Kacey, als er ihn betrachtete. Sein engster Vertrauter, sein Freund, er würde sein Geheimnis immer wahren, seine Treue galt nur ihm. Ihm allein. Er könnte mit ihm diese Bürde tragen.

Doch würde er es als Nicht-Magier verstehen? Oder würde er wie alle anderen Angst bekommen?

Niemand außer denen, die dabei gewesen waren, wussten von der fremden Macht, die er zusätzlich in sich trug und bändigen musste. Sollte er Ardor etwa auch davon erzählen?

»Diese verdammten Politiker«, er zwang sich zu einem Auflachen und machte eine wegwerfende Geste mit der schmalen Hand, an der noch Blut klebte.

Ardor runzelte die Stirn.

»Sie haben mich so aufgeregt«, fuhr Kacey fort und lachte unsicher auf. Er musste seine Verlegenheit nicht vortäuschen, es war echt, als er sich peinlich berührt über die Wangen strich. »Es hat mich alles etwas aufgewühlt.«

Skeptisch schielte der Leibwächter von links nach rechts und betrachtete dann wieder Kaceys Gesicht. Sein Argwohn war ihm nicht übel zu nehmen, immerhin hatte Kacey noch nie die Fassung verloren, für alle anderen war er immer der besonnene, der sanfte Prinz, jung und immer freundlich, ein stiller Teich, ein friedlicher Morgen, eine zärtliche Seele.

Tatsächlich war er das nur nach außen hin. Wer würde denn auch schon in aller Öffentlichkeit ausrasten? Das überließ er den Barbaren. Er selbst ließ sich erst gehen, wenn er allein hinter verschlossenen Türen war. Und natürlich hatte er auch schon das ein oder andere Mal in sein Kissen gebrüllt oder hineingeboxt, weil ihn die Machenschaften des Kaiserreichs in den Wahnsinn getrieben hatten. Das falsche Spiel in der Politik, die Lügen, das Heucheln, die Intrigen, die Auftragsmorde. Ja, auch er, der sanfte Kacey, hatte eine zornige Seite. Er wusste sie nur stets gut zu verbergen.

»Ihr habt geblutet.« Ardors dunkle Stimme holte ihn in die Gegenwart zurück.

Kacey blickte zu ihm auf, verstand zuerst weder seine Worte noch seinen fragenden Blick. Dann, als wollte das Blut selbst auf sich aufmerksam machen, spürte er, wie es auf seinen Wangen spannte wie leichte Verbrennungen.

»Oh ach das?« Er wandte das Gesicht ab und kratzte unwillkürlich die rostbraunen Überreste von seiner hellen Haut. »Ich … ich habe mich geschnitten und …«

Ihm fiel spontan keine gute Ausrede ein, die plausible geklungen hätte. Er stand auf und blickte Ardor entschuldigend an. »Es ist nichts Schlimmes, mir geht es gut. Siehst du«, er hob die Hände und Arme und drehte sie, »keine Verletzungen.«

Die dunklen Augenbrauen des Leibwächters zogen sich leicht zusammen, für einen Moment wirkte er enttäuscht. Er wusste, dass Kacey etwas verbergen wollte.

Entschuldigend und mit einem deutlichen Flehen, lächelte er Ardor an.

Die nackten Schultern des Leibwächters sanken herab, unter seinem Brustpanzer dehnten sich seine Rippen aus, als er tief einatmete.

»Magister?« Moonies helle Stimme erklang zögerlich hinter Ardor aus dem Empfangszimmer.

Kacey schloss die Augen, seufzte erschöpft, denn er wollte nicht schon wieder das Chaos erklären. Er war müde, er war verwirrt und verängstigt, und er wollte einfach nur alle Spuren verwischen. Vergessen. Sich in den Alltag stürzen.

Plötzlich drehte Ardor sich um und ging mit großen Schritten zur Tür, schirmte das Zimmer mit seiner großen Gestalt ab.

Kacey blickte verwundert auf.

»Der Prinz macht sich etwas frisch, er war sehr erschöpft und litt unter schlimmen Kopfschmerzen. Sorg dafür, dass ein Tablett mit Essen gebracht wird und ein Becher mit frischem Tierblut.«

»Wie Ihr wünscht, Herr!« Die Studentin eilte davon, ihre Stimme hatte ob der Aufgabe erleichtert geklungen.

Ardor schloss die Tür und drehte sich dann zu Kacey um.

Es bedurfte keiner Worte, sie sahen sich an. Ardor nickte ihm zu. Und Kacey lächelte ihn aus tiefster Dankbarkeit gerührt an.

*~*~*

Ardor half ihm, das Chaos zu beseitigen, ohne ein Wort, ohne weiter Fragen zu stellen. Sie mussten nicht darüber sprechen, Blicke sagten alles. Kaceys Leibwächter war ihm ob seines Schweigens nicht böse, er verlangte keine Erklärungen. Er vertraute ihm.

Es war ein schönes Gefühl, einen Freund zu haben, einen Komplizen, der nicht einmal verlangte, zu wissen, was vor sich ging, sondern schlicht ohne Gegenleistung für ihn da war.

Ardor erinnerte ihn seit diesem Tag ein wenig an Doragon, der Kacey vor Jahren aus der Sklaverei befreit und hierher zu seiner Familie gebracht hatte. Doragon, dem er alles verdankte und den er als Beschützer ebenso vermisste wie als Freund. Manchmal sehnte er sich sehr danach, sich einfach wieder wie ein Junge auf die Stärke und Klugheit seines Retters zu verlassen, auch wenn seine kleine, kindische Schwärmerei für diesen längst tiefer, unschuldiger Zuneigung gewichen war. Aber Kacey war gewiss nicht schwach oder unfähig, sich selbst zu schützen, auch wenn es verlockend klang, Sorgen auf andere abzuwälzen und sich auf den Schutz starker Arme zu verlassen, war er mittlerweile auch ein klein wenig zu eitel, um nicht für sich selbst zu sorgen.

Selbst wenn es schön wäre, sich wenigstens hin und wieder auf einem anderen ausruhen zu können, um selbst zu verschnaufen.

Eine Partnerschaft, das wünschte er sich, einen Gefährten, und gewiss nicht einen Gatten, der alles für ihn entschied und ihn bevormundete wie ein Kind, oder wie ein Hausfrauchen. Weshalb er die Kuppler aus der Stadt vehement abwehrte, denn trotz Magier-Konflikt standen die Freier Schlange und wollten den Bastard des Kaisers zu ihrem Eigen machen, um sich in die kaiserliche Familie einzuschleichen.

Der Tag war bereits angebrochen und Kacey kam viel zu spät zu seiner ersten Vorlesung. Der Saal war voller als die Monate zuvor, was ihn sofort lächeln ließ. Aber nicht nur Studenten des dritten Semesters saßen in den Reihen, es hatten sich auch einige ältere Magier dazugesellt und ihm zugesehen. Viele von ihnen waren keine Lehrer, sondern Heiler, Vagabunden, einfache Bauern aus Elkanasai, oder Söldner. In Ungnade gefallene Magier, die sich nicht an die Regeln gehalten hatten oder nicht bereit gewesen waren, ihre Fähigkeiten dem Allgemeinwohl zu opfern. Denn noch immer arbeiteten die Magier der Akademie selbstlos und baten allerhöchstens um Spenden. Kranke und Bauern durften an ihre Pforten klopfen und um Hilfe bitten, wenn sie bereit waren, Schülern die Möglichkeit zu geben, ihre Magie an ihnen zu üben. Einnahmen machten sie nur durch den Verkauf von Büchern und Forschungen.

Kaum stand Kacey am Podium und begann über die Grenzen zwischen dunkler und helfender Magie zu sprechen, rückte die qualvolle Nacht in den Hintergrund und er konnte seine Furcht und Verwirrung erfolgreich aus seinen Gedanken verdrängen.

Bis zum Nachmittag war er mit Kursen beschäftigt, dann drang Ardor ihn zu einem üppigen Mahl in den Garten der Akademie. Es gab Rebhuhn und gedünstetes Gemüse, Honigwein aus dem Palast und Törtchen. Kacey speiste an seinem Lieblingsplatz, unter einer Linde aus Nohva an einem Tisch mit feiner Mosaikplatte mit Blick auf die stille Parkanlage. Grünes, gestutztes Gras breitete sich wie ein Teppich zwischen hohen Rosenbüschen aus und wurde von Kieswegen durchzogen. Es gab viele Blickdichte Orte, jeder bot eine andere exotische Pflanzenwelt. Es gab den Kirschblütengarten, den Rosengarten, den Lindenweg, den düsteren Tannengarten. Magier kümmerten sich darum, dass die Bedürfnisse jeder fremdländischen Pflanze gestillt wurden. So wie in der Stadt, war auch der Park der Akademie riesig und artenreich, ein kleines Paradies, um Ruhe zu finden.

Nachdem Essen luden Studenten im Park ihn ein, sich zu ihnen auf eine Decke unter einen Baum zu setzen, während die letzten warmen Sonnenstrahlen auf den Rasen fielen. Ardor blieb wie eine Statue in der Nähe, so wie immer, während Kacey mit der Gruppe aus sechs jungen Elkanasai zusammensaß und über die Magier Situation diskutierte. Nervosität und Zwiespalt herrschte unter den Zauberkundigen.

»Magister, habt Ihr gehört, was heute in der Stadt los war?«, fragte ihn ein junger Mann mit spitzen Ohren und feurigen Augen, dem die Jugend noch ins Gesicht geschrieben stand.

Nicht, dass Kacey als Luzianer älter ausgesehen hätte, aber bei kurzlebigen Völkern strahlte das jugendliche Blut immer sehr hell, dafür erlosch es auch umso schneller.

Auf die Frage hin schüttelte Kacey verwundert den Kopf. Tatsächlich war er sonst immer viel unterwegs und vor allem besuchte er den Palast und die kaiserlichen Gärten, doch an diesem Tag hatte es zu viel in der Akademie zu tun gegeben.

»Lizzi« - er wusste nicht, zu welchem seiner Studenten dieser Kosename gehörte - »war heute in der Einkaufsgasse, im Handelsviertel. Sie wollte Pergament und Tinte besorgen, da wurde sie doch tatsächlich aus dem Laden gejagt.«

Kacey glaubte, sich verhört zu haben. »Was?«, er schüttelte irritiert den Kopf. »Aber wieso denn…?«

Er wusste es im ersten Moment wirklich nicht, konnte sich keinen Grund vorstellen, weshalb eine seiner Studenten aus einem öffentlichen Geschäft geworfen werden sollte.

»Weil sie eine Magierin ist«, entgegnete der junge Mann und schnaubte verachtend.

»Moment!« Kacey hob einhaltgebietend die Hand, bevor voreilige Schlüsse gezogen wurden. »Aber er konnte doch nicht wissen, dass sie zauberkundig ist, man sieht uns das wohl kaum an.«

»Sie trug eine Robe«, klärte ihn eine junge Schülerin von rechts auf. Sie hatte dunkle Locken und ein hartes Gesicht, bedauernd schüttelte sie den Kopf, als sie die Arme vor der flachen Brust verschränkte.

»Der Ladenbesitzer«, erzählte der junge Elkanasai, der von der Geschichte angefangen hatte, an die Gruppe gewandt weiter, »hat Lizzi sofort zur Tür hinaus verwiesen ›Dich bediene ich nicht, Magierschlampe, raus hier‹. Und als sie sich weigerte, hat er sie grob am Arm gepackt und rausgeschleift, sie in den Dreck gestoßen und angespuckt. Passanten blieben stehen oder machten einen Bogen, aber niemand hat ihr geholfen.«

»Warst du dabei?«, fragte ein anderer schockiert.

»Ich stand auf der anderen Straßenseite und habe sie gesehen, habe sie dann hierher zurückbegleitet, während sie mir alles erzählt hat. Die Arme ist noch sehr aufgelöst, liegt im Bett.«

Kacey fühlte sich, als ob er fallen würde. Seine Hand begann wieder zu zittern und in seiner Brust wurde es enger, doch er drängte das Gefühl zurück. Unglauben ließ ihn für einen Moment nicht einmal begreifen, was ihm dieser Junge gerade erzählt hatte.

»Das ist unerhört«, brach es leise, aber nicht minder empört aus ihm heraus. »Sie muss das sofort melden.«

Der junge Magier sah ihn wieder an und hob ratlos die mageren Schultern. »Hab ich auch gesagt, aber sie möchte nicht, sie hat Angst und möchte keinen Ärger bereiten.«

»Dann werde ich in ihrem Namen eine Beschwerde einreichen«, beschloss Kacey mit einer unbeschreiblichen Wut im Magen. »Es war nicht ihre Schuld.«

Er sah die anderen an, deren junge Gesichter zu Boden starrten und ihre Unsicherheit und Zweifel preisgaben. Es zerriss ihm das Herz, er wollte sie alle in den Arm nehmen und ihnen versichern, dass nichts falsch an ihnen war. Er kannte das Gefühl zu gut, sich ungewollt zu fühlen, wertlos. Als ob sie keine Menschen, sondern Ungeziefer wären.

»Das Gesetz ist immer noch auf unserer Seite«, machte er ihnen Mut, »niemand hat das Recht, uns aus irgendwelchen Läden rauszuschmeißen oder uns wie Streuner auf der Straße anzuspucken! Er wird dafür eine saftige Strafe erhalten.«

Sie nickten, lächelten schwach. Er wusste, dass es für sie nur ein schwacher Trost war, vor allem für die Betroffene, denn die Demütigung würde dadurch auch nicht wiedergutgemacht werden.

Er wünschte, er könnte mehr tun, aber er konnte und durfte nur den offiziellen, diplomatischen Weg über die Behörden gehen. Persönliche Rache wäre zwar typisch für das Kaiserreich, würde diesen widerlichen Mistkerl jedoch nur zum Märtyrer machen. Viel wütender machte es Kacey, dass kein Passant dazwischen gegangen war.

»Was denkt Ihr?«, wollten sie von ihm wissen. »Sollten wir uns wehren? Ich habe gehört, in Nohva hätten sich die Magier gewehrt und seitdem wäre es dort etwas stiller geworden.«

»Es sieht wohl so aus, dass bei einem Aufstand in Nohva die Magier gezwungen waren, sich zu verteidigen«, stimmte er zu, betonte aber, dass sie nicht mit der Gewalt angefangen hatten. »Im Moment kam es nicht zu weiteren Gewalttaten, auf keinen Seiten, doch die Situation bleibt angespannt, denn jetzt ist Nohva gespalten, in Magier und ihre Feinde, und dazwischen stehen die, die zu König Wexmell halten und das Volk wieder geeint sehen wollen. Es ist… eine verzwickte Lage dort, doch im Moment bleibt es ruhig.«

»Die Magier dort haben wenigstens einen Prinzen, der für sie einsteht und sie anführt, sie beschützt«, sagte der Student, der auch Lizzis Geschichte erzählt hatte, und kratzte sich an seinem rechten Spitzohr, während er in die Runde blickte. »Ich meine, sie haben jemanden, der die Stimme für sie erhebt.«

»Wir haben doch auch einen Prinzen«, scherzte eine Magierin und lächelte Kacey zu. »Er spricht für uns bei den Versammlungen und er gehört zum Kaiserhaus.«

Er lächelte zurück, musste sich jedoch dazu zwingen, denn eigentlich war er nur ein Bastard, und so sehr sein Vater und seine Stiefmutter sich auch bemühten, ihn aufzunehmen, spürte er doch noch immer, dass er nicht vollwertig zur Kaiserfamilie gehörte. Nur zum Teil, einem großzügigen Teil, für den er sich dankbar zeigen musste. Doch je mehr die Unruhen sich verstärkten, je mehr spürte er, dass die Bürger ihn mehr und mehr als Magier wahrnahmen, denn als Sohn des Kaisers. Was vermutlich auch ein wenig daran lag, dass Kacey wie sein Großvater ein Luzianer war, während sein eigener Vater, Kaiser Eagle, nur die Gene seiner Mutter besaß und somit als Mensch geboren worden war. Kacey war im Palast der einzige Prinz, dessen Blut luzianisch war.

»Ich meine ja nur.« Der Student wirkte vorsichtig, als ob er das, was er dachte, unbedingt sagen wollte, aber wusste, dass seine Worte ihn nicht bei allen beliebt machen würden. »In Nohva wird unseresgleichen angegriffen, gejagt, und wir sitzen hier und müssen tatsächlich noch mit dem Kaiser und dem Rat darüber diskutieren, ob wir uns selbst schützen dürfen, obwohl die Hexenjäger bereits hier Anhänger gefunden haben?«

»Nun ja, sie fürchten, wir könnten unsere Magie gegen sie wenden«, erklärte Kacey. Insgeheim fiel es ihm schwer, noch Rechtfertigungen für das Verhalten der Bürger zu finden.

»Aber wir sind doch alle gleich!«, entgegnete der junge Mann aufgebracht. »Wir sind alle ein Volk, warum sollten wir gegen uns selbst kämpfen? Unser Schutz ist doch auch der Schutz des gesamten Reichs!«

»Ja, das ist wohl wahr. Und wir müssen darauf vertrauen, dass der Rat dementsprechend entscheidet.«

»Aber Ihr glaubt nicht daran.«

»Das habe ich nicht gesagt«, warf Kacey schnell ein und lächelte nachsichtig. »Ich sage nur, dass wir derzeitig nur abwarten können.«

»Oder wir tun es einfach«, forderte der enthusiastische Magier, »sie müssen ja nicht wissen, dass wir uns vorbereiten. Niemand bekommt mir, was wir hier tun.« Seine Augen leuchteten und er wartete gespannt auf Kaceys Erwiderung. »So wie Ihr das Alptraumfeld beschworen habt, obwohl der Zauber dazu in dem verbotenen Teil der Bibliothek untergebracht war. Niemand wird wissen, was wir in den Vorlesungen lernen.«

Der Zauber für das Alptraumfeld hatte Xaith aus dem verbotenen Teil entwendet und auf Kaceys Tisch liegen lassen. Es war ein Band über allerlei verrufene Zauberei, darunter auch, wie man totes Gewebe wieder lebendig macht. Ein Buch, das Kacey längst hätte zurückschmuggeln müssen, wovon ihn seine verdammte, gefährliche Neugierde abgehalten hatte.

»Wir brauchen keine Zustimmung, wenn wir uns selbst schützen müssen!«

Wie gerne er ihm zustimmen würde. Doch Kacey wich ihm gekonnt aus: »Es würde sicher nicht jedem gefallen, wenn wir verbotene Zauberei in der Akademie lehren und somit alle, die hier Schutz suchen, zu Mittätern machen.«

Der junge Mann seufzte enttäuscht, er schüttelte den Kopf. »Ich denke, wir sollten uns wehren und diesen Hexenjägern zeigen, dass wir nicht hilflos sind. Genau wie der dunkle Prinz in Nohva!«

»Riath«, - Kacey konnte nicht erklären warum, aber er hasste es, wenn Riath als dunkler Prinz bezeichnet wurde - »hat gewiss seine Gründe gehabt, zurückzuschlagen. Sie haben ihm keine Wahl gelassen, Gewalt ist ausgebrochen und er kam mit einer Armee, um die Ausschreitungen zu beenden.«

Der Student sah ihn mit klugen Augen direkt an. »Und hätten nicht viel mehr Menschenleben gerettet werden können, hätte König Wexmell ihm gestattet, seine Übermacht schon zuvor einzusetzen, um die Ausschreitungen gar erst zu verhindern?«

Kacey wusste, dass er eine Position besetzte, die ihm die Pflicht auferlegte, seine jungen Schüler zu besänftigen und ihnen mit weisem Rat zu begegnen. Doch er nickte, bevor er sich davon abhalten konnte. Er war nur ein paar Jahre älter als sie, hatte seine Prüfungen schneller abgeschlossen als je ein Magier vor ihm, war der jüngste Oberste Magister aller Zeiten und hatte jeden Abschluss mit Bestleistung absolviert. Sie sahen zu ihm auf, und sein Herz war genauso jung und feurig wie ihres, wenn es darum ging, ihre Zunft in Schutz zu nehmen.

Natürlich hätten Menschen gerettet werden können, hätte man in Nohva früher gehandelt. Doch in einer Ecke seines Herzens wollte er so nicht denken. Er wollte vernünftig sein und ein Sprecher des Friedens, versuchte angestrengt, seine eigene Wut über die Ungerechtigkeit, mit der man seinesgleichen behandelte, niederzuringen und objektiv zu bleiben.

Doch es fiel ihm zunehmenden schwerer und er musste sich mehr denn je eingestehen, dass man nicht immer der war, der man gerne wäre. Das Herz wollte, was es wollte, und seines sehnte sich nach Gerechtigkeit und nach mehr Respekt gegenüber der Magie.

Die Wahrheit war, dass er Riath bewunderte, für das, was er war und für seine Entschlossenheit. Und ja, er hasste sich dafür, denn Riath war kein guter Mann, er intrigierte, er verriet, er ging über Leichen. Das war Kacey genauso bewusst, wie die Tatsache, dass alles nur noch schlimmer kommen würde, wenn die Magier sich gegen ihre Feinde auflehnten.

Denn je mehr man ihnen nachsagte, eine beständige Gefahr für die Normalsterblichen zu sein, je mehr mussten sie zeigen, wie friedlich sie waren.

Riaths Handlungen waren unter den Magiern gefeiert, gelobpreist, aber Kacey wusste, dass sie auch dazu führten, dass sich das Bild des bösen Magiers verstärkte. Dass Riaths Mut zum Einsetzen der Magie dazu führte, dass sie alle noch mehr gefürchtet wurden.

Man hielt Riath bereits für einen Gott – einen Gott, der sie alle in die Knechtschaft zwingen könnte.

Und doch war er auch ein Schild, ein Vorbild, ein … Retter.

Denn für die Magier fühlte es sich derzeit an, als müssten sie sich nackt und mit Kissen als Schilden gegen ein gepanzertes, bis an die Zähne mit scharfen Klingen bewaffnetes Heer stellen. Und wehe dem, der einen Stein warf, um sein Leben zu verteidigen, derjenige würde aufgrund der Tatsache niedergestreckt, dass sich zu wehren für einen Magier immer den Tod bedeutete.

»Der dunkle Prinz«, eine andere Schülerin erhob zaghaft das Wort und suchte Kaceys Blick, »es heißt, er sei ein Dämon oder gar ein Dämonenfürst. Dass man ihn nicht töten kann und dass viele seiner Getreuen ihn mit ihren Seelen speisen und danach willenlose Untote sind. Ist das wahr?«

Alle Blicke ruhten auf ihm, ein halbes Dutzend Studenten warteten auf seine Einschätzung. Er konnte nicht sagen, ob er Furcht oder Begeisterung in die Augen dieser jungen Magier las, es war eine Mischung aus beidem, würde er behaupten.

Riath war unter den Magiern ein Lauffeuer, das in jeden Verstand eingedrungen war. Er war ein lebendiger Mythos, etwas, über das heiß debattiert wurde. War er gut oder böse? War er mächtig oder übertrieben die Geschichten?

Wer war er denn nun, dieser dunkle Prinz.

Kacey hasste es, dass er dieser Tage immer häufiger diesen Namen hörte. Prinz Riath M`Shier, Sohn des Blutdrachen, Erbe Nohvas. Dunkler Hexenprinz. All die Gespräche über ihn, das Geflüster an jeder Ecke der Akademie. Immer wieder die Erinnerung an ihn und das Wissen, dass er Riath auf eine Art kannte, wie es sich seine Schüler nicht vorstellen konnten. Sie wussten, dass Kacey zusammen mit ihm gereist war, dass er mit ihm zusammen das Götterportal geschlossen hatte.

Sie wussten nicht, dass sie sich geliebt hatten, dass sie sich in den Armen gelegen und sich gegenseitig bis auf den Grund ihrer Seelen geblickt hatten. Sie hatten keine Ahnung, wie verräterisch sich sein Herz zusammenzog, wann immer er nach Riath gefragt wurde.

Kacey musste den Kopf schütteln, um sich in die Gegenwart zurückzubringen. »Er…«, begann er und versuchte, unbeteiligt zu klingen, »ist gewiss eine … einzigartige Persönlichkeit.«

Milde ausgedrückt.

»Aber Ihr seid mit ihm gereist!«, drängte der junge Student, der die meiste Zeit redete und offensichtlich der Mittelpunkt der Gruppe war, denn ob Jungen oder Mädchen, sie alle schienen ihn und seine schönen dunklen Augen und dunklen Haare anzuhimmeln. »Wie ist er so? Ist er wirklich böse, oder wird er nur dazu gemacht?«

Kacey hob die Augenbrauen, während er die Decke anstarre, auf der sie saßen. Sie hatte schöne Stickereien und war gewiss von einer tüchtigen Schneiderin gefertigt worden.

War Riath böse? Gute Frage, die er sich jeden Tag selbst mehrfach stellte, er grübelte manchmal nächtelang darüber.

Aber was war schon Böse und Gut, wer bestimmte das, und konnte man die Welt wirklich in Gut und Böse einteilen?

»Wie ist er wirklich?«, wollten seine Studenten von ihm wissen und warteten gespannt auf seine Antwort, wie Vogelküken, die vor der Mutter saßen und warteten, dass sie das Essen verteilte.

Wie war Riath wirklich…

Arrogant, schnöselig? Egoistisch? Ja, manchmal. Gierig, temperamentvoll? Auf jeden Fall. Nervtötend. Unbändig. Unbeugsam. Er ließ sich nicht so einfach abwimmeln und er akzeptierte kein Nein – außer von seinem Vater, der nicht mehr lebte. Er war ungezähmt, ungeschliffen. Aber Kacey hatte ihn auch aufopfernd erlebt. Selbstsicher, fürsorglich, heldenhaft. Stark. Verwirrt, verletzlich und auch sanft, auf seine Art. Er war ein Beschützer. Er war humorvoll. Intelligent, charmant, eine strahlende Sonne, die wärmte und die verbrannte.

»Er…«, Kacey starrte noch nachdenklich auf die Decke, bemerkte die verwirrten Blicke nicht, während sich seine Lippen zu einem geheimnisvollen Lächeln verzogen, »… hat ein Herz aus goldenen Flammen.«

~4~

Liebster Riath,

ich versuche seit drei Tagen, die richtigen Worte zu finden. Es ist nun ein halbes Jahr her, dass du ohne ein Wort des Abschieds nach Hause gereist bist. Mir ist bewusst, dass du eine schwere Zeit durchmachen musst, dass du den Verlust deines geliebten Vaters betrauerst. Er war ein großer Mann, Riath, so wie du es nach ihm sein wirst. Ich bin mir dessen sicher. Als wir uns liebten, und verzeih meine romantische Beschreibung, habe ich gespürt, dass du dich davor fürchtest, in seine Fußstapfen zu treten und dann zu versagen. Du hast dich immer an ihm orientiert und jetzt fragst du dich, wer du ohne ihn bist. Hab keine Furcht davor, der zu sein, der du bist. So übel ist der Mann nicht, den ich gesehen habe. Der wahre Mann, er ist stark und er ist gewiss einzigartig.

Riath, ich weiß nicht, ob du mich vielleicht deshalb an jenem Morgen nicht mehr sehen wolltest und dich davongeschlichen hast, weil ich unsere Seelen, ohne dich zu fragen, verschmelzen ließ. Ich wollte schlicht, dass du siehst, wer ich wirklich bin. Dass wir nicht so verschieden sind, wie ich gerne vorgebe.

Ich muss gestehen, dass ich verletzt war, als ich allein aufwachte, und ich gebe zu, dass ich die letzten Monate trotzig darauf gewartet habe, dass du mir schreibst. Bis mir bewusstwurde, dass es nicht an dir ist, mir zu schreiben, und dass ich, wenn ich von dir hören möchte, selbst zur Feder greifen sollte.

Und das tue ich hiermit. Um dir eigentlich nur eines mitzuteilen.

Mir bedeutet die Nacht mit dir alles, und meine Gedanken sind bei dir, immerzu.

Wenn du auch so fühlst, und sei es nur ein bisschen, lass es mich wissen.

In Liebe und Zärtlichkeit,

dein Kacey.

Die Kerzen warfen tanzende Schatten auf die Zeltwand und draußen zog ein Sturm auf. Riath konnte die schweren Wolken und den bevorstehenden Regen spüren, ebenso den aufkommenden Wind, der das Blätterdach des Waldes rascheln ließ, und die Feuchtigkeit und das Knistern in der dichten lebendigen Aura der Wildnis. Er spürte es als Kitzeln und Kribbeln auf und unter der Haut, als ob er eins mit der Natur wäre. Der Sturm lud sich an ihm auf – und er lud sich an ihm auf. Riath konnte den Umschwung des Wetter immer spüren, vor allem wenn es sich um ein Gewitter handelte.

Außerdem stank es nach nassem Hund. Es stank immer nach nassem Hund, kurz bevor der Regen einsetzte.

Riath strich mit dem Daumen über die Zeilen, das Papier war vergilbt, übersät mit seinen eigenen Fingerabdrücken, die Ränder lösten sich bereits auf, weil er den Brief immer mit sich trug. Und noch immer nicht darauf geantwortet hatte.

»Ha! Jetzt … sitzt … du … in der Falle!« Marks hob die Hände, nachdem er eine Figur auf dem Brett versetzt hatte, und klatschte einmal triumphierend.

Riath sah nicht einmal hin, starrte noch immer gedankenverloren den Brief an.

Hab keine Furcht davor, der du sein, der du bist.

Aber jetzt hasst du mich, dachte er und nagte an der Innenseite seiner Wangen, während er versuchte, das beengte Gefühl in seiner Brust zu deuten.

Er bekam die Schadenfreude seines Getreuen nur am Rande mit. Sie saßen vor dem Bett auf zwei klapprigen Stühlen, ein viereckiger Tisch stand in ihrer Mitte, Marks war ihm und dem Spielbrett zugewandt, ganz konzentriert, während Riath mit überschlagenen Beinen so auf dem eigenen Stuhl saß, dass er auf den Eingang blicken und den Arm über die Rückenlehne legen konnte, als Stütze für seine Hand, mit der er den Brief vor sein Gesicht hielt. Er zeigte Marks nur sein Profil, schien das Spiel kaum zu beachten.

Sein Getreuer lehnte sich in seinem Stuhl zurück und verschränkte vor der breiten, in schwarzes Leder gewandeten Brust die muskulösen Arme, wie ein General, der von einer Anhöhe aus auf ein blutiges Schlachtfeld blickte und den Sieg bereits sicher hatte.

Riath streckte den freien Arm aus, ließ die Hand scheinbar suchend über die Köpfe der hölzernen Spielfiguren gleiten und machte seinen letzten Zug, ohne hinzusehen. »Deine Königin fällt«, sagte er gelangweilt und warf Marks Spielfigur um.

Marks fiel das Grinsen aus dem Gesicht. Er klappte wie eine Holzpuppe nach vorne und starrte ungläubig auf das Brett, als hätte Riath ihm vor seinen Augen ins Essen gespuckt.

»Aber…«, stammelte er fassungslos, »…aber… wie… hast … Das kann doch gar nicht sein! Du hast nicht mal hingesehen!«

Riath faltete den Brief mit einer Hand zusammen und steckte ihn wieder unter sein Hemd, wo er seitjeher verborgen lag. »Du wirst immer besser.« Er stand auf.

Marks‘ Blicke folgte ihm, sein Kiefer stand noch immer offen und seine Arme waren zu einer stummen, verständnislosen Geste erhoben. »Wie?«

»Es ist Melecays Lieblingsspiel.« Riath ging zum Tisch, auf dem ein Krug mit Wein und Kelche aufgebahrt waren, und schenkte ihnen ein. »Das Spiel der Könige. Es heißt, niemand hatte ihn je geschlagen.« Er schnaubte, stellte den Krug wieder ab. »Lügen, wenn du mich fragst. Aber selbst wenn nicht…«- mit beiden Kelchen ging er zurück, setzte sich und überreichte Marks einen davon - »…muss ich dieses Spiel blind können, denn er kann es auf jeden Fall.«

Marks nahm den Kelch entgegen und lehnte sich im Sitzen zurück. »Du versuchst noch immer, wie er zu denken.«

»Falsch«, Riath nippte an seinem Wein, dann zeigte er mit einem ausgestreckten Finger und dem Kelch in der Hand auf seinen Berater, »ich versuche klüger und schneller zu denken als er.«

»Und glaubst du wirklich, dass ein Brettspiel uns dabei hilft?« Marks schwenkte nachdenklich den Wein direkt unter seiner Nase, sein Gesicht wurde grimmig.

Riaths Blick schweifte ab. »Nein, aber es kann auch nicht schaden, immerhin spielen wir gegen ihn. Es ist gut zu verstehen, wie er denkt.« Er würde diesem Mistkerl einfach in allem trumpfen. In allem. Dazu brauchte er nicht mehr, als sein Denken zu verstehen.

Im Augenwinkel krampfte sich Marks‘ Hand um seinen Kelch zusammen, sodass die Knöchel weiß hervortraten und die Sehnen wie gespannte Stricke unter der Haut aussahen. »Wie kannst du hier nur so ruhig sitzen und nichts tun, ich drehe bald durch.« Er riss sich zusammen und fuhr sich mit den Fingern über die Augen, lehnte sich wieder nach vorne, als ob er Halt an der Tischkante suchte und sich darauf stützen musste. »Ich schlafe unruhig, wälze mich umher, wandere ziellos herum. Ich will endlich etwas tun, endlich zurückschlagen. Aber du … du sitzt hier und spielst Spiele und trinkst Wein. Das macht mich wahnsinnig.«

Riath sah ihn mit schiefgelegtem Kopf besserwisserisch an, er blinzelte liebreizend. »Und glaubst du nicht auch, dass es ebenso unsere Feinde wahnsinnig macht?«

Marks runzelte die Stirn, doch aus seiner Miene war herauszulesen, dass er verstanden hatte.

»Sie erwarten, dass ich den nächsten Zug mache, sie sind darauf vorbereitet, Marks.«

»Aber wir haben doch nicht viel Zeit, Melecay, Eagle, Kacey, Xaith. Alles überschlägt sich!«

»Vertrau mir«, säuselte Riath schmunzelnd, er war die Ruhe in Person. »Ich habe alles unter Kontrolle.«

Marks nagte dennoch nervös an der Innenseite seiner Wange. »Ich weiß, dass du das hast, aber mein Geist ist unruhig, Abwarten liegt mir nicht im Blut.«

»Dann solltest du lernen, zu meditieren und innere Ruhe zu finden, denn die wirst du in den nächsten Tagen brauchen.«

Marks starrte ihn an, als ob er ihn zum Tode verurteilt hätte. »Was hast du vor?«

»Ich habe einen Plan und werde heute Nacht mit seiner Ausführung beginnen.« Riath hob den Kelch an die Lippen und trank gemächlich, während Marks` neugieriger Blick auf seiner Wange brannte und sein Getreuer wie ein Jagdhund auf der Stuhlkante saß, bereit dazu, wie ein abgeschossener Pfeil der Beute hinterher zu jagen. Riath ließ sich Zeit mit dem Schlucken, weil er ein Arschloch war.

Er wandte Marks das Gesicht zu. »Aber du wirst ihn hassen.«

Sein Gegenüber wirkte nicht überrascht, eher gelangweilt. Er seufzte, dabei schien sein Oberkörper wie ein ausgehöhlter Erdhaufen in sich zusammen zu sacken. »Wann habe ich je einen deiner Pläne gemocht?«

Riath grinste verschlagen.

~5~

Ein Sturm zog auf, kaum dass die Sonne untergegangen war, hatte sich der Horizont mit dunklen, bedrohlichen Wolken zugezogen und in der Ferne zuckten bereits grelle Blitze durch die schwarzen Formationen. Der Wind war schwül, aber Kacey schloss dennoch die Fenster. Ihm war kalt, seine Zehen und Finger fühlten sich an wie Eiszapfen, waren steif und blutleer.

Da er ausnahmsweise an diesem Tag ordentlich gegessen hatte – Ardor sei Dank –, wusste er instinktiv, dass auch dieses Phänomen nichts mit seiner sterblichen Hülle zu tun hatte, sondern mit seiner Magie. Er konnte fühlen, wie unruhig seine goldene Aura war, wie ein See, in den man einen Felsen geworfen hatte, sodass die spiegelnde Oberfläche Wellen schlug.

Nachdem er die Buntglasfenster geschlossen hatte, ging er zurück zu seinem Tisch, der im Schlafgemach stand, von zwei Kerzenständern erhellt, und beugte sich wieder über die Bücher, die er zu diesem Thema herausgesucht und aufgeschlagen hatte.

Er las nicht in seinem Studierzimmer, da er die Arbeit nicht mit dem Privaten verbinden wollte, zumal Studenten manchmal in diesen Raum kamen. Noch immer wollte er um jeden Preis verhindern, dass jemand mitbekommen könnte, wie er mit seiner eigenen Kontrolle rang.

In seinem Schlafgemach fühlte er sich sicher, niemand außer ihm und Ardor kamen hier herein, es sei denn, er gestattete es, wie bei … Xaith.

Aber das Thema war erledigt. Geschichte. Die zarten Berührungen, der sanfte Liebesakt Nacht für Nacht nur noch eine Erinnerung an etwas, das niemals hatte sein können.

Der Hauch einer süßen Liebe.

Mit dem falschen Mann.

Wie so oft.

Kacey schloss die Augen, wusste nur zu gut um seine Schwäche für M´Shiers, als ob das Schicksal es vorsah, dass sie sich zueinander hingezogen fühlten. Er schüttelte den Kopf, verbannte Erinnerungen und Sehnsüchte und klappte die Lider auf, um sich auf die Zeilen aus dem Buch zu konzentrieren.

Ein Lehrbuch über Kontrolle.

Er las und las, schüttelte dabei aber frustriert den Kopf. Das, was er die ganze Zeit befürchtete und was er tief im Herzen bereits die ganze Zeit wusste, bestätigte sich nur damit.

Wenn ein Magier die Kontrolle über seine Fähigkeiten verlor, hing das mit seinen Gefühlen zusammen. Vor allem bei Kindern geschah dies häufig, oder bei Zauberkundigen, die von ihrer Begabung nichts wussten. Ein Wutanfall, tiefe Trauer, Freude und starke Lust, wie beim ersten Liebesakt, führten zum Kontrollverlust.

Aber Kacey war gestern nicht übermäßig aufgewühlt gewesen, hätte er ein Problem damit, seine Magie zu kontrollieren, dann wäre dies während der Versammlung bereits geschehen.

Tatsächlich hatte er in dem Moment, als es geschah, nur dagesessen und war von seiner Arbeit abgelenkt gewesen. Müdigkeit und Erschöpfung halfen Magiern sogar, ihre Fähigkeiten unter Kontrolle zu behalten. Meist machte Magie sich selbstständig, wenn sie unterdrückt wurde.

Beides hatte er nicht getan.

Nein, Kaceys Sorgen wurden bestätigt, der Vorfall hatte nichts mit ihm zu tun, sondern mit der fremden Macht, die in ihm eingeschlossen war. Ganz gleich, wie sehr er mit seinen angeborenen Fähigkeiten im Reinen war, die göttliche Magie in ihm besaß ein gefährliches Eigenleben.

Und sie wollte seinen Körper übernehmen.

Kacey stützte nachdenklich das Kinn in eine Hand und rieb mit den kalten Fingerspitzen über seine vollen, weichen Lippen. Es gab keine Aufzeichnungen über seine Art Problem, denn so etwas hatte es noch nie zuvor gegeben. Er musste selbst forschen, er war auf sich allein gestellt. Und er fürchtete, seine Mitleidenden um Hilfe zu bitten, denn er hatte den Eid nicht vergessen, den Sarsar ihnen allen abgenommen hatte.

Sollte einer von ihnen das Siegel brechen und die göttliche Macht ausnutzen, waren alle anderen verpflichtet, diesen zu suchen und zu vernichten.

Wen sollte er auch um Hilfe bitte oder auch nur um Rat ersuchen? Xaith war verschwunden, als er die Briefe von Riath entdeckt hatte, Desith kümmerte es nicht, was mit anderen geschah, Sarsar war … tot oder verschollen, wer wusste das schon. Vaaks? Kacey bezweifelte, dass dieser einfache Mensch auch nur verstand, was er da eigentlich in sich trug, außerdem hatten sie kaum drei Worte gewechselt. Derrick kannte er eben so wenig, wusste nicht einmal, wo dieser war. Und Korah, Place und Ragon befanden sich irgendwo im Dschungel von Zadest.

Bliebe ja nur noch … Riath.

Kacey schnaubte. Er würde sich nicht noch einmal zum Narren machen und sein Herz vor diesem ausschütten. Und gewiss nicht sein Schicksal in dessen blutige Hände legen. Er hätte ihm nie vertrauen dürfen.

Nein, er war auf sich allein gestellt.

Ein Windzug küsste seinen Hals und verursachte ihm eine Gänsehaut. Stirnrunzelnd wandte er den Kopf. Die durchsichtigen Vorhänge auf der gegenüberliegenden Terrasse bewegten sich sacht.

Seltsam, er hatte doch alle Fenster und Türen geschlossen?

Vielleicht hatte sich der Stoff des Vorhangs dazwischengeschoben und die gläserne Tür wieder aufgedrückt. Das passierte ihm tatsächlich nicht zum ersten Mal, er war zu oft in Gedanken, einmal hatte er genau dieses Terrassenfenster in eine Lektüre versunken geschlossen, dabei den Saum seiner Robe eingeklemmt und war vornüber zu Boden gestürzt, als er einen Schritt nach vorne getan hatte. In solchen Momenten war er recht froh, dass Xaith nicht mehr da war, er konnte beinahe dessen hochgezogene Augenbraue und seine ungerührte Miene sehen, die schlimmer war als jeder Hohn.

Er schlug das Buch zu, brauchte es ohnehin nicht mehr, und raffte seine Robe, um aufzustehen. Heute trug er schneeweiße Seide, die mit klaren Diamantbändern um Taille und Kragen verziert war. Der Stoff wurde im Nacken geschlossen, der Rücken war frei, denn er zeigte die smaragdgrünen Drachenschuppen auf seinem Rücken gern herum, damit niemand je vergessen konnte, wer sein Vater war. Kaiser Eagle Airynn, der ihm diese besondere Hautzeichnung vererbt hatte.

Er war barfuß, der Saum seiner Robe umschmeichelte seine Fesseln, als er den Raum leise wie eine Katze durchschlich und die Tür schließen wollte.

»Was…?« Er erschrak, doch nur sein Herz machte einen Satz, äußerlich war er mehr wie erstarrt. Ein Schatten drückte sich auf Kniehöhe gegen die tiefrote Scheibe. Kacey zog die Tür ein Stück auf, draußen rauschte der Wind bedrohlich durch die Bäume, er hörte das dunkle Flattern der Fahnen und Banner, der Urwald war beängstigend still, kein Affe und auch kein Vogel brüllte, nur das näher rückende Donnern des Sturm ertönte in der tiefschwarzen Nacht, noch regnete es nicht.

Und auf der Schwelle der Tür saß ein alter Bekannter und legte fiepsend den Kopf schief. Lange Ohren, langes, spitzes Gesicht, bodenlose, flehende Augen.

Kacey verzog missmutig das Gesicht. »Du schon wieder!« Er sollte die Tür zuwerfen, doch das konnte er diesem armen, unschuldigen Wesen nicht antun.

Der Schakal hob eine Pfote und schlug die Luft, als wollte er sich entschuldigen. Oder er wollte nur wieder ein Stück Fleisch, so wie immer, wenn er Kacey besuchte. Doch dieses Mal hatte er leider sein Abendmahl restlos verzehrt.

»Nein, heute nicht!«, beschloss er und versuchte, den Schakal mit der Hand davon zu scheuchen. »Geh zurück zu deinem Herrn, Mak.«

Der Schakal taumelte zwei Schritte zurück, sah ihn dabei aber absolut verständnislos und tiefbetrübt an. Kacey konnte fast sein Herz brechen hören.

»Ich lass dich nicht wieder bei mir schlafen!« Das sagte er jedes Mal.

Der Schakal legte den Kopf schief, als wollte er fragen: Wieso nicht? Wobei sein verletzter Blick wahrlich jedes Herz geschmolzen hätte.

Kacey ließ die Schultern hängen. »Ach was sage ich da, ich lasse dich ja doch sowieso rein, wie jedes Mal.« Und genau wie sein Herr, verschwand der Kleine ohne Abschied jeden Morgen, bevor Kacey erwachte.

Doch dieses Mal kam der Schakal nicht herein, als Kacey ihm Platz machte. Er tänzelte auf der Stelle und drehte sich einmal auffordernd im Kreis.

Kacey runzelte die Stirn, er kannte das. »Ach so.« Dann beugte er sich herab, kraulte den Schakal hinter dem Ohr, woraufhin dieser den Kopf gegen ihn drückte. Mit der freien Hand kramte Kacey in dem Beutel, der immer um Maks Rumpf geschnallt war.

Er ertastete eine winzige Rolle, wie man sie Botenvögeln in das Rohr an ihren Beinen schob, und zog sie hervor. Als er die Botschaft aufrollte, sprang ihn die bekannte Handschrift regelrecht an. Dick, als ob die Feder stark auf das Papier gedrückt worden war, geschwungen und auf eine unerklärliche Art immer einen Hauch bedrohlich.

Dreh dich um.

Kacey stockte das Herz in der Brust, tat aber, wie ihm die Botschaft geheißen, und fuhr herum.

Und da stand er und schien mit seiner Präsenz den Raum zu schrumpfen.

Plötzlich wirkte alles viel kleiner, viel enger, die edlen Möbel, das polierte Holz der Vertäfelung, die filigranen Schnitzereien, Mosaike und die teuren Stoffe verblassten ob seiner Gegenwart. Zumindest kam es Kacey so vor. Als ob alles verblasste, alles keinen Wert mehr besaß, wenn man es mit ihm verglich.

Er war älter geworden, größer. Sein strohblondes, langes Haar hatte er locker zusammengebunden, ein paar gekringelte Strähnen rahmten sein kantiges, männliches Gesicht ein. Die Lippen waren noch so voll und einladend wie eh und je, die grünen Augen schimmerten wie Absinth – oder flüssiges Gras –, ein paar Krähenfüße zierten ihn nun, was ihn absurderweise nur noch attraktiver machte. Seine Schultern und seine Brust waren breiter, er wirkte härter, buchstäblich, wie aus Granit gemeißelt. Sein dunkles Hemd war aus Leder, die Schnürung war gelockert, darunter schimmerte seine makellose, glatte Haut, die Hose spannte um seine strammen Schenkel, er trug einen Umhang, hatte ihn aber zurückgeschlagen, ein Schwert hing an seiner Hüfte. Er stand breitbeinig und mit dunklem Blick im Raum, etwas zugleich Glühendes und Frostiges schien ihn zu umgeben.

All das nahm Kacey innerhalb eines Herzschlages wahr, saugte das Bild von Riath in sich auf, und obwohl er mehrfach blinzelte, wusste er, dass er nicht träumte. Er konnte Riath spüren, nicht nur sehen.

Für einen langen Moment sahen sie einander einfach nur an. Draußen begann es zu regnen, sofort schlich sich Feuchtigkeit in den Raum, die Luft schien zu kleben.

Es war das arrogante Grinsen, das Kacey aus seiner Starre riss. Dieses unerhört selbstischere, wissende Grinsen, das zwei lange Fänge aufblitzen ließ.

Sein Herz raste plötzlich und er spürte, wie das Zittern einsetzte, der Druck in seiner Brust und das Stechen im Kopf, wie seine Sicht aufflammte, als hätte er nie im Leben klargesehen. Doch seine Wut trieb die Symptome zurück.

»Du Mistkerl!« Er schrie und sprang auf.

Riaths Lächeln wandelte sich in ein nachsichtiges Schmunzeln, als ob er es mit einem naiven Kind zu tun hatte, dem er erst noch die Welt erklären müsste, damit es ihn verstand. »Kacey«, sagte er ruhig – und warum musste seine Stimme so lüstern und rau und schön klingen? »Ganz ruhig.«

Ganz ruhig?!

Kacey spießte ihn mit einem wahnsinnigen, wilden Blick auf. »Du hinterhältiger, eiskalter Mörder!«

Es war, als hätte er wochenlang – seit dem Bericht seines Vaters – eine Sintflut zurückgehalten, die mit einmal aus ihm herausbrach, als er Riath erblickte und ihm die Ereignisse klar und deutlich vor Augen standen – zusammen mit dem Mann, der für den Bürgerkrieg in Carapuhr und für den Tod seiner Halbschwester verantwortlich war.

Und er hasste diesen Mann aus tiefstem Herzen, dessen war er sich genauso sicher, wie er sich sicher war, dass er ihn über alle Maßen begehrte, mehr als je irgendeinen anderen.

Dafür verabscheute er sich wiederrum selbst, was seiner Wut nur noch mehr Wind verlieh.

»Ich bin kein Mörder«, entgegnete Riath so ruhig, so von sich selbst überzeugt, dass Kacey beinahe der zierliche Kragen platzte.

»Du hast meine Schwester getötet!« Er bemühte sich nicht um Contenance, riss sich nicht zusammen, er hatte das Gefühl, zu ersticken, wenn er seine Wut nicht herausbrüllte. Angriffslustig stürmte er auf Riath zu, spürte das Kribbeln seiner Magie in der Fingerspitze, die er auf Riath richtete. »Ich habe dir vertraut, Riath! Du hast einen Krieg angezettelt, du hast dafür gesorgt, dass hunderte Unschuldige starben …«

Riath hob seine Hände in eine beschwichtigenden Geste. »Kacey, beruhige dich!« Er ging auf ihn zu, langsam, sodass sie sich in der Mitte vor dem Bett treffen würden.

»So war das nicht geplant, Riath, du hast… du hast… « Kacey hielt auf ihn zu, wollte ihn schlagen, wollte nach den Wachen schreien, wollte… wollte ihn erwürgen und kratzen und beißen und … küssen…

Was stimmte nicht mit ihm?

»… du hast meine Schwester verführt und sie ins Unglück…«

Er kam nicht weiter, denn plötzlich lag Riath Pranke über seinem Mund, drückte zu, drängte ihn zurück. Kacey wehrte sich dagegen, riss an Riaths starken Armen, die sich genauso wenig bewegen ließen wie Berge. Oder hielt sich Kacey gar an ihm fest?

Er wusste nicht, was geschah, als sie im Stehen wild miteinander rangelten, sein Kopf war wie wattiert, seine Wut beflügelte ihn, doch er fühlte sich nicht Herr über seine eigenen Handlungen. Sie taumelten, Riath sagte etwas, knurrte, Kacey verstand es nicht, biss ihm in die Hand. Er schmeckte ungewollt Riaths Blut. Herrliches, würziges, herbes Blut. Königliches Blut. Kacey konnte Riaths Geburtsrecht förmlich schmecken.

Sie landeten auf dem Bett. Wie, wusste er nicht, er lag plötzlich auf dem Rücken und spürte, wie seine Unterlage federte. Riath war über ihm, fluchte und versuchte, ihn weder mit seinem Gewicht zu erdrücken noch zuzulassen, dass er sich befreite und weiter rumschreien konnte. Noch immer drückte seine Hand auf Kaceys Mund, und noch immer steckten Kaceys Fänge in seiner Hand.

»Shhh…« Riath versuchte, ihn zu beruhigen. »Du musst tief durchatmen…«

Ja, wie denn?

»Du bist ganz heiß, Kacey.« Ach, war er das? »Beruhige dich zuerst. Ganz ruhig. Ruhig… Nein! Ruhig, Kacey… ich bin nicht dein Feind … nicht… dein … Feind… Hör mich an, bitte… hör mich an, dann kannst du noch immer mit deinem Gebrüll die Garde auf den Plan rufen!« Er sprach in den Atempausen, während er Kaceys zappelnde Gliedmaßen zu bändigen versuchte. »Verdammt, Kacey, beruhige dich! Dein Herz hämmert, als ob es gleich zerspringt!«

Tatsächlich war ihm ungeheuerlich warm, doch das hatte er auf die kurze, aber heftige Rangelei und seine anhaltende Gegenwehr geschoben. Immer wieder bäumte er sich auf, wollte sich befreien, bekam immer schlechter Luft.

Auf einmal lag er auf dem Bauch, er wusste nicht, wie es geschehen war. Hitze stieg in seine Brust, in seinen Kopf, der Druck in seinem Körper wollte ihn zerbersten. Riath hatte ihn umgedreht, Riath drückte ihn auf das Bett, Riath hob sein Becken an, Riath rieb sich an ihm und…

Stopp. Nein. Riath hielt mit einer Hand weiterhin Kaceys Mund verschlossen, mit der anderen stützte er sich neben ihm ab. Er konnte ihn unmöglich umgedreht haben, und sein Körper bewegte sich auch nicht. Kacey war es selbst gewesen, er hatte sich von selbst umgedreht, er rieb sich an Riath und er drängte ihm unverfroren den Hintern entgegen.

Riath war erregt, Kacey spürte seine Härte gegen den Schlitz seiner Lederhose drücken, und reagierte unwillkürlich heftig darauf. Diese steinharte Stelle zog ihn magisch an.

Wut und Begierde verschmolzen zu einem wahnwitzigen, sinnlosen Schauspiel, quälten ihn. Er wollte es, aber er wollte es auch nicht. Er hasste sich, er hasste Riath. Und doch verzehrte er sich nach seinem Leib. Jetzt, hier, in diesem außer Kontrolle geratenen Moment.

Es ergab keinen Sinn.

Wie eine rollige Katze hob er den hinteren Teil seines Körpers und drängte sich an Riath, rieb sich an seiner Härter. Dessen Verwirrung und Unglaube standen greifbar im Raum. Kacey brauchte sein Gesicht nicht zusehen, um zu spüren, wie irritiert er von der Situation war.

Aber er war auch hart. Zum Bersten hart.

Nimm mich, dachte Kacey, brüllte in seine Hand, sodass unartikulierte, gedämpfte Laute den Raum erfüllten. Sein ganzes Gebaren war darauf konzentriert, Riath mit dem ganzen Leib anzuflehen.

Hilf mir, nimm mir die Wut, füll das Loch in mir, raub mir die Einsamkeit, steck mich in Flammen. Tu endlich was… Tu es… tu …es…

Kacey schnaufte, er wollte weinen und schreien zugleich, aus Frust und Qual. Er verspürte in diesem Moment keine Scham, noch nicht, er fühlte sich nur, als ob er sterben müsste, wenn Riath ihm nicht endlich eine sanfte Berührung schenkte.

»Sh…« Riath wollte ihn beruhigen, doch das wollte Kacey gar nicht, er bockte drängend, flehend. Zärtlich strich Riaths Daumen über Kaceys Wange, von seiner Hand tropfte dunkelrotes Blut auf das weiße Laken. »Ganz ruhig… ruhig…«

Er verlagerte das Gewicht und war plötzlich über Kacey. Seine Härte, noch in der Hose verborgen, unzugänglich, drückte unwillkürlich in die richtige Stelle, und Kacey erbebte. Es fühlte sich befreiend an, gab all dem Chaos in ihm einen konzentrierten Punkt.

Zärtliche Finger auf seinem Rücken, strichen über seine Schuppen und verursachten ihm eine warme Gänsehaut, als ob Riath jeden einzelnen Nerv mit einer Feder streicheln würde. Dann beugte er sich hinab und leckte mit der Zunge über die Schuppen, kostete sie. Er schob den Arm unter Kacey, vorsichtig, mit der anderen hielt er ihm weiter den Mund zu. Kacey schnaufte, sein Kopf war voller Nebel, doch er begrüßte diesen Zustand.

Mit einem groben Ruck hievte Riath ihn auf die Knie und zog mit der freien Hand die Robe hoch. Kacey trug nichts darunter. Riaths Hand auf seiner blanken Haut zu spüren war wie kühlende Salbe auf einer Verbrennung und gleichzeitig wie Feuer selbst. Es war verrückt, wie viel Zwiespalt dieser Mann in Kaceys Leib auslöste, in seinem Kopf, in seinen Lenden, ebenso wie in seinem… Herz.

»Ist ja gut… ist gut…« Riaths dunkle Stimme war rau, heiser, seine Gelassenheit war der größte Hohn.

Kacey wollte ihn erwürgen, ihn anschreien, ihn treten, damit er wegging und gleichzeitig weiter machte.

Kühle Knöchel fuhren unendlich langsam und zärtlich über seinen Damm. Kacey stieß ein Stöhnen in Riaths Hand. Seine Beine wurden sanft auseinander gedrückt, er spreizte sie bereitwillig. Riaths muskulöser Körper lehnte sich über ihn, sein heißer Atem küsste Kaceys Ohr, während seine Fingerspitzend sanft seine zusammengezogenen Hoden streichelten, als wollte er ihn besänftigen. Ein Ziehen zerriss Kaceys eigene Härte, sie zuckte und pulsierte flehend, als wäre Riath ihr Meister, ihr Bändiger. Als ob nur seine Berührung ihr Linderung verschaffen könnte.

Verräterische Härte…

Als Riath die Hand wegnahm, brüllte Kacey wieder und bäumte sich auf wie ein wildes Tier, er erkannte sich selbst nicht wieder, war in seinem eigenen Leib gefangen, seiner Gier ausgeliefert.

Dann endlich etwas Feuchtes, drängte in ihn, langsam… Stück für Stück, schob sich vorwärts, unaufhaltsam, brennend und prickelnd, sodass er sich entgegendrückte. Riath nahm gleich zwei Finger, bis zum Anschlag. Kacey fiel regelrecht in sich zusammen, alle Anspannung wich. Es ergab keinen Sinn, aber das musste es auch nicht. Es fühlte sich gut an, das war alles, was er wusste und woran er in diesem Moment dachte. Es fühlte sich gut an, warm und richtig.

Riath ließ seinen Mund los, Kacey atmete frei, nur ein Keuchen entfloh ihm hin und wieder. Ein Streicheln fuhr über seinen Rücken, über den Nacken in sein Haar, wühlte sanft darin und fuhr wieder zurück, über seine Seiten, seine Rippen, Fingerspitzen rieben über seine rechte Brustwarze, ein Kitzeln fuhr durch seine Nerven. Riaths Hand glitt über seinen flachen Bauch, brachte ihn zum Flattern, fand zwischen seine Beine und umfasste seine Härte, umschloss sie mit warmen, kräftigen Finger, die für ihre Größe und Stärke viel zu sanft und lieblich waren. Mit dem Daumen zog Riath Kreise um Kaceys tropfende Spitze, während seine Finger ganz gemächlich Kaceys Innerstes ertasteten und seinen empfindlichsten Punkt berührten.

»Nimm mich«, keuchte Kacey und drängte sich ihm entgegen, »nimm mich endlich mit deinem verdammten Schwanz, du verdammter Hurensohn!«

Zweimal verdammt, so viel hatte er in den letzten sieben Jahren nicht geflucht.

Falls er Riath beleidigt oder gekränkt hatte, so überspielte er es gekonnt, stattdessen ließ er kurz von Kacey ab, richtete sich auf und … gab ihm, was er wollte. Mit sanften, tiefen Stößen, die Kaceys Wange über das Laken schruppen ließ. Doch es blieb bei einem ruhigen Akt. Riath schien ihn nicht um seinetwillen zu nehmen, war nur in ihm, um in ihm zu sein. Um ihn zu reizen, bis Kacey mit einer Wucht den Höhepunkt erreichte, die ihn ins Kissen beißen und Riaths Namen knurren ließ. Er zog sich um Riaths Härte zusammen, hielt ihn mit dem Leib regelrecht fest, während er den kleinen Tod starb. Und es war genau das, was sein Körper verlangt hatte: Riath in ihm, während er kam. Denn kaum ebbte die Lust ab, fühlte er eine Ruhe, die er seit Jahren nicht mehr verspürt hatte.

»Sh«, hörte er Riath besänftigend machen, der sich neben ihm ausstreckte und mit einer Hand in sein Haar fuhr, die weichen Lippen auf seine Schulter drückte, während Kacey atemlos dalag und so entspannt war, dass er kaum die eigenen Glieder spürte. »Jetzt ist es gut«, versprach Riaths warme, dunkle Stimme, »jetzt ist es besser.«

Und so war es.

~6~

Bis zum Einsetzen der Dämmerung waren sie mit etwas Abstand dem Bachverlauf gefolgt. Kurz vor Abend hatten sie sich zu dritt auf Barons starken Pferderücken gesetzt, und der Fuchshengst war trittsicher durch das Bachbett gelaufen. So waren sie einige Zeit langsam vorangekommen, doch auf diese Weise hatten sie auch ihre Spuren verwischt.

»Verfolgt uns denn jemand?«, hatte Siderius gefragt und die Finger in Xaiths Hemd gekrallt, wie jedes Mal, wenn er verkrampft auf dem breiten Pferdehintern Platz nehmen musste.

Niemand hatte ihm je Reiten beigebracht, bevor er Xaith getroffen hatte, war er nie in der Nähe eines Pferdes gewesen. Viele Dinge waren neu für den Burschen, und beängstigend.

»Nicht mehr als sonst«, war Xaiths Erwiderung gewesen. Doch er hatte gelogen. Dadurch, dass der Junge hinter ihm gesessen hatte, hatte dieser nicht mitbekommen, wie Xaith immer wieder eindringlich den Himmel mit seinen grüngelben Drachenaugen abgetastet hatte.

Die Wahrheit war, dass sie sehr wohl verfolgt wurden, das wusste der Junge, doch er wusste nicht, dass ihre Verfolger immer dichter aufschlossen.

Xaith wollte dem Jungen keine Furcht einflößen, noch wähnte er sie im Vorteil, immerhin hatte er die Schergen seines Bruders rechtzeitig bemerkt.

Es verhielt sich weniger so, dass sie bis hierher verfolgt wurden, sondern man eher hier auf sie gewartet hatte, und Xaith befürchtete bereits, dass es nicht so leicht werden würde, am Hafen unbemerkt auf das Schiff zu kommen, das sie erreichen mussten.

Es wäre einfacher, ein Portal zu beschwören, doch das hatte er in letzter Zeit häufig getan und eine der Folgen davon tat sich am Ende des Tages auf. Ein unbändiger Sturm brach über sie herein. Außerdem musste er seine Kräfte schonen, und sollte er ein Portal öffnen, würde Riath es gewiss im Fluss der Naturenergie spüren und ihm nachreisen.

Nein, zu Fuß waren sie tatsächlich unauffälliger.

Sie fanden unter einem dicht bewachsenen Baum Schutz vor dem Regen. Xaith und Siderius spannten ein Tuch von einem Stamm zum nächsten, um die Tropfen abzuhalten. Sie machten kein Feuer, obwohl es durch den Sturm frisch wurde, doch die Flammen wären ohnehin ständig erloschen. Da es aber stockfinster wurde, beschwor Xaith eine kleine magische Lichtquelle aus orangenen Flammen, die sich wie der Vollmond am Himmel unter die Plane setzte und ihnen warmes Licht spendete.

Es war feucht und der starke Wind blies sogar durch das beengte Unterholz, in das sie sich verkrochen und zusammenrückten. Zu Essen gab es nur altes Brot und gepökelte Fleischstreifen, die zäh wie Schuhsohlen waren. Die Vorräte neigten sich dem Ende zu.

»Morgen erreichen wir ein kleines Dorf, dort machen wir kurz Halt, ruhen uns aus und füllen unsere Vorräte wieder auf«, sagte Xaith, als Siderius die schwindenden Essenrationen bemerkt hatte, und setzte sich ihm gegenüber auf seine Decken. Baron hatte es weniger gemütlich, nur sein Kopf hing unter dem improvisierten Dach, sein rotes Fell schimmerten feucht und er legte angepisst die langen Ohren zurück.

»Ist das sicher?«, fragte Siderius besorgt.

»Wir werden nicht lange genug dort sein, um aufzufallen.« Xaith löste den Stoffwickel und reichte den kleinen Klops an den Jungen weiter, der das Kind ohne Wiederrede an sich nahm und an seiner Brust barg, zärtlich klopfte er ihm auf den Rücken und machte beruhigende Laute, denn der Schreihals drohte, zu erwachen.

»Hat er gegessen?«

Xaith zog die Beine unter sich, setzte sich in einen bequemen Schneidersitz, und lehnte sich gegen den breiten, rauen Stamm, der hinter ihm aus dem Boden in die tiefschwarze Nacht ragte. »Das hat er, ausgiebig.« Instinktiv hatte der Bengel seine winzigen, aber scharfen Fänge in Xaiths Brust gerammt, wann immer er während der Wanderung Hunger verspürt hatte. Es war ihm nicht übel zu nehmen, immerhin kannte er keine andere Nahrung als diese und hatte entsprechend schnell gelernt, die direkte Quelle anzuzapfen, statt darauf zu warten, gefüttert zu werden. Genau genommen war diese rasche Entwicklung sogar willkommen, denn der kleine Scheißer war seit dem Morgen schon wieder gewachsen.

Siderius‘ Augen musterten Xaith, als wüsste er noch immer nicht so recht, ob er verängstigt, besorgt oder einfach nur angewidert war.

Vielleicht täuschte Xaith sich aber auch wieder nur und verwechselte kindliche Faszination mit Argwohn.

»Lass mich jetzt meditieren«, sagte er, »ich muss meinen Geist schlafen lassen.« Tatsächlich wollte er nur seine Konzentration bündeln und die Umgebung mit seiner Magie ertasten, um jede Bewegung, und sei es auch nur das Einatmen einer Maus, zu entlarven.

Der rauschende Wind, der sie fast taub machte, der trommelnde Regen, das Donnergrollen über ihren Köpfen und das hin und wieder zuckende, grelle Licht der Blitze drangen in den Hintergrund, selbst die Luftfeuchtigkeit, das Tröpfeln von den Rändern der Plane und Siderius` leises Summen verstummten, als würde er in einen tiefen, schwarzen Traum verfallen, während er sich von sich selbst löste und über die Kronen des Urwaldes schwebte.

Er wurde selbst zum Wind, der die Richtung bestimmte, fühlte jeden Widerstand, jeden Baum, jedes zarte Pflänzchen, jedes Blatt. Hörte jedes Wispern, jedes Wimmern, jedes Jaulen. Der Sturm war gewaltig, wütend, doch der Wald hielt ihm stand, beschützte seine Bewohner.

Und weit und breit nichts als Pflanzen und Tiere, keine Verfolger, keine Monster, keine Geister, alles war friedlich in ihrer Umgebung.

Seltsam, dabei hatte Xaith gegen Mittag deutlich eine starke Präsenz gespürt, etwas Kaltes und Hartes, nur noch halb Lebendiges. Doch die Schergen seines Bruders waren jetzt nicht mehr auffindbar, vielleicht wegen des Sturms, denn auch wenn sie nur noch dem Willen ihres Gebieters gehorchten, konnten auch sie von einem Blitz getroffen oder von einem Ast erschlagen werden.

Sie waren vorerst sicher, hatten vielleicht sogar einen kleinen Vorsprung.

Als er die Augen wieder öffnet, war der Sturm bereits ein Stück weitergezogen und sie bekamen den regenreichen Rand ab. Es plätscherte, rauschte und tröpfelte im Urwald, Xaiths schwarze Kleider waren klamm, sein rabenfedernschwarzes Haar, das er zu einem unordentlichen Bündel im Nacken zusammengebunden hatte, kräuselte sich um sein langes, scharfkantiges Gesicht.

Blinzelnd öffnete er die Lider, seine magische Kugel spendete noch immer Licht, ein Strudel aus orangegelben Feuer und schwarzem Nebel. Die Beschwörung kostete ihm keine Macht auf Zeit, es war ein einfacher Zauber, in den er etwas Energie steckte, die wie eine Kerze nach und nach abbrannte.

Siderius hatte nicht bemerkt, dass Xaith wach war. Er saß ihm gegenüber unter der Lichtkugel im Schneidersitz, hatte sich ein Stück nach vorne gelehnt und hielt den Bengel unter das Gesicht, mit dem er lustige Fratzen zog und das Kind zum Lachen und Quieken brachte. Er streckte die Zunge raus, machte Furzgeräusche, was den Kleinen frohlocken ließ. Das Kind strampelte munter, kräftig, sodass Siderius Mühen hatte, ihn nicht fallen zulassen.

Er lachte auch, ein schönes Lachen, offen und freundlich, voller unschuldigem Glück. Der Junge war sehr liebevoll mit dem Kind, vorsichtig und bedacht, fast wie ein besorgter großer Bruder.

Xaith spürte einen Stich im Herzen, wenn er die beiden so sah. Obwohl er und seine Brüder gleichalt waren, da sie alle von verschiedenen Hexen geboren worden waren, hatte es eine Art Rangordnung gegeben, bei der Riath sich eindeutig als Ältester aufgespielt hatte, als der Retter und Beschützer.

Das hatte sich bis heute nicht verändert, auch wenn dieser Dummkopf stets den radikalen Weg wählte, um zu schützen, was er liebte. Aber es hatte auch eine Zeit in ihrer Kindheit gegeben, da Xaith ihn beschützt hatte. Als er ihn nachts zu sich ins Bett geholt und ihn vor schlimmen Träumen beschützt hatte.

Waren es Träume gewesen?

Oder waren die Monster, die Riath sah, schon immer real gewesen? Hatten sie sich zu ihm hingezogen gefühlt, wie er sich zu ihnen?

Er kannte Riath besser als alle anderen, wusste um jeden Winkel seines Herzens, kannte seine Schwächen, seine Ängste und ebenso seine harten und kalten Seiten. Und eines wusste er heute besser als jemals zuvor, sein Bruder trug keine Fassade, niemals, er war all das, was er nach außen hin zeigte, wie die zahlreichen Seiten eines Würfels. Und man wusste nie, welche als nächste fiel.

Genau das machte ihn ja erst so unberechenbar, denn man konnte nie erraten, was Riath gerade bewegte und wonach er strebte, es konnte sich von einem auf den anderen Tag ändern.

Xaith machte sich nicht bemerkbar, kostete den Moment aus, um seine beiden Mitreisenden – seine Schützlinge – zu beobachten. Er hatte ein warmes Gefühl in der Brust, auch als Siderius` zartes Gesicht ernst wurde und er das Kind mit einem nachdenklichen Blick eingehend betrachtete, als könnte er nicht glauben, wie schön es war.

Xaith hingegen betrachtete nur ihn, diesen jungen Burschen mit den abgefressenen Haarspitzen, die ihm über Ohren und Nacken gewuchert waren, der immer diese dreckige Fischermütze trug und seine vergilbten Sachen. Als Dieb und Schankjunge hatte er ihn kennen gelernt, ihn immer im Hinterhof dieser einen Taverne angetroffen, wo er – nachdem er auf allen vieren Kotze und Pisse von den Böden gewischt hatte – den Müll durchsuchen durfte, ohne davongejagt zu werden.

Irgendwann hatte Xaith ihm ein Stück Brot gegeben. Dann an seinen Tisch eingeladen. Ihn um Informationen, Schleichwege und Geflüster der Gäste gebeten. Immer häufiger war Siderius ihm »zufällig« in der fremden Stadt begegnet, bis zu dem Moment, als er von Wachen verfolgt, von einem Pfeil durchbohrt, in seine Arme gestolpert war und der Junge ihn in seinem Versteck in der Kanalisation aufgepäppelt hatte.

»Du schuldest mir was«, hatte er gesagt, als Xaith gehen wollte, »nimm mich mit, ich werde ein guter Diener sein.«

Er hatte mit sich gehadert, doch schließlich nachgegeben. Aus Dankbarkeit. Und weil dieser Junge ihn ein wenig an sich erinnerte, so allein, so missverstanden. Xaith wollte ihm helfen, angefangen mit einem passenden Namen.

Manchmal, dachte er voll Schwermut, ging es eben nicht um gegenseitigen Nutzen, sondern schlicht um Sympathie, so hirnrissig es auch klang. Er mochte den Jungen.

Vielleicht weil er die einzige Gesellschaft war, die er kannte, die ihn nicht wegen seiner Narben schief ansah. Er hatte es tatsächlich niemals auch nur angesprochen oder – soweit Xaith das beurteilen konnte – sie überhaupt wahrgenommen. Die meisten Leute sahen ihn entweder angewidert oder bemitleidend an, keines davon wollte er sehen.

»Du bist wach.«

Xaith richtete den Blick, der grübelnd abgeschweift war, zurück auf Siderius` blutjunges Gesicht. »Ja.«

»Ausgeruht?«

Nein. »Ja.«

Siderius nickte, barg das Bündel mit dem Kind in der Armbeuge und wühlte dann in einer Tasche. Er bot Xaith einen Streifen Fleisch an, doch dieser schüttelte den Kopf.

Sein Hunger bezog sich wie immer auf etwas völlig anderes. Verdammtes Drachenblut in ihm. Doch zum Glück befanden sie sich in den Wintermonaten, auch wenn man sie in Elkanasai nicht spüren konnte, so wusste sein Paarungstrieb, dass es Zeit war, sich auszuruhen. Dennoch war ihm viel zu oft innerlich warm, er war unruhig und rutschte stets hin und her, in seiner Brust kitzelte der Blutdurst, manchmal wollte er sich das Herz aus der Brust reißen, um nichts mehr zu spüren, oder sich schlicht die Genitalien absäbeln. Aber so masochistisch war er dann doch nicht veranlagt.

Wobei es leichter wurde, je mehr Jahre ins Land gingen. Kacey hatte es ihm bewiesen, dass er mehr Kontrolle über sich selbst besaß, als er sich jemals zugetraut hätte.

Allein dafür war er dankbar, und…

»Du denkst wieder an ihn.«

Xaith sah Siderius an, der herzhaft ein Stück Fleisch abriss und darauf kaute wie eine Kuh auf Heu.

»Man spricht nicht im vollem Mund.«

Er hob die Arme, als wollte er sich beschweren. »Ich bin ein Waisenkind, auf der Straße kümmert es keinen, wie viel ich im Mund habe. Und lenk jetzt nicht ab.«

Der Kleine war klüger, als ihm guttat. Xaith hatte keine Lust wieder über dieses Thema zu sprechen, er wandte einfach den Blick ab und beobachtete die Tropfen, die vom Rand der Plane hinabfielen und wie kleine Diamanten im warmen Licht seiner Kugel schimmerten.

»Wenn du ihn liebst, kannst du doch zurückgehen und bei ihm leben.«

Xaith schloss die Lider. »Würde die Welt doch nur aus Kinderaugen bestehen«, flüsterte er wehmütig.

»Hä?«

Er verdrehte die Augen, atmete tief ein. »Du verstehst das nicht«, sagte er dann und blickte dem Jungen in die großen, neugierigen Augen. Liebe und Beischlaf waren in seinem Alter die einzigen Themen, die ihn zu interessieren schienen. »Ich liebe ihn nicht.«

Das war die Wahrheit. Punkt. Er hatte Kaceys Gesellschaft genossen, den Beischlaf, hatte ihn gemocht und Eifersucht empfunden, wenn andere Zeit mit ihm verbrachten, aber sein Herz verzehrte sich nicht mit jeder Faser nach ihm.

Siderius runzelte die Stirn wie ein … nun, wie ein Straßenjungen, der zu lesen versuchte. Wieder riss er ein Stück vom Fleischstreifen ab und kaute. Der Bengel schlief friedlich in seinem Arm, Siderius wiegte ihn sanft hin und her. »Wenn du ihn nicht liebst, warum bist du dann verletzt?«

Wie gesagt, klüger, als gut für ihn war.

»Verletzter Stolz.« Xaith zuckte mit den Achseln. »Ich war verliebt, das ist alles.«

Nun blickte der Junge ihn an, als hätte er ihm großes Unrecht getan. »Das hab ich doch gesagt!«

Xaith lachte leise, humorlos. Er schüttelte den Kopf und wandte den Blick für einen Moment zu Boden. »Liebe und Verliebtheit sind zwei verschiedene Gefühle, Eri.« Als er wieder aufsah, hob er nachsichtig die Mundwinkel.

Siderius kaute langsamer, betrachtete ihn wartend und mit brennender Neugierde.

»Den Unterschied lernst du erst kennen, wenn du es am eigenen Leib spürst. Das eine ist… so schwer zu erklären wie das andere.« Er schmunzelte bedauernd über sich selbst, während er um Worte rang. Seine Augen suchten den nächtlichen Wald ab, doch eigentlich sah er nichts als Gesichter vor sich, die er weit hinter sich gelassen hatte. »Liebe ist … verzehrend und tief, selbst wenn du noch so verletzt wirst, bekommt sie keine Risse. Verliebtheit ist naiv und oberflächlich, absolut vergänglich, wie Schnee im Frühjahr.«

Die Augenbrauen des Jungen zogen sich zusammen, er lehnte sich zurück, während er darüber nachdachte. »Oh… ja, hm…«

»Schon mal verliebt gewesen?«

Er errötete. »Nein!«

Nun ja, er war eben noch ein Kind. Was bedeutete, dass er es schlicht nicht zugab, da er es wohl für peinlich hielt.

»Magst du Mädchen oder Jungen? Oder beides? Oder ist es dir egal? Oder nichts?«

Er wagte es nicht mehr, Xaith anzusehen, was sich wie ein Triumph anfühlte. Endlich konnte er Fragen zurückfeuern und ihn so bedrängen, wie er es immer bei ihm tat. Er zog die Lippe durch die Fänge und hob amüsiert die Augenbrauen.

»Habe ich nie drüber nachgedacht«, murmelte der Bursche abweisend, daraufhin blickte er hinab auf den Bengel in seinen Armen.

Xaith wurde still, betrachtete die beiden. Doch, dachte er und schnaubte innerlich, du weißt es nur noch nicht.

»Ich glaube nicht«, begann Siderius leise, fast schüchtern, »dass mich jemals jemand so nehmen wird, wie ich bin.«

Die Worte machten Xaith das Herz schwer, denn sie hätten ebenso gut aus seinem eigenen Mund kommen können. Er wusste nicht, was er sagen sollte, fühlte sich rat- und machtlos.

»Ich war verliebt in seinen Körper«, fuhr er stattdessen fort und prompt sah Siderius ihn wieder an, seinen eigenen Schmerz vergessend. »In seinen schönen, makellosen Körper. In den Geschmack seiner Lippen, den Klang seiner Stimme und die Beschaffenheit seiner Haut.«

Er wartete, betrachtete dabei das Gesicht des Jungen, bis er sicher war, dass dieser verstanden hatte.

»Ich war verliebt in das Gefühl der Begierde«, fuhr er ernst fort. »Ich schätze Kacey, ich … habe für einen Moment geglaubt, er könnte meine Narben heilen, doch er war nur eine Ablenkung, ein Trugschluss meiner eigenen Sehnsucht. Aber er konnte unmöglich den ersetzen, den ich will. Und es wäre nicht gerecht, wäre ich geblieben und hätte dem im Weg gestanden, was… er wirklich will.«

Wieder dachte Siderius intensiv darüber nach, er sah auf den Bengel hinab. »Aber du bist verletzt.«

»Ja, doch anders als in der Liebe, vergeht das Gefühl.« Er wartete, bis der Junge ihn fragend ansah, weil er erst dann erklären konnte: »Ich liebe jemanden anderen, aber …«, er blickte wieder in die Dunkelheit und schluckte gegen den aufkommenden Kloß im Hals an, »…ich bin davor weglaufen.«

»Wieso?«

Kind müsste man noch mal sein, dachte er niedergeschlagen, denn alles schien so viel einfacher, wenn man es mit ihren Augen betrachtete. Wenn Liebe nur daraus bestand einander zu mögen, und sich unkompliziert anfühlte, wenn sie das Einzige war, was im Leben zählte.

Xaith seufzte. »Weil ich … etwas tun muss, das wichtiger ist als Liebe.«

»Das ist traurig«, konterte Siderius, wofür Xaith ihm am liebsten an einem Bein kopfüber für eine Weile von einem Ast hätte baumeln lassen.

Doch vielleicht hatte der Junge recht – und vielleicht hatte er gerade etwas unheimlich Weises gesagt. Allerdings änderte das nichts an den Tatsachen.

Gerade als er etwas erwidern wollte, runzelte er die Stirn. Hinterher konnte er nicht mehr genau bestimmen, was ihn hatte aufhorchen lassen, doch er war froh ob seiner übernatürlichen Wahrnehmung.

Siderius versteifte sich und drückte das Kind an seine Brust. »Was is-«

Weiter kam er nicht, denn Xaith schnitt ihm mit einer harschen Handbewegung das Wort ab und drehte das Gesicht nach oben.

Oh nein. Sein Herz raste und er bekam eine Gänsehaut, die nichts mit dem feuchten Windzug zu tun hatte. Riath, du verdammter Bastard! Dieser Mistkerl hatte den Sturm ausgenutzt, um Xaiths Aura zu täuschen.

Er war blind gewesen, ohne es zu bemerken.

»Wir müssen hier weg«, hörte er sich zischen und sprang gleichzeitig auf, griff nach den beiden Jungen und riss sie grob in seiner Hast auf die Beine. »Sofort! Wir müssen laufen, Eri. Lauf! LAUF!«

*~*~*

Er träumte von einem kerzenerleuchteten Zimmer, dessen Ecken dunkel und wo die Schatten tiefschwarz und undurchdringlich waren. Der Boden schimmerte wie aus schwarzem Glas, ein Zuber stand in der Mitte und er ging langsam, dennoch zielstrebig darauf zu. Er löste den Seidengürtel, streifte den Stoff von den Schulter, stieg mit einem weißen, glatten Bein über den Rand und sank genüsslich in warmes, dickes Blut.

Blut.

Der Zuber war bis obenhin damit gefüllt, rubinrot und schimmernd. Es schwappte über und floss träge über den glänzenden Boden, während er bis zum Kinn einsank und das Blut seine helle Haut bedeckte. Er griff zu einem goldenen Kelch, mit Smaragden besetzt, trank gemächlich an seinem Wein und spürte zärtliche Fingerspitzen an seinem Ohr. Schluckend legte er den Kopf schief, lächelte schief und schloss die Lider.

Kräftige Hände fuhren über seine Schultern, jemand beugte sich zu ihm hinab, streichelte seine Arme, bis auch seine Finger voll Blut waren.

Er hob den Kelch, reichte ihn seinem Geliebten und legte den Kopf weit in den Nacken, um Riaths Kehle zu lecken, während sein Kehlkopf durch große Schlucke hüpfte…

Kacey riss die Augen auf, war mit einem Schlag wach, als hätte ihm jemand kaltes Wasser ins Gesicht gekippt. Er fuhr herum, ignorierte den Schwindel im Kopf, der dadurch entstand, dass er seinem Körper keine Gelegenheit gab, sanft zu erwachen.

Es war noch dunkel, doch ein Streifen hellblaues Licht zeigte sich am Horizont hinter den geschlossenen Buntglasfenstern. Es war still geworden, bis auf das leise Plätschern, das der Regen hinterlassen hatte. Es war warm, denn ein kleines Feuer knisterte im Kamin, ein paar Kerzenständer brannten. Doch es war kein normales Feuer, sondern blaues, kaltes Geistfeuer.

Jemand musste alle Fenster geschlossen, den Kamin entzündet und – wie Kacey in genau jenem Moment feststellte – ihn in ein weiches Hemd aus warmer Wolle gesteckt haben. Dieser jemand musste ihn auch im Schlaf gesäubert haben.

Nein, nicht Jemand, sondern Riath. Wer sonst.

Doch abgesehen von einem zusammengerollten Schakal, der Kaceys Füße wärmte, gab es von dem Prinzen Nohvas keine Spur, nur sein Geruch hing noch schwer, herb und würzig im Raum.

Das Zimmer war leer, als Kacey sich umsah.

Er sollte ehrleichtert sein, vor allem nachdem, was er zugelassen – erfleht! – hatte. Scham und Verwirrung brachen schlagartig über ihn herein, wie zwei aufeinandertreffende, stürmische Winde. Röte stieg ihm in die Wangen, als er sich an sein eigenes Gebaren erinnerte. Wie eine läufige Hündin hatte er sich an Riath gerieben und ihm das Gesäß hingestreckt.

Er sollte sich wirklich glücklich schätzen, allein aufzuwachen. Und doch war er vor allem verärgert, zutiefst gekränkt. Schon wieder allein, nachdem er bei Riath gelegen hatte.

»Mistkerl!«, zischte er wütend und schlug mit der Faust auf das Bett, sodass Mak verwirrt den Kopf hob und verschlafen um sich blickte, als wäre neben ihm ein Pfeil eingeschlagen. Kacey schlug die Hände stöhnend vor das Gesicht und rieb sich die Augen, er fühlte sich so dumm.

»Wer ist ein Mistkerl?«

Überrascht hob er den Kopf. Und da stand er, als wäre es das Natürlichste auf der Welt, erfüllte den Raum mit seiner überwältigenden Präsenz. Er hatte seinen Umhang abgelegt, trug aber noch Hemd, Hose und Stiefel, sein dickes, blondes Haar wirkte verwüstet und seine grünen Augen glitzerten wie Smaragde. Und … er … war… so… schön.

Verflucht.

Als er nicht antwortete, sondern nur starrte, hob Riath eine Augenbraue. Er befand sich in der Nähe der Tür zu Kaceys Studierzimmer.

»Du bist noch da«, stellte Kacey trocken fest, seine Kehle war rau und seine Stimme dunkler, als hätte er die ganze Nacht geschrien.

Das hatte er ja auch, in Riaths Hand.

Doppelt und dreifach verflucht…

»Du klingst überrascht.« Ein leichtes, unverschämt wölfisches Lächeln schlich sich auf Riaths markante Züge.

Ja, warum wohl…

»Wo sollte ich denn hin?«, setzte Riath hinterher und ging mit einem gemächlichen, raubtierhaften Schritt zu Kaceys Tisch, griff zur Karaffe mit Wein.

Statt darauf einzugehen, sagte Kacey ernst und kühl: »Du solltest nicht hier sein.«

Riath hatte zwei silberne Kelche mit rotem Wein gefüllt, stellte die Kristallkaraffe wieder auf das Tablett und drehte sich mit einem dunklen Blick zu Kacey um. »Wo sollte ich denn sein?«, fragte er absolut bedrohlich und verführerisch zugleich.

Kacey versuchte, sich nicht davon einlullen zu lassen. Es war jedoch überwältigend, dass sie nach all den Jahren – es waren fast acht – nun wieder in einem Raum beisammen waren, so nah, sich unterhielten, sich sehen und anfassen konnten. Kein Briefverkehr konnte mit dieser Empfindung mithalten, es war etwas völlig anderes, sich von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Beinahe fühlte er sich durch Riaths bloße Anwesenheit betört.

Und er konnte darin nicht einmal einen Sinn erkennen, er fühlte sich einfach nicht mehr real und gleichzeitig so lebendig wie nie zuvor.

Doch für alberne Philosophie und Jugendschwärmerei war weder der richtige Ort noch die richtige Zeit und ganz bestimmt war Riath nicht der richtige Mann dafür.

»Wie bist du durch das Alptraumfeld gekommen?«, fragte Kacey schließlich dünn, als fürchtete er sich. Doch das Einzige, wovor er sich fürchtete, war nicht Riath, sondern dass ihm schlicht die Antworten nicht gefielen, die er ihm geben würde.

Oder dass sie ihm gefielen, obwohl er sie verachten sollte.

Kurz um, das, was er am meisten fürchtete, war er selbst und das, was Riath hervorbringen konnte.

Riath lächelte arrogant. »Ein wirklich beeindruckender Zauber, ich habe für einen Moment meinem schlimmsten Alptraum gegenübergestanden – meiner nörgelnden Mutter.« Er erschauderte. »Doch du vergisst, dass ich… nun ja, dass ich nun mal ich bin.« Ein dunkles Lachen gluckste in seiner Kehle. »Ich lass mich nur ungern von meinem Kurs abbringen. Und sind wir ehrlich, du konntest mich nie von dir fernhalten.« Ein unverschämtes Zwinkern.

Kacey runzelte ärgerlich die Stirn. Dieses Feld war sein größter Zauber, seine beste Arbeit, und Riath spazierte einfach hindurch.

»Ich muss es wohl verbessern«, murrte er und wollte die Decke aufschlagen, um aufzustehen, doch dann bemerkte er, dass sein Hemd recht kurz war und er nicht mit raushängendem Geschlecht vor Riath herumspazieren wollte, also blieb er, wo er war, und zog die Beine an die Brust.

Riath nippte an seinem Kelch, die Hand auf den anderen gelegt, als überlegte er, ob er es wagen konnte, Kacey ein Wurfgeschoss in die Hand zu geben.

Im Moment war ihm davon abzuraten, das schien er zu spüren, denn er blieb, wo er war.

»Nun verkenn deine eigene Arbeit nicht«, sagte er wohlwollend, »ich habe noch nie so etwas beeindruckendes gesehen! Ich bin blind in den Nebel spaziert, bis ich begriff, dass es sich um einen Zauber handelt. Man spürt das Knistern der Magie kaum und die Alpträume und die Verwirrung, die das Kraftfeld weckt, sind wahrlich wie eine Klinge im Schädel, die dich versucht, zu spalten. Ich glaube nicht, dass irgendjemand, abgesehen von mir, dort hindurch kommt.«

»Du meinst, weil du dich selbst für eine Art Gott hältst?« Kacey sah ihn an und musterte ihn unterkühlt, aber er belog sich damit nur selbst. Riath ließ ihn alles andere als kalt. Das musste er ihm aber nicht auf die Nase binden. Und es bedeutete auch nicht, dass er ihm vergeben würde, nur weil er eine große Anziehung besaß, die Kacey sich nicht einmal erklären konnte. Nicht, ohne sich selbst herabzuwürdigen.

Riath grinste nur, wollte darauf nichts weiter erwidern, als wäre es unnötig.

Kacey schüttelte den Kopf, versuchte die Gedanken frei zu bekommen. »So war das nicht geplant«, hörte er sich sagen, spürte die Wut wieder hochkommen.

Nun stand er doch auf, wickelte sich das dünne Laken um die Hüfte und fuhr zu Riath herum, der lässig dem Gefühlsausbruch entgegensah, weil er darauf gewartet hatte.

»Carapuhr!«, erinnerte Kacey ihn unnötigerweise. »Du hast mir etwas anderes versprochen als das, was du getan hast!« Seine Augen brannten, seine Sicht verschwamm, er wusste nicht warum sein Herz sich anfühlte, als würde es bluten.

Was verletzte ihn mehr, Riaths verabscheuungswürdige Vorgehensweise, oder dass er ihn belogen hatte?

Riath blickte ihn gelangweilt an, tippte mit einem goldenen Ring, der einen großen Amethyst einrahmte, gegen den Kelch.

»Wie konntest du das tun?«, entfuhr es Kacey, er schüttelte entrüstet den Kopf, suchte verzweifelt nach einem Anzeichen auf Reue, doch da war nichts in Riaths kühlem Gesicht. »Du hast mir versprochen, Lohna heim zu bringen, du wolltest sie beschützen und aus der Gefahr herausbringen. Für mich, für das Kaiserreich!« Seine Stimme brach, er musste einen Kloß hinunterwürgen. »Deinetwegen ist die jetzt tot, Riath!«

Schweigen erfüllte den Raum, während sie sich in die Augen sahen. Kacey wartete auf eine Erwiderung, aber Riath ließ nur den Kelch gemächlich kreisen.

Kacey wollte ihn erwürgen.

»Wieso?«, brüllte er ihn an. »Das haben wir so nicht besprochen, du wolltest nur Melecay schaden, nicht dem Kaiser! Wir hatten eine Abmachung, Riath!«

Ein leichtes Lächeln breitete sich auf Riaths Gesicht aus. »Endlich zeigst du dein wahres Gesicht.«

Perplex zuckte Kacey zurück, dann begriff er und wandte sich mit einem ärgerlichen Schnauben ab.

»Muss hart sein, immer den gütigen Hirten zu spielen«, höhnte Riath weiter, »wenn man das Temperament eines Drachen in sich trägt.«

»Fick dich«, knurrte Kacey und starrte in die blauen Flammen des Geistfeuers.

»Ich sag´s ja«, meinte Riath hämisch.

Kacey ging zum Kamin und stützte sich am Sims ab. Vermutlich war die Vorrichtung nichts als Dekoration, denn wann brauchte man im schwülen Elkanasai schon einmal ein Feuer, wenn man nicht gerade so wie er bei jedem Windzug kurz vor dem Erfrieren stand? Doch Riaths Feuer war ohnehin kein normales Feuer, es brannte nur dort, wo sein Herr es wollte.

Kacey versuchte, sich zu beruhigen, er durfte sich nicht auf Riath einlassen, musste an Moral und Idealen festhalten, die ihn zu einem guten, besonnen Magister machten. Er trug Verantwortung, er durfte sich nicht von niederen Gefühlen wie Wut leiten lassen, selbst wenn er und Riath den gleichen Zorn teilten. Es ging nicht nur um das, was sie wollten.

Darum durfte es nicht gehen.

»Ich wollte nie, dass sie stirb.« Riath bewegte sich mit dem Kelch in der Hand ein wenig durch den Raum, kam aber nicht direkt näher. »Ich wollte sie nur dazu bringen, dass sie Carapuhr verlässt. Wie ich es dir versprochen habe, wollte ich sie nach Hause schicken, um sie von der Frontlinie wegzubekommen, damit dein Vater nicht länger an ein Bündnis mit dem Großkönig gebunden ist. Ich habe ihr Vertrauen gewinnen müssen, ja, ich habe sie als Freundin gewonnen, ja, wir mochten uns sehr, sie hat sich verliebt…«

»Du hast sie ausgenutzt.« Kacey packte den Sims immer fester. »Sie verführt.«

Riath stockte, im Augenwinkel sah Kacey sein aufblitzendes Grinsen. »Du bist eifersüchtig?«

Kacey starrte ihn fassungslos an. »Sie war meine Schwester!«

»Ich weiß.«

»Ich habe sie gemocht! Sie war… liebevoll und gütig … sie … sie war unschuldig, Riath! Und du… du hast sie absichtlich ins Verderben gestürzt, du…«

»Ich wollte nie, dass sie stirbt«, wiederholte Riath ruhig. »Und ich habe ihr nie etwas vorgespielt. Tatsächlich habe ich sie gewarnt, habe ihr erklärt, dass sie mein Herz nicht erreichen kann. Sie sagte, sie wüsste das, doch offensichtlich glaubte sie, sie könnte meine Liebe gewinnen. Entsprechend enttäuscht war sie, als es ihr nicht gelang.« Er sprach aufgebrachter, das Thema ging ihm nahe und er wollte sich nicht so einfach als ihr Mörder abschreiben lassen. Er sah Kacey tief und kalt in die Augen. »Ich wollte für sie sorgen, für sie und das Kind, das sie in sich trug, ich dachte, sie versteht, worum es geht, denn sich machte mir vor, sie würde auf Seiten der Zauberkundigen stehen, doch das war von ihr gespielt, um in meine Hose zu kommen. Nicht, dass ich mich darüber beschwere, ich hatte Spaß daran, keine Frage, auch wenn ich zu arrogant war zu begreifen, dass ihre Loyalität an eine erzwungene Ehe gebunden sein sollte. Ich habe sie beschützen wollen, Kacey, aber sie ist vor mir weggelaufen, als sie herausfand, dass ich sie nur von Carapuhr wegbringen wollte, und nicht die Absicht hegte, sie zur Frau zu nehmen. Sie floh, als sie die Wahrheit erfuhr. Nicht aus Angst, aus Rache.«

»Welche Wahrheit soll das sein?« Kacey versuchte, kein Mitleid für ihn zu empfinden. »Dass du in den Kopf eines Ziegenhirten eingedrungen, seinen Aberglauben ausgenutzt und ihn einen Krieg hast anzetteln lassen, in dem tausende Unschuldige starben?«

»Es waren nur hunderte. Und allesamt waren sie Nicht-Magier. Normalsterbliche. Hunderte weniger, die uns in die Leibeigenschaft zwingen wollen.« Riath zuckte mit den massigen Schultern, Kacey musterte ihn verachtend. »Was habe ich anderes getan als viele Prinzen vor mir? Ich versuchte, meine Feinde zu schwächen, um mein eigenes Volk zu schützen. So wie es jeder Herrscher tun würde. Verrate mir, was daran so abscheulich sein soll?«

Kacey wusste nicht, ob er schockiert sein sollte, denn ein Teil von ihm fing an zu begreifen und fühlte sich tatsächlich ein wenig wohler, ob der Zahl an Feinden, die sie nun weniger besaßen.

Doch war jeder Normalsterbliche auch gleich ein Magiegegner? Nein, so durften sie nicht denken und er wusste auch, dass Riath nicht so dachte. Es schien ihm mehr darum zu gehen, alle Barbaren auszulöschen.

»Das war alles nicht geplant«, sagte Kacey wieder kopfschüttelnd, »ich dachte, es ginge dir nur um Melecay…«

»Genau darum geht’s!« Riaths Stimme troff so stark vor Eiseskälte, dass Kacey ihn verstummt anblickte, weil er in seinem ganzen Leben noch nie so viel brennenden Hass in der Stimme eines anderen Mannes vernommen hatte.

»Genau darum geht es, Kacey!« Riath wischte mit der Hand durch die Luft, als wollte er die Welt beiseite wischen, um ein Blick auf sein Herz freizugeben.

Und was Kacey dort sah, war ein dunkles Schloss mit tausend Kammern.

»Ich muss ihn schwächen«, erklärte Riath als wäre Kacey ein Kind, mit dem er die Geduld verlor. »Um Melecays Macht zu untergraben brauchte ich einen Krieg, ich brauchte Chaos in seinem Land, und ich wollte das Bündnis mit Elkanasai kippen. Ich brauche das alles noch immer, aber solange er Drachen hat und wir nicht wissen, wie wir sie bekämpfen, hat er eine Übermacht und ist unantastbar!«

Kacey verschränkte die Arme vor der flachen Brust. »Du kannst einen König auch stürzen, ohne tausende Menschen zu opfern.«

»Das waren Krieger, Kacey, Barbaren, die ohnehin nichts anderes tun, als sich gegenseitig abzuschlachten«, gab er gnadenlos zurück. »Ich habe unter seinen Leuten Krieg angezettelt, um seine Macht zu schwächen. Ich habe Lohna verführt und wollte ihren Tod vortäuschen, um ihn und das Kaiserreich zu entzweien. Aber dann hat er versucht, Desith und Derrick zu vermählen, um deinen Vater an sich zu binden, weshalb ich versuchte, Desith zu vergiften.«

Kacey runzelte die Stirn. »Du warst das…« Er konnte es nicht fassen. »Du hast Lexi dazu gebracht, Desith Gift in den Wein zu mischen?!« Ihm sank das Herz, sein Gesicht wurde dunkel vor Zorn. »Mein Vater trank den Wein, Riath! Er wäre fast daran gestorben!«

Riath zuckte mit den Achseln. »Denkst du, du bist der Einzige, dem ich in meiner Verzweiflung schrieb? Lexi hasst den Großkönig so sehr wie ich, wir kamen einmal ins Gespräch, als Eagle ihn bei einem seiner Besuche in Nohva dabeihatte. Wir halten Schriftkontakt, oder haben ihn gehalten, bis er Scham und Schuld für seine Tat empfand und mich zum Pfeffer wünschte. Er hats verkackt und jetzt heult er rum. Er ist schwach.«

»Er ist nur ein Kind!«, verteidigte Kacey ihn. Und gleichzeitig wollte er fragen, warum Riath nicht ihn gebeten hatte.

Weil er dich kennt und weiß, dass du zu schwach für seine Vorgehensweise bist.

Oder weil er nicht gewollt hatte, dass du es ihm ausredest.

»Prinzen sind niemals Kinder, wir werden zum Regieren erzogen, und regieren bedeutet, zu morden, wenn es angebracht ist. Für die eigene Macht und für den Schutz des Volkes, denn man selbst ist der Schild, der niemals brechen darf.«

Er konnte ja so kalt sein, so… gnadenlos ehrlich.

»Wir sind mehr als das«, gab Kacey zurück und suchte Wärme hinter diesen kalten, grünen Augen.

Riath presste die Lippen aufeinander bis sie nur noch ein weißer, dünner Strich waren. »Tu das nicht, Kacey. Ich bin nicht der leidende Böse, ich muss nicht gerettet werden. Ich stehe ein für die Dinge, die ich tue und denke, wohlwissend, dass ich kein Vertreter des Friedens bin. Ohne Aufstand, ohne Kampf, werden wir uns nicht schützen können.«

Kacey verstand derweil gar nichts mehr, er schüttelte verwirrt den Kopf, sein Schädel brummte. »Aber du hast Desith… du hast geschrieben, dass du ihm geholfen hast. Warum wolltest du ihn nicht mehr töten?«

»Ich habe ihn beobachtet, aus nächster Nähe.« Riath zuckte mit den Achseln. »Ich hatte Desith für jemand anderen gehalten, als er wirklich ist. Es ging bei dem Giftanschlag auch weniger um ihn als vielmehr darum, dass er für das Große und Ganze weichen sollte. Allerdings wusste ich da noch nicht, dass die Magie in ihm dazu führt, dass er das Gift schluckt wie den Saft aus Vynsus Schwanz. Und jetzt denke ich … Nun, er ist ein gefährlicher Feind, aber …« Er unterbrach sich, weil er leise lachen musste. »Melecay wird ihn und seine Wut auf mich ausnutzen, um ihn und die Hälfte seiner Männer nach Nohva zu schicken. Was wiederrum für mich bedeutet, er selbst lässt ein geschwächtes Land zurück. So brachte Desith mir am Ende doch noch Erfolg, sie wissen es nur noch nicht.«

Kacey wandte den Blick zur Seite, versuchte die Ereignisse in seinem Kopf zusammenzufügen, bis ihm bewusstwurde, worum es Riath wirklich ging.

Er sah wieder zu ihm auf, ernst und unbeugsam. »Du willst Carapuhr.«

»Ich werde es brennen lassen.« Riaths Gesicht verhärtete sich, seine Augen verschlossen sich, als ob ein Vorhang gefallen wäre, und er drehte Kacey die Schulter zu. »Das zwischen mir und Melecay ist etwas … sehr Persönliches, Kacey, das verstehst du jetzt noch nicht.«

»Und die Magier?« Kacey konnte nicht aus seiner Stimme verbannen, wie enttäuscht er war. »Ich dachte, es ginge dir um uns und unseresgleichen. Aber jetzt geht es nur noch um Riath und Melecay? Wieso?«

Riath schloss kurz die Augen. »Das eine ist das andere«, flüsterte er, als wollte er nicht, das Kacey es hörte. Er hob eine Hand, schien es aber nicht zu bemerken, und strich über die leichte Narbe, die sich über seine Kehle zog.

Mit gerunzelter Stirn beobachtete Kacey die Geste. »Was soll das bedeuten?«, raunte er verwirrt zurück.

Schweigen. Riaths Gedanken schienen wie weit entfernt, er blickte in eine dunkle Ecke, mit einem ausdruckslosem Gesicht und leeren Augen.

»Was willst du wirklich, Riath?« Kacey betrachtete ihn mit schiefgelegtem Kopf. »Geht es dir nur um dich, um deine Macht, um eine Krone?«

Ein kühles Lächeln trat zurück auf Riaths Züge, er sah Kacey wieder an. »Es geht um alles, Kacey, es ging immer um alles. Die Freiheit der Magier beginnt dort, wo ihre Unterdrückung anfing.«

Ein ungutes Gefühl stieg ihm die Kehle rauf. »Und sie begann beim Großkönig?«

Dazu schwieg Riath, starrte wieder vor sich hin, als sähe er nicht die Zimmereinrichtung, sondern einen weit entfernten Ort zu einer anderen Zeit. Seine Lippen zuckten, als wollte er knurrend die Fänge blecken, und seine Hand lag verkrampft um den Kelch, sodass er Dellen in das Silber drückte.

Kacey runzelte die Stirn. Die Magie in ihnen mochte eingesperrt und versiegelt sein, und doch war allein der Hauch ihrer Präsenz stark genug, sie alle zu verändern. Desith, sein Halbbruder, der einst als Mensch geboren, widerstand Gift und konnte laut Riath mit den Schatten eins werden. Xaith vermochte, seine Gestalt aufzulösen, zu einem Schwarm Nachtfalter, und hinwegzufliegen. Riath entkam dem Tod und schien übernatürlich stark.

Kacey selbst verspürte keine Veränderung.

»Ich würde dich gerne verstehen«, flüsterte Kacey niedergeschlagen, »aber du erklärst dich nur halbherzig und in Rätseln.« Er wandte sich ab und blickte wieder in den Kamin, spürte Riaths Augen auf seinen Wangen, als ob sie sich dort einbrannten. »Ich weiß nicht, wie all das zusammenpassen soll, wonach du strebst.«

»Du vertraust mir nicht«, Riath klang nicht, als wäre er überrascht oder gar verletzt. »Nach allem, was du über mich weißt, solltest du das vielleicht auch gar nicht.«

»Ich weiß nicht, wer du wirklich bist«, gab Kacey zu.

Riath setzte sich in Bewegung, schlenderte zielstrebig durch den Raum auf Kacey zu.

Er schloss die Augen, als Riath hinter ihn trat und den Arm an ihm vorbei streckte, um seinen verbeulten Kelch auf das Sims zu stellen. »Alles, was ich in meinen Briefen schrieb ist wahr, ich habe dich nie angelogen«, flüsterte Riath ihm ins Ohr, sodass sein heißer Atem Kaceys Wange streichelte. »Und ich habe auch nicht vor, je unehrlich zu dir zu sein, verzeih, wenn du dich hintergangen fühltest, ich wollte dir nur Kummer ersparen.«

Sein Herz raste und krampfte, weil es nicht wusste, was es fühlen sollte.

Zärtlich berührten Riaths Fingerspitzen Kaceys Handrücken, strichen seinen Ärmel zurück, während Riaths Nasenspitze über seinen Nacken rieb. »Alles, was ich tue, tu ich für unseresgleichen, Kacey. Ich kämpfe dafür, dass wir unsere Freiheit behalten können, und dafür, dass wir endlich respektiert werden. Aber ich kämpfe eben auch für mich, dafür werde ich mich nicht entschuldigen. Du kennst mich, du weißt, was in mir schlummert.«

Kacey schluckte angestrengt. »Ich weiß nicht… was ich denken soll.«

»Doch, du weißt es.« Riath verschränkte ihre Finger und beugte sich hinab, um die warme Wange zwischen Kaceys Schultern zu schmiegen. »Du denkst, dass wir nicht zulassen dürfen, dass man uns Kronen und Länder abspricht oder uns wie Wild jagt und zur Strecke bringt, nur weil wir mit Magie im Blut geboren wurden. Und du denkst, dass jemand wie ich vielleicht der einzige Mann ist, der den Magiern helfen kann, der sie anführen sollte. Du hast nur Angst, dafür einzustehen, weil es dich zu jemanden macht, der nicht in das diplomatische Vorbild deiner Familie passt.«

Vielleicht. Doch es wäre einfacher, sich Riath zu öffnen und ihm zu vertrauen, würde er ihn in seine Gedanken und Gefühle und vor allem in seine Absichten einweihen. Denn das Letzte, was Kacey zulassen würde, war sich von einer säuselnden Stimme manipulieren zu lassen.

Er fühlte sich auf gefährliche Art zu Riath hingezogen, aber er würde nicht naiv wie eine verliebte Göre handeln und blind jeden Honig von seinen Fingern schlecken.

»Du weißt, wer ich bin«, raunte Riath ihm ins Ohr, »du hast in meine Seele geblickt, du weißt alles über mich, Kacey, du kennst mein Herz so gut wie ich das deine. Und du wusstest, was ich getan habe, in Zadest, du weißt es ganz genau, doch du hast mir trotzdem geschrieben. Wir sind nicht so verschieden. Du hast es selbst gesagt, wir sind vom gleichen Schlag, wir wollen beide kämpfen, für das, was uns zusteht, du hast nur Angst vor dir selbst.«

Kacey schloss die Augen, ließ ermattet die Schultern fallen.

»Sag es«, forderte Riath, »sprich es aus.«

»Du …«

»Sag es!«

»Du hast Sarsar in den Abgrund gestoßen, ihn den Trümmern überlassen.«

Riath hob den Kopf und atmete aus, als ob ihm ein Dolch in der Brust steckte. »Und doch hast du bei mir gelegen, mich getröstet in dieser Nacht, mir danach geschrieben…«

Kacey fuhr zu ihm herum, suchte in seinem Blick den jungen Mann, dem er damals in dieser Nacht so tief in die Seele geblickt hatte. Suchte nach dem Jungen, der für ihn in den brennenden Wald gerannt und ihn aus den Dornen gerettet hatte, der ihm nachgestellt, ihn angehimmelt hatte. Suchte den Jungen, mit dem er vor knapp acht Jahren diese besondere Nacht verbracht hatte. Er war menschlich gewesen und voller Verzweiflung, voller Reue, gequält von seiner eigenen Schuld.

Natürlich war das, was er getan hatte, unverzeihlich, denn er hatte den eigenen Bruder töten wollen, aus Angst, dieser könnte ihm die Krone streitig machen.

Abertausende Brüder töteten einander um der Macht willen, aber nicht einer hatte wie Riath so schnell und so stark deshalb gelitten, solch einen verzehrenden Schmerz verspürt, der ihn innerlich zerriss.

»Deine Mutter hat dein Leben lang zu dir gesagt, dass du es tun musst«, verteidigte Kacey ihn, spürte, wie ihm die Kehle eng wurde. Er wollte Entschuldigungen für ihn finden. »Sie hat es dir aufgetragen, den zu töten, der dir gefährlich werden kann.«

Was tat er hier nur?

»Tu das nicht«, Riath lächelte kühl, hob eine Hand und berührte Kaceys Wange mit den Knöcheln, als wäre er ein kostbares Stück zerbrechliche Kunst, »gib ihr nicht die Schuld, nicht einmal ich tue das. Denn am Ende…«, er streichelte Kaceys Kinn, »…war es meine eigene Entscheidung.«

Kacey blinzelte zu ihm auf, hatte Schwierigkeiten, sich ob der Liebkosungen, die sich prickelnd über sein Gesicht und Hals ausbreiteten, einen kühlen Kopf zu bewahren.

»Und doch empfindest du Reue, tiefe Verzweiflung«, flüsterte Kacey rau zurück. »Und doch hast du ein Herz, Riath.«

Wenn er in seinem Leben eins gelernt hatte, dann, dass nichts einfach nur Schwarz und Weiß war, und Riath war gewiss nicht einfach nur grausam. Er war ein dummer Junge gewesen, gewiss, der so groß und legendär wie sein Vater hatte sein wollen, und der von einer kalten Mutter dazu erzogen wurde, um jeden Preis ein König zu sein. Sie hatte ihm eingebläut, dass Mord in Ordnung war. Nein, Kacey konnte nicht nur der Mutter die Schuld geben, das wusste er, Riath war für seine Taten selbst verantwortlich, doch Kacey … verstand ihn. Er war schockiert gewesen, aber er hatte den jungen Burschen verstanden, der diese dumme, ungeheuerliche Tat verübt hatte.

Er war mit Riath verschmolzen, hatte seine Verzweiflung gefühlt, sein Bedauern, als wären es seine eigenen Gefühle gewesen, hatte mit ihm schreien und weinen und sich selbst hassen wollen, hatte mit ihm zusammen die Tat akzeptiert und hingenommen, dass das Schicksal ihn bestrafen würde. Er hatte diesen zerstörten Jungen in sich aufgenommen, Mitleid empfunden, und vor allem hatte er in ihn hineingesehen und seinen Schmerz gespürt, seine Einsamkeit.

Jemand, der so sehr litt, der konnte nicht herzlos sein. Jemand, der so viel Reue empfand, würde sich für Gerechtigkeit einsetzen.

Und genau das hatte Riath auch getan, wenn auch auf eine äußerst blutige Art.

Was tat er bloß, wieso wollte er Entschuldigen für ihn finden?

Weil du sein Herz kennst und weißt, dass er nicht nur ein kaltblütiger Gegner, sondern auch ein starker, liebender Beschützer war. Und dass die Magier – dass DU – diese Mischung vielleicht brauchen.

Sarsars Tod war unentschuldbar, doch alles, was Riath danach getan hatte, war für Kacey sogar nachvollziehbar, auch wenn er es gar nicht verstehen wollte. Riath führte Krieg mit seinen Feinden, und Kacey war nicht so naiv zu glauben, dass dabei irgendeine Seite ihre Hände in Unschuld wusch. Vielleicht bedeutete Freiheit am Ende, sie sich zu erkämpfen. Wer wusste das besser als ein ehemaliger Sklave? Mit netten Bitten ließen sich die, die Macht über einen hatten, nur selten erweichen, die Welt mit den Augen derer zu sehen, die ihren Launen ausgeliefert waren.

Eine Berührung an seiner Wange ließ ihn in die Gegenwart zurückkehren. Riaths Gesicht war dem seinem so nahe, ihr Atem vermischte sich, sie sogen dieselbe Luft in ihre Münder.

»Du warst ein Junge, der einen Fehler begangen hat, einen schrecklichen, und du wusstest um deine Tat, du hast sie nie verleugnet oder dich gerechtfertigt, weder vor mir noch vor dir selbst«, sagte Kacey zu ihm, direkt in diese klugen, abgeklärten Augen. »Wer bist du heute? Ein Mann, der sich auf die Schulter klopft?«

Riath schlug die Augen nieder, seine Hand glitt von Kaceys Gesicht. »Und ich dachte, du kennst mich.« Er ließ von ihm ab, trat einen Schritt zurück, dann noch einen. »Es vergeht kein Augenblick, an dem ich es nicht bereue, was ich meinem Bruder angetan habe, doch ich bin kein Mann, der in Selbstmitleid zerfließt, ich lerne damit zu leben. Wenn ich mir nicht vergeben kann, wird es niemand sonst tun.«

Kacey fühlte sich, als ob ein kühler Windzug ihn erfasste, er fröstelte, verschränkte die Arme und blickte zur Seite weg.

»Kacey…«, versuchte Riath, zu ihm durchzudringen, klang ungewohnt sanft, »…ich werde nicht lügen, um deine Gunst zu erlangen, du musst schon selbst entscheiden, was für dich richtig ist. Doch wisse, dass ich für die Gerechtigkeit kämpfe, und es würde niemanden helfen, wenn ich mich selbst bemitleide. Nein, ich muss stark sein und ich muss immer das tun, was für mich richtig ist. Denn das ist, wozu ich geboren wurde, ich bin ein König, Kacey, ich werde es zumindest eines Tages sein, weil ich fähig dazu bin, die Entscheidungen zu treffen, die niemand wagen würde, auch wenn es bedeutet, dass sie mich zu einem Monster machen. Nur so kann ich das schützen, was ich liebe.«

»Und was liebst du?«

»Meine Familie, meine Brüder, meine Kinder und unseresgleichen. Mein Volk, meine Leute, Kacey, stammen nicht nur aus Nohva, sondern von überall, so wie ich es dir einst schwor. Jeder Magier, jeder Illusionist, jeder Jäger, jeder Verzauberer gehört zu mir.« Er sprach aus der Seele, mit Leidenschaft und Entschlossenheit. Und genau dieses Feuer war es, das Kacey beeindruckte, denn wer außer Riath würde sich je mit solcher Überzeugung für die Magier einsetzen? »Ich will sie nicht beherrschen, ich will sie vereinen, dazu brauche ich dich. Du musst deine Schützlinge darauf vorbereiten, sich zu wehren.« Er machte eine kurze Pause, wirkte so stark und selbstsicher, dass Kacey ihn um diese Charaktereigenschaften beneidete, denn er selbst wusste nicht, wo ihm der Kopf stand.

»Denk darüber nach«, bat ihn Riath sanfter. »Tu, was du für richtig hältst, ich werde deinen Idealen nicht im Weg stehen, doch … ich werde tun, was ich für richtig halte. Und ja, dazu gehört auch, meine Feinde leiden zu lassen, vor allem … Melecay.« Den letzten Namen knurrte er. Kacey betrachtete ihn nur schweigend. Dann sagte Riath bedauernd: »Und ich werde dir ganz sicher nicht erklären, was für Beweggründe mich antreiben, solange wir einander nicht vertrauen.«

Was sollte Kacey darauf erwidern? Er wusste es nicht, wusste nicht, was sie hier taten.

Liefere ihn aus, sichere dir die Gunst des Kaisers.

Nein, vertrau ihm, denn er wird auf jeden Fall mit Leidenschaft für deinesgleichen kämpfen.

»Er ist nicht mehr hier«, erklärte er dann, um das Thema fallen zu lassen, da es für ihn zu nichts als Verwirrung und Selbstzweifel führte. »Ich habe versagt«, gestand er und wandte mit vor der Brust verschränkten Armen Riath und seinem feurigen Blick den Rücken zu. »Xaith hat deine Briefe gefunden und ist verschwunden, er weiß, dass du wolltest, dass ich ihn hier festhalte.«

Er wusste allerdings nicht, dass Kacey mit Xaith geschlafen hatte und er rieb es ihm wohlweislich auch nicht unter die Nase. Kacey… hütete es wie einen Schatz.

Riath schnaubte. »Du bist ein unverbesserlicher Romantiker.«

Vor dem Kamin blieb er stehen und schloss gequält die Augen, denn es stimmte.

»Solche Art Briefe verbrennt man, Kacey«, belehrte Riath ihn. Es klang, als würde er sich in Richtung Terrasse bewegen. »Bevor sie deinem Vater in die Hände fallen.«

»Sie sind nun verbrannt, keine Sorge«, gab er zurück, er fühlte sich dumm. Und er wollte nur noch allein sein, das Gespräch ermüdete ihn.

»Mach dir um Xaith keine Sorgen.« Riaths Schmunzeln in der Stimme ließ Kacey sich nach ihm umdrehen. Er ging tatsächlich zur Tür. »Ich weiß, wo mein Bruder ist, du solltest ihn nur … bremsen, und das hast du getan.«

Kacey starrte Riath an, wusste nicht, was er sagen sollte.

»Du hast deine Pflicht erfüllt«, Riath zuckte mit den Achseln, nahm seinen Umhang, der über einer Stuhllehne gelegen hatte, und warf ihn sich um die Schultern, »wenn du dich lieber zukünftig aus den Belangen der Magier raushalten…«

»Ich bin auch ein Magier, Riath! Tu nicht so scheinheilig, als ob ich allem einfach den Rücken zukehren würde, weil ich mich fürchte! Doch ich weiß nicht, was der ganze Konflikt mit der Magie mit dem Großkönig oder mit Xaith zu tun hat! Ich verstehe dich nicht.«

Riath sah auf den Boden vor Kaceys Füßen und lächelte müde. »Ganz einfach, Kacey, wenn ich Melecay nicht vernichte, werden ich und meine Brüder nie wieder sicher sein. Und wenn ich Xaith nicht finde, wird er ein Ritual zu Ende bringen, das einen so hohen Preis fordern wird, dass danach nie wieder ein Magier frei sein kann, weil uns niemals wieder irgendjemand vertrauen wird.«

Kacey spürte, wie ihn das Entsetzen packte, doch Riath sprach nicht weiter. Sie sahen sich kurz an, Riath schien auf etwas zu warten, zuckte dann enttäuscht mit den Achseln, als Kacey ihn nur grübelnd anstarrte, und wandte sich zur Buntglastür.

»Warte!«, hörte Kacey sich sagen.

Erwartungsvoll drehte Riath sich wieder zu ihm um.

~7~

Es knackte und krachte über ihnen, als ob der Sturm zurückkäme. Doch es war kein Donner, der die Kronen des Urwaldes erschütterte, und auch keine Blitze, die ihn erhellten, sondern etwas viel Schrecklicheres, Fieseres.

»Lauf! Weiter!« Xaith riss Baron an den Zügeln hinter sich her, während er Siderius vor sich her stieß.

Der Junge presste das Bündel mit dem schreienden Kind an die Brust und stolperte gefühlt über jeden Ast und jede Wurzel, immer wieder musste Xaith ihn auffangen und hochreißen.

Er wäre leichter entkommen, hätte er die Jungen zurückgelassen, doch das kam natürlich nicht in Frage. Verdammte Sympathie.

Der Waldboden war feucht, das nasse Moos rutschte unter ihren Stiefel davon. Doch sie durften nicht anhalten.

Langsam drang das Licht der Morgendämmerung durch die dichten Blätter, sodass sie nicht mehr völlig blind waren. Baron scheute, wieherte schrill, es kostete Xaith große manipulative Kräfte, um den Geist des Pferdes an sich zu bringen, damit es sich nicht losriss und in sein Unglück rannte.

»Ich beschütze dich schon, du störrischer Esel«, brüllte er über die Schulter. Die Ausrüstung, Decken, Töpfe, Werkzeuge, Dolche klimperten auf dem Rücken des Pferdes oder schlugen gegen seine bebenden Flanken, während sie sich durchs Unterholz kämpften.

Bitte, flehte Xaith das Schicksal an, er darf sich bloß kein Bein brechen. Er würde den Hengst vermissen, so sehr als ob ihm ein Arm fehlen würde.

Etwas erhellte hinter ihnen den Wald, Bäume bogen sich, brachen, es krachte ohrenbetäubend laut, sodass um sie herum jeder Vogel, jedes Säugetier aus den Baumkronen und dem Unterholz flüchtete.

Siderius fuhr erschrocken herum, blaues Licht erhellte seine jungen Züge und die aufgerissenen Augen. »Was war das?«

Xaith stieß ihn so grob vorwärts, dass er beinahe wieder hingefallen wäre. »Schau nicht zurück!«

»Oh bei den Göttern, ist es das, was ich denke, was es ist?«

»Lauf einfach weiter!«, herrschte Xaith ihn an.

Der Junge konnte nicht mehr, sie schienen seit Stunden über Stock und Stein zu hechten, das zerrte an ihren Kräften. Lungen und Beine brannten. Und das Krachen in den Baumkronen blieb dicht hinter ihnen.

Ein riesiger Schatten zog Kreise am Nachthimmel, ein grelles Kreischen durchschall den Wald und ließ sie vor Schmerz aufbrüllen, denn ihre Ohren schienen regelrecht zu zerbersten.

»Wir müssen uns verstecken!«, rief Siderius keuchend. »Wir… wir müssen…«

Doch weit und breit fanden sie keine Höhle, nur Wald und noch mehr Wald. Keine Felsen.

Xaith legte eine Hand auf die knorrige Schulter des Jungen und lenkte ihn durch das dichte Unterholz, aber er musste sich eingestehen, dass er kein Ziel verfolgte, sondern dass sie getrieben wurden.

Neben ihnen explodierte der Wald in einem Streifen hellen, blauen Licht, so nah, dass es sie stolpern ließ und sie sich instinktiv zusammenrollten. Xaith schmiss sich auf die Jungen, Barons Zügel fest in den Händen, die in seine Haut schnitten, als der Hengst sich vor Panik aufbäumte.

Der Schrei des Kindes war herzzerreißend und bedenklich, Siderius zitterte unter ihm.

Als sie die Köpfe hoben, sahen sie Rauch und brennende Blätter zu Boden segeln. Blaues, kaltes Feuer fraß sich durch die Wildnis. Ein starker Flügelschlag wirbelte Laub und Asche auf, direkt in ihre Augen.

Sie sahen den großen Schatten neben sich landen und sprangen auf.

»Lauf!« Xaith schubste Siderius in den Wald, fuhr gleichzeitig herum und warf einen orangen Feuerstrahl auf den Schatten, der sich daraufhin verwirrt schüttelte. »Lauf! Lauf so schnell du kannst!«

Willst du mich fangen, Bruder, oder töten?

Tatsächlich wusste man das bei Riath nie so genau.

Sie rannten und rannten, begleitet von dem panischen Schreien eines Neugeborenen und dem schrillen Wiehern des Hengstes.

Siderius hechtete über einen umgestürzten, überwucherten Baumstamm, dahinter klatschte er in ein Loch aus Matsch, seine Schritte patschten.

Xaith nahm den Weg drum herum, winkte den Jungen zu sich. Das Krachen und der Flügelschlag richteten sich nach Norden, drehten aber bald wieder in ihre Richtung, als hätte die Kreatur ihre Witterung erneut aufgenommen.

Sie verschnauften dennoch für einen winzigen Moment hinter einer dicht stehenden Gruppe junger Bäume, und schöpften Atem. Asche klebte in ihren Gesichtern, ihre Knie und Hände waren vom vielen Stolpern aufgeschürft.

»Warum ausgerechnet dieses widerliche Biest?«, fragte Siderius und spähte in den Wald, der im Zwielicht bedrohlich und fremd wirkte. »Ich hasse es.«

»Ich glaube, es mag uns auch nicht sonderlich.« Xaith stieß sich von seinem Stamm ab und packte Siderius` Arm. »Komm, schnell weiter.«

Die Kreatur holte erneut auf und sie mussten wieder rennen. Blind liefen sie auf eine Lichtung, deren hochgewachsenes, braunes Gas ihnen bis zu den Nasenspitzen reichte. Doch dort waren sie ein leichtes Ziel.

Baron galoppierte mit aufgerissenen Augen los, zog an Xaith vorbei und riss ihn beinahe mit, wäre es Xaith nicht gelungen, ihn mit einem Ruck an den Zügeln aufzuhalten und dann zu beruhigen.

»Es kommt zurück!«, schrie Siderius auf.

Xaith fuhr herum. Am dunkelblauen Himmel, der langsam vom Licht der Dämmerung gespeist wurde, sah er die riesige Flügelspannweite und riss die Augen auf. Das Beast hielt im Sturzflug auf sie zu, blaue Flammen waberten aus seinem Maul. Es würde Xaith nicht töten, aber es würde ihn schneller mit diesem Feuer einkreisen und festsetzen als er laufen konnte.

»Achtung!«

Das war nicht seine Stimme. Verwundert drehte er sich um. Am Waldrand zu ihrer Rechten stand ein winziger Umriss, gut hundert Schritte entfernt, und doch bemerkte Xaith sofort das silbrig schimmernde, faustgroße Ding in der Hand des Fremden.

»Runter!«, brüllte er, schmiss sich auf den verwirrten Siderius und riss ihn zu Boden, sodass sie auf das Kind fielen und grunzten.

Baron bäumte sich panisch auf, riss sich endgültig los und stürmte davon. »Nein!«, schrie Xaith aus Leib und Seele, sah seinen geliebten Hengst – den sein Vater ihm geschenkt hatte – vor dem inneren Augen bereits zerfleischt von dem Raubtier.

In jenem Moment, als der fliegende Schatten von seinen Instinkten abgelenkt wurde und dem Pferd hinterher wollte, warf der Fremde aus dem Wald sein Wurfgeschoss, das grell wie ein Stern über Xaith hinwegsegelte. Er blickte ihm nach, seine Drachenaugen verfolgten den schimmernden Flug und beobachtete, wie es genau in die Flugbahn der Kreatur geriet, als hätte der Werfer den Zeitpunkt vorhergeplant und abgepasst. Der schimmernde Gegenstand traf genau zwischen die großen Augen.

Xaith drehte sich schnell weg, legte die Hände über Siderius` Gesicht, und petzte die Augen zu. Trotzdem konnte er das blendend helle Licht sehen und spüren, das hinter ihm im Gesicht der Kreatur explodierte. Ein gequälter Schrei ertönte, tierisch und in den Ohren schmerzend, gefolgt von einem Beben der Erde, als die Kreatur auf dem Boden aufschlug.

»Schnell!« Der Fremde war bei ihnen, zog sie auf die Beine. Er hatte zierliche Finger, die ungefragt Xaiths Hand packten und mit sich in den Schutz der Bäume zogen.

»Baron!«, rief Siderius und sah über die Schulter, das Köpfchen des Kindes an seinen Hals gedrückt.

»Der findet zu uns zurück, wie immer!«, herrschte Xaith ihn an, riss den Jungen mit sich.

Er dachte nicht nach, wollte nur weg, und vertraute deshalb dem Fremden, der in einen großen Umhang gehüllt vor ihm herlief und ihn durch immer enger werdende Gänge durch den Wald führte.

Die Kreatur wimmerte noch immer blind auf der Lichtung, der Wind trug die Laute davon, doch bald wurde sie wieder etwas sehen und die Verfolgung aufnehmen.

Sie schlugen Haken, der Wald war aufgebracht, überall schimpfte es im Unterholz, raschelte es, die Tiere waren in Alarmbereitschaft.

»Hier!« Der Fremde ging zielstrebig auf eine dunkle Aushöhlung zu. Erst als sie nähertraten, erkannte Xaith eine überwucherte, alte Hütte mitten im Wald. Vielleicht das Sommerdomizil eines Jägers, vielleicht war das Dorf, das er aufsuchen wollte, auch nicht mehr fern.

Doch als sie hinter dem Fremden blind in die Hütte liefen, war sofort deutlich, dass hier schon lange niemand mehr wohnte. Es war staubig, überall waren dicke Spinnweben und Nester, es roch morsch und klamm, ein kleiner Affe schreckte auf und entfloh aus einem Loch im Dach, von wo die Morgendämmerung herein schimmerte.

Sie waren von einer Falle in eine Falle gelaufen.

Siderius wiegte den Jungen im Arm und versuchte, ihn mit »Sh«-Lauten zu beruhigen, der Fremde schloss die Tür hinter ihnen.

Knurrend warf Xaith sich herum, zog seinen Dolch und stürzte sich mit flammenden Augen auf die kleinere Gestalt.

Siderius zuckte zusammen. »Was machst du denn?«

Es war nicht genug Zeit, ihm zu antworten.

Ein erschrockener Laut drang unter der weiten Kapuze hervor, als sie gemeinsam zu Boden gingen. Xaiths Aufprall wurde durch einen schlaksigen Leib abgefedert, unter dem Umhang spürte er jedoch weder eine Rüstung noch ein Schwert.

Verwundert hob er den Kopf, seine Klinge schnitt leicht in eine unheimlich schlanke, weiße Kehle, wodurch der hervorquellende Tropfen Blut schimmerte wie ein Edelstein. Der Fremde hob das Kinn instinktiv an, rechts und links von seinem Kopf lagen ergebend seine untätigen, zarten Hände.

Das Licht fiel durch das Loch im Dach direkt auf das Gesicht. Xaith stockte der Atem, blinzelte irritiert. Zwei riesige Augen blickten ihn an. Vertraute Augen. Zimtbraune Augen.

Perplex schüttelte Xaith den Kopf, das konnte nicht sein, er zog den Dolch zurück, als hätte er aus Versehen einen Heiligen bedroht. »Jin?«

*~*~*

Es herrschte langes Schweigen, ihre Blicke hielten sich fest. Blaues Schimmern küsste ihre Züge, während die Zeit verstrich.

Riath machte einen Schritt zurück in die Mitte des Zimmes, einen Schritt wagte er auf Kacey zu. »Also…?«, hakte er nach, feurige Lust loderte in seinen grünen Augen auf.

Kacey hatte die Arme vor der Brust verschränkt, zum Selbstschutz, er schlug die Augen nieder, weil er Riaths fordernden Blick nicht aushielt.

»Erzähl mir von Xaith«, verlangte er dann. »Ich habe herausgefunden, dass er versucht, euren Vater und eure Geschwister wiederzuerwecken, doch er sagte auch, dass er gescheitert wäre.«

Er hatte geglaubt, Xaith hätte von seinem Plan abgelassen, weil es schlicht unmöglich war.

Riath antwortete unheildrohend: »Ich habe Grund zur Annahme, dass er es dennoch versuchen wird.«

Kacey sah zu ihm auf, versuchte dabei so geschäftig und distanziert zu wirken, als wollte er eine politische Angelegenheit für die Magier klären.

Und genau das war es, was er und Riath seit gut einer Stunde hier taten. Sie debattierten darüber, ob Kacey sich ihm anschloss. Doch sich Riath anzuschließen, bedeutete nicht nur, für den Schutz der Magier zu kämpfen, sondern sich auch Riaths persönlichem Krieg mit Carapuhr anzuschließen. Und allen anderen Kriegen, die er anzetteln wollte.

»Ich verfolge meinen Bruder schon, seit er verschwunden ist«, begann Riath zu erklären. »Neben Hexenjägern und Barbaren, die mir an den Kragen wollen, lasse ich Xaiths Weg nachverfolgen.«

Riath wandte der Tür den Rücken zu, und aus einem unerfindlichen Grund fiel Kacey ein Stein vom Herzen. Er sah ihm nach.

»Xaith hat ganz Nohva nach alten Schriften abgesucht, Klöster, Kirchenarchive, alte Tempel der Elkanasai, immer auf der Suche nach Wiedererweckungszaubern, die bekanntlich unter Nekromantie und Dunkelzauberei fallen.« Riath lief auf und ab und ließ die Knöchel knacksen, schien plötzlich ruhelos. »Das blieb der Öffentlichkeit nicht verborgen, er wurde gesehen, die Menschen bekamen Angst. Sie sagen, er sei ein Nekromant. Jemand nutzte diese Angst und prompt hielten die Bürger uns alle für böse Zauberer, die wider der Natur handeln. Dann kam die Frage auf, ob so jemand ein Prinz, geschweige denn König sein durfte. Und die alten Schriften der Götter besagen: Nein, darf es nicht.«

Kacey begann, zu verstehen. »Er hat also den Konflikt ausgelöst, indem er alte Zauber suchte und stahl?«

»Die Frage, ob ich nach dem Erwachen meiner Fähigkeiten ein geeigneter Erbe bin, stand bereits von Anfang an im Raum«, gab Riath zu, sah Kacey an und zuckte mit den Schultern. »Aber nachdem Xaith ein wenig Staub aufgewirbelt hat, verschärfte sich alles. Sprich, meine Gegner wollten die Machenschaften meines Bruders gegen mich verwenden. Einige im Adel hofften wohl auch darauf, Wexmell würde sich mit einer ihrer Töchter vermählen und eigene Kinder zeugen.«

Mit verschränkten Armen ging Kacey hinüber zu seinem Tisch, dabei nahm er Riaths verbeulten Kelch vom Kaminsims. »Das hast du in deinen Briefen erklärt. Doch was ist mit Xaith, welches Ritual hat er gefunden, das vor ihm noch niemand gefunden haben soll? Und welchen Preis soll es am Ende kosten?«

»Er fand es nicht in Nohva, er reiste mit einem Schiff nach Malahnest.«

Kacey fuhr mitten im Lauf zu Riath herum, der vor seinem Bett stand und mit seiner überragenden Präsenz den Raum ausfüllte. »Er ist zu den freien Inselstaaten gereist?«

Selten kamen Händler oder Reisende von dort in die großen Reiche, noch seltener verirrten sich Besucher so weit in den Nordosten der See. Niemand wusste, wie es dort genau aussah, wer was regierte, es gab keine Könige, aber wohl Statthalter. Hin und wieder kursierte ein Gerücht über die Inseln, wie es dort aussah, welches Wetter dort herrschte, wie viele Städte oder Burgen es gab, doch jedes Gerücht widerlegte das andere.

Riath sah Kacey mit einer undurchdringlichen Miene an. »Ich bin ihm dorthin gefolgt, ein kleiner Abstecher, bevor ich nach Carapuhr reiste und deine Schwester traf.«

Kacey schüttelte den Kopf, während er eins und eins zusammenzählte, und sich mit dem Rücken an einen dunklen Stuhl lehnte, die Hände darauf abstützend. »Er stieß dort auf dieses uralte Ritual?«

»Es gibt in Malahnest und Irridohr keine Verbote oder Grenze für Zauberei«, erklärte Riath.

Interessiert horchte Kacey auf.

»Sie bewahren dort jeden Zauber in ihren Türmen und Museen und Archiven.« Riath drehte sich suchend um, entscheid sich für die Bettkante und setzte sich darauf, schien ermattet, müde vom Erzählen. »Ich war nicht rechtzeitig dort, Xaith entwischte mir, aber wir fanden einen Priester, mit dem Xaith gesprochen hatte. Dieser sagte uns, Xaith interessierte sich für eine alte Prophezeiung.«

»Das gefällt mir nicht.« Prophezeiungen waren nie etwas Gutes, wirklich nie.

Riath nickte beständig. »Es gibt einen Ort in Malahnest, wo angeblich ein Fenster zur Welt der Toten besteht. Sprich, eine Art dünner Schleier. Dort bauten sie vor Jahrtausenden einen Tempel, er ist heute verfallen, doch die Beschwörungshalle existiert noch, überwuchert von Pflanzen.« Er hielt kurz inne, schien zu überlegen, wie viel er erzählen wollte, und rieb nachdenklich die großen Hände aneinander.

Wie er da so saß, wirkte er auf Kacey beinahe zugänglich und menschlich. Er wollte sich zu ihm setzen, seine Hand berühren, sein schönes Gesicht…

»Es gibt dieses Ritual, Kacey, um die Toten zurückzubringen, doch um sie ins Leben zurückzurufen, braucht man vier lebendige, aber leere Gefäße.

Zuerst verstand Kacey nicht, doch als er Riaths bedeutsamen Blick bemerkte, stockte ihm entrüstet der Atem. »Du meinst, er müsste vier Seelen rauben, um vier sterbliche Hüllen zu haben.«

»Genau das meine ich.« Riath nickte. »Aber Xaith versucht, den Spruch umzuwandeln, er will die Seelen in vier Dracheneier pflanzen.«

Xaith versuchte, den Spruch umzuwandeln… Die vielen Experimente, das Durchstöbern der Bibliothek der Akademie, deswegen war Xaith hier gewesen!

Kacey rieb sich unwillkürlich den Hals. »Du sprachst von einem hohen Preis.«

Schwermütig nickte Riath. »Der Priester sagte, dass niemand je dieses Ritual vollzog, weil in den Schriften steht, dass nicht der, der das Ritual einleitet, entscheidet, wer zurückkommt. Es heißt in der Prophezeiung, der, der das Ritual vollzieht, darf drei Seelen zurückbringen, doch er muss auch einer vierten Seele das Leben schenken, die derjenige aussucht, der auf der anderen Seite wartet.«

Kacey hob verwirrt die Hand, um Riath zu unterbrechen. »Der, der auf der anderen Seite wartet?«

Riath hob die breiten Schultern. »Sie dachten, es sei der Tod, doch wir wissen, dass die Unterwelt abgeschnitten und Onkel Zazar vermutlich gefangen ist. Wir wissen nicht, wer oder was die vierte Seele aussucht, und was dadurch in unsere Welt gebracht wird.«

Riath rieb die Hände über die Schenkel, als wären sie schwitzig. »Der Priester sagte auch, nach dem Ritual kämen sieben Jahre Sonnenschein über die Heimat derer, die aus dem Tod zurückkehren, doch danach würden auch sieben Zeitalter lang nur eine kalte, schwarze Sonne scheinen, Monster würden aus dem Boden kriechen und über das Volk herfallen.« Riath suchte Kaceys Blick, wirkte hart und doch betroffen. »Sieben Zeitalter lang Dunkelheit, Kälte und Monster über Nohva. Nur weil ich versäumt habe, meinen Bruder in seiner verzweifelten Trauer zu helfen. Nur weil ich … Sarsar in den Abgrund stieß.«

Kacey wusste nicht, was er sagen sollte, er öffnete den Mund, schloss ihn jedoch wieder betroffen. Ihn fröstelte es, wenn er an die Ausmaße dessen dachte, was ein einziger Zauber heraufbeschwören konnte.

»So gerne ich auch meinen Vater zurückhätte…«, Riath starrte auf seine Finger, die er gewissenhaft knetete, »und so gerne ich mich wieder mit meiner Schwester messen würde… So gerne ich vieles wiedergutmachen würde. Ich kann ihn das nicht tun lassen, er würde alle Magier zum Tode verurteilen, sie würden uns alle dafür hassen. Außerdem ist unsere Welt von allen anderen Welten abgeschnitten, nur so konnten wir das Portal schließen. Zazar, Cohen, Vater… sie gaben ihre Leben dafür. Was, wenn Xaith diesen Schutzschild einreißt und dadurch noch mehr Risse verursacht, die noch mehr fremde Götter anlockt?«

Kacey wurde es eng in der Kehle, als er an das Portal dachte, das ihn ausgesaugt und fast umgebracht hätte, als er plötzlich inmitten von zerflossenen Leichen die gleichen grünen Augen erblickt hatte, die ihn auch jetzt ansahen, und ihn vom Tod weggerissen, ihn gerettet hatten.

Riath und ihn verband mehr, als er Außenstehenden begreiflich machen könnte. Ja, Riath mochte ein Brudermörder sein, aber Riath hatte ihm auch mehr als einmal das Leben gerettet. Das machte seine Taten nicht wieder wett, aber es sorgte dennoch für ein besonderes Band zwischen ihnen, das man vielleicht nur dann verstehen konnte, wenn man selbst wie Kacey von Riath geliebt wurde.

Er räusperte sich, um das beklemmende Gefühl abzuschütteln. Er spürte Riaths Blick auf sich, als erwartete der Prinz von Nohva eine bestimmte Erwiderung. Unwohl drehte Kacey sich um, ging um seinen Tisch herum und nahm den Kelch auf, den Riath ihm eingeschenkt hatte, während er den anderen abstellte. Er trank einen großen Schluck.

»Ich muss ihn aufhalten«, erklärte Riath sich, »erst wenn ich ihn aufgehalten und ihn in Sicherheit gebracht habe, kann ich mich um alles andere kümmern. Melecay und der Schutz der Magier hängen mit Xaith zusammen, denn wenn er dieses Ritual durchführt, werden wir andern Zauberkundigen zu Gejagten, und Melecay würde sich dieser Jagd gewiss sofort anschließen, um mir und meinen Brüdern die Kehlen aufzuschlitzen.«

»Warum ist Melecay hinter euch her? Hinter dir?«

Riath zischte und wandte den Blick ab, als ob Kacey ihn zutiefst beleidigt hätte.

»Wie soll ich dir vertrauen, Riath, wenn du mir nicht vertraust?«

Er haderte mit sich, kratzte sich am strohblondem Kopf, rieb die Hände aneinander, und starrte dabei in eine andere Ecke des Zimmers. »Melecay… sagen wir, er will verhindern, dass ich den Thron Nohvas je besteige.«

Da steckte mehr dahinter, Kacey spürte es, doch Riath wollte es ihm nicht erklären.

Mit dem Kelch in der Hand, schlug Kacey ein Buch auf und blätterte stehend darin herum, doch er las nicht, er verschaffte sich nur Zeit zum Nachdenken, gleichzeitig behielt er den Schluck Wein im Mund, um nichts sagen zu müssen. Wieder spürte er Riaths erwartungsvollen Blick auf sich, sah aber nicht auf.

»Du trägst noch die Kette.«

Unwillkürlich blickte Kacey an sich hinab, dabei wusste er sehr genau, worüber Riath sprach und was ihn so vor Schadenfreude grinsen ließ. Kacey legte die Hand ertappt um den sichelförmigen Mondanhänger, den Riath aus einem alten Grab entwendet und ihm umgehängt hatte, nachdem Kacey ihm erklärt hatte, er würde Riath nur dann einen Kuss schenken, wenn er ihm den Mond vom Himmel…

Nun gut, Jugendlieben waren albern und kitschig und…

Warum trug er diese Kette dann noch immer?

»Was willst du hier?« Er klang genervt, doch das war er ganz und gar nicht, nur verwirrt und halb erschlagen von zu vielem Gerede. Noch immer wusste er nicht, was Riath beabsichtige. Nicht bezüglich der Welt, sondern auf ihn – auf sie beide – bezogen.

Und auch wenn er sich dafür schämte, ja, das war ihm trotz aller Umstände sehr wichtig.

Seine hellblauen, frostigen Augen blickten Riath herausfordernd an.

Der Prinz von Nohva lächelte milde. »Weißt du das nicht?«

»Ich meine«, Kacey schloss die Augen, er hielt sich an der Tischkante fest, nachdem er den Kelch wieder abgestellt hatte, »…was erwartest du jetzt von mir? Soll ich dir helfen, Xaith aufzuhalten? Ich habe hier Verpflichtungen, ich…«

»Nein, ich will, dass du hierbleibst und die Magier von Elkanasai darauf vorbereitest, sich zu wehren. Ich will, dass du sie für mich gewinnst, dass wir uns und sie unter einem Banner vereinen, als Streitmacht.« Riath stand auf, als Kacey ihn ungläubig anblickte. »Ich will, dass du mein Wort und mein Wille bist, ich will, dass du dich mir anschließt, Kacey, und dass du hier für eine solide Sicherheit sorgst, während ich mich um meinen Bruder kümmern muss.« Er stellte sich Kacey gegenüber, nur der Tisch war zwischen ihnen, eine große und dicke Platte Nussbaumholz, die nicht genug schien, um Riath aufzuhalten, sollte er näherkommen wollen. Nichts, nicht einmal ein Heer Dämonen hätte ihn dann aufhalten können. »Stärk mir den Rücken, Kacey, sorg dafür, dass die Magier von Elkanasai sich auflehnen.«

Kacey schluckte, sein Herz raste. Doch er wusste in diesem Moment noch nicht zu bestimmen, weshalb.

»Willst du nur das von mir?« Er wusste nicht, warum er das fragte. Doch, er wusste es, aber er wollte es sich nicht eingestehen. »Einen… Verbündeten?«

»Wie könnten wir mehr sein, wenn du nicht einmal das sein willst?« Nun klang Riath beinahe verletzt. Beinahe. »Nein, ich will dein Herz, ich will dich, Kacey. Ich will, dass wir eins sind, ich will von dir geliebt werden, so wie ich dich liebe und verehre, aber ich weiß sehr wohl, dass ich Liebe nicht einfach so verlangen kann wie ein Bündnis. Es liegt an dir, alles liegt nur an dir. Alles ist deine Entscheidung, aber ich bin hier, um dir von Angesicht zu Angesicht zu erklären, was bald geschehen wird.«

Kacey wusste nicht, was er sagen sollte. Auch, wenn er jetzt wusste, wohin Riaths nächster Schachzug ihn führte, wusste er nicht, wohin sich sein eigener Weg richten sollte.

»Sei nicht so dumm wie Wexmell und handle zu spät«, bat Riath ihn, streckte die Hand über den Tisch aus und berührte Kaceys Wange. »Lass nicht zu, dass hier auch nur ein Magier unter deiner Verantwortung stirbt, nur weil du einen Frieden wahren willst, zudem keine Seite bereit ist.«

Unwillkürlich und gegen die Vernunft, schloss Kacey genüsslich die Augen. »Riath…«, hauchte er und atmete schwer aus, »…manipulier mich nicht.« Er zwang sich, Riaths Hand zu nehmen und sie nach unten zu drücken.

Riath lächelte melancholisch. »Ich habe es nicht nötig, dich zu bezirzen, damit du tust, was ich will. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun, Kacey. Glaub mir, ich will dich auch dann, wenn du mir den Rücken kehrst. Ich habe dich immer gewollt. Stich mir einen Dolch in die Brust und ich würde mich trotzdem nach dir verzehren, dir alles verzeihen.« Seine Stimme und sein Blick wurden dunkler, schwerer, verheißungsvoll und so rau wie ein Stein auf Stein. »Und ich dachte, du mir auch.«

Damals vielleicht. Für eine Nacht vielleicht. Und vielleicht beruhten all diese wahnwitzigen Gefühle auf Gegenseitigkeit. Doch hatte man jemanden wie Riath wirklich je für sich? Er war schon damals ein Schwerenöter gewesen, nur an Körpern interessiert, nicht an Liebe.

Riath lebte für die Jagd, nicht für den Genuss.

Kacey sehnte sich nach beidem, denn ein Mann brauchte zum Leben sowohl Sauerstoff als auch Wasser, so war es bei ihm mit Liebe und mit Lust. Er brauchte beides in der gleichen großen, überragenden Menge.

»Ich… kann meinen Vater nicht einfach hintergehen«, hörte er sich sagen, sprach aus dem Verstand heraus, nicht aus dem Herzen. »Aber vielleicht gibt es eine Möglichkeit, dass du und der Kaiser einander ein Bündnis schafft, um die Magier zu schützen.«

Riath senkte enttäuscht die Lider, schwieg für einen Moment. Kacey hätte gern sein Gesicht berührt, ihn um Verzeihung gebeten.

»Du entscheidest, wozu du bereit bist, Kacey«, sprach Riath dann mit überraschender Nachsicht. »Doch wir wissen beide, dass du dich viel mehr davor fürchtest, wieder ein Sklave zu sein, als davor, dass deine neue Familie dich vielleicht als Verräter sieht.«

Kacey hob den Blick zu ihm, runzelte die Stirn.

Riath bewegte sich rückwärts. »Und am Ende werden wir alle in die Leibeigenschaft gezwungen, wenn wir uns jetzt nicht wehren. Glaub mir, das wird dir schneller bewusst, als dir lieb sein wird.«

Nachdenklich musterte Kacey Riath, der sich geschmeidig Schritt für Schritt von ihm entfernte, als hätte er Augen im Hinterkopf. »Denk darüber nach, ich bin noch ein paar Tage hier, du findest mich in einem Lager südlich der Stadtmauer. Ich bin sicher, dein Herz führt dich. Komm, wenn dir danach ist. Zum Reden oder…« Sein Blick fiel auf das Bett, er grinste und sah dann zurück zu Kacey, »…oder falls du nach all dem Gerede nach Zerstreuung suchst.«

Kacey fühlte sich ertappt, ein verräterischer Stich fuhr durch seinen Leib, als hätte ihn jemand von hinten mit einer brennenden Klinge durchbohrt.

Ha, so ähnlich hatte es Riath nur wenige Stunden zuvor ja auch gemacht.

Riath schmunzelte ihn schief an. »Keine Sorge, ich sage es auch keinem.«

Und dann ließ er ihn allein mit seinen wirren Gedanken und zwiespältigen Gefühlen. Und das Alleinsein hatte sich noch nie so erdrückend und düster angefühlt wie nach seinem Auftauchen.

Wir sind nicht so verschieden.

Warum nur hatte er damals das Bedürfnis gehabt, Riath diese Zeilen zu schreiben?

Weil er ihm nahe sein wollte, musste er sich eingestehen, weil er derjenige sein wollte, der Riaths Herz erreichte. Weil er… weil er diesen tief sitzenden, nicht zu beschreibenden Drang und Wunsch verspürte, etwas Besonderes zu sein. Kacey wollte derjenige, dieser eine Mann sein, den Riath nicht wie das Gehäuse eines abgefressenen Apfels wegwerfen konnte, nachdem er seinen Hunger gestillt hatte. Nein, er wollte die Nadel sein, die unter Riaths Haut drang, das Gift, das an ihr klebte und sich brennend in seinen Venen ausbreitete, ihn mit Atemnot und Herzrasen quälte. Denn nur, wenn Riath den Boden anbetete, auf dem Kacey wandelte, würde er nicht mehr zu dem ›elitären‹ Kreis der dummen Dingelchen gehören, die allesamt auf Riaths Charisma hereingefallen waren.

Nein, er wollte nicht noch einmal von Desith hören, dass er naiv gewesen war und sich von Riath hatte einlullen lassen, nicht mehr für ihn war als jeder dahergelaufene Knecht oder Küchenmagd. Oh nein, das war Kacey bestimmt nicht! Er würde es sich und der Welt beweisen – und vor allem Riath –, dass er mehr als ein Aperitif für ihn gewesen war.

Er spielte mit dem Feuer.

Oder… hatte er diese Zeilen am Ende doch genauso gemeint, wie er sie geschrieben hatte?

War sein Wunsch, etwas Besonderes zu sein, nicht genau das, was auch Riaths sich wünschte?

In allen Lebenslagen?

Verdammt.

*~*~*

»Was, bei allen verdammten Göttern und ihren Bastarden, tust du hier?« Xaith stand auf und riss den Händlersohn aus Nohva am Arm auf die Beine. Er steckte den Dolch zurück in seinen Gürtel.

Fenjin schwankte kurz, seine Kapuze rutschte endgültig zurück und die Morgendämmerung fiel auf sein ahornrotes Haar, das wie ein geschliffener Edelstein schimmerte.

Er hatte sich kaum verändert. Acht Jahre war es her, als sie sich zuletzt gesehen hatten, am Tage als der Leichnam von Xaiths Vater verbrannte, als Jin die Hand von … Vaaks gehalten hatte.

Jin. Der Rotschopf, der immer zwischen ihm und seinem Ziehbruder gestanden hatte. Jin mit den warmen Augen, dem strahlenden Lächeln, den vielen Sommersprossen auf Nase und Wangen. Sie waren mehr geworden, bedeckten sein halbes Gesicht und den wahnsinnig dünnen Hals, karamellfarbene Sprenkel auf elfenbeinfarbener Haut. Ein Makel für viele Menschen, doch Jin schmückten sie wie Blüten ein Gesteck. Acht Jahre und der Bursche war noch genauso makellos schön – auch wenn einige böse Zungen behaupten, die Sommersprossen würden seine Schönheit mildern – wie eh und je, vielleicht sogar durch den Hauch der erwachsenen Züge noch schöner.

Der allbekannte Neid stieg Xaith bitter in die Kehle, als sie sich Angesicht zu Angesicht in der dunklen, staubigen Hütte gegenüberstanden. Wie ungerecht das Leben doch war, dass Jin vom Scheitel bis in die Fußspitzen genauso perfekt war wie von seinem sanften, freundlichen und unkomplizierten Wesen.

Das wurde ihm wieder deutlich bewusst, als Jin ihn mit einem Lächeln ansah, als wären sie zwei alte Freunde, die sich nach Jahren in einer Kneipe wiedersahen.

Sie waren nur nie Freunde gewesen, doch das interessierte den anderen offensichtlich nicht.

»Ich habe dich gefunden!« Jins Lächeln wirkte erleichtert, sein schlanker Leib sackte ein Stück in sich zusammen. Er trug ein feines Seidenhemd mit verschlungenen Stickereien, bronzene Ranken auf dunkelrotem Grund, dazu feine Hosen in Schwarz und einen Gürtel ohne Schwert, seine Schuhe und sein Umhang wiesen Reisespuren auf, waren rissig und matschig.

»Ich bin so froh, dass ich dich endlich gefunden habe!« Ohne Vorwarnung sprang Jin ihn an. Xaith zuckte zusammen, doch es war zu spät, er war zu benommen von der unerwarteten Begegnung, um ihn aufhalten zu können. Schon lagen seine Arme um Xaiths Nacken und drückten ihn an sich. »Ich habe soooo lange nach dir gesucht! Ich bin durch die halbe Welt gereist, immer Riaths Meute nach, ich wusste, sie würden mich irgendwann zu dir führen!«

Jin sprach aufgebracht, hektisch, und seine Stimme brach, klang nasal, als stünde er kurz vor einem Ausbruch gerührter Freudentränen. Dabei rieb er die Wange an ihm, als könnte er erst glauben, dass Xaith echt war, wenn seine Bartstoppeln die zarte Haut in seinem Gesicht aufgerissen hatten.

Xaith war wie erstarrt, erwiderte die Umarmung nicht. Roch es plötzlich nach warmen Apfelkuchen?

Er vermisste Nohva mit einem Schlag, als ob man ihm das Herz aus der Brust gerissen hätte.

Neugierig spähte Siderius um ihn herum, musterte Jin. Das Kind in seinem Arm greinte.

Und da war noch etwas, das Xaith wahrnahm, schleichend aber unaufhaltsam. Es kitzelte in seiner Nase, stieg langsam wie Nebel in seinen Verstand und breitete sich kribbelnd über Kopf und Nacken aus.

Blut.

Jin blutete. Xaith hatte ihn verletzt. Nur leicht, aber genug, um seinen Durst zu wecken. Ihm wurde heiß und seine Kehle wurde mit einem Mal staubtrocken.

Grob packte er Jin an den Oberarmen und drückte ihn von sich weg. Er sah noch dessen überraschtes Gesicht, die wässrigen, riesigen Iriden, eher er die Augen zusammenpetzte und die Luft anhielt.

»Xaith…« Siderius` Stimme klang, als hätte Xaith Wasser in den Ohren. Gedämpft, weit weg, unverständlich. Doch die Besorgnis war ihm anzuhören.

»Jin…«, Xaith knurrte, »… Blut.«

Er spürte die Bewegung, als der Rotschopf sich an die Kehle fasste und ein trockenes »Oh« ausstieß.

»Ich … ich kann… ich hab ein Tuch!« Jin wollte zurücktreten, fischte in seiner Tasche nach dem besagten Tuch, doch Xaith konnte nicht loslassen, seine Finger krallten sich in Jins Oberarme und wollten sich nicht mehr lösen.

Siderius` Herzschlag wurde schneller, das konnte Xaith hören, er machte einen Schritt auf Xaiths Rücken zu, seine gesamte Körperhaltung wirkte angespannt und bereit, dazwischenzugehen.

Doch überraschenderweise bemerkte Xaith bei Jin keinerlei Furcht, hörte keinen erhöhten Herzschlag, keine schnellere Atmung. Entweder er sehnte sich danach, dass man ihm die Kehle aufriss, oder er verkannte die Gefahr. Immerhin hatte Xaith seiner eigenen Mutter die Kehle aufgerissen und sie getötet, was in Nohva schon recht bekannt, sprich, ein riesiger Skandal gewesen war.

»Xaith, du musst mich loslassen«, sprach er ruhig auf ihn ein, »damit ich zurücktreten kann.«

Noch immer hielt Xaith die Augen geschlossen, hielt den Atem an. Das Blut zog ihn wie immer in seinen Bann, doch er wusste, dass er sich beherrschen konnte. Er hatte es bei Kacey geschafft.

Er hatte es geschafft!

Doch Jins Blut… es hatte eine unbegreiflich starke Anziehung.

»Xaith…« Siderius angespannte Stimme war dicht hinter ihm. »Lass ihn …«

»Schon gut!«, gab er barsch an beide zurück, drehte den Kopf wie angewidert zur Seite und ließ einen von Jins dünnen Armen los, um blind in Richtung seiner Kehle zu tasten.

Dessen Puls flatterte nun doch, als Xaiths schwarze Fingerspitzen seinen Hals federleicht streiften. Das machte es beinahe noch schlimmer, würde er jetzt zubeißen, würde dessen Blut warm und schnell in Xaiths Mund fließen, als hätte er eine Axt in ein volles Fass Wein geschlagen.

Er konzentrierte sich auf seine Magie, drang mit seiner Aura in die oberflächliche Wunde und ließ sie kraft seines Willens zusammenwachsen.

Dann brach er fast zusammen, weil seine Zurückhaltung mehr Kraft gekostet hatte als der winzige Zauber. Er ließ Jin los und taumelte rückwärts, wanderte kurz durch den Raum und sog modrige Luft in seine Lungen, da er so lange den Atem angehalten hatte.

Der Geruch des Blutes verflog, zusammen mit dem Durst.

Diese Gier hatte er schon lange nicht mehr gespürt, aber er hatte sich auch schon einige Wochen nicht mehr genährt.

Schwer atmend rieb er sich die Brust, dann wandte er den Blick zu den anderen.

Jin strich gerade mit einem weißen Tuch seine Kehle sauber, seine zimtbraunen Augen lagen besorgt auf Xaith. Besorgt um ihn, nicht um sich.

Er machte einen Schritt auf ihn zu, ließ das Tuch fallen, als fürchtete er, das Blut daran könnte ihn wieder quälen, und legte Xaith eine Hand auf die Schulter. »Geht es wieder?«

Xaith sah zu Siderius, der ihn mit verengten Augen genaustens beobachtete, bereit, ihm wenn nötig irgendetwas über den Schädel zu ziehen.

Er liebte den Jungen, auf ihn war Verlass.

»Ja.« Xaiths Stimme klang rau, aber menschlich, er spürte wie seine Augen erloschen und sich von feurigem Rot in das übliche Gelbgrün wandelten. Dann richtete er die geschlitzten Pupillen auf Jin.

»Es tut mir leid«, beteuerte dieser mit reuevoll zusammengezogenen, rötlichen Augenbrauen.

Ihm tat es leid? Xaith hatte ihn verletzt und ihn dann angesehen wie ein Löwe ein blutiges Stück Fleisch. Was tat ihm leid? Dass er blutete?

»Du musst zurückgehen«, sagte er barsch und richtete sich derart heftig auf, dass er Jin beinahe von sich stieß. »Was tust du überhaupt hier?«

Überrumpelt von dem plötzlich groben Ton, brachte Jin kein Wort hervor, sein hübscher Mund stammelte.

»Du musst gehen!« Xaith stampfte an ihm vorbei.

Jin sah ihm nach, erlangte seine Fassung zurück und konterte: »Ich habe euch gerettet!«

»Und wer rettet jetzt dich?« Xaith spähte aus einem Fenster in die Morgendämmerung, der Wald zeigte noch tiefes Zwielicht, wirkte bedrohlich wie der Schlund eines Drachen. »Wo hattest du die Lichtphiole überhaupt her? Du hast uns fast geblendet!« Er sah wieder zurück, wohlwissend, dass er ungerecht war. Doch er wollte gegenüber Jin keine Dankbarkeit zulassen, selbst wenn sie mehr als angebracht war.

Jins Kopf zuckte zurück, er konnte nicht fassen, wie undankbar Xaith war. »Ich habe sie … gekauft.«

Xaith hob eine Augenbraue.

Jin sah auf seine Füße. »Ich… habe sie mir aus Riaths Vorräten… geborgt…«

Zugegeben, Xaith kämpfte mit einem Schmunzeln. Riss sich aber schnell zusammen und wurde wieder ernst. »Du musst nach Hause reisen, Jin. Das ist kein Ort für dich.«

Wie hatte er ohne Waffe überhaupt überlebt?

Beleidigt stemmte der Kaufmannssohn die Hände in die Hüften. »Ich verfolge dich seit Jahren und komme bestens zurecht. Vergiss nicht, wer gerade wem den Arsch gerettet hat!«

Xaith wandte sich grunzend ab, wanderte durch die Hütte und sah in einer Ecke einen Reisesack liegen, der offensichtlich Jin gehörte, denn er war das einzige Objekt, das noch nicht vermodert, überwuchert oder angefressen war.

»Danke«, brachte er zynisch hervor, ohne Jin eines Blickes zu würdigen. Siderius sah hingegen sehr aufmerksam zwischen ihnen hin und her, als säße er zum ersten Mal in einem Theaterstück. »Aber nun trennen sich unsere Wege, und zwar ganz schnell.«

»Was?« Jin wirkte tiefverletzt. »Hast du nicht gehört, was ich gesagt habe?« Er ging auf Xaith zu, wagte aber nicht noch einmal, ihn zu berühren, da er endlich die Mauer spürte, die nach all den Jahren noch immer unermüdlich zwischen ihnen stand und dort auch immer stehen würde.

Sie waren keine Freunde. Jin würde ihn nicht für sich gewinnen, würde nicht seine Zustimmung und seinen Segen erhalten, damit er mit Vaaks glücklich werden konnte.

Das konnten sie gern allein, ohne seine Vergebung. Er wollte das nicht, er war stur und egoistisch und wollte nicht mit ihnen Hochzeit feiern oder ihnen ewige Liebe wünschen. Das hatte er außerdem in dem Moment getan, als er weggelaufen war.

»Ich habe dich gesucht, Xaith!«, sprach Jin auf ihn ein, wollte ein Gewissen in ihm wachrufen. »Ganz allein. Bin jahrelang wie ein Schatten hinter Riath her, weil ich wusste, dass er nach dir sucht. Ich habe mich über die See, durch Ödnis und Wildnis gekämpft, um dich zu finden und heim zu bringen! Du musst nach Hause kommen, Xaith! Willst du nicht wenigstens … Freust du dich nicht, mich zu sehen?«

Um ihn heimzubringen. Xaith sah ihn ungerührt an und zuckte mit den Achseln. »Freuen? Warum sollte ich mich freuen, ausgerechnet dich zu sehen?«

Nein, tatsächlich hatte sein dummes Herz all die Jahre die Hoffnung gehegt, dass er eines Tages in ein Gasthaus trat und dort mir nichts dir nichts Vaaks vor ihm stand. Groß, gebaut wie ein Schrank, mit mittlerweile vielleicht einem bärigen Vollbart und braunen, liebenden Augen, die ihm ewige Treue schworen und ihn anflehten, zu ihm zurückzukommen.

Träumen darf man ja noch, selbst wenn man es besser wusste.

Stattdessen stand Jin vor ihm, der letzte Mensch, den er sehen wollte. Er war der Grund, warum Vaaks` Herz niemals gänzlich Xaith gehören konnte. Er war der Grund, nicht nach Hause zu gehen.

Nun ja, einer der Gründe.

»Weil… wir uns so lange nicht gesehen haben? Weil ich extra nach dir gesucht habe? Ist dir das egal?«

Wieder zuckte Xaith mit den Achseln. »Nein, nicht egal, es stört mich.«

Jin kämpfte mit seinen Gefühlen, worin er nicht sehr gut schien, denn in seinem Gesicht zuckte und zitterte es wie bei einem Kind, dem gerade das Herz gebrochen wurde.

Sie sahen sich in die Augen, keiner blickte weg. Xaith wollte seine Kälte beweisen, Jin wollte ihn zu einem Gewissen zwingen. Es war ein unerbittlicher Kampf und einer war sturer als der andere.

Er würde kein Mitleid haben. Nein, ganz bestimmt nicht. Vor allem nicht mit Jin, dessen bloße Existenz ihn vor Neid wahnsinnig machte.

»Oooooh!«, ertönte plötzlich Siderius‘ Stimme. Und es gefiel Xaith gar nicht, wie wissend sein Ausruf klang. »Ach er ist das!«

Jin drehte sich um und legte verwundert den Kopf schief.

»Wer ist was?«, schnauzte Xaith, wobei er so ernst wie möglich den Jungen anstarrte, damit dieser bloß nichts Falsches sagte.

Siderius zeigte auf Jin, sprach aber zu Xaith. »Na er ist der, den du liebst. Aus deiner Heimat.«

Jin fuhr wieder zu Xaith herum. Was auch immer sein seltsamer Blick bedeuten sollte, Xaith nahm sich nicht die Zeit, ihn zu deuten.

»Ist er nicht«, sagte er scharf und ging an Jin vorbei, dessen ungläubige Miene ihm folgte.

»Aber…«, Siderius konnte nicht die große Klappe halten, betrachtete Jin verwirrt, »…er sieht aus wie der von den Zeichnungen aus deinem Buch.«

»Tut er nicht.«

»Doch, wie der eine...«

»Klappe!« Xaith legte ihm die Hand über den Mund. »Das ist er nicht«, knurrte er genervt, schob sich auch an Siderius vorbei und schritt auf einen Türrahmen zu, spähte in den anderen Raum, durch dessen Bretterwände noch mehr Licht fiel.

Sie waren hier nicht sicher vor dieser Kreatur, sie würde die Hütte mit einem Schnauben auseinanderreißen. Ein sanfter Schmetterlingsflügel könnte das.

Als er zurückkam, starrte Jin ihn an, als hätte er ihm ewige Liebe geschworen, zutiefst gerührt und gleichzeitig voller Bedauern. »Du hast mich gezeichnet?«

»Nein«, gab er zurück und beugte sich dabei drohend über ihn, bevor er weiter ging und auf Jins Sachen zusteuerte.

Es fehlte ihm gerade noch, dass ein weiterer Schönling dachte, er wäre ihm verfallen. Bei Kacey war er schwach geworden, das gab er zu, aber er hatte genug Männer begehrt, die sich nach anderen sehnten. Jin gehörte gewiss nicht dazu, das hatte er auch nie.

»Doch, hat er«, sagte Siderius. »Häufig sogar.«

»Der Junge hat Wahnvorstellungen.«

»He!«

»Xaith…«

Jins flehender, lieblicher Tonfall wurde von dem grellen Kreischen eines wahrlich wütenden Monsters unterbrochen.

Sie fuhren herum und starrten zur Tür. Offenbar ließ die Wirkung der Lichtexplosion nach und das Biest schüttelte die Verwirrung ab.

Wie aufs Stichwort greinte der Schreihals, als ob er auf den Ruf antworten wollte.

Er machte seinem Vater alle Ehre, brachte Xaith doch immer wieder in richtig beschissene Schwierigkeiten.

Xaith fluchte, er packte Jins Arm und drehte ihn zu sich um. »Gibt es hier irgendwo ein sicheres Versteck? Eine Höhle, ein Felsspalt? Irgendetwas, das nicht brennt?«

Jin blinzelte ihn als, als musste er die Fragen erst einmal im Kopf wiederholten und fachkundig inspizieren, eher er ihre Bedeutung begriff.

»Keller«, spuckte er dann aus, »es gibt einen Keller unter dem Haus.« Er zeigte an Xaith vorbei zu seinem Sack, daneben zeichnete sich auf dem Boden eine Eisenluke ab.

Der Wald krachte, als ob die Kreatur auf dem Boden durch die Bäume brach und direkt auf sie zuhielt.

»Besser als nichts«, beschloss Xaith, schob Jin an sich vorbei und griff dann nach Siderius, der mit dem Kind nur zu gerne auf die Luke zueilte.

Xaith überlegte ernsthaft, ob er sich freiwillig auslieferte, nur um nicht auf unbestimmte Zeit mit Jin in diesem dunklen Keller festzusitzen.

Jin. Warum denn ausgerechnet Jin?

Vermutlich wollte er Vaaks damit beeindrucken, so wie er es sein Leben lang getan hatte. Sicherlich malte er sich bereits aus, wie Vaaks‘ Liebe für ihn überfloss, wenn er ihm den verschollenen Bruder zurückbrächte.

Nein, er hatte wahrlich keinen Funken Freude daran, in dieses Loch zu steigen, aber am Ende tat er es doch, und keinen Augenblick zu früh, denn die Hütte brach über ihnen zusammen und sperrte sie unter polternden Trümmern ein.

»Was für eine Scheiße.« Das letzte Wort gebührte Siderius.

~8~

Die Hauptstadt Solitude erblühte in der Mittagshitze. In den weißen Einkaufsstraßen tummelten sich Menschen mit spitzen Ohren, dunklen, geflochtenen Haaren und heller Haut. Knappe Kleider, bunte Stoffe, die Sonne schimmerte auf dem weißen Marmor der Villen, die über den Geschäfts- und Marktvierteln auf ummauerten Hügeln thronten. Auf den runden Mosaiken der Märkte war die Menge dicht gedrängt, es roch nach süßem Honig, gebratenem Fleisch und Kuchen. Fisch gab es am Hafen, wo die Dekadenz des Kaiserreichs aus allen Poren tropfte und sich hinter den Buntglasfenstern der Bordelle einladende Silhouetten abzeichneten.

Gedankenverloren saß Kacey in seiner Kutsche, Ardor schwieg ihm gegenüber, doch er blickte Kacey immer mal wieder besorgt an.

Alles schien so normal, die Bürger auf den Straßen, der weiße Marmor der Stadt, die vielen Gerüche, die lächelnden Gesichter und das Stimmengewirr, Schnauben der Pferde, Klackern der Hufe und das Rattern der Räder auf den gepflasterten Straßen. Und doch brodelte es unter der Oberfläche.

Es genügte ein genauerer Blick in die Seitengassen, auf die Türen der Schenken. »Keine Magier erlaubt«, als handelte sich um Hunde oder menschliches Vieh. Kacey sprangen diese mit roter Farbe bemalten Schilder nun häufiger auf. Natürlich hatte es solche Ablehnung schon immer gegeben, irgendwer hegte immer einen tiefsitzenden Groll, den er an irgendeiner Personengruppe auslassen musste.

Nicht nur unflätige Sprüche gegenüber Magier waren an die Mauern geschmiert, hie und dort konnte man auch Hass gegenüber Ausländern – Luzianern, Menschen mit runden Ohren, Tiervölker – herauslesen. Doch es hatte eine Zeit gegeben, da sich die Räte und die Politiker darum bemüht hatten, diese Hetze von ihren Mauern und Wänden abwaschen zu lassen.

Der Hass auf die Magier nahm zu, ohne genau bestimmen zu können, woher er kam und was die Bürger der Stadt am meisten fürchteten. Immerhin hatten die Magier dem Reich seit Jahrhunderten gedient.

Nun, da sie den Schutz der Völker des Reichs benötigt hätten, wendeten diese sich gegen sie. Vermutlich steckte schlichter Frust auf das eigene, öde Leben dahinter. Und viele schlossen sich wohl auch eher denen an, die wie sie waren. Normalsterbliche hielten zu Normalsterblichen. Warum sollte eine Person, die der Magie nicht mächtig, zu den Magiern halten?

Und doch hatte Riath genau das geschafft, ihm folgten nicht nur Magier.

Es gab Demonstrationen seit der Versammlung, kleine Gruppen hatten sich zusammengefunden, hoben an den Straßenecken die Fäuste in die Luft, riefen Parolen, vor dem Ratsgebäude und dem Gericht gab es einen regelrechten Auflauf. Angst und Wut waberten durch die Straßen.

Es war absolut surreal.

»Die Magie ist eine Gefahr! Die Magie ist unser Untergang. Die Magie will uns beherrschen! Macht die Augen auf, sie übernehmen uns!«, riefen sie im Chor.

»Magier dürfen nicht frei zaubern!«, mischte sich darunter.

»Sperrt die Magier ein!«

Als wären sie tollwütige Raubtiere.

»Magie gehört dem Volk, Magie muss uns dienen, nicht uns unterjochen.«

Kacey bemerkte es nicht, aber seine Hände ballten sich zu Fäusten, drückten bei jeder Parole fester zu, bis seine Nägel in seine Handinnenflächen schnitten. Er biss sich fast die Zähne aus.

Muss hart sein, immer den gütigen Hirten zu spielen, wenn man das Temperament eines Drachen in sich trägt.

»Sperrt die Magier in die Akademie, wir gehören der Magie nie.«

Oh ja, es brodelte unter der Oberfläche, Kacey spürte regelrecht, wie ihn das Feuer in seinem Magen verbrannte.

Eine Berührung am Arm ließ ihn herumfahren, seine Augen waren wild und eiskalt.

Ardor lächelte ihn zaghaft an, neigte ergeben den Kopf. »Es ist sicher beängstigend, sie zu hören.«

Kacey ließ langsam den Atem entweichen und blickte wieder durch das Kutschenfenster. Einige Demonstranten drehten sich um, als sie an ihnen vorbeifuhren. Die, die ihn sahen, verstummten, schienen sogar genug Respekt zu haben, um sich ein wenig zu schämen, immerhin war er noch immer ein Sohn des Kaisers.

»Beängstigend?« Er schüttelte leicht den Kopf. »Es macht mich so wütend, Ardor.«

»Verständlich.«

Stirnrunzelnd wandte Kacey ihm das Gesicht zu, doch sein Leibwächter blickte nun auch nach draußen. Sein streng geflochtener Zopf lag wie eine Schlange über seiner Schulter und endete an einem der ausgebreiteten Flügel der Harpyie, die auf seinen glänzenden Brustpanzer eingeprägt war.

»Was denkst du über all das?«, wollte Kacey von ihm wissen. »Und sei ehrlich, ich will wissen, was du denkst und fühlst, immerhin … bist du kein Magier.«

Ardor lächelte schwach. »Meine Mutter war es.«

Überrascht hielt Kacey den Kopf schief. »Das wusste ich nicht.«

»Außerdem ist es gleich, ob ich Magier bin oder nicht.« Ardor sah Kacey entschlossen in die Augen. »Mein Prinz, ich will in keiner Welt ohne Magie leben. Sie ist wichtig für uns alle, sie hilft uns, sie rettet uns, sie hat uns vor dem Portal geschützt. Ihr habt uns davor beschützt.«

Ja, er hatte die Welt beschützt… Kacey wandte den Blick wieder nach draußen. Aber hätte Riath nicht Sarsar getötet, wäre aller Ruhm ihm allein zugefallen, denn Sarsar war es gewesen, der das Portal geschlossen und die außer Kontrolle geratene Magie gefangen hatte. Er war es gewesen, der Retter der Welt. Sarsar wäre umgehend, in so jungen Jahren, eine genauso große Legende wie sein Vater geworden.

»Die Magie gehört zu uns, sie ist in allem«, fuhr Ardor fort, nichts ahnend, was in den Gedanken seines Herrn vor sich ging, »wir können ohne sie nicht leben, auch wenn sie uns Angst machen kann. Doch ich würde ja auch nicht die Sonne wegwünschen, nur weil sie eine Ernte verbrannt hat. Oder den Regen, weil er den Fluss überschwemmen ließ. Alles hat zwei Seiten, vielleicht ist das auch gut.«

»Glaubst du, auch Menschen haben diese zwei Seiten?«, fragte Kacey wie in Trance.

Ardor schwieg einen Moment, eher er erwiderte: »Niemand besitzt nur eine einzige Seite.«

Kacey sah ihn an, sein Leibwächter erwiderte den Blick. Sie verstanden sich, und Kacey fühlte sich ein klein wenig wohler.

Der Wagen hielt mit einem Ruck an. Verwundert sah Kacey wieder nach draußen, sie standen auf einer Brücke, hatten ihr Ziel fast erreicht, aber eben nur fast.

Ardor streckte den Kopf auf der anderen Seite hinaus und sprach mit dem Kutscher, Kacey wandte sich bereits zur anderen Tür.

»Eine Straßensperre«, sagte Ardor.

Da hatte Kacey die Tür bereits aufgestoßen und stieg hinaus. Der Saum seiner Robe war schwer, er trug an jenem Tag nichts aus Seide oder Damast, sondern aus ungewohnt schwerer Wolle. Dunkelblaue Stoffbahnen umschmeichelten seinen Körper, streckten ihn ein klein wenig. Rücken und Arme waren ausnahmsweise bedeckt, das Gewand besaß einen hochstehenden Kragen, der seine Kinnpartie betonte, die wie gemeißelt aussah. Das Innenfutter war aus goldenem Samt, die Knöpfe mit Kristallen versehen, seine Kette mit dem Mondanhänger lag außen auf seiner Brust, und vom Saum bis zu den Knien war der Rock seiner Robe mit goldenen Sternen bestickt.

Am Ende der Brücke sah er die Rücken tausender Bürger, die den Richtplatz unterhalb des Palastes belagerten und alle zum Galgen blickten. Dort wurde niemand gehängt, das Podest diente an jenem Tag lediglich als Bühne.

Adror stieg ebenfalls aus der Kutsche und trat hinter Kacey, seine Anwesenheit ließ ihn sich beschützt fühlen, sodass erst gar keine Nervosität aufkam, sondern nur grenzenlose Wut.

Da stand dieser grimmige Alte, mit dem Kacey bereits bei der Versammlung Schwierigkeiten bekommen hatte, und schwang Reden über die Bösartigkeit der Magier.

»Sie sind eine Gefahr! Sie sind wider der Natur. Biester, Monster, immer ihren Fähigkeiten ausgeliefert! Sie streben nur nach Macht, sie wollen uns unterjochen, die Stadt und dann das Land an sich reißen! Wehrt Euch, bevor es zu spät ist, macht endlich die Augen auf. Nun fordern sie die Abschaffung der Gesetze! Lasst euch nicht blenden, gute Bürger von Solitude, die Akademie ist ein Dämonenhort! Ein Schandfleck! Sie sollte zum Gefängnis werden, zu einem Ort, wo wir die Magier kontrollieren können, sonst passiert uns das, was in Zadest geschah. Es bedarf nur einen einzigen Magier, uns alle zu versklaven!«

Sie hörten ihm zu, fraßen ihm aus der Hand.

Kacey presste die Lippen aufeinander, schüttelte verdrossen den Kopf. Er spürte, wie die Magie in ihm erwachte, prickelte und zwickte, wie ein plötzlicher Hustenreiz in der Kehle.

»Ich sollte umkehren«, knurrte er durch die Fänge. »Bevor es eskaliert.«

»Darf ich mir eine persönliche Meinung erlauben, mein Prinz?«

»Jederzeit.«

Ardor trat ein Stück näher. »Ich beschütze Euch, seit der Kaiser Euch aufnahm, und obwohl Ihr fremd wart, habt Ihr Euch nie der dreisten Machenschaften der Politik des Reichs unterjocht. Ihr wart immer stark, mein Prinz, nie auf den Mund gefallen. Ihr habt Euch nie umgedreht.«

Das stimmte wohl, er hatte sich seinen Platz erkämpft, er hatte frei bei Versammlungen gesprochen, sich Freunde und Feinde gleichermaßen gemacht, hatte sich nie sprachlos machen lassen, ganz im Gegensatz zu den letzten Tagen und Wochen, als es sich angefühlt hatte, als hätte er gar nichts mehr im Griff, als die Politiker ihn mit ihrem Hass gegen die Magie überrascht und überrumpelt hatten.

Undankbare Bastarde, sie waren alle Nichts ohne die Magie. Wenn er sie unterjochen wollte, hätte er das längst tun können, mit der göttlichen Magie, die in ihm eingeschlossen war.

Er hätte es einfach tun können.

»Es geht nicht nur um mich.« Er wusste nicht, ob er es Ardor erklärte, oder sich selbst daran erinnern wollte. »Ein falscher Schachzug von mir und alle Magier des Reichs werden leiden.«

Diese Verantwortung lag schwer auf seinen Schultern, denn er liebte seine Schützlinge, sie beteten ihn an. Er wollte sie nicht enttäuschen. Sie sollten ihn lieben und immer auf ihn vertrauen.

»Aber käme ein Schweigen nicht einem Schuldeingeständnis gleich?«

Kacey schüttelte den Kopf, jedoch nicht zur Antwort, sondern aus purem, emotionalem Frust. »Ich weiß es nicht. Ich weiß es einfach nicht.«

Er besah die Menge, betrachtete den Hassredner auf der Bühne, hörte das Jubeln, als wäre er ein gefeierter Barde oder Theaterdarsteller.

Vor einem Jahr noch hatten die Elkanasai Kacey so angesehen, hatten ihm auf dem Markt Blumen überreicht, ihm Obstkörbe geschickt, wollten von ihm berührt werden, hatten ihn wie einen gefeierten Helden empfangen und die Leiter des Ruhms hinaufgehoben.

Nun stand er ganz oben und sah zu, wie einige Magierhasser an besagter Leiter sägten.

Er stieß ein Grunzen aus und schritt auf die Menge zu. Wie erwartet verstummten sie überrascht, als er ihnen auf die Schultern klopfte und sich mit Ardor auf dem Fuße durch die Menge kämpfte. Bald spürte man, dass etwas vor sich ging, sodass sich die Bürger von selbst umdrehten und ihn erblickten. Eine Straße tat sich auf, verwundertes Schweigen breitete sich wie eine Welle über die Menge aus.

Während der Alte auf der Bühne weiter rief: »Wir dürfen nicht zulassen, dass Gesetze für Magie außer Kraft gesetzt werden! Wir müssen sie verschärfen! Wir würden ja auch einer Bestie die Reißzähne ziehen, bevor wir ihr erlauben, unter uns leben! Ich warne Euch, ich flehe Euch inständig an, macht die Augen auf, wir werden bluten! Und wenn es soweit ist, werden die Mächtigen uns den Magiern zum Fraß vorwerfen, um ihre eigene Haut zu retten!«

»Mylord!«, rief Kacey von unten. Er war nicht so dumm, die Stufen an der Seite des Galgens zu erklimmen und sich auf Augenhöhe mit diesem Mann zu begeben. Nein, er blieb beim Volk, wenn auch dicht vor der Bühne.

Die Menge trat vor ihm zurück, als wollte sie sagen, dass sie nichts mit ihm zu tun hatten, doch da er nicht nur Magister, sondern auch Sohn des Kaisers war, hörte er keinerlei Hass von hinten, nur betretenes Schweigen.

Zuerst tauchte Überraschung auf dem alten Gesicht auf, dann wurden seine Lippen ärgerlich dünn.

Oh ja, das hatte Kacey sehen wollen. Er lächelte und breitete in aller Unschuld die Arme aus. »Darf ich mich auch dazu äußern?«

»Im Namen der Magier?«, rief der Hassredner wütend.

»In meinem eigenen Namen«, entgegnete Kacey ruhig. »Ich bin Magier.«

»Ihr!« Anklagend deutete der Alte mit einem knorrigen Finger auf Kacey, seine Falten schienen tiefer zu werden vor Zorn. »Ihr habt gegen die Gesetze verstoßen und kommt doch einfach davon! Nur weil Ihr ein Prinz seid…«

»Ich werde eine saftige Strafe für mein Vergehen zahlen«, warf Kacey ruhig ein. »Ich habe mein Verbrechen zugeben und mich erklärt, der Rat – nicht der Kaiser – entschied, dass in Anbetracht der Situation, mildernde Umstände gelten. Ich habe mit meinem Zauber Leben geschützt.«

»Ihr wollt unsere Wachen aussperren, damit niemand weiß, was für dämonische Dinge hinter euren Toren vorgehen!«

»Welch schrecklicher Vorwurf. Nun…« Kacey neigte das Haupt. »Das Alptraumfeld ist lediglich ein Schutz für die Bewohner der Akademie, jeder aus der Stadt, der Hilfe braucht, ist willkommen.« Dann drehte er sich zu der Menge um. »Ich weiß, dass Veränderung Angst macht, gerade in diesen Zeiten, da viele Gerüchte heiß gekocht werden. So biete ich im Namen der Akademie gerne öffentliche Führungen an, damit sich alle davon überzeugen können, dass in der Akademie lediglich die in Friedenszeiten erlaubten Zauber gelehrt werden. Desweitern empfangen wir natürlich noch immer gern Kranke, um ihre Leiden zu lindern. Unsere Tore stehen offen, wir bevorzugen es lediglich, Eindringlinge fernzuhalten, wie es jedes Haus tut.«

»Ihr nutzt Führungen, um uns hinters Licht zu führen!«, behauptete der Alte, sodass Kacey Mühe hatte, nicht die Augen zu verdrehen. »Lasst Euch nicht von diesem weichen Gesicht irreleiten, gute Bürger! Die Magier werden einfach ihre faulen Zauber verstecken. Ihr angeblicher Schutzzauber dient dazu, Überraschungsbesuchen vorzubeugen. Führungen? Von wegen, geplante Kontrolle, damit sie an jenen Tagen, wenn sie die Tore für uns öffnen, ihre wahren Machenschaften verschleiern!«

Kacey betrachtete die unschlüssige Menge, viele nickten grimmig. Seine Augen streiften den Rand des Platzes, dort standen Wachen mit Speeren, gelbgrübe Wappen des Kaiserhauses zierten ihre halbnackten Körper, die nur durch Brustpanzer und Lendenleibchen geschützt waren. Sie lehnten lässig an Wänden oder auf ihre Waffen gestützt und grinsten hämisch.

Das Gift war bereits bis zur Stadtwache vorgedrungen, sie wirkten nicht, als wollten sie eingreifen, eher, als wären sie von dem Schauspiel amüsiert.

»Wir haben einen fremdländischen Kaiser auf unseren Thron gelassen!«, fuhr der Mann fort. »Nun seht, wohin es führt! Die Wirtschaft wäre beinahe zusammengebrochen, gute Männer verloren Heim, ihre Familien landeten auf der Straße…«

Er sprach davon, dass reiche Villenbesitzer, die durch den Sklavenhandel ihre Kammern mit Silber gefüllt hatten, ihre rechte Strafe bekommen hatten.

»Und nun soll die Magie frei von Gesetzen sein? Das ist ein falsches Spiel! Der Kaiser will seine Feinde schwächen, er will die Magier nutzen, um uns zu dezimieren! So kurz vor den Wahlen will er nur seine Gegner vernichten!«

Kacey hob die Hände in einer beschwichtigenden Geste, als die Menge in Aufruhr geriet. »Der Kaiser ist derzeit nicht anwesend, aber ich bin sicher…« - er musste die Stimme erheben, klang wütender als beabsichtigt - »dass mein Vater sich der Angelegenheit annehmen und eine Lösung finden wird, die für beide Seiten angemessen ist. Liebe Mitbürger!« Er wartete einen Moment, bis er die volle Aufmerksamkeit hatte. Dann sagte er ernst, eindringlich: »Vergessen wir an dieser Stelle nicht, dass ich schon vielen von Euch geholfen habe. Denkt daran, die Magier bewahren viele Geheimnisse, sind Eure Freunde, Eure Retter in der Not. All das tun wir aus Nächstenliebe, doch als wir Eure Hilfe brauchten, habt Ihr uns sogar verboten, dass wir uns selbst schützen. Ein Mädchen wurde getötet! Sie hätte Eure Tochter oder Schwester sein können.«

Zurückhaltung und Unsicherheit erschienen in den Gesichtern vor ihm. Er erkannte einige von ihnen, reiche Bürger, die zu ihm kamen, um sich heilen zu lassen oder um Tinkturen und Tränke zu kaufen, die ungewollte Schwangerschaften oder Geschlechtskrankheiten … heilten. Jene Gesichter wandten sich ab, zogen sich hinter ihre Vordermänner zurück, denn er betrachtete sie ganz besonders intensiv.

Kacey wandte sich zu dem Alten, der verbissen mit den Zähnen knirschte. »Und vergessen wir nicht, dass der Kaiser immer noch die Entscheidungsfreiheit besitzt, und ich bin sicher, niemand hier möchte wegen Volksverhetzung angeklagt werden.« Er legte vernichtend den Kopf schief, drehte sich um, verneigte sich vor dem Volk und umrandete die Menge mit erhobenem Kinn und weit ausholenden Schritten.

An der Treppe, die den Hügel zum Palast hinaufführte und sich mit hunderten Stufen durch wunderschöne, sorgfältig gepflegte, sonnengeflutete Gartenanlagen schlängelte, nahmen zwei Wachen Haltung an und versperrten ihm den Weg.

Er blieb stehen, trat aber nicht zurück. Hinter ihm legte Ardor legte eine Hand an sein Gladius, aber Kacey hob einen Finger, um ihm Einhalt zu gebieten.

»Ich möchte in den Palast.« Es war ein Befehl, er sah die beiden Wachen nacheinander warnend an.

Ihre dunklen Augen zeigten ein regelrechtes Feuer, sie wollten offensichtlich ihre Macht demonstrieren.

»Der Palast ist derzeit wegen der Unruhen geschlossen, bis der Kaiser zurückgekehrt ist«, sagte der Rechte mit triefender Selbstgerechtigkeit.

Kacey blickte gelangweilt von einem zum anderen, wie von selbst wanderte seine rechte Augenbraue in einem steilen Bogen nach oben. »Ich bin ein Prinz dieses Reiches, ihr habt mir zu dienen, und ich verlange unverzüglich, dass ihr den Weg freigebt!«

Sie schnaubten, warfen sich Blicke zu. »Könnt Ihr das beweisen?«, fragte der Rechte und musterte Kacey geringschätzig. »Denkt Ihr, Ihr seid der einzige Mann, der heute behauptet, er gehöre zur Kaiserfamilie? Ich fürchte, Prinz Lexi ist etwas jünger als Ihr.«

»Oder wollt Ihr etwa behaupten, Ihr wäret der junge Prinz Faith?«, fügte der andere hinzu.

»Oder der Kaiser selbst?«

Sie lachten dunkel in sich hinein.

Oh ja, was waren ihre Scherze doch geistreich…

Kacey hörte sich unbeeindruckt den Spott an, wartete darauf, dass die beiden fertig wurden. Sie wussten sehr gut, wer er war.

»Sieht mir mehr aus wie eine dekadente Hure«, meinte der Linke und blickte Kacey mit purer Herablassung an. »Ich vermute, irgendeinem alten Ratsmitglied juckts gerade in der Hose und die Knabendirne wurde bestellt, ihm unter dem Tisch Erleichterung zu verschaffen.«

Sein Freund grinste dreckig und packte sich in den Schritt. »Wenn ich nicht auf Weiber stehen würde, hätten wir vielleicht doch noch eine Möglichkeit gefunden, Euch durchzulassen.«

»Hütet Eure Zungen«, warnte Ardor mit tiefer, vibrierender Stimme und packte den Griff seiner Waffe so fest, dass sein Gürtel und die Scheide knirschten. »Ihr sprecht mit Prinz Kacey Airynn, zeigt Respekt vor seinem Amt!«

Ihre Augen wurden dunkel, jede Erheiterung verschwand. »Er ist nur der Bastard des Kaisers«, konterte der Linke und spuckte das Wort Bastard dabei aus wie Gift.

Kacey blieb äußerlich genauso unbeeindruckt wie zu Beginn des Gesprächs. Bevor Ardor die Adern an den Schläfen platzten, sagte er gelassen zu den Wachen: »Tretet beiseite oder ich muss euch dazu bringen.«

»Was wollt Ihr tun? Magie einsetzen?« Das Lächeln kehrte zurück. »Damit pisst Ihr Euch nur selbst ans Bein, Magiehure. Nur zu, zaubert, die Menge wird es sehen wollen.« Der Linke nickte mit seinem spitzen, langen Kinn an Kacey vorbei.

Obwohl er wusste, was hinter ihm geschah, drehte er sich um. Die Versammlung löste sich langsam auf, der Hassredner war verschwunden, aber es waren genügend Zeugen anwesend, die neugierig herüberblickten.

Das war nicht gut, denn wenn die Bürger sahen, dass sich selbst die Stadtwache gegen Kacey stellte, obwohl er der Sohn des Kaisers war, würden auch sie sich nicht länger scheuen, ihm zu trotzen.

Er verlor seinen Schutz, seine Unantastbarkeit.

Kacey wandte das Gesicht wieder zu den beiden Wachen um, sie grinsten voller Häme, während er sich keiner Gefühlsregung hingab.

»Ich brauche keine Magie, um mir den Weg freizuräumen.« Die hatte er nie gebraucht und er sprach von mehr als einer Treppe, die er hinaufsteigen wollte. »Entweder, ihr tretet beiseite und hofft, dass ich diesen Vorfall vergesse, oder ihr verantwortet euch vor dem Kaiser selbst.« Er hob die Arme zu einer ratlosen Geste. »Falls ihr dazu dann noch in der Lage seid, denn mein Leibwächter trägt die Waffe nicht nur zur Zierde und er hat schon viele echte Kämpfe gewonnen. Ihr seht mir etwas jung aus, um im Krieg gedient zu haben, sagt, hat einer von euch beiden den Speer auch nur ein einziges Mal in einem Kampf um Leben und Tod geführt?«

Sie mahlten mit den Kiefern. Kacey wartete, aber je länger sie an ihm vorbeistarrten, je zufrieden lächelte er.

»Dachte ich mir. Und wem wird man wohl Glauben schenken, einem Prinzen und seinem Leibwächter, die sich vor zwei korrupten Wachen verteidigen mussten? Oder zweien… stummen Leichen?« Er trat näher, senkte die Stimme zu einem Raunen. »Und was wird wohl aus Euren Familien, wenn der Kaiser Euch für Feinde seiner eigenen Familie hält?«

Ihre Nasenflügel blähten sich, während sie überlegten. Unter ihren Spangenhelmen wirkten ihre Gesichtszüge beinahe identisch, bis auf die Augen des Linken, die zu nahe beisammenstanden.

Kacey sah aufmerksam von einem zum anderen, faltete die Hände wie ein Lehrer, der eine komplizierte Frage gestellt hatte und nun darauf wartete, dass sie ihm jemand richtig beantwortete.

Ohne ein Wort traten sie auseinander.

Kacey lächelte falsch. »Kluge Entscheidung.«

Sie blickten demonstrativ geradeaus, als er durch sie hindurchschritt. Er musste die Robe raffen, damit er nicht auf den Saum trat, als er die Stufen nahm.

»Erlaubt Euch nicht zu viel, Prinz«, spuckte der Rechte noch aus, »das Eis, auf dem Ihr wandelt, wird dünner. Nicht jeder ist Euch wohlgesonnen.«

Kacey blickte nicht zurück, genauso wenig wie Ardor.

*~*~*

Seit Desith seinen kleinen Bruder Lexi vor dem Reich diskreditiert hatte, verkroch dieser sich voller Scham in seinem Zimmer im Palast.

Desith war mit Prinz Vynsu von Carapuhr vermählt, er stand mit seinem Gemahl als nächstes in der Erbfolge für das eisige Königreich. Lexi hätte Kaiser werden können, doch Desith hatte mehr oder weniger dem Rat der Fünf geschworen, einen blutigen Krieg anzuzetteln, sollten sie es wagen, Lexi zum Kaiser zu wählen. Demnach wurde nun der jüngste Sohn des Kaisers, Prinz Faith, darauf vorbereitet, sich eines Tages zur Wahl zur stellen.

Kacey hatte nicht den Eindruck, dass Lexi deshalb eifersüchtig auf seinen kleinen Bruder war, im Gegenteil, er war noch mehr um dessen Wohlergehen besorgt als je zuvor, verbrachte jede freie Minute mit ihm, während die Kaiserin das Reich für ihren Gemahl hütete.

Kacey hatte Ardor im Flur des Palastes positioniert, während er selbst eine Weile im Türrahmen lehnte und die beiden Brüder beobachtete.

Sie saßen auf einer Decke auf der Empore, die zur Terrasse hinausführte, Sonnenlicht stahl sich durch die dicken Säulen in den hellen Raum, der mit Seide, Samt und Damast, mit verzierten, herrschaftlichen Möbeln und teuren Vasen, Kunstwerken und Gemälden eingerichtet war.

Lexi trug eine traditionelle Toga, die auf einer Seite durch eine goldene Spange in Form eines Jaguarkopfes zusammengehalten wurde und seinen schnell heranwachsenden Körper betonte. Er war schlank, aber nicht dünn, seine Arme muskulös, seine Brust eine sanfte Hügellandschaft. Aschblondes Haar, blaue Augen und blasse Sommersprossen auf aristokratischen Gesichtszügen. Wie sein Vater und seine Brüder war er als Mensch geboren, nur Kacey trug das Blut seines Großvaters und deren Vaters in sich und war als Luzianer geboren.

Das entfremdete ihn manchmal von der kaiserlichen Familie – und dem gesamten Reich.

Faith war noch ein Kind, braunes Haar und Augen wie die Mutter, sehr schüchtern und genau wie sein größerer Bruder Lexi wollte er in diesem Alter nur selten sprechen. Dafür schien er aufzublühen, wenn sein Bruder – und Held – bei ihm saß, mit ihm ein Buch las oder mit Holzfiguren spielte.

Im Palast war es friedlich, idyllisch. Wehende, durchsichtige Vorhänge, Säulen, keine Fenster nur offene Tor- und Türbögen, die Decken waren hoch, die Wände schienen voreinander zu fliehen, sanfte Stufen und weißer Marmor.

Überall dieser weiße Marmor.

Und inmitten all diesem Prunk diese beiden goldenen Prinzen, wie sie zusammen auf einer Decke saßen und völlig versunken versuchten, ein kompliziertes Holzpuzzle zu lösen. Diese zwei Jungen wurden geboren und hatten alles, Reichtum, Anerkennung, zwei liebende Eltern, das Volk kniete vor ihnen.

Kacey spürte warme Zuneigung zu seinen beiden Brüdern, doch was niemand ahnte, war der tiefsitzende Neid, den er auf ihre Kindheit hatte.

Und da war noch ein anderes Gefühl, eine äußerst fremde Empfindung, die wie eine Frühlingsbrise in ihm flüsterte. Er fragte sich, wie es wäre, eigene Söhne zu haben. Sie heranwachsen zu sehen, sie zu formen, ihnen ein Reich zu Füßen zu legen, ihnen alles zu ermöglichen, was er nicht gehabt hatte.

Eigene Söhne würde Kacey jedoch nie bekommen, obwohl er sicher war, dass er eine Leihmutter finden würde, und auch wenn die Magie es ermöglichte, durch magische Phiolen den eigentlichen Akt mit einer Frau auszulassen, so wollte er sein eigen Fleisch und Blut nicht mit einer Frau teilen, die er nicht liebte. Eine fremde Frau, die seine Söhne mit erzog.

Nein, das konnte er sich nicht vorstellen. Er zeigte es nach außen hin nicht gerne, wahrte immer ein freundliches Gesicht, ahmte die Gutherzigkeit seines Großvaters nach, weil er geliebt werden wollte, aber es gab auch einen Teil in ihm, der schlicht nicht teilen konnte. Weder fantasierte Söhne noch die Liebe und Begierde eines Mannes oder den Platz auf der Empore der Magister.

Lexi hob den Kopf und sah sich suchend um, als hätte er instinktiv gespürt, dass sie nicht mehr allein waren. Und als sich ihre Blicke trafen, lächelte Kacey gütig und warm.

»Kacey!« Lexi schien überrascht.

Faith ließ sein Spielzeug fallen. »Kacey!«, rief er mit seiner piepsenden Stimme. Als er aufsprang, zerstörte er das komplexe Holzpuzzle, das wie ein Gebäude unter einem Sturm zusammenbrach.

Schmunzelnd trat Kacey ein und breitete die Arme aus. Der Kleine warf sich an ihn, schlang die dünnen Arme um ihn, und Kacey legte ihm eine Hand auf den Kopf und die andere auf seinen Rücken, ließ zu, dass er fest und innig gedrückt wurde.

Kinder waren wundervolle Geschöpfe, so leicht zu gewinnen und ihre Liebe war echt und tief.

Lexi war derweil aufgestanden, hielt etwas Abstand. Seit herausgekommen war, dass er versucht hatte, Desith zu vergiften, hielt er sich nicht nur körperlich, sondern auch auf jeglicher Gefühlsebene von anderen fern.

Reiner Selbstschutz, ihm stand die Reue und die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben, er schämte sich in Grund und Boden, war schockiert über seine eigene Handlung.

Kinder waren eben auch furchtbar leicht zu manipulieren.

»Ich würde gerne mit dir sprechen, wenn dir das recht ist?«, fragte Kacey freundlich und zurückhaltend.

Lexi senkte die Lider, nickte aber stumm.

Vor einigen Monaten hatten sie noch jeden Tag viele Stunden zusammen verbracht, Kacey hatte Lexi geholfen, sich auf das Kaiseramt vorzubereiten, hatte mit ihm Bücher gewälzt, seine Lehrpläne mit ihm abgearbeitet. Mathematik, Geschichte, Taktik, Politik, andere Sprachen. Er war der perfekte Vorzeigesohn, immer tüchtig darin, seinen Vater zu beeindrucken. Einen Vater, der stets nur Augen für Desith gehabt hatte. Desith, der die Familie verlassen hatte, um nicht in die Fußstapfen des Kaisers zu treten, um den strengen Fängen des Vaters zu entkommen. Und doch, so sehr Eagle und Desith sich auch unterschieden und immer anderer Meinung waren, war die Liebe zwischen Vater und Sohn so stark, dass sie nicht voneinander lassen konnten, Verbündete blieben.

Kacey wusste nicht, ob das auch für ihn galt. Gewiss war Eagle gut zu ihm, hatte ihn aufgenommen, obwohl er ihn kaum kannte, ihm ein Zuhause und eine Familie geschenkt und ihm den Weg an die Spitze der Akademie geleitet, hatte ihn immer unterstützt und war mächtig stolz auf ihn.

Doch er glaubte nicht daran, dass der Kaiser noch hinter ihm stehen würde, sollte er so wie Desith einst gegen seinen Willen handeln. Indem er zum Beispiel mit jemanden verkehrte, den Eagle als Feind betrachten würde, oder schlicht nicht das war, was er für seine Söhne vorsah.

Nein, das hatte sich nur Desith erlauben dürfen, der Erstgeborene.

Kacey beugte sich zu Faith hinab und flüsterte ihm zu: »Lass mich kurz mit deinem Bruder allein, ja? Nachher können wir zusammen mit der Kaiserin speisen. Versprochen.«

Der Kleine nickte stumm, dann schlurfte er an Kacey vorbei, drehte sich im Türrahmen noch einmal um, blickte mit seinen großen Kinderaugen in den Raum, als wollte er sich überzeugen, dass Kacey ihn nicht nur abfertigen wollte. Kacey lächelte und neigte den Kopf, als wollte er sein Versprechen noch einmal bekräftigen.

Faith ging. Und Kacey drehte sich mit besorgter Miene zu Lexi um.

Dieser ließ die Schultern hängen, kaum dass sie allein waren, drehte sich um und ging durch die üppigen Säulen nach draußen auf die sonnengeflutete Terrasse.

Kacey folgte ihm. »Wie geht es dir?«, fragte er liebevoll mit weicher Stimme.

Lexi lehnte die Arme über die steinerne Brüstung und blickte über die flachen Dächer der Villen hinweg, die sich über die Hügel unter dem Palast ausbreiteten. Er seufzte. »Es geht mir eigentlich sehr gut, danke der Nachfrage. Ich versuche gerade herauszufinden, was ich mit meinem Leben anfange.«

»Du bist noch jung, du findest etwas, das dich ausfüllen wird.« Da er ja nun nicht mehr Kaiser werden konnte.

»Mutter meinte, sie könne mir langsam verzeihen.« Lexi drehte sich nicht zu ihm um. »Sie sagte, ich könnte vielleicht Stadtrat werden.«

Kacey ging zu einem der klobigen Gesteinstische, ein Diener hatte vor einiger Zeit für die Jungen Saft und Tee bereitgestellt. Er schenkte Lexi einen Kelch mit süßem, dicken Saft ein. Mango, wenn er seiner Nase trauen durfte.

»Das klingt doch annehmbar.« Kacey tippte ihm auf die Schulter und reichte ihm den Kelch, den Lexi nur zu gerne annahm. Dann ging er zurück.

»Es ist ein Ziel«, Lexi klang, als wäre er zufrieden damit, »ich könnte hierbleiben und Faith unterstützen. Ihm so helfen, wie du mir geholfen hast.« Ein Lächeln lag in seiner Stimme.

Kacey nickte, während er sich selbst etwas zu trinken eingoss. »Lex…«, begann er dann ernst und spürte sofort, wie dieser sich regelrecht besorgt nach ihm umwandte. »Wir müssen reden…«

»Du hasst mich.« Er wirkte tief bekümmert. »Alle tun das, vor allem Vater.«

»Niemand hasst dich«, versicherte Kacey und legte den Kopf schief. »Aber tatsächlich geht es um diesen Vorfall.«

Lexi wandte ihm sofort den Rücken zu, die Sonne strahlte auf seinem aschblondem Haar, sodass es beinahe silbern wirkte.

»Warum hast du mir nicht gesagt« - Kacey stellte gewissenhaft die Saftkaraffe ab und drehte sie auf dem Tablett, als arrangierte er einen Strauß Blumen - »dass Riath dich dazu gebracht hat, Desith zu vergiften?«

Lexi senkte den Blick in seinen Kelch und drehte ihn in den Fingern. »Er hat es dir erzählt«, sagte er trocken, war keineswegs überrascht.

Kacey setzte sich in einen der Stühle und betrachtete seinen Halbbruder aufmerksam. »Warum hast du nicht mit mir darüber gesprochen?«

»Was hätte ich sagen sollen?«

»Du hättest dich verteidigen können, Lex. Du hättest Riath die Schuld geben können, er hat dich manipuliert! Er hat dich dazu gebracht.«

Neugierig betrachtete Kacey die Schultern des Jungen, durchbohrte ihn regelrecht mit seinem Blick, um jede Anspannung, jeden zuckenden Muskeln zu bemerken. Doch da war nichts, nur schlaffe Ermüdung, als Lexi seufzte.

»Es war nicht seine Schuld, ich habe mich selbst dazu entschieden«, erklärte Lexi frei heraus. »Ich habe Riath in Nohva getroffen.«

Kacey lächelte milde. »Da warst du aber noch sehr klein.«

»Klein, aber nicht dumm, taub oder blind.« Lexi schüttelte verdrossen den Kopf. »Der Großkönig war dort, ich mochte ihn nicht, er sah mich immer an wie ein Wolf ein Lamm.«

Das bist du für ihn ja auch. Kacey trank einen Schluck Saft und wünschte, es wäre Wein. Oder Blut.

Köstliches, warmes Luzianerblut. M`Shier Blut. Xaiths Blut.

Lexi fühlte sich durch das Schweigen sichtlich unwohl und genötigt, weiterzusprechen. »Ich mag ihn nicht, er ist grob und ungehobelt. Riath stimmte mir zu. Ich mochte Riath, er war charmant, immer freundlich, er hat mich auf seinem Pferd reiten lassen, beim Essen neben mir gesessen, mit mir Scherze auf Kosten des Großkönigs gemacht, wir haben mit Holzschwertern gekämpft. Vater war… er war sehr angespannt, als wir in Nohva waren, ich hörte ihn nachts lautstark mit Großvater Wexmell streiten. ›Auf welcher Seite stehst du eigentlich, ich bin dein Sohn! Die Airynns sind deine Familie!‹, hat Vater geschrien. ›Du bist mein Sohn, genau, du solltest mir vertrauen!‹, hatte Großvater entgegnet. ›Ich kann nicht‹, hat Vater daraufhin gesagt, er klang so verzweifelt, ›er hat meine Tochter, deine Enkelin! Bedeutet dir das gar nichts? Ich habe ein Bündnis mit Carapuhr, das ich halten muss, für meine Kinder!‹ Aber Großvater hatte kein Herz. ›Du hast dich selbst in diese Lage gebracht. Du musst tun, was für dich richtig ist, und ich, was für Nohva richtig ist!‹.«

Kacey lehnte sich nach vorne, in seinem Kopf ratterte es. »Worum ging es bei dem Streit?«

Lexi hob die Schultern. »Um den Großkönig wohl, und dass er Wexmell bedrängte, einen anderen Erben zu wählen.«

Langsam begriff Kacey die Spannungen zwischen Riath und Melecay. Der Großkönig wollte ihn vom Thron fernhalten, doch bestimmt nicht aus dem gleichen Grund wie die Hexenjäger.

»Welchen Erben hatte er im Sinn? Außer Riath gibt es keinen, der die Krone Nohvas überhaupt wollen würde und ein M´Shier ist.«

Lexi hob die Schultern, er drehte sich zu Kacey um und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Brüstung. »Das weiß ich nicht, aber Riath sagte, sein Überleben hinge davon ab, dass wir dem Großkönig schaden. Er sagte, er braucht Freunde. Und ob ich sein Freund wäre.«

»Du warst ein Kind, er hat dich manipuliert.«

Lexi schien das nicht zu stören. »Mag sein. Aber als er mir vor einem Jahr schrieb, war meine Sympathie für den Großkönig nicht gewachsen. Und ich wollte Vater helfen, die Ketten zu lösen, die ihn an dieses furchtbare Barbarenvolk binden.«

Kacey lächelte nachsichtig, während Lexi trank und versuchte, seine Gefühle zu verstecken. »Und du hast die Gelegenheit ergriffen, deinen größten Rivalen, deinen großen Bruder, aus dem Weg zu räumen. Du hasst Desith, du hasst es, dass Vater ihm vertraut, ihn liebt.«

»Desith hat uns verlassen, um mit einem Barbaren zusammen zu sein.« Doch Lexi klang schon lange nicht mehr so hasserfüllt wie früher, er wirkte viel mehr ermüdet. Kopfschüttelnd winkte er ab. »Aber ihn zu töten wäre keine Lösung. Glaub mir, ich habe es bereut.«

Kacey betrachtete ihn mitfühlend, ließ den anderen Verständnis spüren und schenkte ihm ein aufmunterndes Schmunzeln. »Du warst blind vor Wut und Enttäuschung und hast eine schlimme Tat begangen, aber auch mit guten Absichten im Hinterkopf. Ich glaube nicht, dass du der erste Bruder bist, der seinen Bruder aus Eifersucht vergiftete. Was es nicht besser macht, aber auch nicht schlimmer.«

»Ich dachte, es würde uns alle schützen, wenn ich das Bündnis untergrabe.« Lexi strich über den Rand des Kelches, kratzte an den Edelsteinen. »Hm.«

»Und nun? Wie denkst du heute über alles?«

»Ich bin froh, dass das Gift ihn nicht getötet hat«, sagte Lexi und Kacey glaubte ihm. Er glaubte ihm, weil sie in dieser Sache nicht einer Meinung waren, doch das behielt er für sich. »Auch wenn ich denke, dass dieses Bündnis mit Carapuhr Vater den Tod bringen wird. Riath wollte den Kaiser schützen…« Er brach ab, sah zur Seite und runzelte die Stirn. »Zumindest hat er das gesagt.«

»Vielleicht«, stimmte Kacey zu. Er lehnte sich wieder zurück und nippte grübelnd an seinem Kelch.

»Ich beantworte Riaths Briefe nicht mehr«, begann Lexi zögerlich zu erklären und suchte mit schüchternen Augen Kaceys Blick. Er ersuchte ihn um Hilfe.

Endlich.

»Ich will damit nichts mehr zu tun haben«, gestand er, seine Stimme schwankte, wurde dünn, er leckte sich die Lippen und sah wieder in seinen Kelch. »All das hat mich fast zu einem Brudermörder gemacht – und Vatermörder. Dabei wollte ich Vater beschützen. Ich will… ich will nicht mehr bei diesen Machenschaften mitmischen. Ich hielt mich für klug und erwachsen und Riath hat mich behandelt, als wäre ich etwas Besonderes. Sein genialer, kleiner Spion.« Er schnaubte über sich selbst, schien sich unglaublich dumm zu fühlen. Kacey kannte das Gefühl, nur zu gut. Das schaffte nur Riath. »Aber das bin ich nicht.« Lexi schien nicht darüber in Trauer, dass er kein kaltblütiger Intrigant war, er zuckte mit den Achseln. »Vielleicht ist es gut, dass es kam, wie es kam. Ich habe nicht das Zeug dazu, Kaiser zu sein, Kacey. Ich bin … ich bin vielleicht feige, ja, aber was soll´s? Ich möchte für Faith da sein, ich möchte ihm helfen, Kaiser zu werden, möchte ihm dienen. Aber ich möchte es nicht selbst sein, denn ich bin zu leicht zu manipulieren.«

Kacey nickte langsam, zwang sich zu einem Lächeln, obwohl seine Gedanken um etwas völlig anderes kreisten. »Ich wollte dir auch nur mitteilen, dass ich dafür sorgen werde, dass Prinz Riath dich nicht mehr belästigt.«

Lexi nagte an seiner Lippe, schwieg einen Moment, dann sah er auf und beobachtete, wie Kacey aus seinem Kelch trank. »Er hat mir geschrieben, dass du und er euch austauscht.«

»Bezüglich der Magier, ja«, gestand Kacey.

Lexi überlegte einen Moment. Dann flüsterte er besorgt: »Sei vorsichtig.«

Liebevoll lächelte Kacey ihn an. »Nur keine Sorge, Lexi, wie wir mit Riath verfahren, entscheidet der Kaiser, wenn er zurück ist.«

Das schien den jungen Prinzen zu beruhigen, er nickte und drehte sich wieder um, ließ den Blick über die Stadt schweifen.

So, so, dachte Kacey bei sich und trank noch einen Schluck Saft. Riath, verdammter Unhold, M`Shier gab anderen also gern das Gefühl, etwas Besonderes für ihn zu sein.

Sei mein Wort und mein Wille.

Mistkerl.

Manipulativer Drecksack!

»Das ist beängstigend, nicht wahr?« Durchbrach Lexis Stimme Kaceys inneren, fluchenden Monolog.

Verwirrt blickte Kacey auf, folgte Lexis Blick und erblickte zwei Rauchsäulen. Stirnrunzelnd stand er auf und trat neben seinen Bruder.

Unten in der Stadt brannten große Feuer auf den Marktplätzen, Fackeln wurden angezündet und Demonstranten machten sich, eskortiert von Stadtwachen, auf den Weg, durch die Straßen zu streifen und auszurufen, dass Magier das personifizierte Böse waren.

»Es heißt, ohne Magie wäre der Vorfall mit dem Portal nie geschehen«, erklärte Lexi, »ich beobachte sie schon seit zwei Tagen, Politiker kommen zu privaten Audienzen zu Mutter und sprechen darüber, dass so etwas, wie diese göttliche Magie, die willenlose Sklaven erschuf – Sklaven, die stark und fast unbesiegbar waren, furchtlos – dass so etwas wieder passiert, wenn wir die Magier nicht einsperren.«

Kacey starrte auf die Stadt hinab, seine Finger drückten in den Kelch, bis ihm fast alle Knochen in der Hand zerbarsten.

Lexi sah ihn an und legte ihm eine Hand auf die Schulter, nichts ahnend, welche Wut in seinem sonst sanftmütigen Bruder brodelte. »Keine Angst, Kacey, auch darum wird Vater sich kümmern. Sobald er zurück ist, wird alles wieder seiner Ordnung folgen.«

»Ja…«, zwang Kacey sich zu sagen.

~9~

Sie blieben den ganzen Tag im feuchten, dunklen Gewölbe unter der Hütte eingesperrt. Glücklicherweise war die Kreatur nicht gerade mit Intelligenz gesegnet, sondern rein auf ihre Instinkte reduziert. Wie ein abgerichteter Hund kannte sie nur die Jagd und das Stellen ihrer Beute. Gut möglich also, dass sie so lange auf den Überresten des Gebäudes sitzen bleiben würde, bis ihr Herr antanzte.

Das Problem war jedoch, dass das Biest sie nicht sehen, nur wittern konnte, was ihm wohl das Gefühl des Versagens vermittelte, denn es brüllte und schlug mit dem schweren Schwanz auf, kratzte mit den Krallen über den Boden, sodass die Decke über ihren Köpfen bebte und Staub und Geröll herabrieselte. Stunde um Stunde verging. Xaiths flammende Leuchtkugel spendete etwas Licht, wurde aber zunehmend schwächer. Dicke Spinnen, so groß wie Hände, krochen durch den Lärm und die Vibrationen in der Erde aus ihren Löchern, Schaben und Nager huschten umher.

Sollte das ihr Grab sein?

Jin saß an einem Regal gelehnt, das in die Lehmwand eingearbeitet worden war und dessen Bretter bereits von der Feuchtigkeit zerfressen und herabgefallen waren, während er die Dielen im Blick behielt, die über den Balken lagen. Einige waren durch den Aufprall der Trümmer gesplittert, aber die Decke schien Stand zu halten. Zumindest noch.

Tageslicht sickerte durch die Ritzen, doch nicht genug, um die tiefe Dunkelheit zu vertreiben. Hin und wieder konnte er das violette Schimmern eines Federkleids, ebenso von Schuppen erkennen.

Ein leises Schnarchen weckte seine Aufmerksamkeit, mehr ein lauteres, schnurrendes Einatmen.

Er blickte an die gegenüberliegende Wand zu den drei anderen. Xaith hatte den Kampf gegen die Erschöpfung vor Stunden verloren, und Jin hatte es nicht über sich gebracht, ihn wach zu halten. An seiner linken Schulter lehnte der Kopf des unbekannten Jungen, unter dessen schmutziger Fischermütze schwarze Strähnen hervorlugten. Er trug lumpige Kleidung, ein weites Hemd und eine weite Weste darüber, und in seinen Armen ruhte ein Kind.

Alle drei schliefen, trotz des anhaltenden Lärms, tief und fest. Die Ringe unter ihren Augen zeugten von den Strapazen der langen Reise. Und vielleicht sogar von noch mehr.

Xaith sah… furchtbar aus. Nicht im Sinne von hässlich. Wenn er eines nicht war, dann hässlich, ganz gleich was dieser Dummkopf über sich selbst dachte. Nein, er wirkte ausgelaugt, wie ein Sklave, der dreißig Jahre Zwangsarbeit vollrichtet hatte. Sein schwarzes Haar war gewachsen, die Enden seiner Spitzen sahen ausgefranst aus, als würde er sie nur mit dem Dolch abschneiden, wenn sie zu lang wurden. Er hatte sie zu einem lockeren Zopf zusammengebunden, dünne Strähnen rahmten sein Gesicht ein. Ein schmales, langes Gesicht mit scharfen Kanten und nun hohlen Wangen, die schattig und fahl wirkten. Die zahlreichen Pickel und Beulen von damals hatten seine Haut gezeichnet und pockenartige Narben und Krater auf seiner Haut hinterlassen. Er war gewachsen, noch mehr in die Höhe geschossen, dazu schlank wie eh und je. Schwarzes, offenes Hemd, das einen flachen, aber wohlgeformten Oberkörper preisgab, als wollte er mit diesem Streifen nackter Haut beweisen, dass er nicht überall so vernarbt war wie in seinem Gesicht.

Er hatte sich kaum verändert, seine geschlitzten, grüngelben Drachenaugen bargen noch immer diese besondere, dicke Mauer – und diesen geflüsterten Ruf nach Hilfe. Letzteres würde er natürlich vehement abstreiten, doch Jin brauchte ihn nur anzusehen und wusste sehr genau, was in ihm vorging. In diesem leicht zerbrechlichen, schreckhaften, zarten Geschöpf, das sich gerne mit Granit ummantelte, aber das unsichere Herz eines Fluchttieres besaß.

Ein Junge, der viel zu früh gelernt hatte, dass die Welt grausam zu einem war, wenn man in den Augen der Gesellschaft nicht »schön« war. Was so viel hieß wie, wenn man nicht wie eine Marmorstatue aussah und das Lächeln der Sonne besaß, versteckte man sich lieber und schaufelte Kohle. So oder so ähnlich hatte er es mal ausgedrückt.

Jin betrachtete ihn und spürte den alten Schmerz, den er immer gespürt hatte, wenn er Xaith betrachtete. Xaith hatte so sehr gelitten, Drachenaugen und übersät mit Pickeln, niemand hatte mit ihm spielen wollen, er war gehänselt und ausgeschlossen worden, hatte angefangen, Abneigung gegen alle gesellschaftlichen Formen zu empfinden. Je mehr er sich verschloss, je mehr hatte man ihn mit Verachtung gestraft. Er hatte gar nichts richtig machen können.

Aber nicht nur Kinder waren grausam, viel schlimmer waren diese überfürsorglichen Eltern, die ihre Sprösslinge panisch weitergezogen hatten, wann immer Xaith in die Nähe kam.

So auch Jins eigener Vater.

Er erinnerte sich an ihre erste – die wirklich allererste – Begegnung, damals im großen, dunklen Thronsaal des Blutdrachenkönigs. Xaith, der kleine Prinz, hatte auf dem Schoß seines Vaters gesessen, winzig im Vergleich zu König Desiderius, aber seine beeindruckende, mystische Präsenz hatte seine kindliche, winzige Gestalt wieder wett gemacht.

Als Jins Vater mit dem König eine Unterredung führte – über Handel und Zusammenarbeit – war Xaith vom Schenkel seines Vaters gerutscht, hatte Jin mit großen Augen angesehen, Abneigung im Blick, als wollte er sagen: »Bleib mir bloß fern.« Doch er war nicht grob, das hatte Jin gleich bemerkt, er trug lediglich einen schweren Schild vor sich her, dahinter war er unsicher, zerbrechlich. Das Herz lag ihm auf, nicht in der Brust, so leicht berührbar, so leicht zu verletzen, es genügte ein falscher Blick. Und Verletzlichkeit verwandelte sich bei Xaith sofort in Hass – auf die Welt und insbesondere auf sich. Es war so unheimlich leicht, in ihm zu lesen.

Vom ersten Moment an hatte Jin das Bedürfnis verspürt, ihm näherzukommen, seine Hand zu nehmen und ihn mit Freundlichkeit zu überschütten, ihm zu zeigen, dass die Welt und ihre Völker schön waren, wollte ihn lächeln sehen, hatte sich ausgemalt, sein einziger Freund zu werden.

Doch als er damals einen Schritt auf ihn zumachte und Xaith ihn zwar argwöhnend ansah, aber nicht zurückwich, hatte Jins Vater ihn gepackt und hinter sich geschoben.

Eine Geste, die leicht so missverstanden werden konnte, dass der Vater den Sohn festhielt, damit er nicht auf den König zulief, denn es war nicht erlaubt, die Stufen zum Thron zu betreten. Doch Jin wusste es besser, sein Vater wollte nicht, dass er sich mit Xaith anfreundete. Und Xaith hatte es auch gewusst, Hass war in seine Augen getreten und er hatte sich umgedreht und war fortgegangen.

Kaum waren sie aus dem Thronsaal getreten, hatte Jins Vater ihn an den Schultern genommen und auf ihn eingeredet. »Halte dich von dem jungen Prinzen fern, er ist gefährlich, hörst du?«

»Wieso sollte er gefährlich sein?«

Das konnte er ihm auch nicht erklären, niemand konnte es ihm erklären. »Er ist es eben einfach, er ist seltsam, das sagen alle. Spiel mit Vaaks, der ist ein Mensch, so wie du.«

Natürlich hatte er mit Prinz Vaaks gespielt, er hatte seine Kindheit mit ihm verbracht, aber dadurch auch am Rande mit Xaith, wenn auch auf eine völlig andere Weise als erhofft, denn Xaith sah in ihm keinen Freund, sondern nur den Jungen, der ihm seinen Bruder wegnahm.

Es war lange her, zu lange, nun waren sie erwachsen, zumindest ihre Körper waren es, und doch hatte sich nichts geändert, der alte Groll, der tiefsitzende Argwohn und die Eifersucht waren genauso präsent wie vor Jahren.

Dabei war alles, was Jin je wollte, Xaiths Gesicht zu nehmen, sodass er ihm nicht mehr entweichen konnte, und ihm eindringlich zu erklären, dass er nicht seltsam oder anders oder auch nur einen Hauch hässlich war, ganz gleich was ein paar oberflächliche, neidvolle Betrachter behaupteten.

Du bist nicht allein in der Dunkelheit, Xaith, viele von uns sind mit dir dort, selbst die, die wie die Sonne lächeln. Wir trauen uns nur nicht, uns bemerkbar zu machen.

Wie oft hatte er ihm etwas in der Art sagen wollen, doch wann immer Xaiths geschlitzte Pupillen in seine Augen blickten, wann immer sie sich gegenüberstanden, verabschiedete sich sein Mut fluchtartig wie ein verängstigter Deserteur, und er bekam keinen Ton mehr heraus.

So wie jetzt, da es so vieles gab, was er ihm sagen wollte – sagen musste. Und alles, was ihm gelungen war, war ein saudummes: »Du musst nach Hause kommen.« Nachdem er über Jahre hinweg an einsamen Lagerfeuern sich eine lange Rede zurechtgelegt hatte, was er ihm sagen wollte, kam nur ein fadenscheiniges »Komm nach Hause« aus seinem Mund.

Er wollte die Stirn gegen die Wand schlagen.

Du hast es vermasselt, Jin.

Er runzelte die Stirn, als er den Kopf für einen Moment in den Nacken legte und sein eigenes, unbedeutendes Schicksal beklagen wollte, denn plötzlich bemerkte er die gähnende Stille.

Einen langen Moment hielt er ruhig, hörte sogar zu atmen auf, um ganz sicherzugehen. Nur das leise Zwitschern einiger Vögel war zu hören, was bedeutete, dass die Tiere in die nähere Umgebung zurückgekehrt waren.

War er so in Gedanken versunken gewesen, dass ihm nicht aufgefallen war, wie das Beben und Kreischen abgebrochen war?

Offensichtlich, aber das war auch nicht das erste Mal, dass ihn die Grübeleien über Vaaks´ Ziehbruder derart eingenommen hatten, dass um ihn herum die gesamte Welt in die Ferne rückte und er wie in einem dunklen Raum saß, ausgefüllt von Gedanken über Xaith.

Aber nun war es tatsächlich still.

Jin wagte es, sich zu bewegen, die zimtbraunen Augen auf die Deckendielen gerichtet. Etwas Licht fiel hindurch, erkämpfte sich seinen Weg ins Gewölbe und streifte sein von Sommersprossen übersätes Gesicht.

»Xaith?«, flüsterte er und blickte zu den anderen hinüber, die noch immer tief und erschöpft schliefen, wie junge Wölfe im Rudel – alle aufeinander.

Ein süßes Bild, ein herzerwärmender Anblick, der Jin immer wieder lächeln ließ.

Das bist du wirklich, dachte er über Xaith, dieser Kerl dort, der mit einem Jungen kuschelt, der ihm eine Schulter bietet, der Wärme zu geben hat. Du bist nicht das Monster, zudem alle dich machen wollten.

Nein, dachte Jin grimmig, Xaith war es nicht, sein Bruder Riath war es.

»Xaith?«, flüsterte er wieder und kroch über den Boden zu der Gruppe hinüber. »Xaith, ich glaube, es ist weg.«

Keine Rührung, flache, tiefe Atmung. Xaith sah so müde aus, nicht nur körperlich, selbst im Schlaf hing ihm ein dicker Mantel Schwermut an, sein Gesicht war eine hagere, düstere Maske voller Trauer.

Jin zog es das Herz in der Brust zusammen, er hob mitfühlend einen Mundwinkel und streckte seine Hand aus, um Xaith eine schwarze Strähne aus der Stirn zu streichen. Just in diesem Augenblick schnappte Xaith schnell wie eine Schlange zu. Nicht mit dem Mund, zum Glück, seine Fänge wären schmerzhaft gewesen, doch sein fester Griff, der sich um Jins Handgelenk zusammenzog, war alles andere als angenehm. Haut klatschte auf Haut und durchbrach die Stille. Feurige, geschlitzte Drachenaugen sahen hart und drohend in Jins Gesicht, bohrten sich wie flammende Dolche in seinen Blick.

Für einen Moment verharrten sie so, Jins Herz schlug so wild in seiner Brust, dass er kaum zu atmen vermochte, weshalb er ihn zitternd aus den Lungen entließ. Xaith war so… warm.

Xaiths Gesicht wurde etwas weicher, als er Jin erkannte, doch um seinen Mund veränderten sich die grimmigen Züge nicht.

»Was ist?«, fragte er mit rauer, barscher Stimme.

»Ich… ich glaube«, stammelte Jin geflüstert. Warum flüsterte er? »Ich glaube, das Vieh ist weg, die Vögel sind zurück und es ist still.«

In diesem Moment schien auch Xaith die Stille zu bemerken, er runzelte die Stirn und lauschte angestrengt, seine Augen flogen über die Decke.

»Hmm, stimmt.« Er ließ so abrupt Jins Handgelenk los, dass dieser in der Hocke taumelte und beinahe auf den Hintern geplumpst wäre. Xaith stand auf, ungeachtet aller anderen, die ihm so nahe waren, als wäre er ihr Mittelpunkt, ihr Herz. Und er verließ sie ohne Rücksicht.

Der fremde Junge wäre beinahe mit dem Gesicht auf den Boden geschlagen, wäre er nicht vorher mit einem Ruck erwacht und hätte sich verwirrt aufgerichtet. Das Kind quengelte kurz, schien dann aber weiterzuschlafen.

Wem gehörte dieses Kind eigentlich?

Jin hatte Gerüchte gehört über Riath und seine Angelegenheiten in Carapuhr, immerhin war Jin immer in dessen Nähe gewesen, war ihm gefolgt und hatte gehört, was Prinz Desith und Prinz Vynsu in Carapuhr aufgedeckt hatten. Doch konnte es wirklich sein, dass dieses Kind Riaths Sohn war, der aus dem Geburtenhaus gestohlen wurde?

»Du hättest mich nicht einschlafen lassen dürfen!«, murrte Xaith.

Jin riss den Blick von den beiden Kindern los und sah auf. Xaith stand mit dem Profil zu ihm, groß, schlank, überragend. Vielleicht ein wenig zu überragend. Jin bemerkte, dass er noch immer auf dem Boden saß und brachte sich so schnell auf die Beine, dass er taumelte.

So »perfekt«, wie Xaith ihn immer beschimpft hatte, war er nun wirklich nicht, grundsätzlich gelang es Jin, sich in jedweder Situation zu blamieren.

Ärgerlich musterte Xaith ihn, als ermüdete ihn Jins bloße Anwesenheit.

»Ich… ich dachte, du brauchst etwas Schlaf«, erklärte Jin, nachdem er sich wieder auf die Frage besinnt hatte, die im Raum stand. »Du siehst erschöpft auf.« Sorgenvoll streckte er eine Hand aus und wollte Xaith berühren. Dummer Fehler, er hatte es vergessen, Xaith mochte es überhaupt nicht, angefasst zu werden.

Er wich aus, zischend wie eine Schlange. »Du hättest mich wecken müssen!« Xaith wandte sich ab, ging zur Luke, unter der eine Leiter mit morschen Stufen stand.

Jin sah ihm nach, seine Schultern sanken hinab. Seit er Xaith endlich gefunden hatte, leistete er sich einen Fehler nach dem anderen.

So wie Xaith in den Augen anderer nie etwas richtig machen konnte, so konnte auch niemand bei ihm je etwas richtig machen.

Der Papagei rief, was man ihm entgegenschrie. Altes Sprichwort, neu interpretiert.

*~*~*

Xaith drückte die Luke einen Spalt auf. Warmes Tageslicht prickelte auf seiner Haut, die Kreatur hatte eine Schneise in den Urwald geschlagen. Bäume und Trümmer versperrten ihm größtenteils die Sicht, er sah ein paar bunte Vögel und spürte die Präsenz anderer Wildtiere in der näheren Umgebung. Hinter ihm versammelte sich eine Schlange aus Menschen. Zu viele Menschen, wenn er bedachte, dass er diese Reise eigentlich allein angetreten hatte – und wie gefährlich sie war.

Gut, den Jungen hatte er sich selbst angelacht, und er musste gestehen, es war entspannt mit einem Diener, dem man kleine Drecksarbeiten – Feuerholz sammeln, Wache schieben, Pferd putzen und tränken, solcherlei – überauftragen konnte. Und das Neugeborene war ein notwendiges Übel. Die zwei hatte er sich selbst ausgesucht, aber Jin?

Warum ausgerechnet Jin?

Es war, als wollte das Schicksal ihm noch einmal gründlich in die Fresse hauen. Er musste den Rotschopf wieder loswerden, ganz dringend, bevor die Vergangenheit wieder hochkam. Wobei sie ihn bereits einzuholen drohte, er fühlte sich wieder genau wie damals. Dieser Neid, diese tiefsitzende, dunkle Eifersucht auf einfach alles, was Jin verkörperte. Schönheit, Sanftheit, Freundlichkeit. Das Wissen, dass er der Diamant unter Steinen war und er der bessere Gefährte für Vaaks war. Zudem waren Vaaks und Jin beides Menschen, kurzlebig, wurden schnell alt, wollten sich nicht gegenseitig die Venen aufschlitzen. Es lebte sich mit Jin schlicht ungefährlicher. Und er war eine sehr angenehmere Persönlichkeit.

Oh ja, es wurde dringend, Jin wieder loszuwerden.

»Sieht ruhig aus«, sagte er leise und versuchte, die Luke aufzudrücken. Sie bewegte sich nur ein kleines Stück, dann stieß sie gegen etwas Schweres, Unbewegliches.

Xaith fluchte. Er stieß die Schulter gegen die massive Luke, der Boden knarrte, ansonsten rührte sich überhaupt nichts. Wäre die Kreatur noch in der Nähe, hätte sie sein Bemühen bereits gehört und erneut angelockt.

Nein, sie schienen sicher. Der Sturm hatte sich gelegt und das Biest war verschwunden, um nicht aufzufallen. Außerdem mochte es kein Sonnenlicht, das wusste er.

»Brauchst du Hilfe?« Jin griff nach der Leiter, wollte sich neben ihn ziehen. »Vielleicht geht’s, wenn wir zusammen-«

»Nein!«, rief Xaith ein wenig zu harsch.

Jin ließ sich matt wieder von der Leite sinken und zog die Lippen durch die Zähne. Weiße, perfekte Zähne, wie könnte es auch anders sein.

»Tretet zurück, ich mach das!«

Jin nahm Siderius am Arm und zog ihn und das Kind, das er auf dem Arm trug, sanft zurück, während sie zu ihm aufsahen.

Xaith zog den Kopf ein, hob die Hand nach oben und bündelte seine Kräfte. Die Druckwelle warf nicht nur die Luke auf, sie war auch stark genug, mit einem lauten Knall die Trümmer hoch in die Luft zu schleudern und zu zersplittern. Ein Regen aus altem Holz ging auf die Überreste der Hütte nieder, feiner Staub verfing sich in Xaiths schwarzem Haar, als er hinauskletterte.

Er streckte sich wieder nach unten, packte Siderius` dünnen Arme und zog ihn hinauf, dann reichte er die Hand wieder nach unten, ohne vorher darüber nachzudenken. Als Jin einschlug, durchzuckte ihn die Erkenntnis, dass sie sich berührten. Jins Hände waren so zart und weich, eindeutig nicht die Haut eines Kämpfers.

Xaith zog ihn aus dem Loch, ließ ihn dann so abrupt los, dass er beinahe wieder hineingestolpert wäre, drehte sich schnell um und versuchte, Jin nicht noch mehr dafür zu hassen.

Konnte nicht irgendetwas an ihm nicht perfekt sein? Irgendetwas? Ein paar Schwielen an den Händen hätten ihm gutgetan.

Na toll, nun stellte er sich auch noch vor, wie diese sanften Hände über Vaaks´ Körper geglitten waren, und fragte sich, was Vaaks dabei gefühlt hatte. Waren Jins Berührungen besser als alle, die er mit Xaith geteilt hatte?

Jin und Siderius klopften sich den Staub von den Kleidern. Ein Rascheln erklang unerwartet laut im Gebüsch zu ihrer Rechten. Sie fuhren alle herum, waren noch zu angespannt, um Ruhe zu bewahren.

Xaiths schwarze Fingerspitzen prickelten heiß, es brauchte nur den Funken seines Willen, um die Flammen zu erschaffen. Kampfbereit starrte er auf das Gebüsch, auf die vielen zitternden Blätter.

Ein leises Wiehern begrüßte sie, fuchsrotes Fell schimmerte in der Sonne durch das Unterholz. Es knackte und krachte, als der Hengst hervor trabte und wild den Kopf hoch- und runterwarf. Die Ausrüstung, die auf seinem Rücken geladen war, hing schief und klapperte.

Xaith ließ die Schultern hängen und schloss die Hände zu Fäusten, um den Zauber zu ersticken.

»Ach jetzt kommst du zurück, wenn der ganze Ärger vorbei ist, ja?«

Baron hob den Kopf und wieherte erneut leise, gleichzeitig schlug er mit dem Vorderhuf auf den Boden, als wollte er tunlichst um Verzeihung bitten. Manieren hatte er.

»Hast dich wohl erinnert, wo es Futter gibt.«

Sein Hengst schnaubte ihm schwer entgegen, lügen lag ihm nicht im Blut.

»Treuloses Stück.« Xaith verdrehte die Augen, schüttelte den Kopf und drehte sich um. »Gehen wir.«

*~*~*

Kurze Zeit später gelangten sie an eine saubere Quelle, die aus einer überwucherten Felswand in ein kleines, natürliches Becken plätscherte. Es war nicht das erste Wasser, das ihnen nach dem Sturm begegnete, doch die erste Stelle, die nicht faulig roch. Xaith war mit strammem Gang vorausgeeilt, ließ keine Zeit für Gespräche, und auch sein abweisendes Gesicht zeigte eine deutliche Abneigung gegen jedwede Annäherung. Jin hatte sich ihnen ungefragt angeschlossen, so einfach würde er nicht umkehren. Er führte Baron am Zügel, währen Siderius den hungrigen und quengelnden Bengel schleppte. Viele brennende Fragen lagen auf Jins weichen Zügen und in seinen riesigen Augen, während er zwischen allen hin und her blickte, doch er hielt sich glücklicherweise zurück.

Bis sie anhielten.

Sie wuschen sich die Gesichter, Siderius säuberte und wickelte den Säugling im Schatten, Baron tunkte die Nüstern ins kristallklare Wasser, auf dem die Sonnenstrahlen glitzerten, die wie Speere durch die Baumkronen drangen.

Xaith schnickte die Feuchtigkeit von den Fingern und sah sich um. Es war still, der Himmel über dem Urwald war klar, weit und breit konnte er kein Raubtier ausmachen, nur die Vögel waren mutig zurückgekehrt und sangen. Affen, Katzen, Nager, Schlangen waren erstaunlich still, kein Brüllen, kein Fauchen, kein Rascheln oder Klappern im Unterholz oder über ihren Köpfen in den stark bewachsenen Ästen. Die Tiere verkrochen sich noch.

Kurz um, es war die beste Gelegenheit, zurück nach Nohva zureisen.

Nicht für ihn natürlich, aber für Jin.

Der Rotschopf stand neben Baron und streichelte liebevoll dessen samtigen Hals. Jins Gesicht war gesäubert, die ahornroten Haarspitzen schimmerten noch nass, glitzernde Tropfen hingen daran, wie Tau, der an einem Frühlingsmorgen von spitzen Grashalmen perlte, seine langen Wimpern waren verklebt. Er hatte seinen Umhang abgelegt und in sein Reisegepäck gestopft, das neben dem Hengst am Baum im Moos lag.

Als Xaith auf ihn zutrat, löste er sich von Baron und schob unsicher die Daumen hinten im Rücken in seinen Gürtel, er kam ihm entgegen. »Wer ist er?«, fragte er, bevor Xaith etwas sagen konnte, und nickte hinüber zu Siderius, der im Schneidersitz im Moos und Laub saß und das quiekende Kind am Bäuchlein kitzelte.

Der Junge spürte die Blicke, die flüchtig auf ihm ruhten, und schaute auf.

Xaith und Jin wandten sich wieder einander zu.

»Ein Straßenjunge.« Warum lügen? »Er… er ist mein …Diener.«

Jin wirkte besorgt. »Ist das so, ja? Und das Kind? Riaths gestohlener Bastard?«

Xaith zuckte mit den Achseln, es wunderte ihn nicht, dass Gerüchte im Umlauf waren, was die ganze Angelegenheit natürlich noch gefährlicher machte.

»Er ist … groß«, stellte Jin nachdenklich fest.

»Ja«, antwortete Xaith trocken, als wäre daran nichts ungewöhnlich.

Jins Blick gefiel Xaith überhaupt nicht. Zu wissend, zu eindringlich. Er wandte das Gesicht wieder ab und blickte stattdessen ziellos in die leuchtend grüne Wildnis, aus der hie und dort eine bunte Blüte hervorschaute. Auf den Bäumen wuchsen Orchideen, sie verströmten einen blassen Duft, den er mit seinem feinen Näschen dennoch deutlich wahrnehmen konnte. Sie vermischten sich mit feuchter Erde, Stein, Laub, Moos und Jins süßem, eigenem Körpergeruch, der nach Zuhause schmeckte.

»Ich habe Gerüchte über dich gehört. Sie behaupten von dir, du seiest ein Nekromant.« Jin sprach, als erwartete er einen Protest. »Das glaube ich aber nicht.«

»Ach nein?« Xaith betrachtete ihn vernichtend. »Und wenn du dich irrst, könnte es dein letzter Irrtum gewesen sein.«

»Tu nicht so, als müsste ich dich fürchten.«

Wie gern er ihm das Gegenteil bewiesen hätte, doch Xaith rührte sich nicht. Wieder lieferten sie sich ein Blickduell.

Jin legte schließlich mit sanfterem Blick flehend den Kopf schief. »Komm nach Hause, Xaith.«

»Damit sie mich anklagen können?«

»Damit sie sehen, dass alles Lügen sind.«

»Das stimmt aber nicht, es sind nicht alles Lügen, Jin.«

»Aber nichts ist so, wie sie denken, das weiß ich, weil ich dich kenne!« Jin schüttelte bedauernd den Kopf. »Du musst nach Hause gehen, du wirst gebraucht, du…«

»Du musst gehen«, schnitt Xaith ihm das Wort ab und sah ihn ernst an. »Das ist keine Bitte, Fenjin! Hier trennen sich unsere Wege. Keine Diskussion.«

Jin öffnete den Mund, schüttelte irritiert den Kopf. »Xaith, du weißt nicht, wie es in Nohva aussieht, du…«

»Ich weiß es und deshalb gehst du jetzt nach Hause und hältst mich nicht weiter auf«, erwiderte er unnachgiebig. »Du bist allein hierhergekommen, ich bin sicher, du findest von hier auch allein zurück.«

Doch Jin rührte sich nicht vom Fleck, er sah mit einer Mischung aus Bedauern und Flehen zu Xaith auf, wieder schüttelte er den Kopf, langsam dieses Mal, als versuchte er vergebens, ihn zu verstehen. »Das ist Wahnsinn und das weißt du, Xaith. Du kannst die Toten nicht zurückholen.«

Die Worte kamen so unerwartet, dass sie wie ein Pfeil in seine Brust einschlugen und ihn beinahe taumeln ließen. Unwillkürlich senkte Xaith den Blick, fühlte sich wie in die Magengrube geschlagen, sein Herz pumpte nicht mehr richtig das Blut durch seine Venen, es steckte ein Dolch darin. Seit acht verfluchten Jahren. Er wollte brüllen, die ganze Zeit, schlicht und ergreifend brüllen, bis ihm Brust und Schädel zerbarsten und der Druck in seinem Inneren, das Chaos, der Schmerz einfach verklangen.

Jin trat auf ihn zu, packte ihn ungefragt an den Schultern und rüttelte ihn sanft, als wollte er einen Wahnsinnigen zur Vernunft bringen. Vielleicht war dem auch so, vielleicht war er wirklich wahnsinnig, aber wen kümmerte das jetzt noch?

»Lass ab von diesem Plan!«, flehte Jin inständig. »Während du einem Hirngespinst nachrennst, wirst du zu Hause gebraucht! Du bist ein Prinz Nohvas, ein Sohn des Blutdrachen, wir brauchen dich! Wexmell braucht dich. Komm heim!«

Xaith schnaubte über ihn, gab Jins Brust einen sachten Stoß und sah zu, wie er zurücktaumelte. »Du bist so melodramatisch. Niemand braucht mich, ich wäre nur ein weiteres Risiko für Wexmells Herrschaft, ein weiteres schwarzes Schaf der M`Shiers.«

Es stand Unverständnis in Jins Blick, ebenso Verzweiflung. »Wir trauern alle, Xaith.«

Das war zu viel, er wandte sich ab. Der Kloß in seinem Hals drohte ihn zu ersticken.

»Jeder von uns begräbt irgendwann seine Eltern, so ist der Lauf der Dinge, du musst dich damit abfinden und deine Trauer bewältigen« - Jin eilte ihm auf dem Fuße nach - »und endlich aufhören, vor allem davonzulaufen! Lass dich von anderen trösten!«

»Was weißt du schon von Trauer?«, sagte er erbost über die Schulter. Wo wollte er eigentlich hin? Er wusste es nicht, nur fort von diesem Mann.

»Siehst du, du läufst schon wieder davon!«

Was für ein nervtötender Klugscheißer er doch geworden war. »Lass es endlich gut sein.«

»Nein!«

»Lass mich in Ruhe!«

»Das ist das Problem, alle lassen dich immer nur in Ruhe. Aber ich werde nicht zusehen, wie du wieder wegläufst! Du musst dich dem Schmerz stellen! Du bist damit nicht allein!«

Xaith ging einfach weiter, jedes weitere Wort hätte den Rotschopf nur noch mehr angespornt, auf ihn einzureden.

»Mein Vater ist auch tot, Xaith.«, verkündete Jin schließlich.

Xaith stolperte beinahe über seine eigenen Füße, blieb wie angewurzelt stehen, drehte sich aber nicht um. In seinem Kopf herrschte plötzlich Leere.

Jin ließ hörbar die Arme fallen, seine Stimme wurde milder. »Er starb bei einem Aufstand, als Hexenjäger die Festungsstadt stürmten. Sie… haben das Königliche Kontor überfallen, nachdem Wexmell die Hinrichtung einer Hexe vereitelt hat. Mein Vater hat versucht, sie aufzuhalten, aber er war kein Kämpfer. Sie haben ihn ermordet.«

Es ist mir egal, sagte Xaith sich vor. Aber nein, das war es nicht, es wollte ihm egal sein, aber er spürte unwillkürlich Mitgefühl und Bedauern, auch wenn Jins Vaters nie auch nur ein Wort mit ihm gewechselt hatte, ihn sogar immer mit angstgeweiteten Augen angestarrt hatte, vor allem nach dem Vorfall mit seiner Mutter. Doch er war der Krone ein guter, treuer Mann gewesen, Xaiths Väter hatten ihn geschätzt.

Außerdem… wusste er, was Jin durchmachte.

Xaith ballten nervös die Hände zu Fäusten, ließ wieder locker, ballte sie wieder.

»Es herrscht Krieg zwischen Magiern und Hexenjägern, Xaith. Und du bist ein Magier!«

»Es ist trotzdem nicht mein Krieg«, konterte er, denn er wollte nichts damit zu tun haben. Es war eine Sache, für sich selbst zu kämpfen, wenn man es musste, eine andere, mit Kriegern in eine Schlacht zu ziehen oder auf einem Pferd zu sitzen und zuzusehen, wie andere für einen starben.

Das Letzte, was er wollte, war in einem Krieg zu kämpfen.

Jin trat auf ihn zu, seine ruhige Präsenz kam vorsichtig näher. »Ich weiß, dass es schwer ist, ich weiß, wie sehr es schmerzt, wie allein und wie haltlos du dich fühlst. Gerade du, der dem Vater so nahestand. Er war alles, was du hattest. Aber du bist trotzdem sein Sohn, auch wenn er tot ist. Du bist ein Sohn Nohvas, ein Prinz Nohvas, und ein Magier. Es ist dein Krieg.«

Xaith schloss die Augen, kämpfte gegen seine Gefühle an. Bloß nicht auf dieses schwarze, tiefe Loch einlassen, das ihn von innen heraus zu verschlingen drohte.

»Er hat dich geliebt, Xaith, glaubst du wirklich, er wollte, dass du dein Leben vergeudest, indem du versuchst, ihm seinen Frieden zu stehlen?«

Xaith fuhr zu ihm herum, das Herz in der Brust schlug wild und sein Gesicht war eisig. »Rührende Geschichte, Jin.« Jin wich verwundert zurück. »Aber was mit deinem Vater geschehen ist, ist nur ein weiterer Grund für mich, das hier zu Ende zu bringen«, erklärte er entschlossen. »Mein Vater muss das ganze Chaos wieder richten.«

Ihm antwortete eine gerunzelte Stirn, die von Bedauern zeugte.

Xaith wandte sich ab. »Geh jetzt nach Hause, Jin.«

So leicht würde er sich nicht manipulieren lassen. Er wusste, dass er für verrückt gehalten wurde, er wusste um die Angst, die seine Forschungen in Nohva verursacht hatten, aber auch wenn sich die ganze Welt fürchtete und auch, wenn alle glaubten, er folgte einem Hirngespinst und experimentiere mit dämonischen Zaubern, er würde es schaffen! Und dann, da war er sicher, würde alles wieder gut werden.

Ja, genau das würde es, sein Vater würde alles wieder in Ordnung bringen. Nur er konnte das Chaos, das sein Tod verursachte, wieder richten.

König Desiderius musste wiederkehren, zu jedem erdenklichen Preis!

Er würde es ihnen beweisen, er würde keinen Untoten erschaffen, er würde seinen Vater wieder lebendig machen. Er musste, er musste einfach…

»Vaaks ist verschwunden.«

Ein zweites Mal brachte Jin ihn zum Stolpern, dieses Mal verursachte er zusätzlich noch ein Rauschen in Xaiths Ohren.

Hatte er richtig verstanden?

Langsam drehte er sich zu Jin um, der ihm ernst entgegenblickte und die Arme vor der flachen, schmalen Brust verschränkte. »Riath war der Letzte, der ihn gesehen hat.«

Xaith schüttelte den Kopf, ohne es zu bemerken. »Riath würde ihm nichts antun.«

»Bist du da sicher?« Jin senkte die Stimme, um seinen Worten noch mehr Grauen zu verleihen, er machte zwei Schritte auf Xaith zu, bis er wieder dicht unter seinem Gesicht stand. »War Riath nicht auch der Letzte, der Sarsar gesehen hat?« Neunmalklug hob er eine Augenbraue.

In Xaiths Schädel fing es an zu hämmern, als ob ein kleiner, fiese Bauarbeiter ein paar lose Nägel direkt in sein Gehirn trieb. Er blinzelte. »Riath würde nicht…«

»Sag du es mir, er ist dein Bruder.« Jin klang nicht herausfordernd, sein Tonfall war milde, sanft. Fast so als erwartete er, dass Xaith von selbst die Augen öffnete. Als ob er ihm im Schlaf ein zärtliches »wach auf« zuflüsterte, statt ihn rüde an der Schulter wachzurütteln. Da lag ureigenes Vertrauen in seinen zimtbraunen Augen, von dem Xaith nicht wusste, womit er es sich verdient hätte.

Sie waren keine Freunde.

»Er würde Vaaks nichts tun!«, betonte Xaith noch einmal strenger. »Vaaks ist keine Gefahr für ihn, Vaaks würde nie die Krone-«

»Der Adel drängte Wexmell, Vaaks zum Erben zu ernennen, weil er ein einfacher Mensch ist und seine Herrschaft dem Volk weniger Furcht einflößen würde.«

Xaith schüttelte dennoch den Kopf, obwohl er davon zum ersten Mal hörte und er zugeben musste, dass er plötzlich Angst verspürte. »Aber Vaaks wollte die Krone nie! Riath weiß das! Außerdem würde Wexmell Vaaks überleben!«

»Nicht, wenn er ermordet würde. Es sollte eine Versicherung dafür sein, falls Wexmell vor seiner Zeit stirbt. Wer Wexmells Erbe sein würde, sollte Vaaks vor ihm aus dem Leben scheiden, hätte dann entscheiden werden sollen, wenn Vaaks starb. Es sollte eine Notlösung sein, um die Gemüter zu beruhigen. Sie wollten sich Zeit erkaufen, auf Wexmell einzureden, damit er eigene Nachkommen zeugt.«

Xaith hörte zu, schüttelte aber unentwegt den Kopf. »Ich traue Riath einiges zu, aber keinen Brudermord.«

Jin schwieg einen Moment, schien seinen Gedanken folgen zu können. »Du meinst, er würde dich nicht töten, weil er dich liebt.« Dann fragte er ernst: »Und was ist mit Sarsar?«

Darauf wusste er keine Antwort, wollte nicht darüber nachdenken. Nicht mehr, nicht schon wieder. Es wäre gelogen, würde er behaupten, er hätte niemals darüber nachgedacht, aber… Er wollte es nicht glauben, nein. Riath war vieles. Aber ein Brudermörder? Nein.

»Komm nach Hause.« Jin flehte ihn an, griff nach Xaiths Hand, nahm sie sanft in seine zarten Finger und streckte sich ihm empor, nur um ihn eindringlich in die Drachenaugen zu blicken. »Bitte, Xaith!«

Seine Nähe wirkte erstickend. Langsam schüttelte Xaith den Kopf, trat zurück.

Jin wirkte verletzt, ließ ihn aber Abstand nehmen.

»Ich kann nicht«, hörte Xaith sich kraftlos sagen, blickte zu Siderius, der ihr Gespräch verfolgt hatte und neben Baron stand, während er den hungrigen Bengel auf dem Arm hopsen ließ.

»Kehr um, Jin«, es war sein letztes Wort, »wage nicht, mir noch einmal zu folgen. Ich komme nicht ohne ihn nach Hause, denn es ist kein Zuhause ohne ihn.«

Als er an Jin vorbeiging und ihn stehen ließ, fielen dessen Schultern wieder herab, er gab sich geschlagen und sah ihnen nur noch wortlos nach, während sie ihm den Rücken kehrten.

»Wir können ihn doch nicht allein lassen!«, flüsterte Siderius Xaith zu und blickte bemitleidend zurück zu Jin, der einfach dastand und ihnen stumm nachsah.

»Er kam allein her, er findet allein zurück.« Xaith riss Baron an den Zügeln herum und verschwand im Dickicht.

Genug von der Vergangenheit.

Genug von allem.

~10~

Tropfnass stieg er über die Felsen aus dem smaragdgrünen See, keuchend und mit zitternden, überanstrengten Muskeln. Hinter ihm breitete sich ein dunkelroter Fleck flächenbrandartig im Wasser aus. Eine Blutlache, die einen perfekten und immer größer werdenden Kreis um den frischen Kadaver bildete.

Riath zog sich auf einen braunen Felsen, der vom Schlick schleimig war, und schnitt sich beinahe an den scharfen Kanten. Schwer atmend ließ er sich auf den Schenkel fallen, drehte sein Gewicht schließlich auf den nackten Hintern und strich sich die schweren, nassen Strähnen seiner langen, blonden Haare aus dem tropfenden Gesicht.

»Scheiße.« Er fluchte nicht, er musste lachen, aus purer Freude. Glücksgefühle prickelten warm durch seine Venen und der Triumph floss heiß durch seinen Leib. Wie ein Sonnenstrahl im Winter.

So ein Kampf gegen einen Alligator hatte doch etwas Belebendes, vor allem wenn man sich der Bestie nackt und nur mit den blanken Händen stellte.

Nicht, dass er es drauf angelegt hätte, als er zum Baden hergekommen war, das Drecksvieh hatte ihn aus dem Hinterhalt angegriffen und es war nur Riaths schnellen Reflexen zu verdanken, dass er dem Maul des Alligators entkommen war.

Es war ein brutaler Kampf unter Wasser gewesen, der damit geendet war, dass Riath seine Fänge in die Kehle des Alligators geschlagen und ihn fast bis zur Schwanzspitze aufgerissen hatte.

Riath blutete aus einigen offenen Wunden an Waden, Schenkeln und Armen, doch viel stärker als das Brennen der tiefen Kratzer, waren die Prellungen, die ihm das Scheißvieh zugefügt hatte. Mit schmerzverzerrtem Gesicht hielt er sich die angeknacksten Rippen, doch lachte er dennoch, denn er hatte obsiegt. Gegen einen Alligator. Nackt.

Warum war bei solch legendären Taten nie jemand anwesend, der sie bezeugen könnte?

Ein Schnauben antwortete ihm.

Na ja, niemand, der sprechen konnte, korrigierte er sich.

Lord stand mit einigen Schritten Entfernung neben dem schmalen Trampelpfad, der am Seeufer vorbeiführte, im Urwald und suchte am Boden nach Gras, das ihm mundete. Er war ein bildschöner Hengst mit cremefarbenem, beinahe goldenem Fell, das schimmerte wie purer, kostbarer Samt. Er war einheitlich gefärbt, wie aus einem Guss, nur um die Nüstern und um seine hellblauen, klugen Augen schimmerte es leicht rosafarben.

Er war Riaths ganzer Stolz, obwohl er ihn sich nicht ausgesucht hätte, sondern Lord sich Riath ausgesucht hatte. Im Gegensatz zu ihm, war Lord ein sehr gelassenes, ruhiges Pferd, doch eines hatten sie gewiss gemeinsam. Sie waren blaublütig und so gaben sie sich auch. Riath sah sein Reittier selten mit gesenktem Kopf, es sei denn er fraß. Lord stolzierte gern, vor allem wenn Zuschauer in der Nähe waren, andere Pferde giftete er gerne mal mit zurückgelegten Ohren an, wenn sie es wagten, neben ihn zu treten. Er war der König in jedem Stall, ihm gehörte die Welt, aller Augen sollten auf ihm liegen.

Er war perfekt.

Aber auch eitel, wie Riath zugestehen musste, denn obwohl er diesen Prachtburschen nur zu gerne weiterzüchten wollte, zeigte Lord keinerlei Interesse, die ausgewählten Stuten zu besteigen.

Riath konnte es ihm nicht einmal übelnehmen, wer wurde schon gern wie ein Zuchthengst behandelt, selbst wenn man einer war.

Lord stammte von Wanderer ab – König Desiderius` unsterblicher Hengst – womit Lord einer unheimlich klugen, langlebigen Rassen angehörte. Sein Farbschlag machte ihn in so gut wie jedem Stall einzigartig. Er war geboren worden, um an Riaths Seite zu weilen.

Nachdem er Atem geschöpft hatte, kümmerte sich der Prinz von Nohva um seine Wunden, aus denen dunkelrote Flüsse in Schlangenlinien über seine Haut flossen.

Das grüne Wasser würde eine widerliche Infektion nach sich ziehen, zum Glück war er recht robust dank des Gemischs des Luzianer- und Hexenblut, das durch seine Adern strömte.

Er ging zu seinen Kleidern und Waffen, die im Gras neben dem Ufer lagen, löste den Wasserschlauch und spülte seine Wunden aus. Danach zerriss er seine Unterhose mit den Zähnen in Streifen und band die tiefsten Wunden ab. Etwas Blut würde das heilen.

Als er sich anzog, glitt die Lederhose nur widerwillig über seine nassen Beine nach oben, denn obwohl er sich gerade erst abgekühlt hatte, floss der Schweiß erneut in Strömen, die schwüle Hitze Elkanasais war unerbittlich. Es schien nach dem Bad und dem Kampf sogar noch schlimmer als zuvor. Das Wollhemd klebte an seiner muskulösen Brust, er ließ es locker hängen, mit offenen Schnüren und hochgekrempelten Ärmeln.

Schließlich zog er sich auf Lords Rücken, der weder Sattel noch Trense trug, sondern nur ein Halfter und Zügel aus groben Seil. Riath hatte sich auf einen gemütlichen Ritt eingestellt.

Der Weg zurück war genauso tückisch wie hin, überwucherte Felsen und Wurzeln im dichten Wald, knurrende Raubtiere hinter jedem Busch. Lord blähte die Nüstern, er war nervös, ob der vielen gierigen Augen, die aus den Baumkronen heraus auf ihn herabblickten, doch Riath würde ihn beschützen. Das tat er immer.

Die Flanken des Hengstes zitterten, sein Schritt war dennoch trittsicher. Langsam staksten sie durchs Unterholz, Äste knackten unter den gewaltigen Hufen.

Als das Lager in Sicht kam, die hellen und dunklen Lederplanen der Zelte durch das dichte Grün schimmerten, eilte ihnen bereits mit ernster Miene Marks entgegen. Riaths Linker Hand tropfte der Schweiß vom kantigen Gesicht, doch er würde sich lieber lebendig verbrennen lassen, als die schwarze Kluft und das violette Band an seinem Oberarm abzulegen.

»Du hast Besuch«, sagte er knapp, als Riath das Bein über Lords Hals schwang und von seinem Rücken glitt.

Besuch war höchst ungewöhnlich. Einen Moment dachte er an Kacey und konnte ein triumphierendes Schmunzeln nicht verbergen. Er dachte an sein seidiges Haar, die seidige Haut, die zierliche Gestalt, die warmen, samtenen Lippen. Riath spürte ein Prickeln in Brust und auch in den Lenden. Herz und Gehänge waren bei ihm stark miteinander verknüpft, das spürte er bei keinem so stark wie bei Kacey, denn er sehnte sich sowohl danach, sich in ihm zu versenken, als auch schlicht nach seinem ungeheuerlich verführerischen Anblick und nach seiner Gesellschaft, obwohl letzteres auf beiden Seiten noch eher zu Kopfschmerzen als zu Liebe führte.

Marks griff nach den improvisierten Zügeln des Hengstes und nickte zu Riaths Zelt. Der Eingang war zugeklappt, zwei Wachen standen in strammer Haltung davor.

Nicht seine Wachen, nicht seine Getreuen.

Ein Blick zu den eingepferchten Pferden bestätigte seine Vermutung, gesattelte Rösser, verschwitzt von einem langen Ritt, standen unter ihren Pferden. Das Lächeln wich aus seinem Gesicht, sein Herz wandelte sich in harten und kalten Stein.

Das hatte ihm gerade noch gefehlt.

Riath überließ Lord in Marks‘ Obhut und ging mit großen, zielstrebigen Schritten auf sein Zelt zu, obwohl sich in seinem Magen ein fester Kloß bildete.

Die Wachen nahmen mit klimpernden, schwarz gefärbten Rüstungen Haltung an, salutierten ihm, doch ihre Mienen waren grimmig und voreingenommen. Sie mochten ihn nicht, ihre Loyalität gehörte einem anderen Herrscher, aber sie wurden zur Höflichkeit erzogen.

Riath beachtete sie nicht, schlug die Plane zurück und trat ins Zelt. Warmer Kerzenschein empfing ihn, ebenso schwüle Hitze, die sich im Inneren gesammelt hatte.

Sein Besucher saß auf der Bettstatt und verströmte den Geruch von Leder und Pferd. Der Mann trug schwarze Reisekleidung, denn die Zeiten, als er feine Seide in hellen und freundlichen Tönen und mit königlichen Stickereien getragen hatte, waren lange vorbei. Über seinen Schultern lag König Desiderius` schwarzer Wollumhang. Trotz schlankerer, kleinerer Gestalt als Riaths Vater sie besessen hatte, wirkte das Kleidungsstück keineswegs übergroß, es wurde von strammen, stolzen Schultern getragen, die seiner würdig waren. Golden schimmernde Locken, aus denen kaum die goldene Flammenkrone herausstach, Haut wie Elfenbein, eisblaue Augen – und Sari, der Schakal, der über überkreuzten Schenkel lag und sich genüsslich den Rücken streicheln ließ.

»Ich erwartete einen Brief, keinen persönlichen Besuch«, sagte Riath ohne Begrüßung und trat einen Schritt ein. Das Zeltinnere kam ihm nicht mehr wie sein eigenes vor, als ob alles, was ihm gehörte, nichtig wurde, wenn der wahre König in Erscheinung trat.

Noch einmal fuhr die zärtliche Hand über Saris struppigen Rücken, der Schakal gähnte genüsslich, schmatzte und schloss dann wieder die Augen.

»Ich wollte mich aber gerne persönlich mit dir unterhalten.« Wexmell hob endlich den Blick, schielte zu Riath auf. »Mein Sohn.«

Diese eindringlichen Augen, die alles sahen. Riath wandte sich unter dem Vorwand ab, an seinem Kartentisch Wein einzugießen. »Du musst durstig sein.«

»Ich hatte Wasser, danke.«

Riath stellte den einen Kelch wieder auf das Tablett, seine Schultern fielen herab. »Wie hast du mich gefunden?«

»Du bist nicht der Einzige, der gute Spione unterhält, und es war nicht so schwer zu erraten, wohin dein Weg – oder sollte ich besser sagen, dein Herz dich als nächstes führt.«

Riath mahlte mit den Kiefern.

»Ich kenne dich eben.«

Ja, vielleicht tat er das ein wenig zu gut. Das war das Problem mit Vätern – oder Eltern allgemein – sie kannten die Herzen ihrer Söhne, sie kannten … ihr Schwächen.

Riath schluckte die Bemerkung ohne Kommentar, stattdessen stürzte er den Inhalt seines Kelches in den Rachen.

»Ich muss mich wohl bedanken.« Wexmell hob Sari sanft auf den Boden. »Immerhin hattest du den Anstand, es mir selbst mitzuteilen.«

»Ich bin davon überzeugt, dass die Gerüchte, oder sollte ich sie deine Spione nennen? Nun ja, sie kamen gewiss früher als mein Brief.«

»Aber zu spät, um für mich zu handeln.« Wexmell zog ein Stück getrocknetes Fleisch aus seiner Tasche, wodurch Sari plötzlich hellwach war und sabbernd zu ihm auf hechelte. Natürlich bekam der treue Schakal sein Stück Fleisch, womit er sich auf das Bett zurückzog und genüsslich kaute.

Riath blickte über die Schulter zu Wexmell, der sich gewissenhaft die Hände abklopfte und dabei auf sie starrte. »Ich hätte dich aufhalten sollen.«

»Das konntest du nicht«, flüsterte Riath rau.

»Du hättest nicht nach Carapuhr reisen dürfen, Riath.« Wexmells Tonfall veränderte sich, wurde schärfer. Er blicke mit gerunzelter Stirn auf. »Melecay schickte mir einen Brief, er traf kurz nach deinem ein. Carapuhr und Elkanasai brechen das Bündnis mit Nohva. Aber ich bin sicher, das wusstest du. Du hast es genau darauf angelegt. Andere sollen mich schwächen, weil du es nicht über dich bringst.«

Er kam nicht einmal in Versuchung, sich zu schämen oder so zu tun, als wäre er ertappt worden. Es würde Wexmells Intelligenz beleidigen.

Riath goss sich erneut Wein ein, er lachte zynisch und schüttelte über seinen König und Ziehvater den Kopf. »Sie waren schon vor Jahren keine Verbündeten mehr, das hast du selbst gesagt!« Er stellte den Krug lautstark ab, griff den vollgefüllten Kelch und ging hinüber zu einer anderen Ecke, sodass der Tisch zwischen ihnen stand. Er brauchte diese Barriere, brauchte Abstand zu dem Blick seines Vaters. »Irgendwann musst auch du die Augen öffnen, und wenn es bedeutet, dass ich die ganze Welt auf dich hetzen muss, damit du endlich siehst, wer unsere Feinde sind, dann ja, dann tue ich das, auch zu deinem Wohl. Vater, sie haben nicht gezögert, das Bündnis zu brechen!«

»Du hast es vor allem getan, um deinen Willen durchzusetzen«, wusste Wexmell. Er klang nicht schockiert, allerhöchstens ein wenig ermüdet.

»Du solltest mir danken.« Riath überspielte seine Unsicherheit mit einem wölfischen Grinsen, prostete Wexmell kurz zu und nippte dann an seinem Wein.

Doch der König sah ihn lediglich unbeeindruckt an, ließ sich nicht von ihm täuschen oder auch nur um einen Hauch ärgern. »Du hättest Melecay mir überlassen sollen, du hast ja keine Ahnung, welchen Feind du dir mit ihm gemacht hast. Und somit auch Nohva.«

»Er ist solange eine Gefahr für Nohva, solange das Herz in seiner Brust schlägt. Genau genommen ist er eine Gefahr für jedes lebende Wesen, du hättest ihn mit netten Schmeicheleien und politischen Geschick vielleicht für die Dauer deiner eigenen Herrschaft zähmen können, doch was käme danach? Früher oder später hätte er den offenen Konflikt auf dem Schlachtfeld gesucht, das liegt ihm im Blut, er hasst uns alle, vor allem mich, weil ich ihm nicht den Schwanz lutsche oder furchtsam vor ihm erzittere! Alle, die ihn nicht fürchten, wird er versuchen, das Früchten zu lehren. So und nicht anders hat er sich in Nohva gezeigt, kaum dass Vaters Asche kalt war!«

Wexmell schloss gequält die Augen. »Melecay ist ein Mensch, er hätte mich nie überlebt. Geduld und Voraussicht führt uns zum Ziel, Riath, wie oft haben wir dir das gepredigt?«

Riath winkte genervt ab, schnaubte herablassend. »Glaubst du, er würde einen schwachen Nachfolger wählen? Einen mitfühlenden? Er hat bewiesen, dass er das nicht vorhatte, kaum dass sein Erbe Vynsu Menschlichkeit zeigte, hatte er ihn verstoßen. Wen auch immer er wählt, er wird genauso ein Tyrann und Kriegstreiber wie er selbst. Carapuhr muss mit einem Hammerschlag zerschlagen werden, früher oder später, oder wir werden Nohva an den Norden verlieren, so lange Carapuhr und Elkanasai verbrüdert sind!«

Ruhig sah Wexmell ihn an. »Es hätte keinen Konflikt gegeben, hättest du nicht zurückschlagen müssen, nachdem er dich persönlich angriff, Riath. Und du unterschätzt ihn, wenn du denkst, er wäre ein einfacher Tyrann.«

»Er ist ein Mann der groben Gewalt«, entgegnete Riath herablassend und schwenkte seinen Kelch in Wexmells Richtung, wobei der Wein beinahe eine feuchte, rote Spur durch das Zelt gezogen hätte. »Das hat er mehrfach gezeigt. Er kennt nur die direkte Konfrontation, von Intrigen hat er keine Ahnung. In Carapuhr habe ich ihn überrascht. Und jetzt ist er geschwächt.«

»Oh nein, Riath, das ist er nicht!« Wexmell trat auf ihn zu, bis er gegen den Tisch stieß und sich mit den Händen draufstützte, er lehnte sich ihm entgegen. »Mach niemals den Fehler, ihn zu unterschätzen. Du denkst, du kennst ihn? Er wird dir das Gegenteil beweisen, und er wird dir alles nehmen, was du liebst, wenn du nicht aufpasst. Ich habe dich gewarnt, Riath!« Er schloss kurz die Augen, wirkte wie so oft enttäuscht und müde. »Du hättest ihn mir überlassen sollen, wie besprochen, ich hätte ihn bezähmen können, mit Worten. Du hättest mir einfach vertrauen sollen, jetzt steht uns Krieg bevor! Krieg, den unsere Völker ausbaden müssen. Wir sind geschwächt durch die Aufstände, durch die Spaltung unserer Häuser, wir sind keine Einheit, wir haben ihm nichts entgegenzustellen! Warum hast du mir nicht einfach vertraut?«

Riath sah ihn kühl an. »Wir müssen nicht gespalten sein, wenn du und ich uns einigen. Und dem steht nichts im Wege, bis auf deine Unfähigkeit, unser Reich mit Strenge zu führen.«

Wexmells Lippen wurden dünner, als er sie aufeinanderpresste. »Wir können uns einigen, wenn du anfängst, mir zu vertrauen.«

»Dir vertrauen?« Riath spürte, wie sein Arm zu zittern begann, sein Blick glühte. »Oh ich hab dir vertraut, Vater. Ich habe dir viel zu lange vertraut. Was hat es mir gebracht? Es sind so viele deinetwegen gestorben, weil du nichts unternommen hast!« Er zischte die letzten Worte und spürte sein Herz wild schlagen, als ob es eigenständig aus seiner Brust brechen und Wexmell an die Gurgel wollte.

Wexmell sah ihn wieder mit verschlossener, königlich ernster Miene an. Er straffte sich, denn obwohl eine große Last auf seinen Schultern lag, hatte Riath ihn seit dem Tod seines Vaters nicht ein einziges Mal einknicken gesehen. »Es sind noch mehr gestorben, als du zu den Schwertern gerufen hast. Nohva ist geteilt, das Volk schlägt sich in den Tavernen die Köpfe ein, weil es darüber streitet, wem von uns sie Treue schulden! Wir hätten eine Einheit sein sollen!«

»Soldaten sterben, Kinder sollten das nicht.« Damit traf Riath einen wunden Punkt, er sah es in Wexmells Gesicht, als in dessen blaue Augen ein schwarzer, tiefer Schmerz trat. »Dafür bilden wir Armeen aus, Vater, sie sollen kämpfen und für uns sterben, damit unsere Kinder es nicht müssen. Sie erfüllen damit einen Eid, dazu wurden sie ausgebildet! Niemand zwang sie, in unsere Armee einzutreten, sie tun es freiwillig. Sie wollen für uns kämpfen und sterben, Vater. Dazu sind sie da, sie sind die Waffen und die Barrieren, die die Unschuldigen schützen.«

»Ich habe nicht Nichts getan, Riath! Wir haben versucht, das Bild der Magier zu verbessern, wir haben Hexen zum Heilen durch das Land geschickt, wir haben auf friedliche Weise gegen den Aufstand gekämpft, mit friedlichen Mitteln!«

Sie starrten sich an, beide den eigenen Überzeugungen treu.

Langsam glitten Wexmells Fingerspitzen von der Tischkante. Riath lehnte sich gegen die Kommode hinter ihm, auf der eine einzelne Kerze stand und flackerte.

»Ohne Krieg kein Frieden, Vater.« Er suchte Wexmells Blick, versuchte ihn zu erreichen. »Ich konnte nicht länger dasitzen und zusehen, wie du darauf hoffst, dass die Diplomatie siegt, während Volksverhetzer nicht nur unsere Heimat in Brand setzten, sondern auch meinesgleichen jagten und abschlachteten wie Tiere.« Er zeigte anklagend auf Wexmell. »Während deine angeblichen Verbündeten uns angriffen.«

Wexmell sah ihn noch einen Moment länger an, dann wandte er sich ab. »Es erfreut dich sicher zu hören, dass bisher keine weiteren Vorfälle gemeldet wurden.« Er ging um den Tisch herum und strich dabei mit den Fingern über das Holz, als überprüfte er seine Beschaffenheit. »Ich weiß, dass du kämpfen musstest, glaub mir, ich weiß das. Aber ich allein muss mit meinen Entscheidungen leben, Riath, also wirf mir nicht vor, ich würde nichts tun. Ich habe etwas getan, die Angelegenheit erforderte Fingerspitzengefühl, keine Schwerthiebe! Je mehr ich den Magiern geholfen hätte, je mehr Feinde hätten sie dadurch erhalten. Euer größter Feind ist der Neid, Riath, und hätte die Krone sich schützend vor die Zauberkundigen gestellt, hätten die Hexenjäger es so ausgelegt, als ob wir sie bevorzugen. Mehr Hass, mehr Neid, mehr Gewalt wurden daraus geboren!«

»Du kannst die Verlorenen nicht retten, jeder wählt sein Schicksal selbst, und wer sich gegen die eigene Krone stellt, ist und bleibt ein Verräter, Vater hätte das genauso gesehen.«

Wexmells Gesicht wirkte von Augenblick zu Augenblick angespannter, so wie bei jeder Unterredung mit Riath.

»Du hast deine Feinde zu Märtyrern gemacht, als du sie getötet hast. Sieh, was wir angerichtet haben.« Wexmell breitete die Arme aus. »Wir haben die Aufstände bei uns vielleicht zerschlagen, doch jetzt breiten sie sich in unseren Nachbarländern aus. Wir haben niemanden gerettet, wir haben es verschlimmert. Du hast dafür gesorgt, dass du mehr Feinde hast, als du überblicken kannst. Mächtige Feinde.«

Riath wusste das, er starrte in seinen Kelch. »Ich bin mächtiger als sie alle zusammen.«

»Aber auch du hast deine Grenzen und Schwächen. Und glaub mir, sie werden sie finden – oder haben es vielleicht schon.«

Der bedeutsame Blick sagte alles. Riath hätte niemals herkommen sollen, denn mit einer dieser Schwächen hatte er vor kurzem noch das Bett geteilt.

Wexmell atmete aus, schien sich zu beruhigen. Er war nie aufbrausend gewesen, doch die letzten Jahre hatten auch ihn verändert. Der Tod seines geliebten Gefährten, der Tod zwei seiner Ziehkinder, die Krone auf seinem Haupt, die alleinige Verantwortung, die Aufstände und… der Verrat. Vor allem der Verrat hatte ihn schwer getroffen, ihn altern lassen und strenger gemacht. Von der warmen, strahlenden Sonne Nohvas zum kalten, fahlen Mond.

»Du fragst mich, warum ich dir nicht vertraue«, Riath sah wieder auf, Wexmell blickte ihn an. »Ich frage dich, warum du stattdessen nicht mir vertraust.«

Daraufhin verfiel Wexmell in tiefes Schweigen. Er musterte Riath noch stumm, dann glitt sein Blick endgültig ab und schien über etwas nachzudenken, das ihn zutiefst schmerzte.

Riath inspizierte seine Stiefel. »Was willst du hier?«

Er war bestimmt nicht die lange Reise angetreten und hatte Nohva allein gelassen, um mit Riath über das leidige Thema Krieg oder Frieden zu streiten. Nein, diese Diskussion würden sie noch an Wexmells Sterbebett führen, doch deshalb war er bestimmt nicht hier.

Als Wexmell nicht gleich antwortete, betrachtete Riath ihn wieder, wartete aber geduldig.

»Du hast mich gewarnt, dass Melecay Desith mit einer Armee nach Nohva schicken wird.« Wexmell drehte sich zu ihm um, sein Gesicht war wieder ernst.

»Ich bin mir sicher, dass er das tun wird, ich hoffe sogar darauf. Sie werden sich jetzt alle auf dich konzentrieren, um dich zu zermürben. Sie wollen, dass du die Krone abgibst. Also wirst auch du dich auf diesen Feind konzentrieren.« Er zuckte mit den Achseln. »Ich sehe das als Vorteil für mich.«

»Dann willst du mich ausliefern?« Wexmell fragte das so trocken, dass es ihn nicht überraschen würde, wenn Riath einfach mit Ja geantwortet hätte.

Doch er lächelte zynisch. »Ich bin sicher, du bist in der Lage, mit Desith zu verhandeln.«

»Und während ich das tue, fällst du über Melecays Land her?« Wexmells Lippen waren zu einem dünnen Strich geworden. »Schlachtest ein Dorf nach dem anderen ab, bis kein Barbar mehr übrig ist?«

Riath sagte dazu nichts, aber ein Lächeln lag auf seinen Lippen. Wenn die Zeit reif war, würde er das, doch im Moment wäre es noch Selbstmord. Anders als Wexmell immer behauptete, hatte Riath sehr wohl Geduld.

Wexmell legte den Kopf schief. »Und was ist mit Xaith? Du wolltest ihn finden, bevor es ein anderer tut.«

»Das werde ich«, versicherte er pikiert. »Ich weiß, wo Xaith ist, keine Sorge. Im Moment ist er geschwächt und kommt nur langsam voran, meine Getreuen verfolgen ihn. Ich bringe ihn nach Hause.« Er wollte ihn bitten, ihm zu vertrauen, doch sein Auftauchen hier bewies mal wieder, dass er das nicht tat – nicht konnte.

Riath war nicht überrascht, vielleicht musste das so sein, vielleicht würde nie irgendjemand, der auch nur den Funken gesunden Menschenverstandes in sich trug, ihm vertrauen.

Dennoch schmerzte es. Sein eigener Vater. Dieses Misstrauen, diese Enttäuschung hätte er von seinem anderen Vater erwartet, doch Wexmell war ihm früher immer nur mit Liebe und Stolz begegnet. Diese Zeiten waren schon seit einer ganzen Weile vorbei, was Wexmell nun für ihn empfand, verbarg er stets hinter dieser neutralen Maske.

Wexmell betrachtete ihn lange, sehr lange, mit diesen eindringlichen, dolchartigen Augen, die er sich angewöhnt hatte, seit er als König gezwungen war, Stärke zu beweisen. Nur zu oft hatte man seine Gutherzigkeit ausgenutzt. Doch eines war Wexmell nie gewesen: schwach.

Das durften sie niemals unterschätzen.

»Hast du es ihm gesagt?«, fragte Wexmell. »Kacey. Weiß er, dass er in Gefahr ist?«

Das letzte Gespräch mit Kacey trat in Riaths Erinnerung, noch frisch und aufwühlend. Er bekam Kopfschmerzen von dem wirren Gerede, das zu nichts geführt hatte. Die Sache mit Kacey war viel komplizierter, als er je angenommen hatte. Dabei könnte es so einfach sein, würden sie schlicht aufhören, miteinander zu reden. Nur fühlen, nicht denken, das wäre das Beste.

»Ich mache das auf meine Weise«, sagte Riath und sah ebenso ungerührt und streng zu Wexmell hin, so wie dieser zu ihm sah. Genau das hatte er damals gesagt, als er die Armee genommen – zumindest den Teil davon, der treu zu ihm stand, weil er der Sohn seines Vaters war – und den Aufstand zerschlagen hatte. Ich mache das auf meine Weise.

Wexmells volle Lippen wurden dünner, da er sie fest aufeinanderpresste. »Du musst es ihm sagen.«

»So wie du mir hättest viele Dinge sagen müssen.« Vorwurfvoll starrte Riath zurück. »Du und Vater, ihr habt uns belogen und jetzt müssen wir es ausbaden. Ihr hab uns nie gesagt, in welcher Gefahr wir schweben.«

Wexmell zeigte keine Reue, sein Gesicht blieb unbewegt. »Weder ich noch dein Vater hätten jemals damit rechnen können.«

»Und doch hast du ihn sofort durchschaut, also musst du es geahnt haben.«

»Ich sage nicht, dass dein Vater und ich immer die richtigen Entscheidungen getroffen haben, wir waren jung und ratlos, haben uns auf das Gespür anderer verlassen. Damals erschien es uns richtig und damals war es für uns von Vorteil. Melecay war ein starker Verbündeter gegen die Dämonen.«

»Für euch war er das«, betonte Riath, »nicht für eure Söhne.«

Riath hasste Wexmells neutralen Blick, er wirkte so ungerührt. Er war wie eine dicke Mauer, und er wusste nicht, ob sein Vater, der ihn früher immer warm angelächelt hatte und immerzu stolz auf ihn gewesen war, noch dahintersteckte. Der Vater, der Mann, der ihn immer ermutigt und ihm den Rücken gestärkt hatte. Da waren nur diese unergründlichen, fernen Augen.

In gewisser Weise sind beide Väter gestorben, auch Wexmell war fort, hatte sich so stark verändert. Wo war nur die strahlende Liebe und die Vergebung hin? Vor ihm stand nur ein… König. Unantastbar, neutral, uneinsehbar.

»Du hättest mir vertrauen müssen, Riath«, sagte Wexmell bedauernd, »ich hätte dich beschützt.«

Riath spürte die Tränen in seinen Augen und kämpfte sie zurück. »Du konntest niemanden mehr schützen, viele von uns mussten das lernen. Auch du hast ihn unterschätzt. Du und Vater hättet ihm nie eine Krone verschaffen dürfen!«

Da war er wieder, dieser zerreißende Schmerz in der Brust, der Verlust, die Enttäuschung, der Schock. All das drohte, ihn zu verschlingen, er musste sich selbst vom Abgrund wegreißen.

Nein, er würde nicht weinen, er würde nicht einmal klagen oder sich auch nur für den Bruchteil eines Augenblicks selbst bemitleiden! Es führte zu nichts und er hatte kein Recht dazu, nach all den Leben, die er genommen hatte. Kein Recht, zu fühlen, er war der Böse, hatte sich dazu gemacht. Kein Recht, zu atmen, zu existieren, zu leiden oder zu lieben.

Er war der dunkle Hexenprinz, das schwarze Schaf des königlichen Geschlechts.

Aber dennoch würde er sich nicht mit einer Niederlage abfinden, nur weil er es vielleicht sollte. Ob er sie nun verdiente oder nicht, er würde seine Rache bekommen. Das war alles, was zählte, alles, was jemand wie er fühlen durfte.

Ein Schatten fiel auf ihn und er hob den Kopf. Wexmell stand dicht vor ihm, sodass er ihm nicht entkommen konnte. Sein Blick bohrte sich in Riaths Augen.

»Es macht dich nicht zu einem besseren Mann als er es ist, wenn du ihn bekämpfst. Überlass die Angelegenheit mit Melecay und Eagle ab jetzt mir, Riath, such du nach Xaith.«

Riath sagte nichts, starrte ihn nur ernst an.

Wexmell verzog den Mund, ein wenig Wärme trat in sein Gesicht. Wohltuende, heilende Wärme. Er hob eine Hand und berührte Riaths Wange, legte den Kopf schief und blickte ihn an, als könnte er nicht glauben, was aus ihnen geworden war. Aus ihnen beiden.

»Es ist nie zu spät, in den Spiegel zu sehen und das zu erkennen, was man ist – und es dann zu ändern, mein Sohn. Kehr um, hol deine Brüder und komm nach Hause, komm zur Krone zurück, wir überwinden diese Krise gemeinsam – oder wir fallen beide allein.«

Riaths Sicht verschwamm, seine Kehle wurde eng, aber sein Gesicht blieb grimmig.

»Vergebung«, flüsterte Wexmell und zog seine Hand zurück, »ist etwas, das man sich erkämpfen kann. Denk darüber nach.«

Riath blickte auf und lächelte kalt. »Ich will Rache«, sagte er rau, »und ich will verdammt noch mal der berühmteste Bastard dieser Welt werden. Genau wie Vater. Ganz genau wie er!«

Das war es, was sein Herz am meisten begehrte, Ruhm. Und dass sein Name alle Zeitalter der Welt überdauern würde.

Enttäuschung trat auf Wexmells zartes Gesicht, er trat zurück, als würde ihn eine unsichtbare Barriere rückwärts drängen. Dann war da diese Schlucht zwischen ihnen, die immer größer wurde.

Bevor Wexmell noch etwas sagen konnte, wurde die Zeltplane aufgeschlagen.

Sie fuhren herum.

Marks sah zwischen ihnen hin und her und schien nicht erfreut ob des hoheitsvollen Besuches, dennoch neigte er den Kopf zu einer Verbeugung. »Mein König.«

Wexmell lächelte sanft und nachsichtig, so wie er seinen Untertanen immer begegnete. »Marks.«

Marks wandte sich an Riath. »Mein Prinz, was wünscht Ihr zu speisen? Und leistet der König Euch Gesellschaft?«

»Oh nein, wir brechen sofort wieder auf«, antwortete Wexmell. »Aber habt Dank.«

»Lass uns allein, Marks«, befahl Riath abweisend. Er wollte nicht in dieser Verfassung gesehen werden.

Wieder sah Marks von einem zum anderen, dann rang er sich ein Lächeln ab, neigte erneut das Haupt und zog sich zurück.

Wexmell starrte noch auf den Ausgang, der nach Marks Verschwinden noch immer leicht wehte, und seufzte leise. »Er kann mich nicht ausstehen.«

Riath winkte ab. »Interpretiere da nichts hinein, vielleicht steckt ihm nur was queer.«

Wexmell sah ihn mit schiefgelegtem Kopf an, sein Blick sagte, dass Riath ihn nicht für dumm verkaufen sollte, und genau das unterließ er auch.

»Ich weiß, was er und viele andere denken, vor allem die Luzianerlords.« Wexmell richtete seinen Umhang, zog ihn über die Schultern und holte seine schwarzen Reithandschuhe hervor. »Ein paar erinnern sich zu gut an die Geschichten über meinen Vater, und sie denken, ich sei wie er. Entscheidungsscheu, abwartend und schwach.«

Riath schnaubte. »Davon weiß ich nichts, ich höre immer nur, dass ich nicht wie mein Vater wäre.«

Ein leichtes, melancholisches Lächeln trat auf Wexmells Züge. »Sie kannten deinen Vater nicht so wie ich, und glaub mir, er war nicht immer der Mann, den du kanntest.« Er sah Riath an, der überrascht dreinblickte. »Du bist ihm ähnlicher, als dir guttut, befürchte ich.«

Damit ließ er ihn stehen, bevor Riath etwas erwidern konnte, und trat aus dem Zelt.

Grübelnd folgte Riath ihm nach draußen, wo Wexmell seinen Wachen das Zeichen zur Abreise gab.

»Ich bin hergekommen, um dir persönlich mitzuteilen, dass es einen Vorfall gegeben hat und ich deine Mutter auf Drängen ihrer eigenen Zirkelschwestern« - Sarsars und Mays Mütter - »in den Turm sperren ließ.« Er sah Riath fest in die Augen. »Sie hat versucht, eine Intrige gegen mich zu planen, aber ihre Schwestern wandten sich gegen sie.«

Dieses verdammte Weib, unendliche Weiten von ihm entfernt und noch immer machte sie ihm Ärger. Er hörte noch ihre letzten Worte an ihn, vor der Abreise: »Wexmell war das, er hat versucht, dich töten zu lassen, und verschleiert seine Absicht hinter seiner Empörung. Du kannst jetzt nicht wegreisen, du musst ihn töten und dein Recht einfordern, Riath! Hörst du, du dummer Junge?«

Er war natürlich gegangen, hatte ein müdes Lächeln für die alte Hexe übriggehabt.

»Deinetwegen habe ich schon einmal getötet, um an diese Krone zu kommen«, hatte er zum Abschied gesagt, »aber das habe ich gar nicht nötig, ich werde mir mein Recht, zu herrschen, nicht stehlen, ich werde es mir erkämpfen.«

Sie hatte ihn immer zu einem kaltherzigen, berechnenden und machthungrigen König erziehen wollen, all das hatte er ihr mit Freuden gegeben – und sich gegen sie gestellt.

Wer seine Feinde waren und wer hinter welchem Anschlag steckte, wusste er selbst, er brauchte keine Mami, die ihm alles vorsagte. Er hasste es, wenn andere versuchten, ihn wie einen Hund an der Leine zu führen. Nein, dieser Köter hatte sich gegen die Frau gestellt, die ihn hatte führen wollen, und zugebissen.

Intrige? Vermutlich hatte sie das vorgehabt, aber besser, man half nach, indem man einen falschen Brief verfasste und eine Unterschrift fälschte – und dafür sorgte, dass sie in die richtigen Hände geriet. Es kostete ihn Mühe, nicht hinterhältig zu grinsen.

Es war zu gefährlich gewesen, sie in Wexmells Nähe frei herumlaufen zu lassen, sie musste verschwinden.

»Bin ich jetzt dein Feind?«, fragte Wexmell und betrachtete ihn eingehend.

»Lass mich über sie richten«, bat er, statt einer Antwort.

Wexmell betrachtete ihn noch einen Moment länger, dann wandte er das Gesicht unglücklich ab und seufzte. »Das halte ich für keine gute Idee.«

»Wir wissen doch beide, dass du nicht imstande bist, ein gerechtes Urteil zu fällen.«

Darauf antwortete er nicht, er blickte durch das Lager, schien aber etwas völlig anderes zu sehen. »Du hättest mir und deinem Vater sagen müssen, dass sie dich schlägt.«

Ihr hättet es wissen müssen, dachte er, schämte sich aber sofort. »Sie ist herrisch und kalt, aber sie ist nicht der Grund dafür, dass ich bin, wer ich bin.« Er sagte das aus purer Überzeugung, gewiss hatte sie seinen Charakter gefördert, aber vieles in ihm war bereits immer gegeben gewesen.

Wexmell nickte langsam, die Stirn gefurcht. »Wir hätten es spüren müssen«, er sagte es selbst, »haben wir aber nicht. Wir haben darauf vertraut, dass es dir bei uns gut geht, und vergessen, genauer hinzusehen. So lass mich über die Frau richten, die all die Jahre unter meinem Dach lebte und es wagte, Hand an meinen Sohn zu legen.«

Der Blick, den Wexmell ihm zuwarf, zeugte von einer fremdartigen Entschlossenheit, die keinen Zweifel daran ließ, dass er es ernst meinte.

Riath wusste nicht, was er deshalb fühlte. Einerseits war er von Wexmells Wut und Geste gerührt, andererseits wollte er keine Wärme in sein Herz lassen.

»Wie schade, dass ich ihr schockiertes Gesicht nicht sehen kann, wenn sie das Urteilt hört.«

Zwei eisblauen Augen sahen ihn an, er blickte zurück.

Wexmell sagte nichts mehr dazu, er hatte nicht annähernd so viel Freude an den Hinrichtungen seiner Feinde wie Riath sie hatte.

»Ich kann dich nicht zwingen, Nohva zu dienen, du musst tun, was du selbst für richtig hältst. Wenn es die Magier sind, für die du kämpfen willst, verstehe ich dich, doch wenn du nur für dich kämpfst, erwarte nicht, dass ich dich unterstütze.« Wexmell zog die Reithandschuhe über die Hände, dann drehte er das Gesicht zu Riath um, der ihm stumm und nachdenklich zuhörte. »Aber denk daran, dass du schon einmal etwas Unverzeihliches getan hast, Riath, willst du mir mehr Gründe geben, dir die Krone abzusprechen? Oder holst du deine Brüder und kommst heim, lernst meinem Urteil zu vertrauen, damit wir gemeinsam deinesgleichen schützen können?«

Er wartete keine Antwort ab, sah ihn nur sehr eindringlich an, und anhand seiner harten Miene war herauszulesen, dass es keine leere Drohung war. Dann wandte er sich ab und ging.

»Kannst du mir je vergeben?« Riath sprach leise, gebrochen, wie ein Junge, der etwas ausgefressen hatte.

Wexmell stockte kurz, warf einen geschielten Blick über die Schulter. »Das liegt bei dir, Riath, fang damit an, sie alle heim zu bringen, dann sehen wir gemeinsam weiter.«

Er ging endgültig, mit langen, entschlossenen Schritten. Am Rande des Lagers stieg er auf ein weißes Pferd und warf ihm noch einen ernsten Blick zu.

Riath sah ihm wie immer mit gemischten Gefühlen nach, er würde sich wohl nie entscheiden können, ob sie Feinde oder Familie waren.

Doch wer wusste besser als er, dass das eine das andere nicht ausschloss.

~11~

Vaaks war verschwunden.

Es ging Xaith nicht mehr aus dem Kopf, den ganzen Weg zur Siedlung nicht. Eine brüllende Besorgnis setzte sich in seiner Brust fest, andererseits war er nicht sehr überrascht. Vaaks war nie ein Mann der Krone gewesen, hatte sich immer nur danach gesehnt, in den Orden einzutreten oder anderweitig ein Leben als Kämpfer zu führen. Nun, nach dem Tod des Königs und der Auslöschung des Ordens war auch seine Zukunft ungewiss. Vielleicht suchte er lediglich nach sich selbst, vielleicht wollte er Abenteuer erleben, vielleicht floh er genau wie Xaith vor der leeren Festung, wo in jedem Gang zu viele schmerzhafte Erinnerungen lauerten.

Wäre Vaaks tot, beruhigte er sich, würde er es spüren, ganz gewiss, doch sein Echo war deutlicher als das aller anderen, als wollte es ihn zu sich locken. Wie ein ferner Stern am Nachthimmel, den man zwar sehen konnte, aber dennoch nicht wusste, wo er sich genau befand und wie man dorthin gelangte, so verhielt es sich mit dem Echo der göttlichen Magie, die sie beide in sich trugen. Sie verband sie, weil Xaith sie immer suchte. Alle anderen waren ihm gleich, er horchte immer nur auf Vaaks` Echo und bildete sich ein, dass auch Vaaks nur dem seinem lauschte, weshalb sie nur einander hörten und spürten.

Kein Grund zur Sorge, sagte er sich vor, Vaaks ging es gut! Und so groß die Versuchung auch war, ihn suchen zu gehen, Xaith hatte andere Pflichten. Wichtigeres als seine eigene Sehnsucht.

Sie staksten fern der Wege und Pfade durch das dichte Unterholz wie sie es auf ihrer Reise immer taten. Langsam schlugen sie sich durch Hecken und Sträucher, gingen Umwege und redeten Baron gut zu, damit er über Wurzeln sprang. Sie kamen langsam voran, gewiss, aber ihre Verfolger ebenso.

Immer wieder blickte Siderius ihn fragend an, doch Xaith ignorierte ihn und zeigte deutlich, dass ihm an keinem Gespräch gelegen war.

Dennoch platzte der Junge irgendwann und holte auf, um neben ihm her zu stolpern, trotz des Astes, den er als Stock und Stütze benutzte. »Ist dieser Vaaks, von dem er sprach, der, den du meintest, den du liebst?«

Xaith brummte.

»Der, den du oft zusammen mit dem Rothaarigen gezeichnet hast?«

Statt zu antworten, blickte er stur nach vorne und wich den Fragen aus. »Wir müssten bald die ersten Dächer im Dickicht sehen, schau, da vorne ist ein überwucherter Zaun. Der soll wohl ein paar Raubtiere fernhalten. Lächerlich, wenn man bedenkt, dass Jaguare sich einfach von den Bäumen auf ihre Opfer stürzen können.«

Sein Neffe, den er sich selbst umgebunden hatte, erwachte mit einem fröhlichen Quieken und strampelte so kräftig, dass Xaith ihn mit der freien Hand festhalten musste. Mit der anderen führte er Baron am Zügel neben sich her. Der rote Hengst streckte hin und wieder den Kopf und hob die Lippe, als witterte er etwas. Vielleicht frisches Heu oder andere Pferde. Oder er hatte einfach keine Lust mehr darauf, zu laufen, und versuchte, Xaith zu drohen.

Er wettete auf letzteres.

»Also ja«, gab sich Siderius selbst die Antwort.

Genervt schielte Xaith ihn an, hüllte sich aber bezüglich seiner Neugierde noch immer in Schweigen.

»Ich verstehe.« Siderius machte ein einsichtiges Gesicht. »Du liebst diesen Vaaks, aber er liebt diesen Rotschopf. Deshalb bist du von Zuhause abgehauen, man hat dir das Herz gebrochen.« Aber dann schien ihm plötzlich ein weiterer Geistesblitz zu kommen. »Moment!« Er ergriff Xaiths Arm, als müsste er sich festhalten. »Ist Vaaks nicht dein Bruder?«

»Nein, ist er nicht.« Doch, ist er. »Ziehbruder«, lenkte er ein, als Siderius ihn argwöhnend musterte. Seufzend blieb Xaith stehen und wandte sich ihm zu. »Hör gut zu, ich rede nur einmal darüber, danach schweigen wir über dieses Thema, kapiert?«

Der Junge nickte eifrig, voller Begeisterung darüber wieder einmal mehr über Xaith zu erfahren, wobei Xaith sich beim besten Willen einfach nicht erklären konnte, womit er das überschwängliche Interesse dieses Straßenjungen verdient hätte.

»Vaaks ist der leibliche Sohn von Cohen, einem gefallenen Gefährten meines Vaters, und von Sigah, Lady des Schwarzfelsgebirges, er ist der kleine Halbbruder von Marks und dessen Schwester Ilsa. Marks kennst du, er gehört zu Riath.« Xaith hatte ihn erwähnt. »Aber Vaaks wuchs bei uns auf, Vater sah ihn als Sohn, vor allem, nachdem Cohen sein Leben für meinen Vater gab. So kam Vaaks zu uns, er ist auch ein Prinz. Aber er ist nicht mein leiblicher Bruder.« Er wartete, bis Eri verstehend nickte, und als er fortfuhr, musste er den Blick in die Wildnis richten, weil er dem Jungen dabei nicht in die Augen sehen konnte. »Und ja, ich habe sehr früh mein Herz an Vaaks verschenkt, er hatte aber oft nur Augen für Jin. Sie waren beste Freunde oder vielleicht noch mehr. Es gab eine Zeit, als ich mit Vaaks allein war, auf dem Weg zum Portal, als er und ich uns … näher als je zuvor waren. Doch … als wir zurückkamen, als Vater tot war…« Er presste die Lippen zusammen. »Ich war zerstört von Trauer, Vaaks fand Trost bei Jin.« Er sah Siderius an, fest und entschlossen dieses Mal. »Ich liebe ihn, aber ich kann ihm nicht geben, was er will und braucht. Jin ist warmherzig, Jin ist wunderschön, Jin ist ein Mensch. Sie leben beide gleich lang, sie können gemeinsam alt werden. Es ist besser so.«

Siderius verzog bedauernd die zarten, jungen Gesichtszüge. »Warum sagst du das? Was hat das damit zu tun? Ihr habt euch geliebt, was hat eure Abstammung damit zu tun?«

»Dass ich es einfach nicht ertrage, zuzusehen, wie er ohne mich alt wird und Jahrhunderte vor mir stirbt, mich allein lässt, so wie mein Vater es getan hat.«

Da verstand er endlich und wirkte schockiert, untröstlich. Aber wenigstens sprachlos.

»Und nein«, erklärte Xaith endgültig, »sie waren nicht der Grund, weshalb ich von Zuhause wegging. Ich bin gegangen, um einen Weg zu finden, meinen Vater von der anderen Seite zurückzuholen. Nichts anderes hat noch eine Bedeutung ohne ihn, also lass uns weiter gehen!«

Damit wandte er sich ab und schnalzte mit der Zunge, eher er an den Zügel zog und Baron wieder in Gang setzte, der es sich neben ihm schon recht gemütlich gemacht und ein Bein angewinkelt hatte.

Ein paar Schritte noch, dann waren sie da.

»So wie du es schilderst, ist Jin also dein Konkurrent.«

»Ich dachte, wir waren uns einig, das Thema fallen zu lassen.«

Siderius stolperte ihm hinterher. Wer auch immer dem Jungen das Laufen beigebracht hatte, der hatte auf ganzer Linie versagt. »Ich versprach, nicht mehr über Vaaks zu sprechen, von dem Rothaarigem war jedoch keine Rede.«

»Du solltest Politiker werden.«

Siderius ignorierte den Kommentar: »Warum zeichnest du ihn, wenn er dein Feind ist?«

Kinder … sie sahen immer nur in Schwarz und Weiß. Feind? Das war ein hartes Wort, das Xaith tatsächlich nie gegenüber Jin gedacht hatte. Jin und er waren… er wusste nicht, was sie waren. Und genau das war die Wahrheit: sie waren Nichts.

»Er hat ein ästhetisches Gesicht«, gab er knapp zur Antwort, »das sich wunderbar zeichnen lässt.«

Xaith spürte förmlich das tiefe Stirnrunzeln des Jungen, aber immerhin hatte ihn die Grübelei zum Schweigen gebracht. Ein Künstler würde niemals einem Nicht-Künstler erklären können, warum er malte, was er malte – oder was in seinen Gedanken vor sich ging.

»Da vorne ist es«, sagte Xaith, als sie aus dem Dickicht traten und auf eine Straße gelangten, die breit genug für Händlerwagen und große Reisegruppen war. Sie führte in eine kleine Ansammlung eines hufeisenförmigen Gehöfts. »Ortschaft« war dafür die falsche Bezeichnung, selbst ein Weiler war größer. Nein, es handelte sich vielmehr um einen sich selbst versorgenden Gasthof. Große Stallungen für die Pferde der Reisenden, Schankraum, über dessen Tür ein wackelndes Schild hing, auf dem ein schäumender Bierkrug abgebildet war. Zäune, Weiden, Ställe für Vieh, ein Gemüse- und Kräutergarten, Gästehaus, Wohnhaus, zwei Türme aus Holzbrettern, deren Schießscharten mit Luken verdeckt waren. Gewiss unterhielt der Wirt auch eigene Wachen, wobei es sich dabei vermutlich eher um kampfunerprobte Stallknechte handelte, denen man stumpfe Schwerter oder verbeulte Knüppel in die Hand drückte, um das Gemüt angetrunkener Gäste zu beruhigen und die Schankmägde zu schützen, die aber keineswegs eine echte Bedrohung für Marodeure darstellten, die Spaß am Brandschatzen und Vergewaltigen hatten.

Xaith war schon einmal hier gewesen, für eine Nacht, daher wusste er das.

Doch an diesem Tag war etwas anders, das roch und spürte er bereits, bevor sie die Straße entlang auf die Siedlung zugingen.

»Da rauchts«, bemerkte Siderius, dabei hatte er die Stimme gesenkt.

Sie tauschten einen ernsten, stummen Blick.

»Bleib hier«, sagte Xaith und ging weiter.

Er hörte Schritte auf Matsch und sah über die Schulter. Natürlich blieb Siderius nicht stehen, hatte nicht einmal gezögert.

Nun gut, mehr als ihm zu sagen, dass er warten sollte, konnte Xaith nicht tun, er musste es selbst wissen.

Über dem Eingang prangte ein großes Holzschild, auf dem der Name des Gasthofes eingeritzt war. Er stand dort in der Sprache der Elkanasai und in der Gemeinsprache. »Der rauchende Drache.«

Was für eine Ironie. Oder nein, das war keine Ironie mehr, sondern bittere Grausamkeit.

Rauch war das Stichwort, denn er stieg in unscheinbaren Säulen von den Viehstallungen und dem Gästehaus auf, wie von Glut und nicht mehr von züngelnden Flammen. Es war still, zu still, nicht einmal ein Tier war zu hören.

Weil sie alle tot waren.

Er wusste es, bevor er es sah, genauso wie Siderius es wusste, der ihm zögerlich folgte und doch nicht mit sicherem Abstand warten wollte. Es stank nach Tod, Unrat, verbranntem Holz, Stroh, Fell und Fleisch, ebenso nach angesengtem Haar. Ein beißender Geruch, der ihnen die Tränen in die Augen trieb, wie purer Pfeffer. Wobei er den Pfeffer bevorzugt hätte.

Der erste Tote lag bereits um die Ecke, als sie den Hof betraten, und er sollte nicht der einzige sein. Ein junger Elkanasai, mit dem Gesicht voran im Dreck, die Waffe – ein Hufkratzer – noch in der Hand.

Ein Stallknecht.

Weitere Leichen lagen verstreut umher, verkrampft oder ausgestreckt. Sie waren noch nicht steif, das Blut auf dem Boden noch nicht getrocknet.

Es sah nach einem Kampf aus, bei dem sich jeder gewehrt hatte, der Schweinestall war niedergebrannt, davor war die Schlachtbank blutig, Schweinsköpfe und Hufe lagen umher.

»Räuber?«, fragte Siderius mit dünner, angeekelter Stimme.

»Möglich.« Xaith ging weiter. Die Türen der Gebäude standen offen, einige Blutlachen zogen Schleifspuren vom Hof zum Zaun und verschwanden im Wald.

Raubtiere, die nicht nur das Vieh gestohlen hatten, auch lecker duftende Leichen. Ein Festmahl für alle Bewohner des Urwaldes, die Reißzähne besaßen.

Das Blut war alt und der Leichengeruch überdeckte den Duft der roten Flüssigkeit so gut, dass Xaith nicht in Versuchung kam. Blut schmeckte ohnehin nur gut, wenn es aus einem lebendigen Körper kam, von einem schlagendem Herzen.

»Oder… «, Siderius stellte sich schluckend über eine ermordete Elkanasai, die schon so alt gewesen war, dass ihr einst schwarzes, geflochtenes Haar schneeweiß schimmerte und ihre spitzen Ohren viele Kerben aufwiesen, dennoch hatte sie gekämpft, der blutige Dolch in ihrer Hand bewies es. »Waren es die Getreuen deines Bruders?«

Xaith schüttelte langsam den Kopf, auch er stand über einem reglosen Körper. Er erkannte ihn, den älteren Elkanasai, der Wirt, der hier mit seiner Familie und seinen Schwiegersöhnen und Töchtern eine Zuflucht für Reisende unterhalten hatte.

»Riath schlachtet keine Unschuldigen ab.« Nicht ohne erheblichen Grund.

Siderius sah Xaith zweifelnd an. »Aber er will dich aufhalten, dich in die Knie zwingen. Vielleicht wollte er hier alles niederbrennen, damit wir unsere Vorräte nicht auffüllen können.«

»Das waren nicht Riaths Leute.« Xaith ging in die Hocke, ließ Barons Zügel länger, und ergriff die Schulter des Wirts, um ihn auf den Rücken zu drehen. Das schwarze Haar klebte in seinem schmutzigen, zerschlagenen Gesicht. Die Angreifer hatten ihren Spaß mit ihm gehabt, ihn fast bis zur Unkenntlichkeit verprügelt.

Das Schlimmste an dem Anblick des abgeschlachteten Gasthofes war jedoch nicht die Grausamkeit, mit der jedes Leben hier einfach ausgelöscht worden war, sondern dass Xaith bei diesem Anblick nichts fühlte. Kein Bedauern, keine Empörung, keinen Ekel. Vielleicht ein wenig Mitleid, aber das brachte den Opfern weder Gerechtigkeit, noch schenkte es ihnen Trost. Und… nun ja, wer so fern jeglicher Städte und deren Schutz lebte und auf Besuch von Fremden angewiesen war, musste wohl mit Marodeuren rechnen.

War er wirklich schon so kalt?

Ein Schatten fiel auf die offenen, starren Augen des Wirts, als Siderius neben ihn trat und hörbar schluckte.

»Wieso klingst du so überzeugt?«, fragte der Junge unsicher.

»Hier.« Xaith ergriff das dicke Stück Holz, das aus dem einfachen Wams des Wirts ragte, und riss es mit einem Ruck heraus. Der Körper bäumte sich kurz auf, aber nur durch die Gewalt, mit der er von dem tödlichen Werkzeug befreit wurde. »Ein Armbrustbolzen. Ich habe seine Spitze aus dem Rücken ragen gesehen.«

Er hielt den Bolzen, an dem das Blut frisch schimmerte, in die Sonne und Siderius unter die Nase.

Der Junge sah bleich aus und er drehte sich weg, als sei ihm übel. »Barbaren«, hauchte er dann verstehend.

Xaith nickte und sah sich um. »Carapuhrianer.«

Der Junge schüttelte den Kopf. »Aber wieso? Was wollten sie hier? Banditen? Deserteure? Carapuhr und Elkanasai sind doch verbrüdert, oder bedeutet ein Friedensbündnis auf dieser Seite der Welt etwas anderes als bei uns?«

»Nein.« Xaith warf den Bolzen auf die Brust des toten Wirts, seine Lippen waren ein dünner, grimmiger Strich. »Sie sind hier, weil sie nach etwas suchen, und Barbaren sind nun mal … barbarisch. Wobei du deine nächste Frage vermutlich schon selbst beantwortet hast.«

Er sah zu Siderius auf, der fragend den Kopf schief legte. Unter seiner Fischermütze schwitzte er, seine grünen Augen leuchteten in der Sonne wie zwei Tümpel.

»Sie sind hier, weil sie mich suchen. Jedenfalls gehen sie davon aus, dass wir zum nächsten Hafen wollen, womit sie recht haben.« Er verengte die Augen und überblickte den blutgetränkten Innenhof. Bald würde es hier nur so von Aasfressern wimmeln. »Ich möchte wetten, sie haben im näheren Umkreis alle Gaststätten geplündert, um uns aufzuhalten. Oder sie lauern uns dort auf.«

Siderius kratzte sich unter der Mütze, er wirkte ratlos. »Du meinst, um dich aufzuhalten?«

Er bezweifelte, dass Melecay wusste, oder dass es ihn überhaupt interessierte, was er vorhatte. Nein, es ging ihm nicht darum, ihn von irgendeinem Plan abzuhalten, er verfolgte lediglich seinen eigenen.

»Weil Melecay mich gegen Riath einsetzen will«, erklärte Xaith und streckte die Hand nach dem Wirt auf, legte sie ihm auf die Brust und konzentrierte seine Macht auf seine Fingerspitzen. »Er will mich in seine Gewalt bringen, um Riath anzulocken – um uns dann beide zu töten.«

Mit ausgestoßenen Atem setzte er den Leichnam in Brand und zog dann die Hand zurück, er stand auf. Sie traten zurück und sahen zu, wie der Körper in Windeseile von den magischen Flammen restlos verbrannt wurde. Das war alles, war er hier noch tun konnte.

Säuberung und Sorge dafür tragen, dass diese Unschuldigen wenigstens zu Asche wurden, die der Wind wegtrug, statt Raubtierfutter zu werden.

»Der Großkönig ist clever, er weiß, wie er Riaths Schwächen ausnutzen…« Xaith brach mitten im Satz ab und runzelte die Stirn. Nur ein nachdenkliches, ärgerliches »Hmmm«, entkam ihm, er kaute auf der Unterlippe.

Siderius sah ihn von der Seite an. »Wenn sie den Händler finden, könnten sie ihn auch gegen dich verwenden, habe ich Recht?«

Unheimlich dieser Straßenjunge, seit wann konnte er Gedanken lesen?

»Ist mir egal, er bedeutet mir nichts.«

Aber er bedeutet Vaaks etwas, und auch wenn dieser verschwunden war, wusste er so sicher wie er wusste, dass hier Barbaren am Werk waren, dass Vaaks es weder sich noch ihm verzeihen würde, wenn Jin etwas zustieß, während er ihm ungefragt nachreiste.

Fluchend griff Xaith nach den Stoffbahnen, mit denen er sich das Kind umgebunden hatte. Sein Neffe zog protestierend die Fänge aus seiner Brust und hinterließ einen kreisrunden, leuchtend roten Zahnabdruck in der Mitte seiner Brust. »Bleib hier. Und diesmal meine ich es ernst!«, wies er Siderius an, als er ihm das Kind in die Arme drückte und losließ, sodass der Junge schnell zugreifen musste, damit das Bündel nicht zu Boden fiel. »Versteckt euch, bis ich zurück bin.«

Er machte sich keine Sorgen um die Jungen oder um Baron, sie wussten was zu tun war, wenn er sie allein ließ, hundertfach hatte er Siderius auf diese Situationen vorbereitet und dieser hatte bewiesen, dass er imstande war, sich zu verstecken.

Nein, seine Sorge galt allein einem närrischen Kauffmanns Sohn.

*~*~*

Er hatte nicht den Wunsch verspürt, an jenem Tag noch weit zu reisen. Der Mut war ihm entflohen und nur matte Trostlosigkeit war zurückgeblieben. Schließlich hatte er das schwere Reisebündel von seiner Schulter gleiten lassen und in der Nähe der Quelle ein winziges Lager aufgeschlagen.

Als Kaufmann war er zwar kein Kämpfer, kein Krieger, aber sein Vater und er hatten immer gewusst, wie man ohne Dach über dem Kopf überlebte, man musste nur gut vorbereitet sein. Jin war kein Jäger, doch er hatte genügend Vorräte dabei, Wegzehrung, die er sich gewissenhaft einteilte. Sauberes Wasser, es war sogar noch ein Schlauch Wein da, gepökeltes Fleisch, hartes, aber haltbares Brot, stinkender Käse und ein paar Früchte, die er kannte und aufgesammelt hatte.

Er hatte jedoch keinen Appetit, und das kleine Lagerfeuer entzündete er nur, um etwas zu tun zu haben, er hatte eine Fackel danebengelegt. Tatsächlich war Feuer sehr erfolgreich, um einige Raubtiere zu vertreiben, erfolgreicher als eine blank gezogene Klinge, denn Tiere wichen instinktiv vor den heißen, zuckenden Flammen zurück.

Einzig und allein fürchtete er sich vor Schlangen und Insekten, die giftig waren und unheimlich gerne nachts in die Decken krochen. Es war nicht ratsam, auf dem Boden zu schlafen, wenn man ein einfacher Mensch war, weshalb Jin stets eine kleine, aber nützliche Hängematte bei sich trug. Sie war aus robustem Bullenleder, starken Seilen und diente tagsüber als Schutz seines Reisebündels, am Abend rollte er sie auseinander und spannte sie zwischen zwei eng stehenden Bäumen.

Es war ein kleiner Aufwand, aber bisher hatte ihn keine giftige Schlange gebissen.

Was Räuberbanden betraf, so gab es für ihn nur zwei Möglichkeiten, entweder er rannte weg oder er gab ihnen alles, was wertvoll war. Am klügsten war es, nicht bewaffnet zu sein, das lockte sie zwar an, aber es reizte sie nicht, zu Mördern zu werden. Vielleicht hatten sie auch Mitleid.

Jedenfalls war nicht jeder Räuber auch gleich ein Mörder, meistens begnügten sie sich damit, einsame Reisende zu bedrohen, bis sie ein oder zwei wertvolle Güter oder einen Beutel Silber ergattern konnten, dann machten sie sich schnell vom Acker, um nicht erwischt oder eingeholt zu werden. Tatsache war, Diebe wurden nicht so vehement verfolgt wie Mörder, das wusste auch jeder Bandit. Jin konnte wohl von Glück sprechen, denn als Nicht-Magier hatte er in Nohva keine unangenehmen Begegnungen gehabt, auch in Elkanasai waren ihm bisher vergleichsweise friedliche Räuber begegnet, meistens jedoch gelang es ihm, ihnen auszuweichen und sich still zu verhalten, nicht entdeckt zu werden.

Die meisten Räuber lauerten an Straßen zwischen den Städten, wo sie am besten Reisende in einen Hinterhalt laufen lassen konnten. Selten schlichen sie an abgelegenen Orten entlang, es sei denn, sie verfolgten jemanden geduldig.

Jedenfalls hatte Jin ein Bündel voller teurer Schmuckstücke dabei, die er selbst herstellte und verkaufte, und einige von ihnen hatte er Räubern im Tausch angeboten, damit sie ihn ziehen ließen und er es als Geschäft betrachtete.

Also kam er bestens allein zurecht, er fürchtete sich nicht.

Dennoch hatte er weder Hunger noch den Wunsch, zu reisen. Er wollte nicht zurück, nicht allein. Jahrelang hatte er ein Ziel verfolgt, es immer vor Augen gehabt. Es hatte ihn angetrieben, Xaith einzuholen, ihn zu finden. Und jetzt fühlte es sich an, als hätte er an Lebenssinn verloren.

Was sollte er bloß tun?

Es gab kein Zuhause mehr, zumindest keines, in das er gern zurückkehren würde, und das hatte nicht einmal etwas mit der Tatsache zu tun, dass man seinen Vater ermordet hatte.

Das Schlimme war, er konnte Xaith gut verstehen, und doch wollte er ihn nach Hause bringen, hoffend, dass er alles richten könnte, dass es wieder ein Zuhause wäre, wenn sie gemeinsam Heim gingen.

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Yaş sınırı:
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Hacim:
1070 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9783753189772
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
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