Kitabı oku: «Geliebtes Carapuhr»
Billy Remie
Geliebtes Carapuhr
Söhne des Nordens
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Chroniken der Bruderschaft: Band 3
Warnung:
Vorwort
Prolog
Teil 1: Angst
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Teil 2: Werkzeuge
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Teil 3: Feindliche Brüder
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Epilog
Über mich
Impressum neobooks
Chroniken der Bruderschaft: Band 3
Desith Airynn, Sohn des Kaisers von Elkanasai, wusste immer, dass er nicht in die Fußstapfen seines Vaters treten wollte. Gegen dessen Willen entschied Desith sich bereits in seiner Jugend, seinem Herzen zu folgen und der Heimat den Rücken zu kehren. Er schwor dem Großkönig von Carapuhr – dem Land im rauen Norden – einen Treueeid, um den Fängen seines strengen Vaters zu entkommen. Jahre später soll ihm sein unbedachter Schwur schließlich zum Verhängnis werden, denn als er nach einer Mission aus dem Dschungel Zadests in seine Heimat zurückkehrt, verlangt der Großkönig von ihm, sich mit seinem neuen Erben zu vermählen, um das Bündnis ihrer beiden Reiche zu stärken. Mit Händen und Füßen wehrt er sich gegen diese Ehe, da er sich nicht wie eine Hure verkaufen lassen wollte. Vor allem nicht an den Mann, der versucht hatte, ihn zu töten.
Desiths einzige Rettung scheint der Neffe des Großkönigs. Vynsu war rein äußerlich der geborene Barbar, jedoch noch sehr jung und auf der Suche nach sich selbst. Desiths Schicksal berührt das große Herz des Barbaren, und er nimmt sich seiner an. Jedoch hätte er niemals damit gerechnet, dass ihn Desiths kalte, berechnende Art derart anziehen könnte, und statt zu tun, was richtig wäre, lässt er sich von seinen Gefühlen leiten und hilft Desith aus seinem Eid zu entkommen, selbst wenn es ihm den Kopf kostet.
Gemeinsam schlittern sie in ein gefährliches Spiel um die Krone des Nordens. Plötzlich können sie nur noch einander vertrauen, wodurch Vynsu schnell eine tiefe Zuneigung gegenüber Desith entwickelt, die ihm nicht immer guttut, aber ihn zum ersten Mal wahre Leidenschaft spüren lässt.
Doch auch wenn Desiths Leib offenherzig scheint, sein Herz bleibt Vynsu verschlossen.
Zwischen Intrigen und Verrat müssen sie letztlich entscheiden, wohin ihr Weg sie führt – und ob sie ihn bis zum Ende gemeinsam gehen.
Warnung:
Fantasy-Handlung mit (gelegentlicher) expliziter Gewalt und explizitem homoerotischen Sex (kein SM). Kämpfe, Intrigen, Blutvergießen, geistige und physische Gewalt.
Bitte lesen!
Einige Protagonisten handeln in diesem Roman nicht immer sehr moralisch – natürlich sind ihre Ansichten nicht die meinen – und neben ein paar wenigen Gewaltszenen gibt es auch einige anstößige Inhalte.
Ich habe nichts davon verherrlicht, dennoch gibt es Leser, die so etwas einfach nicht lesen wollen. Das möchte ich mit dieser Warnung respektieren.
Für mich persönlich passt es in meine Welt und meine Geschichte, ich finde es auch nicht zu hart. Es ist eben einfach Fiktion. Aber was für mich gilt, gilt nicht unbedingt für andere, denn letztlich muss jeder selbst entscheiden, was er lesen möchte.
Meine Warnung bezieht sich auf Nebencharaktere, im Voraus möchte ich versichern, dass die Hauptprotagonisten selbstverständlich keine gewalttätige (weder körperlich noch psychisch) Beziehung zueinander halten. Aber ihren Feinden könnte es eben auch mal schlecht ergehen.
Aber es handelt sich hier auch nicht um Dark Fantasy, davon ist es weit entfernt.
Vielen Dank.
Was bisher geschah...
(Band 3 der Reihe, ihr solltet zumindest die ersten Bände dieser Reihe kennen, bevor ihr dieses Buch lest, sonst befürchte ich, dass es zu kompliziert wird. Dennoch habe ich mich zur Auffrischung an einem "Was bisher geschah..." versucht und wie immer, wiederhole ich für die Geschichte wichtige Ereignisse an den dafür wichtigen Stellen noch einmal in kurzen Sätzen.)
König Desiderius M`Shier von Nohva ist tot. Er fiel im Kampf gegen eine fremde Göttin, die gekommen war, um die Welt der Sterblichen zu versklaven. Während der König von Nohva sein Leben gab, schlossen seine Söhne im Gewölbe des Turms von Zadest ein außer Kontrolle geratenes Götterportal. Doch die Magie war zu mächtig und zu ungestüm, sie drohte, alles zu verschlingen.
Um sie zu bannen, musste Sarsar – Sohn des Desiderius´ – die göttliche Macht aus dem Portal auf alle im Raum Anwesenden verteilen. Seitdem tragen diese zehn jungen Männer einen Teil der fremden Magie in sich eingeschlossen, um sie vor der Außenwelt zu verstecken. Sarsar, Xaith, Riath, Vaaks, Desith, Derrick, Kacey, Place, Korah und Doragon sind von nun an unwiederbringlich miteinander verbunden, sie vereint ein Schicksal, auch wenn sie sich überall in der sterblichen Welt verteilten.
Der mächtige Blutdrache Doragon blieb mit seinem Freund Fen, mit dem er eine jahrelange innige Verbindung pflegte, im Dschungel von Zadest zurück, sie gingen ins Exil. Bei ihnen blieben Korah und Place, die nach dem Kampf im Turm ebenso heimatlos und ziellos waren, da Place aus einer anderen Welt stammte und er nun nicht mehr durch das Portal zurückkahm, und Korah seine beiden Väter, den Wächter Bellzazar und den Meergott Levi, im Kampf gegen die fremde Macht verloren hatte.
König Desiderius´ letzte, verbliebene und anerkannten Söhne kehrten nach Nohva zurück, doch nur Riath und Vaaks – der nur ein Ziehsohn des Königs war – blieben in der Familienfestung, während Riaths leiblicher Bruder Xaith von Trauer zerfressen sein Seelenheil nur in der Flucht vor der Heimat sah und wortlos davon ging.
Desiderius‘ Erbe sollte jedoch keiner seiner Söhne werden, er vermachte seine Krone seinem langjährigen Geliebten, Wexmell Airynn. Ganz zu Riaths Groll, der sich auf dem Thron seines Vaters sah.
Sarsar M’Shier erbrachte das gleiche, tragische Opfer wie sein Vater, er gelangte nie aus dem Turm heraus, denn nachdem das Portal geschlossen und die göttliche Macht gebannt war, stürzte der Turm über ihm zusammen und begrub ihn spurlos. Derrick, dessen Leben Sarsar gerettet hatte, indem er ihm eine uralte Drachenseele eingepflanzt und ihn zum Blutdrachen gemacht hatte, konnte sein Verschwinden nicht akzeptieren, so blieben er und sein Gefährte Desith im Dschungel zurück, um nach Sarsars Leiche zu suchen. Doch Desith war ein Sohn des Kaisers und somit Prinz von Elkanasai, und seine Pflichten sollten ihn bald einholen…
Vorwort
Von Vätern und Söhnen…
…von zweiten Chancen…
…und neuen Schicksalen.
Prolog
Er tauchte aus dem tiefsten und schwärzesten Gewässer seit Anbeginn der Zeit auf.
Dem eigenen Bewusstsein.
Und es war ein kalter Ort, aus dem er emporstieg. Dunkel und eisig, wie eine Eishöhle in den Höhen der berühmten Gletscher Carapuhrs, dem Land am oberen Ende der Karte.
Doch er war nicht im hohen Norden, das wusste er in dem Moment, da die Kälte seinen Verstand freigab. Sein erster Gedanke galt der Tatsache, dass er sich wie ein Eisklumpen fühlte und seinen eigenen Körper nicht spüren konnte.
Sein zweiter Gedanke war, dass dies hier das schwarze Reich zwischen den Welten sein musste.
Ein Nichts aus ewiger Finsternis, kein Leben, kein Licht wohnte hier, wo ein regelrechter Leereraum zwischen den verschiedenen Reichen herrschte.
Wie lange er schon dort war, wusste er nicht, es gab keine Zeit an diesem Ort, der gar nicht wirklich existierte. Aber vor allem hätte er nicht dort sein dürfen.
Als er wieder vermochte, zu denken, kam er sich vor, als wäre er nur einen Augenblick in der Leere verblieben, als hätte der Riss ihn gerade erst verschluckt und hierhergebracht. Er sah nichts, er fühlte nichts, aber er wagte zu glauben, dass er seinen kalten Leib zusammengekrümmt hatte, ihm war es, als würde er schweben. Wie ein Säugling im Leib seiner Mutter.
Dann spürte er den Sog, der ihn zu sich riss. Es fühlte sich an, als würde er auftauchen, obwohl es an diesem Ort weder oben, noch unten gab. Er wurde immer schneller und schneller, sein Herzschlag beschleunigte sich wieder, taute auf, erwachte zu neuem Leben. Seine Brust brannte, seine Kehle wurde eng, wie ein Ertrinkender, der Wasser schluckte. Es gab hier keine Luft, er würde ersticken.
Und dann war es ihm, als würde er abermals sein Bewusstsein verlieren, genau in dem Moment als er durch die schwarze Oberfläche brach. Flüchtig blendete ihn ein greller Schein, als stiege er aus einem tiefschwarzen Keller hinaus ins helle Sonnenlicht, dann wurde es wieder schwarz.
Doch in dieser alles verschlingenden Schwärze erklang plötzlich eine Stimme. Eine dunkle, gedämpfte Stimme, die immer kräftiger wurde und ihn festzuhalten schien.
»Kämpfe«, sagte sie streng, »kämpfe, mein Sohn. Dein Herz brennt, es kennt den Weg. Kämpfe! Gib nicht auf. Gib niemals auf.«
Mit aller Willenskraft stemmte er sich gegen sein eigenes Bewusstsein. Er stellte sich vor, sein Körper wäre eingefroren und er müsste nur die Eisschale zerbrechen, die ihn einhüllte, um nach Hause zu gelangen. Er kämpfte dagegen an, wieder hinab zu sinken, spürte, wie nach und nach ein schwerer Panzer von ihm abfiel, erst die Zehen, dann die Finger, bis die Arme und Beine frei waren und er durch das kalte Wasser schwimmen konnte. Es war, als erlebte er seine Geburt erneut. Er sah nichts, er hörte nichts, aber er spürte ein Kitzeln in seinem Bewusstsein, das ihm die Richtung vorgab, wie ein innerer Kompass, ein Instinkt.
Er war der Vogel, der die Richtung nach Süden kannte, wenn der Winter Einzug erhielt.
Als er zum zweiten Mal durch die Oberfläche brach, blendete ihn warmes Licht, das sofort auf seinen kalten Wangen prickelte. Er schnappte tief nach Luft, mehrmals, noch bevor er sich gewahr wurde, wo er sich befand. Der Drang zu atmen war übermächtig und wichtiger, als die Augen zu öffnen.
Seine Lungen brannten und er musste husten, hatte zu viel Wasser geschluckt, aber es tat so gut, zu atmen, dass er weiter nach Luft schnappte, obwohl ihm hohe Wellen ins Gesicht schlugen und er salziges Wasser schmecken konnte.
Nach und nach wurde ihm bewusst, dass er auf dem offenen Meer trieb. Es war warm, die Sonne stand am höchsten Punkt am Himmel und verbrannte ihm beinahe augenblicklich das Gesicht, sodass er sich nach der Kälte in der Leere zurücksehnte. Er schwebte auf der Oberfläche, paddelte sacht mit den Beinen, war aber zu kraftlos, um zu schwimmen. Die Wellen schwemmten ihn an Land, da spürte er die Schwere seiner Knochen. Der Sand des Ufers war weich und nass, sog ihn beinahe ein. Still blieb er liegen, konnte sich nicht bewegen, kam sich vor, als bestünde er aus Stein. Sein Blick war noch verschwommen, die Augen brannten, aber er genoss das Gefühl des Windes und der Sonne auf seinem Leib, während die Wellen über ihn schwappten. Das Licht blendete ihn, er sah schwarze Punkte vor sich, die von den Schatten kreischender Möwen unterbrochen wurden.
Er hustete gelegentlich, das Brennen in seiner Kehle und in seiner Brust nahm nicht ab, wie Sand fraß sich das Salz durch seine Lungen, doch er war zu schwach, um es abzuhusten.
Aus der Ferne hörte er Stimmen, helle Rufe, und schon bald fielen Schatten auf ihn. Er zwang ein Auge auf, musste blinzeln. Er brauchte nicht klar zu sehen, um die vielen Pfeilspitzen zu erkennen, die auf sein Gesicht zielten. Sie blitzten im Sonnenlicht tödlich auf. Sein Herz machte einen Satz, doch sein Körper wollte sich nicht rühren.
Schluckend versuchte er, Worte zu formen. »Nein«, wollte er sagen, »ich bin kein Feind. Ich will nur heim. Ich will nur nach Hause, bin doch nur ein Reisender.« Doch er brachte keinen Ton heraus, und die grimmigen, dunklen Gesichter hätten wohl auch kaum ein Interesse an seinen Beteuerungen gehegt.
Er spürte, wie er unsanft gepackt wurde, noch immer fühlte er sich zu schwer, um sich selbst zu bewegen, die nassen Kleider klebten an ihm und waren so schwer wie ein Eisenpanzer. Erschöpft ließ er den Kopf in den Nacken fallen und konnte zusehen, wie die Sonne hinter einem dichten Blätterdach verschwand und die satten Grüntöne des Dschungels ihn umfingen.
Teil 1: Angst
Ein Korn, gesät tief in der Seele, genährt durch eigene Gedanken, wächst und wächst, immer höher, immer breiter, überragt das eigene Ich, erstickt, geißelt. Angst ist ein Dämon, der in uns allen wohnt, der an uns zerrt und uns lenkt, der uns einsperrt und verhöhnt. Angst ist ein Wesen aus einer dunklen und kalten Welt, das zu besiegen bedeutet, sich selbst herauszufordern. Doch was, wenn die Angst das ist, was du am meisten liebst?
Kapitel 1
Er rannte und rannte, buchstäblich über Stock und Stein. Äste peitschten ihm ins schmutzige Gesicht, Dornen zerrissen ihm das Hemd wie tollwütige Krähen. Aber nichts hätte Desiths Lauf stoppen oder auch nur ins Stocken bringen können. Er flüchtete vor dem sicheren Tod, hinein in dichte Blätterwände. Das Immergrün zog sich wie eine Schlinge um ihn herum zusammen, die Pflanzen schienen ihn festhalten zu wollen. Er fiel immer wieder auf die Knie, doch die Furcht trieb seine Füße weiter, selbst wenn er noch nicht wieder richtig stand. Hinter ihm knackte und krachte es, als wäre ihm eine Horde Elefanten auf den Fersen. Desith wünschte, es wäre so. Mit stillen Tränen auf den Wangen erträumte er, er würde sich umdrehen und nur eine wildgewordene Herde verblödeter Wildtiere entdecken. Doch das gefährliche Kitzeln in seinem Nacken ließ sich nicht von einer dummen Träumerei täuschen.
Er steckte in der Scheiße. Und zwar so richtig tief.
Seine Lungen brannten ihm genauso stark wie seine Muskeln, aber er konnte nicht stehen bleiben. Blind preschte er durch den dichten Dschungel, wusste gar nicht, wohin er rannte, hatte längst die Orientierung verloren. Bunte Vögel und Insekten stoben auf, und als er abermals hinfiel, biss ihn eine Schlange in den Arm.
Nur wenige Schritte weiter rannte er in ein Hornissennest und schlug wild um sich, während wütendes Gesumme ihn umhüllte. Schmerz pochte in seiner Wange auf, als eines dieser riesigen Biester ihn mitten ins Gesicht stach.
Und hinter ihm erhob sich ganz nah das Gebrüll des Drachen.
Sein Herz stockte und er rannte mit noch immer geschlossenen Augen und wild rudernden Armen weiter, der Hornissenschwarm folgte ihm, er schrie bei jedem Stich schmerzerfüllt auf. Das Gift der Insekten war stark, stärker, als er es sich hätte vorstellen können, er spürte, wie ihm schwindelig und übel wurde. Oder war es nur die Erschöpfung, die ihm den Atem raubte?
Bäume fielen um ihn herum, wurden umgestoßen. Der Drache brüllte nah, der Laut vibrierte in der Luft wie ein nahendes Gewitter, und Desith stolperte schreiend auf die Knie, während er die Hände auf die Ohren schlug. Er hasste Drachengebrüll, die Furcht zog ihm durch Mark und Bein, wie ein eiskalter Wind.
Das Krachen und Knacken wurde immer lauter, die wütende Flugechse trampelte umher, Desith hörte ihren Schwanz durch die Luft peitschen. Stämme von dünneren und jüngeren Bäumen fielen kreuz und quer um ihn herum ins Unterholz, es war ein Wunder, dass er nicht getroffen und zermalmt wurde. Die Erde bebte. Er hielt die Augen und Ohren geschlossen, krümmte sich zu einem Kloß zusammen und hoffte naiverweise, sich klein genug machen zu können, dass der Drache einfach über ihn hinweglaufen würde.
»Bitte, bitte, bitte…«, stammelte er tonlos vor sich hin, die Angst hatte ihm Stimme und Atem geraubt, sein Herz schlug so schnell, dass er befürchtete, es würde in seiner flatternden Brust einfach in unzählige Splitter zerspringen.
Ich hätte ihn nie verfolgen sollen. Nicht zum ersten Mal in den letzten Jahren dachte er genau das, aber wie hätte er einfach umkehren können? Wie hätte er ihn im Stich lassen können, wobei er jäh spürte, dass es keinerlei Verbindung mehr zu dem Mann gab, der dem Drachen innewohnte.
Desith versteinerte, obwohl er zuvor noch gezittert hatte wie Espenlaub. Im Nacken spürte er den heißen Atem des Drachen, und sein leises Grollen vibrierte über Desiths Rücken.
Für einen Moment konnte Desith sich nicht bewegen, dann nahm er langsam die Hände von den Ohren und drehte zögerlich den Kopf mit geweiteten und blutunterlaufenen Augen herum.
Der Drache thronte direkt hinter ihm, die schwarzen Schuppen matt, die Stacheln auf seinem Kamm aufgestellt. Drohend hoben sich die Lippen und entblößten eine Reihe weißer Reißzähne.
Desith überkam eine Woge Trauer, er verzog das Gesicht und wimmerte: »Rick, bitte…«
Aber er erkannte ihn nicht, schon lange nicht mehr. Der Drache hob den Kopf, um den Hals zu beugen, und sog regelrecht die Luft um Desith herum in seinen Rachen. Das, was folgen würde, brauchte Desith sich nicht auszumalen, er wusste es. Sein Überlebensinstinkt war stärker als es jede Jugendliebe hätte sein können. Er rollte sich zur Seite, sprang auf und rannte los. Der blaue Strahl aus Geistfeuer explodierte auf der Stelle, wo er zuvor noch gekniet hatte, versengte alles und hinterließ einen schwarzen, toten Fleck. Wütendes Gebrüll erhob sich, als er dem Biest abermals entkam. Mit einem giftigen Fauchen warf der Drache jedoch den Kopf herum und spie Desith einen weiteren Feuerstoß hinterher. Die Spitzen der Flammen holten ihn im vollen Lauf ein, eine regelrechte Druckwelle riss ihn von den Füßen, als hätte ein Sturm ihn von hinten erfasst.
Desith brüllte auf, obwohl er den Schmerz noch gar nicht spürte, aber er sah die Flammen, die sich seinen Arm hinauf schlängelten. Schreiend warf er sich hin und her, rollte sich hektisch über den Boden, während er mit der Hand auf sein brennendes Hemd einschlug. Es roch nach Rauch, versengtem Stoff und verbranntem Fleisch.
Die Flammen waren noch nicht gänzlich erstickt, als der Drache auf ihn zuhielt. Desith stolperte auf die Füße und floh vorwärts, mit panischem Blick über die Schulter. Er rutschte unter einem umgestürzten Baumstamm hindurch, der Drachenkopf schnappte nach ihm, blieb aber stecken. Das brachte ihm für wertvolle Augenblicke einen Vorsprung ein.
Nur der Schatten des Biestes war zwischen den Bäumen zu erkennen, aber er holte schnell auf. Brennende Blätter schwebten durch die Luft, es knisterte im Dschungel, während Desith Haken wie ein junges Kaninchen schlug und durch riesige, dichte Blätterwände preschte, ihm peitschte allerlei Geäst um die Ohren, sodass sein Gesicht bald aussah, als hätte er mit einem Puma gerungen.
Noch immer klopfte er auf die blauen Flammen, die sich nicht löschen lassen wollten. Bis er in seiner blinden Hast über eine Wurzel stolperte und vornüber einen Hang hinabfiel. Er überschlug sich mehrfach, brach sich mindestens eine Rippe und verdrehte sich den Arm. Der aufkommende Schmerz war nicht mehr zu beschreiben, es fühlte sich an, als müsste er sterben.
Als er endlich gegen einen Baum krachte, der seinen Fall abrupt gebremst hatte, blutete er aus einer Stirnwunde und übergab sich.
Der Drache wütete noch immer. Benommen und völlig erschöpft sah Desith den Hang hinauf, er konnte das viele Grün nur noch verschwommen wahrnehmen, immer wieder blitzte Schwärze vor seinen Augen auf, alles drehte sich. Der Schwanz der Flugechse zuckte flüchtig über die Schlucht, dann erklang das schwere Pochen seiner Schwingen, das Blätterdach raschelte und sein wütendes Brüllen entfernte sich. Er hatte wohl nicht mitangesehen, dass Desith den Hang hinabgestürzt war. Oder er hatte etwas Größeres gewittert. Vermutlich war es letzteres. Desith konnte die anderen Drachen in der Nähe rufen hören, es war Paarungszeit und sie suchten ihre Partner. Vielleicht lenkte auch das Rick ab.
Desith schaffte es noch, sich bis zu einem nahen Fluss zu schleppen, am Ufer brach er jedoch zusammen. Sein rechter Arm hing schlaff hinab, er konnte ihn nicht mehr bewegen, bei dem Sturz musste er ihn sich ausgekugelt haben. Jeder Atemzug, sei er noch so flach, stach so heftig wie ein Dolch, der in seinen Rippen steckte. Noch immer sah er nur verschwommen und immer wieder musste er sich übergeben. Seine rechte Seite war versengt, regelrecht verkohlt, er traute sich gar nicht, hinzusehen, umklammerte den verletzten Arm mit der anderen Hand.
Die Verbrennung fühlte sich seltsam an, nicht wie von normalen Flammen, mehr wie eine Eisverbrennung. Desiths Haut war abgeplatzt, aber darunter herrschte nur Kälte und eine schreckliche Leere, als ob das Feuer ihm den Teil der Seele ausgebrannt hatte, die in seinem Arm gewohnt hatte. Da war kein Gefühl mehr – und das nicht nur, weil der Arm verdreht war.
Von der Leere und der Wut in seinem Herzen ganz zu schweigen.
Rick … war fort.
Seine Knie sanken tief ins feuchte Ufer, als er sich vorbeugte und Wasser schöpfen wollte, doch da übermannte ihn der Schmerz und die Erschöpfung, die Enttäuschung und die Leere. Mit dem Gesicht voran fiel er in den Fluss und es gelang ihm gerade noch, sich im Wasser auf den Rücken zu drehen, bevor ihn die sanfte Strömung einige Flussmeilen mit sich schleppte. Es war ein sachtes Wiegen, das ihn schläfrig machte, und das kühle Nass linderte den Schmerz seiner zahlreichen Wunden. Sein Körper war nur noch ein Haufen zerstochenes, versengtes, gebrochenes Fleisch.
Als er wieder aufwachte, hatte sich sein Fuß in etwas verfangen, und das sanfte Wiegen war zu einem beständigen Strom ausgewachsen. Er blinzelte, sah verschwommen das Dach des Dschungels über sich, und da bemerkte er auch, dass er nicht mehr im Fluss trieb, sondern er über den Boden geschleift wurde wie ein Sack Mehl.
Er bewegte leicht den Kopf hin und her, in seinem Schädel hämmerte es dumpf, und der Schmerz verursachte ihm sofort wieder Übelkeit. Verdammt, wenn ihn die Stämme erwischt hatten, war es vorbei. Nicht alle Stämme duldeten Fremde in ihrem Wald, so tief im Osten Zadests waren sie stets nur auf feindlich gesinnte Kriegerinnen gestoßen, die alle Arten von Männern lieber tot oder versklavt sahen, als frei herumstreifen zulassen.
Doch die Worte, die er dann vernahm, klangen klar und deutlich zu ihm durch. Sie entstammten der Sprache des Westens. »Er ist wach«, sagte eine monotone Stimme über ihm.
Desith blinzelte erneut, als er grob abgelegt wurde und dunkle Schatten auf ihn fielen. Sofort riss er die Augen auf, war jedoch zu schwach, um zurückzuweichen. Drei – vielleicht gab es noch mehr – in dunkle Umhänge gewandete Gestalten beugten sich über ihn, an ihren Oberarmen trugen sie purpurne Bänder, und unter ihren Kapuzen lag nur Finsternis, keine Gesichter. »Lest seine Erinnerungen«, sagte ein anderer gefühllos, seine Stimme klang nicht wie von dieser Welt, mehr wie ein raues, kaltes Flüstern, das einem Alptraum entsprungen war. »Tötet ihn, wenn ihr wisst, wo der andere ist.«
Desiths Herz machte einen Satz, er wollte sich wehren, wollte vor diesen gesichtslosen Dämonen davonkriechen, aber er war schlicht zu geschwächt. Sein Verstand versagte ihm den Dienst, er verdrehte die Augen, als sich eine in Leder gehüllte Hand nach seinem Gesicht ausstreckte, als wollte sie ihn verschlingen.
Dann wurde es schwarz.
Etwas schlug ihm hart ins Gesicht.
Erschrocken fuhr er auf, die Augen geweitet. Sofort packte ihn wieder die Angst mit kalten Klauen, aber nun sah er klarer, und die Dämonen waren fort. Ein Gesicht schwebte über seinem. Weiße Haut, ein Barbarenzopf und tiefbraune Augen mit purpurnen Sprenkeln.
»Wir haben ihn gefunden! Er lebt!«, rief jemand in seiner Nähe, dann hörte er viele Schritte um sich herum, und das Rascheln der Sträucher.
Hatte er nur geträumt? Träumte er jetzt?
»Desith!« Prinz Vynsu schüttelte ihn und verpasste ihm noch eine Backpfeife. Er war älter geworden, wenn Desiths Verstand ihn nicht täuschte, auch seine Hand fühlte sich größer, sogar rauer an. »Desith! Hörst du mich? Wo ist Derrick, Desith? Wo ist er?«
»Rick…?«, hauchte er, aber er wusste nicht, ob er wirklich sprach oder es einfach nur dachte, denn seinem Körper entglitt jegliches Gefühl. »Rick … ist … ver … verloren.«
Er wollte mehr antworten, aber die Schwärze holte ihn zurück. Seine Augen verdrehten sich, sodass der Prinz von Carapuhr langsam verschwand. »Holt den verdammten Schamanen hierher!«, hörte er Vynsu wütend brüllen, doch seine Stimme klang gedämpft, als hätte Desith Wasser in den Ohren.
»Desith!« Vynsu – nun besorgt – entfernte sich immer weiter. »Desith, bleib bei mir. Alles ist gut, wir sind jetzt hier. Wir bringen dich heim.« Er sagte noch mehr, doch das verstand Desith nicht, er versank tiefer und tiefer im Traum. Noch spürte er die große Hand, die sich vorsichtig unter seinen Kopf schob, um ihn zu stützen, aber auch sie nahm er bald nicht mehr wahr. Er wollte nur noch … heim. Und dann wachte er für eine ganze Weile nicht mehr auf.
Kapitel 2
Erst als es dunkelte, kehrte der Großkönig mit seinen Barbarenkriegern aus dem Dickicht des Dschungels zurück. Riesige, halbnackte Männer in Lederhosen, die fellbesetzte Schulterplatten trugen. An ihren Hüften baumelten Breitschwerter oder Äxte, auf ihren Rücken schaukelten Rundschilde mit eisernen Buckeln. Einzig Großkönig Melecay Wiglaf von Carapuhr trug seine Bärenlederrüstung vollständig am Leibe, obwohl ihm der Schweiß über die rasierten Seiten seines strohblonden Schopfes rann, als stünde er unter einem Sturzbach.
Die Schar kam grölend wie ein Haufen wilder Hunde ins Lager gestampft, das versteckt in einer Senke im Unterholz lag, die Männer waren blutüberströmt, dreckig und übersät mit Bissen und Kratzern, viele tote Tiere wurden auf Schultern getragen, gepunktete Jaguare, schwarze Panther, selbst Krokodile. Der süße Gestank des Todes kehrte mit ihnen zwischen die Zelte und an die Feuerstellen zurück. Dienstmägde und Knechte schrien auf, als die Barbaren sie knurrend und hämisch lachend von hinten packten, von ihrer Arbeit wegzerrten und noch vor aller Augen ihre Röcke rafften oder Hosen runterrissen.
Dabei gab es nichts zu feiern, denn ein Drache war nicht unter den Trophäen dabei, was bedeutete, dass sie noch mindestens einen weiteren Tag in dieser feuchten, heißen Hölle verbringen mussten. Doch solange der Met noch in Strömen floss, konnte nichts diesen rauen Hunden die Feierlaune verderben.
Vynsu spuckte die Knochenreste in seine hölzerne Suppenschale, stellte sie auf den Boden und sprang von seinem winzigen Hocker vor dem Zelteingang des Schamanen.
»Onkel!«
Der Großkönig blieb nicht stehen, würdigte ihn nicht einmal eines Blickes. »Habe gehört, dass ihr was im Wald gefunden habt«, sagte er regelrecht gelangweilt, während er sich die blutverschmierten Kampfhandschuhe mit den Zähnen von den Fingern zog. »Erwartest du Lorbeeren, Bursche? Soll ich dir Beifallklatschen, einen Knicks vollführen?«
Vynsu war über fünfundzwanzig Sommer alt, aber sein Onkel nannte ihn noch immer einen Burschen! Er biss ärgerlich die Zähne zusammen, wagte aber nicht, über die offensichtliche Herabsetzung seiner Person zornig das Wort zu erheben. Mit dem Großkönig stritt man bekanntlich nicht, wenn man seinen Kopf behalten wollte. Also musste er solche Spitzen über sich ergehen lassen.
Er folgte den immer größer werdenden Schritten des Großkönigs weiterhin, blieb aber hinter ihm, wie es sich für einen Hund wie ihn gehörte.
»Es ist Desith«, berichtete Vynsu. »Wir sahen auch Derrick.« Bei diesen Worten musste er jedoch sofort stocken und kleinlaut einlenken. »Nun ja, zumindest glauben wir, dass er es war. Die Beschreibung passt auf den Drachen. Schwarz, matt, mit einer feurigen Unterseite, Stacheln … allerdings scheint er etwas gewachsen zu sein.«
Das war untertrieben, im Vergleich zu dem wendigen, kutschengroßen Drachen, den Augenzeugen gesehen haben wollten, war er ein ausgewachsenes, fettes Monstrum geworden, wenn man Vynsu nach seiner Meinung fragte.
Vor einem Kessel, der über einem Feuer kochte, blieb der Großkönig stehen. »Lebt Desith noch?«
Vynsu zuckte zurück, als sein Onkel den eingedrehten, blonden Zopf nach hinten warf, bevor er sich zur Schöpfkelle beugte und sich die heiße Brühe gleich aus dem Kessel einverleibte.
»Mehr oder weniger, der Schamane tut sein Möglichstes. Er hat einige Brüche, Vergiftungen, hohes Fieber, Krämpfe und ziemlich üble Verbrennungen. Wenn der Allvater ihm gnädig gestimmt ist…«
»Ach pff… der Allvater schert sich nicht um ein Stück sterbendes Fleisch«, spottete der Großkönig. Vynsu musste sich sehr fest auf die Zunge beißen, um nicht zu widersprechen. »Alles Göttliche hat uns längst verlassen. Und wenn es nach mir ginge, dürfte der liebe Gott mir ohnehin gern die Eier lutschen, aber mein Schicksal würd ich nicht in seine Hand legen, und das solltest du auch nicht mit dem Leben des Sohn des Kaisers tun!«
Dazu sagte Vynsu nichts, er schwieg einfach.
Melecay stieß gereizt den Atem aus, er war auch bei guter Laune bereits mit Vorsicht zu begegnen, aber diese Hitze machte ihn zu einem spuckenden Feuerberg, der jeder Zeit drohte, seine tödliche, heiße Lava über alle zu ergießen.
»Wo habt ihr die beiden gefunden?«
»Am Fluss, nordöstlich von hier«, antwortete Vynsu. »Wir haben den Ort auf der Karte markiert, ebenso die Richtung, in die Derrick davonflog. Zwei Späher sind ihm nach, aber…«, Vynsu senkte matt die Stimme, »… sie kamen nicht mehr zurück.«
»Hätte ich mir denken können«, murrte der Großkönig und drückte mit Daumen und Zeigefinger sein krummes Nasenbein, als hätte er Probleme mit dem Sehen. »Noch weiter östlich, noch tiefer rein in dieses heiße Scheißloch. Aber immerhin zwei Mäuler weniger zu stopfen, nicht wahr? Hoffe nur, sie haben Derrick gemundet.«
Er meinte das vollkommen ernst, so etwas wie Mitleid kannte der Großkönig nicht, er war mehr praktisch veranlagt. Man munkelte, dass er ohne Herz geboren wurde. Vynsu wäre nicht überrascht, wenn an diesem Gerücht etwas wahr wäre.
»Mit Eurer Erlaubnis, Onkel, würden meine Freunde und ich-«
»Du meinst, meine Männer«, unterbrach sein Onkel ihn mit heimtückischer Freundlichkeit. Er drehte sich zu Vynsu um, ein falsches Lächeln auf den Lippen. »Oder bin ich nicht mehr der Großkönig von Carapuhr? Verzeih, unterstehen deine Hunde nicht in erster Linie mir?«
»Doch, Onkel…«
»Dann verschwende nicht meine Zeit und lass die Karte zu meinen Spähern bringen, damit ich meinen Erben zurückholen kann.«
Es war nur ein winziger Stich, aber er traf ihn tief ins Herz. Vynsu schlug die Augen nieder, aber sein Kopf blieb hocherhoben. »Ich würde gern ein paar Männer nehmen und Derrick verfolgen, die Nacht könnte uns Schutz gewähren, vielleicht kommen wir so näher an ihn heran…«
»Nein, ich suche höchstpersönlich nach ihm.« Der Großkönig riss an den Riemen seines Harnischs, um sich Luft unter der stickigen Rüstung zu verschaffen. Er roch wie ein Iltis, aber Vynsus eigener Geruch war keinen Deut besser. »Ich erledige das lieber selbst.«
»Aber…«, wandte Vynsu ein, »Onkel, wir waren so nah an ihm dran…«
»Und habt ihn wieder verloren.« Des Großkönigs blaue Augen blitzten warnend auf.
Vynsu reckte stolz sein kantiges Kinn, aber unter der Fassade machte sein Herz einen Satz. Er hatte seinen Onkel schon immer gefürchtet. Bewundert, gewiss, aber ebenso gefürchtet.
»Ich ließ Derrick ziehen, weil wir Desith ins Lager bringen mussten. Ich habe nur Euren Befehl befolgt, Onkel: Desith lebend zu finden.« Er hätte den kleinen Wildfang nicht sterben lassen können, selbst wenn es Melecay gleich gewesen wäre. Derrick war Vynsus Bruder, wenn auch nur im Geiste, und er hätte es Vynsu nie vergeben, wenn er Desith seinem Schicksal überlassen hätte.
Melecay schnaubte und eine abschätzige Musterung folgte, die Vynsu ebenso stolz über sich ergehen ließ.
»Fein, wie du meinst. Dann gebe ich dir noch einen Befehl, wenn du so gewillt bist, mir in den Arsch zu kriechen.«
Vynsu sah ärgerlich zur Seite und mahlte mit den Kiefern, als sein Onkel auf ihn zutrat. Groß, muskulös, ein Nordmann wie er im Buche stand.
»Nimm deine Schar und bringt Eagles Söhnchen in unser Lager im Westen«, befahl sein Onkel ihm gelangweilt. »Wenn er sich vor meinem Eintreffen soweit erholt hat, dass ein längerer Transport ihm nicht mehr schadet, reist ohne uns zurück nach Carapuhr. Ich lege sein Leben nun in deine Hand! Sei sein Bewacher.«
Melecay wollte ihn nach Hause schicken?
Alles in Vynsu wollte sich auflehnen, wollte seinen Mann stehen, doch er konnte sich noch rechtzeitig beherrschen und so entkam ihm nur ein kindisches, gezischtes: »Ich bin kein verdammter Leibwächter, ich bin Euer Neffe und habe viele Schlachten geschlagen!«
Melecay, der sich schon halb abgewandt hatte, drehte sich mit nun gleichgültiger Miene um und konterte trocken: »Und auch Schlachten verloren.«
Ein Dolch mitten ins Herz. Vynsu musste schlucken. Er streckte den Hals, um größer zu wirken, als sein Onkel erneut nahe an ihn herantrat, sodass er fast den Kopf in den Nacken legen musste, und ihm eindringlich und ebenso unerbittlich erklärte: »Benimm dich nicht wie eine eingeschnappte Hure, Neffe, du hast deine Pflicht nicht erfüllt, solche Dinge passieren eben. Jetzt bist du zurück und hast die Gelegenheit, die Konsequenzen für dein Handeln wie ein Mann zu tragen. Du suchst Vergebung? Vergebung ist für Feiglinge. Du suchst deine Chance, dich zu beweisen? Fein. Dann beweise dich. Bring Desith ins große Lager, und möge dein ach so geschätzter Gott dir gnädig sein, sollte der Bursche nicht überleben. Er ist Kaiser Eagles Sohn, und es wäre nicht von politischem Vorteil, wenn ich Eagle Airynn mitteilen müsste, dass sein Söhnchen unter unserer Obhut den Tod fand, da wir uns doch gerade erst mit dem Kaiserreich wieder versöhnt haben, nach dieser hässlichen, dummen Sache, die dir widerfahren ist.«
Vynsu war mit jedem Wort innerlich zusammengeschrumpft, auch wenn er es äußerlich nicht zeigte, er stand stramm und unerbittlich vor seinem Onkel. Was jedoch alles andere als stolz und männlich wirkte, war sein Blick, der Melecays durchbohrenden, kalten Augen geflissentlich auswich.
»Wenn wir Derrick haben, folgen wir«, schloss Melecay den Befehl ab und wandte sich um. »Gute Reise, Neffe«, sagte er zum Abschied noch, wobei seine Worte ganz und gar voller Herablassung waren.
Vynsu sah ihm nach, die Abendsonne erkämpfte sich Wege durch das dichte Blätterdach, sodass winzige Lichtpunkte über des Großkönigs Haupt und Schultern glitten, fast wie ein göttlicher Segen.
Erst als sein Onkel in seinem großen Zelt, vor dem zwei Leibwächter positioniert waren, verschwunden war, traute Vynsu sich, tief durchzuatmen. Ernüchtert fuhr er sich über den violetten Kamm. Seine Zöpfe waren fettig und verfilzt, die Seiten seines Schädels mussten dringend rasiert werden, doch sein Aussehen kümmerte ihn zurzeit recht wenig.
»Wir reisen ab?« Jori stand plötzlich hinter ihm und hätte Vynsu beinahe vor Schreck zusammenzucken lassen. So groß und muskulös wie ein Bär, aber er konnte schleichen wie eine Katze.
Vynsu schnaubte, doch statt zu antworten, klagte er mit einem Wink in Richtung des Zeltes seines Onkels: »Er hasst mich.«
»Ja… das lässt sich wohl nicht abstreiten«, seufzte Jori, legte Vynsu aber von hinten brüderlich eine Hand auf die Schulter.
Vynsu warf einen halb genervten, halb spöttischen Blick zurück, rauchgraue Augen blitzten ihm entgegen, die Sonne verfing sich in langem, dunklem Haar, das durch geflochtene Strähnen aus einem männlichen, aber blutjungen Gesicht gehalten wurde, die vollen Lippen waren zu einem provozierenden, schiefen Schmunzeln verzogen, das dafür sorgte, dass es auch in Vynsus Mundwinkeln zuckte.
»Mach die Eisbären bereit«, trug Vynsu seinem Freund auf, »und lass eine Trage ins Schamanenzelt bringen, wir haben hochwohlgeborene Fracht zu transportieren.« Er seufzte schwer.
»Jawohl, mein Prinz«, neckte Jori, bevor er wegtrat.
Vynsu ließ ausatmend die massiven Schultern hängen und sagte zu sich selbst: »Ich bin kein Prinz mehr.«
Und am liebsten hätte er die Pflicht, die ihm sein Onkel gerade auferlegt hatte, auch sofort wieder abgetreten. Ausgerechnet er sollte einen Airynn bewachen und beschützen. Ausgerechnet er…
Kapitel 3
Eine Berührung an seinem Arm schmerzte derart brutal, dass es ihn aus seiner tiefen Bewusstlosigkeit herausriss.
Mit einem Aufschrei erwachte Desith und schlug instinktiv zu, blind, aber durch den nebligen Schleier der Schmerzen spürte er, wie seine zur Faust geballte Hand in etwas Warmes einschlug, das sofort nachgab. Ein dumpfer Laut drang an sein Ohr, gefolgt von einem geknurrten Fluch. In seinem Schlag hatte keine Kraft gelegen, aber seinen Angreifer offensichtlich überrascht. Noch immer entsagten ihm seine Sinne den Dienst, waren desertiert, er konnte nicht richtig sehen, seine Lider waren wie verklebt, das versetzte ihn noch mehr in Panik. Er spürte nur Schmerz, Hitze auf der Haut, und eine beunruhigende Kälte in seinem linken Arm, roch nichts, hörte unheilvolle dunkle Stimmen und Schritte um sich herum, und seinen eigenen, rasenden Herzschlag, der schwer vor Anstrengung in seinen Ohren dröhnte.
Und alles, woran er sich erinnerte, waren blaue Flammen, klares Wasser und gesichtslose Dämonen in dunklen Umhängen. Er warf sich brüllend umher, war sich dem Schaukeln unter sich überhaupt nicht bewusst. Hände packten ihn plötzlich an Armen und Beinen, er kämpfte mit aller Kraft gegen sie an. Stimmen erhoben sich rund herum, traten näher, er hatte das Gefühl, anzuhalten, obwohl ihm zuvor nicht bewusst gewesen war, dass er sich bewegt hatte. Es war ihm auch gleich, er wusste nur eines: er musste sich wehren.
Schreiend, tretend und schlagend versuchte er, seine Angreifer abzuwehren, während sein geschwächtes Herz einen Satz nach dem anderen machte. Ein Feuer loderte in ihm und ließ ihn schwitzen und zittern zugleich. Übelkeit kam auf und er musste spucken. Wieder fluchte jemand, ein paar Hände ließen locker, er warf sich gegen den Angreifer, dem dieser Fehler unterlaufen war.
Schmerz entfachte, als er hart auf dem Boden aufkam, und breitete sich wie ein Buschfeuer über seine Rippen aus, stach ihm mitten ins Herz und brachte ihn zum Keuchen. Es raschelte unter ihm, als lägen sie in einem Laubhaufen, während er blind mit seinem Angreifer rang.
»So tut doch was, Herr!«, ächzte eine alte Stimme, dünn wie Papier. »Er bringt sich noch um.«
Unter ihm grollte ein Mann: »Nehmt ihn runter von mir! Der hat doch die Tollwut!«
Irgendwo lachte jemand schmutzig: »So nah war dir noch kein sterbliches Wesen, wah Rurik?«
»Leck mich, Bragi!«, knurrte der Dämon, den Desith unter sich festhielt. »Nehmt ihn runter, bevor ich ihm das Genick breche!«
Desith schrie wütend, etwas anderes bekam er nicht heraus. Es machte ihn rasend, dass dieser Dämon glaubte, er käme gegen ihn an, obwohl Desith ihn doch bereits festgesetzt hatte! Pah! Bevor diese Kreatur ihm das Genick brach, hatte er sie mit bloßen Händen zerrissen!
»Beim Allmächtigen, so beruhige dich doch endlich! Desith!« Er wurde hochgerissen, ein Felsen schien sich um seine Brust zu legen und hielt ihn mühelos in der Luft, gepresst an einen Berg. Desith strampelte, fauchte und spürte, wie die Wut in ihm ein gleißendes, weißes Licht in seinem Inneren zum Erstrahlen brachte, das seinen Schmerz linderte und seinen Gebeinen Lebensgeister einhauchte. »Lasst mich los, aahhhhh, ihr verfluchten Dämonen, mich bekommt ihr nicht!«
»Er ist von Sinnen, Herr! Schnell, wir müssen ihm Kräuter einflößen!«
»Still, Desith, es ist jetzt genug!«, sagte der Berg, der ihn gefangen hielt, die Stimme kam ihm seltsam vertraut vor, doch seine Furcht und sein Überlebenswille waren stärker als der Funke Vertrauen, der erwachte. Er versuchte, seinem Widersacher die Ellenbogen in die Rippen zu rammen, doch mehr als ein Grunzen entlockte er dem Angreifer damit nicht. Aus purer Verzweiflung schlug er schließlich die Zähne in den felsengleichen Arm, der ihm die Luft abdrückte.
Der Klammergriff löste sich dadurch um keinen Fingerbreit, aber es war eine honigwarme Genugtuung, den darauffolgenden schmerzerfüllten Schrei zu vernehmen.
Und in diesem Moment wusste er, wer ihn festhielt.
Bevor er sich jedoch besinnen konnte, wurde er bereits grob auf den Boden geschubst und mit einem recht unsanften Tritt auf den Rücken befördert.
Er blinzelte, die grobe Behandlung sorgte dafür, dass sich sein Blick ein wenig klärte.
Ein paar große Schatten standen um ihn herum, breite Schultern, lange Zöpfe und Bärte – keine gesichtslosen Geister unter Umhängen, nur ein paar stinkende Barbaren.
Er wurde an den Schultern gepackt und niedergedrückt, hart schlug ihm jemand ins Gesicht.
»Herr!«, rief die krächzende Stimme erschrocken. »Nicht doch, er ist zu schwach!«
Der Protest wurde ignoriert.
»Beiß mich nie wieder, Desith Airynn von Elkanasai, sonst zieh ich dir alle Zähne, dann frisst du zukünftig nur noch Grütze, kapiert?«
Als Desith die großen tiefbraunen Augen mit den violetten Sprenkeln darin erkannte, hätte er beinahe vor Erleichterung geschluchzt. »Vynsu?«, ächzte er mit schwacher Stimme. Da fiel ihm alles wieder ein, der Fluss, die Rettung, Derrick…
»Rick!«, rief er und klammerte sich mit knochigen Fingern in Vynsus Wams. »Ihr … ihr…«
Vynsus violette Sprenkel verloren an Intensität, als in sein grobes Gesicht ein mildtätiger Ausdruck trat. »Keine Sorge, der Großkönig wird ihn suchen und heim-«
»Nein!«, fuhr Desith auf, und bereute es sofort. Ihm stach ein so scharfer Schmerz in den Kopf, dass ihm schwindelig und übel wurde. Etwas Warmes rann ihm über die Schläfe und Wange, Vynsu riss die Augen auf und jemand hinter ihm verwünschte Desith.
»Er hat sich die Naht am Kopf aufgerissen, der Narr!«
Desith achtete nicht darauf, er versuchte, Vynsus Aufmerksamkeit durch ein Schütteln zu erlangen, und beschwor ihn furchtvoll: »Ihr dürft ihn nicht suchen! Ihr dürft niemals mehr nach ihm suchen! Niemals! Warn den Großkönig! Ihr dürft ihn nicht zurückbringen! Ihr…«
»Schsch!« Vynsu drückte ihn auf den feuchten Waldboden, die Sonne fiel über dessen Kopf durch das Blätterdach und blendete ihn. »Ruhig. Alles ist gut…«
»Nein … ihr … ihr dürft ihn nicht …« Schwäche suchte Desith heim, alles drehte sich. »Bitte… nicht…«
Ein Schatten trat neben Vynsu, ging in die Hocke. Desith riss noch erschrocken die Augen auf, aber da wurde ihm bereits feines Pulver ins Gesicht gepustet. Eher als ihm lieb war, sank er zurück in einen übermächtigen Schlaf, der wie ein Dämon seine Krallen in ihn schlug und ihn in die Tiefe zog. Es war, als würde er in einem Meer aus öligem, schwarzem Wasser ertrinken, doch immerhin hatte er dort weder Sorgen noch Schmerzen.
*~*~*
Sie stand auf dem Eis im weißen Nebel. Der schneidende Wind wehte die dichten Schwaden über den gefrorenen See, doch die Sicht blieb versperrt. Sie trug ein Nachthemd, das dünn genug war, um ihre rosigen Brustwarzen hervorschimmern zu lassen. Der Stoff war so weiß wie der Dampf, der sie einhüllte, nur ihr flammenrotes Haar leuchtete aus der Kälte hervor, ihre Iriden besaßen die gleiche Farbe wie das frostige Eis, auf dem sie mit nackten Füßen stand.
Sie winkte ihn zu sich.
Vynsu blinzelte. Der Schnee unter seinen Füßen knirschte, als er sich in Bewegung setzte. »Was willst du mir zeigen?«
Sie legte einen zierlichen Finger über ihre blauen Lippen, ihre Wimpern waren eingefroren. Die Antwort blieb sie ihm schuldig, aber sie winkte ihn drängend zu sich. Vorsichtig trat er näher, das Eis, auf dem er ging, war brechend dünn, er hörte es unter seinem Gewicht gefährlich knarren. Furchtvoll blickte er hinab, sein Atem bildete weiße Wolken vor seinem Gesicht. Auf dem Eis lag Blut, es färbte den Frost rosa. Unter Vynsus Stiefeln schwammen Gesichter von Leichen, gefallene Krieger mit offenen, gefrorenen Augen.
Er sah sich auf dem See um, Schwerter steckten im Schnee, gebrochene Schilde lagen daneben. Es war grabesstill. Eine Schlacht hatte hier gewütet, die Lachen dampften noch. Vynsu bemerkte die Waffe in seiner Hand und starrte sie verwundert an. Wo kam sie her? Seine Klinge und sein Arm waren Blut überströmt.
Kalte Hände umfassten sein Gesicht, er wollte zurückzucken, doch sie hielt ihn sanft fest, hob seinen Blick an, bis er ihrem begegnete. Ihre Augen waren leer, ihr Gesicht bleich, kein Leben schien durch ihre Adern zu fließen. Der Wind wehte ihr das rote Haar in die Stirn, es wirkte durch ihre weiße Haut noch röter.
»Was willst du mir zeigen?«, wiederholte er atemlos.
Sie ließ ihn los, trat einen Schritt zurück und zeigte mit einem ausgestreckten Arm in die Mitte des Sees. Vynsus Herz krampfte, er wollte sich nicht umdrehen, aber eine unbesiegbare Macht ergriff von ihm Besitz und drehte seinen Kopf zur Seite.
Dort sah er es, die beiden Krieger. Feinde, wie es schien. Das Bild war eingefroren, nicht mehr als ein lebloses Gemälde. Einer der beiden kniete in Blut, der andere lag sterbend in seinen Armen und starrte ungläubig zu ihm auf. Ein Schwert steckte in der schmalen Brust des Sterbenden, die Faust des Siegers lag noch darum. Vynsu konnte sein Gesicht nicht erkennen, es wurde von blonden Strähnen verhüllt. Doch den Sterbenden erkannte er hingegen mit einer erschreckenden Klarheit.
Es war Desith, aus dem das Leben entschwand.
»Vynsu?«
Ein Rütteln an seiner Schulter, weder sanft noch grob, ließ ihn die Augen aufschlagen. Jori stand über ihm, in der Nacht wurde sein hartes Gesicht angestrahlt vom knisternden Lagerfeuer, an dem Vynsu saß.
»Deine Brühe verkocht«, sagte Jori mit seiner ruhigen, wohltuenden Stimme. Er klopfte Vynsu noch einmal auf die Schulter, bevor er an ihm vorüberging und sich ebenfalls im Schein der Flammen niederließ. Er holte seinen Wasserschlauch hervor und trank davon.
Vynsu öffnete die verschränkten Arme und beugte sich nach vorne, Moos und Rinde von dem umgestürzten Baumstamm, der ihm als Stütze gedient hatte, klebten ihm am Rücken, und als der Dreck abfiel, landete er natürlich in seinem Hosenbund und rutschte in seine Ritze. Grunzend bewegte er das Gesäß hin und her, dann lehnte er sich über das kleine Feuer und starrte in den Kessel, der darüber dampfte. Funken sprühten in der Dunkelheit unter dem geschwärzten Topf hervor, glommen flüchtig wie Glühwürmchen auf, um dann in der schwarzen Nacht zu verglühen. Irgendwo maulte ein Jaguar im Dschungel.
Vynsu rührte ein wenig in der Brühe und wirbelte die Knochen auf. Ein starker, leckerer Duft wehte ihm in die Nase, der ihn umgehend in seine Kindheit entführte.
»Von wem hast du geträumt?« Joris Nachhaken war vorsichtig, wie der Vater, der den Sohn fragte, wovor er sich fürchtete.
Vynsu zuckte mit den Achseln, er wollte nicht seine Träume vor seinen Freunden breittreten. Wenn er ehrlich zu sich selbst war, wollte er sie einfach so schnell vergessen, wie sie ihn heimsuchten.
»Du hast gewimmert wie ein Lämmchen«, nun lag Belustigung in der Stimme seines Freundes, »hast du von einer Frau geträumt?«
Nicht von irgendeiner, dachte Vynsu bei sich, und wieder hatte er Desiths Tod gesehen. Immer wieder derselbe Traum, das machte ihn unruhig. Er blieb Jori die Antwort aber schuldig. Stattdessen spähte er angestrengt in seinen Kessel und ließ durch stetiges Rühren die Hitze entweichen.
»Wusste nicht, dass du kochen kannst«, wechselte Jori nach einem Moment das Thema. In seiner Miene lag ein wissender und gleichwohl amüsierter Ausdruck.
»Das Rezept meiner Mutter«, verteidigte sich Vynsu und rührte weiter. »Diese Schamanen wissen doch gar nicht, was sie tun.«
»Hm«, brummte Jori und stützte die Ellenbogen auf die Knie. »Ich denke, dein Schützling hätte längst das Zeitliche gesegnet, verstünde der Schamane sein Handwerk nicht. Aber wenn dich deine Sorge dazu bringt, uns Brühe zu kochen, werde ich dich nicht belehren.«
Vynsu sah nicht auf, als er eine Holzschale vom Boden hob und sie füllte. »Die Suppe ist nicht für euch.«
Jori lachte leise in sich hinein. »Das habe ich befürchtet. Aber wissen das auch die anderen?«
Vynsu sah ihn ernst an. Er hatte nicht den ganzen Abend gekocht, damit seine Männer Desiths Kraftbrühe wegschlurften.
»Geh«, lächelte Jori ihm milde zu, »ich bewache deinen Kessel.«
Vynsu zögerte noch einen Moment, aber wenn er einem seiner Männer vertraute, dann Jori.
Seufzend stand er mit der Brühe in der Hand auf, seine Glieder fühlten sich steif an, seine Beine so schwer wie mit Eisenplatten versehen. Er versuchte, sich seine Erschöpfung nicht anmerken zu lassen, aber der mitleidvolle Blick seines Freundes sagte alles, als er an ihm vorüber ging.
Er hörte Jori noch leise, aber ehrlich sagen: »Hast ein gutes Herz, mein Prinz.«
Ihm lag auf der Zunge, erneut zu betonen, dass er nicht mehr der Prinz war – und er gewiss kein gutes Herz besaß –, tat dann aber der Einfachheitshalber so, als hätte er den Kommentar nicht gehört und ging auf das einzige Zelt in ihrem winzigen Lager zu, das er zusammen mit Jori am frühen Abend aufgebaut hatte, während die anderen jagen und Früchte sammeln waren und der Schamane dem bewusstlosen Desith die Naht an der Stirn wieder zusammengeflickt hatte.
Als er nun das Zelt betrat, war es still im vom Kerzenschein gefluteten Innerem, und so stickig wie in den Schwitzbuden Carapuhrs. Nach seinem Traum kam ihm die Ruhe beinahe beängstigend vor, als würde der Tod über Desith stehen, ihm zuflüstern, ihm zu folgen.
Der Schamane war nicht anwesend, vielleicht holte er Wasser oder verrichtete seine Notdurft.
Trotz Räucherwerk, das in vielen Schalen vor sich hin qualmte, konnte Vynsu den beißenden Geruch von Pisse und Scheiße im Krankenzelt überdeutlich wahrnehmen.
Desith lag mit dem Rücken zu ihm auf einer Pritsche aus Leder und Fellen, nackt und leicht rosig, er war gerade erst gesäubert worden, die Waschschale stand noch an seinem Lager, der Nachttopf war leer. Vynsu schob alles mit seinem Fuß zur Seite, zog mit einer Hand einen Hocker heran und setzte sich dicht neben ihn.
Desith besaß das gleiche rote Haar wie seine Schwester. Kein blasses, farbloses Rot, wie es das Volk aus den südlicheren Fürstentümern Carapuhrs oft besaß, sondern ein lebendiges, feuriges Rot. Es hatte sich über die Jahre nicht verändert, noch immer trug er es lang und zu einem Zopf, wobei der Schamane den Knoten und Desiths rotes Haarband gelöst hatte, sodass sich die struppigen Strähnen nun wie wütende Flammen auf den Fellen ausbreiteten. Doch anders als die Haarpracht seiner Zwillingsschwester Lohna beschrieb Desiths Haar keine fließenden, seidenen Wellen, es wirkte wie abgefressen. Um das Gesicht herum reichten ihm die längsten Strähnen bis zum Kinn, die kürzesten nur bis zur Schläfe, hinten ließ er das Haar länger, dort reichten die Spitzen der längsten Strähnen bis zu der Kuhle seiner Taille, die kürzesten nur bis zu seinem schlanken Nacken.
Er war dünn geworden, stellte Vynsu besorgt fest, beinahe mager.
Mit der freien Hand fuhr er Desiths Rippen nach, die sich unter der warmen, seidenen Haut abzeichneten. »Wann hast du zuletzt gegessen? Was habt ihr nur solange da draußen getrieben?« Vynsu hätte es gerne verstanden, er kannte den Grund für Desiths und Derricks Reise, aber er konnte bis heute nicht verstehen, weshalb sie all die Jahre so verbissen nach einem Toten gesucht hatten, so tief im Dschungel. Warum waren sie nicht nach einem oder nach zwei Jahren heimgekehrt? Es war eine sinnlose Suche gewesen, irrsinnig und gefährlich. Der junge Mann, der nun vor Vynsu lag, war längst nicht mehr der flapsige Bursche von damals, und die Blessuren seines Leibes zeugten von der Hölle, durch die er gegangen sein musste.
»Warum seid ihr nicht nach Hause gekommen?«, flüsterte er Desith drängend zu, erhielt natürlich keine Antwort.
Verbände waren um Desiths Arme, Schultern, Beine und den Kopf gewickelt, eine Salbe roch stark nach scharfen Kräutern und färbte die Binden gelb. Irgendwie schien es Vynsu wie ein verdammtes Wunder, dass der kleine Wildfang noch lebte, die Vergiftungen der Schlangenbisse, die Verbrennungen an seinem Arm, selbst die Kopfwunde hätten tödlich enden können, und doch lag Desith vor ihm, atmete, fühlte sich warm und nicht einmal sonderlich fiebrig an, schimmerte bereits wieder rosig, obwohl er noch vor einer Nacht kurz davor gestanden hatte, in seine Nachwelt einzutreten – wie die Elkanasai ihren Tod nannten.
»Wie kannst du noch am Leben sein?« Vynsus Stimme war nur ein raues Flüstern, natürlich erwartete er von Desith keine Antwort, seine Frage war ohnehin mehr an das Schicksal gerichtet.
Doch auch wenn es schien, als wäre er auf dem Weg der Besserung, fürchtete Vynsu sich davor, dass sie einem Trugschluss aufsaßen. Immerhin konnte Desith nicht so schnell gesunden, das war völlig unmöglich. Und Melecay hatte ihn gewarnt, dass Desith besser nichts zustieß, während er in Vynsus Obhut war. Er konnte es sich schlicht nicht erlauben, einen Fehler zu begehen.
Vorsichtig umfasste er Desiths Schulter und drehte ihn langsam auf den Rücken, das Fell eines Braunbären bettete ihn sanft. Langsam schob Vynsu ihm einen Arm unter den Kopf und stützte ihn leicht auf. Desith brummte schläfrig, er bekam die Augen nicht auf. »Trink, das gibt dir Kraft«, hauchte Vynsu, dann pustete er in die Suppe, bevor er die Schale an Desiths trockene, aufgerissene Lippen führte.
Erst verschluckte er sich, aber dann trank er, halb im Schlaf, gierig wie ein Hund, ohne jeden Anstand, lauthals saufend.
Für einen Moment betrachtete Vynsu Desiths Antlitz. Immer schon hatte er dieses Gesicht mit großer Irritation wahrgenommen. In seiner Heimat bedeutete Männlichkeit Breite, Muskeln, markante Züge. Alles an einem Mann musste mächtig wirken, um einzuschüchtern. Desith war weder breit noch groß, auch seine Züge waren nicht im eigentlichen Wortsinn männlich, jedoch auch nicht hager oder gar weiblich. Etwas schlank, gewiss, das war nicht abzustreiten, das Kinn lang und spitz, die Augen zu groß, die Brauen zu dünn, die Stirn klein und unauffällig und die winzige Nase frech nach oben gebogen, weshalb Vynsu ihn früher oft mit dem Schimpfwort »Sau« betitelt hatte. Zarte Sprenkel überzogen heute zahlreich sein gekrümmtes Nasenbein, doch auch sie konnten nichts daran ändern, dass Vynsu überhaupt nichts Weiches an diesem Gesicht finden konnte, nichts Sanftes. Es war hart und kalt.
Desith war kantig, nicht typisch männlich, aber doch auf eine andere Weise unverkennbar maskulin. Und während er ihn so betrachtete und ihm zu trinken gab, musste er feststellen, dass Desith bis auf die Farbe seines Haars und seiner Augen rein gar nichts mit seiner Zwillingsschwester gemein hatte. Aus einem unbestimmten Grund, enttäuschte das Vynsu. Er hätte sie gern noch einmal gesehen, und sei es nur in der Ähnlichkeit, die sie zu ihrem Bruder gehabt hatte. Doch Desiths fehlende weibliche Züge zerstörten jegliche Illusion.
Desith beendete das Trinken mit einem lauten Schmatzen, gefolgt von einem unsittlichen Grunzen, als er Luft schluckte. Vynsu legte ihn wieder ab und stellte die geleerte Suppenschale auf den Boden. Flüchtig flackerten Desiths Lider, das frostige Blau seiner Iriden blitzte auf, darin erkannte Vynsu unter der tiefen Erschöpfung auch noch den Funken Eiseskälte, den Desiths Blick schon immer besessen hatte.
Manchmal fand er es seltsam, dass ausgerechnet der ruhige und gutherzige Derrick sich in diesen aufmüpfigen Burschen verliebt hatte, sie waren gänzlich gegensätzlich. Vielleicht war auch das schon das ganze Geheimnis ihrer Liebe, außerdem hatte Desith mit Derrick seinen verstockten Vater ärgern können.
Noch ein weiteres Mal zitterten Desiths Lider, Erkennen stand nun in seinem Blick, begleitet von einer tiefen Angst. »S…sucht ihn nicht«, flüsterte er schwach, hob eine Hand, als wollte er Vynsus Arm packen, doch sie fiel nutzlos wieder herab und blieb mit zuckenden Fingern liegen. »I…ihr dür…dürft ihn nicht s…suchen.«
Vynsu runzelte nachdenklich seine Stirn, legte Desith aber beruhigend eine Hand auf die Schulter. »Schlaf«, trug er ihm auf, »ich wache über dich.«
»N…nein…« Aber seine Erschöpfung ließ ihm keine andere Wahl, außerdem schien er noch unter dem Einfluss des Schlafpulvers zu stehen. Ohne weiteren Protest sackte sein Gesicht zur Seite, und er sabberte auf die Felle.
Eine Weile blieb Vynsu einfach dort sitzen, ertrank in tiefen Grübeleien.
Irgendwann schlug jemand die Zeltplane zurück und streckte den Kopf herein.
»Wie geht es ihm?«
Vynsu winkte Jori näher, zog ein Fell über Desiths Blöße und stand auf. Schulter an Schulter blieben sie vor dem Krankenlager stehen und sahen auf ihren Schützling herab.
»Erstaunlich, er wirkt fast als wäre er über den Berg.«
»Nicht wahr?« Vynsu rieb sich nachdenklich das breite Kinn, seine dichten Stoppeln kratzten. »Dabei wäre er vor nicht einmal einem Tag beinahe sang und klanglos abgekratzt.«
»Stammt sein Vater nicht von Luzianern ab?« Jori legte nachdenklich den Kopf schief. »Vielleicht hat er ihre … Stärke und schnelle Erholung geerbt.«
»Hm«, brummte Vynsu grübelnd. Dabei fiel sein Blick auf Desiths Handgelenke und auf die langen, wulstigen Narben. Als Desith sich damals die Venen aufgeschnitten hatte, hatte er viel länger gebraucht, um zu gesunden. Doch seine Überlegung behielt er für sich, sein Volk – und seine Männer – konnten unglaublich abergläubig sein, und er wollte keine schlafenden Hunde wecken.
»Ich muss dir etwas beichten.« Jori seufzte schwer, als Vynsu ihm erwartungsvoll das Gesicht zuwandte. »Du musst neue Brühe kochen.«
Genervt ließ Vynsu die massigen Schultern hängen. »Wolltest du nicht aufpassen?«
»Das habe ich, Bruder. Rurik und Vala haben den Kessel nicht angerührt, als ich ihnen sagte, für wen er ist, aber…«
»Bragi«, beendete Vynsu Joris Satz und sah zu, wie sein Freund betreten die Augen niederschlug.
»Ich hab gesagt, er soll die Finger davon lassen, aber du kennst ihn … frech wie Dreck. Meinte, wenn du nicht willst, dass er was isst, musst du schneller aufessen.« Jori versuchte, das Thema einfach abzuwinken.
Vynsu schnaubte mit einem amüsierten Lächeln. »Du musst diesen Dieb dringend zähmen, mein Bruder, er tanzt dir ziemlich auf der Nase herum!« Lachend schlug er Jori auf den Rücken.
Dieser brummte etwas Unverständliches und verbarg seine Verlegenheit, indem er sich über den grimmigen Mund rieb.
Erneut wurde die Zeltplane aufgeschlagen, der Schamane kam herein, behangen mit allerlei Schmuck aus Zähnen und Krallen großer Raubtiere, sein Gewand war nicht mehr als Lederfetzen, die einen Lendenschurz und einen Umhang aus Bärenpelz zusammenhielten.
Der kleine, hagere Mann war schon alt, sein langes Haar und sein Bart waren so grau wie ein verblasstes Eisenschwert. »Herr«, sagte er, legte sich kurz die Faust über die Brust und neigte regelrecht beim Vorübergehen sein Haupt. Er wirkte in Eile und tüchtig, als er mit einer leeren Schale um Desiths Lager herumging.
»Wie steht es um sein Wohl?«, hakte Vynsu nach.
Der Schamane stellte sich ihnen gegenüber. »Es ist…«, er schien mit sich zu hadern, und Vynsu tauschte einen unbehaglichen Blick mit Jori.
»Es ist seltsam, Herr«, brachte er schließlich hervor, nahm einen von Desiths schlaffen Armen und hielt die Finger in den Kerzenschein. »Seht Ihr, die Knöchel waren heute Morgen noch gebrochen, jetzt sind sie so verheilt, als wären sie nie gebrochen gewesen.« Er zuckte mit den Schultern und legte den Arm ab. Dann schüttelte er ratlos seinen ergrauten Schopf. »Die Vergiftungen hätten ihn innerhalb weniger Augenblicke töten müssen, selbst meine Kräuter hätten nichts mehr ausrichten können. Ihr kennt die Schlangen in dieser Hölle, Herr, er hätte es nicht überleben dürfen. Aber es scheint, als ob… als ob das Gift ihm nichts hatte anhaben können.«
»Also… er lebt«, schlussfolgerte Vynsu trocken. Neben ihm kratzte sich Jori am Kopf.
»Er lebt«, nickte der Schamane zustimmend und blickte Vynsu entschuldigend in die Augen, »ich kann nur nicht erklären, wie. Es ist, als ob sein Leib viel schneller heilt, als es ein Mensch vermag. Herr, versteht mich nicht falsch, ich bin froh darüber, der Großkönig hat unmissverständlich betont, dass der Junge überleben muss, aber ich muss gestehen, dass er das nicht mir zu verdanken hat. Und ich kann dieses Wunder nicht erklären, er ist ein einfacher Mensch, er dürfte solche Kräfte nicht besitzen.«
»Hm.« Sie verfielen in Schweigen und betrachteten Desith, der von der Unterhaltung überhaupt nichts mitbekam.
»Also kommt er durch«, mutmaßte Jori und warf fragende Blicke in die Runde.
Der Schamane sah auf. »Das vermag nur der Allmächtige zu beantworten. Zwar hat er die Vergiftungen und Brüche wie durch ein Wunder selbst geheilt, aber die Verbrennungen machen mir Sorgen, sie scheinen nicht von normalem Feuer zu stammen und lassen sich schwer behandeln, meine Salben neigen sich dem Ende zu und meine geringe Magie reicht nicht aus.«
Mit anderen Worten, bei dieser Art Verbrennung war die Magie einer echten Hexe gefragt.
»Er wird bis zum Lager im Westen durchhalten müssen«, sagte Vynsu.
Der Schamane nickte reuevoll. »Er wird Schmerzen haben, aber das ist gerade seine geringste Sorge. Herr, ich … ich bräuchte eine helfende Hand.«
Vynsu zog wieder die Stirn kraus. »Wobei?«
»Der Bursche hat sich nicht nur zahlreiche Verletzungen, sondern auch Krankheiten und … Parasiten eingehandelt.«
Jori brummte: »Ich glaube nicht, dass mir gefällt, was gleich folgt…«
»Parasiten?« Vynsus Nachhaken war ihm bereits über die Lippen, eher er sich auf die Zunge hatte beißen können.
»Parasiten«, bestätigte der Schamane. »Sie haben bereits Eier gelegt, die kann ich mit ein paar Kräuteraufgüssen bekämpfen, aber die geschlüpften Larven… Nun ja, Herr, wären wir in einem Lager, würde ich Knechte damit beauftragen, aber wir reisen nur mit … Nun, jemand muss mir zur Hand gehen.«
Vynsu schüttelte leicht den Kopf. »Wobei zur Hand gehen?«
»Wir müssen ihn auf Würmer untersuchen und ihn davon befreien.«
Es dauerte einen Herzschlag lang, bis Vynsu begriff, was der Schamane von ihm verlangte. Mit offenem Mund sah er Jori an.
»Oh… Ihr meint…?« Jori wurde feuerrot. »Wir müssen … sein … seinen …«
»Fabelhaft«, schnaubte Vynsu und befreite Jori von seinem Stottern, als er ihm ins Wort fiel. »Wir sollen ihm Würmer aus dem Hintern puhlen.« Er beugte sich über Desiths schlafendes Gesicht und sagte zu ihm: »Du schuldest mir etwas dafür, Kaisersöhnchen. `Ne ganze Menge, würd ich sagen.« Dann blickte er auf und nickte dem Schamanen zu. »Drehen wir ihn um.«
*~*~*
Als er das nächste Mal aufwachte, fühlte sich sein Verstand um einiges freier an als beim letzten Mal. Es kam ihm zumindest nicht mehr so vor, als ob ein Drache auf ihm säße, sondern als läge nur noch ein Flusspferd auf seiner Brust. Seine Lider ließen sich leichter heben und blieben nach einigem Blinzeln sogar offen. Die Trockenheit seiner Augen schmerzte, ließ sich aber durch ein kräftiges Reiben mit seinen Handballen vertreiben.
Desith erkannte die dunklen Lederwände, die ihn umgaben. Er lag in einem Zelt, ohne jeden Zweifel. Sein Untergrund war weich und hüllte ihn in Geborgenheit, es war stickig, heiß und feucht, ein paar Kerzen schimmerten vor sich hin und warfen große Schatten an die Zeltwände. Er schwitzte, ein Feuer brannte in ihm, seine Beine und Arme zitterten unkontrolliert, er fühlte nur Schmerz, ein Brennen im Rachen, ein Stechen in jedem Muskel, Schwindel herrschte in seinem Kopf.
Als er aufwachte, wollte er sofort wieder einschlafen, das Leben erschien ihm unter diesen Umständen nicht mehr erstrebenswert, der Tod war die süße Aussicht auf Schmerzlosigkeit.
Aber sein Körper schien sich zu weigern, einfach aufzugeben, er kämpfte – und das schmerzte.
Stöhnend rollte Desith sich herum. Ein Geräusch hatte ihn geweckt, ein fremder und doch vertrauter Laut…
Er rollte sich unter sengenden Qualen auf die andere Seite und suchte den Geräuschverursacher. Dieser saß neben seinem Bett auf einem knorrigen, alten Stuhl, der unter seinem Gewicht einzustürzen drohte. Vynsu. Die Arme waren vor der breiten Brust verschränkt, er hing schlaff im Stuhl, die langen Beine ausgestreckt und den Kopf nach vorn gesunken, sodass er unfreiwillig ein Doppelkinn zur Schau trug. Er schlief tief und fest und schnarchte wie ein alter Köter.
Im ersten Augenblick war Desith versucht, irgendetwas nach ihm zu werfen, damit er still war. Er konnte sich nicht daran erinnern, ob Derrick je geschnarcht hatte, und wenn doch, niemals so laut, auch nicht als Drache. Das mag etwas heißen…
Aber noch bevor er seinen schwachen Körper dazu bewegen konnte, nach etwas Werfbarem zu greifen, legte sich das Schnarchen wie ein Wiegenlied über ihn und machte ihn schläfrig.
Vielleicht würde Vynsus Schnarchen alle Drachen der Welt von diesem Zelt fernhalten. Mit diesem beruhigenden Gedanken schlummerte er wieder ein.
Kapitel 4
Die Wächterinnen sprachen die Sprache des Ostens. Wortfetzen hallten über die nackten und kahlen Wände des schwarzen Gesteins. Eine glänzende, fast ölige Schicht schimmerte auf dem Erz im Schein der Fackeln. Es war düster, trotz Lichtquellen. Hier herrschte eine Schwärze, gegen die nur das Sonnenlicht angekommen wäre, doch sie befanden sich tief im Felsen, weit unter der Erde.
Gespräche und Befehle schallten tagsüber durch die engen und niedrigen Gänge. Die Sprache war wie ein wütender Redefluss, zudem besaß der Stamm einen seltsamen, fremden Dialekt. Die Worte klangen unnatürlich in den Ohren eines Westländers.
Er setzte sich auf und blinzelte gen Decke. Das feuchte Gestein tropfte ihm zwischen die Augen, aber er genoss das sanfte Tröpfeln auf seinem erhitzten Gesicht. Zwar war es so tief im Felsen erstaunlich kalt – wenn man bedachte, welche Hitze an der Oberfläche herrschte –, doch das Fieber ließ seine Stirn brennen. Wobei das Feuer in ihm bereits erlosch.
Das Fieber hatte sich gesenkt, ohne Heiler. Seit Tagen hielten sie ihn bei Brot und Wasser in seiner feuchten Zelle, zusammen mit anderen abgemagerten, kranken Sklaven, hin und wieder starb jemand und wurde von den Kriegerinnen ausgesondert. Es war nicht schmutzig, sie hatten Eimer für ihre Notdurft, die regelmäßig geleert wurden, das Wasser, das man ihnen zu trinken gab, war sauber, das Brot immer frisch, manchmal sogar noch warm. Diese Umstände waren sein Glück, sonst wäre er vermutlich dem Tode geweiht. Es gab Decken und er durfte einfache, saubere Hosen und ein Hemd tragen. Auch ohne Kräuter schien sein Körper gegen das leichte Fieber anzukommen, er konnte spüren, wie es sank und wie Lebensgeister in seinen Leib zurückkehrten.
»Halte durch, mein Kind, halte durch. Ich werde kommen.«
»Ja«, flüsterte er rau, seine Stimme klang wie reißendes Pergament, erschöpft lehnte er den Kopf an die Felswand, und als er die Beine anzog, rasselte die Kette, die ihn mit den anderen Sklaven verbunden hielt. »Ich halte durch, Vater. Ich halte durch…«
Er wusste nicht, ob Rettung nahte, vermutlich war die Stimme in seinem Kopf nur ein Hirngespinst, aber sie gab ihm Kraft und Hoffnung.
»Bist du gläubig?«
Er öffnete die Augen wieder und blickte zu seinem Nebenmann. Ein junger Tiermensch saß neben ihm im Schatten, die Knie angezogen und die behaarten Arme vor der fellbedeckten Brust verschränkt. Er war halb Mensch, halb Panther, sein Gesicht war eine groteske Missachtung der Natur, eine Verschmelzung zweier unterschiedlicher Rassen. Blanke Haut vom Hals aufwärts, menschliches, schwarzes Haar, verfilzt, aus dem pelzige Pantherohren hervorlugten. Die Augen eines Mannes, die Nase einer Raubkatze, samt Schnurrhaare. Lippen wie ein Mensch, aber Zähne einer Bestie. Woher er die Sprache des Westens kannte, war ein Rätsel, aber er sprach sie ohne Akzent, also stammte er vermutlich aus Elkanasai. Nur dort gab es Tiermenschen, die die Sprache des Westens verstanden und sprechen konnten.
Der Fremde sah ihn aufmerksam an. »Oder hat dich dein Glaube bereits verlassen?«
»Ich sprach zu meinem Vater«, erwiderte er nur und wandte den Blick wieder ab, wollte schlafen.
»Ah. Verstehe.« Ein Lachen, das in einem amüsanten Schnurren endete, im Dunkeln zuckte ein pelziger Schwanz. »Nun, du bist nicht der erste Sklave hier unten, der den Verstand verliert.«
Im Augenwinkel sah er, wie der Panther eine Kralle im Kreis über seine Schläfe führte.
»Ich bin kein Sklave«, raunte er mehr zu sich selbst als zu seinem Gesprächspartner. Ihm war nicht danach, sich zu unterhalten. Er wollte nur seine Kraft zurückerlangen, um sich zu befreien.
»Wir sind alle Sklaven, Freund«, wandte der Fremde ein. »Und an deiner Stelle würde ich das sehr schnell akzeptieren. Siehst du, wie sie dich ansehen? Deine weiße Haut, deine runden Ohren? Jeder hier weiß, dass du weit aus dem Westen kommst, und weil du mit niemandem sprichst, glauben sie, du hältst dich für etwas Besseres.«
Ihm waren die argwöhnischen Blicke der anderen Sklaven nicht entgangen, auch ihr Widerwille, das Brot mit ihm zu teilen, ein einziges Mal hatte er darum kämpfen müssen, und obwohl er nie ein Kämpfer gewesen war, hatte er sich darum geprügelt und trotz Erschöpfung obsiegt, weil Verzweiflung einem Mann ungeahnte Macht verleihen konnte. Das hatte es nicht besser gemacht, seine Mitleidenden betrachteten ihn voller Abscheu, mit wachsendem Hass.
»Bevor du da warst, war ich der Anderling«, plauderte der Panther ungefragt weiter. »Besser, man fügt sich, fällt nicht auf. Sonst schieben sie dir etwas unter und verpetzen dich an die Wärterinnen, die prügeln dir die Scheiße aus dem Leib, Freund.«
Viele Augen funkelten aus den dunklen Schatten der Zelle zu ihnen herüber und verfolgten ihr Gespräch. Ketten rasselten leise, nackte Füße wurden über den Boden gezogen, irgendwo schniefte jemand, ein anderer hustete. Allesamt waren sie dunkelhäutige, dürre Gestalten mit mandelförmigen Augen und spitzen Ohren. Zadestianer. Männer. Keine einzige Frau. Niemals würde in Zadest einer Frau Ketten angelegt werden, dieses Schicksal teilte nur das männliche Geschlecht.
»Mein Name ist Chusei«, unternahm der Fremde einen weiteren Versuch, auf sich aufmerksam zu machen.
»Das bedeutet treu.«
Die Ohren des Panthers zuckten freudig nach vorne, er grinste breit. »Das stimmt! Du kennst die Worte meines Urvolkes? Bist du ein Gelehrter oder so?«
»Ich kenne viele Sprachen.« Er drehte Chusei das Gesicht zu und sah ihm in die weiten, gelben Augen. »Ich bin Sarsar.«
Kapitel 5
Tagelang stampften sie durch den Dschungel, hackten ohne jegliche Rücksicht auf die Natur Löcher und Wege in das Unterholz, die Hitze glich einem feuchten Mantel auf ihrer Haut.
Hin und wieder erwachte Desith durch das Geschaukel und Geruckel, doch obwohl die Erschöpfung ihn nicht losließ, war er bei klarem Verstand. Zumindest konnte er Traum von der Wirklichkeit unterscheiden, sodass niemand aus Vynsus Gefolge noch einmal von ihm attackiert wurde.
Sie transportierten ihn auf einer Trage, ein kleiner, kräftiger Falbe mit kurzer Stoppelmähne zog einen Karren mit Vorräten, der scheppernd hinter ihm herfuhr. Gelegentlich wollten Raubtiere das Pferd attackieren, dann hörte er die Barbaren kämpfen, scherte sich aber nicht darum. Er wusste, dass ihn kein Mann besser beschützt hätte als ein Barbar.
Wann immer seine geröteten Lider zuckten, sah er nicht nur Vynsu neben sich hergehen, sondern auch die dichten Kronen des Dschungels über sich. Er kam nicht umhin, sich mit einer schmerzenden Sehnsucht nach einem freien Himmel zu sehnen, nach den Dächern und Giebeln einer aus Stein und Marmor erbauten Stadt.
Desith hätte nie geglaubt, dass er jemals in seinem Leben sein Zuhause vermissen würde. Er war noch ein Bursche gewesen, als er wegen der Liebe zu Derrick seinem Vater den Rücken gekehrt und dem Großkönig von Carapuhr die Treue geschworen hatte. Als er sich das Leben hatte nehmen wollen, weil sein Vater ihn davon abhalten wollte, mit Rick zusammen nach Carapuhr zu gehen. Heute kam es ihm wie ein Traum vor, den er vor langer Zeit geträumt hatte und der mittlerweile nicht mehr als ein verblasster Erinnerungsfetzen war.
Rick war gegangen. Und Desith hoffte inständig, er möge fortbleiben und in diesem Dschungel verrotten.
Er zog die Decke über den Kopf, um dem Tageslicht zu entfliehen, und sank wieder hinab in fiebrige Träume.
*~*~*
Sie erreichten das große Lager mit nur zwei Tagen Verspätung, nachdem sie wegen Desiths Schmerzen einen ganzen Tag mit Rasten vergeudetet hatten. Vynsu wurde von einer beflügelten Erleichterung durchströmt, als er die Palisade und die dahinter gut bewachten Zelte erblickte.
Barbaren und Knechte tummelten sich an Feuern, Pferde schnaubten, Rauch stieg auf, Holzscheite knisterten und Kessel dampften, es roch nach Fellen und frischem Brot, das in Lehmtöpfen in der Glut gebacken wurde. Es war fast wie nach Hause zu kommen, jedoch fehlte der schneidende Wind und der Schnee.
Das Lager lag hinter der Grenze von Zadest in Kaiser Eagles Landen, sie hatten es vor der riesigen Urwaldwand aufgebaut, aus jener Vynsu mit seinen Kameraden trat. Hohe Gräser und Reisfelder kesselten sie ein, eine Kuhle bot etwas Deckung, aber bei weitem nicht genug. Taktisch war der Standort eine Katastrophe, aber der Großkönig kannte keine Gefahr. Nicht, dass er unklug handelte, sonst hätte er keine Palisaden und keine Wachen aufgestellt, aber manchmal provozierte er einen Angriff regelrecht.
Jedoch hatte das Lager seinen Standort dieses Mal rein aus Bequemlichkeit, es lag nahe an der Grenze zu Zadest, aber immer noch im Kaiserreich. Hier drohte ihnen keine Gefahr, Kaiser Eagle war ihnen wohlgesinnt und unterstützte natürlich die Unternehmung, seinen Sohn zu finden.
Er wäre selbst mitgekommen, das hatte er dem Großkönig versichert, aber mit dem Holzbein konnte er keinen langen Marsch unternehmen, und zu Pferd kam man so gut wie gar nicht durch das dichte Unterholz des Dschungels.
»Jetzt kann ich die Heimat schmecken!« Bragi zog neben ihm tief die frische, freie Luft ein, die über die gewaltige Weite der Felder wehte. Am Horizont konnten sie die Kulisse einer Stadt erspähen. »Der Wind weht von Norden, er ist kalt.«
»Kühl«, bemerkte Vynsu. »Kühl, aber noch nicht kalt.«
»Bald sind wir hoffentlich auf dem Heimweg«, mischte Jori sich ein, als er ebenfalls neben Vynsu trat und den Blick über die Senke schweifen ließ, die sich unter ihnen erstreckte und in der das Lager wie ein Heimatort wartete. Ein Stück Zuhause für Vynsu, wenn auch fern der Kälte.
»Falls sie je Derricks breiten Drachenarsch herschaffen können.« Bragi klang nicht zuversichtlich, und Vynsu konnte im Augenwinkel mitansehen, wie Jori ihm einen tadelnden Blick zuwarf.
»Was? Ich bin nur ehrlich!« Bragi zuckte nur mit den Schultern, sein noch sehendes, algengrünes Auge funkelte frech, das blinde Auge blieb milchig wie eh und je.
»Kommt«, forderte Vynsu sie lediglich auf und wandte sich ab, »tragen wir Desith da runter.«
Er selbst hatte kein gutes Gefühl, wenn er an Derrick dachte, größtenteils weil Desith jedes Mal panisch wurde, wenn auch nur dessen Name fiel.
Etwas stimmte hier nicht, aber wenn er den Großkönig warnen würde, nur weil er ein Bauchgefühl hatte, würde sein Onkel ihn vermutlich lediglich auslachen. »Du hast ein Bauchgefühl, Bursche? Dann solltest du stärker pressen, wenn du im Gebüsch sitzt. Aber verschwende nicht meine Zeit.«
Auf dieses Gespräch konnte er gut und gerne verzichten, er hatte sich ohnehin entschlossen nur noch Befehle auszuführen, er würde sich kein eigenes Urteil mehr erlauben. Vynsu übte sich im Schweigen und im demütigen Dienen.
Zumindest wurde er im Lager noch mit freudiger Aufregung in Empfang genommen, jede noch so arme Seele blickte auf, um ihn zu sehen, auch wenn mittlerweile bekannt sein dürfte, dass er die Krone nicht erben würde, wurde er von seinem Volk noch immer als Prinz betrachtet. So schlug ihm Bewunderung und Liebe entgegen, als er mit seinen Kameraden die Senke hinabstieg und die Palisaden durchschritt. Auch den Titel »Prinz Vynsu« ließen sie sich nicht verbieten, als sie nach ihm riefen, um seine Aufmerksamkeit zu erlangen.
Er sorgte höchstpersönlich dafür, dass für Desith ein eigenes Zelt vorbereitet wurde, doch auch durch den ganzen Trubel um ihn herum, wurde Desith nicht wach, er schlief tief und fest. Noch immer brannte Fieber in ihm, im Traum stöhnte er und wenn er aufwachte, holte er nur Atem, um Vynsu zu beschwören, nicht nach Derrick zu suchen. Dann schlief er wieder erschöpft ein.
Nachdem er Desith untergebracht hatte, ging er in das große Zelt, wo sich üblicherweise der mitgereiste Hofstaat des Großkönigs aufhielt, bei Speis und Trank und allerlei. Eine heitere Stimmung empfing ihn, ein Barde spielte in einer Ecke an einer Feuerschale seine Laute, Zofen saßen neben ihm und sangen lieblich, sie kicherten, als Vynsu sie kurz betrachtete und lächeln musste. An den Langtischen saßen Barbaren, Krieger, Leibwächter und Adelssöhne zusammen bei Met und Wildbret, sie prosteten ihm zu, und er nickte zurück. Bragi, Rurik und Vala saßen bereits unter ihnen, Jori fand man vermutlich zuerst bei den Pferden.
Vynsu ging weiter, der Thron des Großkönigs, der am Anfang der Tafeln stand und über alles zu wachen schien, war verwaist. Niemand würde es wagen, sich in Abwesenheit des Großkönigs dort hineinzusetzen, man munkelte, Melecay würde es riechen und demjenigen den Kopf abschlagen.
»Vynsu?«
Vynsu drehte sich um und erspähte seine Mutter in dem Gedränge. Sie saß mit einer Hofdame bei Tee und Strickwerk, und hielt überrascht in ihrer Arbeit inne. Obwohl er viel früher als erwartet zurückgekehrt war und er ihr einen ermüdeten Seufzer zur Begrüßung schenkte, hatte sie nichts als Wärme und ein Lächeln für ihn übrig.
»Du bist zurück, mein Sohn!« Sie ließ alles stehen und liegen, um auf ihn zuzugehen und ihn zu umarmen. Dabei musste er sich hinabbeugen, da sie mindestens zwei Köpfe kleiner war als er. Er drückte sie an sich, während die schüchterne Hofdame einen Knicks für ihn vollführte und dann mit gesenktem Kopf einfach dort stehen blieb.
»Der Großkönig fand, ich stünde ihm im Wege«, sagte er und versuchte, mit gespielter Belustigung seine Enttäuschung zu übertönen, »er schickte mich mit Desith vor, während er noch weiter nach Derrick sucht.«
Vynsus Mutter lehnte den Kopf zurück, ihre violetten Locken trug sie wie stets offen, sie rutschten über ihre schmalen Schultern nach hinten. Das schwarze Kleid aus Rabenfedern umschmeichelte ihre zierliche Figur. Seine Statur hatte er eindeutig nicht von ihr geerbt. Violette Iriden musterten ihn sorgenvoll, doch dann tätschelte sie ihm den Kopf. Eine Geste, die ohne ein einziges gesprochenes Wort all ihr Verständnis ausdrückte.
»Nimm es nicht so schwer«, flüsterte sie ihm zu, »du kannst nicht mehr tun als das, was er dir aufträgt.« Aber Vynsu konnte ihren Ärger in ihrem feinen Gesicht aufblitzen sehen, und er wusste, sie würde Melecay darauf ansprechen. Niemand außer sie wagte es, dem Großkönig die Stirn zu bieten, aber Vynsu wünschte sich, sie würde es einfach auf sich beruhen lassen. Es half ihm nicht, wenn seine Mutter seine Kämpfe austragen wollte.
Er winkte ab. »Ich nehme es ja gar nicht schwer, aber ich sorge mich. Derrick ist verwandelt, Ma! Onkel könnte gefressen werden.«
»Würde dem Hitzkopf guttun«, konterte sie schelmisch und ließ von Vynsu ab.
Er seufzte schwer. »Aber unserem Land nicht.« Ohne einen Erben, würden sich die Fürstentümer Carapuhrs innerhalb weniger Wochen alle gegenseitig die Köpfe einschlagen, während sie alle gleichzeitig nach der Krone griffen.
»Vielleicht«, gestand sie ein, »aber ich hätte es gesehen, würde ihm etwas zustoßen.« Sie tippte sich mit einem langen Fingernagel an die Schläfe. »Und das habe ich nicht, also sorgen wir uns nicht um ihn, sorgen wir uns um dich. Komm, iss und trink! Du musst erschöpft sein, mein Sohn.«
Sie nahm seine Pranken in ihre warmen Hände und wollte ihn auf eine Bank an einem Tisch schieben, dabei winkte sie bereits einer Magd. Doch er schüttelte den Kopf und zog sie sanft an einem Arm zu sich heran.
Neugierig sah sie zu ihm auf, die violetten Augen schimmerten wie Edelsteine.
»Du musst dich um Desith kümmern, Ma. Der Schamane tat sein Möglichtest, aber du weißt, ihre Heilung ist begrenzt.«
Er unterbrach sich, als die Magd mit einem Krug und einem Becher heraneilte. Seine Mutter hob eine Hand und schickte das Mädchen wieder fort. Ohne Protest zog sie eingeschüchtert von Dannen, denn Vynsus Mutter gehorchten alle ebenso demütig wie dem Großkönig selbst.
Sie sah ihn auffordernd an. Umgehend wandelte sich ihre Muttersorge um in die Sorge einer Heilerin, er konnte sehen, wie sich ihre Ohren öffneten. »Was ist geschehen?«
»Das wissen wir nicht sicher, aber er hat einige starke Verbrennungen erlitten, die ihm noch immer starke Schmerzen bereiten, er hat Fieber und … Parasiten. Ma, ich habe die letzten Tage jeden Abend Würmer aus ihm rausgeholt, er kotzt und scheißt uns alles voll, wie ein Neugeborenes.«
Ein leichtes Lächeln zuckte in ihren Mundwinkeln. »Scheint, als wüsstest du endlich, was es heißt, eine Mutter zu sein.«
Er bedachte sie mit einem genervten Blick.
Sie lachte lieblich in sich hinein und drückte aufmunternd seinen Arm. »Dann muss der kleine Prinz schleunigst Wasser eingeflößt bekommen. Lass uns gehen, ich werde sehen, was ich für ihn tun kann.«
*~*~*
Sein Kopf brummte so stark, wie damals nach seinem ersten Saufgelage. Er wollte nicht erwachen, krallte sich verzweifelt an den Schlaf, aber das Leben war unerbittlich mit ihm, und er spürte zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit, wie ihn die Klarheit seines Bewusstseins zurück in die Wirklichkeit zwang. Er fürchtete sich beinahe davor, aus den vertrauten, wirren Träumen seines Fiebers emporzusteigen. Der Schmerz in seinen Gliedern, die Brüche und die Verbrennungen, waren nur noch ein dumpfer Hall in seinem Leib, die Erschöpfung schien er weggeschlafen zu haben, er fühlte sich beinahe wie erholt. Zumindest sein Geist schickte sich an, hellwach zu werden.
»Wacht unser Traumprinz endlich auf?«
Desith versuchte, zu blinzeln. Seine Augen fühlten sich nicht mehr so trocken an wie die letzten Male, als er sie aufgezwungen hatte, aber sie brannten noch, was vermutlich vom Fieber kam.
Er hatte noch ein dumpfes Gefühl im Kopf, aber sein Verstand war so klar wie seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr.
»Wollt Ihr uns nicht Eure Lebensgeister zeigen, Prinz Desith?« Eine ruhige, warme Frauenstimme, die so wohltuend wie Wein mit Honig klang. Brummend drehte er den Kopf und hob vorsichtig die Lider. Das Zeltinnere war ein anderes als jenes, dass Vynsu immer für ihn aufgeschlagen hatte. Es war größer, es standen Tische und Stühle an den Wänden, Feuerschalen und viele Kerzen ließen das Innere heller leuchten als die bescheidene Unterkunft, die er in den letzten Nächten zur Verfügung gehabt hatte. Auch seine Unterlage fühlte sich anders an, keine Felle von Bären und Wölfen mehr, sondern Pferdefell und Kaninchenpelze. Sie waren so weich, dass er sich erst einmal stöhnend daran reiben musste.
»Wir befürchteten bereits, Ihr wolltet gar nicht mehr aufwachen.« Schlanke Finger kämmten durch sein Haar und kraulten seine Kopfhaut. Für einen Moment schloss er die Augen und stellte sich unwillkürlich vor, er wäre wieder ein junger Bursche, der von seiner Mutter umsorgt wurde. Wie sehr er sie doch vermisste, seine geliebte Mutter, er konnte es kaum erwarten, sie und seine Geschwister wiederzusehen, ja selbst auf seinen verstockten Vater freute er sich.
Nur für sie zwang er wieder die Augen auf und stellte sich dem Schmerz, der sich wie ein Frostwind über seinen bandagierten Arm ausbreitete.
»Habt Ihr noch große Schmerzen?«, fragte die Stimme und ließ von ihm ab.
Desith traute seiner Kehle noch nicht, wenn er schluckte fühlte es sich so an, als wäre sie aufgerissen, weshalb er lediglich bejahend nickte.
Er vernahm, wie sie sich entfernte, das leise Rascheln eines bodenlangen Kleides wehte durch das Zelt. Mühsam hob er den Kopf, um seine Heilerin sehen zu können. Als er sie jedoch erblickte, erstarrte er zu Stein.
Das konnte doch unmöglich wahr sein…
Vielleicht täuschte er sich, aber das glaubte er nicht. Er kannte nur eine Frau aus der Geschichte, die violettes Haar besaß und in einem Kleid aus Rabenfedern auftrat.
Sie werkelte mit einem leisen Summen an einem Tisch herum, zerstampfte Kräuter und goss sie mit rotem Wein aus einem dampfenden Krug auf. Der Duft bitterer Blüten stieg im Zelt auf, aber immerhin musste Desith nicht mehr den beißenden, grässlichen Rauch der Räucherwerke des Schamanen ertragen.
»Trinkt das, es betäubt den Schmerz«, trug sie ihm sanft auf, als sie sich mit einem Hornbecher zu ihm umdrehte und langsam auf das Bett zukam.
Desith konnte sie nur anstarren, sein Mund glitt immer weiter auf. »Ihr … Ihr seid die Hexe Karrah.«
Sie lächelte milde und kniete sich vor sein Lager auf ein Wolfsfell, an dem noch der Kopf hing. »Die bin ich wohl. Trinkt, Prinz Desith, das tut Euch gut.«
Sie ließ keine Widerrede zu, legte ihm eine Hand in den Nacken und führte den Becher an seine Lippen. Desith schluckte das heiße Weingemisch, obwohl seine Kehle schmerzte. Dabei starrte er sie noch immer an, unschlüssig, ob er Ehrfurcht oder Angst empfand, wobei diese beiden Empfindungen nahe beieinander lagen.
»Ihr seid Vynsus Mutter«, flüsterte er noch immer perplex. »Ihr wurdet von König Desiderius großgezogen, der Unterweltfürst Bellzazar ist Euer Nennonkel! Ihr … Ihr wart dabei, als der Großkönig in einen spuckenden Feuerberg sprang, um das Ritual des Drachenzähmens zu vollenden. Ihr … Ihr seid… die Hexe aus Nohva. Ihr habt geholfen, das Tor der Unterwelt zu schließen, Ihr … wart beim Großen Krieg dabei…«
Sie lächelte nur milde über sein Gestotter, als wäre sie es gewohnt, dass Menschen in ihrer Nähe sprachlos wurden. »Einfach nur Karrah«, betonte sie bescheiden, stellte den Hornbecher ab und hob stattdessen einen Nachttopf an. »Müsst Ihr?«
Ihr strenger Blick hielt ihn nicht davon ab, zu lügen. Er schüttelte den Kopf und ignorierte den Druck auf seiner Blase. Er würde sich doch nicht vor der mächtigsten Hexe, von der er je gehört hatte, erleichtern.
Sie verengte wissend die Augen, drängte ihn aber nicht und stellte den Nachttopf wieder unter sein Lager. »Wie Ihr wünscht, sagt Bescheid.«
Das würde er niemals tun, lieber ließ er zu, dass ihm die Därme rissen. »J…ja…Mylady.«
Sie grinste belustigt. »Diese Anrede nutzen wir in Carapuhr nicht.«
»Nein, natürlich nicht, ich … ich …« Er senkte beschämt den Kopf, da er keinen vernünftigen Satz mehr Zustande bekam. »Vergebung.« Frustriert schlug er mit der Faust auf die Felle und bereute es sofort, sein Arm schmerzte noch immer bei der leisesten Bewegung, die Verbrennung spannte.
»Sehr höflich«, ihr Tonfall klang lobend, aber es schwang auch reichlich Belustigung darin. »Schlaft noch ein wenig, Prinz Desith. Die Nacht ist gerade erst hereingebrochen.« Sie stand auf und trug den Becher zu ihrem Tisch, wo sie stehen blieb und noch mehr Kräuter in einen Mörser gab.
Desith sah zum Zelteingang, konnte aber nicht erkennen, ob es draußen hell oder dunkel war. Zwar bestanden die Wände nun aus Stoff statt Leder, dennoch ließen sie kein Licht hindurch.
Der Trank zeigte langsam Wirkung, betäubte seinen Schmerz, aber ebenso seinen Verstand. Müdigkeit legte sich wie ein schwerer Mantel über ihn.
»Wo sind wir?«
»Dies ist das Lager des Großkönigs, wir sind in Elkanasai, kurz hinter der Grenze zu Zadest.«
Allein der Klang des Namens dieses abscheulichen Dschungels verursachte ihm ein Schaudern.
»Wie lange bin ich schon hier?«, wollte er wissen.
Sie drehte sich nicht um, ging gewissenhaft ihrer Arbeit nach. »Drei Tage.«
Drei Tage? So lange soll er geschlafen haben?
»Wurde mein Vater informiert? Ist er auf dem Weg?« Einerseits fürchtete er sich vor dessen Tadel und seiner Arroganz, andererseits hätte er ein so vertrautes Gesicht wie das seines Vaters gerade gut gebrauchen können.
»Darüber habe ich keine Kenntnis.«
Ein unbehagliches Gefühl machte ihm die Brust eng. »Wann kann ich nach Hause?«
Sie ließ sich unverschämt viel Zeit, um darauf zu antworten. »Bald gehen wir alle nach Hause«, sagte die Hexe schließlich irgendwann ausweichend.
Desith schüttelte den Kopf, war aber zu müde und musste sich hinlegen. »Ich meine … ich will … zu … zu meiner Familie…«
Seine Augen zuckten zu dem Stuhl, der vor seinem Bett stand, dort lagen Kleider für ihn bereit, feinsäuberlich zusammengefaltet und gestapelt. Aber seine Waffen fehlten. Oder hatte er sie gar verloren, bevor man ihn gefunden hatte? Er konnte sich nicht besinnen, der Trank vernebelte seinen Verstand.
»Ich will… zu meiner Familie.«
Ein Schatten fiel auf ihn, als die Hexe sich in das Kerzenlicht stellte und sich über ihn beugte. Ihre Lockenpracht hüllte ihn ein, sie roch nach Orchideen. »Du bist schon bei deiner Familie, mein Sohn. Das weißt du doch noch, oder? Du hast dem Großkönig die Treue geschworen.«
Er wollte noch verneinen, wollte ihr sagen, dass sein Schwur in dem Moment nichtig geworden war, als Rick … gegangen war. Aber der Schlaf übermannte ihn.
*~*~*
Mit dem schwindenden Fieber, wurden auch seine Träume klarer…
Desith stolperte durch den Dschungel, unter dem Blätterdach herrschte unheilvolldrohendes Zwielicht. Geflüster in den Schatten. Kein Tier schien sich zu regen, dafür schien etwas anderes hinter den Blättern zu lauern, etwas Böses. Er konnte regelrecht spüren, wie es ihn aus der Dunkelheit heraus beobachtete. Es war überall, auf jeder Seite, vor und hinter ihm, immer dort, wohin er gerade nicht blickte.
Gehetzt sah er sich um. »Rick?« Er wollte rufen, wollte schreien, aber die Furcht schnürte ihm die Kehle zu. Mehr als ein heiseres Raunen entkam seinen Lippen nicht. »Rick?«
Ein Rascheln ließ ihn herumfahren, sein Herzklopfen pochte in seinen Ohren. Er wusste, dass er träumte, konnte den Traum aber nicht beeinflussen. Er ging dem Geräusch entgegen, obwohl er sich selbst anschrie, es nicht zu tun. »Rick?«
Etwas sprang aus dem dichten Unterholz in sein Blickfeld, groß und schlank, nicht mehr als ein Schatten. Er zuckte zurück, das Herz sackte ihm in die Hose, bis er ihn erkannte. Der Schatten nahm Form an, bekam ein Gesicht.
»Rick?« Er blinzelte. Es war Derrick, unverkennbar, groß und muskulös, aber mit einer Grazie, die ihm seine sterbliche, spitzohrige Mutter vererbt hatte. Doch etwas war anders an ihm, fremd und seltsam fern. Er sah Desith an – und doch starrten seine grünen Augen wie durch ihn hindurch, als wäre er in tiefen Grübeleien versunken.
Desith schluckte. »Rick? Lass uns nach Hause gehen, ja?«
Rick drehte sich jedoch einfach um, ohne ein Wort, und ging weiter in den Wald hinein. Suchte oben, suchte unten, blieb aber nicht stehen, folgte einer unsichtbaren Spur, wie ein Wolf der Witterung.
Ein unheimliches Schnattern wehte durch den Wald, die Bäume schienen zu stöhnen.
Desith eilte Rick nach, wollte ihn einholen und ihn festhalten.
Ganz gleich wie schnell er rannte, über kniehohe Wurzelgeflechte und umgestürzte Bäume hechtete, er holte Derrick nie ein, der – obwohl er langsam ging – ihm immer einen Schritt voraus war. Zum Greifen nahe, aber doch unerreichbar.
Desiths Herz raste ruhelos, panisch. Er brüllte aus Leibeskräften. »Rick!« Er wütete, spürte den Zorn, der ihm die Brust hinaufkroch und sauer schmeckte. »Rick! Lass uns zurückgehen! Warum bleibst du nicht stehen? Rick! Es ist sinnlos, wir müssen zurück! Hörst du mich? Bleib stehen, verdammt noch mal, du hohlköpfiger Bastard eines Dämons! Bleib verdammt noch mal stehen! Rick! He, Rick! Ich will heim, ich will nur … heim!« Mit jedem Wort verrauchte seine Wut und wurde zu Enttäuschung, zu Erschöpfung und schlicht zu Angst, weil Rick nicht stehen blieb, sich nicht einmal nach ihm umsah.
Desith wurde langsamer. Er wollte es nicht, aber der Traum bremste ihn, als ob ihn seine Ausdauer allmählich verlassen hätte, wie nach einem langen Lauf. Doch das spürte er im Traum nicht, er konnte gar nichts fühlen, bis auf die Empfindungen seines Herzens.
»Rick!« Er wurde panisch, je weiter Rick sich entfernte. Kopfgroße Blätter versperrten ihm immer wieder den Weg, wütend schlug er sie zur Seite, Derrick versank immer weiter im Zwielicht, bis ihn die Schatten gänzlich aufgesogen hatten.
Desith rannte los, auch wenn er bereits wusste, dass es sinnlos war. »Rick!« Er eilte diesem nach, konnte ihn aber nicht mehr finden. War er ihm überhaupt noch auf den Fersen? Desith wusste es nicht und irrte bald nur noch ziellos umher, drehte sich um sich selbst, eingeschlossen vom dunklen, dichten Dschungel, beobachtet von hungrigen Augen aus dem Unterholz.
Die Furcht ließ ihn blind davonrennen, doch er konnte dem Gefühl der Gefahr nicht entrinnen. Derrick war fort, und er war plötzlich im großen, unheimlichen Dschungel ganz allein, auf sich gestellt. Zwischen riesigen Raubtieren, giftigen Pflanzen und tödlichen Insekten. Ihm war, als ob hinter jedem Baumstamm der Tod lauerte.
Er war allein.
Und dann hörte er es. Das Grollen in der Dunkelheit, das Knacken und das Rascheln des Dschungels. Der Drache. Erschrocken fuhr er herum, starrte auf eine plötzlich schwarze Wand, und taumelte zurück. Nebel trat stoßweiße ins Zwielicht. Nein, kein Nebel, sondern Atem. Nach Schwefel stinkender Atem. Das Grollen wurde lauter, Desith erblickte die gewaltigen Nüstern des Drachen, der sich aus der Schwärze schob.
Er wartete nicht auf den Rest des Monsters, warf sich herum und rannte davon, sprang wie ein junges Reh durchs Unterholz, verfolgt von einem wütenden Brüllen und dem Geräusch eines gewaltigen Flügelschlags.
Sein Fuß verfing sich in einer Wurzel, und er stolperte vorwärts. Gerade noch rechtzeitig konnte er sich mit den Händen voran abfangen, sie versanken in tiefem Matsch, unter ihm schimmerte eine dunkle Pfütze im Zwielicht. Doch er bemerkte, dass sie nicht sein Gesicht widerspiegelte. Sie zeigte gar nichts, auch als er sich tiefer hinab beugte. Er hatte kein Spiegelbild, als wäre er nur ein Geist.
Der Drache flog über ihn hinweg, brüllte, schien ihn nicht zu sehen. Aber das Unterholz um ihn herum knackte erneut, leise, es kam von überall und kreiste ihn ein. Er wankte auf die Füße und sah mit klopfendem Herzen zu, wie Gestalten in dunklen Umhängen und mit ausgestreckten Armen auf ihn zu kamen…
*~*~*
Vynsu schlug die Augen auf. Im ersten Moment wusste er nicht, was ihn geweckt hatte, aber seine Instinkte waren in Alarmbereitschaft. Wie ein Bär, der von dem Knacken eines Zweiges geweckt wurde. Er lauschte einen Moment, jedoch war es im Lager bei Nacht beinahe grabesstill, selbst vor dem Zelt schien sich nichts zu rühren, er konnte seinen eigenen Atem hören und das Zischen der Glut in den Feuerschalen. Da war sonst nichts.
Brummend bewegte er sich auf seinem Stuhl ein wenig hin und her, versuchte genervt, eine bequemere Position zu finden, aber durch die Nächte, die er bereits auf dem Holzstuhl an Desiths Seite verbracht hatte, taten ihm jegliche Gelenke und Knochen weh. Natürlich hätte er auch einen Barbaren abstellen können, der Desiths Bewacher spielte, aber sowohl er als auch seine Mutter und Jori hielten es für klüger, dass er sich selbst darum kümmerte. Er nahm diese Pflicht – auch wenn er sie nur aufgelastet bekommen hatte, um aus dem Weg zu sein – sehr ernst. Vermutlich hätte Vynsu ohnehin kein Auge zugetan, wenn er Desiths Schutz einem anderen Krieger anvertraut hätte. Außerdem tat es Vynsu auch für Derrick, für seinen Bruder. Er wollte dessen Gefährten beschützen, denn er wusste, Derrick hätte ihm den gleichen Gefallen erwiesen.
Vynsu verschränkte wieder die Arme vor der Brust, als es weiterhin still blieb, und rutschte tiefer an der Stuhllehne hinab, dann schloss er die Augen und schmatzte. Solange er hier saß, würde niemand an ihm vorbeikommen, weder ein Eindringling noch Desith. Keiner würde ein- noch ausgehen.
Plötzlich fiel ihm etwas auf. Wobei, eigentlich war es mehr das Aufflammen eines unguten Gefühls. Normalerweise schreckte er auf, wenn er spürte, dass sich außer ihm noch jemand im Raum befand, doch dieses Mal war es mehr das Gefühl, dass etwas fehlte…
Erschrocken richtete sich Vynsu auf und fuhr zum Bett herum. Desiths Lager war leer, kein Körper befand sich mehr darin. Das hatte ihn aufgeweckt! Kein Geräusch, kein Eindringling, sondern das Fehlen von etwas, das er bewachen sollte.
Fluchend stand er auf, ging um das Bett herum, als würde Desith wie durch ein Wunder wiederauftauchen, dabei rasselte sein Gürtel und seine Schwertscheide. Desith blieb natürlich spurlos verschwunden.
Er war ja so ein Hohlkopf! Warum hatte er nicht mitbekommen, dass Desith aufgestanden war?
Und wie konnte das überhaupt sein? Nach dem Trank, den Vynsus Mutter Desith verabreicht hatte, hätte dieser mindestens bis zum nächsten Abend durchschlafen müssen. Sie hatte es ihm versichert!
Zornig über sich selbst, seine Unfähigkeit verfluchend, stakste er durch das Zeltinnere auf den Ausgang zu und schlug die Plane zurück. Zwei Leibwächter waren davor positioniert, sie zuckten ebenso erschrocken zusammen wie er. Vynsu hatte von den weiteren Bewachern nichts gewusst.
Er sah die beiden Krieger nacheinander prüfend an, sie waren erfahrene Männer, aber noch nicht alt, etwa zehn oder fünfzehn Jahre älter als er, einer blond, einer braunhaarig, beide bärtig. Vermutlich Brüder, sie sahen sich ähnlich, aber er kannte ihre Namen nicht, obwohl er sich sicher war, dass er sie schon oft gesehen hatte.
»Prinz?«, fragte der Dunkelhaarige irritiert, als Vynsu sie nur grimmig anstarrte.
Er riss sich zusammen und schüttelte den Kopf. »Verzeiht, ich dachte, ich hätte etwas Ungewöhnliches gehört.«
Ein Nackenkitzeln hielt ihn irgendwie davon ab, die Wahrheit zu sagen. Er wollte das Lager nicht aufschrecken. Vielleicht wollte er aber auch nicht seine Schuld eingestehen, immerhin war ihm allein Desith entwicht. Ihm allein.
»Nein«, erwiderten sie unisono und tauschten miteinander verwunderte Blicke. »Alles still hier draußen«, versicherte der Blonde.
Grübelnd starrte Vynsu ihm in das markante Gesicht. »Niemand ging ein oder aus?«
Sie sahen sich an, als überlegten sie, ob sie es sich erlauben konnten, ihn zu fragen, ob er seinen verdammten Verstand verloren hätte.
»Niemand«, versicherte der Dunkelhaarige schließlich, sie hatten wohl beschlossen, Vynsu erst noch weiter zu beobachten, bevor sie sich ein Urteil über dessen geistigen Zustand erlaubten.
Er schnaubte und drehte sich bereits wieder um, als er noch ein letztes Mal innehielt. »Und ihr habt auch nicht geschlafen? Für keinen noch so winzigen Augenblick?«
»Nein«, versicherten sie ihm. »Eure Mutter stellte uns hier ab, als sie zu Bett ging, da haben wir Euch noch herumlaufen gehört. Niemand kam hier vorbei, Herr, die …« Der Blonde trat unbehaglich von einem auf den anderen Fuß. »Die Leute meiden das Zelt.«
Vynsu runzelte die Stirn, doch er hatte gerade keine Zeit, sich danach zu erkundigen, weshalb hier niemand freiwillig vorbeikam, immerhin hatte er gerade ein ganz anderes Problem. »Hm«, brummte er, »gut.«
Er zog sich wieder in das von Kerzenschein geflutete Innere zurück, Schatten tanzten über die Wände, als der Luftzug von draußen die Flammen bewegte.
Wie, beim Allvater, war Desith aus diesem Zelt gelangt? Vielleicht hatte er eine Wand aufgeschlitzt und war geflohen. Vynsu drehte sich um, um die Zeltplanen abzulaufen, als er abermals in dieser Nacht erschrocken zusammenzuckte.
Desith lag im Bett, friedlich schlafend, als wäre er nie fort gewesen.
Einen unbegreiflichen Moment lang stand Vynsu einfach da und starrte ihn, ohne zu blinzeln, an. Er lag noch genauso sabbernd auf der Seite, wie Vynsu ihn zuletzt gesehen hatte.
Hatte Vynsu sich getäuscht? Aber nein, so sehr konnten seine Augen ihn doch nicht trügen! Vielleicht hatte er noch geträumt.
Mit einem großen Bogen, als hätte Desith die Pest, ging Vynsu wieder um das Bett herum, eine Hand auf dem Knauf seines Schwertes, es gab ihm Halt. Seine braunen, gesprenkelten Augen suchten den Boden nach Spuren ab, doch dort war nichts, kein einziger Fußabdruck. Auch die Kleider, die für Desith bereit lagen, waren unangerührt, und er wäre wohl kaum nackt durch das Lager gelaufen und dann zurückgekehrt. Verwirrt ging Vynsu die Zeltwände ab, doch auch diese wiesen keinerlei Ausbruchsspuren auf. Niemand war herein, noch herausgekommen. Unmöglich.
Er fuhr sich über den violetten Schopf, seine Seiten waren frisch rasiert, seine Mutter hatte sich dessen angenommen.
»Ich werde noch verrückt«, murmelte er. Vielleicht hatte er geschlafwandelt. Trotzdem ließ ihn das drängende Gefühl nicht los, dass er sich nicht getäuscht hatte. Unbehagen legte sich um seinen Magen wie ein Eisenband, und zog sich langsam zu.
Er kratzte sich an der Schläfe und drehte sich wieder zu Desith um. Er legte den Kopf schief und betrachtete dessen schlanken Rücken mit schmalen Augen. Von hinten hatte er fast ein wenig Ähnlichkeit mit Lohna. Aber nur fast.
Leise trat er näher an das Bett heran und beugte sich über den schlafenden Wildfang, der selbst so still und friedlich irgendwie nach Ärger aussah. Es gab Männer, die betrachtete man nur ein einziges Mal und man wusste von vorne herein, dass sie einen ruhelosen, feurigen Charakter besaßen. Das war wie bei Pferden. Vynsu konnte einen Hengst bereits einschätzen, wenn er ihn nur in der Ferne auf der Weide grasen sah. Genauso erging es im mit Desith. Von Anfang an, als sie nur Jungen gewesen waren, hatte er gewusst, dass Desith sich nicht einfach ein Halfter anlegen lassen würde, zumindest nicht, wenn er es nicht höchstpersönlich zu seinem eigenen Vergnügen verlangte.
Und irgendwie ließ ihn das Gefühl nicht los, dass Desith ihm selbst im Schlaf an der Nase herum führte.
»Nicht mit mir«, sagte er zu dem Schlafendem, leise und grollend. »Hörst du, Desith? Du wirst dich schön brav benehmen, sonst Gnaden dir deine verbannten Götter.«
Plötzlich riss Desith die Augen auf und schnappte nach Luft. Vynsu war zu überrascht, um rechtzeitig zurückzuzucken, da hatte Desith ihn bereits mit erstaunlich kräftigen Fingern am Revers seines Hemdes gepackt und mit einem Ruck zu sich herab gezerrt.
»Dämonen!«, raunte er unheilvoll.
Vynsu runzelte die Stirn. »Was?« Er glaubte, dass Desith noch träumte, dass er die Wirklichkeit nicht erkannte, und legte beruhigend seine Hände um dessen kalte Finger, damit er sie sanft lösen konnte.
Aber Desith hatte sich wie ein Adler in seine Beute festgekrallt. »Dämonen«, wiederholte er und seine frostblauen Augen wurden erschreckend klar, er blinzelte. »Im Dschungel, Vynsu! Da waren Dämonen. Dämonen!«
Die Falten auf Vynsus Stirn wurden tiefer. »Du träumst.« Unmöglich, es gab keine Dämonen mehr, die unter den Sterblichen wandelten. Sie waren vor fast drei Jahrzenten vernichtet und verbannt worden, ebenso wie die Götter.
»Nein!«, spuckte Desith ihm entgegen, zog sich an Vynsu hoch, bis sich fast ihre Nasen berührten. In seinem Blick konnte Vynsu Furcht, aber keinen Wahnsinn entdecken. »Sie waren da, bevor du kamst. Sie … sie waren wirklich da. Gestalten in Umhängen, unter denen keine Gesichter lagen. Und sie wollten in meinem Kopf lesen. Sie … sie…« Ein Gedanke blitzte regelrecht in seinen Augen auf, als erinnerte er sich plötzlich an etwas, dass ihn noch mehr in Furcht versetzte. »Sie … verdammt, ich … Ich weiß nicht, was sie wollten. Aber ich schwöre dir bei der Liebe meiner Mutter, ich konnte spüren, dass die Finsternis an ihnen klebte, wie der Geruch von Scheiße! Und sie hatten Bänder an den Armen.« Er ließ Vynsu mit einer Hand los, um aufgeregt auf die entsprechende Stelle seines Oberarms zu deuten, auffordernd sah er Vynsu ins Gesicht. »Purpurne Bänder, als wären sie … eine Art … Kult oder so. Sie waren echt, Vynsu! Du musst mir glauben, sie haben mich aus dem Wasser gezogen! Ich weiß, dass sie echt waren, ich… ich … ihr müsst sie suchen, sie wollten etwas von mir, ihr müsst sie finden. Schwarze Umhänge, Vynsu, und Bänder an den…«
»In Ordnung«, Vynsu versuchte, ruhig auf ihn einzureden. »Aber sie sind jetzt nicht mehr hier und sie werden dich hier auch nicht finden, Desith. Das verspreche ich dir. Wir halten Ausschau, aber wir sind nicht mehr in Zadest.« Er legte seine großen Hände vorsichtig um Desiths Schultern und versuchte, ihn in die Felle zu drücken. »Sie sind weit weg. Jetzt schlaf noch etwas.«
Desith sah ihn nicht überzeugt an, seine Lippen bebten. »Aber… aber ich habe … sie waren…«
»Ja, aber jetzt nicht mehr«, sprach Vynsu weiter auf ihn ein, drückte ihn sanft nieder. »Jetzt bist du hier und ich bleibe bei dir sitzen, bis du dich wieder selbst wehren kannst.«
Desiths Blick huschte zwischen Vynsus Augen hin und her, forschten fiebrig in ihm. »Ich … ich…«
»Kein Dämon legt sich mit meiner Mutter an, in Ordnung?«
Das schien ihn etwas zu beruhigen, er gab seine Gegenwehr zumindest auf und sank auf das Lager, doch noch immer betrachtete er Vynsu mit aufmerksamen Augen, unter denen tiefe Ringe lagen, die im Kerzenschein beinahe bläulich schimmerten. Sein Gesicht war bis auf eine erhitzte Wangenröte noch immer beunruhigend blass.
»Du bist müde, du musst noch schlafen«, sagte Vynsu und zog die Felle über Desith schwitzenden, fiebrigen Leib. »Ruh dich aus, du bist nicht mehr im Dschungel. Keine Dämonen lauern hier, keine Drachen. Nur du und dein Fieber, das ist alles, wogegen du gerade kämpfen musst. In Ordnung?«
Desith starrte ihn an. »Ich fürchte mich nicht…«
»Nein, natürlich nicht. Warum auch.«
Desith betrachtete ihn, als überlegte er, ob Vynsu sich über ihn lustig machte. »Ich … ich glaube, mein Degen zerbrach an … an Ricks Panzer.« Als Derricks Name fiel, senkte Desith den Blick und seine Stimme wurde zu einem Flüstern, als schämte er sich für etwas.
Vielleicht dafür, dass er versucht hatte, Derrick zu verletzen. Dabei konnte Vynsu ihn verstehen, Liebe hin oder her, wenn ihn ein Drache angegriffen hätte, hätte er sich auch gewehrt.
Wobei er immer noch nicht richtig verstanden hatte, wie aus Derrick ein Blutdrache hatte werden können, aber das war eine andere Geschichte, die jetzt nicht von Belang war.
Vynsu nickte Desith zu und versprach: »Du bekommst eine neue Waffe. Solange bin ich dein Schwert.«
Auch das schien Desith zu beruhigen, seine Lider flatterten schläfrig.
»Schlaf jetzt weiter«, trug Vynsu ihm auf. »Wenn du wieder aufstehen kannst, gehen wir heim.«
Ein letztes Mal zwang Desith die Augen auf und betrachtete Vynsu mit einer beinahe beängstigenden Eindringlichkeit. »Versprichst du es mir?«, verlangte er rau. »Du bringst mich nach Hause, ja? Du hast es am Fluss gesagt, Vynsu, als du mich fandest. Du bringst mich heim. Versprich es mir!«
Vynsu zögerte, aber als Desith ihn weiter anstarrte, obwohl ihm die Müdigkeit sichtlich zusetzte, rang er sich ein Lächeln ab und legte ihm beruhigend eine Hand auf die nackte Brust, wo sich feuerroter Flaum ausgebreitet hatte. »Ja«, seufzte er schwer, »versprochen, Desith. Ich bringe dich heim.«
Kapitel 6
»Seine wundersam schnelle Heilung macht ihnen Angst und führt zu allerlei abergläubischen Gerüchten«, sagte Bragi und streckte seine langen Beine über den Tisch aus, während er sich gleichzeitig einen Streifen gebackenes Fleisch zwischen die Kiefer schob. »Deshalb meiden die Mägde und Knechte sein Zelt«, schmatzte er mit vollem Mund weiter.
Vynsu lehnte auf der gefurchten Platte der langen Tafel und starrte grübelnd vor sich hin. Er hatte seine Freunde gefragt, was es damit auf sich hatte, dass Desith gemieden wurde wie ein Pestkranker.
Jori setzte sich mit einem vollen Krug Met neben Bragi, und Vynsu gegenüber, die Bank knarzte unter seinem Gewicht, dabei war er nicht beleibt, die Möbel waren schlicht morsch.
»Man munkelt allerlei über böse Geister im Dschungel, die von dem kleinen Kaisersöhnchen besitzergriffen hätten und ihn heilen. Dass er gar nicht mehr der Prinz Elkanasais ist, sondern ein schauriges Gruselmonster, das auf sie übergehen könnte, wenn sie ihm nur in die Augen sehen«, erklärte er Vynsu und griff ebenfalls zu dem Teller mit dem Fleisch, das ihnen zum Frühstück serviert worden war. Das Zelt war an jenem regnerischen Morgen wenig besucht, es war auch noch früh und bis auf die Knechte und Küchenmägde, die ihrem Tagwerk nachgehen mussten, war noch kaum jemand auf. Regenwaldtypisches Tröpfeln war auf dem Zeltdach zu vernehmen, in der Ferne grollte der Donner über die Reisfelder.
Für Vynsu hieß es, dass er Essen und eine Stunde schlafen konnte, solange sich seine Mutter um Desiths Wehwehchen kümmerte.
Nachdenklich griff auch er zum Fleisch, es war noch heiß und er hätte es beinahe fallen lassen. »Wir sollten etwas wegen dieser Gerüchte unternehmen.«
»Aber seltsam ist es schon, oder?« Bragi nahm die Stiefel vom Tisch, als Jori ihm dagegen schlug, setzte sich auf und griff nach Joris Becher. Jori wollte protestieren, da sprach Bragi unbeirrt weiter. »Ich liege mit weniger Verletzungen ganze Mondzyklen lang ans Lager gebunden flach. Wir fanden ihn halb tot, vergiftet, verbrannt, aufgeschlitzt und mit zermalmten Knochen, die Wunde an seinem Kopf so groß, dass ihm fast die Masse rausgekommen wäre!«
Er übertrieb wie immer, aber Vynsu musste zugestehen, dass Desiths Verletzungen beunruhigend schwerwiegend gewesen waren, aber wie durch ein Wunder so schnell heilten wie Mückenstiche. Vor nicht ganz einem Mondzyklus hatten sie ihn erst gefunden, mehr tot als lebendig.
»Du bist ja auch zur Hälfte ein verdammtes Spitzohr!« Jori riss Bragi den Krug wieder aus der Hand, während dieser gerade zum Trinken ansetzen wollte. »Dir fehlt unsere dicke Haut.«
Vynsus Augen zuckten zu Bragis angespitzten Ohren, die unter seinem bronzenen Haar herausstachen, doch er musste dem jungen Dieb Recht geben. »Trotzdem ist Desiths Heilung ein verdammtes Wunder, auch wir dickhäutigen Barbaren würden zu diesem Zeitpunkt noch um unser Leben ringen, während er fast nur noch Schrammen aufweist. Es ist, als ob sein Körper von innen heraus heilt, während er schläft. Als ob da etwas in ihm wäre, das ihn nicht sterben lassen will.«
»Also wie ein böser Geist, der ihn als Wirt benutzt«, mutmaßte Vala, als sie ein strammes Bein über die Bank schwang und sich neben Vynsu setzte. Das Leder ihrer Hose knirschte protestierend.
»Mehr wie … fremde Magie«, betonte Vynsu. Sie schwiegen alle daraufhin, Jori und Vala starrten ihre Hände an, Bragi nahm noch einen Streifen Fleisch und schmatzte Jori ins Ohr, während er nachdenklich in das Zeltinnere starrte. Sie alle kannten die Geschichte, auch wenn sie nicht dort gewesen waren. Als vor Jahren ein fremdmagisches Portal im Dschungel geschlossen werden musste, waren Desith und Derrick Teil der Gruppe, die das Portal gebannt hatten. Vynsu wusste nicht, was dort unten in den Ruinen des Turms von Zadest geschehen war, aber vielleicht war es ja zum Teil Grund dafür, dass Desith … heilte.
Er seufzte, denn alle Überlegungen waren müßig, sie führten zu nichts, außer zu Kopfzerbrechen. »Nichtsdestotrotz sollte der Pöbel keine Gruselgeschichten über Kaiser Eagles Sohn verbreiten. Wenn es nach dem Großkönig geht, wird Derrick nämlich sein Erbe – und somit wird Desith unser zukünftiger Prinzgemahl.«
Bragi schnaubte. »Das letzte Mal, als wir den Namen Derrick auch nur erwähnten, ist der kleine Pisser mir fast an die Gurgel. Ich wage zu bezweifeln, dass er sich verheiraten lässt.«
»Hat er eine Wahl?«, gab Vala zu bedenken.
Darauf wusste wieder niemand eine Antwort und sie verfielen erneut in Schweigen.
Rurik, ein Berg von einem Mann, kam mit seiner stets grimmigen Miene herein und setzte sich zu ihnen an den Tisch. Stroh hatte sich in seinem matschbraunen, verfilzten Haar verfangen, Krümel klebten in seinem Bart und er stank wie üblich nach Pferdefell. Vala, die große, schlanke Kriegerin kämmte ihr blondes, schulterlanges Haar aus der Stirn und beugte sich dann vor, um für Rurik einen Becher Met einzuschenken, den sie ihm über den Tisch zuschob. »Kaiser Eagle ist doch der Sohn von König Wexmell aus Nohva – einem Luzianer«, sagte sie nachdenklich und zuckte mit den Schultern, wobei ihr Kettenhemd rasselte. »Vielleicht hat das luzianische Erbe eine Generation übersprungen und schlägt bei Desith zu.«
Rurik zog den Teller mit dem duftenden Fleisch unter seine Nase, und alle begafften ihn neidisch, als er sich ihr Frühstück wie ein hungriger Bär einverleibte. »Weiß ja nicht, was ihr besprecht, aber soweit ich weiß, saufen Luzianer Blut, und wenn mir jetzt einer von euch erzählt, dass der beißwütigen Pestbeule über Nacht Fänge gewachsen sind, lass ich ihm einen Maulkorb schmieden.«
Vynsu drehte den Arm und blickte hinab auf die blasse Narbe an seinem Muskel, wo Desith ihn vor Jahren die Zähne hineingeschlagen hatte. Vynsu hatte Desith festgehalten, damit er nicht in einen Streit hineinrannte, der zwischen Derrick und einer wütenden Meute anderer Barbaren entflammt war, woraufhin Desith Vynsu gebissen hatte, damit er ihn losließ.
Keine Löcher, nur der Abdruck eines menschlichen Gebisses. Er schüttelte den Kopf. »Desith ist kein Luzianer, auch wenn ihr Blut durch seine Adern fließt.«
»Nur weil er keine Fänge hat, heißt das nicht, dass er nicht ihre Robustheit besitzt«, warf Jori ein und wollte blind nach seinem Becher greifen, der jedoch wieder in Bragis Obhut gelandet war. Er strafte den Dieb mit einem bösen Blick, der von Bragi gekonnt ignoriert wurde, während er Joris Met trank.
Vala lehnte sich auf den Tisch und nickte. »Genau. Und selbst wenn, wer weiß davon? Richtig, niemand! Die Leute wollen eine Erklärung dafür, dass er so schnell gesundet, also geben wir ihnen eine, die sie nicht in Furcht versetzt.« Ihre mondsilbrigen Augen sahen Vynsu ernst an. »Wenn er allerdingst nicht der ist, für den wir ihn halten…«
»Er ist immer noch Desith«, unterbrach Vynsu sie gleich und sah ihr ins Gesicht, hielt ihrem strengen, forschenden Blick so lange stand, bis sie seufzend nachgab.
»Wir kennen ihn nur vom Hörensagen, Vynsu, wir müssen auf dein Wort vertrauen.«
»Ich kenne ihn und wüsste es, wenn etwas mit ihm nicht stimmen würde. Außerdem hat meine Mutter ihn untersucht, sein Geist ist frei. Zwar kann sie fremde Magie in ihm spüren, aber diese ist nicht dunkel. Vermutlich nur ein Hauch der Macht, die er in Zadest bekämpft hat.«
Das machte seine Kameraden nicht glücklich, aber zumindest beruhigte er damit ihre Sorgen, dass Desith wirklich von irgendetwas Bösem besessen sein könnte.
Dass er von Dämonen sprach, behielt Vynsu bewusst für sich, er wollte seine Kameraden nicht verunsichern.
»Frisst das Tier jetzt wirklich den ganzen Teller allein auf?«, murmelte Bragi irgendwann und durchbrach die Stille am Tisch, die nur von gelegentlichem Schlürfen und Schmatzen aus Ruriks Mund durchbrochen worden war.
Jori verzog genervt den Mund und winkte einer Dienstmagd. Er bedeutete ihr stumm, die Teller aufzufüllen, und das Mädchen machte sich umgehend auf den Weg in das nebenanliegende Küchenzelt. Söldner waren in Carapuhr sehr geschätzt und wurden wie Adelige behandelt, bekamen überall Essen, Trinken und einen Schlafplatz umsonst.
Vynsus Augen folgten dem wiegenden Gang des Mädchens, sie hatte ein gebärfreudiges Becken, und trotz ausladendem, dreckigem Rock, um den eine Schürze gebunden war, konnte er ihren prallen Hintern ausmachen, der sich gegen den Stoff auflehnte. Sie schien zu zierlich für so einen breiten Arsch, aber seine Libido erwachte unversehens. Gleichdarauf spürte er die Schwere seines Eherings am Finger und wandte schleunigst den Blick ab. Nicht, dass er sich schuldig gefühlt hätte, es war vielmehr die Furcht davor, er könnte sein Versprechen vergessen. Er wollte nicht seine Pflicht vernachlässigen, und keine feurige, neue Liebschaft sollte ihn davon abhalten oder gar Grund dafür sein, dass er sie nicht mehr für wichtig erachtete.
Noch immer starrte Bragi sehnsüchtig auf den sich leerenden Teller.
»Was sabberst du mich so an?«, brummte Rurik, ohne aufzusehen, er griff zu seinem Becher und trank den Met so gierig, dass er ihm über den Bart rann und auf sein Lederharnisch tropfte.
»Ich sabbere das Fleisch auf deinem Teller an, sonst nichts … Außer vielleicht das Fleisch zwischen Joris Beinen…«
Ruckartig zog Jori den Schenkel weg, als Bragis Hand unter dem Tisch darüber streifte. Bragi lachte dreckig, und Jori versuchte, sich gelassen zu geben, obwohl seine Wangen rot schimmerten und er den Kopf einzog, als wünschte er sich, der Erdboden würde sich um ihn herum auftun und ihn unversehens verschlingen.
Rurik stellte lautstark den Becher ab und rülpste. »Schau wo anders hin, du Galgenstrick, sonst fresse ich als nächstes dich.«
Unsicher blickte Bragi in die Runde. »Wie meint er das?«
»Weißt du es nicht?« Vala grinste breit, als sie ihr jüngstes Söldnermitglied aufklärte. »Rurik stammt aus dem tiefen Norden, aus einem Volk hoch in den Bergen Carapuhrs. Und manchmal sind sie wegen des Eises und Schnees jahrelang von den Städten und Völkern im Tal abgeschnitten. Ist nicht ungewöhnlich, dass sie da oben auch mal Menschen essen. Ganz und gar nicht ungewöhnlich. Stimmt´s, Rurik?«
»Der Stärkste überlebt«, murmelte Rurik zufrieden und schob sich mehr Essen in den Mund.
Bragi starrte Vala an, wartete darauf, dass sie lachte, aber Vala zuckte nur mit den Achseln und verbarg ihr Grinsen in ihrem Becher, den sie eilig zum Mund führte. Fassungslos sah Bragi Jori an, auch dieser zog nur die Achseln hoch. Nach einem letzten Blick hinüber zu Rurik, der dem verdutzten Dieb zuzwinkerte und sich die vom Essen glänzenden Lippen leckte, verkroch sich Bragi hinter Jori, rutschte fast von der Bank, um sich zu verstecken und klammerte sich an dessen Arm.
»Jori, hilf mir«, fiepte er. »Lass nicht zu, dass der Bär deine holde Maid frisst.«
Sie lachten alle über den Vokativus.
Kopfschüttelnd winkte Vynsu einem Mädchen, die zwei Krüge Met durch das Zelt trug, und lächelte in sich hinein: »Ihr seid solche Faxenmacher.«
*~*~*
Eine Magd balancierte einen hohen Turm schmutziges Geschirr auf ihren dünnen Armen durch die Zeltreihen. »Wartet, ich helfe Euch!« Vynsu eilte ihr zur Hilfe und nahm ihr ungefragt die Last ab. Sie errötete und strich die dunklen Strähnen aus dem schmutzigen Gesicht, die sich aus dem Geflecht ihrer streng nach oben gewickelten Haaren gelöst hatten.
»Das ist nicht nötig, Prinz Vynsu…«
Und ob das nötig war, er konnte es nicht mit ansehen, wenn sich so zierliche Geschöpfe zu Tode schufteten, auch wenn er wusste, dass er nicht immer da sein konnte, um jeder einzelnen gerade erst erblühten Magd die Arbeit abzunehmen.
Er trug für sie das Geschirr zu den Fässern mit dem Wasser für den Abwasch, der Regen hatte aufgehört, Feuchtigkeit tropfte von den Zelten und die Wege waren nass, sodass jeder Schritt feucht klang. Sie sprach nicht mit ihm, lächelte aber schüchtern und lief errötet neben ihm her. Sie war jung und lieblich, wäre eine wohltuende Abwechslung, aber nachdem er ihr geholfen hatte, ließ er sie enttäuscht bei ihrer einfachen Arbeit zurück.
Vor einigen Jahren hätte er sie vermutlich ohne zu zögern auf die Fässer gehievt und sie genommen, bis sie vor Wonne geschrien hätte, aber er war schon lange nicht mehr dieser ungestüme Junge, der sich die Hörner abstoßen musste und einem wahnsinnigen Onkel nacheiferte, weil er dessen Erbe hatte werden sollen.
Bevor er sich schlafen legte, besuchte er noch einmal Desiths Zelt. Seine Mutter war dort und kommandierte gerade mit ihrer liebevollen Strenge einen Kohlenjungen herum, der ihrer Meinung nach die Feuerschalen nicht genügend befüllt hatte.
Das arme Kerlchen kroch ihr vor Verlegenheit halb vor die Füße, Vynsu glaubte, dass er gar nicht in die Schalen hatte sehen können, da er zu klein war. Seine Mutter seufzte und ging vor dem Burschen in die Hocke. »Verzeih, eine alte Frau wie ich kann manchmal unverschämt launisch sein, wenn sie störrische Pfleglinge zu umsorgen hat.« Sie nahm den Eimer mit der Kohle und wollte die Schalen selbst befüllen.
»Du bist nicht alt«, sagte Vynsu, als er eintrat. Die Anwesenden sahen überrascht auf. Er ging auf seine Mutter zu, legte dem Kohlenjungen eine Hand auf die Schulter, und nahm seiner Mutter dann den schweren, heißen Eimer ab. »Aber trotzdem solltest du nicht so schwer heben.«
»Ich habe jahrelang dich herumgetragen, mein Sohn, und du warst gewiss kein zierliches Kind.« Doch sie ließ mit einem Lächeln zu, dass er ihr die Arbeit abnahm. Dann wandte sie sich an den verschreckten Jungen. »Nun komm her, steh auf. Sieh dich an, du bist ganz schmutzig und deine Hand sieht verschrammt aus.«
»Vergebung, Herrin Karrah.«
»Dafür, dass du verletzt bist?« Sie bedachte ihn mit einem gutmütterlichen Lächeln. »Vergib mir, dass ich mein Gift an dich versprühte, es galt jemand anderem.« Ihre Augen zuckten zum Bett, aber Desith schlief tief und fest. »Setz dich, Junge, wir kümmern uns um deine Hand.«
Sie ließ keine Wiederworte zu und verband die blutigen, verkrusteten Knöchel des Jungen, der sich Vynsus Ansicht nach erst kürzlich geprügelt hatte.
Während seine Mutter zu Werke war, füllte er sämtliche Schalen im Zeltinneren und spürte, wie es noch wärmer wurde als es ohnehin schon war, aber für Desith war Hitze in diesen Tagen gut, er sollte alle verbliebenen Krankheiten einfach ausschwitzen.
Als Vynsu fertig war, hatte der Kohlenjunge eine verbundene Hand und ein sauberes Gesicht, er trug ein Lächeln auf den Lippen, als er mit seinem Eimer weiterzog.
Vynsu schüttelte den Kopf, als sie allein waren. »Du könntest hundert Jahre alt sein, die Burschen würden dir trotzdem nachgeifern.«
Lächelnd tätschelte sie ihm die Wange. Sie hatte leider nicht den Hauch einer Ahnung, wie es war, mit einer so attraktiven Mutter aufzuwachsen. Er konnte gar nicht mehr zählen, wie oft er sich geprügelt hatte, weil irgendjemand etwas Schmutziges über sie gesagt hatte. Das ließ er nicht zu, auch heute noch nicht, seine Mutter war ihm heilig.
Er drehte sich zu Desith um, der auf dem Bauch lag und leise schnarchte, feiner, roter Flaum hatte sich Fleckenhaft über seine Wangen ausgebreitet. Er war etwa ein Jahr jünger als Vynsu, besaß aber den Bartwuchs eines Halbstarken. Amüsanter Weise konnte Vynsu auch auf seinem Rücken fleckenweise weichen Flaum ausmachen, was Desith zu einer Art rotem Werwolf machte.
Er schmunzelte über seinen eigenen Scherz.
»Was hat er getan?«, fragte er seine Mutter, die sich daran machte, alte Verbände zu waschen, nachdem sie einen Kessel mit heißem Wasser von der in den Boden gegrabenen Esse gehievt hatte.
»Störrischer Bengel«, knurrte sie, »ist aufgestanden, um sich zu erleichtern, statt auf mich zu warten. Ist mir umgekippt und hat sich die Stirn angeschlagen.«
Vynsu stand über Desith und strich eine feurige Strähne aus seiner Stirn, der Kopfverband war vor einem Tag entfernt worden, die Naht zeigte Schorf und wirkte beinahe vollständig geheilt. Darunter konnte er eine leichte, rote Beule erkennen, und schüttelte den Kopf.
»Er ist stur.« Dann sah er seine Mutter entschuldigend an. »Und es ist ihm peinlich, sich vor dir zu erleichtern. Er wartet lieber auf mich.«
Sie grunzte abfällig. »Ich bin seine Heilerin, er sollte sich daran erinnern.«
»Du bist aber auch eine berühmte Frau«, warf er schmunzelnd ein, »und einschüchternd obendrein.«
Sie wirbelte mit einem hocherhobenen Kochlöffel zu ihm herum. »Ich bin nicht ein…«
Er zog eine Augenbraue hoch. Sie verstummte und starrte auf den drohend erhobenen Löffel in ihrer Hand. Dann nahm sie eilig den Arm runter und drehte sich grunzend wieder um.
Vynsus brummige, schnaubende Art hatte er jedenfalls nicht von seinem Vater geerbt, seine Mutter war bewandert darin, ein ganzes Gespräch nur mit abfälligen oder nachdenklichen Lauten zu führen.
Und sie war ihm eine gute Lehrerin gewesen.
»Aber vor dir ist es ihm nicht peinlich?« Sie schüttelte ratlos ihren klugen Kopf. »Versteh einer diese Männer, können vor einander rülpsen, furzen und scheißen wie Rindviecher, aber kommt eine Frau um die Ecke, petzen sie jegliche Körperöffnungen zusammen. Als Heilerin hat man es wahrlich nicht einfach.«
Er lächelte über sie, blickte aber dann wieder nachdenklich auf Desith herab, sodass das Schmunzeln auf seinen Lippen erstarb.
»Die Leute reden über ihn.«
»Natürlich tun sie das«, stimmte sie zu, »er ist … Besonders.«
»Gefährlich?«, hakte er leise nach, denn in diesem Lager hatten die Zelte Ohren.
Sie lachte leise, glockenhaft. »Nicht mehr, als er es schon immer war.« Sie trat mit einer Waschschale neben ihn und reichte sie ihm. »Würdest du ihn für mich waschen, vor mir will er die Felle nicht lüften.«
Vynsu nahm die Schale, aber er hielt sie zunächst nur fest. Es war ihm nicht peinlich, einen Kranken zu waschen, als Kind hatte er seiner Mutter oft mit ihren Schützlingen geholfen, hatte Verletzte und Kranke und Alte gesäubert, auch an den unmöglichsten Stellen, es fiel ihm nicht schwer, solche Dinge zu verrichten. Und sie hatte ihn gelehrt, dass es niemals unangenehm sein konnte, jemandem in Not zu helfen. Oder einfache Arbeit zu verrichten.
»Danke.« Sie wandte sich wieder ab, die Rabenfedern ihres Kleides raschelten leise.
Vynsu kratzte sich mit dem Daumen über die Stirn, die Waschschale dampfte und fühlte sich heiß an. »Er … er sprach über Dämonen«, erzählte er ihr.
Sie stand schon wieder an ihrem Kräutertisch und drehte mit gerunzelter Stirn das Gesicht über die schmale Schulter. »Hat er geträumt?«
Vynsu schüttelte den Kopf. »Nein.« Und dann erzählte er ihr von der Nacht, als Desith scheinbar verschwunden war und wie aus dem Nichts wiederauftauchte, wie er erwacht war und was er über die Dämonen gesagt hatte.
»Dämonen?«, wiederholte sie und band sich eine Schürze um die schmale Taille. »Völlig unmöglich. Diejenigen, die nicht vernichtet wurden, wurden in die Unterwelt verbannt, und diese ist – wie wir selbst überprüft haben – seitdem schließen des Portals von uns abgeschnitten. Die Dämonen ruhen ohnehin. Sie können nicht erwachen, wenn Zazar es nicht erlaubt, und Zazar hat die Unterwelt von unserer Welt abgeschnitten, um den Riss zu schließen, den das Portal verursacht hat.«
Vynsu rieb sich die schmerzende Schläfe. »Ich komme da nicht mit, Mutter.«
»Verzeih«, entschuldigte sie sich und winkte ab, um sich wieder ihren Kräutern zu widmen, die sie für einen Aufguss und eine Salbe vorbereitete. »Was immer er zu sehen glaubte, kann nicht Wirklichkeit gewesen sein. Es gibt keine Dämonen mehr diesseits der Leere. Vermutlich hat er geträumt, so wie du geträumt hast, er wäre plötzlich fort.«
»Hm.«
Vynsu kniete sich neben Desith und zog die Felle von dessen Leib, dann griff er in die Schale, fischte das durchnässte Tuch heraus und drückte es aus. Wasser plätscherte im stillen Zelt.
»Ich glaube ihm«, sagte er, als er Desiths Rücken wusch. »Er klang nicht wie im Wahn.«
Seine Mutter schwieg, ihre Stirn war in Falten gelegt, während sie nach einem Bund getrocknetem Thymian griff und mit einem Dolch etwas davon abschnitt. »Nun ja, Halbdämonen vielleicht. Oder Zauberer. Die Gerüchte über das Portal und den verschwundenen Sohn von … Desiderius.« Sie stockte immer bei diesem Namen, flüsterte ihn nur traurig, obwohl Jahre vergangen waren seit König Desiderius – einer ihrer Ziehväter – gefallen war. »Diese Bänder könnten tatsächlich etwas bedeuten, vielleicht ein neuer Kult, der auf der Suche nach dieser neuen Macht ist. Am besten, wir hoffen, dass wir diesen Fanatikern niemals begegnen.«
Auf einmal war Vynsu froh, dass sie nicht mehr in Zadest waren, um nach Derrick zu suchen. Wenn sich da Kulte von Magiern herumtrieben, um nach fremder Magie zu suchen, wollte er nicht zwischen die Fronten geraten.
»Es heißt unter uns Hexen, Prinz Sarsar hätte ein Loch zwischen den Welten gefunden«, fuhr seine Mutter leise fort, »einige beten es an, nennen es das göttliche Nichts, und wollen es finden, um seine Macht zu erlangen.«
»Der Dschungel knistert vor Magie«, berichtete Vynsu ihr leise. Er gelangte gerade von Desiths Rücken zu dessen unteren Regionen und hörte ihn im Schlaf wohlig stöhnen. Seine Lider flackerten, vermutlich würde er bald aufwachen. »Mutter, ich … habe wieder geträumt.«
Sie sah ihn aufmerksam an.
Er konnte ihren Blick nicht erwidern.
»Immer wieder derselbe Traum«, erklärte er und faltete das nasse Tuch. »Seit dem Moment, da wir aufbrachen, um Derrick und Desith zu suchen, träume ich von Lohna. Sie steht auf dem Eis und deutet in eine Richtung, dann sehe ich Desith, er liegt in den Armen seines Mörders.«
Er spürte lange ihren forschenden Blick auf sich, aber auch ihre mütterliche Wärme. Trotzdem wollte er nicht aufsehen.
Sie ließ alles stehen und liegen und kniete sich mit raschelnden Röcken neben ihn. Zärtlich strich sie ihm über den Hinterkopf, er genoss ihre Zuneigung. »Das bedeutet etwas, Vynsu. Verschließ dich nicht vor diesen Visionen. Aber denke auch daran, dass dein Verstand dir Streiche spielt. Es ist nicht wirklich Lohna, die du siehst, es ist dein Gewissen, das dich quält.«
»Wenn der Tod zu mir spricht, bedeutet es, dass er kommt?«, hakte er nach und sah sie endlich an.
Trauer und Bedauern standen in ihrem violetten Blick, sie legte den Kopf schief und seufzte. »Ich fürchte, ja. Der Tod versäumt nie, ungelegen aufzutreten, mein Sohn. Aber selten zeigt er uns, wen er wirklich holen will.«
Kapitel 7
Es war seltsam, wie schnell sich der Verstand an Dinge gewöhnen konnte. Desith hatte Vynsus Schnarchen in der allerersten Nacht als störend empfunden, doch in den letzten Wochen waren diese gegrummelten Laute seine Einschlafhilfe gewesen, wann immer er nachts aufgewacht war und die Gedanken um Derrick, um Dämonen, um die Zeit im Dschungel und die ungewisse Zukunft gewälzt hatte, hatte Vynsus Schnarchen ihn wieder eingeschläfert. Es war immer beständig, gleichmäßig, wurde nicht von plötzlich lauten Grunzern durchbrochen, es war mehr ein tiefes, zufriedenes Grollen, das es Desith leicht gemacht hatte, sich nur darauf zu konzentrieren und zu dem gewohnten Rhythmus einzuschlafen, ähnlich als ob er Schäfchen gezählt hätte.
Nun, da es plötzlich fehlte, war die Stille wie ein Weckruf.
Er blinzelte, es war ruhig im Zelt, aber er war nicht allein, Vynsu schlief jedoch nicht.
»Du bist wach«, stellte er fest, ohne von dem Zaumzeug aufzusehen, das er mit liebevoller Hingabe einschmierte, bis es geschmeidig im Kerzenschein glänzte. Das Fett, das er benutzte, kitzelte Desith zugleich in der Nase und weckte eine Erinnerung in seinem Kopf. Ein leichtes, flüchtiges Ziehen im Unterleib folgte. Dieses Fett hatten er und Derrick in so manchen Nächten auch für andere Dinge benutzt.
»Du auch«, stellte er fest und drehte sich auf den Rücken. Die Verbrennungen spannten noch und der Arm fühlte sich kalt an, fast fremd, aber allmählich gewöhnte er sich an das Gefühl. »Wie spät ist es?«, wollte er wissen und ließ den Arm auf der Stirn liegen.
»Kurz nach Abenddämmerung«, antwortete Vynsu von seinem Stuhl aus, er klang in seine Arbeit versunken. »Zeit für deinen Schlaftrunk, würde ich sagen.«
Desith schielte zu ihm rüber. »Muss ich wirklich noch mehr schlafen, oder meidest du nur ein Gespräch mit mir?« Obwohl er solange im Reich der Träume verweilt hatte, fühlte es sich nicht fremd an, zu sprechen, allerdings hörte er seiner eigenen Stimme an, dass sie schwach und kratzig klang.
Vynsus braune Augen schielten zu ihm herüber, die violetten Sprenkel darin funkelten wie Edelsteinsplitter. »Du musst ruhen«, erwiderte er schlicht.
Desith entgegnete: »Ich fühle mich gut.« Ihm war nicht mehr schwindelig, zumindest solange er lag, er fühlte sich nicht mehr wie erschlagen, seine Wunden waren nur noch ein entferntes Pochen, das Fieber hatte sich gelegt. Zwar spürte er eine gewisse Schwäche in Zehen und Fingern kribbeln, aber sein Geist wurde mit jedem Augenblick wacher und wacher und suchte nach einer Beschäftigung. Sein Körper war vielleicht noch dabei zu heilen, aber sein Verstand war hellwach – und seinen Gedanken wurde langweilig.
Vynsu stand nicht direkt auf, er schien zuerst das alte Lederzaumzeug fertig einfetten zu wollen, dabei war er still und wirkte abwesend. Desith drehte den Kopf und betrachtete den Prinzen von Carapuhr eingehend. Die letzten Male, als er aufgewacht war, hatte er mehr und mehr die Veränderung an Vynsu wahrgenommen. Sie waren unübersehbar, aber das hatte er in seinem verwundeten, halbtoten Zustand nicht bewusst aufgefasst, er hatte nur gesehen, was ihm vertraut vorgekommen war, die Augen und die Stimme. Vynsu war größer geworden, männlicher, muskulöser, hünenhafter … älter. Wie alt? Desith hätte ihn zwischen fünfundzwanzig und siebenundzwanzig Sommer geschätzt. Was unmöglich war, denn das würde bedeuten, er selbst wäre mittlerweile ebenfalls mehr als zwanzig Sommer alt. Das wiederrum würde die Frage aufwerfen, wie viele Jahre er mit Derrick im Dschungel vergeudet hatte, aber diese Frage schob er weit nach hinten, sie konnte warten. Warten bis zu dem Moment, da er von selbst aufstehen und dieses Zelt verlassen konnte, wenn er hinaus in die Welt trat und herausfinden musste, wie sein Leben weiter gehen sollte. Ohne Derrick.
Er verscheuchte die düsteren Überlegungen, ignorierte das Ziehen in seinem Herzen und drehte sich auf die Seite. Vynsu schien sich seiner Blicke bewusst, aber sie machten ihn nicht nervös, er fettete das Leder ein, als wäre er allein.
»Du trägst das Haar anders«, stellte er leise fest.
»Und du deines wie immer.« Der Barbarenprinz sah nicht auf.
Vynsus violette Strähnen waren etwas dunkler als damals, sie erinnerten jetzt mehr an reife Auberginen. Es war gewachsen und er trug es zu einem langen, geflochtenen Zopf, der ihm bis zur Mitte seines breiten Rücken reichte, allerdings war sein Schädel an den Seiten und im Nacken kahlgeschoren, sodass er quasi nur den violetten Kamm hatte wachsen lassen. Auf seinen markanten Zügen breitete sich der Schatten eines dunklen Bartes aus, aber er trug keinen Vollbart, es wirkte viel mehr so, als habe er seine Rasur vernachlässigt. Sein Leib wurde von einem einfachen, braunen Lederhemd mit offener Schnürung verhüllt, ebenso von einer robusten Lederhose und Reitstiefel, nichts an ihm sah adelig oder gar prinzenhaft aus. Diese Bescheidenheit hatte Desith an den Barbaren immer schon gemocht, ihren Sinn für das praktische und einfache Leben. Er selbst war in dem sprichwörtlichen goldenen Käfig aufgezogen worden.
Vynsus Augen zogen Desith immer wieder an, sie hatten sich stark verändert. Wobei, es war mehr der Blick, der sich gewandelt hatte. Früher hatte eine gewisse Wildheit in seiner Miene gestanden, heute wirkte er sehr ernst. Aber das konnte auch nur täuschen. Die restlichen Züge waren ihm jedoch sehr vertraut, das breite Kinn und die wulstige Stirn, die markante Nase, der perfekte Abstand zwischen den großen Augen, die langen, dunklen Wimpern, die sie umrandeten, und die regelrecht geschwollenen, dicken Lippen.
Die einschlägigste Veränderung, die Desith auffiel, war ohnehin nichts Körperliches. Es war etwas Materielles. Der Ring an Vynsus Finger.
Desith erinnerte sich, dass der Ring in Carapuhr ein Zeichen dafür war, dass ein Mann oder eine Frau bereits vermählt waren. Und da fiel ihm auch wieder ein, dass sein Vater ihm mitgeteilt hatte – damals, bevor er mit Derrick in Zadest zurückgeblieben war – dass Desiths geliebte Schwester dem Prinzen von Carapuhr versprochen worden war.
Hatte er die Vermählung verpasst?
Das würde sie ihm niemals verzeihen.
»Wie geht es meiner Schwester?«, fragte er geradeheraus. Und als Vynsu ihn überrascht ansah, lächelte er wissend. »Sie ist etwas verwöhnt, nicht wahr? War sie wütend, weil ich nicht bei der Vermählungsfeier dabei war? Ist sie hier?«
Vynsu schienen die Fragen für einen Moment die Sprache zu verschlagen, er starrte einfach zurück, fast wie zu Eis erstarrt, seine dicken Lippen standen leicht offen.
»Vyn?« Desith kräuselte die Nase. »Du schaust mich an, als wäre mir ein Horn aus der Stirn gewachsen.« Zur Sicherheit tastete er seinen Kopf mit einer Hand ab, aber bis auf eine verschorfte Wunde fühlte er nichts.
Vynsu blinzelte sich zurück in die Gegenwart. »Ich…« Er schüttelte den Kopf und senkte den Blick auf das Zaumzeug. »Entschuldige, und nein, sie war nicht wütend, sie war… Das Fest hat sie verängstigt, aber ich … ich war gut zu ihr, keine Sorge.«
Das konnte er nicht wirklich glauben, er hatte Vynsu mit anderen Mädchen gesehen, aber er wollte in diesem Moment nicht darüber nachdenken, wie Vynsu mit Lohna die Ehe vollzogen hatte. Er würde ihm später noch androhen, sie besser gut zu behandeln, wenn ihm sein Leben lieb war. Später, wenn er wieder aufstehen konnte. Ansonsten fürchtete er, dass er nicht sehr glaubwürdig klingen würde.
»Ist sie hier?« Desiths Brust füllte sich mit warmer, strahlender Hoffnung, er wollte so gerne jemanden aus seiner Familie sehen. Vor allem seine geliebte Schwester, mit ihr verband er immerhin seine Kindheit, seine Heimat. Die erste Liebe – abgesehen von jener für seine Mutter – die er gekannt hatte.
Vynsu räusperte sich. »Nein, sie ist leider nicht hier.«
Desiths Hoffnung erlosch und er ließ sich erschöpft zurück auf die Felle fallen. »Oh…« Er verstummte und Schweigen erfüllte das Zeltinnere, dehnte sich wie eine tiefe Kluft zwischen ihnen auf.
»Du klingst sehr … erholt, für jemanden, der die letzten Tage nur geschlafen hat«, erhob Vynsu irgendwann die Stimme.
Desith sah ihn mit einem undurchdringbaren Blick an. »Vielleicht gerade deshalb, ich fühle mich mehr als ausgeschlafen. Zumindest was meinen klaren Verstand angeht.«
Vynsu nickte bedächtig. Er war fertig mit dem Zaumzeug und hing es an die Stuhllehne, dann klatschte er die Hände auf die Schenkel und sah Desith durchdringend an. »Wir sollten über Derrick reden.«
Desith drehte das Gesicht zur Decke und erwiderte leise: »Ich will nicht über Rick reden.« Allein an ihn zu denken zerriss ihm die Eingeweide. Dabei wusste er immer noch nicht ob er traurig oder wütend war.
»Warum seid ihr vom Turm weggegangen? Habt ihr Sarsar gefunden? Seine Überreste? Irgendetwas? Was hat euch von den Trümmern fortgelockt?«
Sie hatten gedacht, sie hätten ihn gespürt. Sarsar. Nun ja, Rick hatte es gedacht und war dem Gefühl gefolgt, mitten rein in den Dschungel.
Desith bemerkte, wie ihm die Kehle trocken wurde, seine Sicht verschwamm und er wollte die Erinnerungen abschütteln. »Er folgte dem Ruf der Freiheit. Dem Drachenruf.« Das war alles, was er verriet. »Er konnte sich nicht dagegen wehren und er wollte sich nicht mehr zurückverwandeln. Ich habe ihn gesucht, ihn angefleht, immer wieder aufs Neue. Aber er wollte mich nur fressen. Immer wieder nur… fressen.«
Etwas kitzelte seine Wange und er wischte die entflohene Träne fort. Dann schluckte er und kämpfte seine Gefühle nieder, er bleckte die Zähne. »Er will nicht zurückkommen, Vyn. Er will einfach nicht.«
Daraufhin herrschte langes Schweigen.
»Weißt du, dass du hättest sterben müssen?« Ein Raunen voller Unbehagen.
Desith drehte das Gesicht zu Vynsu um und blinzelte ihn an. Ein Stich aus purer Angst zog ihm durchs Herz, aber das ließ er sich nicht ansehen. Er schluckte das Gefühl herunter. »Nein«, antwortete er. »Aber hätte ich wirklich sterben müssen, wäre ich wohl tot.«
»Keine Ahnung.« Vynsu wirkte ratlos, das machte Desith stutzig. Seufzend fuhr der Barbar sich über den violetten Kamm. »Du hattest schwerwiegende Vergiftungen von totbringenden Baumschlangen, Desith. Du wurdest verbrannt, dein Kopf stand offen, du…« Er unterbrach sich und sah zu Boden, rang nach Beherrschung.
Desith senkte ebenfalls den Blick, sein Mund stand offen. Er hatte nicht ahnen können, wie schlecht es um ihn gestanden hatte.
»Du hattest Fieber, Parasiten und Anzeichen von Schwindsucht, du bist unterernährt«, fuhr Vynsu bedächtiger fort, dann schüttelte er wieder den Kopf, als verstünde er die Welt nicht mehr. »Weißt du, wie viele Tage vergangen sind, seit wir dich gefunden haben?«
Desith blickte ihm ins Gesicht und schüttelte stumm den Kopf.
Bedauern lag in Vynsus Blick. »Siebenundzwanzig Tage«, betonte er.
Das überraschte Desith nun doch, die Zeit bei Vynsu war ihm nicht länger als eine oder vielleicht auch zwei Wochen vorgekommen.
»Die Leute haben Angst«, flüsterte Vynsu unheilvoll. Desith starrte ihn wieder an. »Vor dir«, bestätigte er und sah dabei aus, als wüsste er selbst nicht, ob er sich fürchten sollte. »Weil du… tot sein müsstest. Oder zumindest dich unter Qualen winden müsstest. Desith… du hast das Gift einfach so aufgenommen, als wäre es Wasser. Deine Brüche wuchsen quasi über Nacht zusammen, das Loch in deinem Kopf heilt viel schneller, als es möglich sein dürfte. Das ist alles … alles sehr seltsam. Und ich … ich will wissen …« Er hielt für die Dauer eines Seufzens inne, danach sprach er gefestigt weiter. »Desith, was ist da draußen passiert? Ich weiß, du bist immer noch du, ich sehe es vor mir, und doch ist es, als hätte sich dein Innerstes verändert.«
Desith rieb sich unwillkürlich über die Brust, während sich seine Gedanken überschlugen. Die Erinnerungen waren so lebhaft, als wären sie erst gestern dort unten im Turm gewesen. Dieser Schmerz, als Sarsar die fremde Magie aus dem Riss auf sie alle übertrug, das Gefühl, innerlich zu verbrennen, Lava zu trinken und zu Lava zu werden. Als er sich daran erinnerte, konnte er das Siegel fühlen, das Sarsar in ihnen allen hinterlassen hatte. Das Siegel, das die fremde Magie in ihnen einschloss, wie in einer sterblichen Truhe.
Desith war kein Magier, er trug keinen Funken Magie in sich, konnte sie nicht anwenden. Place hatte sie gewarnt, dass die fremde Macht sie verändern könnte, selbst wenn sie gebannt war.
Für einen kurzen Schreckmoment hatte er befürchtet, die fremde Macht könnte irgendwie durch seine Verletzungen befreit worden sein. Aber das Siegel war unbeschädigt, die Magie in ihm verschlossen, das konnte er ganz deutlich spüren. Wäre sie es nicht, wären alle anderen, die mit ihm dort im Turm gewesen waren, gezwungen gewesen, ihn zu töten. Das hatten sie sich damals geschworen. Und sie hätten es gespürt, wären bereits auf dem Weg hier her. Sie konnten ihn spüren, über alle Gewässer hinweg, so wie er sie in seinem Geist spürte.
Und so wie er spürte, wie die fremde Macht sich in ihm bewegte, wie eine weiße Katze, die es sich auf dem eigenen Kopfkissen bequem machte, nachdem man aufgestanden ist. Die Magie, die ihn heilte, weil er ihr Wirt war.
Er spürte sie in sich, als wäre sie ein neudazugekommenes Organ, wie ein Stück warmer Kuchen, der im Bauch lag. Sie war so präsent, wie der Widerhall all ihrer Splitter, die auf seine Kameraden verteilt worden waren. Sie war einfach da, und er war ihr Hüter, ihr Haus. Sie musste ihn repariert haben.
»Von diesem Moment an sind wir alle Brüder.« Das hatte Sarsar gesagt, bevor sie geflohen und er in den Trümmern zurückgeblieben war. Heute erst verstand Desith, was er gemeint hatte.
Brüder. Eine Gemeinschaft, die etwas Gefährliches hütete.
Desith sah Vynsu wieder an, der angespannt auf eine Erklärung wartete. Er atmete vernehmbar aus und legte sich zurück in die Kissen. »Ich weiß es nicht«, log er, »vielleicht ist es das luzianische Blut.«
Vynsu glaubte ihm nicht, er verengte die Augen und starrte ihn an, als wollte er ihn aufspießen und in ihm bohren, bis er ihm die Wahrheit sagte. Doch er stand nicht von seinem Stuhl auf.
»Ich bin keine Hexe, Vyn«, verteidigte er sich, »frag doch deine Mutter. Wenn sie es nicht weiß, warum sollte ich es dann wissen?«
Noch immer lag Vynsus eindringlicher, wissender Blick auf ihm, aber er gab diesem nicht nach, starrte einfach ernst zurück. Er konnte vielleicht nicht aufstehen, aber er würde nicht nachgeben.
Schluck es, dachte er bei sich, oder lass es bleiben, mehr wirst du nicht von mir bekommen.
So vergingen einige Augenblicke, sie starrten sich einfach an, wohlwissend, dass Desith etwas verbarg. Sie wussten es beide.
Schließlich gab Vynsu nach, er atmete aus und lehnte sich gegen die Stuhllehne, die unter seinem Gewicht einen knarzenden Protest von sich gab. Er verschränkte die Arme vor der Brust. »Es hilft dir nicht, Desith, Geheimnisse zu hüten.«
»Manche Geheimnisse werden gehütet, weil sie gehütet werden müssen.« Er wusste nicht, wem er vertrauen konnte, er würde nicht jedem Mann, den er von früher kannte, anvertrauen, dass er eine Macht mit sich herumschleppte, mit jener jeder Bauer alle Völker und Länder dieser Welt versklaven könnte. Er war vielleicht nicht sonderlich klug, aber einfältig war er nicht.
Vynsu zog eine Augenbraue hoch, er war alles andere als angetan von Poesie. Dann grunzte er und schüttelte pikiert den Kopf. »Es ist deine Angelegenheit, ich wollte dir nur helfen. Wundere dich nicht, wenn dich alle für einen bösen Geist halten.«
»Weil ich noch lebe? Ist das nicht eher ein Zeichen göttlichen Segens?«, schmunzelte er Vynsu an.
Vynsu drehte das Gesicht zur Seite und zog die Oberlippe hoch. »Carapuhrianer gehen immer zuerst vom Schlimmsten aus.«
Das war bei solch einem launischen König vermutlich auch ratsam, aber Desith biss sich auf die Zunge, bevor er etwas laut sagte, das er bereuen würde.
Er drehte sich auf den Rücken und starrte die Zeltdecke an, sie war vergilbt, alt und verfärbt von vielen Kerzen, Fackeln und allerlei. »Wie lange?«, fragte er schließlich.
Er spürte, wie Vynsus Augen über sein Profil glitten. »Was meinst du?«
»Wie lange waren wir dort?«, fragte er befürchtend und wandte Vynsu wieder das Gesicht zu. »Im Dschungel.«
Vynsu ließ sich mit seiner Antwort Zeit. »Ihr wart bereits fünf Jahre fort, als der Großkönig beschloss, dass wir euch zurückholen, doch an der Ruine wart ihr nicht mehr, da begann die große Suche im Dschungel.« Er machte eine kurze Pause und starrte dabei seine Stiefelspitzen an. »Seit zwei Jahren verfolgen wir euch.«
Desith runzelte die Stirn.
»Sieben Jahre«, schloss Vynsu ab. »Du warst sieben Jahre im Dschungel, Desith.«
Kapitel 8
»Wo willst du hin?«
Jori kam ihm entgegen, als er die Zeltreihen verließ und auf den Unterstand der Pferde zusteuerte. Er ging langsamer, als er seinen Freund erkannte.
»Ich habe Hekkli heute Morgen schon gestriegelt«, fuhr Jori fort. »Du musst dich wieder mehr um ihn kümmern, er braucht Bewegung.«
»Das hatte ich gerade vor«, Vynsu ging weiter. »Kommst du mit?«
Jori schüttelte den Kopf. »Vala und ich haben bereits einen Ausritt unternommen, die Raubtiere im Wald machen die Pferde nervös, pass auf dich auf. Ich muss jetzt Bragi suchen.« Er deutete mit dem Daumen über die Schulter und rollte mit den Augen. »Er macht sich beim Kartenspiel Schulden und hat sich hinreißen lassen, bei einem Kampf mitzumachen. Der Gewinner bekommt einen Sack voll Silber, ich fürchte nur, unser kleiner Dieb bekommt nicht mehr als ein blaues Auge.«
Vynsu schüttelte den Kopf. »Das ist nicht dein Problem, Jori.« Du kannst nicht jeden Straßenköter retten, wollte er noch hinzufügen, verkniff es sich aber. Es war sinnlos, jemandem wie Jori zu sagen, er solle sich nicht um seine Männer kümmern.
Jori zuckte verlegen mit den Schultern. »Er ist jetzt einer von uns, wir passen aufeinander auf.« Er zwinkerte Vynsu zu und drehte sich dann um, verschwand zwischen den im Wind flackerten Planen der Zelte.
Vynsu blickte ihm nachdenklich hinterher. Er ist jetzt einer von uns, wir passen aufeinander auf. So etwas Ähnliches hatte Derrick zu ihm damals über Desith gesagt, dass er jetzt, mit dem Schwur an Melecay, zu ihnen gehöre, auch ein Barbar war, und dass er ihn als Bruder ansehen sollte. Vynsu versuchte es, aber Desith machte es ihm nicht leicht, indem er sich vor ihm verschloss. Er schnaubte und schüttelte die Gedanken ab. Er ist jetzt einer von uns.
Dann drehte auch er sich um und suchte seinen Rotfuchs aus der Reihe der Pferde heraus. Der Hengst schnaubte und scharrte mit den Hufen, als Vynsu ihn aufzäumte und sattelte.
»Ist ja gut, mein Junge, gleich kannst du rennen.«
Hekkli – der eigentlich den stolzen Namen Hekkilston trug – tänzelte bereits ungeduldig auf der Stelle, als Vynsu vor den Palisaden aufsaß. Er brauchte seinem Hengst nicht in die Flanke zu tippen, er sprintete los, sobald Vynsu die Zügel etwas lockerte.
Die Reisfelder waren feucht, mehr Sumpf als Land, Wasser peitschte auf, als er über sie galoppierte, die Gräser raschelten und allerlei Vögel stoben auf und flogen klagend davon.
Der Himmel war klar, die Luft feucht und heiß, Vynsu genoss den Wind auf dem Gesicht, während er Hekkli über die Felder in Richtung der Silhouette der Stadt im Westen trieb. Weder geriet er in Reichweite der Sichtbarkeit der Türme, noch ließ er sein Reittier wie eine leckere Versuchung für die Jaguare an den riesigen Baumreihen des Regenwaldes entlang traben, er hielt sich auf und zwischen dem Reis auf, zügelte sein Pferd, als er an kleinen Gehöften vorbeikam, nickte freundlich den spitzohrigen Bauern zu und versuchte, die Ruhe und die Zweisamkeit mit seinem Pferd zu genießen.
Allmählich war ihm in Desiths Zelt die Decke auf den Kopf gefallen, und wenn es ihm bereits so erging, wollte er sich nicht ausmalen, wie schrecklich langweilig Desith sein musste.
Seit er vor drei Tagen das erste Mal richtig erwacht war und sie sich hatten unterhalten können, gesundete er regelrecht von Atemzug zu Atemzug, Vynsu konnte quasi dabei zusehen, wie die Wunden verheilten. Die Brandnarben würde er allerdings behalten und er glaubte zu spüren, dass Desith damit nicht gut zurechtkam. Ob es daran lag, dass seine halbe Brust und sein Arm samt Schulter entstellt waren und er sich nicht mehr schön vorkam, oder schlicht an der Erinnerung, dass er diese Verletzung Derrick zu verdanken hatte, wusste Vynsu nicht und er war nicht vertraut genug mit Desith, um ihn so etwas Tiefreichendes zu fragen.
Jedenfalls hatten sie nicht mehr über Derrick gesprochen, Desith weigerte sich. Er wollte nur heim, wollte aufstehen, kämpfte gegen seine Schwäche und gesundete scheinbar durch reinen Trotz.
Er fragte nach seiner Schwester, aber Vynsu konnte es ihm nicht sagen, nicht jetzt, da er gerade erst auf dem Weg der Besserung war. Er … er wollte noch nicht Desiths Vertrauen verlieren, denn noch war er dessen Bewacher.
Aber dies würde sich bald ändern. Vynsu zügelte Hekkli auf einem sanften Hügel, der Hengst schnaubte angestrengt, seine Muskeln zuckten und das Fell unter dem Sattel war verschwitzt, trotzdem ließ sein Bewegungsdrang ihn noch immer ungeduldig tänzeln.
»Bald geht es nach Hause«, versicherte er dem Rotfuchs und beugte sich über den kräftigen Hals, um mit der Pranke lobend darüber zu fahren. »Dann wird alles wieder wie früher.«
Nun ja, fast alles.
Seufzend blickte er gen Zadest, die Dschungelwand wirkte dunkel und bedrohlich, wie sie sich im Osten auftat und eine Mauer vor Elkanasai zog. Am Abend zuvor war ein Bote ins Lager gestürmt und hatte Vynsu und seiner Mutter mitgeteilt, dass Melecay auf dem Weg hier her war. Und er brachte Derrick mit.
*~*~*
Wenn er nicht bald dieses verdammte Zelt verlassen durfte, würde er aus Frustration anfangen, für jeden weiteren sinnlos vergeudeten Tag eine Wunde in seinen Arm zu ritzen. Da fiel ihm jedoch heiß ein, dass er keine Waffen mehr besaß und verdächtiger Weise auch keine spitzen oder scharfen Gegenstände im Zelt herumlagen.
Desith saß auf der Kante seiner Liege, nachdem er sich wie auch schon in den vielen Tagen zuvor, die Beine ein wenig vertreten hatte, indem er vor seinem Lager auf und ab gewandert war. Seit etwas mehr als einer Woche konnte er aufstehen, anfangs nur für kurze Zeit, aber nachdem er wieder feste Nahrung zu sich nehmen konnte, war er von Tag zu Tag kräftiger geworden.
Eigentlich stand seiner Heimreise nichts mehr im Wege, er wollte zu seiner Familie, wollte sich allem entziehen, was ihn an Derrick erinnerte.
Zwei Jahre… So lange hatte Vynsu gesagt, hätten sie nach ihnen gesucht. Zwei Jahre, die sie vom Turm entfernt durch den Dschungel gestreift waren. Zwei Jahre, die er Rick verfolgt hatte. So lange war dieser bereits ein Drache.
Er würde nicht zurückkommen, er würde sich nicht zurückverwandeln. Er wollte nicht.
Desith blickte hinab auf seine Hände, er hatte sie nervös aneinander gerieben, sein Bein wippte. Er hatte den Drang, zu laufen, wenn nötig sogar zu Fuß bis in die Hauptstadt des Kaiserreichs, wenn Vynsu sein Versprechen nicht endlich einhielt.
Er wusste nicht, wie es nun weiter gehen sollte. Seit er als Kind Rick begegnet war und sie sich verliebt hatten, hatte es für Desith nur eine Zukunft in Carapuhr gegeben. Er hatte sich schon unter den Barbaren gesehen, er hatte schon den kalten Wind geschmeckt. Doch was sollte er noch dort ohne Rick. Einsam und allein durch den Schnee stapfen?
Er hatte zwei Jahre allein im Dschungel verbracht, und so sehr er auch die hohen Mauern und überfüllten Städte des Kaiserreichs verabscheut hatte, gerade vermisste er ihre Vertrautheit.
Zwei Jahre…
Desith drehte die Handflächen nach oben und strich abwechselnd mit dem Daumen über die Narben, die über seinen blau schimmernden Adern entlangführten.
Er hatte damals seinen Vater bestrafen wollen, hatte sich dem Käfig entziehen wollen, den dieser um ihn herum gebaut hatte, um ihn von Rick fern zu halten. Es kam ihm heute wie die dumme Tat eines trotzigen Kindes vor, aber er schämte sich nicht. Doch vielleicht waren diese Narben der Grund, weshalb Vynsu ihm keine noch so kleine Waffe in die Hand geben wollte.
Oder vermutlich war dies der Tatsache geschuldet, dass er ein Gefangener war.
Desith war nicht dumm, er spürte, dass er bewacht wurde, dass er nicht einfach gehen durfte, wohin er wollte. Und natürlich dachte er über eine Flucht nach, aber er kannte das Lager nicht, er kannte nicht die Wachzuteilung, er kannte nicht die Anordnung der Zeltreihen, kannte weder den Standort noch in welcher Richtung sich Westen befand. Sollte er flüchten wollen, musste er wenigstens das Lager kennen, dafür müsste er aus diesem Zelt raus. Aber noch ließen sie ihn hier drinnen schmoren, vermutlich mit Absicht.
Andererseits war eine Flucht vielleicht gar nicht nötig, zumindest nicht allein. Vynsu hatte ihm ein Versprechen gegeben, und Desith würde ihn daran erinnern, es einzuhalten. Vielleicht konnte ihm auch seine Schwester helfen, das wiederrum würde allerdings voraussetzen, dass sie im Lager wäre, was sie laut Vynsu nicht war.
Wie gesagt, ihm wurde langweilig, und seine Überlegungen überschlugen sich. Was sollte er sonst tun, außer zu grübeln? Die Hexe Karrah hatte ihm Bücher gebracht, doch Desith war kein Leser. Er konnte zwar lesen, aber er tat es nicht gern. Schon immer hatte er Büchern ein Schwert vorgezogen, mit dem er üben und sich bewegen konnte. Dies war einer der Gründe, weshalb sein Vater und er sich gegenseitig nur Unverständnis entgegenbrachten.
Die Wahrheit war, Desiths Vater war einer der klügsten Köpfe, die Desith kannte, er selbst war jedoch leider nicht ansatzweise so clever wie sein Vater. Das frustrierte ihn, er hatte das Gefühl, eine Schande zu sein.
Es regnete, das Trommeln der Tropfen auf dem Dach des Zeltes war ihm ein geliebter, vertrauter Laut, immerhin war er in den Regenwäldern des Kaiserreichs aufgewachsen. Der Regen wirkte beruhigend auf ihn, das Rauschen und Prasseln schmeichelte seinen Ohren und vertrieb die innere Unruhe ein wenig.
Die Plane wurde zurückgeschlagen und Vynsu streckte seinen Kopf herein, hinter ihm war der Tag grau und verregnet. Er stand gebückt, weil er für den Eingang gute zwei Köpfe zu groß war. »Komm mit«, sagte er nur und war schon wieder verschwunden.
Obwohl Desith die Gelegenheit nutzen und aufspringen wollte, um endlich aus diesem Zelt raus zu können, das ihm von Stunde zu Stunde enger zu werden schien, wandte er all seine Willenskraft auf und blieb eisern sitzen.
Nach einem Augenblick kam Vynsu zurück und beugte sich wieder in den Eingang, er sah Desith ungeduldig entgegen. »Findest du das amüsant?«
Desith nahm eine Haarsträhne und betrachtete ihre abgefressene, rote Spitze. Die Haare hatte er sich nach dem Ziehen der Fäden seiner Kopfwunde wieder hochgebunden und mit einem frischen, roten Band versehen, das Vynsu ihm mit einem gemurmelten »Dein altes ist zu verschlissen, ich dachte, du willst trotzdem ein neues« mitgebracht hatte. Seltsam, manchmal wirkte es fast so, als wäre dieser einst so großmäulige, wilde Bursche, der kein Blatt vor den Mund nahm und die Weiber mitten in der Schenke auf dem Tisch durchgenommen hatte, in Desiths Gegenwart regelrecht verlegen. Er hatte sich wirklich verändert, war ruhiger geworden. Fast besonnen.
»Desith!« Vynsu knurrte, als er ignoriert wurde. Er trat ein und ließ die Plane hinter sich zufallen, im Zeltinneren konnte er sich zu voller Größe aufrichten. »Das ist kindisch, das weißt du, oder?«
Desith sah ungerührt zu ihm auf. »Ich bin kein verdammter Untertan! Und ich gehorche nicht deinem Befehl.«
Vynsu zog auf unverschämt provokante Art seine Augenbraue in Richtung Haaransatz. »Wolltest du nicht raus?«
»Versuch es mal, indem du mich höflich bittest!«
»Ich bin auch nicht dein verdammter Untertan«, konterte er geschickt, dabei blieb er völlig ruhig, parierte mit Ruhe und Umsicht. Das machte Desith fast noch rasender. »Und jetzt komm! Du magst dich vielleicht mir verweigern, aber nicht dem Willen des Großkönigs, Desith. Beweg deinen knochigen Arsch, oder du bringst uns beide in Schwierigkeiten.«
Desith spürte, wie ihm die Kehle eng wurde, er sah zu Vynsu auf, die Farbe wich aus seinem Gesicht. Er hatte sogar überhört, dass Vynsu sein schönstes Körperteil beleidigt hatte. »Der Großkönig ist zurück?«
Vynsu nickte ernst. »Sie sind gerade erst eingetroffen.«
Das hatte der Tumult draußen zu bedeuten gehabt. Desith blickte zur Seite, starrte die Zeltwände an, als könnte er durch sie hindurchblicken.
»Komm schon«, drängte Vynsu etwas milder, trat auf ihn zu und wollte nach seinem Arm fassen.
Desith sprang auf und entzog sich seinem Griff, ehe er die Finger um seinen Oberarm hatte schließen können. »Hat er gefunden, wonach er gesucht hat?«, fragte er schneidend und ging um Vynsu herum, brachte leeren Raum zwischen sich und ihn, damit der Barbar ihn nicht einfach aus dem Zelt zerren konnte.
Plötzlich kam ihm das Innere gar nicht mehr so klein und trist vor, im Gegenteil, er wollte viel lieber hier drinnen bleiben. Noch lieber wäre ihm eine feuerfeste Unterkunft gewesen.
Vynsu ließ seufzend die breiten Schultern sinken. »Ja«, hauchte er vorsichtig. »Sie haben Derrick gefunden und hergebracht.«
Desith unterdrückte ein ängstliches Keuchen, er rieb sich die Kehle und kämpfte gegen seine aufkommende Furcht an. Sei stark, verdammt, du Feigling.
»Der Großkönig ließ nach dir schicken, damit du mit ihm sprichst«, erklärte Vynsu. »Mit Derrick!«
Desith blieb das Herz fast in der Brust stehen, er fuhr zu Vynsu herum. »Ist er… ist … ist Rick ein Mensch?« Konnte es wirklich sein, dass er sich zurückverwandelt hatte? Desith leckte sich die Lippen, er spürte Tränen in seinen Augen brennen, aber sie waren ihm gleich.
Betreten senkte Vynsu den Blick. »Deshalb wollen sie, dass du mit ihm sprichst«, antwortete er entschuldigend. »Mein Onkel glaubt, Derrick würde sich zurückverwandeln, wenn er dich sieht.«
Desith starrte ihn einen Moment lang nur an, es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis die Worte – und ihre Bedeutung – zu ihm durchdrangen. Er wollte schreien, stattdessen fing er unwillkürlich an zu lachen.
Vynsu schaute ihn stirnrunzelnd an, er verstand nicht, was auf einmal so lustig war.
»Nein!« Desith schüttelte den Kopf und wich vor Vynsu zurück, als wäre dieser auf ihn zugegangen wie ein Henker auf den Verurteilten, dabei hatte Vynsu sich nicht vom Fleck gerührt. »Niemals! Das könnt ihr vergessen!« Er lachte, während der Kloß im seinen Hals immer größer wurde und ihm die Tränen kommen wollten. »Er ist verloren, Vyn. Verloren! Das ist reine Zeitverschwendung.«
Tief durchatmend fuhr sich Vynsu über den Kopf, von der Stirn bis zum Nacken, wie er es stets tat, wenn er nicht weiterwusste. »Ich fürchte, du hast keine Wahl.«
»Ich gehe nicht«, trotzte Desith ihm, doch sein Protest klang mehr wie ein weinerliches Wimmern. Er presste die Lippen zusammen und verfluchte seine eigene Schwäche.
In Vynsus Blick schlich sich allmählich etwas Ärger. »Warum nicht? Ich meine … es geht um Rick, Desith! Um Rick, verdammte Scheiße. Ich weiß nicht, was im Dschungel passiert ist, du willst nicht darüber reden. Er hat versucht, dich zu fressen? Fein, das würde mich auch wütend machen, aber du weißt auch, dass er gerade nicht er selbst ist. Derrick ist gefesselt, der tut keiner Fliege etwas zu leide, und du hast endlich die Chance, ihm in die Augen zu sehen und zu bitten, sich zurück zu verwandeln.« Verständnislos breitete er die Arme aus. »Sollte es nicht genau das sein, was du willst? Hast du ihn wirklich so leicht aufgegeben? Nach Jahren der süßen Liebe stehst du jetzt hier und sagst mir, du willst ihm nicht mehr helfen, weil er dir wehtun wollte, als er nicht er selbst war? Ergibt das einen Sinn für dich? Für mich nicht!«
»Junge Liebe verblasst eben«, flüsterte Desith matt. Er hatte die Arme während Vynsus Vortrag vor der Brust verschränkt und ihm die kalte Schulter zugewandt, aber seine Ohren konnte er nicht verschließen.
»Desith«, Vynsu seufzte und trat einen Schritt näher, »du hast ihn geliebt und er dich, ihr habt eurer Liebe wegen beinahe einen Krieg zwischen Elkanasai und Carapuhr angezettelt. Willst du nicht alles versuchen, was möglich ist, um Rick daran zu erinnern, dass in ihm ein Mann schläft, dessen Rückkehr von seinem Gefährten erhofft wird? Willst du mir ins Gesicht sagen, dass du ihn so kampflos fallen lässt?«
Oh er hatte gekämpft. Zwei Jahre lang. Natürlich konnte Vynsu es nicht verstehen, er kannte nicht die ganze Geschichte hinter Derricks Verwandlung, und Desith wollte nicht daran denken. Er wollte die mitleidigen Blicke nicht, die ihm alle zuwerfen würden. Vynsu hätte es vermutlich auch dann nicht begriffen.
Desith drehte ihm das Gesicht zu, seine Nasenflügel bebten aufgebracht. »Er ist gegangen, Vyn. Er will nicht hier sein, er will nicht nach Hause, und er wird nicht für mich zurückkommen.«
Vynsus Schultern sackten erneut herab, ein Zeichen seiner Aufgabe. Er wirkte streng, aber einlenkend. »Fein. Aber du wirst dich ihm stellen, Desith, weil mein Onkel es verlangt.«
Er wollte gerade zum Protest ansetzen, als Vynsu ihm eine Hand in den Nacken legte und sich zu ihm hinabbeugte.
»Beweis uns, dass er nicht zurückkommen will, Desith«, flüsterte er eindringlich, seine Augen funkelten, und Desith begann zu verstehen. »Beweis, dass du nichts ausrichten kannst – und der Großkönig wird dich gehen lassen.«
*~*~*
Er lag auf einer rollenden Plattform, die aus dicken Baumstämmen und robusten Seilen zusammengebaut worden war. Einfallsreich waren diese Barbaren ja, sie waren auch die Erfinder der Armbrust und sorgten dafür, dass diese Waffe ihrem Volk vorbehalten blieb. Die Baupläne waren jedenfalls strickt geheim und alle Nachbauten waren bisher nicht so effektiv wie das Original.
Jedenfalls erinnerte die Plattform an ein riesiges Floß, bloß dass es nicht auf Wasser schwamm, sondern auf mehreren knirschenden Rädern stand, die nun mit schweren Steinen befestigt wurden, damit sie nicht unkontrolliert wegrollten.
Desith hatte sich schon gefragt, wie sie ihn transportiert hatten.
Das Grollen des Drachen war durch das ganze Lager zu hören, die Pferde wieherten und schabten ängstlich in ihren Gattern, Kriegshunde kläfften und zerrten an ihren Leinen, viele Schaulustige tummelten sich zwischen den Zeltwänden, jeder wollte Derricks neue Form bestaunen, während ein halbes Dutzend Männer damit beschäftigt war, eine Plane über dem Monster zu spannen.
Desith blieb stehen. »Ich gehe nicht zu ihm, wenn mir das halbe Lager zusieht«, flüsterte er konsequent und setzte alles daran, dass man ihm seine Furcht nicht anhörte.
»Komm!« Vynsu legte ihm eine Hand ins Kreuz und schob ihn vorwärts durch die Menge. »Das wird nicht nötig sein.«
Desith schüttelte energisch seine Hand ab und stampfte weiter vor ihm her, dabei war er gar nicht wütend auf Vynsu, er musste nur seiner Nervosität Luft machen.
Als sie an einer Gruppe gelangweilt wirkender Söldner vorbeikamen – Desith erkannte sie daran, dass sie keine Wappen auf den Harnischen trugen und auch sonst keine Flagge zeigten, die sie mit einem der Fürstentümer Carapuhrs in Verbindung brachte – nickte Vynsu ihnen zu und sagte: »Sorgt dafür, dass die Gaffer verschwinden, Derrick ist kein Stück Rind auf dem Marktplatz!«
Die vier Gestalten schwärmten aus, aber Desith nahm kaum Notiz von ihnen, denn er näherte sich dem Rücken des Großkönigs, der neben der Hexe Karrah stand und grimmig verfolgte, wie sein Ziehsohn abgedeckt wurde. Der warme Regen prasselte ungehindert weiter, niemand schien sich daran zu stören, dass ihnen Sturzbäche über die Gesichter rannen. In Elkanasai wären zig Diener unterwegs, um dem Adel ein Schirmchen über den Kopf zu halten.
Auch Desith bemerkte den Regen nicht, sein Haar lag platt und nass auf seinem Kopf, seine zottligen Strähnen tropften ebenso wie seine Nase und seine Lippen. Es war ihm gleich, er fühlte sich wie in einem Traum, bekam einen Tunnelblick, als hätte er zu viel Wein gekippt. Alle Geräusche entfernten sich, vermischten sich mit dem Rauschen des Regens. Die Leute, die sich nur mürrisch in ihre Zelte verweisen lassen wollten, die Rufe der Männer, die die Plane befestigten, Vynsus Murmeln. All das war nicht mehr als Hintergrundgeräusche, während Ricks grollender Atem immer lauter wurde, je näher er ihm kam.
Er wirkte viel größer außerhalb des dichten Dschungels, beinahe übermächtig. Fettgefressen und monströs. Desith spürte ein Zittern durch seinen Leib rollen wie eine kalte Flutwelle. Er wusste nicht, wie er diesem gigantischen Vieh entkommen war. Es schien so unwirklich, dass er erst in jenem Moment dort im Regen begriff, wie knapp er dem Tod entronnen war.
Dem Tod durch Rick. Dem einzigen sterblichen Wesen, dem er je so sehr vertraut hatte…
Der Drache lag flach auf der Plattform und war mit dicken Eisenringen versehen. Der Großkönig musste sie eigens für diesen Zweck anfertigt haben, allerdings war er auch der Drachenflüsterer – der Drachenkönig, um genau zu sein – er besaß solcherlei Dinge vermutlich bereits seit Jahrzehnten, immerhin züchtete er diese Biester.
Ein Grund mehr, nicht nach Carapuhr zu gehen, von Drachen hatte Desith eigentlich genug.
Alle vier Vorderbeine des Drachen waren an die Plattform gekettet, seine Flügel waren mit dicken Eisenketten an seinem Körper fixiert worden, er konnte sie nicht ausbreiten, selbst seinen langen Schwanz hatte man eingeknickt und festgekettet. Sein Hals und Kopf lagen in einer Linie flach auf der Plattform, ein Eisenring befand sich hinter seinem Kopf, ein weiterer lag um seine Schnauze und hielt sie am Boden. Er war vollkommen bewegungsunfähig, der Regen prasselte auf ihn nieder und perlte über seine Augen, die langsam und trostlos blinzelten.
Aber obwohl er sich nicht rühren konnte, sank Desith mit jedem weiteren Schritt das Herz in die Hose, seine Knie wurden weich. Er wollte fortrennen, aber er konnte nicht.
Sie kamen neben Karrah und dem Großkönig zum Stehen. Vynsus Mutter lächelte ihnen flüchtig zu, während der Großkönig sie keines Blickes würdigte. Er war älter geworden, sein blondes Haar besaß einen gräulichen Schimmer, sein Bart wirkte ausgebleicht und stumpf, das Blau seiner einstig strahlenden Augen war verblasst, als läge ein grauer Schleier über ihnen, Falten hatten sich um seine Augen herum gebildet, er wirkte noch härter als Desith ihn in Erinnerung gehabt hatte.
»Das hat aber gedauert«, murrte König Melecay.
Desith holte bereits Luft, da kam ihm Vynsu aber zuvor: »Vergebung, Onkel, Desith ist noch etwas schwach auf den Beinen.«
Das war nicht die Wahrheit und es wiederstrebte ihm, dass Vynsu ihn hinstellte, als sei er ein schwächlicher Kranker. Dass dieser ihn schützte, war ihm nicht recht, er hätte lieber geantwortet, dass er sich weigern wollte und auch jetzt noch dagegen war.
»Nun gut. Geh«, sagte der Großkönig mit harter Miene, offenbar war er alles andere als erfreut, seinen Ziehsohn in Ketten zu sehen, aber freigeben wollte er ihn auch nicht. Vermutlich wusste er, was Desith bereits die ganze Zeit gesagt hatte. Derrick wollte nicht freiwillig nach Hause kommen, und wenn man ihn darum bat, wurde er ziemlich ungemütlich. »Sorg dafür, dass er zu uns zurückkommt.«
Der Befehl ging an Desith, das bemerkte er, als Vynsu ihm einen leichten Stoß mit den Ellenbogen in die Seite verpasste. Er zuckte leicht zusammen, riss sich dann aber am Riemen.
Er schluckte seine Nervosität herunter. »Nicht unter so vieler Augen.«
Der Großkönig drehte ihm das Gesicht zu. Noch nie hatte Desith einem so kalten, so durchdringenden Blick standhalten müssen. Er sah König Melecay nicht in die Augen, er starrte den Drachen an – oder besser gesagt, die Räder des riesigen Karrens – und rührte sich nicht. Niemand konnte ihn zwingen. Sei stark, Desith!
Doch der Großkönig verstand sich blendend darauf, einen Mann nieder zu starren, Desith spürte bereits, wie seine stolze Haltung immer weicher wurde, wie sein Widerwille einzuknicken drohte, aber er gab nicht nach, biss die Zähne zusammen und blieb an Ort und Stelle stehen.
Nach einer gefühlten Ewigkeit wandte König Melecay den tödlichen Blick endlich von ihm ab und erwiderte: »Wir warten hier. Wenn die Plane steht, habt ihr Privatsphäre.«
Offenbar hatte Desith irgendetwas richtig gemacht, aber die Erleichterung verkniff er sich.
Sie warteten im Regen, bis das Zelt stand und Derrick darunter verschwunden war. Desith war bis auf die Knochen nass, als sich drei Köpfe zu ihm umdrehten und auffordernd ansahen.
Die Hexe Karrah legte ihm einen Arm um und drückte ihn mütterlich, dabei schob sie ihn allerdings einen Schritt vorwärts. »Der erste Schritt ist der schwerste, danach geht alles wie von selbst«, flüsterte sie ihm zu und strich ihm über den Kopf. »Geht, Prinz Desith, dann habt Ihr es hinter Euch.«
Die Wärme in ihrer Stimme erinnerte ihn an seine eigene Mutter, auch sie war unerschütterlich – einst eine Kriegerin im Kampf gegen die Dämonen – und hatte ihm ihren Mut vermacht.
Sei stark.
Der Weg zum Zelteingang kam ihm unwirklich vor. Noch stand die Front offen, zwei Krieger warteten darauf, sie hinter ihm fallen zu lassen, die Seile waren bereits gelöst und sie mussten nur noch daran ziehen. Er atmete tief durch und ging auf das finstere Innere zu, die Fackeln brannten wie von Geisterhand auf, das musste das Werk der Hexe gewesen sein. Der Lichtschein schimmerte auf Derricks nassen, schwarzen Schuppen als wäre er mit Öl überzogen.
Dann war er drinnen und hinter ihm wurde mit einem lauten »Ratsch« die Plane heruntergerissen, das graue Licht des Tages blieb zurück, er stand mit nassem, durchsichtigen Leinenhemd und triefendem Haar direkt vor der Schnauze des Drachen.
Von diesem Blickwinkel wirkte er noch gewaltiger, die Nüstern wie zwei tiefe Schlünde, die Augen im Hintergrund gefährliche, böse Schlitze.
Rick atmete tief ein und aus, seine Atemzüge erzeugten einen leichten Windzug im Zeltinneren und ließen die Fackeln gefährlich tanzen. Desith befürchtete bereits, sie könnten erlöschen, und es war schon bei Licht schwer genug, nicht wegzurennen.
Sein Herz schlug ihm bis zum Hals und er blieb nur deshalb dort, weil er die Eisenringe anstarrte und sich immer wieder vergewisserte, dass der Drache sich nicht bewegen konnte.
Nach einem Moment atmete er vernehmbar aus, Derricks Nüstern bewegten sich, saugten seinen Duft ein, und grollend hoben sich die Lippen über die weißen Zähne.
»Ja, hier bin ich wieder«, sagte Desith leise, »aber nicht auf Wunsch, glaub mir. Und nein, ich bin nicht dein Abendessen, du dämonisches, garstiges Biest!«
Wenn Rick noch irgendwo dort drinnen gewesen wäre, hätte Desith ihn doch in den Augen des Drachen wiedererkennen können. Eine kleine Veränderung des Bedauerns nur, aber da war nichts als bloße Gier.
»Das bist nicht du«, flüsterte Desith zu sich selbst, »du bist nicht mehr da drin, oder?« Er wusste es nicht, er wusste nur, dass sein Rick ein ruhiger, netter Kerl gewesen war, trotz dämonischer Seite stets besonnen, niemals aufbrausend, beschützend und aufopfernd, ein guter Krieger, der Befehle befolgte, nicht erteilte. Rick, der Vynsu die Krone überlassen hatte, weil er es diesem gegönnt und selbst nie nach Macht gestrebt hatte. Aber diese Bestie vor ihm war selbst für einen Drachen ungestüm, temperamentvoll und schlicht bösartig. Tötete nicht um zu Fressen, er hatte es sie aus Freude tun sehen, hatte am eigenen Leib erfahren, was es bedeutete, in ihr Blickfeld zu treten. Es war, als ob die Drachenform Ricks dämonische Seite hervorgebracht hätte.
Nach einer Weile, da er nur auf die entblößten, drohenden Zähne gestarrt hatte, aber nichts weiter passierte – Derrick konnte das Maul nicht zum Feuerspeien öffnen – , beruhigte sich Desiths Herz ein wenig.
Er wagte es, näher heran zu treten, der Kloß in seinem Hals war wieder da. »Wenn du doch noch da drin bist, Rick, wenn du mich hörst, dann wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, dich zurück zu verwandeln.«
Der Drache grollte böse.
»Nur wandeln«, brachte Desith erstickt hervor, erst da wurde er sich bewusst, dass er flehte. »Ich verlange nichts, Rick, ich verspreche es, du hörst kein Wort von mir, du kannst hingehen, wohin du willst, ich halte dich nicht mehr auf. Aber wenn du mich hörst…«, seine Knie waren weich, aber er wagte dennoch einen weiteren Schritt, starrte in das linke, grasgrüne Auge. »Wenn du mich hörst, Rick, dann bitte verwandle dich zurück. Tu es für mich. Wenn ich dir noch irgendetwas bedeute, dann…« Er streckte eine zitternde Hand aus, wollte Derricks Nüstern berühren. »Bitte verwandle dich zurück. Erinnere dich, werde wieder zum Menschen! Rick… bitte, tu es für mich.« Er berührte fast die Schuppen. »Komm zu mir zurück, jetzt oder nie, vergiss Sarsar nur für einen winzigen Augen-«
Er unterbrach sich selbst mit einem leisen Aufschrei und zuckte zurück. Derrick hatte sich mit einem Ruck gegen seine Fesseln aufgelehnt, sie klirrten, die Plattform protestierte. Desith blieb das Herz stehen, er stellte sich vor, wie die Plattform brach.
Er hatte das Falsche gesagt, den falschen Namen erwähnt. Der Drache wurde wütend, wurde sich seiner Aufgabe und seiner Fesseln bewusst. Immer und immer wieder lehnte er sich auf, wurde wütender, knurrte und brüllte erstickt, wie ein Köter in der Bärenfalle. Das Holz unter ihm splitterte, er versuchte mit aller Kraft, aufzustehen und seine Ketten zu sprengen.
Desith stolperte mit geweiteten Augen rückwärts und fiel unbeholfen auf seinen Hintern. Aus einem unbestimmten Grund schmerzte plötzlich wieder sein verbrannter Arm, erinnerte ihn daran, was geschehen würde, sollte Derrick sich befreien.
»Nein«, hauchte er, die Angst war wie ein Seil, das sich um seinen Hals zugezogen hatte. Er warf sich herum und polterte aus dem Zelt, verfing sich fast in der Plane und schlug wild um sich.
Jemand hielt ihn fest, da brach sich seine Panik bahn, er brüllte und wandte sich unter Anwendung von Gewalt aus dem stahlharten Griff des anderen.
»Nein!«, schrie er. »Lasst mich los! Lasst mich sofort gehen! Rick ist weg!« Er schubste den, der ihn festgehalten hatte, und erkannte, dass es Vynsu war, der ihn erschrocken anstarrte.
Krieger eilten heran, Armbrüste bereit, der Großkönig und die Hexe Karrah verschwanden im Zelt, Magie knisterte in der Luft.
Desith atmete schwer, die Panik ließ ihn nicht los. »Er ist weg«, raunte er noch einmal, dann taumelte er davon.
Vynsu rief ihm etwas nach, aber er blieb nicht stehen, wurde immer schneller und schneller, bis er rannte und die Pfützen, die der Regen verursacht hatte, unter seinen Stiefel feucht patschten.
Er wusste nicht, wohin er eilte, er spürte nur die Gefahr im Nacken, bildete sich ein, das Holz und die Ketten brechen zu hören, wollte nur so weit wie möglich fort. Zeltwände reihten sich dicht aneinander, er stieß mehrfach mit mürrischen Knechten und erschrockenen Mägden zusammen.
Leider rannte er nicht so weit, wie erhofft, denn er war noch immer nicht bei vollen Leibeskräften, die Erschöpfung holte ihn ein, aber er fand Zuflucht in einem Vorratszelt zwischen gestapelten Kisten und Fässern. Es lag Stroh auf dem Boden, das feucht roch und klamm war, als er sich hineinfallen ließ und schwer atmete.
Seine Gliedmaßen zitterten, als er sich nach vorne lehnte und das Gesicht in den Händen vergrub, er wollte schreien – aus Frust, aus Angst, aus Trauer – doch ihm entkam nur ein scheußliches Schluchzen.
Er wusste nicht, wie lange er so dort saß, vermutlich nicht sehr lange, als plötzlich ein Schaben laut wurde und ein Schatten über ihn fiel.
Desith schniefte und lehnte sich gegen ein Fass. Er sah zu Vynsu auf, konnte dessen undurchdringlicher Miene aber nicht standhalten und blickte zur Seite.
»Sag es«, flüsterte er matt, »ich bin erbärmlich… Ein Schwächling.« Eine seltsame, mutlose Leere erfüllte ihn, als ihm das gewahr wurde.
Er war ein Nichts.
Die Erkenntnis glich einem Hammerschlag, der alles in ihm zertrümmerte. Alles, was er je geliebt hatte, jede Freude, jede Schönheit, jede Wonne zerbrach wie eine Glasscheibe. Er war ein Nichts, hatte nie etwas erreicht außer der Liebe zu Derrick. Und die war ebenso zerbrochen.
Er zog die Beine an die Brust und umschlang seine Knie. »Bring mich heim«, bat er.
Doch Vynsu forderte nur: »Komm mit.«
»Ich gehe nicht zurück zu diesem Biest«, zischte Desith mit Tränen in den Augen. Wut wallte in ihm auf wie ein stickiger Sommerwind in der Wüste. »Ich will soweit von ihm weg, wie ich kann. Bring. Mich. Heim.«
Vynsus Blick ruhte einen Moment auf ihm, dann atmete der Barbar hörbar aus, etwas Mitgefühl schlich sich in seine Augen. »Ich bring dich nicht zu Derrick.«
Verwirrt sah er zu Vynsu auf.
»Vertrau mir und steh auf. Du siehst aus, als ob du einen großen Becher Met gebrauchen könntest.«
Kapitel 9
»Das ist nicht gut«, murmelte Jori dicht neben ihm.
Melecays persönliche Schar hatte sich das Hauptzelt unter den Nagel gerissen, sodass Gedränge um und an den Tischen entstanden war, wie der Schankraum einer beliebten, überfüllten Wirtschaft an einem heiligen Feiertag.
Saufen für den Allvater war eine beliebte Beschäftigung, saufen auf den Großkönig natürlich noch mehr, dabei war es völlig gleich, dass Derrick nur als Drache zurückgekehrt war, gefesselt, und wohlbemerkt bei seiner Gefangennahme gleich fünf Krieger verspeist hatte. Doch der Tod wurde in Carapuhr nicht so beklagt wie in anderen Kulturen, sie feierten die Toten, tranken auf sie.
Vynsu lehnte mit Jori in einer hinteren Ecke an einem Regal voller Metfässer und begutachtete das Treiben stumm. Es wurde gegrölt, gelacht, gefeiert, die Geräuschkulisse glich dem Chaos auf einem Schlachtfeld. Doch das waren sie gewohnt und das hatte Jori auch nicht gemeint.
»Er hatte recht«, seufzte Vynsu bedauernd und blickte gemeinsam mit Jori durch den Raum zu Desith, der an einem Tisch zwischen den Barbaren saß, klein und verloren wirkte, und brütend in seinen Hornbecher starrte. Er hatte kein einziges Wort gesagt.
»Desith hatte Recht, Jori. Derrick wird sich nicht für ihn zurückverwandeln.«
Jori schob sich ein Stück Brot in den Mund sah Vynsu kauend an. »Was sagt unser Großkönig dazu?«
»Nicht viel«, Vynsu zuckte mit den Schultern, »es hat sich nichts verändert. Er hat meine Mutter eingespannt, herauszufinden, wie sie Derrick gegen seinen Willen zurückverwandeln können. Er will auch Boten an Kaiser Eagle schicken, immerhin ist Elkanasai für seine magischen Lehren bekannt.«
Jori kaute nachdenklich auf einem weiteren Bissen Brot herum.
Leise fügte Vynsu hinzu: »Natürlich will er noch immer, dass Derrick sein Erbe wird und er mit Desith vermählt wird, um das Bündnis zwischen Carapuhr und Elkanasai zu stärken.« Sie sahen sich an, dann blickten sie wieder hinüber zu Desith, dessen leerer Blick verloren und verweint wirkte.
»Sah mir nicht so aus, als ob der Rotschopf dazu Lust hätte«, bemerkte Jori. »Jugendliebe hin oder her, ich habe gesehen, wie er davongelaufen ist. Sah mir mehr nach Angst als Zuneigung aus.«
Das war Vynsu nicht entgangen, er mahlte mit den Kiefern und starrte auf den zertretenen Boden unter seinen Füßen. Er musste tun, was sein Onkel von ihm verlangte, er musste Desith weiter bewachen und dafür sorgen, dass er ihnen nicht davonlief. Ihn daran erinnern, wem er einen Treueeid geleistet hatte – und an die Konsequenz, sollte er ihn brechen.
Aber wie sollte er das mit seinem Gewissen vereinbaren, er hatte schon einmal jemanden gegen seinen Willen und ohne Rücksicht auf Gefühle in eine Ehe gezwungen – und was war daraus geworden? Nur Schuld und Trauer und Tod. Und zwei Halbwaisen, die zurückblieben.
Wie konnte er einfach dabei zusehen, wie Desith das Gleiche angetan wurde wie dessen Schwester. Er hatte angenommen, dass Desith und Derrick noch immer verliebt waren, aber das waren sie nicht. Und wenn doch, war diese Liebe nicht groß genug, um die Furcht vor dem Drachen zu überwinden.
Vynsu glaubte, dass da noch etwas anderes war, etwas, das Desith nicht nur Angst eingeflößt, sondern auch maßlos enttäuscht hatte. Da war mehr als Furcht in seinem Blick, das spürte Vynsu, er konnte nur nicht benennen, was es war.
Und Desith redete nicht.
Jori sah ihn von der Seite an. »Also, was machen wir jetzt? Bist du Großkönigs treuer Köter«, er senkte die Stimme, »oder hältst du dein Versprechen gegenüber Desith?«
Vynsu verzog genervt die Lippen und sah Jori an. »Ich glaube noch ein weiteres Mal lässt mir Melecay kein Ungehorsam durchgehen.«
»Er hat dir dein Recht auf die Krone entzogen«, warf Vala ein, die sich von hinten anschlich und sich an Vynsus Seite schmiegte. Sie trug nur ein Leinenhemd und ihre weiche Brust drückte sich an seinen harten Oberarm. »Was kann er dir jetzt noch nehmen?«
Vynsu sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Mein Leben?«
»Wie viel ist es denn noch wert?«, konterte sie mokant. »Deine einzigen Freunde sind eine kleine Gruppe Söldner, die dich wie einen ausgesetzten Welpen von der Straße geholt haben, als du das letzte Mal davongelaufen bist.«
Bragi schlenderte ebenfalls aus dem Gedränge heran und stellte sich dicht neben Jori. »Jemand sollte mit ihm reden«, mischte er sich ein und legte mitleidvoll den Kopf schief, während sein Blick auf Desith ruhte. »Der arme Kleine, ich glaube, ich setze mich mal zu-«
»Nein!«, bellten Jori und Vynsu wie aus einem Munde. Da Bragi bereits einen Schritt nach vorne gemacht hatte, musste Jori ihn an seinem Umhang wieder zurückzerren.
»Das fehlt uns gerade noch«, kicherte Vala in ihren Becher, den sie gerade zum Mund führte, »dass du mit Derricks versprochenem Prinzen erwischt wirst.«
Bragi leckte sich obszön die Lippen. »Ich werde ihn vergessen lassen, dass Derrick überhaupt je existiert hat.« Sein Lachen erstarb, als er Vynsus bösen Blick bemerkte. »Entschuldige, Prinz.«
Vynsu presste warnend hervor: »Es ist immer noch Derrick, über den wir hier reden.« Und er duldete kein schlechtes Wort über diesen. Derrick war ihm wie ein großer Bruder, Melecay hatte sie immer so behandelt, wie zwei Söhne, die um seine Krone streiten sollten. Aber Derrick war nie daran gelegen, in die Fußstapfen seines Ziehvaters zu treten, er hatte Vynsu schlicht den Vortritt gelassen.
Lass nicht zu, dass die Krone zwischen uns steht. Brüderlichkeit sollte immer über Macht stehen.
Zu gerne hätte er gewusst, was Derrick dazu zu sagen hätte, dass er nun doch der Erbe Carapuhrs war. Vermutlich wäre er der einzige Mann, der seinen Ziehvater hätte zur Vernunft bringen können.
Aber Desith hatte Recht, freiwillig wollte der Drache Derrick nicht freigeben.
Und obwohl er es nicht zulassen wollte, fühlte Vynsu sich ebenso von Derrick im Stich gelassen wie Desith, der lethargisch in seinen Becher starrte, als wäre er in einem Alptraum gefangen.
*~*~*
Unfassbar. Das dachte er, als er sie sah. Nicht auf eine überraschte, freudige Art, wie ein Zirkusbesucher unfassbar gewesen wäre, wenn er ein exotisches Tier vorgeführt bekam. Sondern schlicht maßlos empört.
Desith kannte ja Vynsus Anziehung auf das weibliche Geschlecht, er wusste auch, dass der Prinz von Carapuhr sich nie zu schade gewesen war, damit zu prahlen und jeder Versuchung zu erliegen.
Trotzdem war er stinksauer, als der Abend immer später wurde – fließend in eine tiefe Nacht überglitt – und Vynsu immer ausgelassener in seinen Becher blickte, während die große, schlanke Kriegerin mit dem kurzen, blonden Haar von Augenblick zu Augenblick immer näher an ihn heranrückte, bis sie fast auf seinem Schoß saß.
Vynsu hatte sich zu ihm gesetzt, sich ihm gegenüber auf die Bank niedergelassen, die blonde Frau war ihm gefolgt. Sie feierten, während Desith sich ausgeschwiegen hatte.
Allmählich konnte er es nicht mehr mitansehen. Auch wenn er wusste, was für ein Bursche Vynsu gewesen war, er hatte gedacht, dass er sich in den letzten Jahren die Hörner abgestoßen und sich verändert hatte. Desith hatte es um seiner Schwester willen so sehr gehofft.
Er hatte herausgehört, dass die Kriegerin zu Vynsus Männern gehörte. Während der Prinz also auf Reisen ging und mit dieser … dieser Fotze fickte, saß Desiths Schwester unwissend allein in irgendeiner kalten, beschissenen Burg herum.
Natürlich machte ihn das wütend, zusätzlich zu all der Enttäuschung gegenüber Derrick.
Sie hatten versucht, ihn zum Reden zu bringen. Vynsu mit Einfühlsamkeit, die Frau mit Met und amüsanten Anekdoten. Anfangs hatte Desith sie noch für freundlich gehalten, hatte ihre schmutzige Art zu Lächeln sogar gemocht, ebenso ihren schwarzen Humor. Aber je intensiver ihre Brust an Vynsus Arm klebte, je weniger war sein Respekt vor ihr geworden.
Er wollte nicht reden, also waren sie dazu übergegangen, miteinander zu sprechen, zu schäkern, zu trinken. Vynsu lächelte sogar mal, nicht sehr breit, aber er lächelte. Das brachte Desith noch mehr zur Weißglut.
Irgendwann hielt er es nicht mehr aus, er sprang auf. Vynsu verstummte gerade mitten im Lachen und starrte überrascht zu ihm auf. Desith wollte ihm etwas ins Gesicht schleudern, hielt sich aber zurück. Er sah ihn einfach mit bebenden Nasenflügeln und gebleckten Zähnen an, wollte ihn mit allerlei Schimpfwörtern belegen, brachte vor Wut aber nichts heraus.
Schließlich schnaubte er nur herablassend, stieg über die Bank und bahnte sich einen Weg durch riesige, halbnackte, halb in Felle gehüllte Barbaren, die nach altem Schweiß und Dung stanken, nach draußen.
Die Nachtluft war für Elkanasai typisch feucht und heiß, der Regen hatte aufgehört und über dem Lager hing ein klarer und schimmernder Sternenhimmel.
»Desith!« Vynsu donnerte regelrecht aus dem Zelt.
Desith ging einfach weiter. Hinter ihm sah Vynsu gehetzt von links nach rechts, das tat er zweimal, bis er Desiths schlanke Gestalt endlich erkannte und ihm nacheilte. Seine Schritte platschten in den tiefen Pfützen, die zwischen den Zeltreihen lagen.
»Warte, Desith!«, bat er.
Kopfschüttelnd ging Desith weiter, die Arme vor der Brust verschränkt. Vynsu täte gut daran, ihn allein zu lassen, bis die erste Wut verraucht war. Ansonsten würde er sich gleich umdrehen und ihm ins Gesicht schlagen.
»Bitte, warte!« Der Barbar packte mit seiner großen Pranke grob Desiths Schulter und wirbelte ihn mit einem Ruck zu sich herum.
Desith sah sich plötzlich von Angesicht zu Angesicht vor ihm stehen – und wollte ihm noch immer die Nase brechen.
»Es ist nicht so, wie es aussah…«
Desith schnaubte. »Halte mich bloß nicht für so dumm! Und geh mir lieber aus den Augen, bevor wir beide etwas tun, was wir bereuen!«
Vynsu runzelte die Stirn, kam aber nicht mehr dazu, etwas zu sagen, denn Desith drehte ihm wieder den Rücken zu und wollte gehen.
Dieses Mal schnappte sich Vynsu Desiths Handgelenk, um ihn erneut zu sich herum zu drehen.
Desith prallte fast gegen seine breite Brust, er knirschte angestrengt mit den Zähnen.
»Lass mich los«, warnte er schneidend, »oder du wirst es bereuen.«
»Vala und ich schäkern ab und zu, aber wir liegen nicht beieinander. Desith, sie ist nicht … sie würde nie … Verdammt, sie liegt nur bei Frauen, in Ordnung? Wir haben nur Spaß, wir sind Freunde«, sagte Vynsu so eindringlich – so scheinheilig – dass Desith aus der Haut fuhr.
»Wie kannst du es wagen?« Er entzog sich Vynsus sanftem Griff und trat einen großen Schritt vor ihm zurück, seine Augen versprühten frostiges Gift. »Hältst du mich für so einfältig? Und wie kommst du dazu, vor meiner Nase mit einer anderen Frau anzubandeln? Du bist mit meiner Schwester verheiratet! Was fällt dir ein, auch nur eine anderes Weib anzusehen? Und zwar direkt vor meiner Nase, du barbarischer Hornochse!«
Vynsu zuckte vor der Beleidigung zurück, fing sich jedoch schnell wieder mit einem Blinzeln. »Ich … Desith, ich … ich muss dir…«
»Nichts musst du«, zischte Desith ihn an und musterte ihn abwertend, »außer Rechenschaft vor dir selbst ablegen. Ich weiß nicht mal so recht, ob ich ihr davon erzählen soll – oder ob ich ihr den Schmerz erspare. Aber glaub ja nicht, ich sehe tatenlos dabei zu, wie du sie hintergehst. Mach heute was du willst, Vyn, aber ich bin Lohnas Bruder, und ich werde dafür Sorge tragen, dass du sie behandelst, wie sie es verdient. Du solltest dich glücklich schätzen, sie ist ein Juwel, du…«
»Sie ist tot.«
Desith verstummte. Es dauerte, bis er diese drei winzigen Worte richtig verstanden hatte. Sein Verstand schien noch immer große Probleme damit zu haben, einschlägige Neuigkeiten zu verarbeiten. Er glaubte, sich verhört zu haben, schüttelte verwirrt den Kopf.
»Sie ist … was?« Er lachte unsicher, aber Vynsu blickte ihn betreten an. »Das kann nicht sein.«
Statt etwas zu erwidern, starrte Vynsu zu Boden und biss sich auf die Lippe.
Desiths Herz krampfte sich zusammen, er keuchte auf und rieb sich die Brust. »Was? Wie?«
Er wollte es nicht wahrhaben, verschloss sich davor. Das war einfach unmöglich.
»Sie wurde ermordet«, erklärte Vynsu und schluckte vernehmbar. Seine Stimme wurde leiser, als er bat: »Bitte vergib mir, Desith, ich war nicht da, um sie zu schützen.«
Lohna war … fort? Tot?
Die Erkenntnis zog ihm den Boden unter den Füßen weg, er krachte einfach auf die Knie, konnte in diesem Moment weder weinen noch brüllen. Er kniete im Dreck und kam sich vor, als wäre er eingeschlafen und in einer völlig fremden, verkehrten Welt aufgewacht.
»Das kann nicht sein«, flüsterte er benommen, »sie kann nicht einfach tot sein.«
Vynsu trat hinter ihn und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Desith wollte wütend auf ihn sein, wollte aufspringen und auf ihn einschlagen. Aber er konnte nicht, saugte die Geste und die Berührung auf wie trockene Erde sanften Regen.
»Sie kann nicht tot sein, Vyn, sie kann nicht… Ich war nicht da, ich war … ich war nicht … Sie darf nicht tot sein!«
Vynsu drückte seine Schulter. »Es tut mir so leid, Desith. Das ist das Letzte, was du jetzt gebrauchen kannst.«
Desith schüttelte den Kopf, seine Sicht verschwamm. Er war gefangen in einem fortwährenden Alptraum.
»Ich muss nach Hause, Vyn.«
Er spürte, wie Vynsu hinter ihm nickte. »Ich weiß.«
Kapitel 10
»Wie?«
Sie saßen in Vynsus privatem Zelt, ein Kartentisch stand zwischen ihnen, Vynsu hatte jegliches Pergament mit einem Wisch seines Arms beiseitegeschoben, lautstark zwei Becher auf die Platte gestellt und einen vollen Krug Wein geholt. Er war rot, Desith hatte darum gebeten. Roter, teurerer elkanasaischer Wein aus dem Privatvorrat des Großkönigs.
Desith saß ihm gegenüber eingesunken auf seinem fellbesetzten Hocker und wirkte noch immer wie benommen, die blauen Augen gerötet und schwimmend, aber er weinte nicht. Der Zelteingang lag in seinem Rücken, leichter Wind bewegte die Plane, Kerzen und Feuerschalen spendeten warmes Licht, fluteten den Raum regelrecht, es war feucht, durch den heißen Regen, der seit wenigen Augenblicken wieder auf das Dach prasselte.
»Räuber«, erklärte Vynsu und spürte den alten Zorn wieder in sich aufsteigen. Er griff zum Krug und schenkte erst Desith und dann sich ein. »Zumindest haben sie es so aussehen lassen.«
Desiths Augen rollten langsam in seine Richtung, als fiele es ihm schwer, seinen Worten zu folgen. Als würde er die Welt um sich herum nicht mehr richtig wahrnehmen.
Vynsu kannte das Gefühl, ihm war es ebenso ergangen, als er von Lohnas Tod erfahren hatte. Das Gefühl, aus dem Leben gerissen worden zu sein und sich selbst von hinten zu sehen, als Unbeteiligter. Diese Leere im Kopf.
»Sie war auf dem Weg zu einer Freundin«, fuhr er fort und stellte den Krug ab, als er ihnen jeweils einen Becher randvoll gefüllt hatte. »So hat man es mir zumindest erzählt. Sie haben sich auf allerlei Festlichkeiten kennengelernt, eine Fürstentochter oder Fürstenschwester, ich weiß es gar nicht genau. Sie schrieben sich oder so, und sie wurde zu einem offiziellen Empfang eingeladen. Also fuhr sie hin, glücklicherweise ohne die Kinder, weil die Kleine einen Schnupfen hatte und meine Mutter sich um die beiden kümmerte…«
Desith starrte ihn mit leicht geöffneten Lippen an, im Kerzenschein stachen die dunklen Sprenkel auf seinem Gesicht noch mehr von seiner blassen Haut hervor. »Moment… sagtest du gerade … sagtest du, ihr habt Kinder?!«
Vynsu senkte den Blick auf die Tischplatte. Verdammt, wieso vergaß er immer, dass Desith die letzten Jahre im Dschungel verbracht hatte und mit nichts im Bilde war? »Ja. Aegir müsste jetzt fünf Winter sein, und Heda wird jetzt bald vier Winter alt.« Er musste lächeln. »Sie sehen dir ähnlich.«
Er hatte sagen wollen, dass sie Lohna ähnlich sahen, aber das stimmte irgendwie nicht. Sie hatten seltsamerweise die gleichen kantigen Züge wie ihr Onkel. Ihm, ihrem Vater, sahen die beiden überhaupt nicht ähnlich.
Desith blinzelte ihn an, irgendwie schien er durch die Neuigkeit wieder mehr in die Wirklichkeit zurückzufinden. Er lehnte sich auf den Tisch und umfasste seinen Becher. »Erzähl mir mehr«, bat er leise, dann beugte er sich vor und schlürfte den Wein ab, ehe er es wagte, den übervollen Becher anzuheben. »Von dem Überfall.«
Vynsu atmete so tief ein, dass sein Lederhemd über der Brust spannte. »Es war grauenhaft, selbst für unsere Verhältnisse. Sie überfielen sie auf der Straße. Zwei Leibwächter und der Kutscher waren mit Pfeilen gespickt, Lohna fand man in der Kutschte mit …« Er musste sich räuspern. »Mit aufgeschlitzter Kehle und gehäutetem Gesicht, nur an ihrem Haar und ihrem Kleid zu erkennen.« Vynsu ließ Desith einen kurzen Moment zeit, das schockierende Bild zu verdauen, ehe er weitersprach. »Der dritte Leibwächter ist bis heute spurlos verschwunden, vermutlich war er mit den Räubern im Bunde oder wurde von ihnen gefangen genommen und als Sklave weiterverkauft.«
»Ich dachte, Melecay ahntet Sklaverei mit dem Tod«, murmelte Desith vor sich hin. Ein Grauen stand vor seinen Augen, als sähe er seine gesichtslose Schwester vor sich.
Vynsu wandte ein: »Das hält die Unterwelt nicht davon ab, mit Menschen zu handeln. Je verbotener etwas ist, je höher die Preise.«
»Wurde sie geschändet?« Desith fragte nicht ängstlich, sondern wütend, wie ein Mann, der auf Rache sann.
Vynsu schüttelte den Kopf. »Nein.«
Desith runzelte die Stirn und sah ihn an. »Das ist seltsam. Das Gesicht haben sie ihr abgezogen, aber sie ließen sie unberührt?«
Es war nicht so, dass sie es Lohna gewünscht hätten, aber Vynsu musste zustimmen. Es wirkte seltsam, denn Lohna war eine Frau, eine sehr attraktive noch hinzu, kein Mann hätte die Gelegenheit verstreichen lassen, sie sich zu eigen zu machen.
Seufzend lehnte sich nun auch Vynsu auf den Tisch und griff nach einer Silbermünze, die aus dem Ledersäckchen gefallen war, das er auf der Karte hatte liegen lassen. Er spielte damit. »Ich glaube nicht, dass es um Raub ging«, gestand er flüsternd. Er spürte Desiths neugierigen Blick auf sich und fuhr ernst fort: »Viele Fürsten waren gegen unsere Heirat, sie hätten mich lieber mit ihren eigenen Töchtern vermählt, und halten nichts von dem Bund mit Elkanasai. Einigen ist langweilig, Desith, viele Männer sehnen sich nach Krieg.«
»Du meinst, es war ein Komplott.«
»Es war Mord«, bestätigte er und schloss die Faust um die Münze, ehe er sie mit einem dumpfen Laut auf den Tisch schlug. »Ich weiß, dass es Mord war.«
Desith schüttelte verwirrt den Kopf. »Hast du einen Verdacht, wer es gewesen sein könnte?«
Das war das Problem. Vynsu rieb sich die Stirn vor Verlegenheit. »Ich hatte viele im Verdacht und ging dem nach, aber diese Wiesel konnten sich alle herauswinden. Ich wollte sie vernichten, ich wollte sie…« Er hielt inne, presste die Lippen aufeinander und suchte Beherrschung. In seinem Herzen flammte wieder das Feuer auf. »Der Großkönig hielt mich auf.«
»Wieso? Liegt ihm nichts an…«
»Was denkst du denn?« Vynsu sah Desith eindringlich in die Augen. »Natürlich ist auch er stink wütend, und er will es sich nicht gefallen lassen, dass jemand seine Pläne durchkreuzt hat. Aber stell dir vor, wir hätten deinem Vater mitgeteilt, dass ein Fürst und kein Räuber deine Schwester ermordete. Dass es ein hinterlistiger Plan gegen die Krone und gegen das Bündnis mit ihm war. Dein Vater hat schon genug getobt. Und Melecay ist sich sicher, dass der Mörder sich irgendwann verrät. Dann wird er den Schuldigen an das Kaiserreich aushändigen, aber bis dahin, versucht er, die Wogen zu glätten, die ich …« Er brach ab und blickte kopfschüttelnd zur Seite.
»Was meinst du damit, die Wogen, die du…?«, hakte Desith nach, es war ihm nicht entgangen.
»Ich hätte da sein müssen«, gestand Vynsu ein, »aber das war ich nicht. Es war meine Schuld. Sie hatte Angst, sie hat mich gewarnt, dass man sie nicht in Carapuhr willkommen hieß, aber ich versicherte ihr, dass ich sie beschützen würde. Doch ich war nie da… ich war immer… bei Onkel oder mit einer Schar Barbaren unterwegs, Raubüberfälle auf verfeindete Fürstentümer, Reisen über das Meer zu unbekannten Orten, noch mehr Kämpfe, Blut und Tod und Weiber… all die Weiber…« Er spürte Desiths wütende Augen, die ihn aufspießten, und schüttelte abermals bedauernd den Kopf, ließ ihn hängen. »Es tut mir leid, Desith, ich hätte sie keinen Augenblick aus den Augen lassen dürfen. Sie war einsam, hat sich nach einer Freundin gesehnt. Wäre ich dort gewesen, hätte ich sie selbst hingebracht.«
»Bist du sicher, dass ihre Freundin nicht Teil des Plans war?«
Vynsu hob ratlos die Schultern. »Natürlich habe ich das geglaubt, aber es war ein offizieller Empfang, zu dem das ganze Land eingeladen wurde. Jeder, der dort gewesen war, wusste, dass auch Lohna anreisen würde. Jeder verdammte Fürst ist verdächtig, Desith. Jeder. Und ich kann sie leider nicht alle auf Verdacht hin töten – so gern ich es vor ein paar Mondzyklen noch getan hätte. Es bringt sie nicht zurück.«
Daraufhin herrschte betretenes Schweigen, doch seltsamerweise kam es Vynsu nicht so vor, als hätte er mit diesem Geständnis eine Kluft zwischen ihnen heraufbeschworen, irgendwie fühlte er sich befreit, seine Schuld ausgesprochen zu haben.
»Sie war nicht hierfür gemacht«, sagte Desith irgendwann. Überrascht fuhr Vynsus Blick zu ihm auf, aber da war keine Wut, keine Verabscheuung, nur Ernüchterung. »Lohna war eine richtige Prinzessin«, er lächelte liebevoll, »Vater hätte sie niemals an dich verheiraten dürfen. Sie war nicht für die raue Welt der Barbaren gemacht. Der Stärkste siegt, aber sie war nicht stark.« Er nahm den Becher wieder auf und hob ihn an die Lippen. »Sie hat Angst gezeigt, das war ihr Todesurteil. Wie ein Schaf unter Wölfen.«
Vynsu dachte darüber nach. Vielleicht stimmte das, aber das änderte nichts an seinem schlechten Gewissen. Er war ein arroganter, selbstsüchtiger Wicht gewesen, der seine Frau nur zu Vorführungszwecken und zur Fortpflanzung beachtet hatte. Er hatte Lohna behandelt wie ein Juwel, wie ein weiterer Schritt zur Krone. Wie ein Objekt, kein Lebewesen. Dass sie ihm genommen wurde, hatte ihm den Boden unter den Füßen fortgerissen. Es war keine Liebe, die ihn an sie band, es war das Versprechen, dass er sich ändern würde. Er musste es tun, damit die Leben ihrer Kinder sicher waren.
Eine Weile lag Desiths forschender Blick auf ihm, noch immer schwammen dessen Augen, manchmal stärker, manchmal nur sehr schwach, aber es stand Wut in seinem Blick, die selbst Vynsu einen eiskalten Schauder eintrug, obwohl er doppelt so breit und groß wie Desith war.
Aber in Desiths Augen… Vynsu konnte es nicht beschreiben, da stand etwas, das ihm zugleich vertraut war und ihn verunsicherte.
Es gab Menschen, die besaßen eine Wärme, die ihnen regelrecht aus dem Gesicht strahlte, und es gab Menschen, deren Antlitz war wie die dicke Eisfläche eines zugefrorenen Sees. Wenn man ihnen ins Gesicht blickte, waren sie undurchdringlich und kalt. Nur Härte, keine Wärme. Das waren Desiths Augen. Sie waren Eis.
Sie waren Frost.
»Warum folgen dir Söldner?«, fragte Desith nach einer Weile. »Und warum wollte Melecay Derrick zurückholen?«
Es war an der Zeit, dass sie alle Karten offen auf den Tisch legten.
»Derrick wird sein Erbe«, Vynsu drückte den Rücken durch und trank von seinem Wein, der sich wie ein Pelz über seine Zunge legte. »Ich wurde aberkannt.«
Das überraschte Desith nun doch sehr. »Weil du Lohna nicht beschützen konntest…?«
»Nein, weil ich nach ihrem Tod in Selbstmitleid badete und weggelaufen bin.«
Desith schüttelte nur verwirrt den Kopf, sodass seine roten Strähnen hin und her schwankten.
»Ich lief davon, verstehst du? Wie ein Feigling. Vor meiner Pflicht, es abzuhaken und weiter zu leben. Ich habe mich nicht stark verhalten. Ich wollte ihren Mörder finden, verfolgte die Räuber, folterte sie, aber sie gaben nichts preis. Es sieht alles danach aus, als ob es sich wirklich nur um einen Raubüberfall handelte. Unsere einzige Spur war eine Sackgasse, die Räuber beteuerten selbst unter Folter, dass sie sie wegen ihrem Schmuck ausgeraubt hatten. Aber ich kann das nicht glauben. Und nur rumzusitzen und zu warten … das noch etwas passiert, das widerstrebte mir. Die Schuldgefühle, der Drang nach Rache, der Selbsthass…« Er blinzelte in die Vergangenheit. »Habe mich in Schenken rumgetrieben, habe drei Tage durchgesoffen, mich geprügelt, habe gesagt, ich würde auf die Krone scheißen. In irgendeinem Dorf hat Jori mich aufgegabelt, nachdem ein Berg mich verprügelt und im Schweinedreck zurückgelassen hatte. Ich blieb eine Weile bei ihnen, vielleicht ein halbes Jahr. Als ich hörte, dass Melecay nach Derrick suchen wollte, besann ich mich, ging zurück. Und hier bin ich.«
»Bekehrt und kastriert«, stellte Desith richtig fest und wandte den Blick ab.
Vynsu nickte vor sich hin. »Ich hatte seitdem kein Weib, Desith, ich fühlte mich schmutzig. Denn als ich rumhurte, war sie so allein, dass sie sogar ihre kleinen Kinder allein ließ, um wenigstens eine einzige Freundin zu finden.«
Als man ihm die Frau genommen hatte, war ihm erst so richtig bewusst geworden, wie angreifbar er war. Vielleicht war er selbst stark und ein guter Kämpfer, aber wenn ein Mann seine eigene Familie nicht schützen konnte, hatte er seine Pflicht nicht getan. Dann war er nach carapuhrianischem Recht kein Mann.
Es war nicht viel Zeit seit Lohnas Tod vergangen, trotzdem kam es ihm wie eine Ewigkeit vor. Die Wochen danach, die er nach dem Mörder suchte, die Tage darauf, besoffen auf der Straße, die Rettung durch Jori und das Versprechen, das er sich selbst gab. Zu sich selbst zurückzufinden und alles in seiner Macht stehende zu unternehmen, um für die Sicherheit seiner Kinder zu sorgen. Und wenn das hieß, die Krone zu vergessen und auf der Burg seines Vaters zu leben, Pferde und Rinder zu züchten, statt über ein Land zu herrschen, dann würde er das tun. Wenn es bedeutete, Melecay in den Arsch zu kriechen, dann würde er das tun.
»Er ging wegen Sarsar«, raunte Desith plötzlich in die Stille hinein.
Vynsu sah stirnrunzelnd auf, aber Desith erwiderte seinen Blick nicht, er starrte in eine Ecke des Zeltes, schien aber mit seinen Gedanken nicht im Hier und Jetzt zu sein. Wieder schimmerten Tränen in seinen Augen.
»Rick verwandelte sich wegen Sarsar.« Desith schluckte geräuschvoll. »Wir hatten einen Streit, ich wollte endlich nach Hause, flehte, aber er konnte nicht umkehren, er glaubte zu sehr daran, dass er es Sarsar schuldete, nach ihm zu suchen. Er wollte nicht wahrhaben, dass Sarsar tot ist. Auch wenn wir keine Leiche fanden. Ich wurde zornig, brüllte ihn an, schlug ihn, wollte ihn zwingen, zurückzugehen – da verwandelte er sich.« Desith drehte den Kopf, das Gesicht vor Zorn verhärtet. »Ich verfolgte ihn zwei Jahre lang, Vyn. Zwei Jahre. Also glaub mir, wenn ich sage, ich hätte es versucht. Und nein, ich habe ihn nicht einfach aufgegeben, er gab mich auf. Für Sarsar. Es war seine freie Entscheidung.«
Die Endgültigkeit in Desiths Worten ließen Vynsu keinen Zweifel daran, dass er die Wahrheit sprach. Warum sollte er sich auch so etwas ausdenken, er hatte Derrick geliebt, das wusste Vynsu.
»Er hat mich verlassen«, schloss Desith ab und griff wieder nach seinem Becher, »vor zwei Jahren. Er hat mich verlassen.«
Vynsu spürte Mitleid aufkommen, doch obwohl er Desith gern eine Hand auf den Arm gelegt und brüderlich zugedrückt hätte, hielt ihn irgendeine seltsame Befangenheit davon ab. So nahe hatten sie sich nie gestanden.
Der Wein und der viele Met, den er mit Vala getrunken hatte, zeigten ihre Wirkung. Er merkte, dass ihm ungewöhnlich warm war, als hätte er ein Kaminfeuer in seinem Bauch entzündet, seine Gliedmaßen waren entspannt und seine Augenlider müde. Trotzdem spürte er durch das Gespräch mit Desith eine deutliche Schwermut auf sich lasten. Wie einen zu schweren Eisenpanzer.
»Rick kommt nicht zurück, um in Melecays Fußstapfen zu treten.« Desith griff nach Vynsus Hand, öffnete dessen Finger und entwand ihm die Silbermünze, um sie zwischen den eigenen Fingern zu drehen und zu betrachten. »Selbst wenn sie ihn dazu brächten, sich zu verwandeln. Er wird einfach umdrehen und gehen.«
»Wieso?«, raunte Vynsu, konnte seltsamerweise nicht die Augen von Desiths langem Gesicht nehmen.
»Als er im Dschungel ein Pfeil ins Herz bekam«, erzählte Desith bereitwillig, »konnte Sarsar ihn retten, indem er ihm die alte Seele eines Drachen einpflanzte. Er ließ die beiden Seelen verschmelzen und machte ihn zum Blutdrachen. Rick denkt, er schuldet Sarsar sein Leben.«
Daher wehte der Wind. Oh Derrick… oh Bruder…
Bedauernd schüttelte Vynsu den Kopf. »Derrick. Dieser pflichtbewusste Narr. Er sieht nicht, was er aufgibt.«
Desith hielt überrascht damit inne, die Münze zu drehen, und blickte Vynsu in die Augen.
»Ich meine«, er räusperte sich, »er verletzt dich vermutlich nicht mit Absicht, er geht einfach seinem Herzen nach. Er muss um jeden Preis seine Schuld begleichen, vermutlich ist ihm nicht bewusst, dass er dich vergisst.«
Noch immer starrte Desith ihn so seltsam an, Vynsu glaubte bereits, er wäre zu Stein erstarrt, da rührte er sich wieder mit einem Murmeln: »Ja. Vermutlich.« Doch dann fügte er noch hinzu: »Oder als er starb und wiederbelebt wurde, hat sich etwas in ihm verändert.«
»So wie sich etwas in dir veränderte?«
Darauf antwortete Desith nicht, er senkte wieder den Blick auf die Münze. Vynsu musste sich auf die Lippe beißen, um nicht weiter nach zu bohren. Aber innerlich ließen ihn die Fragen über Desiths wundersame Gesundung einfach nicht los.
»Ich bin nicht dein Feind, Desith«, sagte er rau.
Desiths Augen schnellten wieder zu ihm auf, fixierten ihn.
»Du kannst mir vertrauen«, setzte er hinterher.
Desiths rechter Mundwinkel zuckte, er lächelte zynisch. »Sag es nicht nur«, flüsterte er und legte die Münze auf den Tisch, dann schielte er wieder zu Vynsu auf, fordernd, »beweis es mir.«
Es war nur ein Knurren, aber es durchfuhr Vynsu stärker als es ein Brüllen getan hätte.
Er wusste genau, worauf Desith anspielte. Das Versprechen, ihn nach Hause zu bringen.
»Oder bist du…«, Desith nahm die Arme von der Tischplatte und drehte seinen schlanken Körper zur Seite, um so elegant wie eine Katze aufzustehen, »ein Mann, der sein Wort bricht?«
Vynsu hob die Augenbrauen zum Haaransatz. »Nein. So ein Mann bin ich nicht mehr.«
»Nicht mehr«, wiederholte Desith, sein weißes Hemd raschelte, als er es aus dem Hosenbund zog und er um den Tisch herumschlenderte, wie eine grazile, anpirschende Löwin. Er lachte leise, schmutzig, wie ein Dieb. »Und was für ein Mann bist du?«
Vynsu runzelte die Stirn. Desiths Hand glitt über seinen Arm, über die Schulter zu seiner Brust. Eine federleichte, sinnliche Berührung…
Vynsu packte das schmale Handgelenk und hielt es grob fest. »So ein Mann bin ich auch nicht«, betonte er sanft, aber endgültig, und sah ernst zu Desith auf. »Ich liege nicht bei Männern, Desith, das weißt du. Und du bist Derricks Gefährte.«
Das beeindruckte Desiths keineswegs, er lächelte milde, fast bemitleidend, und legte arrogant seinen roten Schopf schief. »Ich will nicht dein Herz, noch geht es mir um dich als Mann. Fleisch ist Fleisch, Vynsu, und wenn du solange keine Frau mehr hattest, wie ich keinen Mann, ist es erst recht gleich. Für uns beide.«
Vynsu presste die Lippen zusammen und schüttelte entschieden den Kopf. Er wollte etwas erwidern, da sprach Desith jedoch bereits weiter.
»Rick ist gegangen«, er klang bitter, »ich bin frei. So frei wie du.« Er zwang ein schlankes, kurzes Bein über Vynsus Schenkel und glitt so geschmeidig auf dessen Schoß, dass dieser ihn nicht aufhalten konnte. Er war schlicht zu langsam und zu überrascht von dem, was Desith vorschlug. Bei allen Himmeln, daran hätte er niemals einen Gedanken verschwendet.
Es regte sich lediglich eine ferne Sehnsucht in ihm, als der warme Körper auf ihn glitt. Gleichwohl verstand er natürlich Desiths Wunsch nach Nähe, nach allem, was er durchlitten und gerade erfahren hatte. Er suchte nur nach dem Gefühl, lebendig zu sein. Vynsu wollte ihn sanft von sich schieben, hielt sich zurück, um ihn nicht zu grob von sich zu weisen, er wollte Rücksicht nehmen, aber Desith spannte die Schenkel an und klammerte sich an ihm fest wie eine Klette.
»Denk nicht darüber nach«, raunte Desiths ihm zu, »schenk mir ein kurzes, heftiges Vergessen, um mehr geht es nicht. Fleisch ist Fleisch.«
Desiths kühle Finger strichen über die kahlgeschorenen Seiten seines Schädels hinauf zu seinem Haaransatz und krallten sich in den dicken Zopf. Er war zu fest, um ihn zu lösen, aber Desiths dünne Krallen fanden einen Weg, sich festzuhaken. Vynsu ließ zu, dass sein Kopf in den Nacken gezogen wurde, drehte aber das Gesicht mit eiserner Miene zur Seite, als Desiths warmer Mund ihm zu nahekam.
Das hielt den Wildfang jedoch nicht auf. Er drückte seine weichen Lippen einfach auf Vynsus Wange und glitt an ihr hinab, knabberte provozierend die Linie des Kiefers entlang zum Kinn und wanderte tiefer und tiefer. Vynsu schluckte, als die Lippen seine empfindliche Kehle trafen. Seitjeher war der Hals seine Schwachstelle, und wie es schien, war es gleich, welche Lippen und Zunge ihn dort berührten, es genügte, dass sie warm und zärtlich waren.
Ja, es war verdammt lange her, aber nicht lange genug. Noch immer war eine Blockade in seinem Kopf, auch wenn ein angenehmer Schauer seinen Rücken entlang kribbelte und sich die Härchen an seinen Armen aufstellten, unterhalb seines Gürtels rührte sich nichts.
Er räusperte sich wenig beeindruckt, war sich Desiths Gewicht auf sich bewusst, empfand aber nicht den Reiz, auf sein Angebot einzugehen.
»Desith«, er wollte aufstehen, »selbst wenn mein Kopf wollte, mein Körper…«
Desith stieß ihm eine flache Hand vor die Brust und warf ihn rückwärts um. Er landete auf dem Bärenpelz, der vor seinem Bett ausgebreitet auf dem Boden lag. Desith schmiegte sich auf seine Brust wie eine Dirne, die einen fetten Geldbeutel am Gürtel ihres Freiers erspäht hatte.
Vynsu fühlte sich wie ein erlegter Hirsch unter dem hungrigen Wolf.
»Lass den Körper meine Sorge sein«, raunte Desith ihm zu, dabei umwickelte er einen Finger mit der Kordel, die Vynsus Hemd zusammenhielt, und zog die Schnürung langsam auf. »Schließ die Augen.«
Vynsu hob die Arme und wollte Desith von sich stoßen, doch dieser war schneller, beugte sich hinab und leckte ihm die Kehle. Vynsu entfuhr ein Knurren, und statt Desith von sich zu schubsen, umfasste er dessen schmale Schultern.
»Schließ die Augen!« Ein ungeduldiger Befehl.
»Desith…«
»Und spüre nur…«, er glitt tiefer und drückte seine Lippen zwischen Vynsus Brustmuskeln direkt in den dichten Flaum, auf dem der Schweiß glänzte, »einen geschlechtslosen Mund.«
Vynsu schluckte erneut, seine Kehle war wie ausgetrocknet. Warum wehrte er sich nicht?
Schenk mir ein kurzes, heftiges Vergessen…
Scheiße, was tat er da nur? Seine Lider schlossen sich, er leckte sich die Lippen. Ein fernes Kitzeln erwachte in seinen Lenden.
Desith öffnete sein Hemd noch weiter, schob eine Hand darunter und fegte das Leder zur Seite, seine Fingerspitzen glitten flüchtig über Vynsus Brustwarzen, die sich sofort zusammenzogen und ein Prickeln durch seine Venen sandten.
Das Kitzeln wurde stärker, wie ein heißer Nieselregen.
»Spüre nur«, raunte Desith, »deinem Fleisch ist es gleich, wer ihm Lust bereitet, versprochen. Denk nicht nach. Mein Mund ist nur ein Mund, meine Hand nur eine Hand. Jeder hat doch eine Hand, oder? In dieser Hinsicht fühlen wir uns alle gleich an. Du denkst zu eingeschränkt, das steht einem Barbaren nicht gut zu Gesicht. Fühle nur.« Er strich erneut über die Brustwarze, als könnte er von Vynsus Miene ablesen, wo er besonders gerne berührt wurde. Er wusste genau, was er tat, und was er wollte.
»Eine geschlechtslose Hand«, raunte er. Dann beugte er sich hinab und fuhr mit seiner breiten Zunge durch die ersten beiden Hügel der Bauchmuskeln. »Eine geschlechtslose Zunge.«
Vynsu grunzte, seine Hand fand wie von selbst in Desiths Haar. Desiths langes, seidiges Haar.
Geschlechtsloses Haar.
Er packte zu, die Lider geschlossen, und knurrte genervt: »Hör auf zu reden.«
Und Desith hörte auf zu reden.
*~*~*
Vynsu hatte sich wirklich verändert. Oder besser gesagt, hatte er die Unbeschwertheit der Jugend abgestreift und feststellen müssen, dass zum Mannsein mehr gehörte als Kämpfe, Siege, Weiber und Becher voll Met. Ebenso wie Desith hatte feststellen müssen, dass Jugendliebe nicht ewig währte.
Liebe? Sie hatte ihm nichts als Enttäuschung und Schmerz gebracht, vergeudete Jahre im Dschungel.
Das Leben war nicht immer schön, so war das eben, er würde deshalb nicht in Selbstmitleid baden und sein Dasein beklagen. Und es bedeutete auch nicht, dass er fortan im Zölibat leben oder verzweifeln würde. Ganz im Gegenteil, nach dem Aufeinandertreffen mit Rick und nach dem er vom Tod seiner Schwester erfahren hatte, wollte er noch nie so sehr wie in diesem Moment der Lust frönen. Denn ganz gleich, wie übel ihm das Schicksal mitspielte, solange er noch vögeln konnte, würde er dieser Freude nachgehen, um neue Kraft zu schöpfen. Sich zu erinnern, dass er – auch wenn andere tot waren – noch am Leben war und am Leben sein wollte.
Und Vynsu war schlicht und ergreifend gerade zugänglich, zudem auch noch äußerst leicht zu manipulieren. Er war ja so voller Schuld wegen Lohnas Tod, so bemüht, Desith nicht wehzutun. Wie ein großer, dummer Troll, der ein Vögelchen zertreten hatte und danach mit mütterlicher Hingabe die verwaisten Küken aufzog, um eine Schuld zu begleichen.
Desith hatte es gleich gewittert, Vynsus schlechtes Gewissen, mit dem man ihn lenken konnte wie einen alten Gaul vor einem Karren.
Vynsu war schwach. Natürlich nicht körperlich schwach, der Kerl war ein Bulle, das wurde Desith noch einmal deutlicher bewusst, als er auf diesem rohen, rauen Tier saß. Vynsus Wille war schwach, es war ein Kinderspiel, ihn flach zu legen. Buchstäblich natürlich.
Sein Atem wurde immer lauter, rauer, animalischer. Es war so leicht gewesen, ihn zu verführen.
Es hatte fast keinen Spaß gemacht. Aber nur fast.
Nachdem Desith ihm die Hose geöffnet und sie bis zu den Schenkeln hinabgezerrt hatte, waren nur zwei Zungenstriche nötig gewesen, um ihn hart zu lecken. Verführerisch hatte Desith mit der Zunge die Eichel umkreist, Vynsu war ein Grunzen entkommen. Seine Härte zuckte, pulsierte unter den Küssen und dem Lecken, wurde dicker und dicker, zur Schmerzgrenze prall. Ein Lusttropfen nach dem anderen quoll glitzernd hervor. Diese Barbaren schmeckten erstaunlich gut, bedachte man ihren Gestank. Vynsus Schwanz und Samen schmeckte herb, schmeckte würzig. Männlich. Es entlockte Desith wohlschmeckende Laute, während er ihn hingebungsvoll leckte und sich daran ergötzte, wie das Geschlecht unter ihm hungrig zuckte. Er kraulte die Hoden, die sich fest zusammengezogen hatten, glitt an dem stark geäderten Schaft herab und leckte die harten Bälle, die ihn an dicke, heranreifende Pflaumen erinnerten. Stöhnend hob ihm Vynsu immer wieder seine Kronjuwelen entgegen, die er mit der Zunge anstupste, um ihn zu reizen, eher er sie wieder leckte und einsaugte.
Er machte weiter, immer weiter, bis er fürchtete, dass der Barbar seinen Saft zu voreilig vergoss. Immerhin wollte Desith ihn in seiner engen, bereits zuckenden Pforte spüren, wenn es soweit war.
Desith zog sich nur die Hose aus, für mehr war keine Zeit, er wollte nicht riskieren, dass Vynsu sich doch noch besann. Obwohl da nicht die geringste Sorge zu bestehen schien.
Desith hatte das kleine Tongefäß mit dem Fett für das Leder von Vynsus Tisch geangelt, es hatte neben dem Silberbeutel gestanden und ihn auf diese Idee gebracht.
Nun ritt er den Barbaren mit skrupelloser Wildheit und Gier.
Ihre Leiber waren heiß, waren nass, sie klatschten in einem ungleichen Rhythmus aufeinander. Es war ihnen gleich, es konnte weder zu hart noch zu schnell noch zu tief sein. Es schien sogar so, dass alles zu wenig war, sie mussten sich anstrengen, um ihr Verlangen zufrieden zu stellen.
Desiths war geübt, was die Aufnahme eines anderen Geschlechts anging. Das hatte er Vynsu zugeraunt, während er sich selbst vorgedehnt und sich anschließend langsam auf Vynsus eingefettete Härte niedergelassen hatte. »Nicht zurückhalten, ich bin es gewohnt.« Nun flutschte sie ohne großen Wiederstand rein und raus, der anfängliche Schmerz war verschwunden, nur Wonne und Hitze waren geblieben. Vynsus Lider waren geschlossen, die Adern an seiner Schläfe traten zunehmend hervor. Sie hatten beide die Zähne gebleckt, Desiths Finger krallten sich in Vynsus riesige Brustmuskeln, während Vynsus Hände in Desiths Schenkeln vergraben waren.
Ganz wie erwartet war es ein heftiges, schnelles Vergnügen. Desith konnte spüren, wie Vynsu unter ihm vor Anspannung zu einem Felsen wurde, sein Glied pulsierte und wurde hart wie Stahl, je schneller Desith darauf ritt. Er rammte seinen Leib auf das Becken des Barbaren, ritt ihn mit einer rohen Leidenschaft, die an Wut grenzte. Schweiß lief ihm über die Stirn in die Augen, sein Hemd klebte feucht an seinem Rücken. Er war wie ein Krieger auf dem Schlachtfeld, blind vor Lust und Zorn, der einfach nicht wusste, wann es genug war.
Es gab keine Küsse, keine Liebkosungen, kein Streicheln. Nur nackte Haut auf nackter Haut, eine unerbittliche Härte in einer willigen Pforte, Schweiß, Grunzen und abgehackter Atem. Es klang und fühlte sich mehr an wie ein Kampf, Desiths Muskeln brannten, nicht nur der durchstoßene.
Vynsu kam schnell, krampfend und mit einem Brüllen, dabei bog er den Rücken durch und packte Desith bei der schmalen Taille, um ihn auf seine Lenden zu drücken und festzuhalten. Desith schob das Becken vor und zurück, nahm Vynsu wiegend, während dieser tief und süß und himmlisch in ihm steckte, fühlte seine prallen Hoden an seinem Hintern, und sein dickes Geschlecht, das sich pumpend in ihm ergoss.
»Ja«, keuchte er heiser, »…Vyn...«
Vynsu stieß Flüche aus, zuckte wie ein fetter Wels, den man aus dem Wasser gezogen und ans Ufer geworfen hatte.
Desith schmiegte das Becken enger an ihn, ergötzte sich an der Lust, die Vynsus Gesicht verzerrte und rot werden ließ. Noch eine Weile ritt er ihn weiter, aber der Barbar verlor schnell an Härte.
Schwer atmend lag er unter ihm, streichelte plötzlich Desiths Schenkel. Wohl ein Zeichen seiner Dankbarkeit, vielleicht sogar flüchtige Zuneigung. Das würde vergehen, wenn die hochtrabenden Gefühle des Höhepunktes abgeklungen waren.
»Vergieß dein weißes Gold aber nicht auf mir«, murmelte er nach einer Weile.
Desith nahm so viel Reizung mit, wie er konnte. Vynsus Geschlecht steckte tief in ihm, weich wie ein feuchter Aal. Ein schönes, prickelndes Gefühl, das wohltuender und belebender wirkte als jeder verdammte Kräutertee. Gleichwohl spürte er in seinem Kopf die Erschöpfung, aber der Berg der Lust war erklommen und es gab kein Zurück mehr.
Desith stieg von Vynsu runter, ließ sich dicht neben ihn auf den Pelz fallen und umfasste seine eigene gierige, tropfende Härte mit einer Hand. Er stellte ein Bein auf, umfasste seine Hoden, knetete sie, während er gleichzeitig sein Geschlecht mit einer fliegenden Faust bearbeitete.
Er spürte Vynsus Blick, der an seinem Gemächt klebte, aber natürlich kam der Barbar ihm nicht zur Hilfe, er sah einfach zu, mit einem Arm hinter dem Kopf als Stütze.
Sein Blick genügte vollkommen.
Desith verrieb seine eigenen Lusttropfen mit dem Daumen, stellte sich eine Zunge vor, die seine Spitze spielerisch umkreiste. Gleichzeitig spürte er, wie ihm Vynsus warmer Samen aus der Pforte floss, und wurde von einer Woge purer Begierde davongetragen. Als er kam, bespritzte er nur sich selbst, aber die Menge an vergossenem, weißem Gold machte deutlich, wie viel Druck nach zwei Jahren erzwungenem Zölibat auf ihm gelastet hatte.
Denn als er hinter Derrick her gewesen war, hatte er sich bestimmt nicht in irgendeinem Busch mal so eben schnell selbst Erleichterung verschafft. Er hatte gar nicht daran gedacht. Doch an jenem Abend dort in Vynsus Zelt, hatte sein Körper regelrecht danach geschrien, sich zu vereinigen.
Und er hatte es bekommen.
»Na«, keuchte er atemlos und sah wölfisch zu Vynsu auf. »War doch gar nicht so schlecht, oder?«
Vynsu hatte die Arme hinter dem Kopf verschränkt und lachte recht zufrieden in sich hinein.
Kapitel 11
Vynsu hatte Alpträume. Seine Glieder zuckten leicht, ein raues Stöhnen steckte in seiner Kehle, er schwitzte. Desith wurde von der Unruhe im Bett wach und hob die schweren Lider.
Die Kerzen brannten noch, warfen flimmernde Schatten von den Möbeln an die Zeltinnenwände, draußen war es dunkel und stille, tiefste Nacht.
Sie waren irgendwann ins Lager gekrochen, noch halbnackt, nur dürftig gesäubert. Vynsu hatte höflich versucht, Desith in sein eigenes Zelt zu schicken, aber Desith hatte die freundlichen Bitten überhört und sich gähnend in die Felle geworfen. Er hatte Vynsus Zögern und Unsicherheit bemerkt, ihn jedoch mit seiner Selbstverständlichkeit, mit der er sich in dessen persönlichen Raum drängte, schachmatt gesetzt.
Natürlich lagen sie nicht engumschlungen, plötzlich verliebt in den Laken, es herrschte gebührender Abstand, auch wenn das Lager schmal war. Schmal war Desith schließlich auch und konnte sich so dünn und lang wie eine Schlange machen, vor allem wenn er auf der Seite ruhte.
Trotzdem weckten ihn Vynsus Zuckungen.
Nicht zum ersten Mal wurde er von den Alpträumen gestört, die den Barbaren heimsuchten, hin und wieder war sein vertrautes Schnarchen von einem Stöhnen unterbrochen worden. Wimmern, Schweißausbrüche, zappelnde Gliedmaßen, als würde er im Schlaf gefoltert.
Desith drehte sich um. Sein Gespiele lag auf dem Rücken, nahm durch seine Breite mehr als die Hälfte der Bettstatt ein, das Gesicht nach oben gerichtet und die Hände locker auf Brust und Bauch liegend.
Das Fell hatte er nur bis zur Hüfte hochgezogen, braunvioletter Flaum war zu erspähen. Desith wusste nun zu gut, wie kratzig sich das krause Haar an seinem Geschlecht anfühlte, wenn er Vynsu ritt, und ihn überkam ein heißer Schauder purer Wonne, als er daran dachte. Ein feiner Schweißfilm schimmerte auf den Muskelbergen des Barbaren. Desith saugte den Anblick in diesem ungestörten Moment in sich auf und entdeckte einige Narben, die er zuvor, blind vor Verlangen, nicht beachtet hatte.
Vynsu war ein schöner Mann, das musste Desith zugeben. Es war ihm zuvor gleich gewesen, als er ihn verführt hatte. Da war es nicht um Anziehung gegangen. Aber jetzt, im Kerzenschein, während er schlief und der Alptraum dafür sorgte, dass all seine Muskeln angespannt waren, konnte Desith sich nicht sattsehen. Er hob eine Hand und strich mit den Fingerspitzen provozierend über den felsenharten Brustmuskel, der wohlgefällig unter seiner Berührung zuckte.
Er wollte ihn noch ein weiteres Mal besitzen. Wollte ihn brandmarken, ihm eine Kette und eine Leine anlegen und ihn zu seinem großen Gespielen machen, der zu jeder Zeit bereit sein musste, sein unersättliches Verlangen zu stillen. Er wollte ihn mit nach Hause nehmen und ihn zu seinem Eigen machen, als wäre er nur eine exotische, majestätische Kreatur, die er wie ein Haustier halten würde.
Ein schöner, verwegener Traum, der in seinen Lenden prickelte.
Desith stützte den Kopf auf einen Handballen, seine vom Liebesakt feucht gewordenen Haarspitzen hatten sich gekräuselt und kitzelten ihm nun im Gesicht. Sein hungriger Blick glitt genüsslich über Vynsus männliches, grobes Gesicht, über seine kräftige Kehle und den muskulösen Oberkörper. An einem Amulett, das mit einem Lederband um seinen Hals hing, blieben Desiths wandernde Augen kleben.
Es war golden und rund, aber nicht komplett ausgefüllt, wie eine handtellergroße, löchrige Münze. Sie zeigte vier Pferde, die im Kreis liefen. Die vier Pferde der Himmelsrichtungen. Desith hatte mal davon gehört oder gelesen, aber um das wirklich richtig zu verstehen, musste man tief in die Ursprünge des Glaubens der Nordmenschen eintauchen, aber selbst das Volk aus Carapuhr hatte die meisten dieser Mythen vergessen.
Er streckte die Hand aus und nahm das glänzende Amulett in die Finger, es war warm und er strich mit dem Daumen darüber. Vynsu konnte es noch nicht sehr lange haben, es sah aus wie neu, nicht ein winziges Bisschen angelaufen.
»Weißt du, was das ist?«
Desith sah verwundert aber nicht erschrocken zu Vynsu auf, er hatte gar nicht mitbekommen, dass dieser aufgehört hatte, zu wimmern und zu stöhnen, und aufgewacht war. Er sah Desith mit halb geöffneten Augenlidern dunkel an, als hätte er ihn schon eine ganze Weile heimlich beobachtet.
Es war Desith nicht unangenehm, er wurde gerne betrachtet. »Nein«, gestand er und besah wieder das Amulett. »Aber es sieht aus, als würde es eine mystische Geschichte erzählen.«
Als Vynsu nichts dazu sagte, blickte Desith wieder zu seinem Gesicht auf und erkannte, dass der Barbar ihn schweigend beobachtete. Dabei sah er äußerst unfreundlich aus, aber diesen Ausdruck kannte Desith noch von früher, er bedeutete lediglich, dass Vynsu in tiefe Grübeleien versunken war. Dass er dabei wütend aussah, schob Desith seitjeher darauf, dass es den Barbaren äußerst anstrengen musste, seinen Kopf zu benutzen.
Desith konnte sich ein leichtes Schmunzeln nicht verkneifen, das jedoch nicht erwidert wurde.
»Soweit ich mich erinnere, hießen diese Pferde Üsd, Dorn, Tos und Ewst«, begann Vynsu mit seiner dunklen, rauen Stimme zu erzählen. »Also Süd, Nord, Ost und West. Ich erinnere mich an einen Holzschnitt, den meine Mutter mir zeigte. Er gab die Geburt der Himmelsrichtungen in Carapuhr wieder. Gott, oder auch der Allvater genannt, in der alten Mythologie jedoch als Kriegsvater beschrieben, befreite vier vor einen Karren gespannte, starke, kleine Pferde, denen die Menschen aufgrund ihrer Größe keine Schlachten zutrauten. Er schickte sie in vier Richtungen, um Krieg zu verbreiten. Damit er, wo auch immer er gerade eine Schlacht schlagen musste, auf einem dieser starken Pferde reiten konnte.«
Desith runzelte seine kleine, makellose Stirn und betrachtete das Amulett. »Diese Legende sollte beweisen, dass auch diejenigen, die unscheinbar aussehen, eine Gelegenheit verdienen, zu kämpfen. Aber heutzutage ist von dieser Ideologie in Carapuhrs Geist nichts mehr zu finden.«
»Falsch«, warf Vynsu ein, »es heißt nur, der Stärkere überlebt, und nicht, der Größte.« Neugierig sah Desiths ihm wieder ins Gesicht, musterte forschend seine harten Züge. »Der Stärkste siegt. Das bedeutet, dass du die Pflicht hast, deine Übermacht zu beweisen. Es geht nicht immer nur um Muskelkraft oder Größe, wir würden auch einem Zwerg folgen, würde er uns das Fürchten lehren.« Er lächelte flüchtig. »Nun ja, aber natürlich trauen wir einem Zweig zunächst weniger zu als einem Stamm, bis uns das Gegenteil bewiesen wird.«
Nachdenklich schlug Desith die Augen nieder und spielte geistesabwesend mit Vynsus Kette.
Vynsu rührte sich, er schob einen Arm unter den Kopf, den anderen hob er, um Desith das Amulett aus den Fingern zu nehmen.
»Alte Geschichten«, flüsterte er mehr zu sich selbst als zu Desith, er wirkte melancholisch. »Mythen eines längst vergessenen Glaubens, der vor Jahrhunderten erneuert wurde.«
Desith sah ihn an. »Aber du glaubst noch daran?« Warum klang seine Stimme so leise? Wozu flüsterte er? Er wusste es nicht, seine Stimme wollte nicht lauter sprechen. »Oder besser gesagt, wieder daran? Der letzte Barbar, der die alten Mythen im Herzen trägt?«
Er hatte spöttisch klingen wollen, aber sein heiseres Flüstern ließ das nicht zu.
Desith hatte Vynsu nicht fromm in Erinnerung, aber er hatte ihn ja auch sieben Jahre lang nicht gesehen, da durfte ein Mann sich wohl in die eine oder andere Richtung verändern. Sieben Jahre, das war für einen Menschen eine verdammt lange Zeit, in der sich viele Gelegenheiten zum Nachdenken und Umdenken boten. Vielleicht hatte auch er sich verändert, ohne es zu wissen. Vielleicht würden sich die Veränderungen auch erst zeigen, wenn er sich wieder in die Weltordnung eingliederte, statt nur wie ein Schatten durch den Dschungel zu streifen.
Er wusste gar nicht so recht, wer er ohne Derrick war, und was er eigentlich jetzt tun sollte. Aber das schob er von sich. Im Moment war er nur im Bett mit Vynsu. Alles andere ließ er nicht an sich heran.
»Meine Mutter schenkte mir dieses Schmuckstück«, erwiderte Vynsu, als würde das alles erklären. Er wurde regelrecht ehrfürchtig. »Sie hatte einen Traum von mir, sagte sie. Sie hätte gesehen, wie der Gott des Krieges mich erwählte.«
Desith runzelte die Stirn. »Einen Traum?«
»Sie kann sehen, was passiert, weißt du nicht mehr? Sie kann in viele kommende Zeiten vorausblicken und miterleben, was geschieht.«
Desith erinnerte sich, er zweifelte nicht an den Fähigkeiten der Hexe, aber an der Glaubwürdigkeit einer stolzen Mutter.
»Gott des Krieges klingt mehr nach einem unserer Götter, als nach deinem Gott«, warf Desith skeptisch ein und hob wieder seine gierigen Fingerspitzen, um zwischen Vynsus Brustmuskeln hindurchzufahren.
»Vielleicht sind eure Götter und mein Gott nicht zwingend verschiedene Gottheiten«, wagte Vynsu zu äußeren und legte seine Hand über Desiths, damit er aufhörte, seine Muskeln zu liebkosen. »Vielleicht nennen wir sie nur anders.«
Desith kämpfte mit einem Schmunzeln, weil er Vynsus Gänsehaut bemerkte.
»Mutter kommt aus Nohva. Sie kennt eure Götter und sie glaubt, mit deren Verbannung würden sich irgendwann neue Götter erheben, die die alten ersetzen.«
»Und der Gott des Krieges wird nach Carapuhr kommen und dich erwählen, für ihn zu kämpfen?«
Vynsu nickte bedächtig. »Um an seiner Seite zu stehen.«
»Der Traum eines jeden Barbaren...« Ob er das glauben sollte, wusste Desith nicht so recht, aber er erinnerte sich daran, wie abergläubisch die Menschen aus Carapuhr sein konnten, und ließ Vynsu seine Träumerei.
»Ich weiß, dass es albern ist«, seufzte Vynsu jedoch und starrte kummervoll an die Decke, »und vermutlich hat sie mir diesen angeblichen Traum nur aufgetischt, damit ich mich stark und besonders fühle. So besonders, wie ich für sie schon immer war. Aber weißt du… der Gedanke, dass meine Stärke einer Gottheit imponieren könnte, ist schlicht und ergreifend zu schön, um ihm nicht manchmal nachzuhängen.«
Ein leichtes, beinahe niedliches Lächeln schlich sich auf seine Züge, das Desith sich wünschen ließ, er könnte Träume in Wirklichkeit verwandeln.
Aber eines konnte Desith sich trotzdem nicht verkneifen: »Vielleicht will er nicht nur, dass du für ihn kämpfst.«
Vynsu drehte ihm aufmerksam das Gesicht zu.
Desith schmunzelte kühl. »Vielleicht will er dich zu seinem Lustknaben machen.«
Grunzend drehte Vynsu ihm den breiten, nackten Rücken zu, dabei ging eine Welle durch das Bett, die Desith beinahe über die Kante auf den Boden katapultierte. Zwei beleidigte Schultern starrten ihm entgegen.
Er lachte über den Barbaren und legte sich glucksend in die Kissen, betrachtete voll Verlangen das Muskelspiel direkt vor seiner Nase. »Obacht vor dem Willen der Götter«, scherzte er, »denn er liegt nie so offen da, wie es scheint, und oft verlangen sie einen blutigen Preis für den Ruhm, den sie für uns bereithalten.« Leise, nur für sich, fügte er ernst hinzu: »Bist du bereit, den Preis in Blut zu zahlen, den Krieg von dir verlangen wird, Vyn?«
Kapitel 12
Der Morgen dämmerte noch nicht richtig, als er bereits mit einer Spitzhacke auf schwarzes, hartes Gestein einschlug. Seine schwachen und dünnen Arme schmerzten, die Muskeln brannten, und sein Rücken tat so weh, dass ihm Tränen in die Augen traten.
Trotzdem machte er weiter, so gut er konnte. Sarsar spürte die Blicke der anderen Sklaven. Obwohl er einer von ihnen war, schlossen ihn seine helle Haut und die runden Ohren von ihrer Gemeinschaft aus. Erst hatten sie ihn feindselig durchbohrt, aber je deutlicher seine Schwäche wurde, je belustigter betrachteten sie ihn. Tuschelten. Stießen ihren Nebenmann an und nickten in seine Richtung, lachten. Sie erfreuten sich an seinem Scheitern. Vor allem wenn die Wärterin auf ihrem Rundgang mit der Peitsche vorbeischlenderte und sein Schwächeln bemerkte. Sie brüllte etwas in ihrer fremden Sprache und peitschte ihm zweimal den Rücken, auf dass sein Hemd und die Haut darunter aufplatzten, als hätte sie ihn mit Krallen aufgeschlitzt. Mit der Peitsche konnten die Kriegerinnen umgehen wie ein Fleischer mit dem Schlachtmesser, sie hatten ein Leben lang Übung darin, hinzukam, dass ihre Oberarme dick wie Baumstämme waren, mit denen sie so fest zuschlagen konnten, dass es einem Sklaven die Haut abzog.
In den ersten Tagen hatte das Auspeitschen nichts gebracht, die Peitsche konnte keine Stärke hervorlocken, wenn keine Stärke vorhanden war. Sie waren jedoch nicht skrupellos, diese Frauen, sie schleppten die müden und verletzten Sklaven zurück in ihre Unterkünfte, die Kranken bekamen sogar Heilung, wenn sie kurz vor dem Tod standen. Trotzdem starben auch Männer in den Zellen, oft an Altersschwäche oder Erschöpfung. Denn um zu verhindern, dass ein Sklave Schwäche nur vortäuschte, wurde er solange gepeitscht, bis deutlich wurde, ob noch ein Funken Leben in ihm steckte, oder ob er wirklich bis zur Schmerzgrenze erschöpft war und ausruhen musste.
Sarsar hatte geschuftet, bis seine Arme sich nicht mehr hatten heben lassen. Die gekrümmte Haltung schmerzte in seinem Rücken, als bestünden seine Knochen plötzlich aus erhitztem, brennendem Eisen, seine Muskeln waren weich und unbrauchbar wie nass gewordenes Pergament.
Sie hatten ihn oftmals bereits wieder in seine Zelle bringen lassen, als die Sonne noch nicht an ihrem höchsten Punkt am Himmel stand, lange vor Mittagstunde. Nicht, dass er die Sonne in den Minen gesehen hätte, aber sie wurden an jedem Morgen und an jedem Abend an die Oberfläche und durch eine Bergbaustadt aus spitzen Zelten von ihren Zellen zu ihrer Arbeitsstätte getrieben. Wenn er zurück zur Zelle geschleift wurde, konnte er gelegentlich die Sonne erspähen, doch dann war er so erschöpft und kurz vor einer Ohnmacht, dass er alles nur verschwommen wahrnehmen konnte.
Das Auspeitschen war jedoch nicht das Schlimmste. Schlimm waren die anderen Sklaven, wenn sie nach einem Tag harter Arbeit in die Zellen zurückgetrieben wurden, wo er seit Stunden lag und sich ausruhte.
Sie waren neidisch und wütend. Natürlich waren sie das, er konnte es ihnen nicht verübeln. Glücklicherweise waren sie durch ihre harte Arbeit derart erschöpft, dass ihre Tritte und Schläge zwar wehtaten, aber ihm nicht gefährlich wurden. Sie ließen nur ihre Wut an dem Fremdländer aus, der sich eine Sonderbehandlung erschlichen hatte. Chusei, der Halbpanthermensch, hatte ihm erklärt, dass sie glaubten, er würde nur so tun, als könnte er nicht mehr arbeiten.
Nun, und wer nicht arbeitete, der verdiene auch nicht das Brot und das Wasser, das ihnen am Abend gereicht wurde. Sie nahmen es Sarsar weg und verteilten es untereinander.
Sarsar bat nie darum, aber Chusei nahm sich seiner an. Vermutlich, weil er, bevor Sarsar da war, in der gleichen Lage gesteckt hatte. Sie waren anders, Missgeburten in den Augen der anderen. Ausländer. Und Chusei war jemand, der den Kontakt zu Fremden nicht zu scheuen schien, vermutlich steckte dahinter ein tiefer, verzweifelter Wunsch nach einem einzigen Freund in dieser Misere.
Chusei zog Sarsar jeden Abend, nach den Schlägen und Tritten, in eine Ecke, teilte das Brot mit ihm, flößte ihm Wasser ein, und tupfte seine Wunden sauber. Ungefragt, ungebeten. Schlicht, weil er ein freundliches Wesen besaß.
Er konnte nicht verhindern, dass Sarsar wehgetan wurde, sie hätten auch ihm Schmerz zugefügt, dann wäre keinem von ihnen geholfen gewesen, und Sarsar hätte nie von ihm verlangt oder erwartet, dass er sich Prügel einhandelte. Das änderte für ihn nichts.
Sarsar war ihm dankbar, auch wenn er es nicht richtig zeigen konnte. Chusei schien jedoch auch keinen großen Dank zu erwarten, zumindest beschwerte er sich nicht, dass er Sarsar noch immer alles aus der Nase ziehen musste und meist mit Schweigen gestraft wurde.
Dabei wollte Sarsar gern einen Freund, aber er war noch wie geschockt und äußerst verwirrt über das, wo er gelandet war. Oder besser gesagt, über die Frage, wie das alles hatte geschehen können.
Geschockt von der Erinnerung, wie sein eigener Bruder ihm dem Tod überlassen hatte. Und von der Frage, wohin ihn das Portal, das er geöffnet hatte, gebracht hatte, wie lange er dort in dieser Schwärze gefangen gewesen war. Die Frage, welches Zeitalter sie hatten.
Er fing an, darüber zu grübeln, ob er überhaupt in seiner richtigen Welt, oder ob er in der Zeit vor- oder zurückgereist war. Chusei wusste nichts über Zeitalter, er war ein Sklave, fast schon sein Leben lang, und Sklaven kannten keine Zeitalter, nur die Stunden für Arbeit und die Stunden für den Schlaf. Andere bestimmten ihren Tag, ihr Leben. Zeit lag in den Händen der Wärterinnen. Zeit hatte keine Bedeutung, wenn man keinen freien Willen besaß.
Und Sarsar konnte immer mehr verstehen, warum das so war. Die Tristesse des Sklavenlebens war wie ein Leben als Vieh. Man lebte auf den Tag hin, an dem der Tod einen befreite. Etwas anderes kannten diese Männer nicht. Sie hatten sich damit abgefunden, niedere Kreaturen zu sein. Nur so viel wert, wie es ein Schwein im Stall eines Bauern war.
Nicht unnütz, aber eben auch nicht frei.
Doch die Tage wurden besser und die Arbeit hatte auch etwas Gutes. Während Sarsar in der ersten Zeit noch geglaubt hatte, das Abtragen des Erzes würde ihn bald umbringen, wurde er eines Besseren belehrt. Die Arbeit brachte ihn nicht um, sie machte ihn stärker. Seine Arme konnten jeden Tag ein wenig länger durchhalten, ehe sie ihm den Dienst entsagten. Die Muskulatur seines Rückens wurde kräftiger, konnte mehr ertragen. Und sein Wille wurde eiserner.
Er würde hier nicht verrecken, er würde ausbrechen. Er war Desiderius M`Shiers Sohn, verdammt noch mal! Er brauchte nur einen Plan, und um diesen zu schmieden, ließ er sich Zeit. Irgendwann, da war er sich sicher, würde ihm irgendein Geistesblitz einfallen. Irgendwann. Als Sklave hatte Zeit schließlich keine Bedeutung.
Er war geduldig.
Denn dem Geduldigen lief nichts davon.
Und aus irgendeinem Grund heilte sein Körper schneller als es möglich sein dürfte. Sie konnten ihn auspeitschen, sie konnten ihn verprügeln, am nächsten Tag war er fast wie neu, bis auf die Narben, die ihm erhalten blieben.
Und mit jedem weiteren Tag kehrte seine Magie in seine Fingerspitzen zurück.
Er musste nur geduldig sein.
Kapitel 13
Am Tisch herrschte Schweigen, das nur von dem Schlurfen und Schlucken der Speisen durchbrochen wurde. Es war noch früh und sie aßen gemeinsam mit dem Großkönig unter Ausschluss des Pöbels. Nicht einmal Melecays persönliche Leibwachen durften ihn zu solch früher Stunde stören.
Es gab Hammel und Met. Vynsu hatte seine Waffen neben sich in Griffweite wie üblich auf dem Tisch abgelegt, weil ihn die Scheiden des Schwertes und des Dolches sonst bei einer bequemen Sitzposition behindert hätten.
Der Großkönig nahm sein Frühstück schweigend am Kopfende der Tafel ein, und weder Vynsu noch Desith, die sich gegenübersaßen, wagten die Stille zu durchbrechen. Vynsus Mutter war damit beschäftigt, Derricks Geist und Körper zu erforschen, das wusste Vynsu, da er sie bereits kurz besucht hatte, bevor er Desith zu Melecay gefolgt war.
Er hatte auch Derrick gesehen, in dessen bodenlosen Echsenaugen nicht der geringste Funke des Erkennens gesteckt hatte. Aber das trat er vor seinem Onkel natürlich nicht breit.
Melecay war entschlossen, seinen Ziehsohn zurückzuholen, niemals würde er eine andere Denkweise oder Einmischung dulden. Aber wer konnte es ihm verübeln, das winzige bisschen Herz, das der Großkönig besaß, gehörte seinem Sohn. Jeder in Carapuhr wusste das.
Das hieß nicht, dass Derrick verwöhnt gewesen wäre, wie jeder Bursche in Carapuhr hatte er sich beweisen müssen, hatte kämpfen und töten und seinen Mann stehen müssen. Aber für Melecays Verhältnisse war Derrick geliebt aufgewachsen. Vynsu wusste nicht, ob Derrick irgendetwas tun könnte, um Melecay zu enttäuschen. Immerhin hatte Derrick die Krone einfach abgelehnt, hatte sich geweigert, darum zu streiten, er hatte sich Desith, ohne zu fragen, genommen, er war wegen Sarsar in Zadest geblieben und hatte seine Pflichten in Carapuhr vernachlässigt, er war fortgelaufen, und Melecay hatte niemals an ihm gezweifelt oder geäußert, dass Derrick ihn im Stich gelassen hätte.
Aber als Vynsu zugelassen hatte, dass seine Frau ermordet wurde und daraufhin ein paar Wochen mit einer Gruppe Söldner unterwegs gewesen war, weil er sich nicht nach Hause getraut hatte, da hatte Melecay von Verrat, von Feigheit und Enttäuschung gesprochen.
Wäre all das Derrick passiert, hätte Melecay ihm nicht die Krone aberkannt. Denn … nun ja, dann wäre es ja Derrick passiert, und nicht ihm, dem dummen Neffen.
Aber Vynsu hegte deshalb keinen Groll gegen Derrick. Im Gegenteil, er war froh, dass Melecay diesem nichts nachtrug. Wenn Derrick den Thron von Carapuhr besteigen sollte, dann war das für Vynsu in Ordnung, er würde Derrick mit dem Herzen folgen, auch wenn er diesen nicht für einen geeigneten König hielt. Aber sie waren Brüder im Geiste, würden es immer sein.
Derrick hatte seitjeher gezeigt, dass er besser folgte, statt führte, vielleicht würde Vynsu feststellen, dass es ihm genauso erging. Ohne Verantwortung gab es auch weniger Sorgen. Er vermisste es nicht sonderlich, aber er kam sich doch manchmal darum betrogen vor.
Vynsu unterdrückte ein Seufzen, brach ein Stück Brot ab und tunkte es in die Brühe mit dem Hammelfleisch. Er kaute nachdenklich und schielte zu Desith.
Der Wildfang hatte sich das feurige Haar nicht gebürstet wieder hoch oben auf dem Hinterkopf locker zusammengebunden und mit seinem roten Haarband versehen. Er wirkte erholt und seine Wangen schimmerten gesund im Schein der Kerzen. Ohne zu zetern hatte er seine Frühstücksschale bis auf den letzten Rest regelrecht leergefressen – hatte die kraftspendende Mahlzeit wohl nach der letzten Nacht nötig gehabt – und lehnte nun kerzengerade an seiner Stuhllehne und schlürfte nachdenklich seinen Met. Er trug das Hemd und die Hose von gestern, an dem Stoff glaubte Vynsu seinen eigenen Geruch noch immer wahrzunehmen.
Man hatte sie geweckt, ein Krieger hatte den Kopf ins Zelt gesteckt und sie zu Melecay beordert, alle beide. Er war weder überrascht noch schockiert gewesen, sie zusammen schlafend vorzufinden.
Warum hätte er auch empört sein sollen? Zwar hatte Vynsu nie einem Knecht oder sonst einem Mann beigelegen, aber in Carapuhr war es Sitte, der Lust alle Türen und Tore zu öffnen. Vynsu hatte sich auch nicht geschämt, als er mit Desith zusammen erwischt wurde und sie gemeinsam aus dem Zelt getreten waren. Die Mägde haben geschaut, natürlich hatten sie das, denn Sitte hin oder her, getratscht wurde überall. Doch kein Barbar würde sich jemals für irgendetwas schämen, ob er nun mit einem anderen Mann oder einer Ziege beim Ficken erwischt wurde. Scham war etwas für Feiglinge.
Vynsu bereute es nicht, noch zweifelte er plötzlich an sich selbst. Er hatte nie bei einem Mann gelegen, da sein Verlangen dem schönen Geschlecht galt, aber er war nicht über sich selbst schockiert. Fleisch ist Fleisch. Er hatte nie den Wunsch verspürt, bei einem Mann zu liegen und er dachte auch an jenem Morgen nicht allzu viel über die letzte Nacht nach. Was passiert war, war passiert. Er hatte nicht Desiths Geschlecht, sondern nur Desiths enge Pforte begehrt. Der Akt war gut gewesen, es hatte sich schön angefühlt, Desith wusste, wie er ihn hatte reizen können, und sie hatten Freude miteinander gehabt.
Deshalb stellte er jetzt aber nicht seine ganze Welt in Frage und hechelte den Stallknechten nach. Oder gar Desith. Es war eine rein körperliche Angelegenheit, die er akzeptierte, die er zugab, genossen zu haben. Und sollte irgendwann mal bei einem Gruppengerangel ein junger Bursche dazu schleichen, würde Vynsu gewiss nicht gleich der Schwanz abfallen, wenn er dessen Arsch begattete.
Kurz um, der Begriff »Barbar« war nicht nur dem Kampfgeist eines Nordmannes geschuldet, sondern auch der Fähigkeit, all seine sexuellen Begegnungen mit einem Schulterzucken und einem schiefen Grinsen abzutun.
Einzig und allein die Tatsache, dass Derrick ihn umbringen würde, sobald er wieder ein Mensch war, sorgte dafür, dass er an diesem Morgen einen Stein im Magen hatte.
»Hattet ihr Spaß gestern Nacht?« Die plötzlich erklingende Stimme des Großkönigs riss Vynsu aus seinen Gedanken. Natürlich war er mit allem im Bilde, vermutlich hatten seine Spione Vynsu beobachtet, oder der Krieger von heute Morgen hatte ihm mitgeteilt, dass er sie zusammen erwischt hatte.
Über die gekerbte Tischplatte hinweg sahen sich Desith und Vynsu in die Augen, der Kerzenschein spiegelte in Desiths Iriden und sein Mund – wohlbemerkt seitjeher formvollendete und wahrlich sündhafte Schönheit – verzog sich zu einem schelmischen Schmunzeln. »Es war annehmbar.«
Annehmbar. Vynsu ließ nur ein Schauben verlauten und griff nach seinem Met. Desiths vor Wonne zuckende Pforte hatte sich angefühlt, als wäre es mehr als nur annehmbar, seinen harten Phallus in sich zu spüren.
Vynsu fühlte die kalten Augen seines Onkels, die zwischen ihnen hin und her blickten und verkniff sich jeglichen Kommentar. Er hatte es nicht nötig, sich zu rechtfertigen, er wusste, das Desith, Spielchen mit ihm treiben wollte. Er gab diesem keinen Zündstoff für neues Feuer.
»Es ist mir gleich«, sagte der Großkönig trocken, »was ihr, oder was ihr nicht, in euren Nächten treibt. Aber wenn Derrick sich weigert, ein durchgerammeltes Stück Fleisch zu ehelichen, werde ich Vynsu kastrieren müssen wie einen räudigen Köter.«
»Wetzt Euer Messer noch nicht, Onkel«, warf Vynsu gelassen ein, »es kommt nicht wieder vor.«
Desith sah ihn mit schiefgelegtem Kopf an, in seinen Augen stand eine so deutliche Frage, dass man sie fast hören konnte. »Warum ist er so scheiße zu dir?«, schien er zu fragen. Aber Vynsu ignorierte das und hob den Becher an die Lippen.
Der Großkönig betrachtete ihn eingehend, schien mit Vynsus Gleichgültigkeit aber zufrieden und fuhr mit seiner dunklen, rauen Stimme fort: »Derrick wird sich zurückverwandeln und dann darf einer Vermählung und einem Bündnis mit dem Kaiserreich nichts im Wege stehen.«
Vynsu betrachtete Desith, aus dessen Augen jeglicher Glanz wich, sein Gesicht wurde hart.
»Ich werde mich nicht wie eine Hure mit Rick vermählen lassen«, zischte er trotzig und wagte es, den Großkönig dabei wütend anzublicken.
Ein Magenbrodeln kündigte sich in Vynsus Innerstem an, er erlaubte sich keinen Zwischenruf.
»Seltsam«, der Großkönig gab sich trügerisch gelassen, »dabei hast du dich doch auch wie eine Hure von ihm besteigen lassen. Es erschließt sich mir nicht, warum das jetzt ein Problem darstellt.«
Desith presste durch die Zähne: »Es ist meine Angelegenheit, bei wem ich wie und wann und wie oft liege. Ob Prinz, ob Prinzessin, ob Bauer, ob Bettler, Rind oder Ziege, ich besteige, was ich will. Aber ich vermähle mich deshalb nicht gleich mit allem, was mir vor die Schwanzspitze läuft.«
»Nein«, stimmte Melecay zu und kaute genüsslich auf seinem Brot, »lass dich nur weichrammeln, von wem du willst, Junge, aber wenn ich sage, du wirst dich mit einem von meinem Volk vermählen, dann wirst du das tun, denn ich bin dein König, und du wirst mir Gehorsam leisten! Davon abgesehen hast du einen Treueeid geleistet, bist aber vor sieben Jahren weggegangen. Man nennt das desertiert. Die Vermählung mit Derrick ist das Einzige, was dich vor dem Schafott rettet.«
Desith sah ihn derart ungläubig an, als hätte der Großkönig ihm offenbart, dass er gedenke, sich mit dem Kaiser zu vermählen. »Ich war wegen Rick sieben verdammte Jahre in diesem Höllendschungel! Desertiert? Wie kann ich desertiert sein, wenn ich bei Rick war, dem allein meine Treue gehörte?«
»Du schworst mir die Treue, nicht Rick. Mein Sohn war ein freier Mann, du hingegen hast deine Pflicht verkannt«, sprach der Großkönig völlig ruhig und von sich selbst überzeugt. »Du wirst Derrick heiraten oder als Deserteur abgeführt. Eine andere Wahl bleibt dir nicht.«
Der Tisch wackelte, als Desith von seinem Stuhl sprang, polternd fiel die Sitzmöglichkeit um. Mit aufgeblähten Nasenflügeln und zu Fäusten geballten Händen starrte Desith den Großkönig an.
»Setzt dich«, sagte Melecay gelassen und schaute mit einem leichten Lächeln zu ihm auf, »du machst dich lächerlich.«
»Ihr könnt mich nicht zwingen, einen Drachen zu ehelichen, der gar nicht hier sein will und für den ich nur eine Vorspeise bin!«
Der Großkönig lehnte sich mit ernstem Gesicht in seinem hölzernen Thron zurück. »Dann verstehe ich deinen kindischen Trotz nicht. Ich zwinge dich nicht zu einer Ehe mit einem Drachen, Desith, sondern ermögliche dir das, was du und Rick seitjeher wolltet.«
»Rick ist gegangen, Ihr habt es selbst gesehen, er kommt nicht für mich zurück. Ich bedeute ihm nichts mehr. Die Zeiten haben sich verändert«, konterte Desith herablassend durch noch immer zusammengebissene Zähne. Ihm war so deutlich anzusehen, dass er verzweifelt versuchte, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, dass es fast bemitleidenswert war. »Und selbst wenn er zurückkäme, wird er nicht seinen Platz als Euer Erbe einnehmen, er wird umdrehen und gehen, weil alles, was ihn antreibt, die Suche nach Sarsar ist. Einem Toten. Er ist verloren, Großkönig Melecay, Ihr müsst Ihn ziehen lassen, ebenso wie ich.«
Der Großkönig verengte die Augen wie ein Scharfschütze, wenn er den Bogen spannte. Seine Knöchel traten weiß hervor, weil er die Armlehnen seines Throns vor Wut fest packte.
Vynsu hielt den Atem an, während er gleichzeitig überlegte, ob er es wagen konnte, sich schützend vor Desith zu stellen, oder ob er damit nur seinen eigenen Kopf riskierte und seine Kinder zu Waisen machen würde.
»Seit wann nimmt der Großkönig von Carapuhr Befehle von einem Burschen entgegen?« Melecays Stimme war ruhig, aber schneidend. »Seit wann ist es üblich, dass ein Halbstarker es wagt, sein verdammtes, unnützes Wort gegen mich zu erheben?«
Desith wandte den Blick ab, er starrte auf den Tisch und lehnte sich mit den Fingerspitzen auf die Kante, seine Lippen waren ein dünner Strich. Und Vynsu hatte Mitleid mit ihm.
»Du bist ein Welpe«, keifte Melecay nachdrücklich, »ein kleiner, unerzogener Welpe, nichts weiter bist du für mich. Wage ja nicht noch einmal, mir zu befehlen. Sonst lasse ich dich vor Derricks Nase anbinden, bis ihr beide lernt, euch wieder gern zu haben. Verstanden?«
»Weiß mein Vater, dass ich gefunden wurde?«, fragte Desith leise, es war sein letzter Hoffnungsschimmer. »Ich will, dass mein Vater benachrichtigt wird.«
Melecay fing an, über Desiths Naivität zu lachen. Er sah zu Vynsu, der nur kopfschüttelnd den Blick abwandte, er würde sich nicht über Desiths Lage amüsieren. Melecay schnaubte über ihn, dann wandte er das Gesicht wieder mit einem gewohnt harten Ausdruck zu Desith um.
»Ich ließ deinem Vater mitteilen, dass du voller Sorge um Derrick bist, es dir aber gut geht. Sorge dich nicht, er wird kommen, wenn die Vermählungszeremonie stattfindet. Er wird dort sein und er wird diese Ehe anerkennen!«
»Mein Vater hat sich immer gegen diese Bindung ausgesprochen«, warf Desith ein, »er wird diese Ehe nie anerkennen, für ihn ist sie keine Stärkung des Bündnisses, sondern eine Schmach! Und wozu braucht Ihr schon eine Ehe, es besteht bereits ein Friedensvertrag! Fürchtet Carapuhr etwa das Kaiserreich?«
Eine gewagte Behauptung, die Vynsu einen Herzsturz verursachte. Er schielte unbehaglich zu seinem temperamentvollen Onkel.
»Es geht um Respekt, den dein Vater mir schuldet. Ich nehme ihn in Form einer Verbindung unserer Kinder, als Beweis für seine Zuneigung mir gegenüber.« Die Stimme des Großkönigs klang beunruhigend gelassen. »Friedensverträge können gebrochen werden«, erklärte er weiter, »eine Ehe hält für gewöhnlich ein Leben lang. Wenn man nicht gerade zulässt, dass einem der Ehepartner unter der Nase abgeschlachtet wird.« Er warf einen bösen Blick auf Vynsu.
Vynsu senkte die Augen auf den Tisch, er ignorierte den Stich in der Brust.
»Außerdem«, fuhr sein Onkel fort und blickte Desith wieder an, »will jemand in meinem Land verhindern, dass eine solche Bündnisehe zwischen Carapuhr und Elkanasai zustande kommt, wie die Ermordung deiner Schwester beweist. Und das kann und will ich mir nicht bieten lassen.«
Kopfschüttelnd stellte Desith sich weiterhin quer. »Mein Vater wird dem nicht zustimmen.«
»Er hat bereits zugestimmt«, Melecay faltete die Hände über dem Bauch, »natürlich zu einem Zeitpunkt, als wir noch dachten, wir würden zwei Verliebte vermählen. Aber nichts destotrotz wirst du deine Pflicht tun. Dein Vater muss nichts davon erfahren, dass die Liebe, die er so verabscheute, bereits erloschen ist. Sieh es mal so, du trägst zum Schutz unserer Grenzen bei und sicherst einen jahrzehntelangen Frieden zwischen unseren Völkern.«
»Niemals!« In Desiths Augen stand der pure Trotz. »Lieber stecke ich mich selbst in Brand, lasse ganze Völker abschlachten und Dynastien den Bach runter gehen, aber ich werde mein Leben von nun an selbst bestimmen, und ich habe beschlossen, nach Hause zurückzukehren! Ihr wollt eine Ehe, einen Bund zwischen Eurem Königreich und dem Reich meines Vaters? Dann vermählt Rick mit einem meiner Brüder, soweit ich weiß, ist mein erst kürzlich entdeckter Halbbruder Männern sehr zugetan. Nehmt ihn und lasst mich bloß damit zufrieden.«
Er lieferte seinen Bruder zu seinem eigenen Vorteil aus. Vynsu wusste nicht, was er davon hielt. Aber immerhin wurde deutlich, dass Desith Derrick lieber an einen anderen verkaufen würde, als sich selbst an diesen zu binden. Er wollte nicht Ricks Gemahl sein, unter keinen Umständen.
Melecay grinste schief. »Er ist nur ein Bastard, ein … Nichts, das man im Wald aufgelesen hat. Davon abgesehen ist diese Unterhaltung reine Zeitverschwendung. Ich lasse dir hierbei keine Wahl, Desith. Du hast gehört, was deine Pflicht ist und was für dich als Anteil am Großen und Ganzen erwartet wird. Ich befehle es dir. Du wirst Derricks Prinzgemahl. Du hast mir einen Eid geleistet, als du ein dummer, liebestoller Junge warst. Trage es gefälligst wie ein Mann und liege mir nicht in den Ohren, sonst trittst du ohne Zunge vor den Altar des Schamanen! Aber glaub mir, du wirst vor den Altar treten!« Er griff mit einer endgültigen Geste zu dem Krug auf dem Tisch und goss sich Met ein.
Desith sah verzweifelt von ihm zu Vynsu, Not und Flehen standen in seinem eisblauen Blick, aber Vynsu konnte nur warnend den Kopf schütteln.
»Du hast es versprochen!« Wuttränen schimmerten in Desiths Augen. »Du hast versprochen, dass du mich nach Hause bringst.«
Vynsu schlug die Augen nieder, er kam sich wieder unheimlich schmutzig vor.
»Vynsu ist nicht in der Lage, solche Versprechen zu geben«, mischte der Großkönig sich ein und knallte den Krug zurück auf den Tisch, nachdem er den Becher randvoll gegossen hatte. »Außerdem, was ist das Versprechen eines Nordmannes wert, Desith Airynn von Elkanasai?« Er lachte dreckig in sich hinein, ergötzte sich regelrecht an Desiths Machtlosigkeit. »Versprechen sind nur etwas für Feiglinge und einfältige Kinder, damit ihnen die Welt nicht so böse und ungeordnet vorkommt. Sie tragen nur zu einem Trugschluss bei. Sie sind nur unsichtbare Ketten, mein Junge.«
Desiths Augen schwammen. »Bastard!«, spie Desith Vynsu entgegen. »Elende, treulose Bastarde. Alle zusammen!« Ehe sie reagieren konnten, schnappte er sich Vynsus Schwert und Dolch vom Tisch. »Niemand befiehlt mir etwas!«
Sie sahen ihm gelangweilt nach, als er über den Stuhl stieg und nach draußen marschierte. Sie machten keine Anstalten, ihn daran zu hindern.
Melecays Thron knarrte, als er sich mit seinem vollen Becher in der Hand wieder zurücklehnte. »Er hat dein Schwert, Neffe«, merkte er an.
»Mhm.« Vynsu rieb sich die Augen mit Daumen und Zeigefinger.
Melecay zog seine Klinge und warf sie scheppernd auf den Tisch. »Halt ihn auf.«
Seufzend erhob Vynsu sich aus seinem Stuhl, nahm Melecays Schwert an sich und folgte ohne Eile dem Tumult, den Desith im Lager anrichtete.
*~*~*
Desith stampfte mit hocherhobenem Haupt durch die Zeltreihen, rempelte Barbaren an, stieß Mägde und Knechte wütend beiseite, während er einen Ausgang aus dieser verdammten Zeltstadt suchte.
Es war ihm gleich, dass sauberes Geschirr wegen ihm in den Dreck fiel, dass Tücher umhergeweht wurden, dass die Mädchen nach Luft schnappten und die Barbaren ihm Prügel androhten. Er ging einfach weiter, hinterließ ein wütendes Chaos dort, wo er hintrat. Er genoss sogar ein wenig die schockierten, fragenden Blicke, die ihm folgten. Einige Weiber hielten ihn wohl immer noch für einen bösen Geist, denn sie wichen ihm aus und verfolgten ihn mit geweiteten, ängstlichen Augen.
Aus einem Grund, den er nicht erklären konnte, gefiel ihm ihre Furcht.
Doch das bewegte ihn sicher nicht zum Bleiben.
Niemals würde er es einfach so zulassen, dass irgendjemand außer er selbst über sein Leben bestimmte. Weder hatte er damals seinem Vater gehorcht, als dieser ihm den Umgang mit Derrick hatte verbieten wollen, noch würde er an diesem Tage sang und klanglos akzeptieren, dass der Großkönig ihn mit Derrick vermählte. Liebe hin oder her, selbst auf die Furcht geschissen, es ging rein ums Prinzip. Er war keine Maid, die von den hohen Herren verschachert werden konnte wie ihnen beliebte, und selbst für eine Frau wäre es eine unsagbare Schande, würde sie dieses Schicksal demütig antreten.
Nicht mit ihm! Er würde sich nicht befehlen lassen, eine Ehe einzugehen, die er nicht aus freien Stücken selbst treffen wollte. Er war keiner dieser naiven, kleinen Geschöpfe, die sich nicht wehren konnten. Es blieb ihm immer eine Wahl, jeder Mann und jede Frau hatten in dieser Position eine Wahl. Treueeide, Pflichten und Gehorsam zum Trotz. Desith war ein freier Mensch, er würde sich nicht zu einem Sklaven machen lassen. Oder zu einem treuen, kleinen Hausfrauchen. Niemals würde er einem anderen Menschen gehören. Niemals.
Und er hatte bereits bewiesen, dass er den Tod einem Käfig vorzog.
Aber dieses Mal würde er nicht allein gehen. Wenn sie ihn zwingen wollten, sollten sie kommen und es versuchen, es würde Blut vergossen werden, wenn sie es darauf ankommen lassen wollten.
Und das wollten sie.
Er erspähte am Ende einer langen Zeltreihe einen Ausgang in der hocherbauten Palisade, direkt neben den Gattern, in die die Pferde gepfercht waren. Ein junger, knackiger Knecht führte zwei wild tänzelnde wunderschöne Hengste am Ausgang vorbei und hatte einige Mühe, die kräftigen Tiere zu bändigen.
Desith ging schnurstracks darauf zu. Sein Blick fixierte die Reisfelder, die im warmen Wind Elkanasais wogten, als winkten sie ihn in die Freiheit. Er wurde immer schneller, sah nur diese Lücke zwischen den spitzgefeilten Baumstämmen, war wie ein Fohlen, das auf ein offenes Gatter zustürmte…
»Na-na!« Ein riesiger Schatten stellte sich ihm in den Weg. Langes Haar, vernarbtes Gesicht, als hätte diese Schweinsfratze einen Klingenhieb mit der Fresse abgefangen. Fettiges, langes Haar in der Farbe von Mohnblumen. »Wo wollt Ihr denn hin, Kaisersöhnchen? Glaub nicht, dass Ihr so einsam hier herumstreifen solltet.« Er zwinkerte widerwärtig. »Nicht ohne ein hübsches Halsbändchen mit einem Glöckchen daran.«
Desith blieb mit gebleckten Zähnen stehen, er brauchte nichts zu sagen, er konnte mit den Augen kontern.
Der Barbar lachte, ein Strohhalm steckte zwischen seinen abgebrochenen Zähnen. Er nahm ihn gelassen raus, während er sich o-beinig wie eine Mauer vor ihm aufbaute, und spuckte auf den Boden. Der Wind strich durch das graue Fell seines kurzen Umhangs, das seine Schultern bedeckte, einen Harnisch trug er nicht, auch kein Hemd, seine behaarte Brust war nackt und überzogen von frischen Kratzern, die dank der dicken Beschaffenheit seiner Haut nur oberflächlich schienen.
»Lasst mich sofort vorbei«, drohte Desith ihm. Das Leder der Scheiden, die er in der Hand hielt, knirschte, als sich sein Griff verstärkte.
Er hätte wissen müssen, dass Melecay nicht nur Vynsu beauftragt hatte, ihn zu bewachen. Vermutlich war dem ganzen Lager eingebläut worden, dass Desith die Palisaden nicht durchschreiten durfte. Er war ein Gefangener. Ein hochrangiger Gefangener, aber dennoch ein Gefangener.
Das würde ihn nicht aufhalten. Und wenn sich das gesamte Lager zwischen ihm und seine Freiheit stellte, es würde ihn nicht aufhalten!
»Geht Beiseite«, betonte Desith ein letztes Mal, »oder bereut es.«
Der Barbar steckte sich lachend wieder den Strohhalm zwischen die Zähne. Im Augenwinkel sah Desith, wie zwischen den Zelten weitere große Schatten heraustraten, die ihn langsam einkesselten. Sie waren nicht auf der Hut, sie waren entspannt, fast gelangweilt. Wie eine Gruppe Wölfe, die ein verletztes Rehkitz einkreiste.
Desith bewegte sich nicht, bis auf die Augen, die die Bewegungen der Angreifer beobachteten. Schweinsfratze zog mit einem amüsierten Grinsen sein Schwert aus der Scheide. Es war ein kurzes Sax. Auch die anderen zogen ihre Schwerter, Metall sang in der Luft das Lied des Todes.
Desith blickte den Barbaren vor sich wieder an. »Ich habe Euch gewarnt.« Er hob Vynsus Waffen auf Nasenspitzenhöhe und zog sowohl Schwert als auch den Dolch demonstrativ mit einem kräftigen Ruck aus ihren Hüllen, die Lederscheiden warf er Beiseite. »Dann lasst uns tanzen.« Er nahm den Dolch in die linke, und das Breitschwert in die rechte Hand. Das Gewicht der Waffen fühlte sich gut und vertraut an.
Der Barbar grinste schmutzig. »Ergebt Euch einfach friedlich, Kleiner, dann müssen meine Brüder und ich Euch nicht wehtun.«
Desith knurrte: »Niemand wagt es, mich Kleiner zu nennen.« Er machte einen blitzschnellen Satz nach vorne und begann einen blutigen Klingentanz.
Kapitel 14
Vynsu drängte sich mühsam durch den Strom der Schaulustigen, der sich rund um den Kampf versammelte und somit eine natürliche Arena schloss. Wolken zogen sich mal wieder über den Reisfeldern zusammen, Blitze durchzuckten sie und Donner grollte unheilvoll. Es fing wieder an zu regnen, dicke, warme Tropfen prasselten auf die Zelte und den Boden nieder. Das hinderte die Leute nicht daran, zu gaffen.
Vynsus Freunde standen hinter den Reihen und verfolgten das Geschehen mit gerunzelten, kritischen Mienen. Die Menge hielt erschrocken den Atem an.
Das war ungewöhnlich für Carapuhrianer, immerhin bestand ihr ganzes Leben aus Kämpfen, und wann immer jemand zu einer Waffe griff oder auch nur die Faust erhob, wurde Jubel laut. Vynsu fragte sich, warum keine freudige Stimmung herrschte, warum niemand grölte, niemand angefeuert wurde und warum niemand Wetten abschloss. Die Menge war wie gelähmt, zu sprachlos, um ihm auch nur Platz zu machen, er musste sich durch die eng stehenden Menschen nach vorne drängen, schob sie mit seiner überragenden Masse ungewollt zur Seite. Sie beachteten ihn gar nicht.
Je näher er den Kampfgeräuschen von Metall, das auf Metall schlug, dem Zischen und Grunzen kam, je besser konnte er die Köpfe der Menge überblicken. Und was er sah, ließ auch ihn die Stirn runzeln.
Er wurde langsamer, stockte aber nicht. Mit Melecays schwerem Zweihänder in der Hand trat er aus der ersten Reihe und betrachtete das Schlachtfeld.
Nichts anderes war das, was Desith angerichtet hatte.
Er kämpfte allein gegen vier Barbaren, es standen aber nur noch drei. Der erste lag bereits auf dem Boden, Regen spülte das Blut aus seinen Schnittwunden und färbte es rosa. Er zog sich mit einem Ellenbogen über den aufgeweichten Boden und hielt sich eine aufklaffende Wunde in der Seite. Kameraden eilten zu ihm und zerrten ihn wie einen nassen Sack in Sicherheit. Der Barbar war zugerichtet wie nach einem Pumaangriff.
Vynsu blickte wieder zu Desith, sein Mund stand vor Unglauben leicht offen. Der Wildfang machte seinem Ruf alle Ehre, kämpfte wie besessen. Er war schnell, zu schnell. Zu dritt setzten sie ihm zu, aber er tänzelte geschickt durch die Reihen als würde er gar nicht darüber nachdenken.
Vynsus Stirnfalten wurden noch tiefer, er beobachtete den Kampf einen Moment länger, versuchte, Desith einzuschätzen. Sie hatten früher schon Duelle gegen einander ausgefochten, Vynsu kannte Desiths Geschick und Wendigkeit. Aber alles, was er in Erinnerung behalten hatte, schien sich über die Jahre im Dschungel ausgeweitet zu haben. Desith war viel schneller und leichtfüßiger, als er einem normalen Menschen zugetraut hätte.
Er kämpfte verbissen, aber nicht dumm vor Wut. Er schien die Bewegungen seiner Feinde zu spüren, er schlängelte sich geschickt durch die Schwerthiebe, tänzelte um die Männer herum, fand in jeder Deckung eine Schwachstelle und stach zu. Er ließ sich Zeit, er nutzte ihre Wut, ihre Unsicherheit, beobachtete sie genau, schien Augen im Hinterkopf zu haben und vorhersehen zu können.
Er lachte dabei hämisch, voll Schadenfreude, wann immer seine Klinge auf Fleisch traf. Er hatte sichtlich Freude, war wie im Wahn. Genau wie … wie in der Nacht zuvor.
Das Schwert nutzte er wie einen Schild, blockte und parierte mit der breiten, kurzen Klinge. Der Dolch war seine Waffe, stach und schlitzte, wo auch immer eine Lücke in einer Deckung zu finden war.
Er hatte eine tiefe Wunde am Arm, sein weißes Hemd hing in nassen, blutigen Fetzen an ihm, doch das schien seinen Kampfgeist nicht zu beeinträchtigen. Es war fast schön, wie er kämpfte. Er war schön. Sein feuchtes Haar klebte in seinem vor Zorn hartem Gesicht, die feurigen Strähnen dunkel vor Nässe. Die eisigen Augen waren wild und kalt, er konnte sich biegen, wenden und verdrehen wie eine anmutige Schlange. Sein drahtiger Körper wurde vom Kampf zur Schau getragen. Seine Wunden und das Blut, das seinen Körper zierte, waren wie seine ganz eigene, makabre, aber wunderschöne Art von Schmuck.
Die Männer, die ihn angriffen, sahen weitaus schlimmer aus. Und es dauerte nicht lange, bis Desith den zweiten Barbaren kampfunfähig zu Boden schickte, indem er an ihm vorbei tänzelte und dabei so blitzschnell mit dem Dolch zustach, dass Vynsu zunächst glaubte, die Klinge habe den Hals des Barbaren verfehlt. Doch dieser versteinerte plötzlich, griff sich an die Halsseite und sackte dann auf die Knie, Blut floss über seine Lippen, dick wie ein flüssiger Vorhang, und er fiel mit dem Gesicht voran in den mittlerweile vom Regen aufgeweichten Boden. Ihm war nicht mehr zu helfen. Desith hatte so schnell zugestochen, wie es eine Wespe getan hätte.
Die verblieben zwei Krieger sahen ihren Kameraden ungläubig im Matsch liegen, Desith drehte sich elegant und hochnäsig zu ihnen um. Blut und Regen färbte den Matsch zu seinen Füßen rosa.
»Ihr wollt Barbaren sein?« Er wischte sich mit dem Unterarm über den Mund und lachte ihnen hämisch ins Gesicht. »Dies ist der große Kampfgeist Carapuhrs? Ein Haufen nichtsnutziger, stinkender Klopse aus weichem Fleisch, die nur hacken, aber nicht tanzen können? Ist das alles, was Carapuhr zu bieten hat? Ist das wirklich alles?« Letzteres brüllte er so herausfordernd, dass jedem umstehenden Barbaren das Herz vor Wut raste. »Kommt doch her!«, rief er und breitete die Arme aus, präsentierte seine ungeschützte Brust. »Kommt und stellt euch dem bösen Geist, der in eure Mitte getreten ist! Wer vermag es, mich aufzuhalten? Wer? Kommt her und stellt euch mir! Ich lehre euch das Fürchten!«
Raunen ging durch die Menge, Vynsu wusste, dass er das beenden musste, bevor Desith den Aberglauben nutzte, um frei zu kommen.
Desith musterte seine Feinde angewidert. »Ihr seid eine Schande für euer Land und euren König. Bringt mir wen, der weiß, wie man kämpft, oder teilt das Schicksal eures Bruders.« Er zeigte mit dem Dolch auf die Leiche.
Die beiden Krieger zeigten die Zähne, hoben drohend ihre Schwerter, bewegten sich aber nicht vom Fleck.
»Genug!« Vynsu erhob das Wort, bevor der Kampf erneut entfachte. Überraschung schlug ihm entgegen, erst jetzt bemerkte die Menge seine Anwesenheit.
Er machte einige Schritte in den Kreis, der sich zwischen den Zelten auf der breiten Gasse gebildet hatte, der Regen floss über sein Gesicht, ebenso wie über Desiths, der ihm nur feindselig entgegensah.
Das Schwert gesenkt, besah Vynsu das Schlachtfeld, das Blut, die rosafarbenen Pfützen, die Leiche…
Er atmete schwer aus und blickte in Desiths nasses, wütendes Gesicht, während er mit einer Hand die anderen beiden Barbaren fortschickte. Die beiden Krieger zogen nur zu gern von Dannen.
Desiths schwerer Atem übertönte sogar den Regen, seine Fäuste lagen so fest um seine Waffen, dass die Knöchel weiß hervortraten. Die Nasenflügel bebten, während die eisblauen Augen Vynsu taxierten, ihn verfolgten, als er um die Leiche herum ging und sich vor Desith stellte.
»Es reicht jetzt«, sagte er betont ruhig, jedoch so endgültig, dass sich sogar einige Umstehende anschickten, sich zu entfernen. In ihren Köpfen war er noch der Prinz, sein Wort hatte Gewicht in dieser Welt aus Chaos und Blut, wo jeder jeden zu jeder Zeit herausfordern durfte.
Doch Desith nahm das nicht hin. »Es reicht erst dann, wenn du mir aus dem Weg gehst«, sagte er. Und als wollte seine Heimat seinen Entschluss untermahlen, grollte der Donner bedrohlich über ihren Köpfen in den dunklen Wolken.
Der Regen prasselte überlaut auf sie nieder, man konnte förmlich hören, wie nass er war.
Vynsu blickte flüchtig gen Himmel, dann sah er Desith wieder an und hielt Melecays Schwert demonstrativ gesenkt. »Leg die Waffen nieder, Desith, bevor es zu spät ist.«
Desith lächelte kalt, gefühllos. Seine Augen senkten sich auf die Leiche, die neben ihnen lag und den Boden mit ihrem Blut tränkte. Es ist bereits zu spät, wollte er sagen und erfreute sich daran. Langsam glitten seine Augen zurück zu Vynsu – und blitzschnell ging er in Angriffsstellung. Die Knie gebeugt, den Oberkörper leicht eingedreht, die Arme eingeknickt und erhoben wie ein Insekt mit zwei Stacheln.
Vynsu schüttelte den Kopf, er rührte sich nicht, wollte sich nicht provozieren lassen. Er spürte die unverständlichen Blicke seines Volkes auf sich ruhen, und die neugierigen Augen seiner Freunde, aber er ließ sich davon nicht beeinflussen. Mit Ruhe gewann man das Vertrauen eines verängstigten Wolfes, der verletzt in die Enge getrieben worden war. Hitzköpfigkeit hatte Vynsu in seinem Leben nur immer wieder in Schwierigkeiten gebracht.
»Leg die Waffen nieder«, versuchte er es noch ein weiteres Mal bedächtig, »ich will dir nicht wehtun.«
Desiths wutverzerrtes Gesicht blieb unverändert. »Ich hielt dich nicht für feige!«
»Und ich dich nicht für dumm.« Er starrte ihm fest in die Augen, machte deutlich, dass er sich nicht fürchtete, sondern schlicht und ergreifend vernünftig war. »Du hast keine Wahl, Desith.«
»Versuch doch, mich aufzuhalten«, raunte er und griff mit einem schnellen vorwärts Satz an.
Vynsu wich instinktiv nach hinten aus, als die Schwertspitze auf sein Gesicht zukam. Desith hackte nicht, er stach zu. Drei Mal oben, Vynsu zuckte nach links und rechts, spürte einen schmerzvollen Riss, als die Klinge seine Wange streifte. Doch das war nur ein Ablenkungsmanöver, wie er beinahe zu spät bemerken durfte, Desith vollführte eine geschickte Drehung und hieb mit dem Dolch nach Vynsus Bauch.
Geistesgegenwärtig schlug er mit Melecays schwerer Klinge gegen den Dolch und blockte den Schlag ab. Eisen klirrte, der Klang zerschnitt das Prasseln des Regens. Desith ließ ihm keine Gelegenheit, zurückzuweichen, er setzte nach, hieb und stach auf ihn ein, dass Vynsu nur noch reagieren konnte.
Er wehrte die blitzschnellen Angriffe nur ab, wollte nicht kämpfen, außerdem blieb ihm zunächst auch nichts anderes übrig. Desith war zu schnell, ließ ihm nicht genug Zeit, um einen Konter zu vollführen. Eisen schlug in schneller Abfolge auf Eisen.
Vynsu wich zurück, parierte, drehte und wendete sich durch die schnellen, wütenden Angriffe, die wie der Regen auf ihn niederschlugen. Desith war ein Meister der Täuschung, er deutete gerne Schläge an und stach dann wie aus dem Nichts von einer anderen Seite zu. Das Problem war, dass Desith von Derrick trainiert worden war, er kannte die Kampftechnik der Barbaren in- und auswendig, während Vynsu nicht mit den schnellen Schritten des Fechtens vertraut war, in denen Desith in Elkanasai unterrichtet worden war.
Vynsu versuchte, seine Verteidigung zu ändern. Statt zurückzuweichen, drehte er sich einem Stich aus dem Weg, schlug nach Desiths Beinen, duckte sich unter dem auf Brusthöhe geschwungenen Schwert hindurch, parierte den nächsten Schlag und packte mit der anderen Hand Desiths Arm, mit dem er den Dolch führte, bevor ihm die Klinge in den Bauch gerammt wurde, dann zog er ihn mit einem Ruck an seine Brust.
Sie grunzten beide, starrten sich wütend in die Augen. Erst da bemerkte Vynsu, dass ihn frische Schnitte an Beinen, Armen und Hals brannten, wo Desiths Klingen ihn gestreift hatten. Er wurde wütend und spürte, wie sich daraufhin seine Lippe auf einer Seite nach oben zog, wie ein Hund, der die Lefze hochzog.
Die Zuschauer hatten sie längst vergessen, es gab nur sie beide.
Desith fing an zu knurren, er trat ihm vor das Bein, sodass Vynsu vor Schmerz zurücktaumelte. Der Wildfang zog ihm den Dolch über die Brust und wirbelte an ihm vorbei. Vynsu zischte und sah an sich hinab, tippte einen Finger in die Wunde spürte den Zorn in sich aufwallen.
»Was bist du nur für ein Mann!«, sagte Desith anklagend als er ihn wie ein Raubtier umrundete. »Lässt zu, dass man dir Frau und deine Krone nimmt, läufst weg und besäufst dich, jaulst wie ein großer, weinerlicher Köter. Was ist aus dir geworden?«, spuckte er ihm feindselig entgegen. »Schau dich an, wo ist dein Biss, deine Seele? Du bist nur noch ein Schoßhund, der sich an einer sehr kurzen Leine führen lässt! Ein Jammerlappen, wie er im Buche steht. Eine Schande, Vyn. Hörst du? Eine Schande. Und das weißt du. Welcher Mann lässt sich seine Krone stehlen und nimmt es einfach hin? Du bist Melecays kleine, vorgedehnte Hure!«
Der Stich saß tief in seinem Herzen. Er drehte sich wütend um, da machte Desith schon wieder einen Satz und kam einem Sturm aus Klingen gleich auf ihn zu.
Dieses Mal hatte Vynsu damit gerechnet, er bewegte sich durch die Stiche und Hiebe hindurch, schlug Desiths Schwert beiseite, nahm seine eigene Waffe nun in zwei Hände und zog sie von unten nach oben.
Desith sprang zurück, duckte sich unter dem nächsten Schlag hindurch. Vynsu drehte sich, deutete links an, wirbelte aber herum und hieb schräg von unten rechts zu. Desiths Unterarm wurde direkt über der Achsel aufgeschlitzt, Blut spritzte einer Fontane gleich durch die Luft, und ein Schmerzensschrei wurde laut. Desiths Arm wurde in die Höhe gerissen.
Vynsu setzte sofort nach, sodass er ihn rückwärts in eine Zeltreihe drängte. Die Meute folgte ihnen gebannt. Seine wuchtigen Schläge zerschnitten die Luft, Desith keuchte bei jedem Hieb, den er abwehrte. Er musste zurücktänzeln, während Vynsu schwungvoll auf ihn einschlug.
Als Desith zu einem Konter ansetzte, parierte Vynsu den Stich mit seinem Heft, entwand Desith mit einem geschickten Ruck den verdammten Dolch und ließ ihn zu Boden fallen. Desith, nun von Wut beflügelt, tänzelte durch die nächste Abfolge von Schlägen, er nahm das Schwert über den Kopf und stach so blitzschnell zu wie ein verdammter Skorpion, während er den freien Arm nutzte, um Vynsus Klinge abzuwehren. Der Schnitt in seinem Unterarm war tief, beunruhigend viel Blut tropfte zu Boden. Aber Desith kämpfte weiter, als wäre nichts gewesen.
Vynsu blockte die Angriffe auf sein Gesicht ab, da vollführte Desith aber eine schnelle Pirouette, ging dabei in die Knie und schlitzte Vynsu beide Schenkel auf. Die dicke Lederhose platzte, und er spürte den heißen Schmerz, als die Klinge seine Haut aufriss. Als hätte ihn eine Feuerpeitsche getroffen. Die Kratzer waren nicht tief, ließen ihn aber zurückschrecken.
Desith war so schnell wieder auf den Beinen und in Angriffsstellung, dass Vynsu seinen Augen nicht traute. Ehe er sich versah, machte Desith wieder einen Satz auf ihn zu und tanzte mit einer blutigen Klinge um ihn herum. Er versuchte, die Angriffe vorauszusehen, doch Desith schien gerade erst warm geworden zu sein. Als ob Wut, Schmerz und Verzweiflung ihn nur noch gefährlicher, schneller, stärker machten. Dabei war er doch gerade erst gesundet …
»Das kann nicht sein!« Vynsu parierte einen Schlag und warf Desith mit aller Kraft von sich. »Du kannst unmöglich so schnell sein!«
Desith lachte kalt, er fuhr sich mit dem Handrücken über die Stirn und hinterließ einen blutigen Streifen, der vom Regen verwaschen wurde. »Bist du schon müde?«, fragte er und sprang sofort wieder auf ihn zu. Vynsu riss das Schwert hoch, um ihn abzuwehren, doch der Aufprall ließ ungewöhnlich lange auf sich warten. Ein erstickter Schrei ertönte. Desith war für einen Herzschlag lang wie erstarrt, das erhobene Schwert schwebte in der Luft, die Augen und der Mund waren ungläubig aufgerissen. Dann fiel er wie ein nasser Sack Vynsu entgegen und ließ die Klinge fallen.
Gerade noch rechtzeitig hatte Vynsu das Schwert gesenkt und Desiths nassen Körper mit seiner Brust aufgefangen. Er schlang einen Arm um ihn, damit er ihm nicht entglitt. Schlaff und zitternd hing er in seinen Armen.
»Was…?«, stammelte Vynsu überrascht und blinzelte wegen des Regens, der von seinen langen Wimpern tropfte.
Der Großkönig stand einige Schritte hinter Desith, der Regen rann in Sturzbächen über ihn und er zielte mit einer Armbrust auf Desiths Rücken.
Vynsu atmete angestrengt durch den Mund. Er blickte an Desiths Rücken hinab und sah den dicken Bolzen, der dicht neben seinem Schulterblatt aus seinem Rücken ragte. Der Regen spülte das Blut rosafarben über Desiths helles Hemd. Vynsu schluckte, das sah nicht gut aus. Vorsichtig ging er in die Knie und rutschte mit Desith zu Boden, der zu röcheln anfing und sich an ihn klammerte. »Vyn…«
»Bin da!« Er hob Desiths Kopf und strich ihm die roten Strähnen aus dem blassen Gesicht. »Atme, versuche einfach, zu atmen.«
In Desiths Augen stand nur Wut. »Du hast es versprochen…«, flüstert er erstickt. »…versprochen.«
Vynsu spürte, wie ein Kloß in seinem Hals wuchs.
Sein Onkel legte sich gelassen die Armbrust über die Schulter und schlenderte auf sie zu. »Mir kam zu Ohren, dass du schnell heilst«, sagte er süffisant. Als er vor ihnen stand, beugte er sich hinab und packte den Bolzen, der in Desiths Rücken steckte. Er zog ihn mit einem Ruck heraus. Vynsu verzog schmerzerfüllt das Gesicht, die Spitze des Bolzens riss die Wunde weit auf.
Desith schrie kurz, aber aus Leibeskräften.
Der Großkönig beförderte ihn mit einem harten Tritt aus Vynsus Armen und auf den Rücken in den Dreck. Blinzelnd sah Desith gen Himmel, er wurde schnell blass und unter ihm bildete sich eine wässrige Blutlache im Schlamm. Der Großkönig stellte sich breitbeinig über ihn und ging dann in die Hocke, umfasste das hagere Gesicht mit seiner Pranke und drückte es zusammen, sodass Desith ihm in die Augen sehen musste.
»Niemand wagt es, sich mir zu wiedersetzen. Ich bin nicht dein Vater, ich bin dein verdammter König. Zolle mir Respekt und schenke mir Gehorsam, oder spüre tagtäglich, was es bedeutet, mich zu reizen.« Er beugte sich noch näher zu Desiths trotzigem Gesicht. »Und es ist mir gleich, welcher Lenden Frucht du bist, für mich bist du nur der Wert, der dein Leben für mich haben könnte. Nichts weiter. Ich lasse dir hierbei keine Wahl, Junge, auch nicht die Wahl, zu sterben. Du gehorchst, oder ich werde dich foltern, jede verdammte Stunde deines Lebens, bis ich deinen Willen gebrochen habe. Töte meine Leute, es ist mir gleich, ich habe reichlich von ihnen, aber du kannst dich nicht aus der Schlinge ziehen. Ich werde dir nicht den Tod gewähren, noch die Freiheit. Mach es dir selbst nicht zu schwer, deine wundersamen Heilkräfte würden es mir nämlich äußerst leicht machen, dich jeden Tag Höllenqualen leiden zu lassen, bis du bereit wärst, sogar mir den Arsch hinzuhalten wie eine läufige Hündin.« Damit stieß er Desiths Kopf wütend in den Matsch, dieser blieb flach mit ausgebreiteten Armen liegen, er atmete schwer.
Vynsu saß noch immer im Dreck, und obwohl er wütend war, hatte er auch Mitleid.
Der Großkönig erhob sich und bellte zwei Kriegern zu: »Bindet ihn an einen Pfahl.« Dann blickte er wütend über die Menge und brüllte: »Er ist kein böser Geist, ihr dummen, verdammten Bauern! Nur ein wütender Bursche, der euch auf der Nase herumtanzt. Das Einzige, was ihr zu befürchten habt, ist mein Zorn. Denn kein Geist und kein Gott wird euch je so viel Leid zufügen wie ich es tun könnte, also scheißt euch nicht ständig wegen ein bisschen Magie ins Hemd! Muss ich hier wirklich alles allein machen? Ihr Feiglinge, seht euch diesen Haufen schwacher Knochen doch an, wie könnt ihr davor nur erzittern?« Sein Tritt traf Desith in die Niere und ließ ihn keuchen.
Melecay entdeckte in den Zuschauern die beiden Krieger, die nach Desiths Gegenwehr noch standen, und befahl: »Lasst die beiden auspeitschen, bis sie sich erinnern, wie man ein verdammtes Schwert führt!«
Bevor Protest laut wurde, wurden die beiden Barbaren von ihren Kameraden gepackt und weggezerrt.
Vynsu kam auf die Beine, er hob Melecays Klinge aus dem Matsch und wischte sie an seinem nassen Ärmel ab, als sein Onkel sich ihm zuwandte und die Meute sich zerstreute, bevor dem Großkönig einfiel, dass ihm gerade nach noch mehr Bestrafungen der Sinn stand.
Vynsu wappnete sich innerlich gegen das, was ihm blühen würde. Aber er würde für sein Versagen jede Strafe ertragen.
»Du hast gut gekämpft, das muss ich loben«, sagte sein Onkel jedoch gelassen, »aber weißt du, er hatte Recht.« Er nahm die Klinge an sich und steckte sie in die Scheide an seinem Gürtel, als Vynsu ihn verwirrt ansah. »Was bist du nur für ein Mann, dass du es einfach hinnimmst, dass ich dir die Aussicht auf Macht weggenommen habe?«
Sprachlos starrte Vynsu ihn an, versuchte, in den kalten blauen Augen etwas zu lesen, aber wie immer starrte er nur auf eine Wand aus Eis.
Sein Onkeln sagte nichts weiter dazu, wandte das Gesicht ab und sah zu, wie Desith durch den Matsch geschleift wurde, er hinterließ eine rotbraune Spur. »Ich muss gestehen, ich hab den Kleinen schon immer für seinen Charakter respektiert.« Mit einem Laut, der nach Verwunderung klang, ging er davon.
Vynsu blickte ihm hinterher und wusste plötzlich, wie sich die Maus fühlte, wenn die Katze entschloss, sie nicht zu töten, sondern mit ihr zu spielen.
Er hatte ein ganz beschissenes Bauchgefühl… wirklich, ganz beschissen…
Kapitel 15
Er hatte Schmerzen und ihm war schlecht.
Mit den Armen nach oben hing er an einem Pfahl, die Eisenringe um seine Handgelenke waren so eng, dass sie ihm in die Haut schnitten, der Regen spülte das Blut über seine Arme, das zerfetzte Hemd wies rotbraune Flecken auf und klebte an seinem Leib.
Desith kniete, seine Füße zeigten nach hinten und er konnte sich nicht aus eigener Kraft oben halten. In dieser verrenkten Position schmerzte die Wunde in seinem Rücken umso mehr. Sie brannte sich regelrecht in sein Fleisch. Er konnte spüren, wie sie nässte. Der Bolzen war tief eingeschlagen, hatte Muskeln zerfetzt und Knochen zertrümmert und ein riesiges Loch verursacht. Desith hatte eine Weile Blut gehustet, er leckte sich die trotz Regen trockenen Lippen und schmeckte noch den metallischen Geschmack auf der Zunge. Aber seine Wunderkräfte ließen ihn nicht im Stich, seine Lunge heilte nach einiger Zeit ab, nur ein Kratzen blieb zurück, auch die verletzten Knochen und Muskeln setzten sich wieder zusammen, noch während er dort im Regen hing. Aber es schmerzte. Sein Körper kämpfte und es tat weh, zu heilen. Magie hatte eben auch ihren Preis.
Desith war zu schwach, um Körperspannung zu halten, sein gesamtes Gewicht zerrte an seinen Armen, an denen man ihn aufgehängt hatte. Eine Weile schien er bewusstlos gewesen zu sein und er wünschte sich, er könnte einfach das Schlimmste verschlafen.
Es regnete noch immer in Strömen, der Boden unter ihm wurde zum blutigen Sumpf, seine roten Haarspitzen hingen ihm im Gesicht und tropften, sein Kinn ruhte kraftlos auf der Brust.
Er wollte nicht aufsehen, wollte nicht den Kopf heben. Er wusste, wo er sich befand, wusste, was Melecay ihm antun wollte. Er hing wie ein Opfer angekettet vor dem offenstehenden Zelt, das Derricks fetten Drachenkörper vor dem Regen schützte. Der schwere Atem der Flugechse grollte über den verwaisten Platz.
Er würde nicht auf sehen. Niemals. Er würde einfach so tun, als wäre er an einem anderen Ort, die Augen geschlossen haltend und sich einreden, das Grollen wäre eine andere Art von Donner.
Desith konnte Rick nicht ansehen, nicht mehr. Er wollte es nicht zugeben, aber es tat weh, ihn zu sehen.
Das leise, dunkle Lachen des Großkönig ertönte neben ihm. Desith ließ den Kopf hängen, sah aber die schwarzen Stiefel, die in sein Blickfeld in eine Pfütze traten. Brauner Schlamm klebte an ihnen.
»Zäher Bastard.«
»Ich bin kein Bastard«, keuchte er trotzig.
»Wohl nicht«, stimmte Melecay amüsiert zu. Er trat um Desith herum, bis er vor ihm stand. Desith sah nicht auf. Melecay griff unter seinen vor Nässe triefenden Mantel und zog seine lange Klinge aus der Scheide. Desith bekam es mit der Angst zu tun und atmete schwerer, schenkte dem Großkönig jedoch nicht die Genugtuung, ihm seine Furcht zu zeigen.
Etwas Kaltes, Hartes legte sich unter sein Kinn und hob sein Gesicht an. Der Knauf des Schwertes. Er ließ es nur widerwillig geschehen und sah dann voller Trotz zu Melecay auf. Er ignorierte Derricks massigen Leib im Hintergrund.
»Ich respektiere deinen Drang, dich zu wehren, das spricht für deine Stärke«, sagte der Großkönig zu ihm, »aber denk nicht einmal daran, mich anzuspucken.«
Dieser Mann konnte Gedanken lesen. Desith wollte es trotzdem tun, aber der winzige Fetzen Vernunft, mit dem er gesegnet war, hielt ihn letztlich doch davon ab. Er Schluckte den gesammelten Speichel wieder runter.
Der Großkönig lächelte leicht, zufrieden. »Siehst du, Desith, ich verstehe dich. Besser als vermutlich jeder andere. Du bist wütend – Nein, warte, lass es mich passender ausdrücken: Du bist stinksauer und willst alles um dich herum zertrümmern, weil die Welt dir etwas genommen hat. Deinen Gefährten, deine Zukunft, sieben Jahre deines Lebens. Du hast das Gefühl, alle sind gegen dich und unterschätzen dich und du musst beweisen, dass du auch ohne Derrick stark bist.« Er legte den Kopf schief und musterte Desiths Gesicht. »Ich bewundere diese Wut und ich bewundere dich für deinen Trotz. Auch ich war oft wütend, vor allem in deinem Alter, und auch heute noch. Dein Problem ist allerdings, dass du nichts hast, außer dir selbst. Du bist allein.« Er zog den Knauf zurück und gab Desiths Gesicht frei, der aber noch immer trotzig das Kinn reckte. Der Großkönig ging vor ihm in die Hocke, bis sie auf Augenhöhe waren. »Du hast deinem Vater getrotzt, für die Liebe, du hättest einen Krieg in Kauf genommen, für die Liebe. Das habe ich an dir geschätzt, dir ist alles gleich, du interessierst dich nur für dich selbst. Und das ist gut, ein Mann sollte sein Schicksal immer selbst bestimmen«, sagte er ernst zu ihm, »aber das kann er nur, wenn er sich aus dem Nichts eine Grundlage schafft. Kurz um, du bist immer noch allein, Desith, niemand steht dir bei, niemand folgt dir. Du kannst nicht allein gewinnen, verstehst du? Aber das heißt nicht, dass du verloren hast. Du und ich, wir sind keine Feinde. Und manchmal nimmt ein Mann ein Schicksal an, um es zu gegebener Zeit zu seinen Gunsten zu wenden.« Dabei tippte er sich an die Schläfe. »Du musst auf deinen Kopf vertrauen, Junge, nicht auf deine Furcht, nicht auf dein Herz. Denk nach«, beschwor er ihn, »ich weiß, hinter all der Wut steckt auch ein kluges Köpfchen. Sieh in einer ausweglosen Situation deinen eigenen Vorteil. Verstehst du, was ich dir sagen will?«
Desith starrte ihm ungerührt ins Gesicht, er hatte Schmerzen und er musste einiges an Überwindung aufbringen, dem Großkönig nicht ins Gesicht zu kotzen. Aber ja, er verstand es.
Er verstand, dass Melecay versuchte, ihm eine Sache schön zu reden, die nicht schön war.
So einfältig ließ er sich nicht manipulieren.
Melecay kam noch etwas näher, seine Augen nahmen ein seltsames Leuchten an, und als hätte er Desiths Gedanken erraten, sagte er: »Denk nicht an eine ausweglose Flucht, Junge. Ich habe vorgesorgt. Deine Ketten bestehen aus Silber, selbst wenn du dich auflösen könntest, würden sie es verhindern. Du kannst nicht entkommen. Und du hast keine Wahl. Erlange meine Gunst, das ist der einzige Weg, deine Freiheit zu garantieren. Oder lebe ein Leben in Knechtschaft, denn ich bin nicht dein Vater, mir trotzt du nicht.«
Sich auflösen? Er wagte zu bezweifeln, dass irgendein Sterblicher das konnte, aber es war interessant zu hören, was man ihm zutraute.
Desith lehnte den Kopf an den Pfahl und strafte Melecay mit eisernem Schweigen.
Der Großkönig belächelte ihn nur. »So stolz, so stark. Als ob man in den Spiegel sähe.« Doch er schüttelte bedauernd den Kopf. »Nur leider keinen Funken Weitsicht.«
Er stand auf, und Desith verfolgte ihn mit durchbohrenden Augen. »Ich gebe dir etwas zum Nachdenken.« Melecay faltete die Hände über dem Knauf seiner Klinge. »Es ist keine Liebe, die Ehen, Bündnisse und Paare ein Leben lang zusammenhält.«
»Sondern?«, erwiderte Desith mit rauer, gelangweilter Stimme.
»Es ist Macht.« Damit ließ der Großkönig ihn allein im Regen zurück.
Und tatsächlich, obwohl Desith sich dagegen wehrte, dachte er ungemein intensiv über seine Worte nach.
*~*~*
»Ah das brennt!« Gereizt zog er das Gesicht aus ihrem Griff und fluchte vor sich hin.
Seine Mutter verpasste ihm einen Klapps auf den Hinterkopf. »Jetzt stell dich nicht so an.« Trotzdem nahm sie den in Brandwein getränkten Lappen aus seinem Gesicht. »Du kannst froh sein, dass du genauso eine dicke Haut, wie einen Dickschädel hast. Diese Wunden werden Narben hinterlassen.«
»Das zeugt von Charakter«, gab er zynisch zurück.
Sie runzelte die Stirn und betrachtete ihn einen Moment sorgenvoll. Er wich geflissentlich ihrem forschenden Blick aus und starrte auf den Boden seines Zeltes. Der Tisch, an dem er am Abend zuvor mit Desith gesessen hatte, war noch genauso verwüstet, wie sie ihn verlassen hatten, die Karte beiseite gewischt, Desiths Fingerabdrücke im Fett, der Krug mit schalem Met und die beiden Becher. Das Lager war zerwühlt, roch nach einem Hauch von Feigen – roch nach Desith. Das Bärenfell vor dem Bett wies einen Abdruck auf, wo sie gelegen und geschwitzt hatten. Wo er, Vynsu, … genau wie so oft in letzter Zeit einfach alles hingenommen hatte, wie ein Sklave, der allen anderen gehorchen musste.
Er hasste sich in diesem Moment für das, was er war, vermisste den unbeschwerten, von seinen Instinkten geleiteten Burschen, der er vor gerade mal sieben Jahren noch gewesen war. Bevor Ehen, Pflichten, Vaterschaft, Verlust und Reue ihn zu diesem, wie Desith es nannte, seelenlosen Mann ohne Biss gemacht haben.
Seine Mutter stellte seufzend ihre Utensilien beiseite und setzte sich auf den Hocker, den sie vor ihn gezogen hatte. Vynsu lehnte halb auf dem Tisch, sein Blick glitt ins Leere.
»Vermisst du es?«, fragte sie, klug wie sie war, und wrang den Lappen in einer Schale mit sauberem Wasser aus.
»Was?«, knurrte er.
»Dieser unbeschwerte Junge zu sein, der lieber dem Haus fernblieb, Huren bestieg und an jeder Ecke einen blutigen Streit anzettelte?« Sie klang nicht tadelnd, nur neugierig.
Das brachte Vynsu dazu, die angespannten Schultern hängen zu lassen und sie anzusehen. »Ja, vielleicht. Manchmal.« Er schämte sich dafür.
Sie lächelte mitfühlend. »Du wirst erwachsen, Vynsu, das ist normal. Du hast deine Jugend damit verbracht, deinem Onkel nachzueifern, in dessen Fußstapfen du treten solltest. Und dann wurdest du überlistet, man hat dir die Frau genommen, weil du nicht da warst, um zu verhindern…«
Er drehte gequält das Gesicht fort.
»Das hat dir gezeigt, dass du angreifbar bist, dabei dachtest du, du wärst so unantastbar wie dein Onkel.« Sie faltete den Lappen, hing ihn über den Schüsselrand und schob beides ein Stück von sich, ehe sie sich zu ihm umwandte und ihm eine Hand auf den Arm legte. »Dein Onkel ist auch nicht unverwundbar, Vynsu, das müsstest du wissen. Er mag dich geprägt haben, du magst ihm nachgeeifert haben, aber das Herz, das jetzt in deiner Brust schlägt und dir sagt, was du zu tun hast und wie viel es ertragen kann, das ist ganz allein dein Herz, mein Sohn. Das bist du. Und nichts anderes will ich, dass du bist. Melecay ist nicht das Vorbild, von dem ich mir erhoffte, dass es dich beeinflusst.«
»Er hat trotz vieler Feinde nie zugelassen, dass Prinzgemahl Dainty oder ihrem Ziehsohn Derrick irgendetwas zustößt«, warf er ein und sah sie bekümmert an. »Ich schon, Mutter, ich schon. Weil ich ein dummer Junge war, der nur daran dachte, sich den Ruhm auf dem Schlachtfeld abzuholen, sich einen Namen mit Blut in die Geschichte zu schreiben, so wie Onkel es getan hat. Ich war ein Hitzkopf und ein Hurenbock.«
Sie lächelte leicht. »Und warum vermisst du diesen dummen Jungen dann?«
Na prima, sie hatte ihn überlistet. Genervt drehte er wieder das Gesicht fort.
Sanft legte sie die Hand an seine Wange und drehte ihn wieder zu sich herum, mütterliche Wärme strahlte ihm entgegen, sie roch nach Orchideen. »Damals warst du nur ein Junge, Vynsu. Heute bist du ein Mann. Dir wurde etwas weggenommen, das zu schützen du geschworen hast, es aber letztlich doch nicht konntest. Heute bist du ein Mann, und was ich sehe, erinnert mich stark an deinen Vater. Diesen liebevollen, einfühlsamen Mann, der seinen einzigen Sohn mit Liebe aufzog, auch wenn dieser nur in seinem Onkel einen Helden sah.«
Vynsu lächelte entschuldigend. »Ich muss Pa unbedingt sagen, wie du von ihm schwärmst, wenn wir nach Hause kommen.«
Sie sah ihm ernst in die Augen. »Besonnenheit ist keine Schwäche, wenn man weiß, wofür man es tut.«
Traurig sah er sie an und gestand leise: »Ich habe mir nichts daraus gemacht, Gemahl und Vater zu sein, ich denke, es war die Strafe des Allvaters, mir etwas davon zu nehmen. Ich sah es für all zu selbstverständlich.«
Bedauernd legte sie ihren lockigen Kopf schief.
»Jetzt haben meine Kinder nur noch mich«, flüsterte er ängstlich, »und ich kenne sie so gut wie gar nicht, sie nennen mich nicht Pa, sondern Vater, voller Furcht, weil sie mich nicht kennen, sie weinen, wenn ich sie auf dem Arm nehme, und gehen mir aus dem Weg. Jetzt habe ich sie zwei Jahre nicht gesehen, weil ich mich fürchte, mich ihnen zu stellen.«
Sie blickte ihn so voller Verständnis an, dass er gar nicht anders konnte, als sie zu lieben.
»Aber«, fuhr er fort, bevor sie etwas erwidern konnte, »auch wenn ich fast ein Fremder für sie bin, sie wissen, wer ihr Vater ist. Und ich will nicht, dass ihnen irgendjemand sagt, dass ich ein hitzköpfiger Hurenbock bin, der auf dem Schlachtfeld viel Blut seines eigenen Volkes vergoss, auf der Suche nach Macht und Ruhm und Weibern.« Er schüttelte den Kopf. »Ich will nicht, dass sie das von mir denken, Mutter. Lieber bin ich kein Barbar mehr und lasse mich feige und kastriert nennen, als zuzulassen, dass sie sich meinetwegen schämen müssen oder sie meinetwegen gefürchtet werden. Oder gar meinetwegen Feinde haben, die ich mir im Leben schaffe. Ich will nur, dass es ihnen gut geht, auch ohne Mutter, die ich nicht für sie beschützt habe.«
Das nagte an ihm, er konnte es nicht abschütteln.
Sie verzog mitfühlend die Lippen und streichelte seine Wange. »Warum kränkt es dich dann so, was Desith im Kampf sagte?«
Weil er ebenso wenig wie er wollte, dass seine Kinder ein schlechtes Bild von ihm hatten, wollte, dass Desith ihn für weichgeworden und schwach hielt. Oder gar langweilig.
Vynsu wandte den Blick ab und griff nach dem Krug mit dem schalen Met. Er trank großzügig aus, statt ihr eine Antwort darauf zu geben.
Sie legte die Stirn nachdenklich in Falten und richtete sich wieder etwas auf. »Hm. Nun, wenn du glaubst, dass dein Gott dir etwas genommen hat, glaubst du dann vielleicht auch, dass er bereit ist, dir eine zweite Gelegenheit zu bieten?«
Er wandte ihr irritiert das Gesicht zu. »Wie meinst du das?«
»Hm.« Sie bekam diesen Ausdruck, den sie immer hatte, wenn sie Ränke schmiedete. »Oder was ist, wenn dir eine hehre Fügung Lohna nicht zur Strafe nahm, sondern sie schlicht ihren Zweck erfüllte? Du weißt, der Wille eines Gottes kann grausam sein, aber er ist nie sinnlos. Hättest du je Jori und seine Bande kennengelernt, wäre Lohna getötet worden? Nein, natürlich nicht, du wärest nie fortgelaufen und dieser liebenswerte, viel zu gutherzige Söldner hätte dich niemals im Schweinedreck gefunden, dich aufgenommen und dir gezeigt, dass mehr als Wut einen Mann ausmacht. Du hättest deine besten Freunde nie kennen gelernt, wäre alles anders gekommen. Dann wärst du vermutlich nie in den Dschungel gegangen und hättest Desith nie gefunden und ihn aufgrund deiner Schuld wie deinen Augapfel gehütet. Vielleicht wäre er jetzt tot, wäre seine Schwester nicht gestorben.«
Kopfschüttelnd drängte er sie: »Was willst du mir sagen?«
Sie legte den Kopf auf die Seite, als wäre sie selbst noch nicht sicher. »Ich weiß nicht recht, ich dachte nur gerade an das, was Desith sagte. Dass du – dass wir – einfach Melecays Entschluss, dich zu enterben, hinnahmen. Aber was, wenn es dein Schicksal ist, die Krone zu erben, und wenn es jetzt einen Weg gäbe, dir dein Erbe zurückzuholen, und gleichzeitig deinen Feinden, die deine Ehe mit Lohna beendeten, ein Schnippchen zu schlagen?«
Manchmal überraschte es ihn, dass sie nicht minder verschlagen dreinblicken konnte als der Großkönig selbst.
Trotzdem, er wurde ganz Ohr. »Wie soll das gehen? Ich versuche seit zwei Jahren, Onkels Respekt zurückzuerlangen, aber je mehr ich es versuche…«
»Je weniger hält er von dir.« Sie nickte und sah ihn an, als wäre er einfältig. »Natürlich! Melecay hat eine ganze Schar voll Speichellecker. Du erlangst nicht den Respekt des Großkönigs, indem du immer nur blind wie ein dressierter Gaul gehorchst. Er wird denken, du wirst dich von deinen Untertanen an der Nase herumführen lassen. Du musst ihn beeindrucken.«
»Macht bedeutet Gefahr, auch für meine Kinder«, warf er zögernd ein.
»Sie sind eine Verbindung zwischen Eagle und Melecay«, erinnerte sie ihn, »eine Verschmelzung des Bündnisses. Sie sind immer in Gefahr, Vynsu, aber vielleicht sind sie geschützter, wenn ihr Vater wieder der zukünftige König ist.«
Er schüttelte den Kopf. »Ich will dafür nicht töten, ich will keine blutige Krone.«
»Das sollst und musst du auch nicht!« Sie war ein wenig empört, dass er ihr so etwas unterstellte. »Die Krone, die du tragen wirst, wird nicht mit Blut errungen, mein Sohn.«
Neugierig betrachtete er sie. »Was schlägst du vor, Ma?«
»Das wird dir nicht gefallen.« Aber sie lächelte.
Kapitel 16
Eine sanfte Hand glitt über seinen vernarbten Rücken, verursachte ihm gleichzeitig eine Gänsehaut und einen Schrecken. Die letzte sanfte Berührung schien soweit in der Vergangenheit zu liegen, dass er ganz vergessen hatte, wie wohltuend sie sich anfühlen konnte. War es nicht sein Vater gewesen, der ihn zuletzt in den Arm genommen hatte? Vermutlich, früher hatte er sich nie viel aus Berührungen gemacht. Nun vermisste er es, vermisste seine Familie, seine Väter. Er wollte zurück.
Seine Aura strahlte, waberte freudig. Weißer Nebel, der von frostblauen Bahnen durchzogen wurde. Nur für eine andere Hexe sichtbar. Schwach noch, aber wieder vorhanden, wie eine weiße, fluffige Wolke, die immer größer, dicker … dunkler wurde. Von Energie geladen.
»Erstaunlich«, flüsterte Chusei und zog seine Hand zurück, um seine Arbeit wieder aufzunehmen. Seine Ketten klirrten, als er die Arme hob und die Spitzhacke auf das schwarze Gestein führte. »Als würdest du über Nacht heilen.«
Sarsar hob ebenfalls wieder die Arme und trug weiter Erz ab. Sie arbeiteten an jenem Tag weit an der Oberfläche, es war heiß, selbst in den dunklen, feuchten Gängen der Minen. Eine nasse, klebrige Hitze, der man nicht entkommen konnte. Er hatte das Hemd ausgezogen, so wie viele andere auch, nun tuschelten die anderen Sklaven verwundert über seinen abgeheilten Rücken, obwohl er erst zwei Tage zuvor ausgepeitscht worden war. Chusei tupfte ihm zwar fast jeden Abend die Wunden ab, aber auch er hatte die verheilten Narben noch nicht bei Tageslicht gesehen, das von dem Eingang der Höhlen direkt hinter ihnen auf Sarsar blassen, weißen Rücken strahlte.
»Bin eben stur«, erwiderte Sarsar und lächelte schief.
Chuseis Ohren zuckten nach vorne. »Wäre mir neu, dass Trotz ein Wunderheilmittel wäre, aber wenn mich das nächste Mal Peitsche und Prügel treffen, werde ich an deine Worte denken.«
»Alles eine Frage des Glaubens.«
»Dann bist du also doch gläubig?«, foppte der Panther ihn.
Sarsar lachte schnaubend, die Arbeit war kräftezehrend, die Unterhaltung mit seinem einzigen Freund jedoch eine willkommene Erheiterung. »Nein, wahrlich nicht. Sagte ich dir nicht, dass ich aus Nohva stamme? Wir haben unsere Götter verbannt.«
»Oh ja, der verschollene Prinz«, erwiderte Chusei voller Ironie, »wie konnte ich dieses Hirngespinst vergessen?«
Sarsar lachte in sich hinein. Chusei wollte ihm einfach nicht glauben, woher er stammte und wer er war. Sarsar machte es ihm nicht zum Vorwurf, manchmal wachte er morgens in der Zelle auf und fragte sich selbst, ob die Erinnerungen an sein Zuhause nicht doch nur ein Hirngespinst waren.
Warum suchte niemand nach ihm? Vermutlich hielten sie ihn alle für tot, Riath musste glauben, dass er ihn getötet hatte, dass er damit durchgekommen war.
»Verbannt oder nicht, irgendein Gott muss seine Hand über dich halten, so schnell habe ich noch keine Wunde heilen sehen.« Chusei grunzte angestrengt, während er die Hacke führte, aber ihm ging nie der Atem aus, um ein Gespräch am Laufen zu halten. Seine Lieblingsbeschäftigung war es, zu reden, so viel er konnte, auch wenn Sarsar einen schlechten Tag hatte und sich in kummervolles Schweigen hüllte. »Weißt du, wie wir Tierstämme solche Wunder nennen würden? Wille der Natur.«
Sarsar lief der Schweiß über Rücken und Gesicht, aber er vernahm die schlurfenden Schritte der stämmigen Wärterin, die bei ihrem Rundgang wieder in ihre Nähe kam. Er biss die Zähne zusammen und schwang die schwere Hacke weiter, auch wenn jeder einzelne seiner Muskeln brannte.
»Glaub mir, das hat etwas zu bedeuten«, plapperte Chusei weiter, »wir Tierstämme glauben daran, dass alles von der Natur vorherbestimmt ist. Sie schenkt und nimmt Leben. Sie lässt Verletzungen auf wundersame Weise verheilen, oder sorgt dafür, dass ein kleiner Schnitt bereits tödlich endet. Sie schenkt Kinder, wenn der Waldbestand reich ist, und nimmt Kinder, wenn der Wald sie nicht versorgen kann. Sie sorgt für das Gleichgewicht, sie ist allmächtig und sie weiß alles. Sie bestimmt das Leben. Und sie hat entschieden, dass du leben sollst.«
Sarsar lächelte wieder schief. »Dann muss es wohl so sein, mein Freund.«
Wieder zuckten Chuseis Ohren freudig und seine Augen strahlten in der beinahe kindlichen Unschuld, die seinem Volk eigen schien. Er mochte es, wenn Sarsar ihn als Freund bezeichnete.
Sarsar wollte ihn eigentlich auch nicht anlügen, aber er bezweifelte, dass ein einfacher Sklave es verstehen würde. Es fiel sogar ihm schwer, eine Erklärung zu finden. Es musste die Magie sein, die er in sich aufgenommen hatte, denn bevor sie in ihm war, hatte er solche Kräfte nicht besessen. Zumal es nicht einmal eine richtige Kraft war, er nutzte sie nicht bewusst, er heilte, ohne seine eigene Magie anwenden zu müssen. Es geschah einfach, er konnte es weder aufhalten noch beschleunigen oder lenken, er hatte keine bewusste Kontrolle darüber.
Vor dem Eingang der Höhle geschah irgendetwas. Chuseis Ohren drehten sich nach hinten, er legte die Stirn in Falten, und dann hörte auch Sarsar den leisen Tumult, der vor den Minen in der Bergbaustadt für Lärm sorgte.
Kurz darauf trabte auch schon die Wärterin heran, brüllte einen Befehl und schwang drohend die Peitsche. Sarsar sah verwundert zu, wie seine Kameraden die Spitzhacken fallen ließen und sich aufrichteten. Er tat es ihnen gleich und drehte sich in die Reihe um. Ihnen wurden wieder Eisenringe um die Handgelenke geschnallt, Ketten verbanden sie miteinander und sie hatten demütig die Köpfe zu senken.
»Die Stammesführerin kommt zur Kontrolle«, erklärte Chusei ihm leise, verstummte aber sofort, als die in Lederbänder und Pelze gehüllte Wärterin ihren harten Blick auf ihn richtete und mit einem gebrüllten Wort die Peitsche vor ihm auf den Boden knallen ließ. Sarsar und Chusei zuckten zurück. Da rissen die Sklaven links und rechts von ihnen an den Ketten und warfen sie zu Boden. Sie landeten auf den Füßen, die anderen lachten. Die beiden Kerle, die es gewagt hatten, an den Ketten zu ziehen, wurden mit einem frontalen Peitschenhieb bestraft, aber das schien es ihnen wert gewesen zu sein.
Sarsar und Chusei halfen sich gegenseitig wieder auf, sie taten einfach so, als wäre nichts gewesen. Chusei war nicht aufmüpfig, Sarsar hielt es für klüger, bei einer solchen Übermacht besonnen zu bleiben.
Besonnen, aber stolz. Er ließ sich die Demütigung schlicht nicht anmerken. Und wenn sie ihn noch hundertmal zu Boden stießen, schlugen und traten, er würde ihnen nicht die Genugtuung bieten, ihre Misshandlungen in seine Seele eindringen zu lassen. Körperlich mochten sie ihm wehtun, aber es lag bei ihm, ob er sich das zu Herzen nahm.
Sie waren auch nur Sklaven, verbittert, kannten nur ihre kleine Welt in dieser Zelle, einen Fremdländer zu quälen erlöste sie für ein paar Momente von ihrem eigenen Elend.
Was aber nicht hieß, dass er gern die Wange hinhielt, ihm blieb im Moment schlicht keine andere Wahl, wenn er seine Lage nicht auch noch verschlechtern wollte.
Sie wurden in Reih und Glied aus den Minen getrieben. Über der Bergstadt waren die Baumkronen licht, Rauch stieg von zahlreichen Schmelzöfen in den Himmel, die Sonne stach wie Speere in den Augen, allein deshalb hielten alle die Köpfe gesenkt, und wer es nicht tat, wurde von der unnachgiebigen Peitsche dringend dazu aufgefordert.
Aneinander gekettet konnten sie nur langsam vorwärts gehen, die Ketten und Eisenringe, die sie um Hand- und Fußgelenke, sowie um die Hälse trugen, klirrten in der Mittagssonne. Zum ersten Mal war Sarsar nicht zu erschöpft und musste durch die Sonne geschleift werden. So konnte er sich zum ersten Mal selbst betrachten. Er war mager – mehr als früher – und auf seiner hellen Haut sah er den Schmutz besser als auf der dunklen Haut seiner Mitleidenden. Seine Hände waren aufgeschürft, er hatte blutige Blasen an den Innenflächen und den nackten Füßen. Nichts, was bis zum Morgen nicht wieder verheilt wäre. Um am nächsten Tag erneut aufzureißen. Er sah und spürte bereits Hornhaut an den Handballen. Es waren nicht mehr die Hände eines Prinzen und Magiers, es waren die Hände eines Sklaven.
Sie wurden vor den bienenwabenartigen Eingängen der Höhlen aufgereiht und mussten sich wieder umdrehen. Sarsar stand so eng gedrungen, dass seine Schultern die seiner Nebenmänner steiften. Wobei es eher ihre muskulösen Oberarme waren, denn Sarsar war gewiss nicht so hochgewachsen wie diese Dschungelgeborenen.
Er wagte nicht, den Kopf zu heben, aber seine Augen machten sich selbstständig und schielten empor. Viele Kriegerinnen hatten sich auf dem Platz versammelt, darunter eine muskulöse Frau, im besten Alter, mochte er meinen, die auffallenden Federschmuck und eine Weste aus schwarzem Panther trug, ihr Lederrock war kurz, stramme Bänder zogen sich um ihre starken Waden, an ihrer Hüfte baumelte ein gebogenes Schwert, ihr schwarzes Haar war zu einem dicken Zopf geflochten, so wie es alle Kriegerinnen trugen.
Sie war nicht das, was ihm auffiel, es war der große, muskulöse Mann, der ihr wie ein Hund folgte. Das markante Kinn stolz emporgehoben, die langen Haare mit zwei Strähnen locker nach hinten gesteckt, damit sie nicht in sein dunkles Gesicht fielen. Sein Blick war leer, er trug einen dicken Eisenring um den Hals, aber keine Kette, und war nackt bis auf ein Lendenleibchen, das zu knapp saß. Schwarze Bemalung zierte seine Brust und Schenkel, grimmige Falten vertieften seine Mundwinkel und auf seinem Arm trug er ein Brandmal. Einen Halbmond.
Sarsar erinnerte sich an den Stern, den man ihm als Markierung in die Haut gebrannt hatte und der sich entzündet hatte.
»Das ist der persönliche Zuchtsklave der Stammesführerin«, flüsterte Chusei ihm zu. »Siehst du wie viel kräftiger er ist? Diese Burschen könnten unsere Arbeit locker erledigen, aber dafür sind sie zu schade. Verstehst du? Werden nur zur Zucht für starke Kriegerinnen genommen. Wir Mistgeburten dürfen schuften.«
»Dein Vater war doch kein Zadestianer«, erinnerte sich Sarsar. Chusei hatte ihm erzählt, dass seine Mutter – eine Katzenfrau – in einem Zirkus in Elkanasai aufgetreten war. Als sie von einem Elkanasai geschändet wurde und ihn empfing, ging sie in die Wälder und suchte einen Stamm, der sie aufnahm. Aber sie gerieten zu nahe an die Zadestianische Grenze, weil die Stämme der Tiervölker die Grenzen der Kontinente nicht verstehen, und wurden von Kriegerinnen überfallen. Alle Männer und Jungen wurden in die Sklaverei verdammt, weil es in Zadest ein Frevel war, einen Mann frei umherstreifen zu lassen.
»Zuchtsklave«, flüsterte Sarsar nachdenklich vor sich hin und musterte den großen Zadestianer wieder von oben nach unten. Er hatte ein wenig Ähnlichkeit mit Fen, aber in gewisser Hinsicht fiel es Sarsar ohnehin noch schwer, Unterschiede unter den dunkelhäutigen Stämmen zu erkennen.
»Warum schwitzt er so?«, fragte Sarsar leiser, es war ihm gleich aufgefallen. Die Stammesanführerin hatte ihr Gespräch mit den führenden Aufseherinnen beendet und kam näher. »Er müsste die Hitze gewohnt sein, er schwitzt wegen etwas anderem. Die Perlen auf seiner Stirn sind dick und milchig, seine Nasenflügel scheinen gebläht und seine Augen gerötet… Tut ihm etwas weh? Bereitet ihm etwas Schmerzen?«
Chusei zuckte neben ihm mit den Schultern. »Keine Ahnung. Vielleicht sein Schwanz, weil er zu sehr beansprucht wird«, gab er zynisch hinzu.
Die Schmerzen schienen stark zu sein, Sarsar versuchte, ihn näher zu betrachten, aber als sie vor ihm standen, konnte er nur noch die großen Füße sehen. Die Stammesführerin schlenderte die Reihe entlang und nickte zufrieden. Sie blieb vor Sarsar stehen, hob sein Kinn an und verengte kritisch die Augen. Hinter ihr blitzte der leere Blick ihres Zuchthengstes auf, als er Sarsars schneeweiße Iriden bemerkte. Er starrte ihm unverwandt überrascht ins Gesicht. Unbewegt starrte Sarsar zurück.
Die Stammesführerin drehte sich zu einigen wartenden Kriegerinnen um, sagte etwas, und alle lachten gehässig.
Sarsar zeigte keine Rührung, er wusste, dass sie ihn für zu klein und zierlich hielten, aber er hatte bewiesen, dass er arbeiten konnte. Sie ging weiter, noch immer amüsiert. Vermutlich hatten die Wärterinnen Wetten laufen, wie lange er durchhielt.
Sarsar schielte ihrem nachlaufenden Sklaven nach, versuchte zu erkennen, was diesen quälte.
»Der hat es gut«, murmelte Chusei neidisch. »Reinrassig müsste man sein.«
»Ich weiß nicht, ob ich mich vergewaltigen lassen würde, um dem Erzabschürfen zu entkommen«, gab Sarsar zurück.
Chusei schnaubte. »Ich würde lieber täglich zwischen irgendwelche Schenkel sinken, als hier zu schuften. Als Zuchtsklave einer Stammesanführerin hast du ein eigenes Gemach, ein Bett, gutes Essen, fast sogar so etwas wie Achtung. Jedenfalls hab ich das so gehört, und er sieht mir nicht sonderlich unterernährt oder ausgepeitscht aus, findest du nicht?«
Nein, dem musste Sarsar zustimmen, es war der gepflegteste, gesündeste Sklave, den er seit er hier war gesehen hatte.
Er verengte seine weißen Augen und blickte dem Sklaven hinterher. Dieser sah ebenfalls noch ein letztes Mal zurück, direkt in Sarsars Gesicht, schien noch immer irritiert von dessen Antlitz.
»Dann sind diese Sklaven also wie … das kostbare Haustier der Stammesführerinnen?«, fragte er nachdenklich. »Wirklich wie ein Zuchthengst?«
»Weiß nicht, was ihr Westländer immer mit euren Zuchthengsten habt, aber wenn es bedeuten soll, dass man sie behandelt, als wären sie fast menschlich, dann ja, davon kannst du ausgehen, Freund«, stimmte Chusei zu, »die bekommen sogar das Fell gebürstet.«
»Interessant.« Wirklich höchst interessant.
Kapitel 17
Es regnete noch immer. In den letzten drei Tagen war die heiße Sonne über Elkanasai vielleicht nur für wenige Augenblicke am Stück durch die tiefhängenden Wolken gebrochen. Drei Tage strömender Regen, Dampf, Dunst, Schwüle, Schlammmassen. Und Desith hing noch immer am Pfahl, kniete im sumpfigen Matsch und in seiner eigenen Scheiße und Pisse.
Doch er flehte nicht um Gnade, noch um Wasser oder ein Stück Brot. Er legte den Kopf in den Nacken und streckte die Zunge heraus, wenn er durstig war, ansonsten rührte er sich kaum.
Wie stur dieser magere Winzling doch sein konnte.
Seufzend lehnte Vynsu sich unter einem Zelt an einen Pfosten und blickte durch den grauen Regenvorhang über den wie leergefegten Platz. Desith blieb unbehelligt, dafür hatte er persönlich gesorgt. Auch wenn die Menschen es kaum hatten erwarten können, ihn mit faulem Obst zu bewerfen, und die Krieger, die ihn nicht hatten besiegen können, darauf gewartet hatten, ihm ins Gesicht zu pissen. Ihnen war ihr Verhalten nicht übel zu nehmen, welche Unterhaltung bot sich ihnen außer saufen, ficken und sich am Leid anderer zu laben denn sonst? Aber Vynsu hatte jedem einzelnen deutlich zu verstehen gegeben, dass sie Desith – auch wenn er bestraft wurde – mit dem höchsten Respekt behandeln würden. Immerhin war und blieb er ein Prinz von Rechtswegen. Er hatte sie daran erinnert, wie das Kaisersöhnchen gekämpft hatte. Hatte allen ins Gedächtnis gerufen, dass dieser dürre, kleine Kerl vier fette Barbaren in Schach gehalten hatte. Das verdiente den größten Respekt, dieses Zugeständnis mussten sie alle machen.
Und mit jedem Tag, den Desith ohne einen Mucks im Regen saß, trotzig und stark, je mehr Verwunderung und Achtung schlug ihm entgegen. Es hatten schon viele Männer an Prangern gestanden, waren vom Großkönig wie Vieh ausgestellt worden, viel ältere und größere Männer als Desith, die viele Schlachten und Handgemenge gewonnen hatten, aber bereits nach einer Nacht angebunden auf dem Marktplatz, weinten und jammerten sie wie Schlosshunde.
Desith schwieg eisern.
Auch Vynsu musste zugeben, dass er beeindruckt war. Allerdings hatte er Desith noch nie für einen Schwächling gehalten, oder gar feige. Aufmüpfig, gewiss, stur und manchmal arrogant, und hin und wieder hatte er die Stärke seiner schlanken Arme unterschätzt – und es immer wieder bereut – doch für einen weinerlichen Burschen hatte er ihn nie gehalten.
Weil er das einfach nicht war.
Jori trat neben ihn und reichte ihm einen der beiden Becher, die er herantrug. Vynsu nahm den Met blind an sich und trank einen Schluck.
»Feuriges Kerlchen.«
Vynsu starrte lippenleckend in sein Getränk. »Hm.«
Forschend sah Jori ihn an. »Einige böse Zungen behaupten, du bewachst ihn wie eine Löwin ihr Junges. Und man hört, es gefällt dem Großkönig nicht, dass du dich einmischst.«
»Ist das so?«, gab er trocken zurück und drehte nachdenklich den Becher in den Fingern.
»Weißt du, was ich glaube?«
»Ich kann vieles, Jori, aber Gedanken lesen gehört nicht dazu.«
Jori setzte diese Miene auf, die er immer bekam, wenn er jemandem vorsichtig ins Gewissen reden wollte. »Ich denke, dass du versuchst, eine Sache wieder gut zu machen, die gar nicht deine Schuld war.«
Vynsu schwieg.
»Er ist der Bruder deiner Frau, aber er ist nicht dein Gemahl, du schuldest ihm nichts und solltest dich wegen ihm nicht mit Melecay anlegen.«
Erstaunlich, dachte Vynsu bei sich, dass Jori geradezu riechen konnte, wenn jemand in seiner Nähe etwas ausgefressen hatte oder im Begriff war, etwas wirklich Dämliches zu tun. Leise lachend nahm Vynsu noch einen Schluck, genoss das wohltuende Gefühl der Flüssigkeit, die seine Kehle anfeuchtete. »Du bist die Löwin, Jori, die spürt, wenn ihre Jungen auf einen Abgrund zulaufen.«
»Komm«, Jori schlug ihm mit dem Handrücken gegen den Arm, »lass uns reingehen, ja?«
»Ja, gleich«, versprach er.
Nickend wandte sein Freund sich ab und schlenderte zurück zum Tisch, der sich hinter Vynsus Rücken im warmen und trockenen Zelt befand. Seine Kameraden spielten Würfelpoker und setzten ihren letzten Sold. Das erinnerte ihn daran, was er der Gruppe für die Zeit im Dschungel schuldete. Denn auch wenn er sie als Freunde bezeichnete, er hatte ihnen ein hohes Sümmchen versprochen und die Gruppe musste essen. Sie waren, sind und würden immer Söldner bleiben. Er schuldete es ihnen. Und er hielt immer sein Wort.
Immer…
Vynsu hob den Blick und sah noch ein letztes Mal zu Desith. Das lange Haar triefte und lag wie ein Helm um seinen Kopf, die feuerroten Strähnen klebten in seinem Gesicht und schimmerten wie frische Kratzer, das Hemd stand offen und der weiße Stoff war von der Nässe durchsichtig geworden, es lag hauteng an Desiths flacher Brust und Bauch, sodass die Brustwarzen hart und rosig hervorschimmerten. Ein Rinnsal klarer Regen floss über seinen Bauch und durch den Nabel wie ein Fluss auf einer unberührten Landschaft.
Unberührt? Wohl kaum, dachte Vynsu amüsiert.
Kopfschüttelnd setzte er den Becher an die Lippen, trank seinen Met aus und wandte sich ab.
*~*~*
Nacht. Schon wieder. Die dritte seither. Nein! Falsch. Es war die vierte Nacht. Oder doch die fünfte?
Desiths Vorsatz, bei klarem Verstand zu bleiben, schwand mit zunehmendem Hunger und Durst.
Sein Nacken tat davon weh, dass er immer wieder verzweifelt den Kopf zurücklehnte und das Maul aufsperrte, um einen Schluck Regenwasser zu sammeln.
Aber noch war er nicht am Ende seiner Kräfte und ganz gleich wie oft der Großkönig vorbei schlenderte und ihm die süße Aussicht auf Erlösung bot, indem er der Ehe mit Derrick ohne Wenn und Aber zustimmte, er würde nicht einknicken.
Melecay hatte gesagt, er würde ihm nicht die Wahl lassen, auch nicht die Wahl, zu sterben. Aber er konnte ihn auch nicht zwingen, dieser Vermählung beizuwohnen. Er müsste ihm schon ein Schwert in den Rücken drücken, um ihn dazu zu bewegen. Und selbst dann würde Desith sich lieber selbst aufspießen.
Vielleicht… hätte er zugestimmt. Vielleicht, wenn es eine Aussicht darauf gäbe, dass Rick ihn noch erkennt, oder er sich hier und jetzt zurück in einen Menschen verwandeln…
Nein. Desith machte sich etwas vor. Er konnte Rick nicht heiraten, selbst wenn sein kleines, naives Herz noch immer an ihm hing. Er konnte Rick nicht mehr in die Augen sehen und vergessen, dass er ihn für Sarsar mitten im Dschungel hatte stehen lassen.
Das konnte Desith nicht verzeihen, es nicht ertragen. Nach all den Jahren, die er Rick seine Treue, seine uneingeschränkte Loyalität geschenkt hatte, hatte dieser ihn für Sarsar verraten.
Desith konnte es einfach nicht vergessen, selbst wenn er gewollt hätte.
Also blieb ihm nichts anderes übrig, als weiterhin schweigend im Regen zu sitzen und sich selbst anzupissen, während sein knurrender Magen ihn morgens weckte.
Irgendwann würde sein Vater Fragen stellen. Ganz bestimmt würde er das. Vielleicht nicht Morgen oder Übermorgen, doch auch wenn Desith mit seinem Vater oft im Streit gelegen hatte, der Kaiser würde ihn nach sieben Jahren im Dschungel gewiss bald sehen wollen.
Der Großkönig musste das wissen, sonst würde er ihn nicht so sehr bedrängen. Vielleicht würde er bald dazu übergehen, ihn zu foltern. Dann wäre er aber wenigstens aus dem Regen draußen.
Obwohl der Guss jedes Mal warm war, durch die Nässe fing Desith an zu frieren und infolgedessen auch erbärmlich zu zittern. Tagsüber spürte er die Blicke der Menschen, die im Lager umherliefen und ihrem Tagwerk nachgingen. Wachen wetteten darauf, wie lange er durchhielt. Aber jeden Morgen, wenn der verdammte Hahn krähte und Desith noch immer nicht weinend zusammenbrach, spürte er, wie ihn neugierige Augen streiften. Wie aus Abneigung, Achtung wurde.
Und es war ein gutes Gefühl, dass sein eiserner Wille Früchte trug. Jedoch musste er gestehen, dass er die Furcht, die ihm an dem Tag entgegengebracht worden war, als er gegen die Barbaren des Großkönigs gekämpft hatte, mehr genossen hatte.
Gefürchtet zu werden war wie auf einem Berg zu stehen und über alle Völker der Welt zu blicken, erhaben zu sein, stark zu sein. Nie hatte er sich so lebendig gefühlt wie in jenem Augenblick, nie so groß, als sie erstarrt vor Angst waren, nur weil sie ihn für einen bösen Geist oder von einem Dämon besessen hielten. Er hatte sich gefühlt wie der Drache selbst, der ihm solche Furcht einflößte.
Desith hatte es geschafft, Derrick nicht anzusehen. Das Vieh schnarchte den ganzen Tag und die ganze Nacht, verweigerte die Nahrungsaufnahme und bevorzugte es, in der Nähe von Menschen bedrohlich zu grollen.
Trotz all der Bewegungen und Geräusche, die Desith aus dieser Richtung wahrnahm, war es ihm gelungen, nicht einen einzigen Blick in das offene Zelt zu richten. Es hatte ihn einiges an Willenskraft gekostet, aber ihm gezeigt, wie stark er sein kann.
Und er glaubte, dass auch Derrick ihn niemals ansah. Nicht für einen winzigen Herzschlag lang. Er hätte es gespürt, wäre es so gewesen. Wären diese großen, wütenden Echsenaugen über ihn geglitten, hätte er wie immer eine eiskalte Gänsehaut verspürt. Doch Rick beachtete ihn nicht, als würde er gar nicht mehr existieren.
Desith hätte weinen mögen, doch er schalt sich einen naiven Dummkopf. Er würde keine einzige Träne an jemanden vergießen, dem er nichts mehr bedeutete. Dazu war er sich selbst zu schade. Außerdem… Rick war es gewesen, der zuerst ihn gewollt hatte. Rick war es gewesen, der zuerst tiefere Gefühle gehegt und versucht hatte, ihn zu küssen, damals, als er noch klein gewesen und nur einen neuen, exotischen Freund hatte gewinnen wollen. Es war immer zuerst von Derrick ausgegangen. Desith brauchte ihn nicht. Er hatte vor Rick ein Leben gehabt, ein kurzes und behütetes Leben, aber er wusste, dass es nach Derrick ebenso ein Leben gab.
Er musste nur irgendwie dem Großkönig und seinen wahnwitzigen Plänen entkommen. Dann würde er schon herausfinden, was die Zukunft für ihn bereithielt. Der Bruch mit Derrick bedeutete nicht das Ende von allem, so war Desith nicht gestrickt.
Und irgendwann würde auch die Erinnerung an Derrick verblassen und es würde ihm vorkommen wie der dumme Traum eines verliebten Jungen. Aber eben nur wie ein Traum.
Ironischerweise konnte er gerade aber nur darauf hoffen, dass ihm sein Vater, vor dem er sich vor Jahren losgesagt hatte, den Kopf rettete. Oder vielleicht war es in diesem Fall passender zu sagen, dass er ihm den Arsch retten musste.
Ein schwarzes Paar Stiefel trat in sein Blickfeld. Verwundert sah er auf. Der Regen hatte so plötzlich aufgehört, wie er angefangen hatte, doch der Nachthimmel war noch verhangen, grau und dunkel.
»Wen haben wir denn da?« Desith erkannte ihn trotz Nachtschwärze im Schein der Fackeln, die in Derricks Zelt vor sich hin flackerten und einen Lichtkegel auf ihn warfen. Die Statur des Mannes ließ einen Schatten über Desiths noch tropfnasses Gesicht fallen. »Da soll mich doch der Schwanz des Kriegsvaters durchbohren, wenn das nicht des Großkönigs Schoßhündchen ist.«
Vynsus hartes Gesicht zeigte keinerlei Rührung, die Schnitte, die Desith ihm zugefügt hatte waren bereits verschorft.
»Oh, oder sagt man Schwert? Verzeih, ich denke wohl noch zu prägnant über unsere heiße Liebesnacht nach.« Er wusste, dass Vynsu nur bei Weibern lag und er hoffte, seine Worte würden ihn in mitten seines stolzen Herzens treffen. Falls er denn überhaupt noch einen Funken Stolz in sich trug, dieser elende Lügner.
»Heiß, ja«, konterte Vynsu trocken, »von Liebe kann allerdings keine Rede sein.«
Desith zog knurrend die Lippen hoch. »Was willst du? War dir kalt in deinem Bett und du hast gehofft, ich könnte mich nicht wehren?«
Gelassen hob Vynsu den linken Arm ein wenig an, sodass Desith die Holzschale auffiel, die er bei sich trug. Sie dampfte, und ihm zog der köstliche Geruch einer warmen Brühe in die Nase, die ihm den Speichel im Mund zusammenlaufen ließ.
Desith wackelte mit den Fingern, seine geschundenen Handgelenke schmerzten. »Und wie denkst du, soll ich essen?«
Mit einem Grummeln ging Vynsu vor ihm in die Hocke. Das Klimpern seiner Riemen lenkte Desiths Aufmerksamkeit auf seine Aufmachung. Er trug seine volle Lederrüstung, trotz Schwüle, samt bodenlangem, schwarzem Umhang und mit Schuppenplatten versehener Schulterpanzerung. Sein Harnisch saß eng und umschmeichelte seine hünenhafte Statur. Desith konnte noch so nass und gedemütigt sein und noch so starke Schmerzen empfinden, er würde immer ein Auge für solch rohe Schönheit haben. Immer. Vor allem wenn er sich noch so lebendig daran erinnern konnte, sie nackt zu spüren, als hätte er seine streichelnde Hand erst vor einem Moment zurückgezogen.
»Ich helfe dir selbstverständlich«, erwiderte Vynsu. Wenn ihm Desiths Musterung aufgefallen war, so ließ er sich nichts anmerken oder sie war ihm schlicht gleich.
Das ärgerte Desith wiederrum, er hasste die Vorstellung, etwas zu begehren, das ihn nicht begehrte, obwohl er Vynsu wie einen Wilden geritten und ihm Wonne geschenkt hatte.
Er presste die Lippen zusammen, als Vynsu ihm den Rand der Schale an den Mund hob.
Genervt ließ der Barbar die schönen Schultern hängen. »Sei nicht dumm, Desith, du brauchst Kraft.«
Das stimmte leider, also atmete er tief durch und öffnete ohne Widerstand die Lippen.
Die Brühe war köstlich, würzig und wahrlich kräftigend. Sie wärmte ihn von innen heraus, sobald er den ersten Schluck genommen hatte. Etwas gegartes Gemüse war darin, Kartoffelscheiben und Lauch, er kaute darauf herum, schlang gierig alles herunter. Dabei sah Vynsu ihm zufrieden zu, blickte sich aber hin und wieder nervös nach allen Seiten um, als lauerten neugierige Augen in der Dunkelheit.
»Du hast sie selbst gekocht«, stellte Desith fest, als Vynsu die Schale senkte.
Stirnrunzelnd blickte dieser ihm ins Gesicht. »Wie kommst du darauf?«
Desith leckte sich grinsend die Brühe von den glänzenden Lippen. »Die Suppe, die du mir im Dschungel gereicht hast, hatte eine besondere Note. Deine Mutter kocht sie ein wenig anders. Du musst sie also selbst gekocht haben, auch heute, denn nur du tust irgendein Kraut hinzu. Das schmeckt mir besser.«
»Oh. Hm. Na ja… irgendwas musst du ja essen, oder nicht?« Vynsu wich vor plötzlicher Verlegenheit seinem Blick aus und räusperte sich unbehaglich.
Das war beinahe niedlich, für einen so großen Mann. Vynsu mimte also gern den Versorger, aber so leicht ließ Desith sich nicht erweichen. So einfach war er nicht zu besänftigen.
Er setzte eine unfreundliche Miene auf. »Glaub ja nicht, nur weil du für mich den Koch spielst und mich heimlich fütterst, würde ich deinen Verrat verzeihen. Da musst du schon mehr aufbieten.«
Stumm sah Vynsu ihm wieder in die Augen. Er kniete mit einem Bein im Matsch, das andere hatte er aufgestellt und locker seinen Arm darauf liegen, sein Barbarenzopf lag lang und dick über seiner Schulter vorne auf seiner Brust und lud regelrecht frech dazu ein, ihn zu ergreifen und ihn sich um den Arm zu wickeln, um Vynsu an sich heran zu ziehen.
»Wenn ich vergessen soll, dass du ein Versprechen an mich gebrochen hast…«
Vynsu petzte sich mit zwei Fingern ins Nasenbein. »Desith, ich…«
»Dann«, betonte Desith schneidend, und Vynsu blickte ihm wieder ins Gesicht, »solltest du hier und jetzt auf alle viere gehen, mein Großer, und mir genau hier, vor Derrick, unter dem Sternenzelt Elkanasais und vor allen neugierigen Augen, die zufällig hier vorbeikommen, mit deiner hübschen Zunge die Härte polieren.« Er lachte schmutzig in Vynsus vollkommen unbewegtes Gesicht, das lediglich gelangweilt abzuwarten schien. »Aber auch nur dann vergebe ich dir vielleicht, dass du mich reingelegt hast.«
Es verstrich ein langer Augenblick des Schweigens nach seinem schamlosen Vortrag. Sie starrten sich an, Desith hatte sich Vynsu entgegen gelehnt und ihre Blicke bohrten sich ineinander, einer unnachgiebiger als der andere. Zwei Wände, die sich gegenüberstanden.
»Bist du fertig mit dem Narrentheater?«, fragte Vynsu schließlich ruhig.
Desith atmete herablassend aus und lehnte sich wieder an den Pfosten in seinem Rücken. Die Haltung schmerzte in jedem einzelnen Wirbel, seine Glieder waren steif. Er antwortete nicht, wollte nur, dass dieser Verräter endlich verschwand. So schön anzusehen er auch war.
»Ich bin kein Mann von Ehre«, sagte Vynsu, ohne Reue, ohne Entschuldigung. »Ich bin aber auch kein Mann, der ohne Sinn und Verstand die Hand nach einer blutigen Korne ausstreckt.«
Verwirrung schlug Stirnfalten in Desiths Gesicht, aber er wartete neugierig ab.
»Das soll heißen, dass ich sehr wohl darüber nachgedacht habe, mein Recht einzufordern, immerhin bin ich der einzige Blutsverwandte meines Onkels. Aber ich hätte mich gegen seinen Willen stellen und Krieg führen müssen, vermutlich sogar gegen Derrick antreten müssen. Es hätte meinem Vater das Herz gebrochen, es hätte meine Mutter von mir enttäuscht, und nicht zuletzt hätte es das Leben meiner Kinder – deiner Nichte und deines Neffen – in Gefahr gebracht. Und ja, ich hab beschissen viel Angst vor meinem Onkel, so wie vermutlich viele andere auch. Angst zu haben ist nicht beschämend, sie ist wichtig, um zu überleben. Nur ein Einfältiger würde sich nicht fürchten, sich gegen den Willen seines Königs aufzulehnen. Und nein, es kümmert mich nicht, ob du mich für feige oder für einen Schoßhund hältst, denn ich lebe noch, weil ich ein Einsehen hatte und mich zurückhielt.« Er atmete schwer aus, und Desith kam es auf einmal so vor, als läge die Last der Welt auf ihm. Irgendwie hatte er sogar einen Hauch Mitleid. Dann stand Vynsu schwerfällig auf und zog sein Schwert.
Desiths Augen weiteten sich ein kleinwenig, er schluckte leise.
»Aber der Allvater soll mich bewahren, deinetwegen halte ich den Kopf hin, weil ich schlicht kein Mann sein will, der sein Versprechen nicht hält.«
Desith schluckte einen Aufschrei herunter, als Vynsu seine Klinge plötzlich schwang und mit einem kräftigen Ruck auf den Pfahl einschlug. Die Ketten klirrten und Desith verlor seinen Halt, er kippte vorne über und versank bis zu den geschundenen Handgelenken im Matsch. Die Silberringe funkelten noch im Mondlicht, das sich in diesem Moment einen Weg durch die Wolken bahnte.
»Beeilung«, flüsterte Vynsu und packte ihn unter einem Arm, um ihn aus dem Schlamm und auf die Beine zu ziehen. »Ich habe zwar ein paar Krieger bestochen, die Wache halten, aber das haben bestimmt noch mehr hellhörige Ohren gehört.«
Desith starrte noch immer wie benommen auf seine Hände. »Aber… wie…«
»Silberketten.« Vynsu drückte ihn an seine Seite, verhüllte ihn mit seinem Umhang und zog ihn eilig vom Platz zwischen die engen Zeltreihen, wo die Dunkelheit sie verschluckte. »Sie mögen eine Hexe fesseln, aber kein Schwert aufhalten. Silber ist zu weich.«
Desith stolperte neben ihm her, er versuchte, zu laufen, aber Vynsu hatte es zu eilig, und so fiel es ihm schwer, sein Gleichgewicht zu finden. Er musste sich an Vynsus Gürtel festkrallen. »Nein, ich meine, wieso hast du das getan…?«
»Habe ich doch gesagt, ich hab versprochen, ich bringe dich heim, also bringe ich dich heim.«
»Ja, aber…« Desith wusste nicht, wo ihm der Kopf stand. »Ich weiß nicht, ob mir das gefällt.«
Denn jetzt hatte er zwar, was er wollte, aber er würde auch in Vynsus Schuld stehen.
*~*~*
»Ruhig, ich bin es nur.« Er ging durch die Reihe der Pferde und klopfte jedem einzelnen beruhigend auf die Stirn. Dann entzündete er die erloschenen Fackeln neu an und tauchte seinen vom Met benebelten Kopf in ein vom Regen überlaufendes Fass mit kaltem Wasser. Die Nässe tat gut und klärte ein wenig seinen Verstand.
Es war spät. So spät, dass es beinahe schon wieder Morgen war, aber wie üblich wollte sich kein Schlaf bei ihm einstellen, die Hitze hatte ihn nach wenigen Stunden wieder aus den Laken getrieben, und nun suchte Jori ein paar kleine Arbeiten zum Zeitvertreib bei den Pferden. Die großen und sanften Huftiere strahlten eine bemerkenswerte Ruhe auf ihn aus, vor allem wenn er ihrem lauten Kauen lauschte, nachdem er sie mit einer Handvoll Heu gefüttert hatte.
Hekkilston schabte wie üblich mit dem Vorderhuf, seine Muskeln zuckten und er schnaubte nervös. Jori klopfte ihm die Flanke ab und griff zu einer Bürste. Das ließ den Hengst wieder ruhiger werden.
»Der Prinz wird bald aufwachen und dann verdonnere ich ihn zu einem Ausritt mit dir, Hekkli«, flüsterte er dem Rotfuchs zu. »Er hat im Moment andere Sorgen, verzeih es ihm.«
Vynsu bereitete ihm Kopfzerbrechen. Bereits in dem Moment, als er den jungen Prinzen im Schweinedreck mit gebrochener Nase und aufgeplatzter Lippe gefunden hatte, hatte er gespürt, dass sich Vynsu an einem Scheideweg befand, und sein Helfersyndrom hatte sich gemeldet. Natürlich war ihm sofort aufgefallen, wen er da aufgegabelt hatte, Vynsus Verschwinden war in dem Moment in aller Munde, als er nicht mehr an Melecays Hof zu finden gewesen war. Rurik und Vala hatten ihn liegen lassen wollen, aber Jori hatte nicht auf sie gehört. Deshalb nannten sie ihn auch einen liebenswerten Trottel. Einen Weichling. Aber es konnte schließlich nicht schaden, sich einen Prinzen zum Freund zu machen, auch wenn dieser ein Ausreißer war.
Außerdem hatte Jori Mitleid gehabt mit diesen leeren, traurigen Augen. Wie ein Hengst, der durch das Gatter gebrochen war und nach dem ersten Raubtierangriff wünschte, er stünde wieder auf der Weide.
Und Jori hatte sich nicht getäuscht, er täuschte sich selten in Menschen. Vynsu war kein schlechter Kerl, das hatte sich bereits am dritten Tag gezeigt, als er ihnen, ohne einen Anteil zu erwarten, bei einem Söldnerauftrag geholfen hatte, der ohne sein kämpferisches Geschick mächtig schiefgelaufen wäre. Sie hatten eine Kutsche mit teuren Waren eskortiert. Allein die Zugpferde waren so viel wert gewesen, dass es Wegelagerer angezogen hatte wie frischer Dung die Fliegen. Der Prinz hatte ihm das Leben gerettet. Vynsus Fertigkeiten mit dem Schwert und sein Verzicht auf die Belohnung hatten ihm auch Valas und Ruriks Achtung eingetragen. Es war leicht gewesen, sich anzufreunden, Vynsu war nicht so herablassend und aufbrausend, wie sie es vom Hörensagen erwartet hätten. Im Gegenteil, Vynsu war zurückhaltend und vorsichtig gewesen, aber ebenso dankbar, dass er bei ihnen sein durfte. Es war ihm nicht schwergefallen, sich unterzuordnen, Befehle anzunehmen. Seine Vorschläge waren immer nur Vorschläge gewesen, er hatte sich eingegliedert, vom ersten Tag an. Vala hatte sogar verworfen, ihn gefangen zu nehmen und Lösegeld zu verlangen.
Jedenfalls bereute Jori es nicht, sich entschlossen zu haben, Vynsu schließlich in den Dschungel zu folgen, er für sich genommen war der Ansicht, dass in Vynsu ein gutes Herz schlug, er hatte es gesehen, in den kurzen Wochen, die sie zusammen geritten waren. Vynsu wäre kein so schlechter Nachfolger für den Großkönig. Und die zwei Jahre im Dschungel hatten es bewiesen. Während Melecay bereit war, jeden Preis zu zahlen, um Derrick zu finden, hatte Vynsu immer darauf geachtet, niemanden in Gefahr zu bringen. Er kümmerte sich um seine Leute.
Freundschaft. Vynsu wusste, was das war.
Aber Jori sorgte sich nun wegen Vynsus vermeintlicher Schuld gegenüber Desith Airynn von Elkanasai. Auch wenn er der Bruder von Prinzessin Lohna war, konnte Jori nicht nachvollziehen, was dessen Schicksal mit seinem Freund Vynsu zu tun hatte. Er konnte nicht genau benennen, was es war, aber ein drückendes Bauchgefühl sagte ihm, dass Desith Ärger bedeutete.
Jori musste über sich selbst schnauben. Er war bestimmt der letzte Mann, der Vynsu einen Vorwurf machen konnte, er selbst nahm immer wieder verlorene Seelen unter seine Fittiche, die geradezu nach Ärger stanken.
Bragi war einer davon. Bragi, den er kennen lernte, als er ihm den Münzbeutel vom Gürtel hatte schneiden wollen, und den Jori mitten in der Schenke gepackt, auf den Tisch geschleudert und ein Messer an die Kehle gehalten hatte. Dieser dreiste Dieb, der ihm auch noch frech ins Gesicht gegrinst und ohne jede Scham gesagt hatte: »Hätte ich doch nur zuerst dein Gesicht angesehen, bevor mir dein praller Beutel auffiel, hätte ich mir die Münzen heute Nacht auch einfach bei dir verdienen können, mein Schöner.« Dabei hatte er das Becken emporgehoben, und Jori war vor Verlegenheit fast im Boden versunken.
Es war das erste Mal in seinem Leben gewesen, dass ihm jemand seine Aufwartungen machte, falls er das in Bezug auf Bragi überhaupt so nennen konnte. Denn Bragi… nun ja, Bragi war eben Bragi, der sich vermutlich auch an einem Hund gerieben hätte.
Jori kannte das allerdings nicht, er war als einfacher Bauernjunge aufgewachsen, pickelig und pummelig, der in seinem Leben noch nicht ein einziges Kompliment gehört und von seinem versoffenen Vater immer ziemlich runter gemacht worden war. Jedenfalls hatte er, seit seine Gemahlin, die zu einer Ehe mit ihm im Alter von dreizehn Wintern gezwungen worden war, und die nur vier Jahre später mit einem Schweinehirten und den Kindern das Weite gesucht hatte, nichts von Liebschaften wissen wollen. Gewiss, es hatte Dirnen gegeben, manche hatten ihm Nettigkeiten zugeflüstert, andere hatten danach geweint, obwohl er immer sanft war. Aber wer glaubte auch schon einer Hure, deren Geschäft die Vortäuschung war? Jori hatte sich immer bedeckt gehalten, auch als er sich – wie viele junge Männer – entschlossen hatte, sich als Söldner zu verdingen und ihm etwas Achtung entgegengebracht worden war, hatte er nie vergessen, dass er nur ein pummeliger, pickliger Junge gewesen war. Er hatte sich seinen Respekt unter den Söldnern durch die Fähigkeit, eine Gruppe anzuleiten, verdient, nicht durch Schönheit. Dadurch hatte er seine beiden engsten Freunde getroffen, eine verruchte Kriegerin und einen grimmigen Barbaren aus dem Hochland. Vala war die Schöne, die alle Frauen bezirzen konnte, Rurik war der große, männliche Kerl, auf denen alle reiten wollten. Jori hatte sich für unsichtbar gehalten und es gut gefunden. Er brauchte kein Weib, und die Burschen, die er mochte, hatte er nie auf diese Weise gemocht.
Und dann trifft er diesen Dieb, zwei Wochen vor der Abreise in den Dschungel. Natürlich hatten seine Freunde dem Drecksack die Kehle aufschlitzen wollen. Aber Jori, vergebend wie er nun mal war, hatte den Dieb stattdessen aufgenommen und ihm versichert, er müsse nie wieder stehlen, wenn er sich ihnen anschloss. Und Vynsu hatte ihm erstaunlicherweise zugestimmt.
»Jeder Mann verdient die Gelegenheit, sich zu beweisen«, hatte er gesagt. Vermutlich, weil auch er auf eine solche Gelegenheit hoffte.
Und nun… nun war Desith da, und Jori hatte das ungute Gefühl, dass Vynsu sich in eine Sache verstrickte, die zu groß für ihn war. Oder wegen diesem aufsässigen Wicht etwas wirklich Dummes tun würde.
»Bevorzugst du die Gesellschaft von weiblichen oder männlichen Pferden?«, fragte plötzlich eine leise Stimme in der Dunkelheit.
Jori drehte den Kopf und sah auf einem Stapel Strohballen Bragi sitzen. Der Dieb musste ihn schon eine Weile beobachtet haben, seine Haltung war entspannt, seine Beine baumelten lässig, er grinste wie üblich rotznäsig und biss anschließend genüsslich von einem roten Apfel ab.
»Stuten und Hengste nennt es sich bei Pferden«, erklärte Jori geduldig und ging dazu über, Hekklis Mähne zu kämmen.
»Wie auch immer«, gab Bragi zurück, lehnte den Rücken an einen versetzt stehenden Strohballen und überschlug die schlanken Beine. »Du scheinst dich unter ihnen wohler zu fühlen. Willst du mir etwas beichten?«
Jori schielte ihm warnend zu. Doch mehr als ein schmutziges Lachen erreichte er damit nicht.
»Wahrlich, es ist mir ein Rätsel, wieso du jeden Morgen vor Sonnenaufgang und noch vor dem ersten Knecht hierherkommst.«
Jori antwortete wahrheitsgemäß: »Ich schlafe schlecht.«
»Das tun wir alle.« Bragis leises Kichern verursachte Jori eine nicht unangenehme Gänsehaut. »Warum kommst du nicht einfach zu mir, ich bin sicher, wir vertreiben uns die schlaflosen Stunden gemeinsam…«
Darauf erwiderte Jori nichts, wie immer tat er so, als hätte Bragi keine eindeutige Einladung ausgesprochen, und versuchte ebenso, seine glühenden Wangen zu ignorieren, die Bragi mit einem zufriedenen Grinsen bemerkte.
»Jori…«, flüsterte er heißer, »komm zu mir ins Stroh.«
Jori presste die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf, er wechselte von der roten Mähne zu Hekkilstons rotem Schweif, dabei ließ er die Hand zaghaft über dessen Flanke gleiten und spürte Bragis brennenden Blick auf seiner Rückseite. Beide stellten sich vor, Jori würde auf diese zärtliche Weise nicht das Pferd, sondern Bragi berühren.
»Warum nicht?« Bragi öffnete die Schenkel und in seinem Schritt zeichnete sich bereits eine deutliche Beule ab, die Jori vor Scham schlucken ließ.
Schnell wandte er den Blick ab und versuchte krampfhaft, sich auf das Durchbürsten des Schweifes zu konzentrieren.
Bragi lachte in sich hinein und warf die Reste des Apfels über die Schulter ins Stroh. »Aus dir kann ich lesen wie aus einem offenen Buch. Und dabei kann ich nicht mal lesen.«
Jori musste grinsen und schielte kurz zu ihm herüber. Er war wahrlich eine Versuchung, drahtig und doch auf eine schlanke Weise muskulös, männlich. Sein Haar hatte er zusammengebunden, die spitzen Ohren stachen hervor wie Dolche, bronzene Strähnen hingen ihm keck im langen Gesicht. Sein blindes Auge war trüb, dafür strahlte das algengrüne umso heller in der Nacht. Er war nicht hässlich, sein Körper versprach Sinnlichkeit, doch Jori konnte sich nicht darauf einlassen, selbst wenn er schon einmal bei einem anderen Mann gelegen hätte. Er würde vor Verlegenheit vermutlich alles falsch machen. Die meisten Huren schienen nie beglückt, die anderen weinten immer, vermutlich aus Abscheu vor ihm. Er genoss Bragis Schäkern, und wollte nicht riskieren, dass es endete. Außerdem glaubte er nicht, dass Bragi ihn wirklich nackt sehen wollte. Es war nur … ein Spiel. Nichts weiter. Ein hübscher Gedanke, der ihnen die Nacht wärmte.
»Du kannst nicht ewig Nein sagen«, säuselte Bragi verführerisch, sein Lächeln war die pure Verlockung. »Und es täte deiner angespannten Miene gut, würdest du mal eine Hand in deine Hose lassen.«
Jori kam kopfschüttelnd hinter dem Pferd hervor und bürstete die Bürste aus, Staub und Haare flogen durch den Widerschein der Fackeln. »Warte doch einfach, bis die Knechte erwachen, oder such dir wieder einen von Melecays Barbaren, wenn du es so nötig hast.«
Bragi sprang von den Strohballen und stellte sich ihm in den Weg, als er die Utensilien wegpacken wollte. Sie waren auf Augenhöhe, gleichgroß. Jori versteinerte, schluckte, als Bragis Hände über seine Brustmuskeln nach oben glitten. Selbst durch das dicke Leder seiner Rüstung glaubte er, menschliche Wärme zu spüren, sein Herz krampfte vor Aufregung und er ließ die Bürsten fallen.
»Du begehst einen großen Fehler, Jori«, raunte Bragi ihm gegen die Lippen, sein sehendes Auge war so nahe, dass Jori sich darin verlor. »Wenn du zu einer Sache Nein sagst, die du noch nie zuvor gekostet hast.«
Ein Stöhnen wollte ihm entfliehen, als Bragi sich zu ihm lehnte und sanft mit seiner feuchten, warmen Zunge über Joris geschlossene Lippen leckte. Verführerisch, verlockend…
Er schmeckte nach Manukahonig.
Und nach einem süßen Apfel.
Doch bevor Jori irgendetwas erwidern konnte oder zu einer Handlung im Stande gewesen wäre, erklangen eilige Schritte in der Nacht. Verwundert drehten sie sich zur Dunkelheit um und erspähten eine seltsam breite Gestalt, die sich aus dem Lager der Palisade näherte. Sie lösten sich voneinander, und die Fackeln streiften über violettes Haar.
»Vynsu?«
Der Prinz atmete so schwer, als wäre er auf der Flucht. Und als er endlich in den Lichtkreis trat, fielen Jori und Bragi beinahe die Augen aus dem Kopf. Ihr Freund war nicht allein, eine zweite Person unter seinem Umhang hatte seine Gestalt breiter als sonst erscheinen lassen.
»Er ist wahnsinnig geworden«, flüsterte Bragi.
Jori hätte zugestimmt, wäre er nicht zu verblüfft gewesen.
»Jori, ich brauche Hekkli gesattelt, schnell.« Vynsu ging an ihnen vorüber und setzte Prinz Desith auf die Strohballen. »Jori!« Vynsu drehte sich hektisch zu ihm um.
Jori zuckte in seiner Starre zusammen. »Ja… nein… ja … was?«
Vynsu wartete nicht darauf, bis er sich gefangen hatte, er ging zu seinem Hengst und löste ihn aus der Reihe. »Bring mir meinen Sattel, Jori!«
Es war Bragi, der sich umdrehte und Vynsus Zaumzeug und Sattel herschaffte. Jori nutzte die Gelegenheit, sich an Vynsu zu wenden. »Bist du wahnsinnig?«, zischte er leise.
Vynsus harte Miene und der dünne Strich seines Mundes bewiesen zumindest, dass er irrsinnig entschlossen war.
Er löste zwei dicke Beutel von seinem Gürtel und reichte beide Jori.
Doch er wich zurück. »Was ist das?«, fragte er, obwohl er die Antwort darauf bereits kannte, und sie gefiel ihm nicht.
»Nimm schon«, forderte Vynsu ungeduldig. »Euer Sold. Ihr habt ihn euch wahrlich verdient in der Hölle, in die ich euch geführt habe. Ihr seid entbunden.«
»Auch von deiner Freundschaft?«, fragte Jori, der das Silber noch immer nicht annehmen wollte. »Wenn nicht, dann spreche ich jetzt als Freund zu dir. Vynsu, hältst du es für klug, dich in deiner Position derart gegen den Großkönig zu stellen? Mann, er köpft dich doch!«
»Mir bleibt keine Wahl!«
Bragi kam zurück, und Vynsu drückte Jori das Silber in die Arme, um sein Pferd aufzusatteln. Hekkli schabte wieder nervös mit dem Huf, konnte den Ritt kaum erwarten. Während Bragi sich neben Jori stellte und Prinz Desith sich mit kalkweißem Gesicht auf den Boden übergab.
»Ich glaub nicht, dass er reiten kann«, gab Bragi zu bedenken.
Vynsu zog sich auf seinen Hengst. »Das muss er auch nicht.« Er lenkte den Rotfuchs um Bragi und Jori herum und reichte Desith seine Hand. Der Prinz von Elkanasai spuckte auf den Boden, wischte sich noch unschicklich mit dem Handrücken über den Mund und schlug dann entschlossen ein. Vynsu zog ihn hinter sich auf Hekkilstons Rücken und sah noch ein letztes Mal auf seine Freunde herab. »Ihr habt mich nicht gesehen, ihr habt nichts hiermit zu tun, und wenn ihr es gewusst hättet, hättet ihr mich aufgehalten, eure Loyalität gehört dem Großkönig! Ich habe euch vor zwei Tagen euren Sold überreicht. Ihr wusstet von nichts! Ihr geht heim, wie jeder Söldner nach getaner Arbeit!«, bläute er ihnen ernst ein.
Jori schüttelte kritisch seinen Kopf, ließ seinen Freund seine Missbilligung deutlich spüren.
»Ihr werdet verstehen«, versicherte Vynsu, dann gab er seinem Hengst einen Tritt in die Flanken und galoppierte aus der Palisade. Dabei nahm er die Kurve so eng, dass sein Knie beinahe den Boden berührte. Hekklis donnernde Hufe verklangen in der Nacht, die Reisfelder raschelten und Vögel stoben mit wütendem Geschrei davon.
Bragi stellte sich hinter Jori. »Ist er irre geworden?«
»Oh ja«, bestätigte Jori.
»Tut er, was ich denke, was er tut?«
»Die beiden unternehmen gewiss keinen netten Mondscheinausritt«, erwiderte Jori und hing die schweren Beutel mit dem Sold an seinen Gürtel.
»Wie ist das eigentlich in Elkanasai«, fragte Bragi grübelnd, »der Kaiser wird doch gewählt, oder nicht? Angenommen, er würde abgewählt, dann wäre eine Ehe zwischen dem Prinzen von Elkanasai und dem Prinzen von Carapuhr doch einen Scheißdreck wert.«
Jori schüttelte den Kopf. »In den meisten Fällen wird ein Mitglied der Kaiserfamilie auf die nächste Wahl vorbereitet und auch gewählt. Sollte dies nicht der Fall sein, ist die ehemalige Kaiserfamilie dennoch ein hochgeschätztes Mitglied des Reiches und alle getroffenen Ehen und Bündnisse haben weiterhin Gewicht in ihrer Politik.«
Es war doch ironisch, dass er dem Halbspitzohr etwas über Elkanasai erklären musste, aber Bragis Ohrenform hatte nichts zu bedeuten, er war in Carapuhr aufgewachsen und hatte von Politik keinen blassen Schimmer. Jori hatte sich auch nur aus Interesse damit beschäftigt, da er als Söldneranführer über ein paar gewisse, innere und äußere Konflikte Bescheid wissen sollte. Was man eben als Söldner, wenn man für andere ihre Kämpfe austrug, so aufschnappte.
»Was passiert mit den Kindern, die nicht auf das Amt vorbereitet werden?«
»Sie werden vermählt mit reichen Familien oder … verbündeten Königreichen.«
Bragi kratzte sich am Kopf. »Warum habe ich gerade ein ganz beschissenes Bauchgefühl?«
Jori drehte sich zu ihm um. »Weil Vynsu ein Narr ist, der ein Spiel beginnt, dessen Regeln er nicht kennt.«
Kapitel 18
Desith stürzte vornüber ins hohe Gras und übergab sich lautstark.
Sie hatten einen holprigen, rasanten Ritt hinter sich, es war bereits hell, weit nach Mittag, und er hatte so lange es ihm möglich gewesen war, mit eiserner Willenskraft die Suppe in sich behalten, obwohl er bei dem schwungvollen Galopp des Rotfuchses ein ums andere Mal Vynsu beinahe über die Schulter gekotzt hätte.
Der Barbar glitt aus seinem Sattel und zog die Zügel seines Pferdes über dessen Kopf, um es zu einem Baum in den Schatten zu führen.
»Erinnere mich daran, dir nichts mehr einzuflößen«, sagte er.
Desith würgte noch einige Zeit, auch als nur noch bittere Galle hervorkam, krampfte sein Magen und schüttelte ihn. Es tat weh, trockene Luft auszuspeien, seine Augen traten hervor und Äderchen platzten. In der Zwischenzeit hatte Vynsu den Hengst angebunden und seinen Umhang gelöst. Trotzdem ließ Desith sich einen Konter nicht nehmen, er fuhr sich mit dem Unterarm über den Mund und brachte mit kratziger Stimme hervor: »Fass das jetzt nicht als Beleidigung deiner Kochkünste auf, aber es schmeckt nur ein Mal.«
Vynsu grummelte irgendetwas, aber einer seiner Mundwinkel zuckte entzückend.
Stöhnend hielt Desith sich den Magen und ließ sich neben seinem hervorgewürgten Mageninhalt im weichen Gras nieder, über ihren Köpfen streckte das Blätterdach des Waldes seinen natürlichen Schirm aus. Unter ihnen lag eine sanfte Senke, in Richtung Osten konnten sie über den grünen Blätterkronen des Regenwaldes die Schemen der weißen Grenzstadt Frontier erkennen, die sie umritten hatten. Sie war auch sieben Jahre nach dem Angriff der zadestianischen Sklavenarmee eine Trümmerstadt im Aufbau. Desiths Vater war nicht dort, er verweilte vermutlich wie üblich weit im Westen in der Hauptstadt Solitude. Seinem Zuhause. Er freute sich darauf.
»Wenn wir zum Blue Water Fluss reiten, können wir die Fähre nehmen. Wir fahren zwar flussaufwärts, kommen aber immer noch schneller voran als zu Pferd durch den Wald.«
»Melecay wird davon ausgehen, dass wir das vorhaben, und Männer zum Fluss schicken, die uns aufhalten«, warf Vynsu ein. Er stellte sich vor Desith und stemmte einen Fuß auf einen im Gras lauernden Felsen. Über ihnen brüllten Affen in den Ästen, diese warfen ein Spiel aus Licht und Schatten auf ihre Gesichter. Es roch nach feuchter Erde und Blättern.
Desith atmete gegen seine wieder aufkommende Übelkeit an und konnte nicht antworten.
Nachdenklich betrachtete Vynsu ihn, und wenn Desith sich nicht gänzlich täuschte, hörte er sogar ein wenig Sorge in dessen Stimme, als er zu reden begann: »Muss die Erschöpfung sein. Wie geht es deinen Wunden?«
Seine Handgelenke waren verschorft, aber das Loch in seinem Rücken fühlte sich an, als wäre es zugewachsen. »Mir geht es gut«, antwortete er nur.
»Brauchst du irgendwas?«, hakte Vynsu fürsorglich nach.
Desith sah zu ihm auf. »Hast du denn was dabei?«, gab er pampig zurück.
»Ich habe Wasser.« Er löste den Schlauch von seinem Gürtel und hielt ihn Desith entgegen.
»Ich weiß nicht, ob ich etwas in mir behalten kann.« Desith zog die Beine an den Bauch.
»Nun trink schon. Du wirst die Flüssigkeit brauchen, außerdem wird es deiner Kehle guttun, du hörst dich nämlich an wie ein alter Mann.«
Desith sah genervt zu dem Barbaren auf, schnappte sich aber den Wasserschlauch, den Vynsu sogar für ihn öffnete, und setzte ihn an die Lippen. Als der erste kühle Tropfen über seine Zunge rann, flammte der Durst in ihm auf und er konnte nicht anders als zu schlucken. Durch das Kotzen schmerzte seine Kehle und es fühlte sich an, als ob er Sand hochgewürgt hätte, den er nun wieder hinunterspülte. Sein Hals kratzte fürchterlich.
Vynsu wandte sich ab und ging zu seinem Pferd. »Nutzen wir die Pause, um dich in ein frisches Hemd zu stecken und nach deiner Wunde zu sehen.« Er kramte in seinen Satteltaschen und zog ein weißes Leinenhemd und einige Bandagen zutage.
Er trug beides herüber und bedeutete ihm, das Hemd auszuziehen.
»Verdammt«, seufzte Desith, als der Barbar kurze Zeit später hinter ihm saß und seine Schulter einwickelte, weil der Wundschorf immer wieder aufriss. »Du würdest eine wahrlich vorbildliche Ehefrau abgeben, Vyn.«
Er konnte den stechenden Blick im Nacken förmlich fühlen, wie sich die braunen Augen mit den violetten Splittern in ihn bohrten. Ein Prickeln lief ihm den Rücken hinab und er musste sich auf die Lippe beißen, um nicht zu stark zu schmunzeln.
Natürlich würde er sich niemals ernsthaft darüber beschweren, dass Vynsus große Pranken sanft über seine nackte Haut glitten und sich um ihn kümmerten.
»Ich sollte dich hier liegen lassen«, murmelte Vynsu ein wenig grantig, doch es war ihm anzuhören, dass er es nicht ernst meinte.
Er hatte seine Ehre bewiesen.
Und das bereitete Desith wieder Bauchschmerzen. Er wurde nachdenklich und fragte: »Was erwartest du als Gegenleistung?«
Die fürsorglichen Hände stockten einen Atemzug lang, doch dann nahm Vynsu seine Arbeit wieder auf, hob Desiths Arm ein letztes Mal, zog die Bandage darunter durch und riss die Enden mit einem lauten Ratschen auseinander, um sie ihm hinten auf dem Rücken festzuknoten. Der Verband gab Desiths Schulter etwas Unterstützung, außerdem drückte sie das Loch auf seinem Rücken ab, das ihm trotz Wunderheilung Probleme bereitete. Was wohl davon zeugte, wie gefährlich diese Verletzung seinem Leben gewesen wäre, wäre er nicht der, der er war.
Auch wenn er gar nicht so genau wusste, wer oder was er nun war, und darüber wollte er bestimmt nicht nachdenken.
Es gab nur den Weg nach vorne, immer nur den Weg nach vorne.
»Du schuldest mir nichts«, sagte Vynsu kurzangebunden und stand wieder auf. Desith sah ihm nach und fragte sich insgeheim, ob es den Barbaren wirklich derart kalt ließ, ihn zu berühren und ihm so nahe zu sein, selbst nachdem sie wussten, wie sie sich beide anfühlten. Wie sie rochen, schmeckten und Leidenschaft zelebrierten. Aber genauso schien es, Vynsu war kühl und beherrscht, weder Scham noch Lust lag in seinen Augen.
Das kratzte an Desiths Stolz, immerhin hatte er dank Vynsus rauer, großer Hände hartes Fleisch in der Hose, und eine Gänsehaut, die er sonst nur bekommen hatte, wenn Rick seine sanften, aber hungrigen Lippen in seinen Nacken gedrückt hatte.
»Wir werden einige Tage reiten müssen, und ich würde gern noch mehr Land zwischen uns und meinen Onkel bringen, bevor es dunkel wird.« Vynsu reichte ihm das saubere Hemd. »Glaubst du, du kannst wieder aufsitzen?«
Desith nahm den weißen Stoff aus Vynsus Fingern und ließ ihn unauffällig über seinen Schritt fallen. »Ja, einen Moment noch.« Er sah nicht auf, seine Stimme klang belegt.
Entweder Vynsu bemerkte es nicht, oder es war ihm einerlei, denn er zuckte nur mit den Schultern, wandte sich ab und ging zu seinem Hengst, dem er zu Trinken gab, indem er sich Wasser aus dem Schlauch in die hohle Hand goss, mit der er einen winzigen Trog formte.
Desith betrachtete seinen starken Rücken, beobachtete die Lichtpunkte, die das Sonnenlicht durch die Baumkronen auf ihn warf, und dachte einen Moment nach. Dann ließ er die Schultern herabsinken, als Zeichen seiner Kapitulation. Nicht vor Vynsu, sondern vor dem verdammten Schicksal. »Danke«, sagte er leise, aber nicht minder aufrichtig.
Verwundert sah Vynsu über die Schulter, die Augenbrauen gewölbt.
»Für alles.« Desith schlug die Augen nieder und zupfte einen Grashalm aus dem Boden. Einfach nur, um sich auf etwas konzentrieren zu können. »Und es tut mir leid, dass ich dich feige und kastriert nannte. Du hast ein großes Herz, Vyn, und ohne dich wäre ich im Dschungel gestorben. Ich bin froh, dass du so bist, wie du heute bist, es rettete mir das Leben.«
Und ich werde immer in deiner Schuld stehen, dachte Desith bei sich. Ob du willst oder nicht.
»Ich fühl mich nicht so«, gestand Vynsu und lehnte sich an sein Pferd, suchte Trost in dessen Nähe, während er ihm über den rötlichen Hals strich. »Kommt mir so vor, als wäre ich von einem brüllenden Bären, zu einem stillen und heimlichen Mäuschen geworden.«
Desith lächelte schwach. »Nein. Du bist von einem jungen Bären zu einem Bären geworden, der weiß, wenn sich ein Kampf nicht lohnt.«
Das entlockte Vynsu zumindest ein kurzes Schmunzeln. Und ihm stand der Ausdruck gut zu Gesicht, wenn er nicht sicher war, ob er Desith danken, oder ihn einfach ignorieren sollte.
»Können wir?«
Desith nickte. »Ja, hilf mir auf.«
Wenig später saß er hinter Vynsu auf dem schaukelnden Rücken des Rotfuchses und hielt sich an dessen Seiten fest. Der Ritt ging langsam und holprig voran, denn auch wenn sie Jägerpfaden und Holzwegen durch das Dickicht des Regenwaldes folgten, war es eng und zu Pferd schwierig, hindurchzukommen, aber immer noch besser, als sich zu Fuß durchzuschlagen. Zumindest in Desiths Zustand.
Er wurde müde und er genoss Vynsus Nähe viel zu sehr, auch wenn sie beide schwitzten wie zwei aufgehängte Schweine in der Mittagssonne. Er wagte es, einen Arm um Vynsu zu legen und schmiegte den Kopf auf dessen Schulter. Der Barbar drehte kurz verwundert das Gesicht zu ihm um, aber ließ ihn gewähren.
Leise seufzend schloss er die Augen und ließ sich von Vynsus Pferd durch den Wald tragen, und von seinem Geschaukel in den Schlaf wiegen. Mit Vynsus herbem Duft in der Nase und seinem weichen Barbarenzopf als Kopfkissen glitt er ruhig in die Traumwelt.
*~*~*
Als er wieder erwachte, weckte ihn das Knistern eines Feuers.
Erschrocken setzte Desith sich auf, er hatte überhaupt nicht mitbekommen, vom Pferd gestiegen zu sein, geschweige denn, sich hingelegt zu haben. Das Letzte, woran er sich erinnerte, war der Moment, als er an Vynsu gelehnt eingeschlafen war. Nun war es dunkel, er lag zwischen Wurzelgeflechten im tiefen Regenwald an einem Lagerfeuer und fühlte sich inmitten der großen Pflanzen winzig wie eine Ameise. Winzig und verloren.
»Du hast geschlafen wie ein Toter.«
Überrascht drehte er sich um, dabei wusste er doch, dass er nicht allein reiste. Vynsu lehnte an einem Baumstamm, das gezogene Schwert über die Schenkel gelegt und mit Blick auf Desith, als hätte er die ganze Zeit über ihn gewacht. Sein Pferd stand schlafend neben ihm.
»Pass auf«, Desith räusperte sich, »wenn du weiter den Beschützer gibst, verliebe ich mich noch in dich.« Er setzte sich auf und bemerkte, dass er auf Vynsus Umhang geschlafen hatte.
Ein leises, dunkles Lachen erklang in der Nacht und übertönte für einen Moment das Murmeln der Tierwelt aus dem Wald. »Damit komme ich zurecht.«
Du vielleicht, aber ich nicht. »Ich habe fürs Erste genug von der Liebe und würde gerne weiterhin darauf verzichten. Ein gebrochenes Herz reicht mir, ein zweites besitze ich ohnehin nicht«, erwiderte er zynisch und zog die Beine unter sich. Benommenheit ließ seinen Kopf schwirren, er fühlte sich wie erschlagen. Gleichzeitig schalt er sich für seine Offenheit einen Dummkopf, Vynsu wollte bestimmt nichts von seinem gebrochenen Herzen hören, außerdem hatte er sich geschworen, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr es ihn kränkte, dass Rick ihn einfach verlassen hatte.
»Ich kenne das nicht.« Vynsu wandte den Kopf nach links und blickte in den nächtlichen Wald hinein, wo das Mondlicht grelle Lichtspeere ins Unterholz warf und mystische Zeichen auf die mit Moos bewachsenen Baumstämme malte. »Ich war nie verliebt.«
Überrascht sah Desith ihn wieder an. »Noch nie?« Das konnte er sich gar nicht vorstellen.
Vynsu zuckte gleichgültig mit den Schultern, es schien ihn auch nicht zu kümmern, er sah Desith wieder ins Gesicht, aber in seinem Blick stand keinerlei Bedauern, noch Sehnsucht. Es war so neutral wie die Rinde, die der Baum trug, an dem er lehnte.
»Wirklich?« Desith war gleichzeitig verwundert und fasziniert, er musterte den Barbaren. »Du hast dich niemals so sehr nach einer Frau verzehrt, dass du glaubtest, sterben zu müssen, wenn sie dir nicht wenigstens mit einem flüchtigen Blick Beachtung schenkt? Hast du dich nie nach der bloßen Nähe einer ganz bestimmten Frau gesehnt, gewiss auch nach ihrem Leib, aber vor allem um ihrer selbst willen? Weil sie … weil sie dir auf eine Art unter die Haut ging, dass du nicht aufhören kannst, an sie zu denken? Immer zu, selbst wenn ihr euch seht?«
Vynsu zog die Mundwinkel runter. »Nein, nicht, dass ich wüsste.«
Desith legte neugierig den Kopf schief. »Dein Herz hat nie bei einer anderen Person höhergeschlagen? Nicht ein einziges Mal in deinem Leben?«
»Nein.«
Verdutzt stieß Desith ein Schnaufen aus und wandte den Blick ins Feuer. Er wusste nicht, ob er Vynsu für einen glücklichen oder armen Trottel halten sollte. Glücklich, weil er nie der Liebe wegen verletzt wurde, arm, weil er hingegen nie ihre heißglühende, dumme Leidenschaft gespürt hatte, die Desiths Leben bereits erfasst hatte, als er nicht einmal gewusst hatte, was Lust war.
»Versteh mich nicht falsch«, warf Vynsu ein, »es gab gewiss genug Weiber, die in mir Gefühle weckten.« Ein Schmunzeln klang in seiner Stimme mit. »Aber die reichten nie über meine Gürtellinie
hinaus. Mein Schwanz war das einzige Körperteil, das je durch eine Frau … Regung zeigte.«
Das brachte auch Desith zum Schmunzeln. Er warf einen Blick zu ihm und sie beide grinsten sich im Schein der Flammen zu.
Desith wandte als Erster den Blick wieder ab und starrte ins Feuer, er spürte Melancholie aufwallen, die sich wie ein schwerer Felsbrocken auf seine Brust legte. »Ich habe Rick bereits mit dem Herzen geliebt, lange bevor ich ihn auch mit meinem Leib liebte.«
Vynsus mitfühlender Blick erinnerte ihn daran, dass er sich zusammenreißen sollte.
Seufzend fuhr er sich durchs Haar, bemerkte, wie unordentlich es war und begann, das Haarband und den Knoten auf dem Hinterkopf zu lösen, um wenigstens die langen Strähnen zu bändigen. Sanft fielen seine Strähnen über seine Schultern, raschelten leise in der Nacht.
»Irgendwo in diesem Drachen ist Rick noch da«, sagte Vynsu bedächtig, »und liebt dich.«
Desith lächelte derart zynisch, dass es eher so aussah, als würde er die Zähne blecken. »Es war die Liebe zweier naiver Jungen, die die Welt noch nicht verstanden. Jetzt sind wir erwachsen, und Rick hat deutlich gemacht, was für ihn im Vordergrund steht. Und es ist nicht die Liebe zu mir.«
Vynsu betrachtete ihn stirnrunzelnd. »Und wenn er wieder zum Menschen wird und wieder er selbst ist? Glaubst du nicht, du könntest ihm ver-«
»Nein.« Desith wickelte eine Haarsträhne um seinen Zopf und zog sie fest. »Ich habe ihm mehr als eine Gelegenheit geboten, umzukehren, Vyn. Ich habe ihm vergeben, habe ihn verfolgt und in seinen gierigen Schlund geblickt, während ich ihn anflehte, zurückzukommen. Aber er wollte nicht. Nicht, bevor er Sarsar gefunden hat.« Er griff zu seinem roten Haarband, legte es sich über den Scheitel und verknotete es auf dem Hinterkopf, dabei sah er Vynsu ins grübelnde Gesicht und stand entschlossen zu seiner Entscheidung. »Wie lange würdest du jemandem nachlaufen, der offensichtlich einen anderen Weg eingeschlagen hat, ohne dich nach deiner Meinung zu fragen?«
Desith zuckte mit den Schultern. Vynsu senkte schweigend die Augen. »Vielleicht bin ich zu leicht zu verletzen, vielleicht erwarte ich zu viel. Kann schon sein. Vielleicht bedeutet Liebe, alles hinzunehmen, was dein Gefährte dir zumutet. Ihm beizustehen, selbst wenn es schwierig wird. Aber genau das habe ich getan, oder nicht? Ich habe ihm beigestanden, sieben Jahre lang, und zwei davon ist er vor mir davongelaufen. Ich bin der Ansicht, dass es genug ist. Ich wäre für ihn da draußen gestorben, aber er hätte seine angebliche Pflicht dem Mann gegenüber, dem er sein Leben verdankte, nicht für mich aufgegeben, selbst als ich ihn darum bat. Das ist nicht meine Auffassung von Liebe, Vynsu. Ich habe nie viel erwartet, außer Loyalität.« Plötzlich sah Vynsu wieder auf, aber Desith verstand seinen merkwürdigen Blick nicht und sprach weiter. »Treue ist das Einzige, was zwischen Gefährten wichtig ist. Ich dachte immer, Rick und ich gegen den Rest der Welt. Aber da im Dschungel war ich plötzlich allein. Er hat mich allein gelassen. Ich habe ihm die Gelegenheit geboten, zurückzukommen, aber er weigert sich noch immer. Also nein, ich kann ihm nicht vergeben, er hat mein Vertrauen missbraucht und mich regelrecht für einen anderen verlassen.«
Es überraschte Desith, dass Vynsu ihm nicht widersprach. Genau genommen, sagte er überhaupt nichts und tat auch nichts, er zeigte nicht einmal in seinem Gesicht, was er von alledem hielt. In tiefe Gedanken versunken, starrte er lediglich vor sich hin, während die Stille von dem Knistern des Feuers durchbrochen wurde.
»Du hast also meine Schwester auch nicht geliebt«, stellte Desith fest. Er war nicht wütend deswegen, es war eine arrangierte Ehe gewesen, er war kein dummer Romantiker. Aber er versuchte, Vynsu ein wenig besser zu verstehen. Denn obwohl sie sich kannten, war es ihm, als säße er mit einem Fremden im Wald. Sieben Jahre konnten eine wirklich verdammt lange Zeit sein.
»Ich habe sie geschätzt«, wich Vynsu aus und blickte hinab auf seine Hand, direkt auf den Gegenstand, der Desith zum Grübeln brachte. Den einfachen, dünnen Goldring.
»Wenn es keine Liebe war, warum trägst du noch diesen Ring?«
Nun sah Vynsu doch auf, seine braunen Augen wirkten dunkel in der Nacht, aber im Feuerschein stachen die violetten Sprenkel wieder hervor wie Edelsteinsplitter. »Er soll mich an die Versprechen erinnern, die ich ihr gab, als ich von ihrem Tod erfuhr.«
Desith legte die Stirn in Falten. »Ihren Mörder zu finden?«
»Dich zu finden.«
Abermals in dieser Nacht fuhr er überrascht zu Vynsu herum, dieses Mal öffnete sich sein Mund ein wenig.
»Unteranderem«, erklärte Vynsu, »ihren Mörder konnte ich noch nicht finden, aber als ich hörte, dass Melecay in den Dschungel reist, um nach euch zu suchen, da versprach ich ihr, wenigstens ihren Bruder lebend zu finden und sicher nach Hause zu bringen. Genau das tue ich jetzt.«
Desith blinzelte ihn an, er konnte nur mit Mühe verbergen, dass sein Herz so hochschlug, dass er das Pochen in der Kehle spüren konnte. Er schluckte. »Ich dachte, weil Melecay es dir befohlen hat.«
Der Barbar lächelte etwas schief. »Ja, das auch. Zumindest hätte ich gerne noch geholfen, Derrick einzufangen.«
»Was hast du ihr noch versprochen?« Desith griff nach einem Stock, der halb unter dem Saum des Umhangs lag, und zog ihn hervor, um ihn zu zerbrechen und die Flammen damit zu füttern. Eine haarige, dicke Spinne huschte kurz über seine Hand, aber das war er gewohnt.
»Für unsere Kinder zu sorgen. Ihre Kinder.«
»Melecay wird wütend sein, wenn du zurückgehst.« Desith sah ihn reuevoll an. »Er schlägt dir doch den Kopf ab. Und trotzdem hilfst du mir? Bringst mich zu meinem Vater? Was wird aus deinen Kindern, während du hier mit mir bist?«
»Zurzeit kümmert sich mein Vater um sie«, erklärte er, »und solange ich fort bin, solange werden sie es gut bei ihm und Ma haben. Sie werden sie beschützen, außerdem ist mein Onkel vieles, aber kein Kindermörder. Und ich muss jetzt dafür sorgen, dass meine Kinder sicher sind, auch in Zukunft. Sie werden es eines Tages verstehen, wenn ich Erfolg habe.«
Es klang so, als wüsste er selbst nicht, wann er wieder nach Hause gehen würde.
Das war nicht richtig, dachte Desith, ein Vater sollte bei seinen Kindern sein. Vor allem, wenn diese keine Mutter mehr hatten. Umso bedeutender war Vynsus Entschluss, Melecay zu hintergehen, um sein Versprechen gegenüber Desith zu halten.
Wie Vynsu die Zukunft seiner Kinder sichern wollte, wusste er nicht, und er war nicht in der Verfassung, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, da er sich erst einmal überlegen musste, wie denn sein eigenes Leben weiter gehen sollte. Würde er jetzt doch, wie sein Vater es immer erhoffte, sich auf das Kaiseramt vorbereiten und zur Wahl stellen? Oder konnte er ihn überreden, ihn in die Armee eintreten zu lassen? Vielleicht könnte er ein Legionär werden. Oder Desith versuchte sein Glück als Schaukämpfer in den Arenen.
Eines war sicher, er war nicht sonderlich klug, wenn er etwas erreichen wollte, dann mit seinem Kampfgeist.
Doch was auch immer er für einen Weg wählte, er konnte diese Entscheidungen nur treffen, weil Vynsu zu seinem Wort gestanden hatte, obwohl er sich damit selbst in Gefahr brachte.
»Danke«, flüsterte er ins Feuer. Da er es jedoch hasste, reumütig zu werden, schluckte er die aufkommende Rührung herunter und rieb sich mit dem Handballen die noch immer müden Augen. »Ich glaube, ich könnte immer noch schlafen«, wechselte er das Thema, »zwei Sommer lang schlafen, und ich wäre immer noch erschöpft.«
»Darf ich mir anmaßen, eine Vermutung zu äußern?«, foppte Vynsu ihn plötzlich mit einer gespielt nasalen Stimme. »Eure Majestät, Kaiser von Elkanasai?«
Desith sah ihn warnend an. »Sehr witzig, aber ich bin nicht intelligent genug, um Kaiser zu werden, mein Vater hat das nie verstehen wollen. Die Hälfte der Dinge, die die Lehrer mir beibrachten, habe ich bis heute nicht verstanden, die andere Hälfte habe ich längst vergessen.«
»Ich bin auch nur ein großer, dummer Barbar«, Vynsu stand auf und schob die Klinge in die Scheide, als er herüberkam, »das hat weder mich noch meinen Onkel davon abgehalten, mir eine Krone geben zu wollen.«
Desith lächelte schwach, als Vynsu sich neben ihn kniete und ihm in die Augen sah. »In Carapuhr zählt nur, wie viel Mut im Herzen eines Mannes steckt.« Er griff nach Desiths Hand, und dieser ließ es zu, sah gebannt in Vynsus plötzlich sehr nahes Gesicht. »Und wir wissen doch alle, dass in dir, so klein du auch erscheinen magst, mehr Mut und mehr Stärke steckt als in so manchem Barbaren.«
Desith hob das Kinn an. »Also jetzt schmeichelst du mir.«
Vynsu lächelte, dann umfasste er Desiths Hand mit einer bemerkenswerten Sanftheit, die Desith wieder eine Gänsehaut eintrug, und hielt sie ihm vor das Gesicht. »Schau, deine Wunden sind so gut wie verheilt.«
Es dauerte einen Augenblick, bis Desith die unpassenden Worte verstand. Blinzelnd versuchte er, sich auf seine Gelenke zu konzentrieren. »Oh, ja…«
»Je länger du schläfst, je schneller gesundest du«, sagte Vynsu und strich mit den Fingern sacht über die roten Striemen, die zurückgeblieben waren. Desith schluckte gegen einen Kloß im Hals an, seine Augen klebten an Vynsus vollen Lippen. »Es ist, als ob dein Körper im Schlaf heilt. Und das scheint dich zu erschöpfen. Es kostet dich Kraft, auch wenn es dir nicht richtig bewusst es.«
Eine gute Erklärung, Desith zuckte zustimmend mit den Augenbrauen, aber seine Wunderheilkräfte hatte er sich ohnehin bereits mit der fremden Magie in seinem Inneren erklärt, er dachte nicht zu viel darüber nach, er dankte dem Schicksal schlicht für diese Gabe. Nahm sie an. Aber was ihn wirklich zum Grübeln brachte, war dieser verführerische Mund.
Vynsu hob den Blick und ihre Augen begegneten sich, er lächelte entspannt, als ließe ihn die Nähe kalt.
»Vyn?«, raunte Desith heiser.
»Hm?«
»Würdest du… wieder bei mir liegen?«, wagte er zu fragen. Vynsus Augenbrauen schossen nach oben, aber er zuckte nicht zurück. »Irgendwann, irgendwo. Schließt du es aus oder würdest du noch ein weiteres Mal bei mir liegen?« Hoffnungsvoll lehnte er sich ein Stück nach vorne, sehnte sich einfach nach etwas Berührung.
Vynsu schmunzelte, wie ein Mann, der es genoss, begehrt zu werden. Doch dann tätschelte er Desiths Hand tröstend und ließ sie los, zog seine schönen, warmen Finger zurück.
Enttäuschung breitete sich in Desith aus, brachte eine dunkle Leere mit sich, die das Feuer in seinen Lenden vertrieb und ihn sich wie einen Narren fühlen ließ. Er wandte beleidigt den Blick ab.
»Vielleicht.«
Überrascht fuhr sein Gesicht wieder zu Vynsu auf, der geheimnisvoll grinste. »Vielleicht … wenn es erforderlich ist.«
Desith verengte argwöhnisch die Augen. »Du meinst…, wenn du wieder zwei Jahre ohne Weib durch den Dschungel gewandert bist?«
Das leise Lachen aus Vynsus Kehle waberte wie der erste warmen Frühlingswind nach einem harten Winter über Desiths Rücken. »Vielleicht.«
»Und wenn ich dich hier und jetzt nur um einen Kuss bitte?« Er legte den Kopf einladend schief, Rick hatte da nie wiederstehen können. »Oder nur, wenn ich dir ein Messer an die Kehle halte?«
Vynsu schüttelte lachend den Kopf und stand dann auf, etwas Röte schlich sich auf seine Wangen.
»Was ist?« Desith grinste frech zu ihm auf, die Erheiterung weckte seine Lebensgeister. »Wirst du jetzt verlegen? Und ich dachte, der große Barbar käme damit zurecht, wenn ein anderer Mann ihn begehrt«, neckte er ihn.
Schmunzelnd sah Vynsu auf ihn herab. »Ich habe befürchtet, dass das passiert. Ich muss dich ja mächtig beeindruckt haben.«
Desith zog arrogant eine Augenbraue hoch. »Wie bitte? Also ich erinnere mich an einen krampfenden Barbaren, der vor Lust erstarrt unter mir lag und nicht wusste, wie ihm geschieht!«
»Was soll ich sagen?« Vynsu zuckte mit den Achseln. »Du fickst wie ein Freudenmädchen.« Er grinste.
Aber Desith reagierte nicht schockiert, er ließ sich auf die Ellenbogen fallen und lächelte zurück: »Wir wissen beide, dass jede Dirne von Carapuhr bis Nohva noch so einiges von mir lernen könnte.«
»Ich wollte eigentlich sagen, wie ein Gott, aber ich fürchtete, das hätte deine Selbstgefälligkeit zum Überschäumen gebracht.«
»Es ist nicht selbstgefällig, wenn es schlicht gerechtfertigt ist.«
Sie lachten beide schmutzig und Desith genoss die Unbeschwertheit, die für einen Moment zwischen ihnen herrschte.
Er seufzte und legte den Kopf in den Nacken. »Du solltest eine Weile in Elkanasai bleiben, die Hurenhäuser in Solitude werden dir gefallen, nur saubere Mösen.« Das wusste er natürlich nur vom Hörensagen.
Vynsus Miene wurde plötzlich wieder ernst und er wandte sich ab, ohne etwas zu erwidern. Desith betrachtete nachdenklich den ihm zugewandten, breiten Rücken, der geradezu provozierend danach schrie, ihm die Verspannung aus den Muskeln heraus zu kneten.
»Ich bin müde«, Vynsu rieb sich mit zwei Fingern die Augen mit den langen Wimpern und ging zurück zu seinem Platz. »Kannst du eine Weile aufpassen, ich mache kurz die Augen zu.«
Desith setzte sich wieder auf. »Ja. Natürlich.«
Er nahm einen weiteren Stock vom Boden auf und stocherte damit im Feuer herum. Es brannte nicht, um ihnen Wärme zu spenden, sondern um gewisse Tiere fernzuhalten. Trotzdem wäre es klüger gewesen, auf den Bäumen fern des Erdbodens zu schlafen, denn das Licht zog Insekten an, und davon waren in Elkanasai die meisten giftig.
Vynsu lehnte sich an den Baum, streckte die Beine aus und überschlug die Fußgelenke, er saß zusammengesunken im Schatten, trotzdem war er eine beeindruckend große Erscheinung. Neben ihm musste Desith wie ein Kind, oder knabenhafte Frau wirken.
Desith versuchte, ihn nicht anzustarren, oder dessen Zurückweisung zu sehr an sich heran zu lassen, immerhin bedeutete es ihm nichts und er konnte an jeder Ecke einen Kerl finden, der ihn seines Körpers wegen begehrte. Er brauchte Vynsu nicht.
Trotzdem, der Barbar war erst der zweite Mensch, mit dem Desith überhaupt geschlafen hatte. Vor ihm hatte es immer nur Rick gegeben. Durch die Nacht mit Vynsu, hatte Desith mit Rick endgültig gebrochen. Tief in seinem Herzen wusste er das.
Und er hatte es so gewollt.
Aber irgendetwas machte ihn traurig, er konnte nicht benennen, was es genau war, er hatte lediglich dieses drückende Gefühl in der Brust, als müsste er weinen, konnte aber nicht.
Er fühlte sich allein.
»Ich habe dich gefragt, ob ich mir eine Vermutung anmaßen darf.«
Desith wandte Vynsu den Blick zu. Der Barbar saß mit geschlossenen Augen und auf der Brust ruhendem Kinn an seinem Platz, als würde er schlafen.
»Wegen meiner Erschöpfung, ja, das hast du doch…«
»Das war es nicht.« Vynsu bewegte lediglich den Mund, als spräche er im Traum. »Ich wollte sagen, dass ich nicht glaube, dass du nach Elkanasai gehörst. Du willst nicht nach Hause.«
Desith hob an, zu widersprechen, aber dazu ließ Vynsu ihm keine Gelegenheit.
»Du weißt es, Desith, du weißt es ganz genau.« Er öffnete die Augen und sah ihn altklug an. »Wir wissen es beide. Die Furcht treibt dich in die Arme deiner Familie, aber es ist nicht das, was du wirklich willst. Genauso wenig wie mein Herz akzeptieren will, die Krone verloren zu haben.«
Desith schüttelte irritiert den Kopf. »Was meinst du damit?«
Er schloss wieder die Augen. »Warte es ab, noch ist es nicht zu spät.«
Desith wollte mehr wissen, aber Vynsu antwortete ihm nicht mehr. Nachdenklich blickte er in die Flammen. Du willst nicht nach Hause.
»Warum bringst du mich dann heim? «, flüsterte er, erwartete aber natürlich keine Antwort.
Vynsu erwiderte jedoch überraschenderweise: »Weil ich es versprochen habe und du Elkanasai als dein Zuhause betrachtest. Aber…«, er wartete, bis Desith ihn ansah. »Aber, Desith, ich möchte dir auch versprechen, dass ich dich zurückbringe, sollte sich deine Meinung ändern.« Er sagte das so sanft, so verständnisvoll, dass Desith ihm sogar glaubte.
Doch er schüttelte entschlossen den Kopf. »Ich werde nicht zu Derrick zurückgehen.«
Vynsu lächelte geheimnisvoll. »Davon habe ich auch nicht gesprochen.«
Kapitel 19
Solitude, eine Stadt im Herzen des Regenwaldes, gebaut auf vielen Gesteinssäulen, Villen über Villen über Villen, flache Dächer, breite Straßen, hohe Mauern. Ein Land in einem Land, gebaut von Menschenhand aus Marmor und Kalkstein und Gold. So riesig wie ein Ameisenbau für eine Laus.
Der Palasthof lag auf einem Hügel, umringt von feinsäuberlich gehaltenen Gärten, tausend weiße Stufen führten vom Kaisermarktplatz hinauf zum Sitz Ihrer Majestät. Das Ratsgebäude und die überwältigend große Bibliothek befanden sich direkt nebenan. Das Herz der Stadt war der große Markt und der Palasthügel. Die Stadt selbst war in Viertel unterteilt, viele Tore mussten passiert werden, um zu ihrem Kern und somit von den bescheidenen Unterkünften der armen Bevölkerung zu den prächtigen Marmorgebäuden der Oberschicht zu gelangen. Es gab ein Hafenviertel, der Geruch von Flusswasser, Seegras und Fisch wehte von dorther in die Straßen, am Pier befanden sich auch die meisten Wirtshäuser, eine Werft und eine riesige Schmiede. Armenviertel, Handwerkerviertel, Badehäuser, das Arenaviertel, das Universitätsviertel und seine Akademie für Magiebegabte. Die Stadt bot alles, was das Reich benötigte.
Nicht zu vergessen die prunkvollen Hurenhäuser, deren Fassade allein sündhafte Neugierde weckte. Die Säulen vor ihren Türen waren mit roten und dunkelblauen Seidentüchern behangen, die Fenster aus buntem, undurchsichtigem Glas, Dampf stieß aus allen Ritzen, es roch nach Flieder. Aber keine einzige Hure stand mit entblößtem Gewand vor dem Gebäude und winkte Freier mit nackten Brüsten heran. Elkanasai zeigte selbst Anstand, wenn es um käufliche Liebe ging.
In Carapuhr war das anders, hatte Vynsu gesagt, da standen die Huren manchmal meilenweit von jeglicher Zivilisation entfernt an einer Wegkreuzung mit gerafften Röcken und entblößter Möse. Allzeit bereit, sich eine Münze zu verdienen, oder auch nur ein warmes Bett und einen Becher Met für die Nacht. Von den Einnahmen, die eine spitzohrige Dirne verdiente, konnten die Weiber in Carapuhr nur träumen. Wenn sie denn überhaupt entlohnt und nicht nur geschändet wurden.
So war das eben im Land der Barbaren, hatte Desith erwidert.
Aber Vynsu hatte überraschender Weise verachtend geschnaubt. »Ja, wir sind Barbaren, aber müssen wir uns wie Tiere aufführen? Wie arm muss ein Mann sein, wenn er es nötig hat, sich einer Hure aufzudrängen. Mir würde nie in den Sinn kommen, ein Weib zu schänden. Wenn eine nicht will, such ich mir einfach eine, die mich wertschätzt.«
»Wie romantisch. Prinz Vyni, der Dirnenflüsterer.«
»Ach lass doch das Narrentheater«, hatte er beleidigt zurückgegeben. Desith hatte nur betont den Mund geschlossen und sich ein Lachen verkniffen. Er hatte da wohl einen wunden Punkt getroffen.
Aber konnte er es Vynsu verübeln, sein Volk wurde auf ein Vorurteil reduziert, und einige nutzten dieses sogar als Entschuldigung für ihre Taten.
Ein Barbar darf das. Was für ein Schwachsinn, das ist eine so veraltete Sichtweise, als ob ein Mann sagen würde, er dürfe seine Gemahlin verprügeln und ihren Körper wie sein Eigentum verkaufen, nur weil er einen Schwanz zwischen den Beinen trug, und sie eine Möse.
Es gab einen feinen, aber deutlichen Unterschied zwischen einem Barbarenleben und einem Leben als Drecksschwein. Um diesen zu erkennen, musste man allerdings die Fähigkeit besitzen, sinnbegrifflich zwischen den Zeilen zu lesen.
Sie ritten durch die Stadt, verfolgt von fragenden Blicken. Wenn jemand Desith als Kaiser Eagles Sohn erkannte, so behielt derjenige es für sich. Die vielen Menschen in den Straßen, die weiße Tuniken oder Togen, bunte Schärpen oder Kopftücher trugen, entlockten ihm ein Gefühl von Heimkehr. Er atmete sogar erleichtert hinter Vynsu auf und sog die vielen Gerüche in sich auf. Die Hitze sorgte dafür, dass der Stein immer besonders roch. Irgendwie… sonnig. Desith konnte es nicht genau beschreiben, es war wie mit Holz, das nach Harz roch, wenn es warm wurde. Der Stein roch irgendwie nach Regenwald und Meerwasser. Salzig und frisch.
Früher war ihm all das zu viel gewesen, die überfüllten Straßen, die Wachen mit ihren Speeren und in ihren Lederröcken – wie Vynsu es scherzhaft nannte – die an jeder Ecke standen und ihn für seinen Vater einfingen. Die hohen Mauern und Villen. Als Kind hatte er sich eingesperrt gefühlt, war lieber mit Derrick, der in der Akademie gelernt hatte, in den Regenwald geflüchtet, hatte sich von ihm die Schwerttechnik Carapuhrs beibringen lassen, war gerne geklettert und geschwommen, fern der Zivilisation. Sieben Jahre in diesem verdammten Dschungel hatten ausgereicht, damit er die bunte und laute Welt des Kaiserreichs wertschätzen konnte.
Im ersten Moment war er schlicht überglücklich, zu Hause zu sein. Seine Augen brannten.
»Ich habe es versprochen«, Vynsu saß plötzlich ziemlich aufrecht und stolz in seinem Sattel, er hatte Desiths Gefühlsregung wohl bemerkt.
»Das hast du.« Desith legte das Kinn auf seine Schulter. »Und du hast mich davor bewahrt, das Frühstück eines Jaguars zu werden.«
Vynsu lachte über den Vorfall vor drei Tagen, als sie am Morgen von drei Raubkatzen angegriffen worden waren. Die Tiere waren von dem schmackhaften Duft des Warzenschweins angelockt worden, das sie am Abend zuvor erlegt und gebraten hatten. »Du hast mir wortwörtlich den Arsch gerettet, das Biest hatte schon fast die Zähne in meiner rechten Backe vergraben, als du den Dolch geworfen hast. Wir sind also quitt.«
Desith grinste. »Wir sind ein gutes Gespann da draußen gewesen, oder nicht?«
»Ja«, stimmte Vynsu noch immer schmunzelnd zu, »waren wir. Fast so gut, wie wir Feinde sein können.«
»Wäre der Großkönig nicht dazwischen gegangen, hätte ich dich besiegt.«
»Lass uns das bei Gelegenheit überprüfen.« Damit gab er Hekkli die Hacken, und der Rotfuchs trabte mit hocherhobenem Kopf die breite Marktstraße entlang zu den kaiserlichen Ställen. Gleich würde Desith seine Familie wiedersehen.
Sein Herz klopfte erregt.
*~*~*
Ihre Ankunft wurde jedoch gar nicht richtig wahrgenommen. Diener huschten geschäftig umher, die Hallen und Flure des Palastes waren ungewöhnlich belebt, Taschen wurden herumgetragen, Befehle gezischt. Vynsu und Desith waren nur im Weg, sobald sie aus der brennenden Sonne Elkanasais ins kühle und schattige Innere des Palastes eintraten. Es gab keine Fenster, der sachte Windzug wehte durch die scheibenlosen Öffnungen den Duft der Kirschblüten herein, über ihnen wölbte sich das Dach zu einer imposanten Kuppel, die Vynsu von außen als riesige Brust bezeichnet hatte.
Desith blieb in der Empfangshalle stehen, auch hochrangige Besucher hatten zu diesem Bereich Zutritt und konnten ihn durchqueren, um in den Palastgarten zu gelangen, wo Flamingos gezüchtet wurden und bunte Fische wie Edelsteine durch die angelegten Seen schwammen. Tief einatmend sog Desith den Duft seiner Kindheit in sich auf und lächelte. »Daheim«, flüsterte er, dann drehte er sich zu Vynsu um, der in seiner robusten Lederkluft und mit seinem groben, kriegerischen Auftreten so fehl am Platz wirkte, wie ein Ochse in einem Hühnerstall. »Komm mit!«, forderte er den sichtlich unsicheren Barbaren auf und geleitete ihn durch die Flure. Er kannte dieses Gebäude noch in- und auswendig, hätte sofort alle Verstecke und Geheimwege gefunden, die er als Kind genommen hatte, um den Lehrstunden in der Bibliothek entgehen zu können.
»Was geht hier vor sich?«, fragte Vynsu, während er Desith nacheilte und tüchtigen Dienern in knappen Tuniken auswich. »Sieht so aus, als wären sie im Aufbruch.«
»Mein Vater ist bestimmt im Thronsaal, komm mit!«
»Woher wisst ihr eigentlich, wo euer Thronsaal anfängt und wo er aufhört? Ich meine, schau dir diese aberwitzig hohen Decken an. Wie fegt ihr nur da oben Staub?« Vynsu sah nach droben, wo die gewölbte Decke des Flures so weit über ihren Köpfen hing, dass sie schon fast so hoch wie der Himmel selbst war. Zumindest sollte sie diesen Eindruck erwecken, die Höhe der Gebäude war ein Sinnbild für die Gewaltigkeit des Kaiserreiches. Für seine Übermacht und, wenn man Desith fragte, seine Arroganz. Aber er freute sich, diese Hallen und Flure wiederzusehen, hatte er doch lange Zeit geglaubt, den Dschungel nie wieder zu verlassen. Er hatte geglaubt, dort sterben zu müssen, bis ihn Vynsu gefunden hatte. Und nun war er hier, zu Hause, obwohl er es nicht mehr für möglich gehalten hatte.
Je tiefer sie in den Palast eindrangen, je mehr Wachen standen mit geraden Rücken und unbeteiligten Mienen in den Fluren. Und endlich schien auch Desith erkannt zu werden, zumindest von einigen wenigen. Es gab jedoch auch Wachen und hochgestellte Diener, die es wagten, sich ihnen in den Weg zu stellen und sie daran zu erinnern, dass sie ohne Erlaubnis nicht befugt waren, diesen Bereich des Palastes zu betreten.
»Ich bin euer Prinz!«, sagte Desith in seiner Muttersprache in einem herrischen Ton, und konnte förmlich Vynsus Unbehagen im Nacken spüren. »Tretet Beiseite, ich wünsche meinen Vater zu sehen!«
Die Wachen vor dem Thronsaal wollten ihm jedoch nicht glauben, vor allem wegen des Barbaren, der ihm folgte. Doch bevor Desith aus der Haut fuhr, näherte sich Hilfe. Der General der Stadtwache, enger Vertrauter seines Vaters, erkannte ihn selbstverständlich wieder und führte sie höchstpersönlich durch die Türen in den weißen Thronsaals Elkanasais.
Der Mittelgang war von weißen, goldverzierten Säulen gesäumt, roter Samtteppich dämpfte seine Schritte und führte an Reihen von weißen Bänken nach vorne zu einem Podium, auf dem ein Stuhl mit hoher Lehne, und weitere vier Stühle auf jeder Seite des Throns standen. Linkerhand befand sich die offene Front eines Balkons, der einen atemberaubenden Blick über die sonnengeflutete Stadt bot.
»Eure Majestät«, der silbersträhnige General ging auf ein Knie und verbeugte sich würdevoll, »Ihr habt Besuch…«
»Vater!« Desith umrundete einfach mit einem breiten Grinsen den gealterten Soldaten und hielt auf die zwei Personen zu, die vor den niedrigen Stufen des Podestes standen und mit einem Schriftstück beschäftigt gewesen waren. Der schmale Elkanasai mit dem schwarzen, langen Zopf, aus dem spitze Ohren hervorlugten, war Ashen, des Kaisers persönlicher Berater und Schreiber, leicht an seiner goldenen Spange zu erkennen, die seine schneeweiße Toga auf einer Schulter zusammenhielt. Er sah auf, ebenso überrumpelt wie der Kaiser selbst.
Desiths Lächeln verblasste und er wäre beinahe über seine eigenen Füße gestolpert. Natürlich hatte er sofort erkannt, dass sein Vater magerer geworden war, aber als er dessen Gesicht erblickte, erschrak er innerlich. Nur mit Mühe konnte er seine Fassung wahren und weiter auf ihn zugehen.
Er hatte seinem Vater etwas beleibt in Erinnerung, aber was sich ihm jetzt bot, war ein Knochengerüst, das von fahler, schlaffer Haut zusammengehalten wurde. Er trug eine nachtblaue Pluderhose und ein bronzefarbenes Seidenhemd mit einem starken Stehkragen, beides war ihm sichtlich zu groß, als kämen die Schneider nicht damit hinterher, seine Kleider enger zu nähen. Die Wangen waren eingefallen, mit einem Dreitagebart kaschiert, die eisblauen Augen lagen tief in ihren Höhlen, die Gesichtsfarbe hatte ein ungesundes Grau und die rotblonden, kurzen Haare waren kraft- und glanzlos. Er stand auf einem schwarzen Gehstock mit goldenem Knauf gestützt und hatte ein Holzbein. Desith erinnerte sich, wie er, Rick und der Großkönig den vereiterten Unterschenkel seines Vaters abgehackt hatten, bevor er an einer Blutvergiftung starb. Es kam ihm wie gestern vor, als er die Hand seines Vaters gedrückt und ihm ein Stück Holz zwischen die Zähne geschoben hatte. Sieben Jahre. Damals hatte er sich so erwachsen gefühlt, doch fast ein Jahrzehnt später kam er sich wieder mehr wie ein Kind vor, das nicht wusste, welchen Weg es einschlagen sollte.
»Desith?« Sein Vater strengte die Augen an. »Vynsu?« Er gab das Pergament in seiner Hand an Ashen zurück und winkte ihn mit einer Handbewegung fort. Der Schreiberling verneigte sich tief und zog sich zurück. Auch der General der Wache schlich unbemerkt aus dem Saal und schloss die Türen.
Desith zwang sich, weiter auf seinen Vater zuzugehen, aber mit jedem Schritt wurde die alte Befangenheit größer. Dem Kaiser schien es ähnlich zu gehen, er humpelte leicht, als er freudig auf ihn zukam und machte Anstalten, ihn umarmen zu wollen, doch als sie schließlich dicht voreinander standen, war es, als ob eine unsichtbare Mauer zwischen ihnen stünde.
Sie zuckten kurz mit den Armen, sahen jedoch dann verlegen zur Seite, konnten diese Geste aus unerfindlichen Gründen einfach nicht über sich bringen, zu gehemmt von der Distanz, die immer zwischen ihnen gewesen war.
Desith rieb sich den Nacken, er konnte beinahe Vynsus neugierigen Blick im Nacken kitzeln fühlen, und wünschte sich, der Barbar wäre nicht Zeuge dieser unterkühlten Begegnung.
Bedeutete es das, barbarisch zu sein? Dass man seinen Vater und Herrscher vor Freude in die Arme sprang wie ein Affenkind in die Umarmung seiner Affenmutter?
Sein Vater räusperte sich und legte ihm zumindest eine Hand an die Wange, sodass Desith wieder in sein Gesicht sah und schließlich doch nicht anders konnte, als froh zu lächeln. Ein großer Brocken fiel von seinem Herzen. »Vater!« Zitterte seine Stimme? »Ich…« Er brach ab und schüttelte nur den Kopf.
Das rührte den Kaiser, seine Augen schimmerten und er rang nach Fassung. »Mein Junge«, er atmete so erleichtert aus, dass er es nur ehrlich meinen konnte, »wie schön, dich wohlaufzusehen!« Er musste schlucken, konnte es nicht glauben und suchte nach Worten. »Melecay sagte zwar, es ginge dir gut, aber ich wollte mich überzeugen. Wir waren dabei, aufzubrechen, um dich zu besuchen! Und jetzt stehst du einfach hier? Welch Überraschung! Das… das ist so … Oh Sohn, ich … ich bin gerade zu überwältigt, um mich auszudrücken, verzeih mir.« Er lachte und seine Hand rutschte zu Desiths schmalem Kinn, das er umfasste und leicht rüttelte, als wollte er ihn tadeln. »Wir dachten schon, der Dschungel hätte dich für immer in seinen Fängen! Deine Mutter wird weinen, wenn du sie so überraschst. Ashen!«, rief er freudig über die Schulter, Desith zuckte zusammen, hatte nicht damit gerechnet. Der Diener kam vom Balkon wieder herein und verneigte sich mit einem breiten Lächeln.
»Mein Kaiser?«
»Holt Ari!«, schickte er ihn erregt fort, »holt sie schnell her. Sagt ihr, ich hätte eine besondere Überraschung für sie!«
Ashens Lächeln – wenn überhaupt möglich – wurde noch breiter und er machte sich umgehend auf den Weg, die Kaiserin zu verständigen.
Desith legte eine Hand um den Arm seines Vaters, um dessen Aufmerksamkeit zurückzuerlangen, und befreite sich mit gequälter Miene aus seinem Griff. »Glaube mir, Vater, es war keine Freude, die mich im Dschungel hielt, und ich würde nicht einmal dann dorthin zurückkehren, wenn unsere Welt unterginge und nur noch Zadest stünde. Die Unterwelt ist ein freundlicherer Ort. Ich kann nicht in Worte fassen, wie froh ich bin, zu Hause zu sein. Ich dachte nicht, dass ich es wiedersehen werde. Ich…«, er senkte den Blick und trat einen Schritt zurück. »Ich bin nur dank Vynsu hier. Er hat mich heimgebracht, aus dem Dschungel und schließlich aus Melecays Fängen.«
»Fängen?« Der Kaiser verengte leicht die wachsamen Augen. Sein Blick glitt über Desiths Kopf hinweg zu Vynsu, der mit gebührendem Abstand stehen geblieben war.
Als Eagles Blick ihn traf, verneigte er sich so vorbildlich, dass es Desith überraschte. »Eure Majestät, verzeiht uns unser Hereinplatzen, wir hätten uns natürlich angekündigt, wäre es uns möglich gewesen.«
Forschend sah der Kaiser von Vynsu zurück zu Desith, dann musterte er die Erscheinung seines Sohnes und schien allmählich zu begreifen.
»Ihr beiden«, sagte er vorsichtig, »seht aus, als wäret ihr auf der Flucht.« Es war keine Frage, und ihm antwortete nur Schweigen. Sein kluger Blick durchbohrte Desith, der genau wie als Kind, wenn er etwas ausgefressen hatte, den Boden unter seinen Füßen ganz besonders konzentriert anstarrte.
»Ich hörte…«, begann der Kaiser vorsichtig, »…Derrick hätte schlimme Verletzungen erlitten, und du würdest nicht von seiner Seite weichen wollen.« Er sah sich gespielt um. »Ich sehe keinen Derrick.«
Desith schnaubte herablassend. »Von wegen. Ich war es, der schwere Verletzungen erlitten hat. Wegen Derrick.«
Die eisblauen Augen seines Vaters, die er ihm mit all ihrer mystischen Macht vererbt hatte und die den Airynns zu Eigen waren, blitzten scharf und gefährlich auf. Er hörte nur das, was er schon vor Jahren befürchtet hatte. Dass Derrick eine Gefahr für Desith hätte sein können. »Was ist geschehen?«, verlangte er zu erfahren und blickte wieder zu Vynsu. Nun ganz der Kaiser, die Vaterrolle abgelegt.
Vynsu räusperte sich und trat einen Schritt vor. »Die Angelegenheit ist etwas heikel…«
Sie erzählten es ihm, wobei Vynsu natürlich besonders darauf achtete, dass Derrick nicht zu schlecht dastand und Melecays Absichten nicht böswillig gewesen waren. Desith war mit keinem von beiden besonders gnädig, er erzählte wie er beinahe zu einer Ehe gezwungen worden wäre und machte seinem Vater einen Vorwurf.
»Du hast dem zugestimmt?«, fragte er ungläubig, während der Kaiser noch versuchte, die Geschichte, die sie ihm erzählt hatten, zu verdauen. »Ich dachte, du riskierst lieber Melecays Zorn, als eine Vermählung zwischen mir und Derrick offiziell anzuerkennen. Und dann stimmst du einfach zu?«
Sein Vater schüttelte irritiert den Kopf. »Ich habe… Moment! Lass mich das erst einmal verarbeiten, Desith.« Er rieb sich die Stirn, als hätte er Kopfschmerzen, und Desith nahm sich etwas zurück, atmete tief durch und versuchte, sich zu beruhigen. Er war übermüdet, brauchte Schlaf.
»Ich habe einer Ehe letztlich zugestimmt«, gestand sein Vater ein, hob aber eine Hand, um Desith zu bedeuten, ihn ausreden zu lassen. »Ich dachte, ich stimme zu, zwei Liebende zu vermählen. Und ja, mir gefiel der Gedanke nicht, dich an einen Halbdämon zu verschenken, aber nach sieben Jahren im Dschungel allein mit Derrick…« Er zuckte mit den Achseln. »Ich dachte, es wäre das, was du willst, Desith. Du hast mich für diese Liebe hintergangen, du hast deutlich gemacht, was du willst.« Er griff nach Desiths Arm und hielt ihn hoch, die Narben an den Handgelenken lugten überdeutlich aus dem Ärmel hervor.
Gereizt entzog Desith seinem Vater den Arm und wandte sich mit einem Grunzen ab.
»Melecay hat auf mich eingeredet, nachdem deine Schwester…« Er brach plötzlich ab und sah traurig zu Vynsu.
»Er weiß es.« Der Barbar nickte und senkte den Blick wieder auf den Boden.
Desiths Vater atmete aus und schien ein Stück in sich zusammenzusinken, er musste sich mit beiden Händen auf seinen Stock stützen. »Was für ein Chaos.« Er schüttelte den Kopf und schlug einen versöhnlicheren Tonfall an. »Vergebung, mein Junge. Es war in den letzten Jahren nicht leicht für uns. Melecay hat betont, wie wichtig gerade jetzt Bündnisse sind, und mich daran erinnert, dass du und Derrick ohnehin zusammen seid, ob wir es wollen oder nicht. Warum es nicht offiziell machen? So hätte ich wenigstens gewusst, wo du bist. Nach Lohnas Tot… Deine Mutter und ich waren untröstlich, wir haben ein Kind verloren. Und ich dachte, es würde ihr guttun, wenigstens ihren Erstgeborenen in Sicherheit zu wissen. Also stimmte ich zu. Im Gegenzug zog Melecay los und scheute keine Mühen und Kosten, um den Dschungel auf der Suche nach dir und Derrick zu durchkämmen.«
Desith hatte aufmerksam zugehört und spürte in der Pause nach dem kleinen Vortrag, wie die Wut in ihm verflog. Er drehte sich wieder zu seinem Vater um. »Du … wärest wirklich einverstanden gewesen?« Nach all den Jahren, die er strickt dagegen gewesen war?
Er zuckte mit den Achseln. »Es hätte mich nicht froh gemacht, aber du hast mir diesbezüglich nie eine Wahl gelassen.« Seine Augenbrauen hoben sich. »Weshalb es mich jetzt umso mehr verwundert, dass du so dagegen bist.«
Desith verzog ironisch den Mund. »Wenn Mutter sich in einen Drachen verwandelt und dich fressen will, reden wir noch einmal darüber.« Er ließ die Geschichte mit Sarsar vorerst aus.
Sein Vater kämpfte mit einem Schmunzeln. »Manchmal tut sie das, mein Junge…«
»Ich will mich wohl verhört haben!«
Sie fuhren zu der Stimme herum. Desiths Mutter trat durch eine Seitentür in den Saal, ihre schlanke Gestalt wurde von einer silbernen Tunika mit sonnengelber Schärpe umschmeichelt. Sie glitt so erhaben wie eine Göttin zwischen den Säulen hindurch. Eine graue Strähne zierte ihr langes, haselnussbraunes Haar, von ihr hatte Desith das schmale, lange Kinn vererbt bekommen.
»Mutter!« Er spürte seine Lippen beben, als ihn die Wiedersehensfreude mit sich riss. Er ging ihr mit großen Schritten entgegen und rannte sie beinahe über den Haufen. Sie zu umarmen kostete ihn keine Überwindung, sie waren sich immer sehr nahe gewesen. Genau genommen, hatte sie ihn immer ein wenig verhätschelt. Mütter und ihre Söhne, hatte Vater immer geklagt, und gleichzeitig seine Prinzessin Lohna vergöttert.
»Mein Junge!« Sie klang erfreut und erstickt zugleich, drückte ihn an ihre Brust und fuhr ihm über den Hinterkopf. Desith drückte das Gesicht an ihren Hals, mitten in ihre langen, seidigen Haare. Sie rochen nach Flieder. »Mein lieber Junge, wo warst du nur so lange? Hm? Wo?« Immer wieder nahm sie sein Gesicht zwischen die Hände, lehnte sich zurück und strich ihm über die Wangen, streifte seine Haare aus der Stirn, um sie sofort wieder zurück zu zupfen und ihn wieder an sich zu drücken. Ihre überschwängliche Liebe gab ihm das, was sein Vater nicht vermocht hatte. Geborgenheit und das Gefühl, sicher zu Hause zu sein.
Nur am Rande bekam er mit, wie sich sein Vater an Vynsu wandte. »Ich schulde Euch großen Dank, Vynsu. Ihr habt meinen Sohn heimgebracht, obwohl es Euch in große Schwierigkeiten bringt.«
»Nein, ich habe nur ein Versprechen eingehalten, mein Kaiser, und es war das Mindeste, was ich tun konnte, nachdem ich versäumte…«
»Scht.« Der Kaiser legte ihm eine Hand auf die Schulter, gerade als Desith sich im Arm seiner Mutter zu ihnen umdrehte und schüchtern seine Freudentränen von den Wangen wischte. »Ich sagte doch bereits an dem Tag, als Ihr ihren einbalsamierten Leichnam übergeben habt, dass ich es nicht Euch anlaste, Vynsu. Ihr habt keinen Einfluss darauf gehabt, was geschehen ist, jedem Mann hätte das widerfahren können. Und ich weiß, Ihr habt sie immer mit Respekt behandelt, das hat sie uns geschrieben.« Er sah hinüber zu Desith und Ari und seufzte schwer. »Manchmal können wir das, was uns anvertraut wurde, noch so sehr beschützen wollen, das Schicksal entscheidet, was es uns nimmt.«
Vynsu wirkte nicht glücklich mit dieser Erklärung, aber er nickte. »Es ist großzügig von Euch, es auf diese Weise sehen zu wollen. Aber nichtsdestotrotz werde ich immer das Gefühl haben, in Eurer Schuld zu stehen.«
Es war genau das, was Desiths Vater hören wollte, er drückte lächelnd Vynsus Schultern. »Nobel, aber unbegründet. Es bringt sie uns nicht zurück. Allerdings brachtet Ihr mir meinen verlorenen Sohn.« Er lächelte Desith zu. »Und das verlangt nach unserem Recht eine Belohnung.«
Vynsus Augen bekamen plötzlich einen Glanz, der Desith gar nicht gefiel. Durch den hellen Saal hindurch trafen sich ihre Augen, Vynsus Mundwinkel zuckten keck, doch er kämpfte das Zucken nieder, und wandte dem Kaiser das Gesicht zu. Und je öfter Desith Vynsus markanten Züge bewusst wahrnahm, je schöner schienen sie zu werden. So männlich, so hart und unbeugsam, dass sie für diese goldenen, weißen Hallen viel zu hart schienen.
Sein Herz klopfte – und er hasste sich für diese Schwäche.
Ich will ihn, dachte er bei sich. So wie ein Züchter einen schönen Hengst besitzen musste. Wie ein Sklavenhändler einen Lustknaben. Wie ein Prinz… eine Mätresse.
»Es gäbe da vielleicht etwas.« Vynsu sprach zögerlich, und der Kaiser runzelte neugierig seine Stirn. Lächelnd blickte der Barbar Desiths Vater an und neigte ergebend das Haupt. »Aber dies kann warten, mein Kaiser. Doch wenn es keine Umstände macht, würde ich gerne ein paar Tage ausruhen, bevor ich mich auf den Rückweg mache und meiner Strafe für die Befreiung Eures Sohnes entgegentrete.«
Desith gefiel der Gedanke nicht, dass Vynsu allein den Kopf hinhalten musste. Er wollte gerade vorschlagen, dass Vynsu doch einfach hierbleiben konnte, als sein Vater schon sprach.
»Lasst Melecay meine Sorge sein.« Er lächelte siegesgewiss. »Ich bin sicher, er kehrt erst einmal nach Hause zurück, mit seinem Drachenziehsohn, bevor er mir einen wütenden Brief darüberschreibt, dass Desith ihm Treue schuldet.«
Daran hatte Desith überhaupt nicht mehr gedacht. Er sah von seinem Vater zu seiner Mutter und versuchte, nicht so ängstlich auszusehen, wie er sich jetzt fühlte. Beruhigend strich sie ihm über das Gesicht, ihre Wärme gab ihm Halt.
»Nun denn, Ihr seid zum Abendessen eingeladen, Vynsu, jemand wird Euch ein Gemach zuteilen.« Der Kaiser wandte sich zum Gehen. »Kommt erst einmal an und ruht Euch aus.«
Desith sah ihm nach und kam trotz der Freundlichkeit, mit der er aufgenommen wurde, nicht umhin sich zu fragen, ob sein Vater ihn unter den gegebenen Umständen überhaupt hierbehalten – oder vielleicht sogar ausliefern würde.
Immerhin hatte Desith ihn verraten und einem anderen König die Treue geschworen.
Kapitel 20
Es gab Bananen. Die Sklaven stürzten sich auf die Kisten, die von den Wärterinnen gegen Mittag geöffnet wurden, sobald sie die Erlaubnis dazu hatten. Sarsar traute der Sache noch nicht und nahm sich ein Beispiel an Chusei, hielt sich zurück. Er konnte die Spannung unter Seinesgleichen regelrecht spüren, sie würden sich um die letzte Banane prügeln, wenn nicht genug da wären, und einige von ihnen nahmen so viel aus den Kisten, wie sie tragen konnten, schubsten und pöbelten. Selbst die zischende Peitsche der Aufseherin konnte sie nicht stoppen.
Aber nicht nur die Aussicht, niedergeschlagen zu werden, ließ ihn die Kisten mit Argwohn betrachten. Bisher hatte es nie eine Pause gegeben und schon gar nicht hatten sie ihnen je ganze Karrenladungen Essen geschenkt.
Die Kriegerinnen standen am Rande und hatten diebische Freude, dem Gerangel an den Kisten zuzusehen. Sie lachten, wenn ein Schwächerer von einem Stärkeren fortgestoßen wurde, griffen nur dann ein, wenn ein Sklave einen anderen schon an der Kehle gepackt hatte.
Chusei trat nervös neben ihm von einem Bein auf das andere, sein Magen knurrte allein bei dem Anblick der Bananen. »Geh und versuch dein Glück«, sagte Sarsar, »ich werde gern von hier aus Steine auf alle schmeißen, die dich wegstoßen.«
Der Halbpanther knickte die Öhrchen ein und sah ihn dankbar an. »Ich verzichte lieber. Das ist ohnehin nur ein Auswahlverfahren. Wenn sie fertig sind, liegen meistens noch Reste in den Kisten, die können die Schwächeren dann haben.«
Sarsar sah ihn fragend an. »Auswahlverfahren?«
Chusei nickte unauffällig zu den runden, am Dach spitzzulaufenden Zelte der Bergstadt, wo die Stammesführerin, die einige Tage hierblieb, mit ihrem Zuchtsklaven im Schlepptau auf den Platz vor den Mineneingängen trat und kritisch das Treiben an den Kisten beobachtete.
»Sie können uns nicht zwingen, gegeneinander anzutreten, also werfen sie Essen in die Runde und sehen zu, was geschieht.«
Sarsar begann zu verstehen und verfolgte das Spektakel mit größerem Interesse und neuem Blick.
»Die Stärksten, die sich behaupten können, werden aussortiert und weiteren Prüfungen unterzogen. Einige wenige Glückliche schaffen es so hier heraus und werden zu höheren Sklaven erhoben.«
Fast wie früher in den Arenen von Elkanasai, als der Sklavenhandel noch blühte, lange bevor Kaiser Eagle Airynn sie verboten hatte. Sofern Sarsar denn in der richtigen Zeit gestrandet war. Doch mit dem Erwachen seiner Magie, spürte er an einigen älteren Sklaven den Hauch der fremden Macht kleben, die er bekämpft und letztlich in sich aufgenommen hatte, um eben jene Sklaven von ihrem Einfluss zu befreien. Das hatte natürlich nicht das gesamte Land mitbekommen, niemand hatte es mitbekommen, der nicht mit ihm dort unten im Turm gewesen war und das Portal geschlossen hatte. Gewiss gab es Gerüchte, aber natürlich würde niemand wissen – oder ihm glauben – dass ausgerechnet er daran beteiligt gewesen war, Zadest von einer Magie zu befreien, die wie ein Parasit handelte und Lebewesen wie Wirte benutzte.
»Zu was werden sie erhoben?«, fragte Sarsar.
»Lustsklaven, wenn es den Kriegerinnen gefällt, natürlich dürfen sie sich nicht vermehren, wenn sie Mischlinge sind, aber …« Chusei sah ihn auffällig an. »Du verstehst schon. Ein Weibchen hat auch seine Bedürfnisse, vor allem wenn es läufig wird.«
Sarsar lächelte milde. »Ja, ich glaube, ich kann dir folgen.«
»Manche erlangen die Freiheit durch Stärke, die dürfen dann in abgelegenen Dörfern ein einfaches Bauernleben führen, natürlich unter der Vorrausetzung, dass sie ihre Ernte an die Frauen abtreten und niemals wagen, ihr Land zu verlassen.«
»Du weißt sehr viel.«
Chusei grinste plötzlich stolz. »Nun ja, anfangs war ich so etwas wie … ein Exot. Die Stammesführerin hat mich gern in ihr Zelt eingeladen und wollte mehr über mein Volk wissen, sie plauderte auch gern bei einer Tasse Tee über ihr Volk. Es waren unterhaltsame Nachmittage.« Sein Strahlen erblasste und wich Enttäuschung. »Wie mit allen Haustieren, hat sie irgendwann das Interesse verloren, und es wurde langweilig, sich mit einem sprechenden Panther zu unterhalten.«
Sarsars Blick glitt wieder hinüber zu der Stammesführerin, die anders als die Wärterinnen neugierig, statt belustigt die Sklaven betrachtete, die sich mittlerweile fast alle in einer ernstzunehmenden Prügelei um Bananen befanden.
Deswegen hatten sie die Essensrationen seit drei Tagen halbiert, sie hatten sie hungern lassen, damit die gelben Schalen noch schmackhafter aussahen. Einige schwächere Sklaven folgten Sarsars und Chuseis Beispiel und blieben am Rande stehen oder huschten erniedrigt dorthin zurück.
Sie fanden sich lieber mit dem Leben in den Minen ab, als Prügel einzustecken, einige bluteten aus aufgeplatzten Mündern, Augenbrauen oder Stirnwunden.
»Es gibt also so etwas wie Freiheit in diesem Land«, murmelte Sarsar und betrachtete wieder nachdenklich die Stammesführerin. Sein Blick zuckte zu dem Zuchtsklaven hinter ihr, auf dessen Stirn noch immer kalter Schweiß stand und der sichtlich bemüht war, sich nicht anmerken zu lassen, dass es ihm alles andere als gut ging. Grübelnd legte Sarsar den Kopf schief, seit Tagen ging ihm das Leiden dieses Dschungelbewohners nicht aus dem Sinn. Er blickte zurück zu den blutenden Sklaven und wieder zum Zuchthengst der Stammesführerin und zu ihr selbst. Ein Plan nahm Gestalt an. Er wusste noch nicht, wozu er gut war, aber er nahm Formen an, die vielleicht nützlich sein könnten.
Chusei lehnte sich zu ihm rüber und raunte: »Schlag dir das aus dem Kopf, du bist so dünn wie ein Grashalm, du kannst dir deine Freiheit nicht im Kampf um eine Banane erschleichen.«
Sarsar begann zu schmunzeln. »Das muss ich auch nicht.«
*~*~*
Er wartete bis es Abend war und sie wieder unter die Erde getrieben wurden. Acht Sklaven in jeder Zelle, sie waren weniger, die Stärksten waren nicht mehr unter ihnen.
Ihnen wurde wieder die übliche Portion Brot und Wasser gereicht, dazu gab es Bandagen und Wasser, damit diejenigen, die verletzt waren, sich waschen konnten.
Es war selbstverständlich niemand umgekommen, darauf achteten die Wärterinnen penibel.
Sarsar saß in seiner üblichen Ecke, Feuchtigkeit tropfte von der Decke direkt neben ihn auf den Boden, er hatte die Hände unter die Achseln geschoben und drückte sich in eine Nische. Eine Angewohnheit, um sich so unsichtbar wie möglich zu machen. Chusei schlürfte neben ihm den Brei, den er jeden Abend zusammenpanschte, indem er das Brot in sein Wasser bröselte und aufweichen ließ, sodass Sarsar fast würgen musste. Aber der Panther aß mit solchem Hunger, dass es fast schon wieder amüsant war. Wie eine Katze, der man ein Schälchen mit Milch auf die Fensterbank stellte, leckte er die Schale aus, sein Schwanz und seine Ohren zuckten freudig.
»Verzieh nur das Gesicht«, sagte er immer, »aber mir nimmt niemand das Essen weg.«
»Weil es widerlich aussieht«, gab Sarsar trocken zurück.
Trotz, dass die Stärksten unter ihnen nun nicht mehr da waren, waren noch genug größere und kräftigere Männer in der Zelle, die Sarsar das Brot wegnahmen. Natürlich kämpfte er oft genug darum, aber manchmal war er einfach von der Arbeit zu müde.
An diesem Abend hatte er eilig von seinem Brot ein Stück abgerissen und es sich in die Hose gestopft, bevor ihm der Rest aus den Fingern gerissen wurde. Die Stimmung in der Zelle war so angespannt, dass die Atmosphäre beinahe einem Gewitter glich. Die zurückgebliebenen Sklaven waren wütend und frustriert darüber, noch hier zu sein, einigen war bewusst geworden, dass sie nicht so stark waren, wie sie immer geglaubt hatten, was ihre Unzufriedenheit nur noch mehr verstärkte. Und dieser Groll musste natürlich irgendwo raus. Selbst Chusei und einige andere schwache Sklaven wurden von den anderen schikaniert, um Überlegenheit auszudrücken und den eigenen Stolz wiederherzustellen.
Als alle mit dem Essen beschäftigt waren – oder hungrig in der Ecke saßen – zog Sarsar die Brotkante hervor und nagte heimlich daran. Er hätte ja geteilt, aber es war kaum genug, um selbst satt zu werden, und er musste zu Kräften kommen.
Doch als er beobachtete, wie ein kräftiger, junger Bursche, der einen geschwollenen Wangenknochen hatte, aufstand und ohne zu zögern auf einen Schwächeren zuging, konnte er nicht einfach dasitzen und zusehen, wie der Mitgefangene von dem Größeren niedergerungen und geschändet wurde. Sie waren keine eingesperrten Affen, die eine neue Rangordnung festlegen mussten!
Ehe Chusei ihn aufhalten und zur Vernunft bringen konnte, warf er den Rest von seinem Brot und traf den Sklaven am Kopf, der den anderen unter sich drückte.
Wutentbrannte und gleichsam überraschte Augen starrten ihn an. Chusei verschluckte sich an seinem Brei, als er begriff, was geschehen war. Plötzlich schien die Zelle totenstill und alle starrten Sarsar an.
Er stand auf, seine Lippe zuckte wütend und er ballte drohend die Hände zu Fäusten. »Lass ihn sofort los!«, knurrte er. Natürlich verstanden sie ihn nicht, er hatte beabsichtigt, dass ihn niemand verstand. Sein Tonfall genügte, um zu verstehen, was er wollte.
»Hör auf!«, zischte Chusei und zupfte an seinem Ärmel, damit er sich wieder hinsetzte. »Willst du, dass sie dich totprügeln?«
Mit einem Knurren und Worten in einer anderen Sprache, die nach Warnungen klangen, stand der Muskelprotz auf. So groß und so breit war er jedoch gar nicht, vielleicht Xaiths Statur, eher schlank und drahtig, wenn auch kräftig, aber lange kein Berg wie Vaaks.
Sarsar machte einen drohenden Schritt auf ihn zu, während der kleine Sklave die Gelegenheit nutzte und davonkroch. Aber nicht, ohne Sarsars restliches Brot aufzuklauben und es sich ans Herz zu pressen, während er damit im Schatten verschwand.
Der kräftige Bursche kam auf Sarsar zu, hatte eine neue Gelegenheit gefunden, seine Überlegenheit zur Schau zu stellen, und schubste ihn mit Drohungen auf den Lippen.
Sarsar taumelte zwar unter dem Stoß, trat aber gleich darauf wieder auf ihn zu, starrte ihm unbeugsam in die Augen. Das provozierte den anderen nur umso mehr, er stieß Sarsar mit beiden Händen kräftiger zurück. Doch Sarsar tat nichts, außer sich ihm wieder entgegen zu stellen. Er schlug nicht zu, er würde niemals zuerst zuschlagen. Es genügte, ihm einfach in die dunklen Augen zu starren. Das machte den Burschen so unsicher, dass er den ersten Schritt machte und Sarsar die Faust auf die Wange schlug, dass ihm das Gesicht rumflog.
Sarsar biss die Zähne zusammen, der Schmerz trieb ihm die Tränen in die Augen, seine Wange pochte. Doch er erwiderte den Schlag nicht, sah einfach wieder auf und starrte den Sklaven wütend aber schweigend an.
Erneut traf ihn ein Schlag, dieses Mal auf die andere Wange. Er keuchte, es fiel ihm immer schwerer, stand zu halten und wieder Haltung anzunehmen. Den anderen verunsicherte es so sehr, dass ihm seine Verwirrung deutlich ins Gesicht geschrieben stand. Sarsar dachte aber nicht daran, vor ihm in die Knie zu gehen, noch würde er einen Kampf beginnen, den er nicht gewinnen konnte. Denn wenn er anfing, sich zu wehren, würden die anderen eingreifen.
Die Pferde gingen mit dem Sklaven durch, als Sarsar auch nach dem fünften und sechsten Schlag – die deutlich schneller hintereinander ihr Ziel fanden als die vorherigen – keine Resonanz zeigte.
Er packte Sarsar an der Kehle und schrie auf ihn ein. Instinktiv packten Sarsars Hände die starken Arme des Sklaven und wollten sie auseinanderzerren. Er hatte natürlich nichts entgegen zu wirken, die Luft wurde ihm abgedrückt, als würden sich Felsen um seinen Hals zusammenziehen. Er verlor das Gleichgewicht, als der Sklave ihn rückwärtsschob. Sie fielen gemeinsam zu Boden. Er lag auf dem Rücken, sein Blick war längst verschwommen, schmerzhaft traten seine Augen hervor und ihm wurde die Zunge aus dem Mund gedrückt. Chusei riss an der Schulter des Sklaven, wurde aber gegen die Wand gestoßen.
Blind tastete Sarsar den Boden ab, seine Ecke lag direkt neben ihm und er suchte panisch nach dem, was er schon seit seinem ersten Tag dort versteckt hielt und für einen besonderen Moment aufgespart hatte. Gerade als er glaubte, dass der Sklave ihm jegliches Leben mit bloßen Händen aus dem Leib presste, ertastete er die unebene Oberfläche des faustgroßen Steins, der wegen der Feuchtigkeit aus der Wand gebrochen war. Mit aller letzter Kraft schlug er dem wildgewordenen Burschen damit gegen die Schläfe.
Im nächsten Moment war er frei und sog stöhnend Luft in seine Lungen, dabei warf er sich herum, hustete und keuchte wie ein Ertrunkener, den man an Land gezogen und gerade widerbelebt hatte.
Chusei war sofort neben ihm, die Hand auf seinem Rücken. »Was hast du getan?«, raunte er.
Die anderen Sklaven standen bereits auf, noch zu geschockt, um zu begreifen. Sie hatten bis zuletzt geglaubt, ihr Kamerad hätte alles im Griff.
Sarsar ignorierte den Schmerz in seiner Kehle, Tränen liefen ihm aus den brennenden Augen und irgendetwas in seinem Rachen pfiff beunruhigend, wenn er einatmete. Aber er musste jetzt schnell handeln. Der Sklave lag mit einer schweren Kopfwunde halb benommen aber noch bei Bewusstsein neben ihm auf dem Rücken, Blut rann über seine Schläfe in sein Ohr.
Sarsar kroch auf seine verschwitzte Brust, ehe die anderen sich einmischen konnten, und setzte sich auf. Da ging ein Ruck durch einige Mitgefangene, die ihrem Freund helfen wollten. Ketten klirrten. Sarsar schloss die Augen, versuchte, sich zu konzentrieren, und streckte die Hände aus, um sie um den Kopf des Verletzten zu legen. Seine Magie war wie eingefroren, doch sie ließ sich durch reine Willenskraft ermutigen, aufzuwachen. Es knisterte in der Luft und seine Hände begannen blau zu leuchten. Die anderen wichen wieder zurück, selbst Chusei. Mit ungläubigen Gesichtern sahen sie dabei zu, wie Sarsar die Kopfwunde des Sklaven heilte. Es kostete ihn einiges an Kraft, vor allem nachdem er beinahe erwürgt worden wäre. Es war nicht leicht, seine wabernde Aura zu bändigen, um sie wie einen sanften Windzug durch seinen reinen Willen nach vorne fließen zu lassen, damit sie die Wunde wieder zusammenwachsen ließ.
Danach brach er beinahe auf der Brust des Sklaven zusammen, er keuchte schwer und ihm war schwindelig, wie nach einem Bergaufstieg. Er blinzelte, der Sklave sah ihn erstarrt an, wagte nicht, sich zu rühren. Westliche Magie sahen sie vermutlich zum ersten Mal in ihrem Leben.
»Chusei«, keuchte Sarsar, »sag ihnen, ich heile jede verdammte Wunde in dieser Zelle. Hier und jetzt. Aber nur, wenn sonst niemandem mehr Schaden zugefügt wird.«
Chusei selbst schien sich vor ihm zu fürchten.
»Chusei!« Sarsar suchte den Blick seines Freundes und lächelte milde, als dieser ihm ins Gesicht blinzelte, als wüsste er nicht, ob er träumte. »Sag es ihnen.« Er nickte aufmunternd. »Sag ihnen, ich kann jedes Gebrechen heilen. Ich will nur helfen.«
Natürlich hätte Sarsar ihnen auch ganz einfach anbieten können, sie zu heilen, aber wer hätte ihm denn vertraut? Er musste es ihnen vorführen, aber keiner hätte ihm freiwillig eine Wunde anvertraut.
Chusei riss sich zusammen und nickte. Dann übersetzte er, und obwohl Argwohn und sogar pure Angst in manchen Gesichtern stand, kamen ein paar verletzte Sklaven mit rasselnden Ketten vorsichtig aus ihren Ecken.
Sarsar lächelte sie an und winkte sie zu sich. »Kommt! Keine Furcht. Es ist eine Gabe der Götter.«
Natürlich verstanden sie ihn nicht, aber sein sanfter Blick und sein liebevoller Tonfall weckten ihr Vertrauen. Zumindest das derjenigen, die zu starke Schmerzen litten, als dass sie im Stande wären, dieses Wunder nicht anzunehmen.
Teil 2: Werkzeuge
Eine Krone will ich dir schenken. Eine Krone, die deiner würdig ist.
Kein Gold, kein Silber und kein Juwel werden dein Haupt schmücken.
Eine Krone aus Knochen und Blut.
Ein Königreich möchte ich dir schenken. Ein Königreich aus Dunkelheit und Kälte.
Kein Gold, kein Marmor schmücken unsere Städte.
Eis soll unser Reich sein.
Macht möchte ich dir schenken. Macht wird uns befreien.
Nicht dein Herz soll mir gehören, Treue wird uns zu Ruhm führen.
Eine Krone will ich dir schenken.
Blut wird über dein Haupt fließen.
Kapitel 21
Es war noch alles genauso, wie er es verlassen hatte. Das Bett mit den goldenen Seidenbezügen, die durchsichtigen Vorhänge, die im Wind wehten, sein Holzschwert auf der Kommode, selbst seine Sandalen, die ihm längst nicht mehr passten, sie standen an seinem Sessel. Sogar die Strichmännchen Zeichnung an der Wand hinter der Tür, deretwegen sein Vater ihn erst bestrafen wollte, sie dann aber an der Wand geduldet hatte, weil sie Desith wichtig war. Sie zeigte ihn und Derrick, kämpfend auf einem Baumstamm.
Die Feuerschalen waren die gleichen, die er kannte, der Zuber stand an seinem Platz in einer Ecke hinter einem Vorhang, aber mit Blick aus einer Fensteröffnung. Auf seinem Tisch stapelten sich ungelesene Bücher und Schriftrollen. Lernmaterial, das er nie freiwillig angefasst hatte. Pergament lag bereit, das Tintenfässchen war verschlossen, die Feder schmutzig und unbrauchbar. Desith strich über die leeren Seiten. Alles war noch genauso, wie er es verlassen hatte, Diener sorgten dafür, dass sich kein Staubkorn niederlassen konnte. Es war so, als wäre er nie fort gewesen, und als hätten seine Eltern nie gänzlich akzeptiert, dass er sie verlassen hatte.
Derricks Briefe lagen noch auf dem Tisch. Sie waren der einzige geordnete Stapel, und die einzigen Wörter, die Desith je begeistert gelesen hatte. Es waren viele. Derrick hatte ihm nach seinem Jahr auf der Akademie in Elkanasai jeden Tag aus Carapuhr einen Brief geschickt. Einige Zeit war es still gewesen, als er geprüft hatte, ob Desith bereit war, auf ihn zu warten.
Dann kam er ihn besuchen, nicht für immer, aber lange genug, um ihm einen ersten Kuss zu schenken. Und als er wieder abgereist war, kamen wieder mehr Briefe mit Inhalten voller Sehnsucht, die zu mehr Küssen und mehr Verlangen führten, wenn er zu Besuch war.
Sie hatten sich jung kennen gelernt, sich jung verliebt. Und ihre Liebe hatte so lange bestand gehabt…
Desith schluckte die aufkommende Trauer herunter, sein Herz schlug schwer in seiner Brust. Er griff nach den Briefen, nahm den ersten vom Stapel und drehte ihn zwischen seinen Fingern. Sie waren allesamt abgegriffen vom vielmaligen Auffalten und Lesen.
Desith klappte vorsichtig das Pergament auseinander und schlenderte zum Balkon, blieb unter dem Bogen im sanften Wind stehen und überflog die Zeilen.
…Es sind kalte Nächte ohne dich. So sehr die Blicke und der Hass deines Vaters mir auch entgegenschlagen, ich wäre lieber bei dir geblieben. Sie können mir nichts anhaben, solange ich dir nahe bin. Du fehlst mir. Aber die Erinnerung an deine erste Berührung hält mich warm, auch wenn hier der Winter Einzug hält. Mir schwirrt noch der Kopf, aber das weißt du. Ich glaube, ich hatte mehr Angst als du…
Desith konnte nicht verhindern, dass er lächeln musste. Es waren seine Lieblingszeilen, deshalb lag der Brief auch stets ganz oben auf dem Stapel. Der erste Brief nach ihrer ersten leidenschaftlichen Liebesnacht. Leider las er die Zeilen an jenem Tag nicht ohne Beklemmung. Trauer überkam ihn und er musste sich eingestehen, dass es wehtat, loszulassen, auch wenn er voll und ganz hinter dem eigenen Entschluss stand. Etwas endete, was einst seine ganze Welt gewesen war.
Oh er liebte Rick, würde ihn immer lieben, keine Frage. Aber das änderte nichts daran, dass es keine gemeinsame Zukunft für sie beide gab.
Zukunft… Desith erinnerte sich daran, dass Rick einst eine Vorhersage gemacht wurde. Eine Vision, ein Traum, von Desith in Felle gehüllt vor einem Schamanen in Carapuhr. Er, bei ihrer Vermählung. Sie waren sich ganz sicher gewesen. Und auch in dem Brief erwähnte Derrick diese Vision.
…nicht verzagen, wir werden zusammen sein. Ich weiß es, Desi. Der Fremde in der Höhle hat es mir gezeigt, ich habe dich in Carapuhr am Tag deiner Vermählung gesehen. Es ist nur eine Frage der Zeit…
Desith seufzte schwer. »Du hast dich geirrt.«
Er hoffte es zumindest, denn wenn nicht, würde Desith der Zwangsehe doch nicht entgehen. Aber der Rick in den Briefen, war nicht mehr der Rick sieben Jahre später, dessen einzige Sehnsucht nicht mehr Desiths Nähe, sondern die Antwort auf Sarsars Verbleib war. Die bittersüßen Zeilen waren die eines liebestollen Burschen, doch der Mann, zu dem dieser geworden war, hatte schon lange nicht mehr solchen Honig in Desiths Ohr geträufelt.
Und Desith wollte nicht mit einem Mann vermählt sein, für den er nicht die Welt war. Er würde immer wissen, dass man sie gezwungen hatte, zusammen zu sein, selbst wenn er Rick liebte, er würde ihn ansehen und immer wissen, dass sie nicht aus Liebe zusammen waren. Und dass Rick lieber nach einem Verlorenen suchen wollte.
Dass alles, was sie einst geeint hatte, nur noch Zwang war.
Er hasste diese Vorstellung und würde sich zu wehren wissen. Niemand, nicht einmal ganze Reiche würden ihn wie ein Weib in eine Ehe zwingen. Er war ein freier Mann und würde seinen Weg von nun an immer selbst bestimmen.
Er hörte den Stock seines Vaters draußen im Flur dumpf auf den Teppich schlagen, gefolgt von dem Echo seines Holzbeines. Desith stopfte den Brief zurück zu den anderen und fragte sich für einen kurzen Augenblick, ob sein Vater während seiner Abwesenheit die Briefe gelesen hatte. Ob er sie vielleicht sogar schon durchgesehen hatte, als Desith noch bei ihm gelebt hatte. Die Vorstellung gefiel ihm, weil er sich den Schock seines Vaters vorstellte, wenn er Ricks Schwärmen über ihren Beischlaf las und es bildlich vor Augen hatte.
Obwohl die Tür offenstand, klopfte er mit einem Knöchel an den Rahmen. Desith sah auf, sein Vater wurde von zwei kräftigen Spitzohren in knappen, weißen Gewändern begleitet, die jeweils zwei Eimer auf den Schultern balancierten.
»Wäre dir ein Bad vor dem Mahl genehm?«, fragte sein Vater vorsichtig.
Dankbarkeit ließ Desith ein Stück in die Knie sacken. Die Aussicht, in den Zuber zu steigen und sich mit echter Seife zu waschen, ließ ihn stöhnen. Sieben Jahre lang hatte er nur in Flusswasser gebadet. Sieben seifenlose Jahre, bedeckt mit feuchtem Schweiß.
»Ein Bad wäre wundervoll.«
Sein Vater lächelte, offensichtlich erleichtert, etwas richtig gemacht zu haben. Dann winkte er den beiden Dienern und bedeutete ihnen, an ihm vorbei zu gehen. Er selbst kam gemächlich herein, als wäre er nicht sicher, ob es Desith recht war.
»Es ist alles noch genauso, wie ich es verlassen habe«, raunte Desith, nur um irgendetwas zu sagen, und strich über einige Dinge auf seinem Tisch. Das Tintenfässchen, die Feder, die Bücher.
Die Augen seines Vaters folgten seiner Hand. »Aber natürlich. Es ist dein Zimmer.« Er zuckte mit den Achseln, als sei die Tatsache, dass hier alles unangerührt geblieben war, selbstverständlich. Desith lächelte heimlich. Sein Vater kam etwas näher.
Das Wasser plätscherte aus den Eimern in den Zuber, Öle und Seifen wurden bereitgestellt, warme Tücher und eine saubere Toga auf einen Stuhl gelegt. Dann huschten die Diener leise wieder hinaus, sie schlossen die Tür hinter sich.
Erst dann sprach sein Vater weiter. »Deiner Mutter und mir wäre nie in den Sinn gekommen, etwas zu verändern, Desith, oder diesen Raum gar auszuräumen. Du bist unser Sohn, ganz gleich, wohin du auch gehst und wie lange du fortbleibst, selbst wenn du uns den Rücken für immer kehren willst, meine Türen und Tore werden für dich offenstehen.«
Desith drehte sich nicht zu ihm um, er stieß einen humorlosen Laut aus. »Das sind ja ganz neue Töne, die du anklingst«, murmelte er.
Sein Vater blieb hinter ihm stehen und stützte sich mit beiden Händen wieder auf den goldenen Knauf seines Gehstocks. »Ich habe nie gesagt, dass du dieses Haus nicht mehr betreten darfst. Du bist fortgegangen.«
»Weil du es nicht ertragen konntest, dass ich einen anderen Jungen liebte«, warf Desith ihm vor und drehte sich zu ihm um. Die alte Wut flammte wieder auf.
Betont ruhig sah sein Vater ihm entgegen. »Das ist nicht das, worum es ging. Mein eigener Vater – dein Großvater – hat zeit seines Lebens immer nur Männer geliebt, meine besten Freunde liebten Männer, ich habe nichts dagegen, es ist mir gleich. Liebe ist Liebe. Aber Derrick … Derrick ist ein Halbdämon, dessen Kräfte und dessen Abgründe wir Außenstehende doch gar nicht verstehen können!« Er klopfte mit dem Stock auf den Boden, um seine Worte zu untermalen. »Ich hatte Angst um dich, das ist alles.«
Desith zischte arrogant. »Ach komm, sei ehrlich, du willst es nicht zugeben, aber du konntest dich nicht damit anfreunden, dass dein Sohn mit einem Mann zusammen sein möchte. Erzähl mir nichts, Mutter glaubt dir vielleicht, aber ich weiß es besser.«
Sein Vater senkte tatsächlich ertappt den Blick und musste durchatmen.
»Na gut«, gestand er ein, und Desith wusste im ersten Moment nicht, ob er erleichtert oder wütend war. Vielleicht wollte er es gar nicht so genau wissen. »So gesehen, ja. Vielleicht ein wenig. Aber kannst du es mir verübeln, dass ich für meinen Sohn ein anderes Leben im Sinn hatte?« Er zuckte mit den Achseln und blickte Desith in die Augen. »Als ich dich das erste Mal auf dem Arm hielt, hatte ich dein Leben ganz genau vor Augen. Wie du heranwächst, wie du in meine Fußstapfen trittst, eine Frau – vielleicht sogar eine Elkanasai – nimmst, Kinder bekommst und zum Kaiser gewählt wirst, wenn ich zurücktrete. All das war in meinem Kopf und wurde in dem Moment zerschlagen, als ich spürte, dass sich zwischen dir und Melecays Ziehsohn mehr als Freundschaft auftat. Und schon war der Traum zerschlagen. Keine Schwiegertochter, keine Enkel, und du wolltest lieber in Carapuhr leben. Ob es mich störte? Ja, das gebe ich zu. Ich bin eben ein Vater, ich wollte dich nicht verlieren, an niemanden.«
Desith bemühte sich, nicht sofort wieder rumzuschreien und dem Druck in seiner Brust Luft zu verschaffen.
»Ich habe dich enttäuscht«, stellte er fest, sah es aber nicht ein, sich dafür zu entschuldigen. Er wandte den Blick ab, der die Bücher streifte. Seine Kiefer mahlten. »Auf so vielen Ebenen habe ich nicht deinen Erwartungen entsprochen. Abgesehen von meiner Vorliebe für Schwänze, war ich auch eine herbe Enttäuschung in Sachen Intelligenz, nicht wahr?« Er strich über die Bücher. »Es tut mir leid, dass ich nicht klug genug war, um in die Politik zu gehen«, sagte er zynisch.
Sein Vater runzelte irritiert die Stirn, nachdem er sich von der Bemerkung über männliche Genitalien und Desiths Zuneigung zu diesen erholt hatte. »Rede doch keinen Unsinn! Du bist nicht dumm, warts du nie! Wenn du gelernt hättest…«
»Ich bin dumm!« Desith fuhr wieder zu seinem Vater herum und hatte ihm mit seiner gereizten Betonung die Sprache verschlagen. »Natürlich bin ich dumm, Vater. In den Augen deines Reiches bin ich dumm.«
»Desith, hör auf, das zu sagen.«
»Verbiete es mir, und ich höre auf damit, aber es ändert nichts an den Tatsachen«, schmetterte Desith zurück und sah zu, wie sein Vater immer ratloser wurde. »Sieh dir nur diese Bücher an, Vater. Du sagst, ich hätte nur lernen und zuhören müssen?« Er stieß ein humorloses Lachen aus. »Die Hälfte der Bücher, die du mir gegeben hast, habe ich nicht einmal verstanden. Die andere Hälfte blieb nicht bei mir hängen. Mathematik? Ich weiß bis heute nicht, was das sein soll. Politik, Landesgeschichte, Wirtschaft? Vater, ich habe nie auch nur ein einziges Wort verstehen oder mir behalten können.«
Verwunderung zeichnete sich auf des Kaisers Gesicht ab, er schürzte die Lippen. »Aber, Desith, das ist kein Zeichen von Dummheit. Du warst faul und trotzig. Außerdem hättest du die Geschichte einfach nur auswendig lernen müssen. Das ist doch ganz einfach, du musst nur…«
»Lesen?«, unterbrach er ihn. Er schüttelte bedauernd den Kopf. »Vater, du liest eine einzige Sache und merkst sie dir für den Rest deines Lebens. Aber ich kann das nicht, warum willst du das nicht verstehen? Ich war nie faul oder gelangweilt, ich habe versucht, so zu sein wie du, aber ganz gleich wie oft ich diese verdammten Bücher wälze, ich verstehe sie nicht und kann mir nichts behalten. So einfach ist das. Ich bin nicht wie du, Vater! Ich werde es nie sein.«
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.