Kitabı oku: «Zwölf sind einer zu viel»

Yazı tipi:

Zwölf sind einer zu viel

1  Titel Seite

2  Prolog

3  I

4  II

5  III

6  IV

7  V

8  VI

9  VII

10  VIII

11  IX

12  X

13  XI

14  XII

15  XIII

16  XIV

17  XV

18  Epilog

Titel Seite
Zwölf sind einer zuviel
Eine wahre Geschichte
erzählt von
Bine & Piter Thunder

Eine nicht alltägliche Familiensaga über eine kinderreiche Großfamilie, wie sie in der heutigen Zeit, der Digitalisierung, nicht mehr obsolet ist …

Copyright: © 2021 Bine & Piter Thunder

Personen die sich in dieser Geschichte eventuell wiedererkennen sind rein zufällig hineingeraten und sind von den Autoren nicht beabsichtigt …

Druck: epubli

www.epubli.de

Ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Über die Autoren

Bine und Piter Thunder sind ein Autoren-Paar und haben erst im Rentenalter ihre Liebe zum Schreiben entdeckt. Viele Jahre lebten sie getrennt in München, Saarbrücken und Berlin, bevor sie sich in Berlin kennen und lieben lernten. Ihre Wahlheimat nach Saarbrücken ist die Costa Blanca in Spanien geworden, wo sie seit einigen Jahren sesshaft sind.

Bisher erschienen:

Schatten auf meiner Seele

Zwölf sind einer zu viel

Scheidungskind Samantha

gewidmet

meiner Schwester Dietlinde, die nur sehr kurz auf dieser doch sehr schönen Welt weilte und die ich leider nie kennenlernen durfte …

meiner Schwägerin Martina , die Ehefrau von meinen Bruder Samuel, die ein tragisches Opfer der Covid-19-Pandemie wurde und Ende April 2021 eine große schmerzliche Lücke hinterließ …

und meinen Eltern, die sich gewollt für ihre Kinder aufopferten und doch wenig Dank dafür bekamen …

sowie meiner Schwester Helga , die uns leider viel zu früh im Juli 2019 für immer verließ …

Prolog

Diese wahre Familiengeschichte erzählt die Herkunft unserer Eltern, aus der Zeit am Ende des ersten Weltkrieges und aus der Zeit der revolutionären Zwanziger Jahre, mit dem nahenden 2. Weltkrieg und den Aufbaujahren des neuen Deutschlands nach 1945 bis hinein in unser heutiges digitales Zeitalter, dass unseren Eltern „erspart“ blieb …

I
I

… Januar 2009, ich genieße die warmen Sonnenstrahlen in Tunesien, das Deutsche Fernsehen, das Dank der Satellitentechnik auch weit entfernt von unserer Heimat empfangen werden konnte, meldet den kältesten Januar, seit über zwanzig Jahren.

In Teilen von Deutschland sank die Queck-Silbersäule auf fast dreißig Grad Minus!

Ich liege windgeschützt am Pool oder auf unserem Balkon und durchlebe relaxt einige Tagträume …

… bekannte aber auch fremdartige Musikuntermahlung aus der Hotellobby runden das auferlegte Urlaubsfeeling ab.

Hotelgäste kommen und gehen, es gibt viele ältere Langzeit-Urlauber, die wie wir dem kaltem, europäischen Winter entflohen waren aber es gab auch sehr viele Gäste, die noch im Arbeitsleben standen und sich eine Auszeit vom Winter nahmen …

Es ist beruhigend, wenn man nicht mehr zu dieser Gruppe sich zählen muss und in Folge der preiswerteren Lebensführung seinen Vor-Ruhestand, bei bester Gesundheit, hier verbringen darf.

Meine Lebensplanung war schon in früheren Jahren, auf einen solchen Lebensabend ausgerichtet, damals jedoch in anderen sozialen Richtschnüren, als es mir Heute möglich ist.

Das Leben schreibt für Jeden sicherlich, seine eigene Geschichte, teils ereignisreich, spannend, manchmal auch gemein und auch hinterhältig.

Alle Facetten können hierbei vorkommen, müssen aber nicht! Sicherlich gibt es viele Mitmenschen, die als „graue Mäuse“ unauffällig durch ihr Leben schleichen und doch ist Hin und Wieder viel Interessantes an deren Geschichte.

Eine dieser zahlreichen Geschichten war das Thema Stauffenberg, dem Hitler-Attentäter ohne Erfolg. Das Thema zog ein großes Medien-Interesse auf sich, warum?

Wir konnten uns keinen sinnvollen Reim darauf machen, denn das fehlgeschlagene Attentat, war meinen Kenntnissen nach, im Sommer 1944 und jetzt befanden wir uns im Januar. Das Einzig plausible an diesem Medien-Rummel, was für mich relevant war, sollte der in Kürze anlaufende Kinofilm von Tom Cruise über Stauffenberg sein, der im letzten Jahr in und um Berlin aufwendig gedreht wurde.

In der Fernseh-Dokumentation konnte man erfahren, dass die Deutsche Wehrmacht im 2. Weltkrieg, 1943 auch in Tunesien im Kriegseinsatz war.

Vor über siebzig Jahren waren somit ein Teil unserer Väter, Großväter, Geschwister und Bekannten als Soldaten hier im Krieg, um für „Volk und Vaterland“ zu kämpfen, was für eine „hirnrissige, abgrundtiefe Barbarei“, was mir nur noch als Resümee blieb und gar nicht auszudenken war, das sich einige unserer Rechtsextremisten, diese Zeiten wieder herbei sehnten?

Dank unserer damaligen Politiker der ersten Stunden nach 1945 und dem unerlässlichen Fleiß der Deutschen, wurde das Wirtschafts-Wunder eingeleitet. Der Kapitalismus setzte seinen Siegeszug fort und Dank unseres Erfindergeistes und der schon bekannten Deutschen Wertarbeit errang Deutschland wieder seinen angestandenen Platz in der Weltgemeinschaft.

Als schon legendärer Reise-Weltmeister mit geöffneter Brieftasche waren und sind wir in der gesamten Welt sehr gerne gesehen …

Wenn ich jedoch beobachtend so am Pool lag, oder mir die Essmanieren dieser Reiselustigen betrachtete, so kam ich sehr schnell zu dem Gedanken, weniger wäre besser und so mancher Tourist sollte lieber zu Hause bleiben und das touristische Ansehen würde keinen Schaden nehmen.

Da jedoch die Einsicht meistens erst im Nachhinein zum Tragen kommt, so wird das peinliche Auftreten Einzelner oder auch einiger Gruppen, stets das Tagesgespräch der gesitteten Hotelgäste bleiben.

Meine Mutter, schon seit einigen Jahren verstorben, hatte vor ihrer schweren Krankheit ihre Biographie aufgeschrieben und uns, ihren Kindern dies als kleines Vermächtnis hinterlassen. Es sollte wohl das Einzige sein, was ich von meinen Eltern erhalten sollte.

Diese Biographie hatte mich ermutigt, tiefer in die Vergangenheit meiner Eltern, in das Leben meiner Geschwister und in mein eigenes Leben einzutauchen …

… die Biographie meiner Mutter wurde auszugsweise übernommen.

***

Meine Eltern Karl und Editha, geboren 1914 und 1921 hatten im Februar 1940, also im 2.Weltkrieg, geheiratet.

Sie kamen aus zwei ganz verschiedenen Teilen des alten Deutschlands. Unser Vater wurde im Sudetenland, im Altvater-Gebirge geboren, es war damals noch das alte ehrwürdige Kaiserreich Österreich …

Unsere Eltern wollten mit ihren Aufzeichnungen uns Allen aufzeigen, wo unsere Vorfahren einmal lebten, arbeiteten, Feste feierten und wo sie die brutalen Kriege überraschten.

Es war ein Wunsch unserer Eltern, dass wir eines Tages, die Gegenden besuchen und kennen lernen und selbst sehen, was für ein schönes Land durch diesen sinnlosen Krieg verloren gegangen war …

Die Vorgeschichte unseres Vaters …

Sein Vater, unser Opa, wurde 1986 im Landkreis Römerstadt / Schlesien geboren. Er hatte bei einer ansässigen Firma das Schlosser-Handwerk erlernt und war bis zur Vertreibung aus ihrer Heimat 1946, als Monteur tätig. Vom Frühjahr bis zum Herbst war Opa immer auf Montage, in Böhmen und Südmähren. Nur im Winter lebte Opa in der Familie und arbeitete in der Fabrik. Im Oktober heiratete mein Opa unsere Oma, zu diesem Zeitpunkt aber noch als „knackiges“ junges Paar.

Oma stammte aus Morawitz und hatte noch das alte Österreich/Ungarn mit seinem Viel-Völkerstaat erlebt.

Morawitz, Kreis Wigstadl heißt Heute Vikor-Jarske Kopele und liegt nun in Polen, es war der Geburtsort unserer Oma 1888.

Die Eltern unserer Oma hatten hier einen kleinen Bauernhof und insgesamt elf Kinder, teilweise zu diesen Zeiten noch sehr klein und noch nicht selbständig.

Dazu kam auf dem Hof die Arbeit mit sieben bis acht Milchkühen und deren Kälber, dazu das Füttern der Tauben, der Gänse und der Hühner.

Es war schon für die Kinder der Großfamilie kein einfaches Leben und jedes Familien-Mitglied musste tatkräftig mit helfen.

Oma kam nach der Schule nach Troppau, zu einer reichen Familie als Köchin, hier blieb sie bis zur Heirat mit unserem Opa.

Im Herbst wurde dann schon der älteste Bruder unseres Vaters geboren.

Oma und Opa lebten zuerst, nach der eiligen Hochzeit und der Geburt, bei einer anderen Familie und es war eine sehr unruhigende Zeit mit dem 1. Weltkrieg. Es folgten mehrfache Umzüge und die Geburten unserer weiteren Onkels und unserer Tante, insgesamt hatten unsere Großeltern sechs Kinder, eine Tochter und fünf Söhne.

Der 2. Weltkrieg forderte bei vielen Familien seinen Tribut, zwei Brüder unseres Vaters waren gefallen, Richard wurde über Neuburg an der Donau abgeschossen und Hans fiel in Russland. Unser Vater war auch als Soldat in Russland, genauso wie sein jüngster Bruder Franz, der sehr schwer krank, erst Anfang der Fünfziger Jahre aus der russischen Gefangenschaft nach Hause kam.

Die Eltern unseres Vaters wurden 1946 aus der Tschechoslowakei vertrieben und kamen zuerst in ein Lager nach Epterode und später nach Furth im Walde, in Nordbayern.

Unser Vater hatte da schon ein Haus am Walchensee in Oberbayern gebaut und er nahm, da seine Familie erst im Entstehen war, seine Eltern auf.

Sein zwischenzeitlich heimgekehrter Bruder wohnte nun in Weil am Rhein, genauso wie die Schwester unseres Vaters. Die Großeltern folgten ihnen nach und zogen nach Säckingen am Rhein, Nähe der Schweizer Grenze.

Opa starb im März 1957 und Oma im Mai 1977.

***

Unser Vater wurde im Januar 1914 geboren, in einem sehr turbulenten Jahr der Weltgeschichte, denn mit dem Attentat in Sarajevo am 28.Juni 1914 begann der 1. Weltkrieg und dieser endete, mit siebzehn Millionen Tote, am 11. November 1918.

Opa kam nach Kriegsende heim und wir zogen in einen anderen Ort, das war für meinen Vater und seine damaligen zwei Geschwister, eine komplett neue und abenteuerliche Umgebung.

Eines Tages fuhren unsere Eltern, so erinnerte sich unser Vater, mit den Kindern nach Freudenthal und kauften uns Matrosenanzüge und für seine Schwester ein Matrosenkleid. Dann ging es zum Fotographen mit der neuen Pracht. Diese Erinnerungsfotos waren zu der Kaiserzeit schon üblich gewesen. Ansonsten wurden diese „Sonntags-Sachen“ nur zum Kirchgang angezogen.

Inzwischen war Vater bereits sechs Jahre alt und musste zur Schule, dabei trug er noch lange Locken, die bis zu seiner Schulter reichten. Diese langen Haare mussten nun runter, denn er war ja ein Junge! Als die Locken ab waren, ging er nur noch mit einer Mütze auf die Gassen.

Papa erinnerte sich gerne an seine Schul- und Kinderzeit, die Volksschule hatte vier Klassen und ihr Spielplatz war am Bahndamm neben dem Haus.

Die Schulzeit verging viel zu schnell, ab der fünften Klasse ging unser Papa nach Friedland auf die Bürgerschule.

Der Schulweg war jedoch sehr lang, zweieinhalb Kilometer und dieser Weg wurde an sechs Tagen die Woche zwei Mal am Tag zurück gelegt, Sommer wie Winter. Einen Schulbus-Zubringer, wie Heute üblich, gab es damals nicht, denn es war 1924!

Auch die Schule war kein „Honigschlecken“, der Unterricht ging von acht bis Zwölf und von zwei bis vier Uhr, am Donnerstag auch bis fünf Uhr, Samstag war von acht bis eins verplant! Für den Schulweg trafen wir uns immer bei meinen Eltern und dann zogen wir gemeinsam in einer Gruppe von sechs bis sieben Kinder zur Schule.

Die schönste Jahreszeit waren natürlich die großen Ferien, sie gingen vom Feiertag „Peter und Paul“ am 29.Juni bis zweiten oder dritten September. Papa und sein ältester Bruder waren dann immer bei der Großmutter auf dem Land, in den Ferien.

Sie gingen mit aufs Feld, mussten die Kühe austreiben und hüten, durften nach getaner Arbeit ein Kartoffelfeuer anzünden und Kartoffeln braten.

Es war eine anstrengende Zeit in den Jahren des Wiederaufbaues nach dem Krieg.

Im Winter war mein Papa öfter mit seinem Vater bei der Großmutter zum Schweine schlachten, dies war dann immer mit einem Schlachtfest verbunden und zur Freude aller Anwesenden.

Die Jahre auf der Bürgerschule vergingen genauso schnell, wie auf der Volksschule und die Lehre nahte. Die schöne Zeit mit Ferien und spielen war nun vorbei, Papa lernte nun bei seinem Onkel Karl in Wigstadl, im Hotel Rosenhof.

Lehrjahre waren damals, genauso wie Heute, keine Herrenjahre. Es gab keine geregelte Arbeits- und Urlaubszeit, die anliegende Arbeit und die erforderlichen Aufgaben bestimmten das Leben. Früh um sieben begann der Betrieb und es ging bis Nachts um zwölf Uhr, solange halt Gäste anwesend waren. Sonn- und Feiertage waren Fremdwörter, nur am Hl. Abend war um vier Uhr Schichtende! In all den gesamten Lehrjahren war unser Papa nur ein Mal zu Hause und das für eine Woche.

Im Dezember 1930 hatte Papa sich mit seinem Onkel zerstritten, wegen einer Knickerbocker-Hose, danach verlies er seinen Onkel und das Hotel …

Seine Lehr- und Ausbildungszeit war bereits im September zu Ende und die angehängten Wochen fanden so einen unwürdigen Abschluss und es musste eine neue Arbeitsstelle gefunden werden. In der Gastwirtschafts-Zeitung las er, dass ein Oberkellner im Deutschen Haus in Budweis und ein Ober im Hotel Horbach in St. Joachimstal gesucht wurde.

Seine Wahl fiel auf das zweite Angebot, denn es war weiter von zu Hause entfernt und Karl wollte nicht mehr unter dem Zugriff seiner Eltern stehen. Mitte März war es dann so weit, der spärliche Auszug wurde vollzogen. Nach der strengen Lehrzeit in Wigstadl wurde Karl wieder sehr fröhlich und ausgelassen, hier begann erst richtig seine Jugendzeit. Geld wurde genug verdient, Freunde und Freundinnen waren kein Problem, denn Karl war im örtlichen Skiclub und im Turnverein.

Die Arbeit machte sehr viel Spaß und Freude und die Freizeit kam nicht zu kurz, nicht so wie beim Onkel in Wigstadl. Nach getaner Arbeit ging es mit den Freunden und -inen oft auf Bierreise, es gab in der Umgebung mindestens fünfzehn Wirtshäuser und die jungen Leute waren gern gesehene Gäste.

Sein erstes Motorrad kaufte Karl sich 1933 von seinem eisern ersparten Geld, im Sommer ging es zur ersten großen „Sause“ auf Urlaub zu den Eltern nach Stohl.

Seine Mutter lag ihm mit jeden Brief von zu Hause in den Ohren, „wann kommst Du uns einmal besuchen …?“, nun fragte seine Mutter nach drei Tagen, „… wann ich wieder abfahre …?“. Karl hatte gutes Geld in St.Joachimstal verdient und nun war er sehr regelmäßig mit seinem Vater und seinem Bruder abends ausgegangen, nüchtern kamen sie zum Leidwesen der Mutter nie nach Hause!

1934 kaufte sich Karl ein schweres Motorrad vom Typ 500 FN, Heute mit einer Harley Davidson zu vergleichen, mit seinem Freund ging es für acht Tage quer durch das Elb-Sand-Stein-Gebirge.

Im Sommer 1935 kam sein Vater mit seinem Chef auf Besuch in das Hotel, wo Karl arbeitete, Karl nahm sich frei und es ging gemeinsam in das Café Terminus. Der Chef von meinem Vater wollte jedoch etwas erleben und fragte, „ob es nicht etwas mit weiblicher Bedienung gäbe …?“, dies war dann auch sehr schnell im Schwarzen Adler gefunden. Aber dies war nicht ganz so nach dem Geschmack meines Großvaters, dem Weinhändler aus Südmähren, wir beschlossen in die Fortuna-Nachtbar zu wechseln und dort wurde es dann sehr gemütlich. Jeder von uns hatte nach kurzer Zeit ein kurz bekleidetes Mädchen auf seinen Schoss, erst in den Morgenstunden ging es zurück in das Hotel Horbach.

Erst dreißig Jahre später erzählte Karl es seiner Mutter, wenn Vater noch gelebt hätte, dann wären wir sicherlich Beide mit einer gehörigen Schelte von Dannen gezogen …

… aber es war doch sehr schön mit den alten Herren.

1935 kaufte Karl sich sein erstes Auto, einen Tatra mit einem Vier-Zylindermotor und Anfang 1936 musste er zur Musterung, die Einberufung erfolgte dann zum ersten Oktober. Das Auto wurde verkauft und der Abschied vom Hotel erfolgte mit einer internen, feucht fröhlichen Feier …

Papa wurde zur Gebirgs-Attilerie nach Iglau eingezogen, es ging zu den Pferden, die für ihn ein ganz neues Kapitel waren. Das erste Jahr ging ohne Probleme vorüber, im Herbst 1937 wurde an allen Tagen am Schießplatz trainiert. Anfang Januar war er dann beim Langlauf in Novi Mesta und anschließend in Lopkov in der Slowakei und den legendären Karpaten, zum dreißig Kilometer Langlauf mit vollem Gepäck.

Im Frühjahr 1938 hatte es dann politisch in der Tschechoslowakei angefangen, die Deutschen zu verfolgen. Konrad Henlein hieß der Führer der Sudetendeutschen Nazis. Das machte sich auch stark beim tschechischen Militär bemerkbar, eines Tages waren die Mäntel der Gefreiten mit Hakenkreuzen in roter Farbe bemalt. Papa war damals im Krankenstand und hatte die Aufgabe, die Türschilder neu zu beschriften und er hatte weiße, schwarze und rote Farbe zur Verfügung. So fiel zuerst der Verdacht auf unseren Vater, er wurde eingesperrt und ins Militär-Gefängnis nach Brünn gebracht. Dort war es sicherlich nicht sehr schön, obwohl er beteuerte, dass er unschuldig sei!

Am Fronleichnamstag konnte Karl dann aus dem Gefängnis fliehen, Freunde besorgten Zivilkleidung und Geld und er fuhr mit der Bahn über Prag, ins Erzgebirge, dann nach Chemnitz und mit dem Zug nach Passau, von dort mit dem Schiff auf der Donau nach Wien zu seinen Verwandten, einer Schwester seiner Mutter.

Karl hatte ja keine Papiere musste sich aber irgendwo anmelden und um Asyl ansuchen. Österreich gehörte damals noch zum Großdeutschen Reich. Er kam in ein Aufnahmelager und musste ohne Lohn, nur für Essen und Unterkunft schwer arbeiten, etwas anderes, als unsere heutigen Flüchtlinge vorfinden!

Im August wurde dann das Sudetendeutsche Freicorps aufgestellt, die angehenden Soldaten wurden in SA-Uniformen gesteckt und bekamen die deutsche Militärausbildung. Im September 1938 ging es an die Böhmisch-Mährische Grenze und im gleichen Monat wurde das Sudetenland von der Deutschen Wehrmacht besetzt, das unrühmliche Unheil der damaligen Deutschen begann unaufhörlich seinen Vormarsch …

Die Tschechen hatten nun ihr Sudetenland verloren und zogen sich hinter diese Grenze zurück, dies hatte den Vorteil, dass Karl ohne Gefahr seine alte Heimat mit seinen Eltern und seinen Geschwister besuchen konnte, ohne verhaftet zu werden.

Weihnachten 1938 wurde gemeinsam zu Hause gefeiert und am fünften Januar, seinen Geburtstag, ist Karl zum Reichsarbeits-Dienst eingerückt …

… es sollte seine längste je statt gefundene Reise werden, es ging über Breslau, Frankfurt-Oder, durch den polnischen Korridor nach Königsberg in Ostpreußen, am nächsten Tag nach Memel, wo sie eingekleidet wurden.

Die Ausbildung begann mit dem Klappspaten, nach zwei Wochen wurde die Verteilung der Ausgebildeten vorgenommen, Karl kam nach Löwenstein auf die Schreibstube. Löwenstein lag jedoch sehr abwegig einer Großstadt und so verbrachten die jungen Männer ihre Frei-Zeit von Samstag bis zum Sonntagabend im Kaffeehaus. Auf den Bänken des Cafés hatten die netten Herren übernachtet und sie waren somit, die ersten Gäste am Sonntag-Morgen.

Am ersten Oktober wurde Karl zur Verwaltungsschule des Reichs-Arbeitsdienstes in Braunsberg abkommandiert.

Nach dieser Schule wurde unser Vater nach Rastenberg als Gruppen-Zeugmeister versetzt und hier lernte er einen Heinz Grahl kennen, der Karl zu seinen Aufbau-Kommando nach Blaustein mitnahm, er besuchte seine Freundin Editha.

Als die Drei, hübschen Männer dort ins Lager kamen, da hatten die Arbeits-Maiden keinen Ausgang und sie verbrachten den Nachmittag bei den Führerinnen in der Baracke bei Kaffee und einer rosa Torte. Zwei Wochen später fuhr Karl erneut mit Heinz und dem Fahrrad nach Blaustein, zuerst kehrten sie im Wirtshaus ein und sie tranken sich Mut an. Danach ging es zur bekannten Baracke von der Editha und es gab erneut Kaffee und einen warmen Ofen, denn draußen war es bereits ziemlich herbstlich kühl geworden.

Die jungen Männer hatten ja schon im Wirts-Haus „vor geglüht“ und da ging das Erzählen schon wie von selbst. Karl machte seiner heimlichen Errungenschaft klar, dass sie einmal nach Rastenburg zu ihm kommen sollte, Heinz müsste nicht unbedingt davon wissen, was auch wieder verständlich war …

… Editha lies nicht sehr lange auf sich warten und sie brachte eine Kameradin mit, Karl hatte auch einen Kumpel mitgebracht und so ging es zu Viert ins Café Küstner. Karl bestellte Sekt und gab sich mit Spendierhosen, sie tranken Bruderschaft. Später gingen sie spazieren und Karl setzte seiner neuen Flamme die „Pistole“ auf die Brust und bat sie, sich für Karl oder Heinz zu entscheiden.

Karl wollte in drei Tagen eine Antwort erhalten, er wollte wissen woran er mit ihr war …

… ihr Entschluss fiel für Karl aus!

Karl war über diesen Entschluss mehr als glücklich und es wurde unsere Mutter …

***

Der 2.Weltkrieg hatte am 1.September 1939 mit dem Überfall auf Polen begonnen und sollte erst am 2.September 1945 enden …

… er brachte viel Leid unter der Bevölkerung, mit mehr als 26 Millionen Tote weltweit,davon allein in Deutschland 6,3 Millionen Tote …

Der 1. Weltkrieg war 1918 zu Ende, die Menschen atmeten wieder leichter das Leben kam wieder in den Vordergrund …

… man sprach von den Goldenen Zwanziger Jahren, es war der Zeitraum zwischen 1924 bis 1929. Der Begriff veranschaulicht den wirtschaftlichen Aufschwung in den 20er-Jahren, der in vielen Industrieländern seinen Einzug hielt und er stand auch für die Blütezeit der Kunst, der Kultur und der Wissenschaft …

… kurz vor diesen Goldenen Zwanzigern erblickte unsere Mutter das Licht der Welt …

***

Unsere Mutter entstammt den Preußen, sie kam aus Pommern, das auch das Weizacker-Land genannt wurde …

Ihre Geburtsstadt war Pyritz in Pommern, hier wurde sie im Wonnemonat Mai 1921 geboren. Der Vater entstammte auch dieser Stadt und die Mutter kam aus Woltersdorf, Landkreis Greifenhagen.

In Woltersdorf wurde auch ihre Mutter Else, 1892 geboren. Meine Großeltern hatten in Woltersdorf einen hundert Hektar großen Bauernhof in dem benannten Weizacker-Gebiet, dazu gehörte auch ein Waldgebiet in der Buchheide mit einem See von fünfundzwanzig Hektar.

Viele wissen nicht, wo dieses schöne Land liegt? Damals war Pommern im Deutschen Kaiserreich, die Kornkammer des Reiches. Pommern liegt an der Ostsee, war damals schon eine Perle gewesen, schon in dieser Zeit gab es hier an der Küste viele Badeorte mit schönen Stränden und vielen Feriengästen.

Es gab viel Wald und eine ertragreiche Landwirtschaft, große Güter und reiche Bauernhöfe, aber auch viele arme Leute nach dem ersten Weltkrieg. Die meisten Männer waren arbeitslos und die zu ernährenden Großfamilien waren der Inflation, Ende der Zwanziger Jahre, ausgesetzt.

Die älteren Menschen und auch die Großeltern sprachen oft von der „guten alten Zeit im Kaiserreich“, vor dem ersten Weltkrieg.

In den Jahren 1920 bis 1933 hatte sich alles grundlegend geändert …

… Unsere Großmutter berichtete unserer Mutter aus ihrem Leben und sie wollte dies uns, in ihrer Weise mitteilen, damit wir alle verstehen, was ihnen Pommern als Heimat bedeutete …

… nun noch ein bisschen Geschichte …

Schon 500 v. Chr. siedelten hier germanische Volksstämme, bis 1206 unternahmen die Polen, verschiedene Kriege gegen Pommern. 1124 aber taufte Otto von Bamberg die ersten Bürger von Pommern in Pyritz und 1140 gründete er das Bistum Altstädter Burg. 1181 kam Pommern zum Deutschen Reich und 1186 wurde die Stadt Pyritz erwähnt. 1301 gab es bereits eine Stadtmauer und später wurde diese Stadt auch das „Pommersche Rothenburg“ genannt.

In den nächsten Jahrhunderten wurde es öfter durch Brandschatzung zerstört, aber immer wieder neu aufgebaut. Auch der 30ig jährige Krieg ging über Pommern hinweg, die Schweden zogen hier hindurch in den Süden von Deutschland. 1634 und 1652 brannte Pyritz erneut ab und die Schweden hielten diesen Teil Pommerns nach dem 30ig jährigen Krieg, noch bis 1720 bzw. sogar einen Teil bis 1815 besetzt und gaben dieses Gebiet erst dann an Preußen zurück.

1684 hatten sich unsere Vorfahren in Woltersdorf einen Bauernhof erbaut, laut der Jahreszahl an der alten Scheune, auf dem Hof meiner Großeltern, noch Heute gibt es in Schweden den Familienname meiner Großeltern.

Viele Schweden sind in Pommern beheimatet, deren Ursprung aus der hundert jährigen Besetzung herrührt.

Heute ist Pommern ein Teil des Landes Polen und wahrscheinlich für Immer verloren …?

Die Großmutter erzählte oft aus ihrer Jugendzeit im Kaiserreich, von den großen Flottenparaden in der nahen Hauptstadt von Pommern, in Stettin, vor der Hakenterrasse. Die Oder war dort sehr breit und sehr tief, dahinter lag das bekannte Haff, bis kurz vor der Ostsee und war durch einen Fluss verbunden.

Hier konnten damals schon große Handelsschiffe und natürlich auch Kriegsschiffe in Stettin anlegen und ein- und ausfahren.

Im Dezember 1882 hatten meine Großeltern in Woltersdorf geheiratet und den Hof übernommen. Es war noch ein richtiger Bauernhof mit Hühnern, Enten, Gänsen, Schweinen, und Schafen, vielen Rindern und Kühen, Zugpferden aus dem schweren Oldenburger Kaltblut-Geschlecht und schöne Reitpferde aus der eigenen Zucht am Hof. Es gehörte wohl zur Tradition, dass am Hof Reitpferde gezüchtet wurden und diese Pferde waren zum Großteil für die Schwedter Garnison.

In Schwedt leisteten auch viele Männer ihre Dienstzeit für Kaiser und Vaterland ab, wie es damals wohl so hieß.

Zwei große Schäferhunde und ein Bernhardiner-Paar bewachten den Hof und für die Schafe gab es noch einige Hüter-Hunde.

Für dies alles und hundert fünfundzwanzig Hektar Land mussten meine Großeltern Sorge tragen. Sie hatten in den Jahren zwischen 1882 und 1900 vier Söhne und drei Töchter.

Im ersten Weltkrieg verloren die Großeltern den ältesten Sohn und Hoferben, zwei Söhne kehrten verwundet heim.

1912 heiratete meine Tante Martha einen Bauernsohn aus dem Nachbarort und mit ihrem Erbe kauften sie noch eine Bäckerei in Pyritz. Mein Onkel war hier Bäckermeister und Konditor, uns allen als Opa Wendt bekannt.

Mein Großvater starb 1916 an einem Herzschlag während des ersten Weltkrieges, Großmutter führte mit einem Verwalter den Hof weiter, ihre zwei Töchter und einige Arbeiter halfen tatkräftig mit.

Meine Mutter starb kurz nach meiner Geburt und mein Vater starb 1925, als ich vier Jahre alt war. Ich war nun Vollwaise …

… nach dem Tod meiner Eltern kam ich zu meiner Tante Martha und Onkel Paul Wendt, sie hatten zwei Söhne Günther und Werner. Für mich wurden sie zu meiner Familie und zu meinen Eltern und die Buben zu meinen Brüdern, alle Welt hielt mich in Pyritz für ihre Tochter und für die Schwester meiner neuen Brüder.

Unsere Mutter ging dann mit fünf Jahren in die Schule, damals war sie schon sehr wissbegierig, vor allem sehr lebhaft. In der Volksschulzeit muss sie ihre Lehrer schon sehr strapaziert haben, denn sie wurde schon in der siebten Klasse für den Übertritt in die Aufbau-Schule freigegeben. So kam es, dass sie vor ihren gleichaltrigen Mitschülern zwei Jahre Vorsprung hatte. 1938 war für sie die Schulzeit beendet und sie musste, wie alle anderen Abiturienten zum Reichs-Arbeitsdienst.

Drei Monate blieben noch bis zu ihrem Geburtstag, danach ging es drei Monate auf die Handels-Hochschule in Stettin, um die Verwaltungs-Tätigkeit zu erlernen.

Am 1. Juli 1939 berief sie der Reichs-Arbeitsdienst in das 750 Kilometer entfernte erste Lager in Ortelsburg, ganz im Süden von Ostpreußen. In dem Lager waren sie insgesamt fünfundvierzig Mädchen, diese wurden zur Hilfe bei den Bauern und im Kinder-Garten eingesetzt.

Es gefiel uns ganz gut, nur die Sprache mit dem harten Dialekt war sehr schwer verständlich und der Herr Pfarrer predigte seinen „Schandteil“ von der Kanzel gleich mit, „… wo der Herrgott sein Haus hin baut, da stellt der Teufel seins daneben …“. Mit diesem Ausspruch meinte dieser „Glaubensvertreter“, sicherlich nur uns?

Am 1.September 1939 wurde scharf geschossen, der 2. Weltkrieg begann mit dem Überfall auf Polen, es brannte im Ort und wir verließen das Lager im Grenzland und es ging nach Blaustein zurück.

Hier herrschte wieder der Alltag, fernab der Kriegseinsätze, an den Feiertagen ging es lustiger zu, es gab Musik und fröhliche Unterhaltung, am Abend konnte jeder seine Sachen richten, lesen oder seine Freizeit nach Geschmack verleben. Auch gab es Besuchs-Nachmittage im Lager, Verwandte und Freunde konnten gerne das Lager besichtigen, Heute sagt man wohl „Tag der offenen Tür“.

Vorher musste zwar alles hübsch aufgeräumt werden, was weniger den Mädchen gefiel.

… an einem dieser Tage lernte unsere Mutter ihren späteren Mann, unseren Vater kennen.

Mit Schokolade versuchte er meine Gehilfinnen zu „bestechen“, damit ich schneller oder leichter zu erreichen war. Einige Male fuhr sie auch mit dem Fahrrad nach Rastenburg in meiner Freizeit, wir trafen uns dann im Café oder auf der Dienststelle. Für den folgenden Monat bekam sie eine Abkommandierung nach Lötzen auf die Verwaltungsschule, denn es gab immer neuere Verordnungen, dieses Mal für den Kriegsfall.

Dort in Lötzen hatten sie sich für einen Kinobesuch verabredetet, danach ging es in eine Weinstube, von dort rief unsere Mutter dann ihren Vormund an und teilte ihm mit, dass sie sich mit Karl verloben wollte. Der Onkel meinte nur, „… was man sich einbrockt, das muss man auch gemeinsam auslöffeln …“.

Am 29.November 1939 hatten sich unsere Eltern in Lötzen verlobt …

… sie planten einen gemeinsamen Weihnachtsurlaub, zuerst wollten sie bei ihren Verwandten in Pommern einige Tage verbringen und dann mit ihrem Verlobten bei seinen Eltern Weihnachten feiern, seine Familie kennen lernen und zum Silvesterabend wollten sie wieder in Pyritz sein.

Aber manchmal geht es ebend nicht nach der Planung, zu Mal der Wettergott nicht mitspielte. Es wurde alles durch einander gewirbelt, mit Verspätungen, sie lernten die gegenseitige Verwandtschaft kennen und kamen zum Schluss zu Karls Eltern. Die zukünftige Schwiegermutter warnte unsere Mutter, „diesen Hallodri nicht zu heiraten …“ und bot ihr, ihre anderen Söhne als Ersatz an …?

… unsere Mutter blieb bei ihrer ersten Wahl, unseren Vater!

Unsere Mutter erbat von ihrer Dienststelle in Ostpreußen für die geplante Hochzeit am 24. und 25. Februar 1940 einen Sonderurlaub und um ihre Versetzung nach Pommern, der Urlaub wurde genehmigt, die Versetzung nicht!

Meine zwei Vetter bekamen keinen Urlaub, denn es war bereits Kriegszustand und es gab für alles schon Bezugsscheine und Verpflegungsmarken. Diese Auflagen verhinderten größere Feste und Feiern …

Es kamen aber doch viel mehr Gäste als gerechnet! Unsere Mutter war ja dort geboren und wuchs dort bei ihrem Onkel und ihrer Tante auf, die wie ihre Eltern waren …

… die Hochzeit war sehr schön, es ging mit Kutschen, anstelle von Autos, in die Kirche und gefeiert wurde im Gasthaus Viktoria bei sehr guten Freunden der Familie. Von unserem Vater kamen die Eltern und ein Bruder, trotz der weiten Anreise zur Hochzeit. Die Musik stellte der Kommandeur von unserem Fliegerhorst und auch einige sehr guten Tänzer, sie waren Flieger bei dem berüchtigten Stuka-Geschwader aus der Stadt.

Nach der Hochzeit ging es zurück nach Rastenburg, kalt war der Winter, aber auch das Bett im Hotel. Unsere Mutter musste noch einen Monat im Lager arbeiten, ihre Sachen übergeben und dann erfolgte die Entlassung zu Ende März.

Bis zum 15.April 1942 blieben unsere jungen Eltern dann noch zusammen, dann musste unser Vater zu den Soldaten nach Allenstein, die Uniform des Reichs-Arbeitsdienstes wurde getauscht und das Soldatenleben nahm seinen Lauf …

… Mutter erwartete ihr erstes Kind und es sollte im Oktober geboren werden. Es herrschte trotz der Kriegswirren und der doch spürbaren Einschränkungen im alltäglichen Bereich, große Freude.

Zur Entbindung fuhr unsere Mutter dann doch nach Hause zu ihren Eltern, allein wollte und konnte sie nicht bleiben, fast wäre eh noch alles schief gegangen. Der behandelnde Hausarzt hatte sie schon fast aufgegeben, aber irgendwie hat unsere Mutter dies doch gut überstanden.

Der kleine Sohn war kräftig, gut genährt und konnte schreien, für das Kind hatten sich die Eltern auch schon einen Namen ausgedacht, bei einem Mädchen sollte es Sabrina heißen, nun war es ein Junge und er bekam den Namen Severin …

***

Das „normale“ Leben war schon sehr eingeschränkt und die Hiobs-Botschaften und Schicksals-Schläge nahmen kaum eine Familie aus.

Schwager Hans fiel gleich im ersten Gefecht in Russland 1942.

Ein Bruder meiner Schwiegermutter wurde schwer verwundet, hatte einen Lungensteckschuss abbekommen und sollte schnellstmöglich operiert werden.

Mein Bruder Günther war in Prag und ließ sich seine Augenverletzung behandeln, Jahre später sollte er an dieser erlittenen Verletzung erblinden.

Meine Neffen Gustav und Hans gerieten in Finnland in Gefangenschaft und sie sollten erst 1948 in ihre Heimat zurück kehren, zumindest war für diese Beiden der Krieg vorbei.

Vetter Werner blieb in Russland vermisst, nicht nur für die Eltern ein schwerer Verlust …

***

Im Juni 1943 übersiedelte unsere Mutter mit dem Söhnchen Severin nach Wiesenthal, wo sie ein Häuschen gekauft hatte aber die Renovierungsarbeiten waren in dieser Zeit nur mit viel Geduld zu schaffen.

Von Juni 1943 bis 1944 wurden die gröbsten Umbauten erledigt, bis zu dieser Zeit wohnte die übrig gebliebene, kleine Familie in einem kleinen Holzhaus in der Nähe, später noch in einem Raum im alten Gasthaus-Bau, 1944 war dann alles fertig und die Wohnung konnte bezogen werden.

Die Schwiegereltern kamen auf Besuch und waren begeistert von der schönen ländlichen Gegend. Im Haus lebte noch ein älteres Ehepaar, die sehr gerne die Hausmeister-Tätigkeit übernommen hatten und wir waren nicht so allein und einsam. Zur Hilfe im Haus und im Garten bekamen sie eine Arbeits-Maid zugeteilt, die alle sechs Wochen sich abwechselten. Das kleine Anwesen hatte viel Wald, Wiesen und Ackerland. Die Wiesen waren an die Nachbarn verpachtet und dafür gab es Milch für die Kinder.

Am 26.November 1944 wurde eine kleine Tochter geboren, sie sollte auf den schönen Namen Dietlinde bald getauft werden. Mit einem Pferdeschlitten wurde diese „Fracht“ von den Nachbarn aus der Klinik abgeholt.

Dieses Mal hatte die junge Mutti Angst vor der Geburt und ging vorsorglich gleich in die Klinik und der Verlauf gab keine Sorge zum Anlass.

Während dieser dramatischen Tage kam auch die Schwiegermutter ins Haus, es war bereits der kalendarische Winter ins Land gekommen und die Investitionen in die bereits eingebauten Kachelöfen, machten sich bezahlt, es wurde schön mollig warm für Jedermann im Haus und Holz gab es noch genügend zum Heizen.

Weihnachten 1944 wurde Dietlinde getauft, ihr Papa hatte Urlaub von der Front bekommen, es war noch einmal ein schönes Fest mit vielen Feierlichkeiten, vor Jahres-Ende musste Papa allerdings wieder an die Front zurück.

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1945 kamen die Russen auch nach Wiesenthal, wir lebten oben auf dem Bramberg in unserem Haus. Mutter musste für die Tschechen, die Briefe vom Ausland übersetzen und wir wurden in Ruhe gelassen. Russische Offiziere kamen auch zu uns ins Haus und wollten das Wohnzimmer für ihre Arbeit requirieren. Schon damals hatten wir uns oft unterhalten, über ihre Ziele.

Sie meinten, dass die Deutschen für sie Kameraden, wenn auch Feinde, wären. Von den Tschechen hatten sie keine gute Meinung, denn da hatten sie schon ihre Erfahrung in dieser Hinsicht gemacht.

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Der zweite Weltkrieg zerstörte alles und die Tschechen und die Polen sind nun die neuen Hausherren …

… nach dem Krieg waren wir alle auf der Flucht vor den Russen, das große Unrecht mit der Zwangsvertreibung begann …

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… nun noch etwas geschichtliches …

Mit der Kapitulation der Wehrmacht am 8.Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg in Europa. Die Reichsmark hatte schon sehr an Bedeutung verloren.

Die Währungsreform wurde am 20. Juni 1948 vollzogen, pro Kopf wurden 40 „Deutsche Mark“ ausgegeben, das gesamte Geld-Volumen betrug nach der Umstellung 13 Milliarden Mark.

Die Sowjetunion setzte am 24.Juni 1948 die „Berlin-Blockade“ durch, sie wurde mit der Durchführung der Währungsreform begründet. Im Juli 1948 führte die Sowjetunion in Ostdeutschland eine eigene „Deutsche Mark“ ein.

Am 18.Mai 1990 wurde der Vertrag über die Währungsunion unterschrieben, die D-Mark-West wurde somit auch in Ostdeutschland eingeführt und 1: 1 umgetauscht.

Das Ende der Deutschen Mark war am 1. Jan.

1999 besiegelt, es kam die neue Währung „Euro“ als Zahlungsmittel in den Handel …

II
II

Mutter suchte dann um eine Aussiedlung nach Bayern an und zwar mit unserem Vater und den beiden Kindern, Vater war zwar noch in tschechischer Kriegsgefangenschaft, aber Anfang 1946 sollte die Aussiedlung in trockenen Tüchern sein.

Wir durften Gepäck und für die Kinder Korb und Kinderwagen mitnehmen, auch Essen hatte Mutter vorbereitet und mit ins Lager bei den Tschechen genommen. Leider sperrten die Amerikaner für vier Wochen diese Transporte und so musste die junge Familie im Lager bleiben und mit dem Lageressen vorlieb nehmen.

ARSEN war dem Essen beigemengt und Kinder unter zwei Jahren bekam dies nicht. Dietlinde war auch davon betroffen und starb uns dann im Lager bei Furth im Walde …

… an ihrem Beerdigungstag kam auch unsere Großmutter, sie wollte uns alle mitnehmen, aber es ging nicht. Severin war sehr krank und Mutter ging es auch sehr schlecht, wir hatten alle mit der gemeinen, niederträchtigen Vergiftung die größten Sorgen. Über den örtlichen Pfarrer und das Rote Kreuz erhielten wir dann über die Schweiz, das benötigte Penicillin und mit einem der nächsten Transporte konnten wir weiter nach Euerdorf bei Bad Kissingen ziehen.

Vater war zu dieser Zeit in einem Gefangenenlager bei den Amerikanern, dort bekam er seinen Entlassungsschein, den er unbedingt benötigte um einen Zuzug und die wichtigen Lebensmittel-Karten zu erhalten. Vater fuhr dann erst einmal nach Coburg, wo er den Rest der Familie vermutete, alle halfen ihn dann weiter und in Kürze zogen wir dann gemeinsam nach Coburg. Wir fanden eine Holzbaracke mit Möbeln und sogar mit Betten, zwar auf einem Fabrikgelände, wir waren nach dieser Odyssee wirklich nicht wählerisch und außerdem gab es hier einen Garten und fließend Wasser. Es war wirklich so in Ordnung, das Schlimmste war überstanden und wir waren nun endlich im Frieden zusammen. Dort in Coburg hatten sie von 1946 bis 1948 gelebt Vater hatte eine Arbeit und für das Essen musste Jeder selber sorgen oder sich was Essbares besorgen, wenn er nicht hungern wollte …

… langsam besserte sich unsere Lage, allgemein und finanziell. Wir zogen in ein festes, gemauertes Haus ein und hier wurde unsere Tochter Sarrina im März 1947 geboren und es wurde wieder sehr lebhaft in unserem kleinen Haus. Auf der anderen Seite hatten wir große Sorge um unseren Ältesten Severin, da er schubweise über Nacht hohe Fieberanfälle bekam, diese reichten bis zu der kritischen vierzig Grad Marke. Ein uns nahestehender Arzt riet uns zu einem Orts-Wechsel, am besten an die See oder in das Gebirge. Vater war ja auch im Gebirge aufgewachsen und so wollten wir versuchen hier einen Wohnungstausch zu vollziehen.

Zum 1. April 1948 hatten wir einen Wohnungstausch-Partner nach Walchensee in Oberbayern gefunden, diese Familie wollte in die Stadt und wir aufs Land im Gebirge.

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Deutschland hatte ja diesen irrsinnigen Krieg verloren, die feige „Braune Brut“ hatte sich zum Teil selbst ins Jenseits befördert oder wurde strafrechtlich durch die Alliierten verfolgt und abgeurteilt, viele schafften aber auch unbemerkt den Absprung in die Anonymität, um später erneut auf sich aufmerksam zu machen …

Die USA, Franzosen, Engländer und die Russen teilten Deutschland in vier Sektoren auf. Westdeutschland ging an die ersten drei Besatzer und der östliche Teil an die Russen, Berlin wurde als Enklave des östlichen Deutschlands gleichfalls in vier Sektoren aufgeteilt, jeder mit eigener Verwaltung unter den Besatzungsmächten. Zum gesamten östlichen Teil des ehemaligen Deutschlands baute sich nicht nur ideologisch der „Eiserne Vorhang“ auf, es war der Eiserne Vorhang und die Ostbevölkerung wurde regelrecht abgeschnitten, wirtschaftlich und menschlich.

Berlin war ein Inselstaat und der traurigste Höhepunkt war erst einmal der 17.Juni 1953, mit dem Niederwalzen des Arbeiteraufstandes und dann wohl der 13.August 1961 mit dem Befehl von Walter Ulbricht zur Abriegelung der Sektorengrenze in Ostberlin und dem verbundenen Mauerbau …

… eine Schandmauer mit Todesstreifen und Schießbefehl, vielen Toten und Verletzten, zog sich durch Berlin und durch Deutschland. Es schien als hätten die Herren im Osten nichts aus den vergangenen beiden Kriegen gelernt. Dieser Mauerbau und der Ausbau der innerdeutschen Grenze wurde aus Angst vor einen dritten Weltkrieg, von den westlichen Besatzern, nicht verhindert.

Familien wurden von einem zum anderen Tag von einander getrennt und wie sagte einst der „Oberindianer“ der DDR Honecker, „… es ist ein antikapitalistischer Schutzwall gegen den Westen …“ und diese Teilung sollte für die nächsten achtunddreißig Jahre seinen Bestand haben …

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Unsere Eltern waren nun doch sehr hoffnungsvoll und zuversichtlich, ausgestattet mit einer großen Portion Schaffenskraft und in den besten Jahren.

Sicherlich die Jugend war vorbei, vergeudet durch den „braunen“ Wahnsinn, gestohlen aus dem Leben, aber nun war der „Spuk“ vorbei, der Aufbau war voll im Gange und jeder versuchte seines Glückes Schmied zu sein. In Walchensee war es jedoch nicht leicht für Vater Arbeit zu finden, es gab körperlich schwere Arbeit im Steinbruch, später auch als Wachmann für das Spreng-Stofflager, denn ein großes Bauvorhaben war am Riessbach am Entstehen.

Die Eltern versuchten einen Bauplatz am Walchensee zu bekommen, was jedoch erst nach einer weiteren Währungsreform gelang, sie kauften dies auf Abzahlung.

Mein Bruder Severin entwickelte sich prächtig und die Gebirgs- und Seeluft taten ihres dazu. Unsere Eltern vermissten natürlich Dietlinde, die auf so böse Weise von uns gehen musste, aber auch die Zeit heilt so manche Wunden und irgendwie hatte jede Familie mit einem ähnlichen Schicksal seine Bewandtnis.

Unsere Eltern träumten von einer Groß-Familie mit einer großen Kinderschar und Vater war vernarrt, alle Kinder mit dem gleichen Anfangs-Buchstaben zu benennen, mit Severin und Sarrina war nun schon der Anfang getan …

… es kündigte sich bereits weiterer Zuwachs an, Ende September 1948 erblickte ein weiteres Bürschlein namens Siegfried das Licht der Welt, er war die Nummer Drei der Thron-Folge und ein kleines gut genährtes Bürschlein mit einigen Speckfältchen am „Mittleren Ring“. Unsere Wohnung wurde langsam zu eng in dem angemieteten schwedischen Holzhaus , das früher ein Jagdhaus war.

Auf dem ersten Grundstück durften unsere Eltern nicht bauen, also wurde das Grundstück getauscht und dann wurde endlich der beantragte Bau genehmigt. Tag für Tag hatten unsere Eltern in eigener Arbeit ein Haus für uns gebaut, Hilfe konnten sie sich nicht leisten, denn das angesparte Baugeld wurde durch die Währungsreform „aufgefressen“. Für die noch fehlenden Ziegel musste noch ein zusätzlicher Kredit von sechshundert Mark aufgenommen werden, groß wurde das Haus nicht, aber doch sehr schön und gemütlich …

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Nach der Währungsreform war der Geldwert nach unten gesetzt worden, Vater verdiente als Stundenlohn circa siebzig Pfennige und ein Brötchen kostete drei Pfennige …

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Dann wurde noch eine Garage mit großem Hühnerstall an der Nachbargrenze gebaut, Mutter kümmerte sich um den Garten und investierte viel Arbeit hinein, Gemüse und Beerenobst wurde gepflanzt, auch für Blumen war noch genügend Platz. Viele Gäste im Sommer brachten auch einiges Geld in die schmale Kasse, Vater und Severin schliefen auf dem Heuboden oberhalb der Garage und dem Hühnerstall und Sarrina, Siegfried und Mutter im Wohnzimmer, die oberen zwei Zimmer waren vorerst für die Gäste.

In dem Neubau hatten wir am Anfang weder fließend Wasser noch elektrisch Licht, denn dazu reichte erst einmal nicht unser Geld. Das Wasser musste mühsam vom Nachbarn, in Eimern, herüber getragen werden, eine schwere Arbeit.

1950 übernachteten schon im Rohbau die ersten Sommergäste, sie kamen dann jährlich wieder und freuten sich mit unserem kleinen Wohlstand nach der Fertigstellung des Hauses. Wir verfügten nun über vier Fremdenzimmer im Obergeschoss und unten war das Wohnzimmer zum Frühstücksraum umfunkioniert worden, aber meistens fand das Frühstück bei Sonnenschein auf der Terrasse statt …

… später wurde noch ein Keller angebaut mit einer überdachten Sitzterrasse, aber der Keller eignete sich bei Regenwetter eher als Schwimmbad, als zu einen Vorratsraum.

Das Haus war für die damaligen Verhältnisse und Bedürfnisse fertig gestellt, nicht der selbstverständliche „Luxus“, den wir uns Heute vorstellen und als vorausgesetzt betrachten. An fließend Wasser oder an ein Bad war noch nicht zu denken, ein Wasserklosett gab es auch nicht, dafür ein Plumpsklo außerhalb des Hauses und alle Zeitungs-Exemplare wurden fein säuberlich auf DIN A6 mit dem Messer geschnitten, mit einem Zwirn an einem Ecke zusammengefügt und als Toilettenpapier benutzt. Extra weiche Wellentextur, drei- bis vierlagig lag noch in weiter Ferne.

Das benötigte Tageswasser stand in Eimern in einem dunklen Vorratsraum und für uns Alle, war dies ein kostbares Lebensmittel …

… was aber nicht heißen sollte, dass Kinder auch in dieser Zeit gerne mit Wasser spielten bzw. Gedanken verloren ihren Spaß damit hatten. Einmal, als wir alleine zu Hause waren, die Luft rein war und es galt besonders „cool“ zu sein, da fiel uns natürlich das Wasser in dem Vorratsraum ein, zuerst durften unsere Bade-Entlein ein ausreichendes Bad nehmen, schwimmen und tauchen, dass es eine Freude war. Ganz selbstverständlich mussten Entlein auch einmal „Pippi machen“ und diesen Part übernahm Siegfried und pinkelte im hohen Bogen in den Wassereimer, die Pinkelblasen erfreuten uns alle und wir hatten diesem Geheimnis keine weitere Aufmerksamkeit zugemessen …

… wahrscheinlich hätte niemand mehr daran gedacht, wenn meine Mutter nicht beim Essen zubereiten von dem seltsamen Geruch des Wassers gestört wurde, aber Frauen und besonders Mütter müssen ja immer allen Übel auf den Grund gehen, warum eigentlich?

Ein paar Querfragen an Papa, an die Schwester und den Bruder und schon hatte die „Staatsanwältin“ den Hauptschuldigen ausgemacht …

… es blieb nicht nur bei ein paar Belehrungen, nein es setzte schon ein paar Schläge auf den Hosenboden, denn wir hatten noch die antiautoritäre Erziehung, alles Andere kam erst viel, viel später. Die Demokratie, auch das großzügige Vergeben musste langsam in den folgenden Jahren erst gelehrt und erlernt werden, Eltern, Erwachsene, Lehrer und Pfarrer waren Respekt-Personen und da sollte sicherlich noch so manches Exempel statuiert werden.

Mutter wurde erneut schwanger und Ende Juli kam unsere Schwester Sarah auf die Welt und es war gerade Hochsaison für Gäste am Walchensee. Eines Sonntag-Nachmittags wurde bei uns zu Hause nach der ortsansässigen Allgemein-Ärztin gerufen und diese ging mit unserer Mutter ins Nebenzimmer und nach einiger Zeit, so erinnerte ich mich noch Heute, durften wir unser neues Schwesterlein bestaunen, was natürlicher Weise der „Klapperstorch“ gebracht hatte.

Viel Ruhe- und Erholungszeit gönnte sich unsere Mutter nicht, der Alltag hatte für Alle seine Pflichten und wir konnten zum ersten Mal miterleben, wie so ein kleines Menschenkind heran wächst. Es war eine schöne erlebnisreiche Zeit mit kleinen Streitereien, wer nun die Milchflasche halten durfte oder wer den Stubenwagen hin und her fahren sollte, damit Sarah einschlief. Siegfried war dabei groß im Vorteil, denn er war noch nicht eingeschult und somit den ganzen Vormittag zu Hause und er ging dabei unserer Mutter mehr als zur Hand, zum Leidwesen von Sarrina und Severin. Dieser vorwitzige Knabe genoss das Heranwachsen seiner Schwester.

Wir hatten Hochsommer und die Schulferien standen an, Sarrina hatte die erste Klasse gut absolviert und Severin machte keine größere Sorgen.

Sehr lieb gewonnene Dauergäste stellten sich als Taufpaten zur Verfügung.

***

Vater war durch die schwere Arbeit im Steinbruch sehr schwer am Rücken erkrankt, musste zum Teil ein Korsett tragen und durfte nicht mehr schwer heben, es ergab sich der Verdienst durch Heimarbeit von einem ansässigen Werk für Reißverschlüsse.

Vorsorglich, im Sinne der Selbstversorgung und zur Absicherung unseres kleinen Wohlstandes, kauften unsere Eltern noch ein weiteres Grundstück mit Wasserlauf, unterhalb des Hauses, dazu. Hier entstand ein wahres Paradies für freilaufende Hühner, Enten und Gänse, sogar Puten, Stallhasen und ein Schäferhund Rüde namens „Batzi“

waren unser Eigen.

Unsere Mutter erinnerte sich sehr gerne an drei, unserer weißen Großhühner, die so anhänglich und Personen bezogen waren. Sie liefen unserer Mutter überall hinterher, ging unsere Mutter zum Einkaufen in den Ort, so schlüpften diese Drei irgendwo durch den Zaun und folgten unserer Mutter, das Dorf amüsierte sich stets über diese Begleitung, und Mutter musste sehr oft diese Tiere erst zurück bringen und in den Stall sperren, bevor sie ihre Einkäufe erledigen konnte.

Das Geschäft mit den Hühnern und den gelegten Eiern entwickelte sich sehr gut, Severin trug die Eierbestellungen mehrmals, wöchentlich im Dorf aus, den die Qualität und die Frische entsprachen damals schon dem heutigen Bio-Level. Severin war damals auch schon ein kleiner Rechenkünstler, er besserte sein Taschengeld damit auf, dass er einige Pfennige bei der Auslieferung, als Service aufschlug.

Dieser Service-Zuschlag war aber sicherlich auch berechtigt, denn Severin musste die schwere Last per Pedes, also zu Fuß, zu den Kunden bringen, denn ein Fahrrad, so wie es Heute schon bei Kleinkindern üblich ist, gab es nicht. Papa hatte als Einziger ein großes Herrenrad mit Querstange und mit diesem fuhr er sechs Mal in der Woche, in den Steinbruch, um den Lebens-Unterhalt zu verdienen.

Inzwischen hatten wir auch einen Wasser- und Stromanschluss im Haus und im Sommer zahlreiche Gäste. Unsere beiden Nebenverdienste erwiesen sich als Goldgrube, unsere Eier und auch die geschlachteten Hühner waren sehr gefragt, von einer größeren Farm kauften wir manchmal Eier dazu.

Einmal die Woche war Schlachttag, eigentlich sollten wir dieses notwendige Schauspiel nicht mitbekommen und so wurde dieses „Gemetzel“ am Vormittag durch unsere Mutter ausgeführt, die Großen waren in der Schule, Sarah war noch ein Baby, schlummernd im Stubenwagen und Siegfried war ein aufgewecktes „Bürschlein“, im Vorschulalter ohne Vorschule! Was lag da näher der Mutter einmal heimlich beim Schlachten zu zusehen, aus einer gut getarnten Entfernung.

Mutti hatte da schon ihre Methode des friedvollen Schlachtens, die Hühner wurden kopfüber an den Füssen gepackt zwei, dreimal schnell im Kreis geschleudert und so benommen auf den Hackstock gelegt und das Beil erledigte das arme Hühnerleben.

Nur bei diesem heimlichen Zuschauen hatte Siegfried sich durch ein Geräusch verraten, es fiel etwas laut um und Mutter ließ das Huhn los und es flatterte kopflos in den nahen Obstbaum. Nun musste erst einmal dieses Geschöpf wieder eingefangen werden und dann gab es die fällige Moralpredigt, aber das Zuschauen war es Siegfried wert und so kam ich als Knirps hinter das Geheimnis des Schlachtens …

1952 kauften wir unser erstes gemeinsames Auto, es war ein Lloyd 400, unser Plastik-Bomber, obwohl er gar nicht soviel Plastik hatte, sondern in der Karosserie viel Sperrholz verbaut wurde!

Es war ein Kleinwagen von der Firma Borgward mit 396 ccm und 13 PS, ohne Heizung und sehr sparsam, er brachte uns überall hin, manchmal mit kleinen Pannen, die wurden aber sehr schnell behoben, sehr oft wurde das Auto für Vaters Eiertransport bis zu den Münchner Hotels genutzt …

Bei all dieser Arbeit, gab es auch viel Spaß und nette Stunden mit den Gästen. In der nicht so gastfreundlichen Zeit lebten wir hauptsächlich von der Heimarbeit, dem Zusammenbau von den Reißverschlüssen und deren Schieber, die größeren Kinder durften zur Unterstützung schon einmal mit helfen.

Vater war inzwischen schon zum Frührentner abgestempelt, die Rente war gering, aber irgendwie ging es immer weiter …

… in dieser Zeit wohnten auch Oma und Opa, die Eltern von Papa in unserem Haus, sie waren auch aus ihrer Heimat im Sudetenland ausgewiesen worden und hatten noch keine andere Bleibe gefunden, später zogen sie an die Schweizer Grenze, nach Säckingen am Rhein.

Für uns Kinder gab es nichts Schöneres als Oma und Opa, nun wohnten sie bei uns im Haus und es waren nun drei Generationen unter einem Dach vereint und ob es eine gute Idee der Erwachsenen war oder ein Versuch des gemeinschaftlichen Zusammenlebens oder es nur eine Zweckgemeinschaft war, wir Kinder hatten uns keine Gedanken diesbezüglich auferlegt, sie waren da und es war gut so …

Severin, Sarrina, Siegfried und Sarah wuchsen miteinander auf wie alle anderen Kinder in der Nachbarschaft, ein Kindergarten war damals noch keine Einrichtung am Ort, denn es gab genügend Kinder und auch Großeltern im Dorf und man pflegte noch die Unbekümmertheit und die Zusammen-Gehörigkeit im Dorf.

Im Wonnemonat Mai kam ein weiteres Mitglied in unsere doch schon zahlreiche Familie, unser neues Brüderlein Samuel war der Glückliche und auch herzlich willkommen.

Unser größerer Bruder Severin war mit der Volksschule schon gut voran gekommen, Mama schwärmte stolz in späteren Jahren immer wieder von der Leichtigkeit des Lernens bei ihren Erstgeborenen. Sarrina war kurz vor der Einschulung und Siegfried genoss die unbeschwerte Zeit mit Opa, der ihm auf seinen täglichen Waldspaziergängen mit nahm und ihm viel bei gebracht hatte, Siegfried kannte die gesammelten Pilze und Beeren aus dem Wald und wusste wie man das gesammelte Brennholz aus dem Wald, tragegerecht in den Rucksack zu stapeln hatte, denn Opa war da sehr pingelig, wenn die Astansätze beim Gehen in den Rücken drückten.

Opas „Arbeit“ bestand darin, tagtäglich in den Wald zu gehen, um Holz zu sammeln und dieses für die damals noch sehr langen und strengen Winter zu bevorraten. Im Sommer, eigentlich die schönste Jahreszeit am See, und im Herbst die Beeren und Pilze zu unserem Speiseplan hinzu zu fügen. In Gedanken sehe ich Heute noch die unberührten Bergeshöhen mit der flimmernden Luft, dem Geruch abgestorbener Pflanzen und die köstlichen Walderdbeeren, Blau- und Himbeeren, Brombeeren, Hagebutten und natürlich die gesamte Palette der heimischen Pilze. Damals gab es diese paradiesischen Geschenke noch in Unmengen und wir hatten so manche Milchkanne voll gepflückt und wir konnten dann nach Herzenslust „natürlich“ naschen, Schokolade und Bonbons waren da eher eine Rarität. Auch so mancher Spankorb voll Pilze bereicherte unseren gemeinsamen Mittags- und Abendtisch. Mit Opa hatte ich sehr viele Waldspaziergänge bis in die sonnigen Höhenlagen verbracht, Opa konnte viele Geschichten erzählen und er hatte in Siegfried einen wissbegierigen Zuhörer, er bewunderte ihn und freute sich stets, wenn Opa nach getaner Sammelarbeit eine gute Brotzeit aus seinen Rucksack zauberte.

Wenn unsere Brotzeit „verputzt“ war, ging es erst einmal daran, den nun leeren Rucksack mit Holz zu befüllen. Opa lehrte Siegfried, wie man stärkere Äste zwischen zwei eingewachsenen Bäumen zerbrechen konnte und die schwächeren Äste und Zweige wurden übers Knie gebrochen, natürlich sollten die gesamten Holzstücke auch noch eine gleiche Länge aufweisen. Es waren viele Punkte zu beachten und Siegfried gelang dieser Spagat nicht immer und Opa schimpfte auch so einige Male, denn zu Hause sollte das gestapelte Holz auch ein ordentliches und sauberes Bild ergeben. Nun musste noch der Rucksack wie schon erwähnt, ordentlich befüllt werden. Es war ein alter, olivgrüner unverwüstlicher Wehrmacht-Rucksack aus groben Leinengewebe, mit Metallschnallen und Lederriemen, einer oberen Abdeckklappe und einem darunter liegenden Schnürrbund, dazu zwei verstellbare, kräftige Trage-Riemen.

Manchmal waren wir noch keine fünfzig Schritte gewandert, dann hatte auch Opa an meiner Arbeit etwas auszusetzen, der schlecht befüllte Rucksack wurde etwas säuerlich ausgeleert und gemeinsam wurde dieser dann tragefreundlich befüllt, stets unter der belehrenden Anweisung meines Opas, Siegfried bekam bereits in diesem zarten Alter, eine Lehrstunde über Gewissenhaftigkeit und das man seine Arbeiten zur Zufriedenheit verrichten musste.

Diese Tugenden sind mir bis Heute in Fleisch und Blut übergegangen und mit einem Schmunzeln denke ich Heute noch an diese schöne Kindheit zurück …

Zu Hause angekommen, da wartete Oma meistens schon mit einer warmen Suppe auf uns, Oma konnte Suppen kochen, wie ein Poet Gedichte schreiben kann, es war einfach nur köstlich mit der Anlehnung an die Österreich-Böhmische Küche, diese Küche zählt Heute noch zu den Besten der Welt …

Mein Wunsch damals war, diesen Rucksack, wo doch so viele Kindheits-Erinnerungen verbunden waren, eines Tages zu bekommen, aber dieser Wunsch ging für Siegfried aus welchen Grund auch immer, nicht in Erfüllung.

Es war damals noch eine Zeit von Genügsamkeit, ohne Überschwang, ohne Verschwendung, es gab noch kein Fernsehen und die Familien waren doch noch sehr intakt. Man erfreute sich an den Familienfesten, auch mit Freunden und Bekannten, am guten natürlichen Essen und ein Radiogerät war schon das höchste des bekannten Luxuses.

In den Wintermonaten fiel Witterungsbedingt der tägliche Wald-Spaziergang aus, das häusliche Leben hatte uns in die vier Wände verbannt. Damals gab es noch richtige Wintermonate mit Schneehöhen von einem Meter und mehr, einmal hatten wir sogar Anfang Mai einen Wintereinbruch von einem gigantischen Ausmaß, es schneite fast zwei Tage ununterbrochen und am nächsten Morgen, beim Öffnen der Haustür lief man gegen eine Schneewand, es waren zwei Meter Nass-Schnee gefallen und viele Bäume, die bereits Blätter hatten, brachen unter dieser schweren Last zusammen. Es wurde ein sehr schlechtes Obstjahr …

… zu dieser Zeit sprach noch kein Mensch vom Klimawandel, maximal davon, dass man in Bayern die Bayernpartei und später die CSU wählen sollte, wenn man nicht ins Fegefeuer „wandern“ wollte und dafür sorgten die „Pfaffen“ mit ihrer sonntäglichen Predigt von der Kirchenkanzel …

So war es sicherlich erklärbar, dass die „Schwarzen“ damals zwei Drittel der abgegebenen Stimmen für sich verbuchen konnten, damals gab es noch Parteien mit bemerkenswerten Wähler-Potenzial, die Heute keiner mehr kennt und die Politik wurde im Wirtshaus gemacht und ausdiskutiert. Öfters durfte auch ich mit Opa ins Wirtshaus gehen und meistens führte ich ihn schwankend nach Hause. Oma empfing Opa dann mit einer kleinen Moralpredigt, von wegen vor dem Enkel zu trinken und so …

… oft hörte ich auch Opas Entschuldigung wie, „… setz Du dich einmal auf die harte Bank und trink das kalte Bier …“, irgendwie war Opa schon ein sehr lustiger Mensch und so blieb Opa mir auch in Erinnerung …

Eines Abends gab es jedoch einmal eine helle Aufregung und viel Geschrei, nach einer verspäteten Heimkehr und einem etwas lauteren Wortgefecht mit Oma, stürzte Oma die steile Treppe vom Obergeschoss hinab, aber bis auf ein paar blaue Flecken und ohne weitere Blessuren, wurde diese Angelegenheit unter den nicht vorhandenen Teppich gekehrt …

Eines Tages hieß es jedoch Abschied von Oma und Opa zu nehmen, ein geräumiger, großer Möbelwagen fuhr vor und die uns liebgewordenen Großeltern verließen unser Haus und zogen an die Schweizer Grenze, es war trotz der Geschwister auf einmal eine Traurigkeit eingekehrt, etwas fehlte uns …

… eine geliebte Anlaufstelle war von Heute auf Morgen weggebrochen, es war zwar auf einmal mehr Platz im Haus und die zu erledigenden Arbeiten wurden nun auch auf uns Kinder umverteilt, da hatten wir die Fütterung der „Flatter-Tiere“, frischen Löwenzahn für die Stallhasen suchen, mithelfen im Haushalt und viele Dinge mehr. Der Auszug der Großeltern verursachte auch ein Loch in der Haushaltskasse und dieser Missstand musste durch zusätzliche Heimarbeit ausgeglichen werden.

Die am Ort ansässige Firma vergab Arbeiten für die Montage der Reißverschlüsse und deren Einzelteile, wir setzten im familieneigenen Wettbewerb tausende dieser kleinen Schieber zusammen und waren immer stolz, wenn wir Jüngeren einen unserer Eltern oder der größeren Geschwister hinter uns lassen konnten.

Die Kartons mit circa fünftausend Einzelteilen holten wir mit unseren Leiterwagen im Herbst und Frühjahr ab und im Winter mit dem Schlitten, wobei uns dabei im Winter schon mal im Übermut eine gesamte Kiste in den Schnee fiel, bei der rasten Abfahrt zu uns ins Tal. Polen war da in Not, alle Teile mussten vor der Korrosion abgetrocknet und gereinigt werden, eine zusätzliche, langwierige Arbeit wegen ein paar Minuten Spaß …

Wenn Bedarf bestand holten wir ein oder zwei Kartons mit Einzelteilen ab, es war keine Dauerbeschäftigung, nein mal mehr, mal weniger und manchmal gar nichts.

Wenn das Abendessen vorbei war und der Abwasch unter Mithilfe von Severin und Sarrina getätigt war, dann ging es an die „geliebte“ Heimarbeit. Fernsehen am Abend gab es noch nicht und so taten wir im Familienkreis auch noch etwas dazu. Es war für uns Kinder auch schon anstrengend, aber wir hatten auch unseren Spaß dabei und das war uns wichtig. Wir waren eine tolle kleine Familie und ein tolles Team, nicht zerstritten und jeder war für den Anderen da, wir konnten uns alle in die Augen sehen und waren durch unsere Eltern wohl behütet und das bedeutete uns sehr viel …

… der Sommer kam ins Land, heiß, lange Tage und Sommerferien für Severin und Sarrina und nach den Ferien sollte meine Einschulung statt finden, aber nun war erst einmal Abwechslung mit meinen größeren Geschwistern angesagt, zuerst waren die zugewiesenen Arbeiten dran, aber es blieb noch genügend Freizeit zum Spielen und Blödsinn machen übrig, Mutter hatte auch einmal Zeit mit uns zu spielen und auch zum Singen und wir waren viel unterwegs, der Verkehr war noch sehr harmlos und wir bewegten und hauptsächlich über die Wiesen und Felder und ein ganz beliebter Platz war der eigene Bachlauf mit dem aufgestauten Wasser, der schon ein kleiner Weiher war. Es war herrlich den umliegenden Bauern beim Heumachen und später auch bei der Ernte zu zusehen, dies geschah damals noch alles mit der Sense und war schwere „Knochenarbeit“ bei der sengenden Hitze, das Wenden geschah mit der vierzackigen Heugabel, abends wurde das Heu zusammen gerecht und als „Heumännchen“ aufgestellt, damit bei eventuellen Regen oder bei der Nachtfeuchte das teilgetrocknete Heu, keinen Schaden nehmen konnte. Bei Sonnenschein am nächsten Tag begann die Prozedur mit dem Neuverteilen und Ausbreiten des Heus, erst wenn keine Feuchtigkeit mehr im Heu war, wurde es aufgeladen, mit dem Ladebaum oben fixiert und in den Heuschobern eingelagert für die kargen Wintermonate. Diese Heuschober bestanden aus entrindeten Rundholz-Stämmen, die mit Abstand verbunden waren und somit für eine Belüftung sorgten, so wurde dem Selbstentzünden von zu nassen Heu vorgebeugt.

Die Sommer- und Herbstzeit war mit dem Einbringen der Ernte, die arbeitsreichste Zeit des Jahres und gleichzeitig ein Wettlauf mit den Gewalten der Natur. In unserer Gebirgsregion waren Wärmegewitter mit Hagelschlag an der Tagesordnung, ein Zusammenhalt der Ortsbevölkerung bzw. ein Mithelfen war selbstverständlich, da wurde nicht lange gefragt, man half mit, wenn Not am Mann war …

***

Severin lernte gut und war schon mit dreizehn Jahren mit der Volksschule fertig, wir schrieben das Jahr 1955 und nun war guter Rat teuer! Er wollte Koch lernen, aber Walchensee lag sehr abseits und unsere Eltern versuchten es in München. Dort fanden sie im Alpenhotel eine Lehrstelle und wohnen sollte Severin in einem Studentenheim am Josefsplatz in München, es sollte ein sehr teures Unterfangen für die nächsten drei Jahre werden, aber die Eltern waren gewillt dies für die Ausbildung für Severin zu leisten. In einem Zimmer waren vier Jungs unter gebracht, jeder zahlte fünfundvierzig Deutsche Mark für seinen Schlafplatz in diesem Zimmer, eigentlich ein Wucher! Severin bekam als monatliche Ausbildungs-Vergütung fünfzehn Deutsche Mark vom Lehrherrn, es waren höchstens die Fahrtkosten mit der Straßenbahn, na ja, die Zeiten waren nicht besser …

Schwere Rückenprobleme, zum Teil von einer Sportverletzung beim Skispringen und von der schweren Arbeit im Steinbruch, hatten unseren Vater zum Frührentner abgestempelt. Er sollte auf einer Kur in Bad Aibling mit Moorschlamm-Packungen wieder fit für den Alltag gemacht werden, aber er kam aus dieser vierwöchigen Reha, gesundheitlich schlechter zurück, als er hin gefahren war.

Zwischendurch hatte Papa für einen Schul-Buch-Verlag eine Vertreterstelle, für die Pfalz, übernommen. Dieses Engagement war jedoch nicht von großen Erfolg gekrönt, dann wurde er von einer Likörfabrik eingestellt und bekam eine sehr umfangreiche Musterkollektion, die Firma machte Pleite und die Musterkollektion verblieb für eine schöne, ausschweifende Silvester-Feier mit unseren Bekannten und Freunden.

***

Das neue Schuljahr begann in Bayern stets Anfang September, das war immer so und unsere „schwarze“ Landesregierung hatte sich noch nie etwas drein reden lassen, von wegen Rotation mit den anderen Bundesländern oder so ähnlich. Bayern war stets das Schwarze Bundesland, so war es und so sollte es für immer bleiben, dafür sorgte einst Franz Josef Strauss und später sein Adlatus Edmund Stoiber. Sie waren konservativ, nach Rechts geneigt und hatten seit Neugründung, aus der Bayernpartei heraus, in der Regel über sechzig Prozent der Wähler hinter sich gebracht, natürlich auch mit der „christlichen“ Unterstützung der Weltmacht Kirche, denn für was stand denn das „C“ in ihrem Parteinamen?

Nun war ja endlich der heiß ersehnte Tag gekommen, der erste Schultag stand bevor und Siegfried war aufgeregt und „hippelig“. Der Schulranzen, schon gut gebraucht von der Schwester, stand bereit, darin die schwarze, schon etwas zerkratzte Schiefertafel, eine Seite mit Linien und die andere Seite ohne Markierungen. Dazu eine fast neue Schwammdose mit feuchten Schwamm und den benötigten Griffelkasten mit verschiedenen Schreibgriffel in weicher und harter Qualität, geübt wurde damals schon zu Hause damit. Siegfried bekam eine sehr große Schultüte mit vielen Leckereien, Obst und Knabberzeug. Dann ging es mit den größeren Geschwistern und Nachbars-Kindern und mit Mutter zur Volksschule, die aus zwei größeren, hellen Schulsälen bestand, die Unter- und die Oberstufe. Es gab damals noch keine Bestimmung der Klassengröße oder wo eine Überbelegung begann, wer das Einschulungsalter erreicht hatte kam dazu, nach dem Motto, „… Platz war in der kleinsten Hütte …“. Es sollte eine sehr hektische Schulzeit werden, denn es war ein geburtenstarker Jahrgang und die Konzentration sollte sehr oft auf der Strecke bleiben.

Für den ersten Schultag wurde Siegfried besonders schick heraus geputzt, heute wohl „gestylt“, ich konnte mich Heute noch an die schöne Knickerbocker-Hose erinnern, an die weiße mit Grün eingefasste Strickjacke, die Mutti für Sonntag selbst gestrickt hatte und mit Hirschhorn-Knöpfen versehen war. Die Haare wurden tags zuvor auch noch geschnitten, Mutti hatte hier schon ihre Übung, Kochtopf aufgesetzt und kurzer Haarschnitt war angesagt. An diesen Ehrentag kamen auch die Sonntagsschuhe zum Tragen, es waren die in dieser ländlichen Region bekannten Haferlschuhe mit starker, kräftiger Sohle und seitlicher Schnürung. Ansonsten gab es von Mai bis Oktober keine Schuhe, da war Barfußlaufen angesagt, auch wenn einmal sich ein Schnupfen ankündigte und die „Rotzglocken“ herunter liefen. An viele Kinder-Krankheiten konnte ich mich nicht erinnern, mal plagte uns ein Keuchhusten und einmal hatten wir alle zusammen Röteln und das war es auch schon, wie erwähnt, wir lebten gesund mit der Natur und deren Produkten, hier bekamen wir alle erforderlichen Abwehrkräfte und für „krank sein“ hatten wir Kinder eh keine Zeit!

Dieser erste Schultag ging wie im Fluge vorbei, gelernt hatten wir an diesem Tage noch nichts, was für Siegfried sehr enttäuschend war, denn er hatte die Vorstellung, dass mit dem Schulbesuch das Lesen und Rechnen automatisch erfolgen würde und er es seiner größeren Schwester Sarrina, gleich tun könnte, denn sie konnte nach diesem ersten Schuljahr bereits lesen und rechnen, zumindest im Lese- und Märchenbuch und bis zum kleinen Ein mal Eins.

Ohne dieses, erhoffte Wissen ging dieser sehnlichst herbei gesehnte Tag zu Ende, Siegfried wusste zwar wo die Toiletten waren und das man, wenn man Austreten wollte, zwei Finger heben musste, nicht schwätzen durfte, Aufpassen sollte, was nicht immer so einfach war und wenn man etwas sagen wollte, so musste ein Finger gehoben werden und dazwischen rufen, gab es überhaupt nicht! Dann wurde noch der Tafeldienst festgelegt und wer die Aufgabe bekam, die Kreide aus dem Lehrerzimmer, bei Bedarf, zu holen. Das war Siegfrieds erster Schultag, auch eine Enttäuschung, denn Lesen und Schreiben, geschweige Rechnen, wie Sarrina es schon kannte, mit dem war es nichts an diesen Tag …

… etwas enttäuscht ging es in die Obhut der Mutter nach Hause zurück, als Trost blieb noch der Inhalt der Schultüte, die über die erste große Enttäuschung des jungen Lebens hinweg trösten musste. Die für diesen Tag ausgegebenen Sonntags-Klamotten wurden wieder ausgezogen und es gab die Alltags-Montur und die bestand aus einer unverwüstlichen Lederhose mit Hosenträgern, Leibchen und „Barfuß“, so ging es auch bis Oktober in die Schule. Nach dieser Zeit musste die Kleidung der kühleren und sehr kalten Jahreszeit angepasst werden, diese bestand aus einem zusätzlichem Straps-Laibchen und braunen, groben Strümpfen, dazu eine selbstgestrickte Jacke oder Pullover, eine Mütze gegen kalte Ohren und dem lausigen Wind, Fäustlinge und diese gesamten Strickwaren kamen aus der Heimarbeit unserer fleißigen Mutter, für was doch lange Abende auch immer gut waren …?

Ganz ungewohnt waren dann die groben, halbhohen Bergschuhe mit einer festen Sohle, auch schon von den Geschwistern getragen und diese Treter waren nicht kaputt zu kriegen …, eigentlich schade!

… aber unsere Sehnsucht war stets das Frühjahr und die besagten Klamotten, da musste man nicht groß aufpassen, denn was sollte an einer „Ledernen“ schon kaputt gehen? Und die zugezogenen Schrammen und Blessuren, die heilten ohne Probleme wieder ab.

Die Tage und Wochen bis in den Dezember hinein vergingen doch sehr schnell, nicht so wie im Sommer, wo sich doch alles im Freien abspielte. Siegfried sollte ja auch bis Weihnachten die ersten Worte lesen können und da hatte er so seine liebe Not.

Die ersten Worte konnten zusammen gezogen werden und zur Verständlichkeit gab es den Lesekasten mit den vielen aufgedruckten Buchstaben auf den Kartonteilchen und diese wurden zu Wörtern fein säuberlich aneinander gereiht, bis diese Teile ein Wort oder ganze Sätze ergaben.

Es war eine schwere Zeit des Lernens und des Verstehens, ich erinnere mich Heute noch an Wörter wie „Ku“ und „Kuh“, damals verstand ich nicht, warum die doofe „Kuh“ mit „H“ erst zur „Kuh“ wurde? Aber irgendwie begriff ich diese Technik nicht so und verstärkte mich auf das auswendig Lernen der einzelnen Geschichten aus dem Lesebuch, der bekannten Fibel. Meistens waren diese Abschnitte in Reimform und sie gingen mir leicht ins Gedächtnis, wie „Milch und Butter für Vater und Mutter, für Hans und Susi, für Dora und Else.“

Meine Mutter erzählte mir später einmal, dass ich angeblich das gesamte Lesebuch auswendig kannte und die Lehrerin nach dem ersten Schuljahr feststellen musste, dass ich gar nicht lesen konnte, sondern nur die Geschichten auswendig vortrug Anfang Dezember kam in die Unterstufe der Nikolaus mit seinem Gehilfen, dem „Krampus“, für die Nicht-Bayern, war dies Knecht Rupprecht, der etwas Angst einflößende Gehilfe von Nikolaus, der die unartigen Kinder angeblich in den Jutesack stecken sollte und dann mitnahm …

… diesen Vorgang hatte Siegfried noch nie live gesehen oder miterleben dürfen, aber wir wurden stets von unseren Lehrern und Eltern davor gewarnt und doch in Angst versetzt und an diesem 6. Dezember war keiner als Beistand in der Schule dabei und irgendwie eine Schandtat hatte jeder der anwesenden Bürschlein sicherlich auf dem Kerbholz …

Nikolaus und Krampus saßen vorne am Lehrerpult, mit strengen Blick und alle Schüler im Visier, dann wurde in seinem goldenen Buch geblättert und wir wurden einzeln nach vorne gerufen, so manches „Herzelein“ rutschte dabei bestimmt in die Hose, mir war auch sehr mulmig zu Mute, obwohl ich bestimmt nichts (?) verbrochen hatte, aber wusste das der Gute? Schüchtern stand ich vor dem Nikolaus und Krampus rasselte mit der Kette, es ging durch Mark und Bein, dann bekam ich meine Schandtat vorgehalten, es blieb gottlob im Rahmen, sollte mehr aufpassen und weiter mir viel Mühe beim Lesen geben, das war es dann …

… Glück gehabt? Die Mädchen waren, so sah es sicherlich aus, immer und bei allen die Braven, Nikolaus hatte kaum eine Beanstandung und der „Kettenmann“ verhielt sich ganz ruhig, nicht so wie bei uns Jungs …, fast wie im richtigen Leben?

Siegfried hatte hierbei schon mal gelernt, das die Mädels das brave Geschlecht waren und wir Jungs, die waren, die den Shit abbekamen und das sollte so gerecht sein?

Zum Schluss bekamen wir alle ein Geschenk mit Süßigkeiten, ermahnende Worte und vom Nikolaus die hinweisenden Worte, dass er alles sieht und nächstes Jahr wieder kommt. Das mit dem „alles sehen“ war mir schon unheimlich, zwar unerklärlich, aber ehrfürchtig ging dieser Nikolaus-Schultag zu Ende … „Glück gehabt“, nichts wie nach Hause, obwohl die Nacht davor von Alpträumen geprägt war.

Die erste große Prüfung mit dem Alleinsein in der Schule, nur mit den gleichaltrigen Schulkameraden und unserer Lehrerin und dann noch der Nikolausbesuch, war nun vorüber, ob dieser Erziehungsabschnitt jedoch in unseren Köpfen hängen geblieben war, ließ mich damals schon zweifeln, sicher saß dieses Erlebnis tief in unseren Köpfen und sicher gaben wir uns Mühe in dieser Vorweihnachtszeit, braver und gehorsamer zu sein, ein Druckmittel war stets die ausgesprochene Ermahnung mit dem „alles sehen“, aber nach ein paar Tagen hatten wir dies wieder verdrängt, es war dann Schnee von Gestern …

Lehrer und auch unsere Eltern konnten in dieser Hinsicht ganz schön hinterhältig sein und so geschah diese Furcht einflößende Begebenheit eines Abends bei uns zu Hause …

… es war nun einer der langen Winterabende und mein Vater hatte sich wieder einmal eine kleine List ausgedacht, ich wusste auch im Nachhinein nicht, ob ich was verbockt oder angestellt hatte. Papa schickte mich in den 1.Stock um etwas von seinen Nachtschrank zu holen, hierzu musste ich über die steile Treppe, den Weg nach oben antreten. Also nach oben, das Gewünschte holen, auch wenn der Weg lästig erschien, aber Weihnachten stand vor der Tür und ich wollte kein Geschenk durch den Ungehorsam verlieren. Es war schon sehr dämmerig draußen und öffnete die Tür zum Eltern-Schlafzimmer, drehte den Lichtschalter und die fünfundzwanzig Watt-Glühbirne erhellte sparsam den Raum, dann zu Vaters Nachtschrank und ein Blick auf sein Bett und nichts ahnend was mich da zu erwarten hatte … und dann im Dämmerlicht, wie von einer großen Tarantel gestochen, gab ich Fersengeld, ab durch die noch halboffen stehende Tür, die steile Treppe hinunter, drei Stufen jeweils auf einmal nehmend, so kam ich kreidebleich unten an, als ob mich der „Wahrhaftige“ verfolgt hatte, ich hatte Angst und schob Panik, die Knie zitterten.

Papa konnte ein hinterhältiges Lächeln sich nicht verkneifen, war aber über seinen Scherz mit meiner Angst auch sehr erschrocken und meine Mutter war als Seelen-Tröster gefragt, nun ging es abermals nach oben, an der Hand meiner Mutter. Dieser Weg war sicherlich psychologisch wichtig, da für die Zukunft kein „Knacks“ zurück bleiben sollte.

Oben angekommen, so sah meine Mutter, den Grund meines rasanten „Treppenlaufes“. Vater hatte eine Nikolaus-Gesichtsmaske mit Rauschebart und Zipfelmütze in sein Bett gelegt und für mich sah es so aus, als ob Nikolaus hier im Bett lag.

Nachdem sich diese Angelegenheit nun aufgeklärt hatte, so kehrte an diesen Abend wieder etwas Normalität ein und es war wieder alles im Lot, zumindest mit dieser leblosen Maske und nicht mit den bekannten Gespann aus der Schule.

Die vorweihnachtliche Adventszeit mit den langen Winterabenden und den kalten Nächten, brachte bei unseren Eltern eine gewisse, heimliche Betriebsamkeit hervor.

Bei vier Geschwistern und dem nicht vorhandenen Geld, so hatten sich unsere Eltern stets liebevolle Gedanken gemacht, wie sie uns Kindern zu Weihnachten eine Freude machen konnten und wie sie uns überraschen wollten. Papa verschwand viele Abende nach seiner schweren Arbeit, im seitlichen Anbau, den hinter der Garage vor dem angrenzenden Hühnerstall, um unbemerkt für uns Geschenke herzustellen.

Zu gerne hätten wir gewusst, was hinter der stets verschlossenen Garagentür vor sich ging, aber genau so schnell wie die Neugier kam, genau so schnell verschwand dieses Interesse.

Die Tage waren kurz und manchmal auch sehr kurzlebig, wir Kinder lernten sehr früh das Skilaufen, es gehörte zu der vierten Jahreszeit, wie das Barfußlaufen im Sommer. Ende Oktober, spätestens Anfang November kam der erste Schnee und dieser blieb dann bis in den März hinein liegen, der Winter vor sechzig Jahren war noch ein echter kalter Winter und nicht eine Jahreszeit wie Heute mit teils sommerlichen Temperaturen.

Wir wohnten auf einer kleinen Anhöhe und unsere Schule befand sich im Dorfzentrum oberhalb des Sees, unser Schulweg am Morgen ging über einen Feldweg bergab ins „Tal“ und nach der Schule entgegengesetzt leider bergauf! Zwischen unserem Zuhause und der Schule lagen die Wiesen und Felder der Bauern, im Winter lag der Schnee oft so hoch, dass die Draht verspannten Weidezäune nicht mehr sichtbar waren und das konnte schon sehr gefährlich werden beim Tiefschnee fahren. Unser damaliges Skimaterial war mit dem heutigen nicht zu vergleichen, von wegen taillierte Carven-Skis mit Stahlkanten und Sicherheits-Bindung, es waren ganz normale Holzlatten mit aufgebogener Spitze, gefacte Holzkanten, aber schon mit einer Rille in der Laufsohle, so etwas gab es doch schon. Aber das Beste war doch die Bindung, von einer Sicherheits-Bindung war noch lange nichts zu sehen, jeder war mit seiner Fahrweise selbst für seine Sicherheit verantwortlich.

Wir hatten auf unseren ersten Skis, eine Art fest verschraubten Lederüber-Schuh, in dem wir mit unseren festen Bergschuhen hinein gestiegen sind und mit einem Lederriemen wurde dieser Überschuh verschlossen und schon ging es bergab und später nach der Schule, im Skaterschritt, sehr anstrengend bergauf. Nasse Socken und kalte Füße gehörten genauso dazu, wie das Weihwasser zur Kirche.

Später kam dann eine Verbesserung im Bezug auf die Sicherheit dazu, es kam eine Backenbindung mit oberen verstellbaren Riemenbügel und einem Federstrammer auf den Markt, hier war ein wesentlich besserer Halt gegeben und die Skis ließen sich wesentlich besser lenken. Wir bekamen diese Bindung erst viel später auf unsere Skis, denn Sportausrüstungen waren Luxus und damals schon sehr teuer.

Die revolutionierende Kandahar-Bindung mit hinteren Seilzug und Federummantelung sowie mit seitlichen Führungs-Nippeln, kam erst später und sie hatte den Vorteil, das man von Abfahrt auf Langlauf umstellen konnte. Die Skis bekamen vorne eine mittige Aufwulstung, die mit einer Nase in der Skispitze endete. Meine ersten Skis waren alle einheitlich braun, naturfarben lackiert.

An einen Skibruch oder an einen „Spitzelsalat“, konnte ich mich nicht erinnern, geschweige an einen Arm- oder Beinbruch oder an eine andere Verletzung. Waren wir so abgehärtet oder nur etwas vorsichtiger mit unserer Gesundheit, denn schnelle rasante Abfahrten hatten wir als Wettbewerb auch getätigt.

Aber das Verletzungsrisiko liegt Heute sicherlich darin, das die „Sportler“ sich überschätzen, sich nicht muskulös aufwärmen und nur mit dem Lift nach oben wollen. In unserer Kind-Jugendzeit gab es nur in einigen gutbetuchten Gegenden diese Anlagen und dort fuhren wir nicht hin. Heute hat man für alle Arten des Skilaufs verschiedene Skis und verschiedene Schuhe, die Mode nimmt einen sehr großen Stellenwert ein und für viele bedeutet Skifahren, Lebensfreude und Apree-Ski.

Für uns Burschen im Ort war schon jeder Berg und jeder Hügel geeignet zum Schanzenbau und zum Skispringen, hier zählte der Mut und wer am weitesten kam, Sprünge im zehn bis zwanzig Meterbereich waren schon sehr spektakulär.

Weihnachten rückte immer näher und wir Kinder waren sehr neugierig, was das Christkind uns wohl bringen würde. Es waren immer sehr einfache und besinnliche Weihnachten, Reichtümer waren nicht vorhanden und wir freuten uns stets über neues Spielzeug, teils von Papa selbst gemacht oder doch sehr teuer erstanden. Die Vorfreude und die gesamte Adventszeit waren mehr als eine Einstimmung auf das große Fest und wir erinnern uns sicherlich alle noch sehr gerne an diese „stade Zeit“. Einmal gab es für jedes Kind ein Modell unseres Wohnhauses als Sparbüchse mit abnehmbaren Kamin für den Geldeinwurf, ein anderes Mal einen großen Kaufladen, liebevoll eingerichtet mit zugeklebten Originalverpackungen, von Mutti schon das ganze Jahr aufgehoben und gesammelt, auch an ein großes Feuerwehr-Auto mit Drehleiter und kleinen Wasserschlauch und echter Spritzfunktion konnte ich mich erinnern …

… dazu viel Selbstgestricktes von Mutti und die besten selbstgebackenen Plätzchen, die mit Vater gebacken wurden.

Die im Herbst gesammelten und getrockneten Wal- und Haselnüsse hatten für uns einen dicht gefüllten Gabentisch hinterlassen, gelbrote Äpfel von unseren eigenen Obstbäumen und Orangen, die das Christkind bestimmt teuer erstanden hatte, ließen das Fest zu einem echten Fest werden.

Am Hl. Abend ging es beim Essen ganz klassisch zu, es gab Kartoffelsalat mit Mayonnaise, süßsaure Gürkchen darin, feine Apfelstückchen, Zwiebeln knackige Kartoffelscheibchen und alles schön „schlotzig“ durchgezogen, lecker! Und dazu von Dorfmetzger die leckeren „Wienerle“ mit mittelscharfen Senf bis zum Abwinken.

So konnte Weihnachten beginnen und für die Festtage hatten unsere Eltern einen Truthahn in die Röhre geschoben, der Bratenduft durchströmte das gesamte Haus und wir bekamen alle den besagten Appetit, dazu gab es Kartoffelknödel und Blaukraut, alles selbstgemacht bzw. schon im Herbst eingelegt, zur Feier des Tages gab es für die Eltern einen Wein und für uns Kinder einen guten Apfelsaft aus den geernteten Äpfel. Das Leben konnte doch so schön sein …

… wenn Vater Zeit hatte, dann ergänzten sich unsere Eltern gerne in der Küche. Papa liebte die Böhmische Küche, Serviettenknödel mit Schmetten-Sosse, Geflügel mit Maronen- und Backpflaumen-Füllung und Nüssen, da läuft mir Heute noch das Wasser im Mund zusammen.

So ein Festtagsbraten reichte gut für die Tage zwischen den Jahren, zumindest solange die Familie nicht größer wurde, in den späteren Jahren mussten unsere Eltern mehrere Gerichte für die Festtage einplanen. Es waren stets schöne Feste, immer noch ohne Fernsehen, aber doch schon mit einem Plattenspieler und auch unserem Radio, das am Morgen eingeschalten wurde und den ganzen Tag unser häuslicher Begleiter war.

***

Die Wintermonate waren lang und meistens auch sehr streng und klirrend kalt, die Hühner produzierten auch weniger Eier, benötigten aber viel Körnerfutter, Kleie und Zusatzstoffe und sie wurden ungeduldig, wollten ins Freie. Aber da warteten wir immer noch ein bisschen bis einige Stellen vom Schnee abgetaut waren und der Bodenfrost die oberen Schichten freigab.

Wir Kinder sehnten das nächste große Fest sehnlichst herbei, denn nach Ostern ging es in der Natur doch steil nach oben, auch wenn die Nächte immer wieder einmal sehr kalt waren, aber die Sonne entschädigte uns am Tage für die lange Wartezeit des vergangenen Winters.

Die Sommerkleidung kam wieder zum Tragen, die lästigen Leibchen mit den braunen Strümpfen gehörten für Monate wieder in den Schrank. Die folgenden Monate waren doch die Besten des Jahres, wenn auch das Skifahren und die schönen Geschenke zu Weihnachten nicht zu verachten waren …

In der Schule hatte ich mit meinen Platz-Nachbarn Walter Freundschaft geschlossen und dieser Bub wohnte nicht weit von uns entfernt in einem etwas größeren Wohnhaus mit mehreren Parteien. Im ausgebauten Dachgeschoss dieses Hauses wohnte ein älteres, buckliges Mütterchen mit einer schwarzen Katze. Wir hatten anfangs überhaupt keinen Kontakt zu dieser doch sehr zurück gezogenen Frau, sie war uns unheimlich und mit der Katze ähnelte sie der Hexe aus dem Märchen „Hänsel und Gretel“, durch ihre stets schwarze Kleidung und durch den gebückten Gang in den Wald, um Kräuter, Pilze und Beeren zu sammeln, so hatten wir viel Ehrfurcht vor dieser Frau oder auch nur Angst? Als ich eines Tages meinen Freund Walter besuchte und auch meine Schwester Sarrina dabei hatte, so trafen wir im Treppenhaus diese schwarz gekleidete, bucklige Frau und wir wurden in die Dachwohnung alle samt eingeladen, es war uns mehr als mulmig. Aber die Frau hatte eine so sanfte Stimme, das wir unsere Zurückhaltung vergaßen, es gab Kuchen und Saft und danach saßen wir alle auf der oberen Treppe und die Frau las uns im Dämmerlicht des Treppen-Hauses aus ihrem Märchenbuch vor. Wir tauchten so in eine ganz andere, mysteriöse Welt der Märchen ein und waren unsagbar darin gefangen …

… erst der Tod einige Monate später, zeigte uns wie grausam die Welt doch auch sein konnte, wir hatten unsere liebgewonnene „Oma“ verloren und die Tatsache rückte in den Vordergrund, dass alles geliebte irgendwo und eines Tages sein Ende haben wird …

Die Schule machte eigentlich schon auch Spaß, Siegfried ging gerne in die Klasse zu seiner Lehrerin, lernte brav seine Lese-Buchstaben auswendig und erweckte keinen Verdacht, dass er diese Seiten nur auswendig kannte. Doch an manchen Tagen konnten ihm die Unterrichtsstunden nicht schnell genug vergehen, kein Wunder, denn die Frühlings- und Sommermonate und später auch die Herbstzeit waren für uns Kinder voller Tatendrang, als ob es kein Morgen mehr geben würde. Blödeleien und so manche Eselei, aber auch sehr oft als Anstifter für nicht erlaubte Streiche zeichneten Siegfried aus. Unsere Mutter hatte aus erzieherischen Gründen, die eine oder andere Aufgabe des Einkaufens, nach der Schule, Siegfried übertragen.

Es war schon eine große Belastung, das mitgegebene Einkaufsgeld aufzubewahren, ohne es zu verlieren, durch den Schul-Unterricht zu bringen und dazu hatten wir alle Kinder ein kleines Portemonnaie aus Freudenstadt im Schwarzwald, ein Mitbringsel von Papa, von seinem letzten Besuch bei seinem Bruder, unseren Onkel Franz. Das mitgegebene Geld war also noch vorhanden und es ging nach dem letzten Läuten der Schulglocke, die kleine Anhöhe hinunter zum Bäcker. Der frische Backgeruch schlug mir schon beim Öffnen der Ladentür entgegen und entfachte ein unstillbares Hungergefühl nach den doch anstrengenden Schulstunden. Schnell war der Einkauf getätigt und nun war es meine Aufgabe diesen so lecker duftenden Laib Brot auf dem schnellsten Weg nach Hause zu befördern …

… aber genau wie die einst so verführerische Schlange im Paradies, mit dem rot und gelb farbig glänzenden Apfel, dem angeblich Eva nicht widerstehen konnte, so muss das noch warme, eingepackte Brot, Siegfried und Walter vorgekommen sein. Die ersten Versuche konnten noch durch die im Gedächtnis hängen gebliebenen Worte der Mutter, unterdrückt werden. Aber je länger der Weg wurde und nach den langen Unterrichts-Stunden in der Schule, das Hungergefühl übermannte den kleinen Einkäufer, denn wir wohnten ja nicht um die Ecke, auch durften wir nicht über die mit hohen Gras bewachsenen Wiesen abkürzen, wir mussten auf dem eingefahrenen Feldwegspuren heimwärts gehen und die Sonne stand im Zenit … und das große Brot von zwei Kilo war für Siegfried nicht leicht, auch wenn Walter abwechselnd trug. Aber auch Walter verspürte schon einen Heißhunger auf das warme und verführerisch duftende Brot … und es kam wie es kommen musste, wir gönnten uns halb abgeschlafft vom Tragen, einen kaum sichtbaren Anbiss am Brotende oder am Brotanfang, wie man es ebend betrachtete, wo das Brot oder der Brotkanten am knusprigsten war, einfach nur köstlich und das ohne Butter oder ohne Margarine, die wir wochentags nur bekamen!

Clevere Jungs wie wir, dafür hielten wir uns doch, hatten da auch schon eine Lösung parat. Siegfried steckte das Brot mit der angeknabberten Seite zuerst in die Tüte zurück und meine Mutter würde dies nicht sofort bemerken. Dies war zumindest ein sehr guter Plan, wie Siegfried und Walter bemerkten.

Aber es kam noch ein bisschen besser und schuld war sicherlich der lange, Hunger treibende Nachhauseweg. Wir Jungs gönnten uns noch mehrere Male einen weiteren Anbiss, aber immer auf der einen Seite, damit unser gemeinsamer Plan mit der Tüte nicht ins Leere ging. Wenn man jedoch einmal anfängt frisches, ofenwarmes, gut riechendes Bauernbrot zu probieren, dann ist einer zweiten und dritten Versuchung bestimmt nicht zu widerstehen, da benötigt man keinen Butter- oder Schmalz-Aufstrich mit Grieben oder mit Salz, oder zur Krönung des Ganzen, vielleicht klein geschnittener Schnittlauch. Nein, wir konnten dem weiteren Verzehr keinen Einhalt gebieten, wie im Trance hatten Siegfried und Walter das halbe Brot sich einverleibt und durch dieses „Fressgelage“ sich auch noch sehr verspätet, was unserer Mutter schon verdächtig genug vor kam. Die Tüte war nicht mehr ausgefüllt …

… nun war aber guter Rat teuer, Mutti sollte nicht gleich die „Schummelei“ von Siegfried bemerken, am Gartentor wurde erst einmal kräftig Luft in die Tüte geblasen und die Tüte wieder an den Enden zugedreht. Behutsam wurde diese halbvolle Tüte mit Brot, die lange Einfahrt vom Gartentor bis zum Haus hinunter getragen.

Mutti wartete schon, das Mittagessen stand schon auf dem Tisch und Siegfried war wieder einmal verspätet dran, dieser Zustand war nichts Neues in der warmen Jahreszeit und Siegfried interessierte sich für alles auf seinen Nachhauseweg. Nach Muttis Aufforderung, das Brot in den Brotkasten zu legen, kam Siegfried erleichternd sofort nach und lies sich dann das Mittagessen gut schmecken.

Der Nachmittag verging mit Hausaufgaben, den üblichen Pflichten im Haus, bei den Tieren und mit Spielen mit meinen Schwestern Sarrina und dem Nesthäkchen Sarah, die nun im Kleinkind-Alter war.

Der große Bruder machte weiter gute Fortschritte in der Schule und er sollte nach der siebten Klasse bereits eine Lehrstelle antreten. Severin wollte Koch werden und unsere Mutter war mit der Lehrstellensuche beschäftigt, alles noch ohne Telefon und ohne Internet, das gab es nämlich noch nicht, das Telefon schon, aber nicht bei uns als Hausanschluss, den hatten nur ganz wenige. In unserem Dorf oder auch in den Nachbar-Gemeinden war an eine Ausbildung nicht zu denken, da diese Betriebe nur die Sommersaion geöffnet hatten und so blieb nur die Option mit einer Ausbildung in München. Die Unterkunftsfrage wurde auch sehr schnell geklärt, Severin verließ unser Elternhaus Anfang August und zog als junger Bursche in ein Lehrlings-Wohnheim nach München. Wir Geschwister fanden diesen Umstand ganz toll und unwahrscheinlich aufregend. In München, so wussten wir schon von Vatis Eierlieferungen, war schon viel los, es gab schon viele Autos und auch einige Straßenbahnen, viele Geschäfte und einen ganz großen Hauptbahnhof. Severin war nun wirklich der Große, unser Held und so wollten wir auch einmal werden.

… übrigens, der „kleine“ Mundraub des halben Brotlaibes, wurde am Abend im Beisein des Vaters auch noch aufgedeckt, denn beim Anschneiden des Reststückes kam das abgebrochene Ende des Brotes zum Vorschein und Siegfried musste wieder einmal ohne Abendessen ins Bett …

… dazu gab es noch eine Woche Hausarrest, was viel mehr schmerzte in der Sommerzeit, dies sollte den erzieherischen Wert haben, dass Siegfried keine neuen Dummheiten mit Walter, seinen Freund aushegen sollte …

So verblieb den beiden „Schlingeln“ nur der gemeinsame Schulweg am Morgen, die große Pause in der Schule und der lange Nachhauseweg. Aber die anfangs so lang erscheinende Woche ging auch vorüber und die alten Freiheiten wurden wieder gemeinsam genossen.

Die letzten Tage des ersten Schuljahres rückten immer näher und die ersten Sommerferien standen kurz bevor, keine Schule, nur Freizeit, eine schöne Vorfreude breitete sich aus. Für Severin gab es nur einige Ferientage, dann begann seine Kochausbildung in München. Der Schulabschluss war stets mit einer Feierstunde verbunden, mit Gedicht-Vorträgen, kleinen Theater-Aufführungen und der Schulchor durfte auch nicht fehlen. Nach all den schulischen Aktivitäten folgte der gemeinsame Gottesdienst mit dem göttlichen Segen. Alle Schüler mussten sich klassenweise in Zweierreihen im Schulhof aufstellen, die erste Reihe war die Entlassungsklasse mit Severin und Siegfried war im letzten Abschnitt mit eingereiht worden, eine Gruppe davor seine Schwester Sarrina und nach diesem göttlichen Segen ging es lautstark in die wohl verdienten Ferien, die nach Freiheit und Abenteuer duften sollten.

Ferien auf dem Land, war für uns Kinder nichts besonderes, aber ohne Schule doch schon wieder etwas ganz anderes, einfach nur toll …

Mutti ließ uns länger schlafen und trotzdem hatten wir viel mehr Zeit als sonst, wir mussten auch unsere zugeteilten Aufgaben erledigen, aber diese gingen uns, so schien es mir, viel lockerer von der Hand. Mit Walter und auch mit meinen Geschwistern Sarrina und Sarah im Kinderwagen gab es viele lustige Dinge zu erleben.

Mit viel Verantwortung, die Sarrina und Siegfried ausstrahlten, ging es wieder einmal die abschüssige Straße zum See hinunter und es machte sichtlich unserer Schwester Sarah, im Kinderwagen, viel Spaß, wenn wir den Wagen los ließen und hinterher liefen, um diesen wieder einzufangen. Sarah juchzte jedes mal wenn wir den Wagen wieder einfingen, aber … dann entglitt uns dieser Wagen mit Sarah, der ringsum geschlossene, eiweißfarbige Kinderwagen lief selbständig der Uferstraße zu, wo damals auch schon Autoverkehr herrschte und dahinter gähnte der Abgrund des Walchensees …

… wir liefen was das Zeug hergab, der Wagen überquerte die Bundesstraße, holperte über die Uferwiese und rollte in den See mit unserer kleinen Schwester Sarah. Aber Glück im Unglück, es war Sommer und der Tretbootverleih geöffnet, der nette Herr vom Verleih sah unser Unglück kommen und fischte den Kinderwagen mir einem Ruder sofort wieder aus dem Wasser, Sarah juchzte immer noch und hatte die Gefahr in der sie gebracht wurde, noch nicht verstanden. Wir hatten sie schon im See versinken gesehen, die Schauermärchen unserer verstorbenen „Märchenoma“ kamen uns in Erinnerung, denn in diesem See sollte auch ein böses Ungeheuer leben und das wollte immer wieder Kinder verschlingen, aber nicht unsere Sarah, das ging überhaupt nicht …

Dieser Vorfall ließ sich nicht vor unseren Eltern verbergen, der Vorfall machte seine geschwätzige Runde im Dorf und so beichteten wir dieses Malheur gleich unseren Eltern, eine Standpauke war uns sicher, wenn das einmal reichen sollte?

Wir hatten ein sauschlechtes Gewissen und auf der anderen Seite war Sarah doch nichts passiert. Wir machten uns, mit einem längeren Umweg, auf den Heimweg, um Abstand zu gewinnen.

Dort angekommen, erwartete uns unsere Mutter mit sorgenvollen Blick, die Nachricht über das Geschehene hatte sie schon erreicht, denn der örtliche „Buschfunk“ arbeitete damals schon schneller als die heutigen Boulevard-Zeitungen.

Mutti hielt uns eine gehörige Standpauke, einerseits war Mutter froh, das alles gut ausgegangen war und andererseits sollten ihre Worte und Ermahnungen uns zu noch mehr Verantwortung anhalten. Wie zwei begossene Pudel mussten wir wohl ausgesehen haben, wir verdrückten uns in den Garten und spielten gemeinsam als ob nichts passiert war …

Die strengere Hand hatte sicherlich unser Vater und hier würde uns am Abend bestimmt noch ein stärkeres Donnerwetter erwarten?

Walter wollte am Nachmittag auch noch vorbei kommen, Siegfried war schon in freudiger Erwartung und diese beiden Jungs hatten schon so manche Eselei ausgebrütet.

Wer von diesen Beiden der Antreiber war, wurde nie so genau ausfindig gemacht, aber gemeinsam, wenn sie zusammen waren, kam selten etwas Vernünftiges heraus und schon gar nicht, wenn man sie unbeaufsichtigt gewähren ließ.

Der Vorfall mit dem Kinderwagen wurde wider erwarten nicht mehr am Abend vom Vater zur Sprache gebracht, … Glück gehabt!

***

Durch die an unser Grundstück angrenzende Wiese, verlief ein Bach und in regelmäßigen Abständen, waren hier Revisionsschächte mit einer Holzbohlen-Abdeckung eingebaut. Dieses Bächlein verlief im unteren Bereich durch unser Grundstück, bildete dort einen kleinen Weiher und verließ dann wieder unser Grundstück und floss dann weiter zum nahegelegenen See, wahrlich ein wahres Spielerparadies für Kinder, wie für Siegfried und Walter?

Dieser kleine Weiher sollte zwar auch von uns Kinder, ohne elterliche Aufsicht gemieden werden, so war zumindest das ausgegebene Verbot. Aber Verbote sind dazu da, dass man diese Verbote um gehen konnte und welches Kind spielt nicht gern am Wasser? Mit dem Sand und dem feuchten Schlamm, so ließe sich eine wunderbare „Pampe“ anrühren, Löwenzahnblüten einstreuen, Kochen spielen und was gab es schöneres?

Wenn dann noch eine Entenfamilie mit Jungen „an gewatschelt“ kam, dann hatten Siegfried und Walter zusätzliche Spielkameraden. Enten schwimmen lassen war toll und die kleinen waren auch nicht abgeneigt.

An diesem Nachmittag kam Walter auf die Idee, und ich war mir sicher, dass es Walter war, die Enten-Familie von dem letzten Revisionsschacht unterirdisch bis zu unseren Weiher schwimmen zu lassen. Wir schnappten uns die Entenfamilie und gingen auf Nachbars Wiese, Holzbohlen abgenommen und Einer nach dem Anderen wurde auf die lange unterirdische Reise geschickt, dann schnell wieder alles abgedeckt und zurück zum Weiher, wo wir freudigst auf die Passagiere warteten. Aber ein Entlein fehlte, wir warteten und warteten, nach einer kleinen Ewigkeit, endlich die erlösende Ankunft. Vollzählig wanderte die Entenfamilie wieder Richtung Stall, denn es war Fütterungszeit und das hatten diese lieben „Viecherl“ schon im Gespür.

Das Warten auf das letzte Entlein, hatte mich noch in so manchen Träumen nachts erschreckt, was wäre wenn dieses Tierlein nicht doch noch angekommen wäre …?

Unsere Sommerferien waren im Nachhinein betrachtet, die schönste Zeit des Jahres. Wir brauchten nicht viel anziehen, es war erinnerungsmäßig immer nur warm oder wir sahen nur die positiven Seiten?

Wir wohnten damals an einem der schönsten Seen in Bayern und zusätzlich hatten wir noch unseren eigenen Weiher, Kinderherz was willst du mehr? Da unsere Eltern nicht leichtsinnig waren und die Gefahren des Wassers, besonders im Umgang mit Kindern kannten, so mussten wir stets darauf warten, bis Mutter Zeit hatte mit uns an den See zu gehen um das kühle Nass zu genießen.

Wir hatten so manches mal uns um so mehr für Hausarbeiten aufgedrängt, nur damit Mutti schneller fertig wurde und wir an den See kamen.

Aber das Beste bei den Ausflügen war nach dem Bad im See, schlotternd auf der Decke zu sitzen, das Handtuch zum Wärmen noch umgehängt und das mitgenommene Essen zu genießen. Heute würde man wohl Picknick dazu sagen, bei uns war es eine gute deftige Brotzeit. Mutti wusste schon was uns nach dem Bad gut schmecken würde.

Als Schwimmreifen diente uns ein Autoschlauch von Papas Lloyd, der nicht mehr als Reserveschlauch brauchbar war.

Wenn es kühler wurde, die Schatten der am Ufer stehenden Bäume, unsere Decke erreichten, dann wurde zusammen gepackt und wir machten uns auf den Weg nach Hause. Zur Belohnung für unseren Gehorsam bekamen Sarrina und Siegfried, am Stand des Bootsverleiher, ein Eis am Stiel, es war ein quadratisches Vanilleeis von „Jopa“ in Aluminiumfolie eingepackt, und der Eisbehälter war so kalt, das dieser beim Öffnen richtig rauchte! Der Preis für diesen Genuss damals zehn Pfennige, für die damalige Zeit viel Geld, denn Papa verdiente zu diesem Zeitpunkt sechsundachtzig Pfennige in der Stunde …

Heute haben wir den Euro und einen wesentlich höheren Stundenlohn, ob sich die Verhältnisse gebessert hatten, dies muß jeder für sich errechnen.

So ein leckeres Eis am Nachhauseweg war schon ein Hochgenuss, aber meistens mussten wir dann zu Hause noch einmal abgeschrubbt werden, denn wir waren doch etwas bekleckert, der Kleidung tat dies nicht viel ab, wir hatten unsere Lederhose und das Leibchen war schnell wieder gewaschen.

Hinter unserem Haus stand unsere große, zwei Meter lange Zinkbadewanne, stets mit Wasser gefüllt und von der Tagessonne gut erwärmt, schnell wurden wir hinein gesetzt und abgewaschen …

… so gingen viele schöne Ferientage zu Ende!

***

Mein Freund Walter war in dieser Zeit ein häufiger Gast in unserer Familie und er hatte auch noch eine kleinere Schwester und zusammen ergaben wir eine fünfköpfige „Rasselbande“, wie Mutter uns nannte.

Mutter war diese Anwesenheit nicht immer wohl gesonnen, da sie auch für diese Zwei die Verantwortung hatte, Siegfried und Walter waren schon sehr auf einander fixiert und auf den einen oder anderen Streich aufgelegt. Nicht weit von unserem Haus verlief ein rauschender Gebirgsbach, mit mehr oder weniger Wasser, ins Tal, ein herrliches, sauberes und klares Wasser für die so beliebten Bachforellen.

Bei Regen, Gewitter oder bei der Schneeschmelze hatte dieses Bächlein schon sehr beträchtliche Ausmaße angenommen, aber im Sommer plätscherte es ganz gemütlich dahin, da konnten unsere zwei Helden über die rund gewaschenen Steine, fast trockenen Fußes den Bachlauf durchqueren.

Walter hatte wieder einmal die glorreiche Super-Idee mir meinen Horizont zu erweitern, denn er wollte mir zeigen, wie man Forellen fängt. Erst hatte ich Bedenken, da mein Papa einmal etwas vom „Schwarz-Fischen“ erzählte, aber Papa war weit weg und wir wollten es nur versuchen? In diesem Bachlauf gab es herrliche Gebirgsbach-Forellen und diese flinken Tierchen konnten wir in den kleinen Staustufen des Baches, in Ufernähe beobachten. Nur wie wollte Walter diese schnellen Tierchen fangen?

Walter schien schon sehr ausgebufft zu sein, er zeigte mir, wie man sich von hinten her, bachaufwärts anschleicht, dann wieder abwartend verweilt, so dass sich die Forelle an dem ihr vertrauten Platz wieder ruhig versammelte.

Später im „hohen“ Alter von sechzig Jahren hatte ich bei der Fischerei-Prüfung gelehrt bekommen, dass Forellen den einst vertrauten Platz ein Leben lang nicht verlassen und stets wieder zurück kehren.

Nun war äußerste Behutsamkeit angesagt, Walter führte langsam sein Hände zur Wasseroberfläche, so, dass keine Schattenwirkung die Forelle erschrecken konnte und nun kam der entscheidene Zugriff nach der Beute, blitzschnell fuhr Walter mit beiden Händen in das talwärts fließende Wasser und umklammerte mit seinen kleinen Händen, die bergauf fliehende Forelle. Ich sehe Heute noch das Bild, wie Walter den Fisch im hohen Bogen an das Ufer werfen wollte und wie dieses glitschige Tierchen aus seinen kleinen Händen entglitt und so wurde an diesem Nachmittag nichts mit unseren ersten gemeinsamen Fischfang. Aber interessant war es doch …

Ich für meinen Teil hatte an diesem Nachmittag viel von Walter gelernt, ob dies legal war, stand damals im Kindesalter, nicht zur Debatte.

Wir gingen gut gelaunt nach Hause, kurz vor meinem Gartentor teilten sich unsere Wege und Mutter erwartete mich schon, da ich wieder einmal die zugestandene Zeit überzogen hatte.

Die Ferientage vergingen schneller als geplant, falls überhaupt eine Planung vorlag? Es lag sicherlich daran, dass wir viele ablenkende Möglichkeiten mit unseren Geschwistern, aber auch mit den Tieren vom Hühnerhof oder mit den Häschen hatten, hinzu kam auch die Abwechslung mit Walter und seiner Schwester.

Severin hatte bereits im weit entfernten München seine Kochlehre begonnen, Papa besuchte ihn bei seinen wöchentlichen Eier- und Geflügelleferungen in der bayrischen Landeshauptstadt. Bei diesen Besuchen wurde die schmutzige Wäsche gegen die frischgewaschene und gebügelte Wäsche von Mutter ausgetauscht, die Berufswäsche wurde vom Ausbildungs-Betrieb gewaschen.

Nach Vaters Rückkehr erfuhren wir, schon gespannt wartend, die neuesten Nachrichten und Einzelheiten unseres großen Bruders. Für uns Beide, Sarrina und Siegfried war Severin nun schon der ganz Große, der weit entfernt ohne Eltern, in einer Großstadt lebte. Auf der einen Seite fanden wir diesen Zustand toll, ohne elterliche „Aufpasse“, tun und lassen zu können, was man wollte, andererseits fanden wir es schön die Geborgenheit und Fürsorge unserer Eltern zu spüren und zu wissen, wenn wir Dummheiten verbockt oder Hilfe benötigten, dann waren unsere Eltern zur Stelle.

Unser Papa erzählte öfters von dem Beispiel der jungen Vögel im Nest, die wenn es an der Zeit war, das elterliche Nest verlassen mussten um selbständig und flügge zu werden. So sollte auch bei uns Menschen der Lebensweg sein, aber für uns Kleineren war dies noch kein Thema …

***

Nach einen dieser Auslieferungs- und Besuchsfahrten, kam Vater mit seinem ganzen Stolz, seinem 400er Lloyd, am Spätnachmittag wohl behalten zurück. Papa hatte für uns Alle eine Überraschung dabei, als er aus seinem Auto ausstieg, da griff er hinter seinen Vordersitz zog an einem dickeren Strick und unsere Überraschung kam zum Vorschein, ein süßes Wollknäuel mit vier tapsigen Pfoten und zwei wachsamen, grünbraunen Kulleraugen … wir hatten nun einen Mitbewohner, einen lieben Hund. Es war eine Mischung aus Schäferhund und …, das hatten wir nie heraus gefunden.

Nun bekam Sarrina und Siegfried die tolle Aufgabe einen geeigneten Namen, für den neuen Spielkameraden und Wachhund, zu finden. Wir überlegten lange hin und her und so ganz neben bei fiel mal der Begriff „Batzi“ und diesen Namen sollte Batzi bekommen und wir fanden das dieser Name zu unseren Hund passte, wie die Faust aufs Auge.

Batzi war selbst noch ein Hundebaby und hatte großen Spaß mit uns herum zu tollen oder auch einmal die Hühner zu jagen, bis sie vor Schreck davon flatterten, er machte seinen Namen alle Ehre.

Papa ermahnte uns des Öfteren, dass wir aber auch Batzi erziehen müssen und er sollte auch folgen lernen, anschlagen wenn jemand Fremder auf das Grundstück will und sollte sich danach wieder ruhig verhalten, Papa wollte uns dabei unterstützen. Außerdem war ein täglicher Spaziergang an der Leine von uns zu absolvieren, aber das sollte überhaupt kein Problem sein. Mutti erzählte uns, dass ein Hundejahr gleich sieben Menschenjahren entspricht, das bedeutete aber auch, das Batzi nicht sehr lange eine Hunde-Baby blieb …

Papa baute unserem Batzi eine prachtvolle Hundehütte, denn Batzi sollte ein abgehärteter Hund werden und nachts auf Haus und Hof aufpassen. Er bekam noch eine lange Kette und konnte sich so doch in einem großen Kreis bewegen, aber meistens lag er in seiner Hütte, die Vorderpfoten nach vorne gestreckt und darauf hatte er seinen Kopf gelegt, eigentlich sah er so ganz relaxt aus oder auch ein bisschen beleidigt, wegen der Kette.

Batzi war noch nicht so ein guter Wachhund, wie Papa ihn sich gewünscht hatte. Eines Nachts schlich sich ein Fuchs in den Hühner-Stall und „metzelte“ einige Hühner nieder, ohne das Batzi anschlug und den Eindringling meldete, vielleicht hat er auch gebellt und vielleicht hat ihn keiner gehört? … im Zweifelsfalle für den Angeklagten! Wie der Hühnerdieb in den Stall kam war uns lange ein Rätsel, später entdeckten wir einmal eine Untergrabung des Fundamentes, ob das des Rätsel Lösung war …?

Für Papa war Batzi der Übeltäter und zur Strafe durfte er eine Woche nicht von der Kette, Papa sagte, „… Strafe muss sein …“.

Aber dafür trösteten wir unseren Batzi tagsüber mit vermehrten Streicheleinheiten, der Papa war ja zur Arbeit …

Heute denke ich ja etwas anders über Meister Reinecke, er hatte sich unter dem Fundament auf der Rückseite durch gegraben und somit seinen Überfall auf die wehrlosen Hühner-Damen mit „langer Pfote“ vorbereitet und der arme Batzi bekam dafür eine Woche verschärften Kettenarrest.

Dies war sicherlich ein Fehlurteil, ohne Anhörung von uns Kindern, der recht sprechenden Elternjustiz. Batzi musste mit diesem begrenzten Auslauf leben, aber die Woche ging auch sehr schnell vorbei, dann durfte Batzi wieder von der Kette, dies war ein Vergnügen nicht nur für den Hund …

Batzi strotzte vor Übermut, er musste erst einmal seinen Körper wieder in Schwung bringen, dazu waren ein paar Runden Hühner jagen gerade richtig, dann ausruhen im Schatten der Obstbäume, dann das ausbuddeln der versteckten Knochen und man sah unserem Batzi an, das er doch mit seinem Zuhause bei uns ganz zufrieden war.

Sarah war nun im Kleinkinder-Alter, begann langsam zu krabbeln und wir Größeren, konnten schon etwas mehr mit ihr anfangen, Batzi kam auch immer zum Schnuppern vorbei, der Geruch von Sarah hatte es ihm scheinbar angetan? Voller Übermut schnappte er sich oft eine Windel aus dem Wascheimer, wartete dann darauf, das wir sie ihm dann wieder abjagten. Diese Hatz war für Batzi und für uns ein Riesenspaß, nicht so für unsere Mutter, weil sie doch immer die Windeln einsammeln und die entstandenen Löcher stopfen musste. Aber ein stilles Schmunzeln konnte wir trotz der Arbeit bei ihr erkennen. Batzi beutelte die Windeln wie eine Jagdtrophäe und wir wussten, ein bisschen Jagdinstinkt war also in ihm …

Batzi wuchs zu einem mittelgroßen Schäfer-Hundmischling in sehr kurzer Zeit heran, wurde wahrscheinlich geschlechtsreif, mit diesem Begriff wussten wir Kinder nichts anzufangen, denn Kinder brachte der Storch, die Hühner und Enten kamen aus Eiern zur Welt und wie es bei Hunden geschah, wir machten uns da keine Gedanken, vielleicht legten sie auch Eier …? Oswald Kolle kam erst viele Jahre später mit seiner Aufklärung.

Batzi büchste in dieser Zeit sehr gerne aus um den Hundedamen den Hof zu machen, manchmal unter dem Tage, durch irgend ein Loch im Zaun oder nachts samt Kette und Erdpflock, Batzi war ein starker Hundemann geworden. Nachbarn oder sogar die Polizei brachten unseren Batzi von seinen Freiertouren sehr oft zurück.

Bei soviel Abwechslung und Kurzweil vergingen die Ferien im Nu und Anfang September war das Ende in Sicht und die uns nicht abgegangene Schule verlangte ihr Recht ein.

Die Tage wurden kühler und kürzer, der Herbst kündigte sich an. Sommergäste kamen auch nur noch vereinzelnd in den Ort, die Bauern brachten den Rest der Ernte ein, dies waren meistens nur noch die Kartoffeln und das Baumobst, alles andere war bereits abgeerntet. Die Milchkühe blieben noch einige Wochen auf der Weide, bis es auch hier Zeit für den schützenden Stall wurde. Die Tiere auf den Hochalmen wurden in einem schön geschmückten Festzug mit Blumenschmuck und Glockengeläut abgetrieben. Die umgebundenen Kuhglocken drückten je nach Größe den Reichtum des Besitzers aus. Das letzte Heu wurde sofort nach dem Trocknen eingebracht und die abgeernteten Wiesen und Felder mit dem angesammelten Mist und der Jauche gedüngt, was die Grube her gab. Bei schlechter Windlage hatten wir tagelang den penetranten Gestank in und um das Haus, dies war auch ein Nachteil vom Leben auf dem Land …, … nach Aussage unserer Eltern sollte der „Geruch“ nach Ammoniak und „Scheiße“, gut für die Lungen sein, auch eine der vielen Weißheiten unserer Eltern, vielleicht war etwas Wahres daran? Lungenkrank war jedoch keiner in unserer Familie …

***

Die ersten Schultage des neuen Schuljahres gingen ohne große Aufregung und Besonderheiten vorüber, die Schulkameraden waren die Selben wie im Vorjahr geblieben, Keiner musste eine „Ehrenrunde“ drehen und die neu erstellte, erste Klasse begann mit dem Ernst des Lebens, so sagte man doch immer?

Siegfried war nun schon ein Zweitklässler, auch wenn seine Leseschwäche noch niemand, so richtig bemerkt hatte, aber das umfangreichere Lesebuch der zweiten Klasse, sollte dies sehr bald an den Tag bringen …

An schönen, sonnigen Spätsommer-Tagen war es ohne Gefahr, eine Erkältung zu bekommen, immer noch möglich im See zu baden, zum Einem lag es daran, das der sonnenreiche Sommer, den an manchen Stellen bis zu einhundert siebzig Meter tiefen See, gut aufgeheizt hatte und das ruhige Wasser ein guter Wärmespeicher war.

In diesen ersten Schultagen sollte für uns im Dorf und in unserer Klasse ein sehr trauriger Unglücksfall geschehen. Ein Klassen-Kamerad von Siegfried, war beim Baden in Ufernähe am See ertrunken, obwohl Erwachsene und Kinder in unmittelbarer Nähe waren, jede Hilfe kam zu spät …

Solch eine Nachricht schlug in unserem kleinen Dorf wie ein Blitz ein, Jeder kannte Jeden und Allen fehlten die Worte zur Anteilnahme. Am nächsten Schultag blieb der Platz von Hansi leer, es war etwas endgültiges …, ein Feldblumenstrauß erinnerte an unseren Mitschüler. Die Lehrerin erklärte uns den Sinn des Lebens und das alles auch einmal mit dem Tod enden wird, man wusste nie wann dieser zuschlägt und das flößte uns schon wieder Angst ein. Die Lehrerin erzählte auch, dass Hansi unbemerkt im Uferbereich unterging und keiner hat es bemerkt, denn Hansi konnte schon schwimmen, zudem sollte Hansi vorher noch Butterkekse gegessen haben, ob er sich verschluckt hatte und in Panik geriet, keiner hatte einen Grund für seinen frühen Tod erfahren. Hansi war tot und wir sehr, sehr traurig.

Ein paar Tage später war die Beerdigung angesetzt, die gesamten Schulklassen gaben Hansi das letzte Geleit, es war ein ganz langer Trauerzug, vorneweg der Ortspfarrer mit den Ministranten, dann der schneeweiße unschuldige Kindersarg, der von Hansis Verwandschaft getragen wurde. Es war ein sehr stiller und sehr trauriger Tag, passend dazu das Grau in Grau des Himmels, als ob auch die Wolken eine letzte Träne schicken wollten …

Der Herbst hatte sich schon zum Schulbeginn angekündigt, nun war er nachdenklich angekommen …

***

Ende September hatte Siegfried seinen siebten Geburtstag und dies war ein Tag der Überraschung und der Geschenke, meistens gab es dann auch das Leibgericht bestehend aus Kartoffelbrei, Mischgemüse und einem „Landstreicherschnitzel“, das war eine panierte Milzwurst-Scheibe, denn Fleisch war nicht drin, auch wenn Geburtstag war.

Zur Überraschung bekam Siegfried das Versprechen, mit seiner Schwester Sarrina zum ersten Mal in ein Kino zu gehen. Dieses Ereignis sollte am kommenden Wochenende, wenn Papa nicht arbeiten musste, statt finden.

Das war eine große Vorfreude und eine noch größere Erwartung, wie wird es dort aussehen, sind viele Leute da, viele Fragen taten sich auf. Wir Kinder hatten überhaupt keine Vorstellung von einem Film, woher auch? Fernsehen war zwar bekannt, aber wir kannten keine Familie die ein solches Gerät besaß. Nun sollte es aber nicht mehr lange auf sich warten lassen, dann konnte Siegfried und auch seine Schwester Sarrina voll mitreden und wir würden bestimmt in der Klasse erzählen dürfen, wie es war?

Zu dieser Zeit gab es in unser Region noch kein Fernsehen, dies war einigen außerwählten und wohlhabenden Familien in den größeren Städten vorenthalten, das erste Deutsche Fernsehen ging 1952 auf Sendung und das ZDF erst 1963.

Für uns gab es nur das gute, alte Röhren-Radio und bestenfalls die allerorts praktizierte Hausmusik. Mutti musizierte und sang schon immer gerne und so manches Kinderlied aus dieser Zeit, klingt mir Heute noch wohlwollend im Ohr.

Es war Sonntag und Siegfrieds großer Tag war gekommen, seine Schwester Sarrina durfte auch mit, der Kinobesuch stand an und es ging Richtung Garmisch in das kleine Städtchen Mittenwald, hier war das besagte Kino am Ort, leider musste Mutti zu Hause bleiben, denn es gab ja noch das Nesthäkchen Sarah, die bestimmt nicht so ruhig wie wir Großen sein konnte?

Wir Kinder hatten nicht die leiseste Ahnung, wie so ein Kinobesuch abläuft, was überhaupt Kino bedeutet? Wir hatten Kino noch nicht erlebt, unsere Eltern erzählten uns aus ihrer Jugendzeit, aus den Zwanziger Jahren, wie damals die „Lichtspiel-Häuser“, was für ein schöne Beschreibung, ausgesehen hatten. Es gab viele Stuhlreihen, mit einer leichten Steigung im Bodenbereich, damit der Hintermann oder auch die Hinterfrau über den Vorderen sehen konnte, was jedoch auch noch vom Körpervolumen und der Größe der jeweiligen Person abhängig war. Jeder kennt Heute das Problem mit den rücksichtslosen Publikum! Vorne war eine große Bühne mit Vorhang, wenn alle Besucher Platz genommen hatten und der Filmvorführer das Zeichen bekam, so öffnete er elektrisch den großen Vorhang, das gedimmte Licht im Voyeur erlosch und die Fanfaren zur „Fox tönenden Wochenschau“ erklangen, wir sassen mäuschenstill links und rechts von Papa in der dritten Reihe, hatten Glück, dass kein Vordermann vor uns war und so konnten wir auf die große Leinwand sehen. Dann kamen noch ein paar Werbe-Filme über wohlschmeckende Zigaretten und über Spirituosen, was der Mensch wahrscheinlich brauchte? Aber dann kam der Hauptfilm, mit theatralischer Anfangsmelodie und der großen Überschrift

„Heidi“

diese Geschichte hatte Mutti uns schon einmal erzählt oder auch vorgelesen, da kam ein Mädchen namens Heidi zu Peter und seinen Großvater auf die Alm, später kam noch Klara im Rollstuhl dazu, eine sehr rührende und aufwühlende Geschichte, ich glaubte mich auch an einige Tränlein zu erinnern. Wir waren an diesem Nachmittag sicherlich die bravsten Kinder östlich des Mississippis, der Film war von der unvergessenen Johanna Spyri, gespannt verfolgten wir jede Szene des Films und waren von der Handlung gefesselt, als ob wir in diesem Film selbst mit spielten, nur mit anderen Vornamen, aber es war unsere heile Bergwelt …

… die beste Szene habe ich Heute noch in Erinnerung, wo der „Geißen-Peter“ in die von Heidi mitgebrachte Salami beißt und das von Heidi mitgeführte Lesebuch verkehrt herum zum Lesen hält, denn der „Geißen-Peter“ konnte gar nicht lesen. Irgendwie wurde Siegfried bei dem Film sehr nachdenklich, da er in den letzten Schultagen erhebliche Probleme beim Lesen, im neuen Lesebuch der zweiten Klasse hatte …

Der Film war ein echtes High-Light, aber auch sehr anstrengend und wir waren nach eineinhalb Stunden ganz schön geschafft vom Stillsitzen und Aufpassen, zu Hause gab es viel zu erzählen und erst am folgenden Schultag konnten wir unsere Klassen-Kameraden und der Klasse alles erzählen, für diesen Tag waren wir etwas ganz Besonderes …

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