Kitabı oku: «Schwarze-Witwen-Mambo»
Birgid Windisch
Schwarze-Witwen-Mambo
Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis
Titel
E I N S
Z W E I
D R E I
V I E R
F Ü N F
S E C H S
S I E B E N
A C H T
N E U N
Z E H N
E L F
Z W Ö L F
D R E I Z E H N
V I E R Z E H N
F Ü N F Z E H N
S E C H Z E H N
S I E B Z E H N
A C H T Z E H N
N E U N Z E H N
Z W A N Z I G
E I N U N D Z W A N Z I G
Z W E I U N D Z W A N Z I G
D R E I U N D Z W A N Z I G
V I E R U N D Z W A N Z I G
F Ü N F U N D Z W A N Z I G
S E C H S U N D Z W A N Z I G
S I E B E N U N D Z W A N Z I G
A C H T U N D Z W A N Z I G
N E U N U N D Z W A N Z I G
D R E I ß I G
E I N U N D D R E I ß I G
Z W E I U N D D R E I ß I G
D R E I U N D D R E I ß I G
V I E R U N D D R E I ß I G
F Ü N F U N D D R E I ß I G
S E C H S U N D D R E I ß I G
S I E B E N U N D D R E I ß I G
A C H T U N D D R E I ß I G
N E U N U N D D R E I ß I G
V I E R Z I G
E I N U N D V I E R Z I G
Z W E I U N D V I E R Z I G
Die Kommissare des Höchster Polizeireviers:
Vorschau auf den sechsten Mümlingtalkrimi:
N A C H W O R T
Q U E L L E N und D A N K:
Impressum neobooks
E I N S
Birgid Windisch
Schwarze-Witwen-Mambo
Mümlingtalkrimi, Band, Nr. 5
Birgid Windisch
Schwarze Witwen Mambo
5. MÜMLINGTALKRIMI
Prolog Dezember 2011
Der schon ältere, aber rüstige Mann, wanderte über die Rimhorner Höhe, dem Aussichtsplatz zu, von dem man einen herrlichen Blick über den Ort hatte. Von dort wollte er den schmalen Hohlweg nach unten laufen, der links von Äckern, Wiesen und Weiden begrenzt war. Rechts säumten Bäume den Weg. Er trat unter den „Pilz“, wie die Rimmerner ihren Schattenplatz nannten – einen massiven Holzstamm, auf dem eine Art Schirmdach saß.
Zufrieden las er zum wiederholten Male den schönen Spruch, auf dem Holzschild unter dem Dach:
„Rimhorn, oh wie schön bist Du, mit Blick von der Johannisruh. Wenn dann im Frühling die Bäume blühn und winkende Wanderer vorüber ziehn, wird uns die Schönheit unserer Heimat bewußt und man möchte singen voller Lust - ein schönes Plätzchen ist das hier, dem VVR sei Dank dafür!“
Gleich daneben hing ein ausführliches, gerahmtes Gedicht hinter Glas, das er diesmal nicht las – er konnte es sowieso auswendig. Still lächelte er in sich hinein und flüsterte dabei:
„Johannes Ruh, Johannes Ruh,
ein Plätzchen – ach wie schön bist du.
Wie herrlich ist in´s Dorf der Blick
Lieb Dörflein, ach leb doch immer im Glück.
Hier erfreut sich jung und alt,
so schön hier bei dem Tannenwald;
man hört dort drüben das Glöcklein klingen
und ringsherum die Vöglein singen.
Man sieht hier den fröhlichen Wanderer ziehn,
oben am Berghang die Obstbäume blühn
und unten sieht man die Autos sausen
hoch in den Lüften die Flugzeuge brausen.
So friedlich steht´s Kirchlein in der Mitte,
zur Schule geh´n die Kinder mit schnellem Tritte;
überall gehen weit und breit
viel gute und auch brave Leut.
Kommt man von unten oder oben,
jeder wird das Plätzchen loben;
von hier aus sieht es so herrlich aus,
wenn man betrachtet sein Heimathaus.
Geht man vorbei und ist sehr müd
Und die Vöglein singen ihr Abendlied
erlabt sich jung und alt das Herz
und man vergisst so manchen Schmerz
Geht man abends in sein Kämmerlein,
spät schon, beim lieben Mondenschein,
schickt man sein Nachtgebet zum Herrn,
für alle Lieben aus Nah und fern,
denk ich nochmals an die Johannes Ruh
bis mir fallen die Augen zu.“
Er genoss noch einmal den schönen Ausblick, dann setzte er sich auf die Bank, die den Holzstamm umschloss, öffnete die mit Tee gefüllte Thermosflasche, die ihm seine Frau, wie immer, fürsorglich am Morgen gefüllt hatte. Liebevoll dachte er an sie, die so gut zu ihm war. Sie war um die zwanzig Jahre jünger als er und äußerst liebreizend anzusehen. Manchmal konnte er immer noch nicht fassen, warum sie gerade ihn gewählt hatte. Ihn, der doch eher unscheinbar daherkam und nicht viel darstellte, im Gegensatz zu ihr, die so wunderschön und wohlsituiert war. Daher hatte er vor einem knappen Jahr, als er sie kennenlernte, auch gleich gewusst, dass sie nicht hinter seinem Geld her sein konnte. Er hatte sie nach kurzer Zeit zu seiner Frau gemacht und ihr von ganzem Herzen vertraut, wie er es auch heute immer noch tat. So ein spätes Glück war nicht jedem beschieden und niemand sollte ihn der Undankbarkeit bezichtigen. Er nahm noch einen tiefen Schluck von dem wohlschmeckenden ayurvedischen Tee, den seine Sybille so liebte und auf dessen gesundheitsfördernde Wirkung sie schwor, runzelte kurz die Stirn, da er diesmal etwas bitter schmeckte. Wahrscheinlich hatte sie ihn zu lange ziehen lassen, fuhr es ihm durch den Kopf. Gemächlich trank er aus und füllte den Becher noch einmal bis zum Rand. Sie hatte sich die Mühe gemacht und ihren selbstgemischten ayurvedischen Tee für ihn gekocht, da wollte er seine Wertschätzung ihrer Mühe auch zeigen, indem er ihn austrank, wenn er auch diesmal nicht so gut wie sonst schmeckte. Er zuckte die Achseln und setzte den nun leeren Becher ab. Verwirrt und zunehmend beunruhigt registrierte er zunehmendes Herzklopfen, das sich zum allmählichen Herzrasen steigerte. Das Atmen fiel ihm schwer, er bekam kaum noch Luft. Automatisch zerrte er an seinem Reißverschluss, um den Anorak zu öffnen und ließ dabei sein geliebtes Heimatdorf nicht aus den Augen.
Der Becher rutschte ihm aus der Hand, der restliche Tee, der darin gewesen war, versickerte im weichen Boden und er sank mit weit aufgerissenen Augen allmählich nach hinten, gegen den Stamm. Von dort kippte er langsam zur Seite, rutschte dabei nach vorn von der Bank herunter, erbrach sich dabei heftig und kam mit einem dumpfen Plumps auf dem Boden auf. Als sein Kopf auf den Boden aufschlug, war er bereits tot. Der restliche Inhalt der Teeflasche ergoss sich neben ihm, vermischte sich mit dem Erbrochenen und die heiße Flüssigkeit tränkte seine Hose, doch das spürte er nicht mehr.
Z W E I
Dezember 2021
Im Polizeirevier Höchst stand Helmut, der uniformierte Polizist, am Empfang und hielt sich den Hörer des Telefons ein Stück weit vom Ohr weg. Teilnahmsvoll schlug ihm Eddie, der gerade vorbei ging, auf die Schulter und grinste dabei schadenfroh.
Helmut jedoch packte ihn geistesgegenwärtig an der Hand und hielt ihn entschlossen fest, wobei er aufgeregt mit dem Kopf zum Hörer deutete.
Eddie zuckte gelangweilt die Schultern und blieb gutmütig stehen. „Moment!“, rief Helmut in diesem Moment und drückte ihm mit den Worten: „Ich gebe ihnen meinen Kollegen, der dafür zuständig ist“, das Telefon in die Hand.
Augenrollend nahm dieser den Hörer und meldete sich knapp: „Kommissar Edgar Appel, was kann ich für sie tun?“ Eine aufgeregte Frauenstimme drang in enormer Lautstärke an sein Ohr und automatisch hielt er sich, wie zuvor schon Helmut, den Hörer ein Stück vom Ohr weg. Stirnrunzelnd hörte er eine Weile zu, dann unterbrach er entschlossen den Wortschwall der aufgebrachten Dame. „Name und Adresse?“ Er zog einen Stift aus der Jackentasche und schrieb auf den Zettel, den ihm Helmut eilig hinhielt ein paar unleserliche Worte. „Wir kommen!“, und legte auf.
„Danke Helmut, für das erfreuliche Gespräch!“ Gespielt böse sah er den Kollegen an, der ihn unbeeindruckt anlächelte, dann verließ er den Eingangsbereich, um schnellstmöglich das Ermittlerteam zu verständigen.
Magda war heute erst den zweiten Tag wieder im Dienst. Nach ihrer schweren Verletzung, war sie einige Wochen krankgeschrieben gewesen. Mit Kopfverletzungen war nicht zu spaßen und ihre Kollegen hatten darauf bestanden, dass sie sich ihre Auszeit nahm, bis zur vollständigen Genesung. Doch jetzt reichte es ihr mit dem Krankenstand, sie war lange genug daheim gewesen und brannte darauf, wieder etwas Sinnvolles zu tun, sprich, zu arbeiten. Nicht, dass sie Hausarbeit für weniger wertvoll hielt, aber ihre Arbeit war ihr Leben und sie fühlte sich persönlich dafür verantwortlich, wenn ein Mörder nicht gefasst wurde und davonkam.
Alarmiert betrachtete sie ihren Kollegen, der, obwohl frisch von daheim kommend, bereits wieder reichlich derangiert aussah. „Was ist los, Eddie? Ist etwas passiert?“
Ratlos sah er sie an. „Ich bin mir nicht sicher, aber es klang schon besorgniserregend, was mir die Frau eben am Telefon erzählt hat.“ „Wie erzählt, das Telefon hat doch gar nicht geklingelt!“ Magda sah ihn fragend an.
„Helmut hat mir, als ich hereinkam, gleich vorne, den Hörer in die Hand gedrückt.“ „Ach so“, nickte Magda lächelnd. „Hat er gleich geschaltet und das Gespräch auf dich abgewälzt!“ Eddie nickte finster. „Das kann man wohl sagen. Die Dame war sehr laut und aufgeregt. Sie macht sich Sorgen um ihren Mann, der gestern von einem Spaziergang nicht nachhause kam und fürchtet das Schlimmste.“ „Wir fahren hin!“, beschloss Magda kurzerhand. Anne und Ben, die am anderen Schreibtisch saßen, hoben interessiert die Köpfe. „Wo wohnt sie denn?“, wollte Anne, wie immer neugierig, wissen. Automatisch antwortete Eddie: „In der Goldbachstraße, in Rimhorn“, doch Magda stand schon auf. „Eddie, wir beide fahren!“ „Und ich?“, maulte Anne aufsässig. „Du und Ben, ihr bleibt erst einmal hier und mit uns in Verbindung. Wenn wir Näheres wissen, geben wir euch gleich Bescheid, damit ihr schon anfangen könnt, zu recherchieren.“ Vor sich hin brummend, zog Anne einen Stoß Akten zu sich heran und sah Magda finster an. „Wir können nicht gleich alle dort aufschlagen“, gab diese ungerührt zurück. „Die Frau denkt ja sonst Gott weiß, was ihrem Mann passiert ist. Nein, Eddie und ich fühlen diplomatisch vor und dann fangen wir alle zusammen mit der Recherche an – falls es überhaupt nötig ist.“
„Diplomatisch, dass ich nicht lache“, sagte Anne spöttisch, „da sind die beiden Richtigen beisammen!“ Ben musste anscheinend sichtlich aufpassen, dass er nicht laut losprustete, was ihm Magda aufgebracht ansah. Eddie zog sie schnell aus dem Büro und Magda rief noch schnell Fränzchen zu sich. „Was denn, dann kann er gleich unterwegs ein wenig schnüffeln und seine sonstigen Bedürfnisse erledigen!“, erklärte sie Eddie, den Hund verteidigend. Der hob die Brauen, aber lächelte nur und winkte den anderen, Augenzwinkernd zu.
Sie nahmen Magdas alten Meriva, wegen Fränzchens Hundetransportkorb und fuhren zügig los. „Wenn wir heimfahren, können wir vielleicht noch kurz ein Stück durch die Obrunnschlucht laufen, oder?“ Magda sah Eddie bittend an. „Wenn wir vorher keine Gelegenheit für seine Geschäfte finden, aber ich habe so eine Ahnung, dass wir ganz woanders hinmüssen“, erklärte Eddie dunkel. „Woanders hin, was meinst du denn damit?“ Eddie wandte sich ihr kurz zu. „Die Dame am Telefon sagte etwas von einer Wanderung, zum Aussichtsplatz auf der Rimhorner Höhe. Dorthin ginge er meist. Also denke ich, dass wir, wenn wir ihn vielleicht eine Weile suchen müssen, das Angenehme“, er sah bedeutsam nach hinten zu Fränzchen, „mit dem Nützlichen verbinden können.“ Magda nickte beifällig. „Das hast du schön gesagt. Das Angenehme mit dem Nützlichen.“ Sie lächelte leise in sich hinein und betrachtete das Ortsschild, das sie eben erreicht hatten.
D R E I
An der Rechtskurve, nach dem Friedhof, entzifferte Magda das Straßenschild. „Halt, Eddie, du musst links einbiegen, das ist schon die Goldbachstraße!“ Brummend bog Eddie in die Straße ein und stellte sich auf den nächstmöglichen Parkplatz am Straßenrand. „Wo soll es denn nun sein?“ Suchend sah sich Magda um. Eddie deutete mürrisch auf eine feudale Villa. „Vornehm geht die Welt zugrunde“, murmelte Magda und musterte sie anerkennend.
„Geschmacksache“, gab Eddie nachdenklich zurück. „Die kann noch nicht lange stehen, oder wurde erst vor kurzem restauriert.“ „Scheint mir auch so“, meinte Magda mit großen Augen. Um das weiß verputzte Haus, mit den spielerischen Türmchen und dem geschwungenen Erker an der Seite, schlang sich ein Metallzaun mit gefährlich aussehenden Spitzen. Magda schüttelte sich unwillkürlich, als sie das sah. Ihre überbordende Fantasie zeigte ihr sofort Bilder von schrecklichen Unfällen.
Eddie sah sie grinsend an, er kannte ihre bildhafte Vorstellungskraft, die nicht immer wohltuend für sie war und zog sie zum Tor. Fränzchen hatten sie erst noch im Auto gelassen, was er stoisch hinnahm. So leicht brachte ihn nichts aus der Ruhe.
Magda klingelte und betrachtete das beleuchtete Klingelschild mit Namen Sybille und Erhard Lang.
Eine sehr klare Stimme erklang: „Ja, bitte?“ „Hauptkommissarin Magda Wild und Kommissar Edgar Appel!“, antwortete Magda kurz. Der Türöffner summte, gleichzeitig öffnete sich die Tür und eine schlanke, gepflegte Frau, mit schwarzem Pagenschnitt, erschien im Rahmen. „Bitteschön, das ging aber schnell!“ Sie machte eine einladende Handbewegung und Magda und Eddie traten ein.
Als die Kommissarin an ihr vorbei ging, streifte sie ein dezenter Parfümduft und ein etwas geringschätziger Blick. Sie spürte, dass ihre Aufmachung geprüft und für nicht gut befunden worden war. Innerlich zuckte die burschikose Ermittlerin die Achseln, warf ihr halblanges graubraunes Haar zurück und drehte sich freundlich lächelnd der Frau zu. Diese bedeutete den Kommissaren, sich an den Esszimmertisch im Erker zu setzen, was die beiden gerne taten. Auf Bänken saßen sie gern und diese schien ein besonders bequemes Exemplar zu sein. Aufmerksam sah sich Magda um und bewunderte das schöne Wohnzimmer, eingerichtet mit hellen Holzmöbeln. Auf dem Boden bemerkte sie eine Yogamatte in kräftigem Lila.
„Schön, dass sie so schnell gekommen sind!“, begann die Frau leicht aufgeregt. „Mein Erhard kommt sonst immer pünktlich, nach ein bis zwei Stunden allerhöchstens, wieder von seinen Spaziergängen zurück.“
Eddie zog sein Handy aus der Tasche. „Haben sie etwas dagegen, wenn ich unser Gespräch aufzeichne? Das macht es für uns einfacher.“ Die Frau schüttelte den Kopf. „Machen sie nur!“ Eddie nickte und schaltete die Rekorderfunktion ein. „Frau Lang, sie haben vorhin bereits mit mir telefoniert.“ Er lächelte sie freundlich an. „Sie waren das?!“, strahlte sie erfreut zurück. Magda sah sie aufmerksam an. „Sie machen sich Sorgen um ihren Mann?“ Sofort verschloss sich das Gesicht der gepflegten Dame. Sie nickte wortlos, sichtlich mit den Tränen kämpfend. Eddie wandte sich ihr tröstend zu. „Welchen Weg nimmt er denn normalerweise, wenn er spazieren geht?“ Die Dame schluckte. „Er geht oft zuerst in die Kirche, wo er sich gerne ein wenig aufhält und betet“, sie schluchzte leise auf, „dann geht er meist die Kirchstraße weiter und an der Kreuzung rechts, die Rathausstraße hinunter. Die mündet in die Mühlhäuser Straße, die er rechts weiter geht und am Brunnen, schräg gegenüber der Diakonie, links den Weg entlang und den Hang hoch, bis zur Johannesruh.“ „Kann man da auch mit dem Auto hochfahren?“ Fragend sah Magda sie an. „Natürlich!“, rief die Frau lebhaft. Vertraulich beugte sie sich vor. „Wissen sie, ich habe es nicht so mit dem Wandern und als mein Mann mir alles gezeigt hat, damals als wir uns kennengelernt haben und ich zu ihm gezogen bin, sind wir auch mit dem Auto hochgefahren. Der Weg ist schmal, aber geteert und sie müssen ihm einfach nur folgen. Nach mehreren Kurven sind sie oben, wo sie am Straßenrand parken können. Rechts darunter, liegt gleich die Johannesruh, von wo man einen einmaligen Blick auf Rimhorn hat!“ Magda nickte. „Dann fahren wir einfach seinen Weg ab. Wäre im Dorf etwas mit ihm passiert, hätte sie bestimmt bereits jemand verständigt.“ Aufgeregt nickte die Frau. „Natürlich, jeder kennt ihn und sicher hätten sie sich um ihn gekümmert und mich danach angerufen. Am besten ich komme mit, dann finden sie auch schneller den Weg!“ Eddie schüttelte bedauernd den Kopf. „Das ist nicht gut. Wir würden uns gerne erst einmal alleine ein Bild machen. Es ist ja auch nicht gesagt, dass wir ihn gleich finden werden!“ „Aber ich kann ihnen doch helfen und den Weg zeigen. Mit mir finden sie ihn bestimmt schneller!“ Die Dame steigerte sich langsam aber sicher in eine Aufregung hinein.
Magda mischte sich ein und sagte kurzentschlossen. „Na gut, wir machen eine Ausnahme, aber nur, wenn sie versprechen, uns Folge zu leisten, um zum Beispiel keine eventuellen Spuren zu vernichten. „Kein Problem“, sagte die Frau tonlos und erblasste zusehends, „ich möchte einfach helfen und alles tun, um ihn schnellstmöglich zu finden.“ „Dann mal los, wir fahren seinen üblichen Spazierweg ab.“ Eddie schaltete die Diktierfunktion aus und steckte das Handy ein, dann warf die Frau eine Jacke über, ohne in den Spiegel zu schauen, was Magda aufmerksam registrierte. Das passiert ihr sicher nicht oft, dachte sie dabei bei sich. „Steigen sie bitte hinten ein“, bat sie die Dame, die wortlos nickte und einstieg. Eddie sah im Rückspiegel, wie sie Nase rümpfte und einen verstohlenen Blick nach hinten, zu Fränzchen, warf. „Ab und zu lässt Fränzchen mal einen ziehen“, sagte Magda entschuldigend. „Fränzchen?“ Die Frau sah Eddie fragend an. „Ich nicht, ich bin Eddie, das da hinten ist Fränzchen!“, rief der hastig mit rotem Kopf und Magda verbarg ein leises Kichern. „Parken sie bitte oben am Hofhaus“, rief die Frau kurz darauf. „Unten an der Kirche ist selten ein Parkplatz frei und wenn man dann doch dort steht, muss man wieder rückwärts hochfahren, was nicht immer ratsam ist, für ältere Kupplungen.“ „Aha, eigene Erfahrung?“ Magda schmunzelte und sah das leichte Nicken der Frau im Rückspiegel. Kurz darauf stiegen sie am Hofhaus, das ihnen Frau Lang zeigte, aus. Magda gab Fränzchen ein Leckerli und erklärte ihm, dass er noch einmal kurz warten müsse. Dann gingen sie zu dritt das kurze Stück, zur Kirche hinunter. „Die sieht aber toll aus!“ Magda stand bewundernd vor dem schmucken Gebäude. „Ja, sie ist wirklich wunderschön. Die Rimhorner sind sehr stolz darauf.“, erklärte Frau Lang. „Sie wurde schon mehrmals renoviert. Einmal in den sechziger Jahren und vor ungefähr 15 Jahren noch einmal innen.“ Sie sah sich stolz um. „Bei der Renovierung entdeckte man damals sehr altes Mauerwerk und zwei frühromanische Fenster an der Nordseite des Langhauses, woraufhin die Kirche auf das 10./11. Jahrhundert datiert wurde.“ „Wahnsinn!“, rief Magda begeistert. Die Frau sah sie drängend an. „Gehen wir hinein? Er wollte noch etwas für den Pfarrer auf den Gabentisch stellen. Er verlässt uns nämlich, und geht als Dekan zum Dekanat Odenwald“, erklärte sie und deutete auf den Weg. „Vielleicht steht es auf dem Tisch! Dann wissen wir, dass er hier gewesen ist!“ Sie zog Magda am Jackenärmel hinter sich her, zur Kirchentür hinein. Die Ermittler betraten leise die Kirche und sahen sich bewundernd um. „Das ist aber mal eine wirklich schöne Kirche!“, entfuhr es Magda leise und Eddie nickte zustimmend. Andächtig betrachteten sie den Altar mit dem Kreuz darauf, mit einer schönen Jesusfigur und den beiden dunkelmarmorierten, wie Korkenzieher gebogenen Säulen rechts und links davon. Die hohen Kerzen, die aufgeschlagene Bibel und der Blumenstrauß, mit den Amaryllis, vor dem Kreuz, wirkten irgendwie gemütlich - der Tisch davor mit dem Adventskranz gab ihm ein wohnliches Aussehen. Ein hölzernes Krippchen stand rechts neben dem Altar, auf einem runden Tischchen, mit violetter Tischdecke und ein hell erleuchteter, großer Christbaum vor der prachtvollen, ganz in weiß, schwarz und Gold gehaltenen Kanzel. Der hellere Aufgang war fast gänzlich hinter dem mächtigen Baum verborgen. „Wahnsinn!“ Eddie sah sich begeistert um. „Ja, unsere Kirche ist klein, aber fein“, pflichtete ihm Frau Lang bei und sah sich stolz um. Dann trat sie wie magnetisch angezogen zu einem improvisierten Gabentisch, der zwischen der linken Bankreihe installiert war. Auf einer runden, weißen, rotgesäumten Tischdecke standen einige Geschenke. Magda betrachtete eingepackte Flaschen, ein Körbchen mit kleinen Geschenken – Bildern, beschrifteten Steinen und Andenken – dominiert von dem gerahmten Bild einer kleinen Kirche mit Zwiebelturm in der Mitte. Bewundernd deutete sie darauf. „Das ist aber nicht diese Kirche hier! Es sind Wiesen drumherum und außerdem ist der Turm ganz anders.“ „Das muss die evangelische Lützel-Wiebelsbacher Bergkirche sein“, erklärte die Frau, bedrückt nickend und kramte dabei im Körbchen herum. Aufgeregt zog sie ein Bild heraus, auf dem zwei Männer zu sehen waren. „Das ist von meinem Erhard!“ Sie deutete auf den linken Mann. „Das ist er und der andere Mann ist unser ehemaliger Pfarrer.“
Die Ermittler beugten sich interessiert über das Bild, das die Dame ihnen hinhielt.
„Ihr Mann ist ein gutes Stück älter als sie?“ Forschend betrachtete Magda Frau Lang, die sie auf Mitte der Fünfzig schätzte, nahm das Handy hoch und fotografierte es. „Ja, er ist zwanzig Jahre älter, aber das hat uns nie gestört“, gab die etwas unfreundlicher zurück. Eddie dachte: Das hat sie anscheinend schon öfter gehört.
Magda nickte, auch ihr war der genervte Unterton nicht entgangen. „Fällt ihnen hier noch etwas auf? Wenn nicht, möchte ich gerne weiter, vielleicht braucht ihr Mann unsere Hilfe!“ Die Frau nickte, wieder blass geworden und Magda knickste zum Altar hin, dann verließen die drei die Kirche und gingen zügig zum Auto. Eddie folgte den Anweisungen Frau Langs und als sie am Brunnen links den Weg hochfuhren, waren sie froh, die Frau mitgenommen zu haben, denn wer weiß, ob sie den Brunnen so schnell gesehen hätten. Vielleicht kommt es auf jede Minute an, das kann man schließlich nie wissen, dachte Magda beunruhigt.
An einer Rechtskurve standen zwei Bänke in der Wintersonne, zu denen einige Stufen hinaufführten. Im Vorbeifahren fiel Magda auf der linken, eine aus Holz ausgeschnittene Figur ins Auge. Das Männlein sieht aus, als habe es einen grünen Mantel an, dachte Magda. „Hast du die Figur gesehen?“ Eddie wandte ihr den Blick zu. „Ich fahre, da kann ich nicht alles neben der Straße sehen!“ Die Frau mischte sich ein. „Erhard hat mir vorgestern davon erzählt. Er meinte, es hätten Kinder angemalt und hingelegt.“ Magda nickte zustimmend. „Das denke ich auch.“ Dann waren sie auch schon oben, am Scheitelpunkt angelangt. Rechterhand standen einige Bäume, doch Eddie war bereits daran vorbeigefahren, als die Frau rief: „Halt, da unten ist die Johannesruh!“ Eddie bog links in eine Auffahrt zu einer kleinen Feldscheune ein und zog wieder rückwärts heraus. Magda machte vorsichtshalber die Augen zu, falls irgendwo ein Graben sein sollte.
Doch Eddie parkte schon gekonnt links am Wegrand, ein Stück auf dem Acker, falls ein Bulldog kommen sollte und die drei stiegen schnell aus. Magda öffnete die Heckklappe und hob endlich den geduldig wartenden Hund heraus.
Der schüttelte sich, als sie die Leine an seinem Geschirr festgemacht hatte, machte ein paar Schritte zu einem höheren Grasbüschel und hob sofort das Bein. „Das war nötig, gell, mein kleiner Schlawiner!“, meinte Magda liebevoll und die Dame streifte ihn mit einem misstrauischen Blick. Anscheinend keine Hundefreundin, dachte Magda und sah an Eddie´s Blick, dass ihm der gleiche Gedanke durch den Kopf gegangen war. „Dort unten, ist die Johannesruh!“ Die Dame deutete ein Stück hinab, wo man einen kleinen offenen Pavillon ausmachen konnte. Ein Stückweit links daneben, grasten ein Norweger Fjordpferd und ein Esel friedlich auf einer Weide. Sie hoben kurz die Köpfe, betrachteten Fränzchen, der ihren Blick ruhig zurückgab, stuften ihn als ungefährlich ein und setzten die Futteraufnahme fort. „Da ist etwas!“ Eddie setzte sich erstaunlich schnell in Bewegung, als Magda eine hastige Bewegung neben sich spürte. Geistesgegenwärtig fiel sie Frau Lang in die Arme und hielt sie fest. „Bitte warten sie einen Moment. Eddie muss erst nachschauen, was dort ist.“ Die Frau nickte und Magda spürte ihr Zittern durch die dicke Winterkleidung.
Die beiden sahen, wie Eddie sich mit düsterem Blick, aus der Hocke erhob, zu ihnen hochschaute und gleichzeitig sein Handy zückte. „Ein wenig Geduld noch“, bat Magda nervös. „Setzen sie sich bitte ins Auto. Ich schau kurz nach, was los ist und sage ihnen gleich Bescheid.“ Die Frau setzte sich wie in Trance ins Auto und Magda schloss leise seufzend die Tür hinter ihr. Dann band sie das aufgeregt schnüffelnde Fränzchen an den nächsten Baum und wandte sich Eddie zu. Als sie auf die Pergola zuging, sah sie schon von hier aus, eine Gestalt auf dem Boden liegen. Sie verglich den Mann in Gedanken mit dem Bild, auf dem der Pfarrer und Herr Lang abgebildet waren und begrub die Hoffnung, ihn lebend zu finden. Düster sah sie, dass er wohl schon länger dort liegen musste. Unter ihm hatte sich eine Pfütze gebildet, mit der Flüssigkeit, die anscheinend aus der Thermosflasche neben ihm, ausgelaufen war. Eddie hob den Kopf und sah ihr traurig in die Augen. „Ich hab schon Susi, Anne und Ben verständigt. Sie bringen den Spusikoffer mit. Bitte trete ein Stück zurück und pass vor allem auf, dass seine Frau nicht herunterkommt und alles zertrampelt.“ Magda nickte traurig. „Ich fahre sie am besten heim und lass dich kurz alleine hier. Ist das in Ordnung?“ „Klar“, brummte Eddie stirnrunzelnd, bereits wieder in seine Arbeit vertieft.
Seufzend wandte sich Magda um und versuchte, ein neutrales Gesicht aufzusetzen, was ihr nur teilweise gelang. Sie war einfach nicht gut darin, sich zu verstellen und jeder Tote berührte sie tief. Sie trat ans Auto, öffnete die Tür und lächelte die Frau mitfühlend an, wobei sie sah, wie das Verstehen in ihre Augen trat und Entsetzen, die Angst darin ersetzte. Die Frau schlug die Hände vors Gesicht und machte Anstalten, auszusteigen, doch Magda schob entschlossen ihre Beine, die sie schon halb aus dem Auto gehoben hatte, wieder hinein und schloss die Autotür. Sie band Fränzchen los, vertröstete ihn auf später, führte ihn zum Auto und hob ihn hinein. Dann fuhr sie Frau Lang hinunter zu ihrem Haus. „Haben sie jemanden, der sich um sie kümmern kann? Eine Freundin vielleicht, oder Verwandte, die ich anrufen kann?“, erkundigte sich Magda und wandte sich fürsorglich zu ihr um. Die Frau schluckte angestrengt und runzelte die Stirn. „Seine Wanderfreunde mögen mich nicht und die Dorfbewohner wahrscheinlich auch nicht. Höchstens den Pfarrer, oder meine Nachbarin, die kennen mich besser und wissen, dass die Gerüchte nicht wahr sind, die im Dorf herumgehen.“ Leise schluchzte Frau Lang auf und Magda legte tröstend die Hand auf ihren Arm. Dann stieg sie aus und hakte die Frau unter. Zusammen gingen sie den Weg zum Haus. Frau Lang nahm mit zitternden Fingern den Schlüssel aus ihrer Jackentasche und versuchte, aufzuschließen, bekam den Schlüssel aber nicht einmal in das Schlüsselloch hinein. Vorsichtig nahm Magda ihn aus ihrer eiskalten Hand und schloss die Eingangstür auf. Dann zog sie der willenlosen Frau die Jacke aus, führte sie ins Wohnzimmer und setzte sie in den Sessel. Sie sah sich suchend um, nahm die Decke, die ordentlich gefaltet auf einem Hocker lag, legte sie über ihre Beine und steckte sie sorgfältig fest. „Ich gehe nur mal hurtig zur Nachbarin, bin gleich wieder da. Soll ich ihnen noch etwas bringen?“ Frau Lang schüttelte den Kopf mit leerem Blick und Magda ging leise hinaus. „Mist, jetzt hab ich gar nicht gefragt, auf welcher Seite die Nachbarin wohnt!“, schimpfte sie dabei leise vor sich hin. Aber das Problem erledigte sich von selbst, denn als Magda zum Tor gehen wollte, öffnete es sich bereits mit leisem Quietschen. Vor ihr stand eine Frau im mittleren Alter, gepflegt, mit sichtbar besorgtem Gesichtsausdruck. „Guten Tag, ich bin die Nachbarin, Frau Lieblich, kann ich helfen, ist etwas passiert?“ Magda sah sie forschend an, beschloss, dass sie ihr vertrauen könne und nickte freundlich. „Das können sie in der Tat. Es gab leider einen Todesfall. Der Herr des Hauses kam ums Leben, mehr kann ich ihnen leider nicht sagen. Aber seine Frau hat, wie sie sich denken können, einen schweren Schock erlitten und ich fürchte, wir können sie momentan nicht alleine lassen. Würden sie das übernehmen und bei ihr bleiben, bis es ihr besser geht?“ Entsetzt sah die Frau Magda an. „Aaabbbbber jjjja, ggggern.“ „Frau Lang ist im Wohnzimmer!“ Magda legte ihr mitfühlend die Hand auf den Arm, trat einen Schritt zurück und ließ Frau Lieblich an sich vorbeigehen. Dann schloss sie hinter ihr die Haustür und ging zum Gartentörchen, das sie leise hinter sich zumachte.
V I E R
Magda fuhr schnell wieder zurück zu Eddie, wo sie ein Stück mit Fränzchen den Hang hinauflief. Eifrig schnüffelnd, verrichtete der endlich seine Geschäfte und Magda betrachtete derweil sinnend die Umgebung. Eine Apfelbaumpflanzung mit kleinen Bäumchen fiel ihr ins Auge und sie bewunderte die Größe, oder vielmehr, der Mangel daran. Genau meine Pflückhöhe, dachte sie dabei lächelnd. Unter einem Unterstand links davon standen einige landwirtschaftliche Gerätschaften – unter anderem ein umgebauter Rasenmäher, mit dem man herumfahren und möglicherweise auch anders geartete Arbeiten, außer Rasenmähen, erledigen konnte. Oder einfach nur herumfahren? Das würde mir auch gefallen, schoss es ihr durch den Kopf. Fränzchen knurrte plötzlich leise und Magda kam mit einem Ruck in die Wirklichkeit zurück. Sie betrachtete interessiert, wie er das Nackenfell hochstellte. „Das hab ich ja noch nie gesehen, Fränzchen!“ Sie bückte sich und fuhr ihm über den Kamm. Doch der Hund sah starr zum Waldrand hin, wo Magda einen Moment lang dachte, etwas aufblitzen gesehen zu haben. Sie kniff die Augen zusammen, holte ihr Handy heraus und fotografierte den Waldrand einige Male sorgfältig. Vielleicht konnte man auf einer Vergrößerung mehr erkennen. „Was machst du denn da schon wieder - Waldbilder?“ Sie zuckte heftig zusammen, sah Ben neben sich stehen, der sie freundlich anlächelte und bemerkte, dass Fränzchen begeistert wedelte und keinerlei Interesse am Wald mehr zeigte.
„Hallo Ben, bevor du da warst, hat der Hund wild geknurrt, die Nackenhaare aufgestellt und dabei zum Waldrand hingeschaut. Da ich nichts erkennen konnte, außer einem kurzen Aufblitzen, habe ich vorsichtshalber ein paar Fotos davon gemacht!“ Ben nickte stirnrunzelnd. „Wäre ja nicht das erste Mal, dass uns ein Mörder bei der Arbeit beobachtet.“ „Oder ein sensationsgeiler Spanner!“, gab Magda düster zurück.
Ben nahm ihr das Handy aus der Hand und vergrößerte das Foto. „Hier könnte tatsächlich einer stehen, schau mal!“ Magda beugte sich über das Smartphone und kniff die Augen dabei zusammen. „Es hat keinen Sinn. Ich muss es im Büro anschauen, wenn ich meine Lesebrille aufhabe.“ „Stimmt, du bist ja jetzt schon im Lesebrillenalter.“ Ben grinste frech und wurde schlagartig ernst. „War es Mord?“ Magda nickte zögernd. „Ich denke schon. Eddie hat mich gleich weggeschickt, du weißt ja, wie er ist. Ich solle keine Spuren zertrampeln. Als ob ich das schon jemals getan hätte.“ Ben lachte leise. „Du doch nicht.“ „Genau!“ Magda stupste ihn leicht in die Seite. „Doch so wie der Mann da lag, als hätte er einen Herzanfall erlitten, daneben jedoch Erbrochenes, weckte es anscheinend Eddies Verdacht und er hat gleich die Kavallerie angefordert.“ „Gut so!“, meinte Ben kurz. „Lieber einmal zu viel, als zu wenig!“ Magda nickte düster. „Hast du auch wieder recht.“ „Wie gut, dass wir unsere Susi haben. In anderen Revieren wird gerade an den Gerichtsmedizinern gespart.“ Ben musste lachen. „Na, bei uns herrschte in den letzten Jahren kein Mangel an Morden und so war sie wirklich gut ausgelastet und konnte schlecht wegrationalisiert werden, wegen mangelnder Arbeit.“ „Wohl wahr“, flachste nun auch Magda. „Wenn ich auch für die Odenwälder Bevölkerung, speziell des Mümlingtales, hoffe, dass die Morderei nicht weiter so ausartet. Ab und zu ein Mördchen würde mir schon reichen. Nur so viel, dass wir nicht die Übung verlieren.“ Ben schüttelte den Kopf, in sich hineinlachend. Wenn das jemand hören würde, der seine Chefin nicht kannte, würde er wahrscheinlich denken, dass sie sich an Morden regelrecht erfreute, dabei war Magda nur auf Gerechtigkeit aus. Es störte sie so vieles, aber ganz besonders, dass Tötungsdelikte oft weniger hart bestraft wurden, als Raub. Für sie war jedes Menschen- (und Tier-) leben wichtig – wichtiger als jedes materielle Gut, sei es Geld, Schmuck oder was auch immer.
„Anne hat sich gleich auf die Arbeit gestürzt und wahrscheinlich bereits ihr obligatorisches Taschentuch gefunden“, versuchte er Magda aus ihren Gedanken zu reißen, was ihm auch gelang, wie er erleichtert erkannte, denn ein zartes Lächeln verschönte ihr Gesicht. „Wollen wir mal nach den beiden schauen?“ „Gerne“, sagte Ben und nahm ihren Arm, als sie ins Rutschen kam.
Magda ging mit Fränzchen auf der rechten Seite und schaute sich interessiert nach allen Seiten um. „Schaust du mehr links und ich guck rechts, dass uns nichts entgeht?“ Ben nickte. „Mach ich!“ „Da!“ Triumphierend bückte sich Magda und hob ein Taschentuch mit behandschuhter Hand vom Wegrand auf. „Du machst Anne Konkurrenz. Sie wird nicht erfreut sein!“ Ben hielt lächelnd einen Plastikbeutel auf. „Vielleicht hat es ja gar nichts mit unserem Fall zu tun“, meinte Magda unsicher und ging vorsichtig weiter. Kurz darauf waren sie bei Anne und Eddie angekommen, die inzwischen Verstärkung von Susi und Freddy bekommen hatten. Susi war eben dabei, die Leiche mit Hilfe von Eddie umzudrehen, während Freddy eifrig fotografierte und Anne, unter dem Toten mit der Pinzette vorsichtig ein Taschentuch aufnahm, das sie, mit triumphierendem Lächeln, in einem Plastikbeutelchen versenkte. „Sie hat auch ein Taschentuch gefunden“, raunte Ben Magda ins Ohr und diese nickte lächelnd mit den Worten: „Dann ist sie glücklich. Ich gönne es ihr von Herzen!“ „Das hab ich gehört“, zischte Anne leise und lächelte Magda und Ben zufrieden an, während Susi und Eddie die Leiche wieder vorsichtig ablegten.
Magda hob ihren Beutel hoch und schwenkte ihn vor Anne hin und her. „Hier hast du etwas zum Vergleichen, vielleicht findest du identische DNA!“ „Möglicherweise!“, meinte Anne kurz und stand stöhnend auf. „War es Gift?“, wandte sich Magda an Susi. Die zuckte die Achseln und sah auf. „Wahrscheinlich schon. Ich tippe auf Pflanzengift und dabei käme am ehesten Helleborus niger infrage, weil die Christrose die einzige Pflanze ist, die jetzt noch blüht und Erbrechen dabei typisch ist.“ Sie deutete auf das Erbrochene neben der Leiche. „Wieso? Muss sie denn blühen?“ Magda sah sie verständnislos an. „Blühen nicht unbedingt, aber im Winter wachsen bei uns kaum Pflanzen draußen.“ „Also meinst du, es wäre eine Pflanze gewesen?“ Susi deutete auf das Erbrochene neben dem Toten. „Das Erbrochene hat mich darauf gebracht. Es ist typisch für Vergiftungen mit Hellebrin, das sich hauptsächlich in der Wurzel der Christrose, einem typischen Winterblüher, befindet. Die Nieswurz gehört zu den Hahnenfußgewächsen und alle Pflanzenteile sind giftig. Und es wäre für den Mörder am einfachsten zu beschaffen um diese Jahreszeit.“ Sie räusperte sich nachdenklich und sah Magda an. „Es ist bisher nur ein Verdacht. Genau kann ich es erst nach der Obduktion sagen, wie immer – weißt du ja.“ Magda nickte und schüttelte sich, wobei sie zu Eddie sah. „Pass bloß auf, dass dich deine Süße nicht vergiftet. Das nötige Wissen dafür hat sie ganz sicher.
Eddie nickte düster und Susi lachte leise. „Gift ist aus der Mode, denn es ist fast immer nachweisbar.“ „Echt?“ Magda war erstaunt. „Deswegen würde es mich wundern, wenn es hier verwendet worden wäre. Aber alles spricht merkwürdigerweise dafür!“ Susi zuckte die Achseln. „Wirklich seltsam, finde ich.“
Magda nickte nachdenklich. „Also kannst du es nachweisen?“ Susi antwortete bestätigend: „Das kann ich sehr wahrscheinlich, weil ich Proben von dem Erbrochenen genommen habe und bei der Obduktion werde ich auch noch Blut entnehmen. Zudem war noch ein kleiner Rest Tee in der Flasche. Das alles zusammen sollte reichen, für einen sicheren Nachweis der Giftart. Das Gift der Christrose ist übrigens sehr vielseitig.
Es enthält kardiotoxische Bufadienolide, aber auch Saponine, Ecdysone und Protoanemonin. Alles zusammen ein durchaus gefährlicher Cocktail, falls es das wirklich gewesen ist. Dennoch hätte er nicht unbedingt sofort tödlich wirken müssen.“ „Was heißt das?“, wollte Magda verunsichert wissen. „Das heißt, er könnte eventuell noch am Leben sein, wenn er rechtzeitig gefunden worden wäre.“ Sie runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. „Oder es ist die Kombination“, murmelte sie nachdenklich vor sich hin. „Ich brauche seinen Medikamentenplan!“ „Kriegst du“, beruhigte sie Eddie. „Wenn er sowieso schon Herzglykoside genommen hat, kann ein Tee aus der Christrose ihm den Rest gegeben haben und das möglicherweise ganz schnell.“ Ben und Magda sahen sich düster an und Freddy ließ die Kamera sinken. „Das klingt nach einem sehr kaltblütigen Mörder!“, erklärte Eddie laut. „Oder einer kaltblütigen Mörderin“, meinte Freddy bedeutsam. „Es heißt doch immer, dass Frauen mit Gift morden und nicht Männer!“
„Sei es wie es sei“, erklärte Magda und begab sich zurück in die stehende Position mit knackenden Knien. Anne kicherte respektlos. Magda warf ihr einen finsteren Blick zu. „Komm du erst mal in mein Alter!“ „Die paar Jahre machen den Kohl auch nicht fett“, besänftigte Ben und half Magda den Hang hinauf zum Baum, an dem Fränzchen angebunden war. „Ich laufe den Weg hier hinunter“, erklärte Magda. „Bitte sammelt mich unten wieder ein. Fränzchen hatte noch wenig Gelegenheit für seine körperlichen Bedürfnisse.“ Ben betrachtete den Hund, der wie zur Bestätigung das Bein am nächsten Gebüsch hob. „Der Weg läuft sicher parallel. Entweder stoße ich unterwegs auf euch, oder ganz unten, da, wo der Brunnen ist. Ben nickte zustimmend und schlug die Hacken zusammen. „Eye, eye, Chefin!“ Magda grinste und schüttelte den Kopf. Dann marschierte sie los.
F Ü N F
Eddie hatte Magda unten in einer Kurve wieder eingesammelt und wie erwartet, saß Susi neben ihm, so dass Magda brummend hinten einstieg, nachdem sie Fränzchen hineinverfrachtet hatte. „Seid ihr schon fertig mit der Leiche?“ Susi drehte sich zu ihr um. „Den Rest muss ich in der Gerichtsmedizin erledigen. Es sind ja bisher alles nur Mutmaßungen. Zudem ist es weit bequemer, im Stehen zu arbeiten, als auf dem Boden zu kauern.“ „Da sagst du was“, stöhnte Magda leise und rieb ihr linkes Knie.
„Ben, Anne und Freddy warten bei der Leiche, bis der Leichenwagen kommt, aber der müsste eigentlich jeden Moment da sein“, meinte Eddie stirnrunzelnd und fuhr los. In diesem Moment brauste das besagte Auto auch schon an ihnen vorbei. Er hatte gerade noch nach links ausweichen können. „Na ein Glück, dass hier ein wenig Platz ist zum Halten!“, rief Susi empört. „Ja, wegen der Bänke sicher.“ Magda deutete auf die beiden Sitzgelegenheiten, die sie beim Hochfahren schon gesehen hatten. „Eine Holzfigur, die ist ja schön!“, bewunderte Susi das Holzmännchen, das auf der linken Bank stand. Aber Magda hatte keine Zeit mehr, sie zu bewundern, außerdem hatte sie sie ja vorhin schon gesehen und ihr lautes Magenknurren ließ die anderen beiden hell auflachen. „Aha, deshalb müssen wir schnell zurück ins Revier“, meldete sich Eddie mit unterdrücktem Gelächter. „Macht nichts, wenn´s schnell geht“, erklärte Magda kurz. „Mord macht mich immer hungrig“ und deutete ungeduldig zum Weg. „Na gut, dann will ich mal nicht so sein“, rief Eddie großzügig und fuhr los.
„Fahr über Sandbach und halte kurz beim Bäcker an!“, ertönte Magdas Stimme bestimmend von hinten. Eddie zuckte die Achseln, wechselte mit Susi einen verständnisvollen Blick und wie auf Kommando stellte sich bei beiden ein leichtes Hungergefühl ein. Er machte also den Umweg über Rai-Breitenbach und bog am kleinen Hanflädchen in die Straße nach Neustadt ein. Magda schüttelte den Kopf. Ihr Eddie war hoffnungslos unpraktisch in solchen Dingen. Sie selbst wäre noch auf der breiten Straße nach Höchst geblieben und direkt am Pirelli-Werk nach Sandbach abgebogen. Aber so haben wir wenigstens einen schönen Anblick, dachte sie und seufzte leise.
Neustadt war wirklich ein schönes Dörfchen, das zu Breuberg gehörte und am liebsten wäre sie ausgestiegen, aber dafür hatten sie keine Zeit. Sie mussten einen Mord aufklären. „Meint ihr, es war die Ehefrau?“, fasste sie ihre Gedanken in Worte. „Wie vorhin schon gesagt, sind es meistens Frauen, die mit Gift morden“, sprang Eddie sofort darauf an. „Aber heutzutage nicht mehr“, wandte Susi ein. „Es sind fast genauso viele Männer, wie Frauen, aber wie gesagt, kaum ein Giftmord bleibt unentdeckt, weil es eben so lange nachweisbar ist.“ Aber nach dem Einäschern doch nicht mehr!“ Magda schüttelte sich empört. „Nun ja, in der Asche natürlich nicht, aber wenn die Angehörigen eine Haarlocke aufgehoben haben, oder auch nur ein einziges Haar noch in der Haarbürste des Opfers aufzufinden ist, können die meisten Gifte noch über Jahre nachgewiesen werden. Deswegen ist Giftmord aus der Mode gekommen.“ „Was auch gut ist“, meinte Eddie düster. „Wenn ich mir vorstelle, was du alles weißt. Wir dürfen nie Krach bekommen. Nicht, dass du mich dann so um die Ecke bringst, dass nichts nachzuweisen ist!“ „Keine Sorge, das könnte ich schon tun, aber ich mache es natürlich nicht!“ Sie zauste ihrem Freund die Haare. „Schließlich habe ich viel mehr von einem lebendigen Eddie, als einem Toten und ich liebe dich außerdem viel zu sehr.“ Geschmeichelt lächelte Eddie und Magda schüttelte schmunzelnd den Kopf über ihre beiden Turteltäubchen, die seit ihrem Brombachtalfall ein Paar waren.
Eddie parkte am Marktplatz in Sandbach und Magda und Susi stiegen aus. Da sie sich nicht entscheiden konnten, zu welchem Bäcker sie gehen sollten, teilten sie sich auf und jede holte ein paar Teilchen von den beiden Cafe´s dort. „Nächstes Mal holen wir aber in Höchst etwas Süßes“, nörgelte Eddie leise. „In Höchst können wir immer holen!“, erklärte ihm Magda bestimmt. Dann fuhren sie zum Revier, wo Eddie, Magdas Meriva schwungvoll zum Stehen brachte. Sie drückte ihm ihre Tüte in die Hand und hob Fränzchen heraus, der ihr schon wieder schwerer vorkam, als vor ihrem Krankenhausaufenthalt. „Wer weiß, was meine Mutter ihm alles gefüttert hat“, murmelte sie dabei stirnrunzelnd vor sich hin und der Hund, der spürte, dass sie ihn meinte, drehte sich zu ihr um und warf ihr einen unschuldigen Blick zu, dem sie, wie immer, nicht widerstehen konnte und ihm liebevoll über das Köpfchen streichelte. „Na also, geht doch, hat er gerade gedacht“, raunte Susi Eddie zu und beide brachen in wildes Gelächter aus.
Magda machte sich nichts daraus, ging durch die Tür, die Eddie für sie aufhielt und trat ihm dabei versehentlich, wer´s glaubt, auf die Zehen. „Au!“, rief der empört und Magda ging, zufrieden lächelnd, schnell an ihm vorbei.
„Schaut ihr mal, ob Helmut Kaffee gemacht hat?“, bat sie dabei beiläufig und Susi öffnete die Tür zum Besprechungszimmer. „Hat er“, bestätigte sie, den Kopf hineinstreckend und gab gleich darauf den Blick frei auf mehrere Kannen Kaffee, die der mitdenkende Helmut auf den drei Tischen deponiert hatte, die in U-Form zur Tafel ausgerichtet waren, frei. „Das lob ich mir“, brummte Magda zufrieden und machte Fränzchen los, der unverzüglich sein Lager in der Ecke aufsuchte. Eddie hatte die Zuckerweck bereits auf die von Helmut aufgestellten Teller gelegt und Magda und Susi warfen begehrliche Blicke darauf. „Nix da“, klopfte Eddie seiner Süßen auf die Hand. „Erst, wenn alle da sind!“ Da stürmte schon Anne herein. Ben folgte in gesetzterem Tempo. „Da habt ihr aber Glück gehabt! Ich dachte schon, ihr hättet uns wieder alles weggefuttert!“ „Das würden wir doch nie tun“, meinte Eddie mit unschuldigem Augenaufschlag, was Anne mit mürrischem Gemurmel kommentierte.
Freddy hörten sie nebenan werkeln, untermalt von den brummenden Druckergeräuschen. Dann betrat er das Zimmer, einen Packen Fotos in der Hand, von denen er einige an die Tafel heftete. Die Ermittler betrachteten den Toten, den Freddy von allen Seiten abgelichtet hatte. Die beiden Tafeln mit den Gedichten, hatte er auch aufgehängt und Anne las sie laut vor. „Also ich kenne nur das andere Gedicht“, erklärte Eddie. Die anderen sahen ihn verständnislos an. „Na das hier“, erklärte er verschmitzt grinsend und legte los: „Rimmern am Rå, Plaschder ohne Stå, Käischhouf ohne Mauän – was is Rimmern zu bedauän.“ Auf hochdeutsch: „Rimhorn am Berghang, Pflaster ohne Steine, Friedhof ohne Mauern – was ist Rimhorn zu bedauern.“ „Das andere ist schöner“, rief Anne mit blitzenden Augen, „aber dieses passt besser zu dir!“ Alle lachten. „Weiß jemand, woher der Ortsname kommt?“ „Es heißt, es wäre einmal ein Bauer mit einem Rindvieh durchs Ort gelaufen, welches ihm davon galoppieren wollte, woraufhin er gerufen habe: „Rim, du Horn!“ „Hihi, das klingt lustig“, kicherte Susi. „Ja, fast so lustig wie der Uzname – Berghinkel“, ergänzte Ben. „Berghinkel?“ Magda sah ihn verständnislos an. „Na, ja, der Ort klebt regelrecht am Berg und so kamen sie zu dem Ortsnamen Rimhorner Berghühner.“ Anne lachte laut auf. „Da bekommt man direkt Lust, dort zu leben, oder?“ Die anderen nickten, doch Magda rief sie zur Ordnung. „Genug gelacht, wir müssen uns auf den Fall konzentrieren!“ Alle sahen zur Tafel hin. „Kannst du uns eine kurze Zusammenfassung geben, Susi?“ Susi ging an die Tafel. „Herr Lang wurde heute von Magda und Eddie am Vormittag leblos aufgefunden. Meine erste Untersuchung hat ergeben, dass er bereits gestern Abend verstorben sein muss. Und zwar, wie ich vermute, an einer giftigen Substanz.“ Sie deutete auf die Vergrößerung des Erbrochenen, worauf Eddie, der gerade in einen Zuckerweck biss, angewidert die Augen schloss. „Hier seht ihr das Erbrochene des Toten, das ganz typisch für Tod durch Gift ist. Die Thermosflasche ist, bis auf einen kleinen Rest, ausgelaufen, aber da sich zudem die Kleidung vollgesogen hat und durch die feuchte Nachtluft nicht vollständig getrocknet ist, konnte ich durchaus noch ausreichend Proben gewinnen, die wir dann untersuchen können.“ „Sehr gut, Susi!“, lobte Magda die kleine Gerichtsmedizinerin und Eddie ließ stolz seinen Blick auf ihr ruhen. „Außerdem habe ich ein Taschentuch unter dem Opfer sicherstellen können!“, ergänzte Anne mit leuchtenden Augen, woraufhin alle lachten. „Ich habe auch eins gefunden, ein Stück den Weg hoch“, steuerte Magda bei und Anne zuckte die Achseln. „Ich werde beide nachher untersuchen, dann wissen wir hoffentlich mehr.“ „Gut!“, sah Magda in die Runde. „Hat noch jemand etwas Auffälliges entdeckt?“ „Na, Fränzchen hat doch vorhin geknurrt“, sagte Ben lächelnd. „Stimmt“, meinte Magda stirnrunzelnd. „Er sah zum Waldrand, hinter der Apfelbaumanpflanzung und hat wild geknurrt und die Nackenhaare gesträubt, woraufhin ich etwas aufblitzen sah und sicherheitshalber ein Foto gemacht habe. Kannst du es ausdrucken?“ Sie zog ihr Handy aus der Tasche und hielt es Freddy hin, der es mit spitzen Fingern entgegennahm. In Magdas Taschen tummelten sich (ungebrauchte) Kacktüten, Taschentücher, Bonbons, die manchmal schon klebten und noch einiges mehr, was er gar nicht so genau wissen wollte. „Ich komme gleich“, brummte er missmutig, verließ den Raum und Magda setzte sich lächelnd wieder hin. „Ein tierischer Zeuge, sozusagen“, meinte Anne verschmitzt und warf einen Blick zu Fränzchens Lager, woraufhin der aufsah, weil er ihre Blicke auf sich spürte und gelangweilt gähnte. Alle lachten und Freddy kam mit schnellen Schritten wieder herein. „Also eins vorweg, Magdas Handy ist nicht das Beste, um Fotos zu machen, aber ich habe einen halbwegs akzeptablen Abzug hinbekommen.“ Er schwenkte das Blatt in der Hand hin und her. Magda stand auf und riss es ihm aus der Hand. „Da steht wirklich einer!“ „Wo?“ Anne drängte sich vor und kniff die Augen zusammen. „Jetzt hängt es doch einfach auf, dann sehen wir anderen vielleicht auch etwas!“, rief Eddie aufgebracht. Freddy nahm es Magda aus der Hand und brummte dabei: „Immer diese ungeduldigen Weibsbilder!“ Dann hängte er es an die Tafel, woraufhin alle Augen wie gebannt daran klebten. „Da ist wirklich einer!“, entfuhr es Ben, der eigentlich nicht recht daran geglaubt hatte. „Mein Fränzchen ist halt ein guter Ermittler und unverzichtbar bei der Tatortbesichtigung!“ „Wenn er nicht gerade alles vollpinkelt und dabei wichtige Spuren vernichtet“, ergänzte Anne mit düsterem Gesichtsausdruck und alle grinsten.
Magda räusperte sich. „Gut, dann essen wir jetzt endlich unsere Zuckerweck und trinken den Kaffee aus, damit wir an die Arbeit kommen, zack, zack!“ Alle lachten und als Magda die leeren Teller sah, wusste sie auch, warum. „Na, ein Glück, dass ich mir ein Stückchen auf meinen Teller gelegt habe, sonst hätte ich glatt nichts mehr erwischt“, meinte sie gespielt streng und machte sich über ihren Zuckerweck her. Was hatte ihr das Geplänkel mit ihren Kollegen gefehlt, als sie so lange krank war! Kurz darauf gingen alle an die Arbeit. Eddie und Anne in ihrem Spusi-Labor-Zimmer, Susi fuhr in die Rechtsmedizin, Freddy bearbeitete die Fotos und Ben und Magda begannen mit ihrem Bericht und planten ihr weiteres Vorgehen. „Die Witwe muss unbedingt einbestellt werden“, ließ Magda ihre Gedanken laut werden. „Das finde ich auch. Ich ruf sie gleich an!“ Ben zog das Telefon, das in der Mitte zwischen ihren Schreibtischen stand, zu sich herüber. „Ich glaube immer noch, dass es meist Frauen sind, die mit Gift morden“, murmelte er dabei. „Besonders die, die sich nicht gern die Hände schmutzig machen, die so etepetete sind, wie eben diese Frau Lang.“ Magda grinste. „Bei mir ist da weniger Gefahr. Ein bisschen Blut zum Beispiel, stört mich gar-nie-nicht.“ Ben lachte und rief: „Wer´s glaubt!“ Er wusste genau, dass seine Chefin ein herzensguter Mensch war und keiner Menschenseele etwas zuleide tun konnte. Er räusperte sich, wählte die Nummer der Witwe und lauschte dem Klingelton. „Guten Tag“, sagte er kurz darauf höflich. „Hier ist Ben Lieb, vom Polizeirevier Höchst. Wir möchten sie gerne zu einer kurzen Befragung vorladen, für morgen früh, um neun Uhr!“ Erschrocken hielt er den Hörer ein Stück vom Ohr weg. Magda hörte die keifende Stimme der Dame bis zu sich herüber und schüttelte missbilligend den Kopf.
„Nein, selbstverständlich sind sie nicht verdächtig, es ist eine reine Routinebefragung“, rechtfertigte sich Ben mit seiner sanften Beruhigungsstimme. „Würden sie bitte auch den aktuellen Medikamentenplan ihres Mannes mitbringen? Das wäre sehr lieb und hilft uns sicher weiter – danke Frau Lang!“ Aufatmend legte er auf. „Puh!“ Magda sah ihn mitfühlend an. Diese Seite ihres Berufes war nicht so schön, aber ohne, manchmal peinliche, Befragungen ging es nun einmal nicht. Irgendwo mussten sie anfangen und das war leider meist bei der Familie. Apropos Familie - „Hat Herr Lang eigentlich gar keine anderen Verwandten mehr?“ Sie hob den Kopf und betrachtete Ben, dessen rotes Gesicht jetzt wieder langsam erblasste und seine normale Farbe annahm. „Soweit ich weiß, nicht, aber ich werde gleich noch einmal recherchieren und auf der Gemeinde Lützelbach anrufen.“ „Tu das, mein Lieber“, antwortete Magda und ließ ihre Gedanken zum baldigen Feierabend abschweifen.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.