Kitabı oku: «Splitter im Sand»

Yazı tipi:

Birgit Biehl

Splitter im Sand

Lektionen am Wege

ATHENA

edition exemplum

Umschlagabbildung: Collage der Autorin

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

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1. Auflage 2013

Copyright © 2013 by ATHENA-Verlag,

Mellinghofer Straße 126, 46047 Oberhausen

www.athena-verlag.de

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ISBN (Print) 978-3-89896-78-7

ISBN (ePUB) 978-3-89896-830-3

Meiner Mutter

aus einem anderen Leben

Der Wanderer. – Wer nur einigermaßen zur Freiheit der Vernunft gekommen ist, kann sich auf Erden nicht anders fühlen denn als Wanderer, – wenn auch nicht als Reisender nach einem letzten Ziele: denn dieses gibt es nicht. Wohl aber will er zusehen und die Augen dafür offen haben, was alles in der Welt eigentlich vorgeht; deshalb darf er sein Herz nicht allzu fest an alles Einzelne anhängen; es muß in ihm selber etwas Wanderndes sein, das seine Freude an dem Wechsel und der Vergänglichkeit habe.

Friedrich Nietzsche, Menschliches Allzumenschliches I – Ein Buch für Freie Geister –, IX., Nr. 638

Splitter im Sand

Spiegel

wenn sie denn fallen müssen

zerspringen

blitzartig die Erhellungen

im Licht der kleinen und großen Splitter

jeder von ihnen eine Welt

*

Splitter im Sand aber

sind tückisch

glänzen

wie die Kristalle der Sandkörner auch

die winzigen sind die gefährlichsten

Sie vernarben unter der Haut und

ziehe ich weiter

schmerzen

ständig

Sicherlich bin ich eine ganz typische Lehrerin, nicht ganz freiwillig in diesem Beruf, der sich aber doch anbot für eine Frau Anfang der Siebziger, engagiert, immer bemüht, mehr zu wissen, und darum stets in der Gefahr, sich selbst für besser zu halten als andere in dem Bestreben, ›gut‹, wenn nicht gar ›perfekt‹ zu sein, immer neugierig auf Fremdes, um es in das eigene Weltbild einzuordnen – eben eine richtige Lehrerin. Und nun, nach fast 30 Jahren? Ein tiefsinniges, überaus vielschichtiges Weltbild, hart, massiv, schön gezeichnet wie eine geschliffene Marmorplatte, in der man sich wohlgefällig spiegeln kann: Das war’s, noch ein wenig der Vorlieben frönen, die Platte immer mal ein wenig polieren, gut nach außen kehren wie einen Schild, seht, wie ich glänze! Die Rückseite des Spiegels zeigt schon eher, wie es wohl wirklich aussieht, Risse, Schrunden, Verwerfungen, kein Schliff, keine Politur …

Ein Jahr Afrika, Arabien, Mittlerer Osten, ein Jahr Rucksack und Stiefel – zersplittert ist der Spiegel, hart die Lektion, aufgebrochen das Weltbild, zerronnen das Bild der eigenen Rolle wie der ständige Sand unter den Füßen, freigelegt ganz Anderes, lange Verschüttetes, eine harte, doch ersehnte Lektion in Demut. Oh ja, erst kommt das Fressen und dann die Moral, erst musst du fertig werden mit Hunger und Durst, Schmerz, Alleinsein, Fremdsein, Schuld und Scham, mit dem Versagen der eigenen Maßstäbe unter dem vielbesungenen afrikanischen Sternenhimmel. Aber ich wollte das ja so, wollte, ein Sabbatjahr nutzend, ausziehen in die Fremde und alles auf die Probe stellen, dabei mitbringen das Material für eine Arbeit in der Orientalistik, der ich mich seit Jahren verschrieben habe. Wie fadenscheinig ist mir heute mein Anliegen, vorgetragen bisweilen nur des schnellen Vorteils, der ersehnten Profilierung wegen, wie viel mehr lernte ich durch den freien Blick, den Blick der Zuneigung, nicht den des Pathologen mit Arbeitshypothese! Und so ist quasi unter der Hand etwas ganz Anderes daraus geworden als geplant, war dies doch ein Weg barfuß über die Splitter der eigenen Überheblichkeit hin zu Bescheidenheit, zu ganz anderem Wissen, das die Lehrerin in mir nicht zurückhalten möchte. Für diesen Weg bin ich vielen Freunden zu Dank verpflichtet, gerade auch den Menschen, die mir Steine in den Weg gelegt und mich von meinem Sockel herunter geholt haben.

So streben denn diese Aufzeichnungen keinerlei Ausgewogenheit an, Orte, Personen und Ereignisse sind durchaus nicht frei erfunden. Das Nach-Denken ist bestimmt von Begegnungen mit Lebenden und Toten, mit Göttern und Tieren, nicht mit Büchern, ist zudem wertend, noch dazu, da oft mit einem Schock verbunden, unvernünftig emotional wertend. Die Fülle der Begegnungen lässt aber doch erwarten, dass viele Splitter ein lebhaftes Kaleidoskop ergeben, und, liegt dieses erst einmal ruhig auf dem Tisch, so ist das Bild doch auch ein mögliches, ein richtiges von dieser Welt.

Herbst 2000

Fortbewegungen I

»Wenn der eigene Richtungssinn dem Kompaß widersprechen sollte, wiederholt man lieber die Messung. Daß der Kompaß mehr Vertrauen verdient als das Gefühl, merkt man überzeugend, wenn man einem Weg folgt, der sich unmerklich krümmt …« Wolfgang Linke, Orientierung mit Karte, Kompaß, GPS

Nach Tagen quälender Schwüle gottlob ein kühlerer Morgen, ein Aufbruch zitternd vor Neugier, mit viel zuviel Gepäck, wie immer weiß ich, dass es sich schon in nächster Zeit wundersam reduzieren wird. Mann und Sohn sind nicht glücklich, haben sich lediglich abgefunden. Entschlossene Umarmung am Bahnhof, hinter den guten Wünschen kommt keine Trauer auf, nur Spannung. Der ›Traumpfad‹ beginnt mit den entscheidenden fünf Minuten Verspätung, beim Umsteigen in Viersen ist es schon passiert, der Zug nach Venlo fährt an, eine Stunde Wartezeit. Am Nachmittag in Antwerpen entscheide ich mich schnell für ein billiges Hotel im Zentrum, noch ungewohnt ist die Last auf dem Rücken, ›Hôtel Billard‹ an Astrid Plein, na ja. Im Schritttempo ist die Stadt lebendig, mitteilsam, gelassen. Ausmeldung am Hafenamt, schauerlich die fratzenhaften Steckbriefe von gesuchten Arabern auf den Plakaten, noch einmal richtig mosselen essen, dann los mit dem Taxi an Kai 738, ich habe noch nie einen so großen Hafen gesehen. 15 Uhr: keine ›MV Kaduna‹, Anruf bei der Reederei: Sie kommt erst morgen Abend, also zurück, ›Hôtel Billard‹, umso besser, Antwerpen feiert van Dyck.

Zwischen Museum und St. Pauluskirche die Mannschaften englischer und griechischer Kriegsschiffe, überall sieht man in kleinen Gruppen Matrosen mit Sony-Kartons unter dem Arm durch die Stadt laufen, friedliche Zeiten. Im Paulus-Viertel überraschen schon vormittags die Nutten hinter den kleinen Fenstern, eine von ihnen mit einer breiten Laufmasche in ihrem schwarzen Strumpf. Überall Musik auf den Plätzen, ich habe viel Durst und kein belgisches Geld, stoße auf den kleinen Trinkwasserbrunnen vor dem Rubens-Haus, ein gutes Omen. Ganz langsam wächst es heran, keine Bleibe, kein Geld, sofort wachsen dem Überlebenswillen Flügel, bei C&A finde ich, Einkauf mimend, eine Toilette und eine neue Plastiktüte, ich weiß, so fängt alles an. Immer wieder treffe ich auf Monsieur Moussa in seinem farbigen Boubou, Dauergast im ›Hôtel Billard‹, nicht einmal der einarmige Rezeptionist weiß etwas über ihn. Um 21 Uhr an Pier 738 kein Schiff, niemand an den Kränen weiß Bescheid, zu allem entschlossen lege ich mich im Schlafsack unter einen Kran. Gegen zehn erscheint ein Lastwagen aus Hamburg mit Material für ›MV Kaduna‹, gemeinsam warten wir im Führerhaus. In der anbrechenden Dunkelheit legt riesengroß das Containerschiff an der Pier an, ich stapfe im Dunkeln die schwankende Gangway hoch, ein Steward zeigt mir meine Kammer, owner’s appartment direkt unter der Brücke mit überwältigender Aussicht. Die ganze Nacht durch wird im Akkord ent- und beladen, eineinhalb Schichten lang. Über den Containern wird eine Lage Gebrauchtwagen verladen und verzurrt, viele Mercedes 200 D, etliche schrottreif, einige offensichtlich geklaut, die meisten für Nouakchott, faszinierend ist die schnelle, präzise Arbeit mit den mobilen Kränen. Am nächsten Abend legen wir ab, drehen mit Schlepperhilfe im Hafenbecken, dann mit slow ahead in die Schleuse, verheißungsvoll das gleichmäßige Maschinengeräusch unter mir. Im kleinen Salon nebenan finde ich einen Martha Grimes, den ich noch nicht kenne.

›MV Kaduna‹, benannt nach der Stadt, dem Fluss, der Provinz in Nigeria, Schiffsregister CCNI Anakena, Kvaerner Warnow 1995, Reederei Transeste, im regelmäßigen Westafrika-Dienst, in der Mannschaftsliste werde ich als stewardess geführt. In der Nacht verlassen wir die Scheldemündung, fahren am Morgen mit 17 Knoten durch die Straße von Dover, Hovercraft und P&O-Fähren kreuzen den Kurs, in der Morgensonne glänzen die Kreidefelsen, an Backbord die Fähre von Roscoff. Ich habe mich im Brückeneck eingerichtet und mir einen souveränen Arbeitsplatz für die nächsten 11 Tage geschaffen. Die See ist glatt, sehr blau, ich erarbeite mir das Kapitel ›Orientierung‹ für Karten- und Kompassstudium. Die nächsten Tage bringen Arbeit im Office, an Telefon und Telex, Schulungsmaterial ist zu kopieren, englische Berichte von Schiffsunfällen sind zu übersetzen, für den Master arabische Standardsätze für die Kommunikation mit Zoll, Polizei und Hafenbehörde in Mauretanien zu erarbeiten, wir üben die Aussprache ein. Während der langen Brückenwachen kreisen die Geschichten: Vor sechs Monaten hat es auf dem Schiff eine Meuterei gegeben, ein Seegerichtsprozess steht an. 1998 sind weltweit 57 deutsche Seeleute auf Schiffen ermordet worden … An Bord hört man auf allen Stationen unsägliches englisches Kauderwelsch, in der Mannschaft ist kein Deutscher mehr, so entstehen erhebliche Verständigungsprobleme. Leicht rollende See, ich erarbeite die Unterlagen des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie über Missweisungen in West-Afrika, das Wiegen wird zum Lebensgefühl. Immer wieder die Treppen, poop deck, 2nd bridge deck, boat deck, superstructure deck, klar ist diese Welt der Schiffe, unabweisbar die Hierarchie, geregelt die Konflikte fern der Welt an Land, hier gibt es Muße, sich selbst in den Blick zu nehmen. Arbeit mit dem Kompass, Orientierung am Kreuz des Südens, noch ist es Übung, noch ist es Spiel. Den ganzen Tag begleiten uns Walschulen, die Atemfontänen sprühen dicht neben dem Schiff. 12 Uhr La Rochelle, Kurs 202, 15 Uhr Bordeaux, ein großes Segelschulschiff an Backbord, Radio Finisterre meldet sich, 19 Uhr La Coruña, Kurs 209.

Dienstag, Kurs 198, seit Stunden außer uns kein Schiff mehr, ich erledige Übersetzungen von Prozessfällen, schreibe am Computer. 10 Uhr Peniche, die Berlengas! 1973 haben wir hier, kurz vor der Revolution, Urlaub gemacht, seltsam der Blick von See aus. Der chief engineer und ein philippinischer Matrose haben Geburtstag, am Nachmittag zaubert der Steward eine schauerlich süße Nutellatorte, abends gibt der Master für jeden zwei Flaschen Bier aus, tatsächlich Holsten Edel, Alkohol ist streng unter Verschluss, dann Party in der Mannschaftsmesse, das bedeutet Karaoke aus 15 Filipinokehlen.

Kurs 198, seit gestern keinerlei Schiffsbegegnung mehr, gegen Mittag ein leerer Tanker Richtung Libyen, Sturmtief 9–10 über dem Atlantik, wir sind gerade aus der Zone heraus, sehr ruhige See, warm, 18 Knoten. Herrlich das Baden im pool, einem aufgeschnittenen Container, vier Züge hin, vier Züge zurück. Casablanca! Der chief engineer nimmt mich mit in die Maschine, vier Decks tief bis zur Nockenwelle, eine heiße, laute Konstruktion, die täglich 350 l Schmieröl frisst, faszinierend Kessel, Pumpen, Generatoren, Wasserentsalzung, Schmutzwasseraufbereitung, Computerkontrollprogramme für Maschinen und Elektrik. Nachmittags Rost kratzen, schleifen, schmirgeln, reinigen, fegen als Vorbereitung für das Streichen, Kopieren von Zollpapieren; Kompass-Übungen, als ich mit allem fertig bin, magnetisch-Nord, geographisch-Nord, Seekarten-Nord.

Donnerstag, den ganzen Tag nur zwei Schiffe gesehen, Zeit zum Erzählen von Schauergeschichten. Alle waren sie dabei, der Master, der chief engineer, Cuba während der Revolution, Kneipen am Amazonas, Brutalitäten in Nigeria. Wilder arabischer Seefunk aus dem Lautsprecher, ein Fax aus London über die Seegerichtsverhandlung. 4 Uhr früh: Ich habe mir den Wecker gestellt, um die Durchfahrt durch die Canaren zu sehen, nach all der Einsamkeit lange Lichterketten auf beiden Seiten mitten im Meer. Verdrängte Bilder tauchen auf, mein Vater bei seiner Verhaftung wegen Beihilfe zum Mord an Juden, um 4 Uhr morgens in unserer Wohnung in Hamburg, auf der Toilette bewacht von einem dunklen bleichen jungen Mann, das Hosenträgerkreuz auf dem Rücken meines Vaters, der bei offener Tür vor der Toilettenschüssel steht, ich, 16-jährig, entsetzt in der Tür meines Zimmers gegenüber. Jahrzehntelang habe ich dieses Bild vergraben, ich muss es zulassen, damit es vergehen kann.

Den ganzen folgenden Tag arbeiten wir daran, das Schiff von außen unzugänglich zu machen, die Außentreppe zur Brücke wird abgeschraubt und hochgezogen, Piraten haben in diesen Breiten Schiffe geentert. Ich bekomme Order, die Fenster in meiner Kammer zu schließen und unter keinen Umständen die Tür zu öffnen. Mittags ad-Dahla, Kurs 192, erheblicher Schwell, das Schiff rollt deutlich, wir fahren full speed, um bis 18 Uhr im Hafen von Nouakchott zu sein, da wir nur bei Flut die nötigen 55 cm unter dem Kiel haben werden. Da liegt das Fischerdorf Tiouilît, vor einem Jahr habe ich hier am Strand gestanden und auf die See geschaut. Die Schwüle der Regenzeit ist spürbar, das Schiff hat einige Krängung, wir wirbeln schon Sandbänke auf. Nouakchott ist nur als weiße Dünenlinie zu ahnen, wir müssen bis morgen im stand by vor der Küste treiben, an die Mole passen nur zwei größere Schiffe, einige Frachter sind vor uns dran. Starkes Rollen, manchmal schlägt das Schiff auf, die Filipinos haben Angeln ausgeworfen. Beim Abendessen in der Messe erzählen Master und chief engineer von in starker Strömung hier an den Kai gesetzten Schiffen, die Risse gingen bis zu den Hauptkabelsträngen, von einem im Dock explodierten Tanker, dessen Hauptdeck wie ein Dosendeckel hochgeklappt wurde, morgen könne ich mir das Wrack ansehen.

Samstag, wir dümpeln noch immer vor der Mole, dann die Meldung des chinesischen pilot, alle Maschinenmanöver werden getestet. Als der Lotse endlich kommt, fahren wir in die Bucht ein, das Anlegemanöver mit den Bugstrahlrudern ist bei diesem Wellendruck spannend, der Master schreit den Lotsen, der den Charakter der ›Kaduna‹ nicht kennen kann, an, als wir in allzu steilem Winkel auf den Kai zufahren. Liegezeit 24 Stunden, drei Schiffe warten auf unseren Platz. Polizei, Zoll, Einwanderungsbehörde, der Agent der Reederei strömen auf das Schiff, jeder bekommt eine Fanta, Pralinen und eine Stange Zigaretten. Ich wandere über Mole und Strand zu dem grausam explodierten, jetzt mit Rostbeulen bedeckten Schiff, das quer über den Strand liegt. Es ist heiß, der Sand tief und weich, verstreut liegen Korallen und angeschwemmte Kugelfische. Am nächsten Morgen verlaufe ich mich auf der anderen Seite der Bucht in ein Militärareal, fotografiere in aller Unschuld, das ist die erste von zahlreichen Verhaftungen, ich rede mich heraus, je ne pouvais pas le savoir.

Nun rückt Dakar wirklich näher, Ausgangspunkt meines Wegs durch Afrika, auf den ich mich noch einmal habe vorbereiten können, Kompassberechnungen mit dem Master und dem 1. Offizier, es erscheint mir als gutes Omen, Orientierung in der Wüste beherrschen, Missweisungen kalkulieren zu können, als seien Wege durch die Wüste wirklich berechenbar. Wir kreuzen einen Zug von Hunderten von Delphinen, die unbeirrbar ihren Weg zum Kreuz des Südens finden, lange begleiten sie uns springend und spielend, dann weicht unser Kurs ab.

Montag, ich sitze allein im Brückeneck, bin zu aufgeregt, als dass ich schlafen könnte, bin aufgenommen in den Sternenhimmel. Kaffee für den Master und mich auf der dunklen Brücke, fahles Licht nur vom Kartentisch, um 2 Uhr kommt Cap Vert in Sicht, Yoff, N’Gor, Cap Manuel, das Panorama des nächtlichen Dakar, Schleichfahrt in den Hafen, 3.45 Uhr vessel in position. Nach herzlichem Abschied von der Mannschaft fährt mich der Agent in die rue Félix Faure.

Fortbewegungen II

Auf der Suche nach den Vätern, der Mutter

Dakar Plateau, wieder kann ich hier wohnen, wieder besticht der Zauber der alten Viertel mit ihren niedrigen Häusern aus dem 18. und 19. Jahrhundert, Handwerker, Schneider, Antiquare leben hier. In den kleinen Werkstatträumen stehen die Leitern, auf denen man in den einzigen winzigen Wohnraum gelangt. Zahllose Restaurants mit einem oder zwei Tischen bieten ihre Hausspeise an, in den Innenhöfen gibt es Obst, Gemüse, frischen Fisch aus dem nahen Hafen, in den unüberschaubaren Winkeln leben große Familien in überlieferter Ordnung um die Brunnen herum, Frauen singen bei der Zubereitung der Mahlzeiten, Kinder eilen schwer beladen umher, bringen Vätern, Onkeln, Brüdern Material, tragen die fertigen Waren aus. Alle Bücher, mit denen ich mich auf dem Schiff noch einmal beschäftigt habe, schicke ich nach Hause, will mich nur noch auf mich selbst verlassen, ich fühle mich entlastet, die Nabelschnur ist durchgetrennt. Am Rond Point de l’Indépendance, dem geschäftigen Viertel der Banken und Hotels, muss ich Francs CFA eintauschen, die Automaten verweigern die Visa-Karte, also Barumtausch, auch das eine Abnabelung. Einige Stunden Fußmarsch durch die Stadt machen wieder heimisch in den Vierteln der afrikanischen Fischer und Händler, am Abend kann ich Ahmadou, den Freund, wiedersehen, die ersehnten Jeans passen genau.

Ich muss wieder nach Gorée, ein Jahr lang hat mich zuhause das Bild von der großen Tafel im Salon des Sklavenhauses verfolgt, genau über den mit Menschen vollgepferchten Zellen im Untergeschoss, die Schreie müssen bis zu den Gelagen der Händler durchgedrungen sein, die Ein- und Verkäufe von Menschen bei einem guten Mahl zu feiern pflegten; die Öffnung im Boden eines abgesonderten Teils, die den jungen Mädchen als Toilette diente, sie sollten ihre Unschuld behalten, um so erheblich höhere Preise zu erzielen; die Maueröffnung auf der Meeresseite, durch die rebellische Gefangene den Fischen zum Fraß vorgeworfen wurden. Um 10 Uhr geht an der embarcadère das kleine Schiff nach Gorée, bringt Wasser und Lebensmittel zur Insel, ein kurzer Regen kühlt die schwüle Luft etwas ab. Ich nehme mir Zeit für jedes Haus, das ›Institut du Soudan zur Förderung der Demokratie in Afrika‹, die Malteser-Mission, die kleine Koranschule, aus der lauter Kindergesang über die Insel schallt. Auf dem Weg zum Fort finde ich Ahmadou Dieng wieder, immer noch arbeitet er seine wilden Collagen aus Erde und Stoffresten auf irgendwelche alten Matten oder Tücher, Farben und Leinwand kann er sich nicht kaufen. Diesmal erstehe ich eine kraftstrotzende Gestaltung auf einem alten Badevorleger, den kann ich vorsichtig rollen und schicken.

Noch habe ich Monsieur Omar nicht entdeckt, meinen afrikanischen Vater, über siebzig, er hat mir im letzten Jahr das Sklavenhaus gezeigt, konnte noch von seinem Großvater erzählen, dass mir die Tränen kamen. »Wir haben selbst Schuld daran, wir haben uns nicht gewehrt«. Ich war mein Leben lang auf der Suche nach Vätern, hatte einen heißgeliebten französischen Vater, der kleine krumme Alte aus der Medersa Ben Youssef in Fès ist mein arabischer, Monsieur Omar mein schwarzer Vater. Schon als Kind habe ich in Hamburg Männer angesprochen, ob sie nicht mein Vater werden wollten, einer, ein Kriegsversehrter mit Krücken, ist zum Entsetzen meiner Mutter in unsere Wohnung gekommen. Jetzt sehe ich ihn kommen, er hat früher in Hamburg als Matrose gearbeitet, freut sich sehr, Hamburg ist ein wunderbarer Stoff für uns beide. Die chaloupe aus Dakar ist zurückgekommen, um das Schiff herum tauchen die Jungen nach Münzen, die die wenigen Touristen ins Wasser werfen.

Viel Zeit gehört dem Musée IFAN mit seiner Sammlung von Masken, Statuen, Instrumenten, ganzen Ritualszenen. Besonders spannend ist das große Buschtelefon, ein hochsensibler ausgehöhlter Stamm von etwa einem Meter Durchmesser mit dem Code der hohen Töne für Hochzeiten und, auf der anderen Seite des Schlitzes, dem der tiefen Töne für Trauerfeiern. Etwa 25 km weit reichen die Nachrichten, intensiv darf ich das Instrument ausprobieren. Manchmal schwankt noch der Schiffsboden unter mir.

An der gare routière Pompier, dem chaotischen Sammelplatz für die taxis brousse, die Buschtaxis, ist es schwierig, unter all den gleichartigen Wagen den nach Ndangane im Mündungsgebiet des Sine-Saloum herauszufinden. Alle jungen Männer stürzen sich auf die einzige Fremde, mit viel Geschrei wird der richtige Wagen gefunden, das kostet eine Apfelsine und eine Banane. Erst drei Stunden später ist das taxi voll, 45° im Schatten, ich stinke wie alle, die mit mir Wartenden laden mich in ihr Dorf ein. Nach undurchschaubaren Prozeduren geht es so langsam los, dass wir nicht mehr vor Sonnenuntergang ankommen können. Fünf Stunden Fahrt mit sechs Menschen auf drei Plätzen, das Gepäck auf den Füßen, Haut klebt an Haut, Savannenlandschaft mit Baobabs und Fromagers zieht vorüber. Sehr plötzlich fällt die Nacht, Gewitter kommen auf, das Buschtaxi hält unvermittelt an, das Dachgepäck wird in das Wageninnere gestopft, dann fällt ein Regen, wie ich ihn noch nie erlebt habe. Nichts ist mehr zu sehen, der Fahrer behält seine Geschwindigkeit bei, fällt in tiefe Schlaglöcher, die Autoscheinwerfer sind kaputt, von unserem Schweiß beschlägt die vielfach gerissene Frontscheibe. Da die Hälfte der Fenster kein Glas mehr hat, die Fahrertür nicht schließt, strömt das Wasser in den Wagen. Nach einer halben Stunde ist das Unwetter vorüber, die drückende Hitze gewichen. Zwischen Baobabs und Schweineherden werden die Reisenden abgesetzt, für mich hält der Fahrer mitten in der Nacht in Ndangane vor einem beleuchteten Hotel, das ich jetzt akzeptieren muss, eine langweilige Touristenanlage, aber ein Essen, eine Dusche und die Möglichkeit, die versaute Wäsche zu waschen.

Viel schöner als im pool des Hotels ist das Bad im Flussdelta, schon morgens hat das Wasser 28°. An der embarcadère von Ndangane warten die Piroguen, an der sandigen Hauptstraße treffe ich auf Mustafa und Ali in der Dorfbibliothek, sie bewachen 30 Bände, ich verspreche, später Bücher zu schicken. Die Entdeckung am Strand ist das afrikanische campement Fouta Toro mit einigen strohgedeckten Rundhütten ohne Wasser und Strom, Amye und ihre Familie nehmen mich sofort auf, beteiligen mich am Fischfang. Zum Schutz vor den Mücken am Wasser ist Erfindungsgabe gefordert, ich befestige mein Moskitozelt mit Seilen an den Deckenbalken der Hütte, ein Reißverschluss ist hin, also Wäscheklammern. Um die Hütte tummeln sich Hühner, Schafe, wilde Hunde, Esel. Als ein Gewitter heranzieht, kommen alle Kinder der Umgebung gelaufen, die Frauen waschen sie mit lautem Geschrei im Regen, selbst die großen Mädchen reinigen sich ungeniert vor den Männern. Die Großfamilie versammelt sich unter dem Strohdach der Palaverhütte, ein Säugling schläft auf dem Esstisch zwischen den Schüsseln. Diengaba erzählt, jahrelang sind die Mädchen zur Schule gegangen, doch können sie nicht lesen, nicht schreiben. In meiner Hütte herrscht mörderische Schwüle, stundenlang schreien die großen Frösche in den Sümpfen der Regenzeit. Am nächsten Morgen klemmt die verzogene Tür, die Klinke ist herausgebrochen, Dialo muss mich befreien. 6. August, heute ist der Geburtstag meiner Mutter, es gelingt mir, ihn beiseite zu schieben.

An der Anlegestelle wartet Mohammadou mit der Pirogue, wir fahren durch die bolongs des Saloum-Deltas zu den Vogelinseln, zum bois sacré, den Heiligen Bäumen, zu den Buschtelefonen, hier ist niemand, Pelikane, Kormorane, Reiher, ein Paradies. Als wir die kleine Insel Mar Lodj streifen, beschließe ich zu bleiben. Im Anfang schuf Gott Mar Lodj, diese wilde Insel voller kleiner bunter Vögel, die in den in allen Farben blühenden Bäumen singen, am mangrovenbestandenen Ufer säubert der Fischer die großen Barracudas und Capitaines. Nur in den winzigen Buchten, die die Mangroven freigelassen haben, kann man der reißenden Strömung in der Regenzeit standhalten. Sophie und Marion, zwei Französinnen, hat es einen Tag vor mir hierher verschlagen, wir durchstöbern die Insel, entdecken das kleine Dorf in der Mitte mit seiner winzigen katholischen Missionsstation, der kleinen Schule, der Kirche rund wie die Hütten auch, der Moschee daneben, dem alles überragenden alten Heiligen Baum der Animisten. Stolz zeigt mir Josephe die Hütten, packt mich plötzlich am Arm und reißt mich zurück, auf dem Holzstoß neben mir liegt eine lange Baumschlange mit aufregend gelbem Kopf.

Ahmadou hat mir in Dakar die Adresse von Kurt gegeben, der sich auf Mar Lodj niedergelassen hat, wir waten durch die Priele und Schwemmsände zu seinem campement am anderen Ende der Insel, vorsichtshalber notiere ich drei Kompasspunkte. Kurts Gefährtin Awwa bereitet uns einen Mussolini genannten Fisch zu, es ist mir ein besonderes Vergnügen, mit Messer und Gabel das brutale Profil des Fisches mit seiner bulligen Stirn und dem starken Kinn zu zerteilen. Schwierig ist der Rückweg unter sternklarem Himmel, wie Seidengewänder von Elfen schwebt die Milchstraße dicht über uns. Kurt schickt uns seinen Schäferhund mit, der begleitet uns bis zur Statue der Schwarzen Madonna, von dort aus finden wir allein zurück.

Heftig schwankt das flache Boot im Wind, als wir mit einer Pirogue den breiten Saloum aufwärts nach Foundiougne weiterfahren. Hier betreibt das Militär eine Fähre. Aus den kleinen Küchen in den Höfen der Fischerhäuser am Hafen dringen Wohlgerüche, köstlich ist der Reis mit Yassa-Sauce. Lange laufe ich flussabwärts, niemand ist hier, Vögel, zahlreiche Termitenbauten sind wie mahnende Hände gen Himmel gerichtet. Schon der frühe Morgen ist sehr heiß, wir brechen auf zu den Dörfern in den Erdnussfeldern voller Baobabs, lilienartiger Blumen und gewaltiger Kapok-Bäume. Überrascht, toubabs, Weiße, zu sehen, versammelt sich überall die Dorfbevölkerung. Maguette, ein feinsinniger Junge, der bald sein Abitur machen wird, begleitet uns den ganzen Tag, erzählt von den Problemen in der Schule, Sophie übernimmt es, ihm die fehlenden Bücher zu schicken. Er führt uns die Karren-Piste entlang zu dem in den Hirsefeldern versteckten Dorf Soum. Ein großer Empfang wird uns auch hier bereitet auf dem kleinen Markt mit der großen Moschee, der Missionsstation, der Palaverhütte voller neugieriger alter Männer und dem Heiligen Baum mit der blutigen Opferstätte darunter. Maguette beschreibt das Dorf als sehr groß, weil sich hier nicht mehr alle mit Namen kennen, hier möchte er nicht wohnen. Lachend und schreiend umringt uns eine große Kinderschar, als wir zum Fluss wandern und unter einem alten Baobab gegenüber dem Heiligen Wald rasten, in dem alle Religionen der Umgebung die großen Feste gemeinsam feiern. Jugendliche schwingen im Rhythmus ihres Gesangs die einfachen Hacken zur Vorbereitung der Reisfelder, für die Feldarbeit gibt es drei Monate Schulferien.

Am nächsten Morgen nehmen wir die Fähre in Foundiougne und setzen über den Fluss, von beiden Ufern hört man die Trommeln aus den Fischerdörfern, wie ein Rausch ist es weiterzuziehen … An dem alten Militärponton sind rechts und links Flusspionierboote befestigt, in denen je zwei bewaffnete Soldaten sitzen, die nur mit Mühe gegen die Strömung ansteuern können. Am anderen Ufer heißt es warten auf eine Fahrgelegenheit, der Fahrer eines Kühllasters will uns hinten zwischen den tropfenden Fischen mitnehmen, wir warten. Hinter den Fischerhütten stehen zwei riesige Kanonen auf drehbaren Podesten, auf das gegenüberliegende Flussufer gerichtet, niemand weiß, gegen wen. Tatsächlich kommt nach einer Stunde ein taxi brousse ans Ufer gefahren, pfercht uns alle zusammen, wir schlingern durch die Sände, über die Strände und Sumpfpisten Richtung Fatick, von oben tropft Fischwasser durch das verrostete Dach, die Piste ist schwer, die Fahrt eine Qual überleben, das heißt auch den Schmerz leben über den Verlust, wie soll ich meine Mutter überleben, sie ist gestorben und ich habe sie allein gelassen, leben konnte sie nicht, aber dafür bin nicht ich verantwortlich. In Fatick wartet schon ein taxi brousse nach Süden, Sophie und Marion fahren nach Dakar zurück.

Durch fruchtbare Feuchtsavanne, durch Erdnuss-, Hirse- und Maisfelder geht es über Kaolack nach Farafenni, die Grenzstation nach Gambia. Es heißt, ein campement gebe es nur in einiger Entfernung, ich müsse auf dem Pferdewagen mitfahren. Alles Gepäck wird auf eine Pritsche geworfen, die Bauern legen sich darüber, das Pferd holpert in großem Bogen um den Ort herum durch die Felder. Festkrallen muss man sich, um nicht herabzufallen, stumm in ihrem Leid heben einige magere Frauen nicht den Blick, der Anblick des dürren Pferdes mit den vielen offenen Wunden im Fell verursacht Übelkeit. Nach einer Stunde Fahrt liefert man mich, seitlich wieder in den Ort einfahrend, tatsächlich vor ›Eddy’s Hotel‹ ab, einem herrschaftlichen Kolonialbau mit palmenbestandenem Innenhof. Bei dem Rundgang durch Farafenni fällt die aufdringliche Wegelagerermentalität der Jugendlichen an den Kreuzungen auf, überall englische Aufschriften, plötzlich mitten im Ort die Grenzschranke, ich bin auf der falschen Seite in The Gambia mit seinem merkwürdigen Englisch, bin mit der charrette über die grüne Grenze geraten und ahne die morgigen Probleme. Das Immigration Office ist schon geschlossen, die Polizei empfiehlt mir, um 6 Uhr an der Grenze zu erscheinen, ich bin nicht beunruhigt.

In Anbetracht der Mücken baue ich im Zimmer eine geniale Konstruktion mit meinem Zelt um einen Nagel herum über den Draht der nackten Glühbirne, trotz des Ventilators ist die nächtliche Schwüle mörderisch, an Schlafen kaum zu denken. Am Morgen gibt es wie üblich weder Wasser noch Strom, trotz der nun häufiger auftretenden Durchfälle muss es mir egal sein, wie ich den Ort verlasse.

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