Kitabı oku: «Partnerschaft und Sexualität»

Die Autorinnen
Birgit Kollmeyer, Dipl.-Psych., ist Paar- und Sexualtherapeutin in eigener Praxis in Bern und externe Dozentin zum Thema Paarberatung/-therapie an den Universitäten Zürich und Koblenz-Landau.
Monika Röder, Eidgenössisch anerkannte Psychotherapeutin, Paar- und Sexualtherapeutin, arbeitet psychotherapeutisch, sowie als Supervisorin und Selbsterfahrungstherapeutin in ihren Praxen in Bad Säckingen und Basel.
Birgit Kollmeyer & Monika Röder
Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Die Wiedergabe von Warenbezeichnungen, Handelsnamen und sonstigen Kennzeichen in diesem Buch berechtigt nicht zu der Annahme, dass diese von jedermann frei benutzt werden dürfen. Vielmehr kann es sich auch dann um eingetragene Warenzeichen oder sonstige geschützte Kennzeichen handeln, wenn sie nicht eigens als solche gekennzeichnet sind.
Dieses Werk enthält Hinweise/Links zu externen Websites Dritter, auf deren Inhalt der Verlag keinen Einfluss hat und die der Haftung der jeweiligen Seitenanbieter oder -betreiber unterliegen. Zum Zeitpunkt der Verlinkung wurden die externen Websites auf mögliche Rechtsverstöße überprüft und dabei keine Rechtsverletzung festgestellt. Ohne konkrete Hinweise auf eine solche Rechtsverletzung ist eine permanente inhaltliche Kontrolle der verlinkten Seiten nicht zumutbar. Sollten jedoch Rechtsverletzungen bekannt werden, werden die betroffenen externen Links soweit möglich unverzüglich entfernt.
1. Auflage 2021
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-032329-2
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-032330-8
epub: ISBN 978-3-17-032331-5
mobi: ISBN 978-3-17-032332-2
Vorwort zur Buchreihe
Über Beratung lässt sich durchaus streiten. Was ist Beratung? Wann und unter welchen Bedingungen ist sie ein professionelles Angebot? Welchen Beitrag leisten einzelne Fachwissenschaften für ein besseres Verständnis von Beratung? Wann ist Beratung eher Coaching? Wie ist sie von Training oder Therapie abzugrenzen? Und welchen Beitrag kann die Psychologie als Wissenschaft leisten, um diese und ähnliche Fragen zu beantworten?
Die Fragen sind so komplex wie ihr Gegenstand – die Beratung – selbst. Diese Buchreihe vermittelt Wissen und Kompetenzen in der professionellen, auf psychologischen Theorien und Konzepten basierenden Beratung. Dabei wird Beratung als ein bevormundungsfreier Prozess verstanden, in dem Probleme der Ratsuchenden in ihrem Verhalten, Handeln und Erleben geklärt werden. Zur Klärung der anstehenden Fragen und zur Reflexion des Beratungsprozesses werden psychologische Theorien herangezogen. Professionelle Beratung findet in einem entsprechend ausgewiesenen und damit geschützten Setting statt. Im Dialog werden Informationen ausgetauscht, Bedingungen und Möglichkeiten reflektiert und Lösungsversuche begleitet. Im Transfer von fachwissenschaftlichen und subjektiven Theorien zeigt sich die professionelle Beratungskompetenz. Dabei kommt der kritischen Reflexion der eigenen Praxis zur Entwicklung der eigenen Kompetenzen wie auch der theoretischen Grundlagen eine besondere Bedeutung zu. Mit Blick auf die sehr unterschiedlichen Praxisfelder psychologischer Beratung sollen der Buchreihe als Ganzes eher allgemeine Theorien der Beratung zugrundeliegen. Allgemeine Theorien verweisen auf übergreifende Wirkfaktoren psychologischer Beratung und erleichtern eine Abgrenzung der Beratung von der Psychotherapie.
Damit werden (1) persönliche Kompetenzen der Beratenden, (2) die Fokussierung auf Ressourcen und (3) die Förderung einer optimalen Entwicklung in der jeweils individuellen Lebenswelt angesprochen. Konkretisiert wird dies in der Orientierung auf persönliche Bedürfnisse und Stärken der Ratsuchenden in ihren Lebenswelten, auf die Kompetenzen der Beratenden und die Stärken der Beratungssettings sowie auf das Anliegen einer nachhaltigen Resilienzförderung über das Beratungssystem.
Je nach Zielgruppe mit ihren unterschiedlichen Lebenswelten und Lebenslagen gewinnen unterschiedliche Beratungskonzepte an Bedeutung. Wenn es also in den verschiedenen Bänden dieser Reihe um unterschiedliche Zielgruppen (Jugendliche, Familien, Paare, Menschen im hohen Alter), unterschiedliche Orte (Schule, Hochschule, Unternehmen), unterschiedliche Anlässe (Migration, Erkrankung) und unterschiedliche Themenfelder (Mobilität und Verkehr, Sport) geht, dann haben wir einen weiten theoretischen Rahmen, der jeweils gegenstandsbezogen konkretisiert wird. Damit Details und Ganzes sich auch über die Buchreihe stimmig zusammenfügen, wird jeder einzelne Band von zwei Herausgebern betreut. So sichern die Mitglieder das Editorial Boards, dass sich in dem von ihnen betreuten Band Theorie und empirische Befunde eine wissenschaftsbasierte Praxis verdeutlichen.
Als »Editor in Chief« möchte ich allen Mitgliedern des Editorial Bords für ihre aktive Mitwirkung danken. Im Namen des ganzen Beirats danke ich den Autorinnen und Autoren für ihre Beiträge zur Buchreihe. Sie ermöglichen einen differenzierten Blick auf Theorie und Praxis, auf Konzepte und Erfahrungen in ganz unterschiedlichen Feldern der Beratung.
Danken möchte ich Frau Annika Grupp, Verlag Kohlhammer, die mit großer Kompetenz und Tatkraft die Arbeit an der Buchreihe begleitet. Mein Dank gilt auch Frau Flurina Hefti, ZHAW Angewandte Psychologie, die als Lektorin und Redakteurin das Projekt unterstützt.
Beratung ist ein buntschillernder Begriff und damit schwer zu fassen. Es ist aber fachlich und ethisch unverzichtbar, professionelle Beratung von unprofessionellen Angeboten und von Alltagsgesprächen abzugrenzen. Dies kann nur gelingen, wenn die Beratungspraxis theoretisch und empirisch begründet ist. Mit diesem Anspruch wird jede Beschreibung von Beratungspraxis anspruchsvoll. Wir sind aber sicher, dass jeder einzelne Band der Reihe Theorie und Praxis zielführend verbindet – ansprechend und gut nachvollziehbar. Damit stehen die Chancen gut, dass jeder Band eine Hilfe ist zur Orientierung in einem für sich anspruchsvollen und herausfordernden Beratungsfeld.
Christoph Steinebach, Zürich im Januar 2020
Inhaltsverzeichnis
1 Vorwort zur Buchreihe
2 Geleitworte
3 Vorwort
4 Einführung
5 Teil I: Hintergründe
6 1 Blick auf die Gesellschaft
7 1.1 Bindung und Autonomie – ein Dilemma
8 1.2 Geschlechterrollen und Gleichberechtigung
9 1.3 Gleichgeschlechtliche Paare und Transgender
10 1.4 Sexfreundliche, aber berührungsfeindliche Gesellschaft
11 2 Blick in Partnerschaften
12 2.1 Partnerschaftsprobleme
13 2.2 Glückliche Partnerschaften
14 3 Blick ins Schlafzimmer
15 3.1 Sexuelle (Un-)Zufriedenheit
16 3.2 Selbstbefriedigung, Fantasien und Pornografiekonsum
17 3.3 Sexuelle Lustlosigkeit – weit verbreitet
18 3.4 Sexuelles Begehren und Erregbarkeit
19 4 Blick ins Gehirn
20 4.1 Grundlegende Funktionen des Gehirns
21 4.2 Neurobiologische Implikationen für die Sexualität
22 4.3 Frühe Prägungen und Auswirkungen auf das Beziehungsverhalten
23 4.4 Bedeutung der Neurobiologie für die Paarberatungspraxis
24 Teil II: Therapeutische Ansätze
25 5 Paartherapeutische Ansätze
26 5.1 Systemische Paartherapie
27 5.2 Hypnotherapie
28 5.3 Emotionsfokussierte Paartherapie
29 5.4 Klärungsorientierte Paartherapie
30 5.5 Bewältigungsorientierte Paartherapie
31 6 Sexualtherapeutische Ansätze
32 6.1 »Klassische« Sexualtherapie
33 6.2 Systemische Sexualtherapie: »Sexualtherapie des Begehrens«
34 6.3 »Crucible«- oder Differenzierungsansatz
35 6.4 Sexocorporel: Sexualität lernen
36 Teil III: Praxis der Arbeit mit Paaren
37 7 Stabilisierungs-Wachstumsmodell für das integrative Arbeiten mit Paaren
38 7.1 Einstiegsphase
39 7.2 Stabilisierungsphase
40 7.3 Wachstums- oder Vertiefungsphase
41 8 Rahmen und Grundlegendes
42 8.1 Rahmenbedingungen
43 8.2 Haltung
44 8.3 Emotionsregulation
45 9 Einstiegsphase
46 9.1 Aufbau der therapeutischen Beziehung oder: Sicherheit geben
47 9.2 Explorieren der Wahrnehmungen, Gefühle und Bedürfnisse
48 9.3 Verflüssigen von Positionen und neue Perspektiven
49 9.4 Klären von Auftrag und Motivation
50 9.5 Formulieren von Zielen
51 9.6 Erheben der Beziehungsgeschichte
52 9.7 Umgehen mit Trennungsambivalenz und -absicht
53 10 Stabilisierungsphase
54 10.1 Aufzeigen der Eskalationsprozesse
55 10.2 Ausstieg aus der Eskalation
56 10.3 Erstes gegenseitiges Verstehen
57 10.4 Stärken von Ressourcen
58 11 Wachstums- oder Vertiefungsphase
59 11.1 Selbstregulation im Rahmen der Paartherapie
60 11.2 Partnerschaftliche Emotionsregulation
61 11.3 Weiterentwicklung der Sexualität
62 11.4 Umgang mit traumatischen Erlebnissen sowie Verletzungen durch eine Außenbeziehung
63 11.5 Abschluss der Arbeit mit dem Paar
64 Resumée oder: Auf den Punkt gebracht
65 Literatur
66 Stichwortverzeichnis
Geleitworte
Mut zur Integration
Paartherapie ist eine facettenreiche und vielschichtige Tätigkeit in einem besonders herausfordernden Setting. Auch wenn sie nicht primär klinisch orientiert ist, kommt das ganze Leben mit Paaren zur Tür herein, d. h. eine enorme thematische Bandbreite, oft hoher Leidensdruck und existenzielle Krisen, in denen für einen oder beide Partner viel auf dem Spiel steht. Paartherapeuten müssen mit hoher Konfliktspannung umgehen können, ohne Partei zu ergreifen. Ein Teil ihrer Kunst besteht darin, die Komplexität auf ein bearbeitbares Maß zu reduzieren, ohne zu trivialisieren, und sowohl das Setting als auch die Prozesssteuerung so zu balancieren, dass sie für beide Partner konstruktiv nutzbar sind.
Verschiedene paar- und sexualtherapeutische Ansätze sind heute gut ausdifferenziert und profiliert. Zugleich sind sie in mancher Hinsicht konvergent, kompatibel oder ergänzen sich. Während bestimmte Therapieschulen miteinander konkurrieren und die Abgrenzung voneinander betonen, erfahren viele Kollegen konzeptionelle Vielfalt in der eigenen Praxis als wertvoll, weil sie damit ihre Arbeit möglichst flexibel und passgenau für das Paar gestalten können.
Voraussetzung dafür ist, dass sie sich selbst dazu autorisieren, eine eigene Logik davon zu entwickeln, wann sie zu welcher Perspektive, zu welcher Methode und zu welcher Ausrichtung ihrer Prozesssteuerung greifen. Dies ist ein lebendiger, vermutlich nie abgeschlossener Prozess. Wir können nicht arbeiten wie unsere Lehrerinnen und Lehrer. Wir können nur in uns selbst verankert und zugleich durchlässig sein.
Dieses Buch ermutigt und leistet genau dazu einen Beitrag. Die beiden Autorinnen geben darin ein Beispiel ihrer intelligenten, theoretisch und empirisch top informierten, systematischen und zugleich undogmatischen Praxis. Sie bieten einen fundierten, aus Erfahrung fein selektierten und vollkommen am Benefit, nicht an der Kritik orientierten Überblick über das Feld und zeigen nach sorgfältiger Darstellung, wie sie verschiedene Konzepte praktisch nutzen.
Das ist nicht nur zeitgemäß, sondern auch erfrischend uneitel, weil gar nicht erst versucht wird, noch einen angeblich neuen Ansatz zu generieren, sondern die eigene Klugheit und therapeutische Reife für ein Lehrbuch des sinnvollen und durchdachten Zusammenspiels bestehender Ideen zu nutzen. Mögen möglichst viele Leser darin Orientierung, Inspiration und Ermutigung zur eigenen Vielfalt in einem vielfältigen Geschäft finden.
Karlsruhe im Januar 2021
Angelika Eck
Sex oder Kommunikation? Henne oder Ei?
Wo fängt es eigentlich an, das Problem in der Beziehung? Ist es so, dass ein Paar Probleme mit Sex hat, weil es in der Beziehung nicht rund läuft? Oder kriselt die Beziehung, weil der Sex nicht genügend häufig, aufregend oder ausgefallen ist?
Mit dieser Huhn-Ei-Frage beschäftigen sich nicht nur die Paare in partnerschaftlichen Krisen intensiv, sondern auch alle, die in der Paar- und Sexualberatung tätig sind. Je nach Standpunkt kommen die unterschiedlichen Betrachter zu unterschiedlichen Schlüssen. Bei den Paaren wird der Standpunkt schnell anhand der Vorwürfe an das Gegenüber deutlich: »Wenn du doch nur …, dann …«.
Bei den Beratenden erkennt man ihre Präferenz an ihren Interventionen, sprich daran, wie sie mit dem Paar versuchen, den entscheidenden Dreh hinzukriegen. Manche Berater fokussieren eher auf die partnerschaftlichen (Kommunikations-)Schwierigkeiten, auf die nicht befriedigten Bedürfnisse in der Partnerschaft und auf die Eskalationsspiralen: Die Leitidee ist, dass durch die Reduktion der zwischenmenschlichen Spannung wieder körperliche Nähe ermöglicht wird. Andere Fachpersonen dagegen nehmen eher die sexuelle Funktionsfähigkeit, den Körper, die Lust und die Sexualpraktiken ins Visier. Ganz nach dem Motto: Die Lust auf Sex kommt mit der Lust am Sex. Und so führt schlussendlich (guter) Sex zu emotionaler Nähe und Verbundenheit.
Ist es nun wichtig zu verstehen, was den Appetit verdorben hat (resp. immer wieder verdirbt) oder kommt der Hunger mit dem (richtig guten) Essen? Für beide Sichtweisen gibt es eine Reihe empirischer Evidenzen. Wer hat nun recht?
Das Schöne und Bemerkenswerte am vorliegenden Buch ist, dass diese Frage nicht beantwortet wird. Es geht gerade nicht darum, den einen oder den anderen Weg zu bevorzugen; es geht nicht darum, die eine richtige Antwort auf diese Frage zu finden. Im Gegenteil: Im Vordergrund steht eine integrative, offene Sichtweise, die versucht, die unterschiedlichsten Perspektiven miteinander sinnvoll zu kombinieren, um dadurch einen individuellen und auf das Paar zugeschnittenen Weg zu finden.
Die beiden Autorinnen können aus einem reichen Erfahrungshintergrund schöpfen, sowohl in Bezug auf verschiedenste therapeutische Zugänge als auch in Bezug auf ihre Praxiserfahrung in der Paar- und Sexualtherapie. Und so bringen sie auf eine sehr gelungene und fundierte Art die Themen Partnerschaft und Sexualität zusammen, die ja auch im echten Leben ganz natürlich zusammengehören.
Ich wünsche dem Buch viele interessierte Leserinnen und Leser und diesen wiederum viele Anregungen mit und durch das Buch.
Zürich im Januar 2021
Marcel Schär

»Vertrautheit« – Zeichnung von der Künstlerin Heidi Reubelt, Abdruck in Schwarzweiß (www.heidireubelt.de).
Vorwort
Liebe LeserInnen/Leser(innen)/Leser*innen/Leser (m/w) … genau diese Schreibformen möchten wir Ihnen ersparen. Dennoch ist uns eine gendersensitive Sprache wichtig. Daher erlauben wir uns von der »Therapeutin« oder »Beraterin« zu sprechen, was unserer persönlichen Situation als Frauen entspricht. Und es spiegelt auch die Realität in sozialen Berufen, da Frauen hier die Mehrheit sind.
Wichtiger Kommentar: Zum Ausgleich dazu sprechen wir von »dem Klienten« oder »dem Partner«. Die anderen Geschlechter sind immer mitgemeint, ob in der Konstellation Mann-Frau, Frau-Frau, Mann-Mann oder etwas dazwischen.
Neben der Erläuterung unseres Verständnisses einer gendersensitiven Sprache braucht es eine Einordnung der Begriffe »Paarberatung« und »Paartherapie«, die in diesem Buch parallel eingesetzt werden.
Dieses Buch erscheint in der Kohlhammer-Reihe »Psychologische Beratung in der Praxis«. Wir schreiben es für Paarberaterinnen, aber auch für andere Fachleute, die in Kliniken, Beratungsstellen oder in eigener Praxis mit Paaren arbeiten oder zukünftig arbeiten möchten. Im Gegensatz zur »Psychotherapie« sind »Paarberatung« und »Paartherapie« gesetzlich nicht geschützte Angebote und auch schwierig voneinander abgrenzbar. Gerade in der Praxis werden in Beratungen oft therapeutische Elemente eingesetzt und in Therapien beratende. Wir werden in diesem Buch daher die Begriffe Paarberatung und -therapie sowie Paarberaterin und -therapeutin abwechselnd und austauschbar verwenden. Den Unterschied zwischen akuter Krisenberatung und therapeutischen (Entwicklungs-)Prozessen beschreiben wir mit den Begriffen Stabilisierung und Vertiefung bzw. Wachstum, die beide Teile der Arbeit mit Paaren sind. Als Theorie- und Ideenpool für unsere Arbeit verwenden wir therapeutische Konzepte aufgrund ihrer weit größeren Fülle und Evidenzbasiertheit.
Dieses Buch haben wir nicht allein geschrieben, sondern mit Unterstützung von verschiedenen Seiten. Eine besondere Rolle hatte Marcel Schär für uns: Mit Ermutigungen, wertvollen Impulsen und vor allem uneingeschränkter Ansprechbarkeit hat er uns über manche Klippe hinweggeholfen.
Spannende Diskussionen mit Kolleginnen und Kollegen und fachliche Anregungen von vielen haben wesentlich zur Entwicklung des Textes beigetragen. Flurina Hefti sorgte für sprachsensible Verfeinerungen und Kathrin Kastl vom Kohlhammer-Verlag für die professionelle Begleitung und Gestaltung. Herzlichen Dank!
Besonders inspiriert für die Arbeit mit Paaren haben uns einige AusbilderInnen und SupervisorInnen. Unser Dank gilt dabei Karol Bischof und Marielle Sutter, die beide auch Teile des Textes kritisch gegengelesen haben, sowie Guy Bodenmann, Ulrich Clement, Angelika Eck und David Schnarch.
Vor allem aber bedanken wir uns bei unseren Klientinnen und Klienten, die uns wichtige Teile ihres Lebens anvertrauen und mit denen wir uns stetig weiterentwickeln dürfen.
Einführung
Menschen, Paare, Beziehungsdynamiken und Lebenssituationen sind extrem unterschiedlich. Unserer Ansicht nach lohnt es sich nicht, über die beste Methode für die Arbeit mit Paaren oder die beste Therapierichtung zu streiten. Wir brauchen verschiedene Methoden und einen authentischen eigenen Stil, um unsere Klienten wirkungsvoll unterstützen zu können.
In diesem Buch versuchen wir unsere integrative Arbeit auf einem Fundament evidenzbasierter Methoden zu beschreiben. Bei welchem Paar, bei welchem Anliegen, in welcher Phase der Beziehung oder Therapie und in welchem Moment ist welche Methode hilfreich? Was braucht ein eskalierendes Paar, um vor Verletzungen sicher zu sein, was braucht ein distanziertes Paar für erneute Annäherung? Welche Unterstützung hilft einem sexuell lustlosen Partner, um wieder Zugang zum eigenen Begehren zu finden? Ein einzelner therapeutischer Ansatz kommt hier an seine Grenzen. In der Praxis braucht es verschiedene Methoden und ein Modell, in das die Tools stimmig integriert sind.
Wir beiden Autorinnen sind beruflich recht unterschiedlich sozialisiert.
Zu Beginn unseres Buchprojektes fragten wir uns zunächst, ob unsere Unterschiedlichkeiten nicht zu groß seien, um unser Vorgehen in der Paartherapie einheitlich zu beschreiben. Bei der Arbeit kristallisierte sich dann aber heraus, dass wir übereinstimmende Haltungen, Grundprinzipien und sogar Interventionsstrategien haben. Wir denken beide schulen- und themenübergreifend und lassen uns von den Fragen leiten: Wo steht dieses Paar miteinander in diesem Moment? Wie geht es den beiden Einzelpersonen, was belastet und schmerzt sie? Welche Rolle spielt die Sexualität in der Paarbeziehung? Und welche Methode könnte passend und hilfreich sein, damit die Partner in einen echten Kontakt mit sich selbst und miteinander kommen können? Die vorgestellten Theorien, Studien und Methoden zeigen unsere persönliche Auswahl und basieren auf unseren beruflichen Erfahrungen.
Aufbau des Buches
Im ersten Teil des Buches betrachten wir zunächst die Situation von Paaren in unserer Gesellschaft. Wir stellen Erkenntnisse der Paarforschung vor zur Frage, was Paare glücklich und was sie unglücklich macht. Wir beleuchten zentrale sexuelle Themen von Paaren wie Lustlosigkeit oder Außenbeziehungen und fokussieren uns dabei immer mehr von einem weiten gesellschaftlichen Blick über die Betrachtung der Paarbeziehung bis hin zu einem Verständnis internaler Dynamiken im Menschen.
Im zweiten Teil reflektieren wir die paar- und sexualtherapeutischen Theorien und Behandlungsansätze, die die Basis für unsere Arbeit darstellen, und veranschaulichen die Integration dieser Ansätze in unserem Stabilisierungs-Wachstumsmodell. Dieses Modell orientiert sich an dem neurobiologischen Axiom, dass es zuerst Sicherheit und Stabilisierung braucht, bevor Wachstum und Entfaltung möglich sind.
Der dritte Teil des Buches beschreibt die Praxis der Arbeit mit Paaren. Wir zeigen, wie man einen sicheren Rahmen schaffen und eine stabile, warme und tragende Beziehung aufbauen kann. Wir beschreiben, wie man die eskalierte Paardynamik zuerst stabilisieren und damit eine Beruhigung der übererregten autonomen Nervensysteme erreichen und anschließend vertieft an den Themen des Paares arbeiten kann. Zentral sind dabei die Selbstregulation der Partner und die partnerschaftliche Regulation. Aber auch die Sexualität, traumatische Erlebnisse und Verletzungen durch eine Außenbeziehung können zum Inhalt der therapeutischen Arbeit werden. Im gesamten Prozess leitet uns der Gedanke, sowohl den Kontakt der Personen zu sich selbst als auch zueinander zu fördern. Es ist uns ein Anliegen, Kolleginnen und Kollegen, die an der Paararbeit interessiert sind, zu ermutigen, ihre bereits erlernten Methoden zu nutzen und mit den hier vorgestellten Möglichkeiten zu ergänzen. So kann sich ein eigener Stil entwickeln, der sich stimmig anfühlt und dadurch authentisch und kongruent ist.
Teil I: Hintergründe
Im ersten Teil dieses Buches geht es um die Hintergründe von Partnerschaft und Sexualität: Wir beginnen mit einem Blick auf die Gesellschaft, also auf die Welt, in der Paare leben, und fokussieren uns dann immer mehr: Zuerst schauen wir durch die Brille der Paar- und Sexualforschung auf Partnerschaften und werfen anschließend einen Blick »ins Schlafzimmer«. Schließlich schauen wir »in die Person hinein«, beschäftigen uns mit zentralen Funktionen des Gehirns und Nervensystems und versuchen dabei die Auswirkungen auf das Beziehungsverhalten und die Sexualität besser zu verstehen.
Dabei begleiten uns folgende Fragen:
• Wie lieben und worunter leiden Paare?
• Wodurch wird eine Beziehung schwierig?
• Welche Partnerschafts- und Sexualprobleme sind »normal«?
• Und wie erhalten Paare ihre Zufriedenheit in der Partnerschaft und Sexualität?
1 Blick auf die Gesellschaft
Eine Partnerschaft ist kein abgeschlossenes, autarkes System. Wir Menschen interagieren ständig mit unserer Umwelt und werden umgekehrt von ihr beeinflusst. Das macht auch Partnerschaften zu hochkomplexen Gebilden.
Im ersten Kapitel beschreiben wir den Kontext, welcher die Paare, die in die Paarberatung kommen, umgibt. Wie wirkt sich der gesellschaftliche Wandel auf Partnerschaften aus? Welches sind die Themen, mit denen wir in Paartherapie und Beratung konfrontiert sind?
1.1 Bindung und Autonomie – ein Dilemma
Menschen sind soziale Wesen. Sie streben nach Sicherheit und stabiler zwischenmenschlicher Bindung. Nur so können sie sich entfalten und wachsen. Ohne Spiegelung und Co-Regulation durch einen liebevollen Anderen ist unser menschliches System in stetiger Alarmbereitschaft und kann sich nicht entwickeln (Dana, 2019).
Entsprechend waren die Strukturen früher Gesellschaftsformen vor allem dem Überleben in einer gefährlichen Welt geschuldet. Es entwickelten sich Sippen, die das Leben des Individuums vor Naturgewalten, Feinden und Tieren schützten. Existenzielle Bedürfnisse nach Nahrung, Wärme und Sicherheit mussten zuerst versorgt werden.
In den vergangenen Jahrhunderten ging es dann aber für viele Menschen nicht mehr hauptsächlich um das blanke Überleben in einer feindlichen Welt. Sie hatten sichere Behausungen, sorgten durch Anbau und Handel für eine die Grundbedürfnisse abdeckende, zuverlässige Ernährung und konnten sich somit höherrangigen Bedürfnissen zuwenden: Zunehmend zeigten sich soziale Anliegen nach Zugehörigkeit, Bindung und Bestätigung. Innerhalb gesellschaftlicher Schichten entstanden institutionalisierte Formen von Beziehungen wie etwa arrangierte Ehen, um den Besitz zu sichern und zu mehren.
In unserer hochentwickelten westlichen Welt sind diese Anliegen ebenfalls weitestgehend gesichert; es treten noch höherrangige Ziele auf den Plan: Der zivilisierte Mensch strebt nach individueller Bedürfnisbefriedigung und Selbstverwirklichung.
Konnten Partnerschaften des 18. und 19. Jahrhunderts sich noch an relativ verlässlichen Regeln orientieren, entstand in der Moderne ein neuartiger Heiratsmarkt: Ehen wurden kündbar und Partnerwahlkriterien subjektiv. Geliebt wurde nicht mehr nur in den eigenen Reihen, sondern quer durch die Gesellschaft. Kriterien wie physische Attraktivität, Persönlichkeit oder erotische Anziehung eines Menschen wurden zu maßgebenden Orientierungsgrößen für die Partnerwahl. Sie bestimmen heute den partnerschaftlichen »Tauschwert«. Gemäß der Soziologin Eva Illouz lieben wir heute nach den Regeln des Konsums (2012).
Was bedeutet das für die Stabilität von Bindungen? Während im Jahr 1992 sieben von 1000 bestehenden Ehen geschieden wurden, endeten 2019 elf von 1000 Ehen vor dem Scheidungsrichter (Statistisches Bundesamt, 2020). Auffällig ist dabei, dass sich Paare später als in früheren Jahren scheiden lassen: Im Jahr 1992 war die Dauer der geschiedenen Ehen im Durchschnitt elf Jahre und sechs Monate. Im Jahr 2011 endeten die Ehen dagegen durchschnittlich nach 14 Jahren und sechs Monaten. Die Anzahl der Paare, die sich nach einer langen Ehedauer scheiden lassen, ist also angestiegen. »Die erste große Trennungswelle in deutschen Großstädten kommt nach vier Ehejahren, die zweite nach fünfundzwanzig und die dritte nach der goldenen Hochzeit« (Schönberger, 2016, S. 36).
Doch das ist es nicht, was viele Menschen wollen – weder alt noch jung: Jugendstudien haben wiederholt gezeigt, dass Familie, Partnerschaft und soziale Beziehungen die wichtigsten Wertorientierungen junger Menschen sind. Die »bürgerliche Normalbiografie« ist das neue Leitmotiv (Albert et al., 2019; Calmbach et al., 2020). Auch eine Berner Studie belegt, dass offene oder polyamore Liebesbeziehungen gegenüber 81 % monogamen Beziehungen eher ein Schattendasein führen (Borgmann, Gloor & Spahni, 2019).
Die Bindungstheorie, welche Erkenntnisse aus der Entwicklungspsychologie und Bindungsforschung zusammenfasst, belegt, dass Menschen ein angeborenes Bedürfnis haben, enge, gefühlsintensive Beziehungen aufzubauen. Den meisten Menschen gelingt das auch; sie können als sicher gebunden bezeichnet werden. In der Berner Studie weisen 65 % der Frauen und 70 % der Männer eine sichere Bindung auf. Diese Menschen sind mit ihrer Beziehung und auch mit ihrer Sexualität zufriedener als unsicher gebundene Menschen (ebd.).
Bei den unsicher gebundenen Personen zeigte sich in der Studie wie auch in anderen Forschungsarbeiten ein Geschlechterunterschied. Frauen weisen im Durchschnitt eine höhere Bindungsangst auf als Männer: Sie fürchten sich davor, abgelehnt zu werden und sind sehr auf die Bestätigung durch andere sowie die Verfügbarkeit und Erreichbarkeit des Partners angewiesen. Unsicher gebundene Männer hingegen zeigen eher Bindungsvermeidung: Sie haben ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Eigenständigkeit und vermeiden Abhängigkeit und eine zu starke Intimität. Es fällt ihnen schwer sich zu öffnen (Borgmann et al., 2019).
Das Bedürfnis nach Bindung und der gleichzeitige Wunsch nach Autonomie führt bei vielen Menschen zu einer Bedürfniskollision: Sie sehnen sich einerseits nach Stabilität, Sicherheit und Treue und suchen andererseits individuelle Bedürfnisbefriedigung und Selbstverwirklichung. Die Lösung ist für viele Menschen ein Trend zur seriellen Monogamie. Das heißt, sie gehen von einer treuen, verbindlichen Partnerschaft in die nächste. Ein anderer – oft unbewusster – Lösungsversuch für diesen Zweispalt ist das Eingehen von Außenbeziehungen (
Kap. 2.1).
1.2 Geschlechterrollen und Gleichberechtigung
Oberflächlich betrachtet ist die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau heute verwirklicht. Frauen machen Karriere, Männer kümmern sich um die Kinder und beide bringen den Müll raus. Männer und Frauen streben eine Partnerschaft ans, in der sie sich gleichberechtigt um die Familie kümmern und Karriereschritte sowie Familienzeiten gemeinsam aushandeln können (Bundesministerium für Familie, 2016).
Doch der Schein trügt. In der Realität besteht ein Machtgefälle zulasten der Frauen (Schneider, 2017). Zwar beginnen Partnerschaften heutzutage mit einer egalitären Vorstellung von familiärer Arbeitsteilung; der Wunsch einer Partnerschaft auf Augenhöhe wird aber oftmals spätestens mit der Elternschaft enttäuscht. Denn häufig ist es so, dass Paare nach der Geburt des Kindes in eine traditionelle Arbeitsteilung zurückfallen. Man spricht von einer Traditionalisierungsfalle, welche möglicherweise durch das Familien-, Sozial- und Steuerrecht begünstigt wird (Bundeszentrale für politische Bildung, 2020). Frauen sind wieder ökonomisch abhängig, da sie den hauptsächlichen Teil der nicht entlohnten Familienarbeit tragen.
Empirisch zeigt sich, dass das »Ernährermodell« in Deutschland zwar seltener wird, aber weiterhin noch häufig anzutreffen ist. Am weitesten verbreitet ist das »modernisierte Ernährermodell«, bei dem der Mann vollzeit- und die Frau teilzeiterwerbstätig ist. 2017 lebten 72 % aller Ehepaare und 54 % der nichtehelichen Lebensgemeinschaften dieses Modell. Das verbreitetste Erwerbsmuster ist die Kombination Mann Vollzeit- und Frau Teilzeittätigkeit (Bundeszentrale für politische Bildung, 2020). Laut dem Statistischen Bundesamt üben nur 26 % der Ehefrauen und 41 % der Lebenspartnerinnen ihre Erwerbstätigkeit in Vollzeit aus. Ehemänner waren mit 92 % am häufigsten erwerbstätig. Von den Lebenspartnern übten 90 % eine berufliche Tätigkeit aus (Statistisches Bundesamt, 2019).
Ab der Lebensmitte kommt es zu einer starken Veränderung der Geschlechterrollen, die in der Fachliteratur als Androgynie oder Gender crossover bezeichnet wird: Aufgrund hormoneller Veränderungen und der veränderten Lebenslage werden Männer ruhiger, häuslicher und lassen ihre eher »weiblichen« Seiten zu, während Frauen durchsetzungsstärker, weniger kompromissbereit und unabhängiger werden. »Die Hälfte der Frauen ab 55 will ein eigenes Zimmer, sie möchten mindestens einen Abend in der Woche für sich allein oder mit Freundinnen verbringen«, sagt der Paartherapeut Krüger (2016, S. 41). Balanceprozesse zwischen individueller und gemeinsamer Entwicklung werden in diesem Lebensabschnitt auf eine harte Probe gestellt (Perrig-Chiello, 2017).
In Fragen der Geschlechterrollen sind homosexuelle Partnerschaften im Vorteil: Die Gleichgeschlechtlichkeit befreit von traditionellen Rollenvorstellungen. So berichten schwule und lesbische Paare übereinstimmend, dass passendere Rollen ausgehandelt und Aufgaben stärker nach Vorlieben und eigenen Stärken verteilt werden, und dass dadurch größere Zufriedenheit erreicht wird (Göth & Kohn, 2014).
1.3 Gleichgeschlechtliche Paare und Transgender
In der Paartherapie und -beratung haben wir es zunehmend mit gleichgeschlechtlichen Paaren sowie Menschen zu tun, die sich nicht binär geschlechtlich verorten können oder wollen. Es macht also Sinn, sowohl bei der sexuellen Orientierung (lesbisch, schwul, bi, hetero …) als auch bei der Geschlechtsidentität (weiblich, männlich, divers) von fließenden Übergängen auf einem Kontinuum, anstatt von polarisierenden Hauptkategorien auszugehen.
Betroffene achten hier sensibel auf die Einstellung ihrer Therapeutinnen. Sie befürchten zurecht Moralisierungen und Pathologisierungen, die nichts mit ihrem Anliegen zu tun haben. Denn wir alle haben Vorstellungen davon, was bezogen auf unsere Geschlechterrolle und Partnerschaft als »normal« gilt. Paarberaterinnen sind also gut darin beraten, Genderfragen auch für sich selbst zu reflektieren.
Homosexualität: Ein homosexuelles Paar besteht in der Regel aus zwei heterosexuell sozialisierten Individuen in einer heterosexuell normierten Gesellschaft. Praktisch jeder Homosexuelle muss sich mit seiner eigenen internalisierten Homonegativität auseinandersetzen. Der Prozess der Findung einer (Geschlechts-)Identität ist bei ihnen – wie bei Transgendern – praktisch immer intensiver als der von Heterosexuellen. Nichts ist selbstverständlich. Die erste oder die große Liebe – so sie homosexuell ist – bedeutet oft Angst statt Anerkennung, Geheimhaltung statt Stolz und Außenseitertum statt Zugehörigkeit. Auch folgt die Rollenfindung innerhalb der Partnerschaft keinen traditionellen Regeln und muss selbst definiert werden.
Das spätere Beziehungssystem gleichgeschlechtlicher Paare gestaltet sich darum meist anders als das von heterosexuellen Paaren. Sie orientieren sich oft an einer Gay Community und neben der Herkunftsfamilie entstehen vielfältige Formen von Wahlfamilien (Symalla & Walther, 1997).
Mehrere Untersuchungen belegen die hohe, teilweise auch höhere, Zufriedenheit homosexueller Paare mit ihrer Partnerschaft gegenüber heterosexuellen Paaren (Göth & Kohn, 2014).
Die Anliegen, mit denen Schwule und Lesben in die Beratung kommen, unterscheiden sich auf den ersten Blick nicht sehr von den Themen heterosexueller Paare: Es geht um Identitätsfindung, um Ablösung von der Herkunftsfamilie, um Bindung, Stabilität und Sicherheit und darum, zueinander zu stehen. Bei genauerer Betrachtung finden diese Themen hier jedoch besondere Ausprägungen.
Etwa ein Drittel der schwulen Paare lebt in langfristigen nicht-monogamen Beziehungen, die dennoch durch Offenheit und Vertrauen gekennzeichnet sind. Andere Studien zeigen, dass gut die Hälfte der schwulen Paare monogam und die andere Hälfte in Varianten offener Beziehungen leben (Göth & Kohn, 2014). Auch bei lesbischen Frauen scheint es variable Beziehungsformen zu geben, wobei bei ihnen ein Trend zur seriellen Monogamie zu verzeichnen ist. In verschiedenen Quellen werden lesbische Frauen auch als Vorreiterinnen der Polyamorie-Bewegung bezeichnet (Göth & Kohn, 2014).
Die Sexualität gleichgeschlechtlicher Paare ist oft geprägt von fehlenden oder einseitigen Rollenvorbildern. Das beinhaltet einerseits die Chance zu offener Exploration und Entwicklung persönlicher Vorlieben, andererseits aber auch Risiken, beispielsweise der Gesundheit.
Zwei Themen sind dabei insbesondere in der Paartherapie relevant: So muss sich jeder schwule Mann mit dem Thema HIV und AIDS auseinandersetzen. HIV und AIDS werden damit zum »kollektiven Trauma« aller schwulen Männer (Dannecker, 1990). Der Serostatus, also der Befund des Auftretens bestimmter Antikörper im Immunsystem, wird oft zum Gradmesser für Rollen- und Machtunterschiede. Jede Person muss einen Umgang mit dem eigenen Serostatus und jedes Paar eine für beide passende Bewältigung damit finden (ebd.).
Zum anderen sind sexuelle Gewalterfahrungen ein wichtiges Thema, das insbesondere lesbische Partnerschaften betrifft. Denn dadurch, dass Frauen statistisch häufiger Opfer sexualisierter Gewalt werden, ist auch die Wahrscheinlichkeit höher, innerhalb der Partnerschaft mit sexueller Traumatisierung konfrontiert zu sein. Die Betroffenheit von sexueller Gewalt kann weitreichende Folgen für die Entwicklung der eigenen sexuellen Identität haben, da sie nicht nur durch männliche Geschlechtsorgane, sondern auch durch eigenes Erleben getriggert werden kann (
Kap. 2.1). Innerhalb der lesbischen Community und auch aufgrund weiblich sozialisierter Eigenschaften gibt es eine große Offenheit, Verständnis und Bemühungen, das Thema zu enttabuisieren. Eine besondere Herausforderung lesbischer Frauen ist allerdings die umgekehrte gesellschaftliche Zuschreibung, »nur« aufgrund unbewältigter Gewalterfahrungen oder Männerhass lesbisch geworden zu sein.
Transsexuelle oder Transgender sind Menschen, die sich in ihrem Gefühl der Geschlechtszugehörigkeit nicht binär als Frau oder Mann definieren können oder wollen oder dort falsch verortet fühlen. Sie fürchten oft die Stigmatisierung durch professionell Beratende – aber auch Unkenntnis, wodurch sie oft mit Homosexuellen verwechselt werden. Zur Unterscheidung: Lesben erleben sich in der Regel als Frauen, Schwule als Männer und beide fühlen sich aufgrund ihrer sexuellen Präferenzen zum gleichen Geschlecht hingezogen. Transsexuelle hingegen fühlen sich im falschen Körper, auch wenn sie aufgrund ihrer Geschlechtsorgane von klein auf ihrem biologischen Geschlecht zugeordnet wurden.
Das Leben »im falschen Körper« kann massive Spannungen innerhalb der eigenen Persönlichkeit erzeugen. Ist der erste Schritt des Comingout bewältigt und wird eine Angleichung des Körpers mit der gefühlten Geschlechtsidentität begonnen, kann es zu heftigen Problemen im sozialen Umfeld und insbesondere der Partnerschaft kommen. Je stimmiger der eigene Körper aufgrund medikamentöser oder chirurgischer Interventionen wird, umso unstimmiger kann dies der Partner, der ja keine homosexuelle Beziehung gesucht hat, erleben. Gesellschaftlich handelt es sich um ein aktuelles Thema; da es jedoch noch wenig Literatur, evidenzbasierte Forschung und auch in unseren Praxen nur vereinzelte Erfahrungen mit der Thematik gibt, werden wir hier nicht vertieft darauf eingehen.
1.4 Sexfreundliche, aber berührungsfeindliche Gesellschaft
»We’re oversexed but underfucked« (von Schirach, 2007) bezeichnet das sexuelle Dilemma unserer Zeit. Sex in jeglicher Form ist omnipräsent, wird als Standard präsentiert und hat aber mit dem wirklichen Leben wenig zu tun. Die meisten Jugendlichen sehen Pornos, bevor sie eigene sexuelle Erfahrungen machen. Medienbilder favorisieren schnellen Sex und Sex als Konsumgut. Es wird als normal angesehen (viel) Sex zu haben und Erfahrungen mit Oral-, Analverkehr, Sex-Toys oder Bondage gelten als erstrebenswert.
Was einerseits befreit und neue Erfahrungsdimensionen eröffnen könnte, setzt Frauen wie Männer andererseits unter Druck: Genitalien und Körper werden verglichen, Leistungsfähigkeit und Ausdauer werden zum Maßstab für guten Sex, Ziele sollen erreicht werden. Nach Illouz (2013) ist diese Kultur sexueller Leistung der Grund, weshalb Menschen ihre Lust aufgeben.
Gleichzeitig gibt es in unserer immer stärker individualisierten Welt auch ein Bedürfnis nach echtem Kontakt, gemeinsam verbrachter Zeit und körperlicher, zärtlicher Berührung. Die Not und Sehnsucht nach Berührung sind so groß, dass Ärzte von Patienten berichten, welche um ein weiteres EKG bitten, weil »das letzte so gutgetan habe« (Hirschhausen, 2017).
Auch hinter dem Bedürfnis nach Sex steht oftmals ein Bedürfnis nach Nähe, Trost und Umarmung (Zilbergeld, 2000).
2 Blick in Partnerschaften
Nach einem Blick auf die gesellschaftliche Situation fokussieren wir nun unseren Blick auf Partnerschaften. In diesem Kapitel tragen wir für die Themen dieses Buches bedeutsame Studienergebnisse zusammen – wir blicken also durch die Brille der Paarforschung auf die Fragen: Worunter leiden Paare, die in die Beratung oder Paartherapie kommen, was macht sie unglücklich? Und was dagegen macht Paare glücklich?
2.1 Partnerschaftsprobleme
Während Männer bei Partnerschaftsproblemen zunächst still leiden, sind es in 80 % der Fälle die Frauen, die Beziehungsprobleme ansprechen (Gottman & Silver, 2017).
Zu den häufigsten – auch in Paarberatungen präsentierten – Problemen gehören Kommunikationsschwierigkeiten. Viele Paare können nicht mehr miteinander reden, ohne dass es eskaliert, oder sie sind nahezu verstummt.
Eine Schweizer Studie, in der nach Trennungsgründen in langjährigen Ehen gefragt wurde, zeigt, dass viele Frauen sich allein gelassen fühlen und die emotionale Unterstützung des Partners und das gemeinsame Lösen von Problemen vermissen. Die jüngere Männergeneration ist von den Kommunikationsschwierigkeiten allerdings weniger betroffen, sie teilen sich eher mit als ihre Väter (Perrig-Chiello, 2017).
John Gottman beschreibt vier Kommunikationsformen, die Partnerschaften auf Dauer zerstören. Er nennt sie »die schlimmsten Vier« oder die »Apokalyptischen Reiter« (2014):
1. Globale Kritik: Vorwürfe, Anklagen und Verurteilungen, insbesondere Verallgemeinerungen in Bezug auf die Persönlichkeit (z. B. »Du bist schon immer egoistisch gewesen!«)
2. Defensivität: Rechtfertigung, Gegenvorwürfe, Schuldzurückweisung und Beharren auf der eigenen Position (»Du bist doch auch nicht besser! Aber du…«)
3. Verächtlichkeit: zynische Worte, herablassender Tonfall, abfällige Mimik, den anderen lächerlich machen oder verspotten
4. Mauern: den anderen ignorieren, sich verschließen, den anderen »abprallen« lassen, die Kommunikation einseitig abbrechen
Auffällig ist, dass ungünstige Kommunikationsmuster unter Stress häufiger auftreten. Bodenmann hat auf die Bedeutsamkeit des Stresses für Partnerschaften hingewiesen: Stress, der außerhalb der Partnerschaft wie etwa bei der Arbeit entsteht und nicht ausreichend bewältigt wird, kann auf die Beziehung »überschwappen«. Konflikte und eine Verschlechterung der Partnerschaftszufriedenheit sind die Folgen (2015).
Auch die Berner Studie bestätigt diese Zusammenhänge: Menschen, die unter Stress stehen, sind eher unzufrieden mit ihrer Partnerschaft. Häufiger auftretende Konflikte erzeugen dann weiteren Stress, Teufelskreise entstehen. Davon ist auch die Sexualität betroffen: Mit zunehmendem Stress sinkt die Zufriedenheit mit der sexuellen Beziehung (Borgmann et al., 2019).
Besonders belastend sind auch stabile schwierige Persönlichkeitseigenschaften des Partners wie Neurotizismus, also die Tendenz zu Ängsten, Traurigkeit, Schuldgefühlen und Ärger, oder Veränderungen aufgrund von Alkoholproblemen und Depressionen (Karney & Bradbury, 1995; Lee & Sbarra, 2013; Amato & Previti, 2003; Whisman, 2007). Ein konstruktiver Austausch ist kaum noch möglich und es kommt zu andauernden Konflikten. Viele Partner halten es lange in derart schwierigen Beziehungen aus. Im Laufe der Jahre stoßen sie dann aber an ihre Grenzen, bringen die Bereitschaft, ihr Leiden zu ertragen, nicht mehr auf und beenden die Partnerschaft.
Während Frauen die mangelnde Kommunikationsfähigkeit ihrer Männer beklagen, geben mehrheitlich Männer den Aspekt der Entfremdung als Grund für Partnerschaftsunzufriedenheit an. Sie nehmen unterschiedliche Entwicklungen, auseinandergehende Werthaltungen und Lebensstile wahr und erleben ihre Partnerinnen als nicht genügend anpassungs- und veränderungsbereit (Margelisch & Perrig-Chiello, 2016).
Wir fragen uns, welche Rolle die sexuellen Bedürfnisse bei den unterschiedlichen Entwicklungen und auseinandergehenden Lebensstilen spielen. Denn wie wir noch genauer sehen werden, leiden insbesondere Männer unter seltenem oder unbefriedigendem Sex. Für viele Männer hat die Sexualität eine große Bedeutung für ihre Partnerschaftszufriedenheit und eine Auseinanderentwicklung der sexuellen Lust ist daher vermutlich ein erheblicher Faktor für ihr Gefühl der Entfremdung (
Kap. 3.1).
In gut einem Drittel der Paarbeziehungen kommt es zu Außenbeziehungen, wobei Männer und Frauen nahezu gleich häufig fremdgehen. Selbst in Paarbeziehungen, die sich als glücklich beschreiben, wird fremd gegangen (Schmidt et al., 2003; Kröger, 2010).
Die meisten Männer und auch mehr als die Hälfte der Frauen begründen eine Außenbeziehung mit dem »Reiz des Neuen« (Schmidt et al., 2006). Wer dem Reiz erliegt, wird von persönlichen Werthaltungen bestimmt: Eine permissivere Moral und geringere Religiosität begünstigen Außenbeziehungen (Fincham & Beach, 2010).
Verschiedene Studien zeigen eine Kombination unterschiedlicher Faktoren: Neben der Partnerschaftsgeschichte und -qualität spielt die persönliche Biografie eine Rolle. Weiterhin wirken sich Persönlichkeitsfaktoren wie etwa emotionale Instabilität, ein geringes Selbstwertgefühl, Unzufriedenheit, höhere Depressivitätswerte oder eine geringere Gewissenhaftigkeit aus. Begünstigend zeigen sich – vor allem beim Mann – ein höheres Einkommen und beruflicher Status sowie körperliche Attraktivität. Diese Faktoren erleichtern es auch, geeignete Gelegenheiten zu finden (Von Sydow & Seiferth, 2015).
Frauen wie Männer finden eine Liebesbeziehung des Partners belastender als reine sexuelle Untreue (Tagler & Gentry, 2011). Jene führt auch häufiger zu Trennungen als sexuelle Affären.
Ein weiteres Thema, welches es bei einem Blick auf Partnerschaften zu berücksichtigen gilt, ist die häusliche Gewalt., von der insbesondere Frauen betroffen sind. Jede dritte Frau erlebt im Laufe ihres Lebens physische und/oder sexualisierte Gewalt. Laut dem Bundeskriminalamt (2020) ist die häusliche Gewalt seit 2014 jährlich angestiegen. Etwa die Hälfte der Opfer von vollendeter und versuchter Partnerschaftsgewalt lebte im gemeinsamen Haushalt mit der tatverdächtigen Person. Von den Opfern waren ca. 80 % weiblich und ca. 20 % männlich.
In der freien Beratungspraxis stellt häusliche Gewalt einen Sonderfall dar. Wenn wir von häuslicher Gewalt in der Partnerschaft erfahren, ist unsere Haltung systemisch und allparteilich – aber wir beziehen eine unmissverständliche Position: Wir akzeptieren die Person; das gewalttätige Verhalten dagegen ist inakzeptabel und muss beendet werden. Das Paar muss den sofortigen Ausstieg aus der Eskalation lernen (
Kap. 10.2). Ein weiteres wichtiges Element ist das Erlernen von Selbstregulation (
Kap. 11.1) in Einzeltherapien oder Antiaggressionstrainings. Da allerdings schnell gehandelt werden muss, überweisen wir Betroffene häufig an Fachstellen wie Opfer-, Frauen- und Männerberatungsstellen. Sind Kinder in die Gewalt involviert und es droht ihnen Gefahr, so müssen in Deutschland das Jugendamt, in der Schweiz die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) oder die Polizei einbezogen werden.
2.2 Glückliche Partnerschaften
Betrachten wir nun die Paare, die trotz der Herausforderungen des Alltags glücklich oder zufrieden mit ihrer Partnerschaft sind. Was machen diese Paare laut Paarstudien anders? Warum schwappt Stress bei ihnen nicht auf die Partnerschaft über? Wie bewältigen sie die Belastungen des Alltags und wie kommunizieren sie?
Glückliche Paare scheinen etwas Grundlegendes verstanden zu haben: die Wichtigkeit des Perspektivenwechsels, also die Fähigkeit zur Empathie. Sie können sich in den Partner einfühlen und ihn mit seinen Bedürfnissen ernst nehmen (Arriga & Rusbult, 1998). Grundsätzlich geht es in einer Partnerschaft um die Bedürfnisse nach Sicherheit und Stabilität, Verbundenheit und Nähe, Wertschätzung und Akzeptanz sowie nach Zärtlichkeit und Sexualität und nach persönlichem Wachstum. Das Ausmaß eines bestimmten Bedürfnisses ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich.
Damit die Bedürfnisse der beiden Partner möglichst umfassend erfüllt werden und eine Partnerschaft stabil bleibt, braucht es das Commitment beider Partner. Commitment bedeutet hier die Entscheidung, sich für die Beziehung engagieren zu wollen, um sie längerfristig aufrechtzuerhalten (Drigotas, Rusbult & Verette, 1999). Das kann z. B. heißen: »Ich will es mit dir schaffen und mich für unsere Beziehung einsetzen – selbst, wenn es manchmal schwierig ist«.
Auch der Umgang miteinander ist bei glücklichen Paaren anders: Sie gehen grundsätzlich feinfühlig und achtsam miteinander um (Rusbult, Finkel & Kumashiro, 2009). Sie halten mehr Blickkontakt als unglückliche Paare, lächeln einander häufiger an, sprechen mit warmer, zärtlicher Stimme und vermitteln dem Partner, dass sie ihn und seine Äußerungen respektieren (Bradbury & Karney, 2010). Negative Verhaltensweisen werden durch positive ausgeglichen: Einem negativen Kommunikationsereignis, wie etwa einem Vorwurf, Jammern oder einer Provokation, stehen fünf positive Verhaltensweisen, wie etwa ein Lächeln, Interesse oder Zärtlichkeiten, gegenüber (Gottman, 2014).
Bei Belastungen durch den Alltag zeigen glückliche Paare Fähigkeiten zur dyadischen, d. h. partnerschaftlichen, Stressbewältigung: Die Partner tauschen sich regelmäßig persönlich aus, berichten einander von ihren Belastungen und den damit einhergehenden Gefühlen; sie unterstützen sich gegenseitig emotional und auch problembezogen, d. h. durch praktische Hilfe (Kessler, 2015). Die gemeinsame Bewältigung von Stress wirkt sich positiv auf die Partnerschaft – und auch auf die Gesundheit der Partner – aus (Meuwly et al., 2012).
Tiefes Verstehen ist wesentlich, um zu wissen, welche Bedürfnisse der Partner hat, welche Art der Unterstützung er braucht, und auch, um eine Partnerschaft als erfüllend zu erleben (Bradbury & Karney, 2010). Glückliche Paaren zeigen mehr Selbstöffnung – sie sprechen über tiefe Gefühle und Bedürfnisse – hören sich gegenseitig aufmerksamer zu, geben einander weniger Ratschläge und mehr emotionale Unterstützung als unglückliche Paare. Dieses weist auf ein gegenseitiges tieferes Verstehen hin (Kuhn, 2017).
Eine weitere Form der Unterstützung, durch die sich glückliche Paarbeziehungen auszeichnen, ist, dass die Partner auf die Stärken des anderen fokussieren. Sie unterstützen sich gegenseitig in ihrem persönlichen Wachstum, indem sie einander helfen, die jeweiligen Stärken weiterzuentwickeln, sich gegenseitig ermutigen und positive Rückmeldungen geben. Sie machen nicht den Fehler, den Partner nach den eigenen Vorstellungen verändern zu wollen, und sie ermöglichen neue Entwicklungen, ohne den anderen aufgrund eigener Ängste einzuschränken (Rusbult et al., 2009).
Zur Regulation von Gefühlen spielen körperliche Berührungen im Alltag glücklicher Paare eine wichtige Rolle: Nicht nur die Stimmung des Empfangenden wird durch kleine Zärtlichkeiten angehoben, sondern auch die des Gebenden. Gleichzeitig stärkt die Ausschüttung verschiedener Hormone die Bindung, was umgekehrt wieder Auswirkungen auf die partnerschaftliche Nähe und Intimität und damit die Partnerschaftszufriedenheit hat (Debrot et al., 2013)
Im »Haus der Partnerschaft« fassen wir die Erkenntnisse der Paarforschung über glückliche Partnerschaften zusammen (
Abb. 2.1). Die sechs Säulen stellen die beschriebene Haltung der Partner dar und die Ebenen des Daches den Umgang miteinander. Das Gebäude steht auf dem Fundament der psychischen Stabilität beider Partner. Denn Partnerschaften, in denen beide Partner psychisch stabil sind, haben gute Voraussetzungen (
Kap. 2.1).
Der Schornstein des Hauses symbolisiert die angemessenen Erwartungen: Es hat sich als günstig für die Partnerschaftszufriedenheit herausgestellt, keine überzogenen Erwartungen an Liebe, Sexualität und Partnerschaft zu haben, sondern diese den jeweiligen Lebensumständen anpassen zu können. Der Paartherapeut Arnold Retzer bezeichnet diese Fähigkeit als »resignative Reife« (Retzer, 2009). Glückliche Paare verstehen Probleme und Krisen als unvermeidbare Bestandteile der Beziehung, an denen gearbeitet werden muss. »Die besten Karten haben jene, die dies nicht als lästige, störende Übung ansehen, sondern vielmehr als eine spannende Aufgabe, in der man die Chance hat, sich gegenseitig immer wieder neu kennenzulernen und weiterzuentwickeln« (Perrig-Chiello, 2017, S. 176).

Abb. 2.1: Das Haus der Partnerschaft
3 Blick ins Schlafzimmer
Wir haben uns in den vorangegangenen Kapiteln mit dem gesellschaftlichen Kontext befasst und danach sowohl auf verbreitete Partnerschaftsprobleme als auch auf glückliche Partnerschaften geschaut. Nun fokussieren wir uns auf das Sexualleben der beiden Partner: Wie leben sie ihre Sexualität oder auch nicht? Wie »ticken« Menschen sexuell? Was löst sexuelle Lust aus? Aber auch: Was sind die Stolpersteine für eine befriedigende sexuelle Begegnung?
Der Blick ins Schlafzimmer mithilfe der Forschung ist nicht einfach. An Studien zur Sexualität nehmen eher jüngere, liberal eingestellte und sexuell erfahrene Menschen teil, die ihre Sexualität eher als unproblematisch erleben. Menschen mit größeren Problemen oder weniger sexuellen Erfahrungen vermeiden Studien oder Fragen zur Sexualität eher (Von Sydow & Seiferth, 2015). Daher können die folgenden Resultate zur sexuellen Zufriedenheit eine etwas zu positive Abbildung der Realität darstellen.
3.1 Sexuelle (Un-)Zufriedenheit
»Sex muss nicht unbedingt sein!«, hören wir in der Paartherapie von manchen Paaren, die wenig oder gar keinen Sex haben. Emotionale Intimität, das Gefühl von Verbundenheit und Freundschaft sind für sie die wichtigeren Stützen ihrer Beziehung. Bei einem Großteil der Paare, die in die Paartherapie kommen, ist allerdings mindestens einer unzufrieden mit dem gemeinsamen Sexualleben. Und auch bei einem Teil der Paare, die sich mit dem Statement »Sex muss nicht sein« vorstellt, wird bei näherem Nachfragen deutlich, dass es durchaus ein Bedauern darüber gibt, dass die Sexualität in der Partnerschaft eingeschlafen ist. Allerdings haben die betroffenen Paare bisher keinen Weg aus der Situation herausgefunden und sich daher (fast) damit abgefunden.
Für viele Paare geht mit dem Verlust von Sexualität etwas Zentrales in ihrer Zweisamkeit oder auch Hilfreiches zur Festigung der Beziehung verloren: »Ohne die unterstützende und ermutigende Wirkung dieser Urform der Verschmelzung und Nähe (die mit Berührung, Vergnügen und Entspannung einhergeht), fehlt der positive emotionale Puffer zum Abfangen der Stöße, die in jeder Beziehung vorkommen…« (Greenberg & Goldman, 2010, S. 423). Nach Kernberg hat die sexuelle Leidenschaft das Potenzial, das ganze Leben hindurch Liebesbeziehungen zu energetisieren, zu festigen und zu erneuern (1998).
Aber es gibt auch Paare, die trotz seltener werdendem Sex nicht unzufrieden mit ihrer Sexualität sind (Bucher, Hornung & Buddeberg, 2003). Geborgenheit und Nähe durch Kuscheln und Berühren sind diesen Paaren wichtiger als Geschlechtsverkehr.
Die Bedeutung von Sexualität und die sexuelle Zufriedenheit sind Themen, die in Paarberatungen mit dem jeweiligen Paar bzw. den beiden Einzelpersonen reflektiert werden sollten. Eine grundsätzliche »Pro-Sex«-Position, die in vielen Publikationen zur Sexualität in Paarbeziehungen vertreten wird (Von Sydow & Seiferth, 2015), wird der Vielfalt der Paare nicht gerecht.
Aber was ist eigentlich »sexuelle Zufriedenheit«? Eine allgemeingültige Definition gibt es nicht. Clement schlägt vor, sexuelle Zufriedenheit als Abwesenheit der Ambivalenz zwischen Selbstbild und gelebter Realität zu definieren (2016). Positiv ausgedrückt geht es also um die Passung von Selbstbild und gelebter Sexualität. Es kann auch stimmig sein, keinen oder seltenen Sex zu haben. Jede Person entscheidet selbst, welche Handlungen zu ihr passen und wie das eigene sexuelle Handeln erlebt wird.
Sexuell zufrieden zu sein führt sowohl zu weniger Stresserleben, Angst und Depression als auch zu höherer Lebenszufriedenheit (Borgmann et al., 2019). Viele Studien bestätigen, dass sexuelle Zufriedenheit und Partnerschaftszufriedenheit stark zusammenhängen (Schönbucher, 2017; Von Sydow & Seiferth, 2015). Wird die sexuelle Beziehung positiv bewertet, ist ihr Einfluss auf die allgemeine Partnerschaftszufriedenheit klein. Wendet sich aber das Blatt und der Sex wird zum Problem, stellt die sexuelle Unzufriedenheit ein großes Problem für die Partnerschaftszufriedenheit dar. Sexuelle Probleme erhalten dabei oftmals ein übergroßes Gewicht und verdrängen positive Gefühle (Mc Carthy & Mc Carthy, 2013).
Konflikte über die Häufigkeit von Sex gehören zu den verbreitetsten Problemen in Partnerschaften. Vor allem Männer wünschen sich mehr Geschlechtsverkehr mit ihren Partnerinnen. Insbesondere Männer über 40 sind mit der Sexualität in ihrer Partnerschaft unzufrieden; für viele Männer ist seltener oder unbefriedigender Sex ein Trennungsgrund (Margelisch & Perrig-Chiello, 2016). Nicht selten entstehen bezüglich der Häufigkeit von Sex stark polarisierte Positionen – einer will immer, der andere nie – die bei manchen Paaren regelrecht zu Flucht und Verfolgungskämpfen führen. Dieser erbitterte Konflikt hat das Potenzial, die gesamte Paarbeziehung zu vergiften (Dym & Glenn, 1997).
Einer der wichtigsten Einflussfaktoren auf das sexuelle Begehren ist die Beziehungsdauer. Zu Beginn einer Beziehung befindet sich das Paar in einer Flow-Phase, in der alles aufregend ist. Das elektrisierende Gefühl jeder Berührung und jedes Gedankens an den anderen ist hormonell gepusht. Damit ist die Beziehungsdauer ein wichtiger Einflussfaktor für die Häufigkeit sexueller Begegnungen. Laut Brähler und Berberich haben Paare bei einer Beziehungsdauer von 3 bis 5 Jahren unabhängig vom Alter gleich häufig Geschlechtsverkehr; und bei einer Beziehungsdauer von 21 bis 30 Jahren haben 45-Jährige nicht häufiger Sex als 60-Jährige (2008).
Ebenso ist der sexuelle Genuss anfangs höher. In neueren Partnerschaften genießen Männer und Frauen laut Befragungen den Sex gleichermaßen (Hatfield et al.,1988). Auch dieses Phänomen ist unabhängig vom Alter der Partner.
In längeren Beziehungen nimmt dagegen sowohl der Genuss als auch die Lust auf Sex ab (Schmidt, 1998). In den Partnerschaften reduziert sich also die Häufigkeit in den ersten sechs Jahren. Danach pendeln sich die sexuellen Begegnungen auf einem bestimmten Niveau ein (Schmidt, Matthiesen & Meyerhof, 2004).
In Studien zeigt sich eine breite Streuung der Häufigkeit sexueller Begegnungen. In der Berner Studie gab ein knappes Drittel der Männer und Frauen mit durchschnittlich 7-jähriger Beziehungsdauer an, drei- bis viermal monatlich Geschlechtsverkehr zu haben. Ein weiteres Drittel verkehrte mehrmals pro Woche miteinander. 8 % schlafen seltener als einmal im Monat zusammen und 3 % nahezu täglich (Borgmann et al., 2019). Hier muss allerdings ebenfalls die oben angesprochene größere sexuelle Aufgeschlossenheit von Studienteilnehmern berücksichtigt werden.
Interessante Erkenntnisse kommen aus einer Studie von Velten, Brailovskaia und Markgraf, die im Gegensatz zu den anderen Studien feststellten, dass weder das Alter der Partner noch die Länge der Beziehung bestimmende Faktoren für die sexuelle Zufriedenheit waren (2018). Sie erkannten vielmehr einen Einfluss von Persönlichkeitsmerkmalen auf die sexuelle Funktion (z. B. Orgasmusfähigkeit). In der Studie zeigte sich, dass gewissenhafte Menschen im Gegensatz zu spontanen über eine bessere sexuelle Funktion verfügten.
3.2 Selbstbefriedigung, Fantasien und Pornografiekonsum
Selbstbefriedigung ist für die meisten Menschen ein wichtiger Teil der Sexualität und wird unabhängig von Geschlecht, Beziehungsstatus, sexueller Orientierung und Alter praktiziert. 94 % der Frauen und 98 % der Männer geben an, sich innerhalb der letzten 12 Monate selbst befriedigt zu haben. Auch bei 32 % der in Partnerschaft Lebenden ist Selbstbefriedigung genauso wichtig wie sexuelle Aktivitäten mit dem Partner; bei 12 % ist sie sogar wichtiger oder viel wichtiger. Ein Orgasmus – also eine körperliche wie auch emotionale Entladung – wird allerdings von beinahe Dreiviertel der Befragten beim Geschlechtsverkehr erlebt. Bei der Selbstbefriedigung steht die körperliche Entladung im Vordergrund (Borgmann et al., 2019).
Joyal, Cossette und Lapierre von der Université du Québec, Montréal befragten Frauen und Männer im Durchschnittsalter von 30 Jahren zu ihren sexuellen Fantasien (2015): Für knapp 85 % der Frauen und 78 % der Männer ist Sex in einer besonders romantischen Atmosphäre eine beliebte Fantasie. Über Seitensprünge fantasieren gut 83 % der Männer in Beziehungen und 66 % der Frauen. Sex mit zwei Frauen stellen sich knapp 85 % der Männer vor, und 31 % der Frauen denken über Sex mit zwei Männern nach.
Ein großer Anteil der Frauen (knapp 65 %) hat laut der Untersuchung Unterwerfungsfantasien. Unter den Männern stellen sich 53 % vor, sexuell dominiert zu werden. Die Fantasie, geschlagen zu werden, haben ebenfalls mehr Frauen – 36 % im Vergleich zu knapp 29 % der Männer. Die Vorstellung, einen anderen Menschen zu dominieren, gefällt im Schnitt 47 % der Frauen und 60 % der Männer. Menschen, die Unterdrückungsfantasien haben, wünschen oft gleichzeitig, jemanden zu dominieren.
Frauen unterscheiden aber deutlich zwischen Fantasien und dem, was sie wirklich erleben wollen. So gaben viele Frauen mit Unterwerfungsfantasien an, dass diese Ideen nie Realität werden sollen. Die Mehrheit der Männer dagegen würde ihre Fantasien gern ausleben. Insgesamt haben Männer deutlich mehr Fantasien als Frauen und beschreiben diese besonders lebhaft (ebd.).
Sehr viele Männer und auch immer mehr Frauen nutzen Pornografie und Cybersex für ihre sexuelle Erregung und Befriedigung. Als Cybersex werden verschiedene Formen der virtuellen Erotik, der sexuellen Interaktion beispielsweise über Chats und Datingplattformen und auch die Pornografie bezeichnet, die mit Unterstützung des Internets ausgelebt werden.
In der Berner Studie gaben über die Hälfte der Frauen an, im vergangenen Jahr Pornos geschaut zu haben. Allerdings hat ein Viertel aller Frauen damit wieder aufgehört, da die Lust darauf abnahm, ihnen das Angebot nicht entsprach oder sogar Ekel ausgelöst hat. Einigen stand die unterwerfende Darstellung der weiblichen Rolle im Weg. Ein interessantes Ergebnis der Studie war allerdings, dass das gemeinsame Anschauen von Pornos mit einer bedeutend höheren Zufriedenheit mit der Sexualität einherging (Borgmann et al., 2019).
Meistens wird Pornografie zur schnellen individuellen Befriedigung genutzt, indem der Mann beispielsweise abends am Computer Pornografie schaut und masturbiert, während die Frau ins Bett geht und ein Sex-Toy zur Selbstbefriedigung mitnimmt. Das Problem ist die Entkopplung der Lust vom Partner, die sich mit der Zeit einschleicht (Melzer, 2018). Wenn in paartherapeutischen Praxen über Lustlosigkeit geklagt wird, ist es folglich häufig so, dass es nicht grundsätzlich an sexueller Lust fehlt. Die Pornografie und der Einsatz von Sex-Toys stellen aber einfachere, selbstgesteuerte und unkomplizierte Arten der Befriedigung dar, die zunehmend bevorzugt werden.
Wenn sexuelle Funktionsstörungen wie erektile Schwächen auftreten, suchen – unserer Erfahrung nach – Männer eher das Einzelsetting auf. Geht es jedoch um den Libidoverlust des Mannes, unter dem die Beziehung leidet, so suchen sie gemeinsam mit ihrer Partnerin Unterstützung. Bei genauer Betrachtung handelt es sich meistens aber nicht um fehlende Libido, sondern um einen eingeschränkten Impuls, die erwünschte Sexualität mit der Partnerin zu initiieren. Für viele Frauen stellt dies eine Verletzung dar. Sie fühlen sich nicht mehr begehrt und vergleichen sich mit den idealisierten Internetvorbildern. Die betroffenen Männer sind oft durch Schuldgefühle belastet und leiden unter den Vorwürfen der Partnerin.
Von Pornosucht betroffene Männer, die in einer Beratung oder Therapie Hilfe suchen, sind großteils mit dem Internet aufgewachsen und haben oft über Jahre regelmäßig Pornografie konsumiert. Sie haben gelernt, unterschiedliche Gefühle und Bedürfnisse mithilfe von Masturbation in Verbindung mit Pornos zu bewältigen. Pornosucht gehört zu den Verhaltenssüchten, die in den vergangenen zwanzig Jahren kontinuierlich zugenommen haben (Melzer, 2018).
Die Debatte um die Auswirkungen regelmäßigen Pornografiekonsums wird breit und ideologisch geführt, jedoch gibt es nur wenig evidenzbasierte Forschungsergebnisse. Bereits 2009 bekamen Forscher um Simon Lajeunesse an der University of Montreal für eine Studie keine Kontrollgruppe zusammen, weil sie keine männlichen Collegestudenten fanden, die noch nie Pornografie konsumiert hatten (Smith, 2010). In den vergangenen Jahren wurden jedoch einige Forschungsergebnisse vorgelegt, welche auch neurobiologische Veränderungen durch nachhaltigen Pornografiekonsum nachweisen (Kühn & Gallinat, 2014).
Problematisch ist dabei insbesondere die Sucht nach Neuem, auch als Coolidge- Effekt bezeichnet. So nutzen Männer zur Masturbation kaum immer die gleichen Bilder, sondern verwenden jeweils immer wieder neues Material, was aufgrund einer Verstärkererosion die Vorlieben mit den Jahren oft extremer werden lässt. Das führt im Dopaminsystem aufgrund ständiger Überflutung zu einem Abstumpfen der Rezeptoren. Diese Desensibilisierung hat den weiteren Nebeneffekt, dass auch Glücksgefühle bei anderen Aktivitäten abstumpfen können. Das Suchtpotenzial generiert sich also aus dem unstillbaren Antrieb nach neuen Kicks mit neuen Bildern. Enge Erregungsmuster und gezielter, hoher Druck bei der Masturbation werden klassisch konditioniert. Masturbation ohne Bilder und die partnerschaftliche Sexualität werden dagegen bald als langweilig empfunden. Der partnerschaftliche Geschlechtsverkehr bietet nicht mehr die nötige Stimulation.
In der Einzel- oder Paartherapie geht es dann je nach Auftrag und Situation um die Genese des Problems in der sexuellen Biografie, um Aspekte der sexuellen Konditionierung und letztlich um die Entwicklung neuer sinnlich-emotionaler Ausdrucks- und Erlebnismöglichkeiten.
3.3 Sexuelle Lustlosigkeit – weit verbreitet
Jahrzehntelang standen sexuelle Funktionsstörungen wie Impotenz oder Vaginismus im Fokus der Sexualforschung und auch der Sexualtherapie. Die Forschung hatte vor allem die Pharmakotherapie der erektilen Dysfunktion mit PDE-5-Hemmern wie Viagra im Visier und in Therapie und Beratung ging es vor allem um eine Behandlung von Symptomen.
Seit einigen Jahren rückt nun aber das sexuelle Erleben stärker ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Körperliche Symptome werden als Hinweis betrachtet, dass eine Unstimmigkeit im Erleben vorliegt. So kann z. B. eine Erektionsstörung oder ein Vaginismus einen Selbstschutz darstellen, wenn die gelebte Sexualität als nicht-stimmig für die eigene Person erlebt wird. Über das Symptom findet der Körper die Möglichkeit, etwas zu zeigen, das sprachlich (noch) nicht ausgedrückt werden kann.
Das große Thema unserer Zeit ist die sexuelle Lustlosigkeit, die ebenfalls Ausdruck von Nicht-Stimmigkeit der gelebten Sexualität sein kann. Fehlendes sexuelles Begehren1 und sexuelle Unlustwerden in der Paartherapie häufig angesprochen: 17 % der Männer und 41 % der Frauen, also einer von sieben Männern und eine von drei Frauen, bezeichnen sich als sexuell lustlos (Mercer et al., 2003). Bei Männern wird angenommen, dass die tatsächliche Zahl höher liegt. Denn auch wenn sie unter sexueller Lustlosigkeit leiden, wagen sie dies häufig nicht zuzugeben, da es dem gesellschaftlich erwarteten Männerbild widerspricht.
Bei den Frauen empfindet nur ein kleiner Teil Leidensdruck (Clement & Eck, 2013). Wenn es um sie allein ginge, bestünde kein Anlass zur Veränderung. Oft realisieren sie jedoch, dass ihr fehlendes Begehren eine Gefahr für die Partnerschaft darstellt, da Unzufriedenheit mit der Sexualität bei Männern häufig Trennungsgedanken auslöst (
Kap. 3.1).
Oft beginnt die Abnahme des sexuellen Begehrens durch körperliche oder individualpsychologische Faktoren wie Ängste, Sorgen, Erschöpfung, Depressionen oder einem schwachen Selbstwertgefühl. Sich selbst als nicht attraktiv zu erleben oder den eigenen Körper nicht zu akzeptieren ist ein verbreitetes Problem vieler Frauen. Ein negatives Körperbild schränkt ihr sexuelles Interesse und den sexuellen Genuss ein (Schönbucher, 2007).
Lust und Scham bei Frauen werden stärker als bei Männern durch Selbstaufmerksamkeit und ein negatives Bild des eigenen Körpers bestimmt (Meana & Nunnink, 2006). Seit einigen Jahren zeigt sich allerdings auch bei Männern häufiger eine Störung des Selbstbildes, Adonis-Komplex genannt.
Erwartungs- und Leistungsängste sind dagegen vor allem ein männliches Thema: Viele Männer verknüpfen die Erektions- und Ejakulationsfähigkeit sowie einen starken Sexualtrieb mit Männlichkeit (Mc Carthy & Mc Carthy, 2013). Entsprechen ihre Funktionen diesen Vorstellungen nicht, werden oftmals Schuld- und Schamgefühle ausgelöst. Der Anspruch, immer bereit sein zu müssen, die Partnerin zum Orgasmus bringen oder selbst kommen zu müssen, behindern Lust und Erregung.
Aber auch bei Frauen hemmt Leistungsdruck die Erregung. Durch die fehlende Lubrikation – dem Feuchtwerden der Vagina – kann der Geschlechtsverkehr unangenehm bis schmerzhaft werden, was die Lust auf weitere sexuelle Begegnungen noch weiter mindert. Ebenso wirkt sich eine hohe körperliche Spannung beim Sex negativ auf den Genuss aus (Bischof, 2016).
Ein weiteres Problem für viele Frauen und Männer sind negative sexuelle Erfahrungen. Insbesondere Erlebnisse sexueller Gewalt, werden häufig traumatisch verarbeitet. Doch auch frühe Erfahrungen wie das Abwerten von Masturbation und Sexualität können Gefühle der Demütigung, Scham- oder Schuldgefühle auslösen, das Selbstbild prägen und ein negatives Bild von Sexualität hinterlassen.
Ein heutzutage sehr verbreiteter »Lustkiller« ist Alltagstress: Vor allem Frauen haben weniger Lust auf Sex, wenn sie gestresst sind (Bodenmann et al., 2010; Bodenmann, Ledermann & Bradbury, 2007). Für viele Männer ist Sex dagegen ein Ventil für Stress und Spannungen; sie haben bei Stress mehr Lust.
Auch häufig sind beziehungsdynamische Faktoren: Ungelöste Partnerschaftskonflikte, eine nicht verarbeitete Nebenbeziehung, negative Gefühle dem Partner gegenüber. Aber auch Kommunikationsprobleme bei sexuellen Themen und Schwierigkeiten mit unterschiedlichen sexuellen Wünschen umzugehen können dazu führen, sich vor dem anderen zu verschließen, und dadurch die sexuelle Lust stören.
Verschiedene Autoren betonen, dass Druck durch den begehrensstärkeren Partner eine der Hauptursachen für die Abnahme des sexuellen Begehrens des Begehrensschwächeren ist (Schnarch, 2019; Mc Carthy & Mc Carthy, 2013). Ausgangssituation ist meistens, dass der begehrensschwächere Partner bestimmt, wie häufig sich das Paar sexuell begegnet. Denn der Partner mit dem schwächeren Verlangen hat nach Schnarch die Kontrolle über den Sex (Schnarch, 2019). Wenn sich etwa der Mann häufigere sexuelle Begegnungen wünscht, die Frau dagegen keine Lust hat, so bestimmt sie die Häufigkeit sexueller Begegnungen.
Mancher Partner kann diese Situation nicht ertragen und versucht Einfluss zu nehmen, oftmals mithilfe von Druck. Je mehr Druck der begehrensstärkere Partner ausübt, je offensiver oder abfälliger er wird, umso weniger Lust verspürt der andere Partner. Das Paar polarisiert immer stärker, oft entstehen Negativspiralen oder Teufelskreise, aus denen Paare nur schwer wieder herausfinden. Das kann so weit gehen, dass der begehrensschwächere Partner das Gefühl bekommt, er brauche überhaupt keinen Sex mehr, wohingegen der Begehrensstärkere es kaum mehr erträgt, seine Bedürfnisse nicht befriedigt zu bekommen.
Einige der Begehrensschwächeren fühlen sich nicht in der Lage »nein« zu sagen. Rücksichtnahme, Schuld-, Pflichtgefühle oder Angst vor Konflikten führen dazu, dass sie sich auf mehr Sex einlassen als sie eigentlich wollen. Über den eigenen »Sättigungspunkt« hinwegzugehen, bedeutet jedoch, dass der Genuss verloren geht und die betroffene Person negative sexuelle Erfahrungen macht (Von Sydow & Seiferth, 2015). Das bestätigt eine Studie mit Frauen, in der gezeigt wurde, dass eine eingeschränkte sexuelle Selbstbestimmung mit der Verminderung des sexuellen Genusses zusammenhängt (Schönbucher, 2007).
Aufgrund dieser Konstellationen kann es zu einem Vermeiden körperlicher Nähe und Zärtlichkeit kommen. Der Körperkontakt »könnte ja zu Sex führen« oder beim anderen den »Wunsch nach mehr« auslösen. Dadurch gehen Momente der Zweisamkeit verloren, die die Möglichkeit bieten, die Bindung zu stärken und sexuelle Lust entstehen zu lassen. Die Sexualität kommt dadurch oftmals völlig zum Erliegen.
Viele Menschen, auch Fachleute, gehen davon aus, dass sich das Begehren von allein wiedereinstellt, sobald die darunterliegenden Probleme gelöst werden. Lustlosigkeit oder sexuelle Abstinenz können jedoch eine sich selbst verstärkende Eigendynamik entwickeln, die z. B. durch das Vermeiden körperlicher Begegnungen bestehen bleibt, auch wenn die Ursachen der Lustlosigkeit beseitigt sind (Schär, 2016). Wichtig ist es hier, sich bewusst in den körperlichen Kontakt zu begeben, um neue, korrigierende Erfahrungen machen zu können und so ein genussvolles sexuelles Erleben wieder zu ermöglichen.
3.4 Sexuelles Begehren und Erregbarkeit
Bei den meisten Menschen ist die Vorstellung verbreitet, sexuelle Lust entstünde bei allen Menschen spontan. Dieses sogenannte spontane Begehren ist bei einem Großteil der Männer, allerdings nur bei einem kleineren Teil der Frauen zu finden. Der größte Teil der Frauen und ein kleiner Teil der Männer zeigen dagegen ein responsives Begehren, d. h. sie entwickeln Lust auf Sex erst im Laufe einer sexuellen Begegnung (Nagoski, 2017).
Entscheidend für das responsive Begehren sind die Kontextfaktoren: Zum Kontext gehören Umgebungsfaktoren wie Ort und Umstände, Merkmale des Partners und der Paarbeziehung, aber auch die eigene psychische und körperliche Befindlichkeit. Die Wirkung dieser Faktoren ist individuell verschieden. Bei einer Person haben bestimmte Faktoren wie z. B. ein Geruch erregenden, bei einer anderen Person hemmenden Einfluss auf die sexuelle Lust.
Nach dem Dual control model ist das sexuelle Temperament einer Person biologisch verankert und besteht aus zwei Systemen (Bancroft & Graham, 2011): einem erregenden und einem hemmenden System. Die beiden Systeme können als »Gaspedal« und »Bremse« bezeichnet werden und von Natur aus stark oder schwach ausgeprägt sein (Nagoski, 2017). Das schwache Begehren einer Person kann auf einem »schwachen Gaspedal« beruhen, was bedeutet, dass sie bewusste Konzentration und Aufmerksamkeit braucht, um sich auf Sex einstimmen und sexuelle Stimuli wahrnehmen zu können; oder aber das fehlende Begehren ist auf eine »starke Bremse« wie etwa moralische Skrupel oder Versagensängste zurückzuführen. In beiden Fällen schränken die oben beschriebenen Kontextfaktoren die Entwicklung sexueller Lust ein.
Das bedeutet, dass das sexuelle Lustempfinden bei sehr vielen Frauen und auch einigen Männern stark vom Verlauf der sexuellen Begegnung abhängt: Sie haben ein responsives Begehren. Für sie ist hilfreich zu wissen, welche Kontextfaktoren eine Rolle dabei spielen, um ihrer Wirkung nicht ausgeliefert zu sein. Mit einer bewussten Gestaltung ihrer Kontextfaktoren haben Männer und Frauen Einfluss auf ihr eigenes sexuelles Erleben und damit die Entwicklung sexueller Lust (
Kap. 11.1.3). Es beginnt schon damit, welche Wirkung die eigene Kleidung auf einen selbst hat: Clement und Eck stellen z. B. fest, dass Frauen, die sich verführerisch kleiden, positiven Einfluss auf ihr Selbstempfinden nehmen und ihr sexuelles Begehren und Erleben damit stärken können (2013). Auch das Pflegen sexueller Fantasien verstärkt nach den Autoren sowohl das sexuelle Begehren als auch das Erleben.
Für Frauen ist allerdings das Erkennen ihrer eigenen Erregung nicht einfach – das gilt insbesondere auch für ihre Sexualpartner. So kann es sein, dass Frauen erregt sind, aber keine Lubrikation entwickeln, also genital nicht feucht werden. Oder sie werden feucht, fühlen sich aber nicht erregt. Das liegt daran, dass die genitale Erregung bei Frauen nur zu 10 % mit der mentalen Wahrnehmung übereinstimmt (Nagoski, 2017). In Untersuchungen zeigte sich eine Durchblutungssteigerung der weiblichen Genitalien, auch wenn die Frauen das präsentierte Bildmaterial nicht erotisch fanden (Chivers & Bailey, 2005; Chivers et al., 2010). Bei Männern stimmen dagegen nach Nagoski die subjektiven und objektiven Reaktionen zu 50 % überein (ebd.). Der Hintergrund ist, dass die Genitalien von Frauen automatisch auf sexuell »relevante« Reize reagieren und durchblutet werden. Denkbar ist, dass die körperliche Reaktion eine Schutzfunktion vor Verletzungen etwa bei sexuellen Übergriffen darstellt. Das Bewusstsein reagiert dagegen auf sexuell »ansprechende« Reize. Für Frauen ist es daher notwendig, dem Partner Rückmeldungen über ihre tatsächliche Erregung zu geben.
Hinzu kommt der Aspekt der vaginalen Erregbarkeit: Der vaginale Innenraum ist von Natur aus zunächst nicht sehr erregbar, weshalb der Geschlechtsverkehr für Frauen erotisch zunächst keinen Sinn macht. Die neurobiologische Forschung konnte zeigen, dass das Gewebe dafür zwar angelegt ist, die neuronalen Verbindungen aber fehlen und erst geschaffen werden müssen. Dasselbe gilt auch für den Penis des Mannes. Dadurch jedoch, dass der Penis außen liegt, sich Jungen schon früh intensiv mit ihm beschäftigen und auch positives körperliches Feedback erhalten, ist die neuronale Verschaltung bei ihnen in der Regel früh hergestellt. Das weibliche Geschlecht dagegen ist außerhalb des Blickfeldes. Mädchen erfahren wenig Ermutigung zur Selbsterkundung und Masturbation und die vaginale Erregbarkeit ist damit bei den meisten Frauen zunächst nicht vorhanden. Durch regelmäßige Berührungen kann sie aber erweckt werden.
Einen weiteren Einfluss auf das sexuelle Erleben der beiden Partner hat die Kommunikation über Sexualität. In vielen Partnerschaften wird nicht offen über dieses sehr persönliche Thema gesprochen. Den meisten Menschen fällt es schwer, sich mit ihren sexuellen Anliegen mitzuteilen. Dabei zeigen verschiedene Studien, dass eine gute Kommunikation über Sexualität wichtig ist für sexuelles Erleben. Berner Forscherinnen konnten zeigen, dass es mit einer höheren sexuellen Zufriedenheit einhergeht, über die eigenen sexuellen Bedürfnisse und Wünsche zu sprechen (Borgmann et al., 2019). Die Ergebnisse weisen außerdem darauf hin, dass eine gute sexuelle Kommunikation nicht nur mit sexueller Zufriedenheit einhergeht, sondern generell mit einer höheren Partnerschaftszufriedenheit. Interessant ist dabei, dass kein Unterschied in der sexuellen Kommunikation zwischen Frauen und Männern festgestellt werden konnte. Das heißt, Frauen und Männer sprechen in ähnlichem Ausmaß über ihre Sexualität.
Auch die Studie von Velten, Brailovskaia und Markgraf (2018) bestätigte, dass sich das Mitteilen von Wünschen und auch das Planen sexueller Begegnungen als hilfreich für die sexuelle Funktion, z. B die Erektions- und Orgasmusfähigkeit, erweist.
Ein zentrales Mittel zur Steigerung der Wahrnehmungs- und Erregungsfähigkeit und letztlich zur Förderung sexueller Lust ist, wie verschiedene Studien belegen, der gezielte Einsatz von Bewegung, Muskeltonus und Rhythmus (Bischof-Campbell, 2012; Bischof-Campbell et al., 2018)
Diese Erkenntnisse werden von der Berner Studie konkretisiert (Borgmann et al., 2019): Bewegung in Becken und Oberkörper geht demnach einher mit
• einem positiverem sexuellem Selbstbild und weniger sexuellem Leidensdruck bei beiden Geschlechtern,
• höherer Achtsamkeit und weniger Stress, Depression und Angst bei Frauen sowie
• weniger Erektionsproblemen bei Männern.
Tiefe Atmung steht in Zusammenhang mit
• weniger sexuellem Leidensdruck bei beiden Geschlechtern,
• höherer Achtsamkeit und weniger Angsterleben bei Frauen sowie
• höherer sexueller Zufriedenheit und Befriedigung, mehr Kontrolle über den Zeitpunkt der Ejakulation und weniger Stresserleben bei Männern.
Die Sexualforschung setzt sich zunehmend mit Fragen auseinander, wie Menschen ihre Sexualität erleben oder was sexuelle Lust stärkt und vermindert. Für das Erleben sexueller Zufriedenheit müssen die sexuellen Handlungen zur eigenen Person und zu ihrem Selbstbild passen. Dafür ist es wichtig, den eigenen Körper und die Art des eigenen Begehrens anzunehmen sowie die Kontextfaktoren des eigenen Begehrens zu kennen. Vaginale Erregbarkeit ist nicht von Natur aus vorhanden, entwickelt sich aber durch (Selbst-)Berührungen. Bei der sexuellen Begegnung sind eine selbstbestimmte Gestaltung und die Kommunikation mit dem Partner wichtig. Und schließlich können Bewegung und Atmung zur Intensivierung des sexuellen Erlebens eingesetzt werden.
1 Die Begriffe Lust und Begehren werden oft synonym verwendet. Genaue Definitionen sind schwierig und wirken entweder steril oder trivial. Einen Versuch wagt Clement. Er betrachtet sexuelles Begehren als einen beständigen Teil einer Person, der ihre Lebendigkeit ausmacht: »Auch dann, wenn sie mal gerade keine Lust hat« (2016, S. 9). Sexuelle Lust ist dagegen situativ, also in einer bestimmten Situation vorhanden und in einer anderen nicht. Sexuelle Erregung meint die objektive physiologische Reaktion.
4 Blick ins Gehirn
Nach dem »Blick ins Schlafzimmer« von Paaren soll es nun um das Nervensystem und seine Funktionen gehen: Wie kann es beispielsweise sein, dass Bewegung und Atmung das (sexuelle) Erleben verändern? Wie hängen Denken, Fühlen und Körperwahrnehmungen zusammen? Wie funktioniert unsere Sexualität? Und wie erleben und verhalten wir uns in Beziehung mit anderen?
Grundlage der Betrachtungen liefert die in den letzten Jahren immer bedeutsamer gewordene Hirnforschung. Eine der wichtigsten neurobiologischen Erkenntnisse ist beispielsweise, dass unser Gehirn stets sein Bestes tut, um seine Hauptaufgabe zu erfüllen: unser Überleben zu sichern (van der Kolk, 2017). Je besser wir also verstehen, wie die Paare, die zu uns kommen, funktionieren, desto eher sehen wir den Sinn in ihrem Erleben und Verhalten und umso besser können wir sie in einer gesünderen oder erwünschten Anpassung unterstützen.
4.1 Grundlegende Funktionen des Gehirns
Das Gehirn ist das Zentrum des zentralen Nervensystems und die wichtigste Steuerungszentrale des Menschen. Es entwickelt sich im Laufe des Lebens genau in der Reihenfolge, wie es sich im Lauf der Evolution entwickelt hat, nämlich bottom-up (van der Kolk, 2017). Die folgende Darstellung ist eine vereinfachte Konstruktion. In Wirklichkeit sind die einzelnen Bereiche nicht isoliert, sondern das gesamte Nervensystem stellt ein vielfach verschaltetes Netzwerk dar.
Der Hirnstamm ist der älteste und tiefliegendste Teil des Gehirns und erfüllt lebenswichtige Funktionen wie die Regulation der Atmung, des Herzschlags oder der Darmtätigkeit. Hier entscheidet sich, ob ein Mensch sich sicher fühlt, ob er in einen Kampf- oder Fluchtmodus schaltet oder ob er zur Sicherung des blanken Überlebens in eine Immobilitätsreaktion verfällt (Porges, 2010). Insbesondere bei Gefahr wird eine Sequenz neurophysiologischer Prozesse ausgelöst, die uns in eine prosoziale oder aber ablehnende Haltung bringt. Noch bevor der Neokortex regulierend eingreifen kann, zuckt der Mensch etwa zurück oder springt auf beim Anblick einer Schlange. Die Aktion aus dem Hirnstamm tritt schneller ein als die Reflexion: »Ist das eine Schlange oder nur ein Seil?«. Oder wenn ein Alarm ertönt: »Ist das der Rauchalarm oder ein Klingelton?«
Das über dem Hirnstamm liegende limbische System ist eine funktionale Einheit aus verschiedenen Elementen. Der Hippocampus spielt dabei eine entscheidende Rolle bei der Gedächtnisbildung. Die Amygdala ist die Alarmzentrale und zuständig für Gefühle, insbesondere Angst und Furcht. Unterschiedliche Wahrnehmungen werden durch die Amygdala mit abgespeicherten Erinnerungen abgeglichen und bewertet. Bei bekannter Bedrohung werden innerhalb von Millisekunden Signale an ihre Umgebung weitergeleitet, um die Stresshormonproduktion auszulösen und das sympathische Nervensystem zu aktivieren (van der Kolk, 2017).
Im limbischen System wird auch die soziale Natur des Menschen gesteuert. Hier sind Beziehungs- und prozedurale Informationen gespeichert wie beispielsweise die erfahrenen Eltern-Kind-Interaktionen, Verbote, Strafen, Belohnungen und damit verbundenes Erleben wie Angst, Lust oder Freude. Frühe Explorationen des Kindes formen dabei die Struktur des limbischen Systems. Sie setzen sich zusammen aus 1. erlernten motorischen Abläufen wie etwa dem Schwimmen oder Fahrradfahren, 2. fest verinnerlichten Notfallmaßnahmen wie dem instinktgesteuerten Programm Kampf oder Flucht und 3. den motorischen Aktivitäten Annäherung oder Vermeidung (Levine, 2011).
Je mehr Erfahrungen beispielsweise von Einsamkeit in der Kindheit gemacht wurden, umso schneller reagiert die Amygdala mit Alarm in Situationen, in denen sie Einsamkeit befürchtet. Kommt es dann zu Wiederholungen eben dieser Erfahrungen in der Paarbeziehung, prägen sich diese Reaktionen immer tiefer in das Nervensystem ein. Diese grundlegenden Strukturen können aufgrund der Neuroplastizität des Gehirns durch spätere Erlebnisse signifikant verändert werden. Zum Besseren geschieht das durch prägende Freundschafts- und Liebeserfahrungen oder zum Negativen durch schlechte Behandlung, Unfälle oder andere schlimme Erlebnisse (van der Kolk, 2017).
Der evolutionsbiologisch jüngste Teil unseres menschlichen Gehirns ist der Neokortex. Er beinhaltet in unterschiedlichen Arealen höhere menschliche Fähigkeiten wie unsere Sprache, die Logik oder auch den Humor. Zum Neokortex gehört auch das Stirnhirn oder der präfrontale Kortex, der funktional als höchste Steuerungszentrale des Gehirns angesehen wird. Hier sind komplexe Funktionen angesiedelt wie unser Denken und Entscheiden, die Antizipationsfähigkeit und Handlungsplanung.
Mit dem präfrontalen Kortex sind praktisch alle Hirnareale direkt oder indirekt verbunden. Er kann somit aktivierend oder hemmend auf andere Hirnbereiche einwirken. Damit übt der Neokortex eine gewisse Kontrollfunktion über andere Bereiche aus und kann Gefühle wie beispielsweise Angst begrenzt kontrollieren – z. B. durch Logik oder eine Veränderung der Glaubenssätze. Allerdings sind die Wege von der Amygdala zum Hirnstamm kürzer als zum Neocortex, was dazu führt, dass bei Wahrnehmung einer Gefahr der Körper sich möglicherweise schon in Sicherheit bringt, noch bevor dem Verstand klar wird, was eigentlich vor sich geht.
In den Frontallappen des Neokortex ist unser Empathiesystem vernetzt. Hier gibt es spezielle Nervenzellen, die Spiegelneuronen, welche die Einfühlung in andere Menschen ermöglichen. Relevant für Paartherapeutinnen ist die Erkenntnis, dass unter starkem Stress subkortikale Hirnbereiche die Führung übernehmen. Bereiche, in denen die Empathiefähigkeit vernetzt ist, werden deaktiviert. Damit ist in heftigem Streit und in Gefahrensituationen Empathie nicht mehr möglich (van der Kolk, 2017).
Zustände des autonomen Nervensystems
Steven Porges leistete mit seiner Polyvagaltheorie einen wichtigen Beitrag zum Verständnis des normalen Menschen im sozialen Kontakt und unter Belastungen sowie zur Behandlung körperlicher und psychischer Probleme (
Abb. 4.1). Seine Annahmen sind wissenschaftlich bisher nur zum Teil belegt, erfahren jedoch insbesondere unter Praktikern große Resonanz und Bestätigung. Porges unterteilt unser autonomes Nervensystem in drei neuronale Energiesubsysteme, die hierarchisch organisiert und mit dem Vagusnerv verbunden sind:
1. das Soziale Kontaktsystem (ventraler Vagus im parasympathischen Nervensystem)
2. die Mobilisierung (Sympathisches Nervensystem mit Kampf-/Fluchtreaktion)
3. die Immobilitätsreaktion (»Shutdown«) (dorsaler Vagus im parasympathischen Nervensystem)
Ist der ventrale Vagus aktiv, erleben wir Sicherheit und Verbundenheit. Hier suchen wir nach Möglichkeiten der Co-Regulation, können uns beruhigen und beruhigt werden (Dana, 2019). Dieser Modus ist assoziiert mit einem regulierten Blutdruck, tiefer Atmung, einer Offenheit für Mitmenschen und dem generellen Gefühl eines geordneten, strukturierten Zustandes. Der ventrovagale Komplex im autonomen Nervensystem wird daher als Soziales Kontaktsystem bezeichnet. Die Funktionen des ventralen Vagus sind Voraussetzung für Gesundheit und Entwicklung. Als Therapeutinnen und Beraterinnen ist es unsere Aufgabe, die Klienten darin zu unterstützen, in diesen Modus zu finden, um wieder zueinander in Kontakt treten, wachsen und heilen zu können.
Kommt es zur Wahrnehmung einer Bedrohung, wird unwillkürlich der Sympathikus aktiviert. Das Herz schlägt schneller, die Atmung wird kurz und flach, der Muskeltonus steigt und es kommt zu einer Mobilisierung. Das autonome Nervensystem bereitet sich auf Kampf oder Flucht vor. In diesem Zustand verändert sich unsere Fähigkeit zu denken, aber auch zu sehen und zu hören. Freundliche Stimmen im mittleren Frequenzbereich werden überhört, der Blick wird eng (»Tunnelblick«) und die Wahrnehmung ist fokussiert auf die Gefahr. Für Paartherapeutinnen sind Kenntnisse um die Wahrnehmung sympathisch aktivierter Nervensysteme wichtig, um Streitdynamiken und fruchtlose Eskalationsspiralen erkennen und einschätzen zu können. Oft sind beide Partner

Abb. 4.1: Polyvagaltheorie
entsprechend aktiviert und kommen aus dem Kreislauf gegenseitiger Verletzungen nicht heraus.
Wenn die sympathischen Aktivitäten Kampf oder Flucht versagen oder nicht zur Verfügung stehen, kommt der hintere Zweig des parasympathischen Nervensystems, der dorsale Vagus, zum Einsatz. Er ist verantwortlich für einen Zustand, der in lebensgefährlichen Situationen unwillkürlich aktiviert wird: die Immobilitätsreaktion, auch »Shutdown« oder »Totstellreflex« genannt. Der Stoffwechsel wird heruntergefahren, der Herzschlag verlangsamt sich und die Atmung wird flacher. Mit diesem Zustand assoziierte Gefühle sind Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, Einsamkeit und eher ein Nicht-Denken-können, ein Nicht-Fühlen und eine Leere. Der Kontakt zum anderen ist unterbrochen (Dana, 2019, S. 27). Auch dieser Teil des Nervensystems ist ein Kompetenzbereich. So ist er evolutionsbiologisch betrachtet sinnvoll, indem durch das Totstellen beispielsweise schlimmere Aktivitäten des Angreifers verhindert werden, die Schmerzwahrnehmungsschwelle angehoben und das weitere Funktionieren der Organe gesichert werden.
In Paardynamiken gibt es häufig Wiederholungsschleifen, die von den Betreffenden neurozeptiv so hoffnungslos eingeschätzt werden, dass einer oder beide Partner in eine Immobilitätsreaktion (Shutdown) fallen. Von außen betrachtet wirkt das Verhalten wie Desinteresse oder eine Blockade. Im Inneren ist das System jedoch in höchstem Alarmzustand, der Kopf ist jedoch leer und es steht keine Energie zur Auseinandersetzung zur Verfügung.
In welchen Modus unser autonomes Nervensystem schaltet, entscheidet es noch unterhalb der Bewusstseinsschwelle autonom. Porges führte dafür den Begriff der Neurozeption ein, einen unbewussten neuronalen Schaltkreis, der fortwährend die Umgebung scannt, deren Gefahrenpotential beurteilt und damit blitzschnell handlungsfähig ist (Porges, 2018). Denn unser Nervensystem ist ständig auf der Suche nach Sicherheit, um seine höchste Aufgabe zu erfüllen: zu überleben.
Schuldzuschreibungen an Partner im Sinne eines »Du schleichst dich einfach raus!« oder auch die Beurteilung des Verhaltens von traumatisierten Gewaltopfern mit dem Vorwurf, nicht gekämpft zu haben oder nicht geflohen zu sein, erscheinen dadurch in einem neuen Licht: Nicht der Mensch als Ganzes, sondern sein autonomes Nervensystem hat entschieden, dass in dieser Situation Kampf oder Flucht nicht möglich war.
Die drei neuronalen Systeme sind hierarchisch organisiert: Der Mensch versucht zuerst unter Einsatz seiner sozialen Fähigkeiten zu vermitteln. Ist das wirkungslos, schaltet das vegetative Nervensystem um in die Mobilisierung und bereitet sich auf Kampf oder Flucht vor. Ist auch das erfolglos, so kommt die Immobilitätsreaktion. Der auslösende Reiz, der das Nervensystem autonom wie auf Knopfdruck von einem in den anderen Modus schalten lässt, wird als Trigger bezeichnet.
Im Alltag sind wir häufigen stärkeren und schwächeren Triggersituationen ausgesetzt, in denen sich die Ebenen auch vermischen können. So kann es sein, dass das Soziale Kontaktsystem mit einer gewissen Aktivierung des Sympathikus zusammentrifft, etwa damit wir uns klarer ausdrücken oder besser durchsetzen können. Zwischen dem Sozialen Kontaktsystem und dem Sympathikus können wir relativ schnell und vielfach täglich hin und her navigieren. Einzig die Rückkehr aus einer intensiven Immobilitätsreaktion in den ventrovagalen Komplex, insbesondere bei traumatisierten Menschen, gelingt oft nicht spontan und benötigt therapeutische Unterstützung (Porges, 2018). Der Weg vom Shutdown ins Soziale Kontaktsystem führt dabei zwingend über das sympathische Nervensystem. Zuerst muss der Mensch mobilisiert werden, bevor echter sozialer Kontakt möglich ist.
4.2 Neurobiologische Implikationen für die Sexualität
Die neurobiologischen und endokrinologischen Prozesse der Sexualität zu untersuchen ist schwierig, weil das klinische Untersuchungssetting stark von der üblich gelebten Sexualität abweicht, sodass Intimität schwer aufgebaut werden kann. Aus diesem Grund werden neurobiologische Untersuchungen der Sexualität häufig an Tieren oder aus methodologischen Gründen nur an einem Geschlecht durchgeführt, woraus resultiert, dass der aktuelle Wissensstand auf diesem Gebiet noch eingeschränkt ist (Biedermann, 2018). Dennoch gibt es Befunde, die dabei helfen, sexuelle Funktionen und Funktionsstörungen besser zu verstehen.
Die sexuelle Funktion bedarf einer feinen Abstimmung des autonomen Nervensystems. Hier greifen die Gegenspieler Sympathikus (Stresssystem) und Parasympathikus (Entspannungssystem) ineinander: Sexuelle Stimulation aktiviert zunächst den Parasympathikus, da insbesondere der dorsale Vagus die Geschlechtsteile enerviert. Das führt zur verstärkten Durchblutung der Genitalien und damit zum Anschwellen der Geschlechtsorgane sowie zur Lubrikation. Gleichzeitig aktivieren die sexuellen Reize aber auch den Sympathikus, was beispielsweise eine Erhöhung der Atemfrequenz und des Blutflusses nach sich zieht und die Ausschüttung von Noradrenalin und Testosteron bewirkt. Mit steigender Erregung kommt es zusätzlich zu einem Anstieg von Oxytocin und Östrogen (Biedermann, 2018).
Während der sexuellen Aktivität verändert sich auch die Gehirnaktivität: So werden je nach visueller oder genitaler Stimulation unterschiedliche Hirnareale aktiviert. Mit steigender Erregung kommt es, kurz gesagt, zu einer nachlassenden Aktivität der Amygdala und des Präfrontalkortex – also des Alarmsystems und des bewussten Verstandes; beim Orgasmus werden beide Bereiche sogar weitgehend deaktiviert (Biedermann, 2018) und ältere Hirnteile übernehmen die Führung, d. h. wir »lassen uns fallen«.
Um sowohl die Erregung als auch den Genuss zu steigern, ist die Bewegung des Körpers hilfreich: Bestimmte Muskeln arbeiten, während ihre Gegenspieler sich entspannen (Schiftan, 2019). Der Körper ist also im Mobilisierungsmodus und im Entspannungsmodus gleichzeitig. Das ist wichtig, denn für einen Anstieg von Genuss und Erregung braucht es das Zusammenspiel der beiden Nervensysteme: Nimmt die sympathische Aktivierung dabei überhand, so wird der Mensch leicht ablenkbar und seine Gefühle und Gedanken färben sich negativ. Übernimmt der Relaxmodus die Führung, ist die Aktivität zwar wohltuend und entspannend, die Erregung reicht aber nicht für einen Orgasmus.
4.3 Frühe Prägungen und Auswirkungen auf das Beziehungsverhalten
Aus der Säuglingsforschung wissen wir, dass das Gehirn seine neuronale Struktur über Spiegelprozesse in der frühen Kommunikation mit den Eltern bildet. Für die Bedürfnisregulation des Säuglings braucht es die Responsivität der Eltern und deren Fähigkeit, die Bedürfnisse des Kindes zu versorgen (Schore & Schore, 2008). Werden beispielsweise kindliche Bedürfnisse aufgrund einer depressiven Bezugsperson nicht gestillt, so reagiert der Säugling zunächst mit Regulationsversuchen und schließlich mit Rückzug. Die entstandenen Gefühle wie Hilflosigkeit, Ohnmacht oder Verlassenheit verursachen Bindungsverletzungen und werden im limbischen System wie körperlicher Schmerz verarbeitet und dauerhaft gespeichert (Eisenberger & Lieberman, 2004).
Die frühen Interaktionsmuster des Säuglings werden als affektiv-motorische Programme im limbischen System gespeichert. Sie bilden den Prototyp internaler, handlungsleitender und in neuronalen Netzwerken gespeicherter Strukturen heraus und bilden somit die Vorlage für spätere Beziehungen (Trevarthen & Aitken, 2001). Nachfolgende Lebens- und Beziehungserfahrungen werden in die vorhandenen Strukturen einsortiert. Gibt es in den frühen Bindungserfahrungen beispielsweise keine angelegte Struktur für Wertschätzung, Liebenswürdigkeit oder Gesehenwerden, so kann ein unstillbarer Hunger danach entstehen. Positive Rückmeldungen können aber aufgrund der fehlenden Struktur nicht gehalten werden. So kann ein Mensch, der als Kind beispielsweise schlimme Erfahrungen aufgrund seines Aussehens gemacht hat, auch später Komplimente kaum annehmen. Die wohlwollenden Rückmeldungen fallen durch wie bei einem Fass ohne Boden.
Reinszenierungen in der Partnerschaft: In Paarinteraktionen werden sowohl positiv-fürsorgliche Gefühle als auch bedrohliche Erfahrungen reaktualisiert und deren Erfüllung vom Partner ersehnt (Kachler, 2015). Das Nervensystem ist mit seiner Neurozeption ständig auf der Suche nach potenziellen Gefahren. Wird am Partner ein Verhalten wahrgenommen, das im sekundenschnellen Abgleich mit den gespeicherten Erfahrungen als Bedrohung erkannt wird, so schlägt das System Alarm. Auch wenn es sich dabei um Über- oder Fehlinterpretationen des partnerschaftlichen Verhaltens handelt, ist es evolutionsbiologisch sinnvoll sich zu schützen: Die Amygdala meldet lieber zehnmal falsch positiven Alarm, bevor sie eine gefährliche Situation übersieht. In der Paardynamik können so aber Missverständnisse und Streit entstehen.
Die Erkenntnisse der modernen Hirnforschung helfen, die Dynamik zwischenmenschlicher Kommunikation besser zu verstehen: Wenn ein Partner die Augenbrauen hebt, mit gereizter Stimme spricht oder eine Abwertung formuliert, so kommt diese Information per Neurozeption über die Sinnesorgane doppelt so schnell im limbischen System des anderen an als in dessen Großhirnrinde. Sind beispielsweise entsprechende Erinnerungen an Ohnmacht, Abwertung oder Verlassenwerden im emotionalen Gedächtnis vorhanden, so intensiviert sich die als bedrohlich wahrgenommene Reaktion und die körperliche Abwehrreaktion setzt automatisch ein. Kortikale Funktionen mit logischen Analysen haben dann nur noch begrenzte Möglichkeit, beruhigend auf das System einzuwirken.
In chronischen Paarstreitsituationen ist die sympathische Aktivierung ein Automatismus, da zu oft die Erfahrung gemacht wurde, dass Diskutieren nichts bringt. Noch bevor eine bewusste Analyse zur Verfügung steht, wird das Kampf-/Flucht-System aktiviert bzw. ist daueraktiviert. Das Soziale Kontaktsystem, das zur Empathie befähigt, wird deaktiviert. Der Blick und das Denken werden eng; Klienten sprechen oft vom »Tunnelblick«. In einer Bedrohungssituation braucht es schnelle Entscheidungen, ob etwas richtig oder falsch ist, gut oder schlecht, bedrohlich oder nicht bedrohlich. Wurde mehrfach die Erfahrung gemacht, dass Kämpfen nichts nutzt und es kein Entkommen gibt, beispielsweise weil gemeinsame Kinder, ein Haus oder andere Abhängigkeiten vorhanden sind, so wird der dorsale Vagus aktiv. Es kommt zur Immobilitätsreaktion und Klienten berichten dann: »Mein Gehirn ist leer.«; Muskeltonus und Affekt flachen ab und es kommt zu Resignation, Dissoziation oder Depression.
Die Neurobiologie liefert die biologische Verständnisgrundlage dafür, weshalb es in solchen Situationen notwendig ist, zuerst das Nervensystem zu beruhigen und damit eine Wende zu bewirken. Erst dann ist es wieder möglich, höhere Hirnareale zu aktivieren und in einen wirklichen Austausch miteinander zu kommen.
4.4 Bedeutung der Neurobiologie für die Paarberatungspraxis
Wir haben gesehen, wie Partner einander triggern und damit ihr Denken, Fühlen und Wahrnehmen verändern. Die moderne Hirnforschung liefert uns nun Hinweise darüber, worauf es bei der Herstellung einer intimen und verbundenen Beziehung ankommt.
Unser Nervensystem strebt nach Sicherheit, um den ventrovagalen Komplex und damit das Soziale Kontaktsystem aktivieren zu können. Nur in diesem Modus ist wirkliche Verbundenheit, Nähe, Gesundheit und Wachstum möglich. Im Laufe einer Beziehung geht diese Sicherheit jedoch aufgrund vielfältiger wechselseitiger Verletzungen oft verloren. Die Beziehung verliert ihren Status als sicheren, geborgenheitsstiftenden Ort.
Unsere Aufgabe ist es also, beiden Partnern mithilfe unserer Interventionen und unserer Persönlichkeit Sicherheit zu vermitteln. Das beginnt bereits mit der Gestaltung der Räumlichkeiten. Laut Porges und Dana können wir unsere Praxisumgebung so gestalten, dass sie »die Resilienz Ihrer Klienten fördern und ihre autonomen Reaktionen in Richtung Sicherheit und Verbundenheit lenken« (Dana, 2019, S. 120). Als Therapeutinnen vermitteln wir diese Sicherheit, indem wir für eine eigene Verankerung im ventrovagalen Komplex sorgen, was sich über feinste Modulationen der Gesichtsmuskeln, des Herzes, der Lunge und einer prosodischen Stimmlage ausdrückt. Hilfreich ist weiterhin eine ruhige, wohltemperierte und einladende Gestaltung der Räumlichkeiten etwa mit Naturmaterialien.
Die Kenntnis der drei Modi des Nervensystems in Kombination mit der eigenen Neurozeption sowie bewusster Wahrnehmung ermöglicht es uns, feine Veränderungen in der Physiologie und psychischen Verfassung der anwesenden Klienten zu lesen und einzuordnen. So können unfruchtbare Eskalationsschleifen unterbrochen oder bewusst therapeutisch genutzt werden. Mit verletzungsminimierenden Gesprächstechniken kann der Prozess so gesteuert werden, dass beide Partner solange wie möglich im Sozialen Kontaktsystem unterwegs und damit erkenntnis-, aufnahme- und lernfähig sind.
Für Beratung und Therapie relevant ist auch Porges Entdeckung, dass die Atmung als einziger Teil des autonomen Nervensystems, nicht vollständig – wie beispielsweise Herz, Magen oder Darm – vom Shutdown erfasst sind. Sie wird zwar flacher, kann jedoch noch bewusst beeinflusst werden. Die Hirnforschung gibt uns also auch therapeutische Instrumente an die Hand, mit denen wir anstatt durch den Einsatz von Medikamenten, durch Achtsamkeit und eine bewusste Arbeit mit dem Körper, Bewegung, Atmung und Stimme Klienten helfen können, ihr Nervensystem selbst zu beruhigen.
Teil II: Therapeutische Ansätze
Im zweiten Teil dieses Buches stellen wir verschiedene therapeutische Ansätze vor, die wir für die Beratungspraxis hilfreich finden und mit denen wir arbeiten. Es sind Behandlungskonzepte, die theoretisch gut fundiert, evidenzbasiert und in Fachkreisen anerkannt sind.
Wir stellen die zentralen Annahmen und das Vorgehen zunächst der paartherapeutischen und dann der sexualtherapeutischen Ansätze dar und beleuchten jeweils ihre Stärken für die Beratungspraxis.
5 Paartherapeutische Ansätze
Psychotherapie war lange etwas, das man unter vier Augen im stillen Kämmerlein mit einem Einzeltherapeuten oder in einer Gruppentherapie durchführte. Revolutionär war in den 1950er Jahren der Ansatz erster systemischer Pioniere (Bateson, 1958), die ganze Familie und deren Subsysteme zur Therapie an einen Tisch zu holen. Seither hat sich auch die Paartherapie als eigenständige Therapieform etabliert und angelehnt an unterschiedliche theoretische Fundierungen weiterentwickelt.
5.1 Systemische Paartherapie
Die systemische Therapie gab es nicht. Es handelte sich mehr um eine Bewegung in psychotherapeutisch experimentierfreudigen Kreisen, die den konstruktivistischen Gedanken gemeinsam hatten, zwischenmenschliche Realitäten als Konstruktionen der Wirklichkeit zu betrachten. Die angewandte Systemtheorie entwickelte sich dann in unterschiedliche Richtungen. Besonders bekannt geworden sind der strategische Ansatz aus Palo Alto und später der Mailänder Gruppe um Mara Selvini Palazzoli (Selvini-Palazzoli et al., 2011)), die strukturelle Familientherapie von Salvador Minuchin (Minuchin, Rosman & Baker, 1995), der entwicklungs- und erlebnisorientierte Ansatz von Virginia Satir (Nerin, 1998), die lösungsorientierte Kurzzeittherapie von Steve de Shazer und Insoo Kim Berg (De Shazer, 1982) und in Deutschland der psychoanalytisch-systemische Ansatz aus Heidelberg (Stierlin, 1982).
Unabhängig davon, ob nur eine Person oder ein Paar am Tisch sitzt, handelt es sich bei der systemischen Therapie um eine innere Haltung, welche das gesamte System im Blick hat. Das bezieht sich auf das innere System, das Paarsystem, die Familie und familiäre Subsysteme, sowie das gesellschaftliche Umfeld. Heute ist die systemische Therapie eines der international am weitesten verbreiteten Therapieverfahren.
5.1.1 Zentrale Annahmen
Kernannahme der Systemtheorie ist, dass Systeme sich aus handelnden Personen zusammensetzen, welche sich gegenseitig beeinflussen und mit ihrer Umgebung in einer Wechselwirkung stehen. »Das Tun des einen ist das Tun des anderen« (Stierlin, 1976) oder »Man kann nicht nicht kommunizieren« (Watzlawick, 1969) sind bekannte Postulate. Jedes Wort, jedes Blinzeln und auch jedes Schweigen bewirkt etwas. Was, das wiederum liegt im Auge des Betrachters. Der Empfänger macht die Botschaft und jeder Mensch interpretiert seine Wahrnehmungen vor dem Hintergrund seiner persönlichen inneren Landkarte. Damit ist Wirklichkeit keine harte Realität, sondern eine Konstruktion.
In der therapeutischen Arbeit geht es darum herauszufinden, wie der Mensch seiner wahrgenommenen Wirklichkeit Bedeutung zuweist und sie damit erschafft. Das impliziert die feste Überzeugung, dass die Wirklichkeit eines Menschen sich auch wieder verändern kann – denn Leben ist Veränderung. Und wenn etwas bleibt, ist oft die interessantere Frage, wie wir es schaffen, uns nicht zu verändern. Systemische Therapeutinnen interessieren sich also für die Beziehungsprozesse, die an der Entstehung und Aufrechterhaltung eines Problems oder Symptoms beteiligt sind.
Dazu ein Beispiel: Eine Klientin sagt: »Ich spüre nichts, wenn du mich berührst« – und damit ist die Unfähigkeit zu spüren da, es ist ihre Wirklichkeit. Andererseits gab es Zeiten, in denen sie das Symptom noch nicht hatte und intensiv erlebnisfähig war. Ebenso gibt es Kontexte, in denen sie intensiv genießen kann, wenn sie beispielsweise mit der Katze schmust. Es handelt sich also nicht um einen grundsätzlichen Verlust einer Fähigkeit, sondern um eine Veränderung, die in einem Kontext zu sehen ist. Es gilt daher herauszufinden, welche Bedeutung ein Symptom hat, was die Veränderung oder Nichtveränderung mit dem Kontext und dem Gegenüber zu tun hat, und schließlich darum, die Ressourcen zu aktivieren, um eine gewünschte Veränderung zu erreichen.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.