Kitabı oku: «Ich, Birgit, Autistin und Psychotherapeutin»
Birgit Saalfrank
Ich, Birgit, Autistin und Psychotherapeutin
Patmos Verlag
Inhalt
Vorwort von PD Dr. Dr. Andreas Riedel
Prolog
Herkunft
Auf der Welt
Frühes Leid
Spiele
Sport
Empathie
Selbstständigkeit
Schuschisch
Prägung
Zäsur
Leidenschaft
Grenzen
Pläne
Erwachsen werden
Studentin
Ich kann, was ich will!
Erschütterungen
Verliebt
Berufseinstieg
Autofahren
Psychotherapeutin
Psychiatrie
Beziehungen
Depression
Aufwärts
Himmel und Hölle
Entscheidungen
Gipfel
Sackgasse
Asperger-Autistin
Gesehen
Krank
Ankunft
Ziele
Stufen
Zersplitterung
Teile
Rituale
Regeln
Ausdruck
Zwischenzustände
Zeiterleben
Ferdinand
Themen
Singen
Klärungen
Heimat
Unwetter
Lebendig
Im Tunnel
Schritte
Erkenntnis
Sinn
Menschen
Schreiben
Sascha
Glück
Anhang 1: Meine psychoanalytische Behandlung
Eckpunkte
Deprivation
Verkapselt
Eltern
Triangulierung
Suizidalität
Aufbruch
Beendigung
Ergebnisse
Anhang 2: Meine autistischen Auffälligkeiten
Epilog
Partnerschaft mit Sascha
Depressionen und Ängste
Identitätszersplitterung
Asperger-Autismus
Heimat
Freundschaften
Achtsamkeit
Schreiben
Berufliche Zukunft
Sinn
Zitierte Literatur
Nützliche Webseiten zu Autismus
Danksagung
Über die Autorin
Über das Buch
Impressum
Hinweise des Verlags
Dein Bild von dir
Lass dein Bild von dir los.
Es bringt dich unter Druck,
diesem Bild von dir treu zu sein.
In ihm nimmst du dich selbst gefangen, du legst dich in Fesseln.
Du verlierst die Spontanität,
aus der du leben möchtest.
Du wendest dich dem zu,
was du meinst, sein zu müssen,
und vergisst dabei ganz,
was du wirklich willst und wer du bist.
Es ist nicht deine Aufgabe,
dem Bild, was du von dir hast,
oder dem Bild, das andere von dir haben,
gerecht zu werden.
Du bist mehr als jedes Bild von dir.
© Ulrich Schaffer
Einige Namen, Orte und Einzelheiten wurden aus Gründen
des Persönlichkeitsschutzes verändert.
Für meine Psychoanalytikerin und für meinen Schatz
Vorwort von PD Dr. Dr. Andreas Riedel
Autismus ist in den letzten Jahren zunehmend zum Inbegriff oder gar zur Allegorie der Einsicht geworden, dass der menschliche Geist – oder aus anderer Perspektive: die Funktion seines Gehirns – sehr unterschiedliche Formen annehmen kann: Menschliches Denken, Fühlen und Wollen kann von Mensch zu Mensch sehr verschieden sein, und Autismus ist das Beispiel menschlichen Variantenreichtums, an dem sich das am einprägsamsten zeigen lässt. In vielen mehr oder weniger realistischen Versionen »spukt« die menschliche Normvariante Autismus durch die Medien, unter anderem durch Fernsehserien, Spielfilme und Romane. Die Protagonisten dieser Produktionen haben dabei meist ein sehr ungewöhnliches Sozialverhalten und sehr spezielle Begabungen. Irgendwie scheint das Label »Autismus« das Anderssein zu erlauben, ihm eine eigene Sphäre zu eröffnen, in der es, so normabweichend es auch sein mag, toleriert werden kann. Diese Entwicklung hat durchaus ihre Vorteile, ermöglicht sie doch die Klarheit darüber, dass es nicht nur einen Idealtyp Mensch gibt, sondern viele.
Auf der anderen Seite ist diese Entwicklung auch sehr anfällig für Klischeebildung: die mediale Darstellung deformiert Autismus schnell zu seiner eigenen Karikatur oder zur harmlosen Modeerscheinung, die lediglich nach ihrem Unterhaltungswert bemessen wird. Autismus ist aber weder Karikatur noch Modeerscheinung, sondern für die Betroffenen – und oft auch für die Angehörigen – ein Existenzial, welches weite Teile der Identität betrifft und Auswirkungen auf große Bereiche der Lebensführung hat, auch wenn die Auffälligkeiten an der Verhaltensoberfläche gar nicht so deutlich sein müssen.
Das wird in dem vorliegenden autobiografischen Bericht von Birgit Saalfrank mehr als deutlich. Epidemiologisch hat sich in den letzten Jahren recht klar gezeigt, dass Mädchen und Frauen aus dem Autismus-Spektrum häufiger als ihre männlichen Altersgenossen diagnostisch übersehen oder falsch zugeordnet werden. Das hat verschiedene Gründe. Erstens bilden die üblichen diagnostischen Instrumente für Autismus, die sehr an der Verhaltensbeobachtung orientiert sind, eher den männlichen autistischen Verhaltenstyp ab als den weiblichen. Zweitens kann vermutet werden, dass die weiblichen Betroffenen einem höheren sozialen Druck ausgesetzt sind und sich somit stärker anpassen müssen, um im sozialen Gefüge, beispielsweise der Schule, toleriert zu werden. Drittens ist zumindest denkbar, dass weibliche Betroffene im Durchschnitt höhere kompensatorische Möglichkeiten der sozialen Anpassung haben. Insofern verwundert es nicht, dass der Autismus von Birgit Saalfrank bis weit ins Erwachsenenalter hinein als solcher nicht erkannt wurde.
Im vorliegenden Buch beschreibt sie eindrücklich, wie sie mit allen erdenklichen Mitteln versuchte, ihr Anderssein, das für sie selbst keinen anderen Namen hatte als ein vages Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt, vor der Welt und damit auch vor sich selbst zu verstecken. Mit außerordentlicher Willenskraft lernte sie im Psychologiestudium die Codes neurotypischen Sozialverhaltens und entwarf Algorithmen, um sie nachzubilden. Dies hatte durchaus »Erfolg« in dem Sinn, dass ihr von Partnerschaft bis zur beruflichen Karriere vieles gelang, allerdings unter Aufbietung aller mentalen Kräfte und unter Verlust eines zentralen Teils des Selbst (im Buch heißt dieser »Würzel«).
Der Autismus ist nun nicht nur im Leben der Autorin lange versteckt geblieben, sondern auch im Text des vorliegenden Buches über weite Strecken wenig sichtbar. Aber an Stellen wie der folgenden wird dann plötzlich deutlich, wie fundamental anders das Leben und seine sozialen Bezüge wahrgenommen und prozessiert werden: »(…) und ich erinnerte mich an eine Situation von früher, in der mir klar geworden war, dass Beziehungen zu anderen Menschen nicht allesamt identisch waren, sondern dass jede Beziehung anders war. Das hatte ich lange Zeit nicht verstanden. Zum Beispiel war ich während des Studiums davon ausgegangen, dass alle Beziehungen und Kontakte, die man hat, die gleiche Art von Nähe und Intimität aufweisen.« Man ahnt vor diesem Hintergrund immer wieder, wie anstrengend es gewesen sein muss, trotz des basalen Unterschiedenseins eine »neurotypische Oberfläche« zu produzieren. Das mehrfach (und retrospektiv auch kritisch) zitierte »Ich kann, was ich will!« wird in seiner Kraft an vielen Stellen deutlich, am Ende aber lässt sich das Buch als starkes Plädoyer für die Aussöhnung mit dem eigenen Sosein lesen, für die Akzeptanz der eigenen Grenzen, für das damit verbundene Loslassen des Kampfes und das Zulassen von Glück.
Interessanterweise wird auch der Text nach dem autistischen Schub, also der Hinwendung zu den eigenen autistischen Anteilen, spürbarer und entwickelt Sog und Kraft, auch wenn oder gerade weil die Autorin plötzlich das wird, was sie schon immer war: sie selbst und somit anders als viele ihrer Mitmenschen. Die Metamorphose zum eigenen Sosein, das in vielerlei Hinsicht nicht »passt« – zur Arbeitswelt, zu den Klischees eines Menschen und zum Selbstentwurf –, ermöglicht am Ende lebendige Kontakte und Beziehungen und auch ein Wieder-offen-Werden für die vielen Gemeinsamkeiten mit anderen Menschen.
Das Buch ist mindestens ebenso, wie es ein Buch über hochfunktionalen Autismus ist, ein Buch über den Wandlungsprozess in der Psychotherapie/Psychoanalyse. Und da die Autorin Psychotherapie von beiden Seiten her kennt und wie nebenbei die eigenen inneren Transformationsprozesse reflektieren kann, gelingt ihr die Darstellung der Psychoanalyse in außerordentlicher Dichte, immer wieder erinnernd an Tilmann Mosers »Lehrjahre auf der Couch«. Psychotherapie zeigt sich hier als die Kunst, den oft schwierigen und hochgradig beängstigenden Weg zu sich selbst zu begleiten, ohne Vorgaben durch Normen, wie der Mensch zu sein habe, was er wollen müsse und was seine natürlichen Fähigkeiten und Bedürfnisse seien. Das Buch zeigt, dass Psychotherapie dort ihre Stärke gewinnt, wo sie ihre eigenen Interpretationsschemata und impliziten Stereotypien davon, was Menschsein ist, infrage zu stellen wagt. Und es ist ein starkes Argument für Psychotherapie ohne vorgegebene Weg- und Zielvorgaben. Es bleibt mir noch, dem Buch eine neugierige, offene und vielleicht sogar lernbereite Leserschaft zu wünschen.
PD Dr. med. Dr. phil. Andreas Riedel
Spezialambulanz für Autismus-Spektrum-Störungen
im Erwachsenenalter
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
am Universitätsklinikum Freiburg i. Br.
Prolog
September 2011.
Ich stehe mit Anna an einer Tischtennisplatte in einem kleinen Park in Frankfurt am Main. Gerade haben wir in einem nahe gelegenen Café einen Cappuccino getrunken. Anna hatte vorgeschlagen, ein bisschen Tischtennis zu spielen.
Aber meine Gedanken sind woanders.
Heute habe ich endgültig meine berufliche Wiedereingliederung als Leitung eines Psychosozialen Zentrums aufgeben müssen. Ich bin eindeutig zu krank dafür. Kann nicht mehr. Kann gar nicht mehr.
Seit vielen Jahren bin ich ausgebrannt. Jetzt ist wohl das Ende da.
Wie soll mein Leben weitergehen? Muss ich in Rente gehen? Mit nur vierzig Jahren? Ein entsetzlicher Gedanke.
Meine Welt bricht zusammen. Wieder einmal.
Herkunft
Dass ich tatsächlich anders war als andere Menschen, war mir lange Zeit nicht wirklich bewusst. Das lag daran, dass ich Persönlichkeit als etwas ansah, was man bei sich selbst beliebig formen und gestalten kann. Der Satz »Ich kann, was ich will!« formte sich in mir schnell zu dem Glauben »Ich kann sein, wer ich will!«. Ich wusste nicht, dass jeder Mensch von Natur aus bestimmte Anlagen mitbringt, die seine Identität zu einem großen Teil determinieren. Meine Mutter hatte mir von früh an vermittelt, dass es wichtig sei, lustig und fröhlich zu sein, damit andere Menschen Interesse daran hätten, mit mir zusammen zu sein. Dieser Maxime, die meiner eigentlichen Persönlichkeit zutiefst widersprach, folgte ich über viele Jahre – in der Hoffnung, auf diese Weise endlich guten Kontakt zu anderen Menschen herstellen zu können. Durch dieses anhaltende Bemühen meinerseits, anders zu sein, als ich war, dauerte es auch so lange, bis ich schließlich im Alter von 39 Jahren als Asperger-Autistin diagnostiziert wurde.
Aber ich will von Anfang an erzählen.
Auf der Welt
Ich war das erste Kind meiner Eltern und kam an einem sonnigen Mittwoch im März 1971 in der Münchner Uniklinik auf die Welt – unterstützt von einer Saugglocke, da ich etwas schräg im Mutterleib lag. Direkt nach der Geburt erbrach ich alles, da ich wohl Fruchtwasser geschluckt hatte, und hatte Saugschwierigkeiten, also wurde ich die ersten sechs Tage künstlich ernährt. Gestillt worden bin ich nicht.
Gesprochen habe ich schon sehr früh, laufen gelernt jedoch erst im siebzehnten Lebensmonat. Das weiß ich so genau, weil meine Mutter in meinen ersten Lebensjahren für eine Forschungsstelle der Münchner Uniklinik meine Entwicklung genau protokolliert hat.
Meine Mutter bemühte sich von früh an darum, dass ich mit anderen Kindern spiele. Immer wieder setzte sie mich in den Sandkasten zu Gleichaltrigen, aber ich krabbelte immer zu ihr zurück. Sie tat das, so sagt sie heute, weil sie selbst als Kind nie mit Gleichaltrigen spielen durfte und sie ihre eigenen Kontaktschwierigkeiten darauf zurückführte. Mit drei Jahren kam ich in den Kindergarten, kurz nachdem wir von München nach Oberursel im Taunus, in die Nähe von Frankfurt am Main gezogen waren. Ich weinte nach Aussage meiner Mutter immer sehr lange, wenn sie mich morgens im Kindergarten abgab. Erinnerungen an die Kinder aus meiner Gruppe oder was ich dort gespielt hätte, habe ich nicht. Es gibt nur ein Mädchen, mit dem ich auch außerhalb des Kindergartens weiter befreundet war.
Vor einiger Zeit habe ich mit meiner Mutter sämtliche Fotos aus meiner Kinderzeit angeschaut. Dabei ist uns aufgefallen, dass ich bis zum Alter von etwa drei Jahren stets fröhlich und aufgeweckt auf den Bildern wirkte. Vom dritten oder vierten Lebensjahr an sehe ich jedoch fast immer ernst und verschlossen aus. Ob das nun an dem Umzug von München nach Oberursel lag, daran, dass ich nun in den Kindergarten ging oder an dem beginnenden Asperger-Syndrom, lässt sich im Nachhinein nur schwer beantworten.
Das große Ehebett meiner Eltern beziehungsweise genauer gesagt der Raum darunter war eine Schatzkiste für mich. Man konnte nämlich unter das Bett krabbeln, wo lauter interessante Sachen verstaut waren, zum Beispiel alte Schuhe oder auch die Stöckelschuhe meiner Mutter, über die ich mich schon als kleines Kind lustig gemacht habe, weil ich nicht verstand, wieso erwachsene Frauen so unpraktische Schuhe anzogen, in denen man kaum laufen konnte. Was ich auch sehr geliebt habe, war der Raum unterhalb des Arbeitstisches meiner Mutter im Elternschlafzimmer. Gelegentlich habe ich Decken über den Tisch gelegt und mir dort eine Höhle gebaut, in der ich mich gut geschützt aufhalten konnte.
Frühes Leid
Kurz vor meinem fünften Geburtstag, als meine Mutter mit meiner Schwester schwanger war, brachten mich meine Eltern zu einer Kinderpsychologin, die zunächst verschiedene Tests und Untersuchungen mit mir anstellte. Gründe dafür gab es mehrere: Ich litt unter Pavor Nocturnus, also nächtlichen angstvollen Schreianfällen, aus denen mich meine Eltern nur schwer aufwecken konnten. Ich hatte außerdem oft »Beinweh« als Kind: Die Waden schmerzten dann sehr unangenehm. Einmal wachte ich nachts auf und saß in der Badewanne, während meine Eltern besorgt um mich herumstanden. Sie dachten damals offensichtlich, dass ich vielleicht weinte, weil mir die Beine wehtaten, und setzten mich in die Wanne in der Hoffnung, dass mir das warme Wasser guttun würde. In dieser Zeit wurden bei mir öfters EEGs abgeleitet, da die Ärzte im Zusammenhang mit meinen nächtlichen Schreianfällen, die mit Verkrampfungen der Hände einhergingen, den Verdacht auf ein cerebrales Anfallsleiden hatten, der sich aber nicht bestätigte. Außerdem machte sich meine Mutter Sorgen, dass ich im Kindergarten mit den anderen Kindern nicht gut zurechtkommen würde. Diese Sorgen hat meine Kindergärtnerin laut dem Gutachten der Psychologin jedoch nicht geteilt, sie empfand mich weder als ängstlich noch als störend. Allerdings fand sie, dass ich noch lernen müsse, in Gruppen zu spielen und mich in diese zu integrieren. Wenn ich mit einem anderen Kind spielte, dann immer nur in der Eins-zu-eins-Situation, alles andere überforderte mich. Darüber hinaus habe ich bis zu meinem fünften Geburtstag noch ins Bett gemacht beziehungsweise hatte nach unserem Umzug nach Oberursel diesbezüglich einen Rückfall.
Ich war schon als Kind sehr geräuschempfindlich, hielt mir zum Beispiel immer die Ohren zu, wenn ein Zug vorbeifuhr. Außerdem hatte ich einige vokale Stereotypien, das heißt, ich wiederholte bestimmte Wörter oder Sätze, wo es nicht notwendig gewesen wäre. Wenn mir etwas gut gefiel, erkundigte ich mich beispielsweise bei meinen Eltern, ob wir das »immer mal wieder« machen würden und war erst beruhigt, wenn sie meine Frage bejahten. Als ich dann in die Schule kam, ging ich jeden Morgen mit dem an meine Mutter gerichteten Satz aus dem Haus: »Du bist da, wenn ich komme, sonst gehe ich zu Fichtes.« Meine Mutter musste mir dann versichern, dass sie mich verstanden hatte. Die Familie Fichte wohnte auch in unserer Spielstraße, sie hatten zwei Söhne in meinem Alter.
Die folgenden Angaben über meinen Entwicklungsstand und meine Auffälligkeiten habe ich dem Befundbericht der damaligen Psychologin entnommen, der mir vorliegt. Darin schreibt sie, dass sie bei mir eine »extravertierte Erlebnisrichtung« feststellt, was so gar nicht mit meinem rückblickenden Selbsterleben zusammenpasst. Mit Extraversion bezeichnet man eine nach außen gewandte Haltung und Aufgeschlossenheit gegenüber der Umwelt und anderen Menschen, während introvertierte Menschen eher auf sich selbst bezogen und mit ihrem Innenleben beschäftigt sind. Vielleicht zeigte sich dieses Extravertierte in der Untersuchungssituation aber auch nur deshalb, weil ich alleine mit einer erwachsenen Person sprach, die sich mir vermutlich freundlich zuwandte. Im Kontakt mit fremden beziehungsweise mehreren Kindern gleichzeitig (zum Beispiel im Kindergarten oder später in der Schule) verhielt ich mich meiner Erinnerung nach immer eher zurückhaltend, beobachtend und still.
Die Psychologin diagnostizierte außerdem starke Antriebsenergien, die sich noch inadäquat am eigenen Körper abreagieren würden (zum Beispiel Haare drehen), sowie weitere Stereotypien bezüglich des Sammelns und Hortens – ich sammelte unter anderem Bierdeckel, Postkarten, Schlümpfe und benutzte Eisverpackungen. Oftmals sprach ich kindisch und verhielt mich zwanghaft in Bezug auf das Schließen von offenen Schubladen oder ich strich umgelegte Teppichecken wieder gerade (das allerdings schon als Kleinkind in München). Mein Selbstbewusstsein war eher gering ausgeprägt, stellte die Psychologin fest.
Auf einem Bild malte ich mich ganz nah bei meiner Mutter und keine anderen Kinder dazu, was interpretiert wurde als nicht mehr ganz altersgemäße Orientierung in Richtung Mutter statt hin zu Gleichaltrigen. Das passt gut, ich glaube, ich war sehr auf meine Mutter bezogen. Erst im Lauf der Grundschuljahre gelang es mir, alleine bei meiner Freundin Martina zu übernachten. Ich hatte abends sonst Heimweh und meine Eltern mussten mich einige Male spätabends wieder abholen kommen.
Von der Psychologin danach gefragt, wen ich am meisten lieben würde, gab ich damals meinen Teddy an, d. h. keine Bezugsperson. Bei einem Test musste ich mehrere Sätze vervollständigen: Traurig und schlimm fand ich es demnach immer, wenn ich alleine zu Hause war – was komisch ist, da ich mich real nicht daran erinnern kann, dass meine Eltern mich je alleine zu Hause gelassen hätten. Auch meine Mutter bestreitet das; eine Ausnahme war höchstens, dass sie manchmal zum Einkaufen ging, wenn ich nachmittags schlief.
Die Psychologin mutmaßte, dass ich insgesamt unter Verlassenheitsgefühlen in der Familie litt und unter entsprechenden Wünschen nach Zuwendung, die eventuell zu stark seien. Den Satzanfang »In meiner Familie bin ich ...« hatte ich folgendermaßen vervollständigt: »... Gast, so wie wenn einer zu Besuch ist.«
Dann sollte ich einen Wunsch angeben, den ich gern erfüllt hätte. Das war für mich ein großer Plüschesel (den ich allerdings schon besaß). Schon als Kind hatte ich eine intensive Beziehung zu meinen Kuscheltieren, die aufgereiht neben mir im Bett schliefen und fast ein Drittel des Bettes einnahmen. Mit Puppen konnte ich nichts anfangen, auch mit Barbiepuppen nicht.
Im Anschluss an die Diagnostik nahm ich an insgesamt 35 Spieltherapiestunden teil, zusammen mit zwei anderen Mädchen in meinem Alter. Besondere Erinnerungen an diese Zeit habe ich jedoch nicht mehr, auch nicht an die anderen beiden Kinder.
Damals malte ich gern. Ich erinnere mich, dass ich in meiner Grundschulzeit immer dann, wenn ich einen Menschen oder ein Tier alleine auf ein Blatt Papier malte, in einer Sprechblase dazuschrieb: »Ich kann zaubern.« Es war mir ganz wichtig, dass das Geschöpf auf dem Papier sich jederzeit einen Gefährten dazuwünschen könnte, damit es nicht ungewollt alleine sein müsste.
In einem Winter meiner Kindergartenzeit baute ich einmal auf einem Feld einen großen Schneemann. Danach wollte meine Mutter mit mir nach Hause gehen. Aber ich war so traurig, weil der Schneemann alleine war. Also baute ich für ihn einen weiteren kleinen Schneemann, damit er Gesellschaft hätte. Dann erst war ich bereit für den Heimweg.
Als Kind bin ich nachts immer zu meinen Eltern ins Bett gekrochen. Meine Mutter erzählte mir, dass sie deswegen oft nicht habe schlafen können. Irgendwann sei sie einmal so erschöpft und verärgert gewesen, dass sie mich weggeschickt und gesagt habe, wenn ich noch einmal käme, ginge sie in ein Hotel. Das muss mich so erschreckt haben, dass ich daraufhin nie wieder zu ihr ins Bett ging. Im Nachhinein tat meiner Mutter ihr Ausbruch leid, wie ihr überhaupt vieles leidtut aus unserer Kindheit, beispielsweise dass wir nicht miteinander geredet haben und es in unserer Familie nicht heiter und unbeschwert zugegangen ist. Letzteres habe ich persönlich aber gar nicht vermisst. Es wäre nur gut gewesen, wenn sich jemand emotional um mich gekümmert hätte, was nicht der Fall gewesen ist. Das lag sicher an verschiedenen Faktoren. Zum einen kannten es meine Eltern, die beide Kriegskinder waren, auch nicht aus ihren Familien, dass man miteinander redete und emotional für seine Kinder da war – zumindest in der Familie meiner Mutter war das so. Darüber hinaus hat meine Mutter in Bezug auf soziale Interaktionen und ihre Empathiefähigkeit in meinen Augen ebenfalls deutlich autistische Züge und konnte deshalb nur eingeschränkt auf meine emotionalen Bedürfnisse eingehen. In Bezug auf meinen Vater bin ich mir relativ sicher, dass er die Diagnose eines Asperger-Syndroms erhalten hätte, wenn damals die hochfunktionale Diagnostik schon so weit gewesen wäre.
Obwohl ich in einer emotional sehr kargen Familienatmosphäre aufgewachsen bin, waren meine Eltern durchaus bemüht um mich. Das zeigt sich beispielsweise daran, dass meine Mutter mich im Alter von fünf Jahren zu der genannten Psychologin gebracht hat. Außerdem hat sie ein Jahr später einen ausführlichen, zweiseitigen Brief an die Münchner Uniklinik geschrieben und um Rat ersucht: Ich würde mich von mir selbst aus so gut wie nie zu einer Aktivität aufraffen können, sondern die meiste Zeit in der Wohnung herumsitzen oder -liegen. Wenn meine Mutter etwas mit mir machen würde, würde nichts dabei herauskommen, zum Beispiel nur Farbgekritzel. Oft würde die Tätigkeit dann auch bald wieder von mir abgebrochen werden. Sie erlebe mich als sehr antriebsarm, lustlos, passiv und ständig über Müdigkeit klagend. Offensichtlich litt ich damals schon unter einer depressiven Symptomatik, vielleicht als Reaktion auf die Einschulung und meine Schwierigkeiten mit den anderen Kindern. Ich hatte meiner Mutter damals erzählt, dass ich in den Pausen von anderen Kindern oft »gefangen« wurde, was mir große Angst gemacht hat. In den Pausen stand ich viel herum und spielte nicht mit den anderen Kindern, obwohl ich es gerne gewollt hätte.
Mit den Jahren hat sich die depressive Symptomatik wohl von selbst wieder etwas gebessert beziehungsweise ist nicht mehr so deutlich in Erscheinung getreten.
Spiele
Gemeinsam mit meiner Schwester Simone, die fünfeinviertel Jahre jünger ist als ich, teilte ich mir bis kurz vor meinem dreizehnten Geburtstag das Kinderzimmer. Wir hatten ein gemeinsames Etagenbett: Ich schlief oben, Simone unten. Wichtig war mir von jeher, meine Sachen beziehungsweise meinen Raum abzugrenzen. Dabei legte ich einmal mithilfe einer Schnur eine genaue Grenze zwischen Simones und meinen Teil des Zimmers und untersagte meiner Schwester, meinen Teil zu betreten.
Als Kind besaß ich einen kleinen gelben Koffer, den ich mit Spielsachen befüllen und selbst tragen durfte, wenn wir zu meiner Oma (mütterlicherseits) nach Sigmaringen fuhren. Ich liebte es, die Sachen darin immer wieder neu zu ordnen, sodass der Platz im Koffer optimal ausgefüllt werden konnte. Fast alle Ferien verbrachten wir im Haus meiner Oma, da meine Eltern kein Geld hatten, um mit uns weiter weg in Urlaub zu fahren.
Wenn wir bei meiner Oma waren, fand immer ein großes Familientreffen statt. Meine Cousins und Cousinen hatten leider bald herausgefunden, dass mir mein Teddy sehr wichtig war. Also nahmen sie ihn mir einmal weg, hielten ihn aus dem Fenster des ersten Stocks und drohten, ihn fallen zu lassen. Das war schlimm für mich, da meine Stofftiere für mich echte Lebewesen waren, die Schmerzen empfinden konnten. Ich konnte auch nie aushalten (und kann es bis heute) nicht, wenn ich einem Kuscheltier ein Bein umgeknickt hatte, denn für mein Empfinden tut ihm das weh!
Meine Schwester und ich durften nur selten fernsehen, und wenn, nur ausgewählte Sendungen. Meine Mutter hielt viel von der antiautoritären Erziehung und war ein großer Fan der Kindersendung »Rappelkiste«, in der die beiden Handpuppen »Ratz und Rübe« selbstbewusst ihre Meinung zu Angelegenheiten von Kindern vorbrachten. Die Erwachsenen schnitten dabei oftmals schlecht ab. Dann gab es natürlich noch die »Sendung mit der Maus«. In eine ähnliche Richtung ging auch die Sendung »Löwenzahn« mit Peter Lustig, die ich ebenfalls gucken durfte und gerne mochte.
Am meisten geprägt haben mich in meiner Kindheit die Bücher von Astrid Lindgren, insbesondere »Wir Kinder aus Bullerbü«. Die dort geschilderte Lebensweise und die Freundschaften unter den Kindern der drei nebeneinanderliegenden Höfe hatten es mir sehr angetan. Auch »Pippi Langstrumpf« bekam ich als Buch vorgelesen, ich durfte sogar die entsprechenden Filme im Fernsehen anschauen. Meine Mutter mochte Pippi Langstrumpf, weil sie so selbstbewusst, unkonventionell und autonom war.
Mein Vater war für die Ordnung zuständig und zeigte mir, wie man seine Sachen auf den Regalen sinnvoll platziert. Dazu bildete er mit mir gemeinsam Kategorien meiner Spielsachen, gruppierte sie und klebte ein Schild mit der Bezeichnung der jeweiligen Kategorie auf die Regalbretter. Das gefiel mir sehr gut, denn so hatte alles seine Ordnung. In seinem Arbeitszimmer stand ein großer gepolsterter Drehstuhl vor dem Schreibtisch. Das Zimmer meines Vaters durfte ich nur sehr selten betreten. Das war zum Beispiel dann der Fall, wenn ich von ihm, auf seinem Schoß sitzend, die Fingernägel geschnitten bekam. Ganz oben auf einem Regal hatte er einen Pappkarton mit Büroartikeln. Ich liebte diese Kiste mit Stiften, Blöcken, Tesafilm und Aufklebern sehr und durfte sie mir manchmal mit ihm zusammen anschauen.
Als Kind bin ich nie in eine Rolle geschlüpft, habe also nie mit anderen Kindern Räuber und Gendarm oder Ärztin oder Krankenschwester gespielt und habe mir auch nie vorgestellt, ich sei eine Hexe oder Pippi Langstrumpf. Das galt auch für den Umgang mit Spielsachen. Ich habe zum Beispiel für meine Schlümpfe aus Eierkartons mit Watte darin »Schlumpfboote« gebaut. Ich setzte sie dann auch hinein. Aber während andere Kinder dann erst anfingen, mit den Schlümpfen zu spielen, war mein Spiel abgeschlossen, sobald alles fertig aufgebaut war. Ich hatte ein Puppenhaus, mit dem ging es genauso. Man konnte die einzelnen Räume einrichten, aber wenn ich das getan hatte, verlor ich das Interesse an dem Puppenhaus. Ich erinnere mich nur an ein einziges Mal, bei dem ich an einem Rollenspiel mit Kindern aus unserer Straße teilnahm. Ich war sehr verunsichert und versicherte mich bei einem der älteren Kinder, dass wir jetzt auch wirklich nur spielen und dass es nicht wirklich ist, was wir nun tun. Besser klar kam ich mit den anderen Kindern, wenn wir gelegentlich zusammen Rollschuh liefen oder Fahrrad fuhren. Manchmal malten wir auch mit Kreide oder roten und weißen Steinen die Straße an. Gerne spielten wir im Sommer auf der Straße Gummitwist, manchmal auf Socken, weil man damit besser springen konnte.
Einmal passierte es, dass ich mit einem etwas jüngeren Kind auf der Straße spielte. Ich war etwa sieben Jahre alt. Wir hatten einen Eimer voll Wasser und Dreck darin. Nach einiger Zeit stritten wir uns, und ich war wütend. Daraufhin drohte ich dem Jungen, wenn er nicht aufhören würde, mich zu ärgern, würde ich ihm den Eimer Wasser über den Kopf schütten. Er hörte nicht auf, und ohne zu zögern, tat ich, was ich vorher angekündigt hatte. Danach war ich sehr erschrocken über mein Tun. Noch heute führe ich meine Angst davor, intrusive autoaggressive Gedanken in die Tat umzusetzen (wie zum Beispiel der Gedanke: »Ich könnte da jetzt runterspringen!«, wenn ich auf einer Brücke oder vor einem offenen Fenster stehe), auf diesen Impulsdurchbruch als Kind zurück.
Meine wichtigste Freundin in der Kindheit war Martina, deren Großeltern in unserem Haus in Oberursel wohnten. Sie besuchte mich gerne, denn meine Mutter erlaubte viele unkonventionelle, kreative Spiele und Beschäftigungen. Einmal haben wir uns mit Fingerfarbe angemalt und wurden danach von meiner Mutter in die Badewanne gesetzt, um wieder sauber zu werden. Wenn meine Mutter Pizza backte, durften wir uns auch etwas Teig nehmen. Wir haben daraus Mini-Pizzen geformt und sie jeweils besonders belegt. An anderen Tagen breiteten Martina und ich in der Küche Papier von einer großen, noch unbedruckten Zeitungspapierrolle aus. Wir legten uns auf den Boden und zeichneten auf dem Papier die Körperkonturen der anderen nach. Anschließend malten wir unser Abbild mit Fingerfarben bunt aus. Wenn Martina bei mir übernachtete, knüpften wir uns gelegentlich zusammen in einen Bettbezug ein. Meine Mutter brachte uns dann Frühstück und wir speisten darin wie in einer Höhle.
Was ich besonders liebte, waren alle Arten von Bewegungsspielen: So hatten wir in unserem Wohnzimmer öfters einen »Saltoplatz«, sprangen und turnten auf den übereinandergestapelten Sofas herum. Oder wir sprangen aus einiger Entfernung in einen Handstand, stützten uns dabei mit den Köpfen an der Sofakante ab. Einmal wollte ich einen Rekord im Purzelbaumschlagen aufstellen. Ich machte auf unserer bunten Matratze 704 Purzelbäume, vorwärts und rückwärts im Wechsel. Als ich dann aufstand, fiel ich einfach um. Kein Wunder, mein Gleichgewichtsorgan muss völlig orientierungslos gewesen sein.
Während der Grundschulzeit war ich an Fasching über einige Jahre als Affe verkleidet. Dazu zog ich ein braunes plüschiges Kostüm an, das meine Mutter für mich genäht hatte. Ich liebte es, »Affe« sein zu können, rannte auf allen vieren in einem Heidentempo durch die Gegend und schrie dabei nach Affenart. Der Schwanz des Kostüms bestand aus Draht, der mit Schaumstoff und braunem Stoff umwickelt war. Wenn mir jemand blöd kam, nahm ich einfach den Schwanz des Affenkostüms und schlug den anderen damit.
Telefonieren gehörte als Kind nicht zu meinen Stärken. Wenn ich aus der Schule kam und nachmittags nichts vorhatte, konnte es vorkommen, dass ich bei Martina zu Hause anrief. Das Gespräch lief dann wie folgt ab: »Hallo, hier ist Birgit Saalfrank. Ist die Martina da?« Einige Zeit verging, Martina kam ans Telefon. Dann fragte ich sie: »Hallo. Kannst du?« Das sollte heißen: Hast du heute Nachmittag Zeit für ein Treffen? Wenn sie verneinte, sagte ich: »Also, tschüss.« Das war das ganze Gespräch.
Abends dauerte es manchmal lange, bis ich einschlief. Da ich oben in unserem Etagenbett lag, war es für mich immer etwas umständlich, hinunterzuklettern. Deshalb kam es oft vor, dass ich nach meiner Mutter rief, zum Beispiel, wenn ich Durst hatte. Manchmal auch einfach, um ihr zu sagen, dass ich mich ganz unter die Bettdecke verkriechen würde, denn ich machte mir Gedanken um meine Eltern, die in meiner Vorstellung denken könnten, ich sei nicht mehr da und sich dann erschrecken würden. Also sagte ich ihnen vorher immer Bescheid, damit sie sich keine Sorgen machten. An einem Abend rief ich zum wiederholten Mal nach meiner Mutter. Sie kam zu mir, war aber so aufgebracht wegen meines ständigen Rufens, dass sie mir eine Ohrfeige gab. Ich habe sie daraufhin völlig empört angesehen. Sie hat das nie wieder getan.
Sport
Jeden Freitagabend gingen Martina und ich zum Turnen in die große Turnhalle meiner Grundschule. Zuerst mussten die Geräte aufgebaut werden, also zum Beispiel das Reck, das Pferd, der Schwebebalken oder auch Matten für das Bodenturnen. Zu Anfang der Stunde liefen wir eine Weile im Kreis herum und machten Dehnübungen, um warm und beweglich zu werden. Dann übten wir an den Geräten und bekamen Rückmeldung und Verbesserungsvorschläge von unserer Trainerin Frau Göckler. Manchmal sprangen wir auch auf dem großen Trampolin oder übten auf dem kleinen mit Anlauf verschiedene Sprünge, zum Beispiel Strecksprung oder Hocksprung oder später auch Salto. Die anderen Kinder duzten Frau Göckler nach einiger Zeit und nannten sie liebevoll »Göcki«. Ich verstand, dass es gut wäre, wenn ich das auch täte, weil dieser Kosename eine gewisse Vertrautheit mit unserer Turnlehrerin ausdrückte. Um es den anderen Kindern gleichzutun und mich nicht ausgeschlossen zu fühlen, bemühte ich mich darum, Frau Göckler so anzusprechen, aber es fühlte sich immer fremd an, ich fühlte mich dabei fremd, und das blieb auch so.
Am Wochenende fuhren wir manchmal zu Wettkämpfen in unserer Region. Ich mochte diese Stimmung von Konzentration, Spannung und Leistungsbereitschaft sowie die Hallen mit den ganzen aufgebauten Geräten darin. Besonders aufgeregt war ich nicht bei Wettkämpfen, nur etwas angespannt und konzentriert.
Zu Pfingsten fuhr unser Turnverein immer mit allen Kindern, die daran teilnehmen wollten, ins Zeltlager nach Laubuseschbach. Auf dem dortigen Campingplatz wurden zwei oder drei sehr große Zelte aufgebaut, in denen wir zu mehreren schliefen. Einmal bin ich auch mit dabei gewesen. Ich fühlte mich dort aber sehr fremd, konnte mit den Spielen im Wald nicht wirklich viel anfangen. Die anderen Kinder meines Alters – Martina war auch mit dabei – massierten den älteren Mädchen, die im Turnen unsere Vorbilder waren, oft im Zelt den Rücken. Dazu konnte ich mich nun wirklich nicht durchringen, also beobachtete ich dieses Treiben aus sicherer Entfernung. Ich verstand auch nicht, wozu das gut sein sollte. Ich fühlte mich im Zeltlager verloren und völlig fehl am Platz. Einmal teilzunehmen reichte mir, ich bin danach nie wieder mitgefahren.
Empathie
Ich möchte gerne noch etwas darüber erzählen, wie meine Eltern auf Schmerzen oder Unfälle reagiert haben und wie ich selbst als Kind mit Schmerzen umgegangen bin.
Beim Brennball in der Schule bekam ich einmal den kleinen Lederball direkt auf meinen Ringfinger. Das tat sehr weh, der Finger war geschwollen und es dauerte ziemlich lange, bis die Schwellung zurückging. Aber wenn ich Schmerzen hatte, sagte meine Mutter immer nur: »Es tut einem schon mal etwas weh, das geht schon wieder weg.« Damit war die Sache erledigt. Zum Arzt ging man deswegen nicht.
Als ich etwa sieben Jahre alt war, quetschte mir Martinas Mutter versehentlich den Finger in der schmiedeeisernen Vorgartentür unseres Hauses. Sie reagierte ganz betroffen, wandte sich mir zu und entschuldigte sich. Das war eine ganz eindrückliche emotionale Erfahrung für mich. Ich erlebte dadurch zum ersten Mal, dass jemand mit mir mitfühlte.
Als ich neun Jahre alt war, hatten wir einen Autounfall in der Stadt. Ich hatte davon einen dicken Bluterguss am Schienbein, der mit der Zeit in allen Farben leuchtete. Meine Mutter fragte mich nie, ob das wehtat. Meine Turnlehrerin, Frau Göckler, dagegen schon. Als ich nach dem Autounfall zum Turnen ging, fragte sie mich, wie es mir gehe. Ich horchte erstaunt auf: Das kannte ich nicht von zu Hause. Mich hatte noch nie jemand mitfühlend gefragt, wie es mir geht. In meiner Familie wurde nicht über Gefühle und das eigene Befinden gesprochen. Ich erinnere mich auch an kein einziges Mal, dass ich wegen Krankheit nicht zur Schule gegangen wäre. Das gab es irgendwie nicht, krank zu sein.
Mit vierzehn habe ich meine Cousine Franzi im Schwarzwald besucht. Sie war geübt im Skifahren. Ich dagegen hatte nur ein paarmal auf Skiern gestanden. Franzi fuhr vor mir einen Abhang hinunter und bedeutete mir, es ihr gleichzutun. Bei der Abfahrt knickte ich jedoch um und spürte einen heftigen Schmerz im rechten Knöchel. Wieder zu Hause angekommen, war mein Fuß dick geschwollen und blieb es über einige Tage. Bei einer Routineuntersuchung einige Jahre später fragte mich ein Arzt, ob ich am rechten Fuß schon einmal einen Bänderriss gehabt hätte, da mein Fußgelenk in einer Richtung überbeweglich war. Das muss genau diese Verletzung gewesen sein. Jedenfalls ist meine Mutter auch bei diesem Unfall nicht mit mir zum Arzt gegangen.
Als Gegensatz zum Erlebnis mit dem gequetschten Finger passierte es mir einmal, dass ich mich zu Hause beim Gemüseschneiden in der Küche mit einem Messer verletzte. Der Finger blutete, ich hatte mich ordentlich geschnitten. Doch anstatt mich an meine Mutter zu wenden, lief ich aus der Küche und versteckte mich, da ich Angst hatte, von ihr deswegen ausgeschimpft zu werden.
Was ich sagen will, ist, dass ich in meiner Kindheit nur selten erlebt habe, dass meine Mutter auf meine Verletzungen oder Schmerzen mit Mitgefühl reagiert hätte. Sie tat alles als bedeutungslos ab, im Sinne von: Stell dich nicht so an! Später wusste ich deshalb auch nicht damit umzugehen, wenn andere Menschen empathisch mit mir waren.
Mein Vater reagierte in solchen Situationen noch einmal anders. Mit etwa elf Jahren war ich beim Radfahren auf unserer Straße gestürzt, dabei über den Lenker gefallen und hatte mir sehr wehgetan. Ich klingelte daraufhin zu Hause, mein Vater war da und drückte auf. Mir gelang es zuerst gar nicht, das Gartentor zu öffnen, weil ich unter Schock stand, sehr zitterte und keine Kraft in den Armen hatte. Endlich oben angekommen, sah mein Vater mich ganz erschrocken an. Er ließ sofort Badewasser für mich ein und setzte mich in die Wanne. Danach bekam ich überall Pflaster aufgeklebt. Er reagierte also vor allem ganz praktisch auf meine körperlichen Blessuren und versorgte mich diesbezüglich. Andere Eltern hätten ihr Kind vielleicht erst einmal in den Arm genommen und getröstet.
Als ich etwa zehn war, kamen wir am Morgen nach einer heftigen Regennacht in die Turnhalle. Die Decke war undicht und es hatte sich in einer Ecke eine große Wasserlache gebildet, die man aber nicht sah. Ich rutschte darauf aus und fiel mit dem Hinterkopf und dem Rücken direkt auf den Boden – und stand auf, als sei nichts passiert. Die Sportlehrerin war zu Anfang sehr besorgt, da ich jedoch gleich aufstand, ließ sie mich in Ruhe. Ich traute mich nicht, über Schmerzen zu klagen (die ich natürlich hatte), da mir klar war, dass sich die Sportlehrerin dann um mich gekümmert hätte. Aufgrund meiner mangelhaften Erfahrung mit Empathie hätte ich nicht gewusst, wie ich mit ihrer emotionalen Zugewandtheit umgehen sollte. Außerdem hätte ich es nicht ertragen, vor allen anderen Kindern im Mittelpunkt zu stehen. Glücklicherweise ist mir damals offensichtlich nichts wirklich Schlimmes passiert. Im Nachhinein denke ich, ich hätte ja auch eine Gehirnerschütterung oder eine Blutung im Kopf davontragen können.
Noch ein Beispiel, wie in meiner Familie mit psychisch belastenden Situationen umgegangen wurde: Als ich mit neun zufällig bei meinen Großeltern zu Besuch war, starb mein Großvater. Ich hatte keine besonders enge Beziehung zu ihm gehabt, aber vorher noch nie einen Toten gesehen. Meine Mutter weckte mich an diesem Morgen und teilte es mir mit. Ich strahlte sie an, weil ich überzeugt war, dass sie einen Witz gemacht hatte, was aber nicht der Fall war. Ich zog mich an und wurde ohne weitere Erklärung in das Schlafzimmer meiner Großeltern geführt, in dem nun mein toter Opa lag. Das machte mir Angst. Auch danach wurde nicht weiter mit mir über den Todesfall gesprochen. Später bin ich immer mit großer Furcht in dieses Zimmer gegangen, wenn ich für meine Oma etwas holen musste, und konnte den Geruch darin nicht ertragen.
Bei der Beerdigung waren viele Leute, und alle weinten. Ich sah die Menschen, verstand aber nicht, warum sie weinten, denn meine eigene Stimmung war neutral. Als wir den Friedhof verließen, hob ich eine rosa Nelke auf und legte sie zu Hause in ein dickes Liederbuch zwischen die Seiten zum Trocknen. Das war meine Erinnerung an den Tag der Beerdigung.
Kurz danach hatte ich einen Traum: In unserer Wohnung kam mein Opa mir hinterher und versuchte mich zu greifen, ich lief weg und hatte große Angst vor ihm. Leider sprach niemand mit mir über meine Gefühle, die der Tod und die Beerdigung bei mir auslösten, sodass ich niemandem meine Angst mitteilen konnte. Auf die Idee, es meinen Eltern gegenüber von mir aus anzusprechen, kam ich nicht. So musste ich das alles mit mir alleine ausmachen.
Selbstständigkeit
Mit sechs Jahren wurde ich eingeschult. Martina besuchte eine andere Schule, sodass wir nicht in derselben Klasse waren. Ich ging gerne zum Unterricht, denn ich mochte es zu lernen. Meine Hausaufgaben machte ich von Anfang an ganz alleine. Ich hätte es als empörend empfunden, wenn meine Eltern mich dazu angehalten oder mich kontrolliert hätten. Das war meine Sache und die erledigte ich pflichtschuldig. In meiner ganzen Schulzeit kam es eigentlich nie vor, dass ich die Hausaufgaben in einem Fach nicht gemacht hatte. Wie andere Eltern auch, fragte mich meine Mutter anfangs noch, wie es in der Schule gewesen sei. Da ich meiner Erinnerung nach jedoch nur selten etwas erwiderte – ich hätte nicht gewusst, was ich darauf sagen sollte, und fand es auch nicht interessant, von der Schule zu erzählen–, stellte sie das Fragen irgendwann ein.
Die Pausen nutzte ich oft dazu, aufs Klo zu gehen. Von der ersten Klasse an fühlte ich mich unbehaglich dabei, dass man nur in den Pausen auf die Toilette gehen konnte. Von daher musste sorgfältig geplant werden, ob ich es noch bis zur nächsten Pause aushalten würde oder ob ich nach jeder einzelnen Schulstunde die Toilette aufsuchen sollte. Meine Schwierigkeiten bei der Körperwahrnehmung zeigten sich nämlich auch darin, dass ich Probleme hatte, frühzeitig festzustellen, ob ich gerade Harndrang hatte oder nicht. Wenn ich musste, konnte ich daher oft auch nicht mehr lange warten oder aushalten. Aus diesem Grund entwickelte ich eine Art Tick: In unbeobachteten Momenten drückte ich mir mit beiden Händen kurz und fest von außen auf die Blase. So konnte ich Harndrang leichter und früher feststellen. Meine Mutter lachte meistens, wenn ich meinem Tick nachging und sie das mitbekam. Ich hatte dann immer das Gefühl, dass sie sich über mich lustig machte.
In der ersten Klasse hatte ich beobachtet, wie ein Kind aus unserer Klasse von den Mitschülern auf dem Boden festgehalten und gekitzelt wurde. Das war eine fürchterliche Vorstellung für mich, und ich bekam große Angst, dass mir das passieren würde. Folglich habe ich schon in der ersten Klasse damit begonnen, mich von meinen Mitschülern fernzuhalten, da ich sie als eine Quelle drohender Gefahr wahrnahm. Dadurch war ich und fühlte mich auch häufig alleine, hatte aber kaum den Stress, dass mich andere Kinder ärgerten. Ich war einfach immer zu weit von ihnen entfernt. Allerdings musste ich gleichzeitig sorgfältig aufpassen, dass niemand mitbekam, dass ich alleine war, weil ich fürchtete, sonst doch zur Außenseiterin zu werden.
Während der großen Pausen spielten die Mädchen meiner Klasse an einem Baum und mit einem Seil »Pferd«. Damit konnte ich nichts anfangen, also spazierte ich auf dem Schulhof herum. Zwei Jungen aus meiner Klasse kamen recht bald auf die Idee, mir hinterherzulaufen, was mich sehr störte. Ich nannte sie still für mich »die Dummen«, erzählte meiner Mutter davon und fragte sie, was ich dagegen tun sollte. Sie meinte, ich solle so tun, als ob mir das alles nichts ausmachen würde, dann würden die beiden von selbst das Interesse daran verlieren. Leider half das gar nichts. Trotzdem folgte ich von da an der Empfehlung meiner Mutter, immer so zu tun, als mache mir nichts etwas aus. So lernte ich zwar nicht, mich mit anderen Kindern auseinanderzusetzen, umschiffte aber geschickt mögliche soziale Klippen und kam so ganz gut durch die Schulzeit.
In der vierten Klasse bekamen wir eine neue Mitschülerin, Miriam, die ich spontan sehr sympathisch fand. Ich freundete mich schnell mit ihr an und wir verbrachten in dieser letzten Schulklasse der Grundschule viel Freizeit miteinander. Miriam besaß einen eigenen Kassettenrekorder mit Radio. Oftmals nahm sie aktuelle Hits aus der Hitparade auf. Durch sie lernte ich Popmusik kennen, besonders Neue Deutsche Welle, Nena und Udo Lindenberg, was mir gut gefiel. Anfangs dachte ich, dass die Lieder im Radio nicht von den echten Sängern gesungen würden, sondern von weniger bekannten Sängern nachgesungen seien. Ich dachte, das Radio könne es sich nicht leisten, die Lieder dieser teuren bekannten Sänger zu spielen.
Zu Hause kam ich nicht in Kontakt mit Populärmusik, die meine Eltern, insbesondere meine Mutter als niveaulos ansah. Sie kam aus einer Musikerfamilie. Ihr Großvater war Organist, ihr Vater hatte sich selbst das Klavierspielen beigebracht und spielte sehr schwere Stücke von bekannten Komponisten. Auch meine Oma spielte Klavier. Im Elternhaus meiner Mutter fanden oft Kammermusikkonzerte statt, und alle vier Kinder lernten ein Instrument. Meine Mutter erzählte uns Kindern, dass ihre Eltern jede andere als klassische Musik geringschätzten. Diese Ablehnung von Populärmusik hatte sie internalisiert, sodass ich mich nie traute, zu Hause derartige Musik zu hören, obwohl ich sie mochte. Hätte ich diese »minderwertige« Musik gehört, wäre auch ich selbst dadurch abgewertet worden, und das hätte ich nicht ertragen.
Bei Miriam zu Hause gab es ein Buch, den »Knigge«. Darin war beschrieben, wie man sich in sozialen Zusammenhängen zu verhalten hat. Ich war sehr angetan von diesem Buch und las oft darin.
In der fünften Klasse lernte Miriam, die eineinhalb Jahre älter war als ich, leider ein anderes Mädchen kennen, mit dem sie sich schnell anfreundete. Ich war plötzlich völlig abgeschrieben und uninteressant für sie geworden. Heute weiß ich, dass das vermutlich damit zusammenhing, dass sie schon längst in der Pubertät war, während ich aufgrund meiner körperlichen und vor allem auch psychischen Entwicklung noch Kind blieb. Doch damals litt ich sehr unter dieser Zurückweisung, die ich nicht begreifen konnte. Ich kam nicht auf die Idee, dass wir vielleicht auch zu dritt miteinander befreundet sein könnten. Ich hätte allerdings auch nicht gewusst, wie das geht. Also zog ich mich zurück und hoffte – getreu dem, was meine Mutter mir in Bezug auf die beiden Jungen in der Grundschule geraten hatte –, dass Miriam nicht bemerken würde, wie sehr mir das Ende unserer Freundschaft zu schaffen machte.
Fortan löste ich das Problem meines Alleinseins, indem ich während der großen Pausen immer zügig über den Schulhof lief. Wenn mich andere Kinder dann sahen, dachten sie vielleicht, dass ich jemanden suche (so meine Fantasie), und kämen nicht auf die Idee, dass ich in Wirklichkeit allein war. Die fünfte und sechste Klasse waren dann auch die extremsten Jahre, in denen ich in den Pausen immer »suchend aussehend« über den Schulhof lief. Eine andere richtige Freundin fand ich in meiner Klasse nicht. Ich hatte zu niemandem einen Draht und fühlte mich sehr alleine.
Schuschisch
Meine Mutter las meiner Schwester und mir oft aus dem Buch »Urmel aus dem Eis« von Max Kruse vor. Damals war ich zehn oder elf Jahre alt und Simone sechs. In dieser Geschichte gibt es verschiedene Tiere, denen Herr Professor Habakuk Tibatong das Sprechen beigebracht hat, die jeweils einen individuellen Sprachfehler haben. Mir hatte es besonders der Schuhschnabel »Schusch« angetan, der statt eines »i« immer ein »ä« benutzte. Fortan entwickelte ich auf der Basis der Sprechweise des Vogels Schusch die Sprache »Schuschisch«. Meine Mutter liebte es, wenn ich schuschisch sprach, sie fand das ungemein kreativ. Mein Vater konnte damit gar nichts anfangen und lehnte es ab. »Äsch bom dr Wockl Schosch« hieß zum Beispiel »Ich bin der Vogel Schusch«. Ich sprach vor allem dann schuschisch, wenn ich meinen Gefühlen Ausdruck verleihen wollte, was ich in der normalen Sprache nicht konnte. Ich sagte oder schrieb zum Beispiel meiner Mutter auf einen Zettel, dass ich »drouräg« war, was »traurig« bedeutete. Oder ich fragte sie: »Mugscht mäsch?« Das hieß: »Magst du mich?« Leider erkannte meine Mutter bei ihrer Begeisterung für das Schuschische nicht, dass ich mich oft traurig fühlte und eigentlich Zuspruch und Trost von ihr benötigt hätte. Sie war so auf die angebliche Kreativität dieser Sprache versessen, dass sie mein dahinterstehendes Bedürfnis nicht sah. Außerhalb meiner Familie sprach ich niemals Schuschisch, denn es wäre mir peinlich gewesen und hätte mich verletzlich gemacht.
Der Vogel Schusch war, ähnlich wie später das Würzel, meine Ausdrucksmöglichkeit für Bedürfnisse und Gefühle (die ich im Alltag nicht hatte).
Zwischen dem Vogel Schusch, der etwa bis zu meinem fünfzehnten Lebensjahr existierte beziehungsweise in meinem Leben eine Rolle spielte, und dem Würzel, das in meinem 26. Lebensjahr entstand, lagen zeitlich gesehen ungefähr zehn Jahre.
Ab dem fünfzehnten Lebensjahr bis zum Ende meiner Schulzeit war ich die meiste Zeit überzeugt davon, dass ich keine Gefühle hatte. Ich spürte mich nicht, zeigte auch keine Gefühle nach außen. Zudem litt ich in diesen zehn Jahren unter Essstörungen.
Prägung
Zäsur
Am Mittwoch, dem 15. Februar 1984, ich war knapp dreizehn Jahre alt, zogen wir weg von Oberursel in eine Kleinstadt in der Nähe von Hannover. Am folgenden Montagmorgen klopfte meine Mutter zusammen mit mir an die verschlossene Tür einer mir zugeteilten siebten Gymnasialklasse und öffnete sie. Mir ging es nicht gut, ich fühlte mich kurz vorm Weinen, weil ich Angst hatte, in die neue Klasse zu gehen. In der ersten Pause standen alle Klassenkameraden auf dem Schulhof in einem großen Kreis um mich herum und amüsierten sich über meine Aussprache. In Hannover ist man ja besonders stolz darauf, dass dort das reinste Hochdeutsch gesprochen wird. Ich hatte wohl einen leicht hessischen Einschlag, den ich mir dann aber bald abgewöhnte. Die Reaktion auf mich war nicht eigentlich bösartig, ich wurde einfach neugierig von allen beäugt. Trotzdem war das enormer Stress für mich, dort so im Mittelpunkt zu stehen. Weil ich recht gut in der Schule war, guckte das Mädchen, das neben mir saß, oft von mir ab. Wenn ich jedoch etwas von ihr wissen wollte, hielt sie immer die Hand schützend vor ihr Heft. Ich war deshalb einmal so wütend, dass ich ihr – ehe ich mich versah – den Ellenbogen in die Seite rammte. Ich hatte schneller zugehauen, als ich denken konnte. Das ist mir aber nur ein einziges Mal passiert.
Meine Mutter sagte mir, dass es wichtig sei, Freundinnen zu finden, um jemanden zu haben, wenn es einem mal schlecht geht. Also versuchte ich, in meiner Klasse Kontakte zu knüpfen. Ich lud ein beliebiges Mädchen zu mir nach Hause ein. Zum Spielen waren wir mit unseren dreizehn Jahren inzwischen zu alt. Also saßen wir in meinem Zimmer und versuchten, uns miteinander zu unterhalten. Ich wusste nicht, wie das ging, also überlegte ich mir Fragen, die ich ihr stellen konnte, zum Beispiel: »Was ist deine Lieblingsfarbe?« »Was ist dein Lieblingstier?« Das Gespräch geriet zu einem langweiligen Frage-Antwort-Spiel. Ich habe mich nie wieder mit diesem Mädchen verabredet.
Am Ende der siebten Klasse fuhren wir eine Woche an die Nordsee. Da ich mit den gleichaltrigen Mädchen nichts anfangen konnte, spielte ich immer Fußball mit den Jungen. Bei der Klassenfahrt in der achten Klasse ging es an den Edersee. Ich erinnere mich, dass ich dabei vor allem Rundlauf beim Tischtennis mitspielte und außerdem Federball, also immer sportlichen Betätigungen nachging, die es nicht erforderten, dass man sich mit seinen Klassenkameraden unterhielt. Denn das konnte ich nicht, ich hätte nicht gewusst, worüber ich mit ihnen reden soll.
In meiner Klasse war ein Mädchen, das ich sofort sympathisch fand. Jenny war meine erste Freundin, mit der ich mich auch unterhalten habe. Wir waren beide sehr sportbegeistert, gingen zusammen zum Leichtathletiktraining und sprachen häufig über unsere Väter, an denen wir viel auszusetzen hatten.
Eigentlich war ich aber nur Jennys zweitbeste Freundin. Denn ihre beste Freundin hieß Babette. Sie kannten sich schon seit ihrer Kindergartenzeit. Unsere Englischlehrerin gab uns einmal die Aufgabe, eine Geschichte über unseren besten Freund beziehungsweise unsere beste Freundin zu schreiben. Das war beschämend für mich, denn Jenny war zwar meine beste Freundin, ich aber nicht ihre. Das zeigte sich auch immer wieder bei Klassenfahrten, wenn es darum ging, wer neben ihr im Bus sitzen durfte. Das war natürlich Babette. Ich versuchte immer so zu tun, als machte mir das alles nichts aus, aber ich litt schon ziemlich darunter, nur »zweite Wahl« zu sein.
Gelegentlich ging ich mit Jenny ins Kino. Sie machte sich immer lustig über mich, weil ich mir die verschiedenen Menschen, die im Film mitspielten, nicht merken konnte und deshalb regelmäßig Probleme hatte, die Handlung zu verstehen. Ich litt unter Prosopagnosie (Gesichtserkennungsschwäche), vor allem in Bezug auf Fernsehen und Kino, im realen Leben hatte ich damit nicht so große Probleme. Insbesondere die Männer konnte ich kaum auseinanderhalten, da sie für mich aufgrund ihrer kurzen Haare alle gleich aussahen. Bei Menschen aus anderen Kulturkreisen, zum Beispiel Asiaten, hatte ich dieses Problem auch im realen Leben: Die Männer hatten meist kurze, die Frauen lange schwarze Haare. Zudem waren die Augen- und Nasenformen jeweils ähnlich. Ich fragte mich: Wie konnte man diese Menschen voneinander unterscheiden?
In der Schule interessierten mich einerseits Sprachen (Englisch und Französisch) und andererseits Naturwissenschaften, hier vor allem Chemie. Ich hatte von Anfang an eine wunderbare Chemielehrerin, die uns Jugendlichen dieses Fach mit sehr einfachen bildhaften Beispielen vor Augen führte. So erklärte sie uns, dass bestimmte Atome »einander mögen« und deshalb eine Verbindung miteinander eingehen. Folgerichtig verwendete ich in einer Klassenarbeit ihre kindlichen Formulierungen, wurde dann aber von ihr korrigiert: So etwas dürfe ich doch nicht schreiben! Aber sie hatte es doch so gesagt?! Das verstand ich nicht, hielt mich fortan jedoch daran und schrieb nichts mehr über Sympathien und Antipathien von Atomen und Molekülen. Trotz dieses Zwischenfalls fand ich meine Chemielehrerin weiterhin sehr gut.
Auch Mathematik mochte ich gern, weil ich mir das alles gut vorstellen konnte. Ganz anders als Geschichte und Sozialkunde, da bekam ich keine Bilder in den Kopf und hatte demzufolge große Schwierigkeiten, Begriffe wie zum Beispiel »Judikative« oder »das Kaiserreich« oder »Weimarer Republik« mit ihren jeweiligen Aufgaben beziehungsweise Inhalten zu verstehen und mich für diese Themen zu interessieren. Jahreszahlen waren mir ein Gräuel. Ich verband nichts damit. Ich hätte eine konkrete Geschichte benötigt, die sich um eine bestimmte Person in einem bestimmten Zeitalter rankt, damit ich Interesse an diesen Fächern entwickelt hätte. Nicht nur Zahlen und bildlose Fakten.
Der Sport war in meiner Gymnasialzeit meine Rettung. Wer im Schulsport bei den Besten war, hatte gute Chancen, von der Klassengemeinschaft akzeptiert zu werden. So gewann ich Pluspunkte. Auch in den übrigen Fächern war ich ganz gut. Ich war ehrgeizig und lernte gern. Durch meine Leistungen hatten die Lehrer Achtung vor mir. Deshalb konnte ich mich, da ich ein starkes Gerechtigkeitsempfinden hatte, auch manchmal für meine Mitschüler einsetzen, ohne mir Strafen einzuhandeln. Zum Beispiel hänselte unsere Englischlehrerin häufiger Schüler, die schlecht in Englisch waren oder die sie aus anderen Gründen nicht leiden konnte. Das fand ich nicht gut und sagte das auch laut in der Klasse. Einmal wurde ich deswegen aus dem Klassenraum geschickt, aber weiter passierte nichts.
Jenny und ich waren knapp drei Jahre lang gute Freundinnen. Anfangs verbrachten wir jede große Pause miteinander. Das war eine schöne Zeit. Eines Tages steckte uns jedoch eine Mitschülerin einen Zettel zu, auf dem stand, wir sollten uns nicht immer so von der Klassengemeinschaft ausgrenzen. Ich erschrak, schämte mich und war verunsichert: Anscheinend war es nicht in Ordnung, wie wir uns verhalten hatten.
Mit Jenny verband mich in dieser Zeit auch die Schwärmerei für unseren jungen Trainer in Leichtathletik. Wir stellten uns vor, dass wir uns beim Sport verletzten und er würde sich um uns kümmern. Schwärmerei eben, mehr war das nicht, zumindest nicht für uns. Auf ähnliche Weise schwärmten wir für unsere Sportlehrerin.
Einige Zeit danach fing Jenny jedoch an, sich ernsthaft für Jungen zu interessieren. Genau wie damals in der fünften Klasse Miriam entwickelte sich Jenny jetzt durch die Pubertät weiter – anders als ich, die ich mich weiterhin hauptsächlich für Schule und Sport interessierte, aber nicht für romantische Beziehungen. Bald danach hatte Jenny einen Freund. Dadurch wurde sie mir völlig fremd, ähnlich wie ich ihr vermutlich auch, weil sie nicht verstehen konnte, dass ich meine sportlichen Aktivitäten in dieser Zeit eher noch intensivierte. Unsere Freundschaft zerbrach, weil wir uns nichts mehr zu sagen hatten. Andere Freundschaften hatte ich nicht, also war ich wieder einmal sehr alleine in der Schule.
Leidenschaft
Im Alter von vierzehneinhalb ging ich häufiger im nahe gelegenen Hallenbad zum Schwimmen. Gerne hätte ich bei dieser Gelegenheit auch einmal die Sprunganlage genutzt, aber sie war immer besetzt von den Kunst- und Turmspringern, die dort am Nachmittag trainierten. Irgendwann wurde es mir zu bunt und ich fragte, ob ich mittrainieren könne. Ich durfte und es gefiel mir sehr gut. Es fiel mir auch vergleichsweise leicht, da ich wegen meiner Turnerfahrung bereits über ein gewisses Maß an Körperspannung und Körperkontrolle verfügte.
Fortan ging ich regelmäßig zweimal die Woche zum Springen. Freitags ins Hallenbad, mittwochs in die Turnhalle. Hier gab es innen an einer Seitenmauer eine Vorrichtung, an der man ein Sprungbrett montieren konnte. Von dort aus sprang ich auf eine dicke Matte und übte sozusagen auf dem Trockenen.
Sehr bald intensivierte ich mein Training und nahm an den ersten Wettkämpfen teil. Nach etwa einem Jahr trainierte ich bereits jeden Tag, dazu kamen häufig Lehrgänge am Wochenende. Unser hauptverantwortlicher Trainer hieß Heiko und war der damalige Bundestrainer der Wasserspringer. Viele seiner Schützlinge zählten zu den besten bei den Deutschen Jugendmeisterschaften. Er behandelte seine Springer insgesamt sehr unterschiedlich. Zu einigen war er sehr streng und fasste sie viel härter an als andere. Zu mir war er eigentlich immer freundlich und gutmütig, da hatte ich Glück.
Da ich erst als Jugendliche mit dem Kunstspringen angefangen hatte, trainierte ich aufgrund unseres ähnlichen Leistungsniveaus mit den jüngeren Springern. Mit diesen verstand ich mich ohnehin viel besser. Die älteren unterhielten sich über »Jugendthemen« und interessierten sich für das andere Geschlecht. Damit konnte ich nichts anfangen.
Bei einem Lehrgang schlief ich in einem Dreibettzimmer zusammen mit zwei gleichaltrigen Springerinnen. Am späteren Abend kam einer der älteren Springer zu uns ins Zimmer und schlüpfte zu einer der beiden unter die Decke. Ich erstarrte vor Angst, weil ich dachte, dass die beiden annehmen würden, ich sei schon eingeschlafen. Ich fürchtete, sie würden bemerken, dass ich doch noch wach war, und dann sehr erschrocken oder sogar wütend auf mich sein.
An Weihnachten vor meinem fünfzehnten Geburtstag bekam ich ein Tagebuch geschenkt. Wenn ich nach den Tagebuchnotizen gehe, gewinne ich den Eindruck, dass es mir sowohl in der Zeit mit Jenny als auch in der Anfangszeit des Springens psychisch relativ gut ging. Auffällig ist jedoch, dass ich sehr darauf bedacht war, dort möglichst nichts Negatives zu schreiben. Diese sehr kontrollierte Art des Tagebuchschreibens änderte sich erst mit meinem Auszug von zu Hause. Aus einem Eintrag entnehme ich beispielsweise indirekt, dass das Meerschweinchen Butzilein meiner Schwester gerade gestorben war. Statt darüber zu schreiben und wie es mir und meiner Schwester damit ging, zähle ich im Tagebuch Verhaltensweisen auf, die mir bei der Bewältigung eines solchen Unglücks in Zukunft sinnvoll erscheinen:
1. Keinen Panikausbruch kriegen!
2. Sich klarmachen, dass jedes Tier nicht ewig leben kann.
3. Ruhig gleich in die Stadt gehen und sich ein neues Tier kaufen. Das aber nicht überstürzt in der Aufregung tun, sondern sich das erwählte Tier erst noch einmal näher auf Krankheiten angucken. Wenn möglich zum Züchter gehen.
4. Wenn es geht, das neue Tier aufgrund der Gefahr von Erkältungskrankheiten möglichst nicht im dicksten Winter, sondern eher zu der wärmeren Jahreszeit kaufen.
5. Sich auf jeden Fall nicht »gehenlassen«! Den gewohnten Nachmittagsplan, wenn irgend möglich, beibehalten und auch zur Schule gehen.
Es findet sich ebenfalls kein Eintrag in meinem Tagebuch dazu, dass einige Monate später mein Kaninchen Schnupperle starb. Stattdessen ist zu lesen, dass ich ein neues Kaninchen, Seppelchen, vom Züchter geholt habe und wie sehr ich mich darüber freue.
Ich hatte immer Angst, dass meiner Familie etwas zustoßen könnte. Aus diesem Grund betete ich, obwohl ich eigentlich nicht sonderlich gläubig war, jeden Abend dasselbe: »Lieber Gott, ich danke Dir für den heutigen Tag und ich bitte Dich, mach, dass kein Atomkrieg kommt und kein anderer Krieg und dass heute, morgen, übermorgen und allezeit nichts passiert und dass wir alle noch lange gesund und glücklich leben und mit ein bisschen Geld: Mami, Papi, Birgit und Simone, Butzilein und Schnupperle. Danke, danke, danke, lieber Gott. Amen.« Außerdem schreibe ich in diesem Tagebuch ziemlich genau auf, welche Sprünge ich beim Training gelernt habe und worauf ich bei der Ausführung achten muss. Vom Springen bin ich in dieser Zeit noch total begeistert, von Angst keine Spur. Ich liebte die Körperkontrolle, Spannung und Ästhetik dieses Sports.
Mit sechzehn Jahren fuhr ich mit meiner Mutter und meiner Schwester das erste Mal in meinen Leben so richtig in Urlaub. Diesmal ging es für drei Wochen nach Kreta! Das war toll. Mein Tagebuch ist gefüllt mit detaillierten Schilderungen über unsere Aktivitäten dort.
In Kreta sprach mich an der Strandpromenade ein gleichaltriger Junge an. Ich war völlig erschrocken und hatte Angst, wusste überhaupt nicht, was ich jetzt tun soll. Zu ergänzen ist, dass mein Vater mir immer vermittelt hatte, dass mein Geschlecht nicht weiblich ist, auch nicht männlich, sondern »sportlich«. Das war für mich so etwas wie ein drittes Geschlecht. Mit meiner Weiblichkeit hatte ich mich zu diesem Zeitpunkt also noch gar nicht auseinandergesetzt. Umso mehr fühlte ich mich jetzt überfordert, mit einem Jungen zu sprechen. Aber offensichtlich fingen Mädchen in meinem Alter normalerweise damit an, sich mit Jungen zu treffen, das zeigte ja mein Erlebnis am Strand!
Da ich diesbezüglich noch gar keine Erfahrungen hatte, beschloss ich, dass es nun an der Zeit wäre, sich damit zu beschäftigen. Also nahm ich das Angebot eines anderen jungen Mannes an, der mich am Strand auf eine Cola einlud. Ich verbrachte etwa eineinhalb Stunden mit ihm, in denen ich darauf achtete, dass ich nie mit ihm alleine war, denn das Ganze machte mir doch große Angst. Letzten Endes schwammen wir gemeinsam im Meer, aber nur dort, wo auch andere Menschen waren, und spielten zusammen Beachball. Die Auswertung dieser Erfahrung in meinem Tagebuch erbrachte die Erkenntnis, dass ich:
a) stolz auf mich war, dass ich meine Schüchternheit überwunden hatte und auf den Kontaktversuch eines jungen Mannes eingegangen war (der allerdings, wie ich erfuhr, schon 23 Jahre alt war und rauchte, das fand ich beides nicht so gut);
b) dass ich in Zukunft nicht mehr auf ein x-beliebiges derartiges Kontaktangebot eingehen wollte, sondern nur, wenn der Junge mir auch gefallen würde und in etwa gleichaltrig wäre.
Dieses Erlebnis blieb aber das einzige dieser Art in Kreta. Ich hatte es einmal gewagt und das war fürs Erste genug an Erfahrung.
Grenzen
Zurück in Deutschland, fing ich wieder mit dem Training in Wasserspringen an. Im Oktober, ich war damals sechzehneinhalb, bekam ich beim Training einen Weinkrampf. Ein älterer Springer hatte mich wiederholt kritisiert, als ich versuchte, zweieinhalb Salto vorwärts vom Drei-Meter-Brett zu lernen beziehungsweise Vorübungen dafür machte – mich, die ich so selbstkritisch war! Das hat mich total verletzt. Eine ältere Springerin, Susanne, setzte sich daraufhin neben mich, legte mir den Arm um die Schulter und streichelte mich am Kopf. Das kannte ich gar nicht, dass jemand einen so tröstet.
Meine Mitspringer sowie meine Trainer waren für mich die Menschen, bei denen ich mir in sozialer Hinsicht sehr viel abschaute. Meine Beobachtungen dazu finden sich in meinem Tagebuch wieder. Ich war dabei bemüht, über die Beobachtung ihres Verhaltens ihre Persönlichkeit zu ergründen. Dabei finden sich auch Auflistungen darüber, wen ich mochte und warum. Die Springer waren die Menschen, mit denen ich am meisten Zeit verbrachte und mit denen mich das große gemeinsame Interesse des Wasserspringens verband.
Meine Tage bestanden aus Schule, Hausaufgaben und Springen. Wenn ich abends gegen 21 Uhr vom Training zurückkam, stand das Abendessen noch auf dem Tisch, und meine Mutter setzte sich meistens zu mir. Das Wasserspringen bedeutete mir sehr viel und die Menschen dort waren wie eine richtige Familie für mich. Zumal die Eltern der anderen Springer oft in dem zum Schwimmbad gehörigen Café saßen und uns durch die trennende Glasfront beim Training zusahen. Wenn man dort hinkam, gab man erst einmal allen der Reihe nach die Hand. Ich akzeptierte das Händeschütteln als Ritual, und deshalb war es okay für mich. Meine Eltern kamen nie zum Zuschauen vorbei. Ich hatte es ihnen verboten, und sie hielten sich ohne weiteres Nachfragen daran. Es hätte mich total verunsichert. Ich fürchtete ihre Bewertung meiner Sprünge (Kritik ebenso wie Bewunderung) und hielt sie deshalb vom Wasserspringen gänzlich fern.
Nur wenige Tage nach meinem Weinanfall kugelte ich mir beim kopfwärts Eintauchen vom Turm das linke Schultergelenk aus. Heiko kugelte mir den Arm glücklicherweise gleich wieder ein. Auf dem Heimweg brachte er mich ins örtliche Krankenhaus zum Röntgen. Der Arzt gab mir für ein paar Tage ein Schmerzmittel mit. Als es aufgebraucht war, hatte ich außerordentliche Schmerzen, vor allem nachts, wenn sich die Schulter entspannte. Auf die Idee, deshalb noch mehr Schmerzmittel zu nehmen, kam ich jedoch nicht, sprach auch mit niemandem darüber. Ich dachte: »Die Tabletten sind alle, dann muss das wohl so sein.«
Am Tag nach dem Unfall ging ich mit dem Arm in der Schlinge zur Schule. Die Schulter tat sehr weh, aber ich nahm das alles als gegeben hin. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, deshalb nicht zur Schule zu gehen. Nach einer Woche kam die Schlinge ab und die Schulter war komplett versteift. Also musste ich regelmäßig zur Physiotherapie und die Schulter wurde gedehnt und gekräftigt. Mehrere Wochen konnte ich nicht am Training teilnehmen. Stattdessen machte ich exzessiv meine krankengymnastischen Übungen und ging öfter ins Schwimmbad-Café, um den anderen beim Training zuzusehen und bei meiner »Springer-Familie« zu sein. Nach einigen Monaten begann ich wieder mit dem Trainieren. Immer wieder hatte ich Angst, dass ich mir erneut die Schulter auskugeln würde. Also nahm ich mir in meiner Zielorientiertheit einfach Folgendes vor und notierte es in meinem Tagebuch als eine Art Mantra:
Ich werde mir nie mehr den Arm auskugeln, sondern weiter jede Menge Krafttraining machen, genauso wie Bauchmuskelübungen wegen meiner Rückenschmerzen. Und das sage ich dir: Meine Rückenschmerzen werden weggehen und nicht mehr wiederkommen, auch während des nächsten Lehrgangs nicht! Und ich werde den nächsten Lehrgang voll normal und gut mitmachen, ohne dass mir irgendwas wehtut oder ich erkältet bin oder irgendwas Derartiges!!! Und dasselbe gilt für die Deutschen Jugendmeisterschaften!!! Alle beide in diesem Jahr und auch für die folgenden Jahre!!!
Sozialkontakte hatte ich in dieser Zeit einerseits über das Springen, andererseits aber auch mit ein paar Mitschülerinnen, in deren Gemeinschaft ich sogar die Pausen in der Schule verbringen konnte. Was für ein Glück für mich! Gelegentlich trafen wir uns abends zum Kino oder zu anderen gemeinsamen Unternehmungen. Einmal wöchentlich gab ich außerdem einer jüngeren Schülerin Nachhilfe in Englisch und Mathematik und verdiente mir damit ein bisschen zusätzliches Geld. Nach der Schulterluxation begann ich nun wieder, nicht nur vom Einer, sondern auch vom Dreier zu springen. Sehr gerne mochte ich den Doppelsalto gehockt vom Einer. Ich sprang ihn hoch an, drehte schnell und streckte trotz geschlossener Augen immer zum rechten Zeitpunkt. Ich hatte nie Probleme mit der Orientierung bei diesem Sprung, sondern fühlte einfach, wenn die Doppeldrehung geschafft war. Erst einmal ging es mir also ziemlich gut. Nach einiger Zeit geriet ich jedoch in große Schwierigkeiten.
Diesen Text über meine Jugend zu schreiben, kommt mir am schwierigsten vor. Das liegt daran, dass große Diskrepanzen bestehen zwischen meinen Erinnerungen einerseits und dem, was ich andererseits in meinen beiden Tagebüchern lese. Ich erinnere mich vor allem an psychische Zustände, die ich offenbar nicht mit meinem Tagebuch geteilt habe. Ich schätze, ich wollte sie dort nicht verewigen, sondern dachte, wenn ich sie nicht weiter beachte, gehen sie vielleicht von selbst wieder weg. Was aber nicht der Fall war.
Beim Springen hatte ich seit Neuestem oftmals Angst. Wenn ich Angst vor einem bestimmten Sprung hatte, spürte ich, wie mein Körper sich bewegte, aber ich war nicht mehr da. Es fühlte sich an, als ob mein Körper sich ferngesteuert von mir bewegen würde und ich mit dem Sprung gar nichts zu tun hätte. Das war immer ein sehr erschreckendes Gefühl, als ob ich nicht mehr die Kontrolle über meinen Körper hätte oder nicht mehr in meinem Körper wäre. Wie ich später erfuhr, nennt man diesen Zustand Depersonalisation.
Phasenweise litt ich unter Schlafstörungen, schreckte nachts hoch und ging immer wieder in einer Art von zwanghaften Gedanken beziehungsweise Bildern und Körpergefühlen den Doppelsalto vorwärts durch, bei dem ich irgendwann ganz plötzlich die Orientierung verloren hatte. Ich hatte zu viel nachgedacht über diesen Sprung. Das war so, als ob ein Tausendfüßler beginnt, darüber nachzudenken, wie er es eigentlich schafft, die Bewegung seiner vielen Beine miteinander zu koordinieren – und plötzlich verknoten sich daraufhin seine Beine, weil er versucht, eine unbewusst gut funktionierende Bewegung bewusst zu steuern. Ich fing an mich zu fragen, woher ich eigentlich wusste, wann die beiden Drehungen beim Doppelsalto vorwärts geschafft waren, wenn ich immer die Augen geschlossen hatte. Unser Trainer sagte uns schließlich, dass wir die Augen beim Springen stets offen haben sollten, um die Körperdrehungen mit dem Blick aktiv kontrollieren zu können. Als ich das jedoch versuchte, klappte gar nichts mehr. Ich wusste im Flug überhaupt nicht mehr, wo ich war. Dazu kam, dass ich seit einiger Zeit den Schraubensalto vorwärts übte, das heißt, den Salto vorwärts mit einer ganzen Schraube vom Ein-Meter-Brett beziehungsweise eineinhalb Salto vorwärts mit einer Schraube vom Drei-Meter-Brett. Plötzlich wusste ich nicht mehr, wie man einen Vorwärtssalto ohne eine zusätzliche Schraubendrehung sprang. Ich hatte das Gefühl dafür komplett verloren. Sehr beeinträchtigend war zudem, dass ich mich nur bei unserem Trainer Heiko sicher fühlte, aber oft bei anderen trainieren musste. Wenn Heiko neben mir stand, hatte ich das Gefühl, er würde mir sein ganzes Vertrauen und die Fähigkeiten dazu einflößen, meine Sprünge gut zu bewältigen. Ich fühlte mich wie abhängig davon, bei ihm zu trainieren, als ob er allein über die Kraft verfügte, mich gut springen zu lassen. Alleine hätte ich mich zum Beispiel nie getraut, meine Sprünge zu trainieren, davor hatte ich viel zu große Angst. Bei meinen anderen Trainern hatte ich dieses positive, unterstützende Gefühl deutlich weniger ausgeprägt. Ich benötigte die Anwesenheit und ungeteilte Aufmerksamkeit von Heiko, damit ich überhaupt mit dem notwendigen Vertrauen in meine Fähigkeiten meine Sprünge absolvieren konnte.
Im Philosophieunterricht hatten wir für ein Halbjahr das Thema »Zeit« im Unterricht. Das beschäftigte mich sehr. Wenn ich zu Hause war und Angst vor dem nächsten Training hatte, dachte ich oft darüber nach, dass ich zum Beispiel in sechs Stunden Springtraining gehabt haben würde. Dann wäre die Zeit vergangen, und ich hätte es geschafft.
Vor jedem Training erhielten wir von Heiko einen Plan, was wir an diesem Tag trainieren sollten. Wenn ich meine Serie sah, die ich springen sollte, hatte ich große Angst. Gleichzeitig wusste ich, dass ich sie bald gesprungen haben würde. In dieser Zeit litt ich sehr stark unter den genannten Selbstentfremdungsgefühlen beim Springen. Ich hatte nicht das Gefühl, dass es in meiner Macht liegt, die Sprünge zu steuern, sondern dass mein Körper das irgendwie alleine ohne mich hinbekommen muss.
Kürzlich schaute ich abends einen Livestream der Trampolin-Wettkämpfe der Olympischen Spiele in Rio de Janeiro 2016. Der Reporter unterhielt sich mit einem Fachmann und plötzlich fiel der Ausdruck »Lost move syndrome (LMS)«. Ich wurde hellhörig und recherchierte im Internet, was damit gemeint war. Dort stieß ich auf einen Fachartikel aus dem Jahr 2015 von Jenn Bennett und anderen Forschern über LMS. Es tritt demzufolge vorzugsweise bei Sportlern aus dem artistischen Formenkreis (Kunstturnen, Wasserspringen, Trampolinspringen) auf. Ganz plötzlich verlieren erfahrene Sportler die Fähigkeit, ein bestimmtes automatisiertes Bewegungsmuster auszuführen, zum Beispiel eine Salto- oder Schraubendrehung. Diese Unfähigkeit hat emotionale, kognitive und andere schwerwiegende Folgen. Der Betroffene hat eine ausgeprägte Angst vor der Übungssequenz, auch Ärger, Frustration und Ohnmachtsgefühle kommen vor. Er kann sich im Geist nicht mehr vorstellen, wie man zum Beispiel einen bestimmten Sprung absolviert. Wenn er daran denkt, visualisiert er nur missglückte Sprünge. Beschrieben wird auch das Gefühl, dass jemand anderes als man selbst die Kontrolle über den Sprung hat. Zudem haben die Betroffenen kein Gefühl mehr für die Lage des eigenen Körpers im Raum. Negative Gedanken kreisen im Kopf und können zu Schlafstörungen führen. Der erlebte Vertrauensverlust in sich selbst kann ausgeprägte Selbstzweifel zur Folge haben. Viele betroffene Athleten müssen ihren Sport deswegen aufgeben.
All das kam mir so bekannt vor! Zum ersten Mal nach fast dreißig Jahren fand ich in diesem Artikel eine Beschreibung der Zustände, die ich selbst so schmerzlich und angstvoll beim Wasserspringen erlebt hatte. Das kannten also auch andere. Und es gab sogar eine Bezeichnung dafür!
Als ich siebzehn Jahre alt war, bekam unsere Springergruppe für mehrere Wochen Besuch von Springern aus den USA. Mit diesen zusammen fuhren wir zu einem Lehrgang nach Italien. Trotz meiner Ängste, meiner Schwierigkeiten bezüglich der Orientierung im Raum und meiner wiederkehrenden Depersonalisationserlebnisse trainierte ich – mal besser mal schlechter – weiter meine Sprünge.
Wir sprangen im Freibad von Villafranca in Lunigiana in der Toskana, besichtigten aber auch den schiefen Turm von Pisa und die Marmorsteinbrüche von Carrara. In dieser Zeit in Italien war ich teilweise sehr aufgekratzt und gab mich kontaktfreudig und extravertiert. Aus meiner heutigen Sicht befand ich mich damals sehr in meinem »falschen Selbst« – ein Ausdruck, den Alice Miller in ihrem Buch »Das Drama des begabten Kindes« beschreibt. Für mich bedeutete das: Meine Mutter hatte mir immer gesagt, dass es wichtig sei, dass man lustig und fröhlich sei und die anderen Menschen durch interessante Erzählungen mitreißen und dadurch Interesse für sich wecken müsse. Das tat ich nun in Italien. Kurz danach fuhr ich mit meinen Eltern und meiner Schwester für drei Wochen nach Österreich zum Wandern. Während des Urlaubs gab es regelmäßig Streit in der Familie. Ich war gereizt und dachte häufig ängstlich an meine Sprünge beim Training. Im Freibad unseres Urlaubsorts übte ich gelegentlich Salto vorwärts vom Beckenrand. Ich hatte Angst, dass ich das Gefühl für das Springen noch mehr verlieren würde, als es ohnehin schon der Fall war, wenn ich jetzt nicht dranblieb mit Üben. Meine Unbeschwertheit war komplett verschwunden. Während ich den Kreta-Urlaub im Jahr zuvor noch sehr genossen hatte, ging es mir inzwischen psychisch deutlich schlechter.
An einem Tag ging ich alleine auf einen Flohmarkt und fand dort zufällig ein Buch über Schizophrenie. Ich hatte Angst, es zu kaufen, fürchtete, dass mich jemand dabei entdecken könnte, den ich kannte. Schließlich kaufte ich es trotzdem. Tief in meinem Inneren war ich überzeugt, dass ich psychisch sehr krank war, aber meine Umwelt erfolgreich darüber hinwegtäuschte. Dieses Buch habe ich jedoch nie gelesen. Da ich keine Erklärungen für meine Entfremdungsgefühle hatte, befürchtete ich, an Schizophrenie zu leiden. Ich hatte solche Angst davor, mich in den Schilderungen des Buches wiederzuerkennen und meinen Verdacht bestätigt zu sehen!
In der Schule hatte ich schon lange das Gefühl, jeden Tag auf extrem anstrengende Art und Weise neu beginnen zu müssen, ohne auf meine bisherigen sozialen Fähigkeiten zurückgreifen zu können. Wenn ich in der ersten Stunde im Unterricht saß, fühlte es sich so an, als ob es eine unsichtbare Mauer zwischen mir auf der einen Seite und den anderen Schülern und dem Lehrer auf der anderen Seite gäbe. Meine Sprache war in meinem Körper gefangen, ich konnte sie nicht herauslassen, denn sie wäre an dieser Mauer nach innen auf mich zurückgeworfen worden, ohne dass die anderen Menschen meine Worte hätten hören können. Trotzdem zwang ich mich täglich zum Sprechen im Unterricht, da ich auch mündlich die Noten haben wollte, die meinem schulischen Leistungsstand entsprachen. Die ersten Worte, die ich mich dann jeden neuen Tag im Unterricht sagen hörte, fühlten sich immer völlig selbstentfremdet an. Ich hörte mich selbst wie von außen, hatte dabei nicht das Gefühl, dass die Worte aus meinem eigenen Körper kamen. Mithilfe dieser ersten Sätze, die ich unter jeweils großer Kraftanstrengung aus mir herausbrachte, gelang es mir jedoch, die unsichtbare Mauer immer wieder zu durchbrechen. In den folgenden Stunden konnte ich mich im Unterricht mündlich beteiligen und war zuweilen sogar recht redselig – bis zum nächsten Tag, da ging alles wieder von vorne los.
Der siebzehnte Geburtstag war der schlimmste überhaupt. Ich wusste nicht, wen ich einladen sollte, denn innerhalb der Springergruppe feierte man nicht zusammen Geburtstag. Gleichzeitig dachte ich, dass ich das endlich einmal tun sollte, und lud deshalb meine ganze Klasse zu mir ein. Es kam aber nur ein Junge. Ich schämte mich entsetzlich und versuchte gleichzeitig, mir das nicht anmerken zu lassen – zeig niemals, dass du verletzlich bist!
Ich erinnere mich auch, dass ich in meiner Jugendzeit darauf hoffte, bald mein eigenes Leben zu beginnen, um dann endlich eine Psychotherapie machen zu können. Während ich noch zu Hause wohnte, kam das für mich nicht infrage, denn dann hätte ich vor meinen Eltern zugeben müssen, dass es mir nicht gut ging, und ihr Bild ihrer kompetenten Tochter wäre zusammengebrochen.
In unserer Familie herrschte vor allem bezogen auf die Bewertung durch meine Mutter eine Art Rollenverteilung. Ich war in ihren Augen diejenige, bei der alles glattlief, die mit dem Leben und der Schule bestens und ohne jegliche Hilfestellung zurechtkam. Meine Schwester wurde von meiner Mutter konstant als »Problemkind« betrachtet, was ich nicht nachvollziehen konnte. Oftmals wehrte ich mich gegen diese Zuschreibungen, aber es hatte keinen Zweck. Ich blieb festgelegt auf diese hochfunktionale Rolle, in der ich mich nicht wiederfand und nicht in meiner wahren Persönlichkeit gesehen fühlte. Ich wusste, dass ich Hilfe benötigte, aber ich kam nicht auf die Idee, sie in der Gegenwart zu suchen, d. h. mir aktuell ein professionelles Gegenüber zum Reden zu suchen. Ich wagte auch nicht, mit anderen über diese bedrohlichen Themen zu sprechen. Sie mussten mich für völlig verrückt halten, wenn sie davon erfahren würden. Ich hatte Angst vor der Psychiatrie und davor, einem professionellen Helfer gegenüberzusitzen, der dann sehen würde, wie extrem krank ich wirklich war, und der mich dann vielleicht in die Psychiatrie einweisen würde. Zudem dachte ich: Wenn ich erzähle, wie es mir wirklich geht, werde ich völlig verrückt. Indem ich diese bedrohlichen Gefühle und Gedanken für mich behielt, hatte ich sie einigermaßen unter Kontrolle. Solange ich sie nicht aussprach oder aufschrieb, existierten sie nicht.
Dann gab es da noch dieses Problem mit dem Essen. Angefangen hatte es beim Springlehrgang in Italien und im darauffolgenden Urlaub mit meinen Eltern. Ein Faktor bei der Entstehung meiner Essstörungen war vermutlich das regelmäßige Wiegen beim Training und entsprechendes Lob beziehungsweise entsprechende Kritik durch unseren Trainer. Ich fing an, mein Essen zu kontrollieren, es mit dem Kopf zu steuern. Wenig zu essen und gesunde Nahrungsmittel zu sich zu nehmen, war gut. Viel und Ungesundes zu essen, war schlecht. Wenn mein Vater als Nachtisch nach dem Mittagessen einen Fruchtquark zubereitet hatte, fragte ich ihn immer, ob er Zucker hineingetan hatte. War nur ein Hauch Zucker darin, verweigerte ich den Nachtisch. Mein Ziel war nicht unbedingt, viele Kilos abzunehmen, sondern nur ein bisschen. Ich wollte durchaus meinen athletischen Körper behalten, wie er war. Gleichzeitig beschäftigte ich mich, angeregt von meiner Mutter, mit gesunder Ernährung und der Schädlichkeit von Zucker. Meine Gedanken kreisten derartig zwanghaft um meine Nahrungsaufnahme, dass ich an manchen Tagen in der Schule Mühe hatte, dem Unterrichtsstoff zu folgen. Ständig überlegte ich, was ich wann essen würde und wie viel ich heute schon gegessen hatte. Ich war völlig fixiert auf dieses Thema. Dabei wollte ich meinem Körper nicht schaden, es war nicht so, dass ich ihn gehasst hätte. Außer wenn ich zu viel gegessen hatte – eine Folge meiner manchmal zu geringen und rationierten Nahrungsaufnahme. Es konnte schon vorkommen, dass ich bei einem Fressanfall doppelt oder dreimal so viel aß, wie mir guttat, und mich danach extrem schlecht, dick und unbeherrscht fühlte. Das passierte regelmäßig am Abend nach dem Training sowie am Wochenende, wenn ich nach einem Wettkampf oder Lehrgang nach Hause kam und nichts vorhatte. Ich reagierte auf solche Essattacken mit Selbstabwertung und extremer Enttäuschung über mich selbst sowie mit dem Versuch, erst wieder Essen zu mir zu nehmen, wenn mir der Magen knurrte. Glücklicherweise habe ich mir niemals nach dem Essen den Finger in den Hals gesteckt und mich wieder erbrochen und auch nie zu Abführmitteln gegriffen.
In meinem Tagebuch analysierte ich, siebzehnjährig, meine Essattacken. Ich fand heraus, dass sie immer dann auftraten, wenn ich negativ gestimmt war. Entsprechend war meine Schlussfolgerung, dass ich darauf achten müsste, immer positiv gestimmt zu sein. Gemäß der Sichtweise meiner Mutter, die ich schon längst übernommen hatte, handelte es sich bei der eigenen Stimmung ja um etwas, was man willentlich beeinflussen konnte. Es war eine Frage des Wollens, ob man gut oder schlecht gelaunt war! Damit meine Stimmung positiv und ich voller Selbstvertrauen wäre, müsste ich einfach dauerhaft ein positives Bild von mir haben und positiv von mir selbst denken. Nur wenn ich über ein positives Selbstbild verfügte, konnte ich kontrolliert essen, also musste ich zuerst dieses positive Selbstbild entwickeln. Aber wie konnte ich das schaffen?
In einer Buchhandlung fand ich ein esoterisches Buch über kreatives Visualisieren und das »Höhere Selbst«, das in jedem Menschen verborgen ist und zu dem man nur Zugang finden muss. Ich las und schrieb Sätze auf wie zum Beispiel: »Das Gute ist in mir. Ich bin voller positiver Kraft und Energie, Ruhe und Gelassenheit.« Oder: »Das Licht meines Höheren Selbst strahlt jetzt in mir.« Ich versuchte, mir diese Sätze bildlich vorzustellen und an sie zu glauben. Im Grunde ging es bei diesen Affirmationen um die Macht des Positiven Denkens, der ich damals folgen wollte. Heute sehe ich das sehr kritisch. Damals kaufte ich mir jedoch eine Kassette mit dem Titel: »Ich kann, was ich will«. Über mehrere Wochen hörte ich sie mir täglich an. Danach glaubte ich tatsächlich fest daran – und das über die nächsten zwei Jahrzehnte –, dass ich alles können würde, wenn ich es nur fest genug wollte. Ein fataler Trugschluss, wie sich aber erst nach vielen Jahren herausstellte.
Einmal hörte ich diese Kassette zusammen mit meiner Mutter an. Dazu legten wir uns auf Decken auf den Boden, und ich sagte ihr, sie solle sich ganz auf den Text einlassen. Nach dem Hören fragte ich sie, wie sie es empfunden habe. Leider konnte sie damit überhaupt nichts anfangen. Sie sprach aber auch nicht weiter mit mir darüber, fragte mich nicht, warum ich mich mit derartigen Sachen beschäftigte. Also machte ich fortan alleine weiter. Mit anderen Menschen sprach ich niemals über meine Versuche, mittels Suggestionen mein Selbstvertrauen zu steigern. Ich kam gar nicht auf die Idee, dass ich das hätte tun können.
Auch das Autogene Training, ein anerkanntes Entspannungsverfahren, arbeitet mit der Macht von körperbezogenen Vorstellungen. Man sagt sich zum Beispiel: »Meine Arme und Beine sind strömend warm«, auch wenn das gerade gar nicht der Fall ist. Tatsächlich werden die Arme und Beine durch diese Vorstellungsübung auch wirklich warm, wenn man in dieser Technik geübt ist.
Ich glaubte an die Macht dieser Vorstellungsübungen und belegte zu Beginn meines dreizehnten Schuljahrs einen Kurs in Autogenem Training an der Volkshochschule. Ich wollte mich mit dieser Methode auf den Prüfungsstress des Abiturs vorbereiten. Ich war die Jüngste in dieser Gruppe und schrieb Martina in einem Brief, dass die anderen Leute ja »wirkliche Probleme« hätten, anders als ich. Offensichtlich hatte ich meine Schwierigkeiten mit dem Essen und meine Angst vor dem Springen dabei völlig ausgeblendet, weil ich auch mit niemandem darüber sprach. Wenn meine Gedanken einmal nicht ums Essen kreisten, waren sie auf die Sprünge fixiert, vor denen ich Angst hatte.
Kurz vor meinem achtzehnten Geburtstag passierte es, dass ich bei einem neuen Sprung gestreckt mit dem Rücken auf die Wasseroberfläche knallte. Ein Gefühl wie ein Elektroschock ging durch meinen Körper, irgendwie mussten meine Nerven verrückt gespielt haben, und es tat sehr weh. Kurz nachdem ich aus dem Wasser geklettert war, zitterten meine Beine und konnten mich kaum mehr tragen. Ich schwamm noch ein paar Bahnen im Becken, übte ein paar einfache Sprünge und beendete dann das Training für diesen Tag. Bei einem Wettkampf wenige Tage später verweigerte ich diesen Sprung, ich traute mich einfach nicht. Umso erstaunter war ich, in meinem damaligen Tagebuch zu lesen, dass ich auch nach diesem Unfall eigentlich gar keine so große Angst vor dem Sprung hatte. Ich müsse nur einfach volle Pulle abspringen. Ich glaube, ich habe damals nach dem Motto gehandelt: Was ich nicht aufschreibe, existiert nicht. Wenn ich nicht von meiner großen Angst vor diesem Sprung schreibe, habe ich auch keine.
Einmal war ich mit meiner Familie bei einer eigentlich sehr schönen Ballettaufführung von »Schwanensee« – ich bekam nur leider kaum etwas davon mit, weil meine Aufmerksamkeit nach innen auf meine Angstvorstellungen gerichtet war. Es gelang mir nicht, sie nach außen zu richten. Damit habe ich bei Theatervorstellungen oder Konzerten noch heute oft Probleme. An diesem Tag jedoch hatte ich wie so oft große Angst vor dem nächsten Training und versuchte diese mittels gedanklicher Vorübungen in Schach zu halten, anstatt mit jemandem über meine Ängste zu sprechen. In dieser Zeit kam meine Mutter zu mir und erzählte, Heiko hätte sie gefragt, ob es mir nicht gut gehen würde, ich würde in der letzten Zeit nicht gut aussehen. Sie habe ihm daraufhin sofort geantwortet, mit mir sei nichts, es gehe mir gut. Das ist schon seltsam: Mein Trainer sah mir an, dass ich litt, und er hatte recht – während meine Mutter, die kaum etwas von meinem Befinden wusste, trotzdem einfach behauptete, es gehe mir gut. Ich klärte sie nicht auf, denn sie hatte mich nicht nach meinem Befinden gefragt, sondern mir nur von dieser Begebenheit berichtet.
Zu Hause litt ich sehr unter der angespannten Atmosphäre in unserer Familie. Ich erlebte sie als zerpflückt und zerstritten. Meine Mutter lud seit Jahren ihre Sorgen und Eheprobleme bei mir ab. Sie schätzte meine Fähigkeit, ihr zuzuhören und gut zuzureden. Nur für mich und meine Probleme war niemand da. Ich machte alles mit mir alleine aus, weil ich den Eindruck hatte, meine Mutter benötigte die Gewissheit, dass wenigstens ich mit allen Anforderungen zurechtkam. Ich war gut in der Schule, war im Leistungssport eingebunden und gab außerdem Nachhilfe. Meine Mutter bewunderte mich als Kind und Jugendliche immer sehr, da ich in ihren Augen sehr patent war und ihr sogar Tipps gab, wie sie sich verhalten solle. Diese Bewunderung war mir immer unangenehm, da ich sie nicht als zutreffend empfand und mich von ihr darin überhaupt nicht gesehen fühlte.
Von meinen Ängsten und psychischen Problemen ahnte meine Mutter nichts. Das lag sicher zum Teil daran, dass ich sie ihr gegenüber nicht offen zeigte. Aber wie sollte ich das auch? Schließlich traute ich mich nicht, sie noch zusätzlich mit meinen Problemen zu belasten. Auf meinen Vater reagierte ich damals vor allem mit heftiger Wut und Abwertung seiner Person, übernahm dabei die Perspektive meiner Mutter, die seit Jahren sehr schlecht auf ihn zu sprechen war. Denn wegen ihm und seiner Berufsperspektive waren wir vor einigen Jahren nach Norddeutschland gezogen, wohin meine Mutter ihren Angaben zufolge nie hatte ziehen wollen. Leider hatten sich die beruflichen Möglichkeiten meines Vaters schnell zerschlagen, während meine Mutter inzwischen mit einer sehr ungeliebten Sekretariatstätigkeit für die Familie das Geld verdiente.
Anders als in den Fachartikeln zu LMS beschrieben, war es bei mir nicht so, dass ich gar nicht mehr springen konnte. Mit großem Kraftaufwand und vielen Autosuggestionen schaffte ich es mit der Zeit, meine Ängste vor dem Springen einigermaßen unter Kontrolle zu halten, zumindest so weit, dass ich weiter springen konnte. Denn trotz meiner Ängste bedeutete mir das weiterhin sehr viel.
Bei den Deutschen Jugendmeisterschaften im März 1989 in Köln stand ich vor dem ersten Sprung auf dem Sieben-Meter-Turm. Eine Stimme ertönte durchs Mikrofon: Einer der Kampfrichter gratulierte mir zum achtzehnten Geburtstag. Ich verbrachte ihn bei einem Wettkampf, das war eigentlich sehr passend für mein damaliges Leben. Vor den Deutschen Jugendmeisterschaften im folgenden Sommer in Lüdenscheid war ich springtechnisch sogar in einer sehr guten Form. Beim letzten Sprung meines ersten Wettkampfes kugelte ich mir jedoch wieder das linke Schultergelenk aus. Bei den Wettkämpfen der anderen Springer schaute ich in den folgenden Tagen zu, springen konnte ich selbst leider nicht mehr. Ich war demoralisiert: Jetzt war mir das schon zum zweiten Mal passiert! Je häufiger eine Luxation vorkommt, desto leichter passiert dasselbe wieder, auch ohne größere Gewalteinwirkung. Heiko redete mir gut zu und sagte: »Das wird schon wieder!« Ich erfuhr, dass man sich auch operieren lassen und danach wieder springen könne.
Kurz danach traten zwei unserer Trainer mit sechs von uns Springern eine lang geplante Reise in die USA an, es war der Rückbesuch der Springer, die uns ein Jahr zuvor in Deutschland besucht hatten. Innerhalb von vier Wochen wohnten wir jeweils bei drei verschiedenen Gastfamilien in Pennsylvania und Virginia. Wir trainierten dort regelmäßig, lernten aber auch verschiedene touristische Attraktionen kennen und verbrachten gemeinsame Zeit mit unseren Gasteltern beim Barbecue. Natürlich konnte ich mit meiner Schulterverletzung nicht richtig mitmachen. Ich übte einfache Sprünge, bei denen man nicht kopfwärts tauchen musste, oder machte Krafttraining. Diese Reise in die USA war rundum gelungen und ein tolles Erlebnis! Essstörungen hatte ich aber auch in dieser Zeit.
Pläne
Zurück in Deutschland begann mein letztes, dreizehntes Schuljahr. Ich überlegte, was ich nach dem Abitur tun wollte. Viele meiner Mitschüler hatten schon einen Plan für die Zeit danach, anders als ich. Also fing ich an, mich zu informieren, was für mich infrage kommen könnte. Es war völlig klar, dass ich studieren würde (meine Mutter und mein Vater und viele andere Verwandte hatten auch alle studiert) – die Frage war nur: Welches Studienfach? Mit meinen Eltern sprach ich inhaltlich (leider) nicht über diese Fragen, sie aber auch nicht mit mir. Sie schienen die Einstellung zu haben, dass die Studienwahl allein meine Angelegenheit sei – was ich damals ähnlich sah. Ich nahm jedoch das Angebot meines Vaters an, zwei Bücher zum Thema Studienwahl zu bestellen. Außerdem informierte ich mich beim Berufsinformationszentrum in Hannover und ging auch zu einem Berufsberatungsgespräch beim Arbeitsamt. Ich stellte fest, dass ich gerne etwas Naturwissenschaftliches studieren wollte. Infrage kamen Medizin, alternativ der damals recht neue Studiengang Haushalts- und Ernährungswissenschaften (Ökotrophologie) sowie Lebensmittelchemie. Ich hatte Chemie als Leistungsfach in der Oberstufe, also waren insbesondere die letzten beiden Studiengänge recht naheliegend. Lebensmittelchemie schied aber aus, als ich erfuhr, dass dafür ein Numerus Clausus von 1,3 galt. Das würde ich nicht schaffen. Eine Zeitlang war ich überzeugt, dass Medizin für mich die richtige Wahl wäre, bis ich eine Liste mit Stichpunkten dazu schrieb, die meines Erachtens gegen ein Medizinstudium sprachen:
Ich habe Angst, dass ich als Ärztin von morgens bis abends nichts anderes mehr tun werde, als zu arbeiten. Ich möchte neben meiner Arbeit auch noch genug Zeit für mich selbst haben.
Meine Motivation zum Medizinstudium ist nicht in erster Linie, dass ich als Ärztin arbeiten möchte, sondern vor allem mein Interesse an den verschiedenen naturwissenschaftlichen Fächern, die theoretisch den Menschen betreffen. Ich möchte nicht so gerne praktisch am Menschen arbeiten.
Ich möchte nicht ständig in der Nacht arbeiten müssen und nicht ständig auf Abruf alles stehen und liegen lassen, um zu arbeiten.
Ich möchte auf alle Fälle die Möglichkeit haben, mein Berufsleben von meinem Privatleben zu trennen, und das ist als Ärztin wahrscheinlich schwierig. Die Ärzte im Krankenhaus leben fast nur noch dort und haben kaum mehr Zeit für ihre Familie.
Ich möchte an der Möglichkeit arbeiten, wie jeder Mensch sich am besten gesund erhalten kann, und nicht daran, wie die Krankheiten des Menschen am besten kuriert werden können.
Große Verantwortung für Menschenleben.
Es würde mir schwerfallen, mich zu Hause oder abends nicht mehr mit bestimmten Patienten und deren Problemen zu befassen. Ich könnte wohl nicht abschalten und hätte Stress.
Aufgrund der diversen Punkte, die gegen ein Medizinstudium sprachen, nahm ich dann doch den Rat meines Chemielehrers an und entschied mich für Ökotrophologie. Warum hatte er mir eigentlich nicht zu einem reinen Chemiestudium geraten? Ich war doch gut in Chemie! Traute er Frauen das nicht zu?
Gegen ein Chemiestudium sprach für mich persönlich damals allerdings auch die Überlegung, dass man als Chemikerin im Labor viel Zeit stehend verbringen müsste. Ich konnte noch nie lange stehen, das strengte mich sehr an, auch schon als Kind. Interessant in Bezug auf die Liste, die gegen ein Medizinstudium sprach, ist, dass ich dann später zwar nicht Medizin studiert habe, aber Psychologie – allerdings ohne das vorher so gründlich zu reflektieren wie meine Entscheidung gegen das Medizinstudium. Und interessant ist auch, dass ich später tatsächlich an der gefühlt (oder tatsächlich?) großen Verantwortung gescheitert bin, die man als Psychotherapeutin für seine Patienten hat. In all meinen Berufsjahren habe ich nicht lernen können, wie man abends nach der Arbeit abschaltet.
Parallel zu diesen Zukunftsüberlegungen beschäftigte ich mich in der Zeit vor dem Abitur damit, wie es für mich mit dem Springen weitergehen sollte. Seit mehr als einem Jahr litt ich nun diesbezüglich unter Ängsten und Schlafstörungen. Nicht zu vergessen die Essstörungen und das Selbstentfremdungserleben. Ich fragte mich zusehends häufiger, warum ich eigentlich noch zum Training ging, da ich mir sicher war, nach dem Abitur ohnehin damit aufhören zu wollen. Ich ging davon aus, dass ich ein Studium in einer anderen Stadt aufnehmen und damit verbunden von zu Hause ausziehen würde. Wenn ich ohnehin bald aufhörte zu trainieren, könnte ich das auch sofort tun! Neben meinen psychischen Symptomen gab es außerdem noch die Schulterverletzung – rückblickend ein deutliches körperliches Signal dafür, dass ich mit dem Wasserspringen endlich aufhören sollte. Ich tat mir dennoch sehr schwer mit dem Abschied von meinem früher so geliebten Sport. Meine Trauer um das Springen erlebte ich wie eine Art Liebeskummer. Mir lag auch viel an den Leuten, sowohl an meinen Trainern als auch meinen Springkameraden. Schweren Herzens, aber auch erleichtert, dass ich nun keine Angst mehr haben musste vor schwierigen Sprüngen, vor meinen Selbstentfremdungserlebnissen und vor der Waage, gelang es mir dann doch noch vor dem Abitur, mit dem Kunst- und Turmspringen aufzuhören.
Später besuchte ich Susanne, meine Springerkameradin, einige Male in Köln. Sie fand, dass ich weiblicher werden müsse, und lieh mir deshalb einen Rock, eine dünne Strumpfhose und Schuhe mit Absätzen für einen Abend im Kabarett aus. Ich war sehr unsicher, wie ich meine Weiblichkeit ausdrücken sollte, also nahm ich ihren Ratschlag an. Später stöckelte ich dann allein zum verabredeten Treffpunkt, aber ich fühlte mich sehr unwohl in den schicken Sachen. Nie mehr wieder habe ich mich so aufgestylt.
Auf die schriftlichen Abiturprüfungen in Chemie, Englisch und Philosophie bereitete ich mich systematisch vor. Inzwischen kannte ich mich auch mit dem Thema Lernstrategien aus. Ich hatte einen sehr interessanten Artikel in einer Zeitschrift darüber gefunden und setzte die dort gewonnenen Erkenntnisse gleich um. Meine Nervosität bei den Prüfungen hielt sich glücklicherweise in Grenzen – schließlich war ich durch meine häufigen Sportwettkämpfe an Prüfungssituationen gewöhnt – aber ich konnte hier auch zusätzlich auf das Autogene Training zurückgreifen, das ich erlernt hatte.
Die Osterferien nutzte ich, um das Schreibmaschineschreiben mit dem 10-Finger-System zu erlernen. Das gehörte für mich zu den Grundkenntnissen, die jeder beherrschen sollte. Das lag wohl daran, dass ich erlebt hatte, wie meine Mutter abends nach der Arbeit regelmäßig die berufsbezogenen handschriftlichen Notizen meines Vaters für ihn abtippte. Dann noch die letzte mündliche Abiturprüfung in Biologie – und fertig war ich mit der Schule.
Angeregt durch eine Jahrgangskameradin kam ich auf die Idee, nach dem Abitur für drei Monate in einem Sommercamp für behinderte Kinder und Jugendliche in den USA als Betreuerin zu arbeiten. Warum habe ich mich für diese Tätigkeit interessiert? Zum einen wollte ich meine Angst vor behinderten Menschen überwinden, die ich damals spürte. In Oberursel hatte es einen alten Mann gegeben, von dem meine Eltern sagten, er sei verrückt. Immer, wenn er mich sah, winkte er mir und rief: »Huhu!« Ich hatte Angst vor diesem Mann und vor behinderten Menschen überhaupt. Außerdem wollte ich weg von zu Hause, da ich die Spannungen in meiner Familie nicht mehr aushielt. Zudem war ich begierig nach neuen Eindrücken und wollte mich in ein völlig neues Erlebnisfeld hineinbegeben. Die USA erschienen mir besonders reizvoll, da ich den Eindruck hatte, die Menschen dort seien sehr kontaktfreudig, extravertiert und positiv gestimmt. Ich dachte: Wenn ich nur genug übe und entsprechende Vorbilder habe, wird es mir schon gelingen, meine Stimmung und Persönlichkeit in diese Richtung zu entwickeln.
Das Camp befand sich im Mittleren Westen der USA, in der Nähe von Indianapolis, Indiana. Es lag mitten in einem großen Waldgebiet, und das Klima war feucht-heiß. Wir wohnten mit fünf Betreuerinnen und etwa acht bis zehn Kindern in jeweils einer größeren Blockhütte. Die Kinder waren zum Teil sehr stark beeinträchtigt, litten beispielsweise unter Cerebraler Lähmung und konnten sich nur mit großer Mühe verständigen. Viele saßen im Rollstuhl und mussten beim Essen gefüttert werden.
Ich kam mit einer jungen Frau aus Holland zusammen im Camp an, nachdem dort schon die Einführungswoche für die Betreuer stattgefunden hatte. Wir wurden also ins kalte Wasser geworfen. Bei meinen Kolleginnen schaute ich mir ab, wie man mit den Kindern umgehen musste und welche Hilfe sie benötigten. Ich war dabei sehr nach außen orientiert, bemüht, ihr (Sozial-)Verhalten zu kopieren. Nach innen fühlte ich überhaupt nicht mehr, sondern wollte mich bewusst von der begeistert-überschwänglichen Atmosphäre im Camp beeinflussen lassen. Auch die Sing- und Rufspiele, die zum Campleben dazugehörten, machte ich mit – etwas, was mir eigentlich völlig widerstrebt.
Ich arbeitete sehr hart, gönnte mir kaum eine Pause. Wir hatten nur wenig Rückzugsmöglichkeiten und Zeit für uns, aber das suchte ich damals auch gar nicht. Ich wollte Ablenkung von mir selbst. Mir ging es um mein soziales Engagement und um die Veränderung meiner Persönlichkeit. Denn meine eigentliche, echte Persönlichkeit, die eher nachdenkliche und ernsthafte Züge hat, galt es zu »übermalen«. Obwohl ich einerseits den Lebensstil der Amerikaner schätzte und mich bemühte, ihn zu übernehmen, kritisierte ich andererseits deren Oberflächlichkeit. Das tat ich auch einmal sehr deutlich in einem Artikel, den ich für die Campzeitung geschrieben hatte. Die Campleiterin entschied jedoch, dass dieser Artikel nicht gedruckt wurde, was mich damals sehr verärgerte und mich in meiner Auffassung bestärkte, dass man in den USA nicht wirklich seine Meinung sagen darf. In meinem Zeugnis über die Tätigkeit als Betreuerin formulierte die Campleiterin unter anderem folgenden Text:
(...) Working in the United States, for many of our international staff is an adjustment. Cultural differences are at times difficult to comprehend and fully understand. Birgit has had to adjust to some of those differences. She voiced, however, those differences that she did not understand or with which she did not agree. She is very open in with what she believes and will stand firm in what she believes is right. She is a very strong willed individual (...)
Übersetzt bedeutet das Folgendes: In den USA zu arbeiten, bedeutet für viele unserer internationalen Teilnehmer, sich anpassen zu müssen. Kulturelle Unterschiede sind für die Betreffenden manchmal schwierig zu verstehen. Birgit musste sich an manche dieser Unterschiede anpassen. Sie machte jedoch deutlich auf die Unterschiede aufmerksam, die sie nicht verstand oder mit denen sie nicht einverstanden war. Sie ist sehr offen in ihrer Meinungsäußerung und tritt stark für das ein, was sie für richtig hält. Sie hat einen starken Willen.
Meiner heutigen Auffassung nach wurden meine sozialen Schwierigkeiten in den USA damit sehr freundlich umschrieben und darauf zurückgeführt, dass ich aus Deutschland kam, das heißt kulturellen Unterschieden zugeschrieben. Ich glaube jedoch, dass diese Ursachenzuschreibung meine eigentlichen, autistisch begründeten Schwierigkeiten verdeckte, die ich generell in sozialen Zusammenhängen hatte.
Im Anschluss an den Campaufenthalt reiste ich durch Amerika, ließ mich treiben von der belebenden Atmosphäre, auf die ich in den dortigen Jugendherbergen gestoßen war. Unkompliziert schloss man hier Bekanntschaften mit den jungen Reisenden aus der ganzen Welt und verbrachte die Tage miteinander oder fuhr gemeinsam zum nächsten Highlight an einem anderen Ort.
Zurück in Deutschland erfuhr ich, dass ich ab dem Herbst einen Studienplatz für Ökotrophologie in Gießen bekommen hatte. Ich packte meinen Rucksack und fuhr in meine ehemalige hessische Heimat, übernachtete dort in der Jugendherberge und machte mich auf Zimmersuche.
Erwachsen werden
Studentin
Bereits während meines Campaufenthalts war mir klar geworden, dass Ernährungswissenschaften nicht das Studienfach war, das ich verfolgen wollte. Trotzdem fing ich zunächst damit an. Ich dachte, dass mir im Lauf der ersten Zeit dort schon klar werden würde, was das sein könnte. Spätestens durch den Golfkrieg, der wenige Monate später (im Januar 1991) ausbrach, spürte ich, dass ich »mit Menschen« arbeiten, etwas »Sinnvolles« tun wollte.
Ein Jahr später wechselte ich zum Studium der Psychologie. Meine Mutter hatte immer gesagt, ich solle mir ein Studium und einen Beruf aussuchen, die mir »Spaß machen« würden. Mich hat Psychologie sehr interessiert, ich fand das alles sehr spannend. Also vermutete ich, dass sie das mit »Spaß« gemeint hatte. Psychologie zu studieren war also wohl eine Wahl aus Begeisterung und Interesse für die Sache. Und zudem vielleicht eine Trotzreaktion in Bezug auf meine Mutter, die, als ich ihr meine Entscheidung zum Studienwechsel mitteilte, mit Entsetzen in der Stimme sagte: »So weit haben wir dich gebracht!« Das sollte heißen, dass meine Mutter der Ansicht war, mich so verkorkst zu haben, dass ich mir nun nicht mehr anders zu helfen wusste, als Psychologie zu studieren.
Seit Beginn meines Studiums teilte ich mir mit Laura eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung in einem Dorf in der Nähe von Gießen. Laura war ein Jahr älter als ich und gerade aus Israel zurückgekommen, wo sie ein Jahr in einem Kibbuz gearbeitet hatte. Jede von uns hatte ihr eigenes Zimmer. Darüber hinaus gab es Bad und Küche, in der ein Esstisch mit einer Sitzbank und zwei Stühlen stand. Eine Wand hatten wir knallrot gestrichen. Das gefiel uns gut. Oft saßen wir zusammen in der Küche, tranken Tee und redeten.
In dieser Zeit entdeckte ich meine Liebe zu Aquarellfarben. Ich malte verschiedene ineinanderfließende Formen, die sich manchmal auch zu Objekten verdichteten, wie zum Beispiel Tropfen, Pflanzen, Vögel oder ein Gesicht.

Teufelsglut

Pflanzen auf Steinen

Golfkrieg
Tropfen konnten für Wasser stehen oder auch für Tränen. Außerdem erschienen regelmäßig Augen auf meinen Bildern. Ich fühlte mich oft wie von außen beobachtet, so als ob immer ein kritisches Auge seinen Blick auf mich gerichtet hätte und an meinem Auftreten und meinem Verhalten kein gutes Haar ließe.
Nach einem Jahr beschloss ich, nach Gießen in die Innenstadt zu ziehen. Laura verbrachte immer mehr Zeit mit ihrem Freund, während ich mich oft einsam fühlte. Ich wollte auch nicht mehr einen so langen Anfahrtsweg zur Uni haben und irgendwie mitten hinein ins Geschehen. Ich fand in einem zentral gelegenen Studentenwohnheim ein günstiges Zimmer. Fast immer traf man jemanden in der Gemeinschaftsküche an, wenn man nicht alleine sein wollte. Und doch konnte man sich jederzeit in sein Zimmer zurückziehen und hatte seine Ruhe.
Im Wohnheim lebten viele Studenten aus dem Ausland, was mir gut gefiel und auch ein Anreiz für mich war, dorthin zu ziehen. Denn ich war sehr behütet und bürgerlich aufgewachsen, wollte endlich mehr vom »wahren Leben« kennenlernen. Auf dem Gelände gab es ein Studentenrestaurant, das abends geöffnet war, sowie einen Clubkeller, das »Go-In«, in dem öfters Feten stattfanden. Genau die richtige Mischung aus unverbindlicher Gesellschaft und Rückzugsmöglichkeit. Auf einer dieser Feten ging ich auf das Angebot eines jungen Algeriers ein, miteinander zu tanzen. Es machte Spaß, und ich hatte einen schönen Abend. Am nächsten Tag klopfte jemand an meine Zimmertür. Der Algerier stand da, obwohl ich ihm meine Zimmernummer nicht genannt hatte. Er wusste, wo ich wohnte! Wer hatte ihm das gesagt? Völlig erschrocken knallte ich ihm die Tür vor der Nase zu. Ich hatte nicht gewusst, dass man Erwartungen bei einem Mann weckt, sich besser kennenzulernen, wenn man miteinander tanzt. Das wäre mir viel zu viel gewesen! Fortan war ich vorsichtiger, was den Umgang mit Männern betraf.
Das neu begonnene Psychologiestudium gefiel mir gut. Eifrig belegte ich die notwendigen Vorlesungen, die ich regelmäßig vor- und nachbereitete. Eigentlich sollte ich nach dem vierten Semester das Vordiplom machen, aber das bekam ich nicht hin. Ich konnte entweder zur Uni gehen und Vorlesungen hören oder lernen. Beides zusammen ging nicht. Heute weiß ich: Das hat mit meiner Schwierigkeit zu tun, meine Aufmerksamkeit auf mehrere Bereiche gleichzeitig zu richten. Ich konnte eine Sache auf einmal machen, und da kniete ich mich dann auch hinein. Aber mehrere Schwerpunkte im Leben? – Nein, das ging nicht. Also belegte ich in den ersten vier Semestern die nötigen Vorlesungen und Seminare, während ich das fünfte Semester komplett fürs Lernen reservierte. Für das anstehende Vordiplom habe ich dann mit großer Begeisterung und Systematik gelernt. Dazu zog ich mich über mehrere Monate in mein Zimmer im Studentenwohnheim zurück und erarbeitete mir den Stoff nach einem Lernplan, den ich selbst erstellt hatte. Jedes Buch, das ich für die Prüfungen las, fasste ich handschriftlich für mich zusammen. Denn was ich selbst herausgeschrieben und zusammengefasst hatte, konnte ich mir am besten merken.
Mündliche Prüfungen lagen mir. Endlich hatte ich die Aufmerksamkeit eines Professors, der sich in seinem Gebiet natürlich sehr gut auskannte, ganz für mich alleine. Und ich konnte all das loswerden, was ich gelernt hatte, durfte im Prinzip über mein Spezialinteresse reden, und er hörte mir zu beziehungsweise stellte knifflige und interessante Fragen, die ich dann versuchte zu beantworten.
Zu Studienbeginn hatte ich entschieden, dass ich endlich eine Psychotherapie machen wollte. Daher vereinbarte ich ein Gespräch bei einem Psychoanalytiker, der mir einmal wöchentlich die Teilnahme an einer psychoanalytischen Gesprächsgruppe anbot. Für die nächsten zweieinhalb Jahre ging ich immer montagabends in die Gruppentherapie mit acht oder neun anderen Menschen. Die meisten waren deutlich älter als ich, ich war das »Küken«. In dieser Rolle fühlte ich mich wohl, so musste ich mich nicht mit Gleichaltrigen vergleichen. Jeder konnte dort über seine Probleme sprechen und die anderen gaben Rückmeldungen dazu, wenn sie es wollten. Danach gingen wir oft noch in ein kleines Lokal in der Nähe, um etwas zu essen oder zu trinken. Diese Zusammenkünfte nach der eigentlichen Therapie waren für mich mindestens genauso wichtig wie die Therapie selbst. Die Gruppe war neben dem therapeutischen Angebot auch ein Lernfeld für mich, wie man mit anderen Menschen umgeht. Denn neben meinen studienbezogenen Aktivitäten war die Studienzeit für mich vor allem eine Zeit der Selbstfindung und Erprobung in meinem sozialen Verhalten und in Kontakten zu anderen Menschen. Meine leistungsbezogenen Ziele für die einzelnen Semester an der Universität, die ich der Reihe nach abarbeitete, gaben mir Halt und Struktur im Alltag. Der andere große »Ast« waren jedoch meine sozialen Kontakte und erste Männerbeziehungen, in denen ich mich jedoch sehr abhängig gebunden fühlte. Das Führen einer Partnerschaft kostete mich viel Kraft. In meinen diversen Tagebüchern schrieb ich oft seitenlang über meine Gefühle und mein Verhalten in Bezug auf meinen jeweiligen Freund, wie ich es bewertete und vielleicht auch in Zukunft ändern wollte. Sehr häufig litt ich unter Schlafstörungen, was ich rückblickend daraus ersehen kann, dass ich im Tagebuch die jeweilige Uhrzeit dazugeschrieben habe. Oft schrieb ich mitten in der Nacht, weil ich vor lauter Grübeln nicht schlafen konnte und mir vom Schreiben Erleichterung durch Ordnung meiner Gedanken erhoffte.
Man kann sagen, dass in diesen ersten Jahren nach meinem Auszug von zu Hause das »Lebenlernen« für mich im Vordergrund stand. Psychisch ging es mir oft nicht gut in dieser Zeit. Trotz der möglichen Gesellschaft von anderen Studenten fühlte ich mich oft einsam, zutiefst niedergeschlagen, hatte schon damals Suizidgedanken. Ich malte viel, trug eine Zeitlang nur schwarze Klamotten, färbte mir auch die Haare schwarz. Freundschaften hatte ich nur aus meinem ersten Studiengang, den ich abgebrochen hatte. Unter den Psychologiestudenten fand ich zunächst keine Freunde. Sie schlossen sich schnell in Cliquen zusammen, aber aus unerfindlichen Gründen gelang es mir nicht, dazuzugehören. Ich hatte das Gefühl, sie fanden mich alle komisch, und vielleicht war das auch so.
Geprägt durch meine Gruppentherapie war ich damals auf dem »Trip«, dass man seine Gefühle ausleben sollte. Einmal war mir nach Raufen zumute, also fragte ich einen Kommilitonen, ob er Lust hätte, mit mir zu kämpfen. Er war sehr verwundert, ich blieb aber hartnäckig, und so rangelten wir mitten in der Uni auf dem Fußboden. Ein anderes Mal saß ich alleine weinend vor einem Hörsaal. Mir ging es nicht gut, ich fühlte mich wieder einmal einsam und depressiv. Ich fand es völlig normal, dort so zu sitzen, da ich in der Gruppe gelernt hatte, dass man seine Gefühle zeigen soll. Ich wusste nicht, dass eine Gruppentherapiesituation etwas anderes ist als das Leben im Alltag mit mir relativ unbekannten Menschen. Auf die Idee, dass andere Leute mein Weinen komisch oder befremdlich finden würden, kam ich nicht.
Meinen ersten Geschlechtsverkehr hatte ich im Alter von zwanzig Jahren. In dieser Zeit hatte ich den Eindruck gewonnen, dass die meisten Gleichaltrigen die Erfahrung schon gemacht hatten. Um hier nicht im Hintertreffen zu sein, fasste ich den Plan, endlich einmal mit einem Mann zu schlafen. Es passierte mit einem Kommilitonen aus dem Wohnheim, der offen war für einen One-Night-Stand. Für mich hatte das Ganze überhaupt nichts Schönes. Ich traf mich lediglich mit ihm, um mein subjektiv erlebtes Manko, noch Jungfrau zu sein, endlich hinter mir zu lassen. Ich hakte es ab wie eine offenbar zu bewältigende Herausforderung, wie einen Entwicklungsschritt, den man auf dem Weg zum Erwachsenwerden anscheinend gehen musste. Rückblickend denke ich: Wie furchtbar! Warum habe ich nicht gewartet, bis ich selbst so weit war? Aber mein Bemühen, äußerlich angepasst zu sein, war stärker.
Irgendwann liefen die bewilligten Stunden für meine Gruppenpsychotherapie aus. Ich nahm das damals einfach als Fakt hin, wehrte mich nicht dagegen und überlegte auch nicht, inwieweit ich vielleicht weiterhin eine andere Art von psychotherapeutischer Hilfestellung benötigen würde.
Im fünften Sommer meiner Studienzeit – ich war nach einer Trennung mal wieder sehr depressiv, ohne allerdings auf die Idee zu kommen, mir psychiatrische oder psychotherapeutische Hilfe zu suchen – unternahm ich mit meinen Eltern eine einwöchige Hüttenwanderung entlang der Berge um die Seiser Alm herum. Ich war sehr froh über diese Möglichkeit, mich meinen Eltern anschließen zu können. So kam ich raus aus meinem Leben in Gießen, in dem ich mich nur depressiv im Kreis drehte. Ein weiterer Grund war, dass ich die bis dato sehr distanzierte Beziehung zu meinem Vater verbessern wollte.
Der Urlaub tat mir einerseits gut, andererseits litt ich unter der – zumindest in der Vergangenheit – schlechten Beziehung meiner Eltern zueinander. Als ich wieder einmal unglücklich war und ohne ersichtlichen Grund weinte, sagte meine Mutter vorwurfsvoll zu mir: »Immer geht es dir schlecht!« In diesem Urlaub in Südtirol fühlte ich sehr stark den inneren Druck, das Bindeglied zwischen meinen Eltern sein zu müssen. Lange Jahre war ich in meiner Jugendzeit die Vertraute meiner Mutter gewesen, die immer wieder ihre Eheprobleme mit mir besprochen und mich damit auf ihre Seite gezogen hatte, weg von meinem Vater. Ich empfand immer noch Verantwortung für die Ehe meiner Eltern, und das überforderte mich völlig. Ich wollte auch nicht mehr ausschließlich eine vertraute Beziehung zu meiner Mutter haben, sondern eine solche auch zu meinem Vater aufbauen. Schließlich war er mein Vater, und ich fand inzwischen, dass ich ein Recht auf eine eigenständige positive Beziehung zu ihm hatte. Im Nachhinein bin ich sehr dankbar für diesen gemeinsamen Urlaub mit meinen Eltern, denn ein Jahr später lag mein Vater nach einem Herz-Kreislauf-Zusammenbruch bereits im Wachkoma.
Ich kann, was ich will!
Die Beschäftigung mit den Inhalten meines Studiums machte mir weiterhin viel Spaß. Trotzdem fehlte mir noch eine berufsbezogene Aussicht, also die Vorstellung davon, wie das in der Praxis aussehen könnte. Ich wusste inzwischen, dass mich die klinische Psychologie und Psychotherapie sehr reizte. Also kümmerte ich mich um ein Praktikum, damit ich eine konkretere berufliche Perspektive entwickeln könnte. Ich war zu diesem Zeitpunkt vor allem neugierig auf die Tätigkeit von Psychologen in einer Suchtklinik, und es gelang mir auch, in einer solchen für sechs Wochen einen Praktikumsplatz zu ergattern. Ich bewunderte die Psychotherapeuten dort sehr. Nach den sechs Wochen wusste ich, dass ich genau das machen wollte, wenn ich mit dem Studium fertig war.
Es gab jedoch ein paar Schwierigkeiten zu überwinden. Ich war zum Beispiel hinsichtlich meines Kleidungsstils bei der Arbeit zunächst völlig desorientiert. Von Anfang an dachte ich, dass ich dort nicht in den Kleidern hinkommen konnte, die ich sonst trug, sondern mich irgendwie »verkleiden« musste. Ich guckte mir also ab, was die Psychologinnen in der Klinik trugen, und machte es nach. Mit meinem eigenen Stil, Jeans und Pulli, hatte das absolut nichts zu tun. So trug ich in dieser Zeit zum Beispiel einen langen, blumig-bunten Rock, den ich nachher nie wieder angezogen habe.
Das Praktikum überforderte mich in sozialen Dingen außerordentlich. Ich war ständig erschöpft, angespannt und am Rande meiner Kräfte. Trotzdem hielt ich anschließend an meiner neu gewonnenen beruflichen Zukunftsvorstellung unbeirrbar fest. Mir war nicht klar, dass ich mich schon damals hätte fragen müssen, ob der Beruf der Psychotherapeutin überhaupt geeignet für mich war. Ich erinnerte mich an die autosuggestive Kassette mit dem Titel: »Ich kann, was ich will!« Offensichtlich würde ich alles schaffen können – wenn ich es nur fest genug wollte. So hatte es der Sprecher schließlich mantraartig wiederholt. Eine grandiose Fantasie, wie ich heute weiß, aber beim Sport in meiner Kindheit und Jugend hatten sie uns ähnliche Sätze mit auf den Weg gegeben. »Kann ich nicht, gibt es nicht!«, zum Beispiel, wenn man Angst vor einer Turnübung hatte und zögerte.
Im Leistungskurs Englisch behandelten wir zudem das Thema »Immigration in die USA«, wobei der »American Dream« eine ganz wesentliche Rolle spielte. Diese Vision, dass jeder Einwanderer in die USA es »vom Tellerwäscher zum Millionär« schaffen konnte, gab mir Kraft, Inspiration und Motivation, mich für das Wahrwerden meiner Wünsche und Ziele einzusetzen.
Ich hatte mir bis dahin niemals ernsthaft die Frage gestellt, ob ich etwas, was ich gerne wollte, vielleicht gar nicht erreichen könnte. Mir war nicht klar, dass es tatsächlich Begrenzungen im Leben gibt. Kann ich nicht, gibt es nicht! Da ich mit der Philosophie aufgewachsen war, dass man alles erreichen kann, wenn man nur will, kam ich entsprechend nicht im Traum auf die Idee, mich zu fragen, ob mein späterer Beruf überhaupt zu mir passen würde. Ich wollte Psychotherapeutin werden – also ging ich dieses Ziel systematisch an und setzte es in die Realität um.
Einige Zeit nach diesen ersten sechs Wochen machte ich ein Praktikum in einer bekannten Klinik, die sich auf die Behandlung von Essstörungen spezialisiert hatte. Ich lernte dort verschiedene therapeutische Techniken in der Therapie von Anorexie und Bulimie kennen, die ich probehalber auf mich selbst anwandte. Auf diese Weise gelang es mir tatsächlich, meine eigenen Essattacken und zwanghaften essensbezogenen Gedanken aufzulösen. Voller Begeisterung und erlebter Sinnhaftigkeit des therapeutischen Berufs beendete ich nach zwei Monaten mein Praktikum.
Kurz vor dem Ende meines Studiums geriet ich aber dann doch noch in eine Sinnkrise bezüglich meines weiteren Lebens. Im Anschluss an mein Psychologie-Diplom wollte ich eine psychotherapeutische Ausbildung beginnen. Die anderen Bereiche der Psychologie interessierten mich eher wenig, ich konnte mir beispielsweise nicht vorstellen, in der Wirtschaft zu arbeiten oder als Schulpsychologin. In meinem Tagebuch finden sich aus dieser Zeit jedoch bereits Aufzeichnungen über meine Ängste, dem späteren Beruf der Psychotherapeutin nicht gewachsen zu sein. Ich fragte mich, ob ich angesichts dessen wirklich das Diplom in Psychologie machen und den eingeschlagenen Weg gehen sollte. Da ich jedoch schon so viel Zeit und Energie in das Studium gesteckt hatte, kam es für mich nicht infrage, es ohne Abschluss abzubrechen. Außerdem war mir völlig unklar, welches Studium oder welche Ausbildung ich stattdessen hätte wählen sollen beziehungsweise welcher berufliche Bereich für mich überhaupt geeignet wäre. Es gab also nur einen Weg: weiter nach vorne! Es musste einfach klappen, dass ich Psychotherapeutin werden würde!
Erschütterungen
In allen meinen bisherigen Beziehungen zu Männern war ich irgendwann an den Punkt gekommen, an dem ich mich fragte, ob ich vielleicht doch eher lesbisch war. Vor allem in solchen Momenten, in denen ich kaum mehr etwas für meinen jeweiligen Partner empfand. Es hatte aber auch mit sexuellen Schwierigkeiten zu tun. Obwohl ich mich bisher tendenziell eher in Männer verliebt hatte, empfand ich doch auch schon immer starke Gefühle für Frauen. Da ich nun mehrmals erfolglos, also immer nur für kurze Zeit mit einem Mann zusammen gewesen war, schlussfolgerte ich daraus, dass ich vermutlich doch eher lesbisch sein müsse. Dass ich auch bisexuell sein könnte, war für mich jeweils nur am Rand Thema, da eine solche Vorstellung mir nur wenig Identitätsgefühl vermittelte, was ich aber so dringend brauchte, gerade weil ich in dieser Beziehung so unsicher war. Zudem kannte ich damals niemanden, der oder die sich selbst als bisexuell bezeichnet hätte, sodass ich davon ausging, dass die meisten Menschen eher eindeutig heterosexuell oder homosexuell waren. Diese Erkenntnis über mich selbst brachte mich sehr durcheinander, da sie meine ohnehin fragile Identität wieder einmal infrage stellte. Ich schrieb in mein Tagebuch:
Ich weiß nicht, ob ich generell nur Frauen liebe. Keine Ahnung. Rein logisch betrachtet, glaube ich das nicht, wie könnte ich es sonst erklären, dass ich mich in Männer verliebt habe? Denn das ist unzweifelhaft der Fall gewesen, obwohl ich natürlich nicht weiß, ob mir das in Zukunft noch einmal passieren wird. Tatsache ist aber auch, dass ich auf jeden Fall für manche Frau geschwärmt habe. Mehr als normal für sie empfunden habe. Zärtlichkeit für sie empfunden habe. Sie schmerzlich vermisst habe, wenn ich sie nicht mehr so oft gesehen habe wie vorher. Mich total darauf gefreut habe, sie wiederzusehen. Eifersüchtig auf ihre Männer war. Traurig war, nicht einfach den Arm um sie legen zu können. Nicht einfach in ihr Haar fassen zu können. Ihren Kopf zu streicheln. Ganz lange umarmt mit ihr irgendwo stehen zu können.
Zehn Tage später schrieb ich:
Ich bin homosexuell.
Ich bin homosexuell.
Ich bin homosexuell.
Und ich bin introvertiert.
Und ich bin ganz anders, als meine Mutter mich haben wollte.
Ich sollte so sein, wie sie nie hat sein können,
aber wohl immer gern hat sein wollen.
Und eigentlich bin ich doch ganz okay, oder?
Ich bin homosexuell?
Bin ich homosexuell?
Bin ich denn überhaupt sexuell?
Als ich in dieser innerlich sehr turbulenten Zeit meine Eltern besuchte, spürte ich, ich muss ihnen unbedingt erzählen, dass ich vermutete, homosexuell zu sein. Ich war damals ganz verzweifelt darüber, dass ich wohl lesbisch war. Auch weil das für mich bedeutete, dass ich niemals heiraten und eine eigene Familie gründen würde. Ich erzählte meinen Eltern also unter Tränen davon und sie reagierten ganz wunderbar und verständnisvoll. Mein Vater legte einfach den Arm um mich – das hatte er noch nie vorher getan. Und meine Mutter sagte besorgt: »Oh, da wirst du es wohl schwer haben im Leben.« Ich fühlte mich angenommen, verstanden und unterstützt. Diese Reaktion meiner Eltern hat mir sehr viel bedeutet – und tut es noch immer.
Mitten im Gefühlschaos bezüglich meiner sexuellen Identität erhielt ich einen Anruf meiner Mutter: Mein Vater habe einen Herzstillstand gehabt, sei reanimiert worden und liege nun im künstlichen Koma auf der Intensivstation. Mein Herz fing an zu klopfen wie verrückt, ich fühlte mich ganz schwach und hatte große Angst. Ich ließ alles stehen und liegen, packte meine Tasche und nahm den nächsten Zug in Richtung Hannover. Die Ärzte beließen meinen Vater für etwa zwei Wochen im künstlichen Koma, gaben uns aber wenig Anhaltspunkte, ob er danach wieder zu Bewusstsein kommen würde oder nicht. Ich war hoffnungslos, da ich erfahren hatte, dass sein Gehirn vor der Reanimation relativ lange ohne Sauerstoff gewesen war. Tatsächlich ging das künstliche Koma später in ein Wachkoma über. Wir wussten nicht, ob mein Vater uns in dieser Zeit hören oder sonst irgendwie wahrnehmen konnte, da er nicht auf unsere Kontaktaufnahme reagierte.
Ich fühlte großen Schmerz und oft eine geradezu bleierne Schwere in meinem ganzen Körper. Schon das Gehen fiel mir enorm schwer. Ich verstand, dass ich irgendwie um meinen Vater trauern musste. Aber wie ging das? In mir fühlte sich alles tot an. Ich versuchte dennoch, mit meinem Studium weiter voranzukommen, denn das Leben musste ja irgendwie weitergehen. Keiner von uns wusste, wie lange das Wachkoma meines Vaters anhalten würde beziehungsweise ob oder wann genau er sterben würde. Diese Vorstellung war so furchtbar, ich musste sie immer wieder verdrängen, um im Alltag überhaupt weiter bestehen zu können.
Etwa ein Jahr nach dem Tag, an dem mein Vater ins Koma gefallen war, erhielt ich wieder einen Anruf von meiner Mutter. Es war April, das Wetter klar und herrlich sonnig. Am Morgen war ich zum ersten und einzigen Mal in der Lahn schwimmen gewesen. Mein Vater war gestorben, erzählte sie mir. Ich erinnere mich noch, dass der Soundtrack von »Flashdance« lief. Ich setzte mich in meinem Zimmer auf den Fußboden, blickte auf den Kirschbaum vor meinem Fenster und fühlte tiefen Frieden. Endlich war mein Vater erlöst von seinem Leiden. Natürlich blieben diese positiven Gefühle nicht lange im Vordergrund. Die nachfolgende Beerdigung war der bislang schlimmste Tag in meinem Leben. Die Trauer um meinen Vater dauerte noch viele weitere Jahre an. Erst in der Psychoanalyse, die ich acht Jahre später begann, gelang es mir, diese Gefühle durchzuarbeiten. Auch wenn die Intensität der Trauer inzwischen abgenommen hat, fehlt er mir immer noch.
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