Kitabı oku: «Aus dem Schlaf gerissen»

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Aus dem Schlaf gerissen

Birgit Vobinger

published by: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de

Text Copyright © 2013 Birgit Vobinger

ISBN 978-3-8442-6007-6

Alle Rechte vorbehalten

Die Geschichte ist frei erfunden. Sollten Ähnlichkeiten mit Personen oder Orten vorhanden sein, sind sie nicht beabsichtigt.

Kapitel 1

Die letzten Wochen waren nervenzerreißend gewesen. Heute würde er dem Täter, den er vor Wochen „Das Wiesel“ getauft hatte, näher auf den Pelz rücken. Trotzdem war Peter erstaunlich ausgeglichen. Er war am Ziel. Er hatte den Fall so gut wie gelöst. Genau, wie der Pathologe es aus der Gerichtsmedizin kannte. Alles lag klar vor ihm, nur das letzte Analyseergebnis fehlte noch. Das letzte Teil in diesem grausamen Puzzle, und er würde dem Ungeheuer ein Gesicht geben.

Der warme Herbstabend ließ die Abendsonne durch das Küchenfenster scheinen. Der pensionierte Pathologe holte sich nach seinem reichhaltigen Abendessen eine Flasche Rotwein aus dem Keller und ging auf die überdachte Terrasse, um den lauen Oktoberabend zu genießen. Jeden Augenblick würde Ernst aus dem Labor anrufen und ihm das Ergebnis mitteilen. Er setzte sich in den Rattansessel, legte die Füße hoch und genoss den Ausblick. Der Werlower See grenzte an sein Grundstück. Das Wasser war wie gebügelt. Nur einige Fische brachten, während ihrer Jagd nach Fliegen und Wasserläufern, eine kleine Wellenbewegung zustande. Ein Anblick, der jedes Anglerherz höher schlagen ließ. Peter trank einen Schluck Wein und genoss, wie lange nicht mehr, den Anblick des Sonnenuntergangs über dem See. Am anderen Ufer erstrahlten die Lichter der Kleinstadt Werlow.

Peter fing an zu schwitzen und fühlte, dass sein Kreislauf durcheinander war. Kein Grund für ihn zur Beunruhigung. Nach wochenlangem Stress verlangte jeder Körper eine Zwangspause. Eiskalter Schweiß lief ihm am Körper herunter und sein Bauch krampfte. Auf dem Weg in die Küche musste er sich am Türpfosten festhalten, um nicht die Orientierung zu verlieren. Er bemerkte die Person, die sich im Haus befand nicht. Unbemerkt huschte die dunkle Gestalt, an der Küchentür vorbei, hinaus auf die Veranda, schnappte sich das Mobiltelefon vom Gartentisch und suchte Schutz hinter den Büschen.

Peter kochte sich einen Pfefferminztee. Er wusch sich mit kaltem Wasser durch das Gesicht und ging langsam wieder in Richtung Veranda. Er taumelte und stieß dabei an den Esstisch. Mit lautem Klirren fielen eine Bierflasche und ein Glas auf den Fliesenboden. Endlich erreichte er seinen Sessel, saß da und versuchte seine Gedanken zu sortieren. Wie die Trommelschläge auf einer Galeere hämmerte sein Herzschlag. Das Atmen fiel ihm zunehmend schwerer. Die Luft schien dick wie Glyzerin zu sein. Peter öffnete sein dunkelblaues Oberhemd.

„Verdammt! Was ist denn bloß los? Das Herz? Ich muss Helmut anrufen.“ Ohne einen Blick auf den Tisch zu werfen, tastete er nach seinem Handy. Nichts. Eine Hand schützend vor die schmerzende Brust gelegt, suchte er auf dem Tisch und auf dem Boden nach dem Mobiltelefon. „Wo ist dieses blöde Handy?“

Im Schutz der Dunkelheit lauerte das Wiesel. „Hier ist es. Glaubst du etwa ich lasse es auf dem Tisch?“, dachte es. „Bei dir muss ich vorsichtig sein. Du kannst dir helfen. Den Anderen hätte ich ein Gegenmittel in die Hand geben können, ohne dass die geschnallt hätten, was sie damit machen können. Ja Peter, du bist schon ein ganz besonderer Fall.“

Der überhebliche Gesichtsausdruck des Wiesels änderte sich. Die Augen schienen plötzlich ins Leere zu blicken. Es rieb sich das Kinn. Eroberten Zweifel den Wahnsinnigen?

„Was mache ich nur? Ich mag dich.“

In seinen Gedanken tauchten die Bilder der gemeinsamen Stunden auf. Bisher hatte der Täter keinen privaten Kontakt zu den Opfern. Er kannte sie nur oberflächlich. Heute war er hier um einen guten Bekannten, einen liebenswerten Menschen zu töten.

„ Das kann ich nicht tun. Ich muss ihm helfen, alles erklären. Wenn ich ihm meine Mission erkläre, wird er es verstehen. Nein, wird er nicht. Es wäre zu riskant.“

Geschwächt saß Peter in seinem Gartensessel. Er zwang sich, nachzudenken. Er musste herausfinden, was seinen Körper verrückt spielen ließ. Herzschlag dröhnte immer stärker in seinem Kopf. Schweißtropfen lösten sich von seiner Stirn, liefen über den Nasenrücken, vorbei an den Wangen und sammelten sich zu einem großen Tropfen an seinem Kinn. Er hatte Angst. Er versuchte aufzustehen, um ins Haus zu gehen und Helmut anzurufen. Dumpf nahm er hinter sich ein Knacken wahr. Es sah sich um, konnte aber seinen Garten nur noch schemenhaft erkennen. Er spürte die Bedrohung, die Kälte der Augen, die ihn beobachteten. Wie durch einen milchigen Vorhang sah Peter in die Dämmerung. Irgendetwas stimmte nicht. Durch die Kopfschmerzen und Magenkrämpfe fiel es ihm schwer, sich zu konzentrieren. Dann erblickte er den Umriss eines Menschen, versteckt zwischen den Büschen. Er kniff die Augen zu einem Sehschlitz zusammen, um seinen Blick zu schärfen. Sollte ihm das Wiesel auf die Schliche gekommen sein und ihn nun, so kurz vor dem Ziel, heimsuchen? Und warum? Peter passte nicht ins Profil der Opfer.

„Wer ist da?“, fragte er ängstlich und tastete auf dem Tisch nach Gegenständen, mit denen er sich zur Wehr setzen könnte. Doch dann erkannte die dunkle Gestalt.

„Gut, das du da bist. Hilf mir“, fragte Peter.

Wortlos betrat der Besucher die Veranda und setzte sich zu Peter.

„Mein Kreislauf“, keuchte Peter, „Mein Herz spielt verrückt. Ich brauche einen Krankenwagen. Ich kann mein Telefon nicht finden. Bitte geh' ins Haus und ruf' den Notarzt.“

„Ich weiß, wie es dir geht. Suchst du dieses Telefon?“

Peter stutzte über diese Bemerkung. Trotz der schlechten körperlichen Situation bemerkte er die ihm entgegengebrachte Feindseligkeit.

Der Gesichtsausdruck des abendlichen Besuchers veränderte sich. Der Täter zog seinen rechten Mundwinkel zu einem überheblichen Grinsen nach oben. Der Blick war hasserfüllt.

„Die Krämpfe sind ganz schön schlimm, was?“

Peter musterte die Person. Erneut reihte er Puzzle für Puzzle aneinander.

„Du bist das Wiesel! Du hast mich vergiftet! Warum ich? Ich gehöre nicht in dein Profil.“

„Es tut mir Leid aber ich konnte kein Risiko eingehen.“

Peters konnte kaum einen klaren Gedanken fassen.

„WAAARUUM?“

„Es hätte nicht mehr lange gedauert, dann wärst du hinter meinen Auftrag gekommen. Das kann ich nicht zulassen. Musst dich ja in alles einmischen. Vielleicht tröstet es dich, dass mir dein Tod sehr schwer fallen wird. Ich muss meinen Auftrag erfüllen. Ich habe meine Mission. Da darf ich keine Rücksicht nehmen. Nimm es nicht persönlich. Mir fällt dieser Schritt wirklich besonders schwer. Das verstehst du doch, oder? Ach, ist auch egal. Es muss getan werden, was es zu tun gilt.“

Der ungebetene Gast lachte. Die Stimme des Wahnsinns durchdrang die Abendruhe.

Peter zwang sich, nicht weiter zu zuhören. Als guter Diagnostiker würde er das Gift erkennen und wissen, was zu tun sei. Magenkrämpfe, Temperaturanstieg. Langsamer aber hämmernder Herzschlag. Beginn einer Bradykardie? „Du kennst das Zeug, denk nach, dir läuft die Zeit weg. Mein Gott, diese Krämpfe.“ Peter ahnte, womit er vergiftet worden war. Er musste ins Haus und medizinische Kohle einnehmen, um die weitere Resorption zu stoppen. Kraftlos drückte Peter sich aus dem Sessel hoch und versuchte ins Haus zu gelangen. Sein Peiniger packte ihn bei den Schultern und warf ihn zurück zu seinem Sessel. Peter schlug an die Armlehne. Der Rattansessel fiel um und der 57Jährige schlug mit dem Kopf auf den gepflasterten Boden. Als er sich, benommen vom Schmerz zu dem Wiesel umdrehte, lief warm das Blut über sein Gesicht. Der Aufschlag hatte eine Platzwunde an der Stirn hinterlassen.

Sein Herzschlag war auf ca. 40 Schläge pro Minute gesunken. Bradykardie.

Das Telefon läutete.

„Du wirst nicht mehr erfahren wer dich sprechen will. Tja, die Diagnose wird wohl Herzinfarkt lauten, wenn man dich hier findet. Du bist 57, hast in letzter Zeit ganz schön zugelegt. So etwas passiert.“

Das Läuten des Telefons schien sich immer weiter von ihm zu entfernen. Peter kannte das Gift aber erst jetzt wusste er, was diese Menschen im Augenblick ihres Todes fühlten. Er konnte nicht entkommen. Zu viel war bereits in seinem Kreislauf. Ihm blieben nur noch wenige Minuten. Der dunkelhaarige Mann war am Ende und es gab noch so viel, was er gerne getan hätte. Nun, im Angesicht seines Todes, gab es keine Chance mehr all den geliebten Menschen zu sagen, was längst hätte gesagt werden sollen. Vor allem Kerstin. Peter war schuld, dass sie ihn verlassen hatte. Oft verbrachte der Pathologe 16 Stunden im Sektionssaal. Stunden, die dem Paar fehlten. Erst als sie gegangen war, wurde ihm die Größe des Verlustes klar.

Mit dem vorzeitigen Austritt aus dem Berufsleben und dem Kauf des Hauses, versuchte Peter, das Leben zu führen, dass Kerstin sich damals für sie beide gewünscht hatte. Die Hoffnung sie zurückzugewinnen konnte er nicht aufgeben. Oft betrachtete er das Foto von ihr in seiner Brieftasche und träumte davon, wieder mit ihr zusammen zu sein. Auch als Ernst ihm von ihrem neuen Lebensgefährten erzählte, blieb ein kleiner Funke Hoffnung in seinem Herzen zurück. Erst jetzt, wenige Minuten vor seinem Tot erlosch auch dieser.

Das Telefon verstummte. Das Wiesel stellte das Mobilteil wieder auf die Station. Einen Moment lang blickte es, fast betroffen, auf den leblos daliegenden Körper des Pathologen. Dann wandte es sich um und ging, berufen seine Mission zu erfüllen.

Kapitel 2

Sechs Monate zuvor.

Man benötige 1 ½ Stunden Fahrt mit dem Auto und eine große Portion Mut, um von Berlin nach Werlow zu fahren und sein Leben mit 57 komplett umzustellen.

Er bog mit seinem roten Audi A4 von der Bundesstraße links in seinen Privatweg ab. Unter dem Ortseingangsschild stand "5460 Einwohner".

„Ab jetzt 5461“, dachte Peter.

Er stoppte den Wagen und öffnete die Fahrzeugscheiben. Links neben dem Weg lag ein Nadelwäldchen. Es hatte den ganzen Tag geregnet aber jetzt eroberte die Sonne den Himmel zurück. Der Duft nach Tannennadeln durchflutete das Fahrzeug. Peter kramte in seinem Handschuhfach, um sich von der passenden Musik in sein neues Leben geleiten zu lassen. Er sah den Stapel CDs durch. Lachend legte er „In the getto von Elvis“ wieder zurück. Bei „Vangelis“ nickte er zustimmend, legte sie in den CD-Player ein und setzte seinen Weg fort.

Hinter dem weißen Häuschen lag der Werlower See. Bodennebel hing über der Wiese, vor dem Wald und auf der Wasseroberfläche des Sees. Die Idylle überwältigte den Großstadtbewohner. Hier würde der Pathologe seinen Lebensabend verbringen. Er parkte vor dem Eingang, ließ sein Gepäck im Auto und ging die drei Stufen zur Tür hinauf. Die Tür knarrte beim Öffnen. Im Haus roch es muffig. Im Erdgeschoss befanden sich drei Zimmer. Die hellgrünen Fliesen der Gästetoilette, die überall mit „Pril-Blumen“ beklebt waren, stammten unübersehbar aus den 70er Jahren.

Links befand sich die große Küche. Die Einbauküche aus Buche war bereits vor einer Woche installiert worden. Durch das Fenster erblickte man den Wald. Am Ende des Flurs befand sich das Wohnzimmer mit anschließender Veranda. Im Obergeschoss gab es zwei Schlafzimmer und ein kürzlich renoviertes Badezimmer. Das Umzugsunternehmen hatte gute Arbeit geleistet. Seine Möbel waren so aufgebaut worden, wie er es anhand des Grundrisses in Auftrag gegeben hatte.

Zufrieden griff Peter zum Telefon und rief seinen besten Freund, den Chemiker Ernst Fröhlich, an.

„Hallo, ich bin es, ich bin gerade angekommen“, berichtete Peter.

„Wie ist es, fühlst du dich schon einsam?“

„Nein, wenn du das sehen könntest. Ich bin überzeugt, dass es genau das war, was ich gesucht habe.“

„Vielleicht hättest du das vor drei Jahren schon wissen sollen. Ich meine Kerstin. Sie hat sich gewünscht, dass du mehr Zeit mit ihr verbringst“, entgegnete Ernst.

„Habe ich auch schon gedacht. Wer weiß, vielleicht ist es noch nicht zu spät.“

Peter hatte damals die Bankangestellte Kerstin kennengelernt. Es war Liebe auf den ersten Blick. Sie war 5 Jahre jünger. Die große Schwarzhaarige und er verbrachten zwei wunderschöne Jahre. Peter war ein Workaholic. Kerstin wollte nicht immer zu Hause auf ihn warten. Schließlich verließ sie ihn.

„Meinst du nicht, deine Erkenntnis kommt zu spät?“

„Nach der Ziehung der Lottozahlen kann jeder den Schein richtig ausfüllen. Ich konnte mir ein Leben ohne 12 Stunden in der Gerichtsmedizin nicht vorstellen. Aber wer weiß?“

„Sie hat jemanden kennengelernt. Aber hey, vielleicht wartet deine Traumfrau ja in dem kleinen Kaff.“

Peter schwieg. Es war ein Schock. Seine Kerstin in den Armen eines Anderen? War es wirklich aus und vorbei? Nein, Peter gab nie schnell auf. Wenn es noch eine Chance gab, würde er sie ergreifen.

„Ja klar. Du, ich muss los, selbst meinem Kühlschrank knurrt schon der Magen. Tschau, mach's gut.“

„Tschüss, denk dran, meine Mutter sagt immer, die Träume der ersten Nacht gehen in Erfüllung.“

„Ihr lest zu viele Arztromane.“

Peter legte auf und machte sich auf den Weg ins Dorf. Er fuhr wieder zur B198 und bog dann links in den Stadtring ein.

„ Mal schauen, wo Tante Emma ihr Geschäft hat. Hoffentlich hat der Laden dann auch noch auf, es ist gleich sechs. Wer weiß, wann hier die Bürgersteige hochgeklappt werden.“

Rechts lag der Friedhof. Die alten Grabsteine ließen vermuten, dass die Grabbewohner nichts von der Existenz der DDR mitbekommen hatten. Gleich neben der Apotheke befand sich ein EDEKA-Markt.

„ Na, wer sagt's denn, der hat noch auf.“

Es war ein kleiner Markt, bot aber das Notwendigste. Er schob seinen Einkaufswagen durch die Gänge und sammelte alles ein, was er für einen ersten Abend benötigte.

„Sie hab ich hier noch nie gesehen. Zu Besuch?“ wollte die Kassiererin wissen. Ihr blond gelocktes Haar hatte sie zu einem Zopf gebunden. Sie musterte ihn mit ihren großen, blauen Augen.

„Nein. Ich bin Einwohner Nummer 5461. Mein Name ist Dr. Peter Döring.“

„Oh, ein Neuer? Na, dann willkommen. Ich bin Sonja Krümpelmann. Mir gehört der Laden. Arbeiten sie für die Fabrik?“

„Nein, was für eine Fabrik?“

„Medi-Voß. Sagen Sie nicht die, kennen Sie nicht. Die machen doch diese ... Verdammt mit dem Wort stehe ich aber aus Kriegsfuß. Homopotischen Sachen? Ach, Sie wissen schon Salben, Säfte. Diesen ganzen Kram.“

„Homöopathie. Obwohl sich Homopotisch viel schöner anhört. Nein, ich habe mich zur Ruhe gesetzt und wohne jetzt in dem kleinen Haus, auf der anderen Seite des Sees.“

„Machen Sie sich über mich lustig?“, fragte sie und blickte ihn keck an.

Er betonte, dass er das nie tun würde, blickte auf seine Armbanduhr und erklärte, dass er weiter müsste.

Neugierig auf seine neue Heimat beschloss Peter, sich noch kurz den Ortskern anzusehen. Er ging auf den Marktplatz. Neben der kleinen Kirche war ein hübsches, kleines Café, die einige Tische im Freien hatten. Er setzte sich und bestellte sich eine Tasse Kaffee.

Wieder im Haus beschloss er, den ersten Abend auf der Veranda zu verbringen. Bei einem Glas Wein lauschte er der Stille. Bisher hatte Peter mitten in Berlin gewohnt. Straßenlärm, Sirenen und Menschen. Hier hörte man nur ein Knistern aus dem Gebüsch. Eine Drossel durchwühlte unerbittlich die Erde nach einem Abendessen. Ein Quaken vom See und das Schlagen der Entenflügel ließen vermuten, dass den kleinen Kerl etwas erschreckt hatte. Er saß einige Stunden nur da und beobachtete seine Gartenbewohner. Das war genau das, was der Mediziner gesucht hatte. Er nahm das Foto von Kerstin aus dem Portemonnaie. Mit dem Zeigefinger streichelte er ihr über das Haar.

„Ich war so dumm. Hier würde es dir gefallen. Du fehlst mir.“

Trotz der neuen Umgebung schlief Peter tief und fest in seinem neuen Haus.

Kapitel 3

Die Ladenglocke meldete den ersten Kunden am Morgen an. Die kleine 79jährige Witwe, mit blau/grauen Haaren, betrat das Geschäft und schüttelte ihren Regenschirm heftig aus. Die Wassertropfen spritzten zu allen Seiten und sammelten sich zu einer Pfütze auf dem Fliesenboden.

„Guten Morgen Sonja, Kindchen. Ist ja wieder ein Wetter zum Mäusemelken.“

„Morgen Frau Mitschke. Ja, furchtbar. Ich habe meinen Wecker heute gehasst wie 'nen Besuch beim Zahnarzt. Man hat im Haus gehört, wie schlimm es regnet", erwiderte die hübsche 35jährige.

Sonja ging zu den Backwaren. Frau Mitschke kam jeden Morgen um 8.00 Uhr, kaufte zwei Körnerbrötchen. Der kleine Tratsch mit der Ladenbesitzerin gehörte für die Witwe zum Frühstück wie eine Tageszeitung.

„Wussten Sie, dass das kleine Haus am See wieder bewohnt ist?“, erzählte Sonja.

„Nein, sagen Sie bloß. Wer wohnt denn da? Eine nette junge Familie vielleicht? Mit kleinen Kindern muss man am Wasser aber gut aufpassen.“

„Nein, ein Doktor Döring. Er ist bestimmt alleinstehend. Jedenfalls hat er nur für eine Person eingekauft.“

Wieder ertönte die Ladenglocke. Die beiden Damen blickten erstaunt zur Tür. Normalerweise kam niemand um diese Uhrzeit herein. Der zweite Kunde, Dr. Peschke kam täglich um 8:30 Uhr, um sein Frühstück einzukaufen. Peter grüßte freundlich und lies sich vom Duft frischer Brötchen leiten.

„Das ist er", tuschelte Sonja.

„Oh, Herr Doktor“, die alte Dame streckte ihm ihre knochige Hand zum Gruß entgegen, „Herzlich willkommen in unserer kleinen Gemeinde.“

„Guten Morgen, und vielen Dank, Frau ...“

„Mitschke Herr Doktor. Werden Sie hier eine Praxis eröffnen?“

„Nein, nein, ich habe mich zur Ruhe gesetzt. Außerdem bin ich Gerichtsmediziner.“

Die alte Dame zog ihre Augenbrauen hoch. Ein durchdringender Blick traf Peter. Sie kniff die Augen zusammen.

„Wollen Sie sagen Sie schneiden Leichen auf“, erwiderte sie. Von ihrer sanften Stimme war nichts übrig geblieben.

„Ja, ich bin Pathologe.“

Sie riss ihre trüben Augen entsetzt auf, holte tief Luft und kündigte damit das folgende Redegewitter an.

„Der Herrgott gibt uns unser Leben, und wenn er es für richtig hält, nimmt er es uns wieder aber nicht, damit Leute wie Sie im Körper herumschnippeln, wie in einem toten Fisch“, zischte die Witwe.

„Frau Mitschke, manchmal werden Menschen gewaltsam umgebracht. Die Täter müssen betraft werden. Ich weiß, wie schwer es für die Angehörigen ist, wenn ihre Lieben obduziert werden müssen. Aber ich weiß auch, dass sie, wenn die Täter bestraft werden, mit ihrer Trauer besser umgehen können.“

„Blödsinn, vor Gottes Gericht werden die Mörder stehen. In der Bibel steht - Mein ist die Rache sprach der Herr. Da steht nichts davon, wie -Sucht euch doch 'nen Pathologen und klärt das unter euch.“

Wutentbrannt riss sie die Tür auf und stieß mit Dr. Peschke zusammen, der gerade das Geschäft betreten wollte.

Erstaunt blickte der schwarzhaarige Mann ihr nach. „Was hat Frau Mitschke denn?“, fragte der Allgemeinmediziner.

Der schlanke, 1,70m große Mediziner ging kopfschüttelnd auf Peter und Sonja zu. Trotz seiner 65 Jahre hatte er so gut wie keine grauen Haare. Es war mit den Jahren nur etwas dünner geworden.

„Ach, die Mitschke und ihr Autopsieproblem“, entgegnete Sonja.

„Ja, sie dachte ich sei ein ehrwürdiger Arzt. Aber ich musste sie enttäuschen. Ich bin Gerichtsmediziner. Guten morgen erst einmal. Döring, ich bin Einwohner Nummer 5461.“ Peter konnte das gerade Erlebte noch nicht ganz fassen.

„Dr. Peschke ich habe hier eine Praxis ein paar Häuser weiter.“

„Ich bin anscheinend aus Berlin hergezogen, um mir mit meinen 57 Jahren von einer älteren Dame den Hosenboden strammziehen zu lassen.“

Die drei lachten. Sonja wandte sich wieder ihrer Arbeit zu und sortierte die Brote in die Holzregale.

„Aber mal was anderes. Gibt es hier ein gutes Restaurant, das Sie mir empfehlen würden?“, wollte Peter wissen.

„Restaurant ist übertrieben. Ich gehe immer zu Jürgen. Zum grünen Jäger heißt sein Gasthof. Kein 5 Sterne Koch aber gemütlich. Wir könnten doch heute Abend zusammen dahin gehen. Haben Sie Zeit und Lust?“

„Ja, gerne.“

„Treffen wir uns doch um 20:00 Uhr. Es ist am Werlower Weg. Einfach Richtung Fabrik fahren.“

„Prima, ich freu mich schon. Bis dann.“

Peter fuhr sichtlich gut gelaunt nach Hause, kochte sich einen starken Kaffee und musste über die alte Dame schmunzeln.

*

Es war 10 Minuten vor eins. Sonja schloss heute ihren Laden etwas früher. Sie hatte einen Termin bei Dr. Peschke. Sie ging die Straße herunter und klingelte an der Tür der Arztpraxis. Britta, die Arzthelferin, öffnete ihr.

„Hallo Sonja, alles klar bei dir?“

Die ehemaligen Klassenkameradinnen waren nie befreundet, kamen aber immer gut miteinander aus.

„Naja, ist halt so alles beim Alten. Kennst du schon Dr. Döring? Ich find' ihn ganz nett. Und er sieht gut aus.“

„Der Chef hat was erwähnt. Komm, du kannst schon rein.“ Die Arzthelferin nahm die Karteikarte und brachte Sonja ins Sprechzimmer.

Sie ging ins Sprechzimmer. Helmut Peschke strahlte eine väterliche Art aus. Seine Patienten kamen manchmal zu dem Allgemeinmediziner, nur um sich auszusprechen.

„Sonja, wie geht es ihnen. Ich hatte eigentlich vor", der Arzt blätterte in seinem Kalender, „drei Wochen schon mit ihrem Besuch gerechnet. Die Tabletten müssten doch schon leer sein.“

„Nö, ich hab' noch welche“, Sonja wurde etwas verlegen. Ihr war bewusst, dass der Arzt genau merkte, wenn sie die Psychopharmaka nicht regelmäßig nahm. Sie stellte sich schon innerlich auf eine Standpauke ein.

„Sonja, wir kennen uns jetzt, seit Sie 15 Jahre alt waren. Sie waren früher quirlig wie ein Laubfrosch. Wir wollen doch beide, dass das wieder so wird, oder? Dazu müssen Sie ihre Pillen nehmen. Arbeiten Sie an ihrem Problem. Besuchen Sie wenigstens noch die Therapiegruppe?“

„Ich, ... ich“, Tränen rannen über ihr Gesicht, „Das bringt doch alles nichts. Ich habe gehört, dass Rainer schon zum zweiten Mal Vater geworden ist. Es hat alles nur an mir gelegen.“ Sonja war völlig aufgelöst.

Beruhigend redete der Arzt auf seine Patientin ein. Riet ihr die Vergangenheit abzuhaken, vorauszuschauen. Peschke wusste, dass sie schwere Zeiten hinter sich hatte, zeigte ihr aber auf, dass es auch nach vielen Enttäuschungen wieder bergauf gehen wird, dass das Leben noch reichlich Schönes zu bieten hat. Der Mediziner machte der jungen Frau bewusst, wie wichtig sie und ihr Laden für die Gemeinde seien.

„Sonja, überlegen Sie, wenn Sie nicht wären, wo hätte sich dann Frau Mitschke heute so aufregen können?“ Sonja fing an zu lachen.

„Genau, lernen Sie wieder zu Lachen und gehen Sie mal wieder unter die Leute. Die Zukunft hält noch viel für Sie bereit, warten Sie es ab.“

Der Arzt stand auf und ging zu Sonja. Er verstand ihre Situation. Sie war mit Rainer verheiratet gewesen. Als sich der Kinderwunsch nicht erfüllte, hatte er sie behandelt. Ohne Erfolg. Das Paar hatte es in Schwerin mit künstlicher Befruchtung versucht. Zweimal wurde sie schwanger aber innerhalb der ersten Wochen bekam Sonja eine Fehlgeburt. Die Belastung war für das Paar zu groß. Sie trennten sich. Als Rainer wieder heiratete und dann auch noch Vater wurde brach Sonja zusammen. Seitdem ist sie in Behandlung, nimmt Psychopharmaka und sollte eigentlich an einer Gruppentherapie in Neubrandenburg teilnehmen. Es war eine knappe Autostunde entfernt aber in Werlow gab es kein passendes Angebot.

Peschke legte ihr die Hand auf die Schulter. „Kopf hoch Mädel.“ Sie verließ die Sprechstunde.

*

Peter machte sich auf den Weg zum grünen Jäger. Eine urige kleine Dorfkneipe. Nach Ende der 60er Jahre hatte kein neues Möbelstück hier einen Platz gefunden. Auf den Tischen standen Vasen mit künstlichen Nelken. Der Wirt, ein langer dürrer Mann, mit einem für sein Alter viel zu faltigen Gesicht. Seine blauen, stechenden Augen blickten zu dem neuen Gast.

Peter sah sich um aber Peschke war noch nicht da. Nachdem er an einem Tisch, nahe der Tür Platz genommen hatte, bestellte der Pathologe sich ein Glas Bier und die Speisekarte.

Der Wirt lächelte, als auch schon die Tür aufging und Peters Verabredung hereinkam.

Peschke bestellte sich ein Bier und setzte sich zu Döring an den Tisch.

„Schön, dass Sie es geschafft haben. Haben Sie den Gasthof gleich gefunden?“, fragte Peschke.

„Ja, war kein Problem. Aber von mir aus können wir Du sagen. Ich bin Peter.“

„Gerne. Helmut.“ Sie prosteten sich zu und genossen den Gerstensaft.

„Man, was war das denn heute Morgen? Ist die alte Dame immer so scharfzüngig?“ Peter schüttelte nur mit dem Kopf.

„Tja, ein Sonnenschein war sie nie aber, als man ihr mitteilte, dass ihr Ehemann zur Gerichtsmedizin gebracht würde, drehte sie fast durch.“

„Wieso, wurde ihr Mann obduziert? Wie ist er gestorben?“ Sofort kam der routinierte Pathologe zum Vorschein.

„Der Mann war kerngesund. Mal abgesehen von seinem Frauen Geschmack.“ Helmut grinste. „Er hat regelmäßig Sport getrieben, nicht geraucht und nur in Maßen getrunken. Kurz um, kein Patient, der mir zu Reichtum verhalf. Eines Tages ist er die Treppe heruntergefallen, Genick gebrochen. Bei der Autopsie stellte man als Todesursache ein gerissenes Aneurysma fest.“

„Klar bei so einem Unfall geht’s ab zur Sektion. Jetzt hat sie auch noch einen Pathologen in ihrer Nähe. Natürlich projiziert sie ihre Wut gegen mich.“

Jürgen brachte die Getränke und die beiden bestellten sich Bratwurst mit Pommes. Peschke machte Peter und Jürgen Granz miteinander bekannt.

„Freud mich, immer schön, wenn neue Leute herziehen. Hört sich an als hätten Sie die alte Mitschke schon kennengelernt.“ Jürgen kannte die Frau zu genüge. Sie hatte ihm oft an den Kopf geworfen, rechtschaffene Bürger mit Alkohol zu verderben. Dabei hatte Jürgen selbst in seinem ganzen Leben keinen Tropfen Alkohol getrunken. Als Willkommensgeste spendierte er die nächste Runde und brachte zwei Malteser und für sich ein Glas Wasser zu den Ärzten.

Langsam füllte sich die Gaststätte. Eine Stammtischrunde kam und nahm lautstark ihre Plätze ein. Ein verliebtes Pärchen zog sich an einen abseits liegenden Tisch zurück und an der Theke saßen drei Fernfahrer. Aus den Lautsprechern dröhnte Dein ist mein ganzes Herz von Wolfgang Petri. Die Atmosphäre einer ländlichen Dorfkneipe war perfekt.

Helmut erzählte von Jürgens schwerer Kindheit. Sein Vater, von dem er die Gaststätte geerbt hatte, war selbst sein bester Kunde. Wenn er betrunken war, hat er Frau und Kind verprügelt. Jürgen hat als kleiner Junge seiner Mutter versprochen, nie Alkohol zu trinken. Aber die Einnahmen des Betriebes sicherten ihren Lebensunterhalt. Im Laufe der Jahre intensivierte sich die Bindung zwischen Mutter und Sohn, die noch heute zusammen im Anbau der Wirtschaft leben. Die schwer an Arthrose erkrankte Frau saß seit langer Zeit bereits im Rollstuhl.

„Sag mal Peter, warum so ein Wechsel? Heute noch Großstadt und 12 Stunden Job. Morgen schon Rente und Kleinstadt.“

„Mein Privatleben ist auf der Strecke geblieben. Plötzlich war der Bekanntenkreis weg. Nur Leichen, Organentnahme, Analysen, Gutachten. Ich hatte das Gefühl etwas zu verpassen. Ich wollte mein Leben genießen, solange ich mich noch bewegen kann. Man wird ja nicht jünger. Prost.“

Er hob sein Glas hoch und prostete Helmut zu.

„Was ist mit dir? Hast du immer schon hier gelebt, Familie und so?“

„Nein, ich habe die Praxis vor zwanzig Jahren übernommen. Als meine Frau starb, brauchte ich einen Tapetenwechsel.“

Helmut blickte betroffen. Peter sah, dass es für ihn schwer war, über seine Frau zu reden und wechselte das Thema. Im Laufe des Abends wurde noch viel gelacht. Gegen 23:30 Uhr fuhren sie nach Hause. Ihnen war klar, dass sie noch häufiger gemeinsam etwas unternehmen würden.

Kapitel 4

Pastor Alfons Schürmann, ein 40 jähriger, großer dunkelhaariger Mann war bei seinem morgendlichen Kontrollgang durch die Kirche, als die schwere Eichentür aufgerissen wurde. Frau Mitschke kam in die Halle. Heute wollte sie nicht, wie gewöhnlich, eine Kerze für ihren verstorbenen Gatten anzünden. Sie war sehr aufgebracht. Energisch eilte sie zum Pastor.

„Guten Morgen Frau Mitschke ist etwas passiert? Sie sind ja ganz außer Atem.“ Er hatte eine sanftmütige Stimme, die aber heute auf die alte Dame keine Wirkung zeigte. „Herr Pastor, darf denn einfach jeder hier in unser kleines Städtchen ziehen? Kann man da nichts unternehmen?“

Erbost berichtete von ihrer Begegnung mit dem Pathologen. Der Pastor versuchte die aufgebrachte Frau zu beruhigen aber es hatte keinen Erfolg.

„Frau Mitschke, beruhigen Sie sich doch. Sie kennen den Mann doch gar nicht. Vielleicht stellen Sie fest, dass er sehr nett ist.“

„Der Herr hat uns nicht einen Körper geschenkt, damit wir Menschen ihn entweihen, wenn er uns zu sich ruft.“

„Das ist richtig aber Jesus sagte auch, Gott hilft denen, die sich selbst helfen. Das kann auch heißen, dass wir nach einem Mörder fahnden. Frau Mitschke, ich bin sicher, dass der Arzt kein schlechter Mensch ist.“

„Ihr werdet das Unheil alle sehen, dass unsere kleine Stadt heimsuchen wird.“

Sie ging zornigen Schrittes zu den Kerzen, zündete eine an und knallte sie mit einer solchen Wucht in die Halterung, dass sie in der Mitte durchbrach. Sie bemerkte es nicht und ging.

*

Es entging Peter nicht, dass Sonja heute viel hübscher war, als am Tag zuvor. Ihre blonden Haare waren hoch gesteckt und mit glitzernden Haarspangen verziert. Das Make-up betonte die großen blauen Augen. Die Lippen waren mit einem blass roten Lippenstift bedeckt. Ihr verführerischer Blick sprach Bände.

„Ich habe schon Brötchen für Sie zur Seite gelegt.“ Sonja spielt aufreizend mit ihrer Halskette und betonte ihr tiefes Dekolletee.

„Das ist ja wundervoll. Vielen Dank.“

Er war sich sicher, dass es für ihn besser war, nicht auf ihr Aussehen zu reagieren. Er wollte keine falschen Hoffnungen in Sonja wecken.

„Ich möchte angeln gehen. Gibt es in der Nähe ein Angelgeschäft. Ich brauche noch ein bisschen Kleinkram.“

„Im Nachbardorf, Hukslage, direkt an der Hauptstraße.“

Er bedankte sich und ging. Im Nacken spürte er, dass Sonja ihm nachblickte.

Kapitel 5

Peter nahm seine 3,60m Allround-Teleskop Angelrute aus der Tasche und freute sich auf einen gemütlichen Abend am See. Er besaß 3 oder 4 modernere Ruten, genau wusste er es selber nicht aber seine Allrounder war sein liebstes Angelgerät. Er hatte sie von Kerstin bekommen, damit er mal eine Pause vom langen Arbeitstag machte. Er hatte es nur selten genutzt. Das sollte sich schleunigst ändern.

Das Thermometer zeigte an diesem 25. April sagenhafte 23 Grad Celsius. Peter zog eine 22er Schnur auf und befestigte einen 14er Goldhaken. Er bestückte ihn mit Maden, tarierte die Pose aus und platzierte sie nach einem gelungenen Überkopfwurf 6m von sich entfernt. Angenehm wärmte die Nachmittagssonne sein Gesicht. Außer ein paar Vögeln, die das Gebüsch durchstöberten, war es still. Ganz sachte bewegte sich die Pose. Ein Tick nach rechts – Pause – ein Tick nach links. Es war viel zu früh jetzt anzuschlagen.

„Das kann nur eine Schleie sein. Das wird dauern.“ Er erinnerte sich gut an das Bissverhalten der Schleie. Nach zehn Minuten zog der Pathologe eine ausgesaugte Made aus dem Wasser. Der Fisch war weg.

Ein kräftiges „Platsch“ ertönte links, 100m neben ihm. Die Wellenbewegung, die dem Geräusch folgte, zeigte einen kapitalen Fisch an.

„Hey, Kamerad. Hier gibt’s Maden im Sonderangebot, schau mal rüber.“

Nach 10 Minuten wieder. Die Fische hatten ihr Abendessen begonnen. 100m neben ihm. Dem Arzt ging es wie den meisten Hobbyanglern. Man saß immer ein paar Meter zu weit von der optimalen Stelle entfernt.

Peter beschloss dem Geschehen entgegen zu gehen, schnappte seine Sachen und ging zu der Stelle. „Wenn ihr nicht zu mir kommt, bitte, ich hab' damit kein Problem. Letzten Endes landet ihr sowieso in meiner Pfanne. Dann lade ich Helmut ein und ich werde ihm erzählen, wie gemein ihr zu mir ward.“

Er ging den beschwerlichen Weg am Ufer entlang. Die Bäume und Sträucher waren teilweise bis an die Wasserkante herangewachsen. „Ich komme, ihr beschuppten Fieslinge.“ Plötzlich rutschte Peter aus, glitt auf dem Hosenboden einen kleinen Hügel herunter und blieb mit seinem Gummistiefel im Schlamm stecken. Ein stechender Geruch stieg empor. Ein Abwasserrohr versteckt zwischen Wildkräutern. Die Wasseroberfläche glänzte metallisch. Zähe Schauminseln befanden sich ringsum. Er war entsetzt. „Wer leitet denn hier seinen Giftmüll ein.“ Der Werlower See war, bis jetzt, ein unbeschadetes Biotop. Er war sich sicher, dass die Behörden von dieser Stelle nichts wussten. Es durfte nicht sein, dass irgendjemand diesen Lebensraum zerstört. Peter beschloss, alles Notwendige in die Wege zu leiten.

Kapitel 6

Wieder Zuhause rief er seinen Freund und ehemaligen Kollegen, den Chemiker Ernst an.

„Ich bin's, Peter. Du glaubst nicht was ich hier gerade entdeckt habe.“

„So wie du klingst, nichts Schönes.“

„Schön? Ich war angeln und habe eine Giftbrühe entdeckt, die in meinen See geleitet wird, dass einem der Spaß am Fisch essen vergeht.“

„Konntest du sehen, von wem die Einleitung stammt?“

„Es gibt eine Fabrik in der Nähe. Was könnte sonst infrage kommen. Du kennst dich doch mit den gesetzlichen Regelungen aus. Was kann ich unternehmen?“

Ernst berichtete von der Einleiterüberwachung, dass alle Firmen, die ihre Abwässer in öffentliche Gewässer einleiten, von den Behörden kontrolliert werden, von den vorgegebenen Untersuchungen und Grenzwerten die eingehalten werden müssen.

„Wer ist da zuständig? Wen kann ich darauf ansetzen?“, fragte Peter.

„Ich schätze, dass die Behörde in Neubrandenburg ihren Sitz hat. Ist ja die größte Stadt in der Umgebung. Frag doch diesen Arzt, von dem du erzählt hast. Vielleicht kennt er den zuständigen Beamten oder frag bei der Polizei.“

„Helmut, ja gute Idee. Ich werde gleich Morgen zu ihm gehen.“

„Dann gibt’s bei dir wohl keinen Fisch zum Abendessen?“

„Mit Sicherheit nicht. Hättest die Brühe mal riechen müssen. Ich werde den Geruch gar nicht mehr los. Da glaubt man an Natur pur und dann hat man ein zweites Bitterfeld vor der Tür.“

„Ja, nun bleib mal in der Box, solange der Startschuss noch nicht gefallen ist. Warte ab. Was gibt’s denn sonst Neues. Schon ein paar Dorfintrigen mitbekommen?“

„Von Ruhe habe ich nicht viel bemerkt. Am ersten Tag wurde ich von einer alten Dame angepfiffen, weil ich Pathologe bin. Als wäre ich die rechte Hand Satans! Im Supermarkt bin ich heute von der Verkäuferin angebaggert worden. Hier ist was los!“

„Ich sollte nach Werlow kommen. Hört sich an als wäre der Männer-Notstand ausgebrochen. Wenn die sogar dich anfunken.“

Die beiden Freunde plauderten noch lange. Vor lauter Lachen dachte Peter den ganzen Abend nicht mehr an die grüne Brühe, die sein potenzielles Abendessen umspülte.

Kapitel 7

Die Arzthelferin Britta, eine zierliche Frau, Anfang 30, mit dunkelbraunem, kurz gelocktem Haar saß hinter der Empfangstheke. Sie blickte über den Rand ihrer großen Brille zu Peter.

„Hatten wir einen Termin?“, fragte sie überheblich.

„Ich kenne Sie doch gar nicht. Aber warum nicht. Schlagen Sie was vor“, entgegnete Peter.

Sie schüttelte leicht den Kopf und zog die Augenbrauen hoch.

„Ich meinte, ob Sie einen Termin beim Doktor haben, nicht bei mir“.

„Nein, leider nicht aber ich bin mir ganz sicher, wenn mir jemand in dieser Notlage helfen kann, dann Sie.“

Peter mochte die Helferin nicht.

„Na, dann müssen Sie aber warten. Haben Sie wenigstens ihre Karte mit? Waren Sie schon einmal hier?“

„Klar, Peter zog seine Visitenkarte aus der Jacke.“

Dr. med. Peter Döring

Leiter der Gerichtsmedizin

Berlin

Ihre Augen wurden größer. Verlegen rückte die Helferin die Brille zurecht und suchte nach einer Ausrede.

„Oh, das ist mir jetzt aber peinlich. Herr Doktor, ich hatte ja keine Ahnung. Ich werde gleich Bescheid sagen.“

„Tja, die meisten stolpern nicht über ihre Füße, sondern über ihre Klappe. Man sollte der Frau eigentlich mal erklären, dass man die Menschen freundlich behandeln sollte und nicht ihre Titel“, dachte er und lächelte sie schweigend an.

Helmut begleitete einen humpelnden, jungen Mann in Arbeitsanzug, zur Empfangstheke, gab der Helferin Anweisungen über das zu erstellende Rezept und die Krankenmeldung und verabschiedete sich von seinem Patienten.

„Grüß dich Peter. Besuchst mich nur oder fehlt dir etwas?“

„Tut mir leid, ich fühle mich gut. Hast du Zeit, dass wir uns kurz unterhalten können, oder ist im Augenblick viel los?“

Helmut blickte fragend zu Britta, die ihm mitteilte, dass noch Mareike, ein kleines Mädchen mit einer Erkältung warten würde, dann aber ein freier Termin wäre.

„Kein Problem, ich bin ja noch jung, ich kann warten.“ Peter setzte sich ins Wartezimmer, blätterte ein paar der üblichen Zeitschriften durch, bevor er, sehr freundlich von Britta aufgefordert wurde, jetzt zum Doktor zu gehen.

„Wie komme ich zu der Ehre deines Besuchs.“

Der Pathologe berichtete von seiner Entdeckung am Vorabend und erfuhr, dass die Einleitung des Fabrikabwassers bekannt ist.

Die Behörde war vor einem Jahr vor Ort um Proben zu untersuchen.

„Ich will der Sache nur auf den Grund gehen. Eine Untersuchung vor einem Jahr gibt natürlich keinen Aufschluss darüber, was heute eingeleitet wird. Kennst du den zuständigen Beamten oder hast du die Adresse der Behörde?“

„Leider nein, aber bei der Besichtigung war damals Gerd Finke von der Polizei dabei. Frag ihn mal. Er weiß ja, wie das damals ausgesehen hat. Er kennt auch den Ansprechpartner bei der Behörde.“

„Prima werde ich machen. Sag mal, die Sonja aus dem Supermarkt, die kennst du doch, oder?“

„Nettes Mädel. Die habe ich kennengelernt als sie 15 Jahre alt war.“

„Ich glaube die hat sich in mich verguckt. Ich habe wirklich kein Interesse. Wie komme ich aus der Sache am saubersten raus? Ich möchte sie nicht verärgern. Nachher bekomme ich nur noch angebrannte Brötchen.“

„Könnte passieren. Wir Männer werden die Gedankengänge einer Frau nie verstehen. Sei doch einfach nett, distanziert.“

Kapitel 8

Neugierig, ob das Internet Informationen über den Pharmabetrieb bot, verlegte Peter sein Frühstück an den Computer. Er nahm sich einen Pott Kaffee, belegte sich zwei Brötchen mit Käse und ging ins Obergeschoss. Im rechten, kleineren Schlafzimmer hatte er sich ein Büro eingerichtet. Sein alter Computer würde zwar einem Fachmann nur Mitleidstränen in die Augen treiben aber als Surfbrett fürs Internet reichte er. Google beantwortete seine Frage gleich mit der offiziellen Homepage. Alles über die Firma, Adresse, Produkte und vor allem Vor- und Zuname des Besitzers.

„ So Kollege, da bist du ja. Mal sehen, ob du dem World wide web bekannt bist.“

Es gab reichlich Treffer bei der Suchmaschine. Mitteilung über Auszeichnungen, Teilnahme an Wohltätigkeitsveranstaltungen mit großzügigen Spenden. Peter überflog an die 20 Berichte über den Firmengründer. Dann sprang ihm ein Bericht einer Hamburger Tageszeitung förmlich ins Auge.

Umweltskandal bei Elbe-Pharma

Ein Umweltskandal erschüttert die Hamburger. In der Elbe wurde die Einleitung teils hoch giftiger Stoffe festgestellt. Die Gifte wurden vermutlich von dem Pharmaunternehmen Elbe-Pharma eingeleitet. Die Behörden teilten mit, dass für Natur und Umwelt ein teils erheblicher Schaden entstanden sei, dessen Ausmaß zu diesem Zeitpunkt nur schwer einzuschätzen sei. Die Führungsetage, bestehend aus Günther Radner, Manfred Knöckel und Helmut Voß schweigt zu diesem Thema.

„Aha, du bist also keine Jungfrau auf dem Gebiet der Umweltsünden mehr. Aber dir werde ich schon einen Keuschheitsgürtel verpassen und den Schlüssel weg werfen.“ Peter kniff seine Augen zusammen. Sein Gesicht schrie Rache für das Verbrechen an seinem See. Er teilte Ernst die Neuigkeiten mit.

„Dann hast du wohl wieder den richtigen Riecher gehabt. Du musst aber vorsichtig sein. Wenn du dem Voß einen Bullenring durch die Nase ziehst, erwarte nicht, dass er dich bittet, spazieren geführt zu werden.“

Ernst machte sich Sorgen. Der Chemiker kannte seinen Freund. Immer bohren, bis der Knoten platzt. Aber in diesem Fall stand die Behörde nicht auf seiner Seite. Er ermittelte als Privatmann.

„Du hast recht. Morgen gehe ich zur Polizei.“

Mit seinem alten, bereits etwas klapprigen Drahtesel fuhr er den kleinen Waldweg entlang, der hinter seinem Haus vorbeiführte. Froh darüber mit seinen Recherchen ein Stück weiter gekommen zu sein, radelte der den holperigen, schmalen Pfad entlang und lauschte dem Zwitschern der Vögel. In der Nähe hämmerte ein Specht energisch an einen Baumstamm. Döring dachte sofort an einen Film von David Attenborough, der in der Dokumentation einen Specht ausgetrickst hatte. Peter hielt an, suchte sich zwei Stöcke und hämmerte mit ihnen an den Stamm einer Buche. Sofort antwortete der Specht mit seinen Klopfzeichen. Das Spiel wiederholte er einige Male. Der Vogel hielt ihn für einen Rivalen. Lachend setzte er seinen Weg zur Gaststätte fort.

„Hallo Jürgen. Hast du einen guten Rotwein für mich?“

„Ich habe nur Dornfelder. Hier trinkt sonst kaum jemand Wein. Wenn du aber eine Lieblingssorte hast, stell ich mich gerne darauf ein.“ Jürgen war ein sehr stiller aber zuvorkommender Wirt.

„Das ist aber nett. Den probiere ich. Wer weiß, vielleicht wird das mein neuer Lieblingswein.“

Das Lokal war zu diesem Zeitpunkt kaum besucht. Ein Mitarbeiter der Firma, wie Jürgen berichtete, saß seit 16 Uhr vor dem Spielautomaten. Der Wirt nahm sich ein Glas Cola und setzte sich zu Peter an den Tisch. Die beiden hatten zum ersten Mal Zeit sich ganz in Ruhe zu unterhalten.

„Du bist hier aufgewachsen, oder? Hattest du jemals Lust hier wegzugehen. Raus in die weite Welt?“, fragte Peter seinen Tischpartner.

„Als ich klein war. Ich habe meiner Mutter immer versprochen, dass ich ein berühmter Arzt werde und für sie dann ein Heilmittel gegen ihre Arthrose entdecke. Kinderkram. Die Realität sieht dann anders aus.“

„Warum Kinderkram. Du hast das beste Heilmittel entdeckt. Fürsorge. Viele hätten ihre alte Mutter in ein Heim abgeschoben und höchstens zum Geburtstag und zu Weihnachten besucht. Ich kann nur meinen Hut vor dir ziehen. Du hast dein Leben ganz deiner Mutter gewidmet. Helmut sagte mir, dass dein Vater schon früh gestorben sei.“

„Zu spät. Der Dreckskerl hat uns viel zu lange tyrannisiert. Mutti und ich sind alleine viel besser dran.“

Jürgens Augen waren hasserfüllt. Peter beschloss, ihn nicht weiter nach ihm zu fragen.

„Es gibt aber auch gute Schmerzmittel in der Natur. Mutti und ich haben ein Gewächshaus mit Kräutern. Wenn sie ihre Teemischungen regelmäßig trinkt, fühlt sie sich auch besser. Als ich klein war, haben wir immer zusammen 'drin gearbeitet. Jetzt sitzt sie im Rollstuhl, aber immer wenn ich hingehe, nehme ich sie mit. Wir besprechen dann, was zu tun ist.“

„Ich interessiere mich auch für Heilkräuter. Zeigst du mir es mal?“

Die beiden plauderten noch eine Weile, bis er sich auf den Heimweg machte.

Kapitel 9

Polizeiobermeister Gerd Finke legte den Telefonhörer auf. Der gut trainierte, gepflegte Mann stellte das genaue Gegenteil zu seinem übergewichtigen und ungepflegten Kollegen Werner Knöschke dar.

„Ulla, ich muss los. Kannst du uns einen Tee aufsetzen? Ich bringe auf dem Rückweg ein paar Vollkornbrötchen mit?“

„Wer kann dir denn etwas abschlagen?“

Die 25jährige Sekretärin Ursula Jobst notierte die Diensteinsätze und kümmerte sich um den Telefondienst. Die Gemeinde hatte sie eingestellt, damit die Dienststelle stets telefonisch erreichbar ist. In kleineren Gemeinden kommt es häufig vor, dass der Beamte zu einem Einsatz fährt und die Bürger die Polizeistation verschlossen vorfinden. In Werlow startete man vor 5 Jahren das Projekt „bürgerfreundliche Behörden“ und stellte die Sekretärin ein. Die langen, rot lackierten Finger der jungen Frau huschten über die Tastatur, bevor sie den Tee zubereitete, um den Einsatz zu Protokoll zu bringen. Neulandstraße 12. Ein Fahrzeug wurde in der Einfahrt des Einfamilienhauses geparkt. Die Besitzer können das Grundstück nicht verlassen.

Sie stand mit dem Rücken zur Tür, als diese, gefolgt von einem lauten Gähnen, geöffnet wurde.

„Morgen Werner.“ Die Sekretärin brauchte sich nicht herumdrehen, um nachzuschauen, wer hereingekommen war..Der zweite Polizist in Werlow, Werner Knöschke, war 1,70 groß, starker Raucher, liebte Fastfood und trug in seiner Freizeit T-Shirts mit Aufdrucken wie, „Wer seine Muskeln stählt – nur seinen Körper quält“. Es lebe das Couch TV. Der Duft von frisch aufgebrühtem Tee eroberte den Raum.

„Sag, Ulla Schätzchen, die Mutti hat dir doch so viel beigebracht. Hat sie dir nicht erzählt, dass echte Männer starken Kaffee und keinen Tee trinken. Körnerbrötchen ablehnen und nur Weißbrot essen. Ich meine, Süße, warum verwöhnst du denn immer unseren Ökobullen. Der ist doch höchstens biologisch abbaubar. Du kennst doch den Spruch, „Sind die Oberarme stark gespannt, ist die Manneskraft gebannt.“

„Werner rede nicht. Wie siehst du denn aus? Warst du letzte Nacht überhaupt im Bett?“

Sein Grinsen verriet ihr, dass sie keineswegs eine Antwort hören wollte. Die Tür wurde, zu Ullas Erlösung, geöffnet. Peter Döring kam herein und grüßte. Er ging zu Ursula und fragte, ob Gerd Finke zu sprechen sei.

„Tut mir leid. Herr Finke ist zu einem Einsatz gefahren. Polizeiobermeister Werner Knöschke ist aber da", entgegnete die Sekretärin und zeigte auf ihren Kollegen. Die Handbewegung der Frau wies Döring an, auf dem freien Stuhl Platz zu nehmen.

Peter berichtete über seine Entdeckung am See und über seinen Verdacht gegenüber Medi-Voß. Als er auch noch Auskünfte über die Einleiterüberwachung erwartete, war Knöschke sichtlich überfordert. Der Polizist konnte sein Desinteresse nicht verbergen. Das war zu viel Öko an einem Tag für Werner. Die ganze Dienststelle roch nach Kräutertee und jetzt kam noch jemand und machte sich Sorgen um sein Biotop.

„Tja, das tut mir da aber echt leid. Unser Öko-Beauftragter ist der Kollege Finke. Ulla, wann erwartest du denn Gerd zurück?“

„Es kann nicht lange dauern. Möchten Sie warten und einen Tee mit uns trinken?“, bot Ursula an.

„Ja, gerne.“

Nach ca. 30 Minuten kam Gerd Finke zur Dienststelle zurück. Peter berichtete ihm über sein Anliegen.

„Ich weiß, was Sie meinen. Ich war bei der Besichtigung dabei. Das Abwasser war aber im Großen und Ganzen in Ordnung. Ich weiß nicht wann die nächste Routine-Untersuchung geplant ist aber wenn Sie eine Anzeige erstatten möchten, wird umgehend eine Nachuntersuchung angeordnet werden. Ich werde mich mit dem zuständigen Beamten in Verbindung setzen, wenn Sie möchten.“

„Ja, ich glaube das wäre angebracht. Es wäre fatal, wenn der schöne See in Mitleidenschaft gezogen würde.“

Ich werde Sie informieren. Geben Sie mir bitte Ihre Telefonnummer.

Peter bedankte sich, gab dem Beamten seine Visitenkarte und verabschiedete sich.

Kapitel 10

Nervös zupfte Ernst noch einmal die Deckchen auf den Tischen zu Recht und prüfte, ob der Sekt kalt genug war. Alles war für den 40. Geburtstag vorbereitet. Der Partyraum im Keller einer Gaststätte am Stadtrand von Berlin bot Platz für 80 Gäste. Die Kellner standen bereit für den großen Empfang. Der Chemiker gab selten Partys und konnte seine Aufregung nicht verbergen.

„Hoch soll er leben, hoch soll er leben ...“ Seine Eltern, sein Bruder Hermann mit Frau Eva und den beiden Kindern kamen laut singend in die Gaststätte. Sie trugen eine Torte mit brennenden Wunderkerzen vor sich.

Sie umarmten und küssten ihn und wünschten alles Gute.

„Ja, mein Junge, jetzt bist du auch schon 40. Ich hatte eigentlich damit gerechnet, dass du längst verheiratet bist, so wie Hermann. Dass du aber auch keine findest. Siehst doch gut aus und eine Arbeit hast du auch.“ Jedes Mal wenn Ernst Mutter von dem leidigen Thema anfing, bekam sie so einen gewissen Gesichtsausdruck. Sie blickte ihn mit leichtem Kopfschütteln an. Das kleine, rundliche Gesicht der 65 jährigen wirkte besorgt. Als hätte sie etwas falsch gemacht. Ihre Brauen und ihre Lippen zogen sich nachdenklich zusammen.

„Ja Mama, du hast recht. Wenn du eben mein Geschenk halten könntest. Ich gehe vor die Tür und schau auf dem Bürgersteig nach. Vielleicht steht da ja gerade eine Frau, die Lust hat zu heiraten. Ich habe sicher auch noch eine Gehaltsabrechnung in der Tasche. Damit sie sieht, dass es sich lohnt.“

„Dass du dich immer gleich so aufregst.“

Endlich, mehrere Gäste betraten gleichzeitig den Raum und halfen dem Geburtstagskind ungeahnt, sich dem Gespräch zu entziehen. Es wurde gedrückt und gratuliert, Geschenke ausgepackt und mit Sekt angestoßen.

„Alles Gute zum Geburtstag, Ernst, du alter Giftmischer.“ Peter drückte seinen Freund.

„Mensch, super das Du gekommen bist. Bist du nach der Einöde nicht völlig irritiert, in einer Großstadt zu sein?“

„Nach knapp 6 Wochen kann ich mich schon noch erinnern. Kannst mir ja zu Weihnachten eine Susi schenken, die mir immer vorsagt, wann ich abbiegen muss.“

„Das Navigationssystem kaufst du dir gefälligst selbst. Ich sehe schon, du hast die Wasserprobe dabei. Dauert aber etwas, ich habe ein paar Tage frei. Ich warne dich lieber vor. Kerstin ist mit ihrem neuen Freund da. Ich sag's dir nur, dass du dich drauf vorbereiten kannst.“

„Hey, ich bin doch kein Teenie mehr, der gleich ausflippt.“

Kerstin. Allein der Name ließ das Herz des Pathologen schneller schlagen.

Peter nahm sich ein Glas Sekt, dann sah er sie. Ihre schwarzen, langen Locken umspielten verführerisch die Traumfigur. Bei ihrem Anblick lief seine Oxytocin Ausschüttung auf Hochtouren. Es musste ihm gelingen locker zu bleiben, nicht in Rage zu geraten sie mit einem anderen Mann zu sehen. Aber wie?

Er fasste seinen Mut zusammen und ging in ihre Richtung, überlegte krampfhaft, was er zur Begrüßung sagen sollte. Gedanken sausten ihm durch den Kopf.

„Hallo“, mehr brachte er nicht heraus.

Das Paar drehte sich um. Klaus erschrak, als Kerstin dem fremden Mann gleich um den Hals fiel.

„Peter, schön, dass du da bist. Lass dich doch mal ansehen, mein Gott ist das schön dich zu sehen.“

Peter spürte ihre Haut, hielt sie in seinen Armen, roch das betörende Parfüm. Jetzt halfen auch keine Gedanken mehr an tote Fische, grüne Abwässer oder ein Aktfoto von Frau Mitschke. Kerstin schaute ihn mit ihren großen Augen an und ihm wurde heiß und kalt.

„ Sie hat sich überhaupt nicht verändert. Sie ist so schön wie immer. Ob sie bemerkt, dass ich dicker geworden bin? Natürlich sieht sie das. Wer könnte das übersehen? Oh Gott ist das peinlich! Ich fange morgen gleich an, zu fasten!“

Die drei tranken, und redeten den ganzen Abend. Peter hatte sich äußerlich voll unter Kontrolle. Sein Kern schmolz dahin. Jede Liebkosung, die zwischen dem Pärchen ausgetauscht wurde, schmerzte ihn. Kerstin war sehr erstaunt, als Peter erzählte, dass er seinen Beruf aufgegeben hatte und sich ein Haus im Grünen gekauft hatte. Einen kleinen Moment bildete er sich sogar ein, etwas Wehmut in ihren Mandelaugen zu sehen.

Als Peter, alleine, zu seinem Hotelzimmer ging, wurde es bereits wieder hell. Er nahm das Foto von Kerstin, das er noch immer in seiner Brieftasche trug, heraus und gab ihr einen Kuss. Der Einzige, den er ihr im Augenblick geben durfte.

*

„Mutti“, rief Jürgen, „wollen wir beide ins Gewächshaus gehen? Es gibt viel zu tun.“

Er legte ihr liebevoll eine Wolldecke über die Beine und schob den Rollstuhl über den kleinen Plattenweg.

„Sieh nur, wie schön schon alles blüht. Pflücke mir nachher doch einen schönen Frühlingsstrauß, dann duftet es im Haus so herrlich“, bat Jürgens Mutter.

„Ja gleich, auf dem Rückweg.“

„Nimm doch auch welche von den schönen gelben Blumen dort. Hast du die neu? Ich habe die hier noch nie gesehen. Die sind ja ganz bezaubernd.“

„Das sind Adonisröschen, ich glaube die riechen nicht so gut und halten sich in der Vase nicht. Die lassen wir am besten hier stehen.“

Der Geruch vom Lavendel schwängerte die tropische Luft des Glashauses. Fast alle Pflanzen, die hier beherbergt waren, wurden zu Tees oder für Umschläge gegen Arthrose verarbeitet.

Eingerahmt von Brunnenkresse, Petersilie und Zierpflanzen plätscherte ein kleiner Bachlauf durch das Gewächshaus.

„Heute Abend werde ich dir, gegen die Schmerzen, einen frischen Salat mit Brunnenkresse zubereiten. Danach mache ich dir einen Lavendelumschlag für deine Knie, was hältst du davon?“

Jürgens Mutter nahm die Hand ihres Sohnes und streichelte sie lächelnd.

„Ach, was sollte ich ohne dich nur anfangen. Das kann ich doch nie wieder gut machen.“

Er gab seiner Mutter einen Kuss auf die Stirn und zog besorgt ihre Wolldecke zu Recht.

„Wir beiden sind eine Familie. So muss es sein und nicht anders. Ruhe und Frieden, das ist ein Zuhause.“

Ein ruhiges und harmonisches Leben hatten Mutter und Sohn erst nach dem Tod des Vaters gefunden.

Nachdem das Unkraut gezupft, die Pflanzen bewässert und die nötigen Kräuter gepflückt waren, wurde es höchste Zeit die Wirtschaft aufzuschließen.

Kapitel 11

Helmut nutzte die Mittagspause, um sich eine Kleinigkeit zu Essen zuzubereiten. Er warf die Post auf die Arbeitsfläche seiner Küche und nahm die Hähnchenbrust und den frischen Salat aus dem Kühlschrank. Während das Fleisch in der Pfanne brutzelte und sich der appetitanregende Duft in der Küche ausbreitete, schaute er die zahlreichen Briefe und Werbesendungen durch. Eine Rechnung vom Optiker für seine neue Brille, Werbung für eine Karibik Reise. Dann hielt der Arzt etwas in seinen Händen, das seinen Körper verkrampfen ließ. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. Gedanken aus der Vergangenheit eroberten ihn.

Seit sein neuer Freund Peter in Werlow wohnte, schienen die Jahre der Einsamkeit ein Ende gefunden zu haben. Der tot der Ehefrau hatte Helmut in ein tiefes Loch gerissen. Renate war Krankenschwester. Bevor die Probleme anfingen, hatten sie ein erfülltes Leben. Der Arzt liebte es, am Abend medizinische Probleme mit seiner Frau zu diskutieren. Durch ihre Arbeit als Krankenschwester erfuhr er mehr über seine Patienten. Probleme und Ängste besprachen die Kranken mit einer Schwester aber nicht mit ihrem Arzt besprachen. Er entwickelte im Laufe der Jahre ein feineres Gespür für die Gefühle seiner Patienten. Durch Peter wurde das Leben ein klein wenig wie früher. Es gab wieder einen Partner, mit dem fachliche Gespräche aber auch ein gemütliches Beisammensein möglich war. Sollte jetzt wieder alles zu Ende sein?

Gefangen in einem Zeitvakuum verharrte Helmut regungslos und fixierte den Absender. Die Küche stank nach verbranntem Hähnchen.

Nach Minuten der Regungslosigkeit fasste er sich wieder, unterbrach den Veraschungsvorgang seines Mittagessens, nahm den Brief, setzte sich an den Küchentisch und fand Mut ihn zu öffnen.

Justizvollzugsanstalt Berlin

Salzburger Str. 21-25

10825 Berlin

Dr. Helmut Peschke

Stadtring 5

17035 Werlow Berlin, 17.05.2007

Entlassung von Paul Peschke

Sehr geehrter Herr Dr. Peschke,

Es freut mich Ihnen mitteilen zu können, dass die Haftstrafe Ihres Sohnes Paul am 29.05.2007 beendet sein wird. Ihr Sohn teilte uns Ihren Namen als seinen einzigen Angehörigen mit. Er bat uns ihm Ihre Adresse zu geben, damit er Kontakt mit Ihnen aufnehmen kann. Wir sehen es als unsere Pflicht an, zunächst die betreffenden Personen anzuschreiben, um das jeweilige Einverständnis einzuholen, bevor wir Ihren Wohnort weitergeben. Unsere Erfahrungen in der Vergangenheit haben uns gezeigt, dass das straffällig werden von Familienmitgliedern häufig zum Bruch innerhalb der Familie führt. Wir möchten an dieser Stelle jedoch an Ihr Verständnis appellieren. Ihr Sohn hat seine Strafe verbüßt. Zu diesem Zeitpunkt ist es wichtig, dass er jede Unterstützung, die ihm den Eintritt in ein normales Leben ermöglicht, bekommt.

Bitte benachrichtigen Sie uns, ob wir Ihrem Sohn Ihre neue Adresse mitteilen dürfen.

Mit freundlichen Grüßen

Ralf Hindersmann

Lange hatte der Vater nicht mehr an seinen Sohn gedacht. Er hatte seinen Eltern viele schlaflose Nächte bereitet.

Früh fing Paul an zu rauchen, schwänzte die Schule und trank Alkohol. Später folgten eine Anzeige wegen Ladendiebstahl und eine wegen Körperverletzung. Auch die Hilfe der befreundeten Psychologin blieb erfolglos, wenn er Geld benötigte. Renate erkrankte schwer an Brustkrebs und verstarb schließlich ein Jahr später. Der Sohn machte sich weder die Mühe seine kranke Mutter zu besuchen, noch kam er zu ihrer Beerdigung.

Kreidebleich saß er mit zitternden Händen am Tisch und starrte auf den Brief. „Jetzt, wo mein Leben wieder in Ordnung kommt, soll ich mal wieder für dich da sein? Hast du dich je für mich interessiert? Weißt du, wie einsam ich in den letzten Jahren war? Wie sehr ich deine Mutter vermisse? Nein, natürlich nicht. Ich habe immer nur gearbeitet und mir die Sorgen anderer Leute angehört. Niemand hat sich für mich interessiert. Jetzt, wo jemand hierher gezogen ist, der auch mal mit mir plaudern will, da kommst du schnell an. Papa könnte glücklich werden – ich muss das ändern! Das Einzige was du willst ist Geld, dich auf die faule Haut legen und mir den Tag verderben. Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr. Genau das werde ich auf den Brief antworten!“

Die Situation überforderte ihn. Hatte er das Recht seinem Kind die Adresse und damit jeden Kontakt zu verweigern? Gerne hätte Helmut die Kraft gehabt so zu reagieren, aber schließlich war Paul ein Teil von ihm – und vor allem von Renate.

*

Das Blinken des Anrufbeantworters zeigte die Anrufe während seiner Abwesenheit. Peter stellte seine Reisetasche ab, drückte die Wiedergabetaste des Gerätes und hoffte auf eine Nachricht von Kerstin. Vielleicht ging es ihr gestern Abend ebenso wie ihm.

„Sie haben EINE neue Nachricht“, meldete sich der Anrufbeantworter.

„Lassen Sie Medi-Voß in Ruhe. Mit der Fabrik ist alles in Ordnung nur mit ihnen nicht. Ich warne Sie, wenn Sie das nicht lassen passiert was.“

„Samstag, 19.5.2007, 23 Uhr 14 – keine weiteren Nachrichten.“

Fassungslos schüttelte Peter den Kopf. Eine dunkle Männerstimme hatte ihn doch tatsächlich bedroht. Auch das mehrmalige Abhören des Bandes gab keinen Hinweis auf die Identität des Anrufers. Er wollte nur die Umwelt, in der auch der Anrufer lebte, schützen.

„Wie bescheuert sind die Menschen eigentlich? Wenn alles verseucht ist, jammern Sie doch auch!“, fluchte Peter. Vielleicht kam die Drohung ja direkt aus der Fabrik. Das würde jedenfalls mehr Sinn ergeben als von einem Anwohner.

Kapitel 12

„Hallo Jürgen. Bring mir doch einen Wein.“ Peter setzte sich an den Tisch der Gaststätte.

Jürgen kam mit dem Rebsaft und setzte sich zu seinem Gast.

„Ist was nicht in Ordnung?“

„Kannst du dir vorstellen, dass jemand mir gedroht hat? Du weißt doch, dass ich die Abwassereinleitung prüfen lasse. Hast du eine Ahnung, wer dahinter stecken könnte?“

„Gedroht? Nein, wieso sollte das denn jemand tun? Wir leben doch alle hier. Wenn der See im Arsch ist, geht uns das doch alle an.“ Jürgen schüttelte verständnislos den Kopf.

„Tja, ich weiß auch nicht. Auf jeden Fall war es eine tiefe Männerstimme, sonst hätte ich mir gleich vorstellen können, wer auf so eine Idee kommt.“

„Willst du das bei der Polizei melden? Ich meine, man darf ja nicht einfach so die Leute anrufen und Drohungen auf den AB quatschen.“

„Nein, ich will das nicht gleich an den die große Glocke hängen. Man sagt ja Hunde die bellen beißen nicht. Wie kommt's, dass Helmut noch nicht da ist? Langsam müsste ihn der Hunger doch in unsere Richtung treiben. Apropos Hunger, was kannst du mir denn heute empfehlen?“

„Jägerschnitzel mit Bratkartoffeln, wie wär's? Helmut habe ich seit drei Tagen nicht gesehen. Der wird doch wohl nicht selber krank geworden sein?“

„Ich rufe ihn nachher an. Das Schnitzel hört sich gut an. Bring mir doch auch noch Wein. Ich kann heute was vertragen.“

Jürgen verschwand in der Küche. Peter nahm sein Handy aus der Tasche und wählte Peschkes Nummer. Während das Telefon läutete, betrat ein Pärchen die Kneipe. Die Frau war im 4. Monat schwanger. Ihr Bauch malte sich unter dem eng anliegenden T-Shirt ab. Die Hormonumstellung hatte bei der Rothaarigen eine starke Akne ausgelöst. Sie setzte sich mit ihrem übergewichtigen, ungepflegt wirkenden Mann an den Nebentisch.

Nachdem Jürgen ihnen die Speisekarte und die Getränke reichte, gesellte er sich wieder zu Peter.

„Hast du Helmut erreicht?“ erkundigte er sich.

„Er geht nicht ans Telefon. Vielleicht ist er ein paar Tage weggefahren. Ich versuche es aber später noch einmal.“

Die Unterhaltung des Ehepaares wurde energischer. Peter, der das Gesicht der Rothaarigen sehen konnte, bemerkte ihre Wut.

„Na, bahnt sich da eine kleine Ehekrise an?“ flüsterte er Jürgen zu, der praktisch Rücken an Rücken mit dem Ehemann saß.

Der Streit wurde heftiger.

„Ich denke gar nicht dran, zuzustimmen. Du wirst nicht mit deinen Kumpels im Oktober in den Urlaub fahren. Du weißt genau, dass im Oktober das Baby kommt. Soll ich das etwa alleine machen und du amüsierst dich!“ Die Stimme der Schwangeren überschlug sich, als sie ihren Mann anschrie.

„Mein Gott, reg dich ab. Der Termin ist zwei Wochen danach. Ich bin dann längst zurück.“

„Ewig muss ich alles alleine machen, auch zur Schwangerschaftsgymnastik kommst du nicht mit.“

„Ich in einen Scheiß Hechelkurs? Dann kann ich mich ja gleich kastrieren lassen“, brüllte er zurück.

Wütend stand sie auf, schüttete ihm ihr Mineralwasser ins Gesicht. Auf dem Weg nach draußen schrie sie ihm zu: „Jetzt hab 'ich aber endgültig die Schnauze voll!“

„Weiber! Wenn sie schwanger sind, hakt es doch völlig aus“, teilte der werdende Vater den beiden verblüfften Zuhörern mit, legte 10 Euro auf Jürgens Platz und folgte seiner Frau.

„Das ist doch nicht zu fassen. Man kann sich ja ausmalen, was das Kind später durchzustehen hat“, meinte Jürgen.

„Muss nicht sein. Schwangere sind manchmal aber nicht einfach“, entgegnete Peter. Sie wechselten das Thema. Einige Zeit später machte Peter sich mit seinem Rad auf den Heimweg.

Es hatte angefangen zu regnen. Peter radelte auf dem kleinen Waldweg, der zu seinem Haus führte. Es war stockdunkel. Auch der letzte Lichtschein von der Straße konnte ihn hier nicht mehr erreichen. Stille hüllte ihn ein, kein Vögelchen zwitscherte bei diesem Wetter. Nur das Geräusch des zur Seite gedrängten Matsches begleitete ihn auf seinem Heimweg. Plötzlich knackte es neben Peter im Gebüsch. Er zuckte zusammen. Blitzschnell schoss ein Hase vor seinem Rad her und verschwand auf der anderen Seite. Seine Fahrradlampe gab kaum Licht ab. Peter fuhr langsam, um nicht in einem Schlagloch zu landen. Der Boden war vom Regen aufgeweicht. Es war nur der Bruchteil einer Sekunde, als der Pathologe rechts neben sich eine Gestalt bemerkte. Dann flog er auch schon vom Rad. Zwei Männer, beide hatten ihre Pudelmützen tief ins Gesicht gezogen, sprangen auf ihn zu. Peter spürte einen dumpfen Schlag gefolgt von einem brennenden Gefühl an seiner rechten Augenbraue. Warm floss das Blut aus der klaffenden Wunde über das Gesicht. Der Kopf schmerzte unerträglich. Peter spürte, wie die Spannung seiner Muskulatur nachließ und ging zu Boden. Alles drehte sich. Die Männer beschimpften ihn, aber nur kurze Satzfetzen erreichten den Gepeinigten: "Mach unsere Firma nicht kaputt - lass dir das eine letzte Warnung sein.“ Einer der Angreifer trat Peter in die Rippen. Plötzlich war wieder Stille eingekehrt. Regungslos lag er auf dem feuchten Waldweg, die Hände im Matsch vergraben und traute sich nicht aufzustehen. Waren sie weg? Erst Minuten später holte Peter sich ein Taschentuch aus der Jacke und hielt es sich an die Augenbraue. Der Schmerz raubte ihm den Atem aber seine Rippe schien zum Glück nicht gebrochen zu sein. Er stand auf und schob taumelnd sein Rad nach Hause, drehte sich ständig um und lauschte ängstlich jedem Geräusch. Von den Männern war keine Spur zu sehen.

Peter ging ins Bad, um seine Wunde zu betrachten. Es musste genäht werden. Nach dem Duschen nahm er zwei starke Kopfschmerztabletten und zog saubere Kleidung an. Der Arzt drückte Mull an die Platzwunde, um die Blutung zu stoppen. Die Wunde musste genäht werden, aber er wollte sich nicht mit Nadel und Faden vor den Badezimmerspiegel stellen und sich selber versorgen. Peter versuchte, Helmut zu erreichen.

*

Im Kolben kochte es unaufhörlich. Blubbernde Geräusche der kochenden Substanz erfüllten den Raum. Dampf stieg in das Glasrohr auf, schlängelte sich durch die zahlreichen Windungen des Kühlers, kondensierte zu Flüssigkeit und tropfte schließlich in ein kleines Auffanggefäß. Überall im Raum standen Gefäße mit den verschiedensten Pulvern und Flüssigkeiten, die in stundenlangen Extraktionen ihrem Herkunftsort entlockt worden waren. Der Raum war geheim, niemand hatte je von seiner Existenz erfahren. So sollte es auch bleiben. Denn hier fand man keine Vitamine und auch nichts gegen Kopfschmerzen. Die Ingredienzien, die hier gewonnen wurden, hatten eine andere, grausame Aufgabe. Das Fläschchen mit dem neu gewonnenen Extrakt wurde ins Regal zu den anderen gestellt. Das Licht wurde gelöscht und die schwere Tür verschlossen.

Kapitel 13

Als Helmut die Stufen der Kellertreppe hinaufging, hörte er sein Telefon läuten. Er beeilte sich. Peter wollte gerade aufgeben, als sein Freund sich meldete.

„Helmut, endlich erreiche ich dich. Ich habe es schon den ganzen Abend versucht.“

„Tut mir leid, ich war ein bisschen spazieren. Ist etwas Besonderes oder wolltest du dich nur so melden?“ Peschke klang reserviert.

„Kann ich bei dir vorbeikommen? Ich bin überfallen worden. Meine Stirn ist aufgeplatzt und muss genäht werden. Du weißt ja, wie die Nähte eines Pathologen aussehen. Wir nehmen immer Stopfgarn. Kannst du das für mich erledigen?“

„Ach du meine Güte! Ich komme sofort bei dir vorbei.“

Der Dorfarzt griff nach seiner Tasche, flitzte die Treppe herunter und sprang in seinen roten VW-Polo. Er brauchte nur 10 Minuten bis zum Haus seines Freundes. Als Döring ihm die Tür öffnete, immer noch ein dickes Stück Mull an die Stirn pressend, war nicht zu übersehen, dass er zu viel getrunken hatte.

„Man Kollege, was machst du für Sachen. Lass mich mal sehen.“ Der Arzt sah sich die Wunde an und bereitete sich darauf vor diese zu vernähen.

„Also für die Betäubung hast du ja schon gesorgt, hast ein bisschen getankt, oder? Mehr kann ich dir nicht mehr geben, dann kippst du mir hier vor die Füße. Und wenn ich dich auf dem Fußboden versorgen muss, habe ich es morgen im Rücken.“

„Du kennst das ja. Der Patient hat, wenn es schmerzen könnte, immer eine Hand an den Eiern des Arztes. Nach dem Motto – wir wollen uns doch beide nicht wehtun.“

„Untersteh dich, sonst verpasse ich dir eine grobe Sektionsnaht.“

„Danke nein, dann beiße ich doch wohl lieber die Zähne zusammen.“

Helmut begann, die Wunde zu vernähen. Sein Patient verzog das Gesicht und gab zischende Laute von sich, versuchte aber sich zusammenzureißen. Nach sechs Stichen war alles vorbei. Die Platzwunde wurde gesäubert und verbunden.

Helmut wollte wissen, was geschehen war und Peter berichtete über das Erlebte. Sein Freund hörte aufmerksam zu und unterbrach ihn ab und an mit einem: „Das gibt es doch nicht“, oder „Und das hier in Werlow.“

„Du musst das bei der Polizei melden. Gerd wird schon herausfinden, wer das getan hat. Geh' nur nicht zu Werner, den setzt niemand in Bewegung.“

Die beiden Männer einigten sich darauf, dass Peter gleich am nächsten Morgen bei Finke vorbeischauen würde.

„Helmut, ich habe dich mehrfach versucht anzurufen. Jürgen meinte, er hätte dich seit drei Tagen nicht gesehen. Ist alles o.k.? Du warst so reserviert.“

Peschke schaute betrübt. Er war nicht sicher, ob er erzählen sollte, was passiert war. Niemand in Werlow wusste von seinem Sohn Paul. War es richtig die Situation zu ändern? Wenn sich das herumsprach. Würden die Einwohner einem Arzt vertrauen, der einen kriminellen Ableger hat? Aber es war Zeit mit jemandem zu reden und so vertraute er ihm alles an. Von Renate und wie die beiden sich ein Kind wünschten. Wie viel Freude der kleine Paul ihnen bereitet hatte und wie viel Ärger der Große verursachte. Er erzählte von Renates Krankheit und ihrem Tod, vom Neuanfang in Werlow und auch von der Angst, dass Paul jetzt alles zerstört. Peter hörte aufmerksam zu, ohne ihn zu unterbrechen. An diesem Abend hatten die Männer begonnen, sich zu vertrauen. Aus einer Bekanntschaft war Freundschaft entstanden. Als Helmut mit seiner Lebensgeschichte zu Ende war, sah er seinen Bekannten fragend an.

„Kannst du verstehen, dass ich keine Lust hatte, jemanden zu sehen? Und? Was soll ich deiner Meinung nach tun?“

„Es ist zu früh ihn zu treffen, solange die Vorstellung allein Unbehagen bei dir auslöst.“

Peter riet ihm einen Brief zu schreiben in dem Helmut klarstellt, wie schwer die Zeit für ihn war und das er nicht die Kraft hätte alles noch einmal zu durchleben. Wenn Paul aber vorhätte, sein Leben zu ändern, er sich über einen Neuanfang mit seinem Sohn freuen würde.

Helmut war erleichtert. Das war die Lösung. Wenn Paul das nicht verstünde, wäre es sinnlos zu versuchen einen Kontakt aufzubauen. Die beiden plauderten noch Stunden, bis Helmut sich auf den Heimweg machte.

Kapitel 14

23. Mai. Nur einige Hundebesitzer huschten mit ihren Vierbeinern eilig durch die Straßen. Es war Zeit den Plan auszuarbeiten. Bei diesem Wetter würde niemand Fragen stellen, warum man gerade hier sei. Er nahm eine kleine Harke mit, damit er Fußspuren um aufgeweichten Gartenboden beseitigen könnte.

Der Stadtring war menschenleer, nur ein roter Golf fuhr vorüber. Der Fahrer des Wagens bemerkte den Fußgänger nicht. Mit dem hochgeschlagenen Kragen und dem großen Regenschirm würde ihn niemand erkennen. Der Stadtring war das schwierigste Stück. Die Verbindungsstraße zwischen Stadtkern, dem Werlower Weg und der Neulandstraße war die meist frequentierte Straße in Werlow. Wenn man bei diesem Regen mit Leuten rechnen musste, dann hier. Aber es lief reibungslos. „Geschafft, Neulandstraße. Hier haben sich doch alle in ihren Häusern verschanzt. Teil A des Plans erfüllt.“ Nach gut 50 Metern tauchte auf der rechten Straßenseite das Ziel auf, Haus Nr. 23. Ein kleines, blass-gelb gestrichenes Einfamilienhaus. Hier wohnten Jessika und Thomas Schröder.

Er versteckte sich zwischen den Zypressen. Das Grundstück war nicht eingezäunt und die Koniferen groß genug um sich in Sicherheit zu wiegen. Es saß da, einen Block und einen Bleistift in der Hand um das abendliche Verhalten der Familie auszuspionieren. Durch die große Fensterfläche, fast alles waren Terrassentüren, war nahezu jede Bewegung des Paares gut zu sehen. Der Ehemann saß vorm Fernseher und die Rothaarige stand in der Küche und erledigte den Abwasch. „Macho-Arschloch. Lässt deine schwangere Frau das Geschirr abwaschen und sitzt faul vor der Glotze.“ Nachdem die Frau die Küche blank geputzt hatte, nahm sie ein Glas Orangensaft und eine Zeitschrift und setzte sich an den Küchentisch. Um 19:30 stand Thomas aus seinem Sessel auf, ging auf den Flur und holte eine kleine braune Tasche aus dem Schrank. Der Form nach zu urteilen handelte es sich um eine Bowlingtasche. Er zog seine Jacke an, gab seiner Frau einen flüchtigen Kuss auf die Stirn und verließ das Haus. Zwischen den Zypressen wurde alles fein säuberlich notiert. Jessika nahm ihren Saft, ging ins Wohnzimmer und schaute fern. Gegen 22 Uhr ging sie zu Bett. Thomas war noch nicht wieder zu Hause. Vom Regen durchnässt beschloss er, den Beobachtungsort zu wechseln. Bis zur Bowlingbahn waren es gut 15 Minuten zu Fuß.

*

Thomas hatte heute Abend Glück. Er bowlte jeden Mittwoch mit seinen Freunden Horst, Jan und Hendrik. Das Bier floss so gut, wie die Kugeln rollten. In der Zwischenzeit lagen acht Frames hinter ihnen. Der werdende Vater hatte drei Strikes erzielt und lag dadurch mit 60 Punkten vor Hendrik, dem eigentlich besten Spieler.

„Los Alter, du hast schon so viele Pins abgeräumt, könntest mal die nächste Runde Bier ausgeben.“ Jan und Horst unterstützten den Vorschlag von Hendrik mit lautem Trommeln auf die Tischkante.

„Na logo, wer will nicht mal mit dem Meister anstoßen.“

Thomas ging wankend zur Theke. Für Mittwoch herrschte reger Betrieb. Er drängte sich zwischen zwei Gäste und sah die blonde Frau neben ihm an. Ihre Kleidung war durchnässt. Die Brüste zeichneten sich unter dem Shirt ab. Eine Haarsträhne klebte nass auf ihrer Wange. Sie wirkte in diesem Moment erotischer als je zuvor.

„Bist du nicht die Kleine aus dem Laden, die Sonja, oder? Du bist ja ganz schön nass. Brauchst du einen starken Gewinnertypen, der dir beim Abtrocknen hilft?“

„Gewinnertyp, gerne, kennst du einen?“ Sie drehte ihm den Rücken zu, um das Gespräch zu beenden. Thomas fuhr um 23:30 Uhr, zum ersten Mal als Gewinner, stark alkoholisiert mit dem Auto nach Hause. Das Ehepaar ahnte nicht, dass sie beobachtet wurden.

Kapitel 15

Jeder Atemzug schmerzte. Peter stand um 10 Uhr auf und ging mit T-Shirt und Unterhose bekleidet ins Bad. Er zog sein Shirt aus und begutachtete seine blau untermalten Rippen und das geschwollene Gesicht. Er beschloss, eine Anzeige zu erstatten.

Polizeiobermeister Gerd Finke saß an seinem Schreibtisch und tippte an einem Bericht.

„Guten Morgen Herr Dr. Döring, was ist denn mit Ihnen passiert? Hatten Sie einen Unfall?“ fragte Ulla freundlich.

„Guten Morgen. Nein, ich wurde überfallen und möchte eine Anzeige machen.“

Finke schaute von seiner Schreibmaschine auf und winkte den Verletzten sofort zu sich rüber. Peter nahm Platz.

Erstaunt über derartige Vorfälle in Werlow hakte der Polizist nach. Peter gab detailliert das Geschehene zu Protokoll.

„Versuchen Sie sich an jedes noch so kleine Detail zu erinnern.“

„Wie ich schon sagte, sie trugen Pudelmützen, waren etwa 1,80m groß und kräftig gebaut.“

„Meinen Sie mit kräftig dick oder muskulös?“

„Muskulös. Wie Seemänner in Hafenkneipen, so muskulös.“

„Was ist mit der Kleidung?“

„Beide trugen Jeans. Einer eine schwarze Lederjacke, der Andere, der mich trat, hatte grüne Streifen an den Schuhen.“

„Welche Verletzungen haben Sie davongetragen? Wurden Sie ärztlich versorgt?“

„Ich habe gestern noch Helmut Peschke angerufen. Er hat meine Platzwunde an der Stirn genäht. Ich habe eine Rippenprellung.“ Peter zog sein Hemd hoch und zeigte dem Beamten seine farbenprächtige Seite.

Finke notierte alles und versprach sein Möglichstes tun, damit die Täter gefasst werden. Er zeigte sein Bedauern darüber, dass derartige Vorfälle jetzt schon eine Stadt wie Werlow heimsuchen. Nach einem Gespräch mit dem Beamten der Einleiterüberwachung hatte Finke erfahren, dass bei der letzten Untersuchung bis auf geringfügige Abweichungen alles in Ordnung war. Die für Juli geplante Beprobung des Sees werde aber aufgrund der Beobachtungen vorverlegt.

Peter bedankte sich und ging.

„Oh je, Herr Dr. Döring. Sie sehen ja entsetzlich aus. Was ist denn passiert?“, fragte Sonja entsetzt über Peters Aussehen.

„Ach, nicht so schlimm, ich bin vor ein parkendes Auto gelaufen. Sie können mich ruhig Peter nennen. Ich meine wir treffen uns jeden Tag vor dem Frühstück.“

„Gerne. Also Peter, was ist passiert?“

Der Mann, zu dem sie sich hingezogen fühlte, war verprügelt worden. Sie malte sich in ihren Gedanken aus, was sie tun könnte, wenn sie wüsste, wer der Täter war.

„Wenn ich raus finde, wer das war, ...“

„Sonja, wir überlassen das am Besten der Polizei. Ich mache mich auf den Weg. Ich hatte noch kein Frühstück und allmählich ist meinen Magen sauer auf mich.“

Er fuhr nach Hause. Der gestrige Abend saß Peter noch in den Knochen. Unterwegs traf er den Postboten. Er hielt kurz an, nahm seine Post schnell entgegen und fuhr weiter. Peter hatte keine Lust schon wieder zu erzählen, was geschehen war.

Zu Hause öffnete er einen Brief vom Bürgermeister.

Gemeinde Werlow

Der Bürgermeister

Am Markt 12

17035 Werlow

Herr Dr. Peter Döring

Am See 1

17035 Werlow Werlow. den 22.Mai 07

Sehr geehrter Herr Dr. Döring,

die Gemeinde Werlow ist erfreut darüber, dass sie beschlossen haben, ihren Ruhestand in unserer kleinen Stadt zu verbringen. Es wäre mir eine große Freude sie persönlich zu begrüßen.

Zu diesem Zweck schlage ich vor, dass wir uns am Montag den 28. Mai 2007 um 10 Uhr in meinem Amtszimmer sehen. Sollte Ihnen der Termin ungelegen kommen, kontaktieren Sie bitte meine Sekretärin.

Mit freundlichen Grüßen

Alfons Hüttmann

Bürgermeister

„ Ja klar. Für ein Herzlich willkommen bekommt man hier eine Einladung vom Bürgermeister. Das könnt ihr jemandem erzählen, der das Licht mit der Säge ausknipst. Du willst mich doch bloß zurückpfeifen. Man seid ihr kurzsichtig. Dann leitet doch Gülle ein, bis der See stinkt.“

Peter schmiss den Brief auf den Tisch. Er fragte sich, ob es wirklich eine so gute Idee war, seinen Job aufzugeben und hierher zu kommen. Zum ersten Mal kam ihm der Gedanke, das Haus wieder zu verkaufen. „Sollte sich das Dorf doch selbst vergiften oder in Luft sprengen oder sonst was. Und der Grund, warum ich alles hingeschmissen habe, Kerstin zieht mit irgendeinem Spinner los.“

Frustriert beschloss er das Wochenende ruhig angehen zu lassen, seine Läsionen auszukurieren. Vielleicht hätte er am Montag wieder Kraft. Energie für das Gespräch mit diesem Hüttmann und was sonst auf ihn zukommen würde.

Kapitel 16

Peter hatte an diesem Wochenende Zeit seine Gedanken zu sammeln, um sich ein klares Bild von der Situation zu machen. Wer war wirklich auf seiner Seite? Bislang war er davon ausgegangen, dass allen Bewohnern der Kleinstadt daran gelegen sei, die Umwelt, in der sie leben, zu schützen. Doch das schien falsch zu sein.

Der Pathologe verstand, dass die Leute Angst um ihren Arbeitsplatz hatten. Die Fabrik bedeutete Aufschwung für Werlow. Dazu brauchte er nicht Bürgermeister Hüttmann um das zu verstehen. Er musste also damit rechnen, dass jeder, der bei Medi-Voß arbeitete, gegen ihn und den Schutz des Sees war. Wer waren seine Freunde? Wem konnte er sich innerhalb der Stadtgrenzen anvertrauen? Helmut hatte seine eigene Praxis, Sonja ihren Laden und Jürgen die Kneipe aber auch ihre Umsätze würden fallen, wenn die Bewohner ihre Arbeit verlören. Er musste vorsichtig sein, wollte nicht wieder überfallen werden oder sogar Schlimmeres auslösen.

„OK halte die Rute still, du bist doch Angler. Warten und aufmerksam zuschauen ist deine Stärke“, dachte Peter, zog seine Jacke an und fuhr zum Bürgermeister.

„Guten Morgen, was kann ich für Sie tun?“ fragte die Sekretärin des Bürgermeisters.

„Guten Morgen. Döring, ich habe einen Termin bei Herrn Hüttmann.“

Die "Mittvierzigerin" schaute im Terminkalender ihres Chefs nach, stand auf und öffnete Peter die Tür des Arbeitszimmers. Der Bürgermeister saß hinter seinem Schreibtisch. Er hatte sich pro Lebensjahr mindestens ein Kilogramm Übergewicht zugelegt. Sein blasses, rundes Gesicht ließ vermuten, dass er nicht häufig im Freien anzutreffen war. Der Mann stand auf und streckte Peter seine dicke Hand zur Begrüßung herüber. Die glänzende Halbglatze wirkte so aalglatt wie sein Händedruck.

„Schön, dass Sie kommen konnten, Herr Döring.“

„Danke für die Einladung. Was verschafft mir die Ehre?“

Der Besucher war gespannt, wie der Mann das Gespräch auf den Punkt bringen wollte.

„Ich möchte Sie im Namen der Gemeinde Werlow herzlich begrüßen. Wir freuen uns immer, wenn Menschen wie Sie sich dafür entscheiden, ihr Leben in unserer kleinen Stadt zu verbringen.“

„Das ist sehr freundlich. So sehr ich auch einen gepflegten Smalltalk zu schätzen weiß, hege ich jedoch die Vermutung, dass der wahre Grund meiner Einladung woanders liegt. Vielleicht können wir gleich zur Sache kommen, ich fühle mich nicht gut.“

Der Gemeindevorstand wurde aufgrund von Peters direktem Vorgehen sichtlich irritiert.

„Ja, mmh, Sie haben ganz recht. Es geht um mehr. Ich habe von einigen Mitbürgern erfahren, dass Sie gegen die Fabrik Medi-Voß ermitteln, und möchte gerne von ihnen wissen, was es damit auf sich hat.“

„Ich ermittle nicht gegen die Fabrik, sondern habe lediglich ein Abwasserrohr entdeckt, das in den See mündet. Von wem dieses Rohr stammt, kann ich nur vermuten. Es soll nur analysiert werden, ob durch die Einleitung derartiger Stoffe das Biotop des Gewässers gefährdet sein könnte.“

„Ich verstehe Sie ja aber Sie müssen die Situation meiner Stadt ebenfalls bedenken. Bevor die Fabrik hier eröffnete, lag die Arbeitslosenquote bei 80%. Die Leute zogen weg, weil es keine Perspektive mehr gab. Als ich meiner Gemeinde verkünden konnte, dass ich es erreicht habe, dass hier eine große Pharmafabrik gebaut würde, war die Freude groß. Wir haben hier fast keine Arbeitslosigkeit mehr. Am Rande der Stadt haben wir jetzt ein Neubaugebiet.“

„Das ist fantastisch. Aber die Niederlassung in der ehemaligen DDR ist kein Freifahrtschein für Umweltsünden. Die Gesetze und Bestimmung zur Erhaltung des Umweltschutzes gelten auch für die Ex-Zone.“

Hüttmann stand hinter seinem Schreibtisch auf. Sein rundes Gesicht war rot angelaufen. Er war wütend.

„Damit das klar ist, Herr Döring. Wenn die Fabrik ein kleines Abwasserproblem haben sollte, was ich hier nicht erkennen kann, werden wir Herrn Voß keine Probleme machen. Und wenn ihr so geliebtes Biotop damit nicht fertig wird, dann veranlasse ich eben, dass dieser gottverdammte Tümpel zugeschüttet wird. Ich lasse mir durch einen übereifrigen Großstädter den Aufschwung meiner Stadt nicht gefährden. Ich hoffe, ich habe mich klar ausgedrückt. Guten Tag Herr Döring. Sie müssen mich entschuldigen, ich habe zu tun.“

Peter stand auf und verließ grußlos das Zimmer. Er hatte kein Interesse an weiteren Diskussionen. Dieser Mann war blind und verbohrt. Er schrieb es seiner Arbeit zu, dass der Bau der Fabrik und der damit verbundene Aufschwung im Laufe seiner Amtszeit lagen. Peter würde erst einmal abwarten. Die Behörden waren informiert aber am Wichtigsten war, dass eine Probe des Abwassers bei Ernst war. Er würde die Analyse bald haben. Dann erst konnte der Pathologe weitere Schritte planen. Ob nun gegen den Einleiter oder den Verkauf seines Hauses.

Kapitel 17

„Heute ist es soweit. Heute wirst du erlöst von diesem grausamen Irrtum. Ich komme, um dich zu retten, dir ewiges Leid zu ersparen.“ Mit einem gezielten Griff wurden 2 Fläschchen aus dem Kellerregal genommen und verschwanden in der Jackentasche.

Unbemerkt huschte er am 30. Mai um 19 Uhr durch die verregneten Straßen. Sein Ziel war das Haus der Schröders. Das euphorische Gefühl etwas Unvergessenes zu vollbringen wurde unterbrochen, als es an Haus Nummer 21 vorbei kam. Auf der anderen Straßenseite öffnete sich eine Tür. Ein junges Mädchen, etwa 15 Jahre alt, kam aus dem Haus.

„Komm jetzt hierher Buffy. Ich gehe deinetwegen bei dem Pisswetter raus. Also sieh zu, dass du deinen Hundehintern in den Garten bewegst.“

Der Cockerspaniel schoss wie ein geölter Blitz an dem Mädchen vorbei, bog an der Gartenpforte links ab und flitzte den Bürgersteig entlang. Er kannte seine abendliche Runde genau. Seine Begleiterin versuchte gar nicht erst, ein freundliches Gesicht zu machen. Ihr Anblick verriet, dass es nicht ihre Idee war, mit dem Hund vor die Tür zu gehen, sondern eher die ihrer Eltern.

„ Hat die mich gesehen? - Quatsch. In dem Alter muss man Teenies ja umrennen, bevor die merken, dass jemand da ist.“

Trotzdem beeilte er sich, sein Versteck hinter den Zypressen einzunehmen. Ein Blick auf die Armbanduhr verriet, dass es bereits 19:30 Uhr war. Jeden Moment musste es soweit sein. Die Tür würde sich öffnen und dieses Miststück von einem Ehemann würde zum Bowlen fahren. Wie gewohnt erledigte die Schwangere die Hausarbeiten in der Küche. Der Blick des Voyeurs wurde eiskalt. Fest wurden die Flaschen in der Jacke umklammert.

Die Tür öffnete sich, Thomas stieg in sein Auto und fuhr davon. Jessika nahm ihr Glas Orangensaft und ging ins Wohnzimmer. Die Terrassentür, die direkt in die Küche führte, war gekippt. Vorsichtig griff er durch die Öffnung. Mit einem leisen Knacken öffnete sich der Eingang. Im Wohnzimmer lief der Fernseher. Jessika war vertieft in ihre abendliche Daily Soap und bemerkte nicht, dass sie in Gefahr war. Noch einmal fühlte er prüfend in seiner Jacke nach den Fläschchen. Jessika musste ihren Saft einen kleinen Moment alleine lassen. Lange hatte der Einbrecher sich mit dieser Frage beschäftigt. Doch dann war alles so einfach. Ein Dreifachstecker sollte die Lösung bieten. In der Küche waren mehr als genug Steckdosen, also kein Problem den Mehrfachstecker ans Netz zu bekommen. Die Kontakte des Steckers waren durch einen Draht miteinander verbunden. Sobald er ans Stromnetz des Hauses angeschlossen würde, würde der FI Schalter herausspringen. Ein dumpfes Geräusch ertönte und das ganze Haus war dunkel. Jessika schrie vor Schreck auf. Eilig versteckte sich das Wiesel in der kleinen Abstellkammer in der Küche. Sein Herz schlug heftig. Es war nicht das erste Mal, dass er den Plan in die Tat umsetzte, aber jetzt war der Moment, der gefährlich wurde. Der Moment entdeckt zu werden.

„Mist, immer wenn Tommi nicht da ist. Wo ist denn diese blöde Taschenlampe.“ Sie kramte in einer Schublade. Dann war ein Lichtstrahl zu sehen und die Rothaarige verschwand im Keller, wo sich der Sicherungskasten befand. „Perfekt“, zischte er. Solange der Mehrfachstecker am Netz blieb, würde sie den Schutzschalter nicht wieder einschalten können. Genug Zeit also, eine Portion aus der ersten Flasche in den O-Saft zu schütten. Das Glas tauchte im Strahl der winzigen Lampe auf. Wohl dosiert tropfte das Schlafmittel in den gelben Saft. Im Keller versuchte Jessika wiederholt den FI-Schalter einzuschalten, ohne Erfolg. Erst als der manipulierte Dreifachstecker wieder verstaut war, versteckte er sich wieder im Abstellraum und wartete.

Jessika hatte es geschafft. Das Licht leuchtete. Sie setzte sich, erschöpft von der unerwarteten Situation, wieder in ihren Sessel und trank den Saft in einem Zug aus.

Nach 30 Minuten würde das Schlafmittel wirken. Der Täter stand, mit vor Aufregung hämmerndem Herzen, bewegungslos dicht an ein Regal mit Lebensmitteln gepresst und wagte kaum sich zu bewegen. Solange die Schwangere hellwach war, bestand die Gefahr entdeckt zu werden. Er musste unbemerkt bleiben. Aus dem Wohnzimmer ertönten die Nachrichten. Vor 15 Minuten hatte Jessika das Schlafmittel getrunken. Wenn er recht hatte, würde sie die plötzliche Müdigkeit auf ihren Zustand schieben und einfach ins Bett gehen. Wieder ein Blick auf die Armbanduhr. Hellblau leuchtete die digitale Zeitangabe, 20:10 Uhr. Ein Geräusch drang leise in den Vorratsraum. Der Fernseher wurde abgeschaltet.

„Lass bloß diese Tür bei mir zu, sonst muss ich dir sehr weh tun.“ Schweißperlen standen auf seiner Stirn. Der einzige Moment, der nicht vorhersehbar war. Bewaffnet mit einer Konservendose aus dem Vorratsregal wartete der Täter.„Komm rein und ich zieh sie dir über den Schädel, bevor du das Licht einschaltest.“ Die Schritte entfernten sich. Sie ging zu Bett. Alles lief reibungslos. In spätestens 20 Minuten würde sie tief und fest eingeschlafen sein. Dann folgte der Auftritt auf dieser zuschauerlosen Bühne. Ein perfekter Plan war geschmiedet worden, eine gelungene Durchführung folgte. Doch es gab niemanden der applaudierte. Alles war still im Haus. Wie eine Mücke in der Nacht näherte sich der Einbrecher seinem Opfer. Stufe um Stufe erklomm der Eindringling die Treppe zum Obergeschoss. Leise ging er ins Schlafzimmer. Jessika hatte die Jalousien nicht heruntergelassen. Ein zarter Lichtstrahl von einer Straßenlaterne traf ihr Gesicht. Sie schlief friedlich. Vorsichtig strich der Täter mit seinem Zeigefinger über ihre Wange. Keine Reaktion.

„ Ich werde diesem Irrtum ein Ende machen. Du weißt nicht, wer ich bin und doch bin ich bereit dir so selbstlos zur Seite zu stehen. Ich erwarte keinen Dank, weil nur ich weiß, dass es einen Grund gibt, mir dankbar zu sein.“

Dann öffnete er vorsichtig ihren Mund. Sie spürte nichts. Langsam glitt, Tropfen für Tropfen der Flüssigkeit aus der zweiten Flasche in den Mund der Schlafenden. Ganz behutsam, sie sollte sich nicht verschlucken. Wenn er es schaffte, Jessika unbemerkt einen Teelöffel voll einzuflößen, war sein Werk getan. Sie würde ruhen und das Mittel in ihr arbeiten und Wirkung zeigen. Der Täter verließ um 21 Uhr, zufrieden das Haus durch die Vordertür.

*

Jessika wurde aus dem Schlaf gerissen. Sie litt, wie viele Schwangere unter ständigem Harndrang und musste sich beeilen. Neben ihr lag inzwischen, laut schnarchend, ihr Ehemann. Ihr Herz pochte heftig. Die Blase schien bis zum Zerreißen gefüllt zu sein. Grummelnde Geräusche aus dem Bauchraum kündigten Durchfälle an. Das auftretende Schwindelgefühl erschwerte ihr den Weg ins Bad. Dann zerschnitt ein hysterisches Schreien die Stille des Hauses. Thomas, aus dem Tiefschlag gerissen, sprang aus dem Bett. Bevor er seine Augen noch richtig geöffnet hatte, rannte er, dem Schreien hinterher. Kreischend und zitternd fand er seine Frau im Bad vor der Toilette stehend. Er brauchte nur wenige Sekunden, um die Situation zu erkennen. Überall war Blut. In der Toilette, am unteren Teil von Jessikas Nachthemd und auch auf dem Boden.

„JEEESSSI!“ stieß er heraus und hielt seine Frau fest. Sie sackte zu Boden. Ihre Laute gingen in ein Wimmern über.

„Mein Baby, Tommi hilf mir, mein Baby.....“ Thomas nahm seine Frau auf den Arm und trug sie ins Schlafzimmer. Ihr Körper war eiskalt. Er legte die blutverschmierte junge Frau aufs Bett, griff nach dem Telefon, blätterte aufgeregt im Telefonbuch herum. Warum war die Nummer des Arztes nicht eingespeichert. Wie viel Zeit verschwendet man am Tag. Dann tritt der Notfall ein und man findet die rettende Zahlenkombination nicht. Endlich. Peschke, Allgemeinmediziner. Er hämmerte die Nummer in sein Telefon. Nach dem 4 Klingeln, es schien ewig zu dauern, meldete sich der aus dem Schlaf gerissene Arzt. Er konnte am anderen Ende der Leitung das Wimmern einer Frau hören.

„Schnell, hier ist Thomas Schröder. Meine Frau verblutet. Kommen Sie schnell. Neulandstraße 23. Bitte sie stirbt sonst.“

Das Gesicht des jungen Mannes war tränenüberströmt.

„Ich bin gleich da“, antwortete der Arzt.

Peschke, der die Dringlichkeit der Situation erkannt hatte, zog seine Jogginghose über den Schlafanzug und eilte zum Haus der Schröders.

Thomas öffnete die Tür und die beiden Männer rannten ins Schlafzimmer.

„Rufen Sie einen Rettungswagen, Ihre Frau muss ins Krankenhaus.“

Die Blutungen kamen einwandfrei aus dem Uterus. Mit behandschuhter Hand ertastete er sich ein Bild von der Situation. Es war zu spät, der Kopf des Fötus war bereits zu fühlen. Der Arzt konnte die Fehlgeburt nicht aufhalten. Wenige Augenblicke dauerte es nur, dann war alles vorbei. Das Kind hatte keine Chance zu überleben. Der Kopf hatte einen Durchmesser von gerade 4cm und der Junge wog 140g. Peschke wickelte den toten Fötus in ein Handtuch. Durch den Schock, den die Mutter erlitten hatte, schien sie keine körperlichen Schmerzen zu empfinden. Peschke legte eine Kochsalzinfusion. Der Mediziner hatte die Situation unter Kontrolle, als der Unfallwagen kam und Jessika ins Krankenhaus brachte.

Kapitel 18

„Endlich ein paar Sonnenstrahlen“, dachte Peter und setzte sich mit der Werlower Tageszeitung auf seine Terrasse. Nach Tagen der regnerischen Dämmerung genoss er das Sonnenlicht und blätterte ein bisschen in dem Käseblatt. Selbst der Kaffee schmeckte bei schönem Wetter besser. Die Belanglosigkeit der Artikel half ihm, zu entspannen. Die neusten Erfolge des Taubenzüchtervereins wurden gleich auf Seite zwei ausführlich beschrieben. „Vielleicht sollte ich es damit ausprobieren. Hört sich an als wäre mit Aufregung nicht zu rechnen und Ruhe wollte ich ja.“ Seite drei zeigte ein großes Foto von Herrn Voß bei der Übergabe eines Schecks für den örtlichen Kindergarten. „Ein Scheck und alle liegen dir zu Füßen.“ Peter las den Text zur Hälfte. Die Loblieder auf Voß ertrug er nicht länger.

„Na mal sehen, wer morgen seine Brötchen nicht abholt“, dachte Döring und las die Todesanzeigen. Er kannte niemanden, der hier erwähnt wurde. Die Geburtsdaten in den Anzeigen verrieten, dass die Verstorbenen ein langes Leben gelebt hatten. Eine Information, die Peter immer sehr zu schätzen wusste. Ein Pathologe sieht während seiner Laufbahn zu viele junge Menschen im Sektionssaal. Der Tod eines alten Menschen ist meistens leichter zu akzeptieren. Eine Anzeige stimmte ihn nachdenklich.


Meinem geliebten Sohn Rüdiger Schilling 3.7.1980 29.5.2007 Du hast so lange gekämpft und schließlich doch verloren. Die Beerdigung findet am 03.06.07 auf dem Werlower Friedhof statt.

„27 Jahre! Das hört sich verdammt nach Krebs an. Furchtbar, so jung.“ Peter sah nachdenklich zum See. Die Anzeige hatte ihn auf eine Idee gebracht. Wenn das Abwasser gefährlich für die Bewohner sein könnte, würde es eventuell zu Abnormalitäten kommen. Im Sommer badeten die Kinder in dem Gewässer. Es könnte zu Hauterkrankungen gekommen sein. Magen-Darm Erkrankungen wären aufgrund der ohnehin mikrobiologischen Lage möglich und daher schwer auf das Abwasser zurückzuführen. Der Anstieg von Allergien denkbar. Augenerkrankungen nach Wasserkontakt könnten ein Indiz auf Reizungen durch Chemikalien sein. Das Herausfinden derartiger Krankheitsanstiege wäre schon schwer aber das Forschen danach, ohne sich selber in Gefahr zu bringen, weitaus schwieriger. Peter sah in Gedanken den mahnenden Gesichtsausdruck des Bürgermeisters und erinnerte sich an die Schmerzen an seinen Rippen. Helmut hatte die einzige Arztpraxis in Werlow, folglich kannte er die Krankheiten von fast allen Bewohnern. Er musste Peschke davon überzeugen, seine Unterlagen mit ihm durchzuforsten aber sie mussten vorsichtig vorgehen, durften keinen großen Wirbel veranstalten. Es gab jedoch etwas, dass Peter selbst durchführen konnte, einen Fischtest. Um der Qualität eines Abwassers auf die Spur zu kommen, führte man derartige Tests durch. Peter brauchte ein Aquarium und Guppys. Sofort machte sich der Pathologe auf den Weg nach Hukslage ins Zoogeschäft.

„Guten Tag, kann ich Ihnen helfen?“, erkundigte sich der Verkäufer.

„Ja, ich möchte mir ein Aquarium zulegen. Ein Kleines reicht für den Anfang.“ Der Verkäufer zeigte Peter ein Komplettsystem, das für 50 Euro im Angebot war. Genau, was er suchte und signalisierte dem Angestellten, dass er es nehmen würde.

„Sie sollten das Aquarium eine Woche ohne Fische betreiben, damit sich das Biotop stabilisieren kann. Welche Fische bevorzugen Sie denn?“

„Ich möchte Guppys. Ich werde die Fische aber gleich mitnehmen. Diese Fische sind ja recht robust.“

Peter nahm den Fischbehälter, kaufte sich noch 10 Guppys und fuhr nach Hause. Das Becken wurde mit Wasser aus dem See befüllt. Die eingesetzten Fische schienen sich sehr wohl zu fühlen. Die Teststreifen aus dem Fachhandel zeigten eine unauffällige Wasserqualität an. Er hatte sich vorgenommen, täglich zu prüfen und zu dokumentieren. Würde das Fischsterben einsetzen? Wenn ja, in welchem Ausmaß? Auf jeden Fall erhoffte er sich einen Aufschluss darüber zu bekommen, wie die Umwelt auf den See reagiert.

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