Kitabı oku: «Mauerblümchen - Schweden-Krimi»

Yazı tipi:

Björn Hellberg

Mauerblümchen - Schweden-Krimi

Saga

Mauerblümchen - Schweden-Krimi Übersetzt Christel Hildebrandt

Coverbild / Illustration: Shutterstock

Copyright © 2004, 2020 Björn Hellberg und SAGA Egmont

All rights reserved

ISBN: 9788726445060

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk

– a part of Egmont www.egmont.com

— Erstes Kapitel

Seine Augen schimmerten in diffuser Schwärze direkt über ihr, so nah war er, als er sich fest auf sie presste. Sein Gewicht erschreckte sie. Dann lockerte der Druck sich ein wenig, und sie spürte, wie er sich zwischen ihren Beinen zurechtschob, um eine bequemere Position zu finden.

Im nächsten Augenblick pustete er ihr direkt ins Gesicht. Sein Atem roch nach altem Tabak, roher Leidenschaft und Salzlakritz. Sie erschauderte.

Die Frau spürte, dass sie kurz davor war, das Bewusstsein zu verlieren. Sie zappelte verzweifelt, um sich aus dem immer fester werdenden Griff zu befreien.

Sie bekam kaum noch Luft. Angst bohrte sich in sie.

Ihre Panik wurde vollkommen, als er plötzlich hart ihre Nasenflügel zudrückte und sie über dem zunehmenden Rauschen des Bluts in ihren Ohren seine heisere Stimme hörte:

»Wenn ich jetzt meine Hand auf deinen Mund lege, wird dein Herz in fünf Minuten aufhören zu schlagen, wusstest du das? Aber dann wirst du natürlich schon weit weg sein.«

Als er den Griff um ihre Nase lockerte, schnappte sie gierig nach Luft.

»Schrei nur, hier hört dich sowieso keiner. Schrei doch. Schrei!«

Dann drückte er wieder zu, noch brutaler dieses Mal, und als sie um Gnade flehte, klang das nur wie ein jämmerliches Piepsen.

»Ich sterbe, lass mich los, sonst sterbe ich.«

Er war ihr jetzt so nahe, dass sein Kinn ihres berührte. Die Bartstoppeln kratzten sie. Sie konnte sein höhnisches Grinsen eher ahnen als erkennen.

»Du stirbst? Wie schön.«

Und dann drückte er mit unbändiger Kraft zu.

Ihre geballte linke Hand begann auf den Tisch zu trommeln. Die Bewegung wurde mit der Zeit langsamer, die Finger spreizten sich, bewegten sich wie im Krampf und blieben dann ruhig liegen.

Beim ersten Anruf war sie überzeugt davon, dass es sich nur um ein Missverständnis handeln konnte. Telefonterror war etwas, das andere betraf, wovon sie gehört hatte, was sie aber niemals mit sich selbst in Verbindung bringen würde. Es war ungefähr so, wie ermordet zu werden, ein durchgehendes Pferd mit einem Esel im Sattel zu sehen oder sieben Millionen im Lotto zu gewinnen: Etwas derart Unbegreifliches stieß fremden Leuten zu, namenlosen Menschen, es passierte nie jemandem, den man persönlich kannte.

Und am allerwenigsten einem selbst.

Und dennoch war genau das eingetreten: Von allen Frauen hatte er ausgerechnet sie ausgewählt.

Zuerst hatte sie geglaubt, es handele sich um eine falsche Verbindung. Das unangenehme Gespräch hatte höchstens ein paar Sekunden gedauert.

Keuchender Atem. Sie hatte den Hörer wieder aufgelegt. Falsch verbunden. So etwas kam vor. Schwamm drüber und weiter.

Natürlich war das Gespräch einer anderen armen Person zugedacht gewesen.

Auch beim zweiten Anruf hatte sie anfangs noch gehofft, dass es sich trotz allem um eine irgendwie geartete unglückliche Verwechslung handelte.

Denn wer könnte größeres Interesse an ihr haben, einer allein stehenden Dreiunddreißigjährigen mit ganz alltäglichem Aussehen, etwas zu dicken Waden, zwei gescheiterten, kinderlosen festen Beziehungen und einer mittelmäßigen, unterbezahlten Arbeit in einem Telefonladen in der Stadt?

Aber nach dem Gespräch Nummer zwei musste sie ihren Irrtum einsehen: Genau sie war die Auserwählte.

Das Opfer.

Er hatte sie sogar mit Namen angesprochen:

»Das bist doch du, Dolly, oder? Dolly Nilsson?«

Und sie hatte geschrien, obwohl sie es hätte besser wissen müssen: »Lass mich in Ruhe! Sonst rufe ich die Polizei.«

»Mach das, Schätzchen, mach das nur – sag mal, bist du im Bett genauso wild? Gott, wie schön, eine Frau mit Energie! Es muss wunderbar sein, tief in dich rein ...«

Sie hatte den Hörer auf die Gabel geschmissen.

Eigentlich war das eine gute Methode, ihn loszuwerden.

Aber gleichzeitig verlockte es sie zu hören, was er von ihr wollte. Alles war ein einziger schwieriger Balanceakt.

Eine kurze Weile hatte sie überlegt, ob es Holger sein konnte, der sie auf diese eklige Art erschrecken wollte, als Rache dafür, dass sie vor kurzem mit ihm Schluss gemacht hatte.

Aber den Gedanken schob sie schnell beiseite.

Ihr ehemaliger Mitbewohner lebte inzwischen weit im Norden, in Norrland, und war viel zu geizig, um sich jede Menge Ferngespräche zu leisten. Außerdem könnte er seine Stimme gar nicht so extrem verstellen. Nach vier Jahren Zusammenleben hätte sie ihn wieder erkannt, sosehr er auch versuchen würde, seine Stimme zu tarnen. Aber der Hauptgrund dafür, dass sie ihn als möglichen Täter strich, war, dass ihm ganz einfach die Phantasie für etwas so Raffiniertes fehlte. Er war der langweiligste Kerl, mit dem sie je zu tun hatte – nicht, dass sie besonders viele Vergleichsmöglichkeiten gehabt hätte –, und inzwischen konnte nicht einmal sie selbst sich erklären, wie sie es so lange mit ihm ausgehalten hatte.

Vier Jahre: eine kleine Ewigkeit.

Und es war keine besonders schöne Zeit gewesen, so viel war klar.

Sie verwarf auch den Gedanken, es könnte ihre erste Beziehung sein, die jetzt als Spuk aus der Vergangenheit auftauchte. So war Lars-Göran einfach nicht. Sie hatte sich immer gut mit ihm verstanden, und die Trennung war ruhig und würdevoll verlaufen, ohne ermüdende Szenen.

Dolly hegte den Verdacht, dass Lars-Göran einen leichten Hang zur Homosexualität hatte. Ihr Zusammenleben hatte das eigentlich nicht gestört, aber es hatte gewisse Zeichen dafür gegeben, dass er fremdging. Was ihr jedoch nichts ausmachte.

Zumindest jetzt nicht mehr.

Sie hegte keinen Groll gegen ihn und hatte außerdem seit mehr als sechs Jahren nichts von ihm gehört.

Nein, der Anrufer war mit größter Wahrscheinlichkeit eine für sie vollkommen fremde Person mit krankem Geist. Denn kein normal funktionierendes Individuum würde doch wohl auf so abnorme Ideen kommen, oder?

Die Frage lautete nur: Warum?

Warum ausgerechnet sie, Dolly, diese diskrete, unbedeutende Frau? Warum war sie vollkommen unverschuldet in die Schusslinie geraten, war den seltsamen Scherzen eines verdrehten Individuums ausgesetzt?

Apropos Scherze, wenn nun ...

Sie wagte nicht, den Gedankengang fortzuführen, spürte nur, wie ihr ein eiskalter Schauder den Rücken hinunterlief.

Nach dem vierten oder fünften Anruf überlegte sie, ob er vielleicht noch andere Opfer quälte. Oder sich mit ihr begnügte. Sie dachte, dass es sicher besser sei, wenn er seine Zoten auf mehrere Opfer verteilte und sich nicht auf ein einziges Objekt konzentrierte – ein etwas egoistischer und vielleicht unlogischer Gedanke, aber sie suchte Trost, wo er zu finden war.

Bis jetzt hatte sie sich noch nicht getraut, mit jemandem darüber zu reden, nicht einmal mit ihrer besten Freundin Anna oder einer ihrer Arbeitskolleginnen. Auf eine schwer erklärbare Art war es ihr peinlich, obwohl sie sich in keiner Weise mitschuldig fühlte. Soweit sie wusste, hatte sie sich nie provokativ oder sexuell herausfordernd verhalten, Im Gegenteil, sie sah sich selbst als graue Maus, als ein Teil der anonymen Masse; warum in Herrgotts Namen war sie dann also ausgesucht worden?

Vielleicht war es reiner Zufall, vielleicht hatte der Anrufer nur den Finger durch das Telefonbuch fahren lassen und einen weiblichen Namen auf gut Glück herausgepickt.

Die Vorstellung war tröstlich, auf jeden Fall sehr viel angenehmer als der Gedanke, sie könne aus irgendeinem bestimmten Grund ausgesucht worden sein, nach genauer Begutachtung irgendwo da draußen in der Dunkelheit. Vielleicht hatte er sie nur ausgewählt, weil sie in einem ziemlich großen und abseits gelegenen Holzhaus in einem dünn besiedelten Stadtteil lebte.

Diese Perspektive erschreckte sie mehr als alle anderen.

Das würde ja etwas ganz Schreckliches bedeuten: dass er sie irgendwann aufsuchen konnte, wenn sich die passende Gelegenheit bot und wenn er sich sicher war, das sie wirklich allein war.

Sie vermisste ihre Mutter. Auch wenn ihre Mutter schon alt und gebrechlich war, so hätte sie sich doch sicherer gefühlt, wenn sie noch im Haus wohnte. Sie hatte ihre Mutter nicht überreden können, bei ihr zu bleiben und nicht in dieses Altenwohnheim im Süden zu ziehen.

Dolly hatte die Möglichkeit, sich über ihre Arbeitsstätte ein Gerät zu kaufen, das die Nummer des Anrufers anzeigte, aber sie wusste auch, dass es kein Problem war, sich hinter dem, was so locker als »geschützte Nummer« bezeichnet wurde, zu verstecken. Und ihr war natürlich klar, dass der Anrufer nicht so dumm sein würde, sein eigenes Telefon zu benutzen.

Deshalb war der Kauf einer Anruferkennung im Augenblick nicht aktuell.

Vielleicht später.

Dagegen überlegte sie ernsthaft, ob sie sich eine Geheimnummer zulegen sollte, die sie dann nur ihren nächsten Angehörigen und zuverlässigen Freunden geben würde: Mama, dem Chef, Anna, ein paar ihrer Arbeitskolleginnen, vielleicht noch einigen anderen.

Aber bis jetzt hatte sie sich noch nicht entschieden. Außerdem wusste sie, dass es Wege gab, auch eine Geheimnummer herauszukriegen, wenn man sich nur genügend anstrengte.

Sie hoffte natürlich, dass diese Belästigung ganz von allein aufhören würde, dass der Anrufer ihrer müde wurde oder ein anderes Opfer fand.

Aber wenn sie ehrlich war, wusste sie, dass sie nicht das letzte Mal von ihm gehört hatte. Die Folter würde weitergehen.

Jedes Mal, wenn es klingelte, fürchtete sie das Schlimmste.

Sie hasste ihn inzwischen, hasste ihn wegen dieser kriecherischen Schleimerei, wegen seiner Feigheit, sich hinter der Anonymität zu verstecken, hasste ihn, weil er sie dieser nervenzehrenden Folter aussetzte.

Eine unbekannte Stimme am Telefon: ebenso primitiv und verabscheuungswürdig wie ein Schmähbrief von jemandem, der sich nicht traute, mit seinem Namen zu dem Inhalt zu stehen.

Es war ein außergewöhnlich anstrengender Arbeitstag gewesen, und sie fühlte sich ausgelaugt, als sie sich mit der Tageszeitung auf dem Sessel niederließ und darauf wartete, dass das Teewasser kochen würde. Sie blätterte im Fernsehprogramm. Freitags gab es meistens ganz gute Unterhaltung. Sie würde sicher etwas finden, was ihr gefiel, etwas Leichtes für zwei, drei Stunden.

Und dann – ins Bett.

Sie machte sich ein Butterbrot, goss Wasser in einen großen Becher, legte einen Beutel Zitronentee hinein und las das Bladet, die einzige Zeitung, die sie abonniert hatte. Morgens überflog sie die Zeitung meistens nur, um sie abends dann gründlicher durchzulesen.

Das Telefon klingelte, als sie gerade die Familienseite las, und ließ sie zusammenzucken.

Jedes Mal, wenn es klingelte ...

Zuerst wollte sie einfach gar nicht rangehen.

Aber dann stand sie doch zögernd auf. Schließlich konnte es ihre Mutter sein. Oder die übersprudelnde Anna, die immer zum Plaudern aufgelegt war, besonders abends und ganz besonders am Freitag.

Sie musste sich entscheiden: Entweder sie ignorierte das Telefon ganz und gar, oder sie gab sich einen Ruck und ging dran.

Die Idee mit der Geheimnummer kam ihr wieder in den Sinn, wie schon so oft zuvor, gleichzeitig schallte das dritte Klingelzeichen durch das Haus.

Sie holte tief Luft, atmete aus und nahm den Hörer im Stehen ab.

»Ja?«, fragte sie bebend, auf alles gefasst.

»Spreche ich mit Dolly Nilsson?«

»Ja«, bestätigte sie.

Sie hatte die Stimme nicht wieder erkannt. Die Erleichterung ließ sie fast laut kichern.

Das war nicht er.

Der Anrufer hatte einen leicht singenden finnlandschwedischen Akzent. Er stellte sich mit einem Namen vor, den sie bereits nach Sekunden wieder vergessen hatte, wenn sie ihn überhaupt registriert hatte.

Sie hörte kaum zu, was er sagte.

Stattdessen dachte sie: Er ist es nicht. Wie schön.

Sie zwang sich, interessiert zuzuhören, verlor aber schnell die Konzentration. Teilnahmslos lauschte sie seinen Worten über die Beschaffung von Mitteln für krebskranke Kinder; wenn er ihr also ein Überweisungsformular schicken dürfe, dann werde sie dafür ca. zehn Ansichtskarten bekommen, mit Motiven von ...

»Tut mir Leid«, unterbrach sie seine Litanei. »Ich habe in letzter Zeit schon genug gespendet. Gerade letzte Woche habe ich erst einen Betrag für die Förderung Schwerhöriger gestiftet, oder was das war. Und im Januar habe ich dem Verein ›Rettet die Kinder‹ etwas gegeben. Irgendwann muss man auch mal nein sagen können.«

»Aber es geht doch um ...«

»Ich weiß«, sagte sie. »Natürlich sind solche Aktionen sehr lobenswert, keine Frage. Aber wie gesagt, im Augenblick nicht. Vielleicht nächstes Mal.«

»Könnte ich dann nicht trotzdem ein Überweisungsformular schicken? Falls Sie es sich noch anders überlegen?«

»Ja, das können Sie«, sagte sie, um ihn endlich loszuwerden. »Aber ich verspreche nichts.«

»Das ist schon ganz in Ordnung«, versicherte er ihr. »Dürfte ich dann um Ihre Adresse bitten?«

Sie gab sie ihm und verabschiedete sich. Gerade als sie schon den Hörer auflegen wollte, fing er noch einmal an.

»Ach, da ist nur noch eins.«

»Was ist denn nun noch?«, fragte sie ungeduldig.

»Ich möchte nur wissen, ob deine kleine Fotze wohl nackt ist?«

Eine vollkommen andere Stimme jetzt, eine Stimme, die sie wieder erkannte. Nur zu gut.

»Oder hast du Spitzenhöschen an?«

Kein singendes Finnlandschwedisch mehr, sondern der übliche, grobe, unangenehme Dialekt.

Das war er, unverkennbar, das Schwein hatte es geschafft, sie zu überrumpeln.

Sie sah, wie sich die Härchen auf ihren Unterarmen sträubten.

»Wir wollen uns da unten doch nicht erkälten, das wollen wir doch auf keinen Fall, oder? Denn dann macht es nicht so viel Spaß, wenn wir uns treffen, keinem von uns beiden. Es ist doch wirklich so, dass wir unglaublich gut zusammenpassen, meine ...«

Sie warf den Hörer auf, aber nicht schnell genug: Sie konnte noch sein Keuchen hören, so abstoßend, so erschreckend.

Ihr Herz pochte heftig. Sie hatte eine ganz trockene Kehle.

Sie saß da und schaute sich mehrere Minuten lang im Zimmer um, versuchte sich zu beruhigen. Es dauerte eine Weile, bis sie ihren Puls wieder unter Kontrolle hatte.

So ein Schweinehund!

Sie ekelte sich, fühlte sich gekränkt, ausgeliefert, nackt.

Ihr war, als hätten sich seine kranken geilen Augen im Hörer befunden und direkt durch ihre Kleidung hindurchgesehen, große Löcher hineingebrannt, nur um zu ihr vorzudringen.

Seine Dreistigkeit wuchs in beunruhigender Weise. Sich einfach als jemand auszugeben, der für krebskranke Kinder sammelte, sie in Sicherheit zu wiegen, wie herzlos. Das war irgendwie noch schlimmer als die bisherigen Anrufe, bei denen er mit seinem Stöhnen und seinen vulgären Andeutungen direkt zur Sache kam.

Sie sah ein, dass sie es nicht nur mit einer seelisch abnormen Person zu tun hatte, sondern mit jemandem, der vor nichts zurückschreckte.

Was würde er nächstes Mal machen?

Ein heftiger Wunsch nach einer heißen Dusche, nach Reinigung, überfiel sie. Es war wichtig, dieses klebrige Gefühl von Unbehagen wegzuspülen.

Es klingelte wieder.

Ihr Herz reagierte sofort mit einem heftigen Klopfen. Sie hatte das Gefühl, als dröhne es in ihrem Brustkorb und als übertöne das Pochen das scharfe Schrillen des Telefons.

Dolly blieb noch lange, nachdem wieder Stille im Haus eingekehrt war, in der gleichen Stellung sitzen.

Dann stand sie zögernd auf, drehte mehrere Runden im Zimmer und entschloss sich endlich.

Sie würde zwei Telefongespräche führen, sosehr es ihr auch widerstrebte.

Zuerst mit der Polizei. Dann mit Anna.

So konnte es nicht weitergehen. Sie musste einen Teil der Last abgeben, dieses eklige Wissen mit jemandem teilen. Der Terror musste ein Ende haben.

Sie rief bei der Polizei an und erklärte der Vermittlung mit wenigen Worten, worum es ging. Dann wurde sie mit jemandem verbunden, der Terje Andersson hieß und der geduldig ihrem etwas wirren Bericht von all dem zuhörte, was ihr in den letzten Tagen zugestoßen war.

»Sie werden doch etwas dagegen tun?«, fragte sie. »Es zumindest versuchen?«

»Wir haben von Ihnen eine Anzeige bekommen«, lautete die ausweichende Antwort.

»Ja, und?«

»Wir werden uns das anschauen.«

»Was bedeutet das? Was werden Sie sich anschauen?«

Dolly meinte ein leises Seufzen zu vernehmen, aber vielleicht irrte sie sich da auch.

Nach einigen Sekunden sagte Andersson: »Wir werden tun, was wir können. Bitte glauben Sie mir, dass ich großes Verständnis für Sie habe und mir vorstellen kann, wie Sie sich fühlen, nach all dem, was passiert ist. Das ist wirklich grässlich. Aber lassen Sie mich Ihnen eines sagen: Sie sind nicht die Einzige, die solchen üblen Scherzen ausgesetzt ist. Wir haben in den letzten Monaten mehrere ähnliche Anzeigen hereinbekommen. Einige andere Frauen haben sich aufgrund anonymer Telefongespräche der Art, wie Sie sie beschrieben haben, bei uns gemeldet.«

Aha, dachte Dolly. Dann bin ich also nicht allein.

Sie konnte sich nicht entscheiden, ob das nun ein Trost war oder nicht. Früher hatte sie immer gedacht, es sei ein Vorteil, wenn ein Wahnsinniger gleich mehrere Frauen angriff. Jetzt war sie sich dessen nicht mehr so sicher.

Andersson fuhr fort: »Lassen Sie den Kopf nicht hängen! Denken Sie daran, dass diese Männer, die bei Frauen anrufen und sie belästigen, fast nie physischen Kontakt zu ihren Opfern aufhehmen. Dazu sind sie viel zu feige.« Fast nie.

Die Worte des Polizisten hallten noch in ihr wider, als sie sich unter die Dusche stellte. Sie musste sich erst einmal reinigen, bevor sie es schaffen würde, Anna anzurufen.

Sie stand fast eine Viertelstunde unter dem heißen Strahl, aber es nützte nichts.

Als sie sich abtrocknete, fühlte sie sich schäbiger als je zuvor.

— Zweites Kapitel

Der Wind fühlte sich winterlich beißend, aber auch frühlingshaft und voller Verheißungen an, beides zugleich. Ihm schien, dass es milder geworden war – er verabscheute die Kälte –, auf jeden Fall biss der schneidende Wind nicht mehr so scharf wie noch vor ein paar Tagen.

Der dunkelblaue Mantel war ganz zugeknöpft, bis zum Hals hinauf. Und dennoch gelang es dem Wind, einen eisigen Finger darunter zu schieben, der ihn zu einem leichten Schaudern brachte. Der dünne Seidenschal bot keinen nennenswerten Schutz, verlieh ihm aber, wie zumindest er selbst fand, einen eleganten Touch. Und diesen gewissen Pfiff, der heute wichtiger für ihn war als je zuvor.

Er beschleunigte seine Schritte.

In die Manteltaschen hatte er zwei zusammengefaltete Abendzeitungen mit Reklamebeilagen gestopft, die er gerade am Hauptbahnhof gekauft hatte.

Er war auf dem Heimweg und bereute langsam, nicht den Wagen genommen zu haben. Aber er saß aus dienstlichen Gründen so oft hinterm Steuer, dass er gern die Gelegenheit zu einem Spaziergang nutzte, sobald sie sich bot. Das war auch das Einzige, was irgendeiner Art von sportlicher Betätigung nahe kam. Er war nie ein großer Freund körperlicher Anstrengungen gewesen, war sich aber im Klaren darüber, dass er ein Alter erreicht hatte, in dem es empfehlenswert war, sich fit zu halten.

Als er den Stortorget überquerte, bemerkte er, dass das Mittagsgeschäft bereits abgeebbt hatte. Die Stadt genoss einige Stunden wohlverdienter Nachmittagsruhe vor dem Trubel des Samstagabends.

Eigentlich war er nicht besonders begeistert von seinem jetzigen Wohnort. Nicht, dass er ihn nicht leiden konnte. So schlimm war es nun auch nicht. Die Stadt hatte einen gewissen Charme, der wohl in allererster Linie auf den Stadtteil zutraf, durch den er gerade ging: Gamleby, mit einem Gewimmel pittoresker Häuser in den malerischen Gassen und den gepflegten Grünanlagen.

Auch die Lage der Stadt war von Vorteil. Besonders schätzte er die Nähe zum Meer und die salzigen Bäder, die seine Sommer vergoldeten. So einen Luxus war er aus früheren Zeiten nicht gewohnt, als diese Freuden für Charterreisen in den Süden reserviert waren.

Und dennoch. Es war nicht wie daheim in Örebro, wo er geboren und aufgewachsen war und bis vor fünfzehn Jahren gelebt und gearbeitet hatte. Die Stadt war schon okay, aber trotz allem eine Spur zu klein, um ihm uneingeschränkt zuzusagen. Außerdem waren die Winter hier eindeutig kälter und windiger als in seiner Heimat.

Während er mit zielgerichteten Schritten durch die spätwinterlichen Straßen schritt, entsprach seine Erscheinung genau dem, was er war: ein wohlerzogener, erfolgreicher Vierziger mit einem ordentlichen Beruf.

Er wohnte mit seiner Frau Elisabeth in einer großzügigen Wohnung in einem alten Patrizierhaus in der Nähe des Krankenhauses, in bequemem Spazierabstand zum Zentrum.

Sie lebten jetzt zu zweit, nachdem beide Söhne ausgezogen waren. Die beiden waren schon zum Zeitpunkt des Umzugs von Örebro hierher fast flügge gewesen und hatten nur wenige Jahre in dem neuen Heim gelebt, in das sie nur unter brummenden, aber nicht besonders energischen Protesten umgezogen waren.

Anschließend hatten sie sich nach dem Studium in Göteborg beziehungsweise Lund jeweils eine respektable Arbeit beschafft, und obendrein war es beiden gelungen, eine Familie zu gründen.

Also Ruhe und Frieden an dieser Front.

Er öffnete die Wohnungstür, zog die Abendzeitungen aus den Taschen und legte sie auf den Flurtisch. Ein Prospekt fiel zu Boden. Er bückte sich, um ihn aufzuheben.

»Bist du’s, Hadar?«, war aus einem Zimmer rechts vom Eingang zu hören.

»Wer soll es denn sonst sein?«

»Ach, ich wollte es nur wissen.«

Nachdem er seinen Mantel auf einen Holzbügel gehängt hatte (er traute diesen umständlichen Metallkonstruktionen nicht), verzog er sich in die Küche und goss sich ein großes Glas fettarme Milch ein. Er trank es in einem Zug aus und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund, um eventuelle Spuren des Getränks wegzuwischen, die seine Mutter immer scherzhaft als Schnurrhaare bezeichnet hatte.

Er rauchte eine Zigarette, blätterte eine der Zeitungen flüchtig durch und ging dann ins Zimmer seiner Frau.

Wie lange war es schon her, dass sie ein gemeinsames Schlafzimmer gehabt hatten?

Sie saß vor dem Spiegel an ihrem Frisiertisch und konzentrierte sich voll und ganz darauf, ihre Lippen anzumalen. Schminkutensilien in Hülle und Fülle stapelten sich auf der Tischplatte. Er kannte niemanden, der sich mit Elisabeth messen konnte, was die Anzahl überflüssiger Accessoires betraf.

Ihr Haar war voller Lockenwickler, deren Ränder sich unter einem locker umgeschlungenen Handtuch abzeichneten, das den größten Teil ihres Kopfes bedeckte. Ihr Morgenrock war nicht zugeknöpft, er hing nachlässig um ihren drallen Körper. Er konnte ihren beigefarbenen, gut gefüllten BH sehen und ein großes Stück eines ihrer weißen, strumpflosen Beine. Das andere wurde fast zur Gänze von dem Morgenrock verdeckt. Durch die Fensterscheibe fiel das Tageslicht herein und ließ den Ohrring in ihrem linken Ohrläppchen funkeln. Er erinnerte sich daran, dass er früher daran geknabbert hatte. Jetzt konnte er sich nicht einmal mehr an den Geschmack erinnern.

»Wo warst du?«, fragte sie, ohne ihre mascaraeingerahmten Augen vom Spiegel zu lösen.

»Ich habe die Abendzeitungen gekauft. Hat jemand für mich angerufen?«

»Keine Menschenseele ... oder doch, ja, Mikael hat von sich hören lassen.«

»Aha. Und, alles in Ordnung bei ihm?«, fragte er, ohne bei der Sache zu sein.

Mikael war ihr jüngster Sohn.

»Ihnen geht es glänzend«, sagte sie und spitzte die Lippen, um zu kontrollieren, ob der Lippenstift auch dort war, wo er sein sollte. »Er und Lotta sind heute Abend eingeladen. Die Großeltern passen aufs Kind auf. Sie wollen zu ...«

Er hatte keine Lust, weiter zuzuhören, und ging zur Tür.

»Was gibt es zu essen?«

»Woher soll ich das wissen?«

»Nicht, was Mikael und Lotta kriegen«, schnaubte er. »Was hast du für uns?«

»Es wird wohl was aus der Kühltruhe werden. Such dir selbst was aus.«

»Das kannst du tun.«

»Wie ist das Wetter?«, fragte sie.

»Der Jahreszeit entsprächend.«

»Es heißt entsprechend«, korrigierte sie ihn, immer noch ohne den Blick von ihrem Spiegelbild zu lösen.

»Musst du mich ständig verbessern? Du bist wirklich berufsgeschädigt, Frau Lehrerin, Pedantin durch und durch.«

»Beruhige dich«, sagte sie und schraubte die Hülle auf den Lippenstift.

Er schnappte sich die Abendzeitungen und ging ins Wohnzimmer, wo er sich ans Fenster setzte, um noch das restliche Tageslicht auszunutzen.

Er rechnete mit einem angenehmen Nachmittag. Vielleicht ein kleines Nickerchen, vielleicht ein richtig herausforderndes Wochenend-Kreuzworträtsel, vielleicht ein halbes, schläfriges Auge auf eines der Fußballspiele, die bald im Fernsehen gezeigt werden würden.

Die Hauptsache war, dass er etwas ausruhen konnte vor dem, was ihm heute Abend noch bevorstand.

Erregung stieg in ihm hoch, und er musste sich zügeln, um nicht allzu ungehemmt seiner Phantasie freien Lauf zu lassen.

Er sollte seine Kräfte besser sparen.

Jetzt brauchte er sie noch nicht.

Noch nicht. Aber bald.

Heute Abend.

Er konnte nicht still sitzen, musste aufstehen und im Zimmer herumlaufen.

»Hadar?«

»Ja.«

»Bist du so lieb und hilfst mir mal?«

Ihre Stimme klang schrill, als sie sich ihren Weg durch die Wohnung bahnte; war sie immer schon so durchdringend gewesen?

»Hadar, was machst du? Hörst du nicht? Komm mal her, sei so gut.«

»Ich komme«, sagte er und wünschte, es wäre schon fünf Stunden später.

— Drittes Kapitel

»Hallo Laila.«

»Ach, du bist’s.«

»Hast du jemand anders erwartet?«

»Absolut nicht.«

»Ich finde, du hast fast enttäuscht geklungen.«

»Da hast du dich geirrt. Wie ich mich nach dir sehne! Aber wie läuft es nun? Du kommst doch morgen? Wage es ja nicht, abzusagen!«

»Keine Sorge, ich komme schon. Ich wollte nur nochmal durchrufen, um das zu bestätigen. Es wird einfach schön sein, hier eine Weile rauszukommen, auch wenn es nur für ein paar Tage ist.«

»Das kannst du auch gut gebrauchen. Und ich habe dich endlich mal wieder bei mir. Das letzte Mal war ja nicht gerade erst gestern.«

»Du weißt doch, dass es bei mir in letzter Zeit etwas turbulent zugegangen ist.«

»Ja, ich weiß. Es ist doch wohl nichts ...«

Die Frage blieb in der Luft hängen, und Jasmin musste schmunzeln, als sie sich das Gesicht der Schwester vorstellte: die runden, gleichzeitig erwachsenen und kindlichen Züge, die Ponyfrisur, die trotzigen und dabei dennoch so gutgläubigen Augen.

»Nein, nein, nichts Neues unter der Sonne.«

»Dann hat Josef nicht ...«

Wieder blieb die Frage unvollständig.

»Lass uns darüber reden, wenn wir uns sehen, Laila.«

»Aber du musst mir wenigstens sagen, ob es Stefan und Maria gut geht!«

»Es ging ihnen zumindest ganz prima, als ich vor fünf Minuten mit ihnen telefoniert habe.«

»Wie schön. Du, das mit Josef ...«

»Können wir nicht morgen darüber reden?«

»Aber du hast doch etwas in der Richtung angedeutet, dass er möglicherweise versuchen könnte, das alleinige Sorgerecht für die Kinder zu bekommen.«

Jasmin unterdrückte ein Seufzen.

»Nicht nur möglicherweise, Laila. Er hat beschlossen, darum zu kämpfen.«

»Dann schlag zurück. Schlag zurück mit aller Kraft, dann hat er nicht die geringste Chance.«

»Aber da gibt’s ja diese Sache, weißt du.«

Schweigen.

»Du willst doch nicht etwa sagen, dass er so primitiv ist und den alten Dreck wieder hervorholt?«

»Doch, so primitiv ist er.«

»Aber das war doch nur dieses eine Mal, ein einziger Ausrutscher.«

»Zweimal.«

»Na, dann eben zweimal. Was macht das für einen Unterschied? Du bist doch jetzt trocken. Das ist doch alles längst vergessen.«

»Nicht für Josef.«

»So ein Mistkerl.«

»Ja, das ist er wirklich. Aber lass uns jetzt damit aufhören.«

»Okay. Wann kommst du morgen?«

»Gegen Abend, denke ich. Wollen wir sagen um sechs Uhr? Ich habe vormittags noch einiges zu tun, will aber so gegen Mittag losfahren, damit ich das Licht noch ausnutzen kann. Ich hasse es, im Dunkeln zu fahren, dabei habe ich immer das Gefühl, am Wegesrand überall Rehe zu sehen.«

»Die Straßen sind trocken, das wird kein Problem sein. Wenn du kommst, habe ich das Essen fertig. Etwas Besonderes für dich?«

Jasmin lachte. »Lass es eine Überraschung werden.«

»Wie du willst. Ach, übrigens, Jossie: Ich habe noch eine andere Überraschung für dich.«

»Du meinst doch nicht etwa ...«

»Was soll ich meinen?«

»Einen Mann? Laila! Sag schon!«

Lautes Lachen im Hörer.

»Du wirst es morgen sehen.«

»Es ist gemein, mich so auf die Folter zu spannen, und das von meiner eigenen Schwester. Nun sag schon, ist es ein Typ?«

»Du wirst dich noch etwas gedulden müssen.«

»Ach, bitte ...«

»Nützt alles nichts. Morgen, habe ich gesagt. Dann wirst du es erfahren, vorher nicht. Allerdings unter einer Bedingung.«

»Du stellst Bedingungen?«

»Ganz genau. Ich verlange von dir, dass du hier nicht anfängst sauber zu machen, wie du es sonst immer tust. Wage ja nicht, die Wohnung wieder total auf den Kopf zu stellen wie an Weihnachten. Ich warne dich.«

»Das kommt darauf an, wie es aussieht«, protestierte Jasmin. »Sei mir nicht böse, aber manchmal sieht es bei dir aus wie im Schweinestall. Da muss man sich ja fast schämen.«

»Du sollst dich hier erholen und ausspannen, und nicht mit Eimer und Besen loslegen. Du wirst ja schon nervös, wenn nicht alles blitzt und blinkt. Weißt du, dass du einen Putzfimmel hast? Aber das ist auch dein einziger Fehler. Nein, stimmt nicht. Du hast noch einen. Noch einen schlimmeren.«

»Und der wäre?«

»Du bist Josef gegenüber immer viel zu nachgiebig gewesen. Hast dich von ihm herumschubsen, dir auf der Nase herumtanzen lassen. Solange ich denken kann, hast du dich von diesem Machotyp herumkommandieren lassen. Und das ist nichts, was ich jetzt erst auf den Tisch bringe, weil ihr euch scheiden lassen wollt. Ich habe ihn noch nie gemocht. Das weißt du. Du musst doch auch zugeben, dass er dich auf das Schändlichste ausgenutzt hat?«

»Vielleicht ist es deshalb ja zu Ende gegangen«, musste Jasmin einräumen.

Ihre Schwester hatte ja Recht. Sie war einfach viel zu lange zu gutgläubig und nachgiebig gewesen. Josefs Wort war immer Gesetz für sie gewesen.

Die Schwestern plauderten noch einige Minuten lang und beendeten dann das Gespräch. Jasmin legte den Hörer auf. Laila hatte so aufgekratzt und erwartungsvoll geklungen, als hätte sie etwas ganz Besonderes vor. Bedeutete ihr Besuch ihr wirklich so viel? Auf jeden Fall war das sehr schmeichelhaft.

Jasmin blieb neben dem Telefon sitzen und grübelte darüber nach, warum eigentlich ihre Ehe so schief hatte laufen können. Wie konnte etwas, was noch vor ein paar Jahren so eine glühende Leidenschaft gewesen war, sich in so einen verbissenen Kampf verwandeln, in Drohungen und blanken Hass? Wo war das zärtliche, überschwängliche Gefühl des Verliebtseins geblieben?

War alles ein einziger Bluff gewesen, eine Illusion, eine Autosuggestion? Hatte sie sich nur eingebildet, bis über beide Ohren in Josef verliebt zu sein?

Aber konnte man sich überhaupt jemals sicher sein, wenn es um Gefühle ging?

Die Antwort auf diese Fragen erschien ihr plötzlich vollkommen uninteressant, wie etwas absolut Überholtes. Was wirklich zählte, war, was jetzt mit den Kindern geschehen würde. Warum sollte er so selbstherrlich über Stefans und Marias Zukunft bestimmen? Warum ging er ganz selbstverständlich davon aus, dass sie es viel besser bei ihm in London hätten als bei ihrer Mutter in Schweden?

Alles drehte sich nur um Prestige. So viel begriff sie. Josef dachte nicht in erster Linie an das Beste für die Kinder, sondern an sein Selbstwertgefühl. Das war ihm wichtiger als alles andere.

Typisch Josef, dachte sie verächtlich, sich und seine Bedürfnisse immer an erste Stelle zu setzen.

Von einer plötzlich aufflammenden Wut erfüllt, stand sie auf und trat ans Fenster, von wo aus sie auf den langsam abnehmenden Verkehr auf den Straßen dort unten schaute. Der Samstagabend hatte begonnen.

Jasmin beschloss, freiwillig keinen Zoll zu weichen.

Sie würde Josef bekämpfen, koste es, was es wolle.

Er würde seinen Willen nicht bekommen. Diesmal nicht.

Er, der große Karrierist, konnte ja gern in London schuften, während die Kinder dort lebten, wo sie hingehörten.

Bei ihr.

Bei dem Menschen, der ihnen das Leben geschenkt hatte.

— Viertes Kapitel

Das krampfhafte, ungleichmäßige Atmen zeigte ihm, dass sie unruhig schlief, und als sie vor sich hin wimmerte, war ihm klar, dass sie mal wieder einen Albtraum hatte.

Um sie nicht zu wecken, glitt er ganz vorsichtig aus dem Bett und schlich barfuß aus dem Schlafzimmer. In der Tür drehte er sich um und warf einen ängstlichen Blick auf seine Frau.

Eva-Louise lag auf dem Rücken. Ihre Lippen waren leicht geöffnet, die Nasenflügel bewegten sich bebend, als sie ein paar leise Schnarchlaute von sich gab, die eher einem Schluchzen ähnelten. Nach einer Weile drehte sie sich auf die Seite, und sofort hörte das Jammern auf.

Er liebte sie. Mehr als je zuvor.

Es schien ihm, als würde seine Liebe zu ihr mit jedem Tag größer werden. Und dabei war er doch bereits bei ihrer Verlobung vor fast zwanzig Jahren fest davon überzeugt gewesen, dass er auf dem Gipfel seiner Leidenschaft für diese Frau stand, die ihn den Rest seines Lebens begleiten sollte. Jetzt war er aufgeregt. Er konnte das Unbehagen nicht länger zügeln, das sich in ihm ausbreitete. Etwas stimmte nicht, etwas war mit ihr nicht in Ordnung. Sie war abwesend und brauste bei jeder Kleinigkeit auf, und sie wirkte bedrückt. Außerdem schlief sie schlecht, sie, die doch immer so unglaublich gut und tief hatte schlafen können. Wie oft hatte er sie um die Fähigkeit beneidet, so schnell und problemlos in den Tiefschlaf zu versinken, während er sich neben ihr drehte und wendete.

Doch in den letzten Nächten war sie es gewesen, die Schwierigkeiten mit dem Schlaf gehabt hatte. Sie hatte sich nicht beklagt, aber natürlich hatte er ihre Pein bemerkt, während er neben ihr lag und so tat, als schliefe er schon.

Er hatte sich nicht getraut, sie nach ihren Sorgen zu fragen, hatte vielmehr gehofft, sie würde sich ihm von selbst anvertrauen, sobald die Zeit dazu reif war. Intuitiv war ihm klar, dass Eva-Louise den ersten Schritt machen musste. Es würde schief laufen, wenn er seine eigene Beunruhigung zeigte. Am besten, er wahrte den Schein und wartete geduldig, auch wenn es ihm schwer fiel.

Ein schrecklicher Gedanke überfiel ihn. Vielleicht war sie ja ernsthaft krank, vielleicht hatte sie sich deshalb in letzter Zeit so sonderbar verhalten.

Die Idee erschreckte ihn zutiefst. Er konnte sich nicht vorstellen, wie er auf einen solchen Schicksalsschlag reagieren würde.

Mit aller Kraft schob er diese Gedanken beiseite.

Thure Castelbo ging ins Bad, wog sich automatisch, ohne überhaupt das Ergebnis zu registrieren, pinkelte und stellte sich unter die Dusche.

Er war ein etwas untersetzter, aber ziemlich durchtrainierter Mann mit markantem Kinn und durchdringendem Blick. Er stammte aus einer Bauemfamilie aus Südskånen. Sein Vater war ein begeisterter Lokalpatriot, der gern betonte, dass er südlich der Landesstraße geboren worden war, wie er die Straßenverbindung zwischen Trelleborg und Ystad zu bezeichnen pflegte.

»Das ist der Strich, der Schweden in zwei ungleiche Hälften teilt«, pflegte sein Vater zu sagen, und Thure fand diese Formulierung amüsant.

Zumindest die ersten sieben, acht Male.

Es war geplant gewesen, dass der älteste Sohn den Hof übernehmen sollte. Schlechte Zeiten (in Kombination mit misslungenen, weitreichenden Aktienspekulationen) hatten jedoch dazu geführt, dass der landwirtschaftliche Betrieb in Konkurs ging. Thure ging stattdessen zur Polizei, während sein jüngerer Bruder Måns eine Ausbildung als Elektriker in Ängelholm begann – er war inzwischen bei der Bahn in der gleichen Stadt beschäftigt.

Der Vater war enttäuscht von ihrer Berufswahl. Er hatte natürlich gehofft, die Söhne würden sich etwas suchen, das eine Verbindung zur Landwirtschaft hatte, aber er protestierte nur halbherzig und pflichtschuldig, wohl wissend, dass er selbst es gewesen war, der den Hof aufs Spiel gesetzt hatte, und niemand sonst.

Bis vor nicht einmal zehn Jahren hatte Thure den Nachnamen Mårtensson getragen, aber gegen seinen eigenen Willen hatte er einem Namenswechsel zugestimmt, initiiert von seiner Ehefrau. Eva-Louise stammte aus einer kleinen Stadt namens Slottshem und hielt es für eine phantastische Idee, daraus eine freie Teilübersetzung ins Englische zu machen und diese dann als Nachnamen zu benutzen.

Thure Mårtensson sah das anders.

Er fand die Idee peinlich und undurchführbar.

Dass er zum Schluss dann doch bei dem Namenswechsel mitmachte, lag einzig und allein an einer Sache: an seiner Liebe zu Eva-Louise. Er konnte sie ganz einfach nicht durch eine unumstößliche Haltung verletzen, aber zu seiner Ehrenrettung muss gesagt werden, dass er zumindest sehr lange für Mårtensson kämpfte. Der Name war zumindest nicht sang- und klanglos untergegangen.

Immer wieder hatte er sich Vorwürfe gemacht und gefragt, ob er denn wirklich lange genug standhaft gewesen war – noch heute hegte er gewisse Schuldgefühle, weil er sich hatte überreden lassen. Denn was war an Mårtensson so schlecht? Castelbo – das klang doch ziemlich snobistisch, und alle, die ihn kannten, wussten, dass er eine einfache, gradlinige Person ohne große Ambitionen war.

In einem Punkt war er jedoch unerschütterlich geblieben: Er hatte sich geweigert, diesen schmachvollen Namenswechsel seinem Vater und seinem Bruder selbst mitzuteilen.

»Es ist deine Idee gewesen, also erklär du ihnen jetzt auch, warum Mårtensson für dich nicht mehr gut genug ist, wo er doch mehrere hundert Jahre lang gut genug war.«

»Natürlich ist Mårtensson gut genug«, hatte sie ganz unbeschwert und fröhlich entgegnet. »Nur ist Castelbo einfach noch besser. Aber dem Angriff werde ich schon trotzen können.«

Er wusste, dass sie mit den südskånischen Mårtenssons gut zurechtkam, und sie hielt ihr Versprechen und redete mit Schwiegervater und Schwager. Beide akzeptierten den Namenswechsel (was blieb ihnen auch anderes übrig?) und schüttelten lächelnd den Kopf über diese erfindungsreiche junge Frau aus Slottshem, während sie gleichzeitig insgeheim Thures Mangel an Courage und Familienloyalität verfluchten.

Er hätte dagegenhalten müssen. Sie selbst konnten nichts ändern.

Nach der Dusche zog Thure Castelbo nur Jeans und T-Shirt an, da er heute freihatte, und zu seiner Überraschung fand er seinen ältesten Sohn Erik schon am Frühstückstisch. Der schlief doch sonst samstags immer lange.

»Schon auf?«

Erik begnügte sich mit einem mürrischen Kopfnicken als Antwort auf diese rhetorische Frage. Seine Morgenlaune war nicht die allerbeste.

Aber nach einem Teller Sauermilch und zwei Gläsern Orangensaft taute er allmählich auf. Vater und Sohn unterhielten sich gemütlich, und Erik machte sich zum Aufbruch bereit.

Er stand auf, nahm seinen Teller, hielt aber mitten in der Bewegung inne. Dann stellte er den Teller wieder hin und setzte sich.

»Papa?«

»Ja?«

»Ich muss dich was fragen.«

»Schieß nur los.«

»Weißt du noch, als ich klein war und dich gefragt habe, was du zu Weihnachten oder zum Geburtstag von mir geschenkt haben möchtest?«

Castelbo senior nickte und versuchte zu erraten, worauf sein Sohn wohl hinauswollte.

»Du hast dann immer gesagt, dass du keinen Plunder haben wollest, sondern ›einen braven Jungen‹. Du kannst dir nicht vorstellen, wie du mich mit diesen dummen Worten genervt hast. Ich wollte eine richtige Antwort, nicht so einen Spruch. Erinnerst du dich?«

»Natürlich erinnere ich mich daran, dass du immer wütend geworden bist. Das tat mir Leid. Ich wollte dich ja nicht verletzen. Aber was ...«

»Genau, und jetzt will ich nicht so eine dumme Antwort haben. Nicht noch einmal. Ich bin nicht mehr neun Jahre alt. Jetzt möchte ich die Wahrheit hören.«

»Ich verstehe nicht.«

»Gib mir eine richtige Antwort!«

»Dann stell erst mal deine Frage.«

»Was ist mit Mama los?«

»Was meinst du damit?«

»Habe ich nicht gesagt, du sollst diese Maske weglassen? Bist du blind oder was? Du siehst doch wohl auch, dass sie nicht die Alte ist. Warum ist sie beispielsweise jetzt nicht hier? Sie ist doch sonst immer die Erste beim Frühstück. Immer. Ich möchte wissen, was mit ihr nicht stimmt. Sie ist nicht wie sonst, schnauzt einen an, sobald man sie anspricht. Ich traue mich gar nicht, sie zu fragen, was eigentlich los ist. Sie ist doch wohl nicht krank?«

Etwas Frostiges umklammerte Thure Castelbos Herz.

»Nein, das kann ich mir nicht denken.«

»Aber du weißt es nicht?«

»Nein«, musste er zugeben.

»Du musst es doch auch gemerkt haben, oder? Du kennst sie schließlich am längsten. Siehst du wirklich nicht, dass sie sich merkwürdig benimmt?«

»Jetzt, wo du es sagst, muss ich zugeben ...« Er brach ab, als er ein leises Klirren aus dem oberen Stockwerk hörte.

»Sie ist aufgewacht«, flüsterte Thure.

Der Sohn beugte sich zu ihm vor und fragte leise: »Sie ist doch noch nicht in den Wechseljahren, oder? Ist sie schon so alt?«

Die Schritte auf der Treppe befreiten ihn von dem Zwang, darauf antworten zu müssen.

Im nächsten Augenblick stand sie in der Küche, in einem weißen Bademantel mit roten Passen. Sie blinzelte verschlafen.

»Ach, habt ihr schon fürs Frühstück gedeckt? Wie lieb von euch. Ich glaube, ich habe verschlafen. Habe gar nicht gemerkt, dass es schon so spät ist. Du hättest mich wecken sollen.«

»Ich dachte, du brauchst deinen Schlaf.«

»Nein, ich sollte lieber aufstehen, anstatt herumzuliegen bis weit in den Tag hinein.«

Erik gab seiner Mutter einen Kuss auf die Wange und warf seinem Vater einen wissenden Blick zu, dann ging er.

Bei der zweiten Tasse Tee wurde ihr Ton plötzlich scharf: »Eigentlich bin ich böse auf dich.«

Verwirrt ließ er die Zeitung sinken und schaute sie an. Sie lachte, aber ihr Lächeln war steif und unnatürlich, als bemühte sie sich krampfhaft, fröhlich auszusehen.

»Zumindest sollte ich das«, fuhr sie fort, »nach dem, was heute Nacht passiert ist.«

»Heute Nacht?«

»Ja, ich habe geträumt, dass du mit einer Japanerin aus warst, du Schurke, und du bist erst in den frühen Morgenstunden nach Hause gekommen. Du musst mit ihr geschlafen haben. Hast du denn gar keine Scham mehr?« Thure stieß einen Pfiff aus.

»Daran kann ich mich nicht mehr erinnern«, probierte er es.

»Du kannst dir nicht vorstellen, wie weh das tat.«

»War sie jung?«

Sie nickte.

»Und hübsch?«

»Das auch.«

»Na ja, sonst hätte sie mich wohl auch nicht interessiert.«

»Mach dich nur darüber lustig, du weißt ja nicht, was für ein Gefühl das war.«

Ihre Stimme kippte, sie ließ ihren Kopf auf den Tisch fallen, ihre Schultern zuckten vom Weinen.

Erschrocken und bestürzt sprang er auf, lief um den Tisch herum und umarmte sie.

»Fass mich nicht an!«, schrie sie, und er ließ sie sofort los, als hätte er sich an einer glühend heißen Herdplatte verbrannt.

Mittlerweile war seine bisherige Beunruhigung in Angst übergegangen. Da war etwas ernsthaft nicht in Ordnung, das war ganz offensichtlich. So unbeherrscht und hysterisch hatte sie sich noch nie verhalten.

»Liebling«, sagte er vorsichtig, »was ist mit dir los? Du weißt doch, dass ich dich nie hintergehen würde, nicht einmal im Traum.«

»Ich weiß«, bestätigte sie jammernd, aber ohne aufzuschauen. »Das ist es ja auch nicht, es ist was anderes.«

Er blieb reglos stehen, sorgsam darauf bedacht, sie nicht zu berühren.

Sag jetzt nicht, dass du krank bist. Alles, aber nicht das.

Die Minuten vergingen.

»Ich liebe dich so sehr«, sagte sie schließlich und wandte ihm ein tränenüberströmtes Gesicht zu.

Er wagte ein sanftes: »Ich dich auch.«

»Aber du weißt ja nicht, was passiert ist. Die letzten Tage waren der reinste Albtraum, ich habe mich nicht getraut, es dir zu erzählen, habe immer gehofft, es würde einfach aufhören. Aber er ist immer wieder dran gewesen, immer wieder, und jedes Mal ekliger.«

Berge von Fragen türmten sich in ihm auf, aber er war klug genug, sie nicht zu unterbrechen. Die Zeit war offenbar gekommen. Sollte er endlich erfahren, was sie so bedrückte?

»Er hat gesagt, ich dürfe es dir nicht erzählen, dann würde er noch schlimmere Sachen machen. Du kannst dir ja nicht vorstellen, wie ekelhaft und bedrohlich er ist.«

Wer?, dachte er. Wovon redest du eigentlich?

Aber er schwieg weiter.

Sie stand auf und holte einen Bogen Haushaltspapier von der Anrichte. Damit wischte sie sich die Augen.

»Wie ich aussehe.«

»Du siehst reizend aus.«

»Wirklich?«

»Absolut.«

»Ganz sicher?«

»Ich schwöre es!«

»Bin ich reizender als diese Japanerin, diese junge, hübsche Frau, mit der du dich letzte Nacht vergnügt hast?«

»Gar kein Vergleich. Du übertriffst sie um Klassen.«

Sie lachte bleich.

»Eva-Louise, willst du nicht ...«

»Doch«, sagte sie und schob sich auf seinen Schoß. »Doch, das will ich.«

Und dann begann sie zu erzählen.

— Fünftes Kapitel

Parallel zum Stadtzentrum erstreckte sich ein zwei Kilometer langer Grünstreifen, der einfach nur »der Park« genannt wurde. Das heißt, im Augenblick war er nicht besonders grün. Die Bäume standen kahl und mit knorrigen Ästen da, warteten auf ihren Schmuck, der in sechs, vielleicht sieben Wochen wieder einen prächtigen Überfluss an Leben und Farben darbieten würde.

Am nördlichen Ende des Parks, nicht weit entfernt vom Hauptbahnhof, lagen ein Vogelteich und ein schönes Fachwerkhaus, das seit einem Jahr als Touristikbüro diente.

Hier befand sich auch eines der Gebäude, auf die man in der Stadt besonders stolz war: eine sorgfältig renovierte Badeanstalt mit Schwimmhalle, die schon mehr als ein Jahrhundert auf dem Buckel hatte.

Ein riesiges Schild informierte darüber, dass dieses gern besuchte Etablissement nunmehr unter dem treffenden Namen »Badehaus« figurierte. Aber wohl aus etwas kuriosen Gründen der Pietät befand sich der ursprüngliche Name noch auf einer neben dem Eingang befestigten Metallplatte: »Allgemeine Waschanstalt der Stadt«.

In den letzten Jahren war Sten Wall zu einem Stammgast des Badehauses geworden. Während er früher höchstens einmal im Vierteljahr hier zu Gast gewesen war, brachte er es jetzt auf mindestens einen Besuch pro Woche.

Er ging aber eigentlich nie in die Schwimmhalle, da es ihm peinlich war, seine ausufernde Körperfülle der Allgemeinheit zu zeigen. Es machte ihm jedoch nichts aus, sich im Saunabereich zu bewegen, wo er allzu vielen kritischen Blicken entging. Sich unter den anderen, oft ebenfalls nicht so wohlgeratenen Körpern unbekleidet zu zeigen, war irgendwie legitim, während der Kontrast zwischen sich und den durchtrainierten Jugendlichen, die draußen an den Bassins regierten, doch zu unappetitlich wäre. Das war zumindest seine eigene Einschätzung. Manchmal war er reichlich selbstkritisch.

Meistens fanden seine Saunabesuche während der freien Stunden am Wochenende statt. Da er allerdings reichlich Überstunden abzubummeln hatte, kam es aber dann und wann auch mal vor, dass er sich den Luxus eines angenehmen Saunabesuchs während der normalen Arbeitszeit gönnte.

Heute hatte er seinen freien Samstag und genoss in vollen Zügen die Trockensauna, die er momentan in herrlicher Einsamkeit benutzen konnte. Eigentlich zog er die Dampfsauna oder eine der anderen ›feuchteren‹ Varianten vor, aber dort herrschte so ein beängstigendes Gedränge, dass ihm die Entscheidung nicht schwer fiel.

Bereits nach wenigen Minuten begannen sich auf seinem fülligen Körper die Tropfen abzuzeichnen. Er wischte sich die Augen mit einem Handtuchzipfel ab und starrte dann fasziniert auf die Innenseite seiner Knöchel. Vor ein paar Monaten hatte er eine sonderbare Sache entdeckt, geradezu ein Phänomen.

Es war nämlich so, dass der Bereich um seinen linken Knöchel herum schnell mit einem Perlenband von Schweißtropfen besetzt war, während der rechte im Vergleich vollkommen trocken blieb. Zuerst glaubte er, es handele sich um einen merkwürdigen Zufall, aber das Muster blieb so. Jedes Mal.

Er schloss die Augen und döste vor sich hin. Als etwas vor der Saunakabine klapperte, zuckte er zusammen und betrachtete neugierig seine Füße.

Am linken Knöchel waren Horden von glänzenden Schweißperlen hervorgetreten, groß wie Glyzerintränen. Auf dem rechten konnte er dagegen nur ein leichtes Glänzen erkennen, keinerlei Andeutung zur Tropfenbildung.

Wall überlegte, ob er einen Arzt aufsuchen sollte, um herauszubekommen, warum so ein großer Unterschied zwischen zwei Füßen bestehen konnte, die doch den gleichen Besitzer hatten, musste aber selbst einsehen, dass er damit ja wohl Schindluder mit der Zeit der medizinischen Fachleute treiben würde.

Er hatte jetzt lange genug in der Hitze gesessen und machte sich bereit, seinen breiten Hintern zu heben, um draußen in den Genuss einer erfrischenden Abkühlung zu kommen. Da wurde die Tür aufgerissen. Herein stürmten drei lautstarke junge Männer und ließen sich auf der mittleren Bank nieder, womit sie dem Polizeibeamten sehr effektiv den Weg versperrten.

Rücksichtsvoll, wie er war, beschloss Wall, eine Weile mit seinem Abgang zu warten. Wenn er jetzt sofort ginge, könnten die jungen Eindringlinge ja denken, er habe etwas gegen sie (was ja eigentlich auch stimmte) und verlasse deshalb die Sauna demonstrativ.

Also schob er seine Pobacken wieder auf dem Handtuch zurecht und biss die Zähne zusammen, obwohl ihm bereits leicht schwindlig wurde. Als dann aber sein Puls sich deutlich erhöhte, war er gezwungen aufzubrechen.

Eine Entschuldigung murmelnd, kletterte er von seinem Platz hinunter, und die Jugendlichen machten ihm etwas widerstrebend Platz.

Es war ein herrliches Gefühl, in den Duschraum zu kommen. Er holte ein paar Mal tief Luft, während er wartete, dass sich das Herzklopfen wieder beruhigen würde.

Im nächsten Moment riss er die Augen vor Überraschung weit auf.

Auf dem nassen, rutschigen Kachelboden kam ihm eine Person entgegengeschlendert, die er noch niemals in dieser Umgebung gesehen hatte und von der er niemals erwartet hätte, sie überhaupt hier zu treffen.

Helge Boström.

Der Distriktsleiter trug altmodische Shorts, die ihm fast bis zu den Knien reichten. Er war so mager, dass seine Rippen deutlich unter der Haut hervorstachen, und in dem scharfen Licht der Neonröhren sah er fast ungesund weiß aus. Jedenfalls ist er bleicher als ich, stellte Wall fest, und das nicht ohne Befriedigung.

»Hallo, alter Eber! Ich wusste doch, dass ich dich hier treffen würde«, rief Boström zufrieden.

Wall konnte vor Verwunderung nur stumm nicken.

»Vor fünf Jahren habe ich Ethel versprochen, Sport zu treiben, dann ist es jetzt wohl an der Zeit, endlich damit anzufangen. Ich habe vor, draußen in der Halle ein paar Runden zu schwimmen, dann könnten wir hinterher miteinander reden. Oder willst du mitschwimmen?«

»Nein, ich war gerade in der Sauna. Willst du etwas Besonderes?«, wunderte Wall sich, der immer noch Probleme damit hatte, das unerwartete Auftauchen seines Kollegen zu verdauen.

»Nein, nur reden«, wiederholte Boström und tat anschließend etwas vollkommen Überraschendes.

Er fischte ein zerknittertes Päckchen Zigaretten aus einer seiner Shorttaschen und ein Feuerzeug aus der anderen. Inmitten dieser ganzen tropfenden Feuchtigkeit gelang es ihm gleich beim ersten Mal, die Zigarette anzuzünden, woraufhin er gierig den Rauch einsog.

Das ist bestimmt das erste Mal, dass hier drinnen jemand raucht, dachte Wall und machte ein kritisches Gesicht.

»Ich weiß, ich weiß«, sagte Boström, »Rauchen verboten und so. Glaubst du, ich würde den Silja-Westin-Blick nicht sofort erkennen?«

Silja Westin war eine junge Staatsanwältin, die dem Distriktsleiter unerschrocken klargemacht hatte, dass sie es nicht dulden würde, wenn er in ihrer Gegenwart rauchte. Seitdem kam er nicht mehr mit ihr zurecht.

Boström nahm noch zwei Züge, drückte dann die kaum gerauchte Zigarette ohne sichtliche Verlegenheit in einer Wasserrinne an einer der Wände aus und warf die Kippe in einen Papierkorb.

»Jetzt ist es aber an der Zeit, sich draußen im Wasser zu quälen«, erklärte Boström hustend, »danach sehen wir uns in der Cafeteria, sagen wir in einer Viertelstunde, ja? Ich lade dich zum Kaffee ein.«

Wall war nicht in der Lage zu protestieren. Sein Kreislauf war immer noch zu sehr geschwächt, als dass er in der Lage gewesen wäre, einen Disput einzuleiten

.

Vermutlich ist etwas mit Ethel los, überlegte Wall, das hier hat ja wohl kaum etwas mit dem Job zu tun. Dann hätte er sich doch auf jeden Fall während der üblichen Arbeitszeit an mich gewandt und mich nicht hier aufgesucht. Und dieses Gerede, mit sportlicher Betätigung anfangen zu wollen, das war natürlich nur ein Vorwand.

Ab und zu benutzte Boström Wall als Diskussionspartner, als Zulieferer von Denkanstößen, auch in Fragen rein privaten Charakters.

Um so etwas in der Art würde es sich jetzt wohl auch handeln.

Wall spekulierte, dass es sich um eine Urlaubsreise im Sommer handeln könnte, und bereitete sich auf eine lange Litanei darüber vor, wie unglaublich anstrengend und nervend es war, sich auf Reisen zu begeben.

Helge Boström war ein hartnäckiger Gegner jeder räumlichen Veränderung überhaupt, und ganz besonders hasste er es, sich ins Ausland zu begeben.

Soweit Wall wusste, hatte der Chef abgesehen von einigen Dienstreisen – unter anderem ein paar in die USA – bisher nur zwei längere Auslandsaufenthalte absolviert, beide Male auf Drängen seiner Frau, die im Gegensatz zu ihrem Mann äußerst reiselustig war.

Wirklich ein Paar der Gegensätze, dachte Wall, sie hübsch, mollig, reiselustig, entdeckungsfreudig, Nichtraucherin und Weintrinkerin, er hässlich, mager, heimatverbunden, blasiert, Kettenraucher und fast alkoholabstinent.

Ethel hat ihm sicher wieder in den Ohren gelegen, doch mit ihr in den Süden zu fahren, und da sucht er meine Sympathie, meine Unterstützung, nahm Wall im Stillen an.

Beide Männer hatten sich angezogen und saßen nun in einer Ecke der Cafeteria. Durch die riesigen Panoramafenster konnten sie die Aktivitäten in den verschiedenen Bassins in der Halle beobachten. Boströms kreideweißes Haar klebte ihm am Schädel. Seine rosa getönte Kopfhaut war zwischen den Kammstrichen zu erkennen, wenn er sich vorbeugte, um von dem heißen Kaffee zu trinken. Das Muttermal auf seiner Wange leuchtete kräftig und aufdringlich. »Ethel hat auf mich eingeredet«, erklärte Boström, »zuletzt heute Morgen. Deshalb bin ich zu dir gekommen.«

Aha, nun geht es los. Wohin will sie denn diesmal? Nach Spanien? Westindien? Thailand? Oder wieder nach Kreta?

Aber die Unterhaltung gestaltete sich nicht so, wie Wall es erwartet hatte.

Boström zündete eine Zigarette an und fragte: »Weißt du, wer Margareta Andersson ist?«

»Ist das nicht eine von Ethels Freundinnen?«

»Ja, genau.«

Wall sah eine schmächtige und erstaunlich kleine Frau in den Fünfzigern vor sich. Er hatte im Zusammenhang mit einem von Veganern verübten Überfall mit ihr zu tun gehabt.

»Die Sache ist die«, fuhr Boström fort, »diese Margareta wird offenbar von irgend so einem perversen Verrückten am Telefon terrorisiert und hält das nicht länger aus. Deshalb hat Ethel mich gebeten, doch dagegen etwas zu tun.«

»Wir haben in letzter Zeit überraschend viele Anzeigen wegen Telefonterror reingekriegt. Es sieht so aus, als ob da jemand wirklich in Fahrt gekommen ist. Sonst gab es immer nur mal sporadisch einen Hinweis, aber im Augenblick vergeht kaum ein Tag, ohne dass irgendeine arme Seele anruft und ihr Leid klagt. Natürlich ist das ein Grund, der Sache nachzugehen, aber deshalb musstest du mich doch nicht hier aufsuchen? Hättest du nicht direkt zum zuständigen Diensthabenden gehen können?«

»Ehrlich gesagt habe ich auf dem Weg hierher auch im Revier reingeschaut, aber da saß nur dieser bissige Dalman, und mit dem kann man doch über so etwas nicht reden. Eigentlich über vieles nicht, wenn ich recht überlege.« »Aber Dalman ist einer von denen, die an den Ermittlungen beteiligt sind.«

»Der Kerl hat ein Problem. Das wissen doch alle. Seine Ehe knackt in allen Fugen. Wird vielleicht diesen Sommer nicht mehr überleben. Nun gut. Wenn ich ihn darauf ansetze, wird er mir sagen, dass der Journalist Egon Fager hinter all dem steckt, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Dalman hat Fager auf dem Kieker, so einfach ist das.«

Wall nickte und bemerkte aus dem Augenwinkel heraus, dass ein bulliger Bademeister in weißem Overall sich ihnen näherte.

»Was meinst du, Sten, kannst du den Ermittlungen etwas mehr Dampf machen? Ist das möglich?«

»Wir sind knapp mit Leuten«, erklärte Wall ausweichend.

»Du weißt doch, dass Jan Carlsson zum Skifahren in den Bergen ist?«

»Wozu soll das denn gut sein? Skifahren in den Bergen? Na, da würde ich mich aber bedanken!«

Der Bademeister war herangekommen. Er stellte sich hinter sie und räusperte sich laut und vernehmlich.

Boström nahm keine Notiz von ihm, rauchte mit unverminderter Intensität weiter.

»Versuch es doch bitte, mir zuliebe. Ethel hat mich darum gebeten, dich um Rat zu fragen. Aus irgendeinem Grund hat sie großes Vertrauen zu dir ...«

»Es ist verboten, hier zu rauchen«, erklärte der Bademeister.

Boström warf ihm einen irritierten Blick über die Schulter zu und wandte sich dann erneut an Wall: »Sie hat mich ausdrücklich darum gebeten, dich zu fragen, ob du dich der Sache annimmst. Wenn überhaupt einer, dann könntest du es schaffen, dieser Sache ein Ende zu bereiten. Das glaubt jedenfalls Ethel. Margareta, ihre Freundin, ist vollkommen außer sich. Und so wie ich es verstanden habe, ist ihr ungehobelter Mann ihr in keiner Weise eine Hilfe.«

»Ich kann auch keine Wunder vollbringen«, sagte Wall.

»Es ist in der ganzen Halle verboten zu rauchen«, erinnerte der Bademeister.

»Um Gottes willen! Sehen Sie denn nicht, dass wir uns mitten in einem wichtigen Gespräch befinden?«, zischte Boström.

»Es sind viele Kinder in der Halle. Der Tabakrauch ...«

»Mein Bester. Glauben Sie bitte nicht, dass ich mich über Gesetze und Verordnungen hinwegsetzen will. Wenn hier Rauchverbot herrscht, nun gut. Dann muss man das respektieren. Aber nun ist es so, dass ich von keinerlei diesbezüglichen Restriktionen wüsste, und dies ist wohl auch kein Wunder, da ich kein einziges Schild finde, welches mich darüber aufklärt, dass man hier nicht rauchen darf. Gibt es irgendwo so ein Schild? Nein? Na also. Und wo stört der Rauch denn Kinder? Gibt es ein einziges Kind hier in der Cafeteria, bitte schön? Ach, gibt es nicht? Na, ich sehe auch keines, die planschen doch alle da in der großen Halle herum und scheinen großen Spaß zu haben, genau wie es sein soll. Und keine Sorge, ich bin auch gleich fertig, sofort, glauben Sie mir.«

Boström stieß eine Rauchwolke aus.

»Wir haben eine Toleranzspanne von null Prozent in diesem Land. Bald werden sie noch ein Kopfgeld auf uns Raucher aussetzen«, sagte er und starrte seinen Kollegen um Verständnis heischend an.

»Ich kann mir das ja mal anschauen«, sagte Wall, der nicht mal heimlich eine Zigarette rauchen würde, »und auf jeden Fall werde ich CeHa und den anderen einen Schubs geben. Diese anonymen Anrufe haben etwas wirklich Unangenehmes an sich, etwas Ekliges und Anstößiges.«

»Mach das«, sagte Boström zufrieden.

Der Bademeister zog sich mit einem Achselzucken zurück.

»Dann müssen wir hier wohl Rauchmelder installieren«, brummte er.

Sten Wall sagte: »Ich werde mich gleich mal über die Sache informieren, aber ich kann nichts versprechen.«

»Das erwarte ich ja auch gar nicht, nur, dass du es mal versuchst.«

»Was anderes, Helge. Guck dich doch mal um! Was siehst du? Massen an Menschen, mit den gleichen physischen Voraussetzungen. Zwei Augen, eine Nase, zwei Ohren, zwei Arme, ein Kopf und so weiter. Alle sind in dieser Beziehung gleich.«

»Da hinten sitzt ein Einbeiniger«, stellte Boström fest und zeigte durch das Panoramafenster hinaus. »Er ist nicht wie die anderen.«

»Du begreifst doch wohl, was ich sagen will?«

»Nicht alle haben zwei Beine, der da hinten nicht. Möchte wissen, was ihm widerfahren ist. Vielleicht ein Verkehrsunfall.«

»Ja, ja, aber worauf ich hinaus will, ist Folgendes: Wir sind eigentlich gleich, auch wenn wir unterschiedlich aussehen. Kannst du mir dann erklären, warum um alles in der Welt mein linker Fuß deutlich mehr schwitzt als mein rechter?«

»Ach Gott, hast du auf deine alten Tage Schweißfüße gekriegt? Ich habe gar nicht gemerkt, dass du nach Fußschweiß riechst. Aber du hast ja auch immer Schuhe an, wenn wir uns sehen.«

»Wenn ich in der Sauna sitze, dauert es nicht lange, und dann beginnt es um den linken Knöchel zu perlen.«

»Und was ist mit dem rechten?«

»Der kriegt nur eine leichte Schweißschicht, mehr nicht. Verdammt merkwürdig.«

»Klingt nach was Ernstem. Du solltest mal einen Arzt konsultieren.«

»Meinst du das wirklich?«

»Nun guck nicht so ängstlich. Merkst du nicht, dass ich nur Spaß mache? Ach übrigens: Wie läuft es mit dem Abnehmen?«

»Ganz gut.«

»Das merkt man gar nicht. Nimm es mir nicht übel, wenn ich dir das so direkt sage.«

»Und wie läuft es mit dem Rauchen?«, konterte Wall streitlustig. »Hattest du Ethel nicht versprochen, ein für alle Mal aufzuhören?«

»Neujahrsversprechungen! Was sind die schon wert!«

— Sechstes Kapitel

Frisch, munter und ohne die geringste Spur von Kreislaufschwäche traf Wall im Kriminaldezernat ein, wo er direkt auf Otto Fribing stieß, den besten Schützen und fanatischsten Bodybuilder der Abteilung.

Der Kommissar erkannte sofort, dass der schnauzbärtige Beamte sauer war.

»Was ist los? Ist was passiert?«

»Nur, dass ein sturer alter Kerl mich eine halbe Stunde lang genervt hat. Du kennst doch Klas Björke unten aus Bäcken?«

»Ich bin ihm auf der Treppe begegnet. Er hat mich nicht bemerkt, hat nur stur nach vorn geguckt und schien ziemlich aufgebracht zu sein. Worum ging es denn diesmal?«

»Um einen Haufen Inlineskater, die ihm die Hölle bereitet haben.«

»Inlineskater? Sind das die mit diesen Brettern?«

»Nein, das ist so eine Art Rollschuhe. Ich glaube, es war eine amerikanische Firma, die eine modernisierte Form von Rollschuhen entwickelt hat, die sich seitdem wie ein Lauffeuer über die ganze Welt verbreiten.«

»Jetzt weiß ich, was du meinst. Die Dinger sieht man ja inzwischen überall.«

»So wie Björke sich verhalten hat, könnte man glauben, ich sei schuld daran, dass er von diesen rasenden Idioten umgefahren worden ist.«

»Aber viele von denen sind wirklich rücksichtslos, oder?«

»Natürlich. Und einer hat offensichtlich den alten Querulanten so angefahren, dass er sich am rechten Fuß verletzt hat. Und nicht einmal eine Entschuldigung bekommen. Die Typen sind einfach abgehauen. Einer von ihnen hat auch noch laut gelacht, als der Alte zu Boden gegangen ist. Im Prinzip bin ich ja ganz seiner Meinung. Ein paar sind wirklich richtige Schweinehunde. Björke hat erzählt, dass einer von denen einer alten Frau die Handtasche geklaut hat, ganz unverfroren, mitten in der Stadt. Ist neben ihr auf dem Fußweg gefahren, hat sich die Tasche geschnappt und ist dann um die Ecke verschwunden.«

»Das stimmt«, bestätigte Wall. »Wir haben letzte Woche eine Anzeige gehabt. Die Tasche ist später gefunden worden. Natürlich ohne Wertsachen.«

»Wie gesagt«, fuhr Fribing laut und wild gestikulierend fort, »ich sage ja gar nichts gegen Björkes Kritik. Was mich stört, sind seine ungehobelten Manieren. Kommt hierher und beschimpft mich, als ob ich derjenige wäre, der hinter allem steckt. Eine feine Art.«

Der Polizeibeamte begleitete Wall in den größten Raum des Reviers, den so genannten Sklavenmarkt – wo sich ein Kreis von Zuhörern um einen der jüngeren Beamten geschart hatte.

»Also, aus der Todesanzeige geht hervor, dass der Tote vierundneunzig geworden ist«, erklärte der Beamte. »Und wisst ihr, was da noch steht? Hier, nach diesem Bibelspruch, oder was das auch immer sein mag, da ist noch ein einzelnes Wort gesetzt worden. Wisst ihr welches? Warum?«

Er lachte laut auf.

»Warum? Habt ihr jemals so etwas Bescheuertes gehört?« Einige stimmten in sein Lachen ein, brachen aber gleich ab, als eine scharfe Stimme den Raum durchschnitt: »Nun, was ist denn daran so witzig?«

Die Frage stammte von Carl-Henrik Dalman. Er schaute verdrießlich drein, und der junge Polizist schien seine Worte mit Bedacht zu wählen: »Nun ja, nicht gerade witzig. Ich weiß nicht. Es ist nur so, dass es doch irgendwie grotesk ist, wenn die Angehörigen fragen, warum der Alte sterben muss. Mein Gott, schließlich war er vierundneunzig! Was kann man denn in diesem Alter erwarten?«

»Ein wenig Respekt«, erwiderte Dalman, »das ist es, was man wohl erwarten kann. Oder erwarten sollte. Ich finde es jedenfalls respektlos, mit dem Tod so herumzualbern, ganz gleich, wer der Betroffene ist und wie alt er ist.«

»Kann schon sein«, gab der zusammengestauchte Polizist zu und ging beschämt weg.

Der Kreis löste sich auf.

Dalman wandte sich Wall zu.

»Hast du nicht frei heute?«

Bevor Wall antworten konnte, schoss Dalman gleich die nächste Frage ab, diesmal an eine Person gerichtet, die gerade durch die Tür hereintrat.

»Und hast du nicht auch frei heute? Was ist denn hier los? Könnt ihr euch nicht einmal in eurer Freizeit vom Job fern halten? Wenn es euch hier so gut gefällt, könnt ihr gern meine Schicht übernehmen. Bitte schön. Sie steht euch zur Verfügung.«

Wall drehte sich um und schaute direkt in Thure Castelbos grobes, fast viereckiges Gesicht.

Der Neuankömmling begrüßte sie und wandte sich dann unvermittelt an Wall. »Dich habe ich gesucht, Sten. Hast du ein paar Minuten Zeit?«

Der Kommissar nickte und ging in sein Dienstzimmer, wo er den Besucherstuhl hervorzog. Er fragte sich, was eigentlich los war. Zuerst Helge Boström, jetzt Thure Castelbo. »Ich habe versucht, dich zu Hause anzurufen. Aber da war niemand. Dann habe ich dich im Pub gesucht. Kein Treffer. Aber jetzt habe ich dich ja hier gefunden, offenbar bist du ein Workaholic. Nur gut, dass du Junggeselle bist. Hast du überhaupt eine Ahnung, wie viele Überstunden du schon angesammelt hast?«

»Fünf, sechs Jahre?«, schlug Wall lachend vor. »Irgendwas in der Richtung. Ich war im Badehaus in der Sauna.«

Der andere lachte fröhlich auf.

»Wenn ich dich nicht hier gefunden hätte, dann wäre das meine nächste Anlaufstelle gewesen. So langsam kenne ich deine Gewohnheiten.«

»Also, Thure, was hast du auf dem Herzen?«

Castelbo zögerte einen Moment, dann sagte er: »Es geht um Eva-Louise.«

Wall wartete ab.

»Du weißt doch, dass viele Anzeigen von Frauen eingegangen sind, die obszöne Telefonanrufe erhalten haben. Eine Unsitte, die offenbar in letzter Zeit deutlich zugenommen hat. Zumindest hier in der Stadt. CeHa, Terje und noch ein paar kümmern sich um den Dreck.«

Der Kommissar hörte schweigend zu. Er wusste bereits, was nun kommen würde.

»Eva-Louise ist eine der Betroffenen.«

Obwohl Wall schon geahnt hatte, worum es ging, schüttelte er sich, als er es ausgesprochen hörte.

»Wie schrecklich«, sagte er. »Das tut mir Leid, wirklich.«

»Wie du weißt, ist sie immer sehr besonnen und beherrscht, lässt sich nur schwer aus der Fassung bringen.

Aber dieser Satan hat es geschafft. Sie ist vollkommen geknickt. Sie hat das eine ganze Weile mit sich rumgetragen, aber heute Morgen ist alles aus ihr rausgeplatzt. Ich habe ihr versprochen, mitzuhelfen, um diesen Terror zu stoppen, wollte aber erst mit dir darüber reden.«

»Das ist auch gut so«, sagte Wall, »aber glaubst du wirklich, dass es klug ist, wenn du dich selbst in die Ermittlungen einmischst? Ich meine, wo du doch in höchstem Grad persönlich involviert bist.«

»Gerade deshalb«, erklärte Castelbo entschlossen. »Natürlich werde ich tun, was ich kann.«

»Dann möchte ich dir etwas erzählen«, sagte Wall und berichtete ihm von seinem Gespräch mit Helge Boström vor nicht einmal einer halben Stunde.

Erst als er fertig war, ging er um den Tisch herum und legte eine Hand auf die Schulter seines Freundes.

»Eva-Louise ist also nicht das einzige Opfer. Viele andere sind auch betroffen. Aber wir werden dem ein Ende setzen. Das verspreche ich.«

»Sten, da ist noch etwas, das ich dir sagen muss. Irgendwie bin ich sogar froh darüber, dass es Telefonterror ist, der sie so verletzt hat.«

»Froh?«, fragte Wall verwundert.

»Ja, wirklich, so merkwürdig das auch klingen mag. Verstehst du, als Eva-Louise anfing, sich so sonderbar zu verhalten, habe ich eine Weile geglaubt, sie könnte vielleicht ernsthaft krank sein. Ich bin vor Angst fast wahnsinnig geworden.«

Wall nickte.

»Heute Morgen fühlte ich mich richtig erleichtert. Ich meine, es ist trotz allem besser, dass ein obszöner Anrufer sie belästigt, als wenn sie ernsthaft krank wäre, oder?«

»Sicher. Und wie ich gesagt habe: Wir werden dem ein Ende setzen. Und fangen sofort damit an. Heute noch.« »Aber du hast doch frei.«

»Du auch. Wenn wir schon mal hier sind, können wir ebenso gut gleich loslegen. Übrigens – hast du überhaupt Zeit?«

»Selbstverständlich«, sagte Thure Castelbo. Für einen kurzen Moment überkam ihn das schlechte Gewissen: »Es ist nicht in Ordnung, dass ich deine freie Zeit einfach so mit Beschlag belege. Willst du nicht lieber bis Montag warten?«

»Nein. Wir legen jetzt sofort los. Nächste Woche werden wir sicher noch eine ganze Menge anderer Dinge haben, die uns beschäftigen werden.«

In diesem Augenblick hatte Sten Wall natürlich nicht die geringste Ahnung davon, wie Recht er hatte.

— Siebentes Kapitel

Gestärkt von dem erfrischenden Saunagang machte sich Sten Wall energiegeladen an die Arbeit. Er bat Castelbo und Dalman, alle zugänglichen Informationen und alle Anzeigen zusammenzutragen, während er selbst erst einmal Ethel Boström anrufen wollte, um Margareta Anderssons Telefonnummer zu bekommen. Trotz seines erwiesenermaßen guten Gedächtnisses hatte er den Vornamen ihres Ehemannes vergessen, und er ging davon aus, dass sie selbst sicher nicht im Telefonbuch stand.

Wall war klar, dass das, womit er und seine Kollegen sich jetzt beschäftigten, eigentlich nicht mit höchster Priorität behandelt werden sollte. Und er war ehrlich genug, sich die Frage zu stellen, ob er ein derartiges Engagement auch an den Tag gelegt hätte, wenn es nicht eine direkte Verbindung zu einem der Beamten und eine indirekte zu einem anderen gegeben hätte.

Vielleicht, vielleicht auch nicht.

Auf jeden Fall hatte er dienstfrei, was bedeutete, dass er keine reguläre Arbeitszeit verschwendete, und außerdem war es natürlich äußerst wünschenswert, dass sie diesem frivolen Unfug ein Ende bereiteten, der in letzter Zeit an Intensität gewonnen zu haben schien. Er versuchte sich in die Lage der betroffenen Frauen zu versetzen, ihre Gefühle nachzuvollziehen, und konnte das tiefe Unbehagen nur schwer abschütteln, das ihm gleichzeitig einen Adrenalinkick versetzte: Sie mussten die Sache schnellstmöglich aufklären!

Er nahm den Hörer ab und wählte.

»Ethel Boström.«

Die gleiche warme, leicht verschleierte Stimme wie immer, die ihn in gute Laune versetzte. Er versuchte, sein Anliegen vorzubringen, kam aber nicht besonders weit.

»Ich weiß, warum du anrufst, Sten, und ich habe ein bisschen ein schlechtes Gewissen. Helge hat mir alles erzählt, als er aus dem Badehaus zurückkam. Es war übrigens das allererste Mal, dass er diesen Ort betreten hat. Lieb von dir, deine Zeit für uns zu opfern.«

»Wenn’s weiter nichts ist.«

»Ich weiß, dass du die Sache klären wirst.«

»Sag das nicht. Damit setzt du mich nur unter Druck. Erwarte nicht zu viel von mir. Aber was ich dir auf jeden Fall garantieren kann, ist mein voller Einsatz.«

»Das reicht auf alle Fälle. Es ist ja sowieso ziemlich dreist von mir. Du hast immer so viel zu tun ... Aber Margarete ist eine meiner allerbesten Freundinnen, eine richtig gute Freundin, und es nimmt sie so schrecklich mit.«

Wall brummelte etwas Neutrales und bat sie dann zu berichten, was Margareta Andersson ihr erzählt hatte.

»Nicht besonders viel, außer, dass es schon eine ganze Weile so läuft. Es hat ziemlich gedauert, bis sie es mir überhaupt erzählt hat. Sie dachte, es würde irgendwann aufhören, hoffte es zumindest. Die ganze Sache ist ihr natürlich schrecklich peinlich, und sie wollte nicht näher ins Detail gehen.«

»Weiß ihr Mann davon?«

»Sverre? Sie hat es ihm gegenüber nur mal angedeutet, aber sie versucht, die Sache runterzuspielen. Er hat so einen aufbrausenden Charakter und könnte auf die Idee kommen ...«

»Könnte auf welche Idee kommen?«

»Dass sie selbst den Anlass zu diesen Anrufen gegeben hat.«

Wall sah Eva-Louise Castelbo vor sich, so beispielhaft glücklich mit ihrem Thure. Dass sie sich einem anderen Mann gegenüber aufreizend verhalten könnte, war undenkbar. Und all die anderen belästigten Frauen – sollten die auch alle sexuell provokativ aufgetreten sein?

»Blödsinn!«

»Das habe ich ihr ja auch gesagt«, stimmte Ethel eifrig zu, »es ist vollkommen absurd. Ich kenne sie in- und auswendig und weiß, dass sie Sverre niemals hintergehen würde. Aber sie hat leider ein bisschen Angst vor ihm, traut sich nicht, ihm alles zu offenbaren. Er war keine große Stütze für sie, als sie damals von diesen rabiaten Veganern im Park überfallen wurde, die ihr dann den Pelz gestohlen haben. Eher im Gegenteil. Erinnerst du dich noch an die Sache?«

»Ich erinnere mich noch genau.«

»Deshalb wäre es wohl am besten, wenn du mit ihr sprichst, während er nicht da ist.«

»Was arbeitet er denn?«

»Er ist Vertreter eines Schuhherstellers und reist viel in Norwegen und im Bohuslän-Tal herum. Eigentlich fährt er immer dienstagmorgens weg und kommt in der Regel am Freitagabend zurück.«

»Aber ich will nicht bis Dienstag warten, ich will früher damit anfangen.«

»Dann versuch es doch jetzt gleich. Es ist möglich, dass Sverre heute weg ist. Wenn ich mich recht erinnere, spielt er samstags immer Squash oder Badminton oder was auch immer. Ich glaube, genau um diese Zeit.«

Kurzes Zögern, dann erklang wieder ihre Stimme: »Du, Sten?«

»Ja?«

»Helge hat etwas in der Richtung erwähnt, Dalman habe die fixe Idee, dass dieser aufdringliche Journalist Egon Fager dahinter stecken könnte.«

»Kann ich mir nicht denken.«

»Ich auch nicht.«

»Sobald es zu irgendwelchen Obszönitäten kommt, glaubt Dalman sofort, dass Fager daran schuld ist.«

»Ich mag ihn auch nicht«, gab Ethel Boström zu. »Ich habe ihn ein paar Mal getroffen und immer diese schrecklich negative Ausstrahlung gespürt. Zu viel Zögern in dem Lächeln, zu großes Interesse im Blick. Ein Gefühl, als könne er dir direkt durch die Kleidung sehen, als habe er Röntgenstrahlen statt Augen.«

Wall musste kichern. Er war von der attraktiven Frau des Distriktleiters verzaubert gewesen, seit er sie das erste Mal gesehen hatte, vollkommen verzaubert, aber nicht auf diese Weise. Er war einfach angezogen von ihr wie ein wahrer, ehrlicher Kamerad. Es widersprach seinen Prinzipien, eine sexuelle Beziehung zu einer verheirateten Frau einzugehen, und in Bezug auf Ethel war das natürlich absolut undenkbar.

Aber sie gefiel ihm einfach als Person. Sie war witzig und geistreich, positiv und offen. Außerdem spürte er eine Art physischer Gemeinschaft mit ihr aufgrund ihres Problems mit dem Übergewicht. Ethel war auch jetzt, da sie fünfzig wurde, eine äußerst elegante Frau mit mahagonifarbenem Haar, natürlicher Grazie, einem phänomenalen Lächeln und Augen, die ein tiefes Mitgefühl ausdrückten. Aber offensichtlich hatte sie Probleme mit ihren allzu üppig wogenden Kurven.

Einmal hatte er sie beim Sonnenbad am Solstrand gesehen. Nicht gerade eine Sylphide. Ihr Fleisch war aus dem zu knapp bemessenen Badeanzug gequollen, und Wall hatte sich diskret wieder davongemacht, um sie nicht mit seiner Gegenwart in Verlegenheit zu bringen.

Er schaute resigniert an seinem Mantel hinunter, der über dem Bauch gefährlich spannte, als würde bald der Knopf abgesprengt werden. Während er den Bauch etwas einzog, hörte er sie sagen:

»Es ist doch wohl nicht dieser Fager, auf den ihr es abgesehen habt?«

»Ich jedenfalls nicht.«

»Noch was anderes, Sten.«

»Schieß los.«

Plötzlich klang sie ein wenig verlegen.

»Es ist nämlich so, dass Maggan und ich geplant haben, im Herbst zusammen ins Ausland zu fahren. Helge mit in den Süden zu kriegen, ist ja wohl so gut wie unmöglich. Ja, ich muss dir natürlich noch einmal dafür danken, dass du mir damals geholfen hast, ihn zu dieser Kretareise zu überreden.«

»Na, ich weiß nicht«, erwiderte Wall und bekam aus schlechtem Gewissen sogar heiße Wangen. Er hatte seiner Meinung nach keinen großen Anteil daran gehabt, dass Boström damals kapitulierte und seiner Frau auf die griechische Touristeninsel folgte.

»Er muss ja auch mal abschalten, und wir hatten ein paar richtig schöne Wochen. In jeder Beziehung. Wir sind einander ... näher gekommen als seit langer Zeit, wenn ich das so sagen darf. Du weißt ja, wenn man jahrelang zusammen ist ... da schleichen sich leicht Routine und Schlendrian ein. Aber damals in Chania ... Na, du weißt schon, was ich meine.«

Hoffentlich wird sie jetzt nicht zu offenherzig, dachte Wall erschrocken.

»Wir haben das gebraucht, Helge und ich. Ich vielleicht sogar am meisten.«

»Dann wiederholt doch die Reise im nächsten Sommer«, schlug er vor.

»Ach Sten, das wäre wunderbar, aber es ist viel zu früh, um ihn wieder dazu zu kriegen, es sind ja erst ein paar Jahre seit der letzten Reise vergangen. Ich plane eine neue Attacke für übernächstes Jahr, so etwas muss gründlich vorbereitet werden. Also, Maggan und ich haben uns eine Reise ausgeguckt, bis jetzt noch in aller Heimlichkeit. Aber wenn diese schrecklichen Telefonanrufe weitergehen, dann ...«

Sie beendete ihren Satz nicht. Wall konnte sich vorstellen, wie sie auf der Unterlippe kaute, während sie nach neuen Worten suchte.

»Es klingt sicher egoistisch, so zu denken, aber glaube mir, Sten, in erster Linie geht es mir um ihr Wohlbefinden. Diese Verfolgung muss ein Ende haben. Und wenn wir beide dann die Möglichkeit haben, im September ans Mittelmeer zu fahren, dann ist das nur ein Extrabonus.«

»Wir werden tun, was wir können.«

»Ich weiß.«

Wall bat noch um die gewünschte Telefonnummer und verabschiedete sich dann von Ethel. Er legte den Hörer auf und hob ihn fast sofort wieder hoch in der Hoffnung, dass Margareta allein zu Hause war.

Das war sie aber nicht. Eine grobe Männerstimme meldete sich.

»Sverre Andersson.«

»Guten Tag. Könnte ich bitte mit Margareta Andersson sprechen?«

»Und wer ist da, wenn ich fragen darf?«

»Mein Name ist Sten Wall.«

»Einen Augenblick. Ich werde sie holen.«

Ein paar Sekunden waren mit einem verstohlenen Flüstern erfüllt. Dann hatte er Margareta Anderssons dünne Stimme im Ohr. Ethel Boströms Sinnlichkeit fehlte ihr ganz und gar.

Wall stellte sich vor und erinnerte sie daran, dass sie sich schon einmal begegnet waren.

»Ja, das weiß ich noch ganz genau. Dieser Überfall. Der Pelz. Die Veganer. Und diesmal ist es auch nicht besonders lustig, wenn ich ehrlich sein soll. Vielleicht war es auch dumm von mir, Ethel damit zu belästigen und die Polizei mit reinzuziehen.«

»Aber ganz und gar nicht. Derartigen Ruhestörern gehört das Handwerk gelegt, je eher, umso besser. Deshalb ist es nur gut, dass Sie über Frau Boström Kontakt zu uns aufgenommen haben.«

Kein Kommentar. Der Polizeibeamte meinte eine gewisse Reserviertheit bei der Frau zu spüren. Bereute sie wirklich die Einmischung der Polizei, oder handelte es sich um etwas anderes?

Er fuhr fort: »Wir werden natürlich alles daransetzen, um den oder die dingfest zu machen, die sich solche Unsittlichkeiten erlauben. Es sind noch andere Frauen davon betroffen, Sie sind nicht die Einzige. Ich würde nun nur gern wissen, was dieser Mann ...«

Sie sprach so leise, flüsterte fast, und er musste sich anstrengen, überhaupt etwas zu verstehen: »Ich kann im Augenblick schlecht reden.«

Wall verstand. Er erinnerte sich an Sverre Anderssons scharfen Ton und an Ethel Boströms Worte: Er hat so einen aufbrausenden Charakter ... Sie hat leider ein bisschen Angst vor ihm ...

»Weiß Ihr Mann, was passiert ist?«

»Wir müssen das später besprechen.«

»Soll ich wieder anrufen? In einer Stunde oder so?« »Ich werde Sie anrufen«, sagte sie und legte auf, noch bevor er etwas erwidern konnte.

Nicht so einfach, mit einem Tyrannen zusammenzuleben, dachte Wall. Der Kommissar hatte sich zuerst bewusst nicht mit Namen gemeldet, als er hörte, dass Sverre Andersson am Apparat war. Er wollte ihn testen, und dem rauen Ton nach zu urteilen, hatte der Ehemann wohl den Verdacht gehabt, dass der anonyme Plagegeist am Telefon sein könnte. Seine Erleichterung war deutlich zu spüren gewesen, als Wall verkündete, wer er war.

Wall erhob sich und ging zu den anderen, die sich bereits in einem kleineren Raum im gleichen Stockwerk versammelt hatten.

Castelbo war in Hemdsärmeln und sortierte verschiedene Papiere, während Dalman abwartend dasaß, den üblichen skeptischen Zug um die Mundwinkel. Wall vermisste seinen besten Freund und Arbeitskollegen Jan Carlsson. Es wäre nützlich gewesen, seine Erfahrung im Rücken zu haben, aber das war nun einmal nicht so. Jan und seiner Frau Gun war der Urlaub in diesem jämtländischen Gebirge, wie immer es auch hieß, zu gönnen.

»Ich habe Terje Andersson angerufen. Er hat mir alles gesagt, was er weiß«, sagte Castelbo.

Wall nickte, und dann gingen die Polizeibeamten gemeinsam das zusammengetragene Material durch. Teilweise lasen sie einander laut die Protokolle vor, fügten eigene Kommentare hinzu und tauschten ihre jeweiligen Informationen aus. Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis sie für eine erste Zusammenfassung bereit waren.

Einschließlich der Anzeigen »hintenherum« von Margareta Andersson und Eva-Louise Castelbo lagen die Klagen von acht Frauen vor, die in den letzten Wochen von einem anonymen Anrufer belästigt worden waren. Hinzu kamen zwei Hinweise von Personen, die sich weigerten, ihren Namen zu nennen.

Die Kriminalbeamten waren sich einig darüber, dass wahrscheinlich noch erheblich mehr Personen betroffen waren. Sie wussten, dass viele Frauen davor zurückschreckten, sich an die Behörden zu wenden, entweder, weil sie sowieso nicht glaubten, dass eine Anzeige etwas bewirken könnte, oder aber weil sich die Opfer ganz einfach schämten, zu erzählen, welchen Erniedrigungen sie ausgesetzt waren.

Schon seit längerem waren in unregelmäßigen Abständen einzelne Klagen eingegangen, aber seit Neujahr hatte die große Welle eingesetzt. Die erste Anzeige kam am 30. Dezember von einer Helene Swärd, die letzte (abgesehen von den heutigen von Frau Andersson und Castelbo) datierte vom gestrigen Tag und trug den Namen Dolly Nilsson als Absender.

Das Alter der Opfer lag zwischen zweiunddreißig (Helene Swärd) und einundfünfzig Jahren (Margareta Andersson). Drei der Frauen waren verheiratet, zwei hatten sich 1995 beziehungsweise 1998 scheiden lassen, zwei lebten mit einem Partner zusammen, und eine war allein stehend. Größe, Gewicht und Aussehen unterschieden sich deutlich von Frau zu Frau, und die Hälfte hatte Kinder.

Bemerkenswert war, dass alle Frauen im Bereich der Innenstadt lebten; drei direkt im Zentrum, zwei im Wohngebiet Grönland, zwei im Stadtteil Frejalund und eine in dem alten Villenviertel in Bro.

Direkte Kontakte hatte es nicht gegeben. Bis jetzt noch nicht. Keine der acht erklärte, sie sei physisch belästigt worden, aber fünf von ihnen hatten angegeben, dass der Anrufer mit einem bevorstehenden Beischlaf gedroht hatte. Und drei berichteten, dass neben zahlreichen Obszönitäten auch das Wort Vergewaltigung vorgekommen war.

»Solche Kreaturen kriegen doch gar keinen hoch«, kommentierte Dalman. »Die sind impotent wie Hundertjährige. Deshalb müssen sie sich hinter dieser feigen Anonymität verstecken und Leuten das Leben verpesten, die sich nicht wehren können. Ich glaube nicht, dass die wirklich zur Sache kommen und die Frauen tatsächlich anrühren. Dagegen kann ich mir sehr wohl vorstellen, dass wir es mit einem Spanner zu tun haben.«

»Gut möglich«, stimmte Wall zu.

Eine der verheirateten Frauen, eine Sechsunddreißigjährige namens Kerstin Jonsson, war felsenfest davon überzeugt, dass ein fremder Mann sie mit einem Fernglas beobachtet hatte, als sie in der vergangenen Woche die ersten wärmenden Sonnenstrahlen für eine angenehme Viertelstunde in ihrem Garten genutzt und sich gesonnt hatte. Als sie ihn bemerkt hatte, war er lautlos verschwunden. Sie war sich sicher, dass es die gleiche Person war, die sie wiederholt angerufen und mit ihren widerwärtigen Obszönitäten belästigt hatte.

Noch zwei andere glaubten, beobachtet zu werden. Sie hatten dafür zwar keine konkreten Beweise, nur das Gefühl, beobachtet zu werden. Beide betonten, wie unangenehm die Situation sei, wenn man spürte, dass jemand hinter einem her war, ohne den Spanner selbst entdecken zu können.

Keine der Frauen hatte den geringsten Verdacht, wer ihnen diese üblen Streiche spielen könnte. Sofia Ynger, eine der Geschiedenen, glaubte zunächst, es wäre ihr Exmann, der kindische Rache übte, aber die Theorie musste sie fallen lassen, als er seine Unschuld beweisen konnte. Sie hatte selbst Kontakt mit ihm aufgenommen und ihn zur Rede gestellt, wobei die alte Wut bei ihm hell aufgeflammt war. Sie hatten sich eine ganze Weile lang angeschrien, aber Sofia hatte auf jeden Fall bestätigt bekommen, dass er nicht hinter den Anrufen steckte.

»Okay«, sagte Wall. »Lasst uns zu Schlussfolgerungen kommen. Mit wie vielen Tätern haben wir es zu tun? Nur mit einem? Oder mit mehreren?«

»Das ist immer die gleiche verdrehte Psyche, die da herumspukt«, erklärte Dalman kategorisch. »Darauf weist die Vorgehensweise hin.«

»Ich stimme dir im Prinzip zu, bin mir aber nicht hundertprozentig sicher«, sagte Wall, während Castelbo im Hintergrund dazu nickte.

Der Kommissar ergriff wieder das Wort: »Lasst uns weitergehen. Eine fremde Person oder jemand, den die Opfer persönlich kennen?«

»Ein Fremder. Es deutet jedenfalls alles darauf hin. Keines der Opfer weiß ja offenbar, wer der Verrückte ist. Aber er wohnt höchstwahrscheinlich hier in der Stadt. Vermutlich tritt er im Alltag ganz normal auf, nach außen hin, meine ich. Solche Verrückten brüsten sich ja nicht gerade mit ihren Abnormitäten.«

»Weiter?«

»Er interessiert sich nicht für junge Mädchen.«

»Auch nicht für alte Frauen. Das Durchschnittsalter der acht liegt bei neununddreißig Jahren und ist mit Margareta Andersson und in gewisser Weise auch Eva-Louise heute deutlich erhöht worden.«

»Ein Teil der Frauen lebt in Einfamilienhäusern, ein Teil in Wohnungen. Was noch?«

»Er bewegt sich nicht außerhalb der Stadtgrenze. Die Frauen wohnen alle nur wenige Kilometer voneinander entfernt.«

»Was darauf hindeuten kann, dass er keinen Führerschein hat.«

»Oder kein Auto.«

»Oder weder Führerschein noch Auto.«

»Zu einem Telefon hat er jedenfalls Zugang.«

»Eigenes oder Telefonzelle?«

»Er ruft von außerhalb an, aus Angst, seine richtige Nummer könnte entdeckt werden. Davon können wir ausgehen.«

»Aber keines der Opfer hat Geld fallen hören. Ich meine, wenn er an einem Münztelefon ist, dann müsste man das doch merken, oder?«

»Da gibt’s ja heutzutage andere Möglichkeiten. Man braucht die Automaten schließlich nicht mehr mit Ein-Kronen-Stücken zu füttern. Er kann eine Telefonkarte oder Kreditkarte haben oder sich heimlich ein Telefon ausleihen, vielleicht am Arbeitsplatz, wer weiß?«

»Und die Telefongespräche enthalten immer die gleichen unappetitlichen Zutaten?«

»Ja. Keuchen, Schnauben, unanständige Worte, die Drohung mit einem baldigen Beischlaf, manchmal präzisiert bis zur Vergewaltigung hin.«

»Na, Beischlaf und Vergewaltigung sind für so ein Schwein wohl Synonyme.«

»Dialekt?«

»Rau, lokale Sprache. Offenbar bewusst überzogen, um sich zu tarnen.«

»Dolly Nilsson hat gestern berichtet, dass er sich als Mitarbeiter einer Organisation für wohltätige Zwecke ausgegeben hat. Sie ist ihm in die Falle gegangen, und dann hat er zugeschlagen, ist ganz plötzlich wieder in sein übliches Ich zurückgefallen. Sie war schockiert. Sie meinte, es wäre nicht so widerwärtig gewesen, wenn er sie von Anfang an belästigt hätte. So aber hat sie deutlich gemerkt, wie verwundbar sie ist. Sie vertraut niemandem mehr, wie sie sagte.«

»Wie hat er denn anfangs geredet, als er als Bittsteller aufgetreten ist?«

»Mit finnlandschwedischem Akzent.«

»Also ein Talent, Dialekte zu imitieren?«

Carl-Henrik Dalman schnaubte hörbar.

»Na, finnlandschwedisch singen kann doch wohl jeder.«

»Hat sie noch mehr über ihn sagen können?«

»Laut Terje nicht. Er hat ihre Anzeige am Telefon aufgenommen.«

»Dann hat sie keinen Verdacht, wer es sein könnte?«

»Offenbar nicht.«

»Wie hieß sie noch?«, fragte Castelbo.

»Dolly Nilsson.«

»Dolly? Kann man so heißen?«

»Scheint so. Warum auch nicht? Dolly – der Name wird doch sogar schon beim Klonen benutzt, oder?«

»Aber in Schweden«, beharrte Castelbo. »Das klingt irgendwie so nach Busen. So amerikanisch. So nach Country and Western.«

»Man kann doch die ungewöhnlichsten Namen haben«, warf Wall ein. »Irgendwo in Hailand, in der Nähe von Varberg, da wohnt ein Mann, der heißt Furzer.«

»Du machst Scherze!«

»Nein, wirklich nicht. Das ist die Wahrheit. Der Typ heißt Furzer. Ganz offiziell. Ich habe darüber einen Artikel in der Zeitung gelesen.«

»Ich kenne einen, der heißt Hütte«, sagte Castelbo nachdenklich. »Aber vielleicht hat er sich auch nur so genannt.«

»Furzer hat sich nicht Furzer genannt. Er heißt so.«

»Furzer?«

»Ja.«

»Und du behauptest, man kann die ungewöhnlichsten Namen haben?«, fragte Dalman.

Wall nickte, aber ihm war klar, dass der Kollege nur darauf wartete, zu widersprechen.

»Kannst du mir dann bitte erklären, warum jemandem vor einiger Zeit nicht erlaubt wurde, seinen Sohn Holunder zu nennen?«

»Nun lasst uns mal weitermachen«, sagte Wall irritiert. »Dieser Quatsch hier führt doch zu nichts.«

Die Männer konzentrierten sich wieder und beschlossen, die Ermittlungen am Montag zu intensivieren, indem bekannte Sexualverbrecher, verdächtige Pädophile, Spanner und Geistesgestörte überprüft werden sollten.

»Und ich denke, wir sollten Maggie Larsson bitten, jede einzelne der belästigten Frauen persönlich aufzusuchen, um aus ihnen so viel herauszuholen ...«

Wall unterbrach sich und schaute Castelbo an.

»Ja, mit Eva-Louise muss sie natürlich nicht reden.«

»Gute Idee, das mit Maggie Larsson«, entgegnete Castelbo.

»Es ist sicher einfacher für die Opfer, sich einer Frau anzuvertrauen als einem Mann.«

»Das wissen die Götter. Wir müssen uns immer wieder klarmachen, dass die Opfer sich möglicherweise schämen, obwohl ja überhaupt kein Grund dazu besteht. Was da passiert, daran tragen sie schließlich keine Schuld. Aber sie fühlen sich gedemütigt und fragen sich, was sie falsch gemacht haben. Sie klagen sich ohne jeden Grund selbst an.« »Das stimmt in Eva-Louises Fall. Sie war die letzten Tage vollkommen außer sich und ich habe mir schrecklich Sorgen um sie gemacht. Mir war klar, dass etwas nicht stimmte, ich wollte mich ihr aber nicht aufdrängen. Und dann, heute Morgen beim Frühstück, hat sie dann alles gebeichtet ...« Der grobschlächtige Kriminalbeamte verlor sich für einige Sekunden in Gedanken, schluckte ein paar Mal und fuhr dann fort: »Sie fühlt sich, als hätte jemand bei ihr eingebrochen, ihr Zuhause geschändet.«

»Natürlich, es ist eine Verletzung ihrer Intimsphäre«, nickte Wall.

»Und wenn Eva-Louise schon so heftig auf diese Telefonanrufe reagiert, dann muss man sich fragen, wie ein Vergewaltigungsopfer sich erst fühlt. Aber wisst ihr, was Eva-Louise noch gesagt hat? Dass sie sich nie wieder rein fühlen kann, wie oft sie auch badet und duscht. Dass sie glaubt, alles sei ihre Schuld, obwohl sie natürlich vom Verstand her weiß, dass sie keinerlei Schuld daran trägt. Aber ich fürchte, das kann noch nachhaltige Folgen haben ...«

Seine Stimme brach, und zum ersten Mal sah Wall Thure Castelbos Augen feucht werden. Der Anblick erschreckte ihn und machte ihn gleichzeitig verlegen. Der schweigsame Kripobeamte war immer ein solider Fels in der Abteilung gewesen, ein sicherer Punkt, an dem man sich in allen Situationen festhalten konnte. Es war nicht leicht, ihn jetzt so geknickt zu sehen.

Wall suchte nach aufmunternden Worten, war sich aber nicht sicher, ob er den richtigen Ton treffen würde.

»Du bist jetzt gefragt, Thure, du musst Eva-Louise unterstützen. Und du wirst sehen, sie wird mit der Zeit darüber hinwegkommen. Das werden sie alle.«

Er konnte gerade noch den Satz hinunterschlucken, der ihm schon auf der Zunge lag. So etwas Einfältiges wie, dass die Zeit alle Wunden heile.

Auch der ansonsten so wenig sensible Dalman spürte, wie es um seinen Freund und Kollegen stand. Wall wusste, dass die Familien ab und zu privaten Kontakt hatten, auch wenn die Verabredungen in letzter Zeit spärlicher geworden waren, als Folge der Störungen in der Dalman’schen Ehe.

»Wir werden diesen Kerl schnappen«, sagte Dalman und klopfte Castelbo auf die Schulter. »Keine Sorge.«

Thure Castelbo zwang sich ein Lächeln ab, verstohlen wie die letzte Herbstsonne.

»Das werde ich Eva-Louise sagen. Heute Abend noch.«

»Tu das.«

— Achtes Kapitel

In der Dämmerung wehte ein kalter Wind. Die Stadt war in neblige Kälte gehüllt. Ihm gefiel das. Es würde der richtige Abend für ihn werden. Ein herrlicher Abend. Der Abend der Revanche.

Aber noch war es zu früh, um irgendetwas zu tun. Er musste mindestens noch eine halbe Stunde warten, sonst konnte alles entdeckt werden, und die ganze Mühe wäre umsonst gewesen.

Die Gegend, die er nach sorgfältiger Überlegung ausgewählt hatte, war ein öffentliches Gelände, das Dalen genannt wurde und ein Stück südwestlich vom Zentrum lag. Er hatte es von hier aus nicht weit zu seiner kleinen Rentnerwohnung in Bäcken, wo er wohnte, seit er vor drei Jahren Witwer geworden war und keinen Grund mehr gehabt hatte, in der Bruchbude zu bleiben, in die er bereits 1949 gezogen war, im gleichen Jahr, in dem er seine Ester geheiratet hatte.

Natürlich kam es ab und zu vor, dass er die alte Gegend vermisste – in erster Linie vielleicht die Laube mit ihren vielen Erinnerungen –, aber er war kein ausgesprochener Nostalgiker. Was vorbei war, war vorbei. Jetzt ging es darum, sich mit der Gegenwart zu arrangieren, und er musste zugeben, dass es schön war, alle diese belastenden Pflichten los zu sein, den schwer zu pflegenden Garten, alle Zipperlein des langsam zerfallenden Hauses. Er war nie der große Handwerker gewesen, hatte meistens hilflos den Problemen gegenübergestanden, die in älteren Gebäuden nun einmal auftreten. Und einen grünen Daumen hatte er auch nie besessen.

Außerdem befand sich das Haus fünf Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Seine jetzige Wohnung – seine letzte? – lag bedeutend günstiger, er konnte fast zu Fuß ins Zentrum gehen. Dabei wurde er durch kein Gedränge gestört, da Bäcken ein relativ spärlich besiedeltes Gebiet am Rande der eher begüterten Viertel im Süden war.

Außerdem war die Wohnung ausreichend groß, praktisch und mit den notwendigen modernen Geräten ausgestattet. Nette Nachbarn hatte er auch. Ordentliche, rücksichtsvolle Leute, die niemals Inliner fuhren.

Es gefiel ihm in seinem Zuhause, aber er war verärgert darüber, welche Entwicklung die Gesellschaft in den letzten Jahren durchgemacht hatte.

Man muss die guten alten Zeiten wirklich zu schätzen wissen, dachte er, als noch Recht und Ordnung herrschten, als die Leute sich auf den Straßen bewegen konnten, ohne sich vor Rasern auf Rollschuhen in Acht nehmen zu müssen.

Man denke nur an die arme Dame, der letzte Woche die Handtasche mit all ihrem Ersparten geraubt worden ist, mitten in der Stadt! Nicht ein Zeuge hat sich gemeldet. Im Bladet war berichtet worden, dass der Grünschnabel frech neben sie gerollert ist, die Tasche gepackt hat und verschwunden ist, bevor sie überhaupt reagieren konnte.

Wenn er diesen feigen Kerl vor sich hätte, dann ...

Klas Björke verzog sein Gesicht vor Abscheu und schlug die Arme um den Leib, um sich vor der Kälte zu schützen.

Da er nichts Wichtigeres zu tun hatte, beschloss er, einen kurzen Spaziergang durch das Viertel zu machen, um zu sehen, ob er vielleicht noch einen besseren Ort für die Durchführung seines Plans finden würde.

Doch schon nach wenigen hundert Metern setzte ihm sein verletzter Fuß zu, in dem sich, laut seinem Arzt, ein Knochenriss gebildet hatte.

Der alte Mann verzog sein Gesicht vor Schmerz und Wut.

Ihm wurde klar, dass er fast genauso wütend auf die Polizei war wie auf den Plagegeist, der ihn angefahren und dann auch noch so höhnisch gelacht hatte. Außerdem war seine neue Hose von dem groben Straßenkies zerrissen – er konnte ja wohl schlecht mit einem großen Flicken auf dem Knie herumlaufen.

Aber am schlimmsten war der Schlag gegen den Fuß. Die Verletzung würde vielleicht nie ganz ausheilen. Und all das nur, weil so ein Lümmel auf Rollschuhen sich nicht vorsehen konnte. Außerdem war er garantiert nicht der Einzige, der Opfer dieser Rücksichtslosigkeit wurde. Und was tat die Polizei dagegen, dass die Rüpeleien auf den Straßen und Fußwegen immer mehr um sich griffen?

Gar nichts!

Es ist nicht so einfach, dagegen etwas zu machen.

Genauso hatte er sich ausgedrückt, dieser spöttische Muskelprotz von Polizist, der seine Anzeige aufgenommen hatte.

»Aber das war ja nicht das erste Mal, dass ich von diesen Teufeln angefahren worden bin. Das ist mir schon früher passiert. Und ich weiß nicht, wie vielen anderen ...«

»Ja, ja, das habe ich schon verstanden«, hatte der aufgeblasene Bulle ihn angefaucht, »aber dann versuchen Sie bitte, mir eine Personenbeschreibung zu geben, damit wir etwas Konkretes in die Hand kriegen.«

»Wissen Sie, wie viele solcher unverschämter Gestalten sich hier in der Stadt herumtreiben und uns gesetzestreuen Mitbürgern das Leben zur Hölle machen? Hunderte! Und jetzt kommen Sie mir nicht damit, dass ich die auch noch beschreiben soll. Die sehen doch alle gleich aus. Und außerdem war es dunkel, als es passiert ist. Dieser Typ hatte eine solche Fahrt drauf, dass ich kaum seinen Rücken erkennen konnte. Und außerdem sollten Sie dieser armen Frau ihre Handtasche ersetzen. Und außerdem können Sie mir alle mal den Buckel runterrutschen.«

»Nun nun, Alterchen, jetzt beruhigen Sie sich erst mal.« »Ich bin kein Alterchen, und schon gar nicht für so einen Flegel wie Sie!«

Er hatte seine Wut nicht mehr unter Kontrolle gehabt. Ja, er hatte den Kopf verloren, das kam ab und zu vor, er war nun einmal cholerisch veranlagt. Aber meistens – fast immer – gab es einen Grund für seine Wut. Wie jetzt zum Beispiel. Er war friedlich den Fußweg entlangspaziert und von einem rücksichtslosen, unaufmerksamen Idioten auf Rollschuhen angefahren worden, der zu allem Überfluss auch noch ein höhnisches Lachen von sich gegeben hatte, als Björke auf dem Boden lag und sich in Schmerzen wand. Konnte man da etwa erwarten, dass er ruhig und besonnen einfach wieder aufstand, sich den Dreck abbürstete und weiterging, als sei nichts passiert?

Er hatte den Polizisten nach Strich und Faden ausgeschimpft, die Tür hinter sich zugeworfen und war wutschnaubend auf seinem schmerzenden Fuß davongehinkt. Er hatte sogar überlegt, ob er diesen aufgeblasenen Zwerg wegen Dienstvergehens und unbotmäßigen Verhaltens melden sollte, verwarf aber das Projekt, in erster Linie, weil er nicht so recht wusste, wie er da eigentlich vorgehen musste.

Später, als er sich etwas beruhigt hatte, war er noch einmal zum Polizeirevier gegangen, um seine Anzeige etwas freundlicher abzuliefern. Ein anderer Polizist hatte sich seine Klagen angehört, ein etwas älterer, mit größerem Verständnis und mehr Einfühlungsvermögen. Aber auch er hatte kein besonders großes Interesse daran gezeigt, sich dem Problem zu widmen.

»Sie haben natürlich wichtigere Dinge zu tun, als einem alten Fußgänger zuzuhören, der angefahren wurde«, hatte Björke gefaucht.

»Darum geht es nicht, Herr Björke. Wir wollen Ihnen natürlich nach bestem Vermögen helfen.«

»Dann tun Sie das doch. Und zwar schnell. Bevor wieder jemand angefahren wird. Verdammt, diese Lümmel brausen wie eine Formel-1-Mannschaft herum, und die Polizei rührt nicht einen Finger, steht nur daneben und schaut zu. Es würde mich nicht wundern, wenn Sie denen noch applaudieren! In was für einer Gesellschaft leben wir hier eigentlich!«

Der Wutausbruch im Polizeirevier hatte etwas von dem Druck von ihm genommen – aber nur für kurze Zeit. Die Wut war wieder aufgeflammt, sobald er nach Hause gekommen, den anhaltenden Schmerz im Fuß gespürt und an die teure, verhunzte Hose gedacht hatte.

Jetzt hatte er vor, das Gesetz in die eigenen Hände zu nehmen.

Er würde es ihnen heimzahlen.

Nach zwanzig Minuten war er wieder am ursprünglich vorgesehenen Platz. Er hatte keinen besseren gefunden. Es würde also hier stattfinden.

Aber jetzt noch nicht. Es musste noch etwas dunkler werden zwischen den Kiefern hinter dem schmalen asphaltierten Weg.

Er war stolz auf seine Entscheidung hinsichtlich der Stelle.

Schlau berechnet.

Nicht zu nah am Zentrum. Aber auch nicht ganz in der Ödnis.

Nicht zu nah an der bewohnten Gegend. Aber auch nicht zu weit von seiner Wohnung entfernt.

Und natürlich eine beliebte Strecke bei diesen Rollschuhläufern, die offensichtlich angezogen wurden von der beträchtlichen Neigung des Weges, an dem er jetzt Posten bezog.

Björke nannte sie Rollschuhläufer, obwohl er wusste, dass es heutzutage einen anderen Namen für sie gab, einen fremdländischen Namen, den er sich einfach nicht merken konnte.

Sein Versteck zwischen den Kiefern war ideal, nahe genug, dass er den Zusammenstoß miterleben konnte, aber gleichzeitig weit genug entfernt, dass niemand ihn entdecken würde. Aber vermutlich würde der, den es traf, an anderes zu denken haben als daran, einen fliehenden Saboteur zu fangen.

Der Alte lachte laut vor sich hin.

Er fühlte sich jetzt besser, aufgemuntert von dem kommenden Triumph.

Die Rache würde süß sein. Und es war seine. Seine ganz eigene, private Rache.

Sollte die Polizei doch mit langer Nase dastehen. Ihm würde das gelingen, woran sie so kapital und verantwortungslos gescheitert war.

Ihm war klar, dass es mit fast hundertprozentiger Sicherheit einen anderen treffen würde als denjenigen, der den Knochenriss in seinem Fuß verursacht hatte. Aber war das von Bedeutung?

Nein. Die Hauptsache war doch, diesen Idioten zu zeigen, dass er ihr wahnsinniges, ja, fast lebensgefährliches Vorgehen nicht länger tolerierte.

In Björkes Augen waren sie sowieso alle gleich: rücksichtslos und egoistisch.

Es bestand natürlich die Gefahr, dass zufällig ein Radfahrer oder ein Fußgänger vorbeikam, aber von seinem Versteck aus hatte er eine gute Übersicht über den Weg und konnte sicher rechtzeitig das Seil lösen und einholen, wenn es nötig wäre. Ein Unschuldiger durfte auf keinen Fall zu Schaden kommen.

Ein älteres Paar ging in gemächlichem Tempo an ihm vorbei. Einer der beiden führte einen Schäferhund an der Leine, und Björke überlegte einen Augenblick lang besorgt, ob der Hund möglicherweise seine Anwesenheit durch Knurren entlarven könnte. Nicht, dass das im Augenblick so viel bedeutet hätte.

Bisher war ja noch nichts passiert.

Aus der Ferne war das unverkennbare Geräusch von Rollschuhfahrem zu hören, aber damit konnte er jetzt nichts anfangen. Die Falle war noch nicht aufgestellt, und außerdem war das Paar mit dem Schäferhund noch in Hör- und Sichtweite.

Sie kamen in Schwindel erregender Fahrt den abschüssigen Weg heruntergesaust, zwei Jungs, die ihrer Körpergröße nach zu urteilen nicht älter als fünfzehn Jahre sein konnten. Ihre Stimmen wurden ein paar Sekunden lang vom Wind getragen, dann waren sie und ihre Besitzer schon vorbei. Er sah, wie die Fußgänger erschrocken zur Seite sprangen, um den Jugendlichen Platz zu machen. Der Hund bellte kurz, dann war es wieder ruhig.

Der Alte wartete zwei Minuten. Dann öffnete er seine kleine Tasche und begann mit der Arbeit, die, wie er hoffte, darin gipfeln sollte, dass einer der Quälgeister schmerzhafte Bekanntschaft mit dem Asphalt machen würde. Er brauchte nicht einmal eine Minute, um die primitive Falle zu errichten.

Er spannte das Seil gut zehn Zentimeter über dem Boden und ging dann den Weg ein Stück hinauf, wobei er sich die Brille aufsetzte.

Von oben konnte man kaum etwas erkennen, und da ein Rollschuhfahrer ja reichlich Geschwindigkeit drauf haben würde, wenn er die Senkung heruntersauste, hatte er keine Chance, dem Hindernis auszuweichen.

Dann, wenn sein Opfer dalag, würde Björke sich das Seil schnappen und damit verschwinden, bevor es überhaupt begriffen hatte, was passiert war. Wenn er das Seil nicht mitnehmen konnte, war das auch nicht so schlimm, aber er nahm an, dass sich das wohl würde bewerkstelligen lassen.

Er zitterte in der rauen Kälte des Abends und hoffte, dass die jungen Rabauken sich nicht von dem ungemütlichen Wetter abhalten ließen. Es wäre ja lächerlich, wenn sie einfach ausblieben, jetzt, wo er sie zum ersten Mal herbeisehnte, während sie doch sonst wie die Fliegen um ihn herumschwärmten, wenn er sich nichts sehnlicher wünschte, als in Ruhe gelassen zu werden.

Aber da er wusste, dass sie besonders an den Wochenenden sehr aktiv waren und gerade diesen Weg gern benutzten, war er guter Hoffnung.

Der Alte ließ den Samstagabend ruhig weiterticken.

Er wartete und freute sich schon auf das, was kommen sollte.

— Neuntes Kapitel

Der erste Anruf kam kurz vor Ende der regulären Spielzeit des Fußballmatches, das er sich im Fernsehen ansah. Anschließend saß Sten Wall fast eine Stunde lang ununterbrochen am Telefon. Vier Anrufe, alle zum gleichen Thema.

Zuerst ließ Carl-Henrik Dalman von sich hören, danach drei Frauen.

»Guckst du Fußball?«, fragte Dalman.

»Ich habe geguckt.«

»Heißt das, dass ich dich störe?«

»So in der Richtung. Aber macht nichts.«

»Wie läuft es?«

»Mal so, mal so. Recht spannend«, erklärte Wall und merkte, dass er während des Spiels in einen schweren, fast schläfrigen Zustand versunken war. Das lag sicher daran, dass er für keine Mannschaft Partei ergriffen hatte.

»Du kannst gleich wieder zum Fernseher zurück, ich wollte dir nur erzählen, dass Kerstin Jonsson von sich hat hören lassen.«

»Kerstin Jonsson«, wiederholte Wall unkonzentriert, weil er lauten Jubel aus dem Wohnzimmer hörte. Er blinzelte durch die Tür, um herauszubekommen, welche Mannschaft wohl ein Tor geschossen haben mochte, aber die Entfernung war zu groß. Er konnte nichts erkennen.

»Wir haben heute ja schon mal von ihr gesprochen. Kerstin Jonsson. Eines der Opfer. Eine von denen, die verheiratet sind. Er hat wieder zugeschlagen.«

Wall wurde wach.

»Erzähl.«

Dalman berichtete mit ruhiger Stimme, was passiert war. Der obszöne Anrufer hatte sie am Nachmittag heimgesucht. Sie hatte das Gespräch entgegengenommen, weil sie glaubte – oder eher hoffte –, dass es ihre Tochter war. Eine Rufnummemanzeige hatte sie nicht.

Aber es war also der widerwärtige Anrufer gewesen. Und es bestätigte sich, was Kerstin Jonsson schon befürchtet hatte: Er hatte sie wirklich mit dem Fernglas beobachtet, als sie sich in der vergangenen Woche ihr erstes kleines Sonnenbad gegönnt hatte.

»Er kannte Details«, sagte Dalman. »Konnte sogar die Farbe ihres BHs benennen. Lila. Er drückte sich gröber aus als in früheren Gesprächen. Und weißt du was? Er sagte, dass er vorhabe, an einem der nächsten Tage zu ihr zu kommen.«

»Hat er sich wirklich so ausgedrückt? An einem der nächsten Tage?«

»Ja. Und es klang wohl ziemlich bedrohlich.«

»Gibt es tatsächlich lila BHs?«

»Offensichtlich. Kerstin Jonsson hat jedenfalls einen, und sie hat ja keinen Grund, ausgerechnet in dieser Beziehung zu lügen.«

»Vor nur wenigen Stunden hast du, CeHa, behauptet, dass solche Elemente sich mit Worten begnügen, dass sie nur äußerst selten physischen Kontakt zu ihren Opfern aufnehmen.«

»Ja, das habe ich gesagt, aber nach dem Gespräch mit Kerstin Jonsson bin ich mir da nicht mehr so sicher. Ich habe das Gefühl, als braue sich da etwas zusammen.«

»Wie hat sie reagiert?«

»Sie scheint ein ziemlich robuster Charakter zu sein. Ich glaube, sie hat die Ruhe bewahrt. Sie ist von den Frauen, mit denen ich geredet habe, diejenige, die den gefestigsten Eindruck gemacht hat, aber ich hatte ja nur mit dreien Kontakt. Wobei ich Eva-Louise nicht mitrechne, da sie ja eine von Evas besten Freundinnen ist.«

Wall wusste, dass nicht nur die Familien Castelbo und Dalman sich ab und zu in der Freizeit trafen, sondern auch, dass in erster Linie die Frauen ein herzliches Verhältnis zueinander hatten.

»Hast du Kerstin Jonsson gesagt, dass wir unsere Bemühungen verstärken, diesen Belästigungen Einhalt zu bieten?«

»Selbstverständlich. Aber ich habe keine Details verbreitet, sie nur ermahnt, vorsichtig zu sein, und sofort von sich hören zu lassen, wenn es etwas Neues gibt. Ich habe auch mit ihrem Mann gesprochen. Er hat das Problem gut verstanden. Er scheint übrigens auch eine besonnene Person zu sein, die mit beiden Beinen auf dem Boden der Realität steht. Ich glaube, er ist eine große Stütze für sie.« »Wie schön. Soll doch am besten Maggie Larsson sie Montag besuchen.«

»Sten, ich habe das Gefühl, dass dieser Anrufer immer frecher wird, sich immer näher an seine Opfer heranwagt.«

»Das scheint so. Er meint wohl, weil es bisher so gut geklappt hat, kann er jetzt größere Risiken eingehen. Und ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass er sich früher oder später traut, direkt zuzuschlagen.«

»Dann müssen wir ihn vorher schnappen.«

»Ja, hoffen wir, dass er nach seinen ersten Erfolgen unvorsichtig wird.«

Sie beendeten das Gespräch, und Wall ging zurück ins Wohnzimmer. Das Spiel war zu Ende. Das Telefon ertönte von neuem, als er gerade im Videotext blätterte, um das Resultat zu erfahren. Mit einem Seufzer stellte er den Fernseher aus und eilte in die Küche.

Diesmal war es Margareta Andersson. Sie entschuldigte sich, nicht schon früher angerufen zu haben, und erklärte, Sverre sei erst jetzt für ein paar Partien mit den Nachbarn in die Bowlinghalle gegangen.

»Er unternimmt samstags immer etwas. Sportliches, meine ich. Bowling, Jogging, Badminton. Etwas in der Art. Er hält sich gern in Form, meint, dass er in seinem Beruf zu viel herumsitzt. Aber normalerweise geht er nicht so spät abends erst los. Meistens mitten am Tag.«

»Ich persönlich gehe samstags immer in die Sauna«, erzählte Wall, obwohl er nicht glaubte, dass diese Information für seine Gesprächspartnerin von besonders großem Interesse war.

Aber irgendwas musste er schließlich sagen.

»Ach, ja. Ich für meinen Teil mag die Sauna nicht. Fühle mich dort nicht wohl. In der Hitze kriege ich nur schlecht Luft. Jedenfalls tut es mir Leid, dass ich bei unserem letzten Gespräch so kurz angebunden war, aber Sverre hing mir fast an der Schulter, und ich wollte ihn nicht mit ekligen Details belasten. Ich meine den Details aus den Telefonaten mit diesem ...«

»Das verstehe ich nur zu gut.«

»Sverre ist nicht gerade der verständnisvollste Mann der Welt, das muss ich zugeben, auch wenn ich mit ihm verheiratet bin. Ich habe mich kaum getraut, ihm zu erzählen, was das Schwein zu mir gesagt hat, nur, dass er angerufen hat und dass es widerlich war.«

Nach kurzem Zögern sagte sie: »Ich muss Ihnen noch etwas anderes sagen.«

Der Kommissar wartete ab, wechselte nur die Hand am Hörer.

»Es ist nämlich so, dass ich eine ziemlich prüde Person bin. Vielleicht gehe ich auch deshalb nicht in eine öffentliche Sauna. Ich will mich nicht vor anderen Leuten nackt zeigen, nicht einmal vor Frauen. Und was jetzt passiert ist, das ist so schrecklich. Ich habe noch niemals so etwas Widerwärtiges erlebt, das ist ja sogar schlimmer als damals dieser Überfall der Veganer. Die habe ich ja wenigstens gesehen, auch wenn sie Masken trugen, schwarze Larven, die sie sich übers Gesicht gezogen hatten. Es war schrecklich, und dennoch ... das jetzt, das ist noch viel schlimmer. Ich weiß nicht, ob ich überhaupt Einzelheiten berichten möchte.«

»Das ist auch gar nicht nötig, in der Beziehung brauchen Sie sich wirklich keine Sorgen zu machen.«

»Aber so viel kann ich doch sagen: Er hat schreckliche Dinge gesagt. Der Kerl muss ernsthaft gestört sein. Meistens habe ich den Hörer sofort wieder aufgeschmissen, aber er hat es dennoch jedes Mal geschafft, noch etwas Kränkendes loszuwerden. Etwas ... Persönliches.«

»Das kann ich mir denken.«

»Und er hat so eine Art Technik, die dazu führt, dass ich manchmal geradezu gezwungen bin, ihm zuzuhören, wenn Sie verstehen, was ich meine.«

»Wie oft hat er angerufen?«

»Viel zu oft. Sechs, sieben, acht Mal vielleicht. Ich habe nicht mitgezählt.«

»Und Sie haben keinen Verdacht, wer es sein könnte?«

»Absolut keinen.«

»Wissen Sie, wir haben eine weibliche Beamtin bei uns im Polizeirevier. Ja, wir haben natürlich mehrere, aber ich denke da an eine, sie heißt Maggie Larsson, und mit ihr kann man sehr gut reden. Ich habe gedacht, ob sie beide, Sie und Maggie, sich nicht einmal treffen wollen, um ...«

»Aber erst, wenn Sverre weggefahren ist. Vorher nicht. Hören Sie? Er fährt am Dienstagmorgen nach Norwegen. Vorher ist es ausgeschlossen, dass ich zu einem Verhör komme.«

»Es handelt sich nicht um ein Verhör«, betonte Wall freundlich. »Betrachten Sie es lieber als ein Gespräch. Mein Gedanke war nur, dass es leichter sein kann, sich in diesem Fall einer Frau anzuvertrauen als einem Mann.«

Er machte eine Pause und interpretierte ihr Schweigen als Zustimmung.

»Und natürlich warten wir ab, bis die Gelegenheit günstig ist, bevor ...«

»Bitte missverstehen Sie mich nicht«, unterbrach sie ihn erneut. »Sverre und ich, wir leben gut zusammen, es gibt eigentlich keine größeren Probleme, aber leider braust er schnell auf und deutet Worte und Dinge falsch. Und wenn er auf die Idee kommen sollte, dass dieser widerliche Kerl und ich ...«

Jetzt war Wall an der Reihe, sie zu unterbrechen.

»Lassen Sie mich bitte etwas sehr Wichtiges festhalten. Männer wie dieser Kerl suchen sich ihre Opfer fast immer nach dem Zufallsprinzip aus, vielleicht, indem sie im Telefonbuch nachgucken, vielleicht, indem sie sich an jemanden hängen, den sie auf der Straße gesehen oder dessen Foto sie in der Lokalzeitung gefunden haben oder Ähnliches. Nur in Ausnahmefällen wählen sie jemanden, den sie in privaten Zusammenhängen getroffen haben, außer natürlich, wenn es sich um Rache irgendeiner Art handelt. Und bedenken Sie, dass wir viele Anzeigen erhalten haben, von mehreren Frauen, die nichts miteinander zu tun haben. Und keine einzige von ihnen hat auch nur die geringste Ahnung, wer es sein könnte, der sie da terrorisiert.«

»Aber Sverre hat manchmal eine so merkwürdige Phantasie. Er könnte auf die Idee kommen, dass ich, vielleicht ja ganz unbewusst, jemanden ermuntert habe.«

»Vergessen Sie’s.«

An ihrem Atem konnte er hören, dass sie nicht überzeugt war.

»Bis jetzt hat er sich mit Telefongesprächen begnügt. Wird er weiter gehen?«

»Wohl kaum.«

»Aber ausgeschlossen ist das nicht? Dass er einen Schritt weiter geht und mich angreift? Er hat Sachen in dieser Richtung angedeutet.«

»Das Risiko ist minimal.«

»Aber es besteht dennoch?«

»Ich denke, nicht«, sagte Wall und hoffte, dass er sie damit nicht in falscher Sicherheit wiegte.

Was hatte er doch zu Dalman gesagt?

Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass er sich früher oder später traut, direkt zuzuschlagen.

Aber der Kommissar hatte kein besonders schlechtes Gewissen, weil er Margareta Andersson diese Befürchtung nicht mitteilte. Was hätte es für einen Sinn, sie noch weiter zu beunruhigen? Bis jetzt war es immer noch am wahrscheinlichsten, dass der Anrufer sich mit seinem Telefonterror begnügen und nicht wagen würde, direkten Kontakt mit seinen Opfern aufzunehmen.

Trotzdem war es wichtig, ihr einzuprägen, immer auf der Hut zu sein.

»Mein Mann ist viel unterwegs«, sagte sie, nachdem sie seine warnenden Worte vernommen hatte.

»Ich weiß.«

»Was mit anderen Worten bedeutet, dass ich im Durchschnitt drei Nächte die Woche allein im Haus bin, jahrein, jahraus, nur die langen Wochenenden und den Urlaub ausgenommen.«

Wall betrachtete die Nägel seiner linken Hand, die fast bis auf das Nagelbett heruntergekaut waren. Er war seit seiner Jugend schon Nägelkauer und musste so langsam mal etwas unternehmen, diese dumme Angewohnheit loszuwerden. Direkt nach seinem fünfzigsten Geburtstag war er sogar gezwungen gewesen, deswegen zum Arzt zu gehen. Im Anschluss an seine Geburtstagsfeier hatte er so gut wie alles abgekaut, betäubt vom Festtagsschnaps, und eine ambulante Behandlung im Krankenhaus war notwendig gewesen. Zwei Spritzen, eine dennoch spürbare Operation, langwierige körperliche Schmerzen, wochenlang bandagierte Hände, unerwünschte Krankschreibung, hämische Kommentare von Freunden und Kollegen, lange Zeit nur eingeschränkte Arbeitsmöglichkeiten.

Er musste ein schmerzhaftes Dakapo vermeiden.

Nicht noch einmal. Dann schaffte er sich lieber eine Art Schutz für die Fingerspitzen an, um seine Nägel vor den Überfällen seiner Zähne zu schützen.

Das Schlimmste war, dass er seine Nägel oftmals attackierte, ohne sich dessen bewusst zu sein.

Margareta Andersson sagte: »Außerdem liegt unser Haus etwas abgelegen, ein Stück unterhalb des Parks. Der Garten ist groß und bietet viele Verstecke. Wenn er jetzt da draußen steht? Unmöglich ist das ja wohl nicht.«

Es durchzuckte Walls Bauchbereich.

»Durch seine Anrufe schlafe ich schlechter, auch wenn Sverre zu Hause ist.«

»Wir werden alles tun, um ihn zu schnappen«, sagte Wall mit Nachdruck, der aus fester innerer Überzeugung genährt wurde.

Nach dem Gespräch blieb er neben dem Telefon sitzen und dachte über die Lage der armen Frau nach. Noch bevor er aufstehen konnte, klingelte es erneut.

»Hier ist Maggie Larsson. Ich habe gehört, was passiert ist, und möchte gern helfen.«

»Wie schön. Du kannst am Montag gleich loslegen.«

»Ich habe morgen frei, da kann ich schon anfangen. Wenn du nichts dagegen hast. Ohne Überstunden anzuschreiben natürlich. Ich mache das ausschließlich aus eigenem Interesse.«

Wall hatte seine Kollegin schon immer sehr geschätzt. Ein klarer Zugewinn für die Mannschaft. Knapp dreißig, ehrgeizig wie wenige, vor Energie überschäumend, sehr gebildet. Immer neugierig, immer bereit, für ihre Meinung zu streiten. Feministin ohne Fanatismus. Vielleicht manchmal etwas naiv, aber das würde mit zunehmendem Alter schon verschwinden.

Er war nicht überrascht darüber, dass sie so ein Engagement zeigte, beschloss aber dennoch, ihren Enthusiasmus ein wenig zu dämpfen. Es war natürlich nicht in Ordnung, dass sie unbezahlt ihre Freizeit opfern wollte. So etwas verlangte niemand.

Gerade als er sie darum bitten wollte, mit ihrem Einsatz doch lieber zu warten, erklang ihre Stimme wieder. Und diesmal war er überrascht.

Überrascht und sogar leicht schockiert.

»Ich will etwas tun, weil ich weiß, wie die Frauen sich fühlen«, sagte sie. »Ich bin nämlich selbst mal von so einem Wichser verfolgt worden, und das ist schlimmer, als du dir vorstellen kannst. Zwar ist er bald wieder aus meinem Leben verschwunden, genau genommen bereits nach drei Anrufen, aber das lag wohl daran, dass ich fortgezogen bin. Nicht deswegen, das nun nicht. Ich hatte ganz einfach schon vorher geplant, mich zu verändern, und bereits alles organisiert.«

»Hast du herausgekriegt, wer es war?«

»Nein. Und ich wollte es auch gar nicht wissen. Und jetzt ist es sowieso vorbei. Ich war damals erst zweiundzwanzig oder dreiundzwanzig, aber als ich jetzt CeHas Bericht gehört habe, ist mir alles wieder eingefallen, jedes einzelne dreckige Detail. Also, du kannst mit mir rechnen, wir werden dieses Arschloch schon schnappen.«

Wall verzog den Mund, unangenehm berührt von ihrem Aufbrausen und ihrer vulgären Wortwahl.

Maggie Larsson fuhr fort: »Ich werde damit anfangen, mit allen Opfern Kontakt aufzunehmen, und wenn es nur dazu dient, ihnen Ratschläge zu geben. Das Schlimmste, was sie tun können, wenn er wieder von sich hören lässt, ist, den Kopf zu verlieren, loszuschreien, zu heulen und ihre Verzweiflung zu zeigen. Am besten zeigen sie ihm die kalte Schulter, tun so, als würde der Dreck sie gar nicht berühren.«

»Klingt gut, aber warte bitte mit einer der Frauen, ja? Sie heißt Margareta Andersson.«

»Warum?«

»Weil sie Angst vor ihrem Mann hat. Sie hat sich bis jetzt nicht getraut, ihm alles zu erzählen.«

»Warum müssen wir Frauen immer so einen Schiss haben? Und das sogar bei uns zu Hause? Wie lange wollen wir uns noch bieten lassen, dass Patriarchen herrschen und uns unterdrücken? Aber gut, dann gehe ich erst später zu ihr.« »Sie meldet sich am Dienstag. Und es kann andere geben, die ähnliche Probleme haben, es ist also am besten, wenn du behutsam vorgehst.«

»Genau, wie ich geplant habe«, sagte Maggie und erklärte ihm die übrigen Teile der Strategie, die sie anzuwenden gedachte, um dem obszönen Anrufer auf die Spur zu kommen.

Bevor es Zeit für das nächste Gespräch war, schaffte Wall es gerade eben, zur Toilette zu huschen und sich dort eines Teils des nachmittäglichen Kaffees zu entledigen.

Maggie Larsson, welche Perle, dachte er, während er sich die Hände wusch. Nicht genug damit, dass sie eine ausgezeichnete Polizistin ist, jetzt hat sie sogar noch persönliche Erfahrung mit solchen Dingen, da kann sie ja fast als eine Art Therapeutin für die Betroffenen auftreten.

Das Telefon klingelte.

Diesmal war es Ethel Boström, die wissen wollte, ob er Kontakt mit Margareta Andersson aufgenommen hatte.

»O ja«, sagte Wall und erzählte in groben Zügen, was geschehen war, seit er und Ethel miteinander gesprochen hatten.

»Du bist ein Engel«, zwitscherte sie, als er seinen Rapport beendet hatte. »Danke, dass du dich darum kümmerst. Maggans Nerven ...«

»Ist doch nicht der Rede wert«, sagte er und fühlte sich etwas peinlich berührt.

»Dann können wir endlich dazu übergehen, den Samstagabend zu genießen, du wie ich, nicht wahr? Aber, Sten?«

»Hm.«

»Du erwähnst doch Helge gegenüber nichts?«

»Wovon?«

»Davon, dass Margareta und ich planen, im Herbst zu verreisen. Es ist eigentlich nicht schlimm, wenn Helge es erfährt. Eigentlich ganz im Gegenteil. Ich glaube sogar, es wird ihn freuen, dass ich so etwas plane, denn dann hört er mein Genörgel deswegen nicht mehr. Ich fürchte nur, dass es auf Umwegen auch zu Maggans Mann Sverre dringen kann, und dann kann alles schief gehen. Sie muss ihm das selbst beibringen, und zwar ganz vorsichtig. Dann lässt er sie vielleicht fahren, besonders, wenn ich sie dann letztendlich unterstütze. Ich glaube nämlich, er hat einen gewissen Respekt vor mir. Sei deshalb so gut und sag Helge nichts davon.«

Wall musste lachen.

»Für wen hältst du mich denn, Ethel? Ich werde schweigen wie ein Grab.«

»Das wusste ich ja. Fühl dich von mir in den Arm genommen. Und schlaf gut.«

»Noch nicht«, sagte Wall, der beschlossen hatte, den Samstag mit ein paar Gläsern Bier im Pub am östlichen Kanal abzuschließen, vielleicht inspiriert durch die überwältigende weibliche Pracht, mit der er zumindest telefonisch die letzte Stunde konfrontiert gewesen war. Er hatte das Gefühl, etwas Leckeres zu brauchen.

Ein kalter Wind wehte, als er sich zu einem seiner Lieblingslokale aufmachte, und als er sich zwei Stunden und vier Pints später auf den Rückweg zu seiner Wohnung in der Bergsgatan aufmachte, war es richtig ungemütlich und fast herbstlich dunkel.

Den Sonntag ließ er ruhig angehen. Wappnete sich für die Arbeitswoche, die vor ihm lag. Er schlief ungewöhnlich lange, wachte mit trockener Kehle auf, aber ohne jedes Anzeichen eines Katers (vier große Gläser Starkbier waren inzwischen wohl die Grenze dessen, was er ohne brennende Nachwirkungen vertrug).

Frühstück mit Kaffee, Käsebrot, Grapefruit. Ein mittellanger Spaziergang am Vormittag, der mit einem Essen im Baron, seinem Stammlokal, endete (Sauerbraten, Salzkartoffeln, Sahnesoße, Gelee, Gurken) und dem Einkauf zweier Abendzeitungen. Ein Nickerchen gegen drei Uhr mit einem halb gelösten Kreuzworträtsel über der Nase. Eine etwas längere Runde gegen Abend hin (nach reiflicher Überlegung entschied er sich für Route Nummer 2 – er selbst hatte die verschiedenen Strecken durch die Stadt und ihre nächste Umgebung nummeriert, war aber klug genug, dieses etwas kindliche Unternehmen für sich zu behalten). Zwei Fernsehsendungen am Abend. Eine Tasse Tee. Drei Zwieback ohne Belag. Ziemlich frühzeitiges Ins-Bett-Gehen.

Insgesamt ein schöner Sonntag, einer von den besseren der letzten Zeit.

— Zehntes Kapitel

Sten Wall hatte sich gerade in seinem Dienstzimmer eingerichtet, bereit für eine übervolle Arbeitswoche, als das Telefon klingelte.

Die Zentrale teilte mit, dass eine Dame ihn sprechen wolle.

»Sie ist hier bei mir im Empfang. Es geht um eine Vermisstenmeldung.«

»Da soll sich jemand anders drum kümmern.«

»Im Augenblick ist keiner frei. Außerdem wollte sie mit jemandem in leitender Position sprechen.«

»Dann schick sie zu mir rauf.«

Mit einer ziemlich piepsigen Stimme stellte die Frau sich als Elisabeth Wohlin vor. Wall wusste sofort, wer das war. Er hatte sie ab und zu einmal in der Stadt gesehen und fand, sie hätte etwas von Ethel Boström an sich: etwas Schönes, Spannendes, aber in etwas ausuferndem Format – die Ähnlichkeit mit der Frau des Distriktleiters hatte dazu geführt, dass er auf sie aufmerksam geworden war.

Jetzt, als er zum ersten Mal direkt mit ihr zusammentraf, stellte er jedoch fest, dass sie Ethel eigentlich nur in einem Punkt ähnelte: was das Gewicht betraf. Ihr fehlten Ethels warme Ausstrahlung und deren reine Züge, aber dennoch war sie ziemlich attraktiv und anziehend, mit ihren blonden Haarlocken, die ihr auf die linke Schulter herunterfielen.

Sie trug einen Hosenanzug, und das mit Stil.

Als sie sich auf den angebotenen Platz setzte, schlug ihm ihr Parfüm entgegen, ein schwerer, sinnlicher Duft; Wall gefiel er nicht.

»Es geht um meinen Mann«, sagte sie, »Hadar Wohlin.« Wall durchkämmte sein Gedächtnis. Er konnte den Namen nirgends unterbringen, trotz seiner guten Lokalkenntnisse. Er hatte ja auch nicht gewusst, wie Elisabeth Wohlin hieß, hatte sie nur vom Sehen gekannt. Offensichtlich hielt sich dieser Hadar Wohlin aus dem öffentlichen Leben der Stadt heraus, hatte sich entschieden, außerhalb des Rampenlichts zu leben.

»Aha. Und?«

»Er ist verschwunden.«

»Seit wann?«

»Seit Samstagabend.«

»Er ist seit anderthalb Tagen weg?«, platzte der Kommissar überrascht heraus.

»Ich habe ihn nicht mehr gesehen seit ... ja, das muss so gegen sieben am Samstag gewesen sein. Vielleicht auch etwas später, so gegen halb acht.«

»Und dann lassen Sie erst jetzt von sich hören?«, stellte Wall fest und hoffte, dass der vorwurfsvolle Ton nicht zu überhören war.

Elisabeth Wohlin schob sich mit einer schnellen Handbewegung die Haare nach hinten. Einen Augenblick lang sah Wall einen langen Ohrring mit Facettenschliff funkeln. Wahrscheinlich brach sich die Deckenbeleuchtung darin. »Hören Sie mir bitte zu. Hadar und ich sind seit fast dreißig Jahren verheiratet, aber wir halten beide nicht besonders viel von Konventionen. Wir haben zum Beispiel nicht einmal unsere Silberhochzeit gefeiert. Wir fanden halt, dass es da nicht so recht etwas zu feiern gab. Auf jeden Fall führen wir uns nicht gegenseitig am Gängelband. Wir leben unser eigenes Leben. Wir sind uns gegenseitig keine Rechenschaft schuldig, müssen uns nicht erzählen, was wir jede Minute unternehmen.«

Wall spürte eine leichte Irritation. Die Frau ihm gegenüber war für seinen Geschmack zu kühl, zu manieriert. Außerdem mochte er ihr Parfüm nicht. Es nahm ihm fast den Atem. Er freute sich schon darauf, das Fenster weit aufzureißen und zu lüften, sobald sie das Zimmer verlassen haben würde.

Er überlegte, was sie wohl meinte mit »unser eigenes Leben«, begriff aber bald, worum es dabei ging.

»Ist es schon früher vorgekommen, dass er die Nacht über fort war, ohne irgendwelche Vorwarnung?«

Sie lachte leise auf und zeigte dabei eine etwas schiefe obere Zahnreihe.

»O ja, oft. Wie ich gerade gesagt habe, wir sind für uns selbst verantwortlich. Wir haben beide die Fünfzig erreicht und brauchen keinen Vormund. Und kommen Sie mir bloß nicht mit Vorwürfen.«

»Dann muss ich Sie fragen, warum Sie überhaupt hier sind. Wenn es schon früher vorgekommen ist, dass Ihr Mann für längere Zeit fort war, dann brauchen Sie doch nur darauf zu warten, dass er zurückkommt, oder? Er lässt bestimmt irgendwann von sich hören.«

Etwas blitzte in ihren hellbraunen Augen auf. Sie warf ihre Haare wieder nach hinten und meinte:

»Diesmal ist es anders.«

»Inwiefern?«

»Hadar kommt immer am nächsten Tag zurück. Wenn er über Nacht fort war, meine ich. Aber gestern ist er bis zum Abend nicht aufgetaucht. Er ist überhaupt nicht aufgetaucht. Und ich mache mir jetzt tatsächlich Sorgen, ob ihm nicht etwas zugestoßen sein könnte.«

Sie scheint nicht gerade der ängstliche Typ zu sein, dachte Wall, der diese Frau und ihr Parfüm herzlich leid war. Er hoffte, sie würde sich bald wieder davonmachen und ihm somit weitere Einblicke in die ehelichen Nichtigkeiten und Amouren der Herrschaften Wohlin ersparen.

Er sah in der Angelegenheit nur eine banale Affäre, eine von der Sorte, die man besser unter sich regeln sollte. Sicher war der Kerl ihrer überdrüssig geworden und hatte sich das Wochenende mit einem Seitensprung verschönt. Er kam bestimmt nach Hause, wenn er hungrig war.

Sten Wall konnte keinen Anlass für ein Eingreifen der Polizei erkennen. Elisabeth Wohlin hatte ja selbst klipp und klar gesagt, dass sie und ihr Mann jeweils ihr eigenes Leben führten, frei von Verpflichtungen dem anderen gegenüber.

Der Form halber versuchte er ein wenig Interesse zu zeigen.

»Und Sie haben nicht überlegt, uns schon gestern Abend anzurufen? Das wäre doch eigentlich logisch gewesen, oder?«

»Tatsache ist, dass ich davon ausgegangen bin, dass er noch eine Nacht länger wegbleiben wollte«, sagte sie.

»Aber Sie haben doch gerade gesagt, dass er bisher immer nur eine Nacht fortgeblieben ist?«

»Das stimmt auch an und für sich, aber ich dachte, er hätte vielleicht seine Gewohnheiten geändert. Hätte mehr Appetit entwickelt, sozusagen. Nun ja. Aber als er auch heute Morgen nicht auftauchte, hatte ich langsam das Gefühl, dass da etwas nicht stimmt. Und deshalb bin ich jetzt hier.«

Sie lachte.

Sten Wall fragte: »Und Sie haben keine Ahnung, wo er sich befinden kann?«

»Nicht die geringste.«

»Ich möchte ja nicht indiskret sein, aber wissen Sie zufällig, ob er eine Geliebte hat?«

»Natürlich hat er die, doch ich weiß nicht, wer sie ist. Aber auf jeden Fall war er bei ihr.«

»Ihr Mann hat also eine Beziehung neben der Ehe, aber das scheint Sie nicht weiter zu bekümmern?«

»Nicht im Geringsten.«

»Haben Sie es schon an seinem Arbeitsplatz versucht?«

»Natürlich. Da ist er nicht. Und deshalb mache ich mir ja jetzt Sorgen. Denn seine Arbeit hat er bisher noch nie versäumt.«

»Was ist Ihr Mann von Beruf?«

»Er ist Ingenieur«, sagte sie und nannte den Namen der Firma, in der ihr Ehemann arbeitete.

»Sollen wir eine Suchmeldung herausschicken?«

»Können wir nicht noch ein bisschen abwarten?«

»Das entscheiden Sie.«

»Dann warten wir noch.«

»Wie Sie wollen. Haben Sie schon im Krankenhaus nachgefragt?«

»Selbstverständlich. Dort ist er nicht.«

Elisabeth Wohlin zupfte eine Weile an ihrem Haar, dann fuhr sie fort: »Ich denke ja immer noch, dass alles wieder in Ordnung kommen wird, dass es für alles eine logische Erklärung gibt.«

»Lassen Sie uns das hoffen.«

»Ich hoffe auch, dass er möglichst bald wieder zurückkommt. Wir haben zwei Söhne, beide verheiratet, und ich weiß nicht, wie ich ihnen erklären soll, wenn ihr Vater nicht wieder auftaucht.«

Aha, das ist also das Problem, dachte Wall.

Das Gespräch ging noch einige Minuten weiter, bis Elisabeth Wohlin dann aufbrach.

»Wenn sich etwas tut, lasse ich natürlich sofort von mir hören. Und Sie können mich unter dieser Nummer zu jeder Tages- und Nachtzeit erreichen. Ich habe mir von der Schule freigenommen. Ich habe wohl erzählt, dass ich in der Oberstufe der Lindschule arbeite? Ach, nicht? Ich unterrichte Schwedisch, Englisch und Religion, aber ich habe das Gefühl, ich muss einfach zu Hause bleiben. Ich will ... ja, falls etwas ...«

Sie hinterließ ihre Telefonnummer, zeigte ein kühles Lächeln und verließ hoch aufgerichtet das Zimmer, gemeinsam mit dem klebrig schweren, unangenehmen Parfümduft.

Wall öffnete das Fenster und schaute hinaus. Eine Dunstglocke lag über der Stadt.

Er war überzeugt davon, dass Hadar Wohlin noch im Laufe des Tages zur Toleranz und phantastischen Oberweite seiner Ehefrau zurückkehren würde, ausgetobt wie ein Lachs und ohne nennenswertes schlechtes Gewissen nach einem Schäferstündchen, das offenbar deutlich länger ausgefallen war, als er zunächst geplant hatte.

Mehr Dramatik war nicht zu erwarten. Ein Mann schlug nach drei Jahrzehnten Ehe über die Stränge und fand seine neue Leidenschaft so erregend, dass er sich entschloss, die Eskapaden einer Nacht in einer zweiten zu wiederholen. Trivialer ging es gar nicht. Diese Aufgabe konnte er gleich ad acta legen.

Kurz darauf erfuhr er, dass eine Laila Axelsson am Sonntagabend als vermisst gemeldet worden war. Die Anzeige war von Terje Andersson entgegengenommen worden, der Wochenenddienst gehabt hatte.

Sofort roch Wall Lunte. Das, worüber er gerade die Achseln gezuckt, was er als banales außereheliches Abenteuer abgetan hatte, konnte eine tiefere – und gefährlichere – Ursache haben.

Eine verschwundene Person – das war noch kein Grund zur Beunruhigung.

Zwei verschwundene dagegen – da sah die Sache schon anders aus.

Sten Wall wurde von bösen Vorahnungen befallen.

Und das Wohlbefinden vom Wochenende war im Handumdrehen wie weggeblasen.

Wall las den Bericht durch: Jasmin Nagy, 34-jährige Mutter zweier Kinder, verheiratet mit einem Josef Nagy, wohnhaft in Norr Målarstrand in Stockholm, war am Sonntagabend bei ihrer Schwester Laila Axelsson eingetroffen, wohnhaft Knutsgatan 38 hier in der Stadt, um sie für einige Tage zu besuchen.

Jasmin war genau zur verabredeten Zeit aufgetaucht und hatte erwartet, dass ihre Schwester sie mit einer Mahlzeit empfangen würde, so wie besprochen. Aber niemand antwortete auf ihr Klingeln. Sie benutzte ihren eigenen Schlüssel und kam in eine leere, dunkle und – wie erwartet – ungeputzte Wohnung.

Keine Schwester. Kein Essen.

Es gab nicht einmal eine Nachricht für sie.

Laila Axelsson war ganz einfach fort.

Umgehend rief Jasmin Nagy im Krankenhaus an. Zu ihrer großen Erleichterung erfuhr sie dort, dass es keine Patientin mit Namen Laila Axelsson gab. Auch war keine nicht identifizierte Frau im Laufe des letzten Tages eingeliefert worden. Jasmin beschloss deshalb, einfach eine Weile abzuwarten, und vertrieb sich die Zeit mit Fernsehen. Sie hoffte, Laila hätte sich aus irgendeinem unvorhergesehenen Grund verspätet und keine Möglichkeit gehabt, ihr telefonisch Bescheid zu sagen.

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Yaş sınırı:
0+
Hacim:
340 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9788726445060
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
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