Kitabı oku: «Gedanken über die Religion und einige andere Themen»

Yazı tipi:

Blaise Pascal

Gedanken über die Religion und einige andere Themen

Herausgegeben von Jean-Robert Armogathe

Aus dem Französischen übersetzt von Ulrich Kunzmann

Reclam

Originaltitel: Pensées sur la Religion et sur quelques autres sujets

1987, 2021 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Durchgesehene und aktualisierte Ausgabe

Covergestaltung: Cornelia Feyll, Friedrich Forssman

Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Made in Germany 2021

RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

ISBN 978-3-15-961945-3

ISBN der Buchausgabe 978-3-15-014227-1

www.reclam.de

Inhalt

  Gedanken Abteilung I Abteilung II Abteilung III Abteilung IV Pascal zugeschriebene Äußerungen

  Zur dieser Ausgabe

  Konkordanz

 AnmerkungenAbteilung IAbteilung IIAbteilung IIIAbteilung IV

  Nachwort Verzeichnis der Aktenbündel, die in den Abschriften mit Titeln versehen sind


Titelblatt der 1669 erschienenen Vorausausgabe der Pensées, von der nur zwei Exemplare bekannt sind

[7]Gedanken

[9]Abteilung I

Eingeordnete Papiere

1 Ordnung

1/596 Die Psalmen werden von der ganzen Erde gesungen.

Wer gibt Zeugnis von Mohammed? Er selbst.

Jesus Christus will, dass sein eigenes Zeugnis nichts gelte.

Ihre Eigenschaft als Zeugen bewirkt, dass sie stets überall und auch elend sein müssen. Er ist allein.

2/227 Ordnung in Dialogform.

Was soll ich tun? Ich sehe überall nur Dunkelheit. Soll ich glauben, dass ich nichts bin? Soll ich glauben, dass ich Gott bin?

3/227 und 244 Alle Dinge wandeln sich und folgen aufeinander.

Ihr täuscht Euch, es gibt …

Wie denn, sagt Ihr nicht selbst, dass der Himmel und die Vögel Gott beweisen? Nein. Und sagt es nicht Eure Religion? Nein. Denn obgleich das in gewissem Sinne für einige Seelen wahr ist, denen Gott diese Erleuchtung eingab, ist das im Hinblick auf die meisten dennoch falsch.

4/184 Brief, der dazu bewegen soll, Gott zu suchen.

Und ihn dann bei den Philosophen, Pyrrhonikern und Dogmatisten suchen lassen, die denjenigen quälen werden, der ihn sucht.

[10]5/247 Ordnung.

Ein Ermahnungsbrief an einen Freund, um ihn zur Suche zu bewegen. Und er wird antworten: Aber, was mag es mir nützen, dass ich suche, nichts wird offenbar. Und ihm erwidern: Verzweifelt nicht. Und er würde antworten, dass er glücklich wäre, wenn er irgendeine Erleuchtung fände. Aber wenn er, gerade dieser Religion selbst zufolge, solcherart glaubte, würde ihm das nichts helfen. Und dass er es deshalb vorziehe, überhaupt nicht zu suchen. Und ihm darauf erwidern: die Maschine.

6/60 (1.) Teil. Elend des Menschen ohne Gott.

(2.) Teil. Glückseligkeit des Menschen mit Gott.

In anderer Form

(1.) Teil. Dass die Natur verderbt ist, anhand der Natur selbst.

(2.) Teil. Dass es einen Versöhner gibt, anhand der Heiligen Schrift.

7/248 Brief, der die Nützlichkeit der Beweise angibt. Anhand der Maschine.

Der Glaube unterscheidet sich vom Beweis. Der eine ist menschlich, und der andere ist eine Gottesgabe. Justus ex fide vivit. (»Der Gerechte wird seines Glaubens leben.« Röm 1,17.) Diesen Glauben flößt Gott selbst dem Herzen ein, dessen Werkzeug oft der Beweis ist, fides ex auditu (»der Glaube aus der Predigt«, Röm 10,17), dieser Glaube aber wohnt im Herzen und lässt nicht sagen: scio (»ich weiß«), sondern: Credo (»ich glaube«).

[11]8/602 Ordnung.

Prüfen, was es in der gesamten Lage der Juden an Klarem und Unbestreitbarem gibt.

9/291 Im Brief über die Ungerechtigkeit kann vorkommen:

die spaßhafte Geschichte von den Erstgeborenen, die alles haben. Mein Freund, Ihr seid diesseits des Gebirges geboren, also ist es gerecht, dass Euer ältester Bruder alles haben soll.

Warum tötet Ihr mich?

10/167 Das mannigfaltige Elend des menschlichen Lebens hat all dies begründet. Da man dies erkannt hat, hat man sich für die Zerstreuung entschieden.

11/246 Ordnung. Nach dem Brief, dass man Gott suchen muss, den Brief über das Beseitigen der Hindernisse schreiben, der die Abhandlung über die Maschine ist, wie man die Maschine vorbereitet, wie man mit der Vernunft sucht.

12/187 Ordnung.

Die Menschen schätzen die Religion gering. Sie hassen sie und fürchten, dass sie wahr sei. Um dafür Abhilfe zu schaffen, muss man zunächst zeigen, dass die Religion keineswegs der Vernunft widerspricht. Sie verehrungswürdig machen, ihr Achtung verschaffen.

Sie hierauf liebenswert machen, den Guten den Wunsch eingeben, dass sie wahr sein möge, und danach zeigen, dass sie wahr ist.

Verehrungswürdig, weil sie den Menschen gut erkannt hat.

Liebenswert, weil sie das wahre Glück verheißt.

[12]2 Eitelkeit

13/133 Zwei ähnliche Gesichter, von denen keines für sich allein lächerlich wirkt, reizen gemeinsam durch ihre Ähnlichkeit zum Lachen.

14/338 Die wahren Christen fügen sich dennoch den Torheiten, nicht weil sie Achtung vor den Torheiten haben, sondern weil sie Achtung vor Gottes Ordnung haben, der die Menschen diesen Torheiten unterworfen hat, um sie zu bestrafen. Omnis creatura subjecta est vanitati, liberabitur. (»Sintemal die Kreatur unterworfen ist der Eitelkeit […], wird [sie] frei werden«, Röm 8,20 f.) So erklärt der heilige Thomas die Stelle bei Jakobus, wo es um die Bevorzugung der Reichen geht, dass, wenn sie nicht in Hinblick auf Gott so handeln, sie die Ordnung der Religion verlassen.

15/410 Perseus, König von Makedonien. Aemilius Paullus.

Man warf Perseus vor, dass er sich nicht das Leben nahm.

16/161 Eitelkeit.

Dass etwas so Augenfälliges wie die Eitelkeit der Welt so wenig bekannt ist, dass es seltsam und überraschend ist, wenn man sagt, es sei dumm, nach Größe zu streben. Das ist erstaunlich.

17/113 Unbeständigkeit und Absonderlichkeit.

Allein von seiner Arbeit zu leben und über den mächtigsten Staat der Welt zu herrschen sind sehr gegensätzliche Dinge. Sie sind in der Person des Großherrn der Türken vereint.

[13]18/955 (751.) Eine Kapuzenspitze bringt 25 000 Mönche in Aufruhr.

19/318 Er hat vier Lakaien.

20/292 Er wohnt jenseits des Wassers.

21/381 Wenn man zu jung ist, urteilt man nicht gut, ebenso, wenn man zu alt ist.

Wenn man nicht genug daran denkt, wenn man zu sehr daran denkt, so versteift man sich auf seine Ansicht und lässt sich ganz davon einnehmen.

Wenn man sein Werk betrachtet, gleich nachdem man es vollendet hat, ist man noch ganz davon ergriffen, wenn man es zu lange danach tut, erfasst man es nicht mehr.

Wie bei den Bildern, die man aus zu großer oder zu kleiner Entfernung betrachtet. Und es gibt nur einen unteilbaren Punkt, der die richtige Stelle ist.

Die übrigen sind zu nahe, zu fern, zu hoch oder zu niedrig. Die Perspektive bestimmt ihn in der Malkunst, wer aber bestimmt ihn bei der Wahrheit und bei der Moral?

22/367 Die Macht der Fliegen, sie gewinnen Schlachten, sie verwehren unserer Seele, tätig zu sein, sie fressen unseren Leib.

23/67 Eitelkeit der Wissenschaften.

Die Wissenschaft von den äußerlichen Dingen wird mich in der Zeit der Bedrängnis nicht über die Unkenntnis der Moral hinwegtrösten, die Wissenschaft von den Sitten [14]indes wird mich stets über die Unkenntnis der äußerlichen Wissenschaften hinwegtrösten.

24/127 Lage des Menschen.

Unbeständigkeit, Langeweile, Ruhelosigkeit.

25/308 Die Gewohnheit, dass man die Könige in der Begleitung von Wachen, Trommlern, Staatsbeamten und zusammen mit allen Dingen sieht, welche die Welt zu Achtung und Schrecken nötigen, bewirkt, dass ihre Gestalt, wenn sie sich zuweilen allein und ohne ihre Begleitung zeigt, Achtung und Schrecken bei ihren Untertanen erregt, denn im Gedanken trennt man ihre Personen nicht von ihrem Gefolge, das man im Allgemeinen zusammen mit ihnen sieht. Und die Welt, die nicht weiß, dass diese Wirkung aus dieser Gewohnheit herrührt, glaubt, sie käme von einer natürlichen Kraft. Und daher kommen diese Worte: Das göttliche Wesen ist seinem Angesicht eingeprägt usw.

26/330 Die Macht der Könige beruht auf der Vernunft und der Narrheit des Volkes, und zwar weitaus mehr auf der Narrheit. Die größte und wichtigste Sache der Welt hat die Schwäche zur Grundlage. Und diese Grundlage ist bewundernswert sicher, denn nichts ist sicherer, als dass das Volk schwach bleiben wird. Was auf die gesunde Vernunft gegründet ist, hat sehr schlechte Grundlagen, wie etwa das Ansehen der Weisheit.

27/354 Der Natur des Menschen entspricht es nicht, immer in eine Richtung zu gehen; sie hat ihr Kommen und Gehen.

Das Fieber hat seine Schauer und seine Glut. Und die [15]Kälte zeigt ebenso gut die Größe der Fieberglut wie die Hitze selbst.

Gleichermaßen setzen sich die Erfindungen der Menschen von Jahrhundert zu Jahrhundert fort, ebenso gilt das im Allgemeinen für die Güte und die Bosheit der Welt.

Plerumque gratae principibus vices. (»Oft gefallen die Abwechslungen den Vornehmen.« Horaz, Oden III,29.)

28/436 Schwäche.

Alle Beschäftigungen der Menschen sind darauf gerichtet, ein gutes Vermögen zu haben, und sie können doch keine Urkunde vorlegen, mit der sich beweisen ließe, dass sie es von Rechts wegen besitzen, denn sie haben dafür nur die menschliche Phantasie und keine Macht, um es sicher zu besitzen.

Ebenso verhält es sich bei der Wissenschaft. Denn die Krankheit hebt sie auf.

Wir sind ebenso unfähig zur Wahrheit wie zum Besitz.

29/156 Ferox gens nullam esse vitam sine armis rati. (»Ein wildes Volk, das glaubt, ohne Krieg sei’s nicht der Mühe wert zu leben.« Livius XXXIV,17.)

Sie lieben den Tod mehr als den Frieden, die anderen lieben den Tod mehr als den Krieg.

Jede Meinung kann dem Leben vorgezogen werden, das man so stark und so natürlich zu lieben scheint.

30/320 Man wählt, um ein Schiff zu steuern, nicht denjenigen von den Reisenden aus, der dem vornehmsten Geschlecht entstammt.

[16]31/149 In den Städten, die man als Durchreisender betritt, kümmert man sich nicht darum, geachtet zu werden. Doch wenn man dort einige Zeit bleiben muss, kümmert man sich darum. Wie viel Zeit ist nötig? Eine Zeit, die im Verhältnis zu unserer nichtigen und erbärmlichen Lebensdauer steht.

32/317a Eitelkeit.

Die Ehrfurchtsbezeigungen bedeuten: Nehmt Unbequemlichkeiten auf euch.

33/374 Was mich am meisten erstaunt, ist, zu sehen, dass niemand über seine eigene Schwäche erstaunt ist. Man handelt in vollem Ernst, und jeder richtet sich nach seiner Stellung, nicht etwa, weil es, da es der Mode entspricht, tatsächlich gut wäre, sich nach ihr zu richten, sondern, als wüsste jeder mit Gewissheit, wo Vernunft und Gerechtigkeit sind. Man sieht sich zu jeder Stunde getäuscht, und in lächerlicher Demut glaubt man, dass man selbst schuld hat und nicht die Kunst, deren Beherrschung man sich stets rühmt. Doch ist es zum Ruhm des Pyrrhonismus gut, dass es in der Welt so viele jener Leute gibt, die keine Pyrrhoniker sind, damit sich zeigen lässt, dass der Mensch die überspanntesten Meinungen leicht annehmen kann, da er ja fähig ist zu glauben, er sei nicht im Zustand dieser natürlichen und unvermeidlichen Schwäche, und auch zu glauben, er sei stattdessen im Zustand der natürlichen Weisheit.

Nichts stärkt den Pyrrhonismus mehr, als dass es Menschen gibt, die keine Pyrrhoniker sind. Wenn alle es wären, hätten sie unrecht.

[17]34/376 Diese Schule wird mehr durch ihre Feinde als durch ihre Freunde gestärkt, denn die Schwäche des Menschen zeigt sich viel deutlicher bei jenen, die sie nicht erkennen, als bei jenen, die sie erkennen.

35/117 Schuhabsatz.

Oh, wie gut das ausgeführt ist! Ist das ein geschickter Arbeiter! Ist dieser Soldat kühn! Darin liegt die Quelle unserer Neigungen und der Wahl der Stellungen. Dass jener reichlich trinke, dass jener andere wenig trinke: Das eben macht die Leute enthaltsam und trunksüchtig, zu Soldaten, Feiglingen usw.

36/164 Wer die Eitelkeit der Welt nicht sieht, ist selbst sehr eitel. Und wer sieht sie auch nicht, außer jungen Leuten, die alle mit dem lärmenden Treiben, den Zerstreuungen und den Gedanken an die Zukunft beschäftigt sind.

Nehmt ihnen jedoch die Zerstreuungen, so werdet ihr sehen, wie sie vor Langeweile vergehen. Dann fühlen sie ihre Nichtigkeit, ohne sie zu erkennen, denn es heißt wohl unglücklich sein, wenn man einer unerträglichen Traurigkeit ausgeliefert ist, sobald man gezwungen wird, sich selbst zu betrachten, und nicht durch Zerstreuungen davon abgelenkt wird.

37/158 Berufe.

Ruhm bereitet so großen Genuss, dass man ihn liebt, mit welcher Sache man ihn auch immer verbindet, und sei es selbst mit dem Tod.

[18]38/71 Zu viel und zu wenig Wein.

Gebt ihm nichts davon: Er kann die Wahrheit nicht finden.

Gebt ihm zu viel davon: das Gleiche.

39/141 Die Menschen beschäftigen sich damit, einem Ball und einem Hasen nachzujagen: Das ist selbst das Vergnügen der Könige.

40/134 Welch eine Eitelkeit ist doch die Malerei, die Bewunderung erregt, weil sie die Dinge so ähnlich darstellt, deren natürliche Urbilder man keineswegs bewundert!

41/69 Wenn man zu schnell oder zu langsam liest, versteht man nichts.

42/207 Wie viele Königreiche wissen nichts von uns!

43/136 Wenig tröstet uns, weil wenig uns betrübt.

44/82 Einbildung.

Dieser beherrschende Bestandteil des Menschen, diese Gebieterin über Irrtum und Falschheit – und sie ist noch weitaus trügerischer, da sie dies nicht immer ist, denn sie wäre ja eine unfehlbare Richtschnur der Wahrheit, wenn sie es unfehlbar für die Lüge wäre. Und doch –

Obwohl sie zumeist lügenhaft ist, gibt sie kein Anzeichen ihrer Beschaffenheit zu erkennen und verleiht dem Wahren und dem Falschen das gleiche Gepräge. Ich spreche nicht von den Narren, ich spreche von den Weisesten, und gerade bei ihnen hat die Einbildung das gewaltige Recht, [19]die Menschen zu überzeugen. Die Vernunft mag noch so laut rufen, sie kann den Wert der Dinge nicht bestimmen.

Diese stolze, der Vernunft feindliche Macht, die sich darin gefällt, sie zu überwachen und zu beherrschen, um so zu zeigen, wie viel sie in allen Dingen vermag, hat im Menschen eine zweite Natur begründet. Sie hat ihre Glücklichen und ihre Unglücklichen, ihre Gesunden und ihre Kranken, ihre Reichen und ihre Armen. Sie lässt glauben, zweifeln, die Vernunft leugnen. Sie setzt die Sinne außer Kraft, sie macht sie wahrnehmbar. Sie hat ihre Narren und ihre Weisen. Und nichts bekümmert uns mehr, als zu sehen, dass sie diejenigen, die sie beherbergen, mit weitaus vollständigerer und uneingeschränkterer Zufriedenheit als die Vernunft erfüllt. Die Menschen, die sich in ihrer Einbildung für klug halten, gefallen sich selbst viel mehr, als die Besonnenen sich vernünftigerweise gefallen können. Sie sehen die Leute mit Herrscherstolz an, sie streiten kühn und zuversichtlich – die anderen furchtsam und unsicher –, und dieser heitere Gesichtsausdruck gibt ihnen in der Meinung der Hörer oft die Überlegenheit, in so großer Gunst stehen die eingebildeten Weisen bei wesensgleichen Richtern. Sie kann die Narren nicht weise machen, doch sie macht sie glücklich, im Wettstreit mit der Vernunft, die ihre Freunde nur elend machen kann, und so überhäuft die eine sie mit Ruhm, die andere mit Schande.

Wer gewährt Ansehen, wer verschafft den Menschen, den Werken, den Gesetzen, den Großen Achtung und Verehrung, wenn nicht dieses Einbildungsvermögen. Alle Schätze der Erde (sind) ohne ihre Billigung unzureichend. Würdet ihr nicht sagen, dass dieser hohe Staatsbeamte, dessen ehrfürchtiges Alter einem ganzen Volk Achtung [20]abverlangt, sich von einer reinen und erhabenen Vernunft leiten lässt und dass er die Dinge nach ihrem Wesen beurteilt, ohne sich bei jenen eitlen Umständen aufzuhalten, die nur die Einbildung der Schwachen berühren? Seht ihn, wie er zu einer Predigt geht, wo er einen ganz hingebungsvollen Eifer an den Tag legt, indem er die Sicherheit seiner Vernunft durch die Inbrunst seiner christlichen Liebe bestärkt; so ist er nun bereit, die Predigt mit beispielhafter Hochachtung anzuhören. Wenn der Prediger erscheinen sollte und die Natur ihm eine heisere Stimme und einen seltsamen Gesichtsschnitt gegeben (hat), wenn etwa sein Barbier ihn schlecht rasiert und er sich noch dazu durch einen Zufall beschmutzt hat, so mag er noch so große Wahrheiten verkünden, ich wette, unser Senator verliert seine ernsthafte Haltung.

Bei dem größten Philosophen der Welt, der auf einem Brett steht, das breiter als notwendig ist, wird, wenn unter ihm ein Abgrund liegt, obgleich seine Vernunft ihn von seiner Sicherheit überzeugt, seine Einbildungskraft die Oberhand gewinnen. Manche könnten nicht den Gedanken daran ertragen, ohne zu erbleichen und zu schwitzen.

Ich will nicht alle ihre Wirkungen aufführen; wer weiß nicht, dass der Anblick von Katzen oder Ratten, das Zerschlagen eines Kohlestücks usw. die Vernunft aus den Angeln heben. Der Ton einer Stimme imponiert den Weisesten und verändert die Wirkung einer Ansprache und eines Gedichtes.

Zuneigung oder Hass verändern das Recht grundsätzlich, und wie viel gerechter findet ein im Voraus gut bezahlter Advokat die Sache, die er vor Gericht vertritt. Wie sehr lässt sein kühnes Auftreten sie den Richtern, die von [21]diesem äußerlichen Eindruck getäuscht werden, besser erscheinen. Eine lächerliche Vernunft, die ein Wind – und noch dazu in alle Richtungen – lenkt. Ich könnte beinahe alle Handlungen der Menschen aufführen, die fast nur durch deren Erschütterungen in Bewegung geraten. Denn die Vernunft ist zum Nachgeben gezwungen worden, und die weiseste nimmt jene Prinzipien als die ihren an, die überall die menschliche Einbildung leichtfertig eingeführt hat. (Wer nur der Vernunft folgen wollte, wäre ein ausgemachter Narr. Wir müssen, weil wir daran Gefallen gefunden haben, den ganzen Tag für anerkanntermaßen eingebildete Güter arbeiten, und wenn der Schlaf uns von den Mühen unseres Verstandes erfrischt hat, heißt es sogleich aufspringen, um dem eitlen Rauch nachzujagen und die Einwirkungen dieser Herrin der Welt zu ertragen.)

(– Das ist eine der Grundursachen des Irrtums, aber das ist nicht die einzige.)

(Der Mensch hat wohl recht gehabt, diese zwei Kräfte zu vereinigen, obgleich bei diesem Frieden die Einbildung sehr weitgehend im Vorteil ist, denn im Kriege ist sie es ja noch viel mehr. Niemals [überwindet] die Vernunft vollständig die Einbildung, [das] Gegenteil [jedoch] ist allgemein verbreitet.)

Unsere Justizbeamten haben dieses Geheimnis genau erkannt. Ihre roten Talare, ihr Hermelin, worin sie sich wie mit Pelzstreifen geschmückte Katzen einwickeln, die Paläste, in denen sie Recht sprechen, die Lilienwappen, diese ganze erhabene Pracht war sehr notwendig, und wenn die Ärzte keine Leibröcke und Pantoffeln hätten und die Rechtsgelehrten keine viereckigen Barette und vierteilige, viel zu weite Roben, so hätten sie nie die Welt betrogen, die dieser so glaubwürdigen Zurschaustellung nicht [22]widerstehen kann. Wenn sie das wahre Recht sprächen und wenn die Ärzte die wirkliche Heilkunst beherrschten, hätten sie keine viereckigen Barette nötig. Die Würde dieser Wissenschaften wäre durch sich selbst ehrfurchtgebietend genug, da sie jedoch nur eingebildete Wissenschaften haben, müssen sie zu diesen eitlen Hilfsmitteln greifen, die auf die Einbildung wirken, mit der sie es ja zu tun haben, und hierdurch verschaffen sie sich tatsächlich Achtung.

Nur die Kriegsleute haben sich nicht derart verkleidet, weil ihr persönliches Eingreifen in der Tat wesentlicher ist. Sie setzen sich mit Gewalt durch, die anderen mit Blendwerk.

Daher haben unsere Könige nicht nach derartigen Verkleidungen gesucht. Sie haben sich nicht mit außergewöhnlichen Trachten vermummt, um als solche zu erscheinen. Doch sie lassen sich von Wachen und Tölpeln begleiten. Diese bewaffneten Truppen, die nur für sie ihre Hände und ihre Kraft gebrauchen, die Trompeter und die Trommler, die vorausmarschieren, und diese Heerscharen, die sie umringen, bringen die Standhaftesten zum Zittern. Sie haben nicht die Tracht, allein die Gewalt haben sie. Man müsste eine sehr aufgeklärte Vernunft haben, um den Großherrn der Türken, der in seinem prunkvollen Serail von 40 000 Janitscharen umgeben ist, wie einen beliebigen anderen Menschen anzusehen.

Wir können nicht einmal einen Advokaten im Talar und mit dem Barett auf dem Kopf sehen, ohne eine vorteilhafte Meinung von seiner Tüchtigkeit zu haben.

Die Einbildung bestimmt über alles; sie macht die Schönheit, das Recht und das Glück, das in der Welt alles ist.

[23]Ich möchte von Herzen gern das italienische Buch sehen, von dem ich nur den Titel kenne, der für sich allein sehr viele Bücher aufwiegt, Dell’opinione regina del mondo (»Über die Meinung, die Königin der Welt«). Dem stimme ich zu, ohne es zu kennen, von dem Schlechten abgesehen, falls sich solches darin findet.

Das sind annähernd die Wirkungen dieser trügerischen Fähigkeit, die uns anscheinend ausdrücklich gegeben ist, um uns zu einem notwendigen Irrtum zu verleiten. Wir haben dafür sehr viele andere Grundsätze.

Nicht allein die alten Eindrücke können uns täuschen, die neuen Reize haben die gleiche Macht. Daher kommt aller Streit unter den Menschen, die einander vorwerfen, dass sie entweder ihren falschen Kindheitseindrücken folgen oder leichtfertig neuen nachlaufen. Wer den goldenen Mittelweg geht, soll sich zeigen und es beweisen. Es gibt keinen Grundsatz, so natürlich er auch sein mag, (den man,) selbst wenn er seit dem Kindesalter besteht, (nicht) als einen falschen Eindruck des Unterrichts oder der Sinne ausgegeben hätte.

Denn, so sagt man, ihr habt seit der Kindheit geglaubt, eine Truhe wäre leer; als ihr nichts darin saht, habt ihr die Leere für möglich gehalten. Es sei dies eine Täuschung eurer Sinne, die von der Gewohnheit bestärkt werde, und die Wissenschaft müsse sie berichtigen. Und die anderen sagen, weil man euch in der Schule beigebracht habe, dass es gar keine Leere gebe, habe man euren gesunden Menschenverstand verdorben, der es vor diesem schlechten Eindruck so klar verstanden hätte, und diesen müsse man korrigieren, indem man sich eurer ursprünglichen Natur bediene. Wer hat also getäuscht? Die Sinne oder der Unterricht?

[24]Wir haben eine andere Grundursache des Irrtums: die Krankheiten. Sie verderben uns Urteilsvermögen und Sinneskraft. Und wenn die schweren Krankheiten sie spürbar beeinträchtigen, so zweifle ich nicht, dass die leichten ihrem Ausmaß entsprechend auf sie einwirken.

Unser Eigennutz ist ein weiteres vortreffliches Instrument, um uns auf angenehme Art die Augen zu blenden. Es ist dem gerechtesten Mann der Welt nicht gestattet, Richter in eigener Sache zu sein. Ich kenne Leute, die, um nicht dieser Eigenliebe zu verfallen, auf umgekehrte Weise die Ungerechtesten der Welt gewesen sind. Das unfehlbare Mittel, eine völlig gerechte Sache zu verlieren, bestand darin, sie ihnen von ihren nahen Verwandten empfehlen zu lassen. Gerechtigkeit und Wahrheit sind zwei so feine Spitzen, dass unsere Instrumente zu stumpf sind, um sie genau zu treffen. Wenn sie zu ihnen gelangen, zerquetschen sie deren Spitze und stützen sich ringsumher mehr auf das Falsche als auf das Wahre.

(Der Mensch ist darum so glücklich beschaffen, dass er kein richtiges Prinzip des Wahren und mehrere vorzügliche für das Falsche hat. Sehen wir nun, wie sehr.

Doch die lachhafteste Ursache seiner Irrtümer ist der Krieg, der zwischen den Sinnen und der Vernunft geführt wird.)

45/83 Der Mensch ist lediglich ein Wesen voll natürlichen Irrtums, und dieser ist ohne die Gnade unüberwindlich. Nichts zeigt ihm die Wahrheit. Alles täuscht ihn. Diesen zwei Prinzipien der Wahrheit, der Vernunft und den Sinnen, fehlt es beiden nicht nur an Aufrichtigkeit, sondern sie täuschen einander auch gegenseitig; die Sinne täuschen die [25]Vernunft durch trügerischen Schein. Und diesen gleichen Betrug, den sie der Seele antun, erleiden sie wiederum von ihr; sie rächt sich an ihnen. Die Leidenschaften der Seele verwirren sie und verleiten sie zu falschen Eindrücken. Sie lügen und betrügen einander um die Wette.

Doch außer diesem Irrtum, der zufällig und durch das mangelhafte Einvernehmen zwischen diesen ungleichartigen Fähigkeiten eintritt …

(Damit muss das Kapitel über die irreführenden Kräfte begonnen werden.)

46/163 Eitelkeit.

Die Ursache und die Wirkungen der Liebe. Kleopatra.

47/172 Wir halten uns nie an die Gegenwart. Wir rufen uns die Vergangenheit zurück; wir greifen der Zukunft vor, als käme sie zu langsam und als wollten wir ihr Eintreten beschleunigen, oder wir rufen uns die Vergangenheit zurück, als wollten wir sie festhalten, da sie zu schnell vorübereilte, wir sind so unklug, dass wir in Zeiten umherirren, die nicht die unsrigen sind, und nicht an die einzige denken, die uns gehört, und wir sind so eitel, dass wir an jene denken, die nichts sind, und uns unüberlegt der einzigen entziehen, die weiterbesteht. Das kommt daher, weil die Gegenwart uns meistens weh tut. Wir verbergen sie unserem Blick, weil sie uns betrübt, und wenn sie uns angenehm ist, bedauern wir, sie entschwinden zu sehen. Wir bemühen uns, sie durch die Zukunft abzusichern, und meinen die Dinge zu ordnen, die nicht in unserer Macht stehen, und das für eine Zeit, die zu erreichen für uns ganz ungewiss ist.

Jeder prüfe seine Gedanken. Er wird finden, dass sie ganz [26]mit der Vergangenheit oder der Zukunft beschäftigt sind. Wir denken fast überhaupt nicht an die Gegenwart, und wenn wir an sie denken, so nur, um aus ihr die Einsicht zu gewinnen, mit der wir über die Zukunft verfügen wollen. Die Gegenwart ist niemals unser Ziel.

Die Vergangenheit und die Gegenwart sind unsere Mittel; allein die Zukunft ist unser Ziel. Deshalb leben wir nie, sondern hoffen auf das Leben, und da wir uns ständig bereit halten, glücklich zu werden, ist es unausbleiblich, dass wir es niemals sind.

48/366 Der Geist dieses höchsten Richters der Welt ist nicht so unabhängig, dass er nicht dem Umstand unterworfen wäre, vom ersten Lärm gestört zu werden, der in seiner Umgebung gemacht wird. Notwendig ist nicht das Dröhnen einer Kanone, um seine Gedanken zu hemmen. Notwendig ist nur das Knarren einer Wetterfahne oder einer Rolle. Wundert euch nicht, wenn er jetzt nicht vernünftig urteilt, eine Fliege summt um seine Ohren: Das reicht aus, um ihm die Fähigkeit zu nehmen, ein guter Ratgeber zu sein. Wenn ihr wollt, dass er die Wahrheit finden kann, verjagt dieses Tier, das seine Vernunft in Schach hält und diesen mächtigen Verstand trübt, der die Städte und die Königreiche regiert.

Welch ein lächerlicher Gott ist das. O ridicolosissime heroe! (Oh, welch überaus lächerlicher Held!)

49/132 Cäsar war zu alt, so scheint mir, um zu seinem Vergnügen die Welt zu erobern. Dieses Vergnügen war gut für Augustus und Alexander. Das waren junge Leute, die aufzuhalten schwierig ist, doch Cäsar hätte reifer sein müssen.

[27]50/305 (Raptus est) (»Raub ist«) (?)

Die Schweizer nehmen es übel, wenn man sie Edelleute nennt, und beweisen ihre bürgerliche Abstammung, um als würdig für die hohen Ämter angesehen zu werden.

51/293 Warum tötet Ihr mich, da Ihr mir doch überlegen seid? Ich habe keine Waffen. – Was denn, wohnt Ihr nicht jenseits des Wassers? Mein Freund, wenn Ihr auf dieser Seite wohntet, so wäre ich ein Mörder, und es wäre ungerecht, Euch auf diese Art zu töten. Aber da Ihr ja auf der anderen Seite wohnt, bin ich ein tapferer Mann, und es ist gerecht.

52/388 Der gesunde Menschenverstand.

Sie sind gezwungen zu sagen: Ihr handelt nicht aufrichtig, wir schlafen nicht usw. Wie gern sehe ich diese stolze Vernunft gedemütigt und flehend. Denn das ist nicht die Sprache eines Menschen, dem man sein Recht streitig macht und der es mit Gewalt und der Waffe in der Hand verteidigt. Es macht ihm keine Freude zu sagen, dass man nicht aufrichtig handele, aber er bestraft diese Unaufrichtigkeit mit Gewalt.

3 Elend

53/429 Niedrigkeit des Menschen, der sich selbst den Tieren unterwirft, ja sie sogar anbetet.

54/112 Unbeständigkeit.

Die Dinge haben verschiedene Eigenschaften, und die [28]Seele hat verschiedene Neigungen, denn nichts ist einfach, was sich der Seele darbietet, und die Seele bietet sich keinem Gegenstand jemals einfach dar. Daher kommt es, dass man über ein und dieselbe Sache weint und lacht.

55/111 Unbeständigkeit.

Man glaubt, die Tasten einer gewöhnlichen Orgel anzuschlagen, wenn man die Tasten des Menschen anschlägt. Er ist zwar eine Orgel, doch sie ist seltsam, wandelbar und veränderlich. (Diejenigen, die nur die gewöhnliche Orgel spielen können,) würden sich nicht auf jene einstimmen. Man muss wissen, wo die (Tasten) sind.

56/181 Wir sind so unglücklich, dass wir Gefallen an einer Sache nur unter der Bedingung finden können, uns zu ärgern, wenn sie schlecht gelingt, was tausend Umstände bewirken können und zu jeder Stunde bewirken. (Wer) das Geheimnis gefunden hätte, sich über das Gute zu freuen, ohne sich über das entgegengesetzte Übel zu ärgern, hätte den richtigen Punkt gefunden. Das ist das Perpetuum mobile.

57/379 Es ist nicht gut, zu frei zu sein.

Es ist nicht gut, alles Notwendige zu haben.

58/332 Tyrannei besteht im allumfassenden Verlangen nach der Herrschaft außerhalb ihrer eigenen Ordnung.

Verschiedene Räume mit Starken, mit Schönen, mit Geistreichen, mit Frommen, von denen jeder bei sich zu Hause herrscht, nicht anderswo. Und zuweilen treffen sie aufeinander, und der Starke und der Schöne streiten töricht [29]miteinander, wer der Herr des anderen sein solle, denn ihre Herrschaft ist ja von unterschiedlicher Art. Sie verstehen einander nicht. Und ihr Fehler ist, überall herrschen zu wollen. Nichts vermag das, nicht einmal die Gewalt: Sie bewirkt nichts im Reich der Gelehrten, sie ist nur Herrin über die äußerlichen Handlungen. – Daher sind diese Reden falsch …

58a/332 Tyrannei.

Tyrannei ist, etwas auf einem Wege haben zu wollen, was man nur auf einem anderen haben kann. Man teilt verschiedenen Verdiensten verschiedene Pflichten zu, die Pflicht zur Liebe der Anmut, die Pflicht zur Furcht der Gewalt, die Pflicht zur Glaubwürdigkeit der Wissenschaft.

Man muss jene Pflichten erfüllen, man ist im Unrecht, wenn man sie verweigert, und ebenso im Unrecht, wenn man nach anderen verlangt. Daher sind diese Reden falsch und tyrannisch: Ich bin schön, also muss man mich fürchten, ich bin stark, also muss man mich lieben, ich bin … Und ebenso ist es falsch und tyrannisch zu sagen: Er ist nicht stark, also werde ich ihn nicht achten, er ist nicht klug, also werde ich ihn nicht fürchten.

59/296 Wenn es um die Entscheidung geht, ob man Krieg führen und so viele Menschen umbringen, so viele Spanier zum Tode verurteilen soll, entscheidet ein einziger Mensch darüber, der auch noch im eigenen Interesse handelt: Das müsste ein unbeteiligter Dritter sein.

60/294 (Tatsächlich würde er sich von den eitlen Gesetzen frei machen, daher ist es nützlich, ihn zu täuschen.)

[30]Worauf wird er die zweckmäßige Ordnung der Welt, die er regieren will, gründen? Auf die Laune jedes Einzelnen? Was für ein Durcheinander! Auf die Gerechtigkeit? Er weiß nichts von ihr. Gewiss hätte er, wenn er sie kennte, nicht diesen Grundsatz aufgestellt, den am weitesten verbreiteten von all jenen, die es unter den Menschen gibt: Jeder folge den Sitten seines Landes. Der Glanz der wahrhaftigen Gerechtigkeit hätte sich alle Völker untertan gemacht. Und die Gesetzgeber hätten nicht anstelle dieses gleichbleibenden Rechts die wunderlichen Einfälle und Launen der Perser und Deutschen zum Vorbild genommen. Man sähe es in allen Staaten der Welt und in allen Zeiten verwurzelt, während man stattdessen nichts Rechtes oder Unrechtes sieht, das bei einem Klimawechsel nicht seine Eigenart wechselt; drei Grad Polhöhe kehren die ganze Jurisprudenz um, ein Meridian entscheidet über die Wahrheit. In wenigen Herrschaftsjahren ändern sich die Grundgesetze, das Recht hat seine Epochen, der Eintritt des Saturns in das Zeichen des Löwen gibt uns den Ursprung eines gewissen Verbrechens an. Eine lachhafte Gerechtigkeit, die ein Fluss begrenzt. Wahrheit diesseits der Pyrenäen, Irrtum jenseits.

Sie bekennen, dass in derartigen Bräuchen nicht die Gerechtigkeit besteht, sondern dass sie auf den natürlichen, jedem Land gemeinsamen Gesetzen beruht. Gewiss würden sie es hartnäckig verteidigen, wenn der leichtfertige Zufall, der die menschlichen Gesetze ausgesät hat, wenigstens eines gefunden hätte, das allgemeingültig wäre. Doch der Spaß geht so weit, dass die Laune der Menschen sich so vielgestaltig ausgebildet hat, dass es kein einziges derartiges gibt.

Diebstahl, Blutschande, Kinder- und Vatermord, alles [31]hat schon zu den tugendhaften Handlungen gehört. Kann es etwas Lachhafteres geben, als dass ein Mensch das Recht hat, mich zu töten, weil er jenseits des Wassers wohnt und sein Fürst mit dem meinen im Streit liegt, obwohl ich keinen mit ihm habe?

Es gibt zweifellos natürliche Gesetze, aber diese großartige verderbte Vernunft hat alles verdorben. Nihil amplius nostrum est, quod nostrum dicimus artis est. (»Nichts gehört uns mehr; was wir unser nennen, gehört der Kunst.« Cicero, De fin. V,21.) »Ex senatus-consultis et plebiscitis crimina exercentur. (»Durch Beschlüsse des Senats und des Volks werden Verbrechen begangen.« Seneca, Epist. 95.) Ut olim vitiis sic nunc legibus laboramus. (»Wie einst unter Lastern, so leiden wir jetzt unter Gesetzen.« Tacitus, Ann. III,25.)

Von dieser Verwirrung kommt es, dass der eine sagt, das Wesen des Rechts sei die Autorität des Gesetzgebers, ein anderer, das Wohl des Herrschers, wieder ein anderer, die gegenwärtige Gewohnheit, und das ist das Sicherste. Wenn man allein der Vernunft folgt, ist nichts von sich aus gerecht, alles gerät mit der Zeit ins Wanken. Die Gewohnheit (ist) die ganze Gerechtigkeit, allein deshalb, weil sie eingebürgert ist. Das ist der mystische Grund ihrer Autorität. Wer sie auf ihren Ursprung zurückführt, vernichtet sie. Nichts ist so fehlerhaft wie diese Gesetze, welche die Fehler abstellen sollen. Wer ihnen gehorcht, weil sie gerecht sind, gehorcht einer Gerechtigkeit, die er sich einbildet, nicht aber dem Wesen des Gesetzes. Es ist ganz in sich selbst beschlossen. Es ist Gesetz und nichts weiter. Wer sein Motiv erforschen will, wird es für so schwach und geringfügig befinden, dass er, wenn er es nicht gewohnt ist, die [32]Wunderwerke der menschlichen Einbildung zu betrachten, erstaunen wird, dass ein Jahrhundert dem Gesetz so viel Glanz und Verehrung eingebracht hat. Die Kunst, Staaten in Aufruhr zu versetzen und umzuwälzen, besteht darin, die herkömmlichen Gewohnheiten zu erschüttern, indem man sie bis zu ihrer Quelle ergründet, um ihren Mangel an Autorität und Gerechtigkeit zu enthüllen. Man müsse, heißt es, auf die grundlegenden und ursprünglichen Gesetze des Staates zurückgreifen, die eine ungerechte Gewohnheit abgeschafft habe. Das ist ein Spiel, bei dem man mit Sicherheit alles verliert; nichts wird auf dieser Waage gerecht sein. Indes schenkt das Volk solchen Reden leicht Gehör, man schüttelt das Joch ab, sobald man es erkennt, und die Großen nutzen das zum Verderben des Volkes und dieser neugierigen Prüfer der eingebürgerten Gewohnheiten. Deshalb sagte der weiseste der Gesetzgeber, dass man die Menschen zu ihrem eigenen Wohl oft täuschen müsse, und ein anderer, ein guter Politiker: Cum veritatem qua liberetur ignoret, expedit quod fallatur. (»Da er die Wahrheit, die ihn befreien soll, nicht kennt, ist es vorteilhaft für ihn, dass er getäuscht wird.« Augustinus, De civ. Dei IV,27.) Er soll nicht die Wahrheit der Usurpation bemerken, einst wurde sie ohne vernünftigen Grund eingeführt, nun ist sie vernünftig geworden. Man muss sie als rechtsgültig und ewig hinstellen und ihren Ursprung verbergen, wenn man nicht will, dass sie bald ein Ende nimmt.

61/309 Gerechtigkeit.

Wie die Mode das Vergnügen bestimmt, so bestimmt sie auch das Recht.

[33]62/177 (Drei Gastfreunde)

Wer den König von England, den König von Polen und die Königin von Schweden zu Freunden gehabt hätte, würde der geglaubt haben, dass es ihm in der Welt an einem Ruhesitz und einer Zuflucht fehlen könnte?

63/151 Der Ruhm.

Die Bewunderung verdirbt schon von Kindheit an alles. Oh, wie gut gesagt das ist! Oh, wie gut er das gemacht hat, wie artig er ist usw.

Die Kinder von Port-Royal, die man nicht mit diesem Verlangen und diesem Ruhm anspornt, werden unempfindlich dafür.

64/295 Mein und dein.

Dieser Hund gehört mir, sagten diese armen Kinder. Das da ist mein Platz an der Sonne. Darin bestehen der Anfang und das Ebenbild der Usurpation der ganzen Erde.

65/115 Vielfalt.

Die Theologie ist eine Wissenschaft, doch aus wie vielen Wissenschaften besteht sie zugleich? Ein Mensch ist ein Ganzes, doch was wird aus ihm, wenn man ihn zergliedert? Der Kopf, das Herz, der Magen, die Adern, jede einzelne Ader, jedes einzelne Aderstück, das Blut, jeder einzelne Blutsaft.

Eine Stadt und eine Landschaft sind aus der Ferne eine Stadt und eine Landschaft, doch je näher man kommt, desto mehr sind das Häuser, Bäume, Ziegel, Blätter, Gräser, Ameisen, Ameisenbeine, bis ins Unendliche. All das wird von der Bezeichnung »Landschaft« eingeschlossen.

[34]66/326 Ungerechtigkeit.

Es ist gefährlich, dem Volk zu sagen, dass die Gesetze nicht gerecht sind, denn es gehorcht ihnen nur, weil es sie für gerecht hält. Daher soll man ihm zugleich sagen, man müsse ihnen gehorchen, weil sie Gesetze sind, wie man den Oberen nicht deshalb gehorchen muss, weil sie gerecht sind, sondern weil sie die Oberen sind. Dadurch wird jeder Empörung vorgebeugt, wenn man das verständlich machen kann, und (das ist) eigentlich die Definition des Rechts.

67/879 Ungerechtigkeit.

Recht wird nicht für (den) Rechtsprechenden, sondern für den vor Gericht Stehenden gesprochen: Es ist gefährlich, das dem Volk zu sagen, doch das Volk hat zu großes Vertrauen in Euch; es wird ihm nicht schaden, und es kann Euch nützen. Man muss es also öffentlich bekanntmachen. Pasce oves meas (»Weide meine Schafe«, Joh 21,17), nicht tuas (»deine«). Ihr seid mir eine Weide schuldig.

68/205 Wenn ich die kurze Dauer meines Lebens betrachte, das von der vorhergehenden und der darauffolgenden Ewigkeit aufgesogen wird – memoria hospitis unius diei praetereuntis (»[und wie] man eines vergisst, der nur einen Tag Gast gewesen ist«, Weish 5,15) –, und den kleinen Raum, den ich ausfülle und den ich noch dazu von der unendlichen Unermesslichkeit der Räume verschlungen sehe, die ich nicht kenne und die mich nicht kennen, so gerate ich in Schrecken und erstaune, mich eher hier als dort zu sehen, denn es gibt keinen Grund, warum es eher hier als dort ist, warum jetzt und nicht vielmehr früher. Wer hat mich [35]dorthin gebracht? Durch wessen Gebot und Führung sind dieser Ort und diese Zeit mir bestimmt worden?

69/174a Elend.

Hiob und Salomo.

70/165a Wenn unsere Lage wirklich glücklich wäre, müssten wir unsere Gedanken nicht durch Zerstreuungen davon ablenken.

71/405 Widerspruch.

Ein Stolz, der alles Elend aufwiegt, entweder verbirgt er sein Elend, oder er enthüllt es: Er rühmt sich, es zu erkennen.

72/66 Man muss sich selbst erkennen. Wenn das nicht helfen sollte, das Wahre zu finden, so hilft es wenigstens dabei, sein Leben einzurichten, und es gibt nichts Richtigeres.

73/110 Das Gefühl der Falschheit der gegenwärtigen Freuden und die Unkenntnis der Eitelkeit der fehlenden Freuden bewirken die Unbeständigkeit.

74/454 Ungerechtigkeit.

Sie haben kein anderes Mittel gefunden, ihre Begierde zu befriedigen, ohne den anderen unrecht zu tun.

Hiob und Salomo.

75/389 Der Prediger Salomo zeigt, dass der Mensch ohne Gott ganz unwissend und unausweichlich unglücklich ist, denn es heißt ja unglücklich sein, zu wollen und nicht zu [36]können. Nun will er aber glücklich sein und Gewissheit über einige Wahrheiten erlangen. Und dennoch kann er nicht wissen und ebenso wenig den Wunsch unterdrücken, etwas zu wissen. Er kann nicht einmal zweifeln.

76/73 13. (Doch vielleicht geht dieser Gegenstand über die Fassungskraft der Vernunft hinaus. Prüfen wir also ihre Einsichten bei den Dingen, die in ihrer Macht liegen. Wenn es etwas gibt, wo ihr eigenes Interesse sie mit vollstem Ernst zur Anwendung bringen müsste, so bei der Suche nach ihrem höchsten Gut. Sehen wir also, welchen Platz diese starken und weitblickenden Seelen ihm zugewiesen haben. Und ob sie sich dabei einig sind.

Der eine sagt, das höchste Gut bestehe in der Tugend, der andere schreibt es der Wollust zu, ein Dritter sagt, man solle der Natur folgen, ein Vierter sieht es in der Wahrheit – felix qui potuit rerum cognoscere causas [»Glücklich der Mensch, der das Wesen der Welt zu erfassen vermochte«, Vergil, Georg. II,490] –, ein Fünfter in der vollständigen Unwissenheit, ein Sechster in der Empfindungslosigkeit, weitere darin, dem äußeren Schein zu widerstehen, der Nächste darin, nichts zu bewundern – nihil mirari prope res una quae possit facere et servare beatum [»Nichts zu bewundern, beinahe das Einzige, das glücklich machen und erhalten kann«, Horaz, Epist. I, VI,1] – und die wackeren Pyrrhoniker in ihrer Ataraxie, im Zweifel und in einem ständigen Schwebezustand. Und wieder andere, Weisere, dass man es nicht finden könne, nicht einmal, wenn man es wünsche. Da haben wir einen rechten Lohn für unsere Mühe erhalten.


Umstellen hinter die Gesetze, folgender Artikel Wenn man feststellen muss, dass diese schöne Philosophie nichts Sicheres durch eine so lange und angestrengte Arbeit gewonnen hat, so wird vielleicht wenigstens die Seele sich selbst erkennen. Hören wir, was die Lehrmeister der Welt über diesen Gegenstand sagen. Was haben sie über deren Substanz gedacht? 395. Hatten sie dabei größeres Glück, ihren Sitz zu bestimmen? 395. Was haben sie über ihren Ursprung, ihre Dauer und ihren Hingang herausgefunden?)

(Ist die Seele also auch noch ein zu edler Gegenstand für ihr schwaches Erkenntnisvermögen? Ziehen wir sie also bis zur Materie herab. Sehen wir, ob sie weiß, woraus der eigene Körper gemacht ist, den sie beseelt, und die anderen, die sie betrachtet und nach ihrem Belieben bewegt.

Was haben diese großen Dogmatisten, die alles wissen, davon erkannt?

[393.] Harum sententiarum. [»〈Welche〉 von diesen Meinungen 〈ist die wahre?〉« Cicero, Tusc. I,11.]

Das würde ohne Zweifel genügen, wenn die Vernunft vernünftig wäre. Sie ist es in vollkommen ausreichendem Maße, um einzugestehen, dass sie noch nichts Zuverlässiges finden konnte. Doch sie verliert die Hoffnung nicht, es zu erreichen; sie ist vielmehr ebenso eifrig bei dieser Suche wie je zuvor und glaubt mit Gewissheit, in sich die notwendigen Kräfte für diesen Vorstoß zu besitzen.

Wir müssen sie also bis ins Letzte ergründen, und [38]nachdem wir ihre Kräfte an deren Wirkungen untersucht haben, wollen wir sie an ihnen selbst erkennen. Sehen wir, ob die Vernunft gewisse Kräfte und gewisse Gewalten besitzt, mit denen sich die Wahrheit erfassen lässt.)

4 Langeweile und Haupteigenschaften des Menschen

77/152 Stolz.

Neugier ist nur Eitelkeit. Meistens will man etwas nur wissen, um darüber reden zu können, andernfalls würde man nicht über das Meer fahren, wenn man nichts davon erzählen möchte und es aus bloßer Schaulust täte, ohne die Hoffnung, jemals davon etwas mitteilen zu können.

78/126 Beschreibung des Menschen.

Abhängigkeit, Verlangen nach Unabhängigkeit, Bedürfnisse.

79/128 Der Verdruss, den man hat, wenn man die Beschäftigungen unterlässt, an die man sich gewöhnt hat. Ein Mann lebt vergnügt in seiner Familie; mag er nun eine Frau sehen, die ihm gefällt, oder mag er fünf oder auch sechs Tage mit Vergnügen spielen, so ist es elend um ihn bestellt, wenn er zu seiner ersten Beschäftigung zurückkehrt. Nichts ist alltäglicher als dies.

[39]5 Ursachen der Wirkungen

80/317 Ehrerbietung heißt: Nehmt Unbequemlichkeiten auf euch!

Das ist dem Anschein nach unsinnig, aber sehr richtig, denn das soll heißen: Ich würde gern Unbequemlichkeiten auf mich nehmen, wenn Ihr das brauchtet, weil ich es ja schon tatsächlich mache, ohne dass es Euch nützt; außerdem dient die Ehrerbietung dazu, die Großen mit besonderer Achtung zu behandeln. Wenn es nun aber Ehrerbietung wäre, im Sessel sitzen zu bleiben, würde man alle Leute mit Ehrerbietung behandeln, und somit würde man für niemanden besondere Achtung zeigen. Doch da man zu Unbequemlichkeiten angehalten wird, macht man sehr deutliche Unterschiede in der Behandlung.

81/299 Die einzigen allgemeingültigen Regeln sind bei den gewöhnlichen Dingen die Gesetze des Landes und bei den übrigen die Mehrheit. Woher kommt das? Von der Gewalt, auf der dies beruht.

Und daher kommt es, dass die Könige, die auch im Übrigen die Gewalt haben, nicht der Mehrheit ihrer Minister folgen.

Zweifellos ist gleicher Besitz für alle gerecht, aber …

Da man nicht erreichen kann, dass man gewaltsam der Gerechtigkeit gehorchen muss, hat man erreicht, dass es gerecht ist, der Gewalt zu gehorchen. Da man der Gerechtigkeit nicht Gewalt verleihen kann, hat man die Gewalt gerechtfertigt, damit Gerechtigkeit und Gewalt vereint sind und Frieden herrscht, der das höchste Gut ist.

[40]82/271 Die Klugheit verweist uns auf die Kindheit. Nisi efficiamini sicut parvuli. (»Es sei denn, dass ihr euch umkehret und werdet wie die Kinder.« Mt 18,3.)

83/327 Die Welt beurteilt die Dinge gut, denn sie befindet sich in natürlicher Unwissenheit, die der wahre Wesensgrund des Menschen ist. Die Wissenschaften haben zwei Extreme, die einander berühren, das erste ist die reine natürliche Unwissenheit, in der sich alle Menschen bei der Geburt befinden, das andere Extrem ist jenes, zu dem die großen Geister gelangen, die, nachdem sie alles hinter sich gebracht haben, was die Menschen wissen können, erkennen, dass sie nichts wissen und sich wieder in der gleichen Unwissenheit befinden, von der sie ausgegangen waren; das aber ist eine kluge Unwissenheit, die sich selbst kennt. Diejenigen zwischen den beiden Extremen, die aus der natürlichen Unwissenheit hervorgetreten sind und nicht zu der anderen gelangen konnten, haben eine oberflächliche Kenntnis dieser ausreichenden Wissenschaft und spielen die Klugen. Diese bringen die Welt in Aufruhr und urteilen über alles schlecht.

Das Volk und die Klugen bestimmen den Lauf der Welt; jene anderen verachten sie und werden verachtet. Sie urteilen schlecht über alle Dinge, und die Welt urteilt darüber gut.

84/79 (Descartes.

Man muss im Großen und Ganzen sagen: Das geschieht durch Gestalt und Bewegung. Denn das ist wahr, doch zu sagen, welche Gestalt und Bewegung, und die Maschine zusammenzusetzen, das ist lächerlich. Denn das ist nutzlos und [41]unsicher und mühselig. Und wenn das die ganze Wahrheit wäre, so meinen wir nicht, dass alle Philosophie eine Stunde Mühe wert wäre.)

85/878 Summum jus, summa injuria. (»Das höchste Recht ist das größte Unrecht.« Terenz, Heaut. IV,5,47. – Cicero, De offic. I,10.)

Die Mehrheit ist der beste Weg, weil sie offensichtlich ist und die Gewalt hat, um sich Gehorsam zu verschaffen. Indes ist das die Ansicht der am wenigsten Klugen.

Wenn man es vermocht hätte, so hätte man die Gewalt in die Hand der Gerechtigkeit gelegt; doch die Gewalt lässt sich nicht führen, wie man will, weil sie eine handgreifliche Eigenschaft ist, während die Gerechtigkeit eine geistige Eigenschaft ist, über die man verfügt, wie man will. Man hat sie in die Hand der Gewalt gelegt, und daher nennt man gerecht, was man befolgen muss.

(Daher) kommt das Recht des Schwertes, denn das Schwert verleiht ein wirkliches Recht.

Sonst sähe man die Gewalttätigkeit auf der einen Seite und die Gerechtigkeit auf der anderen. Ende des zwölften Provinzialbriefes.

Daher kommt die Ungerechtigkeit der Fronde, die ihre vorgebliche Gerechtigkeit gegen die Gewalt aufrichtet.

Nicht so verhält es sich bei der Kirche, denn in ihr gibt es wahrhaftige Gerechtigkeit und keine Gewalttätigkeit.

86/297 Veri juris. (»Vom wahren Recht.« Cicero, De offic. III,17.) Wir haben nichts mehr davon. Wenn wir es hätten, so nähmen wir nicht als Regel der Gerechtigkeit, dass man den Sitten seines Landes folgen soll.

[42]Das heißt, da man nicht die Gerechtigkeit entdecken konnte, hat man die Gewalt entdeckt usw.

87/307 Der Kanzler zeigt feierlichen Ernst und ist mit einer reichverzierten Amtstracht bekleidet. Denn sein Amt ist falsch und nicht der König. Er hat die Gewalt, er braucht die Einbildung nicht. Die Richter, Ärzte usw. haben nur die Einbildung.

88/302 Das ist die Wirkung der Gewalt, nicht der Gewohnheit, denn jene, die fähig sind zu erfinden, sind selten. Die, deren Zahl ihnen die größere Gewalt gibt, wollen nur nachahmen und verweigern jenen Erfindern den Ruhm, den sie mit ihren Erfindungen erstreben, und wenn sie darauf bestehen, ihn erringen zu wollen und diejenigen zu verachten, die nicht erfinden, so werden die anderen ihnen Spottnamen geben und würden sie verprügeln. Man soll sich also auf diese Geistesschärfe nichts zugutehalten oder seine Zufriedenheit in sich selbst finden.

89/315 Ursache der Wirkungen.

Das ist erstaunlich: Man will nicht, dass ich einen Mann ehre, der in Brokatell gekleidet ist und ein Gefolge von sieben oder acht Lakaien hat. Ja, was denn! Er wird mich auspeitschen lassen, wenn ich ihn nicht grüße. Diese Kleidung bedeutet eine Gewalt. Das verhält sich ganz genauso wie ein gut aufgezäumtes Pferd im Vergleich zu einem anderen. Montaigne wirkt lächerlich, wenn er nicht sieht, welchen Unterschied es hierbei gibt, und wenn er sich verwundert, dass man einen solchen Unterschied entdeckt und nach dessen Ursache fragt. In der Tat, sagt er, woher kommt usw.

[43]90/337 Ursache der Wirkungen.

Abstufung. Das Volk ehrt die Hochgeborenen, die Halbgebildeten verachten sie, indem sie sagen, die Geburt sei kein Vorzug der Person, sondern des Zufalls. Die Gebildeten ehren sie, nicht, weil sie wie das Volk denken, sondern, weil sie einen Hintergedanken haben. Die Gläubigen, die mehr Eifer als Wissenschaft haben, verachten sie trotz dieser Erwägung, die bewirkt, dass die Gebildeten sie ehren, weil sie darüber mit einer andersartigen Einsicht urteilen, die ihnen die Frömmigkeit verleiht, die vollkommenen Christen jedoch ehren sie wegen einer weiteren, höheren Einsicht.

So folgen die befürwortenden und ablehnenden Meinungen immer weiter aufeinander, je nachdem, welche Einsicht man hat.

91/336 Ursache der Wirkungen.

Man muss einen Hintergedanken haben und von diesem ausgehend über alles urteilen, wobei man jedoch wie das Volk sprechen soll.

92/335 Ursache der Wirkungen.

Es ist also wahr zu sagen, dass jedermann sich Wahnvorstellungen hingibt, denn mögen die Meinungen des Volkes auch gesund sein, so sind sie es nicht in seinem Hirn, denn es denkt, die Wahrheit sei, wo sie nicht ist. Die Wahrheit liegt sehr wohl in ihren Meinungen, doch nicht in dem Maße, wie sie es sich vorstellen. Es ist wahr, dass man die Edelleute ehren muss, doch nicht deshalb, weil die hohe Geburt ein tatsächlicher Vorzug sei, usw.

[44]93/328 Ursache der Wirkungen.

Ständige Umkehrung des Für und Wider.

Wir haben also gezeigt, dass der Mensch nichtig und eitel ist, weil er Dinge schätzt, die nicht wesentlich sind. Und all diese Meinungen werden zunichtegemacht.

Wir haben hierauf gezeigt, dass all diese Meinungen sehr gesund sind, und da deshalb all diese Eitelkeiten sehr gut begründet sind, ist das Volk nicht so eitel, wie man sagt. Und so haben wir die Meinung zunichtegemacht, die jene des Volkes zunichte machte.

Doch jetzt muss man diese letzte Aussage zunichtemachen und zeigen, dass es immer noch wahr bleibt, dass das Volk eitel ist, obwohl seine Meinungen gesund sind, weil es deren Wahrheit nicht dort bemerkt, wo sie ist, und dass seine Meinungen, deren Wahrheit es dorthin verlegt, wo sie nicht ist, weiterhin grundfalsch und sehr ungesund sind.

94/313 Gesunde Meinungen des Volkes.

Das größte Übel sind die Bürgerkriege.

Sie sind unausweichlich, wenn man Verdienste belohnen will, denn alle werden sagen, dass sie Verdienste haben. Das Übel, das von einem Dummkopf zu befürchten ist, der durch das Recht der Geburt die Herrschaft erbt, ist weder so groß noch so unausweichlich.

95/316 Gesunde Meinungen des Volkes.

Sorgfältig geputzt zu sein ist nicht übermäßig eitel, denn damit zeigt man, dass eine große Anzahl von Leuten für uns arbeitet. Man zeigt an seinen Haaren, dass man einen Kammerdiener, einen Parfümeur usw. hat, an seinem Spitzenkragen zeigt man den Faden, den Besatz usw. Es ist nun [45]aber keine bloße Äußerlichkeit und auch keine bloße Ausstattung, wenn man mehrere Arme zu seiner Verfügung hat.

Je mehr Arme man zu seiner Verfügung hat, desto stärker ist man. Sorgfältig geputzt zu sein heißt, seine Stärke zu zeigen.

96/329 Ursache der Wirkungen.

Die Schwäche des Menschen ist der Grund für so viele schöne Dinge, die man einführt, so etwa ist gut Laute spielen zu können nur unserer Schwäche wegen ein Übel.

97/334 Ursache der Wirkungen.

Begierde und Gewalt sind die Quellen aller unserer Taten. Die Begierde bewirkt die freiwilligen, die Gewalt die unfreiwilligen.

98/80 Woher kommt es, dass ein Hinkender uns nicht erzürnt und ein hinkender Geist uns erzürnt? Das kommt, weil ein Hinkender erkennt, dass wir gerade gehen, und ein hinkender Geist sagt, wir seien die Hinkenden. Wäre das nicht so, empfänden wir für ihn Mitleid und nicht Zorn.

Epiktet fragt sehr viel nachdrücklicher: Warum ärgern wir uns nicht, wenn man sagt, wir hätten Kopfweh, während wir uns ärgern, wenn man sagt, dass wir schlecht urteilen oder schlecht wählen?

99/80 und 536 Dies wird dadurch verursacht, dass wir ganz sicher sind, kein Kopfweh zu haben und nicht zu hinken, jedoch sind wir uns nicht so gewiss, dass wir das Wahre wählen. So kommt es denn, da wir nur Gewissheit haben, [46]weil wir es ganz deutlich vor uns sehen, wenn nun ein anderer ganz deutlich das Gegenteil sieht, dass uns dies in Zweifel stürzt und uns erstaunt. Und das noch mehr, wenn tausend andere über unsere Wahl spotten, denn wir müssen unsere Erkenntnisse jenen so vieler anderer vorziehen. Und das ist kühn und schwierig. Diesen Widerspruch gibt es niemals bei der sinnlichen Wahrnehmung, wenn es um einen Hinkenden geht.

Der Mensch ist so beschaffen, dass, wenn man ihm lange genug einredet, er sei ein Narr, er es schließlich glaubt. Und wenn man es sich selbst lange genug einredet, kommt man schließlich so weit, es zu glauben, denn der Mensch führt für sich allein Selbstgespräche, und es ist wichtig, diese gut zu lenken. Corrumpunt bonos mores colloquia prava. (»Böse Geschwätze verderben gute Sitten.«) Man muss Schweigen bewahren, so gut man es vermag, und sich nur von Gott unterhalten, von dem man weiß, dass er die Wahrheit ist, und auf diese Art überzeugt man sich selbst davon.

100/467 Ursache der Wirkungen.

Epiktet. Bei jenen, die sagen: »Ihr (habt) Kopfweh«, verhält es sich anders. Man ist sich der Gesundheit und nicht der Gerechtigkeit sicher, und seine Gerechtigkeit war tatsächlich eine Dummheit.

Und dennoch hat er geglaubt, sie zu beweisen, indem er sagte, es stehe entweder in unserer Macht oder nicht.

Aber er hatte übersehen, dass es nicht in unserer Gewalt steht, das Herz zu lenken, und er hatte unrecht, es daraus zu schließen, dass es Christen gibt.

[47]101/324 Das Volk hat sehr gesunde Meinungen. Zum Beispiel:

1. dass es bei seiner Wahl die Zerstreuungen und die Jagd der Beute vorgezogen hat. Die Halbklugen spotten darüber und brüsten sich, daran die Torheit der Welt zu zeigen, doch aus einem Grund, den sie nicht durchschauen, hat man recht:

2. dass man die Menschen nach dem Äußeren wie auch nach dem Adel oder dem Vermögen unterschieden hat. Die Welt brüstet sich auch noch zu zeigen, wie unvernünftig das sei. Aber das ist sehr vernünftig. Kannibalen lachen über einen König, der ein Kind ist.

3. dass es sich beleidigt fühlt, weil es einen Schlag ins Gesicht bekommen hat, oder dass es so sehr den Ruhm ersehnt, das jedoch ist sehr wünschenswert wegen der anderen wesentlichen Dinge, die mit ihm zusammengehören. Und ein Mensch, der einen Schlag ins Gesicht bekommen hat, ohne sich grollend daran zu erinnern, wird von Unbilden und Drangsalen heimgesucht.

4. Für das Ungewisse arbeiten, über das Meer fahren, über ein Brett laufen.

102/759 (Notwendigerweise sind die Juden oder die Christen böse.)

103/298 + Gerechtigkeit und Gewalt.

Es ist gerecht, dass befolgt wird, was gerecht ist; es ist notwendig, dass befolgt wird, was die größte Gewalt hat.

Gerechtigkeit ohne Gewalt ist ohnmächtig, Gewalt ohne Gerechtigkeit ist tyrannisch.

Der Gerechtigkeit ohne Gewalt wird widersprochen, [48]weil es immer Böse gibt. Die Gewalt ohne Gerechtigkeit wird angeklagt. Man muss also Gerechtigkeit und Gewalt vereinigen, und um das zu erreichen, muss Gewalt haben, was gerecht ist, oder es muss gerecht sein, was Gewalt hat.

Die Gerechtigkeit ist umstritten. Die Gewalt ist sehr klar erkennbar und nicht umstritten. Daher hat man der Gerechtigkeit keine Gewalt geben können, weil die Gewalt der Gerechtigkeit widersprochen und behauptet hat, diese sei ungerecht, und weiter, sie selbst sei gerecht.

Und da man somit nicht erreichen konnte, dass Gewalt hat, was gerecht ist, hat man erreicht, dass gerecht ist, was Gewalt hat.

104/322 Der Adel ist ein großer Vorteil, der einen Mann schon im Alter von achtzehn Jahren in die aussichtsreiche Lage versetzt, so bekannt und geachtet zu sein, wie es ein anderer mit fünfzig Jahren verdient haben könnte. Das bedeutet dreißig ohne Mühe gewonnene Jahre.

6 Größe

105/342 Wenn ein Tier das aus Verstand täte, was es aus Instinkt tut, und wenn es Laut gäbe aus Verstand, wie es Laut gibt aus Jagdinstinkt und um seinen Gefährten zu melden, dass die Beute gefunden oder verloren ist, so würde es ebenso gut auch bei Dingen sprechen, bei denen es innerlich mehr beteiligt ist, wie etwa, um zu sagen: Zernagt diesen Strick, der mich verletzt und den ich nicht erreichen kann.

[49]106/403 Größe.

Die Ursachen der Wirkungen bezeichnen die Größe des Menschen, aus der Begierde eine so schöne Ordnung gewonnen zu haben.

107/343 Der Schnabel des Papageien, den dieser abwischt, obwohl er sauber ist.

108/339a Was empfindet Vergnügen in uns? Ist es die Hand, ist es der Arm, ist es das Fleisch, ist es das Blut? Man wird erkennen, dass es etwas Immaterielles sein muss.

109/392 Gegen den Pyrrhonismus.

(Es ist doch etwas Sonderbares, dass man diese Dinge nicht definieren kann, ohne sie zu verdunkeln. Wir sprechen jederzeit von ihnen.) Wir nehmen an, dass alle sie auf die gleiche Art auffassen. Aber wir nehmen es ganz willkürlich an, denn wir haben keinen Beweis dafür. Ich sehe wohl, dass man diese Worte bei gleichartigen Umständen gebraucht und dass jedes Mal, wenn zwei Menschen sehen, wie ein Körper seine Lage verändert, sie alle beide den Anblick desselben Vorgangs durch dasselbe Wort ausdrücken, indem der eine wie der andere sagt, dass der Körper sich bewegt habe, und aus diesem übereinstimmenden Gebrauch leitet man die einleuchtende Vermutung ab, es gebe eine übereinstimmende Vorstellung; wenn es auch so gut wie sicher ist, dass dies zutrifft, kommt dem jedoch durchaus nicht letzte Überzeugungskraft zu, denn man weiß ja, dass man oft die gleichen Schlüsse aus unterschiedlichen Annahmen zieht.

Das genügt, um zumindest die Sache zu verwirren, wobei [50]es nicht völlig die natürliche Klarheit auslöscht, die uns dieser Dinge versichert. Die Akademiker hätten gewettet, das aber nimmt ihr die Eindeutigkeit und verwirrt die Dogmatisten zum Ruhme der pyrrhonischen Kabale, die von dieser doppeldeutigen Doppeldeutigkeit und einer gewissen zweifelhaften Dunkelheit ausgeht, der unsere Zweifel nicht die ganze Klarheit nehmen und aus der unsere natürlichen Erkenntnisse nicht die ganze Finsternis vertreiben können.

(Rückseite 109/213) (Die geringste Sache ist von dieser Natur: Gott ist der Anfang und das Ende. Pred.)

1. Die Vernunft.

110/282 Wir erkennen die Wahrheit nicht nur mit der Vernunft, sondern auch mit dem Herzen. Gerade auf diese letzte Art erkennen wir die ersten Prinzipien, und vergebens trachtet die vernünftige Überlegung, die nicht daran beteiligt ist, jene zu bekämpfen. Die Pyrrhoniker, die nur das zum Ziel haben, mühen sich nutzlos damit ab. Wir wissen, dass wir nicht träumen. Wie ohnmächtig wir auch sind, es mit der Vernunft zu beweisen, so ist doch aus dieser Ohnmacht nichts anderes als die Schwäche unserer Vernunft zu schließen, nicht aber die Ungewissheit all unserer Erkenntnisse, wie sie es behaupten. Denn die Erkenntnis der ersten Prinzipien, wie etwa, dass es Raum, Zeit, Bewegung, Zahlen gibt, ist ebenso sicher wie irgendeine von jenen, die unsere vernünftigen Überlegungen uns vermitteln, und auf diese Erkenntnisse des Herzens und des Instinkts muss die Vernunft sich stützen und darauf ihre ganze Urteilskraft begründen. Das Herz fühlt, dass es im Raum drei Dimensionen gibt und dass die Zahlen unendlich sind, und die Vernunft beweist hierauf, dass es keine [51]zwei Quadratzahlen gibt, von denen die eine das Doppelte der anderen ist. Die Prinzipien fühlt man, die Lehrsätze werden gefolgert, und das Ganze mit Gewissheit, wenn auch auf unterschiedlichen Wegen – und es ist ebenso unnütz und ebenso lächerlich, dass die Vernunft vom Herzen Beweise für seine ersten Prinzipien verlangt, wenn sie ihnen zustimmen will, wie es lächerlich wäre, dass das Herz von der Vernunft ein Gefühl für alle Lehrsätze verlangte, die diese beweist, wenn es sie annehmen will.

Diese Ohnmacht soll also nur dazu dienen, die Vernunft zu demütigen – die über alles urteilen möchte –, nicht aber, um unsere Gewissheit zu bekämpfen. Als könnte uns nur die Vernunft unterrichten; wollte Gott, dass wir sie im Gegenteil niemals nötig hätten und dass wir alle Dinge mit Instinkt und Gefühl erkennten, doch die Natur hat uns dieses Gut verweigert; sie hat uns vielmehr nur sehr wenige derartige Erkenntnisse gegeben; alle übrigen können nur durch vernünftige Überlegung erworben werden.

Und darum sind jene, denen Gott die Religion durch das Gefühl des Herzens gegeben hat, glückselig und ganz zu Recht überzeugt, doch jenen, die sie nicht haben, können wir sie nur durch vernünftige Überlegung geben, solange wir darauf warten, dass Gott sie ihnen durch das Gefühl des Herzens gibt, sonst ist der Glaube nur menschlich und unnütz für das Heil.

111/339 Ich kann mir wohl einen Menschen ohne Hände, Füße oder Kopf vorstellen, denn nur die Erfahrung lehrt uns, dass der Kopf notwendiger als die Füße ist. Aber ich kann mir den Menschen nicht ohne Gedanken vorstellen. Das wäre ein Stein oder ein unvernünftiges Tier.

[52]112/344 Instinkt und Vernunft, die Kennzeichen zweier Naturen.

113/348 Denkendes Schilfrohr.

Nicht im Raum muss ich meine Würde suchen, sondern in der Ordnung meines Denkens. Ich werde keinen Vorteil davon haben, wenn ich Grund und Boden besitze. Durch den Raum erfasst und verschlingt das Universum mich wie einen Punkt: Durch das Denken erfasse ich es.

114/397 Die Größe des Menschen zeigt sich darin groß, dass er sich als elend erkennt; ein Baum erkennt sich nicht als elend.

Es bedeutet also, elend zu sein, wenn man (sich) als elend erkennt, aber es bedeutet, groß zu sein, wenn man erkennt, dass man elend ist.

115/349 Immaterialität der Seele.

Bei den Philosophen, die ihre Leidenschaften bezähmt haben, hat das welche Materie bewirken können?

116/398 Gerade all dieses Elend beweist seine Größe. Das ist das Elend eines großen Herrn. Das Elend eines entthronten Königs.

117/409 Die Größe des Menschen.

Die Größe des Menschen ist so offensichtlich, dass sie selbst aus seinem Elend geschlossen wird, denn was Natur bei den Tieren ist, das nennen wir Elend bei dem Menschen, wodurch wir anerkennen, dass, da seine Natur heute jener der Tiere gleicht, er eine bessere Natur verloren hat, die er einst besaß.

[53]Denn wer fühlt sich unglücklich, kein König zu sein, außer einem entthronten König? Fand man, Aemilius Paullus wäre unglücklich gewesen, nicht mehr Konsul zu sein? Alle fanden vielmehr, er wäre glücklich, es gewesen zu sein, denn seinem Stand entsprach es nicht, dies immer zu sein. Aber man fand Perseus so unglücklich, nicht mehr König zu sein, weil es seinem Stand entsprach, dies immer zu sein, so dass man es sonderbar fand, wie er das Leben weiter ertragen könnte. Wer fühlt sich unglücklich, nur einen Mund zu haben, und wer fühlte sich nicht unglücklich, nur ein Auge zu haben? Man ist wohl nie auf den Gedanken gekommen, sich zu betrüben, weil man keine drei Augen hat, aber man ist untröstlich, wenn man kein einziges hat.

118/402 Größe des Menschen selbst in seiner Begierde, weil er daraus eine bewundernswerte Ordnung gewinnen konnte und ein Bild der christlichen Liebe daraus gemacht hat.

7 Widersprüche

119/423 Widersprüche. Nachdem ich die Niedrigkeit und die Größe des Menschen gezeigt habe. Der Mensch soll sich nun nach seinem Wert schätzen. Er soll sich lieben, denn es gibt in ihm eine zum Guten fähige Natur; aber er soll deshalb nicht die Niedrigkeiten lieben, die sich in ihr befinden. Er soll sich verachten, weil diese Fähigkeit ungenutzt ist; aber er soll deshalb nicht diese natürliche Fähigkeit verachten. Er soll sich hassen, er soll sich lieben: Er hat in sich die Fähigkeit, die Wahrheit zu erkennen und glücklich zu sein; [54]aber er hat keine Wahrheit, die entweder beständig oder ausreichend ist.

Ich möchte also den Menschen zu dem Wunsch bewegen, sie zu finden, dazu bereit und von den Leidenschaften frei zu sein, um jene so weit zu verfolgen, bis er sie findet, wohl wissend, wie sehr seine Erkenntnis sich durch die Leidenschaften getrübt hat; ich möchte gern, dass er in sich die Begierde hasst, die von sich aus seine Entschlüsse lenkt, damit sie ihn nicht bei seiner Wahl verblendet und ihn nicht zurückhält, wenn er gewählt hat.

120/148 Wir sind so anmaßend, dass wir der ganzen Erde und selbst jenen Menschen bekannt sein möchten, die kommen werden, wenn wir nicht mehr sind. Und wir sind so eitel, dass die Wertschätzung von fünf oder sechs Personen aus unserer Umgebung uns erfreut und befriedigt.

121/418 Es ist gefährlich, dem Menschen zu eindringlich vor Augen zu führen, wie sehr er den Tieren gleicht, ohne ihm seine Größe zu zeigen. Und es ist weiter gefährlich, ihm zu eindringlich seine Größe ohne seine Niedrigkeit vor Augen zu führen. Es ist noch gefährlicher, ihn in Unkenntnis des einen und des anderen zu lassen, aber es ist sehr vorteilhaft, ihm das eine und das andere darzulegen.

Der Mensch soll nicht glauben, er gleiche den Tieren oder den Engeln, er soll auch nicht in Unkenntnis des einen und des anderen sein, sondern beides wissen.

122/416 An Port-Royal. Größe und Elend.

Da man das Elend aus der Größe schließt und die Größe aus dem Elend, haben die einen umso stärker auf das Elend [55]geschlossen, als sie zum Beweis dafür die Größe genommen haben, und die anderen haben mit umso stärkerer Eindringlichkeit auf die Größe geschlossen, weil sie diese gerade aus dem Elend geschlossen haben. Alles, was die einen sagen konnten, um die Größe zu zeigen, hat den anderen nur als Argument gedient, um auf das Elend zu schließen, denn es heißt ja, umso elender zu sein, je größer die Höhe war, aus der man herabgestürzt ist, und bei den anderen ist es umgekehrt. Die einen haben sich gegen die anderen in einem Kreis ohne Ende gewandt, wobei es gewiss ist, dass, je mehr Einsicht die Menschen haben, sie im Menschen sowohl Größe als auch Elend entdecken. Mit einem Wort: Der Mensch erkennt, dass er elend ist. Er ist also elend, weil er es ist, aber er ist sehr groß, weil er es erkennt.

123/157 Widerspruch, Geringschätzung unseres Daseins, für eine Nichtigkeit zu sterben, Hass auf unser Dasein.

124/125 Widersprüche.

Der Mensch ist von Natur aus leichtgläubig und ungläubig, furchtsam und tollkühn.

125/92 Was sind unsere natürlichen Prinzipien anderes als unsere Gewohnheitsprinzipien? Und bei den Kindern sind es diejenigen, die sie aus der Gewohnheit ihrer Väter empfangen haben, wie bei den Tieren die Jagd.

Eine andersartige Gewohnheit wird andere natürliche Prinzipien ergeben. Das erkennt man durch Erfahrung, und wenn es solche gibt, die für die Gewohnheit unauslöschlich sind, so gibt es auch solche der Gewohnheit, die der Natur widersprechen und für diese wie für eine zweite [56]Gewohnheit unauslöschlich sind. Das hängt von der Veranlagung ab.

126/93 Die Väter fürchten, dass die natürliche Liebe der Kinder erlischt. Was ist also diese Natur, die vom Erlöschen bedroht ist?

Die Gewohnheit ist eine zweite Natur, welche die erste zerstört. Aber was ist Natur eigentlich? Warum ist die Gewohnheit nicht natürlich? Ich befürchte sehr, dass diese Natur selbst nur eine erste Gewohnheit ist, wie die Gewohnheit eine zweite Natur ist.

127/415 Die Natur des Menschen lässt sich auf zwei Arten betrachten, die eine nach seinem Endzweck, und dann ist er groß und unvergleichlich; die andere nach dem großen Haufen, wie man über die Natur des Pferdes und des Hundes nach dem großen Haufen urteilt, indem man deren Lauf und animum arcendi (den Instinkt des Wachhundes) beobachtet, und dann ist der Mensch verworfen und nichtswürdig. Und das sind die zwei Wege, auf denen man zu so unterschiedlichen Urteilen über ihn kommt und die bei den Philosophen zu so großen Streitigkeiten führen.

Denn der eine leugnet die Voraussetzung des anderen. Der eine sagt: Er ist nicht für diesen Endzweck geboren, denn all seine Handlungen stehen dem entgegen. Der andere sagt: Er entfernt sich von seinem Endzweck, wenn er diese niedrigen Handlungen begeht.

128/396 Zwei Dinge unterrichten den Menschen über seine ganze Natur: Instinkt und Erfahrung.

[57]129/116 Beruf. Gedanken.

Alles ist eins, alles ist verschieden.

Wie viele Naturen gibt es in jener des Menschen. Wie viele Verrichtungen. Und durch welchen Zufall wählt jeder für gewöhnlich das, was er loben hörte. Wohlgeformter Schuhabsatz.

130/420 Wenn er sich rühmt, demütige ich ihn.

Wenn er sich demütigt, rühme ich ihn.

Und ich widerspreche ihm immer.

Bis er begreift,

dass er ein unbegreifliches Monstrum ist.

131/434 Die Hauptargumente der Pyrrhoniker, ich übergehe die weniger bedeutenden, bestehen darin, dass wir keine Gewissheit über die Wahrheit dieser Prinzipien, außer dem Glauben und der Offenbarung, haben, wenn man nicht den Umstand berücksichtigt, dass wir sie von Natur aus in uns fühlen. Nun ist dieses natürliche Gefühl kein überzeugender Beweis für ihre Wahrheit, denn da wir außer dem Glauben keine Gewissheit darüber haben, ob der Mensch von einem guten Gott, von einem bösen Dämon oder planlos geschaffen wurde, ist es zweifelhaft, ob diese Prinzipien uns, unserem Ursprung entsprechend, als wahre, falsche oder ungewisse gegeben sind.

Das umso mehr, da niemand eine Sicherheit außer dem Glauben hat – ob er wacht oder schläft, weil man ja während des Schlafes ebenso hellwach zu sein glaubt, wie wir es sind. Da man häufig träumt, mag man dabei ein Traumbild auf das andere häufen. Kann es nicht so sein, dass diese Hälfte des Lebens selbst nur ein Traum ist, dem die anderen [58]Träume aufgepfropft sind und aus dem wir mit dem Tode erwachen und in deren Verlauf wir ebenso wenig die Prinzipien des Wahren und des Guten wie während des natürlichen Schlafes besitzen? Dieses ganze Verrinnen der Zeit und des Lebens und diese wechselnden Körper, die wir empfinden, diese unterschiedlichen Gedanken, die uns dabei bewegen, sind vielleicht nur Täuschungen, die dem Verrinnen der Zeit und den leeren Trugbildern in unseren Träumen gleichen. Man glaubt, die Räume, die Gestalten, die Bewegungen zu sehen, man fühlt, wie die Zeit verrinnt, man misst sie, und schließlich handelt man ebenso wie im wachen Zustand. Da die Hälfte des Lebens im Schlaf vergeht, haben wir nach unserem eigenen Bekenntnis, oder was uns auch immer so erscheinen mag, keine Vorstellung über das Wahre, da ja all unsere Gefühle dann Trugbilder sind. Wer weiß, ob diese andere Hälfte des Lebens, in der wir zu wachen glauben, nicht ein anderer, etwas vom ersten verschiedener Schlaf ist. (Und wer zweifelt an dem, worauf unsere Träume gepfropft sind und das wie unser Schlaf erscheint – aus dem wir erwachen, wenn wir zu schlafen glauben –, und wer bezweifelt, dass, wenn man in Gesellschaft träumte und wenn zufällig die Träume übereinstimmten, was – ziemlich – alltäglich ist, und wenn man im wachen Zustand allein wäre, man die Ordnung der Dinge für umgekehrt halten würde.)

Das sind die Hauptargumente beider Seiten, ich übergehe die weniger bedeutenden, wie etwa die Reden der Pyrrhoniker gegen die Einwirkungen der Gewohnheit, der Erziehung, der Landessitten und andere ähnliche Dinge, die, obgleich sie den größten Teil der gewöhnlichen Menschen für sich einnehmen, denn diese stellen [59]Glaubenssätze ja nur auf diesen haltlosen Grundlagen auf, vom leisesten Atemzug der Pyrrhoniker umgestürzt werden. Man braucht sich nur ihre Bücher anzusehen; wenn man nicht genug davon überzeugt ist, wird man es sehr schnell sein, und vielleicht zu sehr.

Ich verweile bei dem einzigen starken Argument der Dogmatisten: dass man, wenn man ehrlich und aufrichtig redet, nicht an den natürlichen Prinzipien zweifeln kann.

Dem halten die Pyrrhoniker, kurz gesagt, die Ungewissheit unseres Ursprungs entgegen, die jene unserer Natur einschließt. Hierauf suchen die Dogmatisten noch immer eine Antwort, seitdem die Welt besteht.

(Wer sich ausführlicher über den Pyrrhonismus aufklären will, soll ihre Bücher prüfen. Er wird bald davon überzeugt sein, und vielleicht zu sehr.)

Das ist der offene Krieg zwischen den Menschen, in dem jeder Partei ergreifen und sich zwangsläufig entweder dem Dogmatismus oder dem Pyrrhonismus anschließen muss. Denn wer neutral zu bleiben vermeinte, wird zum Pyrrhoniker im wahrsten Sinne des Wortes. Solch eine Neutralität ist das Wesen dieser Sippe. Wer nicht gegen sie ist, der ist in ganz besonderer Weise für sie: Darin zeigt sich ihr Vorteil. Sie sind nicht für sich selbst, sie sind neutral, indifferent, bei allem unentschieden, ohne sich selbst auszunehmen.

Was soll also der Mensch in diesem Zustand tun? Soll er an allem zweifeln, soll er zweifeln, ob er wacht, ob man ihn kneift, ob man ihn verbrennt, soll er zweifeln, ob er zweifelt, soll er zweifeln, ob es ihn gibt?

Man kann nicht so weit kommen, und ich nehme als Tatsache an, dass es niemals einen tatsächlich vollkommenen Pyrrhoniker gegeben hat. Die Natur unterstützt die [60]ohnmächtige Vernunft und hindert sie daran, bis zu diesem Punkt abzuschweifen.

Soll er also im Gegenteil sagen, dass er gewiss die Wahrheit besitzt, er, der, sobald man ihn auch nur im Geringsten drängt, dafür keinen Beweis vorbringen kann und gezwungen ist, klein beizugeben?

Welches Trugbild ist denn der Mensch? Welches noch nie dagewesene Etwas, welches Monstrum, welches Chaos, welcher Hort von Widersprüchen, welches Wunderding? Ein Richter über alle Dinge, ein schwacher Erdenwurm, ein Hüter der Wahrheit, eine Kloake der Ungewissheit und des Irrtums, Ruhm und Abschaum des Weltalls.

Wer löst diese Verwirrung? (Gewiss geht das über den Dogmatismus und den Pyrrhonismus und über die ganze menschliche Philosophie hinaus. Der Mensch geht über den Menschen hinaus. Man soll doch den Pyrrhonikern zugestehen, was sie so laut hinausposaunt haben, dass die Wahrheit nicht für uns erreichbar und nicht unsere Sache ist, dass sie ihre Heimstatt nicht auf Erden hat, dass sie im Himmel weilt, dass sie in Gottes Schoß ruht und dass man sie nur in dem Maße erkennen kann, wie es ihm gefällt, sie zu offenbaren. Lernen wir also aus der unerschaffenen und Fleisch gewordenen Wahrheit unsere wirkliche Natur.

Wenn man die Wahrheit mit der Vernunft sucht, kann man einer dieser drei Schulen nicht entgehen. – Man kann nicht Pyrrhoniker oder Akademiker sein, ohne die Natur zu unterdrücken, man kann nicht Dogmatist sein, ohne der Vernunft zu entsagen.)

Die Natur verwirrt die Pyrrhoniker (und die Akademiker), und die Vernunft verwirrt die Dogmatiker. Was sollst du also werden, o Mensch, der du mit deiner natürlichen [61]Vernunft nach deiner wahren Lage suchst, du kannst nicht einer dieser (drei) Schulen entfliehen und ebenso wenig in irgendeiner zurechtkommen.

Erkenne also, du Hochmütiger, welches Paradoxon du für dich selbst bist. Demütige dich, ohnmächtige Vernunft! Schweig still, törichte Natur, erfahre, dass der Mensch unendlich über den Menschen hinausgeht, und höre von deinem Herrn, welches deine wirkliche Lage ist, die du nicht kennst.

Höre auf Gott!

(Ist es nicht sonnenklar, dass die Lage des Menschen zwiefach ist?) Denn schließlich, wenn der Mensch niemals verderbt worden wäre, so würde er sich in seiner Unschuld vertrauensvoll der Wahrheit wie des Glücks erfreuen. Und wenn der Mensch nie etwas anderes als verderbt gewesen wäre, so hätte er keine Vorstellung über Wahrheit und Glückseligkeit. Aber so unglücklich, wie wir sind, und wir sind es mehr, als wenn es keine Größe in unserem Zustand gäbe, haben wir doch eine Vorstellung vom Glück, und wir können es nicht erreichen. Wir ahnen ein Bild der Wahrheit und besitzen nur die Täuschung. Wir sind unfähig, in völliger Unwissenheit zu bleiben und etwas mit Gewissheit zu kennen, so offenkundig zeigt sich, dass wir auf einer Stufe der Vollkommenheit gestanden haben, von der wir zu unserem Unglück herabgesunken sind.

(Begreifen wir also, dass die Lage des Menschen zwiefach ist.)

(Begreifen wir also, dass der Mensch unendlich über den Menschen hinausgeht und dass er ohne den Beistand des Glaubens sich selbst unbegreiflich wäre. Denn wer sieht nicht, dass man ohne die Erkenntnis dieser zwiefachen Lage [62]der Natur in unüberwindlichem Unwissen über seine wahre Natur wäre.)

Es ist jedoch etwas Erstaunliches, dass das Mysterium, das von unserer Erkenntnis am weitesten entfernt ist, nämlich jenes von der Fortpflanzung der Erbsünde, etwas ist, ohne das wir keine Selbsterkenntnis erreichen können.

Denn es ist nicht zu bezweifeln, dass es nichts gibt, was unserer Vernunft stärker widerstrebt, als wenn man sagt, dass die Sünde des ersten Menschen jene schuldig gemacht habe, die unfähig scheinen, daran teilzuhaben, da sie so weit von jener Quelle entfernt sind. Eine derartige Ableitung scheint uns nicht allein unmöglich. Sie kommt uns sogar sehr ungerecht vor, denn was widerspricht wohl mehr den Regeln unserer erbärmlichen Gerechtigkeit, als dass man ein willenloses Kind wegen einer Sünde auf ewig verdammt, an der es so wenig teilzuhaben scheint, da sie 6000 Jahre früher begangen wurde, als es ins Dasein getreten ist. Gewiss ist uns nichts stärker zuwider als diese Lehre. Und doch sind wir ohne dieses Mysterium, das unbegreiflichste von allen, uns selbst unbegreiflich. Die Verwicklung unseres Daseins zieht ihre geheimsten Falten und Windungen aus diesem Abgrund. So kommt es, dass der Mensch sich ohne dieses Mysterium noch schwerer begreifen lässt, als dieses Mysterium dem Menschen begreiflich ist.

(Daraus geht hervor, dass Gott, da er uns selbst die Schwierigkeit unseres Wesens unverständlich machen wollte, dessen Verwicklung so hoch oder, besser gesagt, so tief verborgen hat, damit wir ganz unfähig wären, dorthin zu gelangen. So können wir uns denn nicht wirklich durch die hochmütigen und unruhigen Beschäftigungen unserer Vernunft, sondern durch die einfache Unterwerfung der Vernunft erkennen.)

[63](Diese festgefügten Grundlagen für die unverletzliche Autorität der Religion bringen uns zu der Erkenntnis, dass es zwei gleichermaßen beständige Glaubenswahrheiten gibt.

Die eine, dass der Mensch im Stande der Schöpfung oder in jenem der Gnade über die ganze Natur erhoben ist, gleichsam Gott ähnlich wurde und an der Göttlichkeit teilhat. Die andere, dass er im Stande der Verderbnis und der Sünde von jenem ersten Stand herabgesunken ist und den Tieren ähnlich wurde. Diese beiden Sätze sind gleichermaßen zuverlässig und sicher.

Die Heilige Schrift erklärt sie uns offenbar, wenn sie an verschiedenen Stellen sagt – deliciae meae esse cum filiis hominum [»Meine Lust ist bei den Menschenkindern«, Spr 8,31] – effundam spiritum meum super omnem carnem [»〈…〉 will ich meinen Geist ausgießen über alles Fleisch«, Joel 3,1] usw. – dii estis [»Ihr seid Götter«, Ps 82,6]. Und wenn sie an anderen Stellen sagt: Omnis caro foenum [»Alles Fleisch ist Gras«, Jes 40,6], homo assimilatus est jumentis insipientibus [»〈Dennoch kann〉 ein Mensch 〈nicht bleiben in solchem Ansehen, sondern〉 muss davon wie ein Vieh«, Ps 49,13], et similis factus est illis, dixi in corde meo de filiis hominum [»Ich sprach in meinem Herzen: Es geschieht wegen der Menschenkinder, 〈…〉 dass sie an sich selbst sind wie das Vieh«, Pred 3,18] – Prediger Salomo 3 –.

Daraus geht klar hervor, dass der Mensch durch die Gnade gleichsam Gott ähnlich wurde und an seiner Göttlichkeit teilhat und dass er ohne die Gnade dem Vieh gleichgeachtet wird.)

[64]8 Zerstreuung

132/170 Zerstreuung. – Wenn der Mensch glücklich wäre, würde er es umso mehr sein, je weniger er Zerstreuungen ergeben wäre, wie die Heiligen und Gott. Ja; aber heißt es nicht glücklich sein, wenn man durch Zerstreuungen erfreut werden kann?

– Nein; denn sie kommen anderswoher und von außen; und deshalb sind sie abhängig und allenthalben dem Umstand unterworfen, von tausend Zufällen gestört zu werden, die zu unabwendbaren Leiden führen.

133/168 Zerstreuung.

Da die Menschen nicht Tod, Elend und Unwissenheit heilen konnten, sind sie, um sich glücklich zu machen, auf den Einfall gekommen, nicht daran zu denken.

134/169 Ungeachtet jenes Elends will er glücklich und nur glücklich sein, und er kann nicht umhin, es sein zu wollen.

Doch wie soll er es anfangen? Um es ganz zu erreichen, wäre es notwendig, dass er sich unsterblich machte, doch da er es nicht kann, ist er auf den Einfall gekommen, sich den Gedanken daran zu versagen.

135/469 Ich fühle, dass es für mich möglich ist, nicht gelebt zu haben, denn das Ich besteht in meinem Denken; also würde ich, der ich denke, nicht gelebt haben, wenn meine Mutter getötet worden wäre, bevor ich zum Leben erwacht wäre, also bin ich kein notwendiges Wesen. Ich bin auch nicht ewig oder unendlich, aber ich sehe sehr wohl, dass es in der Natur ein notwendiges, ewiges und unendliches Wesen gibt.

[65]136/139 Zerstreuung.

Als ich es zuweilen unternommen habe, die ruhelose Geschäftigkeit der Menschen zu betrachten, wie auch die Gefahren und die Strapazen, denen sie sich bei Hofe und im Kriege aussetzen, woraus so viele Streitigkeiten, Leidenschaften, kühne und oft unheilvolle Unternehmungen usw. erwachsen, habe ich häufig gesagt, dass das ganze Unglück der Menschen aus einem einzigen Umstand herrühre, nämlich, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können. Wenn ein Mann, der genug Vermögen zum Leben hat, es verstünde, vergnügt zu Hause zu bleiben, so würde er nicht ausziehen, um über das Meer zu fahren oder sich an der Belagerung einer Festung zu beteiligen; man kauft wohl nur eine Stelle in der Armee für so viel Geld, weil man es unerträglich findet, sich nicht aus der Stadt fortzurühren, und man sucht Unterhaltungen und Zerstreuung bei Spielen nur, weil man nicht vergnügt zu Hause bleibt. Usw.

Doch da ich es genauer bedachte und nachdem ich den Grund für all unser Unglück gefunden hatte, wollte ich dessen Ursache(n) entdecken, und ich habe gefunden, dass es eine ganz sichere gibt, die im natürlichen Unglück unserer schwachen und sterblichen Beschaffenheit besteht, die so elend ist, dass nichts uns trösten kann, wenn wir sie recht bedenken.

Welche Lage man sich auch immer vor Augen führen mag, wenn man alle Güter zusammenhäuft, die uns gehören können, so ist die Königswürde doch die schönste Stellung der Welt, und trotzdem, wenn man sich denkt, mit ihr und allen Befriedigungen versehen zu sein, die mit ihr in Zusammenhang stehen können, wenn der Betreffende ohne Zerstreuung ist und man ihn Betrachtungen und [66]Überlegungen darüber, was er ist, anstellen lässt – so wird dieses schwache Glück ihm nichts helfen –, er wird notgedrungen in Gedanken über jene Geschehnisse verfallen, die ihn bedrohen, über die Empörungen, die eintreten können, und schließlich über den Tod und die Krankheiten, die unausbleiblich sind, so dass er nun, wenn ihm das fehlt, was man Zerstreuungen nennt, unglücklich ist, und unglücklicher als der Geringste seiner Untertanen, der spielt und sich zerstreut.

(Das einzige Gut der Menschen besteht also darin, dass sie von den Gedanken an ihre Lage abgelenkt werden, und das entweder durch eine Beschäftigung, die sie davon abbringt, oder durch irgendeine angenehme und neue Leidenschaft, die sie ausfüllt, oder auch durch das Spiel, die Jagd, irgendein anziehendes Schauspiel und schließlich durch jenes, was man Zerstreuungen nennt.)

Daher kommt es, dass das Spiel und der Umgang mit Frauen, der Krieg und die hohen Ämter so begehrt sind. Das ist nicht etwa deshalb, weil wirklich Glück darin läge, oder weil man sich vorstellte, die wahre Seligkeit sei es, das Geld zu besitzen, das man beim Spiel gewinnen kann, oder sie bestehe in dem Hasen, dem man nachjagt; man würde ihn nicht haben wollen, wenn man ihn geschenkt bekäme. Nicht diesen trägen und ruhigen Gebrauch, der uns an unsere unglückliche Lage denken lässt, sucht man, ebenso wenig die Gefahren des Krieges oder die Mühsal der Ämter, sondern die Unruhe, die uns abhält, an unsere Lage zu denken, und die uns zerstreut. Aus diesem Grunde hat man die Jagd lieber als die Beute.

Daher kommt es, dass die Menschen das Getümmel und die Aufregung so gernhaben. Daher kommt es, dass das [67]Gefängnis eine so schreckliche Qual ist, daher kommt es, dass die Freude an der Einsamkeit etwas Unbegreifliches ist. Und schließlich ist es die große Ursache des Glücks in der Stellung der Könige, dass man unablässig versucht, sie zu zerstreuen und ihnen alle Arten von Vergnügungen zu verschaffen. Der König ist von Leuten umgeben, die nur daran denken, den König zu zerstreuen und ihn davon abzuhalten, an sich selbst zu denken. Denn er ist unglücklich, sosehr er auch König ist, sobald er daran denkt.

Das ist alles, was die Menschen haben erfinden können, um sich glücklich zu machen, und diejenigen, die sich angesichts dessen als Philosophen aufspielen und glauben, die Welt sei sehr wenig vernünftig, wenn man den ganzen Tag damit verbringt, einem Hasen nachzujagen, den man als gekauften nicht haben wollte, kennen unsere Natur nicht gut. Dieser Hase würde uns nicht vor dem Gedanken an den Tod und dem Elend bewahren, das uns davon ablenkt, die Jagd jedoch bewahrt uns davor. Und daher stieß der Rat, den man Pyrrhus gab, jene Ruhe zu genießen, die er durch so viele Anstrengungen suchen wollte, auf große Schwierigkeiten.

(Einem Menschen zu sagen, er solle ausruhen, bedeutet, ihm zu sagen, er solle glücklich leben. Es bedeutet, ihm zu raten: A.

A. Eine ganz und gar glückliche Lage zu haben, über die er in aller Muße nachdenken kann, ohne einen Anlass zum Kummer dabei zu finden. [– Das bedeutet nun, die Natur nicht zu verstehen.]

Daher vermeiden die Menschen, die von Natur aus ihre Lage wahrnehmen, nichts so sehr wie die Ruhe; sie lassen nichts unerprobt, um die Aufregung zu suchen.

[68]Deshalb geht man fehl, wenn man sie tadelt; ihre Schuld besteht nicht darin, dass sie den Tumult suchen. Wenn sie ihn nur als eine Zerstreuung suchten! Doch das Übel besteht darin, dass sie ihn aufsuchen, als sollte der Besitz der Dinge, um die sie sich bemühen, sie wirklich glücklich machen, und darin beschuldigt man ihre Suche zu Recht der Eitelkeit, so dass bei alldem diejenigen, die tadeln, wie auch diejenigen, die getadelt werden, nicht die wirkliche Natur des Menschen verstehen.) Und wenn man ihnen daher vorwirft, dass das, was sie mit solchem Feuereifer suchen, sie nicht zufriedenstellen kann, und sie darauf antworteten, wie sie es tun müssten, wenn sie genau darüber nachdächten, dass sie dabei nur eine ungestüme und hitzige Beschäftigung suchen, die sie davon abhält, an sich selbst zu denken, und dass sie sich deshalb ein verlockendes Ziel setzen, das sie begeistert und leidenschaftlich anzieht, so würden sie ihren Gegnern das Wort abschneiden … – Die Eitelkeit, das Vergnügen, sie den anderen zu zeigen. – Der Tanz, bei dem man genau daran denken muss, wo man die Füße hinsetzt. – Aber sie geben keine derartige Antwort, weil sie sich selbst nicht kennen. Sie wissen nicht, dass sie nur die Jagd und nicht die Beute suchen. – Der Edelmann glaubt aufrichtig, die Jagd sei ein großes, ja ein königliches Vergnügen, doch sein Treiber teilt jene Meinung nicht. – Sie bilden sich ein, wenn sie dieses Amt erhalten hätten, so würden sie hierauf mit Vergnügen ausruhen, und sie nehmen nicht die unersättliche Natur der Begierde wahr. Sie glauben, aufrichtig nach Ruhe zu streben, und sie streben tatsächlich nur nach rastloser Bewegung.

Sie haben einen geheimen Trieb, der sie bewegt, äußerliche Zerstreuung und Beschäftigung zu suchen, und der [69]aus dem Gefühl ihres beständigen Elends erwächst. Und sie haben einen weiteren geheimen Trieb, der von der Größe unserer ursprünglichen Natur übriggeblieben ist und der sie erkennen lässt, dass das Glück tatsächlich nur in der Ruhe und nicht im Tumult liegt. Und aus diesen beiden entgegengesetzten Trieben bildet sich in ihnen ein verworrener Vorsatz, der sich vor ihren Blicken am Grunde ihrer Seele verbirgt und der sie bewegt, nach Ruhe durch Geschäftigkeit zu streben und sich stets vorzustellen, dass sie die Zufriedenheit, die sie nicht im Mindesten haben, erreichen werden, wenn sie erst einige klar erkennbare Schwierigkeiten überwunden haben und sich dadurch das Tor zur Ruhe öffnen können.

So verrinnt das ganze Leben; man sucht die Ruhe, indem man gegen einige Hindernisse kämpft, und wenn man sie überwunden hat, wird die Ruhe unerträglich wegen der Langeweile, die sie erzeugt. Man muss sie aufgeben und sich eifrig ins Getümmel stürzen.

Denn entweder denkt man an das Elend, das man erleidet, oder an jenes, das uns bedroht. Und sogar, wenn man sich von allen Seiten ausreichend geschützt sähe, so würde die ihrer Autorität beraubte Langeweile doch unablässig vom Grunde des Herzens, wo sie natürliche Wurzeln hat, empordringen und den Geist mit ihrem Gift erfüllen. B.

B. Also ist der Mensch so unglücklich, dass er sich sogar ohne irgendeinen Grund zur Langeweile, infolge seiner eigentümlichen Veranlagung, langweilen würde. Und er ist innerlich so leer, dass, wenn er tausend wesentliche Gründe zur Langeweile besitzt, die geringste Kleinigkeit, wie ein Billardspiel und ein Ball, den er vor sich her stößt, genügen, um ihn zu zerstreuen.

[70]C. Aber Ihr werdet sagen, welchen Zweck verfolgt er bei alldem? Jenen, sich morgen vor seinen Freunden rühmen zu können, dass er besser als ein anderer gespielt habe. So schwitzen die anderen in ihrem Studierzimmer, um den Gelehrten zu beweisen, dass sie eine Algebraaufgabe gelöst haben, deren Ergebnis man bisher nicht finden konnte, und so viele weitere setzen sich den äußersten Gefahren aus, um sich hierauf zu rühmen, sie hätten eine Festung eingenommen, was nach meiner Ansicht ebenso töricht ist. Und die Übrigen schließlich arbeiten sich dabei zu Tode, dass sie all diese Dinge beobachten, nicht etwa, um hierdurch weiser zu werden, sondern allein, um zu zeigen, dass sie es wissen, und diese Letzteren sind die Törichtsten der ganzen Sippe, denn sie sind sich ja dessen bewusst, während man von den anderen denken kann, dass sie es nicht mehr wären, wenn sie es wüssten.

Solch ein Mensch verbringt das Leben, ohne sich zu langweilen, indem er alle Tage um eine Kleinigkeit spielt. Gebt ihm allmorgendlich das Geld, das er jeden Tag gewinnen kann, unter der Bedingung, dass er nicht spielen darf, so macht ihr ihn unglücklich. Man wird vielleicht sagen, er suche das Vergnügen des Spiels und nicht den Gewinn. Lasst ihn also um nichts spielen, er wird sich dabei nicht erregen und sich langweilen. Also sucht er nicht das Vergnügen allein. Ein fades und leidenschaftsloses Vergnügen wird ihn langweilen. Er muss sich dabei erregen und sich selbst betrügen, indem er sich vorstellt, dass er glücklich wäre, das zu gewinnen, was er geschenkt nicht haben wollte, wenn man ihm dabei die Bedingung stellte, nicht zu spielen; so formt er sich einen Gegenstand der Leidenschaft und erregt dadurch seine Begierde, seinen Zorn, seine [71]Furcht und wendet sie jener Sache zu, die er selbst geformt hat, den Kindern gleich, die vor dem Gesicht erschrecken, das sie selbst gekritzelt haben.

Woher kommt es, dass dieser Mann, der vor wenigen Monaten seinen einzigen Sohn verloren hat und der, von Prozessen und Streitigkeiten heimgesucht, heute Morgen so beunruhigt war, nun nicht mehr daran denkt? Erstaunt darüber nicht, er ist ganz mit der Beobachtung beschäftigt, wo dieses Wildschwein entlanglaufen wird, dem seine Hunde seit sechs Stunden so eifrig nachsetzen. Mehr ist nicht nötig. So gramgebeugt der Mensch auch sein mag, wenn man ihn für irgendeine Zerstreuung gewinnen kann, ist er während jener Zeit glücklich, und so glücklich auch irgendein Mensch sein mag, wenn er nicht von irgendeiner Leidenschaft oder irgendeinem Vergnügen zerstreut und ausgefüllt wird, die verhindern, dass sich Langeweile ausbreiten kann, so wird er bald betrübt und unglücklich sein. Ohne Zerstreuung gibt es keine Freude; mit der Zerstreuung gibt es keine Traurigkeit. Und das macht auch das Glück der Menschen aus. D.

D. Über diejenigen, die so hochgestellt sind, dass sie zahlreiche Leute bei sich haben, die für ihre Zerstreuung sorgen, und dass sie die Macht haben, sich in diesem Zustand zu erhalten.

Gebt darauf acht, was bedeutet es wohl anderes, Oberaufseher, Kanzler, Oberpräsident zu sein, als dass man sich in einer Lage befindet, bei der man des Morgens eine große Anzahl von Leuten um sich hat, die von überallher kommen, um ihnen während des Tages keine einzige Stunde zu lassen, in der sie an sich selbst denken können, und wenn sie in Ungnade gefallen sind und man sie in ihre [72]Landhäuser schickt, wo es ihnen nicht an Gütern und an Bediensteten fehlt, die sie mit allem Notwendigen versorgen, so sind sie dennoch elend und verlassen, weil niemand sie daran hindert, an sich selbst zu denken.

137/142 Zerstreuung.

Ist die königliche Würde nicht von sich aus hinreichend groß für denjenigen, der sie besitzt, um ihn durch den bloßen Gedanken, was er ist, glücklich zu machen; soll man ihn von einer derartigen Betrachtung ablenken wie die einfachen Leute? Ich sehe wohl ein, dass es heißt, einen Menschen glücklich zu machen, wenn man ihn von der Betrachtung seines häuslichen Elends ablenkt und sein ganzes Denken der Sorge zuwendet, gut zu tanzen, doch wird es sich bei einem König ebenso verhalten, und wird er glücklicher sein, wenn er sich an diese eitlen Vergnügungen klammert, als wenn er an seine Größe denkt? Und welchen erfreulicheren Gegenstand könnte man seinem Geist bieten? Hieße es denn nicht, seiner Freude – die darin besteht, die Seele mit dem Gedanken zu beschäftigen, wie er seine Schritte dem Takt eines Liedes anpassen oder wie er geschickt ins Ziel treffen kann – zu schaden, anstatt ihn in Ruhe die Betrachtung des ihn umgebenden majestätischen Glanzes genießen zu lassen? Man mache die Probe, man lasse einen König ganz allein, ohne irgendeine Befriedigung der Sinne, ohne dass sein Geist von irgendeiner Sorge beschwert wird, ohne Gesellschaft und ohne Zerstreuung, mit aller Muße an sich denken, und man wird sehen, dass ein König ohne Zerstreuung ein Mensch voller Elend ist. Daher vermeidet man das auch sorgfältig, und unfehlbar wird es in der Umgebung der Könige stets sehr viele Leute [73]geben, die darüber wachen, dass ihren Geschäften die Zerstreuung folgt, und die all ihre Mußestunden beobachten, um ihnen Vergnügungen und Spiele zu bieten, damit keine Leere entstehe. Das heißt, dass sie von Personen umgeben sind, die bewundernswert sorgfältig darauf achten, dass der König nicht allein und in der Lage sei, an sich selbst zu denken, da sie wohl wissen, dass er elend sein wird, sosehr er auch König ist, wenn er daran denkt.

Bei alldem spreche ich nicht von den christlichen Königen als Christen, sondern allein als Königen.

138/166 Zerstreuung.

Der Tod ist leichter zu ertragen, wenn man nicht an ihn denkt, als der Gedanke an den Tod, wenn man außer Gefahr ist.

139/143 Zerstreuung.

Man belastet die Menschen von Kindheit an mit der Sorge um ihre Ehre, um ihren Besitz, um ihre Freunde und dazu noch um den Besitz und die Ehre ihrer Freunde, man überhäuft sie mit Geschäften, mit dem Erlernen der Sprachen und mit Übungen, und man gibt ihnen zu verstehen, sie könnten nicht glücklich sein, ohne dass es gut um ihre Gesundheit, ihre Ehre, ihr Vermögen und um die Gesundheit, die Ehre, das Vermögen ihrer Freunde stehe, und wenn nur eines davon fehle, so werde sie das unglücklich machen. Also überträgt man ihnen Pflichten und Geschäfte, die sie vom frühen Morgen an in Bewegung halten. Das, so werdet ihr sagen, ist eine seltsame Art, sie glücklich zu machen; was könnte man mehr tun, um sie unglücklich zu machen? Wie denn, was man tun könnte? Man brauchte [74]ihnen nur all diese Sorgen abzunehmen, denn hierauf würden sie sich selbst sehen, sie würden daran denken, was sie sind, woher sie kommen, wohin sie gehen, und gerade deshalb kann man sie gar nicht zu sehr beschäftigen und ablenken. Und darum auch rät man ihnen, nachdem man sie mit so vielen Geschäften beauftragt hat und sobald sie einige Mußestunden haben, dass sie diese benutzen sollen, um sich zu zerstreuen, zu spielen und sich immer ganz und gar beschäftigt zu halten.

Wie hohl und voller Schmutz ist doch des Menschen Herz.

9 Philosophen

140/466 Wenn Epiktet den Weg auch ganz deutlich gesehen hätte, sagt er doch den Menschen: Ihr geht einen falschen Weg. Er beweist, dass es einen anderen gibt, aber er führt nicht zu ihm hin. Es ist derjenige, zu wollen, was Gott will. Jesus Christus allein führt auf diesen Weg. Via veritas. (»[Ich bin] der Weg [und] die Wahrheit […]«, Joh 14,6.)

Selbst Zenon hat die gleichen Fehler.

141/509 Philosophen.

Das ist etwas Rechtes, einem Menschen, der sich selbst nicht kennt, zuzurufen, er solle von sich aus zu Gott finden. Und das ist auch etwas Rechtes, dies einem Menschen zu sagen, der sich selbst kennt.

142/463 (Gegen die Philosophen, die Gott ohne Jesus Christus haben.) Philosophen.

[75]Sie glauben, dass allein Gott würdig ist, geliebt und verehrt zu werden, und sie haben sich gewünscht, von den Menschen geliebt und verehrt zu werden, und dabei erkennen sie ihre Verderbtheit nicht. Wenn sie sich ganz von dem Streben beseelt fühlen, ihn zu lieben und anzubeten, und darin ihre größte Freude finden, sollen sie sich für gut halten, recht so! Doch wenn sie Widerwillen dagegen empfinden, wenn sie nur den Hang haben, die Achtung der Menschen zu erwirken, und wenn sie als ganze Vollkommenheit nur erreichen, dass die Menschen, ohne dazu gezwungen zu werden, ihr Glück darin finden, sie zu lieben, so werde ich sagen, dass diese Vollkommenheit schrecklich ist. Wie denn, sie haben Gott erkannt und nicht einzig gewünscht, dass die Menschen ihn lieben, die Menschen sollten sich vielmehr mit ihnen begnügen. Sie wollten der Gegenstand des selbstgewählten Glücks der Menschen sein.

143/464 Philosophen.

Wir sind voller Dinge, die uns nach außen stoßen.

Unser Instinkt lässt uns fühlen, dass wir unser Glück außerhalb von uns selbst suchen müssen. Unsere Leidenschaften drängen uns nach außen, selbst wenn die Gegenstände, mit denen sie erregt werden, sich nicht darböten. Die Gegenstände der Außenwelt führen uns von selbst in Versuchung und rufen uns, selbst wenn wir nicht an sie denken. Und daher haben die Philosophen gut reden: Haltet Einkehr in euch selbst, dort werdet ihr euer Glück finden. Man glaubt ihnen nicht, und diejenigen, die ihnen glauben, sind die Gedankenlosesten und Einfältigsten.

[76]144/360 Was die Stoiker vorbringen, ist so schwierig und so eitel.

Die Stoiker nehmen an: All jene, die nicht auf der hohen Stufe der Weisheit stehen, seien gleichermaßen töricht und unzulänglich, so wie jene, die zwei Fingerhut tief unter Wasser sind.

145/461 Die drei Begierden haben drei Schulen hervorgebracht, und die Philosophen haben nichts anderes getan, als einer der drei Begierden zu folgen.

146/350 Stoiker.

Sie folgern, dass man immer vermag, was man manchmal vermag, und dass, da ja das Ruhmesverlangen sehr wohl jene, die es beherrscht, zu einigen Taten bewegt, auch die anderen sie ebenso gut vollbringen können.

Das sind fieberhafte Anwandlungen, welche die Gesundheit nicht nachahmen kann.

Epiktet schließt daraus, dass es standhafte Christen gibt, dass jeder es durchaus werden kann.

10 Das höchste Gut

147/361 Das höchste Gut. Streit um das höchste Gut.

Ut sis contentus temetipso et ex te nascentibus bonis. (»Damit du zufrieden mit dir selbst und mit den Gütern bist, die aus dir erwachsen.« Seneca, Epist. XX.)

Dabei tritt ein Widerspruch auf, denn schließlich geben sie den Rat, sich selbst das Leben zu nehmen.

Oh! Was ist das wohl für ein glückliches Leben, von dem man sich wie von der Pest frei macht!

[77]148/425 Zweiter Teil.

Dass der Mensch ohne Glauben nicht das wahre Gut und auch nicht die Gerechtigkeit erkennen kann.

Alle Menschen suchen nach dem Glück. Das gilt ohne Ausnahme, wie unterschiedlich auch die Mittel sein mögen, die sie dafür benutzen. Sie streben alle diesem Ziel zu. Was bewirkt, dass die einen in den Krieg ziehen und die anderen nicht, ist dieses gleiche Verlangen, das bei allen beiden mit unterschiedlichen Auffassungen verbunden ist. Die geringste Willensregung ist immer nur auf diesen Zweck gerichtet. Das ist bei allen Menschen der Beweggrund aller Handlungen, selbst bei jenen, die sich erhängen wollen.

Und dennoch ist niemand seit so vielen Jahren jemals ohne den Glauben zu diesem Punkt gelangt, nach dem alle beständig streben. Alle beklagen sich, Fürsten, Untertanen, Adlige, Gemeine, Greise, Jünglinge, Starke, Schwache, Gelehrte, Unwissende, Gesunde, Kranke aller Länder, aller Zeiten, aller Lebensalter und aller Stellungen.

Eine so lange, so beständige und so einheitliche Probe sollte uns doch von unserer Unfähigkeit überzeugen, das Glück durch unsere eigene Anstrengung zu erreichen. Doch das Beispiel ist für uns wenig lehrreich. Es ist nie so vollkommen gleichartig, dass es nicht irgendeinen feinen Unterschied gäbe, und gerade deshalb erwarten wir, dass unsere Hoffnung bei dieser Gelegenheit nicht wie bei der früheren getäuscht wird, und da uns die Gegenwart deshalb nicht zufriedenstellt, betrügt uns die Erfahrung und führt uns von Unglück zu Unglück, bis zum Tode, der dessen ewiger Gipfelpunkt ist.

Was rufen uns denn diese Gier und diese Unfähigkeit [78]zu, wenn nicht dies, dass es einst im Menschen ein wahres Glück gegeben hat, von dem ihm jetzt nur das Zeichen und die ganz wesenlose Spur geblieben sind und die er nun vergebens mit allem auszufüllen trachtet, was ihn umgibt, wobei er von den fernen Dingen die Hilfe erwartet, die er von den gegenwärtigen nicht erhält, doch sie alle sind dazu nicht fähig, weil dieser unendliche Abgrund nur durch etwas Unendliches und Unwandelbares ausgefüllt werden kann, das heißt durch Gott selbst.

Gott allein ist das wahre Glück des Menschen. Und seitdem er Gott verlassen hat, gibt es seltsamerweise nichts in der Natur, was nicht geeignet gewesen wäre, seinen Platz beim Menschen einzunehmen: Sterne, Himmel, Erde, Elemente, Pflanzen, Kohl, Lauch, Tiere, Insekten, Kälber, Schlangen, Fieber, Pest, Krieg, Hungersnot, Laster, Ehebruch, Blutschande. Und seitdem er das wahre Glück verloren hat, kann ihm alles gleichermaßen als solches erscheinen, sogar seine eigene Vernichtung, obwohl sie doch Gott, der Vernunft und der Natur zugleich so sehr widerspricht.

Die einen suchen es in der Machtvollkommenheit, die anderen in Raritätensammlungen und Wissenschaften, wieder andere in sinnlichen Vergnügen.

Weitere, die ihm tatsächlich am meisten nahegekommen sind, haben die Ansicht vertreten, es sei notwendig, dass dieses allgemeine Gut, das alle Menschen ersehnen, nicht in irgendeinem von den Einzeldingen bestehe, die nur von einem allein besessen werden können und die, wenn sie geteilt sind, ihre Besitzer eher bekümmern, weil ihnen der Teil fehlt, den sie nicht haben, als dass sie ihnen Zufriedenheit durch den Genuss jenes Teils geben, der dem Einzelnen gehört. Sie haben verstanden, dass das wahre [79]Glück so beschaffen sein müsste, dass alle es ungeschmälert und unbeneidet zugleich besitzen könnten und dass niemand es gegen seinen Willen verlieren könnte, denn, sagen sie, dieses Verlangen entspreche der Natur des Menschen und sei notwendigerweise bei allen vorhanden, und er könne gar nicht umhin, es zu haben, so schließen sie daraus …

11 An Port-Royal

149/430 An Port-Royal. Beginn, nachdem ich erklärt habe, dass es unbegreiflich ist.

Die Größe und das Elend des Menschen sind so offensichtlich, dass die wahre Religion uns unbedingt unterrichten muss, dass es im Menschen sowohl irgendein Hauptprinzip für seine Größe wie ein Hauptprinzip für sein Elend gibt.

Sie muss uns außerdem eine Erklärung für diese erstaunlichen Widersprüchlichkeiten geben.

Um den Menschen glücklich zu machen, muss sie ihm zeigen, dass es einen Gott gibt, dass man verpflichtet ist, ihn zu lieben, dass es unser wahres Glück ist, in ihm zu sein, und unser einziges Übel, von ihm getrennt zu sein, sie muss anerkennen, dass wir von Finsternis erfüllt sind, die uns hindert, ihn zu erkennen und zu lieben, und dass wir deshalb, da unsere Pflichten uns auferlegen, Gott zu lieben, und unsere Begierden uns davon abbringen, voller Ungerechtigkeit sind. Sie muss uns eine Erklärung für diesen Widerstand geben, den wir Gott und unserem eigenen Glück gegenüber zeigen. Sie muss uns die Heilmittel gegen [80]diese Unfähigkeit und die Wege weisen, um diese Heilmittel zu erhalten. Man prüfe daraufhin alle Religionen der Welt und untersuche, ob es außer der christlichen noch eine andere gibt, die dies vermag.

Etwa die Philosophen, die uns als ganzes Glück jene Güter hinstellen, die in uns sind? Haben sie das Heilmittel für unsere Übel gefunden? Bedeutet es, man habe die Anmaßung des Menschen geheilt, wenn man ihn Gott ebenbürtig macht? Jene, die uns den Tieren gleichgestellt haben, und die Mohammedaner, die uns die Freuden der Erde als ganzes Glück, selbst für die Ewigkeit, gegeben haben, haben sie das Heilmittel für unsere Begierden geliefert?

Welche Religion wird uns also lehren, den Stolz und die Begierde zu heilen? Welche Religion wird uns schließlich unser Glück, unsere Pflichten und die Schwächen erkennen lassen, die uns davon abbringen, dazu die Ursache für diese Schwächen, die Mittel, die sie heilen können, und den Weg, um diese Heilmittel zu erhalten? Alle anderen Religionen haben es nicht vermocht.

Sehen wir, was die Weisheit Gottes bewirken wird.

Erwartet nicht, so sagt sie, o ihr Menschen, Wahrheit oder Trost von den anderen Menschen. Ich bin es, die euch geschaffen hat und die allein euch lehren kann, wer ihr seid.

Aber ihr seid jetzt nicht mehr in dem Stand, in dem ich euch geschaffen habe. Ich habe den heiligen, unschuldigen und vollkommenen Menschen gemacht, ich habe ihn mit Erkenntnisvermögen und Verstand begabt, ich habe ihm meine Herrlichkeit und meine Wunder mitgeteilt. Das Auge des Menschen sah damals die Majestät Gottes. Er befand sich damals nicht in der Finsternis, die ihn heute blind [81]macht, und er kannte auch die Sterblichkeit und das Elend nicht, die ihn heute heimsuchen.

Aber er hat so viel Herrlichkeit nicht ertragen können, ohne in Anmaßung zu verfallen. Er hat sich zu seinem eigenen Mittelpunkt und von meinem Beistand unabhängig machen wollen. Er hat sich meiner Herrschaft entzogen, und da er sich mir durch das Verlangen gleichstellte, sein Glück in sich selbst zu finden, habe ich ihn sich selbst überlassen, und indem ich die Geschöpfe in Aufruhr versetzte, die ihm untertan waren, habe ich sie ihm zu Feinden gemacht, so dass der Mensch heute den Tieren ähnlich geworden und von mir so fern ist, dass ihm kaum eine verworrene Vorstellung von seinem Schöpfer bleibt, so sehr sind all seine Kenntnisse ausgetilgt oder getrübt worden. Die von der Vernunft unabhängigen Sinne, die oft auch die Vernunft beherrschen, haben ihn auf der Suche nach Vergnügen mit sich gerissen. Alle Geschöpfe bekümmern ihn oder führen ihn in Versuchung, und sie haben Gewalt über ihn, indem sie ihn entweder durch ihre Kraft unterwerfen oder durch ihre Lieblichkeit bezaubern, was eine noch schrecklichere und schmachvollere Herrschaft ist.

Das ist der Stand, in dem die Menschen sich heute befinden. Es bleibt ihnen von ihrer ersten Natur ein gewisser machtloser Drang nach dem Glück, und sie sind in das Elend ihrer Verblendung und ihrer Begierde versunken, die zu ihrer zweiten Natur geworden ist.

An diesem Prinzip, das ich euch entdecke, könnt ihr die Ursache so vieler Widersprüchlichkeiten erkennen, die alle Menschen in Erstaunen versetzt und sie in Anhänger so vielfältiger Meinungen geschieden haben. Beobachtet nun alle Regungen der Größe und Herrlichkeit, die das [82]Erdulden von so viel Elend nicht ersticken kann, und bedenkt, ob deren Ursache nicht in einer anderen Natur liegen muss.

An Port-Royal. Für morgen. Prosopopöie.

Vergebens, o ihr Menschen, sucht ihr in euch selbst die Heilmittel für euer Elend. All eure Einsichten können nur bis zu der Erkenntnis gelangen, dass ihr nicht in euch selbst die Wahrheit und das Glück finden werdet.

Die Philosophen haben es euch versprochen, und sie haben es nicht erreichen können.

Sie wissen nicht, was euer wahres Glück ist, und auch nicht, was (euer wirklicher Stand) ist.

Wie hätten sie Heilmittel für eure Übel bereitstellen können, die sie ja nicht einmal erkannt haben. Eure schlimmsten Krankheiten sind der Stolz, der euch von Gott abwendet, und die Begierde, die euch an die Erde fesselt; und sie haben nichts weiter getan, als wenigstens eine dieser Krankheiten zu stärken. Wenn sie euch auf Gott als Ziel verwiesen haben, so nur deshalb, um euren Hochmut auszubilden; sie haben euch auf den Gedanken gebracht, dass ihr Gott durch eure Natur ähnlich und ebenbürtig wäret. Und jene, die erkannt haben, wie eitel diese Anmaßung ist, haben euch in den zweiten Abgrund gestürzt, indem sie euch zu verstehen gaben, dass eure Natur jener der Tiere ähnlich wäre, und sie haben euch bewogen, euer Glück in den Begierden zu suchen, die das Los der Tiere sind.

Nicht das ist der Weg, auf dem man euch von eurem Unrecht befreien kann, das jene Weisen gar nicht erkannt haben. Ich allein kann euch verstehen lassen, wer ihr seid, dies …

(Ich verlange von euch keinen blinden Glauben.)

Adam, Jesus Christus.

[83]Wenn man euch mit Gott vereinigt, so geschieht das durch die Gnade, nicht durch die Natur.

Wenn man euch erniedrigt, so geschieht das durch die Buße, nicht durch die Natur.

Daher diese doppelte Eigenschaft.

Ihr seid nicht im Zustand eurer Schöpfung.

Da diese beiden Zustände offenbar sind, ist es unmöglich, dass ihr sie nicht erkennt.

Geht euren Regungen nach. Beobachtet euch selbst und prüft, ob ihr in euch nicht die lebendigen Wesenszüge dieser beiden Naturen findet.

Sollten sich so viele Widersprüche in einem einzigen Wesen finden?

Unbegreiflich.

Alles, was unbegreiflich ist, besteht dennoch weiter. Die unendliche Zahl, ein unendlicher Raum, der dem endlichen gleich ist.

Unglaublich, dass Gott sich mit uns vereinigt.

Diese Überlegung ist nur aus der Einsicht in unsere Niedrigkeit hergeleitet, aber wenn ihr ganz aufrichtig dabei seid, so folgt ihr ebenso weit wie ich und erkennt an, dass unsere Niedrigkeit tatsächlich so groß ist, dass wir unfähig sind, durch eigene Kraft zu erkennen, ob seine Barmherzigkeit uns nicht für ihn empfänglich machen kann. Denn ich möchte wissen, woher dieses Tier, das sich selbst als so schwach erkennt, das Recht hat, Gottes Barmherzigkeit abzuschätzen und ihr die Grenzen zu setzen, die seine Einbildungskraft ihm vorgaukelt. Er weiß so wenig, was Gott ist, wie er auch nicht weiß, was er selbst ist. Und, vom Anblick seines eigenen Zustandes ganz verwirrt, wagt er zu sagen, dass Gott ihn nicht zur Gemeinschaft mit ihm befähigen [84]könne. Doch ich möchte ihn fragen, ob Gott etwas anderes von ihm verlangt, als dass er ihn lieben und ihn erkennen soll, und warum er glaubt, dass Gott sich ihm gegenüber nicht erkennbar und liebenswert machen könne, da er doch von Natur zur Liebe und Erkenntnis fähig ist. Ohne Zweifel erkennt er wenigstens, dass er existiert und dass er etwas liebt. Wenn er also in der Finsternis, die ihn umgibt, etwas sieht und wenn er irgendeinen Gegenstand der Liebe unter den Dingen der Erde findet, warum wird er, wenn Gott ihm einen geringen Schimmer seines Wesens enthüllt, nicht fähig sein, ihn solcherart zu erkennen und zu lieben, wie es Gott gefallen wird, sich uns mitzuteilen. Unzweifelhaft gibt es also eine unerträgliche Anmaßung in derartigen Überlegungen, wenn sie auch scheinbar auf einer äußerlichen Demut beruhen, die indes weder aufrichtig noch vernünftig ist, wenn sie uns nicht zu dem Geständnis bringt, dass wir, weil wir nicht von uns selbst wissen, wer wir sind, es nur von Gott erfahren können.

Ich will nicht, dass ihr euch mir im Glauben ohne Vernunftgründe unterwerft, und ich beabsichtige nicht, euch tyrannisch zu unterjochen. Ich beanspruche auch nicht, euch für alles eine Erklärung zu geben. Und um diese Widersprüche auszugleichen, will ich euch durch stichhaltige Beweise göttliche Zeichen in mir klar erkennen lassen, die euch überzeugend bekunden, was ich bin, und ich will mir Autorität durch Wunder und Beweise verschaffen, die ihr nicht zurückweisen könnt, damit ihr danach die Dinge glaubt, die ich euch lehre, wenn ihr keinen anderen Grund darin findet, um sie zurückzuweisen, außer, dass ihr selbst nicht erkennen könnt, ob jene vorhanden sind oder nicht.

Gott wollte die Menschen erlösen und jenen das Heil [85]offenbaren, die es suchten, doch die Menschen machen sich dessen so unwürdig, dass es gerecht ist, wenn Gott einigen, ihrer Verstocktheit wegen, verweigert, was er den anderen durch eine Barmherzigkeit gewährt, die ihnen nicht durch eigenes Verdienst zusteht.

Wenn er die Halsstarrigkeit der Verstocktesten hätte überwinden wollen, so hätte er es vermocht, indem er sich ihnen so offenkundig enthüllt hätte, dass sie nicht an der Wahrheit seines Wesens hätten zweifeln können, wie er am Jüngsten Tag in einem solchen Blitzesglanz und mit einer solchen Umwälzung der Natur erscheinen wird, dass die Toten auferstehen und die Blindesten ihn schauen werden. Nicht auf solche Weise wollte er bei seiner unmerklichen Ankunft erscheinen, denn da sich so viele Menschen seiner Milde unwürdig machen, wollte er ihnen das Gut vorenthalten, das sie ablehnen. Es wäre also nicht gerecht gewesen, dass er in sichtbar göttlicher Gestalt erschienen wäre, die alle Menschen unbedingt hätte überzeugen können, doch wäre es auch nicht gerecht gewesen, dass er in einer solch verborgenen Gestalt gekommen wäre, dass er nicht von jenen hätte erkannt werden können, die ihn aufrichtig suchten. Er wollte sich diesen vollkommen zu erkennen geben, und darum, weil er denjenigen deutlich sichtbar erscheinen wollte, die ihn von ganzem Herzen suchen, und denjenigen verborgen bleiben wollte, die ihn von ganzem Herzen fliehen, hat er ein solches Maß gewählt …

An Port-Royal. Für morgen. 2.

ein solches Maß für seine Erkennbarkeit gewählt, dass er denjenigen, die ihn suchen, sichtbare Zeichen seiner selbst gegeben hat, nicht jedoch denjenigen, die ihn nicht suchen.

[86]Es gibt genug Licht für jene, die nur zu suchen verlangen, und genug Finsternis für jene, die von gegenteiliger Veranlagung sind.

12 Beginn

150/226 Die Gottlosen, die das Bekenntnis ablegen, der Vernunft zu folgen, müssen außergewöhnlich stark in der Vernunft sein.

Was sagen sie denn?

Sehen wir nicht, sagen sie, wie die Tiere gleich den Menschen und die Türken gleich den Christen sterben und leben; sie haben ihre Zeremonien, ihre Propheten, ihre Schriftgelehrten, ihre Heiligen, ihre Mönche gleich uns, usw.

Widerspricht das der Heiligen Schrift? Sagt sie nicht dies alles?

Wenn ihr euch fast gar nicht darum kümmert, die Wahrheit zu erfahren, so reicht das aus, um eure Ruhe zu bewahren. Wenn ihr aber von ganzem Herzen verlangt, die Wahrheit zu erkennen, so ist das, im Einzelnen betrachtet, nicht ausreichend. Es würde bei einem philosophischen Problem ausreichen, hier aber, wo es um alles geht … Und trotzdem wird man nach einer derartigen leichtfertigen Überlegung sein Vergnügen suchen usw.

Man unterrichte sich doch über diese Religion; selbst wenn sie diese Unklarheit nicht erhellt, wird sie es uns vielleicht lehren.

151/211 Wir sind lächerlich, dass wir Ruhe in der Gesellschaft unserer Mitmenschen finden, die elend und [87]ohnmächtig sind wie wir; sie werden uns nicht helfen: Man wird allein sterben.

Man muss also handeln, als wäre man allein. Und würde man dann prunkvolle Häuser bauen usw.? Man würde ohne Zögern die Wahrheit suchen. Und wenn man das ablehnt, so beweist man, dass man die Wertschätzung der Menschen höher achtet als die Suche nach der Wahrheit.

152/213 Zwischen uns und der Hölle oder dem Himmel gibt es nur das Leben, das die vergänglichste Sache der Welt ist.

153/238 Was versprecht Ihr mir schließlich anderes – denn zehn Jahre sind der Einsatz des Spiels – als zehn Jahre der Eigenliebe, in denen man wohl versuchte zu gefallen, doch damit nichts erreichte, die sicheren Leiden ausgenommen?

154/237 Wahrscheinliche Aussichten.

Man muss diesen unterschiedlichen Voraussetzungen entsprechend jeweils anders in der Welt leben:

1. (Wenn es sicher ist, dass man immer in ihr sein wird), wenn man immer in ihr sein könnte.

(2. Wenn es ungewiss ist, ob man immer in ihr sein wird oder nicht.)

(3. Wenn es sicher ist, dass man nicht immer in ihr sein wird – aber die Gewissheit hat, lange in ihr zu sein.)

(4. Wenn es gewiss ist, dass man nicht immer in ihr sein wird, und ungewiss – ob man in ihr – nicht – lange sein wird – falsch.)

5. Wenn es sicher ist, dass man nicht lange in ihr sein wird, und ungewiss, ob man noch eine Stunde in ihr sein wird.

Diese letzte Voraussetzung ist die unsrige.

[88]155/281 Herz

Instinkt

Prinzipien

156/190 Jene Atheisten beklagen, die suchen, denn sind sie nicht schon unglücklich genug. Jene mit Schmähungen bedenken, die sich dessen rühmen.

157/225 Der Atheismus ist ein Zeichen der Geistesstärke, jedoch nur bis zu einem bestimmten Grade.

158/236 Um der wahrscheinlichen Aussichten willen müsst Ihr Euch Mühe machen, die Wahrheit zu suchen, denn sterbt Ihr, ohne das wahre Prinzip angebetet zu haben, so seid Ihr verloren. Aber – sagt Ihr –, wenn er gewollt hätte, dass ich ihn anbetete, hätte er mir Zeichen seines Willens gegeben. Das hat er auch getan, doch Ihr missachtet sie. Sucht sie also; das ist es ja wirklich wert.

159/204 Wenn man acht Tage des Lebens hingeben muss, muss man hundert Jahre hingeben.

160/257 Es gibt nur drei Arten von Menschen: Die einen dienen Gott, da sie ihn gefunden haben, die anderen bemühen sich, ihn zu suchen, da sie ihn nicht gefunden haben, und die Dritten leben dahin, ohne ihn zu suchen und ohne ihn gefunden zu haben. Die Ersten sind vernünftig und glücklich, die Letzten sind töricht und unglücklich. Die Mittleren sind unglücklich und vernünftig.

[89]161/221 Die Atheisten müssen vollkommen klare Dinge sagen. Nun ist es aber durchaus nicht vollkommen klar, dass die Seele materiell sei.

162/189 Damit beginnen, die Ungläubigen zu beklagen, sie sind durch ihre Lage unglücklich genug.

Man sollte sie nur schelten, falls es für sie nützlich wäre, doch es schadet ihnen.

163/200 Wenn ein Mensch in einer Kerkerzelle sitzt und nicht weiß, ob sein Urteil gefällt ist, und er nur noch eine Stunde Zeit hat, um es zu erfahren, und wenn diese Stunde genügt, sobald er weiß, dass das Urteil gefällt ist, um es aufheben zu lassen, so ist es wider die Natur, dass er diese Stunde nicht benutzte, um sich zu unterrichten, ob das Urteil gefällt ist, sondern stattdessen Pikett spielte.

So übersteigt es auch die Natur, dass der Mensch usw. Gottes Hand ist dabei deutlich zu spüren.

So wird Gott nicht allein durch den Eifer derer bewiesen, die ihn suchen, sondern auch durch die Verblendung derer, die ihn nicht suchen.

164/218 Beginn. Kerkerzelle.

Ich halte es für gut, dass man die Lehre des Kopernikus nicht genauer prüft. Dafür aber dies:

Für das ganze Leben ist es wichtig zu wissen, ob die Seele sterblich oder unsterblich ist.

165/210 Der letzte Akt ist blutig, so schön die Komödie auch in allem Übrigen sein mag. Schließlich wirft man uns Erde aufs Haupt, und das ist für immer.

[90]166/183 Wir eilen sorglos dem Abgrund entgegen, nachdem wir etwas vor uns aufgerichtet haben, um uns davon abzuhalten, ihn zu sehen.

13 Unterordnung und Gebrauch der Vernunft

167/269 Unterordnung und Gebrauch der Vernunft: Darin besteht das wahre Christentum.

168/224 Wie ich diese Torheiten hasse, dass man nicht an die Eucharistie glauben solle, usw.

Wenn das Evangelium wahr ist, wenn Jesus Christus Gott ist, welche Schwierigkeit gibt es dann dabei.

169/812 Ich würde kein Christ sein ohne die Wunder, sagt der heilige Augustinus.

170/268 Unterordnung.

Man muss es verstehen zu zweifeln, wo es angebracht ist, etwas als sicher anzunehmen, wo es angebracht ist, indem man sich unterordnet, wo es angebracht ist. Wer nicht so verfährt, begreift nicht die Macht der Vernunft. Es gibt einige, die gegen diese drei Prinzipien verstoßen, entweder, indem sie alles als sicher und beweiskräftig annehmen, weil sie sich nicht auf Beweisführung verstehen, oder, indem sie an allem zweifeln, weil sie nicht wissen, wo man sich unterordnen muss, oder auch, indem sie sich in allem unterordnen, weil sie nicht wissen, wo man ein Urteil abgeben muss.

Pyrrhoniker, Geometer, Christ: Zweifel, Selbstsicherheit, Unterordnung.

[91]171/696 Susceperunt verbum cum omni aviditate scrutantes scripturas si ita se haberent. (»Die nahmen das Wort auf ganz willig und forschten täglich in der Schrift, ob sich’s also verhielte.« Apg 17,11.)

172/185 Die Führung Gottes, der alle Dinge mit Milde lenkt, besteht darin, die Religion in den Geist durch Vernunftgründe und in das Herz durch die Gnade einzulassen, wollte man sie aber in den Geist und in das Herz durch Gewalt und Drohungen einlassen, so bedeutet das, nicht die Religion, sondern den Schrecken einzulassen. Terrorem potius quam religionem. (»Eher den Schrecken als die Religion.«)

173/273 Wenn man alles der Vernunft unterordnet, wird unsere Religion nichts Geheimnisvolles und Übernatürliches haben.

Wenn man gegen die Prinzipien der Vernunft verstößt, wird unsere Religion absurd und lächerlich sein.

174/270 Sankt Augustinus. Die Vernunft würde sich niemals unterordnen, wenn sie nicht meinte, dass es Umstände gibt, bei denen sie sich unterordnen muss.

Es ist also richtig, dass sie sich unterordnet, wenn sie meint, dass sie sich unterordnen muss.

175/563 Die Verdammten werden auch dadurch beschämt werden, dass sie sehen, wie ihre eigene Vernunft sie verdammt, mit der sie doch die christliche Religion verdammen wollten.

[92]176/261 Jene, die nicht der Wahrheit zugetan sind, nehmen den Widerspruch und die Menge derjenigen, die sie ablehnen, zum Vorwand, und daher ist ihr Fehler nur darauf zurückzuführen, dass sie der Wahrheit oder der christlichen Liebe nicht zugetan sind. Und somit haben sie dafür auch keine Entschuldigung.

177/384 Der Widerspruch ist ein untaugliches Kennzeichen der Wahrheit.

Verschiedenen sicheren Dingen wird widersprochen.

Verschiedene falsche werden ohne Widerspruch hingenommen.

Der Widerspruch ist also kein Zeichen für etwas Falsches, und wenn der Widerspruch fehlt, ist das auch kein Zeichen der Wahrheit.

178/747a Siehe die beiden Arten von Menschen unter dem Titel: Beständigkeit.

179/256 Es gibt wenige wahre Christen. Ich sage das selbst im Hinblick auf ihren Glauben. Es gibt viele, die glauben, dies jedoch aus Aberglauben. Es gibt viele, die nicht glauben, dies jedoch aus Freigeisterei; wenige stehen in der Mitte zwischen beiden.

Ich lasse hier jene außer Acht, die wahre Sittenfrömmigkeit haben, und all jene, die durch ein Gefühl des Herzens glauben.

180/838 Jesus Christus hat Wunder gewirkt, und danach haben es die Apostel getan. Und auch die ersten Heiligen in großer Zahl, denn da die Weissagungen noch nicht erfüllt [93]waren und durch sie in Erfüllung gingen, dienten nur die Wunder als Zeugnis. Es war verheißen, dass der Messias die Heiden bekehren würde. Wie wäre diese Weissagung in Erfüllung gegangen, ohne dass die Heiden sich bekehrt hätten, und wie hätten die Heiden sich zum Messias bekehrt, wenn sie nicht gesehen hätten, wie sich diese Weissagungen, die ihn beweisen, vollends erfüllten. Bevor er also gestorben und auferstanden war und die Heiden bekehrt hatte, war nicht alles erfüllt, und so waren Wunder in dieser ganzen Zeit notwendig. Jetzt braucht man keine mehr gegen die Juden, denn die in Erfüllung gegangenen Weissagungen sind ein fortdauerndes Wunder.

181/255 Die Frömmigkeit unterscheidet sich vom Aberglauben.

Die Frömmigkeit bis zum Aberglauben zu treiben, das bedeutet, sie zu zerstören.

Die Ketzer werfen uns eine derartige abergläubische Unterordnung vor; handelten wir so, würden wir ihrem Vorwurf entsprechen.

Es ist gottlos, nicht an die Eucharistie zu glauben, weil man sie nicht sieht.

Es ist abergläubisch, an Lehrsätze zu glauben, usw.

Glaube usw.

182/272 Nichts ist so sehr der Vernunft gemäß als diese Verleugnung der Vernunft.

183/253 2. Maßlosigkeit:

die Vernunft ausschließen, nur die Vernunft anerkennen.

[94]184/811 Man würde nicht gesündigt haben, wenn man ohne die Wunder nicht an Jesus Christus geglaubt hätte.

Videte an mentiar. (»Sehet [auf mich], ob ich [vor euch] mit Lügen bestehen werde.« Hiob 6,28.)

185/265 Der Glaube teilt wohl etwas mit, was die Sinne nicht mitteilen, doch er sagt nicht das Gegenteil von dem, was sie wahrnehmen; er steht über ihnen und nicht gegen sie.

186/947 Ihr missbraucht den Glauben, den das Volk zur Kirche hat, und macht ihnen etwas weis.

187/254 Es ist nicht so selten, dass man die Welt ihrer übergroßen Gefügigkeit wegen tadeln muss.

Dies ist ein naturgegebenes Laster wie die Ungläubigkeit und ebenso verderblich.

Aberglaube.

188/267 Der letzte Schritt der Vernunft ist anzuerkennen, dass es unendlich viele Dinge gibt, die über sie hinausgehen. Sie ist nur schwach, wenn sie nicht so weit geht, das anzuerkennen.

Wenn die natürlichen Dinge schon über sie hinausgehen sollen, was wird man dann von den übernatürlichen sagen?

14 Vortrefflichkeit dieser Art, Gott zu beweisen

189/547 Gott durch Jesus Christus.

Wir erkennen Gott allein durch Jesus Christus. Ohne diesen Mittler wird jede Gemeinschaft mit Gott [95]aufgehoben. Durch Jesus Christus erkennen wir Gott. All jene, die Gott ohne Jesus Christus erkennen und beweisen wollten, besaßen nur unzulängliche Beweise. Doch um Jesus Christus zu beweisen, haben wir die Prophetien, die stichhaltige und handgreifliche Beweise sind. Und da diese Prophetien durch sein Erscheinen in Erfüllung gegangen und als wahrhaftig erwiesen sind, beurkunden sie die Gewissheit dieser Wahrheiten und folglich den Beweis für die Göttlichkeit Jesu Christi. In ihm und durch ihn erkennen wir also Gott. Wenn man darüber hinweggeht und ohne die Heilige Schrift, ohne die Erbsünde, ohne notwendigen Mittler, der verheißen und erschienen ist, auskommen will, kann man Gott nicht im Geringsten beweisen und auch keine rechte Lehre oder rechte Moral begründen. Durch Jesus Christus und in Jesus Christus aber beweist man Gott und begründet Moral und Lehre. Jesus Christus ist also der wahrhaftige Gott der Menschen.

Doch wir erkennen zugleich unser Elend, denn dieser Gott ist nichts anderes als der Heiland unseres Elends. Darum können wir Gott nur richtig erkennen, wenn wir unsere Sünden erkennen.

So haben jene, die Gott erkannten, ohne ihr Elend zu erkennen, ihn nicht gerühmt, sondern sich dessen gerühmt.

Quia non cognovit per sapientiam, placuit deo per stultitiam predicationis salvos facere. (»Denn dieweil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch törichte Predigt selig zu machen die, so daran glauben.« 1. Kor 1,21.)

190/543 Einleitung. Die metaphysischen Gottesbeweise liegen dem menschlichen Denken so fern und sind so [96]verwickelt, dass sie kaum zu Herzen gehen, und wenn das auch einigen nützlich sein sollte, so würde es ihnen nur in dem Augenblick nützen, da sie diese Beweisführung vor Augen haben, doch eine Stunde danach fürchten sie, sich getäuscht zu haben.

Quod curiositate cognoverunt, superbia amiserunt. (»Was ihre Neugier sie erkennen ließ, hat ihr Hochmut sie verlieren lassen.« Augustinus, Sermo CXLI.)

Das bringt die Erkenntnis Gottes ein, die man ohne Jesus Christus gewinnt und die darin besteht, ohne Mittler mit dem Gott zu verkehren, den man ohne Mittler erkannt hat.

Jene hingegen, die Gott durch diesen Mittler erkannt haben, erkennen ihr Elend.

191/549 Es ist nicht allein unmöglich, sondern auch unnütz, Gott ohne Jesus Christus zu erkennen. Sie haben sich nicht von ihm entfernt, sondern haben sich ihm genähert; sie haben sich nicht erniedrigt, sondern … Quo quisque optimus eo pessimus si hoc ipsum quod sit optimus ascribat sibi. (»Je besser man ist, desto schlechter wird man, wenn man sich selbst das zuschreibt, wodurch man am besten ist.« Sankt Bernhard, In cantica sermones LXXXIV.)

192/527 Die Erkenntnis Gottes ohne die Erkenntnis des eigenen Elends führt zu Hochmut.

Die Erkenntnis des eigenen Elends ohne die Erkenntnis Gottes führt zu Verzweiflung.

Die Erkenntnis Jesu Christi steht in der Mitte, weil wir in ihr sowohl Gott wie auch unser Elend finden.

[97]15 Übergang von der Erkenntnis des Menschen zu der Gottes

193/98 Vorgefasste Meinungen führen irre.

Beklagenswert ist zu sehen, wie alle Menschen nur an die Mittel und nicht an das Ende denken. Jeder überlegt, wie er seiner Stellung gemäß handeln kann, das Schicksal aber bestimmt die Wahl unserer Stellung und unseres Vaterlandes.

Erbarmenswert ist zu sehen, wie so viele Türken, Ketzer und Ungläubige der Lebensart ihrer Väter aus dem einzigen Grunde folgen, dass man ihnen allen die vorgefasste Meinung aufgezwungen hat, dies sei das Beste, und das gerade lässt jeden sich für seine jeweilige Stellung als Schlosser, Soldat usw. entscheiden.

Gerade deshalb wissen die Wilden nichts mit der Vorsehung anzufangen.

194/208 Warum sind meine Kenntnisse und meine Größe beschränkt, und warum dauert mein Dasein nur annähernd hundert und nicht vielmehr tausend Jahre? Welchen Grund hat die Natur gehabt, mir ein solches Leben zu geben und diesen Lebenskreis eher als einen anderen in der Unendlichkeit auszuwählen, wo es doch für die Wahl des einen oder des anderen keinen zwingenderen Grund gegeben hat, da keiner von beiden größere Anziehungskraft besaß?

195/37 (Wenig von allem.) Da man nicht allseitig sein und alles erfahren kann, was man über alles wissen könnte, muss man ein wenig von allem wissen, denn es ist weitaus schöner, etwas von allem zu wissen, als alles von einer Sache zu [98]wissen. Diese Allseitigkeit ist die allerschönste. Wenn man beides besitzen könnte, wäre es noch besser, aber wenn man wählen muss, soll man jenes wählen. Und die Welt weiß das und tut das, denn die Welt ist oft ein guter Richter.

196/86 (Mein persönlicher Geschmack lässt mich jemanden, der quakt, hassen und auch jemanden, der beim Essen schnauft. Dem persönlichen Geschmack kommt ein großes Gewicht zu. Wie werden wir uns das zunutze machen? Indem wir diesem Gewicht folgten, weil es naturgegeben ist? Nein, indem wir ihm vielmehr widerstehen werden.)

197/163a (Nichts zeigt deutlicher die Eitelkeit der Menschen als die Überlegung, welche Ursache und welche Wirkungen die Liebe hat, denn die ganze Welt wird durch sie verändert. Die Nase der Kleopatra.)

198/693 Mensch. 5. Wenn ich die Verblendung und das Elend des Menschen sehe, wenn ich bedenke, wie das ganze Weltall stumm ist und der Mensch ohne Erkenntnisvermögen sich selbst überlassen bleibt und sich in diesen Winkel des Weltalls gleichsam verirrt hat, ohne zu wissen, wer ihn dahin gebracht hat, wozu er dorthin gekommen ist, was aus ihm nach seinem Tode wird, so gerate ich, jeglicher Erkenntnis unfähig, in Schrecken wie ein Mensch, den man schlafend auf eine wüste und grauenerregende Insel gebracht hätte und der erwachte, ohne sich zurechtzufinden und ohne eine Möglichkeit, von dort wegzukommen. Und darauf erstaune ich, wie man denn angesichts eines solch elenden Zustands nicht in Verzweiflung gerät. Ich sehe andere Menschen in meiner Umgebung, die eine ähnliche Wesensart [99]haben. Ich frage sie, ob sie besser als ich unterrichtet seien. Sie antworten mir mit Nein, und darauf haben diese jämmerlichen Verirrten sich umgesehen und ein paar angenehme Dinge entdeckt, und sie haben sich ihnen ergeben und sie ins Herz geschlossen. Was nun mich betrifft, so konnte ich eine derartige Bindung nicht eingehen, und da ich bedachte, wie viel mehr äußeren Schein als etwas anderes es in dem, was ich sehe, gibt, habe ich geprüft, ob dieser Gott nicht irgendein Zeichen seiner selbst hinterlassen hätte.

Ich sehe mehrere Religionen, die einander widersprechen und demzufolge alle falsch sind, mit einer Ausnahme. Jede will, dass man ihr kraft ihrer eigenen Autorität glaubt, und bedroht die Ungläubigen. Das ist also kein Grund, weshalb ich sie glauben müsste. Ein jeder kann das sagen. Ein jeder kann behaupten, er sei ein Prophet; doch ich sehe die christliche Religion, und ich entdecke Prophetien, und das eben kann nicht ein jeder bewirken.

199/72 Mensch. Missverhältnis des Menschen.

9. – (Dahin also führen uns die natürlichen Erkenntnisse.

Wenn diese nicht wahr sind, so gibt es im Menschen überhaupt keine Wahrheit, und wenn sie es sind, so findet er darin einen bedeutenden Grund, sich zu demütigen; er ist gezwungen, sich in der einen oder der anderen Weise zu erniedrigen.

Und da er nicht weiterleben kann, ohne an sie zu glauben, so wünsche ich, dass er, bevor er in umfangreichere Untersuchungen der Natur eintritt, sie einmal ernsthaft und eingehend betrachtet und dass er auch sich selbst betrachtet – und dass er beurteilt, ob er in irgendeinem Verhältnis zu ihr steht, indem er diese zwei Gegebenheiten miteinander vergleicht:)

[100]Der Mensch soll also die ganze Natur in ihrer großen und vollkommenen Majestät betrachten, er soll seinen Blick von den niedrigen Gegenständen abwenden, die ihn umgeben. Er beschaue jenes strahlende Licht, das wie eine Ewige Lampe aufgestellt ist, um das Universum zu erhellen, die Erde erscheine ihm wie ein Punkt im Vergleich zu der weiten Kreisbahn, die dieses Gestirn durchläuft, und er erstaune darüber, dass diese weite Kreisbahn selbst nur eine sehr schwache Andeutung ist im Verhältnis zu jener, der diese anderen Gestirne, die am Firmament dahinrollen, folgen. Wenn aber unser Blick dort stehenbleibt, so soll die Phantasie darüber hinausgehen, sie wird eher der Gedankenbilder müde werden als die Natur, solche zu liefern. Die ganze sichtbare Welt ist nur ein unscheinbarer Strich im weiten Kreis der Natur. Keine Idee reicht an sie heran, wir können unsere Gedankenbilder noch so sehr über die vorstellbaren Räume hinaus ausweiten, wir bringen doch nur Atome im Vergleich zu den wirklichen Dingen hervor. Es ist eine unendliche Kugel, deren Mittelpunkt überall und deren Peripherie nirgendwo ist. Schließlich ist es der fühlbarste Wesenszug der Allmacht Gottes, dass unsere Phantasie bei diesem Gedanken den Boden verliert.

Wenn der Mensch zu sich selbst zurückgekehrt ist, soll er bedenken, was er ist im Vergleich zu dem, was ist, er soll sich als ein Verirrter betrachten, und er soll von dieser kleinen Kerkerzelle aus, wo er seine Heimstatt gefunden hat – ich meine das Universum –, es lernen, die Erde, die Königreiche, die Städte, die Häuser und sich selbst nach ihrem richtigen Wert zu schätzen.

Was ist denn ein Mensch im Unendlichen?

Um ihm aber ein anderes, ebenso erstaunliches Wunder [101]vorzuführen, soll er die kleinsten ihm bekannten Dinge untersuchen, damit eine Milbe ihm an ihrem winzigen Körper noch unvergleichlich winzigere Teile zeige, Beine mit Gelenken, Adern in ihren Beinen, Blut in ihren Adern, Säfte in diesem Blut, Tropfen in diesen Säften, Dämpfe in diesen Tropfen, so dass er, wenn er auch diese letzten Dinge noch teilt, seine Kräfte bei diesen Vorstellungen erschöpft und der letzte Gegenstand, zu dem er gelangen kann, nun jener unserer Darlegung sei. Er wird vielleicht denken, dies sei die äußerste Kleinheit in der Natur.

Ich will ihn darin einen neuen Abgrund erblicken lassen. Ich will ihm nicht allein das sichtbare Universum schildern, sondern auch die Unermesslichkeit, die man sich bei der Natur im geschlossenen Raum dieses verkleinerten Atoms vorstellen kann, er soll dort unendlich viele Welten erblicken, von denen jede einzelne ihr Firmament, ihre Planeten, ihre Erde hat, die es im gleichen Verhältnis wie bei der sichtbaren Welt gibt, auf dieser Erde nun Tiere und schließlich auch Milben, an denen er wiederfinden wird, was die oben genannten ersten aufgewiesen haben, und er wird außerdem an diesen zweiten das Gleiche entdecken, und so geht es ohne Ende und Unterlass weiter, dass er die Fassung angesichts dieser Wunder verlieren wird, die in ihrer Kleinheit ebenso erstaunlich sind wie die anderen durch ihre Ausdehnung, denn wer wird sich nicht verwundern, dass unser Körper, der gerade eben noch nicht wahrnehmbar war in dem Universum, das wiederum im Kreis des gesamten Alls nicht wahrnehmbar war, dass also dieser unser Körper nun ein Koloss, eine Welt oder vielmehr ein All ist im Hinblick auf das Nichts, zu dem man nie ganz vordringen kann. Wer sich auf diese Art betrachtet, wird über sich [102]selbst erschrecken, und da er sich von der Masse getragen meint, die ihm die Natur zwischen diesen beiden Abgründen des Unendlichen und des Nichts verliehen hat, wird er beim Anblick dieser Wunder erzittern, und ich glaube, wenn seine Neugier sich in Bewunderung verwandelt, wird er eher bereit sein, sie schweigend zu betrachten, als sie voll Anmaßung zu erforschen.

Denn was ist schließlich der Mensch in der Natur? Ein Nichts im Vergleich mit dem Unendlichen, ein All im Vergleich mit dem Nichts, ein Mittelding zwischen nichts und allem, unendlich weit davon entfernt, die Extreme zu erfassen; das Ende der Dinge und ihre Anfänge sind ihm in einem undurchdringlichen Geheimnis unerbittlich verborgen.

Er ist gleichermaßen unfähig, das Nichts zu sehen, dem er entrissen wurde, und das Unendliche, das ihn verschlingt.

Was kann er also anderes wahrnehmen als ein äußerliches Bild von der Mitte der Dinge, während er auf ewig verzweifelt, ihren Anfang oder ihr Ende zu erkennen. Alle Dinge sind aus dem Nichts hervorgegangen und werden bis ins Unendliche weitergetragen. Wer vermag diesen erstaunlichen Schritten zu folgen? Der Schöpfer dieser Wunder begreift sie. Keinem anderen ist es möglich.

Da die Menschen diese Unendlichkeiten nicht betrachtet haben, haben sie sich in ihrer Vermessenheit der Erforschung der Natur zugewandt, als hätten sie irgendein Verhältnis zu ihr.

Seltsam ist, dass sie die Anfänge der Dinge verstehen und davon ausgehend so weit gelangen wollten, alles zu erkennen, wobei sie eine Anmaßung zeigen, die ebenso unendlich wie ihr Gegenstand ist. Denn es besteht kein [103]Zweifel, dass man diese Absicht nicht ohne Anmaßung oder ohne eine der Natur gleiche unendliche Fassungskraft hegen kann.

Wenn man Wissen erworben hat, versteht man, dass, weil die Natur ihr Bild und das ihres Schöpfers allen Dingen aufgeprägt hat, sie fast alle an ihrer doppelten Unendlichkeit teilhaben. So sehen wir, dass alle Wissenschaften unendlich in der Ausdehnung ihrer Forschungen sind, denn wer zweifelt daran, dass zum Beispiel die Geometrie eine unendliche Zahl von unendlich vielen Lehrsätzen darzulegen hat. Sie sind ebenso unendlich in der Vielzahl und Gedankenfeinheit ihrer Prinzipien, denn wer sieht nicht, dass diejenigen, die man als die letzten vorbringt, durch sich selbst nicht bestehen können und auf andere gestützt sind, die, weil sie wieder andere als Stütze haben, niemals ein letztes zulassen.

Wir aber stellen letzte auf, die sich der Vernunft zeigen, wie man auch bei den materiellen Dingen verfährt, wo wir einen unteilbaren Punkt jenen nennen, über den hinaus unsere Sinne nichts mehr wahrnehmen, obgleich er seiner Natur wegen unendlich teilbar ist.

Von diesen zwei Unendlichkeiten in den Wissenschaften ist diejenige der Größe viel anschaulicher, und deshalb haben wenige Menschen den Anspruch erhoben, alle Dinge erkennen zu wollen. Ich spreche jetzt über alles, sagte Demokrit.

Die Unendlichkeit im Kleinen ist jedoch viel weniger sichtbar. Die Philosophen haben viel eher den Anspruch erhoben, bis zu ihr vorzudringen, und eben daran sind alle gescheitert. Das hat zu diesen so allgemein üblichen Titeln wie Über die Grundlagen der Dinge, Über die Grundlagen [104]der Philosophie geführt und zu ähnlichen, im Grunde ebenso pomphaften, obwohl sie es nach außen weniger scheinen, wie dieser, der die Augen blendet: De omni scibili (»Über alles, was man wissen kann«, Pico della Mirandola).

Man hält sich von Natur aus für weitaus fähiger, zum Mittelpunkt der Dinge zu gelangen, als ihren Umkreis zu erfassen, und die sichtbare Ausdehnung der Welt geht offensichtlich über uns hinaus. Doch da wir über die kleinen Dinge hinausgehen, halten wir uns für fähiger, sie zu beherrschen, und doch braucht man keine geringere Fähigkeit, um bis zum Nichts vorzudringen, als bis zum All. Man braucht für beides eine unendliche Fähigkeit, und es scheint mir, dass jemand, der die letzten Grundlagen der Dinge erfasst hätte, auch bis zur Erkenntnis des Unendlichen gelangen könnte. Das eine hängt vom anderen ab, und das eine führt zum anderen. Diese Endpunkte berühren einander und vereinigen sich, gerade weil sie sich so weit voneinander entfernt haben, und sie finden sich in Gott und allein in Gott zusammen.

Erkennen wir also unsere Fassungskraft. Wir sind etwas und sind nicht alles. Was unser Sein ausmacht, beraubt uns der Erkenntnis der ersten Grundlagen, die aus dem Nichts hervorgehen, und das wenige an Sein, was wir haben, verbirgt unseren Augen die Unendlichkeit.

Unser Verstand nimmt in der Reihe der verständlichen Dinge den gleichen Platz ein wie unser Körper in der Weite der Natur.

Da wir in jeder Hinsicht begrenzt sind, findet sich dieser Zustand, der die Mitte zwischen zwei Extremen einnimmt, in allen unseren Fähigkeiten. Unsere Sinne nehmen nichts Extremes wahr, zu viel Geräusch betäubt uns, zu viel Licht [105]blendet, zu große Entfernung und zu große Nähe entziehen sich den Blicken. Ist eine Rede zu weitschweifig oder zu knapp, so wird sie unverständlich, zu viel Wahrheit setzt uns in Erstaunen. Ich kenne einige, die nicht begreifen können, dass, wenn man vier von null subtrahiert, null als Rest übrig bleibt. Die ersten Grundlagen sind für uns zu selbstverständlich; zu großes Vergnügen wirkt lästig, zu viel Gleichklang missfällt in der Musik, und zu viele Wohltaten verärgern. Wir wollen etwas haben, womit wir unsere Schuld überwinden können. Beneficia eo usque laeta sunt dum videntur exsolvi posse. Ubi multum antevenere pro gratia odium redditur. (»Denn Wohltaten sind nur so lange willkommen, als man noch glaubt, sie vergelten zu können; sind sie über diese Grenze weit hinaus, so wird statt des Dankes Hass erwidert.« Tacitus, Ann. IV,18.) Wir spüren weder äußerste Hitze noch äußerste Kälte. Übermäßige Eigenschaften sind uns zuwider und nicht wahrnehmbar, wir empfinden sie nicht mehr, wir erleiden sie. Zu große Jugend und zu großes Alter lähmen den Geist, wie auch zu große und zu geringe Bildung.

Kurz, die extremen Dinge sind für uns so, als wären sie überhaupt nicht vorhanden, und im Verhältnis zu ihnen sind wir überhaupt nicht vorhanden; entweder entgehen sie uns oder wir ihnen.

Das ist unser wahrer Zustand. Das macht uns unfähig, etwas entweder sicher zu wissen oder es überhaupt nicht zu kennen. Wir treiben auf einer weiten Mitte, immer unsicher und schwankend, von einem Ende zum anderen gestoßen; jeglicher Grenzpunkt, an den wir uns klammern und festhalten wollten, gerät ins Wanken und entschlüpft uns, und wenn wir ihn verfolgen, entzieht er sich unserem [106]Zugriff, er entgleitet uns und wendet sich zu ewiger Flucht; nichts steht für uns still. Das ist unser natürlicher Zustand, der gleichwohl unserer Neigung am meisten widerspricht. Wir brennen vor Verlangen, einen festen Halt und eine letzte, beständige Grundlage zu finden, um darauf einen Turm zu errichten, der sich bis zum Unendlichen erheben soll, aber unser ganzes Fundament kracht auseinander, und die Erde tut sich bis in die Tiefen auf.

Suchen wir also keine Sicherheit und Festigkeit; unsere Vernunft wird immer von der Unbeständigkeit der äußeren Erscheinungen getäuscht: Nichts vermag das Endliche zwischen den beiden Unendlichen, die es einschließen und sich ihm entziehen, festzuhalten.

Wenn man das richtig verstanden hat, so glaube ich, dass man sich ruhig verhalten wird, jeder in dem Zustand, den ihm die Natur zugewiesen hat.

Da diese Mitte, die uns zugefallen ist, immer von den Extremen entfernt sein wird, was macht es dann schon aus, dass ein anderer die Dinge etwas besser versteht, falls er das wirklich vermag, und wenn er die Dinge von einem etwas höheren Standort aus erfasst, ist er dann nicht immer noch unendlich weit vom Endpunkt entfernt, und ist die Dauer unseres Lebens nicht der Ewigkeit gleichermaßen unterlegen, ob es auch zehn Jahre länger währt?

Beim Anblick dieser Unendlichkeiten sind alle endlichen Erscheinungen gleich, und ich sehe nicht, warum man seine Vorstellungen mehr auf das eine als auf das andere stützen sollte. Allein schon der Vergleich, den wir zwischen uns und dem Endlichen vornehmen, bereitet uns Kummer.

Wenn der Mensch sich selbst erforschte, würde er finden, wie unfähig er ist, darüber hinauszugehen. Wie sollte [107]es möglich sein, dass ein Teil das Ganze erkennte? Doch er wird vielleicht danach trachten, wenigstens jene Teile zu erkennen, zu denen er in einem angemessenen Verhältnis steht. Aber die Teile der Welt haben alle eine solche gegenseitige Beziehung und Verkettung, dass ich es für unmöglich halte, den einen ohne den anderen und ohne das Ganze zu erkennen.

Der Mensch zum Beispiel hat Beziehung zu allem, was er kennt. Er braucht Raum, der ihn fassen kann, er braucht Zeit, die ihm Dauer verleihen kann, er braucht Bewegung, um zu leben, er braucht Elemente, aus denen er sich zusammensetzen kann, er braucht Wärme und Nahrung, um sich zu stärken, er braucht Luft, um zu atmen. Er sieht das Licht, er spürt die Körper, kurz, alles geht eine Verbindung mit ihm ein. Um den Menschen zu erkennen, muss man also wissen, woher es kommt, dass er die Luft zum Weiterleben braucht, und um die Luft zu erkennen, muss man wissen, wodurch sie diese Beziehung zum menschlichen Leben hat, usw.

Die Flamme besteht nicht ohne Luft weiter; um also das eine zu erkennen, muss man auch das andere erkennen.

Da also alle Dinge verursachte und verursachende sind, da sie eine Stütze benötigen und eine Stütze geben, mittelbar und unmittelbar sind und alle sich durch ein natürliches und unmerkliches Band gegenseitig erhalten, das die am weitesten voneinander entfernten und die unterschiedlichsten miteinander vereint, halte ich es für unmöglich, dass man die Teile erkennt, ohne das Ganze zu erkennen, wie man auch das Ganze nicht erkennen kann, ohne die Teile im Einzelnen zu erkennen.

[108](Die Ewigkeit der Dinge an sich oder in Gott muss ferner Erstaunen über unsere kurze Lebensdauer erregen.

Die feste und beständige Unbeweglichkeit der Natur muss im Vergleich zu dem fortwährenden Wandel, der in uns vor sich geht, die gleiche Wirkung hervorbringen.)

Und was unsere Ohnmacht, die Dinge zu erkennen, vollendet – ist, dass sie an sich einfach sind und dass wir aus zwei einander widersprechenden und verschiedenartigen Naturen zusammengesetzt sind, aus Seele und Körper. Denn es ist unmöglich, dass der Teil, der in uns denkt, anders als geistig ist, und wollte man behaupten, dass wir einfach körperlich seien, so würde uns das nur noch mehr von der Erkenntnis der Dinge ausschließen, da es doch nichts so Unbegreifliches gibt als die Behauptung, dass die Materie sich selbst erkenne. Es ist uns nicht möglich zu erkennen, wie sie sich erkennen würde.

Und wenn wir einfach Materie (sind), können wir daher überhaupt nichts erkennen, und wenn wir aus Geist und Materie zusammengesetzt sind, können wir die einfachen geistigen oder körperlichen Dinge nicht vollkommen erkennen.

Daher kommt es, dass beinahe alle Philosophen die Vorstellungen von den Dingen verwechseln und von den körperlichen Dingen geistig, von den geistigen körperlich sprechen, denn sie behaupten kühn, dass die Körper nach unten streben, dass sie zu ihrem Mittelpunkt drängen, dass sie ihre Zerstörung meiden, dass sie den leeren Raum fürchten, dass sie Zuneigungen, Sympathien und Antipathien (haben), alles Eigenschaften, die nur den Geistern zukommen. Und wenn sie von den Geistern sprechen, so betrachten sie diese wie innerhalb eines Raums und [109]schreiben ihnen Bewegung von einem Ort zum anderen zu, was Eigenschaften sind, die nur den Körpern zukommen.

Anstatt die Vorstellungen von diesen reinen Dingen anzunehmen, geben wir ihnen den Anstrich unserer Eigenschaften und prägen unser zusammengesetztes Wesen allen einfachen Dingen auf, die wir betrachten.

Wer würde nicht glauben, wenn er sieht, wie wir alle Dinge aus Geist und Körper zusammensetzen, dass diese Mischung uns gut begreiflich wäre? Dennoch begreift man gerade das am wenigsten; der Mensch ist für sich selbst der erstaunlichste Gegenstand der Natur, denn er kann nicht erfassen, was der Körper ist, und noch weniger, was der Geist ist, und weniger als alles Übrige, wie ein Körper mit einem Geist verbunden sein kann. Das ist der Gipfel seiner Schwierigkeiten, und doch ist das ja sein eigenes Wesen: Modus quo corporibus adhaeret spiritus comprehendi ab homine non potest, et hoc tamen homo est. (»Die Art, wie der Geist mit dem Körper verbunden ist, kann vom Menschen nicht verstanden werden, und doch ist der Mensch gerade das.« Augustinus, De civ. Dei XXI,10.)

Und um den Beweis für unsere Schwäche zu vollenden, werde ich mit diesen zwei Betrachtungen schließen …

200/347 Mensch. 3. – Der Mensch ist nur ein Schilfrohr, das schwächste der Natur, aber er ist ein denkendes Schilfrohr.

Das ganze Weltall braucht sich nicht zu waffnen, um ihn zu zermalmen; ein Dampf, ein Wassertropfen genügen, um ihn zu töten. Doch wenn das Weltall ihn zermalmte, so wäre der Mensch nur noch viel edler als das, was ihn tötet, denn er weiß ja, dass er stirbt und welche Überlegenheit [110]ihm gegenüber das Weltall hat. Das Weltall weiß davon nichts.

Unsere ganze Würde besteht also im Denken. Daran müssen wir uns wieder aufrichten und nicht an Raum und Zeit, die wir nicht ausfüllen können. Bemühen wir uns also, gut zu denken: Das ist die Grundlage der Moral.

201/206 Das ewige Schweigen dieser unendlichen Räume erschreckt mich.

202/517 Tröstet euch; nicht von euch selbst müsst ihr es erwarten, sondern indem ihr im Gegenteil nichts von euch selbst erwartet, müsst ihr es erwarten.

15a Die Natur ist verderbt

([Es handelt sich um einen von Pascal vorgesehenen Aktentitel, unter den er aber keinen Gedanken einordnete.])

16 Falschheit der anderen Religionen

203/595 Falschheit der anderen Religionen.

Mohammed hat keine Autorität.

Seine Vernunftgründe müssten also sehr mächtig sein, da sie nur auf ihrer eigenen Kraft beruhen.

Was sagt er denn? Dass man ihm glauben müsse.

204/592 Falschheit der anderen Religionen.

Sie haben keine Zeugen. Diese hier haben solche.

[111]Gott fordert die anderen Religionen heraus, solche Zeichen vorzuweisen. Jes 43,9–44,8.

205/489 Wenn es einen einzigen Anfang und ein einziges Ende für alles gibt – alles durch ihn, alles für ihn –, so muss die wahre Religion uns also lehren, nur ihn anzubeten und nur ihn zu lieben. Aber da es nicht in unserer Macht steht, etwas anzubeten, was wir nicht kennen, und etwas anderes als uns zu lieben, muss die Religion, die über diese Pflichten unterrichtet, uns auch über diese Ohnmacht unterrichten und uns außerdem die Heilmittel lehren. Sie lehrt uns, dass durch einen Menschen alles verloren worden und das Band zwischen Gott und uns zerrissen ist, dass durch einen Menschen das Band wiedergeknüpft worden ist.

Wir werden in solchem Widerspruch zu dieser Liebe Gottes geboren, und es ist so notwendig, dass wir schuldig geboren werden müssen, oder Gott wäre ungerecht.

206/235 Rem viderunt, causam non viderunt. (»Die Wirkung haben sie gesehen, die Ursache haben sie nicht gesehen.« Augustinus, Gegen Pelagius IV,60.)

207/597 Gegen Mohammed.

Der Koran ist in keinem größeren Maße von Mohammed als das Evangelium von Matthäus. Denn es wird von mehreren Autoren im Lauf der Jahrhunderte zitiert. Selbst seine Feinde, Celsus und Porphyrios, haben es niemals in Zweifel gezogen.

Der Koran sagt, dass Matthäus ein guter Mann gewesen sei, also war Mohammed ein falscher Prophet, entweder, weil er Böse als gute Leute bezeichnete, oder, weil er nicht [112]damit einverstanden war, was sie von Jesus Christus gesagt haben.

208/435 Was haben die Menschen ohne diese göttlichen Erkenntnisse anderes tun können, als sich entweder durch ein inneres Gefühl aufzurichten, das ihnen von ihrer vergangenen Größe bleibt, oder angesichts ihrer gegenwärtigen Schwäche zu verzweifeln? Denn da sie die ganze Wahrheit nicht sehen, haben sie nicht zu vollkommener Tugend gelangen können, und weil die einen die Natur als unverdorben, die anderen sie als unheilbar ansehen, haben sie sich entweder dem Stolz oder der Trägheit nicht entziehen können, welche die beiden Quellen aller Laster sind, denn dem Menschen bleibt ja nur, sich ihnen aus Feigheit hinzugeben oder durch den Stolz darüber hinauszukommen. Denn sollten sie die Herrlichkeit des Menschen erkennen, übersehen sie doch seine Verderbnis, so dass sie sich wohl vor der Trägheit hüteten, aber sich an den Hochmut verlören, und wenn sie die Schwäche der Natur anerkennen, übersehen sie doch deren Würde, so dass sie sich wohl vor der Eitelkeit hüten könnten, sich aber zugleich in Verzweiflung stürzen würden.

Daher kommen die verschiedenen Schulen der Stoiker und der Epikureer, der Dogmatisten und der Akademiker usw.

Allein die christliche Religion konnte diese beiden Laster heilen, und zwar nicht, indem sie in irdischer Weisheit das eine durch das andere ausgetrieben hätte, sondern, indem sie das eine wie das andere durch die Einfachheit des Evangeliums ausgetrieben hat. Denn sie lehrt die Gerechten, die sie bis zur Gemeinschaft mit Gott selbst erhebt, dass sie [113]auch noch in diesem erhabenen Zustand die Quelle aller Verderbnis in sich tragen und dass diese sie während ihres ganzen Lebens dem Irrtum, dem Elend, dem Tod und der Sünde unterwirft, und sie ruft den Ungläubigsten zu, dass sie der Gnade ihres Erlösers teilhaftig werden können. Indem sie so denjenigen, die sie rechtfertigt, Grund zum Bangen gibt und diejenigen tröstet, die sie verdammt, mildert sie derart maßvoll die Furcht durch die Hoffnung dank dieser doppelten, allen gemeinsamen Eignung zur Gnade wie zur Sünde, dass sie unendlich mehr demütigt, als es die Vernunft allein vermag, ohne jedoch zur Verzweiflung zu treiben, und dass sie unendlich mehr als der natürliche Stolz aufrichtet, ohne jedoch hochmütig zu machen, und da sie hierdurch deutlich zu erkennen gibt, dass sie allein frei von Irrtum und Laster ist, zeigt sie darum auch, dass es ihr allein zukommt, die Menschen zu unterrichten und zu bessern.

Wer kann sich also weigern, diese himmlische Erleuchtung zu glauben und anzubeten? Denn ist es nicht klarer als das Sonnenlicht, dass wir in uns selbst unauslöschliche Wesensmerkmale der Herrlichkeit wahrnehmen, und ist es nicht ebenso wahr, dass wir jederzeit die Folgen unseres bedauernswerten Zustandes spüren?

Was rufen uns denn mit so gewaltiger Stimme, dass man ihr unmöglich widerstehen kann, dieses Chaos und diese ungeheuerliche Verwirrung anderes zu, als dass diese zwei Zustände wahr sind?

209/599 Unterschied zwischen Jesus Christus und Mohammed.

[114]Mohammed ist nicht vorhergesagt, Jesus Christus ist vorhergesagt.

Mohammed tötete, Jesus Christus ließ die Seinen töten.

Mohammed verbot zu lesen, die Apostel befahlen zu lesen.

Kurz, das ist so gegensätzlich, dass, während Mohammed den Weg gewählt hat, auf menschliche Art zu siegen, Jesus Christus den Weg gewählt hat, auf menschliche Art unterzugehen, und anstatt zu schließen, weil Mohammed sich erfolgreich behauptet habe, habe Jesus Christus sich ebenso gut behaupten können, muss man sagen, weil Mohammed gesiegt hat, musste Jesus Christus untergehen.

210/451 Alle Menschen hassen sich von Natur aus gegenseitig. Man hat sich, so gut man konnte, der Begierde bedient, um sie für das Gemeinwohl nutzbar zu machen. Aber das ist nur Heuchelei und ein falsches Bild der christlichen Liebe, denn im Grunde ist es nur Hass.

211/453 Man hat bewundernswerte Regeln für die öffentliche Ordnung, die Moral und das Recht auf der Begierde begründet und aus ihr hergeleitet.

Im Grunde aber ist dieser böse Kern des Menschen, dieses figmentum malum (»böse Sinnen und Trachten«), nur verhüllt. Er ist nicht aufgehoben.

212/528 Jesus Christus ist ein Gott, dem man ohne Stolz naht und vor dem man sich ohne Verzweiflung demütigt.

[115]213/551 Dignior plagis quam osculis

non timeo quia amo.

(»Der Schläge würdiger als der Küsse,

fürchte ich mich nicht, weil ich liebe.«

Sankt Bernhard, In cantica sermones LXXXIV.)

214/491 Die wahre Religion muss als Kennzeichen haben, dass sie verpflichtet, ihren Gott zu lieben. Das ist sehr gerecht, und doch hat es keine befohlen; die unsrige hat es getan.

Sie muss außerdem Begierde und Ohnmacht erkannt haben; die unsrige hat es getan.

Sie muss Heilmittel dafür bereitgestellt haben, eines ist das Gebet. Keine Religion hat verlangt, dass man Gott lieben und ihm nachfolgen soll.

215/433 Nachdem eine Religion die ganze Natur des Menschen verstanden hat, muss sie, damit sie wahr ist, unsere Natur durchschaut haben. Sie muss deren Größe und Niedrigkeit und den Grund für beides durchschaut haben. Welche Religion hat das außer der christlichen erkannt?

216/493 Die wahre Religion lehrt unsere Pflichten, unsere Ohnmacht, unseren Stolz und unsere Begierde und auch die Heilmittel, Demut, Abtötung des Fleisches.

217/650 Es gibt klare und beweiskräftige Bilder, doch es gibt auch andere, die ein wenig an den Haaren herbeigezogen scheinen und die nur denjenigen etwas beweisen, die schon aus anderen Gründen überzeugt sind. Diese sind den apokalyptischen Bildern ähnlich.

[116]Doch der Unterschied, den es dabei gibt, ist, dass sie unter ihren Bildern keine unanfechtbaren haben; so ist denn nichts derart ungerecht, als wenn sie darlegen, dass ihre Bilder eine ebenso gute Grundlage wie einige der unsrigen haben. Denn sie haben keine beweiskräftigen, wie es einige von den unsrigen sind.

Das Spiel steht also nicht gleich. Man darf diese Dinge nicht gleichsetzen und vermischen, weil sie auf der einen Seite einander ähnlich scheinen, während sie auf der anderen doch so unterschiedlich sind. Die klaren Dinge, wenn sie göttlich sind, verdienen es, dass man die dunklen verehrt.

(Das ist wie bei jenen, die untereinander eine bestimmte dunkle Sprache gebrauchen; jene, die sie nicht verstehen, würden nur einen unvernünftigen Sinn daraus entnehmen.)

218/598 Ich möchte, dass man Mohammed nicht danach beurteilt, was bei ihm dunkel ist und was man als einen geheimnisvollen Sinn darstellen kann, sondern danach, was bei ihm klar ist, nach seinem Paradies und dem Übrigen. Gerade darin ist er lächerlich. Und deshalb ist es nicht richtig, seine dunklen Stellen als Geheimnisse aufzufassen, da ja seine klaren Stellen lächerlich sind. Nicht so ist es mit der Heiligen Schrift. Meinetwegen mag es in ihr dunkle Stellen geben, die ebenso absonderlich wie jene bei Mohammed sein können, aber in ihr gibt es auch bewundernswert klare Stellen und offenbare, in Erfüllung gegangene Prophezeiungen. Das Spiel steht also nicht gleich. Man darf die Dinge nicht gleichsetzen und vermischen, die sich nur dort, wo sie dunkel sind, ähneln und nicht durch das Klare, das es verdient, dass man die dunklen Dinge verehrt.

[117]219/251 Die anderen Religionen, wie etwa die heidnischen, sind volkstümlicher, denn sie bestehen nur aus Äußerlichkeiten, doch sie sind nicht für die gebildeten Leute geeignet. Eine rein geistige Religion wäre den Gebildeten angemessener, aber sie würde dem Volk nichts nützen. Allein die christliche Religion ist allen angemessen, da sie das Äußerliche und das Innere verbindet. Sie hebt das Volk zum Inneren empor und erniedrigt die Hochmütigen zum Äußerlichen, und ohne beides ist sie nicht vollkommen, denn das Volk muss den Geist des Buchstabens verstehen, und die Gebildeten müssen ihren Geist dem Buchstaben unterwerfen.

220/468 Keine andere Religion hat die Aufgabe gestellt, dass man sich selbst hassen soll, also kann keine andere Religion jenen gefallen, die sich selbst hassen und die ein wahrhaft liebenswertes Wesen suchen. Und wenn diese nie zuvor von der Religion eines gedemütigten Gottes gehört hätten, so würden sie sich nun sogleich zu ihr bekennen.

17 Die Religion liebenswert machen

221/774 Jesus Christus für alle. Moses für ein Volk.

Die Juden in Abraham gesegnet. Ich will segnen, die dich segnen (1. Mose 12,3), aber: alle Völker gesegnet in seinem Samen (1. Mose 18,18).

Parum est ut … (»Es ist ein Geringes, dass [du mein Knecht bist]«, Jes 49,6) / Lumen ad revelationem gentium. (»Ein Licht, zu erleuchten die Heiden«, Lk 2,32 – Jes 49,6.)

[118]Non fecit taliter omni nationi (»So tut er keinen Heiden«, Ps 147,20), sagte David, als er vom Gesetz sprach. Doch wenn man von Jesus Christus spricht, muss man sagen: Fecit taliter omni nationi, parum est ut (»So tut er allen Heiden, es ist ein Geringes, dass«) usw. Jesaja.

Daher kommt es Jesus Christus zu, für alle zu gelten; selbst die Kirche bringt das Opfer nur für die Gläubigen dar. Jesus Christus hat das Opfer am Kreuz für alle dargebracht.

222/747 Die fleischlichen Juden und die Heiden haben ihr Elend und die Christen auch. Für die Heiden gibt es keinen Erlöser, denn sie erwarten ihn ja nicht einmal. Für die Juden gibt es keinen Erlöser: Sie erwarten ihn vergebens. Nur für die Christen gibt es einen Erlöser.

Siehe: Beständigkeit.

18 Grundlage der Religion und Antwort auf die Einwände

223/570 In das Kapitel der Grundlagen muss das übertragen werden, was sich in jenem über das bildliche Gesetz befindet und die Ursache der Bilder betrifft. Warum ist Jesus Christus bei seinem ersten Kommen vorhergesagt? Warum ist er auf solch dunkle Art vorhergesagt?

224/816 Die Ungläubigen sind die Leichtgläubigsten, sie glauben die Wunder Vespasians, um nicht die des Moses zu glauben.

[119]225/789 Wie Jesus Christus unerkannt unter den Menschen geweilt hat, so weilt die Wahrheit unter den gewöhnlichen Meinungen, ohne sich nach außen zu unterscheiden.

So die Eucharistie unter dem gewöhnlichen Brot.

226/523 Der ganze Glauben besteht in Jesus Christus und in Adam und die ganze Moral in der Begierde und in der Gnade.

227/223 Was haben sie gegen die Auferstehung und gegen die Empfängnis einer Jungfrau einzuwenden? Ist es denn schwieriger, einen Menschen oder ein Tier zu erzeugen, als sie wiederzuerzeugen? Und wenn sie niemals eine Tierart gesehen hätten, könnten sie dann erraten, ob diese Tiere sich ohne gegenseitige Beiwohnung erzeugen?

228/751 Was sagen die Propheten von Jesus Christus? Dass er offenbar als Gott erscheinen werde? Nein, sondern dass er fürwahr ein verborgener Gott ist, dass er verkannt sein wird, dass man nicht glauben wird, er sei es, dass er ein Stein des Anstoßes sein wird und dass ihrer viele sich daran stoßen werden usw.

Man werfe uns also nicht mehr den Mangel an Klarheit vor, weil wir uns gerade dazu bekennen. Aber, sagt man, da gibt es Dunkelheiten, und ohne sie hätte man sich nicht an Jesus Christus gestoßen. Und das ist eine der ausdrücklichen Absichten der Propheten: excaeca. (»Blende [ihre Augen]«, Jes 6,10.)

229/444 Was die Menschen dank ihrer tiefsten Einsichten hatten erkennen können, lehrte diese Religion ihre Kinder.

[120]230/430a Alles, was unbegreiflich ist, besteht dennoch weiter.

231/511 (Wenn man behaupten will, dass der Mensch zu gering sei, um die Gemeinschaft mit Gott zu verdienen, muss man sehr groß sein, um darüber zu urteilen.)

232/566 Man versteht nichts von Gottes Werken, wenn man nicht als Grundsatz annimmt, dass er die einen verblenden und die anderen erleuchten wollte.

233/796 Jesus Christus sagt nicht, dass er nicht aus Nazareth ist, um die Bösen in der Verblendung zu lassen, und er sagt auch nicht, dass er nicht Josephs Sohn ist.

234/581 Gott will sich mehr den Willen als den Geist geneigt machen, vollkommene Klarheit würde dem Geist dienen und dem Willen schaden.

Den Hochmut erniedrigen.

235/771 Jesus Christus ist gekommen, jene zu verblenden, die deutlich sehen, und den Blinden das Augenlicht zu geben, die Kranken zu heilen und die Gesunden sterben zu lassen, zur Buße zu rufen und die Sünder zu rechtfertigen, die Gerechten in ihren Sünden zu lassen, die Hungrigen mit Gütern zu füllen und die Reichen leer zu lassen.

236/578 Verblenden. Erleuchten. Sankt Augustinus. Montaigne. Sabunde.

Es gibt genug Klarheit, um die Auserwählten zu erleuchten, und genug Dunkelheit, um sie zu demütigen. Es gibt [121]genug Dunkelheit, um die Verworfenen zu verblenden, und genug Klarheit, um sie zu verdammen und sie unentschuldbar zu machen.

Die Stammtafel Jesu Christi ist im Alten Testament unter so viele unnütze andere gemischt, dass sie nicht deutlich ausgesondert werden kann. Wenn Moses nur die Vorfahren Jesu Christi aufgeführt hätte, so wäre das zu offensichtlich gewesen; wenn er die Stammtafel Jesu Christi nicht verzeichnet hätte, so wäre das nicht offensichtlich genug gewesen, aber schließlich erkennt, wer es genau betrachtet, die Stammtafel Jesu Christi deutlich durch Thamar, Ruth usw. ausgesondert.

Jene, die diese Opfer befahlen, wussten, dass sie unnütz waren, und jene, die erklärt haben, dass sie unnütz seien, haben sie dennoch weiter befolgt.

Wenn Gott nur eine einzige Religion erlaubt hätte, wäre sie zu deutlich erkennbar gewesen. Doch man betrachte es genau, und man findet in dieser Verwirrung sehr wohl die wahre heraus.

Grundsatz: Moses war ein kluger Mann. Wenn er sich also von seinem Geist leiten ließ, durfte er nichts vorbringen, was direkt dem Geist widersprochen hätte.

So sind alle ganz offenkundigen Schwächen vielmehr Stärken. Beispiel: die zwei Stammtafeln bei Matthäus und Lukas. Was ist klarer, als dass dies nicht auf gegenseitige Verabredung geschehen ist.

237/795 Wäre Jesus Christus nur gekommen, um zu heiligen, so würden die ganze Heilige Schrift und alle Dinge darauf hinwirken, und es wäre sehr leicht, die Ungläubigen zu überzeugen. Wäre Jesus Christus nur gekommen, um [122]zu verblenden, so wäre sein ganzes Auftreten unverständlich, und wir hätten kein Mittel, die Ungläubigen zu überzeugen; da er aber gekommen ist In sanctificationem et in scandalum (»[als] ein Heiligtum und ein Ärgernis«), wie Jesaja (8,14) sagt, können wir die Ungläubigen damit nicht überzeugen. Und sie können uns nicht überzeugen, doch gerade dadurch überzeugen wir sie, denn wir sagen, dass es für beide Seiten keinen überzeugenden Beweis in seinem ganzen Auftreten gibt.

238/645 Bilder.

Da Gott den Seinen die vergänglichen Güter nehmen wollte, hat er, um zu zeigen, dass es nicht aus Ohnmacht geschah, das jüdische Volk geschaffen.

239/510 Der Mensch ist Gottes nicht würdig, aber er ist nicht unfähig, seiner würdig gemacht zu werden.

Es ist Gottes unwürdig, sich mit dem elenden Menschen zu verbinden, aber es ist Gottes nicht unwürdig, ihm aus seinem Elend aufzuhelfen.

240/705 Beweis.

Prophezeiung und deren Erfüllung.

Was Jesus Christus vorausgegangen und was ihm gefolgt ist.

241/765 Quelle der Widersprüche. Ein bis zum Tod am Kreuz gedemütigter Gott. Zwei Naturen in Jesus Christus. Zweimaliges Kommen. Zwei Zustände in der Natur des Menschen. Ein Messias, der durch seinen Tod über den Tod triumphiert.

[123]242/585 Dass Gott sich verbergen wollte.

Gäbe es nur eine Religion, so wäre Gott in ihr ganz offenbar.

Ebenso, wenn es Märtyrer nur in unserer Religion gäbe.

Da Gott solcherart verborgen ist, ist jede Religion, die nicht sagt, dass Gott verborgen ist, nicht wahr, und jede Religion, die nicht den Grund hierfür angibt, hat keine Lehren zu bieten. Die unsrige tut dies alles. Vere tu es deus absconditus. (»Fürwahr, du bist ein verborgener Gott.« Jes 45,15.)

243/601 (Grundlage unseres Glaubens.)

Die heidnische Religion ist ohne Grundlage. (Heute sagt man, sie habe früher durch die sprechenden Orakel eine gehabt. Doch welche Bücher geben uns darüber ein sicheres Zeugnis? Sind sie dank der Tugend ihrer Autoren so glaubwürdig? Sind sie mit solcher Sorgfalt bewahrt, dass man sie mit Sicherheit für unverfälscht halten könnte?)

Die mohammedanische Religion hat den Koran und Mohammed als Grundlage. Aber ist dieser Prophet, der die letzte Hoffnung der Welt sein sollte, vorhergesagt worden? Und welches Zeichen trägt er, das nicht auch jeder andere hätte, der sich Prophet nennen wollte? Welche Wunder hat er nach seinen eigenen Worten gewirkt? Welches Mysterium hat er seiner eigenen Überlieferung zufolge gelehrt? Welche Moral und welche Seligkeit?

Die jüdische Religion muss unterschiedlich betrachtet werden: in der Überlieferung der heiligen Schriften und in der Überlieferung des Volkes. Ihre Moral und Seligkeit sind lächerlich in der Überlieferung des Volkes, doch sie sind bewundernswert in derjenigen ihrer Heiligen. Ihre Grundlage ist bewundernswert. Es ist das älteste und das [124]glaubwürdigste Buch der Welt, und während Mohammed, um dem seinigen Bestand zu geben, verboten hat, es zu lesen, hat Moses, um dem seinigen Bestand zu geben, allen befohlen, es zu lesen. Und mit der gesamten Religion verhält es sich ebenso.

Die christliche Religion ist nämlich in den heiligen Schriften und bei den Kasuisten sehr unterschiedlich.

Unsere Religion ist so göttlich, dass eine andere göttliche Religion nur deren Grundlage hat.

244/228 Einwand der Atheisten.

Aber wir haben keine Erleuchtung.

19 Bildliches Gesetz

245/647 Dass das Gesetz bildlich war.

246/657 Bilder

Das jüdische und das ägyptische Volk deutlich durch diese beiden Personen vorausgesagt, denen Moses begegnete: der Ägypter, der den Juden schlug, Moses, der ihn rächte und den Ägypter tötete, und der Jude, der undankbar dafür war.

247/674 Bildliches.

Siehe zu, dass du es machst nach dem Bilde, das du auf dem Berge gesehen hast (2. Mose 25,40), wozu Paulus sagt, dass die Juden dem Vorbilde und dem Schatten des Himmlischen gedient haben (Hebr 8,5).

[125]248/653 Bilder.

Die Propheten prophezeiten in Bildern: Gürtel, Bart und verbrannte Haare usw.

249/681 Bildliches.

Schlüssel der Geheimschrift.

Veriadoratores. (»Die wahrhaftigen Anbeter«, Joh 4,23.) Ecce agnus dei qui tollit peccata mundi. (»Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt.« Joh 1,29.)

250/667 Bildliches.

Diese Worte wie Schwert, Schild, potentissime (»du [allermächtigster] Held«, Ps 45,4.)

251/900 Wer den Sinn der Heiligen Schrift wiedergeben will und ihn nicht der Heiligen Schrift entnimmt, ist ein Feind der Heiligen Schrift. Augustinus, De doctrina christiana (»Über die christliche Wissenschaft«).

252/648 Zwei Irrtümer. 1. Alles buchstäblich aufzufassen. 2. Alles geistlich aufzufassen.

253/679 Bilder.

Jesus Christus hat ihren Geist geweckt, damit sie die Schriften verstanden.

Ihr Geist wurde in zweifacher Weise geweckt. 1. Alles geschah ihnen in Bildern. – Vere Israelitae (»Ein rechter Israeliter«, Joh 1,47), Vere liberi (»[So seid ihr] recht frei«, Joh 8,36), das rechte Brot vom Himmel (Joh 6,32).

2. – Ein bis zum Kreuz gedemütigter Gott. Christus musste leiden, um in seine Herrlichkeit einzugehen, er [126]musste durch seinen Tod den Tod besiegen. – Zweimaliges Kommen.

254/649 Gegen jene auftreten, die das Bildliche überbewerten.

255/758 Um den Messias für die Guten erkennbar und für die Bösen unkenntlich zu machen, hat Gott ihn solcherart voraussagen lassen. Wenn die Art des Messias klar vorausgesagt worden wäre, hätte es selbst für die Bösen nichts Dunkles gegeben.

Wenn die Zeit dunkel vorausgesagt worden wäre, hätte es Dunkelheit selbst für die Guten gegeben, (denn die Güte ihres Herzens) hätte sie nicht verstehen lassen, dass zum Beispiel (das Mem) 600 Jahre bedeutet. Aber die Zeit ist klar vorhergesagt worden und die Art in Bildern.

Infolge dieses Mittels fassen die Bösen die verheißenen Güter als materielle auf und gehen deshalb trotz der klar vorausgesagten Zeit irre, und die Guten gehen nicht irre.

Denn das Herz, das gut nennt, was es liebt, bestimmt das Verständnis für die verheißenen Güter, doch das Verständnis für die verheißene Zeit wird nicht vom Herzen bestimmt. Und daher täuschen die klare Verkündigung der Zeit und die dunkle Verkündigung der Güter allein die Bösen.

256/662 Die fleischlichen Juden verstanden weder die Größe noch die Erniedrigung des in ihren Prophetien vorausgesagten Messias. Sie haben ihn in seiner vorausgesagten Größe verkannt, wie etwa, wenn gesagt ist, dass der [127]Messias der Herr Davids sein werde, obwohl sein Sohn (Mk 12,37); dass er vor Abraham sei und dass er ihn gesehen habe (Joh 8,58). Nach ihrem Glauben sollte er nicht so groß sein, dass er ewig wäre, und sie haben ihn ebenso in seiner Erniedrigung und in seinem Tode verkannt. Der Messias, sagten sie, bleibt ewiglich, und dieser da sagt, dass er sterben werde (Joh 12,34). Nach ihrem Glauben sollte er also weder sterblich noch ewig sein; sie suchten in ihm nur eine fleischliche Größe.

257/684 Widerspruch.

Man kann nur eine gute Charakterbeschreibung geben, wenn man alle unsere Widersprüchlichkeiten miteinander in Einklang bringt, und es genügt nicht, sich an eine Reihe übereinstimmender Eigenschaften zu halten, ohne die entgegengesetzten damit in Einklang zu bringen; um den Sinn eines Autors zu verstehen, muss man alle gegensätzlichen Stellen in Einklang bringen.

So muss man, um die Heilige Schrift zu verstehen, einen Sinn gefunden haben, in dem alle gegensätzlichen Stellen übereinstimmen; es genügt nicht, einen gefunden zu haben, der zu mehreren übereinstimmenden Stellen passt, man muss vielmehr einen gefunden haben, der selbst die gegensätzlichen Stellen miteinander in Einklang bringt.

Jeder Autor hat einen Sinn, in dem alle gegensätzlichen Stellen übereinstimmen, oder er hat überhaupt keinen Sinn. Dies kann man nun nicht von der Heiligen Schrift und den Propheten sagen: Sie hatten gewiss übergenug des rechten Sinnes. Man muss also einen suchen, der alle Widersprüche in Einklang bringt.

Der wahre Sinn ist daher nicht jener der Juden, vielmehr [128]sind in Jesus Christus alle Widersprüche in Einklang gebracht.

Die Juden können das Erlöschen des Königtums und der Fürstenherrschaft (Hos 3,4), das Hosea vorausgesagt hat, nicht mit der Weissagung Jakobs in Einklang bringen.

Wenn man das Gesetz, die Opfer und das Königreich als etwas Wirkliches annimmt, kann man nicht alle Stellen in Einklang bringen; also folgt daraus notwendig, dass sie nur Bilder sind. Man kann selbst nicht die Stellen ein und desselben Autors, nicht einmal desselben Buches, ja zuweilen nicht einmal desselben Kapitels in Einklang bringen, was nur zu deutlich bezeichnet, an welchen Sinn der Autor dachte; wie etwa, wenn Hesekiel im Kapitel 20 sagt, dass man nach den Geboten Gottes leben solle und nicht nach ihnen leben solle.

258/728 Es war keinesfalls erlaubt, außerhalb Jerusalems zu opfern, das der Ort war, den der Herr erwählt hatte, nicht einmal, anderswo vom Zehnten zu essen. 5. Buch Mose 12,5 usw. 5. Buch Mose 14,23 usw. 15,20, 16,2.7.11.15.

Hosea hat verkündigt, dass es ohne König, ohne Fürsten, ohne Opfer usw., ohne Altäre sein werde, was heute in Erfüllung gegangen ist, da es außerhalb Jerusalems kein rechtmäßiges Opfer darbringen kann.

259/685 Bild.

Wenn das Gesetz und die Opfer die Wahrheit sind, so muss diese Gott gefallen und ihm nicht missfallen. Wenn sie Bilder sind, so müssen sie gefallen und missfallen.

In der ganzen Heiligen Schrift nun gefallen und missfallen sie. Es ist gesagt, dass das Gesetz verändert werde, dass [129]das Opfer verändert werde, dass sie ohne König, ohne Fürsten und ohne Opfer sein werden, dass ein neuer Bund geschlossen werde, dass das Gesetz erneuert werde, dass die Gebote, die sie empfangen haben, nicht gut seien, dass ihre Opfer abscheulich seien, dass Gott kein solches verlangt habe.

Es ist andererseits gesagt, dass das Gesetz ewig dauern werde, dass dieser Bund ewig sein werde, dass das Opfer ewig sein werde, dass das Zepter niemals von ihnen weichen werde, denn es dürfe nicht von ihnen weichen, bis der ewige König komme.

Bezeichnen alle diese Stellen, dass dies Wirklichkeit sei? Nein. Bezeichnen sie es überdies als Bild? Nein, sondern dass es Wirklichkeit oder Bild ist; aber die ersten Stellen schließen die Wirklichkeit aus und bezeichnen so, dass es nur Bild ist.

Alle diese Stellen zusammen können nicht von der Wirklichkeit gesagt sein; alle können vom Bild gesagt sein. Sie sind also nicht von der Wirklichkeit, sondern vom Bild gesagt.

Agnus occisus est ab origine mundi (»Das Lamm, das erwürgt ist, vom Anfang der Welt«, Offb 13,8), juge sacrificium (»ein Opfer in Ewigkeit«, Hebr 10,14).

260/678 Ein Bildnis schließt Fernsein und Nahesein, Vergnügen und Missvergnügen ein. Die Wirklichkeit schließt Fernsein und Missvergnügen aus.

Bilder.

Um zu erfahren, ob das Gesetz und die Opfer Wirklichkeit oder Bild sind, muss man prüfen, ob die Propheten, wenn sie über diese Dinge sprachen, mit ihrem Blick und [130]ihren Gedanken dabei stehenblieben, so dass sie darin nur jenen alten Bund gesehen hätten, oder ob sie darin etwas anderes sehen, wofür jener eine bildliche Darstellung war. Denn auf einem Bildnis sieht man die Sache ja figürlich dargestellt. Dazu muss man lediglich untersuchen, was sie hierüber sagen.

Wenn sie sagen, dass er ewig sein werde, wollen sie von dem Bund sprechen, über den sie sagen, dass er verändert werde, und ebenso von den Opfern usw.

Die Chiffre hat zweifachen Sinn. Wenn man einen wichtigen Brief abfängt, in dem man einen klaren Sinn findet und in dem es dennoch heißt, dass sein Sinn verschleiert und verdunkelt und derart verborgen sei, dass man diesen Brief sehen werde, ohne ihn zu sehen, und dass man ihn verstehen werde, ohne ihn zu verstehen, was soll man dann anderes denken, als dass es eine doppelsinnige Chiffre ist.

Und das umso mehr, als man in ihm offenbare Widersprüche bei dem buchstäblichen Sinn findet.

Die Propheten haben klar gesagt, dass Israel immer von Gott geliebt werde und dass das Gesetz ewig sein werde, und sie haben gesagt, dass man ihren Sinn nicht verstehen werde und dass dieser verschleiert sei.

Wie hoch soll man diejenigen schätzen, die uns die Chiffre enthüllen und uns lehren, den verborgenen Sinn zu erkennen, und vor allem, wenn die Grundsätze, die sie daraus entnehmen, vollkommen natürlich und klar sind? Gerade das haben Jesus Christus und die Apostel getan. Sie haben das Siegel aufgetan. Er hat den Schleier zerrissen und den Geist enthüllt. Dazu haben sie uns gelehrt, dass des Menschen Feinde seine Leidenschaften sind, dass der Erlöser geistlich und sein Reich geistlich sein werden, dass er [131]zweimal kommen werde, das erste Mal in Niedrigkeit, um den hochmütigen Menschen zu erniedrigen, das zweite in Herrlichkeit, um den gedemütigten Menschen aufzurichten, dass Jesus Christus Gott und Mensch sein werde.

261/757 Die Zeit des ersten Kommens war bewusst vorausgesagt, die Zeit des zweiten ist es keineswegs, denn das erste sollte verborgen sein, das zweite sollte voll Glanz und so offenbar sein, dass selbst seine Feinde ihn anerkennen müssten; doch er sollte erst nur im Verborgenen kommen, um allein von jenen erkannt zu werden, die in den Schriften nachgesucht hatten.

262/762 Was konnten die Juden, seine Feinde, tun? Wenn sie ihn aufnehmen, bezeugen sie ihn durch ihre Aufnahme, denn die Bewahrer der Messiaserwartung nahmen ihn auf, und wenn sie ihn verleugnen, bezeugen sie ihn durch ihre Verleugnung.

263/686 Widersprüche.

Das Zepter bis zum Messias ohne König – oder Fürsten.

Das ewige Gesetz verändert.

Ewiger Bund, neuer Bund.

Gutes Gesetz, schlechte Gebote. Hesekiel 20.

264/746 Die Juden waren an große und glanzvolle Wunder gewöhnt, und da sie so die Großtaten vom Roten Meer und im Lande Kanaan als eine auszugsweise Vorwegnahme der großen Dinge ansahen, die ihr Messias vollbringen sollte, erwarteten sie folglich von ihm noch glanzvollere Taten, von denen jene des Moses nur eine Probe gewesen wären.

[132]265/677 Ein Bild schließt Fernsein und Nahesein, Vergnügen und Missvergnügen ein.

Eine Chiffre mit doppeltem Sinn. Der eine klar, und in ihm ist gesagt, dass der andere Sinn verborgen sei.

266/719 Man könnte vielleicht denken, wenn die Propheten vorausgesagt haben, dass das Zepter nicht von Juda bis zum ewigen König weichen werde, so hätten sie diese Worte gebraucht, um dem Volk zu schmeicheln, und ihre Prophezeiung hätte sich durch Herodes als falsch erwiesen. Doch um zu zeigen, dass dies nicht ihr Sinn ist und sie ganz im Gegenteil wussten, dass dieses weltliche Königreich enden musste, sagen sie, dass sie ohne König und ohne Fürsten sein werden, und das lange Zeit. Hosea.

267/680 Bilder.

Sobald man dieses Geheimnis enthüllt hat, kann man es nicht mehr übersehen. Man lese das Alte Testament aus dieser Sicht, und man prüfe, ob die Opfer wahr waren, ob Abrahams Stammvaterschaft der wahre Grund für Gottes Freundschaft war, ob das Gelobte Land die wirkliche Ruhestätte war. Nein. Also waren es Bilder.

Man prüfe ebenso alle befohlenen Zeremonien und alle Gebote, die sich nicht auf die christliche Liebe beziehen, und man wird erkennen, dass es Bilder für sie sind.

Alle diese Opfer und Zeremonien waren also Bilder oder Torheiten, nun gibt es aber klare Dinge, die zu erhaben sind, als dass man sie für Torheiten halten könnte.

Man muss erfahren, ob die Propheten ihren Blick nur auf das Alte Testament richteten oder ob sie darin auch andere Dinge sahen.

[133]268/683 Bilder.

Der Buchstabe tötet. – Alles geschah in Bildern. – Christus musste leiden. – Ein gedemütigter Gott. – Das ist die Chiffre, die uns Paulus gibt.

Beschneidung des Herzens, wahres Fasten, wahres Opfer, wahrer Tempel: Die Propheten haben angezeigt, dass dies alles geistlich sein müsse.

Nicht das vergängliche Fleisch, sondern jenes, das nicht vergänglich ist.

Ihr werdet recht frei sein (Joh 8,36); also ist die andere Freiheit nur ein Bild der Freiheit.

Ich bin das rechte Brot vom Himmel (Joh 6,32).

269/692 Es gibt einige, die recht gut erkennen, dass der Mensch keinen anderen Feind als die Begierde hat, die ihn von Gott abwendet, und er hat sonst keine (Feinde) und kein anderes Gut als Gott und nicht: ein fruchtbares Land. Jene, die glauben, das Glück des Menschen bestehe im Fleischlichen und das Übel in dem, was sie von den Sinnesfreuden abwende, sollen sich daran berauschen und daran sterben. Jene aber, die Gott von ganzem Herzen suchen, die kein anderes Leid haben, als seines Anblicks beraubt zu sein, die keinen anderen Wunsch haben, als dass sie ihn besitzen möchten, und keine anderen Feinde als jene, die sie von ihm abwenden, die es bekümmert, dass sie sich von solchen Feinden umringt und beherrscht sehen, sie sollen sich trösten, ich verkündige ihnen eine frohe Botschaft; es gibt für sie einen Erlöser; ihn werde ich ihnen kundtun; ich werde ihnen zeigen, dass es für sie einen Gott gibt; den anderen werde ich ihn nicht kundtun. Ich werde kundtun, dass ein Messias verheißen ist, von den Feinden zu erlösen, [134]und dass ein solcher gekommen ist, von der Ungerechtigkeit zu erlösen, nicht aber von den Feinden.

Wenn David voraussagt, dass der Messias sein Volk von seinen Feinden befreien werde, kann man im fleischlichen Sinne glauben, dass damit die Ägypter gemeint sind. Und dann vermag ich nicht zu beweisen, dass die Prophezeiung in Erfüllung gegangen ist, doch man kann ebenso gut auch glauben, dass damit die Ungerechtigkeiten gemeint sind. Denn in Wahrheit sind nicht die Ägypter die Feinde, sondern die Ungerechtigkeiten sind es.

Dieses Wort »Feinde« ist also doppeldeutig, doch wenn er an anderer Stelle sagt, wie er es tut, dass er sein Volk von seinen Sünden befreien werde, wie das ebenso auch Jesaja und die anderen getan haben, so ist die Doppeldeutigkeit aufgehoben und der zwiefache Sinn des Wortes »Feinde« auf den einfachen Sinn von »Ungerechtigkeiten« eingeengt. Denn hatte er die Sünden im Sinn, so konnte er sie gut als »Feinde« kennzeichnen, hätte er aber an die Feinde gedacht, so konnte er sie nicht »Ungerechtigkeiten« nennen.

Nun gebrauchten Moses, David und Jesaja dieselben Begriffe. Wer wird also behaupten, dass sie nicht denselben Sinn hätten und dass der Sinn Davids, der offenbar jener von »Ungerechtigkeiten« war, wenn er von »Feinden« sprach, nicht derselbe wie bei Moses wäre, wenn dieser von »Feinden« sprach.

Daniel, Kapitel 9, betet für die Befreiung des Volkes aus der Gefangenschaft seiner Feinde. Aber er dachte an die Sünden, und um es anzuzeigen, sagt er, Gabriel sei zu ihm getreten und habe zu ihm gesprochen, dass er erhört sei und dass das Warten nur noch siebzig Wochen dauere, danach werde das Volk von Ungerechtigkeiten befreit sein. [135]Die Sünde werde abgetan, und der Erlöser, der Hochheilige, werde die ewige Gerechtigkeit bringen, nicht die des Gesetzes, sondern die ewige.

270/670 A. Bilder.

Die Juden waren von alters her in diesen irdischen Gedanken befangen: dass Gott ihren Vater Adam, sein Fleisch und dessen Nachkommenschaft liebte, dass er sie deshalb vermehrt und von allen anderen Völkern abgesondert habe, ohne zu dulden, dass sie sich mit ihnen vermischten, dass er, als sie in Ägypten schmachteten, sie mit all seinen großen Zeichen zu ihren Gunsten von dort fortführte, dass er sie mit dem Manna in der Wüste speiste, dass er sie in ein sehr fruchtbares Land geleitete, dass er ihnen Könige und einen herrlich gebauten Tempel gegeben hätte, um darin Tiere zu opfern, und dass sie durch das Mittel, deren Blut zu vergießen, gereinigt würden und dass er ihnen schließlich den Messias schicken sollte, um sie zu Herren der ganzen Welt zu machen, und er habe die Zeit vorausgesagt, da jener kommen werde.

Als die Welt in diesen fleischlichen Irrtümern alt geworden war, ist Jesus Christus zur vorausgesagten Zeit, aber nicht mit dem erwarteten Glanz erschienen, und daher haben sie nicht geglaubt, dass er es wäre. Nach seinem Tod ist Paulus gekommen und hat die Menschen gelehrt, dass all diese Dinge als Bilder geschehen seien, dass Gottes Reich nicht im Fleisch, sondern im Geist bestehe, dass die Feinde der Menschen nicht die Babylonier, sondern ihre eigenen Leidenschaften seien, dass Gott nicht Gefallen an Tempeln von Menschenhand habe, sondern an einem reinen und demütigen Herzen, dass die Beschneidung am Leib unnütz [136]und vielmehr jene des Herzens notwendig sei, dass Moses ihnen nicht das Brot vom Himmel gegeben habe usw.

Da Gott aber derartige Dinge diesem Volk, das ihrer unwürdig war, nicht enthüllen und sie dennoch geschehen lassen wollte, damit man an sie glaubte, hat er ihre Zeit klar vorausgesagt und hat sie zuweilen klar, sehr häufig aber in Bildern ausgesprochen, damit jene, welche die den Bildern als Grundlage dienenden Dinge liebten, dabei stehenblieben, und jene, welche die bildlichen Dinge liebten, sie darin erblickten.

Alles, was nicht offen zur christlichen Liebe führt, ist ein Bild.

Der einzige Gegenstand der Heiligen Schrift ist die Liebe.

Alles, was nicht offen zu dem einzigen Gut führt, ist dessen Bild. Denn da es ja nur ein Ziel gibt, ist alles, was nicht offen mit seinen eigentlichen Worten zu ihm führt, ein Bild.

Gott spricht so dieses einzige Gebot der christlichen Liebe in vielfältiger Form aus, um unsere Neugier, welche die Vielfalt sucht, durch diese Vielfalt zu befriedigen, die uns stets zu dem einzig für uns Notwendigen führt. Denn nur eine einzige Sache ist notwendig, und wir lieben die Vielfalt, und Gott lässt beidem Genüge durch diese Vielfalt geschehen, die zu dem allein Notwendigen führt.

Die Juden haben die den Bildern als Grundlage dienenden Dinge so sehr geliebt und haben sie so ausschließlich erwartet, dass sie die Wirklichkeit verkannt haben, als sie zu ihrer Zeit und in der vorausgesagten Art eingetreten ist.

Die Rabbinen halten die Brüste der Braut (Hld 4,5) für ein Bild und ebenso alles, was nicht das einzige Ziel ausdrückt, das sie verfolgen: die irdischen Güter.

[137]Und die Christen halten selbst die Eucharistie für ein Bild der Herrlichkeit, die sie gewinnen wollen.

271/545 Jesus Christus hat nichts anderes getan, als die Menschen zu lehren, dass sie sich selbst liebten, dass sie Sklaven, Blinde, Kranke, Unglückliche und Sünder waren; dass er sie erlösen, erleuchten, selig machen und heilen musste, dass dies geschehen würde, indem man sich selbst hasste und ihm durch Elend und Kreuzestod nachfolgte.

272/687 Bilder.

Wenn Gottes wahres Wort dem Buchstaben nach falsch ist, so ist es im geistlichen Sinne wahr. Sede a dextris meis (»Setze dich zu meiner Rechten«, Ps 110,1): Das ist im buchstäblichen Sinne falsch, also ist es wahr im geistlichen Sinne.

In solchen Ausdrücken wird von Gott nach der Art der Menschen gesprochen. Und das bedeutet nichts anderes, als dass die Absicht, welche die Menschen haben, wenn sie jemanden zu ihrer Rechten setzen, auch die Gottes ist. Es steht also zum Zeichen für die Absicht Gottes und nicht für seine Art, diese auszuführen.

Wenn daher gesagt ist: Gott hat den Geruch eures Rauchopfers angenommen und wird euch zum Lohn ein fruchtbares Land geben, so bedeutet das: Die gleiche Absicht, die ein Mensch haben würde, der euch, da er euer Räucherwerk gnädig aufnimmt, ein fruchtbares Land zum Lohn gäbe, die gleiche Absicht wird auch Gott euch gegenüber haben, weil ihr ihm gegenüber die gleiche Absicht hattet, wie ein Mensch sie jenem gegenüber hatte, dem er Räucherwerk darbringt.

[138]Daher auch: iratus est (»ist der Zorn [des Herrn] ergrimmt«, Jes 5,25), die Eifersucht Gottes usw. Denn da das Gott Eigentümliche unaussprechlich ist, kann es nicht anders gesagt werden, und die heutige Kirche macht noch Gebrauch davon: quia confortavit seras (»denn er macht fest die Riegel [deiner Tore]«, Ps 147,13) usw.

Man darf der Heiligen Schrift nicht diesen oder jenen Sinn zuschreiben, welchen sie nach dem, was sie uns offenbart hat, nicht besitzt. Etwa, wenn man sagt, dass das (Mem) Jesajas 600 bedeute, so ist das nicht offenbart. Es ist nicht gesagt, dass die unvollkommenen Zeichen (Zade) und (He) etwa Geheimnisse bedeuten sollten. Man darf also etwas Derartiges nicht sagen. Und noch weniger darf man sagen, dies entspreche in der Art dem Stein der Weisen. Wir sagen aber, dass der buchstäbliche Sinn nicht der wahre ist, weil die Propheten es selbst gesagt haben.

273/745 Jene, denen der Glaube widerstrebt, suchen einen Grund dafür in dem Unglauben der Juden. Wenn das so klar wäre, sagt man, warum sollten sie dann nicht glauben? Und sie möchten gewissermaßen, dass jene glaubten, damit sie nicht durch das Beispiel der Ablehnung jener zurückgehalten würden. Doch deren Ablehnung ist ja gerade die Grundlage unseres Glaubens. Wir wären viel weniger dazu bereit, wenn jene zu uns gehörten: Wir hätten dann einen viel gewichtigeren Vorwand.

Es ist bewundernswert, dass die Juden zu großen Verehrern der Verheißungen und zu großen Feinden der in Erfüllung gegangenen Verheißungen gemacht wurden.

[139]274/642 Gemeinsame Beweise für die beiden Testamente.

Um alle beide auf einmal zu beweisen, muss man nur prüfen, ob die Prophezeiungen des einen in dem anderen erfüllt sind.

Um die Prophezeiungen erforschen zu können, muss man sie verstehen.

Wenn man nämlich glaubt, dass sie nur einen Sinn haben, so ist es sicher, dass der Messias nicht gekommen ist, wenn sie aber einen doppelten Sinn haben, so ist es sicher, dass er in Jesus Christus gekommen ist.

Die ganze Frage besteht also darin, dass man erfahren muss, ob sie einen doppelten Sinn haben.

Dass die Heilige Schrift einen doppelten Sinn hat.

Den Jesus Christus und die Apostel angegeben haben, wofür dies die Beweise sind.

1. Beweis durch die Heilige Schrift selbst.

2. Beweise durch die Rabbinen. Moses Maimon sagt, dass sie erwiesenermaßen zwei Gesichter hat und dass die Propheten nur von Jesus Christus geweissagt haben.

3. Beweise durch die Kabbala.

4. Beweise durch die mystische Interpretation, welche die Rabbinen selbst von der Heiligen Schrift geben.

5. Beweise durch die Grundsätze der Rabbinen, dass es einen doppelten Sinn gibt.

Dass es ein zweimaliges Kommen des Messias gibt, herrlich oder niedrig, ihrem Verdienst entsprechend – dass die Propheten nur vom Messias geweissagt haben – das Gesetz ist nicht ewig, sondern soll bei der Ankunft des Messias verändert werden – dass man sich dann nicht mehr des Roten Meeres erinnern wird – dass die Juden und die Heiden sich vermischen werden.

[140](6. Beweise durch den Schlüssel, den Jesus Christus und die Apostel uns dafür geben.)

275/643 Bilder.

Jesaja – 51. Das Rote Meer als Bild der Erlösung.

Ut sciatis quod filius hominis habet potestatem remittendi peccata, tibi dico: surge. (»Auf dass ihr aber wisset, dass des Menschen Sohn Macht hat, zu vergeben die Sünden […]: Ich sage dir, stehe auf«. Mk 2,10 f.)

Da Gott zeigen wollte, dass er ein heiliges Volk mit unsichtbarer Heiligkeit bilden und es mit ewiger Herrlichkeit erfüllen konnte, hat er sichtbare Dinge vollbracht. Da die Natur ein Abbild der Gnade ist, hat er an den Dingen der Natur das vollbracht, was er an denen der Gnade vollbringen sollte, damit man sich vorstellen konnte, dass er das Unsichtbare zu vollbringen vermochte, weil er ja das Sichtbare ganz deutlich vollbrachte.

Darum hat er also das Volk aus der Sintflut errettet; er hat es von Abraham abstammen lassen, er hat es von seinen Feinden erlöst, und er hat es zur Ruhe gebracht.

Gottes Zweck war nicht, aus der Sintflut zu erretten und ein ganzes Volk von Abraham abstammen zu lassen, um uns lediglich in ein fruchtbares Land zu führen.

Und selbst die Gnade ist nur das Bild der Herrlichkeit. Denn sie ist nicht der Endzweck. Sie ist vom Gesetz vorgebildet worden und bildet selbst die Gnade vor, doch so ist sie deren Bild und Grundlage oder Ursache.

Das gewöhnliche Leben der Menschen ist jenem der Heiligen ähnlich. Sie suchen alle Zufriedenheit und unterscheiden sich nur in dem Gegenstand, dem sie diese zuordnen. Sie nennen jene ihre Feinde, die sie davon abhalten, usw. [141]Gott hat also damit seine Macht kundgetan, die unsichtbaren Güter zu vergeben, indem er seine Macht über die sichtbaren Güter kundgetan hat.

276/691 Wenn zwei Menschen törichte Geschichten erzählen und der erste einen Doppelsinn sieht, der von seinen engsten Vertrauten verstanden wird, während die Rede des anderen nur einen Sinn hat, so wird jemand, der nicht in das Geheimnis eingeweiht ist und die beiden derart sprechen hört, über beide gleich urteilen. Wenn jedoch hierauf der erste in seiner weiteren Rede himmlische Dinge und der andere immer nur seichte und gewöhnliche Dinge sagt, wird jener urteilen, dass der erste voller Geheimnis sprach, der andere aber nicht, da der erste hinlänglich bewiesen hat, dass er solcher Torheiten unfähig, hingegen fähig ist, geheimnisvoll zu sein, der andere, dass er des Geheimnisses unfähig und der Torheit fähig ist.

Das Alte Testament ist eine Chiffre.

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