Kitabı oku: «Gesicht des Todes», sayfa 8

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Und sie konnte Shelley sehen, die in seine Richtung lief.

„Shelley“, bellte Zoe ins Funkgerät. „Das Ende der Bar, auf deiner Linken. Tritt ihm neben der dritten Säule in den Weg.“

Zoe sah, wie Shelley die Mitteilung hörte, ihr Blick zur Bar schoss. Sie bemerkte die Säule und rannte auf sie zu, während auch Zoe selbst sich wieder bewegte, mit ihren Füßen ebenso wie mit ihren Augen folgte.

Eine letzte Reihe Tische noch–

Jimmy Sikes flitzte zur Seite, weg von dem Polizisten, der sich ihm näherte, drehte sich zur Bar, seine Füße eilten an der vierten Säule in der Reihe vorbei und weiter.

„Anhalten!“ Shelleys Stimme, die laut rief, dann ein dumpfes Geräusch, wie ein Körper, der auf dem Boden aufprallte.

Zoes Blick war durch die dritte Säule blockiert – sie konnte weder Shelley noch Jimmy sehen —, aber er war nicht aufgetaucht, Shelley ebenfalls nicht. Zoe bog um die Ecke, konnte wieder sehen und atmete erleichtert auf, als sie sah, wie Shelley Jimmy die Handschellen mit geübter Präzision anlegte.

Sie kam dazu, während Shelley Jimmy seine Rechte zu Ende vorlas, ein wenig außer Atem und noch die Wirkung des Adrenalins spürend, das während der Verfolgungsjagd durch ihr System gerast war. Die anderen Polizisten versammelten sich um sie, fassten Jimmy bei den Schultern, um ihn zurück zum Parkplatz zu führen. Zoe atmete wieder, tauschte ein Grinsen mit Shelley aus und schlug rasch mit ihr zur Feier des Erfolges die Fäuste aneinander.

„Wir haben ihn, Z“, sagte Shelley lachend.

Und Zoe fragte sich, warum sie sich nun, da sie den Kerl wirklich hatten, nicht ganz so selbstsicher fühlte wie kurz zuvor.

Kapitel dreizehn

Zoe lümmelte sich in einem Stuhl im Sheriffbüro, ihre ganze Aufmerksamkeit auf seinen Computerbildschirm gerichtet. Er hatte ihn auf seinem Schreibtisch umgedreht, damit sie die Videoübertragung sehen konnte, während Shelley im Nebenzimmer mit Jimmy Sikes sprach.

„Es ist wahrscheinlich nicht so, wie Sie es gewöhnt sind“, sagte der Sheriff sowohl als mürrische Entschuldigung wie auch Verteidigung seines Reviers. „Wir haben nicht ganz das Budget, das Sie alle beim FBI verbrauchen. Gibt keine Einwegspiegel und technisch ausgefeilten Überwachungsanlagen hier. Wir haben den Platz nicht.“

„Das ist in Ordnung“, sagte Zoe ihm, nickte zum Bildschirm hin. „Ich kann alles hier sehen.“

„Sind Sie sicher, dass sie alleine da drin zurechtkommt? Ich meine nur, ich hatte es so verstanden, dass Sie die vorgesetzte Agentin sind.“

„Special Agent Rose wird das schon richtig machen“, sagte Zoe lächelnd. Das war nicht zu seiner Beruhigung oder Ermutigung gedacht, sondern einfach darin begründet, dass sie seine Zweifel amüsant fand. „Sie ist bekannt für ihre Verhörtechnik. Sehen Sie es sich einfach an.“

Der Mann lehnte sich wieder in seinen eigenen Schreibtischstuhl zurück, das alte Leder knarrte unter seinem Gewicht, als sie beide schweigend zusahen.

Shelley war bereits auf dem Bildschirm zu sehen, sie saß gegenüber von Jimmy Sikes, dessen Handschellen durch ein Tischbein gezogen waren, um ihn unter Kontrolle zu halten. Er hatte sie gut fünf Minuten lang an einem seiner groben schmutzigen Fingernägel kauend beobachtet, während sie ihre Akten las, ohne ein Wort zu sagen. Sie blätterte ruhig Seite um Seite um, sah nicht einmal auf, um ihn zur Kenntnis zu nehmen.

Zoe machte sich Sorgen, nicht über Shelley, aber über Sikes. Er war schwerer als ihr zusagte. Die Tatorte hatten nach ihrem Gefühl einen leichteren Mann indiziert. Sikes hatte zugenommen, seit seine Informationen zuletzt aktualisiert worden waren. Nicht nur das, sondern auch die Art, wie er an seinen Nägeln kaute, war – irgendwie falsch. Sie widersprach der gründlichen Sorgfalt, die durch von dem Mörder nie hinterlassene Spuren angezeigt wurde.

Sikes wurde unruhiger, rutschte auf seinem Stuhl herum, spuckte einen abgekauten Fingernagel auf den Boden. Shelleys Technik funktionierte, erwischte ihn unvorbereitet. Er hatte gegenseitiges hitziges Anbrüllen erwartet, einen grauhaarigen alten Polizisten, der versuchte, ihn einzuschüchtern. Das Schweigen war nicht das, an das er gewöhnt war – ebenso wie das leichte unbesorgte Lächeln, das Shelley ihm ab und an zuwarf, während sie mit dem Lesen fortfuhr.

Shelley hörte auf, ihre Akten durchzusehen und blickte hoch, nahm eine bequemere und offenere Sitzhaltung ein. „Mr. Sikes“, sagte sie freundlich. „Jimmy, wenn ich darf.“

Er starrte sie an, sagte nichts, betrachtete sie aus den Augenwinkeln wie ein in die Enge getriebener Hund.

„Sie haben ein ordentliches Strafregister, nicht wahr?“ Es wurde mit einem Lächeln gesagt, das ihn eher einlud, mit seinen Heldentaten zu prahlen, als dass es ihn verurteilte.

„Hab meine Zeit abgesessen.“

„Wie war das, Jimmy?“

„Ich sagte, ich hab meine Zeit abgesessen. Ich bin draußen. Sie können mich für die Sachen nicht mehr bestrafen.“

„Nun, eigentlich können wir das, Jimmy. Denn Sie wurden auf Bewährung entlassen, oder nicht?“ Shelley tat so, als ob sie in ihren Unterlagen nachsah, obwohl Zoe wusste, dass sie sich diese bereits eingeprägt hatte. „Für schwere Körperverletzung, steht hier. Eine Gewalttat.“

Jimmy füllte das Schweigen nicht, das sie zwischen ihnen hängen ließ, wandte sich nur zur Seite, um einen weiteren seiner Fingernägel auf den Boden zu spucken. Er traf den Boden mit einem Geräusch, das nur Zoe hörte. Das Geräusch der Wahrheit. Ihr Mörder würde das nie tun. Würde nie DNA-Spuren hinterlassen.

„Und während Ihrer Bewährung, Jimmy, war es Ihnen nicht erlaubt, den Staat zu verlassen. Stimmt doch? Und trotzdem haben wir Berichte, die zeigen, dass Sie und Ihr Auto sich die ganze Strecke vom Zuhause Ihrer Schwester – Mandas Zuhause – durch Missouri und hier nach Kansas bewegt haben. Das ist eine ziemliche Reise, nicht wahr?“

Jimmy bewegte sich, seine Augen blickten auf die Platte des zwischen ihnen stehenden Tischs. Er grübelte über etwas, sein Blick war abwesend und unkoordiniert. Zoe schüttelte leicht den Kopf. Das war alles verkehrt. Ihr Mörder war intelligent, ruhig, vorsichtig. Er hätte gesprochen, hätte bereits irgendeinen Vorwand vorbereitet. Er hätte nie zugelassen, dass Shelley ihn so überfuhr.

„Sie haben es auch versäumt, sich bei Ihrem Bewährungshelfer zu melden und insgesamt bedeutet das, dass Sie wohl wieder wegen einer Gesetzesübertretung einfahren werden. Das ist wirklich schade. Ich hätte Sie lieber rehabilitiert gesehen, als mit der Aussicht auf weitere Zeit hinter Gittern.“ Shelley machte eine Show daraus, alle Details in seiner Akte zu überprüfen, schloss sie dann und legte sie zur Seite. „Natürlich könnte ich Ihnen da raushelfen. Denn deshalb haben wir Sie nicht verhaftet, richtig?“

Jimmys Kopf fuhr hoch, seine Augen verengten sich. „Nich’?“

Shelley lächelte ihn an, als ob sie beste Freunde wären. „Nein, Jimmy. Wir haben Sie wegen der Morde verhaftet, die Sie diese Woche begangen haben.“

Jimmy Sikes fiel fast von seinem Stuhl. „Was? Niemals hab ich das!“

Shelley schnalzte mit der Zunge und schüttelte den Kopf. „Na, na. Lügen Sie mich nicht an, Jimmy. Nicht mich. Ich bin Ihre beste Chance auf einen guten Deal mit dem Richter, wissen Sie? Ich kann Ihnen helfen, eine Lösung zu finden – aber nur, wenn Sie mir die Wahrheit sagen.“

„Ich hab niemanden nich’ getötet!“ rief Jimmy, schüttelte heftig den Kopf. „Ich weiß nich’, was Sie glauben, das Sie gegen mich in der Hand haben, aber ich hab nur ’n bisschen Spaß gehabt. Das ist alles. Keine Morde.“

Und Zoe glaubte ihm völlig. Das hier war alles Zeitverschwendung. Jimmy Sikes war nicht ihr Mann, war es nie gewesen. Das zeigte sich in jedem zusammengesackten und nachlässigen Winkel seines Körpers, dem ihm ins Gesicht geschriebenen Mangel an Intelligenz, seiner Wortwahl, seiner Handlungen. Sogar in seinem Körpergewicht.

Sie wartete. Shelley würde es aufklären. Sie mussten immerhin vorschriftsgemäß vorgehen. Wenn sie es nicht taten, würden die Leute sich fragen, warum Zoe nicht jeder verfügbaren Spur nachgegangen war.

Shelley kreuzte ihre Arme auf der Tischplatte, behielt ihr Lächeln bei. „Nun, Jimmy, warum erzählen Sie mir dann nicht von den letzten Tagen? In Ihren eigenen Worten. Dann können wir dieses dumme Missverständnis aufklären.“

Jimmy schnappte nach Luft, schüttelte dann erneut wild den Kopf. „Ich weiß, was ihr Cops vorhabt. Keine Chance. Nein. Ich sag Ihnen gar nix. Sie wollen mir das anhängen, wollen mich dumm aussehen lassen. Ich kenne Cops.“

Shelley seufzte, stützte ihren Kopf in eine Hand. „Ich bin kein Cop, Jimmy. Ich bin FBI. Und das alles hier wird aufgezeichnet. Ich versuche nicht, Sie hereinzulegen. Das verspreche ich.“

„Ich kenn das schon.“ Jimmy schüttelte seinen Kopf. „Nein. Nee. Ich kenn das. Sie wollen es mir anhängen, wie diese Psycho-Ex von mir und ihr Kumpel, der Cop. Ich sprech nich’ mit Ihnen.“

Shelley sah ihn ruhig an, ließ ihn sich beruhigen. „Wenn Sie nichts zu verbergen haben, können Sie mir ebenso gut alles erzählen, Jimmy. Wenn Sie Alibis haben, können wir sie überprüfen. Prüfen, ob Sie auf den Kameras zu sehen sind. Es sind immer Kameras da. Sogar hier drin.“

Jimmy sah hoch, suchte hektisch mit seinen Blicken den Bereich ab, auf den Shelley gezeigt hatte, bis seine Augen der Linse begegneten. Er sah direkt hinein. Zoe schauderte ein wenig zusammen, fühlte sich, als ob ihre Augen sich begegneten, obwohl er sie natürlich nicht sehen konnte, nur sie ihn sah.

„Also, wie Sie sehen, Jimmy, kann niemand behaupten, dass Sie etwas gesagt hätten, was Sie nicht gesagt haben. Es wird alles aufgezeichnet. Und wenn ich versuchen würde, Sie reinzulegen, würde ich meinen Job verlieren.“

Jimmy blickte wieder zu Shelley, schwitzte. „Sie werden mir nichts anhängen?“

„Sie sagen mir, was passiert ist und ich sage Ihnen, ob Sie gehen können“, sagte Shelley, betonte die letzten Worte, um sicherzustellen, dass er es begriff. „Das ist der einzige Weg, der Sie hier herausführt. Und vertrauen Sie mir, ich möchte genauso wenig wie Sie, dass ein unschuldiger Mann hier drin festsitzt.“

Jimmy lehnte sich in seinem Stuhl zurück, seine Kette klirrte und zog ihn fast zurück, als er versuchte, seine Arme zu weit weg zu bewegen. Er holte tief Luft, sah dann zu Shelley auf. „Ich war im Casino in Potawatomi. Das war ’n Glücksfall, wissen Sie? Hab gegenüber von diesem unerfahrenen Kid gesessen und hab ihm alles abgezockt, was er bei sich hatte und was von seinen Freunden noch obendrein.“

„Und wann war das?“

„Ich würd sagen, so … vier. Fünf Tage her? Vielleicht vier? Ich weiß es nich’ genau.“

„Sie sind von Mandas Haus zum Casino gefahren?“

„Yeah.“

Shelley überprüfte ihre Notizen von ihrem Telefongespräch mit Manda. „Das war vor sechs Tagen, Jimmy.“

„Na, Scheiße“, sagte er und lachte.

„Also haben Sie diesen großen Gewinn gemacht, richtig? Ein Haufen Geld?“ Shelley beugte sich vor, widmete ihm ihre gesamte Aufmerksamkeit.

„Mehr als ich je hatte.“ Jimmy nickte. „Also ging ich raus zur Bar und dann denke ich, nee, ich sollte nicht hier bleiben. Das Kid und seine Kumpel, die Rausschmeißer, vielleicht haben sie was gegen einen Ex-Knacki, der fett gewinnt.“

„Und wo sind Sie hingegangen?“

„Bin in mein Auto gestiegen und zur nächsten Bar gefahren. Direkt beim Highway. Blieb da, bis sie zumachten, schlief ’n paar Stunden auf meinem Rücksitz und fuhr zur nächsten Bar.“

Shelley hatte ihre Notizen hochgehoben, sie durchgesehen, seine Geschichte mit seinen Sichtungen verglichen, aber nun hielt sie inne und legte die Papiere hin. „Wollen Sie mir sagen, Jimmy, dass Sie die letzten fünf Tage hindurch pausenlos getrunken haben?“

Jimmy zuckte mit den Schultern. „Hab auch Zeit in ein paar Casinos verbracht. Ich wurde abergläubisch. Immer, wenn ich gut gewonnen hab, bin ich weitergezogen.“

Shelley klickte ihren Kugelschreiber, ließ den Stift hervortreten. „Ich benötige von Ihnen die Namen und Adressen dieser Casinos und Bars, Jimmy. Sie machen das toll. Wir werden Sie bald hier raushaben.“

Zoe tippte bereits den Namen der ersten Bar in ihr Telefon, suchte nach der Adresse – und Telefonnummer. Sie ging aus dem Zimmer und begann zu wählen, betrachtete durch ein Fenster in der geschlossenen Türe, wie Shelley ihre Notizen beendete und aufstand, um das Zimmer zu verlassen.

„Hallo? Ja, ich würde gerne mit Ihrem Manager sprechen. Mein Name ist Special Agent Zoe Prime vom FBI“, sprach sie ins Telefon, fing Shelleys Blick auf, als diese den Flur betrat. „Ich möchte Sie bitten, uns Ihre Überwachungsaufnahmen von vor einigen Tagen zu schicken, um uns bei einer Ermittlung zu helfen.“

Shelley, Zoe, der Sheriff und sein Team fanden alle Orte, von denen Jimmy behauptete, dass er dort gewesen sei. Auch wenn seine zeitlichen Angaben nicht ganz passten – zweifellos verfälscht durch den Alkohol und die Tatsache, dass die Zeit innerhalb von Casinos anders zu ticken schien – bestätigten sich seine Alibis nach mehreren Stunden Durchsicht durch per E-Mail geschickte Überwachungsaufnahmen.

Er war während der für die Morde geschätzten Zeiten jedes Mal auf Überwachungsaufnahmen zu sehen.

Jedes Mal.

Shelley knallte frustriert ihr Notizbuch auf den Schreibtisch. „Wir müssen ihn gehen lassen. Er ist nicht der Täter“, sagte sie.

„Wir können ihn immer noch für den Verstoß gegen die Bewährungsauflagen überstellen“, erinnerte der Sheriff sie. „Ich werde einige Anrufe machen. Sie werden ihn zurück in sein Heimatcounty bringen wollen.“

Er ließ Shelley und Zoe alleine in ihrem Einsatzraum zurück, die anderen waren nach der Überprüfung ihrer jeweiligen Aufnahmen gegangen. Sie waren alleine zurückgeblieben, wieder in der gleichen Lage wie vor der Auffindung von Jimmy Sikes.

„Wir kriegen ihn“, sagte Shelley erschöpft. „Das werden wir. Das hier ist nur ein kleiner Rückschlag.“

Zoe nickte. „Ich weiß. Ich möchte, dass es geschieht, bevor er sich ein weiteres Opfer schnappt. Wir haben wertvolle Zeit mit Sikes verschwendet.“

„Woher wusstest du, wo er sein würde?“

Zoe hob ihren Kopf bei der abrupten Frage, senkte den Blick sofort, als sie feststellte, dass Shelley sie genau musterte. „Was meinst du?“

„Du und ich hatten die gleichen Informationen“, sagte Shelley. „Du wusstest so viel wie ich. Aber du konntest erkennen, dass er in dem Casino sein würde, obwohl es keinen Weg gab, wie du wissen konntest, dass er definitiv dort sein würde. Dann, als er abhauen wollte – du wusstest, wo er hinrennen würde. Du hast mir die genaue Stelle genannt, an der ich ihn erwischen könnte.“

Zoe sagte nichts. Technisch gesehen war ihr keine Frage gestellt worden. Sie konnte weiter schweigend auf die Akten vor sich schauen, ihre Augen konnten über Worte und Bilder schweifen, ohne etwas zu sehen.

„Woher wusstest du es?“ wiederholte Shelley.

Zoe spürte etwas in ihrer Kehle, einen Klumpen, der drohte, die einfachen, eingeübten Worte zu verschlucken. Vielleicht konnte sie es zugeben. Vielleicht würde Shelley es verstehen? Sie war bisher ziemlich verständnisvoll gewesen, und nett und freundlich. Vielleicht dies die Person, der Zoe sich anvertrauen könnte.

Aber die Anzahl der Menschen auf der Welt, die von ihrer Synästhesie wussten, den Zahlen und Mustern, die ihr vor Augen standen, egal wo sie hinsah, konnten an einer Hand abgezählt werden, ohne dass man alle Finger benötigte. Und ein so sorgsam gehütetes Geheimnis – die Fähigkeit seit der Kindheit und die Diagnose, die sie als junge Erwachsene erhalten hatte – konnte nicht so einfach offenbart werden.

„Es ist nur eine Kombination aus Glück und Erfahrung“, sagte Zoe, blätterte um, immer noch ohne ein einziges Wort zu lesen. „Wenn du erst mal so lange dabei bist wie ich, wirst du in der Lage sein, Dinge etwas einfacher zu entdecken. Dann ziehst du deine beste Schlussfolgerung und hoffst, dass es stimmt.“

Es hing nun etwas in der Luft, etwas, das so schwer über Zoes Kehle lag, dass sie sicher war, dass es mittlerweile körperlich sichtbar war. Dass Shelley sie anblickte und es sah und wusste, dass sie nicht die ganze Wahrheit sagte.

„Nur Glück? Dadurch wusstest du, dass er zur Seite ausweichen und nicht auf der Strecke bleiben würde, an der die anderen warteten?“

Shelleys Stimme war angefüllt mit deutlichem Unglauben, einem Ernst und einer Unbeugsamkeit, die Zoe schon oft gehört hatte. Es war die Stimme ihrer Mutter, ihrer Lehrerin, die Stimmen der wenigen Freunde, die sie zuvor gehabt hatte, bevor sie vorhersehbar befremdet waren und aufhörten, sie anzurufen. Es war die Stimme von letztlich jedem, wenn sie nicht mehr daran glaubten, dass sie kein Freak war.

Du trägst den Teufel in dir, Kind.

Die Sekunden verstrichen, Zoes Haut kribbelte unter ihre Bluse, Schweiß prickelte aus ihren Poren. Shelley glaubte ihr nicht. War dies der Augenblick, in dem sie alles zugeben musste? Würde es schlimmer sein, weiterhin etwas vorzuspielen? Shelley könnte weiterziehen, eine neue Partnerin finden und das wäre schlimm genug. Zoe gewöhnte sich an sie. Oder sie konnte es ihren Vorgesetzten mitteilen.

Was nun der Moment, es ihr mitzuteilen?

Das Festnetztelefon klingelte, schreckte sie beide auf, als es das Schweigen abrupt unterbrach, durchschnitt ihre Anspannung wie eine Käseharfe. Shelley beeilte sich, es zu beantworten, ließ ihre Papiere auf den Schreibtisch fallen und rollte ihren Stuhl zurück zum Telefon.

„Hallo? … Ja?“

Shelleys Miene zeigte Zoe, dass es keine guten Neuigkeiten waren.

Sie legte auf, ihr Gesicht erblassend. „Es gibt eine weitere Leiche“, sagte sie. „Der Sheriff wird uns hinbringen. Es ist nicht weit. Er schickt ein Team mit.“

Zoe fühlte, wie ihr der Magen in die Kniekehlen rutschte. Ihn gestern Nacht nicht zu kriegen, hatte also doch Folgen gehabt. Obwohl sie es erwartet hatte, war es ein schwerer Schlag. Ein weiterer Mensch hatte sein Leben verloren, weil Zoe nicht schnell genug gewesen war, um ihn zu retten.

„Wir haben diese Zeit auf Sikes verschwendet“, sagte Shelley, ihre Stimme hohl. Sie sah völlig verstört aus, als ob sie eine ganze Zeit dort stehen würde, ohne sich zu bewegen.

Das konnten sie sich jetzt nicht erlauben. Sie mussten handeln. Sie mussten die Beweise finden, um zu verhindern, dass es noch einmal geschah. Zoe griff nach ihrem Notizblock, ihrem Styroporkaffeebecher und ihrer Tasche und ging zur Tür. „Irgendwelche Details?“

„Bis jetzt nur die Fundstelle“, sagte Shelley, schüttelte den Kopf, schien sich selbst aus ihrer Benommenheit zu ziehen. Dann warf sie den Kopf ruckartig auf eine Seite, ihr Ton änderte sich. „Warte kurz.“

Shelley ging zu der Landkarte an der Wand, griff sich eine rote Stecknadel und suchte einen Moment lang die Ortsnamen ab, bevor sie die Stecknadel in die richtige Stelle stach.

„Da?“ fragte Zoe, merkte, wie Verwirrung sie überkam. „Bist du sicher?“

„Das ist es, was der Sheriff gesagt hat“, bestätigte Shelley.

Zoe warf einen weiteren Blick auf die Landkarte, wandte sich dann zum Gehen, eilte hinaus auf den Parkplatz. Das war falsch, alles falsch. Es war nicht weit von ihrem Aufenthaltsort, aber immer noch woanders, als sie es vorhergesagt hatte. Wie hatte sie so einen Fehler machen können?

Die direkte Linie war nicht mehr intakt – diese Stecknadel war links unter der letzten Nadel, während die vorherige rechts unter dem ersten Mord gewesen war.

Es war keine gerade Linie.

Was es möglich, dass es eine Kurve war?

Kapitel vierzehn

Zoe ließ Shelley fahren, während sie auf dem Beifahrersitz saß und nachdachte. Zahlen und Figuren und Kurven. Könnte es wirklich wahr sein? Könnte sie die ganze Zeit die Zeichen falsch gedeutet haben?

Das Auto wand sich über Nebenstraßen und ungepflasterte Wege, nahm die nach der Wegbeschreibung des Sheriffs kürzestmögliche Strecke. Er fuhr in einem mitgenommenen Polizeiwagen voran, der eindeutig schon bessere Zeiten erlebt hatte, und ihn kümmerte die Schonung der Federung oder Reifen nicht. Da ihr Auto ein Mietwagen war, konnte es diese Stufe roher Behandlung nicht ganz so gut verkraften.

Zoe betrachtete die vorbeigleitende Szenerie durch das Fenster, klammerte sich an ihren Gurt, wo er ihre Brust berührte. Ihr wurde als Beifahrerin immer ein wenig übel. Den Gurt ein wenig von ihrem Hals wegzuhalten half.

Sie bogen in einen Highway ein. Er war von einem breiten Streifen aus Erde und steinigem Boden gesäumt, dahinter wuchsen Bäume. Es war offensichtlich, dass der Streifen durch menschliche Hände und Maschinerie freigeräumt worden war. Bäume wuchsen in der freien Natur nicht in geraden, gleichmäßigen Reihen. Die Muster der Natur waren Kreise, Spiralen. Konnte es sein, dass ihr Mörder dort seine Inspiration fand?

Die Anwesenheit zweier Streifenwagen vom Sheriffbüro zeigte ihnen ihr Ziel an, bevor der Sheriff abbog und sein eigenes Auto daneben anhielt. Shelley atmete hörbar erleichtert auf, lockerte ihren Griff um das Steuer.

„Erinnere mich daran, niemals mit diesem Mann in ein Auto zu steigen“, sagte sie, schüttelte ihren Kopf, als sie behutsam am Straßenrand, weitab von der Fahrbahn, anhielt.

Zoe sprang aus dem Auto, bestrebt darauf, zu der Leiche zu kommen. Sie wollte sehen, wie diese zurückgelassen worden war. Es war ihre erste Möglichkeit, die Leiche noch vor Ort zu sehen, bevor der Tatort untersucht und das Opfer auf den Tisch des Leichenbeschauers gebracht worden war. Hier würden sich sicher mehr Hinweise finden. Dinge, die den Ermittlern entgangen waren. Dinge, die nur Zoe ausmachen konnte.

Zwei weißgesichtige Männer mittleren Alters, beide im düsteren Braun und Grün der Jagdkleidung, lehnten an der Motorhaube eines der Streifenwagen. Der Sheriff ging direkt zu ihnen und Zoe folgte, sah sich um, ob Shelley ihr folgte.

„Sheriff, das sind die beiden Jäger, die die Leiche gefunden haben“, sagte der junge Hilfssheriff. „Sie sind etwas aufgebracht, aber sie haben nicht viel gesehen.“

„Sie haben keine andere Person in den Wäldern gesehen?“ fragte Zoe scharf, über die gemurmelte Antwort des Sheriffs hinweg.

Die Jäger sahen sie mit großen Augen an, blickten verwirrt zum Sheriff hinüber. Mit einer ungeduldigen Bewegung nahm Zoe ihre Marke aus ihrer Tasche und klappte sie auf, so dass sie selbst sehen konnten, dass sie vom FBI war.

„Wir haben nichts gehört oder gesehen“, sagte einer der Männer. „Wir sind schon ganz früh in die Wälder gegangen, saßen nur da und warteten, alles ganz leise. Wir haben auf Tiere gelauscht. Wir hätten es gehört, wenn in der Nähe was passiert wäre.“

„Wie haben Sie die Leiche gefunden?“ fragte Zoe.

„Wir packten gerade zusammen, um nach Hause zu fahren“, erklärte der andere mit einem bedauernden Lächeln. „Haben nichts erwischt. Die Vögel schrien die ganze Zeit. Wir haben gedacht, dass sie gemerkt hätten, dass wir da sind und nichts ohne Warnung in unsere Nähe kommen lassen würden. Normalerweise werden sie irgendwann ruhig, aber nicht die. Also dachten wir nach ein paar Stunden, dass es am besten ist, wenn wir wieder gehen.“

„Dann haben wir den Fuchs gesehen“, warf der andere ein. „Nase direkt am Boden, er folgte irgendeiner Spur. Er hat sich erschreckt, als er uns sah und rannte in die andere Richtung, aber die Sonne war aufgegangen und wir konnten sehen, was er sich angeschaut hatte.“

„Blut“, erklärte der erste Jäger. „Überall auf dem Boden. Eine Spur. Große Spritzer. Wir dachten erst, es müsste ein verwundetes Tier sein. Aber als wir der Spur folgten, fand wir nicht weit weg—“

Die Männer verstummten beide, blickten auf ihre Füße, durchlebten zweifellos erneut, was sie gesehen hatten.

„Danke für Ihre Hilfe, Gentlemen“, sagte Shelley leise, während Zoe von ihnen weg zwischen die Bäume ging. Sie konnten ihr nichts Weiteres mitteilen.

Sie musste nicht weit gehen. Einige Fähnchen und Zahlenschilder waren schon vorhanden, bildeten einen Weg über den kargen Boden zu den Bäumen. Als sie hinter sich sah, konnte sie ihrem Verlauf zu einer Zufahrtsstraße folgen, welche der Sheriff gemieden hatte, eine Stelle gerade weit genug vom Highway entfernt, um nicht zu viel Aufmerksamkeit zu erregen.

Zoe hielt inne, ging zurück. Sie hatte das Gefühl, dass die Zufahrtsstraße der Ort war, an dem alles angefangen hatte und sie wollte es chronologisch angehen. Die Nummern auf eine Art arrangieren, die Sinn ergab.

Bei der Zufahrtsstraße fand sich eine große Blutlache, ein Schwall, der von dem eigentlichen Angriff herrühren musste. Adrenalinanstieg ließ das Herz schneller schlagen, oder vielleicht Bewegung, wenn die Frau ihren Mörder weggeschubst hatte. Das war nicht wie die anderen Morde – gar nicht wie sie. Zoe hatte sogar ihre Zweifel, dass dies derjenige war, nach dem sie suchten.

Sie blickte vorwärts und bemerkte die Fähnchen – jedes von ihnen bei einem Blutspritzer. So viele von ihnen. Das war eine tiefe Wunde. Die Abstände zwischen ihnen, jedes Mal mehrere Zentimeter, zeigten ihr eine schnelle Bewegung an. Die Gleichmäßigkeit der Abstände zwischen den Fähnchen, nun, das war ungefähr ein Herzschlag.

Eine solch offensichtliche Spur zu hinterlassen – direkt zu Reifenabdrücken, die analysiert werden konnten – sah ihrem Täter nicht ähnlich. Nicht nur dass, aber das Opfer war nicht dort gestorben, wo er es gefunden hatte. Das war an sich ungewöhnlich. Ihr Mann suchte seine Opfer sorgfältig aus und sie hatten keine Chance, wegzulaufen oder entdeckt zu werden. Sie wurden offen liegengelassen, in der Gewissheit, dass er schon lange fort sein würde, bevor jemand überhaupt eine Ahnung seiner Anwesenheit hatte.

Nein, Zoe konnte seine Handschrift hier nirgendwo sehen. Sie folgte den Blutspuren, manchmal nur Tropfen, an anderen Stellen größere Lachen. Die vor ihren Augen vorbeifliegenden Berechnungen zeigten ihr ein in Panik rasendes Herz an, ein verzweifeltes Rennen, hier und da ein Stolpern. Hände, die nach einigen Schritten die Wunde zusammenhielten, die Stärke des Blutflusses zu beiden Seiten verringernd, aber ihn keineswegs stoppend.

Das gelegentliche Herausspritzen weiterer Tropfen, die ein einzigartiges Spritzmuster bildeten.

Obwohl der Boden hier zu trocken und fest für deutliche Fußspuren war, konnte sie die Schritte aus den Blutspritzern und – lachen ermessen. Mehr Blut war auf den Boden gekommen, wo immer die Füße der Frau aufgetreten waren, durch die Erschütterung abgeschüttelt. Der Hals der Frau war aufgeschnitten worden, was das Blut von weit oben herunterfallen und es ein großräumigeres Muster formen ließ, als es bei einer tieferliegenden Wunde der Fall gewesen wäre. Die Menge wies auf die Verletzung einer Ader hin, nicht nur eine bloße Fleischwunde. Es war nicht überraschend, dass sie tot war. So viel schon draußen und das noch vor den Bäumen.

Das Blut teilte ihr umgehend Dinge mit, fast zu viele, um sie aufzunehmen. Entfernung – die Frau lief vornübergebeugt, ihr Körper gebeugt, nicht ganz so weit vom Boden entfernt, wie es ihr Hals beim Aufrechtstehen gewesen wäre. Abstand – sehr hohe Geschwindigkeit, sie war wortwörtlich um ihr Leben gerannt. Zwei Millimeter, drei Zentimeter, fünf Zentimeter. All diese Lücken erzählten eine Geschichte der Verzweiflung. Und der Blutverlust vervollständigte das Bild ebenfalls, halber Liter für halber Liter, Zoe berechnete es beim Gehen im Kopf. Fast ein Liter, noch bevor sie den Wald erreicht hatte.

Unter den Bäumen waren die Zeichen deutlicher, wenn auch auf ihre eigene Art durch die Einwirkung der Natur verändert. Die Landschaft wurde zu 3D, Blutstropfen landeten auf Baumstümpfen und offenliegenden Wurzeln, Steinen und niedrigen Blättern. Es veränderte die Zahlen nicht. Sie sagten ihr immer noch alles. Die fünf Zentimeter Höhe des Erdhügels berücksichtigen, die Entfernung vom Boden zum Hals der Frau ausrechnen. Wissen, dass sie an keiner Stelle annähernd aufrecht war. Ihr Körper, der sich immer weiter zum Boden senkte. Eineinhalb Liter.

Zoe spürte, wie die Frau stolperte und fiel, aber wieder aufstand, um weiter zu rennen, wie sie nun fast kroch, wie sie weiterkroch, soweit sie konnte. Das Blutmuster war hier anders, kam von einer Wunde, die nur noch dreißig oder weniger Zentimeter über dem Boden war, weniger ein Spritzen, mehr ein Fließen. Keine strahlenförmigen Spritzer mehr. Zwei Liter, dann zweieinviertel.

Dann war sie schließlich gestürzt und Zoe blickte auf die obszön weit offenen Augen eines toten Mädchens hinunter, ihr Hals klaffte wie ein zweites Lächeln, ihre Hände krallten sich in einem Todesgriff in den Saum ihres zerrissenen T-Shirts.

Zoe ging in die Hocke, ignorierte den Hilfssheriff, der bei der Leiche Wache hielt und sogar die Gegenwart von Shelley, die ihr folgte. Sie musste diese Zeichen lesen, herausfinden, was sie bedeuteten, erkennen, was alle anderen übersahen. Was das sein Werk? Oder nicht?

Das Mädchen lag auf ihrem Rücken, aber die Blutmuster neben ihr erzählten eine andere Geschichte. Sie hatte sich eine ganze Körperlänge weit bewegt, oder war bewegt worden; sie hatte zuerst auf ihrem Bauch gelegen, ihre Hände um ihren Hals geklammert. Das Blut war aus beiden Seiten ihres Halses gesprudelt, dort, wo die Wunde nicht zugehalten werden konnte, hatte zwei Lachen gebildet, die sich wie makabre Flügel unter ihr ausgebreitet haben mussten. Die Größe dieser Lachen alleine, zusammen mit dem, was sie bereits gesehen hatte, zeigte Zoe, dass mehr Blut verloren worden war, als jemand überleben konnte. Ein weiterer Liter alleine in diesen Lachen. Sie war durch Verbluten gestorben.

Flügel … Zoe sah genauer hin, ihre Augen weiteten sich langsam, als sie begriff, was sie da ansah. Die symbolische Assoziation der Blutlachen war die eines Rorschachbildes, ein Muster in etwas, das nicht wirklich ein Muster war. Es war fast perfekt symmetrisch, genau wie eine dieser berühmten Karten. Das bedeutete etwas – sie wusste, dass es das tat, fühlte es tief im Inneren. Es würde ihm etwas bedeutet haben.

Wo kam das her, diese Sicherheit? Es hatte an den bisherigen Tatorten keine bemerkenswerten Muster gegeben, oder? Zoe schob diesen Gedanken einen Augenblick beiseite, konzentrierte sich auf den Körper vor sich. Sie musste zuerst feststellen, ob dies wirklich ihr Mörder war.

Das Blutmuster, der dünne Schnitt im Hals, der mit einem rasiermesserdünnen Draht gemacht worden sein konnte, die Auswahl des Opfers und des Ortes, das Timing – das war alles er. Aber etwas war schiefgegangen. Sie hatte sich seinem Griff entwinden und losrennen können, allerdings nicht sehr weit. Sie war fast entkommen. Normalerweise hatte er mehr Kontrolle.

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
15 nisan 2020
Hacim:
292 s. 4 illüstrasyon
ISBN:
9781094305646
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