Kitabı oku: «Drei Frauen im Schnee»

Yazı tipi:

Blanca Imboden

Drei Frauen
im Schnee

Weihnachten, Geburtstage und andere Katastrophen


Über das Buch

Sonja, die Heldin in Blanca Imbodens Roman »Drei Frauen im Schnee«, ist verheiratet, Mutter von Teenager-Zwillingen und lebt mit ihrer Familie unter demselben Dach wie ihre Schwiegermutter. Das allein schon sorgt für allerlei Zündstoff. Eines Tages beschließt Sonja: Dieses Jahr muss Weihnachten anders werden. Leider gelingt ihr das nicht wie gewünscht. Im Gegenteil. Das Fest der Liebe und des Friedens gerät völlig aus den Fugen, weil nicht nur anstrengende Menschen, sondern auch noch verstörte Tiere ein nicht sehr weihnächtliches Chaos veranstalten. Also packt Sonja kurzerhand ihren Mantel, verlässt das Haus und – bekommt ein Geschenk: zwei neue Freundinnen. Nachdem die Silvesternacht für Sonja dann noch verrückter endet als Weihnachten, treffen sich die drei Frauen im Schnee, in den Bergen, auf dem Stoos. Und jede verändert damit das Leben der anderen zum Positiven.

»Drei Frauen im Schnee« ist eine heiter-besinnliche, ebenso komische wie nachdenkliche Geschichte rund um die Festtage, mit scharfsinnig beobachteten Szenen, wie wir sie alle kennen. Ein witziges und sehr charmantes Weihnachtsmärchen, das einem – anders als Blanca Imbodens Bestseller »Wandern ist doof« – nicht die Stunden im Liegestuhl am Strand versüßt, sondern die Zeit vor dem Kaminfeuer in der guten Stube.


Über die Autorin

© René Lang

Blanca Imboden, geb. 1962, war Sekretärin, Sängerin und Seilbähnlerin und lebt heute ihren Traumberuf: Schriftstellerin. Wenn sie nicht gerade in den Bergen unterwegs ist oder auf Lesetour durch die ganze Schweiz reist, tut sie das, was ihr das Liebste ist: Sie setzt sich hin und schreibt. Meist Romane, immer wieder mal Kolumnen und ab und zu auch eine Kurzgeschichte. Für Wörterseh schrieb Blanca Imboden zahlreiche Bestseller – die erfolgreichsten: »Wandern ist doof – Ein Kreuzworträtsel mit Folgen« (2013) und »heimelig – Warum Nelly aus dem Altersheim spazierte und nie mehr wiederkam« (2019). Die Autorin, die im Schwyzer Talkessel aufgewachsen und verwurzelt ist, lebt heute in Malters LU. www.blancaimboden.ch


Alle Rechte vorbehalten, einschließlich derjenigen des auszugsweisen Abdrucks und der elektronischen Wiedergabe.

© Wörterseh, Lachen

Wörterseh-Bestseller als Taschenbuch

3. Auflage 2020

Die Originalausgabe erschien 2013 als Klappenbroschur

Lektorat: Antje Steinhäuser

Korrektorat: Andrea Leuthold

Umschlaggestaltung: Thomas Jarzina

Fotos: Cover © Justin Metz/Ikon Images/Corbis und Paul Edmondson/Corbis; »Über das Buch« © Stoosbahnen AG, Stoos-Kapelle vor den Mythen; Composing Thomas Jarzina

Layout, Satz und herstellerische Betreuung: Rolf Schöner, Buchherstellung

Druck und Bindung: CPI – Ebner & Spiegel

ISBN 978-3-03763-307-6 (Taschenbuch)

ISBN 978-3-03763-037-2 (Originalausgabe, vergriffen)

ISBN 978-3-03763-544-5 (E-Book)

www.woerterseh.ch

Inhalt

Über das Buch

Über die Autorin

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Danke …

Die besinnlichen Tage zwischen Weihnachten und Neujahr haben schon manchen um die Besinnung gebracht.

Joachim Ringelnatz

Von allen Geschenken, die uns das Schicksal gewährt, gibt es kein größeres Gut als die Freundschaft – keinen größeren Reichtum, keine größere Freude.

Epikur von Samos

Dies ist auch ein Buch über Freundschaft, daher widme ich

es den wichtigsten Freundinnen meines Lebens:

Christa Keller (†), Sindy Hedinger-Kenel,

Lucia Schmid-Camenzind, Gaby Hartmann-Nobs,

Tina Bolfing und vor allem Cily Müller

und Rita Betschart-Wiget.

Nichts ist wertvoller als eine gute Freundin.

Danke.

1

Ich liebe unser gemütliches Frühstück am Sonntagmorgen. Paul holt frische Brötchen und die Sonntagszeitung. Die Zwillinge, Amelie und Lilly, decken unterdessen den Tisch. Der Kaffee duftet durchs Haus. Wir sitzen gemeinsam am stämmigen Eichentisch in der Küche, reden über Gott und die Welt und hören einander zu. Wir albern herum und genießen es, zusammen zu sein. Das sind wichtige Momente in unserem sonst oft chaotischen Familienleben. In diesen Momenten bin ich von ganzem Herzen Familienmensch und liebe meine Töchter und meinen Ehemann besonders.

Heute kommen wir auf Weihnachten zu sprechen.

»Oma möchte morgen das Haus dekorieren. Ich komme etwas früher von der Arbeit«, erklärt mein Mann.

Die Mädchen verdrehen die Augen. Ich kann sie verstehen. Jedes Jahr muss Paul unter Lebensgefahr einen alten, verrosteten Weihnachtsstern außen unter dem Dach anbringen. Man könnte längst etwas Neues kaufen, das sich viel leichter installieren ließe. Aber diesen Stern hat Pauls verstorbener Vater vor vielen Jahren eigenhändig in seiner Werkstatt zusammengebastelt. Und meine Schwiegermutter Irene besteht darauf, dass er Jahr für Jahr ihr Haus ziert. So wie sie überhaupt alles Jahr für Jahr genau gleich haben will.

The same procedure as every year …

»Der Stern geht ja noch«, meint Lilly. »Aber die Engel!«

Sie zieht eine Grimasse.

Unser Treppenhaus wird vor dem ersten Advent mit Engeln dekoriert. Sie hängen und stehen und kleben und liegen überall. Ach ja, und einige fliegen sogar.

»Manchmal denke ich beim Heimkommen, ich sei irrtümlich schon im Himmel gelandet«, schimpft Lilly weiter.

»Du kommst sowieso nicht in den Himmel«, bemerkt Amelie trocken, worauf ihr Lilly den Ellenbogen in die Seite rammt.

»He, ihr beiden!«, mahnt Paul. »Das gehört nun mal zu Weihnachten, und ihr wisst: Das macht eure Oma auch für euch, weil sie euch lieb hat.«

Lilly steckt sich demonstrativ den Finger in den Hals, was Paul gerade nicht sieht, weil er sich Leberwurst aus dem Kühlschrank holt.

»Weihnachten ist doof«, sagt sie.

»Genau«, bestätigt Amelie.

Weihnachten ist doof?

Ich hör wohl nicht recht!

Jedes Jahr quäle ich mich durch dieses Fest, das ganz und gar unter Irenes Regie steht. Und wenn ich nur ein einziges Mal eine winzig kleine Änderung im Programm anrege, wird mir erklärt, dass ich doch wenigstens der Kinder wegen meine eigenen Wünsche zurückstecken könne.

»Die Kinder lieben das Fest so, wie es ist«, erklärt Irene jedes Mal voller Überzeugung. Damit nimmt sie mir Jahr für Jahr den Wind aus den Segeln. Denn ich liebe meine Zwillinge und will ihnen sicher nicht Weihnachten verderben.

Und nun die knallharte Offenbarung: Weihnachten ist doof!

»Jetzt reichts aber! Wie seid ihr denn heute drauf? Warum wird hier plötzlich alles infrage gestellt?«

Paul ereifert sich und schickt auch mir einen strafenden Blick.

»Was passt euch denn nicht an Weihnachten? Wir haben es doch jedes Jahr richtig schön. Wir singen und spielen zusammen, bekommen ein gutes Essen …«

»… ja, eine fette Gans. Pfui Teufel. Immer dasselbe Menü«, wirft die sportliche Lilly trotzig ein. »Ich kann so fettes Zeug nicht vertragen. Aber das interessiert natürlich keinen.«

Die begeisterte Tennisspielerin achtet tatsächlich immer sehr auf eine gesunde Ernährung. Durchaus denkbar, dass ihr Magen revoltiert, wenn er plötzlich massive Speisen verdauen muss.

Paul schimpft weiter: »Es geht da nicht nur um euch. Es geht auch um Traditionen. Onkel Leo kommt ja auch immer zum Fest aus dem Altersheim. Ein bisschen Respekt vor dem Alter würde euch gut bekommen.«

Jetzt verdrehen beide Mädchen die Augen.

»Respekt vor unserem Großonkel?«

Lilly hat mit einem Mal einen roten Kopf, so sehr regt sie sich auf: »Unser Großonkel Leo … der ist immer so aufdringlich! Er ist widerlich.«

Ich bin sprachlos.

»Ach, kommt! Er ist ein alter Mann. Da übertreibt ihr sicher ganz ordentlich«, lacht Paul nur.

Ich habe inzwischen meine Sprache wiedergefunden: »Was macht er?«

»Er kommt uns viel zu nahe, und wenn er an uns vorbeigeht, streift er uns unauffällig. Das ist bestimmt kein Zufall oder alberne Neckerei, dafür macht er es viel zu oft und außerdem bei uns beiden. Manchmal gibt er uns einen bescheuerten Klaps auf den Hintern. So etwas muss sich doch heute nicht einmal mehr die Serviertochter in einer zwielichtigen Kneipe gefallen lassen. Nein, er ist wirklich ein Widerling«, schimpft nun auch Amelie.

»Auch wenn er mir übers Haar streicht, ekelt mich das an. Wir sind doch nicht seine Puppen«, legt Lilly nach.

»Das will ich gar nicht hören. Sicher steckt keinerlei böse Absicht dahinter«, erklärt Paul bestimmt und schaut finster in die Runde. Da habe ich aber auch ein Wort mitzureden: »Paul! Wie kannst du nur! Du meinst also, sie sollen sich nicht so zieren? Er ist ja mit ihnen verwandt, also ist ein kleiner Übergriff zu verschmerzen? Was ist denn das für eine Einstellung? Und was für Signale gibst du unseren Töchtern für ihr Leben?«

Ich verschlucke mich fast an meinem Kaffee vor Empörung.

»Amelie und Lilly, eines ist klar: Keiner kommt euch zu nahe, wenn ihr das nicht wollt. Sollte er das dieses Jahr wieder tun, dann wehrt euch so laut, dass wir das alle hören. Das müsst ihr mir versprechen!«

Die Mädchen nicken und schauen mich dankbar an. Ich schäme mich: Für diesen alten Lüstling, der sich Onkel Leo nennt, für meinen Mann, der alles nicht schlimm findet, und für mich, weil ich nie etwas bemerkt habe.

Fröhliche Weihnachten!

Es ist noch nicht einmal Advent, und ich habe schon genug davon.

»Denkt einfach daran: Nächsten Sonntag ist der erste Advent, und wir sind wie immer am Nachmittag bei Oma oben«, sagt Paul schließlich nur.

Er öffnet die Zeitung und meldet sich damit vom Gespräch ab, verstimmt und eingeschnappt.

»Nein!« Lilly gibt noch immer keine Ruhe.

»Diesmal geht das wirklich nicht!«, wird sie von Amelie unterstützt.

Oh, wenn die Zwillinge zusammenhalten, sind sie eine nahezu uneinnehmbare Festung.

Paul lässt genervt die Zeitung sinken.

Er bemüht sich, nicht zu schreien, aber das macht seinen Tonfall fast noch bedrohlicher: »Ihr seid jetzt sechzehn Jahre alt, und bisher haben wir das jedes Jahr so gemacht. Da möchte ich doch gern wissen, warum es plötzlich nicht mehr geht? Bloß zwei Stunden, nicht mehr! So viel sollte euch die Familie wert sein. Die Adventssonntage gehören der Familie. Basta.«

Lilly erklärt, dass ein großer Star in ihre Schule komme.

»John Grisham liest an der Kantonsschule, und er erzählt uns, wie er schreibt. Wir können mit ihm reden und ihm Fragen stellen«, sprudelt es aus ihr hervor.

»Der Krimiautor?«, fragt Paul entsetzt.

»Wir lesen gerade ›Das Fest‹, einen älteren Roman von Grisham, eine Weihnachtsgeschichte. Dort beschreibt er ein Ehepaar, das einfach mal beschließt, Weihnachten ausfallen zu lassen. Ein wirklich cooles Buch mit schrägen Einfällen.«

»Ja, ja. Den Film dazu kenne ich. Wieso muss der am ersten Advent in die Schule kommen? Seit wann geht ihr freiwillig an einem Sonntag zur Schule?«

Paul versteht die Welt nicht mehr.

Lilly wehrt sich: »Es ist ein Wunder, dass er überhaupt gerade in der Schweiz ist und dass er uns tatsächlich die Ehre gibt. Da kann man doch nicht über Termine diskutieren!«

Tja, meine Mädchen werden langsam groß und unbequem. Sie haben eine eigene Meinung, ein eigenes Leben, einen eigenen Terminkalender.

Höchste Zeit, dass ich es ihnen gleichtue.

»Da werden Papa und ich halt allein bei Irene Kaffee trinken. Solange ich nicht euren Anteil an Plätzchen und Keksen in mich reinstopfen muss …«, erkläre ich und lege dabei meinem Ehemann beruhigend die Hand auf die Schultern.

Er brummelt etwas in sich hinein, und die Mädchen verabschieden sich schnell, aus Angst vor weiteren Diskussionen. Amelie beginnt, Geige zu üben, und Lilly knallt kurz darauf ihre Zimmertür zu, genervt von den endlosen Tonleitern.

Paul sitzt ratlos da, und er könnte einem fast ein ganz klein wenig leidtun. Aber es ist höchste Zeit, dass er diese Lektion lernt: Nichts ist in Stein gemeißelt. Nur weil etwas ein paar Jahre so und nicht anders war, muss es nicht ewig genau gleich weitergehen. Die Mädchen werden langsam erwachsen und haben ihr eigenes Leben.

Ich habe mir für das neue Jahr auch einige Veränderungen vorgenommen. Paul muss aufpassen, dass er den Zug nicht verpasst, wenn er der Einzige ist, der sich nicht vom Fleck bewegt.

2

Seit wann stehe ich eigentlich so auf Kriegsfuß mit dem Weihnachtsfest?

Als Kind habe ich Weihnachten geliebt. Ich habe nur allerschönste Erinnerungen daran. Auch als die Kinder noch klein waren und wir in einer Altbauwohnung gehaust haben, waren die Festtage immer eine glückliche, aufregende Zeit. Wir feierten unkonventionell und fantasievoll. Da gab es auch mal eine Schneeballschlacht statt der Weihnachtsgeschichte oder ein Spaghetti-Essen statt eines aufwendigen Festmenüs.

Aber dann ist Pauls Vater gestorben, und Irene hat sich großzügig bereit erklärt, in ihrem Haus am Dorfrand von Schwyz die kleine Dachwohnung zu beziehen und uns den großen unteren Teil zu überlassen. Jetzt wohnen wir in einer imposanten Villa mit Garten – und mit Irene. Seit wir hier leben, führt Irene über die Weihnachtsfeste Regie. Sie kann in ihrer Wohnung keine Gäste mehr bewirten, dafür ist diese zu klein. Also findet das Fest bei uns statt – aber nach Irenes Spielregeln, nämlich so, wie es immer schon war. Vor dem ersten Advent wird das Haus geschmückt. An den Adventsnachmittagen wird bei ihr oben musiziert und Kaffee getrunken. Am Heiligen Abend wird in unserer Wohnung groß gefeiert, mit wechselnden Gästen aus der Verwandtschaft. Onkel Leo ist immer dabei. Es gibt eine Gans mit Kartoffelstock, dazu Rotkraut und zur Nachspeise, wenn keiner mehr auch nur ansatzweise Appetit hat: Schwarzwäldertorte. Danach sind alle satt und müde. Es folgt eine Stunde Musizieren vor dem Christbaum. Im Anschluss liest Irene die Weihnachtsgeschichte vor. Schließlich gibt es Geschenke.

Ach so: der Christbaum!

Sein Schmuck besteht aus Erbstücken von Irenes Familie. Wehe, es fällt etwas herunter! Antike, wertvolle Kugeln. Nur hat leider jede eine andere Farbe. Dazu kitschige Engel mit abblätternder Goldverzierung, dazwischen Mengen von Lametta, dass man fast davon blind werden könnte. Die Glitzerstreifen werden mehrere Jahre verwendet, versteht sich …

Um 23 Uhr gehen alle gemeinsam in die Mitternachtsmesse. Die Wohnung sieht zu diesem Zeitpunkt aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Egal. Danach gehen alle schlafen, außer mir. Ich räume auf und putze, weil am 25., so will es der Familienbrauch, ein Weihnachtsbrunch stattfindet. Selbstverständlich habe ich versucht, da und dort das Programm und die Vorschriften ein wenig zu lockern. Aber ich habe immer auf Granit gebissen. Paul meinte, seine Mutter sei nun schon alt, da müssten wir einfach Rücksicht nehmen auf ihre Gewohnheiten. Traditionen seien doch etwas Schönes. Außerdem hätten wir ja auch diese großartige Wohnung von Irene bekommen.

Die Mädchen haben bisher nie aufgemuckt. Ich dachte tatsächlich, sie hätten Weihnachten gern, genauso und immer wieder gleich.

»Wie kommst du darauf?«, meint Amelie, als ich sie am Nachmittag darauf anspreche. »Das Fest ist nervtötend. Ihr seid alle immer dermaßen gereizt, dass wir vom ersten Advent an das Gefühl haben, wir dürften nur noch auf Zehenspitzen gehen. Nie streitet ihr euch so oft wie vor Weihnachten.«

Stimmt das?

Wahrscheinlich schon.

Ich bin tief betroffen.

Asche auf mein Haupt.

Aber Amelie plappert munter weiter: »In der Schule lesen wir ja gerade Weihnachtsgeschichten aller Art. Den Roman von Grisham, den solltest du dir auch mal reinziehen. Oder die Geschichte von Böll über die Frau, die einfach jeden Tag Weihnachten feiern wollte und sonst Schreikrämpfe kriegte.« Amelie erzählt, dass sie in der Schule viele Diskussionen über Weihnachten geführt hätten. Fächerübergreifend, wie sie betont. »Stell dir vor: Wir haben darüber abgestimmt, wer von uns das Weihnachtsfest abschaffen möchte. Das Fest blieb nur knapp von der Abschaffung verschont, und als wir genauer nachgefragt haben, wollten viele bloß nicht auf die Geschenke verzichten.«

Weihnachten abschaffen?

Manchmal sind die Gespräche, die im Schulunterricht geführt werden, wirklich gewöhnungsbedürftig. Während wir früher Geschenke gebastelt und bei Kerzenlicht andächtig gefühlvollen Geschichten gelauscht haben, diskutieren die Kinder heute über die Abschaffung von Weihnachten. Hätte das früher ein Lehrer gewagt, hätten die Eltern geschlossen protestierend bei ihm auf der Matte gestanden, der Gemeindepfarrer allen voran.

Allerdings fand ich es mutig und unkonventionell, als die Schüler im Oktober gemeinsam im Unterricht einen Brief an unsere Großhändler schrieben: Niemand wolle bereits im Herbst Weihnachtsgebäck kaufen, erklärten sie, mit all ihren Unterschriften. Vorausgegangen war ein Statement der Migros, der frühe Verkaufsstart von Weihnachtsgebäck entspreche einem Kundenwunsch. Ha! Das fand sogar ich lächerlich. Wer geht denn allen Ernstes im Oktober in den Supermarkt und bedauert es, wenn es noch keine Mailänderli und Zimtsterne zu kaufen gibt?

Und ich gebs zu: Ich war wirklich entsetzt, als bereits Mitte Oktober rund um unser Einkaufszentrum die Bäume ihre Blätter lassen mussten, um die Äste mit Lichterketten einfassen zu können. Und als ich Anfang November beim abendlichen Einkauf auf dem Parkplatz von bunten Leuchtscheinwerfern erfasst wurde und fast nicht mehr aus der Parklücke herauskam, weil ich derart geblendet wurde, war ich auch verärgert.

Aber ist das Schulstoff?

Andererseits ist es natürlich gut, wenn sich die Schüler nicht nur mit abstraktem Schulwissen abfüllen lassen, sondern sich auch mit dem Leben auseinandersetzen. Sie sollen ja möglichst viel diskutieren und hinterfragen. So lernen die jungen Leute, sich eine eigene Meinung zu bilden und sich auszudrücken.

Dass sogar das Weihnachtsfest infrage gestellt wird, erstaunt mich allerdings. Ich wünschte, ich könnte auch in meiner eigenen Familie mehr und offener darüber reden. Hier, heute und jetzt flammt ein kleines, winziges Flämmchen von Widerstand in mir auf.

3

Singen ist eine meiner Leidenschaften. Ich habe schon immer gesungen und kann mich sogar ein wenig auf dem Klavier begleiten. Als junges Mädchen wollte ich Sängerin werden. Heute macht mir der Gesang das Putzen erträglicher. Was für eine extrem langweilige Hausarbeit. Sisyphus lässt grüßen. Die Putzerei schlägt das Bügeln noch um Längen.

Go on now go – walk out the door – just turn around now – ’cause you’re not welcome anymore …

Ich singe mich durchs Wohnzimmer, übertöne glatt den dröhnenden Staubsauger. Die Stereoanlage habe ich laut aufgedreht. Trotzdem singe ich Gloria Gaynor locker an die Wand.

I’ve got all my life to live – I’ve got all my love to give – and I’ll survive – I will survive – hey hey

Gerade habe ich mich so richtig schön in Schwung gesungen, da werde ich unsanft aus dem Discozeitalter ins Jetzt zurückgeholt.

»Muss das so laut sein, Sonja?«

Irene. Meine Schwiegermutter. Ihre Überraschungsbesuche sind eine regelmäßige Heimsuchung.

»Irene, wie schön, dass du zu Besuch kommst, überraschend wie immer«, schreie ich und zeige meine Zähne, in der Hoffnung, sie würde dies als eine Art freundliches Lächeln wahrnehmen.

Irene schreitet entschlossen auf den CD-Player zu und dreht die Lautstärke herunter. Sie drapiert theatralisch einen Adventskranz auf unserem Esstisch und fegt dafür unwirsch ein paar herumliegende Jugendmagazine beiseite.

»Ich habe euch auch einen gekauft. Die Jungen aus der Nachbarschaft kamen gerade vorbei. Ich dachte schon, dass du ihr Klingeln gar nicht gehört hast.«

Ja, alle Jahre wieder versuche ich, das Klingeln zu ignorieren, wenn die Jugendvereine ihre Adventskränze an der Haustür verkaufen wollen. Sie sind im Supermarkt schöner und billiger. Im letzten Jahr haben wir ohnehin ganz darauf verzichtet, und keiner hat ihn vermisst.

»Oh, schon wieder Weihnachten?«, frage ich unschuldig.

»Schon wieder Weihnachten?«

Irene schluckt schwer und schaut mich fassungslos an.

»Am Sonntag ist der erste Advent«, antwortet sie, empört über meine Unwissenheit und Ignoranz.

»Danke«, sage ich höflich und zeige auf ihr Mitbringsel. »Die Mädchen werden sich bestimmt freuen.«

Allerdings sieht der Adventskranz ziemlich kümmerlich aus, und die Kerzen stecken recht windschief in dem Ding. Aber es ist ja die Geste, die zählt …

Irene rauscht kopfschüttelnd von dannen, und mir ist die Lust, zu singen, vergangen. Meine Laune war vorher eindeutig besser. Ich räume den Staubsauger weg, binde meine Haare zusammen und fange an, die Toilette zu putzen. Das passt nun besser zu meiner Stimmung.

Wie oft haben wir schon darüber diskutiert: Irene soll hier nicht unangemeldet reinschneien. Wenn Paul einmal, zermürbt von meinen Klagen, mit Irene darüber gesprochen hatte, gab sie sich immer einsichtig. Und ein paar Tage später stand sie wieder aus irgendeinem unerhört wichtigen Grund überraschend mitten in der Wohnung.

Es ist höchste Zeit, dass ich selber wieder aus der Wohnung herauskomme. Im September habe ich im Zuge einer Umstrukturierung meinen Teilzeitjob bei der hiesigen Bank verloren. Und dies, obwohl doch Paul dort ein hohes Tier ist. Nicht einmal Beziehungen sind mehr das, was sie einmal waren. Anfangs fanden es alle ganz nett, dass ich wieder mehr zu Hause war. Ich auch. Paul meinte, ich könne mir Zeit lassen, mir eine kleine Auszeit gönnen, wir hätten ja keine finanziellen Probleme. Aber inzwischen schreibe ich bereits wieder Bewerbungen. Allerdings sind gerade im Bankgewerbe viel zu viele Menschen auf Stellensuche. Ich werde mich wohl auf einen völlig anderen Job einstellen müssen. Gut, dass ich flexibel bin und zudem in jungen Jahren in verschiedenen Branchen gearbeitet habe. Erschwerend kommt allerdings dazu, dass ich im nächsten Jahr vierzig werde – das scheint auf dem Arbeitsmarkt ein unverzeihliches Schwerverbrechen zu sein. Dabei fühle ich mich jung. Allerdings fühlt Irene sich auch jung, und sie ist über siebzig. Nun, für die Zwillinge sind wir wohl beide eh nur eins: Grufties.

Amelie und Lilly kommen gemeinsam heim, als ich gerade einen Kaffee trinke. Sie schimpfen über das Wetter und schütteln die ersten Schneeflocken von ihren Kleidern. Ich habe mich inzwischen von Gloria Gaynor verabschiedet. Aus dem Radio plätschert eine unsäglich schmalzige Country-Version von »Leise rieselt der Schnee«.

»Schuhe aus!«, brülle ich den Mädchen entgegen und hasse mich selber für meinen Tonfall.

Lilly steht schon in der Küche und versaut den frisch geputzten Boden mit ihren nassen Tretern. Ach, ich weiß, warum ich wieder außer Haus berufstätig sein möchte. Hausarbeit ist so aufreibend, so endlos und öde. Die Wertschätzung ist genauso gering wie die Entlöhnung.

»Sorry, aber ich muss gleich weg«, sagt Lilly nur und nimmt sich eine Banane aus dem Kühlschrank. »Training.«

Klar. Mein kleines Tenniswunder ist immer irgendwie auf dem Sprung. Dafür hat es Amelie ausnahmsweise gar nicht eilig, in ihr Zimmer zu kommen. Sie setzt sich neben mich.

»Was würdest du tun, wenn du wüsstest, dass du nicht mehr lange zu leben hättest?«, fragt sie mich und trinkt aus meiner Kaffeetasse.

»Ich würde nie mehr putzen«, antworte ich leichthin, bin aber irritiert. Was sind das nun wieder für Fragen? Welche Ängste stecken dahinter?

»Bist du krank?«, frage ich und mustere sie aufmerksam.

Sie sieht kerngesund aus, wie immer. Wie ein Schneewittchen. So nenne ich meine Zwillinge manchmal wegen ihres langen, dunklen, vollen Haars und ihrer zarten, reinen Haut. Früher hörten sie das zwar gern, heute sage ich es besser nicht mehr allzu laut.

Amelie holt ihren Laptop und zeigt mir eine Seite, die mir fast die Sprache verschlägt. Natürlich habe auch ich von den Theorien gehört, dass am 21. Dezember 2012 die Welt untergehen werde. Aber was ich da sehe … Da gibt es einen laufenden Zähler, einen Countdown bis zum Weltuntergang. Es sind nur noch 23 Tage. Auch die Stunden, Minuten und Sekunden, die uns bleiben, werden gezählt.

Amelie schaut mich an.

Sie wird doch so etwas nicht etwa glauben? Mein intelligentes Mädchen?

»Amelie, glaub einer alten Frau: Ich habe schon mehrere solche vorhergesagten Weltuntergänge locker überlebt. Wir werden auch diesen überstehen, das verspreche ich dir.«

»Wie kannst du es versprechen?«, fragt sie vorwurfsvoll. »Hast du alle diese Theorien studiert? Maya-Kalender, Sonnenstürme, Nostradamus, die Hopi-Indianer …«

Gleich kommt wieder der Vorwurf, ich würde sie nicht ernst nehmen.

»Du nimmst mich gar nicht ernst!«

Wusste ichs doch.

Manchmal ist es verdammt schwierig, seine Kinder ernst zu nehmen. Ich gebe mir Mühe.

»Was würdest du denn tun, wenn du sicher wüsstest, dass am 21. Dezember die Welt untergeht?«, frage ich Amelie.

Sie überlegt nicht lange: »Ich würde sicher die Schule schwänzen.

Und vielleicht versuchen, möglichst viel Zeit mit Familie und Freunden zu verbringen.«

Gott, wie vernünftig sie ist, meine Tochter!

Was hätte ich wohl in ihrem Alter gesagt? Ich würde von zu Hause abhauen und per Anhalter nach Paris fahren. – Ich würde Peter, in den ich seit Wochen verliebt bin, einen Brief schreiben. – Ich würde mich schminken und stylen und jede Nacht in den Discos abtanzen bis zum Umfallen. – Ich würde eine Bank überfallen und mir endlich eine elektrische Gitarre kaufen … Etwas in dieser Art.

Waren wir wilder oder kindischer, als wir sechzehn waren? Manchmal ist es beängstigend, wie ernst und wie reif meine Töchter wirken, besonders Amelie, die Stille. Aber nur manchmal.

»Und du, Mama: Was würdest du wirklich tun? Was würdest du bedauern, nicht getan zu haben?«

Ihre tiefblauen Augen bohren sich in meine. Sie möchte eine ehrliche Antwort, nicht bloß etwas Dahergesagtes.

Diese kann ich ihr aber nicht geben. Ich bin nämlich durchaus glücklich mit meinem Leben. Gut, ich habe meinen Job verloren. Aber in den letzten Monaten war das absehbar, und die miese Stimmung in unserer Abteilung war kaum mehr auszuhalten. Und ich bin in der glücklichen Situation, mir keinen Stress machen zu müssen mit der Stellensuche. Ich werde wieder etwas finden. Und ja, Irene geht mir manchmal ziemlich auf den Geist. Ich wünschte mir ab und zu, wir würden nicht zusammenwohnen. Was ich in der Tat bedauere, ist, dass Paul und ich uns in den letzten Jahren auseinandergelebt haben. Es wird mir Tag für Tag mehr bewusst. Ich möchte gern versuchen, das wieder zu ändern. Der Weltuntergang wäre mir dabei im Weg.

»Ich bin eigentlich glücklich, aber ich möchte schon noch ein paar Dinge erleben. Dieses Jahr möchte ich wieder mit Papa auf den Silvesterball gehen. Ich hätte wirklich keine Lust auf einen Weltuntergang«, sage ich schließlich halbherzig.

Es tut mir leid, aber ich kann meiner Tochter gegenüber nicht immer komplett offen und aufrichtig sein.

Ich glaube, sie spürt das. Ihr skeptischer Blick lässt mich ganz verlegen werden. Sie klappt den Laptop zu.

»Ihr vergesst doch nicht unseren Elternabend morgen?«, sagt sie streng und geht in ihr Zimmer.

Bald höre ich ihre Geigenübungen, Tonleitern und Arpeggien über drei Oktaven. Amelie möchte einmal Musik studieren, und bei ihrem Fleiß und ihrer Ernsthaftigkeit halte ich das durchaus für möglich.

4

Es ist Elternabend, und Paul geht nicht hin. So läuft das bei uns. Er hat immer einen total wichtigen Termin. Das bringt er jeweils richtig glaubhaft rüber. Ich vermute, alle in seiner Firma sind eingeweiht und arbeiten an seinem Alibi mit.

Schon als die Mädchen in der Primarschule waren, machten Elternabende keinen Spaß. Da kannte ich aber noch viele Eltern, und wir machten das Beste aus dem Anlass, gingen manchmal hinterher noch gemeinsam in eine Kneipe. Aber jetzt, auf dem Gymnasium, hat das Ganze gar keinen Unterhaltungswert mehr. Ich kenne die anderen Eltern nicht oder würde sie gern nicht kennen. Mein Frauenarzt ist dort und ein ehemaliger Lehrer von mir. Wenn ich anschließend heimgehe, denke ich jedes Mal, dass es vertane Zeit war. Ernstliche Schulprobleme würde man sowieso in Gesprächen unter vier Augen klären. Hier geht es bloß um Organisatorisches, Grundsätzliches. Ein paar Eltern lieben die Auftritte vor Publikum und spielen sich auf. Sie bringen irgendwelche Beschwerden, die man auch im persönlichen Gespräch regeln könnte, lieber vor versammelter Gesellschaft vor.

Ich hasse es, allein auf Elternabende zu gehen. Ich komme mir vor wie eine Alleinerziehende und werde eigenartig gemustert. Bilde ich mir zumindest ein.

Diesmal wird es wider Erwarten recht spannend. Nachdem die üblichen Themen bezüglich Schulverlegung, Schulstressbewältigung, Notendurchschnitt erledigt sind, ergreift die Frau meines Gynäkologen das Wort: »Immer wieder wird betont, wie viel Schulstoff unsere Kinder zu bewältigen hätten. Da wundert es mich doch umso mehr, wie man während der Unterrichtszeit so viel über Weihnachten diskutieren kann. Ja, sogar der Weltuntergang wurde thematisiert.«

Ganz rot ist sie im Gesicht geworden vor Eifer, die Gute.

Schon schießt eine andere Frau in die Höhe und doppelt nach: »Diskutieren ist eine Sache. Aber hier wurde sogar das Weihnachtsfest an sich angezweifelt. Man hat über eine mögliche Abschaffung abgestimmt. Wo leben wir denn eigentlich? Werden an dieser Schule gar keine christlichen Werte mehr vermittelt?«

Sie blickt in die Runde, Beifall heischend, und bekommt ihn tatsächlich.

Jetzt kommt mein ehemaliger Lehrer zu Wort: »Nicht einmal mehr ein Weihnachtskonzert steht auf dem Programm. Ich glaube, das gab es an dieser Schule überhaupt noch nie!«

Und seine Frau ergänzt: »Meine Tochter hat mir einen Kalender gezeigt. Heute sind es nur noch 22 Tage bis zum Weltuntergang.« Der Klassenlehrer sieht aus, als hätte er den Weltuntergang am liebsten gleich hier und jetzt. Der junge Mann ist ziemlich blass geworden.

Aber der Schulleiter, ein stämmiger Mittfünfziger, der schon tausend Elternabende erfolgreich gemeistert hat, stellt sich vor ihn: »Bitte, bitte, keine Aufregung. Wir wollen doch die Kirche im Dorf lassen!«

»Ja, ja, die Kirche im Dorf lassen, aber Weihnachten abschaffen!«, keift eine Dame von ganz hinten.

Sie spuckt ein wenig beim Reden, so sehr strengt sie sich an, auch in der vordersten Reihe gut verstanden zu werden.

Ich sitze nur da und beobachte das Spektakel. Ja, ich hatte mich auch über den Umgang mit der Thematik gewundert. Aber hier scheint es mir nicht in erster Linie um ein ernsthaftes Gespräch mit dem Klassenlehrer und die Suche nach Erklärungen zu gehen, sondern vielmehr darum, dass alle fröhlich mitmachen, sobald einer sich traut aufzumucken.

»Was haben Sie eigentlich gegen Weihnachten, Herr Müller?«, will der Frauenarzt jetzt vom Klassenlehrer wissen.

Dieser hat sich wieder etwas gefasst, bittet um Ruhe und erklärt dann: »Es tut mir leid, dass sich Ihre Gemüter derart erhitzen. Ich fand die Idee großartig, in Englisch und Französisch auch zeitgemäße Themen zu diskutieren. Es ging darum, die Schüler für ein Thema so zu begeistern, dass sie auch bereit sind zu reden, und ihre Hemmungen vor der Fremdsprache vergessen. Weihnachten eignete sich hervorragend. Da konnte jeder mitreden. Es ist ja nicht der Fall, dass wir wertvolle Schulzeit vertun würden. Nein, wir haben intensiv Englisch und Französisch mündlich trainiert.« Die haben auf Englisch und auf Französisch diskutiert? Wow. Ich bin beeindruckt. Das hatten mir meine Mädchen nicht erzählt. Es ist jetzt schon ein wenig ruhiger im Klassenzimmer.

»Aber trotzdem …«, meldet sich wieder die Frau des Arztes zu Wort, »… Sie haben über Weihnachten abstimmen lassen!« Sie spuckt ihm den Satz praktisch vor die Füße.

Inzwischen beginnt der Klassenlehrer, ein paar Blätter zu verteilen, und meint: »Sie regen sich darüber auf, dass wir diskutiert und abgestimmt haben. Sollte es Ihnen nicht viel mehr zu denken geben, wie knapp zum Beispiel diese – gar nicht so ernst gemeinte – Abstimmung ausgegangen ist? Sollten wir nicht die Aussagen unserer Kinder zur Kenntnis nehmen und darüber nachdenken?« Auch der Schulleiter mischt sich wieder ein: »Wir haben uns jedenfalls sehr viele Gedanken gemacht. Wir waren schockiert. Wir haben beschlossen, einfach mal ein Jahr auf die Weihnachtsbeleuchtung zu verzichten. Es leuchtet ja sonst überall genug. Und ja, wir haben beschlossen, statt des Schulkonzerts in der Vorweihnachtszeit, wo ohnehin überall viele Veranstaltungen stattfinden, im Februar ein lustiges Konzert mit Theater zu veranstalten.«

»Ja, aber das geht doch nicht!«, sagt mein ehemaliger Lehrer.

»Das Leben ist eben kein Wunschkonzert!«, meint die Frau des Frauenarztes leicht eingeschnappt.

Allgemeines Gemurmel.

Da stehe ich auf. Es überkommt mich irgendwie. Ich habe nicht drüber nachgedacht. Ich kann einfach nicht anders. Ein spontaner Mutanfall.

Laut und deutlich sage ich: »Ich finde diese Entscheidung sehr gut. Danke.«

Dann setze ich mich wieder.

Ich werde wohl meinen Frauenarzt wechseln müssen …Dafür habe ich jetzt beim Klassenlehrer Müller einen Stein im Brett.

Er erklärt: »Auf den ausgeteilten Blättern sehen Sie eine Zusammenfassung unserer Weihnachtsdiskussionen. In Englisch und Französisch. Das war sozusagen die Abschlussarbeit dieser Thematik.«

Wir könnten die Blätter gerne mit nach Hause nehmen.

»Lesen Sie das alles mit offenem Herzen. Mich hat am meisten getroffen, dass fast alle Kinder das Fest völlig anders feiern möchten, als es tatsächlich in ihren Familien gemacht wird. Fast alle fühlen sich durch Weihnachten gestresst, spüren auch keine gute Stimmung zu Hause.«

Das sei doch wirklich traurig. Dann verabschiedet er uns mit einem »Fröhliche Weihnachten!«.

Der Schulleiter doppelt nach: »Fröhliche Weihnachten!«

Beim Herausgehen schimpft mein Frauenarzt, dass es sicher nicht so weit komme, dass er sich von der Schule vorschreiben lasse, wie er Weihnachten zu feiern habe. An seinem Fest werde er auf keinen Fall etwas ändern.

Fröhliche Weihnachten …

5

»War was Besonderes am Elternabend?«, fragt Paul am nächsten Morgen beim Frühstück. »Habe ich etwas verpasst? Hat man über die Anschaffung von neuen Zimmerpflanzen diskutiert?«

Es ist nur eine rhetorische Frage, denn mein Mann liest gerade die Zeitung und möchte sicher höchstens durch einen Weltuntergang gestört werden. Der kommt allerdings erst in 21 Tagen …

»Nur das Übliche«, sage ich und streiche mir Honig aufs Brötchen. Aber das Flämmchen des Widerstandes wurde gestern gestärkt. Ich weiß genau, was ich zu tun habe.

Onkel Leo ist ein unmöglicher Mensch, unsympathisch und widerlich. Seine rassistischen und sexistischen Sprüche haben mich schon immer geärgert. Die Kinder haben recht: Nicht jeder Mensch verdient automatisch unsere Zuneigung und unseren Respekt. Die Zahl der Lebensjahre macht einen Menschen nicht unbedingt besser.

Ich fühle mich nicht einmal mit ihm verwandt. Um es genau zu nehmen: Er ist Pauls Onkel, nicht meiner. Zudem angeheiratet: Leo hat die Schwester von Irene geheiratet. Diese Tante ist vor zehn Jahren verstorben. Nach seiner Pensionierung hat Leo sich vor allem in Asien aufgehalten. Ich will gar nicht wissen, was er da getrieben hat. Als er gebrechlich wurde, kam er wieder heim. Jetzt ist er seit drei Jahren im Altersheim. Ich habe ihm zwar beim Umzug geholfen, besucht habe ich ihn dort jedoch nie. Er kam ja ab und zu bei Irene vorbei, das hat mir immer völlig gereicht. Und eben die gemeinsamen Weihnachtsfeste …

Aber das soll sich jetzt ändern.

Ich fahre mit dem Bus nach Steinen und bereite in Gedanken meine Rede vor. Ja, ich werde Leo im Altersheim besuchen und ihm klarmachen, dass ich ihn an diesem Weihnachtsfest nicht sehen möchte. Eine heikle Mission. Gibt es höfliche Worte, um zu sagen: »Bleib gefälligst meinen Töchtern fern!«?

Das Heim am Dorfrand von Steinen steht sehr abgelegen auf einer Wiese. Die Zimmer bieten einen schönen Blick auf den Lauerzersee, das hat Leo immer gefreut. Mir selber kommt es ein wenig so vor, als hätte man die alten Leute abgeschoben, an den äußersten Rand des Dorfes.

Ich gehe auf das Haus zu und werde zunehmend nervös. Tue ich das Richtige? Finde ich die passenden Worte? Wird es eine schlimme Szene geben?

Ein eisiger Wind faucht mich an. Ich ziehe die Mütze tiefer ins Gesicht. Jetzt hält mich nichts mehr auf. Die Löwenmutter bläst zum Kampf.

Ich melde mich beim Eingang. Wer weiß, ob Onkel Leo noch im gleichen Zimmer wohnt.

Tut er. Gut, das werde ich finden. Dritter Stock. Zimmer sieben. Fünf, sechs, sieben … Da ist es.

Mein Herz klopft. Ich stehe einen Moment vor der Zimmertür und höre drinnen einen Mann herumschreien.

Mutig klopfe ich trotzdem an die Tür, und eine dünne Stimme ruft mich herein. Was ich sehe, trifft mich unerwartet.

Ist das Leo?

Ich bin schockiert. In einem Gitterbett liegt ein mageres Männchen mit großen, wachen Augen. Die wenigen Haare stehen wild von seinem Kopf ab. Ich habe mich noch nicht von Leos Anblick erholt, da zischt etwas an mir vorbei.

Peng!

Er hat mit einer Pillendose nach mir geworfen! Sie prallt an die Wand neben der Tür, und die gelben Tabletten rollen über den Boden. Gut, dass er nicht zu treffen weiß. Dabei habe ich noch keinen Pieps gesagt.

Spinnt der? Ich bin fassungslos.

Aber es kommt noch schlimmer, Leo fängt an zu keifen: »Schwester! Da ist schon wieder eine Frau! Ich kenne sie nicht. Sie soll gehen. Ich will keinen Besuch. Schwester!«

Ich stehe da, sprachlos, bewegungslos.

Was habe ich erwartet? Dass Leo in seinem Lieblingssessel sitzt, mit hochgelegten Beinen, Zeitung liest und Marschmusik hört? Schöne, kuschelige Altersheimidylle?

Ja. Eigentlich genau das.

Aber ich stehe hier im Zimmer eines kranken, verwirrten Mannes. Ich werde ihm auf keinen Fall sagen können, was ich wollte. Er würde es nicht verstehen.

Der Mann, der bisher auf Leos Nachbarbett gelegen hat, steht auf, humpelt auf mich zu, nimmt mich am Arm und führt mich in den Gang hinaus.

Leo schimpft und flucht uns hinterher: »Ja, ja, geht nur alle! Ich brauche keinen, ich will nur meine Ruhe!«

Leos Zimmernachbar scheint ganz munter zu sein. Der hat sich ja eine nette Gesellschaft angelacht auf seine letzten Tage.

»Ich heiße Viktor«, sagt er und reicht mir höflich die Hand.

Auch ich nenne meinen Namen und lächle, wohl etwas gequält. »Er ist nicht immer so«, beruhigt mich der alte Mann. »Manchmal liegt er auch einfach da und starrt an die Decke. Und dann schläft er wieder stundenlang.«

Ob er denn manchmal auch normal ansprechbar sei, frage ich.

»Selten. Ganz selten«, sagt Viktor und schüttelt traurig den Kopf. Besuch bekomme er kaum noch. Irene schaue einmal im Monat kurz vorbei. Sie werde aber auch oft beschimpft und mit Gegenständen beworfen.

Oh. Das trifft mich jetzt doch irgendwie.

»Wie halten Sie das bloß aus?«, wage ich zu fragen.

Viktor zuckt mit den Achseln.

»Mir geht es gut. Ich kann das Zimmer verlassen.«

Ja, das wird er wohl öfter tun müssen.

Schlimm.

Ich bin mit viel Groll hierhergekommen. Der ist jetzt in sich zusammengefallen. Er tut mir leid, dieser magere Leo, der mit der Welt nicht mehr zurechtkommt. Und Viktor erst, er muss ihn Tag für Tag ertragen. Was für ein Leben!

»Sonja, bist du das?«

Ich drehe mich um und sehe eine Krankenschwester am Ende des Ganges. Wer …? Ich gucke genauer hin, und dann erkenne ich sie. Was für eine erfreuliche Überraschung: Ich treffe hier eine ehemalige Schulkameradin!

»Monika? Meine Güte, wie ewig ist das denn her! Schön, dich zu sehen.«

Wir begrüßen uns herzlich, und nachdem ich zunächst wie perplex war, kommen wir ins Gespräch. Monika leitet die Station, erzählt sie mir. Ich hatte sie aus den Augen verloren, als sie für viele Jahre in einem afrikanischen Hilfswerk tätig war. Ich mustere sie unauffällig. Sie hat schon ein paar graue Haare bekommen und ein paar Kilos mehr auf den Hüften, aber davon abgesehen lacht sie immer noch so fröhlich wie früher in die Welt. Als ich ihr sage, dass Leo mein Onkel ist, wundert sie sich, und ich komme mir schlecht vor. Schließlich habe ich ihn nie besucht.

Monika nimmt das gelassen.

»Leo ist kein einfacher Patient«, vertraut sie mir an, »eher eine Herausforderung für alle Pflegekräfte.« Ein gutes Wort habe noch keine von ihm gehört, gibt sie sofort zu. Trotzdem bekomme er natürlich eine gute Pflege, das sei nun mal ihr Job. Sie meint im Übrigen, er könne noch Jahre so weiterleben. Er sei bloß dement und schwach, ansonsten nicht wirklich krank.

»Manchmal ist er etwas aggressiv. Dann wirft er mit Gegenständen. Aber er trifft selten«, lacht sie.

Ich bewundere sie für diesen harten Job. Eine ehrenwerte, sinnvolle Arbeit.

»Es ist manchmal schwer. Man hat immer mit dem Sterben zu tun. Und mit Leiden, Trauer, Schmerz. Aber wir können dafür täglich viel Gutes tun.«

Es bilden sich ein paar tiefe Falten in ihrem Gesicht, während sie das sagt. Dies dauert indessen nur einen flüchtigen Moment lang, und schon lacht sie wieder.

Monika wirkt stark und gefestigt. Sie sieht aus, als hätte sie diesem ganzen Elend sehr viel entgegenzusetzen. Ihre Frohnatur scheint nicht wirklich gelitten zu haben. Als sie schließlich wissen will, warum ich denn nun plötzlich hier aufgetaucht sei, vertraue ich mich ihr an. Nein, sie lacht mich nicht aus. Aber sie lacht.

»Diesen Weg hättest du dir sparen können. Er kann das Haus an Weihnachten sicher nicht verlassen.«

Monika muss weiter. Die Zeit sei in der Pflege ein kostbares Gut.

Aber es habe ihr gutgetan, mit mir zu reden.

Und mir erst!

Einerseits fahre ich nun erleichtert heimwärts. Eine Auseinandersetzung mit Leo gab es nicht. Aber ich bin natürlich andererseits bedrückt und nachdenklich. Ich habe dem Elend in die Augen gesehen.

Wie traurig, so seinen Lebensabend verbringen zu müssen!

Umso mehr sollten wir Gesunden jeden Tag unser Leben genießen, und umso mehr sollte es mir möglich sein, gemeinsam mit meiner Familie eine schöne Weihnachtszeit zu verbringen. Uns geht es ja dermaßen gut. Wie schnell man das vergisst.

Zu Hause leuchtet mir an der Hauswand der rostige Weihnachtsstern entgegen. Jedes fünfte Lämpchen ist kaputt. Die Tage des rostigen Sternenmonsters sind gezählt. Ich lächle vor mich hin, als ich die Tür zu unserem gemütlichen Heim aufschließe.

Alles wird gut. Jetzt glaube ich daran. Der erste Schritt ist getan.

6

Am ersten Advent hat Lilly morgens ein Tennisturnier. Längst will sie uns nicht mehr immer im Publikum haben. Dabei mochte ich diese Ausflüge und habe gern mitgefiebert, mitgelitten, angefeuert. Ich war ganz die strahlend-stolze Mutter, wenn Lilly ihre Gegnerinnen vom Platz gefegt hat, und notfalls habe ich sie auch gern getröstet.

Lilly hat heute auch ohne mich gut gespielt, wenn auch nicht gewonnen. Sie kann damit leben. Ich sowieso.

Am Nachmittag sind beide Mädchen weg. John Grisham liest in der Schule. Ich ginge auch gern hin, ehrlich. Lieber als zu Irene. Wir lesen seit Jahren alle gern Grisham-Krimis. Es hätte mich interessiert, was er über Weihnachten schreibt und denkt.

Nur noch 19 Tage bis zum Weltuntergang.

Irene, meine Schwiegermutter, ist völlig überrascht, als wir ohne die Zwillinge zum Adventskaffee kommen.

»Aber sie haben es dir gesagt«, wage ich einzuwenden.

»Ja, das schon. Ich dachte, ihr würdet sie noch zur Vernunft bringen«, antwortet Irene und schaut mich vorwurfsvoll an.

Asche, Asche, Asche …

Wir verleben dann doch einen recht angenehmen Nachmittag. Draußen ist es dunkel und nass. Wir trinken Kaffee und essen frisch gebackene Plätzchen. Auch ich genieße Irenes Kreationen, denn sie kann hervorragend backen. Ich greife vor allem bei den Zimtsternen zu. Die sollen bekanntlich das Gemüt aufhellen. Wie viele muss man wohl essen, damit die Wirkung einsetzt? Heute bräuchte ich dazu den Zimt wohl pur und intravenös.

Zwei riesige Dosen mit aufgemalten Engeln darf ich später mit hinunternehmen, gefüllt mit lauter verschiedenen Weihnachtsplätzchen. Amelie und Lilly werden sich freuen.

»Wenn du dich schon nicht aufraffen kannst, selber zu backen«, meint Irene leicht giftig, als sie mir die Dosen übereicht.

Warum sollte ich, wo sie es doch viel besser kann?

Wir hören gemeinsam alte Weihnachtsschallplatten, die alle ein wenig kratzen. Wir schauen uns Fotos aus halb zerfallenen Alben an und tauschen Erinnerungen aus. Wir geben uns Mühe, sind nett zueinander, versuchen, einen gemütlichen Nachmittag miteinander zu verbringen.

Ich bin manchmal wirklich traurig über mein gestörtes Verhältnis zu Irene und umgekehrt. Schließlich habe ich selber keine Eltern mehr. Gern würde ich also eine Schwiegermutter in mein Herz schließen. Aber mit Irene werde ich wohl nie mehr warm. Ich habe bereits so viele Angriffe auf ihren Seelenpanzer unternommen: zwecklos. Ich weiß nicht einmal, ob es wirklich an mir liegt. Vielleicht mag sie mich sogar, nach all den Jahren, irgendwie, tief in ihrem Inneren, da, wo sie selber nicht mehr hinschaut. Selbst Paul hat ja keine besonders tiefe, liebevolle Beziehung zu ihr. Er kennt es nicht anders. Ich schon. Ich hatte eine warmherzige, fröhliche Mutter. Dazu einen verständnisvollen, intelligenten Vater. Wir hatten ein harmonisches Familienleben. Ich habe mich zwar viel mit meiner Schwester Corinne gestritten. Grundlos. Aber das hatte nichts zu bedeuten.

Eine glückliche Familie ist wie eine Insel, auf die man immer flüchten kann, wenn man auf dem Meer von einem Sturm überrascht wird. Und dieses Gefühl macht stark und unbesiegbar. Genau dieses Gefühl, diese Gewissheit wollte ich an meine Kinder weitergeben. Aber dazu gehört eben eine intakte Partnerschaft, ein unbelastetes Elternhaus.

Ich glaube, daran muss ich etwas arbeiten.

»Hast du mich für die Silvestergala angemeldet?«, frage ich meinen Ehemann am Abend.

Er brummelt etwas vor sich hin und verschanzt sich hinter der Sonntagszeitung.

»Hast du?«, bleibe ich hartnäckig am Ball.

Ich will ein Zeichen setzen. Wir werden gemeinsam in das neue Jahr tanzen, wie in früheren Jahren, und uns nicht immer weiter voneinander entfernen. Das sind meine Vorsätze.

Mein Mann organisiert jedes Jahr für seine Bank eine große, öffentliche Wohltätigkeits-Silvestergala. Früher war ich immer dabei. In den letzten Jahren nicht mehr. Einmal war ich krank, dann war etwas mit den Kindern, später blieb ich einfach daheim … Das soll sich ändern.

»Wenn es dir so wichtig ist, werde ich es also tun. Ich dachte, es läge dir nicht viel daran.«

Von wegen!

»Mir ist es wichtig«, betone ich.

Sicherheitshalber. Auf mein hartnäckiges Nachfragen hin erzählt er mir sogar, was er für den Silvesterball schon gebucht hat. Schließlich ist das Fest ja sein Kind, und er ist an jeder Entscheidung beteiligt.

»Die Bruno-Bosshard-Band wird spielen. Eine richtig gute, vielseitige Tanzkapelle. Sie wird dir gefallen. Während des Essens spielt ein Pianist Klassik und Jazz. Das ist endlich mal eine gute Lösung. Sonst gab es doch immer Ärger, weil die Band zu laut spiele. Als Show-Act haben wir die Betty-Bossi-Singers bekommen. Das sind sechs witzige Sängerinnen mit viel komödiantischem Talent. In einer Bar werden wir erstmals einen Karaoke-Wettbewerb durchführen.«

Paul hat seine Zeitung vergessen, und wir reden und diskutieren. Dabei lehne ich mich an ihn.

»Ich werde mir ein schönes Kleid kaufen«, erkläre ich. »Deine Kreditkarte wird glühen.«

Paul lacht nur und legt seinen Arm um mich. Geld war bei uns noch nie ein Streitthema.

Hoffentlich vergeht ihm das Lachen nicht. Mir selber wird es am Montag schon etwas mulmig. Ich bin bei Corinne in Luzern. Meine ältere Schwester führt hier eine kleine, erfolgreiche Boutique. Ich besuche sie mindestens einmal im Monat. Es sind jeweils teure Besuche, denn Corinne weiß, was mir steht und was mir gefällt, und legt oft speziell für mich etwas zur Seite. Ihre Kleider sind atemberaubend, die Preisschilder auch. Aber diesmal will ich in erster Linie schön sein, koste es, was es wolle.

Corinne selber ist immer schön. Das ist Teil ihres Jobs, aber sie wirkt auch in Jeans und Turnschuhen immer beneidenswert grazil und elegant. Das hat man – oder eben nicht. Heute trägt sie ein einfaches, sackartiges, mausgraues Strickkleid, das manche Frau völlig verunstalten würde; sie sieht darin hinreißend aus.

»Ich habe etwas für dich!«, sagt sie sofort, kaum dass sie mich begrüßt hat.

Sie schubst mich in die Umkleidekabine: »Zieh dich schon mal aus.«

Sie ist ganz aufgeregt, und ich hoffe nur, dass sich ihre Aufregung lohnt. Ich möchte sie nicht enttäuschen, aber ich will das perfekte Kleid finden, eines ohne Bling-Bling und Schnickschnack, das trotzdem umwerfend ist. Aber eigentlich sollte sie mich ja kennen.

»Hier!«, sagt sie, und innerlich schmettert sie wohl gerade einen Tusch, als sie mir das Kleid in die Kabine reicht.

»Oh!«

Jetzt werde auch ich aufgeregt. Mein Herz klopft laut, als ich die nachtblaue Robe überziehe. Corinne hilft mir mit dem Reißverschluss, zupft und zieht und richtet da und dort.

»Dreh dich mal!«, befiehlt sie.

Ich drehe mich vor der Spiegelwand im Laden, und ich weiß: Dieses Kleid muss es sein. Es besteht aus einem Korsagenoberteil und einem langen Rock aus feinem Tüll. Dazu gehört ein Chiffonschal, der meine Oberarme verhüllt. Das Kleid passt wie angegossen und ist bezaubernd. Ich fühle mich darin in meine Kindheit zurückversetzt: Damals habe ich gern Prinzessin gespielt.

Paul wird stolz auf mich sein. Auch Corinnes Augen glänzen vor Stolz und Freude. Sie lässt mich ein paarmal im Laden auf und ab gehen. Ich schreite und schreite daher und bin ein anderer Mensch. »Ihr müsst unbedingt Fotos machen, bevor ihr weggeht. Versprich mir das, Principessa!«

Das verspreche ich ihr gern.

Principessa, so hat mich Paul früher genannt. Es war eine Anspielung auf meine Spiele in der Kindheit, von denen ich ihm in einer schwachen Minute einmal erzählt hatte.

Es wird Zeit, dass er mich mal wieder als Prinzessin sieht.

»Was ist los?«, fragt Corinne, die mich wie kein anderer Mensch durchschaut. »Hast du Sorgen?«

»Nein, nein. Nur ein paar Vorsätze fürs neue Jahr. Und den üblichen Weihnachtsblues.«

Corinne lacht auf. Sie hat nämlich ihre eigene Weihnachtstradition: Meine Schwester verreist über Weihnachten auf die Malediven. Gemeinsam mit ihrem langjährigen Lebenspartner verbringt sie die Festtage meist unter Wasser, taucht und schnorchelt und bekommt von der Hektik über Wasser gar nicht viel mit.

Auch eine Strategie: abhauen, abtauchen.

Jedes Jahr beneide ich Corinne um diese Reise. Und sie lacht mich immer nur aus.

»Ich beneide dich das ganze Jahr über um dein Leben, also kann es dir wenigstens über die Festtage auch mal so gehen. Das ist das Mindeste«, gibt sie zurück.

Sie hat ja recht: Ich habe so viel. Meine Schwester kann keine Kinder bekommen und leidet heute noch darunter. Sie ist die perfekte Patentante für meine Zwillinge, wäre aber lieber selber Mutter. Meist ist mir durchaus klar, wie gut es mir geht.

Trotzdem.

»Es ist erlösend, einfach abzuhauen. Das würde euch auch mal guttun«, schlägt sie vor.

Als könnten wir Irene allein lassen und etwa als Familie über die Festtage in die Skiferien fahren!

»Der Geschenketerror, die Schlacht um den richtigen Christbaum, die Planung der Familieneinladungen, die üblichen Familiendramen, das Schlangestehen in den Geschäften … alles findet nicht statt. Stattdessen Wärme, Wind, Wasser und Wonne. Vor allem Wonne.«

Sie kommt richtig ins Schwärmen, meine liebe Corinne. Und ich mag es ihr ja von Herzen gönnen, dass sie immer so eine wunderbare Zeit auf den Malediven hat. Ich weiß, dass es ihr manchmal wehtut, mein Familienglück mitanzusehen. Trotzdem ist sie großzügig und mitfühlend und viel mehr als nur eine Schwester: eine richtige Freundin. Ich glaube, dass keine Freundin der Welt eine Schwester ersetzen kann. Manchmal gehen Freundschaften auseinander, niemals aber Familienbande. Jedenfalls nicht unsere.

»Ich trage zwei Wochen lang keine Schuhe, bloß Flipflops und Flossen. Zum Abendessen gibt es frischen Fisch und anschließend Party unter Palmen. Eine absolut weihnachtsmannfreie Zone.«

Ja, ich weiß, sie könnte stundenlang weiterschwärmen. Aber sie weiß, dass ich weiß, dass sie sofort mit mir tauschen würde.

»Du hast aber mitgekriegt, dass am 21. Dezember die Welt untergeht?«, wage ich einzuwenden.

Sie erwidert leichthin: »Oh, schade, da bin ich leider nicht da. Wir fliegen am 20. Dezember.«

»Es ist Weltuntergang, und Corinne geht nicht hin.«

Wir lachen beide.

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15 aralık 2025
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