Kitabı oku: «Das Werk des Staatsministers»
Bo Balderson
Das Werk des Staatsministers
SAGA Egmont
Das Werk des Staatsministers
Aus dem Schwedischem von Dagmar Mißfeldt nach
Statsrådets verk
Copyright © 2003, 2018 Bo Balderson und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
All rights reserved
ISBN: 9788711459683
1. Ebook-Auflage, 2018
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach
Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com
Mitwirkende
| Andersson | Bürovorsteher (51), boxergleich |
| Birger Burlin | Anwalt (62), schiffsreedergleich |
| Kerstin Burlin | seine Frau (50), Schauspielerin, damengleich |
| Birgitta Klintestam | Dozentin für Geschichte, Reichstagsabgeordnete (32), gleichberechtigt |
| Pelle Lind | Arzt (35), babygleich |
| Lisa Lind | seine Frau (35), hausfrauengleich |
| Arvid Västermark | Generaldirektor der Polizeibehörde, ehemaliger Chefredakteur (60), Leiche |
| Ulrich Zander | Staatssekretär im Wirtschafts ministerium (53), indianergleich |
| Der Staatsminister | sich gleich geblieben |
| Margareta | seine Frau |
| Niklas Svennberg | sein Privatsekretär |
| Eva | seine älteste Tochter |
| Vilhelm Persson | sein Schwager, Studienrat, Erzähler |
1
An einem Morgen im August. Ich lag in meinem Bett und schaute aufs Rollo.
Es war lästig und undurchdringlich schwarz.
Früher, vor der Renovierung, hatte ich dort einen fadenscheinigen, ausgeblichenen Stofffetzen hängen, der einem geschulten Blick nichts verbarg. Schien die Sonne, dann glitzerte das Gewebe wie eine gestrickte Kapuze auf güldenem Haar, regnete es oder war es bewölkt, dann hing das Ding bleich wie ein Abwaschlappen an den Kettfäden, und wechselten sich Sonne und Schatten ab, konnte man auch das erkennen.
Eine solche Vorrichtung war von Vorteil: Nach dem Aufwachen konnte man im Bett liegen bleiben und sich mental auf einen Tag einstimmen, der entweder Sonnenschein oder Schmuddelwetter brachte, man konnte Überlegungen über die Wahl der Kleidung, den Tagesablauf und die eigene Befindlichkeit anstellen.
Jetzt musste ich beide Beine auf den Fußboden stellen und ans Fenster treten, um das herauszufinden, und wenn ich an der Schnur zog, würde alles auf einmal auf mich einstürzen, so ungeschützt und zitternd, wie ich da stand.
Nicht, dass das Wetter an diesem Morgen für meine Laune oder meine Pläne von ausschlaggebender Bedeutung gewesen wäre.
Ich wollte zum Staatsminister hinaus nach Lindö fahren.
Lindö ist eine der schrecklichen Inseln in den äußersten Schären, wo sich einem weit und breit nichts als Wiesen, Wälder und abgeschliffene Klippen bieten; wo sich Buchten, Fjorde und funkelnde Wasserflächen erstrecken, so weit das Auge reicht; wo es ständig windig ist und sämtliche Witterungsverhältnisse gleichermaßen beschwerlich sind.
Einmal pro Sommer musste ich dorthin. In diesem Jahr hatten meine Schwester Margareta und der Staatsminister, mein Schwager, ihre quengelnden Fragen nach einem Besuch schon vor Mittsommer angestimmt. Aber ich war lange standhaft geblieben. Den Juni und Juli hindurch hatte ich leichte Temperaturerhöhung und kleine Infektionen ins Feld geführt, ich hatte Funktionsstörungen der Verdauungsorgane und den unregelmäßigen Rhythmus meines betagten Herzens geltend gemacht.
Jedoch in der zweiten Augustwoche war mein Arsenal erschöpft, und ich hatte die Waffen gestreckt und versprochen, sie auf Lindö zu besuchen.
Versprochen ist versprochen, wenn auch erzwungen. Aber wie ich da in meinem Bett lag und das geheimnisvolle Ding anstarrte, überfiel mich eine verzweifelte Hoffnung. Wenn es regnete … Kein Mensch konnte von einem älteren, kränklichen Studienrat verlangen, sich bei Regen hinaus auf die hinterste Schäreninsel zu begeben. Oder wenn sich bedrohliche Wolkenformationen zusammengebraut hatten … Oder kleinere Wolken, die sich noch entwickeln konnten …
Ich tappte zum Fenster und zog an der Schnur.
Es herrschte Sonnenschein, strahlender Sonnenschein.
Ich würde fahren. Aber unter einer Bedingung: Ich würde nicht vom Staatsminister am Steuer hinaus zur Insel befördert werden. Eva, seine älteste Tochter, hatte sich daraufhin sogleich angeboten, mich abzuholen. Sie ist ein sehr sympathisches Mädchen, diese Eva. Groß, dunkelhaarig – mit leicht wallonischen Gesichtszügen. Taktvoll und zurückhaltend, alles andere als das Ebenbild ihres Vaters. Eltern dürfen keine Lieblinge haben. Aber einem Onkel ist es gestattet, und ich habe nie verhehlen können, dass Eva meinem Herzen am nächsten steht. Sie ist zwanzig Jahre alt und studiert Statistik und Volkswirtschaft an der Universität. Das sind zwar nicht unbedingt die Fächer, die meiner Meinung nach passend für ein junges, süßes Mädchen sind. Aber ich bin ein altes Fossil, und die Jugend bahnt sich frohgemut ihre Wege über die Geschlechtergrenzen …
Um zwei Uhr traf sie bei mir ein. Sie kam direkt vom Lande, war nur zu Hause in Spånga gewesen, um ein Kleid zu holen. (Bekanntlich wurde der Staatsminister nach seiner Ernennung nach Spånga versetzt, um seiner sozialdemokratischen Erziehung den letzten Schliff zu verleihen.) Sie zwitscherte und hüpfte, und das Haar umspielte weich ihre sonnengebräunten Schultern, und ich glaube fast, sie freute sich, mich zu sehen.
»Dass du dich endlich aufraffst, Onkel! Wir haben dich so vermisst! Es ist einfach erst richtig Sommer, wenn du da bist. Mama kocht extra für dich Fischsoufflé, und Papa hat unten im Gästezimmer Platten angenagelt, damit keine Feuchtigkeit reinkommt, und die Kinder haben versprochen, sich bis morgens um acht Uhr ruhig zu verhalten. Und wir haben einen neuen Hund, einen Grand Danois, der wiegt 50 Kilo und ist total süß, besonders wenn er einen begrüßt, und Papa ist dabei, ihn zu dressieren …«
Die Worte über den Hund wurden in einem Ton vorgebracht, als würden sie eine neue, unwiderstehliche Attraktion des Sommerhauses ankündigen. Ich aber, der ahnte, wie ein 50 Kilo schwerer Rüde mit halbvollendeter Erziehung neue Gäste empfangen würde, hängte den leichten, eleganten Sommermantel wieder auf den Bügel und griff zu einer älteren Oberbekleidung aus dunklerem und gröberem Stoff …
Unten im Auto wartete Niklas Svennberg, der Privatsekretär. Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch jemanden, der es ausübt, und Niklas Svennberg war, wenn ich richtig verstanden hatte, der Mann, der die Arbeit des Staatsministers erledigte, zumindest den rein praktischen Teil. Er schrieb die Briefe und sorgte dafür, dass sie an den richtigen Adressaten geschickt wurden und dass sie überhaupt abgeschickt wurden, er wachte darüber, dass die Konferenzen abgesprochen wurden und zustande kamen, und seine Hand war es, die Ordnung schaffte in dem Berg an Unterlagen, der sich schnell um einen extrovertierten, lebhaften Staatsminister auftürmt. Niklas Svennberg bekleidete seit fast einem halben Jahr sein Amt, ich war ihm mehrmals begegnet und hatte ihn sympathisch gefunden. Ein sehr junger Mann, gewiss, aber ohne die Überheblichkeit der Jugend und offensichtlich nicht mit einem Übermaß an Feuereifer ausgestattet: Ich hatte ihn gleichsam über Steuerlast und Gleichberechtigungswahn jammern hören. Bei unserer letzten Begegnung hatte ich mir glatt überlegt, ob ich nicht auf die Förmlichkeiten verzichten sollte. Aber die Sache hatte ich auf sich beruhen lassen.
»Wenn jemand Sie, Herr Persson, dazu bringt, die Höhen von Söder zu verlassen, dann ist es Eva!« lachte er freundlich und ließ weiße Zähne sehen, und ich nahm mit Wohlwollen den grauen Anzug, den diskreten Schlips und das kurzgeschnittene Haar zur Kenntnis. (Eine in die Stirn gefallene blonde Strähne störte nicht nennenswert.) Höflich, aber ohne aufdringlich zu sein, war er mir behilflich, auf dem Rücksitz Platz zu nehmen, und wandte sich dann Eva zu. Bei ihr war die Fürsorglichkeit vielleicht ein wenig übertrieben. Als er sich zum dritten Mal in den Fond beugte, um sich zu überzeugen, dass sie bequem saß, schien es, als flüstere er ihr etwas ins Ohr. Dann kam er endlich am Lenkrad zur Ruhe, steigerte das Tempo, glitt an Ampeln vorbei, und der Nacken sah zufrieden aus wie alle Chauffeursnacken, die bei Gelb über die Kreuzung fahren und glauben, sie hätten soeben einen Zipfel des ewigen Lebens erhascht. Ich sinnierte, ob dieses Flüstern eben ein Kuss gewesen sein mochte, und ertappte mich bei dem Gedanken, dass ich Niklas Svennberg nicht mehr ganz so sympathisch fand. Doch Eva verwickelte mich in ein vertrauliches Gespräch über Opernmusik – eine unserer gemeinsamen Interessen – und die Verärgerung verebbte …
»Wir halten hier an und kaufen für Papa die Abendzeitung!« rief sie, als wir langsam, aber sicher durch eine dieser schwedischen Ortschaften rollten, die aus nichts als einer Straße und einem Zeitungskiosk mit zwei pestgelben Schlagzeilenplakaten zu bestehen scheinen.
Als das gescheite Mädchen zurückkehrte, hatte es auch das Svenska Dagbladet dabei, das ich nicht hatte lesen können, weil ich mit Packen beschäftigt gewesen war und es nicht mehr im Gepäck hatte unterbringen können.
Ich schlug die Zeitung auf und hatte den gestrigen Tag von neuem vor Augen.
In Asien wurden Bomben geworfen, in Afrika wurde geschossen, und in Amerika wurde demonstriert.
In Schweden wurde sich Gott sei Dank mit Redenhalten begnügt.
Der Chef der neu eingerichteten Polizeibehörde hatte sich folgendermaßen interviewen und fotografieren lassen: Von der Höhe seiner dreispaltigen Äußerungen blickte der Generaldirektor Arvid Västermark auf mich herab. Er war so nonchalant und volksnah am Schreibtisch aufgestellt worden, wie Fotografen höhere Beamte heutzutage gern ablichten. Grauweißer Wuschelkopf, mageres, faltiges Gesicht und ein drahtiger Rumpf, der in Beine von harmonischen Proportionen überging.
Ich versuchte mich zu entsinnen, was ich über die Polizeibehörde und Generaldirektor Västermark gehört hatte.
Linksorientierte Elemente innerhalb und außerhalb der Regierungspartei hatten lange und lautstark gefordert, die Polizei müsse stärkerer offizieller Kontrolle unterstellt werden. Die Regierung hatte es vor den Wahlen für angebracht gehalten, dem Wunsche zu entsprechen und ab dem I. Juli die Polizeibehörde eingerichtet, einen bürokratischen Überbau für die rein polizeilichen, fahndenden Kräfte. Die Behörde, der also die Aufgabe oblag, die Kontrollierenden zu kontrollieren, fiel nicht groß aus, aber ein Generaldirektor, ein Bürovorsteher, zwei Bürosekretärinnen und drei Assistenten hatten dennoch ihren Lebensunterhalt gefunden.
Zum Generaldirektor berufen und ernannt wurde Arvid Västermark, 60 Jahre alt, bis dato Herausgeber einer der größeren parteieigenen Provinzzeitungen. Seine größte Qualifikation für die neue Beschäftigung war, sofern ich den Staatsminister richtig verstanden hatte, nicht die administrative Tauglichkeit oder das Organisationstalent, sondern die unveränderte Auflagenhöhe seiner Zeitung »Arbetarkraft«. (Vor Ort hatte sie nur einen Konkurrenten: »Kristliga Dagbladet«.) »Arbetarkraft« führte seit langem in der Auflagenhöhe mit einigen hundert Exemplaren und kam demzufolge nicht in den Genuss der staatlichen Presseförderung, die nur dem Blatt zuteil wird, das die niedrigsten Verkaufszahlen vorzuweisen hat. »Arbetarkraft« fuhr demzufolge ein kräftiges Defizit ein, und die Gewerkschaft und die Partei wurden es allmählich müde, es zu subventionieren, und beschlossen, »Arbetarkraft« müsse um jeden Preis die Position als die Zeitung mit der geringsten Verbreitung am Ort erobern. Der Staatsminister hatte mir von dem darauf folgenden makaberen Auflagenstreit im Zeitalter der Presseförderung berichtet.
Die Auflage musste sinken, das war beschlossene Sache. Doch das war kein leichtes Unterfangen. Eine Zeitung hat ihre Leser fest im Griff, und Arvid Västermark hatte nach dreißig Jahren publizistischer Tätigkeit alle Leser abgeschüttelt, die Aufklärung, Information oder Zerstreuung forderten. Übrig blieb ein harter Kern von Gewohnheitslesern, die der Chefredakteur in tödlicher Umklammerung festhielt.
Die Partei legte indessen in einem geheimen Rundschreiben zweihundert für ihre unverbrüchliche Loyalität zu Gewerkschaft und Partei bekannten Abonnenten nahe, ihr Abonnement zu kündigen.
Sie gehorchten – nur um dann heimlich Einzelnummern zu kaufen.
Vom Kiosk am Bahnhof konnte man sie nach Hause schleichen sehen, »Arbetarkraft« in bunte Wochenblätter oder pornographische Magazine eingeschlagen. Die Partei konnte dennoch die Kioskdame, ein altes Mitglied der Arbeiterbewegung, dazu veranlassen, diese Süchtigen vom Kauf auszuschließen und »Arbetarkraft« nur noch gegen Vorlage des Ausweises zu verkaufen. Jetzt konnte man erleben, wie sich gestandene Mannsbilder in ordentlicher Kleidung und mit gesunder Gesichtsfarbe auf dem Bahnhofsgelände herumdrückten und Minderjährige und alkoholisierte Fremde dazu verführten, gegen Barzahlung am Kiosk einen Kauf zu tätigen. Als auch dieser Handel unterbunden wurde, reisten die zutiefst Geknickten in angrenzende Ortschaften, wo sie sich im Schutz ihrer Anonymität mit diesem Druckerzeugnis eindecken konnten. Nach ihrer Rückkehr entstanden Schmugglernester, und kurz danach konnte man beobachten, wie die schwersten Süchtigen in Parkanlagen, Versammlungshäusern und kommunalen Einrichtungen offen und ungeniert ihre Ware genossen.
Nach einem halben Jahr stellte man fest, dass »Arbetarkraft« noch immer einen Vorsprung von hundert Exemplaren vor dem Konkurrenten »Kristiliga Dagbladet« hatte. Dieses Blatt erwirtschaftete ungeachtet seiner staatlichen Unterstützung ein kräftiges Defizit. Die Verluste wurden von den Gesellschaftern gedeckt, die, gestärkt von Gebet, Kirchenliedern und dem allgemeinen moralischen Verfall, stets zu neuen Opfern bereit waren. Dünn war die Zeitung, und schwer war das Fördergeld, aber es war ein Martyrium für unsere Zeit, ein Martyrium auf Morgenkaffeeniveau. Die Zahl der christlich Gesinnten war aus vielen guten Gründen nicht im Ansteigen begriffen, so dass neue Leser selten hinzukamen. Doch die alten starben auch nicht so häufig. (Unter Unparteiischen kursierten zwei Theorien: Der Glaube stärkte und bewahrte, und Gott wehrte sich.) Und traten sie wirklich einmal – und immer mit auffälligem Widerwillen – in eine bessere Welt ein, hatten sie ihr Abonnement den Nachkommen übertragen, begleitet von einem Lächeln, das einige für unschuldig, andere für hintersinnig hielten.
Die Partei befand die Situation am Ende für so unerträglich, dass man einen jungen Ombudsmann in die Redaktion von »Arbetarkraft« schickte mit dem Auftrag, die Zeitung von innen zu bearbeiten, so dass auch die abgebrühtesten Leser dieses Blattes es in seinem nackten Elend und Verfall erkennen mussten. Es war keine leichte Aufgabe, da die Zeitung bereits miserabel war. Aber der Ombudsmann, der aus der Staatskanzlei ans Formulieren von Regierungsvorlagen gewöhnt war und bei seiner Arbeit freie Hand hatte, weil Chefredakteur Västermark meistens draußen in Feld, Wald und Flur auf der Jagd nach seltenen Vögeln war, tat sein Bestes. Er fälschte die Wettervorhersagen (die immer häufiger zutrafen), in den Kleinanzeigen verheiratete er die falschen Personen miteinander (was niemandem auffiel), er richtete perfide anonyme Angriffe gegen die Regierung (worauf die Leserschaft mit hochachtungsvollen Briefen reagierte), und er druckte ständig neue Abschnitte aus der Schrift »Politik ist Wille« des Parteiführers ab. Hier glaubte er, endlich ein Mittel gefunden zu haben, wie der Widerstand der Leser zu brechen sei, da nach dem siebten Auszug per Post zwei Kündigungen des Abos eintrafen.
Als die Abtrünnigen nach einigen Tagen der Ruhe bei ihm zu Hause anriefen und ihr Abo zurückverlangten, fuhr der Ombudsmann nach Stockholm und in die Staatskanzlei zurück, wo er es gewohnt war, dass sein Geschriebenes zu Gesetzen erhoben wurde und als allgemeine Richtschnur diente. Die Partei fand, dass man nun seinen Beitrag für Arvid Västermark geleistet habe, und die Zeit reif sei, »Arbetarkraft« einzustellen und die Versorgung eines verdienten, aber unrentabel gewordenen Mitglieds der gesamten Einwohnerschaft des Landes zu übertragen. Der Beschluss war auf einer Ratssitzung erfolgt, und der Staatsminister hatte gegengezeichnet.
Jetzt hatte also Arvid Västermark, seit Monatsfrist Generaldirektor und Chef der Polizeibehörde, sein erstes Interview gegeben.
Er unterstrich, dass verantwortungsvolle Aufgaben der Behörde anvertraut worden seien (jedoch vorsichtshalber ohne sie näher zu spezifizieren), er betonte, mit wieviel Geschick und Hingabe das Personal arbeitete, aber auch und vor allem, wie hoffnungslos unterbesetzt die Behörde sei.
Seine Worte klangen, als wäre er schon sein Leben lang Generaldirektor gewesen.
Doch nachdem der Reporter so mit den üblichen alten und verschimmelten Brotkanten abgespeist worden war, hatte Generaldirektor Västermark die Tür zur Speisekammer einen Spaltbreit geöffnet und etwas kalten Aufschnitt aus der Frischhaltebox geholt. Um zu demonstrieren, welchen Nutzen die Polizeibehörde bringen könnte, wollte er ein konkretes Beispiel anführen. Es galt einem jungen Mann mit einer verantwortungsvollen Arbeit innerhalb des öffentlichen Lebens. (Generaldirektor Västermark bat den Reporter und die Leser an dieser Stelle um Nachsicht, dass er sich etwas vage ausdrückte. Und ich hatte volles Verständnis dafür, dass sich ein Behördenchef, dem nur ein Bürovorsteher, zwei Bürosekretärinnen und drei Assistenten zur Verfügung standen, mit etwas Geheimniskrämerei entschädigen musste.) Der Oberpolizist hatte in einer ausländischen Zeitung gelesen, dass sich der junge Mann im Verlauf seiner Reise durch einen Ostblockstaat begeistert über das Gesellschaftssystem des Landes geäußert und den Wunsch ausgesprochen hatte, dass dies auch in Schweden eingeführt werden möge. Auf Grundlage dieser Zeitungsangaben war der Mann als Sympathisant der Kommunisten registriert worden. Bei seiner just begonnenen Durchsicht des Registers war Generaldirektor Västermark auf die Notiz gestoßen und hatte sofort konstatiert, hier liege eindeutig ein Fall von Meinungsregistrierung vor, eine Tatsache, die laut Beschluss des Reichstages nicht mehr vorkommen dürfe. Die Notiz wurde unverzüglich entfernt …
Doch jetzt hatten die jungen Leute ihr Eis verzehrt, und Eva saß neben mir und zeigte mit abgelecktem Finger auf die Zeitung und Generaldirektor Västermarks verschrumpeltes Konterfei und fragte, wer dieser hässliche Wicht sei, er käme ihr bekannt vor, und Niklas Svennberg kam mit Neuigkeiten.
»Ja, Herr Persson, Sie wissen vielleicht noch nicht, dass der Staatsminister heute den Generaldirektor und seinen Bürovorsteher zum Abendessen in die Staatskanzlei bestellt hat, Andersson heißt er, oder? Doch, doch. Västermark hat ein Sommerhaus auf Norrön, nur wenige Kilometer von Lindö entfernt, und weil Herr Andersson das Wochenende da draußen bei ihm verbracht hat, durfte auch er mitkommen. Und gleichzeitig hat der Staatsminister die Gelegenheit genutzt, andere Bewohner von Norrön einzuladen, denen er noch ein Abendessen schuldet. Das Ganze ergab sich etwas überraschend, und er hofft, Sie, Herr Persson, haben nichts dagegen.«
Ein älterer, krankgeschriebener Pädagoge auf dem Weg zu einem Treffen mit sechzehn Nichten und Neffen, ihren doppelt so vielen Freunden und drei Hunden nörgelt nicht, wenn ihm die Gesellschaft von einem Haufen Erwachsener angeboten wird, von denen zwei Verbindung zur Polizei haben. Im Gegenteil, er begrüßt sie als eine disziplinierende Maßnahme.
Den Gedanken tat ich auch laut kund.
2
So brachen wir also in Richtung Osten und Meer auf und fuhren durch fruchtbare Orte, wo Schuppen und Schafställe nach wie vor rot im Grünen leuchteten, wo aber die Wohnhäuser mit schweinchenrosa Platten beplankt waren, bestimmt von Nutzen gegen Wind und Rückenrheumatismus, aber weniger ein Genuss für das Auge eines Städters. Während Eva mich in Kenntnis über die trostlose Einstellung des schwedischen Staates zur Landwirtschaft setzte, veränderte sich das Aussehen der Landschaft in fast symbolischer Form, und wir fuhren ins Zukunftsland, wo Wochenendhäuser auf halbzugewucherten Koppeln zwischen Kiefernwäldern und kleinen Felsen hockten. Und schon lag das Meer im Sonnenschein mir glitzernd zu Füßen, und wir ließen die gebrechliche Brücke hinter uns. Ich dachte an den Wind und die Feuchtigkeit und die Kinder und außerdem an den Staatsminister, und schwere Beklemmung überkam mich.
Doch Eva sprudelte, zeigte und winkte den seit Kindertagen bekannten Häusern und Lichtungen zu – und tatsächlich auch der einen oder anderen Kuh, so sehr war ihr die Nationalökonomin in Fleisch und Blut übergegangen. Niklas Svennberg vor uns lachte und sagte, sie habe alles erst vor ein paar Stunden gesehen, und Eva umschlang seinen Nacken und meinte, er habe überhaupt keine Ahnung …
»Ah! Guck doch mal, der alte Mann da vorne will bestimmt mitgenommen werden, kennst du den? Sieht ziemlich ungefährlich aus … Meine Güte, das ist ja Arvid Västermark! Was macht der denn mitten im Wald …«
Das Bremsmanöver platzierte den Generaldirektor an die Beifahrertür, der Kerl jedoch machte ein paar Schritte und stieg hinten bei uns ein, ich erinnere mich, dass ich dachte, dass bestimmt Eva ihn angezogen hatte. Nach unverfrorener Manier eines alten Zeitungsmannes drängelte er sich an mir vorbei und zwängte sich in die Mitte des Rücksitzes.
»Verdammt nett, dass Sie angehalten haben! Ich will zu einem Haus hinter den Bootsschuppen … Ach, was für ein Glück, die Tochter des Staatsministers … Das ist ja Eva! Wie groß du geworden bist! Es ist schon ein paar Jahre her! Generaldirektor Arvid Västermark … Svennberg? Ja, aber wir sind uns auch schon mal begegnet … Ja, ich gehöre zu den alten Fossilen, die kein Auto haben, aber ich werde morgen von einem Gast nach Norrtälje mitgenommen und habe dort einiges zu erledigen. Dann fiel mir ein, dass ich zu Fuß hier raus gehen muss, und ich nahm den Weg an der Küste entlang und hoffte, ein Exemplar der Brandseeschwalbe zu entdecken. Ich hörte es in Norrtälje munkeln, dass hier in der Gegend ein Paar gesichtet worden sei. Sehr selten ist dieser Vogel, es ist tatsächlich nicht bewiesen, dass er so weit im Norden brütet. Aber natürlich kein Schimmer, und nun fand ich, war es genug. Am Anfang war ich in Begleitung von Lisa Lind, einer Nachbarin auf Norrön, ja, du kennst sie bestimmt, nicht wahr, Eva? Aber sie war schon nach einer Stunde müde und wollte per Anhalter versuchen …«
Manchmal verändern und stören die Farben, wenn die grauen Gestalten des Papiers zu Leben erwachen und man ihnen in der Wirklichkeit begegnet. Doch Arvid Västermark, ehemaliger Chefredakteur der »Arbetarkraft«, jetzt Generaldirektor der Polizeibehörde, sah den Fotos in der Zeitung ähnlich. Etwas grau irgendwie, ohne verwirrende Farbeffekte. Im Haarschopf rang Weiß mit Grau um die Vormacht; einige Nadeln und ein kleinerer Fichtenzweig fielen farblich nicht sonderlich auf, verstärkten nur den Eindruck eines sturmbeschädigten, aber lebenstüchtigen Vogelnestes, den die Frisur bot. Das Gesicht war mager, verschrumpelt und leicht gelbstichig, wie ein Buch, das man draußen im Regen vergessen und in der Sonne hatte trocknen müssen. Eine graue Windjacke über einem weißen Hemd, am Hals offen, und graue Flanellhosen saßen locker und wie zufällig, als wären sie zu ihm geweht worden und würden bald wieder fortgepustet. Auf dem Bauch ruhte eine schwarze Fototasche, und die Karte, die aus der Jackentasche hervorlugte, war von topographisch sanftem Grün.
»… in Norddeutschland und Dänemark, strichweise auch in Südschweden. Sie geben einen ganz seltsamen Laut von sich: Kirrik, kirrik, kirrik!«
Ein Wort jagte das nächste, die Mimik furchte das Gesicht beim Nachahmen des Vogellautes mit neuen und unerwarteten Falten und vertrieb ein paar Nadeln aus dem Haar.
»Achtung, die alte Frau da vorn, sie wackelt hin und her!«
Eva beugte sich ängstlich vor. Niklas Svennberg verlangsamte das Tempo und fuhr an den Straßenrand, aber jetzt hatte uns die Dame auf dem Fahrrad gehört, den Kopf umgedreht und ganz das Gleichgewicht und die Gewalt über den Lenker verloren. Das Auto war zum Halten gekommen, als sie stürzte, geradezu elegant in Anbetracht der Umstände. Sie vollführte eine Bauchlandung auf die Kühlerhaube und prangte dort wie eine umgedrehte und erstaunte Galionsfigur.
»Ohjeminee, das ist Lisa Lind!« rief Generaldirektor Västermark, Niklas Svennberg aber war schon beim Kühler, und ich sah, wie er nach Kratzern im Lack Ausschau hielt, während er beim Absteigen behilflich war.
»Wie fahren Sie denn!?« giftete sie und griff nach einem verirrten Schuh.
»Wie radeln Sie denn?« konterte Niklas Svennberg, berechtigt zwar, aber kaum ritterlich.
Mittlerweile waren wir alle aus dem Auto gekrabbelt, und Generaldirektor Västermark stellte uns vor und ich fest, dass Frau Lind richtig süß, obgleich staubig war. Glühendrot, zerzaustes braunes Haar, Stupsnase und runder Hintern. Bestimmt eher an die Dreißig denn an die Vierzig, sah sie aus wie eine richtige, altmodische Hausfrau beim Großreinemachen.
»Gucken Sie mal, wie mein Kleid jetzt aussieht! Und ich bin gleich zum Abendessen eingeladen!«
»Woher haben Sie das Fahrrad?«
Das wollte Generaldirektor Västermark wissen.
»Das Fahrrad? Das stand an einem Milchbock.«
»Aber Sie können doch nicht einfach ein Fahrrad mitnehmen!«
»Nein? Das müssen Sie gerade sagen, der Sie Leute auf tagelange Märsche mitschleppen und die ganze Zeit versichern, dass es nicht mehr weit ist, und dann sind es noch zehn Kilometer! Außerdem war es nicht abgeschlossen. Und es taugt nichts, hat einen Linksdrall. Und ich bin nur ein paar Kilometer gefahren, so dass der Besitzer es bestimmt finden wird. Aber ich sehe wirklich hervorragend aus! Warum machen Sie eigentlich kein Foto mit Ihrer Kanone von Kamera?«
Lisa Lind hatte aus einer Rockfalte einen Spiegel gezogen. Es zuckte um ihren Mund, und zuerst kam ein nettes Kichern und dann ein Lachen mit gesunden, aber etwas unregelmäßigen Zähnen.
Uns blieb nichts anderes übrig, als in das Gelächter einzustimmen. Der Generaldirektor und Chef der Polizeibehörde machte eine Aufnahme und beförderte, leicht nachlässig für meinen Geschmack, das Fahrrad halb in den Graben. Dann krochen wir ins Auto zurück. Nach einigen Höflichkeitsfloskeln, wer zuerst hineinkrabbeln sollte, startete Niklas Svennberg den Motor von neuem.
Bei der Abzweigung hinunter zum Dampfschiffanleger hatte ein hellblaues Auto sportlichen Zuschnitts am Rasenrand angehalten. Der Fahrer stand daneben und machte ein etwas desorientiertes Gesicht, wie es bei Autofahrern außerhalb ihrer Hülle so oft der Fall ist.
»Da ist ja Zander!« rief Niklas Svennberg wie ein sklavischer Namensausrufer aus der Antike und bremste. »Er hat auch ein Sommerhaus auf Norrön und ist mit von der Partie. Jetzt weiß er natürlich den Weg nicht genau.«
Ich spähte interessiert, fast unschüchtern durch die Windschutzscheibe. Konnte es angehen …? Das da war – natürlich! Vernimmt man einen Namen auf Lindö – diese Gerechtigkeit musste man der Insel widerfahren lassen –, dann gehörte er dem Original, war kein unbekannter Namensvetter, kein blasser Abklatsch.
Nicht, dass Ulrich Zander ein Mann gewesen wäre, der in der breiten Öffentlichkeit besonders bekannt war. Es ging hier nicht um ein Popidol oder einen Sporthelden. Aber als aufmerksamer Zeitungsleser und Schwager eines Staatsministers kannte ich seit langem vom Hörensagen den Mann da draußen auf der Fahrbahn. Ulrich Zander – Wirtschaftsexperte der Partei, treibende Kraft hinter einer Unmenge von Untersuchungen, Vorstandsvorsitzender der Staatsbetriebs AG und seit einigen Jahren Staatssekretär im Industrieministerium.
Die Vergabe des Staatssekretärsposten in unserem vielleicht am stärksten gefährdeten Ministerium beruhte nicht auf Zufall. So hatte man es seit vielen Jahren gehandhabt: Wurde plötzlich eine starke und rücksichtslose Kraft zum Aufräumen gebraucht, dann schickten Regierung und Partei Ulrich Zander. Er war allzeit bereit, schaffte immer etwas mehr und hatte da Erfolg, wo man Erfolg haben konnte. Ich hatte oft gefragt, warum er nicht in die Regierung aufgenommen wurde, und der Staatsminister hatte stets geantwortet: »Er wird aufgenommen, wenn er erst einmal diese Sache bereinigt hat!« Aber es ergaben sich immer wieder neue Krisen, die Ulrich Zander bereinigen musste. Und ein Mann der obersten Parteiführung war er nicht. Ein solider bürgerlicher Hintergrund (Mutter Deutsche, eine geborene Baronesse von und zu Hohenlohe), eine gewisse Eckigkeit im Umgang und ein erstaunliches Vermögen, Einfalt und Schwerfälligkeit auszuhalten, hatten hier zusammengewirkt. Ferner wurde mit gewissem Misstrauen betrachtet, dass der Mann seine gesamte Karriere als Problemlöser und Denkmaschine hinter den Schreibtischen der Staatskanzlei absolviert hatte – von der Wehrpflicht bei der Kommandoabteilung bis zur Stellung als Staatssekretär im Industrieministerium. Veterane der Bewegung brummelten etwas von »Treibhausgewächs der Politik«. Doch alle mussten seine Fähigkeiten anerkennen. Und vor ihm hatten schon andere diesen Weg beschritten …
»Hallo, Sie da!« rief Niklas Svennberg, und Ulrich Zander beschattete seine Augen mit der Hand und kam, um uns Guten Tag zu sagen.
Ich hatte bereits feststellen können, dass er nicht zu der Sorte von Politikern gehörte, die fehlende Verdienste an der Front der Werktätigen mit Arbeiterkluft zu kaschieren versuchten. Er trug einen eleganten, fast snobistischen Anzug aus hellem, glänzendem Stoff. Auch oberhalb des Strickschlipses sah er besonders volksnah aus. Markante, indianerhafte Züge eines Fünfzigjährigen, hohe Stirn, scharfer Blick. Er stellte sich mit der vollen Nennung seines Namens vor, jedoch ohne Titel – Hochmut oder Bescheidenheit? – und teilte mit, dass sein letzter Besuch beim Staatsminister auf Lindö schon vier Jahre zurücklag.
»Er hat gesagt, ich soll hinter der Mühle die erste Abfahrt nach rechts nehmen. Und das müsste hier sein. Aber ich finde mich überhaupt nicht zurecht.«
Ich erklärte ihm, dass es sich um ein Missverständnis handelte, das oft auftrat – der Staatsminister hätte hinter der Mühle die zweite Abfahrt nach rechts sagen müssen. Aber als er als kleiner Sommerfrischler nach Lindö kam, verlief hier nur ein Fußweg im Gras, auf dem das Viehzeug des Dorfes zum Trinken ans Wasser getrieben wurde, und der Kindheitseindruck war prägend geworden (wie so häufig bei konservativen Menschen), und er war jetzt nicht mehr in der Lage zu lernen, dass der Weg schon längst zur Straße geworden war. Sein Vater und Großvater hatten zu ihren Gästen »Nimm hinter der Mühle die erste Abzweigung nach rechts!« gesagt, und auch der Staatsminister sagte »Nimm hinter der Mühle die erste Abzweigung nach rechts!« zu seinen Gästen.
Ulrich Zander machte keinen überraschten Eindruck, umgab seine lange, sehnige Gestalt mit dem babyblaufarbenen Sportwagen (bestimmt eine weitere Prüfung für die breiten Gelenke) und war hinter der Steigung verschwunden, ehe Niklas Svennberg die Handbremse lösen konnte.
»Alter Mann hat’s eilig«, murmelte er neidisch vor sich hin und löste die Handbremse.
Während der noch verbleibenden Fahrt lauschten wir Generaldirektor Västermark, der hochtrabend und weitschweifig von einem weiteren Fall aus seiner Praxis berichtete. In der ersten Woche seiner Amtsausübung hatte sich eine offensichtlich aufgebrachte Person – er bedauerte, sich aufgrund der Schweigepflicht nicht genauer ausdrücken zu können – gemeldet und die Polizei beschuldigt, eine Abhöranlage in ihren Telefonhörer eingebaut zu haben. Eine Untersuchung ergab, dass das Telefon tatsächlich abgehört wurde, aber nicht von der Polizei, sondern von der besseren Hälfte dieser Person, weil sie Untreue witterte …
Hier schwieg Arvid Västermark endlich, da das Auto angehalten hatte und er Villa Björkero erblickte, das von den Vorfahren ererbte Sommerhaus des Staatsministers.
3
Das Haus kann in der Tat den redseligsten Menschen in erstauntes und misstrauisches Schweigen versetzen. Ob man es vorher schon einmal zu Gesicht bekommen hat oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Der Anblick ist immer wieder ein Schock. Mit Stockwerken, Veranden, Türmchen, Erkern, Spitzen und Ornamenten verziert, die sich neben- und übereinander stapeln, vermittelt es fast den Eindruck eines nachlässig zusammengetragenen Maifeuers. Es hätte nur noch das Feuer gefehlt, nur das Feuer, das ihm zu einer Daseinsberechtigung verhelfen konnte. Jeden Sommer hoffe ich von neuem, dass der Blitz seine Aufgabe erfüllen möge oder auch das Eis oder die Halbstarken vom See. Aber es steht jedes Mal noch an Ort und Stelle.
»Sah es wirklich so übel aus?« murmelte Generaldirektor Västermark und zog den Reißverschluss seiner Windjacke herunter, wie um sich Luft zu verschaffen.
Genau das war der Fall, aber auf dem Rasen stand meine Schwester Margareta und empfing uns. Sie ist in vielerlei Hinsicht eine bewundernswerte Frau. In gut zwanzig Jahren hat sie ihrem Staatsminister fünfzehn Kinder geboren (das sechzehnte ist adoptiert), ohne Fehlstart und ohne Abkürzung durch Zwillinge. Sie ist nett zu ihrem großen Bruder, kocht die Gerichte, die sein Darm verträgt, und versucht, Kinder und Tiere von ihm fernzuhalten. (Etwas seltsame Ideen hat sie aber dennoch: Sie besteht zum Beispiel darauf, dass ich barfuß über die Klippen gehe, um die Fußgelenke zu stärken, und dass ich in der Sonne liege, um mich warm braten zu lassen, und dass ich dann in die See springe. »Das ist herrlich!« behauptet sie. Das ist schon möglich – für einen jungen und gesunden Menschen. Aber als Historiker weiß ich, dass man in alten Zeiten auf diese Weise Erz gebrochen hat – erst erhitzte man das Gestein mit Holzfeuer und übergoss es dann mit Wasser.)
Wir gingen auf das Haus zu. Vom Schwimmbecken drangen Schreie, Gebell und Planschen zu uns herüber, und ich dankte Gott, dass wir während der Badezeit eintrafen, so dass der Staatsminister und die Hunde nicht im Weg waren, wenn ich mich häuslich einrichtete.
Ich wohne stets in dem unteren Gästezimmer. Es ist zwar feucht und klamm, aber die Alternative, das obere Gästezimmer, ist noch schlimmer. (Es liegt viele, viele, das Herz strapazierende Treppenstufen hoch unter einem Blechdach, sodass das Zimmer an sonnigen Tagen in einen Backofen verwandelt wird.) Jetzt hatte der Staatsminister da unten Isolierplatten annageln lassen, wenn man Eva Glauben schenken durfte.
Die Arbeit war sehr laienhaft ausgeführt. Breite Spalten, eigentümliche Fugen und buckelige Flächen. Tapeten waren auch vorhanden, standen aber zusammengerollt auf dem Fußboden. Ein paar schiefe und faltige Bahnen bezeugten, dass Anstrengungen unternommen worden waren – ohne Zweifel vom Staatsminister höchstpersönlich –, sie an der Wand zu befestigen.
Ehe ich mich erholt hatte, kamen der Staatsminister, die Kinder und die Hunde vom Baden.
Der Staatsminister wollte für seine Platten gelobt werden, ich jedoch war dazu nicht in der Lage. Der Kinder waren es viel zu viele, und die eifrigsten unter den lieben Kleinen wollten sogleich mit mir losziehen, um mir die neue Rutschbahn, die umgewehte Riesenfichte, den Ameisenhaufen und die Höhle zu zeigen, die sie eigenhändig gebaut hatten. Ihre schrillen Stimmen gingen mir durch Mark und Bein.
Aber am schlimmsten waren die Hunde. Die alten, kleinen waren noch erträglich, aber der neue, große war entsetzlich. Er warf sich förmlich auf mich, und die Kinder ermunterten ihn durch Zurufe wie: »Ja, sag dem Onkel Guten Tag« und »Bin ich nicht süß?« und »Dass er dir den Mund ablecken will, ist ein Instinkt, er will, dass du ihm das Essen rauswürgst.« Als ich ihn abschüttelte oder es zumindest versuchte, schienen sie kein Verständnis zu haben und schlechte Laune zu bekommen. (Das habe ich schon bei den meisten Hundebesitzern festgestellt. Nimmt man ihre Vierbeiner nicht an, als seien es die eigenen, schon seit langem vermissten Kinder, und gibt ihnen nicht freie Verfügungsgewalt über die eigene Person, raunen sie einander mit gedämpften Stimmen zu, man sei kein Tierfreund. Und man wird von ihnen verurteilt. Dann ist man keinen Pfifferling mehr wert. Um diese Hundebesitzer vollauf zufriedenzustellen, müsste man sich auf den Boden werfen und sich von den Bestien mit Tatzen und Zunge von oben bis unten bearbeiten lassen.) Nachdem er einen letzten verzweifelten Versuch unternommen hatte, mich zu Fall zu bringen, indem er mir in die Kniekehlen sprang, gelang es Margareta, ihn wenigstens an die Leine zu nehmen, und Kinder samt Tiere zogen zum Schwimmbecken ab, wo Dressur geübt werden sollte.
Der Staatsminister fragte, ob ich mich nicht umziehen oder zumindest den Mantel ablegen wollte. Es schien zwar die Sonne, es war heiß und der Himmel blau, aber in den äußersten Schären schlägt das Wetter schnell um, und über die Bucht strich ein Windhauch, und war das da nicht eine Wolkenbank ganz hinten beim Festland?
Ich zog die Handschuhe aus. Das musste erst einmal reichen.
»Ja, Margareta scheint sich um Lisa Lind, Västermark und Zander zu kümmern. Dann will ich dich mal unter die Fittiche nehmen«, sagte der Staatsminister. »Hoffe, du hast nichts dagegen, aber wir haben einen Rundumschlag gemacht und Leute eingeladen, denen wir noch ein Abendessen schuldeten. Sie fahren heute Abend wieder ab.«
Ich erkundigte mich, um wie viele Personen es sich handelte. Der Staatsminister zählte sie an den Fingern ab und kam auf acht Gäste. Ich meinte, wenn ich die Hunde überlebte, dann würde ich auch die Gäste überstehen. Obgleich es bestimmt in vielerlei Hinsicht merkwürdig war, wollte ich nicht glauben, dass sie anfangen würden, mir den Mund zu lecken in der Absicht, mich zum Herauswürgen des Mittagessens zu bewegen.
»Die Frage ist nur, wo sie stecken«, fuhr der Staatsminister fort. »Na ja, wenn wir hier rumlaufen, finden wir sie früher oder später. Einen Vorteil hat es ja, wenn man im Sommer Gäste einlädt, weil sie sich dann allein beschäftigen können. Wollen wir uns zuerst den Pool anschauen?«
Aber aus der Richtung waren Schreie und Gekläff zu hören, und mir war klar, dass die Dressur in vollem Gange war, und schlug vor, den Pool zurückzustellen.
»Dann schauen wir uns zuerst den Strand an. Mir war, als hätte ich Pelle Lind da unten gesehen.«
Der Staatsminister besitzt ein sehr großes Grundstück. Es reiht sich ein Doppelmorgen mit Gras, Wald und sandigen Stränden an den anderen. Die Größe hat ihre Vorteile – die Anzahl Kinder pro Quadratmeter kann zum Beispiel nie sehr hoch ausfallen – aber die Aussicht, das Gelände auf der Jagd nach Mitgästen zu durchstreifen, war nicht gerade verlockend. Über weite Strecken ist der Boden vollkommen unbearbeitet, und man muss sich seinen Weg über Steine, Stämme und Wurzelwerk bahnen.
»Und wer bitteschön ist Pelle Lind?« fragte ich und wich der ersten Gefahr auf dem Ausflug aus, einer ganz und gar unmarkierten und unwillkommenen Absenkung des grasbewachsenen Untergrundes. »Der Mann von Lisa Lind vielleicht?«
»Genau. Sie haben auf Norrön ein Sommerhaus, ein paar Kilometer südlich. Er ist Arzt. Ich nehme immer das Motorboot und fahre mit den Kindern rüber, wenn mit ihnen etwas ist. Er ist zwar kein Kinderarzt, sondern Gynäkologe. Aber er ist bestimmt froh, wenn er Gelegenheit hat, sich als Allgemeinmediziner zu betätigen. So bleibt er dann auf dem neuesten Wissensstand.«
Ich legte voller Mitleid für Doktor Lind eine Gedenkminute ein. Die Kinder des Staatsministers stürzen nahezu jeden Tag von Kellerdächern oder werden von Schlangen gebissen oder schlagen sich gegenseitig mit den Fäusten blutig.
»Es ist schon einige Jahre her, dass sie bei uns zum Abendessen waren. Es ist also wirklich höchste Zeit. Und jetzt passte es so gut, weil Bosse von einem Pferd gebissen worden ist.«
Ich wusste, was Pelle Lind bevorstand, war ein notdürftig bemäntelter Krankenbesuch.
»Netter Kerl. Aber manchmal etwas hitzköpfig«, berichtete der Staatsminister.
Zwischen den Erlen öffnete sich eine Lichtung zu Bucht und Himmel, und dort lag auch ein Bootssteg. Ganz an dessen Ende saß ein sommerlich gekleideter, braungebrannter Mann, der ins Wasser starrte.
Der Staatsminister ging mit leichten Schritten über die Holzplanken.
»Wo zum Teufel hast du gesteckt …«
Der Mann in Weiß vor ihm hatte sich umgedreht.
»Ach, Sie sind’s, Entschuldigung! Ich dachte schon, es sei Lisa …«
Als Entschuldigung war die Antwort nicht gerade gelungen, aber ich vermutete, dass ihr als Erklärung das Verdienst zukam, wahr zu sein.
Die beiden passten zusammen, Lisa und Pelle Lind. Die gleiche rundliche Figur, der gleiche rosige Teint und offener Blick eines Menschen um die 35 Jahre. Der Doktor besaß selbstverständlich männliche Attribute: buschige, sandfarbene Koteletten, die sich bis zum Hals hinunterzogen.
»Ich … ich mache mir Sorgen um sie. Sie müsste schon längst hier sein. Ich war vor einer Weile oben beim Haus, aber da war sie noch nicht angekommen. Ja, in Norrtälje kam sie auf die Idee, sie wolle aussteigen und zu Fuß hierher gehen und sich auf die Suche machen nach … ja, nach irgend so einem Vogel. Zusammen mit Generaldirektor Västermark …«
Er verstummte und schluckte kurz, als komme ihm die Situation lächerlich vor, und ich griff ein und teilte ihm mit, dass Frau Lind soeben wohlbehalten, aber etwas müde eingetroffen sei.
Die Gummisohlen klatschten auf den Planken, als Doktor Lind loslief, um sich mit seiner Frau zu vereinen.
4
»Tja, wie gesagt, etwas hitzköpfig«, meinte der Staatsminister. »Aber vielleicht mag er keine Vögel.«
»Oder keine Generaldirektoren«, warf ich ein.
»Oh, sie sind Nachbarn auf Norrön, darum sind sie bestimmt gute Freunde«, widersprach der Staatsminister, und die Sonne funkelte in seinen blauen Augen.
»Nun ja, Doktor Lind hat uns anscheinend verlassen. Was hast du sonst noch an Gästen zu bieten?«
»Tja, da sind noch die Burlins. Bist du ihnen schon einmal begegnet? Sie haben auch ein Sommerhaus auf Norrön. Die beiden sind wirklich ein beeindruckendes Paar, ein bisschen umständlich höflich, genau nach deinem Geschmack. Aber alt natürlich – sie ist bestimmt schon fünfzig und er eben über sechzig. Er ist Anwalt und sie Schauspielerin. An sie erinnerst du dich bestimmt.«
»Kerstin Burlin-Nilsson?«
»Ja.«
Selbstverständlich erinnerte ich mich an sie. Vor fünfzehn, zwanzig Jahren – nein, mein Gott, es musste fünfundzwanzig Jahre her sein! – war sie einer der vielversprechendsten Stars Schwedens gewesen, mit einem besonderem Talent, gräfliche Gutsherrentöchter mit Hang zu eleganten Rettern aus niederem Stand darzustellen. Dann hatte sie das Theater verlassen und war von Stockholm weggezogen, und im Laufe der Zeit war es still um sie geworden.
»Und er ist Anwalt, sagst du? Willst du dein Testament aufsetzen oder wie ist er zu dieser Ehre gekommen?«
Der Staatsminister antwortete, sie seien bei dem Anwaltsehepaar zwei Sommer hintereinander eingeladen gewesen, und Margareta habe gemeint, dass sie nun eine Gegeneinladung aussprechen müssten und dass das Testament schon seit zehn Jahren fertig in der Notariatskanzlei liege.
»Du bekommst ein Stück Land und Silber aus dem 18. Jahrhundert. Ja, Lindö kannst du ja nicht kriegen, du verstehst, die Kinder … Aber ich weiß was! Wir können für dich ein Stück da hinten bei der Schneise abtrennen! Da sind zwar hauptsächlich Klippen, aber du kannst dort einen Steingarten anlegen. Anwalt Burlin kann bestimmt so eine Klausel aufsetzen!«
Ich fürchte, ich habe gleich brüsk reagiert – ziemlich überflüssig, wie ich jetzt finde. Aber dort vor Ort, mit allem um mich herum, wurde diese vage Möglichkeit plötzlich zu grausamer Realität, und ich sah mich schon als Herr über steuerpflichtige, algenbewachsene Klippen, bevölkert von Kindern, Hunden und Steingärten. Es genügte vollkommen, am Buffet stehen und das Silber putzen zu müssen.
Der Staatsminister versprach, den Gedanken wieder zu verwerfen, und wir gingen zur Laube hinauf, wo Herr und Frau Burlin zuletzt gesichtet worden waren.
»Huhu, ist da jemand?« schrie der Staatsminister und steckte den Kopf in die Laubmassen.
Das war der Fall. Da drinnen auf der Bank saßen seine älteste Tochter und Niklas Svennberg und küssten sich ausgiebig.
»Oh, macht nur weiter«, sagte der Staatsminister und trat einen Schritt zurück.
»Ein umständliches, altes Paar«, murmelte ich.
»Ja, ein süßer Anblick, oder? Der Vorteil an solchen Gummischuhen ist, dass man so viel Erheiterndes zu sehen und zu hören bekommt. Brauchst du etwas Abwechslung, dann musst du dir unbedingt ein Paar anschaffen. Du kannst dir meine ausleihen. Komm, Burlins haben sich nach weiter oben verzogen!«
Ich erwiderte, mir liege nichts daran, anderen Leuten in ihren intimen Momenten hinterherzuschnüffeln und sie zu fragen, ob sie heiraten wollten.
»Aber sie sind schon verheiratet! Ja, das nehme ich jedenfalls an. Zumindest Anwalt Burlin macht einen schrecklich bürgerlichen Eindruck. Ach so, du meinst Eva und Niklas. Das weiß ich nun wirklich nicht. Aber sie haben natürlich vor, im Herbst zusammenzuziehen.«
»Zusammenziehen?«
»Ja, zusammen wohnen. Sie haben gerade eine Wohnung entdeckt.«
Ich muss sagen, in manchen Dingen ist der Staatsminister in der Tat hoffnungslos modern. Aber wenn er schon als Vater kein Verantwortungsgefühl hat, dann wenigstens ich als Onkel.
»Wer ist eigentlich dieser Niklas Svennberg? Ja, ich weiß, er ist dein Sekretär. Aber was hat er für einen Hintergrund und für eine Ausbildung, und womit will er sich beschäftigen, und kann er eine Gattin ernähren … hm, eine Frau?«
Obwohl ich recht aufgeregt war, gelang es mir, alles Wesentliche in meiner Frage unterzubringen.
»Sie wird selbst für ihren Unterhalt sorgen, das hoffen wir«, antwortete der Staatsminister ruhig. »Und Niklas ist ein prächtiger Bursche. Schwere Kindheit, glaube ich, Adoptivkind. Studierte Jura, während er einer regelmäßigen Arbeit nachging. Als Reisebüromensch. Hätte ich nie geschafft. Eva hat ihn letzten Winter beim Tanzen kennengelernt und ihn ein paar Mal mit nach Hause gebracht, und als er sein Examen in der Tasche hatte, fragte ich ihn, ob er mir nicht bei meinen Papieren behilflich sein könnte. Jetzt hat er Urlaub, aber er bleibt lieber hier und arbeitet auf dem Grundstück als irgendwohin zu verreisen. Heutzutage ungewöhnlich für einen jungen Menschen. Eva wird für den Rest des Sommers auf einer Insel als Schwimmlehrerin arbeiten. So haben sie sich gegenseitig umeinander.«
Es hörte sich so an, als ginge es um zwei Kleinkinder mit Kontaktschwierigkeiten zur Welt der Erwachsenen. Und die Worte »auf dem Grundstück arbeiten« interpretierte der Herr Privatsekretär offensichtlich auf seine Weise …
Wir strebten weiter voran durch Blaubeergebüsch und Wildnis, über Bolzplätze, vorbei an der Schaukel und dem Trapez. Und dort lag die kleine Hütte und glühte in der Sonne, und die Stimmen drangen von der Hinterseite zu uns, gedämpft, aber deutlich, kontrolliert, aber gefühlsbetont.
»… meine Liebste, du darfst nicht …«
»… ich kann seinen Anblick einfach nicht mehr ertragen …«
»… mach keine Dummheiten, das ist er nicht wert! Am besten, du ignorierst ihn einfach …«
Der Staatsminister war in dem kniehohen Gras stehengeblieben, und er spitzte die Ohren wie ein alter Jagdhund.
»Huhu, ist da jemand?« rief ich, irgendjemand musste es schließlich tun.
Ein Herr tauchte an der Giebelwand auf.
Es war ein Gentleman alter Schule, das erkannte ich sofort, eines dieser leider immer seltener werdenden Exemplare, die einen Besuch auf dem Lande nicht zum Vorwand nehmen, ihre Kleidung zu vernachlässigen. (Ich habe viele hochgestellte Herren auf Lindö gesehen, die wie Landstreicher gekleidet waren.)
Anwalt Burlin – ich vermutete, dass es sich hier um ihn handelte – trug kreideweiße Tennisschuhe, eine weiße lange Hose und ein blaues Seglerjackett. Sommerlich leicht, aber würdig – eine strenge, aber bewundernswerte Kombination.
Der Mann war eine Zierde seiner Kleider. Hochgewachsen, weißhaarig und gebräunt wie er war, konnte man ihn für einen Schiffsreeder auf eigenem Deck in warmem Fahrwasser halten.
»Mein Schwager, Studienrat Persson, Anwalt Burlin«, versah der Staatsminister seinen Dienst, und Arme wurden ausgestreckt und Hände geschüttelt, und ich wünschte mit einem Mal, ich hätte meinen sehr abgetragenen, hundefreundlichen Mantel abgelegt.
»Ein wirklich wunderbarer Tag«, sagte Anwalt Burlin, und die Worte klangen entschlossen und schön, als kämen sie von einer alten Standuhr.
Das Haar an den Schläfen wuchs ungewöhnlich gerade nach oben und bildete gewissermaßen je einen Kamm auf jeder Seite um den spärlich bewachsenen Schädel. Die Augen waren grau, der Blick forschend, vertrauenserweckend. Anwaltsaugen, die auszudrücken schienen: »Komm mit deinen Sorgen und Problemen zu mir. Ich werde dir helfen und deine Geheimnisse für mich behalten …«
»Meine Frau und ich haben uns auf die andere Seite der Hütte gesetzt. Da ist es ruhig und angenehm warm, die Sonne wird durch die Kiefernzweige gemildert. Aber Herr Persson, Sie müssen meine Frau begrüßen!«
Ich war schon auf dem Weg um die Ecke. Konnte es möglich sein, dass das Paar gefunden hatte, wonach ich auf Lindö schon so lange vergeblich gesucht hatte, ein Plätzchen, wo es weder zu kalt noch zu warm war?
Frau Burlin hatte sich erhoben und stand neben ihrem Stuhl, und die Sonne leuchtete in ihrem Haar, und das Kleid umschloss den langen, gut gewachsenen Körper. Die Zeit war stehengeblieben, und sie war nach wie vor schön. Nicht glamourös schön wie ein Mädchen aus einem Film, aber reif, charaktervoll, vollendet schön.
Ich musste dort wie ein Idiot gestanden und geglotzt haben.
»Was schauen Sie denn so erstaunt?« lachte sie. »Sie haben mich bestimmt schon in Filmen gesehen, die sind jetzt alt genug fürs Fernsehen.«
Einer Frau Komplimente über vergangene Schönheit zu machen ist wie Blumen auf eine Bahre zu legen. Hier war es angeraten, sich an das Jetzt und die Zukunft zu halten.
»Aber warum spielen Sie nicht mehr? Sie sind jetzt noch schöner als in Ihren Filmen!« rief ich aus, errötete und dachte verwirrt, mein Gott, was fasele ich da nur, und Gott sei Dank habe ich den Mantel und mein schulmeisterliches Äußeres, sonst hätte sie mich vermutlich für den Wüstling der Insel oder für einen vom Winde verwehten, alternden gigolo emeritus gehalten.
»Danke … danke vielmals! Aber das stimmt wirklich nicht!«
»Doch, Kerstin, es stimmt. Herr Persson hat ganz Recht.«
Herr Burlin hatte den Arm um seine Frau gelegt und sah sie zärtlich an.
»Ich setze besser die Sonnenbrille auf, damit Sie so lange wie möglich Ihre Illusionen bewahren können«, lachte Frau Burlin und durchwühlte ihre Handtasche.
Nur drei Stühle standen an der Hauswand, so dass der Staatsminister mit dem Blaubeergebüsch vorlieb nahm.
»Kerstin, wir können auch gleich die große Neuigkeit verraten, oder?«
Schnell, wie um einem erwarteten Protest zuvorzukommen, fuhr Herr Burlin fort: »Meine Frau wird wieder anfangen zu spielen!«
»Aber Birger, wir wollten doch …«
»Meine Liebe, gibt es eine bessere Gelegenheit, als es an einem schönen Sommertag unter Freunden und Bewunderern zu erzählen? Alles ist geregelt und entschieden, und das Theater kann damit jederzeit an die Öffentlichkeit gehen.«
Herr Burlin lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. Das blaue Jackett saß an den Schultern perfekt, die weißen Haarkämme bewegten sich eine disziplinierte Idee im Wind, und er sah sehr zufrieden und sehr, sehr stolz aus.
Kerstin Burlin lächelte und schüttelte den Kopf wie eine Mutter über ihren ungehorsamen Jungen.
»Ja, zu Neujahr ist es soweit, in ›Zwei schlagen den Dritten‹ von Lope de Vega. Aber bedenkt man all die Arbeit und all die Nervosität, die dem vorangeht, dann fragt man sich, worauf man sich da eingelassen hat! Und die Zeitungen werden bestimmt Gemeinheiten verbreiten und die Zuschauerränge bleiben halbleer …«
Während sie sich ereiferte, markierte sie die Worte mit kurzem, bestimmtem Kopfnicken, genau wie die junge Frau im Film es getan hatte. Und dieser entzückende Ansatz zur Stupsnase und diese Stirn und dieser großzügige Mund! Aber am Hals sah ich die Jahre, die Haut war dort gealtert und faltig …
Sie bemerkte meinen Blick nicht, aber mit einer Bewegung, die fast gewohnheitsmäßig wirkte, schob sie das Halstuch weiter hoch.
»Aber natürlich ist es auch lustig und ermunternd! Mein letzter Bühnenauftritt liegt schließlich schon zehn Jahre zurück. Oder zumindest, dass ich eine richtige Rolle spielte, ich habe aber einige Lesungen gemacht. Und das Angebot war wirklich großzügig. Manchmal glaube ich wirklich, der Steuererleichterungen für berufstätige Ehepartner wegen schickt Birger mich zum Geldverdienen …«
Die Herrschaften Burlin erfuhren, ich hätte Schwedisch unterrichtet, und es entspann sich ein lockeres, aber interessantes Gespräch über Lope de Vega und seine Menschen und Milieus. Dem Staatsminister, dessen Unwissen in literarischen Dingen beträchtlich ist, blieb nichts anderes übrig, als stumm daneben zu sitzen und Beeren von den Büschen zu zupfen. Als wir uns erhoben, uns gegenseitig für das Plauderstündchen dankten und über die Wiese unter den Bäumen entlang gegangen waren, fiel mir auf, dass ich an Wind- und Sonnenverhältnisse bei der Hütte keinen einzigen Gedanken verschwendet hatte.
5
»Du hast noch mehr Gäste?« erkundigte ich mich und war in geselliger und aufgekratzter Stimmung, in die man kommen kann, wenn man nette Leute kennengelernt hat.
»Ja, wir haben da noch Bürovorsteher Andersson …«
Er klang zögerlich wie ein Krämer, der sich erkühnte, dem Stammkunden einen zweifelhaften Grünschimmelkäse anzubieten.
Bürovorsteher Andersson klang wirklich etwas abgestanden nach Kerstin Burlin-Nilsson. Aber niemand sollte blind ein Urteil fällen, und ich begehrte Auskunft.
»Er ist Västermarks rechte Hand in der Polizeibehörde. Ich kenne ihn gar nicht. Aber Västermark hatte ihn schon zu sich eingeladen und dachte bestimmt, er könne ihn hier wohl sich selbst überlassen, als er herfuhr.«
Eine Schwingung im Tonfall deutete an, dass der Staatsminister in dieser Frage anderer Ansicht war. Denn in seinem Alltag wimmelt es schließlich von Bürovorstehern und dergleichen Menschen, die mit Unterlagen unter dem Arm auftauchen, Maßnahmen empfehlen, Entscheidungen verlangen und im Großen und Ganzen anstrengend sind.
Er meinte zu wissen, dass Bürovorsteher Andersson beim Erdkeller saß und las, doch ein vorbeiflitzendes Kind – dass Kinder nie gehen können wie andere Menschen auch! – piepste auf der Flucht: »Ein Mann wirft beim Holzschuppen Pfeile!«, und weil wir unseren Kurs änderten und einem ausgetretenen Pfad und langsam, aber sicher auch dem Geräusch nachgingen, das Pfeile verursachen, wenn sie in Holz eindringen, kamen wir ans Ziel.
Die Zielscheibe hing an einer fensterlosen Wand, und Andersson stand fünf Meter davon entfernt und schleuderte seine Waffen. An der Kraft war nichts auszusetzen, die Trefferquote aber war sehenswert, und wäre der Schuppen einen Meter kürzer gewesen, wären fünf der zehn Pfeile im Gelände verschwunden, das stellte ich schnell und zufrieden fest. (Ich selbst habe das Pfeilewerfen aufgegeben. Die Kinder wollten es mir eines Sommers beibringen und meine Trefferquote war nicht schlecht, darunter ein Volltreffer ins Schwarze. Aber dann flog ein Pfeil schräg am Ziel vorbei und traf einen Nistkasten, eine Drossel kam heraus und betrachtete mich vorwurfsvoll. Die Kinder schrien, ich hätte das Brüten gestört, und sie hätten den Nistkasten im Werkunterricht gezimmert, und es herrschte allgemeine und große Empörung. »Superungeschickt!« lautete, sofern ich mich entsinne, eines der gefällten Urteile.)
Herr Andersson war ein Mann in fortgeschrittenen mittleren Jahren, mit einem dieser leicht flaschenförmigen Körper, wie man sie in unseren Breitengraden des Sommers so häufig sieht, wenn die Jacketts abgelegt werden. Der Gürtel spannte sich um breite Hüften, und die Hosenträger stiegen mit hoffnungsvoller Lust und Fantasie die Schultern hinan, wo sie sich wie Bergsteiger an ihre Felsenhänge klammerten. Das Gesicht war massig und breit, Tränensäcke unter den Augen und ein Unterkiefer, der sich zu einem veritablen Unterbiss hervorschob. Es widerstrebt einem, das zu sagen, aber Herr Andersson erinnerte tatsächlich an einen Hund, an einen Boxer.
»Nicht rausbiegen! Rausziehen!« rief der Staatsminister, und Andersson zuckte zusammen und sagte »Wie bitte?«, und der Staatsminister erklärte, wenn man die Pfeile aus der Wand biege, würden sie krumm und unbrauchbar, und Herr Andersson entgegnete, es tue ihm leid, aber daran habe er nicht gedacht.
Das Jackett wurde angezogen, baute auf und schaffte bedeutenden Ausgleich, wie es die Aufgabe eines Jacketts ist. Aber das Rot des Schlipses kontrastierte mit dem blassen, arbeitsgrauen Gesicht, das dem sommerfrischen Staatsminister Gewissensbisse hätte bereiten müssen.
Wir nahmen auf einer bankähnlichen Vorrichtung Platz, die sich zwischen zwei Baumstämmen zu einem Halbkreis bog. Die Hitze war drückend, und ich legte Hut und Mantel ab und schickte ein herumstreunendes Kind damit zum Haus.
»Sie sehen blass aus«, sagte der Staatsminister aufmunternd. »Gibt es in der Polizeibehörde keinen Urlaub?«
Herr Andersson fasste sich an den schweren, vorgeschobenen Unterkiefer wie zur Bestätigung, dass er noch vorhanden war.
»Ich gehöre nicht zu den Leuten, die gern den ganzen Tag auf einer Klippe in der Sonne liegen und sich braten lassen.« Die Stimme war schriller, als bei dem Gesicht zu erwarten war. »Und selbstverständlich haben wir in diesen ersten Monaten in der Behörde eine Menge zu erledigen gehabt. Aber jetzt sind wir jedenfalls mit der Kontrolle des Registers in vollem Gange. Wir sollen ja dafür sorgen, dass niemand nur wegen seiner politischen Ansichten dort drin steht. Aber die Arbeit ist sehr zeitaufwendig und anspruchsvoll. Und damit sind unsere Etatforderungen nach drei neuen Stellen außerordentlich gut untermauert. Unter anderem fordern wir die Stelle eines Präsidenten.«
Einem aufmerksamen Zuhörer konnte kaum entgehen, wer diesen Posten bekleiden sollte, der Staatsminister aber folgte für eine Minute dem neurotischen Kuckuckspiel eines Eichhörnchens mit sich selbst, während es einen Fichtenstamm erklomm.
»Klingt gut«, sagte er, gewohnheitsgemäß und unverschämt, nachdem Herr Andersson verstummt war, und vertiefte das Dilemma des Eichhörnchens, indem er einen Zapfen nach dem Tier warf. »Wirklich sehr gut. Haben Sie Ihre Badehose dabei?«
Herr Andersson erstaunte mich mit der Antwort, er habe sie an, er habe unmittelbar nach seiner Ankunft ein Bad genommen, und der Staatsminister meinte, sie sollten dann gemeinsam zum Becken gehen, um sich abzukühlen.
Der Staatsminister, der die Wege kannte, ging voraus, und Herr Andersson und ich folgten ihm zu zweien. Der beleibte Beamte bewegte sich leichtfüßig und sicher auch auf schwierigen Abschnitten. Ich verlieh meiner Bewunderung Ausdruck und erfuhr, dass er die meisten Wochenenden im Garten seines Einfamilienhauses in Mariehäll arbeitete.
»Und dabei lernt man, die Füße zwischen den Beeten und Steinen richtig zu setzen. Aber natürlich war auch ein wenig intensivere sportliche Betätigung nötig!«
Das Boxergesicht sprang zu einem wiehernden Gelächter auf, und er deutete auf seinen Bauch und wirkte mit einem Mal gar nicht mehr wie ein Bürovorsteher und war richtig sympathisch.
Der Pool liegt am Rand des Rasens und ist von dichtem Gebüsch umgeben. Das ist notwendig, da das Becken das Zentrum des sommerlichen Lebens auf Lindö bildet. Dort wird von morgens bis abends geschrien, geheult, geplanscht und sich dem Müßiggang hingegeben. Der Staatsminister behauptet, es sei der Kinder wegen gebaut worden, meine Schwester Margareta dagegen, des schmutzigen Meerwassers wegen. Ich hingegen bin überzeugt, der Staatsminister hat es für sich bauen lassen – hier kann der Mann seinen Spieltrieb ausleben: Radau machen, mit Wasser spritzen und mit aufblasbaren Tieren spielen. Und immer ist Publikum da, wenn er sich schreiend und mit verrenkten Armen und Beinen vom Sprungbrett stürzt.
Ich selbst begebe mich nur ungern dorthin.
Doch vor Herrn Andersson wollte ich nicht als Feigling dastehen. Darum biss ich die Zähne zusammen und schritt zwischen den Büschen einher.
Die relative Flaute, die im Wasser herrschte, überraschte mich. Ein Teil der Kleinsten trieb zwar darin herum, aber die etwas Größeren hatten sich am hinteren Beckenende in verhältnismäßig ruhiger Form versammelt.
Ein Tier sollte sich über eine Planke bewegen, die von einem Beckenrand zum anderen übers Wasser gelegt worden war. Das Tier weigerte sich noch, meiner Meinung nach aus guten Gründen.
Ich trat vom Beckenrand zurück. Die hölzernen Fußroste um das Bassin waren nass und offensichtlich glatt, und ich wollte nicht riskieren, auszurutschen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis der Hund von seiner Planke fallen würde, und ich machte mir keine Illusionen, wem die Kinder zuerst eine rettende Hand entgegenstrecken würden, wenn der alte Onkel und der weichbepelzte, kuschelige Hund gleichzeitig im Wasser landen würden.
»Nein, lasst das! Das ist Tierquälerei. Hunde im Badewasser sind unhygienisch!«
Herr Andersson bahnte sich den Weg durch die Kinderschar, ergriff den Hund und trug ihn in die Büsche: »Holt euch stattdessen Ratten!«
Nachdem er dieses anstrengende Manöver mit ruhiger Hand durchgeführt und verborgene Untiefen an Mut und Sinn für Hygiene offenbart hatte, entblößte Herr Andersson seinen blassen, spindelförmigen Körper bis auf die Badehose, bestieg das Sprungbrett und verschwand mit einem eleganten Kopfsprung in dem kühlen Nass. Als er an der Oberfläche auftauchte, rief ich ein spontanes Kompliment aus, und er schrie zurück, er sei in seiner Jugend Bezirksmeister im Turmspringen gewesen.
Ich sank in einen blau-weiß gestreiften Liegestuhl und entdeckte neben mir in ähnlicher Stellung Anwalt Burlin. Er zeigte auf einen pitschnassen, fettwülstigen Schlingel, der dabei war, Blätter aus einer Zeitung zu reißen, und sagte mit einem Lächeln auf den Lippen und dem Einfühlungsvermögen, das nur Menschen mit erwachsenen Kindern und schlechtem Erinnerungsvermögen zu bieten haben: »Kinder sind doch trotzdem das Schönste auf der Welt!«
Ehe ich die differenziertere Meinung eines Lehrers in dieser Frage darlegen konnte, enterte meine Schwester Margareta in Begleitung von Staatssekretär Zander und einer kleinen Dame in gelbem Kleid den Poolbereich. Meine Schwester trat an den Beckenrand und spähte in die Tiefe.
»Das da ist er bestimmt! Nein, das war Johan. Schrecklich, dass sie immer so plantschen müssen, dass man nichts sehen kann … Aber da drüben, gleich neben der Treppe! Er schwimmt gerade unter Herrn Andersson hindurch!«
Offensichtlich versuchte sie, den Gästen ihren Gastgeber, den Staatsminister, zu zeigen.
Durch Winken und Rufen gelang es ihr schließlich, den nach Luft schnappenden Staatsmann auf sich aufmerksam zu machen, und er entstieg den Fluten nass und unbeholfen, verbeugte sich, sagte: »Willkommen! Springen Sie nur ins Wasser, für Sie ist auch noch Platz!« und warf sich damit rücklings in den Hexenkessel zwischen seinen Nachkommen und Herrn Andersson.
Doch meine Schwester Margareta blieb an Land und erfüllte ihre sozialen Verpflichtungen.
»Darf ich vorstellen? Mein Bruder Studienrat Persson, Dozentin Klintestam!«
Ich kam auf die Beine, und die Dame in Gelb lächelte mir zu. Ich räusperte mich verwirrt. Vorher hatte ich in der Zeitung durchaus über die Reichstagsabgeordnete und Dozentin für Neuere Geschichte, Birgitta Klintestam, gelesen. Sie war für die Sozialdemokraten gewählt worden, aber ihre Äußerungen waren sehr radikal, und die Regierung wand sich oft unter ihren Pfeilen. Doch statt des Wesens mit den kalten Augen, dem strähnigen Haar und einem fanatischen Zug um den Mund, den ich auf den unscharfen Fotos in der Zeitung zu erkennen geglaubt hatte (oder die eine indignierte Fantasie in mir hervorgerufen haben mochte), stand eine entzückende junge (oder zumindest jüngere) Frau mit kokettem Sonnenkopftuch in der Farbe ihres Kleides vor mir. Das Haar lockte sich, die Augen lächelten und blitzten und das Kinn war lustig spitz, ohne scharf zu sein. Und tausendnocheins, dachte ich und erwiderte das Lächeln, hat diese Person auch noch Grübchen!
»Ein Swimmingpool auf einer der äußersten Schäreninseln? Ist das Meerwasser auch hier draußen von Industrieabwässern verunreinigt?« fragte Dozentin Klintestam, und die leicht metallische Schärfe in der Stimme verriet, dass der Ton des Reichstags ihr in Fleisch und Blut übergegangen war, Sonnenkopftuch hin oder her.
Kinder begannen jetzt dem Becken zu entsteigen und sich zu schütteln. Staatssekretär Zander in glänzendem und womöglich wasserempfindlichem Anzug runzelte seine hohe, intellektuelle Stirn und sandte scharfe Blicke aus. Sodann führte uns meine Schwester durch den Vorhang aus Hecken zum Rasen, wo die obligatorische Sitzgruppe aus verbogenen Ästen wartete. (Wo findet man solche Äste? Oder handelt es sich hier um Wurzeln, die man ausgräbt und zusammenmontiert?) Die Gastgeberin kehrte zum Becken zurück, um dafür zu sorgen, dass Herr Andersson nicht ohne Handtuch blieb, und es entstand ein gewisses unausgesprochenes Zögern, wem der Platz in dem Stuhl mit Sitzkissen gebührte. Der Fall war recht kompliziert: Dozentin Klintestam war zwar eine Frau, aber die Jüngste, Anwalt Burlin war der Älteste, Staatssekretär Zander der Ranghöchste, ich der Gebrechlichste. Nachdem wir uns eine Weile geziert hatten, versuchten wir alle gleichzeitig, uns dort hinzusetzen, was Anlass zu einer leicht hysterischen Heiterkeit bot. Als wir allmählich zur Ruhe gekommen waren, saß Staatssekretär Zander auf dem Polster, was, so dachte ich, zum Teil das Vermögen des scharfgeschnittenen Mannes offenbarte, sich im Leben durchzusetzen.
6
Wir hatten gerade das Geplänkel über Wind und Wetter hinter uns gebracht, als Herr Västermark zwischen den Erlen an der Strandseite auftauchte und über den Rasen flatterte. In seinem grauimprägnierten Dress und mit seinem mageren, faltigen Gesicht konnte man ihn für einen wettergegerbten Fischer halten, der von großer Fahrt auf hoher See heimkehrte. Doch Feldstecher und langnasige Kamera schnürten um den Hals Furchen ein und sprachen eine herrschaftliche Sprache. Genau wie zuvor im Auto zwängte er sich ohne übertriebene Höflichkeit ins Sofa und ergatterte so den mittleren Platz – alle zankten sich ein bisschen –, nickte familiär Dozentin Klintestam zu und begann von einem sensationellen Fund zu erzählen, den man kürzlich beim Abriss einer der Villen in einem Stockholmer Vorort gemacht hatte: Unter dem Kellerfußboden hatte man acht blechbeschlagene Kisten entdeckt, mit deutschem Siegel versehen und offenbar mit Dokumenten gefüllt. Die Kisten waren in die Stahlkammer der Polizeibehörde gebracht worden, wo eine Stichprobe ergab, dass es sich um das Archiv einer Spionageorganisation der Nazis handelte. Die Angaben schienen äußerst detailgenau und umfassend zu sein. Das Material würde darum, schloss Västermark, außerordentliche und für die Zukunft wertvolle Einblicke liefern, wie die Agenten einer Großmacht während eines Krieges agierten: wie sie ihre Kontakte knüpften, wer ihnen möglicherweise Informationen geliefert haben könnte, wie die Verbindung mit der Heimat aufrechterhalten wurde und so weiter.
»Und für so … so einen Quatsch haben Sie Zeit!«
Ulrich Zander auf seinem Polster wirkte in der Tat aufgeregt.
Mir war das sofort aufgefallen. Staatssekretär Zander und Generaldirektor Västermark waren nicht voneinander begeistert. Västermark merkte man es weniger an, er hatte sich zu sehr in sein Gerede gesteigert. Aber schon als Västermark zwischen den Erlen aufgetaucht war, hatte Zanders indianerhaftes Profil etwas Steifes und Abweisendes bekommen. Jetzt trat es noch deutlicher zutage: durch die Stimme. Sie war gepresst, feindlich, giftig.
»Nicht zum Rumwühlen in alten Papieren ist die Polizeibehörde eingerichtet worden!« kam er gleich zur Sache. »Darum ist es das Sicherste, wenn Sie die Blechkisten einer wissenschaftlichen Institution übergeben, die über Zeit und Kompetenz in historischer Forschung verfügt.«
Västermark nahm den Handschuh auf und schleuderte ihn mit der verbalen Kampfeslust eines alten Pressefuchses zurück.
»Aus den Bestimmungen der Behörde geht eindeutig hervor, bestätigt von Seiner Königlichen Majestät, dass wir uns mit Archiven dieser Art zu befassen haben, Paragraph vier, Absatz eins bis vier. Ich werde Ihnen morgen mit der Post eine Kopie der Bestimmungen zukommen lassen. Ich habe vor, persönlich das gesamte Material zu sichten. Und ich kann Ihnen versichern, dass es mir nicht gänzlich an Erfahrung auf diesem Gebiet fehlt. Als ich meine Magisterarbeit über das Verhältnis Italiens zum Versailler Friedensvertrag schrieb, betrieb ich umfassende Archivforschungen und las Akten in allen drei großen Kultursprachen. Mein Professor schlug seinerzeit vor, ich sollte die Arbeit zu einer Doktorarbeit ausbauen, aber finanzielle Gründe hielten mich damals davon ab.«
Ich notierte mir im Gedächtnis, dass ich den Staatsminister nach dem Grund fragen musste, warum die beiden Herren sich nicht grün waren. Uneinigkeit zwischen hohen Beamten ist immer ein interessantes Thema. (Meine Magisterarbeit trug den Titel »Zwistigkeiten im Regentschaftsrat Karls des XI.«.)
»Für mich als Historikerin ist das eine sehr verlockende Sache«, meinte Dozentin Klintestam.
»Das Material ist natürlich vertraulich«, fuhr Generaldirektor Västermark fort. »Aber nach und nach kann es in Teilen der Forschung … der traditionelleren Forschung zugänglich gemacht werden. Um selbst gleich die Durchsicht in Angriff nehmen zu können, habe ich, hm, Personalverstärkung angefordert.«
Ich erkannte widerwillig und doch mit Bewunderung, dass selbst die Vergangenheit zur Begründung einer bürokratischen Anschwellung herangezogen werden konnte.
An dieser Stelle knackte es von neuem zwischen den Erlen, und Doktor Lind kam über das Gras. In seinem kurzärmeligen weißen Trikot vermittelte der rundliche Arzt fast den Eindruck eines erwachsenen Babies. Das dralle Gesicht glühte schreiend rot zwischen den Koteletten und schwitzte, und unbekannte Leiden hatten das Haar zerzaust. Er war auf dem Weg zum Haus, entdeckte uns jedoch und änderte schnell seinen Kurs.
Auch ihn zog es zu Västermark. Zuerst versuchte er an mir im Sofa vorbeizukommen, doch Västermark zog den Tisch zu sich heran und versperrte den Weg. Dann lehnte sich Doktor Lind keuchend vor und holte zu einem Kinnhaken aus, doch die Tischplatte war breit und Arvid Västermark dünn und gründlich gegen den Sofarücken gedrückt, so verfehlte der Schlag sein Ziel.
»Unhold!« schrie er. »Verfluchter Unhold!«
Ich kann nicht behaupten, ich wäre besonders erstaunt über das Verhalten gewesen. Ich habe hier auf Lindö schon sehr viel härtere Schläge als diesen eben erlebt. Und Herr Västermark hatte schließlich schon sein umfassendes Talent bewiesen, das Missfallen seiner Mitgäste zu erregen. Nein, was mich überraschte, war die Wortwahl. Das Wort »Unhold« hört man heutzutage nicht mehr oft.
Frau Klintestam war aufgestanden und nahm Doktor Lind in die Arme.
»Mein Lieber, was ist los? Kein Grund, gleich aus der Haut zu fahren!«
Der Arzt schien sprechen zu wollen. Doch die Worte blieben ihm im Hals stecken, und es kam nur ein »Dieser … dieser …« heraus.
Dann spuckte er vor dem Generaldirektor auf den Tisch und stolperte wieder zurück zum Strand.
»Aber was ist nur in ihn gefahren?« fragten Dozentin Klintestam und der Staatsminister, der sich der Runde angeschlossen hatte, Gras abrupfte und trocknete, wie aus einem Munde.
»Frauenärzte! Genauso hysterisch wie ihre Patientinnen!«
Västermark schnaubte, schien aber nicht besonders aufgeregt. Er fuhr sich mit den Fingern durchs grauweiße Haar, über das Gesicht, die Falten und den Apparat auf dem Bauch. Ich dachte bei mir, dass ihm in seiner Zeit als Chefredakteur bestimmt der eine oder andere Abonnent mit lauter Stimme begegnet war …
Es war fünf Uhr, und ich zog mich für eine kurze Ruhepause vor dem Abendessen in das Haus und in meine mit Platten verkleidete Suite zurück.
Doch auf dem Weg traten mir Hindernisse in Form von Kindern in den Weg, die verlangten, ich solle mit ihnen Verstecken spielen.
Es ist eine alte Tradition, dass ich am ersten Tag auf Lindö mit den Kindern Verstecken spiele. Wie die meisten Traditionen, die man in jüngeren und gesünderen Tagen ersonnen hat, werden sie mit jedem Jahr mehr zur Last. Aber wie dem auch sei, das Spiel stellt weder an Intellekt noch an Körperkraft große Ansprüche. Ich brauche nichts weiter zu tun als in einen Geräteschuppen zu gehen, die Hände vor die Augen zu halten (damit ich durch das Fenster nichts sehe) und bis hundert zu zählen. Dann werde ich die Tür öffnen und rufen: »Hundert! Jetzt komme ich!« und mich auf dem Grundstück in selbstgewählter Geschwindigkeit mal hierhin und mal dorthin begeben, bis ich ein Kind entdecke. Im Grunde ist es eine angenehme Zeit, eine der besten auf Lindö. Der Sinn des Spieles ist auch, dass sich die Teilnehmer so lange wie möglich still verhalten und unsichtbar bleiben. Für kurze Zeit kann man sich sogar einbilden, es gäbe auf der Insel gar keine Kinder. Kein Heulen, kein Lärm; leer hängen die Schaukeln der Kinder und alles ist Friede, alles ist von ruhigen Händen liebkost …
Der Schuppen liegt hinter dem Gebüsch, das das Becken umgibt. Ich wurde von zwei begeisterten Bürschchen hingeführt.
»Du musst versprechen, dass du die Hände vor die Augen hältst, wenn du zählst! Und dass du rufst, bevor du kommst!«
Ich versprach es.
Im Innern befinden sich hauptsächlich Möbel, Geräte und alter Plunder, wie in Schuppen auf dem Lande üblich. Ich muss zugeben, dass ich in meiner Einsamkeit weder zähle noch die Hände vor die Augen halte. Ich schaue stattdessen auf die Uhr, zwei Minuten reichen für gewöhnlich. Das Fenster ist im übrigen so schmutzig, dass ich keine unbefugten Beobachtungen machen könnte, selbst wenn ich wollte.
Ich kannte mich noch von vorangegangenen Sommern aus. Da lag das alte Vogelbecken aus hässlichem, grauem Beton, da stand die Sonnenuhr, die nie ein Fundament bekommen hatte, da war die ausgestopfte Küstenseeschwalbe, die der Staatsminister vor vielen Jahren auf einer Auktion erstanden hatte …
Aber jetzt war es bestimmt so weit.
Ich öffnete die Tür und rief »Hundert!« und (nur etwas weniger verlogen): »Jetzt komme ich!« und tappte hinaus in die Natur.
Wir wollten draußen zu Abend essen. Gedeckte lange Tische auf dem Rasen sprachen ihre erschreckend deutliche Sprache. Kinder liefen mit Schüsseln und Platten hin und her, und die Gäste standen in wartenden Gruppen herum, als ich nach einem kurzen Nickerchen ins Grüne hinauswackelte.
»Hallo, Onkel! Ist das nicht ein herrlicher Tag!«
Meine Nichte Eva ist ein sportliches und kräftiges Mädchen, vollkommen im Stande, selbstständig zu stehen, aber Niklas Svennberg hatte den Arm um sie gelegt, als gelte es, eine Hundertjährige zu stützen.
»Ja, dieser Rasen ist wie geschaffen für eine Volksspeisung«, versicherte der junge Privatsekretär, und die Locke hing in der Stirn, und seine Sonnenbräune stach hübsch von dem weißen, halsoffenen Hemd ab. (Ungeachtet der späten Nachmittagsstunde war es noch immer so heiß, dass ich ohne Hut und Mantel ging.) Ich erzählte Eva gerade von einem wunderbaren Fest unter freiem Himmel, an dem ich einmal in Budapest teilgenommen hatte. Hunderte von Wildschweinen wurden auf Spießen gebraten und alle …
An dieser Stelle begann Eva vollkommen unmotiviert ihren Kavalier mit einem Grashalm unter dem Kinn zu killern, und Herr Svennberg konnte sich dessen nur erwehren, indem er sie sorgfältig küsste, und das Ganze wurde so privat, dass ich beschloss, von einer ausführlichen Schilderung des Schweinefestes abzusehen, meinen Stock ergriff und zur nächsten Gruppe ging.
Sie setzte sich aus Anwalt Burlin nebst Gattin und Staatssekretär Zander zusammen. Sie unterhielten sich leise und angeregt, begleitet von scheuen Blicken, die so typisch sind für weidende Gnus und Gäste, die ihre Gastgeber auf Gartenfesten verleumden.
Dazu wurde auch offensichtlich ich gezählt, denn das Gespräch erstarb, als ich nahte, und nach kurzem, vollkommenem Schweigen begannen alle, sich eifrig über die schöne Aussicht zu verbreiten.
»Das ist wirklich ein wunderschönes Plätzchen, nicht wahr?« lächelte Frau Burlin natürlich und schnell, wie es einer Person ansteht, die in der Kunst der Verstellung ausgebildet und lange tätig war.
»Tadellos«, ergänzte ihr weißhaariger Mann, und die Vokale klangen schön.
»So was sieht man nicht alle Tage«, erklärte Herr Zander, aber nicht einmal seiner hohen Stirn gelang es, in dieser bedrängten Lage besonders viel intellektuelle Kraft auszustrahlen.
Nachdem sie sich ihre Alibis verschafft hatten, pendelte sich die Konversation auf einem höheren, darum aber nicht erfreulicheren Niveau ein. Wir unterhielten uns über Umweltgifte und Gewässerverschmutzung, bis ich den Hals von Klärschlamm voll hatte und mich entfernte, um eine alkoholfreie Erfrischung zu besorgen. Auf dem Weg blieb ich an Herrn Västermark hängen, der mit Frau Klintestam und Herrn Andersson zusammenstand und von einer Frau erzählte, die im Register der Polizei gelandet war, weil sie eine kommunistische und eine neonazistische Zeitschrift bezog. Die Frau hatte auf Nachfrage angegeben, sie habe stets die Zentrumspartei unterstützt, aber in letzter Zeit das Bedürfnis nach einer handfesteren Ideologie verspürt. Zu einer neuen, sicheren Überzeugung sei sie durch die Zeitschriften dennoch nicht gelangt. »Beide scheinen auf ihre Art Recht zu haben«, hatte sie ihren Arbeitskollegen anvertraut.
Herr Andersson, der bestimmt früher schon von dem Fall gehört hatte, rang seinem Boxergesicht ein Lächeln ab, doch Birgitta Klintestam sagte ganz knapp, sie finde die Geschichte lächerlich und geschlechtsdiskriminierend, verließ die Gruppe und schloss sich Doktor Lind an, der allein stand und sein Glas in der Hand drehte.
Jetzt fiel mir auf, dass irgendetwas nicht stimmte. Die Gäste waren soeben ins Haus gegangen, um sich eine zweite Erfrischung zu holen, und zu dem Zeitpunkt erreichen Gemeinschaftsgefühl und Herzlichkeit in der Regel ihren Höhepunkt. Doch in diesem Fall war die Gesellschaft in leise Gruppen aufgelöst. Das war umso seltsamer, dachte ich, da alle außer Herrn Andersson von Norrön kamen. Und Leute von ein und derselben Sommerinsel sind bei Zusammentreffen im Kaufmannsladen und auf dem Postamt immer sehr gesprächig, und an örtlichem Klatsch und Gejammer über das Wetter fehlt es selten.
Täuschte ich mich oder war die Stimmung lauernd, nahezu feindselig?
Doch dann waren Gastgeber und Gastgeberin an den Tischen fertig, kamen je aus einer Richtung angerannt wie zwei Hirtenhunde und trieben die Gäste zusammen. Meine Schwester versprühte ihren gesamten Charme, und der Staatsminister füllte Gläser und schrie für zwei. (Er selbst trinkt zwar meistens Orangensaft, wirkt aber selten nüchtern.) Eine andere Person, die sich ebenfalls nicht dem Trübsinn hingab, war Frau Lind, die Frau Doktor. Das geblümte Kleid umspannte ihre Hausfrauenfigur, und das Gesicht war rosarot wie das eines Kindes auf dem Rodelberg. In der Schlussphase war sie beim Herbeitragen von Flaschen und Schüsseln behilflich gewesen, und ich glaube, sie hatte vielleicht ein bisschen genippt. Jetzt wollte sie das im ganzen sommerlichen Schweden obligatorische »Kleine Frösche« spielen, konnte aber nur die Kleinen dafür begeistern.
»Oh, wie anstrengend!« keuchte sie nach energischem Herumgehopse im Gras. »Aber das tut der Figur gut. Warum fotografierst du denn nicht, Pelle!«
Dann, als würde sie es bereuen: »Nein, das Licht ist zu schlecht!«
Doch Doktor Lind, nach den Spielen des Tages noch immer bararmig und barbeinig, eilte schon aufs Haus zu, wie um der Dämmerung zuvorzukommen.
»Pelle und seine Kamera sind kaum auszuhalten«, seufzte sie und wischte sich die Stirn ab. »Er hat sie sich vor einigen Jahren angeschafft, um Leute aufzunehmen, Menschen, die er kannte. ›Ehe man es sich versieht, sind sie tot, und ein Jahr später kann man sich kaum noch erinnern, wie sie aussahen‹, hat er gesagt. Ich habe ihn aufgezogen und gemeint, er würde nur alte und kranke Leute ablichten und solche, die seiner Meinung nach bald sterben. Aber wenn ich es recht bedenke, dann kann einem angst und bange werden, so sehr trifft es zu. Im letzten Frühjahr waren wir bei meiner Mutter, und er hat sie bestimmt schon jahrelang nicht mehr aufgenommen, aber da verschoss er mehrere Filme. In der Nacht darauf verstarb sie plötzlich, ich hatte keine Ahnung, dass sie ein so schwaches Herz gehabt hat. Und letztes Osterfest waren wir zum Skilaufen in Åre, und da haben wir einen ganz sympathischen Grundstücksmakler kennengelernt, einen jungen, kerngesunden Mann, aber am letzten Tag wollte Pelle, der noch nicht mal seine Kamera ausgepackt hatte, ihn auf der Slalompiste fotografieren. Und als wir wieder zu Hause waren, erfuhren wir, dass er von einer Lawine erfasst und unter fünf Metern Schnee begraben worden war. Und ich habe gesagt: ›Jetzt darfst du deine Kamera nie mehr benutzen, die bringt nur Tod und Verderben!‹ Aber die allerschlimmste Katastrophe passierte dann beim letzten Weihnachtsfest bei Ysanders …«
Wir erfuhren nie, was Ysanders zugestoßen war, da jetzt Doktor Lind zurückgekehrt war. Die Kamera hielt er in der Hand, und sofern ich erkennen konnte, handelte es sich um eine ganz gewöhnliche Fotokamera mit einem kleinen schwarzen, hervorstehenden Auge aus Glas und Metall.
Er traf seine Vorkehrungen langsam und sorgfältig, wie ungeübte Fotografen es tun. Auf dem Rasen herrschte jetzt vollkommene Stille. Auch Frau Lind schwieg.
Plötzlich überkam mich eine eigentümliche Eingebung. Ich spürte mit lächerlicher, jeder Vernunft entbehrender Sicherheit, dass der Arzt dieses kalte, tückische Auge auf mich richten und ich danach sterben würde …
Ich blickte mich in der Schar um. Wir hatten uns wieder voneinander entfernt und schauten alle unverwandt auf den Mann zwischen uns und den Tischen. Jemand lachte etwas verkrampft.
Jetzt hatte er seine Vorkehrungen beendet, hatte den Abstand und das Licht eingestellt. Er hob den Fotoapparat, und ich hörte das leise, gleichmäßige Klicken.
Herr Lind hielt die Kamera vollkommen ruhig. Sie war auf Herrn Västermark gerichtet.
7
Er fuchtelte mit den Armen in der Luft und warf den Kopf in den Nacken wie jemand, der von einer Kugel getroffen worden war oder der sich vor der Kamera nur etwas aufspielen will, und er sah so unbeschreiblich lächerlich und zugleich lebendig aus, dass ich lachen musste. Und meine dumme Vorahnung war verflogen und nicht mehr da … Anschließend knipste Herr Lind uns alle, eine große, winkende Gruppe; wir begaben uns zu Tisch, und der Staatsminister hielt eine Begrüßungsrede, die nicht für die Nachwelt konserviert werden muss. (Er ist ein Redner, der beim Aufstehen nicht weiß, was er sagen soll, und wenn er redet nicht weiß, was er sagt, und beim Hinsetzen nicht mehr weiß, was er gesagt hat.)
Das Abendessen im Garten einzunehmen ist eine Qual und als solche zudem vollkommen sinnlos. Denn wozu soll es gut sein, das Service und das Essen lange Wege ins Freie zu tragen? Allen ergeht es dabei nur schlechter, sowohl den Essern wie den Trägern. Da saßen wir nun, eine Schar solider Erwachsener – alles andere als eine Gruppe von Pfadfindern – auf unbequemen Stühlen an einem rechteckigen Tisch und zerrten an dicken, halbrohen Scheiben von etwas, das der Staatsminister über dem Feuer beim Steinhaufen geschwärzt hatte. Das Futter lag auf Papptellern – solchen, die wegrutschen –, wir arbeiteten mit Plastikbesteck, das zu Stummeln abbrach, die Gläser bestanden aus Plastikbechern, die umkippten, die Kartoffeln waren nicht geschält, und nur kleine Papierservietten hatten wir zu unserem Schutz. Ein Gastgeberpaar, das eine solche Mahlzeit in seinem Esszimmer serviert hätte, hätte sich in Grund und Boden geschämt, und das vollkommen zu Recht. Aber hier draußen auf dem Rasen stumpfte die Urteilskraft auf unerklärliche Weise ab, und bald riefen die Gäste dem Gastgeber und seiner Frau spontan Komplimente zu. Und die Mücken surrten, Russpartikel vom Feuer fielen auf das blutige und verbrannte Etwas, der Wind strich über die Bucht, die Kinder waren wie ein Rauschen im Hintergrund zu hören, und ich entdeckte, dass wir am Tisch dreizehn waren.
Neben mir saß Frau Klintestam, und das war alles andere als langweilig. Die Kinnspitze war auch von der Seite scharf, und bei fortschreitendem Verzehr des Roastbeefs entwickelte sich die gefürchtete Reichstagsabgeordnete und Regierungskritikerin regelrecht zu einer Kichererbse. Ich schäkerte ein wenig und sagte, dass sie einem Leid tun konnte, weil sie einen alten Kauz als Tischherrn bekommen hatte, und sie setzte das Plastik ab und rief fröhlich: »Aber ich liebe alte Käuze!«
Wir lachten zusammen – ich ein wenig angestrengt, denn so ist der Mensch als Mann – und ich erfuhr, dass sie zweiunddreißig Jahre alt war, neben dem Studium als Hilfsschwester gearbeitet hatte, einen kleinen Sohn besaß, den sie vermisste, und über die Widerstandsbewegung in Deutschland während des Zweiten Weltkrieges promoviert hatte.
»Aber die Aussicht auf eine Professur ist minimal. Und im Reichstag gelte ich schon seit einer Legislaturperiode als unbequem. Mal sehen, ob ich wieder reinkomme, ich stehe mehr schlecht als recht auf einem wählbaren Platz. Generaldirektorin für lange und treue Dienste wie Västermark dürfte ich jedenfalls nicht werden!«
Zu meiner Linken saß Frau Burlin. Die Schauspielerin wurde leider auf der anderen Seite durch den Staatsminister und sein Gerede stark blockiert. Während er die Flaschen entkorkte, erzählte sie mir indessen, dass sie bisweilen mitten in der Nacht vor Schreck wie gelähmt aus dem Schlaf auffahre und denke: »Was mache ich da eigentlich? Lasse mich wieder darauf ein, Kritik und Publikum ausgeliefert zu sein, im Alter von fünfzig Jahren und nachdem ich seit zehn Jahren nicht mehr auf der Bühne gestanden habe? Ich muss verrückt sein!« Ich dachte bei mir, wenn sie es jetzt so empfindet, wie würde es ihr erst einen Monat, eine Woche, einen Tag vor der Premiere gehen? Als wir uns beim Anstoßen näherkamen, sah ich, wie der kleine Muskel am Auge zuckte, pulsierte, sein Eigenleben führte …
Umgeben von zwei so charmanten Damen (die Sonne in den Augen und mit all den Verdrießlichkeiten eines Essens unter freiem Himmel beschäftigt), hatte ich kein großes Interesse am Rest des Tisches. Jetzt entsinne ich mich auch nicht mehr an viel: lediglich an die Gesichter, einige Sätze, die Atmosphäre eines alkoholisierten Picknicks. Die kleine Frau Lind mit ihrem runden, roten Gesicht rief plötzlich durch das Gemurmel: »Pelle ist ein hoffnungsloser Fall! Ich verreise liebend gern, aber er sammelt Ansichtskarten und sagt: ›Warum soll ich denn in der Welt herumreisen? Ich weiß genau, wie es dort aussieht!‹« Pelle Lind, der auch etwas verkrampft mitlacht und sich an den Koteletten zupft, die sein Gesicht ein wenig wie einen moosbewachsenen Fußball aussehen lassen. Zanders Indianerprofil ganz weit rechts, meistens über Schüsseln und Gläser gebeugt. Västermark, der mir schreiend anvertraut, er trinke nur, um andere Menschen für sich interessant zu machen. Andersson, der eine Weinflasche umstößt und im ganzen massigen, ernsten Gesicht rot anläuft. Burlins Verärgerung – eine beherrschte, vereinsmäßige Verärgerung –, als er entdeckt, dass seine Frau sich darauf eingestellt hat, als Chauffeurin nach Hause zu fungieren, da sie nur an ihrem Weinglas nippt und somit seine eigene Enthaltsamkeit überflüssig gewesen ist.
Jetzt waren wir bei Eis und Sherry angekommen. Von der Anspannung vor dem Abendessen war nicht mehr viel zu spüren. Die Gäste schrien gut gelaunt ihre Tischnachbarn an wie Menschen, die sich im Nebel verlaufen haben. An eine Kommunikation über eine größere Distanz als diese war wegen des allgemeinen Lärmpegels kaum zu denken.
Schräg gegenüber saß Herr Västermark neben der Gastgeberin. Es war Zeit, sich für das Essen zu bedanken. Er klopfte mit dem Plastiklöffel an den Plastikbecher, hörte aber wohl selbst kaum das Geräusch. Dann reckte er den Hals, drückte das Kinn auf die Brust, und dann durchschnitt das raue Rufen der Brandseeschwalbe die Unterhaltung: »Kirrik, kirrik, kirrik!«
Es wurde mucksmäuschenstill.
Der Generaldirektor erhob sich. Er machte ein zufriedenes Gesicht. Eine leichte Röte auf dem faltigen Gesicht hielt sich.
»Ja, das war wieder die Brandseeschwalbe. Wie ich schon gesagt habe, soll sie diese Woche hier auf der Insel gehört worden sein. Wenn es der Wahrheit entspricht, ist das eine Sensation. Sie klingt fast wie ein knarrendes Wagenrad: kirrik, kirrik, kirrik! Für ein nicht geschultes Ohr hört sich der Ruf an wie der einer Küstenseeschwalbe, die nur etwas größer ist und einen längeren Schnabel hat.«
Er war nicht mehr ganz sicher auf den Beinen, aber jetzt umklammerten seine Hände die Stuhllehne.
»Von der Seeschwalbe und ihrer leckeren Brust komme ich ohne Umschweife zu unserer Gastgeberin und ihrem, hmm, leckeren Essen. Doch zuerst möchte ich einen Toast ausbringen auf eine andere unserer schönen Damen. Sie wissen sicher, wen ich meine.«
Er nickte eifrig, führte die Hand zum Hals und lachte: »Sie haben alle bestimmt schon von der großen Neuigkeit gehört. Ich werde auf die Bühne zurückkehren. An Neujahr haben wir im Nya Teatern Premiere von ›Zwei schlagen den Dritten‹. Ich glaube, es wird unglaublich viel Spaß machen, und hoffentlich sind Sie derselben Meinung.«
Arvid Västermarks natürliche Voraussetzungen, Frau Burlin darzustellen, hätten nicht geringer sein können. Nichtsdestotrotz, ungeachtet des gefurchten Gesichts, des grauen Haars und der langen, runzeligen Gestalt war er für wenige Augenblicke Kerstin Burlin-Nilsson gewesen. Das rasche Kopfnicken, die Angewohnheit, die Hand zum Hals zu führen, das routinierte Lächeln – alles war da gewesen, jedoch verzerrt, vergröbert, verwandelt zu Affekt und vulgärer Manier und dargeboten ganz ohne die spielerische Übertreibung, die der treffsichersten Imitation ihren Glanz verleihen kann. Es war sehr geschickt und sehr, sehr gemein.
Frau Burlin saß neben mir, ich konnte, wollte sie nicht anschauen. Aber ihr Mann, der Anwalt, saß mir direkt gegenüber. Er beugte sich eine Idee vor und schaute den Redner unverwandt an. In der ersten leichten Dämmerung wirkte das Gesicht zwischen Klubblazer und weißen Haarkämmen steif und ausdruckslos, als hätte er nicht mitbekommen, was sich abspielte. Doch die Hand verriet ihn. Sie hatte sich fest um den Pappbecher geschlossen und ihn zu einem Nichts zusammengepresst. Die Umklammerung war so kräftig, so verkrampft, dass der Arm zitterte …
»Ich bin selbst sehr gespannt, wie es läuft.« Herr Västermark hatte seine normale Stimme und Gestalt wieder angenommen. »Ein Comeback ist immer schwierig, besonders schwierig vielleicht für eine, hm, etwas ältere Schauspielerin. Aber was meine Wenigkeit davon hält, können Sie lesen, wenn es soweit ist. Ich rezensiere natürlich das Theater in der Tagespresse nicht mehr. Aber das Wochenjournal hat mir in den Ohren gelegen, und ich habe versprochen, dort eine Rezension pro Woche zu veröffentlichen. Selbstverständlich werde ich mir ein solches Ereignis wie die Rückkehr einer alten Primadonna nicht entgehen lassen …«
In dem Augenblick kamen die Schwäne.
An der Küste von Lindö kreuzen ständig schöne, aggressive Schwanenpaare auf, die von gutmütigen Strandbesitzern und ihren dienstbaren Geistern gefüttert werden. An diesem Abend hatten die Vögel ganz offensichtlich kein serviertes Abendbrot am Rand des Schilfes vorgefunden und verwöhnt wie alle Schönheiten kamen sie jetzt durch Dickicht, Erlen und Hecken gewatschelt, um dem Oberkellner ihre Wünsche vorzutragen.
Wir schrien auf, etwas übertrieben, wie man es eben macht, wenn man eine Gelegenheit entdeckt, die peinliche Stille zu durchbrechen, und sprangen auf, und Västermark stand mit weit aufgerissenem Mund hinter dem Stuhl und glotzte seinen Zuhörern verdutzt nach.
Schwäne sehen so ruhig und harmonisch aus, wenn sie über glattes Gewässer dahingleiten. An Land aber sind es launenhafte, aufdringliche Vögel, die zischen und mit den Flügeln schlagen, wenn das Servieren nicht schnell genug erfolgt oder nicht die richtigen Delikatessen umfasst. Nach einer gewissen Verwirrung konnte zum Glück das gewünschte Brot geholt werden, und die Tiere pickten es gnädig auf. Lisa Lind fütterte mit der Hand, wurde gekniffen und bevorzugte dann einige Enten, die aus dem Schilf hervorgewatschelt kamen – ruhige, vertrauensvolle Vögel von angenehmer Größe. Doch Arvid Västermark murmelte verächtlich etwas von »Nutzvieh« und verbreitete sich über die moralischen Vorzüge der Brandseeschwalbe.
Als der Laib Brot verspeist war, krängten die Schwäne unter entrüstetem Zischen von dannen, und wir dankten den Gastgebern schnell und lautstark, um eine neue feierliche Rede von Västermark zu verhindern.
Dann bekamen wir Kaffee, seltsamerweise von Porzellan umgeben, aber ich hatte dennoch Heimweh nach der Bastugatan – zu Hause zu sein heißt unter anderem, zu wissen, wieviel Zuckerwürfel man in den Kaffee nimmt. Es ging auf acht Uhr zu, die Dämmerung brach langsam herein, und man hätte glauben können, der Tag würde in Frieden ausklingen. Der Staatsminister jedoch gehört nicht zu der Sorte von Gastgebern, die ihre Gäste nach dem Abendessen in stillen Gesprächen auf dem Sofa um sich versammeln. Seine Gäste müssen aktiv und beweglich sein, rennen und laufen, sonst glaubt er nicht, dass sie sich wohl fühlen. Er selbst hat keine Probleme mit dem Elan – die Ernährung geht bei ihm direkt ins Blut wie bei den Kindern und anderen unterentwickelten Wesen – und Nachschlag war kaum angeboten, ehe er die Aktivitäten des Sommerhauses empfahl. Satte und ordentlich erfrischte Gäste sind fügsame Gäste, und was tut man, wenn der Gastgeber schreiend dasteht, vor Begeisterung rot im Gesicht, weil jetzt Pfeilwerfen, Badminton, Tennis und Boccia gespielt wird und Angeln im Strandschuppen stehen, Kanus, Ruderboote und Motorboote am Steg liegen und Spaziergänge im Wald gemacht werden können? Natürlich kann man mit einem »Ach ja, wirklich?« antworten, ins Haus gehen und sich ans Feuer setzen, aber nur wenige tun es.
Ich zog mich indessen ungeniert ins Haus und in die Bibliothek zurück. Meine weit fortgerückte Jugend und meine wiederholten Internierungen auf Lindö verleihen einem gewisse Privilegien. Kein Mensch verlangt mittlerweile, zumindest nicht offen, dass ich nach Sonnenuntergang mit Kegelkugeln um mich werfe.
Doch Kinder fielen mich von allen Seiten an.
»Lieber Onkel, spiel wieder Verstecken mit uns! Nur einmal! Du bist beim Suchen einfach Spitze!«
Ich weiß nicht, warum ich mich darauf einließ. Vielleicht des Lobes wegen, vielleicht hatte ich nicht die Kraft, Widerstand zu leisten.
Bald stand ich wieder im Schuppen.
Jetzt war es da drin viel dunkler. Schnell erkannte ich aber alles: die Möbel, die Vogeltränke, die Sonnenuhr …
Aber jetzt fehlte etwas … der Vogel! Wo war die Seeschwalbe?
Ich trat einen Schritt näher, beugte mich leicht vor und da sah ich sie.
Man hatte sie weiter zur Wand geschoben, unter einen alten Gartentisch.
Im Dämmerlicht leuchtete sie mir wie zuvor entgegen.
Doch jetzt hing der Kopf herab, und der Schnabel streifte den Fußboden.
Nachdem ich zuletzt dort gestanden hatte, hatte jemand dem ausgestopften Vogel den Hals umgedreht.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.