Kitabı oku: «Der Fall des Staatsministers»

Yazı tipi:

Bo Balderson
Der Fall des Staatsministers

Aus dem Schwedischen

von

Dagmar Mißfeldt

Saga

Mitwirkende


Staatssekretär Svante Svanberg Beamter von geringer Körpergröße und mit scharfer Zunge
Svea Svanberg seine Frau, blonde Walküre mit Tennisschläger
Justizchef Rydlander hochgewachsener Beamter mit Schuppen
Frau Rydlander seine Frau, kleine, propere Dame mit einer Vision
Konsul Karl Karling eleganter Unternehmenschef mit Haushälterin
Ministerialrat Dååbh Steuerexperte mit Vorliebe für unsere Vorfahren
Disponent Johan Johansson rundlicher Klosettfabrikant mit Temperament
Anita Johansson seine Frau, Assistentin von Staatssekretär Svanberg, junge Dame mit wechselnder Haarfarbe

Der Staatsminister

Seine Frau Margareta

Der Erzähler: Vilhelm Persson, Studienrat

1

Ich erwachte und wußte, daß dieser Tag der Anfang aller Schrecknisse war.

In nur wenigen Stunden würde die vollständige Renovierung meiner Wohnung eingeleitet werden.

Ohne Zweifel war eine Renovierung nötig. Die Tapeten waren zerrissen und Muster und Farbe zur Unkenntlichkeit verblichen. Die Fensterrahmen waren spröde, die Kloschüssel hatte einen Sprung, der Herd war eingebrannt, und in den Ecken sah die Decke aus wie ein Berufsboxer um die Augen, der einen sehr erfolgreichen Abend hinter sich hatte.

Viele Jahre hindurch hatte ich den Vermieter dringend gebeten, seinen Verpflichtungen nachzukommen und die Wohnung in einen menschenwürdigen Zustand zu versetzen. Als einzige Antwort erhielt ich die vierteljährliche Benachrichtigung über die obligatorische Mieterhöhung.

Doch dann, zwei Wochen später, hatte er zugeschlagen.

In einem Rundschreiben forderte er die Hausbewohner auf – wir lebten offensichtlich alle in dem gleichen Elend –, zum angegebenen Datum die Wohnungen den Handwerkern zugänglich zu machen. In Fällen, wo der Wohnungsinhaber nicht persönlich anwesend war, würde man sich des Generalschlüssels bedienen.

Nach einem Augenblick des Triumphs packte mich die Wut. Die Reparaturen sollten selbstverständlich ausgeführt werden, jedoch nicht im September, sondern in der Zeit, wenn ich mich im Stadthotel in Strängnäs oder Mariefred aufhalten konnte, vorschlagsweise in der ersten Julihälfte.

Ich tat in einem barschen Brief dem Vermieter meine Meinung kund. Jetzt antwortete er allerdings in einem persönlichen Schreiben, besaß jedoch die Frechheit, darin allein auf meinen vorherigen Brief, datierend vom 15. August, hinzuweisen, in dem ich verlangt hatte, daß umfassende Maßnahmen gegen die zunehmende Verwahrlosung »jetzt, unverzüglich und ohne Aufschub« durchgeführt werden müßten.

Ich wußte genau, was auf mich zukommen würde.

Tage- und womöglich wochenlang würden die Handwerker zu allen Tages- und Nachtzeiten und mit einem unangenehmen Ausdruck von Besitzrecht auf dem Gesicht Zutritt zu meiner Wohnung fordern. Grobes Papier würde man auf dem Boden ausgelegen, die Möbel würden zu einem Klumpen in die Zimmermitte geschleppt, und ihren Platz nähmen Tapetenrollen, Leitern und schmierige Dosen wechselnden, aber stets übelriechenden Inhalts ein.

Ich müßte Farbe, Terpentin und Kleister einatmen.

Ich wäre gezwungen, sogar den hintersten und verborgensten Winkel den Händen der Eindringlinge zu überlassen.

Ich würde zum Logierbesuch werden, einem ungern gesehenen Gast in den Trümmern meines alten Heims.

Natürlich machte ich am Telefon gegenüber meiner kleinen Schwester Margareta, der Frau Staatsminister, meinem Ärger Luft. Und sie erklärte sogleich, daß ich bei ihr in der Villa in Spånga wohnen solle, gemeinsam mit ihr, dem Staatsminister, den sechzehn Kindern und den zwei Hunden.

Die Wahl zwischen übelriechenden Kleisterdosen oder eine Woche lang einen gemütlichen Abend im Kreise der Kinder und Hunde des Staatsministers zu verbringen, fiel mir nicht schwer.

Ich hatte mich unmittelbar, einer Enthusiasmus vergleichbaren Regung folgend, für die Kleisterdosen entschieden.

Doch meine Schwester, die ihren Willen und ihre Stimme durch das tägliche Zusammenleben mit Gatten und Kindern abgehärtet und geschärft hatte, hatte mich schon nach zwei Tagen und vier Telefonaten zum Nachgeben gezwungen. »Du als Lehrer solltest doch an Kinder gewöhnt sein«, hatte sie gemeint. »Und die Hunde beißen nur Leute, die sie nicht mögen.«

Ich seufzte, stand auf und nahm die morgendlichen Verrichtungen in Angriff, alles während ich über die eigenartige Tatsache nachsann, daß sich die gleichen Handgriffe während meiner Dienstzeit in einer halben Stunde erledigen ließen, sich jetzt aber im Lauf meiner Krankschreibung über den ganzen Vormittag hinzogen. Nach dem Mittagessen bei Tee und Zwieback und einem weichgekochten Ei war ich etwas besser aufgelegt und begann das einzupacken, was ich für mein Exil in Spånga brauchte. Mir fiel ein, daß die Briefmarkensammlung mitmußte – dort konnten sich mitten am Tage ein paar ruhige Stunden ergeben, wenn der Staatsminister in der Staatskanzlei und die Kinder in der Schule waren. Zusätzlich zu den Arzneien – denen für den Darm und für das Herz – füllte sich ein ganzer kleiner Koffer. Als Lektüre wählte ich Fritz von Dardels »Erinnerungen« in vier Bänden, unterhaltend, ohne schlüpfrig zu sein, indiskret, ohne ins Klatschhafte zu verfallen – und wenn dem so wäre, trug sich alles immerhin vor langer Zeit zu ...

Anschließend ließ ich mich in meinen Sessel nieder und betrachtete die Flecken an der Decke, entdeckte, daß ich sie vermissen würde, und fragte mich, wer zuerst einfallen würde – der Staatminister mit den Kindern und Hunden oder die Handwerker.

Es war der Staatsminister. Groß und zerzaust stand er plötzlich im Flur und rief: »Wie blaß du aussiehst, du brauchst Leben und Bewegung!« und machte sich daran, mittels der Verbindung von Impulsivität und Geistesabwesenheit, die wohl eine Voraussetzung dafür ist, Vater von sechzehn Kindern zu werden, die Flurkommode hinauszubugsieren.

Ich gebot ihm Einhalt und zeigte auf die Koffer.

Die schwarze Staatskarosse stand direkt vor mir, als ich aus der Haustür trat. Für einen kurzen Augenblick hielt ich sie für einen Leichenwagen, und meine Seele durchfuhr gewissermaßen ein Kellerhauch. Daran änderte sich nicht viel, als ich das Gefährt erkannte und mich entsann, zu wie vielen Verabredungen mit dem Tod dieses Fahrzeug mich schon befördert hatte ...

Doch der Troll platzte in der Septembersonne, und der Rücksitz glich einem Schlangennest aus lebenden und lebensfrohen Jungen. Ich sank auf dem Platz neben dem des Fahrers und Staatsministers nieder, der die Koffer hinten verstaut hatte, über mich herfiel wie die Mutter über ein verlorenes Kind, das Plaid unter mir zurechtzupfte, mich anschnallte und mich mit Gurten umwickelte, bis ich mir wie ein Bestandteil des Sitzes vorkam. Ich jammerte ein wenig und sagte, ich hätte es vorgezogen, vom Chauffeur abgeholt zu werden (der mich nicht auf diese Weise festband und während des Dienstes nie Kinder dabeihatte) und erkundigte mich, warum der Staatsminister sich mitten an einem Donnerstagvormittag nicht auf seinem Posten in der Staatskanzlei befand. Er antwortete, Herr Geijer sei wegen einer seiner ewig wiederkehrenden Erörterungen mit den Spitzen der Regierung dort. Ich hatte davon schon vorher reden gehört: Offensichtlich bekommt der Gewerkschaftschef, wenn er bei derlei Besuchen im Korridor auf den Staatsminister trifft, schlechte Laune, wird mürrisch und unzugänglich, und den Staatsminister bittet man aus diesem Grunde, sich in diesen Tagen von diesem hohen Hause fernzuhalten. (Wie ich an anderer Stelle1 in dieser Schriftenreihe geschildert habe, kam der Staatsminister durch eine Serie fataler Umstände zu seinem Amt, obwohl er durch Erbschaft weite Teile der schwedischen Industrie besitzt. Seine Regierungskollegen haben gelernt, mit ihm und seiner Vergangenheit vor Augen zu leben und zu arbeiten, Herr Geijer jedoch – obgleich in mancherlei Hinsicht ohne Vorurteile – ist nie über dessen Beförderung hinweggekommen.)

Der mittägliche Verkehr hatte bereits beträchtlich zugenommen, doch die imposante Limousine schoß wie ein Hai unter kleinen Fischen vorwärts – ich vermute, anderen Fahrern geht im Kopf herum, welch enorme Summe ein Zusammenstoß und die Beschädigung eines solchen Vehikels kosten muß, und weichen darum aus und suchen keinen Streit. Wir hätten binnen zwanzig Minuten in Spånga sein können, wenn nicht ein Jüngling vom Rücksitz gerufen hätte, daß Mama Käse von Arvid Nordquist und Wäsche aus der Kanzlei brauchte. (Die Familie hat die seltsame Angewohnheit, dort ihre Wäsche auszutauschen. Wenn es an der Zeit ist, transportiert der Staatsminister den Sack mit dem beschmutzten Leinenzeug aus Spånga und stellt ihn im Flur des Justizministeriums ab, wo ihn die Wäscherei im späteren Verlauf des Tages mitnimmt im Austausch gegen einen Beutel mit jetzt gewaschener und gebügelter Wäsche. Ich erinnere mich, daß der älteste Sohn des Staatsministers einmal auf einen der Säcke den Schriftzug »Justizministerium – abgehende Post« pinselte. Der Fotograf einer Abendzeitung, der zufällig des Weges kam, fing den Staatsminister unter der ungeheuren Last ab, und dieser stand – vollkommen unverdientermaßen und von recht kurzer Dauer – in dem Ruf, der Arbeitssklave der Regierung zu sein.)

Der Käse wurde gekauft, doch im Anschluß an einen kurzen, verworrenen Dialog mit sich selbst verschob der Staatsminister den Wäschewechsel mit Rücksicht auf Herrn Geijers Gefühle auf den nächsten Tag, und wir waren schon an der Staatskanzlei vorübergeflossen, als der Staatsminister abermals von sich hören ließ: »Rydlander! Wir sollten doch auch Justizchef Rydlander mitnehmen!«

Käse und Wäsche interessieren mich nicht, Justizchefs hingegen schon. Der Justizchef ist bekanntlich der höchste Beamte innerhalb eines Staatsministeriums, der Fragen von gesetzgebendem Charakter vorbereitet. Ich erwog selbst einmal, Jura zu studieren, mein Vater jedoch wendete ein, es gebe bereits so viele Juristen, daß man die Erde mit ihnen düngen könnte, und damals hörte man noch auf seine Eltern, und so kam ich dann zu den Geisteswissenschaften und meiner Lehrerlaufbahn. Doch das Interesse für die Jurisprudenz, vor allem für stilistische Probleme der Gesetzesschreibung, hat nie nachgelassen, und ich hatte viele Male den Staatsminister nach seinem Justizchef befragt, doch er hatte nur ein verwirrtes Gesicht gemacht und gemurmelt: »Rydlander? Er ist groß ... und dann hat er auch noch Schuppen gehabt ...«

Als Charakterisierung eines der höchsten Beamten im ganzen Ministerium ist dies unleugbar ein wenig dürftig, und deshalb war ich nun froh, dem Mann persönlich begegnen und mir eine Meinung über ihn bilden zu können.

»Da drüben steht er!« rief der Staatsminister und begann einen Ankerplatz zu suchen.

Er ist tatsächlich groß, der Justizchef Rydlander. Hoch aufgeschossen, gerade gewachsen und breite Schultern. Die imposante Erscheinung eines Beamten in Schwarz vom Hut bis zu den Schuhen. Doch an den Bewegungen war etwas seltsam ... Die Hände flatterten in schnellen, nervösen, ruckartigen Bewegungen zu den Schultern.

»Was hat er?« flüsterte ich. »Was macht er da?«

»Die Schuppen«, antwortete der Staatsminister.

»Die Schuppen?«

»Er glaubt, er hat Schuppen auf dem Kragen und den Schultern und versucht sie abzubürsten ... Hallo, hoffe, Sie mußten nicht warten!«

Ich konnte jetzt das Gesicht des Mannes studieren. Auch das war ein eigenartiges Erlebnis. Soweit ich erkennen konnte, besaß er kein Gesicht im herkömmlichen Sinne. Bloß ein großes, konturloses Feld zwischen Hutkrempe und Kinn. Eine dicke, eulenrunde Brille füllte einen Teil des Leerraums aus, ein kleiner Abschnitt wurde von einem schmalen, nervösen Lächeln in Anspruch genommen. Wir wurden einander vorgestellt; stramm an den Sitz gefesselt, vermochte ich nicht, ihm die Hand zu reichen, sondern lediglich mich leicht zu verneigen. Der Staatsminister riß mit einer einladenden Geste die Tür zum Rücksitz auf. Justizchef Rydlander schaute ins Wageninnere, wich zurück und befeuchtete die Lippen.

»Es ... es scheint mir da drinnen voll zu sein«, stellte er fest und schlug sich auf die Schultern.

»Sie können sich doch ganz dicht ans Fenster klemmen, wenn Sie Johan auf den Schoß nehmen!« rief aus dem Fond derselbe Jüngling, der seinen Vater an den Käse erinnert hatte. »Aber passen Sie auf, daß Sie sich nicht in was Schmieriges setzen. Jemandem da hinten ist eben das Eis heruntergefallen.«

Der Justizchef murmelte etwas, das ich als das Wort »Taxi« interpretierte, doch der Staatsminister versetzte ihm einen freundlichen Klaps auf den Hintern, und mit einem kurzen, nervösen Aufschrei wurde die schwarz gekleidete Gestalt von der Masse verschluckt.

Ich lächelte grimmig in meinen Seilen vor mich hin. Es freut mich immer, wenn die Obrigkeit in unmittelbaren Kontakt mit der modernen, aufgeweckten Jugend kommt, der wir Lehrer täglich aus Erziehungsgründen ausgesetzt sind.

Dann sausten wir nach Spånga, und der Staatsminister warf seinem Mitarbeiter einen arbeitsscheuen Blick über die Schulter zu und fragte, ob es etwas Dringendes zu erledigen gebe und es lange dauern werde. Und Justizchef Rydlander schrie, er habe vor, die Vorschläge zum Gesetz über das Recht der Kommunen vorzuziehen, das Trinkwasser mit Fluor zu versetzen, und der Staatsminister murmelte: »Was die sich so alles einfallen lassen!« Aber der Justizchef kam wieder darauf zurück und entgegnete, das Ministerium arbeite seit zwei Jahren an dieser Frage und daß vom Staatsminister erwartet werde, sich für die Sache stark zu machen und im Verlauf des Nachmittags zu einer Entscheidung zu kommen, und der Staatsminister seufzte und meinte, er werde verrückt, wenn es so sonnig und schön sei, und er habe die Absicht gehabt, mit den Kindern Ball zu spielen.

2

Ich habe in einer früheren Arbeit1 erwähnt, daß der Staatsminister nach seiner unerwarteten Beförderung gezwungen wurde, seine von den Vätern ererbte Villa in Djursholm zu verlassen und sich in Spånga niederzulassen, einem Vorort Stockholms, der nach Meinung der Parteiführung als proletarisch einzustufen sei. »Ein sozialdemokratischer Staatsminister kann nicht in Djursholm wohnen, wo die Briefkästen vom Svenska Dagbladet und Wochenjournalen trächtig dastehen«, wie der Staatspräsident die Sache bei einem vertraulichen Gespräch mit Erlander formulierte. Er empfahl statt dessen Spånga, bereits die Heimat zahlreicher Koryphäen der Parteiführung.

Nach einer Woche des Suchens hatte der Staatsminister sein neues Domizil in Spånga gefunden, ein Eigenheim älteren Datums, wie man es zuweilen als »geräumige, charmante Villa mit Parkgrundstück, geeignet zur Nutzung als Krankenhaus oder dergl.« annonciert sieht (doch das wahrheitsgemäß vielmehr als »scheunenartiges Gebäude, nur geeignet als Übungsobjekt für die Feuerwehr, mit großem, verwildertem Garten« beschrieben werden müßte). Umgeben von der gesamten Kinderschar, schloß der Staatsminister das Geschäft schnell ab – er wickelt Geschäfte stets schnell ab. Der Verkäufer – ein älterer Mann, gebrochen unter der Last seines Hauses und bis auf die Knochen besteuert – titulierte den Staatsminister als »Inspektor« und vergoß Freudentränen, als die Dokumente unterschrieben vor ihm lagen. »Nie hätte ich gedacht, daß das Amt für Kinder- und Jugendpflege so gut bezahlen würde!« war seine Entgegnung vor der Abfahrt in ein freundlicheres Klima.

Nachdem eine Armee von Handwerkern die sechsundzwanzig Zimmer wieder in einen bewohnbaren Zustand versetzt hatte, zog der Staatsminister mit seinem Hausstand ein (und erklärte in einem allseits beachteten Interview: »Es hat mich eine Million gekostet, aber was soll man machen bei der derzeitigen Lage auf dem Wohnungsmarkt?«). In der unteren Etage waren zwei Räume von den übrigen Wohnlichkeiten abgetrennt, schallisoliert und als Arbeitszimmer eingerichtet worden. Für einen Mann mit familiären Verhältnissen wie denen des Staatsministers ist schließlich ein solches Arrangement eine ganz natürliche Sache und im übrigen notwendig mit Blick darauf, daß er, wie kürzlich gesehen, mitunter Hausverbot an seinem ordentlichen Arbeitsplatz hat. (Diese doppelte Akkreditierung hat sogar übrigens entscheidende Vorteile. Sucht man ihn vergeblich in der Staatskanzlei, wird er auf dem Posten in Spånga vermutet und umgekehrt. Ist er an keinem der beiden Orte anzutreffen – was meines Wissens nach oft der Fall sein muß –, wähnt man ihn auf dem Weg zwischen beiden Stellen. Das Ganze beschert einem Mann mit kräftigem Appetit auf das Leben reichlich Gelegenheit zur Abweichung vom eingefahrenen Arbeitsschema, ohne deshalb gleich allzuviel Anstoß zu erregen – wer kennt denn nicht die Verkehrsverhältnisse in Stockholm? Die engsten Mitarbeiter des Staatsministers müssen selbstverständlich ständig bereit sein, ihrem Herrn zu folgen und die Arbeit in diese verborgenen Räumlichkeiten der Villa zu verlegen. Wenn Großes geschieht, dann geschieht es meistens in Spånga.)

Kaum waren wir an diesem Donnerstag nachmittag dort draußen angekommen – die Karosse hatte sich gerade des Justizchefs und der Kinder entledigt –, kam eine Person, die meiner Annahme nach ein geschulter Mitarbeiter sein mußte, am anderen Ende des Gartenweges auf uns zu. Um einen Spielkameraden der Kinder konnte es sich keinesfalls handeln, das erkannte ich, dann hätte die Frau Staatsminister eingegriffen.

Diese Person war nämlich eine völlig furchterregende Erscheinung. Vielleicht nicht besonders hochgewachsen, jedoch breit wie ein Scheunentor und mit einem Kopf, der ohne die übliche Verbindung durch Hals und Nacken direkt auf dem Rumpf montiert zu sein schien. Das Gesicht war in Wut erbleicht unter einem Haarschopf, so kurzgeschnitten und grellgelb, daß er an Borsten einer unglücklich gefärbten Fußmatte denken ließ.

»Diese widerliche, kleine Ratte!« schrie er. »Ich drehe ihm den Hals um!«

Der Staatsminister verlangte keine näheren Erklärungen, sondern stellte den Höhlenmenschen als David Dååbh vor, Ministerialrat im Finanzministerium, und ging leidenschaftlich und neben der Jüngsten dazu über, die zu Hause zurückgebliebenen Mitglieder seiner Nachkommenschaft abzuküssen, zu umarmen und einen Klaps zu geben.

»Dieser verfluchte Idiot«, variierte Ministerialrat Dååbh seinen Ausruf und drang durch ein Beet vor zu einem Baum, den er mit Fußtritten bearbeitete. Justizchef Rydlander folgte ihm unter beruhigenden Worten.

»Er scheint aufgeregt«, flüsterte ich.

»Da müßtest du ihn erst mal sehen, wenn er bei der Haushaltsberatung in Fahrt kommt«, antwortete der Staatsminister. »Einer der brutalsten Typen vom Finanzminister. Experte in der Ausarbeitung von Steuertabellen und im Herunterschrauben der Finanzansprüche des Ministeriums. »Der Gorilla» nennt man ihn unter Eingeweihten. Von den Finanzen ausgeliehen, um eine von unseren Regierungsvorlagen zu überprüfen.«

Diese Erklärungen dämpften meine Verwunderung ein wenig. In finsteren Augenblicken hatte ich mir durchaus ausgemalt, der Mann hinter meiner Steuertabelle sähe aus und benehme sich genauso wie dieser Ministerialrat.

Der Staatsminister bahnte sich den Weg zu dem traktierten Baum, löste Justizchef Rydlander als Seelentröster ab und schlug dem Steuermenschen vor, eine kleine Runde mit der Staatskarosse zu drehen und den Wagen dann an der Tankstelle zwecks einer dringend notwendigen Reinigung der Rücksitze abzugeben: erst geradeaus und dann nach rechts auf die Hauptstraße nach Stockholm abbiegen. Und Ministerialrat Dååbh empfand ein großes Bedürfnis nach Luftveränderung, denn er grunzte Beifall, nahm die Schlüssel in Empfang und trampelte durch die Rosen auf Pforte und Auto zu.

»Lassen Sie sich reichlich Zeit!« rief der Staatsminister ihm nach, und damit gingen wir zu dem Haus, das für die nächste Zeit meine Heimstatt werden sollte. Der Weg durch den Garten gabelte sich bald, und wir folgten den Platten geradeaus, die zum Bürotrakt führten. Eine große, lackierte Außentreppe und eine massive Eichentür und wir standen in dem vorderen Arbeitszimmer, in dem eigenen des Staatsministers.

Das Zimmer war geräumig, und da der Staatsminister es mit Erbstücken aus dunkler Eiche möbliert hatte, wirkte es wie ein värmländisches Werkkontor aus der Jahrhundertwende: ein abgenutzter Schreibtisch mit Rolladen (die Abnutzung dürfte auf frühere, gutbürgerlich gebildete Generationen des Geschlechts zurückzuführen sein), ein Sofa im Karl-Johan-Stil, dem schwedischen Empirestil (mit bedeutend frischeren Gebrauchsspuren), einem Paar gewaltiger, geschnitzter Schränke und einer großzügigen Anzahl von Stühlen. Der altmodische, vorsozialdemokratische Charakter wurde allein von der Auslegeware gebrochen.

Der Schreibtisch machte den Eindruck, als hätte eine irregeleitete Putzfrau etliche Papierkörbe darüber ausgeschüttet, woraus ein geschulter Beobachter die Folgerung ziehen konnte, der Staatsminister hätte dort im Lauf des Vormittags gearbeitet. Justizchef Rydlander spürte offenbar ein gesteigertes Bedürfnis nach Ordnung in sich aufkommen, denn er stürzte hin und machte sich daran, die Unterlagen zu Stapeln aufzuschichten.

»Wo hast du Ratten?« fragte ich.

»Ratten?« entgegnete der Staatsminister und riß ein Fenster auf, woraufhin ein gewaltiger Luftzug alles auf dem Schreibtisch in den alten Zustand zurückversetzte.

»Ministerialrat Dååbh hat da draußen etwas von einer schmutzigen, kleinen Ratte erzählt, der er den Hals umdrehen will.«

»Oh, er meint bestimmt Svante Svanberg. Meinen Staatssekretär, weißt du. Sie kriegen sich manchmal in die Wolle. Hast du ihn noch nicht kennengelernt? Ein kleiner, rattenartiger ... ähäm. Er ist bestimmt dort im Zimmer der Mitarbeiter. Ist dabei, letzte Hand an unsere Regierungsvorlage über radikal erweiterten Rechtsbeistand für Minderbemittelte zu legen. Komm mit, dann kannst du ihm ›Guten Tag‹ sagen!«

Und schon rauschte er über die Auslegeware hinweg und riß die Tür zu dem hinteren Arbeitszimmer auf.

Er klopfte nicht an.

Dennoch mußte er besser als alle anderen wissen, zu welchen Unfällen eine solche Unterlassung führen kann. Er selbst wurde schließlich so zum Staatsminister.

Ehe mir interessantere Dinge zu betrachten geboten wurden, konnte ich noch gewahr werden, daß das Arbeitszimmer der Mitarbeiter ungefähr in dem gleichen Stil eingerichtet war wie das des Staatsministers, jedoch mit vier Schreibtischen samt eines Kanapees ausgestattet.

Auf diesem Kanapee – effektvoll im Fond des Raumes plaziert – lag halb, saß halb der gesuchte Staatsekretär, der engste Mitarbeiter des Staatsministers im Ministerium. Ich kannte ihn aus den Zeitungen. Er hatte tatsächlich Ähnlichkeit mit einer Ratte. Ich persönlich würde allerdings behaupten, wenn man denn unbedingt Vergleichsobjekte aus der Tierwelt heranziehen mußte, er ähnele am ehesten einem Vogel. Die kurze, schmächtige Gestalt, die schwarzen, lebhaften Augen, der magere Hals, das Büschel, das vom Schädel abstand – all das ließ an einen empfindlichen und schnellen Vogel denken, der mit einem gut entwickeltem Intellekt ausgestattet war.

Es ist immer wieder ein Erlebnis für einen Studienrat der Gemeinschaftskunde, einem Staatssekretär begegnen zu dürfen – sei er vogelartig oder nicht –, doch das Interessanteste an dem hohen Beamten war zumindest in dieser Situation, daß er auf seinem Kanapee nicht allein ruhte. Hinter ihm auf dem schräggestreiften Überwurf und zum Teil verborgen durch selbigen lag eine junge Dame. Ich erhebe nicht den Anspruch, die Arbeitsformen in der schwedischen Verwaltung in allen Details zu kennen, möchte dennoch die Behauptung wagen, daß keine Person in dem Raum während der vergangenen Minuten damit beschäftigt gewesen war, letzte Hand an ihrer Königlichen Majestät Regierungsvorlage über radikal erweiterten Rechtsbeistand für Minderbemittelte zu legen.

»Ähäm«, sagte der Staatsminister. »Ich wußte nicht ...«

Staatssekretär Svanberg hatte begonnen sich zu befreien, ohne besondere Eile an den Tag zu legen. Er schien mehr amüsiert als verlegen.

»Hallo«, sagte er, nachdem er sich in aufrecht sitzende Stellung gebracht hatte. »Schrecklich, wie schnell Sie zurück sind! Hoffe, Sie entschuldigen, daß ich mich auf Ihrem schönen Kanapee ein wenig entspannt habe. Und wer sind Sie?« fuhr er mir zugewandt fort, frei und volksnah.

»Studienrat Persson«, antwortete ich mit Betonung auf den Titel. Die Schwierigkeit unserer Tage besteht nicht darin, mit führenden Politikern bekannt zu werden. Das Problem ist, es zu vermeiden.

Der Staatsminister hüstelte und vollführte eine unbestimmbare Geste zum Kanapee hin.

»Darf ich Staatssekretär Svanberg vorstellen. Und die Dame unter Staatssekretär ... ähäm, die Dame, die ... ähäm ... die Dame ist seine Assistentin, Frau Anita Johansson.«

Die beiden hatten sich mittlerweile vollends voneinander gelöst, und ich konnte Frau Johansson in Gänze betrachten. Sie war es wohl wert, in voller Größe studiert zu werden. Das flammend rote, wenn auch leicht zerknitterte Kleid umschloß einen äußerst gut geformten Körper kleineren Formats, das Haar, eine Ponyfrisur und grellrot, umrahmte ein sonnengebräuntes und stupsnasiges Gesicht, in dem die Augen eine funkelnde Hauptrolle spielten.

Ohne ein Wort strich sie das Kleid glatt, verpaßte ihrem Partner eine schallende Ohrfeige und stöckelte auf bestimmten und laut klappernden Absätzen aus dem Raum.

Seltsamerweise dachte ich in dem Augenblick nur, daß es ein verdammter Geiz des Staatsministers war, nicht auch den Fußboden im Arbeitszimmer der Mitarbeiter mit Teppich auszulegen.

Staatssekretär Svanberg rieb sich die Wange.

Da gab es allerdings nicht allzuviel Wange zu reiben. Dafür, daß er einigermaßen jung an Jahren war, bestimmt nicht mehr als fünfundvierzig, sah er ungewöhnlich abgezehrt und hohlwangig aus. Die Gesichtshaut spannte sich um Knorpel und Knochen wie der Handschuh um die Hand eines Chirurgen. Diesen Kopf in einen Totenschädel zu verwandeln würde der Natur nicht viel Mühe abverlangen, dachte ich bei mir, und nur den Nahestehendsten würde ein Unterschied auffallen.

»Oh, sie hat aber mächtig zugelangt!« murmelte er. »Und das mir, der ich ein wenig die trübe Stimmung vertreiben wollte. Aber so ist das eben mit diesen perfekten Sekretärinnen: gute Arbeitsmoral, alles zu seiner Zeit. Und jeder Mensch kann überreizt reagieren, wenn Sie einfach so hereinplatzen. Sieht man’s? Sie haben für uns doch bestimmt keinen Spiegel, oder? Aber Anita hat bestimmt irgendwo einen ...«

Er holte aus einem der Schreibtische eine Handtasche hervor und begann darin zu wühlen. Schließlich fand er, wonach er suchte, und begutachtete kritisch sein Gesicht.

»Wird wohl eine ordentliche Beule geben ... apropos gewalttätige Menschen, jemand sollte sich um Dååbh kümmern. Eine einfache Hirnoperation würde bestimmt ausreichen. In der gegenwärtigen Verfassung ist er doch lebensgefährlich, in den nächsten Tagen erwürgt er jemanden. Ich habe ihn eben gewiß etwas provoziert, wollte mit Anita allein sein, um mich auf einen komplizierten Passus konzentrieren zu können ... ähm ja. Sagte nur etwas davon, daß ich Aktien hätte und setzte einen kleinen Scherz über die Bewegung obendrauf. Und statt zu grunzen und abzuziehen, wie er es sonst immer tut, ging er direkt auf mich los. Und dann stand er da, hat die Hände ausgebreitet und gerungen. Ist Ihnen schon mal aufgefallen, wie unnatürlich lang seine Arme sind? Muß in seiner Kindheit in der Bewegung viel Wasser getragen haben ...«

Der kleine Staatssekretär strich sich über das schwarze, nach hinten gekämmte Haar und drückte mit der Handinnenfläche ein Büschel nach hinten, bestimmt mehr aus Gewohnheit denn in der Hoffnung auf Erfolg.

»Und wie läuft es mit der Pädagogik, Herr Studienrat Nilsson?« fuhr er in seinem Monolog fort. »Man sagt doch, ein guter Lehrer wird nicht älter als 50 Jahre. Aber Sie sehen mir so aus, als hätten Sie das kritische Alter überschritten ...«

An dieser Stelle steckte Justizchef Rydlander den Kopf zur Tür herein – nach dem Anklopfen – und teilte dem Staatsminister mit, daß der Ministerpräsident am Telefon sei, und ich ergriff die willkommene Gelegenheit, um Raum und Staatssekretär zu verlassen.

3

»Es geht mich zwar nichts an«, sagte ich zum Staatsminister, als wir kurz darauf in dem großzügig angelegten Garten flanierten, »aber die Wahl deiner Mitarbeiter kommt mir ein wenig seltsam vor. Ein Gorilla als Ministerialrat, eine Ratte, alternativ ein Vogel, als Staatssekretär, ein Schuppentier als Justizchef ...«

»Halt, stop!« entgegnete der Staatsminister. »Sowohl Staatsminister Svanberg als auch Justizchef Rydlander saßen schon auf ihren Posten, als ich zum Justizminister ernannt wurde. Und für Ministerialrat Dååbh bin ich nicht verantwortlich, er gehört schließlich zum Finanzministerium. Er ist nur zufällig hier. Im übrigen gibt es an den anderen beiden nicht viel auszusetzen. Rydlander ist ein außergewöhnlicher Jurist und Administrator, und Svanberg besitzt einen messerscharfen Verstand. Man darf sich einfach nicht allzusehr an seinem Zynismus und dem allgemeinen Geplapper stören. Uns im Justizministerium, die daran gewöhnt sind, fällt es kaum noch auf. Aber du hast ja gesehen, wie Dååbh es aufgenommen hat. Nein,« fuhr der Staatsminister fort und kickte einen von den Kindern liegengelassenen Fußball aus dem Weg, »Rydlander und Svanberg sind schon jeder für sich in Ordnung. Ein echtes Problem ist, daß die beiden nicht so gut Zusammenarbeiten. Svanberg delegiert unaufhörlich eine Menge langweiliger Vorgänge an Rydlander, der freundlich und geduldig ist und im stillen leidet. Ich muß Svanberg auf die eine oder andere Weise loswerden. Entweder wird er Regierungspräsident oder aber ...«

Ich bekam das alternative Schicksal des Staatssekretärs nie zu hören, denn noch ehe der Staatsminister mit seiner Rede geendet hatte, stand er im Gebüsch und bohrte seinen Kopf wie ein Neuntöter hinein.

»Verflucht!« zischte er zwischen den Ästen. »Kommt er jetzt etwa hierher? In vollem Ornat und allem Drum und Dran. Dååbh wird ihn auf der Stelle umbringen!«

Etwas an der Wahl seiner Worte, wahrscheinlich der Ausdruck »Ornat«, verleitete mich dazu, ihm ins Buschwerk zu folgen. Mir fiel ein, daß der Bischof höchstpersönlich, in voller Amtstracht und mit Krummstab, auf dem Weg war, um einen unerwarteten Familienzuwachs zu taufen. Wenn ein Bischof von einem Ministerialrat angefallen und womöglich sogar erwürgt wird, so ist das ein Ereignis, das eine Person mit allgemeinem Interesse an Geschichte nicht versäumen durfte.

Was ich zwischen den Tannennadeln erblickte, war für mich eine Erleichterung und Enttäuschung zugleich.

Ein langes, weißes Auto hatte auf dem Asphalt vor der Gartenpforte des Staatsministers Halt gemacht.

Daneben stand schon der livrierte Chauffeur und machte seine Honneurs, während ein Herr in gutgeschneidertem, blaugrauem Anzug und dazu passendem Brillengestell dem Rücksitz entstieg.

»Danke«, sagte er beiläufig. »Bengtsson, Sie können den Wagen nach Djursholm fahren. Ich nehme ein Taxi.«

»Aber ist das nicht der Bergbauchef Karl Karling?« flüsterte ich meinem Schwager in der Hecke zu.

»Klar. Weiß der Teufel, warum er herkommt. Aber beim letzten Mal war es wohl wegen eines Bergwerkes. Dååbh kann ihn nicht ausstehen. Er kann Unternehmer im allgemeinen nicht ausstehen und diesen hier am allerwenigsten nach seinen Äußerungen über die Steuerlast. Glaub mir, er wird ihn erwürgen. Du kümmerst dich um ihn, während ich Dååbh vorbereite.«

»Und was ist mit dir? Daß er dich nicht erwürgt, der du einen ganzen Konzern besitzt?«

»Mein lieber Freund! Ein Ministerialrat kann wahrscheinlich einen Staatssekretär erwürgen. Aber ganz bestimmt keinen Staatsminister. Die Parteidisziplin ist in diesem Punkt sehr strikt. Unterhalte dich mit ihm über Bergwerke, er liebt Bergwerke. Vergiß aber nicht, ihn mit ›Konsul‹ anzusprechen. ›Direktor‹ beleidigt sein Ohr auf so aufsteigerhaft grobe und vulgäre Weise. Er vertritt wohl San Salvador. Und versuch, jung und effektiv auszusehen. Er will junge und effektive Menschen um sich haben. Jetzt verdufte ich!«

Mit einem aufmunternden Zischen verschwand der Staatsminister in Richtung Arbeitszimmer.

Ich trat auf den Gartenweg und konzentrierte mich intensiv darauf, wenn schon nicht jung, so doch zumindest energisch auszusehen.

Konsul Karling selbst gab zweifellos einen imposanten Anblick ab. Groß, schlank, breitschultrig – einer von diesen jugendlichen, sehnigen Unternehmenschefs, die morgens Squash spielen, einen Arbeitstag von fünfzehn Stunden absolvieren und sich abends dem Tennis und nachts der modernen Belletristik widmen. Das Gesicht erinnerte an die Pforte hinter ihm – kräftige, geometrische Muster in Eisen gegossen. Einziges Anzeichen von Schwäche an diesem Mann war die Brille. Aber diese hatte männliche Bügel und war viril rechteckig.

Er beäugte mich kritisch. Die Musterung fiel nicht zu seiner Zufriedenheit aus, das war unschwer zu erkennen. »Ineffektiver, überalterter Buchhaltertyp, geeignetes Rationalisierungsobjekt bei eventueller Fusion«, so in etwa lautete sein stummes Urteil.

»Ich bin Konsul Karling«, sagte er, und ich beneidete ihn um sein Vermögen, auch einer Auskunft den Tonfall eines Befehls zu verleihen.

»Persson«, antwortete ich.

»Ich suche den Staatsminister.«

»Er läßt Ihnen Grüße ausrichten und sagen, daß er im Augenblick mit einem seiner Mitarbeiter beschäftigt ist.«

»Sind Sie Angestellter des Ministeriums?«

Obgleich ich mir der Risiken bewußt war, gab ich zu, daß ich Lehrer war, und Konsul Karling teilte sogleich mit, daß der Unterricht an den Schulen des Landes ineffektiv sei. Er skizzierte seine Schule dergestalt, daß man dort Lehrer durch Apparaturen ersetzen und die Schüler zu Menschen heranbilden sollte, die am treffendsten als ausgezeichnet turnende Diplomkaufleute bezeichnet werden konnten. Für schöne Literatur schien es keinen Platz zu geben. Mir war klar, daß ich mich in einem Punkt getäuscht hatte – ganz bestimmt widmete sich Konsul Karling des nächtens nicht der Belletristik.

Bei dem Versuch, Achtung für meine Person und Zeit für die vorbereitende Tätigkeit des Staatsministers zu gewinnen, klärte ich ihn darüber auf, daß ich der Schwager des Hauses sei. Damit hat man unter normalen Umständen seltsamerweise immer auf eine sichere Karte gesetzt. Die Verbindungen zum Staatsminister können noch so entfernt und von noch so zweifelhafter Qualität sein, nie erreichen sie einen Status der Peinlichkeit. Als die Schwägerschaft ausgemolken und der Kontakt hergestellt war, erwog ich, auf die Bergwerke zu sprechen zu kommen.

Konsul Karling wurde gleich sanfter. Er sah mich jetzt beinahe so an, als sei ich eine gutfunktionierende Maschine.

»Ein faszinierender Mann, dieser Staatsminister. Ein Genie möchte ich behaupten. Ja, ich zögere nicht, dieses Wort in den Mund zu nehmen. Unter anderem bin ich auch aus diesem Grunde hier, um mir Rat in einer komplizierten Frage zu holen. Ich erinnere mich, als die Wirtschaft das letzte Mal den Vorzug hatte, von seiner Erfahrung in ökonomischen Fragen und seinen einzigartigen Kenntnissen zu profitieren, was Aspekte der Bergwerksindustrie betrifft ...«

(Mir ist es ebenfalls in Erinnerung. Es muß zwei Jahre zurückliegen. Die Bergwerksgesellschaft stand vor der schicksalsschwersten Entscheidung ihrer Geschichte: Sollte das Unternehmen das Angebot annehmen, eine der größten Nikkelgruben der Welt zu erwerben oder nicht? Proben wurden entnommen, Experten wurden gehört und Untersuchungen angestellt, doch das Ergebnis fiel nicht eindeutig aus. Ein Kauf konnte sich als Gewinn erweisen, aber auch als Katastrophe. Da es bei dem Geschäft um Hunderte von Millionen ging und auf Gut und Böse Rückwirkungen auf das Wirtschaftsleben des Landes hätte haben können, beschloß die Regierung, die Entscheidung an den Eigner – den Staatsminister – weiterzugeben.

Dieser wurde einberufen und fand sich tatsächlich zu der Zusammenkunft ein, jedoch mit gepeinigter Miene angesichts der gutmütigen Züge der anderen Anwesenden. Er hatte nur eine dunkle Vorstellung, warum er sich dort befand, ahnte aber, daß es ihm bei all den vielen Ziffern und vielleicht sogar Diagrammen langweilig werden würde. Er meinte, verstanden zu haben, daß es bei der ganzen Sache um ein Bergwerk ging, und über Bergwerke wußte er wenig, außer daß es sich dabei um dunkle und ungemütliche Orte handelte. Er ließ auch aus anderen Gründen den Kopf hängen. Seit einigen Wochen quengelten zu Hause die Kinder (und fünfzehn Kinder – die damals gültige Anzahl – quengeln laut hörbar), daß sie einen Hund haben wollten, einen Cockerspanielwelpen mit langen Schlappohren, doch der Staatsminister, der fürchtete, das Tier könnte das Baby beißen, hatte unter zunehmenden Seelenqualen die Entscheidung in der Frage vertagt. Wichtige Probleme lasteten also auch dort auf ihm, wohin er zur Zusammenkunft eintraf, und nachdem ihm klar geworden war, daß ein mehr als einstündiger Vortrag über Bergwerke zu erwarten war, fühlte er die Kräfte schwinden und ersuchte, auf dem Sofa liegend lauschen zu dürfen.

Dort lagerte er dann in einer Stellung, die zwischen leichtem Dämmerzustand und reinstem Schlafe wechselte, und beschäftigte sich mit dem Hunde-Problem, während der Vizedirektor unzählige Ziffernfolgen heranzog und ein schwindelerregender bergbauwirtschaftlicher Aspekt den anderen ablöste. Nachdem eine Stunde und zwanzig Minuten verstrichen waren, beendete der Direktor seinen Vortrag, und der Staatsminister kam zu Bewußtsein, so wie man in einem Augenblick erwacht, da das dauernd wiederkehrende Nachtprogramm verstummt ist. Er taumelte empor, starrte seine atemlos wartende Regierung mit blickleeren Augen an und sagte: »Ich kaufe es! Natürlich kaufe ich es!«

Und dann zog er los und kaufte das Hündchen mit den langen Schlappohren.

Und die Direktoren zogen los und kauften ihr Bergwerk.)

»... lag halbwegs auf dem Sofa«, war Konsul Karling über den Kiesweg hinweg zu vernehmen. »Man hätte glauben können, er schliefe, so still lag er da, aber in seiner reglosen Konzentration sammelte er all die Fakten, die auf ihn einströmten, absorbierte all das gewaltige Material mit seinem klaren, trainierten Gehirn. Er unterbrach den Redner nie mit einer Frage, bat nie um die Wiederholung einer Ziffer. Doch als der Vortrag beendet war und er alle Fakten aufgesogen und verarbeitet hatte, erhob er sich und tat seine Entscheidung kund: ›Ich kaufe es!‹. Kein Zögern, keine Unentschlossenheit, kein Versuch, die Entscheidung aufzuschieben oder sich der Verantwortung zu entziehen. Keine billige Dramatik, bloß die einfachen Worte: ›Ich kaufe es!‹ Ich brauche wohl nicht daran zu erinnern, daß sich das Geschäft als außerordentlich einträglich erwiesen hat: Das Bergwerk wirft jetzt dreimal so viel ab wie unsere Untersuchungskommission für möglich gehalten hat. Vor diesem Manne, Herr Studienrat Persson, sind wir alle kleine Lichter. Ja, ich versichere Ihnen, als er uns damals anschaute mit seinem leicht verschleierten Blick und sein ›Ich kaufe es!‹ sagte, fühlte ich, wie ein einfacher Soldat sich gefühlt haben mußte, als Napoleons Augen auf ihm ruhten ...«

In dem Moment kam zum Glück der Bonaparte der Geschäftswelt und kümmerte sich persönlich um seinen ungebetenen Gast.

Ich ging hinauf aufs Zimmer.

Ich hatte das Briefmarkenalbum ausgepackt.

Die ägyptische Sammlung mußte geordnet werden.

Aber die Unordnung war groß und überwältigend, als habe der Herbst alle gefallenen Blätter der Kastanie gesammelt, eins nach dem anderen ... Und das Bild der Sphinx führte meine Gedanken zu den Beamten, denen ich soeben begegnet war: der Ausdruckslosigkeit von Justizchef Rydlander, der steinharten Brutalität von Ministerialrat Dååbh, der Hohläugigkeit von Staatssekretär Svanberg. Ich erkannte, daß sie zu jenen Männern gehörten, die die schwedische Verwaltung trugen und unsere Geschicke lenkten. Und dann noch der Staatsminister ...

Ich sank auf das Bett nieder und blätterte mit ungewohnter Unlust in Dardels Memoiren. Eine Seite reichte, und die Buchstaben verloren ihre Konturen, verschwammen, verschwanden ...

Ich schlief.

Von den Stimmen wurde ich geweckt.

Ich leistete Widerstand. Doch sie schlugen ein Loch in den Schlaf, ständig neue Löcher, die die Müdigkeit nicht stopfen konnte. Ich war jetzt wach oder so gut wie.

Sie kamen von unten, von draußen, und sie ergaben keinen Sinn und verrieten keine Identität. Doch der Tonfall war erschreckend: hart, erbittert, aggressiv.

Während ich durch das Zimmer zum Fenster ging, verstummten sie.

Ich schaute hinunter in den Garten.

Dort wuchs zwischen Weg und Wand eine Ansammlung von Eiben. Im Kreis gepflanzt, schlossen sie alle Blicke aus.

Nur diejenigen, die hoch plaziert standen, hätten den kleinen Mann erspähen können, der im Rondell aus dichtgewachsenen, geschnittenen Bäumen kniete.

Er rieb sich die Wange.

Zu früherer Stunde an diesem Nachmittag war ich Zeuge geworden, wie Staatssekretär Svanberg im Arbeitszimmer von seiner Assistentin Frau Johansson geohrfeigt wurde.

Jetzt hatte ihm offenbar jemand eine Neuauflage beschert.

Auf der Toilette saß ein Kind und legte bei offener Tür ein Puzzle und rief: »Hallo, Onkel, haste was zu naschen?« Und auf der Treppe wäre ich beinahe über einen der Hunde gestolpert, bekam aber das Geländer zu fassen und rettete meine Knochen. Zum Glück fielen mir auch die Worte meiner Schwester ein, daß die Tiere nur Personen bissen, die sie nicht mochten – sie sollen angeblich mittels ihres unglaublich gut entwickelten Geruchssinns zwischen Freund und Feind unterscheiden können –, und unterdrückte nach Kräften alle giftigen Gefühle und bösen Gedanken.

Das Eßzimmer war menschenleer, doch im Wohnzimmer stand Ministerialrat Dååbh rauchend vor einem französischen Fenster. Ich hatte mir vorgestellt, er bevorzuge Pfeife; die kräftige, untersetzte Gestalt deutete es gewissermaßen an, die Finger aber umschlossen eine feingliedrige Zigarette. Er hörte mich erst, als der Fuß auf dem Parkett aufsetzte.

»Was?!« sagte er, und es gelang ihm, trotz des frappanten Mangels eines Halses schnell den Kopf in meine Richtung zu drehen. »Wo zum Teufel sind denn alle? Ich warte auf Svanberg«, fuhr er fort. »Haben Sie ihn gesehen? Diesen, kleinen Kerl von einer Ratte?«

Ich antwortete, ohne weiter ins Detail zu gehen, daß ich ihn zuletzt im Garten gesehen hätte. Ministerialrat Dååbh nahm die Nachricht – sofern es überhaupt eine Nachricht war, das grobschlächtige Gesicht gab einem nichtgeschulten Beobachter wenig Aufschluß – mit einem Schnauben auf. Verstohlen maß ich mit Blicken seine Arme, die leicht eingeknickt an der Seite herabhingen. Sie waren in der Tat ungewöhnlich lang. Und diese fliehende Stirn und die Halslosigkeit ... Ein häßlicher Gedanke schoß mir durch den Kopf. Konnte er wirklich ... Nein, es war einfach nicht möglich! Irgendwo wäre es entdeckt worden ... Wenn nicht im Finanzministerium, wo bestimmt allerlei passieren durfte, wenn der fiskalische Eifer da war, dann früher in der Schule bei den jährlichen Lehrerkontrollen ... Und er war schließlich des Sprechens kundig. Insgeheim überprüfte ich, wie es um meine eigenen Arme bestellt war – seltsam, wie lange man leben kann, ohne über so etwas nachzudenken –, und glaubte erheblich normalere Proportionen feststellen zu können.

»Er steckt bestimmt mit dem Bergbaukonsul zusammen. In dessen Gesellschaft dürfte er sich heimisch fühlen. Widerlicher Typ«, murmelte der Ministerialrat, ohne sich präziser auszudrücken. »Widerliche Typen übrigens überall in diesem Haus. Der Staatsminister, Svanberg, Konsul Karling ... Ebensogut könnte man im Direktoriumszimmer der Enskilda Banken sitzen und arbeiten! Der einzige anständige Kerl ist doch Justizchef Rydlander. Doch er verträgt leider Gottes keinen Rauch, so daß man sich für eine Zigarette wie ein Schuljunge davonschleichen muß«, ergänzte er, wie um seine Anwesenheit im Wohnzimmer des Staatsministers zu erklären. »Haben Sie Aktien?«

Ich antwortete sofort mit »Nein«. Ich besitze allerdings drei Anteile an Stockholms Ångslups AB, eine Erbschaft meines Vaters, aber in Kenntnis des Temperaments des Ministerialrats und seiner allgemeinen Einstellung zu Aktien und Aktieneignern erachtete ich es als unnötig, in diesem Punkt eine pedantisch wahrheitsgetreue Antwort zu geben.

Er streckte einen seiner auffälligen Arme aus und zog mich ans Fenster.

»Kennen Sie Leute mit Aktien? Die meisten haben ein derartig intimes Verhältnis zu ihren Papieren, daß sie sie beim Vornamen nennen. ›LM‹ und ›Atlas‹ und ›Gränges‹. Wie Kinder oder Hunde. Und dann haben diese Teufel Glück und sterben, wenn der Kurs seinen Tiefststand erreicht hat, und bringen die Gesellschaft um die Steuereinnahmen. Pfui Teufel!« schrie er auf und knöpfte damit offensichtlich wieder an Staatssekretär Svanberg an. »Daß ein Mensch mit einer Führungsposition in der Bewegung von den Anstrengungen der Arbeiter profitiert, ist geschmacklos, daß er außerdem herumläuft und damit prahlt, macht das Ganze unerträglich. Ihn sollte man hinauswerfen. Aber sie müssen wohl Rücksicht auf den Staatsminister und all seine Konzerne nehmen. Mein Gott, was für ein Dreckstall!«

Nach einigen anderen Äußerungen gleichen Stils öffnete er die Glastür und marschierte in den Garten hinaus.

Ich selbst suchte den Staatsminister.

Beide Arbeitszimmer waren verwaist. Ich machte die Haustür einen Spalt auf, auch der mit Steinplatten ausgelegte Gartenweg zur Pforte lag menschenleer zwischen Reihen von blühendem Phlox da.

Ich machte eine letzte Runde durch die Räume, und nun stand Konsul Karling an einem der Schreibtische im Arbeitszimmer.

Ich hatte nicht angeklopft – dort war es schließlich eben noch menschenleer gewesen –, und er mußte mich erst sehr spät gehört haben, erst als die Türklinke nach unten gedrückt wurde. Auf der Schwelle zum Zimmer erlebte ich, wie sich sein Gesicht vor meinen Augen verwandelte. Das viril Festgefügte, männlich Regelmäßige löste sich auf, das Kinn verlor an Halt und wurde zu einem von vielen, und der Mund wurde geöffnet und blieb es, wie bei einem sehr alten oder sehr überraschten Menschen. Seine Verwirrung war so offensichtlich und mein eigenes Versäumnis, nicht anzuklopfen, so peinlich, daß ich bloß einige unverständliche Entschuldigungen stammelte, ehe ich mich ins Zimmer des Staatsministers zurückzog.

Erst dort erlangte ich Denk- und Reflektionsvermögen zurück.

Was hatte der Konsul allein im Arbeitszimmer der Mitarbeiter zu suchen? Warum hatte er so schuldbewußt überrumpelt ausgesehen? Und warum hatte er die Hände so gehalten, hinter sich? Was verbarg er da hinter dem Rücken?

4

Kurze Zeit später lief mir in der Eingangshalle Justizchef Rydlander über den Weg, den ich nur flüchtig gesehen hatte, seit wir gemeinsam bei lebendigem Leibe aus dem Auto gestiegen waren. Einen Augenblick lang fragte ich mich, ob er Staatssekretär Svanberg im Garten niedergeschlagen hatte, doch der Mann sah in seinem schwarzen Mantel und seinem Bowler so übertrieben, so außerordentlich korrekt aus, daß ich den Gedanken als absurd abtat.

»Ich darf mich vielleicht von Ihnen verabschieden«, sagte er mit der zurückhaltend heiseren Stimme, die zuweilen als Zeichen einer interessanten Persönlichkeit gilt, die aber fast immer auf eine chronische Infektion der oberen Atemwege zurückzuführen ist. »Der Staatsminister besaß genug Freundlichkeit, mich zu bitten, zum Abendessen zu bleiben, unglücklicherweise jedoch bin ich bereits eingeladen. Sonst ist es immer ein, ähm, ein Erlebnis, gemeinsam mit all den Kindern zu essen ...«

An dieser Stelle war über die plane Fläche der Brillengläser hinweg etwas zu erkennen, das mit ein bißchen Phantasie als ein Ausdruck der Erleichterung interpretiert werden konnte.

Er verbeugte sich und zog von dannen.

Ich schaute ihm nach, wie er zur Gartenpforte ging. Auf halber Strecke nahm er das Fortbürsten der Schuppen wieder auf. Aus der Ferne erinnerte er ein wenig an einen Polizisten in Zivil, der dem Wahnsinn verfallen war und einen imaginären Straßenverkehr dirigierte ...

Er war bestimmt froh, daß ihm das Tohuwabohu am Eßtisch erspart geblieben ist!

Aus dem Innern der Villa war Frau Johansson, die junge Assistentin des Staatssekretärs, aufgetaucht, jene Dame, die sich so überaus eindrucksvoll vom Kanapee erhoben und ihren Chef geohrfeigt hatte.

»Wir essen in einer Viertelstunde, und alle Kinder sind wie immer mit dabei«, erklärte sie. »Nette Kinder. Wenn auch lebhaft.«

Sie lächelte über die Erinnerung und die Zukunft. Aber vielleicht mochte sie Kinder. Es soll ja Leute geben, bei denen es so ist. Ich begutachtete das muntere, von roten Haaren eingerahmte Gesicht, konnte aber weder Wunden noch Schwellungen entdecken. Und solche Verletzungen müßten zu finden sein, wenn sie es war, die im Garten eine neue Runde mit ihrem Arbeitsgeber eingeläutet hätte. Falls es sich nicht um eine schnelle Auseinandersetzung gehandelt hatte – sie schien gut genug durchtrainiert zu sein, um einen Gegner von kleiner Statur mit dem ersten Schlag zu fällen.

»Der Staatsminister? Er sitzt in der Bibliothek. Ich habe ihm Bücher über Japan und die UN herausgesucht.«

Sie lächelte vielsagend und verschwand in den Bürotrakt.

Der Staatsminister saß tatsächlich eine Treppe höher in der Bibliothek. Er erzählte, der Ministerpräsident habe ihn telefonisch beauftragt, den japanischen Premierminister zu empfangen, der am späten Abend auf Stockholms Flugplatz Arlanda erwartet wurde. Der Ministerpräsident hatte betont, er habe seine Repräsentationspflichten auf ein absolutes Minimum reduziert und sei in dieser Woche schon dreimal hinaus zum Flugplatz gefahren: am Montag, um den Führer der vietnamesischen Befreiungsfront abzuholen, am Dienstag, um eine Delegation der angolanischen Befreiungsfront zu empfangen, und am Mittwoch schließlich, um den Anführer der Black-Panther-Bewegung aus den USA willkommen zu heißen.

»Soll doch der Teufel alle Premierminister abholen«, war er fortgefahren. »Der Mann ist noch dazu offensichtlich vollkommen uninteressant, dieser alte, konservative Halunke. Kein militanter Hintergrund, keine revolutionäre Zukunft und ganz bestimmt keine Visionen für die nächsten fünfzig Jahre. Du mußt einspringen! Der Außenminister ist ja in der Sowjetunion, und die anderen feiern in der chinesischen Botschaft Maos Geburtstag. Oder war es der Namenstag? Mach eine Andeutung, du seist eine Art Hilfsministerpräsident, das macht einen besseren Eindruck. Erzähl aber keinen Quatsch! Was du sagen sollst? Tja, du kannst doch immer von der UN berichten, sag, daß wir die UN unterstützen. Die UN! Die Vereinten Nationen, die Weltorganisation! Natürlich sind wir da Mitglied! Oder sag einfach gar nichts, was? Da kommen auch Leute vom Außenministerium, laß die reden. Du kannst denen Sachen erklären, an denen ihr vorbeifahrt ... nein, das kann wie Eigentum aussehen ... wie Ethnozentrismus meine ich. Egal, erzähl von der Familie. Also in Arlanda, heute abend um halb zwölf. Komm bloß nicht zu spät!« Der Ministerpräsident hatte zum Abschluß der Hoffnung Ausdruck verliehen, daß der Staatsminister nicht gedachte, den Wagen eigenhändig zu lenken.

Anschließend machte sich der Staatsminister an seine Japanstudien. Offensichtlich war er von seinem Thema ganz gefangen genommen, denn er brabbelte eine Menge vor sich hin. Als er mir verwirrt verwirrende Auszüge aus der älteren Geschichte des Landes vortrug, unterbrach ich ihn mit dem Recht des Fachmanns und erkundigte mich, was Konsul Karling für ein Anliegen gehabt habe und wie das Treffen zwischen ihm und Ministerialrat Dååbh verlaufen sei.

»Och«, sagte der Staatsminister, »Karling wollte nur, daß ich mir eine Bilanzrechnung anschaue. Hast du so etwas schon mal gesehen? Auf der einen Seite steht eine Tabelle mit den Aktiva und auf der andern eine mit den Passiva. Ja, das ist ja gar nicht so schwer. Aber verstehst du«, fuhr er fort und klang mit einem Mal besorgt, »das Komische ist, daß sich in meinen Unternehmen die beiden Tabellen immer genau auf die gleiche Summe belaufen. Verstehst du das? Aktiva und Passiva sind gleich groß! Jahr für Jahr! Da rackern die sich ab und arbeiten, und die Direktoren sagen, alles läuft blendend, und dann kommen sie mit so einer Auflistung, die beweist, daß alles genau aufgeht. Wozu zum Teufel sollen sie überhaupt weitermachen? Mein Vater hat immer gesagt, daß ein Unternehmen, das nicht vorwärtskommt, Rückschritte macht. Meine Unternehmen müssen inzwischen im Lauf der Jahre massenhaft Rückschritte gemacht haben. Solange ich mich entsinnen kann. Komisch, daß sie noch existieren. Aber die Direktoren strahlen vor Zufriedenheit, die haben natürlich ihre fetten Gehälter. Ich werde wohl Karlings Lohn um die Hälfte kürzen, dann gibt es nächstes Jahr wenigstens ein paar Hunderttausend Plus. Jetzt wollte er noch ein Unternehmen aufbauen, aber ich habe Nein! gesagt. Wozu soll das gut sein? Die Aktiva steigen natürlich ein wenig. Aber die Passiva wachsen genauso stark an. Bedeutet also bloß, daß man immer auf derselben Stelle tritt, wenn auch auf einem etwas größeren Fleck sozusagen. Nein, ich habe meine Entscheidung nicht begründet, und er hat auch nicht widersprochen. Hat bloß gesagt, er verlasse sich ganz auf meinen ›visionären Blick‹. Aber man braucht wohl kaum einen visionären Blick, um eine Tabelle zu lesen! Wie Karling und Dååbh miteinander auskamen? Och, ganz gut. Dååbh ist gerade mit den Vorbereitungen für eine neue Steuererhöhung beschäftigt und scheint momentan eine ungewöhnlich nachsichtige Haltung gegenüber den Großunternehmern zu haben. Er fluchte natürlich, aber murmelte dann etwas davon, daß Karling in der ›Klasse der Neunzigprozentigen‹ Mitglied werden würde und sagte, daß solche Besprechungen ihn inspirierten und ihm neue Energie verliehen ...«

Ein Geräusch, wie wenn ein Stein Glas durchschlägt.

»Die Kinder spielen bestimmt Ball«, sagte der Staatsminister phlegmatisch und schlenderte zum Fenster.

Ein Rasen, volles Buschwerk und weiter entfernt eine Hecke.

Aber keine Ballspieler.

Nur der Schimmer von etwas Grauem, das im Grünen verschwand ...

»Das müssen wir untersuchen«, entschied der Staatsminister.

Wir gingen zu der Stelle hinunter.

Es handelte sich weder um einen Ball noch um einen Stein, sondern um einen Apfel. Um einen kleinen, grünen, steinharten Astrachanapfel. Er mußte mit erheblicher Kraft geschleudert worden sein, da er die Fensterscheibe zum Zimmer der Mitarbeiter durchschlug und jetzt auf dem Fußboden zwischen den Schreibtischen lag.

»Das müssen wir untersuchen«, beschloß der Staatsminister und verschwand hinaus in den Garten. Durch das demolierte Fenster sah ich, wie er schnell um das Gebüsch bog und Spuren suchte. Ich sank auf einen Stuhl und dachte bei mir, daß ich bestimmt mehr Ruhe gehabt hätte, wenn ich in der Bastugatan bei den Kleistereimern und Handwerkern geblieben wäre. Ich war erst wenige Stunden in Spånga, hatte aber schon einige aufreibende Dinge erlebt. Ein Ministerialrat hatte gedroht, einen Staatssekretär zu erwürgen. Derselbe Staatssekretär war von seiner Assistentin geohrfeigt und später im Garten von einem unbekannten Individuum mißhandelt worden. Ein Unternehmensführer, in Personalunion Konsul, war herumgeschlichen und heimlich in ein Zimmer geschlüpft, wo er nichts zu suchen hatte, und jetzt hatte jemand einen Apfel durchs Bürofenster des Staatsministers geworfen.

Und irgend etwas sagte mir, daß das noch nicht das Ende der Geschichte war.

Der Staatsminister kehrte allein und ohne Spur aus dem Garten zurück.

Der Gong rief zum Adendessen.

Es wurde ein anstrengendes Unterfangen, aber ein wohl kaum anstrengenderes, als unter den gegebenen Umständen zu erwarten gewesen wäre. Staatssekretär Svanberg, seine temperamentvolle Assistentin Frau Johansson, Ministerialrat Dååbh und Konsul Karling hatten uns gebeten zu warten und es offensichtlich – im Gegensatz zu Justizchef Rydlander – nicht fertiggebracht, die Einladung abzulehnen.

Die Erwachsenen saßen wie eine unbedeutende Sekte an einem Ende des Tisches, und dann folgten die Kinder in der Reihenfolge ihres Alters, sich heftig zankend und in voller Garnitur, die Kleinsten zum Glück so weit entfernt, daß man ihre quengelnden Mißfallensäußerungen über den unbeugsamen Willen der Kindermädchen und ihre proteinhaltige Kost mehr erahnte als wahrnahm. Es ist mir ein Rätsel, warum eine Familie, die über sechsundzwanzig Zimmer und ausreichend Personal verfügt, darauf beharrt, geschlossen das Adendessen einzunehmen, auch wenn Gäste anwesend sind. Doch der Staatsminister ist in diesem Punkt vollkommen unnachgiebig. »Es ist nützlich«, sagt er. Und vielleicht hat er trotz allem recht. Denn nachdem der Finanzminister an einer solchen Fest- und Jubelveranstaltung teilgenommen hatte, ließ er sich endlich dazu bewegen, den Lehrern, die bei den Schulspeisungen Aufsicht führten, einen Ausgleich zukommenzulassen.

Hochstimmung kam an unserem Tischende nicht auf. Das Ganze erinnerte offen gestanden eher an einen Leichenschmaus, bei dem ein schlecht angesehener Toter wieder zu Leben erwacht war und unter den Gästen Platz genommen hatte. Der Leichnam, der in diesem Fall auch über äußere Übereinstimmungen mit etwas kürzlich Ausgegrabem verfügte, sollte Staatssekretär Svanberg sein. In genauer konstitutioneller Übereinstimmung mit Karl XII. als Toter, die mir schon bei unserer ersten Begegnung aufgefallen war, waren nunmehr weitere schönheitssteigernde Blutergüsse und Beulen hinzugekommen. Er hatte einen schweren Nachmittag hinter sich. Und die Prüfungen nahmen kein Ende.

Seine eigene Assistentin sah ihn kalt über den Tisch hinweg an und zischte hin und wieder etwas, fast so wie ein Novembertag, der der Ansicht ist, es sei mit Wind und Kälte noch nicht genug, sondern indessen einen Regenschauer niedergehen ließ. Ministerialrat Dååbh grunzte nur einmal quer durch ihn hindurch, als sei er ein Feld verunreinigter Luft. Konsul Karling, der inzwischen wieder seine Kinnlade unter Kontrolle gebracht hatte, wirkte etwas zerstreut; vielleicht berechnete er, wieviel ihm nach der Halbierung durch den Staatsminister und der neunzigprozentigen Steueranhebung auf den Rest durch den Ministerialrat von seinem Gehalt bleiben würde. Indessen versäumte er es nicht, zwischen Kauen und Denken dem Staatsminister feindselige Blicke zuzuwerfen. Hätte dieser um das Brot gebeten, hätte er es vermutlich bekommen, aber ohne ein kurzes Lächeln.

Staatssekretär Svanberg ließ die ihn umgebende Kälte nicht unberührt. Er redete zwar, jedoch viel gedämpfter, viel sporadischer, während das Abendessen, das aus Sandwiches, Kalbsfilet und Eis bestand, seinen Fortgang nahm.

Der einzige Mensch, von meiner Schwester, der Gastgeberin, einmal abgesehen, der so war wie immer, das war der Staatsminister. Er erläuterte mit energischer Verwirrung die trivialsten Fakten über Japan und das japanische Volk, die für alle sensationelle und unbekannte Neuigkeiten darstellten. Ich empfand mit einem Mal große Sympathie für den japanischen Premierminister. Nachdem er endlich in der nordischen Nacht gelandet war, würde er spüren, daß er sehr weit gereist war.

Gleich nach dem Dessert, sich kaum Zeit lassend, die Hand der Wirtin unter dem Kronleuchter zu drücken, brach Staatssekretär Svanberg auf. Es hatte den Anschein, als beabsichtigte Konsul Karling, ihm zu folgen; er brachte einige abgehackte Dankesworte hervor und setzte zum Anlauf auf die Halle und den Flur an, doch der Staatsminister legte ihm den Arm um die Schulter und führte ihn zurück.

Den Kaffee nahm man im Wohnzimmer. Der Staatsminister hatte verschiedene Wände ausschlagen lassen und eine Atmosphäre geschaffen, die an einen behelfsmäßig hergerichteten Hangar erinnerte. Auch hier waren die Kinder bei uns. Man liest davon, daß die Jugend von heute nie zu Hause sei, sie treibe sich auf der Straße herum und bilde Cliquen oder jage Rentner. Doch der Nachwuchs meiner Schwester ist immer zu Hause. Außerdem halten sie sich in demselben Zimmer auf wie ihre Eltern und deren Gäste, was so gut wie ein Einzelfall sein dürfte. Bedenkt man, daß jedes Kind mindestens zwei Kameraden anzieht, ist leicht zu verstehen, daß das Wohnzimmer des Staatsministers kaum ein Aufenthaltsort ist, den ältere, gebrechliche Menschen aufsuchen, um nach dem Abendessen ihren Kaffee zu trinken.

Dennoch wird dort der Kaffee serviert.

An diesem Abend glich der Raum mehr denn je einem gutbesuchten Mehrzwecksaal. In einer Ecke spielte sich das ab, was der Kleidung nach zu urteilen die allwöchentliche Versammlung von Spångas Pfadfindern sein mußte. Offensichtlich wurde ihnen als gute Tat für den Tag Hilfsbereitschaft gegenüber älteren Mitmenschen eingeschärft, denn als ich mich bei einigen Gelegenheiten in meinem Sessel drehte, stürmten einige der uniformierten Kleinen herbei, zogen mich hoch und führten mich im Zimmer auf und ab (einmal auch zur Toilette), bis es mir gelang, zu verstehen zu geben, daß ich nur die Sitzposition zu verändern suchte. An einer anderen Stelle des Zimmers wurden verbrechensvorbeugende Maßnahmen trainiert und weiter hinten probte ein Orchester. Der Staatsminister, der sich zunächst an einem Holzfeuer im Kamin zu schaffen gemacht hatte, aber vom Rauch vertrieben wurde, war dazu übergegangen, eine Gruppe von Jugendlichen im Schottischen, einem polkaähnlichen Rundtanz, anzuführen. Sein Vortanz war energisch, allerdings weniger schön zu nennen. Mitten im Zimmer, gewissermaßen in Konkurrenz zu der Tanzgruppe, waren einige Jugendliche mit dem Bau eines Kanus beschäftigt.

Es herrschte ein wildes Treiben wie in der Hölle.

Ich begreife nicht, worin der tiefe Sinn bestehen soll, Milliardär zu sein, wenn man in solchen Verhältnissen leben muß. Genausogut könnte man seine Abende in einer Obdachlosenunterkunft verbringen oder bei einem Krawall oder beim Treffen einer Bürgerinitiative.

Nahe dem Eßzimmer waren ein paar Sofas zu einer Art Wagenburg zusammengeschoben worden, eine relativ friedliche Ecke, wo meine Schwester Margareta mit dem Verbandskasten und umgeben von ein paar betäubten Gästen präsidierte. Dort schliefen auch die Kleinsten. (Früher waren sie von ihren Kindermädchen in kühle, ruhige Räume gebracht worden, waren dort aber nicht eingeschlafen, zurück in den Krach getragen worden und sofort eingeschlummert. Als der Lärmpegel einmal sank, wälzten sie sich unruhig hin und her.)

Nach einer halben Stunde riß sich Konsul Karling los. Er verabschiedete sich von der Gastgeberin, und ich glaube, er bedankte sich bei ihr, doch die Worte verstand ich nicht, obwohl es vollkommen offensichtlich war, daß er sie herausschrie. Eine Viertelstunde später war eindeutig Frau Johansson der Ansicht, ihren Teil für das Essen abgeleistet und die jugendlichen Aktivitäten lange genug ausgehalten zu haben. Sie winkte mir ein wenig hilflos zu und wurde von einer verständnisvollen Gastgeberin in die Halle gelotst. Zur gleichen Zeit erhob sich Ministerialrat Dååbh und bahnte sich den Weg über den Fußboden und riß den Staatsminister aus seinem Tanz. Dieser vollführte einige erschöpfte Gesten und verschwand mit seinem Gast im Arbeitsbereich.

Kurz danach begann meine Schwester, die Kinder eins nach dem anderen abzufertigen. In regelmäßigen Abständen führte sie mehrmals unterschiedlich viele Schläge gegen einen Gong aus, und bei jedem Signal (oder kurz darauf) löste sich eine Altersgruppe und wünschte eine gute Nacht. Ein General hätte sein Heerlager nicht mit größerer Gewandtheit und Autorität räumen können.

Dann saßen wir zusammen und unterhielten uns einige Zeit in Ruhe und Frieden. Meine Schwester interessiert es immer zu erfahren, wie es mir geht und wie ich in meiner Einsamkeit lebe. (Als sie klein war, trug ich sie auf den Schultern und war ihr Pferd und später, als ich ein Einkommen hatte, soll ich ihr Taschengeld aufgebessert haben. So etwas hat der große Bruder vergessen, aber nicht das Mädchen, das mit der Münze in der Hand zum Süßigkeitenladen lief.) Jetzt wollte sie von der Wohnung und den Reparaturen hören, und sie versprach, für neue Gardinen zu sorgen und den alten, abgewetzten Teppich im Flur zu erneuern.

Um halb elf Uhr ging sie hinauf in ihr Zimmer, und ich schlenderte ins Arbeitszimmer. Der Tabakrauch hing wie Nebelschwaden im Raum, und ich brauchte zu keinem gekünstelten Husten Zuflucht zu nehmen, um mein Kommen anzuzeigen. Der Glasermeister hatte offensichtlich einen Schnelleinsatz absolviert, da die auf so rätselhafte Weise eingeschlagene Fensterscheibe bereits erneuert worden war. Einen Augenblick lang spürte ich einen Stich von Neid gegen die Hohepriester der Demokratie – mit der Sicherheitspolizei im Rücken hätte ich wohl keine sieben Jahre lang warten müssen, damit meine gesprungene Kloschüssel ersetzt wird. Der Staatsminister legte gerade den Telefonhörer auf und schaute auf die Uhr.

»Dååbh!« rief er dem Ministerialrat zu, der an einem kleineren Tisch Unterlagen in seine Aktentasche steckte. »Sie sind fertig, oder? Ich fahre Sie in die Staatskanzlei und nehme den Chauffeur mit und fahre weiter nach Arlanda. Der Wagen ... Oh, mein Gott, der Wagen! Der steht ja immer noch an der Tankstelle! Wir müssen ihn holen.«

Er schaute mich einen Moment lang an, als beurteile er meine Qualität, spät am Abend Autos zu holen.

»Dååbh«, echote es dann, »Sie holen den Wagen, oder? Ich muß in der Kanzlei anrufen und herausfinden, ob dort wirklich ein Chauffeur ist und im Außenministerium ... Wie spät ist es? Halb elf, das schaffen wir problemlos!«

Ministerialrat Dååbh war zu uns gestoßen. Offensichtlich war er alles andere als zufrieden mit seiner Aufgabe als Autoholer. Sein Gesicht unter dem gelben, abstehenden Haar war genauso angepreßt und weiß wie bei unserer ersten Begegnung auf dem Gartenweg nach seinem Zusammenprall mit Staatssekretär Svanberg.

»Was zum Teufel ...«, setzte er an und rang die Hände in bekannter Manier, doch dann sorgte offensichtlich die Parteidisziplin dafür, daß er stillschweigend zuhörte, während der Staatsminister an den Verlauf der Straßen erinnerte.

»Sie sind in zehn Minuten wieder da!« rief er als Abschiedsgruß mit einem Anflug von Befehlston und stürzte sich von neuem aufs Telefon, das nach und nach die begehrten Auskünfte von sich gab.

Nach Ablauf von zwanzig Minuten war der Ministerialrat noch nicht zurückgekehrt. Der Staatsminister, der die letzten Minuten an den Schreibtisch getreten war und sich verbindlich verneigt hatte – offensichtlich übte er die Empfangszeremonie auf dem Flugplatz – unterbrach sich, schaute auf die Uhr und schrie los.

»Verdammt noch mal, jetzt wird’s aber höchste Zeit! Wo bleibt er nur?«

In dem Augenblick kam er.

Ich glaube, ich habe noch nie einen so wütenden Menschen gesehen.

Mit rotgeränderten Augen, gelbem Haar und grimmig stand er da auf der Schwelle und starrte uns an. Adern schwellten und schwollen und lagen wie blaue Seile kreuz und quer über dem Gesicht, und der untersetzte Körper zitterte wie eine schwer arbeitende Maschine.

»War mit dem Wagen etwas nicht in Ordnung?« fragte der Staatsminister.

»Dieser verdammte Idiot ...«, brach der Ministerialrat hervor. »Dieser verdammte Idiot! ... Was? Das Auto war nicht vorgefahren. Und nicht betankt ... Und die Scheiben« – hier versagte ihm die Stimme – »die Scheiben waren schmutzig, und er hat nur gegrinst ... Dieser verdammte, verfluchte Idiot ...«

Der Staatsminister klopfte ihm zur Beruhigung auf die Schulter, zwinkerte verständnisvoll zum Abschied und sagte in einem Ton, den man bei einem ungerecht behandelten Kind anschlägt: »Na los, jetzt fahren wir! Wir schaffen es noch, Sie werden’s schon sehen.«

5

Um neun Uhr am nächsten Morgen betrat ich den Bürotrakt der Villa.

Der Staatsminister war an Ort und Stelle, war aber nicht so unbekümmert wie sonst.

In den frühen Morgenstunden hatte man aus der Kanzlei angerufen. Die Besprechungen mit dem Gewerkschaftsführer über die Erhöhung der Verbrauchssteuer konnten nicht zu einem Ende gebracht werden, sondern befanden sich in einem äußerst heiklen Stadium. Herr Geijer war überaus aufgeregt und leicht reizbar, und der Bescheid war vom Ministerpräsidenten persönlich ergangen, daß sich der Staatsminister um jeden Preis am Tage fernzuhalten habe.

Ansonsten war die Autofahrt von Arlanda nach Stockholm mit dem japanischen Premierminister am Vorabend sehr anstrengend gewesen. Es stellte sich nämlich heraus, daß der Regierungschef nur seine eigene Muttersprache beherrschte und daß dem Außenministerium ein Irrtum unterlaufen war und einen vietnamesischen Dolmetscher geschickt hatte. »Die kommen immer von dort«, war ihre einzige Entschuldigung gewesen. Andere Mitarbeiter des Außenministeriums vor Ort konnten zusammengezählt elf interessante Sprachen, aber nicht Japanisch. Der Staatsminister war darum gezwungen, während der halbstündigen Fahrt mittels Gesten mit dem Gast zu kommunizieren. Nachdem man sich durch die zugelassenen Gesprächsthemen gestikuliert hatte, mußte er auf verbotene Gebiete zurückgreifen, und fast am Haga Schloß angekommen, hatte er bei der Erwähnung von Schwedens Haltung in der Vietnamfrage womöglich eine etwas überspitzte Beurteilung in Form einer heftigen Armbewegung gemacht, unmittelbar gefolgt und unterstrichen von einem Stoß mit dem Bein und hatte sich dabei eine Kontusion – oder eine Konstitution, wie der Staatsminister es nannte – am Knie zugezogen.

Eine dritte Klippe der Verärgerung war Staatssekretär Svanberg. Er war weder in seiner Wohnung noch in der Kanzlei, noch an einem anderen erdenklichen Ort. Er war ganz einfach verschwunden.

Und seine Gegenwart an diesem Vormittag war dringend erwünscht. Der Staatsminister hatte nämlich einem alten Versprechen zufolge eine Delegation des Stockholmer Vereins der Wirtschaftsleiterinnen zu empfangen, die dem Justizminister ihre Ansichten über die steigende Kriminalität und das zunehmende Rowdytum in der Hauptstadt vorzutragen wünschte, und Staatssekretär Svanberg war der einzige, der im Besitz der – vermutlich erlogenen und in jedem Fall frisierten – statistischen Angaben war, die die Argumente der Frauen widerlegen, ihren Protest zum Verstummen bringen und ihre Befürchtungen zerstreuen sollten.

Und jetzt war dieses Superhirn, dieser vortreffliche Dialektiker verschwunden, und die Frauendelegation, die im letzten Augenblick von der Staatskanzlei nach Spånga umdirigiert worden war, wurde in einer Viertelstunde erwartet.

Der Staatsminister saß auf dem Sofa und versuchte sich an Verbrechen zu erinnern, besonders an die mit sinkender Zahl, die in der letzten Zeit begangen wurden, während Frau Johansson per Telefon in derselben Frage Fakten aus besser unterrichteten Kreisen zusammentrug.

Der Staatsminister störte uns die ganze Zeit mit einfältigen Vorschlägen, allerlei Gerede und Unsinn.

»Wir setzen dich auf den Stuhl dort hinüber und stellen dich als Kanzleirat vor. Du siehst aus wie ein Beamter. Dich umgibt wirklich eine Aura von beruhigender Bürgerlichkeit. Und für dich wird es interessant sein, einmal zu sehen, wie es auf so einem Empfang zugeht. Aber das muß schnell über die Bühne gehen – wir haben um elf eine Sitzung. Ich setze mich hinter den Schreibtisch, das verleiht mir ein wenig Autorität, etwas mehr Autorität. Du mußt versuchen, die Sprecherin zu bezaubern, Frau Samuelsson heißt sie. Nimm ihre Hand, nein, das solltest du vielleicht lieber nicht tun, jedenfalls nicht die ganze Zeit, aber lächle sie an und sag, sie habe eine frische Gesichtsfarbe – ich habe sie gesehen, sie ist rot im Gesicht wie ein Stierkalb – und trägt Wirtschafterinnenkluft, ich nehme an, irgendeine gestreifte Tracht mit Borte und Schürze. Und ihr werdet sehen, Svanberg taucht auf, er kommt oft in letzter Sekunde. Wenn ich doch nur draufkäme, wo ich dieses wunderbare, spiegelverkehrte Diagramm habe, das beweist, daß die Kriminalitätsrate sukzessive sinkt ...«

Aber der Staatsminister hatte keine Zeit mehr, nach seinem Diagramm zu suchen, und Staatssekretär Svanberg hatte keine Zeit mehr, seinem Herrn beizuspringen, denn in just diesem Augenblick drängten sich schon die Frauen vor der Tür.

Frau Johansson eilte hinaus, um ordnend und helfend einzugreifen, der Staatsminister plazierte mich auf dem erkorenen Stuhl und nahm selbst eine würdevolle Haltung hinter dem Schreibtisch ein, die eine Hand lässig auf dessen Platte gestützt.

Und dann trabten die Frauen herein. Es waren nicht so entsetzlich viele, vielleicht drei Wagenladungen, und sie trugen Zivil, und ihnen fehlten die äußeren Attribute einer Hauswirtschafterin, abgesehen von einer gewissen gemeinsamen Tendenz zur Körperfülle. Vor allem die Lehrerin, Frau Samuelsson, war ein kräftiges Frauenzimmer. Und ein wütendes. Das graue Kostüm schien kurz davor, durch eine gefährliche Kombination aus innerem Leidensdruck und kräftiger Leibesfülle aus den Nähten zu platzen. Mit einer Handbewegung formierte sie ihre Hilfshauswirtschafterinnen zu einem bedrohlichen Halbkreis um den Staatsminister, der sich bereits etwas mehr auf den Schreibtisch stützte. Frau Samuelsson fixierte ihn mit einem Blick, wie ihn eine ältere, disziplinierte Volksschullehrerin gegen den Raufbold der Klasse einsetzt, und rief: »Herr Staatsminister!« und legte los.

Es war wahrhaft herzerfrischend. Die Regierung im allgemeinen und der Staatsminister im besonderen bekamen ihr Fett weg. Nach einem einleitenden, bissigen Resümee über die Preisentwicklung war Frau Samuelsson schnell zu ihrem Thema des Tages gekommen. Die Verrohung und der moralische Verfall in Stockholm wurde in grellen Farben ausgemalt. Sie beschrieb, wie Frauen und alte Menschen es aus Angst vor Gewalttätern nicht mehr wagten, ihre Wohnungen zu verlassen. Sie erklärte, sie sei selbst mehrmals von verlotterten Mannsbildern belästigt worden – eine Behauptung, der man meiner Ansicht nach kaum Glauben schenken durfte. Sie berichtete mit erstaunlicher Sachkenntnis und abstoßendem Realismus über die abscheulichen Morde in der Hauptstadt innerhalb der letzten fünf Jahre und schloß – nach einer Anhebung ihrer Oberweite, die nicht von dieser Welt war – mit der Forderung nach sofortigen und durchgreifenden Maßnahmen gegen »Raufbolde, Radaubrüder und kriminelle Subjekte« samt eines Appells an den Staatsminister, »ein Birger Jarl zu werden, der von neuem den Frauenfrieden in der Hauptstadt verteidigt».

Birger Jarl, der über dem Schreibtisch zusammengesunken war, stellte sich auf die Hinterbeine und begann das Gegenfeuer zu eröffnen. Er sprach von unserer im Grunde so gesunden Jugend, über die ständig steigenden Ressourcen, die die Regierung und der Reichstag der Ordnungsmacht zur Verfügung stelle, er sprach von Polizeihunden, Polizeipferden und davon, wie er persönlich mit unermüdlicher Aufmerksamkeit die Entwicklung verfolge.

An dieser Stelle schnaubte Frau Samuelsson kräftig, doch der Staatsminister holte abermals aus und erklärte, die neueste Statistik belege, daß die Schwerkriminalität rapide abgenommen hätte. »Ich könnte Ihnen Zahlen zeigen ...«, sagte er.

»Tun Sie das!« antwortete Frau Samulesson.

»Ich könnte Ihnen Zahlen zeigen«, wiederholte der Staatsminister, »aber leider ist mein Diagramm im Moment ... ich weiß nicht, wo ...« – er suchte nach den richtigen Worten, und er fand sie: »Sie stehen mir im Moment nicht zur Verfügung.«

»Unordnung scheint sich von den Straßen ins Justizministerium ausgebreitet zu haben«, entgegnete Frau Samuelsson und lächelte grimmig. »Und warum verstecken Sie sich hier draußen in Spånga, in einem ruhigen Villenvorort? Traut sich nicht mal mehr die Regierung, in der Innenstadt zu arbeiten?«

Hier setzte der Staatsminister alles auf eine Karte.

»Hauswirtschafterinnen!« rief er. »Ich versichere Ihnen, ich gebe Ihnen mein Wort als Politiker ... ähäm. Ich gebe Ihnen mein Wort darauf, die Regierung hat die Lage unter Kontrolle. Wenn ich doch nur wüßte, wo ... Jetzt weiß ich es wieder! Jetzt fällt mir ein, wo das Diagramm ist, das beweist, daß eine Wendung zum Besseren stattgefunden hat!«

Er nahm Anlauf, durchbrach den Halbkreis der Hauswirtschafterinnen und stürmte auf einen der gewaltigen Eichenschränke an der Längswand zu.

»Hier«, rief er triumphierend, »hier ist der Beweis dafür, daß die Schwerkriminalität gerade jetzt rapide abnimmt! Der Beweis dafür, daß sich alle Mitbürger auf Stockholms Straßen ihres Leibes und Lebens genauso sicher sein können wie in diesem Zimmer!«

Und dann löste er einen Riegel und schlug die Schranktür auf.

Wir hatten Staatssekretär Svanberg unrecht getan.

Er mußte lange vor uns allen zur Stelle gewesen sein.

Er lag in Inneren des Schranks. Nein, vielleicht saß er mehr dort, zusammengekauert wie ein Embryo im Mutterleib. Der Kopf war auf die Seite gefallen, und die gebrochenen Augen schauten uns an.

Wir hatten uns alle zum Schrank umgedreht und mußten ihn alle im selben Augenblick entdeckt haben.

Ich entsinne mich der Stille, und ich entsinne mich der Schreie, der gellenden, hysterischen Schreie ...

6

Es war abermals Vormittag.

Den ganzen Abend und die ganze Nacht hatte die Polizei in der Villa gearbeitet. Mit all ihren Männern und all ihren Apparaturen hatten sie Verhöre durchgeführt, Untersuchungen angestellt, Vermessungen vorgenommen, und erst im Morgengrauen waren sie fertig geworden.

Wir hätten wohl im Arbeitszimmer sitzen bleiben können, aber aus irgendeinem Grunde war es nicht zur Sprache gebracht worden. Darum saßen wir in der Bibliothek, dem einzigen ruhigen Privatraum im Haus. Der Staatsminister blätterte zerstreut in dem vorläufigen Polizeibericht, das Ergebnis der Mühsal des Tages und der Nacht.

»Es war doch etwas ärgerlich«, murmelte er. »Ich meine, er war doch immerhin mein engster Mitarbeiter. Und in meinem Schrank ... Erwürgt und das alles.«

Ich dachte bei mir, man mußte hohe Ansprüche haben, um das Geschehene als »etwas ärgerlich« beschreiben zu können. »Skandalös und erschütternd« waren die Worte, die ich in der Situation passender fand. Doch seine Reaktion wunderte mich trotzdem nicht. Der Staatsminister hatte schließlich seinen Staatssekretär noch nie leiden können, er hatte ihn zusammen mit dem Amt geerbt, und er hatte zuletzt am Vortag seinen Willen kundgetan, daß er ihn loszuwerden gedachte, auf die eine oder andere Art und Weise. Und was Ereignisse und Situationen – die peinlichen oder die anderen – anbelangt, so hatte er nie sichere Urteilskraft besessen. Seine Naivität ist in solchen Fällen jener grandiosen Art, wie man sie sonst nur bei Kindern und anderen glücklich unterentwikkelten Individuen findet. Daran, daß der Todesfall ihn selbst in einem seltsamen Licht erscheinen lassen könnte, schien er folglich nicht auch nur einen zerstreuten Gedanken verschwendet zu haben. Recht häufig hat mich die dunkle Ahnung beschlichen, der Staatsminister sei als Staatsminister ungeeignet. Bisweilen frage ich mich, ob er als Mensch richtig geeignet ist.

Und jetzt blätterte er im Polizeibericht. Der Leiter der Ermittlungen war sehr kooperativ gewesen und hatte ihm die Unterlagen anstandslos zur Verfügung gestellt. Inwieweit es sich darauf zurückzuführen ließ, daß der Staatsminister sein höchster Chef war oder auf dessen Meriten bei anderen Mordfällen oder einfach nur auf die Tatsache, daß er, der Leiter der Ermittlungen, sich auf den vakanten Posten des Polizeipräsidenten von Stockholm beworben hatte, wage ich nicht eindeutig zu beurteilen.

Kurz und gut, der Staatsminister hatte den Bericht bekommen. Und jetzt schüttelte er schnell das Gefühl ab, es sei etwas Ärgerliches geschehen, und ging zu den Fakten über.

»Die Polizei hat sich natürlich auf das Arbeitszimmer konzentriert«, berichtete er. »Oder genauer gesagt auf die Arbeitszimmer, sie bilden ja eine Abteilung mit eigener Haustür zum Garten und nur einer Tür zum Privatbereich des Hauses. Die Fenster sind geschlossen und ordentlich verriegelt gewesen und sind nicht beschädigt worden. Der Glasermeister hatte die neue Scheibe vorrätig und kurz nach dem Abendessen eingesetzt, und der Kitt war trocken, als ich nach Arlanda fuhr, so daß wir mit irgendeiner Art von Hokuspokus nicht rechnen können. Svanberg und sein Mörder müssen also durch die Tür zum Garten oder zum Wohnzimmer in mein Arbeitszimmer gekommen sein. Wann? Ja, wann stand das Arbeitzimmer leer? Zuerst sollte ich vielleicht sagen, der Gerichtsmediziner ist der Ansicht, er sei irgendwann zwischen halb elf und halb eins am Donnerstag abend gestorben, heute haben wir Samstag. In der Zeitspanne muß er auch in den Schrank verfrachtet worden sein, sagt der Doktor. Ich nehme an, er kann das anhand der Stellung der Gliedmaßen, der Leichenstarre und dergleichen feststellen. Nach dem Abendessen vorgestern hier – wir waren gegen halb sieben Uhr fertig – zog doch Svanberg seiner Wege, während Frau Johansson, Ministerialrat Dååbh und Konsul Karling noch mit uns im Wohnzimmer sitzen blieben und Kaffee tranken. Um sieben Uhr ging Karling, eine Viertelstunde später Frau Johansson und zur gleichen Zeit zogen Dååbh und ich uns zurück in mein Arbeitszimmer, wo wir bis kurz vor halb elf arbeiteten, als du hereinkamst und ich Dååbh zur Tankstelle schicken mußte, um den Wagen zu holen. Zwanzig Minuten später war er zurück, dann fuhren wir in die Staatskanzlei und von dort begab ich mich weiter nach Arlanda.«

Der Staatsminister faßte sich vorsichtig ans Knie.

»Ich kehrte kurz vor halb eins hierher zurück und ging ins Arbeitszimmer, lüftete und sammelte eine ganze Weile Unterlagen zusammen. Also: Das Zimmer war nur während meines Ausfluges nach Arlanda leer, zwischen zehn vor elf und zwanzig Minuten nach zwölf. In der Zeit mußte Svanberg ins Zimmer gekommen, ermordet und im Schrank versteckt worden sein. Das stimmt hervorragend mit den Angaben des Gerichtsmediziners überein, daß er irgendwann im Laufe der zweistündigen Zeitspanne zwischen halb elf und halb eins getötet und in den Schrank verfrachtet worden sein mußte.«

»Er mußte also schon da drinnen gelegen haben, als du zwischen halb eins und eins gelüftet und deine Unterlagen zusammengesammelt hast?«

»Natürlich«, antwortete der Staatsminister mit animalischer Unberührtheit.

»Und die Arbeitszimmer waren abgeschlossen, solange du fort warst?«

»Ja. Ich ließ hinter mir die Tür ins Schloß fallen, als ich mit Dååbh losfuhr, ich rüttelte sicherheitshalber noch mal dran, erinnere ich mich. Und du hast ja ausgesagt, du hättest es mit der Tür zum Privatbereich genauso gemacht, als du nach unserer Abfahrt dorthin zurückgingst, nachdem wir abgefahren waren. Als ich vom Flugplatz zurück war, waren beide Türen nach wie vor abgeschlossen. Und der Polizei zufolge hat niemand an den Schlössern herumgefummelt. Sie sind übrigens einbruchsicher, von der Sicherheitspolizei genehmigt und installiert. Wir haben schließlich eine Menge geheimer Unterlagen da drinnen. Folgerung?«

»Wer hat einen Schlüssel? Der Mörder ist unter den Schlüsselbesitzern.«

»Für die Tür zum Wohnzimmer haben nur Margareta und ich einen Schlüssel. Für die Außentür zum Arbeitszimmer, außer mir selbst und Margareta: Justizchef Rydlander, Frau Johansson und Ministerialrat Dååbh – er hatte seinen übrigens am selben Morgen bekommen, er war schließlich zum ersten Mal hier draußen.«

»Du hast Staatssekretär Svanberg vergessen.«

»Nein, er hatte keinen Schlüssel. Ja, das heißt, er hatte mal einen. Aber am Mittwoch hat er ihn in meinem Gartenteich verloren, und er kam nicht mehr dazu, sich gegen Quittung einen neuen bei der Sicherheitspolizei abzuholen. Ich stand selbst daneben und sah, wie der Schlüssel absoff, und gestern ließ die Polizei das Wasser ab und fischte ihn aus dem Sand.«

Ich kam mir langsam wie in einem Agentenroman vor.

»Aber wie konnte er dann am Mordabend hier hereinkommen?« wunderte ich mich, als ich mich von dem Schrekken erholt hatte.

Der Staatsminister sah zustimmend aus, als erachte er die Frage als passend und intelligent.

»Er muß mit einer Person hierher gekommen sein, die ihnen beiden aufschloß. Oder aber er kam als letzter und wurde von jemandem hereingelassen, der dort drinnen wartete. In dem Fall muß der Mörder unter den Besitzern eines Schlüssels zu dem Raum zu finden sein.«

»Du, zum Beispiel.«

»Ich?«

Der Staatsminister klang empört.

»Ja, du hast doch vorgestern gesagt, du willst deinen Staatssekretär loswerden, auf die eine oder andere Art und Weise. So oder so. Na, ich glaube an deine Unschuld. Es wäre raffinierter gewesen, ihn zum Regierungspräsidenten zu machen. Kein Blut – kein Märtyrer. Wie wurde nach Ansicht des Gerichtsmediziners eigentlich der Mord verübt?«

»Er wurde mit bloßen Händen erwürgt.«

»Dann muß es wohl ein Mann gewesen sein, oder?«

»Ganz und gar nicht. Svanberg war doch klein und schmächtig, wog nur 51 Kilo, entnehme ich dem Bericht. Wie zum Teufel wiegt man eigentlich eine Leiche? Ein robustes oder wütendes Frauenzimmer wäre ihm sicher gewachsen gewesen. Außerdem war er aller Wahrscheinlichkeit nach bewußtlos oder jedenfalls umnebelt, als er erwürgt wurde. Der Arzt hat nämlich eine Platzwunde am Hinterkopf gefunden. Der Mörder kann ihm also einen Schlag versetzt, daß er umfällt, und ihn dann erwürgt haben.«

»Ist das nicht ein bißchen unpraktisch? Warum nicht gleich richtig zuschlagen und die Sache in einem Aufwasch erledigen?«

»Tja, er – oder sie – hatte vielleicht keine Waffe, die schwer genug war. Oder aber der Schlag fiel nicht so aus, wie beabsichtigt. Oder aber es bestand keine Tötungsabsicht – der Impuls regte sich vielleicht erst, als er da auf dem Teppich lag. Oder aber alles spielte sich ganz anders ab. Es scheint jedenfalls festzustehen, daß er auf dem Teppich lag, als er erwürgt wurde. Im Haar auf dem Hinterkopf hat man nämlich Textilfasern von der Auslegeware im Arbeitszimmer gefunden. Und in der Mundhöhle und der Luftröhre waren weitere Textilstaubreste, leider nicht genug, um eine nähere Bestimmung zuzulassen. Er muß den Staub mit seinen letzten Atemzügen eingeatmet haben, als er auf dem Teppich lag und die Hände des Mörders sich seinem Hals näherten ... die Zimmer sind ja gut gegen den Rest des Hauses isoliert, so daß es nicht verwunderlich ist, daß bis dorthin kein Laut gedrungen ist. Ich höre nicht ein bißchen, wenn ich dort arbeite und die Kinder im Wohnzimmer nebenan alles auf den Kopf stellen. Alle waren übrigens um halb elf hinauf und zu Bett gegangen, du warst der letzte Mann hier unten in der Etage. Margareta hat erzählt, ihr sei gestern morgen beim Putzen der Arbeitszimmer – sie macht es immer selbst, wenn ich ein paar Unterlagen herumliegen haben sollte – aufgefallen, daß die Stühle neben der Tür zum Flur nicht mehr genau dort standen, wo sie sonst immer stehen. Wahrscheinlich waren sie umgefallen, als der Mörder sein Opfer niederschlug, und danach wieder aufgestellt wurden, aber nicht an exakt derselben Stelle. Ansonsten ist ihr nichts Besonderes aufgefallen. Allerdings wischte sie natürlich nicht im Schrank Staub. Aber den Teppich saugte sie gründlich ab – es wird doch immer viel Erde und Dreck hereingetragen, wenn die Leute direkt vom Garten ins Haus laufen. Svanberg hatte übrigens etwas Erde und Kies unter den Schuhen und am Hosenaufschlag, sehe ich. Und Grasflecke an den Absätzen. Klingt, als habe er sich hier im Gelände bewegt ... Was die Fingerabdrücke angeht, gibt es weder welche an der Tür noch am Schrank, noch an den Stühlen, abgesehen von solchen, die dort in Verbindung mit der Aufwartung der Hauswirtschafterinnen hinterlassen wurden. Aber es muß massenhaft andere gegeben haben. Folgerung?«

»Der Mörder hat sie nach der Tat abgewischt?«

»Genau. Und das gibt uns vielleicht das Recht zu einer weiteren Folgerung: Er ist nicht mit der Absicht zu töten gekommen. Wäre die Tat geplant gewesen, wäre er mit den Händen wohl vorsichtiger gewesen und hätte jedenfalls nach dem Mord Handschuhe getragen, als er die Stühle aufstellte und den Leichnam in den Schrank verfrachtete. Und dann hätte er hinterher auch nicht mit dem Taschentuch durchs Zimmer gehen müssen.«

»Irgendwelche Spuren im Garten?«

»Nein. Der Weg hier vorne entlang ist ja asphaltiert, und alles andere ist nicht spurenfreundlich. Und von der Gartenpforte bis zur Außentreppe ist alles mit Kalksteinplatten ausgelegt. Aber da ist ja noch der Kratzer ...«

»Der Kratzer?« wiederholte ich nach ermunternder Art der Lehrer, sogar bei vagen Anzeichen geistiger Aktivität Interesse zu bekunden.

»Ein dicker, ganz frischer Kratzer quer über das Türschloß zum Garten. Am Tag war er noch nicht da, dann wäre er mir aufgefallen. Der Mörder muß ihn beim Aufschließen gemacht haben.«

»Aber er dürfte sich doch sowohl mit der Tür wie mit dem Schloß ausgekannt haben, oder?«

»Ja, das ist ja das Seltsame. Und die Außenbeleuchtung brannte den ganzen Abend. Es ist übrigens kein normaler Stocherkratzer, er muß wohl mit dem Schlüssel fast gegen die Tür gefallen sein oder ihn mit ungeheurer Wucht über das Schloß gezogen haben. Vielleicht war er betrunken. Oder nur nervös ...«

»Und kein Mensch hat jemanden auf der Straße oder dem Gartenweg beobachtet?«

»Anscheinend nicht. Die Straße vor unserem Haus ist nur wenig befahren, vor allem spät abends. Es kommen vielleicht ein Auto oder ein Fußgänger in der Viertelstunde vorbei. Und die Gärten sind dichtbelaubt. Aber wenigstens vom ersten Stock der Villa gegenüber muß man im Grunde den ganzen Kalksteinweg und die Außentreppe überblicken können. Und beide waren beleuchtet. Egal, die Polizei hat bestimmt noch nicht ihre Verhöre beendet ... Aber ich vergesse ja ganz zu erzählen, was der Gerichtsmediziner als wirklich interessant bezeichnet!«

»Aha«, sagte ich zögernd. Was Gerichtsmediziner nach der Leichenschau als wirklich interessant bezeichnen, kann meiner Erfahrung nach zwar interessant, aber auch sehr unappetitlich sein.

»Er sagt, Svanberg müsse die letzten Tage seines Lebens dreimal mißhandelt worden sein. Fragte, ob er als Sparringspartner für einen Boxer seinen Dienst versah. Er hatte nämlich drei große Blutergüsse im Gesicht, alle in unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Den letzten muß er sich eine oder eine halbe Stunde vor seinem Tod zugezogen haben.«

Jetzt war mein Interesse geweckt. Auf diesem Gebiet hielt ich mich beinahe für so etwas wie eine Autorität.

»Die erste Ohrfeige wurde ihm von Frau Johansson verpaßt, als sie vom Kanapee im Arbeitszimmer aufgestanden ist, und da waren wir beide Zeugen. Nummer zwei handelte er sich etwas später im Garten vor meinem Fenster ein. Wer dafür verantwortlich war, habe ich natürlich nicht gesehen, aber es war ein ordentlicher Schlag, der ihn in die Knie gezwungen hatte. Über den dritten und letzten blauen Fleck kann ich keine Angaben machen. Das kann wohl nur der Mörder selbst.«

»Du meinst, der Mörder und Svanberg seien spät abends hierher gekommen, hätten sich unterhalten, und dann hätte der Mörder ihm einen Faustschlag ins Gesicht verpaßt, sich anschließend eine halbe Stunde weiter unterhalten und ihn dann erwürgt? Oder haben sich die beiden eine halbe Stunde lang geprügelt, ehe der Mörder auf die Idee gekommen ist, ihn zu erwürgen?«

Ich antwortete, daß ich in diesem Punkt keine eindeutige Meinung zu vertreten wagte.

»Egal«, sagte der Staatsminister, »aber warum hat der Mörder die Leiche in den Schrank verfrachtet? Warum diese zusätzliche, widerliche Arbeit, die große Mühe gekostet haben muß, auch wenn der Körper ungewöhnlich leicht war, als Körper betrachtet. Eine Panikreaktion?«

»Ich finde, das Ganze ist ziemlich klug eingefädelt und war bestimmt die zusätzliche Mühe wert. So wurde doch die Entdeckung des Verbrechens um fast einen Tag hinausgezögert. Wenn er die Leiche auf dem Boden hätte liegen lassen, dann wärst auch du nicht umhingekommen, sie bei deiner Rückkehr von Arlanda im Zimmer zu entdecken. Auf alle Fälle wärst du drüber gestolpert.«

»Ein anderer bemerkenswerter Umstand«, fuhr der Staatsminister unberührt fort, »ist, daß dem Toten der Mantel fehlte, als er im Schrank aufgefunden wurde, ebenso der Wollschal. Donnerstag abend war es schließlich kühl, nur drei Grad um elf Uhr, und als er nach dem Abendessen von hier aufbrach, hatte er eine Baskenmütze auf und seinen ledernen Halbmantel an. Was sagst du dazu?«

Ich sagte, meiner Ansicht nach klinge es schrecklich, mit Blick auf seine Stellung als hoher Beamter. Der Staatsminister jedoch entgegnete, er wolle kein Urteil über den Kleidergeschmack des Verstorbenen, sondern einen Kommentar über die Tatsache, daß dieser offenbar spät abends ohne Mantel und Kopfbedeckung zur Villa zurückgekehrt war.

»Er kam wahrscheinlich im Auto. Wo hatte er übrigens den Abend gesteckt, ehe er herkam und starb?«

»Tja, das ist das zweite Rätsel. Die Polizei weiß es nicht. Ich entsinne mich, daß ich ihn zum Hauptausgang hinausließ und beobachtete, wie er durch die Gartenpforte ging und nach rechts hinter der Hecke verschwand. Da war es halb sieben. Nach dem Glockenschlag scheint er wie vom Erdboden verschluckt zu sein. Kein Mensch hat ihn gesehen. Seine Frau sagt, er sei nicht zu Hause gewesen. Er hat kein Auto, nicht einmal einen Führerschein. Und kein Taxifahrer hat ihn chauffiert. Aber wir haben gerade von Mütze und Mantel gesprochen. Warum hatte er sie nicht mehr?«

»Er hatte sie vielleicht noch, als er hier ankam – im Auto oder zu Fuß. Aber der Mörder nahm Mantel und Baskenmütze mit, als er sich aus dem Staub machte. Frag mich aber bloß nicht, warum ...«

7

Das Telefon hatte wie ein wütendes Vogeljunges geschrien, und der Staatsminister stürzte sich auf den Apparat und stopfte den Hörer mit kleinen, unbestimmbaren Lauten, die danach in artikulierte Worte übergingen.

»Was, du bist hier? Und die auch! Ja, ich komme, ach nein, komm du lieber hoch! ... – Fleißige Gauner«, murmelte er und befreite sich von Hörer und Schnur. »Sie waren hier und legten heute morgen mit der Arbeit los, nachdem die Polizei ihr Okay gegeben hatte. Rydlander, Dååbh und Anita Johansson. Sie hat Svanbergs Schreibtisch gesichtet und ist mit einigen eiligen Unterlagen auf dem Weg. Ob ich die Gelegenheit nutzen und sie fragen sollte, was sie vorgestern abend gemacht hat und so weiter? Sie gehört zu den Personen, die einen Schlüssel zu diesem Zimmer haben ...«

Ich antwortete, mir fiele es schwer, mir eine Frau als Würger vorzustellen, aber der Staatsminister entgegnete, ich sei noch immer fest im alten Rollendenken verhaftet und forderte mich auf, mir die Ohrfeige ins Gedächtnis zu rufen, die sie zweifellos mit Kraft ausgeteilt hatte, und nötigte mich, ihrem federnden Gang und ihrer allgemeinen Geschmeidigkeit Aufmerksamkeit zu schenken.

»Würde mich nicht wundern, wenn sie abends Judo trainiert«, sagte er, und dann stand Frau Johansson in der Tür.

Das feuerrote Kleid war durch ein schwarzes ersetzt worden, eine stumme, aber gut sitzende Erinnerung an das Ableben des Staatssekretärs und Vorgesetzten. Die dunklen Augen, das schwarze Haar und die kinnlangen, gerade geschnittenen Seitenarrangements (meine Güte, dachte ich nach Alt-Männer-Art echauffiert bei mir, sie muß eine Perükke tragen, beim letzten Mal hatte sie noch rote Haare!) vollendeten ein Gebilde, das rein farblich hoch gesteckte Ansprüche an einen Trauerfall erfüllte. Doch kein Künstler, der den Namen zu Recht trug, hätte sie unter seinem Pinsel wieder erstehen lassen können, ohne die nahezu wollüstige Lebenskraft einzufangen und zu vermitteln, die die sympathische Gestalt ausstrahlte, und die temperamentvolle Energie, die jeden Zug in dem braungebrannten Gesicht prägte.

Ich sah, wie sie auf uns zukam, und ich erinnerte mich, wie sie sich wutentbrannt vom Kanapee erhoben hatte, und war mit einem Mal überzeugt, daß sie, sollte Bedarf bestanden haben, in der Lage gewesen wäre, ihren totenschädelgleichen Chef in den Schrank zu bugsieren.

Der Staatsminister erhob sich und begann, vage und unzusammenhängende Kondolenzen abzusondern aus Anlaß dessen, was er zunächst als »diesen unangenehmen Vorfall« bezeichnete, es aber geschwind in »dieses tragische Ereignis« verbesserte, und die hinterbliebene Assistentin antwortete, indem sie – ganz und gar ohne Anzeichen eines Zusammenbruchs – den Verstorbenen als Chef und Mensch würdigte.

Nachdem der Choralgesang verklungen war, breitete sie den mitgebrachten Stapel an Unterlagen vor dem Staatssekretär aus und zeigte mit kurzen Schreibmaschinennägeln auf unterstrichene Linien und gewichtige Passagen, sprach außerdem langsam und deutlich und einen Anflug von Ungeduld übergehend, als sei der Staatsminister ein seltsames Zwitterwesen zwischen Kind und Diktaphon.

Sie saß die linke Seite mir zugewandt, und das Licht vom Fenster fiel auf sie. Ihr Anblick war sehr schön, und der Versuch war vollkommen vergeblich, es nicht genießen zu wollen.

Nach einer Weile entdeckte ich den blauen Fleck. Er war gleich unter dem Auge und schimmerte leicht, ganz leicht durch die Schicht brauner, erstarrter Creme ...

Sie war aufgestanden und schob die Papiere zu einem ordentlichen Bündel zusammen.

»Der Bericht über die Neuetabelierungskontrolle im Bergbau ist verschwunden.«

»Neuetabelierungskontrolle ...?« blökte der Staatsminister.

»Ja, Herr Svanberg war doch seit seiner Zeit im Industrieministerium Vorsitzender der Kommission. Die erste Korrektur des Berichts war am Donnerstag vormittag fertig, und er ließ sich ein Exemplar kommen, das er in die Aktentasche steckte. Aber das Schriftstück ist verschwunden.«

»Verschwunden?« wiederholte der Staatsminister.

»Er hatte es dabei, als er nach dem Abendessen hier aus dem Haus ging, und seitdem habe zumindest ich weder das korrigierte Exemplar noch den Bericht gesehen.«

Der Staatsminister starrte sie an.

»Wie ... seit wann haben Sie den blauen Fleck da?«

»Seit neulich abend. Ich bin gegen eine Tür gelaufen.«

Sie lachte. Ein sehr angenehmes Lachen.

»Was ... ähäm ... was haben Sie übrigens Donnerstag abend gemacht?« fragte der Staatsminister und versuchte ein unbeschwertes Gesicht zu machen.

Jetzt war sie ernst.

»Wenn Sie glauben, ich hätte Svante Svanberg erwürgt, dann fürchte ich, muß ich Sie enttäuschen. Ich gab ihm am Nachmittag im Arbeitszimmer eine Ohrfeige, das ist wahr, aber damit waren wir quitt. Ich war bis Viertel nach sieben hier, danke für das Abendessen übrigens, und dann ging ich nach Hause.«

»Ging?«

»Ja, ich wohne doch quer über die Straße.«

Der Staatsminister schaute verständnislos drein, eine Gabe, für die er ein angeborenes Talent besitzt.

»Aber da wohnt doch dieser alte, dicke Direktor. Wie heißt er doch noch gleich ...?«

»Johansson«, sagte die Assistentin hilfsbereit. »Ich bin mit ihm verheiratet. Anita Johansson. Und ich habe kein Alibi, denn ich war den ganzen Abend allein zu Hause. Mein Mann, der wirklich viel zu dick ist, war bis spät abends im Büro, und so tief in den direktorialen Überfluß bin ich noch nicht versunken, daß ich mir Personal hielte. Bis bald!«

»Oh, verflucht noch einmal«, sagte der Staatsminister. »Glaubst du, sie hat es mir übel genommen? Ich meine das mit ihrem dicken Direktor?«

Ich antwortete, daß sie solche Reaktionen wahrscheinlich gewohnt sei.

Der Staatsminister, der jetzt offensichtlich Blut geleckt hatte, erklärte, er wolle auch ein wenig mit Ministerialrat Dååbh »plaudern« und rief unten im Arbeitszimmer an. Während wir auf den Steuermann warteten, blätterte der Staatsminister im Polizeibericht.

»Er scheint ein Alibi zu haben, der Halunke. Nach dem Abendessen hier und dem Kaffee arbeiteten er und ich bis halb elf in meinem Arbeitszimmer, dann kamst du, und ich schickte ihn wegen der Staatskarosse zur Tankstelle. Nach zwanzig Minuten war er zurück, und anschließend fuhren wir in die Staatskanzlei. Ich ging hinauf, um einige Unterlagen zu holen, und ließ ihn im Konferenzsaal der Finanzbehörde zurück. Dort arbeitete er dann mit Sträng und fünf Steuermenschen bis vier Uhr morgens eine Regierungsvorlage aus. Arme Teufel, was muß das für eine Nacht gewesen sein! Dååbh war ja schon wütend, als wir losfuhren. Egal, es scheint einer von den normalen, gemütlichen vollen Abenden gewesen zu sein. Die einzige Abwechslung, die geboten wurde, waren die Liegestützen von Sträng und alle drei Stunden kurze Besuche auf der Toilette. Erklär mir mal, wie er da Svanberg erschlagen und im Schrank versteckt haben soll? Aber«, fügte er voller Hoffnung hinzu, »du wirst schon sehen, daß es in ihren Konferenzsälen dunkel und verraucht wurde und er sich gegen halb zwölf unbemerkt hinausschlich und einen Wagen auslieh. Zwanzig Minuten hierher, zwanzig Minuten zurück und fünf fürs Erwürgen, das macht eine dreiviertel ... Da kommt er!«

Diesmal brauchte man unter Schichten von verdeckender Creme weder zu suchen noch zu fahnden, um den blauen Fleck zu finden. Man sah ihn auf den ersten Blick. Er prangte dort mitten in dem breiten Gesicht, ungefähr auf halber Strecke zwischen dem gelben, kurzgeschnittenen Haar und der Stelle, wo der Hals der gewohnten Reihenfolge der Natur nach hätte anfangen müssen.

Der Staatsminister starrte wie eine hypnotisierte Schlange auf den Bluterguß, während der Ministerialrat uns informierte, wie weit im Finanzministerium die Prüfung der Regierungsvorlage zum erweiterten Rechtsbeistand vorangeschritten war. Als er fertig war und zu verstehen gegeben hatte, daß er bereit sei, Fragen über eventuell ausstehende dunkle Punkte zu beantworten, wollte der Staatsminister wissen, wie er zu dem blauen Fleck gekommen sei.

Ministerialrat Dååbh gab die recht knappe Antwort, daß er im Verlauf des Donnerstagabends in der Kanzlei gegen eine Tür gelaufen sei.

Der Staatsminister und Verhörleiter stellte klugerweise die Angabe des scheunentorbreiten Mannes nicht in Frage, sondern tastete sich in anderer Richtung vor.

»Schrecklich traurig, das mit Svanberg ...«

»Traurig?!« unterbrach ihn der Ministerialrat.

»Und wer kann Ihrer Meinung nach ...«

»Jeder.«

Der Staatsminister bedankte sich für den Besuch.

»Warum waren die beiden eigentlich zerstritten?« fragte ich in die Stille, nachdem die Tür mit Wucht geschlossen worden war. »Das kann wohl nicht nur an Svanbergs Aktienbesitz, seinem Zynismus über die Bewegung und an seinem reizbaren Naturell gelegen haben?«

»Nein, der Ursprung ist alter, verläßlicher Groll. Svanberg war ihm schon lange auf der Karriereleiter im Weg. Den Posten des Staatssekretärs zum Beispiel hatte sich Dååbh bestimmt schon für sich ausgerechnet. In einigen Fällen soll er davon gesprochen haben, daß er ›mit ihm abrechnen‹ wolle. Und du hast doch selbst gesehen, in welcher Verfassung er am Donnerstag nachmittag in den Garten gestürmt kam, nachdem Svanberg ihn gereizt hatte.«

»Sperr ihn ein«, schlug ich vor. »Ein Kerl kann nicht, darf nicht rumlaufen, so aussehen und sich so benehmen wie ein Mörder, ohne einer zu sein. Die Natur bringt nichts blindlings hervor. Und für einen Mann, der Steuertabellen mit neunzigprozentiger Anhebung erstellen kann, muß sich ein Erdrosselungsmord ziemlich harmlos ausnehmen.«

»Aber er hat doch ein Alibi! Sträng und fünf von seinen Jungs aus dem Finanzministerium schwören, daß er nie den Saal verlassen ...«

»Pfeif drauf! Ich habe Sträng noch nie über den Weg getraut. Mach Dååbh dingfest, solange es noch Zeit ist!«

Der Staatsminister blätterte.

»Er ist fünfundvierzig und seit fünf Jahren Witwer.«

»Verhafte ihn. Außerdem fehlt ihm ein Alibi für zwanzig Minuten in der entscheidenden Zeitspanne. Um halb elf hast du ihn losgeschickt, um das Auto zu holen, und er war erst zehn Minuten vor elf wieder zurück. Zwanzig Minuten sind nicht viel, meinst du vielleicht. Aber ich habe Kriminalromane gelesen und weiß, daß Menschen die abscheulichsten Morde innerhalb von zwanzig Minuten begehen können. Sagen wir, Dååbh geriet mit seinem alten Rivalen Svanberg in der VIP-Lounge der Tankstelle aneinander, die haben bestimmt eine mit Teppich, der erklärt, woher die Textilfasern in seinem Mund und auf seinem Kopf kommen. Die Fasern auf dem Kopf stammen den Experten zufolge wahrscheinlich vom Teppich in deinem Arbeitszimmer, aber auch Experten können sich mal irren. Egal, Dååbh bringt ihn mit einem Schlag auf den Kopf zum Schweigen und erwürgt ihn. Anschließend verfrachtet er ihn hierher, und ehe er das Arbeitszimmer betritt, wo wir warten, schnürt er sich die Leiche mit einem Riemen auf den Rücken. Svanberg ist schmächtig, und Dååbh breit und weil er geschickt vermeidet, uns den Rücken zuzuwenden, bekommen wir nie zu sehen, was er da trägt. Langsam geht er im Rückwärtsgang zum Schrank – ungefähr so wie ein Nobelpreisträger, der sich vom König entfernt, nachdem er seine Auszeichnung in Empfang genommen hat – und als unsere Aufmerksamkeit einen Augenblick lang nachläßt, öffnet er die Schranktür und schwupps! gleitet die Leiche hinein. Das Zimmer war noch dazu voller Tabakrauch, und bei schlechter Sicht kann alles Mögliche passieren. Denk nur mal an den nebeligen Morgen in der Schlacht bei Lützen, wo Gustav II. Adolf 1632 starb! Wir drei waren zwei Minuten lang zusammen dort drinnen – dank der Literatur kenne ich Mörder, die das Unternehmen in der Hälfte der Zeit bewerkstelligt hätten. Nimm ihn fest!«

Der Staatsminister, der nicht schwer für einen kühnen Gedanken zu gewinnen ist, hing schon am Telefon.

Er machte ein enttäuschtes Gesicht, als das Gespräch beendet war.

»Die Tankstelle hat keinen Raum mit Teppich. Und Dååbh war nur fünf Minuten da, schrie die ganze Zeit und beschimpfte das Personal, weil der Wagen nicht vorgefahren und betankt war. Außerdem waren auf der Seitenscheibe noch Spritzspuren.«

Er saß eine Weile still da, Sorgenfalten auf der Stirn. Der Traum, der nie wahr werden sollte, war als Traum zu schön gewesen, um wahr ...

»Übrigens«, sagte er und kehrte in die graue Wirklichkeit zurück, »übrigens hätten wir darauf achten sollen, ob Dååbh die Leiche auf dem Rücken festgezurrt hatte. Ich meine, er ist zwar breit, aber auch ziemlich klein. Svanbergs Beine müssen also bei ihm unten auf dem Boden geschleift haben, und die hätten wir gesehen. Natürlich ist Dååbh ein echter Schlachtertyp«, fuhr der Staatsminister mit generöser Geste fort. »Doch bei genauerer Überlegung muß ich doch zugeben, daß die Tat nicht ganz zu ihm paßt. Er könnte bestimmt einen Menschen umbringen, aber dabei würde er jemanden totschlagen, nicht ermorden. Bis zum Wahnsinn gereizt, würde er jemanden erwürgen oder den Schädel mit einer Flasche einschlagen oder mit der Schrotflinte erschießen und dann die Flucht ergreifen und verschwinden, alles andere außer seiner Wut vergessend. In diesem Fall ist der Tathergang ein anderer und viel raffinierterer. Der Mörder hat seinem Opfer offensichtlich zunächst einen relativ leichten, beherrschten Schlag auf den Kopf versetzt und ihn dann da erwürgt, wo er am Boden lag. Danach hat er am Tatort alle Spuren beseitigt: die Leiche ordentlich im Schrank verstaut, abgeschlossen, den Riegel vorgeschoben, die umgefallenen Stühle aufgestellt und systematisch alle Fingerabdrücke abgewischt. Erst nachdem er all diese Maßnahmen getroffen hat, hat er sich aus dem Staub gemacht und dabei vermutlich den Mantel und die Baskenmütze des Opfers mitgehen lassen. So eine eiskalt ausgeführte Nachbesserung stimmt psychologisch nicht mit dem Bild überein, das ich von Dååbh habe.«

Mit dem Staatsminister über Psychologie zu diskutieren ist kein Unterfangen, auf das man sich ohne zwingenden Grund einläßt, darum wendete ich mich einem anderen Ende des Fadens zu.

»Auch Svanbergs Aktentasche ist seiner Assistentin Frau Johansson zufolge seit dem Mordabend verschwunden. Und auf diesem Wege auch der Bergbaubericht. Kann eine Person ein Interesse daran gehabt haben, sich diese Unterlagen zu beschaffen?«

»Leute im privaten Bergbau würden natürlich einiges dafür geben, so schnell wie möglich die Pläne der Behörden in Erfahrung zu bringen ... Meine Güte, denkst du dabei etwa an Konsul Karling?«

»Ja. Kurz vor dem Abendessen am Donnerstag überraschte ich ihn allein im Zimmer der Mitarbeiter. Ich hatte ganz entschieden den Eindruck, er hätte dort irgend etwas verschwinden lassen. Und er machte ein Gesicht, als hätte ich ihn auf frischer Tat ertappt.«

»Oh, verdammt!« Der Staatsminister hatte sich erhoben und angefangen, im Zimmer auf und ab zu traben.

»Du hast ihn vielleicht gestört, als er gerade auf der Suche nach diesem Bericht war. Dann traute er sich nicht mehr, weiterzumachen. Und nach dem Abendessen verschwand Svanberg damit in seiner Aktentasche. Vielleicht folgte Karling ihm, forderte ihn zu einem Gespräch auf und als er nicht bekam ... Nein, ich kann es mir nicht vorstellen! Er ist zwar geschäftsführender Direktor, aber Mord?«

»Wann bist du ihm zuletzt begegnet?«

»Auf einem Kongreß, das muß wohl ein halbes Jahr her sein. Aber das war in Stockholm. Hier draußen ist er vorher noch nie gewesen.«

»Ist es da nicht etwas sonderbar, daß er gerade an dem Tag hier aufkreuzt, wenn der Bergbaubericht fertig ist? Der offizielle Grund, dich in einer Investmentsache um Rat zu fragen, kann doch reine Tarnung gewesen sein.«

»Mein Gott, um Himmels Willen, das wird eine Aufsichtsratssitzung geben!« schrie der Staatsminister. »Da werde ich hingehen.«

»Auf die Gefahr, eine Enttäuschung zu erleben: Konsul Karling kann nicht der Mörder sein. Er hat doch keinen Schlüssel zum Arbeitszimmer.«

Der Staatsminister sah aus wie ein Kind, das die versprochene Lakritzschnecke nicht bekommen hatte.

»Da hast du recht! Verflucht noch mal! Sofern er sich nicht am Donnerstag den Schlüssel von einer anderen Person beschafft hat. Aber alle haben ihren noch, und Svanbergs lag im Gartenteich. Obwohl ich glaube, wir sollten Karling einmal genauer unter die Lupe nehmen. Er rief heute morgen an und bat wieder um ein Treffen mit mir. Die Regierung war bestimmt nicht ganz zufrieden mit meiner Entscheidung vom Donnerstag in der Investitionsfrage. Aber ich werde standhaft bleiben. Er hätte jetzt kommen sollen, ich gehe hinunter und schaue nach. Laß mich das Verhör ... ähäm, das Gespräch führen. So etwas erfordert ein gewisses Maß an Fingerspitzengefühl. «

Ich antwortete, daß ich mich genau davor fürchtete.

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Litres'teki yayın tarihi:
05 mayıs 2025
Hacim:
290 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9788711459720
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