Kitabı oku: «Der Mord in Harpsund»

Yazı tipi:

Bo Balderson
Der Mord in Harpsund

Aus dem Schwedischen

von

Dagmar Mißfeldt

Saga

Personen

 Der Staatsminister politische Unschuld mit fünfzehn Kindern

 Adolf Lindberg achtzig Jahre alt – auf den Tag genau – Fabrikdirektor

 Mommy Lindberg seine Schwester, früher das Kindermädchen des Staatsministers

 Ejnar Lindberg sein Sohn, Bankdirektor, fett

 Olivia Lindberg Frau seines Sohnes, katzenhaft

 General Ygdecrantz schmächtig, Gutsbesitzer mit dünner Stimme

 Botschafter Petersén sehr adrett, in Dialekten bewanderter Diplomat

 Apotheker Karlander grobknochiger Bridgespieler

 Therese Carlsson-Doolck Kriminalschriftstellerin in sackartigen Kleidern

 Lotta siebzehnjährige Haushaltshilfe

 Vilhelm Persson Kolumnist, Studienrat, Schwager des Staatsministers

Weitere Mitwirkende sind die Staats- und der Außenminister, andere Regierungsmitglieder, Generalsekretär U. Thant, der staatseigene Hund, der Dackel Pelleman, die Katze Missan und – nicht zu vergessen – all die kleinen Kinder des Staatsministers.

Die Tür, die sich mit einem leichten Knarren öffnete.

Die Dunkelheit im Zimmer, die Gardinen, zum Schutz vor dem grellen Licht am Sommermorgen dicht zugezogen.

Die flackernden Flammen der Kerzen, die unsere Schatten – grotesk verzerrt – an die Decke und die Wand warfen.

Die Worte zu Flüstern gedämpft, das Klirren von Porzellan, der Duft von Blumen ...

Ich erinnere mich sehr gut an alles.

Und an das Lied, das zaghaft und unsicher begann:

»Hoch soll er leben,

hoch soll er leben,

dreimal hoch ...«

Der alte Mann lag in seinem Bett, wie es Geburtstagskinder eben tun. Still und blaß – schließlich war er schon recht betagt.

Etwas zu still und etwas zu blaß?

Das Lied erklang von neuem, lauter, kräftiger jetzt, wie eine Beschwörungsformel.

»Er lebe hoch,

er lebe hoch,

er lebe dreimal hoch!«

Doch der alte Mann in seinem Bett hörte uns nicht und sah uns nicht. Lange hatte er gelebt, genau achtzig Jahre, jetzt jedoch war er tot, und kein Lied der Welt konnte ihn wieder zum Leben erwecken.

Jemand schrie, schrill, unmenschlich, und in dem Schrei schwang die geballte alte, ewige Furcht vor dem Tod, der uns alle erwartet.

Zögernd wurde der Kreis um das einsame Bett geschlossen.

Zehn Menschen, die gerade eben noch – voll Aufrichtigkeit oder Heuchelei oder Gleichgültigkeit – den alten Mann hatten hochleben lassen.

Zehn Menschen.

Unter ihnen ein Mörder.

1

»Hier ist es doch gemütlich!« stellte der Staatsminister fest und öffnete das Hotelfenster, das zu einem gewaltigen Brandgiebel hinausging. Wo der Putz abgebröckelt war, leuchteten die Ziegel rot. Es sah aus, als hätte die Wand ein Ekzem gehabt.

Ich betrachtete den mickerigen Schreibtisch, die Studie eines unbekannten Meisters über das Martyrium des heiligen Sebastian, an die schmutziggraue Tapete geklatscht wie eine zerquetschte Laus, und den Schrank, in dem bei näherer Untersuchung dürre Drahtbügel und der Mief mehrerer Generationen von Hotelgästen hingen. Unter mir knackte das Bett wie ein schwer beladener Möbelwagen, und ich dachte mir, ebensogut hätte der Staatsminister eine Grabkammer gemütlich nennen können.

»Ich habe auch die umliegenden Zimmer reserviert. Und das hier drüber. Sie stehen die ganze Woche leer. Dann bist du nachts ungestört. Es wird vollkommen ruhig sein.«

Ich kam mir noch mehr wie in einer Grabkammer vor. Ich rutschte nervös auf dem Bett hin und her, das mit einem melancholischen Knirschen antwortete.

Der Staatsminister blätterte in seinem Reiseprospekt.

»In den Tagen, die ich in Harpsund bin, kannst du unendlich viele Dinge hier in der Stadt unternehmen. Die Kirche ist aus dem späten 15. Jahrhundert. Das müßte doch etwas für dich sein.«

Es klang, als glaubte er, wir seien ungefähr gleichen Alters.

»Sie hat einige Krypten von historischer Bedeutung«, fuhr er mit Nachdruck fort. »Und im angrenzenden Parkfriedhof gibt es zwei, nein, drei interessante Gruften!«

Ich seufzte. Mir schien die Gesellschaft eine Tendenz zum Morbiden zu entwickeln. Und noch dazu am Ende eines langen, anstrengenden Tages.

Am Vormittag hatte mich der Staatsminister – der blonde Regierungsvertreter und Vater von fünfzehn Kindern – in die Bastugatan heraufgebracht, anschließend waren wir hinaus zum Eigenheim in Spånga gefahren, wo wichtige Unterlagen liegengeblieben waren. (Früher bewohnte der Staatsminister eine burgartige Villa in Djursholm; die er jedoch kurz nach seiner unerwarteten Beförderung zu räumen gezwungen war. »Ein sozialdemokratischer Staatsminister kann sich einiges erlauben«, hatte der Ministerpräsident bei einem Gespräch unter vier Augen betont. »Ja, wenn ich es recht bedenke, muß ich gestehen, er kann sich im Grunde alles erlauben. Aber in Djursholm wohnen, das geht zu weit. Da ist ganz eindeutig die Grenze. Du darfst umziehen. Nach Spånga vielleicht. Ja, Spånga ist ausgezeichnet. Camilla, Palme, Sträng und Geijer wohnen schon da draußen, du bist also nicht allein. Abends kannst du dann ja immer Schwarzer Peter mit Geijer spielen.«)

Nachdem die Unterlagen gefunden waren und das langwierige wie aufwendige Abschiednehmen von der Gemahlin des Staatsministers – meiner kleinen Schwester – und den zu Hause weilenden Kindern erledigt war, fiel dem Staatsminister ein, daß er in der Staatskanzlei vorbeischauen müsse, um eine Abordnung aus dem nördlichen Norrland zu empfangen, und so verließen wir das Politiker-Ghetto und fuhren gemeinsam zurück in die Innenstadt.

Der Staatsminister parkte den Wagen – ganz bestimmt gegen alle Verkehrsvorschriften – vor der säulenbewehrten Treppe zum Regierungsgebäude und eilte hinauf in sein Kabinett, überließ mich im Auto ständig neuen Überlegungen dessen, wie es einem Menschen mit so seltsamen Begabungen gelungen war, sich so lange in der Regierung zu halten. (Daß seine Berufung darauf beruhte, daß er zu große Galoschen trug, darüber habe ich die geschichtlich interessierte Leserschaft bereits in meiner früheren Arbeit »Der Staatsminister und der Tod« aufklären können.)

Mehrere Versuche, ihn zu entlassen, dürften inzwischen angestrengt worden sein; den letzten hatte man erst kürzlich unternommen – während einer Auslandsreise des Ministerpräsidenten. Ein Kreis führender Rotgardisten war damals zusammengetreten, und man war sich schnell einig gewesen, daß jetzt etwas geschehen mußte. Doch hatte man es für angebracht erachtet – vermutlich um zukünftiger Mythenbildung entgegenzuwirken – zunächst den wahren Wohnsitz des Staatsministers zu klären, eine Frage, die unter seinen Kollegen offenbar Gegenstand vielseitiger Spekulationen gewesen war.

Sie hatten ihn darum, einer nach dem anderen, zu klärenden Gesprächen zu sich gerufen. Aus diesen Unterredungen war der Staatsminister erfrischt und mit klarem Blick hervorgegangen wie ein Kind, das vom morgendlichen Spielen nach Hause zurückkehrte. Die Inquisitoren jedoch waren blaß, verblüfft und mit weit auseinandergehenden Meinungen von dannen gezogen.

Der Industrieminister hatte die Ansicht vertreten, seine alten Bedenken, der Staatsminister sei ein Rechter, hätten sich bestätigt. Der Verteidigungsminister hatte behauptet, er habe eindeutig linksextremistische Neigungen offenbart, während der Bildungsminister rein gar nichts auszusetzen gefunden und auf die Volkspartei getippt hatte. (Ein vierter Minister, der sich im Vorfeld damit gebrüstet hatte, er gedenke schlicht und einfach zu fragen: »Bist du Sozi oder nicht?«, hatte zugeben müssen, daß er im entscheidenden Augenblick nicht den Mumm dazu gehabt hatte. »Ich meine, man fragt doch auch den Bischof nicht, ob er an Gott glaubt!«)

Der Außenminister hatte indessen berichten können, er habe ihm eine Breitseite vor den Bug verpaßt und den Staatsminister frei von der Leber weg gefragt, mit welcher Partei er denn sympathisiere, er jedoch habe die Antwort erhalten: »Ja, was gibt es denn für Parteien?« – »Ich zählte dann«, war der Außenminister fortgefahren, »alle auf, einschließlich der Christdemokratischen Partei und der Allianz für Sittlichkeit und Fortschritt. Als ich damit fertig war, starrte er mich lange an und fragte dann, warum ich die Bauernpartei nicht erwähnt hätte. Er habe, so sagte er, sich doch schon immer der Bauernpartei verbunden gefühlt. Ihm gefiel die Einstellung der Partei zu vielen der kontroversen, aktuellen Fragestellungen und er sympathisiere mit ihrer politischen Ideologie.«

Hier soll eine längere Zeit des Schweigens entstanden sein, während der die Minister sich vermutlich ins Gedächtnis zurückzurufen versuchten, welche politische Ideologie die Bauernpartei vertrat, eine Tätigkeit, die ein gewisses Maß an Konzentration erfordern kann und vorzugsweise unter Schweigen ausgeübt werden sollte. Diese wurde von dem jungen, energischen Staatssekretär unterbrochen, der, außerstande, sich länger zu beherrschen, schrie, ein Sympathisant der Bauernpartei als Innenminister sei untragbar und vor allem ein Bauernparteiler, der praktisch die gesamte Industrie besaß, und daß alles in allem ein Skandal und der reinste Hohn und Spott gegenüber den heiligsten Idealen der Bewegung sei: der allgemeinen Zusatzrente, der Investment-Bank und des Mutterschaftsgeldes, und was würde außerdem der Jugendverband dazu sagen? Der Außenminister hatte in etwas scharfem Ton geantwortet, daß ihn der Jugendverband einen Dreck interessiere und ein Bauernparteiler in der Regierung ganz und gar keinen Skandal bedeute, er selbst habe Zeiten erlebt, da ihr vier davon angehört hätten, wenn auch Hedlund meist nur als passives, korrespondierendes Mitglied fungiert hatte. Darauf hatte der junge, energische Staatssekretär, weiß im Gesicht, entgegnet, daß er, der Außenminister, wohl deshalb so schnell Witterung bekommen habe und nicht nur der Bauernparteiler, sondern »alle alten Knacker« ausgeschaltet werden müßten.

Der Bildungsminister hatte nun eine längere, vermittelnde Rede des Inhalts gehalten, daß man sich trotz allem nicht ohne weiteres eines Staatsministers entledigen könne, den die Führungsspitze der Bewegung rein intuitiv gewählt hatte. Am Ende der Ausführungen jedoch hatte der Staatssekretär nur gesagt: »Oh, verdammt, war es Intuition? Ich habe immer geglaubt, Erlander habe ihn wegen des Geldes genommen.«

Anschließend war man zur Diskussion der Frage übergegangen, wo man den Staatsminister unterbringen solle, sofern man denn den Staatsminister zu bewegen vermochte, sich von seinem Amt zu verabschieden. Der Unterrichtsminister hatte vorgeschlagen, man könne ihn doch jederzeit in irgendeinem Land zum Botschafter machen, in Ceylon zum Beispiel. Doch der Außenminister hatte Protest eingelegt: »Wir können nicht erst tonnenweise Anti-Baby-Pillen hinschicken und dann einen Botschafter mit fünfzehn Kindern. Das wäre keine überzeugende und konsequente Außenpolitik.«

Der Finanzminister, der sich lange in Schweigen gehüllt hatte, griff an dieser Stelle in die Debatte ein und entgegnete, einzig von Bedeutung sei, daß sich dem Staatsminister nicht die Gelegenheit bieten werde, die direkte Führung seines Industrie-Imperiums selbst in die Hand zu nehmen. Das werde nämlich, und das sei seine feste Überzeugung, schnell das günstige Konjunkturbild verändern und sich langfristig genauso negativ auf unsere Wirtschaft auswirken wie eine umfassende Sozialisierung.

Der Industrieminister hatte hier ein Gesicht gemacht, als sei er von einer Nadel gestochen worden.

»Ich muß doch ganz entschieden darauf bestehen«, war der Finanzminister fortgefahren, »daß er auch in Zukunft unter staatlicher Regie beschäftigt bleiben wird, und das am besten in der Regierung, wo wir ihn ständig im Auge behalten können.«

»Wenn wir Camilla nicht hätten, dann könnte er jederzeit Familienminister werden«, hatte der Außenminister entgegnet. »Familie hat er schließlich. Wie viele Kinder hat er eigentlich?«

Der Industrieminister hatte zur Antwort gegeben, er habe bei ihrer letzten Begegnung fünfzehn Kinder gezählt, könne aber nicht beschwören, daß die Zahl noch ganz aktuell sei.

»Ja, mein Gott, und was für eine Familie er hat!« hatte der Bildungsminister ausgerufen. »Es ist nicht in Worte zu fassen. Ich war diese Woche zum Abendessen bei ihm, und alle fünfzehn Kinder saßen mit am Tisch. Na ja, sitzen ist vielleicht etwas zuviel gesagt. Glaubt mir, schon oft habe ich Jugendlichen gegenüber gestanden, aber so etwas habe ich noch nie erlebt. Er hat nicht einmal eine Miene verzogen, als ein langhaariger Bengel nach dem Essen Tarzan gespielt hat und mit dem Kronleuchter durch den Fußboden gebrochen und in den Keller abgestürzt ist. ›Wie dunkel es geworden ist!‹ hat er bloß gesagt.«

»Der Mann muß Nerven wie Drahtseile haben«, hatte der Außenminister gemurmelt.

»Nerven wie Drahtseile!« erklang das Echo des Finanzministers. »Da haben wir doch die Lösung! Wir ernennen ihn zum Justizminister. Da kann er die Polizei und den Staatsschutz leiten. Ansonsten braucht er meistens nur Pornographie zu lesen und Gefangene zu begnadigen. Das ist kein sonderlich zentraler Posten. Er hat übrigens gute Meriten, seit er den Mord in den Schären aufgeklärt hat.«

Und so wurde es gemacht.

Nach ein paar Wochen wurde der Staatsminister mit allen Ehrbezeigungen in sein neues Ministerium eingeführt, begleitet von devoten Fanfaren der eigenen Presse und gedämpften Entsetzensschreien der Zeitungen auf seiten der Opposition. Einer der Pioniere der Bewegung erklärte, er habe keinem glanzvolleren Staatsbegräbnis beigewohnt, seit Branting zur letzten Ruhe geleitet wurde, doch der Ministerpräsident hatte im Fernsehen verkündet: »Gegenwärtig ist er vielleicht nicht so ganz ... so ganz firm in der Justiz; aber warten Sie erst einmal ab, innerhalb von 14 Tagen hat er sich zu einem Justizminister gemausert.«

Der Staatsminister hatte nun wieder neben mir Platz genommen und sich in seinem komplizierten System aus Sicherheitsgurten festgezurrt und etwas gemurmelt wie, daß er offensichtlich am Vortag die Abordnung aus dem nördlichen Norrland hätte empfangen sollen; in der Staatskanzlei habe er jedenfalls lediglich eine Abordnung aus dem südlichen Norrland angetroffen, die seines Glaubens erst in einer Woche hätte ankommen sollen. Ich gab der Hoffnung Ausdruck, daß nun endlich die Reise nach Ädelsta losgehen könne, und der Staatsminister bestätigte auch, daß dem so sei, doch ordnete er sich nahezu unverzüglich in die falsche Spur ein. Ein, zwei Runden sausten wir dann um die zentralen Bezirke der Innenstadt, während ich mir den Kopf zerbrach, wer wohl der rechte Mann sei, um dem Polizeiminister den Führerschein zu entziehen. Bei der dritten Runde begannen die Leute, das riesige Auto zu erkennen, und machten sich gegenseitig auf die Karosse aufmerksam, und beim Gustav Adolfs Torg rief eine Gruppe von krausbärtigen, militanten Linken: »So ist der Kapitalismus ...« Erst an einer roten Ampel gelang es dem Staatsminister, sich zur angepeilten Abflußrinne durchzuschlängeln, und danach flossen wir mit dem anderen Unrat aus der Stadt hinaus.

Der Staatsminister, der sich jetzt vollkommen befreit von lästigen Fahrspuren wähnte, lenkte den Wagen immer wieder seltsam diagonal hinüber auf die andere Fahrbahnseite, und das alles, während er mit ausholenden Gesten über das merkwürdige Leben in der Welt der Politik berichtete. Die Fahrer, denen es glückte, sich an uns vorbeizumanövrieren, waren rot im Gesicht – einige auch weiß – und drohten uns mit der Faust. Doch der Staatsminister winkte ihnen zu und referierte dann über die spontane Freundlichkeit der anderen Verkehrsteilnehmer und das Gentleman-Verhalten auf der Straße, das alle Autofahrer einte.

Es ging auf den späten Nachmittag zu, als wir in Ädelsta eintrudelten, in der sörmländischen Idylle, wo ich Landluft schnuppern sollte, während der Staatsminister und seine Kumpane in nur ein paar lächerlichen Meilen Entfernung anläßlich einer Tagung in Harpsund weilten, auf der sie die Gesellschaft umstrukturierten.

Nun saßen wir also in dem Hotelzimmer, ich seufzend auf dem Bett und der Staatsminister im Fenstersturz die makaberen Sehenswürdigkeiten des Ortes verlesend.

Der Staatsminister vernahm den Seufzer und schaute auf.

»Aber wenn du lieber bei uns in Harpsund sitzen willst, läßt sich das selbstverständlich einrichten. Du könntest als Experte fungieren. Für Schulfragen. Mitunter haben wir beide Flügel voller Experten. Sie bekommen eine Aufwandsentschädigung und haben das Ruderboot zur freien Verfügung.«

Ich streckte mich ein wenig.

»Ja, ich habe immerhin alles in allem mehr als dreißig Jahre Erfahrung als aktiver Lehrer.«

Der Staatsminister sah mich nachdenklich an.

»Erfahrung? Erfahrung ... na ja, das ist zwar nicht schlecht, aber ... ja, du hast nicht zufällig, ähäm, eine ... Vision oder so etwas? Von der Schule der Zukunft, frei von jedem hinderlichen Zwang? Das würde sich wirklich besser machen ...«

Ich verneinte, eine Vision hatte ich nicht zu bieten und mir wurde klar, daß die Zukunft mich eingeholt hatte. Ich beschloß, mich an den Friedhof zu halten. Dort konnte ich zwischen den Gruften wandeln wie ein Toter unter Toten. Frei von Visionen, menschlicher Gemeinschaft und Aufwandsentschädigungen.

Im Eßzimmer des Hotels aß ich zu vorgerückter Stunde – apropos tote Gegenstände – etwas gekochten Dorsch naturell; meine Gedärme waren wie gewöhnlich nach einer Autofahrt mit dem Staatsminister so sehr durchgerüttelt, daß ich das Gefühl hatte, selbst wenige Löffel Eisoße seien eine unzulässige Ausschweifung.

Wir kehrten ins Zimmer zurück, wo der Staatsminister in seinen Betrachtungen über die Gräber des Ortes fortfuhr, während ich die Bekanntschaft mit dem heiligen Sebastian erneuerte.

»Ädelsta!« rief der Staatsminister plötzlich aus wie ein zweiter Archimedes in der Badewanne. »Ädelsta! Aber hier wohnt doch Mommy, meine alte Amme. Ich muß sie besuchen. Komm, wir machen uns gleich auf den Weg!«

Ich kann nicht behaupten, alte Ammen – sei es nun die des Staatsministers oder anderer Leute – übten eine größere Anziehungskraft auf mich aus, aber in diesem Augenblick beschlich mich das Gefühl, ich sollte mich an diesem Abend lieber mit dem Waschen von Leichen befassen als im Hotelzimmer zu bleiben.

So standen wir dann wenige Minuten später auf dem Bürgersteig.

Ich hätte wissen müssen, was dabei herauskommen würde.

Der Staatsminister hatte natürlich weder Adresse noch Namen – Mommy konnte schließlich ebensogut der Name einer Katze sein wie der einer Amme –, und ich kann versichern, daß es außerordentlich beklemmend ist, durch eine Kleinstadt zu wandern im Schlepptau des obersten Wächters des Rechtswesens des Landes, der ohne Unterschied die Entgegenkommenden nach seiner alten Amme befragte.

Am Ende, als er sich erinnerte, daß sie Lindberg hieß und mit ihrem Bruder zusammen wohnte, biß ein Passant an. Ein älterer, vornehmer Herr deutete mit anmutigen Bewegungen seines Spazierstockes den Weg, der unserer war.

»Ein großes, gelbes Haus mit weißen Fensterrahmen, Sie können es gar nicht verfehlen«, schloß er, und ich bedankte mich und dachte, daß er da aber den Staatsminister schlecht kannte.

Wir steuerten bezeichnete Richtung an. Ädelsta erwies sich als eine der Kleinstädte, in denen die Storgatan, die Hauptstraße, sich selbst in den Schwanz beißt und die Seitenstraßen in launischen Mustern frei verstreut lagen.

»Sie ist bei uns gewesen, bis ich in die Schule gekommen bin, dann ist sie ausgezogen, um ihrem Bruder den Haushalt zu führen, nachdem er Witwer geworden war«, erzählte der Staatsminister mit ungewohnten Seufzern der Nostalgie – wenn es denn nicht von der Steigung der Straße kam. »Die Hefewecken, die sie samstags immer gebacken hat, ich habe noch den Duft in der Nase! Sie ist ein paar Mal zu Besuch gekommen, und wir haben uns kleine Briefe geschrieben, aber dann fand ich wohl, ich sei zu groß für so etwas, wie Jungen eben so sind. Ich habe wirklich jahrelang nicht mehr an sie gedacht, bis meine alte Tante letztes Weihnachtsfest gesagt hat: ›Wenn du ohnehin in Harpsund bist, dann kannst du doch auch mal Mommy in Ädelsta besuchend.‹ Hier muß es sein!«

Es war tatsächlich ein großes, auffälliges Haus, eher ein Anwesen, und es schien mir des für die Bewohner etwas besorgniserregenden Typs zu sein, der jederzeit von fanatischen Wahrern des kulturellen Erbes ins Stockholmer Freilichtmuseum Skansen verfrachtet werden konnte. Mansardendach mit altem, geädertem Schiefer; die mit breiten Balken beplankten Wände und gedrechselten Fensterrahmen ergaben eine stattliche Fassade, die durch verschnörkelte Latten verlängert wurde, hinter denen Laubmassen einen schattigen Garten verhießen.

Der Staatsminister steuerte sogleich auf die aus Eichenbohlen gezimmerte Haustür zu, geschnitzt und ehrwürdig wie der Deckel eines Sarges, und ich spürte die übliche Unruhe, die mich befällt, wenn ich ihm auf unangemeldete Visiten in gutbürgerliche Stuben folge, wo er schnell als Störfaktor oder wenigstens als unruhestiftendes Element empfunden werden mußte. (Ich erinnere mich an eine aristokratische Tante, der offensichtlich ein erheblicher Teil der politischen Umwälzungen der letzten Jahrzehnte entgangen war. Sie befaßte sich eingehend mit der Tätigkeit des Staatsministers. »Ich finde, in letzter Zeit liest man in der Zeitung so seltsame Dinge über dich. Und warum sieht man dich so häufig mit diesem Erlander zusammen? Willst du dir nicht endlich einmal eine ordentliche Arbeit suchen? Ja, du mußt mir verzeihen, daß ich es laut ausspreche, aber manchmal kommt es mir so vor, als wärst du in schlechte Gesellschaft geraten und Sozialist geworden. Deinen Eltern hätte es gar nicht gefallen. Nein, es hätte ihnen wirklich ganz und gar nicht gefallen.«)

Doch der Staatsminister, der Sehnsucht nach seiner Mommy hatte, pochte an und hämmerte mit dem Türklopfer, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, daß er einem steuerschweren Grundstückseigentümer und seinen dienstbaren Geistern wie der Gehörnte höchstpersönlich vorkommen konnte.

Die Haustür wurde geöffnet, und eine zierliche Dame stand in stummer Verwunderung auf der Schwelle. Doch dann war alles ein einziges Rufen und Umarmen.

Es war die Dame, die schließlich den Clinch auflöste.

»Aber mein Junge, laß dich richtig anschauen! Wie groß du geworden bist! Und auch so elegant! Mein Junge, du bist immer noch der alte, ich habe dich gleich wiedererkannt, obwohl es bestimmt schon an die dreißig Jahre her sein muß. Ja, ich habe dich natürlich in der Zeitung gesehen, aber das ist ja nie dasselbe. Aber wir wollen doch nicht hier draußen herumstehen!«

Und so verschwanden der Staatsminister und die alte Frau durch die Haustür, die wieder ins Schloß fiel, und ich stand, wo ich war, und kam mir vor wie ein Hautlappen, der nach einer gelungenen Operation überflüssig geworden war.

2

Nach einigen endlosen Sekunden jedoch öffnete sich die Tür abermals, und der Staatsminister zog mich ins Haus.

»Das ist mein Schwager, Studienrat Persson. Er ist Lehrer«, ergänzte er überdeutlich und laut, so wie es jüngere Leute gern in Gegenwart von überlebenden Exemplaren der älteren Generation tun, bei denen man von vornherein davon ausgehen kann, daß sie Gehör und Begriffsvermögen nahezu vollständig eingebüßt haben.

»Wie angenehm, Herr Studienrat Persson, Sie kennenzulernen! Willkommen in meinem Hause und willkommen in Ädelsta darf ich Sie wohl auch heißen!«

Sie war in der Tat eine ganz und gar wunderbare, kleine Dame, diese Mommy.

Dünn und zerbrechlich, bleiche Wangen und silbergraues Haar, so stand sie vor mir wie die Urgroßmutter aus einem Märchen. Die feste Stimme und die funkelnden, blauen Augen vermittelten dem urteilsfähigen Beobachter unmißverständlich, daß Senilität die Kommunikation hier nicht behindern würde. Um den schrumpeligen Hals ruhte ein entzückendes, krauseartiges Gebilde, und auf den knöchellangen Rock fiel die Bluse in einer Wolke aus Rüschchen und Plüschchen.

Eben so weit in meinen Beobachtungen gediehen, wurde ich von einem schwanzwedelnden, dackelähnlichen Tier überfallen, das an mir hochzuklettern versuchte, ohne Zweifel in der Hoffnung, nackte, faltige Gesichtshaut abschlecken zu können.

»Aber Pelleman, daß du dich nicht schämst! Ist ja gut, jetzt aber runter mit dir!«

Mommy hatte eingegriffen und den Hund zur Ordnung gerufen, mußte sich jedoch sogleich eines neuen kläffenden Männchens annehmen.

»Mommy! Ist John gekommen? Aber was macht ihr denn bloß da draußen? Wir haben doch schon die Karten ausgegeben!«

»Oh, oh, mein Bruder Adolf glaubt bestimmt, der Apotheker ist da, der vierte Mann beim Bridge«, seufzte Mommy und scheuchte uns mit der unmißverständlichen Handbewegung eines Kindermädchens auf die verärgerte Altmännerstimme zu, deren Besitzer sich jetzt offenbar selbst aufgemacht hatte, um herauszufinden, was sich in seinem Flur abspielte.

»Aber warum ...?«

Die Ähnlichkeit der Geschwister war unschwer zu erkennen.

Der feingliedrige Körperbau, weiter gekrümmt im eisernen Griff der Jahre, der verschrumpelte, kleine, vogelartige Hals, die feste Stimme – alles verriet den gemeinsamen Ursprung. Jedoch Bruder Adolfs funkelnde Augen hinter dem Zwicker waren nicht blau, sondern pfefferkornbraun und nicht sanft, sondern scharf wie das Gewürz selbst.

»Wie belieben?« fragte er und mir war, als hörte ich jemanden diese Worte zum ersten Mal außerhalb der Theaterbühne sagen.

»Das ist mein Bruder, Fabrikdirektor Adolf Lindberg. Darf ich vorstellen, Studienrat Persson aus Stockholm.«

Der alte Mann starrte mich an, nicht besonders erfreut; er sah eher aus, als frage er sich, ob nun auch die Lehrerschaft angefangen habe, bettelnd von Tür zu Tür zu ziehen.

»Und dies hier ist«, fuhr Mommy mit einer Miene fort, die verriet, daß sie das Beste bis zum Schluß aufgespart hatte, »dies hier ist der Junge, von dem ich schon so viel erzählt habe und aus dem ein großer Staatsminister geworden ist!«

Der scharfe Blick des alten Mannes war bedeutend milder geworden. Er schaute richtig freundlich aus, und ich erkannte, daß er zur Gattung der Kriecher gehörte und daß ich mir ganz unnötig Sorgen gemacht hatte. Vergessen waren offensichtlich sämtliche ein Unternehmen hemmenden Maßnahmen und Steuern und vergessen war das jahrzehntelange Gejammer über die Nivellierung, die Ausplünderung und den Raubbau an den Kräften, die den Wohlstand unserer Gesellschaft garantierten. Begleitet von entzückten Glucksern und allerlei großzügigen Angeboten, schickte er sich an, den Gleichmacher und Aussauger von Staatsminister in die gute Stube zu komplimentieren.

»Wenn der Herr Staatsminister sich hier herein begeben wollen ... Es ist mir eine große Ehre ... Nein, hier entlang, wenn ich bitten darf ... Kann ich Ihnen etwas anbieten? Eine Zigarre vielleicht? Doch bestimmt ein Glas Sherry? Wie belieben? Orangensaft? Mommy, Mommy, wo stehen die Saftflaschen? Aber schnell doch, der Herr Staatsminister möchte unseren Orangensaft probieren! Wenn ich doch nur gewußt hätte ... Nein, in keinster Weise, ich versichere es Ihnen! Wir haben uns nur in kleiner Runde zum Kartenspielen versammelt wie an jedem Samstagabend ... Darf ich Ihnen meinen guten Freund vorstellen, General der Ingenieurstruppen Ygdecrantz – Herr Staatsminister und Leiter des Justizministeriums! Aber die Herren sind sich bestimmt schon bei dem einen oder anderen Kriegsgericht begegnet ... ich meine ... einem Gerichtsprozeß ...«

Der alte Mann zog sich aus der Bredouille, indem er auch mich schnell aufforderte, die generalische, etwas feuchte Hand zu schütteln.

General Ygdecrantz machte nicht den Eindruck eines Generals – nicht wenn man eine uniformierte, schneidige, wettergegerbte Erscheinung erwartete.

Was ich erblickte, war ein schmächtiger, schmalschultriger Zivilist mit einer Haut so weiß wie die eines Adelsfräuleins aus dem 17. Jahrhundert und einem scheuen Zug um die Augen, der bei einem inspizierten Fähnrich oder einem betrügerischen Buchhalter natürlicher gewesen wäre, der unerwartet dem spitznasigen Wirtschaftsprüfer gegenübersteht. Ich gab ihm die Hand und dachte bei mir, ihm war vermutlich in letzter Zeit eine Laus über die Leber gelaufen.

»Seit ich vor zwei Jahren in Pension gegangen bin, wohne ich das ganze Jahr über auf meinem väterlichen Gut, fünf Meilen südlich von Ädelsta. Ich hoffe, Sie werden Zeit finden, mich dort zu besuchen«, entgegnete der General mit dünner Stimme.

Der Fabrikdirektor trippelte weiter auf einen Herrn in den Fünfzigern zu, der sich von seinem Platz am Spieltisch erhoben hatte.

»Und das hier ist mein besonders guter Freund Botschafter Petersén, vorübergehend auf Heimaturlaub von seinem Posten in Pretoria.«

Wenn schon der General nicht den Anstand gehabt hatte, wie ein Militär auszusehen, dann schaute zumindest der Botschafter aus wie ein Diplomat und benahm sich auch dementsprechend. Mit wohlgesetzten Worten begrüßte er uns; er versicherte, als seien wir alte Schulfreunde, daß wir immer gern gesehene Gäste bei ihm und in seinem Hause seien. Und es wurde verbindlich hierhin gelächelt und sich leicht dorthin verneigt. Ausladende Gesten lenkten die Aufmerksamkeit auf das wogende, kohlrabenschwarze Haar, und die Augenlider waren halb geschlossen wie die einer Katze, die in der Sonne döste, und verbargen mit dem anderen Zubehör kunstvoll, was für ein Mensch und wildes Tier in der Tiefe schlummern mochte.

Nachdem der Gastgeber das obligatorische Vorstellungszeremoniell absolviert hatte, konnte er dem Staatsminister von neuem seine ungeteilte Aufmerksamkeit zukommen lassen.

»Es ist wirklich bedauerlich, daß mein Sohn noch nicht hier ist, ich erwarte ihn erst morgen früh. Er ist sehr beschäftigt, und mein achtzigster Geburtstag ist schließlich erst morgen. Aber der Herr Staatsminister ist ihm sicher schon in Stockholm begegnet, er ist Bankdirektor und seit dem letzten Winter Chef der Provinzbank. Bankdirektor Ejnar Lindberg. Ja, ich dachte es mir! (Der Staatsminister hatte sich geräuspert und geschluckt und wenn man wollte, konnte man das alles positiv auslegen.) Er besitzt einen sehr scharfen Verstand und hat auch außerordentlich schnell Karriere gemacht, der Junge ist kaum fünfundvierzig. Ich weiß noch, wie er schon in der Schule ...«

Der Fabrikdirektor zog an dieser Stelle den Staatsminister zur Seite, einem alternden Löwenmännchen gleich, das sich mit seinem erlesenen Antilopenfilet vom Rudel absondert, und mich überließ man vor dem offenen Kamin mir selbst. Botschafter Petersén, sicherlich seit seinen Tagen als Attaché geübt darin, einsame Gäste aufzuspüren und ihnen zu Hilfe zu eilen, gesellte sich geschmeidig zu mir.

»Sind Sie schon einmal in Swahililand gewesen?« begann er mit einem untrüglichen Gespür dafür, was sich unverzüglich zu einem zentralen Gesprächsthema entwickeln konnte: Botschafter Petersén und seine Verdienste in fernen Ländern. Er nahm sich auch nicht die Zeit, meine ohnehin vorhersehbare Antwort abzuwarten, ehe er fortfuhr.

»Ich war dort Mitte der sechziger Jahre unser Gesandter. Wie Ihnen bekannt sein dürfte, drohte dort zu dem Zeitpunkt ein blutiger Stammeskrieg auszubrechen.«

Ich überlegte, ob es als korrekt betrachtet werden konnte, den kausalen Zusammenhang zwischen diesen beiden Ereignissen in Frage zu stellen, doch noch ehe ich mich zu einer Entscheidung durchgerungen hatte, vertraute er mir an, er sei der einzige Schwede und vermutlich der einzige Nordeuropäer, der fließend Swahili sprach und zudem vier andere der gutturalen Bergdialekte verstand. Ich beglückwünschte ihn, und mit einer unendlich anmutigen Handbewegung führte er einige undiplomatisch widerspenstige Haarsträhnen über dem einen Ohr wieder dem Protokoll zu.

Mommy bot diverse Getränke auf einem Tablett an. Als ich mich hinunterbeugte und nach dem Glas Mineralwasser griff, flüsterte sie: »Wenn mein Bruder Sie fragen sollte, dann sagen Sie, daß die Forstaktien Ihrer Meinung nach bald wieder steigen. Er hat sich in der letzten Zeit darüber Sorgen gemacht. Ja, ich habe meinen Jungen auch darum gebeten. Aber jetzt kommt bestimmt der Apotheker!«

Jemand schlug draußen mit dem Klopfer an die Tür, als gelte es, einen Toten aufzuwecken, was selbst für einen Apotheker zugegebenermaßen ein hochgestecktes Ziel war.

Mommy eilte davon, und schnell drang eine Stimme zu uns herein, auch diese wie klingend Erz.

»Ich muß wirklich um Entschuldigung bitten, daß ich so spät komme! Aber der Doktor hat gerade, als ich losgehen wollte, per Telefon förmlich einen Hagel an Rezepten aufgegeben, mitten in der Sommerhitze scheint sich eine Grippewelle anzubahnen. Förmlich ein Hagel, ich sage es Ihnen. Adolf ist sicher schon ungeduldig? Tja, Beherrschung war noch nie seine Stärke.«

Der hochgewachsene Mann in mittleren Jahren, der Knickerbocker trug, füllte für einen Augenblick den Türrahmen aus und nahm gleichermaßen das ganze Zimmer ein. Der Fabrikdirektor stellte ihn vor als »mein Freund, der Apotheker Karlander«. Ich erinnerte mich, daß der Botschafter als »mein besonders guter Freund« und der pensionierte General als »mein guter Freund« tituliert wurden, und ich dachte mir, daß in diesem Hause Freundschaft mit seltsamer Genauigkeit einer sozialen Stufenleiter folgte. Meine Hand wurde ergriffen und vollkommen von einer muskulösen, haarigen Masse umschlossen, als sei sie eine kleine, wehrlose Pille, die zur Nacht einzunehmen war. Wir unterhielten uns eine Minute, ich erinnere mich jedoch nicht des Inhalts unseres Gesprächs, da meine Gedanken hauptsächlich mit seinen ungewöhnlich spitzen Schneidezähnen beschäftigt waren.

Unter nicht enden wollenden, entschuldigenden Verbeugungen gegen den Staatsminister begann der Gastgeber sodann, seine jetzt vollzählig versammelte Bridge-Runde zusammenzutreiben – der Spieltrieb war offenbar genauso stark entwickelt wie das Bedürfnis, sich mit Titeln zu umgeben. Doch der freigestellte Staatsminister gesellte sich mit glücklicher Miene zu Mommy aufs Sofa. Ich selbst sank in einen weinroten Fauteuil, nachdem ich eine fette Katze fortgescheucht hatte, die sich unter einem gelben, vorwurfsvollen Blick trollte.

In der Bridge-Runde herrschte offensichtlich eiserne Disziplin, da sogar der Botschafter schwieg und allein ein leises Brummeln zu hören war sowie die ein oder andere wohlartikulierte Zurechtweisung des Gastgebers gegenüber dem weniger folgsamen Apotheker. Doch als die erste Partie beendet war, entwickelte der alte Mann abermals einiges an geselliger Aktivität.

»Aber Mommy, meine Liebe, wo hast du nur deinen Kopf, bekommen wir denn heute abend gar keinen Tee? Oh, Entschuldigung, ich habe nicht gesehen, daß der Herr Staatsminister sich mit meiner Schwester unterhält! Nein, kommt nicht in Frage, daß der Herr Staatsminister jetzt geht, ohne Tee. Aber es ist in der Tat bedauerlich, daß der Herr Staatsminister meinen Sohn nicht kennenlernt ...«

Die Karten waren von neuem gemischt und verteilt worden, der Fabrikdirektor jedoch sprach über seinen Sohn, den Bankdirektor, und da mußte offensichtlich die Rücksicht auf das Spiel weichen. Er verbreitete sich über seine Verdienste, hielt sich bei Meilensteinen seiner Karriere auf und schilderte bis ins kleinste Detail Bekanntschaften und Verbindungen innerhalb der tonangebenden Kreise.

Der General war verärgert, das fiel mir sofort auf.

Anfangs schnitt er nur etwas ungeduldige Grimassen vor sich hin und trommelte leicht mit den Fingern auf der Tischplatte, doch bald begann er, Blickkontakt mit seinen Spielkameraden zu suchen. Er starrte sie vielsagend an, verdrehte die Augen und führte sich überhaupt wie ein gelangweilter Schuljunge auf, zur Stille zwar gezwungen, jedoch nicht ganz von einem gestrengen Lehrer unterworfen.

Doch dann schaute der Fabrikdirektor auf, mitten in einer sinnlosen und ausschweifenden Schilderung, wie dem Sohn der Orden des Weißen Löwen dritter Klasse von der Hand des Präsidenten der Republik verliehen wurde. Der General bot gerade dem Botschafter eine seitliche Grimasse dar, die deutlicher als alle Worte sagte: »Mein Gott, wie lange will er sich dabei noch aufhalten?«

Dem alten Mann blieb der Mund offen stehen, er glotzte, bekam die Situation spitz und schoß hoch, blaurot im Gesicht angelaufen und schrie: »Wie belieben? Wie belieben?«

Dann fielen die Wörter, die ich in einen solchen Kreis nicht für möglich gehalten hätte: »Ja, stellt euch vor, ich spreche von ihm! Und das tue ich, weil er ein Thema ist, über das man sprechen kann! Er sitzt zufällig nicht in einer Anstalt wie deine Mißgeburt von Sohn!«

Auch der General hatte sich auf die Hinterbeine gestellt. Er beugte sich über den Tisch zum Fabrikdirektor hinüber, und ich sah, wie ihm die Hände zitterten.

Keine Ahnung, was ich für eine Reaktion von ihm erwartete. Ich glaube, ich hätte ihn verstanden und eine Entschuldigung gefunden, ganz gleich, was er getan hätte – dem Alten eine aufs Maul geben, ihm ins Gesicht spucken oder ganz einfach aus dem Zimmer und dem Haus gehen.

Doch er tat nichts dergleichen.

Er stammelte unverständliches Zeug, sank auf den Stuhl zurück, nahm seine Karten wieder zur Hand und schickte mit belegter Stimme einen Appell an die Herzen.

Der Fabrikdirektor setzte sich ebenfalls. Er fröstelte, mahlte mit den Kiefern und brummelte ein wenig vor sich hin, doch schnell war er wieder beim Spiel, und es folgte eine peinlich genaue Schilderung des sich anschließenden Mittagessens in der Botschaft, nachdem der Orden dem Sohn an die Brust geheftet worden war.

Der General schaute stur auf seine Karten hinunter.

»Wie stark es regnet!«

Mommy hatte sich aus dem Sofa erhoben, stand jetzt hinter ihrem Bruder und strich ihm sanft über die Schultern, als wolle sie ihn besänftigen.

Es regnete tatsächlich, es peitschte geradezu gegen die bleiverglasten Sprossenfenster. Ich bereute meine Unvorsichtigkeit bitterlich, an diesem lauen Sommerabend ohne Mantel aus dem Haus gegangen zu sein.

»Jetzt weiß ich aber, was wir machen!«

Der Fabrikdirektor sprang mit erstaunlicher Spannkraft auf und schoß ans Fenster.

»Der Herr Staatsminister übernachtet hier, ja, der Herr Studienrat selbstverständlich auch. Dann müssen Sie nicht in dieses furchtbare Wetter hinausgehen, werden meinen Sohn kennenlernen und können morgen früh bei der Geburtstagsaufwartung dabeisein. Es ist übrigens schon abgemacht, daß der Botschafter und der General hier nächtigen, sie haben einen beträchtlichen Weg zu ihren Gütern und wollen morgen früh um sechs die Gesangseinlage nicht verpassen. Nein, es macht nicht die geringste Mühe, wir haben so viele Gästezimmer da oben bereitstehen. Nicht wahr, Mommy, meine Liebe, ist Lotta dir nicht heute behilflich gewesen? Ja, das Mädchen war kurz bei mir im Zimmer, hat gezwitschert und Unordnung angerichtet.«

Der alte Mann war zurückgesprungen und packte seine Schwester jetzt zärtlich am Ohr.

»Jetzt setzt du den Tee auf und dann gehe ich das Hotel anrufen und lasse das Gepäck der Herren herüberschicken. Und morgen ißt der Herr Staatsminister hier mit meinem Sohn zu Mittag, hoffe ich. Die Herren werden viel miteinander zu besprechen haben, sie bewegen sich ja beide sozusagen im Zentrum der Macht!«

Mommy jedoch schien nicht richtig zufrieden zu sein. Sie murmelte etwas davon, daß wir es bestimmt sehr viel bequemer in unserem Hotel hätten, doch der alte Mann wiederholte, daß in dem Mauseloch kein Schwein wohnen könne, und ich war geneigt, ihm recht zu geben. Der heilige Sebastian konnte es und womöglich auch der Staatsminister, aber ganz gewiß kein Schwein und ich schon gar nicht.

Und so wurde es gemacht. Kurz nach zehn Uhr entschuldigte ich mich mit der ermüdenden Reise, und Mommy führte mich die knarrende Treppe hinauf in ein nettes Zimmer unter dem Dach mit einer Tapete in großem Blumenmuster und gediegenen, altmodischen Möbeln.

Ich richtete mich für die Nacht ein und der Schlaf kam.

Doch mit dem Schlaf kamen auch die Träume, unerreichbar zwar für die Erinnerung, aber angsteinflößend und böse für den Schlafenden ...

Ich erwachte und dachte, der Regen, der gegen die Fenster trommelte, habe mein Unterbewußtsein gequält und mich schließlich geweckt; es sitzt seit der Kindheit in mir, daß ich mit der Angst aufwache, ich hätte nach dem Spielen bei Tag da draußen etwas vergessen.

Ich schlummerte abermals ein, doch wachte wieder auf und beschloß aufzustehen, um auf die Toilette zu gehen. Ich ließ das Licht im Flur aus, um die ringsum Schlafenden nicht zu beunruhigen, und die Sommernacht war auch nicht so dunkel, daß ich nicht gefunden hätte, wonach ich suchte. Wo war doch jetzt gleich noch der Waschraum? Bei der Treppe, lag er nicht dort?

Ich machte mich auf, und der Teppich schluckte jedes Geräusch der Schritte.

Doch durch die Dunkelheit drang eine tiefe, gepreßte Stimme an mein Ohr, kaum mehr als ein Flüstern, genauso unverständlich, unbestimmbar wie der Traum gerade eben ...

»... es geht nicht anders ... drinnen bei dem verdammten alten Knacker ... Angst, mehr Angst denn je in meinem Leben ... muß jetzt schlafen, morgen ist ein anstrengender Tag ...«

Auf dem Rückweg stand ich für einen Augenblick still im Flur, noch immer vom grellen Licht im Waschraum geblendet, noch immer etwas benommen, wie man eben ist, wenn man zu früh aufwacht und alle Müdigkeit einem noch in Körper und Geist steckt.

Jetzt aber waren keine Stimmen mehr zu hören.

Ich stolperte auf den Lichtkegel zu, der sich dort bildete, wo meine Tür auf den Flur hinausging.

Ich schloß die Tür, lag in meinem Bett und horchte hinaus in die Dunkelheit.

Böse Träume, böse Worte ...

In was für ein Haus war ich nur geraten?

3

Die Uhr zeigte kurz nach sechs; es regnete nicht mehr, aber am Fußende stand der Staatsminister und schrie, die Torte habe achtzig Kerzen: »Stell dir vor, achtzig Kerzen!«

Ich brummelte etwas davon, es wäre seltsamer gewesen, wenn sie sieben oder siebzig gehabt hätte, rappelte mich hoch und scheuchte den kindlich erregten Schwager aus dem Zimmer. Ich spielte mit dem Gedanken, mir nur den Morgenmantel überzuziehen und mich wieder ins Bett zu legen, nachdem ich die Aufwartung bei meinem achtzigjährigen Gastgeber hinter mich gebracht hätte. Aber ich widerstand der Versuchung. Auf dem Lande oder in dessen Grenzbereichen, wozu man Ädelsta zählen konnte, würde ein derartiger Aufzug bestimmt als nachlässig oder womöglich sogar unanständig angesehen werden.

Auf der Treppe traf ich auf eine unbekannte Dame, die mit hoher Stimme mitteilte, sie sei auf dem Weg zur Toilette. Im selben Atemzug kam ein etwas unvermitteltes: »Therese Carlsson, Schriftstellerin«.

In früheren Zeiten pflegte ich bei meinen spärlichen Begegnungen mit Schriftstellern etwas in der Form zu murmeln wie, daß ich mit Interesse ihre Werke gelesen hätte. Damit habe ich aufgehört. Es werden heutzutage schließlich so viele eigenartige Bücher geschrieben. Was für einen Eindruck würde es machen, wenn ein ältlicher Pädagoge – womöglich noch vor seiner Klasse – behauptete, er habe mit Freude und Interesse von einer Veröffentlichung Kenntnis genommen, die sich bei näherer Betrachtung beispielsweise als Studie über Gruppensex erwies?

Therese Carlsson war eine große, stattliche Frau von bestimmt gut sechzig Jahren. Das Haar hing ihr weiß und schlaff um ein Gesicht, das zu breit war, um es pferdeförmig nennen zu können, aber zu lang, um direkt anziehend zu sein, und wo die Haare endeten, begann etwas von der Form eines Sackes und, soweit ich es auf der dunklen Treppe erkennen konnte, auch von der Farbe eines solchen.

»Ich muß ...«, fuhr sie in ihrer Unterhaltung fort.

Ganz offensichtlich galt ihr Interesse an Toiletten nicht dem Abstrakten, Architektonischen, sondern hatte etwas Zwingendes und Dringendes.

Ich sammelte mich, murmelte: »Studienrat Persson, lassen Sie sich von mir nicht aufhalten!« Und die Frau stieg die Treppe mit langen Schritten und einer kraftvollen, dankbaren Geste weiter empor. Ich selbst ließ mich vom Geländer abwärts führen, während ich darüber nachsann, ob ich mich in meinem Eifer, geschwind zu Hilfe zu eilen, möglicherweise unpassend ausgedrückt hatte.

Unten in der Küche, zwischen blank gescheuerten Kupferkesseln und großzügigen Marmorbänken, fand ich die Gesellschaft, in unterschiedlichste Formen von Festtagsgewändern gehüllt.

Dem Botschafter, hier im Jackett, gelang es, auch in diesem Ambiente und zu dieser frühen Morgenstunde auszusehen wie ein Doyen auf dem Weg zum Neujahrsempfang eines Staatsoberhaupts. Im stillen war ich dankbar für meine Willensstärke, daß ich auf den Morgenmantel verzichtet hatte, und knöpfte die Jacke auf, um alle Welt sehen zu lassen, daß ich Weste trug.

Der beleibte Apotheker, der die Knickerbocker gegen einen dunklen Anzug getauscht hatte, machte in gedämpfter, verschwörerischer Stimme Konversation mit dem schmächtigen General, dem es noch nicht einmal in seiner Paradeuniform glückte, besonders farbenprächtig oder kriegerisch auszusehen.

Mommy stand am Herd und wachte über die Kaffeekanne und murmelte und brummelte, es sei eine Sünde und Schande, daß man einem Achtzigährigen mit Lied und Torte aufwartete, als sei er ein Kleinkind.

Die Person aber, die das Geburtstagstablett richtete und die notwendigen Anweisungen erteilte, war eine auffallende Dame von etwa 35 Jahren. Das rabenschwarze Haar und die leicht olivfarbene Haut verliehen ihr fast das Aussehen einer Inderin. Sie war gut zu hören und zu sehen von dort, wo sie am Tisch in der Zimmermitte stand, leicht über die mit Kerzen übersäte, riesige Torte gebeugt.

»Mein Schwiegervater wird von dieser Torte begeistert sein, da bin ich mir ganz sicher. Wenn ich mich jetzt bloß nicht verzählt habe, daß es auch wirklich achtzig Kerzen sind! Aber ach, wie ist das Tablett schwer! Wer trägt es, es muß jemand Kräftiges sein ... Herr Apotheker Karlander, Sie schaffen es bestimmt. Für die Blumen ist aber kein Platz mehr, die muß Ejnar nehmen. Ja, selbstverständlich trägt der Sohn den Geburtstagsblumenstrauß! Das schafft er gerade noch, das weiß ich!«

Man hätte es als Scherz abtun können, als kleine Neckerei unter Eheleuten, dem war aber nicht so. Es war dem kurzen, gemeinen Lachen anzuhören und an dem vielsagenden, aber nicht sonderlich liebevollen Blick abzulesen, der aus den mandelförmigen Augen hinüber zum Kühlschrank spritzte.

Von dort kam ein Lachen zur Antwort, angestrengt und laut, wie nur ein Junge im Stimmbruch lachen kann, wenn er versucht, etwas männlicher und selbstsicherer zu klingen, als er ist.

Es war zwar kein Junge, der dort stand, aber das Lachen erfüllte vielleicht doch einen Zweck.

Denn an dem Mann, in dem ich den Gatten der ordnenden Hand und den Sohn des Fabrikdirektors Adolf Lindberg zu erkennen glaubte, fand sich ansonsten nicht viel, das auf Virilität und Stärke schließen ließ. Was er vom Vater hatte, das war die Körpergröße, und in der Hinsicht war nicht viel zu holen gewesen. Er selbst hatte durch Fett einen eigenen Beitrag geleistet – dies mit Vorbehalt meiner Unkenntnis dessen gesagt, was die Mutter von diesem Gut mit ins Nest gebracht haben mochte. Denn fett war er, der Sohn des Fabrikdirektors, ordentlich fett, geradezu schlachtreif, tierisch fett, und er hatte so viel Speck an ein so kurzes Skelett gehängt, daß es nicht schön aussah, und das war ihm selbstverständlich bewußt und darum hatte er dieses Lachen, dachte ich mir. Das Gesicht, für sich genommen, war nicht gerade appetitlich. Die Nase zeigte nach oben, und über der Stirn und den Augen zeichnete sich eine zusammengedrückte, entschieden verkniffene Linie ab, die möglicherweise von einem dicken Brillengestell hätte verborgen werden können. Doch auf der Nase saß keine Sehhilfe und über der Stirn verloren sich nur einige schüttere, grau-zottelige Haarsträhnen, gleich getrocknetem Seegras auf einem halbverrottetem, aus dem Wasser ragenden Pfahl.

Ich begrüßte die Anwesenden und begann mit geringer Hoffnung auf baldigen Fortschritt zu versuchen, im Hause meine Stellung als Schwager des inzwischen erwachsenen Kindes zu erkunden, dem Tante Mommy vor längst vergangenen Zeiten gegen Bezahlung einmal einen Klaps auf den Hintern verpaßt hatte. Es gestaltete sich jedoch überraschend einfach, und aus all dem Fett heraus wurde ich von zwei braunen, scharfen Augen – den Augen des Vaters – betrachtet. Wie zwei Rosinen in einer Hefewecke, konnte ich gerade noch denken, ehe seine Frau sich daran machte, uns zur Prozession aufzustellen.

»Aber wo bleibt denn Therese Carlsson?« flüsterte der General, gewohnt, nicht durch unnötige Lautstärke oder Säbelgerassel vorzeitig die Lage der Truppe im Feld zu verraten. In dem Augenblick hörte man, wie die hochgewachsene Schriftstellerin die Treppe hinuntertrampelte, einem verspäteten Infanterie-Regiment auf dem Weg zum Appellplatz nicht ganz unähnlich. Sie wurde von gezischten Vorwürfen und leisen Verwünschungen empfangen, ins Glied gestellt, ganz nach hinten wie ein Anker, und so zogen wir aus der Küche, durch den Flur und das Wohnzimmer ins Eßzimmer, wo wir vor der großen, dunklen Tür Aufstellung nahmen.

Mir war es schon in der Küche aufgefallen und hier war es noch deutlicher spürbar.

Etwas war nicht so, wie es sein sollte, etwas stimmte hier ganz und gar nicht. Ich erinnerte mich im Lauf der Jahre an so viele morgendliche Aufwartungen, und alle waren begleitet von Gekicher, Scherzen und Vorfreude. Hier fehlte dergleichen, bloß erdrückendes Schweigen und eine Anspannung von Grund auf, die nicht die richtige war.

Lag es an mir, dem Fremdling im Hause, und dem Umfeld, die Mißstimmung aufkommen ließen, dachte ich, oder beruhte alles vielleicht darauf, daß wir alt waren oder keine Kinder dabeihatten? Alter auf dem Weg zu einem finsteren Stelldichein mit dem Greisentum?

Doch etwas anderes und Schlimmeres war die Ursache ...

Die Tür wurde mit einem leichten Knarren geöffnet.

Die Dunkelheit.

Das Lied.

Der Schrei.

»Zieh doch jemand die Vorhänge zurück! Macht Licht hier drinnen!«

Sogar der Apotheker war offensichtlich durcheinander, seine Hände waren von einem gewaltigen Tablett gebunden. General Ygdecrantz machte ein paar verzagte Schritte, Mommy aber war schon am Fenster schräg hinter dem Kopfende des Bettes.

Der alte Mann lag auf dem Rücken. Die Decke reichte nur knapp über die Brust, und die Falten des Nachthemdes waren vollkommen regungslos. Die durchscheinend weißen Hände ruhten auf dem Überschlaglaken, nicht gefaltet, jedoch einander zugewandt, als seien sie nahe daran gewesen, sich zu vereinigen. Der Kopf war zur Seite gefallen, und die Augen waren geschlossen. Doch der Mund stand offen, wie erstarrt zu einem Schrei oder geweitet im letzten, krampfhaften Versuch des Körpers, Sauerstoff zu atmen ...

Und dann sah ich, daß er sich übergeben haben mußte. Es hing um den Mund, am Kinn etwas Zähflüssiges, Mehlartiges, Blutvermischtes.

Auf dem Nachttisch standen ein Glas Wasser und ein kleines Arzneigläschen. Dort lag ebenfalls ein Buch, doch da dessen Umschlag fehlte und sein Rücken mir nicht zugewandt war, konnte ich den Titel nicht erkennen.

»Ist er ... ist er tot?« stieß Frau Lindberg hervor, unerwartet, gellend, und ich dachte, sie mußte es gewesen sein, die eben im Halbdunkel geschrien hatte.

Der Apotheker, der sein Tablett auf dem Fußboden zur Notlandung gebracht hatte, saß auf der Bettkante, und seine Hände tasteten über den dünnen Körper. Die riesige Hand blieb schließlich auf dem Hals des Greises liegen. Ein Druck bloß und er zerbricht die Halswirbel wie ein Streichholz, schoß es mir durch den Kopf.

»Ja, jetzt ist er für immer tot.« Der Apotheker erhob sich langsam. »Und er ist es schon eine ganze Weile. Aber wir müssen einen Arzt bestellen. Ejnar, kannst du einen anrufen ...?«

Die in all dem Fett versunkenen Äuglein blitzten zwar auf, er aber rührte sich nicht, antwortete nicht. Er sah unverwandt auf die kleine, dünne Gestalt in dem Bett, die – widersinnig, nahezu grotesk – der Ursprung seines irdischen Lebens war.

Doch dann entfernte sich Mommy mit wenigen, schnellen Schritten vom Fenster und sank neben dem Bett auf die Knie. Sie strich über die Hand ihres alten Bruders, unaufhörlich, wie um ihm die Wärme des Lebens wiederzugeben, und sie weinte still, untröstlich. »Liebster kleiner Adolf«, hörte ich sie flüstern, »liebster kleiner Adolf«. Ihr Kopf ruhte an seinem Arm.

Als sie sich endlich erhob, schwankte sie leicht, schob jedoch die stützende Hand fort, die ihr der Neffe angeboten hatte. Sie drehte sich zu ihm um, und ich sah ihr direkt ins Gesicht. Die Tränen waren nicht fort und auch nicht der Schmerz und der Verlust, die sich dahinter verbargen.

Aber jetzt lag auch Wut darin, Zorn und – für eine flüchtige, böse Sekunde – Haß.

Dann stolperte sie aus der Tür.

Doch sie sollte das Zimmer nicht allein verlassen.

Ihr hinterher lief ein junges Mädchen. Sie mußte hinter uns gestanden haben, vielleicht versteckt zwischen den dunklen Schränken, und jetzt schoß sie hervor wie ein aufgescheuchtes Tier.

Sie hatte einen Pferdeschwanz, trug Jeans, und in der Hand hielt sie einen kleinen Strauß weißer Blumen.

Und wenn ich recht gesehen hatte, dann weinte auch sie.

4

Doktor Tomander, ein sympathischer, grauhaariger Mann, traf nur wenige Minuten später unter liebenswürdigem Räuspern ein, untersuchte seinen Patienten ein letztes Mal und verschwand unter zunehmend nervöserem Räuspern, nachdem er konstatiert hatte, daß es sich hier vermutlich um einen Fall für die Polizei handelte.

»Ist im Verlauf der vergangenen Nacht gestorben, möchte ich vermuten. Seltsam, sehr seltsam, ich habe immer geglaubt, er würde neunzig werden. Sonst immer gesund wie ein Fisch, ährrm, im Wasser. Habe ihn dreißig Jahre lang als Patienten gehabt, habe ihn erst letzten Donnerstag gründlich untersucht. Kern-, ährrm, gesund. Leichter, zarter Körperbau, wunderbarer Blutdruck, prima Herz. Das Arzneiglas? Ja, seit vielen Jahren hat er die Angewohnheit, zur Nacht zwei Kapseln Schlafmittel zu nehmen. Ganz, ährrm, ungefährliche Angewohnheit in seinem Alter. Gewohnheitsmensch von Natur aus. Die Todesursache, ährrm?«

Doktor Tomander hatte sich vorgebeugt und schnupperte oberhalb des verfärbten, fleckigen Halsbündchens.

»Zwiebel, ährrm, es riecht nach Zwiebel ... Hat er gestern Hackbraten oder etwas anderes mit Zwiebel gegessen? Nein, ährrm? Und das hier ist Blut? Nein, er ist bestimmt im Schlaf gestorben, an Erbrochenem erstickt, ganz sicher. Möglich, daß ihm etwas, ährrm, Unbekömmliches verabreicht wurde, etwas, ährrm, sehr Unbekömmliches. Möchte fast Arsen vermuten ...«

Dann hielten Kommissar Svensson und alle seine Mitarbeiter Einzug ins Haus.

Ich selbst hatte mich hinauf aufs Zimmer verzogen, doch der Staatsminister blieb noch unten. Nach einer Stunde kam er indessen hereingestürmt und setzte vor Aufregung glühend zu einem verworrenen Vortrag an.

»Der Gerichtsmediziner sagt auch, es kann eine Arsenvergiftung sein! Aber um sicher zu gehen, müssen sie natürlich die Leiche obduzieren. Sie schneiden ihn auf und untersuchen den Inhalt von Magen und Darm und ...«

Ich hatte ihn mit einer matten Handbewegung um Mäßigung gebeten.

»Sollte es sich tatsächlich um Arsen handeln, dann muß er es gestern abend sehr spät zu sich genommen haben oder vor Mitternacht, und es kann ein Unfall oder Selbstmord oder Mord sein«, fuhr der Staatsminister begeistert fort. »Ich hoffe ... glaube, es ist Mord! Wie sollte es ein Unfall sein? Es gibt keine Spur von Arsen oder eines anderen Giftes im Zimmer des alten Knaben oder in seiner Toilette, das halten wir für bereits erwiesen. Wir arbeiten ... ja, als Justizminister bin ich doch der Polizeichef, das meiste ist Papierkram und Organisation und so etwas Langweiliges, du weißt schon, da ist Feldforschung einmal ganz angen ... nützlich. Ich habe übrigens einige Beobachtungen gemacht, die ihrer Meinung nach sehr bemerkenswert sind, haben sie gesagt.«

In Gedanken galt mein Mitleid der einheimischen Polizei. Läuft einem der höchste Chef – und was für ein höchster Chef – zwischen den Beinen herum, ist es verständlich und sehr menschlich, wenn ein junger Polizeianwärter versucht, ihm ein paar freundliche Worte zukommen zu lassen, auch wenn er keine andere Entdeckung gemacht hatte als die, daß die Leiche tot ist.

»Und Selbstmord?« überlegte der Staatsminister laut weiter. »Warum hätte er sich das Leben nehmen sollen? Gestern abend hat er schließlich mit einer solchen Begeisterung von seinem Geburtstag gesprochen und daß sein Sohn kommt und war so unglaublich munter und ausgelassen, finde ich. Nein, es muß Mord sein.«

Ich schüttelte eine Herztablette aus meiner Pillendose und schluckte sie. Der Staatsminister schaute interessiert zu, als hoffe er auf einen neuen spannenden Leichnam.

»Und der Mörder muß sich hier im Haus aufhalten. Fenster und Türen sind abgeschlossen und verriegelt gewesen, und wir haben keine fremden Fußabdrücke im Garten gefunden. Und nach dem Regen müßten welche zu finden sein. Ganz ausgezeichnetes Wetter mit Blick auf die Ermittlung.«

Der Staatsminister schaute anerkennend hinaus auf den leichten Nebel vor dem Fenster.

»Meine Theorie ist, jemand von uns hat gestern abend den Inhalt der Kapseln mit dem Schlafmittel gegen Arsen ausgetauscht.«

Ich ertappte mich dabei, wie ich mich heftig fort aus meinem gemütlichen Zimmer sehnte, zurück ins Hotel und zum heiligen Sebastian.

»Sie sind aus Gelatine, diese Dinger, bestehen aus zwei Hülsen, die ineinander geschoben werden. Zieht man sie auseinander, kommt das Schlafpulver zum Vorschein. Man kann es ganz einfach ausschütten und zum Beispiel statt dessen Arsen hineinfüllen und dann die beiden Hälften wieder zu einer Kapsel zusammenschieben, die genauso aussieht wie vorher. Und dann, spät am gestrigen Abend, hat der alte Knabe wie immer seine zwei Kapseln eingenommen. Doch wenigstens eine davon war mit Arsen gefüllt. Er ist eingeschlummert – das Arsen wirkt bestimmt ganz langsam – und ist dann ein paar Stunden später im Schlaf gestorben, vielleicht an Erbrochenem erstickt.«

»Wer war gestern abend hier?« fuhr der Staatsminister in seinem makaberen Monolog fort. »Von dir und mir abgesehen – haben sie dich übrigens verhört? – und Mommy, dann waren da noch der General, der Botschafter und der Apotheker. Der Apotheker ist gegen elf Uhr nach Hause gegangen, und wir anderen haben uns noch bis halb zwölf unterhalten, als der alte Knabe sich noch immer gesund und gut in Form zurückgezogen hat und wir nach oben auf unsere Zimmer gegangen sind. Im Lauf des Abends kann sich jeder von uns ins Schlafzimmer des Fabrikdirektors geschlichen und eine seiner Kapseln geleert und mit Gift wieder gefüllt haben. Wenn mich mein Gedächtnis nicht ganz täuscht, dann hat jeder von uns gestern abend die Gesellschaft einmal verlassen, wenigstens für einige Minuten. Und mehr dürfte wohl ein einigermaßen geschickter Mensch nicht brauchen. Nach Mitternacht ist aus Stockholm der Sohn mit seiner Frau gekommen, Olivia heißt sie, der Name paßt übrigens gut zu ihrer Haut. Scheint verdächtig, laut Plan hätten sie erst heute zur Aufwartung eintreffen sollen. Waren bestimmt noch drinnen bei dem alten Knaben, nachdem er zu Bett gegangen war. Das Gläschen mit dem Schlafmittel auf dem Nachttisch war ganz neu, war gestern von der Apotheke angefertigt worden, und der alte Knabe hatte es gestern nach dem Mittagessen persönlich abgeholt. Warte mal, das bedeutet doch, daß der Mörder nicht unbedingt gestern abend hier im Haus gewesen sein und das Gift gemischt haben muß. Es reicht, wenn er oder sie irgendwann im Lauf des gestrigen Tages Zutritt zum Haus und dem Schlafzimmer gehabt hat ...«

Der Staatsminister kritzelte etwas mit gewichtiger Miene in sein Notizbuch.

»Nimmst du Arsen für Herz oder Gedärme oder so? Ja, ich frage doch bloß, wir müssen schließlich herausfinden, wem das Gift zur Verfügung gestanden hat.«

Um die Aufmerksamkeit von meiner Person abzulenken, erwähnte ich, daß ich vor der Aufwartung auf der Treppe der Schriftstellerin Carlsson begegnet sei. Der Staatsminister machte ein interessiertes Gesicht.

»Ach, wirklich, streunt frei umher? Beweist, daß sie sich hier zu Hause fühlt und ungeniert bewegt. Das müssen wir näher untersuchen.«

»Und wer war das Mädchen, das nach Mommy aus dem Schlafzimmer gelaufen ist?« ergänzte ich.

»Lotta. Hilft Mommy während des Sommers im Haushalt. Liebes, kleines Ding – erst siebzehn Jahre alt. Nein, jetzt muß ich gehen! Finde im Lauf des Tages so viel wie möglich heraus, sprich mit den Verdächtigen und überprüfe Umfeld und Stimmung und so! Vernichte aber keine Spuren!«

Damit zog er seiner Wege, um sich mit den anderen Mitgliedern der Harpsundsliga zu vereinigen, und ich wurde einem sanften Verhör durch einen freundlichen Kommissar unterzogen, der keinen Verdacht gegen mich zu hegen schien.

Die nächste Besucherin war Olivia Lindberg, die sich erkundigte, ob ich nicht mit Tante Mommy und ihr unten zu Mittag essen wolle.

»Wir sind nur zu dritt, mein Mann mußte zur Bank und zum Anwalt und hat in der Küche ein paar belegte Brote gegessen.«

Sie schien ein wenig bedrückt, die Augen flackerten ein bißchen in ihren mandelförmigen Höhlungen, und ich fragte mich, wie ihr Mädchenname sein mochte und ob ich sie vielleicht einmal unterrichtet hatte. Schüler bilden sich oft ein, man würde sich noch nach Jahren an ihre dürftigen Leistungen und mehr oder weniger gemeinen Streiche erinnern, einige glauben sogar, man entsinne sich mit Wut und Rachegelüsten ihrer, und die Stimmung ist in solchen Fällen selten ganz ungezwungen. Mal sehen, ob sie fünfunddreißig ist, dann wäre es Ende der fünfziger Jahre gewesen ... Aber nein, diese Augen hätte ich wiedererkannt! Und dieses Zusammenspiel von Geschmeidigkeit und Kraft in den Bewegungen, dachte ich mir, wie ich so die Treppe hinter ihr hinunterging.

Mommy wartete im Eßzimmer.

Die Tränen und die Aufregung des Morgens hatten sich gelegt; sie schien ruhig und gefaßt. Das Gesicht jedoch, dessen Blässe mich schon am Abend zuvor fasziniert hatte, war weiß wie die Spitzenkrause am Hals.

Wir setzten uns zu Tisch.

Wenn der Tod einen alten Menschen ereilt, kommt er häufig wie ein Freund, und nach den richtigen Worten braucht man nicht lange zu suchen. Ein altes, verbrauchtes Herz versagt, und der gequälte Körper und der gepeinigte Geist kommen zur Ruhe – darin gibt es kein Vertun. Doch hat jemand den Tod gerufen, wurde der Greis des Nachts mit Gift von Menschen, die er geliebt hatte, aus einem Leben ohne Qualen, aus einem Zuhause, das sich auf ein Fest vorbereitete, herausgerissen – dann muß man seine Zunge hüten.

Und die Stille war nicht gerade eine Erleichterung.

Olivia Lindberg fragte mich rasch hintereinander, ob ich Bier oder Wasser wünsche, ob ich vielleicht lieber mit Blick auf den Garten sitzen wolle und ob ich Kasseler äße und als ich ihr geantwortet hatte und von neuem Stille eintrat, erzählte sie, sie habe soeben Tante Mommy berichtet, daß sie und ihr Mann rein zufällig schon am gestrigen Abend in Ädelsta eingetroffen seien.

»Es war schließlich abgemacht, daß wir erst heute kommen.«

Sie hatte eine sonore, angenehme Stimme, doch die Worte strömten ihr schnell, fast beschleunigt aus dem Mund.

»Aber wir sind zum Abendessen in Saltsjöbaden eingeladen gewesen und konnten schon gegen elf los, und da haben wir gedacht, tja, eigentlich war es Ejnars Idee, daß wir genausogut gleich herfahren konnten, dann würden wir bei der morgendlichen Aufwartung dabeisein und hier noch den ganzen Tag vor uns haben. Für Ejnar steht ... für uns steht schließlich oben immer ein Zimmer bereit. Ich bin schnell gefahren, tja, ich bin immer so nervös, wenn ich tatenlos neben Ejnar sitzen muß, und außerdem hatte er einige Gläser getrunken, aber wir sind erst nach zwölf hier angekommen, da waren alle schon im Bett. Wir haben mit Ejnars Schlüssel aufgeschlossen und sind auf leisen Sohlen hineingegangen, um Onkel Adolf nicht aufzuwecken, aber er hat im Bett noch gelesen und uns zu sich gerufen. Er hat sich so gefreut, Ejnar zu sehen. In der Gesellschaft war ich dann wie üblich recht überflüssig, deshalb habe ich ihm nur von der Tür aus zugewinkt und ihn begrüßt, anschließend bin ich hinauf und zu Bett gegangen. Ejnar ist auch nicht so lange geblieben, es war schließlich schon spät, und Onkel Adolf hatte einen anstrengenden Tag vor sich ... Er war bestimmt gesund ... Ejnar konnte ja nicht wissen ...«

Hier verstummte sie, als seien ihr alle Wege versperrt.

Im Verlauf der restlichen Mahlzeit bemühte ich mich, belanglose und neutrale Gesprächsthemen zu finden, doch es glückte mir nie, Olivia ins Gespräch einzubeziehen. Und wenn Mommy angelegentlich Fragen direkt an sie richtete, bekam sie kurze, fast einsilbige Antworten.

In dem Augenblick, da ich Messer und Gabel aus der Hand legte – Mommy hatte nur ein paar Kekse gegessen –, schaute Olivia Lindberg auf ihre Uhr und rief aus: »Ich hätte ja Ejnar vor zehn Minuten an der Bank treffen sollen!«

Dann hauchte sie Mommy einen Kuß auf die Wange, schnell, flüchtig, wie ein Mensch mit Bazillenphobie einen unausweichlichen Hund streichelt, und murmelte ein »Verzeih, liebe Tante« und fehlte bei Kaffee und weiterer Geselligkeit.

Als wir dann allein im dunklen, aber gemütlichen Wohnzimmer saßen und Mommy den Kaffee eingeschenkt hatte, war scheinbar etwas von der angespannten und bedrückenden Atmosphäre verflogen, und sie begann, von sich und den ihren zu erzählen, und ich stellte fest, daß es für sie eine Erleichterung war, darüber sprechen zu können.

»Hätten Sie, Herr Persson, vielleicht lieber eine Tasse Tee gehabt? Ja, aber von Kaffee wird man doch etwas munterer. Wie schade, daß Olivia keine Tasse getrunken hat! Ich frage mich, warum sie so ... Ich bin so traurig, wissen Sie, Herr Persson, ich werde so schwer warm mit ihr. Manchmal scheint sie mir so unnahbar und so ... hart. Aber ich komme ihr bestimmt schrecklich alt vor, und das bin ich ja auch, bald fünfundsiebzig. Und wir haben nicht so oft die Gelegenheit, uns etwas näher kennenzulernen. Es ist erst zwei Jahre her, daß sie und Ejnar geheiratet haben. Nein, sie ist ein Stockholmer Mädchen. Sie haben sich kennengelernt, als Ejnar sich ein Bein gebrochen hatte und in das Krankenhaus eingeliefert wurde, in dem Olivia Krankenschwester war. Und wir, Adolf und ich, haben uns so gefreut und ich, daß Ejnar endlich jemanden gefunden hat, den er liebgewinnen konnte. Aber jetzt finden Sie bestimmt, ich bin eine gemeine, alte Frau, wenn Sie mich so reden hören, aber ich kann nicht finden, daß sie die richtige Ehefrau für Ejnar ist. Über das Verhältnis zwischen Eheleuten können sich Außenstehende kein Urteil erlauben, aber sie ist so ironisch und ... ja, manchmal richtig höhnisch ihm gegenüber und verunsichert ihn, und das ist nicht gut, ganz und gar nicht gut. Wissen Sie, Ejnar ist schon immer ein verunsicherter Mensch gewesen, schon seit seiner frühesten Kindheit. Seine Mutter ist gestorben, als er erst fünfzehn Jahre alt war, und Adolf hat so große Ansprüche an ihn gestellt. Immerzu sollte er der Beste und Fleißigste sein. Manchmal denke ich, er ist Bankdirektor geworden, nur um sich selbst und seinem Vater zu beweisen, daß er tatsächlich etwas leisten kann. Doch im Grunde seines Herzens ist er nach wie vor ein unsicherer und recht schwacher Junge, das ist oft ganz deutlich zu spüren. Aber das hat Adolf ja nie eingesehen. Er hat geglaubt, er sei so, wie er nach außen wirkt: sicher, ruhig und geschäftsmäßig. Olivia ist viel stärker, und sie könnte ihm durchaus das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit geben, das er braucht. Aber sie treibt ihn an, will, daß er eine glänzende Figur macht, sich Auszeichnungen erwirbt und Geld verdient. Und gelingt es ihm nicht immer, dann ist sie gemein und nörgelt an ihm herum, wenn andere es hören, und das finde ich so abscheulich.«

Mommy ließ die große, graue Katze auf ihren Schoß springen, wo sie sich zusammenrollte und einschlief.

»Olivia ist stark«, murmelte sie. »Aber heute war sie nicht wie sonst. Aber das ist wohl niemand von uns, nehme ich an ...«

Ich fragte, ob ihr Bruder jener mittellose Handwerkersohn sei, der im Alter von achtzehn Jahren mit einer bescheidenen Produktion von Wäscheklammern begonnen hatte, die er durch Fleiß und Begabung ausgebaut und in einen geradezu industriellen Betrieb verwandelt hatte, der auf seinem Gebiet zum führendsten im Lande gezählt hatte, als er ihn vor zehn Jahren verkaufte.

Es schien ihr alles andere als schwerzufallen, über ihren Bruder zu sprechen; die Augen strahlten vor Stolz und Bewunderung, und in die Stimme legte sie Gefühl und Lebendigkeit. Sie war wieder glücklich, in der Welt der Vergangenheit.

Doch dann holten sie die Ereignisse des Morgens ein und damit die Tränen.

»Ja, es ist dumm von mir, daß ich weine, aber er war der einzige, den ich hatte, und ich hatte ihn so gern. Ich selbst habe ja nie die Gelegenheit gehabt, zu heiraten und Kinder zu bekommen, dazu ist nie Zeit, wenn man sich um anderer Leute Kinder kümmert, und als Adolf nach Ellas Tod Witwer war und ich hierher gekommen bin, um ihm den Haushalt zu führen, da war ich zu alt, um hier noch richtige Freunde zu finden. Und Ejnar und Olivia haben so viel zu tun und wohnen so weit fort. Und andere nahe Verwandte habe ich nicht. Natürlich konnte Adolf zu anderen unfreundlich und ... hart sein, er war schließlich Geschäftsmann, aber zu mir war er immer so lieb und aufmerksam. Nicht, daß ich ihm in tieferem Sinn so viel bedeutet hätte, er hat schließlich seinen geliebten Ejnar gehabt, aber er war es gewohnt, daß ich da war, und es war ihm sehr recht, daß ich mich um die praktischen Dinge kümmerte. Als ich hier eingezogen bin, ja, das ist nun schon dreißig Jahre her, da hat er gesagt, ich solle das Haus hier als mein eigenes Heim betrachten und in allem nach meinem Gutdünken schalten und walten. Und das habe ich während all der Jahre auch getan. Und heute abend hätte ich wie immer als Gastgeberin am Tisch gesessen, ja, damit hat es mein Bruder ganz genau genommen. Nicht, daß wir so oft Abendessen geben würden, Adolf und ich haben einige Bekannte, und wir machen es gern.«

Sie streichelte den glänzend grauen Pelz.

»Aber was sitzt Frauchen hier rum und redet, und du hast dein Futter noch nicht bekommen, meine keine Missan! Und Pelleman, der Ärmste, liegt natürlich in der Küche und wartet vor dem Freßnapf. Ja, ja, es kommt jetzt viel Arbeit auf uns zu. Aber trotz allem ist es ein Trost zu wissen, daß ich alle Hände voll zu tun haben werde, bis ... bis die Beerdigung vorbei ist. Und verzeihen Sie mir, lieber Herr Persson, daß ich so viele Dinge erzählt habe, die Sie bestimmt nicht interessieren, aber es ist eine solche Erleichterung, sich an so einem Tag die Dinge von der Seele reden zu dürfen.«

Sie war aufgestanden und begann die Tassen zusammenzustellen.

»Ja, mein Junge war so lieb und hat sich angeboten, noch ein paar Tage hier zu wohnen, und ich hoffe natürlich, Sie auch. Ejnar und Olivia fahren schon morgen nach Stockholm zurück, er hat so viele Geschäfte zu tätigen, dafür muß man Verständnis haben, dennoch wird es schwer werden, diese Tage ganz allein hier zu sein. Ich habe natürlich Lotta, das Mädchen, das mir im Haushalt hilft, aber sie ist ja noch ein Kind.«

Mit gemischten Gefühlen versprach ich zu bleiben.

5

Bereits um zwei Uhr stürmte der Staatsminister von Harpsund herein, wo er offenbar ausgiebig herumgesessen und Energie getankt hatte.

»Na«, begann er in herausforderndem Ton, als sei ich ein Rapportpflichtiger auf unterer Beförderungsebene, »ist dir etwas Verdächtiges aufgefallen?«

Es war zwar nicht der Fall, ich inspizierte jedoch schleunigst die Speisekammer und entdeckte etwas kalten Aufschnitt – abgesehen von den Worten, die ich auf meiner nächtlichen Wanderung zur Toilette gehört hatte, war das alles, was ich ihm anzubieten hatte.

»Was hat er ganz genau gesagt?« fragte der Staatsminister und holte Stift und das schwarze Notizbüchlein hervor.

»An den ganz genauen Wortlaut kann ich mich nicht erinnern, aber es ging darum, daß er drinnen bei dem verdammten alten Knacker gewesen war und er Angst hatte und er schlafen mußte, denn dieser Tag würde anstrengend werden.«

Der Staatsminister wirkte von meiner kleinen Erzählung entschieden gefangen genommen.

»Aber dann ist die Sache doch klar! Er war selbstverständlich bei dem alten Knaben im Zimmer gewesen und hat ihm die Arsenkapsel untergeschoben, und dann hatte er Angst vor der Polizei und dem Verhör. Hast du das der Polizei mitgeteilt? Egal, letzten Endes bin schließlich ich die Polizei.«

Er schaute zufrieden aus. »Und wer hat da gesprochen?«

Ich antwortete, daß ich es nicht wisse und auch nicht ausmachen konnte, aus welchem Zimmer die Stimmen zu hören waren.

Der Staatsminister sah für einen Augenblick so aus, als erwäge er, die Polizeimarke zu zücken und außergewöhnliche Maßnahmen zu ergreifen.

»Na, da es dir immerhin gelungen ist, festzustellen, daß es sich um einen Mann handelte, muß es entweder der General oder der Botschafter oder der Bankdirektor gewesen sein.« Er klopfte sich mit dem Stift an die Zähne. »Ist es tatsächlich möglich, daß einer von den dreien laute Selbstgespräche führt? Ich glaube nicht, daß dem Außenministerium oder Generalstab oder der Bankenaufsicht so etwas gefallen würde. Die Sicherheit des Landes und dergleichen, du weißt schon. Sofern es sich nicht um so etwas wie ein verspätetes, lautes Abendgebet gehandelt hat. Du mußt herausfinden, ob einer von den dreien die Angewohnheit hat, abends zu beten.«

»Ich?«

»Ja, als Lehrer bist du es doch wohl gewohnt, fast alles zu fragen. Ich erinnere mich, wie unser Schwedischpauker uns Aufsätze schreiben ließ über ›Meine Meinung über die Religion‹ und ›Meine Meinung über die Liebe‹ und ›Meine Meinung über die Politik‹ ... Ziemlich indiskret, muß ich sagen. ›Meine Meinung über die Politik‹ ... Nicht einmal Erlander würde mich so etwas fragen. Ich finde, ein Mindestmaß an Privatsphäre muß einem schon gestattet sein ...«

Er verlor sich noch tiefer in sein Geschwätz, und ich versuchte, ihn wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzubringen, indem ich darauf hinwies, daß die einzigen Personen im Haus, die sich ein Zimmer geteilt hatten, der Bankdirektor und seine Frau waren und ich darum mit aller Wahrscheinlichkeit die beiden gehört hatte.

Der Staatsminister schien mit meiner Kunst, Schlußfolgerungen zu ziehen, nicht unzufrieden zu sein, es gelang ihm jedoch, auf eine Seitenspur umzulenken.

»Warum bist du mitten in der Nacht im Haus herumgelaufen?«

Ich erklärte es ihm.

Er saß eine Weile still da.

»Wie seltsam«, sagte er dann.

»Was ist seltsam?«

»Ja, daß wir ... daß immer jemand von uns beiden auf dem Klo sitzt, wenn in der Nähe gemordet wird. Letztes Mal, auf Lindö, war ich es und jetzt ... du. Paß bloß auf, daß der Kommissar keinen Wind davon kriegt. Ich stehe dann kurz vor der Verhaftung und Absetzung. Eine ganze Woche lang sind die damals hinter mir hergewesen. Willst du, daß ich sage, ich war dabei? Dann hast du ein Alibi. Egal, es wird sich schon klären, du wirst sehen. Jetzt statten wir erst einmal der Anwaltskanzlei Lindencrona, Bitskivargränd 4, einen Besuch ab. Dort werden wir wohl das Motiv finden.«

Die Wolken hatten sich aufgelöst, und die Sonne schien über Ädelsta.

Doch es war mehr vonnöten, um das Städtchen in die Idylle zu verwandeln, von der ich zu Hause in der Bastugatan geträumt hatte. Anfangs vermischte sich Altes mit Neuem auf eine Weise, die nicht reizvoll, sondern womöglich eher als beklemmend bezeichnet werden konnte, und das Gelände war weitaus unwegsamer, als ich oder ein Leidensgenosse es als angenehm hätten empfinden können. Schon nach fünf Minuten bereute ich es zutiefst, daß ich das Angebot des Staatsministers ausgeschlagen hatte, mich im Auto mitzunehmen.

»Was ist das?« fragte der Staatsminister mitten auf einer asphaltierten Geraden und zeigte auf ein Backsteingebäude mit schmutzigen Fenstern und hohen Schornsteinen.

»Eine deiner Fabriken«, antwortete ich, der ich das Zeichen an der Fassade erblickte, wozu man keine großen Geistesgaben zu haben brauchte.

»Was?« erwiderte der Staatsminister. »Pfui Teufel, wie häßlich! Was wird dort hergestellt?«

»Haushaltsgeräte. Willst du nicht einmal vorbeischauen?«

»Nein, mein Lieber, das glaube ich nicht.« Er fröstelte, als sei der Wind plötzlich kalt geworden. »Man muß da dann stundenlang rumlaufen, während einem Produktionszahlen um die Ohren gehauen werden, und die ganze Zeit muß man sich neue, intelligente Fragen ausdenken. Die Kunst, intelligente Fragen zu stellen, besteht darin, schon im voraus die Antwort zu kennen, und ich habe keine Ahnung von ... was sagtest du doch gleich, wird dort hergestellt? ... von Haushaltsgeräten. Und am Ende der Wanderung landet man im Büro, wo der Direktor einem den Investitionsplan vorlegt und Vorschläge zum Verwaltungsbericht und Rat erwartet und Ansichten hören will. Bei unserem letzten Besuch in Göteborg, glaube ich, hat die ganze Führungsriege voller Erwartung dagesessen und mich mit Fragen bombardiert, ob ich der Meinung sei, das Unternehmen solle eine Fondemulsion vornehmen oder ob bei der herrschenden Wirtschaftslage vielleicht eher eine Neuemulsion vorzuziehen sei? Was? Emission? Ja, auch möglich. Mir waren die Begriffe nicht ganz geläufig, ja, ich hatte sie natürlich schon gehört, fand es jedoch etwas peinlich nachzufragen, so daß ich etwas murmelte wie, es sei wahrscheinlich das Beste, alles beides vorzunehmen. Ja, später hat sich dann herausgestellt, daß dies ein nahezu genialer Schachzug gewesen ist, der bei der gesamten rechten Finanzwelt Beifall gefunden hat. Und in der Nationalökonomischen Vereinigung hat mir Jacob zweimal die Hand geschüttelt, und ich habe gefragt, ob ich mich in der Diskussion zu Wort melden solle, was er aber nicht für notwendig gehalten hat. Aber seitdem habe ich keine ruhige Minute mehr. Alle meine Direktoren wollen bei wichtigen Entscheidungen meine Meinung hören, als sei ich so etwas wie ein wirtschaftliches Orakel. In großen Schwärmen kommen sie hergeflogen, sogar aus Japan reisen sie an. Zu Hause erreichen sie mich nicht, denn da hängen immer die Kinder am Telefon, so daß sie jetzt dazu übergegangen sind, mich in der Staatskanzlei aufzusuchen. In der vergangenen Woche sind sich der Ministerpräsident und der LM-Chef in der Lobby begegnet, und der Ministerpräsident soll ausgesehen haben, als habe er den russischen, nein, den amerikanischen Botschafter in seinem Arbeitszimmer vorgefunden. Dann ist er zu mir hereingekommen und hat gesagt, jetzt müsse aber das Herumgelaufe der Direktoren auf den Treppen ein Ende haben. ›Ich lasse es mir ja gefallen‹, erklärte er, ›aber wenn einer von meinen gläubigen Jungs herausfindet, daß bei dir die großen Finanzbosse ein- und ausgehen wie das Kind im Hause, übernehme ich nicht die Verantwortung für die Reaktion darauf. Diese Herren von der Wirtschaft sind routinierte Förderer, und ich brauche meine arbeitsfähigen Leute. Hast du Ingvar Carlsson gesehen, seit er mit geballter Faust auf einen der Herren Bonnier losgegangen ist? Die Konvaleszenz verläuft zufriedenstellend, aber als er gerade wieder zum Dienst gehen wollte, hat er das Verzeichnis über die besserverdienenden Steuerzahler erwischt und festgestellt, daß sein Einkommen höher ist als das von Marc Wallenberg, woraufhin ein Teil – der Diäten der Reichstagsabgeordneten – außerdem als arbeitsfreies Einkommen einzustufen sei, und dann ist er vollkommen zusammengebrochen, hat geweint und geschrien wie ein kleines Kind: Ich will auch! Ich will auch! Doch dann hat er sich zusammengerissen und angefangen, ein neues Kapitel unseres Gleichstellungsprogrammes zu schreiben, die verbale Aggressivität hat er hervorragend im Griff gehabt und ist sofort ruhiger geworden. Und wo überall du deine Papiere verstreust! Als Geijer kürzlich hier war, hat er eine deiner Fusionen auf der Treppe und zwei von deinen verfluchten Unternehmensschließungen in meinem eigenen Wartezimmer gefunden! Er hatte nur Hohn und Spott dafür übrig und gesagt, der Weg in mein Büro sei förmlich mit Struktur-Rationalisierungsmaßnahmen gepflastert. Deshalb wäre ich dankbar, wenn du Wickman die Unternehmensschließungen vornehmen ließest, meine ich, das schafft er problemlos selbst.‹ – Tja«, sagte der Staatsminister, »ich habe ihn wirklich noch nie so aufgebracht gesehen, seitdem sie damals im letzten Winter Hedlund aus dem Eisloch gezogen haben. Also für mich keine Betriebsbesichtigung. Das gibt nur Ärger«, fuhr er fort und ging in seiner sprunghaften Erzählweise zu dem Bericht über, wie er einmal bei einer ihm unterstellten Rechtsbehörde ein gewisses Maß an Inaktivität festgestellt zu haben meinte und sich an diese mit der Anfrage gewandt hatte, ob möglicherweise eine vorübergehende Stagnation im Arbeitsablauf aufgetreten sei und als Antwort erhalten hatte, daß sich die Behörde aus Protest gegen die unzumutbare Arbeitsbelastung seit drei Jahren im Streik befand.

Anwalt Lindencrona, der sich als kleiner, glatzköpfiger Herr mit vorstehenden Augen und schriller Stimme erwies, empfing uns sehr zuvorkommend, obwohl wir unangemeldet kamen. Ein Klient von bäuerlichem Äußeren und offensichtlich in die Klauen der Justiz geraten, so daß Lindencrona sich nicht zu zieren brauchte, wurde in das Wartezimmer expediert und wir aufs Sofa komplimentiert.

Der Anwalt hob an, den Staatsminister wegen eines neuen Gesetzes zu loben, das er an den Mann gebracht hatte, und der Staatsminister erkundigte sich, ob Anwälte wie Verbrecher nicht manchen Punkt zu beanstanden hätten. Doch der Kahlköpfige versicherte, es sei durchweg gut und stellenweise sogar vortrefflich.

Anschließend wurde das schnelle Ableben des Fabrikdirektors erwähnt, und wir schüttelten in einer Minute des Anstandes unsere Köpfe in der Verwunderung über die Hinfälligkeit des Lebens und die Unsicherheit des Daseins, bis der Staatsminister mit einer Miene wie unter seinen Juristenkollegen üblich vorpreschte und nach dem Testament und dem Vermögen des Verstorbenen fragte.

»Ja, ich weiß nicht, ob ich ...«

Der Anwalt ordnete ein wenig seine Stifte. Aber dann legte er entschlossen los, als sei er zu der Überzeugung gelangt, es komme einem Provinzanwalt nicht zu, vor seinem Justizminister Geheimnisse zu hegen.

»Einen vollständigen Überblick über die finanziellen Verhältnisse des Fabrikdirektors Lindberg habe ich mir nicht verschafft, doch soviel erlaube ich mir zu sagen, daß es gut, sehr gut darum bestellt ist. Zum einen hat er eine sehr ansehnliche Pension von seiner alten Firma bekommen, zum anderen hat er Aktien in einem Nennwert von rund einer Million Kronen besessen. Das Grundstück wird auf einhundertfünfzigtausend Kronen geschätzt, kann aber beim Verkauf mit Sicherheit das Doppelte einbringen. Auf welche Summe sich seine Bankguthaben belaufen, wage ich nicht zu sagen, ich nehme aber aus guten Gründen an, daß sie nicht unbedeutend sein werden.«

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