Kitabı oku: «Der Staatsminister reist aufs Land»
Bo Balderson
Der Staatsminister reist aufs Land
Aus dem Schwedischen
von
Maike Dörries
Saga
Die Personen in der Reihenfolge ihres Auftretens:
| Der Staatsminister | |
| Margareta | seine Frau |
| Vilhelm Persson | pensionierter Studienrat, Erzähler |
| Johan Åkerblom | dritter stellvertretender Reichstagspräsident |
| Elvira Elmgren | Haushälterin |
| Gustaf Wallman | Polizeikommissar a.D. |
| Frau Silfverlod | Eigentümerin von Silfverhus |
| Maude Silfverlod | ihre Tochter |
| Michael Körmendi | Arzt |
| Hubert Hallander | Gemeindepfarrer |
| Harriet Hallander | seine Frau |
| Nisse Nord | Schriftsteller |
1
Es war eine nicht enden wollende Küsserei und Herzerei.
Der Wagen rollte bereits durchs Tor, aber der Staatsminister hing noch immer aus dem Seitenfenster und rief seiner Frau und den Kindern Abschiedsgrüße und Ermahnungen zu.
»Zähneputzen nicht vergessen! Mit den Hunden rausgehen! Den Rasen mähen! Und nicht traurig sein, in ein paar Tagen bin ich ja wieder da! Ich rufe euch abends an, um zu hören, wie euer Tag war. Und morgens, wie ihr geschlafen habt. Sollten der Ministerpräsident oder das Ministerium anrufen und fragen, wo ich stecke, sagt ihnen nicht, wo ich bin. Außer natürlich, es geht um eine Leiche. Sagt einfach, ich wäre in Norrland unterwegs, um mir ein paar Strafvollzugsanstalten anzusehen ...«
Als wir das Eigenheim und die lärmenden Kinder endlich hinter uns gelassen hatten, sah ich den Staatsminister von der Seite an und fragte ihn ganz direkt, ob er wirklich glaube, das Vertrauen des Ministerpräsidenten und der Regierung zu genießen. Was der Staatsminister entschieden bejahte. Das habe ihm der Regierungschef erst vor sechs, sieben Jahren bestätigt. Na gut, der damalige Regierungschef ...
Die Sonne schien, ein laues Lüftchen wehte; und es hätte ein richtig schöner Tag werden können, hätte ich nicht angeschnallt im Wagen des Staatsministers gesessen, ausgerüstet für einen längeren Ausflug inklusive Übernachtung. Neben dem Staatsminister im Auto zu sitzen, war, wie in einem ausrückenden Einsatzfahrzeug mitzufahren: Man weiß, dass einen Schreckliches erwartet, nur nicht, was.
Aber, dachte ich, vielleicht würde es diesmal ja gar nicht so schlimm werden.
Der Staatsminister wollte sich schließlich nur ein paar Häuser ansehen.
Ich weiß nicht, ob ich es bereits erwähnt habe: Der Staatsminister unterstützt mit seinen Millionen eine Organisation, die sich um Kinder aus Krisengebieten kümmert. Sie werden einige Monate, bis zu einem Jahr, in gut ausgestatteten Pflegeheimen untergebracht, in denen sie behandelt und aufgepäppelt werden, wo sie spielen und wieder Vertrauen lernen können. Solche Heime gibt es überall auf der Welt, in fast allen Ländern.
Keine Frage, das Ganze ist sehr lobenswert. Aber Gedanken kann man sich ja trotzdem machen. Als ich bei irgendeiner Gelegenheit vorsichtig zu bedenken gab, ob es nicht eventuell sinnvoller wäre, das Geld in geburtenkontrollierende Maßnahmen zu investieren, reagierte er mit Unverständnis:
»Aber diese Kinder gibt es bereits!«
Ich führte meine Gedankengänge nicht weiter aus. Der Staatsminister sieht vor lauter Menschen die humanitären Probleme nicht.
Sicher ist es eine gute Sache, Kinder aller Hautfarben und Nationalitäten zusammenzubringen, Juden mit Arabern spielen zu lassen und Weiß mit Schwarz. Auch das habe ich ihm gegenüber angesprochen. Da hat er mich angestarrt und gesagt, dass ihm dieser Gedanke noch nie gekommen sei!
Das ist so typisch für diesen Mann. Da setzt er einen großen und edlen Gedanken in die Tat um, ohne ihn je gedacht zu haben!
Wie auch immer, dieses Projekt war seriös, es stand unter der Schirmherrschaft der UNO und wurde von Fachleuten und Komitees organisiert. Aber der Staatsminister zahlte. Und war für die Auswahl der Häuser in Schweden zuständig.
Weil er glaubte, einen messerscharfen Blick für geeignete Objekte zu haben.
Die Häuser sollten geräumig sein und solide gebaut, sagt er, gern ein wenig in die Jahre gekommen. Sie sollten nicht in der Stadt liegen, aber auch nicht auf dem platten Land. Große Grundstücke waren ein absolutes Plus, gern auch ein Wald und ein See in der Nähe.
Der Staatsminister glaubte nun, ein paar geeignete Objekte gefunden zu haben. In einer Anzeige im Dagbladet hatte er nach einer »gr. Villa m. Parkgrundst., gern renov.bedürftig« gesucht und der erstaunten Hausbesitzerwelt mitgeteilt, dass der Betrag »bar und bei Unterschrift von finanzkräft. Interess.« gezahlt würde.
Jeder, der über noch so geringe Kenntnisse der Immobilienbranche und der menschlichen Natur verfügt, weiß, was für eine Lawine eine solche Anzeige auslöst. Von etwa hundert baufälligen Objekten, die ihm angeboten wurden, schafften es zwei Villen bei Mellanstad in Mälardalen in die engere Auswahl.
Und der Staatsminister, der seine Dummheit oft zu kompensieren versuchte, indem er zwei schlechte Geschäfte abschloss, wo jeder Einfaltspinsel sich mit einem begnügte, hatte enthusiastisch einen Schriftwechsel eingeleitet und seinem Ministerium mitgeteilt, dass er ein paar Tage abwesend sein würde.
In einem Moment kompletter geistiger Umnachtung hatte ich mich bereit erklärt, ihn auf dieser Reise zu begleiten.
Nicht, weil ich mich sonderlich für alte Villen in Mälardalen interessiere. Aber es hat schon einen gewissen Reiz, zu sehen, was einem wohntechnisch erspart geblieben ist. Außerdem wollte ich bei der Gelegenheit meine Bekanntschaft mit Schloss Gripsholm und dem Theater von Gustaf III. auffrischen ...
Wir saßen wieder im Auto.
Das Mittagessen – gedünstete Felchen mit Senf-Ei-Sauce für mich und für den Staatsminister Wiener Schnitzel mit Pommes – war äußerst wohlschmeckend gewesen und Gustafs Turmtheater genauso entzückend, wie ich es in Erinnerung hatte. Welch ein Genuss, es ohne eine Schulklasse im Schlepptau zu besichtigen. Und ohne den Staatsminister, den ich mit seinem Hang zum Makaberen bereits im Schlossgefängnis abgehängt hatte.
»Ich kauf nur schnell die Tageszeitung!«, rief er und bremste vor einem Kiosk. »Wenn du schlau bist, steigst du auch aus und vertrittst dir die Beine!«
Aber ich zog es vor, angeschnallt im Wagen sitzen zu bleiben. Schlagzeilenplakate machen mich nämlich immer ganz nervös. Sie springen einen mit so geballter Wucht an. Und diese hier sahen besonders bedrohlich aus.
Der Grund war wohl, dass ich befürchtete, sie könnten vom Staatsminister handeln.
Es war noch nicht lange her, dass er dort gehangen hatte, in Lettern so groß wie Blutwurstscheiben. Eine unangenehme Geschichte, die eigentlich ganz idyllisch begonnen hatte. Der Staatsminister und seine Frau waren mit der Fähre nach Åland gefahren, um sich einen schönen Maitag lang, weitab von allen beruflichen und familiären Strapazen, zu erholen. Auf der Rückreise hatte der Staatsminister, der ein ausgeprägter Familienmensch ist, für jedes seiner sechzehn Kinder ein Kilo Fazers Geleekonfekt in einer dekorativen Holzschachtel gekauft. Dabei übersah er die kleinliche Zollbestimmung, dass jeder Reisende maximal ein Kilogramm Konfekt einführen darf. Der Zoll winkte seinen Wagen routinemäßig aus der Schlange, der Kofferraum wurde geöffnet, und die sechzehn kleinen Holzkisten kamen ans Tageslicht. Der Staatsminister beteuerte seine Unschuld – was er bekanntermaßen überzeugend zu tun versteht – und bezahlte die Zollgebühren.
Die Angelegenheit wäre damit normalerweise aus der Welt gewesen, hätte der Zollbeamte sich nicht – ob aus Pflichtgefühl oder Geltungsdrang, das ließ sich hinterher nicht mehr klären – an eine der einschlägigen Abendzeitungen gewandt und von seinem Fang berichtet. Der diensttuende Redakteur der Abteilung Menschenhatz rief umgehend den Staatsminister an, um Hintergrundinformation einzuholen. Und der Staatsminister, der ungern schweigt, erzählte ihm so dies und das von seinen und den Essgewohnheiten seiner Kinder. Der Journalist machte sich Notizen, bedankte sich und rief danach den Ministerpräsidenten an, der wiederum nicht so leicht zu erreichen war, da er an einem Kongress der Guttempler in Jönköping teilnahm. Er hatte einen ermüdenden Tag und eine noch viel ermüdendere Tagung hinter sich, mit endlosen Vorträgen über den Teufel Alkohol und das Elend der Welt. Ganz davon abgesehen war es ein Uhr nachts, als er in seinem Hotelzimmer vom Klingeln des Telefons aus dem Schlaf gerissen wurde. Er kriegte nur mit, dass der Expressen am Apparat war und es mal wieder um den Staatsminister ging. Während der Redakteur durch eine rauschende und knackende Leitung von den Holzkisten erzählte, kämpfte der Ministerpräsident sich Stück für Stück aus dem Schlaf empor, und als Stockholm verstummte, hatte er abgespeichert, dass der Staatsminister mit sechzehn Kisten finnischem Wodka, Koskenkorva oder so ähnlich, vom Zoll erwischt worden war.
»Das darf doch nicht wahr sein! Das darf doch, verdammt noch mal, nicht wahr sein!«, schrie er und war endgültig wach.
»Aber wenn ich’s doch sage«, erwiderte der Redakteur und wunderte sich ein wenig, weshalb der Kerl wegen dem bisschen Konfekt für die Kinder so einen Aufstand machte. »Ich habe eben erst mit ihm gesprochen und mir die Geschichte von ihm bestätigen lassen. Ist doch eine hübsche Anekdote.«
»Wie viel, sagten Sie?«
»Sechzehn Kisten.«
»Sechzehn Kisten? Sechzehn Kisten? Verkauft er ... Mein Gott, ist er etwa so zu Reichtum gekommen ...?«
»Er sagte, es wäre für die Kinder gewesen.«
»Für die Kinder?«
»Ja. Einmal pro Woche, am Samstag, gibt’s was für alle. Er hält es für sinnvoller, ihnen einmal eine ordentliche Ration zu geben, als ständig was zwischendurch. Auf diese Weise hat er auch viel besser im Blick, was sie zu sich nehmen. Bei ihren Freunden kriegen sie schon genug dubioses Zeug. Salzlakritzschlangen und Schaumratten, das kann doch nicht gesund sein. Er kauft nur Qualitätsware, sagt er. Selbst das Baby ist verrückt danach und fängt an zu schreien, wenn es nicht genauso viel wie die anderen bekommt. Und hinterher achtet er darauf, dass sich alle gründlich die Zähne putzen.«
»Die Zähne? Glaubt er, es nützt was, sich hinterher die Zähne zu putzen?«
»Er selbst leert auch eine Kiste pro Woche, behauptet er.«
»Eine Kiste pro Woche ... Aha, jetzt verstehe ich, wieso er sich so merkwürdig benimmt! Und alles, was er sagt ... Warum bin ich nicht viel eher darauf gekommen ...«
»Werden Sie Maßnahmen ergreifen, Herr Ministerpräsident?«
»Selbstverständlich! Er muss natürlich zurücktreten! Nicht einen Tag länger ... Sechzehn Kisten ... Selbst das Baby ... Eine Kiste pro Woche ...«
»Herr Ministerpräsident, halten Sie diese Reaktion nicht für etwas zu drastisch? Meinen Sie nicht, das könnte von den Wählern möglicherweise ...?«
»Es ist mir scheißegal, wie das aufgefasst wird! Nach so einem Skandal kann er doch unmöglich weiter in der Regierung bleiben. Der Kerl ist ja kriminell, der gehört doch hinter Gitter ... Sechzehn Kisten ... Lieber eine ordentliche Ration pro Woche ... Zähne putzen ... Koskenkorva ...«
Am nächsten Tag walzte der Expressen mit fetten gewichtigen Schlagzeilen, die sich durch ihr eigenes Gewicht vom Papier zu lösen schienen, die gesamte Konkurrenz platt:
Der ministerpräsident:
Staatsminister
Wegen geleekonfekt
Seiner kinder
Im gefängnis!
2
Der Staatsminister kam ohne Zwischenfälle mit seiner Zeitung zurück.
Wir fuhren weiter durch die grüne, frühlingsfrische Landschaft.
Während der Staatsminister irgendwas von einer Hündin faselte, die trotz mehrerer Versuche keine Welpen kriegte, schweiften meine Gedanken zu unserem Nachtquartier ab. Wir hatten uns im Stadthotel in Mellanstad einquartiert. Ob es wohl eher von der älteren, knarrenden oder von der modernen, hellhörigen Sorte war?
Mit einem Seufzer überließ ich das Stadthotel der Zukunft und notierte mir im Gedächtnis, dass ich mir unbedingt die Domkirche ansehen wollte, insbesondere den mittelalterlichen Taufstein ...
»Ich habe dir doch mitgeteilt, dass ich die Hotelzimmer abbestellt habe?«, unterbrach der Staatsminister meine Überlegungen. »Wir wohnen stattdessen bei Johan Åkerblom. Das ist viel netter, persönlicher.«
Das war mir neu.
Ich konnte mich nicht erinnern, einen Johan Åkerblom zu kennen.
Also fragte ich nach.
»Du weißt nicht, wer Johan Åkerblom ist? Du bist ihm bestimmt schon mal begegnet. Oder hast zumindest von ihm in der Zeitung gelesen. Er ist Reichstagspräsident. Stellvertretender Vizepräsident. Dritter Vizepräsident, um genau zu sein. Ein alter Parteigenosse. Von mir, versteht sich. Hat sich zwanzig Jahre lang in Västmanland aufstellen lassen. Davor war er Volksschullehrer. Da könnt ihr pädagogische Erfahrungen austauschen, ist das nicht wunderbar? Er wohnt bei Mellanstad. Ganz in der Nähe unserer Immobilienobjekte. Praktisch, oder?«
»Weiß er davon?!«
Meine hochgeschraubte Stimmlage war durchaus berechtigt, hatte der Staatsminister mich doch schon des Öfteren in spontane Besuchsüberfälle verwickelt, Morde inklusive, die jeden Hotelaufenthalt in den Schatten stellten.
»Aber natürlich weiß er Bescheid! Man kann die Leute doch nicht einfach überfallen, ohne sich vorher anzukündigen! Ich habe ihn heute Morgen angerufen, und er klang hocherfreut. Na ja, zumindest nicht ablehnend. Die Kinder sind aus dem Haus, und seine Frau macht gerade eine Rundreise und besucht sie. Da fühlt er sich doch sicher einsam und langweilt sich. Du hast sogar ein eigenes Zimmer! Ich habe gesagt, dass du nur unter der Bedingung mitkommen würdest.«
Mit Familienanschluss untergebracht zu sein ist fast noch schlimmer, als im Hotel zu wohnen, weil man sich dem Tagesrhythmus der Gastgeber und ihren häufig sehr eigenartigen Gewohnheiten anpassen muss. Bei einem unserer Ausflüge musste ich beispielsweise um sechs Uhr morgens aufstehen, um unserem Gastgeber zu seinem achtzigsten Geburtstag ein Ständchen zu bringen. (Der zu dem Zeitpunkt bereits tot war.) Für einen empfindlichen Magen kann auch die Nahrungsaufnahme zum echten Problem werden. Wie oft habe ich mich schon von trockenen Keksen oder Zwiebäcken ernährt, die ich heimlich in meinem Zimmer gegessen habe, weil es bei den Mahlzeiten ausschließlich fette Fleischwürste, gebratene Leber oder klumpige Puddings gab. Besonders schwer zu ertragen sind die Familien mit Kindern. Die Kleinsten halten einen die ganze Nacht mit ihrem Gebrüll wach, die älteren mit nächtlichen Musikorgien. Was habe ich schon mit Stöcken an Decken und Wände geklopft, aber das Gejohle der Idole übertönt alles. Die meisten Eltern entwickeln im Laufe der Jahre eine Widerstandskraft, die schon an Immunität grenzt und sie gegen jede Art von Klagen taub macht. Und für einen Gast geziemt es sich ja wohl kaum, diesbezüglich ein Machtwort zu sprechen.
In diesem Fall waren die Kinder bereits ausgeflogen. Aber wer konnte schon wissen, welchen nächtlichen Ausschweifungen sich der Präsident in Abwesenheit seiner Frau hingab?
Ich näherte mich Mellanstad mit sehr widersprüchlichen Gefühlen. Der Countdown der Schilder von 110 über 90 auf 70 bis 50 km/h ging schnell, danach passierten wir den unvermeidlichen Gürtel aus Tankstellen, die sich auf die übliche vulgäre Weise darboten. In dem alten Stadtkern erhaschte ich zwischen zwei verglasten Kaufhäusern einen kurzen Blick auf den Dom. Gleich darauf befanden wir uns im Tankstellengürtel auf der anderen Seite der Stadt.
Der Staatsminister reckte den Hals und murmelte Straßennamen vor sich hin, und nach ausgedehntem, verwirrendem Herumgekurve, vorbei an kleinen, roten Backsteinhäuschen in kleinen, gepflegten Gärten, erreichten wir waldigeres Gebiet. Die Villen auf den Lichtungen boten einen eindeutig individuelleren Anblick.
»Hier muss es sein!«, rief der Staatsminister und bog in einen schmalen Weg ein, der sich gleich darauf auf einen Kiesplatz mit einem großen »Schutzbaum« in der Mitte öffnete.
Es war ein stattliches Haus, das Präsident Åkerblom sein Eigen nannte. Wie einer der Gutshöfe aus der Zeit Gustav Vasas, in dem jener in seiner stürmischen Jugendzeit häufig Schutz suchte. Braun gebeiztes Fachwerk, Laubengänge, kleine Sprossenfenster und ein insgesamt rustikaler Stempel. Wohl kaum der Ort, an dem ein einsamer Vizepräsident die ganze Nacht hindurch Hardrock hörte, dachte ich und schnallte mich los.
Da trat Präsident Åkerblom aus seinem Haus.
Er war auch eher von der rustikaleren, altmodischeren Sorte.
Nicht, dass er sonderlich alt gewesen wäre, Mitte fünfzig, vielleicht. Und die Augen hinter der Goldrahmenbrille blinzelten lebhaft. Aufrechte Haltung und energischer Gang. Aber seine Erscheinung strahlte etwas leicht Angestaubtes aus. Vielleicht lag es an der grauweißen Ponytolle, die ihm in die Stirn fiel. Oder an seiner Kleidung. Er trug ausgebeulte, fischgrätengemusterte Knickerbocker, einen Pullover mit großen Karos, Strickstrümpfe mit kleinen Karos und Lederwanderschuhe. (Dieser Aufzug, wohl mit Ausnahme der Lederwanderschuhe, war gerade topmodern, wie ich später erfuhr. Trotzdem bin ich überzeugt, dass Johan Åkerblom zu der zeitlosen Spezies Mensch gehört, die alle zehn Jahre für eine kurze Saison modern sind, ganz ohne eigenes Zutun.)
»Herzlich willkommen!«, rief Åkerblom und strich sich die grauweiße Tolle aus der Stirn. »Nein, ich nehme das Gepäck! Immer rein mit euch in die gute Stube! Das Essen ist gleich fertig. Elsa ist verreist, ihr werdet euch also mit dem begnügen müssen, was ich zu bieten habe. Nein, nicht in die Küche, da ist es zu unordentlich!«
Das Durcheinander im Wohnzimmer war auch nicht von schlechten Eltern. Besonders beeindruckend fand ich die Zeitschriftenstapel, die über den ganzen Boden verteilt lagen und Stühle, Sofas und Tische unter sich begruben, sodass sie aussahen wie nachlässig zugedeckte Leichen. Dazwischen lagen diverse Reichstagshandouts und ungeordnete Unterlagen, die wie aufgescheuchte Hühner aufflatterten, als wir den Raum durchquerten.
Ich räumte einen Stapel Regierungsvorlagen von einem Bauernstuhl, setzte mich und blätterte in dem kleinen Zeitungshügel zu meinen Füßen. Die älteste Ausgabe war eine Woche alt. Daraus schloss ich, dass Frau Åkerblom an diesem Tag das Haus verlassen hatte.
»Wenn ich nur wüsste, wo Elsa den Küchenfreund versteckt hat!«
Unser Gastgeber stapfte in einer Wolke Essensdünste aus der Küche ins Wohnzimmer und ließ seinen Blick verzweifelt über das Zeitungschaos schweifen. Hier kam offensichtlich jede Hilfe zu spät: ein Mann, der im Wohnzimmer nach dem Pfannenwender sucht, hat eindeutig die Kontrolle über sein Zuhause verloren.
Der Staatsminister sagte, ein Vorlegemesser täte es auch, worauf der Präsident mit einem dankbaren Grunzen zurück in die Küche entschwand.
»Ich verstehe gar nicht, wie es so schnell so unordentlich werden kann«, sagte er wenig später beim Abendessen, zu dem etwas zäh Gebratenes serviert wurde, bei dem man nicht unnötig lange verweilen sollte. »Dabei bin ich doch eigentlich nur samstags und sonntags zu Hause. Unter der Woche übernachte ich in meinem Zimmer im Reichstag in Stockholm.«
Er kratzte sich in der weißen Mähne und sah uns aufrichtig verzweifelt durch den Goldrahmen an.
»Ich vermute, die Zeitungen sind an allem schuld«, fuhr er fort. »Ich muss sie ja alle lesen, überregionale und lokale Zeitungen. Und die kommen, ob ich zu Hause bin oder nicht. Am Wochenende muss ich sie dann durcharbeiten und gucken, ob sich etwas auszuschneiden lohnt. Aber kaum schlage ich eine Zeitung auf und fange an zu blättern, werde ich von einem Anruf unterbrochen oder einem Besuch, und so bleiben sie liegen!«
Er zeigte mit einer hilflosen Geste über das bedeckte Mobiliar.
»Es hat etwas so Demoralisierendes, wenn die Zeitungen sich immer weiter ausbreiten, und dann fange ich an, mit dem Aufräumen und dem Abwasch zu schlampern, und überhaupt. Ich war richtig froh, als euer Anruf kam, dass ihr hier wohnen wollt. Das zwingt mich sozusagen dazu, den Zeitungen den Garaus zu machen! Dachte ich. Aber dann konnte ich die Schere nicht finden und musste mit den Vorbereitungen fürs Abendessen anfangen.«
»Wie wäre es mit einer Haushaltshilfe?«, schlug der Staatsminister vor.
Johan Åkerblom sah ihn erschrocken an. Die Hand strich über die Stirntolle.
»Um Himmels willen, das geht auf keinen Fall! Sie würde sich bloß auf die Zeitungen stürzen, sie zusammenfalten und stapeln. Wie soll ich da jemals wiederfinden, was ich ausschneiden wollte. Außerdem kann man einer Putzfrau ein Chaos wie dieses kaum zumuten.«
Damit wollte er wohl ausdrücken, dass der Zustand in seinem Heim bereits die Grenze überschritten hatte, wo man noch guten Gewissens Hilfe von außen in Anspruch nehmen konnte. Und ich konnte ihn verstehen, er in seiner Position war angreifbar, er musste an seinen Ruf bei seinen Wählern denken. Wenn bekannt wurde, dass der Präsident nicht in der Lage war, in seinen eigenen vier Wänden für Ordnung zu sorgen, dass es in seinem Haus aussah wie in einem Schweinestall ...
»Ist Elsa lange fort?«, fragte der Staatsminister.
»Wir haben fünf Kinder, und sie bleibt drei, vier Tage bei jedem von ihnen. Mit drei Wochen muss ich schon rechnen. Und jetzt ist gerade mal die erste vorbei.«
Ich stellte fest, dass das Blättern in dem Zeitungsstapel mich der Wahrheit sehr nah gebracht hatte.
»Ach, fünf Kinder sind schon eine Menge«, seufzte Johan Åkerblom. »Natürlich war es auch oft anstrengend, als sie noch alle zu Hause wohnten. Aber eigentlich finde ich es viel anstrengender, seit sie nicht mehr da sind. Im Herbst zieht Björn, unser Ältester, für ein paar Jahre mit seiner Familie nach Japan. Ich habe mich noch nicht getraut, Elsa zu fragen, ob sie ihn dort auch besuchen will. Da wäre sie ja Monate unterwegs!«
Der Staatsminister schlug dem Präsidenten vor, bei einem der vielen Ausschüsse des Reichstags eine Reise dorthin zu beantragen, an der er natürlich selber teilnehmen würde. Aber jetzt würde er, der Staatsminister, erst mal einen Kaffee ansetzen, bevor sie gemeinsam die Zeitungsberge in Angriff nehmen würden.
Beim Kaffee erwähnte ich, dass die Autofahrt mich sehr erschöpft hätte. Johan Åkerblom sprang auf.
»Wo bin ich bloß mit meinen Gedanken! Ihr wollt natürlich sehen, wo ihr untergebracht seid! In den Kinderzimmern war niemand mehr, seit Elsa weg ist, da ist es also sauber und aufgeräumt. Aber die Betten müssen noch bezogen werden. Meine Güte, wo mag Elsa bloß die Bettwäsche haben?«
Der Staatsminister rettete die Situation, indem er verkündete, dass seine Frau Margareta uns Bettzeug eingepackt hätte. Ich wurde in mein Zimmer geführt, wo ich meine Taschen auspackte und mein Nachtlager bereitete. Dann legte ich mich mit den »Beiträgen zur Erforschung der Kämpfe zwischen König Sigismund und Herzog Karl 1598–1599« ins Bett, einer Abhandlung, die mich mit ihrem umfangreichen Anmerkungsapparat schon lange reizte.
3
Um neun Uhr am nächsten Morgen betrat der Staatsminister mit einem Teetablett mein Zimmer und teilte mir mit, dass wir in einer Stunde mit Kommissar Wallman verabredet seien.
Ich kannte ihn lange genug, um zu wissen, was das bedeutete.
»Mord!«, rief ich und zerkrümelte den Frühstückskeks.
»Mord?!«, echote der Staatsminister enthusiastisch. »Wer wurde ermordet? Warum hast du mich nicht geweckt! Raus aus den Federn, wir müssen die Spuren sichern!«
Nach einem ausdauernden Hin und Her verwirrter Rufe in beide Richtungen stellte sich glücklicherweise heraus, dass keiner von uns eine Leiche vorzuweisen hatte. Das Missverständnis war aufgrund der flüchtigen Erwähnung Kommissar Wallmans durch den Staatsminister entstanden, der nicht, wie ich nachvollziehbarerweise geglaubt hatte, aktiver Polizist bei der Ausübung seines Amtes war, der uns wegen irgendwelcher Leichen oder Alibis zum Verhör vorgeladen hatte, sondern einer der zwei Hauseigentümer, der seine Villa an den Mann bringen wollte. Man vergisst leicht, dass auch Polizisten eine private, immobilienveräußernde Seite haben können.
»Wie bedauerlich«, sagte der Staatsminister. »So eine Leiche ist doch immer wieder erfrischend ... Wie bitte, du möchtest deinen Tee trinken, ohne über Leichen zu reden? Du willst ihn trinken, ohne überhaupt zu reden? Wie du willst. Dann sehen wir uns in einer halben Stunde draußen im Garten. Wir sind übrigens alleine, Johan Åkerblom ist zu irgendeiner Sitzung gefahren. Das Wetter ist schön, pack dich also nicht zu warm ein.«
Es war in der Tat ein traumhafter Tag, wie ich wenig später feststellte, als ich die Rasenfläche betrat. Die Sonne schien, ohne zu stechen, und es ging eine leichte Brise, die einen nicht frieren ließ. In einem Anflug von Poesie äußerte ich, dass man an einem Tag wie diesem das Band zwischen Seele und Natur spüre und wie sich der Geist in höhere Sphären aufschwinge.
Der Staatsminister erwiderte, an solchen Tagen bekäme er immer Lust, sein Auto zu waschen.
Wir hatten den Zufahrtsweg zur Villa des Präsidenten verlassen und befanden uns nun auf der breiteren, mit kleinen Steinen durchsetzten Landstraße, die links und rechts von dichtem und düsterem Tannenwald eingerahmt war. Aber am Wegrand wuchsen gelbe Osterglocken. Ich konnte nicht widerstehen, mir eine Blume ins Knopfloch zu stecken.
»Was ist dieser Kommissar Wallman, der sein Haus verkaufen will, für ein Typ?«, fragte ich und schwang meinen Stock schwungvoll wie in jungen Jahren.
»Ich weiß auch nicht mehr über ihn als du. In seinem Brief hat er nur über sein Haus geschrieben, nichts über sich selbst. Doch, dass ich niemandem erzählen sollte, dass er vorhat, das Anwesen zu verkaufen. Und dass ich seinen Brief mitbringen und mich irgendwie ausweisen soll. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass er ein äußerst misstrauischer und vorsichtiger Mensch ist. Ich wollte eigentlich Johan Åkerblom nach ihm fragen, aber der war heute Morgen leider schon ausgeflogen. Und gestern Abend, als wir die Zeitungen zerschnippelt haben, haben wir nur über Politik geredet. Na, wir werden Kommissar Wallman gleich ja persönlich kennenlernen. Wenn ich die Beschreibung aus dem Brief richtig im Kopf habe, müssen wir immer nur diesem Weg folgen. Das Grundstück ist von einer gelben Mauer umgeben.«
Zehn Minuten später waren wir am Ziel. Jedenfalls standen wir vor einem Eingangstor in einer ausgesprochen gelben Mauer, die dem neugierigen Auge nicht die kleinste Ritze bot.
»Abgeschlossen«, konstatierte der Staatsminister, nachdem er kräftig an dem Handgriff gerüttelt hatte. »Lass uns ein Stück an der Mauer entlanggehen und uns ein wenig umsehen.«
Die Mauer war über zwei Meter hoch und verlief fünfzig Meter in einer geraden Linie, ehe sie einen scharfen Knick vor einem Feld machte. In regelmäßigen Abständen leuchtete einem in signalroten Lettern »Warnung. Betreten der Mauer verboten!« entgegen. Der Staatsminister, der grundsätzlich drückt, wo »Ziehen« steht, und zieht, wo er drücken soll, bekam ein herausforderndes Blitzen in den Augen.
»Diese Mauer wurmt mich«, sagte er. »Ich will unbedingt einen Blick auf die andere Seite werfen. Wenn ich auf deine Schultern klettern würde ...«
»Nein«, sagte ich.
»Ich stemme dich auch gern mit der Räuberleiter hoch, dann kannst du ...«
»Nein, habe ich gesagt. Was willst du überhaupt da oben? Die Pappeln auf der anderen Seite verhindern sowieso jeden Einblick. Und in zehn Minuten kannst du gucken, so viel du willst, ohne einen Finger krumm machen zu müssen.«
»Gibt es hier denn gar nichts zum Draufklettern, einen Stein oder was auch immer?« Der Staatsminister ließ nicht locker. »Na, wer sagt’s denn, die Planke da drüben sieht doch ganz brauchbar aus!«
Ich wollte ihn darauf hinweisen, dass die betreffende Planke wesentlicher Bestandteil des Steges war, der über den Graben führte, aber da hatte der Mensch sie bereits losgerissen und gegen die Mauer gelehnt.
»Jetzt!«, rief er. »Ich laufe jetzt die Planke hoch und halte mich am oberen Mauerrand fest ... Siehst du, das läuft doch wie am Schnürchen!«
Wie am Schnürchen, vielleicht, aber wohl eher ein tödliches Stolperschnürchen. Der Staatsminister rannte auf die Mauer zu und die daran lehnende Planke hoch, griff nach der Mauerkrone, sprühte Funken wie eine Wunderkerze und fiel zu Boden.
Wo er reglos liegen blieb.
Mir war gleich klar, dass er mit etwas Elektrischem in Berührung gekommen sein musste, und ich wich schnell ein paar Schritte zurück. Womöglich stand er noch immer unter Strom.
Nach etwa einer Minute schlug er die Augen auf und fragte, was passiert sei. Ich erzählte es ihm, und er rappelte sich mühsam auf. Er blutete an der Hand, und ein Anzugärmel war aufgeschlitzt.
»Unglaublich«, murmelte er. »Kommissar Wallman hat Stacheldraht auf seiner Mauer. Starkstrom führenden Stacheldraht!«
Mir ging plötzlich auf, wie knapp ich dem Tod entronnen war. Wäre der Staatsminister auf meine Schultern gestiegen, wäre der Strom durch mich hindurchgeflossen. Eine solche Belastung hätte mein schwaches Herz nie im Leben ausgehalten. Der Staatsminister hingegen hat ein extrem starkes Herz.
»Was ist denn das? Hörst du das auch?«
Ich lauschte konzentriert und hörte ein hartnäckiges Signal, das vom Grundstück kam.
»Eine Alarmanlage!«, brüllte der Staatsminister. »Mauer, Stacheldraht, Starkstrom und Alarmanlage! Das Haus muss ich haben! Das scheint ja was ganz Exklusives zu sein. Komm, lass uns zurück zum Tor gehen, es ist schon nach zehn Uhr. Und wir wollen unseren Furcht erregenden Kommissar schließlich nicht warten lassen.«
Dieses Mal sahen wir den Klingelknopf neben dem Tor. Der Staatsminister drückte ihn.
Nach einer ganzen Weile waren hinter dem Tor Schritte im Kies zu hören.
»Stellen Sie sich so hin, dass ich Sie mir ansehen kann!«, bellte eine spitze Frauenstimme. In dem Tor war ein Spion eingelassen. Der Staatsminister brachte sich davor in Positur.
»Sind Sie der Herr aus Stockholm, der das Haus kaufen will?«
Der Staatsminister bejahte.
»Stecken Sie den Brief des Kommissars in den Briefschlitz. Damit wir sichergehen können, dass Sie tatsächlich derjenige sind, für den Sie sich ausgeben. Der Kommissar hat Ihnen geschrieben, dass Sie ihn mitbringen sollten. Und dann würde ich noch gern Ihren Ausweis sehen.«
Der Staatsminister kramte das Verlangte hervor und warf es in den Briefschlitz.
»Da ist noch jemand!«, rief die Frau hinter der Wehrmauer. »Ich hab ihn sehr wohl gesehen, auch wenn er versucht, sich zu verstecken. Der darf aber nicht mit rein!«
»Das ist doch nur Herr Persson«, rief der Staatsminister. »Er ist Immobilienexperte. Ich habe dem Kommissar geschrieben, dass ich ihn mitbringen würde.«
»War er das auf der Mauer? Zum Verrücktwerden, dieser Alarm. Er sieht ein bisschen mitgenommen aus, wenn Sie mich fragen. In seinem Alter sollte man nicht mehr auf Mauern rumklettern! Wie ein Schuljunge!«
Nach weiteren lauten Vorhaltungen in ähnlichem Stil und nachdem ich mich mit meinem Postbankausweis ausgewiesen hatte, drehte sich ein Schlüssel im Schloss, die Riegel schnalzten und das Tor öffnete sich.
Sie sah aus, wie sie sich anhörte, lang und knochig und ziemlich spitz. Sie streckte den Kopf vor, als würde sie Witterung aufnehmen.
»Frau Kommissarin, nehme ich an?«, sagte der Staatsminister und verbeugte sich.
»Unsinn. Was reden Sie denn da? Der Kommissar ist doch nicht verheiratet! Ich bin nur die Haushälterin. Elvira Elmgren. Fräulein Elvira Elmgren.«
Obgleich immer noch barsch in Ton und Haltung, war deutlich zu erkennen, dass die Frau sich durch die Vermutung des Staatsministers geschmeichelt fühlte.
»Und Sie wollen also das Haus kaufen?«, nahm sie den Gesprächsfaden wieder auf, nachdem sie das Tor hinter uns verriegelt hatte. »Haben Sie Kinder? ... Das ist gut, hier sollten Kinder sein, das Haus ist viel zu groß für einen einsamen Menschen. Aber wir sind nicht hier, um die Zeit zu verplaudern, Sie sind spät dran. Der Kommissar besteht auf Pünktlichkeit. Außerdem ist er ungehalten wegen der Mauerbesteigung. Im Haus ist der Alarm so laut, dass man den Verstand verlieren könnte. Wenn ich nur wüsste, wozu der Alarm gut sein soll, wo es hier doch überhaupt keine Wertsachen gibt. Jedenfalls nicht, soweit ich weiß. Und dann der Revolver, den er die ganze Zeit mit sich rumträgt und mit dem er drinnen wie draußen rumballert! Irgendwann passiert noch ein Unglück, so wahr ich hier stehe. Zum Glück kommt ihn ja kaum noch jemand besuchen. ›Wie will der Herr Kommissar das Haus verkaufen, wenn die Wände voller Einschusslöcher sind?‹, frage ich ihn immer wieder. ›Häng einfach ein Bild davor‹, sagt er dann. Aber die Bilder reichen nicht mehr aus, also hab ich angefangen, Wandbehänge zu weben. Nein, hier entlang bitte!«
Wir liefen Gartenwege entlang, die so mit Unkraut überzogen waren, dass man sie kaum von dem umgebenden Rasen unterscheiden konnte, und unter Bäumen hindurch, deren Kronen die Sonne und den Himmel beinahe gänzlich abschirmten.
»Es ist eine Schande, wie es hier aussieht. Aber ein einzelner Mensch kann sich unmöglich um das Haus und den Garten kümmern. Es ist alles so übermäßig groß. Und der Kommissar muss auch den lieben langen Tag beaufsichtigt werden. Nein, Pålle, sei still! Dass du aber auch jeden ausbellen musst, den du nicht kennst. Ja, natürlich, du langweilst dich. Du darfst nicht auf die andere Seite der Mauer, und hier kommt nie jemand vorbei. Wissen Sie, ich habe Pålle letzten Winter von meinem Bruder aus Stockholm bekommen. Er fand, ich hätte ein wenig Gesellschaft nötig. So ist brav, Platz, mach Platz!«
Aus dem hohen Gras war ein kleiner Pekinese hervorgeschossen und kläffte uns grell und hartnäckig an. Jetzt verzog er sich mit einem vorwurfsvollen Blick auf uns Eindringlinge in sein überwuchertes Revier zurück.
Wenige Schritte später standen wir vor dem Haus.
4
An den unterschiedlichsten Orten des Landes hatte ich diese Sorte Häuser schon gesehen, die von den Anzeigen des Staatsministers aus ihrem Dornröschenschlaf in der Dornenhecke geweckt wurden. Dieses prangte groß und weiß und kapitalhungrig inmitten der grünen Pracht, wie eine in die Jahre gekommene Braut in Erwartung ihres nicht auftauchenden Bräutigams.
Wir stiegen die Treppe zu einer höher gelegenen Veranda hoch, die sich über die gesamte Breite des Hauses erstreckte. Ich drehte mich um, um mir einen Überblick über den Garten zu verschaffen. Aber außer Bäumen und Büschen, die überall dort wucherten, wo sich der Garten eigentlich den Blicken und Promenierwilligen öffnen sollte, sah ich nichts.
»Hier muss aber eine Menge abgeholzt werden«, nuschelte der Staatsminister.
Das Wohnzimmer war so dunkel, wie es von einem Wohnzimmer im Dschungel nicht anders zu erwarten war. Ich hielt nach Einschusslöchern Ausschau, wobei ich nur mit Mühe den gestickten Text auf dem Wandbehang entziffern konnte, der in Knöchelhöhe an die Wand genagelt war. (Vermutlich hatte der Kommissar auf eine Ratte geschossen.) Sprich freundlich mit dem müden, das ist wie medizin. Das klang wie der verzweifelte Schrei einer gemarterten Haushälterinnenseele. Oder einer angeschossenen Ratte.
»Der Kommissar erwartet Sie in seinem Zimmer«, sagte Fräulein Elmgren und führte uns durch die Eingangshalle, wo ich meinen Mantel ablegen konnte. Von der gegenüberliegenden Wand starrten uns drei Eichentüren an. Die Haushälterin klopfte an die mittlere.
»Herr Kommissar, der Herr aus Stockholm ist jetzt da!«
»Hat er den Brief vorgezeigt? Und seinen Ausweis? Was hatte er auf der Mauer zu suchen? Ist der Immobilienexperte auch dabei?«
Die Fragen wurden in schneller Folge abgeschossen. Die Stimme klang scharf, gereizt.
»Jawohl, er hat sowohl Brief als auch Ausweis vorgezeigt. Und der Immobilienexperte ist ebenfalls anwesend. Er war der Akrobat auf der Mauer. Wollte wahrscheinlich überprüfen, ob sie solide gebaut ist.«
»Hat er sich auch ausgewiesen?«
»Hat er. Aber von dem ist nichts zu befürchten. Dazu ist er viel zu alt und schwächlich. Kraftlos, würde ich sagen. Er hat einen ganz ungesunden Teint.«
»Stellen Sie ihn so vor die Tür, dass ich ihn sehen kann!«
Fräulein Elmgren fasste mich am Arm und zog mich vor ein ähnliches Guckloch wie das im Eingangstor. Ich wurde neuerlich einer Observierung unterzogen. Das war ja schlimmer als beim Arzt.
»Ich verbürge mich für seine Harmlosigkeit!«, schrie der Staatsminister übereifrig.
Allmählich reichte es aber. Immerhin war ich in meiner Jugend zwischen Vaxholm und Skäggaudd hin und her gerudert, eine Strecke von gut und gerne drei Kilometern. Ich spannte den Brustkorb und streckte den Rücken.
»In der Tat, eine halbe Portion«, war nun eine geradezu amüsierte Stimme von der anderen Seite der Eichentür zu vernehmen. »Den schaffe ich ja mit einem Arm auf dem Rücken.«
Das Schloss klackte.
Die Haushälterin öffnete die Tür.
Er saß reglos vor uns und starrte uns an, und er saß im Rollstuhl. Trotzdem war mein erster Eindruck: Stärke. Alles an dem Mann, der dort vor uns saß, wirkte kräftig, massiv: Kopf, Schultern, Nacken. Er hatte ein breites Gesicht mit markanten Falten zwischen Mundwinkel und Nasenflügel. Die Stirn schlug zwei Kerben in das graue, kurz geschnittene Haar. Hände und Gesicht waren sonnengebräunt. Ich schätzte ihn auf fünfundfünfzig, sechzig Jahre.
Wir standen vor der Türschwelle, und er saß auf der anderen Seite in seinem Rollstuhl. Wir nahmen uns gegenseitig ins Visier, möglicherweise starrten wir sogar, aber irgendwann war die Inspektion abgeschlossen, und Kommissar Wallman rollte den Rollstuhl rückwärts in den Raum hinein und machte uns Platz. Auch in dieser Bewegung, die man ungewollt mit Krankheit und Schwäche assoziierte, strahlte er eine ungeheure Kraft aus.
»Setzen Sie sich«, sagte er, ohne zu lächeln. Er trug eine Art Overall aus weichem, braunem Stoff, der bis zum Hals geschlossen war.
Wir stellten uns mit Namen vor und tauschten ein paar Begrüßungsformeln aus.
Ich sah mich in dem Raum um, der als kombiniertes Schlaf- und Arbeitszimmer diente. In der einen Ecke stand ein Bett, in der anderen ein Tresor, dazwischen ein Schreibtisch. Die Jalousien vor den zwei Fenstern waren runtergelassen, sodass der Raum im Halbdunkel lag.
»Wie Sie sehen, bin ich behindert«, sagte der Mann barsch ohne den Anflug eines Lächelns, wie man es sonst häufig bei Menschen sieht, die an den Rollstuhl gefesselt sind, mit dem sie die uneingeschränkten und gesunden Menschen entlasten und sich für die eigene Schwäche und Hilfsbedürftigkeit entschuldigen wollen. In der Körperhaltung und Mimik dieses Mannes fanden sich allerdings nur Trotz, Bitterkeit und Aggressivität.
»Ich bin nicht als Krüppel geboren worden. Mein ganzes erwachsenes Leben war ich Polizist, die letzten Jahre Polizeichef in Mellanstad. Vor vier Jahren wurde ich im Dienst von einem Verbrecher angeschossen. Am vierzehnten Juni sind es vier Jahre. Die Kugel hat das Rückenmark beschädigt, meine Beine sind seitdem gelähmt. Andere Körperfunktionen sind nicht betroffen. Ich hätte problemlos als Polizeichef Weiterarbeiten können. Die Arbeit besteht sowieso zum größten Teil aus Schreibtischarbeit, und mit meinem Rollstuhl komme ich überall hin, wo ich will. Aber man wollte mich ganz offensichtlich loswerden. Ich war schon immer sehr gründlich, und davon fühlten sich die hohen Herren offenbar auf ihre empfindlichen Zehen getreten. Also haben sie mich abgeschoben, in die Frührente entlassen, wie einen wert- und nutzlosen Gegenstand. Nach fünfunddreißig Jahren! Obwohl ich im Dienst verletzt wurde! Im Dienst!«
Die letzten Worte unterstrich er mit ein paar harten Schlägen auf die Stuhllehne. Er klang bitter, hasserfüllt. Sein Blick ruhte auf mir, aber in Gedanken war er bei den Ungerechtigkeiten der Vergangenheit. Mit sichtbarer Anstrengung kehrte er in die Gegenwart zurück. Seine kräftigen Hände klammerten sich um die Metalllehnen.
»Na, das wird Sie sicher herzlich wenig interessieren. Sie sind hier, um das Haus zu kaufen. Aber es wird so viel geredet, wissen Sie. Es werden Lügen über mich verbreitet. Nun kennen Sie die Wahrheit. Aber glauben Sie ja nicht, dass ich das Grundstück um jeden Preis loswerden will. Ich muss nicht verkaufen. Meine Pension ist lächerlich, wohl wahr. Aber ich habe private Nebeneinkünfte und ein Vermögen, das mich unabhängig macht. Ich will nach Spanien ziehen, in die Sonne und Wärme. Sollte ich keinen Käufer finden, der bereit ist, den Preis zu zahlen, den es wert ist, warte ich noch mit dem Verkauf. Meine Arbeit hat man mir weggenommen, aber um mein Haus lasse ich mich von niemandem betrügen. Es ist 750 000 Kronen wert, und 750 000 will ich haben. Bis vor vier Jahren hat meine Mutter hier gelebt, ich habe das Haus von ihr geerbt. Damals wurde es schon auf eine halbe Million geschätzt, seitdem sind die Preise für Immobilien in guter Lage stetig gestiegen. Und ich habe einiges in den Erhalt und in Renovierungsarbeiten gesteckt. Zum Beispiel die Erhöhung der Mauer und die Installation der Alarmanlagen. Sowohl auf der Mauer als auch im Haus, wie Sie ja bereits festgestellt haben, nicht wahr? Hier kommt niemand ohne meine Erlaubnis rein, weder auf das Grundstück noch ins Haus. Wofür haben Sie das Anwesen vorgesehen?«
Der Staatsminister sagte, dass es ein Heim für Kinder werden sollte.
»Ein Kinderheim? Dafür eignet es sich ausgezeichnet. Der Alarm lässt sich problemlos so umprogrammieren, dass er anschlägt, sobald jemand das Haus oder das Grundstück verlässt. Aus dieser Anstalt wird kein junger Lümmel mehr ausbrechen, das garantiere ich Ihnen!«
Der Staatsminister erklärte, dass eine seiner ersten Maßnahmen sein würde, die Alarmanlage zu demontieren und die Mauer abzureißen.
Der verbitterte, berechnende Zug um den Mund des Kommissars wich für einen Augenblick purem Erstaunen.
»Sie wollen die Mauer einreißen?! Na ja, das ist Ihre Sache. Aber das Grundstück wird mit Mauer verkauft, für 750 000. Wenn Ihnen das nicht passt, verkaufe ich eben an jemand anders.«
Der Staatsminister sagte, dass er nichts gegen den Preis einzuwenden habe, dass er jetzt aber doch darum bitte, zuerst einmal das Haus besichtigen zu dürfen. Kommissar Wallman rief die Haushälterin und befahl ihr in barschem Ton, den Staatsminister herumzuführen. Da niemand darauf bestand, dass ich mitkam, ließ ich mich auf einem Stuhl auf der Veranda nieder und verbrachte die nächste Stunde damit, zu meditieren.
Als der Staatsminister seinen Rundgang beendet hatte, wurden wir wieder zum Kommissar geführt.
Der Staatsminister hat eine sehr eigenwillige Art, Geschäfte zu machen. Wo jeder normale Immobilienmakler über abblätternden Putz, unvorteilhafte Zimmeraufteilungen und veraltete Wasserleitungssysteme versucht hätte, den Preis zu drücken, erging sich der Staatsminister in lyrischen Lobeshymnen über das Objekt. Er schwärmte von der vortrefflichen Lage des Grundstückes zur Stadt, von der wundervollen Natur, von dem kinderfreundlichen Grundstück und den praktischen Einbauschränken. Er schloss seinen Vortrag mit der Anmerkung, dass 750 000 Kronen ihm für das Objekt durchaus angemessen erschienen und dass er gern in bar zahlen würde, sobald die erforderlichen Dokumente unterschrieben seien.
Kommissar Wallman beugte sich vor. Der vergrämte, verschlagene Zug in seinem Gesicht verschwand erneut hinter unverhohlenem Staunen, diesmal gepaart mit Gier.
Das Gesicht des Kommissars war ein offenes Buch, und ich wartete gespannt, wann er etwas zum Mobiliar sagen würde.
»Es versteht sich natürlich von selbst, dass das Mobiliar nicht in der von mir genannten Summe enthalten ist. Und ohne das Mobiliar verkaufe ich nicht. Das kann ich schließlich schlecht mit nach Spanien nehmen. Ich schätze das Mobiliar auf 100 000 Kronen.«
Es gab Zeiten, in denen ich versucht habe, den Staatsminister von seinen verrückten Kaufvorhaben abzubringen. Das tue ich inzwischen nicht mehr. Ich bin zu der Erkenntnis gelangt, dass Geschäftsabschlüsse darin bestehen, dass einer den anderen über den Tisch zieht. Und dass es in jedem Fall besser ist, wenn derjenige über den Tisch gezogen wird, der es sich leisten kann.
Damit näherte sich auch dieses Geschäft seinem Abschluss. Der Staatsminister sagte, dass das mit dem Mobiliar völlig in Ordnung sei. Ihm sei nur wichtig, dass er so schnell wie möglich Zutritt zum Haus bekomme, am besten schon im Herbst. Kommissar Wallman lehnte sich über den Schreibtisch und lächelte beinahe, als er versicherte, dass dem nichts im Wege stehe, da er innerhalb der nächsten Monate in den Süden umzuziehen gedenke. Sein Haus auf der Kanarischen Insel sei bereits bezugsfertig ...
5
»Ich habe das Gefühl, aus einem Gefängnis zu kommen«, sagte der Staatsminister, nachdem die Haushälterin uns aus dem Eingangstor gelassen hatte und wir hinter uns die Riegel rasseln hörten. »Aber wart’s nur ab, wenn die Mauer erst abgerissen und das Gestrüpp im Park abgeholzt wurde! Dann ist es das reinste Paradies für Kinder! Ich frage mich schon die ganze Zeit, wieso der Kerl sich derart einmauert? Das müssen wir unbedingt Johan Åkerblom fragen. So, das andere Haus schaffen wir auch noch vor dem Mittagessen. Frau und Fräulein Silfverlod haben gesagt, sie wären den ganzen Tag zu Hause. Hier dürfte es sein!«
Wir waren der breiten Landstraße zurück in Richtung Präsidentengut gefolgt und bogen nun auf einen schmalen, von Fichten und Föhren gesäumten Waldweg ab, der kaum mehr als ein Pfad war. Ein Eichhörnchen keckerte, ein Vogel schrie, und kurz darauf standen wir vor einem offenen Grundstücksgatter.
»Zwei Türme, Kupferdach und Wintergarten«, murmelte der Staatsminister. »Das ist es.«
Es war ein großes Haus. Und ein hässliches Haus. Nicht unähnlich dem des Staatsministers auf Lindö. Ich ahnte, dass es ihn bereits in seinen Bann zog. Auch das Grundstück schien eine deutliche Faszination auf ihn auszuüben; er zeigte auf eine wild wuchernde Wiese und meinte, dass man dort nach dem Roden ein klasse Badmintonfeld anlegen könne. Ich sah nur wucherndes Gestrüpp, ein verfallenes Gartenhäuschen und diverse unordentliche, ins Kraut geschossene Pflanzeninseln, auffallend ähnlich denen in Kommissar Wallmans Park.
»Die Klingel tut’s nicht«, sagte der Staatsminister und klopfte an die Tür. Was für ein wohltuender Kontrast zu den extrem gut funktionierenden Klingeln des Kommissars.
Eine Frau, die sich uns als Fräulein Silfverlod vorstellte, öffnete die Tür und führte uns in einen Salon mit Flügel und abgewetztem Bauernrokoko, wo wir mit Madeira und Kuchen bewirtet wurden.
»Erstaunlich, dass Sie auf Anhieb zu uns gefunden haben! Die meisten Leute gehen an unserem kleinen Weg vorbei, ohne ihn zu sehen. Wir wollen schon so lange ein Schild aufstellen, aber es ist bei dem Vorsatz geblieben.«
Fräulein Silfverlod hatte ein sehr angenehmes Wesen und war so um die vierzig. Ich hatte noch nie eine Schwäche für moderne, gertenschlanke Frauen in langen Hosen mit einer Zigarette zwischen den Fingern. Fräulein Silfverlod war weich und altmodisch und ein bisschen rundlich, sie trug einen Faltenrock und eine an Hals und Handgelenken entzückend geraffte Bluse, und im ganzen Raum war nicht ein Aschenbecher zu entdecken. Sie sprach mit kleinen, lebhaften Gesten, die Temperament und Engagement verrieten, und ihre Augen waren dunkel, wach, vom gleichen Ton wie ihre Haare.
»Ja, als ich Ihre Anzeige sah, habe ich sofort zu Mama gesagt, dass das doch die Gelegenheit für uns wäre! Ach du meine Güte, ich habe Mama ja völlig vergessen!«
Sie entschwand durch eine Doppeltür in den Garten, und der Staatsminister nutzte die Gelegenheit, mit beiden Füßen auf den Boden zu hüpfen und mit der geballten Faust gegen die Wand zu schlagen, offenbar, um den Zustand des Hauses zu prüfen.
Da betrat Frau Silfverlod die Bühne. Sie ging sehr, sehr langsam, liebevoll gestützt von ihrer Tochter.
»Mama liebt die Sonne, und wenn das Wetter gut ist, setze ich sie immer in den Windschatten hinter dem Gartenhäuschen. So, Mama, begrüß den Herrn Staatsminister und Studienrat Persson!«
Frau Silfverlod streckte uns gehorsam eine Hand aus ihren Schals entgegen. Sie fühlte sich trocken und fest an.
»Und jetzt nehmen wir Mama die Decke und einen Schal ab, damit es nicht zu warm wird!«
Fräulein Silfverlod beugte sich ergeben über ihre Mutter und befreite sie von einer Stofflage.
»Du setzt dich am besten zwischen die beiden Herren, damit du auch alles mitbekommst, was besprochen wird. Möchtest du einen kleinen Madeira?«
Die Frage war überflüssig, da die alte Dame sich bereits ein Glas eingeschenkt hatte und es hurtig leerte.
»Frische Luft macht durstig«, sagte sie und nickte mir freundlich zu. Leidlich von ihren Schals befreit, sah sie bei weitem nicht mehr so alt aus, wie ich anfangs geglaubt hatte. Ihr langsamer Gang und die unterstützenden Maßnahmen ihrer Tochter hatten getäuscht. Ihr Haar war zwar grau, fast weiß, und sie war von dünner Statur, aber sie hatte ungeheuer wache Augen, beobachtend, und einen rosa Teint. Die Ähnlichkeit von Mutter und Tochter lag in den schnellen Gesten und im Gesicht, auch wenn das der Mutter sehr viel schmaler war. Aber es schien weniger das Alter zu sein, das sie aushöhlte, als eine konstitutionelle, aristokratische Knochigkeit.
»Wir denken schon lange daran, zu verkaufen«, sagte Fräulein Silfverlod und kam zögernd der Aufforderung ihrer Mutter nach, das Glas noch einmal vollzuschenken. »Obwohl es schon schwer ist, wenn man wie ich fast sein ganzes Leben hier verbracht hat. Aber das Haus ist einfach zu groß für zwei alleinstehende Frauen. Und Mamas Gesundheit ist nicht die beste. Für sie wäre betreutes Wohnen in einer kleinen Wohnung in der Stadt viel besser, als hier in der Abgeschiedenheit im Wald zu wohnen. Jedes Mal, wenn ich unterwegs bin, bin ich ihretwegen schrecklich beunruhigt.«
»Unsinn«, sagte Frau Silfverlod und lockerte einen Schal. Ihre Stimme klang jung und energisch und ein wenig heiser. »Ich komme ausgezeichnet zurecht. Aber du solltest dich frei machen und dein Leben nicht damit verplempern, auf eine alte Schachtel wie mich aufzupassen. Natürlich verkaufen wir. Das haben wir doch schon so oft durchgesprochen. Frag die Herren lieber, was sie zahlen wollen. Das Haus hat ein paar Reparaturen nötig, dafür ist das Grundstück schön groß und weitläufig. Und es wäre noch größer, wenn wir nach dem Tod meines Mannes nicht gezwungen gewesen wären, den kompletten Wald zu verkaufen, um die Erbschaftssteuer zu bezahlen. Für Reparaturen hat es danach vorne und hinten nicht gereicht. Die Steuern in diesem Land ... Ist das möglicherweise Ihr Ressort, Herr Staatsminister?«
Der Staatsminister murmelte, dass er zwar Steuern zahle, aber ansonsten unschuldig sei.
»Bitte, Mama«, sagte Fräulein Silfverlod vorwurfsvoll und zupfte an einem ihrer Schals.
»Ich will euch sagen, was aus diesem Land geworden ist«, fuhr Frau Silfverlod unbeirrt fort. »Eine Einparteiendemokratie. Eine Einparteiendemokratie, erträglich nur durch die Lotterie und das Recht eines jeden Bürgers, zollfrei zwei Flaschen starken Wein aus dem Urlaub auf den Kanarischen Inseln einführen zu dürfen. Wir sollten die Wahlen und den Abgabetermin der Steuererklärungen auf den gleichen Tag legen, auf den fünfzehnten Februar. Da würdet ihr schon sehen, wie schnell es einen Machtwechsel gäbe! Warum hast du die Flasche weggestellt, Maude?«
»Bitte, Mama ...«
»Jajaja. Sei ein liebes Mädchen. So, ja, voll bitte. Wir haben Ihre Anzeige im Dagbladet gelesen. Wir lesen ausschließlich das Dagbladet. Wenn ich mal sterbe, soll dort meine Todesanzeige erscheinen. Und nur dort. Merk dir das, Maude! Wirtschaftlich mag es mit diesem Haus bergab gegangen sein, aber wir besitzen zumindest noch Kultur und Geschmack. Es hätte schlimmer kommen können ...«
»Bitte, Mama, die Herren sind gekommen, um über das Haus zu sprechen!«
»Aber das tu ich doch! Es stammt aus dem neunzehnten Jahrhundert, da haben sie sich noch aufs Bauen verstanden. Das Dach ist aus echtem Kupfer. In dem einen Turm regnet es durch, wenn der Wind aus Nordosten kommt. Und in dem anderen haben wir eine Weiße Frau. Die alte Eleonora Silfverlod, die Großmutter meines Mannes ...«
Die alte Dame bot die Ware feil, unterstützt von ihrer Tochter, und der Staatsminister wäre bei dem doppelten Beschuss um ein Haar in die Knie gegangen und hätte auf der Stelle unterschrieben, besann sich aber noch einmal eines Besseren und bat um eine Hausbegehung.
Dieses Mal ging ich mit. Es war eine beklemmende Wanderung durch ein Holzschloss, das vier Generationen überlebt hatte, aber kaum noch eine fünfte überstehen würde.
»Glaubst du, das hält eine Horde Kinder aus?«, gab ich zu bedenken, als wir durch den Wald heimwärts spazierten.
»Das Dach muss natürlich neu gedeckt werden«, murmelte der Staatsminister. »Und der Boden neu verlegt. Und die Wände ausgebessert werden. Aber der eigentliche Kern ist gesund«, fügte er hinzu, ein wenig metaphysisch.
So faselte er weiter über das Haus. Während ich an Fräulein Silfverlod dachte.
Wie reizend und fürsorglich sie zu ihrer alten Mutter war! Und dieses weich geformte Gesicht und die lebhaften Augen! Sie hatte mich angelächelt, als wir uns verabschiedeten. Na ja, wahrscheinlich lächelten alle Gastgeberinnen ihre Gäste an, besonders, wenn sie gingen ... Ich fragte mich, wie sie mich wohl wahrgenommen hatte. Als alten Mann? Das wäre nur natürlich, immerhin war ich gut und gern zwanzig Jahre älter als sie. Oder sah sie in mir mehr einen Gleichaltrigen, fast Gleichaltrigen? ...
Ich stieß meinen Stock in den Boden. Wieso sollte eine nach wie vor junge, nach wie vor hübsche Frau überhaupt einen Gedanken an mich verschwenden?
6
Daheim im Präsidentengut rüstete Johan Åkerblom zum Mittagessen. Er rannte hin und her, als wäre ein Feuer ausgebrochen, vermutlich auf der Jagd nach einem verschollenen Küchengerät. Im Vorbeilaufen rief er, dass er ein paar Nachbarn zum Essen eingeladen habe, was mir ein recht ehrgeiziges Unterfangen schien für einen Mann, der noch nicht mal seinen Pfannenwender unter Kontrolle hatte. (Meiner liegt in der zweiten Schublade von oben in der Küchenanrichte, im dritten Fach von rechts. Ich würde ihn im Schlaf finden, aber ich brate nachts nie was.)
Wir machten es uns im Wohnzimmer gemütlich. Die Zeitungen begannen bereits, das am Vorabend eingebüßte Terrain zurückzuerobern. Frische Exemplare krochen über den Tisch bis zum Sofa. Von dort breiteten sie sich auf einen angrenzenden Sessel aus. Ein aufgeschlagenes Exemplar vom Dalademokraten hatte den kompletten Klavierhocker okkupiert.
Nach einer Weile gesellte sich Präsident Åkerblom entspannt zu uns und teilte mit, dass das Gratin jetzt im Ofen stehe und keine unmittelbare Zuwendung mehr verlange. Auf dem Weg zum Sofa geriet er in die Fänge des Östgöta Correspondenten, riss sich los und versuchte, auszuweichen, was dazu führte, dass er sich um die eigene Achse drehte und kopfüber auf dem Sofa landete. Er fuhr sich nervös mit der Hand durch die Stirntolle, als der Staatsminister wissen wollte, welche Gäste erwartet würden.
»Ach, bloß das Pastorenehepaar, Hubert und Harriet Hallander. Wir sind uns heute Morgen bei der Geflügel- und Imkergenossenschaft über den Weg gelaufen, und da stellte sich raus, dass sie es vor dem Seniorenkränzchen kaum noch schaffen, was zu kochen; also habe ich ihnen angeboten, um zwölf Uhr was auf den Tisch zu bringen. Und dann kommt noch Doktor Körmendi. Er wohnt auch ganz in der Nähe. Wir laden uns hin und wieder gegenseitig zum Mittag- oder Abendessen ein. Na ja, meist lädt Elsa ihn ein, weil er es nicht so mit dem Kochen hat. Er ist ja unverheiratet und immer allein, der arme Kerl. Ich verstehe gar nicht, wie er es schafft, dass es bei ihm immer so sauber und ordentlich ist. Er ist Unterarzt am städtischen Krankenhaus und forscht nebenbei. Ungar, übrigens, kam sechsundfünfzig als Flüchtling hierher. Inzwischen ist er schwedischer Staatsbürger. Da kommt er ja! Jesses, das Gratin!«
Der Präsident entfleuchte in die Küche, und ich trat ans Fenster.
Wohl jeder von uns hat das eine oder andere vorurteilsgeprägte Bild von bestimmten Berufsgruppen. Der Lehrer zum Beispiel wird schnell zum humorlosen, nörgeligen, von Sodbrennen geplagten Pedanten, der in ausgebeulten Hosen zur Schule rennt. (Ich kann mir kaum vorstellen, dass irgendjemand mich in dieser Beschreibung wiedererkennen würde. Ich habe meine Beinkleider immer sehr pfleglich behandelt und kann mich nicht erinnern, jemals gerannt zu sein.) Den Arzt wiederum stellen wir uns gern als würdige und erhabene Erscheinung vor, die im eleganten, leise schnurrenden Wagen zur Sprechstunde vorfährt. Unter dem weißen Kittel trägt er englisches Kammgarn. Rosiger Teint nach der morgendlichen Golfrunde, gepflegtes Haar, allenfalls ein soignierter Oberlippenbart mit silbrigen Einsprengseln. Mein Herzspezialist am Norr Märlarstrand sieht so aus.
Doktor Körmendi passte ganz und gar nicht in dieses Bild.
Er kam auf einem Fahrrad und trat nicht würdig, sondern schnell und hektisch in die Pedale, und er hing über dem Lenker, als ginge es darum, als Erster die Ziellinie zu erreichen. Die Haare kräuselten sich über den Ohren und im Nacken wie bei einem Popstar, und seine Haut war rotflammig, zumindest das wenige, was davon zu sehen war. Denn Doktor Körmendi hatte auch noch einen schwarzen, üppigen Bart, der von einem Ohr zum anderen wucherte, vom Kinn bis unter die Nase. Um seine Knie flatterte ein braungelber Regenmantel, und auf dem Gepäckträger klemmte etwas, das vermutlich seine Arzttasche war, aber einer gewöhnlichen Aufbewahrungsbox zum Verwechseln ähnlich sah.
Ich habe ja normalerweise keine Vorurteile, aber bei seinem Anblick wich ich instinktiv ein paar Schritte zurück.
Das Rad geriet auf dem Kies ins Schlingern, aber es gelang dem Doktor trotzdem, elegant abzusteigen. Als er mich am Fenster entdeckte, winkte er mir mit dieser leicht übertriebenen Herzlichkeit zu, wie Südländer sie unbekannten Menschen gegenüber häufig an den Tag legen.
Ich antwortete mit einer angedeuteten Verbeugung.
Doktor Körmendi kannte sich auf dem Gut offensichtlich bestens aus, denn nur wenige Augenblicke, nachdem ich ihn zur Haustür hatte eintreten sehen, befand er sich in unserer Mitte. Er hatte Mantel und Mütze abgelegt und trat nun in einem ausgeleierten Strickpullover auf. Ich stellte mich vor, ohne eine Erwiderung zu erwarten – das öffentliche Leben ist heutzutage so anonym, man kann schon froh sein, vom anderen überhaupt mehr als den Vornamen zu erfahren. Aber der Arzt stellte sich nicht nur mit Nachnamen und Titel vor, sondern sprach mich auch mit meinem an.
Doktor Körmendi sprach ausgezeichnet Schwedisch, mit einem nur ganz leichten Akzent. Die Augen lachten, und er hätte ohne Weiteres als gebürtiger Schwede durchgehen können. Aus der Nähe stellte ich fest, dass seine Haarpracht äußerst gepflegt war und in keiner Weise fettig, zottelig oder strähnig.
Ich spielte zufällig gerade mit meiner Pillendose, und Doktor Körmendi erkundigte sich interessiert, wie es um meine Gesundheit bestellt sei. Ich war mitten in meinen Ausführungen – ein Arzt hat ein Recht auf die korrekte und erschöpfende Beantwortung seiner Fragen –, als ich bedauerlicherweise von Präsident Åkerblom unterbrochen wurde, der mich am Ärmel zupfte, um mir Pastor Hallander und seine Frau vorzustellen.
Ich habe mich inzwischen ja schon daran gewöhnt, dass die Leute immer jünger werden. Aber es gibt Dinge, von denen ich nicht bereit bin, mich zu verabschieden: Pastoren haben alt zu sein, zumindest älter. Junge Pastoren hinterlassen einen blasphemischen, wenn nicht ketzerischen Eindruck bei mir. (Nicht dass ich schon vielen begegnet wäre. Den letzten habe ich im Pfadfinderlager eines meiner Neffen oder Nichten gesehen. Er trug Fußballschuhe, Shorts und ein schmutziges Sweatshirt, auf dem »Spielt mit Jesus« stand, und war von seinen Schützlingen einzig zu unterscheiden gewesen, weil sie ihn mit »Pfaffe« betitelten.)
Glatt rasiert, rotwangig und nass gekämmt, sah der Gemeindepfarrer Hubert Hallander extrem jung aus. In dem schwarzen Anzug und dem weißen Hemd hatte er etwas von einem Konfirmanden. Eine leichte Tendenz zur Dickleibigkeit gab jedoch Hoffnung auf eine zukünftige Zunahme seiner leiblichen Autorität. Seine Augen waren wässrigblau, der Handschlag weich und ein wenig feucht.
Seine Gattin, Harriet Hallander, war groß und schlank und auffallend elegant. Ich bin nicht sehr bewandert auf diesem Gebiet, aber ihr Kostüm – eine Kreation aus dünnem, glänzendem Stoff – sah nicht aus, als hätte sie es in Mellanstad erstanden oder in ihrem Pfarrhaus selbst genäht. Ihre Lippen und Nägel leuchteten grellrot wie die strassbesetzten Bügel ihrer Brille. Sie war eine geschmackvolle und gepflegte Erscheinung. Aber wie eine Pastorenfrau in der Provinz sah Frau Hallander definitiv nicht aus, und ich fragte mich im Stillen, ob sich wohl das eine oder andere Gemeindemitglied dadurch provoziert fühlte.
»Ich hoffe doch, Sie sind nicht hier bei uns krank geworden, Studienrat Persson?«
Pastor Hallander zeigte auf die Pillendose, die ich nach wie vor in der Hand hielt. Seine Miene zeigte ein sanftes Lächeln, das zu den meisten kirchlichen Gelegenheiten passt, selbst zu Beerdigungen (besonders alter Leute).
Seine Krankheiten einem Arzt zu beichten ist eine Sache; etwas ganz anderes ist es, sie einem Pastor zu beichten, dessen Behandlung erst im nächsten, etwas vagen Dasein Wirkung zeigt. Daher teilte ich ihm mit, dass ich mich bester Gesundheit erfreute.
»Mein Mann interessiert sich für Medizin. Eigentlich wollte er Arzt werden. Er hat sogar ein paar Semester Medizin studiert!«
Sie hatte eine wider Erwarten schrille Stimme, und ihr Lachen klang nervös.
»Das war, bevor ich meine Berufung fand«, sagte der Pastor, als Johan Åkerblom uns zum Gratin rief, das gar kein Gratin war, sondern sich als Soufflé entpuppte. Pastor Hallander sprach ein Tischgebet über der Form, was sicher nicht das schlechteste war, da es jede Stütze brauchen konnte.
7
Die Unterhaltung verlief in entspanntem Plauderton. Doktor Körmendi war fröhlich und herzlich, ohne familiär zu werden, und auch bei der zweiten Portion behielten wir noch die Titel bei. (Ich nehme normalerweise mittags nicht nach, aber Präsident Åkerblom gehörte zu den Gastgebern, die so lange die Defizite ihrer Kochkunst hervorkehrten, bis man sich gezwungen sah, nachzunehmen, um die Gastgeber nicht zu verprellen, was durchaus berechtigt gewesen wäre.)
Doktor Körmendi saß zu meiner Linken und erzählte mir, dass er Hautarzt sei und sein Spezialgebiet Psoriasis. Er hatte sich in seinem alten Haus, ein Stück die Landstraße runter, ein eigenes Labor eingerichtet, in dem er in seiner Freizeit an einem Medikament forschte.
»Meist abends und nachts. Wer mich von draußen sieht, wie ich über meine Reagenzgläser gebeugt dastehe, hält mich wahrscheinlich für einen Hexenmeister aus dem Mittelalter. Aber ich glaube, auf dem Weg zu einem Heilmittel ein ganzes Stück vorangekommen zu sein. Eine Vitaminsalbe. Sie heilt das Leiden zwar nicht komplett, aber ich hoffe, damit zumindest die Beschwerden lindern zu können ...«
Ich hörte nur mit halbem Ohr zu – Psoriasis ist eine der wenigen Krankheiten, an denen ich nicht leide –, aber Doktor Körmendis lebhaftes, enthusiastisches Wesen machte dennoch Eindruck auf mich. (Bei einer Gelegenheit griff er nach meiner Hand und markierte besonders kritische Partien mit einem Löffel.) Ich vergaß Haare, Bart und Pullover und sah nur noch den Wissenschaftler mit seinem Forscherdrang, der Freude am Entdecken, dem Ehrenkodex, dem Wunsch zu helfen. Ich sah, dass er jünger war, als ich zuerst angenommen hatte, eher unter als über vierzig.
Zu meiner Rechten saß Frau Hallander. Sie verteilte ihre Portion auf dem Teller und zermatschte sie wie in dem Versuch, sie zu vernichten, aber da ihr das nicht gelang, aß sie sie schließlich auf, mit kleinen, pickenden Gabelstichen. Dazwischen bekam ich mitgeteilt, dass ihr Mann seine erste Pfarrstelle in Stockholm gehabt, dass es ihn aber schon immer eher in eine ländliche Gemeinde gezogen habe.
»Und ruhiger und ländlicher als hier draußen geht’s nimmer«, lachte sie in hohem Diskant. »Knapp tausend Seelen, ausschließlich Vorortbewohner oder Landbevölkerung, ganz nach Huberts Geschmack. Er ist der patriarchalische Typ, auch wenn er, zugegebenermaßen, nicht sehr patriarchalisch aussieht. Aber er liebt es, Hausbesuche zu machen und den Alten etwas vorzulesen und Kranke zu besuchen, seine Täuflinge auf ihrem Weg zu begleiten und all diese Dinge, zu denen nur Pastoren in kleinen Gemeinden Zeit haben. Es ist nur ...«
An dieser Stelle brach sie jäh mit einem klirrenden Lachen ab, das sich zwischen einem Schrei und dem Geräusch bewegte, das eine Geldmünze macht, wenn sie vom Staubsauger aufgesaugt wird. Sie rückte die glitzernden Brillenbügel zurecht und schob sich eine Gabelspitze Soufflé in den Mund.
Als sie das Gespräch wieder aufnahm, sprach sie über das Wetter.
Beim Dessert – Früchte aus der Dose, bei denen man nicht viel falsch machen konnte – wurde das Gespräch allgemein, und der Staatsminister erwähnte, dass wir am Vormittag Kommissar Wallman besucht hätten.
Doktor Körmendi ließ seinen Löffel mit einem Klirren fallen, und seine Augen verdunkelten sich.
»Kommissar Wallman? Sie wollen doch nicht sagen, dass er Sie empfangen hat?«
Der Staatsminister erklärte, dass dem Besuch ein Briefwechsel vorangegangen sei, dass es um wichtige Geschäfte gehe und dass wir eine gründliche Kontrolle über uns ergehen lassen mussten.
Der Arzt nahm seinen Löffel wieder auf.
»Ich dachte schon, Kommissar Wallman hätte seine Isolation aufgegeben und mir damit meine einzige Eintrittskarte in das hiesige Gesellschaftsleben genommen: etwas darüber berichten zu können, wie er hinter seiner Mauer lebt. Ich bin der Einzige, den er zu sich lässt. Zumindest aus dem Ort. Ansonsten hat er wohl ein paar Schwestern in Stockholm, die ihn ab und zu besuchen dürfen. Meine Besuchserlaubnis habe ich meiner Eigenschaft als Arzt zu verdanken. Und auch das nur zu ganz bestimmten Zeiten: jeden zweiten Samstag um zwei Uhr nachmittags. Ich komme mir vor wie ein Gefängnisarzt. Riegel klirren, wenn ich ankomme, und Riegel klirren, wenn ich gehe.«
Der Staatsminister fragte, ob es die Schussverletzung sei, die eine ärztliche Behandlung erforderte.
»Nein, die macht ihm keine akuten Beschwerden. Abgesehen von der Lähmung, natürlich. Er hat ein chronisches Ekzem, das beobachtet und behandelt werden muss. Und wenn ich schon dabei bin, höre ich noch gleich sein Herz ab und messe den Blutdruck. Damit nimmt er es sehr genau, obgleich seine Werte immer bestens sind. Der Kerl ist stark wie ein Ochse.«
»Ist er schon lange Ihr Patient?«, fragte der Staatsminister.
»Lassen Sie mich überlegen – im Herbst dürften es drei Jahre sein. Bis dahin hat sich ein Kollege aus dem Krankenhaus um ihn gekümmert, aber der ist weggezogen und hat mich als seinen Nachfolger vorgeschlagen. Ich bin ja auch Hautarzt. Eigentlich habe ich keine Zeit für Privatpatienten, aber ich war neugierig, was das wohl für ein Kauz ist. Und außerdem sind wir ja fast Nachbarn. Und so reiße ich mich also jeden zweiten Samstag von meinen Reagenzgläsern los und radele zu ihm.«
»Und wieso hat er sich so komplett vom Rest der Welt abgeschottet?«, fragte ich.
Der Arzt zuckte mit den Schultern.
»Er zieht mich nicht ins Vertrauen. Ich bin für sein Ekzem zuständig und für meine Messungen, aber dann habe ich zu gehen. Ich gehe aber davon aus, dass es mit der Schussverletzung zusammenhängt. Er hat Ihnen doch sicher erzählt, dass er bei der Ausübung seines Dienstes angeschossen und danach pensioniert wurde? Ja, das käut er ständig wieder, wenn ich bei ihm bin, es ist sozusagen sein einziges Gesprächsthema. Er war vorher wohl schon nicht sonderlich sozial, aber nach seiner Verabschiedung hat er es mit der Isolation wirklich auf die Spitze getrieben. Eine gewisse Zurückgezogenheit ist in seiner Situation ja nachvollziehbar. Es ist schließlich nicht so einfach, sich in die Öffentlichkeit zu begeben, wenn man an den Rollstuhl gefesselt ist. Und er hat ein großes Haus und einen Park, wo er sich bewegen kann und frische Luft bekommt. Aber dass er nie sein Grundstück verlässt oder anderen Menschen gestattet, ihn zu besuchen, ist schon ein wenig schrullig. Wenn Sie mich fragen, will er sich den Leuten nicht als Invalide zeigen. Für einen großen und kräftigen Kerl wie ihn ist es wahrscheinlich unerträglich, im Rollstuhl sitzen zu müssen. Und verbittert ist er obendrein. Er fühlt sich abgeschoben. ›Wenn ihr nichts mehr mit mir zu tun haben wollt, das könnt ihr haben. Ich werde euch schon zeigen, dass ich auch allein zurechtkomme.‹ Gekränkt, verbittert, voller Hass. Aber vor allen Dingen hat er Angst.«
»Angst?«
»Ja. Die Mauer war schon vor seiner Zeit da, aber er hat sie mit Stacheldraht versehen und die Alarmanlage installiert, sowohl auf der Mauer als auch im Haus. Dann hat er Pappeln hinter der Mauer gepflanzt und keinen Baum mehr im Garten gefällt. Die Haushälterin hat erzählt, dass er nur die Wege im Park benutzt, die nicht von außen einsehbar sind. Am liebsten sitzt er aber auf der Veranda oder auf dem Balkon im oberen Stockwerk, wo er komplett vor den Blicken von außen geschützt ist. Die Jalousien in seinem Zimmer sind immer runtergelassen. Und er trägt immer eine Pistole bei sich.«
»Und wovor hat er Angst?«
Der Arzt zögerte mit der Antwort.
»Anfangs glaubte ich, der Mann litte an Verfolgungswahn, ausgelöst durch die ungerechte Behandlung, der er sich nach dem Unglück ausgesetzt fühlte, und verstärkt durch die selbst auferlegte Einsamkeit in seinem Bunker. Ich dachte also, es wäre eine eingebildete Gefahr, gegen die er sich mit all den Schlössern und Alarmanlagen zu schützen versuchte. Aber das glaube ich inzwischen nicht mehr. Sehen Sie sich ihn doch an! Sicher, er ist reizbar und in vielerlei Hinsicht merkwürdig. Aber im Grunde genommen ist er ein ganz nüchterner und kontrollierter Mensch. Nicht die Spur hysterisch. Er schützt sich methodisch und äußerst gründlich gegen jemand oder etwas vor der Mauer. Das, was Kommissar Wallman Tag und Nacht umtreibt und wogegen er sich mit aller Macht zu schützen versucht, ist, dass irgendwer die Mauer oder das Eingangstor überwindet, durch den Garten ins Haus eindringt und ihn tötet.«
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