Kitabı oku: «Julian und der Hexenrekord»

Yazı tipi:

Bodil El Jørgensen
Julian und der Hexenrekord

Saga

Der traurige Clown

Das Städtchen zwischen den Hügeln unterschied sich nicht groß von den meisten anderen Städtchen. Wenn man einmal davon absah, dass es einen eigenen Prinzen hatte: Julian, Prinz vom Zaubermoor.

Julian war ein Prinz, weil er eine Krone auf dem Kopf trug. Eine eigenartige Krone war das. Berührte man sie, fühlte sie sich wie Luft an, obgleich man sie ganz deutlich sehen konnte. Das lag an der dritten geheimen Hexenregel.

Die Bewohner des Städtchens zwischen den Hügeln waren es nicht gewohnt, einen Prinzen zu haben. Darum gafften sie auch immer so blöde, wenn Julian an ihnen vorbeiging. Aus dem Grund hatte Julian sich angewöhnt, eine grüne Wollmütze zu tragen, die seine Mutter ihm gestrickt hatte.

In dem Städtchen zwischen den Hügeln war es Herbst geworden. Draußen bei der verfallenen Hütte am Rand des Zaubermoors waren längst die Birnen von den uralten Birnbäumen gefallen und faulten im hohen Gras vor sich hin. Julian schaute jeden Tag mindestens einmal dort vorbei. Vorsichtshalber, um nachzusehen, ob sein Freund und Lehrmeister, der große, alte Hexenspezialist Posemuckelmats, vielleicht zurückgekehrt war. Aber bei jedem seiner Besuche fand er die Hütte leer vor.

Am ersten Tag der Herbstferien hatte Julian sich in der Bibliothek ein Buch ausgeliehen. Seine Mutter hatte ihn ganz erstaunt über die Stoffberge hinweg angesehen, die sich um ihre Nähmaschine herum auftürmten, an der sie Tag und Nacht saß und schuftete.

Lesen war nämlich ganz und gar nicht Julians Stärke. Aber jetzt las er. Und das Buch machte ihn richtig wütend. Es handelte von Hexen. Er buchstabierte sich mühsam durch den Text. Je mehr er las, desto wütender wurde er. Das Buch war voller Lügen.

„So ein Quatsch“, murmelte er vor sich hin. „Hexen fliegen doch nicht auf einem Besen durch die Luft, und Warzen auf der Nase haben sie auch keine. Hexen sehen überhaupt nicht wie Hexen aus, sondern wie ganz normale Menschen. Gerade deswegen sind sie ja so gefährlich!“

Er las weiter, Buchstabe für Buchstabe. Das war ja zum Haareraufen.

„So eine Käse“, murmelte er. „Wenn eine Hexe jemanden verhexen will, braucht sie zuerst einmal etwas, was derjenige berührt hat. Das verwandelt sie dann mit Hilfe der zweiten geheimen Hexenregel zu Hexenpulver. Und was ist mit der ersten geheimen Hexenregel? Von der steht hier überhaupt nichts.“

Julian warf das Buch mit einem lauten Knall auf den Tisch und ging hinaus in den kleinen Garten hinter dem Haus, um das Absolut-still-Stehen in einer ungewöhnlichen Körperhaltung ein wenig zu üben.

Er ging in die Hocke, streckte das rechte Bein vor, und hielt die Arme unbequem abgewinkelt vom Körper weg. Zum Schluss neigte er den Kopf noch leicht zur linken Seite und streckte den Zeigefinger der linken Hand in die Luft. In dieser Haltung blieb er mucksmäuschenstill stehen und zählte bis zweihundert. Es dauerte nicht lange und sein eines Bein und der eine Arm begannen schrecklich wehzutun, aber er ertrug die Schmerzen heldenhaft. Nicht einen Millimeter bewegte er sich.

Denn so, und nur so, hatte der große alte Hexenspezialist Posemuckelmats gesagt, indem man mindestens fünf Jahre lang dreimal täglich so lange wie möglich in einer unbequemen Haltung absolut still steht, lernt man die schwierige Hexenspezialistenkunst, mit den nächtlichen Schatten zu verschmelzen.

Julian übte jeden Tag eine halbe Stunde vor dem Frühstück, direkt nach der Schule und bevor er schlafen ging. Er wünschte sich nämlich nichts sehnlicher, als so mit den nächtlichen Schatten verschmelzen zu können, wie es Posemuckelmats gemacht hatte. Damals in einer mondhellen Nacht im Zaubermoor hatte Julian Posemuckelmats beobachtet, wie er in unmittelbarer Nähe der Hexe, die Baroness genannt wurde, mit den Schatten verschmolzen war.

Julian biss die Zähne zusammen und verharrte weiter in der unbequemen Haltung, während er noch einmal bis hundert zählte. Da entdeckte er plötzlich seine Mutter in der Terrassentür. Sie sah ihn verwundert an und blinzelte zigmal schnell hintereinander.

„Hör mal“, sagte sie und winkte Julian mit der Lokalzeitung zu, die sie in der Hand hielt. „Heute Abend gastiert ein Zirkus in der Stadt. Auf dem Platz vor dem Einkaufszentrum. Es ist der Zirkus Sommerhaar. Da gehen wir hin, ja? Um zu feiern, dass du jetzt Herbstferien hast.“

Julian war so begeistert, dass er beinah das Gleichgewicht verloren hätte. Er liebte Zirkus.

Auf dem Platz vor dem neuen Einkaufszentrum war ein riesiges Zirkuszelt aufgebaut. Aus dem Eingang des Zeltes strömten Licht und gedämpfte Zirkusmusik in die beginnende Abenddämmerung hinaus. Julian und seine Mutter gingen schneller. Und kurz darauf traten sie in das proppenvolle Zirkuszelt, um ihre Plätze einzunehmen. Julian saß auf einem rot gepolsterten Sitz, seine Mutter auf einem weißen. Das waren richtig tolle Plätze: dritte Reihe, gleich an der Manege. Julian sah seine Mutter erstaunt an. Er hätte nicht gedacht, dass sie sich das leisten konnten.

„Es sind ja schließlich Herbstferien“, flüsterte sie. „Und ich hab gerade ein bisschen Geld für die Kostüme bekommen, die ich für die Theateraufführung im Gemeindehaus genäht habe.“

Da wurde ihre Aufmerksamkeit auf die Manege gelenkt, weil plötzlich ein Trommelwirbel ertönte. Ein Vorhang glitt zur Seite. Der Zirkusdirektor betrat die Manege und hieß die Besucher in echter gebrochener Zirkussprache willkommen. Als Julian genauer hinsah, stellte er fest, dass der Direktor eine Direktorin war. Sie trug einen schwarzen Paillettenfrack und zeigte ein strahlend weißes Zirkuslächeln.

Die Trompeten schmetterten einen Tusch, worauf sich unter der Zeltkuppel drei Trapeze aufrollten. Im gleichen Moment kam eine Gruppe Luftakrobaten hereingerannt. Wenige Sekunden später schwangen sie hoch über der Manege an ihren Trapezen und wirbelten mit dreifachen Salto durch die Luft. Julian und seine Mutter juchzten vor Freude. Sie waren beide völlig begeistert von den Luftakrobaten.

Danach folgte eine Nummer nach der anderen, eine aufregender als die andere. Es gab eine Pferdenummer und eine Seehundnummer, eine Nummer mit starken Männern, die Eisenstangen verbogen und auf den Bäuchen ihrer Kollegen Gartenwegplatten mit einem Handkantenschlag zerlegten.

„Wann wohl die Clowns kommen?“, fragte Julians Mutter laut in dem Versuch, den Applaus für die starken Männer zu übertönen.

Das sagte sie nach jeder Nummer, weil sie die Clowns nun mal am tollsten fand.

Aber jetzt wurden erst einmal Zauberkunststücke gezeigt. Die Zauberkünstlerin war die Direktorin persönlich, jetzt in einen rot schillernden Umhang gehüllt mit einem sehr langen, silbernen Zauberstab in der Hand.

„Das ist ja Klasse“, sagte Julians Mutter. „Eine Frau als Zauberer. Das sieht man nicht alle Tage.“

Die Zauberkünstlerin jonglierte elegant mit dem Silberzauberstab.

„Ich möchte jetzt einen der Zuschauer bitten, in die Manege zu kommen und mir zu assistieren, indem er meinen Zauberstab hält“, rief sie. „Wer ist der Erste?“

„Los, beeil dich“, flüsterte Julians Mutter und stupste ihn aufgeregt in die Seite.

Julian sprang auf und bahnte sich einen Weg durch die Zuschauerreihen, aber er war zu spät. Direkt vor seiner Nase sprang ein kräftig gebauter Junge aus der ersten Reihe in die Manege.

„Hier haben wir unseren Gewinner!“, rief die Zauberkünstlerin und überreichte dem Jungen den silbernen Zauberstab.

Julian ging enttäuscht an seinen Platz zurück.

Die Zauberkünstlerin nahm ihren Zylinder ab und stellte ihn mit der Öffnung nach oben auf den Tisch. Dann gab sie dem Jungen ein Zeichen, mit dem silbernen Zauberstab auf den Hut zu zeigen, und führte mit den Händen komplizierte Bewegungen in der Luft aus. Da sprang eine weiße Maus aus dem Hut. Und noch eine, und noch eine. Es ging so lange weiter, bis man glauben konnte, man habe es mit einer Sinnestäuschung zu tun. Am Ende wimmelte die ganze Manege von weißen Mäusen. Und das waren erstaunlich gut dressierte Mäuse. Kaum landeten sie mit den Pfoten in den Sägespänen auf dem Boden, begannen sie in kleinen Kreisen um sich selbst zu drehen. Tosender Applaus brach los. Die Zauberkünstlerin verbeugte sich und mit ihr der glückliche Junge, der ihren Zauberstab halten durfte.

Julian sah ihm voller Neid hinterher, als der Junge der Zauberkünstlerin den Stab zurückgab und sich wieder an seinen Platz begab.

„Jetzt kommen bestimmt die Clowns“, sagte Julians Mutter. „Das hört man an der Musik.“

In dem Augenblick sah Julian aus den Augenwinkeln etwas, was ihn mit einem Ruck von seinem Platz aufspringen ließ.

Ein paar Reihen hinter ihm und seiner Mutter huschte eine lange Gestalt flink wie ein Wiesel durch die Zuschauerreihe zum Ausgang. Soweit Julian es in der Eile erkennen konnte, trug die Gestalt einen langen, schwarzen Umhang. Julian kannte nur einen Menschen auf der Welt, der so einen Umhang trug. Sein Herz machte einen Doppelsalto. Was um Himmels willen hatte Posemuckelmats in diesem Zirkus zu suchen? Der große, alte Hexenspezialist hatte ja wohl kaum Zeit für so eine Art von Zeitvertreib. Julian sah ein, dass er sich geirrt haben musste, und sank in seinen Sitz zurück.

„Da sind sie!“, flüsterte seine Mutter begeistert und stupste ihm mit dem Ellenbogen in die Seite.

Die Clowns stolperten in einer linkischen Gangart in die Manege. Julian konnte gar nicht anders, als lachen. Ein Clown war besonders komisch. Die Zuschauer grölten vor Lachen, als er aufgeregt mit den Armen wedelte und auf der Stelle auf und ab hüpfte. Dann stolzierte er mit so gekonnt tollpatschigen Bewegungen weiter, dass man hätte meinen können, er hätte erst am Morgen desselben Tages laufen gelernt. Bei jedem zweiten Schritt stolperte er über seine eigenen Füße, vergaß, die Arme nach vorn zu nehmen, und landete direkt mit dem Gesicht in den Sägespänen. Das sah so echt aus, wie nur ein Clown es hinkriegte. Inzwischen war ihm sein Hut vom Kopf gefallen, seine rote Nase saß schief im Gesicht, und die Schminke war völlig verschmiert. Und jetzt ließ er sich auch noch auf den Hintern fallen und begann in bester Clownsmanier zu heulen, wobei er unbeholfen mit den Armen wedelte.

Julian und seine Mutter purzelten vor Lachen fast von ihren Stühlen.

Der Clown kam wieder auf die Beine, laut schluchzend und unter größten Mühen, und wackelte mit unsicheren Schritten an den Rand der Manege, wo er sich mit den Händen abstützte, genau dort, wo in der dritten Reihe Julian und seine Mutter saßen. Um sie herum toste der Beifall. Das Gelächter wollte gar kein Ende nehmen. Julians Mutter hatte ihre Brille abgesetzt, weil sie vor lauter Lachtränen beschlug.

Da hob der Clown den Kopf und schaute Julian in die Augen. Für den Bruchteil einer Sekunde begegneten sich ihre Blicke. Es durchzuckte Julian. In den Augen des Clowns lag eine so abgrundtiefe Trauer, dass es Julian einen Stich ins Herz versetzte. Er vergaß ganz zu atmen. Dieser Ausdruck in den Augen erinnerte ihn an jemanden. So hatte Trampedak, die verhexte Schiffsratte, damals auch geguckt, als Julian ihn das erste Mal getroffen hatte. Das war die Trauer, die daher rührte, dass man jemand anders sein musste, als man eigentlich war. Julian streckte den Hals, aber der Clown hatte sich bereits abgewandt. Mit einem seltsamen Gefühl sank Julian auf seinen Stuhl zurück.

Die Zirkusstimme der Zirkusdirektorin füllte erneut das Zelt.

„Einen Extra-Applaus für den Clown Jakobi und seine Freunde. Meine Damen und Herren, das ist Clownerie von Weltklasse!“

Während die Zuschauer wie von Sinnen Beifall klatschten, torkelte der traurige Clown aus der Manege. Die beiden anderen Clowns folgten ihm auf die ihnen eigene, tollpatschige Art.

Jetzt war es Zeit für das große Finale, für das alle Zirkusartisten noch einmal in die Manege gelaufen kamen. Um sie herum explodierten Rauchbomben in allen Farben des Regenbogens und die Trompeter bliesen, was das Zeug hielt. Aber Julian bekam kaum etwas mit von dem Finale, weil er von einem Kribbeln im Nacken abgelenkt wurde.

Sobald die Vorstellung zu Ende war, sprang er von seinem Platz auf und strebte auf den Ausgang zu.

„Du hast es aber eilig“, sagte seine Mutter und folgte ihm.

Kurz darauf standen sie vor dem Zelt zwischen lauter gut gelaunten und aufgekratzten Menschen. Julian sah sich in alle Richtungen um. Und dann sah er ihn zum zweiten Mal. Den Zipfel von etwas Schwarzem, das sich kurz bauschte, ehe es am äußeren Rand der Menschenansammlung verschwand.

Julian griff nach der Hand seiner erstaunten Mutter und drückte sie.

„Geh ruhig schon mal nach Hause“, sagte er. „Ich komme später nach.“

Seine Mutter sagte, dass sie schon mal einen Kakao aufsetzen wollte. Sie winkte Julian zum Abschied zu, aber der rannte bereits in die andere Richtung davon, dorthin, wo er glaubte, dass der Umhang verschwunden sei.

Der silberne Zauberstab

Julian fand sich hinter dem großen Zirkuszelt zwischen lauter bunt bemalten Wohnwagen und Käfigen auf Rädern wieder. Er lief hin und her und schaute sich gründlich um. Aber er konnte nirgendwo einen schwarzen, bauschenden Umhang entdecken. Trotzdem gab er nicht auf. Einmal kam ihm einer der Artisten entgegen, dann lief ein Mann im Arbeitsoverall an ihm vorbei, aber keiner schenkte ihm Beachtung. Die Wohnwagen um ihn herum warfen im Schein der Fackeln unheimliche Schatten. Je weiter er sich vom Zirkuszelt entfernte, desto größer wurden die Abstände zwischen den Fackeln und desto dichter rückten die Schatten zusammen. Er ging langsamer und kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Plötzlich fuhr er erschrocken zurück. Vor ihm riss sich ein Schatten aus den übrigen Schatten los und bewegte sich direkt auf ihn zu. Julian wurde eiskalt. Dann sperrte er erstaunt die Augen auf, als er sah, dass der Schatten eine lange, schwarz gekleidete Gestalt war. Es war niemand Geringerer als der große Hexenspezialist Posemuckelmats. Er hatte mucksmäuschenstill dagestanden und war mit den Schatten der Herbstnacht verschmolzen, eine Kunst, die er bis zur Vollkommenheit beherrschte, und die ihn für das menschliche Auge unsichtbar machte.

„Posemuckelmats!“, rief Julian aus.

Der große, alte Hexenspezialist hielt den Zeigefinger vor die Lippen. Wie üblich trug er neben seinem langen, schwarzen Umhang einen großen, schwarzen Hut. Sein eines Auge war mit einer schwarzen Augenklappe verdeckt. Und er hatte nur ein Ohr, das aber dafür so groß war wie ein Kaffeefilter. Er sah immer aus wie eine merkwürdige Kreuzung aus Seeräuber und Zauberer.

Julian wäre vor lauter Wiedersehensfreude am liebsten in die Luft gesprungen. Aber dann merkte er, dass der große Mann mit dem schwarzen Umhang ihn im Schein der flackernden Fackeln scharf musterte.

„Sieh mal einer an“, sagte er schließlich. „Wenn das nicht der kleine Schmachtlappen ist, der mir beim Kampf gegen die Hexe aus dem Zaubermoor geholfen hat! Was machst du denn hier?“

„Ich war in der Zirkusvorstellung“, setzte Julian an. „Und da ...“

Posemuckelmats bohrte seinen langen Zeigefinger in Julians Bauch. „So ein Luftikus“, sagte er streng und bedachte Julian mit einem durchbohrenden Blick seines sichtbaren Auges. „Wetten, dass du dich seit unserem letzten Treffen nur rumgetrieben hast!“

Jetzt wurde Julian aber langsam ernsthaft sauer.

„Ich hab mich nicht rumgetrieben“, schnaufte er. „Ich hab jeden Tag geübt, so lange wie möglich reglos in einer unbequemen Haltung stehen zu bleiben, mindestens drei Mal pro Tag. Und ich kann die vier geheimen Hexenregeln auswendig und werde sie niemals vergessen!“

An dieser Stelle streckte Julian seinen Zeigefinger aus und pikste energisch zurück. Er musste den Arm ziemlich weit nach oben strecken, um an Posemuckelmats’ Bauch zu reichen. Und so standen sie voreinander, der merkwürdige Mann und der hartnäckige Junge, und piksten sich gegenseitig mit den Zeigefingern in den Bauch, während sie sich um die Wette anfunkelten.

„Lass hören“, befahl Posemuckelmats streng.

„Die erste geheime Hexenregel lautet: hexenspucke trennt dinge. Die zweite geheime Hexenregel heißt: hexenschnodder pulverisiert dinge. Die dritte geheime Hexenregel: hexenblut macht unsichtbares sichtbar. Und die vierte geheime Hexenregel heißt: hexentränen machen geschehenes ungeschehen“, rappelte Julian wie aus der Pistole geschossen und klar und deutlich herunter, ohne ein einziges Mal Luft zu holen.

„Hm“, brummt der Hexenspezialist und kniff sein Auge zusammen. „Und wie sieht es mit den geheimen Zauberpraktiken der Hexe aus?“

„Wenn eine Hexe einen Menschen in ein Tier oder umgekehrt ein Tier in einen Menschen verhexen will, braucht sie zuerst etwas, das der Mensch berührt oder in das das Tier hineingebissen hat“, antwortete Julian. „Mit einem Tropfen Hexenschnodder verwandelt sie den Gegenstand in Pulver. Und das Pulver bläst sie demjenigen in die Augen, den sie verhexen will, wobei sie eine Formel aufsagt. Denn ohne Hexenpulver wirkt die Hexenformel nicht.“

Posemuckelmats stimmte ein leises, aber zufriedenes Lachen an.

„Du hast es wirklich ganz faustdick hinter den Ohren“, sagte er lachend. „Schon möglich, dass ich deine Hilfe noch mal in Anspruch nehme, da du zufällig gerade hier bist.“

Er legte seine Hand schwer auf Julians Schulter.

„Willst du noch einmal mein Gehilfe sein oder nicht?“, fragte er.

„Allzeit bereit“, sagte Julian und streckte den Rücken. Es gab nichts auf der Welt, was er lieber wollte.

Posemuckelmats beugte sich mit einer blitzschnellen Bewegung zu ihm runter. Sein sichtbares Auge funkelte im Lichtschein einer Fackel.

„Hast du sie gesehen?“, flüsterte er.

„Äh, wen?“, fragte Julian verwirrt.

Posemuckelmats’ Auge sah aus, als ob es aus der Höhle treten würde. „Die Hexe natürlich“, platzte er ungeduldig heraus. „Wen denn sonst?“

Julian zuckte zusammen und sah sich hastig nach allen Seiten um, ohne dass ihm etwas Verdächtiges aufgefallen wäre.

„Die Hexe?“, murmelte er. „Was für eine ...?“

„Hast du nicht gesagt, du wärest eben in der Zirkusvorstellung gewesen?“

„Äh, doch, ja, aber ...“

„Verflixt gerissene Hexentarnung“, unterbrach Posemuckelmats ihn mit einem von einem Kopfschütteln begleiteten Schnaufen und zeigte mit einer ausladenden Bewegung zum Zirkuszelt hinüber. „Ein Wanderzirkus! Äußerst gerissen. Mit das Gerissenste, was mir seit langem untergekommen ist. Wir haben es hier mit einem ganz besonders gerissenen Exemplar der Hexengattung zu tun. Hexen sind natürlich grundsätzlich gerissen. Aber einige sind eben noch gerissener als andere. Eine Zirkushexe! Also wirklich! Was wird sie sich wohl als Nächstes einfallen lassen!?“

Er schüttelte den Kopf so heftig, dass sein Hut herunterfiel. Julian beeilte sich, ihn aufzuheben und Posemuckelmats zurückzugeben. Im gleichen Augenblick fasste sich der Hexenspezialist mit einem unterdrückten Fluch ans Ohr und zog Julian blitzschnell mit sich in den Schatten eines kunterbunten Wohnwagens.

Da ging jemand durch die von Fackeln erleuchtete Dunkelheit. Es war die Zirkusdirektorin in ihrem Paillettenkostüm. Sie pfiff eine Melodie und balancierte den Silberzauberstab elegant auf der Spitze ihres Zeigefingers. Dann verschwand sie in einem großen, leuchtend roten Wohnwagen, der mit hohen, schwarzen Zauberzylindern bemalt war, aus denen weiße Kaninchen hüpften.

Gleich hinter ihr kam noch jemand: der Glückspilz, der während der Zaubernummer den silbernen Zauberstab hatte halten dürfen. Er sah sich suchend um, bevor er auf den roten Wohnwagen zuging.

„Verdurrichnocheins“, murmelte Posemuckelmats. „Genauso war es gestern auch.“

Er sprang mit einem großen Satz hinter dem Jungen her, der just in diesem Moment laut gegen die Tür des roten Wohnwagens klopfte, worauf Posemuckelmats sich mit einem großen Satz zurück in den Schatten rettete.

„Verdurrichnocheins“, murmelte er zum zweiten Mal.

Die Tür des Wohnwagens öffnete sich, und aus dem Innern des Wagens fiel Licht auf die dunkle Treppe.

„Verdurrichnocheins“, murmelte Posemuckelmats zum dritten Mal, diesmal ganz langsam.

In der offenen Tür stand die Zirkusdirektorin. Sie hielt noch immer den Silberzauberstab in der Hand. Julian blieb fast das Herz stehen. Er sah von dem Jungen zu dem silbernen Zauberstab und wieder zurück zu dem Jungen. Und plötzlich ahnte er, mehr als dass er es wusste, was als Nächstes geschehen würde.

Die Zirkusdirektorin lächelte. Ihre weißen Zähne strahlten im Schein der nächsten Fackel.

„Herzlich willkommen, mein Guter“, sagte sie mit übertriebener Freundlichkeit. „Jetzt sollst du, wie versprochen, deine Belohnung dafür bekommen, dass du den silbernen Zauberstab für mich gehalten hast.“

Der Junge nickte erwartungsvoll.

„Was ist denn das!“, platzte die Direktorin plötzlich heraus und zeigte mit ihrem sehr langen Zeigefinger auf den Boden. „Hast du dir etwa Ketschup auf die Schuhe gekleckert?!“

Der Junge blickte erstaunt auf seine Schuhe, und die Zirkusdirektorin nutzte den Augenblick, um eine kleine Flasche mit einem Tropfenzähler aus ihrem Kostüm hervorzuzaubern. Julian schluckte entsetzt, als die Direktorin einen Tropfen aus der Flasche auf den Zauberstab träufelte, der sich augenblicklich in braunes, leicht phosphoreszierendes Pulver verwandelte.

Als der Junge wieder nach oben schaute, blies sie ihm das Pulver mit einem koketten Puster direkt in die Augen. Dann murmelte sie ganz langsam ein paar unverständliche Worte, worauf der Junge in einer grün-violetten Rauchwolke verschwand, die sich aber schnell wieder auflöste.

Im Gras vor dem roten Wohnwagen im Schein der Fackel saß jetzt neben einem Paar großer, ausgelatschter Sportschuhe eine weiße Maus, die augenblicklich begann, gehetzt im Kreis herumzulaufen.

„Husch, zu den anderen“, tirilierte die Hexe und zeigte zu einem großen grünen Wohnwagen mit einer Stalltür.

Sie gab ein abgehacktes, aber perlendes Lachen von sich und verschwand in ihrem eigenen Wagen. Die Maus trippelte auf unsicheren Beinen in die Richtung, in die die Hexe gezeigt hatte. Julian starrte wie gelähmt hinter ihr her. Auf einmal beneidete er den Jungen überhaupt nicht mehr, der den silbernen Zauberstab hatte halten dürfen.

Geschmeiß zu Gewürm und Gewürm zu Geschmeiß

Während Julian glotzend im Schatten des kunterbunten Wohnwagens stehen blieb, rannte Posemuckelmats mit lautlosen Riesenschritten hinter der weißen Maus (oder richtiger dem verhexten Jungen) her, um sie einzufangen. Danach sprang er im Zickzack von einem Schatten zum nächsten, murmelte etwas vor sich hin und warf immer wieder hektische Blicke zum Wagen der Hexe.

„Genauso war es gestern auch“, murmelte Posemuckelmats leise. „Ein verflixt hinterhältiger Trick, eine völlig ahnungslose Person dazu zu bringen, den silbernen Zauberstab zu berühren. Aber mein Gefühl sagt mir, dass die Mäuse nur Teil eines viel größeren Plans sind. Eines über alle Maßen bösartigen Plans natürlich.“

Posemuckelmats blieb kurz stehen, um die Maus in seiner Hand mit einem traurigen Kopfschütteln zu betrachten. Dann wandte er sich an Julian.

„Schlag mir bitte schnell viermal hart auf den Schädel“, befahl er, nahm seinen Hut ab und beugte sich runter.

Julian tat auf der Stelle und ohne zu zögern, was von ihm verlangt wurde. Er wusste nämlich aus Erfahrung, dass ein paar ordentliche Kopfnüsse eine überaus positive Wirkung auf die Denktätigkeit des Hexenspezialisten hatten.

„Grandios“, sagte Posemuckelmats nach der vierten Kopfnuss. „Du bist kräftiger geworden seit unserem letzten Treffen.“ Er stand ein paar Sekunden still da, dann blitzte sein Auge auf. „Selbstverständlich“, murmelte er. „Höchst simpel, das Ganze.“

„Was?“, fragte Julian, der nicht ganz folgen konnte.

Es wurde ihm allerdings sehr schnell klar, dass Posemuckelmats im Moment keine Zeit hatte, irgendwelche Fragen zu beantworten. Er war vollauf damit beschäftigt, in seinem weiten Umhang nach etwas zu suchen. Eine große Zange. Wie man sie zu feineren Anlässen verwendet, um sich Kleingebäck vom Kuchenteller zu nehmen.

Posemuckelmats drückte Julian die Maus in die Hand, ging auf den Wohnwagen der Hexe zu und warf sich direkt davor der Länge nach auf den Bauch. Zwei Sekunden später war er wieder auf den Beinen. Er hielt die Zange mit ausgestrecktem Arm vor sich. Zwischen den vorderen Greifern baumelte ein kleiner Kasten mit einer Falltür. Das war eine Mausefalle. Sie schimmerte schwach grün-violett. Mit einem geübten Armschwung angelte Posemuckelmats eine zweite Zange aus seinem Umhang, mit deren Hilfe er die Klappe der Mausefalle öffnete.

„Warum benutzt du nicht einfach deine Hände?“, fragte Julian.

„Wie oft soll ich es dir denn noch sagen“, antwortete der Hexenspezialist kopfschüttelnd. „Berühre niemals etwas, wenn du dich in der Nähe einer Hexe befindest. Muss ich noch deutlicher werden?“

„Äh, nein“, nuschelte Julian verlegen. Schließlich kannte er die Antwort nur zu gut. Er hatte einfach nicht daran gedacht. Er schwor sich im Stillen, dass das nie wieder vorkommen würde.

„Na, da haben wir ja ein richtiges Prachtexemplar“, flüsterte Posemuckelmats und befreite eine Maus aus der Falle. Sie huschte schnell in die Dunkelheit und verschwand zwischen den Wohnwagen.

„War die auch verhext?“, fragte Julian, der inzwischen völlig konfus war.

„Natürlich nicht“, brummte der Hexenspezialist ungeduldig. „Das war eine ganz gewöhnliche Maus. Aber nicht mehr lange, und sie wäre verhext worden, wenn wir nicht ...“

Er nahm Julian die Maus (oder richtiger den verhexten Jungen) aus der Hand und steckte sie in die Falle. Dann schloss er die Klappe, schob die Mausefalle zurück unter den Wagen der Hexe und ließ die zwei merkwürdigen Greifer wieder unter seinem Umhang verschwinden. Er rieb sich zufrieden die Hände und zog Julian hinter sich her in den Schatten des kunterbunten Zirkuswagens. Und dort blieben sie eine ganze Weile schweigend nebeneinander stehen und warteten.

Julian sagte nichts, obgleich sein Kopf vor lauter Fragen fast platzte. Stattdessen richtete er seinen Blick genau wie Posemuckelmats stur auf die Tür des Hexenwohnwagens.

Sie mussten nicht lange warten, bis die Tür aufging, und die Hexe sich auf den oberen Treppenabsatz stellte. Sie hatte sich umgezogen und trug jetzt einen knöchellangen roten Schlafrock, der mit schwarzen Zylindern bedruckt war. Sie ging die Treppe hinunter, bückte sich und zog etwas unter dem Wagen hervor. Die Mausefalle. Julian streckte den Hals.

„Hab ich’s mir doch gedacht“, hörte er Posemuckelmats ganz, ganz leise flüstern.

Die Hexe fischte die Maus (oder besser gesagt den verhexten Jungen) samt einem kleinen Käsewürfel aus der Falle und hatte plötzlich wieder die Flasche mit dem Tropfenzähler in der Hand. Sie träufelte einen Tropfen Hexenschnodder auf den Käse, der augenblicklich zu Pulver wurde. Dann setzte sie die Maus auf die Erde, blies ihr das Pulver in die Augen und sprach eine kurze Formel. Eine grün-violette Rauchwolke hüllte die Maus ein.

Es ging alles sehr schnell. Als der Rauch sich verzog, sahen sie den Jungen, der in der Manege den Silberzauberstab hatte halten dürfen, barfuß neben seinen ausgelatschten Sportschuhen stehen und sich benommen die Augen reiben.

Julian musste sich schwer zusammenreißen, um nicht vor Begeisterung in die Hände zu klatschen. Das war genial. Da glaubte die Hexe, sie würde eine arme Maus in einen Menschen verwandeln, und dabei hatte sie, ohne es zu wissen, den verhexten Jungen wieder in sich selbst verwandelt.

„Sag mal“, sagte die Hexe nachdenklich, aber mit einer gewissen Schärfe in der Stimme. „Hab ich dich nicht schon mal irgendwo gesehen?“

Julian spürte, wie Posemuckelmats hinter seinem Rücken alle Muskeln anspannte. Da breitete sich im Gesicht der Hexe das strahlende Zirkuslächeln aus.

„Sieh zu, dass du zu den anderen kommst!“, forderte sie den Jungen vergnügt auf und zeigte zu dem grünen Wagen mit der Stalltür.

Sie selbst zog sich wieder in ihren Wohnwagen zurück.

„Typisch“, flüsterte Posemuckelmats. „In den Augen einer Hexe sehen fast alle Menschen gleich aus. So wie für uns Menschen alle Tannennadeln gleich aussehen. Glück für uns.“

Der zurückverwandelte Junge zog sich gerade seine Schuhe an. Er sah leicht verwirrt aus. Dann ging er kopfschüttelnd den gleichen Weg zurück, den er gekommen war.

„Typisch“, brummte Posemuckelmats. „Er hat keine Erinnerung daran, was ihm gerade widerfahren ist. Beim großen, allmächtigen Hexenbezwinger! Wenn die Kinder heutzutage in der Schule doch wenigstens die wichtigsten Grundkenntnisse über Hexen mitbekommen würden. Also wirklich! Weil er keine Ahnung hat, dass man in etwas anderes verhext werden kann, merkt er nicht, wenn es tatsächlich passiert. Und darum nimmt er sich auch das nächste Mal nicht in Acht. In unseren Schulen lernt man nichts über Hexen. Gut, dass ich nach der Hälfte der zweiten Klasse von der Schule abgegangen bin!“

Mit diesen Worten trat der große, alte Hexenspezialist mit einem großen Schritt aus dem Schatten. Julian sah ihn mit unverhohlener Bewunderung an. Durch sein geistesgegenwärtiges Eingreifen hatte Posemuckelmats zwei Geschöpfe vor dem schrecklichen Schicksal bewahrt, in jemand anderen verhext zu werden, als sie eigentlich waren. Julian war sich sehr wohl bewusst, dass er soeben ein Beispiel von Hexenspezialistenkunst allerhöchster Güte vorgeführt bekommen hatte.

„Woher wusstest du eigentlich, dass die Hexe die Maus in einen Menschen verwandeln wollte?“, fragte er neugierig.

„Weil ich sie gestern Abend bei genau der gleichen Aktion beobachtet habe“, antwortete der Hexenspezialist leise. „Konnte es aber nicht verhindern. Leider.“ Ein schmerzlicher Zug huschte über sein Gesicht. „Hab mir schon gedacht, dass sie das Ganze heute noch mal wiederholen würde“, fuhr er fort. „Bin schon ewig hinter dieser Hexe her, habe sie aber erst gestern im Städtchen in der Heide aufgespürt und bin ihr hierher gefolgt. Ich würde ja zu gerne wissen, was sie eigentlich im Schilde führt.“

Plötzlich krümmte er sich und flitzte mit verblüffender Geschwindigkeit bis unter das Fenster vom Wohnwagen der Hexe. Julian folgte ihm. Aus dem Innern des Wagens fiel heimeliges, gelbes Licht nach draußen. Julian lief ein Schauer über den Rücken.

„Bist du bereit, wie ein geölter Blitz abzuhauen?“, flüsterte der Hexenspezialist.

Julian nickte.

„Gut. Dann riskieren wir einen Blick. Wollen wir doch mal schauen, was sie gerade so treibt. Sollte sie uns entdecken, nichts wie ab durch die Mitte! Und jetzt: eins, zwei, drei!“

Sie richteten sich beide gleichzeitig auf und spähten durch das Fenster. Julian musste sich auf die Zehenspitzen stellen, um etwas sehen zu können. Das war wirklich ein edler Wohnwagen. Die Möbel und die Wände schimmerten rot und silbern. Da entdeckte Julian die Hexe. Sie stand halb abgewandt in ihrem Seidenkimono mit den Zauberzylindern vor einem roten Plüschsofa. Darüber hing ein altes Ölgemälde von einem Wanderzirkus, dessen Wagen von Pferden durch eine malerische Sommerlandschaft gezogen wurden. Mit einer schnellen Bewegung drehte sie das Ölbild um, sodass die Rückseite nach vorne zeigte. Julian spürte einen festen Griff um seinen Oberarm.

„Was ist das?!“, flüsterte Posemuckelmats dicht neben seinem Ohr.

„Was?“, flüsterte Julian zurück.

„Die Striche da. Sieht aus wie eine Rechnung oder so was.“

Jetzt sah Julian auch, dass in die hölzerne Rückseite des Bilderrahmens eine Reihe von Strichen eingeritzt waren, insgesamt neun Stück. Und über den Strichen entdeckte Julian eine geheimnisvolle Inschrift, die er nur mit Mühe entziffern konnte: Geschmeiß zu Gewürm und Gewürm zu Geschmeiß, stand da.

Die Hexe hatte die Hand aus der Tasche genommen und musterte ihren Zeigefingernagel, einen sehr langen Zeigefingernagel. Damit ritzte sie einen weiteren Strich auf die Rückseite des Bilderrahmens, direkt neben die neun bereits vorhandenen. Danach ging sie zu ihrem Kühlschrank und nahm eine große Champagnerflasche aus weißem Glas heraus. Julian merkte, wie es Posemuckelmats durchzuckte. Die Hexe hielt die Flasche gegen das Licht und bedachte sie mit einem zärtlichen Blick.

Da sah Julian, dass in der Flasche kein Champagner war, sondern uraltes, abgestandenes Moorwasser, in dem vor Fäulnis Blasen entstanden waren, die gemächlich an die Oberfläche stiegen. Es schwammen sogar ein paar Kaulquappen darin herum.

Julian schüttelte es.

„Hexen ernähren sich ausschließlich von abgestandenem Moorwasser“, flüsterte er.

„Stimmt“, flüsterte Posemuckelmats zurück. „Aber das da ist kein gewöhnliches abgestandenes Moorwasser. Das ist abgestandenes Moorwasser mit Gärbläschen, auch Hexenchampagner genannt. Das absolute Luxusgetränk unter Hexen, wird nur zu äußerst besonderen Anlässen getrunken.“

Die Hexe drückte einen dicken Kuss auf die Champagnerflasche und stellte sie zurück in den Kühlschrank.

Posemuckelmats und Julian duckten sich, weil die Hexe sich plötzlich zu ihnen umdrehte.

„Und jetzt ab durch die Mitte!“, flüsterte Posemuckelmats und rannte los.

Julian war ihm dicht auf den Fersen. Kurz darauf erreichten sie den Rand des Platzes, wo ein paar Männer dabei waren, das Zirkuszelt abzubauen. Sie grüßten sie freundlich.

Posemuckelmats lief mit ausladenden Schritten und bauschendem Umhang durch den späten Herbstabend. Er wollte zu der verfallenen Hütte am Rand des Zaubermoors. Während er lief, brummte er nachdenklich vor sich hin.

„Eine Flasche mit bitzelndem Moorwasser“, murmelte er. „Das will mir gar nicht gefallen. Hexen trinken ausschließlich bitzelndes Moorwasser, wenn sie einen ganz besonderen Grund zum Feiern haben ...“ Er schüttelte nachdenklich den Kopf.

Julian folgte Posemuckelmats auf dem Fuß. Immer wenn der große Hexenspezialist einen Schritt machte, musste er zwei machen.

„Und dann diese eigenartige Rechnung auf der Rückseite des Bildes“, brummelte Posemuckelmats weiter vor sich hin. „Zehn Striche. Zehn von was? Es ist immer ein schlechtes Zeichen, wenn Hexen anfangen zu zählen. Aber was zählt sie?“

Posemuckelmats blieb ohne Vorwarnung stehen, sodass Julian gegen seinen Rücken rannte. Aber der große, alte Hexenspezialist merkte überhaupt nichts von dem Zusammenstoß. Er stand wie vom Blitz getroffen da.

„Großer, allmächtiger Hexenbezwinger!“, murmelte er. „Könnte es sein ... Ja, das könnte durchaus sein ... Sollte mich nicht wundern, wenn es ... wenn es ...“

„Wenn was?“, fragte Julian, der einmal um Posemuckelmats herumgegangen war, um nachzusehen, weshalb er stehen geblieben war

„Wenn es dabei um einen Hexenrekord ginge“, sagte der große, alte Hexenspezialist langsam.

Dann packte er Julian an den Schultern und schüttelte ihn durch.

„Was stand über den Strichen? Stand da nicht was?“, fragte er ungeduldig.

Posemuckelmats konnte ja nicht lesen, weil er in relativ jungen Jahren die Schule verlassen hatte.

„Geschmeiß zu Gewürm und Gewürm zu Geschmeiß“, antwortete Julian. „Klingt, als hätte es mit Insekten zu tun.“

„Insekten?“, schnaubte der Hexenspezialist aufgebracht. „Du Dummbeutel! Hast du den Kopf voller Buttermilch, oder was? Geschmeiß zu Gewürm und Gewürm zu Geschmeiß, das ist ein klassischer Hexenrekord! Einer der allerschlimmsten. Oh, großer, allmächtiger Hexenbezwinger, hab ich’s doch geahnt.“

„Äh, was ist ein Hexenrekord?“, fragte Julian.

„Hexen sind ganz wild auf Rekorde“, brummte Posemuckelmats abwesend. „Es gibt unendlich viele. In ganz unterschiedlichen Disziplinen. Genau, wie es bei den Menschen Rekorde im Stabhochsprung oder Tortenwerfen oder Tiefseetauchen gibt. Geschmeiß zu Gewürm und Gewürm zu Geschmeiß ist einer der gemeinsten Rekorde. Hexen bezeichnen Menschen als Geschmeiß und Tiere als Gewürm, weißt du. Und um den Geschmeiß-zu-Gewürm-und-Gewürm-zu-Geschmeiß-Rekord zu schlagen, muss eine Hexe, soweit ich weiß, an einer bestimmten Anzahl von aufeinander folgenden Tagen einen Menschen in ein Tier und ein Tier in einen Menschen verhexen.“

Posemuckelmats’ Stimme hörte sich sehr niedergeschlagen an. Er gab einen tiefen Seufzer von sich und schüttelte traurig den Kopf.

„Zehn“, fuhr er fort. „Zehn Striche auf der Rückseite des Ölgemäldes. Das kann nur eins bedeuten. Sie ist auf dem besten Weg, den Geschmeiß-zu-Gewürm-und-Gewürm-zu-Geschmeiß-Rekord zu brechen. Jeder Zweifel ausgeschlossen. Sie führt Buch darüber, wie weit sie gekommen ist. Die Nummer mit dem silbernen Zauberstab und der Mausefalle hat sie bestimmt in jedem Ort durchgezogen, in dem der Zirkus gastiert hat. Und sie hat garantiert vor, das Spielchen noch weiter fortzuführen. Die dressierten Mäuse bei ihrem Auftritt in der Manege, die Art, wie sie im Kreis herumlaufen. Ich hätte es gleich merken müssen. Das ist durchaus kein ungewöhnliches Verhalten für verhexte Menschen.“

„Die Clowns waren auch eigenartig“, sagte Julian. „Besonders der Clown Jakobi.“

Posemuckelmats hatte das Zirkuszelt noch vor der Clownsnummer verlassen. Jetzt erzählte Julian ihm ausführlich von dem traurigen Clown.

„Typisches Verhalten für verhexte Tiere“, brummte Posemuckelmats, nachdem er sich Julians Bericht bis zu Ende angehört hatte. „Sie sind extrem unsicher auf den Beinen. Hoffnungslos tollpatschig. Sind es einfach nicht gewohnt, auf zwei Beinen zu gehen Und vor allen Dingen sind sie sehr, sehr traurig.“

Eine Weile sagte keiner von ihnen etwas.

„Verflixt und zugenäht!“, platzte der Hexenspezialist wütend heraus und hob eine geballte Faust gegen den dunklen Herbstabendhimmel. „Man sollte einer Hexe das Handwerk legen, ehe sie zu hexen anfängt. Aber so eine raffinierte Hexentarnung! Eine herumreisende Hexe ist beinahe unmöglich aufzuspüren. Selbst für einen derart sensiblen Hexensensor wie meinen“, sagte er und fasste sich ans Ohr, wo sein legendärer Hexensensor saß.

„Zehn von jedem“, sagte Julian leise.

„Neun von jedem“, korrigierte Posemuckelmats ihn. „Die Hexe glaubt, es wären zehn. Aber nach diesem Abend sind es nur noch neun.“

Das war ein geringer Trost.

Julian sah das verzweifelte Gesicht des Clowns Jakobi vor sich. Beklommen dachte er an die neun Menschen, die dazu verdammt waren, als Mäuse weiterzuleben, und an die neun Mäuse, die für den Rest ihres Lebens dazu verdammt waren, als Menschen weiterzuleben. Er schielte zu Posemuckelmats hinüber und glaubte zu erkennen, dass ihm gerade genau das Gleiche durch den Kopf ging.

„Hexen werden so lange böse Pläne schmieden, bis die Welt irgendwann nur noch von verängstigten und traurigen Wesen bevölkert ist“, murmelte der Hexenspezialist düster. „Wenn ihnen nicht vorher jemand das Handwerk legt!“

Einen Augenblick stand er in Gedanken versunken da, den Rücken gestreckt und das eine Auge in weite Ferne gerichtet. Ein Windstoß fuhr unter seinen Umhang, sodass er sich stolz hinter ihm bauschte. Der große, alte Hexenspezialist war ein beeindruckender Anblick.

„Zumindest wissen wir jetzt, was die Hexe im Schilde führt und was wir zu tun haben, um das zu verhindern. Das ist ein nicht zu verachtender Vorteil, wenn man es mit Hexen zu tun hat.“

Er drehte Julian um und stupste ihn in den Rücken.

„Und jetzt ab nach Hause und ins Bett“, sagte er streng. „Wir brauchen morgen all unsere Kräfte. Wir treffen uns um die Mittagszeit an der großen Kreuzung auf der Landstraße, die nach Süden führt. Und dann begeben wir uns auf Zirkustournee.“

Dem Schwarm hinterher!

Am nächsten Morgen fragte Julian seine Mutter, ob er Posemuckelmats besuchen und bei ihm übernachten dürfte. Julians Mutter glaubte, dass Posemuckelmats ein Schulfreund wäre. Wer Posemuckelmats in Wirklichkeit war, hatte Julian ihr zu einem früheren Zeitpunkt schon mal zu erklären versucht. Damals hatte sie ihn sehr skeptisch angeschaut und ungewöhnlich oft hintereinander mit den Augen geblinzelt. Jetzt hielt er es für das Beste, sie in ihrem Glauben zu lassen.

Seine Mutter freute sich, dass er seinen Freund besuchen wollte. Er musste ihr nur versprechen, abends kurz anzurufen. Julian versprach es ihr.

Als Julian an der großen Kreuzung auf der Landstraße ankam, hatte Posemuckelmats bereits das Segel an seinem alten Lieferfahrrad gesetzt. Julians Herz tat beim Anblick des prachtvollen Fahrzeugs einen freudigen Hüpfer.

Posemuckelmats zeigte wortlos auf die Ladefläche. Julian sprang auf und setzte sich neben dem großen Rucksack zurecht.

Posemuckelmats zupfte sich nachdenklich am Ohrläppchen.

„Im Moment meldet mein Hexensensor nur ein schwaches Summen, aber je weiter ich mich nach Osten bewege, desto stärker wird es“, erklärte er.

Mit diesen Worten schwang er sich auf den Sattel, trat in die Pedale und drehte sich gen Osten. Das Segel begann zu knattern, dann fuhren sie mit einem Ruck an, denn der Wind war kräftig und kam von Westen. Julian lehnte sich gegen den Rucksack und genoss die Fahrt in vollen Zügen. Die kühle Herbstluft prickelte wie Nadelstiche in seinem Gesicht. Es roch nach umgepflügter Erde und nassem Laub. Hin und wieder, wenn das Rad in hohem Tempo durch eine Wasserpfütze pflügte, spritzte ihm eine erfrischende Dusche um die Ohren.

Julian legte den Kopf in den Nacken und lachte in den Himmel hinauf. Er liebte es, mit dem Spezialfahrrad unterwegs zu sein.

„Was hat die Hexe eigentlich davon, wenn sie den Hexenrekord bricht?“, fragte er, nachdem er die Fahrt eine Weile stumm genossen hatte.

„Das versteht sich doch wohl von selbst“, brummte Posemuckelmats. „Sie will natürlich auf die Titelseite der Zeitschrift für Hexen kommen.“

Die Zeitschrift für Hexen war Julian nur allzu bekannt. In diesem merkwürdigen Blatt hatten er und Posemuckelmats seinerzeit das unheilvolle Rezept für die Faltencreme für Hexen entdeckt, das um ein Haar sämtliche Bewohner des kleinen Städtchens zwischen den Hügeln ausradiert hätte.

Julian lief es kalt über den Rücken. „Und wozu will sie unbedingt auf die Titelseite der Zeitschrift für Hexen kommen?“, fragte er.

„Jede Hexe brennt darauf, auf die Titelseite der Zeitschrift für Hexen zu kommen“, antwortete Posemuckelmats. „Das ist einfach so. Es gibt schließlich auch genügend Menschen, die alles dafür tun würden, um auf einer Titelseite zu erscheinen. Hexen haben trotz allem gewisse menschliche Züge, auch wenn man es nicht glaubt. Wenn eine Hexe auf die Titelseite der Zeitschrift für Hexen kommt, werden alle anderen Hexen grün vor Neid. Und so etwas freut ein Hexenherz. Hexen hassen und verabscheuen sich gegenseitig. Zwei Hexen, die sich aus Versehen begegnen, kriegen augenblicklich einen heftigen Migräneanfall. Aber sie lieben es, voreinander zu prahlen, und lassen keine Gelegenheit aus, um die anderen grün vor Neid zu machen.“

„Aber wie kann eine Hexe denn sehen, dass die anderen grün vor Neid werden, wenn sie ihnen aus dem Weg geht?“, fragte Julian.

„Allein der Gedanke“, antwortete Posemuckelmats. „Allein schon der Gedanke, dass die anderen Hexen grün vor Neid sein könnten, reicht einer Hexe vollkommen!“

Er ließ den Lenker los und zupfte sich am Ohrläppchen.

„Wir nähern uns jetzt dem Städtchen am Fluss“, sagte er. „Eben habe ich noch ein Brummen in meinem Ohr gespürt, jetzt beginnt es zu vibrieren. Immer stärker. Mein Hexensensor teilt mir mit, dass die Hexe nicht mehr weit weg ist.“

Es dämmerte bereits, als sie das Städtchen am Fluss erreichten. Sie stellten das Rad ein Stück vom Stadtrand entfernt an einem Busch ab und gingen zu Fuß weiter. Julian beeilte sich, mit Posemuckelmats Schritt zu halten.

Der große Mann bewegte sich in einer sehr eigenwilligen Gangart vorwärts; mit schräg gelegtem, nach vorne gestrecktem Kopf. Es sah fast so aus, als ob sein Ohr ihn hinter sich herziehen würde.

Julian wusste aus Erfahrung, dass Posemuckelmats’ supersensibler Hexensensor sie bombensicher zu der Hexe führen würde.

Es dauerte gar nicht lange, bis sie den Zirkus auf einer großen Wiese am Flussufer entdeckten. Oder vielmehr die Zirkuswagen. Das große Zelt war merkwürdigerweise nirgends zu sehen.

„Sind die Vorstellungen nicht abends?“, fragte Posemuckelmats Julian über die Schulter.

„Doch“, antwortete Julian. „Zu Hause im Städtchen zwischen den Hügeln ging es um sieben Uhr abends los.“

Jetzt war es mindestens sieben Uhr abends. Es war fast schon dunkel. Posemuckelmats blieb stehen und Julian tat es ihm nach. Sie sahen sich fragend um.

„Guck mal, da“, sagte Julian und zeigte auf einen orange gestrichenen Zirkuswagen. kartenverkauf stand dort mit geschwungenen, vergoldeten Buchstaben über einer Luke, die geschlossen war. Neben der Luke hing ein großes, weißes Plakat.

Sie traten näher.

„Was steht denn auf dem Plakat?“, fragte Posemuckelmats ungeduldig.

Julian las ihm vor, was da stand.

„Heute und morgen keine Vorstellung. Nächste Vorstellung am Mittwoch in der großen Stadt am Meer.“

Julian und Posemuckelmats sahen sich entgeistert an. Und plötzlich fasste sich der Hexenspezialist mit einem Fluch an sein großes Ohr und brachte sich mit einem Satz hinter dem orange gestrichenen Wagen in Deckung.

Julian blieb verdutzt stehen und beobachtete, wie eine Frau in roter Motorradkleidung an ihm vorbeiging. Sie blieb stehen und sah ihn an. Erst jetzt erkannte Julian sie wieder. Das war die Hexe. Julian erstarrte, aber sie schenke ihm ein breites Zirkuslächeln.

„Heute ist keine Vorstellung, mein Kleiner“, sagte sie sehr freundlich. So freundlich, dass es Julian kalt den Rücken runterlief.

In dem Augenblick kam ein Mann, der ein riesiges Motorrad mit Beiwagen schob. Es war leuchtend rot und mit hunderten von Zauberzylindern bemalt. Der Mann blieb vor der Hexe stehen.

„Danke!“, sagte sie und griff nach dem Lenker des fantastischen Gefährts. „Und einen schönen Feierabend.“

„Gleichfalls“, sagte der Mann, den Julian als einen der starken Männer aus der Zirkusvorstellung wiedererkannte. Heute war er in Alltagskleidung. „Das ist genau das Richtige für das Ende der Saison. Ich gehe zum Kegeln in die Stadt.“

„Viel Vergnügen auch!“, wünschte die Hexe ihm und schwang sich auf das gigantische Motorrad. Sie warf den Motor an und rauschte davon. Nicht mit lautem Geknatter, wie es bei Motorrädern sonst üblich ist. Eher mit einem leisen, zufriedenen, katzenähnlichen Schnurren.

Posemuckelmats tauchte aus seinem Versteck hinter dem orangefarbenen Wagen auf und schaute der Hexe hinterher, bis sie verschwunden war.

„Mysteriös, mysteriös, mysteriös“, murmelte Posemuckelmats vor sich hin. „Keine Vorstellung. Aber ohne Vorstellung kann die Hexe nicht ihren gemeinen Zaubertrick mit dem silbernen Zauberstab und der Mausefalle ausführen. Und was wird dann aus dem Geschmeiß-zu-Gewürm-und-Gewürm-zu-Geschmeiß-Rekord?“

Posemuckelmats setzte sich in Bewegung, vom Zirkusplatz zurück auf die Landstraße, wo das Rad stand. Ausnahmsweise lief er so langsam, dass Julian keine Schwierigkeiten hatte, ihm zu folgen.

„Vielleicht hat die Hexe den Rekord ja schon gebrochen“, schlug Julian vor. „Oder richtiger: Vielleicht glaubt sie ja, dass sie ihn gebrochen hat. Gestern.“

„Das kann ich mir nicht vorstellen“, antwortete Posemuckelmats. „Denk an die Flasche mit bitzelndem Moorwasser. Wenn sie glauben würde, dass sie den Rekord gebrochen hat, hätte sie die Flasche sofort bis auf den letzten Tropfen geleert. Nein, sie führt etwas anderes im Schilde. Ich würde ja zu gerne wissen, wohin sie mit dem Motorrad unterwegs ist?“

Er blieb stehen und zog sich am Ohrläppchen.

„Mein Hexensensor ist jetzt völlig stumm“, murmelte er. „Gerade hatte ich noch ein schwächer werdendes Brummen im Ohr, was darauf hindeutet, dass die Hexe sich mit schneller Geschwindigkeit entfernt. Und jetzt ist es weg. Mein Hexensensor kann keine Hexe erfühlen, wenn sie in ihrem Hexenhaus ist. Könnte also durchaus ein Hinweis sein, dass sie in ihrem Haus ist. Aber wo ist das, wo, wo?“

Ein plötzlicher Windstoß bauschte Posemuckelmats’ Umhang auf und fegte ihm den Hut vom Kopf. Er flog ein ganzes Stück weit weg. Das war ein ganz merkwürdiger Windstoß, denn er kam aus einer ganz anderen Richtung als der Wind, der vorher geweht hatte.

Typisches Herbstwetter, dachte Julian und rannte los, um den Hut einzufangen.

Als er zurückkam, stand Posemuckelmats da und leuchtete mit einer Taschenlampe schräg nach oben. Er nahm Julian den Hut aus der Hand und drückte ihn sich fest auf den Kopf.

„Beim großen, allmächtigen Hexenbezwinger, was um alles in der Welt ist das?“ Nun sah Julian im Lichtkegel der Taschenlampe einen riesengroßen Insektenschwarm in dichter Formation vorbeischwirren.

„Das sind doch bloß Mücken“, meinte Julian.

„Bloß Mücken?“, rief der Hexenspezialist aufgeregt. „Mücken? Im Oktober? Und was kommt als Nächstes? Schmetterlinge bei Schneetreiben? Und sieh dir das mal an. Sie fliegen gegen den Wind.“

In diesem Moment beschleunigte der Mückenschwarm. Julian hatte noch nie so viele Mücken auf einem Haufen so gleichmäßig fliegen sehen.

Posemuckelmats warf Julian einen kurzen Blick zu. Sein Auge funkelte vor Aufregung. „Dem Schwarm hinterher!“, rief er.

Julian war ein Streuner. Deswegen waren es seine Beine gewohnt, lange Streifzüge mit ihm zu machen, und wurden nicht so leicht müde. Ein Glück, denn sonst hätte er keine Chance gehabt, mit dem Hexenspezialisten Schritt zu halten.

Posemuckelmats jagte in stürmischem Galopp davon, ohne den merkwürdigen Mückenschwarm auch nur eine Sekunde lang aus den Augen zu lassen.

Julian stürmte hinter ihm her, wobei er geschickt den Büschen auswich und unter den Zäunen hindurchrobbte, über die Posemuckelmats mit seinen langen Beinen elegant hinwegsetzte.

Sie liefen über Felder und Äcker. Je weiter sie sich von der Straße entfernten, desto schwieriger wurde es, sich in der dunklen Nacht zurechtzufinden. Julian fiel ein paarmal, war aber jedes Mal schnell wieder auf den Beinen.

Und dann setzte ein leichter Nieselregen ein.

Julian lief das Wasser an den Schläfen herunter. Er war sich nicht sicher, ob das der Regen oder sein eigener Schweiß war. Er kämpfte wie besessen, weil er auf keinen Fall zurückfallen wollte. Aber da legte Posemuckelmats noch einen Zahn zu. Der schwarze, bauschende Umhang entfernte sich und verschwand, um einen Augenblick später wieder aufzutauchen. Posemuckelmats war stehen geblieben. Julian blieb ebenfalls stehen, gerade noch rechtzeitig, um einen Zusammenstoß zu vermeiden. Er beugte sich keuchend nach vorn. Und dabei sah er, dass der große, alte Hexenspezialist sich gerade die Schuhe auszog. Und dann stieg ihm ein vertrauter Geruch in die Nase. Der Geruch von still stehendem, abgestandenem Wasser. Vor sich ahnte er die Umrisse von Schilfgras und niedrigen Büschen. Sie standen am Rand eines Moores.

„Da sind sie lang“, murmelte Posemuckelmats und zeigte über das Moor. „Die Mücken, meine ich. Das war ein echter Glücksfall, dass ich die Mücken entdeckt habe. Mücken können Wind nicht leiden. Und Kälte noch viel weniger. Um diese Jahreszeit haben Mücken hier eigentlich überhaupt nichts verloren! Dieser Mückenschwarm steht mit staatlicher Garantie unter dem Einfluss einer Hexe. Irgendwo hier draußen muss die Hexe ihr Haus haben. Jeder Zweifel ist vollkommen ausgeschlossen!“

Jetzt wurde Julian auch klar, weshalb Posemuckelmats seine Schuhe auszog. Damit er, Julian, seine großen weißen Füße in der Dunkelheit leuchten sehen und an haargenau die gleichen Stellen wie Posemuckelmats treten konnte, wenn sie sich gleich in das stockfinstere Moor hineinbegeben würden.

Der Hexenspezialist musterte Julian mit einem leuchtenden Blick. „Bist du bereit?“, flüsterte er.

„Äh“, hakte Julian vorsichtig nach, „kennst du dieses Moor auch wie deine eigene Westentasche?“

Posemuckelmats kannte nämlich das Zaubermoor in- und auswendig und wusste exakt, wo man hintreten durfte, ohne in einem Moorloch zu versinken. Selbst im Dunkeln.

„Na ja“, brummelte Posemuckelmats ausweichend. „Dieses Moor kenne ich nun ausgerechnet nicht wie meine Westentasche. Ehrlich gesagt, kenne ich es überhaupt nicht.“

„Und was ist, wenn ...“

Posemuckelmats drehte sich um und sah Julian ungeduldig an.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
05 mayıs 2025
Hacim:
140 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9788711444221
Yayıncı:
Tercüman:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar