Kitabı oku: «Zeit», sayfa 2
Ein Lob der Vielfalt
Vor langer Zeit habe ich mir das Altern wie einen umgedrehten Trichter vorgestellt – das Leben, dachte ich, würde immer enger und gleichförmiger werden. Was ich bisher erlebt habe, lässt auf das genaue Gegenteil schließen. Da, als ich jung war, niemand mit mir über solche Themen gesprochen hat, möchte ich es gerne hier und jetzt bezeugen. Das Leben verliert mit dem Alter nicht zwangsläufig an Qualität. Es ist auch möglich, dass unser Erleben mit jedem Tag stärker wird. Schließlich haben wir so viel erlebt, dass jede neue Erfahrung eine ganze Reihe von Assoziationen auslöst. Eine solche Vielfalt hätte ich vor dreißig Jahren nicht erfahren können, ganz einfach, weil ich noch nicht so viel erlebt hatte. Das ist wie bei der Biologin, die mehrere hundert Grassorten unterscheidet, wo ein anderer nur grün und immer wieder grün sieht. Oder wie bei dem erfahrenen Musikliebhaber, der in der Fülle der Musik versinkt oder einzelne Stimmen heraushört oder sich vielleicht Gedanken über die Ähnlichkeiten mit anderen Kompositionen macht. Das Erleben solcher Menschen ist naturgemäß reicher als das anderer. Und deshalb wird ihr nächstes Erlebnis noch reicher sein. Der Trichter verbreitert sich. Sofern man nicht blasiert wird, versteht sich.
Im Laufe der Jahre hat sich bei mir, und das ist sicher vielen vertraut, ganz tief im Inneren ein Kern der Zuversicht und Geborgenheit gebildet. Ich traue mir zu, zu handeln, etwas auszuprobieren, zu empfinden und zu erleben. Auf diese Weise erweitere ich meine Grenzen und drehe den Trichter um, das Leben wird breiter, nicht enger.
Manchmal fällt mir auf, wie wenig ich mich an die Zeit erinnere, als mein Leben einfach so dahinrollte. Ich erinnere mich daran wie an eine Stimmung, einen Glücksschimmer. Und das ist bereits viel. Aber mehr ist mir davon auch nicht geblieben. Was in meiner Erinnerung lebendig geblieben ist, was sich mir eingeprägt hat, ist das, was wirklich schwierig gewesen ist. Nicht, dass ich mich in meinen Problemen suhle oder sie immer wieder durchkaue. Zum Glück habe ich keinerlei Hang zur Verbitterung. Im Gegenteil, wenn die Probleme hinter mir liegen, freue ich mich fast immer darüber, dass es sie gab. Erst sie haben es mir ermöglicht, mehr zu erleben, mehr zu wagen, mehr zu wollen und die Zeit anders zu empfinden.
Abwechselnde Aktivitäten
Es bringt Vor- und Nachteile mit sich, wenn man verschiedene Aktivitäten aufeinander folgen lässt und zwischendurch Pausen einlegt (sofern man mit dem unproduktiven und bohrenden Stress, der in den Übergangsphasen auftritt, umgehen kann).
Ein Vorteil der abwechselnden Aktivitäten kann das sein, was ich DD – »Denken dauert« – nenne (Kapitel 5). Verhält es sich möglicherweise so, dass wir uns manchmal ein wenig langweilen, einen Gedanken alt werden lassen müssen, damit er in dem Bereich unseres Inneren, der sich unserem Einfluss entzieht, reifen kann? Man kann nicht ununterbrochen Neues denken. Man braucht auch Pausen. Und die kann man sich verschaffen, indem man tatsächlich eine Pause einlegt oder einfach etwas ganz anderes tut.
Ein Nachteil abwechselnder Aktivitäten kann darin liegen, dass der Wechsel so unverhältnismäßig viel Zeit kostet. Die Startphase ist so lang und die Bremsstrecke auch, dass für die eigentliche Aktivität einfach keine Zeit mehr bleibt. Ich gehe im dritten Kapitel unter der Überschrift »Rüstzeit« näher darauf ein.
Ein Vorteil ist, dass man der Monotonie entgeht.
Ein Nachteil dagegen, dass man sich vielleicht aus der Menge der möglichen Aktivitäten nur die leichten, rasch zu erledigenden aussucht und dass auf diese Weise Wichtiges ungeschehen bleibt: die schwierigen, auf Dauer angelegten und letztlich befriedigenden Aktivitäten.
Stillstand und Bewegung
In Stillstand und Bewegung kommen unterschiedliche Eigenschaften zum Tragen. Das gilt für Menschen und Materie gleichermaßen. Stellen Sie sich eine Flasche Sirup vor. Was können Sie über die Eigenschaften des Sirups aussagen, solange Sie die Flasche nicht auf den Kopf stellen? Sie sehen die Farbe, Sie können einen Finger hineinstecken und den Sirupgeschmack kosten. Aber dass Sirup ausgesprochen zähflüssig ist, können Sie erst in Erfahrung bringen, wenn Sie die Flasche umdrehen und ihren Inhalt in Bewegung setzen. Dann treten seine dynamischen Eigenschaften zutage.
Im statischen Zustand kommen dynamische Eigenschaften nicht zum Vorschein. Wir begegnen gleichsam einem neuen Menschen, wenn wir dynamische Eigenschaften bei jemandem entdecken, den wir bisher nur in Situationen des Stillstands erlebt haben. Der Mensch, der im Wald mit Ihnen am Lagerfeuer vor dem Zelt sitzt, ist nur teilweise dieselbe Person wie mitten im hektischen Alltag der Großstadt.
Es ist also nicht überraschend, dass Stellenangebote in den Zeitungen heute andere Eigenschaften fordern als früher. Früher waren Zuverlässigkeit und Stabilität (statische Eigenschaften) gefragt, heute sind es Kreativität, Flexibilität und Tatkraft.
Gleichzeitigkeit
Früher sorgte die Zeit für den Lauf der Dinge. Mit der Zeit hatte die Natur ein wunderbares Instrument gefunden, um zu verhindern, dass alles auf einmal geschah. Jetzt scheint diese Eigenschaft der Zeit aufgehoben zu sein – (fast) alles passiert gleichzeitig. Der unsichtbare Stiefel, der früher zwischen Dauerhaftigkeit und flüchtiges Tagesgeschehen trat, indem er tagaus tagein über alle Erfindungen, Forschungsergebnisse und Moden hinwegschritt, hat seine Funktion eingebüßt. Alle unsere Zukunftsbilder könnten sich als irrelevant erweisen, weil uns vielleicht gar nicht mehr viel Zukunft bleibt.
Ein schrecklicher Gedanke? Ja, vielleicht. Aber es ist auch wunderbar, dass ich gerade jetzt leben darf, wo alles für mich zugänglich ist. Unsere Zeit ist nicht nur die einzige Zeitspanne, die uns zur Verfügung steht, sondern auch diejenige Zeitspanne, die uns gerade jetzt gehört. Gleichzeitigkeit ist ein wichtiger Begriff. Natürlich kennen Sie nicht alle jetzt lebenden Menschen, die Sie vielleicht gerne kennen lernen würden, aber zumindest theoretisch hindert Sie nichts daran, jeden beliebigen jetzt lebenden Menschen zu treffen. Mit Menschen aus Vergangenheit und Zukunft zu sprechen, ist dagegen unmöglich. Das ist auch auf der Ebene der Nationen und Staaten von Bedeutung. Wenn ein Land heute ein anderes zum Beispiel dadurch bedroht, dass es ihm den Zugang zum Wasser versperrt, dann entsteht ein Konflikt, der heute gelöst werden muss. Doch wenn eine Generation in einem Land einer kommenden Generation dort oder anderswo den Zugang zum Wasser nimmt, dann macht die fehlende Gleichzeitigkeit eine Lösung des Konflikts unmöglich. Zwischen den verschiedenen Parteien, zwischen Tätern und Opfern, ist kein Gespräch möglich.
Das Einzigartige der Zeit
Zeit macht sich auf sehr greifbare Weise bemerkbar, wenn es um Geburten oder Todesfälle geht. Plötzlich ist ein neuer kleiner Mensch da, der all seine Zeit noch vor sich hat und vielleicht die Ihre beansprucht. Ein anderer Mensch stirbt, und Sie können Ihre Zeit nicht mehr mit ihm teilen. Die Zeit (jene vielleicht 30 000 Tage, die uns zur Verfügung stehen) gemahnt uns an die Vergänglichkeit und Begrenztheit des menschlichen Lebens. Oder wagen wir nicht, darüber nachzudenken? Wurzellosigkeit hat nicht nur physische oder soziale Ursachen. Es gibt auch eine zeitliche Wurzellosigkeit. Doch dieser Gedanke ist fast schon ein Tabu.
Unser Alltag ist erfüllt von Ereignissen, Menschen und Orten. Dann und wann behaupten wir, im Hier und Jetzt zu leben oder von nun an nur noch leben zu wollen. Doch im Jetzt werden wir handlungsunfähig, wenn wir nicht wissen, was wir in einem Monat tun werden. Das Bild der Zukunft ist unerlässlich für ein Leben im Jetzt. Das gilt auch für die Vergangenheit und für die Erinnerungen, auf die wir zurückgreifen können. Damals, jetzt und später sind die Ecksteine im Strom des Lebens.
Die Sonderstellung, das Einzigartige der Zeit auch mitten im Alltag begreiflich werden zu lassen, dazu möchte ich gerne beitragen. »Zeit, das einzige, was uns gehört«, das ist eine Tatsache, die man als etwas Erfreuliches, als Denkanstoß oder als drängende Herausforderung auffassen kann – je nach Lust und Laune.
2. Kapitel
Uhrzeit und empfundene Zeit
Jeder Mensch besitzt innere »Spione«, die mal mehr, mal weniger aktiv sind. Eine Frau, die gerade von ihrer Schwangerschaft erfahren hat, sieht überall andere Schwangere und Eltern mit Kinderwagen. Wer sich einredet, dass der Leberfleck auf dem Rücken gefährlich sein könnte, spürt die ganze Zeit, wie die Bluse darauf scheuert. Beim Pilzesammeln sehen gelbe Birkenblätter leicht aus wie Pfifferlinge. Was ein Mensch wahrnimmt, wird in hohem Maße von diesen »Spionen« bestimmt. Vielleicht sollten wir uns eher als Suchende verstehen denn als Empfangende?
Mitunter sind bestimmte Kenntnisse ausschlaggebend dafür, was und wie intensiv wir etwas erleben. Wie für die Biologin angesichts der Vielfalt der Arten und für den Musikliebhaber im Konzertsaal. Wie für die Astronomin, die am Nachthimmel mehr und auf andere Weise sieht als der Amateur.
Wie viele Augenblicke hat eine Viertelstunde?
Mit der Zeit verhält es sich jedoch anders. Dafür besitzen wir kaum innere Spione. Uns ist es nicht gegeben, Profis des Zeitempfindens zu werden. Aber man kann vieles andere lernen – zum Beispiel pünktlich zu kommen, man kann eine Uhrmacherlehre machen oder als Logistik-Spezialist Zeitströme lenken, man kann als Projektleiter die Abfolge bestimmter Aufgaben akribisch nach Zeitintervallen berechnen, und man kann als Physikerin theoretisch und experimentell das Wesen der Zeit ergründen. Aber wenn ich mich frage: »Wie viele Augenblicke hat eine Viertelstunde?« oder »Wie viele Augenblicke hat eine Weile?«, dann hilft mir all mein physikalisches Wissen nicht weiter. Natürlich kann ich als Physikerin erklären, wie eine Sekunde definiert wird und was fünfzehn Minuten sind. Aber das hilft mir nicht, wenn ich – ohne andere Maßstäbe als mir selbst – beschreiben soll, wie lange eine Viertelstunde oder eine Weile sind.
Ich glaube, man sollte zwei verschiedene Arten von Zeit unterscheiden: die persönliche (empfundene) Zeit einerseits und die Uhrzeit (eigentlich »Atomzeit«) andererseits. Beide Zeitarten haben nichts miteinander gemein. Ohne besondere Hilfsmittel kann der Mensch objektive Zeit – die Uhrzeit – nur eingeschränkt wahrnehmen. Unsere inneren Uhren gehen jeden Tag, jede Stunde, ja, vielleicht sogar jede Minute anders. Sie sind alles andere als zuverlässig.
Doch die empfundene Zeit verstreicht im Grunde nicht anders als die Uhrzeit – nur gelten beide Zeiten in unterschiedlichen Dimensionen. Meine persönliche Zeit, mein individuelles Zeitempfinden kann ich nur nach meinem eigenen Takt einteilen – um so ein Zeitmaß zu gewinnen, das den Bezug zu der anderen, künstlichen Zeitmessung erlaubt. Seltsam, oder?
So seltsam ist es eigentlich gar nicht. Technische Gegenstände dienen oft der Aufgabe, etwas Zwischenmenschliches zu erleichtern. Mancher hält Technik für etwas Unmenschliches. Aber das stimmt nicht. Menschen verhalten sich menschlich oder nicht. Technik ist einfach technisch – es sei denn, sie sei dermaßen fehlkonstruiert, dass man sie als »untechnisch« bezeichnen müsste. Was Mensch und Technik verbindet, sind eigentlich die Beziehungen der Menschen untereinander. Das Telefon wäre ja nicht erfunden worden, wenn es nicht Menschen gäbe, die wir anrufen können. Es hätte niemals Eisenbahnen gegeben, wenn wir niemanden besuchen könnten. Und ganz bestimmt gibt es Präzisionsuhren nur deshalb, weil wir uns mit anderen Menschen verabreden wollen oder mit ihnen klären müssen, wie viel Zeit für eine bestimmte Aktivität zur Verfügung steht.
Definierte, messbare Zeit: Uhrzeit
Die künstliche Uhrzeit zu beschreiben ist kein Problem, da hat man sich auf Definitionen geeinigt. Uhrzeit wird wie andere physikalische Größen auch in bestimmten Einheiten gemessen. Zusammen mit Nina Reistad habe ich das Buch »Experimentelle Physik« geschrieben. Wir weisen darin u.a. darauf hin, dass es nicht weiter verwundern sollte, dass eine Sekunde so lang ist, wie sie eben ist, dass es schon Gründe gibt, warum ein Kilogramm dieses bestimmte Gewicht hat und ein Meter seine bestimmte Länge. Solche Maßeinheiten besitzen zweckmäßigerweise eine Größe, die man handhaben kann. Die Zeiteinheit Sekunde entspricht ziemlich genau dem Intervall zwischen zwei Herzschlägen. Die Maßeinheit Kilogramm ist ebenfalls sinnvoll – der Mensch wiegt soundso viel Kilogramm. Die Längeneinheit Meter ist naheliegend, denn die meisten Menschen sind zwischen einem und zwei Metern groß. Die Temperatureinheit von einem Grad Celsius passt ebenfalls ganz gut, denn man spürt recht genau, wenn sich die Temperatur um ein oder zwei Grad verändert.
Trotzdem bleibt es erstaunlich, dass diese Maßeinheiten überall auf der Erde verbreitet sind. Selbst Menschen in Weltgegenden, die nicht in Meter, Kilogramm, Grad Celsius messen, können mit Größen wie 1 m, 1 kg, 1 °C umgehen – sogar von einem System ins andere umrechnen. Und was die Zeit betrifft, so ist es doch bemerkenswert, dass eine Sekunde überall auf der Welt als Einheit akzeptiert wird.
Entfernung und Zeit
Maßeinheiten sollten unveränderlich sein. Deshalb orientierte man sich früher an Phänomenen, die man beobachten konnte und für dauerhaft hielt. Folglich wurden die verschiedenen Maßeinheiten mit geografischen und astronomischen Phänomenen verknüpft. Zum Beispiel legte man die Längeneinheit 1 Meter als ein Zehnmillionstel der Entfernung zwischen Äquator und Nordpol in Höhe der Meeresoberfläche fest. Zeitbegriff und Zeiteinheiten wurden an astronomische Bewegungsphänomene gekoppelt. Als sich die Messtechniken verbessert hatten, stellte man jedoch fest, dass Himmelsphänomene durchaus nicht unveränderlich waren.
Im Jahre 1870 erklärte der englische Physiker James Clerk Maxwell: »Wenn wir absolute, unveränderliche Einheiten für Zeit, Länge und Masse gewinnen wollen, dürfen wir uns nicht an Bewegung oder Masse der Planeten halten, sondern müssen uns an Wellenlänge, Frequenzen und Massen von unvergänglichen, unveränderlichen und vollständig gleichartigen Atomen orientieren.«
Tatsächlich definieren wir heute den Meter anhand atomarer Wellenlängen und die Sekunde auf der Basis von Strahlungsfrequenzen von Atomen und Molekülen. Im Jahre 1967 wurde festgelegt, dass 1 Sekunde der Dauer von 9.192.631.770 Perioden der Strahlung gleichkommt, die dem Übergang zwischen zwei Hyperfeinniveaus im Grundzustand des Atoms Cäsium 133 entspricht.
Ich wüsste aber niemanden, der diese Definition im eigenen Zeitempfinden nachvollziehen könnte. Ihre Stärke liegt vielmehr darin, dass es sich um eine objektive, vom Menschen unabhängige Definition handelt. Als Kuriosum am Rande sei vermerkt, dass der Meter nunmehr – seit Donnerstag, dem 20. Oktober 1983 – direkt mit der Sekunde verbunden ist. 1 Meter wird definiert als die Strecke, die das Licht im Zeitraum (1/299792458)s durch das Vakuum zurücklegt. Länge wird heute also nicht mehr als Länge definiert, sondern als Zeitfaktor.
Das ist auf die seltsame Situation zurückzuführen, die in den siebziger Jahren entstanden war. Damals gelang es zum ersten Mal, Lichtgeschwindigkeit im Vakuum zu messen, ausgedrückt in m/s – womit sich zugleich auch eine präzisere Definition des Längenmaßes Meter ergab. Das musste natürlich genutzt werden, und deshalb wurde der Meter neu definiert und direkt mit der Sekunde verbunden.
In einem Punkt unterscheidet sich unsere subjektiv erlebte Welt aber nicht von der Definitionswelt der Uhrzeit: Auch im Alltag rechnen wir nicht in Entfernungen, sondern in Zeit!
Persönliche empfundene Zeit
Die physikalische Zeit, die Uhrzeit, ihre Definition und ihren Gang kann niemand beeinflussen. Man kann sich wohl eine herkömmliche mechanische Uhr zulegen und ausrufen, wie der Poet Gösta Ekstrof:
Ich will nicht so ein
digitales Wunder
das meinen Zeitverbrauch misst
Ich behalte
mein globales Orakel
das mir die Illusion der Unsterblichkeit bewahrt
Aber man kann nichts daran ändern, dass die Menschheit Zeit nun einmal partout auf eine vom Menschen unabhängige Weise definieren wollte, zuerst im kosmischen Raum, jetzt auch im atomaren Mikrokosmos.
Die persönliche Zeit dagegen, unser Zeitempfinden und wie wir mit der Zeit umgehen, gehört uns allein. Und sie bleibt uns auch erhalten, vielleicht für immer. Hinter der Uhrzeit jagen wir jedoch hinterher. Die wird »effektiviert«, zerstückelt. Und dann kaufen wir uns ein neues technisches Wunderwerk, um »Zeit zu sparen«. Damit erreichen wir meist das genaue Gegenteil dessen, was wir beabsichtigten – nämlich mehr empfundene Zeit zu haben.
Verletzungen des Zeitempfindens
Unterschiedliche Umgebungen bieten mehr oder weniger gute Voraussetzungen, um die persönliche Zeit, den eigenen Rhythmus zu empfinden. Eisenbahnzüge waren früher die perfekten Freiräume auf Rädern. Zwar werden Abfahrt und Ankunft des Zuges in Uhrzeit angegeben, doch dazwischen konnte man die Zeit auf ganz persönliche Weise erleben. Nirgendwo war man so ungestört wie im Zug.
Doch dann wurde uns Bahnliebhabern dieser Freiraum genommen. Die Handymafia hielt Einzug. Mit ihren Abschlussbilanzen, dem Ergebnis der Führerscheinprüfung und den Komplikationen bei Evas Keuchhusten. Wer will denn das alles wissen? Ich möchte in meinem Klangraum in Ruhe gelassen werden. Ich kann nicht akzeptieren, dass andere Menschen durch ihr Geschwätz im Bahnabteil meine persönliche Zeit so sinnlos zerstören. Oft wird in erheblicher Lautstärke telefoniert, und was gesagt wird, klingt immer irgendwie unnatürlich. Es ist ja auch unnatürlich, nur den einen Teil eines Gesprächs zu hören. So unnatürlich, dass man diese Störgeräusche nicht ignorieren kann – anders als das natürliche Hintergrundgeräusch, das sich zum Beispiel aus einer Unterhaltung zwischen anderen Reisenden ergibt.
»Liebe Bahn«, schrieb ich 1995. »Ich würde gerne auch weiterhin Eisenbahn fahren. Deshalb schlage ich vor, dass Sie der Handymafia ein Reservat zuweisen, wo sie sich ihrer Zeitzerstückelung hingeben kann. Wir anderen können derweil in den übrigen Waggons unsere freien Zeitzonen genießen. Übrigens werden sich dann bestimmt auch viele Handyterroristen zu uns in die handyfreie Zone setzen – so wie Raucher, die zwischendurch in Nichtraucherabteile übersiedeln. Denn wenn man erst erfahren hat, was empfundene Zeit bedeutet, will man sie auch nicht wieder verlieren.«
Und jetzt gibt es sie endlich, die handyfreien Bahnwagen, die geschützten Oasen. Vielleicht kann der Zug wieder zu einem Ort werden, an dem sich das Gefühl von empfundener Zeit verstärkt und erweitert.
Die Zeit denkt
Während ich entdeckte, dass es Uhrzeit einerseits und empfundene Zeit andererseits gibt, machte sich natürlich auch die übrige Welt Gedanken über diese Fragen. Man kann regelmäßig davon ausgehen, dass in dem Moment, wo man eine großartige und ganz neue Idee entwickelt, irgendwo auf der Welt einer oder mehrere Menschen genau denselben Einfall haben. Vielleicht formulieren sie ihn etwas anders, aber im Grunde handelt es sich um denselben. »Die Zeit denkt«, wie Kristina Persson, Regierungspräsidentin von Jämtland, zu sagen pflegt.
Aber ich war doch überrascht, dass ich mit meinen Überlegungen nicht so allein gewesen war, wie ich gedacht hatte. Der deutsche Philosoph Peter Heintril hat 1990 »Tempus« gegründet, einen »Verein zur Verzögerung der Zeit«. Das sollte kein Witz sein (auch wenn Vereinsmeier manchmal große Witzbolde sind), und Tempus hat inzwischen in Deutschland, Österreich, Schweden, Italien und der Schweiz an die tausend Mitglieder. Seit 1991 werden jedes Jahr Symposien veranstaltet. Die Vereinsmitglieder werden eingeladen, ganz konkret von ihrem Umgang mit ihrer persönlichen Zeit zu berichten. Der Verein ist recht locker organisiert, gibt aber diverse Publikationen und Videodokumentationen heraus.
Ich erfuhr von dieser Vereinsgründung erst Jahre später aus einer schwedischen Zeitung. Ich besorgte mir die Schriften des Vereins und las mit zinntellergroßen Augen über Chronos (eine genaue Kopie meiner »Uhrzeit«) und Kairos (was meiner »empfundenen Zeit« entspricht). »Zeitzeichen«, eins der von Tempus herausgegebenen Bücher, wird vorgestellt als das Buch für Menschen, die schon alles haben – nur keine Zeit. Andere Titel lauten: »Leb schneller, dann ist es rascher vorbei!« – »Ich habe Zeit – also bin ich« – »Sie können die Oliven überprüfen, sooft Sie wollen, sie werden trotzdem nicht schneller reif«.
Es ist vielleicht kein Zufall, dass die Leute von Tempus und ich ganz ähnliche Gedanken entwickelt haben – und zwar gerade zum jetzigen Zeitpunkt. Erst in der heutigen Zeit, die nicht mehr vom täglichen Kampf ums Überleben geprägt ist, können solche Überlegungen entstehen. Jetzt haben wir Zeit, um über die Zeit nachzudenken. Und die braucht man, wenn man die Uhrzeitfixierung des Industrialismus und dessen Motto »Zeit ist Geld« überwinden will.
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