Kitabı oku: «Trost der Philosophie»
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Anicius Manlius Severinus Boëthius (um 480 – etwa 524) entstammte einer Familie, die sich als eine der ersten des römischen Adels bereits um die Mitte des 4. Jahrhunderts zum Christentum bekannt hat und lange Zeit höchste Ämter im Westen des römischen Reiches besetzte. Der hochgebildete Boëthius erregte das Interesse des Ostgotenkönigs Theoderich, unter dem für Italien eine dreißigjährige Friedenszeit begann, in der Kunst und Wissenschaft eine neue, späte Blüte erfuhren. Boëthius gelangte bis in höchste Ämter: Im Jahre 510 wurde er Konsul und später ranghöchster Minister. In dieser Phase wurde er in einen Hochverratsprozess hineingezogen, der seinen Ursprung in den Gegensätzen zwischen den einflussreichen Ostgoten am Hofe Theoderichs, dem Senat in Rom und dem Kaiser in Byzanz hatte. Die Anhänger Theoderichs erreichten die Absetzung des Boëthius. Vom Amt suspendiert wurde er nach Pavia gebracht, im Sommer 524 zum Tode verurteilt und wahrscheinlich im Herbst 524 hingerichtet.
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Mit seinem Hauptwerk Trost der Philosophie (Consolatio philosophiae) schuf Boëthius eines der letzten bedeutendsten philosophischen Werke der Spätantike. Es entstand im Jahr 524 und ist einer der wichtigsten Texte der frühchristlichen Philosophie und Theologie, das großen Einfluss auf die spätere Scholastik ausübte. Boëthius verfasste das Werk, während er im Gefängnis saß und auf seine Hinrichtung wartete. Das Buch erzählt, wie ihm in dieser Situation die allegorische Gestalt der Philosophie erscheint. Es entsteht ein Dialog, in dem Boëthius die Rolle des Schülers, die Philosophie die Rolle der Lehrmeisterin spielt. Auf diese Weise wird eine Reihe von grundlegenden philosophisch-theologischen Problemen behandelt, wie etwa die Theodizee, die Definition des Glücks, oder das Problem der Willensfreiheit und insbesondere die Vereinbarkeit von freiem Willen mit der göttlichen Allwissenheit und Vorsehung.
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| Copyright © by marixverlag GmbH, Wiesbaden 2011 Der Text wurde behutsam revidiert und neu bearbeitet nach der Übersetzung von Richard Scheven, in der Ausgabe Leipzig 1893 Covergestaltung: Nicole Ehlers, marixverlag GmbH Bildnachweis: Illustration nach der Fotografie »Säule in Pompeji« von Paul-Georg Meister, CH-Grenchen Lektorat: Dr. Bruno Kern, Mainz eBook-Bearbeitung: Medienservice Feiß, Burgwitz Gesetzt in der Palatino Ind Uni – untersteht der GPL v2 ISBN: 978-3-8438-0027-3 www.marixverlag.de |
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Inhalt
Erstes Buch
Zweites Buch
Drittes Buch
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Fünftes Buch
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Erstes Buch
Ich, der begeistert und frisch einst fröhliche Weisen geschaffen,
Muss nun, kummergebeugt, singen ein trauriges Lied!
Also geboten es mir die trostlos klagenden Musen;
Ach, mein eigener Sang lockt mir die Tränen hervor.
Denn nur die Musen allein verscheuchte das herbe Geschick nicht;
Treue Begleiter, wie sonst, folgen auch heute sie mir!
Sie, die mit Ruhm geschmückt die fröhliche, goldene Jugend,
Trösten den trauernden Greis, jetzt, da das Glück ihn verließ!
Plötzlich brach es herein, von Leiden beschleunigt, das Alter,
Und es erschien die Zeit, welche den Schmerzen gehört.
Schneeige Weiße bedeckt zu früh die Haare des Hauptes,
Schlaff auch erzittert die Haut um den entkräfteten Leib!
Selig der Tod, wenn er nicht den Lebensfrohen dahinrafft,
Wenn er dem Trauernden naht, der ihn so oft sich gewünscht!
Wehe, wenn er mit taubem Ohr den Beladenen abweist,
Wenn er nicht schließen will, grausam, das Tränende Aug’!
Trügendes Glück umschmeichelte mich mit flüchtigen Gaben:
Da, mit vernichtender Kraft, nahte die Stunde des Leids!
Jetzt, da, veränderten Blicks, so finster das Leben mich anschaut,
Zieht es, erbarmungslos, qualvoll unendlich sich hin!
Weshalb habt ihr so oft mein Schicksal gepriesen, o Freunde?!
Ach, wer im Unglück versank, stand auch im Glücke nicht fest!
Während ich solche Gedanken still für mich im Herzen bewegte und meine jammernde Klage mit dem Schreibgriffel aufzeichnete, da erschien mir zu Häupten eine Frauengestalt von ehrfurchtgebietender Hoheit, mit glühenden Augen von so durchdringender Kraft, wie sie sonst den Menschen nicht eigen ist. Frisch war ihre Gesichtsfarbe und unerschöpft ihre Körperkraft, obgleich sie schon ein so langes Leben hinter sich zu haben schien, dass man sie kaum noch unserem Zeitalter zurechnen konnte. Ihre Gestalt war eine wechselnde. Bald nämlich schrumpfte sie auf das gewöhnliche Maß der Menschen zusammen, bald wieder schien sie mit der Höhe des Scheitels die Wolken zu berühren. Hätte sie das Haupt noch höher erhoben, so wäre sie in den Himmel selbst eingedrungen und den Blicken der Menschen entschwunden. Ihre Kleider waren von den dünnsten Fäden, aber aus unverwüstlichem Stoff, mit der feinsten Kunstfertigkeit gewebt und zwar, wie sie mir später erzählte, das Werk ihrer eigenen Hände. Äußerlich zeigten sie indes die Verschossenheit eines vernachlässigten Alters, verwitterten und verstaubten Gemälden vergleichbar. Im untersten Saum war der griechische Buchstabe P, im obersten ein Th eingewirkt zu lesen, und zwischen beiden wurden gewisse, in Form einer Treppe angeordnete Stufen sichtbar, mittelst deren, wie es schien, ein Aufstieg von dem unteren zu dem oberen Buchstaben stattfinden sollte. – Gewalttätige Hände hatten übrigens das ganze Gewand zerrissen und einzelne Teile davon, deren sie habhaft werden konnten, mit sich fortgenommen. In der rechten Hand trug die Gestalt Bücherrollen, in der linken ein Zepter.
Als sie nun die Musen der Dichtkunst, die meinen Klagen die Worte liehen, an meinem Lager stehen sah, da begann sie erregt zu werden und sprach mit finster funkelnden Augen: »Wer hat diese Theaterdirnen zu diesem Kranken zugelassen, um seine Leiden nicht nur durch kein Heilmittel zu lindern, sondern durch süßes Gift nur noch mehr zu entfachen? Denn sie sind es, die mit den unfruchtbaren Dornen der Affekte die fruchtschwangere Saat der Vernunft töten und den Geist der Menschen an die Krankheit gewöhnen, statt ihn davon zu befreien! Erträglicher würde mir ihre Missetat noch erscheinen, wenn sie, wie gewöhnlich, irgendeinen untergeordneten Geist durch ihre Lockungen auf Abwege gebracht hätten. Aber nun diesen Mann, der in eleatischen und akademischen Studien aufgezogen ist!
Nun aber fort mit euch, ihr Sirenen, die ihr eure Opfer bis an den Rand des Verderbens so süß umschmeichelt! Überlasst diesen Mann mir und meiner Muse zur Pflege und zur Heilung!«
So gescholten senkte der Chor der Musen traurig das Antlitz zur Erde, und als diese falschen Trösterinnen die Schwelle verließen, zeugte ihr Erröten von ihrer tiefen Beschämung.
Ich aber, dessen Gesicht noch von den strömenden Tränen verdunkelt war, sodass ich noch nicht erkennen konnte, wer denn dieses Weib von so majestätischer Hoheit sei, ich erwartete staunend, mit zu Boden gesenktem Blick, was sie nun weiter beginnen werde. Sie aber trat näher herzu, ließ sich auf dem äußersten Ende meines Lagers nieder, blickte mir in das tieftraurige, von Schmerz zu Boden geneigte Antlitz und beklagte dann in folgenden Versen die Verwirrung meines Geistes:
Wehe, wie tief hinab sank in den Abgrund
Dein umdüsterter Geist, blind für das eigne
Licht, und in dunkle Nacht will er sich senken,
Wenn, von des Lebens Sturm mächtig entfesselt,
Ins Unendliche wächst nagende Sorge?!
Du, dem der Himmel einst offen erstrahlte!
Der durch den Äther frei pflegte zu schweifen!
Der du die Sonne sahst, rosigen Scheines,
Der du geschaut des Monds eisige Klarheit!
Auch die schweifende Bahn aller Gestirne,
Die am Himmelsgezelt ziehn ihre Kreise,
Hat dein siegender Geist sicher berechnet!
Auch die Gründe, warum pfeifende Stürme
Wild bewegen des Meers ruhige Fläche;
Welche Gewalt im Kreis schwinge den Erdball,
Wie sich in roter Glut Phöbus erhebe,
Um in hesperische Flut niederzutauchen;
Wer denn dem Lenz verliehn mildere Lüfte,
Dass er mit blumiger Pracht schmücke die Erde:
All dies hast du erforscht, und die verborgnen
Kräfte der reichen Natur hast du erkundet!
Nun aber liegst du da, Nacht vor den Augen!
Auf deinem Nacken ruht lastende Fessel,
Beugt dir nieder das Haupt, und an der toten
Erde haften, o Schmach, starr deine Blicke!
»Doch nicht zu klagen ist es jetzt an der Zeit«, fuhr sie fort, »sondern zu heilen!« Und nun richtete sie den vollen Blick ihrer Augen auf mich und fragte: »Bist du denn wirklich derselbe, der, mit meiner Milch gesäugt, mit meiner Kost aufgezogen, zur Vollkraft männlichen Geistes emporgestiegen ist? Und habe ich denn nicht wahrlich solche Waffen bereitet, die dich sicher in unbesiegter Festigkeit geschützt hätten, wenn du sie nicht selber vorschnell von dir geworfen hättest?! Erkennst du mich denn nicht? Warum schweigst du? Aus Scham oder aus ratloser Bestürzung? Ich wünschte wohl, aus Scham, aber ich sehe, es ist eine tiefe Bestürzung, die dich gebannt hält!« – Als sie mich aber auch hieraus nicht nur schweigend, sondern völlig sprachlos und stumm sah, da berührte sie mit der Hand leicht meine Brust und sprach: »Es besteht keine Gefahr! Er leidet an der allen enttäuschten Gemütern gemeinsamen lethargischen Krankheit! Er hat sich selbst ein wenig vergessen, aber die Erinnerung wird ihm schon zurückkommen, wenn er nur mich erst wieder erkannt hat. Damit er das kann, will ich seine Augen ein wenig aufhellen, denn der Nebel irdischer Dinge hält sie umdüstert!« – So sprach sie und mit der Falte ihres Gewandes trocknete sie meine in Tränen schwimmenden Augen.
Siehe, da riss der Schleier der Nacht, es hob sich das Dunkel,
Wieder wie früher erstarkte das Augenlicht!
Wie wenn der schnelle Nordwest in Haufen die Wolken versammelt,
Nebel und Regen umdüstern das Himmelszelt,
Wenn sich die Sonne verhüllt, kein Stern am Himmel erglänzet,
Finstere Nacht überflutet das Erdenrund:
Wenn dann, verjagend die Nacht, aus thrakischer Grotte der Nordwind
Fährt, und befreit den Tag, den gefesselten:
Siehe, da leuchtet auf einmal hervor die funkelnde Sonne!
Staunend gewahrt ihre Strahlen der Schauende!
Ganz ebenso löste sich nun auch der Nebel meines Kummers und ich fasste Mut, das Antlitz derer, die mich heilen wollte, zu erkennen zu suchen. Und so erkannte ich sie denn auch, als ich meine Augen ihr zuwandte und sie genau betrachtete, sie, meine Pflegerin, in deren Haus ich von Jugend auf heimisch gewesen war, die Philosophie! »Warum aber«, fragte ich sie nun, »bist du, o Lehrerin aller Tugenden, aus den oberen Regionen in die Einsamkeit meines Verbannungsortes herabgekommen? Etwa, damit auch du, gleich mir, angeklagt und mit falschen Beschuldigungen verfolgt werdest?!« Sie antwortete: »Sollte ich denn dich, meinen Schüler, im Stich lassen und dir nicht die Bürde tragen helfen, die du um der Verhasstheit meines Namens willen auf dich genommen hast? Wahrlich, nicht ziemt es mir, der Philosophie, den Unschuldigen unbegleitet seinen Weg gehen zu lassen, als ob ich eine Verletzung meiner selbst fürchtete und Angst empfände wie vor etwas ganz Neuem und Unerhörtem! Du glaubst doch nicht, dass die Weltweisheit jetzt zum ersten Mal unter sittenverderbten Menschen von Gefahren bedrängt ist? Habe ich nicht schon bei den Alten, noch vor der Zeit unseres Platon, schwere Kämpfe mit dem Frevelmut des Aberwitzes bestehen müssen? Und hat der nämliche Platon es nicht selber erlebt, wie sein Lehrer Sokrates den Sieg eines schuldlosen Todes mit meinem Beistand errungen hat? Als dann der Haufen der Epikuräer und Stoiker und die Übrigen die Erbschaft des Sokrates jeder für sich an sich zu reißen bemüht war und mich, die ich widersprach und mich widersetzte, wie eine Kriegsbeute behandelte, da zerrissen sie mein Kleid, das ich mit meinen eigenen Händen gewirkt hatte, und zogen ab in dem Glauben, dass mit den abgerissenen Fetzen ich selbst ganz und gar ihr eigen geworden sei. Da in ihnen nun aber wenigstens einige Spuren meines Wesens vorhanden zu sein schienen, so hielt sie der Unverstand für meine Jünger, und mancher von ihnen wurde darum durch den Wahn der ungebildeten Menge ins Verderben gerissen! Denn wenn du auch nichts weißt von der Verbannung des Anaxagoras, von dem Gifttod des Sokrates und von den Foltern, die Zenon erlitt, obgleich diese Dinge ja sonst allgemein bekannt sind, so könntest du doch einen Canius kennen und einen Seneca und einen Soranus, deren Andenken noch nicht alt und doch auch nicht unberühmt ist! Nichts anderes zog diese Männer ins Verderben, als dass sie in meinem Geist unterwiesen waren und deshalb den Bestrebungen jener Frevler weit fern stehen mussten!
Du darfst dich also nicht darüber wundern, wenn wir auf dem bewegten Meer des Lebens von den von allen Seiten wehenden Stürmen übel mitgenommen werden, wir, denen es vornehmlich bestimmt ist, den Schlechtesten am meisten zu missfallen! Diese Letzteren bilden nun zwar ein zahlreiches Heer, das aber trotzdem zu verachten ist, da es von keinem großen Führer einheitlich gelenkt, sondern vom Irrtum in planlosem, unbeständigem Wahn mit fortgerissen wird. Rafft dieser sich aber wirklich einmal zu größerer Kraftleistung auf und rüstet sich zur Schlacht gegen uns, dann wird unser Feldherr seine Truppen in eine feste Stellung zusammenziehen, die Feinde aber werden mit dem Plündern, wertloser Beutestückchen ihre Zeit verlieren. Ja, mit Verachtung sehen wir herab auf jene, die nur immer das Schlechteste sich zu eigen zu machen suchen, sicher sind wir vor dem ganzen wilden Ansturm, hinter einem festen Wall, gegen den der anrückende Unverstand sich nimmer heranwagen darf!«
Wer, ein fertiger Mann, mit heiterm Sinne
Achtet nicht des Geschickes rauer Willkür,
Wer ihm immer gefasst ins Auge blicket,
Unerschüttert, ob Glück es bringt, ob Unglück:
Den schreckt nimmer das wilde Droh’n des Meeres,
Das bis tief in den Grund die Fluten aufregt,
Nicht der tückische Berg, der dampfend schleudert
Aus geborstener Esse Glutgeschosse,
Nicht die zackige Bahn der hellen Blitze,
Sie, die größte Gefahr der stolzen Türme!
Weshalb fürchten so sehr die armen Menschen
Nichts vermögender Fürsten wildes Wüten?
Fürchte nichts und erhoffe nichts: Es steht dann
Vor dir waffen- und machtlos jede Drohung!
Doch wer zittert in Furcht, und wünscht begehrlich
Sich vergängliches Gut, das nicht ihm zukommt:
Der lässt fallen den Schild, dem Feinde weichend,
Schlägt sich selber in schwere Sklavenketten!
»Fühlst du dies nun nicht?« fragte sie dann, »und dringen diese Worte nicht ein in deinen Sinn? Oder machen sie nicht mehr Eindruck auf dich als in jener Fabel das Saitenspiel auf den Esel? Was weinst du? Was zerfließt du in Tränen?!
›Rede heraus, nichts hehlend, damit wir beide es wissen!‹
Wenn du das Bemühen des Arztes erwartest, musst du deine Wunden bloßlegen!«
Da raffte ich endlich meine Geisteskräfte zusammen und sprach: »Bedarf es denn noch einer Erinnerung und ist es nicht an sich offenbar genug, wie grausam das Geschick gegen mich wütet?! Mahnt daran nicht schon das Äußere dieses Ortes? Ist es etwa die Bibliothek, die du dir als deinen sichersten Sitz in meinem Heim in Rom selber erkorst? In der du so oft mit mir saßest und mit mir über alles Wissen von den göttlichen und menschlichen Dingen Zwiesprache hieltest? War so etwa mein Aussehen und waren so meine Mienen, als ich mit dir die Geheimnisse der Natur erforschte, als du mir die Bahnen der Gestirne mit dem Zirkel beschriebst, als du unsere Sittenlehre und alle unsere Lebensprinzipien auf himmlische Vorbilder zurückführtest? Ist dies der Lohn dafür, dass ich dir folgte? Du hattest doch durch den Mund des Platon jenes Wort verkündet, dass diejenigen Staaten glücklich sein werden, die von Philosophen regiert werden oder deren Regenten sich der Philosophie befleißigen! Und hast du es nicht durch den Mund desselben Mannes feierlich ausgesprochen, dass der zwingende Grund für die Weisen, sich des Staates anzunehmen, darin bestehe, dass sie die Leitung des Gemeinwesens nicht sittenlosen und frevelhaften Menschen überlassen wollen, die durch ihre Herrschaft Verderben und Untergang über alle Guten bringen würden?! Der Autorität dieser Aussprüche folgte ich, als ich mich bestrebte, das von dir in stiller Muße Erlernte in der praktischen Staatsverwaltung anzuwenden. Du selbst und die Gottheit, die dich in den Geist der Menschen einziehen ließ, ihr wisst es, dass mich nur das Interesse an der Verwirklichung alles Guten bewog, die staatsmännische Laufbahn einzuschlagen! Deswegen hatte ich auch so schwere und unerbittliche Kämpfe mit den Übelgesinnten zu bestehen, und weil ich frei meinem Gewissen folgte, erfuhr ich den Hass der Gewaltigen, dem ich mich immer mutig aussetzte, wenn es das Recht zu schützen galt. Wie oft habe ich mich dem Konigastus, der das Vermögen jedes Schwachen an sich zu reißen suchte, entgegengestellt, wie oft habe ich eine von Triggvilla, dem Vorsteher des königlichen Hauses, begonnene oder gar schon fast vollendete ungerechte Tat noch im letzten Augenblick vereitelt, wie oft habe ich die Unglücklichen, die von der stets unbestraften Habgier der Barbaren mit unzähligen Verleumdungen umgarnt waren, durch mein Ansehen, mit eigener Gefahr, geschützt! Nie hat es jemand vermocht, mich vom Recht zum Unrecht hinüberzuziehen! Das traurige Geschick der Provinzialen, die bald durch private Räubereien, bald durch den Druck der Staatssteuern an den Rand des Verderbens gebracht wurden, habe ich ebenso schmerzlich empfunden, wie sie selber, die es erlitten. Als in der Zeit der bitteren Hungersnot die schwere und scheinbar unabwendbare Maßregel eines Aufkaufs alles Getreides anbefohlen war, welche die Provinz Campanien in schwerste Bedrängnis zu bringen drohte, da habe ich um des Allgemeinwohls willen den Kampf mit dem Gardepräfekten aufgenommen, habe ihn mit Wissen des Königs Theoderich durchgekämpft und habe es schließlich erreicht, dass jener Aufkauf nicht zur Ausführung kam. Den Konsular Paulinus, dessen Güter die gemeinen Kreaturen am Königshof fast schon zu verschlingen hoffen durften, habe ich von den geöffneten Rachen dieser Hyänen glücklich noch hinweggerissen! Um ferner zu verhindern, dass der Konsular Albinus durch die auf eine im Voraus schon entschiedene Anklage hin verhängte Strafe zu Grunde gerichtet werde, stellte ich mich dem Ankläger Cyprianus entgegen und zog mir dadurch den Hass auch dieses Menschen zu. Habe ich also nicht genug Übelwollen und Erbitterung gegen mich entflammt?! Weil ich aber so, aus Liebe zur Gerechtigkeit, nichts tat, um mir den Schutz der Höflinge zu gewinnen, so hätte ich darum doch bei den Übrigen umso sicherer zu sein verdient. Aber auf welcher Männer Anklage hin bin ich schließlich gefallen?! Einer von ihnen, Basilius, früher aus dem königlichen Dienst entlassen, ist nur durch die Last seiner Schulden zur Anzeige meines Namens veranlasst worden. Die beiden andern aber, Opilo und Gaudentius, waren früher wegen unzähliger und mannigfaltiger Vergehen durch königlichen Strafbefehl verbannt worden, hatten demselben jedoch nicht Folge leisten wollen und sich deshalb in den Schutz eines heiligen Gotteshauses begeben. Als nun der König dies erfuhr, drohte er, falls sie nicht bis zu einem bestimmten Tage die Stadt Ravenna verlassen hätten, so würden sie, mit Brandmalen an der Stirn gezeichnet, schimpflich hinausgejagt werden. Ist eine größere Strenge überhaupt möglich? Und dennoch: Als dann an jenem Tag diese selben Menschen als Ankläger gegen mich auftraten, da wurde ihre Anklage angenommen! Was sagst du nun? Haben meine Taten das verdient? Oder waren etwa jene durch ihre vorausgegangene Verurteilung als gerechte Ankläger qualifiziert?! Und ist es also nicht wahr, dass das Schicksal vor gar nichts zurückschreckt, wenn es nicht einmal auf die Unschuld des Angeklagten oder die Gemeinheit der Ankläger Rücksicht nimmt?
Fragst du nun nach dem Hauptpunkt der Anklage, so bestand dieser darin, dass ich das Heil des Senats gewollt haben soll. Wie aber hat sich das geäußert? Ich werde beschuldigt, den Denunzianten gehindert zu haben, Dokumente vorzulegen, durch die er den Senat in einen Majestätsprozess hätte hineinziehen können. Was meinst du nun, du, meine Lehrmeisterin? Soll ich das Verbrechen leugnen, um dir keine Schande zu machen? Aber das, was mir vorgeworfen wird, das habe ich ja wirklich gewollt, und werde nie aufhören, es zu wollen. Soll ich gestehen? Dann würde ich verurteilt und damit mein Tun, die Delatoren in ihrem Treiben zu hindern, für die Zukunft unmöglich gemacht werden. Und soll ich es denn ein Unrecht nennen, dass ich das Heil jenes Standes gewünscht habe? Der Senat selbst hat freilich durch seine Dekrete gegen mich bewirkt, dass es eigentlich ein Unrecht ist, ihm beizustehen! Aber die sich selber stets belügende Unvernunft kann doch den wahren Wert der Dinge nicht ändern und, getreu dem Wort des Sokrates, glaube ich unter keinen Umständen die Wahrheit verleugnen und die Lüge bestätigen zu dürfen!
Übrigens überlasse ich die Beurteilung der ganzen Sache dir und den wahren Philosophen. Den wirklichen Verlauf der Angelegenheit habe ich, damit er der Nachwelt nicht verborgen bleibe, schriftlich zum Andenken aufgezeichnet. Denn was soll ich hier noch über die gefälschten Briefe sagen, in denen ich angeblich überführt werde, die Freiheit Roms erhofft zu haben? Der hiermit geübte Betrug wäre klar zu Tage getreten, wenn ich mich des Geständnisses der Ankläger selbst hätte bedienen dürfen, das doch sonst in allen Verhandlungen von dem größten Gewicht zu sein pflegt. Kann man denn überhaupt noch auf irgendeine Freiheit hoffen? Wie wünschte ich, dass man es könnte! Ich würde mich der Worte des Canius bedienen, als Cajus Cäsar, der Sohn des Germanicus, behauptete, er habe um eine gegen ihn angezettelte Verschwörung gewusst. Canius sagte: ›Hätte ich darum gewusst, so würdest du nichts davon wissen!‹
Schwerer Kummer hat natürlich mein Gemüt lähmend ergriffen angesichts aller dieser von bösen Menschen gegen die Tugend angezettelten Anschläge. Aber das ist noch nicht das Schlimmste. Mit dem höchsten Entsetzen hat mich vielmehr die Tatsache erfüllt, dass jene Frevler ihre verruchten Pläne auch wirklich ausführen konnten! Denn dass wir böse Absichten fassen, das liegt vielleicht in der Mangelhaftigkeit unserer Natur, aber dass ein jeder seine schändlichen Anschläge gegen die Unschuld vor den Augen der Gottheit auch durchsetzen kann, das ist etwas Furchtbares! Daher fragte auch dein Jünger Epikur nicht mit Unrecht: ›Wenn es einen Gott gibt, woher stammt dann das Böse, und woher das Gute, wenn es keinen gibt?!‹
Wenn übrigens jene Frevler, die nach dem Blut aller Guten und dem des ganzen Senats lechzen, auch mich zu verderben wünschten, den sie stets als einen Verteidiger der Guten und des Senats gesehen hatten, so war das ja etwas ganz Natürliches. Aber habe ich denn auch vonseiten der Senatoren selber die gleiche Behandlung verdient? Du wirst dich gewiss noch daran erinnern – denn du warst ja immer bei mir und leitetest mich in all meinem Tun und Reden – du wirst dich noch daran erinnern, sage ich, wie sicher ich mein Verderben vor Augen sah, als damals in Verona der König, der alle Senatoren zu verderben wünschte, die gegen Albinus erhobene Anklage wegen Majestätsverbrechens auf den ganzen Senat auszudehnen suchte, und ich dann für die Unschuld des gesamten Senats einzutreten wagte! Du weißt auch, dass ich dies alles der Wahrheit gemäß berichte und mich dabei in keiner Weise mit eitlem Selbstlob brüste! Wird ja doch der Wert der inneren Zustimmung und Befriedigung des eigenen Gewissens nur herabgemindert, wenn man mit seinen Taten prahlt und äußeren Ruhm dafür zu ernten sucht! Aber was meiner Unschuld geschah, das siehst du ja! Statt des Lohnes der wahren Tugend erhielt ich die Strafe für ein erfundenes Verbrechen, und wann sind wohl jemals die Richter einer offen eingestandenen Schandtat gegenüber so einmütig in ihrem strengen Urteil gewesen, dass sich nicht wenigstens einige von ihnen durch die Rücksicht auf die Irrtumsfähigkeit des Menschengeistes und die für einen jeden so unberechenbare Schicksalsfügung erweichen ließen?! Wäre ich angeklagt gewesen, die Anzündung der heiligen Tempel, die Ermordung der Priester mit ruchlosem Schwert, den Tod aller Guten geplant zu haben, dann wäre ich doch persönlich vernommen und das Urteil nur nach meinem Geständnis oder meiner Überführung gefällt worden. Nun aber werde ich, fünfhundert Meilen weit entfernt, ohne reden und mich verteidigen zu können, gerichtet und zum Tode verurteilt, weil ich zu viel Eifer für das Wohl des Senats gezeigt habe! Ja wahrlich, die Senatoren verdienten es, dass niemals jemand dieses Verbrechens überführt werden könnte!
Die Würde meiner Tat erkannten ja sogar meine Ankläger, und deshalb, um mein Tun durch Beimischung eines verbrecherischen Elements zu schänden, erfanden sie die Lüge, ich habe nur aus Verlangen nach Ehre und Ansehen mein Gewissen mit einem solchen Frevel befleckt! Und doch hast du selber, in mir wirkend, alles Streben nach irdischen Gütern aus meiner Seele verbannt, und einen Frevel hätte ich unter deinen Augen nicht begehen können. Denn du flüstertest mir täglich ins Ohr und ließest in meine Gedanken eindringen den pythagoräischen Spruch: ›Folge Gott nach!‹ und nicht geziemte es mir, den Schutz so niederer Geister zu suchen, mir, den du zu einem solchen Grade der Vollkommenheit erhöhtest, dass ich Gott ähnlich erschien! Außerdem schützt mich die unbefleckte Heiligkeit meines Hauses, die Schar meiner höchst ehrenwerten Freunde und auch die Person meines sittenreinen und dir selbst an Ehrwürdigkeit vergleichbaren Schwiegervaters Symmachus vor jedem Verdacht dieses Verbrechens!
Aber, o Frevel, meine Ankläger und Richter leiten aus dir selber den Beweis für die mir zugeschriebene Untat her! Gerade deswegen soll ich jenes Verbrechens schuldig sein, weil ich in deinen Lehren bewandert und in den Sätzen deiner Moral unterwiesen bin! Nicht genug also, dass mir meine Verehrung für dich von keinem Nutzen gewesen ist: Ganz ausdrücklich auch gegen dich richtet sich die Anklage, deren Opfer ich geworden bin!
Was aber meinem Unglück die Krone aufsetzt, ist die auch hier wieder bewährte Tatsache, dass die meisten Menschen bei ihrer Schätzung nicht auf den wahren Wert sehen, sondern auf den Ausgang, den die Sache schließlich nimmt, und dass sie nur das für wohlüberlegt und gut halten, dem das Glück sich hold gezeigt hat! Daher verlässt denn auch der gute Ruf immer zuerst die Unglücklichen. An all das Gerede, das jetzt unter dem Volk umgeht, an all die mannigfachen und sich widersprechenden Ansichten mag ich gar nicht denken! Nur das Eine sage ich: die schwerste Last, die das Missgeschick auferlegt, besteht darin, dass der Unglückliche das Leiden, das er infolge eines ihm angedichteten Verbrechens erdulden muss, immer auch wirklich verdient zu haben scheint! So musste auch ich, aller Güter beraubt, aller Würden verlustig, in meinem guten Ruf geschändet, wegen guter Taten schlimme Strafe leiden!
Ich glaube die ganze Schmach vor Augen zu sehen: Wie die Hexenküchen der Frevler in Jubel und Freude schwimmen, wie die allerverworfensten Subjekte mit neuen schändlichen Denunziationen drohen, wie alle Guten entsetzt über das Missgeschick, das mich betroffen, darniederliegen, wie jeder Schuft durch die Straflosigkeit zum Wagen, durch die Aussicht auf Belohnung zum Durchführen jeglicher Übeltat angelockt wird und wie alle Unschuldigen nicht nur der Sicherheit, sondern selbst des Rechtes der Verteidigung sich beraubt sehen! Da kann man dann wohl klagend ausrufen:
O Schöpfer des himmlischen Sternengezelts,
Der machtvoll herab von dem ewigen Thron
Den Himmel bewegt in kreisender Bahn:
Du bindest die Sterne durch festes Gesetz,
Du lässest des Vollmonds silbernen Schein,
Geschützt vor der Sonne gewaltigem Strahl,
Verfinstern der Sterne geringeres Licht;
Du lässt, wenn zu kühn sie dem Phöbus genaht,
Erbleichen die Scheibe der Luna!
Des Abends Gestirn, mit dem eisigen Licht,
Es leuchtet am Himmel im Anfang der Nacht.
Als Luzifer aber, veränderten Wegs,
Verkündet es schwindend den sonnigen Tag!
Du bist es, der kürzer die Tage bemisst
Dem eisigen Winter, der alles entlaubt;
Doch nahet der Sommer, so wonnig und warm,
Beschränkst du die nächtlichen Stunden.
In stetigem Wechsel erhältst du das Jahr:
Das liebliche Laub, das der Nord uns entführt,
Der mildere Zephyr, er bringt es zurück!
Und was der Arcturus als Keim erst geschaut,
Das reifen des Sirius Gluten!
So folgen die Dinge dem alten Gesetz
Und jedes erfüllt seine Pflichten getreu.
Doch, der du das All so gewaltig regierst,
Du hast es verschmäht, der Sterblichen Tun,
so wie sie’s verdient, zu beschränken!
Warum denn so launenhaft ist das Geschick?!
Was nur das Verbrechen als Strafe verdient,
Trifft oft so verderblich des Schuldlosen Haupt!
Verworfene Sitten bestiegen den Thron
Und traten zu Boden mit frevelndem Fuß,
Dem Rechte zum Trotze, die guten!
Verdunkelt verschwand in der finsteren Nacht
Die Leuchte der Tugend, und immer die Schuld
Des Ruchlosen trägt der Gerechte!
Es schadet den Bösen der Eidbruch nicht
Und nicht der so lieblich verhüllte Betrug,
Und wenn sie’s gelüstet, sie lenken den Sinn
Der mächtigen Fürsten, vor denen sich tief
In Demut beugen die Völker!
Du, der du der Welten Geschicke verknüpfst,
Erbarme dich endlich der irdischen Not!
Uns Menschen, der Schöpfung erhabensten Teil,
Bedrängt des Geschickes gewaltige Flut!
O, hemme gebietend das brausende Meer,
Und wie das Gesetz du dem Himmel bestimmt,
So lenke versöhnend die Erde!«
Zu all diesen Klagen hatte ich mich durch die Gewalt meines Schmerzes hinreißen lassen. Meine Gefährtin aber wurde durch meine Worte nicht erregt; ruhig blickte sie mich an und sprach: »Als ich deine Trauer und deine Tränen sah, da erkannte ich zwar sofort, dass du ein Unglücklicher und ein Verbannter seist. Allein wie weit fort von der Heimat du verbannt bist, das habe ich erst jetzt durch deine eigenen Reden erfahren! Aber diese Verbannung hat keine fremde Gewalt über dich verhängt, sondern du selbst hast dich so weit fort verirrt und du selbst hast dich vertrieben, wenn du auch lieber glauben möchtest, du seiest gewaltsam vertrieben worden! Denn wahrlich, dich zu vertreiben, dazu wäre keine Gewalt imstande gewesen! Das wirst du einsehen, wenn du dich daran erinnerst, welches eigentlich dein Vaterland ist! Es wird nicht, wie das der Athener, durch den Gesamtwillen einer großen Menge regiert, sondern in ihm ist die homerische Forderung verwirklicht:
›... Nur einer sei Herrscher,
Einer nur Fürst! ...‹
Diesen Fürsten aber erfreut die Menge seiner Bürger, nicht ihre Verbannung, und von seinem Zügel gelenkt werden und seinem gerechten Willen gehorchen, das ist die höchste Freiheit! – Kennst du denn nicht mehr das höchste Gesetz deines Staates, wonach derjenige nicht ausgewiesen werden soll, der lieber dauernd in der Vaterstadt verweilen will? Denn wer sich hinter ihrem Wall und in ihrem Schutz glücklich fühlt, von dem steht nicht zu befürchten, dass er verbannt zu werden verdiene. Wer aber das Heim in der Heimat verschmäht, der verdient es auch nicht mehr!
Daher betrübt mich auch das Äußere dieses Ortes nicht so sehr wie dein eigenes Aussehen, und nicht in den mit Elfenbein und Kristall geschmückten Räumen deiner Bibliothek wünsche ich zu wohnen, sondern in deiner Seele, in die ich keine Bücher, wohl aber das, was den Büchern ihren Wert verleiht, nämlich die darin enthaltenen Gedanken meiner Lehre, eingeschlossen habe!
Was du von deinen Verdiensten um das Gemeinwohl gesagt hast, ist durchaus wahr, aber viel zu bescheiden im Hinblick auf die Menge deiner guten Taten. Ob ferner das dir Vorgeworfene wirklich tadelnswert sei und wie weit die Anklagen auf Fälschung beruhen: Über diese Fragen hast du nur Allbekanntes wieder in Erinnerung gebracht. Über die Verbrechen und Betrügereien der Angeber hast du dich mit Recht in Kürze fassen zu sollen geglaubt, da dies besser und ausführlicher durch den Mund der wohl unterrichteten Menge verbreitet wird. Die Handlungsweise des ungerechten Senats hast du dann lebhaft getadelt. – Auch über die gegen mich gerichtete Anklage hast du deinen Schmerz geäußert und über die Schädigung hast du geklagt, die du durch die Befleckung deines guten Rufes erlitten hast. – Zum Schluss hast du dann die erregte Muse den Wunsch äußern lassen, dass dieselbe friedliche Ordnung, die den Himmel regiert, auch auf Erden walten möge!
Da nun aber der Sturm der Affekte im Augenblick noch zu gewaltig in dir ist und Schmerz, Zorn und Trauer dich abwechselnd beherrschen, so wirst du in deiner jetzigen Gemütsverfassung kräftigere Heilmittel wohl noch nicht vertragen können. Daher will ich zuerst ein Weilchen mildere Mittel anwenden, damit dein Geist, der durch die auf ihn einstürmenden Beunruhigungen schon so lange in höchster Erregung erhalten wird, sich allmählich durch sanfte Einwirkung beruhige, um dann auch für kräftigere Arznei empfänglich zu werden!«
Wer, wenn Phöbus in heller Glut
Hoch im Bilde des Krebses steht,
Reiche Saaten der Erde Schoß
Anvertraute, doch ach; umsonst:
Den lässt Ceres im Stich, er muss
Nahrung suchen am Eichenbaum!
Finden kannst du das Veilchen blau
nicht im herbstlich gefärbten Wald,
Wenn schon über das Stoppelfeld
Schneidend eisiger Nordwind fährt.
Wenn du Trauben zu kosten wünschst,
Kannst du nimmer im Lenze schon
Gierig pflücken am Rebstock sie!
Erst im fröhlichen Herbst beschert
Bacchus seine Geschenke dir!
Gott hat jeglicher Jahreszeit
Ganz besondere Pflicht bestimmt
Und wo selber er Ordnung schuf,
Wehrt er jeglichen Eingriff ab!
Drum, was immer in toller Hast
Kühn verlassen die Satzung will,
Das bleibt immer erfolglos!
»Darum lass mich nun zunächst mit einigen wenigen Fragen den Zustand deines Gemüts erforschen und prüfen; damit ich sehe, welchen Weg ich bei deiner Heilung einzuschlagen habe.« – »Stelle mir«, entgegnete ich, »deine Fragen, wie du es für gut hältst. Ich bin bereit, dir zu antworten.« – Sie begann nun zu fragen: »Glaubst du, dass diese Welt von willkürlichem und regellosem Zufall bewegt wird, oder glaubst du an eine vernunftgemäße Leitung derselben?« – »Nie und nimmer«, entgegnete ich, »kann ich glauben, dass durch regellosen Zufall ein so bestimmt organisiertes Gebilde bewegt werde; ich bin vielmehr fest überzeugt, dass die Gottheit die Welt, ihr Werk, allezeit lenkt, und kein kommender Tag wird mich in dieser Überzeugung wankend machen können!« – »So ist es!« sagte jene darauf. »Das hast du ja auch vorhin in poetischen Worten ausgeführt. Nur die Menschen, so klagtest du, hätten keinen Teil an der Fürsorge der Gottheit. Dass aber alles Übrige vernunftgemäß geleitet werde, daran hast du niemals gezweifelt. Dass du nun mit dieser gesunden Anschauung trotzdem geistig so krank sein kannst – muss ich darüber nicht wirklich aufs Äußerste erstaunt sein?! Ich muss ja annehmen, dass es irgendwo fehlt, ich weiß nur noch nicht genau, wo! Aber sage mir doch einmal, der du ja nicht daran zweifelst, dass Gott die Welt regiert: Nach welchen Grundprinzipien lenkt er sie denn?« – Ich: »Kaum verstehe ich den Sinn deiner Frage, sodass ich dir keine Antwort darauf zu geben vermag.« – Sie: »Nun?! Täuschte ich mich also, als ich meinte, dass irgendwo etwas fehlen müsse, dass irgendwo, wie durch eine Mauerbresche, die sinnverwirrende Krankheit in deinen Geist eindringen konnte! – Aber sage mir, erinnerst du dich noch daran, was denn das Endziel aller Dinge sei und wohin die Entwicklung der ganzen Natur sich richte?«
Ich: »Wohl habe ich es einst gehört, aber der Kummer hat mein Gedächtnis umnebelt!«
Sie: »Aber weißt du denn noch, von wo alles seinen Ausgang genommen hat?«
Ich: »Ich weiß es: Die Gottheit ist die Quelle aller Dinge!«
Sie: »Wie ist es aber möglich, dass du den Ausgangspunkt zwar weißt, das Endziel aller Dinge aber nicht mehr kennst? So ist es aber immer mit diesen Störungen des Geistes: Sie können den Menschen vom rechten Standpunkt hinwegdrängen, aber ihn völlig zu entwurzeln und ihn sich ganz zu unterwerfen, das vermögen sie nicht! – Aber antworte mir noch auf die folgende Frage: Bist du dir wohl dessen bewusst, dass du ein Mensch bist?«
Ich: »Gewiss bin ich das!«
Sie: »Kannst du mir denn auch sagen, was das ist: ein Mensch?«
Ich: »Willst du die Antwort hören: Ich bin ein vernunftbegabtes, sterbliches Lebewesen? Dass ich ein solches bin, das weiß ich und das bekenne ich!«
Sie: »Ist dir nichts davon bekannt, dass du vielleicht außerdem noch etwas sein könntest?«
»Nein«, sagte ich.
»Nun weiß ich auch«, sprach sie da, »eine zweite, und zwar die hauptsächlichste Ursache deiner Krankheit: Du weißt nicht mehr, was du selbst bist! Und damit habe ich nun den Charakter deines Leidens und zugleich auch den zu seiner Heilung einzuschlagenden Weg vollkommen erkannt! Denn weil das Dunkel der Selbstvergessenheit dich umfängt, deshalb beklagst du dich als einen Verbannten und seiner Güter Beraubten. Weil du Zweck und Endziel der Dinge nicht mehr kennst, hältst du nichtswürdige und böse Menschen für mächtig und glücklich. Weil du aber auch vergessen hast, nach welchen Grundgesetzen die Gottheit die Welt lenkt, deshalb glaubst du, dass alle diese Schickungen ohne einen höheren Regenten vom Zufall beherrscht sind: Wahrlich Gründe genug, dich nicht nur krank zu machen, sondern dich zu töten! Aber Dank sei dem Geber der Gesundheit, dass dich die Lebenskraft deiner guten Natur noch nicht ganz verlassen hat! – Wir haben nun als Hauptheilmittel zu deiner Rettung deine richtige Ansicht von der Weltregierung, die du nicht für ein Spiel des blinden Zufalls, sondern der göttlichen Vernunft unterworfen hältst. Fürchte also nichts! Aus diesem kleinen Funken wird bald neue Lebenswärme dich durchströmen! Aber da für die durchgreifenderen Heilmittel die Zeit noch nicht gekommen ist und da es in der Natur des menschlichen Gemütes liegt, dass es nach Verlust der richtigen Ansicht von falschen sich leiten und in das Dunkel der Seelenverwirrungen hineinziehen lässt, die die richtige Einsicht verdüstern, so wollen wir zunächst jene Verfinsterung ein Weilchen mit linden Mitteln aufzuhellen suchen, damit der Nebel falscher Affekte sich zerstreue und du wieder fähig werdest, den Glanz des wahren Lichtes zu schauen!«
Nicht durch der Wolken
Düsteren Schleier
Dringt der Gestirne
Leuchtendes Feuer.
Wenn durch das Weltmeer
Brauset der schnelle
Stürmische Südwind,
Siehst du die Welle,
Klar an den heitern
Tagen und eben,
Wenn sich durchwühlte
Sandmassen heben,
Hässlich und trübe!
Auch wenn so munter
Tanzet der Bach vom
Berge herunter,
Lassen ihn oftmals
Schnöde zerschellen
Felsige Klippen!
Drum, wenn du hellen
Auges die Wahrheit
Möchtest erfassen
Und unentwegt stets
Ziehn deine Straßen:
Hinter dir lass dann
Hoffnung und Freude,
Kenne die Furcht nicht,
Trotze dem Leide!
Diese Gewalten
Trüben den Geist, in
Banden ihn halten!
Zweites Buch
Nach diesen Worten hielt sie ein Weilchen inne und gewährte mir durch ihr bescheidenes Schweigen die nötige Muße, um meine Aufmerksamkeit wieder zu sammeln. Dann aber fuhr sie fort: »Wenn ich die Ursachen und das Wesen deiner Krankheit von Grund aus erkannt habe, so härmst du dich aus Sehnsucht und Verlangen nach dem vergangenen Glück. Seine vermeintliche Veränderung hat dir den Seelenfrieden erschüttert! Ich kenne nun sehr wohl die vielgestaltigen Trugkünste jenes seltsamen Wesens, des Glücks, und ich weiß, dass es mit denen, die es zum Besten halten will, so lange in schmeichelndster Vertraulichkeit lebt, bis es sie durch sein unvermutetes Verschwinden in den unerträglichsten Schmerz versenkt. Wenn du dich an dieses Glückes Natur, Wesen und Wert erinnerst, so wirst du erkennen, dass es dir kein wahres Gut gebracht und du auch keines mit ihm verloren hast. Ich brauche mich aber wohl kaum zu bemühen, dir dies ins Gedächtnis zurückzurufen. Denn du pflegtest ja selbst schon, als das Glück dir noch treu war und dich noch umschmeichelte, dasselbe mit mannhaften Worten zu schelten und es mit Argumenten zu bekämpfen, die du meiner heiligen Lehre entnommen hattest. Aber keine plötzliche Veränderung in den äußeren Dingen geht vor sich, ohne dass, wenn ich so sagen darf, auch die bisher glatte Fläche des Sees der Seele in wogende Unruhe gerät! So geschah es, dass auch du ein Weilchen aus der Ruhe deines Gemütes aufgestört wurdest.
Aber jetzt ist es an der Zeit, dass du etwas Lindes und Süßes empfängst und genießt, das in dein Inneres eindringen und einem kräftigeren Trunk den Weg bahnen soll. Zu Hilfe rufe ich die Überzeugungskraft herzgewinnender Redekunst, die nur dann in der rechten Weise vorgeht, wenn sie meinen Gesetzen getreu bleibt, und dazu soll die an meinem Herde heimische Musik bald sanftere, bald eindringendere Weisen ertönen lassen!
Was ist es denn nun eigentlich, du Menschenkind, das dich in Trauer und Kummer versenkt hat? Du willst, wie ich glaube, etwas Neues und Ungewohntes gesehen haben und du meinst, dass das Glück sich dir gegenüber verändert habe! Aber da irrst du! Das war immer seine Art und seine Natur. Es zeigte sich gegen dich so, wie es immer ist, das heißt eben: veränderlich! Dieselbe Natur hatte es schon damals, als es dir noch schmeichelte, als es dich noch mit seinen trügerischen Reizen umgaukelte! Du hast nun die beiden verschiedenen Gesichter der blinden Glücksgöttin gesehen, du hast sie völlig erkannt, während sie sich manchem andern gegenüber bisher noch verhüllt hält. Gefällt sie dir so, nun, so suche es ihr gleich zu tun und beklage dich nicht. Verabscheust du sie aber in ihrer Unbeständigkeit, so verachte und stoße von dir das Glück, das sein verderbliches Spiel mit dir treibt! Was dir jetzt Kummer verursacht, hätte dir vielmehr den Frieden der Seele bringen sollen, denn es ließ dich dasjenige im Stich, dessen Treue noch nie jemand sicher sein konnte. Kannst du denn ein vergängliches Glück für ein köstliches Gut halten und kann dir ein gegenwärtiges Glück teuer sein, dessen Bleiben dir nicht sicher ist und dessen Schwinden dir großen Kummer bringen muss? Ist denn das flüchtige Ding, das unser Wille nicht bei uns festhalten kann und das diejenigen, die es verlässt, unglücklich macht, etwas anderes als ein Verkündiger künftigen Unheils?
Es genügt nicht, nur das anzuschauen, was man vor Augen hat: Den Ausgang der Dinge muss die vorausblickende Vernunft berechnen, und sie wird dann einsehen, dass die Unbeständigkeit und Veränderlichkeit des Glückes seinen Drohungen das Furchtbare und seinen Reizen das Begehrenswerte nimmt! Hast du dich aber einmal zum Sklaven des Glückes machen lassen, so musst du auch mit Gleichmut alles tragen, was in seinem Machtgebiet geschieht. Denn wenn du dem Herrn, den du dir selber freiwillig gewählt hast, die Gesetze für sein Bleiben und Gehen vorschreiben wolltest, würdest du da nicht Unrecht tun und dein Los, das du doch nicht ändern kannst, durch deine Ungeduld nur noch härter gestalten?! Wenn du die Segel deines Schiffes entfaltest, so stellst du sie nicht, wie dein Wille es verlangt, sondern wie die Richtung des Windes es erfordert. Wenn du den Feldern die Saat anvertraust, so musst du in deinen Berechnungen auf fruchtbare und unfruchtbare Jahre gefasst sein. Hast du also das Glück dir zum Herrn erwählt, so füge dich seinen Launen! Willst du es wagen, das rollende Rad im Lauf aufzuhalten? Wahrlich, du Törichtester aller Sterblichen: Wenn das Glück beständig wird, so hört es auf, Glück zu sein!«
Wenn alles es verkehrt in stolzem Übermut,
So gleicht’s dem Euripus mit seiner wilden Flut!
Von ihm getroffen oft vom Thron der Herrscher sinkt,
Und oft es falschen Trost den Unterdrückten bringt.
Es hört die Klagen nicht, verschließt dem Leid sein Ohr,
Es lacht des Jammers gar, den selbst es rief hervor!
So treibt es stets sein Spiel, so übt es seine Macht,
Und hat ein Wunderwerk vor aller Welt vollbracht,
Wenn Tod die Stunde bringt, die lieblich kaum gelacht!
»Ich möchte nun aber einmal im Sinne des Glückes selbst, gleichsam mit seinen eigenen Worten, einiges mit dir verhandeln. Du aber gib Acht, ob ich gerechte Forderungen stellen werde. Ich lasse also das Glück selbst reden: ›Weshalb, o Menschenkind, weshalb beschuldigst du mich und liegst mir täglich im Ohr mit deinen Klagen? Was für ein Unrecht habe ich dir denn angetan? Welche Güter, auf die du Anspruch hattest, habe ich dir denn entzogen? Verklage mich doch vor irgendeinem Richter wegen der Entziehung des Besitzes von Macht und Ehre! Wenn du dann beweisen kannst, dass eines dieser Güter festes Eigentum irgendeines Sterblichen sei, so will ich freiwillig zugeben, dass das, was du jetzt zurückverlangst, einst rechtmäßig dir zu eigen gehörte!
Als dich die Natur aus dem Schoß deiner Mutter hervorgehen ließ, da habe ich dich, nackt und von allem entblößt, wie du warst, mit meinen Mitteln unterstützt und habe dich, was dich jetzt so ungeduldig gegen mich macht, in meiner Gunst und Güte allzu liebevoll aufgezogen, und habe dich mit dem Überfluss und dem Glanz aller in meiner Macht stehender Güter umgeben.
Jetzt nun gefällt es mir, meine Hand von dir zurückzuziehen: Und da musst du mir Dank sagen wie für die lange gewährte Nutzung eines fremden Gutes und hast kein Recht, dich zu beklagen, als ob du etwas dir unbedingt Gehörendes verloren hättest! Was klagst du denn? Ich habe dir doch keinerlei Gewalt angetan?! Der Reichtum, die Ehre und alle andern ähnlichen Güter stehen in meiner Macht: Als Dienerinnen blicken sie auf ihre Herrin, mit mir kommen sie, und wenn ich gehe, dann gehen auch sie. Ich darf kühn behaupten: Wären die Dinge, deren Verlust du jetzt beklagst, dein Eigentum gewesen, so hättest du sie niemals eingebüßt!
Soll ich denn allein mein Recht nicht ausüben dürfen? Der Himmel kann helle Tage erscheinen lassen und sie dann wieder in dunkle Nächte verwandeln. Das Jahr kann das Antlitz der Erde bald mit Blumen und Früchten schmücken, bald es mit Nebel und Kälte bedecken. Das Meer hat es in seiner Gewalt, bald in ebener Fläche sanft und lockend dazuliegen, bald in stürmischem Gewoge emporzubranden – ich aber, ich soll mich durch die ungesättigte Habgier der Menschen zu einer Stetigkeit zwingen lassen, die meinem innersten Wesen widerstrebt?! In kreisendem Schwung das Rad herumzuwirbeln, das ist meine Macht und mein ewiges Spiel, und Freude macht es mir, das Oberste zu unterst und das Unterste nach oben zu kehren! Steige in die Höhe, wenn du willst, aber unter der Bedingung, dass du es nicht für eine Ungerechtigkeit hältst, wenn du, sobald es mein Spiel so mit sich bringt, auch wieder herabstürzen musst!
Hast du denn aber vorher noch gar nichts von meiner Art und meinem Wesen gewusst? Ist es dir nicht bekannt, dass der Lyderkönig Krösus, der kurz vorher dem Cyrus noch so furchtbar war, bald darauf ins Elend geriet und aus den Flammen des Scheiterhaufens nur durch den vom Himmel her gesendeten Regen errettet wurde? Du musst doch auch wissen, dass Paulus dem Unglück des von ihm gefangenen Makedonierkönigs Perseus aufrichtige Tränen des Mitleids gezollt hat! Wird denn in den lauten Klagen der Tragödien etwas anderes bejammert, als dass das Schicksal ohne Wahl mit seinen Schlägen blühende Reiche ins Verderben stürzt? Hast du nicht als Knabe gelernt, dass
›da stehen zwei Fässer gestellt an der Schwelle Kronions,
voll das eine von Gaben des Wehs, das andre des Heiles!‹
Wenn du nun aber schon allzu viel des Glückes genossen hättest? Oder sollte ich dir vielleicht noch nicht völlig untreu geworden sein? Wie, wenn diese meine Veränderlichkeit selbst dir einen gerechten Grund gäbe, auf eine bessere Zukunft zu hoffen?! Darum verzehre dich nicht in Gram, verlange aber auch nicht, im Bereich einer alles umfassenden Herrschaft für dich allein nach eigenem Recht zu leben!«
So viel Sand wie dahinwälzt des erregten Meers
Sturmdurchzitterte Woge,
So viel Sterne sich drehn oben am Himmelszelt,
Glänzend in klaren Nächten:
Wenn so vieles uns auch schenkte des reichen Glücks
Unerschöpfliches Füllhorn,
Dennoch nimmer, fürwahr, ließen die Menschen dann
Ruhn die jammernde Klage!
Wenn auch gnädig ein Gott Bitten und Flehn erhört,
Goldne Schätze verschenkend,
Wenn dem Streber er auch Ehren und Glanz beschert:
Nimmer genügt das Erreichte!
Kaum dass die raffende Gier, was sie erlangt, verschlang,
Sperrt sie aufs Neue den Schlund auf!
Wer kann bändigen, wer setzen ein festes Ziel
Nimmer gestillter Begierde,
Wenn auch im Überfluss immer noch mehr begehrt
Unersättliche Habsucht?!
Denn wer sich selbst für arm, selber für elend hält,
Dem blüht nimmer der Reichtum!
»Wenn nun also in dieser Weise das Glück seine eigene Sache gegen dich führte, so könntest du dagegen wohl kaum etwas einwenden. Solltest du aber doch imstande sein, deine Klagen mit irgendwelchen Gründen zu stützen, so fordere ich dich auf, dieselben jetzt vorzubringen. Also sprich!«
»Jene Worte«, entgegnete ich, »die du dem Glück in den Mund legtest, waren zwar schön anzuhören und mit der Honigsüßigkeit der Redekunst und der Musik durchtränkt, doch trösten sie nur in dem Augenblick, in dem man sie vernimmt. Tiefer aber wurzelt die Schmerzempfindung des Unglücklichen. Sind daher jene Worte verhallt, so nimmt der Kummer von Neuem Besitz von der Seele!«
»So ist es allerdings«, entgegnete meine Gefährtin. »Jene Worte sind aber auch noch nicht das eigentliche Heilmittel gegen deine Krankheit, sondern sie sollen nur die Hartnäckigkeit und den Trotz mildern, mit dem sich der Schmerz gegen die Heilung sträubt. Die eindringendsten Mittel werde ich erst dann bringen, wenn die rechte Zeit dafür gekommen sein wird.
Warum willst du dich nun aber durchaus für so unglücklich halten? Hast du denn ganz vergessen, wie groß und wie schön das Glück war, das du genossen hast? – Ich will gar nicht davon reden, dass die sorgende Hut hervorragender Männer sich deiner in deiner Verwaisung annahm, dass du in die Verwandtschaft der ersten Männer des Staates eingereiht wurdest, und zwar in die schönste Art der Verwandtschaft, da du ihnen schon teuer warst, bevor du wirklich ihr Verwandter wurdest! Wer pries dich damals nicht als den glücklichsten Mann, angesichts der glänzenden Stellung deiner Schwiegereltern, der keuschen Treue deiner Gattin, der glücklichen Begabung deiner Söhne?!
Ich übergehe – man übergeht ja das Allbekannte – die hohen Ehrenämter, die den meisten selbst im Greisenalter versagt bleiben und die dir schon in deiner Jugend zuteil wurden. Ich will lieber gleich von dem Moment reden, der den unerhörten Gipfel deines Glückes bezeichnet! Denn wenn ein Erfolg in irdischen Dingen überhaupt irgendwie als ein Glück angesehen werden kann, dann dürfte doch auch die größte Schar der andrängenden Übel nicht imstande sein, den Glanz jenes ruhmvollen Tages zu verdunkeln, als du zwei Söhne zugleich als Konsuln, von der Schar der Senatoren begleitet und vom Jubel des Volkes umringt, aus deinem Haus hinausziehen sahst, als du, während jene die kurulischen Sessel einnahmen, dir als Lobredner des Königs den Ruhm der Geistesgröße und der Beredsamkeit erwarbst, als du im Zirkus zwischen den beiden Konsuln saßest und die Erwartung der rings gedrängten Menge mit der Freigebigkeit eines Triumphators befriedigtest! Durch List oder Zauberkraft schienst du das Glück an dich gefesselt zu haben, dass es dir vor allen hold war, dass es dich als seinen Liebling begünstigte, dass es dir mehr zuteil werden ließ, als es je einem Privatmann gewährt hatte!
Willst du also wirklich mit dem Glück rechten? – Jetzt zwar hat es dich – zum ersten Mal – mit neidischem Blick gestreift. Wenn du dir aber das Verhältnis deiner glücklichen Erlebnisse zu den unglücklichen, der Zahl und der Intensität nach, vergegenwärtigst, so wirst du nicht leugnen können, dass du auch jetzt noch glücklich zu nennen bist! Hältst du dich aber nur deswegen für unglücklich, weil alles verschwunden ist, was dich damals erfreute, so hast du keinen Grund, dich elend zu nennen, denn alles, was dich jetzt so traurig macht, auch das geht ja wieder vorüber! Du bist doch nicht eben erst, ganz plötzlich und wie ein fremder Gast, auf der Bühne dieses Lebens erschienen?! Glaubst du denn, dass den menschlichen Dingen überhaupt irgendwelche Stetigkeit innewohnt, da doch den Menschen selbst oft eine flüchtige Stunde dahinrafft?! Und wenn wirklich einmal, was so selten geschieht, das Glück sich beständig erweisen sollte, so endigt mit dem letzten Tag des Lebens doch auch das beständigste Glück! Macht es denn etwa einen Unterschied, ob du dem Glück untreu wirst, indem du stirbst, oder das Glück dir, indem es entschwindet?«
Wenn am Himmel rosigen Schein verbreitet
Phöbus’ strahlendes Viergespann,
Dann erbleichen unter der Flut des Lichtes
Alle Sterne des Firmaments.
Bunte Frühlingsblumen erblühn im Walde,
Wenn der liebliche Zephyr weht;
Doch zur Zeit des giftigen Nebelwindes
Welkt die Blüte des Dornenstrauchs!
Unbewegt bei ruhigem, heiterm Himmel
Liegt der Spiegel des Meeres da,
Doch wenn wild aus Norden der Sturm daherfährt,
Türmt zum Berge die Woge sich!
Weil noch nichts auf Erden beständig weilte,
Alles ewigen Wechsel zeigt:
Denke stets des menschlichen Glückes Wandel,
Seiner Güter Vergänglichkeit!
Untergehn muss alles, was einst entstanden;
Das ist ewiges Weltgesetz!
»Alles«, entgegnete ich hierauf, »was du mir in die Erinnerung zurückgerufen hast, ist allerdings wahr und ich kann den raschen Siegeslauf meines Glückes nicht ableugnen. Aber gerade deshalb leide ich ja so herbe Qual, wenn ich mich des Vergangenen erinnere. Denn in allem Missgeschick besteht dass größte Unglück doch immer in dem Bewusstsein, einst glücklich gewesen zu sein!«
»Du kannst aber doch«, wandte sie ein, »ein Leiden, das nur auf deiner falschen Anschauungsweise beruht, nicht wohl in den Dingen selbst begründet finden. Wenn dich jenes leere Wort von der Unbeständigkeit des Glückes so sehr bewegt, so mache dir doch einmal mit mir klar, wie viel zahlreichere und größere Güter dir im Überfluss geblieben sind. Wenn dir gerade das köstlichste deiner Glücksgüter, dessen Besitz dir am teuersten war, noch heute ungeschmälert und unverletzt von der Gottheit erhalten ist, hast du dann überhaupt ein Recht, vom Unglück zu reden?! Und es lebt doch unversehrt die köstlichste Zierde des Menschengeschlechts, dein Schwiegervater Symmachus, und was noch mehr ist, was du gern mit deinem Leben erkaufen würdest: Dieser Mann, ganz aus Weisheit und Tugend gebildet, er vergisst seine eigene Not und klagt um das dir widerfahrene Unrecht! – Es lebt auch deine Gattin, so reich an Geist, an bescheidener Sittsamkeit, an Keuschheit, und, um alle ihre Gaben kurz zusammenzufassen, dem Vater so ähnlich! Nur um deinetwillen erhält sie sich das ihr jetzt so verhasste Leben und verzehrt sich – wodurch allein, wie auch ich zugebe, dein Glück getrübt wird – aus Sehnsucht nach dir in Kummer und Tränen! Was soll ich von deinen Söhnen, den Konsularen, sagen, in denen, trotz ihres jugendlichen Alters, das Abbild des väterlichen und großväterlichen Geistes sich schon jetzt so glänzend zeigt?!
Die größte Sorge der Sterblichen ist auf die Erhaltung des Lebens gerichtet. Würdest du also den wahren Wert der Güter, die du noch besitzest, erkennen, wie glücklich müsstest du dann sein, da dir dasjenige geblieben ist, was alle einstimmig für köstlicher halten als das Leben!
Trockne also deine Tränen! Noch ist das Glück nicht ganz von dir gewichen, noch kannst du dem Sturm, der dich bedrängt, widerstehen, denn noch halten die Anker fest, und das soll dich in der Gegenwart trösten und dir die Hoffnung auf die Zukunft erhalten!«
»Ja«, sprach ich, »das ist ja auch mein höchster Wunsch, dass die Anker auch ferner fest im Grunde haften möchten! Dann will ich mich schon durcharbeiten, wie es auch kommen mag! Aber auch du musst doch einsehen, wie unendlich viel ich verloren habe!«
»Einen kleinen Fortschritt«, entgegnete sie, »haben wir nun doch schon gemacht, da du dein Los jetzt nicht mehr in jeder Hinsicht für beklagenswert hältst. Ich begreife aber gar nicht, wie du überhaupt Freude empfinden kannst, da du schon dann so jammervoll und schmerzlich klagst, wenn nur erst ein wenig von deinem Glück dir entschwunden ist! Wer ist denn so vollkommen glücklich, dass er nicht mit irgendetwas dennoch unzufrieden wäre? Es ist überhaupt eine missliche Sache um das menschliche Glück, das nie zur vollen Entfaltung kommt und nie beständig verweilt: Unendlich reich ist der eine, aber ihn schändet sein unedles Blut. Den anderen stellt seine hohe Geburt an einen allen sichtbaren Platz, aber bei der Kleinheit seines Vermögens wäre es besser für ihn, wenn er unbekannt und in der Verborgenheit leben könnte. Ein anderer besitzt Reichtümer und ist auch von hoher Geburt, aber traurig und ehrlos lebt er dahin. Jener freite mit Freuden, aber er bleibt kinderlos und seine Güter werden einst einen fremden Erben bereichern. Noch ein anderer ist mit Nachkommenschaft gesegnet, aber Kummer und Tränen verursachen ihm die Untaten seiner Söhne und Töchter. – So ist wohl niemand völlig mit seinem Los zufrieden. Bei jedem gibt es einen wunden Punkt, den der Unkundige nicht bemerkt, der den Wissenden aber mit Entsetzen erfüllt! – Dazu kommt, dass die Glücklichen und jedes Missgeschicks Ungewohnten ein so außerordentlich empfindliches Gemüt besitzen und, wenn nicht alles nach Wunsch geht, durch die geringste Kleinigkeit niedergeschmettert werden! Ja, es gehört wirklich unendlich wenig dazu, um gerade die am reichsten Begnadeten vom Gipfel des Glückes herniederzustürzen.
Anderseits aber würden sich viele Menschen fast im Himmel glauben, wenn ihnen auch nur ein kleiner Teil von dem dir noch gebliebenen Glück zuteil geworden wäre! Dieser Ort selbst, den du ein ›Exil‹ nennst, ist er nicht die Heimat seiner Bewohner?
Wahrlich, nur das ist elend, was du selbst dafür hältst, und jedes Los ist ein glückliches für den, der es mit Seelenruhe auf sich nimmt. Wer ist denn so vollkommen glücklich, dass er nicht in Augenblicken der Unzufriedenheit dennoch seine Lage zu verbessern wünschte?! Wie viel Bitternis mischt sich nicht in die Süßigkeit des menschlichen Glücks! Wer es genießt, dem scheint es zwar köstlich zu sein, aber wenn es dann wieder verschwinden will, so ist keine Macht der Erde imstande, es aufzuhalten!
Wie unvollkommen ist also die auf irdischen Dingen aufgebaute Glückseligkeit, die weder dem Gleichmütigen dauernd treu bleibt, noch dem Geängsteten völlig den Kummer hinwegnimmt!
Weshalb, ihr Sterblichen, sucht ihr also das Glück außer euch, da es doch nur in euch begründet sein kann? Irrtum und Unwissenheit umdüstern euch in eurem Tun! Ich will dich in Kürze auf das innerste Wesen der wahren Glückseligkeit hinweisen. Wenn ich dich fragte: ›Gibt es denn irgendetwas, das dir teurer wäre als du selbst?‹, so würdest du ohne Zweifel mit ›Nein‹ antworten. In dir selber besitzest du also etwas, was du nie verlieren wirst und was dir auch das Schicksal niemals rauben kann.
Dass aber in allen übrigen, dem Zufall unterworfenen, Dingen kein Glück bestehen kann, das magst du aus folgenden Erwägungen erkennen:
Wenn die wahre Glückseligkeit das höchste Gut der vernunftbegabten Wesen ist, wenn ferner das höchste Gut, da das sicher Besessene immer von größerem Wert ist, nicht etwas Verlierbares sein kann, so ist es klar, dass diese wahre Glückseligkeit nie auf dem unsteten irdischen Glück beruht. Denn wem dies Letztere beschert ist, der weiß entweder, dass dasselbe vergänglich ist, oder er weiß es nicht. Weiß er es nicht, so kann die blinde Unwissenheit ohne Frage doch keine Glückseligkeit begründen. Weiß er es aber, so kann er ebenfalls nicht glücklich werden, da er beständig fürchten muss, dasjenige wieder zu verlieren, an dessen Verlierbarkeit er selbst keinen Augenblick zweifelt! Tröstet er sich aber, indem er das Verlorene hinterher für verächtlich und wertlos hält, so kann es eben auch nur ein geringes Gut gewesen sein, dessen Verlust er mit solchem Gleichmut zu tragen vermag.
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