Kitabı oku: «Dracula»

Yazı tipi:
(Roman)

Copyright © 2014 Der Drehbuchverlag, Wien

2. Auflage, 13. Februar 2016

Alle Rechte vorbehalten

eBook: Dracula (Roman)

ISBN: 978-3-99042-916-7

ERSTES KAPITEL
TAGEBUCH VON JONATHAN HARKER

– in Kurzschrift gehalten -

3. Mai. Bistritz – Verließ München am ersten Mai um 8.35 Uhr abends, erreichte Wien am frühen Morgen des nächsten Tages; sollte eigentlich um 6.46 ankommen, doch der Zug verspätete sich um eine Stunde. Budapest scheint eine wundervolle Stadt zu sein, soweit ich das vom flüchtigen Blick aus dem Zug und dem kurzen Spaziergang her sagen kann. Ich fürchtete, mich zu weit von der Bahnstation zu entfernen und glaubte, dass wir, aufgrund unserer späten Ankunft, so rasch als möglich wieder abfahren würden. Den Eindruck aber, den ich gewinnen konnte, war der, dass wir hier den Westen verlassen und den Osten betreten haben; die westlichste der großartigen Brücken über die Donau, die hier eine stattliche Breite und Tiefe aufweist, versetzte uns in eine Zeit, als hier noch die Türken herrschten.

   Wir fuhren rechtzeitig ab und erreichten Klausenburg nach Einbruch der Dunkelheit. Ich übernachtete im Hotel Royal. Zum Abendessen, oder vielmehr dem kleinen Abendimbiss, hatte ich Huhn, das irgendwie mit roten Paprika zubereitet war. Es war hervorragend, aber machte ungemein durstig – nicht vergessen: Rezept für Mina besorgen. Ich fragte den Kellner nach dem Namen der Speise, und er antwortete mir, dass es „Paprikahendl“ genannt werde, und als Nationalgericht überall entlang der Karpaten erhältlich sei. Mein gebrochenes Deutsch war mir hier sehr nützlich; und ich wüsste nicht, wie ich ohne es durchgekommen wäre.

   In London stand mir noch Zeit zur Verfügung. Zeit, die ich nutzte, um das „British Museum“ aufzusuchen und mich in der Bibliothek mit Hilfe von Büchern und Karten über Transsylvanien kundig zu machen; einige Vorkenntnisse über ein Land zu besitzen, so schien mir, würde mir wohl im Umgang mit einem Adeligen des Landes sicher nicht schaden. Den Bezirk, den er mir nannte, fand ich im äußersten Osten des Landes, am Kreuzungspunkt dreier Staaten: Transsylvanien, Moldawien und Bukowina, inmitten des Karpatengebirges; eines der wildesten und unbekanntesten Gebiete Europas. Es war mir nicht möglich, anhand der mir zur Verfügung stehenden Karten oder Ausführungen eine exakte Ortsangabe des Schlosses Dracula abzugeben, da die Karten des Landes nicht mit unseren Landesvermessungen vergleichbar sind; aber ich fand, dass Bistritz, die kleine Stadt mit der Poststation, die mir Graf Dracula genannt hatte, ein ziemlich bekannter Platz ist. Hier möchte ich einige meiner Notizen vornehmen. Sie sollen mein Gedächtnis auffrischen, wenn ich mit Mina über meine Reise sprechen werde.

   Die Bevölkerung Transsylvaniens besteht aus vier verschiedenen Nationalitäten: Die Sachsen im Süden, und mit ihnen gemischt die Walachen, die Nachfahren der Daker sind; Magyaren im Westen und die Szekler im Osten und Norden. Die Letztgenannten behaupten, von Attila und den Hunnen abzustammen. Das mag wohl so sein, denn als die Magyaren im elften Jahrhundert das Land eroberten, waren dort Hunnen ansässig. Ich las, dass jeder erdenkliche Aberglaube der Welt aus den hufeisenförmigen Zügen der Karpaten entstammt, als wäre es das Zentrum eines Strudels jeder Art von abergläubischer Vorstellung; wenn dem so ist, wird sich mein Aufenthalt äußerst spannend gestalten. (Erinnerung: Ich muss den Graf über all das befragen.)

   Ich schlief gar nicht gut. Mein Bett war komfortabel genug, aber ich hatte jede Menge seltsamer Träume. Vielleicht war auch der Hund, der die ganze Nacht unterhalb meines Fensters heulte, der Grund für meine unruhige Nacht; oder war der Paprika schuld. Wegen ihm hatte ich schon das gesamte Wasser der Karaffe ausgetrunken und war immer noch durstig. Gegen Morgen schlief ich schließlich ein. Erst beständiges Klopfen an meiner Türe weckte mich auf, woraus ich schließen konnte, dass ich sehr tief geschlafen haben muss. Zum Frühstück aß ich erneut Paprika und eine Art von Haferbrei mit Maismehl, das sie „Mamalika“ nennen, sowie Auberginen gefüllt mit gehacktem Fleisch – ein exzellentes Mahl, das hier „Impletata“ heißt. (Erinnerung: Auch hiervon das Rezept verlangen.) Ich musste mich mit dem Frühstück beeilen, da mein Zug kurz vor acht Uhr ging; das heißt, er sollte um diese Zeit gehen. Aber als ich den Bahnhof um 7.30 erreichte, musste ich noch mehr als eine Stunde im Wagen sitzen, bevor wir endlich zur Abfahrt bereit waren. Mir scheint, als gingen die Züge umso unpünktlicher, je weiter man in Richtung Osten kommt. Wie mag es da erst in China sein?

   Den ganzen Tag über bummelte der Zug durch eine Landschaft, die voll von Schönheiten aller Art war. Manchmal sahen wir kleine Städte oder Schlösser auf steilen Hügeln, wie man sie aus den alten Messbüchern kennt; manchmal passierten wir Flüsse und Bäche, die wohl häufig aus ihren Ufern treten, was nach den breiten Geröllstreifen auf beiden Seiten zu schließen ist. Es braucht schon viel Wasser und Fließkraft, um die äußeren Uferstellen eines Flusses mit sich zu reißen. Auf allen Stationen standen kleinere und größere Gruppen von Eingeborenen herum, die mit allen möglichen Trachten bekleidet waren. Manche von ihnen glichen den Bauern, wie ich sie von zu Hause her kenne oder wie ich sie sah, als ich durch Frankreich und Deutschland fuhr: Mit kurzen Jacken, runden Hüten und selbst geschneiderten Hosen; andere wiederum wirkten sehr pittoresk. Die Frauen waren hübsch anzusehen, solange man ihnen nicht zu nahe kam, da sie unförmig an den Hüften waren. Sie hatten alle weite, weiße Ärmel, und die meisten von ihnen trugen breite Gürtel, an denen Streifen herunterhingen wie bei Ballettkleidern, und selbstverständlich hatten alle Unterröcke an. Seltsamen Figuren glichen die Slowaken, die barbarischer als alle anderen aussahen, mit ihren großen Cowboy-Hüten, den weiten schmutzig-weißen und gebauschten Hosen, mit ihren hellen Leinenhemden und den enormen, schweren Ledergürteln, beinahe einen Fuß breit, und über und über bespickt mit Messingnägeln. Sie trugen hohe Stiefel, in die sie ihre Hosen gesteckt hatten. Sie hatten langes schwarzes Haar und schwarze stattliche Schnurrbärte. Sie waren zwar malerisch, aber nicht angenehm anzusehen. Sie sahen aus wie einst die orientalischen Räuberbanden. Aber das wurde mir erzählt, sie sind absolut harmlos und verfügen über ein natürliches Selbstbewusstsein.

   Die Dämmerung war bereits hereingebrochen, als wir in Bistritz, einer sehr interessanten alten Stadt, ankamen. Sie liegt praktisch an der Grenze – von hier aus führt der Borgo-Pass in die Bukowina – und durchlebte in der Vergangenheit sehr stürmische Zeiten, die auch gewisse Spuren hinterließen. Vor fünfzig Jahren wüteten hier mehrere Großbrände, die der Stadt gleich fünfmal ungeheure Zerstörungen beifügten. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts musste die Stadt eine dreiwöchige Belagerung erdulden, bei der sie 13.000 Bürger verlor. Neben den kriegerischen Auseinandersetzungen waren auch Hungersnot und Seuchen Assistenten des Todes.

   Graf Dracula hat mir geraten, im Hotel Goldene Krone zu übernachten. Zu meiner großen Überraschung war es ein Haus im alten Stil, was mich deshalb freute, da ich so viel als möglich an Eindrücken von diesem Land erfahren wollte. Ich wurde offensichtlich schon erwartet, denn als ich bei der Tür hereinkam, sah ich eine vergnügt aussehende ältere Dame in der hier üblichen bäuerlichen Tracht – weißes Unterkleid mit langer doppelter Schürze, vorne wie hinten, aus buntem Stoff, die aber zu eng anlag. Als ich näher kam, verbeugte sie sich und sagte: „Der Herr Engländer?“ „Ja“, antwortete ich, „Jonathan Harker“. Sie lächelte und gab einem älteren Herren in weißen Hemdärmeln, der ihr bis zur Tür folgte, eine Nachricht. Der Mann ging, kam aber sofort mit einem Brief wieder zurück:

Mein Freund,

Willkommen in den Karpaten. Ich erwarte Sie schon mit Ungeduld. Schlafen Sie gut diese Nacht. Morgen um drei Uhr geht die Postkutsche nach Bukowina: Ein Platz ist für Sie bereits reserviert. Am Borgo-Pass wird Sie mein Wagen erwarten und zu mir bringen. Ich hoffe, dass Ihre Reise aus London gut verlief, und dass Sie Ihren Aufenthalt hier, in meiner schönen Heimat, genießen werden.

Ihr Freund,

DRACULA.

4. Mai. – Ich erfuhr, dass mein Wirt einen Brief vom Graf erhallten hatte, der ihn beauftragte, den besten Platz in der Postkutsche für mich zu reservieren; als ich ihn über Details ausfragen wollte, wurde er zurückhaltend und gab vor, mein Deutsch nicht zu verstehen. Das konnte nicht wahr sein, denn bisher verstand er es ausgezeichnet; zumindest beantwortete er meine Fragen exakt, und es schien, als verstünde er mich sehr wohl. Er und seine Frau, die alte Dame, die mich zuvor empfangen hatte, sahen einander erschrocken an. Er murmelte nur, dass das Geld mit einem Brief verschickt wurde und dies alles sei, was er wusste. Als ich ihn fragte, ob er Graf Dracula kenne und mir etwas über sein Schloss erzählen wolle, bekreuzigte er sich und dann seine Frau, und sie sagten, dass sie rein gar nichts wüssten und brachen einfach das Gespräch ab. Die Zeit der Abreise war bereits derart nahe gerückt, dass ich keine Zeit fand, jemand anderen zu fragen. Es war in jedem Falle alles sehr geheimnisvoll und beunruhigend.

   Kurz, bevor ich wegging, kam die alte Dame zu mir auf das Zimmer und sagte auf sehr hysterische Weise: „Müssen Sie denn gehen? Oh! Junger Herr, müssen Sie denn wirklich gehen?“  Sie war derart aufgebracht, dass sie das, was sie auf Deutsch sagen konnte, vergessen zu haben schien und mischte es mit einer anderen Sprache, die ich nicht verstand. Die einzige Möglichkeit, ihr zu folgen war, indem ich viele Fragen stellte. Als ich ihr mitteilte, dass ich gehen müsse, und dass mich wichtige Geschäfte erwarten würden, fragte sie erneut:

   „Wissen Sie eigentlich, welcher Tag heute ist?“

Ich antwortete, es wäre der vierte Mai. Sie schüttelte ihren Kopf und sagte wieder:

   „Oh, ja! Ich weiß, ich weiß es! Aber wissen Sie denn nicht was für ein Tag das ist?“

   Auf meinen Einwand, dass ich sie nicht verstehe, fuhr sie fort:

   „Es ist St. Georgs Nacht. Wissen Sie denn nicht, dass heute Nacht, wenn die Uhr zu Mitternacht schlägt, alle bösen Dinge in der Welt freien Lauf haben? Wissen Sie eigentlich, wohin und zu wem Sie gehen?“ Sie war so verstört, dass ich sie zu beruhigen versuchte, was aber vergebens war. Schließlich warf sie sich noch auf die Knie und flehte mich an, nicht zu gehen; zumindest meine Abreise um einen oder zwei Tage zu verschieben. Es war alles zu lächerlich, aber ich fühlte mich fortan nicht mehr sehr wohl. Wie auch immer, es waren Geschäfte zu erledigen, und von denen konnte mich nichts abhalten. Deshalb bat ich sie aufzustehen und sagte so ernst ich nur konnte, dass ich ihr dankbar sei, aber meine Pflicht verlange es, und dass ich jetzt gehen müsse. Sie erhob sich dann, trocknete ihre Augen und nahm ein Kruzifix von ihrem Hals, das sie mir überreichte. Ich wusste nicht, was zu tun war, denn als Mitglied der Englischen Staatskirche wurde mir beigebracht, dass derlei Dinge als götzendienerisch anzusehen sind. Und dennoch erschien es mir äußerst unpässlich, das Geschenk der alten Dame zurück zu weisen. Immerhin meinte sie es nur gut mit mir und befand sich noch dazu in einer solchen Erregung. Sie sah mir diese Zweifel im Gesicht an, denn sie legte mir den Rosenkranz um den Hals und sagte: „Um Ihrer Mutter willen“, und ging aus dem Zimmer. Ich schreibe diesen Teil meines Tagebuches, während ich auf die Post warte, die, wie nicht anders zu erwarten, zu spät ist; das Kruzifix hängt noch an meinem Hals. Vielleicht ist es die Angst der Dame oder vielleicht sind es die vielen geisterhaften Traditionen dieser Region, vielleicht ist es auch das Kruzifix selbst, ich weiß es nicht, aber ich fühle mich bei weitem nicht so wohl, wie ich es sonst tue. Wenn dieses Buch jemals Mina vor mir erreicht, so soll es ihr meine Abschiedsgrüße übermitteln.

5. Mai. Das Schloss. – Die graue Morgendämmerung ist vergangen, und die Sonne steht bereits weit über dem Horizont, der ganz ausgefranst erscheint – entweder durch die Bäume oder die Hügel, ich kann es nicht ausmachen; da alles so weit entfernt liegt, mischen sich die großen mit den kleinen Dingen ununterscheidbar am Horizont zusammen. Ich bin nicht schläfrig, und deshalb schreibe ich so lange, bis ich müde werde. Es sind hier so viele seltsame Dinge, die ich zu Papier bringen muss, und wer diese Aufzeichnungen dann liest, wird vermutlich den Eindruck bekommen, dass ich vor meiner Abreise in Bistritz zu üppig diniert hätte; deshalb zeichne ich exakt auf, was ich hier aß. Ich bestellte einen „Räuberbraten“ – Stücke von Speck, Zwiebeln und Rindfleisch, gewürzt mit Paprika, die mit Stäben aufgespießt und über dem Feuer gebraten wurden; in der einfachen Weise wie das Londoner Katzenmahl. Der Wein war Goldener Mediasch, der ein eigentümliches Stechen auf der Zunge hervorrief, das aber nicht unangenehm wirkt. Ich hatte bloß zwei Gläser davon und sonst nichts.

   Als ich zur Postkutsche kam, hatte der Kutscher noch nicht seinen Platz eingenommen, und ich sah ihn im Gespräch mit der Wirtin. Sie sprachen höchstwahrscheinlich über mich, denn hie und da blickten sie zu mir herüber. Und auch einige Leute, die vor dem Haus auf einer Bank gesessen hatten – die Bank wird im Übrigen hier als „Lästerbank“ bezeichnet – näherten sich und belauschten das Gespräch. Dann sahen sie zu mir, und ihre Blicke waren voll des Mitleids. Ich konnte einige Worte hören, die ständig wiederholt wurden, seltsame Worte, denn es waren verschiedene Nationalitäten in der Menge vertreten. Ich zog in aller Ruhe mein mehrsprachiges Wörterbuch aus der Tasche und sah darin nach. Ich muss sagen, es war nicht angenehm für mich, denn darunter fanden sich Worte wie „Ordog“ (= Satan), „Pokol“ (= Hölle), „Stregoica“ (= Hexe); „Vrolok“ und „Vlkoslak“ bedeuten dasselbe – das eine ist slowakisch und das andere serbisch und steht für Werwolf oder Vampir. (Erinnerung: Ich muss den Graf über diesen Aberglauben befragen.)

   Als wir abfuhren, bekreuzigte sich die mittlerweile auf eine beachtliche Größe angewachsene Gemeinde um uns und streckte mir dann zwei Finger entgegen. Was dieses Zeichen zu bedeuten hat, erfuhr ich nur mit Schwierigkeiten erst von einem Reisegefährten. Zuerst wollte er nicht antworten, doch als ich ihm erklärte, dass ich Engländer sei, sagte er mir, dass das ein Zeichen oder Schutz gegen den bösen Blick sei. Das war nicht sehr erfreulich für mich, da ich nun an einem unbekannten Ort eine unbekannte Person treffen sollte; alle schienen so gutherzig, besorgt und sympathisch, dass ich nicht anders als gerührt sein konnte. Ich werde niemals den letzten Blick auf den Wirtsgarten und die sich um den Bogengang tummelnde malerische Menge vergessen, wie sie sich alle bekreuzigten; hinter ihnen befanden sich die vollen Zweige von Oleander und Orangenbäumen in grünen Kübeln, die im Zentrum des Hofes standen. Dann ließ unser Fahrer seine große Peitsche über die vier kleinen Pferde knallen, die daraufhin los stürmten. Der Kutscher trug weite Leinenhosen, die hier „Gotza“ genannt werden, und sie bedeckten den gesamten Kutschersitz; so traten wir unsere Reise an.

   Die bezaubernde Gegend, durch die wir fuhren, ließ mich bald die Erinnerung an die Gespensterfurcht von zuvor vergessen. Doch wäre ich, wenn ich die Sprache meiner Reisegenossen, oder vielmehr ihre Sprachen verstanden hätte, die bedrückenden Erlebnisse nicht so leicht losgeworden. Vor uns erstreckte sich ein grünes, sanft ansteigendes Land, voll von Wäldern und Bäumen, und hie und da taten sich steile Hügel auf, gekrönt von Baumgruppen oder Bauernhäusern, deren helle Giebelseiten zur Straße zeigten. Auf verwirrende Weise blühten in Massen die Fruchtbäume – Apfel, Pflaume, Birne und Kirsche; und als wir näher kamen, konnte ich auch unter den Bäumen den grünen Rasen entdecken, der übersät war von herab gefallenen Blütenblättern. Durch dieses grüne Hügelland hindurch, das man „Mittelland“ nennt, zog sich die Straße und verlor sich in der Ferne in einer grün bedeckten Biegung oder war einfach verdeckt durch Kieferbäume, deren Baumspitzen wie lodernde Zungen da und dort die Hügel hinab liefen. Die Straße war holprig, und dennoch flogen wir mit fiebriger Hast über sie hinweg. Ich konnte mir die Eile nicht erklären, aber der Fuhrmann war offenbar begierig darauf, ohne Verspätung in Borgo Prund anzukommen. Mir wurde gesagt, dass diese Straße im Sommer in einem ausgezeichneten Zustand sei, und dass die Schäden, die der Winter der Straße zufügte, jetzt noch nicht repariert worden waren. In dieser Hinsicht unterscheidet sich diese Straße anscheinend von den übrigen in den Karpaten, die, einer alten Tradition entsprechend, nicht besonders gepflegt werden. Von alters her lassen die Hospadare (ehemalige Herrscher über die Walachei und Moldawien; vom 15. Jahrhundert bis 1866) nichts an den Straßen ausbessern, damit sollten die Türken nicht auf die Idee gebracht werden, man wolle mittels ausgebauter Wege fremde Truppen ins Land bringen; denn derartiges konnte leicht einen Krieg provozieren, der unter der Oberfläche ständig lauerte.

   Jenseits der grünen, schwellenden Hügel des Mittellandes erhoben sich mächtige Wälder, die bis zu den hochragenden Steilhängen der Karpaten reichen. Rechts und links von uns stiegen sie an, und die Abendsonne, die sie beschien, brachte all die herrlichen Farben dieses überwältigenden Landstriches hervor: Tiefes Blau und Purpur in den Schatten der Bergspitzen, Grün und Braun, wo sich Gras und Felsen vermischten. Und die endlose Perspektive von ausgefranstem Gestein und spitzer Klippen, die sich in der Distanz dort verloren, wo die schneebedeckten Gipfel mächtig empor ragten. Als die Sonne langsam sank, sah man durch gigantische Risse in den Bergen da und dort den weißen Schimmer fallenden Wassers. Einer meiner Gefährten berührte meinen Arm, als wir um einen Hügel herumfuhren, und sich der Ausblick auf einen riesigen und schneebedeckten Gipfel öffnete. Es schien uns der Gipfel direkt gegenüber zu liegen, als wir uns die Serpentinen empor kämpften.

   „Seht! Isten Szek!“ – „Gottes Thron!“ – und er bekreuzigte sich ehrfurchtsvoll. Während wir den endlosen Weg dahin fuhren, und die Sonne hinter uns tiefer und tiefer sank, begannen die Schatten der Nacht um uns herum zu kriechen. Das ist hervorzuheben, da die schneebedeckten Bergspitzen noch im Schein des Sonnenuntergangs standen und in einem feinen, kühlen Blassrot aufglühten. Ab und zu trafen wir Tschechen und Slowaken, alle in pittoresker Kleidung, und ich konnte bemerken, dass der Kropf hier ein weit verbreitetes Übel darstellt. Am Wegesrand standen unzählige Kreuze, und wenn wir an einem vorbeikamen, bekreuzigten sich die Insassen der Kutsche. Zuweilen kniete ein Bauer oder eine Bäuerin vor einer Kapelle, und sie nahmen überhaupt keine Notiz von uns, als wir uns näherten; so tief versunken waren sie in ihr Gebet, dass sie weder Augen noch Ohren für die Außenwelt hatten. Es gab auch viel Neues für mich: Zum Beispiel: Heuschober in Bäumen; dann und wann gab es bezaubernde Hängebirken, deren weiße Stämme silbern durch das saftige Grün der Blätter leuchteten. Manchmal begegneten wir einem Leiterwagen – das gewöhnliche Fahrzeug der Bauern, das länglich und, fast wie den Schlangen nachgebaut, bewegliche Achsen besitzt und somit wie geschaffen ist für die immer unterschiedlichen Gegebenheiten dieser Straßen. Auf den Leiterwagen saßen Gruppen heimkommender Bauern – die Tschechen mit ihren weißen und die Slowaken mit ihren gefärbten Lammpelzen. Die Letztgenannten trugen lanzenartige Stäbe, an deren Ende eine Axt war. Als der Abend hereinbrach, begann es sehr kalt zu werden, und die wachsende Dämmerung schien alles in eine verschwommene, schwarze Masse zu tauchen, und die Umrisse der Eichen-, Buchen- und Kiefernbäume versanken in ihr. Doch in den Tälern, die tief zwischen den Bergen verliefen, hoben sich noch vereinzelt Föhren vom Hintergrund, übrig gebliebener Schnee, ab. Einige Male, als die Straße in Kiefernwälder mündete, schien die Dunkelheit sich um uns zu legen. Große Flecken von Grau, die hie und da die Bäume bestreuten, erzeugten einen eigenartig unheimlichen und feierlichen Effekt. Schon bei Sonnenuntergang schlangen sich unaufhörlich gespensterhafte Schatten durch die Täler der Karpaten. Das alles rief die Gedanken und wilden Fantasien vom Anfang des Abends wieder zurück. Manches Mal waren die Berge derart steil, dass die Pferde, trotz der Hast unseres Wagenlenkers, nur langsam vorwärts kamen. Ich wollte schon absteigen und zu Fuß gehen, so wie wir es zu Hause auch machen, aber der Fahrer wollte davon nichts wissen. „Nein, Nein“, sagte er, „hier dürfen Sie nicht gehen; die Hunde sind zu böse“; und dann fügte er hinzu, was er aber im grimmigen Scherz meinte, denn er sah umher, um sich des zustimmenden Lachens der Anderen zu versichern: „Sie werden noch genug solcher Dinge erleben, ehe sie heute zu Bett gehen“. Den einzigen Halt, den er einlegte, war eine kurze Pause, um die Wagenlaternen anzuzünden.

   Als es ganz dunkel geworden war, schien sich eine gewisse Aufgeregtheit unter den Passagieren breit zu machen. Einer nach dem anderen sprach auf den Fuhrmann ein, so, als wollten sie ihn zu noch höherer Geschwindigkeit antreiben. Er peitschte die Pferde unbarmherzig mit seiner langen Knute, und mit wilden Aufmunterungszurufen versuchte er sie zu erhöhter Kraftanstrengung zu ermutigen. Ich konnte in der Dunkelheit einen grauen Fleck über uns entdecken; so, als wenn ein Spalt in einer Bergwand wäre. Die Unruhe der Passagiere wuchs weiter; der Wagen schaukelte in seinen großen ledernen Federn und schwankte wie ein Boot auf tobender See. Ich musste mich festhalten. Die Straße wurde ebener, und wir glaubten, entlang zu fliegen. Dann schienen die Berge näher an uns heranzukommen und über uns zusammenzurücken; wir erreichten den Borgo-Pass. Einzelne Passagiere gaben mir Geschenke, die sie mir mit einer derartigen Ernsthaftigkeit überreichten, die eine Zurückweisung nicht erlaubte; es waren gewiss seltsame und unterschiedliche Dinge, aber jedes für sich wurde in guter Absicht, darüber hinaus verbunden mit freundlichen Worten, mit einem Segenswunsch und mit den seltsamen und Gefahr beschwörenden Bewegungen, welche ich schon außerhalb des Hotels in Bistritz gesehen hatte – dem Bekreuzigen und dem Schutz vor dem bösen Blick – überreicht. Dann, in fliegender Eile, lehnte sich der Fahrer vor, und die Fahrgäste starrten auf jeder Seite, die Ellbogen auf die Wagenkante gestützt, gespannt hinaus in die nächtliche Dunkelheit. Es war offenkundig, dass entweder etwas sehr Spannendes geschah oder erwartet wurde. Und obwohl ich jeden Reisegenossen fragte, gab mir niemand auch nur die geringste Erklärung. Dieser Zustand der Aufregung hielt einige Zeit an; schließlich sahen wir vor uns die östliche Passöffnung. Dunkle, drohende Wolken zogen über unsere Häupter hinweg, und in der Luft lag das schwere, drückende Gefühl eines Gewitters. Es schien, als trennte der Gebirgszug zwei separate Atmosphären, und dass wir nun in die der Gewitter einträten. Ich hielt nun Ausschau nach dem Transportmittel, das mich zum Graf bringen sollte. Jeden Moment erwartete ich, die Wagenlaternen aufblitzen zu sehen; aber alles blieb dunkel. Das einzige Licht war der flackernde Schein unserer eigenen Lampen, in dem der Atem unserer strapazierten Pferde zu weißen Wölkchen aufstieg. Wir konnten nun den sandigen Weg sehen, der weißfarben vor uns lag, aber es waren in ihm keine Spuren eines Fahrzeuges zu lesen. Die Passagiere seufzten erleichtert auf, was meine Enttäuschung lächerlich zu machen schien. Ich dachte schon darüber nach, was wohl nun zu tun wäre, als der Fahrer, nach der Uhr sehend, zu den anderen etwas sagte, das ich kaum zu hören vermochte – denn es war so leise und sanft gesprochen. Ich dachte aber, „eine Stunde vor der Zeit“, verstanden zu haben. Dann drehte er sich zu mir und sagte in einem Deutsch, schlechter als meines:

   „Hier ist kein Wagen. Der Herr wird hier also gar nicht erwartet. Sie fahren nun mit nach Bukowina und kehren dann morgen oder übermorgen wieder zurück; am besten übermorgen.“ Als er das sagte, begannen die Pferde, derart zu wiehern, zu schnauben und wild auszuschlagen, dass der Fuhrmann sie bändigen musste. Dann fuhr eine leichte, vierrädrige Kutsche – eine so genannte Kalesche – mit vier Pferden von hinten an uns heran, überholte uns und kam neben unserer Kutsche zum Stehen, während die Bauern im Chor laut aufschrieen und sich allesamt bekreuzigten. Ich konnte im Schein unserer Laternen erkennen, dass die Pferde schwarz wie Kohle und muskulös gebaut waren. Geleitet wurden sie von einem hoch gewachsenen Mann mit langem, braunem Bart und einem großen schwarzen Hut, der sein Gesicht vor uns zu verbergen schien. Ich konnte aber ein paar funkelnde Augen sehen, die im Lampenlicht rot erschienen, als er sich zu uns wandte. Er sagte zum Fahrer:

   „Mein Freund, Du bist sehr früh dran heute Nacht“.

   Der Mann stammelte als Antwort: „Der englische Herr war in Eile“.

   Worauf der Fremde erwiderte: „Weil Du ihn, wie ich vermute, nach Bukowina fahren wolltest. Du schaffst es nicht, mich zu täuschen, mein Freund. Ich weiß zu viel, und meine Pferde sind schnell.“

   Als er sprach, lächelte er, und der Laternenschein fiel auf seinen hässlichen Mund mit sehr roten Lippen und scharfen Zähnen – so weiß wie Elfenbein. Einer meiner Reisegenossen flüsterte zu einem anderen die Worte aus Bürgers „Leonore“ zu: „Denn die Todten reiten schnell“

   Der seltsame Kutscher hörte offenbar die Worte, denn er sah den Zitierenden mit schimmerndem Lächeln an. Dieser wandte sein Gesicht ab, streckte gleichzeitig seine zwei Finger hinaus und bekreuzigte sich.

   „Gib mir das Gepäck des Herren“, sagte der Fahrer; und mit überschießendem Eifer wurden meine Koffer abgeladen und auf der Kalesche untergebracht. Ich verließ die Postkutsche auf der Seite, wo die Kalesche stand, und der Fahrer half mir mit seiner Hand auf den Wagen und umfasste meinen Arm mit stählernem Griff. Seine Kraft musste außergewöhnlich sein. Ohne ein Wort zu verlieren, zog er die Zügel an, die Pferde kehrten um, und wir rauschten in Richtung des finsteren Passes. Als ich zurücksah, bemerkte ich noch den Hauch der Pferde, der im Laternenlicht aufstieg, ebenso im Widerschein traten die Silhouetten meiner vorigen Reisegefährten hervor und man sah sie Kreuze schlagen. Der Fuhrmann ließ seine Peitsche krachen und rief seinen Pferden etwas zu; daraufhin rollte der Wagen Richtung Bukowina.

   Als sie im Dunkel verschwunden waren, ereilte mich ein frostiger Schauer und ein Gefühl der Einsamkeit überkam mich. Doch dann legte mir der Fahrer einen Mantel um die Schultern und auf die Knie und sagte in exzellentem Deutsch:

   „Mein Herr, die Nacht ist eisig. Mein Meister, der Graf, bat mich, dass ich mich um ihr Wohlergehen kümmern soll. Hier ist eine Flasche Slibowitz [der Pflaumenbranntwein des Landes] unter dem Sitz, wenn sie ihn brauchen.“

   Ich nahm nichts davon, aber es beruhigte, von ihrer Anwesenheit zu wissen. Ich fühlte mich ein wenig merkwürdig, war aber nicht beängstigt. Doch wäre irgendwo eine Alternative gewesen, so hätte ich sie gewählt, anstatt die nächtliche Fahrt ins Unbekannte zu unternehmen. Der Wagen fuhr im schnellem Tempo geradeaus, dann wendeten wir einmal komplett und fuhren wieder geradewegs. Es schien mir, dass wir immer auf derselben Straße geblieben waren; ich merkte mir einige markante Punkte, erkannte sie wieder und sah, dass ich nicht irrte. Ich hätte gerne den Fahrer gefragt, was dies zu bedeuten hat, aber ich fürchtete mich davor, und außerdem sagte ich mir, dass in meiner Situation jeder Protest zwecklos gewesen wäre, wenn er geplant hatte, sich zu verspäten. Nach und nach wurde ich aber neugierig, wie spät es war. Ich zündete ein Streichholz an und sah in seinem Schein auf meine Uhr; es waren nur noch wenige Minuten bis Mitternacht. Ich hatte mich des allgemeinen Aberglaubens bezüglich der Mitternacht erinnert, der mir einen Schreck verursachte, und der durch meine jüngsten Erfahrungen noch weiter anschwoll. Ich wartete mit einem peinsamen Gefühl der Ungewissheit.

   Dann begann tief unten auf einem Bauernhof entlang der Straße, ein Hund zu heulen – ein langes, gequältes Geheul, als wäre es durch Angst hervorgerufen. Ein anderer Hund heulte ebenfalls, und ein weiterer gesellte sich hinzu und wieder einer. Bis der Wind, der sanft durch das Passgebiet glitt, das Singen der Hunde zu einem wilden Geheul vereinte. Es schien aus allen Richtungen und von überall her zu kommen – soweit die Einbildung in der Finsternis der Nacht ausreichte. Bei den ersten Lauten zerrten und schnaubten die Pferde, aber der Kutscher sprach mit besänftigenden Worten, worauf sie wieder ruhiger wurden, wenngleich sie auch zitterten und schwitzten wie nach einer Flucht vor plötzlicher Gefahr. Dann, noch weit entfernt, klang von beiden Seiten der Berge ein lautes und helles Geheul – das der Wölfe – das die Pferde und mich gleichermaßen erschreckte. Ich war bereit, von der Kalesche zu springen und wegzulaufen, während die Pferde wieder schnaubten und wie verrückt um sich schlugen, sodass der Wagenlenker all seine Kräfte aufbringen musste, um die Rösser im Zaum zu halten. Nach ein paar Minuten hatten sich meine Ohren an den Lärm gewöhnt, und auch die Gäule begannen, wieder so ruhig zu werden, dass der Fuhrmann von der Kutsche absteigen und sich vor die Pferde hinstellen konnte. Er liebkoste und beruhigte die Tiere und flüsterte ihnen etwas in die Ohren, wie es Pferdebändiger machen; und es wirkte mit besonderem Erfolg, denn unter seinen Liebkosungen wurden sie wieder kontrollierbarer, obgleich sie immer noch zitterten. Der Fahrer nahm wieder Platz auf seinem Bock, straffte die Zügel und fuhr mit hohem Tempo ab. Diesmal, von der fernen Seite des Passes, bog er plötzlich in einen schmalen Weg, der scharf nach rechts verlief. Der war von Bäumen gesäumt, deren Zweige sich über die Straße wölbten und förmlich einen Tunnel bildeten; auf beiden Seiten bewachten uns sehr kühne und zerklüftete Gesteinsformationen. Wenngleich wir einigermaßen geschützt waren, konnten wir den auflebenden Wind hören, der stöhnte, durch die Steine pfiff, und die Äste der Bäume gegeneinander krachen ließ, als wir den Weg entlang fegten. Es wurde kälter und immer kälter und feiner pulvriger Schnee begann, vom Himmel zu fallen, der uns und unsere Umgebung in ein weißes Tuch hüllte. Der heftige Wind brachte uns aus immer weiterer Ferne das Heulen der Hunde. Dagegen klang das Geheul der Wölfe immer näher und näher, so, als würden sie uns von allen Seiten umgeben. Mir war schrecklich bange, und die Pferde teilten meine Furcht; der Kutscher hingegen war keineswegs beunruhigt. Er drehte seinen Kopf aufmerksam nach rechts und nach links, ich aber konnte in der Dunkelheit nicht das Geringste erkennen.

   Mit einem Mal, zu unserer Linken, sah ich eine matt flimmernde, blaue Flamme. Der Fahrer sah sie im selben Moment; gleichzeitig stoppte er die Pferde, sprang auf den Boden und verschwand in der Finsternis. Ich wusste nicht, was zu tun war, umso mehr das Heulen der Wölfe immer näher kam; aber während ich mich noch wunderte, tauchte der Kutscher plötzlich wieder auf und ohne ein Wort setzte er sich wieder auf seinen Sitz, und wir nahmen die Fahrt wieder auf. Ich dachte, in Schlaf versunken zu sein, denn der Vorfall wiederholte sich endlos oft. Wenn ich jetzt daran denke, ist es wie ein fürchterlicher Albtraum. Dann erschien eine Flamme, die so nahe an der Straße war, dass ich sogar in der Dunkelheit, die uns umgab, die Bewegungen unseres Kutschers erkennen konnte. Er ging rasch dorthin, wo die Flamme entsprungen war und errichtete mit mehreren Steinen ein eigenartiges Bauwerk. Die Flamme muss sehr schwach gewesen sein, da sie nicht einmal die nähere Umgebung um sich herum ausleuchten konnte. Eine eigenartige optische Erscheinung entstand: Als er zwischen mir und der Flamme stand, die er nicht verdeckte, konnte ich ihr gespenstisches Flackern sehen. Das entsetzte mich. Da aber das Trugbild nur kurz zu sehen war, führte ich es darauf zurück, dass mich meine Augen aufgrund der nächtlichen Anstrengung betrogen hatten. Dann verschwand für eine Weile das blaue Licht, und wir beeilten uns durch die Nachtschwärze, um uns herum hörten wir das Geheul der Wölfe, als verfolgten sie uns in einem weiten Kreis.

   Schließlich verließ der Kutscher wieder den Wagen, und während seiner Abwesenheit fingen die Rösser stärker als je zuvor zu zittern, zu schnauben und aus Furcht zu wiehern. Ich sah die Ursache dafür nicht, denn das Heulen der Wölfe hatte aufgehört; der Mond segelte durch die schwarzen Wolken und tauchte hinter dem zerklüfteten Kamm eines föhrenbedeckten Felsens auf. In seinem Licht erblickte ich rund um uns ein Rudel Wölfe mit weißen Zähnen, roten, heraushängenden Zungen, mit langen sehnigen Beinen und zottigem Fell. Ihr grimmiges Schweigen war hundertmal furchtbarer als ihr Geheul. Ich fühlte mich wie gelähmt vor Schreck. Derart empfindet man nur, wenn man unversehens einer solchen Gefahr unmittelbar gegenübersteht.

   Dann begannen die Wölfe wieder zu heulen, so, als ob das Mondlicht einen besonderen Einfluss auf sie gehabt hätte. Die Pferde schlugen aus, schnaubten und sahen so hilflos aus wie sie ihre Augen rollten, auf eine Art und Weise, dass es einem beim Hinsehen weh tat; aber der lebendige Ring der Verderbnis umgab sie von allen Seiten, und es blieb ihnen nichts übrig, als darin zu verweilen. Ich rief nach dem Fuhrmann, denn es schien mir nur mit seiner Hilfe möglich, den Ring zu durchbrechen. Ich schrie und schlug auf die Seitenwand der Kalesche ein, in der Hoffnung, dass durch den Lärm die Wölfe fern gehalten, und er auf dieser Seite wieder zusteigen könnte. Er kam auch. Wie er es schaffte? Ich weiß es nicht. Aber ich hörte seine Stimme, die nach gebieterischem Befehl klang. Dem Klang seiner Stimme folgend, sah ich ihn auf der Straße stehen. Als er seine langen Arme schwenkte, so, als wollte er damit ein kaum greifbares Hindernis beiseite schaffen, wichen die Wölfe mehr und mehr zurück. Dann schob sich eine schwarze Wolke vor den Mond, und wir waren wieder in der Dunkelheit.

   Als sich meine Augen an die Finsternis gewöhnt hatten, und ich wieder halbwegs zu sehen vermochte, konnte ich den Fahrer die Kutsche besteigen sehen; die Wölfe waren in der Zwischenzeit verschwunden. Das war alles so seltsam und unheimlich, dass eine schreckliche Furcht über mich kam, und ich derart verängstigt war, dass ich weder sprechen noch mich bewegen konnte. Die Zeit schien endlos, als wir unsere Fahrt fortsetzten – diesmal in völliger Dunkelheit, da die rollenden Wolken den Mond völlig verdeckten. Wir fuhren zumeist bergauf, bis auf wenige Abschnitte, wo wir ein jähes Gefälle durchfuhren. Plötzlich wurde mir bewusst, dass der Kutscher die Pferde in den Hof einer zerfallenen Burg manövrierte, aus deren Fenster kein Licht drang, und ihre zerfallenen Zinnen hoben sich wie eine zerklüftete Linie gegen den mondhellen Himmel ab.

ZWEITES KAPITEL
DAS TAGEBUCH VON JONATHAN HARKER

– Fortsetzung -

5. Mai – Ich musste geschlafen haben, denn wenn wir uns einem so seltsamen Platz näherten, hätte mir das doch auffallen müssen. In der Dunkelheit schien der Burghof von beachtlicher Größe zu sein. Und von ihm weg führten mehrere Straßen unter gewaltigen runden Torgewölben hinaus, ließen ihn vielleicht noch größer erscheinen, als er wirklich war. Ich habe ihn bis heute nicht bei Tageslicht gesehen.

   Als die Kalesche anhielt, sprang der Kutscher vom Bock und reichte mir die Hand, um mir beim Absteigen behilflich zu sein. Und wieder musste ich seine Kraft bewundern. Seine Hand schien wie eine Stahlklaue zu sein, und wenn er es wollte, hätte er mir meine Finger damit leicht zerbrochen. Dann nahm er meine Koffer und stellte sie neben mich auf den Boden. Ich stand vor einem großen Tor, alt und dicht besetzt mit langen und eisernen Nägeln, das in einen ausladenden Torbogen aus gewaltigem Stein eingelassen war. Im trüben Licht konnte ich erkennen, dass in den Stein alte, massive Bilder eingemeißelt waren, die jedoch von Zeit und Wetter deutlich verwittert waren. Als ich so da stand, schwang sich der Kutscher wieder auf seinen Wagen, zog die Zügel und verschwand mitsamt seinen Pferden in einer dunklen Toröffnung.

   Ich blieb schweigend auf meinem Platz stehen, denn ich wusste nicht, was ich anderes tun sollte. Es war auch keine Spur von Glockengeräusch oder Klopfen; und ich hielt es für äußerst unwahrscheinlich, dass die drohenden Mauern und finsteren Fenster mit meiner Stimme zu durchdringen waren. Die Zeit, in der ich wartete, erschien mir endlos, und ich bemerkte, wie Zweifel und Furcht in mir empor krochen. Wohin war ich da bloß geraten und unter welche Leute? Welch unheimlichem Abenteuer würden mir begegnen? War das ein üblicher Fall im Leben eines Rechtsanwaltsanwärters, der ausgeschickt worden war, um einen Fremden über die Anschaffung einer Londoner Immobilie zu unterrichten? Rechtsanwaltsanwärter! Mina hört dieses Wort gar nicht gerne. Aber Rechtsanwalt – kurz bevor ich aus London aufbrach, erhielt ich die Nachricht, dass ich mein Examen erfolgreich bestanden hatte – nun bin auch ich ein ganzer Anwalt. Ich begann, meine Augen zu reiben und mich selbst zu kneifen, um sicher zu sein, ob ich denn auch wach wäre. Es schien mir alles wie ein hässlicher Albtraum, und ich erwartete, plötzlich aufzuwachen: In meinem Zuhause, wenn sich die Morgendämmerung durch die Fenster kämpft, so wie es manchmal geschah, wenn ich vom Vortag völlig überarbeitet war. Doch mein Fleisch reagierte auf mein Kneifen, und auch meine Augen beschwindelten mich nicht. Ich war also wirklich wach und mitten in den Karpaten. Alles, was ich tun konnte, war, geduldig zu sein, und den Tagesanbruch abzuwarten.

   Als ich mich entschlossen hatte, dies zu tun, hörte ich einen schweren Schritt hinter dem großen Tor und sah durch die Spalten hindurch den Schein eines sich nähernden Lichts. Dann vernahm ich das Rasseln von Ketten und das Klirren massiver Riegel, die zurückgeschoben wurden. Ein Schlüssel drehte sich laut knirschend in einem selten benutzten Schlüsselloch, und das große Tor öffnete sich.

   Darin stand ein hoch gewachsener, alter Mann, glatt rasiert bis auf einen langen weißen Schnurrbart, und von Kopf bis Fuß schwarz gekleidet. An ihm war kein einziger heller Farbton zu sehen. In seiner Hand hielt er eine altertümliche, silberfarbene Lampe, auf der ohne Zylinder oder Schirm eine Flamme brannte, die lange, zitternde Schatten im Luftzug des offenen Tores warf. Der alte Mann winkte mich mit einer vornehmen Geste seiner rechten Hand herein und sagte in vollkommenem Englisch, aber mit fremdartigem Akzent:

   „Willkommen in meinem Haus! Treten Sie frei und mit eigenem Willen ein!“ Er machte keine Bewegung um mir entgegen zu kommen, sondern stand nur starr wie eine Statue, als hätte ihn sein Willkommensgruß in Stein verwandelt. In dem Augenblick aber, da ich die Türschwelle überschritten hatte, kam er rasch auf mich zu, streckte mir seine Hand entgegen und drückte meine Hand mit einer Kraft, die mich zusammenzucken ließ; außerdem war seine Hand kalt wie Eis – wie die eines Toten und nicht eines Lebenden. Und wieder sagte er:

   „Willkommen in meinem Haus. Kommen Sie frei herein. Gehen Sie wohlbehalten; und lassen Sie etwas von der Freude hier, die Sie mitgebracht haben!“ Die Stärke des Händedrucks erinnerte mich an den Kutscher. Und da ich sein Gesicht nicht gesehen hatte, glaubte ich einen Moment lang, dass er und der Mann, mit dem ich gerade sprach, ein und dieselbe Person seien; und um mir sicher zu sein, sagte ich fragend:

   „Graf Dracula?“ Er verbeugte sich höflich und erwiderte:

   „Ich bin Dracula und heiße Sie herzlich in meinem Haus willkommen, Herr Harker. Treten Sie ein; die Nachtluft ist kühl, und Sie müssen erst einmal etwas essen und sich erholen.“ Während er sprach, stellte er die Lampe auf einer Wandhalterung ab, und er nahm mein Gepäck und beförderte es, noch ehe ich ihm dabei zuvorkommen konnte, ins Schloss. Ich erhob Einspruch, doch er sagte entschieden:

   „Nun bitte, Sie sind mein Gast. Es ist spät, und mein Dienstpersonal ist nicht mehr verfügbar. Lassen Sie mich deshalb für Ihr Wohlergehen sorgen.“ Er trug tatsächlich meine Koffer den Korridor entlang, dann eine steile Wendeltreppe empor und einen weiteren langen Gang entlang, auf dessen Steinfliesen unsere Schritte dumpf widerhallten. Am Ende dieses Ganges öffnete er eine schwere Türe, und ich freute mich, ein hell erleuchtetes Zimmer zu sehen, in dem ein gedeckter Tisch zum Abendessen bereit stand, während in einem stattlichen Kamin ein Feuer mit Holzscheiten flammte und knisterte.

   Der Graf blieb stehen, stellte mein Gepäck nieder und machte die Türe hinter sich zu. Dann schritt er durch das Zimmer, öffnete eine zweite Türe, die in ein kleines, achteckiges Zimmer führte, das scheinbar fensterlos war und nur mit einer einzelnen Lampe beleuchtet wurde. Er ging hindurch, öffnete eine weitere Türe und bat mich einzutreten. Es tat sich mir ein willkommener Anblick auf; ein großes und hell erleuchtetes Schlafgemach, das gut durchwärmt wurde von einem Holzfeuer, welches ein hohles Brummen im Kamin erzeugte. Der Graf brachte mir meine Reisekoffer und verabschiedete sich, bevor er die Türe zumachte, mit den Worten:

   „Sie werden sich nach Ihrer Reise sicher frisch machen wollen. Ich denke, dass Sie alles vorfinden, was Sie brauchen. Wenn Sie fertig sind, dann kommen Sie bitte in das andere Zimmer, wo Sie das für Sie vorbereitete Abendbrot vorfinden werden.“

   Das Licht, die Wärme und der herzliche Willkommensgruß des Grafen hatten all meine Zweifel und Befürchtungen zerschlagen. Nachdem ich so wieder meinen gewohnten Zustand erreicht hatte, bemerkte ich, dass ich unglaublichen Hunger hatte; deshalb machte ich mich schnell zurecht und ging in das andere Zimmer.

   Dort stand bereits das Souper für mich angerichtet. Mein Gastgeber stand beim Kamin, lehnte sich gegen das Mauerwerk und deutete mir mit einer eleganten Armbewegung, dass ich Platz nehmen möge. Dann sagte er:

   „Ich bitte Sie, sich hinzusetzen und zu essen, wie es Ihnen beliebt. Sie werden mich entschuldigen, und es mir nicht verübeln, wenn ich mich nicht am Souper beteilige; da ich schon dinierte, und zu soupieren bin ich nicht gewöhnt.“

   Ich übergab dem Grafen den versiegelten Brief, den Herr Hawkins mir anvertraut hatte. Er öffnete ihn und las ihn mit ernster Miene; dann, mit freundlichem Lächeln, übergab er mir den Brief zu lesen. Ein Absatz daraus bereitete mir besondere Freude:

   „Ich bedauere es sehr, dass ich Sie nicht persönlich besuchen konnte. Aber ein Anfall von Gicht, an der Krankheit leide ich ja schon seit langem, verbat es mir, eine längere Reise zu unternehmen; aber es macht mir große Freude, Ihnen einen Stellvertreter schicken zu können, zu dem ich jedwedes Vertrauen habe. Er ist ein junger Mann voll von Energien, engagiert und überaus zuverlässig. Er ist diskret und ruhig und wuchs unter meiner Führung heran. Er steht Ihnen jederzeit während seines gesamten Aufenthaltes zur Verfügung und ist bevollmächtigt, all Ihre Aufträge entgegenzunehmen.“

   Der Graf trat selbst an den Tisch heran und hob den Deckel von einer Schüssel, in der ein prächtiges Brathuhn lag. Dieses wurde mit etwas Käse und Salat, sowie einer Flasche alten Tokaiers, von dem ich zwei Gläser trank, ergänzt. Während des Essens erkundigte sich der Graf über meine Reise, und ich erzählte ihm der Reihe nach meine Erlebnisse.

   Dann hatte ich meine Mahlzeit beendet, und auf Wunsch meines Gastgebers einen Stuhl an den Kamin herangezogen. Dann zündete ich mir eine Zigarre an, die er mir anbot. Er selbst entschuldigte sich, da er selbst nicht rauche. Ich hatte nun die Gelegenheit, ihn etwas zu beobachten, und ich fand, dass er ein sehr markantes Gesicht hatte.

   Es erinnerte an die Konturen eines Adlers – äußerst stark sogar – seine dünne Nase war hoch angesetzt, und seine Nasenlöcher waren eigenartig geformt; mit hoher gewölbter Stirn und einem Haar, das an den Schläfen zwar dünn, aber ansonsten sehr üppig war. Seine Augenbrauen waren dicht, wuchsen beinahe über der Nase zusammen und waren sehr buschig und gelockt. Der Mund, soweit ich ihn unter dem starken Schnurrbart erkennen konnte, sah ziemlich starr und grausam aus. Seine weißen scharfen Zähne ragten über die Lippen hervor, die auffallend rot waren und damit eine erstaunliche Lebenskraft für einen Mann seines Alters bekundeten. Seine Ohren waren blass und oben ungewöhnlich spitz; das Kinn war breit und fest, und die Wangen schmal, aber straff. Der allgemeine Eindruck war der einer außerordentlichen Blässe.

   Im Licht des Kaminfeuers hatte ich seine Hände bemerkt, die auf seinen Knien lagen und sehr weiß und schmal erschienen. Nun, aus nächster Nähe, sah ich, dass sie sehr grob wirkten, mit breiten und gedrungenen Fingern. Seltsamerweise waren da auch Haare auf seinen Handflächen. Die Nägel waren lang, dünn und zu scharfen Spitzen geschnitten. Als der Graf sich über mich lehnte und mich dabei mit seinen Händen berührte, konnte ich einen Schauder nicht unterdrücken. Mag auch sein, dass es an seinem Atem lag, aber es überkam mich ein Gefühl der Übelkeit, das ich mit aller Willenskraft nicht zu verbergen vermochte. Der Graf, der dies offensichtlich bemerkte, entfernte sich wieder etwas von mir; und mit einem grausigen Lächeln, das seine hervorstehenden Zähne stärker als zuvor zeigte, nahm er wieder seinen Platz am Kamin ein. Wir schwiegen für eine Weile; als ich zum Fenster hinaus sah, bemerkte ich die ersten schwachen Anzeichen der Morgendämmerung. Es lag eine beklemmende Ruhe über allen Dingen; doch als ich mich stärker konzentrierte, erschien es mir, als hörte ich im Tal das Heulen vieler Wölfe. Der Graf sagte mit glänzenden Augen:

   „Hören Sie zu – das sind die Kinder der Nacht. Welche Musik sie machen!“ Mein Gesichtsausdruck schien ihm vermutlich seltsam, und so fügte er rasch hinzu:

   „Ja, mein Herr, Ihr Städter seid eben nicht in der Lage, die Gefühle eines Jägers zu empfinden.“ Dann stand er auf und sagte:

   „Sie werden schon müde sein. Ihr Schlafzimmer ist bereit, und morgen können Sie so lange schlafen, wie sie wollen. Ich habe bis zum Abend zu tun; also schlafen und träumen Sie gut.“ Mit einer höflichen Verbeugung öffnete er mir die Türe zu dem achteckigen Zimmer, und ich trat in meine Schlafräumlichkeit.

   Ich bade in einem Meer aus Wundern. Ich zweifle; ich fürchte; ich denke an seltsame Dinge, die ich meiner Seele gar nicht zutraue. Gott beschütze mich, und sei es auch nur um derer willen, die mir lieb sind.

7. Mai. – Es ist wieder früher Morgen, aber ich habe die vorigen vierundzwanzig Stunden ausgeruht, und es mir gut gehen lassen. Ich schlief bis spät in den Tag hinein und erwachte von selbst. Als ich mich angekleidet hatte, begab ich mich in das Zimmer, wo ich zu Abend gegessen hatte und fand dort ein kaltes Frühstück für mich bereit. Der Kaffee war in einer Kanne auf dem Kamin heiß gestellt. Auf dem Tisch lag eine Karte, auf der stand:

   „Ich muss leider noch einige Zeit fern bleiben. Warten Sie nicht auf mich. – D.“

   So setzte ich mich und ließ mir die herzliche Mahlzeit schmecken. Als ich fertig war, suchte ich nach einer Glocke, um von der Dienerschaft abräumen zu lassen, doch ich konnte nirgends eine finden. Das war insofern merkwürdig in einem solchen Haus, das nach allem, was mich umgab, den Eindruck des größten Reichtums erweckte. Das Geschirr ist aus Gold und so wunderschön gefertigt, dass es einen unermesslichen Wert besitzen muss. Die Vorhänge und die Bezüge der Stühle und Sofas und die Behänge meines Bettes sind aus den kostbarsten Stoffen und müssen schon in der Zeit, wo sie angefertigt wurden, einen stolzen Preis gekostet haben. Sie sind Jahrhunderte alt, dabei vorzüglich erhalten. Ich habe solche Dinge ja auch in Hampton Court gesehen, aber da waren sie zerrissen, abgenützt und von Motten zerfressen. Aber in keinem der Zimmer befindet sich ein Spiegel. Es gibt nicht einmal einen Toilettenspiegel auf meinem Tisch, sodass ich meinen kleinen Handspiegel aus dem Koffer nehmen musste, um mich überhaupt rasieren und frisieren zu können. Ich habe bisher keinen Bediensteten gesehen oder etwas gehört außer dem Heulen der Wölfe. Nachdem ich mein Mahl beendet hatte – ich weiß nicht, ob ich es Frühstück oder Dinner nennen soll, denn es war zwischen fünf und sechs Uhr, als ich es zu mir nahm – suchte ich nach etwas Lesbarem, denn ich wollte nicht ohne die Erlaubnis des Grafen durch das Schloss gehen. Es war absolut nichts in diesem Zimmer: Keine Bücher, keine Zeitungen und sogar Schreibzeug fehlte; deshalb öffnete ich eine Türe des Raumes und fand eine Art Bibliothek. Die Tür gegenüber meinem Schlafzimmer probierte ich auch zu öffnen, doch sie war verschlossen.

   In der Bibliothek fand ich zu meiner größten Freude eine reiche Auswahl englischer Bücher, ganze Schränke voll davon, sowie gebundene Jahrgänge von Zeitschriften und Zeitungen. Lose Exemplare davon lagen auf einem Tisch, der in der Mitte des Raumes stand – keines aber war jüngeren Datums. Die Bücher waren unterschiedlichster Art – Geschichte, Geographie, Politik, Volkswirtschaftslehre, Botanik, Geologie, Rechtswissenschaften – alles über England, über englisches Leben, die Sitten und Gepflogenheiten. Es waren sogar Nachschlagewerke vorhanden wie das Adressbuch von London, das „Rote“ und das „Blaue“ Buch, Whitakers Almanach, die Armee-, Marine- und – es erfreute mein Herz dabei – sogar die Juristen-Rangliste.

   Während ich so in den Büchern herumstöberte, öffnete sich die Türe und der Graf trat ein. Er begrüßte mich herzlich und erkundigte sich, wie ich geschlafen hätte. Dann fuhr er fort:

   „Es freut mich, dass Sie sich hier eingefunden haben, denn ich bin sicher, dass Sie viel Interessantes vorfinden werden. Die Freunde hier“ – und er legte seine Hand auf einige der Bücher – „sind mir gute Freunde geworden. Sie haben mir schon seit Jahren, als ich den Entschluss fasste, nach England zu gehen, viele, viele freudige Stunden bereitet. Durch sie habe ich Ihr berühmtes England kennen gelernt; und es zu kennen, heißt, es auch zu lieben. Ich sehne mich danach, die übervollen Straßen Ihres mächtigen London zu durchschreiten, mitten im Wirbel und Taumel der Menschen. Ich möchte teilhaben an ihrem Leben, ihren Schicksalen, ihrem Streben und an all dem, was London zu dem macht, was es ist. Aber leider kenne ich Ihre Sprache nur aus Büchern. Sie, mein Freund, werden sagen, ob ich sie spreche.“

   „Aber, Graf“, sagte ich, „Sie kennen und beherrschen die englische Sprache durchaus.“ Er verbeugte sich mit ernstem Gesicht.

   „Ich danke Ihnen, mein Freund, für Ihre schmeichelhafte Wertschätzung. Aber ich fürchte trotzdem, dass ich erst ein kleines Stück auf dem Wege vorangekommen, den ich ganz zu durchschreiten gedenke. Vollkommen richtig, ich kenne die Grammatik und die Vokabeln, aber ich weiß sie doch nicht zu verwenden.“

   „Aber“, wiederholte ich, „Sie sprechen exzellent.“

   „Nicht, wie ich es möchte“, antwortete er. „Denn ich weiß sehr wohl, wenn ich in Ihr London übersiedle und spreche, dass es keinen gibt, der mich nicht sofort für einen Fremden hielte. Das ist mir eben nicht genug. Hier bin ich ein Adeliger; ein Bojar; die meisten Leute kennen mich, und ich bin ihr Herr. Aber ein Fremder in einem fremden Land ist gar nichts; Menschen würden ihn nicht kennen – und einen nicht kennen, heißt, sich nicht um ihn zu kümmern. Ich bin zufrieden, wenn ich mich von der Allgemeinheit nicht unterscheide, dass niemand stehen bleibt, wenn er mich sieht oder seine Rede unterbricht, weil er meine Stimme hört und sagt: ‚Ah! Ein Ausländer!’ Ich bin so lange Gebieter gewesen, dass ich auch einer bleiben möchte – zumindest will ich nicht, dass jemand über mich herrscht. Sie kommen nicht nur zu mir als Vertreter meines Freundes Peter Hawkins aus Exeter, um mir zu berichten, wie es um meine neue Liegenschaft in London bestellt ist. Sie werden, so hoffe ich, eine Zeit lang hier bleiben, damit ich aus unseren Gesprächen die englische Betonung erlerne; und ich würde mir von Ihnen wünschen, dass Sie mich aufmerksam machen, wenn ich einem Sprachfehler unterliege, und sei es auch nur der kleinste. Es tut mir leid, dass ich heute so lange wegbleiben musste; aber Sie werden jemandem verzeihen, der wichtige Geschäfte verantwortet.“

   Natürlich sagte ich ihm, dass ich gerne alles tun werde, was in meinen Kräften stünde, und fragte ihn, ob ich dieses Zimmer jederzeit betreten dürfe, wenn ich es wolle. Er antwortete: „Ja, gewiss“, und fügte hinzu:

   „Sie können im Schloss herum gehen, wo Sie wollen, außer dahin, wo die Türen verschlossen sind. Aber da wollen Sie ja ohnedies nicht hinein. Es hat seinen Sinn, dass alles so ist, wie es ist, und könnten Sie mit meinen Augen sehen und hätten meine Erfahrungen, so würden Sie mich noch besser verstehen.“ Ich sagte ihm, dass das selbstverständlich sei. Er fuhr fort mit den Worten:

„Wir sind in Transsylvanien; und Transsylvanien ist nicht England. Unsere Wege sind nicht die Ihrigen. Und manches möchte Ihnen sonderbar erscheinen. Nach allem, was Sie gehört haben, wissen Sie ohnehin, dass sich hier seltsame Dinge abspielen.“

   Dies führte uns zu einer ausgedehnten Konversation; und da ich bemerkte, dass er nur allzu gerne plauderte, und sei es nur des Sprechens wegen, so stellte ich ihm viele Fragen, die Dinge betrafen, die ich bislang erlebt oder erfahren hatte. Manchmal lenkte er vom Gespräch ab, oder er unterbrach es, und gab vor, nicht genau verstanden zu haben; aber im Allgemeinen antwortete er mir offen auf alle gestellten Fragen. Als dann die Zeit vorrückte, und ich etwas kecker wurde, fragte ich ihn über einige der kuriosen Dinge der vergangenen Nacht. So etwa, warum der Kutscher den blauen Lichtern nachgegangen war? Ob es wirklich wahr wäre, dass sie verstecktes Gold anzeigten? Er erklärte mir, dass allgemein der Glaube verbreitet sei, dass in einer bestimmten Nacht des Jahres – tatsächlich war es gerade die vergangene Nacht, in der alle bösen Geister freie Bahn haben sollten – blaue Flammen sich an den Plätzen zeigen, wo ein verborgener Schatz liege. „Solche Schätze liegen vergraben“, fuhr er fort, „bezüglich der Gegend, durch die Sie in dieser Nacht kamen, habe ich keinen Zweifel. Um jeden Fußbreit dieses Bodens kämpften Jahrhunderte lang Walachen, Sachsen und Türken. Da ist schwerlich auch nur ein Fußbreit Boden, der nicht von Menschenblut getränkt wurde, von Patrioten oder Eindringlingen. Da spielten sich hier berührende Szenen ab, als die Österreicher und die Ungarn in Horden hier auftauchten. Die Eingeborenen zogen aus, um sich ihnen entgegen zu stellen – Männer und Frauen, die Alten und die Kinder – und sie erwarteten deren Ankunft auf den Felsen oberhalb der Pässe, um durch künstliche Lawinen den Untergang der Feinde zu besiegeln. Falls jedoch der Feind obsiegen sollte, so fand er nichts mehr vor; denn was man besaß, hatte man der heimischen Erde anvertraut.“

   „Aber“, sagte ich, „wie kann es sein, dass die Schätze so lange nicht ausgegraben wurden, wenn es gesicherte Anzeichen gibt, und man nur nachzusehen braucht?“ Der Graf lächelte. Dabei zogen sich seine Lippen über das Zahnfleisch zurück und die langen, scharfen, hundeähnlichen Zähne traten hervor; er antwortete:

   „Weil unsere Bauern vom Herzen her Feiglinge sind und dumm! Diese Flammen erscheinen nur in einer einzigen Nacht; und in dieser Nacht hält sich niemand in diesem Land außerhalb seines Hauses auf, wenn er nicht muss. Und, lieber Herr, selbst wenn er es wagte, würde er nicht wissen, was zu tun wäre. Und auch, wenn er sich die Plätze merkt, wo er die Lichter sieht, und am nächsten Tag wiederkehrt, hat er nicht mehr den geringsten Anhaltspunkt, um sein Werk zu beginnen. Ich getraue mir zu schwören, dass auch Sie keinen der Plätze mehr finden würden.“

   „Da haben Sie völlig recht“, sagte ich. „Außer den Toten wüsste ich niemanden, der uns bei der Schatzsuche behilflich sein könnte“, fügte ich hinzu. Dann wandten wir uns einem anderen Thema zu.

   „Kommen Sie“, sagte er, „erzählen Sie mir von London und dem Haus, das Sie für mich ausgesucht haben.“ Ich bedauerte meine Nachlässigkeit, ging auf mein Zimmer und holte die Papiere aus meinem Koffer. Während ich diese etwas sortierte, hörte ich aus dem Speisezimmer das Klappern von Porzellan und Silber, und als ich zurückkam, war der Tisch abgeräumt und die Lampe angezündet; es dunkelte schon stark. Auch im Bibliothekszimmer waren die Lampen angezündet, und der Graf lag auf dem Sofa, und las ausgerechnet, von allen Dingen dieser Erde, einen Bradshaw-England-Führer. Als ich wieder herein trat, räumte er die Bücher und Zeitungen vom Tisch und vertiefte sich dann mit mir in die Pläne, Urkunden und Zahlen aller Art. Er konnte sich für alles interessieren und stellte mir eine Unzahl an Fragen über das Grundstück und seine Umgebung. Er hatte, wie es schien, bereits vorher alles studiert, was er über die Nachbarschaft in Erfahrung bringen konnte, denn er wusste eigentlich mehr als ich. Als ich ihm mein Erstaunen zum Ausdruck brachte, sagte er:

   „Ja, aber mein Freund, ist es nicht absolut notwendig, dass ich das tun musste? Wenn ich dorthin ziehe, bin ich alleine, und mein Freund Harker Jonathan – verzeihen Sie, ich habe nach der Gewohnheit meines Landes den Familiennamen vorgestellt – mein Freund Jonathan Harker wird nicht bei mir sein und mir helfen. Er wird in Exeter sein, viele Meilen von mir entfernt, und möglicherweise mit meinem anderen Freund, Peter Hawkins, Gerichtsakten durcharbeiten. Ist es nicht so?“

   Wir vertieften uns in die Kaufabwicklung der Liegenschaft in Purfleet. Als ich ihn noch über ein paar Details unterrichtet, und er die notwendigen Papiere unterzeichnet hatte, schrieb er noch einen Brief, um diesen dem Schreiben, das bereits für Herrn Hawkins vorbereitet war, beizulegen. Er fragte mich, wie ich auf diesen herrlichen Platz aufmerksam geworden wäre. Ich las ihm meine Aufzeichnungen vor, die ich mir damals in dieser Angelegenheit notiert hatte, und die ich wörtlich hier niederschreibe:

   ‚In Purfleet, in einer Nebengasse, fand ich ein Grundstück, wie ich es gerade brauchte. Eine verwaschene Tafel zeigte an, dass es zu verkaufen wäre. Es ist umgeben von einer hohen Mauer mit altertümlicher Struktur, gebaut aus schweren Natursteinen, und ist seit geraumer Zeit nicht mehr in Stand gehalten worden. Die verschlossenen Tore waren aus schwerem Eichenholz und mit verrosteten Eisenbeschlägen versehen.

   Das Grundstück heißt Carfax, ohne Zweifel eine verbale Verstümmelung des alten „Quartre Faces“, denn das Haus ist würfelförmig, die Seiten nach den vier Himmelsrichtungen ausgerichtet. Das Besitztum ist in Summe zwanzig Morgen groß, vollkommen umschlossen von der bereits erwähnten Steinmauer. Zudem gibt es viele Bäume, was einen gewissen düsteren Charakter bewirkt. Des Weiteren befindet sich dort ein tiefer, dunkler Teich oder kleiner See, der anscheinend von unterirdischen Quellen genährt wird; das Wasser ist klar und fließt in einen stattlichen Bach. Das Haus ist sehr groß; ein Teil der Mauern ist von immens dicken Steinen erbaut; die wenigen Fenster sind hoch über dem Boden angebracht und stark vergittert. Es sieht aus wie der Teil einer Festung und steht nahe bei einer alten Kapelle oder Kirche. Ich konnte dort nicht hinein, da ich keinen Schlüssel besaß, der den Zutritt vom Haus aus ermöglicht hätte; aber ich machte mit meiner Kodak Aufnahmen von verschiedenen Positionen. Das Haus war ziemlich verzweigt und ich kann die Fläche nur schwer schätzen, die es bedeckt. In der Nachbarschaft befinden sich nur wenige Gebäude; eines davon ist sehr groß, erst kürzlich gebaut, als Privatirrenanstalt eingerichtet und vom Grundstück aus nicht einsehbar.“

   Als ich ihm diese Aufzeichnungen vorgelesen hatte, sagte er:

   „Es freut mich, dass das Haus alt und groß ist. Ich selbst stamme aus einer alten Familie und das Wohnen in einem neuen Haus würde mich umbringen. Ein Haus kann nicht an einem Tag wohnlich gemacht werden; und dann, wie viele Tage vergehen, bis ein Jahrhundert um ist. Es ist mir auch lieb, eine ältere Kapelle zu besitzen. Wir transsylvanischen Adelsleute wollen nicht, dass unsere Gebeine zwischen denen gewöhnlicher Sterblicher bestattet werden. Ich suche nicht Fröhlichkeit und Freud, nicht die Sinnlichkeit des warmen Sonnenscheins und des glitzernden Wassers, wie es die Jugend und die Heiteren tun. Ich bin nicht mehr jung; und mein Herz ist durch wiederholte Trauer um Verstorbene nicht mehr des Frohsinns zugänglich. Auch die Mauern meines Schlosses sind zerfallen; der Schatten gibt es viele, und der Wind pfeift kalt durch zerbröckelnde Zinnen und Fenster. Ich liebe die Düsterkeit und die Schatten und bin gern allein mit meinen Gedanken, wenn ich es möchte.“

   Manchmal hatte ich den Eindruck, als würden seine Worte nicht ganz seiner Mimik entsprechen oder vielleicht lag es auch daran, dass sein Gesicht durch seine Art, wie er lächelt, immer bösartig wirkte.

   Er stand auf und entschuldigte sich für einige Zeit. Er bat mich, einstweilen meine Papiere wieder in Ordnung zu bringen. Kurz nachdem er gegangen war, betrachtete ich einige der Bücher, die um mich herum lagen. Eines war ein Atlas, und natürlich war die Karte von England aufgeschlagen – scheinbar viel benützt. Als ich darauf sah, bemerkte ich, dass bestimmte Orte mit kleinen Kreisen versehen waren. Einer an der Ostseite von London, dort, wo sein zukünftiges Eigentum lag; zwei weitere waren bei Exeter und bei Whitby an der Küste von Yorkshire.

   Es dauerte fast eine Stunde, bis der Graf wieder zurückkam.

   „Aha“, sagte er; „immer noch über Ihren Büchern? Gut! Aber Sie dürfen nicht immer arbeiten. Kommen Sie mit. Ich wurde informierte, dass Ihr Souper schon bereit steht.“ Er nahm meinen Arm und führte mich in das nächste Zimmer, wo ich ein vorzügliches Abendessen angerichtet fand. Der Graf entschuldigte sich erneut, dass er bereits gegessen habe, als er auswärts war. Er saß da, wie in der Nacht vorher, und redete, während ich aß. Nach dem Mahl rauchte ich, und der Graf blieb bei mir, indem er mich über alle erdenklichen Dinge ausfragte – Stunde um Stunde. Ich merkte, dass es wirklich sehr spät wurde, sagte aber nichts, da ich mich verantwortlich fühlte, den Wünschen meines Gastgebers in jeder Weise entgegen zu kommen. Ich war nicht müde, denn die lange Ruhe von gestern hatte mich gekräftigt; aber ich empfand unwillkürlich den Schauer, der einen bei Anbruch des Tages befällt. Der Wechsel der Tageszeiten ähnelt in gewisser Hinsicht den Gezeiten der See. Es wird berichtet, dass todkranke Menschen gewöhnlich bei Anbruch der Dämmerung oder beim Wechsel der Gezeiten sterben; jeder, der ermüdet war, und auf einem Posten auszuharren hatte und selbst dem Einfluss dieser Änderung der Atmosphäre ausgesetzt war, dem wird das leicht begreiflich sein. Dann hörten wir draußen den Schrei eines Hahns, der mit unheimlicher Klarheit durch die reine Morgenluft zu uns drang. Graf Dracula sprang auf und sagte:

   „Was, schon wieder Morgen? Wie nachlässig von mir, Sie so lange aufzuhalten! Sie müssen Ihre Unterhaltung über meine neue englische Heimat weniger interessant gestalten, sodass ich nicht vergesse, wie die Zeit uns davon fliegt.“ Dann verabschiedete er sich mit höflicher Verbeugung.

   Ich begab mich auf mein Zimmer und zog die Vorhänge zurück, aber da gab es nur wenig zu sehen; Mein Fenster ging auf den Hof, und alles, was ich sehen konnte, war das warme Grau des erwachenden Tages über dem Hof. So zog ich die Vorhänge wieder zu und schrieb meine Tageserlebnisse nieder.

8. Mai. – Anfangs, als ich mein Tagebuch zu schreiben begann, befürchtete ich, zu ausufernd zu werden; nun bin ich aber froh, dass ich von Anfang an kein Detail ausließ, da alles hier so merkwürdig ist, dass mir nichts anderes verblieb, als mich unbehaglich zu fühlen. Ich wünschte, ich wäre wieder heil weg von hier oder erst gar nicht hierher gekommen. Es mag ja sein, dass mich das ungewohnt lange Aufbleiben mitnimmt; aber wenn es nur das allein wäre! Wenn ich nur jemanden hätte, mit dem ich mich aussprechen könnte, dann ließe es sich leichter ertragen, aber es gibt hier niemanden. Zur Konversation habe ich nur den Grafen, und der! – Ich fürchte, ich bin die einzig lebende Seele innerhalb dieser Mauern. Ich will die Sache etwas sachlicher auffassen als die Fakten es erlauben; es wird mir helfen, das Ganze hier durchzustehen. Meine Fantasie darf keine Sprünge machen; andernfalls bin ich verloren. Nun aber weiter mit dem, was ich erlebte – oder zu erleben glaubte.

   Ich schlief nur wenige Stunden, und als ich merkte, dass ich nicht weiter schlafen könne, stand ich auf. Ich hatte meinen Rasierspiegel am Fenster befestigt und begann, mich zu rasieren. Plötzlich fühlte ich eine Hand auf meiner Schulter, und ich hörte die Stimme des Grafen „Guten Morgen“ sagen. Ich schrak zusammen, denn ich hatte ihn nicht kommen sehen, wenngleich der Spiegel es mir ermöglichte, das ganze Zimmer hinter mir zu überblicken. Aus Schreck hatte ich mich leicht geschnitten, achtete aber im Augenblick nicht darauf. Nachdem ich den Gruß des Grafen erwidert hatte, wandte mich nochmals zu dem Spiegel, ob ich mich nicht doch getäuscht hätte. Dieses Mal war jeder Irrtum ausgeschlossen, denn der Mann stand so nah bei mir, dass ich ihn über meine Schulter hinweg sehen hätte können. Aber der Spiegel zeigte nichts von ihm! Das ganze Zimmer hinter mir war sichtbar; aber außer mir war keiner sonst im Spiegel zu erblicken. Das war merkwürdig und rückte an die oberste Stelle der Dinge, die mir hier an Merkwürdigkeiten untergekommen sind. Ich empfand wieder dieses grauenhafte Unbehagen, wie immer, wenn der Graf in meine Nähe trat; nun bemerkte ich, dass die kleine Verletzung blutete, und dass das Blut über mein Kinn herunter tropfte. Ich legte den Rasierer weg und wandte mich zur Seite, um mir ein Pflaster zu holen. Der Graf sah mein Gesicht, und seine Augen glänzten in dämonischem Feuer, und er griff rasch nach meiner Kehle. Ich drehte mich weg und dabei berührte seine Hand die Perlen meines Rosenkranzes. Das brachte einen raschen Wandel in ihm; seine Erregung legte sich so rasch, dass ich kaum glauben konnte, sie wäre jemals da gewesen.

   „Nehmen Sie sich in acht“, sagte er, „dass Sie sich nicht schneiden. In diesem Land ist dies gefährlicher als Sie glauben mögen.“ Dann ergriff er meinen Toilettenspiegel und fuhr fort: „Und dieses verflixte Ding ist schuld an dem Unheil. Es ist ein miserables Spielzeug menschlicher Eitelkeit. Fort damit!“ Er öffnete das große Fenster, und mit einem Ruck seiner schrecklichen Hand warf er den Spiegel hinaus, der tief unten auf dem Pflaster des Schlosshofes in tausend Scherben zerbarst. Dann ging er, ohne ein Wort zu sagen. Es ist mir sehr unangenehm, denn ich muss nun, wenn ich zum Rasieren etwas sehen will, den Deckel meiner Uhr oder den Boden meiner Seifenschale benutzen, die zum Glück aus Metall gefertigt sind.

   Als ich das Speisezimmer betrat, war das Frühstück schon vorbereitet; vom Grafen war hingegen nichts zu sehen. So aß ich alleine. Es ist merkwürdig, dass ich den Grafen bis heute noch nicht essen oder trinken sah. Er scheint überhaupt ein komischer Kauz zu sein! Nach dem Frühstück unternahm ich eine kleine Erkundungstour im Schloss. Ich trat auf den Flur hinaus und entdeckte ein kleines Zimmer mit wunderbarer Aussicht gegen Süden. Das Schloss steht in der Tat am Rande eines atemberaubenden Abgrundes. Ein Stein, den man aus dem Fenster werfen würde, fiele wohl über tausend Fuß hinab, ohne irgendwo anzustoßen! So weit das Auge reicht, erstreckt sich ein Meer von grünen Baumwipfeln, die nur gelegentlich von tiefen Gräben unterbrochen werden. Da und dort tauchen Silberstreifen auf, wo die Flüsse sich in den tiefen Schluchten durch die Wälder schlängeln.

   Aber ich bin nicht in der Laune, Schönheiten zu beschreiben. Nachdem ich mich kurz dem Reiz dieser herrlichen Natur hingegeben hatte, setzte ich meine Nachforschungen fort; Türen, Türen, überall Türen. Allesamt verschlossen und verriegelt. Nirgends gab es einen Ausweg, außer über die Fenster. Das Schloss ist ein wahrhaftes Gefängnis, und ich bin ein Gefangener!

DRITTES KAPITEL
DAS TAGEBUCH VON JONATHAN HARKER

– Fortsetzung -

Als ich zu der Erkenntnis kam, dass ich ein Gefangener sei, ergriff mich Raserei. Ich lief die Stiegen auf und ab, probierte jede Tür und spähte bei jedem Fenster hinaus, das ich finden konnte; aber bald ereilte mich die Gewissheit meiner Hilflosigkeit, die alles andere überschattete. Wenn ich auf die paar Stunden zurück schaue, kommt es mir so vor, als sei ich verrückt gewesen, denn ich benahm mich wie eine Ratte, die in eine Falle geraten war. Als ich davon überzeugt war, dass meine Lage hoffnungslos sei, setzte ich mich ruhig nieder – so ruhig wie ich noch nie zuvor in meinem Leben etwas getan habe – und sann darüber nach, was nun wohl am besten zu geschehen hätte. Darüber denke ich immer noch nach und bin bis jetzt zu keinem Ergebnis gekommen. Eines aber ist gewiss: Es wäre absolut unnütz, dem Grafen meine Ideen zu unterbreiten. Er weiß recht wohl, dass er mich gefangen hält; und da er es selbst tut und Gründe dafür haben muss, würde er mir höchstens Probleme bereiten, wenn ich ihm etwas von meinen Absichten sagen würde. Soweit ich es bis jetzt beurteilen kann, wird es das Beste sein, ich lasse nichts von meinen Erfahrungen und Befürchtungen verlauten und halte die Augen offen. Ich fühle, dass ich entweder von meiner Angst getäuscht werde wie ein kleines Kind, oder aber ich befinde mich in einer verzweifelten Klemme. Und ist Letzteres der Fall, so muss ich unbedingt meinen ganzen Verstand daran setzen, um heraus zu kommen. Kaum war ich zu diesem Entschluss gelangt, da hörte ich, wie unten die schwere Tür sich schloss und wusste, dass der Graf hereinkam. Da er mich aber nicht in der Bibliothek aufsuchte, ging ich leise in mein Zimmer und traf ihn gerade an, wie er mein Bett in Ordnung brachte. Das war nun sehr merkwürdig, aber es bestätigte mir nur das, was ich mir schon die ganze Zeit gedacht hatte, nämlich dass es keine Dienstboten im Hause gab. Als ich ihn dann durch eine Türspalte das Dinner auftragen sah, war ich meiner Sache sicher; denn wenn er diese häuslichen Verrichtungen alle selbst besorgt, so steht doch außer Zweifel, dass er eben niemand dafür hat. Ein jäher Schreck durchfuhr mich, denn, wenn niemand im Hause war, dann muss der Graf selbst das Fuhrwerk gelenkt haben, das mich hierher brachte. Ein scheußlicher Gedanke; denn dann hatte er auch Gewalt über die Wölfe, denen er mit einem Wink seiner Hand Stillschweigen gebot. Warum hatten alle Leute in Bistritz und auch meine Reisegefährten so lebhafte Sorge um mich? Was war der Grund, dass man mir Kruzifix, Knoblauch, wilde Rosen und Ebereschenzweige schenkte? Wie dankbar bin ich der alten Frau, die mir den Rosenkranz um den Hals hängte; er ist Trost und Stärkung für mich, wenn ich ihn berühre. Ein seltsames Ding, das ich bisher mit einer Abneigung als götzendienerisches Symbol zu betrachten gewohnt war. Nun brachte es mir Hilfe in meiner Einsamkeit und Not. Liegt es in der Beschaffenheit des Dinges selbst oder ist es nur das Medium, das eine trostreiche Erinnerung an das Mitgefühl der alten Frau wachruft? Später, wenn es mir noch möglich sein sollte, werde ich die Sache eingehend studieren und mir Aufklärung darüber verschaffen. In der Zwischenzeit muss ich alles über Graf Dracula auskundschaften – was mir dabei helfen kann, ihn zu verstehen. Heute Abend möchte ich das Gespräch so lenken, dass er mir etwas von sich erzählt. Ich muss äußerst vorsichtig sein, um nicht seinen Verdacht zu wecken.

   Mitternacht. – Ich hatte ein langes Gespräch mit dem Grafen. Ich fragte ihn einiges über die Geschichte Transsylvaniens, und er erwärmte sich auffallend dieses Themas. Seine Erzählungen von Ereignissen und Personen – besonders von Schlachten – waren so lebhaft geschildert, als hätte er alles selbst miterlebt. Er erklärte es mir nachher damit, dass er Bojar sei. Und der Stolz seines Hauses und seines Namens ist des Bojaren größter Stolz. Sodass ihr Ruhm auch immer sein Ruhm und dass ihr Schicksal auch immer sein Schicksal sei. Wenn er von seiner Familie sprach, sagte er immer „wir“ und sprach davon im Plural, wie wenn ein König spricht. Ich wünschte, ich könnte alles so niederschreiben, wie er es erzählte, denn für mich war das alles äußerst spannend. Es schien, als hätte er die ganze Geschichte seines Landes in sich. Er wurde immer erregter, als er sprach, und ging durchs Zimmer, während er seinen langen, weißen Schnurrbart strich und seine Hände auf verschiedene Gegenstände legte, als wolle er sie zerdrücken mit größter Wucht. Eines aber möchte ich, so gut wie ich nur kann, wörtlich wiedergeben; es enthüllt auf seine Art die Geschichte seiner Herkunft:

   „Wir Szekler haben ein Recht, stolz zu sein, denn in unseren Adern fließt das Blut vieler tapferer Völker, die wie Löwen um die Herrschaft kämpften. Hierher, im Wirbel europäischer Rassen, trug der ugrische Stamm von Island den Kampfgeist, den Thor und Wodan ihm eingepflanzt hatten. Sie fielen als gefürchtete Berserker an den Küsten Europas, Asiens und Afrikas ein, sodass die Völker dachten, eine Armee bestehend aus Werwölfen sei eingebrochen. Und auch als sie in dieses Land kamen, trafen sie auf die Hunnen, deren kriegerischer Wahnsinn wie eine lodernde Flamme über die Erde hinweg gefegt war; bis die sterbenden Menschen erzählten, sie seien die Nachkommen jener alten Hexen, die, aus Skythien vertrieben, sich in der Wüste mit den Teufeln verbanden. Narren, Narren! Welcher Teufel oder welche Hexe war so mächtig wie Attila, dessen Blut in diesen Adern kreist?“

   Er streckte seine Arme aus. „Ist es ein Wunder, dass wir ein Stamm von Eroberern sind; dass wir stolz sind, dass wir die Magyaren, die Lombarden, die Awaren, die Bulgaren und die Türken – die gegen unsere Grenzen anrückten – in die Flucht trieben? Ist es verwunderlich, dass Großfürst Arpad, als er mit seinen Legionen über das ungarische Vaterland hinwegfegte, uns hier antraf, als er die Grenze erreichte; dass die Landnahme durch Arpad hier endete? Und als die ungarische Flut in Richtung Osten schwappte, war es klar, dass die Szekler mit den siegreichen Magyaren verbündet waren, und auf Jahrhunderte hinaus wurde uns der Schutz der Grenze gegen die Türken anvertraut. Es war keine leichte Aufgabe, denn wie die Türken sagen: „Das Wasser schläft, aber der Feind nicht.“ Wer hätte stolzer auf das von den vier Nationen anvertraute „blutige Schwert“ sein können als wir, und wer eilte auf ihren Kriegsruf schneller zu den Fahnen des Königs als wir? Dann kam die große Schmach unseres Volkes, die Schmach von Cassova. Wer war es, der als Woiwode die Donau überschritt und die Türken auf eigenem Boden schlug, als die Flaggen der Walachen und Magyaren vor dem Halbmond in den Staub sanken? Das war ein Dracula! Doch wehe, als er fiel, war es sein eigener unwürdiger Bruder, der das Volk an die Türken verkaufte und damit die Schande der Sklaverei herbei brachte. War es nicht dieser Dracula, der seine Nachkommen mit seinem Geist anfeuerte, immer und immer wieder über den breiten Strom in die Türkei einzufallen? Er wurde zurückgetrieben und kam wieder, wieder und wieder, und kehrte als Einziger vom blutigen Schlachtfeld heim, wo sein Stamm niedergemetzelt worden war, und dann wusste er, dass nur er allein letztlich triumphieren könne. Man sagt ihm nach, dass er nur an sich dachte. Bah! Was taugt ein Kriegsvolk ohne einen Führer? Wo endet ein Krieg, der weder vom Kopf noch vom Herz geleitet wird? Dann, als wir nach der Schlacht von Mohacs das ungarische Joch abschüttelten, waren wir, die Führer, wieder aus dem Blute Draculas, denn unser Geist hätte es nicht ertragen, unfrei zu sein. Ja, junger Herr, die Szekler – und das Herzblut, Gehirn und Schwert von Dracula – können sich einer Vergangenheit rühmen, die kein Allerweltsgeschlecht wie die Habsburger oder die Romanows je erreichen wird. Die kriegerischen Zeiten sind vorbei. Blut ist zu kostbar in diesen Tagen unehrenhaften Friedens; und der Ruhm großer Geschlechter ist nur mehr wie eine Sage, die erzählt wird.“

   Es war zu dieser Stunde fast wieder Morgen geworden, und wir gingen zu Bett. (Anmerkung: Dieses Tagebuch gleicht erschreckend der Einleitung von „Tausend und einer Nacht“, denn mit dem Hahnenschrei endet jedes Mal die Erzählung – oder ebenso wie der Geist von Hamlets Vater.)

12. Mai. – Ich beginne mit Tatsachen, mit den nackten und reinen Tatsachen, die durch Bücher und Zahlen belegt sind, und an denen nicht gezweifelt werden kann. Ich darf sie nicht mit eigenen Erfahrungen vermengen. Als der Graf vergangenen Abend aus seinem Zimmer kam, begann er, mich über rechtliche Dinge und wirtschaftliche Schritte auszufragen. Ich hatte den ganzen Tag bis zur Erschöpfung über den Büchern verbracht. Ich war auf die Idee gekommen, um mein Gedächtnis auf Trab zu halten, das zu wiederholen, was ich beim Examen auf der Lincoln’s Inn Rechtsschule geprüft worden war. Der Graf verwendete eine eigene Fragenmethodik, und deshalb werde ich versuchen, sie möglichst in einer Reihenfolge wieder zu geben; ein vertieftes Wissen könnte mir irgendwo und irgendwann vielleicht nützlich sein.

   Zuerst fragte er mich, ob es in England erlaubt sei, zwei oder mehrere Rechtsberater zu haben. Ich erzählte ihm, er könne ein Dutzend anstellen, wenn er es wünsche, aber dass es nicht vernünftig wäre, mehr als einen Advokaten in einer Angelegenheit zu beschäftigen, denn es könne doch immer nur einer wirklich tätig sein. Und ein Wechsel des Mandatars würde nur seinen Interessen entgegenstehen. Er schien es zu verstehen und fragte dann weiter, ob es Schwierigkeiten gäbe, jemanden für monetäre und einen anderen für Schifffahrtsangelegenheiten anzuheuern, falls irgendwo ein regionales Handeln nötig sei, was durch die große Entfernung des finanziellen Sachwalters erschwert würde. Ich bat ihn, sich klarer auszudrücken, damit absolut keine Gefahr bestehe, von mir falsch informiert zu werden. Er sagte daraufhin:

   „Ich will es Ihnen anhand eines Beispiels illustrieren. Sie und mein Freund, Peter Hawkins, kaufen mit Hilfe seiner Kanzlei im Schatten der herrlichen Kathedrale von Exeter – die weit entfernt von London liegt – für mich mein Grundstück in London. Gut! Nun, lassen Sie es mich offen sagen, es würde Sie doch verwundern, dass ich mich der Dienste jemandes bedient hätte, dessen berufliches Umfeld so weit entfernt liegt, anstatt jemand zu engagieren, der dort residiert. Es lag mir aber vor allem daran, dass der von mir Beauftragte nur dadurch geleitet werden sollte, meine sämtlichen Wünsche zu erfüllen. Nachdem es aber nicht ausgeschlossen erscheint, dass ein Londoner Anwalt dabei seine oder die Interessen von Bekannten im Auge haben könnte, beschloss ich, mir einen aus der weiteren Umgebung von London zu wählen – einen, der ausschließlich meinen Interessen folgt. Nun nehme ich an, ich will per Schiff Waren nach Newcastle, Durham, Harwich oder Dover transportieren lassen – und das ist bei der Ausdehnung meiner Geschäfte nicht ausgeschlossen -, wäre es da nicht besser, meine Angelegenheiten durch einen Agenten besorgen zu lassen, der in einem der betreffenden Häfen ansässig ist?“ Ich erwiderte, dass die Sache ohne Zweifel ihre guten Seiten habe, aber auch, dass wir Advokaten ein Verbundsystem bildeten, und einer für den anderen die Erledigung lokaler Angelegenheiten übernähme. Für seinen Zweck würde es auch genügen, seinen Anwalt einfach mit der Sache zu beauftragen; die betreffenden Wünsche würden dann auf dem beschriebenen Weg erfüllt.

   „Ganz recht“, antwortete er, „aber ich hätte dann doch größere Freiheit in meinen Anordnungen, ist es nicht so?“

   „Allerdings“, antwortete ich, „manche Unternehmer machen das auch, um nicht einer einzigen Person alle Angelegenheiten zu übertragen.“

   „Gut!“, sagte er und fuhr dann weiter fort über die Art, wie man am besten Warensendungen einleite, und welche Formalitäten zu erfüllen wären. Er dachte an alle Schwierigkeiten, auf die sein Unternehmen eventuell stoßen könnte, und wie sie zu vermeiden wären. Ich erklärte ihm alles nach bestem Wissen und Gewissen und kam schließlich zu dem Eindruck, dass er selbst ein hervorragender Jurist wäre, denn es gab nichts, woran er nicht gedacht und was er nicht in den Kreis seiner Erwägungen gezogen hätte. Für jemanden, der noch nie in England gewesen und offenbar wenig mit wirtschaftlichen Transaktionen zu tun hatte, waren sein Wissen und sein Scharfsinn beachtlich. Als er sich über all die Dinge über die wir sprachen, ausreichend informiert fühlte, und ich meine Angaben mit der verfügbaren Literatur so gut als möglich überprüft hatte, stand er plötzlich auf und sagte:

   „Haben Sie schon unserem Freund Peter Hawkins oder sonst jemandem einen Brief geschrieben?“ Mit einer gewissen Bitterkeit im Herzen antwortete ich, dass ich dies noch nicht getan und auch noch keine Gelegenheit dazu gehabt hätte, einen Brief an irgendjemanden zu schicken.

   „Dann schreiben Sie jetzt, mein junger Freund“, sagte er, indem er seine Hand schwer auf meine Schulter legte; „schreiben Sie an unseren Freund, und an wen auch immer Sie wollen, und teilen Sie mit, dass, wenn es Ihnen lieb ist, Sie noch einen Monat hier bei mir verbringen wollen.“

   „Wollen Sie wirklich, dass ich noch so lange bleibe?“, fragte ich, und mein Herz gefror bei diesem Gedanken.

   „Es mehr als nur ein Wunsch; denn, eine Ablehnung würde ich nicht tolerieren. Wenn Ihr Meister, Vorgesetzter, oder wie auch immer Sie ihn nennen wollen, jemanden an seiner statt schickt, so darf ich doch wohl verstehen, dass all meinen Bedürfnissen entsprochen wird. Ich habe doch keinen Zeitraum bestimmt. Ist es nicht so?“

   Was wollte ich anders tun als verbeugend zu akzeptieren? Es war Herrn Hawkins´ Sache und nicht meine. Ich musste für ihn handeln, nicht für mich. Und während Graf Dracula sprach, lag da wieder etwas in Draculas Augen und in seinem Benehmen, was mich erinnerte, dass ich ein Gefangener war, und dass mir bei allem Wünschen keine andere Wahl geblieben wäre. Der Graf sah seinen Sieg in meiner Verbeugung und in der Erregung meines Gesichtes, denn er begann in seiner verbindlichen, aber unwiderstehlichen Art:

   „Ich bitte Sie, mein lieber junger Freund, dass Sie in Ihren Briefen nichts anderes als geschäftliche Belange berühren. Außerdem wird es Ihre Freunde zweifellos erfreuen, dass sie in bester Verfassung sind, und Sie sich schon darauf freuen, sie wieder in Ihrer Heimat zu sehen. Ist es nicht so?“ Nachdem er das gesagt hatte, gab er mir drei Seiten Briefpapier und drei Kuverts. Die Übersee-Kuverts waren aus dünnstem Papier; ich sah auf das Briefpapier, dann auf ihn und bemerkte sein ruhiges Lächeln, welches wieder die scharfen, weißen und hinter der roten Unterlippe hervorragenden Zähne entblößte. Da wurde mir klar, was er damit sagen wollte, ich sollte vorsichtig mit der Korrespondenz sein, da er alles lesen könne. Ich beschloss daher, erst einige formelle Zeilen und dann, im Geheimen, sehr ausführlich an Herrn Hawkins und an Mina zu schreiben, deren Brief ich stenografisch verfassen wollte; der Graf sollte ihn wenigstens nicht lesen können, wenn er in seine Hände fiele. Als ich meine zwei Briefe geschrieben hatte, saß ich eine Weile still da und las in einem Buch, während der Graf einige Zeilen schrieb, anscheinend Notizen aus einem der vor ihm liegenden Bücher. Dann nahm er meine zwei Briefe und legte sie zu den seinen, nachdem er das Schreibzeug wieder in Ordnung gebracht hatte. Er verließ das Zimmer, und ich nutzte rasch die Gelegenheit, nach den Adressen seiner Briefe zu sehen, die mit der Vorderseite auf dem Tisch lagen. Es erschien mir nicht als Vertrauensbruch, denn unter diesen Umständen hielt ich alles für erlaubt, wodurch ich mich vielleicht retten konnte. Das eine Schreiben war an Samuel F. Billington, Nr. 7, The Crescent, Whitby, das andere an Herrn Leutner, Varna, gerichtet; das dritte erging an Coutts & Co., London, und das vierte an die Herren Klopstock & Billreuth, Bankiers in Budapest. Der zweite und der vierte Brief waren noch nicht verschlossen. Gerade als ich sie lesen wollte, bemerkte ich, dass sich die Türklinke bewegte. Rasch ließ ich mich auf meinen Stuhl zurückfallen, nachdem ich gerade noch Zeit gehabt hatte, die Briefe wieder in ihre ursprüngliche Ordnung zu bringen, und mein Buch zu ergreifen, ehe der Graf, der einen Brief in der Hand trug, ins Zimmer trat. Er nahm die Briefe vom Tisch, versiegelte sie sorgfältig und wandte sich an mich:

   „Ich hoffe, Sie werden es mir nicht verübeln, aber ich habe heute Abend in dringenden Privatangelegenheiten zu tun. Sie werden, denke ich, alles finden, was Sie brauchen.“ An der Tür drehte er sich noch einmal um und sagte nach einer kurzen Pause:

   „Ich empfehle Ihnen, lieber junger Freund – nein, seien Sie lieber in allem Ernst davor gewarnt – diese Räume hier nicht zu verlassen. Keinesfalls aber dürfen Sie in einem anderen Teil des Schlosses einschlafen. Das Schloss ist alt und hat eine rastlose Vergangenheit; es erntet der schlechte Träume, der unvorsichtig zur Bettruhe geht. Seien Sie gewarnt! Sollte Sie jetzt oder später der Schlaf überkommen, so eilen Sie sofort auf Ihr Zimmer, dann werden Sie in Sicherheit sein. Sind Sie aber diesbezüglich unvernünftig, dann…“ – Er beendete seinen Satz in unheimlicher Weise, indem er seine Hände rieb, als wollte er sie waschen. Ich verstand haargenau; aber ich zweifelte daran, dass irgendein Traum noch scheußlicher sein konnte als dieses grauenhafte und unnatürliche Netz von Düsterkeit und Geheimnissen, das mich zu umgeben schien.

   Später. – Ich bestätigte diese letzten Worte, denn jetzt gibt es keine Zweifel mehr. Ich sollte mich nicht fürchten, an einem Platze einzuschlafen, wo er nicht ist. Mein Kruzifix habe ich über meinem Bette aufgehängt – ich glaube, so ist meine Ruhe freier von bösen Träumen; und dort soll es auch bleiben.

   Als der Graf mich verließ, zog ich mich auf mein Zimmer zurück. Nach kurzer Zeit, und da ich auch nichts mehr hörte, trat ich heraus und ging die Steinstiege hinauf, von wo ich einen Ausblick nach Süden habe. Es lag wie ein Gefühl der Freiheit über der weitläufigen Ebene, die mir doch unerreichbar war – verglichen mit der dunklen Enge des Schlosshofes. Auf diesen hinaus sehend, fühlte ich mich tatsächlich gefangen, und mir war, als müsste ich meine Brust mit frischer Luft füllen, auch wenn es nur die der Nacht war. Ich fühle, dass dieses nächtliche Aufbleiben mir schadet. Es zerstört meine Nerven. Ich erstarre vor meinem eigenen Schatten und leide an nagenden Wahnvorstellungen. Gott weiß, dass auf diesem verfluchten Platz Grund zu berechtigter Sorge gegeben ist! Ich sah hinaus in die wundervolle Weite, die in sanft-gelbliches Mondlicht getaucht war, als wäre sie von der Sonne beschienen. Im zarten Licht verschwammen die weit entfernten Hügel, und die Schatten in den Tälern und Schluchten waren von samtener Schwärze. Der Anblick dieser Schönheit gab mir Mut; mit jedem Atemzug ließ ich Frieden und Trost in meine Lungen. Als ich mich etwas aus dem Fenster lehnte, wurde mein Blick durch etwas gefesselt, das sich einen Stock tiefer, links von mir bewegte; von der Lage der Zimmer waren dort die Fenster des Grafen. Das Fenster, an dem ich stand, war hoch und tief mit einem Mittelkreuz aus Stein, das ganz gut erhalten, wenngleich auch verwittert, war. Seit hier zum letzten Mal jemand heraus gesehen hatte, mochten viele Jahre vergangen sein. Ich verkroch mich hinter dem Fensterpfeiler und sah vorsichtig hinaus.

   Ich sah den Kopf des Grafen, der aus dem Fenster auftauchte. Ich sah nicht sein Gesicht, aber ich kannte seinen Nacken und die Bewegung des Rückens und der Arme. Auf jeden Fall konnte ich mich nicht über seine Hände irren, die zu studieren ich schon hinreichend Gelegenheit gehabt hatte. Zuerst war ich voller Interesse, fast belustigt, denn es ist faszinierend, welche Kleinigkeiten einen Gefangenen interessieren und belustigen können. Aber diese Gefühle verwandelten sich in Abscheu und Entsetzen. Ich sah den ganzen Mann, wie er sich langsam aus dem Fenster schiebt und kopfüber beginnt, den schrecklichen Abgrund an der Schlossmauer hinunter zu kriechen. Sein Mantel umgab ihn wie große Flügel. Zuerst konnte ich meinen Augen nicht trauen. Ich dachte, es wäre eine Täuschung, die durch das Mondlicht hervorgerufen wurde – irgendein toller Schatteneffekt; aber ich sah weiter zu – es war keine Irreführung. Ich sah, wie die Finger und Zehen die Ecken der Mauern umgreifen – Mauern, in denen der Mörtel in all den Jahren ausgewaschen war; er nutzt jeden Mauervorsprung und jede Unebenheit, um mit beachtlicher Geschwindigkeit hinab zu huschen wie es eine über Mauern laufende Eidechse macht.

   Was für eine Art Mensch ist das, oder vielmehr, welche Kreatur verbirgt sich hier im menschlichen Anschein? Ich fühle, wie mich das Entsetzen vor diesem schreckensvollen Ort überwältigt; ich bin in Furcht – in schrecklicher Angst – und sehe kein Entrinnen; Gefahren umgeben mich, an die ich gar nicht denken darf…

15. Mai. – Noch einmal sah ich den Grafen eidechsengleich das Schloss verlassen. Er stieg schräg hinab, hundert Fuß tief und dann etwas nach links. Er verschwand in einer Höhle oder einem Fenster. Als sein Kopf nicht mehr sichtbar war, lehnte ich mich hinaus, um mehr zu sehen. Das blieb ohne Erfolg, denn die Entfernung war zu groß und der Blickwinkel zu schmal. Ich wusste nun, dass er das Schloss verlassen hatte, und dachte, diese Gelegenheit auszunützen, um mehr zu erforschen als ich bereits gewagt hatte. Ich ging in mein Zimmer, holte meine Lampe und versuchte, eine Tür nach der anderen zu öffnen. Sie waren alle – wie nicht anders zu erwarten war – verschlossen. Die Schlösser waren vergleichsweise neu; dann stieg ich die Steintreppe hinunter und kam zu der großen Halle, durch die ich ins Schloss gekommen war. Ich konnte die Riegel leicht zurückschieben und die Ketten aushängen, aber das Tor war verschlossen, und ein Schlüssel dazu fehlte! Dieser musste im Zimmer des Grafen sein. Nun war also zu prüfen, ob seine Tür verschlossen war, sodass ich den Schlüssel dort holen und entfliehen könnte. Ich nahm eine gründliche Besichtigung der verschiedenen Treppen und Gänge vor und versuchte, welche der Türen sich öffnen ließen. Einige kleine Zimmer in der Nähe der Halle waren offen, aber es war nichts in ihnen außer alten Möbeln – grau verstaubt und von Motten zerfressen. Schließlich fand ich aber doch eine Tür am Ende der Treppe, die zwar verschlossen schien, unter meinem Druck aber leicht nachgab. Ich versuchte es stärker und fand heraus, dass sie nicht wirklich verschlossen war; der Widerstand kam nur dadurch, dass die Türangeln sich gesenkt hatten, und der Türflügel nun am Boden streifte. Das war nun eine Gelegenheit, wie sie sich möglicherweise nicht mehr bieten würde; ich nahm meine ganze Kraft zusammen und drückte die Tür so weit auseinander, dass ich hinein schlüpfen konnte. Ich befand mich hier in dem Flügel des Schlosses, der sich rechts von den mir bekannten Räumen erstreckte – nur ein Stockwerk tiefer. Von den Fenstern aus konnte ich erkennen, dass die Zimmerreihe entlang der Südseite des Schlosses verlief. Die Fenster des letzten Zimmers sahen nach Westen und Süden. Nach beiden Seiten hin blickte man in einen tiefen Abgrund. Das Schloss war auf eine riesige Felszunge gebaut, sodass es von drei Seiten aus völlig unzugänglich war. Hier oben sind große Fenster angebracht, wo weder Schleudern noch Bögen noch Kanonen hinreichen; das Zimmer, das vor keinem feindlichen Angriff geschützt werden musste, war hell und beruhigend. Gegen Westen hin dehnte sich ein weites Tal, und ferne, ganz ferne, erhoben sich gezackte Felswälle, Gipfel an Gipfel; die steilen Wände waren bewachsen mit Esche und dornigem Gestrüpp, deren Wurzeln sich in den Spalten, Rissen und Ritzen des Gesteines festklammerten. Hier war ich offenbar in dem vor Zeiten bewohnten Teil des Schlosses, denn die Möbel waren komfortabler als ich sie bisher gesehen hatte. Die Fenster waren ohne Vorhänge, und das gelbe Mondlicht durchflutete breit die geschliffenen Scheiben, und man konnte sogar Farben erkennen. Dabei machte es den Staub, der über allem lag, weniger bemerkbar und verwischte einigermaßen die Spuren der Zeit und der Motten. Meine Lampe schien kaum zu leuchten in dem hellen Mondschein, ich war aber dennoch froh, sie zu haben, denn es lag eine schreckliche Einsamkeit über dem Raum, die mir das Herz kalt und meine Nerven zittrig machte. Es war mir hier viel wohler als allein in meinem Zimmer, das mir durch die Anwesenheit des Grafen verhasst worden war. Ich beruhigte mich, und eine angenehme Ruhe kam über mich. Hier sitze ich nun an einem kleinen Tisch aus Eiche, an dem früher vielleicht ein hübsches Fräulein saß, und mit vielen Gedanken und vielem Erröten ihren liebesschwülstigen Brief verfasste, und schreibe nun stenographisch in mein Tagebuch, alles, was mir seit meiner letzten Eintragung passiert ist. Wir leben im neunzehnten Jahrhundert, und hier ist noch die Blutrache aktuell. Und doch, wenn mich meine Sinne nicht trügen, hatten und haben die vergangenen Jahrhunderte ihren eigenen Reiz, den „Modernität“ nicht zu beseitigen vermag.

   Später: Am Morgen des 16. Mai. – Gott schütze meinen Verstand, das ist alles, was ich noch wünschen kann. Sicherheit und Sicherheitsgefühl sind Worte aus der Vergangenheit für mich. Solange ich hier noch lebe, hoffe ich nur Eines: Dass ich nicht wahnsinnig werde, wenn ich es nicht bereits bin. Wenn ich noch bei Sinnen bin, dann ist ein Gedanke geeignet, der einen verrückt machen kann: Von all den scheußlichen Dingen, die an diesem verhassten Ort lauern, ist der Graf noch lange nicht das schrecklichste; denn nur bei ihm finde ich Schutz, und sei es auch nur so lange, wie ich ihm zweckdienlich bin. Großer Gott! Gnädiger Gott! Lass mich Ruhe bewahren, denn ein Abdriften vom Pfad würde mich direkt in den Wahnsinn führen. Ich gewinne nun Klarheit über manche Dinge, die mich verwirrt haben. Bis heute verstand ich nicht, was Shakespeare meinte, wenn er Hamlet sagen ließ:

   „Mein Buch! Nur schnell mein Schreibbuch her, ´s ist Zeit, dass ich das alles niederschreibe“, und so weiter.

   Aber jetzt, da ich das Gefühl habe, mein Gehirn hebe sich aus den Angeln, greife ich wieder zu meinem Tagebuch. Die Gewohnheit, genaue Eintragungen zu machen, soll mich beruhigen.

   Die geheimnisvolle Warnung des Grafen hatte mich sofort erschreckt; noch mehr erschreckt sie mich jetzt, wenn ich daran denke, dass der Graf mich wohl in Zukunft noch strenger festhalten wird. Ich werde mich hüten, noch einmal an seinen Worten zu zweifeln!

   Als ich in mein Tagebuch geschrieben und zufrieden Buch und Stift in meine Tasche gesteckt hatte, wurde ich schläfrig. Die Warnung des Grafen fiel mir ein, aber ich fand eine Freude daran, sie zu missachten. Es war die Müdigkeit, die zumeist mit einem eigenen Starrsinn verbunden ist, die mich so reagieren ließ. Das sanfte Mondlicht wirkte wohltuend auf mich, und die Aussicht in die Ferne täuschte mir Freiheit vor. Ich wollte heute Nacht nicht zu den düsteren, spukerfüllten Gemächern zurückkehren, sondern hier schlafen. Hier saßen wohl vor Jahren die Schlossfrauen und sangen und gaben sich dem Müßiggang hin, während sie mit Sehnsucht erfüllten Herzen auf die Rückkehr ihrer Männer warteten, die draußen in tobenden Kriegen kämpften. Ich zog mir ein großes Bett aus dem Winkel und stellte es so, dass ich im Liegen die herrliche Aussicht nach Süden und Westen genießen konnte; dann richtete ich mich, ohne an irgendetwas zu denken, und ohne auf den dicken Staub zu achten, zum Schlafen ein.

   Ich vermute, dass ich auch wirklich eingeschlafen war; ich hoffe es, aber ich fürchte, dass all das Folgende erschreckend real war – so wirklich, dass ich jetzt, im breiten und vollen Morgensonnenschein, nicht glauben kann, alles nur geträumt zu haben.

   Ich war nicht allein. Das Zimmer war dasselbe, völlig unverändert, seitdem ich es betreten hatte; im Mondlicht konnte ich entlang des Bodens meine Fußspuren sehen, die ich in die angehäufte Staubschicht getreten hatte. Ebenso im Mondlicht sah ich mir gegenüber drei Frauen stehen. Ihrer Kleidung und ihrem Benehmen nach waren es Damen. Zugleich dachte ich, doch zu träumen, denn sie wurden von hinten vom Mond beschienen und warfen kein Schattenbild von sich auf den Boden. Sie näherten sich mir, betrachteten mich eine Weile und flüsterten dann miteinander. Zwei von ihnen waren dunkelhaarig und hatten hoch liegende Adlernasen – wie der Graf – und große, durchdringende, schwarze Augen, die beinahe rot aussahen, wenn sie im bleichen Mondschein kontrastierten. Die Dritte war schön, so unbeschreibbar schön, mit dichten, goldenen Locken und Augen wie helle Saphire. Ich meinte, ihr Gesicht irgendwie zu kennen, oder sie mit einer erträumten Gefahr in Verbindung setzen zu können. Aber es gelang mir im Moment nicht zuzuordnen, wie oder wo es gewesen sein könnte. Alle drei hatten strahlend weiße Zähne, die wie Perlen hervor schienen zwischen ihren rubinfarbenen, wollüstigen Lippen. Sie hatten etwas an sich, was mich unbehaglich machte; zum einen verlangte ich nach ihnen, und zum anderen fühlte ich Todesangst. In meinem Herzen keimte ein wildes, brennendes Begehren, dass sie mich mit ihren roten Lippen küssen möchten. Ich schreibe das alles nicht mit leichter Hand nieder, da Mina diese Zeilen einmal zu Gesicht bekommen und Schmerz darüber empfinden könnte; aber es ist nun einmal so. Sie flüsterten miteinander, und dann lachten sie – ein silbernes, melodisches, aber derart hartes Lachen, das nie der Sanftheit menschlicher Lippen entspringen konnte. Es war wie die unerträgliche, prickelnde Anmut, die Wassergläser hervorbringen, wenn man geschickt an ihren Rändern reibt. Das attraktive Mädchen schüttelte ganz kokett ihren Kopf, die beiden anderen drängten sie heran. Eine sagte:

   „Geh! Du bist die erste, und wir kommen nach dir; dir steht es zu anzufangen.“ Und die andere fügte hinzu:

   „Er ist jung und stark; das bedeutet Küsse für uns alle.“ Ich lag still da in meiner Marter lüsterner Vorahnungen und blinzelte knapp unter meinen Lidern hervor. Das schöne Weib kam heran und beugte sich über mich, bis ich ihren Atem spüren konnte. Er war süß, honigsüß, und jagte mir dasselbe Knistern durch die Nerven wie ihre Stimme; doch der süße Duft war mit Bitterkeit unterlegt, wie die herbe Anstößigkeit von Blut.

   Ich scheute mich, die Augen ganz zu öffnen, blickte aber blinzelnd hervor und konnte alles sehen. Das hübsche Mädchen kniete sich hin und beugte sich höhnisch über mich. Es war eine bewusste Wollüstigkeit, die beides gleichermaßen war: Spannend und abstoßend. Als sie ihren Nacken beugte, leckte sie wie ein Tier ihre Lippen, so dass ich im Mondschein den Speichel auf ihren scharlachfarbenen Lippen und ihrer roten Zunge glänzen sah, die zwischen den weißen, scharfen Zähnen hervortrat. Tiefer und immer tiefer beugte sie ihren Kopf herab, bis ihre Lippen zuerst meinem Mund und Kinn näher kamen, dann daran vorbei näherte sie sich rasch meiner Kehle. Dann hielt sie kurz inne, und ich konnte die leckenden Töne ihrer Zunge hören, als sie sich Zähne und Lippen damit befeuchtete. Ebenso spürte ich ihren stechend-heißen Hauch auf meinem Hals, der zu prickeln begann, ganz so, als würde sich eine kitzelnde Hand unbeirrbar nähern. Ich konnte die zarten, zitternden Lippen auf meiner überempfindlichen Haut entlang des Halses und dann die harten Spitzen von zwei scharfen Zähnen spüren, die mich kurz berührten und schließlich innehielten. Ich schloss die Augen in gleichgültiger Verzückung und wartete – wartete mit pochendem Herzen.

   Doch in diesem Augenblick, schoss mir ein anderes Gefühl – wie ein Blitzschlag – durch den Körper. Ich war mir sicher, die Anwesenheit des Grafen zu spüren, wie er in einem Sturm von Raserei heranzukommen schien. Meine Augen öffneten sich unfreiwillig, und ich sah, wie seine Hand den schlanken Nacken der schönen Frau ergriff und sie mit enormer Kraft zurückriss. Ihre blauen Augen trübten sich vor Wut, ihre Zähne knirschten rasend, und ihre zarten Wangen waren rot vor Leidenschaft. Und erst der Graf! Nie sah ich einen solchen Grimm und eine solche Wut. Der reine Dämon aus der Hölle. Seine Augen loderten. Das rote Licht in ihnen brannte grell, als ob das gesamte Höllenfeuer hinter ihnen flammte. Sein Gesicht war totenbleich, die Züge waren wie aus stählernem Draht gefertigt; die dicken Augenbrauen, die sich über der Nase trafen, schienen wie hoch stehende Barren aus weiß glühendem Metall. Ein heftiger Schwung seines Armes schleuderte das Mädchen von sich und bewegte sich dann auf die anderen zu, als wolle er sie zurücktreiben; es war die selbe herrische Armbewegung, wie er sie den Wölfen gegenüber verwendet hatte. Er sprach mit einer Stimme, die leise und beinahe geflüstert klang und trotzdem die Luft zu durchschneiden schien und an den Wänden widerhallte, die Worte:

   „Ihr wagt es, ihn anzugreifen? Wie könnt ihr eure Augen auf ihn werfen, wenn ich es Euch verboten habe? Zurück, sage ich Euch! Dieser Mann gehört mir! Hütet Euch davor, ihn mir nehmen zu wollen, oder ihr habt es mit mir zu tun.“ Das schöne Mädchen antwortete mit einem frechen und koketten Lachen:

   „Du hast selbst nie geliebt, und wirst niemals lieben!“ Darauf kamen die beiden anderen Mädchen herbei, und es ertönte ein so freudloses, hartes und seelenloses Lachen, das mich fast ohnmächtig werden ließ; es schien, als scherzten Teufel. Dann drehte sich der Graf um, sah mir aufmerksam ins Gesicht und sagte sanft flüsternd:

   „Ja, auch ich kann lieben; Ihr könnt selbst davon aus vergangenen Tagen erzählen. Ist es nicht so? Gut, ich verspreche Euch, wenn ich mit ihm fertig bin, könnt Ihr ihn nach Belieben küssen. Aber jetzt geht! Geht! Ich muss ihn aufwecken, denn es gibt noch einiges zu erledigen.“

   „Und sollen wir heute Abend leer ausgehen?“, sagte eine von ihnen mit leisem Lachen und zeigte auf ein Bündel, das er auf die Erde geworfen hatte und das sich bewegte, als befände sich etwas Lebendiges darin. Zur Antwort nickte er mit dem Kopf. Eines der Mädchen sprang zu dem Bündel und öffnete es. Wenn meine Ohren mich nicht täuschten, hörte ich das Keuchen und leise Jammern eines halb erstickten Kindes. Die Mädchen umkreisten es, während ich bestürzt vor Schrecken war. Aber als ich näher hinsah, verschwanden sie und mit ihnen das schreckliche Bündel. Es befand sich keine Tür in ihrer Nähe, und an mir konnten sie nicht unbemerkt vorbeigekommen sein. Sie schienen einfach in den Strahlen des Mondes zu zerfließen und durch das Fenster zu entweichen, denn ich konnte außen noch ihre schemen- und schattenhaften Umrisse für einen Augenblick erkennen, ehe sie gänzlich verschwanden.

   Dann überwältigte mich der Horror, und ich sank bewusstlos nieder.

VIERTES KAPITEL
DAS TAGEBUCH VON JONATHAN HARKER

– Fortsetzung -

Ich wachte in meinem eigenen Bett auf. Wenn es so ist, dass ich nicht alles geträumt hatte, dann muss mich der Graf hierher getragen haben. Ich versuchte, mich diesbezüglich zu beruhigen, konnte aber zu keinem eindeutigen Resultat kommen. Zwar gab es gewisse und kleine Anzeichen: So etwa, dass meine Kleider in einer Weise gefaltet und neben mein Bett gelegt waren, wie ich es nicht zu tun pflege. Meine Uhr war noch nicht aufgezogen, und es ist doch eine von mir stets peinlich genau eingehaltene Gewohnheit, dies zu tun, bevor ich zu Bett gehe. Und mehrere solche Details. Aber all diese Dinge sind kein Beweis, denn sie könnten ebenso gut die Vermutung bestätigen, dass mein Verstand nicht wie sonst war, und dass ihn aus diesem oder jenem Grunde irgendetwas in Unordnung gebracht hatte. Ich muss auf einen Beweis warten. Über eines jedoch bin ich froh: Wenn es der Graf war, der mich hierher brachte und entkleidete, so muss er es mit großer Eile gemacht haben, denn meine Taschen waren unberührt. Ich bin mir sicher, dass ihm das Tagebuch ein Rätsel gewesen wäre, welches er nicht toleriert hätte. Er hätte es mir sicher weggenommen oder vernichtet. Wenn ich mich in diesem Zimmer umsehe, obwohl es bisher für mich so voll von Schrecken war, ist es mir jetzt ein Zufluchtsort geworden. Denn nichts kann fürchterlicher sein als diese unheimlichen Frauen, die darauf warteten – und noch warten – mein Blut zu trinken.

18. Mai. – Ich war wieder unten, um das Zimmer im Tageslicht zu sehen; ich muss die Wahrheit herausfinden. Als ich zum Eingang am Ende des Stiegenhauses kam, fand ich das Zimmer verschlossen vor. Die Tür war so gewaltsam gegen den Rahmen gedrückt worden, dass Teile der Holzumrahmung abgesplittert waren. Ich konnte bemerken, dass der Riegel nicht  vor geschoben war, aber die Türe war innen mit irgendetwas festgemacht. Ich fürchte, es war doch kein Traum, und werde auf Grund dieser Vermutung handeln müssen.

19. Mai. – Ich bin am Arbeiten. Letzte Nacht bat mich der Graf in den mildesten Tönen, drei Briefe zu schreiben. In einem sollte ich sagen, dass meine Arbeit hier nahezu getan sei, und dass ich in wenigen Tagen die Heimreise antreten werde; im zweiten Brief, dass ich am folgenden Tag abzureisen gedenke; und den dritten, dass ich das Schloss verlassen hätte und in Bistritz angekommen sei. Ich hätte gerne aufbegehrt, fühlte aber, dass es bei der gegenwärtigen Lage der Dinge Wahnsinn wäre, offen gegen den Grafen zu kämpfen, in dessen absoluter Gewalt ich doch war; und ihm etwas abzulehnen, hätte nur seinen Argwohn stimuliert und seinen Zorn geweckt. Es ist ihm klar, dass ich zuviel weiß, und ich nicht leben darf, da ich ihm gefährlich werden könnte; meine einzige Chance besteht darin, meine Möglichkeiten zu erweitern. Vielleicht bietet sich mir doch irgendeine Möglichkeit zur Flucht. Ich sah in seinen Augen den Grimm wachsen, der in ihm gelodert hatte, als er die schöne Frau von sich wegstieß. Er erklärte mir den seltsamen Briefverkehr damit, dass die Post selten und unregelmäßig ging, und dass meine Freunde meine Nachrichten leichter erhielten, wenn ich gleich jetzt schreibe; und er versicherte mir eindrucksvoll, dass mein letzter Brief – der von Bistritz datierte – dort bis zur fälligen Zeit behalten würde, und man ihn nicht abschicken werde, wenn ich etwa meinen Besuch zu verlängern gedächte. Ihm dabei zu widersprechen, hätte neue Verdachtsmomente gegen mich aufgeworfen. Daher sagte ich, dass ich vollkommen seiner Ansicht sei, und fragte ihn, welches Datum ich auf die jeweiligen Briefe setzen sollte. Er rechnete eine Minute und dann antwortete er:

   „Auf den ersten Brief 12. Juni, auf den zweiten 19. Juni und auf den dritten 29. Juni.“

   Ich weiß nun, wie lange ich noch zu leben habe. Gott, hilf mir!

28. Mai. – Es gibt doch eine Fluchtmöglichkeit oder wenigstens die Hoffnung, ein paar Worte nach Hause zu schicken. Eine Bande von Szgany ist ins Schloss gekommen, und sie errichteten ein Lager im Hof. Es sind Zigeuner; Ich habe einige Notizen über sie in meinem Buch. Sie sind fremdartig in diesen Landstrich, aber verwandt mit den gewöhnlichen Zigeunern, die über die ganze Welt zerstreut sind. Es gibt Tausende von ihnen in Ungarn und Transsylvanien, denen in den meisten Fällen kein Schutz durch das Recht zukommt. Sie stellen sich daher in der Regel unter die Schirmherrschaft eines Edelmannes oder Bojaren, dessen Namen sie dann annehmen. Sie sind ohne Angst und ohne Religion außer ihrem Aberglauben, und sprechen fast ausschließlich ihre eigene Zigeunersprache.

   Ich will einige Briefe nach Hause schreiben und versuchen, sie von den Zigeunern aufgeben zu lassen. Ich habe mit ihnen schon durch mein Fenster gesprochen und Bekanntschaft mit ihnen geschlossen. Sie nahmen ihre Hüte ab, machten eine Verbeugung und mir Zeichen, die ich aber genauso wenig verstand wie ihre Sprache…

   Die Briefe habe ich geschrieben. Der an Mina ist stenographiert, und Herrn Hawkins bat ich, mit Mina in Kontakt zu treten. Ich habe ihr meine Lage klar geschildert, aber ohne den Schrecken zu erwähnen, den ich mir vielleicht doch nur einbilde. Es würde sie zu Tode schockieren und entsetzen, wenn ich ihr mein Herz ausschütten wollte. Sollten die Briefe nicht befördert werden, so soll der Graf wenigstens nicht mein Geheimnis und das Ausmaß meiner Erfahrungen wissen.

   Ich habe die Briefe abgegeben; ich übergab sie, zusammen mit einem Goldstück, den Zigeunern durch die Gitter meines Fensters und machte ihnen Zeichen, dass die Briefe aufgegeben werden sollten. Der Mann, der sie an sich nahm, drückte sie an sein Herz, verbeugte sich und steckte sie dann unter seine Kappe. Mehr konnte ich nicht tun. Ich stahl mich ins Lesezimmer zurück und begann zu lesen. Solange der Graf nicht hier ist, schreibe ich hier weiter…

   Der Graf ist gekommen. Er setzte sich neben mich und sagte in der ruhigsten Weise, während er zwei Briefe öffnete:

   „Das Szganys haben mir das gegeben, von dem ich nicht weiß, woher es stammt, aber Kenntnis davon nehmen sollte. Sehen Sie!“ – er musste die Briefe angesehen haben – „einer ist von Ihnen und an meinen Freund Peter Hawkins adressiert; der andere“ – er bemerkte beim Öffnen die ihm fremden Zeichen, ein finsterer Zug trat in sein Antlitz, und seine Augen funkelten bösartig auf – „der andere ist ein niederträchtiges Ding, ein Missbrauch von Freundschaft und Gastlichkeit! Er ist nicht unterschrieben. Gut! So geht er uns weiter nichts an.“ Und er hielt ruhig Brief und Umschlag in die Flamme der Lampe, bis sie verbrannt waren. Dann fuhr er fort:

   „Den Brief an Hawkins werde ich, da er von Ihnen ist, abschicken. Ihre Briefe sind mir heilig. Verzeihen Sie mein Freund, dass ich versehentlich das Siegel zerbrach. Wollen Sie den Brief nicht mit neuem Siegel versehen?“ Er reichte mir den Brief und übergab mir mit einer eleganten Verbeugung ein neues Kuvert. Ich konnte nichts anderes tun als das Schreiben erneut zu adressieren, und ihm schweigend auszuhändigen. Als er das Zimmer verließ, hörte ich ihn den Schlüssel leise umdrehen. Wenig später ging ich zur Türe, die wirklich verschlossen war.

   Als nach einer oder zwei Stunden der Graf wieder ruhig das Zimmer betrat, weckte mich sein Kommen, denn ich war auf dem Sofa eingeschlafen. Er war sehr höflich und heiter, und als er bemerkte, dass ich geschlafen hatte, sagte er:

   „So, mein Freund, Sie sind müde? Gehen Sie zu Bette. Dort ist der sicherste Platz. Für heute bleibt mir das Vergnügen, mit Ihnen zu plaudern, leider verwehrt, da ich viel Arbeit zu erledigen habe; also, ich bitte Sie, schlafen Sie ruhig.“ Ich begab mich in mein Zimmer, legte mich ins Bett und, seltsam dass ich es erwähne, ich schlief ohne jeden Traum. Die Verzweiflung trägt eine ganz eigene Ruhe in sich.

31. Mai – Als ich am Morgen erwachte, wollte ich mich mit etwas Papier und einigen Umschlägen aus meinem Koffer ausstatten, und sie in meiner Tasche verstecken, um einige Briefe zu schreiben, und sie dann vielleicht irgendwie aufgeben zu können; aber wieder eine Überraschung, wieder ein Schreck!

   Das gesamte Papier war weg und damit all meine Notizen, die Zugfahrpläne und Reiseführer, mein Kreditbrief. In der Tat war alles weg, was mir nützlich sein könnte, wenn mir die Flucht aus dem Schloss gelänge. Ich saß und grübelte eine Weile, dann kam mir eine Idee, ich suchte meinen Handkoffer und sah in der Garderobe nach, wo ich mein Gewand aufgehängt hatte.

   Mein Reiseanzug, in dem ich hierher kam, war verschwunden, ebenso mein Mantel und meine Wolldecke; Ich konnte keine Spur davon entdecken. Das schien wie ein neuer heimtückischer Plan des Grafen zu sein…

17. Juni – Diesen Morgen, als ich am Bettrand saß und mein Gehirn zermarterte, hörte ich krachendes Peitschenknallen und ein Stampfen und Scharren von Pferdehufen auf dem felsigen Weg, der zum Schlosshof führt. In überschwänglicher Freude eilte ich zum Fenster und sah zwei große Leiterwagen in den Hof fahren, jeder gezogen von acht kräftigen Pferden. Bei jedem Paar stand ein Slowake, mit großem Hut, breitem, beschlagenem Gürtel, schmutzigem Schafsfell und hohen Stiefeln. Ihre langen Stöcke trugen sie in Händen. Ich rannte zur Türe, in der Absicht, über den Haupteingang zu ihnen flüchten zu können. Für sie musste doch das Tor geöffnet sein. Wieder fuhr ich eine herbe Enttäuschung ein! Die Türe war von außen verschlossen.

   Daraufhin lief ich zum Fenster und rief nach ihnen. Sie schauten gleichgültig herauf und deuteten auf mich; dann kam der Hauptmann der Zigeuner herbei, und als er sah, dass sie auf mein Fenster wiesen, sagte er etwas, worauf alle lachten. Von da ab konnte keine Bemühung meinerseits, kein verzweifelter Schrei und kein gequältes Flehen,auch nur einen von ihnen dazu zu bringen, nach mir zu sehen. Sie wandten sich entschieden von mir ab. Die Leiterwagen enthielten große, viereckige Kisten mit Handgriffen aus dickem Strick; sie waren offenbar leer, der Leichtigkeit wegen, mit der die Slowaken mit ihnen hantierten, und dem hohlen Gepolter zufolge, das sie dabei erzeugten. Als sie alle abgeladen und zu einem großen Stapel in einer Ecke des Hofes zusammengestellt waren, erhielten die Slowaken Geld von einem Zigeuner; sie spuckten drauf, was Glück bedeuten mochte, und begaben sich dann träge zu ihren Pferden. Kurze Zeit später hörte ich, wie das Klatschen ihrer Peitschen allmählich in der Ferne verstummte.

24. Juni, vor Tagesanbruch – Letzte Nacht verließ mich der Graf frühzeitig und schloss sich in seinem Zimmer ein. Sobald ich frei war, rannte ich die Wendeltreppe hinauf und spähte aus dem Fenster in Richtung Süden. Ich wollte nach dem Grafen Ausschau halten, denn irgendetwas ist im Gange. Die Szgany sind irgendwo im Schlosse untergebracht und verrichten irgendeine Arbeit. Ich weiß es gewiss, denn hie und da höre ich von weitem den gedämpften Klang von Hacke und Spaten. Welche Arbeit auch immer hier getan wird, sie ist sicherlich eine skrupellose Übeltat.

   Ich hatte etwas weniger als eine halbe Stunde am Fenster verbracht, da sah ich etwas aus dem Zimmer des Grafen kriechen. Ich lehnte mich zurück, schaute vorsichtig hinaus und bemerkte, wie er hinaus kletterte. Es war ein neuer Schreck für mich, als ich erkannte, dass er meinen Anzug anhatte, mit dem ich hierher gekommen war. Er trug über seine Schultern geworfen das grauenhafte Bündel, das ich die gespenstischen Frauen hatte mitnehmen sehen. Über den Zweck seines Ausfluges war wohl kein Zweifel mehr nötig, noch dazu in meiner Kleidung! Das ist sein neuer, bösartiger Plan: Er will andere glauben lassen, mich gesehen zu haben, wie ich in den Städten oder Dörfern eigenhändig meine Briefe aufgebe, sodass die Verbrechen, die er verübt, mir zugeschrieben werden.

   Es macht mich wütend, wenn ich daran denke, dass er so etwas ungestraft tun kann, während ich hier eingesperrt bin – als ein wirklicher Gefangener, dem aber jeder Schutz des Gesetzes verwehrt bleibt. Ein Schutz, der selbst Verbrechern stets Recht und Zuspruch bedeutet.

   Ich wollte dann auf die Rückkehr des Grafen warten und blieb lange Zeit verbissen am Fenster stehen. Plötzlich schien es mir, als tanzten bizarre kleine Flecken in den Strahlen des Mondlichtes. Sie waren wie dünnste Staubkörner, wirbelten umher und bildeten nebelartige Gruppierungen. Ich sah ihnen in aller Ruhe zu, und es wirkte tröstend auf mich. Ich lehnte mich bequem in die Fensternische, um dem luftigen Spiel beiwohnen zu können.

Doch etwas machte mich unruhig: Es war ein leises, wehes Heulen von Hunden irgendwo tief unten im Tal, das ich aber von hier aus nicht erblicken konnte. Es kam mir vor, als klänge das Heulen immer lauter in meinen Ohren, und es war mir, als formten sich die flatternden Staubwölkchen zu neuen Gestalten, während sie so im Mondschein tanzten. Ich fühlte in mir den Kampf des Aufwachens, das mir die Instinkte wieder wach rufen sollte; ja, meine ganze Seele wehrte sich dagegen, und auch die zur Hälfte wachgerüttelten Empfindungen strebten danach, dem Weckruf zu folgen. Ich wurde hypnotisiert! Schneller und schneller tanzte der Staub und die Mondstrahlen schienen zu zittern, als sie an meiner Seite vorbei strichen und von der Finsternis hinter mir aufgesogen wurden; mehr und mehr sammelten sich die Gestalten, bis sie trüben Phantomgestalten glichen. Plötzlich erschrak ich, ich erwachte gänzlich und im Vollbesitz meiner Sinne rannte ich schreiend davon. Die Phantomgestalten, die sich allmählich im Mondschein materialisiert hatten, waren die drei gespenstischen Mädchen, denen ich verfallen war. Ich floh und fühlte mich erst in meinem Zimmer etwas sicherer – dort, wo kein Mond schien, und die Lampe noch freundlich brannte.

   Als ein paar Stunden vorbei waren, hörte ich etwas Entsetzliches aus dem Zimmer des Grafen. Es klang wie ein durchdringendes Klagen, das aber rasch unterdrückt wurde; dann war eine furchtbare Todesstille, die mich mit Schaudern erfüllte. Mit klopfendem Herzen ging ich zur Türe, um sie zu öffnen; aber ich war eingeschlossen in meinem Gefängnis, und ich konnte nichts tun. Ich setzte mich hin und weinte einfach.

   Als ich saß, hörte ich vom Schlosshof her das fassungslose Gebrüll einer Frau. Ich eilte zum Fenster, riss es auf und sah zwischen die Gitterstäbe hindurch. Da war in der Tat eine Frau. Sie hatte zerzaustes Haar. Ihre Hände hielt sie über dem Herzen, wie ein in Atemnot geratener Läufer. Sie lehnte in einem Winkel des Torweges. Als sie mein Gesicht am Fenster erblickte, stürzte sie drohend vorwärts und schrie mit zornerfüllter Stimme:

   „Scheusal, gib mir mein Kind zurück!“

   Sie warf sich auf die Knie, streckte ihre Arme empor und schrie immer dieselben Worte, die mir das Herz zerrissen. Dann raufte sie ihr Haar, schlug auf ihre Brust und gab sich mit aller Gewalt einer unermesslichen Gefühlsregung hin. Dann sprang sie wieder auf und stürzte näher heran. Ich konnte sie nicht mehr sehen, aber ich hörte das Pochen ihrer nackten Fäuste am Tor.

   Irgendwo hoch oben, wahrscheinlich vom Turm, hörte ich die Stimme des Grafen mit brutaler, metallischer Stimme etwas sagen. Seine Worte klangen weit und wurden im plötzlich auftosenden Heulen der Wölfe beantwortet. Ehe noch einige Minuten verstrichen waren, kamen sie zuhauf durch den breiten Eingang in den Schlosshof geschossen wie Wasser, das von einem Damm eingesperrt war und nun frei strömen darf.

   Die Frau gab keinen Schrei von sich, und das Heulen der Wölfe währte nicht lange; kurze Zeit später zogen sie einzeln, und sich die Mäuler leckend, wieder ab.

   Ich konnte kein Mitleid mit ihr haben, denn ich wusste nun, was mit ihrem Kind geschehen war. Sie war tot besser dran. Was soll ich tun? Was kann ich tun? Wie kann ich dieses grausame Kleid der Leibeigenschaft wieder abstreifen, das aus Nacht, Finsternis und Angst gefertigt ist?

25. Juni, morgens. – Niemand, dem nicht schon die Nacht Schreckliches zufügte, weiß, wie süß und teuer für Herz und Augen der Morgen sein kann. Als die Sonne so hoch gestiegen war, dass sie das Dach des großen Tores beschien, das meinem Zimmer gegenüberliegt, war es so, als hätte die Taube aus der Arche Noah – die ausgeschickt wurde, um Land zu entdecken – den Glanz entfacht. Meine Angst zerging wie ein Gewand aus dunstigem Stoff, das sich in der Wärme auflöst. Ich muss irgendetwas unternehmen, solange die Helligkeit des Tages mir Mut gibt. Vergangene Nacht ging mein erster datierter Brief ab; der erste in einer fatalen Reihe, die jegliche Spur meiner Existenz von der Erde verwischen soll.

   Ich will nicht daran denken. Ich muss handeln!

   Es war immer nur zur Nachtzeit, dass ich belästigt und bedroht war oder mich sonst in Furcht oder Gefahr befand. Ich habe den Grafen bis heute noch nicht tagsüber gesehen. Ist es denkbar, dass er schläft, während die andern wach sind? Und muss er wach sein, wenn sie schlafen? Wenn ich doch nur in sein Zimmer könnte! Es gibt keine gangbare Alternative; die Türe ist immer verschlossen, kein Eingang für mich.

   Doch, es gibt einen Weg, wenn man ihn zu gehen wagt. Wo der Graf ging, da muss doch auch ein anderer gehen können? Ich habe ihn selbst aus dem Fenster kriechen sehen; warum sollte ich es ihm nicht nachmachen und über die Mauer in sein Fenster steigen? Die Sache ist verzweifelt, aber meine Not verlangt es. Ich werde es riskieren. Im schlimmsten Falle bedeutet es nur den Tod; der Tod eines Menschen ist etwas anderes als der eines Kalbes und der Schrecken des Jenseits wird sich erst für mich öffnen, wenn ich gestorben bin. Gott gebe mir Kraft für mein Vorhaben! Lebe wohl, Mina, wenn ich fehltrete; leben Sie wohl, treuer und väterlicher Freund; lebt wohl, ihr alle, und zu aller Letzt noch einmal Du, Mina!

   Am gleichen Tag, etwas später. – Ich habe das Wagnis unternommen und bin mit Gottes Hilfe unversehrt wieder in mein Zimmer zurückgekehrt. Ich will alles der Reihenfolge nach niederschreiben. Ich ging, solange mein Mut noch ausreichend war, direkt zum Fenster auf der Südseite und stieg auf das schmale Steingesims, das um das Gebäude herum läuft. Die Steine waren groß und roh behauen und den Mörtel, der sie einst verband, hatte der Zahn der Zeit weggewaschen. Ich zog meine Stiefel aus und begab mich auf den hoffnungslosen Weg. Ich sah einmal in den Abgrund, damit mich nachher kein flüchtiger Blick in die grausame Tiefe überraschen konnte, wandte aber von da an meine Augen nicht mehr hinab. Ich kannte genau die Richtung und die Entfernung zum Fenster des Grafen und versuchte, so gut ich nur konnte, alle zur Verfügung stehenden Gelegenheiten auszunützen. Ich fühlte mich nicht schwindelig – vermutlich weil ich zu erregt war – und die Zeit, die ich brauchte, schien mir lächerlich kurz, als ich bei der Fensterbank des Grafen Fensters angelangt war und den Rolladen auffahren ließ. Ich war tief erregt, als ich mich niederbeugte und mit den Füßen voran durch das Fenster stieg. Ich sah mich nach dem Grafen um. Zu meiner Überraschung und Freude machte ich eine Entdeckung: Das Zimmer war leer! Es war notdürftig mit seltsamen Dingen ausgestattet und erweckte den Eindruck, als wäre es nie benutzt worden; die Möbel waren identisch mit denen aus dem südlichen Zimmer und waren mit Staub bedeckt. Ich hielt sofort Ausschau nach dem Schlüssel. Aber der steckte nicht im Schlüsselloch und auch sonst war nirgends ein Schlüssel zu finden. Das Einzige was ich fand, war ein großer Haufen Gold, der in einer Ecke lag – mit Goldstücken aller Art: römisches, britisches, österreichisches, ungarisches, griechisches und türkisches Geld, überzogen mit einer Staubschicht, was vermuten lässt, als läge es schon sehr lange hier auf dem Boden. Keines der Stücke, das ich ansah, war weniger als 300 Jahre alt. Da lagen auch Ketten und Schmuck dabei, vieles mit Edelsteinen besetzt, aber alles alt und voll von Flecken.

   In einer Ecke des Zimmers befand sich eine schwere Türe. Ich versuchte, sie zu öffnen, aber da ich den Schlüssel zum Zimmer oder zur äußeren Tür nicht finden konnte – das Ziel meiner Suche – musste ich weitere Erkundungen vornehmen, oder all meine Bemühungen waren nutzlos. Doch die Tür war unverschlossen und führte durch einen steinigen Gang zu einer Wendeltreppe, die tief nach unten führte. Ich stieg hinab, sorgsam jeden Schritt beachtend – denn bei den Stiegen war es dunkel, da nur aus wenigen Schlupflöchern im dicken Gemäuer ein bisschen Licht hinzukam. Am Ende der Treppe gelangte ich zu einem finsteren, tunnelartigen Gang, aus dem widerlicher Leichengeruch und der Duft frisch gegrabener Erde drang. Als ich den Durchgang entlang ging, kam mir der Geruch immer näher und wurde intensiver. Schließlich kam ich an ein schweres, altes Tor, das nur angelehnt und offen war. Ich trat in eine alte, verfallene Kapelle, die offenbar als Begräbnisplatz gedient hatte. Das Dach war eingefallen, und an zwei Stellen führten Stufen ins Grabgewölbe. Der Boden war frisch umgegraben, und die Erde in große Holzkisten gefüllt; offenbar die Kisten, welche die Slowaken gebracht hatten. Für mich war das nicht von Interesse, und ich forschte weiter nach einem Ausgang, aber ich fand keinen. Ich untersuchte jeden Zentimeter am Boden, um ja keine Gelegenheit zu verpassen. Ich stieg in die Gewölbe hinab, in denen ein graues Dämmerlicht war, und es war furchtbar für mich, denn es wühlte mein Inneres auf. In zwei Gewölben war ich, ohne etwas anderes zu sehen als die Bruchstücke alter Särge und Staubschichten; aber im dritten  machte ich eine Entdeckung.

   In einer der großen Kisten, von denen es etwa fünfzig geben mochte, lag auf einem Haufen frisch ausgegrabener Erde – der Graf! Er war entweder tot, oder er schlief, ich konnte es nicht sagen – denn seine Augen waren offen und versteinert, aber ohne die Glasigkeit des Todes – die Wangen hatten trotz der Blässe eine warme Ausstrahlung des Lebens, und die Lippen waren rot wie immer. Aber keine Spur von Bewegung war an ihm, kein Puls – kein Herzschlag und kein Atem. Ich beugte mich über ihn und versuchte, ein Lebenszeichen zu erblicken. Er konnte da noch nicht lange gelegen haben, denn der frische Erdgeruch wäre in wenigen Stunden verflogen gewesen. Neben der Kiste stand der Deckel, hier und dort von Löchern durchbohrt. Ich hoffte, er werde die Schlüssel bei sich haben; aber als ich ihn danach durchsuchen wollte, fiel mein Blick auf seine toten Augen, in denen, so tot sie auch waren, ein starker Ausdruck von Hass lag. Und obwohl er mich nicht wahr nahm oder meine Gegenwart bemerkte, floh ich von dieser Stelle und verließ durch das offene Fenster das Zimmer des Grafen und erreichte wieder die Schlossmauer, an der ich hinauf kletterte. Nachdem ich mein Zimmer erreicht hatte, warf ich mich keuchend auf mein Bett und versuchte nachzudenken…

29. Juni. – Heute ist das Datum meines letzten Briefes. Der Graf hat alles daran getan, jeden im Glauben zu lassen, ich hätte den Brief eigenhändig aufgegeben. Ich sah den Grafen das Schloss aus seinem Fenster verlassen; und wieder war er in meinen Kleidern. Als er die Mauer wie eine Eidechse hinab stieg, wünschte ich mir ein Gewehr oder sonst eine tödliche Waffe, um ihn vernichten zu können; aber ich fürchte, eine von Menschenhand gefertigte Waffe wird ihm nicht das Geringste antun können. Ich wagte es nicht, auf seine Rückkehr zu warten, denn ich fürchtete mich davor, wieder die gruseligen Schwestern zu sehen. Ich ging in die Bibliothek zurück und las, bis ich einschlief.

   Ich wurde durch den Grafen geweckt, der sehr grimmig aussah, als er zu mir sagte:

   „Ab Morgen, mein Freund, werden wir wieder getrennte Wege gehen. Sie kehren in Ihr herrliches England zurück, und ich muss mich einer Beschäftigung widmen, die so ausgehen kann, dass wir uns vielleicht nie wieder sehen. Ihr letzter Brief ist versandt worden; morgen werde ich nicht hier sein, aber es ist alles für Ihre Abreise vorbereitet. In der Früh kommen die Zigeuner, die noch einige Arbeiten hier zu verrichten haben; und auch einige Slowaken werden hier sein. Wenn alle fort sind, wird mein Wagen Sie abholen und zum Borgo-Pass bringen, wo Sie den Postwagen von Bukowina nach Bistritz erreichen werden. Aber ich hoffe, dass ich Sie noch öfter hier sehe auf Schloss Dracula.“ Ich vertraute ihm nicht und wollte seine Ehrlichkeit auf die Probe stellen. Ehrlichkeit! Es ist wie eine Entweihung dieses Wortes, wenn es in Zusammenhang mit diesem Scheusal gebracht wird. Und so fragte ich ihn unverblümt:

   „Warum soll ich denn nicht heute Nacht abreisen?“

   „Weil, lieber Herr, mein Kutscher und meine Pferde gerade wegen eines anderen Auftrages unterwegs sind.“

   „Aber ich würde mit Freude auch zu Fuß gehen. Ich möchte gleich jetzt marschieren.“ Er lächelte – so sanft, milde und solcherart diabolisch, dass ich wusste, dass in seiner Sanftheit ein Haken verborgen war. Er sagte:

   „Und was ist mit Ihrem Gepäck?“

   „Ich brauche es nicht. Ich kann es bei Zeiten nachschicken lassen.“ Der Graf stand auf und sagte mit so feiner Liebenswürdigkeit, dass ich mir die Augen reiben musste, um mich meiner Wachheit zu versichern:

   „Ihr Engländer habt eine Redensart, die mir besonders nahe ist, weil sie auch den Geist von uns Bojaren beherrscht: ‚Heiße den kommenden Gast herzlich willkommen, aber halte den Abreisenden nicht auf.’ Kommen Sie mit mir, mein lieber junger Freund. Nicht einen Augenblick sollen Sie gegen Ihren Willen in meinem Haus sein. Dennoch bin ich traurig über Ihre Abreise, die Sie so plötzlich wünschen. Kommen Sie!“ Mit vornehmer Haltung stieg er, mit der Lampe in der Hand, vor mir die Stiege hinunter und durchschritt die Halle. Plötzlich blieb er stehen:

   „Hören Sie!“

   Ganz in der Nähe ertönte das Heulen vieler Wölfe. Es war, als ginge der Lärm in dem Augenblick los, als er die Hand erhob. Ganz so, als reagiere ein großes Orchester auf den Schlag des Dirigenten mit dem Taktstock. Nach einer kurzen Pause schritt er auf seine stattliche Art auf das Tor zu, zog die gewichtigen Riegel zurück, hakte die schweren Ketten los und öffnete langsam das Tor.

   Zu meinem höchsten Erstaunen musste ich bemerken, dass es unverschlossen war. Voll Misstrauen sah ich näher hin, konnte aber keinen Schlüssel entdecken.

   Als das Tor aufging, wurde draußen das Heulen der Wölfe lauter und wilder; sie drängten sich mit ihren roten Rachen, den fletschenden Zähnen und ihren stumpfen Krallen an den Pfoten durch die offene Tür. Da wusste ich, dass es im Moment sinnlos wäre, den Kampf gegen den Grafen aufzunehmen. Gegen ihn, der solche Verbündete kommandiert, kann ich nichts ausrichten. Aber noch, als sich langsam das Tor öffnete, stand lediglich der Graf allein im Türspalt. Plötzlich durchzuckte es mich, und es wurde mir bewusst, dass der Moment und auch die Werkzeuge meines Unterganges bereits da waren; ich sollte den Wölfen vorgeworfen werden und hatte es ja selbst veranlasst. Es lag eine teuflische Boshaftigkeit in dieser Idee – gerissen genug, um vom Grafen zu stammen. Den letzten Ausweg sehend, schrie ich:

   „Schließen Sie das Tor; ich warte gerne bis morgen!“ Dann bedeckte ich mein Gesicht mit den Händen, um die bitteren Tränen der Enttäuschung zu verbergen. Mit einer Bewegung seines mächtigen Armes warf der Graf das Tor zu, dass die schweren Türriegel klirrten und ein Echo in der Halle erzeugten, als sie zusprangen.

   Wir kehrten schweigend zur Bibliothek zurück, und nach einer oder zwei Minuten begab ich mich auf mein Zimmer. Das Letzte, was ich von Graf Dracula sah, war, dass er seine Hand küsste und mir diese Küsse zuwarf; seine Augen leuchteten im Triumph rot auf, und er hatte ein Lächeln, das selbst Judas in der Hölle stolz gemacht hätte.

   Als ich in meinem Zimmer angekommen war und mich eben niederlegen wollte, dachte ich ein Flüstern vor meiner Türe zu hören. Ich ging leise hin und lauschte. Wenn mich meine Ohren nicht täuschten, so hörte ich die Stimme des Grafen, die sagte:

   „Zurück, zurück, auf eure Plätze! Eure Zeit ist noch nicht gekommen. Wartet. Habt Geduld. Die morgige Nacht, die morgige Nacht ist euer!“ Ein leises, süßes Kichern war die Antwort. Wütend stieß ich die Türe auf. Draußen waren die drei schrecklichen Frauen, die sich gierig ihre Lippen leckten. Als ich erschien, brachen sie alle zusammen in ein widerliches Gelächter aus und liefen davon. Ich kehrte in mein Zimmer zurück und warf mich auf die Knie. Ist mein Ende denn schon so nahe? Morgen! Morgen! Gott, hilf mir und denen, die mich lieb haben!

30. Juni, morgens. – Das werden wohl die letzten Worte sein, die ich in dieses Tagebuch schreibe. Ich schlief bis kurz vor Tagesanbruch, und als ich aufwachte, warf ich mich auf die Knie – denn ich wollte dem Tod vorbereitet entgegen treten.

   Dann fühlte ich die eigenartigen Veränderungen in der Luft und wusste, dass der Morgen gekommen war. Nun ertönte auch der ersehnte Hahnenschrei, und ich wusste, dass ich in Sicherheit war. Mit frohem Herzen öffnete ich meine Türe und eilte hinunter nach der großen Halle. Ich hatte gesehen, dass das Tor unverschlossen war, und dass mir der Weg zur Freiheit offen stand. Meine Hände zitterten vor Erregung, als ich die schweren Ketten aushakte und die massiven Riegel zurückschob. Aber das Tor bewegte sich nicht; Verzweiflung erfasste mich. Ich zog und riss am Tor und rüttelte daran, bis es, schwer wie es war, in den Türangeln rasselte. Ich konnte den vorgeschobenen Riegel sehen. Die Tür musste verschlossen worden sein, nachdem ich Graf Dracula verließ.

   Da ergriff mich ein wildes Verlangen, den Schlüssel, bei allem Risiko, an mich zu bringen. Ich beschloss, nochmals die Mauer hinunterzuklettern, und in das Zimmer des Grafen einzudringen. Er mochte mich töten – doch der Tod schien mir das kleinere Übel zu sein. Ohne mich aufzuhalten, rannte ich zum östlichen Fenster und kletterte, wie ich es schon einmal tat, die Mauer hinab und stieg über das Fenster in das Zimmer des Grafen. Es war leer, was ich auch erwartete. Ich konnte nirgendwo einen Schlüssel finden, aber der Haufen Gold war noch da. Ich ging durch die Türe, die sich in der Ecke befand, die Wendeltreppe hinunter und dann durch den finsteren Gang zur alten Kapelle. Ich wusste jetzt genau, wo das Monster zu finden ist, das ich suchte.

   Die große Kiste stand auf demselben Platz, dicht an der Mauer. Der Deckel lag schon darauf, war aber noch nicht fest gemacht. Die Nägel waren schon kurz ins Holz getrieben und warteten nur noch darauf, ganz hinein geschlagen zu werden. Ich musste nun den Grafen nach dem Schlüssel durchsuchen, deshalb hob ich den Deckel vom Sarg und lehnte ihn gegen die Wand; und dann sah ich etwas, das meine Seele mit schlimmstem Grauen erfüllte. Da lag der Graf, aber er sah aus, als sei seine Jugend zur Hälfte zurückgekehrt. Sein zuvor weißes Haar und der Schnurrbart glänzten nun einem dunklen Eisengrau; seine Wangen waren voller, und die weiße Haut schien weinrot unterlegt; der Mund war röter denn je, und auf den Lippen befanden sich Tropfen frischen Blutes, das in den Mundwinkeln zusammenfloss und schließlich über Kinn und Hals hinunter sickerte. Selbst die brennenden Augen lagen nicht mehr so tief, denn es schien, als wäre das Fleisch um sie herum stärker geworden, und auch die Lider und Tränensäcke waren gut mit Blut gefüllt. Es schien mir überhaupt, als sei die ganze grauenvolle Kreatur mit Blut einfach voll gepumpt; er lag da wie ein satter Blutegel. Ich schauderte, als ich mich über ihn beugte, um ihn zu durchsuchen – all meine Sinne sträubten sich gegen eine Berührung; aber ich musste suchen, andernfalls war ich verloren. Und für die entsetzlichen drei Frauen würde ich in der kommenden Nacht ein blutiges Festmahl abgeben. Ich tastete den ganzen Körper ab, doch von einem Schlüssel fehlte jede Spur. Dann hielt ich mit der Suche kurz auf inne und betrachtete den Grafen. Es lag ein spöttisches Lächeln auf seinem aufgeblasenen Gesicht, das mich wahnsinnig hätte machen können. Das war das Wesen, dem ich helfen wollte, nach London zu übersiedeln, wo es vielleicht Jahrhunderte lang unter den sich wimmelnden Millionen von Menschen seine Blutgier sättigen, und wo er einen neuen und immer größer werdenden Zirkel von Halbdämonen schaffen würde, um dann die Wehrlosen zu jagen. Allein der Gedanke erzürnte mich. Eine schreckliche Lust kam über mich, die Menschheit aus den Klauen dieses Ungeheuers zu befreien. Eine tödliche Waffe war nicht bei der Hand; aber ich ergriff eine Schaufel, die von den Arbeitern zum Füllen der Kisten verwendet wurden, und holte weit aus, um mit der scharfen Kante in das verhasste Gesicht zu schlagen. Aber als ich das gerade tun wollte, drehte sich plötzlich der Kopf, und er sah mir direkt ins Gesicht – mit dem ganzen Schrecken eines Basiliskenblickes. Der Anblick schien mich fast zu lähmen, die Schaufel zitterte in meinen Händen, fiel kraftlos herunter und riss dabei eine klaffende Wunde in die Stirne des Grafen. Dann glitt sie mir aus der Hand, fiel über die Kiste, und als ich sie da wegstieß, berührte sie den daneben stehenden Deckel, der umfiel und das hässliche Etwas verschwinden ließ. Das Letzte, was ich sah, war das aufgedunsene Gesicht, blutunterlaufen und mit einem starren, höhnischen Lächeln, das selbst in der grauenhaftesten Hölle Eindruck gemacht hätte.

   Ich dachte und dachte, was ich nun als Nächstes tun sollte, aber mein Kopf lief heiß, und ich wartete, während sich ein Gefühl der Verzweiflung meiner bemächtigte. Doch dann hörte ich aus der Ferne ein Zigeunerlied, das von frohen Stimmen gesungen wurde und immer näher zu kommen schien. Trotz des Gesangs waren die schweren Räder und das Knallen der Peitschen deutlich hörbar; die Zigeuner und Slowaken, von denen der Graf gesprochen hatte, kamen wohl gerade. Mit einem letzten Blick um mich herum und auf die Kiste, die den widerwärtigen Leib beinhaltete, lief ich von dort weg und erreichte das Zimmer des Grafen. Ich war fest entschlossen, in dem Moment zu flüchten, wenn das Tor geöffnet würde. Angespannt lag ich auf der Lauer und hörte von unten das kreischende Geräusch eines Schlüssels in dem großen Schlüsselloch sowie das Zurückfallen des schweren Tores. Es müssen noch andere Zugänge da gewesen sein oder einer hatte den Schlüssel zu einer der versperrten Türen. Dann hörte ich das Geräusch vieler trampelnder Schritte, die ein klirrendes Echo erzeugten und in irgendeinem Durchgang ausklangen. Ich beeilte mich, wieder hinunter zu dem Gewölbe zu kommen, wo ich den neuen Eingang finden musste; aber in diesem Moment kam ein kräftiger Windstoß und die Tür, die zur Wendeltreppe führte, fiel mit einem schallenden Krach zu, dass der Staub vom Türrahmen flog. Als ich hineilte, um sie aufzudrücken, fand ich sie hoffnungslos fest verschlossen. Ich war von Neuem gefangen und das Netz des Verderbens zog sich noch enger um mich zusammen.

   Während ich dies schreibe, höre ich unten im Durchgang den Lärm trampelnder Füße und das Niederkrachen schwerer Lasten; zweifelsfrei sind es die erdgefüllten Kisten. Dann höre ich jemanden hämmern; es ist wohl die Kiste, die zugenagelt wird. Nun tönen wieder die schweren Schritte durch die Halle, gefolgt von Tritten mit etwas mehr Müßiggang.

   Das Tor wird geschlossen, die Ketten klirren; dann kreischt der Schlüssel im Schlüsselloch. Ich kann es hören, wie er herausgezogen wird; dann öffnet und schließt sich ein anderes Tor; Schloss und Riegel knarren.

Horch! Im Hofe und den felsigen Weg hinunter klingt das Rollen schwerer Räder, das Knallen von Peitschen und der Gesang der Szgany, der in weiter Ferne einsetzte.

   Ich bin nun allein im Schloss, allein mit den unheimlichen Frauen. Pfui! Mina ist doch auch eine Frau, und dennoch haben sie so gar nichts gemeinsam. Sie sind die Ausgeburten der Hölle!

   Ich werde nicht bei ihnen hier bleiben; ich werde versuchen, die Schlossmauer noch tiefer hinunter zu steigen als ich es bisher tat. Ich will mir etwas von dem Gold mitnehmen, vielleicht kann ich es noch irgendwo später brauchen. Ich muss einen Ausweg von diesem scheußlichen Ort finden.

   Und dann weg von hier und nach Hause! Hin zum schnellsten, zum nächsten Zug! Fort von diesem verfluchten Schauplatz, aus diesem verdammten Land, wo der Teufel und seine Schergen in Menschengestalt ihr Unwesen treiben!

   Gottes Gnade ist mir lieber als die der Ungeheuer, und der Abgrund ist steil und tief. An seinem Fuße mag wohl ein Mann als ein Mann schlafen. Lebt alle wohl! Mina!

FÜNFTES KAPITEL
BRIEF VON FRÄULEIN MINA MURRAY AN FRÄULEIN LUCY WESTENRAA

9. Mai

Teuerste Lucy!

Vergib mir, dass ich mit dem Briefschreiben schon so lange im Rückstand bin, aber ich werde von Arbeit beinahe erdrückt. Das Leben einer Schulassistentin ist oft sehr anstrengend. Ich sehne mich danach, bei dir, und an der See zu sein, wo wir frei miteinander plaudern und unsere Luftschlösser bauen können. Ich habe in letzter Zeit sehr viel gearbeitet, da ich gerne mit Jonathans Studien Schritt halten möchte; und ich übe auch äußerst emsig die Stenographie. Wenn wir verheiratet sind, möchte ich Jonathan eine Hilfe und nützlich sein; und wenn ich ausreichend stenographieren kann, bin ich imstande, die Dinge, die er notiert hat, mittels Schreibmaschine auf Papier zu übertragen. Und auch an der Schreibmaschine übe ich fleißig; Jonathan und ich, wir schreiben einander oft Briefe – stenographisch verfasst. Über seine Reisen führt er ein in Kurzschrift gehaltenes Tagebuch. Wenn ich bei dir bin, werde ich auch eines führen, auf gleiche Art. Ich meine nicht dieses Zwei-Seiten-Pro-Woche-Tagebuch mit einer sonntäglichen kleinen Eintragung in einem Eckchen. Nein, es soll ein richtiges Büchlein sein, in dem ich Aufzeichnungen vornehmen kann, wann immer ich dazu in Stimmung bin. Ich glaube, dass es für andere Leute nicht besonders interessant sein wird; aber dafür ist es auch gar nicht ausgerichtet. Ich möchte es gern Jonathan zeigen, wenn irgendetwas Mitteilenswertes vorfällt; hauptsächlich soll es aber ein Übungsheft für mich sein. Ich werde versuchen, so zu tun wie ich es weibliche Journalisten machen sah: Interviewen, Schilderungen verfassen und versuchen, mich der Gespräche, die ich hielt, zu erinnern. Mir wurde erzählt, dass man mit einiger Übung sich alles entsinnen kann, was man den Tag über erlebt und gehört hat. Nun, wir werden sehen. Ich werde Dich mit allem vertraut machen, wenn wir beieinander sind. Gerade habe ich einige flüchtige Zeilen von Jonathan aus Transsylvanien erhalten. Es geht ihm gut, und er wird in einer Woche heimkehren. Ich brenne schon darauf, seine Neuigkeiten erzählt zu bekommen. Es muss so schön sein, fremde Länder zu bereisen. Ich frage mich, ob wir, Jonathan und ich, sie jemals gemeinsam erkunden werden. Es schlägt zehn Uhr. Auf Wiedersehen.

In Ergebenheit,

DEINE MINA

Du musst mir alles Neue erzählen, wenn du mir schreibst. Du hast mir schon lange nichts mehr zukommen lassen. Ich höre da Gerüchte, und insbesondere von einem großen, attraktiven und kraushaarigen Mann???

BRIEF – VON LUCY WESTENRAA AN MINA MURRAY

17, Chatham Street,

Mittwoch.

Liebste Mina,

Ich muss schon sagen, du behandelst mich sehr unfair, wenn du mich eine nachlässige Briefpartnerin nennst. Ich schrieb dir zweimal, seitdem wir voneinander abreisten, und dein letzter Brief war auch erst der zweite. Zudem habe ich dir nichts zu erzählen. Es gibt wirklich nichts, was dich interessieren könnte. Die Stadt ist jetzt sehr angenehm, und die meiste Zeit widmen wir uns dem Besuch von Galerien, Spaziergängen und Ausritten im Park. Was den attraktiven, kraushaarigen Mann angeht, so denke ich, dass du den meinst, den ich beim letzten Konzert kennen gelernt habe. Jemand fantasiert hier wohl großzügig. Es war Herr Holmwood. Er kommt öfter zu uns. Er und Mama vertragen sich recht gut; sie haben so viel gemeinsam zu bereden. Wir trafen vor einiger Zeit einen Herrn, der etwas für dich wäre; wenn du nicht schon mit Jonathan verlobt wärest. Er ist eine hervorragende Partie: Hübsch, wohlhabend und aus gutem Haus. Er ist Arzt und wirklich tüchtig. Stell dir nur vor, er ist neunundzwanzig Jahre, und ist bereits der Leiter einer riesigen Irrenanstalt. Herr Holmwood stellte ihn mir vor, und er besuchte uns und kommt nun häufig. Mir ist, als sei er der entschlossenste und ruhigste Mann, denn ich jemals sah. Er scheint absolut unerschütterlich. Ich kann mir lebhaft den kraftvollen Einfluss vorstellen, den er auf seine Patienten ausüben muss. Er hat die sonderbare Angewohnheit, einem direkt ins Gesicht zu sehen, so als wolle er einem die Gedanken lesen. Er versucht es auch öfter bei mir, aber ich lobe mich, eine recht harte Nuss für ihn zu sein. Ich kenne das aus meinem Spiegel. Probierst du nicht auch öfter dein Gesicht zu analysieren? Ich tue es und sage dir, es ist kein schlechtes Studium. Es gibt dir mehr zu denken, als du dir vorstellen kannst, wenn du es noch nie versucht hast. Er sagt, ich sei ihm ein psychologisches Kuriosum, und in bescheidener Weise glaube ich es ihm. Wie du weißt, habe ich kein besonderes Interesse an Kleidern, sodass ich dir nicht beschreiben kann, was gerade modisch angesagt ist. Kleidung ist stinklangweilig. Wieder diese saloppe Umgangssprache, aber es macht nichts; Arthur sagt das jeden Tag. Nun ist alles erzählt. Mina, wir haben uns von Kindheit an all unsere Geheimnisse anvertraut; wir haben beieinander geschlafen und miteinander gegessen, gelacht und geweint; und jetzt, wo ich schon einmal etwas gesagt habe, würde ich gerne mehr sagen. Mina, hast du denn gar keine Vermutung? Ich liebe ihn. Ich erröte jetzt beim Schreiben. Ich glaube zwar, dass auch er mich liebt, doch er hat sich dazu noch nicht geäußert. Ach, Mina, ich liebe ihn; ich liebe ihn; ich liebe ihn! So, das tat jetzt gut. Ich wollte, ich wäre bei dir, meine Liebe, und wir säßen zusammen beim Auskleiden am Feuer, wie wir es zu tun gewohnt sind; dabei könnte ich dir alles erzählen, was ich fühle. Ich weiß nicht, warum ich dir das alles schreibe. Ich befürchte, dass ich aufhören und eigentlich den Brief zerreißen sollte. Und doch will ich nicht aufhören, denn es ist mir ein Anliegen, dir alles zu erzählen. Lass alsbald von dir hören und teile mir alles mit, was du davon hältst. Mina, ich muss aufhören. Gute Nacht; schließ mich in deine Gebete mit ein; und, Mina, bete für mein Glück.

LUCY

P.S. – Ich brauch dir wohl nicht sagen, dass das alles geheim bleiben muss. Doch nochmals, Gute Nacht.

„L.“

BRIEF VON LUCY WESTENRAA AN MINA MURRAY

Liebste Mina, -

Danke, Danke und nochmals Danke für deinen lieben Brief! Es war doch gut, dass ich dir alles erzählt habe und nun auch deine Anteilnahme habe.

   Meine Liebste, es regnet nicht, es gießt in Strömen. Wie zutreffend die alten Redensarten sind. Hier bin ich nun. Ich, die im September zwanzig werden soll, hatte bis heute noch keinen Heiratsantrag; zumindest noch keinen ernsthaften. Und heute kamen ihrer gleich drei. Stell Dir nur vor, drei Anträge an einem Tag! Ist das nicht gewaltig? Es tut mir leid, wirklich und aufrichtig leid um zwei der armen Heiratswerber. Oh Mina, ich bin ja so glücklich, dass ich mich kaum noch beruhigen kann. Drei Anträge! Aber erzähle ja nichts einem der jungen Mädchen, denn sonst bekommen sie noch Hirngespinste und fühlen sich verletzt und beleidigt, wenn nicht am ersten Tag, wo sie zu Hause sind, mindestens sechs Anträge herein kommen. Manche Mädchen sind so eingebildet. Du und ich, meine liebe Mina, wir sind gebunden und bald sesshaft wie alte verheiratete Damen, wir können solche Eitelkeiten nur verachten. Nun muss ich dir über die Drei erzählen, mein Schatz, aber du musst es vor allen geheim halten, außer natürlich vor Jonathan. Du wirst es ihm sicher erzählen. Ich würde es, wäre ich an deiner Stelle, gewiss auch Arthur erzählen. Eine Frau muss ihrem Partner alles erzählen – denkst du nicht ebenso, meine Liebe? -, und ich möchte offen sein. Männer mögen Frauen – gewiss die eigenen –, wenn sie genau so offen sind wie sie selbst; aber Frauen, fürchte ich, sind nicht immer so redlich, wie sie es eigentlich sein müssten. Also, meine Liebe, Nummer Eins kam vor dem Mittagessen. Ich erzählte dir schon von ihm, Dr. John Seward, der Arzt aus der Nervenheilanstalt; der mit dem strengen Kiefer und der liebenswerten Stirn. Äußerlich war er sehr kühl, aber er war doch die gesamte Zeit über nervös. Er hatte offensichtlich alles bis ins kleinste Detail einstudiert und hat nichts davon vergessen; und dennoch brachte er es beinahe zustande, sich beim Platz nehmen auf seinen Zylinder zu setzen. Das machen Männer im großen Ganzen doch nicht, wenn sie wirklich abgebrüht sind. Als er dann versuchte, ruhig zu erscheinen, spielte er mit einer Lanzette – ein kleines Operationsmesser – auf eine Art und Weise, die mich fast zum Schreien brachte. Er sprach, liebe Mina, sehr aufrichtig mit mir. Er sagte mir, wie lieb ich ihm sei, auch wenn er mich erst so kurz kenne, und wie schön sein Leben wäre, wenn ich ihm helfen und ihn aufmuntern wollte. Dann sagte er, er würde sehr unglücklich sein, wenn ich mir aus ihm nichts mache. Als er mich dann weinen sah, nannte er sich einen Wilden und versprach mir, meinem Schmerz nicht noch einen hinzuzufügen. Dann brach er ab und fragte mich, ob ich ihn vielleicht mit der Zeit lieb gewinnen könnte; und als ich meinen Kopf schüttelte, zitterten seine Hände, und er fragte zögerlich, ob ich schon an einem Anderen Interesse hätte. Er betonte es derart schön, indem er sagte, er wolle mein Vertrauen nicht erzwingen, sondern nur Klarheit haben – denn solange das Herz einer Frau noch frei ist, könne sich ein Mann Hoffnungen machen. Und da, Mina, fühlte ich mich gezwungen, ihm offen zu sagen, dass es jemand Anderen gebe. Ich erzählte ihm nur das. Dann stand er auf und blickte mich sehr streng und ernst an, als er meine Hände mit seinen umfasste und sagte, er hoffe, dass ich glücklich werde, und wenn ich einen Freund benötige, so solle ich ihn als meinen besten betrachten. Ach, liebe Mina, ich kann nicht anders als weinen; u musst entschuldigen, dass ich den Brief mit meinen Tränen beflecke. Verlobt zu sein, und alles damit Verbundene ist sehr nett. Aber es ist gar nicht fein, einen traurigen Mann mitzuerleben, der dich ernsthaft liebt, und dich schließlich mit gebrochenem Herzen verlässt, und man weiß genau, was auch immer er in diesem Moment sagen wird, du bist für immer aus seinem Leben gestrichen. Meine Liebste, ich muss hier Schluss machen. Ich fühle mich miserabel und bin doch auch glücklich.

Abends.

Eben ist Arthur fort gegangen, und ich bin in besserer Stimmung als zuvor, deshalb kann ich fortfahren, dir von den Ereignissen des Tages zu erzählen. Nun, meine Liebe, Nummer Zwei kam nach dem Lunch. Er ist ein reizender Mensch, ein Amerikaner aus Texas, und er sieht so jung und frisch aus, dass es unmöglich erscheint, dass er derart viel von der Erde gesehen und so viele Abenteuer erlebt hat. Mir erging es wie der armen Desdemona, als sie ihr die gefährlichen Wörter ans Ohr gelangten – wenn auch von einem farbigen Mann. Ich glaube, dass wir Frauen feige sind. Wir glauben, ein Mann könne uns vor Gefahren beschützen und deshalb heiraten wir ihn. Nun weiß ich, was zu tun wäre, wenn ich ein Mann sein würde und ein Mädchen in mich verliebt machen möchte. Andererseits weiß ich es doch wieder nicht. Denn Herr Morris erzählte uns seine Geschichten – Arthur erzählt mir hingegen nie welche; aber, meine Liebe, jetzt habe ich schon ein wenig vorgegriffen. Also Herr Quincey P. Morris traf mich, als ich allein war. Es scheint mir, als fände ein Mann ein Mädchen immer allein vor. Nicht immer. Arthur versuchte zweimal bei mir zu landen, und ich half ihm so gut ich nur konnte dabei; ich schäme mich dessen nicht. Ich muss dir im Voraus sagen, dass Herr Morris nicht immer im Slang spricht – das heißt, er tut es nie gegenüber Fremden oder in deren Gegenwart, denn er ist wirklich gut erzogen und hat hervorragende Manieren. Aber er fand heraus, dass es mir gefällt, ihn im amerikanischen Slang sprechen zu hören. Und wann immer ich in seiner Nähe war und keiner da war, den der Slang gestört hätte, sagte er immer die witzigsten Dinge. Ich befürchte, mein Schatz, er hat all die Wörter erfunden, denn alles, was er sagt, passt perfekt zueinander. Aber das ist die Eigenart des Slangs. Ich weiß nicht, ob ich jemals Slang sprechen werde; ich weiß nicht, ob Arthur es überhaupt mag, denn ich habe ihn bis jetzt noch nicht Slang sprechen gehört. Gut, Herr Morris setzte sich neben mich und sah so glücklich und vergnügt aus wie er nur konnte; aber ich bemerkte trotzdem, dass er sehr aufgeregt war. Er legte meine Hand in seine und sagte auf bezaubernde Art:

   „Fräulein Lucy, ich weiß, ich bin nicht einmal gut genug, die Bänder von Ihren kleinen Schuhen zu binden; aber wenn Sie auf einen Mann warten wollen, der Ihnen ebenbürtig ist, dann werden Sie sich den sieben Jungfrauen mit den Lampen anschließen können. Wollen Sie sich nicht bei mir einhängen und den langen Weg gemeinsam mit mir durchfahren – im Zweiergespann?“

   Er sah dabei so witzig und fröhlich aus, dass es mir nicht halb so leid tat, ihn zurückzuweisen wie beim armen Dr. Seward. Deshalb sagte ich, so klar ich nur konnte, ich wüsste nicht, wie ich dazu käme, mich bei ihm einzuhängen, und wäre auch gar nicht darauf aus, im Zweiergespann mit ihm zu fahren. Da erwiderte er mir, dass er doch nur sinnbildlich gesprochen hätte und hoffe, ich werde es ihm nicht verübeln, dass er in einem für ihn so ernsten und wichtigen Moment solche Dinge geredet habe. Er sah dabei wirklich ernst aus, als er das sagte, und ich konnte nicht anders als auch ernst zu werden. Ich weiß, Mina, Du wirst mich einen schrecklichen Narren nennen, da ich eine gewisse Freude, dass er heute schon die Nummer Zwei war, fast nicht unterdrücken konnte. Und dann, ehe ich ein Wort zu sagen vermochte, schüttete er einen ganzen Schwall von Liebesbeteuerungen über mich aus, indem er mir Herz und Seele zu Füßen legte. Er machte dabei ein so ernstes Gesicht, dass ich mir vornahm, nie mehr zu glauben, ein Mann, der ab und zu Späße macht, sei immer scherzhaft und könne nie ernst sein… Ich denke, er sah etwas in meinem Gesicht, das ihn verrückt machte, denn er hielt plötzlich inne und sagte mit männlicher Entschlossenheit, wegen der ich ihn allein schon lieben könnte, wenn ich frei wäre:

   „Lucy, Sie sind ein ehrliches Mädchen – ich weiß es. Ich würde nicht so zu Ihnen sprechen, wenn ich nicht wüsste, dass Sie rein sind bis in die verborgensten Tiefen Ihrer Seele. Sagen sie mir, wie es Freunde machen, haben Sie schon einen lieb? Und wenn es so ist, will ich Sie nicht weiter belästigen; aber ich werde Ihnen, wenn Sie nichts dagegen haben, ein treuer Freund sein.“

   Meine liebe Mina, warum sind die Männer bloß so edel, wo wir ihrer doch gar nicht wert sind? Ich habe mich über diesen großherzigen, braven Mann lustig gemacht. Ich brach wieder in Tränen aus – ich fürchte, Liebste, du wirst sagen, das sei ein sehr wässriger Brief – und ich fühlte mich wirklich elend. Warum kann ein Mädchen nicht drei Männer heiraten oder eben so viele, wie sich um sie bewerben? Dadurch könnte so viel Verwirrung und Herzensschmerz verhindert werden. Aber das ist ja Ketzerei, und ich sollte so etwas gar nicht sagen; ich gestehe offen, dass ich durch meine Tränen in die guten Augen von Herrn Morris blickte; dann sagte ich ihm frei heraus:

„Ja, ich liebe einen, obgleich er mir bis heute noch nicht gesagt hat, dass er auch mich liebt.“ Ich hatte recht daran getan, so offen mit ihm zu sprechen, denn es zog wie ein Leuchten über sein Antlitz und er ergriff meine beiden Hände – ich glaube, ich habe sie ihm sogar selbst gegeben – und sagte auf so herzliche Art:

   „Das ist mein tapferes Mädchen. Es ist besser zu spät, um Sie zu werben, als rechtzeitig um irgendein anderes Mädchen auf dieser Welt. Weinen Sie nicht, meine Liebe – wenn es um mich sein sollte. Ich bin eine harte Nuss; und ich stehe so etwas durch, wenn dieser andere Kerl sein Glück nicht erkennt, so soll er es bald tun, sonst bekommt er es mit mir zu tun. Wertes Mädchen, Ihre Ehrlichkeit und Ihr Mut haben mich zu Ihrem Freund gemacht, und Freunde sind spärlicher gestreut als Liebhaber; es ist irgendwie etwas Selbstloses. Meine Liebe, ich werde mich recht einsam fühlen auf dem Weg von hier nach Kingdom Come. Wollen Sie mir nicht einen Kuss geben? Ich werde die Erinnerung daran bewahren für finstere Zeiten – von jetzt an bis später. Sie können es, und das wissen Sie, wenn Sie wollen, denn der andere Mann hat ihre Liebe doch noch gar nicht erwidert. Aber er muss ein guter und ein feiner Kerl sein, sonst würden Sie ihn ja gar nicht lieb haben.“ Damit gewann er mich, Mina; denn es war edel und süß, und auch nobel, von ihm, so von einem Rivalen zu sprechen. Und er war so traurig. So beugte ich mich zu ihm und küsste ihn. Er stand auf, meine Hände hielt er immer noch in den seinen, er sah mir in die Augen – ich glaube, ich errötete dabei – und sagte:

   „Kleines Mädchen, ich halte Ihre Hände, und Sie haben mich geküsst. Wenn dies uns nicht zu Freunden machen kann, dann gar nichts. Ich danke Ihnen für Ihre Aufrichtigkeit und nun auf Wiedersehen.“ Er schüttelte mir die Hand, nahm seinen Hut und ging geradewegs aus dem Zimmer, ohne sich umzudrehen – ohne eine Träne, ohne ein Zittern und ohne Zögern; und ich heule wie ein Baby. Oh, warum muss gerade ein Mann wie er unglücklich werden, wo es doch jede Menge von Mädchen gibt, die den Boden anbeten würden, auf dem er seine Füße setzt. Ich weiß, wenn ich frei wäre, würde ich das tun – aber ich wünsche mir gar nicht, frei zu sein. Meine Liebe, das ist mir wirklich nahe gegangen, und ich kann dir nicht mehr von meinem Glück weiter erzählen. Und über die Nummer Drei werde ich dir erst erzählen, wenn alles wieder in einem glücklicheren Licht erstrahlt.

Stets deine

LUCY

P.S. – Nun, zur Nummer Drei, soll ich dir noch von Nummer Drei erzählen oder nicht? Unter uns gesagt, es war alles ganz konfus; es schien nur ein Augenblick vergangen zu sein, als er ins Zimmer hereinkam, da legte er schon seine Hände um mich und küsste mich. Ich bin sehr, sehr glücklich und weiß nicht, was ich getan habe, um das alles zu verdienen. Ich sollte in Zukunft versuchen, meine Dankbarkeit deutlicher zum Ausdruck zu bringen, für die göttliche Güte, die mir solch einen Liebhaber, einen solchen Ehemann und einen derartigen Freund bescherte.

Auf Wiedersehen.

TAGEBUCH VON DR. SEWARD

– mittels Phonograph aufgenommen -

25. Mai. – Heute kein Appetit. Kann nichts essen, hab´ keine Ruhe, deshalb Tagebuch. Seit meiner gestrigen Enttäuschung habe ich ein Gefühl der Leere; nichts in der Welt scheint mir wichtig genug, mich damit zu beschäftigen… Da ich weiß, dass die einzige Heilung für derartige Zustände die Arbeit ist, ging ich zu meinen Patienten. Ich suchte mir einen heraus, der für eine meiner Studien von höchstem Interesse ist. Er ist so wunderlich in seinen Ideen, und so unterschiedlich von den üblichen Geistesschwachen, dass ich mir fest vornahm, ihn soweit als möglich zu verstehen. Heute schien es mir, als wäre ich dem Kern seines Geheimnisses näher als je zuvor.

   Ich fragte ihn eindringlicher aus, als ich es sonst tat, mit der Absicht, mich zum Beherrscher seiner Halluzination zu machen. In der Art meines Vordringens liegt, wie ich jetzt erkenne, eine gewisse Grausamkeit. Ich versuchte, ihn auf den Höhepunkt seines Wahnsinns zu treiben – ein Verfahren, das ich sonst meide wie den Schlund der Hölle. (Anmerkung: Unter welchen Umständen würde ich den Abgrund der Hölle nicht vermeiden?) Omnia Romae venalia sunt (Alle Römer sind käuflich). Und auch die Hölle hat einen Preis. verb. sap. (Verbum sapienti sat est – Ein Wort reicht dem weisen Mann). Wenn irgendetwas hinter diesen Wahnbildern steckt, dann ist es wert, dass man es genau aufspürt. Ich hatte also einen Grund so vorzugehen, deshalb –

   R. M. Renfield, aetatis (Alter) 59 – Lebhaftes Temperament; enorme physische Kraft; krankhaft reizbar; Perioden des Wahnsinns enden in einer fixen Idee, der ich nicht folgen kann. Ich schicke voraus, dass, wenn sein sanguinisches Temperament auf störende Einflüsse stößt, seelische Anfälle ausgelöst werden; ein – vielleicht – gefährlicher Mann, wahrscheinlich gefährlich, wenn er gereizt wird. Bei normalen Menschen ist die Vorsicht ein ebenso sicherer Schutz gegen seine Feinde wie gegen sich selbst. Ich denke, dass, wenn er mit sich selbst im Klaren ist, dann sind die zentripetalen (die zum Mittelpunkt hinstrebenden) und die zentrifugalen (die vom Mittelpunkt wegstrebenden) Kräfte im Gleichgewicht; wird hingegen aus irgendeinem Grund dieser Mittelpunkt verschoben, so dominieren die letztgenannten Kräfte und es kann nur ein Anfall, oder mehrere davon, einen Ausgleich herbeiführen.

BRIEF VON QUINCEY P. MORRIS AN HERRN ARTHUR HOLMWOOD

25. Mai

Mein lieber Art,

Wir haben uns Geschichten am Lagerfeuer inmitten der Prärien erzählt; und wir haben uns gegenseitig die Wunden verbunden, als wir versuchten, auf den Marquesas (vulkanische Inseln im Südpazifik) zu landen; am Ufer des Titicaca-Sees haben wir einander Glück zugeprostet. Es sind noch mehr Geschichten zu erzählen, weitere Wunden zu verarzten und auf ein nächstes Wohl zu trinken. Wollen wir das nicht morgen Abend, bei mir, bei einem Lagerfeuer machen? Ich lade dich ein, weil ich weiß, dass eine gewisse Dame morgen Abend zu einer gewissen Dinner-Party eingeladen ist, und du folglich noch frei bist. Noch einer wird da sein, unser alter Kumpel aus Korea, Jack Seward. Er wird auch kommen, sicher, und wir beide werden unsere Tränen über dem Weinglase mischen und von ganzem Herzen auf das Wohl des glücklichsten Mannes auf diesem Erdenrund trinken, der das nobelste Herz für sich errang, das Gott jemals schuf. Wir versprechen dir ein herzliches Willkommen, eine liebenswürdige Begrüßung und ein Prosit, das so wahrhaft ist wie deine eigene rechte Hand. Wir schwören dir beide, dich nach Hause zu schicken, wenn du, einem gewissen Paar schöner Augen wegen, zu tief in das Glas geschaut haben solltest. Sei dabei!

Dein – auf immer und ewig,

QUINCEY P. MORRIS

TELEGRAMM VON ARTHUR HOLMWOOD AN QUINCEY P. MORRIS

26. Mai.

Rechne mit mir wie zu jeder Zeit. Ich bringe euch Neuigkeiten, die euch beiden die Ohren aufgehen lassen werden.

ART

SECHSTES KAPITEL
TAGEBUCH VON MINA MURRAY

24. Juli. Whitby – Lucy holte mich vom Bahnhof ab; sie sah süßer und lieblicher aus als je zuvor, und wir fuhren gemeinsam in das Haus am Crescent, wo Zimmer vermietet werden. Es ist ein wunderbarer Ort hier. Der kleine Fluss – der Esk – fließt in ein tiefes Tal hinab, das aber breiter wird, wenn es sich dem Hafen nähert. Ein großer Viadukt führt darüber hinweg, mit hohen Brückenpfeilern, durch die der Blick irgendwie in weite Ferne gerät – weiter weg, als es der Realität entspricht. Das Tal ist saftig grün und so tief eingeschnitten, dass man von den Hängen aus nicht hinuntersehen kann, wenn man nicht bis direkt an den Rand tritt – andernfalls schaut man einfach darüber hinweg. Die Häuser der alten Stadt – auf der anderen Seite – haben allesamt rote Ziegeldächer und sehen wie übereinander geschachtelt aus – wie wir es aus den Bildern der deutschen Stadt Nürnberg kennen. Gerade über der Stadt liegt die Ruine der Abtei Whitby, die von den Dänen zerstört wurde, und in der sich ein Teil des Stückes „Marmion“ abspielt, in dem ein Mädchen in die Wand eingemauert wird. Es ist eine schöne Ruine, von stattlicher Größe und voll von herrlichen und romantischen Plätzchen; es geht die Sage um, dass sich in einem der Fenster eine weiße Frau sehen lasse. Zwischen dem Kloster und der Stadt befindet sich noch eine Kirche, die Pfarrkirche, um die herum sich ein großer Friedhof mit vielen Grabsteinen ausbreitet. Meiner Ansicht nach ist es der bezauberndste Fleck von ganz Whitby, denn er liegt direkt über der Stadt und gewährt eine schöne Aussicht auf den Hafen und die Bucht, von wo die Landspitze, Kettleness genannt, weit in das Meer ragt. Die Böschung über dem Hafen ist so steil, dass schon Stücke herunter gebrochen sind, wodurch einige Gräber zerstört wurden. An einer Stelle hängen die Grabsteine besonders weit hinaus über den tief unten liegenden sandigen Fußweg. Es führen Spazierwege, mit Bänken versehen, durch den Friedhof; den ganzen Tag gehen und sitzen hier Leute. Sie genießen die herrliche Aussicht und den kräftigen Seewind. Ich werde sehr oft hierher kommen und mich niederlassen, um zu arbeiten. Tatsächlich sitze ich schon hier und schreibe, mein Buch auf dem Knie, und höre den Gesprächen von drei alten Männern zu, die neben mir sitzen. Vermutlich besteht ihr tägliches Tun lediglich darin, hier zu sitzen und zu plaudern.

   Der Hafen liegt unter mir, auf der anderen Seite erstreckt sich eine lange Granitmauer, die bis ins Meer reicht und dann mit einer Biegung nach außen endet – in deren Mitte steht ein Leuchtturm. Breite Wellen laufen an der Mauer außen entlang. Auf der mir nahe gelegenen Seite verläuft die Hafenmauer gleich einer Armbeuge nach innen gekrümmt, und am Ende befindet sich wieder ein Leuchtturm. Zwischen den beiden Piers ist nur eine schmale Hafeneinfahrt, die sich dann trichterförmig erweitert.

   Besonders schön ist es bei Flut; aber wenn die Flut sich verläuft, dann liegen die Sandbänke frei, und dann ist bloß das Wasser des Esk sichtbar, das sich durch die Sandbänke windet und hie und da den steinernen Felsen ausweicht. Außerhalb des Hafens erstreckt sich eine halbe Meile lang ein großes Riff, das scharf abbricht und endet, wo der südliche Leuchtturm ruht. Dort schwimmt eine Boje, an die eine Glocke befestigt wurde. Bei schlechtem Wetter ertönt sie und schickt traurige Klänge zu den Windböen. Hier gibt es eine Legende: Wenn ein Schiff verloren geht, seien weit auf offener See Glockengeräusche hörbar. Ich muss den alten Mann darüber befragen; er kommt gerade des Weges…

   Es ist ein witziger alter Mann; er muss schrecklich betagt sein, denn sein Gesicht ist zerfurcht und rau wie Baumrinde. Er erzählt mir, dass er schon an die hundert Jahre sei und Matrose in der grönländischen Fischerflotte war, als die Schlacht bei Waterloo ausgefochten wurde. Er ist, fürchte ich, eine sehr skeptische Person, denn, als ich ihn über die Glocken am Meer und die weiße Frau in der Abtei fragte, antwortete er mir sehr schroff:

   „Ich scher’ mich nicht um so etwas, Fräulein. Das sind lauter abgedroschene Geschichten. Doch beachten Sie, ich sag’ nicht, dass es sie nie gab, aber ich sag’ nur, dass ich sie in meinem ganzen Leben nie selbst hören oder sehen konnte. Das ist alles schön für Besucher und Ausflügler, aber nicht für ein so hübsches, junges Fräulein wie Sie. Das Fußvolk von York und Leeds, das immer gepökelte Heringe isst, Tee dazu trinkt und immer drauf aus ist, günstig Strandgüter zu erwerben, mag ja alles glauben. Ich möcht’ gern’ wissen, wer sich damit abgibt, ihnen immer solche Lügen zu erzählen? Vielleicht sind’s die Zeitungen, die immer voll von dummem Gelaber sind?“ Ich dachte, er wäre die geeignete Person, um interessante Dinge zu erfahren, und deshalb bat ich ihn, mir etwas vom Walfischfang aus der alten Zeit zu erzählen. Er wollte gerade zu erzählen beginnen, als die Uhr sechs schlug; er stand, sich dabei abmühend, auf und sagte:

   „Ich muss jetzt nach Haus’, Fräulein. Meine Enkelin hat es nicht gern, wenn ich sie warten lass’, und der Tee bereits fertig ist. Es braucht seine Zeit, bis ich die Stufen da hinunter komme – und es sind viele Stufen – und ich brauch’ mein Futter auf die Stunde, wertes Fräulein.“

   So humpelte er davon, und ich beobachtete ihn, wie er sich bemühte, so gut es ging, rasch die Stufen hinunter zu kommen. Die Treppe ist absolut typisch für den Ort. Sie führt von der Stadt hinauf zur Kirche; es sind sicher mehrere hundert Stufen – wie viele es sind, weiß ich nicht -, und sie winden sich in einem zarten Bogen den Hügel entlang; die Steigung ist so sanft, dass sogar ein Pferd leicht hinauf- und wieder herunterkäme. Ich denke, dass die Treppe ursprünglich irgendetwas mit der Abtei zu tun hatte. Ich sollte jetzt auch nach Hause gehen. Lucy und ihre Mutter waren auswärts auf Besuch. Da es aber nur Anstandsvisiten waren, ging ich nicht mit. Sie werden wohl schon heimgekommen sein.

25. Juli – Ich kam vor einer Stunde mit Lucy hier herauf, und wir hatten ein äußerst interessantes Gespräch mit meinem alten Freund und zwei anderen Männern, die immer bei ihm sind. Er ist wie ihr „Herr Orakel“ (aus einem Gratiano-Zitat aus Shakespeares „Kaufmann in Venedig“) und muss seinerzeit eine sehr dominante Persönlichkeit gewesen sein. Er will nie etwas zugeben und beleidigt jeden. Wenn er nicht überzeugen kann, dann brüllt er über alle hinweg und quittiert das anschließende Schweigen, das er für Zustimmung hält, mit seinem Blick. Lucy sieht süß und bezaubernd aus in ihrem weißen Tenniskleid; sie hat eine schöne Farbe bekommen, seitdem sie hier ist. Ich bemerkte, dass die alten Männer sich beeilten herauf zu kommen, und sie nehmen sofort in der Nähe von Lucy Platz, wenn wir uns hinsetzten. Sie ist so freundlich zu den alten Leuten; ich glaube, sie haben sich alle geradewegs in sie verliebt. Sogar mein alter Freund erlag ihrem Charme, und er widersprach ihr nicht, während er mir dagegen doppelten Widerstand leistete. Ich brachte ihn auf das Thema Legenden, und er begann plötzlich, eine Art Predigt zu halten. Ich will versuchen, mich gänzlich daran zu erinnern, und es niederschreiben:

   „Es ist alles Gewäsch, das ganze Zeug; so ist es und nicht anders. Diese Hexen, Vorzeichen, Kobolde, Gespenster und Teufel sind doch alle nur erdacht, um Kinder und schwache Weiber zum Zittern zu bringen. Das sind alles nur Luftblasen. Sie und alle Drohungen, Zeichen und Warnungen sind erfunden von Pfaffen, schlappen Intellektuellen und Geschäftsreisenden, um Halbgebildete zu erschrecken oder Leute zu etwas zu bringen, was sie sonst nicht täten. Ich werde ganz irr’, wenn ich nur dran denk’. Aber nicht genug, dass sie diese Lügen in Zeitungen publizieren und von Kanzeln herunter predigen, nein, sie müssen sie auch auf Grabsteine schreiben. Schauen Sie umher, wohin Sie wollen, all diese Steine, die aufrecht stehen – wie stolz – sollten einfach umfallen unter der Lügenlast; denn auf ihnen steht: ‚Hier liegt begraben…’, ‚Im Andenken a …’, – das steht auf allen; und in Wirklichkeit ist nicht einmal bei der Hälfte davon ein Toter begraben. ‚Andenken’ ist kein Häufchen Schnupftabak wert, geschweige denn etwas Geheiligtes. Lügen, nichts als Lügen. Mein Gott, es wird ein seltsames Gedränge geben am Jüngsten Tag, wenn sie alle hier heraufkommen, um ihre Grabsteine zu holen, mit denen sie Ihm dann beweisen wollen, wie gut ihre Taten auf Erden waren; einige der Toten werden erhebliche Schwierigkeiten haben, wenn sie mit ihren Händen, die kraftlos und vor allem glitschig geworden sind – vom im Meer Liegen -, nach ihren eigenen Grabsteinen oder denen ihrer Familien hin zu greifen versuchen.“

   Ich sah an dem selbstzufriedenen Ausdruck des alten Mannes und an der Art, wie er sich, um den Beifall seiner Genossen zu ernten, im Kreis herum sah, dass er es mir gezeigt habe, und so fügte ich, um ihn zum Weiterreden zu veranlassen, hinzu:

   „Aber, Herr Swales, das können Sie doch nicht ernsthaft meinen? Es sind doch sicherlich nicht all diese Grabsteine falsch?“

   „Möglicherweise! Es wird nur wenige darunter geben, die nicht falsch sind. Die ganze Sache ist Lug und Trug. Da sehen Sie nur her; Sie kommen als Fremde hierher und sehen den Kirchhof.“ Ich nickte, weil ich dachte, es wäre besser, ihm zuzustimmen, wenngleich auch ich seinen Dialekt nicht immer verstand. Ich war aber fest der Überzeugung, dass es etwas mit der Kirche zu tun habe. Er fuhr fort: „Und Sie glauben, dass alle diese Steine über Menschen stehen, die einmal hier gelebt haben?“ Ich nickte wieder zustimmend. „Und das ist gerade die Lüge. Da sind Grabstätten dabei, die sind so leer wie unsere alte Dun’s Tabakdose am Freitagabend.“ Er stieß einen seiner Kumpane an und alle lachten auf. „Und, mein Gott, wie könnte es auch anders sein? Sehen Sie einmal diesen, den hintersten Grabstein hinter der Bank: Lesen Sie!“ Ich wandte mich um und las:

   „Edward Spencelagh, Obermatrose, ermordet von Piraten an der Küste von St. Andreas im April 1854, als er 30 Jahre alt war.“ Als ich mich wieder zum ihm wandte, fuhr Herr Swales fort:

   „Wer brachte ihn denn hierher, möchte ich wissen, um ihn hier zu begraben? Ermordet wurde er an der Küste von St. Andreas! Und Sie glauben, er läge hier darunter! Nun, ich könnte Ihnen ein Dutzend nennen, deren Gebeine in Grönlands Gewässern ruhen.“ – Er deutete nordwärts; – „Oder wo die Strömung sie sonst wo hingetragen haben. Da stehen die Grabsteine um Sie herum. Sie können mit Ihren jungen Augen das erlogene Kleingeschriebene lesen. Da, Braithwaite Lowrey – ich kannte seinen Vater, vermisst auf der Lively bei Grönland im Jahre ’20; oder Andrew Woodhouse in denselben Gewässern 1777 ertrunken; oder John Paxton, ein Jahr später bei Kap Farewell ersoffen; oder der alte John Rawlings, mit dessen Großvater ich segelte, ertrank im Golf von Finnland im Jahre ’50. Glauben Sie denn, dass alle diese Leute nach Whitby hetzen werden, wenn die Trompeten ertönen? Da hab’ ich so meine Bedenken. Ich sage Ihnen, wenn sie alle einmal zusammenkommen, wird es ein Gedränge und Gewühle geben, das dem Kampf um die Eisscholle aus vergangenen Tagen gleichen wird, wo wir dann versuchen, zusammengepfercht bei Tag und Nacht, unsere Wunden im Licht der Aurora Borealis heilen zu lassen.“ Das war offenbar ein Insiderwitz, denn der alte Herr grinste vergnügt, und seine Gehilfen taten es ihm mit Freude nach.

   „Aber“, sagte ich, „sicherlich ist es nicht korrekt, wenn Sie von der irrigen Annahme ausgehen, dass all die armen Leute oder zumindest ihre Seelen, ihre Grabsteine zum Jüngsten Gericht schleppen müssen. Glauben Sie, dass das wirklich nötig sein wird?“

   „Nun, wofür wären sonst Grabsteine gut? Beantworten Sie mir das, Fräulein!“

   „Um den Verwandten eine Freude zu machen, denke ich.“

   „Um den Verwandten eine Freude zu machen!“, das sagte er mit nachhaltiger Verachtung. „Wie kann es denn einem Verwandten Freude bereiten, wenn sie wissen, dass Lügen auf den Grabsteinen stehen – und jeder im Umfeld weiß auch, dass es sich um Lügen handelt?“ Er deutete auf einen Stein zu unseren Füßen, der wie eine gewöhnliche Platte auf den Boden gelegt war, und auf dem man, am Rande des Cliffs, einen Ruhesitz angebracht hatte. „Lesen Sie die Aufschrift auf dem Grabstein“, sagte er. Von meinem Platz aus hätte ich die Buchstaben verkehrt lesen müssen, dagegen saß Lucy besser, beugte sich darüber und las:

   „Dem Andenken des George Canon gewidmet, der in der Hoffnung auf die glorreiche Auferstehung, am 29. Juli 1873 auf Kettleness von einem Felsen stürzte und verstarb. Dieses Grab wurde von der trauernden Mutter für ihren innig geliebten Sohn errichtet. Er war der einzige Sohn der Mutter, und sie war Witwe.“ „Tatsächlich, Herr Swales, ich kann nichts Lustiges daran entdecken!“ Lucy betonte dies sehr ernst und scharf.

   „Sie finden nichts Lustiges daran! Ha! Ha! Das kommt daher, weil Sie nicht wissen, dass die Mutter eine aus der Hölle entsprungene Raubkatze war, die ihren Sohn so sehr hasste, weil er lahm war und Krücken bedurfte. Und er hasste sie im Gegenzug so, dass er Selbstmord beging, nur damit die Mutter die Lebensversicherung, die sie für ihn eingezahlt hatte, nicht erhalte. Er schoss sich in den Kopf mit einer alten Muskete, die sie sonst zur Jagd auf Krähen verwenden. Das also ist die Erklärung seines Absturzes von dem Felsen. Und was die Hoffnung auf eine fröhliche Auferstehung betrifft, so habe ich ihn oft sagen hören, meiner Seele, er hoffe, zur Hölle zu fahren, damit er nicht mit seiner Mutter, die sich sicherlich durch ihre Frömmigkeit den Himmel verdient, zusammen sein müsste. Also, enthält dieser Stein hier“, er klopfte mit seinem Stock darauf, „nicht einen ganzen Packen Lügen? Und würde nicht Erzengel Gabriel ein überraschtes Gesicht machen, wenn George mit dem Leichenstein auf seinem Buckel die Stufen herauf gehumpelt käme, um sich damit zu legitimieren.“

   Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, aber Lucy drehte das Gespräch und sagte, während sie aufstand:

   „Oh, warum haben Sie uns das erzählt? Es ist mein Lieblingsplatz, und ich kann ihn nicht aufgeben. Nun erfahre ich, dass ich künftig auf dem Grab eines Selbstmörders werde sitzen müssen.“

   „Das darf Sie doch aber nicht stören, Herzchen, und es würde dem armen George sicher eine große Freude bereiten, wenn er wüsste, dass ein so süßes Wesen auf seinem Grabstein sitzt. Das darf Sie also nicht stören. Sehen Sie, ich sitze hier schon Jahre lang, und es ist mir noch nie ein Leid zugestoßen. Bilden Sie sich eben ein, er läge nicht da unten oder Sie säßen anderswo. Meine Zeit ist nun um, und ich muss gehen. Ich empfehle mich, meine Damen.“ Mit diesen Worten humpelte er davon.

   Lucy und ich blieben noch einige Zeit sitzen. Zu unseren Füßen lag so viel Schönheit, dass wir andächtig unsere Hände verschlangen; sie erzählte mir noch von Arthur und ihrer kommenden Hochzeit. Das bereitete mir ein wenig Herzschmerzen, denn ich habe von Jonathan einen ganzen Monat nichts mehr gehört.

   Am selben Tag. – Ich kam allein hier herauf, denn ich bin sehr traurig. Es gab wieder keinen Brief für mich. Ich hoffe, dass Jonathan nichts zugestoßen ist. Eben hat es neun Uhr geschlagen. Ich sehe die Lampen in der Stadt aufleuchten – an den Straßen gehen sie in Reihen an und dann wieder leuchten sie ganz vereinzelt auf; sie laufen entlang des Esk und verlieren sich in der Krümmung des Tals. Links von mir ist die Aussicht durch die scharfe, dunkle Firstlinie des Daches eines Hauses nächst der alten Abtei abgeschnitten. Schafe und Lämmer blöken auf den Feldern hinter mir, und es ist das Klappern von Eselshufen auf der tief unten liegenden, gepflasterten Straße zu hören. Eine Kapelle am Pier spielt einen schnellen Walzer mit gutem Tempo, während weiter vom Kai entfernt, irgendwo in einer hinteren Gasse, die Heilsarmee aufspielt. Keine der Musikgruppen nimmt Notiz von der anderen, aber von hier oben kann ich sie beide hören und sehen. Ich frage mich bloß, wo Jonathan ist, und ob er an mich denkt? Ich wünschte, er wäre hier.

TAGEBUCH VON DR. SEWARD

5. Juni – Der Fall Renfield wird immer interessanter, je mehr ich den Mann zu verstehen imstande bin. Er hat gewisse und stark ausgeprägte Charaktereigenschaften: Selbstsüchtigkeit, Verschwiegenheit und Entschlossenheit. Ich wollte, ich könnte herausfinden, was es mit Letztgenannter auf sich hat. Er hat, finde ich, ein ganz spezielles Schema, aber was er damit will, weiß ich noch nicht. Seine Liebe zu Tieren ist eine ausgleichende Qualität seiner Person. Doch manchmal verhält er sich ihnen gegenüber derart kurios, dass es mir scheint, als sei er nur abnormal grausam. Seine Lieblingstiere sind unterschiedlicher Art. Gegenwärtig besteht sein Hobby im Fangen von Fliegen. Er hat eine solche Menge beisammen, dass ich ihm weiteren Fliegenfang untersagen musste. Zu meinem Erstaunen brach er nicht in Wut aus, sondern nahm es einfach hin. Er dachte einen Augenblick nach, dann sagte er: „Können Sie mir drei Tage geben? Da werde ich sie alle wegschaffen.“ Ich versprach, ihm die Zeit zu gewähren. Ich muss ihn aber genau beobachten.

18. Juni – Er konzentriert sich nun auf Spinnen, und hält recht große Exemplare in seiner Box gefangen. Er füttert sie mit seinen Fliegen, deren Zahl auch schon beträchtlich abgenommen hat, wenn er auch die Hälfte seines eigenen Essens dazu verwendet, neue Fliegen von außerhalb seines Raumes anzulocken.

1. Juli – Seine Spinnen stellen nun ein ebenso großes Ärgernis dar wie die Fliegen, und heute erklärte ich ihm, dass er sich von ihnen werde trennen müssen. Daraufhin wurde er so traurig, dass ich ihm sagte, er müsse zumindest einmal einige davon auslassen. Er beruhigte sich und wurde wieder fröhlich, da ich ihm dieselbe Zeit einräumte wie zur Reduzierung der Fliegen. Einmal ekelte ich mich heftig vor ihm, denn als eine widerliche Schmeißfliege, aufgebläht durch verwesende, faulige Nahrung, durch das Zimmer brummte, fing er sie und hielt sie jubelnd ein paar Augenblicke zwischen seinem Finger und Daumen, und bevor ich noch erraten konnte, was er nun tun wollte, steckte er die Fliege in den Mund und aß sie auf. Ich schimpfte deshalb mit ihm, er aber erwiderte in Ruhe, es schmecke sehr gut und sei gesund; es sei Leben, blühendes Leben, und gebe ihm auch lebendige Kraft. Das brachte mich auf eine Idee oder wenigstens auf den Teil einer Idee. Ich muss ihn nun dabei beobachten, wie er sich von seinen Spinnen trennen wird. Er trägt offenbar ein großes Problem im Kopf, denn er führt ein kleines Notizbuch, in das er immer etwas niederzuschreiben hat. Ganze Seiten sind voll von Zeichen und Ziffern, die er in Kolonnen addiert, und deren Summen kommen wieder in Kolonnen, als wollte er sein Zahlenwirrwarr nachvollziehbar machen – so klar, wie es etwa Rechnungsprüfer zu tun pflegen.

8. Juli – Es steckt eine Methode in seinem Wahnsinn, und die grundlegende Idee in meinem Kopf beginnt, sich weiterzuentwickeln. Bald wird die Idee fertig zu Ende gedacht sein, und dann, Intuition, wird an deine Stelle der Intellekt treten. Ich hielt mich von meinem Schützling einige Tage fern, sodass ich genau feststellen konnte, ob irgendeine Änderung zu bemerken sei. Die Dinge blieben so, wie sie gewesen waren, nur, dass er sich von einigen seiner Tiere getrennt und neue an ihre Stelle gesetzt hatte. Er brachte es zustande, einen Sperling zu fangen und hat ihn bereits teilweise gezähmt. Seine Mittel zur Zähmung sind einfach, die Anzahl der Spinnen hat sich verringert. Die übrig Gebliebenen sind gut genährt, denn er bringt ihnen noch immer Fliegen, die er mit seinem Essen ködert.

19. Juli – Wir machen Fortschritte. Mein Freund hat nun eine ganze Sperlingskolonie, und seine Fliegen und Spinnen sind schon tüchtig dezimiert. Als ich eintrat, rannte er auf mich zu und sagte, er möchte mich um einen großen Gefallen bitten, um einen sehr, sehr großen Gefallen; und wie er so sprach, schmiegte er sich an mich wie es Hunde tun. Ich fragte ihn, was er denn wolle, und er antwortete mit Erregung in seiner Stimme und Körperhaltung:

   „Ein Kätzchen, ein niedliches, kleines, geschmeidiges, verspieltes Kätzchen, mit dem ich herumtollen kann, ihm etwas beibringen und füttern und füttern und füttern kann.“ Ich war nicht unvorbereitet auf diese Bitte, denn ich weiß ja nun, dass seine Wünsche nach seinen Haustieren an Größe und Lebhaftigkeit immer mehr zunehmen; aber ich wollte nicht, dass die herzige Sperlingsfamilie dasselbe grausame Ende nehme wie die Fliegen und Spinnen. Ich sagte daher, ich wolle mir die Sache noch überlegen, und fragte ihn, ob er denn nicht lieber eine Katze als ein Kätzchen wolle. Seine Übereifrigkeit entlarvte ihn, denn er antwortete:

   „Oh ja, ich möchte eine Katze! Ich bat nur deswegen bloß um ein Kätzchen, weil ich fürchtete, Sie könnten mir eine Katze verweigern. Aber es wird doch niemanden geben, der mir ein Kätzchen verweigern würde?“ Ich schüttelte den Kopf und sagte ihm, dass es leider momentan wohl nicht möglich sein werde, aber dass ich die Sache im Auge behalten wolle. Sein Gesicht verfiel und ich konnte darin eine warnende Gefahr erkennen und sah eine plötzliche Bösartigkeit aufkeimen; sein Blick hätte mich töten können. Der Mann ist mit einem unentwickelten Mordtrieb behaftet. Ich will ihn testen mit seiner gegenwärtigen Sehnsucht und sehen, wie es funktioniert; dann werde ich mehr wissen.

   10 Uhr abends – Ich besuchte ihn nochmals und fand ihn brütend in einer Ecke sitzen. Als ich eintrat, warf er sich vor mir auf die Knie und flehte mich an, ihm doch eine Katze zu genehmigen, sein Seelenheil hänge davon ab. Ich blieb trotzdem fest und machte ihm klar, dass ich seinen Wunsch jetzt nicht erfüllen könne, worauf er wortlos weg ging, an seinen Fingern nagte, und sich wieder hinsetzte, wo ich ihn bei meinem Eintritt vorgefunden hatte. Ich werde ihn morgen früh wieder besuchen.

20. Juli – Besuchte Renfield sehr zeitig, noch bevor der Wärter seine Runden gedreht hatte. Fand ihn bereits munter und eine Melodie summend. Er streute gerade am Fenster seinen Zucker aus, den er sich aufgehoben hatte, und begann offenbar wieder mit seiner Fliegenfängerei; und er schien zufrieden dabei und hatte gute Erfolge. Ich hielt vergebens Ausschau nach seinem Federvieh und fragte ihn dann, wo die Vögel seien. Er antwortete, ohne sich umzudrehen, dass sie alle fort geflogen seien. Es lagen einzelne Federn im Zimmer, und auf seinem Kopfkissen war ein Tropfen Blut. Ich sagte nichts und ging weg, beauftragte aber den Aufseher, mich sofort zu benachrichtigen, wenn sich im Laufe des Tages etwas Merkwürdiges ereignen sollte.

   11 Uhr vormittags – Eben war der Wärter da und meldete mir, dass Renfield sehr krank sei und eine Menge Federn erbrochen habe. „Mein Verdacht, Herr Doktor, besteht darin“, sagte er, „dass er seine Vögel gegessen hat; er nahm sie einfach und verzehrte sie roh!“

   11 Uhr abends – Ich gab Renfield abends ein starkes Schlafmittel, genug, um sogar ihn zum Schlafen zu bringen; dann nahm ich ihm sein Notizbuch weg, um es zu durchforsten. Meine Ansicht wurde vollauf bestätigt. Mein Mordsüchtiger ist von einer besonderen Art. Ich muss eine neue Zuordnung für ihn erfinden; ich glaube, er hat einen zoophagen (Fleisch fressenden) Drang. Er möchte sich so viele Lebewesen einverleiben, als er nur irgendwie kann, und er hat es darauf angelegt, das in ausgiebigster Weise auszuleben. Er gab einer Spinne möglichst viele Fliegen, und möglichst viele Spinnen einem Vogel, und bat dann um eine Katze, auf deren Speisekarte Vögel stehen sollten. Was würde wohl sein nächster Schritt gewesen sein? Es wäre es fast wert, ihn das Experiment zu Ende zu bringen lassen. Läge ein ausreichender Grund dafür vor, müsste ich es ihm auch ermöglichen. Viele haben über Vivisektion (also den Eingriff an lebenden Tieren für wissenschaftliche Belange) gespottet, aber man sehe nun die Ergebnisse. Warum soll man der Wissenschaft in ihrem schwierigsten und vitalsten Zweig – der Lehre vom Gehirn – nicht Förderung zukommen lassen? Hätte ich das Geheimnis nur eines solchen Gehirnes erforscht, hätte ich den Schlüssel zum Wahnsinn nicht nur dieses Verrückten – ich würde auf einer so hohen Ebene stehen, dass die Physiologie von Burdon-Sanderson oder die Lehre vom Gehirn von Ferrier im Vergleich dazu lächerlich erschienen. (Sir John Scott Burdon-Sanderson war Physiologe, der von 1828 bis 1905 lebte; und Frederick Ferrier, schottischer Metaphysiker, lebte von 1808 bis 1864). Wenn es nur einen Grund gäbe! Ich darf nicht zu viel daran denken, sonst gerate ich noch in Versuchung; ein nur kleiner Grund würde den Ausschlag geben, und warum sollte ich nicht auch ein außergewöhnlichen Erfolg haben?

   Wie klar der Mann denkt; Irre können das immer innerhalb ihrer eigenen Welt. Mich würde interessieren, wie viele Leben ihm ein Mensch wert ist. Er hat seine Berechnungen ganz gewissenhaft abgeschlossen, und heute begann er von neuem. Wie viele von uns legen sich Rechenschaft von jedem Tag ihres Lebens ab?

   Mir kommt vor, dass mein bisheriges Leben aufgrund dieser neuen Hoffnung geendet hat, und ich nun gewissenhaft mit einem neuen beginnen müsse. Es wird doch so bleiben, bis der Große Buchhalter mit mir abrechnet und meine Bilanz abschließt, die mir dann einen positiven oder negativen Saldo ausweisen wird. Oh, Lucy, Lucy, ich kann dir nicht böse sein, und auch nicht meinem Freund, dessen Glück auch deines ist; ich kann nur abwarten in Hoffnungslosigkeit und Arbeit. Arbeit! Arbeit!

   Wenn ich nur wenigstens wie mein armer, verrückter Schützling, einen so starken, aber guten und selbstlosen Motor zur Arbeit hätte, das wäre mir wahrlich eine Freude.

TAGEBUCH VON MINA MURRAY

26. Juli – Ich bin besorgt, aber es hilft mir, dass ich hier ein wenig Dampf ablassen kann; es ist, als ob ich mir selbst zu gleicher Zeit zuflüstern und zuhören würde. Und es liegt etwas in den stenographischen Zeichen, die sich so sehr von der normalen Schrift unterscheiden. Ich bin unglücklich wegen Lucy und wegen Jonathan. Ich hatte schon so lange nichts mehr von Jonathan gehört, und war sehr beunruhigt. Gestern schickte mir der immer so nette Herr Hawkins einen Brief von ihm. Ich hatte ihm geschrieben und ihn gebeten, mir mitzuteilen, ob er denn etwas von Jonathan gehört habe, und er schrieb zurück, dass die mir mit diesem Schreiben zugesandte Beilage ihn gerade erreicht hatte. Es stand nur eine Zeile, datiert vom Schloss Dracula, mit dem Inhalt, dass er gerade abreisen wolle. Das sieht Jonathan gar nicht ähnlich; ich verstehe es nicht, und es beunruhigt mich. Noch dazu hat Lucy, die sonst wohlauf ist, wieder ihre alte Gewohnheit – das Nachtwandeln – aufgenommen. Ihre Mutter sprach darüber mit mir, und wir haben ausgemacht, dass ich jede Nacht die Tür zu unserem Zimmer verschließen werde. Frau Westenraa glaubt, dass Nachtwandler gewöhnlich auf Hausdächern und an Klippenrändern spazieren gehen, dann plötzlich aufwachen und mit einem durchdringenden Schrei, der überall widerhallt, hinabstürzen. Die arme Frau hat natürlich Angst um Lucy, und sie erzählte mir, dass ihr Mann, Lucys Vater, die gleiche Gewohnheit hatte; er stand oft in der Nacht auf, zog sich an und wäre fort gegangen, wenn man ihn nicht aufgehalten hätte. Lucy will im Herbst heiraten und macht bereits jetzt Pläne über ihre Kleidung und die Einrichtung ihres Hauses. Dafür habe ich volles Verständnis, denn ich habe ja Gleiches vor, nur dass Jonathan und ich beabsichtigen, unser Leben ganz einfach einzurichten, da wir mit wenig auskommen müssen. Herr Holmwood – es ist der ehrenwerte Arthur Holmwood, einziger Sohn von Lord Godalming – wird in Kürze hier sein, sobald er die Stadt verlassen kann, denn seinem Vater geht es nicht sehr gut; ich glaube, Lucy zählt die Minuten, bis er ankommt. Sie möchte ihn gerne hier zu unserer Bank heraufführen und ihm die Schönheiten von Whitby zeigen. Ich nehme an, dass es das Warten ist, das sie so nervös macht; es wird ihr besser gehen, wenn er dann da ist.

27. Juli – Keine Neuigkeiten von Jonathan. Ich beginne, mich um ihn zu sorgen, obwohl ich nicht weiß warum; aber wünsche mir so sehr, dass er mir schreibt, und wäre es lediglich eine Zeile. Lucy wandelt in den Nächten mehr herum als je, und dabei weckt mich jedes Mal ihr Herumgehen im Zimmer. Glücklicherweise haben wir so warmes Wetter, dass sie sich dabei nicht erkälten kann; doch die Sorge um sie und das ständige Aufgewecktwerden machen sich bereits bei mir bemerkbar, denn ich werde nervös und schlaflos. Gott sei Dank bleibt Lucy bei Gesundheit. Herr Holmwood ist plötzlich nach Ring berufen worden, um nach seinem Vater zu sehen, der ernsthaft krank geworden ist. Lucy ist traurig, weil sich das Wiedersehen mit ihm nun wieder verzögert, aber rein äußerlich merkt man ihr nichts an. Sie ist etwas kräftiger geworden und ihre Wangen haben einen lieblichen rosigen Schimmer. Sie hat das anämische (blutarme) Aussehen vollkommen verloren. Ich bete darum, dass es so bleiben wird.

3. August – Wieder eine Woche vorbei und noch nichts Neues von Jonathan. Nicht einmal Herr Hawkins erhielt etwas, wie ich von ihm hörte. Oh, wie ich hoffe, dass er nicht krank ist. Aber dennoch würde er geschrieben haben. Ich lese immer wieder seinen letzten Brief, aber es beruhigt mich nicht. Es ist die nicht die Art, wie er sonst schreibt, aber es ist in jedem Fall seine Handschrift, darüber gibt es gar keinen Zweifel. Lucy war in der vergangenen Woche weniger schlafwandeln, aber sie ist seltsam aufmerksam, was ich mir aber nicht erklären kann. Selbst im Schlaf scheint sie, mich zu beobachten. Sie versucht, die Tür zu öffnen, findet die Tür verschlossen vor und geht durchs Zimmer, um nach dem Schlüssel zu suchen.

6. August – Wieder drei Tage und keine Nachricht. Die Anspannung ist schrecklich. Wenn ich nur wüsste, wohin ich schreiben soll oder wohin ich gehen soll, um ihn zu finden, dann würde ich mich besser fühlen; aber niemand hat seit seinem letzten Brief ein Wort von ihm gehört. Es bleibt mir nur, Gott um Geduld zu bitten. Lucy ist erregter als sie es jemals war – ist aber auf der anderen Seite wohlauf. In der letzten Nacht sah es sehr bedrohlich aus, und die Fischer sagten Sturm voraus. Ich werde Beobachtungen anstellen und versuchen, die Zeichen des Wetters richtig deuten zu lernen. Heute ist ein grauer Tag, und die Sonne – während ich dies schreibe – steht, in dicke Wolken gehüllt, hoch über Kettleness. Alles ist grau – außer dem grünen Gras, das smaragdfarben leuchtet; graue robuste Felsen; graue Wolken, deren äußere Ränder von der Sonne durchleuchtet werden, hängen über der grauen See, in die sich die Sandbänke wie braune Finger ausstrecken. Das Meer stürzt über die Untiefen und Sandbänke mit einem Gebrüll hinweg, das aber vom landeinwärts ziehenden Nebel gedämpft wird. Der Horizont verliert sich im grauen Dunst. Alles ist so überaus gewaltig; die Wolken türmen sich wie gigantische Felsen, und über der See liegt ein tief murrender Klang, als hätte sie ein Verhängnis vorauszusagen. Dunkle Gestalten tauchen da und dort am Strand auf, und sehen im Nebelschleier aus wie wandelnde Bäume. Die Fischerboote beeilen sich heimwärts und heben und senken sich in der Brandung, wenn sie in den Hafen einlaufen. Da kommt der alte Herr Swales. Er geht direkt auf mich zu, und an der Art, wie er den Hut abnimmt, erkenne ich, dass er mit mir sprechen will.

   Ich bin tief ergriffen von der Veränderung, die in dem armen, alten Mann vorgegangen ist. Nachdem er sich neben mich gesetzt hatte, begann er sanft:

   „Ich habe Ihnen etwas zu sagen, Fräulein.“ Ich sah, dass es ihm nicht leicht wurde. So nahm ich seine alte, faltenreiche Hand und bat ihn, frei heraus zu sprechen; dann sagte er, während er seine Hand in der meinen ließ:

   „Ich fürchte, meine Liebe, ich hab’ Sie mit all den hässlichen Dingen gekränkt, die ich die letzte Woche über die Toten sprach; ich hab’ es nicht so gemeint und bitte Sie, daran zu denken, wenn ich einmal nicht mehr bin. Wir Alten, schon gebrechlich und mit einem Fuß im Grab, lieben es nicht, daran zu denken, und wir fühlen uns auch nicht wohl in der Nähe des Todes; deshalb hab’ ich mein eig’nes Herz etwas aufheitern und mich etwas erleichtern wollen. Aber Gott segne Sie, Fräulein, ich fürcht’ den Tod nicht, nicht ein bisschen; aber sterben möcht’ ich doch nicht gern, solang’ es noch anders geht. Doch meine Zeit rückt immer näher, denn ich bin alt, und hundert Jahre sind mehr als ein Mensch erwarten kann; ich bin wohl dem Ende meines Lebens sehr nahe gekommen, dass wohl der Sensenmann schon seine Klinge geschliffen hat. Sie sehen, ich kann nicht von der Gewohnheit lassen, darüber zu witzeln. Bald wird der Todesengel für mich seine Instrumente ertönen lassen. Aber trauern Sie nicht zu sehr, mein Liebling“, er sah, dass ich weinte, „wenn er heut’ Nacht noch riefe, würd’ ich mich nicht sträuben, seinem Ruf zu folgen. Denn das Leben ist doch nichts als ein Warten auf etwas and’res, und nur der Tod ist was, worauf wir uns letztlich verlassen können. Aber ich bin zufrieden, wenn er zu mir kommt, und er kommt bald. Er kann schon unterwegs sein, während wir da hinausschauen und nachdenken. Vielleicht kommt er mit dem Wind, weit draußen über der See, der Untergang, Schiffbruch, düstere Verzweiflung und traurige Herzen bringt. Schauen Sie! Schauen Sie!“, rief er plötzlich, „es ist etwas in diesem Wind und in der Luft, das klingt, das aussieht, das schmeckt und riecht wie der Tod. Es liegt in der Luft. Ich fühl’ es kommen. Oh Herr, lass’ mich freudig antworten, wenn mich mein Ruf ereilt.“ Er streckte seine Arme demutsvoll aus und nahm seinen Hut ab. Seine Lippen bewegten sich, als würde er gerade beten. Nach einem Augenblick der Stille erhob er sich, schüttelte mir die Hand, segnete mich, sagte mir auf Wiedersehen und humpelte davon. All das rührte mich tief und brachte mich durcheinander.

   Ich war froh, dass der Küstenwart herankam mit seinem Fernroh unter dem Arm. Er blieb stehen, um mit mir zu sprechen, wie er es immer tat; aber er sah dabei immer hinaus auf ein fremdes Schiff.

   „Ich kann es nicht herausfinden“, sagte er, „dem Aussehen nach ist es ein russisches Schiff; aber es kreuzt auf sonderbarste Weise herum. Es scheint den Sturm kommen zu sehen und kann sich nicht entschließen, entweder nordwärts in See zu stechen oder den Hafen anzulaufen. Sehen Sie nur wieder! Es wird eigenartig gesteuert; so, als ob keine Hand das Steuer führte; mit jedem Windstoß ändert es die Richtung. Ich glaube, wir hören noch mehr davon, ehe der morgige Tag anbricht.“

SIEBENTES KAPITEL
ZEITUNGSAUSSCHNITT AUS DEM „DAILYGRAPH“ VOM 8. AUGUST

(In das Tagebuch von Mina Murray eingeklebt)

Von einem Korrespondenten

Whitby

Schwere Stürme fielen über Whitby her. Die Begleitumstände dazu waren seltsam und einzigartig zugleich. Es war schwül, aber das Wetter war nicht anders, als es sonst im August üblich ist. Samstagabend war es schöner denn je, und der größte Teil der Urlauber besuchte gestern die Mulgrave Woods, Robin Hood’s Bay, Rig Mill, Runswick, Saithes und die anderen zahlreichen Ausflugsziele rund um Whitby. Die Dampfschiffe Emma und Scarborough machten der Küste entlang ihre Routen; und es waren besonders viele auf Ausflügen unterwegs – von und nach Whitby. Der Tag war ungewöhnlich schön, bis nachmittags einige der plaudernden Spaziergänger, die in dem Friedhof auf der Ostklippe spazierten und den sich weit ausdehnenden Rundblick über das Meer genossen, plötzlich auf eine hoch am nordwestlichen Himmel herankommende Sturmwolke aufmerksam wurden. Der Wind blies aus Südwest in moderatem Tempo, und Meteorologen würden ihn als „Nummer 2: leichte Brise“ deklarieren. Der Dienst habende Küstenwart machte sofort Meldung, und ein alter Fischer, der seit mehr als einem halben Jahrhundert auf die Wetterzeichen achtet, die von der Ostklippe kommen, prophezeite höchst erregt einen schweren Sturm. Der Sonnenuntergang war so prächtig, so grandios in seiner Fülle an herrlich gefärbten Wolken, dass sich eine große Menschenmenge in dem alten Friedhof an der Klippe versammelte, um den prachtvollen Ausblick zu bewundern. Ehe die Sonne hinter der schwarzen Masse des Vorgebirges von Kettleness verschwand, säumten unzähligen Wolken ihren Weg. Sie trugen alle Farben eines Sonnenunterganges in sich – Feuerrot, Purpur, Rosa, Grün, Violett und alle Schattierungen von Gold; dazwischen lagen schmale Streifen in absoluter Schwärze. Dieses seltene Wetterspiel ist auch an den Malern nicht spurlos vorbeigegangen, und es werden nächstes Jahr im Mai mehrere Skizzen mit dem Titel „Vorspiel vor dem großen Sturm“ die Wände der R.A. (Royal Academy of Arts) und der R.I. (Royal Institution) schmücken. Mehr als nur ein Kapitän wird sich wohl dafür entschieden haben, mit seinem cobble oder mule – wie man dort die unterschiedlichen Boote bezeichnet – im Hafen auf das Ende des Sturmes zu warten. Der Wind schwächte gegen Abend immer mehr ab, und um Mitternacht war es totenstill. Es lag eine drückende Schwüle und jene vorausahnende Spannung in der Luft, die Menschen, die von feinfühliger Natur sind, beim Herannahen eines Gewitters spüren. Nur wenige Lichter funkelten am Meer; sogar die Küstendampfer, die sich für gewöhnlich dicht am Ufer entlang „schmiegen“, hielten sich seewärts, und nur einzelne Fischerboote waren zu sehen. Das einzig Bemerkenswerte auf See war ein fremdes, zweimastiges Segelschiff, das alle Segel gesetzt hatte und augenscheinlich westwärts wollte. Das Draufgängertum oder die Unwissenheit der Offiziere lieferte reichlichen Gesprächsstoff für die Zuschauer, solange das Schiff in Sichtweite war; dem Schoner wurde sogar signalisiert, dass er angesichts der drohenden Gefahr weniger Segel setzen solle. Ehe die Nacht noch völlig hereingebrochen war, sah man das Schiff mit trägen Segeln draußen sanft im wogenden Rhythmus der Wellen schaukeln.

   Kurz vor 10 Uhr wurde die Stille beängstigend, und das Schweigen so einschneidend, dass man von landeinwärts das Blöken eines Schafes oder das Bellen eines Hundes aus der Stadt deutlich hören konnte; und die Kapelle auf dem Pier mit ihren lebhaften, französischen Tönen wirkte disharmonisch gegenüber dem großen Wohlklang der schweigenden Natur. Kurz nach Mitternacht jagte ein seltsamer Laut über das Meer, und hoch in der Luft begann ein eigenartiges, schwaches und hohles Brausen.

   Dann brach der Sturm ohne besondere Vorwarnung aus. Mit unglaublicher Geschwindigkeit, die jetzt noch schwer zu begreifen ist, hatte sich das Aussehen der Natur spontan geändert. Die Wellen wuchsen in schwellender Wut; jede neue Flutwelle übertraf die andere, sodass in wenigen Minuten aus dem bisher aalglatten Meer ein dröhnendes und verschlingendes Ungeheuer geformt wurde. Wellen mit weißer Krone schlugen wie verrückt über die flachen Sandbänke und hetzten die steilen Klippen hinauf; andere brachen über den Damm, und ihre Gischt fegte über die Laternen der Leuchttürme, die an den Enden der Piers im Hafen von Whitby hoch in den Himmel ragen. Der Wind lärmte wie Donner und blies mit einer Gewalt, dass es sogar für starke Männer schwierig war, sich auf den Füßen zu halten, und es wurde notwendig, sich mit erbitterter Umklammerung an den eisernen Geländern festzuhalten. Es schien geboten, den gesamten Hafen samt Strand und Piers von den Massen der Zuschauer zu räumen, da sich sonst mancherlei Unfälle in dieser Nacht ereignet hätten. Zu den gegenwärtigen Schwierigkeiten und Gefahren kam noch hinzu, dass riesige Nebelwände vom Meer zum Land hin drängten – weiße, feuchte Wolken, die in Gespensterkleidern vorbeihuschten, so dunstig und kalt, dass man der Einbildung erliegen konnte, dass die Geister, die auf hoher See ihr Grab gefunden hatten, nach ihren lebenden Brüder mit ihren nasskalten Händen zu greifen versuchten; und mehrere schauderten, als die weißen Nebelgebilde an ihnen vorbei strichen. Manchmal lösten sich die Nebel auf, und das Meer wurde durch den Schein der grellen Blitze sichtbar. Die Speere des Zeus fuhren pausenlos herab und wurden von schrecklichen Donnerschlägen begleitet, wodurch der komplette Himmel durch die Wut und Wucht des Sturmes zu erzittern schien. Die Szenen waren von unermesslicher Schönheit und magischem Interesse – die See, so hoch heran rollend wie ein Gebirge, warf mit jeder Woge Massen weißen Schaums in den Himmel, und der Sturm griff danach und trug sie in die Lüfte davon; hie und da war ein Fischerboot mit Segeln, die eher Stofffetzen glichen, und sie schossen dahin mit dem Wind, um sich vor dem Unwetter in Sicherheit zu bringen; immer wieder die weißen Flügel der Seevögel, die im Sturm umher geschleudert wurden. Am Gipfel der Ostklippe stand der neue, noch unverwendete Suchscheinwerfer einsatzbereit. Der Befehls habende Offizier setzte den Scheinwerfer in Betrieb, um das Meer auf Schiffbrüchige und Notfälle abzusuchen. Ein paar Mal leistete das Licht gute Dienste. So etwa, als ein Fischerboot, über dessen Bordwände die Wellen peitschten, in den Hafen eilte und aufgrund des helfenden Lichts das Zerschellen an den Piers vermeiden konnte. Als alle Boote den sicheren Hafen erreicht hatten, klang ein Freudenschrei durch die Menge am Ufer, ein Schrei, der für einen Augenblick dem Sturm Einhalt gebot und sich dann in seinem Brausen auflöste. Kurz danach erfasste der Scheinwerfer in einiger Entfernung einen Schoner mit vollen Segeln, offenbar dasselbe Schiff, das schon am Abend zuvor gesichtet worden war. Der Wind hatte sich nun nach Osten gedreht, und ein Schaudern ging durch die Zuseher, als sie erkannten, in welcher Gefahr das Schiff sich nun befand. Zwischen ihm und dem Hafen lag nun das flache und lange Riff, auf dem schon oft so manches gute Schiff sein Ende fand. Bei der gegenwärtigen Windrichtung schien es undenkbar, dass der Zweimaster den Hafen erreichen könnte. Es war nun die Stunde der höchsten Flut, aber die Wogen hatten eine solche Größe und Gewalt, dass in den Wellentälern der Sand des Ufers sichtbar wurde; der Schoner mit allen Segeln hatte so viel Fahrt vor dem Wind, dass er nach den Worten eines alten Seemannes „irgendwohin laufen musste, und sei es nur in die Hölle“. Dann kam wieder neuer Nebel vom Meer, dichter als zuvor – dumpfe Schwaden, die sich wie ein graues Leichentuch über alles legten und die Menschen am Ufer nur mehr hören ließen, denn das Brüllen des Sturmes, der Krach des Donners und das Heulen der mächtigen Wellen klang durch die Finsternis lauter als je zuvor. Der Suchscheinwerfer blieb über den Ostpier hinweg auf die Hafenmündung gerichtet, wo man das Auflaufen des Schiffes erwartete, und alles starrte atemlos hinaus. Plötzlich drehte der Wind nach Nordost und die Nebelfetzen verflüchtigten sich im Sturm; und dann, mirabile dictu (wunderbar zu berichten), schoss zwischen den Piers, rasend von Welle zu Welle, der fremde Schoner mit vollen Segeln im Wind in den sicheren Hafen. Der Scheinwerfer folgte dem Schiff, und ein Schauer packte alle, die das sahen; denn ans Steuer des Schoners war ein Toter angebunden, der, mit gesenktem Kopf, bei jeder Bewegung des Schiffes hin und her gerissen wurde. An Deck war sonst keine andere Gestalt sichtbar. Ein großes Entsetzen überkam alle, als sich herausstellte, dass das Schiff, wie durch ein Wunder, gesteuert von der Hand eines Toten, den Hafen erreicht hatte. Aber all das geschah viel schneller, als es sich erzählen lässt. Der Schoner hielt nicht an, sondern flog quer durch den Hafen und fuhr auf einen Haufen Sand und Kies, der als „Tate Hill Pier“ bekannt ist, und den die Gezeiten und manche Stürme in der Südwestecke des Hafens angespült hatten.

   Es war natürlich eine beträchtliche Erschütterung, als das Schiff auf der Sandbank auflief. Jede Spiere (Segelstange), jeder Strick und jedes Stag war gespannt und ein paar von den unteren Masten krachten herunter. Am seltsamsten war, dass im Augenblick der Landung ein großer Hund, wie durch den Stoß erschrocken, auf Deck kam und vorwärts laufend vom Bug auf das Ufer sprang. Er lief direkt auf die steilen Klippen zu, wo der Kirchhof über dem Fußweg zum Pier so steil abfällt, dass einige der Grabsteine – die Mundart nennt sie dort thruff-steans oder through-stones – über den abgestürzten Klippenrand vorragen, und verschwand im Dunkel, das noch schwärzer erschien, da die Augen durch das grelle Licht des Scheinwerfers geblendet waren.

   Es befand sich im Augenblick niemand auf dem Tate Hill Pier, da sich alle in der Nähe Wohnenden entweder schon zur Ruhe begeben hatten oder als Zuschauer draußen oberhalb des Hafen in geschützten Höhen waren. So war der auf der Ostseite des Hafens Dienst habende Küstenwart, der plötzlich zum kleinen Pier lief, der Erste, der an Bord kletterte. Die Leute am Scheinwerfer schwenkten über die Hafenmündung, ohne etwas zu entdecken und fixierten dann den Scheinwerfer auf das Wrack. Der Küstenwart rannte achtern aus (Seemannssprache für: nach hinten), und als er das Steuerrad erreichte, beugte er sich vor, um es genau zu untersuchen – da warf es ihn vor Schreck zurück. Dies erregte das allgemeine Interesse, und viele der Leute strömten herbei.

   Es war kein Wunder, dass der Küstenwart entsetzt war, denn nicht oft wird man so etwas zu Gesicht bekommen. Der Mann war mit den Händen – übereinander gelegt – an einer Speiche des Steuers festgebunden. Zwischen den Handflächen und dem Holz klemmte ein Kruzifix, dessen Kette um die Knöchel und die Radspeiche verlief; und alles wurde fest gehalten durch einen strammen Strick. Das arme Opfer mochte vielleicht ursprünglich gesessen haben, aber das Schlagen und Flattern der Segel hatte das Steuerrad so hin und her geworfen und ihn dabei mitgezogen, dass die Schnüre, mit denen er gefesselt war, das Fleisch bis auf die Knochen aufgeschnitten hatten. Ein zufällig anwesender Arzt stellte den Sachverhalt fest – der Chirurg J. M. Caffyn, East Elliot Place 33 – und gab an, dass der Mann schon mindestens zwei Tage tot sein musste. In seiner Tasche befand sich eine Flasche, die sorgfältig verkorkt, aber leer war bis auf eine kleine Papierrolle; wie sich dann herausstellte, war es eine Ergänzung zum Logbuch. Der Küstenwart erklärte, der Mann müsse seine Hände selbst fest gebunden und dann mit den Zähnen die Schnüre angezogen haben. Die Tatsache, dass ein Küstenwart der erste an Bord war, wird später die Verhandlung vor dem Seegericht vereinfachen; ein Küstenwart kann kein Bergegeld beanspruchen zum Unterschied von einem Privatmann, der als Erster ein Wrack betritt. Trotzdem rührten sich schon die juristischen Mäuler, und ein junger Rechtsstudent beteuerte, dass die Rechte des Schiffseigners gänzlich erloschen seien, da in diesem Fall das Gesetz über die tote Hand in Kraft trete; denn ohne Zweifel sei das Steuerrad, als ein Symbol der Herrschaft über das Schiff, von der Hand eines toten Mannes geführt worden. Es ist wohl nicht notwendig, besonders zu betonen, dass der tote Steuermann mit aller Rücksicht von seinen Fesseln gelöst wurde. Er hat seine Wacht in Ehren bis in den Tod gehalten – eine Zuverlässigkeit, so edel wie der junge Casabianca – und er wurde in der Leichenhalle bis zur gerichtlichen Untersuchung aufgebahrt.

   Schon legte sich der Sturm, und seine furchtbare Kraft schwindet; die Menge zerstreute sich, die Menschen gingen heimwärts, und der Himmel rötet sich über den Wäldern von Yorkshire. Ich werde rechtzeitig für die nächste Ausgabe weitere Details über das Wrack sammeln, das im Sturm auf so wunderbare Weise den Weg in den Hafen fand.

Whitby

9. August – Die Begleitumstände beim Einlaufen des Wracks im Sturm der letzten Nacht sind fast noch merkwürdiger als die Sache selbst. Es stellt sich heraus, dass der Schoner aus Varna, Russland, kommt und Demeter genannt wird. Das Schiff transportierte fast ausschließlich Silbersand. Ein geringer Teil der Ladung bestand in einer Anzahl großer Kisten mit Erde. Die Ladung ist adressiert an einen Rechtsanwalt in Whitby, Herrn S. F. Billington, The Crescent 7, der heute Morgen an Bord ging und formell von den Gütern Besitz nahm, die an ihn adressiert waren. Der russische Konsul nahm stellvertretend für die Chartergesellschaft formell Besitz vom Schiff und bezahlte alle Hafengebühren et cetera. Das und nichts anderes ist das einzige Gesprächsthema. Das Handelsministerium beobachtet mit aller Strenge, dass sämtliche Geschäfte in Übereinstimmung mit den bestehenden Vorschriften abgewickelt werden. Nachdem die Angelegenheit ein Fall mit Seltenheitswert ist, sind die Beamten bemüht, alles so zu handhaben, dass später keine Gründe zur Reklamation möglich sind. Ein großer Teil des allgemeinen Interesses war auch auf den Hund gerichtet, der an das Land gesprungen war, als das Schiff am Strand auffuhr. Nicht wenige der Mitglieder des in Whitby sehr mächtigen Tierschutzvereins SPCA (Society for the Prevention of Cruelty to Animals = Gesellschaft zur Vorbeugung von Gewalt an Tieren) hatten versucht, das Tier einzufangen. Die Enttäuschung war groß, als alle Versuche fehlschlugen; der Hund scheint überhaupt aus der Stadt verschwunden zu sein. Es ist möglich, dass das Tier in seinem Schrecken ins Moor lief, wo es sich vielleicht heute noch angsterfüllt versteckt. Einige sehen eine Gefahr für sich selbst; denn zweifellos ist es ein wildes Vieh. Heute in aller Früh wurde ein großer Hund tot auf der Straße liegend aufgefunden. Es war ein Bulldoggen-Mischling, der einem Kohlehändler in der Nähe des Tate Hill Pier gehörte. Der Hund lag gegenüber dem Haus seines Herrn. Er hatte gekämpft, und offensichtlich hatte er einen sehr bösartiges Gegner, denn seine Kehle war zerfetzt und sein Bauch aufgeschlitzt, wie von messerscharfen Krallen.

   Später. – Der Freundlichkeit des Ministerialinspektors verdanke ich es, dass mir erlaubt wurde, das Logbuch der Demeter einzusehen. Es war, bis auf die letzten drei Tage, in Ordnung, wartete aber nicht mit besonders Interessantem auf, außer dem Bericht über die in Verlust geratene Mannschaft. Von weitaus größerem Interesse ist das in der Flasche gefundene Papier, das heute beim Prozess behandelt wurde; noch nie zuvor durfte ich einen seltsameren Bericht hören. Da es kein Motiv gibt, die Sache zu verheimlichen, wurde mir gestattet, einen Auszug zu machen. Ich sende Ihnen meine Abschrift, welche alles enthält – außer einigen technischen Details über Navigation und Ladung. Es scheint fast, als sei der Kapitän, ehe er ins blaue Meer stach, von einer Art Manie befallen worden, die dann während der Fahrt hartnäckig weiterwuchs. Jedenfalls bitte ich meinen Bericht cum grano (mit einiger Vorsicht) zu genießen, da ich diesen nach dem Diktat eines Sekretärs des russischen Konsuls schreibe, der die Güte hatte, mir das Schriftstück, trotz der nur gering zur Verfügung stehenden Zeit, zu übersetzen.

LOGBUCH DER DEMETER

Von Varna nach Whitby

Geschrieben am 18. Juli, seltsame Dinge ereigneten sich, sodass ich von nun an bis zur Landung exakte Aufzeichnungen vornehme.

Am 6. Juli waren wir mit den Ladungsarbeiten fertig, Silbersand und Kisten mit Erde. Mittags Segel gesetzt. Ostwind, frisch. Besatzung: fünf Mann, zwei Unteroffiziere, Koch und ich  (Kapitän).

   Am 11. Juli fuhren wir bei Morgendämmerung in den Bosporus ein. Türkische Zollbeamte kamen an Bord. Schmiergeld. Alles korrekt. Weiterfahrt nachmittags um 4 Uhr.

   12. Juli. Durch die Dardanellen. Weitere Zollbeamte und das Flagschiff der Bewachungsflotte. Wieder Schmiergeld. Schiffskontrolle von oben bis unten, aber rasch. Wollen uns bald los sein. Bei Dunkelheit in den Archipel eingelaufen.

   Am 13. Juli passierten wir Kap Matapan (jetzt Kap Tainaron; Griechenland). Mannschaft über irgendetwas unzufrieden. Scheinen ängstlich, wollen aber nicht sprechen.

   Am 14. Juli ist die Mannschaft irgendwie besorgt. Die Männer, alles kräftige Jungs, waren schon früher mit mir gesegelt. Der Maat (= Schiffsmann; Unteroffizier) konnte nicht herausfinden, was falsch lief; sie sagten ihm lediglich, dass da etwas sei und bekreuzigten sich daraufhin. Der Maat verlor an diesem Tag seine Beherrschung und schlug einen. Erwartete heftigen Tumult, aber es blieb ruhig.

   Am 16. Juli in der Früh meldete der Steuermann, dass einer der Crew, namens Petrofsky, fehle. Konnte es mir nicht erklären. Übernahm Backbordwache für acht Gläser (alte Zeitrechnung auf See mittels Sanduhr: acht Gläser entsprechen dabei vier Stunden) letzte Nacht; wurde durch Abramoff abgelöst, ging aber nicht in die Koje. Mannschaft noch niedergeschlagener – mehr denn je. Alle sagten, dass sie etwas Besonderes erwarteten, wollten aber nicht mehr sagen, als dass etwas an Bord sei. Der Maat wurde sehr ungeduldig mit ihnen; ich fürchtete Schwierigkeiten.

   17. Juli, gestern: Einer der Leute, Olgaren, kam zu mir in die Kajüte und vertraute mir völlig verstört an, dass er meine, es befinde sich ein fremder Mann an Bord. Er erzählte mir, dass er sich in seiner Wache hinter dem Deckhaus, vor einer Regenböe geschützt, aufgestellt und einen großen schlanken Mann gesehen habe, der nicht wie einer von der Besatzung aussah. Er kam die Mannschaftsstiege herauf, ging an Deck dem Bug zu und verschwand. Er folgte ihm vorsichtig, doch als er zum Bug kam, fand er niemanden, und alle Luken waren geschlossen. Er war vor abergläubischer Furcht fast wahnsinnig; ich bin in Sorge, es könnte eine Panik entstehen. Um dies zu verhindern, werde ich heute das ganze Schiff sorgfältig durchsuchen lassen und zwar von vorn bis hinten.

   Später am Tage holte ich mir sämtliche Leute zusammen und sagte ihnen, dass ich, weil sie glaubten, es sei etwas Fremdes an Bord, das ganze Schiff vom Bug bis zum Heck durchsuchen lassen wolle. Erster Maat war ärgerlich; er sagte, das wäre Unsinn und solchen Torheiten nachzugehen, heiße die Mannschaft demoralisieren; er meinte, er wolle sich verpflichten, sie mit einer Brechstange vor einem Unglück zu bewahren. Ich beauftragte ihn mit der Führung des Ruders, während die Übrigen Seite an Seite, mit Lampen zu suchen begannen. Kein Winkel blieb unerforscht. Da waren nur die großen Holzkisten, nirgends aber ein versteckter Winkel, wo sich ein Mensch hätte verborgen halten können. Die Männer waren erleichtert, als die Suche vorüber war, und nahmen mit neuem Mut ihre Arbeit auf. Der erste Steuermann machte ein böses Gesicht, sagte aber nichts.

   22. Juli – Schlechtes Wetter die letzten drei Tage, und alle waren beschäftigt mit den Segeln – keine Zeit, sich zu ängstigen. Die Leute scheinen ihre Furcht vergessen zu haben. Der Steuermann ist wieder vergnügt, und alles ist in guter Stimmung. Ich lobte die Mannschaft für ihre Arbeit bei dem schlechten Wetter. Passierten Gibraltar und fuhren durch die Meerenge. Alles in Ordnung.

   24. Juli – Es scheint ein Fluch auf dem Schiff zu liegen. Schon ein Mann weniger, nun Einfahrt in den Golf von Biscaya bei starkem Unwetter und heute Nacht wieder ein Mann verloren – verschwunden. Wie der erste; er kam von der Wache ab und wurde seitdem nicht mehr gesehen. Die Mannschaft in Panik; verfasste eine Petition, zu zweit die Wachen beziehen zu dürfen, da sie sich vor den Wachen fürchten. Der Steuermann wütend. Angst vor irgendeinem Aufstand, denn entweder er oder die Mannschaft verüben eine Gewalttat.

   28 Juli. – Vier Tage in der Hölle, herumgeworfen in einem Strudel, und der Wind war ein Sturm. Niemand durfte schlafen. Die Mannschaft erschöpft. Weiß kaum, die Wachen zu besetzen, da niemand mehr dazu fähig erscheint. Der zweite Steuermann bot sich freiwillig an zu steuern und zu wachen, damit die Leute ein paar Stunden Schlaf ergattern konnten. Der Wind klingt ab; Meer ist noch wahnsinnig, aber seine Wildheit lässt nach; das Schiff läuft stabiler.

   29. Juli – Wieder eine Tragödie. Hatte die Nacht über Einzelwachen aufgestellt, da die Mannschaft zu müde war für Doppelwachen. Als die Ablöse am Morgen an Deck kam, fand sie niemanden vor außer dem Steuermann. Ein lauter Aufschrei, und alle kamen an Deck. Kompletter Check des Schiffes, aber niemand wurde gefunden. Sind nun ohne zweiten Steuermann; die Mannschaft voller Panik. Der Steuermann und ich kamen überein, von nun an bewaffnet zu gehen und alle Anzeichen abzuwarten.

   30. Juli – Vergangene Nacht. Freuen uns über die Nähe zu England. Schönes Wetter, alle Segel gesetzt. Zog mich völlig ausgelaugt zurück; schlief tief und fest; wurde aufgeweckt durch den Maat, der mir meldete, dass die beiden Männer auf Wache und Steuer fehlen. Nur ich, der Maat und zwei Männer sind übrig, das Schiff zu manövrieren.

   1. August. – Zwei Tage lang Nebel und nicht ein Segel gehisst. Hatte gehofft, im englischen Kanal ein Signal für Hilfe abgeben oder irgendwo an Land gehen zu können. Kann die Segel nicht verkürzen, muss vor dem Wind laufen. Wage nicht, sie weiter herunter zu setzen, da ich die Leute nicht hätte, um sie wieder setzen zu können. Wir scheinen einem schrecklichen Unglück entgegen zu treiben. Der Steuermann ist stärker demoralisiert als irgendein anderer der übrigen Mannschaft. Sein stärkeres Naturell scheint in einem Kampf gegen sich selbst ausgerichtet zu sein. Die Leute sind jenseits der Furcht und arbeiten phlegmatisch und ruhig. Sie rechnen mit dem Schlimmsten. Es sind Russen, einer Rumäne.

   2. August, Mitternacht – Wachte auf von einem wenige Minuten dauernden Schlaf, da ich einen Schrei, scheinbar vor meiner Tür, hörte. Ich konnte aufgrund des Nebels nichts sehen. Beeilte mich an Deck und stieß dort mit dem Steuermann zusammen. Er sagte mir, dass er den Schrei gehört hatte und sofort herbeigelaufen sei, dass er aber niemand sehe. Wieder einer weg! Gott steh uns bei! Der Steuermann meint, wir hätten die Meerenge von Dover bereits erreicht; er habe durch eine Lücke im Nebel North Foreland erkannt, als er den Schrei des Mannes vernahm. Wenn es wirklich so ist, sind wir in der Nordsee, und nur Gott kann uns durch den Nebel führen, der sich mit uns mitzubewegen scheint; aber Gott scheint uns im Stich zu lassen.

   3. August – Um Mitternacht ging ich den Steuermann ablösen, als ich dorthin kam, traf ich ihn nicht an. Der Wind war gleichmäßiger, und da wir mit ihm segelten, ging das Schiff sehr ruhig. Ich durfte das Steuer nicht unbeaufsichtigt lassen und rief deshalb den Steuermann herbei. Nach einigen Augenblicken kam er im Schlafanzug an Deck gelaufen. Er sah wild und verstört aus und ich fürchte, dass er seinen Verstand verloren hat. Er trat dicht an mich heran und flüsterte mir heiser ins Ohr, als habe er Angst, die Luft könne zuhören: „Es ist hier; nun weiß ich es. Auf Wache letzte Nacht sah ich Es; wie ein Mensch, groß und mager; und gespenstisch bleich. Es stand am Bug und sah hinaus. Ich schlich mich hinter Es und stach mit meinem Messer danach; doch das Messer glitt durch, wie durch Luft.“ Wie er so erzählte, nahm er sein Messer und fuchtelte wild in der Luft herum. Dann fuhr er fort: „Aber Es ist hier und ich werde Es finden. Es ist im Schiffsraum, vielleicht in einer der Kisten. Ich will sie öffnen, eine nach der anderen, und darin nachsehen. Sie bedienen inzwischen das Ruder.“ Und mit einem warnenden Blick, seinen Finger an den Lippen, ging er unter Deck. Es erhob sich ein böiger Wind, und ich durfte das Steuer nicht verlassen. Ich sah ihn wieder an Deck kommen mit einer Werkzeugkiste und einer Laterne, und dann die vordere Stiege hinabsteigen. Er ist total verrückt, absolut übergeschnappt, und es hat keinen Sinn, ihn aufzuhalten. Er kann die großen Kisten nicht zerstören: Sie sind als „Erde“ gekennzeichnet und in so etwas herum zu stochern ist das törichteste Ding der Welt. So stehe ich hier, gebe auf das Steuer Acht und schreibe diese Eintragungen. Ich kann nur auf Gott vertrauen und warten, bis der Nebel verschwindet. Wenn ich mit dem gegebenen Wind keinen Hafen anlaufen kann, dann werde ich die Segel herunterlassen, still liegen und Hilfssignale aussenden…

   Nun ist beinahe alles vorbei. Gerade, als ich Hoffnung schöpfte, dass der Maat etwas beruhigter wiederkommen werde – ich hörte ihn unten im Schiffsraum klopfen, und diese Arbeit ist gut für ihn, – da kam von der Luke empor ein plötzlicher, erschreckender Schrei, dass mir das Blut gefror, und dann lief er an Deck wie aus der Kanone geschossen – ein rasender Verrückter, mit rollenden Augen und furchtverzerrtem Gesichtsausdruck. „Retten Sie mich! Retten Sie mich!“, schrie er, und dann starrte er in die mit Nebel eingehüllte Ferne. Sein Schrecken verwandelte sich in Verzweiflung und mit beklommener Stimme sagte er: „Es wäre besser, wenn Sie mit mir kommen würden, ehe es zu spät ist, Kapitän. Er ist da, ich weiß nun das Geheimnis. Die See wird mich vor Ihm retten, und ich werde von allem befreit sein.“ Bevor ich noch ein Wort erwidern oder ihn packen konnte, war er auf die Brüstung gesprungen und stürzte sich ins Meer. Ich glaube, ich kenne nun auch das Geheimnis. Es war dieser Wahnsinnige, der die Leute nacheinander verschwinden ließ, und nun ist er ihnen gefolgt. Gott hilf mir! Wie soll ich über das alles Rechenschaft ablegen, all diese Gräuel, wenn ich den Hafen erreiche? Wenn ich ihn überhaupt erreiche! Wird das je geschehen?

   4. August – Weiterhin Nebel, den der Sonnenaufgang nicht durchstoßen kann. Ich weiß um den Sonnenaufgang, denn ich bin Seemann, eine andere Erklärung dafür habe ich nicht. Ich wagte es nicht hinunterzugehen, da ich das Steuer nicht verlassen darf; so stand ich die ganze Nacht hier, und in der Finsternis sah ich Ihn – Es! Gott verzeih’ mir, aber der Steuermann hatte völlig recht, vom Schiff zu springen. Es ist besser, wie ein Mann zu sterben; und niemand wird etwas dagegen haben, wie ein Seemann zu sterben, in den blauen Fluten. Aber ich bin Kapitän und darf das Schiff nicht verlassen. Ich will den Feind oder diesen Satan verwirren, denn ich werde meine Hände am Steuerrad festbinden, wenn meine Kraft zu schwinden beginnt, und etwas darum winden, das Er – Es! – nicht zu berühren wagt; und dann komm’ guter Wind – oder auch schlechtes  Wetter -, und ich werde meine Seele und meine Ehre als Kapitän gerettet haben. Ich werde schwächer, und die Nacht kommt heran. Wenn Er mir wieder ins Gesicht sieht, werde ich wohl keine Zeit mehr haben zu handeln… Wenn wir schiffbrüchig werden, mag man möglicherweise diese Flasche finden, und diejenigen, die sie finden, werden verstehen; wenn nicht,… gut, dann sollen alle Menschen wissen, dass ich meiner Pflicht treu geblieben bin. Gott, die Heilige Jungfrau und alle Heiligen, helft einer armen, unwissenden Seele, ihre Pflicht zu tun…

   Natürlich ist die Untersuchung zu keinem Ergebnis gekommen. Es gibt keine Möglichkeit, die genannten Dinge zu beweisen; und ob der Mann die Morde selbst begangen hat oder nicht, darüber kann keiner mehr aussagen. Die Leute hier sind allgemein überzeugt, dass der Kapitän einfach ein Held ist, und dass ihm eine offizielle Beerdigung gewährt werden müsse. Es ist bereits arrangiert, dass den Leichnam ein Geschwader von mehreren kleinen Booten den Esk hinauf begleiten soll. Dann wird der Tote zurück zum Tate Hill Pier gefahren und nach einer Segnung in der Abtei am Friedhof über den Klippen begraben werden. Mehr als hundert Bootseigentümer haben sich bereit erklärt, ihn zur letzten Ruhestätte zu begleiten.

   Keine Spur fand man noch von dem großen Hund; darüber besteht allgemeine Unzufriedenheit, denn die öffentliche Meinung wünscht, dass der Hund von der Stadt adoptiert werden sollte. Morgen soll das Begräbnis stattfinden, und die See wird ein weiteres Geheimnis bergen.

TAGEBUCH VON MINA MURRAY

8. August – Lucy war die ganze Nacht sehr unruhig, und auch ich konnte nicht schlafen. Der Sturm war schrecklich, und wie er so laut durch den Kamin brauste, schauderte es mich. Wenn ein starker Stoß kam, so klang es wie der Schuss aus einem entfernt abgefeuerten Gewehr. Seltsam genug, dass Lucy davon nicht aufwachte; aber sie stand zweimal auf und kleidete sich an. Glücklicherweise erwachte ich jedes Mal rechtzeitig und konnte sie, ohne dass ich sie dabei aufweckte, wieder auskleiden und zu Bett bringen. Es ist ein sehr seltsames Ding, dieses Schlafwandeln; denn sobald ihr Wille auf irgendeine physische Weise durchkreuzt wird, verschwindet ihre Absicht – so es eine gibt – und sie hält sich dann exakt an die Routine ihres Lebens.

   Früh am Morgen standen wir beide auf und gingen hinunter zum Hafen, um zu sehen, ob sich in der Nacht irgendetwas ereignet hatte. Es waren nur sehr wenige Leute draußen, und trotzdem die Sonne strahlend schien, und die Luft klar und frisch war, drängten doch große, grimmige Wellen, die dunkel wirkten, denn der Schaum, der auf ihnen lag, war weiß wie Schnee, durch die Enge der Hafenmündung – es sah aus, als würde sich ein brutaler Mann durch eine Menschenmenge pressen. Irgendwie war ich froh, dass Jonathan wenigstens vergangene Nacht nicht auf See, sondern an Land war. Aber, ach, ist er an Land oder auf See? Wo ist er, und wie geht es ihm? Ich bekomme schreckliche Angst um ihn. Wenn ich wüsste, was ich tun soll, und ob ich überhaupt etwas tun könnte.

10. August – Die Beerdigung des armen Kapitäns war ergreifend. Alle Boote im Hafen schienen anwesend zu sein, und der Sarg wurde von Kapitänen den ganzen Weg von Tate Hill Pier bis zum Friedhof hinaufgetragen. Lucy kam mit mir, und wir gingen sehr früh zu unserem angestammten Platz, während ein Ehrengeleit der Boote den Fluss hinauffuhr bis zum Viadukt, und dann wieder zurückkam. Wir hatten eine gute Aussicht und konnten den feierlichen Umzug fast den ganzen Weg lang beobachten. Der arme Kerl wurde ganz in der Nähe unserer Bank beigesetzt, sodass wir auf diese steigen und alles genau sehen konnten. Die niedliche Lucy schien mir sehr aufgeregt. Sie war die ganze Zeit über unruhig und fühlte sich unbehaglich; ich kann nur vermuten, dass die nächtlichen Träume an ihr nagen. Sie ist in einer Sache ganz merkwürdig: Sie will mir nicht eingestehen, dass ein Grund für ihre Ruhelosigkeit besteht; vielleicht versteht sie es selbst nicht. Hinzu kommt, dass man den alten Herrn Swales an diesem Morgen tot, mit gebrochenem Genick, auf unserer Bank gefunden hatte. Er war, so informiert der Arzt, in einem Schreckensanfall auf den Sitz zurückgefallen; denn es lag ein Zug von Abscheu und Entsetzen auf seinem Gesicht, dass es einen, wie die Leute erzählten, hätte schaudern mögen. Armer, guter, alter Mann! Vielleicht hat er den Tod selbst mit seinen sterbenden Augen gesehen? Lucy ist so zerbrechlich und sensibel, dass sie Eindrücke viel intensiver verspürt als andere Menschen. Eben wurde sie ganz unruhig durch ein kleines Vorkommnis, auf das ich gar nicht geachtet hatte, obwohl auch ich Tiere sehr gern habe. Einer der Männer, der oft hier heraufkommt, um nach den Booten zu sehen, wurde von seinem Hund begleitet. Der Hund ist immer bei ihm. Sie sind beide ruhigen Gemütes, und ich habe den Mann nicht einmal ärgerlich gesehen, und den Hund kein einziges Mal bellen gehört. Während des Gottesdienstes wollte der Hund nicht zu seinem Herrchen kommen, das neben uns auf der Bank saß, sondern hielt sich einige Meter entfernt, bellte und heulte. Sein Herrchen sprach zuerst liebenswürdig auf ihn ein, dann wurde sein Ton ernster und schließlich ärgerlich; aber der Hund kam nicht bei Fuß, und hörte auch nicht zu lärmen auf. Er befand sich in einer Art von Wut, mit seinen wilden Augen, und sein Fell sträubte sich wie ein Katzenschwanz, wenn sich eine Mieze auf Kriegspfad befindet. Dann wurde der Besitzer ärgerlich; er sprang herbei und schlug den Hund. Dann fasste er das Tier am Genick und zerrte es – halb stoßend, halb ziehend – zum Grabstein, auf dem der Sitz fixiert ist. In diesem Augenblick, als das arme Tier diesen berührte, wurde es ruhig und begann zu zittern. Es versuchte gar nicht erst zu fliehen, sondern duckte sich, bebend und kauernd, und befand sich in einem so Mitleid erregenden Angstzustand, dass ich es, wenn auch ohne Erfolg, zu beruhigen versuchte. Lucy war auch voll Mitleid, aber sie konnte sich nicht entschließen, den Hund anzugreifen, sondern sah ihn nur gequält an… Ich fürchte, sie ist eine sehr sensible Natur und erträgt das Leben am besten ohne Schwierigkeiten. Sie wird von all dem heute träumen, da bin ich mir sicher. Die ganze Häufung der Ereignisse – das Schiff, das von der Hand eines toten Mannes gesteuert in den Hafen lief; sein Körper, der, mit Kruzifix und Rosenkranz in Händen, an das Steuerrad gefesselt war; die berührende Bestattung; der Hund, halb wütend, halb erschrocken – wird das Material ihrer Träume bilden.

   Es wird das Beste für sie sein, denke ich, wenn sie körperlich ermüdet zu Bett geht, und deshalb werde ich mit ihr einen langen Spaziergang zu den Klippen der Robin Hood Bucht und zurück machen. Sie sollte dann keine besondere Lust zum Schlafwandeln haben.

ACHTES KAPITEL
TAGEBUCH VON MINA MURRAY

Gleicher Tag, 11 Uhr Nacht – Oh, wie bin ich müde! Wenn ich meinem Tagebuch gegenüber keine Verpflichtung hätte, so würde ich es heute nicht mehr öffnen. Wir machten einen netten Spaziergang. Lucy geriet nach kurzer Zeit in fröhliche Stimmung, die wir – vermute ich – einigen lieblichen Kühen zu verdanken hatten, die auf einem kleinen Feld nahe des Leuchtturms auf uns zukamen, um uns zu beschnuppern; und nichts versetzte uns in Angst und Schrecken. Außer unserer eigenen Angst vergaßen wir scheinbar alles. Es entstand der Eindruck, als wäre nichts geschehen, und es sei ein neuer Anfang gemacht worden. Wir tranken dann einen köstlichen Tee in der Robin-Hood-Bucht in einer netten, kleinen und altmodischen Gastwirtschaft; durch die Bogenfenster erblickten wir die mit Seetang bedeckten Felsen am Strand. Wahrscheinlich haben wir die Wirtin mit unserem Appetit schockiert. Männer sind diesbezüglich toleranter; gesegnet seien sie dafür! Dann gingen wir nach Hause, indem wir einige, besser gesagt viele, Verschnaufpausen einlegten; unsere Herzen waren noch immer in Furcht vor den wild gewordenen Stieren. Lucy war komplett müde, und wir entschlossen uns, sobald als möglich ins Bett zu kriechen. Es kam jedoch der junge Kurat (ein geistlicher Seelsorger) und Frau Westenraa fragte ihn, ob er nicht zum Abendessen bleiben wollte. Lucy und ich hatten hart mit dem Sandmann zu kämpfen; es war in der Tat ein harter Kampf, aber ich bin eine heldenhafte Natur. Ich denke, dass eines Tages die Bischöfe zusammenkommen müssen und man wird sehen, ob es nicht an der Zeit wäre, Kuraten eine bessere Ausbildung zukommen zu lassen, damit sie nicht soupieren – so sehr sie auch dazu genötigt werden möchten – und die registrieren, wenn junge Mädchen schläfrig sind. Lucy schläft und atmet sanft. Sie hat mehr Farbe in den Wangen als sonst und sieht, ach, so süß aus. Wenn sich Herr Holmwood schon in sie verliebt hat, und er sah sie nur im Wohnzimmer, so möchte ich wissen, was er jetzt sagte, wenn er sie nun sehen könnte. Einige der fortschrittlichen Autorinnen werden eines Tages die Forderung stellen, dass es Mann und Frau erlaubt sein müsse, sich erst gegenseitig im Schlaf zu sehen, bevor sie einen Antrag machen oder einen solchen annehmen. Aber die progressive Frau wird sich wohl in Zukunft nicht mehr damit begnügen, eine Bewerbung anzunehmen; sie wird selbst werben wollen. Und sie wird auch etwas Schönes daraus machen! Darin liegt einiger Trost. Ich bin so glücklich heute Abend, weil es der lieben Lucy wieder besser geht. Ich glaube tatsächlich, dass sie die Krise überstanden hat, und wir die Schwierigkeiten mit dem Schlafwandeln hinter uns gelassen haben. Ich wäre glücklicher, wüsste ich nur, ob Jonathan… Gott segne und beschütze ihn.

   11. August, 3 Uhr morgens – Wieder Tagebuch. Kein Schlaf und daher kann ich ebenso gut schreiben. Ich bin zu aufgewühlt, um schlafen zu können. Wir hatten ein Abenteuer, ein mir tödlichen Schreck einjagendes Erlebnis. Ich schlief ein, als ich mein Tagebuch geschlossen hatte… Plötzlich wurde ich wach und sprang aus dem Bett mit einem furchtbaren Gefühl der Angst und der Leere. Lucys Bett konnte ich nicht sehen, da es so dunkel war; ich schlich hinüber und fühlte nach ihr; doch das Bett war leer. Ich machte Licht und bemerkte, dass sie gar nicht im Zimmer war. Die Tür war zu, aber nicht abgesperrt; doch ich weiß, dass ich sie geschlossen hatte. Ich fürchtete, die Mutter aufzuwecken, da sie sich öfter als sonst, zu später Stunde nicht so gut fühlt; deshalb zog ich einige Kleidungsstücke an und machte mich auf die Suche. Noch bevor ich das Zimmer verließ, kam ich auf die Idee, dass mir vielleicht ihre Kleidung Auskunft über den somnambulen Ausflug geben könnte. Schlafrock würde demnach bedeuten, dass sie sich im Haus, Straßenkleider, dass sie sich außerhalb des Hauses befinde. Schlafrock und Straßenkleider lagen an ihren üblichen Plätzen. „Gott sei Dank“, sagte ich zu mir, „weit kann sie nicht sein, da sie nur im Schlafgewand ist.“ Ich rannte hinunter und sah im Wohnzimmer nach. Nicht da! Dann sah ich in allen offen stehenden Räumen des Hauses nach, mit stärker werdender Angst, die mir das Herz zuschnürte. Endlich kam ich zum Haustor und fand es geöffnet vor. Es war nicht weit offen, aber das Schloss war nicht eingeschnappt. Die Leute des Hauses sind darauf bedacht, das Haustor jede Nacht sorgfältig zu schließen, deshalb musste ich annehmen, dass Lucy so fort ging, wie sie war. Da war keine Zeit, sich auszumalen, was geschehen könnte; ein vages, übermächtiges Angstgefühl ließ mich alle Details vergessen. Ich ergriff einen langen, warmen Schal und rannte davon. Die Glocke schlug eben ein Uhr, als ich in Crescent ankam, und es war keine Seele auf der Straße. Ich eilte die Nord-Terrasse entlang, fand aber keine Spur von der weißen Gestalt, die ich hier vermutete. Vom Rand der Westklippe, gerade über dem Pier, sah ich über den Hafen hinweg zur Ostklippe, in der Hoffnung oder der Furcht – weiß nicht was es war -, Lucy auf unserem Lieblingsplatz zu finden. Der strahlende Vollmond wurde hin und wieder durch schwere, treibende Wolken verdeckt, sodass über der gesamten Szene abwechselnd Licht und Schatten lag. Eine oder zwei Sekunden konnte ich nichts sehen, da gerade der Schatten einer Wolke die St.-Marien-Kirche und alles um sie herum verdunkelte. Dann, als die Wolke vorüber zog, konnte man das brüchige Mauerwerk der Abtei sehen. Und als ein schmaler Lichtstrahl, wie mit einem Schwert in die Landschaft gehauen, hinweg zog, wurde die Kirche mitsamt dem Friedhof nach und nach sichtbar. Was auch immer meine Erwartung war, sie wurde nicht enttäuscht, denn dort, auf unserem Sitz, sah ich im silbernen Mondlicht eine halb zurückgelehnte und schneeweiße Gestalt. Es kam viel zu rasch wieder eine Wolke, und der Schatten schluckte alles Licht. Ich hatte den Eindruck, als stünde etwas Dunkles hinter dem Sitz, auf dem sich die weiße Gestalt befand, und beugte sich über sie; was es war, Mensch oder Tier, kann ich nicht sagen. Ich wartete nicht ab, bis ich wieder etwas sehen konnte, sondern eilte die steilen Treppen hinab zum Pier und am Fischmarkt vorbei zur Brücke, dem einzigen Weg, auf dem die Ostklippe zu erreichen war. Die Stadt schien wie tot, da keine Seele mehr zu sehen war; es war mir auch lieb so, denn ich wollte keine Zeugen von Lucys Zuständen haben. Zeit und Entfernung erschienen mir endlos lang; meine Knie schlotterten, und mein Atem keuchte, als ich mich die endlosen Stufen zur Abtei hinauf plagte. Ich muss sehr rasch gelaufen sein, und nun kam es mir vor, als seien meine Füße aus Blei und alle meine Gelenke in meinem Körper eingerostet. Als ich beinahe schon auf der Höhe angelangt war, konnte ich den Sitz und die weiße Gestalt darauf genau sehen, denn ich war jetzt nahe genug, um selbst in der Dunkelheit alles zu erkennen. Ohne Zweifel, irgendetwas Langes und Schwarzes beugte sich über die halb zurückgelehnte weiße Gestalt. Im Schrecken rief ich: Lucy! Lucy! und die sonderbare Gestalt erhob den Kopf – und ein bleiches Gesicht mit roten, glühenden Augen drehte sich zu mir. Lucy antwortete mir nicht, und ich lief zur Eingangstür des Friedhofs. Als ich dort ankam, versperrte mir die Kirche die Sicht auf die Bank, und für eine Minute verlor ich sie aus den Augen. Als ich Lucy wieder sehen konnte – auch die Wolken waren vorüber gezogen und heller Mondschein fiel auf sie – saß sie da, halb zurückgelehnt, und der Kopf lag über die Lehne der Bank. Sie war ganz allein und es war weit und breit keine Spur von einem lebenden Wesen.

   Als ich mich über sie beugte, sah ich, dass sie noch schlief. Ihr Mund stand offen und sie atmete – nicht so sanft, wie sie es sonst tat, sondern mit langem, schwerem Keuchen, als bemühte sie sich, mit jedem Atemzug ihre Lungen voll mit Luft zu bekommen. Wie ich an sie herantrat, bewegte sie im Schlaf die Hand und zog den Kragen ihres Nachthemdes fester um die Kehle zu. Es überkam sie dabei ein leichter Schauer, als ob sie Kälte verspüre. Ich legte den wärmenden Schal um sie und zog die Ecken um ihren Hals zusammen, denn ich fürchtete, sie könne sich eine tödliche Krankheit in der kühlen Nachtluft einhandeln, unbekleidet wie sie war… Ich zögerte aber noch, sie zu wecken und befestigte den Schal mit einer großen Sicherheitsnadel, damit ich meine Hände frei hatte, um ihr helfen zu können; ich muss aber ungeschickt gewesen sein in meiner Angst und hatte sie am Hals gekniffen oder gestochen; denn, als ihr Atem allmählich wieder ruhiger wurde, legte sie des Öfteren ihre Hand an die Kehle und stöhnte. Nachdem ich sie sorgfältig eingewickelt hatte, zog ich ihr noch meine Schuhe an und versuchte, sie schonend zu wecken. Zuerst reagierte sie gar nicht, aber nach und nach wurde ihr Schlaf weniger fest, und sie seufzte und stöhnte von Zeit zu Zeit. Letztlich aber schritt die Zeit mächtig voran, und, neben vielen anderen Gründen, wollte ich sie möglichst rasch nach Hause bringen. Ich schüttelte sie heftig, und sie öffnete die Augen und wachte auf. Sie schien nicht sehr überrascht zu sein, mich zu sehen, aber sie war sich ohne Zweifel nicht darüber im Klaren, wo sie sich eigentlich befand. Lucy ist immer hübsch beim Aufwachen; und selbst jetzt, wo ihr Leib von Kälte geschüttelt wurde, und sie darüber entsetzt sein müsste, mitten in der Nacht unbekleidet auf einem Friedhof aufzuwachen, verlor sie nicht ihre Grazie. Sie zitterte ein wenig und hing sich an mich; als ich ihr sagte, sie müsse jetzt sofort mit mir heimgehen, stand sie mit dem Gehorsam eines Kindes auf und sagte kein Wort. Als wir so gingen, fügte der Kies meinen nackten Füßen Schmerzen zu und Lucy vernahm sogar mein leises Zusammenzucken bei jedem Schritt. Sie blieb stehen und bestand darauf, ich sollte meine Schuhe anziehen, aber ich tat es nicht. Als wir auf den Fußweg außerhalb des Friedhofs kamen, wo noch von dem Unwetter her eine Regenpfütze stand, verschmierte ich meine Füße mit Schmutz, indem ich einen Fuß über den anderen setzte, damit nicht jemand, der uns etwa auf dem Heimweg begegnen würde, in der Lage wäre zu erkennen, dass ich mit nackten Füßen spazierte.

   Das Glück war uns hold, und wir kamen nach Hause, ohne auch nur einer Seele begegnet zu sein. Nur ein Mann, der nicht mehr ganz nüchtern zu sein schien, kam uns auf der Straße entgegen; wir versteckten uns in einem Torbogen, bis er in einem der kleinen, abschüssigen Höfe – in Schottland nennt man sie „Wynds“ – verschwunden war. Die ganze Zeit schlug mein Herz so laut, dass ich mehrmals glaubte, ohnmächtig zu werden. Ich war angsterfüllt um Lucy, nicht nur wegen ihrer Gesundheit, da ihr das Abenteuer geschadet haben könnte, sondern auch wegen ihres Rufes, falls die Sache bekannt würde. Als wir daheim unsere Füße gereinigt und zusammen ein Dankgebet gesprochen hatten, brachte ich sie in ihr Bett. Bevor sie einschlief, bat sie mich – sie flehte mich an – niemandem gegenüber ein Wort zu verlieren über ihr nächtliches Abenteuer; auch zu ihrer Mutter nicht. Ich versprach es ihr nur zögernd; als ich aber dann an die Gesundheit ihrer Mutter dachte, wie es sie angreifen, und wie sehr die Sache wahrscheinlich – nein, sicher – missdeutet würde, wenn etwas an die Öffentlichkeit sickerte, hielt ich es für klüger, das Versprechen zu geben. Ich hoffe, ich habe richtig gehandelt. Ich verschloss die Türe, und der Schlüssel hängt an meinem Handgelenk; so darf ich doch wenigstens hoffen, meine Nachtruhe ungestört genießen zu können. Lucy schläft tief, der Widerschein der Morgendämmerung liegt hoch und fern über dem Meer.

   Am gleichen Tag, mittags. – Alles geht gut. Lucy schlief, bis ich sie weckte, und sie schien die ganze Nacht über ihre Lage nicht geändert zu haben. Das nächtliche Abenteuer hat ihr scheinbar auch nicht geschadet; eher scheint das Gegenteil der Fall zu sein, denn sie sieht heute Morgen blühender aus als in den vergangenen Wochen. Es tat mir nur leid, dass ich sie durch eine Ungeschicklichkeit mit der Sicherheitsnadel verletzt hatte. Es muss tatsächlich nicht unbedeutend gewesen sein, denn die Haut an ihrer Kehle ist durchstochen. Ich muss ein Stückchen der zarten Haut aufgespießt und durchstoßen haben, denn es sind zwei kleine rote Punkte wie Nadelstiche zu sehen, und auf dem Kragen ihres Nachthemdes ist ein Tropfen Blut. Als ich mich bei ihr entschuldigte und mir Vorwürfe machte, lachte sie mich aus und verspottete mich und sagte, sie spüre gar nichts davon. Glücklicherweise wird die Wunde keine Narbe hinterlassen, da sie zu winzig ist.

   Am gleichen Tag, Nacht. – Wir verbrachten einen glücklichen Tag; die Luft war klar, die Sonne strahlte, und eine kühle Brise wehte. Wir aßen in Mulgrave Woods zu Mittag. Frau Westenraa fuhr auf der Straße, und Lucy und ich gingen zu Fuß den Strandweg. Am Eingangstor trafen wir wieder zusammen. Ich war etwas traurig, denn ich dachte, wie uneingeschränkt glücklich ich wäre, hätte ich Jonathan bei mir. Aber so! Ich muss mich nur gedulden. Am Abend bummelten wir auf der Kasino-Terrasse herum und hörten schöne Musik von Spohr (Louis Spohr; Komponist; lebte von 1784 bis 1859) und Mackenzie (Alexander Mackenzie; Komponist; lebte von 1847 bis 1935) und gingen früh zu Bett. Lucy scheint gegenüber früher ruhiger geworden zu sein, und schlief bald ein. Ich werde die Türe schließen und den Schlüssel wie schon zuvor in Sicherheit bringen, wenn ich auch für diese Nacht mit keinen Schwierigkeiten rechne.

   12. August – Meine Erwartungen waren falsch, denn ich wurde zweimal in der Nacht durch Lucy geweckt, die fortgehen wollte. Sie schien selbst im Schlaf ungeduldig zu sein, als sie die Tür versperrt vorfand und ging mit einer Art von Protest wieder zu Bett. Ich erwachte zur Morgendämmerung und hörte die Vögel draußen vor dem Fenster zwitschern. Lucy wachte ebenfalls auf und sah zu meiner Freude frischer aus als am Tag vorher. Ihre ganze Heiterkeit schien zurückgekehrt zu sein; sie kam in mein Bett, schmiegte sich an mich und erzählte mir von Arthur. Ich sagte ihr, wie besorgt ich um Jonathan sei, und sie versuchte mich zu trösten. Gut, sie hatte damit einigen Erfolg, denn Mitleid kann zwar nichts an den Tatsachen ändern, aber es kann helfen, es erträglicher zu machen.

   13. August – Ein weiterer ruhiger Tag im Bett mit dem Schlüssel am Handgelenk wie schon zuvor. Wieder wachte ich auf in der Nacht und fand Lucy sitzend im Bett und, noch schläfrig, auf das Fenster zeigen. Ich stand ruhig auf, schob den Vorhang zurück und sah hinaus. Es war ein leuchtender Mondschein und der sanfte Effekt des Lichtes über dem Meer und dem Himmel war unbeschreiblich schön – und alles vereinte sich in einem großen stillen Mysterium. Zwischen mir und dem Mondlicht flatterte eine große Fledermaus, die sich wieder und wieder in weiten und wirbelnden Kreisen näherte und entfernte. Einmal oder zweimal kam sie ganz nahe, war aber, wie ich vermute, erschreckt, mich zu sehen und flog dann quer über den Hafen weg, hin zur Abtei. Als ich mich vom Fenster wegdrehte, hatte sich Lucy schon wieder hingelegt und schlief friedlich. Dann rührte sie sich die ganze Nacht nicht mehr.

   14. August – Den ganzen Tag über lesen und schreiben auf der Ostklippe. Lucy scheint den Platz ebenso lieb gewonnen zu haben wie ich, und sie ist nur schwer hier wegzubringen, wenn es Zeit ist zum Lunch, Tee oder Abendessen nach Hause zu gehen. Heute Nachmittag äußerte sie sich sonderbar. Wir waren eben dran, zum Dinner nach Hause zu gehen, und waren oben auf den Stufen angekommen, die vom Westpier heraufführen; da blieben wir stehen, um die Aussicht noch einmal zu genießen, wie wir es sonst auch tun. Die untergehende Sonne stand schon tief am Horizont und begann gerade, hinter Kettleness zu versinken; das rote Licht fiel auf die Ostklippe und die alte Abtei – alles badete in wunderbar rosigem Glühen. Wir schwiegen lange, plötzlich murmelte Lucy wie im Selbstgespräch:

   „Wieder seine roten Augen! Es sind die gleichen!“ Es waren seltsame Worte, die in keinem Zusammenhang standen, und sie erschreckten mich. Ich wendete den Kopf nach ihr, aber so, dass es nicht aussah, als wollte ich sie anstarren. Dann bemerkte ich, dass sie sich im Halbschlaf befand; ein eigenartiger Ausdruck lag auf ihrem Gesicht, über den ich mir nicht Klarheit verschaffen konnte. Ich sagte nichts, folgte aber der Richtung ihres Blickes. Sie schien auf unsere Bank hinüberzuschauen, auf der eine einzelne dunkle Gestalt saß. Ich war etwas erschreckt darüber, denn für einen Moment kam es mir vor, als habe der Fremde große Augen, leuchtenden Flammen gleich; im zweiten Hinsehen zerfloss die Illusion. Das rote Sonnenlicht schien auf die Fenster der St.-Marien-Kirche, die hinter unserem Lieblingssitz lag, und als die Sonne untertauchte, erweckten Widerschein und Lichtbrechung den Eindruck, als bewege sich drüben eine Gestalt. Ich machte Lucy auf diese Erscheinung aufmerksam, und sie kam rasch zu sich; aber sie sah sehr traurig aus; vielleicht gedachte sie der unheimlichen Nacht, die sie da erlebt hatte. Wir verloren nie wieder ein Wort darüber; so vermied ich es denn auch heute, und wir gingen heim zum Essen. Lucy hatte Kopfschmerzen und ging frühzeitig ins Bett. Ich sah sie einschlafen und beschloss dann noch, allein einen kleinen Spaziergang zu machen; ich ging nach Westen, den Klippen entlang, und war voll sehnsüchtiger Traurigkeit nach Jonathan. Als ich heimkehrte – es war dann heller Mondschein, so hell, dass selbst die Teile unseres Hauses in Crescent, die im Schatten lagen, noch recht gut zu sehen waren – warf ich einen Blick auf unsere Fenster und sah Lucys Kopf heraushängen. Ich glaubte, sie warte auf meine Rückkehr, und zog deshalb mein Taschentuch, um ihr zu winken. Sie bemerkte nichts und rührte sich nicht. In diesem Augenblick kroch der Mondschein um die Ecke des Gebäudes und das Licht fiel auf das Fenster. Da lag Lucy mit dem Kopf auf dem Fensterbrett mit geschlossenen Augen. Sie schlief fest und auf dem Fenstersims neben ihrem Kopf saß etwas, das wie ein großer Vogel aussah. Ich fürchtete, sie könne sich erkälten; so rannte ich die Treppen hinauf. Als ich in das Zimmer trat, ging sie eben in ihr Bett zurück, im tiefsten Schlaf und schwer atmend. Sie hielt die Hand an den Hals gedrückt, als wolle sie sich vor Kälte schützen.

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