Kitabı oku: «Alsuna Jasmin - Sonnenblume»
Bridget Sabeth
Alsuna Jasmin - Sonnenblume
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog – Bad Radkersburg 1990
Nächtlicher Anruf – Ende Juni 2019
Intensivstation – Landeskrankenhaus Graz
Besuche
Befragung – Anfang Juli
Heimkehr in die Knittelfelder Wohnung
Onkel Willi
In Sorge
Ein schmerzlicher Abschied
Polizeirevier Knittelfeld
Unerfreuliches
Aufbruch nach Graz
Parkplatz – Schlafplatz
Unverständnis
Auf der Suche
Hinweise
Neue Bekanntschaften – Mitte Juli
Beim Konfuzius
Kasimir
Wetterumschwung
Wo ist Jasmin?
Unterschlupf
Vermutungen
Überraschungen
Dableiben, weitersuchen oder heimwärts fahren?
Ein neuer Hinweis
Ein guter Plan?
Mein Vater
Heimreise
Sturer als ein Esel
Endlich bei Mara und Paul
Erinnerungen
Besuch
Slowenien – Gornja Radgona
Ergebnisse – Ende Juli 2019
Wahrheiten
Oma Olga – Anfang August 2019
Mamas Tagebuch
Das Baby wächst
Besuchstermin im Gefängnis – Ende August 2019
Eine neue Zukunft? September 2019
Epilog April 2020
Weitere Werke der Autorin Bridget Sabeth
Impressum neobooks
Prolog – Bad Radkersburg 1990
Alsuna Jasmin
Sonnenblume
Bridget Sabeth
Geblendet von den Sonnenstrahlen, die sich durch das kleine Fenster in das zehn quadratmetergroße Zimmer verirrten, kniff Natascha Winzer die Lider zusammen. Oh Gott, wie spät ist es?! Genauso rasch, wie sie sich aufsetzte, sackte sie stöhnend in das Kissen zurück. In ihrem Schädel hämmerte es. Der gesamte Körper schmerzte, als ob eine heftige Verkühlung im Anmarsch wäre.
Sie massierte sich die Schläfen. Jetzt aber! Bedeutend langsamer schob sie die Beine aus dem Bett und schielte zum Wecker auf der Nachtkommode, der halb neun anzeigte. Verschlafen! Ich muss mich beeilen! Natascha versuchte, ihre Wehwehchen zu unterdrücken, atmete tief durch, ehe sie nach der vorbereiteten Kleidung am Stuhl griff und in diese hineinschlüpfte. Sie huschte in die Küche, die sie mit ihrer Zimmerkollegin Petra teilte. Natascha war erst vor zwei Wochen in das kleine Wohnheim gezogen, dass vom Hotelinhaber, für den sie beide arbeiteten, billig zur Verfügung gestellt wurde. Obwohl sie die Zimmerkollegin bloß flüchtig kannte, fanden sie einander sympathisch.
Petra würde sich in einigen Monaten in den Mutterschutz verabschieden, und es war geplant, dass Natascha ihre Dienststelle als Vertretung übernehmen sollte. Im Normalfall hatten sie beide unterschiedliche Schichtzeiten, was ein Aufeinandertreffen weiter reduzierte. Den Job als Schwangerschaftsvertretung in der Restaurantküche hätte Natascha nie bekommen, wenn sie bei der Einstellung ehrlich gewesen wäre, denn auch ihre Tage waren inzwischen seit ein paar Wochen überfällig. Der Schwangerschaftstest aus der Apotheke, den sie vorgestern gemacht hatte, war positiv ausgefallen. Doch darüber sprechen wollte sie erst, wenn sie Gewissheit durch den Frauenarzt hatte!
Natascha klappte eine Schranktür nach der anderen auf. Statt zu frühstücken, suchte sie ein Schmerzmittel. Endlich stieß sie auf einen Korb mit Medikamentenschachteln, die Petra gehörten. Paracetamol, las sie. Geht das eigentlich für Schwangere?
Natascha nestelte den Beipackzettel hervor. »Falls erforderlich, können die Tabletten in strenger Abwägung des Nutzen-Risiko-Verhältnisses während der Schwangerschaft eingenommen werden.«
Das klang für Natascha nicht allzu besorgniserregend. Sie wollte keinesfalls krankfeiern, da heute im Hotel ein Hochzeitsfest mit hundertfünfzig Gästen anstand. Jede Kraft war gefragt, und ein Fernbleiben würde ihre Arbeitskollegen und vor allem den Chef verärgern. Im Großen und Ganzen unterschieden sich die Arbeiten nicht von ihrer vorherigen Stelle. Doch ihre Tätigkeit wurde besser bezahlt und dazu hatte sie mehr Möglichkeiten, ihren Liebsten zu treffen, da sie näher an der jugoslawischen Grenze untergebracht war. Janusz und sie waren noch nicht lange ein Paar, ein knappes Vierteljahr. Einige Wochen nach ihrem achtzehnten Geburtstag hatten sie sich beim Schwimmen am Teich kennengelernt. Inzwischen schmiedeten sie Zukunftspläne, träumten von einem Haus mit Garten und vielen Kindern. Wie Janusz wohl reagiert, wenn er erfährt, dass ich schwanger bin? Bestimmt rührend und liebevoll! Natascha wurde gleich ein Stück wärmer in der Brust. Entschlossen steckte sie sich das Schmerzmittel in den Mund, spülte es mit einem Glas Wasser hinunter. Vorsichtshalber schob sie die restliche Packung in ihre Handtasche.
Es gab nur ein Problem: Ihre Eltern! Begeistert würden Herr Papa und Frau Mama nicht sein, sondern sie hörte schon jetzt ihre dummen Vorurteile! Ein Jugoslawe? Ausländer können sich nicht an unsere Gepflogenheiten anpassen! Sind grob und ungebildet! Was weißt du mit achtzehn Jahren von der Liebe?
Natascha fröstelte es. Die Eltern hatten keine Ahnung davon, wie lieb Janusz zu ihr war. So zärtlich und aufmerksam! Seine funkelnden lebenslustigen Augen schauten bis in ihr Innerstes. Und wenn er sprach, mit seiner tiefen Stimme gepaart mit dem leicht fremdländischen Akzent, hätte sie ihm ewig zuhören können. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sie sich geliebt, nicht so wie daheim, wo ein hartes Regime herrschte, es kein nettes Wort gab. An eine liebevolle Umarmung der Eltern konnte sie sich nicht erinnern! Das oberste Ziel lag darin, Leistung zu erbringen, keine Schwäche einzugestehen. Besonders nachdrücklich machte das ihr Vater, der den Bruder Willi und sie mit einem Lederriemen verdrosch, wenn sie eine schlechtere Note als einen Dreier heimbrachten. Mutter schaute dabei stets weg! So wollte Natascha niemals werden!
Sie legte ihre Hand an den Unterbauch! Dich, mein Schatz, werde ich lieben! Immer! Bald habe ich eine neue Familie, kann die alte endgültig hinter mir lassen! Ich gehe nie mehr nach Zuhause zurück! Dieser Gedanke gefiel ihr. Sie musste es bloß schaffen, dass die Eltern mit der Verbindung einverstanden waren. Gewiss würden sie einer Hochzeit zustimmen, auch wenn sie noch nicht volljährig war und bevor das Kind unehelich aufwachsen müsste. Dann wäre sie befreit von der Last ihrer Eltern!
Ein flüchtiges Lächeln huschte über Nataschas Lippen. Sie stand unter Janusz’ Zauber, seit sie sich das erste Mal geliebt hatten, mitten im kühlen Wasser des Sees. Über ihnen hatte das Sternenzelt in der lauen Sommernacht geglitzert. Gut sah er mit seinem athletischen Körper obendrein aus!
So, beeil dich! Träumen kannst du später genug!, tadelte sich Natascha stumm und zog sich eine Jacke über. Sie fror trotz der ansprechenden herbstlichen Temperaturen, die jetzt, Ende Oktober, noch einmal herrliche Plusgrade aufboten. Gähnend kam ihre Zimmerkollegin Petra, die erst am Nachmittag in das Hotel musste, aus dem angrenzenden Raum. Sie machte aufgrund ihrer Schwangerschaft nur kurze Dienste und keine Nachtschichten mehr.
Petra stoppte. »Guten Morgen, heute bist du aber spät dran. Und du siehst ein bisschen blass aus.«
»Hab verschlafen. Dafür bist du aber früh auf. Zufall oder hast du vor der Arbeit noch etwas vor?« Natascha umschiffte bewusst das Thema ihres eigenen Befindens, obwohl ihr Kopf dröhnte und sie sich kränklich fühlte.
Petra langte lächelnd an ihren Bauch. »Ich treffe mich mit Joschi. Wir sind zu einem späten Frühstück verabredet. So eine Fernbeziehung ist schon komisch. Aber in wenigen Monaten wohne ich wieder fix im Haus meiner Mutter, und das ist groß genug, da kann er gleich miteinziehen.«
Natascha stierte auf das Bäuchlein ihrer Kollegin, das kaum erkennen ließ, welch süßes Geheimnis sich darin verbarg. Sie unterband den Impuls, sich ebenso über ihren zu streicheln. »Viel Spaß euch. Vielleicht können wir ja mal zu viert etwas unternehmen. Nun muss ich aber wirklich los.« Natascha fand Petra nett, und spürte, dass sich daraus eine richtige Freundschaft entwickeln konnte.
»Ja, sehr gerne. Bis später. Und nicht zu viel Stress!« Petra zwinkerte ihr zum Abschied zu.
Natascha beeilte sich. Ihr Gehweg ins Hotel dauerte knapp fünf Minuten. Dabei wurde ihr wärmer und das Zittern ließ nach. Außer Atem trat sie in die Großküche ein, die mit vielen Edelstahlflächen ausgestattet war. Der monströse Herd mit mehreren Kochplatten stand mittig. Angrenzend gab es Arbeitsflächen, an denen meist der Küchenchef persönlich hantierte.
»Ja, wird’s bald, du wirst nicht bezahlt, um dir Extra-Freiminuten zu gönnen!«, wurde sie forsch vom Chef angeschnauzt. Er hatte die Augen zu schmalen Schlitzen zusammengekniffen und fuchtelte mit einem überdimensionalen Messer, mit dem er dabei war, das Fleisch in passende Stücke aufzuschneiden. Die anderen Mitarbeiter sahen kaum auf, sondern werkelten an ihren zugedachten Plätzen.
Natascha biss sich auf die Unterlippe. Das war der Nachteil des neuen Jobs, der raue Ton! Und dieser Kerl, der sie an einen wütenden Pitbull erinnerte. Aber bald musste sie ohnehin nicht mehr hier arbeiten! Dann hatte sie ein Kind mit ihrem Traummann! Janusz! Ihr Herz machte einen Sprung, als sie an sein blondes Haar und die seeblauen Augen dachte. Sie war bis über beide Ohren verliebt. Erst letztes Wochenende waren sie über die Grenze nach Slowenien gefahren, wo er mitten in einem Sonnenblumenfeld ein romantisches Picknick für sie arrangiert hatte. Die Stunden waren viel zu schnell verflogen!
»Was ist, zwei linke Hände, oder weißt du nicht mehr, wie man sich die Schürze bindet?«, brummte der Chef mit hochrotem Kopf.
»Entschuldigung!« Natascha band schnell die losen Enden der Schürze in ihrem Rückenbereich zusammen. Vor ihr wartete ein riesiger Berg Kartoffeln, der geschält werden musste. Sie griff nach der ersten Knolle. Die Arbeit ging ihr langsamer als für gewöhnlich von der Hand. Ihr wurde heißer. Auf ihrer Stirn bildete sich ein feuchter Film, und der Schweiß sickerte beständig in die Kleidung. Ihre Hände wurden schweißnass, sodass das Abwischen an der Schürze nicht lange nutzte. Ihr Mund fühlte sich sonderbar trocken an, während die Kopfschmerzen kaum mehr spürbar waren, dafür breitete sich ein dumpfer Schmerz in ihrem Unterbauch aus.
Als sich der Chef wegdrehte, holte sich Natascha rasch ein Glas Wasser, aber auch das half ihrem Kreislauf kaum. Ihr wurde zusehends schwindliger, während sich der Berg Kartoffeln vor ihr nur unmerklich verkleinerte. Da entwischte ihr eine Knolle, schlitterte den Boden entlang.
»Entschuldigung!« Natascha hastete ihr nach, um sie von den Fliesen aufzuheben.
»Verdammt noch einmal! Reiß dich zusammen!«, ertönte es ungehalten vom Chef.
Natascha richtete sich zu rasch auf, ihr Kreislauf rebellierte und sie sank mit tanzenden grauen Punkten hinab auf den kühlen Boden.
»Geht es dir nicht gut?« Eine Kollegin trat näher, fühlte ihre Stirn. »Du glühst ja. Warum sagst du denn nichts? Werner, sie ist krank!«
Der Chef stieß einen Fluch aus. »Dann schau, dass du zum Arzt kommst! Krankes Personal kann ich nicht gebrauchen! Abmarsch!«
Die Kollegin reichte Natascha die Hand, half ihr hoch. »Du hast es gehört, leg dich ins Bett. Oder besser noch, geh zu einem Arzt. Soll dich jemand begleiten?«
»So weit kommt’s noch!«, mischte sich der Küchenchef ein. »Heute benötige ich jede Hand!«
»Danke Sandra. Nein – es ist nicht weit bis zu meiner Unterkunft.« Natascha legte die Schürze ab und war froh, den zornigen Blicken des Chefs zu entkommen. Sie ging langsam auf die Toilette, spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht. An ihrem Spiegelbild erkannte sie, dass sie blass und krank aussah. Ihre Finger tasteten nach dem Schmerzmittel. Nein, solange lag die letzte Einnahme nicht zurück, da wollte sie kein Risiko für das Ungeborene in ihrem Bauch eingehen. Sie beließ die Packung in ihrer Tasche.
Dafür wirkte der Wunsch, sich ins Bett zu legen und lange Zeit nicht mehr aufzustehen, irrsinnig verlockend. Zuvor musste sie jedoch dem verdächtigen Drang in ihrem Unterleib nachgeben. Sollte sie etwa einen Harnwegsinfekt ausbrüten? Konnte das gefährlich für eine Schwangerschaft sein? So genau wusste Natascha das nicht.
Kaum hatte sie ihr Höschen hinuntergezogen, blickte sie erstarrt auf einen frischen Blutfleck. »Aber … das Kind! Unser Kind! Das kann kein Harnwegsinfekt sein!«
Verzweifelt knüllte sie reichlich Klopapier zwischen Slip und Hose. Sie musste dringend zum Arzt, nein, am besten direkt ins Krankenhaus!
Entschlossen stapfte sie los, lief bei dem Hinterausgang des Hotels hinaus! Im Normalfall benötigte sie kaum eine Viertelstunde bis zur Klinik. Sie trat zur Bushaltestelle, schaute am zugehörigen Schild auf die Abfahrtszeiten. Der nächste Bus fuhr erst in dreißig Minuten! Da war sie zu Fuß schneller! Die Angst, um ihr Ungeborenes pumpte heißes Adrenalin durch ihre Adern, weckte ungeahnte Kräfte in ihr.
Sie querte die Straßenseite, kam an einer Hecke vorbei, als ein Stich im Unterleib sie zusammenkrümmen ließ. Natascha atmete zischend durch. Das fühlte sich alles andere als in Ordnung an! Was hatte das zu bedeuten? Hoffentlich ging es dem Baby gut! Dem kleinen Wesen, das sie schon jetzt über alles liebte! Auf das sie alle Zukunftshoffnungen setzte!
Der Herbstwind trug ihr ein männliches vertrautes Lachen zu. Janusz! Sie reckte den Kopf, um ihn zu suchen. Wenn er in der Nähe war … könnte er ihr helfen!
Da entdeckte sie ihn, auf der gegenüberliegenden Straßenseite sitzend vor einem Café. Er hielt ein anderes Mädchen im Arm! Mit blondem Haar!
Als er sich nach einem Kuss etwas zurückneigte, erkannte Natascha die Frau. Petra … ihre Zimmerkollegin.
Natascha würgte. Sie wich zurück in den schützenden Schatten, wollte nichts mehr sehen, kämpfte mit dem Begreifen! Janusz und Joschi waren dieselbe Person! Wie konnte das sein? Hatte er all die Monate ein doppeltes Spiel getrieben?
Mit verschwommenem Blick eilte sie weiter. Ja – so musste es sein! So viel hatte Natascha mitbekommen, dass Petra und ihr Joschi über Jahre miteinander verbunden waren. Sie kannten sich seit ihrer Kindheit, wuchsen im selben Ort auf, hatten sich quasi als Kinder einander versprochen. Waren somit seine Liebe und die Versprechungen bloß hohle Phrasen gewesen, Natascha für ihn ein Abenteuer?
Ein Schluchzen trieb aus ihrer Kehle. Sie stützte sich an der Mauer eines Hauses ab, tastete sich daran weiter entlang. Wollte sie überhaupt das Kind eines Hallodris? Sie horchte in sich hinein. Ja, sie empfand bereits jetzt eine bedingungslose Liebe für das Baby in ihrem Bauch. Unschuldig und rein! Natascha wollte geliebt werden, und endlich Liebe weitergeben! So viel davon trug sie in ihrem Herzen. Notfalls, auch ohne einen Kerl an ihrer Seite zu haben! Egal, wie aufgebracht die Eltern wären!
Sie blinzelte zum Krankenhaus, das sich als riesiger Komplex vor ihr erhob. Bald würde sie beim Eingang sein, in ärztlicher Obhut! Ein neuer krampfartiger Schmerz breitete sich tobend in ihr aus. Sie keuchte auf. »Bitte … bitte … bleib da, verlass mich nicht – nicht du auch noch!«
Nächtlicher Anruf – Ende Juni 2019
Es erklang das vertraute gurgelnde Geräusch, als ich auf den Knopf des silbernen Kaffeevollautomaten drückte. Sogleich lief die dunkle heiß dampfende Flüssigkeit in den vorbereiteten Becher. Ein herbes vollmundiges Aroma zog in meine Nase.
»Bitte, Jasmin, mach mir auch gleich einen«, rief mir meine Kollegin Bernadette zu, die emsig auf die Tasten des Laptops drückte, um die aktuellen Ereignisse der ersten Nachtrunde einzutragen und abzuhaken. Wir hofften beide darauf, dass die Bewohner im Seniorenheim gut schliefen, denn das bedeutete für uns einen ruhigen Dienst.
»Mach ich.« Ich tauschte den Becher. Während der nächste Kaffee heraussickerte, nippte ich vorsichtig am heißen Getränk. »Herrlich. Perfekt, um wach zu bleiben.« Ich griff nach der Kaffeetasse für Bernadette und stellte diese an ihrer Seite ab.
»Bin ja neugierig, ob Frau Huber heute wieder im Zwanzig-Minuten-Takt läutet.« Bernadette seufzte und unterließ die Eintragungen. »Gestern war sie bis zwei Uhr im Schlummerland, ehe sie ständig zur Glocke gelangt hat. Und sobald man drinnen ist, braucht sie nichts und schaut dich mit großen verständnislosen Eulenaugen an. Dafür verschläft sie dann meist den gesamten Vormittag. So geht das nicht weiter.«
Ich ließ mich auf dem Stuhl vor dem Computer nieder, um ebenso mit der Dokumentation zu beginnen. »Ich denke, wir sollten etwas Geduld haben, sie ist ja erst seit zwei Wochen bei uns, da muss sie sich eingewöhnen. Vielleicht sollten wir ausprobieren, dass Frau Huber am Abend später mit der zweiten Partie niedergelegt wird. Dennoch werde ich bei der nächsten Visite mit dem Arzt die bestehende Medikamentenliste durchsehen, vielleicht können wir da etwas anpassen.«
»Das ist eine gute Idee. Schlimm, wenn Menschen in ihrer Demenz so verloren sind, nicht mehr realisieren, wo sie sich befinden und was überhaupt los ist.«
Ich nickte. Manchmal spürte man die Ängste der Bewohner bis direkt ins eigene Herz hinein. Sie waren gefangen in ihrer Welt. Da halfen keine Erklärungen, die ohnehin nicht zu ihnen vordrangen. Oft fragte ich mich, was für ein Entsetzen sie in ihrem Kopf wieder und wieder durchmachen mussten. War es das Detonieren von Bomben im Krieg? Oder weil sie an Lederriemen versuchten, ihren Hunger zu stillen, wenn es nichts zu essen gab? Die sterbende Mutter? Oder das Lieblingstier, das geschlachtet wurde? …
Meine Fragen blieben unbeantwortet. Aber allein aus den gesammelten Daten in den Biografien wusste ich, dass die Mehrheit der Menschen in unserem Heim ein karges Leben geführt hatten. Geprägt vom Krieg und der Nachkriegszeit, Altlasten, die sie jetzt, am Lebensende mitunter verfolgten. Das einzige Mittel, das letztlich half, war Nähe: eine Umarmung, ein summendes Lied, Zeit – die meist zu kurz kam und in all unseren Dokumentationen nicht eingeplant wurde.
So eine Zeile mit dem Text: Heute eine halbe Stunde Nähe geschenkt, das müsste für mich bindend hinein und in der Pflegestufe miteingerechnet werden. Aber nein, der Alltag sah ganz anders aus und war gefüllt mit lauter Verpflichtungen, die es abzuhaken und zu dokumentieren gab: Betten machen, passende Kleidung bereitlegen, Dinge wegräumen, beim Essen helfen, in der Körperpflege unterstützen, Telefonanrufe entgegennehmen, Medikamente vorbereiten, Verbände wechseln, auf das WC setzen, mit Angehörigen sprechen, Bedarfsmittel auffüllen … und gefühlte tausend andere Dinge. Wobei sich diese Tätigkeiten pro Bewohner multiplizierten. Dennoch liebte ich den Job und die alten Menschen, die für mich über die Jahre ein Stück Familie waren.
Dumpf erklang ein Klingelton, der mich aufhorchen ließ. »Wer möchte um diese Zeit etwas von mir?« Ich eilte zu meiner Handtasche, die ich in einem Schrank verstaut hatte und zog das Handy hervor. Am Display stand Mama. Seltsam, normalerweise vergisst sie meine Dienste nie! »Hey, was gibt’s? Du, ich habe Nachtd…«
»Komm, komm bitte schnell!«, ertönte es atemlos.
»Mama, was ist los? Ich kann nicht … und ich verstehe dich schlecht.«
»Er ist wieder da!«
Ich hörte etwas zerschmettern. Die Tür, ein Fenster, oder war sie hingefallen? So genau konnte ich das nicht sagen. Innerhalb einer Sekunde griff die Panik meiner Mutter auf mich über. Mama war weder überängstlich, noch machte sie irgendwelche derben Scherze.
»Hilfe! Will … will mich umbringen! – Huch!«, stieß sie geschockt aus.
»Hast du die Polizei gerufen?!«
Statt der erhofften Antwort brach das Gespräch ab. Hektisch drückte ich auf die noch aufscheinende Telefonnummer meiner Mutter, um zurückzurufen.
»Was ist los? Du bist so bleich!« Bernadette suchte irritiert meinen Blick.
Unruhig wanderte ich im Dienstzimmer hin und her. Nach dem Piepen sprang bloß die Mobilbox an. »Irgendwer bedroht meine Mama, und nun hebt sie nicht ab! Ich muss zu ihr und nachsehen!«
»Bist du verrückt, du willst mich allein lassen? Das geht nicht!«, entgegnete Bernadette ihrerseits leicht schrill. »Das ist gesetzlich verboten! Wie soll ich sechzig Bewohner alleine versorgen! Wenn davon die Chefin Wind bekommt, fliegst du!«
»Hast du mir nicht zugehört? Meine Mutter ist in Gefahr, so wichtig kann kein Job der Welt sein! Verstehst du das nicht?«
»Geh nicht gleich vom Schlimmsten aus.«
»Ich ruf die Polizei!« Die Nummer? In meinem Kopf rotierte es. Feuerwehr ist eins, zwei, zwei – dann hat die Polizei eins, drei, drei! Ich fluchte, als ich mich in der Hektik vertippte.
Bernadette presste die Lippen unwillig zusammen, ohne etwas zu entgegnen.
»Probiere am besten einen Ersatz für mich zu bekommen! So spät ist es noch nicht, da erreichst du bestimmt jemanden von den Kollegen. Ich halte diese Ungewissheit nicht aus!« Es schien, als würde mir die Zeit davonlaufen. Hektisch nestelte ich den Autoschlüssel meines Skodas hervor. »Sorry!« Ich stürmte zur Tür hinaus, gefolgt von einem wütenden: »Du bist verantwortungslos!«, wie es mir Bernadette hinterherschickte.
Mein Herz pochte wild. Ich blieb gleich in meiner Schwesteruniform, stieg in den Wagen, der direkt neben dem Eingang parkte. Erneut wählte ich die Nummer der Polizei. Dann platzierte ich das Handy mit lautgestelltem Lautsprecher auf meinem Schoß und hoffte auf eine Verbindung. Mit durchdrehenden Reifen brauste ich los, während das Wartesignal im Telefon hörbar war.
Nach einer scheinbaren Ewigkeit erklang endlich eine männliche Stimme: »Polizeidienststelle Knittelfeld, Gruppeninspektor Berger, was kann ich für Sie tun?«
»Meine Mutter wird bedroht. Sie hat mich gerade angerufen, aber die Verbindung wurde unterbrochen. Im Hintergrund habe ich gehört, wie etwas zerschmettert ist, und ich erreiche sie nicht mehr! Bin auf den Weg zu ihr!« Ich bog von der Seitengasse in die Landesstraße ein, in wenigen Minuten würde ich mein Heimathaus in Kobenz erreichen.
»Können Sie mir den Namen Ihrer Mutter bitte nennen, und wo sie wohnhaft ist.«
Ich nickte, schalt mich eine Millisekunde später gedanklich dafür, dass ein Nicken durch das Handy nicht sichtbar und ein Beweis für mein angespanntes Nervenkostüm war. »Natascha, Natascha Winzer.« Ich drückte auf das Gaspedal, scherte mich nicht um die Geschwindigkeitsbegrenzung von siebzig Kilometer pro Stunde, während ich fast hundert draufhatte. Linksseitig vor mir lag die Abzweigung. So spät wie möglich trat ich auf die Bremse, ehe ich, ohne zu blinken, mit quietschenden Reifen die Spur wechselte.
»Sie wohnt Stockerweg 3. In Kobenz.« Ich folgte der asphaltierten Abkürzung durch den Wald, den häufig Ortsansässige benutzten und obendrein eine beliebte Fahrradstrecke war. Zum Glück musste ich nachts kaum mit einem Radler rechnen!
»Und mit wem spreche ich?«
»Jasmin Winzer – ich meine Alsuna, aber alle nennen mich Jasmin.«
»Hat Ihre Mutter sonst noch etwas gesagt?«
»Nein.«
»Ich werde sogleich eine Streife losschicken. Seien Sie vorsichtig, falls Sie vor uns eintreffen sollten. Warten Sie am besten im Wagen.«
»Pff«, entließ ich unwillig. Seine nett gemeinten Ermahnungen halfen mir gar nichts. Wenigstens kannte ich jeden Meter und jede Kurve dieser Straße. Bald hatte ich die alleeartig angeordneten Bäume, die links und rechts emporragten, hinter mir.
»Und fahren Sie nicht zu schnell, nicht das Ihnen etwas passiert!«
»Mist!« Ich bremste irritiert ab. Das Handy rutschte von meinem Schoß in den Fußraum.
»Hallo, sind Sie noch dran?«, erklang es bedeutend dumpfer.
Ich starrte auf einen immer größer werdenden hellen Schein. »Oh Gott! Ich glaub, unser Haus brennt!« Ich beschleunigte den Wagen.
»Es brennt?«
»Ja – Ja! Wir brauchen Feuerwehr, die Rettung, das volle Programm!!!«
Der Schotter knirschte unter den Reifen, als ich eine Vollbremsung hinlegte. Ich sprang aus dem Wagen, stürmte auf das Haus zu.
»Mama? Mama! Mama!« Ich rüttelte an der Tür. Verschlossen! Reserveschlüssel! Zum Glück wusste ich, wo sich der befand. Ich bückte mich seitlich zum Blumentopf, in dem weiß-pinkfarbene Fuchsien wuchsen, hob ihn hoch. Erleichtert griff ich danach, und steckte den Schlüssel in das Schloss. Mama musste sich noch drinnen im Gebäude befinden, denn wenn sie gekonnt hätte, wäre sie sicher vor dem Feuer geflohen und außerhalb zu sehen.
»Das ist zu gefährlich! Ich hab die Feuerwehr bereits verständigt!«
Mir tippte jemand auf die Schulter. Ich blinzelte ins Gesicht des Nachbarn, der sich von hinten genähert hatte. In der Hand hielt Hubert Grabner einen Feuerlöscher. Er wirkte genauso atemlos wie ich.
»Ich muss rein!« Entschlossen stieß ich die Tür auf. Ein Windzug fuhr durch, Feuer loderte hoch und ein beißender Geruch schlug uns entgegen. Ich zog den Kasack meiner Schwester-Uniform über die Nase, während sich Hubert nach vorne wagte, gnadenlos den Schaum auf die aufbäumenden Flammen hielt.
Meine Augen tränten. »Mama?«, krächzte ich, ohne eine Antwort zu erhalten. Womöglich ging sie auch im Knistern der Flammen unter. Hitze schlug mir entgegen, aber ich konnte nicht dastehen und tatenlos zusehen! Tief sog ich die Luft ein, ehe ich, ohne länger zu zögern, hineinlief. Ich versuchte, mich im Inneren zu orientieren, querte den Gang, um zu der hinten gelegenen Stiege zu kommen. Mama, wo bist du? Hatte sie Zuflucht gesucht? Im Keller? Oder im oberen Stock? Vielleicht auch im Bad?
Ich hatte kaum Zeit, um darüber nachzudenken, folgte dem Weg, der so halbwegs frei war. Meine Lungen brannten, als ich unweigerlich Rauch einatmete. Huberts Feuerlöscher erstarb.
Seinem Fuchteln nach zu urteilen, wollte er, dass ich mit hinauskäme. Ins Freie! Ich konnte nicht umdrehen! Nicht Mama im Stich lassen! … Viel Zeit bliebe mir nicht mehr! Es war stickig, die Augen brannten. Ein Husten lauerte in meiner Kehle, den ich gewaltsam unterdrückte, damit ich nicht noch mehr von dem Qualm inhalierte.
Ich stolperte, bemerkte ein Bündel zu meinen Füßen, dass ich halb blind im Feuernebel und mit den brennenden Augen nicht gesehen hatte. Ich fiel auf die Knie, ertastete einen menschlichen Leib. Mama! Ich hatte sie gefunden, erkannte sie klar an ihrer feingliedrigen Statur. Der Qualm war wie ein dunkelgrauer Teppich, der sich dicker werdend nach oben hin absetzte. Ringsum knisterte es. Wie aus dem Nichts durchfuhr mich am Rücken ein stechender Schmerz. Ich schrie auf, brauchte einige Momente, ehe ich begriff, dass sich ein Stück Holz von der Deckenvertäfelung gelöst hatte. Ächzend wandte ich mich unter dem brennenden Brett heraus, kämpfte um Atem.
Wir mussten hinaus! Rasch! Die Badezimmertür in der Nähe stand im Vollbrand, somit gab es nur eine Möglichkeit, ich musste es zurück zum Eingang schaffen.
Verzweifelt fasste ich einen Fuß meiner Mutter, zog sie über den Boden, mit einer Kraft und Entschlossenheit, die ich nie für möglich gehalten hätte. Da kamen mir Männer in Feuerwehrmontur und Atemschutz entgegen.
»Jasmin«, erklang es dumpf und ich war mir sicher, dass es Paul sein musste. Der Mann meiner Freundin Mara.
Kurzerhand hob er mich in seine Arme empor, während ein anderer nach dem leblosen Körper griff. Kaum waren wir im Freien, wurden Schläuche direkt auf den Eingangsbereich gehalten und entließen Wasser, versuchten zu retten, was noch zu retten war.
In ausreichender Entfernung setzte mich Paul auf dem Rasen ab. »Bleib da, schau, da kommt schon die Rettung. Ich gebe Mara Bescheid, ja?«
Ich nickte flüchtig. Die Hitze erinnerte mich an einen riesigen Wärmestrahler, auch wenn sie in der entfernteren Stelle erträglicher wirkte. Wie in Trance bemerkte ich den Notarztwagen mit Blaulicht, aus dem ein Arzt heraussprang und Richtung meiner Mutter hastete. Er schob irgendeinen Stoff von ihrem Gesicht herunter, und beugte sich über sie.
»Helfen Sie ihr!«, krächzte ich, versuchte aufzustehen, um an Mamas Seite zu gelangen.
Statt zu helfen, legte er kaum später den Stoff an die vorherige Stelle zurück. Nein!, wollte ich schreien, doch als der Doktor mich anblickte, erstarb jedes Wort in meiner Kehle. Ich sackte auf den Boden zurück, las die Antwort an seinen Augen ab. Ich war zu spät gekommen!
Ein heiseres Schluchzen vermischte sich mit einem Hustenanfall. Tränen schossen aus meinen Augen.
Der Arzt trat an mich heran. »Sie gehören ins Krankenhaus, haben Sie Schmerzen?«
Ich schüttelte abwehrend den Kopf, obwohl es keinen Millimeter an mir gab, der mich nicht quälte. Der Rücken brannte wie Feuer und der Druck in meiner Brust verstärkte sich zusehends.
»Ihre Wunde gehört versorgt, und mit einer Rauchgasvergiftung ist erst recht nicht zu spaßen. Ich helfe Ihnen in den Wagen«, sprach ein Rettungssanitäter, der hinzugekommen war und mir auf die schwankenden Beine half.
»Ich muss Mama noch einmal sehen«, flüsterte ich, schaffte es gerade so mit meiner Stimme, das Tosen des Wassers und das Knistern des Feuers zu überdecken.
»Das ist keine gute Idee«, entgegnete der Sanitäter.
»Jasmin, besser nicht.« Paul stellte sich mir in den Weg.
Wieso? In meinem Beruf hatte ich schon viele Tote gesehen! Ich brauchte diesen letzten Blick, um es zu begreifen! Stur drückte ich mich an ihm vorbei, schwankte mit zittrigen Beinen auf meine Mutter zu. Ich zog den Stoff herunter! Mein entsetzter Schrei klang unnatürlich rau. Irritiert blickte ich auf eine klaffende Wunde, einen gespaltenen Schädel! An den Wangenseiten gab es getrocknetes Blut. Das … diese Verletzung musste ihr vor dem Feuer zugefügt worden sein!
Will … will mich umbringen!, schoss es durch meine Gedanken, das hatte Mama am Telefon gesagt. Derjenige hatte es geschafft! Ermordet!
Meine Finger krallten sich in den Stoff, den ich nach wie vor hielt. Ich keuchte. Da zog mich jemand zurück und drückte mir eine Maske ins Gesicht. »Das ist Sauerstoff. Tief durchatmen, ganz tief durchatmen!«
Das Rauschen in meinen Ohren nahm zu. Ich spürte, wie mir schwindlig wurde, sich die grauen Punkte um mich herum dunkler färbten und mit dem hellen Schein des Feuers vermischten. Bald darauf war es schwarz.
Mara bremste ihren VW abrupt ab. Sie war ganz nach vorne bis zur Absperrung gefahren, sprang heraus. »Paul! Paul?! Paul!«, schrie sie. »Wie furchtbar!« Wasserschläuche wurden auf das Haus gehalten, von dem Rauchsäulen aufstiegen. Qualm hing in der Luft. Obwohl die Außenmauern emporragten, erkannte sie, dass es kaum noch eine Rettung für das Gebäude gab. All das, was das Feuer verschont hatte, wurde nun mittels Wasser ertränkt.
»Paul?«, klagte sie jämmerlich.
Endlich löste sich jemand aus der Gruppe der Feuerwehrmänner. »He, Süße, warte bitte, du darfst hier nicht weiter«, stoppte er Mara ab, und drückte seiner Frau rasch einen Kuss auf den Mund. »Ich musste dir einfach Bescheid geben.«
»Ja, sicher! Wenn du es nicht getan hättest, würde ich kein Wort mehr mit dir sprechen!«, entgegnete Mara impulsiver als beabsichtigt. Hektisch schaute sie sich um. »Sag, wo ist Suni? Geht es ihr gut? Und ihrer Mutter?«
Paul wusste als Maras Ehemann, dass sie ihre Freundin stets mit ihrem Kosenamen Suni ansprach, außer, wenn sie sauer war, dann wechselte Mara ebenso auf Jasmin. »Deine Freundin ist auf den Weg ins Krankenhaus. Sie sind erst wenige Minuten fort. Hast du den Rettungswagen nicht gesehen?«
Mara schüttelte den Kopf. »Suni hat heute Nachtdienst. Was machte sie dann hier?«
»Ich denke, sie ist direkt von ihrer Arbeitsstelle losgefahren, zumindest trug sie noch die Schwesternuniform.«
»Oh! – Und … und ist sie schlimm verletzt?«
»Soweit ich mitbekommen habe, hat sie eine Wunde am Rücken und mit Sicherheit eine Rauchgasvergiftung. Ich habe den Sanitätern deine Telefonnummer mitgegeben. Du bist ja quasi ihre nächste Angehörige.«
»Dann … dann …« Mara wagte nicht, es laut auszusprechen. Das konnte nur bedeuten …
»Natascha ist tot«, hörte sie Paul sagen.
»Oh Gott!« Mara presste sich schluchzend an Pauls Körper. Er roch nach ätzendem Rauch. Nicht so wie sonst nach dem feinen Tabakgeruch seiner Pfeife, den sie an ihm liebte. Sie blickte in sein kantiges Gesicht empor, bemerkte, dass er mit den Emotionen kämpfte.
»Wie … wie?«
»Ich weiß es nicht. Es ist alles ziemlich mysteriös.«
»Mysteriös?«
Da räusperte sich jemand hinter ihr. »Entschuldigen Sie, sind Sie Mara Gruber?«
»Ja«, bestätigte sie, als sie sich umgewandt hatte und einen Polizisten erblickte.
»Inspektor Berger. Ich würde gerne unter vier Augen mit Ihnen reden. Hubert Grabner, der Nachbar, hat mich grad auf Sie hingewiesen, Sie sollen eine sehr enge Freundin der Familie sein.«
»Das stimmt.«
»Ich muss eh hinüber zu meinen Jungs und helfen. Bis bald. Ruf mich am Handy an, wenn du etwas brauchst. Ich komm heim, so rasch es geht.« Paul gab ihr einen Kuss auf die Wange und drückte noch einmal zärtlich ihre Hand.
Mara sah ihm nicht hinterher, sondern visierte den Beamten an. »Wie kann ich helfen?«
Berger schöpfte nach Atem. »Offenbar wurde Natascha Winzer bedroht. Ihre Freundin hat sich telefonisch bei mir gemeldet, wir waren im Gespräch, als sie hierhergefahren ist.«
»Ich verstehe gar nichts mehr. Paul, mein Mann hat mir erzählt, dass Suni noch ihre Schwesternuniform trug. Sie muss von ihrer Arbeit direkt losgefahren sein.«
»Suni?«
»Jasmin – Alsuna Jasmin, meine Freundin.«
»Können Sie mir sagen, wo Ihre Freundin normalerweise arbeitet?«
»Ganz in der Nähe. Im Seniorenheim in Knittelfeld.«
»Gut, dem werde ich nachgehen. Gibt es sonst noch eine Verwandtschaft? Herr Grabner hat einen Willibald Winzer erwähnt.«
»Ja Willi, Sunis Onkel. Er wohnt etwa einen halben Kilometer entfernt, in einer Mini-Wohnung. Nun … er ist arbeitslos, schon ewig, zumindest, seit Suni und ich befreundet sind. Das sind mittlerweile auch schon dreizehn Jahre. Natascha hat ihm häufig etwas Geld zugesteckt und zum Essen gegeben, oder mal neue Kleidung gekauft. Er ist … war … der Bruder.« Mara hielt inne. Sie plapperte immer gerne und zu viel, das gehörte zu ihren Angewohnheiten. Wenn sie aufgeregt war, verstärkte sich diese Eigenart.
»Hat Ihre Freundin in letzter Zeit irgendetwas Ungewöhnliches erwähnt? Dass die Mutter in Gefahr wäre, oder Ähnliches?«
Mara verneinte. In ihrem Kopf ratterte es. Paul hatte auch so herumgedruckst! »Sie denken also, dass das Feuer kein Unfall war?«
Berger kratzte sich am Kinn. »Wir stehen erst am Anfang unserer Ermittlungen.«
»Bitte, weichen Sie mir nicht aus.«
»Ein Unfall, liebe Frau Gruber, ist ausgeschlossen.«
Mara entließ ein keuchendes Geräusch. Brandstiftung? Das war noch schlimmer! Wer, bitteschön, wollte Sunis Mama etwas antun? Sie konnte es sich nicht erklären. Niemals hier in der Pampa!
»Ein Kollege wird den Wagen ihrer Freundin an die Wohnadresse bringen.« Er zog einen Notizblock heraus. »Sandgasse 4a.«
»Das ist richtig.«
»Im Fußraum lag ein Handy, ich denke, dass es Ihrer Freundin gehört.« Er zog es aus seiner Tasche, war inzwischen von einem Plastikbeutel umschlossen.
Mara erkannte es sogleich an der schwarz-goldenen Hülle. »Kann ich es mitnehmen? Ich möchte Suni so schnell wie möglich besuchen. Wissen Sie, wo sie hingebracht wurde?«
»Das Handy, leider nein. Wir werden es sicherheitshalber überprüfen, aber ich denke, bis gegen Mittag sind wir damit fertig, und Sie können es bei mir am Revier abholen.«
Mara schluckte. Untersuchen? Galt Suni als Verdächtige?
»Laut dem Notarzt wird Ihre Freundin direkt in das Landeskrankenhaus Graz gebracht, dort sind sie spezialisiert auf Rauchgasvergiftungen.«
Graz! Wie schlimm war sie tatsächlich verletzt? Mara konnte ihr nicht einmal schreiben, anrufen oder beistehen! Sie musste so schnell wie möglich versuchen, in der Klinik etwas in Erfahrung zu bringen. Aber allein die Fahrt nach Graz dauerte mit Blaulicht mindestens eine halbe Stunde, dann die Untersuchungen … Geduld zählte nicht zu Maras Stärken. »Danke«, flüsterte sie dennoch rau.
»Nichts zu danken, wir tun nur unsere Pflicht. Entschuldigen Sie, es stehen noch einige Befragungen an.« Berger tippte auf seine Kappe und verschwand.
Mara setzte sich in den Wagen. Sie starrte auf die Ruine, hell erstrahlt durch die Scheinwerfer, die von der Feuerwehr aufgestellt worden waren, um zu erkennen, ob sich noch irgendwo ein Glutnest verborgen hielt.
»Lass Suni rasch wieder okay sein«, sprach Mara erstickt. Obwohl sie mit eigenen Augen das Ausmaß der Zerstörung sah, konnte sie es kaum fassen. Sie startete den Wagen, wollte heim in den Nachbarort Seckau, in das gemeinsame Häuschen von Paul und ihr, um dort Zuflucht zu suchen, für Suni zu beten – und später in der Klinik anzurufen!
Intensivstation – Landeskrankenhaus Graz
Es brannte in meiner Kehle und in der Brust gleichermaßen. Ich blinzelte, versuchte dennoch, ruhig und gleichmäßig zu atmen. Langsam realisierte ich die Umgebung, die weißen Wände, hörte ein regelmäßiges Piepsen. Der Nebel klärte sich in meinem Kopf, Bilder purzelten durcheinander. Das Haus in Flammen, der klaffende Kopf meiner Mutter, tot.
Hektisch setzte ich mich auf, rang nach Atem, obwohl ich eine Sauerstoffbrille umgelegt hatte. Das Piepsen im Hintergrund beschleunigte sich. Ich trug einen Pulsoxymeter am Finger und eine Manchette am Oberarm, die sich in regelmäßigen Abständen aufblies. Statt der Schwesternuniform war ich mit einem Krankenhaushemd bekleidet, das im Nackenbereich zwei Bänder zum Verschnüren aufwies. Nach wie vor roch ich wie ein geräucherter Speck und hätte eine Komplettreinigung dringend nötig. Da bemerkte ich seitlich eine Bewegung, ein Krankenpfleger trat zu mir.
»Wie schön, Sie sind wach. Ich bin Pfleger Mario, und darf mich um Sie kümmern.«
Ich entgegnete nichts, von schön war ich weit entfernt. Ich lag im Krankenhaus, während sich meine Mutter wahrscheinlich in der Pathologie befand. Ob sie bereits untersucht wurde?
»Sie befinden sich auf der Grazer Intensivstation. Für die Überstellung hat Ihnen der Arzt ein Schlaf- und Schmerzmittel injiziert. Ihre Verletzung am Rücken wurde bereits versorgt.«
Traurig neigte ich den Kopf, sah zum Fenster hinaus. Es zeigte sich dunkle Nacht. Wie lange war ich weggetreten gewesen? Ich schluckte die Frage hinunter, da es zu sehr in meiner Kehle brannte.
»Kommen Sie, trinken Sie einen Schluck. Das wird Ihnen guttun und das Kratzen sowie die Schmerzen lindern.«
Folgsam umklammerte ich den Becher, nippte an der Flüssigkeit, die ein wenig den Brandgeschmack im Mund vertrieb. »Und nun?« Meine Stimme klang ungewohnt kratzig und fremd.
»Wir werden als Nächstes einige Untersuchungen machen müssen. EKG, Lungenfunktionsprüfung … der behandelte Arzt möchte Sie danach in die Druckkammer bringen. Es wird bereits alles vorbereitet.«
»Ich … ich …«
»Das ist zu Ihrem Besten. Eine Kohlenmonoxidvergiftung ist nicht zu unterschätzen, kann zu Schäden im Gehirn oder im Herz führen. Die hyperbare Sauerstofftherapie wirkt dem entgegen. Sie hilft dabei, die Giftstoffe aus ihren Bindungen im Körper zu verdrängen und unterbindet damit gleichzeitig die Folgeschäden. Je früher wir damit starten können, umso besser.«
Die Stimme des Pflegers klang sonor und tief, wirkte beruhigend auf meine verwundete Seele. »Einverstanden«, presste ich hervor und sackte matt auf das Kissen zurück. Dabei zischte ich schmerzhaft auf, fühlte einen Verband am Rücken und verlagerte rasch mein Gewicht etwas auf die schmerzfreie Seite.
»Machen Sie sich keine Sorgen, Sie werden sehen, es wird Ihnen bald besser gehen. In meinen Unterlagen ist eine Mara Gruber als Ihre Kontaktperson angegeben, und dass ein gewisser Willibald Winzer ebenso verständigt wird. Ist das richtig? Oder sollen wir noch jemanden informieren?«
Mama! – Nein, sie ist tot! Nichts ergab einen Sinn. Ich schluchzte auf. Das Gesicht des Pflegers verschwamm vor mir.
Mario drückte sanft meine Hand. »Eine schreckliche Sache, was passiert ist. Ich wünschte, ich könnte mehr für Sie tun.«
Eine heiße Träne rann spürbar über meine Wange. Ich fühlte mich zu matt, um diese wegzuwischen. Nun war ich Waise! Keine Mutter, keine Geschwister, kein Vater!
In meinem Schmerz mischte sich eine wehmütige Sehnsucht, weil ich den leiblichen Vater nie kennengelernt hatte. Er blieb seitens meiner Mama ein gut gehütetes Geheimnis. Das Wissen um ihn hatte sie mit in den Tod genommen. Zudem gab es genauso wenig irgendwelche Ersatzväter. Meine Mama Natascha hatte in dieser Beziehung wie eine Nonne gelebt, alle Avancen abgewehrt. Dabei war sie hübsch und gerade mal neunzehn Jahre älter als ich. Manche dachten, sie wäre meine ältere Schwester, obwohl wir uns optisch kaum ähnelten. Sie war klein, zierlich, dunkelhaarig, während ich sie fast um einen Kopf überragte, dazu blondes Haar hatte und blauäugig war. Das einzige männliche Wesen in ihrem Leben war Onkel Willi, Mutters Bruder. Ich empfand Willi bezüglich Männerwelt als ein abschreckendes Beispiel. Man konnte kaum eine intensive Bindung zu einem alkoholabhängigen Messie aufbauen! Ich rieb mir die Schläfen, in meinem Schädel wummerte es.
»Ich werde rasch alles in die Wege leiten. Wenn etwas ist, einfach läuten. In wenigen Minuten komme ich wieder, dann helfe ich Ihnen dabei, sich frisch zu machen und umzuziehen.«
»Bitte«, sprach ich erstickt. Obwohl ich total groggy war, sehnte ich mich danach, den anhaftenden Rauchgeruch bald loszuwerden.
Der Pfleger drückte ein Kissen unter meinen Rücken, um mein linkes Schulterblatt freizulagern. »So befinden Sie sich nicht direkt auf der Brandwunde. Bis zur nächsten Schmerzdosis dauert es noch eine Weile, aber wenn Sie zu unerträglich werden, geben Sie bitte Bescheid, dann halte ich Rücksprache mit dem Doktor, ob wir eher etwas verabreichen können.«
Ich nickte. Der Schmerz, der in meinem Herz tobte, würde sich mit keinem Medikament wegspritzen lassen. Ich schloss die Augen, hasste es, meinem schwachen Körper ausgeliefert zu sein, während es keine Erklärung für das Feuer und den Tod von Mama gab. Doch bald forderte nicht nur mein Geist hartnäckig weiteren Schlaf ein, sondern auch mein Körper, der gegen meine Vergiftung und die Verletzung ankämpfte.
Ein nicht gesprächiger Transportdienst brachte mich in einem Rollstuhl Richtung Druckkammer. Ich fühlte mich, als wäre ich in einem falschen Film oder in einer anderen Zeit gelandet. Die Zeiger der Uhr im Gang standen auf der Zwei. Normalerweise würde ich im Seniorenheim grad eine neue nächtliche Runde durch die Bewohnerzimmer drehen. Ob Bernadette einen Ersatz gefunden hatte? Wusste meine Kollegin Bescheid darüber, was vorgefallen war? Eigentlich sollte ich mich bei ihr melden! Doch mit was? Ich hatte nicht einmal gefragt, wo sich meine persönlichen Gegenstände befanden. Das Handy lag vermutlich nach wie vor im Fußraum meines Wagens. Abgestellt vor meinem Heimathaus, das inzwischen wohl nur mehr eine Brandruine war.
Ein schlechtes Gewissen regte sich in mir. Es war nicht meine Art, alles stehen und liegen zu lassen. Und die Leute im Pflegeheim alleine zu betreuen, war ein absoluter Wahnsinn! Zudem hatte es nichts gebracht.
Mama ist tot! Erneut drängten in mir Tränen nach oben. Zittrig wischte ich mir einen Tropfen aus dem Augenwinkel und verbannte mit aller Gewalt meine Emotionen in die Tiefen zurück. Ich starrte auf das rote T-Shirt und eine schwarze Jogginghose, die aus dem Fundus des LKHs entstammten und mir zu weit waren.
Pfleger Mario war, wie versprochen, mir bei der Körperpflege behilflich gewesen. Statt Qualm roch ich bedeutend frischer. Doch jeder Atemzug wirkte, als würde eine zentnerschwere Last auf meinen Brustkorb drücken, und ich war spürbar kraftloser. Sei froh, dass du nicht bewusstlos oder im Koma bist! Obwohl aktuell fand ich ein Vergessen fast erstrebenswerter. Ich tastete über mein feuchtes blondes Haar, das sich an manchen Stellen versengt anfühlte und nachlässig zu einem Pferdeschwanz zusammengefasst war.
»Bis später!«, stieß der Transportdienst aus, er ließ die Haltegriffe des Rollstuhls los.
Ich schaute ihm hinterher, wie er davoneilte. Ob er einen nächsten Patienten wohin karren musste, oder doch auf etwas nächtlichen Schlaf hoffte, wusste ich nicht. Bald darauf kam eine Krankenschwester aus dem angrenzenden Raum und brachte mich zu einem Stuhl in der Druckkammer. Ich fand Schwester Resi, wie sie sich vorstellte, auf Anhieb sympathisch. Ihre tiefliegenden braunen Augen wirkten vertrauensvoll. In ihrem rundlichen Gesicht waren etliche Fältchen eingegraben, die bewiesen, dass sie in ihrem Leben viel gelacht, aber wohl auch gelitten oder mitgelitten hatte. Bestimmt fehlten ihr bis zum Ruhestand nur wenige Monate. Selbst ich durfte als Achtundzwanzigjährige bereits neun Dienstjahre an Berufserfahrung sammeln.
»Schauen Sie, hier über die Maske können Sie den hundertprozentigen Sauerstoff einatmen. Wenn Sie diese abnehmen, atmen Sie hingegen die ganz normale Raumluft ein. Über dieses Bullauge dort haben wir ständig Sichtkontakt, auch ein Arzt wird bald dort sein. Wenn es ein Problem gibt, einfach reden, wir können draußen alles hören. Wir werden am Anfang langsam den Druck erhöhen. Sind Sie einverstanden, wenn wir etwas Musik spielen?«, bemerkte Schwester Resi freundlich.
Ich stimmte nickend zu. Musik konnte nicht schaden, und vertrieb hoffentlich ein wenig die schrecklichen Bilder aus meinem Kopf. Ich musterte die Kammer, registrierte Stühle in unterschiedlichen Farben, die zum großen Teil zusammengestapelt waren. Insgesamt bot die Kammer für zwölf Menschen Platz, doch bei dieser Not-Behandlung würde ich offensichtlich allein bleiben. Die Wände waren in einem Grün gestrichen, und irgendwie fühlte ich mich, als wäre ich in einem Unterwasserboot und würde bald abtauchen. Ich unterdrückte ein Ächzen. Ein Abtauchen wäre wundervoll – fort aus dieser schrecklichen Realität und der Frage, aus welchem Grund meine Mutter bedroht und umgebracht worden war.
»Wie lange wird es dauern?«, hakte ich nach. Dabei spielte Zeit für mich grad gar keine Rolle.
»Voraussichtlich eine dreiviertel Stunde. Aber wir geben Ihnen die Zeit noch genauer durch. Ist auch abhängig davon, ob Ihre Werte stabil bleiben und wie lange es für Sie geht.«
Ich presste die Lippen aufeinander. Es fühlte sich für mich seltsam an, auf der Patientenseite zu sein und nicht die Betreuungsperson, die sich um die Bedürfnisse meiner Pfleglinge kümmerte. Doch ich wollte folgsam bleiben, um rasch fit zu werden, und dann … dann herauszufinden, was hinter Mamas Tod steckte. Zu meiner inneren Qual gesellte sich ein erster Funken Hass – auf einen Unbekannten! Ob die Polizei schon aktiv geworden war?
Ich schloss die Augen, während Schwester Resi die Tür hinter sich zuzog. Bald erklang eine Instrumentalmusik. Ich hielt die Maske an den Mund, versuchte, gleichmäßig ein- und auszuatmen, indes purzelten ohne Unterlass Tränen über meine Wangen hinab.
Besuche
Mara blickte in das bleiche Gesicht ihrer Freundin Jasmin. Feine Schläuche schmiegten sich an ihre Wangen, während eine transparente Maske über Mund und Nase lag und sie mit zusätzlichem Sauerstoff versorgte. Im Hintergrund piepste es, auf dem Monitor tanzten Linien, die Sunis Herzschlag anzeigten und zumindest regelmäßig schienen. Daneben wechselten Zahlen, die Mara als Blutdruck deutete.
Mit zittrigen Händen strich sie vorsichtig eine Strähne aus Sunis Stirn. Es wirkte so surreal. Am Wochenende hatten sie erst gemeinsam gegrillt. Suni hatte Knoblauch-Baguettes, einen Kartoffelsalat und zwei Flaschen Hugo für sie Mädels mitgebracht, während sich Paul über ein Sechser-Tragerl-Bier freuen durfte. Ihre Freundin machte mit Abstand den besten Erdäpfelsalat, den Mara je gegessen hatte!
Und nun?
Neugierig schaute Mara sich um, unschlüssig hielt sie nach wie vor die Tasche mit den mitgebrachten Sachen in einer Hand. Am hinteren Bett stand ein weiterer Besucher, trug so wie sie, einen blauen Mantel zum Schutz. Er hielt Händchen mit der darin liegenden Frau, was sie schön fand. Zwei Betten weiter wurde hingegen jemand beatmet, der Brustkorb im regelmäßigen Rhythmus aufgeblasen. Mara wandte sich ab und war erleichtert, dass sie Friseurin war! Ein Job, der auch mal stressig sein konnte, aber zumindest nicht so belastend, so nah zwischen Leben und Sterben. Als selbsternannte Chefin, wie sich Mara selbst nannte, da sie mobil im Einsatz war, konnte sie ihre Zeit und Freizeit gut einteilen.
»Hier, nehmen Sie doch den Sessel«, meinte eine Krankenschwester freundlich, die kurz einen Blick über Suni gleiten ließ.
Es war dieselbe, die sie zuvor eingelassen und genau darauf geschaut hatte, dass Mara ihre Hände richtig und lang genug desinfizierte.
»Sie können Frau Winzer ruhig ansprechen. Es geht ihr so weit gut, sie ist nur von den nächtlichen Untersuchungen und der Therapie ein wenig müde.«
»Danke vielmals.« Mara rutschte mit dem Sessel näher, stellte die Tasche zwischen ihren Beinen ab. Nein, aufwecken wollte sie Suni nicht. Zumindest nicht gleich. Es erleichterte sie, dass die Freundin wohl nicht in akuter Gefahr schwebte. Das war ihre größte Sorge gewesen. Suni sollte schauen, dass sie ihre Kräfte dafür hernahm, bald gesund zu werden. Das war im Augenblick alles, was zählte!
Es fiel mir schwer, mich aus meinem Schlaf zu lösen. Mein Verstand wollte aufwachen, während meine Augenlider wie zubetoniert blieben, egal, wie sehr ich mich auch anstrengte, diese zu öffnen. Da waren Stimmen und Geräusche! Ich wollte daran teilnehmen! Sprachen sie über mich?
Aber jetzt! Bewege ich mich schon? Augen geht auf! Endlich schaffte ich ein Blinzeln, erkannte erste Schemen. Da war jemand! Kurz atmete ich tief durch, sammelte noch einmal alle Kräfte und blickte direkt in das besorgte rundliche Gesicht meiner Freundin Mara. Über ihrem knallpinken Haar lag ein heller Schimmer, weil die Sonne durch ein Fenster hereinblitzte.
»He, Suni, was machst du bloß für Sachen.« Es klang erleichtert.
Ein gequältes Lächeln huschte über meine Lippen. Mara war die Einzige, die meist die Koseform Suni benutzte, ihre Variante, abgeleitet von meinem Vornamen Alsuna. Bereits in der Volksschulzeit hatte es sich eingebürgert, dass ich meinen zweiten Rufnamen Jasmin verwendete, der leichter und ohne lange Erklärungen über die Lippen ging. Ich schluckte den emporsteigenden Kloß in der Kehle hinunter und war dankbar, meine Freundin zu sehen, meine Vertraute! »Du verrückte Kuh, bist extra den weiten Weg hergefahren«, schniefte ich, etwas dumpfer, bedingt durch die Maske in meinem Gesicht.
»Aber sicher, für dich ist mir kein Weg zu weit. Hast du Schmerzen?«
Ich fühlte in meinem Körper hinein, Müdigkeit und Schmerz waren vermischt wie zu einem riesigen Brei. »Zum Aushalten.«
»Schau, ich hab dir ein paar Sachen zusammengepackt.« Sie deutete auf eine Tasche. »Zahnbürste, Parfum, Kleidung, Hausschuhe … Weißt du, wie lange du hierbleiben musst?«
Ich schüttelte den Kopf. »Es sollen noch ein oder zwei hyperbare Sauerstoffbehandlungen wegen meiner Rauchgasvergiftung stattfinden, hat der Arzt in der Nacht gemeint. Aber ich hoffe, dass ich bald raus kann. Ich muss doch endlich wissen …« Ich brach ab.
Mara nahm mich mitfühlend in den Arm, drückte mich an ihren tröstlich weichen anschmiegsamen Körper, bis mein Schluchzen abebbte.
»Die Polizei hat schon wegen einer Vernehmung angefragt«, fuhr Mara mit sanfter Stimme fort. »Ein gewisser Gruppeninspektor Albert Berger hat mir dein Handy gegeben, mich vernommen – aber ich konnte ihm leider nicht weiterhelfen. Du findest es mit dem Aufladekabel in der Tasche. Ein Kollege von ihm wird sich bald bei dir melden und ein persönliches Gespräch mit dir suchen. Willi weiß auch Bescheid, aber frag mich nicht, wie er es aufgenommen hat. Es sind etliche entgangene Anrufe am Telefon. Vorhin hab ich abgehoben, weil deine Chefin dran war. Dabei zeigte sie sich nicht gerade von der freundlichsten Seite. Obwohl, als sie von mir ansatzweise erfahren hat, was geschehen ist, hatte sie es plötzlich sehr eilig, sich zu verabschieden. Dabei müsste sie eh von der Polizei informiert worden sein. Bestimmt wollte sie dir keine gute Besserung wünschen. Und sorry, ich rede schon wieder viel zu viel.«
Ich lächelte nachsichtig, wurde eine Sekunde später ernst. »Irgendwie kann ich die Chefin schon verstehen, ich habe mich ohne Erlaubnis von der Dienststelle entfernt.«
»Na hör mal, wenn es um meine Mama gegangen wäre, hätte ich genauso gehandelt.«
»Danke Mara, das ist lieb.«
»Das hat mit lieb nichts zu tun, sondern das meine ich genauso. Zumindest hast du erstmals deine Ruhe vor ihr. Ich habe ihr klipp und klar gesagt, dass du auf der Intensivstation liegst und du in den nächsten Tagen sicher nicht erreichbar bist, weil ich dein Handy hätte. Komm ja nicht auf die Idee, dass du dich zu früh meldest.«
Ich schätzte meine quirlige kleine Freundin, die wie ein Duracell-Hase unermüdlich aktiv, aber vor allem mir gegenüber absolut loyal war.
Eine Krankenschwester trat heran. »Es tut mir leid, in fünf Minuten ist die Besuchszeit vorüber und ich muss Sie bitten, sich langsam zu verabschieden.«
»Oh, schon.«
»Natürlich, danke für die Information«, bemerkte Mara höflich, ehe sie sich an mich wandte. »Ich bin eh schon länger hier, aber ich wollte dich nicht aufwecken. Soll ich irgendetwas für dich besorgen? Oder hast du etwas zum Mitgeben, deine alte Kleidung vielleicht.«
Ich zuckte mit den Schultern. »Ich hab nicht einmal gefragt, wo meine ist – da siehst du, wie hinüber ich bin.«
»Mach dir keine Sorgen, du bist jung, da bist du körperlich bestimmt bald auf der Höhe. Ich habe mir dich schlimmer vorgestellt. Bis auf deine Haare – wenn du raus bist, bekommst du von mir einen ordentlichen Haarschnitt verpasst.« Mara bückte sich zum angrenzenden Nachtkästchen. »Ich packe dir die Tasche da einmal hinein.« Dabei zog sie einen Plastikbeutel heraus. »Und ich glaube, ich habe deine alten Sachen gefunden.«
Ich langte zum Beutel und öffnete ihn. Kalter Rauchgeruch stieg empor. In mir erwachten die Bilder vom Feuermeer. Rasch verknüpfte ich die Plastikhenkel, als könnte ich damit die Erinnerungen aussperren.
»Wenn du möchtest, wasche ich dir deine Sachen. Vielleicht ist noch etwas zu retten.«
»Nein.«
»Das ist wirklich kein Problem.«
»Nein«, bestärkte ich. »Du verstehst nicht. Wenn, dann mache ich es selbst. Für dich ist es nur ein Beutel mit verdreckten Sachen, für mich weit mehr.«
»Nun habe ich verstanden. Ich stelle es dir in die Wohnung ins Badezimmer, okay? Dein Auto steht übrigens am angestammten Platz vor dem Haus. Wurde von einem Beamten dort hingebracht.«
Ich nickte zustimmend. War von meinem Heimathaus noch etwas übriggeblieben? Das spielte im Moment keine Rolle, und ich würde es früh genug herausfinden.
»Ach Suni, ich wünschte, ich könnte dich gleich mitnehmen. Melde dich, so oft du willst und kannst. Und wenn du ein Taxi nach Hause brauchst, hol ich dich selbstverständlich ab. Komm, lass dich noch einmal drücken. Ganz vorsichtig, versteht sich.«
»Danke«, raunte ich ihr ins Ohr. »Ich danke dir.«
Befragung – Anfang Juli
»So, Frau Winzer, dann wollen wir Ihre Brandwunde genauer begutachten.« Doktor Wurm wirkte geschäftig, stülpte sich Handschuhe über.
Ich setzte mich gleich auf. Schwester Angela war ihm behilflich und löste den alten Verband. Der Arzt tastete meinen Rücken ab. Ich presste die Lippen aufeinander, denn trotz Schmerzmittel spürte ich ein starkes Brennen.
»Wie sieht es aus?«, fragte ich nach.
»Bedeutend besser. Es war gut, dass wir am ersten Tag gleich die abgestorbenen Wundränder entfernt haben. Die Sekretion ist zurückgegangen und es sind an sich keine Entzündungszeichen vorhanden. Natürlich, wie Sie wissen, bleiben bei einer Verbrennung dritten Grades meist Narben zurück. Doch wie es sich zurzeit darstellt, dürften diese nicht allzu massiv ausfallen. Da bin ich optimistisch.«
»Kann ich es sehen? Vielleicht ein Bild mit meiner Handykamera machen?«, bat ich.
»Das wird Schwester Angela für Sie gerne tun.« Doktor Wurm entledigte sich seiner Handschuhe und trat mir gegenüber. »Ihre Werte haben sich deutlich gebessert, sodass keine weitere Sauerstoffbehandlung mehr nötig ist. So wie es sich darstellt, können wir Sie heute noch auf die Normalstation verlegen, und wenn alles gut geht, und kein Fieber mehr auftritt, übermorgen in häusliche Pflege entlassen. Die Verbandswechsel können Sie vor Ort von Ihrem Hausarzt vornehmen lassen.«
»Das freut mich.«
Doktor Wurm zeigte ein Lächeln. »Somit gehe ich davon aus, dass wir uns nicht mehr sehen, da ich mich die nächsten Tage in Urlaub befinde. Ich wünsche Ihnen deshalb heute schon eine gute Genesung.«
»Danke, auch Ihnen alles Gute und einen schönen Urlaub.«
Der Arzt drehte ab. Schwester Angela ergriff mein Handy, das ich ihr reichte und machte das versprochene Bild. »Hier bitte.«
Während die Krankenschwester die Wunde desinfizierte, starrte ich auf die Aufnahme. Die Verletzung war kleiner als erwartet, auch wenn sich ein geröteter Streifen über das gesamte linke Schulterblatt erstreckte. Zum Glück gab es nur zwei kleine nässende Wunden, etwa daumennagelgroß, die somit tiefer in die Hautschichten bis in den Muskel vorgedrungen waren. Das Foto beruhigte mich mehr als die Worte des Arztes. Ich hatte Glück gehabt, war um eine Hauttransplantation herumgekommen, was ich wohl einer guten Wundheilung, der raschen Behandlung und den mittlerweile effizienten Verbandsstoffen verdankte.
Ich spürte, wie Schwester Angela eine Salbe auftrug und ein spezielles Gewebe vorsichtig andrückte, ehe sie alles mit einem sterilen Verband abdeckte.
»So, erledigt. Wie geht es Ihnen mit den Schmerzen?«
»Sie werden besser. Auch das Atmen fällt mir leichter und ich fühle mich etwas kräftiger.«
»Das ist gut. Im Nebenraum wartet übrigens ein Polizist. Ich habe gesagt, dass ich mich zuerst bei Ihnen erkundige, ob Sie sich fit genug für eine Vernehmung fühlen. Wenn Sie mögen und einverstanden sind, bringe ich Sie mit dem Rollstuhl nach nebenan.«
»Ich glaube, ich schaffe es auf meinen eigenen Beinen. Aber bitte begleiten Sie mich sicherheitshalber.«
»Selbstverständlich.«
Ich schlüpfte in die Hausschuhe, die Mara mitgebracht hatte, und stellte mich hin. Mein Kreislauf fühlte sich stabil an, die Beine wirkten schwächer, aber sie zitterten nicht. Ich ging langsamer als für gewöhnlich, gestützt von Schwester Angela, die schließlich die Tür zum angrenzenden Zimmer öffnete. Ich erkannte, dass es sich hier normalerweise um einen Aufwachraum handelte. Es gab Monitore, Infusionsständer, einen Defibrillator, sowie einige Schränke, die wohl weitere medizinische Geräte und Gegenstände enthielten. Die mittlere Fläche des Raumes war frei und bot somit ausreichend Platz für ein Krankenbett. An der Seite stand ein kleiner rechteckiger Tisch mit zwei Kunststoffstühlen. Sogleich erhob sich ein Mann in Uniform, der dort wartend gesessen hatte. Ich schätzte ihn zwischen vierzig und fünfzig. Er nahm die Dienstkappe ab, zeigte rotblondes kurzes Haar, während sein Gesicht mit unzähligen Sommersprossen übersät war.
»Alsuna Winzer?«, erkundigte er sich.
Ich nickte, und unterließ die Bemerkung, dass ich normalerweise mit Jasmin angesprochen wurde, und sich der Vorname Alsuna für mich fremd anfühlte. Schwester Angela schloss die Tür, damit wir ungestört waren.
»Ich habe Sie schon erwartet. Sind Sie der Polizist, mit dem ich per Telefon gesprochen habe?«
»Nein. Manuel Lichter. Ich bin Ermittler in der Mordkommission.« Er zog seinen Dienstausweis hervor.
Ich schaute flüchtig drüber, nahm auf dem gegenüberliegenden Stuhl Platz. Mit einem Mal fühlten sich meine Beine schwummrig an, was nicht an der körperlichen Schwäche lag, sondern daran, weil ich wusste, über was wir jetzt sprechen würden. »Wie ist der aktuelle Stand?«
Lichter kam gleich zur Sache. »Das Feuer wurde mit Absicht gelegt, wir haben Brandbeschleuniger gefunden in Form von Benzin. Und …«
»Und Mama wurde ermordet«, nahm ich den Satz auf, weil der Beamte zögerte. »Ihr … ihr Kopf … war …« Ich gestikulierte ungelenk mit der Hand über meinem herum, brachte das Wort für gespalten nicht heraus.
»Es tut mir leid. Als Tatwerkzeug konnten wir eine Axt sicherstellen. Zumindest das vordere Eisenteil, der Holzstiel ist verbrannt.«
»Ich bin zu spät gekommen.« Ich wischte mir über die Tränen schwimmenden Augen.
Lichter räusperte sich. »Ohne Sie, wäre Ihre Mutter im Haus verbrannt und wir hätten womöglich noch weniger Indizien. Dann wäre der Mord als Unfall durchgegangen und zu den Akten gelegt worden. So haben wir die Chance, den wahren Täter auszuforschen, und ich denke, das ist auch in Ihrem Sinn. Ich weiß nicht, ob es ein Trost für Sie sein kann, aber Ihre Mutter musste wenigstens nicht lange leiden.«
Das hoffe ich. »Haben Sie eine Spur?«
Lichter kratzte sich am Kinn. »Wenig, keine Fingerabdrücke. Leider haben Feuer und Wasser vieles vernichtet. Gab es einen besonderen Grund, wieso das Haus mit Kameras gesichert wurde? Auf dem Aufzeichnungsgerät konnten wir nichts mehr Brauchbares finden.«
»Mama war diesbezüglich etwas eigen und immer sehr vorsichtig. Sie versperrte stets alles gewissenhaft, solange ich mich zurückerinnern kann. Auch Kameras gab es lange Zeit, bevor ich in die Pubertät kam und sie achtete akribisch darauf, dass sie funktionierten. Ich kann mich aber an kein besonderes Ereignis erinnern, weshalb das so war, falls Sie das meinen.«
»Kam Ihnen das nie sonderbar vor?«
»Jetzt, im Nachhinein schon. Aber um ehrlich zu sein, ich bin damit aufgewachsen, da gewöhnt man sich daran.«
»Verstehe. Leider haben auch die Nachbarn nichts Außergewöhnliches bemerkt. Am späten Nachmittag war noch, wie üblich, Willibald Winzer zu Besuch.«
Ich nickte. »Er ist mein Onkel. Mama hat ihn immer verköstigt, da er lieber sein Geld in Alkohol investiert. Ich hab ihn noch gar nicht gesprochen, er besitzt kein Telefon und unser Verhältnis ist nicht besonders eng. Mama hat sich hingegen für ihn verantwortlich gefühlt. Bestimmt ist er ebenso geschockt wie ich.«
»Bei unserer ersten Einvernahme war er kaum der deutschen Sprache mächtig, hat unzusammenhängend vor sich hin gelallt.«
Ich seufzte. »Das kommt häufig vor.«
»Hatte Ihre Mutter Feinde? Haben Sie eine Idee, wer dahinterstecken könnte?«
»Nicht das ich wüsste. Sie lebt … lebte sehr zurückgezogen. Und bei ihrer Arbeit in der Bücherei ist … war sie meist allein. Freunde und Freundinnen hatte sie nie wirklich, eigentlich gab es nur mich. Und Willi.«
»Das deckt sich mit den Aussagen Ihrer Nachbarn. Dennoch werden wir alles genau überprüfen. Die Spurensicherung untersucht gerade all die Sachen, die so halbwegs verschont geblieben sind. Sobald die Beweisaufnahme abgeschlossen ist, werden wir Sie informieren. Zudem sind wir dabei, Bankdaten und etwaige Telefongespräche zu überprüfen. Was hat Ihre Mutter genau bei ihrem Anruf gesagt?«
Ich blickte auf meine Hände, bemerkte erst jetzt, dass ich sie rastlos knetete, und zwang mich, in diesem Tun innezuhalten. »Er ist wieder da. Will … will mich umbringen. Dann … dann brach die Verbindung ab. Irgendwie klingt das, als ob sie denjenigen gekannt hätte, oder?«
»Stimmt, obwohl ich lieber keine voreiligen Schlüsse ziehen möchte. In einer Notsituation kann man Wörter nicht auf die Waagschale legen. Ist Ihnen, von Ihrer Seite aus, irgendetwas Ungewöhnliches aufgefallen?«
»Sie meinen, ob ich … mich jemand?« Daran hatte ich noch gar keinen Gedanken verschwendet! »Nein, nichts dergleichen.«
»Als nächste Verwandte müssen wir natürlich auch dieses Risiko im Auge behalten. Da wir das Motiv des Täters nicht kennen, halte ich es für ratsam, wenn Sie in nächster Zeit besonders gut Achtgeben und aufmerksam bleiben. Womöglich können Sie nach dem Krankenhausaufenthalt die erste Zeit bei Freunden unterschlüpfen.«
Ich schluckte.
»So, nun will ich nicht länger Ihre Zeit strapazieren. Falls Ihnen noch etwas einfallen sollte, rufen Sie umgehend die Polizei an oder melden sich direkt bei mir.« Lichter schob mir eine Karte mit seinem Namen und einer Telefonnummer zu. »Ich bin jederzeit für Sie erreichbar. Oder, bei Ihnen vor Ort, können Sie sich an Gruppeninspektor Berger wenden, der über sämtliche Schritte von mir informiert wird und uns bei der Ermittlungsarbeit unterstützt.«
»Danke, bitte halten Sie mich ebenso auf dem Laufenden.« Mit zittrigen Fingern griff ich nach der Visitenkarte, die ich später in meiner Handyhülle verstauen wollte.
»Das will ich gerne tun. Übrigens, sobald Sie sich fit genug fühlen, können Sie ein Beerdigungsinstitut beauftragen. Die Untersuchungen an Ihrer Mutter sind offiziell abgeschlossen.«
Ein heiseres Schluchzen brach aus meiner Kehle. »Gut zu wissen.«
»Wir haben zudem ein Kriseninterventionsteam, das möchte ich Ihnen ans Herz legen und könnte Sie in dieser schwierigen Situation unterstützen.«
»Ich hatte bereits ein kurzes Gespräch mit der Psychologin des Krankenhauses. Weitere habe ich abgelehnt. Wenn, dann rede ich mit meiner Freundin.«
»Falls Sie es sich anders überlegen, sind wir jederzeit für Sie da. Ich wünsche Ihnen viel Kraft und mein aufrichtiges Beileid.«
»Bitte, finden Sie den Mörder.«
»Wir geben unser Bestes, das verspreche ich Ihnen.«
Der Beamte ließ mich im Raum zurück. Verzweifelt verbarg ich mein Gesicht in den Händen, schluchzte, weil ich sehr wohl herausgehört hatte, dass die Polizei im Dunklen tappte und nicht ansatzweise wusste, in welche Richtung sie ermitteln sollten. Die gesamte Hoffnung lag in irgendeinem Zufallsfund im Inventar. Von dem es wohl nicht mehr sonderlich viel gab.
Mara marschierte schnurstracks durch den engen Flur des Mehrparteihauses, in dem Willi wohnte. Die untere Eingangstür war unverschlossen gewesen, sodass sie nicht einmal Läuten musste. Als enge Freundin von Suni fühlte sie sich in gewisser Weise für jeden aus der Familie mitverantwortlich und hatte beschlossen, nach Willi zu sehen.
Mara erreichte den dritten und zugleich obersten Stock, klopfte an Willis Tür, neben der sich in Kartons leere Dosen und Flaschen in einem wüsten Durcheinander stapelten. Ein Namensschild suchte man vergeblich, und dort, wo die Klingel sein sollte, ragte bloß ein Stromkabel heraus. Wann war sie das letzte und einzige Mal hier gewesen? Irgendwann als Suni und sie gemeinsam die Fachschule besucht hatten, da waren sie etwa sechzehn Jahre alt. Willi war damals krank gewesen, weshalb Suni für ihn Essensbotin spielte. Dass die Freundin keinesfalls alleine hingehen wollte, verstand Mara sofort. Sie kannte Willi flüchtig von den Besuchen bei Suni, bei denen er hin und wieder auftauchte. Verlodert und meist etwas angetrunken umgab ihn eher eine abstoßende Aura, die sich in seiner winzigen Dachgeschosswohnung fortsetzte.
In Mara kroch schaudernd das damalige Entsetzen hoch, als sie an Willi dachte, der ihnen mit fiebrigen Augen und fettigem Haar torkelnd geöffnet hatte. Er war mit einer schlabbrigen Unterhose bekleidet gewesen, die drohte, an seinem schlaksigen Körper hinunterzurutschen.
Mara stöhnte und unterband den Impuls, umzukehren und ihr Vorhaben abzubrechen. Sie pochte erneut, lauter und wappnete sich darauf, dass es nach wie vor fürchterlich in der Wohnung aussehen musste. An sich war es gut, dass Willi als Letzter oben im Gebäude wohnte, so brauchte von den unten lebenden Parteien niemand an seiner Müllhalde vorbei. Doch vermutlich hatte der eine oder andere Bewohner ihn bereits verflucht, wenn er laut polternd im Vollrausch hinaufmusste.
Ihr Mann Paul hatte ihr erzählt, dass einmal sogar die Feuerwehr ausgerückt war, um ihn in seine Wohnung zu hieven. Willi war besoffen zwischen dem ersten und zweiten Stock liegengeblieben. Er war so hinüber, dass er nicht einmal realisiert hatte, dass er sich im Treppenbereich befand. Doch zum Öffnen des Reißverschlusses der Hose hatte es gereicht, und zur Begrüßung urinierte er alles voll, war ohne Scham seinem Drang nachgegangen. Wie ein Tier, dass dem Instinkt folgte.
Mara rümpfte die Nase, als ob noch immer eine Mischung aus Pisse und kaltem Rauch durch das Stiegenhaus ziehen würde. Gerade, als sie sich abwenden wollte, vernahm sie schlürfende Geräusche. Ein winziger Spalt öffnete sich.
»He, du bist ja Jasmins Freundin. Lange nicht gesehen.« Willi zeigte ein gelbliches Gebiss. An der rechten Seite prangte eine Lücke, da ihm mindestens drei Zähne fehlten.
Es waberte miefige Luft auf den Flur des Treppenhauses. Mara wechselte von der Nasen- zur Mundatmung, was sie bedeutend erträglicher fand. »Ich wollte dir nur Bescheid geben, dass ich vorgestern bei Suni im Krankenhaus war. Sie ist halbwegs okay, die Wunden werden heilen.«
»Das ist gut. Willst du eigentlich hereinkommen?«
Mara hielt entsetzt den Atem an.
Willi lachte. »Ein Scherz!«
Mara räusperte sich, fühlte sich ertappt. »Brauchst du irgendetwas? Ich meine …«
Willi schaute sich um. Die fünfundzwanzig Quadratmeter stellten zugleich Küche, Wohn- und Schlafzimmer dar, waren vollgestellt mit Kartons. Die vielen geleerten Flaschen, die kreuz und quer lagen, müsste er irgendwann einmal entsorgen. Dazwischen stapelten sich Pappkartons von so manchen Pizzen und leere Zigarettenschachteln. Hier spielte sich sein Leben ab, zumindest dann, wenn er nicht in der Kneipe saß. Den elektrischen Herd hatte er seit Ewigkeiten nicht mehr benutzt. Sein Essen bestand vorwiegend aus alkoholischer Flüssignahrung, hin und wieder aus gefundenen Resten im Müll. Einmal in der Woche konnte er sich bei Natascha den Bauch füllen. Sie hatte ihn manches Mal als gefräßiges Krokodil betitelt, weil auch diese Tiere oft von einer einzelnen Nahrung lange zehren konnten. Vielleicht war er im vorherigen Leben tatsächlich so ein Reptil gewesen, leider wuchsen bei ihm nicht die ausgefallenen Zähne nach. Er langte an die rechte Wange, fühlte, wie sich diese im Vergleich zur linken weiter hineindrücken ließ. Mit der wöchentlichen Essensration war es nun vorbei … Ob er mit seinen wenigen Kröten auskommen würde? Willi ächzte. »Alles gut. Weißt du, wann Jasmin rauskommt?«
Mara fand es zumindest nett, dass ihm offenbar seine Nichte kümmerte und nicht völlig gleichgültig war. Obwohl sie nicht verstand, wie Willi so tief sinken und so würdelos werden konnte. Suni hatte einmal gemeint, dass viele es nicht schafften, eine Sucht zu besiegen, die körperliche Abhängigkeit nichts gegen die psychische wäre, die jeden Tag zu einem neuen Kampf machte. In Wahrheit lebte Willi trotz Minimalismus in seiner gesicherten Zone. Natascha hatte ihn nie fallen lassen, immer geholfen. Mara wusste nicht, ob sie das gekonnt hätte. Leichter wäre es bestimmt gewesen, sich abzuwenden. Dann müsste man weder sein Leid sehen, noch wäre man der eigenen Hoffnungslosigkeit ausgesetzt, weil man ihm nicht helfen konnte. Ob dieses schreckliche Erlebnis irgendetwas in ihm bewirkte? »Wahrscheinlich kommt Suni übermorgen heim, hat sie am Telefon gemeint. Sauerstoffbehandlung benötigt sie keine mehr.«
»Wenn du sie siehst, oder mit ihr telefonierst, richte ihr liebe Grüße aus.«
»Das werde ich gerne tun. Und wie gesagt …«
»Jaja«, winkte er ab. »Mach dir keine Sorgen.«
»Dann tschüss.« Mara drehte ab, schritt rasch die Stufen hinunter. Sie freute sich, als sie vor das Gebäude trat und frische Luft einatmen konnte, die sie tief inhalierte. Auf dem Weg zum VW schielte sie noch einmal zur Dachgeschosswohnung. Irgendwie hatte Willi normaler gewirkt, als sie gedacht hatte. Oder es lag daran, dass sie heute bei ihm eine halbwegs nüchterne Phase erwischt hatte. Obwohl, bei einem Spiegeltrinker konnte man nie genau sagen, wie viel er tatsächlich intus hatte. Auffällig wurden die meist erst dann, wenn es zu wenig gab.
Ob Suni die Aufgabe ihrer Mama Natascha übernehmen würde und sich auf ähnliche Weise um Willi kümmerte? Mara schüttelte den Kopf. »Zuerst muss Suni zu Kräften kommen, bevor sie ihre soziale Ader auspacken kann.« Und ihre Freundin und Willi … das war wieder ein anderes Thema, und kein einfaches!
Heimkehr in die Knittelfelder Wohnung
Mara hatte vorsorglich den Motor ihres VWs abgestellt. »Du hast zwar mein Angebot, zu uns zu kommen, ausgeschlagen, aber was ist, soll ich dich nicht besser hoch in die Wohnung begleiten?«
Ich löste den Blick von meinem blauen Skoda, der gleich an der Straßenseite parkte. So wie immer, als ob nichts vorgefallen wäre. »Bist du mir sehr böse, wenn ich verneine?«
»Nein, spinnst. Du warst schon die gesamte Fahrt so ruhig. Ich will dich nicht in deinen Gedanken stören, aber du solltest auch nicht alleine in deiner Wohnung hocken.«
Ich dachte an den Beamten Lichter, der sogar dazu geraten hatte, dass ich bei jemandem unterschlüpfen sollte. Zur Sicherheit! Aber ich brauchte eine Auszeit. Für mich, um zu trauern! Ohne Bettnachbarn, nerviger piepsiger Geräusche und mitleidigen Blicken!
Ich schöpfte nach Atem. »Ich bin aktuell keine gute Gesprächspartnerin. Ich muss zuerst meine Gedanken klären. Gib mir ein bisschen Zeit.«
Mara hob ihr Handy hoch, das in der Zwischenkonsole gelagert hatte. »Tag und Nacht jederzeit erreichbar. Du kannst mich auch anrufen und dann einfach ins Telefon schweigen. Kein Problem.«
Ich drückte ihr einen Schmatz auf die Wange. »Ich komme bestimmt darauf zurück. Danke dir, für alles.«
Ich stieg aus. Meine Freundin wartete, bis ich im Gebäude verschwunden war. Erst dann hörte ich das vertraute Motorengeräusch des VWs. Mit schweren Schritten marschierte ich in den ersten Stock, wo sich der Zugang zu meiner großzügigen Maisonettewohnung befand. Mir gefiel die Kombination aus Offenheit und dem Hauscharakter. Mit einundzwanzig Jahren war ich von daheim ausgezogen, obwohl Mamas Haus groß genug für uns beide gewesen wäre. Doch ich benötigte meinen Freiraum. Mama war stets liebevoll zu mir, aber auch sehr vereinnahmend. Das ging so weit, dass sie mein Telefon kontrollierte oder im Tagebuch las, weshalb ich das Schreiben darin aufgegeben hatte. Ich wusste, dass sie es nicht tat, weil sie mir misstraute. Sie wollte mich vor Fehler bewahren, mich beschützen und behüten wie ihren eigenen Augapfel. Dass sie dabei zuweilen über das Ziel hinausschoss, war Mama lange Zeit gar nicht bewusst gewesen. Für sie war ich das kleine Kind geblieben, das sie umsorgen wollte.
In der ersten Nacht in der eigenen Wohnung erfuhr ich, was Privatsphäre bedeutete. Lange lag ich wach, genoss die Ruhe, kein Kontrollieren, ich fühlte mich frei … Tja, und das Smartphone hatte ich vorsorglich auf stumm geschaltet, um nicht gestört zu werden und meine Grenze darzulegen.
Mit zittrigen Händen schloss ich die weiß lackierte Wohnungstür auf, um sie rasch hinter mir zuzudrücken. Insgeheim fragte ich mich, wie viel Zeit ich mit Mama verschenkt hatte, weil ich auf ein eigenes Reich pochte. Ich fühlte mich schuldig darin, dass ich nicht rechtzeitig zur Stelle gewesen war. Ob ich den Brand hätte verhindern können, wenn wir zu zweit im Haus gewohnt hätten? Wer wollte Mama loswerden, hatte sie so grausam zugerichtet? Ein Bekannter, ein Fremder? Meine Gedanken drehten sich im Kreis. Zumindest hatte ich durch die damalige Entscheidung, auszuziehen, jetzt noch ein Dach über dem Kopf. Das gab mir keinen Trost.
Ich steuerte in das Badezimmer zum Waschbecken, um mein Gesicht mit Wasser zu benetzen, zu kühlen und meine Tränen wegzuwaschen. Ich trocknete die verbliebenen Tropfen mit einem Handtuch, das ich aus dem Fach meines grauen Regals herausgenommen hatte. Ich seufzte, schaute mich unschlüssig um. Dieser Raum war in einem schmucken Weiß-Schwarz gehalten, wirkte wie ein überdimensionales Schachbrett. Statt Figuren gab es als Inventar eine Waschmaschine, einen Trockner und die Badezimmerkommode mit einem riesigen Spiegel. In der Ecke befand sich meine Wellnessoase – eine große Badewanne mit Massagedüsen. Mit der Wunde am Rücken durfte ich leider kein ausgiebiges Schaumbad nehmen, wo ich gerne bis zur Nasenspitze im Wasser versinken konnte.
Mein Blick glitt zurück zur Waschmaschine, vor der ein weißer Plastikbeutel lag. So wie versprochen, hatte Mara meine Sachen ins Badezimmer gebracht. Kurz zögerte ich, doch dann ließ ich mich im Schneidersitz daneben nieder, holte tief Luft und wappnete mich darauf, dass mit dem Rauchgeruch auch Bilder der schrecklichen Nacht auf mich einprasseln würden.
Ich zog die verknüpften Enden auseinander, holte meine Schwesternuniform, die aus Hose und Kasack bestand, heraus. Das Oberteil wies am Rücken ein riesiges Loch auf, dort, wo das brennende Brett mich getroffen hatte. Die Hose zeigte ebenso versengte Stellen. Da konnte eine Wäsche nichts mehr retten. Ich klappte den Mülleimer in meiner Nähe auf und stopfte beides hinein. Doch noch war der Kunststoffbeutel nicht leer.
Ein schwarzes Kleidungsstück? Wie kam das hinein? Neugierig zog ich es heraus. Mamas Jacke! Sie war eines ihrer Lieblingsteile gewesen, wie ich am feinen Strickmuster erkannte. Ich erinnerte mich, dass ich die Jacke in der Brandnacht von Mamas Gesicht heruntergezogen hatte! Ich spürte leichte Verhärtungen des Gewebes, wo die Hitze zu intensiv eingewirkt hatte, und bemerkte dunklere Stellen, die wohl von eingetrockneten Blutflecken stammten. Ein Schluchzer trieb aus meiner Kehle, verzweifelt knüllte ich das Stückchen Stoff zusammen. Da raschelte etwas in der Tasche.
»Was war das?« Irritiert strich ich mir über die nassen Augen, um besser sehen zu können. Ich nestelte ein Bild heraus und musterte es genauer. Bis auf einzelne Knitterspuren war es gut erhalten. Im Hintergrund zeigte sich ein Sonnenblumenfeld. Es handelte sich um eine ältere Aufnahme, wie ich an den Farben erkannte.
»Mama, das bist ja du – in jung!« Daneben stand ein mir unbekannter hochgewachsener Mann, mit blauen Augen, blondem Haar und einem auffälligen Muttermal an der rechten Wange neben der Nase, in der Höhe des Jochbeins.
Ich stob hoch, musste mich kurz abstützen, da die Bewegung für meinen Kreislauf zu heftig ausgefallen war. Als der Schwindel sich gelegt hatte, blickte ich in den Spiegel, tastete mit der Hand zu meinem Muttermal auf der rechten Seite in Jochbeinhöhe, das mir über all die Jahre vertraut geworden war. »Es ist nahezu dieselbe Stelle! Zufall?«
Ich fuhr über mein blondes Haar, begutachtete meine blauen Augen … War der Kerl auf dem Bild mein Vater?
Erneut starrte ich auf die Aufnahme, die Ähnlichkeit war zu verblüffend, um rein zufälliger Natur zu sein. Mama wirkte so glücklich! Sie strahlte auf dem Bild, nicht in die Kamera, sondern den Mann an ihrer Seite an. Nie hatte ich sie derart fröhlich gesehen. So wunderschön mit ihrem dunklen Brünett und den braunen Augen, ein starker Kontrast zu seinem hellen Haar. Fast so wie das Schwarz-Weiß in meinem Badezimmer.
Das Bild musste ihr wichtig gewesen sein, sonst hätte es sich wohl nicht in der Jacke befunden. Oder steckte mehr dahinter? Wollte sie mir damit einen Hinweis geben, wer der Täter war? Doch wenn Mama mit einem Überfall gerechnet hätte, hätte sie wohl zuvor die Polizei verständigt, oder bei den Nachbarn Zuflucht gesucht.
Die Türklingel ließ mich hochschrecken. Eigentlich verspürte ich grad gar keine Lust, mit jemandem zu sprechen oder wen einzulassen. Dennoch setzte ich mich beim neuerlichen Ding-Dong in Bewegung.
»Suni, sorry – ich Dussel habe nicht auf deine Tasche gedacht, sie lag noch auf der Rückbank.«
Statt einer Entgegnung fiel ich meiner Freundin schluchzend in die Arme. Mara zog mich weiter ins Wohnzimmer, packte mich auf die Couch, deckte mich sorgsam zu. »So Schatz, und nun mache ich dir zuerst eine heiße Schokolade. Du wirst sehen, der süße Geschmack lässt dich ein klitzekleines Stückchen zuversichtlicher werden. Und dann redest du mit mir, das ist dringend nötig, wie mir scheint.«
Mara nahm einen großen Schluck Kaffee. Sie betrachtete das alte Bild und verglich es mit mir. »Zweifellos, das muss dein Vater sein. Sogar euer Muttermal. Seltsam, ist so ein Zeichen vererbbar? Und umringt von all den Sonnenblumen, das schaut richtig romantisch aus.«
Ich zuckte mit den Schultern. »Es gibt wohl bei solchen Malen eine genetische Disposition bei nahen Verwandten, soweit ich weiß.«
»Weißt du, wie dein Vater heißt?«
Abwehrend schüttelte ich den Kopf, wusste nicht einmal, ob er überhaupt lebte. Ich trank einen Schluck der heißen Schokolade. Mara hatte recht gehabt, verfeinert mit dem Zucker- und Zimtgeschmack breitete sich ein heilsamer Geschmack in meinem Mund aus, sodass ich gefasst blieb und nicht erneut losheulte. Außerdem erleichterte es mich, dass Mara mich nicht für verrückt erklärte und sie den Kerl auf dem Bild ebenso für meinen Vater hielt. Irgendwie wollte mir noch immer nicht recht in den Sinn, ob die letzten Tage real oder nicht doch ein böser Traum waren.
Nein, das Schicksal machte mir keinen Gefallen, um mich aus diesem Albtraum aufwachen zu lassen. Ich stellte die Tasse auf der Fensterbank ab. »Mama hat nie über meinen Vater gesprochen, zumindest nicht freiwillig. Ich erinnere mich bloß daran, dass ich mal im Kindergarten nach ihm gefragt habe, weil er nie zu den Festen aufgetaucht ist, mich nie abgeholt hat, so wie es bei meinen Freundinnen und Freunden üblich war. Da ist sie ganz erschrocken, hat gefragt, wieso ich auf ihn zu sprechen komme. Ich hab entgegnet, dass ja bei den anderen stets ein Papa dabei ist. Da hat sie geantwortet, dass mein Papa bloß mein Erzeuger ist und kein Interesse an mir hätte, ich ihn ganz rasch vergessen sollte und wir ihn nicht bräuchten.«
»Das war bestimmt hart für dich.«
»Ich kann dir gar nicht mehr beantworten, ob ich damals entsetzt war. Vielleicht hätte er mir mehr gefehlt, wenn ich ihn gekannt oder es irgendwann Kontakt gegeben hätte. Und mit Onkel Willi in der Verwandtschaft ist mein Bedarf an Kerlen echt gedeckt.«
»Suni, das sagst du bloß, weil dir der richtige Mann noch nicht begegnet ist. Es stimmt schon, es gibt einige, die nicht zu den Prachtstücken zählen, aber glaub mir, die Suche nach dem Richtigen lohnt sich. Schau Paul und mich an. Ich frage mich, wie er es mit mir verrückter Nudel bereits seit fünf Jahren aushält. Mich sogar geheiratet hat.«
Ich erinnerte mich an die kleine Feier im engsten Familien- und Freundeskreis. Mara hatte ein schwarzrotes Hochzeitskleid im Gothic-Stil getragen, das Rüschen, Spitze und ein florales Muster aufwies. Ein traditionales Fest hätte zu den beiden nicht gepasst. Nach der Trauung am Standesamt saßen wir bei ihnen im Garten. Zum Essen hatte ich ein Catering organisiert, und Freunde spielten die Lieblingslieder des Paares den gesamten Nachmittag bis spät in die Nacht hinein. Mara und Paul waren für mich das absolute Dreamteam. Sie passten perfekt zusammen, schafften es, dem anderen den Wind aus den Segeln zu nehmen, wenn einer mal dabei war, seine Balance zu verlieren. Zu ihrem Glück fehlte noch Nachwuchs, der sich nicht einstellen wollte, so sehr sie es versuchten. Doch auch diese Last trugen sie gemeinsam. Ob es für mich einen Traumpartner geben konnte? »Suchen interessiert mich nicht, da warte ich lieber darauf, dass der Richtige mich findet. Und schau dich um, irgendeine Macke hat doch jeder. Ich ebenso.«
»Es geht ja darum, jemanden mit einem kompatiblen Knall zu finden.«
Ich schnitt Mara eine Grimasse, spürte, wie für eine Millisekunde Leichtigkeit in mir aufblitzte, ehe sie in Verbitterung erstarb. Vor Kurzem war mein Leben im gewohnten Trott und in geordneten Bahnen verlaufen. Männer und eine fixe Bindung interessierten mich nicht, dafür war ich viel zu sehr mit meinem Beruf verwurzelt. So verbuchte ich meine Bekanntschaften unter Abenteuer, die meist nicht länger als einige Wochen hielten. Auf einmal vermisste ich nicht nur meine Mama, sondern ebenso eine bessere Hälfte, eine Schulter zum Anlehnen … Mara war toll, aber ich wollte sie keinesfalls vereinnahmen. Hatte ich bezüglich Kerle unbewusst Mamas Verhaltensmuster übernommen? Nie war die Männerwelt ein Thema für sie. Zumindest nicht, solange ich mich zurückerinnern konnte. »Ich verstehe nicht, weshalb sie ausgerechnet dieses Bild bei sich getragen hat. Unsere Fotoalben befinden sich im Keller in den Regalen, geschützt in Kartons. An dieses Bild kann ich mich jedenfalls nicht erinnern.«
»Dieser Kerl war Natascha anscheinend wichtig. Vielleicht war er die Liebe ihres Lebens, und sie wurde von ihm enttäuscht. Irgendein melancholischer Hintergrund muss bestehen, sonst würde es das Foto nicht geben. Und offenbar hat sie es ja vor dir verborgen. Ob du von der Seite deines Vaters Geschwister hast?«
Mein Kopf ruckte hoch. »Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Eher beschäftigt mich die Frage, ob er Mama … umgebracht hat!«, stieß ich hastig hervor.
Mara legte den Kopf schief, tippte sich nachdenklich an die Lippen. »Das können wir wohl nicht ausschließen. Du musst mit dem Bild zur Polizei, vielleicht ist es eine Spur.«
»Irgendwie will – wobei wollen ist das falsche Wort – also ich denke, ich sollte zu Onkel Willi. Wenn jemand den Kerl kennen könnte, dann wohl er. Vielleicht finde ich etwas heraus, was auch für die Polizei von Interesse ist. Und du kennst ihn, Fremden gegenüber macht er gerne auf schweigsam.«
»Das liegt bei euch definitiv in der Familie. Zudem habt ihr alle einen Hang dazu, euch einzuigeln.«
Ich zog eine Schnute, obwohl ich wusste, dass Mara diese Aussage nicht böse meinte.
»So, was hältst du von einer Ablenkung? Du weißt, ich habe heute den ganzen Tag für dich freigehalten. Sollen wir eine kleine Runde spazieren gehen? Oder einen Film ansehen?«
Ich fuhr mir mit der Hand über das Gestrüpp am Hinterkopf. »Gilt dein Angebot noch für das Haare schneiden? Ich brauche etwas Veränderung. Denkst du, dass mir ein Schwarz stehen könnte?«
»Schwarz? Doch nicht dauerhaft?« Mara zog eine Augenbraue hoch. »Bist du dir sicher? So eine Farbe bekommst du nicht mehr so leicht raus, und du weißt, ein Blondieren danach könnte die Haarstruktur angreifen.«
»Jetzt, wo sich alles im Umbruch befindet, passt kein fades Blond. Und auch Mama hatte so schönes dunkles Haar …«
»Oh, ich verstehe, dadurch fühlst du dich näher mit Natascha verbunden, nicht wahr?«
Ich nickte zustimmend.
Mara klatschte in die Hände. »Dann hopp auf, Süße, lass dich überraschen und ein bisschen von mir verwöhnen!«
Onkel Willi
Ich parkte vor Willis Stammkneipe im Ort, denn bei ihm Zuhause hatte ich ihn nicht angetroffen. Sicherheitshalber befand sich etwas Hochprozentiges in meiner Tasche, was seine Gesprächigkeit im Normalfall förderte.
Tief atmete ich durch. Ich klappte den Innenspiegel im Wagen herunter, begutachtete die neue Frisur, die mir Mara verpasst hatte. Ein Tiefschwarz spiegelte sich darin. Mein Haar endete etwas über den Schultern, war schräg nach vorne geschnitten, mit feinen Abstufungen um das Gesicht. Momentan trug ich es, weil es praktischer war, zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden.
Mara hatte statt einer Permanentfarbe zu einer Tönung gegriffen, die sich nach und nach auswaschen würde. Eine umsichtige Wahl ihrerseits. Ich war dankbar dafür, dass es Mara gab! Sie war die allerbeste Freundin, die man sich wünschen konnte! Wir hatten einander in der Fachschule für wirtschaftliche Berufe kennengelernt, waren zwei pubertierende Mädels mit fünfzehn Jahren gewesen. Anfangs hatte Mara gedacht, bedingt durch den Vornamen Alsuna, ich hätte einen Migrationshintergrund und würde schlecht Deutsch sprechen. Zumindest war das für sie der naheliegendste Grund bezüglich meiner Zurückhaltung.
Als sie mich zum ersten Mal ansprach, redete sie betont langsam und versuchte, jeden Dialekt zu vermeiden, der in unseren Breiten üblicherweise verwendet wurde. Das klang seltsam und brachte mich zum Schmunzeln. Als sie mir dann auch noch Deutschhilfe in Aussicht stellte, konnte ich nicht mehr an mich halten und war wegen ihres Fehlschusses in kaum enden wollendes Gelächter ausgebrochen. Das hatte das Eis gebrochen und uns zu besten Freundinnen gemacht.
Optisch gaben wir Mädels einen totalen Kontrast ab. Mara war etwa einen Meter sechzig groß, mit fraulichen Pfündchen gesegnet und quirlig, während ich mich mit meiner schlanken Figur bewusst im Hintergrund hielt und lieber beobachtete. Häufig kam es vor, dass ich beim Fortgehen in der Disco am Rand saß, während Mara auf der Tanzfläche herumwirbelte. Oder ich umschiffte die Menschenansammlungen in der Disco gekonnt, indem ich mich in eine dunkle Ecke verzog, in der maximal Liebespärchen hockten, die von mir ohnehin keine Notiz nahmen. Genauso passte es für mich, denn ich wollte nicht im Mittelpunkt stehen, das tat ich bei meiner Mama zu Genüge. Dort im Schatten, mit der Musik im Hintergrund, das war damals mein Stückchen Freiheit gewesen.
Ich seufzte. Was würde ich jetzt für Mamas Aufmerksamkeit geben! Nie hätte ich gedacht, dass mir diese übertriebene Fürsorge einmal fehlen könnte! Ich vermisste Mama! Zittrig langte ich zu meinem Handy, öffnete die Anrufliste, sah auf ihr kleines zugeordnetes Bild – eine Aufnahme aus der Bibliothek, die mir vollgeräumte Regale mit Büchern präsentierte. In meinem Ohr hörte ich nach wie vor ihre verzweifelte Stimme.
Wütend und traurig zugleich stopfte ich das Smartphone in den Rucksack hinein. Ich wollte endlich Antworten auf meine Fragen finden! Auf zu Willi! Ich nahm die Tasche hoch, schulterte sie linksseitig und achtete darauf, dass sie nicht gegen meine Verbrennung am Rücken pendelte. An sich spürte ich die Verletzung immer weniger, doch druckempfindlich war sie nach wie vor.
Suchend trat ich in die Kneipe ein. Untertags waren kaum weitere Gäste anwesend. Willi saß in der hinteren Ecke und starrte vor sich in ein leeres Bierglas. Ich rümpfte die Nase, es roch etwas muffig und nach abgestandenem Rauch, obwohl offiziell in Kneipen-Innenräumen Rauchverbot herrschte. Langsam ging ich auf ihn zu.
Mit gedrücktem Blick schaute Willi zu mir auf. Er brauchte ein paar Momente, bis er mich erkannte, dennoch sagte er zu meinem veränderten Aussehen nichts. Stattdessen erklang ein heiseres verwaschenes: »Es tut mir leid.«
Ich nickte, sollte ihm ebenso mein Beileid ausdrücken, schaffte es nicht. Bestimmt fehlten ihm die warmen Gratis-Mahlzeiten, dachte ich verbittert. Früher hatte er hin und wieder Hilfsarbeiten angenommen, dazu hatte er sich in den letzten Jahren nicht mehr aufgerafft. Ich schielte auf seine zitternde Hand, die davon zeugte, dass er seinen gewohnten Alkoholspiegel noch nicht erreicht hatte, und ließ mich auf einen freien Stuhl ihm gegenüber nieder.
»Hast du eine Ahnung, wer das getan haben könnte?«
Willi schüttelte verneinend den Kopf. »Natascha war zu allen immer lieb und korrekt. Das hab ich auch der Polizei gesagt.«
Ich schluckte, somit hatten die Beamten ihn offenbar in einem halbwegs nüchternen Zustand vorgefunden und vernehmen können, wenn er sich daran erinnerte. Ich nestelte aus der vorderen Tasche des Rucksacks das gefundene Bild hervor und schob es ihm auf der Tischplatte zu. »Kennst du den Mann neben Mama?«
Willi keuchte erstaunt auf. »Nein!«
»Du lügst!« Die Reaktion des Onkels war zu intensiv gewesen!
»Nicht hier!«, zischte er.
»Vielleicht hilft dir die Flasche dabei, dein Erinnerungsvermögen anzukurbeln.«
Kaum hatte ich den Alkohol abgestellt, wischte er diese unwirsch von der Platte. Die Flasche zerschellte am Boden. Betroffen starrte er auf den Alkohol, der sich pfützenartig ausbreitete, ehe er emporstob, mit einer Geschwindigkeit, die ich ihm nicht zugetraut hätte. Ich musste mir ins Gedächtnis rufen, dass er mit Mitte fünfzig nicht zum alten Eisen zählte, obwohl er deutlich älter aussah.
»He, du musst erst die Zeche bezahlen!«, rief der Wirt hinter dem Tresen. »Und verdammte Sauerei!«
»Wie viel?« Ich zog einen Fünfziger hervor. »Reicht das?«
»Für den heutigen Tag.« Brummend schnappte sich der Wirt den Schein und hatte bestimmt auch einen Putzlohn miteinberechnet.
Verärgert eilte ich dem Onkel nach. Na super – habe ich nun Mamas Stelle übernommen und werde künftig die goldene Kuh für Willi sein? Nein, das wollte ich nicht! Doch er war mein letzter lebender Verwandter, und ich kannte mich. Hängen lassen würde ich ihn nicht, allerdings hieß das keineswegs, dass ich mich ausnutzen ließe!
Ich holte Willi ein. Mein Onkel hatte vor dem Lokal gestoppt und eine Zigarette herausgezogen. Er brauchte ein paar Versuche, bis er sie mit dem Feuerzeug entfachte. »Woher hast du das Bild?«, sprach er zwischen zwei inhalierenden Atemzügen.
»Es war in Mamas Jacke, die aus purem Glück das Feuer überstanden hat. Und am Telefon hat sie mir gesagt, dass jemand gekommen ist, um sie umzubringen. Wer und weshalb? Und der Kerl am Bild hat dasselbe Muttermal wie ich! Er ist mein Vater, oder?«
Willi hielt meinen fragenden Blicken stand. Rauchte erneut, ehe er antwortete: »Die Polizei hat mir davon erzählt. Unfassbar, doch kein Unfall … Ich dachte anfangs, mein Schädel hätte sich eine absurde Geschichte ausgedacht.« Er klopfte sich mit der freien Hand seitlich gegen die Stirn.
Unruhig trat ich von einem Fuß auf den anderen, während es in seinem Kopf zu rattern schien.
Nach einem neuerlichen Zug schnippte er die Zigarette weg. »Ich weiß nur, dass der Kerl auf dem Bild aus Jugoslawien stammt, also eigentlich Slowenien. Der Krieg hat den Staat ja zerfallen lassen.«
Willi wusste etwas! Jetzt durfte ich nicht lockerlassen! »Was hatte Mutter mit ihm zu schaffen?«
»Natascha arbeitete als Küchenhilfe in einem Hotel in Bad Radkersburg. Also in Grenznähe. Sie hat ihn dort kennengelernt. Und sich in ihn verliebt.«
Ich lehnte mich an das graugefärbte Mauerwerk der Kneipe. Mama und ein Mann, das klang so abstrus für mich. Wieso hatte sie es geheim gehalten? Hatte Mara recht, dass diese Liebe unglücklich verlaufen war? Er sie schwanger sitzen hat lassen? Mich tatsächlich nicht wollte, so wie Mama es einst andeutete? »Kennst du seinen Namen?«
»Janusz – Janosch … oder so. Nachnamen, keine Ahnung. Daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Ist auch schon Ewigkeiten her.«
»Lebt er noch dort in der Gegend, oder in seinem Heimatort?«
Willi zuckte mit den Achseln. »Woher soll ich das wissen? Hast eigentlich noch mehr?«
Erst jetzt bemerkte ich wieder sein Zittern. Willi brauchte Alkohol-Nachschub. Ich unterdrückte ein Ächzen, ging in die Richtung meines Skodas. Mein Onkel folgte mir, linste in den Kofferraum, als ich diesen öffnete und eine weitere Flasche hervorzog. »Teil dir das Zeug ein!«
Sein kehliges Geräusch, das er entließ, klang nicht gerade nach Zustimmung. »Hast du die Ruine eigentlich schon gesehen?«
»Nein.« Ich atmete tief durch, so viel Mut hatte ich noch nicht. Doch ich fürchtete, dass ich es nicht mehr allzu lange aufschieben konnte. Genauso wenig wie den Gang zur Bestattung, um alle Formalitäten zu klären. »Sag Bescheid, wenn ich dir irgendwo behilflich sein kann.« Ich drückte ihm die Weinflasche in die Hand.
Er starrte mich durchdringend an, als ob er mit so einem Vorschlag niemals gerechnet hätte. Tja, es sollte mich nicht verwundern, ich hatte bisher ebenso nicht damit gerechnet.
»Blond steht dir übrigens besser.« Willi öffnete grinsend den Schraubverschluss, trank in tiefen Zügen, als befände sich darin verdünnter Saft.
Verstimmt presste ich die Lippen zusammen. Wie ich aussah, ging ihn gar nichts an! »Ich werde das Foto in den nächsten Tagen zur Polizei bringen, also gib mir Bescheid, falls dir noch etwas dazu einfällt.«
Willi wischte sich mit dem Handrücken über die nassen Mundwinkel, drehte ohne eine weitere Entgegnung ab. Er schaute nicht mehr zurück, sondern stapfte in leichten Zick-Zack-Linien davon. Im Augenblick wusste er, dass es keinen weiteren Alkohol von mir geben würde. Doch ich hoffte darauf, dass es ihm ebenso ein Anliegen war, herauszufinden, wer hinter dem Anschlag steckte!
Mit weichen Knien setzte ich mich hinters Steuer. Ich besah mir das alte Bild, wünschte, es gäbe darauf irgendeine Erklärung, doch ich fand keine. Bevor mich die Emotionen neu übermannen konnten, startete ich den Wagen. Ab zum Bestatter! Der nächste Punkt auf meiner abzuarbeitenden Liste, obwohl ich mich weit lieber in meiner Wohnung verbarrikadiert hätte!
In Sorge
Mara saß vor dem Laptop, scrollte durch das Internet.
Neugierig trat Paul näher. »Was machst du da? Bist du neuerdings Sonnenblumen-Fan?«
Mara schüttelte den Kopf. »Nein, ich recherchiere. Schau, in Slowenien gibt es einige solcher Felder.«
Paul runzelte die Stirn. »Okaaay?«, zog er irritiert in die Länge.
Seine Frau seufzte. »Suni hat mich vorhin angerufen, und mich gebeten, ob ich etwas früher kommen kann, weil sie den Verband erneuern muss. Dabei hat sie mir erzählt, dass ihr Vater aus dieser Gegend stammt. Willi hat sich an den Kerl auf dem Bild erinnert. Eine alte Liebe ihrer Mutter Natascha. Ich habe Suni ins Gewissen geredet, dass sie mit der Aufnahme und der Jacke unbedingt zur Polizei muss. Das will sie heute nach der Beisetzung tun. Bestimmt benötigen sie diese für irgendwelche Analysen. Suni hofft ja, dass sich ihr Onkel noch an mehr Details erinnert, damit sie etwas Handfestes präsentieren kann. Sie hat so traurig und matt zugleich geklungen. Bestimmt hängt ihr die Verletzung mehr nach, als sie zugibt. Dabei weiß sie doch, dass sie auf mich zählen kann.«
Paul ließ sich neben ihr nieder. »Du kennst Suni, sie tut sich schwer darin, Hilfe anzunehmen. Und ich glaube, im Moment ist sie verwirrt, weiß selbst nicht, ob das Geschehene real oder nicht doch ein böser Traum ist.«
»Da bin ich mir ja nicht einmal selbst sicher.« Mara betätigte die Energiespartaste des Laptops, als der Bildschirm schwarz wurde, klappte sie ihn zu. »Es ist so tragisch. Ich will etwas tun und Suni unterstützen. Es muss eine Erklärung dafür geben, weshalb das alte Bild in der Tasche gesteckt hat.«
»Nun, ein bisschen schrullig war Natascha schon. Nett, aber sehr zurückhaltend. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie hin und wieder in alten Zeiten geschwelgt hat. Mit ihrem Bruder konnte sie sicher nicht viel anfangen, sondern war ihm gegenüber eher wie eine Mutter und nicht wie die Schwester. Und dass Jasmin ausgezogen ist, hat sie nie ganz verwunden.«
»Zum Glück hat sich Suni auf die eigenen Beine gestellt. Bei Natascha war eine Grenze zwischen Beschützen und Ausspionieren so gut wie nicht mehr vorhanden. Ob sich der Mörder noch in der Gegend befindet?«
»Das ist schwierig zu beantworten. Vielleicht war es eine Internetbekanntschaft und er ist längst wieder über alle Berge.«
»Oder eine alte Liebe …«
»Wer auch immer, wir müssen der Polizei die Arbeit überlassen.«
»Wenigstens bekommt Natascha heute ihre letzte Ruhestätte. Auch wenn mir solche Traditionen nicht viel bedeuten, finde ich es gut, dass das zumindest bald abgeschlossen ist und Suni einen Ort hat, wo sie hingehen kann.«
Pauls Handy piepte.
»Nein«, entließ Mara, da sie seinen Blick kannte. »Ein Einsatz, oder? Was Schlimmes?«
»Umgekippter LKW mit Ölverlust.« Paul ächzte. »Ich kann …«
»Nein, komm einfach nach, sobald der Einsatz vorbei ist.«
Rasch drückte er ihr einen Kuss auf die Lippen. »Weißt du eigentlich, dass du die beste Frau bist, die man sich wünschen kann.«
Mara grinste. »Es gibt bessere Situationen, um seiner Liebsten ein Kompliment zu machen. Vor allem wirkt es verdammt zweideutig, wenn du gleich wie eine aufgescheuchte Hyäne davonläufst.«
Paul entließ ein tiefes Lachen, zog sie hoch in seine Arme und kniff ihr kess in den Allerwertesten. »Tja, und genau dein Hang für Zynismus hat mir den Kopf verdreht. Viel Kraft, my Pink-Rose.« Er ließ eine pinke Haarsträhne durch seine Finger gleiten. »Jasmin kann froh sein, dich zur Freundin zu haben.«
Mara spürte, wie ihr Körper auf Paul reagierte, sich eine Hitze in ihr ausbreitete, der sie im Moment nicht nachgeben konnte. »Bis später«, erwiderte sie rau.
Sein leidenschaftliches Aufblitzen in den Augen verriet deutlich, dass er sich ebenso lieber ausführlich ihrem Körper widmen wollte. Seufzend ließ Paul sie los und folgte der Pflicht, die ihm als Feuerwehrmitglied überaus wichtig war.
»Pink-Rose – pinke Rose – Sonnenblume«, sprach Mara nachdenklich. »Alsuna Jasmin.« Sie reaktivierte kurzerhand den Laptop, tippte ins Suchfeld auf der Internetseite die Vornamen ihrer Freundin ein, um nachzugehen, welche genauen Bedeutungen den Namen zugeordnet waren.
Ein schmerzlicher Abschied
Mein Brustkorb fühlte sich wund an, als ob eine offene Wunde darin wäre. Geschuldet an meiner Trauer, die bleischwer in mir lastete. Ich stand seitlich am Fenster, hatte den Store etwas zurückgezogen, blickte hinunter auf die Straße und wartete auf Mara. Sie sollte mir dabei behilflich sein, die Verletzung am Rücken zu versorgen. Selbst kam ich unzureichend mit den Händen ran und zum Hausarzt wollte ich nicht, da ich auf die mitleidigen Blicke von ihm und seiner Arztgehilfinnen sowie Fragen dankend verzichten konnte.
Nichtsdestotrotz brachte mir meine veränderte Frisur ein bisschen Anonymität. Flüchtige Bekannte sahen an mir vorüber, als wäre ich eine Fremde. Bewusst reduzierte ich meine Aufenthaltszeit im Freien. Ob das dunkle Haar dabei half, dass ich nicht in den Fokus des Mörders gelangte? Falls er überhaupt noch in der Gegend war. Doch ich war realistisch genug, dass das schwarze Haar als Täuschungsmanöver nicht funktionieren würde, wenn er wusste, wo ich lebte.
Zu meiner Trauer gesellte sich Angst hinzu. »Mach dich nicht verrückt«, wisperte ich in die Stille. Im Hintergrund tickte im Sekundentakt die Wanduhr im Retrostyle. »Bis jetzt gibt es keine Anzeichen dafür, dass mich wer beschattet.«
Ausgerechnet in diesem Moment trat jemand aus der Seitengasse mit einem dunklen Mantel heraus, sein Kopf war von einem Hut bedeckt. Erschrocken wich ich vom Fenster ein wenig zurück, während mein Herzschlag in Trommelwirbel ausbrach. Ich verfolgte ihn vom erhöhten Aussichtspunkt aus mit meinen Blicken. Als er einen grauen Wagen ansteuerte, in den er einstieg und kaum später losbrauste, entließ ich hörbar Luft.
»Siehst du, alles okay!« Ich schielte zu der Uhr, der Zeiger war kaum vorgerückt, stand knapp vor halb zwölf. Um vierzehn Uhr war die Trauerfeier anberaumt.
Ich schluckte, da sich der Kloß in meiner Kehle verstärkte. Wenn ich bloß schon alles hinter mir hätte! Einerseits wollte ich in Ruhe trauern, andererseits wusste ich, dass mich der Mord an Mama nie loslassen würde. Ob es sich je klären ließe, was genau geschehen war? Irgendwie hing ich zwischen zwei Welten, wo ich weder in die eine noch in die andere Richtung vorwärtskam. Ich tastete nach dem Handy, las Maras Nachricht, die sie vor fünf Minuten abgeschickt hatte: Bin beim Losfahren, drück dich, Bussi.
Diese paar Worte trieben mir die Tränen in die Augen. Ich zwinkerte sie in die Tiefen zurück, löste mich von der Wand, um im Bad die Verbandsmaterialien zu überprüfen, die ich am Vormittag feinsäuberlich bereitgelegt hatte. Das machte mich ein bisschen ruhiger, aber nur knapp unter der Oberfläche lauerten die verschiedensten Emotionen, die auf die nächste Achterbahnfahrt in mir warteten. Zum Glück konnte ich auf Mara zählen, die wie ein unerschütterlicher Fels jedem Sturm trotzte. Sogar mitten in der Nacht mir zurückschrieb, wenn ich es kaum aushielt. Sie beließ ihr Smartphone direkt neben ihrem Bett und war auf laut gestellt, damit sie für mich da sein konnte.
Die Türklingel erklang. Erleichtert ließ ich Mara ein, umarmte sie. Wir begrüßten uns mit Freundschaftsküssen. Und schon wieder kämpfte ich mit den Tränen.
»Bei mir musst du nicht die Starke spielen«, erklärte sie mir im teils liebevollen und teils mahnenden Ton.
»Ich will nur nicht so verheult ausschauen heute, verquollene Augenlider sind doof. Und Mama würde mächtig mit mir schimpfen. Sie war auch immer so stark und unerschütterlich«, schniefte ich.
»Weißt du, deine Mama war in vielen Dingen ziemlich angepasst, aber wenn es um dich ging, hat sie keinen Hehl daraus gemacht, dass sie dich über alles liebt. Nun ist sie da oben, und beschützt dich. Da bin ich sicher.«
»Ich wusste gar nicht, dass du an so etwas glaubst. Doch der Gedanke gefällt mir.« Ich zog Mara mit, wollte rasch das Thema wechseln. »Können wir gleich den Verband erneuern, bitte.«
Mara schaute ein wenig überfordert auf die unterschiedlichen Utensilien.
»Keine Sorge, ich sag dir der Reihe nach, was du machen musst. Zuerst desinfizierst du dir die Hände und schlüpfst in die Latexhandschuhe.«
»Ich will dir aber nicht wehtun«, kam es von ihr besorgt.
»Ach komm, du bist ja sonst auch nicht zimperlich. Vor allem, wenn ich nach deinen Tattoos und Piercings gehe.«
»Da muss ich nur selbst tapfer sein und nicht austeilen. – Okay, und jetzt damit reinigen, ja?« Mara hielt den durchtränkten Alkoholstieltupfer hoch.
»Stimmt. Von innen nach außen.«
»Drück ich eh nicht zu fest?«
»Nein, du machst das super.«
»Willst du nicht doch zum Arzt gehen? Es schaut schon ein bisschen böse aus.«
»Tja, das liegt daran, dass es eine Brandwunde ist, und da wird eine Narbe bleiben. Vor allem dort, wo sie etwas vom toten Gewebe weggeschnitten haben.«
Mara ließ den Stieltupfer in den vorbereiten Papierkorb fallen. »Suni, du hast echt richtig Glück gehabt.«
Ich presste die Lippen aufeinander, weil sich Glück meines Erachtens anders anfühlen sollte.
»Und jetzt?«
»Jetzt nimmst du mit dem Spatel etwas von der Salbe aus dem Tiegel, und streichst es vorsichtig drüber.«
Mara tat wie geheißen.
»Und nun gib den Tupfer drauf und das Pflaster drüber. Du musst es zuerst in der Mitte ein wenig auseinanderziehen und dann vorsichtig abstreifen«, wies ich sie weiter an. Mit Pflaster meinte ich ein selbstklebendes Gewebe, das ich auf die richtige Größe von einer Rolle abgeschnitten hatte.
»Oje, da sind jetzt Falten drinnen.«
»Die kannst du an der Ecke etwas auseinanderziehen. Und ein paar Falten sind nicht schlimm, hauptsächlich das Pflaster geht über den Tupfer hinaus.«
»Puh, geschafft!«, entließ Mara sichtlich erleichtert.
Ich schnappte mir die schwarze Bluse, die am Haken auf ihren Einsatz wartete und zog sie über. Bald würde es Richtung Kirche und Friedhof gehen.
»Hast du schon den Polizeibeamten angerufen?«
Ich nickte, schloss dabei langsam die Knöpfe meiner Bluse. »Ich soll vorbeikommen, sobald es mir möglich ist, der Posten ist bis zum Abend hin besetzt. Berger klang recht nachsichtig und freundlich, als ich meinte, dass die letzten Tage mich völlig geschafft hatten. Die ganzen Behördenwege, sämtliche Papiere von Mama musste ich neu beantragen, die im Feuer vernichtet worden sind. Gott sei Dank hat die Bestatterin mir dabei geholfen.«
»Du solltest es wirklich nicht länger aufschieben. Vielleicht hilft das alte Bild tatsächlich. Ich habe übrigens im Netz nachrecherchiert, es gibt Sonnenblumenfelder in Slowenien Richtung Grenznähe zu Österreich.«
»Bestimmt ist die Aufnahme aus dieser Gegend. Irgendwie hoffe ich darauf, dass Willi auch noch etwas eingefallen ist. Du weißt, sein Erinnerungsvermögen braucht manchmal etwas länger. Und ich fürchte, wenn die Polizei ihn vorab dazu vernimmt, stellt er auf stur. Zumindest zählen sie nicht unbedingt zu seinen engsten Freunden.«
»Das verstehe ich, auch wenn es selbstverschuldet ist. Bisher hat immer deine Mama ihn aus den Schwierigkeiten herausgeboxt, alle Schulden übernommen und sich um die rechtlichen Angelegenheiten gekümmert. Ich hoffe, du bist nicht so dumm wie sie.«
Ich seufzte und wusste nicht, ob ich es mit meinem Gewissen vereinbaren konnte, ihn fallen zu lassen.
»Suni! Bitte nicht! Hast du ihm etwa schon Geld gegeben?« Mara wusch sich grummelnd die Hände.
»Das ist nicht so einfach, wie du denkst«, entgegnete ich und suchte Ausflüchte. »In Mamas Haus kann er nicht mehr ziehen, das ist völlig hinüber. Und was ist, wenn er seine kleine Messie-Wohnung verliert, dann steht er bei mir auf der Matte, das will ich noch viel weniger. Wer weiß, wie lange ich ihn überhaupt unterstützen kann, nächste Woche gibt es das längst überfällige Gespräch mit meiner Chefin. Bestimmt muss ich mich um einen neuen Job umsehen.«
»Momentan bist du im Krankenstand, da darf sie dir gar nicht kündigen. Und es gibt auch Obdachlosenheime, da bist du aus der Pflicht genommen!«
Ich ging nicht darauf ein, sondern marschierte voraus in den Flurbereich, wo ich in dunkle Sneakers schlüpfte und nach dem schwarzen Blazer langte. »Kommt Paul direkt zum Friedhof?«
»Du weichst mir aus.« Mara musterte mich. »Paul musste zu einem Einsatz, irgendein LKW-Unfall. Er kommt nach, sobald er kann. Aber sei unbesorgt, ich weiche keinen Schritt von deiner Seite.«
»Danke, für alles. Es ist seltsam, obwohl Willi und ich verwandt sind, fühlt sich unsere Freundschaft viel mehr nach Familie an.«
»Du bist für mich auch wie eine Schwester.« Mara hinterließ einen feuchten Schmatz auf meiner Wange, nahm mich bei der Hand und zog mich mit. Offenbar hatte auch sie beschlossen, erstmal das Thema Willi ruhen zu lassen.
Mit schweren Schritten folgte ich dem Sarg, der sich auf einem Bahrwagen befand und von vier starken Kerlen gezogen und geschoben wurde. Mara stützte mich auf der linken Seite. Ich hatte mich bei ihr eingehakt, während Willi rechts ging. Seine Kleidung war sauber, roch allerdings nach alten Mottenkugeln. Auf die Messe hatte ich mich kaum konzentrieren können. Mara war diejenige gewesen, die mich anschubste, wenn ich aufstehen oder niedersitzen musste. Auch nun wirkten die Gespräche aus dem Hintergrund wie ein Stimmengewirr, dem ich nicht folgen konnte. Der Himmel präsentierte sich wolkenverhangen und für die sommerliche Jahreszeit war es im Vergleich zu kühl. Allzu viele Menschen hatten sich nicht eingefunden, doch ich erkannte die umliegenden Nachbarn und einige bekannte Gesichter aus der Umgebung.
Am Friedhof war die Ansprache des Pfarrers kurzgehalten. Die kräftigen Männer ließen an Seilen den hellen Fichtensarg in seine dunkle Gruft hinabgleiten. Ich presste die Lippen aufeinander, die Trauer kitzelte in meiner Kehle. Ich wollte schreien! Blieb stumm und wie erstarrt. Als Mara mich kniff, realisierte ich, dass ich nach vorne treten sollte. Ich griff nach der roten Rose, die dumpf auf dem Deckel aufprallte, sprengte Weihwasser und dem folgte ein Schaufelchen Erde. So wie es Brauch in unseren Breiten war. Nachdem ich ein Kreuzzeichen geschlagen hatte, positionierte ich mich ein paar Meter weiter, starrte auf meine Schuhe und das herumsprießende Gras.
Willi trat an mich heran. »Preložnik«, flüsterte er mir zu.
»Wie bitte?«
»Der Kerl heißt Janusz Preložnik. Da bin ich sicher.«
»Wie schreibt man das?«
»Paula Richard Emil Ludwig Otto Zeppelin – wird aber als Sch ausgesprochen – Nordpol Ida Konrad.«
Ich versuchte, die Buchstaben als Namen in meinem Kopf aneinanderzureihen. »Ist dir sonst noch etwas eingefallen?«
Willi setzte ein breites Grinsen auf, was ich in der derzeitigen Situation verdammt unpassend fand. »Sag, gehen wir nachher noch in einen Gasthof?«
Ich schluckte, verstand klar, dass er nur mehr erzählen würde, wenn er ein warmes Essen bekam. Ich schwankte zwischen Wut und Neugierde. Reserviert hatte ich nichts, für was auch, wir waren eine Handvoll Leute. Und wirklich hungrig war ich in den letzten Tagen nicht gewesen, was sich mittlerweile an meiner Kleidung bemerkbar machte, die lockerer saß. Doch jeder noch so kleine Hinweis konnte hilfreich sein! Ich blinzelte Richtung Mara, sah, wie sie eine Rose in das tiefe Loch hinabwarf. Mamas Mörder musste gefunden werden. Nickend stimmte ich Willi zu.
Mara zog mich hinter eine Thuje und raunte mir zu: »Du gehst ernsthaft mit Willi in ein Gasthaus? Soll ich mitkommen? Nicht, dass du es nicht vertragen würdest! Wenn ich könnte, würde ich dir ja ein paar Rundungen von mir abgeben.«
Ich seufzte. »An sich hätte ich dich – euch – viel lieber dabei, aber ich hoffe, dass Willi mir Infos bezüglich diesen Janusz erzählt. Und ich weiß nicht, wie gesprächig er ist, wenn Paul und du dabei seid.«
»Er will nur ein Gratisessen«, bemerkte Mara fest. »Und du lässt dich häppchenweise füttern, das ist nicht okay!«
»Das weiß ich selbst«, brummte ich. »Aber was soll ich deiner Meinung nach tun? Ich habe keine Kraft, um dagegen anzukämpfen. Fühl mich noch immer, als wäre ich in einem falschen Film gelandet. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich selbst gar nicht an ein Essen gedacht habe. Und du tust so viel für mich. Wenn es jemand verdient hätte, eingeladen zu werden, dann du.« Ich war leise geworden.
Mara zog mich in ihre Arme. »Dummerchen. – Sorry, aber du redest echt einen Blödsinn. Außerdem kenn ich dich über all die Jahre gut genug und weiß, dass so ein Essen für dich eine Qual ist. Wir machen es ein anderes Mal, ungezwungener, bei uns, wie bei der letzten Grillfeier. Nicht, weil es Brauch ist, sondern weil wir Freunde sind.«
Ich löste mich von ihr, drückte mir ein Taschentuch ins Gesicht, tupfte die verräterischen Tränen aus den Augenwinkeln.
»Ganz ehrlich. Ich denke, ich würde wahrscheinlich an deiner Stelle auch mit Willi essen gehen. Dennoch, Süße, ich will ja nur, dass du auf dich aufpasst. Hast du eigentlich den Polizisten im Hintergrund bemerkt?«
Mein Kopf ruckte hoch. »Nein. Ist er noch da?« Ich trat hinter dem geschützten Bereich nach vorne. Paul, der erst vor wenigen Minuten aufgetaucht war, unterhielt sich mit Willi. Die restlichen Trauergäste waren verschwunden. Außerhalb der Friedhofsmauern parkte ein Minibagger, daneben stand ein Kerl, der rauchte und wohl wartete, bis auch wir fort waren, um das Grab zuzuschaufeln.
Ich schluckte. Neben dem Erdwall lehnte an der Seite ein schlichtes Holzkreuz, auf dem Natascha Winzer und ihr Sterbedatum, der achtundzwanzigste Juni, eingraviert war. Ein Grabstein machte erst in einigen Monaten Sinn, dann, wenn sich das Erdreich gefestigt hatte.
»Wie es ausschaut, ist der Beamte fort. Das ist wohl ein gutes Zeichen.« Mara hakte sich bei mir unter. »Am besten, du fährst so bald wie möglich auf den Posten.«
»Stimmt. Zumindest habe ich nun auch den Schreibnamen des Kerls, was bestimmt von Vorteil ist.«
»Ruf mich an, jederzeit. Oder willst du nicht doch besser für ein paar Tage zu uns ins Haus kommen? Ein bisschen Abstand und Ablenkung tun dir sicher gut. Du weißt, dass ich mich um dich sorge.«
Etwas Abstand und Ablenkung klangen verlockend, aber ich befürchtete insgeheim, dass ich die nicht einmal dann hätte, wenn ich auswandern würde. Ich presste meine Lippen aufeinander. Maras liebevoller Ton tröstete mich, während es sich gleichzeitig anfühlte, als würde ich an meinem Schmerz ersticken, weil ich versuchte, ihn zu unterdrücken und nicht wagte, ihn frei fließen zu lassen. So musste es sein, wenn man schizophren war – zerrissen, in allem Tun und in den Handlungen. Ich vermisste Mamas Nachrichten. Ihre Stimme! Ihr Duft nach Aprikose! … All das blieb unwiederbringlich verloren.
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