Kitabı oku: «Die Ehre meiner Seele»
Vorbemerkung
Die Handlung dieses Romans ist frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Das Schloss in Eichstätt hat es nie gegeben.
Einige historische Aspekte sind eingeflossen, die jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, und gelegentlich etwas abgeändert wurden.
Zweites Buch
Prolog
August 1882
Es war ein herrlicher Sommertag. Zahlreiche Gäste hatten sich zum Gartenfest auf dem Böhmer-Hof eingefunden. Heinrich galt als großzügiger Gastgeber und viele kamen gerne seinen Einladungen nach. Die Tische bogen sich unter den aufgetragenen Köstlichkeiten: diversen Pasteten, frisch gebackenem Brot und Obst aus der Region. Ringsum standen Blumenarrangements. Auf der eigens aufgebauten Tanzfläche befanden sich am höher gelegenen Podest Musikanten, die mit ihrem Spiel beginnen würden, sobald der Gastgeber das Zeichen erteilte. Die Stimmung war ausgelassen und zeigte sich in heiteren Gesichtern, angeregtem Austausch und fröhlichem Lachen.
Heinrich Böhmer hatte sich vor Jahren von einem einfachen Mann emporgearbeitet. Die Offene Handelsgesellschaft florierte. Als er vom Ableben des Besitzers dieses Anwesen vernahm, zögerte er keinen Augenblick und konnte nun ein Haus aus dem siebzehnten Jahrhundert sein Eigen nennen. Hinzu kamen ein angrenzender Stall, in dem Heu lagerte, etwas Wald sowie eine entlegene Hütte. Der Besitz brachte es auf ein Gesamtausmaß von zweihundert Morgen Land.
Es ertönte ein helles Klingen, als Heinrich mit einem Löffel gegen ein halbgefülltes Weinglas schlug. Die Gäste unterbrachen ihre Gespräche und starrten gebannt zum Hausherrn, der sich von seinem Platze erhoben hatte und alle willkommen hieß. »Schön, dass so viele meiner Einladung gefolgt sind. Heute haben wir wahrlich Grund zur Freude, nicht nur, weil sich das Wetter von der schönsten Seite zeigt, sondern ich möchte diesen Zeitpunkt nicht ungenutzt verstreichen lassen und darf euch allen meine künftige Braut präsentieren.«
Erstaunen breitete sich unter den Besuchern aus und ein zufriedenes Grinsen offenbarte sich auf Heinrichs Antlitz. Er genoss die Verwunderung der anderen, immerhin war er eher dafür bekannt, seine Gunst keiner speziellen, sondern allen willigen Frauen zu schenken. Doch diese Zeiten waren vorbei. Er sehnte sich nach einem Erben. Heinrich reichte seine Hand einem jungen Mädchen mit blondem Haar. »Darf ich euch Teresa vorstellen, mein zukünftiges Weib.«
Das Mädchen erhob sich folgsam, hielt den Kopf gesenkt und starrte auf den Boden.
Bin ich eine Kuh auf einem Viehmarkt? Teresa spürte all die prüfenden Blicke auf ihrem Leib, als würde sie gerade feilgeboten werden. Sengende Hitze stieg ihr ins Gesicht.
Heinrich hielt ihre zarten Finger mit seiner fleischigen, schweißnassen Hand. Er war ein halbes Jahrhundert älter als sie. Es graute ihr vor den ehelichen Pflichten, die in absehbarer Zeit auf sie zukommen würden. Ihr zukünftiger Gemahl humpelte stark und litt an einer schweren Form der Gicht. Der Gedanke an den massigen Körper, seine großen Pranken und die verlebte Haut, ließ sie vor Ekel erschauern. Sie hatte keine Wahl. Ihre Eltern sahen in Heinrich eine hervorragende Partie, der sie aus dem Elend führte. Ihr wurde übel.
Ohne zu zögern, verkaufen sie meinen Leib und meine Seele.
Teresa sah direkt in Heinrichs Augen. Sein Blick glitt lüstern über ihren Körper. Sie zählte die Tage, bis die Gnadenfrist abgelaufen war: Zwanzig. Dann würde sie mit diesem Greis vor dem Traualtar stehen und durch ihn zur Frau werden.
Ihre Kehle verengte sich. Dass sie ihre Jungfräulichkeit an Heinrich verlor, war widerlich genug, doch noch schlimmer war die Gewissheit, diesem herrischen Mann schutzlos ausgeliefert zu sein.
Heinrich führte vor aller Augen ihre Finger an seine Lippen und drückte einen besitzergreifenden Kuss in die Handinnenfläche. »Die unschuldige, körperliche und geistige Reinheit hat mich von Anbeginn verzaubert«, fuhr er enthusiastisch fort, »und in absehbarer Zeit, meine lieben Gäste, wird mich dieses Wesen nicht nur mit ihren herrlichen Rundungen in meinen Nächten wärmen, sondern mir auch einen Erben schenken.«
Teresas Knie zitterten, sie schwankte. Von hinten griff stützend ihre Mutter ein und zog sie auf den Stuhl, ehe die Beine völlig den Dienst versagten. Es erklang allgemeines Gelächter, was Teresa zusehends beschämte. »Wie kannst du so ein Bündnis befürworten?«, zischte sie fassungslos der Mutter zu.
»Schweig still! Das ist deine Pflicht!«
Teresa drehte sich von ihrer Mutter weg, Tränen rannen über das Gesicht hinab und der Kehle entflohen gequälte Seufzer. Musik erklang. Während sich die anderen vergnügten, blieb Teresa allein auf ihrem Platz zurück.
»So traurig, meine Schöne?« Jemand reichte ihr ein Tuch. Sie wischte damit rasch die Tränen fort.
»Du heißt Teresa, wie ich vernommen habe. Ein hübscher Name. Darf ich mich vorstellen: Mathias Krüger.«
Sie schüttelte die gereichte Hand, ehe sie sich umsah. Ihr Zukünftiger stand inmitten seiner Gäste, die Eltern entdeckte sie nicht.
»Keine Sorge, ich habe Heinrichs Erlaubnis, mit dir ein Tänzchen zu wagen.«
Erstaunt blickte sie empor in seine grünen Augen. Er sah stattlich aus, mit dem vollen braunen Haar und einem gepflegten Vollbart. Welch ein Kontrast zu Heinrich! Sie ergriff den dargebotenen Arm und ließ sich von Mathias auf die Tanzfläche führen.
»Bist du immer so schweigsam?«
»Verzeiht.« Teresa räusperte sich, damit ihre Stimme fester klang. »Für alle ist heute ein Freudentag, nur für mich ist es der grausamste meines Lebens. Da finde ich kaum Worte.«
»Dann ist die Wahl des Bräutigams ein Diktat deiner Eltern?«
»Seht Euch den alten Bock an, den sie gewählt haben. Wie könnte ich … jemals … Allein beim Gedanken, ihm nah zu sein …«
Sie spürte selbst, wie ihre Rundungen an seinem Leib vibrierten.
»Komm! Folge mir!« Ohne auf eine Entgegnung zu warten, zog Mathias sie an der Hinterseite vom Tanzparkett herunter.
»Wohin …?«, fragte Teresa atemlos, während sie sich von der ausgelassenen Stimmung entfernten. Sie lief neben ihm her.
»Dorthin, wo du die künftigen Gräuel mit einer wahrhaft schönen Erinnerung überdecken kannst.«
Beide eilten zum nahegelegenen Stadel. Kaum hatte Mathias die große Holztür verschlossen, spürte Teresa seine Lippen auf dem Mund. Das gefiel ihr, mehr, als sie erwartet hatte. Sie stieß angenehme, lustvolle Laute aus.
Mathias nestelte an ihrem ecrufarbenen Baumwollkleid, das mit Volants, Spitzen und Seiden-Schleifen verziert war und legte ihre Brüste frei, deren Spitzen sich ihm knospenartig entgegenstreckten.
»Schon der erste Blick, den ich auf dich werfen durfte, zeigte mir, dass sich in dir ein Juwel verbirgt. Deine Süße ist herrlich.«
»Ich … Ihr …«
»Vertrau mir. Ich schmecke, dass du reif bist und ich werde dich pflücken. Ganz zart, aber unwiederbringlich, sodass ich ewiglich in dir eingebrannt bleibe.«
Teresa nickte. Zwar hatte sie keine genaue Vorstellung, was Mathias damit meinte, nichtsdestotrotz würde sie stillhalten und sich ihm bedeutend lieber schenken als ihrem künftigen, ältlichen Gemahl, der selbst in ihren Gedankengängen nur Widerwillen hervorrief. Sie schloss die Augen und ließ Mathias gewähren, wie es ihm beliebte. Beide sanken ins Heu.
*
April 1883
Eine Droschke hielt direkt vor dem Schloss des Freiherrn Carl Königshofer von Eichstätt. Hastig stürzte eine junge Frau mit gerundetem Bauch, der auf eine baldige Niederkunft hinwies, heraus. So schnell es ihr möglich war, schritt sie die Steinstufen zum Eingangsprotal hinauf. Ohne anzuklopfen, trat sie ein, sah sich suchend in der Empfangshalle um, als sich vom Ostflügel die Hofmeisterin näherte.
»Magdalena!«, rief die Frau. Sie atmete schwer. »Was ist mit Carl? So sag doch! Wo befindet er sich?«
»Frau Böhmer, macht Euch keine Sorgen. Doktor Huber ist gerade bei ihm und untersucht ihn.«
»Ist er in seinem Schlafgemach?«
Magdalena nickte.
»Ich muss zu ihm! Auch wenn es unschicklich wirkt.«
»Natürlich. Ihr kennt den Weg.«
Über die Haupttreppe gelangte Teresa Böhmer ins Dachgeschoss. Sie hielt kurz inne, schnappte nach Luft, da die Aufregung und Schwangerschaft ihr sichtlich zusetzten.
Plötzlich öffnete sich eine Tür.
»Doktor Huber!« Sie eilte zu ihm hin.
»Psst! Der Freiherr ist soeben eingeschlafen. Ich habe ihm ein Schmerzmittel gegeben.«
»Dann bitte ich Euch um ein kurzes Gespräch im Weißen Salon. Wenn Ihr mir folgen würdet.« Teresa wartete keine Erwiderung ab, sondern wendete sich um und schritt voraus.
Der Arzt kam ihrer Aufforderung nach. Sie gelangten in den Salon. Die heitere Ausstrahlung des Zimmers durch das helle Interieur im Verbund mit den Teilvergoldungen wirkte auf Teresa wie blanker Hohn. An Wänden und der Zimmerdecke befand sich Stuck. Im Konsolenspiegel entdeckte sie ihre vor Angst geweiteten Augen.
»Nehmt bitte Platz!« Sie deutete auf den mit Seidendamast bespannten Stuhl. »Darf ich Euch etwas zum Trinken anbieten?«
»Nein. Danke. Meine Zeit drängt.«
Teresa blieb ebenfalls stehen.
»Euch ist allerdings bewusst, dass ich ohne die Billigung Eures Verlobten nicht über die Einzelheiten seiner Verletzung sprechen darf.«
»In wenigen Wochen bin ich seine Gemahlin! Ich denke, dass Carl diese Zustimmung keineswegs verweigern würde.«
»Wie Ihr meint.«
»Also, gibt es Grund zur Besorgnis?«
»Wie soll ich sagen … Der Freiherr hatte Glück im Unglück.«
»Damit wollt Ihr was zum Ausdruck bringen?«
»Der heftige Hufschlag des Rosses hat die Hoden Eures Verlobten sehr in Mitleidenschaft gezogen.«
»Oh, mein Gott!«, hauchte sie. »Was bedeutet das?«
»Das ist eine Verletzung, die ich keinem Mann wünsche. Aber seid unbesorgt, sein Leben ist in keiner Weise in Gefahr. Allerdings gehe ich aufgrund der massiven Schwellung davon aus, dass der Baron dadurch seine Zeugungsfähigkeit verlieren wird.«
Entsetzt sank Teresa auf einem Stuhl nieder. »Was erzählt Ihr da? Das darf Carl niemals erfahren! Oder habt Ihr es ihm schon gesagt?«
»Nein. Dennoch möchte ich dem Freiherrn das nicht verschweigen, sondern mich ihm offenbaren, sobald die heftigen Schmerzen abgeklungen sind und seine Aufnahmefähigkeit besser ist.«
»Weshalb die Pferde scheu machen, wenn vielleicht eine minimale Chance besteht, es könnte anders sein?«
Doktor Huber kratzte sich nachdenklich am Kinn.
»Dieses Wissen möchte ich meinem künftigen Gemahl nicht zumuten. Was kann ich tun, damit Ihr den entsetzlichen Verdacht für Euch behaltet? Vor allem wird die Zeit zeigen, ob Ihr richtig liegt.«
»Ihr bringt mich tatsächlich ins Wanken. Ich verstehe Eure Besorgnis, natürlich auch die Hoffnung, dass der Freiherr eines Tages einen Nachfolger zeugt. Dass Ihr fruchtbar seid, habt Ihr ja schon bewiesen.« Doktor Huber wies auf den gerundeten Bauch.
Teresa erhob sich. »Raubt uns diese Hoffnung nicht! Ich bitte Euch. Aufs Innigste!« Sie griff an ihr Collier und öffnete den Verschluss. »Hier, nehmt das. Eure Verschwiegenheit soll keineswegs unbelohnt bleiben.«
»Nein, das kann ich niemals annehmen.«
»Ihr müsst! Es ist sehr wertvoll mit den Diamanten und Smaragden. Tauscht es ein bei einem Händler und sucht Euch stattdessen etwas Schönes für Eure Frau aus. Wie ich gehört habe, wollt Ihr demnächst ebenfalls den Ehebund eingehen.«
»Ist diese Kette ein Geschenk Eures Verlobten?«
»Es ist für mich nur ein Stück unter vielen. In Wahrheit ist all der Schmuck im Vergleich zu Carls Seelenwohl bedeutungslos.«
»Damit kann ich Eurer Ansinnen immer weniger ablehnen.«
»Tut es nicht!« Teresa ließ ihre Kette in die offene Hand des Arztes gleiten.
»Ich werde meine Vermutung auf ewige Zeiten bewahren.« Er verbarg das Schmuckstück in seiner Arzttasche. »Am Abend sehe ich nochmals nach dem Baron. Wichtig sind im Augenblick eine gute Kühlung und absolute Schonung. Sollte er in den nächsten Tagen fiebern, so ist das eine natürliche Reaktion des Körpers.«
Teresa legte die Hand auf ihren Bauch und stöhnte leise auf.
»Ihr seid ganz blass. Ich hoffe, es ist nur die Aufregung, oder möchte das Kind schon kommen?«
»Nein. Es sind noch ein paar Tage Zeit.«
»Seid Ihr sicher? Es würde mich nicht wundern …«
»Mein Körper bereitet sich nur auf die Geburt vor, aber es sind keine regelmäßigen Wehen.«
»Woher nimmt eine junge Frau diese Sicherheit und das Wissen?«
»Ich habe schon viel gesehen und erlebt. Wichtig ist im Augenblick nur, dass es meinem Mann bald besser geht, und wenn wir in einigen Monaten unsere Hochzeit feiern, ihn keine Beschwerden mehr plagen.«
»Bis dahin ist er wiederhergestellt. Ich bin mir allerdings sicher, dass er sogar auf allen vieren zum Altar kriechen würde, um Euch zur Gemahlin zu nehmen.«
Teresa errötete. »Mir bleibt im Augenblick nur mein verbindlichster Dank!«
Sie reichte ihm die Hand.
Geheimnisse
Juni 1902
Stephan Krüger hielt eine Feder in der Hand und konnte dem Drang, seine wehmutsvolle Stimmung niederzuschreiben, nicht länger widerstehen. Das Haar trug er lang. Das Gesicht war mit einem dichten Bart bedeckt und der Blick der Augen ließ einen reifen Mann erkennen, der bereits viel erlebt und gesehen hatte. Der Körper wirkte sehnig und zeugte von harter Arbeit. Zimperlichkeit war hier fehl am Platze, denn es gab nur zwei Optionen: überleben oder sterben.
Dem voran stand die Bereitschaft, über die eigenen Grenzen hinauszugehen. Er war Teil einer Mannschaft mit dem Ziel, bisher unentdeckte Gebiete zu erforschen. Stephan atmete hörbar aus und entließ seine Gedanken sichtbar auf dem Blatt.
Meine liebe Alma,
ich will mich Dir erklären und könnte es verstehen, falls Du diesen Brief – sofern Du ihn jemals erhalten solltest – zerreißt, ehe Du nur eine Zeile gelesen hast.
Solltest Du Dich anders besinnen und meinen Worten auf dem Stück Papier folgen, möchte ich danke sagen, dafür, dass ich Dich kennen und lieben durfte. Der Gedanke an Dich hält mich am Leben und lässt mich die Bürden des Daseins ertragen.
Heute auf den Tag genau ist es ein Jahr her, als ich Dich das letzte Mal sehen durfte. Ich erinnere mich an deine blonden Locken, die hellgrünen Augen, doch statt mir diese liebevollen Blicke zu schicken, standen darin Zorn, Wut und Enttäuschung.
Ich frage mich, ob Du mittlerweile ein Kind geboren hast. Wenn ja, wie es aussieht, ob es ein Junge oder Mädchen ist. Sicherlich denkst Du, ich hätte Dich deshalb verlassen. Aber du irrst!
Jetzt und hier, wo ich mich an einem der entlegensten Orte befinde und es ungewiss ist, ob ich jemals in die heimischen Gefilde zurückkehren werde, möchte ich mir die Last von der Seele schreiben.
Meine Gefühle für Dich, liebste Alma, waren stets ehrlicher Natur und dennoch unrecht. Nicht, weil sich der Baron und die Baronin oder mein Herr Vater dagegenstellten, sondern deshalb, da uns beide ein verwandtschaftliches Verhältnis bindet. Ich hör Dich beinahe in meinem Ohr vehement widersprechen. Du wirst mir wahrscheinlich keinen Glauben schenken, es nur für eine Fantasterei meinerseits halten, wenn ich Dir offenbare, dass mein Vater auch der Deinige ist.
Vielleicht verstehst Du jetzt, weshalb ich nicht bleiben konnte. Ich ertrug und ertrage nach wie vor nicht den Gedanken, mit meiner Schwester ein intimes Verhältnis unterhalten zu haben. Wir hätten auf die Mahnungen hören sollen, doch sie forderten uns eher heraus. Ich sehe noch immer Vaters Blick vor mir, als er mich ins Vertrauen zog – in der Nacht des Sommerballs – und wie er von Teresa schwärmte und ihrem Muttermal auf der rechten Gesäßbacke.
Deshalb bin ich gegangen, habe eine neue Identität angenommen und nenne mich Kelian Aubert. Stephan ist in jener Nacht gestorben, unwiederbringlich. Ich kann nur mutmaßen, mit welchen Fragen ich euch einst zurückließ. Du wirst mich sicherlich für meine Feigheit hassen, aber glaub mir, die Verachtung, die ich für mich selbst empfinde, ist ungleich größer. Obwohl es Sommer ist, blicke ich hier auf meterdickes Eis, ebenso zugefroren fühlt sich mein Innerstes an …
Bei der Überfahrt von England nach Amerika traf ich auf den Großindustriellen William Ziegler, dem ich – vielleicht hörtest Du vom Zusammenstoß des Oceanic-Dampfers mit der Kincora – das Leben retten konnte. Er ist der Sponsor einer Nordpol-Expedition.
Mister Ziegler stellte einen Kontakt mit Evelyn Baldwin her, dessen Mannschaft ich mich angeschlossen habe. Im vorigen Sommer brachen wir mit dem Schiff America ins Franz-Josef-Land auf, das sich bereits auf russischem Gebiet befindet und eine Inselgruppe im Nordpolarmeer ist. Wir waren insgesamt zweiundvierzig Mann. An Bord wurde Verpflegung eingelagert, die für drei Jahre ausreichend sein sollte.
Es tummelten sich vierhundert Schlittenhunde sowie fünfzehn Ponys. Zudem wurden zwei Fesselballons, die jeweils einen Beobachter tragen können, mitgenommen, gemeinsam mit einer eigenen Anlage zur Herstellung von Wasserstoff, die man braucht, um diese Ballons zu betreiben.
Geplant war, mit der America bis zur Rudolf-Insel vorzudringen. Das ist der nördlichste Punkt des Archipels. Allerdings scheiterten wir angesichts der ungünstigen Eisverhältnisse und mussten unser Winterlager auf der Alger-Insel aufschlagen. Wir errichteten zwei miteinander verbundene Hütten, Stallungen für die Ponys und Zwinger für die Hunde. Des Weiteren bauten wir eine Wetterstation auf und die dazugehörigen Anlagen, die zum Befüllen und Starten der Wetterballons dienten. Davon etwas entfernt entstand ein Observatorium, mit dem wir Temperatur, Luftdruck und -feuchtigkeit sowie die Veränderung des Erdmagnetfeldes aufzuzeichnen vermochten.
Den gesamten Winter verharrten wir im Lager, waren teils entsetzlicher Kälte ausgesetzt, in der sich meine Finger stets klamm anfühlten, und es erscheint mir wie ein Wunder, dass alle Gliedmaßen vollzählig sind. Manchmal tobte ein eisiger Wind und drohte uns zu verschlingen, riss die Gesichter auf. Diese Tage saßen wir eng aneinandergedrängt, manchmal wie erstarrt. Einige Männer ließen ihre Leben. Der steinharte Boden verweigerte ihnen die letzte Ruhestätte. Deshalb bedeckten wir die Leichname mit ihrer Landesflagge, trugen sie zum Meer, wo wir sie nach Seemannsart dem Wasser übergaben. Es war eine lange, triste Zeit, die ich wohl niemals überstanden hätte, wenn nicht Du stets in meinen Gedanken bei mir gewesen wärst.
Im Frühjahr errichteten wir Depots, die uns für die Expedition dienlich sein sollten. Doch anstatt endlich das Wagnis Nordpol in Angriff zu nehmen, entschloss sich Mister Baldwin um und wir suchten stattdessen das Lager auf der Jackson-Insel. Noch immer sind wir ein gutes Stück vom einst geplanten Ausgangsort entfernt.
Nun sitze ich hier und warte mit meinen Kameraden auf die nächste Order. Unsere Kohlevorräte gehen langsam dem Ende zu. Wir haben über vierhundert Ballonbojen abgeschickt, in der Hoffnung, diese würden gefunden werden und uns könnte jemand Nachschub bringen.
Wir ernähren uns von dünnem Tee mit einem Schuss Alkohol darin und versuchen, jagdbares Wild in der Umgebung zu fangen. Dabei gibt es gute und weniger gute Tage, sodass auch vom eigenen Getier bereits etliche weniger geworden sind, um unser Überleben zu sichern.
Noch kann ich Dir nicht sagen, ob es weitergeht oder eine Rückkehr ansteht. Ich weiß nur, dass ich im Herzen kein Abenteurer bin, sondern in den Nächten von meiner Heimat träume, die ich sehr vermisse. Ich gebe ehrlich zu, mir fehlt der Mut, Dir gegenüberzutreten, denn ich habe Dich enttäuscht und schmählich im Stich gelassen.
Den Stephan von einst gibt es längst nicht mehr. Verzeih, auch wenn Du diese Worte erst nach meinem Tode lesen wirst. Ich notiere auf dem Kuvert Deine Adresse, ohne diese Zeilen jemals selbst abzuschicken, sondern vertraue darauf, dass einer meiner Kameraden der Bote meiner Gedanken und Worte sein wird.
Meine liebe Alma, zum Schluss möchte ich Dir sagen, dass Du jederzeit in meinem Herzen einen wichtigen Platz eingenommen hast und weiterhin einnehmen wirst. Die Liebe zu Dir hat sich mittlerweile in das Gefühl einer geschwisterlichen Verbindung gewandelt. Es wäre schön gewesen, wir hätten die Möglichkeit gehabt, mit diesem Wissen aufzuwachsen. Ich hatte mich stets nach einer kleinen Schwester oder einem Bruder gesehnt.
Es sollte nicht sein, da unsere Eltern ihre Liaison verborgen hielten. Ich fühle mich, als hätten sie mich meines Seins beraubt und ich mutmaße, dass es Dir aufgrund meines Verschwindens wohl kaum besser ergeht. Nur bin in diesem Fall, ich Dein Lebensräuber …
Ich beschließe diesen Brief in der Hoffnung, dass zumindest bei Dir das Sprichwort: »Die Zeit heilt alle Wunden«, zutreffen mag.
Es grüßt Dich Dein Bruder
*
Mai 1903
Aus der geschnitzten Holztruhe war bereits ein Schatzkästchen geworden, in denen die Mitbringsel von Thomas ihren Platz fanden: getrocknete Rosen und Blätter, kleine Moosstücke und Baumrinden, glitzernde Steine und persönliche Zeilen auf einem Stück Papier, gefüllt mit Worten seiner Liebe.
Meine Aufregung konnte ich schon Tage zuvor kaum unterdrücken, in der Hoffnung, ihn an unserem geheimen Platz am zweiten Sonntag im Monat vorzufinden. Ich hatte Sorge, ein verräterisches Funkeln in den Augen könnte mich und mein Vorhaben innerhalb der Familie verraten. Aber sie waren allesamt mit sich selbst beschäftigt und scherten sich nicht um mich.
Anfangs musste Thomas häufiger auf Kristinas und meine Anwesenheit verzichten, da ich mich nicht immer mit dem Mädchen wegzustehlen vermochte. Aber jedes vorgefundene Präsent ließ unsere Verbindung inniger werden. Bald tauschten wir Küsse sowie sanfte Berührungen aus, und genossen die Momente des gestohlenen Glücks.
Mittlerweile war meine Ziehtochter fast eineinhalb Jahr alt, wirkte deutlich robuster und machte erste Schritte an der Hand. Sie unterschied sich in der Entwicklung zu einem gleichaltrigen Kind, das nicht mit einer Behinderung leben musste, und tat sich mit der Körperkoordination sowie der Sprache deutlich schwerer. In ihr schlummerte trotzdem ein starkes Temperament, das sie offenbarte, sobald wir uns hinter dem Gebüsch beim geheimen Treffpunkt einfanden. Dann lebte Kristina auf, brabbelte wild durcheinander und streckte jedes Mal ihre Händchen nach Thomas aus, der die Kleine liebevoll in seine Arme schloss. Es war, als würde sie stets aufs Neue protestieren, dass sie so lange auf ihn verzichten musste. Das konnte ich sehr gut nachempfinden.
Er wäre ein wundervoller Vater, stellte ich insgeheim fest. Offiziell galten weiterhin Carl und Teresa als Eltern. Dass Stephan der Erzeuger war, plauderten wir nicht aus. Für Thomas und mich spielte es keine Rolle, denn wir liebten Kristina auch so.
Gerne spazierten wir Drei über den Steg, verweilten im angrenzenden Wald, genossen die Natur mit ihren Stimmen und konnten uns kaum aneinander sattsehen. Thomas‘ Küsse hinterließen noch Stunden danach ein kribbelndes Gefühl auf den Lippen und mein Herz war ausgefüllt mit inniger Liebe.
Die Tage wurden spürbar länger und wärmer. Mit dem beginnenden Frühling war im Tal der letzte Schnee geschmolzen, nur die Bergspitzen lagen noch verborgen unter einer weißen Decke. In mir reifte der Entschluss, nicht nur meiner Hütte einen Besuch abzustatten, sondern ich wollte dort mit Kristina nächtigen.
Ich packte ein paar Dinge, wie Wechselkleidung, Windeln und eine Jause im Rucksack ein. Das offizielle Verbot meines Stiefvaters, mich mit Kristina im Dorf zu zeigen, bestand nach wie vor. Doch an der Nordseite lag es eine seichte Stelle, an der ich mit Herkules durch das Wasser waten konnte. Deshalb gab es weder von Carl Widerworte noch von meiner Mutter, die sogar eher froh wirkte, uns einmal nicht in unmittelbarer Umgebung zu wissen.
Kristina und ich hatten auf Herkules schon einige kleine Ausritte am Anwesen gemacht. Mein Ross wirkte achtsamer, wenn wir zu zweit auf seinem Rücken unsere Plätze eingenommen hatten. Gerne hielt sich mein Mädchen in der Mähne von Herkules fest und schmiegte sich an den langen, weichen Hals. Beide verharrten oftmals minutenlang in dieser Position und genossen sichtlich die gegenseitige Nähe.
Nun hatte ich mein Mädchen direkt vor mir platziert und sie gluckste erfreut auf, als wir uns im gemächlichen, wiegenden Schritt auf Herkules in Bewegung setzten.
Kristinas Laute waren für andere schwer verständlich, aber ich las in ihr längst wie in einem offenen Buch. Das lag an unserem innigen Umgang. Es gab keinen Tag, an dem ich nicht an ihrer Seite wachte, und sie besänftigte, falls sie aus einem Traum aufschreckte. Als Blähungen sie plagten, trug ich sie unermüdlich umher. Mit meinem Zeigefinger massierte ich die geschwollenen Bereiche im Innenraum des Mundes und linderte somit den Schmerz, als Kristinas erste Zähnchen durchbrachen. Ich tröstete sie, wenn sie Kummer hatte, und verband so manche Wunde. Vom Gefühl her war sie längst mein Kind und ich ihre Mutter.
Die anderen empfanden Kristina hingegen als Belastung. Die Kleine tat ihnen nicht den Gefallen, sich aus dieser Welt zu stehlen, worüber ich sehr froh und dankbar war. Ihre Wangenbäckchen schimmerten rosig, da wir uns häufig an der frischen Luft aufhielten und sie hatte einen gesegneten Appetit, der ihr kleine, durchaus entzückende Röllchen am Körper schenkte.
Mutter bewohnte seit der Rückkehr aus Völs eines der Gästezimmer. Sowohl meine Schwester als auch Kristina und ich lebten weiterhin im westlichen Trakt. Dennoch bekamen wir Alma nur selten zu Gesicht, da sie ihr Leben in vollen Zügen genoss. Der Baron nahm auf die Männerbekanntschaften meiner Schwester keinen Einfluss mehr. Ich spürte, dass in seinem Inneren ein tiefer Gram schlummerte, ohne ihm helfen zu können. Sein Gesicht wirkte verhärmt, der Blick dumpf und schon lange war sein Lachen nicht mehr durch die Gemäuer erschollen.
Teresa wich uns meist aus, weshalb sogar Erna und Jonas kaum ihr Argwöhnen zu verhehlen vermochten, da sie die Baronin für Kristinas Mutter hielten. Ich schüttelte den Kopf. All meine leidigen Gedanken wollte ich endlich hintanstellen.
»Heute gibt es für dich ein Abenteuer, und wir werden Thomas sehen«, wisperte ich Kristina zu, die erfreut aufjauchzte. Endlich konnten wir beide dem Anwesen und den dicken Schlossmauern entfliehen.
Mit meiner Ziehtochter im Arm glitt ich aus dem Sattel auf den Boden. Ich setzte Kristina vor dem Holzbrunnen ab, indem unermüdlich frisches Quellwasser flossen. Staunend sank das Mädchen auf die Wiese. Ihre Augen und der kleine Mund waren weit geöffnet.
»Frisches Wasser«, sprach ich erklärend. Ich trat heran, ließ etwas vom kühlen Nass in meine Handfläche laufen, die ich wie zu einer kleinen Schüssel geformt hatte, und trank daraus. »Komm her«, forderte ich Kristina auf.
Das Kind blieb sitzen, unternahm keinen Versuch, sich zu erheben, wie sie es sonst stets tat. Stattdessen starrte mein Mädchen auf den Wasserstrahl, indem sich das Sonnenlicht reflektierte und einen kleinen Regenbogen präsentierte.
»Das schmeckt herrlich.« Ich ließ mich an ihrer Seite nieder und reichte der Kleinen meine kühle, nasse Hand. Kristina ließ sich nicht beirren, blickte fasziniert geradeaus. Wir wurden vom Plätschern des Wassers umschlossen und verloren uns in diesem Augenblick, indem die Zeit für uns stillstand.
Die Hütte war sehr geräumig. Gegenüber dem Eingangsbereich befand sich eine Kochmaschine mit integriertem Wasserschiff. Ich hatte bereits Feuer entfacht, um die Innenräume etwas aufzuwärmen. Rechts stand ein quadratischer Tisch, an der Wandseite war eine Holzbank, auf der drei Leute Platz fanden, und es gab vier Stühle als weitere Sitzgelegenheit.
Linkseitig schlummerte Kristina friedlich im Doppelbett. Eine einfache Holztreppe führte hinauf in den Dachboden, dort waren Schlafplätze für sechs Leute untergebracht.
Wartend setzte ich mich auf die steinerne Eingangsstiege vor der Hütte. Die Sonne lugte hinter den Bergspitzen hervor, warf feine, rötliche Schimmer über das Firmament, die sich gewiss noch im Farbton intensivieren würden. Um meine Schultern lag eine Decke, die mich vor der abendlichen Kühle schützte.
Kristina hatte beim Abendessen heftig die Äuglein gerieben. Sie war müde von der Höhenluft und dem ungewohnten Ausflug. Heute würde sie Thomas‘ Ankunft verpassen. Plötzlich erhoben sich über den Bäumen ein paar Vögel. Irgendetwas musste sie aufgeschreckt haben. Mein Herz beschleunigte spürbar seinen Takt. Ich vernahm erste Geräusche, und kaum später kam Thomas auf einem Don-Pferd in meine Richtung herangetrabt. Er sprang ab, band sein Ross neben Herkules und wir eilten aufeinander zu.
»Wir haben eine ganze Nacht und einen Morgen nur für uns«, sprach Thomas.
Ich nickte erfreut. »Danach sehne ich mich seit Ewigkeiten.«
Wir küssten uns. »Kristina schläft.« Ich fühlte mich ganz atemlos. »Wir müssen leise sein.«
Hand in Hand betraten wir den Innenbereich der Hütte. Thomas blickte auf das schlummernde Kind, das den Daumen im Mund verborgen hielt. »Sie ist so entzückend.«
Ich entfachte eine Petroleumlampe und stellte sie am Tisch ab. Der Schein erhellte den Raum. Sollte Kristina erwachen, würde das Licht ihr etwas Angst vor der Dunkelheit und der fremden Umgebung nehmen. Ich verriegelte die Eingangstür, und wandte mich Thomas zu, der dem kleinen Mädchen einen sanften Kuss auf das blonde Haar hauchte.
»Hast du Hunger oder Durst?«, fragte ich.
Thomas drehte sich mir zu. »Mir dürstet nur nach dir. Aber du sollst dich nicht verpflichtet fühlen …«
»…mich dir hinzugeben?« In meinem Bauch breitete sich ein warmes Kribbeln aus. »Hab keine Sorge. Im Moment spüre ich nur ein heißes Verlangen, das ich nicht mehr länger unterdrücken möchte.« Ich trat an ihn heran und wurde von fordernden Küssen in Empfang genommen.
Thomas hob mich hoch, was ich ohne Protest geschehen ließ, und trug mich über die Treppen hinweg in die obere Schlafstätte. Dort stellte er mich vor sich ab. Durch das Dachflächenfenster drang die letzte Helle des Tages herein. Thomas‘ Atem ging schwerer. Ich legte seine Hände auf die Verschnürung meines Gewandes, das er geschickt öffnete. Er schob mir das Kleid über die Schultern, bis es von ganz allein zu Boden glitt. Ohne die Blicke voneinander abzuwenden, öffnete ich sein Hemd. Thomas entfernte seine Hose und als er nackt vor mir stand, zog ich mein Unterhemd über den Kopf.
»Du bist so wunderschön.«
»Du auch«, hauchte ich und es trieb mir die Hitze ins Gesicht, als ich seinen sehnigen Körper betrachtete. Sein Glied ragte stolz empor. Ich schlüpfte schutzsuchend unter die kühlen Laken. Es fehlte mir an Erfahrung, weshalb ich mich eingeschüchtert fühlte. Doch in mir war auch ein drängendes Verlangen, das endlich gestillt werden wollte.
Thomas legte sich an meine Seite und berührte mich sanft. Ich rutschte näher an ihn heran. Seine Hand glitt über den straffen Busen, den Bauch, zu meiner Weiblichkeit und eine süße Qual nahm mich gefangen. Ich ließ ihn gewähren. Kein Traum hatte bisher annähernd diese Intensität vermittelt. Ich wollte ihn endlich spüren, und die Nässe zwischen meinen Beinen bewies mir, dass ich längst dazu bereit war.
»Ich habe etwas zur Verhütung besorgt, ein Kondom.«
»Dann komm endlich zu mir.« Bereitwillig öffnete ich meine Schenkel. Ich wollte endlich zur Frau werden, zu seiner Frau! Thomas‘ Männlichkeit drängte mir entgegen und ich legte die Beine um seine Hüften.
»Sara.« Mein Name klang wie eine zärtliche Liebkosung. »Bist du dir sicher, ich meine …«
Der Penis pochte mir entgegen. Sein Zögern erfüllte mein Herz mit noch größerer Zuneigung. »Ja.« Ich schlang die Arme um seinen Hals und hob mein Becken empor.
»Ich will dich. Nur dich.«
»Ich weiß!« Fordernd zog ich ihn zu mir, und mit einem tiefen Stoß drang Thomas in mich ein. Er hielt kurz inne. Trotz des vernehmbaren Brennens behielt ich meine Umklammerung bei und der Schmerz verwandelte sich in ein süßes Begehren. Wie von selbst fanden die Körper denselben Rhythmus und wir gaben uns einander dem Rausch der Leidenschaft hin.
Ein leises Wimmern drang an mein Ohr. »Kristina!« Ich hastete auf.
»Psst«, ertönte es neben mir.
Es brannte ein kleines Licht und ich entdeckte Thomas mit der Kleinen im Arm. Kristina gähnte.
»Wie schön, du hast sie nach oben geholt.«
Neugierig schaute das Mädchen zwischen uns beiden hin und her. Sie brabbelte, aber es klang noch sehr verschlafen.
»Bestimmt ist sie bald wieder im Land der Träume«, sprach Thomas leise.
»Ihre Augen sind dunkelbraun.«
»Unser kleines Rehäuglein.« Er lächelte.
»Ich meine …«
»Ich weiß, was du sagen willst. Stephans Augen hatten dieselbe Farbe, nicht wahr?«
Ich nickte.
Thomas bettete das Mädchen in die Mitte, über dem Kopf des Kindes führten wir unsere Hände zusammen. Obgleich wir einander lange kannten, war diese unumwundene Intimität neu für uns, und flutete in jede Pore meines Körpers.
»Am liebsten würde ich diesen Moment einfrieren«, sprach ich versonnen.
»Eine schöne Idee, aber ich wäre auch mit einer Wiederholung einverstanden.«
»Das ist machbar, solange die Tage warm und schön sind. Sobald ich über meinen Besitz frei verfügen kann, muss ich mich nicht mehr länger Vaters Diktat fügen, und bin nicht mehr dem Wohlwollen von Mutter ausgesetzt.«
»Am liebsten würde ich dich sofort heiraten und zu einer ehrbaren Frau machen.«
»Ich bin glücklich, dich in diesen wenigen Stunden um mich zu wissen. Aber vor uns liegt noch ein langes Jahr. Ich hoffe, dass uns niemand auf die Schliche kommt.«
»Was ist schon ein Jahr, gegen den Rest des Lebens? Dennoch, vielleicht sollte ich es wagen, auf Carl und Teresa zuzugehen, mit der Bitte, dich offen umwerben zu dürfen. Dann hätte unsere Geheimniskrämerei ein Ende. Sie lassen Alma jegliche Freiheiten. Vielleicht lenken sie ein, wenn sie merken, dass wir uns lieben.«
»Das wäre schön, aber die beiden haben sich so verändert. Carl ist für keine romantischen Gefühlsanwandlungen mehr zugänglich, es zählt nur die Arbeit, hinter der er sich verkriecht. Anteilnahme und Feinsinn scheinen mittlerweile Fremdwörter für ihn zu sein. Und Teresa meidet mich, aber vor allem Kristina. Sicher war sie die treibende Kraft, weshalb du damals nach Ingolstadt gehen musstest.«
»Sie sehen Kristina als Belastung. Demnach würden sie wohl eher erfreut sein, wenn wir uns um die Kleine kümmern.«
»Aber du vergisst: Ich bin nur ihre Tante und außerhalb der Gemäuer dürfte ich mich nicht rechtmäßig um die Kleine kümmern. Niemals wäre ich bereit, sie zurücklassen.«
»Das verstehe ich. Sofern wir im Ehebund leben würden, könnten wir Kristina adoptieren, falls wir das Einverständnis der Eltern erhalten. Dann müssten wir nicht bis zu deinem einundzwanzigsten Geburtstag warten.«
»Du meinst …?«
»Ach, Sara.« Thomas seufzte. »Ich möchte Nacht für Nacht an deiner Seite weilen, tagsüber in deiner Nähe sein. Die Tage, an denen wir nicht zusammen sind, frage ich mich, wie es dir und Kristina ergehen mag. Da ist die Sehnsucht unermesslich, alles in geordnete Bahnen zu lenken.«
»Ich würde gerne mit dir zusammenleben wie Mann und Frau, eine Familie sein.«
»Denk darüber nach. Vielleicht ergibt sich eine Möglichkeit, in der wir ausloten könnten, ob der Baron und Teresa mittlerweile aufgeschlossener sind. Dabei bekomme ich einen absurden Gedanken nicht aus meinem Kopf, den ich nicht mehr länger vor dir verheimlichen will.«
»Wovon sprichst du?«
»Ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll. Da es mich selbst erschreckt.«
»Nun sag schon.« Ich setzte mich auf. Kurz blickte ich auf Kristina, die schlummerte.
»Ich frage mich …« Thomas atmete tief durch und setzte erneut an. »Ich frage mich, ob der Baron mein Vater sein könnte?«
Irritiert schaute ich ihn an. »Carl?«
Thomas nickte und richtete sich ebenfalls auf.
»Weshalb denkst du das?«
»Du darfst ihn nie darauf ansprechen.«
»Nein, das tue ich nicht.«
»Ich habe ein Gespräch zwischen Erna und Jonas belauscht, die diesen Verdacht andeuteten. Zwar hat Mutter mir nie den Namen meines Erzeugers genannt, aber ich denke an die ganzen Privilegien, die ich hatte. Warum hat er mich nicht mit der Peitsche vom Hof gejagt, sondern mir eine Stellung bei seinem besten Freund besorgt? Er nahm meine Mutter einst in seine Dienste auf, als er von ihrer Schwangerschaft wusste. Weshalb drängte er Alma und mich nicht in eine Ehe?«, schossen die Fragen im Durcheinander heraus. »Allein beim Gedanken daran, Alma könnte meine Halbschwester sein, wird mir schlecht. Aber was ist, wenn sich Carl deshalb grämt, da er denkt, dass Kristina ein Kind aus einer inzestuösen Verbindung ist?«
»Oh, mein Gott«, hauchte ich. Aber es ergab einen Sinn. Als Magdalena starb, trauerte mein Stiefvater sehr. Er weinte damals. Zumindest hätte ich endlich eine plausible Erklärung dafür, weshalb er Kristina mied.
»Nun habe ich dich entsetzt. Sag mir, dass ich mir meine dummen Gedanken aus dem Kopf schlagen soll.«
»So dumm finde ich diesen Gedanken gar nicht. Ich muss versuchen, Carl darauf anzusprechen. Zumindest sollte er umgehend erfahren, dass wir Stephan für den Vater halten.«
Thomas nahm meine Hand. »Du weißt, wie wichtig du mir bist.«
»Du mir auch.« Wir küssten uns. »Aber wäre nicht auch Otto sehr überrascht, wenn er von uns erfährt? Er denkt sicherlich, du und Marie könntet …« Ich ließ den Satz unvollendet und wendete das Gesicht ab.
»Sieh mich an«, forderte Thomas sanft. Mit dem Zeigefinger langte er unter mein Kinn und drehte meinen Kopf in seine Richtung. »Marie ist nett, doch du bist meine Liebe. Es gab bisher nicht einen Moment, wo ich ihr zugetan war und es wird keinen geben. Bitte, vertrau mir. Ich habe dir damals sehr wehgetan, als Alma und ich eine Nacht miteinander verbrachten. Das tut mir leid.«
»Ich hab dir diese Nacht längst verziehen«, wisperte ich rau. »Wir waren auch kein Liebespaar.«
»Dennoch fragst du dich, was ich empfunden habe.«
Ich starrte an Thomas vorbei auf die Lampe und fühlte mich sonderbar verletzlich. Über all die Zeit hatte ich dieses frühere Stelldichein erfolgreich ausgeblendet, aber nun drang wieder das Bild von Alma in ihrem Unterkleid empor.
»Entschuldige, ich quäle dich.«
Ich schüttelte den Kopf, obwohl meine Tränen im Gesicht die Abwehrbewegung als Lüge enttarnten. Thomas kletterte über das schlafende Kind hinweg und zog mich in seine Arme. Er strich über mein braunes Haar. »Bei keiner anderen Frau spürte ich jemals nur den Ansatz dieser Intensität und Verbindung. In dir habe ich den Menschen gefunden, der meiner Seele das Fliegen lehrt.« Er verteilte auf meiner nassen Tränenspur heiße Küsse.
»Ich liebe dich«, hauchte ich und drängte zu ihm hin.
»Keine konnte je eine solche Glut in mir entfachen.« Er glitt nach hinten, sodass ich obenauf zu liegen kam. Ich schmiegte mich an seine Brust. Zwischen meinen Beinen spürte ich sein hartes Glied. »Ich will mit dir verschmelzen«, raunte ich in sein Ohr und stöhnte lustvoll auf, als ich ihn in mir aufnahm.
Melancholie
Juni 1903
Carl saß in seinem Bureau. In seinen Händen hielt er einige Zettel. Er blinzelte, starrte die Zahlen an, die vor seinen Augen verschwammen. Stöhnend griff er sich an die Schläfen. Seine Konzentration wurde zusehends schlechter. Nachts schlief er kaum und am Tag fehlte ihm die Kraft. Morgens wollte er in seiner Liegestätte bleiben, aber irgendwie hatte er es bisher immer aus dem Bett geschafft.
Es klopfte. Erschrocken zuckte er zusammen. »Ja bitte?«
Die Tür schwang auf.
»Doktor Huber? Was führt Euch zu mir? Ich habe Euch nicht gerufen.«
»Ich will gar nicht lange herumreden. Eure Frau ist sehr besorgt und schickt mich.« Der Arzt trat heran, und die beiden begrüßten sich mit einem Handschlag.
»Weshalb?«
»Nun, sie meinte, dass Ihr in letzter Zeit sehr ruhig und bekümmert wirkt. Sie bat mich deshalb, Euch zu untersuchen.«
»Das ist nicht nötig. Mir geht es gut.«
»Ich sehe Schatten unter Euren Augen, demnach dürftet Ihr schlecht schlafen. Plagen Euch schwere Gedanken?«
Carl blickte den Arzt geradewegs an. »Ihr könnt mir auch nicht helfen.«
»Zudem scheint Ihr etwas an Gewicht verloren zu haben. Probleme mit dem Magen oder habt Ihr Schmerzen?«
Der Baron schüttelte den Kopf. »Eure Hartnäckigkeit ehrt Euch. Nicht umsonst seid Ihr seit Jahren der Arzt unseres Vertrauens. Aber wie gesagt, mir kann niemand helfen.«
»Vielleicht sollte ich Euch dennoch etwas Pflanzliches dalassen, damit Eure Energie wiederkommt. Ich habe eine Johanniskraut-Tinktur.« Der Arzt kramte in seiner Tasche und stellte schließlich ein Fläschchen auf den Tisch. »Dreimal täglich, zehn Tropfen.«
»Hat Euch Teresa gebeten, mir diese Arznei unterzuschieben?«
»Wie gesagt, es ist rein pflanzlich. Ob Ihr es einnehmt, kann ich nicht kontrollieren. Aber ich rate Euch dazu.«
Carl seufzte. »Nun gut. Ihr gebt ohnehin nicht eher Ruh.«
»Wenn ich irgendetwas für Euch tun kann, lasst es mich wissen.«
Carl schüttelte abwehrend den Kopf.
»Nun will ich gar nicht mehr länger stören. Auf Wiedersehen.« Doktor Huber zog sich zurück.
Draußen im Flur wartete bereits Teresa. Sie eilte auf den Mediziner zu. »Sagt schon, was denkt Ihr?«, flüsterte sie, damit ihr Mann den Gesprächswechsel nicht mitbekam.
Die beiden entfernten sich ein paar Meter vom Schreibkabinett des Barons.
»Euer Gemahl wirkt sehr antriebslos«, offenbarte der Arzt.
»Das heißt?«
»Der Tonfall seiner Stimme gefällt mir gar nicht. Jeder Satz aus seinem Mund klingt, als wäre es eine immense Last zu sprechen.«
»Was hat er?«
»Ich denke, er leidet unter einer tiefen Melancholie.«
»Oh, mein Gott! Kann ich irgendwie helfen?«
»Das ist schwierig. Ich habe Carl vorerst eine Johanniskraut-Tinktur dagelassen. Ich hoffe, dass er sie einnimmt. Sollte sich sein Zustand nicht verbessern oder sogar verschlechtern, kontaktiert mich bitte umgehend. Im Augenblick denkt er, dass ihm nicht zu helfen ist.«
»Aber es wird doch wieder besser?«
»Das kann ich nicht versprechen.«
Teresa kämpfte mit den Tränen. »Ich danke Euch, für Eure Mühen.«
»Das ist selbstverständlich.«
Doktor Huber verabschiedete sich, und Teresa blieb entsetzt im Gang stehen. Wann hatte sich Carl derart verändert? Sie kannte die Antwort. Es begann damit, als er von Almas Schwangerschaft erfahren hatte. Sie vermisste sein fröhliches Lachen, das früher durch die alten Gemäuer schallte sowie die liebevollen Blicke und Berührungen. Carl hatte sie nicht nur aus dem gemeinsamen Schlafgemach verstoßen, sondern aus seinem Leben. Am Tag verbarrikadierte er sich in seinem Arbeitszimmer. Dabei wusste sie längst, dass er die Geschäfte ungenügend führte. Aber sie wagte es nicht, ihn darauf anzusprechen. Sie hatte ohnehin keinen Zugang mehr zu ihm.
Teresa wirkte sichtlich gequält. »Mutter? Was machst du da? Du bist ganz blass. Hast du geweint?«, sprach ich sie an.
»Sara. Doktor Huber war soeben da?«
»Wegen Vater?«
»Ja.«
»Was sagt er?«
»Er redete von Melancholie. Ich weiß, ich sollte zu Carl hineingehen, aber ich schaffe es nicht. Er würde mich wohl umgehend aus dem Raum werfen. Aber das Schlimme ist, dass Vaters Geschäfte im Moment desaströs laufen. Wenn er nicht alle Partner vergraulen will, muss er diese abgeben.«
»So schlimm ist es? Vielleicht könnte ich mit ihm reden.«
»Das würdest du tun?«
Ich nickte.
»Nun gut. Ich habe schon mit Otto gesprochen. Er wäre bereit, einen Großteil zu übernehmen, oder er würde diese an Thomas delegieren. Wir können nicht mehr länger zusehen, sonst werden die Verluste zu groß. Natürlich haben wir noch genügend Reserven, Geldwerte und müssen längst nicht am Hungertuch nagen. Aber es duldet keinen Aufschub. Nur ich … ich finde nicht die Kraft, das Carl zu sagen. Ich habe Angst, dass ich ihm damit seine letzte Freude nehme und er sich noch tiefer in seinem Kummer vergräbt.«
Ich trat heran und legte Mutter meine Hand auf die Schulter. »Ich werde es versuchen.«
»Danke«, hauchte Teresa. Sie zog mich kurz in ihre Arme.
Ihre Sorgen um Vater waren tatsächlich groß, wenn sie sich zu dieser Gefühlsbekundung hinreißen ließ. Ich löste mich von ihr, atmete tief durch und klopfte an die dunkle Eichentür.
»Was ist denn heute los?«, erklang es aus Vaters Bureau.
»Falls der Zeitpunkt ungünstig ist, komme ich ein anderes Mal wieder.« Ich spähte hinein.
»Nein. Sara. Du bist jederzeit willkommen.«
»Eigentlich wollte ich Euch zu einem kurzen Spaziergang überreden. Kristina schläft und das Wetter ist herrlich.«
Kurz huschte Vaters Blick zum Fenster. »Hinaus?«
»Ja. Die Damaszener-Rosen sind aufgeblüht und verströmen ihren schweren Duft. Ich liebe dieses Aroma so sehr. Es erinnert mich an Magdalena.«
»Magdalena?«
»Ich vermisse sie zu dieser Jahreszeit am meisten. Wisst Ihr noch, wie sie die Blüten erntete? So gerne schaute ich ihr zu, wenn sie die verschiedenen Öle ansetzte, oder Seifen machte.«
»Du darfst den Rosenzucker nicht vergessen.«
»Stimmt. Also, begleitet Ihr mich? Nur ein paar Schritte?«
»Ein paar Schritte«, wiederholte er. Sein Stuhl knarzte über den Boden. Mein Stiefvater hakte sich bei mir unter.
Als wir die kühlen Gemäuer hinter uns ließen, schlug uns der warme Frühlingsduft entgegen, gefüllt mit all den Aromen der aufgeblühten Pracht ringsum. Carl kniff die Augen unnatürlich zusammen. Schon viel zu lange hatte er sich in seinen Räumlichkeiten eingeschlossen. Wir gingen durch den Garten. Manche Rosenbüsche überragten ihn. Bienen surrten und Schmetterlinge flatterten an uns vorüber. Mein Stiefvater blieb stehen und pflückte vorsichtig eine Blüte, hielt diese an die Nase und sog tief den Duft ein. »Magdalena«, hauchte er leise.
Ich entgegnete nichts, sondern beobachtete ihn. Sein Blick war traurig. Er wirkte alt und gebrechlich.
Carl wandte sich mir zu. »Du bedauerst mich, nicht wahr? Ich frage mich, was für einen Sinn das Leben hat? Manchmal möchte ich Magdalena folgen. Dann würde ich keine Lasten mehr verspüren, keine Qualen mehr …«
»Falls Kristina eine Last für Euch ist, empfinde ich das anders. Ich liebe das Mädchen, vielleicht wegen ihrer Besonderheit umso mehr.«
»Kristina kann nichts dafür.«
»Stimmt. Übrigens, habt Ihr Euch nie Gedanken darüber gemacht, weshalb das Mädchen bereits im Januar geboren wurde und nicht im März, sowie es anberaumt war?«
Irritiert schaute Carl mich an. »Was willst du damit sagen?«
»Ich bin mir sicher, dass es zwischen Alma und Thomas keine Nacht zuvor gab. Demnach ist Thomas nicht der Vater.«
»Nein? Wer dann? Stephan? Hat dir das Alma gestanden?«
»Nein, ich weiß es von Thomas. Ich glaube ihm. Außerdem wäre laut der Hebamme die Kleine sonst nicht lebensfähig gewesen.«
Carl wirkte erstaunt. Ein paar Sekunden sagte er nichts. »Dann weißt du davon länger.«
»Ja. Ich hätte es Euch früher beichten sollen, aber für mich spielt es keine Rolle, wer der Erzeuger ist.«
»Wieso sagst du mir das jetzt?«
»Da sich die Umstände geändert haben. Meine Sorge, Euer Gram könnte mit Thomas‘ vermeintlicher Vaterschaft zusammenhängen, wurde stetig größer. Deshalb wollte ich nicht länger schweigen. Bitte, verzeihen Sie mir.«
Mein Stiefvater schritt den schmalen Gehweg zwischen den Rosensträuchern hindurch. Ich folgte ihm. Er ließ sich auf der Bank nieder und blickte Richtung Wasserlauf.
»Darf ich mich zu Euch setzen?«
»Natürlich, du musst nicht fragen.«
»Bitte, seid mir nicht böse.«
»Warum sollte ich?« Er nahm meine Hand in seine. »Deine Beichte erleichtert mich. Auf der einen Seite, mehr als du vielleicht denkst. Aber auf der anderen hat mein eigenes Kind bis jetzt geschwiegen. Weiß Teresa darüber Bescheid?«
»Das kann ich nicht beantworten. Bisher suchte ich weder mit Alma noch mit Mutter das Gespräch.«
»Ich habe versagt, als Vater und Ehemann.«
»Das stimmt nicht.« Ich spürte das Zittern seiner Hand. »Ich hätte mir niemals einen anderen Vater als Euch gewünscht.«
Carl seufzte. Er zog den Arm zurück. »Ich bin zu nichts mehr nutze.«
»Vielleicht könnte Otto Euch unterstützen? Er ist Euer Freund.«
»Du denkst an meine Geschäfte.« Carl strich nachdenklich über den Schnauzer. »Ich weiß nicht, er hat selbst genügend um die Ohren, ist beim Militär an vorderster Stelle.«
»Bitte, Herr Vater, lasst Euch ein wenig helfen.«
Er blickte mich aus glanzlosen Augen an. »Du bist ein gutes Kind. Aber lass mich nun alleine.«
»Selbstverständlich.« Ich erhob mich. Auf halber Strecke wandte ich mich noch einmal um. Mein Stiefvater saß starr auf der Bank. Ich hatte gehofft, dass ihm meine Offenbarung mehr erleichtern würde. Ob er tatsächlich Thomas‘ Vater war? Ich schloss es nicht aus. Eigentlich wollte ich bei ihm und Mutter vorsichtig ausloten, wie sie mittlerweile Thomas gegenüberstehen. Aber beide konnte ich im Augenblick nicht selbstsüchtig mit meinen Wünschen behelligen. Betrübt schlich ich ins Schloss.
*
August 1903
Missmutig schritt Marie in ihrer Kammer auf und ab. Sie hatte bereits ihr Reisekleid angelegt, das aus einem dünnen Baumwollstoff in den Farben Blau und Braun bestand, und ihre Füße steckten in festen Lederschuhen. Neugierig schaute sie zum Fenster hinaus und wartete darauf, bis Thomas heute das Anwesen verlassen würde. Seit den Sommermonaten war er jeden Sonntag außer Haus, blieb sogar über Nacht weg. Dahinter steckte offensichtlich ein Weib, denn er traf erst Montag in den Mittagsstunden bei ihnen ein. Marie ahnte, dass es sich um Sara handeln könnte. Heftiger Groll stieg bei diesem Gedanken auf, und sie wollte sich selbst von ihrem Verdacht überzeugen.
Die Tochter von Wolbrand bemerkte eine Bewegung. Sie duckte sich rasch hinter dem Fenster ab. Thomas ritt im schnellen Trab vorbei. Sogleich setzte sie ihren flachen, beigen Hut auf den Kopf, und eilte aus dem Gebäude.
Marie kannte aufgrund der gegenseitig familiären Beziehungen die Gepflogenheiten der Familie Königshofer von Eichstätt. Während der Kutschfahrt hatte sie sich den Kopf zermartert, wo Thomas und Sara sich auf ein geheimes Stelldichein treffen könnten. Schließlich schoss ihr nur eine Örtlichkeit in den Sinn: Saras Hütte. Diese lag abgeschieden und bot Sicherheit vor neugierigen Blicken. Marie erinnerte sich an einen gemeinsamen Ausflug der beiden Familien. Doch ihre Mutter Helene empfand den Marsch als anstrengend, so gab es keine Wiederholung.
Marie ließ sich am Beginn des Waldweges absetzen, der zu Saras Besitz führte. Sie wies den Kutscher an, in drei Stunden sie hier wieder abzuholen. Statt den herkömmlichen Pfad zu benutzen, wanderte sie per Fuß durch das Gehölz. In der Nähe der Lichtung wurde Marie achtsamer. Sie lugte durchs Laubwerk, entdeckte zwei Rosse, und erkannte ganz klar jenes von Thomas und Saras Herkules. Vorsichtig wagte sie sich weiter nach vorn und spähte hinter dem Stamm einer alten Fichte zu dem kleinen Häuschen.
Plötzlich trat Sara mit einem Krug in der Hand heraus. Sie ließ im Holzbrunnen frisches Wasser ein, als sich von hinten Thomas anschlich und ihr einen Kuss auf den Nacken drückte. Sara lachte auf, spritzte frech das kühle Nass in Thomas‘ Richtung. Der Krug versank unbeachtet im gesammelten Wasser des Troges.
»Na, warte!«, rief er, als Sara vor ihm flüchten wollte. Rasch hatte er sie eingeholt, umfing sie mit seinen starken Armen und beide fielen ins weiche Gras. Aus der kleinen Rangelei wurden rasch leidenschaftliche Küsse, die selbst Marie die Hitze ins Gesicht trieben. Entsetzt presste sie ihre Faust in den Mund, um keinen verräterischen Schrei zu entlassen. Empört sah sie zu, wie Thomas Saras Brüste freilegte und genussvoll daran saugte.
Marie wich zurück in den Schatten. Ihre Augen wurden noch größer, als Thomas am helllichten Tage mit dem Kopf unter Saras Kleid verschwand. Ein lustvolles Stöhnen drang bis an ihre Ohren, das sich nach einer Weile in einem spitzen Schrei entlud.
Maries Herz klopfte hart. Hass quoll in ihr hoch. Ihre Hände waren geballt und die Fingernägel gruben sich hart in ihr eigenes Fleisch. Diese Liederlichkeit der Freundin hatte sie nicht erwartet. Aber es offenbarte sich ihr, mit welchen Mitteln Sara Thomas an sich band.
Noch ging das Techtelmechtel der beiden offensichtlich nicht zu Ende. Doch keinen Moment länger ertrug Marie das Treiben. Sie verschwand in den Tiefen des Waldes. Dabei fasste sie den Entschluss, diese Verbindung ein für alle Mal zu zerstören. Thomas wird mir gehören!
Heimtücke oder Hoffnung
September 1903
Erna hatte Damenbesuch für mich angekündigt. Als ich in den Weißen Salon eintrat, erblickte ich meine Freundin. »Marie, welche Freude, dich zu sehen!«, rief ich überrascht. »Unser letztes Treffen ist Ewigkeiten her.«
»Das stimmt.« Marie lächelte mir zu. »Ist das Mädchen heute nicht an deiner Seite?«
»Kristina schläft. Nimm bitte wieder Platz und entschuldige, dass du etwas warten musstest. Wie ich sehe, wurden wir schon mit Tee und Gebäck versorgt.«
»Anna war so nett, eine Kleinigkeit aufzutragen. Auf eure Bedienstete ist wirklich Verlass.«
Ich setzte mich ihr gegenüber auf den Stuhl. »Sag, was führt dich zu mir?«
»Da du seit geraumer Zeit den gängigen Kaffeekränzchen ferngeblieben bist, wollte ich einfach einen schönen Nachmittag mit dir verbringen, um etwas mit dir zu plauschen. Wie geht es deiner Ziehtochter? Bestimmt hast du kaum eine freie Minute.«
Irgendwie wirkte Marie keineswegs so wohlgesonnen, wie ihre Worte es den Anschein erwecken sollten. Sie hatte einen sonderbaren Unterton in der Stimme. Ihr Blick wirkte hart und unnahbar.
»Es stimmt, ich bin mit der Pflege von Kristina sehr ausgefüllt, dass ich darüber hinaus für andere Dinge keine Zeit finde.«
»Ach? Meines Wissens gibst du dich durchaus einigen Zerstreuungen hin.«
»Wovon sprichst du?« Ich hatte mich nicht getäuscht. Marie wirkte eifersüchtig und aufgebracht. Aber was führte sie im Schilde?
»Du unternimmst doch regelmäßig Ausflüge, zu deiner – so geliebten – Hütte.«
Sie weiß von Thomas und mir! Von unserer Rückzugsstätte! »Könntest du bitte freiheraus sagen, was du von mir willst.«
»Hast du tatsächlich keine Ahnung oder stellst du dich absichtlich dumm?« Mein Gegenüber visierte mich boshaft an. »Ich weiß von eurem heimlichen Stelldichein. Deine Liederlichkeit erschreckt mich aufs Maßloseste und ich frage mich, wie der Baron diesen Sittenverfall in seinem Hause dulden kann.«
Ich schluckte. »Dann bist du uns gefolgt?«
»Offensichtlich.«
»Und? Was willst du nun mit diesem Wissen tun? Thomas wird kaum Gefühle für dich entdecken, wenn du mich angreifst und bloßstellst.«
Marie lächelte anmaßend. »Nein, ich werde ihn trösten, denn du wirst dich künftig von ihm fernhalten.«
»Wir lieben uns!«
»Pah!«, begehrte sie auf. »Du bringst nur sein Blut mit deinen Reizen in Wallung. Womöglich fühlt er sich dir gegenüber schuldig, da das Balg sein Kind ist, für das du so selbstlos die Fürsorge übernommen hast«, sprach sie verächtlich weiter.
Verdattert schaute ich Marie an. »Woher?«, stieß ich atemlos aus.
»Manchmal gelangt ein Brief in die falschen oder in diesem Fall, in die richtigen Hände.«
»Ich habe in keinem Satz erwähnt, dass Thomas der Vater ist.«
»Denkst du, ich bin blöd? Warum hätte er sonst euer Anwesen verlassen müssen. Alma ist die Mutter. Teresa und Carl haben diese Elternschaft nur inszeniert. Solltest du dich noch einmal Thomas nähern, werde ich nicht nur dich verunglimpfen, sondern das Ansehen deiner gesamten Familie ruinieren.«
Mir fehlten Worte.
»Thomas wird mein sein!« Nun stand Marie auf. »Was soll er auch mit einer Hure!«
»Sag das nie wieder!« Ich stürzte vor und schlug ihr ins Gesicht. Maries Brille verrutschte. Bestürzt über meine Gewaltanwendung schreckte ich zurück. Marie legte kurz ihre Hand auf die malträtierte Wangenseite und blickte mich hasserfüllt an. Langsam rückte sie den Sehbehelf zurecht. Sie ließ den Arm sinken und ich erkannte die Abdrücke meiner Finger auf ihrer Wange.
»Du bist eine Hure und bleibst eine, davon zeugt dein Benehmen. Mit so einer wie dir können anständige Mädchen nicht befreundet sein, ohne sich selbst zu beschmutzen. Thomas dagegen ist ein junger Mann, jeder versteht, dass er erst seine Hörner abstoßen muss. Aber zu mehr taugst du nicht. Und jetzt werde ich gehen, um Thomas einzuweihen, was mit dir und deiner Familie geschieht, wenn er noch einmal deine Nähe sucht. In Bälde wirst du unsere Verlobungsanzeige lesen.«
»Er würde dich nie nehmen, wenn du ihm deine Boshaftigkeit offenbarst. Eher würde er nach Amerika flüchten, wenn er auch sein Kind nicht mehr sehen darf. Willst du dieses Risiko eingehen?«
Marie hielt inne. Es arbeitete sichtlich in ihr. Sie schnaufte laut und wirkte weniger überheblich.
»Ich bitte dich um ein letztes Gespräch mit Thomas. Dann trenne ich mich von ihm. Du weißt, dass ich mein Glück nicht egoistisch verfolgen kann, wenn du im Gegenzug meine Familie diskreditierst.«
Maries Augen verengten sich. »Ich traue dir nicht.«
»Du hast mich in der Hand. Marie, ich flehe dich an. Ein paar letzte Worte und ich gebe ihn frei.« Mein Herz raste.
Sie trat auf mich zu und schaute mir geradewegs an. »Wann ist euer nächstes Treffen?«
»Am Sonntag nach dem Kirchgang, an der Nordseite unseres Anwesens.«
»Ach, dieses Mal nicht das lauschige Plätzchen in völliger Abgeschiedenheit?«, spottete sie.
»Nein. Thomas und dein Herr Vater gehen noch am selben Tag auf die Jagd.«
»Nun gut. Ich gewähre ein letztes Treffen, aber ich versichere dir, dass ich in der Nähe bin und alles verfolgen werde. Solltest du mich zum Narren halten, zögere ich keinen Augenblick und werde euch in aller Öffentlichkeit entehren.«
Ich nickte. Ohne ein Wort des Abschieds stolzierte Marie aus dem Salon. Zitternd sank ich auf den Stuhl. Ich konnte die Tränen nicht länger zurückdrängen. Nun war alles vorbei … Niemals hätte ich erwartet, dass Marie derart bösartig sein könnte. Sie war stets ruhig und höflich. Aber sie sah Thomas als ihren Besitz an, und scheute weder davor zurück, mein Leben zu zerstören, sondern schlimmer noch, sie wollte meine gesamte Familie in den Abgrund reißen. Fassungslos schluchzte ich in meine Hände.
Kristina befand sich in der Obhut von Erna, denn das heutige Treffen mit Thomas würde mich meine gesamte Kraft kosten. Ich stand wartend hinter dem Gebüsch und konnte kaum meine Nervosität unterdrücken.
»Heute ganz allein?«, sprach Thomas, als er zu mir trat. Er wollte mir einen Kuss geben, aber ich hielt ihn auf Abstand. Marie war in der Nähe, sah alles und lauschte jedem Wort.
»Wir müssen reden und ich habe nur wenig Zeit«, sagte ich mit fester Stimme.
Irritiert schaute mein Freund mich an.
»Was ist los? Geht es Kristina nicht gut? Muss sie zu einem Arzt?«
»Nein.« Ich schüttelte vehement meinen Kopf. »Wir können uns künftig nicht mehr treffen. Der Versuch, uns über Wochen nah zu bleiben, ist gescheitert, da ich nicht dieselben Gefühle für dich hege wie du für mich.«
»Bist du von Sinnen?« Thomas ergriff meinen Arm. »Das glaube ich dir nicht!«
»Lass es niemanden sehen«, flüsterte ich hastig und steckte ihm ein gefaltetes Stück Papier in die Jackentasche, ehe ich ihn heftig von mir stieß. »Halte Abstand!« Im Schatten der angrenzenden Bäume bemerkte ich eine flüchtige Bewegung.
Thomas wirkte noch verwirrter. »Aber …«
Es wurde mir schwer ums Herz. »Meine Meinung ist unumkehrbar!« Mit diesen Worten ließ ich ihn stehen und lief Richtung Anwesen. Er sollte nicht meinen Schmerz und noch weniger meine Tränen sehen.
Keine Sekunde glaubte Thomas, dass Saras Gefühle sich gewandelt hatten, und die Erklärung für ihr Verhalten lag verborgen in seiner Jacke. Was ist geschehen? Er mahnte sich selbst zur Vorsicht, obzwar die Versuchung, den Zettel aus seiner Tasche zu holen, sehr groß war, und das Rattern in seinem Kopf einem Mühlrad glich.
Sara entschwand aus dem Sichtfeld. Er löste sich aus seiner Versteinerung. Plötzlich hatte er es eilig. Rasch ritt er mit dem Ross nach Ingolstadt zurück. Erst als er sich in seiner Stube befand, zog er das gefaltete Papier hervor.
Mein lieber Thomas!
Marie ist nicht nur unserer Liebe auf die Schliche gekommen, sondern weiß über die wahre Mutterschaft Bescheid. Sie hält dich für Kristinas Vater und ich ließ sie in diesem Glauben.
Es fällt mir schwer, das zu schreiben, denn offensichtlich ist Marie derart in Dich vernarrt, dass sie sich nicht einmal davor scheut, das Ansehen meiner Familie in den Schmutz zu ziehen, was ich nur zu unterbinden vermag, indem ich mich von Dir fernhalte.
Bitte, zürne mir nicht. Aber ich kann auf keinen Fall meine Familie der Schande aussetzen. Deshalb gebe ich Dich frei. Wir haben es versucht und hatten eine wunderschöne Zeit. Keine Sekunde werde ich bereuen oder vergessen. Lass sie uns als ein Geschenk bewahren.
Anscheinend sind unsere Leben nicht füreinander bestimmt.
Verzeih mir! Deine Sara
Wie konnte Marie es wagen, sich zwischen Sara und ihn zu drängen? Wütend ballte er seine Fäuste. Er stapfte im Zimmer auf und ab. So ein abgekartetes Spiel hätte er ihr niemals zugetraut. Natürlich waren ihm ihre romantischen Gefühlsanwandlungen nicht verborgen geblieben, aber er hatte seines Erachtens der Tochter von Wolbrand niemals Hoffnungen gemacht. Zudem bestürzte es ihn, dass eine jahrelange Freundschaft zweier junger Frauen auf diese Weise ein Ende fand.
Im ersten Impuls war er versucht, Marie zur Rede zu stellen. Rasch verwarf er diesen Gedanken wieder, denn er würde sich ebenfalls hüten, etwas zu tun, das der Familie Königshofer von Eichstätt Schaden könnte. Er musste die Sache geschickter anlegen, auch wenn das bedeutete, sich tatsächlich für geraume Zeit von Sara fernzuhalten. Aber er würde kämpfen: für Sara und ihre Liebe.
*
November 1903
Thomas hatte sich in Eichstätt eingefunden, um auch heuer zu Allerheiligen bei der Gräbersegnung teilzunehmen. Trotz der Trennung von Sara besuchte er einmal im Monat die Messe und im Anschluss die Ruhestätte seiner Mutter. Dabei folgte ihm im Schatten eine Person: Marie.
Obwohl die Tochter von Wolbrand im Hintergrund blieb, oder beide in der Kirche aufgrund der getrennten Sitzplätze von Mann und Frau eine Distanz fanden, nahm Thomas sie wahr. Keineswegs durfte er sie unterschätzen, deshalb hatte er es bisher nicht einmal gewagt, eine Nachricht an seine Sara zu schicken, in der Sorge, Marie könnte selbst hier den Boten abfangen.
Ringsum hatten sich zahlreiche Leute versammelt, einige tratschten mit gedämpfter Stimme. Betrübt dachte Thomas an Sara und Kristina, die er sehr vermisste. Besonders die Sonntage glichen einem Trauertag.
Sehnsucht flutete in ihm hoch. Er liebte es, wie Sara das Haar aus dem Gesicht strich, ihre Finger nachdenklich an die Lippen legte und dabei in ein Buch vertieft war, oder wenn sie mit Kristina beim Tanz herumwirbelte. Er mochte ihre zerzauste Frisur nachts, falls die Kleine aus dem Schlaf hochschreckte und sie sich mit Hingabe um das Mädchen kümmerte. Er würde nie satt werden, sie zu beobachten.
All diese Dinge wirkten wie aus einem fernen Leben. Gedrückt schüttelte Thomas seinen Kopf. Er wollte mit Sara glücklich sein! War das zu viel verlangt? Sogar die Nacht mit ihrer Schwester hatte sie verziehen, was er kaum zu hoffen gewagt hatte. Aus ihm, dem einstigen Pferdeknecht, war derweil ein vermögender Mann geworden. Weder die Kleidung unterschied ihn von der Oberschicht noch seine Manieren, auf die in seiner Schulausbildung ein besonderes Augenmerk gelegt worden war. Dennoch würde er ein Bastard bleiben.
Er seufzte. Was half ihm das gesamte Geld, wenn er seine Gefühle verleugnen musste? Es schmerzte tief bis in jede Pore seines Leibes. Er lechzte nach Saras Nähe, wünschte sich eine Familie mit ihr und ertappte sich dabei, als er sich vorstellte, wie die gemeinsamen Kinder aussehen würden. Er hoffte, sie hätten ihre grüne Augen, aber vor allem das Herz aus Gold.
Thomas starrte auf das Grab von Magdalena. »Ich ertrage das nicht länger«, vertraute er flüsternd der Umgebung an. Er blinzelte und hob den Kopf.
Jonas? Sein Herz beschleunigte den Takt, als er den Kammerdiener der Familie Königshofer von Eichstätt eine Reihe vor ihm entdeckte. Er witterte endlich eine Möglichkeit der Kontaktaufnahme. Halbherzig verfolgte Thomas die Worte des Pfarrers. Auch als der Priester die Gräber mit Weihwasser segnete, ließ er Jonas nicht aus den Augen. Nach dem letzten Kreuzzeichen ordnete er sich zwischen den anderen Menschen neben dem Kammerdiener ein. Die beiden Männer grüßten sich.
»Würdest du bitte Sara eine Nachricht übermitteln«, fragte Thomas rasch, während sie sich dem Friedhofsausgang näherten.
»Natürlich«, versicherte Jonas.
»Sagt ihr: Wir werden einen Weg finden, auch wenn es etwas dauern mag.«
Jonas nickte zur Bestätigung, dass er ihn verstanden hatte. Thomas murmelte ein: »Dankeschön.« Er ließ sich zwischen den Leuten zurückfallen und hoffte inständig, dass Marie dieses kurze Aufeinandertreffen nicht bemerkt hatte.
*
Die grimmige Novemberkälte legte sich über das Land und tauchte die Umgebung in Düsternis. Es war, als würde die Kühle durch die Glieder bis direkt in mein Herz kriechen. Seit Wochen hatte ich weder etwas von Thomas gehört noch wusste ich, wie es um ihn stand. Womöglich zürnte er mir, oder fand er längst Trost in Maries Armen?
Ich musste mich zwingen, fröhliche Lieder auf der Harfe anzuschlagen. Wenigstens das Lächeln meiner Ziehtochter schaffte es, etwas Wärme in mein Inneres zu bringen.
Mein Mädchen und ich befanden uns im Musizierzimmer, unserem Lieblingsort, wenn das Wetter draußen derart ungemütlich war. Hier fühlte ich mich Thomas besonders nah, denn in diesem Raum wurden wir über Jahre gemeinsam unterrichtet.
»Ma..ma!«, erklang es neben mir und riss mich aus meinen Gedanken.
Erstaunt sah ich Kristina an.
»Ma..ma!«, wiederholte mein blondes Mädchen.
»Nein!« Ich schüttelte meinen Kopf. »Sa..ra«, sprach ich langsam vor.
»Nn. Ma..ma!« Sie wurde vehementer.
»Nein«, meinte ich sanft. Ich rang mit mir. Am liebsten hätte ich Kristina gesagt, dass Alma die wahre Mutter ist. Aber meine Schwester zeigte kein Interesse an ihrem Mädchen. Wie konnte sie nur so hart sein und Kristinas Existenz ausblenden, als hätte sie nie ein Kind geboren?
Kristina stampfte auf. »Nn! Du!« Sie wies mit ihrem Zeigefinger auf mich. Tränen des Trotzes traten in ihre braunen Augen.
»Komm her.« Ich schloss die Kleine in meine Arme und vergrub die Nase in ihrem Haar, amtete den Geruch von Lavendel ein. »Ich wäre gerne deine Mutter, vom Herzen bist du mein Kind, meine Tochter!«
»Jaaaa! Duuuuu Ma..ma!« Nun lachte mein fast zweijähriges Kind und strahlte über das gesamte Gesicht.
Ich widersprach nimmer mehr. Mein Mädchen, ich nannte sie oft so. Es erfüllte mich mit Stolz, dass sie mich als ihre Mutter sah. Ich sprach Kristina beharrlich neue Wörter vor, übte mit ihr das Gehen und Laufen, das ihre gesamte Willenskraft erforderte und meine dazu.
Vor einigen Wochen las ich einen Zeitungsartikel über die italienische Ärztin Maria Montessori, deren Ideen mich beeindruckten. Sie entwickelte Spielzeuge für behinderte Kinder, um damit deren Sinne anzusprechen und den Verstand anzuregen. Die Medizinerin fertigte einen Baukasten mit zylindrischen Einsatzstücken verschiedener Länge und Breite an, die jeweils nur an einen Platz im Baukasten passten. Wie gerne hätte ich Thomas gebeten, mir etwas Ähnliches herzustellen. Aber er befand sich in Ingolstadt. Ich wagte es nicht, Kontakt mit ihm aufzunehmen, denn Maries Drohung war unmissverständlich. Deshalb behalf ich mich mit Geräuschdosen, die ich mit Sand, Reis und Steinen befüllte. Wenn ich an meiner Harfe saß und ein Lied erklingen ließ, rasselte Kristina mit diesen Dosen und begleitete mich. Ich spürte, wie fasziniert mein Mädchen von der unterschiedlichen Intensität der Geräusche war und was für Freude sie daran fand. Gerne griff Kristina auch in die Saiten meines Instruments und war verblüfft, welche Töne sie dabei erzeugte. Wo war in dieser Zeit ihre leibliche Mutter?, dachte ich freudlos. Unterwegs mit einem ihrer Freier, die ständig wechselten.
Es klopfte an der Tür. »Ja, bitte?«
»Entschuldigt, Baronesse Sara, falls ich störe.« Jonas tauchte unter dem Türrahmen auf. »Darf ich herantreten? Ich habe eine kurze Mitteilung für Euch.«
»Gewiss.«
Der Kammerdiener näherte sich mir. »Ich traf Thomas am Friedhof.« Er senkte seine Stimme, als hätte er Angst, irgendwo hinter den Mauern würde ein heimlicher Lauscher sitzen.
»Thomas?«, hauchte ich verwundert.
»Er bat mich, Folgendes Euch zu übermitteln: Wir werden einen Weg finden, auch wenn es etwas dauern mag.«
Ich brauchte einen Moment, bis ich eine Entgegnung fand. In mir überschlugen sich die unterschiedlichsten Gefühle. Ich wollte jubeln, denn Thomas hatte unsere Liebe nicht aufgegeben, doch im selben Augenblick überrollte mich eine Woge voller Sorge, dass das Umfeld all unsere Bemühungen zunichtemachen würde.
»Sonst noch etwas?«, hakte ich mit zittriger Stimme nach.
»Nein.« Jonas schüttelte sein Haupt. »Aber wenn ich mir die Feststellung erlauben darf: Er mag Euch sehr.«
Nun traten mir Tränen in die Augen. »Das beruht auf Gegenseitigkeit«, flüsterte ich. »Ich bitte dich Jonas, sprecht mit niemand anderem darüber.«
»Keine Sorge, Baronesse. Sollte ich sonst etwas für Euch tun können, werde ich pflichtgetreu zu Euren Diensten sein.«
»Ich weiß.« Mir entfloh ein kleines Lächeln. »Auf dich und deine Frau ist stets Verlass, dafür schätze ich euch sehr. In all den letzten Monaten habt ihr mir mehr Beistand gegeben als die eigene Familie.«
»Das ist unsere Pflicht.«
»Wir wissen beide, dass das, was ihr tut, über diese Pflicht weit hinausgeht. Aber nun möchte ich dich nicht länger von deinen Aufgaben abhalten. Ich danke dir, Jonas, für die Übermittlung dieser Botschaft.«
»Der Dank liegt ganz bei mir.« Er nickte mir zu und verließ das Zimmer.
»To…To…To…mmm«, brabbelte Kristina ganz aufgeregt neben mir.
»Du vermisst ihn auch.«
»To…To…To…mmm…s.«
»Wir können ihn noch nicht sehen.« Ich hob mein Mädchen auf den Schoss. »Aber er liebt dich ebenso wie ich.« Kristinas Augen zeigten einen feuchten Schimmer. Ehe Tränen daraus hervorzubrechen vermochten, nahm ich ihre Hand und ließ diese über die Saiten der Harfe gleiten. Töne erfüllten den Raum und lenkten das Kind rasch ab.
*
Dezember 1903
»Diese verdammten Gesellschaftsabende«, grollte Marie. Sie schlug wütend mit der Hand gegen die Wand. Noch immer war sie keinen Schritt weiter. Ob Thomas ihr absichtlich auswich, und deshalb seine freien Abende im Gasthaus verbrachte? Sie hätte schwerere Geschütze auffahren sollen, dann würde sie längst seine Frau sein. Oder er wäre tatsächlich nach Amerika geflohen …
Sie rümpfte die Nase. »Mist!«
Obwohl es ihr nicht gefiel, musste sie wohl oder übel geduldig sein. Zumindest konnte sie bisher keinen neuerlichen Annäherungsversuch zwischen ihm und Sara entdecken. Natürlich wagte Thomas nicht, Kristina zu besuchen, denn was sollte er auf dem Anwesen der Familie Königshofer von Eichstätt, wenn die anderen in Teresa und Carl die Eltern sahen.
Es verwunderte sie nicht, dass der Baron bei dem Sittenverfall in seinem Hause derart schwermütig geworden war. Seine Geschäfte lagen offiziell in der Hand ihres Vaters, doch sie wusste, dass Thomas den Großteil erledigte. Sollte Carl vom Techtelmechtel zwischen Thomas und Sara erfahren, würde ihm das wohl den Rest geben. Nicht mein Problem! Sie hatte sich nichts zuschulden kommen lassen. Marie wurde schlecht, als sie an das Treiben bei Saras Hütte dachte. Sie verzog angewidert den Mund. »Diese Hure hat ihn verzaubert!«
Es konnte nicht länger so weitergehen. Sicherlich wäre ihr Vater einer näheren Verbindung nicht abgeneigt. Er lobte Thomas, seinen Verstand und die Umsicht, mit der er agierte. Spätestens im Neuen Jahr würde sie ihre gesamte Weiblichkeit einsetzen. »Dann gehört Thomas mir!«
Wagnisse
Thomas stapfte durch den tiefen Schnee zum Silvester-Tanz, der in der Gastwirtschaft Stangl stattfand. Er hatte sich mit einigen Burschen aus der näheren Umgebung angefreundet. Während seine Kameraden gerne mit jungen Frauen anbändelten, hielt er sich im Abseits. Ihm war bloß wichtig, zumindest einmal in der Woche Marie entfliehen zu können. Stetig passte sie ihn ab, wollte wissen, was er tat, wo er war, mit wem er sprach. Sie führte sich auf wie ein eifersüchtiges Eheweib.
Thomas erinnerte sich daran, dass er anfangs gerne ihren Worten gelauscht hatte, als sie manche Lyrik rezitierte. Im Augenblick tat er sich hingegen schwer, die Kontrolle zu behalten und nichts von seinem Wissen über ihre Heimtücke preiszugeben. Noch hatte er keinen greifbaren Plan. Die Sehnsucht nach Sara und Kristina wurde immer unerträglicher. So argwöhnisch wie Marie sich verhielt, traute er ihr durchaus zu, dass sie die Familie Königshofer von Eichstätt in Verruf bringen würde. Das konnte er genauso wenig zulassen. Hoffentlich würde der kommende Jahreswechsel eine Besserung bringen.
Thomas ergriff mit seinen klammen Fingern die Türklinke und trat in die Gaststube ein. Wärme schlug ihm entgegen und fröhliche Musik erklang. Sogleich sah er ein paar bekannte Gesichter. Er bestellte sich an der Theke einen Punsch. Als Thomas diesen in den Händen hielt, zog er sich in eine Ecke der Wirtschaft zurück. Er hatte im Augenblick weder Energie noch Freude, um sich der geselligen Stimmung anzuschließen. Aber wenigstens war er hier vor der Tochter von Wolbrand sicher.
Schweigend saß er da, wärmte die kalten Hände an dem Heißgetränk, und der Duft von Zitronen, vermischt mit Schwarztee und dem erhitzten Arrak drang in seine Nase.
»Heute ist eine Nacht zum Feiern«, wurde Thomas angesprochen, »die Lasten werden zurückgelassen, und das Neue Jahr soll das ersehnte Glück bringen.«
Er schaute auf und erkannte den Freiherrn von Wolbrand, der auf einem Stuhl ihm gegenüber Platz nahm.
»Deshalb solltest du die Trübseligkeit, die du seit Wochen mit dir trägst, endlich ablegen.«
»Ist das derart offensichtlich? Entschuldigt, falls ich mit meiner Laune Eurer einen Dämpfer versetze.« Thomas schaffte es nicht, seinen Kummer zu verhehlen.
»Keine Sorge. Nur entsinne ich mich, dass du einst davon sprachst, dass du über deine Probleme nicht reden magst.«
»Ich fürchte, es ist noch komplizierter geworden. Aber bitte, ich möchte Euch keinesfalls mit meinen Schwierigkeiten behelligen. Außerdem habt Ihr am heutigen Abend sicher Besseres zu tun, als sich mit mir zu beschäftigen.«
»Thomas«, erwiderte der Freiherr tadelnd, »ich bin derjenige, der sich zu dir gesetzt und dich angesprochen hat. Deshalb wäre ich sehr verärgert, solltest du dich mit Absicht zurücknehmen. Erinnere dich an deinen Stolz, nur so kannst du etwas erreichen. Unter uns, manchmal sind all die Feierlichkeiten sehr ermüdend, ich bin ebenso froh, wenn ich hin und wieder den Verpflichtungen entfliehen kann.«
»Aber was wäre, wenn ich etwas offenbare, das selbst Euch nahegehen würde? Ich möchte niemanden denunzieren oder verleumden.«
»Nun hast du erst recht meine Neugierde geweckt. Komm, lass uns durch die Straßen gehen. Vielleicht schaffen es die großen, weißen Schneeflocken, dein Gemüt ein wenig zu besänftigen.«
Thomas sah seinen Dienstherrn an. Schließlich nickte er einwilligend, ließ den nur halbgeleerten Punsch in der Wirtschaft stehen, während sie in die Kälte der Nacht hinausschritten.
Januar 1904
Um Mitternacht ertönte ringsum Musik, und die Leute jubelten einander zu. Thomas und der Freiherr wünschten sich gegenseitig ein gutes Neues Jahr. Als der meiste Trubel sich gelegt hatte, führten die beiden ihr Gespräch fort. Thomas offenbarte Otto, dass Kristina Almas Kind war, er als Vater galt, Teresa und Carl deshalb nach außen hin die Elternschaft übernommen hatten, um ihre Tochter vor der Schande zu bewahren. Ferner beichtete er ihm die heimlichen Treffen mit Sara. Nun eröffnete er dem Freiherrn, dass Marie ihnen auf die Schliche gekommen war.
Die vorherigen Neuigkeiten hatte Otto gefasst aufgenommen, als Thomas allerdings über Marie sprach, verhärtete sich dessen Gesicht.
»Was willst du damit zum Ausdruck bringen?«, fragte der Freiherr scharf.
Thomas wusste, dass er alles aufs Spiel setzte. Zwar hatte er bisher die vollkommene Unterstützung von Otto, auch sein Wohlwollen, aber Maries Ränke aufzudecken, war überaus gewagt. »Niemals würde ich Eure Tochter grundlos beschuldigen wollen. Doch ich bin verzweifelt. Ich liebe Sara und möchte nur mit ihr mein Leben verbringen. Längst hätten wir unsere Beziehung vor Gott und der Welt besiegelt, wenn dem nicht so vieles im Weg stehen würde.«
»Was hat Marie getan?«
»Was genau, kann ich nicht beantworten. Sie hat Sara wohl einen Besuch abgestattet, weshalb es zu unserer Trennung gekommen ist.«
»Allein wegen des ungeheuerlichen Verdachts gegen meine Tochter könnte ich dich vom Hof jagen!«
»Tut es, aber ich werde deshalb meine Worte nicht zurücknehmen. Wenn es um mein Kind ginge, würde ich einem Mann wie mir wohl ebenfalls keinen Glauben schenken und nicht anders reagieren. Ich habe eine Bitte, ohne damit Eure Menschenkenntnis anzweifeln zu wollen: Macht Euch selbst ein Bild. Sollte es zudem Euer Wunsch sein, packe ich noch heute meine Taschen, denn kein Geld oder Ansehen mag mich darüber hinwegtrösten, dass ich mich gewaltsam von Sara fernhalten muss.«
»Du würdest wieder ein einfacher Knecht sein.«
»Das wäre mir einerlei.«
»Sieh mich an!«, forderte Otto den jungen Mann harsch auf. Die beiden Männer blickten einander an. In Thomas‘ Ohren rauschte hörbar das Blut.
»Du kannst einstweilen bleiben«, sprach schließlich der Freiherr und sah als Erster weg.
Erleichtert atmete Thomas aus.
»Ich werde mich von deinen Worten überzeugen. Ich habe im Krieg gelernt, dass selbst in den eigenen Reihen manchmal Aufrührer sitzen, die verblendet sind. Sollte es so sein, dann werde ich das keineswegs dulden.«
»Ich danke für Euer Vertrauen.«
»Deine bisherige Loyalität, dein Habitus und offener Blick haben mich zu diesem Entschluss gebracht. Trotz allem unternimmst du in dieser Angelegenheit nichts, so lange, bis du eine andere Anweisung von mir erhältst.«
»Das verspreche ich Euch.«
»Außerdem werde ich dich vorerst eine Weile im Auge behalten, ehe ich über die nächsten Schritte entscheide. Sollte sich nur der kleinste Verdacht bestätigen, dass in deinen Worten Unwahrheit steckt, wirst du künftig kein freier Mann mehr sein, und die Liebe zu deiner Sara wird tatsächlich aussichtslos bleiben!«
Der Freiherr wendete sich ab und ließ Thomas im Schein der nächtlichen Laterne zurück.
*
März 1904
Stephan Krüger befand sich in Michigan, im fernen Amerika. Die Zeit der Expedition war für ihn vorbei. Stattdessen hatte er eine Anstellung in einem Sägewerk, Sage McGraw & Company, in Bay City gefunden.
Auch wenn diese Arbeit körperlich anstrengend und mitunter gefahrenvoll war, liebte er vor allem den harzigen Geruch des frischen Holzes. Die enormen Ausmaße mancher Bäume flößten ihm Respekt ein, zumal er solche von Europa nicht kannte. Die Anlieferung der Stämme erfolgte hauptsächlich schwebend über den Saginaw River. Ehe sie weiterverarbeitet werden konnten, mussten sie auf die Förderbänder gehievt werden. Umliegend erstreckte sich ein riesiges Lager mit aufgetürmten Baumstämmen oder fertigem Schnittholz. Es war faszinierend, hautnah mitzuerleben, wie aus einem ganzen Stamm Bretter, Balken, Dielen und Latten gesägt wurden. Daraus sollten Tische oder Bänke gemacht werden, doch der überwiegende Teil kam beim Schiffsbau zum Einsatz.
Stephan sprang behände über die Stämme, die ein Wasserbad nahmen, um auf die andere Seite zu gelangen, wo sich fester Boden befand.
Er erinnerte sich an die Nordpol-Expedition zurück, die Mister Baldwin abgebrochen hatte, da der ersehnte, benötigte Kohle-Nachschub ausblieb. William Ziegler war über diese Entscheidung Baldwins nicht erfreut gewesen und die beiden beendeten ihre Zusammenarbeit. Auch Stephan verspürte keine Ambitionen, unter der neuen Führung des Expeditionsfotografen Anthony Fiala sich wieder in die eisigen Gefilde zu begeben, nur mit der Ungewissheit vor Augen und der vagen Hoffnung, neue Gebiete zu erforschen.
So blieb er in Übersee. Stephan hatte großes Glück, in Ziegler einen Gönner gefunden zu haben. Er wusste von den abertausenden Menschen, die obdachlos in einem Armenviertel hausten. Etliche ansässige Bewohner echauffierten sich über den nicht abreißenden Fremdenstrom, taten lautstark ihren Protest kund und konnten die Entrüstung keineswegs verbergen. Sie rechneten nicht damit, dass diese primitiven, kulturell rückständigen und mittellosen Leute, das sittliche und geistige Niveau des Landes zu heben vermochten. Ferner sahen sie die Sorge, dass es den andersgearteten Zuwanderern mit ihren fest verwurzelten Bräuchen umso schwerer fallen würde, sich zu assimilieren.
Deshalb war es kaum verwunderlich, dass viele Auswanderer an eine Rückkehr in die alte Heimat dachten, sobald sie genügend Geld erwirtschaftet hatten.
»Ach, Alma«, seufzte Stephan. In letzter Zeit verstärkte sich sein Wunsch, ebenso wieder heimzukehren. All die unbeantworteten Fragen, wie es seiner Halbschwester ergehen mochte, marterten ihn.
Damals war für Stephan eine Flucht die einzige Option gewesen. Er brach mit seiner Vergangenheit, nahm eine neue Identität an und wollte mit seinem Adoptiv-Vaterland verschmelzen. In der Arbeit erlangte er den gegenseitigen Respekt der Kameraden, die aus den unterschiedlichsten Kontinenten und voller Erwartungen sich an die fremde Küste gewagt hatten. Er erhielt den wohlverdienten Lohn, dennoch wurde seine Kraft Tag für Tag auf eine harte Probe gestellt. All die Gefahren und Schwierigkeiten, die unabwendbar durch das unterschiedliche soziale und sittliche Gepräge entstanden, wirkten nichtig im Vergleich zu seiner inneren Qual. Stephan schüttelte den Kopf, um seine Gedanken zu verscheuchen. Es wartete Arbeit auf ihn.
»Kelian. Danger!«
Irritiert schaute er auf. Was war das für ein Grummeln?
»Get off!«
Er nahm die Ohrschützer ab. Dieses Donnern? Er wirbelte herum. Baumstämme rollten auf ihn zu. Weg!
Unter seinen Füßen bebte die Erde. Er warf sich zur Seite, wurde trotzdem erfasst, und ehe der Schmerz sich in seinem Kopf einnisten konnte, legte sich eine tiefe Schwärze um ihn.
*
April 1904
Überall grünte und blühte es. Es tummelten sich zahlreiche Frühlingsboten: Narzissen, Krokusse und Primeln. Stolz standen sie in der Sonne und die Bäume präsentierten voller Anmut ihre saftigen Blätter. Die ersten Knospen waren aufgeblüht und erfreuten uns mit deren Pracht. Die Vögel zwitscherten ihre fröhlichen Melodien und wirkten glücklich darüber, dass der Winter sein Ende genommen hatte.
»Kmm!« Kristina verschluckte manche Vokale. Ich verstand sie auch so. Entschlossen hatte das Mädchen nach meiner Hand gegriffen und zog mich mit. Ich wusste schon, wohin sie wollte: zu unserem Lieblingsplatz, der an der Nordseite lag.
Kristina hatte beim Gehen immer weniger Probleme und brauchte kaum mehr Hilfe. Wir spazierten zum überdachten Zierbrunnen, der in den heißen Monaten als Bewässerung für unseren Garten diente. Der Kreisring war gemauert, darüber befand sich ein Aufbau aus gezimmerten Holzbalken und einer eisernen Welle. Das Runddach war mit Dachziegeln gedeckt und wurde von einer goldfarbenen Metallkugel gekrönt. Ich ließ einen Eimer am Seil hinab. Ein platschendes Geräusch erklang. Ich zog ihn hoch und kühlte mein Gesicht mit dem herrlich frischen Nass.
Kristina näherte sich mit zaghaften Schritten dem großen Kirschbaum. In dessen Schatten lag auf der Wiese eine ausgebreitete Lodendecke, darauf fand eine Ansammlung von Baumzapfen, Steinen, Zweigen, Blättern und Blumen ihren Platz. Hier lebte Kristina ihre Fantasien aus, baute Häuser und Ställe, und erkannte die unterschiedlichsten Tiere in diesen Sammelstücken. Meist spielte sie ganz alleine, aber sie brauchte meine Anwesenheit und Nähe, war voller Stolz, wenn sie mir ein neues Meisterwerk präsentierte.
»Hewu…«
»Das ist Herkules?« Ich war ihr gefolgt. Kristina drückte mir einen großen Zapfen in die Hände. Ich lächelte ihr zu. »Schau, sogar seine Blesse ist vorhanden.« Ich wies auf die hellere Einfärbung des Baumzapfens auf einer Seite.
Mein Mädchen nickte freudig. Ihre Augen erstrahlten mit einem besonderen Glanz, den ich so gerne einfangen und in meiner Erinnerung einschließen wollte. Doch der intensive Braunton zeigte mir tagtäglich, dass ich keinen Moment an Thomas‘ Vaterschaft glaubte. Und ich fragte mich, warum die anderen das nicht sahen?
Seit Thomas‘ Nachricht waren fünf Monate vergangen. Ob sein Versuch, für unsere Liebe einen Weg zu finden, gescheitert war? Ich hatte nichts mehr von ihm gehört, sorgte mich und sehnte mich nach seiner Nähe. Mein kleiner Lichtblick war, dass ich im Juni mit meiner Mündigkeit endlich der Abhängigkeit meiner Eltern entfliehen könnte. Aber wie sollte es dann weitergehen, ohne ihn? Unser Plan war ein gemeinsames Leben, doch Marie hatte uns in der Hand, daran würde auch meine Volljährigkeit nichts ändern.
»Welch herrlicher Frühlingstag«, erklang es Kristina und mir entgegen. Otto von Wolbrand trat heran. »Grüß dich, Sara.«
»Gott zum Gruße.«
»So ist es recht, die Sonnenstunden ausnutzen und genießen.«
»Kristina verbringt gerne ihre Zeit an der frischen Luft.«
»Ein gescheites Kind«, bemerkte Otto und ließ in seiner Stimme keine Zweideutigkeit erkennen.
»Falls Ihr meinen Herrn Vater sucht, der dürfte im Bureau sein.«
»Zu Carl gehe ich etwas später. Vorerst wollte ich tatsächlich zu dir.«
»Zu mir?« Ich war verwirrt.
»Nun.« Otto atmete tief durch. »Wie du weißt, bin ich ein Mensch, der keine vorgefertigten Meinungen vertritt, sondern sich selbst ein Urteil bildet. Ich erhoffe mir deshalb absolute Ehrlichkeit von dir.«
»Natürlich.« Was wollte der Freiherr mit mir bereden? Gab es Probleme mit Vaters Geschäften? Aber deswegen würde er wohl kaum zu mir kommen. »Nichts liegt mir ferner, als irgendwelche Unwahrheiten in die Welt zu setzen.«
»Fein. Dann erzähl mir von dir und Thomas.«
Mir schoss bei seiner Aufforderung die Hitze ins Gesicht. Unsicher blickte ich zur Seite auf Kristina, die unverkennbar vertieft spielte.
»Ich weiß, dass dieses Thema unangenehm für dich ist. Immerhin habt ihr ein heimliches Verhältnis unterhalten.«
»Wenn Ihr von unserer Liebe wisst, verstehe ich nicht ganz, was ich Euch noch offenbaren könnte.«
»Nun gut. Du willst deine Eltern schützen oder besser gesagt, deine Schwester Alma. Dennoch möchte ich die gesamten Umstände von dir persönlich erfahren.«
Er weiß davon! Jedwedes Leugnen oder Schweigen war fehl am Platze. Hatte Marie geplaudert? Was plante er? Würde er meinem Stiefvater die Freundschaft kündigen oder uns öffentlich denunzieren?
Otto wirkte ernst, aber keineswegs ablehnend. Er schaute mich erwartungsvoll an.
»Ja, es stimmt. Kristina ist Almas Kind. Und ich liebe Thomas. Also bitte, sagt mir doch, was ihr von mir wollt.«
»Ich wusste von Thomas‘ Vorliebe für dich und habe ihn sogar darin bestärkt.«
»Oh!«, hauchte ich. Damit hatte ich nicht gerechnet.
»Weshalb suchtet ihr beide kein klärendes Gespräch mit Carl und Teresa?«
»Mein Stiefvater hat Thomas vom Hof verwiesen und Mutter schämt sich für das Kind. Sie wollte es ihrer Kusine überlassen, um das Baby in ein Gebärhaus zu bringen.«
Kristina türmte neben uns Baumzapfen zu einem Hügel auf.
»Meine Kleine wäre längst tot.«
Bestürzt betrachtete mich der Freiherr.
»Niemals würde ich Kristina zurücklassen. Ich liebe sie wie mein eigenes Kind, egal, mit welchem Makel sie behaftet ist. Sie soll nie das Gefühl haben, unerwünscht zu sein. Deshalb wollten Thomas und ich bis zu meiner Mündigkeit warten, um nicht mehr vom Wohlwollen des Barons oder meiner Mutter abhängig zu sein. Wir dachten daran, das Mädchen zu adoptieren.«
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