Kitabı oku: «Sissi - Numquam retro ... Niemals zurück?»
In den Sanddünen – Anfang Mai
Eine Süße
Ein alter Freund
In der Hölle
Neuer Auftrag
Ausgeliefert
Es geht los – Mitte Mai
Befreiung mit Hindernissen
Am Limit
Entsetzen
Alles geheim
Sissis Mutter
Wüste im Irgendwo
Freunde
Kämpfe
Ablenkung
Heimkehr
Warten auf Verstärkung – Ende Mai
Wieso? – Juni
Gewissensbisse
Lebenszeichen
Verzweifelt
Im Krankenhaus
Abtauchen
(Alb)Träume
Aufbruchsstimmung
Psychologin
Zweifel
Begräbnis
Eine Patientin – Mitte Juni
Durcheinanderwirbelnde Gedanken
Ruhelos
Sorge
Kurt – Vater
Ein neuer Tag
Fragen über Fragen
Ein Hin und Her – Ende Juni
Hoher Besuch
Nachtdienst
Neue Freundinnen – Juli
Telefonat
Grillerei – Mitte Juli
Nächtliche Aktionen
Emotionen
Besuch
Kranker Körper, kranke Seele
Tirol
Der Stein – Ende Juli
Nächtliche Treffen – Anfang August
Power
Achterbahnfahrten
Sorge um Marissa
Katerstimmung
Erleichterung
Tacheles
Suche
Verwunderung
Laura – mein Schatz
Ohne Kind
Ankunft
Wiedersehen
Planlos
Im Regen
In Günthers Armen
Ein Wrack
Anfang oder Ende – September
Arnos Begräbnis – Mitte September
Epilog – In den Dünen
Impressum neobooks
In den Sanddünen – Anfang Mai
Abenteuer pur, dachte Marissa, fuhr sich mit dem Ärmel ihrer beigen Jacke über die schweißnasse Stirn. Ihre Kleidung klebte am Körper. Sie spürte darunter den Sand, der gefühlsmäßig in jede Ritze vorgedrungen war und auf ihrer Haut rieb. Bestimmt wäre es im Augenblick am Pool einer Hotelanlage gemütlicher. Was versprachen die beeindruckenden Prospekte? Schlaraffenland-Feeling mit Sonne, all you can eat, am besten auf einer bequemen Liege mit einem Buch in der Hand …
Bei keinem solcher Urlaube habe ich mich so lebendig gefühlt! Sie blickte über die herrliche, sanft geschwungene Dünenlandschaft. »Wow!«, entwich es Marissa. Ihre Wehwehchen verblassten. Keine Aufnahmen, die es im Fernsehen, Internet oder in den Zeitschriften zu sehen gab, konnten es mit der Realität aufnehmen, die so viel mehr als nur Bilder bot: das Gefühl der Wärme, die sandige Luft, der helle Schein der Sonne … Nicht einmal der Dung der Kamele störte sie.
»Wenn du mich sehen könntest! Von wegen spießig, fad und feig!« Das hatte Markus ihr beim letzten Streit angekreidet. Die restlichen Zweifel fielen von Marissa ab. Bereits der Gang ins Reisebüro hatte wie ein Befreiungsschlag gewirkt. Ihr Blick war auf einem Plakat hängengeblieben: Eine zauberhafte Auberge am Rande der Sanddünen von Merzouga, stand es dort in großen Lettern.
Da muss ich hin!, hatte sie gleich gespürt. Afrika war jener Ort, der im Geheimen immer eine besondere Faszination in ihr entfachen konnte. Nun wehte ihr eine warme Brise ins Gesicht. Sie reiste allein, ohne Markus, den sie in den Wind geschossen hatte. Sie brauchte keinen Freund, der weder an sie glaubte noch bestärkte. Er mimte dann den liebenswerten Kerl, wenn es darum ging, ihm finanziell auszuhelfen.
Marissa schüttelte ihren Kopf, verbannte den Ex aus den Gedanken. Ihre kleine Gruppe war seit knapp einer Stunde unterwegs. Sie bestanden aus vier Personen: der Guide, der sich als Mohammed vorgestellt hatte, zwei deutsche Männer und sie selbst als einzige Frau. Die Karawane wurde mit einem locker durchhängenden Seil zusammengehalten. Die beiden Mitreisenden wirkten nett. Albert schätzte sie etwa in ihrem Alter, auf Ende zwanzig, und Simon war Pensionist, ein rüstiger, wie sein athletischer Körper bewies.
Marissa hatte sich inzwischen an die Sitzhöhe auf dem Kamel gewöhnt. Sie zückte ihr Handy, drehte ein kurzes Video, als sie schaukelnd vorwärts trabten. Im Takt schwangen die großen Packtaschen und der Rucksack mit, während sie auf einer zusammengefalteten Wolldecke saß. Sie entdeckte einen verdorrten Ast, der Wind blies ein Gestrüpp über den Boden, malte lustige Figuren in den Sand. Bald würden diese, ebenso wie ihre eigenen Spuren, weggeweht werden.
»In einer halben Stunde schlagen wir das Lager am Fuße der größten Sanddüne auf«, erklang im tiefen Timbre die Stimme des Guides.
Marissa bewunderte, wie mühelos er sich in der Weite der Landschaft orientierte. Seine dunklen Augen funkelten vertrauensvoll. Mohammeds bräunliche ledrige Haut stand im Kontrast zum grau-weißen Haar. Er trug eine weite Hose sowie einen hellen Mantel, der ihm bis zu den Knöcheln reichte. Marissa rückte ihren Turban zurecht, steckte unter das Tuch eine widerspenstige braune Locke zurück und genoss den langsamen Ritt im Einklang mit der Natur.
»Wir sind da!« Mohammed dirigierte die Dromedare, die sich folgsam auf den Boden legten, sodass die Reisenden absteigen konnten. Marissa bedankte sich bei ihrem Kamel mit Streicheleinheiten am Hals. Die Gruppe befand sich im Außencamp, windgeschützt in einer Vertiefung, in der sich rundherum die Sanddünen anschlossen. Mohammed bot Marissa ein paar Mandarinenspalten an, die sie gerne entgegennahm. Das saftige Obst löschte ihren Durst und vertrieb zugleich die knirschenden Sandkörner im Mund. Als sie nicht aufpasste, stibitzte ihr Dromedar etwas von der leckeren Frucht, verschlang geschwind die Köstlichkeit. Dankend rieb das Tier die Stirn an ihrer Schulter, was Marissa zum Kichern brachte.
»Wie es ausschaut, hast du einen neuen Freund gefunden«, meinte Albert gut gelaunt. Er lüftete seinen Turban, strich sich über den haarlosen Kopf.
»Vor allem einen hungrigen«, entgegnete Marissa. »Ich kann ihm nicht böse sein, wo er mich so brav den langen Weg getragen hat.«
»Stimmt. Zudem hat er einen hervorragenden Geschmack.«
Flirtet er mit mir? Marissa ergriff rasch ihren Rucksack, damit sie die aufsteigende Hitze im Gesicht verbergen konnte. Nach dem Reinfall mit Markus hatte sie keinen Bedarf an irgendeiner Liebelei, doch solch ein kleines Kompliment gefiel ihr sehr. Wie sehr, das musste Albert allerdings nicht wissen!
Marissa bekam den Schlafplatz zugewiesen. Vom Guide erfuhren sie, dass sie heute Nacht die einzigen Touristen bleiben würden. Darüber war sie froh. So konnte sie in einem Einzelzelt, ohne die störenden Geräusche anderer Urlauber, nächtigen. Nach dem Verstauen ihrer Siebensachen ging sie zu Mohammed, der mittlerweile ein Feuer entfacht hatte. Es gab Tee, Kekse sowie Erdnüsse zu knabbern. Die geleerten Packtaschen lagen drapiert um einen großen Teppich, dienten als Rückenlehnen, die gefalteten Wolldecken waren zu Sitzkissen geworden. Marissa nippte am Getränk, während sie den Männergesprächen lauschte.
»Ich wurde in diesem Land geboren«, gab Mohammed bereitwillig Auskunft. »Seit vielen Generationen lebt meine Familie hier. Ursprünglich stammen wir vom Volksstamm der Berber ab. Lieber bezeichnen wir uns als Imazighen – freie Menschen.«
»Wusstest du, dass Berber ein Schimpfwort ist«, flüsterte Albert in Marissas Ohr.
»Nein, das ist mir neu.«
»Doch, doch. Es kommt von den Römern, damit wurden jene Leute abfällig bezeichnet, die die damalige Weltsprache Latein nicht beherrschten.«
»Oh«, hauchte sie. »Woher weißt du das?«
»Ich muss gestehen, es ist nicht meine erste Sahara-Tour, und wird hoffentlich nicht die letzte sein.«
Das konnte Marissa nachvollziehen, dieses Land hatte sie ebenso spürbar mit einer besonderen Magie ausgefüllt. Schon jetzt bedauerte sie, dass ihre Reise nach einer läppischen Woche vorbei sein würde.
»Unsere Vorfahren waren früher Nomaden, zogen von einem Ort zum anderen«, fuhr Mohammed fort. »Inzwischen sind wir sesshaft, verdienen den Lebensunterhalt in der Landwirtschaft sowie im Tourismus. Für mich gibt es keine schönere Tätigkeit, als den Besuchern die Vorzüge unseres Landes näherzubringen.«
Albert wandte sich Simon zu, der zu seiner Linken saß. Das Feuer knisterte. Marissa sehnte sich nach etwas Zeit für sich selbst. Sie erklomm die nächstgelegene Düne. Dort zog sie die Schuhe aus, spürte den feinen Sand unter den Fußsohlen, fühlte die verschwindende Wärme. Die Sonne wich der Dämmerung. Es wurde merklich kühler. Ausgelassen rannte Marissa ein paar Schritte, ehe sie sich kichernd wie ein übermütiges Kind in den weichen Sand fallen ließ.
Ich hab alles richtig gemacht! Die letzten Sonnenstrahlen waren dabei, sich zu verabschieden. Sandkörner rieselten zwischen ihren Fingern hindurch. Im Hintergrund rief irgendwer ihren Namen. Es war Albert, der mit Simon unten beim Feuer stand und ihr entgegenwinkte. Schweren Herzens erhob sie sich von dem Aussichtspunkt. Da bemerkte sie im Schatten ihres Schlafzeltes eine Bewegung.
Zwei Männer? Hat Mohammed einen Besucher? Sollten wir hier nicht ungestört bleiben? Sie blinzelte, der Hauch eines unguten Gefühls durchfuhr sie. Nun schien die Stelle daneben leer zu sein. Mir haben die Augen wohl einen Streich gespielt. Ihr Magen knurrte. Rasch ging Marissa ins Lager zurück, freute sich aufs Abendessen.
Als Vorspeise gab es eine heiße Nudelsuppe. Darauf folgte Huhn mit Gemüse, zubereitet im Tajine, dem traditionellen Lehmtopf, der für solche Zwecke über dem offenen Feuer hing. Verfeinert mit den orientalischen Gewürzen schmeckte es exotisch. Als Nachspeise naschten sie Obst, ehe sich die gesellige Runde gegen zweiundzwanzig Uhr ins Nachtlager verabschiedete.
Marissa verharrte eine Weile am Eingang des Zeltes, starrte in die tiefdunkle Nacht, sah über ihr die Milchstraße. Der Himmel wirkte wie ein schwarzer Teppich mit funkelnden Diamanten. Neuerlich schlich sich Markus in ihre Gedanken ein. Ob ich zu hart zu ihm bin? Bei diesem friedvollen Anblick regte sich ihr schlechtes Gewissen. Die Beziehung war ein stetiges Auf und Ab gewesen, wie Ebbe und Flut. Wenn er etwas brauchte, überschwemmte er sie mit Liebesschwüren, um sie hinterher am ausgestreckten Arm verhungern zu lassen. Er kam und ging, wie es ihm beliebte. Seine egoistischen Verhaltensweisen ertrug sie nicht länger.
Du hast jemand Besseres verdient, hatte die Freundin Gerti mehrmals zu ihr gesagt. Weißt, ich habe ein dummes Gefühl bei ihm. Im Grunde genommen ist er okay, aber immer wieder, und das im regelmäßigen Rhythmus, musst du ihm Geld vorstrecken, das du meist nicht im vollen Ausmaß zurückbekommst. Ich glaube, er hat ein Problem.
Marissa fröstelte es, das lag nicht nur daran, dass es mittlerweile empfindlich kühl geworden war. »Spielsüchtig«, hauchte sie in die Nacht. Sie hatte ihn darauf angesprochen. Markus war ihr ausgewichen, gab halbherzige Antworten, unter anderem, dass er das im Griff hätte.
»Warum siehst du nicht, dass ich dir helfen möchte? Wieso kannst du nicht ehrlich sein, zu dir, zu mir?« Am meisten tat es Marissa weh, dass sich ihr Freund selbst belog, in den Ausreden und Geschichten stetig einfallsreicher wurde, aber an seinem Lebensstil nichts veränderte. Du wärst so ein lieber Kerl, wenn …
Ein Funke glomm in ihr empor, dass er es schaffen könnte, von diesem Laster loszukommen. Soll ich ihm nach der Reise eine Chance geben, wenn er mich darum bittet? – Bist du dumm!, schalt sie sich innerlich. Insgeheim ahnte sie jedoch, dass sie genau das machen würde. Es gab auch gute Seiten an ihm. Zumindest dann, wenn er sein Hoch hatte, was im Gegenzug bedeutete, dass Fortuna ihm wohlgesonnen war und er gewonnen hatte. Marissa verließ ihren Aussichtsplatz, zog sich zurück, kuschelte sich in den mitgebrachten Schlafsack, der sie vor den kalten Temperaturen schützte und sie behaglich einhüllte.
Marissa schreckte hoch! Ist da ein Geräusch? Unbewusst hielt sie den Atem an, lauschte. Da wieder! Ein Rascheln. Vorsichtig schälte sie sich aus dem Schlafsack, schlüpfte notdürftig in die Schuhe. Hat sich ein Tier ins Lager verirrt? Albert schlief gleich nebenan, sie wollte zu ihm rüber, denn auf einmal hatte sie Angst in ihrem Zelt. Ihr Herz klopfte bis zum Hals. Sie schluckte, nahm den gesamten Mut zusammen. Ehe sie die Zeltplanen auseinanderzog, hielt sie erneut inne. Es wirkte alles ruhig, wenn sie von dem Rauschen in ihren Ohren absah.
Bestimmt hält er mich für eine Mimose, so wie Markus – für den ich eine feige Nuss bin! Marissa nagte an ihrer Unterlippe. Gerade, als sie den nächtlichen Ausflug abbrechen wollte, tauchte ein Schatten vor dem Zelt auf. Marissa schrie auf. Da stürmte jemand herein. Sie stürzte rücklings auf den Boden, schlug um sich, probierte, die Hände wegzuzerren, die sie gepackt hatten. Ein Tuch wurde ihr mitten ins Gesicht gedrückt. Panisch sog sie Luft ein, hatte Angst zu ersticken. Es roch seltsam.
Nein! … Nein! Es erklang ihr ersticktes Gemurmel, der Körper gehorchte nicht mehr, ihr Geist zog sich in den Tiefen zurück und hüllte sie tiefschwarz ein.
Eine Süße
»He, wer ist das denn?« Arno blickte auf die neue Freundschaftsanfrage im Facebook, die er soeben entdeckt hatte. Elisabeth Dörfler, las er. Sie war süß, in seinem Alter, um die fünfunddreißig, blondes langes Haar, genau nach seinem Geschmack. Arno unterdrückte ein Gähnen. Bald hatte er drei Tage Schlafentzug hinter sich, und er versuchte, die restlichen Stunden wach durchzuhalten. Mit seinen Kameraden, einer Untergruppe des Jagdkommandos, befand er sich bei einer Übung in den Bergen. Sie waren ein eingeschweißtes Team, mussten quasi auf Abruf einsatzbereit bleiben. Da war mentale sowie körperliche Fitness das oberste Credo, um auf etwaige Ausnahmesituationen gut vorbereitet zu sein und diese meistern zu können.
Arno schaute hoch in den Nachthimmel. Obwohl er das Sternenzelt über ihm schon oft gesehen hatte, liebte er den Anblick und die friedvolle Umgebung stets aufs Neue. Das Firmament schenkte ihm Ruhe, wenn er sich rastlos und Geborgenheit, falls er sich einsam fühlte. Er kannte ebenso die Kehrseite, wusste, wie minimalistisch andere Menschen hausten, die um ihre Leben und der Leben ihrer Lieben bangten.
Bald sind es neun Jahre, in denen ich der Task Group – der Elite – angehöre. Arno hatte kaum überlegen müssen, als man ihm vorschlug, ein Teil des Jagdkommando-Teams zu werden. Voller Elan, nein – eher verbissen – absolvierte er die erforderlichen Tests, führte seinen Körper an Grenzen und überwand diese. Solch einen Beruf ergriff man nicht aus einer Laune heraus, sondern aus tiefer Überzeugung. Im Team sorgten sie dafür, den Frieden im eigenen Land zu erhalten. Sie wollten verhindern, dass sich das Übel weiter ausbreitete, damit Unschuldige nicht zu Opfern gemacht wurden. So agierten sie vielfach geheim, über die Grenzen hinweg, halfen befreundeten Nationen.
Wie hart der Beruf tatsächlich war, davon hatte Arno als Jungspund keine Ahnung. All die Jahre zollten inzwischen ihren Tribut. Er spürte nach jedem Einsatz stetig mehr, dass es ihm schwerer fiel, sich zu regenerieren und die Lasten auf der Seele sich summierten. Sein Körper war mit Narben übersät, doch die Narben im Inneren wogen härter.
Arno atmete tief ein und aus. Der Wunsch in ihm, alles umzukrempeln und auf sich zu achten, wurde zusehends stärker. Es waren halbherzige Versuche, seinem Idealismus zu entfliehen. In sechs Monaten ist meine Verpflichtungsperiode zu Ende … Niemals werde ich mich aus der Verantwortung stehlen!, dachte er kämpferisch. Zwar mochte er nicht ganz so flink wie die Jungen sein, dafür konnte er auf manchen Erfahrungsschatz zurückgreifen. Bei jedem Befehl, jedem Einsatz, wirkte es, als hätte er einen Schalter umgelegt, der ihn zu einer Maschine machte. Dann agierte er ohne Kompromiss, verdrängte den Gedanken, nicht mehr heimzukehren. Missing in Action.
Arno lockerte in der Sitzposition die Arme und Beine aus. Hätte ich Schlosser bleiben sollen?, fragte er sich emotional zerrissen. In diesem Beruf könnte er wohl jene Normalität leben, nach der er sich öfters sehnte.
»Das ist der verfluchte Schlafentzug«, brummte er kaum hörbar, wollte seine Grübeleien zum Stillstand bringen. Insgeheim wusste er jedoch, dass es am gewaltsamen Tod des Mädchens lag, den er nicht aus dem Kopf brachte, irgendwo ein Stück in ihm zerbrochen hatte. Arno schloss wenige Sekunden die Augen. Sein Körper fühlte sich schwer wie Blei an, sein Geist hatte ständig Phasen, in denen er in den wohlverdienten Schlaf abdriften wollte. Gegen Mitternacht sollte ein langer Marsch mit Gepäck anstehen. Das wird hart werden, wie immer.
Arno bemerkte eine Bewegung neben sich, er öffnete die Lider. Der Heeresarzt war herangetreten, überprüfte seine Vitalwerte, nahm Blutproben. Arno sah zu, wie der Doktor einen Tupfer auf die Einstichstelle presste. »Draufdrücken!«, wies der knapp an und entfernte sich, um zu einem anderen Kameraden zu gehen und das Prozedere zu wiederholen.
Ob diese Elisabeth zur späten Stunde wach ist? Arno griff zum Smartphone, um sich abzulenken und ein Einschlafen zu verhindern.
Wie komme ich zu der Ehre?, hakte er per Messenger bei ihr nach.
Ein alter Freund
Ich saß im Schneidersitz auf dem Bett, der Laptop lagerte zu meinen Füßen. Diese Position würde ich nicht ewig durchhalten. Ein dezentes Ziehen in der Leistengegend erinnerte mich daran, dass ich nach meinen Sporteinheiten zum Ausgleich das Stretchen vermehrt einbauen sollte. Mittlerweile war es spät, und ich diesbezüglich total unmotiviert. Ich scrollte über die Nachrichten auf Facebook runter, likte einige Fotos oder Sprüche, die manche Freunde ins Netz gestellt hatten. Ein paar eingespielte Vorschläge von ehemaligen Bekannten griff ich auf, sodass meine Freundesliste stetig anwuchs. In diesem Punkt gefiel mir Facebook, denn so konnte man zu Leuten eine Verbindung herstellen, die man aus den Augen verloren hatte, Kontakte über die Grenzen hinweg knüpfen, oder ein wenig in andere Gepflogenheiten hineinschnuppern.
Ich massierte mir die verspannten Schultern, geschuldet an meiner ungesunden vornübergebeugten Sitzhaltung. »Genug für heute«, sprach ich zu mir selbst. Mein Kater Amadeus schielte zu mir, gähnte herzhaft und zeigte seine scharfen spitzen Zähne. Dieser Anblick wirkte furchteinflößend, dabei zählte er mit Abstand zu den bequemsten und faulsten Vierbeinern, die ich kannte. Gepaart mit seiner Fressleidenschaft war er mittlerweile kuschelig rund. Mit dem Cursor wanderte ich zum Abmelde-Button, da blinkte eine Nachricht auf, sie war von Arno Schuster. »Oh, er hat meine Anfrage schon angenommen!« Ich öffnete das virtuelle Fenster.
Wie komme ich zu der Ehre?, las ich schmunzelnd und entgegnete:
Hey, kennst du mich nicht mehr? Wir waren früher Nachbarn, hab dich als Freundesvorschlag bekommen, da dachte ich, warum nicht.
Arno runzelte die Stirn, es dauerte eine Weile, bis seine müden Gehirnzellen begriffen, wen er vor sich hatte. Elisabeth Dörfler – Sissi! Nein, das gibt es nicht, oder? Die mollige Sissi! Stimmt, die wohnte zwei Häuser von mir entfernt, ist etwa ein Jahr jünger als ich. Autsch – die ist hübsch geworden. Mit einem Schlag war die Müdigkeit verflogen.
Sorry, bin ich blöd. Na klar, wie geht es dir?
Danke, ich wollte grad schlafen gehen. Und du?
Ich bin unter freiem Himmel.
Wow, wie cool!
Ist nicht so cool, wie du denkst. Aber egal. Bei dir alles okay?
Danke ja.
Verheiratet bist nicht, oder?
»Typisch, er lotet gleich direkt aus, ob ich vergeben bin«, murmelte ich kichernd. Arno war schon als Jugendlicher nie einer gewesen, der um den heißen Brei herumredete, wenn ihn etwas interessierte. Mein Kater Amadeus beschwerte sich maunzend, als ob ich mit ihm gesprochen hätte. Er erhob sich, tappte über das Spannleintuch zu meinen Füßen, um die er schnurrend strich. »Machst du wieder auf Garfield?«, tadelte ich ihn. »Dein Nachtsnack muss warten.« Als ob er mich verstanden hätte, ließ er sich aufs Bett fallen: seine altbewährte Belagerungstaktik.
Nein, bis jetzt war nicht der Richtige für mich dabei.
Siehst, und ich dachte, ich hätte die Richtige gefunden, war nicht so.
Leider hat man für so etwas nie eine Garantie.
Schau, ich hab ein paar Fotos für dich.
Okay, zweifellos war das kein Thema, über das er sich ausführlicher auslassen wollte. Stattdessen beäugte ich neugierig die geschickten Bilder im Messenger: Das blaue Haus, den Garten mit dem Biotop und zudem gab es knackige Aufnahmen von ihm selbst. Ich grinste, als ich den muskulösen Oberkörper betrachtete. Sein Haar war schwarz. Im Äußeren wirkte er wie ein Macho, der jede Frau haben könnte, wenn er nur mit dem Finger schnippte. Doch die obigen Zeilen deuteten darauf hin, dass er immer noch mit dem Ende seiner alten Beziehung haderte. Nichtsdestotrotz wusste er, dass er mit seinem Body beeindrucken konnte, und hatte bestimmt gezielt die Fotos geschickt.
Schaut alles sehr schön aus. Und durchtrainiert. Ich schickte ein Zwinker-Smiley hinterher.
Hast ein Bild von dir?
Ohne zu zögern, richtete ich das Handy auf mich, drückte den Auslöser. Kurz überprüfte ich das Foto. Im Hintergrund sah man einen Teil des Eichenholzbettes, die Wand war in einem Zitronengelb gestrichen, was man im Licht der Nachttischlampe kaum erkannte. Mein blondes Haar, das ich zu einem Zopf gebunden hatte, lag linksseitig über der Brust. Obwohl ich ungeschminkt war, fand ich, dass meine grün-braunen Augen amüsiert glänzten. Brauchbar, entschied ich, loggte mich beim Handy ein, um es ihm weiterzuschicken.
Ich sehe etwas müde aus, merkte ich dazu.
Nein, keine Spur – bist richtig süß.
Süß! Mir schoss trotz der virtuellen Distanz die Hitze ins Gesicht. Anzunehmen, dass andere mich hübsch fanden, fiel mir nach wie vor etwas schwer. Dennoch genoss ich die kleine Flirterei mit ihm.
Danke. Gut, dass du nicht siehst, dass ich ganz rot werde.
Bald haben wir einen vierzig Kilometer Marsch vor uns.
Um diese Uhrzeit?, fragte ich mich insgeheim.
Wow, das klingt anstrengend.
Ist es auch, obendrein mit der großen Wolke.
Wolke? Meinst du damit deinen Rucksack? Wie schwer ist der denn?
Ja. Um die fünfzig Kilo.
Wahnsinn. Sowas schleppst du freiwillig?
Tja, bleibt mir nix anderes übrig.
Das klingt, als wärst du ein Soldat.
Kann man so sagen.
»Kann man so sagen?«, wiederholte ich irritiert. Ich hatte mit einem simplen Ja oder Nein gerechnet. Anscheinend machte er gerne auf geheimnisvoll.
Hast du nicht eine Ausbildung zum Schlosser absolviert?
Stimmt. Sorry. Ich muss nun auch los. Wäre schön, wenn wir uns die Tage wieder schreiben könnten. Schlaf gut.
Arno justierte sich, nahm den Rucksack. Sein Körper sehnte sich nach Erholung. Noch lagen einige Stunden vor ihm, die er durchbeißen musste. Es standen Schieß- sowie Gefechtsübungen am Programm, die den Ernstfall simulierten, ehe er sich in seinem herrlichen weichen Bett ausruhen durfte.
Sicher, bis bald. Ich wünsch dir schnelle Füße und viel Energie für deinen Marsch.
Danke, Hübsche!
Das Hübsche ließ mich schmunzeln, doch ich war auch nachdenklich, fühlte mich von ihm etwas abgefertigt. Will er nichts Genaueres erzählen, oder muss er tatsächlich aufbrechen? Ich schaltete den Laptop aus, holte eine Snackstange für meinen Stubentiger aus der Küche, auf die er sich erfreut stürzte. Später, nachdem er aufgegessen hatte, würde er sich zu mir ins Bett gesellen und am Fußende zusammenrollen, so wie er es jede Nacht machte. Ich löschte das Licht der Lampe, verbannte Arno aus den Gedanken und kuschelte mich unter die Decke.
In der Hölle
Marissas Schädel dröhnte. Mit Mühe schaffte sie es, ihre Augen zu öffnen. Sie hörte ein Stöhnen. Ihr eigenes, oder von jemand anderem? Sie wusste es nicht. Ihre Umgebung war düster und unscharf. Sie spürte die geschwollene Zunge am Gaumen, sehnte sich nach Wasser. Langsam wurde ihr Geist klarer. Feine Lichtstrahlen kämpften sich durch ein Fenster, vor dem eine Art Rollo oder Holzläden angebracht waren. So genau konnte sie das im Moment nicht sagen. Wo bin ich? Was für ein Tag ist heute? Da, auf einmal sprach wer. Fremdländische Laute. Zwei Männer? Ein Schnalzen!
Marissa zuckte zusammen, als wäre das zischende Geräusch durch ihren Körper gefahren. Sie bemerkte Albert, geknebelt und gefesselt. Sahara-Tour! Geschockt starrte sie auf seinen Mund, Blut tropfte heraus. Alberts Augen wirkten wie hypnotisiert, waren weit geöffnet. Er kniete, während hinter ihm ein Kerl ein ausgefranstes Stromkabel in der Hand hielt. Obwohl ihr Urlaubsfreund nichts tat, außer starr sowie stumm da zu sitzen, schlug der Fremde hart zu, traf den Urlaubsfreund im Nacken. Albert kippte nach vorne.
Marissa keuchte auf, zog damit den Fokus auf sich. Schon war ein weiterer Kerl bei ihr, fasste grob ins Haar, schleifte sie über den Boden. »Dein Mann?«, herrschte der Peiniger sie an. »Du auch Deutsche?«
Verwirrt schüttelte sie den Kopf. »Nein, Österreicherin … Ich bin Österreicherin«, brachte sie stockend hervor. Ihre Zunge reagierte ungewohnt lahm. Ist Albert tot?
In der äußeren Ecke lag Simon, unnatürlich verdreht, als hätte man ihm sämtliche Glieder und den Rücken gebrochen. Tränen schossen aus Marissas Augen. Sie zitterte. Bin ich das nächste Opfer?
Der Kerl, mit dem Kabel in der Hand, raunte ihrem Peiniger etwas ins Ohr. Daraufhin ließ er sie los, hart prallte Marissa auf den Boden. Die beiden Männer drehten sich abrupt ab, verließen den Raum.
Ihr war schwindlig. Sie robbte zu Albert. Mit bebenden Fingern tastete sie nach seinem Puls. Er lebt. Gott sei Dank. Sie wagte nicht, zu Simon zu kriechen. Sie erkannte auch so, dass es für ihn keine Hilfe mehr geben würde. Marissa rutschte zurück in die nächstgelegene Ecke. Sie zog ihre Beine an, umklammerte diese. Wenigstens haben sie mich nicht gefesselt … Als sich etwas bewegte, erschrak sie. Da war eine Ratte, die über den Boden huschte. Bald darauf folgte eine weitere, die Nagetiere suchten nach Essen.
»Nein!«, rief Marissa, als sie bemerkte, dass sie sich Simon als Nahrungsquelle auserkoren hatten. »Scht!« Sie warf einen Schuh, dann den zweiten. Die Biester quiekten erbost auf, huschten durch ein Loch an der Seitenwand ins Freie. Marissa war klar, dass sie nur kurzfristig das Getier vertreiben konnte. Trotzdem nahm sie einen Schuh und steckte diesen in den kleinen Hohlraum, in der Hoffnung, sie damit auszusperren.
Eine neue Woge Panik brach über ihr herein, der Innenraum fühlte sich unnatürlich heiß an. Sie schielte zum Toten. Simon hatte zumindest alles hinter sich. Sie schluchzte unkontrolliert, wiegte den Körper ruckartig nach vor und zurück, bis ein Ächzen sie innehalten ließ. Albert!
Sie kroch an seine Seite. »Ich bin’s, Marissa. Wie geht es dir?«
Alberts Augen öffneten sich zögerlich. Seine Lippen waren blutig verkrustet. »Wasscher«, bat er kaum hörbar.
»Tut mir leid, ich hab keines.« Mit Mühe schaffte sie es, ihre Tränen zurückzuhalten, sie wollte stark bleiben.
»Scheiß…kerle.«
Dem konnte Marissa nichts hinzufügen. Es wirkte wie ein absurder Albtraum, und sie wünschte sich sehnlichst, daraus zu erwachen. Es sah nicht danach aus.
Marissa lauschte. Leise Gebetsrufe ertönten, waren wie ein Weckruf für den beginnenden Morgen. Deutlich vernahm sie männliche Stimmen. Werden wir von drei oder vier Männern gefangen gehalten? Die Wahrnehmung neben dem Zelt kam ihr in den Sinn. Hat Mohammed mit ihnen gemeinsame Sache gemacht? Oder hab ich mich getäuscht und der Guide ist ebenso schuldlos diesen Kerlen zum Opfer gefallen?
Marissa grub ihre Fingernägel tief ins eigene Fleisch. Mit einem Mal sehnte sie sich nach Markus, ihrem Ex, dessen hochnäsigem Gehabe und der Besserwisserei. Eine weitere Familie gab es bei ihr nicht. Ob ich ihm fehlen werde, wenn ich nicht mehr heimkomme? Oder zumindest Gerti? Aber sie war in letzter Zeit auch so sonderbar … Schien keine rechte Lust zu haben, auf meine Pflanzen zu achten.
Richtig halbherzig hatte Gerti den Wohnungsschlüssel entgegengenommen, ein: Ich hab’s eilig, tschüss gemurmelt, Marissa quasi die Tür vor der Nase zugeschlagen. In der Aufregung, allein wegzufahren, hatte Marissa dem nicht viel beigemessen, es als Laune oder Hektik der Freundin abgetan. In dieser Sekunde fragte sie sich, ob irgendetwas vorgefallen war, von dem sie nichts wusste. Hätte ich nachfragen sollen? – Zu spät …
In ihr bemächtigte sich das Gefühl, das zwischen ihnen etwas gründlich schieflief. Marissas Stirn sank auf die angewinkelten Knie, der Körper wurde von stummen Schluchzern gebeutelt. Bestimmt liegt es an mir … Ich … ich wollte die Trennung wegschieben, beweisen, wie mutig und taff ich sein kann … Wir werden uns nie mehr aussprechen können. Verzeih, wenn ich etwas falsch gemacht habe … Ich sterbe hier …
Neuer Auftrag
Arno ächzte, als er sich die Luftaufnahmen anschaute, die ihnen vom Vorgesetzten zugespielt wurden. Seine Kameraden und er befanden sich bei einer Besprechung in Wiener Neustadt. Sie hatten erst eine anstrengende Übung hinter sich gebracht, und schon war der Ernstfall eingetreten. Es ging um eine Geiselbefreiung: Zwei Männer und eine Frau … keine Soldaten, sondern Zivile, so war der aktuelle Stand. Er prägte sich die Gesichter der Geiseln ein, von denen es Fotos gab.
Drei Menschen, gefangen gehalten … Wieder einmal wird die Allgemeinheit nichts davon erfahren, es in keinem Nachrichtensender gebracht werden. Ebenso wenig falls etwas schiefgeht. Er strich sich über seine buschigen schwarzen Augenbrauen. Die mangelnde Wertschätzung kränkte ihn, auch wenn er wusste, dass es nicht nur zu ihrem Schutz diente, sondern einen Schutz für die eigene Familie vor den Feinden und möglichen Angriffen darstellte. Unter keinen Umständen wollte er, dass seine Lieben oder Freunde zur Zielscheibe würden. Es war eine Extreme, die er stetig weniger ertrug, da es sich anfühlte, als würde er zwei Leben parallel leben.
Wenigstens ist kein Kind dabei! Arno schluckte, kämpfte gegen die emporsteigende Erinnerung an, weil er damals das Mädchen nicht retten konnte. Unschuldig war es zwischen die Fronten geraten.
Hör auf zu zweifeln, dadurch machst du dich angreifbar! Es geht um die Sicherheit in unserem Land – um alle, damit ihnen nicht dasselbe wie diesem unschuldigen Mädchen passiert! Er schüttelte den Kopf, verbannte sein privates Ich in die Tiefen, wurde zu Alpha – zu demjenigen, der die Befindlichkeiten hintanstellte, funktionieren würde, wie er über Jahre ausgebildet worden war und wie man es von ihm erwartete.
»Von dieser Seite müsste es gehen«, warf er ein, da sie als Team das taktische Konzept besprachen. Der geplante Ausgangspunkt befand sich in unwegsamem Gelände, es gab Bäume und Dickicht, in denen sie sich unauffälliger fortbewegen konnten. Dieser Einsatz würde heikel werden, das wusste er schon jetzt. Die Aufzeichnungen der Drohne zeigten eine versteckte Hütte, die Tür ging nach außen auf, zwei kleine Fenster, vergittert, die Geiseln wurden von drei Rebellen bewacht – das konnte sich rasch ändern. Sie selbst würden zu fünft sein, zusammengestellt nach ihren spezialisierten Fähigkeiten sowie dem erwarteten Aufgabengebiet.
Rastlos verließ Arno als Erster die Besprechung. In zwei oder drei Tagen sollte der Zugriff erfolgen, bis dahin würde auch die Koordination zwischen den befreundeten Nationen stehen. Er ging in seine Unterkunft, die er stets bezog, um nicht jedes Mal den weiten Weg von Wiener Neustadt in die Steiermark in Kauf nehmen zu müssen. Er holte sich aus dem Kühlschrank eine Dose Bier, die er zischend öffnete.
»Ich weiß, keine gute Idee«, schimpfte er mit sich. Er trank zeitweise zu viel, ein vager Versuch, den verdammten Erinnerungen zu entfliehen. Seufzend schritt er auf den schlichten Balkon, auf dem gerade so ein kleiner runder Tisch und ein Stuhl Platz fanden. Er zündete sich eine Zigarette an, die er inhalierte. Ebenso keine gute Idee, doch wenn die Sehnsucht in ihm nach Freiheit überhandnahm, musste er eine rauchen. Er schielte zum Aschenbecher, der im Begriff war überzuquellen. Okay, womöglich rauche ich auch zwei oder drei …
Sein Blick glitt weiter zu den Sternen hinauf, ihn umfing eine kühle nächtliche Brise. Bald bin ich auf einem anderen Kontinent. Ungewiss, ob ich jemals mein Kind Laura, oder die Familie wiedersehen werde. Mein Mäuschen … Arno sehnte sich nach dem Mädchen, vermisste ihre Nähe, die dunklen neugierigen Augen, ihre zierlichen Finger in seiner Hand … Er nahm ein paar große Schlucke Bier.
Seit der Scheidung sah er die Kleine selten. Doris, seine Ex-Frau, zählte ihm jedes Mal seine vermeintlichen Unzulänglichkeiten auf, da schottete er sich lieber ab. Sogar dann, wenn sie nichts sagte, reichte ein Blick ihrerseits und er hörte die anklagenden Worte in den Ohren: Du hast uns ständig allein gelassen, um alles musste ich mich selbst kümmern. Und wenn der gnädige Herr einmal da war, bist du nur auf der Couch gelegen, hast dich bedienen lassen! Deine Launen waren unerträglich! In solchen Verhältnissen kann kein Kind groß werden! Wie oft hast du geschrien und damit unsere Kleine zum Weinen gebracht? Sie hatte Angst – vor dir! Und glaub mir, ich lasse es nicht zu, dass sie jemals wieder Angst vor dir haben muss!
Arno dämpfte seine Tschick wütend zwischen den anderen Glimmstängeln aus, sodass Asche auf die Tischplatte quoll. Hör endlich mit dem absurden Selbstbedauern auf! Du hast eh alles verloren, was dir je etwas bedeutet hat, maßregelte er sich stumm. Es gibt kein Zurück, es ist dein Job! Dein Sinn!
Ausgeliefert
Marissa bewegte ihre steifen, verkrampften Glieder. Es war ungewohnt für sie auf einem harten Boden zu schlafen. Die Entführer gaben kurze Anweisungen, die sie bloß anhand der Gestik zuordnen konnte. Sie besaß kein Zeitgefühl mehr. Zudem war ihr übel, vom brackigen Wasser, das sie kaum hinunterbekam und der stinkenden Glocke, in die sie allesamt gehüllt waren.
Über Simons aufgeblähten Körper flogen Fliegen, die bald ihre Eier darin ablegen würden, wenn sie es nicht schon getan hatten. Marissa wollte nicht weiter darüber nachdenken, wünschte sich, sie könnte sich an einen anderen Ort beamen. Doch die schabenden Geräusche holten sie stets unbarmherzig in die Realität zurück.
Es waren die Ratten, die am Holz nagten, um einen besseren Zugang in die Hütte zu bekommen. Albert ging es indes schlecht. Sein Körper zuckte manchmal ganz komisch, und diese Phasen schienen sich zu verstärken. Hysterisch lachte sie auf, strich sich durch das verfilzte Haar.
Bestimmt sind die Injektionen schuld! Von was haben die Kerle gefaselt? Ketamin? Ist das nicht ein Narkosemittel? Etliche Male hatten sie in Alberts Fleisch gestochen, um ihn damit weiter ruhigzustellen und gefügigzumachen. Die Einstiche wirkten wie rote, kleine Mahnmale auf seiner Haut. Bislang war sie vor solchen Injektionen verschont geblieben.
»Gebt mir auch eine!«, wimmerte Marissa, beneidete in ihren schwachen Stunden den Urlaubsfreund, der kaum zwischen den wachen und den abgedrifteten Phasen unterscheiden konnte. Nein – sie kommen nicht, schenken mir kein Vergessen, sondern schauen mich an, als wäre ich ein unzulängliches Vieh.
»Wieso? Wieso? Wieso – ich?« Marissa lag da, wie eingefroren, steif, versuchte den Gestank sowie das Ungeziefer zu ignorieren, schloss die Augen, in der Hoffnung, sie nie wieder aufmachen zu müssen.
Das hölzerne Türblatt kratzte über den Boden. Marissa erschrak, kniff reflexartig die Lider vor dem grellen Licht zusammen, das direkt auf sie fiel. Schon wie der Kerl hereinkam, mit festem Schritt und einer Spritze in der Hand, ließ sie instinktiv in die Ecke zurückweichen. Albert brachte irgendein Kauderwelsch hervor, das seinen Peiniger auflachen ließ. Dann funkelten dessen Augen kalt. »Weißt du, dass Frauen aus dem Westen untreu werden, wenn ihre Männer verschwinden, bumsen einen anderen – so wie sie – schau sie dir an!«
Albert wirkte verwirrt, war zu keiner Gegenwehr imstande, als der Geiselnehmer die Nadel in dessen Fleisch versenkte. Der fremdländische Kerl visierte Marissa an. Mit einem Ruck zog er sie hoch, zerriss die Bluse. Ihr Mund war zum Schrei geöffnet, aus der trockenen Kehle entwich nur ein heiserer Krächzer, der kaum die Umgebung störte. Seine harten Hände kneteten ihr zartes Fleisch. Er presste sie gegen die Wand. Inzwischen, nach tagelangem Essensentzug, der abnormen Hitze am Tag, der Kühle in der Nacht und dem Wasser, das kaum reichte, war sie wie eine willenlose Puppe.
Schmerz und Ekel überfluteten Marissa, als er sein Glied brutal in ihre Scheide rammte. So nah, roch sie einen Mix aus Schweiß, Dreck sowie Kamelen. Ihr war speiübel, matt ließ sie die Gliedmaßen hängen, während er ihr seine Lust weiter aufzwang. Als er endlich von ihr abließ, sackte sie zu Boden. Er warf ein paar Brotkrumen neben ihren Körper. »Dein Verdienst!«
Ungelenk zog Marissa die Hose nach oben, spürte die Nässe zwischen den Beinen, die sie zutiefst anwiderte. Ihr Magen knurrte, reagierte instinktiv auf die Krumen. Der Peiniger hatte bereits die Tür verschlossen, als sie danach suchte und bevor sich die Ratten über das minimalistische Essen hermachen konnten. Sie steckte die mickrigen Stückchen in den Mund, verbarg ein paar in ihrer Hosentasche, die sie später Albert geben wollte, sobald der zu sich gekommen wäre. Erst jetzt schlang sie die losen Enden der zerrissenen Bluse zusammen, kroch zurück in ihren Winkel. Sie fühlte sich leer und hatte nicht einmal mehr Tränen.
Marissa schreckte auf. Albert brabbelte unzusammenhängende Wörter. Nein, nicht du … Gibt keinen Gott, der dich sterben lässt. Ich bin schuld, mein Sohn … Währenddem zuckte sein gesamter Körper wild, die Fesseln rieben an den Armen und Beinen. Speichel rann aus dem Mund.
Rasch kroch sie an seine Seite. So heftig! Kann das ein epileptischer Anfall sein? Eine Nebenwirkung des Ketamins, oder ist er wirklich krank?
Alberts Kopf schlug hart am Boden auf. Marissa versuchte, die Seile zu lösen, schaffte es nicht. Ein weiterer Anfall rauschte über ihn hinweg. Sie umschloss ihn fest mit ihren Armen, damit er sich nicht selbst verletzte. Da traf seine Stirn sie mitten im Gesicht. Mist-Idee! Sie wich ab. Tränen traten in ihre Augen, sie registrierte gleich eine dumpfe Schwellung am Backenknochen.
»Albert, hörst du mich? Albert?« Er stöhnte, ohne auf sie zu reagieren. Was kann ich tun? Unschlüssig schaute sie sich um. Es gab nichts, keine Decke oder Kissen, auf die sie ihn hätte weicher betten können. Wie lange krampft er schon? Eine Minute oder zwei? Marissa wusste es nicht mit Sicherheit. Ab wann wird es richtig gefährlich für ihn? Auch diese Frage konnte sie nicht beantworten.
Langsam wurde Albert ruhiger. Vorsichtig rückte sie an seine Seite, bemerkte die rot aufgescheuerten Gelenke. Er lag am Rücken, röchelte. Sein Körper war schweißnass. Marissa brachte ihn in die stabile Seitenlage, die sie vom Erste-Hilfe-Kurs kannte, und war froh darüber, als sein Atem sich normalisierte. Matt lehnte sie sich an den hölzernen Bretterverschlag, der die Wand darstellte. Mit zittrigen Händen betastete sie die schmerzhafte Beule in ihrem Gesicht. Sie kniff die Augen zusammen, und hasste sich für die jammernden Laute, die unkontrolliert ihrer Kehle entwichen.
Marissa konnte die vermummten Männer, die hereinkamen, nicht auseinanderhalten. »Ma, Ma!«, bat sie verzweifelt. Es war das arabische Wort für Wasser, das sie in den letzten Tagen aufgeschnappt hatte. Kurz erhaschte sie den Blick von dunklen Augen, rasch senkte sie das Kinn. Sie starrte auf den Boden, auch als sie weitere Schritte vernahm, schaute sie nicht auf. Erst ein Guss kaltes Wasser ließ sie zusammenfahren. Derart durchnässt spürte sie einen Moment weder die klebrige Haut noch den Juckreiz, sondern wirkte wie eine kleine Wohltat, die etwas von ihrer Schmach abwusch. Später würde sie hingegen in der nassen Kleidung elendig frieren, sobald die nächtliche Kühle die Hitze verdrängt hatte.
Über Albert wurde ebenso ein Kübel Wasser gegossen, der dadurch zu sich kam. Ein Kerl drückte ihn gewaltsam in die Sitzposition. Vor ihnen wurde ein Laptop hochgefahren, um mit dem ein Video mit absurden Szenen abzuspielen. Marissa sah darin andere Menschen, Geiseln sowie Soldaten, Blut, Enthauptungen, wie Männer ausgelassen ihre Waffen in die Höhe streckten …
Die Peiniger jauchzten freudig. Als sie wegschauen wollte, spreizte ein Kerl ihre Lider gewaltsam auseinander, hielt den Kopf wie in einem Schraubstock umklammert, sodass es für sie keine Möglichkeit gab, sich von den grausigen Szenen abzuwenden. Ihr Mund wurde ganz trocken, als ein vermummter Kerl eine Motorsäge bei einem Wehrlosen ansetzte. Der kniende, geknebelte Mann wusste längst, dass es seine letzten Sekunden sein mussten.
Nie hatte sie solche entsetzten Augen gesehen, wie hypnotisiert und leer. Genauso fühlte sie sich selbst. Die Säge zerriss mühelos die Haut am Hals, Blut spritzte schwallartig heraus, der Schädel rollte weg und hinterließ einen zuckenden Körper. Marissa übergab sich auf den Boden. Ihr Peiniger drückte sie mit dem Gesicht voran in das Erbrochene.
»Hast du gesehen, was die ISIS mit den Leuten macht? Soll ich das auch mit dir machen?«
Erbrochenes tropfte von ihrem Haar. Der Fremde deutete zu Albert. »Oder mit ihm?«
Panisch schaute Marissa sich um, die Stelle, wo sich der Leichnam befunden hatte, war leer. Wo ist Simon? Wann haben sie ihn aus der Hütte hinausgeschafft? Erst jetzt, als ich den schrecklichen Szenen folgen musste? Oder früher? Ich … ich hab’s nicht bemerkt. Bin ich ebenfalls ruhiggestellt worden? Mit irgendeinem Mittel im Wasser? »Bitte nicht«, wisperte sie.
Die Kidnapper lachten höhnisch. Von draußen erklang ebenso ein heiseres Gelächter herein. »Wir bauen ein Kalifat auf, keiner wird uns daran hindern!«, rief ein Kerl, während der andere überschwänglich jubelnd eine Hand nach oben in die Luft stieß.
Wie viele Komplizen gibt es noch? Marissa saß stumm und starr da. Sie wusste nur vage, wovon er sprach, hatte sich nie sonderlich für die Kriegsgeschichten oder politischen Angelegenheiten jenseits der Grenzen von Österreich interessiert.
»Dann sind wir vom Westen unabhängig, erzeugen eigene Waffen, können unsere Leute ernähren. Keinem, der uns angehört, wird es schlechtgehen. Wir sind eine riesige Familie.«
Der zweite Kerl nickte, dessen Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, als wollte er abschätzen, was Marissa von diesem Vorhaben hielt. Sie war zu durcheinander, um etwas entgegnen zu können. Albert nuschelte indes: »Ein guter Plan, ein guter Plan.« Am Laptop liefen weitere Szenen von den Kriegern. Die Entführer juchzten! Gehören sie zur ISIS? Die Bilder vor ihr verschwammen, erst das Zuklappen des Laptops ließ Marissa zusammenzucken.
»Genug gesehen!«, kam es barsch.
»Hunger«, bat sie mit dünner Stimme.
Ihr Peiniger grinste. »Das musst du dir später verdienen, dann, wenn ich es möchte.« Er beachtete Marissa nicht weiter, sondern wandte sich mit dem Komplizen ihrem Urlaubsfreund zu. Albert wurde in die Fötusstellung gebracht, richtiggehend verschnürt, ehe die Kerle neuerlich eine Injektion in dessen Fleisch versenkten.
Alberts Stöhnen bohrte sich wie ein schmerzhafter Stich durch Marissas Körper. Geht es ihnen tatsächlich um einen eigenen Staat? Ist dieses Agieren nicht eher eine Art Selbstzweck, etwas, dass sie mächtig macht? Empfinden sie Spaß dabei, wenn sie uns quälen? Ist es ihr Weg, um glücklich zu sein?
Die Tür wurde zugezogen, tauchte alles in Dunkelheit. Quälend überrannte sie die verfluchte Frustration. Ich halte es nicht mehr aus! Bitte, lass mich sterben! Es gab nichts in diesem Raum, was ihr hierbei behilflich sein konnte. Sie bebte, als sie daran dachte, dass der verdammte Kerl nachher wiederkommen würde, um sich an ihrem Körper zu bedienen und seine Lust zu befriedigen. Ein einzelner Lichtstrahl fiel durch die Holzläden direkt auf ihr Handgelenk.
Marissa biss zu, vergrub die Zähne im eigenen Fleisch, schabte damit über die Haut, schmeckte das eisenhaltige Blut, saugte daran. Bitte, lass mich sterben …
Es geht los – Mitte Mai
Die Transportmaschine war startklar für den Einsatz. Bald würden Arno und seine Kameraden darin Platz nehmen. Er erhielt das Zeichen für den Aufbruch, deaktivierte sein Smartphone, schüttelte die privaten Gedanken ab und wurde zu Alpha.
Sein Rucksack war mit den nötigsten Dingen gepackt. Bei solchen Kurzeinsätzen benötigte man nicht viel: etwas Nahrung, Waffen und vor allem Munition. Omikron, der im realen Leben Peter hieß, führte Erste-Hilfe-Materialien mit. In Alphas Tasche befand sich eine Universaltrage zum Abtransport eines Verletzten, die sich mit wenigen Griffen zusammenstecken ließ. Im Geheimlager, in der Nähe des Einsatzortes, wartete die Verstärkung. Des Weiteren könnten sie dort Unterschlupf finden, falls Unerwartetes passieren sollte.
Die Soldaten standen in einer Reihe, eingehakt in einem Seil. Bald würden sie achttausend Meter über der Erde abgelassen werden. Sie befanden sich knapp vierzig Kilometer vom geplanten Landepunkt entfernt. Das entsprach der Strategie, damit die Maschine nicht gefährdet wurde und ihr Ankommen unbemerkt bliebe. Alpha hoffte, dass die Windbedingungen nicht zu sehr wechselten, um ohne große Abweichung das Ziel zu erreichen. Fünf Männer – fünf Freunde. Bei der geöffneten Luke blies heftig der Wind in den Innenraum. Noch waren sie gesichert.
»Glück ab!«, wünschte Alpha seinem Vordermann, drückte damit aus, dass dessen Flug verletzungsfrei verlaufen sollte. Sissi … Wollte mich melden, hab es nicht getan. – Nicht ablenken lassen, sonst wirst du anfällig für Fehlentscheidungen! Er wurde ausgehakt, sprang, verließ bei ein paar hundert Kilometer pro Stunde den Fluguntersatz. Ein Adrenalinschub durchflutete ihn. Der starke kühle Wind wirkte wie ein Luftkissen, das den Fall etwas bremste. Hopptausend, Zwotausend, Dreitausend … Nach wenigen Sekunden hatte er sich im Freifall stabilisiert.
Alpha öffnete den Schirm. Obwohl ein Slider – ein rechteckiges Stückchen Stoff mit Metallösen an jeder Ecke – die Fangleinenbündel zusammenhielt, damit sich die Kappe nicht schlagartig entfaltete, spürte er die Bremswirkung. Es ruckelte ihn nach hinten, er wurde hochgezogen. Nun musste er sich auf sein Gespür verlassen. Bei einer guten Strömung schafften seine Kameraden und er auf diese Weise bis an die fünfzehn Kilometer, oft sogar mehr.
Sie schwebten wie blind durch die nächtliche Dunkelheit. Am Handgelenk trugen sie überdimensional wirkende Armbanduhren, die mit einem Display sowie integriertem Kompass und GPS ausgestattet waren. Darauf befanden sich die wichtigsten Wegpunkte abgespeichert. Die Gleitphase glich der berühmten Ruhe vor dem Sturm. Schemenhaft konnte er die Umgebung erkennen. Dort unten lauerten Gefahren, dazu zählten die wilden Tiere, die unbekannte Vegetation oder Landschaft, aber vor allem die Aufständischen. Mit Glück würden diese ihr Eindringen nicht bemerken.
Es raschelte und knackste, als Alpha mitten in den Kronen eines Baumes landete. Irgendwo protestierte ein Vogel wegen der nächtlichen Störung. Rasch zückte er sein Messer, ritzte ein gespanntes Seil an, das ihn hielt und wie ein überstrapazierter Gummi zerriss. Jäh ging es ein Stück nach unten. Ein euphorisches Hochgefühl setzte sich dabei in ihm frei, Alpha unterdrückte ein Jauchzen. Er zerschnitt nacheinander die weiteren Seile, bis er gefahrlos den Boden erreichte. Arno schaute sich um, die Kameraden waren unweit von ihm gelandet. Beinahe lautlos formierten sie sich und schlichen weiter durch die Nacht.
Das Team hatte den Tag verdeckt verbracht. Alpha blinzelte, bemerkte Kappa, der dabei war, Omikron vom Aussichtsposten abzulösen. Nun würde Kappa die Gegend aufmerksam beobachten, während die anderen Kameraden und er, geschützt durch dichtes Geäst der Bäume, rasten konnten.
Den Fallschirmsprung hatten sie heil überstanden, bloß Kappa humpelte leicht. Das war Alpha aufgefallen, obwohl sein Freund kein Wort darüber verlor. Wahrscheinlich hatte er sich bei der Landung den Fuß verdreht. Doch wenn man aufrecht weggehen konnte, war es eine gute Landung. Schmerzen wurden heruntergeschluckt und ausgeblendet, sofern man nicht den Spott der anderen riskieren wollte.
Alpha schloss fest die Augen. An Schlaf war nicht zu denken. Er horchte auf jedes Geräusch, Knacksen, das Flattern der Vögel … Der Wind strich sanft durch die Bäume und Sträucher. Alles in ihm war angespannt. So nah am Zielort mussten sie damit rechnen, dass sie jederzeit entdeckt werden konnten. Die Wartezeit, die einer Stagnation glich, war für ihn mitunter das Härteste. Seine Gedanken schweiften ab, holten Zweifel in ihm empor.
Es ist kein läppischer Spielfilm, in dem es meist ein Happy End gibt. Wir haben so oft Glück gehabt. Ich bin mit meinen Mitte Dreißig kein naiver Jungspund mehr. Nur wenige hielten so einen Job bis zu diesem Alter durch, agierten noch an vorderster Front. Viele schieden vorzeitig in der Verpflichtungszeit aus, sowohl freiwillig als auch unfreiwillig, oder wechselten zu einem ungefährlicheren Posten. Rückblickend wirkte für Alpha jedes Jahr, als hätte man ihm ein ganzes Jahrzehnt geraubt.
»Alles gut bei dir?«, fragte Omikron leise, der sich neben ihm niederließ.
Alpha visierte seinen Freund an. »Wieso?«
»Du schneidest Grimassen und stöhnst dabei, als hättest du Schmerzen.«
»Bin von der Warterei ganz verspannt.«
»Bald geht es eh los.«
»Bei dir klingt das, als wäre es ein simpler Wanderausflug.«
»Ach, ist es gar kein simpler Wanderausflug?«
»Idiot«, zischte Alpha, ohne es böse zu meinen. Beide lachten gedämpft.
Der Abend dämmerte, die Soldaten nahmen ihre Rucksäcke und brachen auf. Sie marschierten durch unwegsames Gelände, mussten an die fünf Kilometer Fußmarsch hinter sich bringen. Die Waffen hielten sie griffbereit, ein Teil der Munition lag in einem Gurt quer über den Körper. Die Route war durchgesprochen, ebenso die Positionen, trainiert in etlichen Stunden, bis die Abläufe wie automatisiert wirkten. Dennoch ähnelte kein Einsatz dem anderen. Sie mussten sich ihre Flexibilität erhalten, durften nicht blindlings agieren.
Inkognito! Wir alle! Maulwürfe, gut getarnt, im Untergrund. Alpha stoppte. Er rückte sein Nachtsichtgerät zurecht, sah die Kameraden im grünlichen Schimmer. Ihre Bewegungen wurden achtsamer. Adrenalin strömte durch Alphas Adern, fast so wie früher in der Ausbildungszeit. Auch da hatte es ihn feurig heiß durchflutet, als er damals in dem eigenen dafür abgesperrten Areal die Munitionssalven hinausließ. Mit Farbmarkierungsmunition stellten sie bei Übungen ziemlich realistisch Gefechte nach, das Kunstblut durchtränkte die Kleidung, hinterließ blutige Pfützen am Boden.
Souverän, ohne mit der Wimper zu zucken, hab ich die Pappkartons weggeschossen. Verbiss die Schmerzen, wenn ich getroffen wurde, trug stolz jeden einzelnen blauen Fleck, die die Geschosse auf der Haut hinterlassen hatten. Sein erster richtiger Einsatz wirkte anfangs wie die Übungseinheiten. Als das Gesicht eines Rebellen auftauchte, zielte er ebenso genau, spürte den Rückstoß, Sand wirbelte auf … Erst, als sich dieser gelegt hatte, realisierte er langsam, dass das keine Pappfigur, sondern ein Mensch gewesen war. Seine Kameraden und er hatten die Feinde eliminiert. Sie klopften ihm auf die Schulter, beglückwünschten ihn, gaben ihm das Gefühl, Herausragendes geleistet zu haben. Damit verscheuchten sie in ihm den Gedanken, dass dieser Kerl, der tot im Sand lag, ebenfalls eine Familie haben musste.
»Scheiß Elite!«, fluchte er zwischen zusammengebissenen Zähnen. Auch dieses Mal ging es nicht um Pappkartons, sondern um Menschen aus Fleisch und Blut. Bald erreichen wir den Zielort. Zuvor müssen wir noch ein paar Vorbereitungen treffen, um später für die eine oder andere Überraschung zu sorgen!
Befreiung mit Hindernissen
Marissa hatte Fieber. Abwechselnd heiß und kalt jagten die unterschiedlichen Schauer über ihren Körper. Die Wunde am Handgelenk war rot, ganz entzündet, sah richtig böse aus, als stünde sie kurz vor einer Blutvergiftung. Ihr war es einerlei. Lass mich sterben, wimmerte sie. Eine fette Ratte tippelte auf sie zu. In einem hysterischen Anfall kreischte Marissa los, trat mit den Füßen nach dem Vieh, schlug mit den Händen umher, bis das Getier forthuschte.
»Gib nicht auf«, beschwor Albert sie, der eine seiner kurzen wachen Phasen hatte.
Marissa heulte.
»Man wird uns rausholen.«
»Das glaubst du wohl selbst nicht!«, fuhr sie ihn an. »Wer sollte Interesse daran haben, uns rauszuholen? Wir sind nichts, Mittel zum Zweck für die perversen Vorlieben!« In ihrer Erinnerung sah sie den davonrollenden Schädel. Übelkeit wallte hoch. Wenn sie mehr Nahrung bekommen hätten, hätte sie sich bestimmt erneut übergeben. So fühlte sie den scharfen Geschmack der Galle in ihrer Kehle, die sie grade noch herunterschlucken konnte. Matt kauerte sie sich auf dem Boden zusammen.
Alpha schlich sich lautlos an. Er ließ den Rebellen, der an einem Baum lehnte, nicht aus den Augen. Mit dem Nachtsichtgerät konnte er dessen Umrisse ausmachen. Seine Waffe war schussbereit, sollte erst zum Einsatz kommen, falls der Gegner ihn bemerken würde. Achtsam machte er einen Schritt vor den anderen, hoffte, nicht auf einen verräterischen Ast zu treten.
Nur mehr wenige Meter. – Jetzt! Alpha stürmte vorwärts. Mit einer gezielten Bewegung schnellte sein Arm nach vor, umfasste den Kopf von hinten, brach dem Kerl knacksend das Genick. Der Körper sackte zuckend auf den Untergrund.
Alpha wandte sich rasch ab, imitierte eine Vogelstimme. Es war das Zeichen für den Zugriff. Einer der Kameraden öffnete die Tür, während die anderen in die Hütte stürmten. Schüsse fielen. Schon kamen zwei seiner Leute heraus, rannten ihm mit einer Frau und einem Mann entgegen. Die beiden Geiseln wirkten mitgenommen, wurden eher mitgeschleift, als dass sie selber laufen konnten. Über ihnen erklang das Dröhnen eines Helikopters. Das Timing passte, der Suchscheinwerfer hatte sie bereits gefunden.
»Die dritte Geisel ist tot. Sie wissen nicht, wo sie hingeschafft wurde, wahrscheinlich irgendwo verscharrt«, rief Sigma. »Kappa wurde getroffen!«
»Mist!«, fluchte Alpha. »Bringt die beiden in Sicherheit.« Er eilte in die Hütte. Omikron kam ihm humpelnd mit einer blutenden Wunde am Oberschenkel entgegen. Sein Kamerad hatte den bewusstlosen Kappa über die Schulter geworfen.
Alpha nahm ihm den Verletzten ab. »Rückzug!«, stieß er aus. Sein Blick glitt kurz über die leblosen Körper der Aufständischen. Die können keinen Schaden mehr anrichten. Die Männer liefen Richtung Helikopter, etwas oberhalb flog eine zweite Maschine und sicherte den Luftraum. Die Geiseln sowie die beiden Kollegen, Rho und Sigma, wurden indes aufgenommen. Ein zischender Schmerz ließ Alpha in die Knie gehen. Er strauchelte, dennoch schaffte er es, Kappa nicht loszulassen.
Mist, es gibt einen vierten Mann, den wir bei den Recherchen übersehen haben! Sein eigenes warmes Blut floss über den Rücken hinunter. Omikron feuerte in jene Richtung, aus der offenbar der Schuss gekommen und im Dröhnen des Motors untergegangen war. Erde spritzte unweit vor ihnen empor, eine riesige Rauchwolke verteilte sich im Licht der Scheinwerfer. Die Feinde hatten außerhalb einen Granatwerfer abgeschossen. Es wurde auf den Hubschrauber gefeuert.
Alpha verschanzte sich mit dem bewusstlosen Kameraden und Omikron hinter den Büschen. Der Helikopter entfernte sich aus der Gefahrenzone, denn das Überleben der Geiseln hatte Priorität. Er gewann rasch an Höhe, das Rattern der Rotoren wurde leiser.
»Wir müssen ins Lager!«, presste Arno hervor.
»Mit unseren Verletzungen? Die gehören zuvor versorgt! Gib mir Deckung«, stellte Omikron unmissverständlich fest. Schon öffnete er den Rucksack, um zum Verbandsmaterial zu kommen. Eine Tretmine detonierte in der Nähe, wirbelte Erde, Steine, Pflanzen- und Wurzelstücke durch die Luft, wohl auch Teile eines Menschen. »Die hat er übersehen!«, meinte Omikron freudig, als damit die unmittelbaren Schüsse verstummten.
»In der Ferne kracht es nach wie vor, das bedeutet einen geringen Zeitvorsprung.« Alphas Hand lag fest auf Kappas Bauchwunde, die Finger färbten sich blutig. Der Kamerad blieb bewusstlos.
»Das geht ratzfatz.«
»Schaut übel aus!«
Omikron fixierte eine hämostyptische Kompresse über dessen offene Wunde. Diese enthielt Zeolithe, sogenannte Aluminiumsilikate vulkanischen Ursprungs, um die Blutung zu stillen. Rasch bauten die beiden eine Trage aus Steckrohren zusammen, auf die sie den verletzten Freund lagerten.
»Was ist mit deiner Wunde?« Omikron kontrollierte Alphas Verletzung.
»Die kannst du vernachlässigen.« Alpha verbiss sich die Schmerzen. Aus der Schussverletzung sickerte wenig Blut. Die Kugel hatte sich tief ins Fleisch gegraben, fungierte dadurch wie ein Pfropfen.
Mit geübten Griffen schlang Omikron indes eine elastische Binde um den eigenen blutenden Oberschenkel, was schnell erledigt war.
»Abmarsch!«, stieß Alpha aus. Gemeinsam hoben sie die Trage auf. Hoffentlich schaffen wir es rechtzeitig ins Camp, bevor die Verfolger unsere Spur aufnehmen!
Marissa und Albert hielten sich an den Händen. Unter ihnen flackerte im Scheinwerferkegel eine Wolke aus Sand, Staub und Gesteinen auf. Die Motoren dröhnten, übertönten alles andere.
Wie im Krieg! Marissa realisierte erst jetzt, dass sie über einer Gruppe von Bäumen und Sträuchern hinwegflogen. Wie kann das sein? Wir waren in der Wüste – überall befand sich Sand! Es zischte metallern, als eine Kugel die Kabine des Hubschraubers durchbohrte und knapp an ihnen vorbeipfiff. Sie schrie erschrocken auf, einer ihrer Befreier drückte sie runter und schirmte ihren Körper mit seinem ab.
Marissa starrte auf den Boden der Maschine, spürte, dass sie rasch an Fahrt aufnahmen, fühlte den Luftzug, der durch das Einschussloch hereindrang. Bestimmt gab es mehr als eines, denn es knallte etliche Male blechern gegen die Außenhaut des Hubschraubers. Zitternd kniff sie die Lider zusammen, wollte nichts sehen. Minutenlang blieb die Anspannung greifbar.
»Was ist mit den anderen?«, fragte Albert verunsichert, als sie sich irgendwann aufsetzen durften.
»Die kommen schon zurecht«, entgegnete der Soldat.
Marissa las seine Antwort eher an den Lippen ab, als dass sie ihn verstanden hätte. Frei, wir sind frei! Oder? Noch fliegen wir … Können die Scheißkerle uns einholen? Sie schluckte, musterte die Soldaten in ihrem dunklen Outfit. Die Gesichter waren schwarz-grün-braun bemalt, wirkten ebenso besorgt.
Es stellte sich keine rechte Freude bei Marissa ein. Offensichtlich wurden Leute zurückgelassen, die sich weiter in Gefahr befanden. Zudem steckte sie in verschmutzter, stinkender Kleidung, ihre Haut war grau und dreckig. Sie sehnte sich nach einer heißen Dusche, frischem Gewand, Nahrung, einem freundlichen Wort, die vertraute Umgebung …
Albert zog sie etwas heran. Marissa ließ ihn gewähren, obwohl sie, seit der rauen Übergriffe, bei jeder Berührung innerlich verkrampfte. Merkt er, wie aufgewühlt ich bin? Geht es ihm gleich? Matt blieben sie aneinander gelehnt sitzen, suchten gegenseitigen Trost, wollten etwas Nähe und Wärme spüren, während der Motor sowie die Rotorblätter gleichmäßig dröhnten.
Am Limit
»Geschafft, vorerst.« Alpha lag erledigt auf einer Liege. Sie hatten das Camp erreicht, kein Basiscamp, sondern eines von jenen, das unter größter Geheimhaltung stand. Hier gab es elf weitere Soldaten verschiedener Nationen, einen Heeresarzt, Medizin, Nahrung, Munition und Waffen untergebracht in Zelte und Container. Rundherum befanden sich alle in Alarmbereitschaft. Sie konnten im Augenblick nicht ausgeflogen werden. Rebellen hatten die Verfolgung aufgenommen und mittlerweile in der Nähe des Camps Position bezogen. Sie waren sauer, verdammt sauer! Das verhieß nichts Gutes! Es war nicht klar, um wie viele Feinde es sich handelte. Allerdings würden sie auf alles feuern, was am Himmel oder in der Umgebung auftauchte und nicht zu ihnen gehörte.
Omikrons Verletzung am Bein stellte sich als Streifschuss heraus, behinderte ihn kaum. Kappa lag hingegen regungslos und bleich auf seiner Liegestätte. Ihn hatte es am schwersten getroffen. Es war ein Wunder, dass er noch lebte. Die Kugel hatte sein Inneres zerfetzt. Ohne Hämostyptikum wäre er gewiss längst tot. Auch so machte ein operativer Eingriff keinen Sinn, und das lag nur bedingt an der minimalistischen Ausstattung des Camps, das nicht für derart heikle Verwundungen ausgelegt war. Man hatte ihn mit Schmerzmittel ruhiggestellt, damit er müheloser in die andere Welt hinübergleiten konnte.
Der Arzt behandelte indes Alphas Schulter. »Wir müssen die Kugel rausholen. Je früher, desto besser. Wie es ausschaut, hat sie kein wichtiges Gefäß verletzt.«
Alpha ächzte. Der Fremdkörper steckte zwischen den Knochen, ebenso die Splitter. Zum dritten Mal in seinem Leben würde er darauf hoffen müssen, dass sie alles entfernen könnten. Er hatte stets eine gute Wundheilung, aber eine Verletzung war eine Verletzung, brauchte Ruhe, um auszuheilen. Diese Ruhe gab es in seinem Beruf kaum, weshalb wohl einige der alten Wunden nie schmerzfrei geworden waren und seinen Alltag zuweilen erschwerten. »Bekomm ich was gegen die Schmerzen?«
»Später, noch ist es zu früh für die nächste Dosis. Außerdem, du bist Elite, da wirft dich so ein Kratzer nicht gleich um.« Mit diesen Worten ließ der Arzt ihn allein.
Idiot! Alpha erhob sich auf wackeligen Beinen, stellte sich seitlich zum Fenster, damit man ihn von draußen nicht ausmachen konnte. Er spähte hinaus. Bald würde der Tag anbrechen. Die Schüsse zogen wie helle Blitze über den Himmel. Er starrte auf seine verschmutzten Hände, die Abschürfungen zeigten und vom Pulver geschwärzt waren. Im Lager konnte man sich bloß notdürftig reinigen, da es kein fließendes Wasser gab.
Alphas Blick fiel auf Kappa. »Leo«, sprach er ihn mit dem realen Namen an. Der Freund reagierte nicht, sein Atem ging schwer, dazwischen gab es lange Pausen. Er wusste, was das bedeutete. Es handelte sich um wenige Stunden, wenn überhaupt, bis Leos Leben für immer erlöschen würde. Er berührte kurz dessen Schulter und schaffte es kaum, die eigenen Qualen in ihm verborgen zu halten.
Ob es ein Leben nach dem Leben gibt? Wie absurd! Oder nicht? Langsam schlich Alpha zu seiner Liege zurück. Es dauerte eine Weile, bis sich der Schwindel gelegt hatte. Er langte nach dem Handy. Vor dem Camp ging es rund. Sie wurden ordentlich unter Beschuss genommen, ein Aufflackern, bevor der neue Tag richtig beginnen würde. Frustriert drückte Alpha auf die Aufnahmefunktion im Messenger, ehe ihn die Kraft verließ, er mit den Tränen kämpfte und sein Gesicht im Kissen verbarg.
Entsetzen
Bestürzt saß ich aufrecht im Sessel. Das Frühstücksmüsli schmeckte mir nicht mehr. In der Hand hielt ich mein Mobiltelefon. Ich schaute auf die Mitteilung, die um drei Uhr vierunddreißig bei mir eingegangen war. Von Arno. Nun war es acht Uhr. Statt wie ich es sonst täglich tat, am Handy die neuesten Nachrichten zu lesen, spielte ich fortwährend die wenige Sekunden andauernde Audiodatei auf dem Smartphone ab. Ich vernahm das dumpfe Dröhnen sowie Rauschen von Schüssen und Detonationen. Ich hatte bereits Vergleichbares in einem Kriegsfilm im Kino oder Fernsehen gehört, aber das hier verwirrte mich immens.
Warum schickt mir Arno eine solche Aufnahme? Ist das ein Filmmitschnitt? Im Hintergrund hörte ich ein verzweifeltes Stöhnen, womöglich ein ersticktes Schluchzen. Als Krankenschwester wusste ich, wie sich Menschen in Not anhörten, wenn sie Schmerzen hatten. Neuerlich drückte ich auf die Aufnahme. Es klang dumpf, als wäre es außerhalb von einem Gebäude. Ist er in Gefahr? Weshalb?
Innerlich fluchte ich, dass ich das Handy nachts auf Vibration gestellt und mich der Summton nicht aufgeweckt hatte. Hey, alles gut bei dir?, tippte ich. Es blieb bei einem einfachen grauen Haken, der anzeigte, dass die Nachricht nicht durchgegangen war. Unschlüssig nestelte ich an meiner langen blonden Haarsträhne. Ich hatte ein ungutes Gefühl in der Magengrube, schielte aufs Display. Unverändert. Seufzend stand ich auf. Ich musste etwas gegen die nervenaufreibende Warterei tun. Entschlossen holte ich den Fenstersauger aus der Abstellkammer hervor und begann damit, die Glasscheiben zu reinigen.
Seitens Arno gab es keine Reaktion. Obwohl er kurz Online gewesen war, wie es mir angezeigt wurde, hatte er nicht zurückgeschrieben. Meine Frage blieb weiterhin ungelesen, was mich beunruhigte. Bei jedem Signalton zuckte ich zusammen. Ich schaute auf diverse belanglose E-Mail-, WhatsApp- und Facebook-Nachrichten, wurde rastloser, da mich die Piepstöne regelrecht aufwühlten.
»So geht’s nicht weiter!«, schimpfte ich mit mir, als ich zum zigsten Mal den Lappen aus der Hand legte, um am Display auf die eingegangene Mitteilung zu schauen. Kurzerhand stellte ich einen Zischlaut und gelbes Licht für den Messenger ein. Momentan war Arno der Einzige, der mich über dieses Medium kontaktierte.
Es war Mittag geworden, Nachmittag und früher Abend. Indes blitzte meine Wohnung. Das Bett war frisch überzogen, Bad und WC geputzt, die Böden feucht aufgewischt. Der Haken blieb grau, doch immerhin gab es zwei davon, also war die Nachricht zumindest weitergeleitet worden. Ich konnte mir darauf keinen rechten Reim machen. Ein leiser Hang an Selbstzweifel überfiel mich. Will er nicht mehr schreiben, da er weiß, dass ich seine ehemalige Nachbarin bin?
Als Kind und Jugendliche hatte ich aufgrund meiner Schüchternheit sowie der vermehrten Kilos bloß wenige Freundschaften geschlossen. Optisch, mit der verschlissenen Kleidung, empfand ich mich damals eher wie ein hässliches Entlein. Meine Eltern mussten jeden Cent umdrehen. Sie sparten für meine Ausbildung, dafür, dass ich den Traum erfüllen konnte, Krankenschwester zu werden. Erst später, mit Papas Tod, realisierte ich, dass sie etliches für meine Zukunft zur Seite gelegt hatten.
Inzwischen kannte ich den Grund für das einstige Übergewicht. Eine Erkrankung namens Hashimoto, eine chronische Entzündung, hatte bei mir zur Zerstörung des Schilddrüsengewebes geführt. Infolgedessen arbeitete die Schilddrüse nur mehr auf Sparflamme, dem konnte ich mittlerweile gut mit einem Medikament entgegenwirken. Mein Körper zeigte zwar nach wie vor Rundungen, doch die überflüssigen Kilos waren weggeschmolzen.
Ob Arno so oberflächlich ist? Nein! Unvorstellbar! Er wollte mit mir in Kontakt bleiben! Müde machte ich mich auf ins Bett. Ich war mir sicher, dass es nicht sein Plan sein konnte, mir so eine Aufnahme zu schicken. Neben mir schnurrte mein getigerter Kater. Er wirkte zufrieden. Ich knuddelte ihn eine Runde. Die Unruhe blieb bestehen. Ich schielte zum Buch auf dem Nachtschrank, ein Historienroman, aus dem ich gerne ein paar Zeilen las. Dazu fehlte mir grade die Energie sowie Konzentration, zudem musste ich morgen früh raus. Tagdienst. Ich war psychiatrische Krankenschwester im Grazer Landeskrankenhaus auf einer Frauenstation, mit einigen Mutter-Kind-Einheiten.
Momentan wollte ich nicht an die Arbeit denken. Gähnend löschte ich das Licht, während sich im Kopf das Gedankenkarussell weiterhin um Arno drehte, sodass ich dahindöste.
Irgendetwas vibrierte. Wie automatisch griff ich nach dem Handy. Arno hatte einen Kuss-Smiley gesendet. Mit einem Schlag war ich hellwach.
Hey, schön, dass du dich meldest.
Warum sollte ich nicht?
Warst ein bisschen ruhig, hab mir Sorgen gemacht. Alles gut bei dir?
Nicht wirklich, bin heute operiert worden.
Oh! Was ist passiert?
Das darf ich nicht sagen. Bin weit weg von dir.
Das Audio klang danach. Bist du in Gefahr?
Arno schlug sich mit der flachen Hand auf die Stirn. Fuck, das Audio! Warum hab ich ihr das geschickt? Er wusste weshalb. »Wir werden alle krepieren«, stieß er bitter aus. Er hatte die Geheimhaltung so satt. Zumindest momentan. Nie mehr werde ich die Heimat sehen! Nie mehr meine Tochter! Da spielt die verbotene Schreiberei keine Rolle mehr! Unehrenhaft entlassen? Viel eher wird es in absehbarer Zeit Missing in Action heißen!
Seine Hand zitterte, als er eine Entgegnung tippte:
Sorry, ich wollt dich damit nicht beunruhigen. Die Aufnahme war ein Versehen.
Ein Versehen? Was ist los bei dir?
Hmm …
Willst du nicht antworten?
Ich darf nicht – ich kann nicht. Hat das eigentlich eine Bedeutung?
Was denn?
Irritiert runzelte ich die Stirn. Schließlich leuchtete das gelbe Signallicht, das mir eine neue Nachricht anzeigte. Ich betrachtete eine geschwärzte Handinnenfläche. An den Fingerkuppen entdeckte ich Abschürfungen. Um das Handgelenk war ein dunkles Lederarmband geschlungen.
Die eine Linie ist ganz weiß. Ist das irgendein Zeichen? Dafür, dass ich bald sterbe?
Ist seine Verletzung schlimmer, als er zugeben will? Welche Linie meint er? Ich schluckte, musterte genauer das letzte Bild. Meint er die Lebenslinie? Die hob sich zumindest weißlich von der verschmutzten Hand ab.
Sag, muss ich mir Sorgen machen? Hast du Blut verloren? Du wirst nicht sterben, die Haut wirkt zu trocken, da können sich die Linien farblich verändern. Das ist nicht besorgniserregend.
Er ächzte. Darf ein einzelner Mensch überhaupt solche Qualen ertragen? Mittlerweile schmerzte nicht nur die Schulter, sondern es pochte überall im Körper. Die Uniform klebte wie eine zweite Haut an ihm, der Innenraum war spürbar aufgeheizt. Sein einziger Lichtblick war Sissi, die ihm etwas Ablenkung schenkte.
Du denkst sicher, ich spinne. Sorry. Ich kenne mich grad selbst nicht mehr.
Offenbar geht es dir nicht gut. Und soll ich dir was sagen, deine Lebenslinie zeigt aufsteigende Äste. Das heißt, dass du daran arbeitest, Lebenskrisen positiv zu überwinden.
Woher weißt du das?
Ich hab irgendwo im Regal ein Handlese-Buch. Es gab eine Zeit, in der ich mich damit beschäftigt habe. Ein paar Dinge sind da unweigerlich hängengeblieben.
Was siehst sonst so?
Die Kopflinie ist oben eher gerade, das bedeutet, dass du mit reichlich Energie an gewisse Dinge herangehst. Nach unten hin ist sie geschwungen, das steht für einen umgänglichen Menschen, mit Sinn für Schönes und einem Romantiker. Auch dafür, dass oft dein Kopf über dein Herz entscheidet.
Danke, du bringst mich zum Lächeln. Weißt, ich lieg in einem Zelt, das ist keine Universitätsklinik, sondern eine ziemlich abgespeckte Version. Und ich bin noch schmutzig.
Besser wie unter einem Baum oder in einer Höhle, oder? Wichtig ist, dass du versorgt wirst. Andere gehen für diesen Braun-Schwarz-Ton ins Solarium. Ich schickte einen Zwinker-Smiley hinterher.
Arno entwich ein Grinser, fast zeitgleich fluchte er, da von der Schulter ausgehend ein scharfer Schmerz ihn durchflutete. Er brauchte ein paar Momente, wischte sich Schweißtropfen aus der Stirn. Erst danach suchte er das Bild eines Lach-Smileys heraus, um es seinerseits retourzusenden.
Ich bin versucht, dir andere Fotos zu schicken, doch da mach ich mich strafbar. Eigentlich darf ich nicht einmal mit dir schreiben, aber ich weiß, wie man das geheim macht. – Wenn wir uns jemals treffen oder sehen sollten – das hier hat es nie gegeben, bitte.
Natürlich, du bist Schlosser.
Du könntest echt beim Geheimdienst anfangen. Stör ich dich eh nicht? Hast sicher Besseres zu tun, als mit mir zu schreiben.
Nein, du störst nicht – außer, du bist zu müde und willst schlafen.
Hast du mal richtige Schmerzen gehabt?
Wahrscheinlich nicht solche, an die du denkst, oder hast.
Die spinnen hier!
Der Arzt kam herein, um nach Kappa zu sehen. Alpha setzte sich stöhnend auf, da auch seine Wunde kontrolliert wurde. »Au, pass auf, was drückst du da so herum? Gib mir besser was gegen die Schmerzen?«
»Seit wann seid ihr von der Elite so zimperlich?«, kam es trocken retour.
Alphas Zähne mahlten vor Zorn aufeinander, da der Doktor ihn neuerlich mit so einem blöden Spruch abfertigen wollte. »Ich hab Schmerzen, gib mir was!«, wiederholte er fest.
»Du bekommst dann etwas, wenn ich es für richtig halte. Wir haben keine unendliche Quelle, die jederzeit auffüllbar ist.«
Alpha griff nach dem Gewehr zu seiner Linken. Es war geladen und entsichert. Mit einer geübten Bewegung brachte er es hoch, zielte auf den Arzt. »Keine Hinhaltetaktiken! Sonst puste ich dir den Schädel weg – und dann mir!«
Sein Gegenüber schaute in Alphas Gesicht, forschte darin, wie ernst er das Ebengesagte meinte. »Ich muss dir wohl nicht erklären, dass es erforderlich ist, die Mittel zu rationieren. Wie’s ausschaut, wird die Belagerung der Rebellen Tage andauern.«
»Jetzt! Eine gute Tat in den letzten Lebensstunden könnte hilfreich für dich sein, dass du doch in den Himmel und nicht in die Hölle kommst.«
»Du redest so einen Blödsinn! Ist dir das eigentlich klar?«
»Ich? Wenn du Grips hast, nach draußen schaust, wirst du selbst erkennen, wie aussichtslos unsere Lage ist.« Alpha hielt dem Blick des Arztes stand. Sekunden stierten sie einander an, ehe dieser unwirsch ein: »Meinetwegen« ausstieß und davoneilte.
Wollen sie dir kein Schmerzmittel geben? Oder zu wenig?, las Arno Sissis Nachricht. Erst jetzt spürte er, wie angespannt sein gesamter Körper war. Er bewegte sich echt am Limit. Nein – längst darüber hinaus!
Es ist zu wenig Zeug da. Ich soll es aushalten, weil ich Elite bin, kommentierte er.
Das ist Mist, da steigt dein Schmerzlevel immer höher, und du brauchst länger, bis er wieder herunten ist.
Da kennst du dich besser aus. Hab eh was gesagt. Ich hoffe, sie kommen bald. Sonst werde ich wirklich verrückt.
Siehst – wenn man vom Teufel spricht – im Anmarsch.
Erleichtert sank Arno auf die Pritsche, streckte seinen Arm entgegen, in dem seit der Operation ein Venenkatheter steckte.
Dann hoffe ich, dass die Mittel rasch wirken.
Werde schon vollgesaugt mit den Flaschen. Bin total groggy. Ich melde mich morgen, wenn ich darf.
Er legte das Handy zur Seite. Falls ich mich noch melden kann, geisterte es durch seinen Kopf, ehe er dankbar die Augen schloss und sich darüber freute, dass die Schmerzen nachließen.
Natürlich! Schlaf gut.
Das Handydisplay erlosch, tauchte mein Schlafzimmer in ein tiefes Schwarz. Die Gedanken rotierten in mir. Ist Arno in einen Schusswechsel geraten? So wie er schrieb, war es naheliegend, dass er ein Soldat sein musste. Zumindest würde das die kuriose Audioaufnahme erklären und weshalb er die Entfernung erwähnt hatte. Ich wusste von Leuten, die einer Spezialeinheit angehörten, im Ausland dienten, Territorien bewachten, versuchten, dass sich inländische Gruppen nicht zu sehr bekriegten. Etwas in der Art? Oder spielt mir die Fantasie einen Streich?
Der Film Black Hawk Down kam mir in den Sinn. Dann die Vorführung bei der Airpower, einer Flugshow, bei der Soldaten sich abgeseilt und eine Geiselbefreiung nachgestellt hatten. Solche Geheimeinsätze gab es somit im wahren Leben, auch wenn kaum etwas an die Öffentlichkeit gelangte und meist nur kurz in den Medien darüber berichtet wurde.
Ich öffnete die Facebook-App, besah mir Arnos Profilbild genauer. Mit dem schwarzen Haar, seinem Drei-Tage-Bart und der Sonnenbrille wirkte er wie ein Mafioso, distanziert. Sein Körper war definitiv durchtrainiert, wie ich auf weiteren Bildern feststellte. Auf anderen Fotos fand ich, schaute er nachdenklich sowie melancholisch drein. Ich erinnerte mich an den Jungen mit den braunen Cordhosen, der scheinbar vor nichts und niemanden Angst hatte. Er besaß ein ausgeprägtes Gefühl für Gerechtigkeit, griff bei Streitereien ein, wenn ältere Burschen auf schwächere losgegangen waren. Ich mochte ihn schon damals, trotz seiner Lausbubenader, die zuweilen dazwischenfunkte.
Was weiß ich von ihm? Unsere Kindheit liegt lange zurück, eigentlich ist er ein Fremder für mich. Es wirkte grad alles ziemlich mysteriös. Mein ansonsten vorhersehbares Leben wurde durcheinandergewirbelt. »Wer bist du?«, hauchte ich in die Nacht.
Alles geheim
»Wie ist das zu verstehen?« Marissa betrachtete ungläubig den Mann in der maßgeschneiderten Uniform, der Albert und ihr am Tisch gegenübersaß. An den zahlreichen Abzeichen erkannte sie, dass es sich um ein hohes Tier handeln musste. Sie befanden sich inmitten des Krankenzimmers, das im sterilen Weiß erstrahlte. Es stellte einen deutlichen Kontrast zur verborgenen Baracke dar, in der sie Tage als Geisel zugebracht hatten.
Der Offizier räusperte sich. »Ich muss Sie bitten, das hier zu unterzeichnen. Herr Gruber hat es bereits getan. Es darf kein Wort – über den Vorfall – nach außen gelangen.«
Marissa blickte zu Albert, der zustimmend nickte. Sein Schulterbruch wurde mit einem Spezialverband stabilisiert, ein paar Rippen waren angeknackst. Obwohl er es gut verbarg, wusste sie, dass er Schmerzen hatte.
»Schauen Sie, um solche Missionen in Zukunft erfolgreich absolvieren zu können, bedarf es absoluter Geheimhaltung. Immer wieder gelangen Menschen unverschuldet in kritische Situationen. Oberste Priorität ist es, unsere Männer zu schützen, damit sie unerkannt bleiben und nicht angreifbar werden. Die Zeiten, in denen sich die Regierungen der Länder erpressen ließen und abnorme Summen an Lösegeldforderungen bezahlt haben, sind längst vorbei. Die dort unten kennen nur eine Sprache. Welche das ist, haben Sie am eigenen Körper erfahren.«
Als Marissa an die Gewaltbereitschaft und die Übergriffe dachte, begann sie augenblicklich zu zittern. Das Handgelenk, das mit einem dicken Verband umwickelt war, pochte schmerzhaft. Im Krankenhaus hatte man sie eingehend untersucht. Es wurde ihr Blut abgenommen, um es auf etwaige Krankheiten zu testen, wie: HIV, Hepatitis … In den kommenden Tagen sollte sie die Ergebnisse erhalten, und in einigen Wochen würde sie die Werte nachkontrollieren lassen müssen.
Wenigstens bin ich nicht schwanger geworden! Einen Tag nach der Befreiung hatte ihre Menstruation eingesetzt. Am meisten haderte sie allerdings mit dem schwarzen Loch in ihrem Kopf. Offenkundig waren sie stundenlang von der Wüste in ein entlegenes Gebiet Nähe Source Trafant verschleppt worden, zumindest hatte ihnen das der Offizier mit ernster Miene erklärt. Kein Wort wird nach draußen gelangen! Hastig nahm sie den Stift in die Hand, unterzeichnete das Papier mit krakeliger Schrift: Marissa Huber.
»Ich danke Ihnen.« Der Offizier griff nach dem unterschriebenen Blatt.
»Sind inzwischen die anderen Soldaten in Sicherheit?«, erkundigte sie sich mit bebender Stimme.
»Darüber darf ich keine Auskunft erteilen.« Er nickte ihnen zu, verließ das Krankenzimmer.
»Das bedeutet wohl so viel wie ein Nein«, murmelte Marissa.
Albert griff nach ihrer Linken. »He, wir haben überlebt. Das ist das Wichtigste«, sprach er matt. Es klang wie ein auswendig gelernter Satz, vielleicht mit der Hoffnung, dass sich dieser irgendwann richtig und nicht wie eine leere Phrase anfühlen würde.
Marissa entzog ihm den Arm. »Ein schreckliches Leben.« Mit all dieser Erniedrigung … So nah am Tod! Sie schaffte es nicht, sich darüber zu freuen, dass sie lebte. Bedrückt starrte sie zum Fenster hinaus, der Himmel zeigte sich dunkelblau und wolkenlos. Ich wäre lieber an Simons Stelle gewesen. Noch jetzt war es ihr, als würden schmierige Hände sie grob packen und in eine Ecke drängen. Marissa räusperte sich, da der Kloß im Hals ihr spürbar den Atem nahm.
»Wie geht es dir in den Gesprächen mit der Psychologin?«, fragte Albert nach. »Sie wird uns helfen, den Schrecken zu verarbeiten. Sollen wir gemeinsam eine Stunde bei ihr machen? Sie hat es vorgeschlagen. Zumindest, solange die Möglichkeit besteht.«
Marissa ächzte. Helfen? Das ist so einfach daher gesagt. Und darüber reden? Niemals! Eine neue Woge aus Beklemmung und Panik überflutete sie. Äußerlich war sie sauber, steckte in frischer Kleidung, während sie sich innerlich beschmutzt fühlte. Ob ich es je schaffen werde, die Ängste in mir zu verbannen? Mit bebenden Fingern strich sie über den Verband, der den verzweifelten Versuch sich zu töten verbarg.
Den Rucksack mit ihren persönlichen Dingen, der im Außencamp zurückgeblieben war, hatte man gefunden, ihr inzwischen gebracht. Sie besaß somit die Möglichkeit, Kontakt zur Außenwelt aufzunehmen, könnte sich per Handy bei ihrer Freundin Gerti melden. Bislang hatte sie es nicht getan. Auch ihr muss ich eine Lügengeschichte auftischen, um mein Wort, Stillschweigen zu bewahren, nicht zu brechen. Ich kann nur einem gegenüber ehrlich sein: Albert. Bald ist er in Deutschland, während ich nach Österreich zurückkehre, dachte sie traurig. Sie beide hatten inzwischen die Telefonnummern ausgetauscht. Ob wir über so eine weite Entfernung den Kontakt aufrechterhalten können? Das steht auf einem anderen Blatt.
»Wann und wieso ist eigentlich dein Sohn gestorben?«, fragte Marissa in die Stille.
Albert zuckte zusammen, als ob sie ihn geschlagen hätte. »Du weißt davon?« Er klang verblüfft.
»Ja, die Ketamin-Injektionen, oder was für ein Zeug es nun war, haben dich gesprächig gemacht.«
Sein Gesicht wurde verschlossen. »Autounfall«, presste er hervor.
Marissa hakte nicht nach. Manchmal gab es Sachen, die man lieber für sich behielt, auch wenn das meist nicht zu den schlauesten Entscheidungen gehörte.
»Ich war schuld«, fuhr er doch fort. »Jung, dumm? Nein – es gibt keine Entschuldigung dafür, dass ich mich zugedröhnt ans Steuer gesetzt habe. Ich war viel zu schnell unterwegs. Er hatte keine Chance, wurde aus dem Sitz geschleudert.« Albert war ganz leise geworden. Sein Gesicht verzog sich grimassenhaft, als litte er unter heftigen Schmerzen.
Marissa fasste nach seinem Arm, wollte ihm Beistand geben.
»Nein, nicht. Das werde ich mir niemals verzeihen.« Er rückte ein Stück von ihr ab. »Ebenso wenig wie es mir meine Ex verziehen hat. Seit damals hab ich keine Drogen mehr angerührt, nicht einmal Alkohol.«
»Wie heißt dein Sohn?«
Albert suchte überrascht ihren Blick, wahrscheinlich, weil sie nicht die Vergangenheitsform gewählt hatte. »Gabriel. In zwei Monaten wäre er sechs Jahre geworden. Gestorben ist er mit eineinhalb.«
»Ob wir je lernen werden, mit unseren Fehlentscheidungen zu leben? Ein gewisser Schmerz wird ewig bestehen bleiben … Du wärst ein fantastischer Vater gewesen. Da bin ich sicher.«
Seine Augen schimmerten nass. »Das finde ich niemals mehr heraus«, stellte er bitter fest. »Warum bin nicht ich an Simons Stelle gestorben? Wenn ich nicht so ein Feigling wäre, würde es mich schon lange nicht mehr geben. Obwohl, ich wollte mich nie aus der Verantwortung stehlen … Fast hätten es die Injektionen und die Anfälle geschafft. Fast …«
Marissa schluckte betroffen. Es stand Albert deutlich ins Gesicht geschrieben, wie ihn das schlechte Gewissen, bezüglich der Nachlässigkeit gegenüber dem Sohn, quälte. So ausgelassen hat er vor kurzem am Lagerfeuer und inmitten der Sanddünen gewirkt.
Die Geiselnahme hatte sie beide angreifbar gemacht. Die Schutzmauern, die bislang die eigenen Empfindungen gut verborgen hielten, waren mühelos eingerissen worden. Marissa hörte die Worte des Arztes im Ohr, als dieser mit ihrem Urlaubsfreund gesprochen hatte: Herr Gruber, seien Sie froh, dass Sie am Leben sind. Die grausamen Foltermethoden hätten im schlimmsten Fall ihre Wirbelsäule brechen können. Das wäre lebensbedrohlich gewesen.
Sie stöhnte gequält. Lebensbedrohlich – das mochte Albert nicht erschüttern. Das Weiterleben ist die Herausforderung. Für uns alle. Sie hatte sich ebenso den Tod gewünscht. Ob es bei Simon Angehörige gibt? Wenn ja, was wird man denen erzählen? Wurde sein Leichnam inzwischen gefunden? Oder wird er auf ewig verschollen bleiben? … Ich werde es nie erfahren …
Lautlos rannen Tränen über ihre Wangen. Alberts Backen waren ebenfalls nass, während er wie hypnotisiert im Stuhl saß, als wäre er erneut durch eine Injektion ausgeknockt worden. Wenige Zentimeter trennten sie voneinander, dennoch fühlte sich Marissa verloren und einsam, wagte nicht, nach seiner Hand zu greifen. Niemand wird uns diesen Schmerz nehmen können!
Sissis Mutter
Bei meinem Dienst musste ich mich zusammenreißen, um mich konzentrieren zu können. Arno blieb in meinen Gedanken präsent. Wie es ihm geht? Ob er Schmerzen hat? Wo befindet er sich? Ist er noch immer in Gefahr? In der Körpermitte, in der Höhe zwischen Bauchnabel und Brustbein, das dem Sonnengeflecht zugeordnet wurde, breitete sich fühlbar ein eisiger Knoten aus, der die Sorge weiter verstärkte. Wenigstens hatte ich nach Arbeitsende einen Besuchstag bei meiner Mutter Agnes im Seniorenzentrum eingeplant. Ich hoffte somit auf etwas Ablenkung.
Mein Vater Ludwig lebte seit einem Jahr nicht mehr, gestorben an einem Herzinfarkt. Erst im Alter hatte er seine sanften und aufopfernden Seiten deutlicher gezeigt. So liebevoll und achtsam hat er Mama umsorgt! Sein Tod veränderte alles, er hinterließ eine große Lücke. Neben meinem Beruf schaffte ich es nicht, Mutter weiter zu betreuen. Ihr Geist war klar, doch eine Osteoporose machte ihren Körper gebrechlich und schwach. Es reichte oftmals ein kurzes Stolpern, schon war irgendein Knochen gebrochen, unmöglich, Mama unbeaufsichtigt zu lassen.
Ich hätte es nie mit dem Gewissen vereinbaren können, dass sie womöglich irgendwo am Boden ausharren müsste, über Stunden, ehe ich heimkommen und es bemerken würde. Meine Überlegungen, die Mietwohnung zu adaptieren, oder umzuziehen, damit eine Rundumbetreuung möglich wäre, schlug Mama in den Wind.
»Kind, sei nicht albern«, pflegte sie zu sagen, »was wirst du dich in Unkosten stürzen, wenn es im hiesigen Seniorenheim so einen schönen Platz für mich gibt. Dort habe ich alles, und du bist nicht belastet. Nimm das Angesparte von Vater, kaufe dir ein eigenes Reich, bau dir eine Zukunft auf. Das wäre in seinem Sinn.«
Im Innersten sträubte ich mich dagegen. Schlussendlich fügte ich mich ihrem Wunsch, leistete mir eine neu errichtete Eigentumswohnung, mit einem kleinen angrenzenden Garten, den ich nutzen konnte und einem Carport, in dem mein Subaru Platz fand. Die persönlichen Sachen aus der alten Unterkunft der Eltern zu räumen, war für mich, als hätte ich ein Stück Heimat verloren. Ich wusste, dass es Mama ähnlich ergehen musste. Trotzdem sprach sie oft von früher, schwelgte in jener Zeit, auch wenn sie voller Entbehrungen war.
In materiellen Dingen fehlte ihr inzwischen nichts mehr, aber das konnte weder den Ehemann noch die Jugend oder die Gesundheit zurückbringen. Seit Mamas letzten Sturz im März benötigte sie einen Rollstuhl, konnte nur mehr Kurzstrecken aus eigener Kraft bewältigen.
Ob sie froh über diesen Neuanfang ist, wo nicht in jeder Ecke eine Erinnerung lauert, mit der Gefahr, dass diese schmerzhaft emporlodert? – Neuanfang? Ein Seniorenheim gleicht eher der Endstation …
Ich parkte vor dem Frohnleitener Seniorenzentrum, einem gelb-blauen Gebäudekomplex. Frustriert stieg ich aus dem roten Subaru, schaute Richtung Himmel empor. Ich verharrte einen Moment, spürte die wärmenden Sonnenstrahlen auf der Haut meines Gesichts, die mich besänftigten. Bei diesen behaglichen Temperaturen stand einem ausgedehnten Spaziergang nichts im Wege.
Mama wartete im Eingangsbereich auf mich. Nachdem wir uns geherzt hatten, umfasste ich die Schiebegriffe, schob sie vor mir her. Wir erreichten nach wenigen Minuten die Murpromenade. Ich platzierte den Rollstuhl neben einer Sitzbank. Ein Baum spendete uns Schatten. Von dort schauten wir gerne den Enten zu, die scheinbar unermüdlich ihre Runden schwammen. Unweit spazierte eine Frau mit einem Hund an der Leine, Radfahrer fuhren recht zügig an uns vorüber.
»Weißt du, wen ich heute Vormittag getroffen habe und wer mit mir geplaudert hat?«, fing Agnes an.
»Nein.«
»Unsere ehemalige Nachbarin, die Dorli.«
»Dorothea Schuster?« Arnos Mutter! Verblüfft ließ ich mich auf die Bank nieder, befand mich damit unmittelbar an Mamas Seite.
»Ja, ist das nicht nett von ihr? Beneidenswert, wie fit sie mit ihren Fünfundsechzig ist. Dabei bin ich kaum fünf Jahre älter als sie.«
»Ich wusste gar nicht, dass ihr Kontakt miteinander habt.«
»Hatten wir schon länger nicht. Das Treffen war rein zufällig. Dorli hat wegen eines Platzes für ihren Mann Udo angefragt, der hat Parkinson.«
»Oh.«
»Er ist einige Male gestürzt, hat sich dabei einen Arm gebrochen und schmerzhafte Prellungen zugezogen. Wie lästig solche Brüche sind, das kenne ich allzu gut.«
»Das tut mir leid.«
»Mir auch. Sie macht sich schwere Gedanken darüber. Ich hoffe, dass ich ihr ein paar nehmen konnte. So wartet sie auf einen freien Platz, was dauern kann, da es eine Warteliste gibt.«
Mama klang so gleichmütig, als sie vom freien Platz sprach, dabei hieß das nichts anderes, als dass zuerst jemand sterben müsste. »Ich hätte dich lieber bei mir und nicht im Heim«, entgegnete ich betrübt.
»Ach, mein Kind. Mir fehlt hier nichts. Das Pflegepersonal ist nett, ich habe Menschen, mit denen ich mich unterhalten kann. Du besuchst mich häufig, obwohl du jung bist und dein eigenes Leben vor dir hast. Ich bin dir deshalb nicht gram, sondern stolz darauf, so eine wunderbare, fleißige Tochter zu haben. Im Herzen wünsch ich mir, dass du irgendwann die Liebe fürs Leben findest. So etwas Schönes und Intensives, wie ich es mit deinem Vater hatte. Versprich mir, dass du zugreifst, wenn der passende Mann auftaucht.«
Ich nickte, meine Augen wurden feucht. »Ich hab dich so lieb, Mama.«
»Ich dich auch, mein Kind.«
Wir umarmten uns innig.
»Mir geht es wirklich gut.« Agnes löste sich als Erste. »Ich mag auf keine Berge mehr klettern können, aber glaub mir, gedanklich tue ich es ganz oft. Ich darf auf ein herrliches Leben zurückblicken. Das gibt mir innere Zufriedenheit, macht mich glücklich. So genieße ich jeden Tag, freue mich, wenn die Sonne scheint, genauso wenn es regnet. Alles hat seine Zeit. Es ist der Lauf der Dinge.«
»Ich bewundere dich.«
»Das brauchst du nicht.« Mutter lächelte. Wir hielten uns an den Händen.
Ich konnte kaum das Gefühl vertreiben, dass ich unweigerlich wertvolle Momente mit meiner Mama verpasste. Wie lange wird sie noch leben? Monate, Jahre? Papa war auch von einem Tag auf den anderen nicht mehr da … Ab einem gewissen Alter könnte jeder Tag der letzte sein, obwohl man das nie wahrhaben wollte. Als Krankenschwester musste ich mich von Berufswegen mit Krankheit, Tod und Vergänglichkeit beschäftigen, mehr als mir lieb war. Es gruselte mich.
»Guck nicht so traurig«, rügte sie mich sanft. »Ich weiß, was ich an dir habe. Dorli hat es dabei deutlich schwerer.«
Ich wurde hellhörig. »Du meinst wegen der Pflege ihres Mannes?«
»Nicht nur. In der Ehe ihrer Tochter Andrea gibt es ernsthafte Probleme. Ich hoffe für sie, dass es zu keiner Trennung kommt. Grad für die eigenen Kinder wünscht man sich, dass alles zufriedenstellend funktioniert. Und dann ihr Sohn … Dorli ist kein Mensch, der gerne um Hilfe bittet.« Mama seufzte.
»Du meinst Arno?« Ich schaffte es, seinen Namen ohne zittrigen Unterton auszusprechen, was mich selbst verwunderte.
»Tja, er wird auf ewig ihr Sorgenkind bleiben. Du kennst ihn ja, ein Rabauke war er schon früher, wenn auch ein süßer Rabauke mit den dunklen Augen und dem schwarzen Haar.«
»Ich fand ihn immer nett.«
»Hast du vergessen, wie er dich bei den Nachbarn im alten Hühnerstall eingesperrt hat?«
Durch mich ging ein Ruck, es erwachte eine ferne Erinnerung. Ich sah mich inmitten eines Bretterverschlags, der den Hühnerstall darstellte. Das Sonnenlicht flutete durch die Ritzen ins Innere. Neben mir wuselten winzige gelbe Küken, die ich auf die Hand genommen hatte. Ich fand sie kuschelig, richtig flauschig, hätte Stunden dort zubringen können, und wohl deshalb die Zeit darüber hinaus vergessen. Falls Arno mich damit einschüchtern wollte, hatte er es nicht geschafft. Ich rief weder nach Hilfe, noch konnte ich nachvollziehen, weshalb alle im Umkreis in heller Aufregung gewesen waren. Heute schon. Ich lachte. »Stimmt. Da war dieser große Altsteirer-Hahn, Hühner und ganz viele Küken.«
Nun lachte Mama ebenso. »Ach Kind, Gott sei Dank hat man dich wohlbehalten gefunden. Und unsere Sorgen von damals sind längst vergessen.«
»Außerdem hat Arno seinen Streich zugegeben. Er wollte mich rauslassen, doch der schwere Riegel hatte sich verkeilt, da war er auf Hilfe angewiesen.«
Mama legte ihren Kopf ein wenig schief. »Im Herzen war er stets ein feiner Kerl. Und das schlechte Gewissen hat ihn wochenlang gedrückt, er konnte mir gar nicht in die Augen schauen. So passieren im Leben immer wieder Dinge, die einem die Ruhe rauben oder vom rechten Weg abbringen können.«
»Was meinst du? Hat Frau Schuster Genaueres erzählt?«
»Dass Arno geschieden ist, weißt du ja. Die Umstände sollen heftig gewesen sein. Doch ich will nicht darüber mutmaßen.«
Ich nickte zustimmend. An seine Ex erinnerte ich mich dunkel. Ich wusste, dass sie blondes langes Haar hatte. Da ich sie kaum kannte, wollte ich ebenso wenig ein Urteil über sie fällen. Ihr Name war mir entfallen. Bemerkungen von außerhalb stand ich kritisch gegenüber, da einige Menschen die Angewohnheit besaßen, Blödsinn zu labern. Schlussendlich gehörten Zwei dazu, weshalb eine Ehe scheiterte oder nicht. Vielleicht machten sich manche Paare heutzutage auch keine Mühe mehr, um für ein gemeinsames Leben zu kämpfen.
Wollen wir nicht alle frei und unabhängig sein, unseren eigenen Willen durchsetzen? In diesem Fall konnte ich nicht richtig mitreden. Meine Beziehungen hatten bisher nie Bestand gehabt. Bin ich zu wählerisch und sind meine Anforderungen an einen Mann zu hoch? Er soll ehrlich, sportlich sein, Humor besitzen, mich beschützen und manches Mal wie seine Prinzessin behandeln.
»Nein, das ist es nicht. Nicht nur«, nahm Mama erneut das Gespräch auf. »Es gibt Tage, in denen er glücklich wirkt, hin und wieder überdreht, an anderen ist es eine Kleinigkeit, die ihn in Rage bringt.«
»Das hat Frau Schuster genauso gesagt?«
»Wenn ich ihn so vor mir stehen sehe, groß, durchtrainiert, voller Elan, denke ich mir, was für einen fantastischen Sohn ich habe. Aber diese Augen, so voller Kummer, manchmal wie erloschen oder innerlich erfroren, dann sorge ich mich. Ich möchte fragen, was ist los? Oft habe ich es getan, ohne eine Antwort darauf zu erhalten. Irgendwann fragt man nicht mehr, sondern schaut den Menschen an, fühlt dessen Qual, liest sie ihm im Gesicht ab, ohne daran etwas ändern zu können. So hat es Dorli gesagt.« Mama räusperte sich. »Ganz ehrlich, ich glaube, dass Arno ein sehr feinfühliger Mensch ist, der seine Emotionen unter der Oberfläche versteckt halten möchte. Das kann auf Dauer niemals funktionieren. Es würde ihm guttun, wenn er die Drei-Tages-Regel beherzigen könnte. Je länger man darüber hinaus geht, umso schwieriger wird es, Dinge anzusprechen, die nach wie vor da sind und wie ein Damoklesschwert über einen schweben.«
»Stimmt, mit deiner Drei-Tages-Regel bin ich immer gut gefahren.«
»Zumindest braucht es einen Freund, dem man jene Sachen anvertrauen kann, die auf der Seele lasten. Das hat Arno schon als Jugendlicher nicht gemacht, sondern sie entluden sich in seinen psychischen Problemen.«
»Wovon sprichst du?«
»Weißt du das denn nicht mehr? Ach herrje, da warst du im Internat der Schwesternschule.«
Fragend schaute ich Mutter an.
Agnes tätschelte mir beschwichtigend die Hand. »Oder täusch ich mich? Hmm, bestimmt sogar. Da hab ich grad etwas verwechselt. Es werden nicht nur meine Knochen alt, sondern offenbar auch mein Kopf.«
Mama überzeugte mich keineswegs. Was ist damals vorgefallen?
Ehe ich die Frage stellen konnte, fuhr Mama fort: »Ich bin wirklich dankbar, dass du so ein gutes Kind bist. Manchmal etwas leichtgläubig, doch ein gutes Kind. Bringst du mich bitte zurück?«
Leichtgläubig? Ich? Warum will sie nicht, dass ich nachhake? Da realisierte ich ihren angestrengten Blick. Ich erhob mich. »Natürlich, bald ist Abendessenszeit, außerdem wird es merklich kühler«, entgegnete ich, während ich für mich dachte: Aufgehoben ist nicht aufgeschoben.
»Danke. Mein Liebes.«
Wüste im Irgendwo
Die Landschaft war tief eingehüllt in einer riesigen Pulverwolke, zeigte kaum etwas von der ausgedorrten Landschaft, dem trockenen Sand, den kargen Büschen. Ein Tosen und Knallen ließen die Erde erbeben, sodass selbst die Tiere sich irgendwo verschanzten oder wie in einer Totenstarre liegen blieben. Das Blitzen der Geschütze und der Waffen durchbrachen die Dämmerung, erinnerten an ein Feuerwerk, das ein neues Jahr einleiten könnte. Hier gab es nichts zu feiern, Jahreswechsel stand auch keiner bevor. Von allen Seiten wurde das Camp bombardiert und beschossen.
»Shitt«, fluchte Alpha mit zusammengebissenen Zähnen. Keiner von ihnen war heil, die Wunden notdürftig versorgt, die Schmerzmittel vorm Versiegen. Die Munition schrumpfte. Es ging ums nackte Überleben. Omikron und er hatten sich in einer dafür eigens ausgehobenen Grube in Stellung gebracht. Während der Kamerad feuerte, hielt Alpha den Magazingurt des Maschinengewehrs, um eine Ladehemmung zu vermeiden und bei Bedarf den Lauf auszuwechseln. So kurz nach der Operation taugte er ohnehin nicht für mehr.
»Wenn nicht bald die Verstärkung kommt …« Omikron ließ den Satz unvollendet, oder dieser ging im Lärm des tosenden Gefechts unter.
Verstärkung, darauf hoffen wir alle. Wie lange werden wir noch durchhalten? Ein paar Tage? Eine Woche, ehe wir den Rebellen ausgeliefert sind? Jeder von ihnen wusste, was das bedeutete. Kaum entfernt schlug eine Kugel ein, Erde spritzte empor.
Alpha duckte sich instinktiv, bemerkte unmittelbar neben sich eine Schlange. Sein gesamter Körper war eine einzige Pein, ein Biss dieses Reptils könnte seine Qualen beenden. Nach den Jahren voller Bürden, verbunden mit der Angst, bald selbst tot zu sein, wirkte kaum etwas begehrlicher. Er sehnte sich für den Bruchteil einer Sekunde genau danach. Wie hoch stehen die Chancen, jemals das Heimatland zu sehen? Null Komma irgendwas … Die Verletzung hat mich zu einem Greis gemacht. Ich bin momentan eine Jammergestalt, die nicht die Bezeichnung Elitesoldat verdient.
Alpha visierte die Schlange an, erwartete, dass sie zubiss. Nichts geschah. Geduckt schlichen sie weiter, um kein offensichtliches Ziel abzugeben. Er suchte den Boden nach verräterischen Spuren ab. »Stopp!«, rief er aus. Ein Kabel! Von den Feinden musste jemand unbemerkt in ihr Areal vorgedrungen sein! Wenigstens funktionierte sein Sehvermögen einwandfrei.
Omikron hielt inne, realisierte, dass sich direkt neben ihnen eine Sprengfalle befand. Ein weiterer Schritt und sie hätten die Druckplatte ausgelöst, wären nur mehr in Einzelteilen vorhanden. Hat mein Freund mich trotz der tosenden Schüsse ringsum gehört? Es blieb keine Zeit für ein Dankeschön, nicht einmal dafür, um kurz durchzuschnaufen. Erneut wirbelten Staub und Steine empor. Die Augen brannten, der Hals kratzte, der Kampfanzug pappte an der Haut. Omikron feuerte. Sie würden niemals kapitulieren, solange ein Schuss Munition vorhanden war.
Freunde
Wie geht es dir?, fragte ich per Messenger Arno, der sich bis jetzt nicht gemeldet hatte. Es war halb neun Uhr abends. Im Hintergrund lief der Fernseher mit einem Liebesfilm, dem ich halbherzig folgte. Amadeus lag ausgestreckt auf der Couch, hatte meinen Stammplatz in Beschlag genommen. Das Handy blieb stumm. Da sowieso nicht an Schlaf zu denken war, schnappte ich mir eine Jacke, um auszugehen. Eigentlich mochte ich es nicht sonderlich, ohne Verabredung aufzubrechen. Doch unweit von meiner Wohnung entfernt befand sich die Beef-Bar, in der meine Freundin Sophie als Kellnerin sowie deren Mann Hubert als Koch arbeiteten.
Keine zehn Minuten stand ich mich vor dem Lokal. Es lag mitten am Hauptplatz, war im sechzehnten Jahrhundert erbaut worden. Unverkennbar hob es sich von den angrenzenden Häusern ab. Vor dem Eingangsbereich standen Holztische und Bänke. Die Wand war übersät mit diversen Schildchen, auf denen die Tagesempfehlungen präsentiert wurden, sowie einem schnauzbärtigen Biertrinker, der als Markenzeichen für das Moretti-Bier fungierte. Ein weiteres langgezogenes Schild mit einer Rind-Karikatur zeigte unverkennbar, dass hier Fleischliebhaber voll auf ihre Kosten kommen würden.
Ebenso eigenwillig und urig war das Innere des Lokals. Von der Holzdecke hingen zig Leuchten und verschiedenste Dekorationen herab. Der hintere Raum war ein Gewölbe, dort lagerten in einer Nische Holzscheite aufgeschichtet. Die Zubereitung der Fleischstücke geschah ohne Strom in der offenen Kochstelle, mit einem Holzkohleofen sowie ein Big Green Egg – ein grünfarbener Griller. Dadurch erhielt das Essen seinen charakteristischen Geschmack.
Kaum war ich eingetreten, bemerkte mich Sophie. Sie eilte mir entgegen, schloss mich fest in die Arme. »Hey, schön dich zu sehen. Du hast gar nicht erwähnt, dass du kommst. Hast du Hunger?«
»Hey. Und nein danke.« Ich ließ den Blick schweifen, in der hinteren Ecke saß eine lustige Truppe, die lachten und lautstark durcheinanderriefen. »Ein Polterabend?« Ich löste mich aus ihrer Umarmung. Mit meinen einen Meter sechzig reichte ich der Freundin knapp über die Schultern, heute, mit den hochhackigen Schuhen zumindest bis zur Nasenspitze.
»Ja.« Sophie schüttelte ihr kurzes blauschwarzes Haar, das widerspenstig in jegliche Richtungen abstand und stets unfrisiert wirkte. Ihre wasserblauen Augen funkelten hell. Kess stemmte sie die Hände in die Hüften. »Nachdem die ersten Gläser zu Bruch gegangen sind, musste ich ihnen eine Ansage machen. Du weißt, ich bin nicht kleinlich, aber alles kann ich nicht durchgehen lassen. Der Bräutigam schläft in einem Zimmer nebenan, seinen Promillespiegel möcht ich nicht kennen und den Kater morgen noch viel weniger. Dabei war deren Plan, sich hier eine Unterlage zu verschaffen, ehe sie ins nächste Lokal weiterziehen wollten.«
»Ist er allein im Zimmer?« Unweigerlich dachte ich daran, dass der Blutzucker in den Keller rauschen, er sich in Rückenlage übergeben könnte, seine Überlebensreflexe durch den Alkohol bedingt nicht mehr richtig funktionieren und er schlimmstenfalls alles aspirieren würde.
Sophie seufzte. »Nein, meine Lieblings-Nurse, er ist nicht allein. Du hast mich mit deinem Sozialtrip längst angesteckt. Seine Braut ist gekommen, hat ein wachsames Auge auf ihn, ausgestattet mit Saft und Traubenzucker, die sie von mir erhalten hat. Es muss Liebe sein, dass sie es bei diesem stinkenden Kerl aushält.«
Ich entspannte mich. »Tja, bei einem Polterabend wäre ich auch nachsichtig, sofern er sonst weiß, wo sein Limit liegt.«
Sophie bugsierte mich zu einem freien Tisch. »So, Puppi, was darf ich dir bringen?«
»Ein Bier wäre fein.«
Erstaunt zog sie eine Augenbraue hoch. »Normalerweise ist immer Apfelsaft deine erste Wahl. Ist etwas passiert?«
Verdammt, sie kennt mich zu gut! »Nein, alles okay.« Ich versuchte, die Anspannung wegzulächeln. Es prickelte in meinen Fingern, nachzusehen, ob Arno mittlerweile die Nachricht gelesen hatte. »Hab nur Lust darauf.«
»Sicher?« Kurz musterten sich Sophies Augen.
»Noch eine Runde!«, erklang es vom hinten gelegenen Tisch.
»Kommt gleich!«, rief sie zurück. »Ich fürchte, ich habe kaum Zeit für Smalltalk.«
»Kein Problem, ich bleibe eh nur auf einen Absacker. Kümmere dich um deine Gäste. Ist Hubsi gar nicht da?«
»Männerschnupfen«, stellte sie trocken fest, reichte mir eine Flasche Moretti-Bier. »Dafür brauchen meine Eltern nicht auf Samuel aufzupassen, sondern haben einen freien Abend gewonnen. Und unser zweiter Koch musste früher los. Aber in einer halben Stunde – Stunde – ist eh Feierabend, das schaff ich schon.«
»Hoffentlich wächst es sich nicht zu einer waschechten Männergrippe aus.«
»Das werde ich zu verhindern wissen.« Sophie lachte, kehrte mir den Rücken zu, damit sie die Getränke für die anderen Gäste zubereiten konnte.
Ich nahm einen Schluck des italienischen Biers, das meine Kehle herabprickelte. Ich mochte den leicht malzigen Geschmack. Schließlich holte ich das Smartphone aus der Jackentasche hervor. Es blinkte ein gelbes Licht. Rasch öffnete ich die eingegangene Nachricht. Sie war von Arno.
Geht so.
Das klang vage und ausweichend.
Das heißt?
Die Schulter schmerzt ziemlich, dabei sind die Kugel und die Splitter draußen!
Schussverletzung! Ich nahm einen großen Schluck Bier, um diese Neuigkeit zu verdauen. Meine Befürchtungen waren genau in diese Richtung gegangen. Im Hintergrund erklang ein erfreutes Johlen, als Sophie das Tablett mit den alkoholischen Getränken herbeibalancierte. Als Aufmerksamkeit hatte sie ein paar befüllte Gläser mit Salzstangen dabei, damit ihre Gäste etwas knabbern konnten. Meine Freundin wirkte mit ihren langen Beinen wie ein Model. Mir gefielen die manikürten Gelfingernägel, deren Farbe sie je nach Lust und Laune veränderte. Momentan waren sie knallrot. Ich begutachte kurz meine Nägel, sauber, unlackiert und kurzgeschnitten, wie man es von einer Krankenschwester erwartete.
Ruh dich ja aus, tippte ich.
Heute geht eh nichts mehr.
Sag bloß, du warst schon auf den Beinen? Das kann dein Kreislauf nicht mitmachen.
Hab’s versucht, nun zittere ich komplett.
Wenn du zusammenklappst, bist du für niemandem eine Hilfe.
Weiß eh nicht, ob ich das überstehe. Hab so viele heimgebracht … Darf keiner wissen, bitte, sag auch du nichts.
Versprochen, bleibt alles geheim.
Ich schlaf jetzt, bin voll k.o. Bekomm ein Schmerzmittel.
Ja, mach das. Bis bald.
Mein Handy blinkte kurz darauf, zeigte mir einen weinenden Smiley. Besorgt starrte ich aufs Display, bis das Hintergrundlicht erlosch.
Günther befand sich vor der gläsernen Eingangstür, die zur Beef-Bar führte. Er mochte das Ambiente, nicht nur deshalb, weil sein Bruder Hubert und seine Schwägerin Sophie darin arbeiteten, sondern da die Ausstattung des Lokals ein eigenes Flair besaß. In Zukunft würde er häufiger in der Bar sein, denn er war dabei, den Lebensmittelpunkt von Graz in den Heimatort Frohnleiten zu verlegen.
Ob meine Entscheidung gut durchdacht ist?, grübelnd stierte er auf den Einlass. Immerhin bin ich weggegangen, weil ich Abstand brauchte, hab mich rar gemacht, tauchte höchstens zu besonderen Anlässen auf. So waren Monate und Jahre vergangen. Hubert und Sophie hatten eine Familie gegründet. Während sein süßer Neffe Samuel stetig größer wurde, fiel es ihm zusehends schwerer, in die Stadt zurückzukehren.
Anfangs waren es die dortige Hektik, der Trubel und die Anonymität gewesen, die ihn von dem Schmerz, Unverständnis sowie der Ohnmacht abgelenkt hatten. Später halfen Alkohol und Joints, um zu ertragen, dass er einsam in der Wohnung hockte. Er betäubte sich, damit er das Bild, wie seine Schwester Lena regungslos und blutend am Asphalt lag, in ihm eine Zeitlang verblasste. »Das hat mich cholerisch gemacht, zu einem lausigen Lehrer, stur …« Günther erschauerte.
In Gedanken spürte er nach wie vor, wie die Wärme aus Lenas Körper entwichen war und eine leblose Hülle zurückgelassen hatte. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich kapiert habe, dass weder Hochprozentiges noch Drogen helfen konnten, sich im Gegenzug meine Nöte verstärkten! … Die Schule, die Schüler haben mir den Sinn zurückgegeben! … So versuche ich, ihnen zu lehren, dass nicht die Pflichten im Leben zählen, sondern jeder Tag wertvoll ist.
»Heuchler«, brummte er. Stetig gab es Momente, in denen es sich anfühlte, er würde knapp über dem Abgrund schweben. Plötzlich sehnte er sich, der als Einzelgänger und einsamer Wolf galt, nach Wärme, Liebe, einem Zuhause. Günther räusperte sich, gab sich einen Ruck. Schwungvoll riss er die Tür auf, da fiel sein Blick auf eine blonde junge Frau. Sissi? Sissi! Oh, sie ist hier, wie schön!
»Darf ich mich zu dir setzen?«, wurde ich von einer männlichen Stimme angesprochen.
Ich schaute auf. »Günther! Ja, natürlich. Wir haben uns ewig nicht mehr gesehen.« Ich legte mein Handy auf der Tischplatte ab, schob die Sorge bezüglich Arno zur Seite. »Bist du bei deinem Vater zu Besuch?«
»Nicht ganz. Ich werde künftig wieder in Frohnleiten leben.« Günther setzte ein strahlendes Lächeln auf. Es zeigten sich süße Grübchen. Er trug einen perfekt getrimmten Bart, der den Mund umrahmte, während die Wangen und die Halspartie glattrasiert waren.
»Ab Herbst werde ich der Direktor der Neuen Mittelschule im Ort sein«, sprach er sichtlich stolz. »Aktuell bin ich zu Kurt ins Haus gezogen. Ich habe vor, es umzubauen und zu adaptieren, damit wir uns in Zukunft nicht in die Haare bekommen. Und im Bedarfsfall könnte ich ihn unterstützen.«
Kurt? Nennt er seinen Vater immer beim Vornamen? »Das klingt fantastisch, Sophie hat gar nichts darüber erzählt!« Ich tat mir schwer damit, Günther als neuen Direktor vorzustellen. Ich fand ihn, für so einen Posten, schlichtweg zu modern: Stonewashed-Jeans, Lederjacke, ein lässiger Kurzhaarschnitt …
Die Direktoren, die ich von meiner Schullaufbahn her kannte, waren stets ein bisschen verstaubt. Vom Hörensagen wusste ich, dass Günthers lockere Art gut bei den Schülern ankam. Und ich kannte ihn hinreichend, um zu wissen, dass dem genauso war.
»Das Jobangebot kam kurzfristig. Ich hielt bis zu meiner Entscheidung alles top-secret. Kannst mir glauben, wie überrascht Hubsi war, als ich ihm vorige Woche von meinen Plänen erzählt habe. Mittlerweile ist die Grazer Wohnung gekündigt, bis zum Schulende werde ich von Frohnleiten aus zur Arbeit pendeln. Es stimmt mich zwar etwas wehmütig, dass ich meine Schüler im nächsten Jahr nicht mehr sehe, dafür gibt es eine neue Herausforderung und ich freue mich auf die neuen Gesichter.«
»Wie lange warst du in Graz als Lehrer tätig?«
»Vierzehn Jahre«, entgegnete er prompt. »In den kommenden Sommermonaten habe ich ein bisschen Bauprogramm zu absolvieren«, erläuterte Günther weiter, strich sich über den Bart. »Irgendwie hatte ich das Gefühl, ich möchte zu meinen Wurzeln zurück. Das klingt vielleicht sonderbar.«
»Nein, keineswegs. Wurzeln sind etwas Schönes und bedeuten nichts anderes, als eine Heimat zu haben.«
»Wie recht du hast. Und? Was ist mit dir? Noch Krankenschwester auf der Psychiatrie?«
Ich nickte.
»Ein Wunder, wie du das aushältst.«
»Tja, der Spagat zwischen Empathie und professioneller Distanz ist nicht immer einfach zu halten. Es gibt Patienten, die einem näher stehen als andere. Vor allem kommen einige oft über Jahre hinweg in regelmäßigen Abständen wieder. Heutzutage haben viele seelische Probleme. Diese muss man ebenso behandeln, damit sie heilen können. Ich finde das nicht schlimm, denn ich glaube, dass jeder in eine Lebensphase kommen kann, in der ihm eine solche Hilfe guttun würde.«
»Wenigstens geht es nicht mehr darum, Medikamente wahllos einzuwerfen.«
»Stimmt, die Möglichkeiten sind vielfältiger, wie bei Gesprächs- oder Körpertherapien. Im Areal des Grazer Landeskrankenhauses befindet sich ein angrenzender Garten, der häufig benutzt wird. Ein paar Wochen die vertraute Umgebung hinter sich zu lassen, kann wahre Wunder bewirken. Oft ist man erst dann bereit, das Pflichtgefühl hintanzustellen, besinnt sich auf sich selbst. Wir alle haben nur dieses eine Leben. Zu schade, um es mit Stress, Trübsal und schlechten Gedanken zu vergeuden. Sorry, ich bin definitiv vorbelastet und quatsche zu viel darüber.«
»Deine Anschauungen gefallen mir. Obwohl mittlerweile offener mit dem Thema umgegangen wird, wirst du kaum jemanden finden, der gerne seine psychischen Probleme anspricht.« Ein Schatten huschte über sein Gesicht.
Meint Günther sich selbst? Eine Gänsehaut schauerte über meinen Körper hinweg, die ich stets bekam, wenn irgendwer merklich mit Emotionen kämpfte. Denkt er an seine verstorbene Schwester? Jährt sich der Unfall heuer zum fünfzehnten Mal? Hadert er noch immer mit Lenas Tod?
Damals war die Bestürzung im gesamten Ort groß gewesen. Es wurde gemunkelt, dass ihn die Erinnerungen aus Frohnleiten fortgetrieben hätten. Auch wenn Günther zugänglich wirkte, ließ er kaum neue Menschen in sein Leben und hielt diese auf Distanz. Eine fixe Beziehung gab es bei ihm nicht, zumindest hätte ich nichts dergleichen gehört.
»Leider werden vielfach Kinder zu angepassten Erwachsenen dressiert«, warf ich ein. »Sie dürfen nicht zu laut sein, lachen, schreien, toben, weinen … Dabei sind das die Facetten, mit denen wir uns ausdrücken können. Wenn wir die Gefühlsregungen ständig unterdrücken, sammeln sie sich in uns an, explodieren irgendwann wie ein Vulkan. Da wäre es besser, wir würden darauf vertrauen, dass unsere Stimmungslagen ihren Sinn und ihre Berechtigung haben.«
»Dressierte Erwachsene«, wiederholte Günther, legte den Kopf ein wenig schief. »Als Lehrer kenne ich ebenso die andere Seite. Da sind sie keineswegs angepasst, sondern verdammt unangepasst.«
»Und warum ist das so? Weil es ins andere Extrem umschlägt. Es ist der Schrei nach Aufmerksamkeit, da wir die feinen Empfindungen oftmals überhören und übersehen. Nicht umsonst gibt es den Spruch: Kinder brauchen Liebe, besonders dann, wenn sie es nicht verdienen.«
»Henry David Thoreau.«
»Lehrer, Philosoph und ein Querulant aus dem 19. Jahrhundert.«
»Ja, und du bist nicht nur überaus hübsch, sondern auch sehr belesen.«
Ich spürte, wie mir die Hitze ins Gesicht schoss. »Danke. Belesen bin ich bloß in jenen Dingen, die mich interessieren. Wusstest du, dass Thoreau den Beruf als Lehrer quittierte, da er sich aufgrund der körperlichen Züchtigung, die damals den Kindern zuteilwurden, mit der Schulleitung überworfen hat?«
»Nein, da passe ich. Er dürfte jedoch ein interessanter Zeitgenosse gewesen sein.«
»Durchaus. Er gründete mit seinem Bruder eine Privatschule. Als dieser an Tetanus starb, wurde die Lehreinrichtung geschlossen. Thoreau war ein bescheidener Mann. So mahnte er, was irgendwie witzig klingt im Vergleich zur heutigen Zeit, dass der Luxus und die Verlockungen den Menschen sowie dessen Umwelt zugrunde richten würden. Leider starb er mit vierundvierzig Jahren viel zu jung, wie ich finde.«
»Ja, das Leben ist nicht fair, sondern reißt Menschen mitunter zu früh raus.« Günther klang ernst.
»Da ist ja mein Lieblingsschwager!« Sophie kam aus der hinteren Räumlichkeit hervor, stürzte sich mit einer Umarmung auf Günther, unterbrach damit unser Gespräch.
»Das ist kein Kunststück, du hast nur einen. Wie ich gehört habe, muss Hubsi das Bett hüten.«
»Wenigstens bleib ich so von seinem Gejammere verschont.« Sophie rollte mit den Augen. »Gut, dass du da bist. Ich mag es nicht, wenn Sissi allein am Tisch hockt. Grad heute hab ich alle Hände voll zu tun.«
»Ich bin aber ein großes Mädchen, da musst du dich nicht um mich kümmern.« Ich schnitt eine Grimasse, während Sophie mir frech zuzwinkerte.
»Was ist mit dir?«, wandte sich meine Freundin an Günther. »Magst auch ein Bier? Hast du Hunger? Ich könnte rasch einen Burger machen.«
»Bier, ja bitte. Essen, nein danke.«
Kaum hatte er ausgesprochen, da stob sie wie ein Wirbelwind davon.
»Sie hat Pfeffer im Hintern. Ich frag mich ernsthaft, ob es Momente gibt, in denen Sophie ruhig ist«, wisperte Günther mir zu, als sie sich außer Hörweite befand.
»Ich hab ja den Verdacht, dass dein Bruder sich absichtlich mal in die eine oder andere Krankheit flüchtet, damit er nicht ständig von ihr umhergescheucht wird«, feixte ich. Wir beide prusteten los.
»Er hat es sich allerdings selbst ausgesucht«, bemerkte Günther sachlich.
»Außerdem kann man ihr nicht böse sein. Sophie trägt ihr Herz am rechten Fleck. Das ist alles, was zählt, sonst wäre sie nicht meine allerbeste Freundin.«
»Was hör ich da von allerbester Freundin?« Sie brachte gutgelaunt eine Flasche Bier.
»Ach, und du denkst, ich hätte dich damit gemeint«, erwiderte ich im Unschuldston. »Pass besser auf, dass dir dein Fleisch nicht anbrennt.«
»Keine Sorge, Fleisch und Männer habe ich stets im Griff!«
Lachend wandte sie sich ab, Günther und ich prosteten uns zu.
»Warum hat es dich in die Bar verschlagen? So allein?« Offenkundig suchte er nach einem unverfänglicheren Thema.
Automatisch wickelte ich eine blonde Haarsträhne um den Zeigefinger. Den wahren Grund wollte ich ihm nicht nennen. »Es ist ja nur ein Katzensprung von meiner Wohnung entfernt, ich war noch nicht müde, und im Fernsehen lief bloß Schrott.« Zumindest das stimmte.
»Da hab ich richtig Glück gehabt. Du bist ziemlich sportlich aktiv. Manchmal sehe ich auf Facebook ein paar deiner Radtouren und Wanderungen.«
»Hast du Lust, mich mal zu begleiten?«, rutschte es mir heraus. Ich mochte Günther, vor allem seine höfliche Art. Er war etwa neun Jahre älter als ich, und nicht vergleichbar mit manchen anderen Männern, die die Ernsthaftigkeit des Lebens nicht begriffen hatten oder nicht begreifen wollten. Hubert war strenggenommen sein Halbbruder: selbe Mutter, anderer Vater.
»Das klingt hervorragend!«
»Fein, schreib mir, wenn es sich bei dir zwischen dem Baustellenstress ausgeht, und ich stimme es mit meinen Diensten ab.«
»Darf ich zwecks Kontaktaufnahme um deine aktuelle Telefonnummer bitten?«
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