Kitabı oku: «Therapeutisches Arbeiten mit Symbolen»

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Die Autorin

Prof. Dr. Brigitte Dorst, Dipl.-Psych., Psychotherapeutin in eigener Praxis, Jung’sche Psychoanalytikerin und Lehranalytikerin am C. G. Jung-Institut Stuttgart, ist in den Bereichen Psychotherapie, Supervision, Beratung und in der Weiterbildung tätig.

Brigitte Dorst

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3., aktualisierte Auflage 2022

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-040330-7

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-040331-4

epub: ISBN 978-3-17-040332-1

Inhalt

1  Geleitwort

2 

3 Ingrid Riedel

4  Einleitung

5 

6  Teil I Theoretische Grundlagen der Symbolarbeit

7  1 Einführung in die Symbolpsychologie

8 

9  1.1 Symbole in der Alltagswelt

10  1.2 Was sind Symbole?

11  1.3 Der tiefenpsychologische Zugang zu Symbolen

12  1.4 Symbole und Archetypen

13  1.5 Symbole und ihre existentielle Bedeutung

14  1.6 Symbole in der Therapie

15  1.7 Zugänge zur Symbolerfahrung und -deutung

16  1.8 Übungen zur Symbolisierung

17  2 Alte und neue Symbole

18 

19  2.1 Die Universalität von Symbolen

20  2.2 Symbole in der Alltagssprache

21  2.3 Das Labyrinth – ein altes Wegsymbol

22  2.4 Das Auto – ein modernes Selbstsymbol

23  2.5 Tiersymbolik

24  2.6 Das Element Wasser

25  2.7 Zahlensymbolik: Die Zahl Dreizehn

26  3 Das Menschenbild der Analytischen Psychologie

27 

28  3.1 Ich und Selbst, persönliches und kollektives Unbewusstes

29  3.2 Werde der/die du bist – das Konzept der Individuation

30  3.3 Individuation, Identität und Kohärenz im Zeitalter der Postmoderne

31  3.4 Sinnsuche und Spiritualität

32  3.5 Die Schattenproblematik

33  3.6 Die therapeutische Beziehung

34  4 Symbole und Symbolarbeit in Gruppen

35 

36  4.1 Zur Bedeutung von Selbsterfahrungs- und Therapiegruppen

37  4.2 Der Archetyp der Gruppe

38  4.3 Gruppenpsychotherapie auf der Basis der Analytischen Psychologie

39  4.4 Symbolische Ausdrucksformen in Gruppen

40  4.5 Gruppen als Erfahrungsräume der Individuation

41  Teil II Methoden der Symbolarbeit

42  5 Traumsymbole und Traumarbeit

43 

44  5.1 Bedeutung und Sinn des Träumens

45  5.2 Das Traumverständnis C. G. Jungs

46  5.3 Funktionen des Traums aus Sicht der Analytischen Psychologie

47  5.4 Subjektstufige und objektstufige Trauminterpretation

48  5.5 Das Verstehen von Träumen

49  5.6 Träume als Wegweiser

50  5.7 Albträume und Angstträume

51  5.8 Traumbeispiele

52  5.9 Traumarbeit in Gruppen

53  5.10 Wie man Träume besser erinnern kann

54  6 Arbeit mit Märchen

55 

56  6.1 Märchen als Lebenshilfe

57  6.2 Tiefenpsychologische Zugänge zu Märchen

58  6.3 Märchenbeispiele und ihre Deutung

59  6.4 Aschenputtel – aus der Trauer zurück ins Leben

60  6.5 Rumpelstilzchen – der Leistungskomplex der Vatertöchter

61  6.6 Die gute Stiefmutter – Heilung von frühen Traumatisierungen

62  6.7 Wie man Märchen entschlüsseln kann

63  6.8 Was man mit Märchen alles machen kann

64  7 Geschichten als Medizin – Der Prinz, der glaubte ein Truthahn zu sein und andere Weisheitsgeschichten

65 

66  7.1 Die heilsame Kraft der Geschichten

67  7.2 Geschichten für die therapeutische Arbeit

68  8 Imagination als Zugang zur inneren Bilderwelt

69 

70  8.1 Imagination und Phantasie

71  8.2 Aktive Imagination

72  8.3 Entspannungsanleitungen zur Vorbereitung

73  8.4 Praktische Hinweise zur therapeutischen Arbeit mit Imaginationen

74  8.5 Beispiele aus der therapeutischen Praxis

75  8.6 Übungen zur Imagination

76  8.7 Wirkungen der Imagination

77  9 Symbole malen und gestalten

78 

79  9.1 Malen – mit sich selbst experimentieren

80  9.2 Wirkfaktoren des therapeutischen Malens

81  9.3 Anregung zum Malen und zur Motivfindung

82  9.4 Hinweise zum Verständnis von Bildern

83  9.5 Beispiele von Bildern aus der Therapie

84  9.6 Bilder in der Sprache

85  9.7 Malen und Gestalten in Gruppen

86  10 Symbolarbeit mit einzelnen Gegenständen

87 

88  10.1 Sinnerfahrung mit Symbolen und Ritualen

89  10.2 Stein-Meditation

90  10.3 Ein Feuer-Ritual zur Befreiung

91  10.4 Fragebogen zur Symbolik des Wassers

92  Nachwort

93 

94  Literatur

95 

96  Personenverzeichnis

97 

98  Stichwortverzeichnis

99 

Geleitwort
Ingrid Riedel

Brigitte Dorst ist ein sehr anregendes Buch gelungen, das Freude weckt, sich mit Symbolen auseinanderzusetzen, und Lust macht, mit ihnen zu arbeiten.

Für Symbole zu interessieren gelingt ihr nicht zuletzt dadurch, dass sie deren Bedeutung für den Menschen bewusst macht: Wo Symbole auftauchen, entsteht nämlich zugleich Bedeutung, Sinn-Deutung, Sinn – ob es nun um Träume, Imaginationen, Gestaltungen der Kunst, der Religion oder der Politik geht.

Wo hingegen Symbole fehlen, wo die symbolisierende Einstellung des Menschen zu seinem Leben blockiert ist, die beispielsweise in der Rose ein Symbol der Liebe, im Meer ein Symbol der Unendlichkeit erkennen könnte, da gerät der Mensch in eine Sinnarmut, ja Sinnleere. Solche innere Leere kann krank machen. Wenige Psychologen und Psychotherapeuten sahen diesen Zusammenhang so klar wie C. G. Jung: als ein »Leiden der Seele, die ihren Sinn nicht gefunden hat« (GW 11, § 497). Von daher ist es nur folgerichtig, dass Brigitte Dorsts Symbolverständnis vor allem auf der Psychologie C. G. Jungs basiert, die sie hier in großen Zügen und seltener Anschaulichkeit umreißt.

Um therapeutisches Arbeiten mit Symbolen geht es in diesem Buch, und therapeutisch zu arbeiten heißt hier vor allem, mit Symbolen zu arbeiten, damit die Patientinnen und Patienten – aus dem Unbewussten schöpfend – Bedeutung und Sinn für ihr Leben wiederfinden können. Bei der Arbeit mit Symbolen geht es aber, so betont Brigitte Dorst, nicht nur um Therapie, sondern vor allem um die Erweckung der in jedem Menschen schlummernden schöpferischen Impulse und damit um Entwicklung und Individuation überhaupt. So ist dieses Buch nicht nur für therapeutisch Arbeitende – und gewiss nicht nur für Therapeuten aus der Schule C. G. Jungs – relevant, sondern auch für alle diejenigen, die für die kreativen Impulse aus dem Unbewussten, für die Ressourcen aus der Tiefe der Psyche, wach und offen sind, die sie aufgreifen und mit ihnen arbeiten möchten, auch im weiteren pädagogischen, sozialtherapeutischen und erwachsenenbildnerischen Bereich.

Hierfür stellt Brigitte Dorst eine wahre Fülle praktischer Anregungen bereit. Sie verdeutlicht anschaulich – anhand von Fallbeispielen und mit Hilfe von Übungen –, wie die Arbeit mit Symbolen im Zusammenhang mit Träumen, Imaginationen, Märchen, Weisheitsgeschichten und auch mit dem bildnerischen Gestalten bzw. Malen aus dem Unbewussten geschehen kann.

Eine Besonderheit des Buches und ein Vorzug gegenüber bisherigen Darstellungen der Arbeit mit Symbolen liegt darin, dass die dargestellten Methoden auch für die Arbeit mit Gruppen gedacht und in dieser Hinsicht erprobt sind. Das gelungene Kapitel über die Symbolarbeit mit und in Gruppen stellt eine unentbehrliche Ergänzung zu solchen Veröffentlichungen dar, die die Möglichkeiten von Symbolarbeit nur im Rahmen der Einzeltherapie behandeln.

Es gehört zu den besonderen Vorzügen dieses Buches, die es so hilfreich für die Praxis machen, dass es die tiefenpsychologische Arbeit mit Symbolen in ihrer ganzen möglichen Bandbreite darstellt – und dies mit so anregenden Beispielen und Modellen, dass man verlockt ist, einige sogleich im eigenen Praxisfeld auszuprobieren.

Nicht zuletzt tut die klare, bildhafte Sprache wohl, mit der Brigitte Dorst auch anspruchsvolle Gedankengänge vermittelt, so dass das Buch gewiss über die fachlich Geschulten hinaus auch für solche Leserinnen und Leser hilfreich ist, die den Zugang zu Symbolen für sich selbst und für den eigenen Umgang mit Träumen oder Imaginationen gewinnen und ausprobieren wollen.

Ob am heute allgegenwärtigen Symbol des Autos oder am uralten Symbol des Labyrinths: An vielen Beispielen zeigt Brigitte Dorst auf, was Symbole sind, wie sie für therapeutische und Selbsterfahrungsprozesse genutzt werden können und was sie für die Sinnfindung in unserem Leben bedeuten.

Einleitung

Denn wo Gefahr ist,

wächst das Rettende auch.

HÖLDERLIN

Seit Beginn des Jahres 2020 hat die weltweite Corona-Krise alle Lebensbereiche beeinflusst, natürlich auch die therapeutische Arbeit. Verunsicherungen, Ängste, existenzielle Krisen und andere Auswirkungen dieser Pandemie werden andauern – darauf müssen wir uns einstellen. Wichtige stabilisierende Faktoren sind weggefallen, vor allem unmittelbare menschliche Nähe, Berührungen, Umarmungen. Zahlreiche Studien zu den psychischen Folgen der Pandemie belegen für Erwachsene und besonders auch für Kinder und Jugendliche enorme negative Auswirkungen.

Für den Alltag der therapeutischen Arbeit gibt es durch den Einsatz der neuen Medien eine Reihe von Veränderungen: Online-Sprechstunden über Videokonferenz-Systeme wie Skype, Teams oder Zoom lassen uns eintreten in den häuslichen Lebensbereich der Patientinnen und Patienten. Das Themenspektrum der Psychotherapie wird stärker bestimmt von den Veränderungen im Alltag der Patienten sowie von den äußeren und inneren Auswirkungen der Pandemie auf die Psyche. Die bisherigen Formen des Selbst- und Weltverständnisses sind in Frage gestellt.

Psychotherapie hat die Aufgabe, Hilfestellung zur psychische Stabilisierung zu geben, besonders auch in Zeiten kollektiver Verunsicherung. Zum Repertoire der Resilienz stärkenden Mittel gehört hier auch der reiche Schatz an inneren Bildern und Symbolen (Dorst, 2018). Diese durch die verschiedenen Methoden der Symbolarbeit zu erschließen, ist die Hauptintention auch der 3., aktualisierten Auflage dieses Buches. Es basiert ja, wie in den ersten Kapiteln deutlich wird, auf dem Welt- und Menschenbild der Analytischen Psychologie C. G. Jungs, das ein besonderes Verständnis von Phänomenen im Bereich des kollektiven Bewussten und Unbewussten, zu denen die Symbole zählen, ermöglicht (Dorst, 2020). In der therapeutischen Arbeit mit inneren Bildern und Symbolen könnte sich vielleicht ein Wort von Hölderlin als zutreffend erweisen: »Denn wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch« – vor allem auch durch die heilenden Kräfte der Psyche und aus den Bildern des kollektiven Unbewussten. Offen bleibt dabei, was wir alle noch zu lernen haben für die Gestaltung unseres Zusammenlebens mit allen Mitlebewesen, für unsere Beziehung zur Natur und Mitwelt.

In den letzten Jahren habe ich bei zahlreichen Psychotherapiekongressen und in Fort- und Weiterbildungskursen mit Kolleginnen und Kollegen zusammengearbeitet, die aus verschiedenen therapeutischen Schulen und Richtungen kamen und neugierig und interessiert waren an den therapeutischen Möglichkeiten der Analytischen Psychologie. Sobald sie sich auf den Weg der Selbsterfahrung einließen, war das Ergebnis immer wieder, dass sie für ihre persönliche Lebenssituation Anregungen und Impulse mitnahmen und zugleich sich angeregt und bereichert fühlten durch die Zugangswege zur Welt der Psyche, die die Analytische Psychologie und zunächst einmal ihr Begründer, C. G. Jung, gebahnt haben.

Diese Erfahrungen sind der Hintergrund dieses Buches. Es lädt Psychotherapeutinnen und -therapeuten verschiedener Richtungen ein, die Welt des Symbolischen, ihre Phänomene und ihre heilsamen Wirkungen zur Erweiterung des eigenen Repertoires kennenzulernen.

Von C. G. Jung stammt der Hinweis: »In religiösen Dingen kann man bekanntlich nichts verstehen, was man nicht innerlich erfahren hat« (GW 12, § 15). Ich denke, dass dieser Satz nicht nur für religiöse und spirituelle Erfahrungen gilt, sondern für Erfahrungsdimensionen der seelischen Innenwelt insgesamt.

Für mich ist die heilende Kraft der inneren Bilder immer noch geheimnisvoll, auch wenn wir inzwischen mehr wissen über ihre hirnphysiologischen Grundlagen und neuronalen Verschaltungsmuster. »All das, was im Lauf der Evolution des Lebendigen an Erkenntnissen gewonnen worden ist, wurde auf unterschiedlichen Ebenen in Form innerer Bilder festgehalten und an die jeweiligen Nachfahren weitergegeben. Das Leben ist also immer auch ein innere Bilder generierender Prozess«, so der Neurobiologe Gerald Hüther (2004, S. 43).

In diesem Buch geht es also um therapeutisch wirksame Prozesse, die lebendige Bilder generieren, und zugleich um eine Psychologie der Bewusstseinserweiterung und Selbsterkenntnis, um den Zugang zu den Tiefen der Psyche.

Das Buch gliedert sich in zwei Teile: Im ersten Teil geht es um eine Einführung in die Symbolpsychologie auf der Basis der Analytischen Psychologie. Dabei sollen die ersten beiden Kapitel Zugänge zum Symbolerleben eröffnen. Dazu werden neben grundlegenden theoretischen Einführungen Übungen zur Symbolisierung für die Selbsterfahrung angeboten sowie verschiedene alte und neue Symbole wie Labyrinth, Auto und Beispiele aus der Zahl- und Tiersymbolik in einigen wichtigen Aspekte ihrer Bedeutungsvielfalt beschrieben.

Für tiefenpsychologische Anfänger ist das dritte Kapitel als Hilfe gedacht. Es beschreibt in Kürze das Menschenbild der Analytischen Psychologie. Die Analytische Psychologie C. G. Jungs ist neben der Individualpsychologie Alfred Adlers eine der drei grundlegenden tiefenpsychologischen Richtungen. Manches an Jungs Schriften und Aussagen fällt in die Kategorie des Zeitbedingten. Einige seiner Begriffe und Erkenntnisse sind dagegen heute zum selbstverständlichen Allgemeingut geworden, z. B. die Konzepte Extraversion und Introversion. In manchen Gedanken und Erkenntnissen war Jung seiner Zeit voraus und wird erst heute verstehbar. Und natürlich ist die Analytische Psychologie nicht bei Jung stehengeblieben, sondern von ihren Vertreterinnen und Vertretern ständig weiterentwickelt worden. Auch die therapeutischen Arbeitsweisen der Analytischen Psychologie müssen dem jeweiligen psychologischen Wissensstand entsprechen, z. B. heute Bezug nehmen auf die Forschungsergebnisse der Neurowissenschaften. Dieses Kapitel zum Menschenbild der Analytischen Psychologie wurde in der 2. Auflage um das wichtige Schattenkonzept und Erläuterungen zur therapeutischen Beziehung erweitert.

Selbsterfahrung und therapeutische Arbeit sowie Ausbildung geschehen heutzutage vielfach in Gruppen. Gruppen waren und sind für uns Menschen ein Lebenselement, Orte vielfältiger Erfahrungen und Lernprozesse. Das Kräftefeld von Gruppen hat mich in meiner Arbeit als Gruppendynamikerin immer besonders fasziniert. Der Archetyp der Gruppe ist nach meinem Verständnis in allen Formen menschlicher Gemeinschaften wirksam. Gruppen sind für heutige Menschen bedeutsame Erfahrungsräume von Individuation, dem lebenslangen menschlichen Entwicklungs- und Reifungsprozess. Daher erläutere ich im vierten Kapitel Grundlagen für ein gruppendynamisch-jungianisches Verständnis von Gruppen.

Mit diesem Hintergrundwissen können sich der Leser und die Leserin an den zweiten Teil des Buches wagen: an die Selbsterfahrung und praktische therapeutische Arbeit mit Symbolen.

In jedem Kapitel sind kurzgefasste theoretische Verstehensgrundlagen, Beispiele, Übungen und Anleitungen zur vertiefenden Selbsterfahrung zu finden. Im Einzelnen geht es um Traumsymbole und Traumarbeit, um die therapeutische Arbeit mit Märchen, darum, wie man Märchen entschlüsseln und was man mit Märchen alles machen kann; es geht um Weisheitsgeschichten als Therapeutikum, um Imagination und Phantasie als Zugang zur inneren Bilderwelt und um das kreative Malen und Gestalten von Symbolen.

Das Buch richtet sich zunächst an diejenigen, die therapeutisch arbeiten und/oder sachkundig Selbsterfahrungsprozesse anleiten und begleiten. Es wendet sich aber auch an Menschen, die auf ihrem eigenen Weg der Individuation nach vertiefenden Anregungen und Hilfestellungen suchen.

Es ist mir eine Freude, die tiefenpsychologischen Erfahrungsschätze der Analytischen Psychologie den Leserinnen und Lesern zur Verfügung zu stellen und so einen Teil meiner eigenen Erfahrungen weiterzugeben. Das Buch will ein Beitrag sein für eine weiter zu entwickelnde integrative Psychotherapie, bei der die einzelnen heutigen Schulen und Richtungen in einen wechselseitig anregenden, korrigierenden und die eigenen Sichtweisen erweiternden Dialog eintreten.

Ein Wort noch vorweg zur Sprache: Als Psychologin weiß ich um die fatalen Auswirkungen einer androzentrischen Sprache auf das Bewusstsein von Frauen und Männern. Konventionelle Gründe und ein Hinweis auf sprachliche Vereinfachung können dies nicht länger rechtfertigen. Gewiss ist es stilistisch manchmal weniger elegant und auch umständlich, in einer geschlechtergerechten Sprache zu schreiben, die Männer und Frauen sichtbar macht und benennt. Ich habe mich dafür entschieden, sowohl weibliche als auch männliche Sprachformen im freien Wechsel zu benutzen, um ständige lästige Doppelnennungen zu vermeiden. Ich gehe davon aus, dass aufgeklärte Leserinnen und Leser damit klarkommen, wenn einmal von Psychotherapeutin und Klient, dann von Analytiker und Patientin die Rede ist.

Jung hat von Therapeutinnen und Therapeuten gefordert, mit jedem Menschen einen eigenen Weg zu suchen entsprechend seinem Leiden, seinen Störungen und seinen Heilungspotentialen, die so oft darauf warten, über die Sprache des Symbolischen angeregt zu werden. In diesem Sinne ist die Therapie im Rahmen der Analytischen Psychologie ein ressourcenorientiertes Verfahren.

Teil I

1
Einführung in die Symbolpsychologie

Nicht nur für den Psychotherapeuten,

der seelische Störungen zu beheben sucht,

sondern für jeden,

der mit sich selbst in Berührung kommen möchte,

ist es wichtig, die Symbolsprache verstehen zu können.

ERICH FROMM

1.1 Symbole in der Alltagswelt

Viele Menschen sind verwundert, wenn sie im Alltag auf heftige Gefühlsreaktionen von Menschen im Umgang mit Symbolen treffen, sei es angesichts der Begeisterung, mit der Fans die Insignien ihres Fußballvereins tragen, oder im ideologischen Streit über Kopftuch tragende Musliminnen in Schulen oder wenn mit Hass und Abscheu Nationalfahnen feindlicher Mächte bei politischen Demonstrationen öffentlich zerrissen und verbrannt werden. All dies zeigt eindrücklich, dass Symbole mehr sind als bloße Zeichen. Zu den Hauptmerkmalen von Symbolen gehört ihr »Aufgeladensein« mit seelischen Energien.

Zur Verdeutlichung zwei kleine Alltagsszenen:

Sie kommen von der Arbeit nach Hause und finden vor Ihrer Wohnungstür einen Blumenstrauß. Erfreut werden Sie ihn aufnehmen, den Duft der Blüten riechen, und, wenn er ohne Karte ist, werden Sie versuchen zu erraten, wer Ihnen die Blumen als Symbol des Dankes, der Zuneigung, Verehrung, als Wunsch nach einer aufblühenden Beziehung o. Ä. übermittelt hat. Sie selbst sind vermutlich überrascht, erfreut, geschmeichelt und fühlen sich in Ihrem Selbstwertgefühl bestätigt.

Ganz anders eine Symbolerfahrung am nächsten Morgen: Sie nähern sich Ihrem Arbeitsplatz und sehen, dass die Außenwand des Gebäudes mit Hakenkreuzen beschmiert ist. Auch dieses Symbol weckt Emotionen: z. B. Zorn, Empörung, Verunsicherung, Hilflosigkeit und Angst.

Das ist gemeint mit dem Satz: Symbole sind emotional aufgeladen.

Viele Symbole unserer Alltagswelt sind uns so vertraut, dass wir nicht weiter über sie nachdenken, wenn sie im Jahresablauf auftauchen, etwa Zimtsterne zu Weihnachten oder bunte Eier zu Ostern. Dennoch haben sie uralte kulturelle Bedeutungen: Das Weihnachtsgebäck z. B. in Form von Sternen, Halbmonden und Sonnen geht zurück auf die Feier der Wintersonnenwende, auf das Wissen der Menschen der Frühzeit über die kosmische Bedeutung des 21. Dezembers, die Wintersonnenwende, die rituell gefeiert wurde und aus dem keltischen und germanischen Brauchtum in die christlichen Advents- und Weihnachtsbräuche übernommen wurde. Auch der Osterfeuer-brauch geht zurück auf alte Rituale, den Winter mit Feuer zu vertreiben, dem Symbol für die im Frühling wiederauferstandene Kraft der Sonne, und die Ostereier sind natürlich zum Frühjahrsfest passende Fruchtbarkeitssymbole.

Ganz selbstverständlich beobachten wir in den Nachrichten, wie Politiker ehrenvoll auf dem roten Teppich, der eigens für sie ausgerollt wurde, empfangen werden – warum aber muss es ein roter Teppich sein und kein blauer oder grüner oder weißer? Die kostbare Farbe Rot, Purpurrot, gewonnen aus dem Saft der seltenen Purpurschnecke, stand früher nur den Königen zu und denjenigen, die besonders geehrt werden sollten. Zeitlich noch weiter zurück verweist der rote Teppich auf die im matriarchalen Symbolsystem sakrale heilige Farbe Rot, die Farbe des Blutes, vor allem des weiblichen Blutes, und des Lebens (Voss, 1998).

Wir schütteln einander zur Begrüßung die Hand – und bedienen uns dabei einer uralten symbolischen Geste, die deutlich machen soll, dass wir unbewaffnet, mit leeren Händen, d. h. nicht in feindlicher Absicht auf einen Fremden zugehen, sondern in freundlichen Kontakt treten wollen.

Symbole und symbolische Handlungen strukturieren als tagtägliche Rituale unser Leben, machen Interaktionen und Lebensvollzüge sinnhaft und bedeutungsvoll. Auch viele Alltagsgegenstände haben nicht nur eine zweckrationale Seite, sondern ihr spezifischer Symbolwert macht Aussagen über die Person. Was ist z. B. Ihr liebstes Möbelstück in Ihrer Wohnung? Was sagt Ihr alter Schreibsekretär über Sie aus?

Alle wichtigen Ereignisse unseres Lebens werden begleitet und gestaltet von orientierenden Symbolen und symbolischen Handlungen: Denken Sie z. B. an Verlobungs- und Trauungszeremonien, Geburtstage, Beerdigungsrituale und Trauerfeiern oder auch an Examensprüfungen. Auch neue Erfindungen und Gegenstände unserer sich rasch verändernden technischen Welt erlangen schnell symbolische Bedeutung, sind mit spezifischen Hinweisen und Botschaften aufgeladen: Das Handy, der Organizer sind nicht einfach nur Gebrauchsgegenstände, sondern zugleich Alltagssymbole, die den Status ihres Besitzers, seine technische Fortschrittlichkeit, seine Bedeutung in einem beruflichen Kontext symbolisieren sollen. Dies ist anschaulich zu studieren bei einer Zugfahrt im Intercity, und zwar an der Art, wie diese Objekte von ihren Besitzern öffentlich präsentiert werden. Ebenso sind in manchen Firmen der eigene Parkplatz, der Dienstwagen, der große Schreibtisch mit Chefsessel, das Anmelderitual über die persönliche Sekretärin, die einen Termin vergibt, bedeutungsvolle Statussymbole.

Doch nicht erst bei Erwachsenen sind Alltagsgegenstände symbolisch besetzt. Die Kuscheldecke und der Einschlafteddy haben für kleine Kinder eine unverzichtbare Bedeutung. Bei Schulkindern und Jugendlichen erlangen bestimmte Labels von Jeans, T-Shirts und Taschen eine spezifische Bedeutung für In-Sein und Zugehörigkeit zur Peergroup. Und selbst das Motto »No Logo«1 hat bereits wieder Symbolwert für eine Haltung der Aufgeklärtheit und kritischen Konsumverweigerung.

Was also ist das Besondere und Merkwürdige an Gegenständen und Handlungen, die zu Symbolen werden? Warum finden Millionen Menschen die Bücher von Dan Brown2 und Joanne K. Rowling3 so spannend? Sie entführen in die Welt des Symbolischen, in magische und mythische Bilderwelten. Die Symbolsprache dieser Bücher schafft offensichtlich Zugang zu vergessenen, vernachlässigten Erlebnisbereichen und Ausdrucksformen der Psyche.

1.2 Was sind Symbole?

Das Wort »Symbol«, abgeleitet von griech. »symbállein – zusammenwerfen, zusammenhalten«, bedeutet »Erkennungszeichen«. Ursprünglich bestand ein solches Erkennungszeichen, z. B. ein Ring oder eine Tontafel, aus Bruchstücken, die zusammengefügt ein Ganzes ergaben und so die Zusammengehörigkeit und Verbundenheit zwischen Verwandten, Freunden und Boten, die diese vorweisen konnten, zum Ausdruck brachten und erkennbar machten.

Seit dem 18. Jahrhundert meint der Begriff »Symbolik« die sinnbildliche Bedeutung oder Darstellung von etwas Geistigem. Ein Symbol ist somit ein sichtbares Zeichen einer nicht sichtbaren Wirklichkeit, mit der es in einem inneren Bezug steht. »Beim Symbol sind also immer zwei Ebenen zu beachten: In etwas Äußerem kann sich etwas Inneres offenbaren, in etwas Sichtbarem etwas Unsichtbares, in etwas Körperlichem das Geistige, in einem Besonderen das Allgemeine« (Kast, 1990, S. 19 f.). Symbole sind Bedeutungsträger. Sie bringen etwas zusammen, das eine Ganzheit bildet: ein äußeres Bild und einen Sinnkontext.

Die Grundfunktion der Symbole ist es, vielfältige Aspekte einer sehr komplexen Realität zusammenzufassen. Mit Hilfe von Symbolisierungen konstruiert der Mensch seine Wirklichkeit und vermag ihr Sinn zu verleihen. »Das Symbol ist ein ›Bild‹, dem unser Geist Sinn zuschreibt«, so definieren auch die Psychoanalytiker Benedetti und Rauchfleisch (1988, S. 214) ein Symbol. Die bilderproduzierende Psyche »setzt uns ins Bild« über innere Zustände, Motive und Vorgänge, erweitert so über das Symbolerleben die Selbsterfahrung des Menschen und gibt Hinweise für das Selbst- und Weltverständnis. Symbole wirken auf das Denken und Fühlen, auf Wahrnehmung, Phantasie und Intuition, sie verbinden Bewusstes und Unbewusstes. Menschliche Bewusstwerdung vollzog und vollzieht sich durch das Medium der Symbolik.

Vieles kann zum »sýmbolon« werden, zum Zusammenklang von etwas Vorder- und Hintergründigem. Wenn ein Zeichen, ein Objekt, eine Handlung einen inneren Sinn- und Bedeutungsgehalt hat, wird es zum Symbol. So wurde ein Ortsname wie Auschwitz zu einem hochkomplexen Symbol für den Holocaust.

»Jedes Zeichen, jede Verhaltensweise, jede menschliche Aktivität, die von der Absicht her auf anderes verweisen, gewinnen symbolischen Wert« (Spineto, 2003, S. 15). Ein Symbol ist also ein Sinnbild; es entsteht, indem ein äußeres Objekt mit einem geistigen Inhalt, einem Sinn und einer Bedeutung zusammengebracht wird. Diese Fähigkeit, der Welt und ihren Dingen Sinn zu verleihen, ist die spezifisch menschliche Fähigkeit der Symbolisierung. Sie ist eine der höheren Ich-Leistungen, die sich im Prozess der menschlichen Bewusstseinsentwicklung herausgebildet hat und die der Psyche einfach innewohnt. Es ist uns »angeboren«, Innen und Außen zusammenzubringen, die Welt in inneren Bildern zu erleben. Schon die frühen Höhlenmalereien und die archäologischen Funde aus der prähistorischen Zeit zeugen davon (Gimbutas, 1998). »Von allen Lebewesen, die im Lauf der letzten Jahrmillionen auf der Erde entstanden sind, ist der Mensch die einzige Lebensform, der es gelungen ist, einen ständig sich vergrößernden Schatz an selbst entworfenen Bildern über die Beschaffenheit der Welt und über seine eigene Beschaffenheit anzusammeln und von einer Generation zur nächsten weiterzugeben«, so der Hirnforscher Gerald Hüther (2004, S. 30).

Das Denken in Bildern ist eine urtümliche Bewusstseinsform. Ehe die Menschen begannen, in Begriffen zu denken, erlebten und dachten sie ihre Welt in Bildern. Bildhaftes Denken ist aber nicht nur eine frühe Entwicklungsstufe des menschlichen Bewusstseins, sondern die bildliche Repräsentationsfähigkeit ist ein Kodierungssystem des Gehirns, das mit anderen Systemen in Wechselwirkung steht. Innere Bilder sind hochkomplexe neuronale Verschaltungsmuster zwischen den Nervenzellen im Gehirn. »Immer dann, wenn eine solche Verschaltung aktiviert wird, entsteht ein bestimmtes Erregungsmuster, das sich auf andere Bereiche ausbreiten und auf diese Weise das Denken, Fühlen und Handeln eines Menschen in eine bestimmte Richtung lenken kann«, so beschreibt Hüther (2004, S. 16) die inneren Bilder.

Auch Zeichen haben, wie Symbole, einen geistigen Bedeutungsgehalt; dieser ist jedoch willkürlich und durch Übereinkunft entstanden. Anstelle von Messer und Gabel könnten genauso gut auch ein Teller und eine Tasse auf den Autobahnhinweisschildern das Zeichen für Raststätten sein. Die sogenannte Symbolleiste im Computerprogramm ist also genau genommen eine Zeichenleiste, deren einzelne Zeichen auf Übereinkunft und Setzungen basieren – die auch anders sein könnten. Symbole sind hingegen nicht einfach durch Übereinkunft in ihrer Bedeutung veränderbar. Zeichen sind eindeutig, Symbole vieldeutig. Symbole haben geheimnisvolle, manchmal tiefgehende Wirkungen.

Diese Wirkmächtigkeit von Symbolen ist rational nicht fassbar. »Die Symbolsprache ist eine Sprache, in der innere Erfahrungen, Gefühle und Gedanken so ausgedrückt werden, als ob es sich um sinnliche Wahrnehmungen, um Ereignisse in der Außenwelt handelte. Es ist eine Sprache, die eine andere Logik hat als unsere Alltagssprache, die wir tagsüber sprechen, eine Logik, in der nicht Zeit und Raum die dominierenden Kategorien sind, sondern Intensität und Assoziation« (Fromm, 1980, S. 14). Die Symbolsprache ist nach Fromm die einzige Universalsprache, die die Menschheit im Verlauf ihrer Geschichte entwickelt hat. Man muss diese Sprache verstehen, wenn man die Bedeutung von Träumen, Mythen, Märchen und Kunstwerken erfassen will.

1.3 Der tiefenpsychologische Zugang zu Symbolen

Im Verständnis der Analytischen Psychologie C. G. Jungs sind Symbole Projektionsträger für unbewusste seelische Inhalte. Wenn etwa im Traum der Baum zu verdorren droht, so kann dies ein Hinweis auf eine innere seelische Not des Träumers oder der Träumerin sein. Symbole sind chiffrierte, dem Bewusstsein zugängliche und zu verstehende Aussagen des Unbewussten und tragen als Bilder Botschaften an das Bewusstsein heran. So können sie auch als Symptome über den Körper Hinweise auf psychische Problemlagen und Konflikte geben.

Alle Formen von Symbolarbeit dienen der Bewusstseinserweiterung, sie lassen die unbewussten Bedeutungsaspekte eines Symbols, z. B. eines Traumsymbols, ins Bewusstsein treten. Warum berühren uns manche Träume, Bilder und Märchengeschichten so tief? Ihre Symbole mobilisieren und entbinden psychische Energie in Form von Gefühlen. Sie verdichten, veranschaulichen, wecken u. U. frühere Erfahrungen und Erinnerungen; sie sind mit Erwartungen, Hoffnungen oder auch Ängsten und Befürchtungen verbunden, mit Liebe und Hass. Sie fördern den Dialog zwischen Bewusstem und Unbewusstem über das Erleben der Gefühle.

Der psychotherapeutische Zugang zu Symbolen steht in der Analytischen Psychologie vor allem unter der Fragestellung, welche Hinweise zur gegenwärtigen Situation, zur lebensgeschichtlichen Problematik, zum Selbstverständnis eines Menschen und zu seiner Entwicklung die in seinem persönlichen Erleben auftretenden Symbole geben. »Das Symbol, in dem sich die persönlichen Bilder der Seele objektivieren, ist ein Mittel der Daseinserhellung [. . .]« (Rosenberg, 1984, S. 35). Symbole sind Schlüssel zu den Tiefenschichten der menschlichen Existenz. Sie verbinden Bewusstes, Vorbewusstes, Unbewusstes und Überbewusstes. Sie sind zugleich Wegweiser auf dem Weg der Selbstwerdung, der Individuation – ein zentrales Konzept4 der Analytischen Psychologie.

Zugänge zur inneren Welt der Bilder und Symbole zu schaffen und sie für Prozesse der Heilung und Selbstwerdung zu aktivieren, ist ein wesentlicher Teil der Arbeitsmethoden der Jung’schen Psychotherapie.

1.4 Symbole und Archetypen

Was Symbole so emotional (= bewegend) auflädt, geht im Jung’schen Verständnis auf die Strukturdominanten der Psyche, die Archetypen, zurück.

Wörtlich ist »Urbild« die Übersetzung des Wortes »Archetyp« (griech.: arché = Anfang; typós = Prägung, Einschlag). Der Jung’sche Begriff Archetyp ist oft missverstanden worden. Im Jung’schen Verständnis sind Archetypen vor allem Wirkkräfte des kollektiven Unbewussten, die als Strukturelemente und formgebende psychische Energie an sich unanschaulich und gestaltlos sind. Sie werden erschlossen aufgrund ihrer Wirkungen und Erscheinungsformen in Bildern. Diese Bilder sind nicht zeitlos, sondern historischen Wandlungen und Variationen unterworfen. Weltbilder, Mythen, Religionen, Kunst, Literatur, Märchen, Träume und Phantasien sind Zeugnisse der Wirkkräfte und Leitbildfunktion der Archetypen.

Archetypen werden auf der psychischen Ebene vor allem in Bildern und Symbolen erfahrbar, die Zugang zu den Tiefenschichten der Psyche ermöglichen. Vor allem im therapeutischen Bereich ist es in den letzten Jahren zu einer Wiederentdeckung des anschaulichen bildhaften Erlebens gekommen. Imaginative Verfahren werden heute in den verschiedensten Therapieformen angewandt, u. a. auch in der Traumatherapie (etwa: Reddemann, 2006). Es gehört aber vor allem zu den fundamentalen Erkenntnissen der Analytischen Psychologie C. G. Jungs, dass sich die innere Welt des Menschen vor allem in Bildern erfassen lässt.

Da mit dem Archetypischen also Bildvorstellungen verbunden sind, sprach Jung zunächst auch von Urbildern, betonte aber später immer wieder den Unterschied zwischen Archetypen und Urbildern:

»Ich begegne immer wieder dem Mißverständnis, daß die Archetypen inhaltlich bestimmt, das heißt eine Art unbewußter, Vorstellungen‹ seien. Es muß deshalb nochmals hervorgehoben werden, daß die Archetypen nicht inhaltlich, sondern bloß formal bestimmt sind, und letzteres nur in sehr bedingter Weise. Inhaltlich bestimmt ist ein Urbild nachweisbar nur, wenn es bewußt und daher mit dem Material bewußter Erfahrung ausgefüllt ist. Seine Form dagegen ist [. . .] etwa dem Achsensystem eines Kristalls zu vergleichen, welches die Kristallbildung in der Mutterlauge gewissermaßen präformiert, ohne selber eine stoffliche Existenz zu besitzen. Letztere erscheint erst in der Art und Weise des Anschließens der Ionen und der Moleküle. Der Archetypus ist an sich leeres, formales Element, das nichts anderes ist als eine, facultas praeformandi‹, eine a priori gegebene Möglichkeit der Vorstellungsform« (Jung, GW 9/I, § 155).

Aktuelle neurobiologische und genetische Forschungen stützen Jungs Erkenntnisse über archetypische Muster (z. B.: Eccles & Popper, 2005; Damasio, 2000).

Archetypen als unanschauliche Faktoren präformieren menschliche Vorstellungen und Erfahrungen. Ihr In-Erscheinung-Treten in Form von Bildern und Symbolen wird nicht selten als Begegnung mit mächtigen, numinosen, energiegeladenen Gestalten erfahren; bei entsprechender »Durchlässigkeit« können solche Erfahrungen in Träumen, Imaginationen, meditativem und spirituellem Erleben neue Kräfte zur Lebensgestaltung freisetzen.

Jeder Archetyp als Faktor bestimmt einen an sich unendlichen Formbereich möglicher Bilder. Je bewusstseinsferner, desto allgemeiner verfließen sie zu Grundprinzipien. Je bewusstseinsnäher, desto differenzierter und persönlicher beeinflusst sind die jeweiligen Erscheinungsbilder, die immer existentielle Aussagen über die Conditio humana sind, so z. B. in den archetypischen Bildern der Mutter, des Vaters oder im Archetyp des Kindes, in Motiven des Wachstums und des Lebenswegs als Baum, Weg, Labyrinth, in Themen wie Liebe und Einsamkeit, Geburt, Wandel und Tod, in Landschaften als Ausdruck von Seelenstimmungen, z. B. im Symbol der Wüste, in den Elementen Feuer, Wasser, Luft und Erde als Ausdruck psychischer Energien. Auch die Farben haben ihre spezifische Symbolik, z. B. das Schwarz der Trauer, das Grün in der Bedeutung von Hoffnung oder das Rot der Leidenschaft. Ebenso elementar sind z. B. Kreis und Viereck als weibliche und männliche Formsymbolik. Auch Zahlen wie z. B. die Sieben, die Zwölf oder die Dreizehn haben jeweils spezifische symbolische Bedeutungen, die unser kulturelles Leben prägen: die sieben Wochentage, die zwölf Monate, die gefürchtete »Unglückszahl« Dreizehn.

Die Sprache der archetypischen Gestaltungen hat ihre eigene Grammatik, die nicht den Gesetzen formaler Logik folgt, sondern den Regeln der Analogie, der assoziativen Verknüpfung, der Polarität, der zyklischen Einkreisungen, des pars pro toto. Sie ist psychodynamisch, d. h. Zustände wie Spannung, Ergriffensein, Beruhigung sind mit evoziert, ebenso Emotionen wie Angst, Freude, Glück und Trauer sowie Sinn- und Werterleben.

Kurz gefasst sind Archetypen also ein Bereitschaftssystem der Psyche im Bereich des kollektiven Unbewussten, welches die Fähigkeit besitzt zum Hervorbringen innerer Bilder und Symbole, die energetisch geladen sind und mit einer gewissen Eigenständigkeit wirksam werden können. Jung schreibt über die Archetypen: »Mir scheint, als ob man ihre Entstehung gar nicht anders erklären könne, als daß man annimmt, sie seien Niederschläge stets sich wiederholender Erfahrungen der Menschheit« (GW 7, § 109). Er geht letztlich davon aus, dass die Archetypen

»in der Eigenart des lebendigen Systems überhaupt begründet und somit schlechthin Lebensausdruck sind, dessen Sosein weiter nicht mehr zu erklären ist. Die Archetypen sind, wie es scheint, nicht nur Einprägungen immer wiederholter typischer Erfahrungen, sondern zugleich auch verhalten sie sich empirisch wie Kräfte oder Tendenzen zur Wiederholung derselben Erfahrungen. Immer nämlich, wenn ein Archetypus im Traum, in der Phantasie oder im Leben erscheint, bringt er einen besonderen ›Einfluß‹ oder eine Kraft mit sich, vermöge welcher er numinos, resp. faszinierend oder zum Handeln antreibend wirkt« (GW 7, § 109).

Die Analytische Psychologie sieht es als ihre Aufgabe an, die Quellen des Symbolischen zu erschließen und neu und zeitgemäß zu interpretieren, den Strom der Überlieferung weiterfließen zu lassen und ebenso neue Erscheinungsbilder der Archetypen dem heutigen Verständnis nahezubringen.

1.5 Symbole und ihre existentielle Bedeutung

Für die Symbolpsychologie ist nicht entscheidend, in welchen Kontexten Symbole auftreten und von Menschen erfahren werden: in der Alltagswelt, in Träumen, in der Kunst, der Dichtung, Religion, in Phantasien. Die Psychologie fragt nach ihren spezifischen Wirkungen und existentiellen Bedeutungen. Wann immer Menschen Symbole gestalten und erfahren, kann die jeweilige Situation existentiellen Bezug gewinnen.

Zu Beginn einer Gruppensitzung lege ich manchmal Karten mit einer Vielfalt unterschiedlicher Motive aus und bitte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, intuitiv eine Karte zu wählen, die ihrer momentanen Befindlichkeit entspricht.

B. wählte das Bild einer nepalesischen Hängebrücke über einem Fluss, der tief unten in einer Schlucht fließt. So sei momentan ihre Situation: ein Promotionsprojekt, das sie viele Jahre beschäftigt habe, sei abgeschlossen, es dränge sie zu ganz neuen Ufern, ohne dass sie wisse, wie ihr Lebensweg nun weitergehe, aber es sei ein Übergang für sie; sie stehe mitten auf so einer Brücke, neugierig, ein wenig ängstlich, was auf der anderen Seite zu finden sei. Aber das Bild ermutige sie, das Alte wirklich loszulassen, sich vom Bisherigen zu trennen und etwas Neues zu wagen.

A. hat zum Bild einer fliegenden Möwe gegriffen. »So frei sein wie dieser Vogel, das lockt mich.« Sie fühlt sich in ihrer gegenwärtigen Beziehung gefesselt, unfrei, alles sei so langweilig und unerotisch, als hätten die Ehejahre ihre Flügel gestutzt. »Kann ich überhaupt noch fliegen, oder habe ich meine Freiheit verloren?«, fragt sie sich und fühlt sich dabei niedergedrückt, flügellahm und schwer.

R. hat spontan ein Baumbild gewählt, es ist eine kraftvolle alte Eiche. Er fühlt sich besonders von dem kräftigen Stamm angesprochen. R. hat eine längere Zeit der Krankheit und Arbeitslosigkeit hinter sich und baut sich eine neue Existenz auf mit einem kleinen Geschäft. »Ich bin so froh, mich wieder stabil zu fühlen, wieder Halt und Stand zu haben, nicht mehr so labil zu sein. Ja, ich spüre, wie ich wieder festen Boden habe und Standfestigkeit, darüber bin ich so froh – jetzt können vielleicht auch die Äste oben wieder neu austreiben.«

Alle drei konnten mit Hilfe des spontan und intuitiv gewählten Symbols ihren gegenwärtigen Zustand differenziert beschreiben.

Symbole sprechen Menschen ganzheitlich an, sie berühren uns gleichzeitig auf vielen Ebenen: Gefühle, Verstand, Intuition und Empfindungen werden durch Symbole aktiviert, was in entsprechenden neuronalen Erregungsmustern in der neueren Hirnforschung nachgewiesen wird (Roth, 2004; Damasio, 2000). Symbole verweisen aber auch auf Erlebensdimensionen, die nur intellektuell nicht zu erfassen sind; sie transzendieren das, was gegenständlich und durch logische Zuordnung begreifbar ist. Dies wird besonders an religiösen Symbolen deutlich wie dem christlichen Kreuz, der Symbolfigur des Propheten im Islam, an den Symbolen Yoni und Lingam im Hinduismus oder an der Verehrung von Buddhastatuen im Buddhismus. In den biblischen Gleichnissen, die Jesus erzählt, gewinnen Dinge aus der Alltagswelt religiös-symbolische Bedeutung: die verlorene Münze, der Feigenbaum, die Lilien auf dem Felde, das Öl in der Lampe oder das Senfkorn, das dem Himmelreich gleichgesetzt wird.

Auch Landschaften wie Meer oder Gebirge bedeuten für Menschen mehr als nur der Aufenthalt in einer bestimmten Gegend: Das Meer mit dem Gezeitenwechsel Ebbe und Flut lässt Menschen nachsinnen über die Rhythmen ihres eigenen Lebens; das Meer ist für viele mit der Erfahrung der Grenzenlosigkeit, der Weite und der Unendlichkeit verbunden. »Jedes Mal, wenn ich wieder am Strand stehe, befreit mich der Anblick des Meeres von aller Enge und Hektik, lässt mich zur Ruhe kommen und macht mir das Herz wieder weit«, sagt L. Für andere Menschen sind es z. B. die Höhe und Weite der Alpenlandschaft, die sie immer wieder als Befreiung aus Alltagszwängen erleben und die in ihnen Gefühle von Ehrfurcht und Berührung mit dem Numinosen wecken. Natursymbole verbinden Erfahrungen aus der realen und der spirituellen Welt und machen so die Grenze zwischen dem Immanenten und dem Transzendenten durchlässig.

Im Symbol treffen sich Welterfahrung und psychische Bedeutung: »Alles fordert Antworten und bildet in uns Antworten, und diese gestalten sich in unserer persönlichen Lebensentwicklung als Symbole«, so Lauf (1976, S. 15), und er verweist zugleich darauf, dass es immer nur Teilaspekte oder Teilwahrheiten sind, die wir von einem Symbol sehen und erfahren können. Es ist nicht möglich, ein Symbol in seiner ganzen Bedeutungsvielfalt zu erleben. Wir sind beschränkt auf persönlich relevante Anteile des Bedeutungsspektrums. Für manche Menschen wie die oben zitierte L. ist das Meer das Symbol für Weite, Entgrenzung und Ruhe. Für andere ist es das Symbol für die bedrohliche, verschlingende Naturgewalt des Elements Wasser und für lebensbedrohende Kräfte überhaupt.

Über die persönlichen Bedeutungsaspekte hinaus bilden Symbole eine Brücke zum Numinosen. »Ein Symbol ist für uns niemals ein von außen herangebrachtes Abbild von etwas, was kausal, phänomenal oder gegenständlich wäre. Es bezieht sich immer auf das diesen Kategorien Transzendente, auf das Unnennbare, Ungreifbare, Unbeschreibliche, was sich von innen her in ihm lebendig objektiviert« (Rosenberg, 1984, S. 19).

1.6 Symbole in der Therapie

Der Bezugsrahmen der Therapie ist der aktuelle und lebensgeschichtliche Kontext einer Person. In diesem Kontext ist die Therapie für C. G. Jung »weniger Behandlung als vielmehr Entwicklung der im Patienten liegenden schöpferischen Keime« (GW 16, § 82). Es geht darum, dem Unbewussten zu erlauben zu sprechen, seinen Botschaften ungeteilte Aufmerksamkeit zuzuwenden, damit Bewusstes und Unbewusstes in Dialog treten können und die Psyche ihre Fähigkeit zur Selbstregulation entfalten kann. Auch Müller und Knoll betonen:

»Die schöpferische Selbstregulation unserer Seele ist nicht an der Vergangenheit als solcher interessiert, sondern zielt auf eine Bewältigung des Gegenwärtigen und des vorweggenommenen Zukünftigen hin. Wenn in unseren Symbolen Ereignisse und Erinnerungen aus früheren Zeiten auftauchen, dann dienen diese zur Veranschaulichung, Klärung oder Bewältigung eines gegenwärtigen Zustands.

Deshalb ist die wichtigste Frage, die wir bei der Deutung eines Symbols stellen müssen, die nach ihrem möglichen Sinn in bezug auf unsere aktuelle Situation: ›Was sagt mir dieses Symbol in bezug auf meine gegenwärtige Situation?‹« (1998, S. 198 f.).

Zwei Beispiele:

Herr B., ein Mann Mitte 60, kommt nach einem Klinikaufenthalt wegen einer Tumorerkrankung zu mir in die Therapie. Er beschreibt seine gegenwärtige Lebenssituation so:

Er wohne bei seiner Freundin in sehr beengten Verhältnissen, habe kein eigenes Zimmer dort. Er sei nach wie vor verheiratet, liebe seine Frau auch weiterhin und besuche sie regelmäßig. Sie habe ihn damals vor die Wahl gestellt, und so sei er zu seiner Freundin gezogen, aber beide Frauen seien ihm wichtig.

Herr B. überlegt, eine kleine Einliegerwohnung im Haus des Sohnes zu beziehen, der zurzeit ein Haus baue. Seine zwei Enkelkinder würden sich freuen, wenn er mit einziehen würde. »Aber eigentlich weiß ich nicht, wo ich hingehöre, meine Situation ist ganz verworren. So wie außen ist es auch innen. Wo gehöre ich eigentlich hin? Das ist eine Frage, die mich lebenslang beschäftigt hat.«

Herr B. drückt seine Situation symbolisch aus, in dem er mit Hilfe von Steinen auf dem Boden des Therapiezimmers drei Häuser baut und sich quälend-unsicher zwischen ihnen hin und her bewegt.

Frau F. kommt in die erste Therapiestunde mit einem Traum, der sie sehr erschreckt hat:

»Ich bin mit meinem Auto unterwegs, fahre schnell und muss zu einem beruflichen Termin, als ich plötzlich bemerke, dass verschiedene Funktionen an meinem Auto gestört sind: Ich kann nicht mehr blinken und Richtungswechsel anzeigen, irgendetwas stimmt mit der Kupplung nicht, auch Gas und Bremsen funktionieren nicht mehr richtig. Ich muss anhalten und aussteigen. Nur der Motor arbeitet weiter, alles andere ist irgendwie gestört. Ratlos stehe ich neben meinem Auto.«

Frau F. lebt seit Jahren in einer Beziehung mit einem Mann, aber seit Jahren gibt es keine Intimität mehr. Er ist viel im Ausland unterwegs, sie sind »aufeinander eingespielt«. Sie hatte in letzter Zeit sexuelle Kontakte mit anderen Männern, aber die gesamte Lebenssituation wird zunehmend unbefriedigender für sie. So kann und will sie ihr Leben nicht weiterführen.

Dieser Initialtraum bietet als wichtiges Selbstsymbol5 das Auto, das Störungen aufweist und die Fahrerin zum Innehalten zwingt.

Symbole können von außen oder von innen ins Bewusstsein treten und den Weg bahnen, sich Problemen und Konflikten der gegenwärtigen Lebenssituation bewusster zu stellen. Dabei geht es zunächst um Orientierung und Sinnsuche, darum, die Aufmerksamkeit und das Interesse auf die seelische Innenwelt zu richten und ihre Botschaften und Ausdrucksformen in Träumen, Erfahrungen, spontanen Einfällen und Bildern zu beachten. Ziel ist die Verlebendigung und Bewusstmachung vernachlässigter, verdrängter, im Schatten gehaltener Persönlichkeitsanteile, die sich als Störungen melden.

Durch die Arbeit an und mit Symbolen in der Therapie werden heilende und schöpferische Kräfte angeregt. »Am Symbol werden unsere ganz speziellen aktuellen Schwierigkeiten sichtbar, aber auch unsere ganz besonderen Lebens- und Entwicklungsmöglichkeiten« (Kast, 1990, S. 40). Symbole haben also nicht nur eine in die Vergangenheit gerichtete Erinnerungsdimension, sondern ebenso einen in die Zukunft weisenden Entwicklungsaspekt. Die Arbeit mit Symbolen hat sowohl diagnostische als auch therapeutische Funktion. Ein Traumsymbol z. B. sagt etwas über die aktuelle Problemsituation des Träumers aus; es bietet, wenn der Traum sorgfältig aufgeschlüsselt und gedeutet wird, ebenso Möglichkeiten zur therapeutischen Arbeit an Einstellungen, Gefühlen und Verhaltensweisen. Es kann Katalysator für Veränderungen sein. Daher bezeichnet Verena Kast Symbole als »Brennpunkte der schöpferischen Entwicklung« (1990, S. 40).

Unabhängig davon, auf welche Weise mit Symbolen gearbeitet wird, z. B. in der Traumdeutung, der Aktiven Imagination, beim Malen und Gestalten von Symbolen oder beim Symbolerleben in Bildern, Märchen und Mythen – entscheidend ist der emotionale Bezug. Man muss in einen intensiven Gefühlskontakt mit den Symbolen treten, nur dann wirken Bilder und Symbole belebend, fördern den Energiefluss, ermöglichen Klärung, Bewusstseinserweiterung und Ablösung von Komplexkonstellationen.

Für den Dialog mit der eigenen seelischen Innenwelt benötigen Menschen, die in die Therapie kommen, die Therapeutin, den Therapeuten als Dialogpartner. »Es braucht bei den meisten Menschen ein Gegenüber, sonst ist die Erlebnisgrundlage zu wenig real, der Mensch ›hört‹ sich sonst nicht«, sagt C. G. Jung in einem Brief (GW 18/II, § 1811). Oft geht es zunächst darum, eine grundlegende Haltung der Achtsamkeit und Fürsorglichkeit im Umgang mit sich selbst zu fördern und die Klientinnen zu ermutigen, sich selbst wichtig zu nehmen. Die therapeutische Empathie und Zuwendung zur Person ist hier als Modell wichtig.

In der Analytischen Psychologie geht es vor allem darum, Wachstums- und Reifungsprozesse im Sinne der Individuation zu fördern. Das bedeutet zunächst, die Inhalte des persönlichen und kollektiven Unbewussten zu erschließen. Daran arbeiten Patienten und Therapeuten gemeinsam. Es geht darum, Verworrenes zu sichten und zu ordnen, das bislang Unbeachtete und Unbewusste zu entdecken, Verdrängtes und Abgespaltenes zu integrieren, Zusammenhänge mit der Biographie aufzudecken und zu verstehen, sich selbst besser zu erkennen, den Blick in den Spiegel der Selbsterkenntnis zu wagen und weiterzugehen auf dem Weg des »Werde, der/die du bist«. Dazu bedarf es eines besonderen, geschützten Erfahrungsraumes.

Der Raum der Therapie ist ein besonderer Raum, den Jung mit dem alchemistischen Symbol des vas hermeticum beschrieb. Es ist ein geschlossenes Gefäß, in dem es zu besonderen »Gärungsprozessen« kommt, denen beide, Analytikerin und Analysand, im Therapieverlauf ausgesetzt sind. Für die meisten Patienten ist es ein besonderer Ort, ein temenos, ein geschützter, abgesonderter Bereich. Für manche Patientinnen, die Nachreifung, Nachbemutterung benötigen, ist es auch eine Art Gebärmutter, wo sie Halt, Schutz, Geborgenheit, containing erfahren.

Der Raum der Therapie ist ein Ort des Zeigen-Dürfens von frühen Verwundungen, des Aufdeckens von bislang Verborgenem, von oft mit Scham- und Schuldgefühlen besetzten Lebensgeheimnissen. An diesem geschützten Ort geschieht Auseinandersetzung und Bearbeitung von schwierigen Themen der eigenen Lebensgeschichte. So wundert es nicht, dass auch der Therapieraum symbolisch besetzt wird als Nest oder Zufluchtsort und Schutzburg, als »heiliger, heilender Ort«.

Der Raum der Therapie ist auch der Ort der besonderen symbolischen Besetzung der Therapeutin, des Therapeuten in der Übertragungsbeziehung. Er oder sie wird unter dem Bild des archetypischen Heilers oder der Heilerin gesehen; ebenso werden häufig Elternimagines auf das therapeutische Gegenüber projiziert. Daneben entwickelt sich auf der Ebene der Ich-Du-Beziehung das therapeutische Arbeitsbündnis zwischen Klient und Therapeutin.6

Die Psychotherapieforschung hat immer wieder aufgezeigt, dass die Qualität der therapeutischen Beziehung für den Prozess einer erfolgreichen Therapie der entscheidende Wirkfaktor ist. Patientinnen und Patienten müssen sich angenommen, wertgeschätzt, verstanden und unterstützt fühlen, erst dann können sie ihre oft mit Angst und Versagensgefühlen besetzten problematischen Seiten und ihre seelischen Verwundungen zeigen. Dazu bedarf es auf Seiten der Analytikerin bzw. des Therapeuten einer liebevollen, zugewandten Haltung, die bestimmt ist von therapeutischem Eros, Echtheit, Authentizität und Engagement. Dass diese Haltung auch konfrontative fordernd-fördernde Interventionen mit einschließt, gehört zum therapeutischen Handwerkszeug.

1.7 Zugänge zur Symbolerfahrung und -deutung

Die Arbeit mit Symbolen lässt sich idealtypisch als ein fünfphasiger Kreisprozess beschreiben. Dabei folgen die verschiedenen Phasen nicht streng aufeinander, sondern können im individuellen Prozess der Symbolerfahrung auch in anderer Reihenfolge auftreten.

Phase 1: Sich-Einstimmen, In-Gefühlskontakt-Treten mit dem Symbol

Die Symbolarbeit beginnt mit der Auswahl des Symbols oder der Frage: Wie lässt sich die Situation symbolisch verstehen? Manchmal taucht das Symbol spontan in der Selbstbeschreibung eines Patienten auf (»Wenn ich an die Prüfungssituation denke, dann schnürt es mir die Kehle zu.«).

Über die Ich-Funktionen7, Denken, Fühlen, Empfinden und Intuieren, wird das Symbol ins Zentrum der Aufmerksamkeit gestellt. Wichtig ist, dass ein lebendiger Fühlkontakt entsteht, der mit einer Haltung von Offenheit einhergeht. So wird aus dem Symbol nicht nur ein Gedankeninhalt oder ein Wahrnehmungsobjekt, sondern ein Resonanzraum mit Gefühlen. Die Energien eines Symbols werden erst dann wirksam, wenn wir uns emotional auf es einlassen.


Abb. 1.1: Symbolerschließung

Phase 1: Sich-Einstimmen, In-Gefühlskontakt-Treten mit dem Symbol

Phase 2: Erkunden des Bedeutungsfelds des Symbols

Phase 3: Kreatives Erfahren und Gestalten

Phase 4: Deutung, Einsicht, Erkenntnis

Phase 5: Transfer, Alltagsbezug

Phase 2: Erkunden des Bedeutungsfelds des Symbols

Nun geht es darum, den Ideenfluss zuzulassen und ohne innere Zensur und Bewertung zunächst alle Einfälle, Assoziationen, Gefühle und Phantasien kommen zu lassen und anzunehmen. Die Schlüsselfrage heißt: »Was fällt Ihnen alles dazu ein?« Die freie Assoziation schafft Zugang zum Unbewussten, sie belebt das Symbol mit Libido und vertieft den inneren Kontakt zu sich selbst.

Die Sammlung von Assoziationen kann übergehen in die sog. Symbolamplifikation. Hierunter versteht die Analytische Psychologie die Bedeutungsanreicherung und Erweiterung eines Symbols mit Hilfe von literarischen, religionsgeschichtlichen, kulturvergleichenden, völkerkundlichen und allgemeinen Bezügen. In einer Art »Studium generale« wird so das Bedeutungsfeld eines Symbols aufgeschlüsselt. Die Amplifikation verdeutlicht die Vielschichtigkeit und Komplexität eines Symbols und führt zum archetypischen Kern mit seinen allgemeinmenschlichen, existentiellen Themen.

Phase 3: Kreatives Erfahren und Gestalten

Malen, Zeichnen, Beschreiben und kreatives Gestalten eines Symbols kann eine weitere Ebene des vertieften Kontakts und der Selbsterfahrung eröffnen. Über die sinnliche Erfahrung treten häufig weitere persönliche Aspekte des Symbols ins Bewusstsein.

Manche Menschen entdecken ihre kreativen Fähigkeiten erst wieder, wenn sie im Rahmen der Therapie zum Selbstausdruck ermutigt werden. Sie erfahren dabei häufig, dass innerpsychisch ein Prozess in Gang kommt und ein Stillstand, eine Hemmung überwunden werden. Die Art und Weise des Gestaltens – ob mit Papier und Malzeug, Ton oder Knetmasse, beim kreativen Schreiben einer Geschichte oder durch Aufbau einer Szene mit Hilfe verschiedener Materialien – entspricht natürlich den persönlichen Vorlieben, gibt aber auch wieder Hinweise. So kann es ein wichtiger Schritt sein, wenn eine Patientin, die bislang nur kleinformatige Bleistiftskizzen gezeichnet hat, sich plötzlich traut, mit farbigen Kreiden zu malen und ein Bild im größeren Format zu gestalten, wenn sie sich selbst innerlich die Erlaubnis gibt, dass ihr Leben wieder farbiger werden und sie selbst größer in Erscheinung treten darf.

Phase 4: Deutung, Einsicht, Erkenntnis

Sich auf das Erleben, Erkunden und Gestalten von Symbolen einzulassen, hat bereits belebende und heilsame Wirkungen, z. B. beim Lesen eines Märchens, beim Nacherzählen eines Traumes oder beim Meditieren eines archetypischen Symbols. Sinn und Bedeutung von Symbolen zu entschlüsseln, ist jedoch für ein tieferes Verstehen unumgänglich.

Deuten ist eine Art von Übersetzungsarbeit durch Verwendung des in den vorherigen Phasen gewonnenen Materials. Es geht darum, den hinter der Oberfläche verborgenen Sinnzusammenhang aufzuspüren, zu erkennen, auf was das Symbol hindeutet, und dies mit der Begriffssprache des Bewusstseins zu verbinden. Symboldeutung weist »zu jenen dunklen Horizonten, hinter denen das Geheimnis des Seins verborgen ist« (Jung, Briefe III, 1973, S. 15).

Erst wenn ein Symbol in seinem Kontext verstanden ist, wird es möglich, es als Botschaft des Unbewussten in den gegenwärtigen Lebensbezug zu stellen. Symbollexika können zwar Hinweise geben, aber nicht den jeweiligen Sinn oder die Hinweise eines Traumsymbols für die aktuelle Lage eines Träumers, einer Träumerin aufschlüsseln.

Ein Beispiel:

Die Studentin A. erzählt von einem Traum, der sie sehr beunruhigt. Sie hat in der Nacht geträumt, dass ihr die Zähne ausfallen. Das befragte Symbollexikon verwies sie auf schwere Krankheit und Tod und erschreckte sie zusätzlich.

Ich frage sie, was denn am Vortag gewesen sei, ob sie etwas Besonderes erlebt habe. Sie erzählt, am Vortag habe ihre Nachbarin sie zum wiederholten Male gebeten, am Abend als Babysitterin auf ihr Kind aufzupassen. Eigentlich hätte sie für ein Referat arbeiten wollen, habe aber dann doch zugesagt. Sie sei aber verärgert, weil die Nachbarin immer öfter einseitige Hilfeleistungen von ihr erwarte. Sie traue sich aber nicht, Nein zu sagen.

Mit diesem Tagesrest als Kontext schauen wir zusammen auf den Traum, überlegen, was das Symbol der Zähne bedeuten könnte. Ihr wird dabei klar, was es für sie heißt, wenn sie sich scheut, »Zähne zu zeigen«, wenn sie sich gegenüber Erwartungen anderer nicht »mit Biss« abgrenzen kann und sich ausnutzen lässt, ihren Ärger herunterschluckt. Wenn die wichtige Funktion der Aggression als gesunde Selbstbehauptung und Vertretung eigener Interessen hinter der Unfähigkeit, Nein zu sagen, verkümmert, fallen ihr quasi die Zähne aus. In diesem Sinne warnt sie der Traum in Verarbeitung der Situation vom Vortag davor, »zahnlos« zu werden.

Diese Deutung hilft ihr, die Botschaft des Traumes anzunehmen, und so können wir zusammen prospektiv überlegen, wie sie ihre Fähigkeiten zur Selbstbehauptung verbessern kann.

Fragen nach Auslösersituationen und Kontext sind bei der Deutung von Traumsymbolen besonders wichtig. Schlüsselfragen können sein:

Was fällt mir spontan zu diesem Symbol ein?

Wie fühlt es sich an?

Wofür könnte es stehen?

Welche Erfahrungen habe ich bislang damit gemacht?

Was sagt mir das Symbol über mich, über meine Beziehung zu anderen?

Was könnte die Botschaft für mich sein?

Auf welche aktuelle Situation könnte sich das Symbol beziehen?

Phase 5: Transfer, Alltagsbezug

Das Erfassen der Bedeutung eines Symbols kann sich als spontanes Aha-Erlebnis einstellen oder auch das Ergebnis einer gemeinsamen Suchbewegung von Analytikerin und Analysand im fühlenden und bedenkenden Umkreisen eines Symbols sein. Eine als stimmig und richtig empfundene Deutung lässt dann weiterfragen:

Was ist die Botschaft des Unbewussten für mich im Hier-und-Jetzt?

Wozu fordert mich das Symbol auf, wozu ermutigt es?

Was erfahre ich über mich selbst im Spiegel des Symbols?

In welchen Lebensbereichen geht es um Veränderungen? Geht es um zu verändernde Sichtweisen, Haltungen, Werte und Einstellungen oder um andere Verhaltensweisen?

Welche konkreten Schritte der Umsetzung, des Transfers in reale Alltagssituationen stehen vielleicht an?

Jung verweist immer wieder darauf, dass die Botschaften des Unbewussten in seiner symbolischen Sprache dazu einladen, mit sich selbst zu experimentieren, Neues auszuprobieren, aus Erstarrungen wieder in den Fluss des Lebens zu kommen und so schöpferisch die eigene Existenz zu gestalten.8 Dies betont auch Kast: »Unser Therapieziel bleibt, schöpferisch mit dem eigenen Leben umzugehen, auf dem Weg zu sein« (1990, S. 41).

1.8 Übungen zur Symbolisierung

Die folgenden Übungen laden dazu ein, sich mit Symbolen vertraut zu machen und mit ihrer Hilfe eine Selbstexploration zu unternehmen:

1. Lebenslinie: Nehmen Sie ein großes Blatt Papier und Farbstift und zeichnen Sie eine Linie, die den Verlauf Ihres bisherigen Lebens darstellt. Die Linie kann gerade oder gebogen verlaufen, spiralförmig oder schräg, so, wie Sie mit Hilfe Ihrer Intuition Ihre Lebenslinie Gestalt werden lassen. Dabei können sich chronologisch oder psychologisch verschiedene Abschnitte ergeben.

2. Denken Sie einmal an die verschiedenen Lebensphasen, die Sie bis jetzt durchlebt haben. Welche Symbole fallen Ihnen zu den einzelnen Phasen ein?

3. Gehen Sie einmal durch Ihre Wohnung und stellen sich vor, Sie sind ein Fremder, der die Räume zum ersten Mal betritt. Was sehen Sie? Was sagt Ihre Wohnungseinrichtung und -gestaltung über Sie aus? Was sagen einzelne Dinge?

4. Wenn Sie einen Menschen zum ersten Mal sehen, welche inneren Bilder kommen spontan, z. B.: »Das ist aber ein ganz zartes Pflänzchen«, oder: »Sie wirkt innerlich ganz versteinert.«

5. Schließen Sie die Augen und konzentrieren Sie alle Aufmerksamkeit auf sich selbst. Wie fühlen Sie sich gegenwärtig? Welches Symbol kann diese Befindlichkeit ausdrücken?

6. Was ist Ihre Lieblingsblume? Was bedeutet sie im Bereich der Pflanzensymbolik?

7. Welche Symbole sind in Ihrem Berufsalltag von Bedeutung?

1 »No logo« ist der Titel eines Buches von Naomi Klein (2002), das seinerzeit eine Bewegung zum Konsumverzicht hervorrief.

2 Z. B. Brown, D. (2006). Sakrileg.

3 Z. B. den sechsten der Harry-Potter-Bände: Rowling, J. K. (2005). Harry Potter und der Halbblutprinz.

4 Kap. 3.2.

5 Zum Verständnis des Selbst in der Analytischen Psychologie Kap. 3.1.

6 Zur therapeutischen Beziehung Kap. 3.6.

7 In der Analytischen Psychologie gelten Denken, Fühlen, Empfinden und Intuieren als grundlegende Orientierungsfunktionen des Ich-Bewusstseins (vgl. Jung, GW 6, § 1029).

8 Z. B. in dem Aufsatz Ziele der Psychotherapie (GW 16, § 99).

2
Alte und neue Symbole

Gültig ist eine Wahrheit auf die Dauer nur dann,

wenn sie sich wandelt und wiederum Zeugnis ablegt

in neuen Bildern, in neuen Zungen,

als ein neuer Wein, der in neue Schläuche gefasst wird.

C. G. JUNG

2.1 Die Universalität von Symbolen

Alles kann für uns Menschen zum Symbol werden, die Welt der Formen: Kreis, Dreieck, Quadrat, Spirale; die Farben; die Elemente: Feuer, Wasser, Luft und Erde; Landschaften: Berge, Wüste, Küste und Meer; Tiere; Zahlensymbole und geheime Zahlenwerte, die Gnosis und Mystik beschäftigt haben; Körperteile und Organe des Menschen und nicht anders die Gegenstände unserer Umwelt.

Alles kann als Tatsache und etwas Reales angesehen werden, oder wir können auf das Geheimnisvolle achten, auf das mit Sinn und Bedeutung Verbundene, das uns immer wieder staunen macht – auf das, was ein Symbol zum Symbol macht. Aus verschiedenen Symbolbereichen sollen exemplarisch einige Symbole näher erläutert werden, um den symbolischen Blick für die therapeutische Arbeit mit Symbolen zu schärfen.

2.2 Symbole in der Alltagssprache

Schon unsere Alltagssprache ist reich an Symbolen, die wir auf selbstverständliche Weise entschlüsseln und verstehen können. Wir sagen z. B.:

»Ich zerbreche mir den Kopf darüber, wie das gehen könnte.«

»Der Vorschlag hat weder Hand noch Fuß.«

»Ich verstehe, wo ihn der Schuh drückt.«

»Das Herz rutschte mir dabei vor Angst in die Hose.«

»Wenn ich daran denke, koche ich vor Wut.«

»Dir ist wohl eine Laus über die Leber gelaufen?«

»Geschäftlich pfeift er aus dem letzten Loch.«

»Sie ist so verliebt, sie schwebt auf Wolke Sieben.«

Sprachsymbole lassen komplexe seelische Wirklichkeit in ihrer Bedeutungsvielfalt anklingen, wie ich am letzten Beispiel noch einmal verdeutlichen möchte: Wenn wir verliebt sind, fühlen wir uns weit über unsere Alltagswirklichkeit hinausgehoben, das Leben wird leicht, wir schweben durch die Tage. Diese Lebensleichtigkeit wird im Bild des Schwebens auf Wolken symbolisiert und die »Wolke Sieben« ist eine Anspielung auf den Siebten Himmel, das Paradies.

Die poetische Sprache der Gedichte hilft ebenfalls, unter die Oberfläche zu gelangen und sehr komplexe Themen menschlicher Erfahrung und Welt- und Daseinsdeutungen in wirkmächtigen Wortbildern und Sprachsymbolen zu vermitteln. Als Beispiel dafür mag ein Gedicht von Rilke stehen:

Ich lebe meine Leben in wachsenden Ringen,

die sich über die Dinge ziehn.

Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,

aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,

und ich kreise jahrtausendelang;

und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm

oder ein großer Gesang.

Rainer Maria Rilke

Als Schlüssel zum Verständnis der poetischen Sprache – und Kommentar zugleich – noch ein Wort von Rudolf Hagelstange:

»Die Dimension, in der Dichtung wohnt und sich entfaltet, ist nicht die Waagerechte der Oberfläche, sondern Vertikale des tiefen Himmels, der unendliche Raum der Freiheit« (1988, S. 8).

2.3 Das Labyrinth – ein altes Wegsymbol

Auch für heutige Menschen übt das universale Symbol des Labyrinths eine besondere Faszination aus. An vielen Orten wurden Labyrinthe wieder gebaut; sie laden ein zur Besinnung, werden rituell durchgangen und meditiert.

Das Labyrinth verdeutlicht Menschheitserfahrungen, wie verschlungen Wege und Suchbewegungen sein können und wie doch ein Weg zur Mitte, zum Zentrum, führt. Das Labyrinth ist, von außen betrachtet, ein spiralförmig verlaufender Weg zur Mitte. Durch Umschreiten des gesamten Innenraums gelangt man auf vielen Umwegen zum Zentrum. Es gibt einen ständigen, pendelartigen Wechsel der Bewegungsrichtung, und die Form erscheint zunächst unübersichtlich und geheimnisvoll. In einem Ein-Weg-Labyrinth hat man allerdings keine Irrwege vor sich; es gibt nur den einen Weg, der nach vielen Kehren und Umwegen zum Zentrum führt. Wer ins Labyrinth eintritt, durchläuft einen vorgezeichneten Weg und wird von ihm zur Mitte geführt.

Das universale Symbol des Labyrinths ist seit der Frühzeit in allen Kulturen der Welt zu finden und ist weit verbreitet: im Mittelmeerraum, in asiatischen Ländern, in frühen Felsritzungen in der Sahara; auch in Amerika und in den nordischen Ländern wurden sie entdeckt. In alten vorgeschichtlichen Hochkulturen sind Labyrinthe vom sog. kretischen Typ gefunden worden. Das Christentum hat das Labyrinth früh in seinen Symbolschatz übernommen. Die christliche El-Asuam-Basilika in Algerien hat ein großes Bodenmosaik mit einem Labyrinth aus dem 4. Jahrhundert n. Chr. In zahlreichen Kirchen und gotischen Kathedralen sind Labyrinthe zu finden. Eines der berühmtesten ist sicher das Labyrinth von Chartres.

Labyrinthe wurden in Felsen gemeißelt oder Ton geritzt, auf Keramik gemalt, als Mosaik in Böden ausgelegt, auf Vasen und Grabstellen abgebildet, auf Münzen gepresst, in Tempeln und Kirchen innen und außen angebracht. In Skandinavien, Russland und Nordamerika wurden sie häufig mit Steinen ausgelegt, in England finden wir noch heute große Labyrinthe in Rasenflächen gestochen. Labyrinthe waren Orte für Einweihungsrituale und jahreszeitliche Feiern. Sie dienten als Schutzmagie an Türschwellen, Eingangstoren und Stadttoren zur Abwehr böser Geister; auch als Tätowierungsmuster sollten sie Schutz bieten. Bei den Frühlingsfeiern wurden sie getanzt, wie z. B. beim Jungfrauentanz in Skandinavien. Bei besonderen Anlässen, wie z. B. Stadtgründungen, wurden Labyrinthe in feierlichen Prozessionen gegangen oder als Reiterspiele aufgeführt. Im Labyrinth der Wallfahrtskirche in Chartres wurden in früheren Zeiten in der Osternachtsliturgie Labyrinth-Tänze der Kleriker zur Feier der Auferstehung aufgeführt. Auch die Pilger konnten das Labyrinth durchschreiten, das mit seinem Durchmesser von zwölf Metern eine Weglänge von 294 Metern aufweist. Der ankommende Pilger konnte sich im Durchschreiten des Labyrinths »konzentrieren«, in der Mitte ankommen, und erst dann sich nach vorne zum Hochaltar ausrichten.

Das Labyrinth symbolisiert eine kosmische Ordnung. Als Labyrinth wurde wohl kulturgeschichtlich ursprünglich der Ort bezeichnet, an dem Riten gefeiert und rituelle Kreistänze getanzt wurden, die die Ordnung und Harmonie des Kosmos, das Kreisen der Gestirne, darstellten. Aus der Fixierung der Tanzlinien entstanden vermutlich die ersten Steinlabyrinthe. Wo der Raum durch Markierungen und Wegbegrenzungen geteilt und geordnet wird, entsteht aus ungeordnetem Chaos Kosmos. So wurde das Labyrinth zum universalen Symbol einer geordneten Welt. Jill Purce beschreibt dies mit den Worten: Das Labyrinth »ist der Kosmos, die Welt, das individuelle Leben, der Tempel, die Stadt, der Mensch, der Schoß – oder die Gedärme – der Mutter Erde, die Gehirnwindungen, das Bewußtsein, das Herz, die Pilgerfahrt, die Reise und der Weg« (1988, S. 29).

Eine der berühmtesten Mythen des Altertums bezieht sich auf das Labyrinth von Kreta. Die Theseus-Sage erzählt, dass die Athener nach einem verlorenen Krieg dem kretischen König Minos tributpflichtig waren und alle neun Jahre sieben Jünglinge und sieben Jungfrauen nach Kreta schicken mussten. Diese wurden dann in ein Gewölbe unterhalb des Palastes geführt, in ein Labyrinth, in dessen Mitte der sogenannte Minotaurus lebte, ein Wesen, halb Stier, halb Mensch. Dort im Labyrinth fanden dann alle den Tod.

Dem Königssohn Theseus gelang es, durch die Hilfe der kretischen Königstochter Ariadne, die ihm ein besonderes Schwert gegeben hatte, den Minotaurus im Kampf zu besiegen und mit Hilfe eines Fadens, des Ariadnefadens, wieder den Weg aus dem dunklen Labyrinth herauszufinden und so sich und seine Gefährten und Gefährtinnen zu retten. Dieser Mythos erzählt in seiner bildhaften Sprache, wie gefährlich oft der Weg eines Menschen ins eigene Innere ist, dass der Mensch sich dort verirren und ungeheuerlichen Gefahren begegnen kann. Er trifft dort z. B. auf seine eigene Triebnatur – verdeutlicht im Bild des halbmenschlichen Stiers. Und nur mit Hilfe findet er den Weg zurück aus dem labyrinthischen Weg in der dunklen Tiefe.

Das Labyrinth ist ein Ursymbol des Weges. Es führt von außen nach innen, zur Mitte, und von dort, nach einer Wendung, wieder hinaus. Im Labyrinth gehen alle Gänge ineinander über. Die Urform des Labyrinths ist die Spirale. Im Labyrinth läuft die Spirale nach innen zum Zentrum und kehrt von dort aus wieder zurück zur Peripherie. Der Labyrinthgänger, der zur Mitte finden und die Wahrheit seines Lebens herausfinden will, wird durch die Umgänge genötigt, immer wieder um die Mitte herum zu gehen, sie immer wieder zu umkreisen, sich selbst dabei von allen Seiten wahrzunehmen und viele Wechsel der Richtungen mitzumachen. Er kann die Mitte nur erreichen, wenn er zuvor den ganzen Innenraum abschreitet, alle Richtungen und Dimensionen seines Wesens erkundet und in die Mitte seiner Person einbringt.

Die Hinreise ins Innere, in die Mitte, war ein wichtiges Motiv der Mystik des Mittelalters. Es fand seinen Ausdruck im bewussten Abschreiten des Labyrinthweges zur Mitte. Der Weg durch das Labyrinth galt symbolisch den mittelalterlichen Pilgern als Reise nach Jerusalem. Auf Knien wurde manchmal dann der Weg durch das Labyrinth zurückgelegt.

Die häufige Darstellung von Labyrinthen auf antiken Grabstätten weist auf den Tod, den Wiedereintritt in den Schoß der Erde hin, die Rückkehr zur Mitte. Sie symbolisieren hier die Hoffnung, vom tiefsten Punkt aus den Tod zu überwinden, und die Hoffnung auf einen neuen Weg im Jenseits.

Ein Gang durch ein Labyrinth kann eine Vielzahl von Erfahrungen anklingen lassen: Habe ich das Labyrinth betreten, muss ich mich seiner Wegführung anvertrauen. Ich muss mich auf manche Umwege einlassen. Manchmal bin ich der Mitte, dem angestrebten Ziel, schon ganz nah, werde aber nach der nächsten Kehre wieder weit weggeführt. Auf dem Weg befinde ich mich allein. Und ich kann den Weg als Ganzes nicht übersehen. Viele Richtungswechsel sind erforderlich, um in die zentrale Mitte zu gelangen und ebenso, um wieder den Weg hinauszugehen.

Das Innehalten in der Mitte kann erfahren werden als ein besonderes Beisich-selbst-Ankommen, Die-eigene-Mitte-Spüren, als Loslassen dessen, was an Weg hinter mir liegt, und als Umkehr hin zu einem neuen Weg. Es kann eine besondere Form der Selbsterfahrung sein, aus der ein Mensch verändert und gestärkt hervorgeht. So sagt Kern: »Im Labyrinth verliert man sich nicht. Im Labyrinth findet man sich. Im Labyrinth begegnet man nicht dem Minotaurus. Im Labyrinth begegnet man sich selbst« (1982, S. 5).

Aus Sicht der Analytischen Psychologie ist das Labyrinth ein Symbol für den Individuationsweg. Der Weg zur Mitte, zur eigenen Mitte, ist die Suche nach dem Selbst, dem ganzen Menschen, der ich bin. C. G. Jung erläutert:

»Der richtige Weg zur Ganzheit aber besteht – leider – aus schicksalsmäßigen Um- und Irrwegen. Es ist eine ›longissima via‹, nicht eine gerade, sondern eine gegensatzverbindende Schlangenlinie [. . .], ein Pfad, dessen labyrinthische Verschlungenheit des Schreckens nicht entbehrt. Auf diesem Wege kommen jene Erfahrungen zustande, die man als ›schwer zugänglich‹ zu bezeichnen beliebt. Ihre Unzugänglichkeit beruht darauf, daß sie kostspielig sind: sie fordern das, was man am meisten fürchtet, nämlich die Ganzheit, die man beständig im Munde führt und mit der sich endlos theoretisieren läßt, die man aber in der Wirklichkeit des Lebens im größten Bogen umgeht« (GW 12, § 6).

In den letzten 30 Jahren hat es eine erstaunliche öffentliche Wiederentdeckung und Wiederbelebung des Labyrinthsymbols gegeben. An vielen Orten sind neue Labyrinthe entstanden, in Kirchen, an Orten der Meditation und der Einkehr, in privaten Gärten und in öffentlichen Parks. Ebenso zieht es die Menschen zu den alten Labyrinthen hin. Ausstellungen in Museen und Publikationen über Labyrinthe fanden großes Interesse.

1986 begann eine Gruppe Schweizer Künstlerinnen mit einem Labyrinthprojekt. Sie konnten ihre Idee im Zeughaushof in Zürich verwirklichen. 1996 war es fertiggestellt und wurde rasch zum Treffpunkt und Ort für Begegnungen. Auch in Amerika wurden innerhalb der letzten 10–15 Jahre mehrere Hundert neue Labyrinthe erbaut, in der Schweiz zwischen 1992 und 2000 etwa 40, in Deutschland ca. 30, die genaue Zahl ist jedoch vermutlich sehr viel höher (Candolini, 1999).

Labyrinthe ziehen Menschen einfach an. Es geschieht etwas darin mit ihnen – beim Gehen des Weges hindurch, beim unwillkürlichen Innehalten in der Mitte. Das Symbol wirkt und bewirkt etwas ohne große Worte – auch in heutigen Menschen.

2.4 Das Auto – ein modernes Selbstsymbol

Autos und Verkehr sind ein Bestandteil unserer Alltagswelt – mit allen Vor- und Nachteilen, die der Individualverkehr für uns Menschen und die Natur hat. Ein Auto ist jedoch nicht einfach nur ein Auto: Schon sehr bald nach seiner Erfindung wurde das Auto zum Symbol. Es war zunächst ein Statussymbol der Reichen, ein Ausdruck für Modernität und Fortschrittlichkeit, ein Prestigeobjekt. Im Zuge der Entwicklung des Autos als Fortbewegungsmittel für fast alle Menschen erweiterte sich das Bedeutungsspektrum dieses modernen Symbols. Die Werbeanzeigen der Autoindustrie verdeutlichen die heutige Bedeutungsvielfalt: Das Auto steht für Freiheit, Abenteuer und Mobilität, für Selbstverwirklichung durch Reisen in ferne Länder und Ankommen an den schönsten Orten der Welt; es spricht erotische und sexuelle Wünsche an, wird zum Objekt der Begierde. Autowerbung, die sich an die Zielgruppe der Männer richtet, thematisiert Kraft, Potenz, Machtbedürfnisse sowie Status und sozial erstrebenswerte Positionen; die Autowerbung für Frauen spricht eher Sicherheits- und Geborgenheitsbedürfnisse und praktische Verwendungszwecke an, z. B. das Verladen von Einkäufen.

Das Auto ist ein Symbol für Reisen, Vorankommen und Ortsveränderung; es spricht das Thema des Weiterkommens und Sich-Fortbewegens auf dem eigenen Lebensweg an. In den Träumen heutiger Menschen ist es ein sehr häufig vorkommendes Selbstsymbol. Mit »Selbst« ist hier zunächst eine übergeordnete seelische Struktur gemeint, die mit einem Grundgefühl von Identität und Kontinuität verbunden ist und für die individuelle Persönlichkeit spezifisch ist. Daniel Stern spricht von »Selbstempfinden« und schreibt dazu:

»Auch wenn niemand recht weiß, was das Selbst eigentlich ist, haben wir doch als Erwachsene ein sehr reales Selbstempfinden, das unser tägliches soziales Erleben durchdringt. Es tritt in mancherlei Art und Weise zutage. Wir empfinden ein Selbst als einzelnen, abgegrenzten, integrierten Körper; wir empfinden ein Selbst als Handlungsinstanz, ein Selbst, das unsere Gefühle empfindet, unsere Absichten erfaßt, unsere Pläne schmiedet, unsere Erfahrungen in Sprache umsetzt und unser persönliches Wissen mitteilt. Meistens bleiben diese Selbstempfindungen, wie das Atmen, außerhalb des Bewußtseins, aber sie können ins Bewußtsein gebracht und dort behalten werden. Instinktiv verarbeiten wir unsere Erfahrungen so, daß sie eine Art einzigartiger, subjektiver Organisation zu gehören scheinen, die wir gewöhnlich als Selbstempfinden bezeichnen« (Stern, 1992, S. 18).

Autoträume verdeutlichen sehr unterschiedliche Aspekte der Persönlichkeit auf der Ebene des Ich und des Selbst. Die Art des Fahrzeugs, der Zustand, in dem sich das Auto (griech.: autós = selbst) befindet, die Frage der Steuerung und Beherrschung des Wagens, die Straßen und Wegstrecken, auf denen das Auto unterwegs ist, auftauchende Hindernisse und Kollisionen sowie Beschädigungen – all dies enthüllt in Träumen viel von der gegenwärtigen Lebensrealität des Träumers oder der Träumerin. Auf das Thema Abhängigkeit und Autonomie verweist das Symbol des Autos im Traum, wenn der Träumer seinen Wagen nicht selbst lenkt, sondern auf dem Beifahrersitz platziert ist oder auch unliebsame Mitfahrer hat, die er nicht loswerden kann.

Das Funktionieren oder Nicht-Funktionieren des Autos im Traum kann auf körperliche oder seelische Probleme verweisen, z. B. im folgenden Traum:

»Ich will zu dem längst wieder einmal überfälligen Besuch bei meinen Eltern aufbrechen, steige in mein Auto und fahre los, aber kann nicht beschleunigen. Der Wagen wird immer langsamer und bleibt stehen. Da erst merke ich, dass der Tank und der Reservetank ganz leer sind.«

Die Träumerin konnte sich erst über diesen Traum eingestehen, wie anstrengend sie diese Pflichtbesuche fand und wie erschöpft und leer sie sich zu dieser Zeit insgesamt fühlte.

Autoträume, in denen es zu Zusammenstößen und Unfällen kommt, verweisen den Träumer häufig auf interne oder externe Konflikte.

Die libidinöse Besetzung und das erotische Verhältnis, das manche Autobesitzer zu ihrem Fahrzeug haben, zeigen sich in der manchmal fast zärtlichen, hingebungsvollen Pflege und Wartung. Manches alte Auto weckt in seinem Besitzer auch den »Homo ludens«: Für ihn ist sein Auto das liebste Spielzeug, an dem er in der Freizeit viele Stunden lustvoll herumbastelt.

Menschen identifizieren sich häufig mit ihrem Auto, wie auch die Sprache zeigt. So heißt es ganz selbstverständlich: »Ich stehe auf dem Parkplatz, neben der Schule«, wenn dort der Wagen abgestellt wurde. Bei hoch identifizierten Autobesitzern rufen kleine Schrammen und Beulen häufig Gefühle persönlicher Kränkung und Verletzung hervor: Es geht dann nicht sachlich um einen kleineren oder größeren Schaden an einem technischen Gegenstand, sondern ihnen persönlich wurde etwas angetan. Und so ruft ein kleiner Zusammenstoß oft ein enormes Maß an Wut und Aggression hervor.

Der Umgang mit dem Auto befriedigt unterschiedliche Bedürfnisse: Selbstdarstellung, Imponieren, Besitzerstolz, Macht und Potenz, Herrschaft über Entfernung und Zeit. Über das Geschwindigkeitserleben können rauschhafte Zustände entstehen, die nicht nur für den Autofahrer selbst lebensgefährlich werden können. Lebenslust und Todessehnsucht können sich im Fahrgefühl verbinden.

Das Auto kann zum Drohmittel und zur Waffe werden, wenn rücksichtslose Fahrer andere zum Spurwechsel nötigen und von der Fahrbahn drängen. Einige benutzen ihr Auto auch zur Aggressionsabfuhr, wenn sie wütend sind.

Für manche Menschen hat ihr Auto auch noch eine ganz andere Bedeutung: Für sie ist es ein Ort der Geborgenheit und des Rückzugs, eine ganz persönliche Höhle aus Blech. Hier fühlen sie sich sicher und geborgen, hier trauen sie sich zu weinen, zu schreien, den Gefühlen freien Lauf zu lassen. »My car is my castle.«

Für heutige Jugendliche hat der Erwerb des Führerscheins, der Berechtigung, ein Auto fahren zu dürfen, eine besondere Bedeutung; es ist ein wichtiger Initiationsritus, der sie in die Welt der Erwachsenen eingliedert, für manche Jugendliche bedeutsamer als Schulabschlüsse.

In der Biographie mancher Menschen hat das erste eigene Auto einen besonderen Stellenwert. Es wird zum Symbol einer neuen Unabhängigkeit im Lebensgefühl und neuer Lebensmöglichkeiten. Der eigene Wagen und die Reisen mit ihm werden zum Mittel der Selbstbestätigung und Weltentdeckung.

Freud sprach in einem Brief an den Autofabrikanten Maybach vom »Hermes-Komplex«, wenn das schnelle Unterwegssein, die Geschwindigkeit, wie beim Götterboten Hermes eine spezifische unbewusste Bedeutung erhält.

Auf der unbewussten Ebene dient das Auto der Kompensation von Minderwertigkeitskomplexen gegenüber den Kräften der Natur. Ist es verwunderlich, dass das Maß für das Energiepotential eines Autos noch immer Pferdestärken (PS) ist?

Es erfordert auch ein hohes Maß an Verdrängung auf der kollektiven Ebene, das Ausmaß an Opfern, die dem vergötterten Auto und dem Individualverkehr jährlich gesellschaftlich gebracht werden – Verkehrstote, Natur- und Landschaftszerstörung und Unfallopfer – vom Bewusstsein fernzuhalten.

Und die alljährlich stattfindenden »Automessen«, bei denen die neuen Modelle wie lang erwartete Neugeburten öffentlich präsentiert werden, entbehren nicht einer zeremoniell-religiösen Symbolik und bestätigen die symbolische Bedeutung des Automobils, mit dem der Mensch, auch dies ein Gedanke Freuds, sich mit Hilfe der Technik als eine Art Prothesengott selbst überhöht.

2.5 Tiersymbolik

Die Tiere, unsere Mitlebewesen, sind gattungsgeschichtlich älter als wir Menschen. Sie waren im Prozess der Evolution vor uns da, sind unsere »niederen« Verwandten.

Der Mensch lernte wilde Tiere zu erjagen, ernährte sich von ihnen, kleidete sich in ihre Felle, wurde umgekehrt zur Beute von Tieren. In den Mythen der Welt spiegelt sich auch das Verhältnis Mensch – Tier wider, nicht zuletzt in den Verehrungskulten von Tiergottheiten. Einige Tiere wurden domestiziert und wurden so zu Haustieren, Helfern und Begleitern der Menschen.

Kinder sind meist schon sehr früh fasziniert von Tieren – viele Kinderbücher sind Tiergeschichten. Ebenso sind viele Märchen Erzählungen über wundersame Tiere. Aber auch für Erwachsene haben Tiere, nicht nur als Nutztiere wie z. B. Kühe, Schafe, Ziegen, Pferde und Hühner, einen besonderen Wert.

Die verschiedenen »Wesensmerkmale« der Tiernatur sind im kollektiven Unbewussten gespeichert. Nicht selten tauchen Tiere als archetypische Bilder in Träumen auf. Auch in Märchen und Fabeln verkörpern sie verschiedene menschliche Tugenden und Laster. Manche Menschen erfahren in Träumen und Imaginationen Krafttiere als innere Begleiter, die sie stärken, trösten und ihnen Schutz geben.

Aus der Vielzahl der Tiersymbolik wähle ich exemplarisch drei Beispiele aus: den Vogel, die Katze und den Wolf.

Der Vogel

Nach Brehms Tierleben gibt es fast 9 000 verschiedene Vogelarten. Hühner, Spatzen, Tauben, Schwäne, Adler – sie alle stammen von den Sauriern ab. Vor etwa 150 Millionen Jahren entwickelten die Flugsaurier aus den vorderen Flossen und Füßen Flügel.

Vögel stehen für geistige Kräfte der Phantasie, der Inspiration und Intuition, der Freiheit. Ihre Fähigkeit zu fliegen, Grenzen von Raum und Zeit überwinden zu können, steht für spirituelle Erfahrungen von Transzendenz. In den schamanischen Ritualen spielen Vogelmasken eine besondere Rolle als Hilfsmittel, um in Vogelgestalt in die geistigen Welten aufzusteigen. Die Sprache der Vögel zu verstehen, gilt in Märchen und Geschichten als Hinweis auf besondere spirituelle Fähigkeiten.

Vogel und Vogelgesang können ein Lebensgefühl von Leichtigkeit und Lebensfreude vermitteln (»auf den Flügeln des Gesangs«). Das Balz- und Paarungsverhalten der Vögel fand auch Eingang im Volksmund und bezeichnet das menschliche Sexualverhalten (»vögeln«, miteinander »turteln«).

Gefangene Vögel in Käfigen in Träumen und Imaginationen verweisen auf Unfreiheit und Verlust an Beweglichkeit und Selbstbestimmung. Im Märchen (z. B. in Die sieben Raben) bedürfen in Vögel verzauberte Menschen der Erlösung und Verwandlung.

In der Mythologie ist es ein Urvogel, der das Weltenei ausbrütet, und die Verbindung der Vögel zu Göttern und Göttinnen bei zahlreichen Abbildungen und Funden aus dem Paläolithikum zeugen von der Verehrung von Vogelgöttinnen.

In der ägyptischen Mythologie ist der Vogel ein Seelensymbol. Ein Text aus der Zeit ca. 2200 v. Chr. überliefert das Gespräch eines Lebensmüden mit seinem Ba, seiner Seele, dargestellt als Vogel mit menschlichem Kopf, der nach dem Tod den Körper verlässt und diesen überdauert.

In der germanischen Mythologie stehen die beiden Raben Hugin und Munin für Gedanken und Erinnerung. Sie sind die Boten Wotans aus der Anderswelt und berichten umgekehrt Wotan von Vorgängen aus der Menschenwelt.

Die verschiedenen Vögel haben je eine eigene Symbolik: Eulen stehen für Weisheit, Klugheit, geheimes Wissen. Elstern und Raben verweisen eher auf dunkle Aspekte (die diebische Elster, der Pechvogel und Unglücksrabe). Die weißen Tauben, Begleiterinnen der Liebesgöttin Aphrodite, sind Glückssymbole bei Hochzeiten. Ihr Gurren wurde als sehnsüchtiger Liebesruf gedeutet, ihr Schnäbeln als Liebeswerben in der Paarungszeit als Küsse. Die Taube als Symbol für den hl. Geist steht für die höchste Spiritualität. Die Friedenstaube mit dem Ölzweig ist ein Symbol für Gewaltlosigkeit, Liebe und Zärtlichkeit. Die Tauben wurden archetypisch dem Weiblichen zugeordnet, wohingegen der Adler eher dem Männlichen zugeordnet wurde.

Die Katze

Katzen sind für Vögel, Mäuse und andere Nager gefährliche Raubtiere. Für den Menschen haben sie als Hausgenossen eine ganz andere Bedeutung. Einerseits sind sie sehr auf die Menschen, die sie versorgen, bezogen, sind zugewandt, zärtlich, schätzen körperliche Nähe und Streicheln, sind Spielgefährten für Kinder und Erwachsene. Andererseits sind sie unabhängig, eigenwillig, wirken in sich ruhend, führen ein Eigenleben, besonders in den Nächten.

Die Zuordnung zum Archetyp des Weiblichen – auch in der Mythologie – ist ein zentraler Aspekt bei diesem Tiersymbol. Ihre Fähigkeit, nachts zu sehen und ihre im Dunklen leuchtenden Augen lassen sie als geheimnisvoll erscheinen.

In der ägyptischen Kultur finden wir eine hohe Wertschätzung der Katze, wo sie als eine Verkörperung der Göttin Bastet gilt, einer freundlichen, fürsorglichen, mütterlichen Gottheit, einer Beschützerin der Gebärenden und Helferin bei Krankheiten. Ihre kultische Verehrung zeigt sich in eigenen Katzenfriedhöfen und in der Mumifizierung hochgeschätzter Katzen. Katzen zu töten oder zu verletzen galt als Verbrechen. Auf der realen Alltagsebene waren Katzen als Haustiere hochwillkommen. Man war ihnen dankbar, da sie die Kornspeicher vor Mäusen und Ratten schützten und auch gegen Schlangen kämpften.

Die Nähe zu hohen weiblichen Gottheiten finden wir auch in der germanischen Mythologie. Die nordische Liebesgöttin Freya fuhr in einem von vier Katzen gezogenen Gefährt, ebenso wie die Frigga, die Gemahlin des obersten Gottes Odin.

Katzen wurden als Nutztiere geschätzt, als Gottheit verehrt, sie verkörpern freundliche Aspekte von Weiblichkeit, auf der anderen Seite stehen Katzen aber auch für Launenhaftigkeit, Falschheit und Hinterhältigkeit, ihr lautloses Schleichen wirkt zuweilen unheimlich. »Das Auffälligste am Symbol der Katzen ist seine Ambivalenz«, so Marie-Louise von Franz (2008, S. 59).

Einer schwarzen Katze zu begegnen bringt angeblich Unglück. Überhaupt galten sie als Begleittiere von Hexen und Zauberern, wurden im europäischen Mittelalter als Verkörperung des Bösen, als teuflisch und unheilbringend diffamiert.

In den durch die Inquisition veranstalteten Verdächtigungen und Verfolgungen von Frauen als Hexen wurden auch die Katzen miteinbezogen. Auch Katzen wurden Opfer dieses Wahns; sie wurden – wie Frauen – gefoltert, getötet und auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Der Kampf der kirchlichen Inquisitionsgerichte richtete sich gegen das unabhängige Weibliche, das als böse, sündig, gefährlich und unheilvoll gesehen wurde. Die Geschichte der Hexenverfolgung hat tiefe Spuren im kollektiven Gedächtnis der Menschheit hinterlassen.

In den Katzenträumen von Frauen geht es häufig um das gefährdete Selbstsein, um die Eigenständigkeit von Frauen, ihre Verletzlichkeit und ihre Verletzungen. So träumte eine Patientin wiederholt, dass sie Besuch von einer fremden Katze bekommt, die zu ihr in die Wohnung wollte; sie schien sehr mager und ausgehungert zu sein. In der Beschäftigung mit der Katze und deren Symbolik wurde der Träumerin deutlich, dass sie in ihrer gegenwärtigen Lebenssituation ihre weiblichen Seiten vernachlässigte, sich nicht wirklich im Sinne guter Selbstsorge um sich kümmerte und für ihr Wohlbefinden sorgte, ihre Zärtlichkeitsbedürfnisse immer wieder verleugnete, sich zu sehr ihrem Partner anpasste und in Gefahr war, ihre Eigenständigkeit einzuschränken. Die Katze im Traum ermöglichte ihr, auf sich selbst kritisch zu schauen. Gefühle, Bilder, Erinnerungen und Assoziationen, die bei der näheren Betrachtung in der Symbolarbeit auftauchten, halfen dabei, die jeweils individuelle Bedeutung des Symbols zu erfassen und einen Bezug zur gegenwärtigen Lebenssituation herzustellen.

Die Faszination der Katzen hat sich bis heute gehalten. Das Musical ›Cats‹ ist nicht zufällig eines der erfolgreichen Musicals unserer Zeit.

Der Wolf

Als Vorfahren des domestizierten Hundes sind Wölfe in Europa, Asien und Amerika verbreitet. Im Allgemeinen leben sie in Rudeln mit ausgeprägter sozialer Ordnung, geführt von einer Leitwölfin oder einem Leitwolf. Sie leben meist sehr zurückgezogen, jagen gemeinsam. Es gibt jedoch auch einzelne Wölfe, scheue Einzelgänger.

Von der fürsorglichen, für junges Leben sorgenden Wölfin wird im Gründungsmythos der Stadt Rom erzählt: Eine Wölfin säugte die mutterlosen Zwillinge Romulus und Remus, die späteren Stadtgründer. Viel eingeprägter ist jedoch das negative Bild des Wolfes: Im Allgemeinen gilt der Wolf als Feind der Menschen und wird daher von Menschen gefürchtet, intensiv gejagt und ist in weiten Teilen der Welt nahezu ausgerottet.

Der Wolf gilt als listig, bösartig und verschlagen (»der Wolf im Schafspelz«), er steht für das Ungezähmte, Triebhafte, für wölfisches Fressen und Verschlingen, für Lebensbedrohung: Er ist das gierige, auf Beute bei Mensch und Tier ausgerichtete Raubtier, das in der Kulturlandschaft der Menschen einbricht und z. B. Schafe und Ziegen reißt. Das Wolfsgeheul in den Nächten ist für viele furchterregend und schauerlich. Die dem Wolf zugeschriebene Kampfbereitschaft und Kampflust tauchte auch in der Nazi-Ideologie auf.

Der Glaube an die sogenannten Werwölfe, d. h. an Menschen, die sich bei Vollmond in Wölfe verwandeln, ist noch in der Volksmythologie vorhanden. Auch in den Märchen der Brüder Grimm taucht der Wolf mehrfach auf, z. B. im Märchen Rotkäppchen und in Der Wolf und die sieben Geißlein.

Die Begegnung mit dem Wolf als Symbol meint zumeist die Begegnung mit menschlichen Schattenaspekten, z. B. mit verdrängter Sexualität, Gier und Lüsternheit. In dem vor über zwanzig Jahren sehr erfolgreichen Buch Die Wolfsfrau von Clarissa Pinkola Estés (1993) geht es um die Wiedergewinnung der seelischen Vitalität und Kraft, um das verlorengegangene, ungezähmte und wilde Weibliche in Frauen.

In schamanischen Imaginationsübungen taucht als sogenanntes inneres Krafttier zuweilen die Wölfin oder der Wolf auf. Als innerer Ratgeber und Wegweiser symbolisiert dieses Tier: unbeirrt die eigene Fährte zu suchen, dem intuitiven inneren Wissen zu vertrauen, sich der eigenen Kraft bewusst zu sein und auch die kraftvollen Energien der Aggression in sich zu kennen, mit der Natur in sich und im Außen vertraut zu sein, das Wilde und Ungezähmte in sich selbst anzunehmen und furchtlos leben zu können.

2.6 Das Element Wasser

Alles Leben kommt aus dem Wasser; die etymologische Verwandtschaft von Ma, Mare, Mater, Materie verweist darauf. Wasser ist das Symbol für das Leben schlechthin. 70 % unseres blauen Planeten ist von Wasser bedeckt. Die Meere lassen unsere Erde als blauen Planeten erscheinen. Und auch der Mensch besteht zu rund 70 % aus Wasser. Das Baby wächst im Fruchtwasser der Gebärmutter heran, im Wasser zu sein bereitet den meisten Menschen Wohlbehagen und Entspannung. Wasser ist besonders kostbar, es ist unser wichtigstes Lebensmittel. Wassermangel wird schnell lebensbedrohlich. Ohne die lebenerhaltende Kraft des Wassers können wir nicht existieren.

Im Spiel seiner wechselnden Gestalten zeigt Wasser uns die Flüchtigkeit der Erscheinungen: Es tritt in den Quellen aus den Tiefen der Erde zutage, fließt in Bächen und Flüssen weiter und bewässert das Land, wird von den Wurzeln der Pflanzen aufgesogen und durchströmt die Pflanzenadern wie die Gefäße unseres Körpers. Es fließt in den Flüssen bis zu den Küsten und mündet ins Meer, steigt von dort auf, wird zu feinen Tropfen in den Wolken, wird zu Nebel, Regen, Schnee, fällt wieder zur Erde, setzt die Reise unterirdisch fort und kommt in den Quellgebieten wieder hervor. Quellgebiete galten als heilige Orte, wurden besonders geehrt und geschützt.

Das Wasser ist eines der vier Elemente neben Feuer, Luft und Erde; es ist ein Symbol für das Leben, für verborgene Tiefen, im religiösen Kontext für Reinheit und Wiedergeburt. So spielt Wasser als Ursymbol in den Ritualen der Weltreligionen eine besondere Rolle: im Christentum z. B. bei der Taufe, im Islam bei den vorgeschriebenen Waschungen vor dem Gebet, im Judentum beim rituellen Bad in der Mikwe.

Auch in den Mythen und Märchen aller Kulturen ist Wasser ein wichtiges Element. In verschiedenen Märchen geht es um die Aufgabe, das Wasser des Lebens als Heilmittel zu suchen und zu bringen. In der Schöpfungsgeschichte heißt es: Der Geist Gottes schwebte über den Wassern (Gen 1.2).

Wasser wird zumeist als weibliches Element aufgefasst. Die zahlreichen Geschichten über Wasserfrauen, Nixen und die meergeborene Göttin Venus, über die Quellnymphen, Wasserhexen und Regenfrauen in Mythos, Märchen und Glauben der Naturvölker spielen auf diese geheimnisvollen Verbindungen an, wo Anderswelt und Menschenwelt in Kontakt kommen.

Wasser dient dem Lebenserhalt, der Durstlöschung, der Reinigung, Erneuerung und Heiligung durch bestimmte Riten. Doch wie alle Archetypen hat auch das Wasser nicht nur positive, lebensförderliche Aspekte, sondern ebenso negative. Unwetter, große Fluten sind zerstörerisch, verschlingend und bedrohlich. Menschen können im Wasser ertrinken, Schiffe im Meer versinken. Auch die Geschichten von der Sintflut, die alles Leben auslöschte, verweisen auf die lebensbedrohende, tödliche Kraft des Wassers.

Tiefenpsychologisch gesehen ist das dunkle, unergründliche Wasser das Symbol für das Unbewusste und die schöpferischen Kräfte in den Tiefen der Seele. Die Beziehung zur Seele hat Goethe in dem berühmten Gedicht Gesang der Geister über den Wassern (1992, S. 49) ausgedrückt:

Des Menschen Seele

Gleicht dem Wasser:

Vom Himmel kommt es,

Zum Himmel steigt es,

Und wieder nieder

Zur Erde muß es,

Ewig wechselnd.

Wasser steht für Geburt, Tod und Wiedergeburt, ebenso für Leben, Fruchtbarkeit und Reinigung. Es ist die fließende, noch nicht geformte Urkraft. Das scheinbar so weiche Wasser ist zugleich von unglaublicher Kraft. So heißt es im Tao Te King: »Das weiche Wasser bricht den Stein«, was an den Felsküsten sichtbar wird. Wasser repräsentiert das Fließende, Anpassungsfähige, Veränderliche: Es gibt sanfte kleine Wellen, die sich bis zu riesigen Wasserbergen auftürmen können. Die Rhythmen von Ebbe und Flut verweisen symbolisch auf die Vergänglichkeit.

Trotz der Gefahren, die mit der Nähe der Meeresküsten oder den Seeufern verbunden sind, hat es die Menschen immer wieder angezogen, an diesen Orten zu siedeln und sich mit Deichen und Dämmen vor Flutgefahren zu schützen. Ebenso kann es im Seelenleben von Menschen zu Überschwemmungen durch Gefühle und Inhalte des Unbewussten kommen.

So steht das Wasser symbolisch auch für die Gefühlswelt und sich ändernde Gefühlszustände, z. B. wenn ein Ereignis bei jemandem »hohe Wellen schlägt«, wenn ein innerer Zustand von Vereisung und Erstarrung eintritt oder wenn jemand sich als »eiskalt« zeigt. Ein Mensch kann auch gefühlsmäßig austrocknen.

Das Wasser der Tränen kann der Ausdruck tiefsten Kummers und Schmerzes, aber auch von Freude sein. Wenn ein Mensch häufig von Gefühlen überschwemmt wird, sagt man, er oder sie habe »nahe am Wasser gebaut«. Und als symbolisches Bild für Wohlbefinden gilt, wenn jemand »munter wie ein Fisch im Wasser« ist.

Das Wasser ist beweglich, belebend, stärkend – ein Symbol für seelische Energie. Seine verschiedenen Erscheinungsformen als Quelle, Bach, Fluss, See, Meer, Brunnen haben unterschiedliche symbolische Bedeutungen. In den jeweiligen Wasserbildern wird eine emotionale Gestimmtheit und Lebendigkeit ausgedrückt: ob wir selbst »an der Quelle sitzen«, die Dinge des Lebens »im Fluss« sind, etwas verrinnt oder versiegt, wir umgekehrt von Gefühlen »überschwemmt« werden oder sich etwas in uns »anstaut«.

»An der Quelle sitzen« bedeutet, einen besonderen Zugang zu etwas zu haben. Die Quelle ist ein Symbol des Anfangs, sie steht für Ursprung und Geburt. Und wenn es in uns selber zu sprudeln beginnt und Einfälle, Ideen, Erkenntnisse ins Bewusstsein treten, dann ist der Zugang frei zu den schöpferischen Quellen der Phantasie und Kreativität. Der sprudelnde Quell ist ein Symbol für die nicht versiegende Hoffnung; es verweist uns auf die Frage: Aus welchen Quellen kann ich schöpfen?

2.7 Zahlensymbolik: Die Zahl Dreizehn

Zahlen sind nicht einfach Zahlenwerte, auch sie sind symbolisch aufgeladen und in Religion und Mythos, Märchen und Magie mit vielfältigen Bedeutungen verknüpft.

Nach C. G. Jung haben die Zahlen als Maße für Mengen, Raum und Zeit und als Mittel zur Welterkenntnis archetypischen Charakter. Er versteht Zahlen als Archetypen der Ordnung. Für Marie-Louise von Franz stellen die Zahlen »eine Eigenschaft sowohl der Materie als auch eine unbewußte Basis unserer geistigen Orientierungsprozesse dar« (1990, S. 55).

In seinem Buch über Symbole in der östlichen und westlichen Kultur schreibt Detlev Ingo Lauf:

»Wir erreichen mit der Frage nach dem Symbolischen ein Gebiet, in dem die Kräfte der Intuition, der Deutung, des schöpferischen Erfassens und Lebens und der nicht wertenden, sondern betrachtenden Bildschau und Sinnerfahrung eine hervorragende Bedeutung erlangen. Wir können also angesichts solcher nicht-rationaler Geistestätigkeiten nur einen Versuch unternehmen, unser Bewußtsein auf die sublime Realität und die verborgene und doch offenbare Wirksamkeit des Symbolischen hinzulenken« (1976, S. 9).

Die Zahlensymbolik und die Unterscheidung von Glückszahlen, Unglückszahlen und heiligen Zahlen sind universal verbreitet. Einzelnen Zahlen wird jeweils eine bestimmte Bedeutung zugeschrieben: Die Eins steht für das Unteilbare, Uranfängliche; sie ist die Zahl der Gottheit. Die Zwei steht für Dualität, Gegensätze, Beziehung, das Paar. Die Drei ist eine Zahl der Ganzheit, etwa: Mutter, Vater, Kind, die drei Mondphasen; Geburt, Leben und Tod; Anfang, Mitte und Ende; Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft; die dreieinige Gottheit. In den Märchen ist die Zahl drei als magische Zahl oft von besonderer Wichtigkeit. Darauf verweist auch die Redewendung: »Aller guten Dinge sind drei.«

Besonders interessant ist die Zahl Dreizehn als Glücks- und Unglückszahl. An ihr wird die Wirkung des Symbolischen besonders deutlich.

Die Dreizehn wird noch immer fast abergläubisch gemieden und gefürchtet: In manchen Hotels gibt es kein Zimmer mit der Nr. 13; das 13. Stockwerk, die 13. Sitzreihe wird überschlagen; der 13. Tag eines Monats – zumal, wenn er auf einen Freitag fällt – gilt als unglücksgefährdet. Dreizehn Gäste zu haben gilt als gänzlich unpassend, dreizehn Menschen sollen nicht zusammen an einen Tisch gesetzt werden – einer wird innerhalb eines Jahres sterben, heißt es abergläubisch. Die Dreizehn hat den Charakter des Unheimlichen und Bedrohlichen. Hexen sollen sich in Dreizehnergruppen zusammenfinden, und im Volksmund heißt die Zahl Dreizehn »Des Teufels Dutzend«. Judas, der Verräter Jesu, gilt als der Dreizehnte im Kreis der Jünger Jesu. Und auch der Ausruf: »Nun schlägt’s aber Dreizehn!« weist auf etwas Fürchterliches hin.

Die Dreizehn überschreitet die Harmoniezahl der Zwölf, bringt Disharmonie in die Zwölferordnung (die zwölf Monate eines Jahres, die zwölf Tierkreiszeichen, die zwölf Ritter der Artusrunde, die zwölf Stämme Israels entsprechend den zwölf Söhnen Jakobs). Die Zahl Zwölf gilt seit der Sonnenjahrrechnung als Symbol der Vollständigkeit und Vollkommenheit und des Gleichgewichts. Diese Bedeutung erhielt die Zwölf dadurch, dass sie an die Stelle der sehr viel älteren symbolischen Vollkommenheitszahl Dreizehn trat.

Die Dreizehn bestimmte die ältere mutterrechtliche Mondjahrzählung. 13 × 28 Tage zählte das Jahr; 13 war die alte Glückszahl, die in christlicher Zeit verteufelt wurde. Erst ab dann gab es »die böse Dreizehn«.

In den älteren Kulturen war die Dreizehn eine positive Glückszahl, die Zahl der babylonischen Göttin Ishtar. Auch die Mayas kannten dreizehn Himmel, dreizehn Götter; im Maya-Kalender werden die Tage durchlaufend von 1 bis 13 nummeriert.

In den alten, matriarchalen Zeiten wurde das Jahr in dreizehn Mondmonate eingeteilt. Die Dreizehn war die Zahl des Mondes, der Nacht; sie bestimmte den Menstruationskalender. Die dreizehn Monate wurden im Tempel auf Malta durch ein Schwein mit dreizehn Zitzen symbolisiert. Bekanntlich war das Schwein das heilige Symboltier der Göttin und wurde ähnlich wie die Zahl Dreizehn erst im Umbruch zur patriarchalen Ordnung und mit der Einführung des julianischen Sonnenkalenders abgewertet und dämonisiert. Daher ist die 13. Fee im Märchen von Dornröschen so erbost über ihren Ausschluss vom Fest und kommt mit einem Fluch. In ihr erscheint auch die Königin der Nacht, die Mondgöttin, die sich für ihre Entthronung und Entmachtung rächen will.

13 × 28 Tage, dreizehn Mondmonate, ergeben 364 Tage, also – mit einem Zusatztag – ein Jahr. Daher heißt es in Märchen, Zaubersprüchen und Kinderliedern, wenn es um einen Jahreskreislauf geht: »Über Jahr und Tag . . .«. In der Gnosis gilt der 13. Äon als das Zeitalter der Vollendung, es ist die Krönung der Zwölf als Zwölf plus Eins.

Mit dreizehn Jahren wird die Bar-Mizwa eines jüdischen Jungen gefeiert; ab dann gilt er als reif, wird zum mündigen Gemeindemitglied, wird zur Thora gerufen und wurde in früheren Zeiten als heiratsfähig angesehen. Im Sohar, einer kabbalistischen Schrift, heißt es: »Auf dreizehn Pfaden der Liebesarten ist ER zu finden, in dem jede verborgene Weisheit sich dreimal nach vier Seiten teilt und ER, der Alte, alle umfasst.« Ebenso: »Die Gestalt Gottes sendet dreizehn Strahlen aus« (Nestler 1985, S. 227). Die Dreizehn gilt auch hier als die umfassende Zahl der Weisheit.

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Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
19 aralık 2025
Hacim:
290 s. 17 illüstrasyon
ISBN:
9783170403321
Telif hakkı:
Bookwire
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