Kitabı oku: «Im Fluss – Seele in Bewegung»
INHALT
IMPRESSUM 2
WIDMUNG 3
ZITAT 4
VORWORT 5
EINFÜHRUNG 10
1 FAMILIE 15
2 PSYCHODYNAMIK 25
3 PARADIGMENWECHSEL IN DER THERAPIE 38
4 POLITIK UND GESELLSCHAFT 46
5 DIE UNTERSCHÄTZTE MACHT DER WORTE 59
6 BILDUNG 64
7 KIRCHE UND SPIRITUALITÄT 74
8 VERANTWORTUNG 81
9 AUFBRUCH IN DIE FREIHEIT 89
10 LEBENSERINNERUNGEN 98
11 EPILOG 139
IMPRESSUM
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© 2022 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99107-952-1
ISBN e-book: 978-3-99107-953-8
Lektorat: Susanne Schilp
Umschlagfoto: Majivecka, Christasvengel | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
WIDMUNG
Für meine Kinder und Enkel
ZITAT
Panta rhei – alles fließt
Heraklit
VORWORT
In diesen Tagen stellten mir Menschen, die mitbekommen, dass ich ein Buch schreibe, mehrfach die Frage: „Wie bist du eigentlich auf die Idee gekommen?“
Meine Antwort kam spontan, ohne nachzudenken, und beim ersten Mal war ich selber überrascht. Sie lautete: „Bin ich nicht. Die Idee ist auf mich gekommen, und ich habe mich in ihren Dienst gestellt.“ Die meisten schauen mich dann irritiert an; kennen sie mich doch als geerdeten, pragmatischen Menschen, von dem sie solche Antworten nicht erwartet haben. Ich sehe, dass sie kurz überlegen und zu dem Schluss kommen, dass ich vermutlich nicht übergeschnappt bin, sondern allenfalls leicht verwirrt – und wechseln das Thema. Andere halten es für eine scherzhafte Antwort und mutmaßen, dass ich so weiteren Nachfragen entgehen will. Es gibt aber auch die, die das sehr spannend finden und gleich darum bitten, das Buch irgendwann lesen zu dürfen.
Je öfter ich jedoch diese Antwort gebe, desto klarer wird mir, dass genau das meine Wahrheit ist. Und dass es besser ist, der Wahrheit nicht auszuweichen, hat mir schon meine Mutter vermittelt, die zu sagen pflegte: „Ach, weißt du, ich bleibe lieber bei der Wahrheit. Würde ich lügen, bräuchte ich ein sehr gutes Gedächtnis – und das habe ich nicht.“
Die Initialzündung, diese Idee umzusetzen, vielmehr mich ihr hinzugeben, verdanke ich einem Traum, aus dem ich mit dem Satz „Du musst ein Buch schreiben“ erwachte. Ich erzählte das meinem Mann, der völlig selbstverständlich sagte: „Dann mach!“
So lade ich nun ein zu einer Reise, meiner Reise, und es wird eine Flussreise sein.
Das kommt nicht von ungefähr – wer mich kennt, weiß, wie sehr ich das Wasser liebe. Im Alltag tut’s ein Schwimmbad, besser ein See, noch lieber das Meer. Das Schönste für mich aber sind Hausboottouren auf einem Fluss … da fühle ich mich im wahrsten Sinne des Wortes im Fluss.
Wenn ich ein Bild für mein Leben finden soll, kann es eben nur ein Fluss sein, mit allem, was einen Fluss ausmacht: Er kommt von irgendwoher und fließt irgendwohin. Für mein Unterwegssein muss ich weder Quelle noch Mündung kennen. Der Fluss ist einfach da, und ich erlebe mich als einen Ausdruck des Lebens, als eine bestimmte Ausgestaltung der Natur, nämlich als Mensch Brigitte, selbst in diesem Fluss. Ich werde bewegt und muss mich einfach nur mitnehmen lassen.
Nun, ganz so einfach ist das nicht.
Flüsse haben unterschiedliche Fließgeschwindigkeiten, sind mal hochwasservoll, mal ausgetrocknet. Es gibt Stauungen, Stromschnellen, Umwege, Zuflüsse, Abflüsse. Das Wasser kann klar oder trüb sein, warm oder kalt, und, und, und.
So ist mein Leben geprägt durch die ganz unterschiedliche Beschaffenheit des jeweiligen Flussabschnittes, in dem ich mich gerade befinde.
Dazu kommt, dass ich von Zeit zu Zeit versucht habe, den Fluss anzuhalten, eine Weile aufzustauen, um dann zu erleben, wie er durchbricht und mich mitreißt. Mit anderen Worten: Ich habe vergeblich versucht, den Fluss meinen Vorstellungen anzupassen.
Oder ich bin ausgestiegen und habe mein Flussleben beobachtet, analysiert, versucht, mir passendere Verläufe auszudenken. Ich habe versucht, Erklärungen zu finden, wenn ich etwas, was mir auf der Reise geschah, nicht verstanden habe. Ich habe versucht, einen besseren Fluss für mich zu finden und mich, und manchmal auch andere, dafür verantwortlich gemacht, dass das nicht gelungen ist. Manchmal bin ich geflüchtet, damit ich den Fluss weder sehen, hören noch spüren musste. Oft habe ich mich aber einfach nur weggeduckt und am Ufer versteckt.
Ein Standardwerk der Gestalttherapie heißt: „Don’t push the river“ – für mich könnte es heißen: „Don’t push, stow or leave the river.“
Daran habe ich mich offenbar nicht gehalten; und so ist dieses Buch auch ein Versuch zu ergründen, was mich zu der gemacht hat, die ich bin, und wie es gekommen ist, dass ich so oft zu untauglichen Mitteln gegriffen habe.
Wer mag, ist eingeladen, mich zu begleiten. Vielleicht nur ein kleines Stück, vielleicht nur unter einem bestimmten Stichwort … wie auch immer: Die Einladung steht! Es ist sozusagen mein Vermächtnis.
Mir kommt ein Vers von Fritz Woike (deutscher Lyriker, Ende 19. Jahrhundert) in den Sinn:
„Was wir sammeln, was wir speichern, mag’s die Erben noch bereichern, einst vergeht’s. Nur der Schatz der Seelenspenden wächst, je mehr wir ihn verschwenden – nun und stets.“
Jeder vererbt das, was zur Verfügung steht – materiell habe ich nichts; also werden es „Seelenspenden“, die ich hinterlassen möchte.
An dieser Stelle danke ich all den Menschen, die mich im Laufe der Zeit mit Ein-Flüssen geprägt haben. Ich sage ganz bewusst danken, denn auch die Ein-Flüsse, die sich irgendwann als nicht so lebensfördernd entpuppt haben, gehören zu meinem Leben; sie haben genauso wie ihre lebensspendenden Geschwister ihren Anteil an meiner Entwicklung. Alles, was ich weiß, weiß ich ja letztendlich von oder durch die Begegnung mit anderen Menschen. Alles, was ich entdecke und hier mit meinem Leben verknüpfe, haben andere lange vor mir entdeckt – das zeigen die Gedichte, Zitate und Wirkworte, die jedem Kapitel vorangestellt sind.
Für die Spender besonders lebensfördernder Ein-Flüsse nenne ich hier stellvertretend Peter Schellenbaum, der mir die „Psychoenergetik“ nahe gebracht hat, mit seinen Büchern und auch persönlich im Rahmen einer Weiterbildung. Der Begriff „Spürbewusstsein“ stammt von ihm, der ihn wiederum auf Teilhard de Chardin zurückführt. Ich danke Peter Levine für seinen Ansatz „Somatic Experiencing“, entstanden als Resultat seiner Traumaforschung. Wilfried Nelles und Thomas Gessner für ihren phänomenologischen Weg mit dem „Lebensintegrationsprozess“ und Gerald Hüther, der mir auf sehr anschauliche Weise die Augen geöffnet hat für neurobiologische und psychodynamische Zusammenhänge.
Zitate, die ich bewusst verwende, sind als solche gekennzeichnet. Darüber hinaus wohnen in mir, z. T. schon seit Jahrzehnten, Wirkworte, die ich nicht mehr auf ihren Ursprung, zu ihrem Autor, zurückverfolgen kann. Mein Gedächtnis neigt dazu, Formulierungen und ganze Sätze abzuspeichern, verbunden mit einem visuellen Erinnern, in welchem Bereich einer Buchseite etwas Bestimmtes steht. Der Titel des Buches hingegen wird nicht abgespeichert. Theoretisch könnte ich so gegen das Urheberrechtsprinzip verstoßen. Das möge man mir nachsehen.
Nicht zuletzt danke ich meinem Mann, mit dem ich meine Vision von Partnerschaft in Ausgeglichenheit zwischen Bindung und Autonomie leben darf, der seit nunmehr 20 Jahren meinen Weg mit mir geht. Ohne Erwartungen, authentisch, mich geduldig und langmütig begleitend, bereit, sich selbst jederzeit in Frage zu stellen oder stellen zu lassen, ohne direktive Einflussnahme, ohne Wertung, ohne fruchtlose Diskussionen – eher mit Zwiegesprächen und Inspirationen. Jederzeit bereit, mich in Alltagsdingen zu unterstützen und mir damit Freiraum zu verschaffen.
Er hat manches, das bei mir zur Entwicklung bereitstand, „aus mir heraus geliebt“, um den wunderschönen Begriff zu wählen, den die Schweizer Psychoanalytikerin Verena Kast geprägt hat.
Peter Schellenbaum nennt es Leitbildspiegelung.
Ich nenne es Glück.
Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.
Und ich kreise um Gott, um den uralten Turm
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht,
bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.
R. M. Rilke
EINFÜHRUNG
Eine Schwangerschaft mündet in die Geburt. Erst die immer stärker werdenden Wehen haben mir klar gemacht, dass ich überhaupt schwanger bin oder vielmehr war.
Begonnen hat alles vor genau einem Jahr, im Februar – die Coronakrise gab es plötzlich nicht nur in China, sie schwappte in alle Welt und wurde zur Pandemie.
Was ist nochmal der Unterschied zwischen Epidemie und Pandemie? Erstere ist uns mit den Vornamen Grippe oder Masern noch geläufig, die zweite hat gefühlt irgendwie gar nichts mit uns zu tun …
So oder so ähnlich dachten vermutlich viele Menschen. Nach und nach wurde uns die Tragweite dessen, was da gerade passiert, immer bewusster.
Auch ich habe eine Zeit lang im Kopf sortiert, versucht, mich so seriös wie möglich zu informieren und dann aufgeatmet: In meiner Lebenssituation als Rentnerin und auf dem Land lebend lässt sich das gut überstehen – irgendwann wird es ja wieder vorbei sein. Schade, dass Kontakte so stark eingeschränkt werden müssen, aber auch das geht vorbei. Und schließlich gibt es ausreichend Kommunikationsmedien, bewegte und unbewegte Bilder, um in Kontakt zu bleiben.
Also: nicht jammern! Was hat die Kriegsgeneration vor mir schon alles mitgemacht; was erleben und erleiden Menschen jetzt gerade in aller Welt; verglichen damit ist das, was hier passiert, doch harmlos. Und schließlich gibt es kein Recht darauf, dass immer alles weitergeht wie bisher …
Das spielte sich in meinem Kopf ab.
Gleichzeitig war aber auch stets der Gedanke präsent: Es wird nie wieder so, wie es mal war – und ich wusste, dass das die Wahrheit ist, auch wenn ich noch eine Weile hoffte, mich zu täuschen.
Im Mai, vor genau neun Monaten, plötzlich – wie aus heiterem Himmel – fand ich mich in einer veritablen Krise vor, mit allem, was dazu gehört: Herzrasen, explodierender Blutdruck, Angst, Schweißausbrüche, Panikattacken (die kannte ich bislang nur in zu engen Räumen), Gedankenkreisen, Schlaflosigkeit, konkrete und allgemeine Sorgen, Unruhe, die durch fast nichts zu kanalisieren war … es hat mir einfach den Boden unter den Füßen weggezogen. Laufen im Wald war das Einzige, was eine gewisse Erleichterung brachte, aber selbst das ging nur, wenn ich die folgenden zwei Sätze in Endlosschleife und im Laufrhythmus innerlich vor mich hin sang: „Der Herr ist mein Hirte, hallelujah, mir wird nichts mangeln, hallelujah“ und: „Ihr Gedanken wartet gefälligst, bis ihr eingelassen werdet“ …alles immer schön im Laufrhythmus.
Die einzige Entscheidung, die ich in diesem Moment treffen konnte, war die: Ich gehe bewusst Schritt für Schritt durch dieses Jammertal. Lasse Abkürzungsversuche sein und passe mein Tempo dem an, was geschieht oder auch nicht geschieht. Immer mit der Gewissheit, die mir nicht bewusst war, aber dennoch getragen hat: Es wird alles wieder gut, nur anders, als es war. Schließlich habe ich schon so viele Abschiede in meinem Leben, äußere und innere, gut überstanden; habe Krisen durchlitten, und – auch wenn es sich phasenweise wie Sterben angefühlt hat – ich habe ganz offensichtlich überlebt. Nun aber will ich leben und nicht überleben.
Es hat eine Weile gedauert, bis ich nach und nach aussprechen konnte, was mit mir geschehen war. Alles Neue ist zunächst einmal sprachlos; hätte ich zu früh davon geredet, so kommt es mir vor, dann wäre ich zurückgefallen ins Alte. Was da verborgen in mir heranreifte, brauchte während dieser Wachstumsphase zunächst Schutz, Zeit und Ruhe.
Heute, neun Monate später, sehe ich im Rückblick einen Prozess, den ich mit einer Schwangerschaft, und zwar einer ungeplanten, vergleiche. In mir ist es immer dichter geworden, etwas ist gewachsen, gereift und will jetzt ausgestoßen werden, weil der Raum nicht mehr ausreicht.
Was ist geschehen in diesen neun Monaten?
Dazu muss ich etwas ausholen:
Seit ich lesen kann, verschlinge ich Bücher. (Meine Kinder nannten das früher: „Die Mama liest nicht, sie frisst Druckerschwärze.“) Als Kind vor allem, um in andere Welten abzutauchen. Später dann zunehmend, um zu erfahren, was Menschen bewegt oder hemmt. Das können Biografien sein, psychologische und philosophische Werke, genauso wie Krimis, Romane und Geschichtsbücher, Gedichte und Märchen und auch Bücher über Neurobiologie, Hirnforschung oder Physik.
Von jeher finde ich nichts so spannend wie Menschen und ihre Seinsweisen. Ich komme leicht ins Gespräch mit ihnen, sobald sie beginnen, sich zu öffnen, während mir gleichzeitig bis heute die Fähigkeit zum Smalltalk fehlt und ich in oberflächlichen Begegnungen oft einfach nicht weiß, was ich sagen soll. Ich bin mit Menschen zusammen, beobachte sie, berühre sie in meinem Beruf als Physiotherapeutin mit den Händen und ich lasse mich berühren …
So konnte ich im Laufe meines Lebens viele Erfahrungen machen, aber eben auch viel Wissen ansammeln. Das allermeiste von dem, was ich gelesen habe, habe ich sofort verstanden und wusste oftmals intuitiv, was davon ganz viel mit mir zu tun hat. Es entstanden zahllose Gedankenstränge in meinem Kopf: Manche fanden mit anderen zusammen, andere blieben unverknüpfte, lose Enden.
In diesem vergangenen Jahr nun stellten sich mehr und mehr Verknüpfungen ein; ich hatte Ideen, Einfälle, ohne danach gesucht zu haben. Ja, phasenweise wurde ich so von Einfällen überrollt, dass ich Sorge hatte, ob mein Hirn das noch alles würde fassen können, ohne zu platzen.
Dadurch ist mit der Zeit so viel Raumenge entstanden, dass nun die Geburt eingeleitet ist.
Doch diesmal ist es keine Kopfgeburt:
Bislang sah ich Krisen in meinem Leben als Herausforderung. In der Regel entstanden sie in ganz bestimmten Lebenszusammenhängen: Es gab einen konkreten Anlass und Auslöser dafür. Da konnte ich ansetzen, da konnte ich etwas tun, etwas verändern; sei es die Umstände oder mich selbst, in Form von Kampf oder Anpassung. Ich versuchte, mich irgendwie von der krisenhaften Belastung zu befreien und habe insofern Krise durchaus als Chance begriffen. Ich habe bedacht, was zu bedenken war, und dann gehandelt. Nur hat sich inzwischen herausgestellt, dass es mich nicht weiterbringt. „Das Denken hat das Wissen nicht mehr für sich gepachtet“, sagt Wilfried Nelles (Die Welt in der wir leben, S. 284).
Diesmal hat sich etwas anders entwickelt als in den Zeiten davor. Einerseits gab es keine greifbare Herausforderung, an der ich mich hätte abarbeiten können. Andererseits spürte ich so deutlich wie nie, dass all mein gesammeltes Wissen, alle Erkenntnisse nicht viel nützten, weil sie meistens nur in meinem Kopf gearbeitet hatten, aber mit meinem Dasein in der Welt sehr viel weniger zu tun hatten, als ich mir gewünscht hätte. Nun aber wurde der Boden bereitet – dadurch, dass ich ganz bewusst ohne Ziel in der Gegenwart von Moment zu Moment gelebt habe und immer noch lebe. Der jeweils nächste fällige Schritt ergab sich ohne mein Dazutun von selbst. Ich musste die Bewegung nur spürend mitvollziehen. Alles in mir hat sich verbunden. Ich habe verstanden mit dem Verstand, mit dem Herzen, mit dem Körper, mit dem Gefühl – sozusagen mit allen Sinnen. Und auf einmal hat alles Sinn gemacht! Sinn ergibt sich offenbar durch das spürbewusste Dasein im Augenblick und im Weitergehen zum nächsten Augenblick.
Im Folgenden werde ich einige Themen umkreisen, die mich gerade beschäftigen. Ich teile meine Gedanken dazu, Gedanken, die im Augenblick meine Wirklichkeit abbilden. Ich erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit und auch nicht auf Allgemeingültigkeit. In einem oder in fünf Jahren werde ich vermutlich manches anders sehen. So ist es in der Forschung und Wissenschaft ja auch: Es geht immer um den derzeitigen Erkenntnisstand, auch wenn uns Wissenschaftler manchmal glauben machen wollen, jetzt hätten sie die Wahrheit gefunden.
Alles was lebt, ist immer vorläufig – es verändert sich von Moment zu Moment; Ewigkeit und Augenblick sind dasselbe. „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen“, heißt es in der Flusslehre Heraklits.
STUFEN
Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen,
der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen.
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
uns neuen Räumen jung entgegensenden,
des Lebens Ruf an uns wird niemals enden …
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
H. Hesse
1 FAMILIE
Die beiden seelischen Grundbedürfnisse des Menschen sind Verbundenheit und Autonomie; er braucht Wurzeln und Flügel.
Diese Erkenntnis ist nicht neu. Neu für mich ist, dass ich seit einiger Zeit die Gelegenheit habe, genau das bei meinem jüngsten, jetzt 18 Monate alten Enkel, der zu unserer großen Freude ganz in der Nähe wohnt, fast täglich zu beobachten. Mit diesem Bewusstsein und der Zeit und Muße dazu war das bei meinen eigenen Kindern, und auch bei den älteren Enkeln auf Grund der Entfernung, in dieser Form nicht möglich. Ein wunderbares Geschenk für uns Großeltern!
Es berührt mich, zu erleben, wie er die Welt und seine eigenen Fähigkeiten mehr und mehr entdeckt und entwickelt, während er sich gleichzeitig immer wieder vergewissert, dass die für ihn wichtigsten Menschen da sind. Unermüdlich probiert er aus, übt mit Beharrlichkeit und Konzentration, bis er sein Nahziel erreicht hat. Die Freude, die ihn dann erfüllt, ist dem ganzen kleinen Körper anzusehen. All das geschieht von allein. Er braucht dazu keine Ermunterung, keine Aufforderung, geschweige denn „Training“ oder irgendeine andere Form von Anstoß. Er braucht nicht einmal Spielzeug. Alles, was sich gerade in seiner Umgebung befindet, weiß er zu nutzen.
In der Sicherheit der Bindung geschieht Entwicklung ganz von selbst. Er ist noch ganz bei sich, nimmt keinen Abstand durch Überlegung, was sein könnte, wenn … So ist er auch völlig angstfrei. Angst entsteht ja erst dann, wenn unser Kopf, gespeist von den Erfahrungen der Vergangenheit, irgendwelche möglichen und unmöglichen Szenarien für Gegenwart und Zukunft ersinnt.
Das, was da passiert, ist Ent-wicklung, im ursprünglichen Wortsinn, nämlich etwas, was in der Anlage bereits da ist, wird ausgewickelt. Von außen wird instinktsicher nur Selbstgewähltes einbezogen, das als Anregung genau zu dem jetzt anstehenden Entwicklungsschritt passt.
Wir wissen alle, dass diese kindliche Freiheit, das Eigene zu entdecken und zu leben, endlich ist. Nicht lange, und wir bringen unseren Kindern alles bei, was wir für angemessen halten. Wir finden das vollkommen selbstverständlich und notwendig, um sie darauf vorzubereiten, irgendwann eigenständig in dieser Welt zurechtzukommen. Vielleicht ist es das ja auch. Je nach eigenem Bewusstseinsstand entdecken und würdigen wir dabei mehr oder weniger sensibel das Eigene in unseren Kindern. Dennoch machen wir sie unbeabsichtigt gleichzeitig zu Objekten unserer Vorstellungen und blockieren damit die Möglichkeit einer Entfaltung in die ganz eigene Richtung, die nur das Kind selber herausfinden kann; die wir Erwachsenen gar nicht kennen können.
Ist das nicht eine riesige Potentialblockierung und Verschwendung?
Aber dazu später mehr.
Doch auch in der bestmöglichen aller Kindheiten werden wir nicht vermeiden können, unseren Kindern Päckchen mit auf den Weg zu geben, die sie tragen müssen. Unsere Hoffnung kann nur sein, dass sie irgendwann zu unterscheiden lernen, was zu ihnen gehört und was nicht.
Lebenslange Aufgabe eines jeden Menschen, die immer wieder aufs Neue zu lösen ist. Es bedeutet, Spürbewusstsein zu entwickeln für das, was verabschiedet werden kann, für das, was bleiben darf, und für den Handlungsschritt, der jetzt gerade ansteht. Poetischer als Hesse das in seinem Gedicht „Stufen“ beschreibt, kann man es nicht ausdrücken.
Das Stichwort „Bestmögliche aller Kindheiten“ führt mich zurück in mein eigenes Leben.
Ich selber bin ganz sicher in einer – nach landläufiger Meinung – intakten Familie aufgewachsen. Ich habe keine Not gelitten, auch wenn in einer Familie mit vier Kindern und einem alleinverdienenden Lehrer-Vater in den 1950er-, 1960er-Jahren nicht viel Geld da war. Dennoch hat es oft für bescheidene, aber spannend gestaltete Urlaube, immer für Musikunterricht und auch für ein eigenes Haus gereicht.
Mein Vater war ein liberal denkender Mensch, der selber aus einem freigeistigen Elternhaus stammte. Seine Leidenschaft galt der Chormusik, und er besaß die große Gabe, junge Menschen dafür zu begeistern. Überhaupt war ihm besonders an Kontakten mit Menschen gelegen, aber auch sonst war er an vielem interessiert. Er konnte wunderbar Gedichte rezitieren; vor allem Morgenstern, Ringelnatz und Eugen Roth sind mir in lebhafter Erinnerung. Er liebte das Arbeiten mit Holz und dabei nicht zuletzt die vorausgehende Planung.
Im Gegensatz zu vielen Männern seiner Generation, hatte er keine Altlasten aus dem Krieg, in dem er zum Piloten ausgebildet wurde. Mit sehr viel Glück – das war ihm immer bewusst – und auf Grund einer Verletzung blieben ihm Ostfront und andere Kampfeinsätze erspart. Im Sommer 1946 konnte er aus französischer Kriegsgefangenschaft fliehen. Aus finanziellen Gründen war es ihm nicht möglich, seiner Leidenschaft für die Fliegerei nach dem Krieg weiter nachzugehen, was er sehr gern getan hätte.
Meiner Mutter zuliebe konvertierte er, der auf dem Papier katholisch war, zum evangelischen Bekenntnis.
Sie nämlich stammte aus einem streng protestantischen Elternhaus; die Heirat mit einem „Katholen“ wäre undenkbar gewesen. Die tiefschwarzen Haare meines Vaters nahmen die Schwiegereltern gerade so hin: Der Rassenwahn des Dritten Reiches warf seine Schatten noch bis in die Anfänge der 50er-Jahre.
Mutter war ein überwiegend positiv gestimmter Mensch, mit viel Liebe zu allem, was lebt, insbesondere zu Kindern. Unerschütterlich in ihrem Glauben verankert, galt es, das Gebot der Nächstenliebe unbedingt zu leben, auch wenn sie den zweiten Teil des Gebotes – „wie dich selbst“ – nicht so wichtig fand. Die Liebe zu alten Kirchenliedern, insbesondere denen von Paul Gerhardt, habe ich sicher von ihr übernommen, und aus meiner frühen Kindheit ist sie mir unentwegt singend in Erinnerung. Sie verfügte außerdem über einen unerschöpflichen Vorrat an humoristischen Sprüchen und Lebensweisheiten, und mit bemerkenswerter Liebe widmete sie sich auch den aus meiner Sicht langweiligsten Tätigkeiten. Als ich sie hingebungsvoll bügeln sah, fragte ich, ob sie das eigentlich gerne mache. (Ich fand Bügeln überflüssig und öde.) „Ach, weißt du“ – so begannen viele ihrer Antworten –, sagte sie: „Ich habe gelernt, dass mir alles viel leichter fällt, wenn ich mich dafür entscheide, es gern zu tun.“
Sie hat sich die Nöte der ihr vertrauten und anvertrauten Menschen immer ausgesprochen empathisch zu Herzen genommen und ich bin sicher, dass sie – kurz vor ihrem 80. Geburtstag – am Broken-Heart-Syndrom starb. Einer ihrer letzten Sätze zu mir, zwei Wochen vor ihrem Tod, war, bezogen auf einen ihr sehr vertrauten Menschen, um den sie sich sorgte: „Ich bin froh, dass R. dich hat und du musst mir versprechen, immer für sie da zu sein.“ Zwischen den Zeilen schwang ein „Ich kann es nämlich (bald) nicht mehr“ mit. Dieses Versprechen hat mir übrigens lange viel Druck gemacht, bis ich irgendwann die Verantwortung an R. selbst zurückgeben konnte.
Diese beiden Menschen, meine Eltern, hatten ihre ganz eigenen Vorstellungen von Kindererziehung – anders, als ich das bei den Eltern Gleichaltriger erlebte. Ich kann mich nur an wenige ausgesprochene Ge- oder Verbote erinnern. Genauso wenig an Drohungen, Strafen, Drängen in eine schulische oder berufliche Richtung usw. Selten wurden Grenzen mit Worten benannt; ausgesprochen wurde allenfalls, dass uns nicht interessieren, im Sinne von beeinflussen, sollte, was andere machen oder denken.
Gewalt war kein Thema. Auch nicht getarnt als Erpressung, Bestechung oder Verführung. Es herrschte eine freundliche, wohlwollende Atmosphäre, und es gab durchaus den Raum dafür, sich auszuprobieren, eigene Lösungsmöglichkeiten zu finden und damit Selbstwirksamkeit zu erfahren, zumindest innerhalb bestimmter, wenn auch nie benannter Grenzen; es wurde viel (vor-)gelesen, gesungen, gespielt, musiziert, und wir waren immer im Gespräch. Genau das war es, was mir in der ersten Zeit nach meinem Umzug, zwecks Ausbildung, in das 500 Kilometer entfernte Berlin am meisten fehlte: die Gespräche am Mittagstisch, bei denen auch mein Vater auf Grund seines Lehrerberufs anwesend sein konnte.
Ich habe mich oft gefragt, wie meine Eltern es geschafft haben, dass ich in der Spur geblieben bin, die sie gelegt haben. Meine Mutter erzählte manchmal, dass sie für mich, ca. vier Jahre alt, mit Kreide einen Strich auf die Straße gemalt habe, bis zu dem ich gehen durfte. Sie war ziemlich stolz darauf, dass ich diese Grenze wohl immer respektiert habe. Ich selber kann mich nicht erinnern, aber meine späteren Erfahrungen mit mir selber lassen mich nicht an ihrer Aussage zweifeln. Als ich das irgendwann meinen eigenen Kindern erzählte, schüttelten sie jedes Mal fassungslos den Kopf und wollten nicht glauben, dass ich nie ausprobiert habe, wie es hinter dem Kreidestrich aussah, und was passiert wäre, wenn ich das Gebot im wahrsten Sinne des Wortes übertreten hätte.
Wie also hielten sie mich auch später in der Spur? Ich sage „mich“ und nicht „uns“, denn meine drei Brüder hatten andere Eltern. Nicht biologisch natürlich, das war und ist unübersehbar, aber aus ihren Erzählungen weiß ich schon lange, dass dieses gemeinsame Elternhaus mit jedem von uns etwas anderes gemacht hat. Das ging z. T. so weit auseinander, dass ich mehr als einmal dachte, einer der Brüder redet gerade über eine andere Frau, aber doch nicht über meine Mutter. Früher haben mich solche Gespräche stets in eine Verteidigungsposition gebracht. Damals habe ich nicht begriffen, dass diese unterschiedlichen Wahrnehmungen völlig normal sind. Ich hoffte, den Bruder von meiner Wahrheit überzeugen zu können, wenn er sich denn nur anstrengen und richtig hinschauen würde und habe dabei übersehen, dass es nicht um die Wahrheit geht, ja, gehen kann, wenn etwas verteidigt, erklärt, bewiesen werden muss. Nicht einmal dann, wenn es um meine Ansicht zu einem Thema geht, kann ich diese beweisen, denn es ist eben nur meine Sicht auf Dinge, die andere von anderen Warten aus betrachten. Im Übrigen gibt es diese Unterschiede in der Wahrnehmung natürlich auch auf Seiten meiner Brüder: sie wissen nicht immer, von was ich eigentlich rede, wenn ich aus „meiner“ Kindheit erzähle …
Aber wieder zurück zu der Ausgangsfrage: Wie haben sie mich in der Spur gehalten?
Der Groschen fiel bei mir mal wieder lireweise (ja, Groschen und Lire gab es zu der Zeit noch!), wie einer meiner Brüder in seiner unnachahmlichen Art zu bemerken pflegte, wenn ich etwas länger für eine Einsicht brauchte.
Ich will damit sagen, dass es viele Lebensthemen gibt, denen ich immer wieder mal begegne. Es kommt vielleicht zu einer Einsicht, die sich für den Moment vollständig anfühlt, um wenig oder auch viel später verworfen oder erweitert zu werden. So lebe ich mein Leben „in wachsenden Ringen“ oder – wie ich es manchmal empfinde – spiralförmig. Wie auch immer: Leben verläuft eben nicht linear, sondern zirkulär. Das ist zumindest meine Erfahrung. Dazu gehören zum Beispiel auch wohlbekannte, längst überwunden geglaubte Fallen, in die ich von Zeit zu Zeit wieder hineintappe. Wir, mein Mann und ich, zitieren dann gerne ein afrikanisches Sprichwort: „Ich kann nicht verhindern, dass die Vögel um meinen Kopf kreisen, aber ich kann verhindern, dass sie dort Nester bauen.“
Also: wie viele Lire und welche sind inzwischen gefallen – genug für einen Groschen?
Die Antwort ist: ich weiß es nicht, auch wenn es sich jetzt, wie immer in solchen Momenten, so anfühlt, als sei der Groschen voll. Es spielt auch keine Rolle.
Im Blick auf meine Kindheit wird mir die eigenartige Präsenz des Themas der nicht benannten Grenzen deutlich, sieht man mal von dem Kreidestrich auf der Straße ab.
Wenn ich als Jugendliche wissen wollte, wann ich abends zu Hause zu sein habe, war die Antwort: „Was findest du denn angemessen?“
Klingt im ersten Moment ganz gut, so nach: Ich darf es selber entscheiden. Ist aber nicht gut, denn was schlägt die gehorsame Tochter auf diese Frage hin vor? Natürlich einen Zeitpunkt, der möglichst knapp unter der Zeit liegt, von der sie vermutet, dass ihr Vater sie für angemessen hält.
Schließlich ist sie, wie alle Kinder, auf die Liebe und Zuwendung der Eltern angewiesen. Kinder verbiegen sich lieber, als dass sie diese Liebe aufs Spiel setzen.
Voraussetzung auf Seiten des Kindes ist, dass es gelernt hat, zu erspüren, was die Eltern wollen. Bösartig könnte man sagen, die Eltern haben die Verantwortung, die eigentlich sie für das Aufzeigen von Grenzen haben, auf die Kinder abgewälzt. Das haben meine Eltern ganz sicher nicht gewollt – dennoch habe ich es so empfunden. Ich spekuliere: Vermutlich war es eine Gegenreaktion meiner Eltern auf als zu hart empfundene Grenzsetzung in der eigenen Kindheit …
Wie sehr hätte ich mir als Kind gewünscht, mal einen Grund zum offenen Protest zu bekommen! Aber es blieb bei heimlichem Grummeln. Einzig gegen den Großvater habe ich mich als junge Erwachsene einige Male, wenn ich mich von ihm provoziert oder genervt fühlte, deutlich positioniert – nicht etwa mit ihm konstruktiv auseinandergesetzt.
Kein Wunder, dass offene Auseinandersetzungen, die in meiner Kindheit so gut wie nicht stattfanden, mir im späteren Leben so viel Mühe bereitet haben. Kein Wunder auch, dass ich Zeit meines Lebens Probleme mit der Haut, dem Grenzorgan des Menschen hatte. Ich habe oft den Eindruck gehabt, dass ich nicht spüren kann, wo ich aufhöre und der andere anfängt. (Dass genau dieses Verschwimmen der eigenen Grenzen auch ein Segen sein kann, darauf komme ich im Kapitel „Spiritualität“ noch einmal zurück.) Kein Wunder, dass ich lange Zeit Grenzverletzungen von anderen zugelassen habe.
Und die andere Seite der Medaille kenne ich auch: In vorauseilendem Gehorsam, ja, fast schon übergriffig, Dinge für andere zu tun, von denen ich dachte, dass sie von mir erwartet werden. Das hat es mir auch in der Jugend schwergemacht, zu einer Peergroup, wie man es heute nennt, zu gehören. Ich war mir nie sicher, wie ich mich eigentlich verhalten sollte. Ich bin auf Menschen geflogen, die mir nicht bekömmlich waren, weil sie oft nicht das meinten, was sie sagten, und es mir überließen, herauszuhören, um was es eigentlich ging. Dass es Menschen in meinem direkten Umfeld gibt, die anders sind, die tatsächlich offen sagen, was sie möchten, und es dann auch wirklich stimmt, habe ich erst spät erleben dürfen. Das lag unter anderem natürlich auch daran, dass ich Menschen durch meine Projektionen oft gar keine echte Chance geben konnte, von mir als authentisch wahrgenommen zu werden, weil in mir gleich das Programm „Zwischen-den-Zeilen-lesen“ ansprang.
Nochmal zurück zu der fehlenden Möglichkeit, offene Auseinandersetzung zu lernen. Selbstverständlich habe ich in den Augen meiner Eltern nicht immer alles richtig gemacht. Die Reaktion meiner Mutter war dann, mir – natürlich nonverbal – Verletzung zu signalisieren. Die Reaktion meines Vaters ging dahin, mich spüren zu lassen, dass es nicht genügte, dass ich mir nicht genug Mühe gegeben hatte. Auch dieser Satz wurde nie ausgesprochen …
Dieses „Es genügt nicht“ hing eigentlich am längsten als Damoklesschwert über meinem Haupt und wirkte gleichzeitig als innerer Antreiber.
Sehr berührt hat es mich, als ich mit meinem Vater in seinen letzten Lebensjahren über diesen Satz sprach. Zu dem Zeitpunkt war längst ein intensiver, offener und wertschätzender Austausch über das, was uns bewegt, möglich und wir haben ihn beide als durchaus bereichernd erlebt. Er sagte nämlich unter Tränen zu mir: „Aber das ist doch mein Satz den solltest du nie übernehmen.“
Die Präambel in unserem ungeschriebenen Familiengesetzbuch würde ich heute so formulieren:
Mit gutem Willen und entsprechender Anstrengung, darauf achtend, dass man niemandem zu nahe tritt oder ihn gar verletzt, kann man fast alles schaffen, und man ist ein Leben lang für das verantwortlich, was man sich vertraut gemacht hat.
Wie alle Eltern wollten die meinen uns bestmöglich auf das Leben vorbereiten.
Ich bin sicher, dass es ihnen dabei enorm wichtig war, uns zu unabhängigen, sich ihrer Stärken und Schwächen bewussten, nicht verführbaren Menschen zu erziehen. Aber wie das so ist mit den guten Absichten: Nicht immer wählen wir die richtigen Mittel, um das angestrebte Ziel zu erreichen. Das mit der Unabhängigkeit und der Nichtverführbarkeit hat bei mir jedenfalls nicht so gut funktioniert …
DER PANTHER
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.
Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf – dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille
– und hört im Herzen auf zu sein.
R. M. Rilke
2 PSYCHODYNAMIK
Finden wir uns im Leben in einer Krise vor, ist zunächst einmal all das, was dann in uns abläuft, eine völlig normale Reaktion auf eine außergewöhnliche Situation. Ein krisenhaftes Ereignis kann ganz plötzlich von außen auf uns zukommen oder auch etwas Innerliches sein, was plötzlich oder auch schleichend dazu führt, dass die gewohnten Bewältigungsstrategien, zumindest vorübergehend, außer Kraft gesetzt werden.
Nicht die konkrete Gestalt eines Ereignisses macht es zur erlebten Krise; das tun einzig und allein unsere Bewertungen. Bewertungen aber sind immer das Ergebnis unserer in der Vergangenheit gebildeten Annahmen und Erfahrungen. Mit denen gehen wir in die Krise. Mit denen versuchen wir, die Krise zu überstehen.
Insofern sind auch die Grenzen zwischen temporären Sackgassen, dem, was wir landläufig Krise nennen, und dem, was wir – ebenso landläufig, inflationär und ungenau – Trauma nennen, fließend. Mir scheint an der Stelle der Begriff Traumafolgestörung zutreffender. Die Traumafolgestörung zeichnet sich aus oder entsteht, bzw. besteht fort, durch Aufrechterhalten der Illusion, dass die als vernichtend erlebte Bedrohung nach wie vor da ist. Das heißt nichts anderes, als dass wir uns auf die inneren Bilder fokussieren, die wir selber produzieren, ohne es überhaupt zu bemerken. Es ist ein Werk unseres Bewusstseins, welches sich zwischen den Menschen und sein Selbst schiebt und ihn dadurch von der unmittelbaren Wahrnehmung trennt: Sonst würde er nämlich merken, dass die Bedrohung bereits vorüber ist. Das Nicht-vergessen-Können bringt Leid. Dabei geht es nicht darum, die Ereignisse, die Szenarien der als Bedrohung erlebten Situation zu vergessen; vielmehr geht es um das Vergessen der damit verbundenen Gefühle, wissend, dass die Ereignisse selbst vorbei sind.
Allen krisenhaften Ereignissen ist gemeinsam, dass eine Situation entsteht, in der unsere Selbstwahrnehmung nicht mehr mit den äußeren Gegebenheiten übereinstimmt. Der Fachbegriff dafür lautet Inkohärenz und wurde in den 1970er-Jahren von Aaron Antonovsky, dem „Vater der Salutogenese“, eingeführt. Kohärenz besteht demzufolge immer dann, wenn das persönliche Empfinden, wenn all das, was ein Mensch täglich erlebt und erfährt, was er wahrnimmt, gut zu seinen eigenen Erwartungen passt.
In jedem lebendigen Organismus ist das Bestreben angelegt, immer dann, wenn ein Gefühl der Inkohärenz entsteht, dafür zu sorgen, dass es sich möglichst bald wieder in einen Zustand der Kohärenz wandelt. Ganz einfach ausgedrückt: Wenn wir uns schlecht fühlen, tun wir alles dafür, dass es uns bald wieder besser geht. So weit – so gut. Kritisch wird es erst dann, wenn wir eben nicht nur genau das, was wirklich notwendig wäre, tun, sondern überlagert sind von Vorstellungen all dessen, was auch noch dazu beitragen könnte oder müsste. Ob wir dabei nämlich immer die richtigen Entscheidungen treffen, die richtigen Mittel wählen, steht auf einem anderen Blatt.
Das Bestreben, Kohärenz herzustellen, ist ein energetischer Prozess und beruht auf einem physikalischen Gesetz. Gehen wir nämlich davon aus, dass Energie innerhalb eines Organismus nicht verloren geht, sondern nur verwandelt wird, leuchtet ein, dass mit Entstehen von Inkohärenz das natürliche Ziel darin besteht, die gefühlte energetische Wandlung zum Negativen so gering wie möglich zu halten und zum Kohärenzzustand zurückzukehren.
Betroffene finden sich sozusagen in einem „Energiekäfig“ (Schellenbaum) vor, eingesperrt und den vergeblichen Versuchen, sich mit bekannten und erdachten Strategien daraus zu befreien, ausgeliefert. Sie übersehen, dass die Energie, die dabei, wie oben erwähnt, nicht verloren geht, sich gegen den Betroffenen wendet und der Selbstzerstörung Vorschub leistet. So verhindern sie die Öffnung des Energiekäfigs. Es ist das, was Rilkes Panther (s. o.) erlebt. Die winzigen Bilder, die hin und wieder durch seine Pupille hineinfallen, die ihm einen Ausgang aus dem Käfig zeigen könnten, weiß er nicht zu nutzen, und „sie hören im Herzen auf zu sein“.
Je länger der inkohärente Zustand anhält, desto mehr Energie wird verbraucht – schlimmstenfalls, nämlich immer dann, wenn es nicht gelingt, in den Zustand der Kohärenz zurückzufinden, führt das zum Tod. Nicht unbedingt zum realen Tod, wohl aber in die Selbstzerstörung und zum Absterben von Lebendigkeit. Ob sich das in Form einer Depression, Sucht, Flucht, Neurose oder schlimmstenfalls in einem Selbstmord niederschlägt, ist von vielen Faktoren abhängig. Der wichtigste Schutzfaktor ist nach heutigem Verständnis in diesem Zusammenhang Resilienz.
Noch spannender ist jedoch die Frage, was genau Menschen im Zustand der Inkohärenz tun.
Nun, zunächst können wir versuchen, die äußeren Umstände zu verändern, damit es wieder passt. Funktioniert das nicht, weil beispielsweise der eigene Einfluss auf die Gegebenheiten nicht wirksam ist, braucht es eine andere Lösung.
Wir müssen uns also uns selber zuwenden und herausfinden, wie wir unsere eigene Befindlichkeit verbessern können. Das ruft zunächst einmal die bekannten Abwehrmechanismen auf den Plan. Damit versuchen wir, uns das Problem vom Leibe zu halten. Abwehrmechanismen sind z. B. Leugnung, Verdrängung, Rationalisierung, Flucht in Süchte jeglicher Art, Verkehrung ins Gegenteil, Schuldzuweisung, Vergleichs- und Bewertungszwang – um hier nur einige zu nennen.
Vorübergehend – auch eine sehr lange Zeit ist vorübergehend – und vordergründig kann uns das durchaus Entlastung verschaffen: Wir fühlen uns einfach wieder besser. Dass das Problem nicht gelöst ist, nehmen wir gar nicht wahr und je öfter und je länger wir uns Probleme auf diese Weise vom Hals halten, desto weniger sind wir irgendwann überhaupt noch in der Lage, sie zu spüren, wahrzunehmen. Die Verschaltungen im Gehirn, die dazu nötig wären, sind längst stillgelegt: Sie werden ja anscheinend nicht mehr gebraucht, und was nicht gebraucht wird, stellt irgendwann seine Tätigkeit ein. Das ist in unserem Gehirn nicht anders als bei Muskeln, die wir nicht benutzen. Auch das Gehirn ist ein lebendiger Organismus (die Plastizität des Gehirns zweifelt heute vermutlich niemand mehr an), und der braucht adäquate Reize, um seine Arbeit zu tun.
Fatalerweise unterscheidet das Gehirn nicht zwischen nützlichen und weniger nützlichen Reizen zum Ausbau von Verschaltungen. Es reagiert auf das, was wir ihm abverlangen, also immer und immer wieder nutzen. Das heißt, wenn es wieder und wieder das angeboten bekommt, was ich oben als Abwehrmechanismen aufgeführt habe, dann tut das Gehirn brav seine Arbeit und baut die dafür nötigen Verschaltungen weiter aus – sie werden zum Selbstläufer. Diese Verschaltungsstraßen scheinen ja so wichtig zu sein, dass es gut ist, wenn der Zugriff darauf schnell und ungestört erfolgen kann. Das spart in jedem Fall Energie. Die „Straßen“ werden immer besser ausgebaut. Gerald Hüther vergleicht das, was da entsteht, mit „Autobahnen“. Auf Autobahnen kommt man schnell und bequem von A nach B, muss sich keine Gedanken machen, dass plötzlich Abzweigungen oder Ampeln auftauchen usw. Mehr oder weniger große Verkehrsstörungen nutzen wir selten als Gelegenheit, über die Sinnhaftigkeit der Strecke, die wir gerade fahren, nachzudenken. Wir hoffen einfach, dass es bald vorbei geht. Und es erschließt sich von allein, was uns dabei entgeht: z. B. die Möglichkeit, rechts oder links vom Weg etwas wahrzunehmen – dazu sind wir entweder zu schnell oder zu fokussiert auf den Wunsch, endlich anzukommen, unterwegs.
So ist es mit vielen Mustern, die wir im Laufe unseres Lebens entwickeln. Dabei haben Muster an sich durchaus ihre Berechtigung und können sehr hilfreich sein: Will ich zum Beispiel etwas vom Boden aufheben, bediene ich mich des in meinem Gehirn verschalteten, dazu passenden Bewegungsmusters, was nichts anderes heißt, als dass ich nicht über die unzähligen winzigen Teilschritte und Bewegungen, die für den komplexen Vorgang des Aufhebens nötig sind, im Einzelnen nachdenken muss. Ich benutze das Muster „Aufheben“. Punkt. Und es funktioniert. Die Sache ist schnell und ohne großen Energieaufwand erledigt. Das, was für abgespeicherte Bewegungsmuster gilt, gilt genauso auch für Denk- und Verhaltensmuster. Wen das Thema interessiert, der kann unter dem Stichwort „Embodied Cognition“ oder „Embodiment“ Aufschlussreiches dazu finden. Dabei geht es immer um die Wechselwirkung zwischen Körper und Geist.
Ich erwähne das hier vor allem deshalb, weil es mich wieder zurückführt in meinen eigenen Lebensfluss. Auf andere Zusammenhänge, die sich mir bei diesem Thema plötzlich zeigten, gehe ich später ein.
Die zentrale „Stauung“ in diesem Fluss, mit der ich auf Grund meiner Lebensgeschichte immer wieder beschäftigt war, ergibt sich aus dem bereits im ersten Kapitel erwähnten Satz: „Es genügt nicht.“ Im Folgenden nenne ich diesen Satz, aus zum Verständnis nicht notwendigerweise zu erläuternden Gründen, meinen Komplexsatz.
In mein Bewusstsein fiel er im Zusammenhang mit ignatianischen Schweige-Exerzitien, die ich vor vielen Jahren machte. Eine Aufgabe bestand darin, ein Bild des eigenen Lebens zu malen. An sich war mein Bild fertig; aber dann fing ich an, es hier und da zu verbessern – bis es am Ende fast ruiniert war. Und auf einmal war er einfach da, dieser Satz, der ja, wie bereits erwähnt, in meiner Familie nie ausgesprochen worden war.
Und er hieß er genau so: „Es genügt nicht.“ Nicht etwa: „Ich genüge nicht“, oder: „Es genügt mir nicht“, auch wenn diese beiden Varianten untrennbar dazugehören.
Mein Leben lang war ich mehr oder weniger unbewusst damit beschäftigt, das richtige Maß zu finden. Dazu habe ich alles Mögliche in meinem Musterkoffer gehabt: Flüchten genauso wie Standhalten. Beides wechselte sich ab und manchmal hieß mein Satz einfach: „Jetzt reicht’s!“ Um im Flussbild zu bleiben: Es gab zahlreiche Kurven und Schleifen, die in ihren jeweiligen Umschlagpunkten weit voneinander entfernt lagen; ich geriet von einem Extrem ins andere, so dass man sich leicht denken kann, wie mühsam das Vorwärtskommen war. Ich habe oft lange gebraucht, um von so einem weit entfernten Umschlagpunkt wieder zurück in die Flussmitte, in meine Mitte, zu kommen. Im Laufe der Zeit sind die Schleifen und Kurven zum Glück kleiner geworden.
Ich will versuchen, die zwei wichtigsten dieser Umwege aufzudröseln. Den vermutlich nachhaltig wirksamsten nenne ich den „Sisyphosmythos“.
Mit unendlich viel Anstrengung habe ich versucht, meinen Weg zu gehen und vermeintliche Steine weggeräumt, nur um jedes Mal wieder zu erleben, wie der mühsam wegbeförderte Stein zurückrollt. Egal um was es ging: Das Erleben war immer gleich.
Meine Träume hatten lange Zeit häufig diese Themen: Ich renne einen Berg hinauf, bin völlig außer Puste und kaum oben angekommen, sehe ich, dass sich dahinter schon der nächste Berg auftürmt.
Oder: Ich versuche, einen Zug zu erreichen und werde auf dem Weg zum Bahnhof von so vielen Hindernissen, noch zu erledigenden Arbeiten oder Menschen, die was ganz Wichtiges von mir wollen, aufgehalten, dass ich gerade noch die Rücklichter sehe, wenn ich den Bahnhof endlich erreiche.
Später veränderte sich der Zug-Traum dahingehend, dass mir jemand ein Fahrrad anbot, mich auf den Radweg parallel zur Bahnlinie hinwies und meinte, ich könne mit dem Rad ganz leicht den Zug bis zum nächsten Bahnhof einholen. Immerhin. Allerdings erinnere ich mich an keinen Traum, in dem das tatsächlich gelang; dennoch: Ich habe das Rad genommen und war deutlich entspannter unterwegs.
Dieses Steine-aus-dem-Weg-Räumen war oft so anstrengend, dass ich mich danach belohnen musste – sonst hat’s ja keiner getan. Als Belohnung konnte alles Mögliche dienen – da sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. An der Stelle hat es mir nicht genügt, weil ich nicht genügt habe. Der direkt spürbare Erfolg meiner Bemühungen, der mich hätte belohnen können, blieb nämlich – nicht immer, aber, gefühlt, meistens – aus.
Man kann sich leicht vorstellen, dass so viel Anstrengung dem Körpergedächtnis nicht verborgen bleibt und sich dort niederschlägt. So entsteht eine gewisse Starrheit, Unbeweglichkeit. Ich habe die Neigung, mich allem mit Kraft entgegenzustemmen, was durchaus zu Verletzungen geführt hat. Ich erinnere mich an eine Situation am Meer, als ich versuchte, in heftiger Brandung fest stehen zu bleiben, anstatt mich einfach von der Welle mitnehmen zu lassen; das hat mir eine scheußliche Knieverletzung eingebracht.
Mehrfach musste ich unerwartet irgendwo abspringen und konnte nicht in den Knien nachgeben, so dass auch da Verletzungen entstanden. Das ist Standhalten – im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn ich dagegen meinen Mann beobachte, der ziemlich häufig fällt, ob mit dem Fahrrad, beim Wandern oder Squash, so sehe ich, wie er abrollt und die Sturzbewegung einfach mitvollzieht und sozusagen auslaufen lässt. Er bricht sich dabei zwar schon mal die Rippen, aber dennoch ist sein Sturzverhalten eine intuitive, fließende Bewegung und kein Sich-Entgegenstemmen. Ebenso hat er beim Radfahren eine viel höhere Umdrehungszahl als ich und passt sich dadurch den landschaftlichen Gegebenheiten viel besser an, während ich fast ausschließlich mit Kraft fahre. Fahrräder ohne schwere Gänge mag ich nicht; denn wenn der Widerstand fehlt, spüre ich mich nicht wirklich.
Oft erwische ich mich dabei, dass ich meinen Kiefer zusammenpresse; auch so ein typischer, körperlicher Ausdruck des verinnerlichten Satzes: „Zähne zusammenbeißen, zusammenreißen und durch.“
Viele Muster in meinem Leben weisen mich auf die Untrennbarkeit von Körper- und Geist hin …
Nun gibt es aber auch noch die andere Seite der Medaille: Dieses viele Kämpfen trainiert ja gleichzeitig, das heißt, ich kann arbeiten bis zum Umfallen – manchmal bin ich sogar stolz darauf. Es führte dazu, dass meine Mutter hin und wieder sagte: „Wenn ich dir beim Arbeiten zusehe, wird mir ganz schwindelig“, und dazu, dass ich mich wie besessen in die unterschiedlichsten Tätigkeiten hineinsteigere und leicht vieles zur Sucht werden lasse.
Da ist es wieder – das Thema Maßlosigkeit, auf der Suche nach dem rechten Maß.
Neben dem, was ich den Sisyphosmythos genannt habe, gibt es noch einen zweiten Irrweg, den ich hier erwähnen möchte. So ein schönes, griffiges Wort dafür habe ich noch nicht gefunden; ich rede von den Grenzen, die so oft verschwimmen. Wobei das im Grunde mit dem Sisyphosmythos untrennbar verbunden ist und es nur um eine andere Facette geht.
Ich habe gelernt, die Flöhe husten zu hören, Stimmungen im Raum aufzunehmen und unbewusst darauf zu reagieren, indem ich versuche, vorauszuahnen, was andere von mir erwarten. Das zu erfüllen, war einerseits befriedigend – da kommt wieder der Stolz ins Spiel –hat mich jedoch andererseits in die unmöglichsten Situationen gebracht. Wie oft habe ich mich für eine Aufgabe zur Verfügung gestellt, die ich eigentlich gar nicht erfüllen wollte oder konnte und mich kurze Zeit später darüber geärgert, dass ich mal wieder zu schnell ja gesagt bzw. mich freiwillig angeboten hatte. Andererseits habe ich zeitweise Stimmungen, Anliegen o. ä., die in der Luft lagen, gar nicht an mich herangelassen und „übersehen“, wider besseres inneres Wissen. Ich wollte dann einfach nicht darauf hören, vermutlich, um mir irgendwelche Probleme vom Hals zu halten, die ich sonst hätte angehen müssen.
Meine Multitaskingfähigkeiten empfand ich lange als Stärke: So schafft man einfach viel. Dass damit die Möglichkeit, sich ganz auf eine Sache einzulassen, sich ihr hinzugeben, abgeschnitten ist, habe ich mir dabei nicht klar gemacht. Auf derselben Linie liegt mein unbewusster Versuch, immer dann, wenn mehrere Gespräche gleichzeitig in einem Raum geführt werden, möglichst viel davon mitzubekommen, ohne meinen eigenen Gesprächspartner zu verlassen. Auch das kann ich ziemlich gut; auf der Strecke bleibt dasselbe wie oben.
Von Gerald Hüther stammt der schöne Satz: „Die Unterdrückung und Abwehr von Betroffenheit ist der einzige Fehler, den wir bei der Bedienung unseres Gehirns machen können.“ So habe ich mich bewegt zwischen den beiden Polen Unterdrücken und Abwehren, ohne – da ist es wieder – dabei das richtige Maß zu finden. Bei mir kanalisierte sich das hinein, in das stets wiederkehrende Muster: Aufbruch, Selbstunterbrechung, Abbruch, neuer Aufbruch. Ich steckte in meinem „Energiekäfig“ fest.
Es gibt aber noch so ein Lebensthema, nämlich die vielen Gedanken und Sorgen, die ich mir um mir anvertraute Menschen mache, ähnlich wie ich es bei meiner Mutter erlebt habe. Das hat mich über viele Jahre geplagt, je nachdem wie viel äußeren Anlass es gerade gab. Es hat mir unzählige schlaflose Nächte beschert, und das Wissen darum, dass meine Sorgen an der Situation nichts ändern werden, sondern schlicht Hirngespinste sind, die Ängste aus der Vergangenheit in die Gegenwart bzw. Zukunft projizieren, war nicht wirklich hilfreich. Vor einigen Jahren wurde das Sorgen-Thema so virulent, dass ich mir therapeutische Hilfe gesucht habe, mit der klaren Zielformulierung: Ich will nicht, wie meine Mutter, an gebrochenem Herzen sterben.
Zahlreiche einzelne Schritte, die ich gegangen bin, haben – das sehe ich heute in der Gesamtschau – dazu beigetragen, mich aus der „Opferrolle“, dem Ausgeliefertsein an meine Muster, hinauszuführen; so durfte ich nach und nach die Souveränität über mein eigenes Leben (zurück)gewinnen. Ich konnte im vergangenen Jahr plötzlich sehen, dass ich in meinem Leben immer dann in die Irre gegangen bin, wenn ich mich von meiner unmittelbaren Wahrnehmung entfernt habe.
Der Hintergrund und Motor all der Fehlversuche ist eindeutig: Es ist der Wunsch nach Liebe und Verbundenheit und die Hoffnung, in dem ureigensten Sein wahrgenommen zu werden. Nicht nur Kinder, auch Erwachsene wollen gesehen werden, und zwar nicht im Lichte ihrer Leistung, sondern im Lichte ihres Seins.
MÄNNER
Allen Partnerschaften in meinem Leben – bis auf die nun schon seit 20 Jahren andauernde – liegt ein Rettungsbedürfnis zu Grunde. Es ist der Zwang, das eigene Heil in der Rettung und Bekehrung anderer zu finden, dabei verkennend, dass die einzige wirksame Einwirkung auf Menschen darin besteht, dass ich mit mir selbst im Einklang bin. So bin ich vorzugsweise an Männer geraten, die mir in irgendeiner Art und Weise Bedürftigkeit signalisiert haben. Und sofort ist das Muster angesprungen. Dieses Muster war so wirksam, dass es mich mit 17 Jahren in eine Vergewaltigungsgeschichte gebracht hat, in der der Mann nicht mich direkt angegriffen hat, sondern mit einer realen Pistole in der Hand drohte, sich zu erschießen, wenn ich ihm nicht zu Willen bin. Bei einem körperlichen Angriff hätte ich mich ganz sicher zur Wehr gesetzt, aber in diesem, meinem Muster gefangen, war ich völlig machtlos.
Heute ist mir klar, warum alle diese Rettungsversuche nicht gelingen konnten: Beide Partner haben die jeweiligen Vorstellungen davon, wie der andere ist und wie er eigentlich sein sollte, im realen Wortsinn vor sich gestellt und damit die Sicht auf das Wesentliche verstellt. Diese Wände aus Vorstellungen waren oft so fest gemauert, dass Durchbrechen unmöglich war. Das gilt auch und insbesondere für meine langjährige erste Ehe. Gleichzeitig verdanke ich ihr drei wunderbare Kinder, die, trotz des Marathonkampfes ihrer Eltern, alle auf einem guten, sehr eigenen Weg sind. Sie, die Kinder, waren einer der Gründe dafür, dass ich so lange an dieser Ehe festgehalten habe. Im Hinterkopf immer die beiden Familiensätze: „Was man einmal begonnen hat, das bringt man auch gut zu Ende, wenn man sich nur ausreichend bemüht“, und: „Man ist sein Leben lang verantwortlich für das, was man sich vertraut gemacht hat.“
Heute weiß ich längst, dass Verantwortung weniger mit unbedingtem Dranbleiben, Sich-zuständig-Fühlen und dem Unterstützen des anderen zu tun hat als vielmehr mit der „Antwort“, die ja bereits im Wort enthalten ist. Wenn ich nicht die passenden Antworten auf eine von sogenannter Verantwortung geprägten Situation habe, werde ich scheitern. Die passende Antwort aber kann der betroffene Mensch nur selber finden.
Der Blick auf die Psychodynamik meines Lebens könnte die Vermutung nahelegen, dass es sich immer schwer und anstrengend angefühlt hat; und es ist wahr: Ganz oft war es so. Die Worte immer und nie jedoch kommen in meinem Wortschatz kaum noch vor, denn natürlich gab es auch zahlreiche Phasen der relativen Ruhe. Schöne Erlebnisse jedweder Art, meist im Zusammensein mit anderen, vor allem mit einigen wenigen wirklichen Freunden. Beschäftigungen, die mich für eine Weile völlig ausgefüllt haben. Meine wunderbaren Kinder, immer bereit, mich an ihrem Leben teilhaben zu lassen. Spirituelle Momente, Projekte, die gelungen sind, usw. Ich hatte und habe viele gute Zeiten in meinem Leben, und ich bin eine unerschütterliche Optimistin, ohne Sorge um meine eigene Zukunft. Sorgen mache ich mir eher um andere; für mich selber weiß ich, dass ich mich mit (fast) allen äußeren Gegebenheiten arrangieren kann. Sicherheitsdenken ist mir fremd, und für diese Gewissheit bin ich dankbar.
Dankbar auch stelle ich fest, dass so vieles, was mich in meinem Leben geplagt hat und was ich nicht begriffen habe, jetzt aus dem Schatten ins Licht tritt. Das Schwere und das Schöne – immer ist alles gleichzeitig da, „Leben“ und „Tod“; zwischen diesen Polen spannt sich das Sein aus. Mal ist der eine, mal der andere Pol näher. Oder, wie meine Mutter es auszudrücken pflegte: „Lachen und Weinen – alles in einem Sack.“ Die tiefere Dimension ihrer zahllosen, stets präsenten Lebensweisheiten erschließt sich mir erst nach und nach.
Ich bin vollkommen einverstanden mit allem, was zu meinem Leben dazu gehört. Ich bewerte nichts mehr und schon gar nicht trage ich irgendjemandem irgendetwas nach. Ich wüsste heute nichts, was mich kränken oder beleidigen könnte, und das fühlt sich richtig gut an. Und nicht etwa, weil ich entschieden hätte, mich nicht mehr angreifbar zu machen oder trainiert hätte, mit Kränkungen besser umzugehen. Nicht, indem ich mich irgendwie konditioniert hätte. Ich habe zu jedem Zeitpunkt meines Lebens genau das getan, was mir möglich war – so wie jeder andere Mensch das auch tut. „Es ist was es ist – sagt die Liebe.“ (Erich Fried)
Möglicherweise hat Udo Jürgens ja recht: Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an …
In einigen Wochen bin ich 66. Vermutlich werde ich nicht im Park rocken oder mit 110 PS auf dem Motorrad durch die Gegend fegen … aber schau’n wir mal … mir gefallen Aufbruch und Leichtigkeit, die in diesem Lied schwingen.
… Und sofort höre ich im Hinterkopf meinen Vater sagen: „Wenn du wissen willst, wie es im wirklichen Leben bestimmt nicht zugeht, musst du nur Groschenromane lesen (@ Jugend: Groschenromane nennt man heute „Soaps“, und man liest sie nicht mehr, sondern streamt sie) und Schlager hören“, und ich antworte: „Ja, Vater, wenn du dich da mal nicht täuschst!“ Man kann nämlich im Leben fast alles als Inspiration und Dünger für das eigene Wachstum verwenden.
Lass dir an meiner Gnade genügen;
denn meine Kraft ist in den
Schwachen mächtig.
1. Korinther 12,9
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