Kitabı oku: «Reflexive Sinnlichkeit III: Lebenskunst und Lebenslust»

Yazı tipi:

EHP – Edition Humanistische Psychologie

Hg. Anna und Milan Sreckovic

Die AutorInnen

Hans Peter Dreitzel war nach seiner Berufung an die New School of Social Research in New York drei Jahrzehnte Professor für Soziologie an der Freien Universität Berlin; nach Jahren in den USA, in Griechenland und in Österreich lebt er heute in Oberbayern. In den Siebziger-Jahren ließ er sich in Berlin und New York zum Gestalttherapeuten ausbilden, war Mitbegründer des Gestaltzentrums Berlin (GZB) und baute sich eine eigene psychotherapeutisch Praxis auf. Sein wichtigster Lehrer war der Mitbegründer der Gestalttherapie Isadore From in New York. Seit den Achtziger-Jahren war er auch als Ausbilder an verschiedenen gestalttherapeutischen Ausbildungsinstituten tätig. Er ist Autor zahlreicher Beiträge zur Gestalttherapie, darunter im selben Verlag die beiden ersten Bände von Reflexive Sinnlichkeit (Bd. 1.: Emotionales Gewahrsein. Die Mensch-Umwelt-Beziehung aus gestalttherapeutischer Sicht / Bd. 2.: Gestalt und Prozess. Eine psychotherapeutische Diagnostik oder: Der gesunde Mensch hat wenig Charakter).

www.dreitzel-gestalttherapie.org und www.gestalttherapie-ammersee.de; peter.dreitzel@yahoo.de

Brigitte Stelzer-Dreitzel ist u. a. am Institut für Integrative Gestalttherapie Würzburg IGW und bei Dr. Kristine Schneider als Gestalttherapeutin ausgebildet worden. Sie ist Mitbegründerin des Ausbildungsinstitutes für Klinische Lerntherapie (Iigel) und Autorin mehrerer Lernspiele und Ko-Autorin des interaktiven Lehrbuchs für Klinische Lerntherapie (INTERDIKK). Seit Beginn ihrer Ehe mit Hans Peter Dreitzel hat sie mit ihm bereits an dessen Grundlegung einer gestalttherapeutischen Prozess-Diagnostik (Reflexive Sinnlichkeit 2.: Gestalt und Prozess. Eine psychotherapeutische Diagnostik oder: Der gesunde Mensch hat wenig Charakter) gearbeitet.

www.gestalttherapie-ammersee.de; brigittestelzer@yahoo.de


© 2014 EHP – Verlag Andreas Kohlhage, Bergisch Gladbach www.ehp-koeln.com

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Umschlagentwurf: Gerd Struwe, Uwe Giese

– unter Verwendung eines Fotos von Uwe Giese –

Satz: MarktTransparenz Uwe Giese, Berlin

Gedruckt in der EU

Alle Rechte vorbehalten

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print-ISBN 978-3-89797-052-6

epub-ISBN 978-3-89797-602-3

PDF-ISBN 978-3-89797-603-0

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

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Inhalt

Vorwort

Einleitende Frage: Was ist ein gutes Leben?

Teil I. Das Projekt eines guten Lebens

1. Sich in das Abenteuer des Lebens stürzen

2. Neugier und Wissensdurst pflegen

3. Alles fließen lassen

4. Im Hier-und-Jetzt leben

5. Die Bedürfnisse spüren – ordnen – offenlegen

6. Den Ausdruck unserer Gefühle kultivieren

7. Die verborgene Schönheit des Lebens finden

8. Aus innerer Freiheit leben

9. Sich befreunden

10. Maßhalten ohne die Lust zu verlieren

Teil II. Entwicklung und Reifung

1. Die Sinn-Gestalt des Lebens

2. Eine Entwicklungstheorie für die Gestalttherapie?

3. Das holografische Entwicklungs-Modell von Ken Wilber

4. Gleichgewichtsprobleme im Holon: Konfluenz und Narzissmus

5. Im Schatten katastrophischer Entwicklungen

6. Was sonst noch auf uns zukommt

7. Tendenzen zur Autonomie im Privatbereich

8. Lebenskrisen als Übungsfelder

9. Gegenseitigkeit und Teilnahme

10. Übung und Reifung, unbekanntes Ziel

Teil III. Zur Praxis der reflexiven Sinnlichkeit

1. Warum wir mit uns selbst beginnen müssen

2. Die Weisungen des Atisha – das Üben von Bewusstheit

3. Kinomichi und Kum Nye – das Üben von Körper-Gewahrsein

4. Der Gegensatz von Ichhaftigkeit und Ichlosigkeit – ein Missverständnis

Nachwort von Thomas Rieger

Themenverzeichnis

Literaturverzeichnis

Vorwort

Vom Plan dieses Buches bis zu seiner Verwirklichung ist fast ein Jahrzehnt vergangen – Jahre, in denen verschiedene Lebensumstände und langes Nachdenken über das Thema Entwicklung seine Fertigstellung immer wieder verzögert haben. In dieser Zeit aber bin ich auch älter geworden, habe mich also auch selbst entwickelt – und dabei beobachtet. Das hat – zusammen mit meiner wachsenden Skepsis gegenüber einem Denken in Entwicklungsstufen in der gestalttherapeutischen Praxis – dazu geführt, dass sich in diesem Text nun theoretische Überlegungen mit praktischen Lebenserfahrungen sowie philosophische Einsichten mit Erfahrungen aus der psychotherapeutischen Praxis verbunden haben. Aus der Frage nach der Bedeutung von Entwicklung für das Hier-und-Jetzt des gegenwärtigen Lebens ergab sich dabei zwangsläufig die Frage, was Reifung und Reife heute eigentlich sein könnten.

Zu suchen war dies im Bild vom Menschen, das hinter jeder psychotherapeutischen Intervention verborgen ist und therapeutisches Handeln bewusst oder unbewusst leitet. Solche Bilder sind nicht beliebige Produkte des Denkens der Begründer psychotherapeutischer Schulen und Richtungen, sondern wurzeln im Zeitgeist ihrer Epoche und nähren sich ebenso sehr aus den prägenden historischen Leiderfahrungen ihrer Generation wie aus den philosophischen Denktraditionen ihrer Zeit. Deshalb führten mich die Fragen nach Wachstum, Entwicklung und Reifung zurück zu der uralten und immer neu zu stellenden philosophischen Frage nach dem guten Leben. Was könnte das heute bedeuten, ein gelingendes, ein sättigendes, ein glückliches, und in einem tieferen Sinne gutes Leben zu führen? Und ergibt sich aus der Antwort darauf auch so etwas wie eine Richtung, die einem Leben Orientierung und Sinn verleihen könnte?

■ Für mich war es natürlich, mich bei der Suche nach Antworten zuerst in der Gestalttherapie umzuschauen, denn deren Geist hat mich nun schon seit vierzig Jahren in meiner therapeutischen Arbeit beflügelt und inspiriert. Vieles in diesem Buch beruht auf dem, was ich für das Menschenbild der Gestalttherapie halte – denn ein solches findet sich nirgends explizit ausformuliert, auch wenn ich die klassischen Schriften der Gestalttherapie immer wieder zu Rate ziehe. Ansonsten aber stütze und berufe ich mich in diesem Buch ständig auf meine Erfahrungen aus meiner eigenen Arbeit mit Klienten und auf die theoretische Beschäftigung mit der Gestalttherapie in meinen eigenen Veröffentlichungen. Das gilt vor allem für den Band Reflexive Sinnlichkeit I. (Emotionales Gewahrsein) und Reflexive Sinnlichkeit II. (Gestalt und Prozess). Diese drei Bände hatten ursprünglich zur Aufgabe, vier Lücken in der allgemeinen Theorie der Gestalttherapie zu schließen:

1. Die Ausarbeitung des zuvor nur skizzierten Modells der »Kontaktwelle«.

2. Die Ausarbeitung einer Phänomenologie der Gefühle, mit der diese so auf die Arbeit an den Gefühlen fokussierte Therapie gut arbeiten kann.

3. Die Ausarbeitung einer prozessorientierten, Gestaltpraxis nahen Diagnostik der Neurosen.

4. Die Ausarbeitung einer gestalttherapeutischen Entwicklungstheorie.

Diese Vorhaben habe ich mit diesem Buch beendet, wenn auch nicht abgeschlossen. Die Richtung, in die sich meine Arbeiten zu diesen Themen entwickelt haben, hat sich im Laufe der vielen Jahre seit der ersten Auflage des ersten Bandes (1992) verändert – und das gilt insbesondere für dieses vorliegende Buch. Zweierlei ist aber gleich geblieben, und das rechtfertigt den gemeinsamen Obertitel: die Einbettung der Themen in den gesellschaftlichen und historischen Kontext und der Gedanke, dass das Gewahrsein, das ich reflexive Sinnlichkeit oder Bewusstheit nenne, und die Achtsamkeitspraxis, die zu ihr führt, für unser Leben als Einzelne und als Mitmenschen in unserer gesellschaftlichen Umgebung eine heilende und entwicklungsfördernde Bedeutung hat.

Wenn es aber hier nun um die Frage nach dem guten Leben geht, nach der Kunst, das Leben so zu gestalten, dass es als ein sinnvolles erlebt werden und damit glücklich machen kann, dann bekommt dieser zentrale Gedanke meiner Überlegungen notwendigerweise eine ethische Dimension, die so in der Gestalttherapie als Praxis nicht enthalten ist – zu groß erschien den Gründern Frederik und Laura Perls und Paul Goodman die Gefahr, dass Wegweisungen als moralische Fremdkörper introjiziert werden könnten.

■ Dieses Buch aber enthält solche Wegweisungen – und ist deshalb kein gestalttherapeutisches Praxis-Buch! Dennoch wäre mir nichts unangenehmer, als wenn man es bei der verbreiteten Glücks- und Ratgeber-Literatur einordnen würde. Ich denke aber, dass es sich komplex genug darbietet, um nicht allzu leicht introjizierbar zu sein. Es will zum Nachdenken, Nachspüren, Ausprobieren und Üben anregen. Wäre es nur um praktische Tipps gegangen, wie man sein Leben lustvoller und reicher gestalten könnte, dann hätte ich mich zumindest ausführlich mit Erotik, Kulinarik und last not least mit dem Reisen befassen müssen, alles Bereiche, die der Kultivierung bedürfen und über die es eine reichhaltige Literatur kritisch zu besichtigen gilt. Hier geht es mir um die Umgestaltung des Lebens als ganzem durch die tiefgreifende Bewusstseinsveränderung, die unsere Epoche verlangt. Das geht nicht ohne Zumutung einiger Imperative.

Thomas Rieger, der die Idee zum Nachwort zu diesem Text hatte, meinte mit kritischer Freundlichkeit, es sei unter den apodiktischen Büchern das einzige, das er akzeptieren könne. Vielleicht liegt das daran, dass ich die Wirkung meiner Wegweisungen von der Übungspraxis der Leser abhängig mache; erst aus der Selbsterfahrung ihres Übens könnte sich der Sinn meiner Schlussfolgerungen auf je individuelle Weise erschließen. Diese im Druck eigens abgesetzten Schlussfolgerungen sind das Ergebnis meiner jeweils vorangestellten Überlegungen, aus denen sie sich begründen. Diese Übungspraxis wäre aber zugleich auch das Falsifikationsverfahren, dem ich mich nicht entziehen will. Auch meine ich, dass es nicht nur therapeutisches Lernen gibt, das in der Tat auf nichts als angeleiteter Selbsterfahrung beruhen sollte, sondern auch ein Lernen über das geschriebene und gesprochene Wort; das mag altmodisch sein, hat aber den Vorzug, dem Leser und Hörer die Integration oder das Verwerfen des Aufgenommenen zu überlassen.

Die im Text zitierten und im Literaturverzeichnis aufgeführten Texte wollen den Leser weder beeindrucken noch ermüden; sie sind nur als Hinweise für diejenigen Leser gedacht, die dieser oder jener Spur ihrer eigenen Neugier folgend weiter nachgehen möchten. Auch sind sie nicht vollständig genug, um als wissenschaftlicher Beleg für meine Thesen dienen zu können. Stattdessen sollen sie dem Leser zeigen, was die Quellen meines Denkens sind. Der Leser möge sie als einen Teller voller Lesefrüchte sehen, die ich auf dem Weg zu diesem Buch fand, und die mich angeregt und genährt haben – und koste sie nach eigener Lust und Neugier.

Dieses Buch wendet sich an Leser, die den ökonomisch relativ gesicherten Verhältnissen der sogenannten Westlichen Gesellschaften angehören. Denn was ein gutes Leben ist, kann nicht kontextfrei für alle Menschen die gleiche Gültigkeit haben; es ist abhängig vom ökonomischen Entwicklungsstadium der Gesellschaft, in der man lebt, sowie von der eigenen Klassenlage und dem eigenen kulturellen Milieu. Mit dieser Heterogenität müssen wir vorerst leben, denn die Weltgesellschaft ist erst im Entstehen. »Ich bin. Aber ich habe mich nicht: Darum werden wir erst«, wie Ernst Bloch hoffnungsvoll diesen Zustand auf anthropologischer Ebene beschrieb (E. Bloch, 1963, 11).

■ Wenn man heute jenseits der Biologie von Entwicklung spricht und damit anspielt auf zivilisatorische Prozesse der Differenzierung im Rahmen übergreifender, ganzheitlicher Systeme, steht man sogleich unter Verdacht, naiv zu verkennen, wie sehr sich in der Dialektik der Aufklärung (T. W. Adorno & M. Horkheimer, 1963) jedes positive Verständnis von Aufklärung selbst verbrannt hat. Zu schwer lastet die Erfahrung der Ungeheuerlichkeiten des XX. Jahrhundert auf uns, als dass wir noch ungebrochen unsere Hoffnungen auf das Wohltätige der Entwicklung von Technik und Wissenschaft setzen oder gar auf ein Fortschreiten der gesellschaftlichen Vernunft vertrauen könnten.

In diesem Buch stütze ich mich vor allem auf zwei Philosophen, Ken Wilber und Peter Sloterdijk, die sich diesem Verdacht zu entziehen suchen, beziehungsweise über ihn hinaus denken wollen. Wer heute über Entwicklung nachdenkt, kommt am Werk von Ken Wilber nicht vorbei. Wie kein Zweiter hat Wilber den Versuch unternommen, die verschiedenen vorliegenden Entwicklungstheorien systematisch zusammenzufassen, und damit eine Entwicklungsperspektive geschaffen, die es so seit Hegel nicht mehr gegeben hat. Vielleicht ist es die List der Vernunft, auf die Hegel im Zweifelsfall gern vertraute, dass Ken Wilber das Produkt einer Kultur ist, der man oft nachgesagt hat, dass ihr die Idee des Tragischen fremd sei. Sein Werk strahlt bei aller Vorsicht und Differenzierung einen ungebrochenen Optimismus aus, wie man ihn heute wohl nur noch in den USA und dort besonders westlich des Mississippi findet. Was man aus europäischer Sicht vielleicht als einen Mangel an differenziertem Geschichtsbewusstsein kritisieren würde, könnte sich als ein Glücksfall erweisen, denn Wilbers Entwicklungsdenken, so scheint es mir, findet aus der deprimierenden Beliebigkeit der Postmoderne heraus, ohne in die naiven Fortschrittshymnen des 19. Jahrhunderts zurückzufallen. Dazu trägt auch sein unerschrockener Versuch bei, endlich auch im Westen den Erkenntnisweg der subjektiven Selbsterforschung durch disziplinierte Formen der Meditation als eine legitime Form der hermeneutischen Erkenntnissuche zu etablieren. Wilber nennt seine Philosophie eine integrale Theorie, und das ist, worauf sich der Begriff integral im Untertitel dieses Buches bezieht.

Während der erste Teil des Buches sich hauptsächlich auf gestalttherapeutische Einsichten stützt, bezieht sich der zweite Teil eher auf Ken Wilbers integrale Entwicklungstheorie. Der dritte Teil des Buches dagegen verdankt sich letztlich meiner eigenen buddhistischen Lebenspraxis, die für mich stets eine Fortsetzung und Vertiefung der Achtsamkeitspraxis der Gestalttherapie war, in der ich ja nicht nur als Therapeut und Lehrer, sondern über dreißig Jahre hinweg auch als Lernender in zahlreichen Lehr-Workshops teilgenommen habe. Aber angeregt und ermutigt wurde ich zu diesem letzten Teil des Buches von Peter Sloterdijks Denken, insbesondere von seinem 2009 erschienenen Buch Du musst dein Leben ändern – Über Anthropotechnik. Es ist weniger die Fülle der Einzelanalysen als der Grundgedanke und der kühne Entwurf einer grundlegend neuen anthropologischen Perspektive, die mich überzeugt hat, den Menschen generell als ein übendes Wesen zu sehen.

■ Bleibender Hintergrund meines Denkens sind darüber hinaus bis heute meine Lehrjahre bei dem Philosophen Helmuth Plessner und bei dem Gestalttherapeuten Isadore From geblieben. Ihnen bin ich weiterhin zu Dank verpflichtet wie auch den vielen Kollegen und Supervisanden, mit denen ich im Laufe der Jahre arbeiten durfte. Wolfgang Kötter danke ich für die wiederholte energische Aufforderung, meine Gedanken zu diesem Thema zu Papier zu bringen, die mich sehr ermutigt hat, und ganz besonders auch für das Angebot, die letzte Korrektur des Manuskripts zu übernehmen Thomas Rieger danke ich für unsere Gespräche und sein Nachwort, das in seiner unverhohlenen, heute selten gewordenen, sozialistischen Perspektive einen spannenden Blick auf meine Gedankengänge wirft.

Ohne die Zusammenarbeit mit meiner Frau Brigitte Stelzer-Dreitzel gäbe es dieses Buch nicht.

Hans Peter Dreitzel

Hohenpeissenberg, August 2013

Einleitende Frage: Was ist ein gutes Leben?

Hinter jeder Psychotherapie-Richtung steht ausgesprochen oder unausgesprochen ein Menschenbild. Immer gibt es eine manchmal explizite, oft aber nur implizite Vorstellung davon, was einen »gesunden«, psychisch nicht gestörten Menschen ausmacht, was also auch das Ziel der psycho-therapeutischen Bemühung sein sollte. So auch in der Gestalttherapie, der Schule, in der ich als Psychotherapeut ausgebildet worden bin und der ich mich angeschlossen habe – nicht zuletzt, weil mich ihr Menschenbild überzeugt hat.

Auch in der Gestalttherapie ist dieses Menschenbild eher in ihren Vorstellungen von Neurosen versteckt, als dass es in ihrer Literatur deutlich dargestellt und erörtert worden wäre – mit Ausnahme des letzten Abschnitts von PHG,1 betitelt: Das Kriterium – nämlich für psychische Gesundheit (PHG, 333 f.).

Aus diesem Text und aus dem gestalttherapeutischen Ansatz insgesamt entnehme ich die wichtigsten Elemente, aus denen sich das Menschenbild der Gestalttherapie zusammensetzt. Wie bei anderen Therapie-Richtungen ist dieses Menschenbild im Grunde einfach das, was übrig bleibt, wenn die psychischen Störungen überwunden und geheilt sind, unter denen diejenigen Menschen leiden, die sich einem Psychotherapeuten anvertrauen. Auch wenn man, wie es die Gründer der Gestalttherapie getan haben, davon ausgeht, das neurotische Verhaltensweisen Anpassungen an ein gestörtes, ja krankhaftes Gesellschaftssystem sind, so setzt die Gestalttherapie dem die Möglichkeit von kreativen Anpassungen entgegen. Man darf diesen gestalttherapeutischen Begriff nicht als passive Anpassung an den jeweiligen Status quo missverstehen. Vielmehr heißt es bei PHG: »Wir sprechen von der kreativen Anpassung als von der wesentlichen Funktion des Selbst«, und zu der gehören »die schöpferischen Funktionen der Selbstregulation, die für das Neue, für die Zerstörung und Neuintegration der Erfahrung offen sind« (PHG 2006, 49). Und Perls verdeutlichte: »Der Prozess der schöpferischen Anpassung an neues Material und neue Umstände schließt immer auch eine Phase der Aggression und der Zerstörung mit ein, denn nur durch Annäherung, Vereinnahmung und Veränderung neuer Strukturen wird Ungleiches gleich gemacht.« (PHG 1985, 15). Angewandt auf das Projekt eines gelingenden Lebens heißt das mit anderen Worten:

Das gute Leben im schlechten gesellschaftlichen System ist der schöpferische Widerstand gegen die schlechten herrschenden Zustände; ein gesundes Leben ist ein rebellisches Leben.

■ Tatsächlich ist die Frage berechtigt, ob es unter den Bedingungen der großen globalen Krise der kapitalistischen Gesellschaften, in der wir heute leben, ein gutes Leben überhaupt geben kann (H. P. Dreitzel 2009). Hier ist die Beobachtung von Bedeutung, dass Menschen, die sich in praktischer Arbeit und eigenem Engagement gegen die Verwüstungen stemmen, die der unkontrollierte Kapitalismus an der Natur und an den Menschen anrichtet, durchweg glücklicher und zufriedener in ihrem Leben zu sein scheinen, als diejenigen, die resigniert aufgegeben haben oder die immer gleichgültig gegenüber dem Leid anderer geblieben sind. Es geht hier also nicht um ein moralisches Argument, sondern um ein pragmatisches: Es lebt sich besser und gesünder, wenn man im Widerstand lebt. Dies ist jedenfalls der Fall, wenn der Widerstand als sinnvoll erlebt wird. Und damit dies der Fall sein kann, müssen die Ziele als prinzipiell realisierbar erlebt werden, und darüber hinaus auf die Kräfte und Ressourcen der Betroffenen abgestimmt sein. Eine wichtige, oft unabdingbare Hilfe dabei ist die Solidarität einer Aktionsgruppe: Man ist nicht allein, nutzt die Kräfte der wechselseitigen Unterstützung und der Intelligenz der Organisation.

Es lässt sich dies auch umgekehrt sagen: unter den Bedingungen der Welt-Krise kann man ein gutes, das heißt ein einigermaßen zufriedenes und als sinnvoll erlebtes Leben nur führen, wenn die eigene Vitalität, die individuelle Lebenskraft, auch in einen kreativen Zorn einfließt, der sich auf die Veränderung der lebensfeindlichen ökonomischen Systeme und der verholzten soziobürokratischen Strukturen richtet. Das ist, was die Gestalttherapie gesunde Aggression nennt.

Allerdings muss dazu erst einmal die Vitalität freigesetzt werden, die durch die Verhakung in neurotische Prozesse ständig energetisch geschwächt wird.

Je weniger dies der Fall ist, desto eher – so das »Kriterium« von Perls und Goodman –

– »verringert sich die Erregung nicht, sobald Hindernisse gegenüber dem schöpferischen Prozess auftauchen;

– bleibt die Gestaltbildung nicht stecken, sondern man erlebt spontan neue aggressive Gefühle und aktiviert neue Ich-Funktionen der Vorsicht, Besonnenheit oder Aufmerksamkeit, wie es die Hindernisse erfordern.

– verliert man dabei nicht das Gefühl für sich selbst als synthetische Einheit, sondern es wird immer schärfer; man identifiziert sich damit immer mehr und sortiert das aus, was nicht zu einem gehört.

Im Gegensatz dazu schwankt die Erregung bei einer Neurose an dieser Stelle hin und her,

– die Aggression wird nicht erlebt,

– man verliert das Empfinden für sich selbst,

– man wird verwirrt, gespalten, abgestumpft.

Dieser faktische Unterschied, der in einem fortgesetzten, ununterbrochenen schöpferischen Prozess besteht, ist das entscheidende Kriterium für Vitalität oder Neurose.« (PHG 333/334, Kursivierungen und Einrückungen von HPD).

Es gibt also sehr wohl ein Kriterium dafür, wie ein psychisch gesundes Leben auch unter den Lebensbedingungen möglich ist, die uns der globalisierte, digitale Kapitalismus auferlegt – jedenfalls in den Gesellschaften, in denen die Befriedigung der unmittelbaren Bedürfnisse nach Nahrung, Trinkwasser und Obdach gesichert ist. Und nur in einem solchen gesellschaftlichen Kontext sind meine weiteren Überlegungen zu verstehen.

■ Aber ist ein psychisch gesundes Leben auch ein glückliches oder gar ein »gutes« Leben? Ein solches gehörte freilich niemals zu den Versprechen der Psychotherapie, jedenfalls nicht der tiefenpsychologisch orientierten. Freud war da ja eher pessimistisch: Die berühmte Formel »Aus Es muss Ich werden« bedeutete für ihn ja nicht etwa die Befreiung zu einem hedonistischen, rein lustvollen Leben, sondern die Anerkennung des »Realitätsprinzips«, nach welchem es ohne Anpassung an die gesellschaftlichen Normen kein befriedetes Leben geben kann. Das war bei Freud (auch angesichts der Katastrophe des Ersten Weltkriegs) bereits das Höchste des Erreichbaren. Das erwachsene Leben kann nicht einfach dem »Lustprinzip« folgen, menschliche Reife erweist sich für Freud in der Fähigkeit zu Triebaufschub, Triebunterdrückung und Sublimation.

Die Katastrophe erwies sich in der Folge als noch steigerbar: Adorno formulierte seinen berühmt-berüchtigten Satz »Es gibt kein gutes Leben im schlechten« angesichts der Erfahrung von Auschwitz. Dieser Satz aber lebt heimlich von der Utopie, deren Scheitern er sich verdankt – der Vorstellung nämlich, menschliches Leben könnte irgendwann und irgendwie einfach »heil« werden, also ohne selbst gemachtes Leid. Diese Illusion ist freilich erst mit der Säkularisierung christlicher Erlösungsvorstellungen in der Philosophie des deutschen Idealismus, vor allem bei Hegel, in die Welt gekommen. Das Projekt des guten Lebens aber ist eine vorchristliche Idee der Antike, die vor allem mit den Namen Epikur und Seneca verbunden ist.

■ Gestalttherapie setzt allerdings nicht darauf, die Menschen »glücklich« zu machen im Sinne von bloßer Zufriedenheit oder gar Erlösung vom Leid. Sie glaubt aber, dass der Entfaltung des Lebens mit allen seinen Potenzialen ein Gutes innewohnt. Fritz Perls setzte, angeregt von dem Philosophen Jan Christiaan Smuts und dem Gestaltpsychologen Kurt Goldstein, an die scheinbar dem Leben selbst innewohnende Tendenz zum Ausgleich der Widersprüche zum Gleichgewicht an. Während der anarchistische Zug in Paul Goodmans Denken ihn zu der Überzeugung brachte, dass die unterschiedlichen individuellen und gesellschaftlichen Kräfte und Bestrebungen sich am besten selbst regulieren. So waren diese beiden bedeutendsten Begründer der Gestalttherapie auf unterschiedlichen Wegen zu der gemeinsam vertretenen Ansicht gelangt, dass das Leben, wenn sein Wachstum weder von außen noch von innen gestört wird, von allein zu einem befriedigenden, reifen Gleichgewicht tendiert. Dieser Gedanke von Wachstum enthält jedoch noch keine Idee von Entwicklung!

Aber »jede Störung des organismischen Gleichgewichts verursacht eine unvollständige Gestalt, eine unvollendete Situation, die den Organismus zwingt, kreativ zu werden, um die Balance wieder herzustellen« (F. Perls 1980, 84). Solche Störungen können von außen kommen (selbst wenn sie wie bei Introjekten so erlebt werden, als ob sie innen seien), dann handelt es sich – in der saloppen Sprache von Perls – um »unfinished business«, eine offene Gestalt, die geschlossen werden muss; oder sie können von innerhalb des Organismus kommen, dann handelt sich um die Es-Funktionen des Selbst, d. h. um Triebe, Bedürfnisse und Interessen, die befriedigt sein wollen. Ist der Hunger gestillt, der Trieb befriedigt, die Gestalt geschlossen, dann befindet sich der Organismus in einem Zustand des relativen Gleichgewichts, der Homöostase, der lustvoll als Sättigung, Befriedigung oder Erfüllung erlebt wird, auch wenn dieser Zustand nie anhält, stets nur von relativ kurzer Dauer ist. Gelingt es uns, unsere Triebe, Bedürfnisse und Interessen immer wieder ausreichend zu befriedigen, dann werden wir uns vorübergehend zufrieden und glücklich fühlen. Für Friedrich Perls war der Gedanke der Homöostase, nach welchem »offene Gestalten« sich durch eine Tendenz zu ihrer Schließung auszeichnen, zentral, denn er passte zu der Entdeckung der Gestalt-Psychologie.

Bei PHG aber taucht der Gedanke des Gleichgewichts nicht mehr auf; hier wird das Leben implizit bereits realistischer als ein Fluss aufgefasst, in der jedes Gleichgewicht sich sofort wieder auflöst. Das war hellsichtig, denn inzwischen hat sich das Verständnis, das die Biologie vom Leben hat, deutlich verändert: Heute ist klar, dass Leben aus einer immer prekären, ständig sich konfliktreich austarierenden Balance zwischen Chaos und Ordnung entsteht. »Das Miteinander von Chaos und Ordnung bildet das eigentliche Schöpfungspotenzial der Natur«, sagt der Medizin-Forscher Friedrich Cramer. Leben wächst – und vergeht auch; und es entwickelt sich (F. Cramer, 1997; vgl. dazu auch Teil I, 1, »Die Erfahrung am Leben zu sein«). Aber es war wohl nicht einem moderneren Verständnis von der Natur des Lebens geschuldet, dass der Gedanke des Gleichgewichts keine Rolle mehr spielte. Vielmehr lag es einfach daran, dass Paul Goodman hier die bei Perls noch fehlende soziologische Perspektive mit einbrachte. Er wusste, dass befriedigende Kontaktprozesse ohne Scham nur in einer freien Gesellschaft gelingen können, und ohne Schuldgefühle nur, wenn wir unsere Mitmenschen auf diesem Weg mitnehmen. Die »sättigende Erfahrung«, wie ich in Reflexive Sinnlichkeit I das gestalttherapeutische Modell der gelingenden Kontaktprozesse zwischen Mensch und Umwelt genannt habe (H. P. Dreitzel, 2007a, Kapitel II), ist also die Grundlage jedes befriedigenden, zum Glück tendierenden Lebens. Es muss aber, um als ein »gutes Leben« bestimmt werden zu können, noch zweierlei hinzukommen:

– der Kampf gegen das, was unsere Lebenskräfte fesselt und erstickt, und

– das Teilen der »Lebens-Mittel«, wie Karl Marx sie so treffend genannt hat, die wir für die sättigenden Prozesse brauchen, mit anderen Menschen.

■ Beides verschafft uns eine eigene, zusätzliche Freude: Es gibt eine Lust, die im Bemühen um den Abbau überholter Vorstellungen von Charakter und von unnötigen Tabus entsteht, und eine Lust an der Gemeinsamkeit des Kampfes und am Verschenken des Überflusses – geteilte Freude ist doppelte Freude. Und es ist die Erfahrung von Sinnhaftigkeit unseres Handelns, die unseren Tätigkeiten, selbst wenn sie mühevoll und anstrengend sind, ihr eigenes Glück verleiht. Diese Erfahrung muss zur Erfahrung der Befriedigung unserer Bedürfnisse hinzukommen, um von einem »guten Leben« sprechen zu können, denn in ihr löst sich das Individuum aus seiner egozentrischen Vereinzelung und öffnet sich zu einer Verantwortung für seine Mitmenschen.

Wie das im Einzelnen aussehen könnte, hat zur Zeit am besten der »Transformationsdesigner« Harald Welzer in seinem Buch »Selbst denken – Eine Anleitung zum Widerstand« beschrieben (H. Welzer, 2013). Dieser Autor hat sich wie kein anderer im deutschen Sprachraum mit der Frage beschäftigt, welche individuellen und gemeinschaftlichen Handlungsspielräume uns in der gegenwärtigen Situation bleiben, welche Möglichkeiten des Widerstands es heute gegen die scheinbar unaufhaltsame Wachstumsdynamik der kapitalistischen Märkte gibt, wie überhaupt die ethische Dimension eines guten Lebens praktisch gestaltet werden kann.

Die Antworten, die die Philosophie auf die Frage danach, was ein »gutes Leben« sein könnte, entwickelt hat, haben sich von Anfang an in diesem Spannungsbogen zwischen individuellem Glück und mitmenschlicher Verantwortung bewegt. In der Antike ist es die Schule der Epikuräer, die sich am meisten um die Frage nach dem menschlichen Wohlbefinden gekümmert hat. Für Epikuros (im Folgenden nach L. Marcuse 1972 zitiert), den griechischen Begründer dieser Schule, war das höchste Gut das Glück. Und dieses Glück bestand für ihn nur aus zwei Elementen. Erstens lehrte er: »Jede Erregung körperlichen Vergnügens lässt eine Lust und Freude der Seele aus sich hervorgehen.« (85). Da ist er schon, der sättigende Prozess als Grundlage des Glücks! Zweitens aber lehrte er: »Ohne Freundschaft gibt es kein vollkommenes Glück.« Ja, er meinte sogar: »Ohne die Gesellschaft eines Freundes zu essen ist bestialisch.« (74). Seine Wertschätzung der Freundschaft geht schließlich so weit, dass er, dreihundert Jahre vor Jesus, zu dem Schluss kam: »Geben ist seliger denn nehmen.« (74)

Epikur lebte zurückgezogen in einem Garten bei Athen, der aber stets für alle unabhängig von Stand und Religion geöffnet war, die ihn besuchen oder/ und von ihm lernen und mit ihm dort leben wollten. Trotz seiner Betonung der Lust lebte er bescheiden und maßvoll, aber er teilte, was er hatte, mit jedem. Da er öffentliche Ämter verschmähte und das politische Leben mied, ließ man ihn in Ruhe. Wie leicht hätte er sonst wegen seiner Lehre wie Sokrates als Verführer der Jugend zum Tode verurteilt werden können! Dafür wurden dann aber die Epikuräer, die bei den Römern noch hohes Ansehen genossen, reichlich kritisiert, verfolgt und geschmäht, als das Christentum zur Staatsreligion geworden war. Es waren diese christlichen Kritiker, die nun die andere, die moralische Seite der Idee des »guten Lebens« besetzten, während auf der anderen Seite die Lust immer mehr als Sünde verdammt und der Körper immer mehr zu einem Ort innerer und äußerer Kasteiung wurde. Wo für das Christentum ein gutes Leben ein gottgefälliges Leben in der Perspektive einer Erlösung im kommenden Reich Gottes war, ging es den Epikuräern der Antike bis hin zu Seneca um bescheidenere Ziele als Erlösung, nämlich um

– Zufriedenheit durch maßvolle Bedürfnisbefriedigung,

– Gelassenheit im Umgang mit Schicksalsschlägen (Epikur wie Seneca wurden ins Exil getrieben) und im Ertragen von Schmerzen,

– Ausgleich der Interessen zwischen den Menschen und

– Pflege der Freundschaft, also der persönlichen Seite dessen, was wir heute Solidarität nennen, die in den Sklavengesellschaften der Antike noch nicht Thema werden konnte.

Was man von Epikur auf jeden Fall lernen sollte ist, dass ein gutes Leben stets ein sättigendes, vor allem lustvolles Leben sein muss, um ein befriedigendes Leben zu sein.

Gewiss muss man fragen, ob die Wertschätzung der Freundschaft bei den Epikuräern ausreicht, um das ganze Gewicht der sozialen Verantwortung und des Gemeinsinnes philosophisch zu tragen. Darauf antworten viele der Philosophen, die sich heute mit der Idee des guten Lebens befassen, mit dem Versuch, objektive, von individuellen Lebensentwürfen unabhängige Werte zu etablieren, die am Gemeinwohl orientiert sind und die ähnlich den Grundrechten situationsunabhängig Geltung haben.

■ Werfen wir also noch einen Blick auf den Stand der Frage nach dem guten Leben in unserer Gegenwart (H. Steifath, 1998) und schauen, ob und wieweit wir inzwischen über Epikurs einfache und vielfach geschmähte Lösung hinausgekommen sind. Zunächst ist die philosophische Entwicklung so verlaufen, dass die Idee des guten Lebens die strenge rationalistische Kritik der Aufklärung nicht überstanden hat. In einer strikten Trennung von Moral und Glück kristallisierte sich die von alters her bekannte, sprichwörtlich gewordene goldene Regel »Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg’ auch keinem anderen zu!« bei Kant zu seinem Kategorischem Imperativ, nach dem individuelles Handeln sich stets an der Maxime zu orientieren hat, dass es auch zum Maßstab der allgemeinen Gesetzgebung werden könnte. Umgekehrt wurde das Glück (»Glückseligkeit« bei Kant) von Kant nun aller Tugend beraubt und definiert als »die Befriedigung aller unserer Neigungen [sowohl extensive, der Mannigfaltigkeit derselben, als intensive, dem Grade, als auch protensive, der Dauer nach]« (I. Kant, 1998, 677) und wurde damit auf das rein Subjektive beschränkt. Hier ist der alte Spannungsbogen zerschlagen, nunmehr stehen sich Glück (als Lust) und Moral (als Pflicht) unversöhnlich gegenüber.

Nach diesem Kahlschlag, der dem Individuum zu seiner vollen und alleinigen Selbstbestimmung verhelfen sollte, gab es für lange Zeit nur noch die eher bemühten sozialphilosophisch-utilitaristischen Versuche, den Wert des egoistischen individuellen Glücksstrebens für das Gemeinwohl durch Tauschtheorien zu retten: Wenn alle ihren eigenen Interessen nachgingen, so würde im Austausch ihrer Güter und Handlungen eine »unsichtbare Hand« (Adam Smith) dafür sorgen, dass der Wohlstand und das Wohl der Allgemeinheit dabei vermehrt würde. Wie wenig dieser Optimismus noch berechtigt ist, wie sehr die »unsichtbare Hand« des Marktes statt das Glück eher das Elend zu mehren imstande ist, das hat zuletzt die Krise der globalisierten Finanzmärkte von 2007 gezeigt. Immerhin aber wird seit Kant die individuelle Selbstbestimmung als ein wichtiges Kriterium für das Glück des einzelnen angesehen.

Erst in jüngerer Zeit ist parallel zur Entwicklung der Grundrechte die Diskussion um das gute Leben wieder in die Philosophie zurückgekehrt. Dabei stehen sich zwei Lager gegenüber, die beide auf ihre Weise wieder versuchen, das Glücksmoment der individuellen Bedürfnisbefriedigung mit den Tugenden der Sorge um das Gemeinwohl zu versöhnen. Der kritische Subjektivismus versucht, ein Moment des Objektiven im rein subjektiven Glücksempfinden dadurch zu retten, dass er die Handlungsstrategien des Strebens nach Glück einer peniblen Kritik unterzieht. Die Gegenposition des Objektivismus sucht dagegen nach allgemeinen Werten, die neben den individuellen Interessen mit zu verwirklichen erst das gute Leben ausmache. Beiden Positionen geht es dabei natürlich nicht um das episodische Glück momentaner Stimmungen und Affekte, sondern um das Glück eines Lebens als Ganzes. Dennoch bleibt bei dieser Diskussion in der Regel offen, ob es um das gute Leben als einzige Möglichkeit geht, oder um ein gutes Leben, von dem es verschiedene Spielarten geben kann.

Die Positionen des kritischen Subjektivismus kommen meines Erachtens aus dem Dilemma des Gegensatzes zwischen Moral und Glück nicht wirklich heraus. Die objektivistischen Positionen dagegen haben natürlich immer das Problem, dass jede Auswahl der zu erstrebenden Werte schwer zu begründen ist. Man muss nicht gleich an die Probleme denken, die die Frage nach der moralischen Berechtigung eines Tyrannenmords aufwirft (die in ihrer neuesten Version als Frage nach der ethischen Berechtigung der Eliminierung von Terroristen durch Drohnen auftritt). Wie z. B. lässt sich die Forderung nach einer Mehrbesteuerung kinderloser Paare oder allein lebender Personen ethisch begründen? Gehört es zu einem guten Leben, Kinder zu bekommen und aufzuziehen, oder kann man auch als Kinderloser ein »gutes Leben« führen? (Weitere solcher Fragen werden von M. J. Sandel, 2008, behandelt.)

■ Die Gestalttherapie hat sich solchen philosophischen Fragen versagt und sich stattdessen an die Empirie der klinisch-psychologischen Erfahrung gehalten. Und da stellt sich heraus, dass es einen lustvollen Aspekt in der »Moral« gibt und einen moralischen Aspekt im Glück des Lustvollen. Man darf unter Moral allerdings nicht eine nur metaphysisch begründbare Pflicht verstehen, wie es Kant getan hat, sondern eine spontane Haltung des Mitgefühls, deren Bedeutung unter den Philosophen am meisten Spinoza und Schopenhauer betont haben und wie sie bekanntlich zentral in den Lehren des Buddhismus ist (Dalai Lama, P. Ekman, 2008), auf den sich Schopenhauer auch bezieht. Aber es bedarf hier gar nicht der Philosophie, denn dass das Geben beglückender ist als das Nehmen, das ist eine empirisch beobachtbare Tatsache, die jeder Mensch an sich selbst erfahren kann.

Eine ebenfalls beobachtbare Tatsache ist, dass derjenige, der mit seinem Leben zufrieden ist, weil viele seiner Bedürfnisse und Interessen befriedigt sind, dieses Lebensglück auch ausstrahlt und damit seine ganze Umgebung aufhellt. In dieser Hinsicht kann die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse auch ihr Gutes für andere Menschen haben. Gewiss, diese Ausstrahlung kann auch Neid auslösen, vor allem in Gesellschaften, die stark leistungsund erfolgsorientiert sind. In der Wirkung, die glückliche Menschen auf andere haben, erweist sich bei genauerem Hinsehen, ob ihr Lebensglück eher oberflächlich, illusionär und nur der Fortuna glücklicher Umstände zu verdanken ist. Denn auch das gehört ja zur Problematik des guten Lebens, dass das Glück illusionär sein kann. Oder ob ihr Glück auf der Sinnhaftigkeit von Zielsetzungen beruht und auf der Gelassenheit im Umgang mit Krisen und Scheitern. Ich vermute, dass es Unterschiede bei der Ausstrahlung gibt: Negative Gefühle wie Neid und Konkurrenz werden wohl eher beim ersteren Fall ausgelöst, während im zweiten Fall solche Menschen auch zu Vorbildern werden können, die zu mehr eigener Kreativität ermutigen: Lebensfreude kann auch ansteckend wirken.

Es ist hilfreich, neben den empirischen Erfahrungen der Psychotherapie auch den empirischen Ergebnissen der Sozialforschung Beachtung zu schenken, wenn es um die Frage geht, was Menschen glücklich macht. Eine solche Forschung gibt es inzwischen (eine erste Zusammenfassung findet sich bei A. Bellebaum, 2011) und ihre Ergebnisse fördern auch Überraschendes zutage. So gibt es z. B. kaum einen Zusammenhang zwischen dem Gefühl, glücklich zu sein, und dem Besitz von Geld oder Schönheit oder Gesundheit! In der Tat scheinen viele der sehr reichen Menschen ziemlich unglücklich zu sein. Aber da muss gefragt werden: Sind wirklich ihre Bedürfnisse und Interessen ganz und gar befriedigt, nur weil sie viel Geld haben? Einige gehen ihren Interessen dadurch nach, dass sie ihr Geld in Stiftungen geben und oft diese auch selbst leiten. Offenbar macht sie das glücklicher. Aber entscheidend ist hier die Erkenntnis, das Geld im Überfluss als solches eben nicht glücklich macht. Eine neuere Untersuchung in den USA fand heraus, dass die Grenze bei einem Jahreseinkommen von 60.000 Euro liegt – bis dahin macht jeder Anstieg des Einkommens glücklicher, danach geht es langsam bergab mit den wohlstandsbedingten Glücksgefühlen – eine überraschend niedrige Grenze, wenn man den Kampf um Boni und ähnliche Perversitäten in der Finanzwirtschaft beobachtet. Reichtum als solcher ist in sich kein als sinnvoll erlebbares Ziel. Das zeigt auch die sogenannte Reichtum-Studie (SPIEGEL-ONLINE, Wirtschaft, 7.9.2010). Die beste Quelle, wenn man fragt, was die empirische Wissenschaft bisher über die Faktoren herausgefunden hat, die ein langes Leben gelingen lassen, ist aber die sogenannte »Grant-Studie«. In dieser Langzeituntersuchung wurden zwei Kohorten von privilegierten und unterprivilegierten Männern 75 (!) Jahre lang in zweijährigen Abständen auf die Glücks- und Unglücksmomente in ihrem Leben hin untersucht. In einem Interview sagt der langjährige Leiter dieser Studie (G. E. Vaillant, 2013): »Reich zu sein ist kein Garant für Glück. Geld kann zweifellos Freude bereiten, doch an Reichtum gewöhnt man sich schnell. Dann wird er unbedeutend.«

Dass körperliche Schönheit ein sehr zwiespältiges Geschenk der Natur ist, belegen unzählige leidvolle und unglückliche Geschichten von schönen Menschen, die mit der Last der übergroßen Aufmerksamkeit, die ihnen oft schon in der Kindheit zuteil geworden ist, nicht umgehen konnten. Überraschend dagegen scheint die Aussage; dass auch Gesundheit für unser Lebensglück nur eine geringe Rolle spielen soll. Ich erkläre das vor allem damit, dass wir den gesunden Zustand unseres Körpers als den normalen erleben – der nicht vorhandene Schmerz wird nicht gespürt und leicht vergessen. Der gesunde Körper steht nur bei mehr oder weniger starken Lustgefühlen im Vordergrund unseres Erlebens – oder wenn wir ihm in erhöhtem Gewahrsein, etwa bei einer Meditation, besondere Aufmerksamkeit zukommen lassen. Im Übrigen steht dieses Ergebnis auch im Gegensatz zu dem hohen Stellenwert, die die Sorge um die Gesundheit in vielen Studien erreicht.

Darüber hinaus gibt es zwei eindeutige Ergebnisse der empirischen Glückforschung, die beide den in der Philosophie des guten Lebens aufgespannten Bogen zwischen subjektiv-individuellen Faktoren und objektiv an Werten orientierten Faktoren bestätigen: Offensichtlich ist die Art und Weise, wie Menschen die Welt erleben, ihre persönliche Sichtweise, wichtiger als die objektiven Umstände ihres Lebens. Das bestätigt auch die therapeutische Erfahrung, dass Veränderung, Linderung des Leidens also, oft schon durch einen bloßen Perspektivwechsel erreicht werden kann – entsprechend dem nach dem amerikanischen Soziologen William Issac Thomas benannten Thomas-Theorem: »Wenn Menschen eine Situation als real definieren, dann ist sie auch real in ihren Wirkungen«. Das andere wichtige Ergebnis der Glücksforschung ist die große Bedeutung, die die eigenen Lebensziele für die Erfahrung von Sinn und Glück im eigenen Leben besitzen.

■ Beides aber reicht noch nicht aus, um allein schon das Gefühl eines glücklichen Lebens zu vermitteln. Zweierlei muss noch hinzukommen: Zum einen der Blick auf die Gesamtheit des Lebens. Akzidentelle Glücksmomente versinken schnell in eine vergangenheits- und zukunftslose Gegenwart. Werden sie auf Dauer gesucht, so kommt es zu einer bloßen Aneinanderreihung solcher Momente, die früher oder später als schal erlebt wird. Ein hedonistisches Leben macht nicht glücklich. Gunter Sachs, dessen Lebensstil stets als Inbegriff des Hedonismus galt, war nichtsdestoweniger ständig mit Tätigkeiten als Fotograf, Astrologe, Kunstsammler und Finanzjongleur u. a. beschäftigt, um seinem Leben einen Sinn zu verleihen, und schied aus dem Leben, als ihm im Alter die Projekte ausgingen (vgl. SPIEGEL Nr. 15, 8.4.2013). Mit zunehmender Reife leben wir mehr und mehr auf ein als Ganzes erfahrbares Leben hin, das bei allem Auf und Ab des Erfolges und des Scheiterns insgesamt auf ein Gelingen angelegt ist. Darauf verweist ja eben der von manchen alternativ zum Begriff des guten Lebens verwendete Begriff eines gelingenden Lebens.

Zum anderen muss eine Erfahrung von Sinnhaftigkeit hinzukommen. Nur wird das, was wir als Sinn erleben, selten als Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens formulierbar sein. Diese Frage, die manchmal auch dem Therapeuten gestellt wird, ist letztlich nicht zu beantworten (und darf von diesem auch versuchsweise nicht beantwortet werden!). Dennoch gibt es ein klares Gefühl von Sinnhaftigkeit bestimmter Lebensvollzüge und zuweilen eben auch des ganzen Lebens, das sich einstellt, wenn es gelingt, das eigene Leben auf das Erreichen von Zielen auszurichten, die jenseits der eigenen Person liegen. Wenn sich dieses Gefühl paart mit dem Glücksgefühl der Befriedung der eigenen Bedürfnisse, dann kann wohl mit Recht von einem guten Leben gesprochen werden.

Der Philosoph Martin Seel hat als Kriterium für ein gutes, also befriedigtes, sinnhaft orientiertes, gelingendes Leben diese Formel vorgeschlagen: »Das gute Leben ist eines, das sich im Modus freier Weltbegegnung vollzieht.« (M. Seel, 1998, S. 280). Das könnte man auch als Fazit des Menschenbildes der Gestalttherapie so sagen. »Frei« hieße dabei sowohl selbstbestimmt als auch Spielräume für diese Selbstbestimmung gewährend, die natürlich häufig genug durch äußere Umstände oder innere Behinderungen eingeschränkt sind. »Weltbegegnung« kann man gestalttherapeutisch verstehen als den Kontakt zwischen Mensch und Umwelt, das heißt als den »sättigenden Prozess«, durch den sich jeder nährende, für das menschliche Wachstum notwendige Austauschprozess mit der Welt vollzieht. Und Begegnung ist dann in dieser Perspektive die Möglichkeit, ja Wahrscheinlichkeit, zum »vollen Kontakt« zu gelangen, diesem vorübergehenden, aber sich potenziell in jedem Kontaktvorgang wiederholenden Zustand der Integration von Subjekt und Objekt im Verschmelzen von menschlichem Organismus und Umwelt am jeweiligen Punkt ihrer Berührung zu einer Einheit des Erlebens (vgl. S. 64/65).

■ Wir müssen nur noch das Kriterium des Gewahrseins hinzufügen, diese nur dem Menschen eigene Fähigkeit eines kognitiven Zustands des Bewusstseins der Leibhaftigkeit unserer Erfahrung von Welt, mit dem wir uns auf die »Kontaktgrenze«, den Berührungspunkt zwischen Subjekt und Objekt, konzentrieren können. Diesen Zustand werde ich im weiteren Verlauf meiner Überlegungen auch Bewusstheit oder reflexive Sinnlichkeit nennen. Das Gewahrsein ist in der Gestalttherapie, die von Friedrich und Lore Perls ursprünglich Konzentrationstherapie genannt wurde, das heilende Agens, das, was »gesund« macht. Dazu gehört auch,

dass, wenn diese »Weltbegegnung« mit erhöhtem Gewahrsein geschieht, wie von selbst ein eigentümliches Verantwortungsgefühl für die jeweilige Umwelt entsteht, eine Sorge für das Objekt unserer Begegnung, also insbesondere für unsere Mitmenschen, aus der längerfristig die Sinnhaftigkeit und Zielorientierung eines Lebens erwächst. So gesehen enthält das Menschenbild der Gestalttherapie in der Tat das Projekt eines guten Lebens, wie es eine jahrtausendealte philosophische Tradition vor und jenseits des Christentums im Abendland entwickelt hat.

Wie dieses Projekt im Einzelnen aussieht, soll nun im ersten Teil dieses Buches anhand ausgewählter Stichworte erläutert werden.

Teil I. Das Projekt eines guten Lebens

Ich glaube nicht genug an die Vernunft,

um an ein System zu glauben.

Was mich interessiert ist,

wie man leben soll.

Albert Camus

1. Sich in das Abenteuer des Lebens stürzen

To expect the unexpected shows

a thoroughly modern intellect.

Oscar Wilde

Dass unser Leben ein Abenteuer ist, soll zunächst einfach heißen: unser Leben ist ein Ereignis, das wir nicht geplant haben und das von einer Serie von schicksalhaften Ereignissen bestimmt wird, die immer wieder alle Lebensplanung durcheinander werfen. Die Zukunft bleibt stets ungewiss, sodass alle Sicherheit höchstens Wahrscheinlichkeitswert besitzt. »Der Mensch denkt und Gott lenkt« ist ein altes Sprichwort, das diese Erfahrung auf den Punkt bringt. In ihm steckt freilich noch der Hinweis auf ein vor-modernes Gottvertrauen, das Heil und Trost zu bringen versprach, zumindest aber etwas Halt inmitten der Lebensstürme bot. Diesem Versprechen noch zu glauben, wurde in der Moderne zunehmend schwieriger. Der Mensch der frühen Neuzeit wird immer mehr von Glaubenszweifeln gequält, die in den Reformationen des 16. Jahrhunderts ihren theologischen und sozialen Ausdruck fanden. Zugleich beginnt mit der Renaissance und dem Humanismus eine Rückbesinnung auf die dem Menschen eigenen Potenziale, die ungeheure Kräfte freisetzt: Vom 15. bis zum 18. Jahrhundert wird die Welt von Europa aus mit einem zuvor undenkbaren Elan und Eifer erkundet, besetzt und kolonisiert. Dieses »Zeitalter der Entdeckungen« ist geprägt von abenteuerlichen Reisen, die die politische und soziale Welt tiefgreifend verändert haben. Während aber in der Antike und im Mittelalter die Abenteuer des Lebens zumeist passiv als gottgewolltes oder teuflisch inszeniertes Schicksal erlitten wurden, entwickelt sich in der Neuzeit immer häufiger auch eine Haltung, in der das Abenteuer positiv gewertet und oft sogar ersehnt wird als notwendiger Bestandteil einer Suche nach individuellem Glück. Das ist bereits der Fall bei Parzivals Suche nach dem Gral, während die Reisen des Odysseus noch schiere Irrfahrten sind, die die Götter dem Helden schicksalhaft auferlegen.

Ähnliches gilt auch für die Abenteuer des Geistes in den Wissenschaften, die unser Weltbild wie auch unser Bild vom Menschen selbst vollständig verwandelt haben; mit Galileo und Kepler verlor die Erde ihren Status als Mittelpunkt des Universums; mit Darwin verlor der Mensch seine Rolle als Krone der Schöpfung; mit Freud verlor der Mensch seine vollständige Kontrolle über sich selbst. Seitdem haben die Atomphysik und die Quantenphysik unsere Vorstellung von der Substanzhaftigkeit der Erde aufgelöst, und jetzt stellen die Neurowissenschaften sogar unsere Willensfreiheit infrage und halten unser Ich-Bewusstsein für eine Illusion.

■ Nach dem inneren Halt des Gottvertrauens in einem theologischen Weltbild geht auch der Halt an dem äußeren Bild der Welt, wie es die klassischen Naturwissenschaften entworfen hatten, nun immer mehr verloren. Die These, dass das Leben ein Abenteuer sei, bekommt jetzt einen neuen Sinn: Es geht nicht mehr nur um unvorhersehbare Ereignisse und Bedrohungen, die es zu bewältigen gilt, und um das Bestehen von überraschenden Herausforderungen, sondern das Leben als ganzes erscheint von vornherein als ein Abenteuer, so als wären wir hineingeworfen in ein Leben, für das uns die Betriebsanleitung fehlt. Lange bevor der Existenzialismus des 20. Jahrhunderts von der »Geworfenheit« des Menschen in die Existenz sprach, hat der berühmte Mathematiker und Theologe des 17. Jahrhunderts Blaise Pascal diese verzweifelte Lage des modernen Menschen so beschrieben:

»Weder weiß ich, wer mich in die Welt setzte, noch was die Welt ist, noch was ich selbst bin. In einer furchtbaren Ungewissheit was meine Sinne sind, noch was meine Seele ist, und der Teil meines Ichs sogar, der in mir denkt, was ich sage, der über alles und über mich nachdenkt, kennt sich selbst nicht besser als das Übrige. Ich schaue diese grauenvollen Räume des Universums, die mich einschließen, und ich finde mich an einer Ecke dieses weiten Weltraums gefesselt, ohne dass ich wüsste, weshalb ich hier und nicht etwa dort bin, noch weshalb ich die wenige Zeit, die mir zum Leben gegeben ist, jetzt erhielt und zu keinem anderen Zeitpunkt der Ewigkeit, die vor mir war und nach mir sein wird. Ringsum sehe ich nichts als Unendlichkeiten, die mich wie ein Atom, wie einen Schatten umschließen, der nur einen Augenblick dauert ohne Wiederkehr. (P. Blaise 1956, 90).

Das scheint mir noch immer, und jetzt am Ende der Neuzeit erst recht, eine realistische Beschreibung unserer Situation. Für Pascal ergab sich die Erlösung aus dieser Situation nur aus der tragischen Religiosität eines credo quia absurdum est (Ich glaube, weil es absurd ist.). Obgleich ein solcher Glaube fast schon existenzialistisch anmutet, bleibt darin doch viel Platz für kirchlich vorgegebene Ordnungen und Wertsetzungen. Pascal jedenfalls führte ein so asketisches Leben, dass er seine ohnehin schwache Gesundheit damit vollends ruinierte. Diese Askese aber ist eine Negation des Körpers und kann deshalb niemals Bestandteil einer humanistischen Idee vom »guten Leben« sein.

Statt auf den Glauben setzt die Gestalttherapie dagegen immer auf die Erfahrung. Sie ermutigt den Menschen, das Abenteuer seines Lebens nicht bloß passiv zu erleiden, sondern es aktiv anzupacken und uns mit all unseren Sinnen in das Ungewisse zu stürzen und das, was wir dabei entdecken, mit kreativer Lust zu gestalten. Dabei setzt sie auf das Potenzial des Lebens, sich in schöpferischer Anpassung mit denjenigen Elementen der Umwelt zu identifizieren, die es zu seinem Wachstum braucht, und sich von denjenigen zu entfernen, die diesem Austauschprozess im Wege stehen.

■ Unsere erste und wohl auch letzte Erfahrung ist, dass wir am Leben sind. Deshalb steht in der Gestalttherapie das Bewusstsein zu atmen bei den sehr bedrohlichen psychosomatischen Störungen so sehr im Mittelpunkt. Vergegenwärtigen wir uns also: was wissen wir heute über die Frage: Was ist Leben? (Das Folgende stützt sich auf Formulierungen von F. Cramer, 1997). Leben ist Materie, die sich selbst reproduziert. Leben vermehrt sich so lange, wie die äußeren Bedingungen, vornehmlich die Nahrungsquellen, ausreichend und förderlich sind. Da die Bedingungen niemals nur günstig sind, stößt Leben immer auf Grenzen: »Das Lebendige explodiert und droht sich selbst zu ersticken.« (49) Leben muss sich an die sich ständig verändernde Umwelt anpassen. Deshalb entwickelt sich Leben, es evolviert durch eine Folge von erfolgreichen Mutationen, die die Anpassung an neue Umweltbedingungen gewährleisten. Leben ist bestimmt durch das Gesetz der Entropie, nach dem alle dynamischen Prozesse auf die Dauer einen Energieverlust erleiden; das heißt, alles Leben verschwindet wieder, stirbt ab. Die meisten Gattungen von Lebewesen, die die Natur hervorgebraucht hat, sind bereits ausgestorben; das gilt auch für die verschiedenen Menschengattungen vor dem homo sapiens, also uns.

Das individuelle Leben wird zeitlich strukturiert durch den Zyklus von Geburt, Wachstum, Siechtum und Tod. Schon rein biologisch ist also das Leben ein Abenteuer. Es ist eine »Bergbesteigung unter hohem Aufwand von Energie und Können mit einer anschließenden Gratwanderung … Mit Vorsicht, Intelligenz und bergsteigerischem Können (kann man) auf einem schmalen, unter Umständen gefährlichen Grat entlang wandern« – solange die aus der Umwelt bezogene Energie reicht (52). Leben ist also nicht im Gleichgewicht, es ist energetisch äußerst kostspielig und daher physikalisch unwahrscheinlich.

So einleuchtend und überzeugend die Klage von Pascal auch heute noch erscheint, so einseitig ist doch ihre Perspektive. Denn sie bezieht sich allein auf unsere unbestreitbare Unwissenheit. Er sagte nichts über die Kräfte und Begabungen, mit denen wir Menschen bereits auf die Welt kommen. Menschliches Leben verfügt über reiche Ressourcen der Orientierung in einer unbekannten Umwelt, welche Lebens- und Überlebenschancen enthält, die angesichts unserer Ignoranz höchst erstaunlich sind. Damit dieser Schatz zum Tragen kommen kann, muss allerdings das Überleben in den ersten Jahren nach der Geburt in einer sozialen Umgebung gewährleistet sein, die zugleich sicher und stimulierend ist. Menschen sind gemessen an vergleichbaren Säugetieren Frühgeburten, weil ihr mächtiger, das große Gehirn schützender Schädel eine spätere Geburt, für die der Geburtskanal zu eng wäre, unmöglich macht. Sie verbringen das sogenannte »extra-uterine Frühjahr« (A. Portmann, 1991) in vollkommener Abhängigkeit von den Eltern und nahen Bezugspersonen, was sie zugleich offen macht für ungewöhnlich frühe soziale Einflüsse – Anregungen wie Behinderungen.

Die Natur beziehungsweise die Evolution hat uns ausgestattet mit dem Neocortex, einer Gehirnregion, die uns rationales Denken, Planen und Abwägen ermöglicht. Der Neokortex ergänzt unseren Sinnesapparat, der zwar bei manchen Tieren im Einzelnen schärfer ausgebildet ist, aber ohne diese von unserem Gehirn ermöglichte Einheit der Sinne (H. Plessner, 1923) zu erreichen, aus der unsere hoch komplexe Weltsicht erwächst. Wir verfügen über ein evolutionär altes, aber zu erstaunlicher Differenzierung und Ausprägung fähiges emotionales Sensorium, das unsere kognitiven Kräfte motivational unterstützt. Und wir besitzen die Fähigkeit der Sprache, auch sie ist ein Wunder, das die Forschung bisher nicht wirklich entschlüsseln konnte. Diese Potenziale zusammengenommen machen die evolutionär neueste Ausgabe des Menschen, den homo sapiens, zu einem Lebewesen, dessen größte Bedrohung nunmehr die Zerstörung der ihn tragenden Umwelt durch seine eigene Überlebenskompetenz ist.

■ Das ist ein ganz anderes Bild des Menschen als das von Pascal entworfene, ohne dass dieses darum falsch wäre. Manche würden vielleicht an dieser Stelle sagen, dass es besser gewesen wäre, erst einmal die von Pascal aufgezählten Grundfragen zu klären, bevor sich die Menschheit in das Abenteuer einer Wissenschaft stürzte, in deren Folge sie ihren inneren Halt verloren und zugleich ihre eigene Umwelt vergiftet hat. Aber das wäre ein kurzsichtiger Blick: Es ist derselbe Prozess der wissenschaftlich-mathematischen Suche nach der Antwort auf diese Fragen, den Pascal und andere Denker des 16. und 17. Jahrhunderts angestoßen haben, der zu den Problemen unserer Gegenwart geführt hat. Nur haben sich die Prioritäten etwas verschoben: langsam – zu langsam! – schiebt sich die Umweltproblematik immer mehr in den Vordergrund, einfach weil es hier um unser aller Überleben geht.

Auf andere und neue Weise wird gegenwärtig deutlich, wie sehr das Leben ein Abenteuer ist: Indem wir unsere Fähigkeiten nutzend die vorgefundene Umwelt zur Befriedigung unserer Bedürfnisse umgestalten und uns verfügbar machen, greifen wir in die homöostatischen Rückkoppelungsprozesse der Natur ein und stören deren Systemzusammenhänge dergestalt, dass sie uns feindlich gegenüber tritt und unsere Sicherheit bedroht. Um Grundbedürfnisse wie Nahrung, Wärme, Gesundheit und Mobilität zu befriedigen, vergiften wir andere lebenswichtige Ressourcen der Umwelt wie die Luft, das Wasser, die Erde und die von ihr getragenen Biotope. Es zeigt sich, dass die Suche nach dem guten Leben, wenn sie allein im Dienst einer immer besseren Befriedigung unserer materiellen Bedürfnisse gestellt wird, umschlägt in das Gegenteil dessen, was sie erreichen wollte. Die Dialektik von Steigerung des Lebensstandards und Zerstörung der Umwelt hat sich überraschend als das Abenteuer der Moderne erwiesen.

■ Dieses Abenteuer ist offenbar dafür verantwortlich, dass wir heute in einer Gesellschaft leben, die geradezu besessen von Sicherheitsbedürfnissen und Sicherheitserwartungen ist. Nie zuvor in der Geschichte haben sich Menschen gegen so viele Risiken des Lebens versichern lassen und gleichzeitig ist nie zuvor ein derart großer Aufwand für Sicherheitsvorkehrungen getrieben worden. Die Angst vor Terrorismus hat zur Entwicklung digitaler Überwachungssysteme geführt, die auf die Dauer die Privatsphäre als solche zu zerstören drohen – schließlich stehen wir erst am Beginn der digitalen Revolution.

Dabei ist das Leben tatsächlich unvergleichlich viel sicherer geworden als es in vormodernen Zeiten war. Wie Steven Pinker in seiner großen Untersuchung zur Geschichte der Gewalt gezeigt hat (Pinker, 2011), ist die Chance, durch menschliche Gewalt oder durch einen Unfall zu Tode zu kommen, trotz der großen Kriege und Völkermorde des 20. Jahrhundert sehr viel geringer geworden, als sie noch im 19. Jahrhundert war. Trotz internationalem Terror, trotz schreckenerregender Unfälle bei der Großtechnik vom Untergang der Titanic bis zu Tschernobyl und Fukushima: Wir fahren täglich mit dem Auto und wir reisen in entfernte Gegenden (sofern uns nicht das Außenministerium davon abrät) weitgehend ohne Furcht vor Unfällen, Überfällen und Mordattacken. Die Selbstverständlichkeit unserer Mobilität ist das beste Indiz dafür, wie sicher wir uns tatsächlich fühlen.

Allerdings lässt sich dieses Sicherheitsgefühl nur durch die neurotische Verdrängung der großen Umweltgefahren aufrechterhalten. Nur so lässt sich der Widerspruch zwischen Risikobereitschaft beim Betrieb von Atomkraftwerken und vorläufigen »Endlagern« des anfallenden Atommülls und den zum Teil schon wahnhaften Sicherheitsbedürfnissen, z. B. beim Autobau oder im Haushalt, erklären. Diese haben auch etwas damit zu tun, dass uns die globalisierten Medien ständig die meist eher punktuelle Gewalt aus aller Welt vor Augen führen und wir uns in zahllosen Filmen Gewaltszenen anschauen, die uns teils mit schauderndem Warnen, teils mit voyeuristischem Blick im Detail vorgeführt werden. Auf jeden Fall erleben wir heute ein paradoxes Nebeneinander von Risikoverhalten und Risikovermeidung. Während im öffentlichen Bereich die staatlichen und wirtschaftlichen Systeme bei der Förderung und Benutzung von Großtechnologien gigantische Risiken auf sich nehmen, um die weltweiten Handelsketten in Fluss zu halten und die Profite zu sichern, wird der Bürger von Seiten eines paternalistischen Staates mit oft absurden Sicherheitsvorschriften gegängelt. Dabei sind dessen eigene Sicherheitsbedürfnisse schon reichlich genug ausgeprägt, wo nicht Gruppen von Jugendlichen und einzelne Extremsportler vorübergehend aus diesem subtilen Zwangssystem aussteigen.

Paradoxerweise ist es gerade der private und staatliche Sicherheitswahn, der der Verdrängung der wahren Risiken Vorschub leistet. Das wird durch zwei Faktoren begünstigt: die abstrakte Größe der Gefahren und zum Teil auch ihre abstrakte Qualität wie bei der sinnlich nicht erfahrbaren nuklearen Strahlung einerseits, und dem Gefühl der Ohnmacht gegenüber den großen und als abstrakt erlebten Systemen der Politik und der Wirtschaft andererseits. Was als unmittelbar erlebbar erfahren wird, ist dagegen weniger Verdrängungen ausgesetzt: Übereinstimmend zeigen alle entsprechenden Untersuchungen, dass die Hauptsorge der meisten Menschen ihrer Gesundheit gilt – obwohl wir so gesund sind und so lange leben wie nie zuvor, weshalb sie als Glücksfaktor fast nur von alten Menschen wahrgenommen wird.

In der Tat ist also gesellschaftlich gesehen das Leben nicht nur abenteuerlich im Sinne von reich an Überraschungen, sondern auch im Sinne von ungewiss und gefährlich – auch wenn die wirklichen Gefahren vielfach verdrängt werden. Im Bewusstsein des Einzelnen aber stehen die Gefährdungen des »normalen« Lebens im Vordergrund: Bleibt mir meine Gesundheit erhalten? Werde ich diese Prüfung bestehen? Schaffen meine Kinder den Hauptschulabschluss, das Gymnasium, das Abitur, die Gesellenprüfung, die Fahrprüfung usw.? Werde ich meine Arbeit verlieren? Habe ich noch Aufstiegschancen? Bleibt mir meine Frau / mein Mann treu? Übernehme ich mich bei diesem Kredit für den Hausbau? Komme ich ohne Stau durch? Es sind die vielen privaten alltäglichen Ängste, an denen sich die starken Sicherheitsbedürfnisse entzünden, und es ist die außerordentliche Komplexität und Unübersichtlichkeit des modernen Lebens, die sie schüren.

■ Das ist dann der Punkt, an dem der Satz »Sich in das Abenteuer des Lebens stürzen« einen normativen Gehalt bekommt. Gestalttherapie lehrt, dass es sich lohnt, dass es uns inneren Reichtum und innere Reife schenkt, wenn wir uns auf das Leben voll einlassen, nämlich

– mit Leidenschaft,

– ohne Rücksicht auf verinnerlichte Normen und Lebensskripte,

– unseren Gefühlen ebenso folgend wie unserem Verstand,

– immer auf das Leben selbst setzend,

– nicht auf bürokratische oder ökonomische Sicherheit bauend,

– sondern stattdessen den eigenen schöpferischen Kräften vertrauend.

Von solcher Art ist das Selbstvertrauen, das in der Gestalttherapie aufgebaut und geübt wird. Jede »Gestaltarbeit«, d. h. jede therapeutische Begegnung zwischen Gestalttherapeut und Klient, ist ein Abenteuer in dem Sinn, dass keiner von beiden weiß, wohin diese Begegnung, dieser Tanz, sie führen wird. Es ist immer ein Sich-Einlassen auf das Unbekannte. Oft führt dieses Abenteuer zunächst in eine Sackgasse, in der der Patient das Gefühl hat, dass es nicht weitergeht. Seine Energie implodiert und steht als Kraft für den Kontaktprozess nicht mehr zur Verfügung, weil er sie »retroflektiert«, d. h. auf sich selbst zurückwendet, so als würde er mit sich selbst Fingerhakeln spielen. Das Haupthindernis, aus der Sackgasse herauszukommen, sind seine Katastrophenängste. Klinische Beobachtung zeigt, dass diese Katastrophenängste umso stärker und unrealistischer werden, je stärker ein Mensch »retroflektiert«. Gestalttherapie setzt hier auf die verändernde Kraft des Gewahrseins. In den Worten von Fritz Perls: »Ich bin überzeugt, dass wir die Sackgasse überwinden können, vorausgesetzt wir widmen der Art und Weise, wie wir fest hängen, unsere volle Aufmerksamkeit.« (PHG, 174). Dann entdeckt und erfindet der Patient eine neue Lösung, einen Weg aus der Sackgasse, und entdeckt dabei Kräfte in sich selbst, die sein Selbstvertrauen, seinen Lebensmut, stärken.

Angst ist ein sehr unangenehmes Gefühl, auch wenn es sich nicht um die Furcht vor einer konkreten gegenwärtigen Bedrohung handelt, sondern um das Gefühl einer unbestimmten Angst vor nur vage vorgestellten, unklaren, eventuell nur eingebildeten Gefahren. Und das ist eben genau dann der Fall, wenn wir stark »retroflektieren«, denn dann fehlt uns die lebendige Erfahrung mit dem Teil unserer Umwelt, den wir vermeiden. Wird der Chef, mit dem ich noch nie gesprochen habe, mir wirklich demnächst kündigen, wenn ich ihn um ein paar Tage zusätzlichen Urlaub bitte, um mich um meine kranke Mutter zu kümmern? Konzentrieren wir uns auf die Lähmung des Handlungsimpulses, dann wird das Erfahrungsfeld, (die »Kontaktgrenze«) zwischen mir und dem jeweils relevanten Umfeld sofort differenzierter und lässt nun Platz für unsere kontra-phobischen Kräfte. Die (schmerzvolle) Konzentration darauf, wie wir uns blockieren, mobilisiert die Energie des unterdrückten Lebensmuts und macht uns frei für schöpferische Lösungen (für die »kreative Anpassung«). Dabei helfen uns in der Gestalttherapie die sogenannten Gestalt-Experimente; und im Leben ein risikofreudiges, aber nicht leichtsinniges, in einer Haltung von Versuch und Irrtum lustvolles Ausprobieren – kurz: ein abenteuerfreudiges und zugleich leidenschaftliches Herangehen an die aktuell vorliegenden Aufgaben.

Gehen wir also in das Abenteuer des Lebens hinein

– mit dem Mut des Vertrauens auf die eigenen Kräfte,

– mit Vorsicht im Hinblick auf unsere Schwächen,

– mit Umsicht im Hinblick auf die Ressourcen in unserer Umwelt,

– mit Rücksicht auf unsere Mitmenschen

– mit Nachsicht gegenüber unseren Feinden, denn sie sind uns ähnlicher als wir glauben,

– und mit der lebendigen Leidenschaft, die uns zum Risiko befähigt.

2. Neugier und Wissensdurst pflegen

Jedes Kind betritt diese Welt voller Neugier: Kaum ist es geboren, versucht es schon seinen eigenen Körper und dann seine Umgebung mit seinen Händchen zu erfassen. Nach und nach erwachen seine Sinne, deren jeder ein Kontaktorgan (= eine zentrale »Ich-Funktion des Selbst«) ist, mit dessen Hilfe das Kind eine komplexe, multidimensionale Welt zugleich entdeckt und erfindet. Wie Perls und Goodman sprechen wir hier nicht nur von »entdecken« , sondern auch von »erfinden«, weil unser die Sinnesdaten verarbeitendes Gehirn die Wirklichkeit in einer ganz bestimmten begrenzten Weise zeigt bzw. aus diesen Daten eine Realität konstruiert, die dann bei kommunikativer Bestätigung durch andere und praktisch-funktionaler Bewährung zu dem wird, was wir für die Wirklichkeit halten.

Bei allen höheren Säugetieren schon gibt es ein Neugier-Verhalten, das eng mit der Spielphase bei den Heranwachsenden verbunden ist. Der evolutionäre Sinn dieses Verhaltens ist natürlich, dass die Tiere ihre Sinne erproben und dabei ihre Umwelt kennen lernen, z. B. wo sich ihre Nahrungsquellen befinden und wo auch die Gefahren lauern. Die Säugetiere haben sich so entwickelt, dass es zu ihrer Natur gehört, die Welt aktiv zu erkunden, sich also neugierig auch dem Unbekannten zuzuwenden, insbesondere in der Spielphase der Aufwachsenden, wenn es um die Ausbildung der senso-motorischen Funktionen geht.

Erst recht aber beim Menschen ist dieses Erkunden und Erforschen nicht allein auf die Kindheits- und Jugendphase ihrer Entwicklung beschränkt, sondern, wenn er nicht daran gehindert wird, ein lebenslanges Grundmuster seines In-der-Welt-Seins. Genauso wie bei den Tieren ist dabei wichtig, dass die Neugier angeregt wird durch reiche Stimuli in der Umwelt. Bei einer reizlosen Umwelt verkümmert die Neugier. Es ist auch hier wieder, wie die verhaltensbiologische und die psychologische Forschung bestätigt, die Wechselwirkung von Umweltreiz und Interesse, die an ihrem Berührungspunkt, gestalttherapeutisch gesagt an der Kontaktgrenze, zu Erfahrungen führt, die die Intelligenz steigern und das Wissen vermehren.

■ Die Gestalttherapie sieht neben den biologischen Grundbedürfnissen zwei andere Grundbedürfnisse, die einigermaßen erfüllt sein müssen, damit Menschen überleben und wachsen können:

1. das Bedürfnis nach Sicherheit, das dem Überleben gilt

2. das Bedürfnis nach dem Neuen, das allein in der Umwelt zu finden ist

Der bekannte amerikanische Gestalttherapeut Michael Vincent Miller geht so weit zu sagen, dass Neugier in der Theorie der Gestalttherapie gleichbedeutend sei mit dem, was für die Theorie der Psychoanalyse die Libido ist, also die Grundkraft (»the elemental shaping force«), die das Wachstum und die Entwicklung vorantreiben (M. V. Miller, 1987). In seinen Worten: Der Begriff der »Neugier passt bestens zur phänomenologischen Basis der Gestalttherapie, denn es ist ein ›intentionaler‹ Begriff; d. h. er verbindet Gewahrsein mit Aggression in der Bedeutung, in der Gestalttherapie diese Begriffe benutzt, in dem die subjektive Erfahrung eines Selbst mit anklingt, das seine Sinngebungen und Absichten an die Welt hinaus richtet.« (22, meine Übersetzung, HPD).

Sicherheitsstreben und Neugier müssen sich also die Waage halten (T. Kashdan, Curious?, 2009). Fast immer soll erst das körperliche Überleben gewährleistet sein, bevor sich der forschende Geist aufmacht, die Welt zu erkunden. Gesellschaftlich aber ist nun, wie wir gesehen haben, in der westlichen Welt die Waagschale tief auf die Seite der Sicherheit gesunken. Während für die meisten in dieser Gesellschaft die Befriedigung der Grundbedürfnisse gesichert ist – kaum jemand hungert oder friert, nur wenige sterben noch an Seuchen und wir leben länger und gesünder denn je – versichert man sich gegen immer mehr Risiken des Lebens und sorgt sich ständig um die eigene Sicherheit in der Öffentlichkeit. Dabei ist, wie wir bereits unter Berufung auf Steven Pinker festgestellt haben, die Chance gewaltlos zu leben und gewaltlos zu sterben heute so groß wie nie zuvor in der Geschichte.

Das deutsche Wort Neugier enthält schon seine eigene Negation. Bei der Gier nach etwas Neuem würde man heute eher an problematische Formen des Konsumverhaltens denken als an das, was das lateinische Wort curiositas, aus dem sich die entsprechenden Worte in der englischen und in den romanischen Sprachen ableiten, eigentlich meinte, nämlich unseren Wissensdurst, diese vielleicht tiefste und menschlichste unserer Leidenschaften. Für die antike Philosophie von Aristoteles bis zu Seneca stand fest, dass alle Menschen von Natur aus neugierig sind. Als aber das Christentum seinen Siegeszug antrat, wurde die Neugier zu einer überflüssigen Ablenkung von der Offenbarung, die keiner Ergänzung mehr bedurfte.

■ Nachdem die Kirchenväter Tertullian und Augustin die Neugier als eine Sünde verdammt hatten, blieb sie für über tausend Jahre verdächtig, allenfalls zur Ketzerei zu führen. Und sie wurde zu einer weiblichen Eigenschaft: War es nicht Eva gewesen, die Adam verführt hatte, vom Baum der Erkenntnis zu essen? Und konnte man nicht zu allen Zeiten beobachten, dass die Frauen stets von Neugier getrieben sind?

Erst die neuzeitliche Transformation der Neugier in den Wissensdurst des Forschers rehabilitierte sie als eine Tugend, die damit freilich auch den Frauen aus der Hand genommen wurde. Es war »der Prozess der theoretischen Neugierde«, wie der Philosoph Hans Blumenberg es in seinem berühmten Buch genannt hat (H. Blumenberg, 1977), der das (zumindest der wissenschaftlichen Erkenntnis dienende) Fragen wieder gesellschaftlich legitimiert und damit einen enormen Entwicklungsschub ausgelöst hat, der bis heute anhält und der erst zur Mechanisierung der Welt (S. Gideon, 1982) und zur heutigen Digitalisierung unseres Alltagslebens geführt hat.

Oberflächlich gesehen scheint die Zeit, in der die Wissbegierde der Kinder durch ein rasches »Sei nicht so neugierig!« schon frühzeitig gedrosselt wurde, endgültig vorbei zu sein. Die elende Geschichte der Verdammung der Neugier als Sünde, die von Augustins Warnungen vor der Curiositas bis zur Verfolgung der Naturforscher durch die Inquisition in der frühen Neuzeit reichte, scheint beendet. Bei genauerem Hinsehen ist der Wissensdurst, dieser wunderbare Urtrieb des Menschen, heute aber erneut gefährdet, und zwar durch seinen eigenen Erfolg. Er trifft nämlich nun auf eine doppelte Hemmschwelle. Einerseits wird unser Wissensdurst gedämpft durch unsere eigenen Risiko-Ängste, die ständig von Katastrophenmeldungen und Katastrophenfantasien aller Art genährt werden, denen wir doch mit schaudernder Neugier unsere Aufmerksamkeit schenken. Andererseits wird er leicht frustriert durch die Überfülle der im Internet leicht zugänglichen Daten – Informationen also, die erst noch zu Wissensbeständen verbunden werden müssen.

■ Oft wird dieser mühselige Prozess heute durch eine Transformation komplexer Wissensbestände in Bilder durch die Medien umgangen, die dadurch eine Wirkmächtigkeit gewinnen, die weit über den Erkenntniswert von Illustrationen hinausgeht. Inzwischen scheinen die Bilder zuweilen sogar die wissenschaftliche Erkenntnis vor sich her zu treiben. Zum Beispiel sorgen die bildgebenden Verfahren dafür, dass die medizinische Diagnostik inzwischen die therapeutischen Möglichkeiten der ärztlichen Kunst weit hinter sich gelassen hat; in der Gehirnforschung scheinen sie sogar zuweilen die Erkenntnis selbst zu ersetzen – so groß ist ihre Faszination. Der Grund für den Erfolg der Bilder ist ihr Versprechen, die übergroße Komplexität der Wirklichkeit so zu reduzieren, dass sie leichter zu erfassen und handlungs-motivierender ist – allerdings auf Kosten der analytischen Erkenntnis.

Gegen die Gefahr der Verdummung durch die Bilder hilft, ihnen mit eigener Gestaltungskraft zu begegnen. Die Gestalttherapie hat von vornherein (durch den Einfluss von Laura Perls) immer auch auf die Kraft der schöpferischen Arbeit mit künstlerischen Medien vertraut. Das sollte aber nun nicht mehr als Gegensatz zur technischen Welt begriffen werden, sondern als ein produktives Miteinander. Vielleicht ist das malerische Werk von Gerhart Richter deshalb weltweit so außergewöhnlich erfolgreich, weil ihm das mit der Kombination von Fotografie und Malerei so wunderbar gelungen ist. Und weil er im Gegensatz zu der fast gesamten sonstigen Gegenwartskunst nie aufgegeben hat, nach der Schönheit zu suchen.

Man muss sich vergegenwärtigen, dass der Erkenntniszuwachs, den wir der wissenschaftlichen Forschung verdanken, zwar nicht im Detail, aber doch aus einiger Distanz gesehen, der Bewegung konzentrisch sich ausdehnender Kreise folgt: Forschungsergebnisse sind wie Steine, die in einen stillen Teich geworfen werden: Sie verursachen eine Vermehrung des Wissens, das sich im ruhigen Wasser wie Kreise ausbreitet, wobei sich aber zugleich immer auch die Grenze zum Nicht-Wissen vergrößert. In der Wissenschaft wirft jede gelöste Frage sofort eine Fülle von weiteren Fragen auf. Mit dem Wissen nimmt stets das Nicht-Wissen zu! Die Wissenschaft ist, wie Victor Hugo scharfsinnig bemerkt hat, zu einem Perpetuum Mobile geworden, einem System, das sich unendlich aus eigener Kraft fortbewegt (so berichtet von H. Weinrich, 2005). Dadurch erscheint die Wirklichkeit in dem Maße immer komplexer, verwirrender und unklarer, je mehr wir über sie wissen. Das führt aber zu einer verbreiteten Desorientierung nicht nur in weltanschaulichen Fragen, sondern zunehmend auch bei Fragen des Alltagslebens, so wie sich dieses allmählich verwissenschaftlicht.

■ Nicht nur die Bilder versprechen Erlösung von der Überfülle der Daten und der Mühe der Erkenntnis. Die viel größere Gefahr geht heute von der weltweit sich ausbreitenden Tendenz aus, der Komplexität der modernen Welt durch eine Fundamentalisierung von Glaubensüberzeugungen und Verhaltensvorschriften zu begegnen, die den Menschen die Anstrengung einer selbstständigen Orientierung abnehmen – um den Preis ihrer Freiheit. In welcher Gestalt er auch einher kommen mag, ob in christlicher, jüdischer oder islamischer Prägung oder in säkularem Gewand wie bei manchen Vegetariern, fanatischen Umweltschützern, Gesundheitsaposteln und Esoterikern, es scheint so, dass der Fundamentalismus ein Schatten der Aufklärung ist.

Dem lässt sich nicht durch liberalere oder noch orthodoxere Glaubensvorstellungen und nur schwer durch Wissenschaft und Technik entgegen wirken. Wissenschaft bedarf dringend der seriösen Vermittlung an ein breiteres Publikum (weshalb der Beruf des Wissenschaftsjournalisten und Sachbuchautors für unsere Kultur besonders wichtig ist). Und Technik braucht im Zeitalter der elektronischen Revolution dringend die Vereinfachung der »Benutzeroberflächen«, der Handhabung überhaupt. Was uns aber im Tieferen fehlt, was immer mehr vernachlässigt wird, ist ein handgreiflicher Zugang zur Natur für die Kinder und ein meditativer Zugang zur Natur für die Erwachsenen.

Kinder sollten ihrer Neugier insbesondere in der Natur nachgehen können. Sie brauchen als kleine Kinder die Möglichkeit, die natürliche Welt buchstäblich zu begreifen, mit den Händen, denen die Sinne folgen werden, das Holz, die Steine, das Gras, die Strömung des Baches zu erfassen, um einen Sinn für die gewachsene Materialität unseres Kosmos zu entwickeln. Und sie brauchen die Möglichkeit, beim Bauen, Basteln und Konstruieren in der Natur, also beim Umgestalten des natürlich Vorgefunden, die Widerständigkeit der Materie zu erfahren und daran ihre Kreativität zu entfalten, zu lernen also, was ursprünglich Arbeit hieß. Vor allem sollten sie nicht zu früh mit mechanischen und automatischen Spielzeugen verwöhnt werden, denn mit ihnen erleben sie vorschnell und falsch eine mühelose Welt, in der sie selbst die Herrschaft per Kopfdruck ausüben.

Jugendliche dagegen müssen natürlich in ihrem Wissensdrang angeregt und gefördert werden, wie es schon immer die Hauptaufgabe der Schule war. Heute aber ist das Erlernen eines kreativen und besonnenen Umgangs mit den Medien vordringlich. So wie der Fernseh-Konsum nachweislich für Kinder schädlich ist (u. a. M. Spitzer, 2006), so problematisch ist es, die Jugendlichen mit den neuen Wissens- und Kommunikationsmedien allein zu lassen. Hier muss der allzu oft verschüttete oder in depressiver Resignation erstarrte Wissensdurst der Erwachsenen wieder belebt und unterstützt werden. Inzwischen ist klar: Die Erwachsenen dürfen bis ins Alter hinein das Feld der (gar nicht mehr so neuen) Medien nicht den Jugendlichen überlassen, sondern sollten im Gegenteil den Umgang mit ihnen souverän beherrschen lernen, denn nur so können sie ihn mit ihrer Lebenserfahrung füllen und zivilisieren. Lassen wir uns also ermutigen durch die gute Nachricht aus der Wissenschaft, dass unser Gehirn bis ins hohe Alter hinein neue Zellen bilden kann und das heißt lernfähig bleibt!

Lernen kann in jedem Lebensalter Freude machen, wenn wir unsere »Introjekte« abschütteln, wie z. B. »Das kann ich nicht!«, »Das ist nur was für Männer!«, »Ich brauche Kontakt mit Menschen aus Fleisch und Blut, sonst kann ich nicht lernen!« und was es an dergleichen Vorurteile mehr gibt. Wir brauchen eine kollektive Aufrüstung unseres Wissens über den geschickten und vernünftigen Gebrauch der elektronischen Medien, und die muss anstatt auf den Staat zu warten selbst organisiert werden: Es sollte der Tag kommen, und möglichst bald, an dem die immer mehr werdenden Omas und Opas dies ihre Enkel lehren und nicht umgekehrt.

■ Das Hauptproblem, das das Internet aufwirft, ist die Verwechselung von Information mit Wissen. Das ist der Punkt, wo die Älteren, die Erfahrenen gefragt sind. Alle Behauptungen, dass es nur einiger Stunden des Surfens im Internet bedürfe, um sich Bildungswissen oder juristisches, medizinisches oder naturwissenschaftlich-technisches Fachwissen anzueignen, sind schlicht falsch. Eine Menge richtiger Daten machen noch keinen Wissensbestand aus, denn es fehlt ihr die Verknüpfung, das Systematische, die Einbettung in andere Wissensbestände, und nicht zuletzt das Bewusstsein ihrer Begrenztheit. Das alles stellt sich erst durch professionelles Lernen und durch professionelle Erfahrung her, die sich in den Kapazitäten des Könnens und der gelingenden Intuition beweisen. Gestalttherapeutisch gesagt: Eine Datenmenge neigt von sich aus nicht zur Figur-Bildung, sondern im Gegenteil zu einer das Gehirn lähmenden Zerstreuung. Das Internet ersetzt nicht echtes Lernen, führt nicht von sich aus zu Erkenntnissen.

Eine andere, aber mit der Verwechselung von Datenmengen mit Erkenntnissen zusammenhängende gefährliche Verführung durch das Netz ist die Bildung vorurteilsgeleiteter Hass-Meuten. Zum Beispiel im Fall der öffentlichen Verhaftung eines Verdächtigen, der sich als unschuldig erwies, in einem Kindermordfall im Jahr 2012 durch die Polizei in Emden, bildete sich im Handumdrehen im Internet eine Meute von Anklägern und Verfolgern, die bis zur Aufforderung zur Lynchjustiz ging. Der zu Unrecht Verdächtigte wurde zur Flucht aus seiner Heimatstadt getrieben. Auch das ist eine verheerende Form der Reduktion von Komplexität: Offenbar sind bei derart emotional aufgeladenen Fällen wie einem Kindermord die Ungewissheit über den Täter und die aufgestauten Rachegefühle so schwer auszuhalten, dass die Bereitschaft zu vorschnellem Urteilen enorm steigt.

Das war immer schon so. Das Internet und die sozialen Netzwerke erleichtern aber eben nicht nur die Organisation von Revolten, sondern auch die Bildung von Hass-Meuten, und das umso mehr, als diese Neigung zu schnellen, unfundierten Urteilen und Verurteilungen in den Internetforen durch das Tempo und die Anonymität des Netzes täglich gefördert wird. Das Internet ist ein Instrument, ein nützliches Werkzeug, das wie alle Werkzeuge missbraucht werden kann. Man sollte das nicht als eine polizeiliche, sondern als eine Bildungsaufgabe sehen: Der richtige, und das heißt auch der ethisch verantwortliche Gebrauch dieses Werkzeugs muss von den Eltern und Großeltern gelehrt und auch in der Schule unterrichtet werden.

■ Es geht eben um Praktisches: Gestalttherapie interessiert sich nicht dafür, was die Wahrheit ist, sondern wie wir leben können. Unser Wissensdurst ist unsere vitale Antriebskraft, weil wir unsere Bedürfnisse nur befriedigen können durch das, was wir in unserer Umwelt vorfinden und gestalten können, und durch das, was dem Organismus grundsätzlich neu und fremd ist, also was er sich auf diese oder jene Weise erst zu eigen machen muss. Das geht nicht ohne eine gesunde Reduktion von Komplexität, die jeder Umgestaltung der vorgefundenen Umwelt innewohnt: Die Gestalt – die Figur – muss sich leuchtend und prägnant vor einem Hintergrund abheben, damit wir sie erfassen und uns mit ihr identifizieren können. Diese Reduktion von Komplexität folgt nicht den Spuren der Wahrheitssuche, sondern dem Interesse an Bedürfnisbefriedigung. Und deshalb führt sie auch weder zur Verzettelung in Datenmengen noch zur Erstarrung in simplifizierten Gottesbildern und bedürfnisfernen Verhaltensvorschriften, die angeblich »gottgefällig« sind.

Es sieht so aus, als würde unser Wissensdurst nie endgültig gestillt werden. Das ist gut so, denn sonst würde unser Leben ersterben. Leben ist ein Prozess, ist Bewegung, wie die Wissenssuche ein Prozess ist, der uns in Bewegung hält. Auf diesem Weg gibt es keinen Stillstand, nichts Endgültiges, sondern immer einen offenen Horizont. Unser Bedürfnis und interessegeleiteter Wissensdurst treibt den immerwährenden Gestaltbildungsprozess an, der unser Leben ausmacht.

Deshalb muss unser Wissensdurst stets gestärkt, gefördert und kultiviert werden.

3. Alles fließen lassen

Der berühmte Hauptsatz des altgriechischen Philosophen Heraklit Alles fließt bezog sich auf den gesamten Kosmos, und wir wissen erst heute, wie Recht er hatte: Unser Universum dehnt sich in die Unendlichkeit aus, Milliarden von Galaxien bewegen sich durch dieses Universum und kreisen um sich selbst und umeinander, wie es in ihnen auch die Sterne und ihre Trabanten tun. Das Gleiche geschieht auf der Mikroebene, wo die Moleküle und die Atome durch die Räume fluten, sich verbinden und wieder trennen und selbst wieder in Teile zerfallen, die umeinander kreisen. Alles bewegt sich: Das, was wir Strukturen nennen, bewegt sich nur langsamer als das, was wir Prozesse nennen: es gibt keine Erstarrung, nie etwas wirklich Statisches.

Was für die anorganische Welt gilt, stimmt umso offensichtlicher für die Welt des Organischen und Lebendigen. Für die Gestalttherapie stand immer das Wachstum im Vordergrund, einfach weil sie eine Therapie sein will, der es vor allem um die Weckung und Wiederbelebung verschütteter oder gehemmter Lebensressourcen geht. Wachstum aber bedeutet immer auch Vergehen: Jede Geburt führt zu einem Tod, jedem Wachstum folgt ein Schrumpfen.

Anders als beim Leben wissen wir allerdings nicht, ob die anorganische Welt Anfang und Ende kennt. Gab es etwas vor dem Urknall? Gibt es Paralleluniversen? Was ist Unendlichkeit? Wir wissen es nicht und unsere Vorstellungskraft versagt hier gegenüber den mathematisch formulierten Vermutungen. Das Leben dagegen hat immer Anfang und Ende. Geburt und Tod bestimmen das individuelle Leben. Aber auch als Ganzes beginnt das Leben an irgendeinem Zeitpunkt der Erdgeschichte und die meisten Gattungen von Lebewesen, die der Reichtum der Evolution hervorgebracht hat, nämlich 95 Prozent, sind schon wieder ausgestorben.

■ ›Alles fließt‹ heißt: Alles ist vergänglich. Die Tatsache, dass wir Menschen um unsere eigene Vergänglichkeit wissen, hat anthropologisch zwei Konsequenzen:

1. Dass der Mensch ein Sinn suchendes Lebewesen ist und

2. dass ihm die Zeit immer knapp und kostbar ist.

Das Tier lebt aus seiner Mitte heraus fest in seine Umwelt eingebunden; es kennt keinen Zeithorizont, sondern nur die Dauer der Gegenwart; sein Antrieb ist das Streben nach Überleben, sei es des Einzeltieres, sei es der Gattung; es weiß nichts von seiner Sterblichkeit – seine Todesangst ist eine Funktion seines Überlebenstriebs. Der Mensch aber weiß, dass er sterben wird und seine Todes angst ist die Angst vor der Auslöschung seiner Identität, seiner Persönlichkeit, seiner Unverwechselbarkeit.

Der Tod wirft dem Menschen Fragen auf: Warum ich? Warum überhaupt? Wozu dann überhaupt leben? Und wenn schon leben, was für ein Leben? Kann das Leben des Einzelnen zu einer Rechtfertigung oder einem Trost oder einer Einsicht führen, die einem die Tatsache des Todes erträglich macht? Kurz: Der Tod verlangt nach Sinngebung, nach einem Sinn des Lebens, denn diesen zu suchen, zwingt der Tod dem Leben auf, mit dem er untrennbar verbunden ist. Deshalb steht das Wissen um den Tod am Beginn jeder Kultur. Und deshalb auch kann es kein gutes Leben geben, ohne sich der Frage des Todes zu stellen.

Nicht dass es auf die Frage nach dem Sinn des Lebens jenseits rein subjektiver Lebensentwürfe eine Antwort geben könnte, die Objektivität beansprucht. Natürlich können religiöse Antworten sozial gestützt und institutionell verankert werden (so war es während des größten Teils der Geschichte), aber ihr absoluter Wahrheitsanspruch ist nach der Aufklärung unhaltbar geworden. Gestalttherapie setzt auch hier auf Erfahrung: Sie ist, wie Laura Perls sie definiert hat, »existential, experiential, experimental«. Das bedeutet in diesem Zusammenhang, dass jeder Mensch die Möglichkeit hat, an den Grenzen seiner eigenen Existenz Erfahrungen zu machen, die ihn zu Sinnentwürfen führen, welche ihm zumindest eine gewisse Gelassenheit gegenüber dem Tod ermöglichen. Die Verortung der eigenen Existenz im Kosmos gehört meines Erachtens auch zu den von Perls und Goodman so bezeichneten »Persönlichkeitsfunktionen des Selbst«, die zur Entfaltung zu bringen allerdings eine gewisse Reife verlangt (vgl. dazu auch Dreitzel 2004, 111/112 und Tabellen 6a und 7).

Das ist die eine Konsequenz unseres Wissens um den eigenen Tod. Die andere ist, dass unter dem Schatten des Endes alle Zeit immer knapp bemessen ist. Dass wir um dieses Ende wissen, nicht aber seinen Zeitpunkt, das macht das Problem der knappen Zeit zu einer Terminfrage. Alles Paktieren mit dem Teufel kreiste stets auch um den Termin des Ablaufs der Kontrakte, dem Zeitpunkt, zu dem der Preis fällig wurde. Schon der Lauf des Lebens selbst ist im Kleinen wie im Großen immer von Endpunkten geprägt, von der ständigen Frage: Wie viel Zeit bleibt mir noch? – bis ich zur Schule gehen muss, bis ich Geld verdienen muss, bis ich einen Lebensgefährten gefunden haben sollte, in der ich noch Kinder bekommen kann, um noch mein Werk zu vollenden, um noch etwas von der Welt zu sehen, um noch körperlich rüstig zu sein, um noch geistig beisammen zu sein (H. Weinrich, 2005).

■ Aus dem gestalttherapeutischen Modell der Kontaktwelle lässt sich lernen, dass es am Höhepunkt jedes Kontaktprozesses, wenn die Energie am größten ist, um das Loslassen aller absichtsvollen Ich-Funktionen des Selbst geht (vgl. vom Verf., 2004, Schaubild 1, auf der Innenseite des vorderen Umschlags). Geschieht das nicht, versucht man auch hier, die Kontrolle zu behalten, statt sich dem Fluss des Lebens hinzugeben. Dann kann es nicht zu einem sättigenden, erfüllenden Kontaktprozess kommen und es bleiben wichtige Bedürfnisse ganz oder teilweise unbefriedigt. Anders gesagt: Es kommt zu einem narzisstischen Prozess, in dem der Mensch sich in den Spiegelungen seiner selbst verfängt (vgl. Dreitzel 2004, Schaubild 15 und die Kommentare dazu).

Es lohnt sich, dieses Bild einer Welle auf die ganze Biografie eines einzelnen Menschen zu übertragen. Dann zeigt sich, dass es – beginnend mit dem energetischen Höhepunkt des Lebens im Alter von 45 bis 55 Jahren – darauf ankommt, vieles an Besitz, an Plänen, und an bisher gehegten Vorstellungen, Einstellungen und Gewohnheiten aufzugeben und sich dem Leben auf neue Weise anzuvertrauen und hinzugeben. Dass der Tiefpunkt an Lebenszufriedenheit heute in genau diese Lebenszeit fällt, hängt vielleicht damit zusammen, dass viele Menschen, die bis dahin mit den Normen und Zwängen der Leistungsgesellschaft zurechtkommen mussten, sich mit diesem Loslassen sehr schwer tun. Jedenfalls habe ich das in der therapeutischen Arbeit mit Menschen in dieser Lebensphase oft beobachtet und miterlebt.

Der Buddhismus lehrt uns, dass viel Unglück im Leben daraus entsteht, dass wir an Menschen, an Dingen, an Gewohnheiten und an Vorstellungen anhaften; dass wir uns von ihnen nicht lösen können, weil wir glauben, die Abenteuer des Lebens nur mit dieser persönlichen Beziehung oder mit dieser Ausrüstung bestehen zu können. Gewiss, nur wenige Menschen werden dann zu echten »Messies« (der englische Fachausdruck für diese Störung ist »compulsive hoarding syndrom«), die ihre Wohnungen mit angesammeltem Zeugs vollstopfen, bis sie sich nicht mehr in ihnen bewegen können. Schon sehr viel mehr Menschen aber haben zu viel unnötigen Besitz angehäuft, von dem sie sich nicht trennen können, und merken es erst, wenn die Umstände sie zwingen, ihre Wohnung zu wechseln. »Überhäufter Besitz besitzt den Besitzenden«, heißt es schon lakonisch im Tao Te King (Laotse, 2002). Aber am meisten ersticken Menschen sich selbst, weil sie sich nicht lösen können von zur emotionalen Gewohnheit gewordenen Bindungen, von eingefleischten Routinen und von Vorstellungen, die längst zu Vorurteilen geronnen sind.

Immer im Leben kommt es darauf an, mit leichtem Gepäck zu reisen – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.

■ Dazu gehört last not least auch die Vorstellung von dem, was wir selbst sind, unsere Idee von unserer Selbst-Identität. Eine der bemerkenswertesten Lehren der Gestalttherapie enthält deren Begriff des Selbst als »Kontaktgrenze in Bewegung« (PHG 2006, Teil III Theorie des Selbst, vgl. auch M. Mehrgardt & E. M. Mehrgardt, 2001). Hier gibt es keine feste Identität, kein Ich als eine psychische Instanz und nicht einmal den Gedanken einer stabilen Persönlichkeit. Stattdessen wird das Selbst als der Inbegriff dessen verstanden, was wir in unseren jeweiligen Gegenwarten im unablässigen Kontakt mit der Umwelt jeweils erleben und erfahren. Alles fließt, sogar unser Selbst. Wir sind nicht das, was wir in unserer Vergangenheit waren, sogar dann nicht, wenn wir für diese Vergangenheit Verantwortung übernehmen. Stattdessen erfinden wir uns ständig neu, indem wir neue Erfahrungen machen, Neues dazu lernen und uns mit neuen Menschen und neuen Ideen identifizieren – und indem wir dann uns selbst und anderen unsere Geschichte neu erzählen. Wir sind ein Bündel von Kompetenzen und Selbst-Erzählungen, die nur zur Anwendung kommen, wenn sie gebraucht werden – wir sind frei!

Der psychisch gesunde Mensch hat nur wenig Charakter, wenn wir Charakter als die Summe unserer festgelegten Haltungen verstehen. Vielmehr besteht unser Charakter nur aus denjenigen Sedimenten früherer Erfahrungen, die wir nicht mehr aufzurühren wagen, und aus früheren »Introjekten«, die uns daran hindern, dem Leben offen gegenüber zu treten. Auch die Gehirnforschung bestätigt inzwischen: das Ich ist eine Illusion. Und »das Selbst ist kein Ding, sondern ein Vorgang« (so T. Metzinger, 2010). Michael Gazzaniga, ein anderer führender Gehirnforscher, kommt in seinem Buch »Die Ich-Illusion« (M. Gazzaniga, 2011) zu dem Schluss, »dass Hirnaktivität nicht irgendwo im Hirn stattfindet, sondern im Raum zwischen miteinander wechselwirkenden Gehirnen« (zitiert nach U. Babel und U. Schnabel, 2012). Dass entspricht der konstruktivistischen Grundthese der Gestalttherapie, nach der wir unsere Wirklichkeit im intersubjektiven Kontakt miteinander konstituieren (vgl. zu diesem Themenkomplex auch Teil III, 4).

Lassen wir also unser Leben fließen und vertrauen wir auf die Gaben unserer Umwelt sowie auf unsere eigenen Ressourcen.

4. Im Hier-und-Jetzt leben

Alle Erfahrung findet in der Gegenwart statt. Auf dieser Einsicht baut die Gestalttherapie auf: eine Therapieform, deren wichtigste Technik das Selbsterfahrungsexperiment ist, muss sich an das Hier-und-Jetzt der Erfahrung halten: Was erlebst du jetzt hier in dieser Gegenwart deines Lebens und an diesem Ort in deinem Umwelt/Mitwelt-Feld? Das ist die wiederkehrende Frage, deren hilfreiche Natur darin gründet, dass sie den Patienten zur Konzentration auf den einzig möglichen Erfahrungspunkt seiner Existenz in dieser Welt zwingt.

Das gilt auch für Erinnerungen an eine erfahrene Vergangenheit und für Fantasien über eine noch nicht erfahrene Zukunft – denn es sind genau diese Akte des Erinnerns und des Fantasierens, die es als Prozesse des kognitiven und emotionalen Erfahrens mit Gewahrsein zu erleben gilt. So nämlich erst wird die Bedeutung klar, welche die Erinnerungen und die Zukunftsfantasien für die jeweilige Gegenwart des Patienten haben. Sie sind in der Regel mit Gefühlen verbunden, die für die Träger von Bedeutung sind: Unsere Erinnerungen und unsere Zukunftsvorstellungen können die Gegenwart überschatten oder aufhellen, indem sie uns ängstigen oder ermutigen.

Normativ verstanden kann das Hier-und-Jetzt-Prinzip ein nützliches Mittel gegen beschwerende Anhaftungen sein und wird damit zu einer Strategie der Lebenskunst. Wir neigen dazu, uns an vergangene Umstände zu klammern und ihnen die Schuld zu geben, wenn es uns im Jetzt nicht gut geht. Oft suchen wir die Vergangenheit sogar ab auf der Suche nach den Schuldigen an unserer gegenwärtigen Misere. Und wir klammern uns an Sehnsuchtsbilder, deren Realisierung wir in eine ungreifbare Zukunft verlagern – dann brauchen wir uns nicht wirklich zu kümmern. Oder wir lähmen unsere Initiative unter der Last düsterer Zukunftsvisionen – dann versinken wir in einem Sumpf aus Sorge, statt zu handeln.

Allerdings darf das Hier-und-Jetzt-Prinzip nicht missbraucht werden, um sich aus der Verantwortung zu stehlen. Das wäre sowohl sachlich wie moralisch ein Missverständnis. Insofern ich gegenwärtig Handelnder bin, gestalte ich auch – in wie minimalem Umfang auch immer – die Zukunft meiner selbst und meiner Umwelt mit und bin in diesem Sinne für mein Tun und mein Lassen verantwortlich. Und ich trage auch Verantwortung für das von mir oder von jenen, mit denen ich mich identifiziere, verschuldete Unheil. Das ist so, obwohl meine biografische Identität eine Fiktion ist, eine Summe von Erzählungen eben, deren historische Stimmigkeit von vornherein fragwürdig ist, weil unser biografisches Gedächtnis mehr als löchrig ist (zum Stand der Forschung zum biografischen Gedächtnis vgl. H. Markovitsch, 2005). Aber darum geht es hier nicht, sondern um die Frage, mit wem und mit was ich mich in meiner jeweiligen Gegenwart identifiziere. Solche Identifikationen sind Persönlichkeitsfunktionen des Selbst, mit denen wir uns in unserer Lebenswelt kulturell und religiös, sozial und politisch verankern. Sie können sich natürlich im Laufe des Lebens ändern, aber zunächst müssen sie wie Beziehungen auf eine gewisse Dauerhaftigkeit angelegt sein, sonst kann man sich weder selbst auf sie berufen, noch können andere sich auf sie verlassen. Sie sind im Strom der Zeit wie Schwimmkissen, an denen wir uns für längere oder kürzere Zeit festhalten, und dadurch für andere auch kenntlich werden. Wenn ich die Auffassung vertrete, dass Deutschland eine besondere Verantwortung für den Holocaust trägt, dann bekenne ich mich nicht schuldig, sondern identifiziere mich mit einer Nationalgesellschaft, die historisch diese Ungeheuerlichkeit begangen hat, unabhängig davon, ob ich an der Tat beteiligt war oder auch nur hätte beteiligt sein können. Für wie lange das gilt, ist keine Frage der Geschichte, sondern dieser persönlichen Identifikation.

■ Bei der Berufung auf das Hier-und-Jetzt ist es wichtig, den richtigen Begriff von Gegenwart zu haben. Gegenwart ist nicht ein Punkt auf einer Geraden. Die Zeit als eine physikalische ist psychologisch irrelevant. Zeit ist eine Konstruktion des erlebenden Subjekts. Wir können sie nur phänomenologisch untersuchen als das, was unserem erlebenden Bewusstsein gegeben ist. Beobachten wir aber diesen Ort, unser Bewusstsein, stellt sich heraus, dass wir »Gegenwart« in unterschiedlicher Dauerhaftigkeit erleben bzw. dass wir in verschiedenen Gegenwarten leben. Fünf solcher Gegenwarten möchte ich hier unterscheiden:

4.1 Der Gegenwartsmoment der Gehirnforschung

4.2 Der Gegenwartsmoment der phänomenologischen Psychologie

4.3 Die Gegenwart der übergreifenden Kontaktprozesse

4.4 Die Gegenwart unserer biografischen Lebensabschnitte

4.5 Die Gegenwart historischer Epochenerfahrungen

Jede dieser Gegenwarten erleben wir spontan als Subjekte einer Zeiterfahrung, die jeweils ihre eigene Dauer hat. Es ist die Erfahrung des Andauerns, die konstitutiv für die Erfahrung von Gegenwart ist. Das heißt, dass wir die Zeit primär nicht als stets ablaufende, als einen ständig Zukunft in Vergangenheit transformierenden Fluss erleben, sondern in Gegenwartsabschnitten von kürzerer oder längerer Dauer. Gegenwartsbewusstsein heißt, dass ein zeitlicher Fortgang subjektiven Lebens, der im Bewusstsein auftaucht, als eine Gestalt erfahren wird, die in sich geschlossen ist oder zur Schließung drängt. Gegenwart wird also erlebt als eine Einheit, die sich gegen andere Einheiten abschließt, die entweder vorher oder nachher existieren oder die eingebettet sind in andere Gegenwartsgestalten. Meine Arbeit an diesem Buch zum Beispiel umfasst zahlreiche aufeinander folgende Kontaktprozesse, die aus minimalen zerebralen Augenblicken sowie aus erlebten Gegenwartsmomenten bestehen, und ist ihrerseits eingebettet in die biografische Phase meines jetzigen Lebens, das wiederum eingebettet ist in meine historische Epochenerfahrung.

Jede dieser Gegenwarten kann Gegenstand der Reflexion sein, eines Innehaltens, in dem der Blick auf den gerade vergangenen Gegenwartsmoment oder auf die eben noch andauernde Gegenwart eines Erlebnisabschnitts geworfen wird, in dem wir also Rechenschaft ablegen von dem, was da gerade gelaufen ist oder noch läuft. Diese Reflexionen haben ebenfalls die Struktur von Gegenwartsmomenten, sodass wir es offenbar mit diesen kleinsten Zeiteinheiten des erlebenden Bewusstseins zu tun haben, die einander rasch ablösen können: den nicht-reflexiven und den reflexiven. Beide können in unterschiedlichem Maße von einem Gewahrsein des Hier-und-Jetzt-Geschehens durchdrungen sein. Zur Lebenskunst gehört, sie einigermaßen im Gleichgewicht zu halten: Man kann als Gewohnheitsmensch oder als Tatmensch mit sehr wenig Be-Denken auskommen, und dann ein dumpfes, gleichgültiges oder ein leichtfertiges Leben führen. Und man kann zu viel reflektieren, sich ständig durch Gedanken und Bedenken von der Lebendigkeit des Lebens abschneiden.

In der Praxis der Gestalttherapie wurde die Betonung des Hier-und-Jetzt-Prinzips zumeist zur Konzentration auf das Gewahrsein des reflexionsfreien Erlebens eingesetzt, was vor allem bei dem späten F. Perls mit seiner schroffen Ablehnung des »Redens über« (»aboutism«), das er nur als Abwehr des eigentlichen Erlebens sah, bis zum Anti-Intellektualismus gehen konnte. Das war vor allem der Klientel geschuldet, mit der Perls es in seinen Lehr-Workshops zu tun hatte, überwiegend nämlich ausgebildete Psychoanalytiker und Psychiater mit einer Neigung zum akademischen Intellektualisieren.

Konzentration auf dieses reflexionsfreie Bewusstsein offenbart, dass das Bewusstsein sich in Form von Selbsterzählungen orientiert. Denn das Mitteilen dessen, was erlebt wird (oder eben wurde) geht bei aller Betonung der averbalen Kommunikation letztlich doch nur im Medium der Sprache. Diese Erzählungen sind außerordentlich wichtig für die Kunst des Lebens: Während überreflektierte Menschen Gefahr laufen, ihre senso-motorische und emotionale Erlebnisfähigkeit zu verlieren, drohen unreflektierte Menschen, die einfach »in den Tag hinein leben« oder die ständig lebensgierig auf der Suche danach sind, wo »etwas los« ist, bei inneren oder äußeren Krisen schnell einen starken Orientierungsverlust zu erleben. Sie verlieren sich dann leicht in den Wüsten von Depression oder Sucht. Dann erscheint ihnen auf einmal das Leben als sinnlos, weil ihr Leben keine Richtung kennt.

■ Gewiss können umgekehrt Krisen jeder Art auch Anstoß zur Reflexion, zur Besinnung, zum Innehalten geben. Aber es ist schwer, diesen Anstoß schöpferisch aufzunehmen, wenn man mit sich allein und überdies die Selbstbesinnung ungewohnt ist. Dass die Reflexion über sich selbst eine Erzählung ist, merkt man natürlich am ehesten, wenn man zu einem Gegenüber spricht, wenn es einen Zuhörer gibt, der lauschend und kommentierend den Resonanzboden abgibt, an dem wir uns selbst erkennen.

Selbsterkenntnis, davon ist gerade Gestalttherapie überzeugt, ist ein dialogischer Prozess, aber ein solcher, in dem es nicht um Auseinandersetzung, Standpunkte vertreten, Meinungen austauschen, also nicht um eine Debatten-Kultur geht, sondern um wechselseitiges Erzählen und Zuhören. Das hat nichts mit intellektuellem Zerreden zu tun: Solange die Erzählung konkret und im Fluss bleibt und sich an einen Zuhörer wendet, entspricht sie der Gestalt, von der sie handelt.

4.1 Der Gegenwartsmoment der Gehirnforschung

Am wenigstens Beachtung haben bis vor Kurzem die winzigen Augenblicke gefunden, in die sich unser Lebensfluss aufteilt und gliedert. Der Gehirnforscher Ernst Pöppel hat wohl als erster Naturwissenschaftler darüber geforscht, wie sich die Zeit im menschlichen Erleben anders darstellt als die Vorstellung eines linearen Zeitablaufs in der alten Physik es vorgab, in der es so etwas wie Gegenwart gar nicht gab: Ohne jeden Aufenthalt floss hier der Zeitstrom direkt aus der Zukunft in die Vergangenheit. Die Messungen und Experimente von Pöppel und anderen Hirnforschern haben gezeigt, dass das menschliche Gehirn das Wahrgenommene und Erlebte regelmäßig in zeitliche Einheiten von etwa drei Sekunden strukturiert. Pöppel hat unter anderem feststellen können,

– dass das Kurzzeitgedächtnis Eindrücke etwa drei Sekunden lang speichern kann, bevor diese ausgelöscht oder weiterverarbeitet werden;

– dass Gedankengänge in der Spontansprache drei Sekunden in Anspruch nehmen;

– dass Bewegungsabläufe wie sich kratzen, Hände schütteln u. v. a. im Drei-Sekunden-Takt ablaufen;

– dass weltweit Musikstücke so komponiert sind, dass ihre Motive drei Sekunden dauern;

– dass die Antizipation von sportlichen Bewegungsabläufen drei Sekunden braucht.

Zusammenfassend sagt Pöppel:

»Die subjektive Gegenwart eines Menschen dauert etwa drei Sekunden. Danach findet eine Art kurzer Aufmerksamkeitszäsur statt. Je nach Lebensbereich besteht diese in einer Pause beim Sprechen, einem neuen Takt in der Musik oder einem Zeilenwechsel bei Gedichten. Auch das Handgeben, der Augenaufschlag oder das Vorausdenken bei Bewegungen dauert etwa drei Sekunden. Dies korrespondiert mit dem Kurzzeitgedächtnis, hat aber noch eine andere Dimension. Denn wenn wir uns rhythmisch nach dem Takt des Gegenwartsfensters verhalten, können wir uns gut auf andere Menschen einstellen, gut denken und uns gut konzentrieren. Deswegen ist das Trainieren des Gegenwartsfensters wichtig /… / Dann ist im Alter auch das Gegenwartsfenster markanter ausgeprägt als in der Kindheit und Jugend. Das strukturierte Denken sowie das effektive Arbeiten und Lernen können damit immer besser werden (vgl. E. Pöppel & B. Wagner, 2010).

Man muss diesen Trainingsoptimismus nicht teilen, um die Entdeckung des Drei-Sekunden-Rhythmus zu schätzten. Sehr hilfreich im Alltagsleben ist auf jeden Fall die bekannte Stopp-Meditation, die uns auf diese aufeinander folgenden Drei-Sekunden-Gestalten in unserem Bewusstsein aufmerksam machen kann: Sage einfach stopp! zu dir (oder lasse es jemand anderen tun) und friere auf der Stelle alle Bewegungen und Tätigkeiten für 30 Sekunden, also zehn Drei-Sekunden-Sequenzen bzw. eine halbe Minute ein und beobachte einfach aufmerksam, was in deinem Bewusstsein abläuft!

4.2 Der Gegenwartsmoment der phänomenologischen Psychologie

Interessanter für unseren Zusammenhang ist, was der Entwicklungspsychologe Daniel Stern in seinen bahnbrechenden Forschungen zu diesem Thema herausgefunden hat. Dem Titel dieser einmalig genauen Analyse der Mikrostruktur unseres Gegenwartserlebens, die übrigens Pöppels Messergebnisse bestätigt, verdanke ich den Ausdruck Gegenwartsmoment (the present moment) (D. Stern, 2005). Interessanterweise arbeitete auch Stern bei seinen Forschungen zunächst mit Erzählungen. Es erweist sich dabei, dass wir nicht nur bei außerordentlichen, sondern auch bei ganz banalem Alltagsgeschehen, wie z. B. ich mache mir Frühstück, ich treffe eine Verabredung, ich parke mein Auto, ich fahre mit dem Fahrstuhl zu meinem Büro, ich führe ein Gespräch im Korridor, in der Lage sind, eine Reihung von Gegenwartsmomenten nachträglich in einer Erzählung wiederzugeben, wenn das Kurzzeit-Gedächtnis nicht zerstört ist oder im Moment des Erlebens war. In den ersten Zusammenfassungen seiner Forschungsergebnisse (auf den Seiten 14 sowie 32–39) stellt Stern u. a. fest:

• Gegenwartsmomente sind überaus inhaltsreich; die Inhalte können real oder vorgestellt sein.

• Ein Gegenwartsmoment ist eine ganzheitliche Erfahrung, eine Gestalt, die als abgegrenzt von anderen erlebt wird.

• Er enthält eine durchlebte Geschichte, die erzählbar ist.

• Diese erlebten Momente sind nicht isoliert vom sonstigen Leben des Subjekts, sondern in ihnen spiegeln sich seine Persönlichkeitsstile, Voreingenommenheiten und Konflikte wieder.

• Ein Gegenwartsmoment ist nicht voraussagbar, weil er bestimmt wird von den ständig sich ändernden Umständen von Zeit, Ort, vergangenen Erfahrungen und den jeweiligen Umweltbedingungen inklusive der Beziehungsverhältnisse.

• Obwohl Gegenwartsmomente eine »zeitliche Architektur« besitzen, werden sie als eine andauernde Gegenwart erlebt, die eine geschlossene Gestalt hat. Sie währen gewöhnlich drei bis vier Sekunden, können sich aber bei außerordentlichen Erfahrungen bis zu 40 Sekunden ausdehnen.

• Gegenwartsmomente werden auf subtile Weise durch die Vergangenheit eben vorübergegangener und die Zukunft als nächste erwarteter Gegenwartsmomente mitbestimmt. Diese Hinneigung der Gegenwartsmomente zur Vergangenheit und Zukunft hat bereits Edmund Husserl, der Begründer der Phänomenologie, erkannt und als Retention und Protention bezeichnet.

Hier zeichnet sich erstmals ein genaueres Bild von dem ab, was wir ständig als unsere momentane Gegenwart erleben. Überraschend ist vielleicht zunächst vor allem ihre Kürze. Andererseits kennt jeder ja auch die Ungeduld, die sich sofort einstellt, wenn der Computer uns einige unausgefüllte Sekunden des Wartens abnötigt. Unser Gehirn will unablässig beschäftigt sein. Die Meditationserfahrung zeigt uns, dass es unmöglich ist, es zum Stillstand zu zwingen. Allein der Wechsel in den Zeugenstand, in die Beobachterposition des Nicht-Beteiligten und Nicht-Wertenden, ermöglich den Eintritt in einen meditativen Zustand, in dem das Bewusstsein sich selbst zum Inhalt werden kann.

Ein solcher Zustand ist etwas anderes als die reflexiven Gegenwartsmomente, zu denen wir auch im Alltagsbewusstsein häufig wechseln: »Der Gegenwartsmoment ist oft schwer zu greifen«, schreibt Daniel Stern, »weil wir so oft schnell aus dem gerade laufenden Erleben herausspringen, um die objektive Perspektive der dritten Person einzunehmen. Wir versuchen zu begreifen, was wir gerade erlebt haben, indem wir es in Worte oder Bilder fassen. Die Versuche der unmittelbaren Reflexion (immediate retrospection) objektivieren die Erfahrung offensichtlich« (33, meine Übersetzung, HPD), und helfen dabei, uns zu orientieren. Diese reflexiven Gegenwartsmomente haben, wie schon erwähnt, die gleiche Struktur wie die nicht-reflexiven Gegenwartsmomente. Sie tauchen aus dem Meer der gewöhnlichen Routinen dann im Bewusstsein auf, wenn etwas Ungewöhnliches diese stört und dem menschlichen Organismus eine Reaktion auf das Neue abfordert: Irgendetwas muss geistig und vielleicht auch körperlich getan werden. Insofern ist der rasche Wechsel zwischen unmittelbaren erlebten und reflexiven Gegenwartsmomenten nicht verwunderlich. Eine interessante Frage, der ich hier aber nicht ausführlich nachgehen kann, wäre dabei, was genau der Unterschied zwischen reflexiven und meditativen Gegenwartsmomenten ist. Letztere bestehen nicht aus einem Nachdenken über und Nachspüren von etwas eben Erlebtem, sondern beinhalten ein unmittelbares Bewusstsein des Geschehens jenseits aller Fragen von Sein oder Schein und von gut oder schlecht. Es würde zu einem Handeln »aus dem Bauch«, einer Spontaneität (nicht: Impulsivität!) führen, wie sie in manchen asiatischen Kampfsportarten geübt wird.

■ Schon Jahrzehnte zuvor hatte Perls diese Forschungsergebnisse in seiner praktischen Arbeit vorweggenommen, als er die gestalttherapeutische Methode der Konzentration auf das Hier-und-Jetzt eines Gegenwartsmoments entwickelte. Dabei geht es vor allem um die Gegenwartsmomente in der Beziehung zwischen Therapeut und Patient, also im therapeutischen Kontaktprozess, wobei das Gewahrsein noch durch sogenannte Gestalt-Experimente gesteigert werden kann.

Wir können mit den neuen phänomenologischen Untersuchungsergebnissen nun die Wirkung dieser Methode besser verstehen: In den Gegenwartsmomenten und ihren je individuellen Retentionen und Protentionen spiegelt sich der persönliche Stil, mit dem ein Mensch sein tägliches Leben führt. Deshalb ist zu erwarten, dass in ihnen auch die neurotischen Prozesse bereits sichtbar werden. Der mikroskopische Blick auf diese Erlebenseinheiten kann, zusammen mit bestimmten Gestaltübungen, dann zu Erlebens- und in der Folge zu Verhaltensänderungen bei der kreativen Bewältigung von Lebensproblemen führen.2

Dabei hilft die Tatsache, dass Gegenwartsmomente erzählbar und damit sprachlich kommunizierbar sind. Die jeder Erzählung innewohnende Tendenz zum Plot sorgt dafür, dass die jeweiligen Gegenwartsmomente in der Therapie neu erlebt werden und zu neuen Einsichten führen können, die über die Wirkung rein kognitiver Erkenntnisse aus den reflexiven Gegenwartsmomenten hinausgehen, weil das Drama die Gefühle weckt und den Körper mitnimmt.

Denn jede Erzählung besitzt eine innere Struktur – Anfang und Ende, Einleitung, Absätze und Rhythmen im Erzählfluss, dramatische Höhepunkte und Pointen, einen Abschluss und möglichst auch eine »Moral von der Geschichte«. Diese formale, aber variable Struktur, die jeder Erzählung eigen ist, hat darin bereits eine heilende Kraft, dass sie dem Erlebten unversehens eine Ordnung verleiht, die in sich sinnhaft ist und uns Orientierung schafft.

Wir brauchen also eine Kultur des Erzählens, die ihre eigenen Regeln hat, zu denen ein Sich-Zeit-Nehmen ebenso wie die unsichtbaren Mauern eines gewissen Datenschutzes gehören, weil es um das eigene Leben geht, zu dem immer auch Privates und Intimes gehören. Denn es ist gut, diese Selbst-Erzählungen auch zu veröffentlichen, also zunächst ins Dialogische zu überführen, weil erst die Resonanz die in ihr gewonnene Orientierung absichert und gesellschaftstauglich macht.

■ So ist etwa, anders als in traditionellen Ehen, in der modernen Partnerschaft das Beziehungsgespräch konstitutiver Bestandteil einer gelungenen Beziehung, das nicht etwa dann erst stattfinden darf, wenn die Krise bereits offen zu Tage tritt, sondern vielmehr ständig kultiviert werden muss. Das Glück oder Unglück von Paarbeziehungen hängt sehr weitgehend davon ab, ob es gelingt, diese Gesprächskultur gemeinsam zu erlernen und miteinander zu entwickeln. Dazu gehören wichtige Regeln, die zu lehren der eigentliche Sinn von Paartherapien ist oder sein sollte: Zum Beispiel,

– dass es sinnvoll ist, wie wir von Paul Watzlawick gelernt haben (P. Watzlawick, 2000) den Inhaltsaspekt einer Kommunikation von ihrem Beziehungsaspekt, also der immer mitschwingenden Frage, wie man gerade emotional zueinander steht, zu unterscheiden und wenn möglich abzutrennen;

– dass es wichtig ist, den anderen wirklich anzusprechen und ihm ernsthaft zuzuhören;

– dass eine Streit steigernde Semantik, wie z. B. die Worte »immer« und »nie«, vermieden werden sollte;

– dass dem anderen in jedem Fall – also gegebenenfalls auch kontrafaktisch – die volle Kommunikationskompetenz unterstellt werden muss, mit der psychologischen Keule aufeinander einzuschlagen (z. B. du projizierst, das ist eine Rationalisierung, typisch Narzisst – typisch Mann – typisch Frau, genau wie deine Mutter etc.), und

– dass es immer entscheidend ist, ob die Partner ihre eigenen Bedürfnisse zu spüren und zu achten gelernt haben und sich den Mut fassen können, sie klar und ehrlich offenzulegen.

Miteinander sprechend konstituieren wir unsere gemeinsame Wirklichkeit. Je mehr dieses Reden die Struktur von Erzählungen annehmen kann, desto sinnhafter wird die damit konstituierte Wirklichkeit, desto stärker wird ihre Orientierungskraft sein. Es gibt elegische und emphatische, dramatische, balladenartige und lyrische, anekdotenhaft zugespitzte und episch ausgebreitete, komische und tragische Erzählungen. Es steht der Kunst des biografischen Erzählens ein großer Formenreichtum zur Verfügung. Aus der Romanliteratur lässt sich nicht nur Inhaltliches über das Leben lernen, sondern mehr noch aus der Form des Erzählens. Zur Lebenskunst gehört die erzählerische Kompetenz, aus diesem Reichtum zu schöpfen und die gewählte Form der jeweiligen Kommunikationssituation anzupassen. Viel zu einseitig wird auch in der Psychotherapie das Augenmerk auf den Inhalt, viel zu wenig auf die Form der Erzählung gelegt. Viel zu wenig wird die Notwendigkeit dieser Kompetenz gesehen, viel zu gering wird auch in der Psychotherapie ihre heilende Kraft geschätzt (eine seltene Ausnahme: E. Polster, 1987).

■ Die Gestalttherapie hat eine holistische Perspektive. Wie schon erwähnt zeigt die gestalttherapeutische Erfahrung, dass sich die Strukturen der Makro-Prozesse bereits in den Mikro-Prozessen finden, dass die übergreifenden, tiefer gehenden neurotischen Prozesse schon in den kleinen Hemmungen und Verhakungen der erlebten Gegenwartsmomente sichtbar werden. Gerade weil diese so banal und harmlos erscheinen, eignen sie sich besonders gut dafür, Veränderungsprozesse anzustoßen. So ist z. B. die Gestalttherapie weniger an dem Inhalt als am Wie der Erzählungen interessiert. An der Art und Weise, wie jemand erzählt und aus dem Ablauf des Erlebens eine Gestalt mit der Struktur eines Plots formt, lässt sich bereits diagnostisch einiges erkennen und – wichtiger – therapeutisch etwas gewinnen. Auch banale Gegenwartsmomente können schleppend und einschläfernd (»depressiv«) oder eilig, übertreibend, oberflächlich (»hysterisch«) oder ängstlich und mit ermüdender Detailversessenheit (»zwanghaft«) oder träumerisch, vage, zaghaft, versponnen (»schizoid«) erzählt werden. Schon die Übung, dieselbe Episode einmal in ganz anderem Stil zu erzählen, kann zu einer erstaunlichen therapeutischen Erfahrung werden. Wichtig bleibt aber in der Therapie die Einbettung in eine dialogische Beziehung. Allein die physische Gegenwart und die psychische Präsenz des Therapeuten, schon sein Zuhören mit echtem Interesse und seine gelegentlichen Nachfragen sind für manche Patienten eine neue Erfahrung, die zu einer Änderung festgefahrener Einstellungen und erstarrter Perspektiven führen kann.

■ Ist das übertragbar auf andere Beziehungen? Ja und nein. Es muss auf jeden Fall eine vertrauensvolle Beziehung sein, weil jeder Perspektivenwechsel, erst recht das Loslassen von gewohnten Vorstellungen und Handlungsabläufen und das Sich-Einlassen auf das Neue, beängstigend sind. Ferner kann die Asymmetrie in der therapeutischen Dyade, der Autoritätsvorschuss, den der Patient dem Therapeuten entgegenbringt, nur durch einen paritätischen Positionswechsel der Gesprächspartner im Dialog ausgeglichen werden: Der Therapeut kann – und sollte in maßvoller Weise – sich selbst mit seinen Gefühlen als Resonanzboden mit einbringen, was in einer scheinbar ähnlichen Beziehung wie der zwischen einem Gläubigen und seinem Beichtvater eben nicht vorgesehen ist. Auch dann bleibt die therapeutische Beziehung allerdings eine asymmetrische, anders als in der Paarbeziehung, in der die Bedürfnisse und Probleme beider Beteiligten zum Thema werden können und müssen.

Selbst diese Art des Dialogs, in dem jeder dem anderen die größte Autorität in Dingen seines eigenen Lebens unterstellt und belässt, ist im dauerhaften Zusammenleben ersichtlich schwierig und verlangt aufmerksame Bemühung. Abzuraten ist auf jeden Fall bei Vorhandensein stärkerer neurotischer Prozesse – also fast immer – der Versuch eines Partners, den anderen zu therapieren. Denn die Unvorhersehbarkeit der Gegenwartsmomente wird bei einer Veränderung des Erlebensmodus noch verstärkt, sodass das therapeutische Handwerk, nämlich die Kunst der Interventionen und die erforderliche Präsenz, viel Erfahrung verlangt. Dennoch gibt es auch Versuche der gestalttherapeutischen Selbsthilfe (z. B.: Muriel, 1971; M. Weber, 1982), die dann allemal besser ist, als sich Menschen anzuvertrauen, die dieses Kunsthandwerk nicht erlernt haben oder zu denen Vertrauen zu fassen schwer fällt.

Was aber auf jeden Fall für die Lebenskunst bleibt, ist der Wert der bloßen Konzentration auf das Jetzt des Gegenwartsmoments. Denn das Gewahrsein allein hat schon eine heilende Kraft. So wie sich unser Atem automatisch verändert, wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf ihn richten, so ist es auch mit anderen Ich-Funktionen des Selbst:

Wenn du dein Leben ändern willst, dann übe dich in Achtsamkeit im Hier-und-Jetzt! Denn »jeder Zustand, ja jeder Augenblick ist von unendlichem Wert, denn er ist der Repräsentant einer ganzen Ewigkeit.« (Goethe)

4.3 Die Gegenwart der übergreifenden Kontakt-Prozesse

Die unregelmäßige Abfolge von Gegenwartsmomenten strukturiert sich in übergreifenden Handlungs- und Erlebens-Einheiten, die ihre eigene Gestalt und ihre eigene Gegenwart besitzen. »Hier-und-Jetzt« kann sich auf die Situation beziehen, in der jemand am Frühstückstisch sitzend sich Brote streicht und Kaffee trinkt. Aber »Hier-und-Jetzt« kann auch meinen: auf dieser Konferenz, in diesem Seminar, in dieser Urlaubswoche, während dieses Besuches, in dieser Liebesnacht. Und auch: bei diesem Gespräch auf der Straße, diesem Einkauf im Laden, diesem Trinkgelage, dieser sportlichen Betätigung, dieser Arbeitsbesprechung und so fort. Es gibt unzählige Handlungsstränge, die eine in sich geschlossene Gestalt bilden, weil sie eine bestimmte Bedeutung besitzen und einen Zeithorizont, der als eine Spanne von Gegenwart erlebt wird. Die Gestalttherapie nennt diese Erlebenseinheiten Kontaktprozesse.

Im allgemeinen Sinn bezeichnet der Begriff Kontaktprozess jeden Austauschprozess zwischen einem menschlichen Organismus, ganzheitlich als psycho-physische, intelligente, mobile Einheit verstanden, und seiner jeweiligen Umwelt bzw. Mitwelt. Diese verändert sich ihrerseits durch die menschliche Mobilität sowie auch ständig aus sich selbst heraus, sodass sie also »jeweils« anders ist. Ausgetauscht wird dabei, was der Mensch zu seiner vieldimensionalen Existenz braucht, nämlich

– Energie,

– Materie und

– Informationen.

Es kann sich dabei also sowohl um physische Austauschprozesse (z. B. Nahrungsaufnahme und -verarbeitung) als auch um geistige (z. B. Lesen, Schreiben, Kunstgenuss) oder um psychosoziale (alle Arten von Interaktionen) handeln, aber die Letzteren stehen natürlich meist im Vordergrund des therapeutischen Interesses.

Kontaktprozesse sind beim Thema »Hier-und-Jetzt« von Interesse, weil sie jeweils ihre eigenen Orte und vor allem ihre eigene Gegenwart haben. Und sie sind im weiteren Kontext dieses Buches von Interesse, weil sie gelingen oder misslingen können, je nachdem, mit wie viel Lebenskunst man zu Werke geht. Die zuerst von Perls und Goodman skizzierte Theorie der Kontaktprozesse (vgl. PHG, 2006, Kapitel 12/13) habe ich an anderer Stelle ausführlich ausgearbeitet (H. P. Dreitzel, 2007a, Teil II.) Ich werde mich deshalb auf die hier wichtigen Aspekte beschränken.

■ In unseren Kontaktprozessen geht es um die Befriedigung von Bedürfnissen, Trieben und Interessen. Sie sind der Motor jedes Kontaktprozesses. Der Vorgang der Bedürfnisbefriedigung verläuft in vier Phasen, in denen jeweils andere Ich-Funktionen des Selbst zum Zuge kommen: In der ersten Phase, im Vorkontakt, geht es darum, die eigenen Bedürfnisse hier-und-jetzt zu spüren und gegebenenfalls auch zum Ausdruck zu bringen. Erst muss man wissen, was man braucht. Allgegenwärtig hier, nämlich anwesend, ist unser Leib. An seinen Bedürfnissen führt kein Weg vorbei; immer sind wir an ihn gebunden, stets müssen wir für ihn sorgen, bevor wir zu anderen Bedürfnissen und Interessen fortschreiten können. Nur wenige leibliche Bedürfnisse müssen unverzüglich befriedigt werden, will man nicht an Leib und womöglich Leben Schaden nehmen. Manche gestatten Aufschub, wenn auch nicht allzu langen, noch andere kann man verdrängen, aber nur um den Preis der Wiederkehr des Verdrängten unter anderem, schlechterem Vorzeichen.

Im Vorkontakt geht es um brauchen, wünschen, wollen – in dieser Reihenfolge. Es ist immer nützlich, bei der Befriedigung seiner Bedürfnisse zunächst auf die Unterscheidung dessen, was man braucht, und dessen, was man sich wünscht, zu achten. Gewiss, es kann keine klare Grenze zwischen diesen beiden geben: Selbst die Armutsgrenzen sind relativ, variabel je nach dem Lebensstandard einer Gesellschaft. Jenseits von ihnen aber muss jeder selbst oder mit den Lebenspartnern entscheiden, welchen Interessen man mit wie viel Aufwand nachgehen will, und in welchem Umfang man den eigenen Trieben nachgeben möchte. In jedem Fall sollten alle Kontaktprozesse zu »sättigenden Erfahrungen« werden. Dazu muss nicht nur dem, was man zu brauchen meint, Priorität eingeräumt werden, sondern man muss auch von Zeit zu Zeit den Wünschen freien Lauf lassen, um sich erst einmal die Vielfalt der Lebensmöglichkeiten vor Augen zu führen. Allerdings kann bei der Sättigung auch ein Überdruss am Zuviel entgegenstehen. Das ist in reichen Konsumgesellschaften wie der unseren nicht selten der Fall. Dann erlahmt jedes Interesse und die Handlungsimpulse schlafen ein. Schlimmer noch ist es, wenn kein Überdruss bei Übersättigung entsteht: Leider neigt der psycho-physische Organismus des Menschen zur Sucht, also zu einer Selbstschädigung, zu der eine profitgierige und moraltaube Konsumindustrie ihn ständig verführen will.

Der Kampf um die Vermeidung von Süchten ist ein wiederkehrendes Thema beim Üben der Lebenskunst: Während das Rauschhafte im Leben im Dienste der Lebenslust stehen kann, ist die Sucht allemal nur Hindernis bei der Achtsamkeit, eine Trübung des Gewahrseins.

Ist das Gebrauchte besorgt und sind die Wünsche besichtigt, dann kommt das Wollen. Hier führt meistens das Abwägen von Kosten und Nutzen bereits zur Entscheidung. Wenn nicht, dann ist typischerweise außer Acht gelassen worden, was man nicht will. Wenn ich mir sicher bin, was ich auf keinen Fall möchte, wozu ich absolut nein sage, dann ergibt sich das, was ich will, wie von allein. Denn jede Ablehnung vermindert die Zahl der Alternativen, und das ist gut so, weil wir oft viel genauer wissen, was wir nicht wollen, als was wir wollen. Allerdings gestehen wir das meistens uns selbst nicht ein und anderen nicht zu (mehr dazu in Abschnitt I, 5, 4).

■ In der zweiten Kontaktphase kommen die senso-motorischen Funktionen des Selbst zum Zuge. Man muss sich in der Umwelt orientieren, schauen, was sie den Bedürfnissen zu bieten hat, und auch offen sein für ihre Anregungen. Man muss aus sich und seinem Hause herausgehen, sich umschauen, vergleichen und dann zugreifen. Oder man muss die gegebene Umwelt so umgestalten, dass es möglich ist, sie sich zu eigen, d. h. nutzbar für die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse und Interessen zu machen.

Wichtig dabei ist, ein ausgewogenes Verhältnis zu den eigenen aggressiven Funktionen zu entwickeln. Die Gestalttherapie hat ein positives Verhältnis zur Aggressivität, weil sie die aggressive Energie der Initiative, der schöpferischen Umgestaltung, des kreativen Zorns, des künstlerischen Schaffens, aber auch der Beseitigung, des Loslassens und der Trennung hochschätzt. Alles Leben ist auch Zerstören, Destruktion im Sinne von De-Strukturierung des Vorgefundenen; nur so ist Neues möglich, kann es Überwindung des Alten und Freiraum für einen Neubeginn geben. Die alten Inder wussten das: Ihr Gott Shiva wird oft tanzend auf den Schädeln und Knochen der Toten dargestellt; zugleich sind Lingam und Yoni, die Geschlechtsorgane, als die Quellen des Lebens die Wahrzeichen Shivas in den Tempeln und auf den Straßen Indiens, wo immer Shiva verehrt wird.

Wir zucken zurück, dem Aggressiven einen positiven Wert beizumessen, weil es viel zu viel Gewalt in der Welt gibt, auch hierzulande noch, obwohl unsere Häuser und Wohnungen, unsere Städte und unsere Wälder noch niemals zuvor in der Geschichte so sicher waren wie heute.

Die Gestalttherapie geht nun von der Erkenntnis aus, dass Gewalt, soweit sie nicht aus purer Notwehr geschieht, meistens ihre Ursache in der Unterdrückung von aggressiven Impulsen hat. Ich halte das zwar für zu einseitig, aber es gibt zweifellos gute Beispiel dafür: So hat etwa die noch immer weite Verbreitung häuslicher Gewalt, die die Privatsphäre heute fast gefährlicher erscheinen lässt als das öffentliche Leben, oft ihre Ursache in dem emotionalen Analphabetismus vieler Männer, die sich der wortreicheren und emotional treffsichereren Provokationen ihrer Frauen nur durch impulsive Gewalt erwehren zu können glauben.

Diese Beobachtungen sind richtig, ihre Verallgemeinerung aber ist wahrscheinlich zu optimistisch in Hinsicht auf den emotionalen Zivilisationsstandard unserer Gesellschaft. Gewalt geht nicht nur aus der Unterdrückung unserer notwendigen (!) positiven aggressiven Funktionen hervor, sondern stammt auch aus den negativen von Macht- und Geldgier, von Eifersucht, von Angst vor Ehrverlust, von Sucht nach Ruhm und Anerkennung und auch bei bestimmten Unterdrückungszuständen von dem alles beherrschenden Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben in Freiheit und Würde.3 Aber all diesen Süchten und Sehnsüchten kann man auch ohne Gewalt nachgehen, wenn auch manchmal – wohl gemerkt nur manchmal! – weniger erfolgreich. Alle Affekte können übersteigert werden, nicht nur die aggressiven – aber nur bei diesen ist der Ausdruck einer Übersteigerung Gewalt ! Deshalb ist es richtig, dass wir lernen müssen, den Ausdruck unserer negativen Gefühle zu zügeln, sodass es nie zu körperlicher Gewalt oder Zerstörung von Sachwerten kommt, aber ohne sie zu unterdrücken oder zu verdrängen. Denn sonst droht die Wiederkehr des Verdrängten an falscher Stelle und mit dem falschen Mittel: impulsiver Gewalt. Das lässt sich üben, nur müsste eigentlich früh damit begonnen werden. Zum Beispiel kann auch eine leise Stimme sehr abweisend, kritisch und sogar böse wirken; zur Energieabfuhr ist es besser, auf den Boden zu stampfen als zuzuschlagen. Oder man kann sich bei jeder emotionalen Übersteigerung stoppen, wenn man zum rechten Moment in den Spiegel schaut oder sich insgeheim an ein zuvor eingeprägtes, privates Code-Wort erinnert, sei es einfach »Stopp!«. Vor allem aber geht es um ein frühzeitiges Gewahrsein der aufsteigenden aggressiven Erregung und gegebenenfalls um eine Entkoppelung dieser Erregung vom potenziellen Objekt der Wut, sodass ich meinen Geist befreie von der Obsession, dem anderen etwas antun zu müssen, und ihn allein mit der Beobachtung des Affekts in mir, dem Subjekt des Erlebens, befasse. (Vgl. dazu die Meditation Nr. 13 im Teil III, 2 dieses Buches, die besonders zur Zügelung von Wut geeignet ist.)

■ Es gibt seit einiger Zeit unter Gestalttherapeuten eine Debatte darüber, ob die von PHG vorgetragene Sicht der Aggressiven Funktionen angesichts der Gewalt in der Welt nicht zu blauäugig, ja gefährlich naiv ist (vgl. die Diskussionen in F. Staemmler & R. Merten, 2008.) Kürzlich ist diese Diskussion heftig aufgeflammt durch einen nun in der Tat naiven Vorstoß von Stefan Blankertz, der so weit ging, mit dem politischen Anarchismus Paul Goodmans die ultraliberalen amerikanischen Waffengesetze zu rechtfertigen, wobei er den beunruhigenden Amokläufen einzelner Psychopathen eine generelle Tendenz zu staatlichen Amokläufen gegenüberstellte (S. Blankertz, GESTALTTHERAPIE 27 (1.2013), dazu seine Kritiker E. Fuhrmann und A. Boeckh im gleichen Heft. Vgl. auch: S. Blankertz, Verteidigung der Aggression, 2010. In GESTALTTHERAPIE Heft 28 gibt es einen Leserbrief von mir, der zum Teil identisch ist mit dem Text der folgenden Seiten hier).

Mir scheint es schwer vorstellbar, dass sich Paul Goodman in der gegenwärtigen Diskussion in den USA über mögliche Einschränkungen des Verfassungsartikels, der jedem Amerikaner das Recht auf den Besitz von Waffen erlaubt, auf die Seite der heutigen Waffen-Lobby stellen würde – zu verschieden ist die gegenwärtige Situation von der Ausgangslage der amerikanischen Verfassung im 18. Jahrhundert. Vor allem hat sich die Waffentechnik dramatisch verändert: Die verheerende Wirkung moderner Handfeuerwaffen ist nicht mit der einer Büchse jener Zeit zu vergleichen. Das Fazit, das Albrecht Boeckh daraus zieht, scheint mir allerdings völlig überzogen: »Diese Haltung von Stefan Blankertz ist die bittere Frucht einer Gestalttherapie-Theorietraditionslinie, die kein Konzept besitzt, mit dem zwischen ›Nahrungsaufnahme‹ und sozialen Kontakten unterschieden werden kann, in welcher beides dem gleichen ›Gestaltzyklus der Erfahrung‹ als einem biologistischem Konzept der Aggression und Einverleibung subsumiert wird.« (A. Boeckh, 97). Fritz Perls hat ja bei seiner These von der Bedeutung des Wachstums der Zähne für die Entwicklung einer »oralen Aggression« nicht an Menschenfresserei gedacht, sondern an ein Entwicklungsstadium der Kindheit, in welchem sich im Sinne einer psychophysischen Einheit des Erlebens positive aggressive Funktionen des Selbst entwickeln. Aus dieser These (die bekanntlich von der Psychoanalyse ebenso wie von der Entwicklungspsychologie ignoriert wurde) ist eine notwendige und fruchtbare Ergänzung des einseitig an dem Zusammenhang von Frustration und Aggression orientierten Verständnisses von aggressiven Antrieben entstanden. Das Bild von der Nahrungsaufnahme ist dabei sehr anschaulich, verdeutlicht durchaus auch positiv aggressive Aspekte auch anderer Kontaktprozesse und ist zugestandenermaßen dennoch auch viel zu einseitig und verführt zu falschen Assoziationen, wenn es um die Vielseitigkeit und Fülle menschlicher Kontaktprozesse geht.

Ich sehe hier hauptsächlich ein semantisches Problem: Unsere Sprache kennt keine Unterscheidung zwischen positiven und negativen Aggressionen, und alle Versuche, eine solche durch die Übersetzung des englischen »assertion« oder »assertivenes« einzuführen, wirken künstlich oder liegen daneben wie Hilarion Petzolds Versuch (H. Petzold, 2006, 48), das von Perls und Goodman Gemeinte mit »Mut«, »Zivilcourage«, »Beherztheit« zu umschreiben, und zwar deshalb, weil diese Wörter Charaktereigenschaften einer Person bezeichnen und nicht Funktionen des Selbst im gestalttherapeutischen Sinn. Albrecht Boeckh hat nicht ganz Unrecht, wenn er das Problem darin sieht, dass zur Zeit neben der »Reduktion auf das Paradigma des ›Selbsterhaltes durch die orale Aggression‹ die Bubersche Beziehungsphilosophie und in ihrer Tradition die dialogisch-relationale Gestalttherapie recht unvermittelt und unvermittelbar steht« (97). Aber das darf nicht heißen, dass die in der therapeutischen Praxis reichlich anzutreffende Retroflexion von aggressiven Gefühlen keine Beachtung mehr findet oder durch eine konfluente Überbenutzung von Beziehungs- und Wertschätzungs-Vokabular noch unterstützt wird. Es geht bei Perls und Goodman um die Unfähigkeit, sich mit der gegebenen Situation auseinanderzusetzen, die zu Gewalt (F. Perls, 1980,134) oder zu Verdrängungen führt. Die Wiederbelebung aggressiver Ich-Funktionen des Selbst ist nicht nur wichtiger Bestandteil der Therapie von depressiven, angstneurotischen und zwanghaften Prozessen sowie auto-aggressiven Verhaltensweisen und Immunerkrankungen, sondern auch Voraussetzung jeder sinnvollen, d. h. auf Achtsamkeit beruhenden Unterscheidung von positiven und negativen aggressiven Funktionen. Diese Unterscheidung ist zwar bei Perls und Goodman angelegt, aber leider nicht in theoretischer Präzision ausgearbeitet worden. Bei PHG heißt es dazu:

»Die Einstellungen und Handlungen, die man ›aggressiv‹ nennt, umfassen ein Bündel von sehr unterschiedlichen Kontaktfunktionen, die normalerweise im Handeln dynamisch miteinander verbunden sind, und daher laufen sie unter ein und demselben Namen. Wir werden nachzuweisen versuchen, dass zumindest das Vernichten, Zerstören, die Initiative und die Wut für Wachstum im Organismus/ Umweltfeld wesentlich sind. Vorausgesetzt, die Ziele sind vernünftig, sind sie immer ›gesund‹, und in jedem Falle unverzichtbar, wenn nicht wesentliche Teile der Persönlichkeit auf der Strecke bleiben sollen, insbesondere Selbstvertrauen, Gefühl und Kreativität. Andere Arten der Aggression wie Sado-Masochismus, Eroberung und Beherrschung sowie Selbstmord werden wir als neurotische Derivate interpretieren.« (PHG 2006, 170)

Hier wird klar zwischen zwei verschiedenen Formen der Aggression, nämlich positiven und negativen, unterschieden. Die einen werden als »unverzichtbar« für das Wachstum bezeichnet, die anderen als deren »neurotische Derivate«. Aber diese Unterscheidung ist nicht klar genug, weil sie als einziges Kriterium die Ausrichtung auf »vernünftige Ziele« angibt. Hinter dieser Unschärfe verbirgt sich, wie ich vermute, die Vermeidung einer Auseinandersetzung mit der schwierigen, aber heute erneut hoch aktuellen Frage nach der Unterscheidung zwischen legitimer Revolte und illegitimem Terror, zwischen legitimem Widerstand und illegitimer Gewalt, und auch, was bei den Achtundsechzigern ständig diskutiert wurde, nach der Unterscheidung zwischen Gewalt gegen Menschen und Gewalt gegen Sachen. Man kommt mit dieser Art der begrifflichen Unterscheidung nicht weiter, weil sie an den Zielen der Handlungen orientiert ist und nicht, wie meines Erachtens notwendig und sinnvoll, an ihren Mitteln. Man erinnert sich vielleicht: »Macht kaputt was euch kaputt macht!« war ein populärer Slogan der Studentenbewegung nach 1968. Was war gemeint? Menschen (»Bullen«)? Sachwerte (Bankfilialen)? Oder »die Verhältnisse«, das »System«? Und wie steht es heute, wenn man vielleicht zwar den Terror als Methode ablehnt, aber die Gewalt des »Arabischen Frühlings« gutheißt? Ich bin kein Pazifist, wie es niemand sein kann, der den Zweiten Weltkrieg als eine Befreiung von Tyrannei und Terror erlebt hat und versteht. Aber ich habe etwas gegen Gewalt. Dies sind die Antinomien von politischen und moralischen Fragen, mit denen eine Therapie-Theorie vielleicht überfordert ist.

In den Fünfziger-Jahren, als die Gestalttherapie entwickelt wurde, stand etwas anderes im Vordergrund: das krasse, neurotisierende Missverhältnis zwischen einer angepassten, heuchlerisch verdrängenden, prüden Gesellschaft und einer technologischen Hochrüstung, die in Nuklearwaffen gipfelte, deren erneuter Einsatz ernsthaft erwogen wurde.

Wenn es aber um das Menschenbild einer Therapie-Theorie geht wie hier, dann darf man die Unterscheidung zwischen positiven und negativen aggressiven Funktionen nicht vermeiden, selbst wenn eine eindeutige Differenzierung kaum möglich ist, weil sich beide leicht mischen oder vom Positiven ins Negative umschlagen können. Diese Unterscheidung kann meines Erachtens nur durch eine Verschiebung der Akzentsetzung auf den Wert und die Bedeutung der sozialen wie der materialen Umwelt gelingen. Nicht ihre Aggressionstheorie ist der »Geburtsfehler« der Gestalttherapie, sondern ihre einseitige Betonung des Individuums im Austauschprozess zwischen »Organismus« und Umwelt! Meines Erachtens ist das einem bürgerlichen Liberalismus geschuldet, für den in der faschistischen und postfaschistischen Epoche in Europa – anders als heute – der Individualismus der Moderne noch einen deutlich emanzipatorischen Charakter besaß. Damals gab es guten Grund, die »Grenzen der Gemeinschaft« zu betonen, wie das immer noch wichtige Büchlein von Helmuth Plessner im Titel heißt (H. Plessner, 1924, 2002). Eine »Kritik des sozialen Radikalismus« lautet der Untertitel in der Absicht, gewisse zivilisatorische Potenziale der bürgerlichen Gesellschaft, wie z. B. die Werte von Distanz, Diplomatie und Taktgefühl, zu verteidigen. Dass genau diese Werte nicht mit in die Gestalttherapie eingeflossen sind, ist eine Ironie ihrer Entwicklungsgeschichte, die möglicherweise nicht nur der Persönlichkeit von Friedrich Perls, sondern auch dem unklaren Aggressionsbegriff der Gestalttherapie geschuldet ist.

Für die sozialistische Tradition stand dagegen statt der individuellen Freiheit der Wert der Solidarität im Vordergrund – aber diese Tradition hat in der politischen Kultur der USA niemals wirklich Fuß fassen können. Und in Europa hatten die Nationalsozialisten aus der Solidarität der Unterdrückten das nationale und rassische »Zusammenstehen« der »Volksgemeinschaft« gemacht und damit auch den sozialistischen Gedanken der Solidarität desavouiert. Der »real existierende Sozialismus« hat dann mit seiner totalitären Gesellschaftsverfassung ein Übriges dazu getan. Trotz dieser komplexen Geschichte und trotz der Tatsache, dass positive und negative aggressive Funktionen »normalerweise im Handeln dynamisch verbunden sind« schlage ich vor, einfach bei der Unterscheidung von positiven und negativen Aggressionen zu bleiben und als ihr Kriterium Gewalt zu setzen. Wie im Leben so wird diese Unterscheidung auch in der therapeutischen Praxis nicht eine Frage der begrifflichen Logik, sondern eines geschärften Gewahrseins sein.

■ Jedenfalls hat die Gestalttherapie trotz ihrer Betonung des Verhältnisses von Mensch und Umwelt als eines Austauschprozesses die Bedeutung des Erhalts der Umwelt unterschätzt, und damit auch die Bedeutung des anderen, der nicht nur unser Gegenüber, sondern auch unser Mitmensch ist. So richtig der Ausgangspunkt der Gestalttherapie-Theorie im Begriff des Organismus-Umwelt-Feldes ist – nicht trotz, sondern wegen seiner Verankerung im Biologischen, im Leben, übrigens – so notwendig ist es, zu betonen, dass dieses Feld vornehmlich ein Feld ist, in dem sich das Individuum mit seinen Mitmenschen austauscht. Die frühe Gestalttherapie war durch die intellektuelle Herkunft ihrer Gründer in der Psychoanalyse noch geprägt von deren pseudo-naturwissenschaftlicher Rede von »Trieb-Objekten« und von »Objektbeziehungen«; erst die Humanistische Psychologie erbrachte einen Paradigmenwechsel hin zu einem Verständnis von Kontaktprozessen zwischen Menschen und Mitmenschen. »Selbsterhalt« ist nur möglich durch den und im Kontakt mit den anderen, die aber dazu befähigt sein müssen, wozu sie unserer Stützung und Resonanz bedürfen. Zu dieser Einsicht bedarf es keiner Mystifikation der »Ich-Du-Beziehung« wie bei Martin Buber; das ist heute anthropologisches Grundlagenwissen der Sozialwissenschaften (vgl. dazu den klaren Überblick von A. Honneth & H. Joas, 1980). Das Selbst als »die Kontaktgrenze in Bewegung«, als der Ort, an dem wir Welt erleben und erfahren, konstituiert sich intersubjektiv, und zwar in jedem Hier-und-Jetzt neu gemeinsam mit den Mitmenschen. Es kann keinen Selbst-Erhalt ohne Umwelt-Erhalt geben. Im Hinblick auf unsere soziale Umwelt bedeutet das:

Es gibt weder ein physisches noch ein psychisches Überleben ohne unsere Mitmenschen, ohne deren Zuwendung, deren Hilfe, deren Kooperation. Im Austausch mit anderen Menschen und in der Identifikation mit unseren Beziehungen zu ihnen gestalten wir unser Leben. Nicht die Herausarbeitung der positiven Aspekte der aggressiven Funktionen des Selbst war der Geburtsfehler der Gestalttherapie, sondern – trotz manch gegenläufiger Versuche wie den Gestalt-Kibbuzim4 – ein gewisser Mangel an Gemeinsinn.

■ Die dritte Phase des Kontaktprozesses ist der Moment der Integration oder des Vollen Kontakts. Nun geht es darum, alle absichtsvollen, zielgerichteten Ich-Funktionen loszulassen und damit auch jede Selbstkontrolle. Denn in dieser Phase, wo die energetische Aufladung am stärksten ist, sind alle Ziele und Absichten (soweit das im jeweiligen Kontaktprozess möglich ist) erreicht, und nun geht es nur noch darum, die Sättigung, die Erfüllung, wahrzunehmen und zu genießen, sich am Erreichten zu freuen bzw. im Vollzug der Kreation, wo dieser schon das Ziel war, aufzugehen. Dieser Volle Kontakt ist in allen Kontaktprozessen möglich, auch wenn seine Momente oft kleiner, manchmal banaler Natur sind. Es hängt von den Bedürfnissen ab: wenn sie stark sind und energisch auf Erfüllung drängen, dann wird die Erregung auch hoch und das Erleben sehr intensiv sein. Am leichtesten drängt sich hier vielleicht das Beispiel vom Orgasmus auf, und nicht zu Unrecht. Nur sollte man dabei nicht vergessen, dass es viele Orgasmen gibt, darunter auch weibliche und männliche. Leben ist eben erstaunlich vielfältig. Einleuchtend sind u. a. die Beispiele von ästhetischer Erfahrung: das volle Aufgehen in der Musik, ganz in ein Bild versunken zu sein, sich einem Naturerlebnis hinzugeben oder auch die Beispiele ekstatischer psychischer Erfahrungen, sogenannter peak experiences, und die sogenannten »Grenzerfahrungen« bei Extremportlern.

Kennzeichnend für all diese Erfahrungen ist das Verschmelzen von Subjekt und Objekt. Abgesehen von der unio mystica, dem All-Eins-Gefühl in der mystischen Versenkung, gibt es keine andere Erfahrung dieser Auflösung der dem Menschen sonst schicksalhaft auferlegten Spaltung zwischen Subjekt und Objekt des Bewusstseins! Zwar sind die meisten Vollen Kontakte, die wir erleben, nicht gleich mit außerordentlichen Gefühlen glückhafter Seligkeit verbunden, wie sie von manchen mystischen Erfahrungen beschrieben werden, aber dafür sind sie häufig, und mit geschärftem Gewahrsein kann jeder Mensch immer wieder genau dort den Himmel schon auf Erden erleben. Auch diese Empfindungen und die dazu gehörigen Affekte, wie vor allem die Freude, dieses kulturell so vernachlässigte Gefühl, bedürfen allerdings der Kultivierung und des Schutzes einer gewissen Intimität, wie es uns für erotische Erfahrungen ja (noch) selbstverständlich ist.

■ Zu diesen Schutzmaßnahmen gehört in gewisser Weise auch der Nachkontakt, die vierte Phase der Kontaktprozesses, denn sein Fehlen, der unvermittelte Abbruch des Kontaktprozesses und Übergang zu etwas anderem, Neuem, kann leicht noch im Nachhinein die erfüllende Erfahrung wieder ins Triviale hinab drücken und seinen erlebten Wert herabmindern oder gar auslöschen. Die Öffnung, das Loslassen der Selbstkontrolle, die Hingabe an das andere, Fremde, Unvertraute kann noch nachträglich Scham- und Angstgefühle auslösen, die dann unter Umständen durch Projektion auf den/die anderen oder durch Retroflexion und schließlich Verdrängung abgewehrt werden.

Diese letzte Phase des Kontaktprozesses hat die Bedeutung, das Erfahrene und Erreichte zu sichern, die Befriedigung nachhaltig wirken zu lassen und sich darüber zu verständigen, was denn und wie denn dieser Kontaktprozess gewesen ist. Dazu ist es nötig, noch ein wenig im Hier-und-Jetzt dieses Kontaktprozesses zu verweilen und inne zu halten. Nach-Spüren, Nach-Schmecken, Nach-Fühlen, und auch Nach-Denken sind jetzt angebracht. Sich zurücklehnend wird der Mensch sich seiner Selbst und seiner weiteren Umgebung jetzt erst wieder gewahr, und langsam im Abschied kann er sich dann lösen aus der noch gegenwärtigen Kontaktsituation, um sich dann einem neuen Kontaktprozess oder seinem Rückzug zuwenden.

Gerade auch der Abschied darf nicht übersprungen werden, denn in ihm wird durch verbale oder averbale Verständigung über die Bedeutung der zu Ende gehenden Begegnung auch schon über Fortgang oder Abbruch der jeweiligen Beziehung entschieden und deren Qualität mit bewertet. Kuss oder Küsschen, Handschlag oder Kopfnicken, mit lächelnder, lachender oder ernster Miene, in alldem drückt sich der Stand der Beziehung aus, also auch schon, ob und wie es mit ihr demnächst weitergehen soll.

■ Kontaktprozesse sind auf komplexe Art ineinander verschachtelt: Kontakte können in Kontakten eingebettet sein, die wiederum in Kontakten eingebettet sind. Nicht immer sind die übergeordneten Kontaktprozesse auch die wichtigeren. Bei Konferenzen über irgendwelche Themen z. B. ist oft die Chance, dass es mit Kollegen zu informellen Kontakten kommen kann, das eigentliche Motiv für die Teilnahme (vgl. zu der Komplexität dieser Interaktionsstrukturen die geniale Analyse von E. Goffman, 1980). Das Erstaunliche daran ist, dass jeder Kontaktprozess, eben auch die eingebetteten, als jeweils eigene Gegenwart erlebt werden kann. So erkennen wir auch bei der Betrachtung der sich überlagernden Kontaktprozesse noch einmal deutlich, dass Menschen offensichtlich in der Lage sind, mehrere Gegenwarten zugleich zu erleben, und zwar meistens ohne dabei durcheinander zu geraten. Wenn ich z. B. in der Pause eines Seminars einer anderen Teilnehmerin eine Geschichte erzähle, so ist diese Erzählung zweifellos der Gegenwartsmoment, der meine ganze Aufmerksamkeit fordert, dem freilich noch weitere folgen können. Zugleich kann das eigentliche Thema meines Kontaktprozesses mit dieser anderen Teilnehmerin, der seinerseits, wenn er ungestört verläuft, die beschriebenen vier Phasen durchlaufen wird, ein Flirt mit ihr sein. Beiden ist dabei bewusst, dass sie sich in der Pause eines Seminars befinden, die bald zu Ende gehen wird, welches seinerseits dann wieder ihre Aufmerksamkeit fordern wird. Auch das Seminar kann als ein Kontaktprozess analysiert werden, der wiederum vier Phasen aufweist, und der nicht schon deshalb als unvollständig oder unbefriedigend erlebt wird, weil er unterbrochen worden ist durch ein Geschehen, die Pause, das Raum lässt oder bewusst schafft für andere Kontaktprozesse, die in ihrem eigenen Hier-und-Jetzt stattfinden.

Dennoch sollten wir unsere Fähigkeit, mit Komplexitätserfahrungen umzugehen, nicht überschätzen. Pausen sind wichtig: Sie erlauben ein vorübergehendes Loslassen bei der Verfolgung des Hauptinteresses, wobei ein eingeschobener Kontaktprozess sogar zur Regeneration der Aufmerksamkeit beitragen kann – vorausgesetzt er bleibt untergeordnet. Schiebt sich dessen antreibendes Bedürfnis aber in den Vordergrund, z. B. weil der Stimulus besonders kräftig ist (die Gesprächspartnerin ist sehr attraktiv), wird es schwierig. Denn nun wird der übergreifende Kontaktprozess an Interesse verlieren und damit als solcher unbefriedigend bleiben, auch wenn man sich vielleicht am Ende sagt: Allein diese Frau kennen gelernt zu haben, war das Ganze wert. Erneut wird hier deutlich, dass es bei der Konzentration auf das Hier-und-Jetzt immer wieder vorrangig darauf ankommt, sich ständig über die eigenen Bedürfnisse und ihre Prioritätenordnung im Klaren zu sein.

Bedürfnisse können sich also verändern, wenn neue Stimuli erscheinen und sich neue Chancen auftun, sodass wir gezwungen sind zu entscheiden: Wollen wir dem jetzt neu auftretenden Bedürfnis den Vorrang geben oder bei der alten Prioritätenordnung bleiben und seine Befriedung aufschieben, weil »hier« nicht der richtige Ort und »jetzt« nicht die richtige Zeit dafür ist? Und/ oder weil wir uns entscheiden, das Thema des übergreifenden Kontaktprozesses für wichtiger zu halten? Dafür sind wir auch gut gerüstet: Wir brauchen nur unser Gewahrsein verstärkt auf das augenblickliche Verhältnis von unseren Bedürfnissen und den laufenden Kontaktprozessen zu richten.

■ Anders ist es, wenn wir versuchen, mehrere Bedürfnisse, verschiedene Interessen gleichzeitig zu verfolgen. Das ist nicht unmöglich, manche Menschen haben eine erstaunliche Fähigkeit zum Multitasking. Aber viele Situationen in unserer schnelllebigen, hoch mobilen und sehr anforderungsreichen Welt verführen auch dazu, mit der wachsenden Komplexität auf diese Weise umzugehen und sich dabei zu überfordern. Denn Multitasking bedeutet, dass die Zeit – weil in deren Räume nun immer mehr Aufgaben gepackt werden – so knapp wird, dass nichts mehr übrig bleibt für die Gegenwartsmomente, mit der Folge, dass sie als sich ständig beschleunigend erlebt wird. Das ist insbesondere die Gefahr einer Übernutzung der Smartphones. Unter dem Druck der Aufgabenbewältigung wird dann die ersparte Zeit als gewonnene Zeit verbucht, die sofort zu weiterem Multitasking eingesetzt werden kann. Auf die Dauer merkt der menschliche Organismus, der Körper wie die Seele, dann, dass etwas fehlt – ohne zu wissen, was das ist. Es sind die Gegenwartsmomente, es ist die lebendige Erfahrung nicht zweckrationaler Erfahrungen, die zwar auf irgendeine Weise auch der Lebenserhaltung dienen, aber nicht auf dem Weg der Verfolgung fest bestimmter Ziele oder der Erledigung fest gelegter Aufgaben, sondern durch einen spielerischen – Paul Goodman würde sagen poetischen – Umgang mit dem, was die Welt uns von Augenblick zu Augenblick darbietet. Früher nannte man das Muße.

Schaut man also genauer hin, dann zeigt sich, dass es bei der Konzentration auf das Hier-und-Jetzt um eine Durchdringung mehrerer Schichten von Gegenwart geht, die alle ihr eigenes Recht beanspruchen: nämlich im subjektiven Erleben die Zeit zeitweise auszusetzen. So gewinnen wir die Ewigkeit in der Zeit – wenn wir den Gegenwartsmomenten genügend Raum lassen.

4.4 Die Gegenwart unserer biografischen Lebensabschnitte

Das individuelle Leben ist kurz – so scheint es uns Menschen, die wir um sein Ende wissen. Das erleben wir am intensivsten durch unseren Körper: Er wächst, wird groß und stark und fruchtbar – er schrumpft, wird alt und schwach und unfruchtbar. Das prägt unser Leben, teilt es in Abschnitte ein, die den Zwängen der Natur folgen, auch wenn sie auf vielfältige Weise kulturell überformt sind. Auch jeder dieser Lebensabschnitte hat seine eigene Gegenwart. Ich erlebe mich als jung oder alt, als noch klein oder schon groß, als Kind oder als Erwachsener. Jedes Leben hat seine »einmalige Gegenwart«, meinte der Historiker Herrmann Heimpel in sympathischer Verteidigung des Individuums gegen seine Vereinnahmung durch »die« Geschichte in seinem damals viel beachteten Essay »Der Mensch in seiner Gegenwart« (H. Heimpel, 1957). »Diese Gegenwart ist das Schicksal des Menschen, der geboren wird und stirbt: denn der Tod ist der Vater der Zeit.« (9). Hier ist die Gegenwart der Lebenszeit des einzelnen Menschen gemeint, die Heimpel in ihrer Dauer nicht den viel kürzeren Kontaktprozessen gegenüber stellt, sondern der noch viel umfassenderen Gegenwart von historischen Epochen und dem jeweiligen Zeitgeist der Kulturen. Aber der einzelne Mensch erfährt sein Leben als ein ganzes allenfalls im Alter, wenn seine Biografie überschaubar geworden ist – und selbst das erst, seitdem der einzelne als Individuum gesellschaftlich überhaupt zählt und Beachtung findet. Aber die Biografie wird nicht als eigenständige Gegenwartgestalt erlebt; sie mag die Gegenwart im Alter überschatten oder aufhellen, ist dann aber schon gelebtes Leben – Vergangenheit. Wohl aber haben die jeweiligen Lebensabschnitte ihre je eigene Gegenwart, wie es in der Rede von der Jugend oder dem Alter zum Ausdruck kommt.

■ Stärker als die Gegenwartsmomente und die Kontaktprozesse sind die Lebensabschnitte überschattet von den zukünftigen Phasen der Naturgeschichte des eigenen Lebens. Das Kleinkind lebt noch im Licht der reinen Gegenwart. Sobald aber das Gehirn reif genug ist für ein differenzierteres Zeiterleben, tritt die Zukunft als Hort der Wunscherfüllung und als Schreckgespenst des jeweils drohenden Endes ins Bewusstsein. Nicht alle Wünsche werden Hier-und-Jetzt erfüllt, manches muss warten auf ein Dann und Dort: »In den Sommerferien fahren wir ans Meer, und dann kannst du jeden Tag baden! Weihnachten fahren wir zur Oma, und dann bekommst du die große Puppe, die du dir wünschst.« Aber schon früh ist die Zukunft auch bedrohlich: »Papa hat jetzt eine Arbeit in der Stadt gefunden und dann kommst du dort in eine neue Schule.«

In der immer länger werdenden Phase der Selbstfindung, die mit der Pubertät beginnt, besteht die Zukunft, die dann allmählich immer mehr die Gegenwart überschattet, heute oft nur noch aus Nebel und Wolken. »Unbekümmerte Jugend«? – dies ist heute kaum noch zu finden, zu sehr lasten die Sorge um die Berufsfindung und der Druck der Leistungskonkurrenz, die der digitale Kapitalismus erzwingt.

In der Phase des eigentlichen Erwachsenendaseins dagegen kommt die Gegenwart wieder zu sich selbst; Zukunft und Vergangenheit rücken in die Ferne, während die gegenwärtigen Lebensaufgaben in den Vordergrund treten. Allerdings schrumpft die Gegenwart dann häufig auf andere Weise doch wieder: beruflicher Aufstieg und die Probleme der Kinder lassen immer weniger Zeit für Liebe und Muße. Geradezu tragisch ist, dass es dann oft gerade kreative berufliche und private Projekte sind, mit denen man sich ein bisschen eigene Autonomie noch gegenüber den beruflichen Leistungsanforderungen und den Ansprüchen der Kinder retten will, die dann vollends dafür sorgen, dass die Zeit immer knapper wird – zunehmender Stress mit der entsprechenden Bedrohung durch Krankheit ist die Folge.

Wo früher zumindest in den mittleren Einkommensgruppen der Zenit des Lebens erreicht wurde, fällt heute der Mensch, wie wir im ersten Abschnitt dieses Teils gesehen haben, oft in ein tiefes Tal der Unzufriedenheit, das allenfalls dem der Pubertätszeit gleichkommt (M. Horx, 2011, 137/139). Das hängt offenbar mit der Verlängerung unserer Lebenserwartung zusammen – plötzlich überschattet die Zukunft wieder die Gegenwart. Der berufliche Aufstieg stockt, das Ende der Fahnenstange ist in Sicht, womöglich droht gar Verlust des Arbeitsplatzes, vorzeitige Ausmusterung aus der Arbeitswelt. Die Kinder sind aus dem Haus, liegen einem aber häufig dennoch auf der Tasche, das Gelingen der nun notwendig werdenden Neujustierung der Beziehung bleibt ungewiss – auch in diesem Lebensbereich scheinen die Alternativen zu schwinden.

Die Krise der Lebensmitte hat sich seit den Siebziger-Jahren, als der Begriff der »Midlife-Crisis« erstmals in der Literatur auftauchte, von damals im Alter von vierzig bis fünfzig auf heute fünfzig bis sechzig Jahre verschoben. Diese Krise ist keine psychische Erkrankung, es gibt keinen anerkannten Katalog von Symptomen für sie, sie ist wissenschaftlich ein Phantom. Dennoch gehören zur Lebensphase zwischen der klassischen Erwachsenenzeit und dem beginnenden Alter Deutungsaufgaben, die oft krisenhaft erlebt werden. »War das schon alles? Hat sich so viel Mühe gelohnt? Nicht mal die eigenen Kinder danken es einem! Was soll ich mit meinem Leben noch anfangen? Gibt es noch einen Sinn in meinem Leben?« Erik Erikson, dem wir eines der besten psychologischen Modelle der Lebensstadien verdanken (E. Erikson, 1992) charakterisiert diesen Lebensabschnitt immerhin mit den Polen Verzweiflung versus Ich-Integrität. Wie bei jedem Lebensabschnitt geht es nach Erikson auch hier darum, die eigene Ich-Identität durch die Lösung einer existenziellen Lebensaufgabe zu bewahren und weiterzuentwickeln, nämlich sich mit dem zu identifizieren, was man zu geben bereit ist.

Dass jede Phase dieses je einmaligen Lebens ihre eigene Gegenwart gegenüber dem Leben als Ganzes hat, bewahrheitet sich noch einmal im Alter, das heute nicht mehr bloßes Dahinsiechen ist, sondern ein Lebensabschnitt, der seine eigenen existenziellen Aufgaben mit sich bringt, die aber nicht in der Hinnahme des Todes aufgehen – obwohl der nun unübersehbar in die Nähe gerückt ist. Das überkommene und den Ängsten entsprechende Bild vom Alter täuscht uns hier leicht, denn wir sehen jetzt mehr Menschen mit Altersbehinderungen denn je, weil es eben überhaupt immer mehr alte Menschen gibt.

■ Bei allen psychologischen und kulturellen Überlagerungen zeigt sich, dass die Lebensabschnitte wesentlich von unserer Körperlichkeit bestimmt sind. Jenseits aller Sehnsüchte und Ängste bleiben wir an die Zustände unseres Körpers gebunden. In meinem individuellen Leben bin ich nicht in diese unvorhersehbare Spanne meines ganzen Lebens in »einmaliger Gegenwart« eingebunden, sondern ich lebe in der jeweiligen Gegenwart meines Lebensabschnitts, in der mein Körper mich als kindhaft oder erwachsen, als stark oder schwach oder eben auch als fruchtbar oder unfruchtbar festlegt.

Es gehört zu den Aufgaben eines gelingenden Lebens, sich mit der Tatsächlichkeit des eigenen Körper zu identifizieren. Wenn man sein Alter verleugnet, sich als älter oder jünger ausgibt, führt das immer zu Stress und Enttäuschung. Das gleiche gilt, wenn man seine Behinderungen auch vor sich selbst noch versteckt und wenn man seine Krankheiten verdrängt: Früher oder später wird die Diskrepanz zwischen dem Vorgeblichen und dem Realen offenbar. Und immer obsiegt dann der Körper, immer erweisen sich die Gesetze der Natur als stärker. Auch an dieser Stelle offenbart sich das Hier-und-Jetzt-Prinzip als heilsam:

Ein achtsamer Umgang mit dem eigenen Körper, der ihn pflegt und seine Stärken kultiviert, wird ihn nicht überfordern, wird seine Grenzen liebevoll respektieren. Schließlich auch seine Ermüdung und seinen Tod gelassen und mit Dankbarkeit hinzunehmen, das ist wohl die höchste Entfaltung der Lebenskunst: die ars vivendi gipfelt in der ars moriendi.

Wie immer im Leben kommt es besonders auch im Umgang mit dem eigenen Körper auf das richtige Maß an. Seit die körperliche Arbeit im Freien immer seltener wird, gehört die Stärkung des Körpers durch geeigneten Ausgleichssport gewiss zu einem achtsamen und liebevollen Umgang mit ihm. Leistungssport, das könnte heute jeder wissen, ist ungesund, führt zu Enttäuschungen und verfrühtem Altern, denn er überfordert den Köper oder fördert ihn nur einseitig – und tut auch der Seele nicht gut, denn er verleitet zu falschen Werten: einseitige Leistungsorientierung, einseitige Huldigung der wenigen Sieger, die Fixierung auf die ungerechte und lieblose One-takes-all-Regel, ungutes Konkurrenzverhalten, problematische Heldenverehrung.

■ Wichtig ist dennoch stets, den Körper ausreichend in Bewegung zu halten. Sorgsam zu unterscheiden aber sind Sportarten, die uns in einen Rausch versetzen oder die uns an und über unsere Grenzen hinaus führen, von Sportarten, die uns zugleich mit einer Stärkung auch zu einem meditativen Gewahrsein unseres Körpers verhelfen, wie es bei manchen Körpermeditationen oder asiatischen Selbstverteidigungskünsten (z. B. beim chinesischen Tai Chi oder den japanischen Aikido- und Kinomichi-Disziplinen) der Fall ist. Denn der Körper ist die räumliche Dimension unserer Seele – was wir diesem antun, verletzt immer auch jene (vgl. dazu auch Abschnitt III, 3 dieses Buches).

Die »einmaligen Gegenwarten« der Lebensabschnitte haben also ihre Kernbedeutung im Erleben unserer Körperlichkeit. Obwohl sich unser Körper in ständiger Entwicklung und Wandlung befindet, werden diese Lebensabschnitte dennoch als eine andauernde Gegenwart erlebt, freilich normalerweise mit wenig Gewahrsein. Denn der Körper wird stets so lange als selbstverständlicher, unproblematischer Hintergrund unserer Lebensvollzüge erlebt, wie er funktionstüchtig bleibt oder dafür gehalten werden kann. Leider entwickelt sich ein differenzierteres Körperbewusstsein meistens erst mit Krankheiten oder Unfällen und dem Älterwerden. Das ist unglücklich, weil nun das Augenmerk ganz auf die Störungen gerichtet wird, statt auf die vielen subtilen Freuden, die uns unser Körper und besonders unsere Sinne zu schenken vermögen. Wenn es notwendig und gut ist, dass der gesunde Körper für uns im Hintergrund der meisten unserer Kontaktprozesse bleibt und nicht etwa Gegenstand hypochondrischer Aufmerksamkeit wird, so offenbart doch gleichzeitig eine Öffnung und Schärfung unserer Sinne, die in unserer technischen Kultur immer weiter zu verkümmern drohen, eine Quelle subtiler Freuden, auf die niemand verzichten sollte (z. B. durch Sensory Awareness – Übungen: Ch. Selvers, 2005).

Wenn es richtig ist, dass unsere Kultur dem Köper nur einseitige und den Sinnen ganz und gar nicht genug Aufmerksamkeit schenkt, so ist die Ausnahme davon sein Aussehen. Schon immer war das Aussehen in der Öffentlichkeit der je relevanten Bezugsgruppen und Gemeinschaften die wohl wichtigste, freilich nur scheinbar stabile Quelle des Selbstbewusstseins. Neu ist, dass die alles durchdringende Macht der Medien dazu geführt hat, dass immer häufiger das Ansehen auf das Aussehen angewiesen ist. Gut auszusehen wird offenbar mehr und mehr zu einer notwendigen Vorbedingung, um Ansehen auch für andere Attribute und Leistungen zu gewinnen. Schon die Kleinen beginnen sich Sorgen um ihre Erscheinung zu machen.

■ Nun gibt es inzwischen gegen diese die Menschen unserer Gesellschaft von der Kindheit bis ins Greisenalter beherrschende Sorge allerhand Abhilfe durch eine Fülle von Mitteln und Techniken, die industriell angeboten werden. Dabei kommt es zu massenhaften Modeerscheinungen, die vor keiner Körpergrenze halt machen. In den Siebziger-Jahren war ich erstaunt zu entdecken, dass in den USA damals Achselhaare auch bei einem Mann als »eklig« galten, eben unzivilisiert; heute sind auch hierzulande plötzlich bei den Jüngeren sogar die Schamhaare nicht mehr angesagt.

Wir werden uns nie gleichgültig gegenüber unserem eigenem und dem Aussehen anderer verhalten können; zu sehr bleibt unser Aussehen immer Ausdruck von Persönlichkeit und Status, von Zugehörigkeit und Eigenwilligkeit, mit dem wir erkannt werden wollen als das, als was wir erscheinen möchten – und sind doch zugleich darauf angewiesen, hinter der Erscheinung der anderen die ihnen eigene Wirklichkeit zu erfassen. Das ist ein ewiges Spiel von Masken, zu denen auch diejenigen gehören, die Authentizität zum Ausdruck bringen wollen. Spielen wir es ruhig mit, denn hinter allen Masken, allen Rollenspielen sind wir nackt, da gibt es nichts zu sehen, weil wir uns in unseren Masken oder Rollen verkörpern und nur so zum Ausdruck bringen können.

»Nichts ist der Mensch ›als‹ Mensch von sich aus, wenn er, wie in den Gesellschaften modernen Gepräges, fähig und willens ist, diese Rolle und damit die Rolle des Mitmenschen zu spielen: nicht blutgebunden, nicht traditionsgebunden, nicht einmal von Natur frei. Er ist nur, wozu er sich macht und versteht. Als seine Möglichkeit gibt er sich erst sein Wesen kraft der Verdoppelung in einer Rollenfigur, mit der er sich zu identifizieren versucht. Diese mögliche Identifikation eines jeden mit etwas, das keiner von sich aus ist, bewährt sich als die einzige Konstante in dem Grundverhältnis von sozialer Rolle und menschlicher Natur.« (H. Plessner, 1976, 69)

So lehrt es die philosophische Anthropologie und feiert damit auch die Freiheit der Moderne. Dazu gehören dann auch die Flexibilität des Schauspielers und seine Lust an der Darstellung: Es braucht schon mehrere Rollen, um uns voll auszudrücken! Wenn wir mit einer einzigen Rolle verwachsen, so wird diese erst wahrhaft zur Maske, hässlich und in ihrer Starre unsere Lebensmöglichkeiten beengend.

Auch hier also gilt es, Maß und Mitte zu finden. Gegen die Korrektur einer allzu krummen Nase ist nichts einzuwenden, kein Mädchen sollte Hässlichkeit als gottgewollt erleiden müssen. Der eigenen Schönheit des Alters aber operativ entgegenwirken zu wollen, zeugt von Blindheit oder Geschmacklosigkeit. Heraus kommt dann statt Unterstützung und Hervorhebung der Schönheit meistens nur eine starre und darum hässlichere Maske. Künstlichkeit ist noch nicht Kunst, und selbst diese übersteigert nur selten die Natur.

Es ist für ein gelingendes Leben wichtig, sich mit dem eigenen Lebensabschnitt und darin besonders mit dem Status des eigenen Körpers zu identifizieren. Erst dann kann dieser Lebensabschnitt auch im jeweiligen Hier-und-Jetzt seiner eigenen Gegenwart voll gelebt werden.

Das Thema dieses Abschnitts wird unter dem Aspekt von Entwicklung und Reifung fortgeführt im Teil II (Kapitel 8: Lebenskrisen als Übungsfelder).

4.5 Die Gegenwart historischer Epochenerfahrungen

Schließlich können wir noch in einem weiteren Verständnis von erlebter Gegenwart sprechen, von der Gegenwart der historischen Zeit nämlich, in der wir leben. Es ist nicht gleichgültig, ob ich in Kriegs- oder Friedenszeiten lebe, ob meine Gesellschaft schon »entwickelt« ist, d. h. sich im Zeitalter des Massenkonsums befindet, oder eben leider noch nicht. Und es macht auch einen Unterschied, ob ich z. B. meinen Beruf im 19. Jahrhundert (falls es ihn damals überhaupt schon gab) oder im 21. Jahrhundert ausübe. Und wir können auch davon ausgehen, dass sich zumindest in unseren Gesellschaften heute die meisten bewusst sind, politisch, gesellschaftlich und ökonomisch in einer bestimmten historischen Gegenwart zu leben. Diese Gegenwart kann so mächtig und alles durchdringend sein, dass Leopold von Ranke, einer der Begründer einer wissenschaftlichen Geschichtsschreibung, sagen konnte: »Jede Epoche ist unmittelbar zu Gott« – womit er sagen wollte, dass sie nur aus sich selbst, aus ihrer jeweiligen historischen Gegenwart heraus verstanden werden kann, und nicht aus der philosophischen Spekulation historischer Entwicklungsmodelle. Um zu verstehen, »wie es eigentlich gewesen ist«, so Ranke, müsse man die Zeugnisse der Zeit mit wissenschaftlich-philologischer Akribie erforschen.5 Daher die Bedeutung der Quellen und der Archive für die historische Forschung.

Aber wo sind die Grenzen einer Epoche? Wann fängt eine Epoche mit ihrer jeweiligen Gegenwart an, wann hört sie auf? Herrmann Heimpel hat darauf kurzerhand geantwortet, die jeweilige historische Gegenwart beginne mit der jeweils letzten, durchschlagenden Katastrophe, die eine Gesellschaft erlebt hat (12). Das war 1951, sechs Jahre nach dem Ende der Nazi-Herrschaft und der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht ziemlich plausibel: In der Tat wurde damals der sogenannte »Zusammenbruch« als eine Zeitenwende erlebt. Und man kann auch gewiss sagen, dass die Zeit bis zur Französischen Revolution und den Napoleanischen Kriegen tief geprägt und überschattet war von der Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges, und dass die Epoche von da an bis zum Ersten Weltkrieg wesentlich von dem Thema Revolution oder Restauration bestimmt war. Ich will über die Berechtigung dieser Epocheneinteilungen nicht spekulieren; zu viele Einwände drängen sich sofort auf, jedoch ginge es wohl mit anderen Einteilungen ebenso.

Wenn mit dem Leben in einer historischen Gegenwart auch so etwas wie der jeweilige Zeitgeist gemeint ist, so ist sogleich ersichtlich, dass dessen zeitliche Grenzen nur sehr verschwommen sein können. Die Wirkung epochaler Ereignisse und die subtileren der Strömungen des Zeitgeistes durchdringen und verzahnen sich auf vielfältige Weise, und stets ist dabei auch die Frage notwendig, wer dabei eigentlich jeweils das Subjekt historischer Gegenwartserfahrungen sein könnte. So war z. B. die einst viel diskutierte Frage, ob die Wurzeln der »Deutschen Katastrophe« (Friedrich Meinecke) von 1933 bis 1945 möglicherweise bis zu Luther oder zur späten Nationbildung Deutschlands im 19. Jahrhundert zurückreichen, eine rein akademische Diskussion. Sie fand außerhalb geisteswissenschaftlich interessierter Kreise keinerlei Resonanz. Bei der Ursachenforschung – sofern sie überhaupt stattfand – waren im öffentlichen Bewusstsein wohl kaum mehr als die Bürden und Kränkungen des Versailler Vertrags in Erinnerung.

■ Was als die Grenzen der jeweiligen Gegenwart einer historischen Zeit erlebt wird, ist auch abhängig vom Wandel der Generationen. Natürlich ist für viele Menschen in Deutschland die sogenannte »Wende«, die Wiedervereinigung von 1989, weit präsenter als die Befreiung von 1945, aber beide historische Einschnitte sind je nach Generation weiterhin wirksam. Während ich dies fast 24 Jahre nach der Wende schreibe, sagt mir ein Freund, seine neue Liebe sei »eine typische Ossi-Frau«. Andererseits treffe ich bei der therapeutischen Arbeit in den Biografien von Menschen, die zwischen 1950 und 1960 geboren sind, noch immer auf Schatten des Krieges und der Tyrannei. Immer ist unser historisches Bewusstsein zu allererst ein biografisch und familiär geprägtes. Was für den einen die Befreiung und die Not von 1945 war, ist für den anderen die Wende von 1989, epochale Einschnitte, die unsere Bewusstseinsfelder prägen. Je umfassender und weiter ein historisches Bewusstsein ausgreift, desto blasser wird es aber auch. Jeder lebt eben auch insofern in seiner eigenen historischen Gegenwart, als er sie in ihrer Unmittelbarkeit erleidet und durchlebt. Und das ist ja auch gut so, denn die Leiden der Vergangenheit trösten nicht über die der Gegenwart hinweg. Man darf den Toten nie zu viel Macht lassen, sonst verhindern sie das Wachstum im Hier-und-Jetzt.

Wenn die Beobachtung stimmt, dass in den letzten Jahrzehnten das historische Bewusstsein in der Bevölkerung trotz aller Bemühungen der politischen Bildung und der Erinnerungskultur sehr abgenommen hat, dann müssen wir fragen, ob es nicht eher um eine Veränderung als um einen Schwund geht. Vielleicht entfernen wir uns wieder von einem früher durch das alte Gymnasium vermittelten wissenschaftlichen Geschichtsbild und kommen zu einem stärker durch Bilder und von der Projektion unserer eigenen Psychologie geprägten. Film und Fernsehen und auch Comics verbreiten epische Bilderbögen und dramatische Episoden aus vergangenen Zeiten, die vermutlich eingängiger und emotional berührender sind als alle Antworten der Historiker auf die Frage, »wie es eigentlich gewesen ist.« Das würde bedeuten, dass das historische Bewusstsein sich heute wieder mehr aus dem Zeitgeist zurückzieht und sich in relativ unverbundene mythische Bilder und Szenen auflöst – während uns gleichzeitig das Bewusstsein anderer Epochen immer fremder würde. Die jeweilige historische Gegenwart würde dann kaum mehr als eine wie auch immer eingegrenzte Epoche erlebt, sondern eher als ein Konglomerat von Themen und Bildern, die durch eine Aktualität bestimmt werden, die in historisch sehr kurzen Zeiträumen, in wenigen Jahren und Jahrzehnten wechselt. Das aber wäre ein Pyrrhus-Sieg des Historismus: die Erosion jedes Epochen-Bewusstseins! Was dem historischen Bewusstsein heute verloren geht, ist die Bindung an historisch gewachsene Institutionen und Ideen, wie es der Nationalstaat, die Kirche oder der Sozialismus waren und wie es Europa (noch?) nicht ist. Jenseits der Verheerungen, die die Ideologisierung dieser Ideen angerichtet hat, vermittelten sie einfache Orientierungen und das nicht zu unterschätzende Gefühl der Zugehörigkeit. Diesem Verlust steht ein neuer Pragmatismus gegenüber, der sich am eigenen individuellen Lebensglück und am lokal Machbaren orientiert.

■ Ein anderes kommt noch hinzu: Die Verankerung in der historischen Gegenwart, in der wir leben, wird inzwischen wohl weniger von der Vergangenheit als von der Zukunft überschattet und beschwert. Wenn von der Vergangenheit nur wenig bekannt ist, so scheint die Zukunft uns per definitionem völlig verschlossen. Dieser Schein trügt aber: Natürlich kann man letztlich nie mit Gewissheit irgendetwas über die Zukunft sagen, aber wissen wir über irgendetwas Vergangenes, und sei es Teil der eigenen Biografie, wirklich etwas mit letzter Gewissheit zu sagen? Hier-und-Jetzt heißt jedenfalls in unserer Gegenwart immer mehr: Hier-und-Jetzt sind wir von Katastrophen bedroht. Das war vielleicht immer schon so, aber heute wissen wir es genauer. Gewiss, wir haben es auch hier mit der Komplexität mehrdimensionaler Entwicklungen zu tun, deren Fortgang natürlich in der Zukunft liegt. Aber es ist die Erforschung der Gegenwart, die uns zunehmend Erkenntnisse über zukünftige Entwicklungen beschert, auch wenn dieses Wissen immer nur Wahrscheinlichkeitswissen sein kann.

Wir können bestimmte Trends in der Gegenwart sehen, sie mit der Vergangenheit vergleichen, und dann erkennen, ob und mit welcher Wahrscheinlichkeit sie sich in der Zukunft fortsetzen werden. Manche Katastrophen treten mit der Sicherheit der Gültigkeit astronomischer Gesetze ein; dennoch machen sie uns gegenwärtig kaum Sorgen. Dass unsere Galaxis mit der Andromeda-Galaxie zusammen stößt noch bevor unsere Sonne verglüht sein wird, berührt uns nur insofern, als dieses Wissen als ein weiteres Indiz der kosmologischen Bedeutungslosigkeit des Menschen aufgefasst werden könnte.

Dass aber die Erdbevölkerung, die derzeit gerade die 7-Milliarden-Grenze überschreitet, bis 2050 auf etwa 9 Milliarden anwachsen wird, und daher fast ein Drittel mehr Menschen zu ernähren sein werden – das ist eine Zahl, deren Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, so hoch, dass man nur mit so geringen Abweichungen wird rechnen müssen, dass sie für das politische Handeln kaum von Belang sind. Und das gilt eben für viele quantitative Daten der Zukunft, die bereits erhebliche qualitative Auswirkungen auf unsere Gegenwart haben. In der Tat kann man sagen, dass es noch nie eine historischer Epoche gab, die in einem so hohen Maße wie die unsrige von Zukunftserwartungen bestimmt war, die unsere Handlungen schon jetzt beeinflussen, mit vielleicht einer Ausnahme, die uns heute eher kurios erscheint: Im ersten und zweiten Jahrhundert gab es im römischen Weltreich eine beachtliche Zahl von Menschen, die in der Erwartung gelebt haben, dass die Ankunft des Himmlischen Reiches unmittelbar bevorsteht – die frühen Christen.

Heute sind die meisten Zukunftserwartungen mehr oder weniger gut wissenschaftlich untermauert; an Weltuntergänge nach dem Maya-Kalender und Gottesreich-Erwartungen wie nach dem Neuen Testament glauben nur wenige noch von Zeit zu Zeit. Die überwältigende Mehrheit der wissenschaftlich untermauerten Zukunftsprognosen heute ist allerdings düster. Selbst die hoffnungsvollsten Fortschritte der Technik stehen nun immer unter der Frage: Was werden ihre unvorhersehbaren Folgen sein? Mit welchen negativen Auswirkungen muss gerechnet werden? Die Stimmung wird nicht besser dadurch, dass die Beschwörungen der Sicherheit von technischen Großanlagen wie Atomkraftwerken, chemischen Fabriken oder Riesenschiffen immer wieder Lügen gestraft wurden. Nicht dass es keine Fortschritte gäbe – wir leben länger, bequemer und in Europa auch freier und selbstbestimmter denn je zuvor. Dennoch kann der Zeitgeist unserer historischen Gegenwart, ja unserer ganzen Kultur, am besten als katastrophisch charakterisiert werden, wie es Peter Sloterdijk wiederholt getan hat (mehr dazu in Teil II, Abschnitt 5 dieses Buches).

Es sind diese übergroßen Schatten einer teils schon sicheren, teils mehr oder weniger wahrscheinlichen Zukunft, die die Traumata der Vergangenheit bei all denen in den Hintergrund schieben, die nicht mehr Zeitzeugen der Katastrophen des 20. Jahrhunderts waren.

Hier-und-Jetzt in unserer historischen Gegenwart zu leben heißt somit, sich diesen Schatten zu stellen. Nach wie vor ist die Zukunft ungewiss: Man kann und muss sich auf die nahezu unaufhaltsamen Entwicklungen einstellen, man kann und muss sich aber den weniger wahrscheinlichen auch entgegenstellen. Vorsorge ist das eine, Abwehr und auch Umkehr sind das andere, wozu die Zukunft unsere Gegenwart zwingt.

Man kann und sollte das Leben jetzt leben, das heißt: den Gegenwartsmomenten ihr Recht lassen, nichts überspringen, aber auch: nichts aufschieben, was jetzt getan werden muss.

■ Für all das brauchen wir ein neues Verhältnis zur Zeit. Als erstes sollten wir uns auf eine säkulare, radikal auf das Diesseits setzende Weise mit der Vergänglichkeit versöhnen: Alles ist immer im Fluss, das ganze Dasein, die ganze Existenz ist immer ein Wachsen und Vergehen. Jedes genaue Hinsehen auf die Gegenwartsmomente, auch der Blick der Gehirnforschung, offenbart den prozessualen Charakter allen Lebens und jedes Bewusstseins.

Also verlieben wir uns doch nicht in den Fluss, sondern in das Fließen, nicht in den Augenblick, sondern in die Story, nicht in das Ereignis, sondern in das Geschehen – kurz: Lassen wir uns doch nicht ständig von der Todesfurcht unseres Leibes und unseres »Egos« die Freude am Leben vergällen!

Das aber geht leichter, wenn wir den Fluss verlangsamen, die Zeit entschleunigen. Denn wir lassen in all unseren Gegenwarten, auch der historischen, eine von Gier und Todesfurcht getriebene und vom digitalen Kapitalismus motorisierte Beschleunigung zu, die uns den Atem nimmt, die Seele raubt. Wir leben in einer Kultur der Hast (vgl. P. Virilio, 1989; H. Rosa, 2005; H. Byung-Chul, 2009).

Gerd Achenbach (diesen Hinweis verdanke ich Herrmann Rosenberger) hat die These vertreten, dass es in der Moderne eine »Zeitumkehr« gegeben habe (G. Achenbach, 2000), die darin bestehe, dass der Mensch nun glaubt, »mit der Zeit gehen« zu müssen. Dieser Glaubenssatz spreche »das einzige und letzte unerlässliche Gebot aus, dessen Gültigkeit die Menschen ängstlich anerkennen. Es lautet: Alles kommt darauf an, ›mit der Zeit zu gehen‹, ›auf der Höhe der Zeit zu sein‹, der ›Forderung der Stunde zu entsprechen‹, auf keinen Fall zurückzubleiben – denn, das ergänzt diesen Imperativ der Moderne, ein ›Zurück‹ könne es nicht geben. – Kaum ein Wort ist in diesem Zusammenhang so häufig zitiert worden, wie das Diktum Gorbatschows ›Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben‹. Und es ist wirklich das Zitat, das die letzte, unbezweifelbare Gewissheit der Moderne ausspricht.« (G. Achenbach, 2000, 66).

■ Ich bin nicht sicher, ob es sich um einen Sündenfall der Moderne handelt, wann immer man deren Beginn ansetzen mag. Denn schon über sehr lange historische Zeiträume lässt sich beobachten, wie die Zeitabstände zwischen epochalen Entwicklungseinschnitten immer kürzer werden. Dieser Verlauf entspricht einer Exponentialkurve, die theoretisch in einer Senkrechten enden würde, d. h. in Null-Zeit, gäbe es einen unendlich großen Entwicklungsschritt. Dies ist denkbar, aber nicht vorstellbar. In der Realität kommen stattdessen zwei Fälle vor, die beide auch Möglichkeiten der menschlichen Entwicklung darstellen:

– Entweder bricht die Entwicklung ziemlich abrupt ab und es kommt zu einem Rückfall in einen Zustand vor Beginn des Wachstum, was mit viel Chaos verbunden wäre,

– oder die Kurve verlangsamt sich wieder und gelangt schließlich an einen Sättigungspunkt, d. h. schwingt auf hoher Wachstumsebene in eine horizontale Gerade ein, wie es bei der Wachstumskurve der Weltbevölkerung der Fall zu sein scheint.

Wenn sich eine Wachstumskurve an die Vertikale annähert, ist offensichtlich eine Krise erreicht – und es könnte sein, dass genau das jetzt die Situation bei bestimmten Wachstumsprozessen in der Ökonomie, in der Forschung und in der Technik ist. Und eben auch im Hinblick auf die Beschleunigung in unserer Erfahrung von Zeit, dieses Gefühl, dass die Zeit immer schneller geht und es immer anstrengender wird, mit ihr »Schritt zu halten«.

Achenbach glaubt, dass wir unsere Zeit dadurch »vernichten«, dass wir ständig in die Zukunft schauen, statt uns auf das zu besinnen, was uns bis hierher gebracht hat. Zweifellos war die Öffnung zur Zukunft, die das europäische Denken im 18. Jahrhundert vollzogen hat, der Beginn eines neuen Bewusstseins von Geschichte als etwas, das nicht nur schicksalhaft erlitten werden muss, sondern auch ergriffen und gestaltet werden kann. Erst diese neue Sicht ermöglichte die raschen Entwicklungsprozesse, die die westlichen Gesellschaften in den letzten 250 Jahren erlebt haben. Vorangegangen war allerdings eine Wende, die bereits in der Antike ihren Anfang nahm und die im Endzeitbewusstsein des Christentums dann gipfelte: der Glaube, dass das Reich Gottes als ein diesseitiges Ereignis unmittelbar bevorsteht, hat das historische Zeitempfinden erstmals so dynamisiert, dass uns heute zyklische Auffassungen von ewiger Wiederkehr, wie sie die chinesische Kultur etwa entwickelt hat, so fremd erscheinen, dass wir uns z. B. sehr schwer tun, uns einen Kapitalismus ohne permanentes Wachstum auch nur vorzustellen. Es müsste u. a. ein Kapitalismus ohne Zins sein, denn im Zins hat die Dynamisierung der Zeit ihren Gebrauchswert gefunden.

Nicht der Blick auf die Zukunft ist dabei das eigentliche Problem; heute sehen wir in ihr eher den Schatten katastrophischer Entwicklungen, auf die wir uns einstellen müssen, als kommende Paradiese. Aber Achenbach hat Recht, wenn er eine Gewichtsverschiebung beklagt, die die Akzente kultureller Wertschätzung immer ausschließlicher auf das Kommende, das jeweils Aktuelle, das Neue und das Neueste versetzt hat. Das ist nicht nur im Konsum so, sondern auch in der Produktion: Ständig hört und liest man heute die Abwertung »nicht gerade neu, aber…« Oder: »… ist ja von gestern«. Am stärksten ist dies, wie mir scheint, in der Kultur: Ob es um Film- oder Theaterproduktionen, Kunstausstellungen oder Popmusik-Alben geht, stets ist etwas Neues besser als etwas Traditionelles. Selbst das Attribut »bewährt« hat etwas Muffig-Spießiges. Symptomatisch ist die paradoxe Wortschöpfung »Retro-Look«, die quasi den Versuch macht, die Vergangenheit in die Zukunft zu holen, das Alte durch Aktualität aufzupeppen.

Und doch leiden immer mehr Menschen unter der permanenten Beschleunigung, die sie krank macht. Vielleicht sollte man Gorbatschows Wort leicht abwandeln und sagen: »Wer zu spät bremst, den bestraft das Leben!« Und man muss sich klar machen, dass »Aktualität« nicht etwas ist, das uns in die Gegenwart bringt, sondern uns aus der Gegenwart vertreibt. Tatsächlich ist die Betonung des Aktuellen ein Feind des »Hier-und-Jetzt«, indem sie darauf angelegt ist, sich ständig selbst zu überholen. Sie beschleunigt den Zeitfluss noch dadurch, dass sie alles, was sie befällt, sofort wieder entwertet, indem sie es alsbald im Orkus des nicht mehr Aktuellen verschwinden lässt. Denn erlebte Gegenwart, so hatten wir gesehen, ist das Gegenteil von raschem Zeitfluss, eine lustvolle Dauer, die dem Fluss der Vergänglichkeit abgetrotzt ist.

■ Es gibt allerdings eine in sich bemerkenswerte kulturelle Gegenströmung zu der »Zeitverkennung«, von der Achenbach spricht. Ich meine die besondere Wertschätzung, die das Alte, das Authentische, das Echte in unserer Kultur genießt. Alles »Echte« ist besonders teuer, vieles Authentische ist auch gar nicht verkäuflich, sondern wird in Museen aufbewahrt oder durch Gesetze geschützt und mit viel Aufwand erhalten. Es scheint so, als gäbe es, zumindest in den gebildeten Schichten, den Versuch, sich gegen den Verschleiß der Dinge, die mit der Zeitbeschleunigung verbunden ist, zu wehren durch diesen Blick auf das Echte und Authentische. Dass dieser Versuch heute immer häufiger an einer Kultur des Simulacrums scheitert, in der das Echte von seinem Imitat nicht mehr unterscheidbar ist (J. Baudrillard, 1978), ist ein Problem, das sich durch die digitale Revolution noch erheblich verschärft hat, aber dennoch wenig an der Wertschätzung des Echten geändert hat. Wie diese Entwicklung ausgeht, lässt sich schwer voraussehen; wahrscheinlich wird in bestimmten Bereichen die Fiktion des Echten, obwohl als solche immer deutlicher erkennbar, dennoch mit aller Macht aufrecht erhalten werden, weil sehr viel auf dem Spiel steht. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Die Prothetik und das Doping stellen die ganze Institution des Sports infrage; die modernen Möglichkeiten der Kunstfälschung bedrohen die Existenz des Kunstmarkts. In beiden Fällen ist es wie in der Paläontologie so, dass nur noch wissenschaftliche Untersuchungen die Echtheit beweisen können; der bloße Augenschein kann schon lange nichts mehr bezeugen. Täuschung gab es schon immer, das trompe l’oeil war schon länger ein beliebtes Spiel in der Kunst – aber zuvor war die Täuschung zu beweisen, und nicht wie heute die Echtheit.

»Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit« war ja durch die Entwicklung der Fotografie schon mindestens seit Walter Benjamins berühmtem Essay dieses Titels von 1935 ein Thema, das sich heute noch viel schärfer stellt – oder sollte man sagen beschleunigt hat? Das Erstaunliche aber ist, wie wenig diese Entwicklung an der Wertschätzung des Echten geändert hat! Der Grund dafür muss meines Erachtens tiefer gesucht werden als allein bei den Interessen des Machterhalts und des Profits. Mir scheint, dass es darüber hinaus ein Gespür dafür gibt, dass wir ein Gegengewicht zur beschleunigten Zeit brauchen, denn je stärker die Entwicklungsgeschwindigkeiten zunehmen, desto deutlicher wird auch die Vergänglichkeit unserer Kultur, also letztlich unserer selbst. Es ist etwas verloren gegangen; der Kunsthistoriker Hans Sedlmayr hatte es den »Verlust der Mitte« genannt (H. Sedlmayr, 1948).

Aber es ist wenig sinnvoll, mystifizierend drum herum zu reden: Was einzig der Zeit letztendlich entgegensteht, ist die Ewigkeit. Im Christentum war der Inbegriff von Ewigkeit natürlich Gott. Im Buddhismus ist es die »Leere«. Auch aus der Philosophie ist die Metaphysik verschwunden. Immer weniger wird dieses Gegengewicht zur Vergänglichkeit auch im kirchlich-religiösen Bereich gefunden. Es fehlt etwas in unserer Kultur, nämlich die Verankerung in einem der Zeit nicht zugänglichen Bereich des Ewigen. Es ist nicht eine »Zeitumkehr«, in der wir dann hinter uns, statt vor uns schauen, die jetzt notwendig ist, denn auch alles Vergangene versinkt im Strom der Zeit, sondern eine Verankerung im unbekannten Quell des Vergänglichen – ohne uns in Glaubenssätzen zu verlieren. Denn »das Wesen, das begriffen werden kann / ist nicht das Wesen des Unbegreiflichen«, wie das Tao Te King anhebt (Laotse, 2002, Vers I). Die Sehnsucht nach einer solchen Verankerung als dem notwendigen Kontrapunkt zum Zeitverschleiß ist m. E. der tiefere Grund hinter der Wertschätzung des Echten und Authentischen, das freilich nie mehr als ein Symbol des Ewigen sein kann. Die Methode dieses Sich-Verankerns ist Meditation. Ein erster, noch an der Oberfläche bleibender, dafür aber unmittelbar spürbarer Gewinn von Meditation ist eine Veränderung des Zeiterlebens – sie vergeht langsamer.

Im Hier-und-Jetzt zu leben heißt die Dauer im Fließen zu entdecken. Wie jener Meditierende, der auf einer Brücke stehend unverweilt in den Fluss schaut, bis der Fluss nicht mehr unter der Brücke durchfließt, sondern die Brücke über den Fluss.

■ Zum Schluss dieses Abschnitts noch einige Überlegungen zum »Hier« im »Hier-und-Jetzt«. Oberflächlich gesehen scheint das kein Problem zu sein, denn Hier-und-Jetzt scheinen fest zusammen zu gehören. Aber wozu dann dieses Hier und was heißt überhaupt hier?

Wenn ich sage »Ich bin hier«, muss sich das »bin« auf meine körperliche Anwesenheit beziehen, wobei die Verortung meines Körpers unbekannt bleibt. Die Aufforderung, im »Hier-und-Jetzt« zu sein oder zu bleiben, bedeutet also zunächst, ich möge präsent sein mit und in meinem Körper. Präsenz, von der wir auch als Ausstrahlung sprechen, ist offenbar eine gelungene Mischung aus Achtsamkeit und Anwesenheit. Ich würde sagen, im Kontext von »Hier-und-Jetzt« bedeutet das »Hier«, mit Gewahrsein im eigenen Körper und seiner jeweiligen Umwelt verankert zu sein. Es geht erneut um Achtsamkeit als der Methode, einen Zustand von Gewahrsein im Sinne einer erhöhten, geschärften, ganzheitlichen Bewusstheit zu erreichen. Die Aufforderung, »hier« zu sein oder zu bleiben, bedeutet somit, mit erhöhter Aufmerksamkeit auf den Ort zu achten, an dem (in welchem Umfeld) sich der eigene Körper gerade befindet.

Betrachtet man nun die verschiedenen möglichen Orte oder Umfelder, in denen der Körper anwesend sein kann, stellt man fest, dass sie nicht alle gleich unproblematisch sind. Die kleinsten räumlichen Einheiten, die man »Orte« nennen könnte, sind Räume, in denen der Körper tatsächlich jetzt anwesend ist und deren Grenzen von der Reichweite seiner Sinne bestimmt sind. Das kann ein Innenraum zwischen den Wänden, dem Fußboden und der Zimmerdecke sein oder ein Außenraum begrenzt von Hauswänden in bebauten Orten oder von Landschaft außerhalb solcher mit der Erde unter uns und dem Himmel darüber.

Das ist zunächst alles banal. Aber diese Orte sind auf vielfache Weise emotional besetzt: Wir können in unserem Heim sein, aber auch bei Behörden, in Schulen, Krankenhäusern, Vergnügungsorten und Gefängnissen, und wir können uns zu Hause fühlen oder fremd; wir erwägen die Vorteile des »Heimspiels«, wir haben es mit leichtem oder schwierigerem Gelände zu tun; unsere Körper sind bequem oder unbequem untergebracht und so fort. Vor allem aber sind Orte von Menschen (manchmal auch von Tieren) besetzt, die uns freundlich oder feindlich oder gleichgültig gesonnen sind: wir können »Einheimische« sein oder »Zugereiste«, Inländer oder Ausländer, uns in der Sprache des Ortes verständigen, an dem sich unser Körper befindet, oder nur in unserer Muttersprache. Insgesamt also gibt es uns vertraute und uns weniger vertraute Orte, die von Menschen bevölkert sind und die höchst unterschiedliche Anforderungen an unsere soziale Kompetenz stellen.

Die Beweglichkeit unseres Körpers schenkt uns eine relativ große Freiheit in der Wahl des Ortes, was von großer evolutionärer Bedeutung ist: Sie ermöglichte es dem Menschen, sich diejenigen Orte auszusuchen, an denen er am leichtesten seine Nahrungsbedürfnisse durch Jagen und Sammeln und durch Ackerbau und Viehzucht befriedigen konnte. Andererseits war diese Bewegungsfreiheit durch eben diese Vorgaben der Natur auch eingeschränkt. Selbst lange nach der Industrialisierung mussten viele Menschen noch immer in die Nähe der Rohstoffquellen ziehen, um Arbeit zu finden. Zudem bestimmt deren ungleiche Verteilung über die Erde heute weitgehend die Machtverhältnisse zwischen den Völkern und Nationen. Erst allmählich brachte die Entwicklung der Verkehrstechnik etwas mehr Unabhängigkeit von den Lagerstätten der Rohstoffe. Aber da selbst die Quellen der erneuerbaren Energien, Sonne, Wasser und Wind, durchaus ungleich verteilt sind, wird diese Ortsabhängigkeit noch für lange Zeit Geltung haben.

■ Dennoch gibt es heute auch einen schon tief greifenden, ja anthropologisch zu nennenden Bedeutungswandel des Ortes. Dazu hat die Entwicklung der Kommunikationstechnik mehr beigetragen als die vergleichsweise langsamen Fortschritte der Verkehrstechnik – man denke an die Probleme beim Transport von Elektrizität, die doch nicht einmal Gewicht hat. Schon jetzt gibt es viele Arbeitsplätze, die durch das Internet ortsunabhängig geworden sind. Das ist etwas völlig Neues in der Geschichte der Menschheit! Gewiss, schon immer wurden Informationen auch über sehr weite Entfernungen ausgetauscht. Aber sie mussten unter viel Zeitverlust über diese Entfernungen geschickt werden. Ausdrücke wie schnell, unverzüglich oder sofort haben ihre Bedeutung bereits vollständig verändert. Tatsächlich kommt das Jetzt im Hier-und-Jetzt erst heute voll zum Zuge, so nämlich, dass es des Hier oft schon gar nicht mehr bedarf. Noch ist es zu früh, von einem Verschwinden des Raumes zu sprechen, aber es ist schon sehr bedenkenswert, was es eigentlich bedeutet, dass Geschäftsabschlüsse, Finanztransaktionen und auch politische Entscheidungen praktisch in Nullzeit über den ganzen Erdball getätigt und verbreitet werden können. Der Raum dazwischen verliert in manchen Bereichen schon jetzt seine alte Bedeutung. Von daher wird sich auch ganz neu bestimmen müssen, welche Bedeutung die körperliche Anwesenheit in Zukunft überhaupt haben wird.

Denn schon werden auch Nachteile dieses Übergewichts der Zeit gegenüber dem Raum sichtbar. Es heißt, bei zu schnellem Transport des Körpers könne die Seele nicht rechtzeitig nachkommen. Es könnte sein, dass in Zukunft das schnelle Reisen immer mehr durch die Möglichkeiten der Virtualität ersetzt wird: virtuelle Begegnungen in Jetztzeit bei Video-Konferenzen, immer realitätsnähere Bilderlebnisse ferner Länder und unzugänglicher Wildnisse durch das Fernsehen und künstliche Ferienparks – und umgekehrt dann eine neue Liebe zur Heimat, zur Region, zu Haus und Garten, zu körperbetonten Formen des Reisens in näher gelegene Gegenden. Die Parallelentwicklung zur Beschleunigung der Zeit ist die Verflüssigung des Raumes. Das gleiche gilt dann auch für die Gegenbewegungen: die Verlangsamung der Zeit und die Wiederverkörperung des Raumes. Es wird darauf ankommen, das richtige Gleichgewicht zu finden zwischen dem Nutzen der neuen Möglichkeiten zur Überwindung der Entfernung, dieses uralten Feindes der menschlichen Entwicklung, und der Befriedigung, die nur die leibhaftigen Begegnungen mit den Mitmenschen und ihren Werken, zu denen heute auch die schon fast überall umgestaltete Natur gehört, zu schenken vermag.

In der Moderne vollzieht sich wie in der Arbeit auch in den arbeitsfreien Räumen und Zeiten ein tief greifender Wandel im Verhältnis von Sesshaftigkeit und Nomadentum. Niemand ist mehr ausschließlich dem einen oder dem anderen verhaftet. Bei aller verbreiteten Lust am Reisen wird aber das durch die Arbeitsverhältnisse heute vielfach erzwungene Nomadentum ständiger Ortswechsel weitgehend als Last empfunden, für die das Dilemma der berufstätigen Mütter das beste Beispiel ist. Solange die Aufzucht der Kinder als individuelles Lebensglück erlebt oder auch nur erstrebt wird, bedarf es dazu der Familie, und das heißt der Sesshaftigkeit, und deshalb wird sich so lange an dieser Widersprüchlichkeit nichts ändern. Ich kann mir auch andere Möglichkeiten vorstellen, gegen die allerdings tief sitzende Wertvorstellungen und Sinn-Projektionen stehen. Die israelischen Kibbuzim z. B. haben gezeigt, dass es Alternativen zur Kleinfamilie gibt, bei denen weder die Kinder noch die Eltern notwendigerweise unglücklich sind. Auch muss es zu denken geben, dass die soziologische Glücksforschung ein ebenso eindeutiges wie unerfreuliches Ergebnis gezeitigt hat, nämlich, dass in Industriegesellschaften Kinder eine Hauptursache für unglückliche Paarbeziehungen sind (E. Kolbert, 2010).

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