Kitabı oku: «Mitten im Steinschlag»
Inhaltsverzeichnis
Impressum 2
1. Kapitel 3
2. Kapitel 10
3. Kapitel 20
4. Kapitel 31
5. Kapitel 46
6. Kapitel 54
7. Kapitel 66
8. Kapitel 72
9. Kapitel 80
10. Kapitel 86
11. Kapitel 98
12. Kapitel 113
13. Kapitel 123
14. Kapitel 134
15. Kapitel 138
16. Kapitel 143
17. Kapitel 150
18. Kapitel 159
19. Kapitel 164
20. Kapitel 173
21. Kapitel 187
22. Kapitel 194
23. Kapitel 210
24. Kapitel 220
Impressum
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© 2021 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99107-714-5
ISBN e-book: 978-3-99107-715-2
Lektorat: Laura Oberdorfer
Umschlagfoto: Irina Kharchenko, Tomert | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
1. Kapitel
Fröhlich hopste Lily im Nachthemdchen mitten durch die Tischlerwerkstatt ihres Vaters.
„Lily“, rief ihre Mutter mit gereizter Stimme. „Bleib jetzt endlich stehen!“
Die Angesprochene sprang jauchzend in die große Kiste, mit den Holzspanabfällen.
„Lass sie nur. Ich hole sie da raus, ziehe ihr das Kleidchen an und fege die Sauerei wieder zusammen“, sagte Daniel belustigt. Susan nickte dankbar, während sie die letzte Falte aus ihrem Kleid strich. Ihr Gatte Philip steckte ebenfalls im Sonntagsstaat, in dem er sich sichtlich keineswegs wohl fühlte.
„Zum Mittagessen sind wir wieder zurück.“ An Lily gewandt, die noch immer in der Holzkiste saß und nun mit Freuden die Späne mit ihren kleinen ungeschickten Händchen in der Werkstatt verteilte, mahnte sie eindringlich:
„Mach keine Dummheiten, während wir weg sind. Hast du verstanden?“ Die Kleine hielt in ihrem Tun inne und nickte artig.
Es war Sonntag und Susan und Philip mussten sich wenigsten einmal im Monat in der alten Dorfkirche zum Gottesdienst sehen lassen.
Philip war ein sehr angesehener Möbeltischler. Obwohl er mit seinen vierundzwanzig Jahren recht jung war, verstand er sich ausgezeichnet auf die Anfertigung und Restauration von Kunstmöbeln. Seine Kundschaft kam somit aus allen Gesellschaftsschichten.
Im Dorf war die Familie gern gesehen, den Besuch in der Kirche betrachtete man daher als selbstverständlich. Und wo viele Menschen zusammenkamen, konnte man Aufträge ergattern, so Philips Geschäftsdevise.
Die Werkstatt befand sich außerhalb des Dorfes, abgelegen vom Trubel am stillen Waldesrand.
Für die vierjährige Lily, die eigentlich Liliana hieß, war das recht unpraktisch, wie sie fand.
Spielgefährten gab es nur im Dorf und da durfte sie allein nicht hin. So musste Lily sich bisweilen gedulden, bis irgendein Kunde ihres Vaters seinen „Filius“ zum Spielen mitbrachte.
Geduld hatte der kleine Wirbelwind aber ganz und gar nicht. In Daniel, dem Angestellten ihres Vaters, hatte sie einen Verbündeten gefunden, denn der war bei jeder von Lilys ausgeheckten Schandtaten nur allzu gerne dabei.
Daniel, ein Jahr jünger als Philip, lebte seit mehreren Jahren in der Tischlerei. Er hatte sich eine kleine Abstellkammer im Dachgeschoss als Schlafkammer hergerichtet. Neben seiner Arbeit kümmerte er sich in seiner Freizeit um das quirlige Töchterchen seines Arbeitgebers.
Philip und Daniel waren Freunde seit Kindesbeinen an. Der Vater Philips betrieb die Schlossmöbeltischlerei auf Corlens Castle. Schon früh interessierte sich der kleine Philip für das Handwerk seines Vaters. Stundenlang sah er seinem Vater interessiert bei der Arbeit zu, später durfte er an einfachen Stücken selbst Hand anlegen, sich ausprobieren, üben und sein erworbenes Können perfektionieren.
Als aufgeweckter Junge stromerte er entgegen den Verboten seines Vaters leidenschaftlich gern auf dem Schlossgelände herum. Es war daher nicht verwunderlich, dass er Daniel traf, der sich ebenfalls so oft es ging abenteuerlustig herumtrieb und jede Etikette seines Standes brach, um den Drangsalierungen seines Vaters, dem König und Herrscher des Landes, auszuweichen.
Daniel war der Thronfolger von Corlens Castle, was ihn in keinster Weise davon abhielt, sich mit dem einfachen Volk abzugeben. Im Gegenteil: Zwischen Dienstboten, Küchenfrauen, Pferdeknechten und Hilfspersonal fühlte er sich frei und zufrieden.
Die Konsequenzen, die auf seine unerhörten Ausflüge folgten, waren ihm schlichtweg egal.
Der König missbilligte das Verhalten seines Sohnes aufs Schärfste, was er immer wieder „schlagfertig“ zum Ausdruck brachte.
Natürlich waren die Angestellten im Bilde, wer ihnen da um die Beine summte. Doch Daniel war von klein auf durch seine Unvoreingenommenheit und Natürlichkeit bei den Schlossangestellten beliebt. Er kannte keine Standesunterschiede und als man schließlich versuchte, ihm entsprechendes Benehmen „einzubläuen“, verschlug es ihn nur noch mehr in die Gegenwart des einfachen Volkes.
Später wurde der aufgeweckte Junge ernster und unergründlicher in Verhalten und Auftreten. Die besten Lehrer unterrichteten ihn, er galt als hochintelligent.
Vieles von seinem Wissen gab er an Philip weiter, der nur bedingt die Möglichkeit hatte, eine Dorfschule besuchen zu können. Da es für den König als auch für Daniels Lehrer und Erzieher immer offensichtlicher wurde, dass der Junge weiterhin kräftigen Widerstand gegen die Normen, die einem Thronfolger auferlegt wurden, leistete, schickte man ihn kurzer Hand in ein streng geführtes Eliteinternat, weit weg von Corlens Castle.
Den fleißigen Tischlermeister und dessen Sohn verwies man aus dem Schloss. Nach Daniels Rückkehr fand er Philip durch die Mithilfe der Schlossangestellten wieder. Philips Vater hatte eine heruntergekommene Werkstatt gepachtet und versuchte sich dort zu etablieren.
Doch das Geld fehlte an allen Ecken und Enden, sodass Vater und Sohn ein recht ärmliches Dasein fristeten.
Empört über das unsägliche Verhalten des Königs, kaufte Daniel die Werkstatt und überschrieb sie kurz entschlossen an Philip. Durch die Einsparung des hohen Pachtzinssatzes und die Vermittlung lukrativer Aufträge durch Daniels Einfluss, sanierte sich die Tischlerei zügig.
Irgendwann war Daniel der Tyranneien und Demütigungen seines Vaters überdrüssig, sodass er sich seiner Pflichten als Thronerbe entzog und in die Tischlerei zu Philip floh.
Daniel ließ sich von Philip zum Möbeltischler ausbilden. Die Arbeit lag ihm und füllte sein Leben so aus, als hätte es nie ein anderes gegeben. Die Männer verstanden sich bestens. Philip lernte von Daniel und Daniel von Philip.
Hin und wieder besuchte er seine Mutter, die Königin. Dazu nutzte er ein Wirrwarr an Geheimgängen, die das Schloss umgaben und die er mit Philip im Kindesalter ausfindig gemacht hatte.
Königin Margaret versorgte indes ihren Sohn mit Informationen, über die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse des Landes, sowie über anstehende Pläne des Königs und seines aufstrebenden und jüngsten Sohnes Damian, welcher im Charakter und in seiner perfiden Entschlossenheit ganz den Wünschen seines Vaters entsprach.
Die Sorgen und Nöte im Land nahmen stetig zu.
Daniel und Philip entschlossen sich irgendwann, eine Untergrundbewegung zu gründen. Philip als aktives, Daniel als passives Mitglied. Mit überaus fähigen Anhängern hatten sie es sich zur Aufgabe gemacht, An- und Übergriffe auf Dorfbewohner und Bauern durch die Schergen des Königs zu zerschlagen.
Obwohl Daniel hinlänglich über die Situation im Lande unterrichtet war, so war es ihm dennoch unmöglich, in irgendeiner Form in Erscheinung zu treten, um selbst an den Handlungen der Untergrundbewegung teil zu nehmen. Einerseits würde seine Fechtweise, die nur er beherrschte, auffallen und ihn verraten. Andererseits hatte der König ein hohes Kopfgeld auf ihn ausgesetzt.
Später klagte man den Thronfolger des Hochverrates am Königshaus an. Man durchsuchte das ganze Land und drohte jedem, der dem Kronprinzen in irgendeiner Form half, mit Kerker und Tod.
So blieb Daniel nichts weiter übrig, als Philip mit Informationen aus dem Schloss zu versorgen und am Leben zu bleiben, solange es ging. Er musste im Verborgenen bleiben, bis irgendwann seine Zeit kommen würde.
Daniel hatte die zappelnde Lily aus der Spankiste gehoben, sie gesäubert und in ihr Kleidchen gesteckt. Die Hobelspäne waren schnell wieder zusammengefegt. Lily blieb nicht untätig. Flink hatte sie einen Pinsel ergriffen, ihn in ein halb verschlossenes Farbglas getaucht und stillschweigend ein frisch gehobeltes Holzbrett damit bemalt. Die trügerische Ruhe in der Werkstatt machte Daniel stutzig. Als er die letzten Späne in die Holzkiste geschüttet hatte und sich nervös zu Lily umdrehte, hatte die ihr Kunstwerk schon fast beendet. Skeptisch betrachtete sie ihre Arbeit.
„Wie malt man einen Hasen?“, fragte sie lispelnd.
Daniel zuckte ratlos die Schultern.
„Vielleicht so?“ Mit Lilys beschmiertem Pinsel malte er einen Hasen, der auch eine Katze oder ein Hund mit langen Ohren hätte sein können, auf das Holzbrett. Den Kopf schief haltend, betrachteten nun beide aufmerksam das Gemälde.
Lily war zufrieden. Flugs sauste sie aus der Werkstatt, geradewegs in den Garten.
Mit einem Hobel bewaffnet machte sich Daniel daran, das Kunstwerk vom teuren Mahagoniholzbrett zu entfernen. Danach wurden alle andern Farbspuren der vorangegangenen Missetat beseitigt.
Dunkle Wolken hatten den Himmel verfinstert. Von Weitem war Donnergrollen zu vernehmen. Daniel befürchtete, dass es jeden Moment zu regnen beginnen würde. Er fand Lily vergnügt spielend auf dem Komposthaufen im Garten. Flink schnappte er sich das kleine Mädchen, legte einen Arm um die Hüfte des vor Freude quietschenden Kindes und trug es waagerecht unter seinen Arm geklemmt ins Haus.
Bevor sich Susan auf den Weg in die Kirche gemacht hatte, hatte sie den Mittagstisch gedeckt. Lily setzte sich geschwind auf ihren Platz, öffnete ihre kleinen Fäustchen und ließ eine ansehnliche Anzahl Schnecken, die sie auf dem Kompost aufgesammelt hatte, auf den Teller ihres Vaters kullern.
Daniel setzte sich neben das Kind, um dem Schauspiel, welches sich nun anzubahnen schien, gespannt zusehen zu können.
Ihn faszinierte es immer wieder aufs Neue, wie Lilys kleine, ungeschickte Fingerchen oft nicht das taten, was ihre Besitzerin von ihnen verlangte.
Die ersten Schnecken streckten neugierig ihre Köpfe aus dem Kalkgehäuse, bevor sie zaghaft ihre Fühler ausrollten. Entschlossen schoben sich die Tierchen träge über den Tellerrand. Von dort verteilten sie sich über den gesamten Küchentisch. Es wurden Wetten abgeschlossen, welches Tierchen als erstes das Besteck von Lilys Mutter erreichen würde.
Gespannt feuerte Lily eines der träge dahin kriechenden Tierchen, das sie als ihren Favoriten ausgewählt hatte, an. Als es nun aber am spannendsten wurde, musste das Spiel abrupt abgebrochen werden. Daniel hatte unvermittelt zur Uhr gesehen und war erschrocken.
„Oje, deine Mutter wird verrückt, wenn sie das hier sieht.“ Besorgt sah er auf den sonntäglich gedeckten Tisch, der nun so gar nicht mehr sonntäglich aussah.
„Hältst du dicht?“, fragte er das Kind. Die Kleine rümpfte verschwörerisch die Stupsnase.
„Jawohl“, sagte sie entschieden.
„Dann sause los und wasche dir die Finger. Ganz fix, ja!“ Lily fegte wie ein Wirbelwind aus der Küche, die Händchen voller Schnecken, welche sie vom Küchentisch aufgesammelt hatte. Flugs schüttelte sie die Tierchen über Susans fein säuberlich angelegtes Salatbeet aus, bevor sie sich brav die klebrigen und schmutzigen Hände in der Regentonne wusch. Daniel begann eilig den Tisch vom Schneckenschleim zu befreien. Von draußen hörte man bereits Philips und Susans Stimmen. Susan war eine liebevolle, aber ebenso resolute und energische Person, die sich sprichwörtlich gesagt „Die Butter nicht vom Brot nehmen ließ“. Da keine Zeit mehr war, die Teller gegen frisch gewaschene auszutauschen, wischte Daniel mit dem Abwaschlappen einfach die schleimträchtigen Teller und das Besteck ab. Er hatte gerade noch Zeit, den Lappen ungesehen verschwinden zu lassen, als auch schon die Tür aufging.
Unschuldig blickend saß Lily auf ihrem Stuhl.
„Gibt es heute Nachtisch?“, fragte sie mit Piepsstimme die Mutter. Susan befreite sich vom Sonntagsstaat. Während sie sich die Schürze umband, blickte sie sich prüfend im Zimmer um. Da sie nichts Auffälliges bemerkte, wandte sie sich ihrer fragend guckenden Tochter zu. „Keinen Unsinn gemacht?“
Lily schüttelte heftig verneinend den Kopf. Susans nächste Frage galt Daniel.
„Keinen Unsinn gemacht?“
Auch er schüttelte mit bester Unschuldsmiene den Kopf. Dass die beiden Gefragten die Finger auf dem Rücken gekreuzt hatten, sah nur Philip, der amüsiert in sich hineinlachte.
„Es gibt Nachtisch“, beantwortete Susan nun die Frage ihrer Tochter.
Dass allerdings Philip das Nachsehen beim Essen hatte, erfuhr er nie. Sein Teller war der einzige, den Daniel in aller Eile vergessen hatte, vom Schneckenschleim zu befreien.
2. Kapitel
Susan räumte den Frühstückstisch ab.
„Macht euch endlich los, ihr stört mich hier gewaltig. Das Ahornholz kommt nicht von allein in die Werkstatt.“ Unwirsch schob sie die beiden Männer aus der Küche.
„Na gut, satteln wir die Pferde und gehorchen der lieben Ehefrau“, sagte Philip grinsend.
Lily kam in den Pferdestall gelaufen. Ihr frisch angezogenes Kleidchen wies eine gehörige Anzahl hellroter Himbeerflecken auf.
„Lily will auch mit!“, sagte sie mit Piepsstimme und blickte auffordernd von ihrem Vater zu Daniel und wieder zurück.
„Spätzchen, du kannst nicht mitkommen“, sagte Philip.
„Dad muss arbeiten. Wir spielen, wenn ich zurück bin, versprochen.“ Lily verschlang schmollend die Arme vor ihrer Brust.
Ihre Unterlippe begann gefährlich zu zittern, während das erste Tränchen aus ihren Augen kullern wollte.
Daniel ließ sich schließlich erweichen. Ohne jegliche Vorwarnung schnappte er sich die Kleine und setzte sie auf den gesattelten Rücken seines Pferdes.
„Du hältst dich jetzt schön am Sattel fest und dann darfst du da oben ganz allein einmal um das Haus reiten“.
Während Daniel die Zügel in die Hand nahm und das Pferd langsam und bedächtig um das Gebäude führte, jauchzte die Kleine ausgelassen.
Philip sah lächelnd seiner Tochter nach. Wieder im Stall angekommen, nahm Daniel Lily sachte vom Pferd, um sie auf einen Strohballen zu setzen.
„Das war aber schön“, lispelte sie strahlend.
„Nun bist du aber schön lieb und wartest geduldig, bis wir zurückkommen. Versprochen?“
Lily nickte schelmisch, hüpfte vom Stroh und trollte sich in den Garten.
„Nun aber schnell weg, bevor sie vielleicht mit einem toten Regenwurm zurückkommt und von uns die Todesursache wissen will“, sagte Philip grinsend.
Flugs machten sich die Männer auf den Weg. Als sie sich auf freiem Felde befanden, sagte Daniel zu Philip:
„Morgen Mittag sollen zusätzliche Steuergelder in Huntington eingetrieben werden.“
„Warst du heute Nacht im Schloss? Wir haben dich gar nicht aus dem Haus gehen gehört.“
„Ja. Das Dorf ist recht klein. Eine Handvoll Männer sollte reichen.“
Nach einer kurzen Pause sagte Philip ernst:
„Bist du sicher, dass die nicht mit einer ganzen Horde bewaffneter Soldaten anrücken?“ „Absolut. Man erwartet keine Gegenwehr.“
„Danke. Ich werde es heute Nacht weitergeben und gezielte Gegenmaßnahmen einleiten“, sagte Philip kühl. Damit war das Gespräch beendet, denn sie kamen nun in eine leicht bewaldete Gegend, wo es hinter jedem Baum und Strauch Zuhörer geben könnte.
„Was machen wir, wenn der Holzlieferant wieder kein Ahorn vorrätig hat, selbst fällen?“
„Ich hoffe, er hat. Wenn wir beim Schwarzfällen erwischt werden, dann gnade uns Gott!“
Daniel erwiderte skeptisch:
„Na, ob der uns helfen kann, bezweifle ich. Der Auftrag für das Nähschränkchen muss in zwei Wochen raus. Uns wird wohl nichts anderes übrigbleiben, als im Notfall selbst zu fällen oder du zahlst eine satte Vertragsstrafe.“
Abrupt brachte Daniel sein Pferd zum Stehen.
„Was ist?“, fragte Philip leise, während auch er in die Zügel seines Pferdes griff.
„Ich habe etwas gehört“, antwortete Daniel lauschend.
„Lass uns nachsehen.“
Lauernd glitten sie von den glatten Pferderücken. Im Schutz von Buschwerk und Gestrüpp schlichen sie lautlos in die Richtung, aus welcher sie die entfernten Geräusche zu hören glaubten. Metall schlug auf Metall, eine Frau keuchte wütend und schroffe Männerstimmen störten die Ruhe zwischen Vogelgezwitscher und Grillenzirpen.
Plötzlich zog Philip seinen Freund hinter ein niedriges Nadelgehölz und zeigte wortlos mit einer Kopfbewegung nach rechts.
Drei grobschlächtig aussehende Männer bedrängten zwei junge Reiterinnen, die ihrer Reitkleidung zur Folge aus gutem Hause zu kommen schienen. Was sie von den Mädchen wollten, war durch ihre anmaßende, obszöne Wortwahl klar ersichtlich. Die Hübschere der Mädchen war bis an die Zähne bewaffnet. Sie schlug sich stolz, energisch und effektiv. Sie schien keinerlei Probleme zu haben, sich die dreisten, gierig sabbernden Kerle vom Hals zu halten. Die etwas Kleinere und Zierlichere der beiden, war weniger gut im Fechten gewandt und drohte ihrem Angreifer zu unterliegen. Hilfesuchend rief sie nach dem anderen Mädchen, als sie mehr und mehr in die Enge getrieben wurde. Diese reagierte blitzschnell. Mit einem gekonnten Hieb entwaffnete sie ihren Gegner. Ihm blieb keine Zeit, den ihm entrissenen Degen wieder an sich zu bringen. Blitzschnell hatte sie die Pistole aus dem Gürtel ihrer Reithose gezogen und ihren Gegner erschossen. Ein zweiter Schuss fiel.
Der Getroffene kippte mit weit aufgerissenen Augen nach vorn.
„Lauf zum Pferd und verschwinde Lizzy!“ Die Angesprochene zögerte einen Moment. Das zur Hilfe geeilte Mädchen stellte den feist grinsenden Kerl und bot ihm gebührend Paroli, während die mit „Lizzy“ angesprochene Frau auf ihr Pferd sprang und wie von Sinnen vor Angst davonjagte.
Daniel sah, dass sie durch ihre panische Handlungsweise die Kontrolle über das Tier verloren hatte und blindlings durchs Gebüsch und an Bäumen vorbeiraste.
Das Drama hatte sich innerhalb weniger Minuten zugetragen, sodass die Männer nach kurzer Sondierung der Sachlage keine Zeit gefunden hatten, in das Geschehen hilfreich eingreifen zu können.
Doch nun war Reaktion gefragt. Philip schnellte aus dem Buschwerk, um dem wild, aber kontrolliert kämpfenden Mädchen Beistand leisten zu können, während Daniel zurück zu seinem Pferd rannte und dem anderen Mädchen beritten hinterherjagte.
Daniel war noch nicht weit gekommen, als er eine grazile Frauengestalt bewegungslos unter einer weit ausladenden Kastanie liegen sah.
Wachsam um sich blickend näherte er sich dem hilflosen Mädchen. Auf ihrer Stirn prangte eine riesige, hellblau angelaufene Beule. Gekonnt tastete er nach ihrem Pulsschlag. Sie lebte. Vorsichtig hob er ihren Kopf an. Gequält öffnete sie die Augen.
„Alles in Ordnung mit dir?“, fragte er ruhig.
„Keine Angst, ich tue dir nichts“, fügte er hinzu, als er sah, dass sie angsterfüllt die Augen aufriss.
„Mir ist übel und mein Kopf …“, weiter kam sie nicht, da sie sich furchtbar erbrechen musste.
Daniel legte beruhigend seine warme Hand auf ihre von kaltem Schweiß bedeckte Stirn.
Suchend sah er sich nach Philip um.
Als Philip kurze Zeit später das stöhnende Mädchen im Gras liegen sah, den Kopf durch Daniels Hand gestützt, meinte er stirnrunzelnd:
„Aua, der geht’s aber gar nicht gut!“
„Wir werden sie wohl mitnehmen müssen. Siehst du irgendwo ihr Pferd?“ Philip blickte in alle Richtungen.
„Der Gaul grast da hinten gemütlich. Ich hole mal das liebe Tierchen.“
Rasch kehrte er mit dem Pferd zurück. Das benommene Mädchen wurde zu Daniel auf das Pferd gehoben.
„Was ist mit der anderen?“, fragte Daniel seinen Freund.
„Die ist noch mit einem der Angreifer beschäftigt. Mich hat sie angepöbelt und gesagt, ich soll machen, dass ich wegkomme. Sie sei gerade so schön in Übung. Na, da habe ich eben gemacht, dass ich wegkomme. Ich hatte nicht das Bedürfnis, mich mit der anzulegen. Vermutlich hätte die mich auch noch erledigt.“ Philip grinste verlegen.
„Die hier muss jedenfalls schnellstens von hier weg und in die Waagerechte“, erwiderte Daniel besorgt auf seinen Schützling blickend.
Das halb bewusstlose Mädchen wurde in Daniels Zimmer gebracht und von Susan ins Bett gelegt. Hilflos ließ sie alles mit sich geschehen.
„Die Kleine hat eine ordentliche Gehirnerschütterung, ansonsten hat sie nur ein paar blaue Flecken“, meinte Susan unvermittelt.
„Was zum Teufel habt ihr mit ihr angestellt?“
Mit gefährlich blitzenden Augen sah sie Philip und Daniel an.
„Wir erstmal überhaupt nichts“, antwortete Philip leicht pikiert.
„Das Pferd ist mit ihr durchgegangen, nachdem vier üble Kerle sie und eine andere Lady bedrängten. Nach dem Horn auf ihrer Stirn zu urteilen, muss sie in vollem Galopp gegen einen tiefhängenden Ast gerauscht sein.“
Susan schnitt energisch das Gemüse für das Mittagessen klein.
„Die Kleine braucht mindestens zwei Tage Bettruhe“, sagte sie bestimmt.
„Wisst ihr, wer sie ist?“ Philip antwortete mit einem entschiedenen: „Nein!“
„Doch“, sagte Daniel ernst.
„Ich brauche etwas zum Schreiben und einen absolut verlässlichen Botenjungen.“
Mit diesen kurzen Worten nahm er sich, was er brauchte, setzte sich an den Tisch und schrieb. Susan und Philip sahen sich verblüfft an, fragten aber nicht weiter, da es ihnen im Moment zwecklos erschien.
Der Botenjunge war schnell geholt. Das versiegelte Schriftstück wurde ihm ausgehändigt, dazu ein angemessener Lohn, welcher sich verdoppeln sollte, wenn der Auftrag zufriedenstellend ausgeführt war. Das Schreiben musste umgehend zu Lenox Castle gebracht werden.
„Kannst du uns jetzt mal aufklären?“, fragte Philip etwas ungehalten. Er hasste es, den Unwissenden abgeben zu müssen.
„Ich habe eine Nachricht an Lenox Castle geschrieben, um denen mitzuteilen, dass Prinzessin Lizzy leicht verletzt, aber in Sicherheit ist und bla, bla, bla.“
„Wer bitte ist die Kleine?“, Susan sah erschrocken auf.
„Woher weißt du das?“, fragte Philip erschrocken.
Daniel seufzte schwer.
„Ich habe das andere Mädchen erkannt und da diese hier mit Lizzy angeredet wurde, kann das ja dann wohl nur die jüngere Schwester sein.“
Philip hatte sich wieder gefasst. „Hoffentlich erfährt niemand, dass die Kleine unter unserem Dach ist. Deine Sippe würde sich alle zehn Finger ablecken, wenn sie die Prinzessin in ihre Hände bekämen.“
„Warum sollten sie. Ich tobe doch hier auch lustig durchs Haus!“
„Habe ich ganz vergessen in der Aufregung.“
„Vernünftig“, kam es von Daniel lässig zurück.
„Ich fürchte nur, wir müssen nun noch einmal los, denn Ahornholz haben wir immer noch nicht.“ Philip seufzte, bevor er erneut sein Pferd bestieg, um mit Daniel auszureiten.
Müde öffnete die Patientin die Augen. Mit hilflosem und scheuem Blick sah sie um sich. Sie konnte sich weder daran erinnern, was geschehen war, noch wo sie sich befand. Ängstlich starrte sie den jungen Mann an, der auf der Bettkante saß und sie besorgt ansah. Noch nie hatte sie in so ein wundervolles, gutaussehendes Gesicht eines Mannes gesehen. Sie errötete verlegen.
„Wo bin ich? Wie komme ich hierher? Was ist passiert?“, sprudelte es aus ihr verzweifelt heraus. Gleichzeitig versuchte sie sich aufzurichten, doch pochende Schmerzen ließen ihren Kopf unter leisem Stöhnen wieder in die Kissen sinken.
Kurz und knapp berichtete Daniel über die vorangegangenen Ereignisse des Vormittages.
Unvermittelt wurde das Mädchen erneut von Angst ergriffen.
„Mein Vater, meine Schwester, sie werden sich unendlich sorgen und mich suchen. Ich muss weg …!“
Daniel hielt es für angebrachter, die leicht Verängstigte mit einem vertrauensvollen „Du“, statt mit der schicklichen Anrede anzusprechen.
„Ich habe sie umgehend informiert. Du hast im Schlaf deinen Namen gesagt“, log er der Not gehorchend.
Sie wurde etwas ruhiger. „Du musst dich nicht sorgen, du bist hier in Sicherheit. Es ist wichtig, dass du dich ausruhst, dein Kopf hat ein bisschen was abbekommen. In etwa drei Tagen werden wir dich nach Hause bringen können.“
Daniel lächelte sie sanft an.
„Oje“, ging es Lizzy durch den Kopf. Ihr Herz würde bei diesem umwerfenden Lächeln stehen bleiben. Was war nur los mit ihr. „Der Kopf, es ist nur der Kopf“, dachte sie verstört. Das wird es sein.
Daniel nahm kurz ihre Hand in die seine.
„Du solltest versuchen zu schlafen.“
Gehorsam schloss sie die müden Augen. Erst als ihr Atem ruhig und gleichmäßig ging, ließ er ihre zarte Hand los. Während sie schlief, betrachtete er sie eingehend. Lizzy war bei weitem nicht so hübsch anzusehen, wie ihre energische Schwester. Doch ihr zartes, sanftmütiges und liebreizendes Wesen strahlte eine Natürlichkeit aus, die Daniel unwillkürlich fesselte und sein Herz aus dem Takt brachte.
Sein harter Verstand siegte über sein Herz. Abrupt löste er sich von ihrem Anblick.
Minuten später war er tief in die aufwendigen Intarsienarbeiten eines Nähschränkchens für Lord Murrays extrovertierte Frau versunken.
Lily spurtete laut vor sich her singend in die Werkstatt.
„Dad soll in die Küche kommen, ganz fix hat Mum gesagt.“
„Sag ihr, ich kann jetzt nicht.“
„Mum hat aber gesagt, jetzt.“
Philip sah die lustig vor sich hin trällernde Lily gereizt an.
„Noch mal. Ich habe jetzt keine Zeit!“
Daniel sagte beschwichtigend:
„Lass nur. Der Fischleim muss sowieso erst aushärten, bevor ich weiter machen kann. Ich gehe schon.“ Philip nickte erleichtert, während sich Lily kopfüber und lauthals kreischend in die mit Hobelspänen gefüllte Abfallkiste plumpsen ließ.
„Wieso hat mein Gatte schon wieder keine Zeit? Er hat mir versprochen, das abgeerntete Erbsenbeet umzugraben. Die Erde ist dort fest wie Stein. Da soll ich mich doch wohl nicht mit herumquälen. Wozu habe ich einen Mann, frage ich dich? Wird das etwa wieder nichts oder was!“ Aufgebracht warf sie ein Holzscheit in den Herd. Daniel fingerte eine der Himbeeren vom frisch belegten Tortenboden, während Susan wütend in der halbfertigen Kartoffelsuppe rührte. Ungerührt sich die klebrigen Finger ableckend sagte Daniel:
„Dein Gatte trägt mehrschichtig Schellack auf, da ist nichts mit zwischendurch Beete umgraben. Ich habe gerade Zeit, also grabe ich, wenn es der Dame des Hauses recht ist.“
Susan knurrte irgendetwas unverständliches, als Daniel munter die Küche verließ, um sich in den Garten zu trollen.
Susan sah oft nach ihrem hochrangigen Gast. Jedes Mal, wenn sie das Zimmer betrat, fragte Lizzy nach Daniel, der so oft seine Zeit es zuließ, ihr Gesellschaft leistete.
Lizzy fühlte sich mehr und mehr zu ihm hingezogen. Er strahlte trotz seines ernsten und überlegten Gesichtsausdrucks eine vertraute Wärme aus, die sie in seinen Bann zog.
Unendlich war sie ihm dankbar, dass er die Nacht in dem alten, abgenutzten und recht unbequemen Sessel unter dem Fenster verbrachte und sie nicht in dem fremden Zimmer allein ließ. Sicher schickte sich so etwas nicht, aber Lizzy fühlte sich unendlich einsam und verlassen, wenn er nicht in ihrer Nähe war.
Ihrem Kopf ging es allmählich besser. Die Beule auf ihrer Stirn war nach stundenlangem Kühlen merklich kleiner geworden. Susan versuchte es ihr so bequem, wie möglich zu machen, hielt jedoch eine gewisse Distanz zu Lizzy, da sie nicht wusste, wie sie sich richtig einer so hoch gestellten Persönlichkeit gegenüber verhalten sollte. Dabei halfen ihr auch keineswegs Lizzys offenherzige Art und ihre dankbaren Blicke.
Bei Daniel war das etwas völlig anderes. Er wohnte seit Jahren bei Philip, als dessen Freund und gleichzeitig als dessen Angestellter in der Tischlerei.
Ihn lernte sie als einfachen Möbeltischler mit all seinen Vorzügen und Schwächen kennen, als Philip sie damals ins Haus brachte. Nie wäre sie auf die Idee gekommen, dass Daniel irgendetwas anderes in seinem Leben war als ein einfacher Mensch aus ihrer Gesellschaftsschicht. Einfach, normal, angepasst und unauffällig. Erst nach der Hochzeit mit Philip offenbarte dieser ihr irgendwann ganz beiläufig, welchen Status Daniel eigentlich besaß. Sicher war sie schockiert gewesen und dachte an einen schlechten Witz von Seiten ihres Gatten. Philip beteuerte, ihr die Wahrheit gesagt zu haben und klärte sie über die Gefahren, die dieses Wissen mit sich brachte, auf.
Kurze Zeit gab sie sich Daniel gegenüber verhalten. Respekt und Ehrfurcht hemmten sie daran, Daniel natürlich gegenüber zu treten. Daniel merkte und ahnte nichts davon, was ihr sehr gelegen kam. Da aber das Leben im Haus völlig normal weiterging, konnte Susan schnell die enormen Standesunterschiede, die zwischen ihr, Philip und Daniel bestanden, ignorieren und irgendwann vergessen.
Obwohl Susan eine starke Frau war, so fiel es ihr oft schwer zu akzeptieren, dass Philip Rebellenführer war und so manche Nacht nicht im Haus war. Wenn sie allein im Bett lag, von Ängsten um ihren Mann geplagt, sehnte sie sich nach einem gewöhnlichen, friedlichen und liebenswerten Alltagstrott. War der Alltag da, dann fühlte sie wiederum ein seltsames Kribbeln auf der Haut, welches ihr unumstößlich anzeigte, dass sie die Gefahr irgendwie auch liebte, die das scheinbar eintönige Leben mit Philip interessant und aufregend machte.
Die Tatsache, dass sie in den Nächten, in denen Philip nicht im Haus war, nicht schutzlos war, beruhigte sie indes auch wieder. Daniel schlief zwar oben im Dachgeschoß, doch wusste sie, dass er wachsam genug blieb, um das Haus jederzeit vor Eindringlingen verteidigen zu können.
Bei Lizzy aber vermochte Susan die Hemmschwelle einfach nicht übertreten zu können. Die Prinzessin war eine Fremde, die in einem für sie fremdem Leben lebte.
3. Kapitel
Sarah kam vor Wut schäumend ins Schloss gestürmt. Lauthals schrie sie nach ihrem Ehemann. Vom Lärm aufgescheucht, erschienen zwei fragend dreinblickende Hausmädchen.
„Marie. Wo ist mein Vater?“
„Das weiß ich nicht“, antwortete die Angesprochene kleinlaut.
„Aber ich!“, sagte die andere scheu. „Seine Majestät befindet sich in der Bibliothek.“ „Danke. Sucht Sir Liam. Er soll umgehend in die Bibliothek kommen!“
„Jawohl, Mylady.“ Die Mädchen entfernten sich hastig.
Mit großen Schritten steuerte Sarah die Bibliothek an. König William befand sich in ein angenehmes Gespräch mit Dr. Gregory vertieft, als sie ohne anzuklopfen ins Zimmer stürmte. Ohne Begrüßung platzte sie damit heraus, dass Lizzy verschwunden war.
„Was soll das heißen Sarah?“ König William starrte sie entgeistert an.
„Was an dem Wort ‚verschwunden‘ verstehst du denn nicht, Dad. Sie ist weg, verschwunden, nicht auffindbar.“
„Zügle dich in deiner Wortwahl Sarah und berichte bitte in chronologischer Reihenfolge. Kein Mensch versteht hier, was geschehen ist.“ Dr. Gregory wies Sarah ruhig an, sich zu setzen, tief durchzuatmen und sich zu sammeln. Sarah gehorchte unwillig.
„Trink das!“, sagte er und reichte ihr ein Glas Whisky.
„Und nun erzähle.“
Sarah stöhnte betroffen. In knappen Sätzen berichtete sie, was sich zugetragen hatte.
„Was um Himmels Willen hat euch bewogen, die Landesgrenzen allein abzureiten? Hatte ich nicht ausdrücklich befohlen, wenigstens zwei Männer als Geleitschutz mitzunehmen?“, fragte der Vater zornig seine Tochter.
„Meine Güte Dad! Bisher konnten wir uns immer bestens verteidigen. Die Kerle waren keine Häscher von Corlens Castle, sondern einfach nur mieses Pack, das uns für verlockende, leicht zu erbeutende Leckerbissen hielt. Ich habe zwei von ihnen locker erledigt. Der Letze ist panisch davon gehüpft wie ein Kaninchen. Dass Lizzys Pferd durchgeht, ist doch etwas völlig anderes.“
König William billigte diese Rechtfertigung in keinster Weise. Bevor er jedoch eine Tirade zum Thema Gehorsamsverweigerung an den Tag legen konnte, brachte ein Diener ein Schreiben. Unwirsch nahm er den Brief entgegen. Störungen dieser Art hasste er, wenn er doch gerade so schön in Fahrt war. Da das Schreiben den Vermerk „eilt“ enthielt, unterbrach er die verbale Zurechtweisung seiner Tochter, um hastig den Brief zu öffnen.
Sarah und Dr. Gregory sahen William fragend an, als er seufzend den Brief auf den Schreibtisch warf und sich bequem in seinen Sessel zurückfallen ließ.
„Es wird keine Suchaktion stattfinden. Lizzy wird von einer Familie, deren Name im Schreiben nicht genannt wird, aufopferungsvoll gepflegt. Man hatte sie verletzt gefunden und in Sicherheit gebracht. In etwa drei Tagen wird sie mit Geleitschutz hierher zurückgebracht. Es gehe ihr den Umständen entsprechend gut. Der Verfasser des Briefes weist darauf hin, dass der Aufenthaltsort der Prinzessin nicht genannt wird, da er sich auf den Ländereien von Corlens Castle befindet. Man möge bitte den Wunsch der Familie, die Prinzessin nicht zu suchen respektieren, da man das Leben der Prinzessin, als auch dass der unbescholtenen Familie nicht gefährden will.“
„Du willst allen Ernstes abwarten, Dad? Was ist, wenn das eine Falle ist? Man wird Lösegeld fordern!“
„Lies selbst den Brief und urteile neu. Den Brief hat niemand geschrieben, der böses im Sinn hat. Er hatte einen Anflug von Besorgnis. Außerdem ist der Schreiber gebildet und mit Sicherheit kein dahergelaufener Lump, der das schnelle Geld wittert.“
Es klopfte und Liam trat ins Zimmer.
Mit einem Handzeichen gab ihm Dr. Gregory zu verstehen, dass er Platz nehmen sollte.
„Wir werden die vorgegebenen drei Tage abwarten. Nach Ablauf des Ultimatums können wir immer noch handeln“, entschied König William unwiderruflich.
Sarah war mit dieser Entscheidung keineswegs einverstanden, wagte aber nicht zu widersprechen.
Unwillig las sie den Brief Wort für Wort nun schon das zweite Mal. Auch musste sie sich eingestehen, dass ein unüberlegtes Eingreifen vermutlich eher Schaden als Nutzen bringen würde. So beschränkte sie sich darauf Liam zu instruieren, einen Notfallplan aufzustellen, damit gegebenenfalls eine sofortige, systematisch geführte Suchaktion erfolgen konnte.
Dem hatten weder König William, noch Dr. Gregory etwas entgegenzusetzen.
Sarahs aufgewühltes Gemüt hatte sich zwischenzeitlich abgekühlt. Von Selbstvorwürfen zerfressen, suchte sie ihre privaten Räumlichkeiten auf. Die Zimmer im Schloss waren freundlich, luftig und hell eingerichtet, ganz entgegen Sarahs Geschmack. Sie bevorzugte wuchtiges, solides und dunkles Mobiliar. Von einem ihrer Fenster aus hatte sie freien Blick auf das riesige, düstere Gemäuer von Corlens Castle. Das alte Schloss, mit seiner Architektur und seiner komplizierten Bauweise faszinierte sie. In Gedanken stellte sie sich oft vor, wie sie die dunklen, verschlungenen Gänge entlangging, die großen, schweren Eichentüren öffnete und die mit dunklem Holz vertäfelten Zimmer betrat. Die Möbel stellte sie sich rustikal und schwer vor. Welche, die jeden zartbesaiteten Betrachter einschüchtern oder gar erdrücken würden.
Ihre Phantasie regten überlieferte Erzählungen an, welche sich ausschließlich mit Corlens Castle befassten.
Schnell fasste sie sich wieder und machte der Realität Platz. Grausame Szenarien sollten sich hinter den riesigen Schlossmauern abspielen. Szenarien, wie man sie nur aus dem Mittelalter kannte.
„Könnte ich doch nur diese Mörderbrut ausräuchern“, schoss es Sarah durch den Kopf. Doch das Land der Corlens war riesig, die Armee König Georgs mächtig und unbezwingbar. Wenn sie doch nur einen Weg finden würde, um der Gewaltherrschaft in diesem geschundenen Land ein Ende setzen zu können. Doch wie? Es gab keine Alternativen. Lenox Castle musste weiterhin jedweder Bedrohung, Anfeindung und Provokation durch die Corlens aus dem Weg gehen, ignorieren, Ruhe bewahren und Übergriffe abwenden.
Im Moment hatte Sarah jedoch andere Sorgen. Ihre kleine Schwester war irgendwo in diesem schrecklichen Land, verletzt, verstört und allein.
„Hätte ich doch nur gesagt, sie solle sich verstecken, anstatt auf das Pferd zu steigen!“
Es brachte nichts, über derartige Fehlhandlungen ihrerseits nachzudenken.
Müde ließ sie sich schließlich auf ihr Bett fallen. Liam riss sie schließlich aus ihren düsteren Gedanken. Polternd, wie immer, war er ins Zimmer getreten. Er wollte angeln gehen. Ein völlig untypischer Zeitvertreib für einen großen, breitschultrigen Mann, der eigentlich nie genau wusste, wohin er mit seiner enormen Kraft sollte. Liam entstammte einer verarmten Adelsfamilie, was Sarah nicht hinderte, ihn zu heiraten. Für sie war er der ideale Mann, ein Brustkorb wie ein Stier, hart wie Stahl und fast emotionslos. Dafür war er mit Verstand weniger gesegnet, sodass er Sarah absolut hörig war. Nur in den seltensten Fällen begehrte er auf, korrigierte seine Frau oder gab seine Meinung zum Besten. Da er alles andere als redselig war, äußerte er seine Belange stets in kurzen, knappen, aber präzisen Worten.
Als Befehlsoberhaupt der Garde, einer Eliteeinheit von ausgewählten, königstreuen, verschwiegenen und kampferfahrenen Soldaten, war er unschlagbar. Das Kampf- und Situationstraining für Spezialeinsätze oblag Sarah. So arbeiteten Liam und Sarah überwiegend Hand in Hand.
Oberst Stelton hingegen, ein äußerst zuverlässiger und brillanter Methodiker und Stratege, befehligte das königliche Heer, das nicht sehr groß war, aber dafür um so effektiver arbeitete.
Liam legte Sarah schweigend den gewünschten, konzeptionellen Plan für die Suche Lizzys vor. Ein kurzer Blick genügte Sarah, um den Plan als genial einzustufen, sollte es zu dessen Ausführung kommen. Liam beobachtete ausdruckslos seine temperamentvolle Frau. Er sah ihr perfekt geschnittenes Gesicht, ihr blondes, wallendes Haar, ihren ebenso perfekt proportionierten Körperbau. Er liebte sie unsterblich und würde bedingungslos sein Leben für sie geben. Trotzdem sehnte er sich hin und wieder, wenn auch nur ein ganz kleines bisschen nach mehr Liebreiz, Zärtlichkeit und Einfühlungsvermögen, wie es Sarahs Schwester innehatte.
Gleichzeitig bewunderte er die Entschlossenheit, die Härte und die Intelligenz seiner angetrauten Gattin. Schwächen gab es für Sarah nicht. Nur wenn es um ihre Schwester ging, dann wurde sie butterweich.
„Zufrieden?“, fragte Liam. Sarah nickte.
„Auf mich wartet Arbeit“, sagte er dumpf, machte kehrt und verschwand so polternd, wie er gekommen war. Sarah sah auf die marmorne Kaminuhr, ein Hochzeitsgeschenk entfernter Verwandter Liams. Auch für sie wurde es allerhöchste Zeit ihren festgelegten Arbeiten im wirtschaftlichen Verwaltungssektor des Schlosses nachzugehen.
Der kommende Tag zeigte sich grau und bedeckt. Die Luft war feucht und unangenehm warm. Gewitterluft.
Lizzys Kopfschmerzen waren fast verebbt. Die Schwindelattacken wie fortgeblasen.
Daniel hatte ihr das Frühstück gebracht.
„Besser heute?“ Aufmunternd sah er sie an. Sofort spürte Lizzy wieder die Wärme und Vertrautheit, die von ihm ausging. Erneut begann ihr Herz schneller zu schlagen.
„Ich glaube schon.“
„Heute Nachmittag zeige ich dir Susans Garten, ist zwar hauptsächlich ein Gemüsegarten, aber du kommst an die frische Luft oder wie man das da draußen gerade nennt.“
„Oh, nein!“, dachte Lizzy aufs Neue. Wieder sah sie dieses zaghafte Lächeln in dem sonst so ernsten Gesicht. Es ließ sie innerlich dahin schmelzen. Verlegen betrachtete sie ihre Finger.
Daniel war sich seiner Wirkung auf Frauen nie bewusst geworden. Sicher hatten ihn sowohl in dieser vermaledeiten Eliteschule als auch im Schloss die Mädchen umschwärmt. Er hätte jede haben können, wenn er gewollt hätte.
Er hatte andere Prioritäten, dazu gehörte der Widerstand gegen die Gewaltherrschaft seines Vaters und seines Bruders sowie sein eigenes Überleben. Eine Frau hätte ihn nur unvorsichtig und, was viel schlimmer war, erpressbar gemacht.
Bei Lizzy war alles anders. Daniel fühlte, dass er bei diesem Mädchen seinen strickten Vorsätzen untreu werden könnte. Es zog ihn mehr und mehr zu ihr, viel mehr als er sich eingestehen wollte. Dagegen anzukämpfen, erschien ihm schon bald zwecklos. Noch siegte sein Verstand. Lizzy würde gehen und alles wäre beim Alten. Nur ein Gefühl der Leere würde zurückbleiben, weiter nichts.
Am späten Vormittag entlud sich ein kräftiges Gewitter. Es regnete sturzbachartig. Der Sturm heulte unheimlich um das Haus.
Philip und Daniel waren in der Tischlerei beschäftigt, Susan mit dem Einkochen von Erbsen. Schlecht gelaunt stiefelte das Kind durch das Haus auf der Suche nach Abwechslung. Spontan fiel ihr der Gast ein, der in Daniels Kammer untergebracht war. Vielleicht war der ja lustig und spielte mit ihr. Entgegen aller Verbote von Seiten ihrer Mutter kletterte sie unbeholfen die steile Treppe zur Dachkammer hinauf. Mühselig betätigte die Kleine die Türklinke. Dabei stellte sie sich auf Zehenspitzen, um mit den Fingerchen gerade noch so die Klinke herunter drücken zu können. Glücklich, die Tür geöffnet zu haben, platzte sie ins Zimmer. Vor dem Bett blieb sie stehen. Neugierig legte sie den Kopf schief, um die Fremde begutachten zu können.
Überrascht über den seltsamen Besuch musste Lizzy lachen.
„Nanu, wer besucht mich denn da?“, begrüßte Lizzy das Kind.
„Ich wohne hier. Spielst du mit mir?“, lispelte Lily keck.
Lizzy winkte das putzige Wesen zu sich ans Bett. Vertrauensselig hüpfte das Kind wie selbstverständlich auf das Bett, um sich auf Lizzys Beine zu setzen. Dann sah sie Lizzy wartend an.
Dass sich ein Kind im Haus befand, wusste Lizzy von Daniel, doch dass die Kleine so zuckersüß und putzig war, hatte er nicht erzählt.
„Also gut. Dann sage mir, was du gerne spielen möchtest!“
Die Frische des Mädchens belebte Lizzy auf seltsame Weise. Der letzte Anflug von Kopfschmerzen war verflogen.
„Kannst du mir eine Geschichte erzählen? Eine ganz tolle, schöne.“
Lizzy musste lachen. Dann zog sie ganz wichtig denkend die Stirn in Falten, ohne an die blau gefärbten Reste der Beule zu denken. Ein Fehler wie sie schmerzhaft feststellen musste.
„Ich erzähle dir eine Geschichte, eine ganz alte. Die hat mir meine Schwester früher oft erzählt, wenn ich mich in der Nacht fürchtete und nicht schlafen konnte.“
Die quirlige Lily saß ganz ruhig da, hatte ihre kleinen Hände in den Schoss gelegt und wartete nun gespannt mit offenem Mund.
„Es war einmal ein kleines Raupenkind. Das hatte immer furchtbare Angst, wenn es draußen dunkel wurde und die Nacht hereinbrach. Bei Tage war es lustig und froh. Ausgelassen spielte es mit den anderen Kindern auf der bunten Blumenwiese. Doch sobald es zu dunkeln begann, versteckte sich das Raupenkind in einer kleinen Steinhöhle aus Kieseln. Dort saß es zitternd und bibbernd und erschrak fürchterlich, bei jedem noch so kleinen Geräusch, das aus der Dunkelheit kam. Es meinte Gespenster und Unholde zu hören und Bestien zu sehen.
Erst wenn der Morgen graute, schlief das Raupenkind ein. Die anderen Raupenkinder verlachten es sehr und schimpften es „Angsthase“. Dann weinte es bittere Tränen. Schließlich spielte es mit den anderen Kindern nicht mehr und zog sich zurück. Traurig saß es nun auch bei Tage in seiner Schlafhöhle, bemitleidete sich, weinte und bemitleidete sich wieder.
Eines Tages wurde es sehr, sehr müde. Obwohl draußen der herrlichste Sonnenschein herrschte, kroch es ganz, ganz tief in seinen Unterschlupf, wickelte sich in warmes Blattwerk und schlief ein.
Als es wieder erwachte, war draußen finsterste Nacht. Verschlafen zwängte es sich aus der viel zu klein gewordenen Höhle hinaus in die Dunkelheit.
Es reckte und streckte seine Glieder im Mondschein.
„Nanu“, dachte es unvermittelt, „ich habe ja gar keine Angst mehr!“
Da merkte das Raupenkind, dass es kein Raupenkind mehr war. Es war zum Nachtfalter geworden. Flugs richtete der Falter seine Flügel, spannte sie straff, um schließlich in die Nacht zu fliegen. Da gab es so viel zu entdecken. Eine Spinnenfamilie machte einen Ausflug mit den lieben Kinderchen, ein dicker Käfer baute unbeholfen an seinem Haus, vier Schnecken lieferten sich ein Wettrennen und eine grobschlächtige Alte schallt wütend ihren Enkel an, welcher mit seinen Spielgefährten die frisch aufgehängte Wäsche mit Matsch beworfen hatte.
Nun wusste der Falter, dass es keinen Grund zur Angst gab, wenn die Nacht hereinbrach. Es gab keine Gespenster. Nur Nachttiere, die in der Dunkelheit lebten, wie anderes Getier am Tage. Er musste furchtbar über seine Dummheit lachen.
Gut gelaunt und zufrieden flog der Nachtfalter zu den anderen Nachtfaltern, die ein großes Fest feierten, mitten in der Nacht, mitten in der Dunkelheit …“
Niemand hatte gemerkt, dass Daniel irgendwann leise ins Zimmer getreten war. Schweigend war er an der Tür stehen geblieben, um Lizzys sanfter Stimme zu lauschen. Erst als Lizzy ihre Geschichte beendet hatte, bemerkten sie den Eindringling. Verlegen und mit hochrotem Kopf sah Lizzy zu ihm auf. Seine Gesichtszüge waren wie fast immer ernst, unergründlich, geheimnisumwittert.
Lily durchbrach unbewusst die peinliche Stille.
„Ich habe manchmal auch ganz dolle Angst in der Nacht“, sagte sie wichtig, was sie durch ein kräftiges Kopfnicken nachdrücklich unterstrich.
„Du solltest lieber vor deiner Mutter Angst haben, du Ausreißer. Wir suchen dich schon eine ganze Weile“, sagte Daniel weich. Lily klettere langsam vom Bett.
„Ich war doch bei Tante Lisi. Jawohl! Schimpft Mum?“
Daniel holte tief Luft, bevor er matt lächelnd antwortet.
„Ich glaube schon. Du hattest Verbot hier herauf zu stolpern.“
Lizzy sah in Liliys schuldbewusstes Gesicht.
„Es hat mir nichts ausgemacht, wirklich nicht!“, beteuerte Lizzy, das Kind in Schutz nehmend.
„Ich war sogar ganz froh darüber, mir war auch langweilig …“
Daniel nahm Lily auf den Arm. Die schlug beide Ärmchen um seinen Hals, während sie ihr Köpfchen in vertrauter Geste auf seine Schulter legte.
„Willst du mit uns unten essen? Susan meinte, sie könne es verantworten, dass du aufstehst“, fragte er vorsichtig.
Lizzy nickte freudig.
„Ich bin in fünf Minuten unten.“
Um nicht schon wieder rot zu werden, versuchte sie seinen Blick zu meiden, der fest auf ihr zu kleben schien.
„Warum war er nur so ernst?“, dachte sie still, als er gegangen war. Dann eilte sie sich, dass sie zum Essen kam.
Das Gewitter hatte sich verzogen, der Himmel war aufgerissen und die Sonne breitete ihre Strahlen über das Land. Die Luft war nun klar und frisch.
Daniel führte Lizzy durch den großen, gepflegten Garten. Lizzy bewunderte die sauberen Beete, die hohen Apfelbäume und die kleine Blumenrabatte. Etwas unsicher sagte Lizzy:
„Mir ist, als ob wir uns schon ganz lange kennen. Du bist mir so unendlich vertraut.“
Daniel seufzte hilflos bei ihren sanften, warmherzigen Worten, erwiderte aber nichts. Noch vertraute er seinem Selbstschutz.
„Ich muss morgen zurück. Sehen wir uns vielleicht wieder?“, fragte sie verlegen, auf ihre Schuhspitzen schauend.
Daniel rang mit sich.
„Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist. Du Prinzessin, ich Tischler? Schlechte Konstellation, oder?“
Lizzy sah ihm fest in die Augen.
„Bei uns gibt es keine Standesunterschiede in der Partnerwahl.“
Daniel schüttelte abwehrend den Kopf. Lizzy verstand diese Geste falsch und bezog sie auf ihr Äußeres.
Gekränkt sah sie zu Boden. Wie konnte sie sich auch einbilden, dass ein Mann mit so einem Aussehen, so eine kleine graue und tollpatschige Maus, wie sie es war, lieben konnte? Während sie ihren düsteren Gedanken nachging, nahm er plötzlich ihr Gesicht in seine Hände, um ihr tief in die Augen sehen zu können. Leise, fast traurig sagte er:
„Mich umgibt ein dunkles Geheimnis, das nur Susan und Philip kennen. Jeder der es kennt, riskiert sein Leben und das anderer Menschen.“
„Hast du jemanden umgebracht?“, fragte sie bestürzt.
„Nein, nicht so etwas. Ich habe einfach nicht das getan, was man von mir erwartete. Ein Mord wäre da geradezu als banal zu bezeichnen.“
„Du bist nicht der, der du bist, stimmt’s? Aber ich will dich nicht in Verlegenheit bringen oder dich gar diskreditieren. Ich will einfach nur dich und ich weiß nicht wieso, aber ich vertraue dir.“ Daniel sah tief Luft holend an ihr vorbei. Lizzy legte nun allen Mut und vollste Zuversicht in ihre zitternde Stimme.
„Ich habe mich, glaube ich, unsterblich in dich verliebt.“
Daniel führte einen erbitterten Kampf mit sich und seinem Gewissen. Er startete einen letzten Versuch, um sie von ihm abzuhalten.
„Lizzy. Es ist lebensgefährlich für dich, wenn du dich mit mir abgibst. Glaub es mir. Ich kann das nicht verantworten“, sagte er schroffer, als beabsichtigt. Alle Bitterkeit hatte er in diesen einen Satz gelegt. Doch leise, fast lautlos fügte er hinzu:
„Dafür liebe ich dich viel zu sehr, als dass ich dich in Gefahr bringen könnte.“
„Das ist mir egal!“, sprudelte es aus ihr heraus.
Lizzy fühlte, was in ihm vorging. Daniel sah in ihre treuen, von Tränen gefüllten Augen, die ihn flehend und angstvoll ansahen. Das Herz siegte über den Verstand und alle gutgemeinten Vorsätze.
Ohne weitere Überlegungen nahm er sie entschlossen in die kraftvollen Arme und kam nicht umhin, sie zu küssen. Lizzy sah selig zu ihm auf. Ihre Augen leuchteten wie Diamanten in der Sonne vor lauter Glück. Daniel schluckte. Er sah aus, als hätte er gerade ein Verbrechen begangen.
„Wir sehen uns wieder, aber nicht hier. Das ist zu gefährlich für Philip und seiner Familie. Ich lasse mir etwas einfallen. Versprochen.“
Er drückte sie fest an sich, so fest, als müsse er befürchten, dass der Erdboden sie jeden Moment verschlucken könnte, wenn er sie losließ.
4. Kapitel
Am nächsten Morgen war Lizzy soweit wieder genesen, dass man es riskieren konnte, sie nach Hause zu bringen. Philip und Daniel begleiteten sie. Lily war mit Lizzys Heimreise so gar nicht einverstanden, büßte sie doch eine treue Spielgefährtin ein, die noch dazu lustige Geschichten erzählte konnte.
„Ich will aber nicht, dass du zu deinem Daddy gehst, du musst hierbleiben bei Lily“, maulte sie und sah ihre neu gefundene Freundin vorwurfsvoll an.
„Sieh mal, mein Dad macht sich doch Sorgen um mich. Genauso sorgen sich deine Eltern um dich, wenn du einfach ohne zu fragen ins Dorf läufst, um mit den Kindern zu spielen.“
Lizzy war in Hocke gegangen, um mit Lily auf Augenhöhe zu sein.
„Versprich mir, dass du schön lieb bist, wenn ich weg bin. Vielleicht kann ich ja mal kommen und dich besuchen, wenn deine Eltern nichts dagegen haben.“
„Oh fein“, schniefte die Kleine zwischen Tränen und Lachen.
Auch von Susan verabschiedete sie sich herzlich. Sie dankte ihr für die Fürsorge und die Wärme, die man ihr in diesem Haus entgegengebracht hatte. Obwohl Lizzy nur drei Nächte bei den Hendersons verbracht hatte, waren ihr die Bewohner in dieser kurzen Zeit zutiefst vertraut geworden.
Auf dem Rückweg wurde kaum ein Wort gesprochen. Kurz vor dem Schloss, als man keine Gefahr mehr für das Mädchen sah, verabschiedeten sie sich. Lizzy sah bedrückt und gequält aus, während Daniel ihr mit unergründlichem Gesichtsausdruck wortlos die Hand zum Abschied reichte.
Wohlwollend verabschiedete sich auch Philip. Ohne sich noch einmal umzusehen, gab Lizzy dem Pferd die Sporen, damit keiner von beiden ihre Tränen sah.
Erst nachdem Lizzy die schützenden Schlossmauern passiert hatte, wendeten die beiden Freunde ihre Pferde, um zurück zur Tischlerei zu reiten, wo mehr als genug Arbeit auf sie wartete.
„Du weißt, was du da tust?“, fragte Philip von der Seite und sah Daniel ernst an.
„Nein, das weiß ich ausnahmsweise mal nicht“, antwortete der Angesprochene kurz angebunden.
Philip hatte die bedrückte Stimmung seines Gegenübers erfasst und respektierte sie, ohne weiter Fragen zu stellen. Schweigend ritten sie nebeneinander her, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt.
Es war spät geworden an diesem Abend. Die Kirchturmuhr im Dorf verkündete mit dumpfem Glockenschlag die elfte Nachtstunde.
„Hast du gewusst, was zwischen Daniel und der Prinzessin läuft?“, fragte Philip seine Frau neugierig.
„Aber ja doch. Das war doch wohl kaum zu übersehen, zumindest wenn man genauer hinsah.“
Philip zog sich die Bettdecke bis unter das Kinn.
„Deine Beobachtungsgabe möchte ich haben“, seufzte er schwer.
„Ich habe das erst gerafft, als die sich verabschiedeten oder besser als ich sah, wie sie es taten.“
Susan rollte sich auf die Seite, um ihrem Mann ins Gesicht sehen zu können.
„Wie, wie?“, fragte Susan unverblümt.
Er zögerte, als suche er nach den passenden Worten.
„Na eben zu nüchtern, kalt wie Hundeschnauze oder wie man das so nennt“, stammelte er.
„Ich fragte ihn, ob er weiß, was er da macht und der sagt einfach so ‚Nein‘.“
Susan drehte sich lachend wieder auf den Rücken. Nach einer kurzen Pause sagte sie wieder ernst werdend:
„Er wird die Konsequenzen, die sich daraus ergeben genau abgewogen haben und entsprechend handeln. Er weiß doch, was auf dem Spiel steht.“
„Aber irgendwann muss er ihr sagen, wer er ist und was wir, speziell ich, hier so treiben“, sprudelte es aus Philip zweifelnd hervor.
„Er wird keinen von uns in irgendeine Gefahr bringen, schon Lilys wegen nicht. Und wenn er ihr die Wahrheit über sich sagt, dann auch nur, wenn er zu hundert Prozent sicher ist, dass er ihr vertrauen kann. Und Daniel vertraut in der Regel niemandem, außer uns und sich selbst. Soweit müsstest du ihn doch wohl kennen.“
Sie löschte das Licht.
„Ich mache mir aber Sorgen. Von allem was kommen konnte, kommt natürlich das Schlimmste in Form von Prinzessin Elizabeth von Lenox Castle. Ich glaube es einfach nicht …“
„Es wird sich alles fügen. Vertraue deinem Freund, wie du es immer getan hast. Und nun schlafe endlich und freue dich, dass du in dieser Nacht im warmen Bett bist und nicht im kalten, verräucherten Kellern bei den Widerständlern.“ Damit war für sie das Gespräch beendet. Brüsk wand sie ihrem Gatten den Rücken zu, um endlich zu schlafen.
Lizzy wurde im Schloss aufgeregt empfangen. Sie wurde von ihrem Vater, als auch von Sarah mit Fragen überschüttet.
„Ich sage nicht, wo ich mich aufhielt. Die Menschen dort waren alle so gut zu mir. Nie würde ich es auch nur ansatzweise wagen, den Leuten in irgendeiner Form Ärger zu bereiten. Es bringt nichts, mich weiter nach ihnen auszufragen“, sagte sie entschieden, vor Selbstbewusstsein strotzend.
„Das Pferd ging durch, ein Ast war meinem Kopf im Weg, fertig. Mir geht es gut, ich bin unversehrt und wohlbehalten wieder hier. Jetzt lasst mich bitte ausruhen, ich möchte allein sein.“
Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und ging aus dem Arbeitszimmer ihres Vaters, um sich in ihren eigenen Räumlichkeiten zu verkriechen.
König William und Sarah sahen sich verblüfft an. So sicher und selbstbewusst in ihrem Auftreten hatten sie Lizzy noch nie erlebt.
„Na gut“, schnaufte William ratlos.
„Dr. Gregory werde ich ihr aber doch nachschicken. Ich muss ganz sicher gehen, dass es meiner Kleinen wirklich gut geht.“
Gregory untersuchte seine etwas widerwillige Patientin akribisch und kam zu dem Schluss, dass Lizzy nur noch etwas Ruhe bedurfte, ihr ansonsten aber nichts fehlte.
Im Kellergewölbe, unter der „Alten Schenke“ waren die Mitglieder der Widerstandsgruppe versammelt. Unter ihnen befanden sich, kampferfahrene und unerschrockene Männer jeder Altersgruppe und aus allen Gesellschaftsschichten.
Sie alle verfolgten nur ein Ziel: „Der Herrschaft des Königs mit aller Härte die Stirn zu bieten“. Jeder Einzelne von ihnen hoffte, dass man den Herrscher irgendwann stürzen und dem jungen Thronfolger den Weg für die Regentschaft ebnen zu können. Auch wenn niemand wusste, wo er untergetaucht war. Alle Hoffnung war auf den Kronprinzen gesetzt, er würde wieder Wohlstand, Freiheit und Gerechtigkeit über das Land und seine Bewohner bringen.
„Ich habe beunruhigende Nachrichten. Im Schloss vermutet man einen Spitzel, welcher interne Informationen über die Aktivitäten des Königshauses in Bezug auf Geldbeschaffungsmaßnahmen nach außen an die Rebellen weitergibt. Man versucht mit allen Mitteln, meinen Informanten zu enttarnen. Er ist somit gezwungen, seine Aktivitäten im Schloss auf ein Mindestmaß zu reduzieren. Gleichzeitig plant man, eine vertrauliche Mitteilung mit einer Falle zu garnieren, um aus dem Hinterhalt die Rebellen, also uns, zu stellen, zu verhaften und natürlich unschädlich zu machen.“
Philip fuhr mit schneidender Stimme fort:
„Wir werden deshalb unseren Tatendrang auf eher zufällig eintretende Ereignisse beschränken müssen. Und auch hierbei sei allerhöchste Vorsicht geboten.“
Ein mürrisches Raunen zog sich durch den Raum.
„Also Däumchen drehen und zusehen, wie Oma Agatha aus dem Bett gezerrt, ihr von den Schergen des Königs das letzte Huhn geklaut und ihr noch das Dach über dem Kopf angezündet wird.“
„Ach so!“, fuhr Lord Milton mit sarkastischem Unterton auf.
„Und mich macht man einen Kopf kürzer, weil ich in eben diese Falle, trotz Warnung blindlinks reingelatscht bin, um Oma zu helfen. Tolle Aussichten.“
„Wir können im Moment nichts anderes machen. Kommen wir gerade dazu, wenn Oma Agathas Huhn geklaut wird, sind wir da und helfen. Wenn nicht, hat sie Pech gehabt, die Gute, leider. Aber nach Plan vorgehen …? Nicht mit mir, nicht nach der Warnung“, sagte der Besitzer der Glashütte mit schneidender Stimme. Ein anderer höhnte:
„Du hast ja auch deine Schäfchen im Trockenen!“
Philip fuhr dazwischen.
„Was nützt es, wenn auch nur einer von uns in Gefangenschaft gerät oder was viel schlimmer ist, getötet wird, nur weil wir unbesonnen vorgehen. Ihr wisst alle, dass die Herrschaften auf dem Schloss mittelalterliche Verhörmethoden anwenden, um jemanden zum Reden zu bringen.
Ich möchte den sehen, der da nicht seine alles geliebte Großmutter verrät. Kurz und gut: ‚Haben die Einen von uns, sind wir alle dran, einschließlich unserer Familien.‘“
Philip spuckte fast vor Zorn. Mit Nachdruck fügte er hinzu:
„Wir sollten abwarten, bis ich bessere Nachrichten erhalte.“
Es wurde nun auf einem weniger aggressiven Niveau debattiert. Letztendlich akzeptierte man Philips Vorschlag einstimmig.
„Wir sollten uns jetzt besser um den Ersatz für Livington kümmern. Sein Tod liegt nun schon fast vier Wochen zurück“, gab Lord Milton zu bedenken.
„Na, finde mal jemanden auf die Schnelle, der für unsere Sache den Kopf riskiert und noch dazu verschwiegen ist wie ein Grab“, polterte der kleine, aber athletische Müllerssohn los. Ein anderer rief mit dreister Stimme:
„Wie sieht es denn mit deinem Angestellten aus Philip? Der hat keine Familie und scheint gut durchtrainiert zu sein.“
Philip seufzte schwer, bevor er antwortete:
„Gib dem eine Waffe in die Hand und du musst aufpassen, dass er sich nicht selbst verletzt. So etwas hat mir gerade noch gefehlt“, log Philip unverblümt bedauernd. Allgemeines Gelächter folgte.
„Mein Schwager ist ein stiller Aufrührer, er kann gut mit Schwert und Degen umgehen. Soll ich dem mal diskret auf den Zahn fühlen?“, fragte der Besitzer der Schusterwerkstatt.
„Einen Versuch ist es wert“, erwiderte Philip. Man diskutierte noch über dieses und jenes. Mitternacht war lange vorbei, als einer nach dem anderen die Schenke in teils sturzbetrunkenem Zustand oder teils griesgrämig verlies. Die Tarnung verlief wie immer perfekt.
Beunruhigt steuerte Sarah an einem frühen Abend das Schlafzimmer ihrer Schwester an.
Lizzys Veränderung bereitete ihr Sorgen. Sicher ging sie präzise ihren Pflichten im Schloss nach, doch wirkte sie oft abwesend, dann wieder traurig oder sie starrte mit entrücktem Lächeln zum Fenster hinaus. Irgendetwas hatte Lizzy verändert, irgendetwas hatte sich zugetragen, dass mit dem Verschwinden ihrer Schwester zu tun hatte. Hatte man ihr vielleicht doch Gewalt angetan, sie bedroht und zur Verschwiegenheit genötigt?
Tausend wirre Fragen gingen ihr seit Tagen durch den Kopf, die sie nicht ruhen ließen und deren Beantwortung sie sich heute von Lizzy erhoffte.
Wie von Sarah erwartet, saß Lizzy schon im Bett, versunken in ihrer Einschlaflektüre.
„Ist es schon zu spät zum ‚Schwesternkuscheln‘?“, fragte Sarah gespielt übermütig.
„Rutsch rein ins Bett“, erwiderte die Angesprochene lächelnd. Sarah streifte ihre Reitstiefel ab und schlüpfte grazil unter die dünne Daunendecke.
„Wir hatten schon lange keinen gemütlichen Schwesternabend mehr, findest du nicht?“
Sarah begann mit leichter Konversation.
„Schon lange nicht mehr.“ Lizzy griff nach dem Glas Rotwein auf ihrem Nachttisch. Sie trank einen Schluck und reichte das Glas schweigend an ihre Schwester weiter.
„Der Wein ist verdammt gut. Aus Dad’s heimlichen Vorräten?“
„Ertappt. Habe ich gestern mitgehen lassen, als ich die Weinbestände geprüft hatte, um die Neubestellungen an den Verwalter weitergeben zu können.“
Nach Minuten des Schweigens entschloss sich Sarah den direkten Weg einzuschlagen und konform zu gehen.
„Was ist mit dir los? Du bist völlig verändert, seit du wieder hier bist“, fragte Sarah forsch.
Lizzy schnaubte kurz durch die Nase. Sie ließ sich Zeit mit der Beantwortung der Frage.
„Gar nichts ist los, alles ist in bester Ordnung, wie immer.“
„Nichts ist in Ordnung, kleine Schwester. Hat man dir etwas getan? Setzt man dich unter Druck? Droht man dir? Rede endlich mit mir!“, donnerte Sarah gereizt heraus.
Lizzy indes lächelte nur in sich gekehrt.
„Ich habe mich nur unsterblich verliebt, das ist alles.“
Sarah starrte sie mit offenem Mund an.
„Mach den Mund wieder zu, es ist passiert und du kannst es nicht rückgängig machen.“
Lizzy lächelte matt.
„In wen und wo und wie?“
„In den, der mich gefunden und mir geholfen hat.“
„Der den Brief geschrieben hat? Der weiß, dass du eine Prinzessin bist. Der versucht doch nur, das für sich profitbringend auszunutzen.“ Sarah war schockiert.
„Wie kannst du nur auf so etwas reinfallen, Lizzy?“
Die Angeredete blieb ruhig und gelassen.
„Du kennst ihn nicht, auch nicht die Familie, bei der er wohnt und arbeitet. Sie waren alle so herzlich und besorgt um mich.“ Abrupt änderte sie ihre Tonlage, während sie ihr Gesicht ihrer Schwester zudrehte.
„Hat irgendjemand Geld gefordert? Ja?“, begehrte sie wütend auf.
Sarah schwieg.
„Hat irgendjemand, irgendetwas für mich gefordert? Die Antwort ist ein klares Nein. Höre auf mit deinen lächerlichen Verdächtigungen. Ich bin zwar etwas jünger als du und habe keine Erfahrungen mit Männern, doch besitze ich so viel Weitsicht um einschätzen zu können, wer es darauf anlegt, meinen Status als Prinzessin auszunutzen.“
Sarah schwieg noch immer. Für Einwände fehlten ihr im Moment einfach die Worte.
Lizzy atmete heftig vor Erregung. Krampfhaft versuchte sie sich zu beruhigen.
Nach einigen peinlichen Minuten sagte Sarah kleinlaut:
„Aber ich habe mir einfach nur fürchterliche Sorgen um dich gemacht, kleine Schwester. Du wirkst immer so zerbrechlich und zart. Ich will dich beschützen, eben weil du in vielen Sachen noch unerfahren bist.“
„Das brauchst du aber nicht. Daniel ist ein einfacher Möbeltischler, kommt aus simplen Verhältnissen, geht sträflich und korrekt seiner Arbeit nach und hilft seinen Wirtsleuten, wo er kann. Er ist ein Mensch, kein Monster oder Verbrecher.“
„Du triffst ihn heimlich?“, fragte Sarah vorsichtig.
„Ja“, kam es kurz und knapp zurück. Auch wenn Sarah die Situation als keinesfalls gut einschätzte, so antwortete sie von sich selbst überrascht:
„Nimm bitte in Zukunft immer zwei Wachen als Geleitschutz mit. Du kannst sie ja in angemessener Entfernung auf dich warten lassen. Bitte versprich mir das!“
„Mache ich, versprochen. Weißt du, was komisch ist? Daniel hatte mir zu dieser Maßnahme auch schon geraten. Der ist um mich mindestens genauso besorgt, wie du es bist.“ Lizzy lachte gepresst. Für sie war das Thema hier beendet.
Es war fast Mitternacht, als Sarah ihr Schlafzimmer aufsuchte. Liam spielte mit Oberst Stelton und Dr. Gregory Karten. Das konnte mitunter die ganze Nacht in Anspruch nehmen.
So war sie allein und konnte das eben gehörte in Ruhe verdauen und ihren eigenen Gedanken störungsfrei nachgehen. Noch immer nicht so recht zufrieden krabbelte sie schließlich ins Bett. Die Zweifel an diesem Tischler waren ihr keineswegs genommen. Vielleicht steckte doch Eigennutz hinter dem Handeln dieses Mannes.
War es nicht kinderleicht, bei so einem Stelldichein Lizzy kurzer Hand zu kidnappen und später Lösegeld zu fordern? Der Hinweis von ihm, sie möge in Begleitung reiten, war vielleicht nur gezielt gesetzt, um zu erfahren, wie bewacht Lizzy auf ihren heimlichen Ausritten tatsächlich war.
Sarah hatte Lizzy versprechen müssen, ihr nicht zu folgen bzw. sie verfolgen zu lassen. Irgendetwas musste sie aber doch tun. Aber was! Es würde sinnlos sein, nach einem jungen Tischler suchen zu lassen, der bei irgendwelchen Leuten wohnte. Das konnte überall sein, ging es ihr durch den Kopf.
Ihr Vater legte keinen Wert auf Konventionen und ließ seinen Töchtern die freie Partnerwahl insofern, dass nicht irgendwelche miesen Machenschaften von den gewählten Partnern ausgingen. Trotzdem würde sie mit ihm reden müssen. Gewiss würde es sich einrichten lassen, dass Lizzys heimliche Liebschaft ins Schloss eingeladen würde. Nur so hatte sie die Möglichkeit, dem Tischler gehörig auf die Finger schauen zu können, gegebenenfalls seine Absichten zu ergründen. Selbstzufrieden mit dieser Lösung fand Sarah endlich Schlaf.
Daniel hatte zutiefst gehofft, Lizzy würde nicht beim ersten vereinbarten Treffpunkt erscheinen, nicht um seinetwillen, sondern um ihretwillen.
Wozu eine Liebe festigen, die niemals sein durfte. Vielleicht hatte der Abstand zu ihm in den wenigen Tagen gereicht, sie zu Sinnen zu bringen. Würde sie nicht erscheinen, würde er aufatmend in die Tischlerei zurückkehren, sich noch eine Zeit lang quälen und sie, so hoffte er, irgendwann vergessen. Doch Lizzy kam und sie kam immer wieder, trotz seiner Einwende und Vorbehalte. Je öfter sie sich trafen, desto mehr schweißte es sie zusammen.
Daniel machte sich Vorwürfe, dass er nicht die Kraft besaß, diesem natürlichen, treuherzigen Mädchen zu widerstehen. Er hatte alles versucht, sie von der Sinnlosigkeit ihrer verbotenen Liebe zu überzeugen, doch sie blieb ungerührt und fest in ihren Absichten.
Irgendwann würde einer von beiden dafür bezahlen müssen. Da war sich Daniel sicher. Die Sorge um Lizzy schwächte sich auch nicht ab, als er erfuhr, dass sie von zwei bewaffneten Wachen begleitet wurde, welche sich in gebührendem Abstand zu ihnen aufhielten.
Die kleine Ruine des alten Fischerhäuschens am Green Lake bot einigermaßen Schutz vor neugierigen Blicken. Kaum einer wagte sich hierher, da die Sage umging, dass ein furchtbar armer Fischer, der hier aus Verzweiflung Frau und Kinder ermordete und sich selbst erschoss, als blutrünstiges Gespenst umherging. Stunden lang saßen Lizzy und Daniel dicht nebeneinander gedrängt, verborgen in der von Efeu eingewachsenen Ruine, fernab von der Außenwelt, gehüllt in Glück und Seligkeit.
Seit einiger Zeit forderte Lizzy Daniel immer wieder auf, mit auf das Schloss zu kommen, um der Heimlichtuerei ein Ende setzen zu können. Bisher hatte er es geschafft, ihr diese eingehende Bitte unter fadenscheinigen Ausreden abzuschlagen. Doch Lizzy drängte ihn immer mehr in die Enge.
„Dad interessiert es nicht, ob du adlig bist oder vom einfachen Volk abstammst. Er will nur das Beste für mich und das sind nach seiner Meinung Liebe, Vertrauen, Treue und Respekt. Konventionen sind für ihn unwichtig.“ Sie sah ihm tief in die Augen.
„Sieh mal, Sarah hat auch einen Mann von weit unter unserem Stand geheiratet. Liam stammt zwar vom Adel ab, aber seine Familie ist völlig verarmt. Mache dir doch nicht solche Sorgen, Dad lädt dich herzlich ein, soll ich dir sagen.“ Lizzys Gesicht strahlte vor Offenheit.
Daniel schluckte, bevor er in sachlichem Ton antwortete.
„Der Stand interessiert mich auch nicht Lizzy, dem entspreche ich leider voll und ganz. Es ist eher meine Herkunft, die mich zwingt, die Einladung deines Vaters rigoros abzulehnen.“
Lizzy sah ihn verblüfft an.
„Was für einen Stand? Earl, Peer, Duke?“ Sie lachte unbekümmert. Daniel lachte mit, doch es war kein herzliches Lachen, es war Bitterkeit. Lizzy sah ihn irritiert an.
„Es ist viel schlimmer“, erwiderte er leise, mehr zu sich selbst.
„Wie viel schlimmer geht es denn noch?“, scherzte sie mit klopfendem Herzen.
Daniel stöhnte gequält.
„Lizzy, dein Vater würde mich vierteilen, nachdem er mich ertränkt und erschossen hat, meine Einzelteile fest verschnüren und triumphierend nach Corlens Castle schicken.“
„Verdammt Daniel. So schlimm kann es doch wohl nicht sein. Dad ist der liebste und verständnisvollste Mensch, den ich kenne. Er wäre zu so etwas niemals fähig. Außerdem gibt es doch gar keinen Grund dafür.“
Sanft nahm sie seine Hand, doch er entzog sie Lizzy gröber, als er eigentlich gewollt hatte.
„Es geht hier nicht nur um mich. Ich verrate auch die Hendersons.“
Lizzy standen die Tränen in den Augen. Nach kurzem Schweigen entschied er sich, ihr die Wahrheit zu sagen. Es würde ein schmerzliches, aber schnelles Ende ihrer Beziehung sein. Hatte er sich in Lizzy getäuscht, so bestand nur ein minimales Risiko bei einem Verrat. Die Tischlerei würde sie nicht wiederfinden, dazu waren Philip und er mit Lizzy zu viele Umwege geritten. Mit todernster Miene wand er sich ihr zu und sah in ihr tränennasses, trauriges Gesicht.
„Ich bin Kronprinz Daniel Alexander“, kam es leise und gepresst aus seinem Mund.
Lizzy blickte ungläubig auf, doch er hatte sein Gesicht betreten abgewendet.
„Das ist ein Scherz, oder?“
„Siehst du mich lachen?“, antwortete er forsch und sah ihr fest in die Augen.
„Die Schergen des Königs suchen mich wegen Hochverrats. Man jagt mich, versucht mich zu erpressen und man tötet jeden, der auch nur in meiner Nähe gesichtet wird.“
Kalt und abweisend fügte er hinzu:
„Jetzt kennst du mein grässliches Geheimnis und hast mich in der Hand. Steig auf dein Pferd und reite nach Haus. Es war falsch von mir, dich und andere in unnötige Gefahr zu bringen.“ Er stockte kurz.
„Und rufe nicht nach den Wachen, du müsstest sonst ohne sie zurückreiten.“
Lizzy hatte ihn noch nie so voller Bitterkeit erlebt. Die Kälte in seiner Stimme drang bis in ihre Knochen und sie begann zu frösteln. Ihr war beklommen ums Herz. Enttäuschung und Fassungslosigkeit nahmen von ihr Besitz. Hilfesuchend sah sie ihn an. Er ignorierte ihre verständnislosen Blicke, auch wenn ihm selbst das Herz immer schwerer wurde. Lizzy musste einsehen, dass es im Moment besser war, zu schweigen und sich vorerst zu fügen. Von Kummer geplagt, bestieg sie ihr Pferd. Als er keine Anstalten machte, sie zurückzuhalten, gab sie dem Pferd die Sporen und ritt davon.
Die Heimreise gab ihr die Gelegenheit, über das Gesagte nachzudenken. Ausgerechnet in den Sohn ihres ärgsten Feindes hatte sie sich verliebt. Hatte Sarah am Ende doch Recht? War sie so naiv? War sie so eine dumme Gans? Wie konnte sie sich nur so getäuscht haben? Daniel schien so normal, er hatte sich dem einfachen Leben in dieser wunderbaren Familie perfekt angepasst. Er arbeitete, hatte sich einen respektablen Beruf zugelegt, den er beherrschte und den er liebte. Abrupt fiel ihr die Familienchronik der Corlens ein.
Wie sie Geschichtsunterricht gehasst hatte. Nun rief sie in ihrem Kopf alles auf, was ihr ihr alter, längst verstorbener Lehrer über die Corlens beigebracht hatte. Unwillkürlich musste sie schmunzeln, als sie daran dachte, dass Daniel es überhaupt nicht nötig hatte, zu arbeiten, dass er mit hoher Intelligenz beschenkt war, eine Eliteausbildung besaß und eigentlich Dank seines perfekten Aussehens jede Frau hätte haben können.
Trotzdem hatte er das Leben unter einfachen Menschen gewählt. Hatte sie sich nicht ursprünglich in den Tischlerangestellten Daniel verliebt?
Je mehr Lizzy grübelte, desto entschlossener wurde sie.
„Ich habe keine Angst, ich liebe dich und das werde ich dir beweisen, egal was für Konsequenzen für mich damit verbunden sind“, dachte sie entschlossen und zufrieden mit sich selbst.
Daniel war in den folgenden Tagen recht schweigsam. Susan runzelte jedes Mal mitleidig die Stirn, wenn sie seinen starren Gesichtsausdruck sah. Insgeheim ahnte sie, dass er die seltsame Verbindung mit Lizzy beendet hatte und nun still vor sich hin litt.
Es waren keine drei Tage vergangen, als Lily in die Tischlerei gewuselt kam mit einer neuen, hübschen Puppe auf dem Arm. Stolz wollte sie ihrem konzentriert arbeitenden Vater das neue Spielzeug präsentieren.
Der hatte nur einen kurzen, beiläufigen Blick für das Püppchen. Enttäuscht drückte sie die Puppe fest an sich. Energisch stellte sie sich zu Daniel, um ihm das Geschenk unter die Nase zu halten. Auch hier hatte sie wenig Erfolg, da dieser eine Zeichnung mit dazugehörigen Berechnungen für einen Schreibtisch eines exzentrischen Kunden anfertigte.
Lily sah schmollend zu Boden.
„Dann gehe ich eben wieder zu Mum und Tante Lisi in die Küche. Ihr seid alle beide blöd, so!“
Lizzy saß in der Tat bei Susan in der Küche. Bei einer Tasse Tee erfuhr Susan, was zwischen den beiden vorgefallen war und dass Lizzy keinesfalls gewillt war, sich durch Daniels Aussagen abschrecken zu lassen. Die Frauen redeten eine ganze Weile vertrauter als sonst miteinander, wobei Susan ihre anfängliche Scheu gegenüber der treuherzigen Lizzy nun ganz und gar verlor. Nach diesem Gespräch waren sie nicht nur Verbündete, sondern wurden zu Freundinnen.
„Wie hast du uns eigentlich gefunden?“
„Ach weißt du, als die beiden mich damals zurück zum Schloss brachten, haben sie hübsche kleine Umwege gemacht. Aber ich besitze einen ausgeprägten Orientierungssinn. Außerdem waren die Menschen hier in der Gegend recht auskunftsfreudig auf meine Frage, nach einer Möbeltischlerei hier in der Nähe.“
Lily kam hereingesaust, um sich freudestrahlend neben Lizzy zu setzen. Die beiden Frauen unterbrachen ihr Gespräch lachend.
„Du bist ja schon wieder da?“, fragte Susan ihre aufgeweckte Tochter.
„Die sind beide doof. Immer nur arbeiten. Meine schicke Puppe haben die gar nicht richtig angesehen …“ Empört schlug sie die Fäustchen auf den Tisch.
„Du sollst nicht doof sagen, Lily. Wie oft soll ich dir das noch sagen?“ Susan sah die Kleine böse an. Lily zog eine Schippe, dann kuschelte sie sich verschwörerisch blickend an Lizzy.
„Tante Lizzy hilft dir auch nicht, wenn ich mit dir schimpfen muss.“
Die Kleine ließ sich nicht beeindrucken. Stattdessen fragte sie Lizzy:
„Spielst du mit mir?“
Lizzy lachte herzlich auf.
„Ich habe erst noch etwas sehr Wichtiges zu erledigen, dann vielleicht.“
Damit löste sich Lizzy von der Umarmung Lilys, um aufzustehen. Susan lächelte sie zuversichtlich an, als Lizzy mit gemischten Gefühlen, aber entschlossen die Küche verließ.
Übermütig war Lizzy forschen Schrittes in die Tischlerei gegangen. Philip kurz grüßend schnappte sie sich energisch Daniels Arm, um ihn wortlos in den Garten zu zerren. Das Fluchen Philips, den Daniels aus der Hand gefallener Zirkel nur um Zentimeter verfehlte, hörten sie nicht mehr. Der völlig überrumpelte Daniel sah Lizzy irritiert und ungläubig an.
„Glaube nicht, dass du mir so einfach entkommst“, sagte sie keck und legte ihre Hände auf seine Brust. Durch sein dünnes Hemd fühlte sie jeden einzelnen Muskel.
„Ich liebe dich nun mal und alles andere ist mir doch sowas von egal …“ In ihren großen Augen sah er ein neckisches Funkeln.
Ohne auch nur zu einer Gegenreaktion fähig zu sein, musste er es sich gefallen lassen, dass Lissy ihn plötzlich fest an sich zog und ihn stürmisch küsste. Nachdem er sich recht umständlich aus ihrem Klammergriff befreit hatte, fragte er nach Worten ringend:
„Bist du dir ganz sicher?“
„Ganz sicher“, hauchte sie ihm liebevoll ins Ohr, „Ich habe mich in dich verliebt und in keinen Namen.“
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