Kitabı oku: «Die Zimtläden»

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Bruno Schulz

Die Zimtläden

Saga

Die ZimtlädenCoverbild / Illustration: Shutterstock Copyright © 1933, 2020 Bruno Schulz und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726539240

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 2.0

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August
1

Im Juli fuhr mein Vater alljährlich ins Bad und gab mich samt der Mutter und den älteren Brüdern den weißglühenden und betäubenden Sommertagen preis. Wir blätterten, verrückt vom Licht, in dem großen Ferienbuch, dessen Blätter sämtlich vor Hitze brannten und auf ihrem Grund den bis zur Ohnmacht süßen Matsch goldener Birnen hatten.

Adela kehrte im leuchtenden Glanz des Morgens zurück wie Pomona aus dem Feuer des glutentbrannten Tages und schüttete aus dem Körbchen die bunte Schönheit der Sonne — funkelnde Kirschen, voller Saft unter der durchsichtigen Haut, geheimnisvolle schwarze Weichsein, deren Duft alles übertraf, was ihr Geschmack erfüllte; Morellen, in deren goldenem Matsch das Mark langer Mittage war; und außer dieser reinen Poesie des Obstes lud sie vor Kraft und Nährwert strotzende Fleischlappen mit der Klaviatur von Kälberrippen aus, Gemüsealgen wie erschlagene Kopffüßler und Medusen — das Rohmaterial des Mittagessens, noch ungeformten und schalen Geschmacks — und vegetative und tellurische Zutaten des Mittagessens mit wildem Feldgeruch.

Durch die dunkle Wohnung im ersten Stock des steinernen Hauses am Ring ging jeden Tag der ganze große Sommer hindurch: die Stille zitternder Luftschichten, die glänzenden Sonnenquadrate mit ihren fanatischen Träumen auf dem Fußboden, die Melodie eines Leierkastens, aus der tiefsten goldenen Ader des Tages geholt, zwei, drei Takte eines Refrains, irgendwo auf einem Klavier gespielt, immer wieder von neuem, ohnmächtig zusammenbrechend in der Sonne auf den weißen Trottoiren, verloren im Feuer des tiefen Tages. Nach dem Aufräumen ließ Adela Schatten in die Zimmer, indem sie die leinenen Jalousien herabließ. Dann fielen die Farben um eine Oktave, das Zimmer füllte sich mit Schatten, wie versenkt in das Licht der Meerestiefe, noch trüber zurückgeworfen von den grünen Spiegeln — und die volle Glut des Tages atmete schwer auf den Jalousien, die von den Träumen der Mittagsstunde leise wogten.

An den Samstagnachmittagen ging ich mit der Mutter spazieren. Aus dem Halbdunkel des Flurs traten wir mit einem Schritt in das Sonnenbad des Tages. Die Vorübergehenden, im Golde watend, hatten die Augen vor Hitze halb geschlossen, wie mit Honig verklebt, und die hochgezogenen Oberlippen enthüllten Zahnfleisch und Zähne. Und alle, die in diesem goldenen Tag wateten, zeigten die Grimasse der Gluthitze, als ob die Sonne allen ihren gläubigen Bekennern ein und dieselbe Maske aufgesetzt hätte — die goldene Maske der Sonnenbruderschaft; und alle, die heute auf den Straßen gingen, einander begegneten und auswichen, Alte und Junge, Kinder und Frauen, grüßten sich im Vorübergehen in dieser Maske, die ihnen mit dicker, goldener Farbe aufs Gesicht gemalt war, grinsten in dieser bacchantischen Grimasse — der barbarischen Maske eines heidnischen Kultes.

Der Ring war leer und gelb von der Glut, staubgekehrt von heißen Winden gleich der biblischen Wüste. Stachelige Akazien, emporgewachsen aus der Leere des gelben Platzes, brodelten über ihm mit ihrem hellen Laub, Bukette edelgegliederter grüner Filigrane, wie Bäume auf alten Gobelins. Es schien, als affektierten diese Bäume den Wind, indem sie theatralisch ihre Kronen schüttelten, um in pathetischen Biegungen und Beugungen die Vornehmheit der Blattfächer mit ihren silbernen Unterleibern wie das Futter edler Fuchspelze zu zeigen. Die alten Häuser, poliert vom Wind vieler Tage, vergnügten sich mit Reflexen der großen Atmosphäre, Echospielen, Erinnerungen an Farben, die verstreut in der Tiefe der bunten Aura saßen. Es schien, als wären ganze Generationen Sommertage (wie geduldige Stukkatoren, die alte Fassaden aus dem Schimmel der Tünche klopfen) dabei, die verlogene Glasur abzuschlagen, von Tag zu Tag deutlicher die wahren Gesichter der Häuser, die Physiognomie ihrer Schicksale und ihres Lebens herauszuarbeiten, welche sie von innen geformt hatten. Jetzt schliefen die Fenster, geblendet vom Glanz des leeren Platzes; die Balkone bekannten dem Himmel ihre Leere; die offenen Flure rochen nach Kühle und Wein.

Ein Häuflein zerlumpter Kerle hatte sich in einen Winkel des Rings vor dem flammenden Besen der Sonnenglut in Sicherheit gebracht, belagerte ein Stücklein Mauer und suchte es stets von neuem mit Würfen von Knöpfen und Münzen heim, als ob man aus dem Horoskop dieser metallenen Scheibchen das wahre Geheimnis der Mauer ablesen könnte, die mit Hieroglyphen von Strichen und Rissen bemalt war. Der übrige Ring war leer. Man erwartete, daß vor jenem Ladenflur mit den Fässern des Weinhändlers im Schatten der schwankenden Akazien gleich das Eselchen des Samariters, am Zügel geführt, auftauchen würde und zwei Knechte sorgsam den kranken Mann aus dem glühendheißen Sattel heben würden, um ihn über die kühle Treppe vorsichtig in das nach Sabbat duftende Stockwerk zu tragen.

So wanderten wir mit der Mutter über die zwei Sonnenseiten des Rings und führten unsere geknickten Schatten über alle Häuser wie über Klaviertasten. Die Quadrate des Pflasters zogen langsam unter unseren weichen und flachen Schritten dahin — die einen blaßrosa wie die menschliche Haut, die anderen gelb und blau, alle flach, warm, samten in der Sonne wie Sonnengesichter, von Fußtritten bis zur Unkenntlichkeit, bis zur glückseligen Nichtigkeit zerstampft.

Bis wir schließlich an der Ecke der Stryjer Straße in den Schatten der Apotheke traten. Der große Glasballon mit Himbeersaft im breiten Apothekenfenster symbolisierte die Kühle der Balsame, mit denen jedes Leiden gelindert werden konnte. Und noch ein paar Häuser weiter vermochte die Straße nicht mehr das Dekorum der Stadt zu wahren — wie ein Bauer, der in sein Heimatdorf zurückkehrt, sich unterwegs seiner städtischen Eleganz entledigt und sich langsam, im gleichen Maß, wie er sich dem Dorf nähert, wieder in einen zerlumpten Kerl verwandelt.

Die Vorstadthäuschen schwammen zugleich mit den Fenstern versunken im üppigen und verworrenen Blühen der kleinen Gärtchen. Vergessen über dem großen Tag wucherten üppig und still allerhand Grünzeug, Blüten und Unkraut, froh der Pause, die sie hinter den Rändern der Zeit, auf den Rückseiten des unvollendeten Tages verträumen konnten. Eine riesige Sonnenblume, aufgepflanzt auf einem mächtigen Stengel und gleichsam an Elephantiasis erkrankt, harrte in gelber Klage der letzten, traurigen Tage ihres Lebens und beugte sich unter der Wucht ihrer scheußlichen Korpulenz. Doch die naiven Vorstadtglöcklein und anspruchslosen Perkalblümchen standen ratlos in ihren gestärkten rosa und weißen Hemdchen da und hatten kein Verständnis für die große Tragik der Sonnenblume.

2

Das verworrene Dickicht der Gräser, Pflanzen, Unkräuter und Disteln brodelt im Feuer des Mittags. Es braust im Gewimmel der Fliegen das Mittagsschläfchen des Gartens. Das goldene Stoppelfeld schreit in der Sonne wie das Erz der Heuschrecken; im dichten Regen des Feuers toben die Grillen; die Schoten der Sämereien explodieren leise wie Heupferdchen.

Und am Plankenzaun schiebt sich der Pelz der Gräser als buckeliger Höckerhügel entlang, als ob sich der Garten im Schlaf auf die andere Seite gedreht hätte, und seine groben, bäuerlichen Schultern atmen die Stille der Erde. Auf diesen Schultern des Gartens türmte sich die unreine, weibische Üppigkeit des Augusts riesenhaft in die tauben Gefälle ungeheuerer Kletten hinein und breitete sich als Lappen zottiger Blattbleche, als schwülstige Zungen fleischigen Grüns aus. Hier sperrten die vorquellenden Wülste der Kletten ihre Glotzaugen auf wie breit dahockendes Weibervolk, zur Hälfte gefressen von den eigenen verrückt gewordenen Unterröcken. Dort ließ der Garten umsonst die billigen Graupen des wilden Flieders, die nach Seife stinkende Hirse des Wegerichs, den brennenden Fusel der Minze und den schlimmsten Trödelkram des Augusts ab. Doch auf der anderen Seite des Plankenzauns, hinter diesem Urwald des Sommers, in dem sich die Torheit verblödeten Unkrauts ausgebreitet hatte, war der Komposthaufen, wild mit Disteln verwachsen. Niemand wußte, daß eigentlich dort der August dieses Jahres seine große heidnische Orgie feierte. Auf diesem Komposthaufen, der sich an den Plankenzaun lehnte und mit wildem Flieder überwuchert war, stand das Lager des mißgestalteten und blödsinnigen Mädchens Tluja. So nannten wir sie alle. Auf einem Haufen von Kehricht und Abfällen, alten Töpfen, Pantoffeln, Steinbrocken und Trümmern stand ein grünbemaltes Bett, da die Füße fehlten, auf zwei alte Ziegel gestützt.

Die Luft über diesem Komposthaufen, wildgeworden vor Hitze, durchschnitten von den Blitzen funkelnder, sonnentoller Pferdefliegen, knisterte und knackte wie von unsichtbaren Klappern, die zur Raserei aufpeitschten.

Tluja sitzt zusammengekauert mitten auf dem gelben Bett und den Lumpen. Ihr großer Kopf sträubt sich als Strohwisch schwarzer Haare. Ihr Gesicht ist faltig wie der Balg einer Harmonika. Jeden Augenblick faltet eine weinerliche Grimasse diese Harmonika in tausend Querfalten, aber das Staunen zieht sie wieder auseinander, glättet die Falten, enthüllt die Schlitze der kleinen Augen und das feuchte Zahnfleisch mit den gelben Zähnen unter den rüsselförmigen, fleischigen Lippen.

Stunden voller Hitze und Langeweile vergehen, in deren Verlauf Tluja halblaut redet, vor sich hindöst, mit der Stille hadert und sich räuspert. Die Fliegen belagern die Regungslose in dichten Schwärmen. Doch plötzlich beginnt sich dieser ganze Haufen schmutziger Lumpen, Hadern und Fetzen zu rühren, wie belebt vom Rascheln darunter ausgebrüteter Ratten. Die Fliegen schwirren aufgescheucht hoch und erheben sich als großer, surrender Schwarm voll zornigen Summens, Blitzens und Flirrens. Und manchmal, wenn die Lumpen auf die Erde fallen und wie aufgescheuchte Ratten über den Komposthaufen rennen, wühlen sich, rollen sich, schälen sich langsam der Kern und das Mark des Komposthaufens aus ihnen: die halbnackte und schwarze Blöde steht langsam auf und bleibt gleich einem heidnischen Götzen auf kurzen, kindlichen Beinchen stehen, und ihrem vom Ansturm der Wut aufgeblähten Hals, ihrem roten, zorndunklen Gesicht, auf dem wie barbarische Gemälde die Arabesken der angeschwollenen Adern aufblühen, entringt sich ein tierisches Geschrei, ein heiseres Geschrei aus allen Bronchien und Pfeifen dieser halb tierischen, halb göttlichen Brust. Die sonnenverbrannten Disteln schreien, die Kletten protzen und prahlen mit ihrem schamlosen Fleisch, das Unkraut geifert mit seinem funkelnden Gift — und die Blöde, heiser vom Schreien, schlägt in wilden Konvulsionen mit ihrem fleischigen Unterleib aus wütendem Jähzorn gegen den Stamm des wilden Flieders, der leise unter der Zudringlichkeit dieser ausschweifenden Begier knarrt, mit diesem ganzen armseligen Chor zu widernatürlicher, heidnischer Fruchtbarkeit verdammt.

Die Mutter Tlujas verdingt sich bei den Bauersfrauen zum Waschen der Fußböden. Sie ist eine kleine, safrangelbe Frau, und mit Safran behandelt sie auch die Fußböden, die tannenen Tische, Bänke und Geländer, die sie in den Stuben armer Leute wäscht. Einmal nahm mich Adela in das Haus dieser alten Maryska mit. Es war zu einer frühen Morgenstunde, wir betraten eine kleine, blaugetünchte Stube mit gestampftem Lehmboden, auf welchem die Morgensonne lag, noch grellgelb in dieser Morgenstille, die von dem schrillen Gerassel der Bauernuhr an der Wand gemessen wurde. Im Schrank lag auf Stroh die dumme Maryska, blaß wie eine Oblate und still wie ein Handschuh, aus welchem die Hand geschlüpft ist. Und als ob sie deren Schlaf ausnutzen wollte, sprach die Stille, die gelbe, grelle, böse Stille, redete mit sich selber, zankte, fluchte laut und ordinär ihren manischen Monolog. Maryskas Zeit, die in ihrer Seele gefesselte Zeit, trat schrecklich beredt aus ihr heraus und ging, sich selbst überlassen, durch die Stube: lärmend, krakeelend, höllisch — im grellen Schweigen des Morgens aus der lauten Uhrmühle geschüttet — wie böses Mehl, lockeres Mehl, dummes Mehl der Verrückten.

3

In einem dieser Häuschen, mit bronzefarbenen Staketen umgeben und schwimmend im üppigen Grün ihrer Gärtchen, wohnte die Tante Agata. Wenn wir zu ihr gingen, mußten wir im Garten an rot, grün und violett auf Stangen steckenden Glaskugeln vorbei, in denen ganze glänzende und lichte Welten verzaubert waren, wie jene idealen und glücklichen Bilder, die in unerreichbarer Vollendung in Seifenblasen gesperrt sind.

In dem halbdunklen Flur mit seinen alten Öldrucken, vom Schimmel zerfressen und erblindet vor Alter, fanden wir den uns bekannten Geruch. In diesem vertrauten alten Geruch hatte sich in wunderbar einfacher Synthese das Leben dieser Leute niedergeschlagen als Destillat einer Rasse, Eigenheit eines Blutes und Absonderung eines Schicksals, das unmerklich im täglichen Vergehen ihrer eigenen, abgesonderten Zeit beschlossen lag. Die alte blaue Tür, deren dunkle Seufzer diese Menschen einließen und hinausließen, schweigsamer Zeuge des Kommens und Gehens der Mutter, der Töchter und Söhne, öffnete sich lautlos wie der Flügel eines Schranks, und wir betraten die Stube. Sie saßen wie im Schatten ihres Schicksals da und wehrten sich nicht — mit den ersten wortlosen Gesten verrieten sie uns ihr Geheimnis. Waren wir nicht durch Blut und Schicksal verwandt mit ihnen?

Das Zimmer war dunkel und samten von den granatfarbenen Tapeten mit den goldenen Mustern, doch ein Echo des flammenden Tages zuckte auch hier noch durch das Messing auf den Bilderrahmen, auf den Türklinken und in den Goldleisten, wenn auch gesiebt durch das dichte Grün des Gartens. Von ihrem Sitz an der Wand erhob sich Tante Agata, groß und üppig, voll runden und weißen Fleisches, das vom roten Rost der Sommersprossen bekleckst war. Wir setzten uns zu ihnen wie an das Ufer ihres Schicksals, ein wenig beschämt durch die Wehrlosigkeit, mit welcher sie ohne Vorbehalt sich uns auslieferten, und tranken Wasser mit Rosensaft, ein wunderbares Getränk, in dem wir sozusagen die tiefste Essenz dieses glühenden Samstags fanden.

Die Tante jammerte. Das war der grundsätzliche Ton ihrer Unterhaltung, die Stimme dieses weißen und fruchtbaren Fleisches, das gleichsam schon außerhalb ihrer Persönlichkeit schäumte, kaum lose in Spannung, in den Fesseln einer individuellen Form gehalten, und selbst schon in dieser Spannung vervielfältigt und bereit zu zerfallen, sich zu verästeln und in der Familie aufzulösen. Es war eine schier selbstgebärende Fruchtbarkeit, eine Weiblichkeit ledig aller Zügel und Hemmungen und krankhaft wuchernd.

Es schien, als ob schon das Aroma der Männlichkeit, der Duft des Tabakrauches oder ein Herrenwitz dieser entflammten Weiblichkeit den Impuls zu wollüstiger Jungfernzeugung geben könnte. Und eigentlich waren alle ihre Klagen über den Mann und über die Dienstboten und ihre Sorgen um die Kinder nur Laune und Schmollen einer unbefriedigten Fruchtbarkeit, eine Fortsetzung dieser barschen, zornigen und weinerlichen Koketterie, mit der sie vergeblich ihren Mann heimsuchte. Onkel Marek, klein, bucklig, mit einem sterilen, geschlechtslosen Gesicht, saß da in seinem grauen Bankrott, ausgesöhnt mit dem Schicksal, im Schatten grenzenloser Verachtung, in dem er auszuruhen schien. In seinen grauen Augen glomm die ferne Glut des Gartens, der sich vor den Fenstern entfaltete. Von Zeit zu Zeit versuchte er mit einer schwachen Bewegung irgendwelche Vorbehalte zu machen und Widerstand zu leisten, aber die Woge selbstherrlicher Weiblichkeit stieß solche Gesten als bedeutungslos beiseite, ging triumphierend an ihm vorbei und übergoß mit ihrer breiten Strömung die schwachen Zuckungen der Männlichkeit.

Es war etwas Tragisches an dieser unsauberen und maßlosen Fruchtbarkeit, es war die Not der kämpfenden Kreatur am Rande des Nichts und des Todes, es war eine Art Heroismus der Weiblichkeit, die vor Gebärfreudigkeit sogar über die Krüppelhaftigkeit der Natur und über die Unzulänglichkeit des Mannes triumphierte. Doch die Nachkommenschaft bewies das Recht dieser Mütterlichkeitspanik, dieser Gebärwut, die sich in mißlungenen Geschöpfen und in einer ephemeren Generation von Phantomen ohne Blut und Gesicht erschöpfte.

Herein kam Lucja, die mittlere Tochter, mit einem allzu aufgeblühten und überreifen Kopf auf dem kindlichen und lockeren Körper aus weißem und delikatem Fleisch. Sie reichte mir ihr puppenhaftes, gleichsam jetzt erst knospendes Händchen und blühte auf einmal mit dem ganzen Gesicht auf wie eine vor rosiger Fülle überlaufende Pfingstrose. Unglücklich wegen ihres Errötens, das schamlos von den Geheimnissen der Menstruation erzählte, schlug sie die Augen nieder und entflammte noch heftiger unter der Berührung gleichgültigster Fragen, als ob jede eine heimliche Anspielung auf ihre überempfindliche Jungfräulichkeit enthielte.

Emil, der älteste meiner Cousins, mit einem hellblonden Bart und einem Gesicht, von welchem das Leben gleichsam jeden Ausdruck abgewaschen hatte, spazierte im Zimmer auf und ab, die Hände in den Taschen der faltigen Hosen.

Sein eleganter und wertvoller Anzug trug das Brandmal der exotischen Länder an sich, aus denen er zurückgekehrt war. Sein Gesicht, welk und fahl, schien von einem Tag zum anderen sich selbst zu vergessen und eine weiße, leere Wand mit einem blassen Netz von Äderchen zu werden, auf denen, wie Linien auf einer verwaschenen Landkarte, erlöschende Erinnerungen an ein stürmisches und vergeudetes Leben umherirrten. Er war ein Meister der Kartenkünste, rauchte lange, edle Pfeifen und duftete wunderbar nach fremden Ländern. Mit einem Blick, der über weite Erinnerungsfelder wanderte, erzählte er wunderliche Anekdoten, die an einem bestimmten Punkt plötzlich abrissen, in ein Nichts zersprangen und sich auflösten.

Ich folgte ihm mit sehnsüchtigen Blicken und dürstete danach, seine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken und mich aus dieser Pein der Langweile zu erlösen. Und tatsächlich, es kam mir vor, als ob er mir zuzwinkerte, als er ins andere Zimmer ging. Ich schlich ihm nach. Er saß tief in einem kleinen Sofa, die Knie fast in der Höhe des Kopfes gekreuzt, der kahl wie eine Billardkugel war. Es schien, als ob sein Anzug allein — faltig, verknittert, hingeworfen — über dem Fauteuil hinge. Sein Gesicht war wie der Schemen eines Gesichts, ein Streifen, den ein unbekannter Passant in der Luft zurückgelassen hatte. In den blassen, bläulich emaillierten Händen hielt er eine Brieftasche, in der er etwas betrachtete.

Aus dem Nebel des Gesichts rang sich mühsam das vorquellende Weiße des blassen Auges ans Licht und lockte mich schelmisch zwinkernd zu sich heran. Ich empfand eine unwiderstehliche Sympathie für ihn. Er nahm mich zwischen die Knie, mischte vor meinen Augen mit geübter Hand Photographien und zeigte mir Darstellungen nackter Frauen und Burschen in seltsamen Stellungen. Ich stand, seitlich auf ihn gestützt, da und betrachtete diese delikaten Menschenleiber mit fernen, nichtssehenden Augen, als das Fluidum einer unklaren Erregung, welches plötzlich die Luft trübte, zu mir gelangte und mich als unruhiges Staunen, als Woge plötzlichen Verstehens überlief. Doch mittlerweile war der Hauch des Lächelns, das sich unter seinem weichen und schönen Bart abzeichnete, der Keim der Begierde, der sich auf seinen Schläfen mit einer pulsierenden Ader emporrankte, die Spannung, die seine Züge ein Weilchen in gesammelter Andacht verharren ließ, schon wieder in das Nichts versunken und hatte sich sein Gesicht in Abwesenheit verkehrt, selbstvergessen und aufgelöst.

Heimsuchung
1

Schon damals verfiel unsere Stadt immer schneller in das chronische Grau der Abenddämmerung und überwucherte ihre Ränder mit Flechten des Schattens, quellendem Schimmel und eisenfarbenem Moos.

Kaum aus den bräunlichen Rauchschwaden und Nebeldünsten des Morgens geschält, neigte sich der Tag schon einem niedrigen, bernsteinfarbigen Mittag zu, wurde nach einem Weilchen durchsichtig und golden wie dunkles Bier, um darauf in die vielfältig gegliederten, phantastischen Gewölbe bunter und ausladender Nächte hinabzusteigen.

Wir wohnten am Ring, in einem jener dunklen Häuser mit leerer und blinder Fassade, die man so schwer voneinander unterscheiden kann.

Das gab Anlaß zu ständigen Irrtümern. Wenn man einmal durch einen falschen Flur eine falsche Stiege betrat, so geriet man gewöhnlich in ein wahres Labyrinth fremder Wohnungen, Gänge, unerwarteter Durchlässe auf fremde Höfe und vergaß das ursprüngliche Ziel seiner Expedition so gründlich, daß man sich erst nach vielen Tagen, von wunderlichen Irrwegen und verworrenen Abenteuern zurückkehrend, eines grauen Morgens unter Gewissensbissen des väterlichen Hauses erinnerte.

Mit großen Schränken, tiefen Kanapees, blassen Spiegeln und künstlichen Schundpalmen angefüllt, verfiel unsere Wohnung immer mehr in einen verwahrlosten Zustand infolge der Gleichgültigkeit der Mutter, welche im Laden saß, und infolge der Nachlässigkeit der schlankbeinigen Adela, die — von niemandem beaufsichtigt — den Tag in weitschweifiger Toilette vor den Spiegeln verbrachte, wobei sie überall Spuren in Form ausgekämmter Haare, Kämme, verlorener Pantöffelchen und Korsette hinterließ.

Die Wohnung besaß keine bestimmte Anzahl von Zimmern, da sich niemand erinnerte, wie viele von ihnen an fremde Bewohner vermietet waren. Manchmal wurde zufällig die eine oder andere dieser vergessenen Stuben geöffnet und als leer befunden; der Bewohner war längst ausgezogen, und in den seit Monaten nicht berührten Schubladen wurden überraschende Entdeckungen gemacht.

In den unteren Zimmern wohnten die Gehilfen, und manchmal weckte uns des Nachts ihr lautes Stöhnen und Jammern, ausgestoßen unter dem Zwang eines Alpdrucks. Auf dem Hof herrschte im Winter noch dumpfe Nacht, wenn mein Vater in diese kalten und finsteren Zimmer ging und mit der Kerze eine Herde von Schatten vor sich herscheuchte, die seitlich über Boden und Wände flüchteten; er ging, um die schwer Schnarchenden aus ihrem steinharten Schlaf zu wecken.

Im Licht der vor sie hingestellten Kerze wickelten sie sich träge aus dem schmutzigen Bett, streckten, auf dem Lager sitzend, die nackten und häßlichen Beine aus und gaben sich, mit den Socken in der Hand, noch ein Weilchen der Wonne des Gähnens hin — eines bis zur Wollust, bis zum Gaumenkrampf, bis zum würgenden Brechreiz ausgedehnten Gähnens.

In den Winkeln saßen regungslos große Schaben, zu Ungeheuern aufgeschwollen durch den eigenen Schatten, mit dem die flackernde Kerze jede einzelne belastete und der sich auch dann nicht von ihnen trennte, wenn einer dieser platten, kopflosen Rümpfe plötzlich in phantastischem Spinnenlauf zu rennen begann.

Damals begann die Gesundheit meines Vaters zu verfallen. Es war schon in den ersten Wochen dieses vorzeitigen Winters häufiger der Fall, daß er ganze Tage im Bett verbrachte, umringt von Fläschchen, Pillen und den Geschäftsbüchern, die ihm aus dem Kontor gebracht wurden. Der bittere Geruch der Krankheit setzte sich auf dem Grund des Zimmers fest, dessen Tapeten ein dunkles Geflecht von Arabesken aufwiesen.

An den Abenden, wenn die Mutter aus dem Laden kam, war er gewöhnlich gereizt und zum Streiten aufgelegt, warf ihr Unstimmigkeiten in der Buchführung vor, bekam rote Flecken auf den Wangen und erregte sich bis zur Unzurechnungsfähigkeit. Ich erinnere mich, daß ich ihn einmal, spät des Nachts aus dem Schlaf geweckt, gerade erblickte, wie er barfuß und im Hemd auf dem knarrenden Kanapee hin und her lief, um auf diese Weise seine Aufregung vor der ratlosen Mutter zu dokumentieren.

An anderen Tagen dagegen war er ruhig und gesammelt und versenkte sich ganz in seine Bücher, zutiefst verirrt in den Labyrinthen vertrackter Rechnungen.

Ich sehe ihn im Licht der rußenden Lampe, in den Kissen vergraben, unter dem großen, geschnitzten Kopfende des Betts, mit dem riesigen Schatten des Kopfes, der sich in stummer Meditation wiegt, an der Wand.

Mitunter hob er den Kopf von den Rechnungen, öffnete den Mund, als ob er Atem schöpfen wolle, schmatzte verächtlich mit der Zunge, die trocken und bitter war, und blickte ratlos um sich, als ob er etwas suchte.

Es kam auch vor, daß er leise von seinem Bett in eine Ecke des Zimmers lief, zur Wand, an der ein vertrautes Instrument hing. Es war dies eine Art Wasseruhr oder große Glasphiole, in Unzen eingeteilt und mit einer dunklen Flüssigkeit gefüllt. Mein Vater verband sich mit diesem Instrument durch einen langen Gummischlauch wie mit einer gewundenen, schmerzhaften Nabelschnur, und so verbunden mit dem kläglichen Apparat, blieb er regungslos — wie in Andacht versunken — stehen, und seine Augen wurden dunkel, selbst auf das eingefallene Gesicht trat ein Ausdruck des Leidens oder irgendeiner lasterhaften Wollust.

Dann kamen wieder Tage stiller, gesammelter Arbeit, unterbrochen von einsamen Monologen. Wenn er so im Licht der Tischlampen inmitten der Kissen des großen Bettes dasaß und das Zimmer im Schatten des Lampenschirms, der es mit dem großen Element der städtischen Nacht vor dem Fenster verband, zum Berg anschwoll, spürte er, ohne hinzuschauen, daß ihn der Raum mit dem pulsierenden Dickicht der Tapeten voller Geflüster, Zischeln und Raunen überwucherte. Er hörte, ohne hinzuschauen, die verständnisvoll zwinkernde Intrige der Pfauenaugen, die sich inmitten von Ohrmuschelblumen, die hörten, und dunkler Münder, die lächelten, entfalteten.

Manchmal vergrub er sich scheinbar noch tiefer in seine Arbeit; er zählte und rechnete, da er sich fürchtete, den in ihm schwelenden Zorn zu verraten, und gegen die Versuchung ankämpfte, mit einem plötzlichen Schrei blindlings hinter sich selber einherzustürzen und mit vollen Händen diese krausen Arabesken, diese Büschel von Augen und Ohren zu packen, welche die Nacht in Scharen ausschwärmen ließ und die wuchsen und sich vervielfachten, indem sie stets neue Schößlinge und Ableger aus dem mütterlichen Nabel der Finsternis schleuderten. Und er beruhigte sich erst, als mit der Ebbe der Nacht die Tapeten welkten, sich zusammenrollten, die Blätter und Blüten verloren, sich herbstlich lichteten und das ferne Morgengrauen durchließen.

Dann versank er im goldenen Winterlicht, inmitten des Gezwitschers der Tapetenvögel, auf ein paar Stunden in dichten, schweren Schlaf.

Seit den Tagen und Wochen, da er in verworrenen Kontokorrentrechnungen versunken zu sein schien, versenkte sich sein Sinn heimlich in die Labyrinthe der eigenen Eingeweide. Er hielt den Atem an und lauschte. Und wenn sein Blick abgehetzt und trübe aus diesen Tiefen zurückkehrte, beruhigte er ihn mit einem Lächeln. Er glaubte noch nicht und verwarf jene Anmaßungen und Vorschläge, die ihn bedrängten, als absurd.

Tagsüber waren es gleichsam noch Überlegungen und Einsichten, lange und monotone Betrachtungen, halblaut geführt und von humoristischen Zwischenspielen und schelmischen Neckereien begleitet. Doch in der Nacht erhoben sich diese Stimmen leidenschaftlicher. Die Forderungen kehrten immer ausdrucksvoller und deutlicher zurück, und wir hörten, wie er mit Gott redete, als ob er ihn um etwas bäte und sich gegen etwas wehrte, das aufdringlich verlangte und forderte.

Bis sich eines Nachts diese Stimme drohend und unnachgiebig erhob, indem sie verlangte, ihm ein Zeugnis durch seinen Mund und durch seine Eingeweide zu geben. Und wir hörten, wie der Geist in ihm Wohnung nahm, wie er sich vom Bett erhob, lang und in prophetischem Zorn wachsend, sich an lärmenden Worten verschluckend, die er wie ein Maschinengewehr hervorstieß. Wir hörten das Krachen des Kampfes und das Stöhnen des Vaters, das Stöhnen eines Titanen mit gebrochener Hüfte, der noch höhnt.

Ich habe nie einen Propheten des Alten Testaments gesehen; aber beim Anblick dieses Mannes, welchen der Zorn Gottes zu Fall gebracht hatte, der jetzt mit weitgespreizten Beinen auf dem riesigen Nachtgeschirr aus Porzellan saß, bedeckt vom Sturmwind der Schultern, von einer Wolke verzweifelter Verrenkungen, über denen noch höher seine fremde, harte Stimme schwebte, verstand ich den Zorn Gottes der heiligen Männer.

Es war ein schrecklicher Dialog, gleich der Sprache des Gewitters. Die Verrenkungen seiner Arme rissen den Himmel in Stücke, und in den Spalten zeigte sich das Antlitz Jehovas, aufgebläht vor Zorn und Flüche speiend. Ohne hinzuschauen sah ich ihn, den schrecklichen Demiurgen, wie er in der Finsternis wie auf dem Sinai dalag, die mächtigen Hände auf die Vorhangstange gestützt und das riesige Antlitz gegen die oberen Fensterscheiben gepreßt, auf denen sich seine fleischige Nase häßlich plattdrückte.

Ich hörte seine Stimme in den Pausen der prophetischen Tirade meines Vaters, ich hörte dieses mächtige Knurren der geblähten Lippen, welches die Fensterscheiben erklirren ließ und sich mit den Ausbrüchen der Flüche, Lamentationen und Drohungen meines Vaters vermischte.

Manchmal verstummten die Stimmen und empörten sich leise wie das Säuseln des Windes im nächtlichen Kamin, dann brachen sie wieder als lauter, tobender Lärm, als Unwetter, gemischt aus Seufzern und Flüchen, los. Plötzlich öffnete sich mit einem dunklen Gähnen das Fenster, und das Laken der Finsternis wehte durch das Zimmer.

Im Schein des nächtlichen Gewitters erblickte ich meinen Vater in flatternder Unterwäsche, wie er mit einem schrecklichen Fluch in mächtigem Schwung den Inhalt des Nachtgeschirrs zum Fenster hinaus in die gleich einer Muschel rauschende Nacht schüttete.

2

Mein Vater verfiel allmählich, welkte in den Augen.

Zusammengekauert unter den großen Kissen, mit wild gesträubten grauen Haarbüscheln, redete er halblaut mit sich selber, ganz versunken in irgendwelche verworrenen inneren Affären. Man konnte meinen, daß seine Persönlichkeit in viele miteinander entzweite und auseinanderlaufende Ich zerfallen war, denn er zankte laut mit sich selber, verhandelte angestrengt und leidenschaftlich, überzeugte und bat und schien dann wieder einer Versammlung vieler Interessenten vorzusitzen, die er mit dem ganzen Vorrat seiner Inbrunst und Überredungskunst miteinander zu versöhnen trachtete. Doch jedesmal zerbarsten diese lärmenden Versammlungen, voll von heißen Temperamenten, am Ende unter Flüchen, Verwünschungen und Schimpfworten.

Dann folgte eine Zeitspanne der Beruhigung, der inneren Besänftigung und des glücklichen Seelenwetters.

Abermals wurden große Folianten auf dem Bett, auf dem Tisch und auf dem Fußboden ausgebreitet, und ein schier benediktinischer Arbeitsfriede lag im Schein der Lampe über dem weißen Bettzeug des Lagers und über dem geneigten grauen Kopf meines Vaters.

Wenn aber die Mutter am späten Abend aus dem Laden heraufkam, wurde mein Vater lebendig, rief sie zu sich heran und zeigte ihr stolz die glänzenden, bunten Abziehbilder, mit denen er emsig die Seiten des Hauptbuchs beklebt hatte.

Wir merkten damals schon alle, daß der Vater von Tag zu Tag kleiner wurde, wie eine Nuß, die in ihrer Schale eintrocknet.

Diesem Schwund gesellte sich aber nicht der geringste Verfall der Kräfte bei. Im Gegenteil, sein Gesundheitszustand, der Humor und die Regsamkeit schienen sich zu bessern.

Er lachte jetzt oft laut und zwitschernd, hüpfte geradezu vor Lachen oder klopfte auch ans Bett und antwortete sich selber »Herein!« — in verschiedenen Stimmlagen, stundenlang. Von Zeit zu Zeit kroch er aus dem Bett, kletterte auf den Schrank hinauf und kramte, unter der Zimmerdecke zusammengekauert, in allerhand altem Plunder voller Rost und Staub.

Manchmal stellte er auch zwei Sessel gegeneinander, stemmte sich mit den Händen an den Lehnen hoch, ließ die Beine vor- und zurückbaumeln und suchte mit strahlenden Augen in unseren Gesichtern nach dem Ausdruck der Bewunderung und Anfeuerung. Mit Gott hatte er sich anscheinend völlig ausgesöhnt. Manchmal zeigte sich des Nachts das Gesicht des bärtigen Demiurgen im Fenster des Schlafzimmers, vom dunklen Purpur bengalischen Feuers umflossen, und betrachtete ein Weilchen leutselig den in tiefen Schlaf versunkenen Vater, dessen harmonisches Schnarchen weit über unbekannte Gefilde der Traumwelten zu wandern schien.

Während der langen, halbdunklen Nachmittage dieses Spätwinters geriet mein Vater von Zeit zu Zeit für ganze Stunden in die dicht mit allerhand Plunder vollgestopften Winkel, wo er verbissen nach etwas suchte.

Und nicht nur einmal fehlte beim Mittagessen, wenn wir uns schon alle zu Tisch gesetzt hatten, der Vater. Dann mußte die Mutter lange »Jakub!« rufen und mit dem Löffel auf den Tisch schlagen, ehe er aus irgendeinem Schrank herauskroch, von oben bis unten mit Spinnweben und Staub verklebt, mit einem geistesabwesenden Gesicht, in verworrene und nur ihm bekannte, fesselnde Dinge vertieft.

Mitunter kletterte er auf die Vorhangstangen und nahm eine regungslose Pose ein, einem großen, ausgestopften Geier gegenüber, der auf der anderen Seite des Fensters an der Wand aufgehängt war. In dieser regungslosen, zusammengekauerten Pose verharrte er mit vernebeltem Blick und schlau lächelndem Gesicht stundenlang, um plötzlich, wenn jemand hereinkam, mit den Armen wie mit Flügeln zu schlagen und wie ein Hahn zu krähen.

Wir hörten auf, diesen Absonderlichkeiten Beachtung zu schenken, in die er sich von Tag zu Tag tiefer verstrickte. Gleichsam aller körperlichen Bedürfnisse entledigt, wochenlang keine Nahrung zu sich nehmend, versenkte er sich mit jedem Tag tiefer in verworrene und absonderliche Affären, für die wir kein Verständnis hatten. Unzugänglich für unsere Vorstellungen und Bitten, antwortete er mit Bruchstücken seines inneren Monologs, dessen Verlauf nichts von außen her zu ändern vermochte. Ewig geschäftig, krankhaft lebendig, mit hektischer Röte auf den dürren Wangen, bemerkte er uns nicht und übersah uns.

Wir gewöhnten uns an seine unschädliche Gegenwart, an sein leises Murmeln, an dieses kindische, in sich versunkene Zwitschern, dessen Triller gleichsam am Rand unserer Zeit vorbeihuschten. Schon damals verschwand er manchmal für viele Tage, versteckte sich irgendwo in den entlegenen Schlupfwinkeln der Wohnung, und man konnte ihn nicht finden.

Allmählich hörte dieses Verschwinden auf, Eindruck auf uns zu machen, wir gewöhnten uns daran, und wenn er nach vielen Tagen um einige Zoll kleiner und magerer wieder erschien, so fesselte dies unsere Aufmerksamkeit nicht lange. Wir hatten eben aufgehört, ihn in die Rechnung mit einzubeziehen, so sehr hatte er sich von allem, was menschlich und was wirklich ist, entfernt. Knoten für Knoten löste er sich von uns, Punkt für Punkt verlor er die Bindungen, die ihn mit der menschlichen Gemeinschaft verbanden.

Das, was von ihm noch übrigblieb, das bißchen sterbliche Hülle und die Handvoll sinnloser Absonderlichkeiten — das konnte eines Tages verschwinden, ebenso unbemerkt wie das graue Häuflein Kehricht, das sich in der Ecke ansammelte und von Adela täglich auf den Komposthaufen hinausgetragen wurde.

Die Vögel

Die gelben, langweiligen Wintertage waren gekommen. Die durchlöcherte, zu kurz geratene Tischdecke des Schnees bedeckte die kupferfarbene Erde. Auf vielen Dächern reichte er nicht aus, und so blieben schwarze oder rostige Schindeldächer und Schwibbögen über, die verrußte Bodenkammern in sich bargen — schwarze, verkohlte Kathedralen, die Rippen ihrer Sparren, Querbalken und Riegel gesträubt —, die dunklen Lungen der Winterstürme. Jedes Morgengrauen entdeckte neue Schornsteine und Dachluken, in der Nacht geboren und vom Nachtwind aufgezogen, schwarze Pfeifen einer Teufelsorgel. Die Schornsteinfeger konnten sich nicht der Krähen erwehren, die in Gestalt lebender schwarzer Blätter abends die Äste der Bäume vor der Kirche besetzten, sich wieder losrissen und umherflatterten, endlich festklebten, jede an ihrem richtigen Ort und an ihrem richtigen Zweig, und in der Morgendämmerung flogen sie in großen Scharen davon — Rauchnebel, Rußflocken, wogend und phantastisch, mit ihrem metallischen, flimmernden Krächzen die trühgelben Streifen der Morgendämmerung befleckend. Die Tage erstarrten vor Kälte und Öde wie die vorjährigen Brotlaibe, mit stumpfen Messern, ohne Appetit und mit fauler Schläfrigkeit angeschnitten.

Mein Vater verließ nicht mehr das Haus. Er heizte die Öfen, studierte das unergründliche Wesen des Feuers, kostete den salzigen, metallischen Geschmack und den Selchfleischgeruch der winterlichen Flammen, die kühle Liebkosung der Salamander, welche den funkelnden Ruß im Rachen des Kamins leckten. Mit Vorliebe führte er in jenen Tagen alle Reparaturen in den oberen Regionen der Zimmer aus. Zu jeder Tageszeit konnte man ihn sehen, wie er — auf der Spitze einer Leiter hockend — an der Zimmerdecke, an den Vorhangstangen der hohen Fenster, an den Kugeln und Ketten der Hängelampen werkte. Nach Art der Maler und Anstreicher bediente er sich der Leiter wie riesiger Stelzen und fühlte sich in dieser Vogelperspektive, in der Nähe des gemalten Himmels, der Arabesken und der Vögel der Zimmerdecke überaus wohl. Von den Dingen des praktischen Lebens entfernte er sich immer weiter. Wenn ihn die Mutter, voller Sorge und Bekümmernis wegen seines äußerst bedenklichen Zustandes, in ein Gespräch über die Geschäfte, über die Zahlungen am nächsten »Ultimo« verwickeln wollte, hörte er ihr zerstreut, voller Unruhe und mit zuckendem, geistesabwesendem Gesicht zu. Und es kam vor, daß er sie plötzlich mit einer beschwörenden Handbewegung unterbrach, um in eine Ecke des Zimmers zu laufen, das Ohr an eine Ritze im Fußboden zu legen und, die Zeigefinger beider Hände erhoben und so den höchsten Wichtigkeitsgrad seiner Forschungen andeutend, zu lauschen. Wir verstanden damals den traurigen Hintergrund dieser Extravaganzen, dieses kläglichen Komplexes, der in seiner Tiefe reifte, noch nicht.

Die Mutter hatte keinen Einfluß auf ihn, dagegen zollte er Adela große Hochachtung und Verehrung. Das Aufräumen des Zimmers war für ihn eine große und wichtige Zeremonie, der beizuwohnen er niemals versäumte, indem er mit einer Mischung aus Angst und wollüstigem Schauer alle Manipulationen Adelas aufmerksam verfolgte. Allen ihren Tätigkeiten schrieb er eine tiefere, symbolische Bedeutung zu. Wenn das Dienstmädchen mit jungen und kühnen Bewegungen den Besen auf langem Stiel über den Fußboden bewegte, so ging das schier über seine Kräfte. Aus seinen Augen ergossen sich dann Tränen, das Gesicht schüttelte sich vor leisem Lachen, und der ganze Körper schüttelte sich im wollüstigen Krampf des Orgasmus. Seine Empfindlichkeit für das Kitzeln grenzte an Wahnsinn. Adela brauchte nur einen Finger auszustrecken und eine Bewegung zu machen, die Kitzeln andeutete — und schon floh er in wilder Panik durch alle Zimmer und schlug die Türen hinter sich zu, um schließlich bäuchlings auf das Bett zu fallen und sich unter dem unwiderstehlichen Einfluß des inneren Bildes in Lachkrämpfen zu wälzen. Dank diesem Umstand hatte Adela eine fast unbegrenzte Macht über meinen Vater.

Zu dieser Zeit bemerkten wir am Vater zum ersten Mal sein Interesse für Tiere. Es war zunächst die Leidenschaft des Jägers und Künstlers zugleich; es war vielleicht auch eine tiefere, zoologische Sympathie der Kreatur für die verwandten und doch so unterschiedlichen Lebensformen, ein Experimentieren in nicht erprobten Registern des Daseins. Erst in der späteren Phase nahm die Sache diese unheimliche, verworrene, zutiefst sündige und widernatürliche Wendung, die man besser nicht ans Tageslicht zerren sollte.

Es begann mit dem Ausbrüten von Vogeleiern.

Mit großem Aufwand an Mühe und Geld ließ sich mein Vater aus Hamburg, aus Holland, aus afrikanischen zoologischen Stationen befruchtete Vogeleier kommen, die er riesigen belgischen Hühnern zum Ausbrüten unterlegte. Es war dies auch für mich eine höchst spannende Prozedur — dieses Ausschlüpfen der kleinen Vögel, wahrer Scheusale an Gestalt und Gefieder. Man konnte an diesen Monstren mit den riesigen, phantastischen Schnäbeln, die sie sofort nach ihrer Geburt weit aufrissen, um in den Tiefen ihrer Schlünde gefräßig zu zischen, in diesen Echsen mit den schwächlichen, nackten Körpern von Buckligen, keine zukünftigen Pfauen, Fasanen, Häher und Kondore erkennen. In Körben und in Watte untergebracht, erhob diese Drachenbrut auf dünnen Hälsen ihre blinden, mit dünnem, weißem Flaum bedeckten Köpfe und quakte lautlos aus stummen Kehlen. Mein Vater ging in einer grünen Schürze an den Regalen entlang wie ein Gärtner an seinen Kakteenbeeten und griff wie aus dem Nichts nach diesen blinden, von Leben pulsierenden Bälgen, diesen unbeholfenen und unersättlichen Bäuchen, welche die Außenwelt nur in der Form von Futter aufnahmen, diesen Auswüchsen des Lebens, die sich im Finstern tappend ans Licht drängten. Ein paar Wochen später, als diese blinden Knospen Leben ins Licht geborsten waren, füllten sich die Zimmer mit der bunten Geschwätzigkeit und dem flirrenden Zwitschern ihrer neuen Bewohner. Sie besetzten die Vorhangstangen der Fenster, die Gesimse der Schränke und nisteten im Dickicht der zinnernen Zweige und Arabesken der vielarmigen Hängelampen.

Während mein Vater große ornithologische Kompendien studierte und in bunten Tafeln blätterte, schienen diese gefiederten Phantasmen aus ihnen zu entfliehen und das Zimmer mit buntem Geflatter, mit Purpurlappen, mit Scherben aus Saphir, Grünspan und Silber zu erfüllen. Während des Fütterns bildeten sie auf dem Fußboden ein buntes, wogendes Beet, einen lebenden Teppich, der — wenn jemand unbedacht eintrat — zerfiel, in bewegliche Blumen zerstob, die in der Luft flatterten, um sich schließlich in den oberen Regionen des Zimmers niederzulassen. Im Gedächtnis blieb mir besonders ein Kondor, ein riesiger Vogel mit nacktem Hals, zerfurchtem Gesicht und üppigen Auswüchsen. Es war ein magerer Asket, ein buddhistischer Lama, voll unerschütterlicher Würde in seinem ganzen Verhalten, das sich nach dem eisernen Zeremoniell seines großen Geschlechts richtete. Wenn er meinem Vater gegenübersaß, reglos in der monumentalen Haltung ewiglicher ägyptischer Gottheiten, das Auge mit einem weißen Häutchen überzogen, das er seitlich über die Pupillen schob, um sich ganz in die Kontemplation seiner vornehmen Einsamkeit zu versenken, schien er mit seinem steinernen Profil ein älterer Bruder meines Vaters zu sein. Die gleiche Materie des Körpers, der Sehnen und der gerunzelten harten Haut, das gleiche trockene und knochige Gesicht, die gleichen hornartigen, tiefen Augenhöhlen. Sogar die Hände, stark in den Gelenken, die langen mageren Hände des Vaters mit den runden Fingernägeln, hatten ihr Analogon in den Krallen des Kondors. Ich konnte mich, als ich ihn so eingeschlafen sah, nicht dem Eindruck entziehen, eine Mumie vor mir zu haben — die ausgetrocknete und deshalb kleiner gewordene Mumie meines Vaters. Ich glaube, daß auch der Aufmerksamkeit meiner Mutter diese wunderliche Ähnlichkeit nicht entgangen war, obwohl wir niemals dieses Thema berührten. Charakteristisch war, daß der Kondor das gleiche Nachtgeschirr wie mein Vater benutzte.

Sich mit dem Ausbrüten immer neuer Exemplare nicht zufriedengebend, veranstaltete mein Vater auf dem Dachboden Vogelhochzeiten, schickte Brautwerber aus, band in den Luken und Löchern des Dachbodens anmutige und sehnsuchtsvolle Bräute fest und brachte es tatsächlich fertig, daß das Dach unseres Hauses — ein schindelgedecktes Mansardendach — eine richtige Vogelherberge, eine Arche Noah wurde, in die Geflügelte jeglicher Art aus fernen Ländern geflogen kamen. Noch lange nach der Liquidierung dieser Vogelwirtschaft wurde in der Vogelwelt die Tradition unseres Hauses aufrechterhalten, und zur Zeit der Frühlingszüge fielen nicht nur einmal auf unserem Dach ganze Schwärme Kraniche, Pelikane, Pfauen und allerhand anderer Vögel ein.

Dieses Unternehmen nahm jedoch nach einer kurzen Glanzperiode eine traurige Wendung. Alsbald wurde nämlich die endgültige Übersiedlung meines Vaters in zwei Zimmer unter dem Dach erforderlich, die als Rumpelkammern dienten. Von dort ließ sich schon im frühen Morgengrauen ein gemischter Chor von Vogelstimmen vernehmen. Die hölzernen Schachteln der Bodenzimmer, unterstützt durch die Resonanz des Dachbodens, klangen wider von Rauschen, Flattern, Krähen, Balzen und Girren. So verloren wir den Vater für einige Wochen aus den Augen. Er kam nur selten in die Wohnung herab, und schon damals konnten wir bemerken, daß er gleichsam kleiner wurde, abmagerte und zusammenschrumpfte. Manchmal sprang er aus Vergeßlichkeit von seinem Sessel am Tisch auf, schlug mit den Armen wie mit Flügeln, gab ein gedehntes Krähen von sich — und seine Augen bedeckten sich mit einem trüben Häutchen. Dann lachte er auf einmal verschämt mit uns und versuchte diesen Vorfall in einen Scherz zu verwandeln.

Eines Tages, in einer Periode großen Reinemachens, erschien Adela unerwartet im Vogelstaat meines Vaters. Sie blieb in der Tür stehen, rang die Hände über den Gestank, der in der Luft schwebte, und über die Haufen von Unrat, welcher die Fußböden, die Stühle und die Möbel bedeckte. Rasch entschlossen öffnete sie das Fenster und versetzte dann mit Hilfe eines langen Besens die ganze Vogelmasse in wirbelndes Kreisen. Es erhob sich ein höllischer Nebel aus Federn, Flügeln und Geschrei, in dem Adela gleich einer rasenden Mänade, durch die Windmühle ihres Thyrsus gedeckt, einen Vernichtungstanz aufführte. In seiner Verwirrung versuchte auch mein Vater, sich — zusammen mit den Vogelscharen — armeschwingend in die Luft zu erheben. Langsam wurde der geflügelte Nebel durchsichtiger, bis endlich — erschöpft und keuchend — nur mehr Adela auf der Walstatt übrigblieb, während mein Vater mit bekümmertem und beschämtem Gesicht zur Entgegennahme jeglicher Kapitulationsbedingungen bereit war.

Ein Weilchen später kam mein Vater die Treppe seines Dominions herab — ein gebrochener Mensch, ein König in der Verbannung, der Thron und Reich verloren hat.

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05 mayıs 2025
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9788726539240
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