Kitabı oku: «Seewölfe Paket 10»

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Impressum

© 1976/2016 Pabel-Moewig Verlag KG,

Pabel ebook, Rastatt.

ISBN: 978-3-95439-499-9

Internet: www.vpm.de und E-Mail: info@vpm.de

Inhalt

Nr. 181

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 182

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 183

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 184

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 185

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 186

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Nr. 187

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 188

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 189

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 190

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 191

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 192

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 193

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 194

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Nr. 195

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 196

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 197

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 198

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 199

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Nr. 200

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8


1.

Alewa sah das Schiff und begann zu weinen. Die Tränen liefen ihr über die Wangen und befeuchteten fast die ganze Fläche ihres sanften braunhäutigen Gesichts. Sie kämpfte nicht dagegen an, sondern ließ ihren Gefühlen freien Lauf. Sie hatte das große, stolze Schiff mit den drei hohen Masten und den prallen, gelblich-weiß gelohten Segeln daran wiedererkannt.

Eigentlich hatte Alewa, das Polynesiermädchen, in ihr zerstörtes Dorf hinunterspähen und nach den Männern Ausschau halten wollen, vor denen sie sich so fürchtete, denn sie hatte sich überlegt, daß sie – falls die Kerle keinen Wächter bei den eingestürzten Pfahlbauten zurückgelassen hatten – wenigstens versuchen konnte, hinunterzusteigen und sich ein Boot zu nehmen. Es bestand immerhin die Möglichkeit, daß nicht alle Auslegerboote durch Tsunami, die Riesenwelle, zerschmettert worden waren. An diese Hoffnung knüpfte Alewa alle ihre Pläne.

Flucht! Darin lag die einzige Rettung. Die Insel war kein Paradies mehr, sie war zur Hölle geworden, zur Verdammnis im wahrsten Sinne des Wortes.

Jetzt aber war das Schiff hinter einer weiter südlich gelegenen, bewaldeten Landzunge aufgetaucht, und Alewas Herz begann vor jäher Freude und Überraschung heftiger zu schlagen. Es erschien ihr als ein Wunder, daß die Galeone plötzlich da war, so als wären nur Tage vergangen, seit sie davongesegelt war. Ihr Kapitän, die Besatzung – ja, waren diese Männer denn wirklich gekommen, um hier zu landen und nachzusehen, ob die Freunde von damals noch lebten?

Das war zu schön, um wahr zu sein.

„Pele“, murmelte Alewa. Ein Schluchzen erstickte ihre Stimme, und sie dachte: Pele, Pele, allmächtige Göttin der Feuerseen, du hast mich also doch erhört und dafür gesorgt, daß sie uns noch einmal besuchen, einmal, bevor wir alle sterben müssen!

Der Platz, auf dem Alewa lag und zur Küste hinunterblickte, befand sich hoch über der geschwungenen, langgestreckten Bucht, auf die sich der Bugspriet der Galeone jetzt richtete. Der Platz war von niedrigem Gebüsch gesäumt. Die Sträucher boten Alewa Deckung. Ein üppig bewachsenes, terrassenartiges Plateau, von Menschenhand geschaffen, und darüber und darunter schlossen sich weitere solcher Stufen an, die dem ganzen Hang ein treppenförmiges Aussehen verliehen. Alle diese Stufen waren auf Anraten von Thomas Federmann hin von den Insulanern eingerichtet worden. Hier hatten sie Obst und Gemüse angebaut und geerntet, und sie waren mit ihrem Werk zufrieden gewesen. Ein glückliches Leben hatten sie geführt, und es hatte ihnen an nichts gemangelt – bis zu dem Tag, an dem sie nach langer Zeit wieder überfallen worden waren.

„‚Isabella‘“, flüsterte Alewa, „komm zu mir. Pele, ich danke dir. Es wird alles wieder gut, ja, alles wieder gut.“

Die Galeone erhielt den Wind aus Osten, also ablandig, und sie hatte jetzt hart angeluvt und segelte über Backbordbug liegend mit Steuerbordhalsen auf die Inselbucht zu. Mit jedem Yard, den sie sich näherte, wuchs Alewas Hoffnung.

„‚Isabella‘“, wiederholte sie leise. „Seewolf …“

Dann vernahm sie ein Geräusch hinter ihrem Rücken und fuhr entsetzt herum.

Sie sah die Männer sofort. Es waren drei, und sie hatten sich so auf die Terrasse verteilt, daß sie, Alewa, keine Chance mehr zur Flucht hatte.

Grinsend schoben sie sich auf sie zu, überquerten schweren Schrittes die so sorgfältig angelegten Felder und traten die Pflanzen süßer Kartoffeln und grüne Beerensträucher nieder.

„Los, schnapp sie dir, Richard“, sagte der, der sich links befand. Er war ein großer, bärenstarker Kerl mit einem bunten Tuch um den Kopf und einem Ring im linken Ohr. Sein Hemd hatte er über dem Bauchnabel zusammengeknotet. Seine Beinkleider waren unten ausgefranst, er trug keine Stiefel. Barfuß marschierte er auf das Mädchen zu, das sich allmählich erhob. „Voilà“, sagte er rauh. „Hab ich euch nicht gesagt, daß hier jemand gesprochen hat? Ihr wolltet mir ja nicht glauben, aber jetzt seht ihr wohl ein, daß der alte Louis nicht spinnt, sondern ganz ausgezeichnete Ohren hat, oder? He, Richard, du bist am nächsten an ihr dran, pack sie!“

„Du überläßt sie also mir?“ fragte Richard, ein untersetzter, breit grinsender Kerl, der in der Mitte des Trios ging. „Hast du das gehört, Marcel?“

Marcel näherte sich von rechts her dem verstörten, zitternden Mädchen Alewa und entgegnete: „Du mußt das nicht falsch auslegen. Natürlich knöpfen wir sie uns alle drei vor. Dreimal, das ist das richtige Maß, ich schwör’s dir, Mann.“

Sie lachten gleichzeitig.

Alewa wich vor ihnen zurück und hob abwehrend die Hände. Sie befand sich jetzt mitten in dem flachen Gebüsch, am Rand der Terrasse. Sie wußte, daß sie nur noch den ziemlich steil abfallenden Hang hinunterspringen konnte, um sich vor ihnen in Sicherheit zu bringen. Dabei konnte sie sich die Knochen im Leib brechen, aber das war ihr lieber, als von den wilden Kerlen gefaßt zu werden. Sie verstand ihre näselnde Sprache nur ansatzweise, aber sie wußte trotzdem genau, was ihr Ansinnen war.

Sie tat noch einen Schritt zurück und war über den Abbruch des Plateaus hinweg.

Der Seewolf, Siri-Tong und die Zwillinge Philip und Hasard standen an der vorderen Schmuckbalustrade der Back, die den Querabschluß zum Galion hin bildete, und um sie herum hatte sich fast die gesamte Crew der „Isabella VIII.“ versammelt – ausgenommen natürlich Blacky, der zur Stunde als Rudergänger fungierte, Ben Brighton, der Blacky auf dem Quarterdeck Gesellschaft leistete, sowie Matt Davies, Jeff Bowie, Bob Grey und Luke Morgan, die von der Kuhl aus die erforderlichen Segelmanöver durchführten. Bill, der Moses, hockte als Ausguck im Großmars, und der Kutscher war eben noch in der Kombüse damit beschäftigt, die Holzkohlenfeuer kräftig anzufachen und die Suppe für die Mittagsmahlzeit zum Brodeln zu bringen. Aber von ihnen abgesehen waren alle auf dem Vordeck erschienen, um sich das Panorama anzusehen, das sich an diesem sonnigen Vormittag dem Auge bot.

Selbst Arwenack, der Schimpanse, kauerte an der Backbordseite auf der Handleiste der hölzernen Balustrade und hielt sich mit einer Pfote an den Fockwanten fest. Leise schmatzend kaute er auf irgend etwas herum und hielt seinen Blick so interessiert auf die große Insel gerichtet, als könne er sich wirklich daran erinnern, daß sie schon einmal hier gewesen waren.

Sir John, der karmesinrote Aracanga, hockte auf der linken Schulter seines allgewaltigen Herrn Edwin Carberry und knabberte zärtlich an dessen Ohrläppchen herum – aber nur so lange, bis es dem Profos zu bunt wurde.

Carberry hob mit einem unterdrückten Fluch die rechte Hand und schickte sich an, den frechen Papagei von seiner Schulter zu scheuchen. Sir John reagierte jedoch gedankenschnell, flatterte auf und schwang elegant bis zu Bill in den Großmars empor. „Rübenschweine, Affenärsche!“ zeterte er aufgebracht. Dann ließ er sich auf der Segeltuchumrandung der Plattform nieder und spähte mit dem Moses zusammen aufmerksam in die Bucht, die sich vor ihren Augen öffnete.

Bill beobachtete durch den Kieker und sah die ganze Landschaft wie zum Greifen nah vor sich, auch die schneegekrönten Zwillingsgipfel der Insel, die seines Wissens über viertausend Yards hoch waren.

Bill ließ seinen Blick wieder tiefer gleiten und über den Strand der Bucht wandern, bis hin zu dem zerstörten Pfahlbautendorf und den Booten, die wie von einer gigantischen Macht bis ins Dickicht jenseits der Uferzone geschleudert worden waren.

Tsunami, die Riesenwelle!

Welch ungeheure Macht sie hatte, das hatten die Seewölfe vor Nihoa, der am weitesten nordwestlich liegenden Insel des Archipels, erlebt. Sie hatten abgewartet, bis die Tsunami sich ausgetobt hatte, um dann weiter nach Süden abzulaufen und nach der Insel zu suchen, von der aus sie damals die sagenhafte Manila-Galeone aufgebracht hatten.

Hawaii.

So nannten die Polynesier die große Insel. Wie sich herausgestellt hatte, waren die geographischen Berechnungen des Seewolfs wieder einmal richtig: Zwar war die Inselgruppe von den Europäern offiziell noch nicht „entdeckt“ und daher auch nicht genau erforscht, aber die Behauptung Hasards, Nihoa gehöre zu demselben Archipel wie auch Hawaii, Maui und Oahu, hatte sich als Tatsache bestätigt. Mit Wind aus Nordwesten war die „Isabella“ zunächst auf südöstlichen Kurs gegangen und hatte Oahu an ihrem östlichen Ufer passiert. Als dann am Tag darauf der Pailolo-Kanal zwischen Molokai und Maui erreicht war, war jeder Zweifel beseitigt: Hier hatte ja seinerzeit die denkwürdige Schlacht zwischen der „Isabella“, dem schwarzen Segler und der Galeone des Ciro de Galantes stattgefunden, bei der de Galantes den kürzeren gezogen hatte.

Hasard hatte den Kanal nicht durchquert wie damals, sondern war mit jetzt wechselnden Winden weiter nach Südosten gesegelt. Er hatte Maui im Süden runden wollen, um an das flachere Westufer von Hawaii zu gelangen, hatte aber vor dem plötzlich steif aus Süden blasenden Wind kapitulieren müssen. So hatten sie die Insel im Osten gerundet und eine recht stürmische Nacht hinter sich, in der sie gegen den weiterhin schralenden Wind hatten kreuzen müssen. Am frühen Morgen hatten sie jedoch mit Ostwind Ka Lae, das Südkap von Hawaii, umrundet und waren anschließend hoch am Wind auf Nordkurs gegangen.

„Meine Güte, Hasard“, sagte Siri-Tong soeben. „Hättest du das gedacht – daß wir nach so langer Zeit wieder hierher zurückkehren würden?“

Der Seewolf hatte seine Hände auf die Schultern seiner Söhne gelegt und lächelte versonnen. „Ich hatte nicht gewagt, es zu hoffen“, entgegnete er. „Aber jetzt kann ich es kaum erwarten, Zegú, den König von Hawaii, Thomas Federmann und all die anderen wiederzusehen. Dieses Pfahlhüttendorf am Ufer der Bucht – es war damals noch nicht da.“

„Nein, ich glaube nicht.“

„Ich kann mir nicht vorstellen, daß die Insulaner ihre geschützte Siedlung im Inneren der Insel aufgegeben haben, um hierher, an die Bucht, zu ziehen.“

„Vielleicht wurde dieses Dorf zusätzlich errichtet“, sagte die Rote Korsarin. „Vielleicht ist der Stamm inzwischen gewachsen, und – nun ja, vielleicht benötigen die Leute ganz einfach größeren Lebensraum.“

„Du meinst, es könnte noch andere neue Dörfer geben, die über ganz Hawaii verteilt sind?“

Sie nickte. „Ich kann es mir gut vorstellen.“

„Ich auch“, sagte nun Carberry. „Wenn ich mich nicht irre, sind seit unserem letzten Besuch gut zehn Jahre vergangen. Und in zehn Jahren passiert so allerlei.“ Er grinste plötzlich. „Hölle, wie viele kleine Kinder mögen da wohl geboren worden sein?“

„Ed“, mischte Dan O’Flynn sich ein. „Darf ich dich berichtigen? Wir schreiben jetzt den Monat März des Jahres 1590.“

„Das weiß ich doch, du Stint!“

„Schön, und deshalb liegt die Geschichte mit der Manila-Galeone eben nur sechs Jahre zurück.“

„Ach …“

„Ja, Edwin, Dan hat recht“, meinte Siri-Tong mit dem Anflug eines Lächelns. „1584 – das war das Jahr, in dem wir zusammen die ‚Santa Ana‘ überfielen. Im übrigen dürfte dies aber auch in der Bordchronik festgehalten sein.“

Carberry kratzte sich verlegen am Kinn und legte den Kopf ein wenig schief, was bei ihm immer ein Zeichen für angestrengtes Nachdenken war. „Bordchronik, Madam?“ wiederholte er verdutzt.

„Schon gut, Ed“, sagte der Seewolf. „Siri-Tong meint das Logbuch von damals.“

Carberry blickte ziemlich betroffen drein, und ihm fehlten die Worte, was sonst eigentlich selten passierte.

Dan O’Flynn wollte schon eine seiner bissigen Bemerkungen über des Profos’ Gesichtsausdruck fallenlassen, da sagte sein Vater, der alte Donegal Daniel O’Flynn: „Soso, das Logbuch von damals. Steht da auch was über die niedlichen kleinen Mädchen drin, die hier ’rumsprangen und die wir aus de Galantes‘ Gewalt befreiten? Wie hießen die doch noch gleich …“

„Alewa, Waialae, Mara und Hauula“, zählte Ferris Tucker die Namen der Mädchen auf. „Und du bist ein alter Schwerenöter, Donegal. Verzeihung, Madam.“

Siri-Tong konnte ihr Lachen kaum noch zurückhalten.

„Ferris, du ungehobelter Klamphauer“, sagte Old O’Flynn mit gespielter Freundlichkeit. „Wie kommt es eigentlich, daß du dich so genau an die kleinen Ladys erinnerst? Hast du dir die Namen vielleicht aufgeschrieben? Ha, das wäre vielleicht spaßig.“

„Quatsch, ich hab nur ein gutes Gedächtnis“, erwiderte Hasards rothaariger Schiffszimmermann. Er bereute es schon, überhaupt etwas geäußert zu haben.

„Männer, ihr braucht euch gar nicht so zu zieren“, meinte der Seewolf. „Auch Siri-Tong hat großes Verständnis dafür, daß ihr es nicht erwarten könnt, die Hawaii-Mädchen wiederzusehen. Allerdings muß ich eines gleich vorwegschicken: Ich will, daß ihr euch mustergültig benehmt. Keiner tanzt aus der Reihe, verstanden? Wenn ihr das nicht beherzigt, gibt es dicken Ärger. Ihr wißt, daß ich mich nicht scheue, den einen oder anderen von euch in die Vorpiek zu sperren, falls er sich nicht zusammenreißen kann.“

„Aye, aye, Sir“, murmelten die Männer.

Hasard hatte seine Gründe dafür, die prächtige Laune seiner Männer ein wenig zu dämpfen. Es war schon viel zu lange her, daß sie Frauen gehabt hatten, und von allen Entbehrungen, die sie seit dem Beginn der Reise durch die Nordwestpassage hatten über sich ergehen lassen müssen, war diese wohl die schlimmste. Deshalb mußte er aufpassen und seine Crew streng an der Kandare halten, denn es war gut möglich, daß die Männer beim Anblick des ersten Mädchens, das am Strand auftauchte, alle Disziplin vergaßen.

„Mal herhören“, sagte nun auch der Profos. „Ich passe auf, daß die Order des Seewolfs strikt befolgt wird, klar? Angucken dürft ihr Barsche die Frauen von mir aus, aber nicht anfassen, solange kein neuer Befehl erfolgt. Kapiert? Finger weg von den Mädchenhintern – Verzeihung, Madam.“

„Bitte, Ed.“

„Aye, Sir“, brummelten die Männer.

„Ich will mich nicht falsch verstanden wissen“, sagte Old O’Flynn. „Ich hab eher väterliche Gefühle, was die Mädchen betrifft. In Ordnung, Sir?“

„Ja, Donegal“, entgegnete Hasard.

Stenmark stieß hinter Carberrys Rücken heimlich Al Conroy an und flüsterte: „Der Alte kann uns viel erzählen, Al. Väterliche Gefühle – daß ich nicht lache!“

„Wie, du meinst …“

„Er sagt doch immer, daß er noch lange nicht zum alten Eisen gehört, oder?“

„Tja.“ Al fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Was der Schwede da eben gesagt hatte, gab ihm denn doch zu denken. Er wollte nachhaken, eine Frage stellen, aber jetzt meldete sich Gary Andrews zu Wort.

„Mädchen, ich höre immer Mädchen! Wo bleiben sie denn nur? Warum kommen sie nicht an den Strand, um uns zu begrüßen und uns geflochtene Blumenkränze umzuhängen? Ist die Insel am Ende gar nicht mehr bewohnt?“

„Hölle und Teufel“, entfuhr es Batuti. „Müßten uns doch längst entdeckt haben. Inselmenschen kennen ‚Isabella‘ wieder – oder nicht, Ssör?“

„Ruhe an Deck“, sagte Carberry. „Habt ihr den Verstand verloren, daß ihr hier so ’rumbrüllt, ihr triefäugigen Seegurken?“

Hasard hatte, während die „Isabella“ in die Bucht einlief, seinen Blick nicht von dem zerstörten Dorf am Wasser und den gestrandeten Auslegerbooten genommen. Jetzt wandte er sich zu seinen Männern um. Seine Miene hatte sich verändert. Sie war ernst geworden.

„Es gibt zwei Möglichkeiten“, sagte er. „Entweder lebt jetzt ein anderer Stamm auf Hawaii, der uns nicht wohlgesinnt ist. Oder es ist etwas passiert.“

„Was Schlimmes?“ fragte Big Old Shane. „Verdammt, du meinst doch wohl nicht, im Zusammenhang mit der Riesenwelle und …“

„Die Tsunami kann sie unmöglich alle ertränkt haben“, unterbrach Siri-Tong den graubärtigen Riesen. „Entschuldige, Shane, aber das kann ich mir nicht vorstellen. Die Insulaner sind zu erfahren im Umgang mit den Naturgewalten, als daß sie sich derart übertölpeln lassen würden.“

„Aber was ist dann geschehen?“

„Das fragen wir uns alle“, meinte Old OFlynn.

Sie alle ließen ihren Blick wieder über das Ufer der Bucht schweifen. Aber dort regte sich nichts – weder bei den eingestürzten, zermalmten Pfahlbauten noch bei den Booten, noch irgendwo im Dickicht. Keine Menschenseele zeigte sich, um die Seewölfe und die Rote Korsarin so freudig, wie es nur die Polynesier vermochten, zu begrüßen.

„Mann“, sagte der alte O’Flynn. „Ich krieg da so ein mulmiges Gefühl. Das bedeutet nichts Gutes, Leute. Es liegt Unheil in der Luft.“

„Das merkst du jetzt erst?“ Carberry gab einen undeutlichen, grunzenden Laut von sich. „Man braucht kein Hellseher zu sein, um das zu spüren.“

Hasard, der sich auch wieder umgedreht hatte und sein Gesicht dem Ufer zugewandt hielt, hob plötzlich die Hand. Im selben Augenblick registrierte auch Siri-Tong die Bewegung oben am Hang hinter dem Pfahlhüttendorf. Carberry kniff die Augen mißtrauisch zusammen, Dan OFlynn murmelte etwas Unverständliches, Ferris Tucker hob den Kieker ans Auge.

Etwa einen Atemzug darauf rief Bill, der Moses, über ihren Köpfen: „Deck, da ist jemand! Er rutscht den Abhang ’runter. Das ist ja ein Mädchen!“

Er hatte noch nicht ganz ausgesprochen, als sie alle den verzweifelten Schrei vernahmen, der von den bebauten Inselterrassen zu ihnen herüberwehte.

2.

Alewa hatte in dem Moment, in dem sie das Gleichgewicht verloren hatte und rücklings den Hang hinuntergestürzt war, ihren Körper zusammengekrümmt und die Arme schützend über den Kopf gelegt. Sie überrollte sich zweimal wie eine Katze, gewann dann mehr Stabilität, streckte die Beine aus, hob den Oberkörper an und legte in beinah sitzender Haltung den Rest ihrer Rutschpartie zurück.

Der Rock aus dunkelrotem Tuch, den sie sich um die Hüften geschlungen hatte, verschob sich dabei. Sie war fast völlig nackt, als sie auf der nächsten Terrasse landete. Ihre Knie knickten ein, sie atmete schwer und kauerte einen Augenblick lang da, rappelte sich dann aber schnell wieder auf, weil sie über sich einen Fluch in der fremden Sprache vernommen hatte.

Sie blickte auf – und stieß einen Schrei des Entsetzens aus. Richard, Marcel und Louis – die drei Kerle hatten sich am Rand des Plateaus auf ihren Hosenboden gesetzt und trafen gerade Anstalten, ebenfalls die Abwärtsfahrt anzutreten.

„Los, wir kriegen sie doch noch!“ rief Louis. „Beeilen wir uns!“

„Gnade dir Gott, wenn wir dich packen!“ brüllte Marcel und schüttelte die Faust zu Alewa hinunter.

Alewa begann zu laufen, zupfte mit fahrigen Bewegungen ihren Rock zurecht, schluchzte vor Panik auf, stolperte fast, fing sich wieder und hetzte quer über einen Acker voller Bataten. Ihr vor Angst flakkernder Blick suchte nach einem schützenden Dickicht, aber ausgerechnet hier gab es kein Gesträuch, in dem sie untertauchen und sich den Augen ihrer Verfolger entziehen konnte.

Pele, Pele, dachte sie immer wieder, warum stehst du mir nicht mehr bei? Was habe ich getan, daß du mich so strafst?

Louis war als erster der drei Männer den Hang hinunter, zückte seine mit Perlmutteinlagen verzierte Schnapphahnschloß-Pistole, spannte den Hahn und legte auf das flüchtende Mädchen an. „Na warte, du Miststück“, murmelte er. „Dich erwische ich schon. Und wenn wir dich richtig ’rangenommen haben, wirst du uns schon verraten, in welche Richtung die anderen geflohen sind.“

Er visierte ihre Gestalt über den Lauf der Waffe an, hielt die Pistole ganz still und krümmte den Zeigefinger um den Abzug. Der Sperrmechanismus gab den Hahn frei, der Funken sprühte, die Ladung zündete. Donnernd brach der Schuß. Eine weißliche Qualmwolke puffte hoch, und vor der Mündung seiner Pistole konnte Louis die rotgelbe Feuerzunge blitzen sehen.

Alewa schrie und stürzte.

Heiß war etwas an ihrer linken Wade vorbeigestrichen. Die Kugel hatte sie nicht getroffen, sondern war in den Batatenacker geschlagen, aber im ersten Entsetzen hatte sie wirklich angenommen, es habe ihr Bein aufgerissen. Sie fiel vornüber, schlug hart auf und wälzte sich auf dem Erdboden. Sie weinte und sah durch einen Schleier von Tränen Louis, der vor Richard und Marcel auf sie zustürmte, das Grinsen des Siegers schon im Gesicht.

Benommen erhob sie sich wieder, rannte nach links, dann nach rechts und schlug Haken wie ein verstörtes Tier. Louis lachte. Er hob die leergeschossene Schnapphahnschloß-Pistole und warf sie nach Alewa. Die Waffe prallte Alewa gegen die linke Hüftseite. Alewa stöhnte auf, mehr vor Panik und Todesangst als vor Schmerz.

Wieder taumelte sie und drohte hinzufallen.

„Ich hab sie!“ rief Louis triumphierend. „Jetzt geht sie uns nicht mehr durch die Lappen!“

Er tat zwei wahre Panthersätze, brachte sich neben das Mädchen und hielt sie am linken Arm fest. Er riß sie zu sich heran, und sie strauchelte und stürzte, klammerte sich aber an ihm fest und zerrte ihn so mit sich zu Boden. Louis stieß eine ganze Reihe von üblen Verwünschungen aus. Er wollte Alewas langes schwarzes Haar packen und ihr Gesicht auf diese Weise dicht zu sich heranziehen, aber sie ließ ihn plötzlich los, spreizte die Finger und zog ihm die Fingernägel quer durchs Gesicht.

Entsetzt fuhr er zurück. Er hatte nicht mehr mit einer Attacke gerechnet, deshalb war er um so überraschter und lockerte für einen Moment seinen Griff um ihren linken Arm. Alewa wußte die Chance zu nutzen. Sie befreite sich mit einem Ruck und war sehr schnell wieder auf den Beinen.

Noch ehe Louis aufspringen konnte und bevor Marcel und Richard heran waren, war Alewa über das langgestreckte, bebaute Plateau gelaufen und brachte sich über die grasbewachsene Umrandung hinweg. Sie kugelte sich wieder wie eine Katze zusammen und rollte den Hang hinab. Ihre Drehungen wurden immer schneller. Sie war schmutzig, ihr Rock war halb zerfetzt, es brauste und toste in ihrem Kopf, während sich die Welt wie verrückt um sie zu drehen schien. Sie glaubte, jeden Augenblick den Verstand zu verlieren, aber sie wußte, daß sie trotzdem mit ihren Händen und Füßen und mit den Zähnen weiter gegen diese grausamen Kerle kämpfen würde – bis sie sie umbrachten.

Natürlich hatte der Seewolf auf die Entdeckung des braunhäutigen, halbnackten Mädchens hin sofort sein Spektiv ans Auge gehoben und hatte sowohl die drei weißen Verfolger als auch die Pistole in der Faust des einen erspäht.

„Zeug wegnehmen! Jolle abfieren! Fünf Mann mit mir! Wir müssen dem Mädchen helfen!“ Seine Befehle schallten über Deck. Carberry hatte sich bereits umgedreht, um auf die Kuhl hinunterzuhasten und die Männer anzutreiben. Ben Brighton leitete die erforderlichen Manöver. Ferris Tucker, Shane, die beiden O’Flynns und Smoky folgten als erste dem Profos, dann eilten auch die anderen los, und plötzlich schien auf der „Isabella“ der Teufel los zu sein.

Während die Galeone mit aufgegeiten Segeln beidrehte und rasch an Fahrt verlor, hatten Dan O’Flynn, Stenmark und Batuti bereits die Persenning von der einen Jolle heruntergezerrt, lösten jetzt die Zurrings und hievten das Boot mit Hilfe von Jeff Bowie und Matt Davies ein Stück hoch, um es dann außenbords zu schwenken und in Lee abzufieren.

„Ed, Ferris, Shane, Dan und Batuti – ihr setzt mit mir an Land über!“ rief der Seewolf.

Siri-Tong war neben ihm und sagte ziemlich laut: „Damit bin ich aber nicht ganz einverstanden. Ich …“

„Nein, du bleibst hier“, schnitt er ihr das Wort ab, wandte sich um, war mit zwei Sätzen den Steuerbordniedergang hinunter, der die Back mit der Kuhl verband, und eilte zur Jakobsleiter, die von Bob Grey und Sam Roskill mit routinierten Bewegungen am Schanzkleid belegt und dann abgefiert worden war. Der Profos, Ferris Tucker, Big Old Shane, Dan O’Flynn und der Gambia-Mann schickten sich schon an, in das inzwischen längsseits der „Isabella“ dümpelnde Boot abzuentern.

Die Rote Korsarin gab so leicht aber nun doch nicht auf. Sie jumpte ebenfalls auf die Kuhl hinunter, brachte sich neben Hasard und versuchte, ihn zurückzuhalten. „Das ist nicht fair von dir. Ich bin dir ebenbürtig und habe das gleiche Recht wie du, auf Hawaii zu landen. Das kannst du mir nicht verbieten. Ich werde also …“

„… das tun, was ich dir sage!“ Er war stehengeblieben und blickte sie aus seinen eisblauen Augen an.

„Hasard …“

„Du hast dich meinem Kommando zu fügen wie alle anderen an Bord dieses Schiffes“, sagte er scharf.

Philip und Hasard, die Zwillinge, beobachteten die Szene von der Back aus. Sie wären auch gern mit in die Jolle abgeentert, aber sie hatten lieber gar nicht erst danach gefragt, weil sie die Antwort ihres Vaters ohnehin im voraus kannten. Er behandelte sie durchaus wie vollwertige Besatzungsmitglieder, aber wenn besondere Gefahren drohten, trug er lieber selbst das größte Risiko – er mit seinen besten Männern, falls es nötig war. Eben das war der Fall; dort, an Land, schien eine ganze Reihe von tückischen Gefahren zu lauern.

„Warum willst du mich nicht mithaben?“ fragte die Rote Korsarin.

Eben krachte drüben am Hang der Schuß aus der Pistole des einen Verfolgers, und Hasard wies mit der rechten Hand zum Ufer und entgegnete: „Darum. Ich habe keinen Zweifel daran, daß die Insel von Piraten besetzt ist. Im Uferdickicht, bei den Hütten, überall können weitere Feinde lauern. Ich habe vor, weder dich noch die Jungen, noch sonst jemanden über den Haufen schießen zu lassen.“

„Ach! Und wenn es euch sechs erwischt?“

„Wir haben die härtere Haut, das dickere Fell“, erwiderte er. Damit drehte er sich um und kletterte über das Schanzkleid auf die Sprossen der Jakobsleiter. Batuti war gerade eben als letzter der fünf Ausgewählten hinter der Bordwand verschwunden.

„Ben, du übernimmst während meiner Abwesenheit das Kommando!“ rief Hasard seinem Ersten und Bootsmann noch zu. „Geht gefechtsklar und heizt jedem gehörig ein, der versucht, uns den Weg zu den Hügeln abzuschneiden.“

„Aye, Sir!“ rief Ben Brighton zurück.

„Aye, Sir“, sagte auch Siri-Tong mit einem letzten, mißbilligen Blick auf den Seewolf. „Dann eben nicht, du Dickschädel.“ Es hätte nicht viel gefehlt, und sie hätte dazu auch noch wütend mit dem Fuß aufgestampft. Die Fäuste hatte sie ohnehin schon in die Seiten gestemmt.

Hasard junior stieß Philip junior mit dem Ellbogen an. „Siehst du, Dad ist doch wieder der Stärkere geblieben.“

„Was denn wohl sonst?“ sagte Philip junior richtig empört. „Er ist schließlich der Kapitän und läßt sich von keinem in seine Entscheidung ’reinreden. Das wäre ja noch schöner!“

„Aber sie hätte ihm fast ’ne Backpfeife gegeben.“

„Das glaubst aber auch bloß du.“

„Wollen wir wetten?“

„Mit dir wette ich nicht.“

Hasard junior kicherte hinter der vorgehaltenen Hand. „Weißt du was? Ich glaube, Madam ist eifersüchtig auf die Inselmädchen. Deswegen wollte sie unbedingt mit …“

„He, ihr zwei!“ rief die Rote Korsarin plötzlich zur Back hinauf. „Kommt herunter und schnappt euch zwei Holzkübel. Wir brauchen Seewasser für die Wischer der Geschütze, und außerdem muß sofort Sand auf den Decks ausgestreut werden. Wird’s bald?“

Sie hatte den Zwillingen gegenüber eine fast mütterliche Rolle eingenommen, aber wenn es um die Einhaltung der Borddisziplin ging, dann kannte auch sie keinen Pardon.

„Schnell“, zischte Hasard junior daher seinem Bruder zu. „Sonst kriegen wir am Ende noch die Backpfeifen.“

Die Jolle hatte sich von der Bordwand der „Isabella“ gelöst. Hasard saß auf der achteren Ducht und hielt als Bootsführer die Ruderpinne, während seine fünf Männer im Gleichtakt pullten. Die Jolle glitt aus dem Windschatten heraus, der Seewolf drückte die Ruderpinne etwas herum, und das Fahrzeug glitt mit Direktkurs auf das von der Riesenwelle zerstörte Pfahlbautendorf zu.

Hinter seinem Rücken konnte Hasard noch vernehmen, wie die 17-pfünder der „Isabella“ mit beeindruckendem Gerumpel ausgerannt wurden. Binnen weniger Minuten würde das Schiff gefechtsklar sein, jeder Handgriff saß. Auch die Drehbassen auf dem Vor- und Achterdeck würden geladen und gerichtet werden. Und Al Conroy würde natürlich einen Satz Flaschenbomben bereitlegen, für alle Fälle. Die Galeone lag jetzt nur noch etwa eine Kabellänge vom Sandstrand der Insel entfernt und wiegte sich in den rhythmisch schwingenden Wogen. Dies war keine zu große Entfernung, um ein paar gezielte Schüsse anzubringen. Rükkendeckung für die sechs Männer der Jolle – genau darauf richtete sich Ben Brighton in diesem Moment ein.

Die Wellen unter dem Beiboot hoben und senkten sich stärker, Hasard und seine fünf Kameraden gerieten jetzt in die heftige Brandung der Insel. Auch bei sonst ruhiger See ging diese Brandung stets steil und rauschend vor der Küste von Hawaii, das wußten sie schon von ihrem ersten Besuch.

Hasard zog die doppelläufige sächsische Reiterpistole aus dem Gurt, spannte die beiden Hähne und legte die Waffe neben sich auf die Ducht.

Das Boot erklomm einen Wellenkamm, wurde von der Strömung mitgenommen, neigte den Bug etwas nach unten, streckte das Heck dem Himmel entgegen und ritt auf der Woge. Hasard spähte zum Ufer und versuchte wieder etwas von dem Mädchen zu entdecken, hatte dabei aber keinen Erfolg. Wo immer sie jetzt auch stecken mochte, sie hatte sich seinem Sichtfeld entzogen.

Und die drei Kerle? Hatten sie sie gestellt? Er wagte nicht, daran zu denken.

Irgendwie war Hasard das braunhäutige Mädchen bekannt erschienen, und diese Empfindung verstärkte seine dumpfen Ahnungen noch.

Die Insel Hawaii von Piraten besetzt – und was hatten diese Kerle mit den rechtmäßigen Bewohnern gemacht? Hatten sie sie bis auf wenige Leute umgebracht? Hatte es ein Gemetzel gegeben? Wie hatten sich die Polynesier denn wohl verteidigen sollen? Sie waren friedfertig und kannten kaum Waffen, und auch das damalige Ereignis mit de Galantes und die Eroberung der Manila-Galeone „Santa Ana“ konnten daran kaum etwas geändert haben. Sicher, Zegú, Federmann und alle die anderen hätten die Möglichkeit gehabt, die Waffen der „Santa Ana“ zu bergen und an Land zu schaffen, aber so, wie Hasard sie kannte, hatten sie dies nicht getan. Eher hatten sie wohl die „Nao de China“ samt ihren Geschützen und Musketen, Degen, Säbeln, Entermessern und Pistolen auf den Grund der See geschickt.

Je intensiver Hasard darüber nachdachte, was der Inselbevölkerung zugestoßen sein konnte, desto mehr krampfte es ihm das Herz zusammen. Dieses beklemmende Gefühl wollte nicht mehr weichen.

„Sir!“ rief Carberry gegen das Donnern der Brandung an. „Glaubst du wirklich, daß wir aus einem Hinterhalt überfallen werden?“

„Was ich glaube, spielt keine große Rolle“, rief Hasard nicht weniger laut zurück. „Wir müssen mit allem rechnen, vor allem damit, daß wir seit unserem Aufkreuzen beobachtet worden sind.“

„Ja, aber …“

„Ed!“ brüllte Shane seinem Nebenmann Carberry direkt ins Ohr. „Du weißt doch, was für nette Überraschungen wir auf Inseln schon erlebt haben. Was fragst du da noch groß?“

„Ich will nur wissen, wie wir uns verhalten sollen!“ schrie der Profos dem ehemaligen Schmied und Waffenmeister von Arwenack Castle mitten ins Gesicht.

Shane wischte sich mit dem Handrücken durchs Gesicht und zerdrückte einen Fluch auf den Lippen. War das nun der Gischt der Brandung oder Carberrys feuchte Aussprache gewesen, die ihm entgegengesprüht war?

„Wenn man uns angreift, dann feuern wir zurück!“ rief der Seewolf. „Und zwar schießen wir nicht nur zur Warnung in die Luft, verstanden? Wir haben es mindestens mit einem ebenbürtigen, wahrscheinlich aber mit einem haushoch überlegenen Gegner zu tun, der gnadenlos seinen Vorteil ausnutzt. Wir werden uns nicht wie die Hasen abknallen lassen.“

Er sprach nicht weiter, denn eine neue Woge bemächtigte sich der Jolle, hob sie hoch, brachte sie fast zum Kentern und trug sie in pfeilschneller Fahrt dem hellgelben Sandstrand entgegen. Die Männer setzten mit dem Pullen aus, hielten sich fest und achteten darauf, daß ihre Waffen nicht naß wurden.

Das Boot wackelte bedrohlich. Carberry und Ferris Tucker fluchten fast gleichzeitig. Ein Ruck lief durch die Jolle, dann saß sie auf dem Strand fest, und ein rauschender Gischtregen ging auf den Duchten und dem Dollbord nieder.

Hasard war als erster mit einem Satz aus dem Boot, lief durch schäumendes Flachwasser an Land und sicherte mit der Doppelläufigen zum Dorf hinüber. Sie waren keine zwanzig Schritte von dem am weitesten südlich gelegenen Pfahlbau entfernt gelandet.

Als er glaubte, daß zwischen den Hütten kein Gegner auf sie lauerte, winkte er seinen Männern zu. Sie hatten die Jolle ebenfalls verlassen, packten jetzt an und schoben sie weiter auf den Strand, so daß sie von der Brandung nicht fortgespült und abgetrieben werden konnte.

Carberry, Ferris, Shane, Dan und Batuti hatten sich mit Tromblons und Pistolen bewaffnet. Shane und der Gambia-Mann trugen zusätzlich Pfeil und Bogen bei sich, und der Schiffszimmermann hatte zwei Flaschenbomben aus dem umfangreichen Arsenal der „Isabella“ in die Taschen seiner Hosen gestopft. Der Seewolf hingegen hatte nur seine Reiterpistole und einen schweren Cutlass mit vergoldetem Handkorb mitgenommen.

Wieder gab der Seewolf seinen Männern einen Wink, dann rückte er an der Spitze des kleinen Trupps auf die Palmen und das Uferdickicht zu. Gut dreißig, vierzig Yards Sandstrand waren zu überqueren, ehe sie unter den fächerartigen Wipfeln der Palmen in das Gebüsch tauchen konnten. Auf dieser Strekke, die es nun zu überbrücken galt, befanden sie sich für eventuell im Gebüsch verborgene Heckenschützen wie auf einem Präsentierteller.

Dan O’Flynn drehte sich kurz zur „Isabella“ hin um. Ben hatte sie näher an den Strand herandümpeln lassen, indem er nur die Fock und die Blinde hatte setzen lassen. Er war dem Strand somit nahe genug, um auch „einer Mücke ein Auge ausschießen zu können“, wie Al Conroy zu sagen pflegte, aber jede Schützenhilfe der Kameraden auf dem Schiff erfolgte zu spät, wenn plötzlich vom Dickicht aus das Feuer auf die Landgänger eröffnet wurde.

Hasard strebte voran. Er begann leicht zu schwitzen. Dies war der gefährlichste Moment in dem Unternehmen, auf das er sich eingelassen hatte. Sie riskierten alle sechs, dabei draufzugehen.

Wo war das Mädchen? Er konnte sie nicht mehr schreien hören. Auch das Fluchen und Brüllen der drei Verfolger, die er nur allzu deutlich durch sein Spektiv beobachtet hatte, war verstummt und geschossen wurde nicht mehr. Was hatte das zu bedeuten? Hatten sie das Mädchen gefangen? Fielen sie in diesem Augenblick wie die Wölfe über sie her?

Er zwang sich, nicht daran zu denken.

Konzentriert richtete er seinen Blick auf das Dickicht, das jetzt näher und näher rückte.

Plötzlich sah er zwischen den Blättern etwas blinken, etwas Mattes, Metallenes.

„Hinlegen“, stieß er heiser aus, „’runter mit euch!“ Dann ließ er sich selbst fallen und streckte die Rechte mit der Doppelläufigen vor.

Im Gebüsch blitzte es grellgelb auf, dann war das Krachen zu vernehmen, das so typisch für eine Schußwaffe war, und die Kugel raste heran.

3.

Louis hatte seine Schnapphahnschloß-Pistole vom Boden aufgelesen und war Alewa nachgestürmt. Er hatte keine Zeit, die Waffe nachzuladen, wollte sie sich aber zumindest in den Gurt stecken, um sie später nicht auf dem Batatenfeld suchen zu müssen.

Vom Rand der Terrasse aus konnte er gerade noch sehen, wie das Mädchen sich gut fünf, sechs Yards unter ihm aufraffte und die Flucht fortsetzte.

Drecksstück, verdammtes, dachte er, ich hatte gehofft, es würde dir das Genick brechen. Aber so ist es besser – ich kann dich lebend fassen und noch aus dir herausprügeln, wo die anderen stecken.

Er setzte sich auf den Abhang, gab sich einen Ruck und schlitterte auf dem Hosenboden nach unten.

„Louis, warte auf uns“, hörte er über sich noch Marcels keuchende Stimme.

„Mann, was ist denn bloß los mit dir, wieso hast du sie wieder losgelassen?“ rief Richard.

Louis kümmerte sich nicht weiter um sie. Er war viel zu wütend darüber, daß das Mädchen ihm entschlüpft war, wollte jetzt nicht mit seinen Kumpanen darüber debattieren und hatte überdies auch die Befürchtung, die Polynesierin würde sie nun endgültig überlisten und spurlos im Dickicht verschwinden.

Dieses Dickicht zog sich zwischen dem Fuß der Hügel und dem Pfahldorf wie ein breiter grüner Teppich dahin, stieg dann links und rechts der künstlich angelegten Terrassen auf und säumte die Felder. Wie eine einzige Moosfläche schmiegte es sich an die Hänge und ging später in dichten tropischen Regenwald über, der erst an der Vegetationsgrenze der Berge endete.

Louis langte auf der Terrasse an und lief geduckt auf seinen nackten Fußsohlen über die gehackte und bepflanzte Fläche. Er befand sich jetzt auf dem untersten Plateau, und dieses brach mit einem Hang ab, der nur etwa halb so hoch wie die anderen war. Alewa sprang soeben auf diesen Hang hinunter und entzog sich Louis’ Blick. Er fluchte und beschleunigte seine Schritte. Unten am Hang begann das Dickicht. Wer würde das Mädchen dort noch wiederfinden?

Im Voranstürmen warf Louis noch einmal einen Blick auf die Dreimast-Galeone, die inzwischen in die Bucht eingelaufen war. Natürlich hatten Richard, Marcel und er das Schiff von den Hügeln aus sehr gut beobachten können, seit es die im Süden liegende Landzunge umrundet hatte, und sie hatten sich auch die Frage gestellt, was das wohl für ein Schiff sei, welcher Herkunft die Besatzung war und welche Absichten der Kapitän haben mochte. Dann aber hatte Louis die leise Stimme des Mädchens aus dem Gebüsch vernommen. Alewa hatte sich durch ihre Unachtsamkeit selbst verraten, und die weitere Zeit war durch die Jagd der drei Piraten auf das Mädchen ausgefüllt gewesen.

Louis konnte gerade noch die Masten der Dreimast-Galeone über den Palmenwipfeln sehen, alles andere wurde durch die Baumstämme und das Gebüsch verdeckt. Louis war jetzt sicher, daß die Mannschaft des Schiffes hier, am Ufer der Bucht, landen wollte, vielleicht, um nach den Bewohnern des vernichteten Dorfes zu forschen. Er verfluchte die fremde Crew und die Neugierde ihres Kapitäns, rechnete aber damit, daß die zwei Männer, die er als Bewacher des Dorfes im Ufergestrüpp zurückgelassen hatte, den Unbekannten einen gebührenden Empfang bereiten würden.

Louis erreichte den Terrassenrand und blickte in das Dickicht hinunter, konnte von Alewa aber nichts mehr entdecken. Sie schien sich in Luft aufgelöst zu haben.

Er stieß ein paar lästerliche Verwünschungen aus. Das, was er hatte vermeiden wollen, war eingetreten.

Doch plötzlich knallte unten, im Gesträuch am Strand, der Schuß eines seiner Kumpane. Ein paar Rufe waren zu vernehmen, von wem sie ausgestoßen worden waren, ließ sich nicht feststellen. Louis grinste plötzlich, denn erstens war er sicher, daß seine Spießgesellen dort unten für eine „gelungene Überraschung“ gesorgt hatten, und zweitens hatte er in diesem Moment im Dickicht eine Regung bemerkt.

Das Mädchen! Jetzt wußte er, wo sie steckte.

Alewa hatte sich in das dichte Gebüsch gekauert – in der Hoffnung, Louis, Marcel und Richard würden zwar noch eine Weile nach ihr suchen, es dann aber aufgeben.

Beim Krachen des Schusses zuckte sie jedoch zusammen und vollführte einen Satz nach vorn. Sie nahm in ihrer Panik an, Louis hätte die Pistole inzwischen nachgeladen und damit aufs Geratewohl in das Dickicht gefeuert. Aus Angst, getroffen zu werden, wechselte sie ihren Standort. Damit brachte sie Blätter und Zweige zum Rascheln und verriet sich zum zweitenmal an diesem Vormittag.

Siedend heiß sirrte es über Hasards Kopf weg. Die Kugel war für ihn bestimmt gewesen, und hätte er nicht den Waffenlauf im Gebüsch schimmern sehen, wäre er zweifellos getroffen worden.

Hinter sich hörte er den Profos, Ferris, Shane, Batuti und Dan gleichzeitig losfluchen. Sie hatten sich auch geistesgegenwärtig fallen lassen und hantierten mit ihren Waffen.

Hasard zielte so ruhig wie möglich auf die Stelle, an der er die gegnerische Waffe hatte aufblitzen sehen, und drückte ab. Der rechte Lauf seiner Reiterpistole ging los, die Waffe ruckte in seiner Faust. Im Krachen des Schusses hörte er den Aufschrei eines Mannes. Beide Geräusche verloren sich im Donnern der Brandung, die gegen die Insel anrollte, aber dann knallte es wieder im Dickicht, und zwar nur einen, höchstens aber anderthalb Yards links vom Standort des ersten Schützen entfernt.

Die Kugel stob vor dem Seewolf in den makellos reinen Sand des Strandes und riß eine kleine Fontäne hoch. Hasard feuerte den linken Pistolenlauf ab, aber ein Schrei blieb diesmal aus. Der zweite Schütze hatte wohl aus der schlechten Erfahrung seines Kumpans gelernt.

Zum drittenmal leckte ein Feuerblitz aus dem Dickicht hervor.

Pistole, dachte Hasard, als er das Blaffen der Waffe hörte. Erst haben sie ihre Musketen leer geschossen, jetzt bedient der zweite sich seiner Handfeuerwaffe. Der erste kann wohl nicht mehr schießen, aber sein Mitstreiter wird ihm die geladene Pistole abnehmen.

„Gebt mir Feuerschutz!“ rief Hasard seinen Männern zu.

Und schon war er auf den Beinen, wich nach rechts aus und hetzte mit leicht vorgebeugtem Oberkörper über den Strand. Schräg hinter ihm krachten die Tromblons los. Ein wahrer Bleihagel prasselte in das Gebüsch, doch ob der Gegner getroffen war, ließ sich nicht feststellen. Hasard rechnete damit, daß Carberry, Ferris Tucker, Shane, Dan O’Flynn und der Gambia-Mann zu hoch gehalten hatten, daß der Feind flach auf dem Boden lag und zu seinem verletzten oder toten Gefährten hinüberrobbte.

Hasard erreichte das Dickicht und sprang hinein. Er fragte sich nicht, ob der Kerl ihn wohl beobachtet hatte. Er arbeitete sich voran, zog seinen Cutlass, weil zum Nachladen der Doppelläufigen keine Zeit blieb, und war darauf gefaßt, den Gegner jeden Moment vor sich aus dem dunkelgrünen Vorhang hervorbrechen zu sehen.

Schwer wog der Cutlass in seiner rechten Hand.

Am Strand belferten jetzt die Pistolen los. Die fünf von der „Isabella“ taten ihr Bestes, um ihrem Kapitän Schutz zu geben, aber mehr würden sie nicht unternehmen, um ihn jetzt, da er im Gestrüpp verschwunden war, nicht zu gefährden. Batuti und Shane verzichteten darauf, auch Pfeil und Bogen einzusetzen. Ferris Tucker sparte sich die Flaschenbomben für später auf, falls er sie dann überhaupt noch brauchte. Sicher, er hätte vorher auch einfach eine Höllenflasche anzünden und ins Gebüsch schleudern können, dadurch hätten sie schnell mit dem Gegner aufgeräumt und sich jeden weiteren Kampf erspart. Aber dazu brauchte er Hasards Befehl.

Und diesen Befehl wollte der Seewolf nicht geben. Bevor er aufs Ganze ging und alle Register zog, wollte er wissen, mit wem er es zu tun hatte, und die Situation klar erkennen.

Carberry und die vier anderen stellten das Feuer ein. Sie robbten jetzt sicherlich über den Strand auf das Dickicht zu. Und der unverletzte Pirat – Hasard nahm zumindest an, daß er nicht getroffen worden war – trachtete in diesem Augenblick, die Pistole des Kumpans an sich zu bringen.

Ein langgezogenes Stöhnen aus dem Buschwerk wies Hasard den Weg, den er zu nehmen hatte. Fast konnte man hier im Dickicht die Orientierung verlieren, das dichte, verfilzt wirkende Niedriggehölz, das Hasard bis zum Kopf reichte, war ein einziges Labyrinth.

Hasard hörte dicht vor sich ein feines, metallisches Geräusch. Er ging noch einen Schritt weiter, sah plötzlich Stoff zwischen den Zweigen und Blättern, hatte den Mann vor sich und stürzte sich auf ihn.

Beim Knacken und Rascheln des Strauchwerks blickte der zweite Pirat von der reglos und verkrümmt daliegenden Gestalt seines Kumpans auf. Ja, er hatte die Pistole schon in der Hand und auch den Hahn gespannt.

„Merde!“ zischte er und wollte auf den Seewolf, der mit erhobenem Cutlass auf ihn zusprang, abdrücken.

Hasard hätte den Cutlass auf den ungeschützten Schädel des Kerls niedersausen lassen können, aber es widerstrebte ihm. Lieber stoppte er ab, riß ein Bein hoch und knallte die Stiefelspitze unter den Waffenarm des Mannes.

Mit einem Wutschrei quittierte der Pirat, ein wuchtiger, muskulöser Mann mit nacktem Oberkörper und bärtigem Haupt, diesen Ausfall. Er wollte noch abdrücken, aber die schmerzende Hand versagte ihm den Dienst. Sein Arm flog hoch, seine Finger lösten sich von dem Pistolenkolben, und die Waffe wirbelte in hohem Bogen durch die Luft – aus dem Dickicht heraus und gegen den Stamm einer mächtigen Palme. Beim Aufprall lockerte sich der Hahn, er knallte auf die Pfanne des Steinschlosses, und der funkensprühende Flint löste den Schuß aus.

Beim Aufkrachen der Pistole zogen Carberry und die vier anderen, die dem Dickicht jetzt sehr nah waren, unwillkürlich die Köpfe ein.

Die Kugel traf aber keinen von ihnen. Sie pfiff wirkungslos in den blauen Himmel. Die Pistole fiel ins Gebüsch zurück.

Der bärtige Pirat wollte sein Messer zücken, die letzte Waffe, die ihm im Kampf gegen den Seewolf noch zur Verfügung stand. Hasard kam ihm jedoch zuvor. Er rammte ihm die freie linke Faust gegen die Brust. Der Pirat stolperte rückwärts und ruderte mit den Armen, torkelte aus dem Dickicht heraus und genau auf Carberry, Ferris Tucker, Shane, Dan und Batuti zu.

Der Profos war dem Piraten am nächsten. Er hatte sich vom Strand erhoben, ließ das leergefeuerte Tromblon, das er vorsichtshalber doch lieber mitgenommen hatte, fallen und marschierte mit ausgebreiteten Armen auf den taumelnden Freibeuter zu.

Es wirkte grotesk, und Dan O’Flynn konnte sich mal wieder ein Grinsen nicht verkneifen.

„Ho“, sagte Carberry. „Was ist denn dir passiert, du plattnäsiges Rübenschwein? Am frühen Morgen schon zuviel gesoffen, was, wie? Komm, Junge, komm zum guten alten Carberry, der wird dich schon verarzten.“

Der Pirat fuhr zu ihm herum. Plötzlich hatte er das Messer doch in der Hand.

Carberrys Blick fiel auf die blinkende Waffe. Seine Miene verdüsterte sich. „Wie? Auch noch frech werden, Bursche? Das haben wir gern. Gib das Ding her. Na los, rück es ’raus.“

Der bärtige Kerl stieß etwas aus, das wie „Vaffankühl“ oder ähnlich klang. Der Profos, der ohnehin kein besonderes Gefühl für Sprachen hatte, verstand kein Wort. Er ließ lieber die Taten für sich sprechen, packte unerwartet schnell den Arm des Kerls und drehte ihn so um, daß dieser einen spitzen Laut vernehmen ließ und in die Knie ging. Das Messer fiel in den Sand. Carberry wuchtete dem Gegner die Faust unters Kinn. Der Kerl brach zusammen, streckte alle viere von sich und rührte sich nicht mehr.

„So“, sagte der Profos zufrieden. „Mit hinterhältigen Säcken verfahren wir so und nicht anders, merk dir das.“

Ferris Tucker und Dan O’Flynn waren ins Dickicht getreten. Shane und der Gambia-Mann waren neben Carberry geeilt, und Big Old Shane legte dem Narbenmann die Hand auf die Schulter. „Ed, er kann dich im Moment ja doch nicht hören. Und außerdem spricht er eine andere Sprache als wir. Englisch versteht er bestimmt nicht.“

„So“, brummte der Profos. „Was ist er denn? Ein Holländer? Ein Portugiese?“

„Ich glaube, ein Franzose.“

„Hol’s der Henker. Und was hat er zu mir gesagt?“

„Dan!“ rief Shane. „Hast du verstanden, was der Kerl hier unserem Profos an den Kopf geschmissen hat?“

„Ja“, tönte Dans Stimme aus dem Dickicht zurück. „Er könne ihn mal kreuzweise, hat er gesagt.“

Carberry senkte das Haupt, beäugte den Bewußtlosen wütend und sagte: „Darüber unterhalten wir uns noch ausführlich, wenn du wieder bei dir bist, Freundchen. Dan O’Flynn, der ja ein paar Brocken Französisch kann, wird dann den Dolmetscher spielen. Nicht wahr, Dan, das wirst du doch, was?“

„Ich kann meinem Freund Carberry doch so eine Bitte nicht abschlagen“, erwiderte Dan O’Flynn, aber der Profos überhörte glatt den spöttischen Unterton, den seine Stimme dabei hatte.

„Sir!“ rief Batuti ins Dickicht. „Was ist mit anderes Mann, Sir?“

„Den hat es voll erwischt“, gab der Seewolf zurück. „Der wird nie wieder auf jemanden schießen können. Die Kugel hat seine Brust getroffen. Batuti!“

„Sir?“

„Du fesselst den Ohnmächtigen und paßt auf ihn auf. Wir anderen setzen jetzt unseren Weg fort und suchen das Mädchen. Hoffentlich kommen wir nicht schon zu spät.“

Wie eine Bestätigung seiner schlimmsten Befürchtungen drang in diesem Moment wieder ein heller, in höchster Angst ausgestoßener Schrei an ihre Ohren – der Schrei eines Mädchens.

Louis war den schätzungsweise zwei Yards hohen Hang hinabgesprungen, war im Dickicht gelandet und hetzte hinter der aufspringenden Alewa her, als am Strand in rascher Folge die Schüsse krachten. Er schlug die Zweige und Blätter mit den Händen auseinander und paßte auf, daß er sich nirgends mit den Füßen verfing oder über eine Wurzel stolperte. Er war ihr dicht auf den Fersen und konnte sie zwischen den wippenden Zweigen laufen sehen.

Dann strauchelte sie plötzlich. Louis holte auf, der Vorsprung, den Alewa eben noch gehabt hatte, schrumpfte auf ein Nichts zusammen. Ehe sie ihren drohenden Sturz abfangen und sich wieder aufrichten konnte, war der Pirat über ihr, warf sie zu Boden, kniete sich auf sie und hielt ihre Arme fest, so daß sie ihn diesmal nicht kratzen konnte. Alewa lag dieses Mal außerdem auf dem Bauch und hatte von vornherein keine Chance mehr, sich aus Louis’ Gewalt zu befreien.

Er versetzte ihr einen Schlag und beschimpfte sie. Die Tränen standen ihr in den Augen, aber es waren Tränen der Wut. Die Verzweiflung hatte ihr mehr Mut verliehen, Zorn und Haß hatten über die Angst gesiegt. Wenn sie nur eine winzige Möglichkeit hatte, ihn abzuschütteln, dann nahm sie sie auch wahr.

Louis spürte ihren geschmeidigen, warmen Körper unter sich, und plötzlich fühlte er unbändiges Verlangen in sich aufsteigen. Er schob seine linke Hand auf ihre Hüfte und begann, an ihrem dunkelroten Rock herumzunesteln. Sein Atem ging schnell und stoßweise.

„Louis!“ Das war Marcel. Er mußte jetzt ebenfalls im Dickicht sein.

„Louis, wo steckst du?“ rief nun auch Richard.

Louis antwortete ihnen nicht. Er wollte mit dem Mädchen allein sein und seinem übermächtigen Trieb freien Lauf lassen.

Aber dann bremste ihn doch etwas. Am Strand wurde jetzt nicht mehr geschossen, aber der Schrei eines Mannes tönte herüber. Louis erkannte seine Stimme wieder. Das war einer der Kumpane, die dort das Dorf und den Strand hatten bewachen sollen.

Der Schrei verstummte. Andere Stimmen riefen sich etwas zu, mehrere Männer unterhielten sich auf englisch. Louis wußte jetzt, daß der kurze, heftige Kampf nicht zugunsten seiner Kumpane ausgefallen war.

Alewa schrie plötzlich gellend auf. Louis schlug sie noch einmal und zischte: „Sei still! Wirst du wohl ruhig sein! Du holst uns die Hundesöhne noch auf den Hals.“

„Louis“, sagte Marcel dicht hinter seinem Rücken. „Teufel, hast du das gehört? Das sind englische Bastarde, wenn mich nicht alles täuscht. Hölle, sie scheinen Jean und Luc überrumpelt zu haben.“

„Ja.“

„Louis, warum hast du dich denn nicht gemeldet?“ rief Richard, der jetzt – von dem Schrei des Mädchens angelockt – ebenfalls auftauchte. „Parbleu, in was für einen Schlamassel sind wir da bloß geraten?“

„Ich hole die anderen“, sagte Marcel. „Die haben die Schüsse ohnehin gehört und sind hierher unterwegs, um nach dem Rechten zu sehen. Wir brauchen Verstärkung, Louis, um mit der Drecksmannschaft dieses elenden Schiffes fertig zu werden.“

„Gut“, meinte Louis. „Richard und ich, wir verstecken uns solange mit dem Luder hier im Dickicht. Wir müssen bloß den Standort wechseln, sonst haben wir sie gleich alle auf dem Pelz. Richard, stopf diesem Hurenstück das Maul, damit sie nicht wieder losschreien kann.“

„In Ordnung“, sagte Richard, während Marcel sich bereits zurückzog. Er riß einfach einen Fetzen Stoff von seinem Hemd los, knüllte es zusammen und steckte es Alewa zwischen die Zähne, als der Kumpan sie hochzerrte und vor ihm festhielt.

„Komm“, flüsterte Louis seinem Begleiter zu. „Wir verstecken uns und belauern diese dreckigen Hurensöhne. Wenn Marcel mit den anderen zurückkehrt, gibt es einen Feuerzauber, der sich sehen lassen kann, das schwöre ich dir.“

Er zerrte Alewa durch das Dickicht mit sich fort. Richard folgte den beiden.

4.

Der Seewolf hastete seinen Männern voran und trieb mit dem Cutlass einen Weg in das Dickicht. Er strebte auf die Hügel zu, orientierte sich an dem Schrei, den das Mädchen zuletzt ausgestoßen hatte, rechnete aber auch damit, daß er sie an jenem Platz nicht mehr antreffen würde. Wenn die Piraten sie noch nicht gefaßt hatten, würde sie bestimmt weiterhin in panischer Flucht durch das Gebüsch irren.

Und wenn die Kerle sie schon gepackt hatten? Was war dann?

Hasard drosch mit dem Cutlass auf das Gestrüpp ein und fühlte sich von dem wütenden, unerbittlichen Drang beseelt, die Freibeuter zu stellen und vor die Klinge zu holen.

Französische Piraten also – welcher Teufel hatte sie geritten, auf Hawaii zu landen und das Paradies zu zerstören? Hier gab es an Schätzen nichts zu holen, nichts zu heben, hier gab es eigentlich nichts, weswegen man längere Zeit verweilen konnte, es sei denn, man war ein Schöngeist wie Thomas Federmann, der sich mit seinem Leben dieser exotischen Welt verschrieben hatte.

Die Frauen und Mädchen! War es das? Waren die Kerle nur hierhergekommen, um sich austoben zu können und sich die Polynesierinnen eine nach der anderen vorzunehmen? Nein, das war zu ungeheuerlich. Hasard wagte nicht, den Gedanken weiterzuführen.

Er war jetzt ungefähr an dem Punkt angelangt, an dem er den Schrei des Mädchens gehört hatte. Er blieb stehen und senkte den Cutlass. Hinter ihm rückten Carberry, Shane, Ferris und Dan auf.

Batuti war Hasards Anordnung gemäß bei dem toten und dem bewußtlosen Piraten geblieben.

Hasard drehte sich zu seinen vier Männern um und raunte ihnen zu: „Es hat keinen Zweck, daß wir so weitersuchen. Wir schwärmen jetzt aus und sehen zu, daß wir uns so leise wie möglich bewegen. Ich habe mit dem Cutlass schon zuviel Lärm gemacht.“

„Ist gut“, flüsterte Dan O’Flynn. „Das heißt also, wir pirschen wie die Indianer weiter?“

„Ja.“

„Besteht nicht die Gefahr, daß wir uns aus den Augen verlieren und dann gegenseitig über uns herfallen?“ wisperte der Profos. Es fiel ihm sichtlich schwer, so leise zu sprechen.

„Ed“, raunte der Seewolf so eindringlich wie möglich. „Es bleibt unserem Können überlassen, daß das nicht geschieht. Verstehst du mich? Ehe wir handeln, müssen wir uns genau vergewissern, daß wir auch wirklich den Gegner vor uns haben.“

Alle vier nickten, sogar Dan verkniff sich diesmal eine Bemerkung, die er an den Profos richten wollte.

Sie trennten sich und strebten nach links und nach rechts, also nach Norden und Süden auseinander.

Hasard schob sich mit größter Vorsicht voran und bog die Zweige so zur Seite, daß sie kaum raschelten. Auch von seinen Männern vermochte er jetzt nichts mehr zu hören. Stille hatte sich über das Dickicht gesenkt. Sie wurde nur durch das Rauschen der Brandung und das Kreischen einiger Seevögel gestört.

Ben Brighton und die anderen an Bord der „Isabella“ verhielten sich abwartend. Ben hätte ohnehin nur auf einen Befehl seines Kapitäns hin etwas unternommen. Außerdem hatte der Seewolf dem Gambia-Mann die Order gegeben, zum Schiff hinüberzusignalisieren und Siri-Tong und den Männern bekanntzugeben, daß das Landunternehmen bislang ohne Verluste abgelaufen sei und der kleine Trupp jetzt weiter nach dem Mädchen forsche. Die wichtigste Phase des Kampfes am Strand hatten die auf der „Isabella“ Zurückgebliebenen ja sowieso durch ihre Kieker verfolgen können. Für den Rest würde Batuti sich einiger gut verständlicher Zeichen bedienen, die sie alle kannten.

Hasard verharrte.

Schräg rechts vor sich hatte er ein feines Geräusch gehört. Eine Art Knacken war es gewesen – oder ein Knistern? Egal, dachte er. Behutsam glitt er weiter, Zoll um Zoll, Fuß um Fuß, und glaubte jetzt jemanden atmen zu hören. Er war sicher, auf dem richtigen Pfad zu dem Polynesiermädchen zu sein und nicht etwa ein Tier des Dschungels vor sich zu haben. Unbeirrt pirschte er weiter vor.

Das Anschleichen konnte auch ein Seemann, ein Korsar Ihrer Majestät, Elizabeth I. von England, durchaus fachgerecht lernen. Waren sie, die Seewölfe, nicht lange genug in der Neuen Welt und im Fernen Osten gewesen, hatten sie nicht engen Kontakt mit der Urbevölkerung gehabt? Vieles hatten sie von diesen Menschen abgeschaut, viele Fertigkeiten und Techniken, die in der Alten Welt bei weitem nicht so entwickelt waren. Gerade die Urwaldstämme – und das traf für alle Kontinente zu – waren Meister im lautlosen Anpirschen.

Hasard bewegte sich jetzt so geschickt durch das Dickicht, daß er weder einen Laut verursachte noch die Blätter und Zweige der Sträucher mehr als eben nötig berührte. Er hatte sich auf alle viere niedergelassen, hielt den Cutlass in der Rechten, achtete aber darauf, daß er mit der Klinge nirgends anstieß.

Dann vernahm er wieder einen Atemzug, dicht vor sich.

Kurz darauf flüsterte jemand etwas auf französisch.

Hasard fühlte seine innere Anspannung bis ins Unerträgliche wachsen. Sollte er jetzt aufspringen und sich auf die Kerle stürzen? Nein, das konnte nie und nimmer die richtige Taktik sein, denn wenn sich das Mädchen schon in ihrer Gewalt befand, gefährdete er es nur durch sein unüberlegtes Handeln.

Sie können dich nicht bemerkt haben, dachte er, nutzte das aus.

Immer langsamer arbeitete er sich voran. Er verengte die Augen zu Schlitzen, spähte zwischen den Feuchtigkeit ausdampfenden Blättern voraus, um möglicherweise etwas von dem oder den Feinden zu entdecken – und dann, ganz plötzlich, sah er sie wirklich.

Fast zum Greifen nah kauerten sie im Gebüsch. Zwei Männer – und das Mädchen. Hasard schob sich so behutsam, als könne er etwas zerbrechen, noch um einige Zoll weiter vor und konnte nun ihr Gesicht, ihre angstgeweiteten Augen erkennen.

Alewa, dachte er bestürzt.

Ja, jetzt hatte sich auch diese Ahnung bewahrheitet. Er kannte sie. In den sechs Jahren, die inzwischen vergangen waren, war sie reifer und fraulicher geworden, aber er wußte auf Anhieb, daß sie das eine Mädchen aus dem Quartett von damals war, das de Galantes an Bord des schwarzen Seglers entführt hatte. Gerade die Mädchen hatten dann dazu beigetragen, daß de Galantes doch gescheitert war, denn sie hatten ihm ein Pülverchen verabreicht, das ihn eingeschläfert hatte. Damit hatte das Verhängnis für ihn erst richtig begonnen. Dann hatten auch noch seine Männer gemeutert, und es war ausgewesen. Hasard und Siri-Tong, der Wikinger und alle anderen hatten das schwarze Schiff zurückerobern können.

Wie konnte man jemals die Ereignisse von damals vergessen? Sie waren für immer in Hasards Geist verhaftet, und er vergaß auch nicht die Tapferkeit, mit der die Mädchen seinerzeit vorgegangen waren.

Alewa hatte einen Knebel im Mund stecken, und der eine Kerl, ein untersetzter Mann mit breitem, derbem Gesicht und einer speckigen Mütze auf dem Kopf, hielt sie fest, während der andere immer wieder nach allen Seiten Ausschau hielt.

Dieser zweite Pirat war groß und ausgesprochen kräftig gebaut. Er hatte sich ein buntes Tuch um den Kopf geschlungen. Von seinem linken Ohrläppchen baumelte ein Ring herab, der zweifellos aus Gold war. Sein Hemd hatte er über dem Bauchnabel zusammengeknotet. Seine Hosen reichten ihm nur bis zu den Waden, Schuhe schien er nicht zu besitzen. In seinem scharfgeschnittenen Gesicht fielen die klaren blauen Augen auf, die so kalt wie Eis zu sein schienen.

Hasard überlegte noch, ob er lieber seine Kameraden holen solle, statt allein zu handeln, da wurde ihm die Entscheidung durch die Entwicklung der Dinge abgenommen. Der Blauäugige wandte sich seinem Kumpan zu und raunte ihm etwas ins Ohr, was der Seewolf nicht verstehen konnte. Der andere Pirat nickte. Der Blauäugige erhob sich vorsichtig, schlich gebückt voran und gab somit die Richtung an. Der untersetzte Mann zerrte Alewa mit sich hoch, stieß sie voran und folgte dem anderen, der der Wortführer in dem Duo zu sein schien.

Zweifellos fühlten sie sich an diesem Platz nicht mehr sicher. Sie zogen sich lieber tiefer ins Dickicht zurück. Hasard mußte zugeben, daß der Blauäugige sich damit völlig richtig verhielt – von seiner Warte aus gesehen natürlich. Er schien scharf ausgeprägte Instinkte zu haben, ein Gespür für aufziehende Gefahren. Hasard saß den beiden Kerlen ja nun wirklich dicht auf dem Leib.

Als der Untersetzte Alewa vor sich her trieb und Hasard damit den Rükken zuwandte, zögerte Hasard nicht mehr. Er stand auf, schlich den Piraten nach, nahm den Cutlass in die linke Hand und hob die rechte, um einen brettharten Jagdhieb auf den Nacken des Piraten niedersausen zu lassen.

Er schlug mit voller Wucht zu, aber im selben Augenblick fuhr der Franzose zu ihm herum.

Damit brachte der Pirat sich in eine andere Position. Der Hieb, der ihn eigentlich hätte fällen müssen, traf seinen Rücken, nicht seine Nackenpartie. Hasard konnte den Schlag nicht mehr abstoppen. Jede Reaktion erfolgte zu spät.

Der Pirat stöhnte zwar auf, sackte in die Knie und ließ dabei Alewa los, aber er wurde nicht besinnungslos. Während sein vorn pirschender Kumpan herumwirbelte, griff er nach dem Entermesser in seinem Gurt, riß es heraus und stöhnte dabei: „Louis – Louis, Achtung!“

Hasard bediente sich wieder seines Beines, um den Widersacher kampfunfähig zu machen. Er trat ihm das Entermesser aus der Hand, bückte sich und schlug noch einmal mit der rechten Faust zu. Diesmal traf er besser als vorher. Der Untersetzte brach mit einem erstickten, keuchenden Laut zusammen.

Alewa hatte sich ebenfalls umgedreht und blickte aus ungläubig geweiteten Augen auf den Seewolf. In diesem Moment dachte sie wieder an Pele, die Göttin der Vulkane, und dankte ihr für die Gnade und die Hilfe, die sie ihr zuteil werden ließ – Pele hatte El Lobo del Mar, den Seewolf, direkt zu ihr geschickt.

Hasard wandte sich Louis zu.

Louis hatte sofort erkannt, von welchem Format der Kämpfer war, der da so blitzschnell über sie hergefallen war. Auf einen Zweikampf wollte er sich nicht unbedingt einlassen. Deshalb packte er Alewa, ehe diese zu dem Retter eilen konnte. Er riß sie zu sich heran, preßte sie an seinen Körper und hielt sie als lebenden Schutzschild vor sich fest. Die Schnapphahnschloß-Pistole mit den Perlmuttverzierungen drückte er ihr in die Seite.

„Zurück“, sagte er zu dem Angreifer. „Zurück, oder sie stirbt!“

Hasard kannte sich in der französischen Sprache gut genug aus, um die Worte zu verstehen. Selbst wenn er nicht begriffen hätte, was Louis sagte – die Lage sprach für sich.

Plötzlich stand er wie vom Donner gerührt da.

Er verfluchte sich selbst, weil er nicht doch wenigstens einen seiner Männer zu Hilfe geholt hatte.

„Gut“, zischte Louis. „Und jetzt weg mit der Waffe. Wird’s bald? Englischer Bastard, verstehst du mich nicht?“ In gebrochenem Englisch wiederholte er: „Wirf den Cutlass weg!“

Hasard wollte die Aufforderung schon befolgen, da handelte Alewa. Zu Hasards größtem Entsetzen beugte sie sich vor, rammte dem Piraten beide Ellenbogen in den Bauch und trat ihm zusätzlich noch auf den nackten Fuß. Louis stöhnte auf, ächzte, hielt aber weiterhin ihren Arm umklammert.

Sie riß sich los – und da drückte er auf sie ab. Hasard schloß in seiner Hilflosigkeit die Augen. Alewa befand sich zwischen dem Franzosen und ihm, er mußte erst an ihr vorbei, um sich auf den Kerl zu werfen, aber jede Aktion kam zu spät. Louis feuerte auf Alewas Rücken.

Doch das Krachen der Pistole blieb aus.

Nur das metallische Klicken des Schnapphahnschlosses war zu vernehmen. Hasard riß die Augen wieder auf und glaubte zu träumen. Aber es stimmte: Alewa lebte und taumelte auf ihn zu. Louis’ Pistole war nicht geladen gewesen, und sie mußte das gewußt haben, sonst hätte sie nie so scheinbar wahnwitzig gehandelt.

Louis schleuderte ihr die Pistole gegen den Rücken, stieß einen lästerlichen Fluch in seiner Mutterprache aus und drehte sich um. Er stellte sich nicht dem Kampf – er suchte sein Heil in der Flucht. Hasard wollte ihn stoppen, aber Alewa fiel ihm um den Hals. Die Pistole konnte ihr keinen großen Schmerz zufügen, und wenn sie es doch tat, dann kümmerte sie sich nicht darum und vergaß alles andere um sich herum unter dem Eindruck des grenzenlosen Glücksgefühls, das sie in diesem Moment durchflutete.

Sie hatte sich den Knebel aus dem Mund genommen und brachte ihre weichen Lippen dem Mund des Seewolfs näher.

„Mädchen“, sagte er auf spanisch. Spanisch beherrschte sie ziemlich gut, das hatte er von damals noch in Erinnerung. Thomas Federmann hatte vielen auf der Insel Hawaii diese Sprache beigebracht. „Mädchen“, sagte der Seewolf noch einmal. „Laß mich los. Ich muß diesem gemeinen Hund nach.“

„Bleib bei mir“, flüsterte sie.

„Alewa …“

„Pele hat dich geschickt. Ich lasse dich nie wieder fort. Du hast mir das Leben gerettet, Lobo del Mar.“

Louis war im Dickicht verschwunden. Hasard wollte sich sanft von Alewa befreien, aber ihre Lippen preßten sich auf seinen Mund, und sie klammerte sich an ihm fest. Er spürte ihren Körper an dem seinen und war mit einemmal wie benommen. Himmel, war dieses Mädchen denn von allen guten Geistern verlassen?

„Sir“, sagte Big Old Shane irgendwo im Dickicht. „Wo steckst du? Was ist los? Hölle und Teufel, so antworte doch! Ed, Dan, Ferris, habt ihr das gehört?“

„Ja“, antwortete Ferris Tucker.

„Mann“, wetterte der Profos. „Dieses verfluchte Scheißdickicht! Ich dreh gleich durch und laufe auf Grund, wenn nicht – he, was wird hier eigentlich gespielt?“

„Ed“, sagte Dan O’Flynn etwas weiter rechts. „Ganz ruhig bleiben. Profos, du wirst uns doch wohl nicht im Stich lassen, oder?“

„Wer spricht denn davon?“

Hasard mußte unwillkürlich lächeln. „Hier bin ich, Männer“, sagte er. „Etwas weiter südlich. Ich habe das Mädchen. Einen Piraten habe ich niederschlagen können, der andere ist getürmt – in Richtung Süden. Versucht, ihn zu fassen.“

„Aye, Sir“, tönte Carberrys Stimme. „Kurs Süden, Männer, und dann auf ihn mit Gebrüll! Aber wo, zur Hölle, ist Süden?“

„Hier!“ rief Dan O’Flynn. „Hierher, Leute!“

„Orientiert euch am Stand der Sonne“, sagte Shane.

„Wie denn, wenn sie gleich im Zenit steht?“ wollte Carberry wissen. Er fluchte, stapfte voran und ging dicht an seinem Kapitän und dem Mädchen vorbei, ohne sie zu sehen. Er malte sich in Gedanken aus, was er alles mit dem flüchtigen Piraten anstellte, wenn er den Kerl packte. Oh, was hatte er doch für eine Riesenwut im Bauch!

Shane und Ferris Tucker marschierten auch an Hasard und Alewa vorbei, trafen sich wenig später mit dem Profos, entdeckten aber von dem Piraten Louis keine Spur mehr. Dieser war im Gestrüpp untergetaucht und suchte mit der Angst im Nacken nach seinen Kumpanen, nach Marcel und den anderen, die bald eintreffen mußten.

Dan O’Flynn stieß genau auf den Seewolf und die befreite Polynesierin. Er blieb dicht vor ihnen stehen, kratzte sich etwas verlegen und leicht belustigt am Kopf und meinte dann: „Also, das ist mal eine gelungene Überraschung. Ich will ab sofort nicht mehr O’Flynn heißen, wenn das nicht die kleine Alewa ist.“

Alewa ließ vom Seewolf ab, blickte Dan an und stieß einen kleinen, entzückten Laut aus. Sie trippelte zu ihm hinüber, stellte sich auf die Zehenspitzen wie bei Hasard, legte Dan die Hände auf die Schultern und drückte dann auch ihm ein paar Küsse auf.

Hasard grinste. „Bei den Menschen von Hawaii ist das eine ganz normale Begrüßung“, sagte er. „Man soll sich nicht mehr dabei denken, als unbedingt erforderlich ist.“

Dan kriegte wieder Luft und rief: „Bei den Mädchen von Hawaii ist alles ganz normal, oder?“

„Dan, wir sollten das lieber ein andermal erörtern, findest du nicht auch?“

Dan nickte, lachte, blickte dem bildhübschen Mädchen in die Augen und fragte sie auf spanisch: „Haben die elenden Hunde dir auch nichts getan, Alewa?“

„Nein“, entgegnete sie. „Aber sie hätten Böses getan, wenn ihr nicht gekommen wäret.“

„Was ist hier passiert?“ wollte der Seewolf wissen.

Sie sah zu ihm hinüber, und ihr Blick wurde traurig. „Schlimmes, aber wir müssen hier weg, Lobo del Mar. Andere Männer können jeden Moment auftauchen. Gefahr, große Gefahr …“

„Alewa“, sagte Hasard. „Waren es nicht drei Kerle, die dich verfolgten?“

„Ja. Einer ist fort, um die anderen zu holen. Er heißt Marcel.“

„Ed, Ferris und Shane!“ rief der Seewolf. „Sofort zu mir!“

„Hier, Sir.“ Carberry war als erster zur Stelle. Er teilte mit seinen mächtigen Händen das Dickicht und trat auf die beiden Männer und das Mädchen zu. Er deutete eine Art Verbeugung zu Alewa hin an und zeigte einen Anflug von Verlegenheit. „Äh, wir haben diesen verlausten Hundesohn nicht mehr packen können“, sagte er.

„Wir lassen ihn laufen“, erwiderte der Seewolf. „Es hat keinen Zweck, nach ihm zu suchen. Jeden Augenblick kann es hier von Piraten wimmeln, und wenn sie uns erst umzingelt haben, haben wir keine Chance mehr, uns freizukämpfen.“

„Du vergißt, daß wir noch die zwei Flaschenbomben haben“, sagte Ferris Tucker. Er erschien neben dem Profos, grinste breit und streckte Alewa seine rechte Hand entgegen. Selbstverständlich hielt er dies für die richtige Art der Begrüßung. Aber Alewa schritt lächelnd auf ihn zu, stellte sich wieder auf die Zehenspitzen und drückte ihm einen Kuß auf die Wange. Dasselbe tat sie bei Ed Carberry und gleich darauf auch bei Big Old Shane, der mit Pfeil und Bogen in den Fäusten aus dem Strauchwerk trat.

Carberry rieb sich verdutzt die Wange. Sein Blick glitt über die Gestalt des halbnackten Mädchens. Ein voll ausgereifter Körper war das, mit allen Attributen, die einen normalbeschaffenen Mann binnen weniger Minuten komplett um den Verstand bringen konnten.

„Hasard, Sir“, sagte Carberry. „Das, äh, können wir doch nicht dulden. Ich meine, dein Befehl – der, nun …“

„Laß nur, Ed“, unterbrach der Seewolf sein Gestotter. „Das ist die hierzulande übliche Art, gute alte Freunde zu begrüßen.“

„Im übrigen hat mein Alter gesagt, daß man für die Mädchen von Hawaii auch väterliche Gefühle entwickeln kann“, erklärte Dan O’Flynn mit spitzbübischem Grinsen.

„Ja, der alte Donegal“, murmelte Ferris Tucker. „Der hat es auch faustdick hinter den Ohren, das sage ich euch.“

Shane lachte rauh, auf. „Männer, einen Kuß in Ehren kann niemand verwehren. Ein Schurke ist, wer was Schlechtes dabei denkt.“

Alewa stand neben ihm und legte den Kopf ein wenig schief. „Was sagt er, Lobo del Mar?“ fragte sie auf spanisch.

Hasard erklärte es ihr, und sie lachte silberhell.

Carberry war das Ganze irgendwie peinlich und nicht ganz geheuer, er trat jetzt lieber zu dem Bewußtlosen und tippte dessen reglose Gestalt mit der Stiefelspitze an. „Was machen wir mit dem hier? Den lassen wir doch nicht einfach so liegen, oder?“

„Er heißt Richard“, sagte Alewa.

„Fein“, sagte Dan O’Flynn. „Ich schätze, wir nehmen ihn als Geisel mit, nicht wahr?“

„Allerdings.“ Hasard gab seinem Profos und Shane einen Wink, und die beiden hoben den besinnungslosen Piraten auf, als handle es sich um einen Sack voll Daunen. „Wir tragen ihn zum Strand, nehmen auch den anderen Kerl mit und kehren an Bord der ‚Isabella‘ zurück, um zu beratschlagen“, fuhr der Seewolf fort. „Bevor Alewa uns nicht alles genau geschildert hat, können wir keinen richtigen Plan schmieden, wie wir die anderen Freibeuter am besten von der Insel vertreiben.“

Er griff nach Alewas Hand, zog sie mit sich fort und setzte sich an die Spitze seines kleinen Trupps. Sie kehrten auf den Pfad zurück, den er vorher mit dem Cutlass durch das Dickicht getrieben hatte, und trafen kurz darauf bei Batuti ein, der sie schon ungeduldig erwartete.

Alewa beugte sich interessiert über den bärtigen Seeräuber, der immer noch ohnmächtig dalag und Arme und Beine von sich streckte. Der Gambia-Mann hingegen betrachtete das Mädchen mit sichtlichem Wohlgefallen. Als er aber bemerkte, daß Hasard und der Profos zu ihm herüberblickten, wandte er sich schleunigst ab.

Dan O’Flynn deutete auf den bärtigen Franzosen. „Eine gute Handschrift hast du, Ed, das muß man dir lassen.“

„Danke“, sagte Carberry.

„Der Mann – ich kenne auch seinen Namen“, ließ sich Alewa vernehmen. „Er heißt Luc.“

„Großartig“, kommentierte Big Old Shane. „Dann hätten wir also Richard und Luc, und Louis ist uns entwischt. Im Gebüsch liegt ein Toter, Alewa, aber dessen Namen werden wir wohl nicht mehr erfahren.“

Alewa warf einen Blick in das Dikkicht, fuhr unwillkürlich zusammen, als sie die Leiche des Freibeuters sah, und sagte: „Jean – einer unserer Bewacher aus dem Pfahlhüttendorf. Ein grausamer Kerl.“

„Um ihn ist es nicht schade“, brummte der Profos. „Und um die anderen, die noch wie die Fliegen krepieren, wenn wir erst mal richtig losschlagen, auch nicht.“ Er hatte immer noch eine höllische Wut im Leib.

„Ed, nimm den Mund lieber nicht zu voll“, warnte der Seewolf. „Du weißt ja, man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.“

„Aye, Sir“, sagte Carberry. Er griff mit Widerwillen nach der speckigen Mütze, die Richard soeben vom Kopf zu rutschen drohte, stülpte sie dem Burschen wieder über und setzte sich dann in Bewegung, um den immer noch Bewußtlosen mit Shane zusammen zur Jolle zu schleppen. Der Seewolf, Dan O’Flynn und das Mädchen Alewa hatten sich bereits wieder in Marsch gesetzt. Batuti und Ferris Tucker bückten sich nach Luc, dem Bärtigen, hoben ihn vom Strand auf und trugen ihn ebenfalls auf die rauschende, gischtende Brandung zu.

Die Sonne stand jetzt hoch im Zenit und brannte mit erstaunlicher Macht auf Hawaii nieder. Sie wärmte die Decks der wartenden „Isabella“ und hätte die Seewölfe heiter gestimmt, wenn nicht die Bedrohung durch die französischen Freibeuter gewesen wäre.

5.

Louis hatte sich zuerst in südlicher Richtung bewegt, dann aber einen Bogen geschlagen und pirschte jetzt nach Norden, weil Marcel und die anderen von dorther auftauchen würden. Louis konnte es kaum erwarten, mit ihnen zusammenzutreffen, denn in ihm gärten der Haß und der Wunsch nach blutiger Rache. Mit einem starken Trupp würde er die Engländer verfolgen und aus dem Hinterhalt niederschießen.

Tod, dachte er immer wieder, Tod euch allen, ihr verfluchten Bastarde!

Wer war dieser schwarzhaarige Riese mit den blauen Augen, der wie der Teufel zwischen sie gefahren war und Richard gefällt hatte? Wie hatte dieser Hund sich überhaupt anschleichen können? Wer schickte ihn, wie hieß er, was wollte er?

Fragen über Fragen, auf die Louis keine Antwort wußte. Er sann nicht weiter darüber nach, sondern malte sich nur aus, wie grausam er Rache nehmen würde. Für Alewa, so überlegte er, darf es keinen schnellen Tod geben, sie hat uns diese Dreckskerle auf den Hals geholt, sie muß auf grauenvolle, unendlich langsame Weise sterben.

Louis hatte sein Entermesser gezückt und hielt es für den Fall bereit, daß die Fremden wieder aus dem Dickicht auftauchten und ihm den Weg versperrten. Er würde alles daransetzen, sich den Pfad freizufechten, ganz gleich, wie viele Engländer sich ihm entgegenstellten.

Warum war er vor dem Schwarzhaarigen geflohen? Warum hatte er sich nicht mit ihm duelliert? Louis verging fast vor Wut darüber. Hatte er etwa Angst gehabt? Nein, das konnte nicht sein. Er, Louis, fürchtete weder Tod noch Teufel. Nein – das, was er getan hatte, war ein taktischer Rückzug gewesen, denn er hatte ja richtig vermutet, daß sich die Kameraden des Schwarzhaarigen nicht weit entfernt befanden und binnen kurzer Zeit alle Mann über ihn hergefallen wären.

Louis hatte den Terrassenhügel hinter sich gebracht und bog jetzt ins Inselinnere ab. Bald, so wußte er, würde er auf den Pfad treffen, der in das Hauptdorf im Herzen der Insel führte. Auf diesem Weg mußten ihm die anderen begegnen.

Er war so tief in seine Gedanken verstrickt, daß er die Gestalten vor sich erst im allerletzten Augenblick bemerkte. Mit einem Fluch riß er sein Entermesser hoch.

„Louis!“ rief Marcel entsetzt aus. „Mon Dieu, was ist denn in dich gefahren?“

Die Männer hinter Marcels Rükken verharrten betroffen. Es waren acht wilde, abenteuerlich gekleidete Gestalten, die allesamt bis an die Zähne bewaffnet waren – mit Musketen, Blunderbüchsen und Arkebusen, Pistolen, wuchtigen Entermessern und Piken.

Louis blieb wie gelähmt stehen. Er musterte die Ankömmlinge aus seinen glitzernden blauen Augen, ließ das Entermesser langsam sinken und sagte nach einigen Momenten betretenen Schweigens: „Um ein Haar hätte ich euch nicht erkannt. Ich dachte, ihr wäret gottverfluchte Engländer.“

„Was ist geschehen?“ fragte Marcel. „Wir haben Geräusche aus dem Dikkicht gehört. Wo ist Richard?“

„Niedergeschlagen und gefangengenommen“, erwiderte Louis lakonisch. „Los, nichts wie ’runter zum Strand! Wir können diese Hundesöhne noch einholen – und gnade ihnen Gott, wenn wir sie erwischen! Dann schießt ihr, was die Rohre hergeben, verstanden?“

„Ja“, murmelten die Männer.

Unter Louis’ Führung gelangten sie rasch ins Uferdickicht, kauerten sich in die Büsche und spähten in südwestlicher Richtung über den breiten Strand und die Brandung hinweg zu der dreimastigen Galeone, die sich auf den Wellen der Bucht hob und senkte. In derselben Richtung war auch die Jolle zu sehen. Sie lag praktisch auf einer Linie zwischen der „Isabella“ und den Piraten.

Louis, Marcel und die acht anderen Kerle sahen in aller Deutlichkeit, wie vier Engländer die beiden Gefangenen in die Jolle hoben, während der Schwarzhaarige, ein sechster Mann und das Mädchen bereits zupackten und versuchten, das Boot in die Brandung zu schieben.

Richard und Luc lagen jetzt zwischen den Duchten, und ihre Träger griffen ebenfalls mit ans Dollbord, um die Jolle vom Strand herunterzubekommen.

„Los“, zischte Louis. „Wir stürmen. Wir schießen sie nieder, rennen sie über den Haufen, stechen sie ab. Los!“

Er fuhr als erster hoch, brach aus dem Dickicht hervor, rannte eine flache Böschung hinunter, war dann auf dem breiten weißen Strand und stürmte auf die verhaßten Widersacher zu. Er hatte sich von einem seiner Kumpane eine Blunderbüchse aushändigen lassen. Den Hahn der Waffe spannte er jetzt im Laufen, hob die Büchse und preßte den Kolben gegen die Schulter.

Er zielte auf die Jolle, blieb stehen, hielt den Blunderbuss so ruhig wie möglich und drückte ab. Brüllend entlud sich die Waffe. Gehacktes Blei und Eisenstücke stoben auf die Jolle, das Mädchen und die Männer zu.

Marcel und die anderen waren heran und begannen ebenfalls zu feuern.

Im Nu war der Teufel los.

Hasard hatte die Angreifer als erster bemerkt. „Schnell!“ rief er den Kameraden zu. „Ins Wasser mit dem verdammten Kahn und dann nichts wie an Bord! Sie rücken an, um uns zu erledigen!“

Ein letzter Ruck mit vereinten Kräften beförderte die Jolle vollends ins Wasser. Alewa stieß einen Laut des Entsetzens aus, wurde dann aber von Dan O’Flynn in das Boot gehievt. Carberry, Ferris Tucker, Shane und Batuti enterten auf die Duchten und griffen fluchend nach den Riémen. Hasard stieg als letzter zu. Er hob das linke Bein, schwang es über die Heckducht, verlieh der Jolle mit dem rechten Bein Schub und kletterte dann auf die Ducht.

Blei und Eisen hagelte in den Ufersand und ließ kleine Fontänen aufsteigen. Die Piraten schrien und stießen Verwünschungen aus, liefen noch ein Stück näher und schossen wieder. Diesmal stoben ihre Kugeln und das gehackte Blei und Eisen gleich hinter dem Bootsheck ins Wasser.

Der Seewolf und seine Begleiter duckten sich.

„Pullt!“ schrie Hasard. „Pullt wie die Teufel, sonst kriegen sie uns doch noch!“

Er drehte sich um, hatte die Reiterpistole, die er inzwischen nachgeladen hatte, in der Faust und zielte, so gut es in dem schwankenden Boot ging, auf die Feinde.

Er feuerte beide Läufe kurz hintereinander ab. Die Franzosen waren jetzt fast bis ans Wasser gelangt, zückten ihre Pistolen, weil sie die Langwaffen leer geschossen hatten, und legten von neuem auf die Männer der „Isabella“ und das Mädchen an. Hasard sah im Aufblitzen des Mündungsfeuers seiner Doppelläufigen, wie einer von ihnen zusammenbrach.

Die anderen quittierten es mit haßerfülltem Geschrei.

Ihre Pistolen krachten, und plötzlich stöhnte Big Old Shane auf. Hasard fuhr zu ihm herum, sah, wie der Riese sich krümmte und fast von der Ducht rutschte. Der Stoff seines linken Hemdsärmeln begann sich dunkel zu färben.

„Shane!“ rief Ferris Tucker.

„Himmel, Shane, mach bloß keinen Mist!“ stieß der Profos entsetzt aus.

Alewa kroch ein Stück weiter nach vorn und stützte Shane. Der Schmied von Arwenack murmelte einen saftigen Fluch, richtete sich wieder etwas auf und tat dann genau das, was typisch für einen Kerl seines Formats war: Er packte den Riemen mit der rechten, gesunden Hand und pullte weiter.

„Ferris!“ schrie der Seewolf im Donnern der Brandung. „Wirf ihnen eine Flasche zwischen die Beine, diesen Hunden!“

Ferris überließ den Riemen, den er bedient hatte, Batuti. Der Gambia-Mann packte zu und pullte mit zwei Riemen weiter. Ferris drehte sich zu Dan O’Flynn um, und dieser ließ für eine Weile auch von dem Riemen ab, holte Feuerstein und Feuerstahl aus seinen Jackentaschen hervor und schlug sie aneinander, als der Schiffszimmermann ihm die eine Flaschenbombe entgegenhielt.

Der Funke sprang auf die trockene Lunte über und entfachte sie. Ferris Tucker hob die Höllenflasche mit einem grimmigen Laut, stand von seiner Ducht auf, balancierte die heftigen Bewegungen des Bootes durch geschickte Beinarbeit aus, zählte noch bis fünf – und schleuderte die mit Pulver, Blei, Eisen und Glasscherben gefüllte Flasche zu den lärmenden Franzosen hinüber.

Eine Pike, von Marcel geworfen, flog der Jolle nach. Sie war für den Seewolf bestimmt. Alewa, Ferris, der Profos und Dan O’Flynn stießen gleichzeitig einen Warnruf aus. Der Seewolf beugte sich vor und zog den Kopf ein. Aber die Pike erreichte das Bootsheck nicht mehr. Wirkungslos schlug sie ins Wasser.

Ferris und Dan hatten wieder die Riemen gepackt und halfen mit, das Boot durch die wogende Brandung zu befördern.

„Die Flasche“, sagte Dan O’Flynn. „Sie ist mitten zwischen ihnen gelandet und rollt über den Strand.“

„Sie geht gleich hoch“, sagte Ferris Tucker mit einem Ausdruck der Genugtuung auf den Zügen. „Geschieht ihnen recht, diesen elenden Hunden.“

„Was sagt ihr?“ brüllte der Profos.

„Die Flasche fliegt ihnen gleich um die Ohren!“ schrie der Zimmermann der „Isabella“.

„Das will ich aber auch hoffen!“ brüllte Ed Carberry. „Wenn nicht, helfe ich dir auf die Sprünge, du verdammter alter Holzwurm!“

Verblüfft blickten die Piraten auf die Flasche aus grünlichem Glas, die mitten zwischen ihnen auf den Sand gefallen war und jetzt allmählich ausrollte. Sie blieb dicht vor den nackten Füßen eines glatzköpfigen Bretonen liegen, der sich verwundert darüberbeugte und nicht wußte, was er von der Sache halten sollte.

„Verdammt!“ rief Marcel. „Die Flasche hat eine Lunte!“

„Die Lunte brennt!“ sagte der Bretone.

„Tretet die Glut aus!“ brüllte Marcel. „Los, schnell!“

„Nein!“ schrie Louis. „Laßt die Finger von dem Ding! Lauft lieber weg, los, nichts wie weg!“

Sie standen da und blickten sich untereinander unschlüssig an. Marcel bückte sich schließlich mit einem Fluch nach der Flasche, hob sie auf und schickte sich an, sie zur Jolle zurückzuschleudern. Die Lunte ließ sich jetzt nicht mehr löschen, sie war schon bis durch den Korken hindurch ins Innere der Flasche abgebrannt.

Louis drehte sich um und begann zu laufen.

Die meisten anderen folgten sofort seinem Beispiel und glaubten zu wissen, was jetzt passierte. Sie hatten nichts Eiligeres zu tun, als soviel Distanz wie irgend möglich zwischen sich und Marcel zu legen. Nur der Bretone stand immer noch wie angewurzelt auf seinem Platz und beobachtete entgeistert, was Marcel tat.

Marcel hatte die Flasche hoch über den Kopf gehoben.

Er wollte seine Hand vorschnellen lassen, um die Flasche zur Jolle zurückzubefördern, aber die Zeit reichte nicht mehr aus, sie war abgelaufen. Mit einem grellen Feuerblitz zerplatzte die Bombe in Marcels Hand.

Marcel sah noch das grelle Licht und hörte das Donnern der Explosion, aber dann versagten seine Sinne. Nur eine heiße Welle fühlte er noch durch seinen Körper rasen, und der Himmel, der sich blutrot färbte, schien auf ihn niederzustürzen.

Der Bretone fühlte sich hochgehoben und von einem glühenden Sturm mitgerissen, weit weg, über die See hinaus und dann in einen schwarzen Strudel, der direkt ins Jenseits führte und mit seiner Finsternis alles auslöschte.

Louis stoppte abrupt und blickte über die Schulter zurück. Er sah alles bis ins Detail, und ein kehliger Laut löste sich von seinen Lippen. Marcel und der Bretone waren durch die Explosion der Flasche zerfetzt worden, die anderen sieben Piraten hatten sich auf den Strand geworfen und schienen unverletzt zu sein.

Die Druckwelle wehte heran und warf auch Louis aus dem Gleichgewicht. Er stolperte, fiel hin, rappelte sich wieder auf und torkelte benommen und verwirrt auf das Dickicht zu. Er wankte zwischen die Büsche, ziellos, und wußte nicht mehr, was er tun sollte.

Wer seid ihr Teufel, fragte er sich, wer nur, wer? Was ist los, was geht hier vor?

Marcel und der Bretone hatten nicht einmal mehr einen Schrei ausgestoßen, so schnell war alles gegangen.

Teufel, dachte Louis, die Hölle hat euch ausgespuckt. Schwarzhaariger Bastard, wer bist du?

„Ich – werde dich töten“, keuchte er.

Dann blieb er wie vom Donner gerührt stehen. Er war mit seinen bloßen Füßen gegen die Beine eines Mannes gestoßen. Er schaute in die blicklosen, gebrochenen Augen und erkannte Jean, den Kumpan, der mit Luc zusammen das Pfahldorf und die Bucht bewacht hatte – für den Fall, daß die flüchtigen Insulaner mit der Absicht zurückkehrten, eins oder mehrere Auslegerboote flottzumachen.

„Jean“, würgte Louis entsetzt hervor.

Übelkeit stieg in ihm auf, er fühlte seine Knie weich werden. Ein Tosen war mit einemmal in seinen Ohren, ihm wurde schwindlig. Er sank auf die Knie und stammelte Unverständliches.

Dann war es vorbei. Er konnte sich wieder erheben, hatte sich gefaßt, konnte das Dickicht verlassen und zu seinen Männern zurückkehren. Er trat vor sie hin und sagte: „Verscharrt das, was von Marcel und dem Bretonen übriggeblieben ist. Hier im Gebüsch liegt Jean. Sie haben auch ihn umgebracht. Hebt eine Grube aus, wir vergraben auch seinen Leichnam.“

Er blickte zu der Jolle, die jetzt durch die stärkste Brandung hindurch war und zügig auf die Dreimast-Galeone zuhielt. „Hunde“, sagte er. „Das werdet ihr mir büßen. Und wenn es mich selbst den Kopf kostet – das zahle ich euch heim.“

6.

Der Seewolf sah Shane, seinen väterlichen Freund, an. So kalkig weiß im Gesicht war Shane noch nie gewesen, und auch aus der Art, wie er die Lippen zusammengepreßt hatte, ließ sich schließen, daß es alles andere als gut um ihn bestellt war. Dennoch pullte er weiter.

„Shane“, sagte Hasard. „Du solltest dich jetzt nicht mehr anstrengen. Hör mit dem Pullen auf. Wir sind sowieso gleich da.“

Big Old Shane grinste matt. „Sir – der Teufel soll mich holen, wenn ich mich von so einem kleinen Kratzer gleich umhauen lasse. Ho, ich bin doch kein Milchbart, der sich von dem ersten Ding, das er verpaßt kriegt, gleich aus den Stiefeln schmeißen läßt. Wo kämen wir denn da hin?“

Alewa hatte geistesgegenwärtig gehandelt und Shanes linken Arm so gut wie irgend möglich abgebunden. Sie kauerte immer noch bei dem graubärtigen Riesen, hielt ihr Gesicht aber dem Seewolf zugewandt. Hasard konnte aus ihrer Miene lesen, daß sie sehr besorgt um das alte Rauhbein war.

Dan O’Flynn sagte: „Der eine Bursche hier kommt gerade zu sich. Soll ich ihm noch eins überziehen, damit er sich wieder schlafen legt?“

„Nein, nicht nötig. Er wird schon nicht über Bord springen. Und gefährlich werden kann er uns auch nicht“, erwiderte der Seewolf.

Er blickte zu dem Piraten – es war Luc, der Bärtige – und verfolgte, wie dieser, zwischen Dans und Ferris’ Ducht liegend, die Augen aufschlug und verwirrt um sich schaute. Ehe er irgend etwas unternehmen konnte, sagte Hasard auf französisch: „Keine Dummheiten, Mann! Du bist unser Gefangener.“

Luc musterte ihn aus schmalen, haßlodernden Augen. Er war zwar an den Händen und den Füßen gefesselt, aber um sich treten konnte er immer noch. Hasard richtete vorsichtshalber die Reiterpistole auf ihn. Die war zwar leer geschossen, aber das konnte Luc nicht wissen.

„Hör mal, Sir“, sagte der Profos nach einem verächtlichen Blick auf den Gefangenen. „Wir haben doch diese beiden Geiseln hier. Wenn wir den Piraten auf der Insel damit drohen, daß wir die zwei ersäufen, können wir sie doch erpressen, oder?“

„Und sie zwingen, Hawaii zu verlassen, meinst du?“

„Genau das.“

Hasard schüttelte den Kopf. „Darauf lassen sich die Kerle niemals ein. Und so, wie ich diesen Louis einschätze, wird er sogar das Leben von Luc und Richard bereitwillig aufs Spiel setzen, wenn er uns bloß eins auswischen kann. Was die Flaschenbombe eben angerichtet hat, wird der Kerl uns nie vergessen.“

„Verdammt“, stieß Ferris Tucker hervor. „Und das, was sie Shane angetan haben, werden wir diesen Hurensöhnen auch nicht vergessen. Außerdem wären wir alle verreckt, wenn Jean und Luc, die Heckenschützen, mehr Glück mit ihrem Überfall auf uns gehabt hätten. Ja, und darum meine ich, daß es nur einen Weg gibt, diesen Piraten eine zünftige Lektion zu erteilen.“ Er wies mit dem Daumen über seine Schulter auf die „Isabella“.

„Wir sollen also ihren Stützpunkt beschießen, Ferris?“ sagte der Seewolf. „Dazu müßten wir erst einmal wissen, wo der liegt.“

„Was redet ihr?“ fragte Alewa. „Ich verstehe eure Sprache nicht.“

Hasard setzte ihr wieder auseinander, um was es ging, und sie erklärte ziemlich aufgeregt: „Die weißen Männer – ja, Louis ist ihr Anführer, und sie haben ein Schiff. Ein Schiff mit Segeln wie das eure!“

„Augenblick“, sagte der Seewolf. „Laß uns erst mal an Bord der ‚Isabella‘ gehen, dann erzählst du uns alles hübsch der Reihe nach, ja?“

„Ja.“ Sie nickte eifrig.

Wenig später war die Jolle längsseits der „Isabella“ geglitten, und Hasard ließ Alewa als erste an der Jakobsleiter aufentern, schickte dann Ed Carberry, Dan O’Flynn und Ferris Tucker nach oben und fragte Big Old Shane: „Schaffst du es – oder soll ich dich stützen?“

„Du mich stützen?“ Shane grinste verkniffen. „Sag mal, du machst wohl Witze, was? Nein, besten Dank, Sir, das erledige ich schon allein.“

Er brachte wirklich das Kunststück fertig, allein an der Jakobsleiter hochzuklettern, was ihn natürlich erhebliche Energien kostete. Sein Zustand konnte sich dadurch nicht verbessern, aber der Seewolf ließ ihn gewähren, denn er kannte Shanes Stolz in diesen Dingen.

Mit vorgehaltener Pistole zwang Hasard Luc, den Bärtigen, ebenfalls auf die Kuhl zu entern. Batuti hatte dem Kerl die Handfesseln gelöst und die Stricke, die seine Fußknöchel zusammenhielten, gelockert. Luc konnte sich ausreichend bewegen. Mit vor Haß verzerrter Miene stieg er die Holzsprossen empor.

Richard war immer noch bewußtlos. Batuti hatte ihm Fesseln angelegt und blieb jetzt noch im Boot, um die Taue zu belegen, an denen die Jolle hochgehievt werden sollte.

Hasard kletterte hinter Luc her.

Auf der Kuhl gab es eine herzliche Wiedersehensszene, denn die Männer hatten jetzt natürlich alle Alewa erkannt. Sie umringten sie und bestürmten sie mit ihren Fragen. Alewa lächelte und beugte sich hier und da vor, um Freundschaftsküsse auszuteilen.

Siri-Tong stand etwas abseits und hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Sie schien das Verhalten des Mädchens nicht zu billigen, aber was sie genau dachte, ging aus ihren Zügen nicht hervor.

Der Kutscher bemühte sich bereits um Shanes linken Arm.

Jeff Bowie und Bob Grey nahmen den gefangenen Freibeuter in Empfang. Sie musterten ihn ungefähr so freundlich, wie ein Scharfrichter einen todgeweihten Delinquenten ansehen mochte, und Luc wurde jetzt richtig mulmig zumute.

„Der andere Gefangene liegt im Boot“, sagte Hasard. „Er scheint immer noch besinnungslos zu sein. Vielleicht stellt er sich aber auch nur so. Paßt auf, wenn ihr ihn aus der Jolle holt. Er ist zwar gefesselt, aber ich will nicht das geringste Risiko eingehen.“

„Aye, aye, Sir!“ riefen die Männer.

„Sperrt die beiden ins Kabelgatt“, ordnete Hasard an. „Später überlege ich mir, was wir mit ihnen tun.“

„Wir sollten sie vernehmen“, schlug Blacky vor. „Sie werden zwar nichts ausspucken wollen, aber …“

Der Seewolf hob die Hand und beschrieb eine verneinende Geste. „Ich weiß, was du sagen willst, Blacky, aber ich bin dagegen. Vergiß nie, daß wir uns auf die primitive Ebene solcher Burschen nicht herablassen. Was sie tun würden, tun wir noch lange nicht.“

„Verzeihung“, sagte Blacky. „Natürlich weiß ich das. Was wir wissen müssen, wird uns wohl auch Alewa erzählen können, nehme ich an.“

„Ja, bestimmt.“

Ben Brighton hatte Stenmark, Luke Morgan, Sam Roskill und Gary Andrews die Anweisung gegeben, die Jolle hochzuhieven, und die Männer gingen in diesem Moment an die Arbeit. Ben trat mit Smoky, Old O’Flynn und der Roten Korsarin quer über die Kuhl auf den Seewolf zu.

„Ihr habt euch hervorragend geschlagen“, sagte er. „Ich habe die ganze Zeit über darauf gewartet, daß das Zeichen für unseren Einsatz erfolgt, aber es gab ja offensichtlich nichts für uns zu tun.“

Hasard lächelte. „Ben, wenn du scharf darauf bist, dich mit den französischen Freibeutern herumzuschlagen, dann kriegst du noch die Gelegenheit dazu, das versichere ich dir.“

Ben wollte etwas dazu sagen, aber sie alle wurden jetzt durch Big Old Shane abgelenkt, der einen wütenden Schrei ausstieß und den Kutscher anfuhr: „Kutscher, bist du des Teufels? Hau mit deiner Tinktur und deinem Quacksalberzeug ab, sonst werde ich verflucht ungemütlich! Hol mir lieber die Rumbuddel. Das ist der richtige Balsam für mich, verstanden?“

„Ich werde die Wunde auswaschen und die Tinktur draufpinseln“, sagte der Kutscher ruhig. „Ob es dir nun paßt oder nicht. Man sollte meinen, es hat deinen Kopf erwischt, Shane, so einen Blödsinn redest du.“

„Das wagst du, zu mir zu sagen?“

„Das und noch viel mehr, wenn du dich so bescheuert anstellst!“ rief der Kutscher ärgerlich.

Old O’Flynn grinste. „Holla, er ist so richtig schön in Fahrt, unser Kutscher. Aber ich an seiner Stelle würde doch vorsichtig sein. Wenn Shane, dieser krummbucklige Eisenbieger, seine große Wut kriegt, dann ist er imstande und rammt den Kutscher ungespitzt durch die Planken.“

„Shane“, sagte Hasard scharf.

Big Old Shane hob verdutzt den Kopf. „Was …“

„Du hinderst den Kutscher nicht an der Ausübung seiner Pflicht, verstanden? Das ist ein Befehl!“

„Aye, Sir“, murmelte der Schmied von Arwenack.

„Philip“, sagte der Seewolf zu seinem Sohn. „Lauf in die Kombüse und hol eine Flasche Rum. Shane soll ruhig einen ordentlichen Schluck davon nehmen, aber erst, wenn der Kutscher ihn fertig verbunden hat.“

„Ja, Dad, Sir“, gab Philip junior zurück. Und fort war er, flitzte über die Kuhl zum Kombüsenschott, öffnete es und schlüpfte in das Allerheiligste des Kutschers, um die gewünschte Flasche zu holen.

Hasard ließ seinen Blick weiter nach links wandern und sah das Boot, das eben außenbords auftauchte, von den Männern höher gehievt und dann binnenbords geholt wurde. Vorsichtig fierten sie es auf die Kuhl ab. Batuti und Richard, der mittlerweile nun doch zu sich gekommen war, stiegen aus.

Der Gambia-Mann, Jeff Bowie und Bob Grey dirigierten Luc und Richard vor sich her, führten sie zum Vordecksschott und brachten sie ins Kabelgatt, um sie dort ausbruchssicher einzusperren.

Hasards Blick wanderte wieder über Deck und verharrte auf Alewas Gestalt. Sie schien den Männern, die sich rund um sie herum aufgebaut hatten, gerade etwas über die Begebenheiten an Land erzählt zu haben, soviel ließ sich aus ihrer ernsten Miene und ihren Gesten schließen. Dan O’Flynn stand dicht vor ihr und sagte auf spanisch: „Toll, wie du dich aus Louis’ Griff befreit hast, Alewa. Aber wie konntest du wissen, daß die Pistole nicht geladen war?“

„Einmal hat er auf mich geschossen und dann nicht nachgeladen. Keine Zeit dazu gehabt“, erklärte sie, und ein feines Lächeln stahl sich in ihre Züge.

„Ein hübsches Kind“, sagte die Rote Korsarin. „Und rein wie die Natur, nicht wahr? Hat sie dich auch geküßt?“

„Ja.“

„Sie sind schon hinreißend, diese Hawaii-Mädchen, nicht wahr?“

Er sah sie an. „Ich finde deine Bemerkung ziemlich unpassend und unangebracht. Alewas Leute schweben sicherlich in der gleichen tödlichen Gefahr, in der sie sich bis vor kurzem befunden hat. Da solltest du nicht auch noch sticheln, Siri-Tong.“

Sie nahm es hin, ohne mit der Wimper zu zucken. „Ja, du hast recht, ich sehe es ein. Aber wenn das so ist, dann dürfen wir keine Zeit verlieren. Wir müssen handeln. Die Piratenbande könnte sich aus Wut über unsere Landung über die gefangenen Insulaner hermachen. Denn Zegús Leute und auch Thomas Federmann befinden sich doch in der Gewalt der Seeräuber; nicht? Oder wie ist das eigentlich?“

„Das will ich gerade von dem Mädchen erfahren“, sagte der Seewolf und ging zu Alewa hinüber. Siri-Tong, Ben Brighton, Old O’Flynn, Smoky und Hasard junior folgten ihm auf dem Fuß. Philip junior, der die Flasche Rum gerade an den Kutscher übergeben hatte, schloß sich ihnen an.

Der Seewolf bedeutete dem Polynesiermädchen, sich auf dem Rand der Kuhlgräting niederzulassen. Er selbst nahm neben ihr Platz und begann: „Wann sind die Piraten auf Hawaii gelandet?“ Er hielt es für das beste, gezielte Fragen an sie zu richten. So gut, daß sie einen kompletten, zusammenhängenden Bericht liefern konnte, war ihr Spanisch nun doch wieder nicht.

Sie dachte nach und hielt schließlich die gespreizten Finger beider Hände hoch. „Zehn – zehn Tage. Richtig?“

Die Zeitrechnung der Bewohner von Hawaii schien sich von der der Europäer wesentlich zu unterscheiden, doch Thomas Federmann mußte auch diese Art des Denkens und Messens in seinem Bestreben, ihnen soviel wie möglich über die abendländische Kultur zu vermitteln, an seine eingeborenen Freunde weitergegeben haben.

„Zehn Tage nur“, sagte Hasard nachdenklich. „Ich dachte, die Franzosen hätten sich schon seit längerer Zeit auf der Insel niedergelassen.“ Er sprach spanisch, damit auch Alewa ihn verstand.

„Vielleicht sind wir gerade rechtzeitig gekommen“, warf Siri-Tong ein. „Das ist ja ein toller Zufall.“

„Warte“, sagte er. „Nicht so voreilig.“

Alewa blickte sie alle der Reihe nach an, ihre Augen waren geweitet, als wäre sie von einer wunderbaren Erscheinung überwältigt. „Pele – die Göttin der Feuerseen –, sie hat euch geschickt“, sagte sie. „Sie hat Alewas Flehen erhört.“

„Alewa“, fuhr der Seewolf in seiner Befragung fort. „Wo sind die anderen? Deine Schwestern und Brüder? Zegú, der König von Hawaii – und Thomas Federmann, unser deutscher Freund?“

„Fort …“

„Was? Alle fort?“

Sie holte tief Luft, dann entgegnete sie: „Nicht alle, Lobo del Mar. Zwei Schiffe erschienen vor zehn Tagen. Zwei. Jedes mit drei Bäumen.“

„Masten“, berichtigte Hasard.

„Ja, Masten. Männer landeten, und wir dachten, sie wären Freunde. Zegú ließ Musik spielen und Tänze vorführen. Wir Mädchen hängten Fremden Kränze aus Blumen um. Dann kam das Böse …“

„Die Franzosen zeigten sich von ihrer üblen Seite?“

„Ja. Ein kurzer Kampf – zwei Brüder von uns wurden getötet. Wir weinten und klagten. Die Piraten wollten uns Mädchen in den Busch schleppen. Aber Thomas Federmann half uns. Er rettete uns.“

„Dieser Teufelskerl“, entfuhr es Siri-Tong. „Aber ich möchte gern wissen, wie er das fertiggebracht hat. Die Freibeuter sind wie die wilden Tiere. Es erscheint mir unwahrscheinlich, daß er das verhindern konnte.“

„Warte doch“, sagte der Seewolf noch einmal. Zu Alewa gewandt, erkundigte er sich: „Was tat Thomas Federmann?“

„Sagte, er würde ihnen seinen Schatz schenken.“

„Seinen Schatz?“

„Ach, ich weiß schon!“ rief Carberry. „Sir, die ‚Pieces of eight‘, die Achterstücke, die wir ihnen damals hiergelassen haben. Der Anteil der Insulaner am Schatz der ‚Santa Ana‘.“

„Ja, ja“, sagte Alewa aufgeregt. Obwohl der Profos englisch gesprochen hatte, hatte sie doch die Wörter „Pieces of eight“ und „Santa Ana“ verstanden. „Nao de China“, stieß sie hervor. „Die Manila-Galeone. Thomas Federmann hat die Münzen vergraben, damals. Wie Lobo del Mar ihm gesagt hatte.“

„Himmel“, sagte der Seewolf. „Er wollte sie nicht annehmen, aber ich riet ihm dazu. Ich war der Meinung, eines Tages könnte der Stamm das Geld doch vielleicht gebrauchen. Wenn ich gewußt hätte, daß er es benutzen müßte, um sich und seine Freunde freizukaufen, hätte ich das wahrscheinlich anders formuliert.“

„Piraten waren gierig. Ließen von uns ab. Drohten Thomas, er würde sterben, falls gelogen“, fuhr Alewa erregt fort. „Dann Mitte der Insel, Hügel. Dort graben, viel graben. Thomas und vier Männer des Stammes. Masot brüllte los wie böser Geist, als er dann Achterstücke sah.“

„Masot? Wer ist das?“ wollte Hasard wissen.

„Der Anführer.“

„Moment mal, ich denke, das ist Louis.“

Sie schüttelte den Kopf. „Masot Häuptling. Louis Unterhäuptling von anderes Schiff. Louis hiergeblieben mit Hälfte von Horde. Masot mit den anderen auf größerem Schiff fort. Fort – vor sieben Tagen.“

„Masot ist der wirkliche Piratenführer“, sagte Hasard versonnen. „Louis ist der Kapitän auf dem zweiten Segler, untersteht aber Masots Kommando. So weit, so gut. Warum aber haben sie sich getrennt?“

Alewa wußte die Antwort: „Piraten waren wie im Rausch über den Fund. Konnten sich gar nicht beruhigen. Thomas sagte ihnen, er wüßte, wo mehr Silbergeld und Gold liegt.“

„Masot glaubte ihm?“

„Ja.“

„Das hätte ich nach dem Ausgraben von mehr als einer halben Million Achterstücke auch getan“, sagte der Seewolf. „Ein überzeugenderes Argument als die Münzen gab es wohl nicht. In seinem Freudentaumel hätte Masot es Thomas wohl auch abgenommen, wenn dieser behauptet hätte, er hätte sämtliche Schätze der Spanier und Portugiesen auf der Insel zusammengetragen. Ich schätze, Thomas hat dies entsprechend ausgenutzt.“

„Masot befragte ihn“, erklärte Alewa in ihrem etwas holprigen, akzentgeladenen Spanisch. „Thomas antwortete, anderer, größerer Schatz wäre auf anderer Insel vergraben. Er zeigte Karte vor.“

„Eine Karte?“ wiederholte Old O’Flynn verblüfft. „Wie denn das?“

„Du vergißt, daß Thomas Federmann ein geborener Künstler und hervorragender Maler und Zeichner ist“, erwiderte Hasard. „Ich glaube, er hat viele Phantasiekarten skizziert, von der Südsee und von anderen Teilen der Welt, und eine von diesen Zeichnungen muß er wohl diesem Masot unter die Nase gehalten haben.“

„Und dann hat Masot ihn als Geisel mitgenommen und ist aufgebrochen, um den riesigen Schatz zu heben?“ fragte die Rote Korsarin.

„Mit großem Schiff“, sagte Alewa. „Und Zegú und zwanzig andere Gefangene an Bord. Auch Mara und, Hauula, Alewas Freundinnen, dabei. Sie müssen alle sterben, wenn Masot den Schatz nicht findet.“

Hasard stieß einen leisen Pfiff aus. „Donnerwetter, ich verstehe ja, daß Thomas einen Teil der Piraten von Hawaii fortlocken wollte, aber er hat trotzdem hoch gesetzt. Was will er Masot denn noch alles vorschwindeln? Und glaubt er denn im Ernst, daß er sich und die anderen befreien kann?“

„Er hofft es“, sagte Ben Brighton. „Er klammert sich an diese Möglichkeit. Ich kann begreifen, wie ihm zumute ist.“

„Ja, sicher, Ben, ich natürlich auch“, meinte der Seewolf. „Noch etwas kommt hinzu. Thomas rechnet sich aus, daß die auf Hawaii zurückgebliebenen Insulaner sich früher oder später gegen Louis und die übrigen Freibeuter erheben, eine Revolte vom Zaun brechen und die Bezwinger im Kampf besiegen. Wahrscheinlich denkt er, daß sie es dank ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit schaffen können.“

Ben schüttelte den Kopf. „Unmöglich. Ohne Schußwaffen sind sie von vornherein zum Scheitern verdammt.“

„Sicher“, sagte Siri-Tong. „Die Verzweiflung verleiht den Menschen zwar manchmal gleichsam übernatürliche Kräfte, aber gegen Pulver und Blei sind sie im Endeffekt dann doch machtlos.“

„Alewa, wie viele deiner Leute befinden sich auf der Insel?“ wollte der Seewolf von dem Mädchen wissen.

„Viele – hundert oder mehr.“

„Könnten es nicht auch zweihundert sein?“

„Ja, ja“, erwiderte sie heftig.

„Das habe ich mir gedacht“, sagte er. „Ganz so phantastisch erscheinen mir Thomas Federmanns Pläne unter diesem Gesichtspunkt auch nicht mehr. Zweihundert Insulaner, vielleicht aber auch noch mehr. Wehe, wenn sie losgelassen – dann können Louis und seine Bande zwei, drei oder auch vier Dutzend niederschießen, aber der Rest würde über sie herfallen.“

„Es würde ein Blutbad geben“, warf der alte O’Flynn ein.

„Zweifellos. Aber sehen wir mal weiter. Alewa, wo befinden sich deine Leute eigentlich?“

„Im Hauptdorf. Mitte der Insel.“

„Ist es das Dorf, das wir damals, vor sechs Jahren, schon kennengelernt haben?“

„Ja.“

„Und welche Bedeutung hatte nun das Pfahlhüttendorf?“

Sie fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen, schien nach Worten zu suchen. „Mehrere solcher Dörfer – auf ganzes Insel“, antwortete sie dann. „Sechs Stück. Drei am Wasser – Fischerdörfer. Drei im Busch – Jägerdörfer.“

„Ich verstehe“, sagte der Seewolf. „In sechs Jahren hat sich die Bevölkerung vermehrt, nicht wahr? Und ihr habt die neuen Dörfer gegründet, um euch sinnvoll über ganz Hawaii zu verteilen und das sonst ungenutzte Territorium in Anspruch zu nehmen.“

„Schwierige Wörter, Lobo del Mar.“

„Eure jungen Männer bauten die neuen Dörfer, um dort mit ihren Familien zu leben, oder?“

„Ja.“ Diesmal hatte sie jedes Wort verstanden.

„Und wo wohntest du?“

„Dort.“ Sie wies mit dem Finger auf das zerstörte Dorf.

„Und Waialae?“

„Auch dort.“

„Aber Mara und Hauula blieben doch wie früher bei Zegú, eurem König, im Hauptdorf wohnen, nicht wahr? Und auch Thomas Federmann verweilte im Zentrum der Insel, oder irre ich mich?“

„Es stimmt alles, was du sagst, Lobo del Mar.“

„Warum habt ihr beide – Waialae und du – euch abgesondert?“ fragte er sie.

Sie blickte ihn an, und ihre Augen begannen feucht zu schimmern. „Unsere Männer – unsere Freunde holten uns zu sich in das Fischerdorf. Koa, so heißt Alewas Mann. Lanoko ist Waialaes Mann. Weiß nicht, ob sie noch leben.“ Sie schlug die Hände vors Gesicht und begann zu schluchzen.

7.

Siri-Tong bewies, daß sie trotz des Anflugs von Eifersucht, den sie vorher gezeigt hatte, ihrer Geschlechtsgenossin auch ein echter Kamerad sein konnte. Sie setzte sich neben Alewa auf die Gräting, legte ihr die Hand auf die Schulter und sprach leise und beschwichtigend auf sie ein. Das Mädchen schien sich allmählich wieder zu beruhigen.

„Da schlag doch einer lang hin“, sagte der Profos verblüfft. „Die Kleine ist also verheiratet. Wer hätte denn das gedacht?“

„Aber eine Ehe, wie wir sie kennen, gehen die Polynesier nicht ein, Ed, vergiß das nicht“, gab Old O’Flynn zu bedenken. „Sie empfinden sich alle als eine große Familie, wenn ich das damals richtig verstanden habe.“

„Ja, das war eine pükante Geschichte“, sagte Matt Davies.

„Pikant, nicht pükant, Mann“, verbesserte der Profos ihn.

„Hab ich doch gesagt …“

„Außerdem: Pikant, das ist, wenn ein Essen scharf gewürzt ist“, meldete sich Stenmark zu Wort. Er sah aber, daß Dan O’Flynn vergnügt zu grinsen begann, und fügte gleich noch hinzu: „Oder etwa nicht?“

„Das ist doch jetzt piepegal“, brummte Ferris Tucker. „Eines wissen wir ja nun. Alewas Liebster ist weg, Waialae und ihr Auserwählter sind auch verschwunden. Wir müssen sie suchen und finden, verdammt noch mal.“

Alewa schaute auf. Sie wischte sich die Tränen ab und sagte: „Das war so. Vor zwei Nächten kam die Tsunami.“

„Ja, die Riesenwelle!“ rief Carberry. „Damit haben wir ja auch Bekanntschaft geschlossen.“

„Tsunami fiel über Pfahlbauten her“, fuhr das Mädchen fort. „Alles kaputt. Großes Durcheinander. Wir – Waialae, Koa, Lanoko und zehn andere Mädchen und junge Männer und ich – wir konnten fliehen, als überall Wasser war und die Hütten zusammenbrachen.“

„Wieso wart ihr hier, nicht im Hauptdorf?“ wollte der Seewolf wissen. „Warum hatten Louis und die anderen Halunken euch nicht alle im Zentrum zusammengetrieben, um euch dort besser bewachen zu können?“

„Pfahldorf war ein vorgeschobener Posten“, sagte sie.

„Ich verstehe schon“, meinte die Rote Korsarin. „Die Franzosen mußten ja immerhin damit rechnen, daß sie früher oder später Besuch von einer der Nachbarinseln erhielten. Ich schätze, sie sagten sich, daß die Bewohner von Maui oder Oahu sie durch Späher beobachtet haben konnten. Vielleicht hatten sie auch Auslegerboote gesichtet, die Hawaii umrundeten. Auf jeden Fall wollten sie auf unliebsame Überraschungen vorbereitet sein.“

„Darum besetzten sie auch das Pfahlbautendorf und bewachten dort gleich die Insassen mit, um möglicherweise für den Fall einer Bedrohung von außen Geiseln zur Verfügung zu haben“, spann Hasard den Faden weiter. „Ja, das leuchtet mir ein. Wenn es einen Überfall gab, dann auf jeden Fall von der Westseite her. Das Dorf an dieser Bucht mußte Louis, Marcel, Richard, Jean, Luc und den anderen darum als ideale Basis erscheinen. Nun, sie haben einen Denkfehler begangen. Die Freundschaft der einzelnen Inselstämme untereinander geht wohl doch nicht so weit, daß sie sich gegenseitig helfen, falls sie bedroht werden. Alewa, hast du mich verstanden?“

„Ja.“

„Kamen jemals Eingeborene von den Nachbarinseln, um nach dem Rechten zu sehen?“

„Nein, nie.“

„Wie verhielten die Piraten sich nun euch gegenüber?“

„Sie wollten uns – uns Frauen und Mädchen. Koa und Lanoko und andere junge Männer wehrten sich. Wurden niedergeschlagen.“ Wieder stiegen Tränen in ihren Augen auf. „Aber dann kam Tsunami. Und wir flohen. Ich verlor Brüder und Schwestern aus den Augen, verirrte mich. War verzweifelt. Zwei Nächte lang starb ich fast vor Angst. Überall Piraten, die uns suchten. Dann, heute früh, wollte ich ins Dorf zurückschleichen, ein Boot nehmen, nach Maui hinüber. Dort wollte ich um Hilfe flehen.“

„Jean und Luc hätten dir eine üble Falle gestellt“, sagte Hasard. „Mein Gott, wenn wir das alles geahnt hätten. Aber verrate mir, wo deiner Ansicht nach Waialae, Koa, Lanoko und die anderen stecken.“

Alewa richtete sich kerzengerade auf und wies mit dem ausgestreckten Arm zu den schneebedeckten Zwillingsgipfeln der Insel empor. „Dort hinauf vielleicht. Zu den Feuerseen. Zu Pele, der feuerspeienden Göttin von Hawaii. Dort oben einzige Rettung vor Verfolgern.“

Siri-Tong spähte zu den Bergen hinauf. „Was immer die Piraten dort oben erwarten mag, sie werden nicht zögern, in die Berge aufzusteigen und die Eingeborenen zu hetzen.“

„Ja“, sagte Hasard. „Und die anderen Gefangenen, Alewa? Sie sind doch nach wie vor im Hauptdorf zusammengepfercht, oder?“

„Ich glaube.“

„Die Tsunami hat dort keine Zerstörungen angerichtet?“

„Nein.“

„Und das Schiff der Piraten? Wo liegt es?“

Alewa deutete nach Norden. „In kleinerer Bucht.“

„Moment mal“, sagte Carberry. „Dann wundert es mich aber, daß diese triefäugigen Kakerlaken noch nicht mit ihrem Kahn aufgetaucht sind, um uns einen Schuß vor den Bug zu setzen und die große Schlacht zu eröffnen. Woran liegt das?“

„Ja, woran liegt das“, ahmte Ferris Tucker ihn nach. „Hör mal, hast du die Riesenwelle schon wieder vergessen?“

„Ach, richtig – vielleicht hat sie den Scheißkahn der Halunken ja gegen das Ufer geworfen. Vielleicht ist der Zuber sogar gestrandet. Ho, das wäre zu schön, um wahr zu sein, und wir …“

„Wir werden sie in ihrer kleinen Bucht besuchen, Ed“, unterbrach ihn der Seewolf. „Darauf kannst du dich verlassen. Nur müssen wir damit rechnen, daß sie ihren Dreimaster inzwischen wieder so weit instand gesetzt haben, daß sie damit auslaufen und ins Gefecht mit uns gehen können. Immerhin haben sie zwei Tage Zeit dazu gehabt.“

„Wir müssen uns beeilen“, sagte die Rote Korsarin. „Je mehr Zeit verstreicht, desto mehr Möglichkeiten haben diese Hunde, einen Angriff auf uns zu planen und in die Tat umzusetzen.“

„Hasard und Philip“, wandte der Seewolf sich an seine Söhne. „Holt Papier und einen Federkiel. Wir entwerfen eine Skizze von der Insel und markieren die für uns wichtigsten Punkte darauf. Alewa, sag du mir bitte, wie viele Piraten sich deines Wissens an welchen Stellen der Insel aufhalten.“

Big Old Shanes mächtige Gestalt hatte sich zwischen die Männer geschoben. „Sir!“ rief er. „Der Kutscher sagt, ich soll mich aufs Ohr hauen, aber, Hölle, wenn wir gegen die verfluchten Franzosen losziehen, dann will ich dabeisein, hol’s der Henker!“

Hasard blickte zu ihm auf. „Wie fühlst du dich denn jetzt, Shane?“

„Prächtig.“

„Übertreibst du auch nicht?“

„Ich stehe ohne zu wackeln auf meinen Beinen, und die Schmerzen im Arm haben schon nachgelassen.“

„Er hat ein Drittel von dem Inhalt der Flasche ausgesoffen“, meldete Carberry. „Das hilft ganz schön, meine ich.“

Hasard lächelte. „Genehmigt, Shane, du bleibst im Dienst.“

„Danke, Sir.“

„Du bist nicht kleinzukriegen, was?“

„Da muß es schon dicker kommen“, erwiderte Big Old Shane. Er grinste und sah auch schon nicht mehr so blaß im Gesicht aus wie zuvor, als ihn die Kugel getroffen hatte.

Die Zeichnung, die der Seewolf von der Insel Hawaii zu Papier brachte, war natürlich bei weitem nicht so kunstvoll und genau, wie ein Thomas Federmann sie hätte anfertigen können. Aber für Hasards Zwecke genügte sie vollauf.

So von oben besehen, war Hawaii ein ungefüges, klobiges Etwas, dessen Form man in etwa mit der eines verunglückten Fladenbrotes vergleichen konnte. Nicht ganz in der Mitte, sondern leicht südwestlich verschoben befanden sich die Zwillingsgipfel des Mauna-Loa-Kraters, genau westlich davon die große, langgestreckte Bucht, an der das zerstörte Pfahlhüttendorf stand. Fünf Meilen nördlich kerbte sich nach Hasards Messungen und Berechnungen, die er aufgrund von Alewas Angaben gemacht hatte, die kleinere Bucht in die Küste, in der die Dreimast-Galeone der französischen Freibeuter ankern mußte.

„Saint Croix“, hieß diese Galeone, soviel hatte Alewa von ihren Bewachern – Jean und Luc und sieben anderen Kerlen – im Pfahlbautendorf vernommen.

„Saint Croix!!, dieser Name ließ darauf schließen, daß die Seewölfe es mit einer Meute hartgesottener Karibik-Piraten zu tun hatten. Saint Croix war eine kleine Insel, die gar nicht weit entfernt von Puerto Rico und der Mona-Passage lag, und nur sie konnte den Anlaß gegeben haben, daß die Freibeuter ihre Galeone auf diesen Namen getauft hatten.

„Saint Vincent“ hieß die Galeone von Masot, das größere Schiff, das mit Zegú, dem König von Hawaii, mit Thomas Federmann und zwanzig anderen Geiseln, darunter auch Mara und Hauula, irgendwohin unterwegs war. Diesen Namen hatte Alewa ebenfalls gehört, ehe Masot mit seiner Crew und seinen Gefangenen von Hawaii aufgebrochen war.

Mehr aber wußte das Mädchen über die beiden Schiffe nicht. Wie sie armiert waren, wußte sie zum Beispiel beim besten Willen nicht auszusagen.

„Saint Vincent“ – auch dieser Name war Hasard aus der Karibik bekannt. So hieß eine der Inseln unter dem Winde. Folglich war mit einiger Sicherheit anzunehmen, daß Masot und seine Kerle irgendwann die lange Reise von der Karibik bis nach Feuerland hinunter gewagt hatten, dann den lebensgefährlichen, halsbrecherischen Törn durch die Magellan-Straße riskiert hatten und auf diese Weise in die Südsee gelangt waren. Es mußte ein Zufall gewesen sein, daß sie die Hawaii-Inseln gefunden hatten, denn offiziell war der Archipel noch nicht entdeckt worden, war also auf keiner Karte der seefahrenden Nationen verzeichnet. Es war schon ein ausgesprochenes Pech für die Insulaner, daß ausgerechnet eine grausame Seeräuberbande hier hatte landen müssen, nachdem sie ihr Inselparadies über Jahrhunderte hinaus so erfolgreich behütet und geheimgehalten hatten.

Hasard nahm die letzten Eintragungen auf seiner groben Skizze vor. Er saß immer noch auf der Kuhlgräting, hielt den Federkiel in der rechten Hand, tunkte die Spitze in das Tintenfäßchen, das Philip junior ihm hinhielt, und schrieb an die kleine Bucht fünf Meilen nördlich der Pfahlhüttensiedlung: „‚Saint Croix‘ mit zehn bis fünfzehn Piraten an Bord.“ An der großen, langgestreckten Bucht machte er den Vermerk: „‚Isabella‘ mit kompletter Crew und Alewa an Bord.“

Er zeichnete das Pfahlbautendorf ein, dann – rund zehn Meilen nördlich des Mauna-Loa-Nordhanges – das Hauptdorf im Inselzentrum. Hier brachte er den Hinweis „Zweihundert gefangene Insulaner mit fünf Bewachern“ an. Marcel hatte auf Louis’ Befehl hin acht Mann von dort abgezogen und sie als Verstärkung in den Kampf gegen Hasards Landtrupp geführt. Wie Alewa glaubhaft versichert hatte, konnten sich demnach tatsächlich nur noch fünf Mann als Bewacher der Gefangenen im Hauptdorf befinden.

Louis und seine sieben Kumpane konnten sich inzwischen jedoch wieder ins Dorf zurückgezogen haben, um dort zu beratschlagen. Auch dies schrieb Hasard gewissenhaft auf, zeichnete auch den ungefähren Weg von Louis’ Gruppe zum Dorf hin ein.

Auf den imaginären Mauna-Loa-Nordhang schrieb der Seewolf: „Dreizehn flüchtige Insulaner, darunter Waialae, Koa und Lanoko.“ Zwischen Kratergipfel und Pfahlhüttendorf trug er als letzten Hinweis ein: „Acht Piraten auf der Suche nach den Flüchtigen.“

Er sah auf. „Folglich haben wir insgesamt mit einunddreißig bis sechsunddreißig Gegnern zu rechnen“, sagte er. „Die ganze Crew der ‚Saint Croix‘ muß aus fast vierzig Mann bestanden haben. Jean, Marcel und dieser Glatzkopf sind tot, Luc und Richard befinden sich in unserer Hand. Die ‚Saint Croix‘ kann kein kleiner Kahn sein, jedenfalls nicht nach der Stärke ihrer Mannschaft zu urteilen. Wir müssen aufpassen, daß wir uns nicht die Zähne an ihr ausbeißen.“

„Wenn wir das Überraschungsmoment auf unserer Seite haben, könnte unser Schlag vernichtend sein“, meinte die Rote Korsarin. „Verstehst du mich, Hasard?“

„Natürlich. Wir dürfen nicht abwarten, bis sie mit ihrem Dreimaster hier aufkreuzen. Wir müssen ihnen um einen Zug voraus sein.“

„Genau das.“

„Aber die ‚Isabella‘ wird unterbemannt sein, denn wir brauchen auch mindestens einen schlagkräftigen Landtrupp“, sagte der Seewolf.

„Zwei Landtrupps wären besser“, sagte Ben Brighton. „Denn wir müssen ja die im Dorf gefangengesetzten Eingeborenen befreien und auch Alewas Freunde, die zum höchsten Gipfel der Insel unterwegs zu sein scheinen, heraushauen.“

„Richtig“, sagte Hasard. „Aber damit würden zu wenige Leute an Bord unser alten Lady bleiben, das mußt auch du einsehen, Ben.“

„Ja, allerdings.“

„Ich gehe auch von der Hoffnung aus, daß Waialae, Lanoko, Koa und die zehn anderen Flüchtigen sich bislang vor ihren Verfolgern verstecken konnten.“

„Mit anderen Worten“, fragte die Rote Korsarin, „du willst als erstes in das Hauptdorf eindringen?“

„Ja. Mit so wenigen Männern wie möglich, damit die Crew hier auf der ‚Isabella‘ groß genug für ein Gefecht gegen die ‚Saint Croix‘ bleibt. Erst danach können wir uns auf die Suche nach den Frauen und Männern des Pfahlhüttendorfes begeben, von denen wir im übrigen ja nicht einmal genau wissen, wo sie stecken.“

„Also“, sagte sie. „Dann weiß ich schon, wie dein Plan in allen Details aussieht. Ja, er ist mir jetzt klar.“

„Wir brauchen nur noch die Männer für das Landunternehmen auszuwählen.“

„Nur Männer, Hasard?“

„Du willst diesmal mit auf die Insel?“

„Wenn auch du gehst …“

„Du hast gesehen, was wir riskieren.“

„Und der Kampf gegen die ‚Saint Croix‘?“ fragte sie ihn mit hochgezogenen Augenbrauen. „Ist das kein Risiko? Du vergißt wohl, wer ich bin? Ich bin Siri-Tong – kein ängstliches Hausmütterchen, das sich beim ersten Kanonendonner in der Kombüse verkriecht.“

Er lächelte. „Oh, das habe ich nie vergessen. Also gut, einverstanden, du bist mit von der Partie, wenn wir zum zweitenmal landen. Ich würde ja gern die Dunkelheit abwarten, aber ich fürchte, bis dahin würde zuviel Zeit verstreichen.“

„Ja, das finden wir auch, Sir“, sagte Carberry im Namen der ganzen Crew.

Hasard blickte zu Alewa. „Alewa, ehe ich die Männer einteile, habe ich noch eine Frage an dich. Weißt du, wohin Masot mit der ‚Saint Vincent‘ gesegelt sein könnte? Ich meine, du hast doch vielleicht die Karte gesehen, die Thomas Federmann diesem Piratenführer vorgelegt hat.“

„Ja.“

„Und?“

Sie kaute ein wenig auf ihrer Unterlippe herum, dann entgegnete sie: „Erinnere mich nicht genau. Werde nachdenken, Lobo del Mar.“

„Tu das“, empfahl er ihr. „Deine Antwort ist sehr wichtig für uns, denn wir wollen versuchen, der ‚Saint Vincent‘ zu folgen und die Gefangenen zu befreien.“

„Wenn uns hier auf Hawaii nicht der Achtersteven versengt wird“, sagte der Profos.

„Mensch, mal doch den Teufel nicht an die Wand“, zischelte der alte O’Flynn. „Mußt du das denn so schwarz sehen?“

„Hört, hört!“ Carberry grinste höhnisch. „Ausgerechnet du mußt das sagen, Donegal. Ist dir nicht gut? Oder glaubst du wirklich, daß wir die Piraten so mir nichts, dir nichts in die Flucht schlagen und dann gleich weiterklüsen, um Thomas Federmann und dessen Freunde zu suchen? He, du bist wohl unter die Optimisten gegangen, was, wie?“

„Nein, bei ihm ist der zweite Frühling ausgebrochen“, meinte Blacky. „Seit Alewa an Bord ist, ist er wie umgewandelt, merkt ihr das nicht?“

„Ach wo, das sind nur die väterlichen Gefühle, die er so hat“, sagte Ferris Tucker, der sich ein Lachen kaum verkneifen konnte.

„Schluß jetzt“, sagte der Seewolf. „Kommen wir zur Sache. Ich habe meine Wahl getroffen. Siri-Tong, Dan, Smoky und Matt begleiten mich. Wir gehen an Land, und dann lauft ihr anderen aus, um den Kerlen an Bord der ‚Saint Croix‘ eine heiße Überraschung zu bereiten.“

„Augenblick“, sagte Ben Brighton. „Du willst doch wohl nicht noch einmal am Strand dieser Bucht landen, oder? Himmel, ich bin überzeugt, daß dieser Louis und die anderen Schnapphähne uns nach wie vor beobachten und nur darauf warten, daß eine Abordnung von uns ihnen vor die Läufe gerät.“

Hasard lächelte. „Aber sicher doch. Hört jetzt meinen Plan. Er ist einfach, aber trotzdem bin ich von seiner Wirksamkeit überzeugt. Die simpelsten Pläne sind ja oft die besten.“

„Sir“, sagte der Kutscher. „Eine bescheidene Frage noch. Es ist Zeit zum Backen und Banken, aber ich schätze, wir werden unsere Mittagsmahlzeit wohl verschieben.“

„Richtig, Kutscher. Lösch ruhig die Kombüsenfeuer.“

„Aye, Sir.“

„Männer“, sagte der Seewolf. „Wir gehen sofort ankerauf und verlassen die Bucht. Wir laufen nach Süden ab. Ja, ihr braucht mich gar nicht so verdutzt anzusehen. Es soll so aussehen, als ob wir von diesem ungastlichen Platz verschwinden. Louis und seine Galgenstricke sollen sich ruhig gehörig den Kopf darüber zerbrechen.“

8.

Der Pirat trug einen schwarzen, breitkrempigen Hut, unter dem einige dicke Strähnen schwarzen Haares hervorquollen. Sein einstmals wohl weißes, jetzt aber undefinierbar gefärbtes Hemd stand bis zum Bauchansatz offen, der Stoff bewegte sich leicht in dem warmen Wind, der von den Bergen herab übers Westufer der Insel auf die offene See hinausstrich. Die Beine des Mannes steckten in einer zerlumpten schwarzen Hose. Um seine Hüfte hatte er sich ein Stück rotes Tuch geschlungen und zusammengeknotet, offenbar war der Fetzen als eine Art Schärpe gedacht. Vor dem rechten Auge hielt der Mann einen langen Messingkieker, dessen Optik auf die große Bucht des Pfahlhüttendorfes gerichtet war. Sein Mund, der von einem ausgefransten, sichelförmigen Schnauzbart umrahmt war, verzog sich in diesem Moment zu einem triumphierenden Grinsen.

Er setzte das Rohr ab und blickte von dem Baum, auf dessen stärkstem Ast er sich seinen Platz ausgesucht hatte, auf die kleine Lichtung der Hügelkuppe hinunter.

„Brassens!“ rief er.

Der dicke Mann mit dem nackten Oberkörper, der unten mit der einen Schulter gegen den Stamm des knorrigen Baumes gelehnt stand, blickte zu ihm auf. „Was gibt’s? Tut sich was, Maurice? Rücken die Hundesöhne wieder an? Na, die werden sich wundern.“

„Nein“, sagte Maurice, der Mann mit dem schwarzen Hut. „Sie hauen ab. Ja, sie verholen sich wirklich. Lauf ’runter ins Dorf und melde das Louis. Ich schätze, er wird froh darüber sein.“

„Das glaube ich nicht. Er vergeht vor Haß.“

„Lauf los und melde es ihm!“

Brassens verzog sein grobes, gerötetes Gesicht zu einer Grimasse, wandte sich nun aber doch von dem Baum ab und verließ die kleine Lichtung. Er rannte durch den Busch in das große Dorf der Insulaner hinunter und erreichte es bereits nach kurzer Zeit, denn die Entfernung zwischen der Eingeborenensiedlung und dem Aussichtspunkt auf dem Hügel betrug kaum mehr als fünfhundert Yards.

„Louis!“ rief er. „Louis, es gibt Neuigkeiten!“

Louis war mit seinen sieben Begleitern erst vor kurzem eingetroffen, und sie hatten alle acht einen mehr als niedergeschlagenen Eindruck gemacht. Louis hatte unverzüglich einen Vergeltungsschlag gegen die Engländer führen wollen, aber seine Männer hatten ihm gesagt, daß die Arbeiten an der „Saint Croix“, die durch die Riesenwelle nicht unerheblich beschädigt worden war, noch nicht ganz abgeschlossen waren, und das hatte seine Wut und seinen Haß nur noch verstärkt.

Er brauchte das Schiff, um sich an dem Schwarzhaarigen und dessen Teufelscrew rächen zu können. Wie sollte er die Galeone denn sonst angreifen? Mit den Auslegerbooten der Eingeborenen etwa? Das wäre Selbstmord gewesen. Die Engländer hätten mit ihren Kanonen ein Zielschießen auf die Boote veranstaltet.

Aus mehr als dreißig geräumigen Hütten bestand das Dorf, und rundherum hatte Zegú im Laufe der vergangenen sechs Jahre vorsichtshalber eine Palisade errichten lassen – auf Anraten von Thomas Federmann hin, der die dumpfe Ahnung gehabt hatte, daß man früher oder später wohl doch mit weiteren Besuchern rechnen mußte, die sicherlich nicht so kameradschaftlich auftreten würden wie die Seewölfe, sondern eher das verbrecherische Format eines Ciro de Galantes haben würden. Vorsorge hatte deshalb not getan, aber Masot, Louis und die anderen Karibik-Piraten hatten dann doch keine großen Schwierigkeiten gehabt, die Eingeborenen zu überwältigen.

Die Palisade empfanden die Freibeuter ihrerseits nun sogar als große Hilfe, denn sie hatten die Gefangenen mühelos einsperren können und brauchten nur das große Tor an der Westseite zu bewachen. Hin und wieder patrouillierten sie auch an der Einfriedung entlang ganz um das Dorf herum, aber bislang hatte noch keiner der Insulaner versucht, aus dem eigenartigen Verlies zu fliehen.

Louis stand bei den anderen Piraten vor dem großen Tor und fuhr in diesem Moment zu Brassens herum. „Schrei nicht so herum, du Narr, fuhr er den dicken Piraten an.

Brassens lief auf die Gruppe von Kumpanen zu, blieb schwer atmend vor Louis stehen und erklärte: „Sie verziehen sich. Ja, sie segeln wirklich davon. Maurice meinte, das würde dich freuen und …“

„Davon?“ wiederholte Louis scharf. „Das glaubt ihr doch selbst nicht. Ihr seid ja verrückt.“

„Maurice hat es gesagt. Und Maurice ist der beste Ausguck, den wir haben“, verteidigte sich Brassens.

„Maurice, Maurice“, äffte Louis ihn nach. „Ich will das selbst sehen. Du bleibst hier, ich laufe den Hügel hinauf.“

Er wartete keine Bestätigung ab. Leicht geduckt hastete er den Pfad entlang, den sie hier bereits vorgefunden, in diesen zehn Tagen auf der Insel jedoch immer wieder vom wuchernden Unkraut hatten befreien müssen. Der Aussichtspunkt auf der kleinen Lichtung der Hügelkuppe war also schon von den Eingeborenen als solcher benutzt worden – und eigentlich gab es so nah beim Dorf auch keinen besseren Ort, von dem aus man einen so weitreichenden Ausblick hatte: bis zur Bucht und über deren gesamten Strand hinweg zwei, drei Meilen nach Norden und nach Süden, außerdem im Inneren der Insel bis zum gewaltigen, schneebedeckten Zwillingsgipfel hinauf. Es war erstaunlich, wie viele Details man von hier aus sah.

Louis langte bei dem knorrigen Baum an, auf dem Maurice nach wie vor in unveränderter Haltung thronte. Er sprach kein Wort, kletterte zu dem Kumpan hinauf, nahm ihm den Messingkieker ab und spähte selbst hindurch.

Die Galeone der Engländer lag nicht mehr in der Bucht vor Anker! Es stimmte also! Louis mußte erst nach ihr suchen. Er entdeckte sie im Süden der Bucht wieder. Sie segelte auf Steuerbordbug liegend mit Backbordhalsen dahin und schien gute Fahrt zu machen. Ihr Bug teilte die See wie eine Pflugschar, die sich energisch durch schwere, fettige Marscherde grub.

„Gleich verschwindet sie hinter der Landzunge“, sagte Maurice. „Na schön, wir haben den Hurensöhnen keins mehr überbraten können, aber vielleicht ist es besser so. Was meinst du, Louis?“

„Schweig.“

„Hör mal, du …“

„Du sollst still sein“, herrschte der Blauäugige ihn an. „Merkst du denn nicht, daß es ein elender Trick von den Hunden ist? Sie führen uns an der Nase herum. Will dir das nicht in den Kopf?“

„Willst du damit sagen, sie runden die Insel, gehen woanders an Land und fallen uns so in den Rücken? Unmöglich – die Insel ist zu groß dafür. Sie würden sich hoffnungslos im Bergland verirren.“

„Halt doch endlich den Mund“, zischte Louis. „Ich kann dein dämliches Gerede nicht mehr ertragen. Der Schwarzhaarige ist schlau wie ein Luchs. Der hat sich schon was Brauchbares ausgedacht, um uns noch einmal überfallen zu können.“

„Aber was?“

„Was, was! Wenn ich das wüßte! Da, jetzt schiebt sich die verfluchte Landzunge zwischen uns und das Schiff. Der Teufel soll sie holen! Was jetzt?“

Maurice hielt sich mit der linken Hand an einem steil aufragenden Ast fest und musterte seinen Anführer aus schmalen Augen. „Wir können nur einen Späher ’runterschicken, der bis zur Landzunge läuft. Eine andere Wahl haben wir nicht, wenn wir die Galeone noch weiter beobachten wollen.“ Er rechnete damit, daß Louis ihn wieder anschreien würde, aber diesmal reagierte der andere erstaunlich ruhig.

„Ja. Du hast recht. Doch warten wir noch eine Weile. Ich hab da so einen Verdacht.“

Maurice fragte nicht danach, um was für einen Verdacht es sich handelte. Er schwieg, harrte neben seinem Kapitän aus und behielt die See nahe der Landzunge im Auge.

Kurze Zeit später erblickte Louis die Dreimast-Galeone von neuem. Er stieß einen Fluch aus, drehte an dem Messingkieker herum und reichte ihn dann Maurice. Maurice blickte ebenfalls durch die Optik und sah in dem schwarzgerahmten Kreis die Umrisse des Schiffes.

„Hol’s der Henker“, wetterte er los. „Jetzt läuft sie platt vor dem Wind nach Westen ab. Was, in aller Welt, hat denn das jetzt zu bedeuten? Erst nach Süden, dann nach Westen – das ergibt doch keinen Sinn.“

„Er will uns irreführen, der schwarzhaarige Bastard.“

„Das schafft er nicht.“

„Er überschätzt sich diesmal selbst“, sagte Louis mit heiserer Stimme. „Er kann mich nicht überlisten. Ich habe es gelernt, ihn zu beurteilen. Er ist ein kaltblütiger, hinterhältiger Dreckskerl, aber was ihm einmal gelungen ist, das gelingt ihm nicht wieder. Ich schwör’s dir, Maurice. Lieber sterbe ich, als daß ich so eine Schmach noch einmal ertrage.“

„Ja! Da, der Hund luvt an!“

„Was? Welchen Kurs nimmt er?“

„Norden …“

„Gib mir den Kieker.“ Louis griff schon nach dem Rohr, entriß es seinem Landsmann, hob es ans Auge und starrte mit einer bitteren Verwünschung auf den Lippen hindurch. „Satan“, murmelte er dann. „Verrecken sollst du. Ist denn das zu fassen? Er segelt immer weiter nach Norden ’rauf, aber ich habe den Eindruck, er geht höher und höher an den Wind, um sich wieder der Küste zu nähern.“

Ja, noch war die Galeone ein bräunlicher Fleck vor der blaß schimmernden Kimm, aber allmählich vergrößerten sich ihre Konturen wieder. Tollkühn war dieses Manöver, das mußte selbst Louis dem Engländer lassen, denn höher hätte sich auch der beste Kapitän mit einem Rahsegler wie diesem nicht an den Ostwind gewagt. Jeden Augenblick konnten die Segel zu killen beginnen und der Besatzung um die Ohren knallen, aber das schien dem Schwarzhaarigen egal zu sein.

„Mon Dieu“, stammelte Louis plötzlich.

„Was ist? Was hast du gesehen?“ wollte Maurice von ihm wissen.

„Unsere Ankerbucht – natürlich!“ keuchte Louis. „Er läuft die Bucht an, in der die ‚Saint Croix‘ liegt. Das Mädchen, dieses Miststück, muß dem Bastard verraten haben, wo unser Schiff versteckt ist. Das hat er vor! Er will die ‚Saint Croix‘ angreifen!“

Louis fuhr herum, rutschte auf dem Baumast fast aus, fing sich aber wieder. Er kletterte an Maurice vorbei, umklammerte den Stamm und rutschte an ihm zu Boden. „Du bleibst hier!“ rief er dem Kumpan noch zu. „Melde jeden Kurswechsel, den die Kerle vornehmen!“

„Ja. Noch halten sie mit Kurs Nord-Nord-Ost auf die Küste zu!“

„Ich werde sie töten. Alle.“ Louis hastete mit diesen Worten von der Lichtung, rannte den Pfad zum Dorf hinab und schrie seinen wartenden Männern schon aus einiger Entfernung zu: „Alarm! Die Engländer steuern die Bucht der ‚Saint Croix‘ an. Zwei Mann sofort ’runter zur Bucht. Sagt unseren Leuten Bescheid! Sie sollen auslaufen, gefechtsklar gehen und den Schweinehunden einen heißen Empfang bereiten!“

Zwei Piraten setzten sich unverzüglich in Trab. Ihre Gestalten verschwanden im Busch, der rings um das Dorf emporwucherte.

„Brassens“, sagte Louis. „Du kehrst jetzt zu Maurice zurück. Er braucht dich als Melder, falls es neue Überraschungen gibt.“

„Jawohl.“ Brassens lief ebenfalls los.

Louis blieb mit elf Männern vor dem großen Tor der Palisade zurück und überschlug im Geist, wieviel Zeit seine beiden Boten wohl brauchen würden, um die Ankerbucht der „Saint Croix“ zu erreichen.

Knapp die Hälfte der von ihm kalkulierten Zeitspanne war abgelaufen, als plötzlich der Donner einer Explosion ertönte. Louis stand wie gelähmt da. Sein Mund öffnete sich langsam, seine Augen weiteten sich.

„Was war das?“ stieß einer seiner Gefährten aus. „Das war nie und nimmer eine Schiffskanone.“

„Die Bombe! Sie haben wieder eine ihrer Flaschenbomben zum Einsatz gebracht“, sagte Louis. „Wie konnten sie so rasch heran sein? So schnell ist eine Galeone doch nicht. O Himmel …“

„Sie hat sehr hohe Masten und sehr viel Segelfläche“, meinte einer seiner Kumpane. „Scheint auch sehr flach konstruiert zu sein. Das ist wohl die Erklärung für …“

„Zwei Mann bleiben hier“, schrie Louis plötzlich. „Die anderen neun mit mir! Ich will an dem Gefecht teilnehmen! Wenn sich auch nur einer der Gefangenen erdreistet, über die Palisade zu sehen, schießt ihr ihn nieder, verstanden?“

„Ja“, erwiderte einer der Freibeuter. „Aber wer bleibt nun hier?“

Louis wählte die Männer aus, dann rannte er mit den anderen los. Sie tauchten ins Dickicht, stolperten fluchend voran und hörten jetzt den Donner einer neuen Explosion.

Maurice und der gewichtige Brassens konnten von ihrem erhöhten Posten aus die Feuerblitze und die schwarzen Qualmwolken sehen, die von der Küste aufstiegen.

Der Angriff der Seewölfe hatte begonnen.

9.

Die Ankerbucht der „Saint Croix“ verfügte über eine recht enge Einfahrt, die allenfalls zwei Schiffe zur selben Zeit passieren ließ. Dies hatte Bill, der Ausguck der „Isabella“, aus der Entfernung von gut einer halben Meile schon entdeckt, bevor Ben Brighton, der von Hasard das Kommando übernommen hatte, sich zu einer recht eigenwilligen Taktik durchrang. Bills Meldung, daß der Bucht eine bewaldete Barriere vorgelagert war, gab den Ausschlag. Ben entschied sich für ein kleines Ablenkungsmanöver.

Gefährlich krängte die „Isabella“ nach Backbord, hart lag sie an dem frisch aus Osten blasenden Wind. Ihre Masten hatten sich der Wasserfläche so tief zugeneigt, daß Ben fest damit rechnete, die Piraten in der Bucht würden sie erst im allerletzten Augenblick entdecken können. Jedenfalls ragte der Dschungel auf der Landzunge vor der Bucht höher auf als die Großmarsstenge der „Isabella“.

„Ferris!“ rief Ben dem rothaarigen Schiffszimmermann zu.

Ferris Tucker kauerte schon auf der Back, wo er diesmal seine „Höllenflaschenabschußkanone“ aufgebaut hatte. Er drehte sich zu Ben um, der auf dem Quarterdeck stand, und grinste ihm wie der Teufel in Person zu. Er zeigte klar, und Ben Brighton gab ihm seinen Befehl: „Sobald du kannst, läßt du die erste Flasche los. Schick sie so weit wie möglich nach Süden ’rüber!“

„Aye, Sir. Schon verstanden, Sir!“ rief Ferris zurück. Er richtete sich auf seine Aufgabe ein, plazierte die erste Flasche auf der pfannenförmigen Vorrichtung des Apparates, zerrte ein Kupferbecken mit glimmender Holzkohle zu sich heran, griff sich einen Luntenstock und zündete die Lunte der Flasche, sobald sie auf weniger als eine Kabellänge Distanz an die Einfahrt der Bucht heran waren.

Die Flaschenbombe wirbelte von Bord, als er die Arretierung der Schleuder löste. Sie flog nach Steuerbord davon, landete im Regenwald und ging mit mächtigem Getöse in die Luft. Ferris packte gleich die nächste Flasche auf die Pfanne, blickte zu Ben – und ließ auch diese Ladung los, weil Hasards erster Offizier und Bootsmann ihm aufmunternd zunickte.

Die Höllenflasche segelte über die südliche Landzunge der Bucht, schlug in den Busch am Südufer des Piratenverstecks und ging hier mit genauso großem Donner wie die erste hoch.

So kam es, daß die „Isabella“ unbehelligt durch die Einfahrt segelte und von den Piraten an Bord der „Saint Croix“ viel zu spät bemerkt wurde, weil sie in diesem Moment alle wie gebannt nach Süden spähten. Vielleicht wäre Ben Brighton die Überraschung auch ohne den Einsatz der beiden Flaschenbomben gelungen, aber er hielt diese Art Taktik für effektvoller – und für dramatisch genug, um den Franzosen einen gehörigen Schrecken einzujagen.

Mit einemmal war die „Isabella“ mitten in der Ankerbucht des Piratenseglers und rauschte mit den Wogen auf den Feind zu.

Die „Saint Croix“ war tatsächlich kein Schiff von bescheidenen Maßen. Ben Brighton warf Old O’Flynn, der rechts neben ihm an der Querbalustrade des Quarterdecks stand, einen Seitenblick zu und rief: „Mindestens vierhundert Tonnen, schätze ich, und Kanonen hat der Bruder auch genug. Zwei Dutzend Geschütze, nach seinen Stückpforten zu urteilen …“

„Deck!“ schrie Bill, der Moses, hoch über ihren Köpfen. „Sie springen an die Kanonen, die Kerle!“

Dann räumte er den Großmars – und es war auch höchste Zeit dafür. Die Piraten hatten ihre Überraschung überwunden. Sie fluchten, brüllten sich gegenseitig Befehle zu und hasteten auf ihre Gefechtsposten. Klar zum Kampf war die „Saint Croix“, und auch die Schäden, die sie durch die Riesenwelle erlitten hatte, waren inzwischen bis auf Kleinigkeiten alle behoben.

Vier Kerle rannten an die Winsch, rammten die Spillspaken hinein und begannen zu drehen. Der Anker hob sich, das Großsegel und die Fock wurden gesetzt, die Galeone nahm etwas Fahrt auf, ehe die „Isabella“ ihr ganz auf den Leib rücken konnte – und dann wummerten auch schon zwei Drehbassen und zwei Serpentinen los, die auf ihrer Back montiert waren.

„Zieht die Köpfe ein!“ schrie Ed Carberry auf der Kuhl der „Isabella“. „Ben, auf was wartest du?“

„Ruder hart Steuerbord!“ rief Ben Brighton dem Rudergänger Pete Ballie zu. „Wir halsen und begrüßen die Halunken mit den Backbordgeschützen! Männer, klar zur Halse!“

Die Bucht war geräumig genug, um das Manöver zu gestatten. Für einen Moment sah es so aus, als wollten die „Isabella“ und die französische Galeone aufeinander zulaufen. Aber dann lag die „Isabella“ auch schon auf dem anderen Bug, steuerte in einer engen Schleife das Buchtufer im Osten an und glitt zwischen den Fontänen hindurch, die die Kugeln der gegnerischen Drehbassen und Serpentinen im Wasser hatten aufsteigen lassen.

„Backbordbatterie – Feuer!“ brüllte der Profos.

Die Culverinen schienen sich aufzubäumen, spuckten Feuer, Eisen und Rauch, ruckten auf ihren Lafetten zurück und prallten in die Brooktaue zurück, als wollten sie sie sprengen. Die sandbestreute Kuhl vibrierte. Carberry feuerte die Crew mit seinen üblichen Rufen an. Bill, Philip junior und Hasard junior rannten auf und ab, um Wasser für die Wischer und Kellen und Pulver für die 17pfünder zu transportieren, das Deck war von fiebrigen Aktivitäten erfüllt, und Batuti enterte soeben in den Vormars auf, um die ersten Brandpfeile zu zünden und zum Gegner hinüberzusenden.

Ferris Tucker hatte die Flaschenschleuder neu justiert und schickte sich gerade an, die nächste Bombe zu den Freibeutern hinüberzujagen.

Die „Saint Croix“ war jetzt abgefallen, lief mit westlichem Kurs auf die Ausfahrt der Bucht zu und bot der „Isabella“ ihre Backbordbatterie dar. Die Piraten schrien durcheinander, hantierten mit den Luntenstökken, senkten sie auf die Bodenstücke ihrer Geschütze.

Gleichzeitig mit den schweren Culverinen und den leichteren Demi-Culverinen der „Saint Croix“ donnerte die Flaschenbombe los, die Ferris Tucker genau in die Mitte der feindlichen Kuhl gesetzt hatte. Batutis erster Brandpfeil bohrte sich in das Großsegel der Piraten-Galeone.

Es krachte und toste, und plötzlich schien das Inferno seine Tore geöffnet zu haben.

Die Männer der „Isabella“ warfen sich auf die Planken, denn die gegnerischen Kugeln heulten heran. Es knackte und knirschte, Splitter wirbelten, etwas segelte in hohem Bogen quer über die Kuhl, und das Backbordschanzkleid der „Isabella“ hatte dicht beim Niedergang zur Back mit einemmal ein großes Loch.

Auf der „Saint Croix“ herrschte aber noch größere Wuhling als auf der „Isabella“, und das lag an der Wirkung, die Ferris Tuckers Höllenflasche gehabt hatte. Das Großsegel der Feindgaleone stand in Flammen, und Batuti schoß den nächsten Brandpfeil ab, der mit geradezu unheimlicher Präzision die Fock der „Saint Croix“ traf.

Die Piraten brüllten, rannten auf und ab, bargen Verwundete, warfen Tote über Bord und trachteten, das Feuer zu löschen.

Der Kampf tobte hin und her.

Louis hatte in diesem Augenblick an der Spitze seines Trupps das Ufer der Ankerbucht erreicht. Er blieb stehen, starrte für einen Moment auf das Bild, das sich seinen Augen bot, faßte sich dann aber und schrie seinen Männern zu: „Los, schiebt die Jolle ins Wasser! Wir versuchen, an Bord der ‚Saint Croix‘ zu gehen!“

Die Jolle lag nicht weit entfernt auf dem weißen Sandstrand. Sie war eins der beiden Beiboote der „Saint Croix“.

Die Piraten rannten fluchend über den Sand, packten das Boot und zerrten wie verrückt daran, um es ins Wasser zu befördern. Wenig später saßen sie auf den Duchten und pullten gemeinsam durch die hohe Brandung. Louis saß auf der Heckducht, hielt die Ruderpinne und blickte mit verzerrter Miene auf sein Schiff.

Er begriff in diesem Moment, daß er bereits zu spät kam.

Die „Saint Croix“ stand in hellen, hoch himmelan lodernden Flammen.

10.

Brassens lehnte wieder an dem Baumstamm auf der kleinen Lichtung des Hügels, und er zweifelte beim Donner der Schiffskanonen keinen Augenblick daran, daß seine Kumpane dieses Gefecht für sich entscheiden würden. Er hatte gesehen, daß die Galeone der Engländer kleiner als die „Saint Croix“ war, außerdem schien sie auch nicht so gut armiert zu sein. Dies allein war für Brassens, den dicken Piraten, ausschlaggebend, aber er sollte noch lernen, daß man im Leben nicht gar so einfältig sein durfte.

Maurice kauerte nach wie vor oben auf seinem Aussichtsposten und versuchte, etwas von den Vorgängen in der fünf Meilen nördlich gelegenen Ankerbucht zu erkennen. Er sah aber nur das Feuer und den Rauch, die immer intensiver aufzusteigen schienen.

Brassens vernahm einen beunruhigenden Laut hinter seinem Rükken, wollte herumfahren, aber da war es schon zu spät für ihn. Etwas sauste schwer in seinen Nacken nieder, und er brachte nicht einmal mehr einen Laut hervor, ehe er bewußtlos zusammenbrach.

Der Seewolf trat an Brassens’ Stelle und blickte zu Maurice auf, der seinerseits gespannt nach Nord-Nord-West spähte.

„Hör dir das an“, sagte Maurice. „Und dabei heißt dieses Meer rund um die Inselwelt das ‚Meer der Ruhe‘. Ist das nicht ein Hohn?“

„Ja“, antwortete Hasard und zog seine doppelläufige sächsische Reiterpistole. „Das ganze Leben ist manchmal ein einziger Hohn, nicht wahr?“

Maurice ließ entgeistert den Messingkieker sinken. Er sah nach unten und erblickte zu seinen Füßen den schwarzhaarigen Hünen. Er wollte seine Miqueletschloß-Pistole zücken, die griffbereit vorn im Gurt steckte, wurde aber durch eine Geste des Seewolfs gebremst.

Hasard hatte die Reiterpistole gehoben und vorgestreckt. Die Mündungen zielten bedrohlich auf Maurices Unterleib.

„Wer – wer bist du?“ stammelte der Pirat, aber er war sich im selben Moment der Dummheit bewußt, die dazu gehörte, solch eine Frage zu stellen.

Hasard sagte: „Ich erkläre es dir vielleicht später. Steig jetzt ’runter von deinem Ast – und wage bloß keine Dummheiten. Es könnte das letzte Mal in deinem Leben sein, daß du einen idiotischen Trick versuchst.“

Siri-Tong, Dan O’Flynn, Smoky und Matt Davies traten jetzt ebenfalls aus dem Dickicht auf die kleine Lichtung, und damit war es um Maurices Fassung endgültig geschehen. Er ließ den Messingkieker fallen, kletterte vom Baum und hob die Arme. Er begriff, was geschehen war. Die Engländer hatten sie hereingelegt, und zwar gründlich. Sie waren hinter der südlichen Landzunge, wo sie nicht mehr beobachtet werden konnten, mit einem Beiboot am Ufer gelandet. Dann hatte das Ablenkungsmanöver ihrer Galeone begonnen, und sie hatten seelenruhig durch den Inselurwald bis hierherauf marschieren können.

Zweifellos hatte das Mädchen Alewa ihnen verraten, daß es hier oben, über dem Hauptdorf, einen Aussichtsplatz gab.

„Wir gehen ’runter zum Dorf“, sagte Hasard. „Dan und Smoky, ihr nehmt diesen Fettwanst hier mit.“ Er wandte sich wieder an Maurice und erklärte ihm in seinem besten Französisch, was er von ihm verlangte.

Maurice sah auf die doppelläufige Radschloßpistole, die immer noch auf seinen Bauch gerichtet war, und zweifelte keinen Moment daran, daß dieser schwarzhaarige Teufel mit den eisblauen Augen auch wirklich abdrücken würde, falls er seine Befehle nicht befolgte. Hasard hätte niemals auf einen wehrlosen Menschen geschossen, auch auf den größten Schurken nicht, aber das konnte Maurice nicht ahnen. Maurice wußte nur das eine: daß er nämlich das Leben so heiß und innig liebte wie nie zuvor und nicht sterben wollte.

Er nickte und sagte leise: „Ich tue alles, was ihr von mir verlangt, wenn ihr mich leben laßt.“

Die beiden Wachtposten, die vor dem großen Tor der Palisade zurückgeblieben waren, blickten sich verdutzt an, als im Dickicht plötzlich Maurice auftauchte und ihnen zuwinkte.

„Hier“, zischte Maurice. „Seht euch an, was ich geschnappt habe. Ein Weibsbild. Kommt her und nehmt sie gefangen.“

Die beiden Piraten schritten gleichzeitig los und blieben zwei Schritte von Maurice entfernt stehen, um sich über die schwarzhaarige Frau mit den exotischen Zügen zu beugen. Sie lag zu Maurices Füßen im Dickicht. Wer war sie? Woher kam sie? Wie hatte Maurice sie überwältigen können?

All diese Fragen, die die Piraten sich im stillen stellten, blieben leider unbeantwortet. Die Schwarzhaarige kam nämlich ganz überraschend zu sich, schnellte hoch und hieb dem rechten Posten die Hand so hart gegen die Schläfe, daß dieser umfiel und nicht mehr aufstand.

Der links stehende Kerl wollte protestieren, zur Waffe greifen, handeln, aber alles war zu spät, viel zu spät. Wie der Teufel schoß ein schwarzhaariger Riese aus dem Gebüsch hervor und warf sich auf ihn. Daß zwei andere Gestalten neben Maurice hochwuchsen, nahm der Wächter des Dorfes schon gar nicht mehr wahr. Etwas schien vor seinem Kopf zu explodieren, und er sank hin und spürte den Aufprall auf dem Boden schon nicht mehr. Ihm schwanden die Sinne, und das war gut für ihn, denn er brauchte am weiteren Geschehen nicht mehr teilzunehmen und rettete dadurch sein Leben.

Matt Davies und Smoky hatten Maurice in die Zange genommen. Maurice, der schnauzbärtige Pirat, stieß einen Laut ohnmächtiger Wut aus, aber Matt grinste ihn sofort so freundlich wie ein hungriger Hai an und sagte: „Nur eine falsche Bewegung, und du lernst meinen geschliffenen Eisenhaken kennen, mein Junge. Willst du das wirklich?“

Maurice verstand kein Wort, aber er wußte, daß es eine Warnung war. Er fügte sich in sein Schicksal.

Dan O’Flynn hatte weiter hinten auf dem Pfad nach achtern gesichert, und er blieb auch jetzt als Wachtposten im Dickicht zurück, als Hasard und Siri-Tong zur Palisade liefen und das Tor öffneten und Smoky und Matt den Gefangenen auf das Dorf zudirigierten.

Brassens, der dicke Freibeuter, lag zu Dans Füßen. Sie hatten ihn gefesselt und geknebelt.

Hasard hatte den Verriegelungsbalken des großen Tores angehoben, wuchtete ihn jetzt ganz hoch, zog ihn zu sich heran und ließ ihn zu Boden gleiten. Er drückte die Torflügel auf, trat über den Balken hinweg und ging in das Dorf.

Zunächst blickten sie ihn noch voll Entsetzen an, weil sie nicht begriffen, was geschah – Männer, Frauen, Kinder und Greise. Einige von ihnen erkannte er wieder. Er lächelte ihnen aufmunternd zu und beschrieb ein paar Gebärden, die ihnen zeigen sollten, daß sie jetzt frei waren.

Schließlich sagte er auf spanisch: „Ihr seid jetzt frei. Wir sind hier, um euch zu helfen.“

Da hellten sich ihre Mienen auf. Sie wußten jetzt, wer er war, riefen immer wieder „Pele, Pele“ und meinten wohl wie Alewa, daß die Göttin der feuerspeienden Krater ein Wunder vollbracht hatte. Hasard war ziemlich sicher, daß sie das Grollen der Kanonen für die Stimme der Inselvulkane hielten, zumindest in diesem Moment.

Dann fiel draußen ein Pistolenschuß, und Hasard fuhr herum und sah Siri-Tong, die ebenfalls herumgewirbelt war und aus dem Tor hinaus zum Dickicht lief. Hasard eilte ihr nach und hatte die Reiterpistole in der Faust. Er sah Dan O’Flynn aus dem Gebüsch springen und sich zu Boden werfen. Er sah Smoky und Matt Davies, die ihre von der „Isabella“ mitgebrachten Tromblons in Anschlag gebracht hatten und über Dans Gestalt hinwegfeuerten. Er duckte sich, zielte mit der Pistole und drückte zweimal auf die Gestalten ab, die aus dem Gestrüpp drangen und das Feuer auf sie eröffneten.

Auch die Rote Korsarin schoß – zuerst mit ihrer Muskete, dann mit der Pistole, die sie aus dem Gurt riß.

Fünf Piraten fielen, die drei anderen waren über die Lichtung vor dem Dorf hinweg und rannten in panischer Flucht zur Ankerbucht der „Saint Croix“ davon.

„Das müssen die Kerle gewesen sein, die hinter Waialae, Koa, Lanoko und den anderen Mädchen und Männern aus dem Pfahlhüttendorf her waren!“ rief Dan O’Flynn, der sich gerade wieder erhob und den Schmutz von der Kleidung wischte. „Sie haben natürlich den Kanonendonner gehört und sind aus den Bergen zurückgekehrt, um nachzusehen, was los ist.“

Hasard steckte seine Pistole weg. „Seid ihr unverletzt?“ fragte er.

Sie bestätigten es ihm durch Gesten, und er konnte sich zu den Insulanern umdrehen, die jetzt zunächst zögernd, dann aber zügiger aus der Palisade hervortraten und ein aufgeregtes Gemurmel anstimmten.

Er wies zu den Zwillingsgipfeln von Hawaii und rief ihnen auf spanisch zu: „Geht hin und sucht eure Freunde – die Bewohner des zerstörten Fischerdorfes. Sagt ihnen, daß alles vorbei sei und sie sich nicht mehr zu verstecken brauchen. Versteht ihr mich?“

„Jedes Wort, Lobo del Mar“, antwortete ihm ein weißhaariger alter Mann mit freundlichem Lächeln.

Hasard fand, daß es eine großartige Tat von Thomas Federmann gewesen war, diesen Eingeborenen die spanische Sprache beizubringen.

Brennend segelte die „Saint Croix“ aus der Bucht auf die offene See. Ihre Geschütze schwiegen jetzt und würden nie mehr sprechen. Die letzten Überlebenden des kurzen, vehementen Gefechts retteten sich durch kühne Sprünge ins Wasser und schwammen zu den Beibooten. In dem einen saß der erschütterte Louis mit seinen Mitstreitern vom Dorf. Das andere war gerade noch rechtzeitig von Bord der Piraten-Galeone aus abgefiert worden, ehe es auch in Flammen hatte aufgehen können.

Die „Saint Croix“ glitt durch die Passage. Ihre Fahrt verlangsamte sich, es war kein Stück Zeug mehr vorhanden, das sie voranbringen konnte. Es war ein gespenstisches Bild, wie sie allmählich mehr Wasser in ihren Rumpf aufnahm und tiefer sank.

Louis blickte zur „Isabella“.

Die war zwar lädiert, brannte aber nicht. Auch ihre Kanonen waren verstummt. Sie hob und senkte sich auf den blaugrünen Wogen, und von ihren Decks drangen die Stimmen der Engländer herüber.

„Sie werden uns alle töten“, sagte einer der Freibeuter vor Louis.

„Nein“, murmelte Louis. „Wenn sie das gewollt hätten, hätten sie es längst getan. Sie verschonen uns, gewähren uns Überlebenden freies Geleit.“

„Louis“, sagte ein anderer Kerl. „Dort, am Ufer! Drei von unseren Leuten!“

Louis blickte zum Ufer der Bucht.

Die drei, die den Kampf vor der Palisade überlebt hatten, rannten soeben in die Brandung, als hätten sie sämtliche Teufel der Hölle im Nacken sitzen. Sie begannen zu schwimmen und hielten auf die Beiboote der „Saint Croix“ zu.

„Wir nehmen sie über“, murmelte Louis.

Er nahm seinen Blick nicht vom Ufer. Weitere Gestalten erschienen jetzt. Da war der schwarzhaarige Teufel, dessen Namen er immer noch nicht wußte, dann eine Frau, ein Mann mit einer Eisenhakenprothese und noch zwei Kerle. Engländer. Bastarde, dachte Louis, der Leibhaftige soll euch holen. Wer seid ihr bloß?

Plötzlich waren auch Maurice, der Ausguck, und Brassens, der Dicke, da. Louis erkannte die beiden Posten, die er vor dem Tor der Palisade zurückgelassen hatte. Sie machten einen benommenen Eindruck und schienen soeben aus tiefer Ohnmacht erwacht zu sein.

Sie alle durften in das Wasser der Bucht steigen und zu ihren Booten schwimmen – und von Bord der „Isabella“ plumpsten jetzt auch zwei andere Gestalten ins Wasser, die sich bei näherem Hinsehen als Richard und Luc, der Bärtige, entpuppten.

Ein narbiger Riese mit wuchtigem Kinn blickte ihnen von der Back aus nach, schüttelte die Faust und brüllte: „Ihr habt Schwein gehabt, ihr Satansbraten! Laßt euch bloß nie wieder blicken, ihr krummbuckeligen Zander, oder es geht euch wirklich schlecht! Ich hätte mich ja gern noch näher mit euch unterhalten, aber man ist ja ein Mensch und keine Bestie wie ihr Kanaillen!“

Louis sah wieder zu dem schwarzhaarigen Kapitän der fremden Galeone. Gewiß, er konnte jetzt zu ihm schwimmen und ihn vor die Klinge fordern. Aber plötzlich fehlte ihm der innere Ansporn dazu. Sein Haß schien verflogen zu sein. Der Selbsterhaltungstrieb überwog.

„Fort“, sagte er mit rauher Stimme zu seinen Männern. „Nichts wie weg von hier, ehe die es sich anders überlegen.“

Sie nahmen ihre Kumpane in die Boote auf, pullten aus der Bucht hinaus und an der sinkenden „Saint Croix“ vorbei. Draußen, auf See, setzten sie ihren Jollen Masten auf und segelten bald darauf in westlicher Richtung davon.

Von Bord der „Isabella“ löste sich wieder eine Gestalt – Alewa. Sie tauchte mit einem Kopfsprung ins Wasser, verschwand in dem klaren Wasser der Bucht, schoß wenig später aber wieder an die Oberfläche und schwamm mit langen, weit ausholenden Zügen zu den am Ufer Wartenden. Sie ging an Land und fiel vor Hasard, Siri-Tong und den anderen auf die Knie.

Der Seewolf legte ihr die Hand auf die Schulter. „Steh auf“, sagte er. „Für solche Gesten sind wir nicht zu haben.“

Sie erhob sich wirklich und sah ihm in die Augen. „Wie kann ich dir danken, Lobo del Mar?“

„Hast du über die Insel nachgedacht, zu der Masot mit seinen Geiseln unterwegs ist?“

„Ja.“

„Dann wirst du mir aufzeichnen, wie sie auf Thomas Federmanns Karte ausgesehen hat. Traust du dir das zu?“

„Ich glaube, ja.“

Rufe erklangen aus dem Dickicht. Alewa wandte den Kopf etwas nach rechts, blickte zwischen Hasard und Siri-Tong hindurch, lachte plötzlich und rief: „Das sind Waialae und Koa! Und Lanoko und die anderen! Sie kommen! O Pele, Göttin von Hawaii, sie kommen wirklich!“

Braunhäutige Gestalten traten aus dem Ufergestrüpp auf den Strand, so viele, daß der Streifen weißen Sandes bald nicht mehr für sie auszureichen schien. Alewa stürzte auf einen hochgewachsenen, sehr jungen Mann mit edlen Zügen zu. Er war ein Mann, der auch für europäische Begriffe unbedingt als schön zu bezeichnen war. Alewa umarmte und küßte ihn.

„Nun wissen wir, wer Koa ist“, sagte Dan O’Flynn mit einem schiefen Grinsen. „Oh, und da sind ja auch Waialae und – ja, der Junge, der ihre Hand hält, muß Lanoko sein.“

„Die Leute aus dem Dorf haben sie schnell gefunden“, sagte Siri-Tong. „Gott sei Dank.“

Der Seewolf blickte zur „Isabella“, winkte Ben Brighton, Ferris Tucker, Carberry und den anderen zu. „Alles in Ordnung dort drüben?“ schrie er.

„Aye, Sir!“ rief Ben zurück. „Batuti und Stenmark haben ein paar Kratzer abgekriegt, aber die sind nicht weiter der Rede wert.“

„Und Shane?“

„Kann schon wieder kräftig fluchen!“

„Eine Sonderration Rum für alle!“ rief der Seewolf. „Kutscher, rück den edelsten Tropfen heraus, den du in deinem Schapp versteckt hast, verstanden?“

„Ja, Sir!“ rief der Kutscher.

Und die Crew stimmte den alten Kampf- und Siegesruf der Seewölfe an: „Arwenack, Ar-we-nack!“

Hasard ließ seinen Blick weiter nach rechts wandern und sah, wie die „Saint Croix“ brennend in der See versank. Zischend erloschen die letzten Flammen. Das Heck war das letzte, was noch aus den Fluten aufragte, aber rasch schluckte das Meer auch diesen Teil des Schiffes. Die Beiboote segelten – jedes mit Großsegel und Fock versehen – nach Westen davon und verschwanden bald ganz hinter der Kimm.

„Die See um Hawaii wird wieder zum Meer der Ruhe“, sagte der Seewolf. „Und wir kämpfen weiterhin mit allen Mitteln dafür, daß dieses Paradies erhalten bleibt und nicht von Narren, Schnapphähnen und Glücksrittern zerstört wird.“


1.

Die Furcht hielt sie gepackt, und diese Furcht war wie eine unbarmherzige Faust, die ihren Griff niemals lockern würde. Sie spürte, daß sie dem Grauen nicht entrinnen konnte. Nicht heute und nicht bis ans Ende ihrer Tage. Es war in ihr und hatte von ihr Besitz ergriffen.

Weiße Wolkenberge trieben in majestätischer Formation vor dem leuchtenden Blau des Himmels. Es hieß, daß die Götter freundlich gesinnt seien, wenn sie in solchen Wolken ruhten, und daß sie wohlwollend herabschauten, sobald sich jene Wolken strahlend weiß zeigten.

Es beflügelte Moana zu einer Hoffnung, die ihrer Angst ebenbürtig wurde.

Geschickt steuerte sie das kleine Auslegerboot, dessen Segel sich im Wind blähte. Hellgrün leuchteten die Korallenbänke in den kristallklaren Fluten der Lagune. Das Boot glitt wie auf einer gläsernen Fläche dahin, die sich gütig von dem schmalen Rumpf zerschneiden ließ. Der Ausleger schien auf dieser Fläche zu schweben.

Moana kauerte vor dem Ruder und hielt es fest wie den letzten Reichtum, den ein Mensch in seinem Leben besitzt. In ihrer linken Hand lag die aus Bast geflochtene Schot, mit der sie die Segelstellung korrigieren konnte. Sie kannte das Riff. Zielsicher hielt sie auf das natürliche Tor zu, das ihr den Weg in die Freiheit öffnen würde.

Wohin?

Erneut trieb die Furcht einen eisigen Schauer über ihren braungebrannten und gertenschlanken Körper. Wohin? schrie eine Stimme in ihr. War es nicht eine endlose Weite, in die sie floh? Gab es überhaupt eine Welt außerhalb jener Welt, die sie kannte und die sie nun zurücklassen mußte? Nein, selbst die Dorfältesten hatten niemals davon berichtet. Das Meer war weit, und Kahoolawe, Moanas Heimat, war der Mittelpunkt des Meeres.

Niemals hatte ein Fremder die Insel betreten – bis auf den einen, der nun ihr König war. Aber ihn hatten die Götter geschickt, und, die Götter waren in seiner Begleitung gewesen, als er sich auf Kahoolawe niedergelassen hatte. Er war aus dem Nichts erschienen. Doch gab es ihr, Moana, das Recht, in diesem Nichts nach einem Zufluchtsort zu suchen?

Sie wußte, daß sie nicht selbst die Antwort auf diese Frage finden würde. Aber die Götter waren ihr freundlich gesinnt. Sie hatten ihr die Flucht ermöglicht, und sie begleiteten ihren Weg mit friedlichen weißen Wolken. Moana wußte dieses Zeichen zu deuten, das ihre Zuversicht wie eine schutzbedürftige kleine Flamme am Leben erhielt.

Keinem anderen Mädchen von Kahoolawe war es gelungen, seinem Schicksal zu entrinnen. Namens der Götter hatte König Charangu den Tribut gefordert, der immer dann zu leisten war, wenn der Mond seine volle Größe erreichte. Charangu erfüllte nur seine Pflicht, das hatte er stets beteuert. Und er hatte nicht einmal selbstherrlich seine Entscheidung getroffen. Er hatte die Menschen von Kahoolawe bestimmen lassen.

Dieses Mal war die Wahl auf Moana gefallen. Als das schönste aller Mädchen auf Kahoolawe war sie den Göttern geweiht worden. Gemeinsam mit der Sonne dieses Tages hatte sie untergehen sollen – untergehen im feurigen Schlund des Berges Kuolai. Dann, so hatte Charangu verkündet, durften die Menschen wieder für einen Mond in Frieden leben.

So wollten es die Gesetze, gegen die sich niemand auflehnen durfte.

Moana begriff noch immer nicht, warum ausgerechnet sie in dieser Nacht die Fesseln abgestreift hatte und aus der Opferhütte geflohen war. In einem Versteck am Strand hatte sie den Tagesanbruch abgewartet.

Vielleicht, so sagte sie sich, gefiel den Göttern zum ersten Mal die Entscheidung nicht, die von den Menschen getroffen worden war. Vielleicht war das der Grund, warum sich ihre Fesseln gelockert hatten. Und wenn es so war, dann mußten die geheimen Mächte, die sich mit freundlichen weißen Wolken zeigten, eine Bestimmung für Moana haben. Dann hatte diese Flucht einen tieferen Sinn.

Trotz der frühen Tageszeit spendeten die Sonnenstrahlen schon wohlige Wärme, die auch der frische Seewind nicht zu vertreiben vermochte. Moana sah das Tor im Riff jetzt deutlich. Das Donnern der Brandung schwoll an, je mehr sie sich dem Korallenriff näherte. Jenseits der Brandung, die Kahoolawe wie ein weißleuchtender Ring umgab, war das Meer tiefblau und ruhig.

Die Wasser außerhalb des Riffs waren für Moana und ihre Gefährtinnen stets tabu gewesen, auch wegen der Gefahren, die dort lauerten. Daß sie nun durch nichts zurückgehalten wurde, in das verbotene Meer vorzudringen, war ihr ein weiterer Beweis dafür, daß die Götter ihren Weg wohlmeinend begleiteten.

Die Wogen der Brandung erfaßten das Auslegerboot, als es in rascher Fahrt durch das Tor des Riffs glitt. Moana klammerte sich fest und überstand die tanzenden Bewegungen des Bootes unbeschadet. Dann, als die See ruhiger wurde, atmete sie auf und wagte einen Blick zurück.

Der Schreck traf sie wie ein todbringender Stich.

Deutlich zeichnete sich das große Kanu vor dem weißgoldfarbenen Strand und den Palmen ab, die sich im Wind wiegten.

Das Entsetzen verursachte in Moana einen körperlich spürbaren Schmerz. Sie fühlte ihr Herz, das gegen die Rippen zu hämmern schien und wilde, unkontrollierte Sprünge vollführte. Schweißperlen, die auch der milde Seewind nicht fortzuwischen vermochte, traten auf die braungebrannte Gesichtshaut des Mädchens. Nur unter großer Anstrengung gelang es ihr jetzt noch, das Boot auf Kurs zu halten. Das Zittern, das ihren ganzen Körper erfaßte, wurde übermächtig.

Also hatte sie zu früh frohlockt!

Ihre Flucht war nicht unbemerkt geblieben. Mit welchem Recht hatte sie erwartet, daß sie unbeobachtet in die Endlosigkeit verschwinden konnte? Hatte es den Göttern nicht vielmehr gefallen, sie von einem Trugschluß in den anderen zu stürzen? Nur um ihr zu beweisen, wie erbärmlich und unbedeutend ihr kleines Menschenleben war?

Und nun war es Charangu persönlich, der auf dem Weg war, sie zurückzuholen.

Krampfhaft versuchte Moana, sich zu beruhigen. Die Entfernung war viel zu groß. Kein gezielter Pfeil, kein geschleuderter Speer und kein Messer konnten sie erreichen. Und der Wind war ihr Freund.

Der Wind!

Was geschah, wenn er sie im Stich ließ? Neue Angst stieg wie eine aufwallende Glut in Moana empor.

Charangu war auf die Kraft des Windes nicht angewiesen. Mehr als zwanzig Männer hatte er in seinem Kanu zur Verfügung. Muskulöse Männer, deren Kräfte nicht so rasch versiegten. Ihre Paddel peitschten das Wasser, als wollten sie es dafür strafen, daß es dem Mädchen die Flucht ermöglichte.

Trotz der Entfernung konnte Moana jede Einzelheit erkennen. Ihre Augen waren jung und ungetrübt.

Charangu stand aufrecht im Heck des Königskanus. Seine blaue Kopfbedeckung leuchtete im Sonnenlicht, und der wallende Umhang schien goldene und purpurne Funken zu sprühen. Die Hände des Königs von Kahoolawe ruhten auf jenem brusthohen Stab, den er als Zeichen seiner Würde stets bei sich trug.

Und er befand sich in göttlicher Begleitung!

Guao hatte sich auf Charangus Schulter niedergelassen. Ein untrügliches Zeichen für die Gunst, die Charangu genoß. Denn Guao war der Gott, dem alle untertan sein mußten. Letztlich auch jene, die sich vielleicht aus einer Laune heraus auf Moanas Seite gestellt hatten. Sie würden alle gestraft werden für die Eigenmächtigkeit, die sie sich herausgenommen hatten.

Denn Guao, dieses greise Wesen aus einer unbekannten Welt, zeigte ein grausames und unerbittliches Gesicht.

Das sah Moana überdeutlich.

Sie war versucht, aufzugeben. Denn sie wußte jetzt, daß sie keine Chance hatte.

Von stählerner Muskelkraft getrieben, schoß das Königskanu geradezu pfeilschnell über das Wasser. Während sie es beobachtete, hatte Moana das Gefühl, daß ihr eigenes Boot immer langsamer wurde.

„Deck!“

Bills Stimme erscholl so hell und klar, daß er selbst die in hundert Faden Tiefe schlummernden Meerjungfrauen damit zu wecken vermochte.

„Deck! Wasserfahrzeug Steuerbord voraus!“

Die Männer auf der Kuhl und auf der Back wurden lebendig. Dank der warmen Morgensonne genossen sie es, ihr Frühstück unter freiem Himmel einzunehmen. Ein Vorzug, den sie während ihrer Reise durch die eisigen nördlichen Breiten allzu lange entbehrt hatten.

Arwenack, der Schimpanse, schwang sich mit einem Satz auf das Schanzkleid und hangelte mit eben jener Geschwindigkeit in den Backbordwanten auf, die man seiner und seiner Artgenossen Fähigkeiten zufolge als „affenartig“ bezeichnete. Als er den Moses im Großmars erreichte, stieß er ein helles Keckern aus.

Edwin Carberry, der bullige Profos, rappelte sich von einer Taurolle auf und stemmte seine mächtigen Pranken in die Hüften. Im Gegensatz zur übrigen Crew spähte er nicht in die Richtung, die der Moses angegeben hatte. Statt dessen warf Carberry den Kopf in den Nacken und starrte zum Großmars hoch. In der wilden Narbenlandschaft seines Gesichts lag ein Ausdruck von Fassungslosigkeit.

„He, du Stint!“ brüllte er mit Donnerstimme. „Was habe ich da eben gehört, was, wie?“

„Sir?“ tönte es zurück. Bills schwarzer Haarschopf wehte in der lauen Brise, als er sich herabbeugte.

Die Männer, die am Steuerbordschanzkleid lehnten und außer der platten Linie der Kimm noch nichts erkennen konnten, drehten sich um und mußten grinsen.

„Wiederhole das, du Hering!“ rief der Profos grollend. „Will doch mal sehen, ob ich mich verhört hab oder so was!“

„Sir“, antwortete Bill gehorsam, „ich meldete ein Wasserfahrzeug Steuerbord voraus.“

„Ein was?“ schnappte Carberry, und wie er sein Rammkinn dabei vorschob, erinnerte er an einen verdutzten Fisch, der sich plötzlich auf dem Trockenen findet.

Einige der Männer begannen verstohlen zu kichern und mußten sich abwenden.

Bill bemühte sich, nicht hinzuschauen, denn er wußte, daß es ihm dann schwerfallen würde, seine respektvolle Miene beizubehalten.

„Ein Wasserfahrzeug, Sir.“

Edwin Carberry explodierte. Der erste willkommene Anlaß an diesem Tag, daß er sich auf diese Weise die Luft verschaffen konnte, die ihm am liebsten war.

„Wo, zum Teufel, bin ich hier gelandet, was, wie? Ist das die gottverdammte alte ‚Isabella‘, oder haben sie mich in einen Debattierclub piekfeiner Affenärsche aufgenommen? Kannst du mir das mal erklären, Stint?“

„Ich verstehe nicht, Sir“, entgegnete Bill konsterniert, „ich habe doch nur …“

„Du salbaderst so geschraubt daher“, brüllte Carberry, „daß ich glauben muß, ich bin nicht mehr ich selbst! Eins schreibe dir hinter die Ohren, du grüner Hering! Solange der Profos auf diesem Schiff Carberry heißt, so lange wird hier an Bord die Sprache geredet, die jeder versteht!“ Er preßte die Lippen aufeinander, schüttelte den Kopf und äffte den Moses nach: „Wasserfahrzeug! Ein Wasserfahrzeug Steuerbord voraus! Was, in drei Teufels Namen, kann das sein, das auf dem Wasser fährt?“

Der Kutscher, der seine brütendheiße Kombüse an diesem Tag frühzeitig verlassen hatte, trat vorsichtig auf den Profos zu.

„Mit Verlaub, Mister Carberry“, sagte er in vornehmer Höflichkeit. „Du solltest dich nicht dazu hinreißen lassen, den jungen Mann wegen seiner untadeligen Ausdrucksweise zu rügen.“

Der Profos ruckte herum, schnappte nach Luft und suchte nach Worten. Dabei fixierte er den Kutscher, als handele es sich bei ihm um ein fremdartiges Wesen.

„Ja, du hast richtig gehört, Profos“, sagte der Kutscher mit ernsthaftem Nikken. „Ich persönlich halte es für sehr lobenswert, wenn junge Menschen sich einer gepflegten Sprache befleißigen. Ich selbst habe Bill dazu ermutigt und ihm mit Hilfe der an Bord vorhandenen Literatur erklärt, wie man auch in der seemännischen Umgangssprache ein gewisses Niveau erreichen kann und …“

„Schluß damit!“ schnitt ihm der Profos schnaubend das Wort ab. Er hatte seine Fassung halbwegs wiedergewonnen. „Das sieht dir ähnlich, du Kombüsenratte! Wenn du über deinen Kochtöpfen brütest, hast du nichts Besseres zu tun, als krause Gedanken zu wälzen! Und dann auch noch unsere jungen Leute verderben! Ich werde dafür sorgen, daß dieser Schwachsinn aufhört! Ich werde …“

Eine energische Stimme fuhr dazwischen.

„Profos! Ihr werdet eure Debatte später fortsetzen! Im Augenblick interessiert es mich mehr, um was für ein Wasserfahrzeug es sich handelt. Eure Sprachprobleme könnt ihr bei anderer Gelegenheit lösen. Habe ich mich klar genug ausgedrückt?“

Der Kutscher, der unwillkürlich zwei Schritte zurückgewichen war, atmete erleichtert auf.

„Aye, aye, Sir“, sagte Edwin Carberry dumpf und nickte in Richtung Achterkastell. „Ich meine ja nur, daß ein Fahrzeug immer ein Ding ist, das Räder hat. Und wie soll ein Ding mit Rädern auf dem Wasser fahren können? Will sagen, man kann es doch nicht zulassen, daß der Kutscher den Leuten mit irgendwelchen Bücherweisheiten den Kopf verdreht. Nachher führt das noch so weit, daß wir eine spanische Kriegsgaleone auf Kollisionskurs haben, und der Ausguck meldet einen Kutschwagen!“

Brüllendes Gelächter ertönte. Die Männer wollten sich ausschütten.

Der Seewolf, der sich an Steuerbord der Schmuckbalustrade aufgebaut hatte, brachte sie mit einer Handbewegung zum Verstummen. In der Rechten hielt er das Spektiv, und er hatte das besagte Wasserfahrzeug bereits gesichtet und war deshalb nicht in Unruhe geraten. Siri-Tong, die neben ihm stand, verfolgte lächelnd den Wortwechsel der Männer.

„Profos!“ rief Philip Hasard Killigrew schneidend, und er hoffte, daß das unterdrückte Lächeln in seinen Mundwinkeln dort unten auf der Kuhl nicht zu erkennen war.

„Sir?“ Edwin Carberry straffte seine Haltung.

„Wir erledigen die Angelegenheit folgendermaßen, Profos. Sobald der Ausguck abgelöst worden ist, wirst du ihm und dem Kutscher erklären, was ein Fahrzeug ist und was nicht. Über das Ergebnis dieser Unterrichtsstunde möchte ich informiert werden. Noch Fragen?“

Edwin Carberry schluckte trocken.

„Nein, Sir. Aye, aye, Sir.“ Während er sich abwandte, kratzte er sich ausgiebig am Hinterkopf, was ein Zeichen heftigen Nachdenkens war.

Die Männer, die am Schanzkleid standen, spähten angestrengt zur Kimm, damit der Profos ihre Gesichter nicht sehen konnte.

Der Seewolf wechselte einen Blick mit Siri-Tong. Die mandelförmigen, fast schwarzen Augen der Roten Korsarin sprühten belustigte Blitze. Ihrer Gewohnheit entsprechend, waren die beiden oberen Knöpfe ihrer roten Bluse geöffnet. Das schwarze Haar floß seidig schimmernd bis auf ihre Schultern, und ihre samtene Pfirsichhaut hatte einen stärkeren Braunton angenommen, seit sie das paradiesische Klima der Südsee genossen. Siri-Tong trug blaue Schifferhosen und leichte Stulpenstiefel aus butterweichem Leder, die die atemberaubenden Formen ihres schlanken Körpers mit einem augenfälligen Akzent unterstrichen.

Hasard hatte die Ärmel seines hellen Leinenhemds bis über die Ellenbogen hochgekrempelt. Vom Ledergurt aufwärts stand das Hemd offen, und es folgte der Linie, die sein Oberkörper von den schmalen Hüften bis zu den imposanten breiten Schultern vorzeichnete. Unter der leichten Kleidung zeichneten sich die mächtigen Muskeln des mehr als sechs Fuß großen Mannes ab, der sich als Seewolf einen wohlklingenden Namen auf den Weltmeeren erworben hatte. Der handige Nordwest, der die frühe Sonnenglut milderte, fächerte in Hasards scharzem Haar. Seine klaren eisblauen Augen spiegelten die Unbestechlichkeit und Geradlinigkeit seines Wesens.

„Ausguck!“ rief er mit metallisch klingender Stimme.

„Sir?“ Bill reckte seinen schmalen Körper im Großmars. Hinter ihm turnte Arwenack keckernd von einer Seite des Mastkorbs zur anderen.

„Würdest du jetzt so freundlich sein, uns zu erklären, mit welcher Art von Wasserfahrzeug wir es zu tun haben?“

Wieder stimmten die Männer Gelächter an, und diesmal grinste auch der Profos, der sich bis zum Kombüsenschott zurückgezogen hatte. Dank Hasards diplomatischen Geschicks verteilte sich der Spott nun gleichmäßig auf beide Seiten, und auch Edwin Carberry erhielt seinen Anteil an Schadenfreude.

Denn der Kutscher wandte sich zur Seite und beschäftigte sich hingebungsvoll mit dem Aufkrempeln seiner Hemdsärmel, die ihm offenbar urplötzlich zu warm geworden waren.

Und hoch oben lief Bill puterrot an.

„Es handelt sich um ein Auslegerboot, Sir. Ein einmastiges Auslegerboot mit einem kleinen Lateinersegel.“

„In Ordnung“, sagte Hasard, „dann kümmere dich jetzt wieder um deine eigentliche Aufgabe.“

Er hatte es kaum ausgesprochen und war im Begriff, das Spektiv ans Auge zu setzen, als Bills Stimme jäh in höchsten Tönen gellte.

„Deck! Land in Sicht! Laaand in Sicht! Auslegerboot jetzt etwa fünf Kabellängen Steuerbord voraus, Kurs Südwest. Zweites Boot folgt auf demselben Kurs! Land Backbord voraus! Eine Insel, so scheint es …“

Atemlose Stille breitete sich an Bord der „Isabella VIII.“ aus. Das Knarren und Ächzen der Takelage schien an eindringlicher Lautstärke zu gewinnen. Das Stichwort „Insel“ weckte gespannte Aufmerksamkeit in den Männern, denn sie waren auf der Suche nach einer Insel. Hatte es der Zufall gewollt, daß sie früher als erwartet auf das geheimnisvolle Eiland gestoßen waren? Zunächst aber schien sich dort etwas abzuspielen.

Zwei Wasserfahrzeuge!

Das Wort begann sich bei den Männern einzuprägen. Vielleicht deshalb, weil es so absonderlich klang und weil es ein Grinsen weckte.

„Das ist eine Verfolgungsjagd!“ schrie der junge Dan O’Flynn, der immer noch die schärfsten Augen von allen hatte.

Hasard hatte es im selben Moment festgestellt. Das Spektiv lieferte ihm ein gestochen scharfes Bild. Da war ein gertenschlankes Mädchen, allein auf einem Auslegerboot. Da war ein riesiges Kanu, das von etwa zwei Dutzend Männern vorangetrieben wurde, und da war eine Insel, hinter deren Palmenhainen bizarre Felsformationen wie eine düstere Wand aufragten.

Wie die Zusammenhänge auch sein mochten, eins stand fest: Dieses Mädchen wurde von einer Übermacht bedroht, und das kleine Boot mit dem Segel war jetzt nur noch vier Kabellängen entfernt. Eine lächerlich geringe Distanz für die schlanke Dreimast-Galeone, die von dem besten englischen Schiffsbauer nach modernsten Erkenntnissen konstruiert worden war.

„Ben!“ Hasard ließ das Spektiv sinken und drehte sich um. Er hatte seine Entscheidung getroffen.

Ben Brighton, der Erste Offizier der „Isabella“, blickte ihn an.

„Segel aufgeien lassen, Ben. Wir werden uns das aus der Nähe ansehen.“

„Aye, Sir, Segel aufgeien“, wiederholte Ben Brighton und trat an die Querbalustrade. Noch lief die Galeone unter Vollzeug vor dem Wind.

Bens Befehlsstimme hallte über Deck. Die Männer gerieten in Bewegung. Arwenack flüchtete bis hinauf zum Masttopp, da ihm die plötzliche Wuhling unbehaglich war. Während die Männer die Segel aufgeiten, verlor die „Isabella“ zusehends an Fahrt.

Hasard wandte sich dem Rudergänger zu.

„Zwei Strich Steuerbord, Pete!“

„Aye, aye, Sir, zwei Strich Steuerbord“, wiederholte Pete Ballie und legte Ruder. Seine Fäuste waren so groß wie Ankerklüsen.

Nachdem die Segel aufgegeit waren, ließ der Seewolf ein Beiboot klarmachen. Mittlerweile hatten sie sich dem kleinen Auslegerboot bis auf zwei Kabellängen genähert. Und mit dem neuen Kurs hielt die Galeone jetzt in ausrauschender Fahrt auf die Nußschale zu, deren rotes Segel ein deutlicher Orientierungspunkt war.

„Sieh dir die beiden an“, sagte Siri-Tong lächelnd und deutete zum Vorkastell.

Dort waren die Zwillinge aufgetaucht, die sich bis eben nicht hatten blicken lassen. Ihre Neugier hatte sie vermutlich an Deck getrieben. Die beiden Söhne des Seewolfs ähnelten sich äußerlich wie ein Ei dem anderen. Beide waren schlank und schwarzhaarig, hatten scharfgeschnittene Gesichter wie ihr Vater. In ihren Bewegungen waren sie geschmeidig wie Katzen. Mit ihren acht Lebensjahren waren sie prachtvolle Burschen, auf die mittlerweile die gasamte „Isabella“-Crew stolz war.

Hasard mußte grinsen, als er die Gesichter der Jungen sah. Ihre Münder waren dunkelrot verschmiert. Der Kutscher hatte in den letzten Tagen mehrere Töpfe voll Zuckersirup aus frischen exotischen Früchten gekocht. Wie es aussah, war ihm das in höchster Vollendung gelungen.

Aber im Augenblick gab es andere Sorgen, als die Vorräte des Kutschers vor frivolen Fingern zu schützen.

2.

Moana war entsetzt über ihre eigenen Empfindungen.

War es Angst, die sie wieder überwältigte? Oder war das grenzenlose Erstaunen stärker, das sie beim Anblick des riesenhaften fremden Bootes befiel? Auf jeden Fall ging eine seltsame Faszination von diesem schwimmenden Ungeheuer aus. Moana vermochte ihren Blick nicht davon loszureißen, und in ihrem ungläubigen Staunen vergaß sie alles, wovon ihre Gedanken bis jetzt bestimmt gewesen waren. Es mußte die Kraft der Götter sein, die ihre Sinne so sehr zu beeinflussen vermochte.

Das mochte auch der Grund sein, weshalb Charangu an Bedeutung verlor. Bis eben waren das Königskanu und seine Besatzung für Moana noch übermächtig erschienen. Jetzt war es fast ein Nichts, verglichen mit diesem gigantischen Boot, das so freundlich aussah. Es waren die hellen Segel, die diesen Eindruck in ihr hervorgerufen hatten.

Mit großen Augen beobachtete das Mädchen, wie die hellen Tücher zu den Querhölzern hin zusammenschrumpften. Dann schwenkte das Riesenboot unvermittelt herum und rauschte mit mächtigem Bug auf sie zu.

Der Instinkt ließ Moana spüren, daß ihr die Menschen auf diesem Boot freundlich gesinnt waren. Denn dessen Erscheinen konnte kein Zufall und mußte vielmehr von den Göttern schon zu dem Zeitpunkt gelenkt worden sein, als sich ihre Fesseln während der Nachtstunden gelockert hatten.

Moanas Angst wich endgültig der Zuversicht. Sie überwand sich, das eigene kleine Segel zu bergen, auch wenn es bedeutete, daß Charangu und seine Männer jetzt rascher aufholen würden.

Ein mächtiger Gegenstand, der wie ein Kreuz aussah, rauschte vom Bug des Riesenbootes in die Fluten. Nur noch einen Steinwurf weit war es von Moana entfernt. Dann sah sie, wie ein kleineres Boot zu Wasser gelassen wurde, das immerhin aber noch mehr als doppelt so groß war wie ihr Auslegerboot.

Fünf Männer waren es, die sich ihr näherten. Große, hellhäutige Männer mit unglaublich breiten Schultern. Sie bewegten ihr Boot auf andere Weise voran, als Moana es von Kahoolawe kannte. Sie saßen mit dem Rücken zur Fahrtrichtung, und sie benutzten die langen Paddel wie Hebel, deren oberes Ende sie in rhythmischen Abständen zu sich heranzogen. Vier der Männer brachten das Boot auf diese Weise in Fahrt. Der fünfte saß im Heck und hielt das Ruder.

Sein Anblick verursachte ein Gefühl in Moana, das sie sich selbst nicht zu erklären vermochte. Etwas Beruhigendes ging von diesem großen Mann mit den schwarzen Haaren und den eisblauen Augen aus.

Niemals hatte Moana von solchen Menschen gehört. In keiner der Geschichten, die die Dorfältesten erzählten, war von Wesen dieser Art die Rede. Doch wieder war es der Instinkt des Mädchens, der ihr sagte, daß es gute Menschen sein mußten.

Noch einmal wandte sie sich um.

Genugtuung erfüllte sie, als sie sah, daß Charangus Männer die Paddel langsam und zögernd führten.

Hasard richtete sich auf der Achterducht der Jolle auf.

Dan O’Flynn, Sam Roskill, Luke Morgan und Stenmark pullten weiter. Das Auslegerboot dümpelte jetzt im schwachen Wellengang, und in einer Kabellänge Entfernung nahte das große Kanu mit den Verfolgern heran, die jetzt offenkundig weniger Verbissenheit an den Tag legten.

Das Mädchen war eine jener Schönheiten, wie Hasard und seine Männer sie schon auf der Insel Hawaii kennengelernt hatten. Schlank und zierlich, reichten ihr die schwarzen Haare bis weit auf den Rücken herunter. Ein hauchdünnes Etwas aus buntem Stoff war um ihren Körper geschlungen.

Während sie herannahten, blickte Hasard in die großen mandelförmigen Augen, die flehentlich und hoffnungsvoll zugleich auf ihn gerichtet waren.

Er gab den Männern ein Handzeichen. Sie holten die Riemen ein. Hasard schwenkte die Ruderpinne und steuerte die Jolle längsseits. Dan O’Flynn beugte sich nach außenbords, packte eine Strebe des Auslegers und zog die polynesische Nußschale heran.

Stenmark stieß einen leisen Pfiff aus. Sam Roskill und Luke Morgan wechselten einen bedeutungsvollen Blick. Die Schönheit des Mädchens war überwältigend.

Hasard suchte die wenigen Brokken jener polynesischen Sprache zusammen, die er von der Insel Hawaii kannte.

„Wir sind Freunde“, sagte er, „können wir helfen? Was ist geschehen?“

Das Mädchen blickte ihn verständnislos an. Ihr Blick hing an seinen Lippen, doch in ihren Augen las Hasard, daß sie kein Wort von dem begriff, was er sagte.

„Wir kommen von Hawaii“, versuchte er es noch einmal, „wir haben dort gute Freunde.“

Immer noch dieser verständnislose und gleichzeitig fragende Blick.

„Es hat keinen Zweck“, sagte Dan O’Flynn, der seine Augen nicht von dem Mädchen wenden konnte. „Sieht so aus, als ob sie hier eine ganz andere Sprache sprechen.“

„Und was ein Wasserfahrzeug ist, wissen sie bestimmt auch nicht“, sagte Luke Morgan und lachte glucksend. Die beiden anderen stimmten mit ein.

„Ruhe!“ fauchte Dan O’Flynn. „Gleich gibt es sowieso Stunk.“ Er deutete zu dem Kanu, das bereits auf eine halbe Kabellänge herangenaht war.

Das Mädchen wandte gleichfalls den Kopf und erschrak sichtlich. Es hatte den Anschein, als würde ihr plötzlich eine unangenehme Erinnerung wieder bewußt, die sie bis eben aus ihrem Bewußtsein verdrängt hatte.

Sie gab sich einen jähen Ruck, turnte mit katzenhafter Gewandtheit über den Ausleger, vollführte einen federnden Sprung und kauerte unvermittelt auf der vordersten Ducht der Jolle. Gestikulierend begann sie zu reden. Ein nicht enden wollender Wortschwall sprudelte über ihre Lippen.

Die Männer zuckten hilflos mit den Schultern, denn sie verstanden nichts von dem, was das Mädchen sagte.

„Dan“, sagte Hasard schließlich mit einem Seitenblick zu dem herannahenden Kanu. „Versuch es mit der Zeichensprache. Verklare ihr, daß sie sich beruhigen soll und wir ihr helfen werden. Scheint so, als ob wir dazu doch etwas mehr Zeit brauchen.“

Er warf Luke Morgan einen aufgerollten Tampen zu. Die Männer vertäuten das Auslegerboot, damit sie es später ins Schlepp nehmen konnten.

Mit Begeisterung übte sich der junge O’Flynn währenddessen in der Zeichensprache. Das Mädchen beobachtete seine Handbewegungen voller Staunen, aber dann glitt ein Leuchten des Verstehens über ihr schmales Gesicht.

Hasard und die anderen hatten sich umgedreht. Dieses Wasserfahrzeug, das da auf sie zuglitt, war schon eine imposante Erscheinung. Mehr noch die Besatzung.

Die Männer waren klein, dunkelhäutig und ungeheuer muskulös. Indessen wirkten ihre Mienen eher unbeteiligt als angriffslustig. Wilden Kampfeseifer schienen sie nicht an den Tag zu legen. Danach hatte die ganze Begegnung ohnehin von vornherein nicht ausgesehen. Im Grunde mußte es der gleiche freundliche Menschenschlag sein, wie ihn die Seewölfe auf Hawaii kennengelernt hatten. Denn sehr weit waren sie von jener großen Insel noch nicht entfernt.

Der Bursche im Heck des Kanus sah allerdings höchst merkwürdig aus.

Hasard und seine Männer konnten sich den Anflug eines Grinsens nicht verkneifen, obwohl sie ahnten, daß dieser seltsame Kerl Angst und Schrecken verbreitete. Zumindest das Verhalten des Mädchens ließ darauf schließen.

Das Augenfälligste war unbestreitbar ein wohlgenährter alter Gibbon-Affe, der würdevoll auf der linken Schulter des Mannes thronte. Er selbst trug einen hellblauen Turban, der nur den Ansatz seines blauschwarzen Haupthaars erkennen ließ. Sein Gesicht war dunkelbraun, ohne Falten und von einem Vollbart umrahmt. Bekleidet war er mit einem Umhang aus wallender Seide, die in melierten Farben schimmerte. In Hüfthöhe war dieser Umhang mit geflochtenem Bast gegürtet. Ein Krummdolch mit kunstvoll ziseliertem Griff hing in einer Lederscheide an eben jenem Gurt. Die feinnervigen Hände des Mannes ruhten auf einem etwa brusthohen Holzstab, der mit Schnitzereien verziert war. Sein rechtes Handgelenk war mit einer Manschette aus einem etwa handtellerbreiten Eisenreif bewehrt.

Bis auf etwa fünfzig Yards hatte sich das Kanu mittlerweile genähert, und die Männer verhielten in offenkundiger Unschlüssigkeit.

„Sieht aus wie ein Inder, dieser Knilch mit dem Affen“, flüsterte Luk Morgan.

„Richtig“, sagte Hasard leise, „er ist gekleidet wie ein Sikh.“

„Ist das was Besonderes?“ erkundigte sich Stenmark.

„In Indien nicht. Eine kriegerische Sekte, soviel ich weiß. Sie haben mehrere strenge Regeln, an die sie sich halten müssen. Dazu gehört, daß sie nie ihr Haar schneiden. Sie rollen es zusammen und binden den Turban darüber. Außerdem müssen sie immer verteidigungsbereit sein. Deshalb haben sie sogar nachts ihren Dolch bei sich. Und dieses Stück Eisen am rechten Handgelenk gehört zu einer besonderen Kampftechnik, mit der sie ihren Gegner abwehren.“

„Himmel“, sagte Sam Roskill gedämpft, „mir wird angst und bange.“

Hasard lächelte.

„Ich denke, ein paar höfliche Worte sind wohl angebracht.“

Er richtete sich auf und hob die rechte Hand zu einem freundschaftlichen Gruß.

Das Mädchen kauerte auf der Ducht und verbarg das Gesicht zwischen den Armen.

„Wir sind Engländer, und wir sind in friedlicher Absicht hier!“ rief der Seewolf. „Versteht ihr unsere Sprache?“

Die Polynesier blickten verständnislos. Der Inder hingegen ließ sich zu einem würdevollen Nicken herab, hob die rechte Hand nur knapp und ließ sie sofort wieder auf seinen Holzstab sinken.

„Ich bin König Charangu, Herrscher von Kahoolawe.“ Eine knappe Kopfbewegung zeigte an, daß damit die Insel gemeint war, die jetzt ungefähr eine Seemeile entfernt hinter seinem Rücken lag. Sein Englisch war korrekt, doch mit einem schauderhaften rollenden Akzent behaftet.

„Mein Name ist Philip Hasard Killigrew“, antwortete der Seewolf, „Kapitän der ‚Isabella VII.‘, die unter der Flagge Ihrer Königlichen Hoheit Elizabeth der Ersten von England, segelt.“

Charangu verzog keine Miene. England schien nichts Beeindrukkendes für ihn zu sein, denn es lag am anderen Ende der Welt. Hier bestand die Welt aus weißgoldenem Strand, leuchtendgrünen Palmen und vulkanischem Felsgestein. Eine Welt, die sich Kahoolawe nannte.

„Unter anderen Umständen wäre ich über Ihre Bekanntschaft vielleicht erfreut, Mister Killigrew“, antwortete Charangu herablassend. „Leider haben Sie sich aber in die inneren Angelegenheiten meines Landes eingemischt. Ich fordere Sie auf, Moana herauszugeben. Sie ist eine Verbrecherin.“

Die Blasiertheit dieses Burschen verschlug Hasard einen Moment die Sprache.

„Moana“, wiederholte Dan O’Flynn hingebungsvoll, „was für ein schöner Name!“ Er schien den Inder nicht im geringsten ernst zu nehmen und konnte seinen Blick nicht von dem Mädchen losreißen, das sein Gesicht noch immer verbarg.

„Hören Sie, Charangu“, sagte Hasard energisch, „ich habe keineswegs vor, mich in Ihre sogenannten Angelegenheiten einzumischen. Wenn Sie es aber unbedingt so betrachten wollen, dann weise ich Sie darauf hin, daß Sie sich außerhalb Ihres Hoheitsgebietes befinden. Hier draußen gelten Ihre Gesetze nicht, hier ist freie See. Im übrigen ist es meine Pflicht, einem hilfsbedürftigen Menschen Schutz zu gewähren. Außerdem müssen Sie zugeben, daß es nicht gerade fair ist, eine junge hilflose Frau mit einer Übermacht von mehr als zwanzig Männern zu verfolgen.“

Die Miene des Inders verfinsterte sich. Der Gibbon auf seiner Schulter reckte den weißgrau umrahmten Kugelschädel vor und starrte Hasard an, als wolle er ihn im nächsten Moment anspucken.

„Ich warne Sie, Mister Killigrew!“ fauchte Charangu. „Zwingen Sie mich nicht zu ernsthaften Maßnahmen. Ich fordere Sie zum letzten Male auf, das Mädchen herauszugeben.“

Hasard schüttelte verständnislos den Kopf. In was für einen verrückten Teil der Welt waren sie hier geraten?

Luke Morgan konnte ein glucksendes Lachen nicht unterdrücken.

„Habt ihr diese Witzfigur gehört? Ernsthafte Maßnahmen! Vielleicht will er uns dadurch besiegen, daß wir uns totlachen!“

„Hör auf, Luke“, sagte Hasard gedämpft, „man sollte niemanden unterschätzen, auch wenn er noch so lächerlich aussieht.“

„Verzeihung“, murmelte Luke Morgan, „aber der Knilch reizt mich einfach zum Lachen.“

Hasard wandte sich wieder dem Inder zu.

„Seien Sie vernünftig, Charangu. Wir werden die Angelegenheit klären. Aber nicht auf die Art und Weise, wie Sie es sich vorstellen.“

Charangus Gesicht verzerrte sich jäh.

„Ich habe dich gewarnt, Engländer!“ schrie er schrill. Und dann spie er einen Schwall von Worten in der Sprache der Eingeborenen aus.

Die Männer an der Backbordseite des Kanus sprangen auf. In ihren Fäusten lagen Speere, deren gefährlich aussehende Spitzen auf Moanas Retter zeigten.

Die Haltung der Seewölfe wurde schlagartig gespannt. Luke Morgan vergaß seine Scherze, und selbst Dan O’Flynn wandte sich von dem Mädchen ab. Die Männer tasteten nach ihren Pistolen, die sie in den Gurten trugen.

Hasard runzelte die Stirn. Seine Rechte ruhte bereits auf dem Knauf des schweren Radschloßdrehlings. War dieser Inder so weltfremd, daß er allen Ernstes glaubte, sie mit Speeren beeindrucken zu können?

„Gebt das Mädchen heraus!“ keifte Charangu. „Oder …“

Hasards Faden riß. Er hatte genug von diesem Spiel. Mit einem Ruck zog er den Drehling und spannte den Hahn in derselben Bewegung. Das Reibrad schnurrte. Blitzschnell hob Hasard die schwere Waffe, und sein Zeigefinger krümmte sich um den Abzug. Der Flint klackte auf das Rad und sprühte Funken.

Charangu schrie etwas in der Sprache der Eingeborenen.

Aber die Polynesier verharrten. Ihre Blicke waren wie gebannt auf das funkensprühende Ding gerichtet, das der riesenhafte Fremde in der Rechten hielt.

Im nächsten Sekundenbruchteil zischte das Zündkraut mit weißer Lohe. Und dann brach ein urgewaltiges Krachen los. Aus dem Laufbündel des Drehlings zuckte eine yardlange Mündungsflamme, und eine Wolke von Pulverrauch stieg auf.

Haarscharf vor dem Kanu riß die großkalibrige Kugel eine Fontäne aus dem Wasser.

Die Wirkung war verblüffend, selbst für die Seewölfe, für die es eigentlich nichts gab, was es nicht gab.

Die Polynesier stießen gellende Entsetzensschreie aus, ließen die Speere fallen, packten die Paddel und hieben sie in das Wasser, als säße ihnen der Leibhaftige im Nacken.

Durch die plötzliche Bewegung des Bootes verlor Charangu das Gleichgewicht. Er kippte nach hinten, konnte sich aber im letzten Moment am hochgeschwungenen Heck festhalten.

Der übergewichtige Gibbon-Affe kippte außenbords und stieß helle Schrekkenslaute aus, die wie das Meckern einer Ziege klangen. Klatschend landete das Tier in den Fluten und reckte die überlangen Arme hoch. Mehrmals schluckte der Gibbon Wasser, und jedesmal ging sein Meckern in ein klägliches Gurgeln über.

Fluchend hielt ihm Charangu den Holzstab hin. Der Affe packte zu und konnte das Ende des Stabes eben noch erreichen, denn die Polynesier paddelten wie von Sinnen, ohne noch etwas von dem wahrzunehmen, was um sie herum vor sich ging.

Das Kanu war schon hundert Yards von der Jolle der Seewölfe entfernt, als es dem Inder endlich gelang, seinen triefend nassen haarigen Begleiter an Bord zu ziehen.

Hasards Männer brachen in prustendes Gelächter aus.

Der Seewolf beobachtete das davonjagende Kanu indessen eher nachdenklich. Er sah noch, wie Charangu den Gibbon in den weiten unteren Teil seines seidenen Umhangs hüllte.

Moanas Gesicht hatte eine unnatürliche Graufärbung angenommen. Sie zitterte. Ihre Augen waren furchtsam auf die Waffe gerichtet, die der große Mann jetzt in seinen Gurt zurückschob.

Dan O’Flynn nahm die Hand des Mädchens. Mit der freien Hand gab er ihr zu verstehen, daß sie keinen Grund mehr hatte, sich zu ängstigen. Sie verstand, und auch in seinem Blick las sie, was er sagen wollte.

„Schluß der Vorstellung“, sagte Hasard und ließ sich auf die Achterducht sinken. „Aber das dürfte noch nicht das Ende sein.“

Mit dem Auslegerboot im Schlepp kehrten sie zu der vor Anker liegenden Galeone zurück.

3.

Niemand an Bord der „Isabella“ bestaunte das Mädchen, als verkörpere es das siebente Weltwunder. Diese hartgesottenen Männer, die oft genug mitten in die Hölle gesegelt waren, um den Teufel am Schwanz zu zwacken, diese rauhen Burschen begegneten dem zierlichen jungen Mädchen mit fast scheuer Zurückhaltung und beinahe ebensoviel Mitgefühl.

Moana spürte es deutlich, als sie in die verwegenen Gesichter blickte. Und sie fühlte sich wie in einem Taumel. Die Eindrücke, die auf sie einstürmten, waren zu vielfältig und zu übermächtig.

Nach der für sie wundersamen Rettung erlebte sie die fremde Welt, die das Schiff für sie bedeutete, mit grenzenlosem Staunen und der Begeisterungsfähigkeit eines kleinen Kindes.

Anfangs hatte sie ihre nackten Fußsohlen nur zögernd auf die Decksplanken gesetzt, deren hartes Holz ihr unbekannt war. Aber Dan O’Flynn hatte sie bei der Hand genommen, und schon nach wenigen Schritten wurde ihr wohler.

Ihre Blicke erforschten die Gesichter, die lächelten, ihr zunickten und ihr einen so unmißverständlich herzlichen Empfang bereiteten, daß nicht einmal ein Anflug von Furcht in ihr entstand.

Da war Edwin Carberry mit seinem wüsten Narbengesicht, das sich so friedlich wie selten zuvor zeigte. Und Batuti, der herkulische Gambianeger, der lachend die perlweißen Zähne entblößte und für Moana trotz seiner unbekannten Hautfarbe nichts Erschreckendes hatte. Ferris Tucker, der rothaarige Riese, stützte sich auf den Griff seiner Zimmermannsaxt und blinzelte verschmitzt. Ein wenig ernst und verschlossen wirkte Ben Brighton, doch gerade dieser Wesenszug machte ihn auf Anhieb sympathisch, denn es war nichts Ungerades in seinem Gesichtsausdruck. Und Old Donegal Daniel O’Flynn, der rauhbeinige Seebär, humpelte mit Holzbein und Krücken heran, klopfte seinem Sohn auf die Schulter und wollte sich ausschütten vor Vergnügen, als er Moanas fassungslosen Blick bemerkte, mit dem sie die schmerzlichen Relikte seiner kriegerischen Vergangenheit betrachtete.

All die anderen waren dem Mädchen gegenüber von kaum geringerer Zuneigung erfüllt. Der Kutscher ebenso wie Smoky, der bullige Decksälteste, Blacky, der schwarzhaarige Kämpfer, Pete Ballie, der stämmige Rudergänger, und Gary Andrews, der hagere Fockmastgast. Furchterregend wirkte Matt Davies, der anstelle der fehlenden rechten Hand einen Eisenring mit spitzgeschliffenem Haken trug. Jeff Bowie trug eine ähnliche Hakenprothese links. Das fröhliche Lachen der beiden Männer zerstreute Moanas anfängliches Schaudern. Und sie blickte in die gütigen braunen Augen des Stückmeisters Al Conroy und in das schmale Gesicht des versonnen lächelnden Bob Grey. Will Thorne, der Segelmacher, stand neben Big Old Shane, dem riesenhaften Schmied von Arwenack, der trotz seiner wilden grauen Bartpracht sichtbare Freundlichkeit erkennen ließ. Bill, der schwarzhaarige Moses, hatte seinen Platz im Ausguck beibehalten. Doch er winkte zur Kuhl hinunter, als er sah, wie Moana mit beinahe ehrfürchtigen Blicken die Höhe der Masten maß.

Auch die Söhne des Seewolfs waren zur Stelle und ebenso Siri-Tong, die dem Mädchen entgegeneilte und ihm beide Hände auf die schmalen Schultern legte.

Moana sperrte den Mund auf, als plötzlich ein durchdringendes Kreischen ertönte. Mit elegantem Schwung segelte Sir John, der karmesinrote Ara-Papagei, von der Fock-Marsrah nach unten und landete zielsicher auf der Schulter von Hasard junior. Dort glättete er sein Gefieder, plusterte sich auf und wiegte sich aufgeregt von einer Seite zu anderen.

„Affenarsch!“ krächzte er mit erschreckender Deutlichkeit. „Lausiger Affenarsch!“

Siri-Tong holte tief Luft. Dan O’Flynn sah aus, als wolle er sich mit einem Satz auf den vorlauten Vogel stürzen. Und auch den übrigen Männern gefror das Lächeln.

Sir John schien durch die plötzliche Stille ermuntert.

„Miese Kakerlake!“ fuhr er fort. „Bilgenratte!“

Hasard junior warf seinem Zwillingsbruder einen amüsierten Blick zu, und Philip junior deutete mit einer Kopfbewegung zu Edwin Carberry, der sich inmitten der Crew betreten abwandte, um die gelinde Röte zu verbergen, die sein Narbengesicht plötzlich überzog. Durch nichts konnte sich der Profos herausreden. Er und kein anderer war verantwortlich für den enormen Wortschatz des gefiederten Sir John.

Doch bevor einer der Männer eingriff, löste Moana das Beklemmende der Situation auf ihre Weise. Sie nickte Siri-Tong und Dan O’Flynn zu, lachte, ließ die beiden stehen, ging Sir John entgegen und verneigte sich vor ihm, indem sie die Unterarme vor der Brust kreuzte. Dabei sagte sie etwas, das wie eine Begrüßung klang. Und als solche hatte sie vermutlich auch die Worte des karmesinroten Schwätzers verstanden, bei denen die Männer der Crew am liebsten zwischen den Decksplanken versunken wären.

Beifälliges Gelächter wurde laut. Sir John blinzelte, und dann schloß er wohlgefällig die Augen, als Moana ihn hinter dem Kopf kraulte.

„Ich werde mich erst einmal um die Kleine kümmern“, entschied Siri-Tong. Aus ihren Worten klang deutlich, daß sie keinen Widerspruch duldete.

„Aber …“, wandte Dan O’Flynn ein. Er verstummte sofort wieder, als er den knappen Seitenblick der Roten Korsarin spürte.

Hasard beobachtete lächelnd, wie Dan rot anlief.

„Es gibt gewisse Gelegenheiten“, erklärte Siri-Tong energisch, „in denen einer Frau am besten mit der Gesellschaft einer Frau geholfen ist. Das ist hier in der Südsee nicht anders als in der nebligsten Ecke von Cornwall. Zum Dahinschmachten wirst du noch Zeit genug haben, Mister O’Flynn!“

Dan knirschte mit den Zähnen, denn aus den schmunzelnden Mienen der anderen las er Spott.

Hasard ergriff seinen Unterarm.

„Schluck es hinunter, Dan. Siri-Tong hat schon recht, wenn du ehrlich bist.“

Dan nickte krampfhaft.

Siri-Tong wandte sich ab und nahm Moana bei der Hand. Gemeinsam gingen sie auf die Kapitänskammer zu.

Etwas geschah, als sie erst zwei Schritte hinter sich gebracht hatten.

Fast schien es, als hätte Arwenack den Zeitpunkt seines großen Auftritts sorgfältig vorgeplant. Einige der Männer waren noch lange danach überzeugt, daß der Schimpanse im Grunde ein gerissener Halunke war, der genau wußte, welchen Moment er sich aussuchen mußte, um allen anderen die Schau zu stehlen.

So turnte er mit plötzlichem Kekkern vom Großmast hinunter, überbrückte die letzten sechs Fuß mit einem Sprung und hüpfte scheinbar unbeholfen über die Decksplanken – vor aller Augen. Jeder an Bord der „Isabella“ wußte, daß diese Unbeholfenheit nur gespielt war. Es gehörte zu Arwenacks gut einstudiertem Gehabe, mit dem er bei Fremden eine Mischung von Mitleid, Zuneigung und Zärtlichkeit hervorrief.

Daß er mit seinem Erscheinen bei Moana indessen eine völlig andere Reaktion bewirkte, ahnte der listige Schimpanse nicht im entferntesten.

So prallte er erschrocken zurück, als er sah, wie sich die Polynesierin mit ehrfürchtiger Miene zu Boden warf. Mehrmals hintereinander richtete Moana ihren Oberkörper auf, hob dabei die Arme mit nach vorn gerichteten Handflächen und murmelte etwas, das die Männer der „Isabella“ entfernt an die Gebete der Menschen im Orient erinnerte.

Arwenack rieb sich mit der flachen Hand über die Augen, klappte die Lider zu, öffnete sie wieder und bleckte voller Verwirrung die mächtigen Zähne.

Als Moana schließlich in nicht endender Ehrfurcht auch noch die Decksplanken küßte, platzte dem jungen O’Flynn der Kragen.

Er stürzte los, an Siri-Tong vorbei, und war im Begriff, dem Schimpansen einen Fußtritt zu versetzen.

„Jetzt reicht es, du Mistvieh! Verschwinde!“

Mit einem Entsetzenslaut nahm Arwenack gerade noch rechtzeitig Reißaus. Er flüchtete in Richtung Vorkastell, hüpfte über mehrere Taurollen und war im nächsten Moment verschwunden.

Dan drehte sich um und half dem Mädchen fürsorglich auf die Beine. Siri-Tong und die anderen standen noch immer wie versteinert.

Moana starrte den jungen Mann entsetzt an. In ihren Augen las er, daß sie nicht begreifen konnte, was er getan hatte.

„Das ist ein ganz normaler Affe“, sagte er, „ein ganz normales Mistvieh. Verstehst du?“

Sie verstand nicht.

Hilflos blickte Dan in die Runde. Aber auch die anderen wußten nicht, wie man das in die Zeichensprache übersetzen konnte.

Siri-Tong gab sich einen Ruck, nahm Moana wieder bei der Hand und führte sie zur Kapitänskammer. Diesmal ohne Hindernisse.

Für Hasard war es nicht besonders schwierig, zwei und zwei zusammenzuzählen. Da war dieser reichlich fette Gibbon-Affe gewesen, den der Inder auf der Schulter getragen hatte. Und dann die Tatsache, daß Moana beim Anblick eines Affen auf die Knie fiel. Zwar sah ein Schimpanse anders aus als ein Gibbon, aber das Mädchen hatte Arwenack zweifellos in die gleiche Tierfamilie eingestuft.

Hasard hatte das unbestimmte Gefühl, daß er sich mit diesem Charangu, der sich selbst König nannte, näher befassen mußte.

Ben Brighton war der gleichen Meinung wie Hasard. Der Ankerplatz der „Isabella“ war in Ordnung. Noch näher an das Korallenriff heranzugehen, erschien zu riskant.

Daß es einen etwas längeren Aufenthalt geben würde, hatte für den Seewolf einen weiteren Grund – abgesehen von dem mysteriösen Geschehen um das Mädchen Moana.

Sie hatten die Bewohner der Insel Hawaii vor einer wilden Meute französischer Freibeuter gerettet. Deren Anführer Malot war jedoch mit der Galeone „Saint Vincent“ entkommen. An Bord hatte er etwa zwanzig Geiseln, unter ihnen König Zegu und den Deutschen namens Thomas Federmann, der schon seit vielen Jahren auf Hawaii lebte und sich der Malerei verschrieben hatte. Aufgrund einer Zeichnung von Federmann waren die Freibeuter unter Malot jetzt auf der Suche nach einer Insel. Es handelte sich um eine unbekannte Insel, die angeblich einen Schatz bergen sollte. In ihrer Gier war den Franzosen bislang offenbar nicht aufgegangen, daß sie möglicherweise durch eine fingierte Skizze auf eine falsche Spur gelockt wurden.

Immerhin war es aber denkbar, daß auch Malot und seine Meute auf diese Insel gestoßen waren, die sich Kahoolawe nannte. Das herauszufinden, war allein schon ein Grund, an Land zu gehen.

Auf Hasards Anordnung hatten sich alle Mitglieder der Crew an Deck versammelt. Gemeinsam mit Ben Brighton verließ der Seewolf das Quarterdeck und trat in den Halbkreis, den die Männer auf der Kuhl gebildet hatten.

„Unser eigentliches Ziel kennt jeder von euch“, erklärte Hasard. „Ich denke, daß wir zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, wenn wir uns die Insel näher ansehen. Wir können herausfinden, ob Malot hier gewesen ist. Außerdem werden wir klären, welche hinterhältigen und gemeinen Spiele dieser Inder mit einem Mädchen wie Moana treibt.“

„Vielleicht wollte die Kleine anders als er“, meinte Edwin Carberry, „was ein rechter Stinkstiefel ist, der reagiert giftig auf so was.“

Hasard schüttelte den Kopf.

„Es muß mehr dahinterstecken. Die Geschichte mit dem Affen ist ziemlich merkwürdig. Weshalb führt sich ausgerechnet ein Inder als König auf dieser Insel auf?“ Der Seewolf schnitt mit der flachen Hand durch die Luft. „Wie auch immer – ich möchte eure Meinung über Moana hören. Sofern ihr Leben in Gefahr ist, haben wir eine gewisse Verantwortung für sie.“

„Wir könnten sie mitnehmen“, schlug Dan O’Flynn spontan vor.

„So siehst du aus!“ rief Luke Morgan. „Vielleicht fragst du sie erst mal, ob sie das überhaupt will!“

„Nichts gegen Moana“, warf Stenmark ein, „aber wenn wir so weitermachen, haben wir bald das ganze Schiff voller Wei …“ Er verschluckte sich fast, als er den Blick des Seewolfs spürte.

Jeder respektierte mittlerweile Siri-Tong an Bord der „Isabella“, aber wenn es um grundsätzliche Diskussionen ging, traten gewisse Einstellungen manchmal wieder zutage. Typisch männliche Einstellungen, wie sie die rauhen Burschen vom Schlage der „Isabella“-Crew nun einmal nicht vollends unterdrükken konnten. Hasard nahm die Bemerkung Stenmarks beileibe nicht krumm. Aber es gab für ihn keinerlei Grund mehr, daß an Siri-Tongs Anwesenheit noch Kritik geübt wurde.

„Wir sollten Moana selbst entscheiden lassen“, meinte Ben Brighton. „Selbstverständlich kann sie nicht für immer an Bord bleiben. Aber wenn ihr Leben auf dieser Insel in Gefahr ist, könnten wir sie beispielsweise auf einer Nachbarinsel absetzen, wo sie in Sicherheit ist.“

„Ein guter Vorschlag“, sagte Edwin Carberry, „sieht so aus, als ob unser Erster mal wieder den Nagel auf den Kopf getroffen hat.“

Die übrigen Männer nickten zustimmend. Hasard lächelte zufrieden. Er sah, daß kein längeres Herumreden notwendig war. Sobald sie also die Lage auf Kahoolawe erforscht hatten, würde man auch entscheiden können, was mit Moana geschah.

Bis dahin blieb das Mädchen zunächst einmal an Bord der „Isabella“.

„Es ist möglich“, sagte der Seewolf, „daß wir auf Kahoolawe nicht mit offenen Armen empfangen werden. Zur Vorbeugung habe ich ein besonderes Rezept.“

In knappen Worten schilderte er den Männern seinen Plan. Ihre Augen begannen zu leuchten, und als Hasard geendet hatte, hieben sie sich gegenseitig vor Begeisterung auf die Schultern. In den leuchtendsten Farben malten sie sich aus, wie dieses Rezept wohl wirken mochte.

4.

Die Sonne stand mittlerweile fast im Zenit, und der Wind hatte spürbar nachgelassen. Über der Insel lastete Gluthitze, und das Leben im Dorf war fast vollends erlahmt. Die Menschen hatten sich in ihre Hütten zurückgezogen, die aus Zweigen und Palmenblättern gebaut waren.

Lediglich Charangu und seine Gefolgsleute harrten am Rand des Palmenhains aus, der sich auf der Südwestseite der Insel zwischen dem Strand und dem Dorf erstreckte.

Ein Sonnenschirm aus indischer Seide überdeckte die Sänfte, die Charangu nach seinem eigenen Entwurf hatte bauen lassen. Seine Träger, sehnige junge Polynesier, hockten dienstbereit hinter der Sänfte auf dem Erdboden. Die Dorfältesten, fünf Männer mit faltiger Haut und weißem Kraushaar, hatten sich beiderseits neben dem königlichen Fortbewegungsmittel niedergelassen.

Guao, der Gibbon-Mann, thronte hinter Charangu auf der gepolsterten Rükkenlehne. Mit trägen Bewegungen lutschte der Affe an einer Mango-Frucht, bis er sie schmatzend verschlang. Sofort sprang einer der Sänftenträger auf und reichte ihm eine neue Frucht. Guao nahm sie entgegen, ohne den Mann eines Blikkes zu würdigen.

Charangu hatte seinen seidenen Umhang zurückgelassen. Wie die Dorfältesten und die Träger, war auch er jetzt nur mit einem bunten Hüfttuch bekleidet. Der Inder war mittelgroß und kräftig gebaut. Die Straffheit seines Körpers ließ vermuten, daß er kaum älter als dreißig Jahre war.

Das Kinn in seine rechte Handfläche gestützt, starrte er mit düsterem Blick auf die Lagune hinaus.

Die Brandung war schwächer geworden. Deutlich zeichnete sich das Bild des großen englischen Schiffes über dem leuchtenden Blau des Wassers ab.

Für Charangu war dieses Schiff ein häßlicher Fremdkörper, den er am liebsten mit einer Verwünschung zur Hölle geschickt hätte. Er verfluchte diesen Tag, an dem die Fremden seine Kreise störten. Es war schlimm genug gewesen, daß Moana sich erdreistet hatte, ihrem Schicksal eigenmächtig ein Schnippchen zu schlagen. Doch dieses kleine Mißgeschick hätte sich noch beheben lassen.

Die Engländer aber mußte der Teufel persönlich geschickt haben. Vielleicht war es ein Zufall, daß sie ausgerechnet zu dem Zeitpunkt aufgekreuzt waren, als das Mädchen floh. Vielleicht war es aber auch ein böses Omen. Charangu erschauerte bei dem Gedanken. Er ahnte, daß er sein Gehirn noch mächtig anstrengen mußte, wenn er die verzwickte Lage zu seinen Gunsten wenden wollte. Und daß es verzwickt werden würde, zeichnete sich schon jetzt ab. Denn die dreimal verfluchten Engländer dachten offenbar nicht im Traum daran, Segel zu setzen und zu verschwinden.

Den Verlust Moanas hätte man letzten Endes noch verschmerzen können. Es gab genug andere junge Mädchen auf der Insel, und die Polynesier waren ein kinderfreudiges Volk.

Sofern die Fremden aber daran dachten, sich hier häuslich niederzulassen, konnte es böse Komplikationen geben.

Charangu beschloß, die Perlentaucher nachmittags wieder an die Arbeit zu scheuchen – ob die Engländer nun verschwunden waren oder nicht. Wegen des Zwischenfalls mit Moana waren die Arbeitsstunden am Vormittag ohnehin ausgefallen. Verlust genug. Aber die Götter, die wegen der Flucht des Mädchens zürnten, hatten jegliche Tätigkeit verboten.

Charangu grinste.

Er mußte erst offiziell verkünden, daß der Zorn der Götter beendet war. Danach konnte das Leben auf Kahoolawe seinen gewohnten Gang gehen. Er allein hatte das in der Hand, und dabei sollte es bleiben. Kein gottverdammter Fremder sollte ihm einen Strich durch diese Rechnung ziehen.

Unvermittelt wurde er aus seinen Gedanken gerissen.

Die Dorfältesten begannen aufgeregt zu schnattern und sprangen auf. Auch die Sänftenträger tauchten jetzt neben dem Inder auf, hielten sich jedoch in ehrerbietigem Abstand. Gestikulierend starrten sie auf das Meer hinaus.

Charangu beugte sich abrupt vor. Dabei stieß er den Gibbon an, der wütend zu zetern begann, weil seine Mango-Frucht in den Sand fiel. Charangu versetzte ihm einen Hieb, ohne sich umzudrehen. Der Affe verstummte, ließ sich mit der Grazie eines Mehlsacks zu Boden fallen und versteckte sich beleidigt hinter der Sänfte. Niemand außer dem Inder durfte sich dem Affen gegenüber derartiges herausnehmen.

„Das große Boot verliert ein kleines Boot!“ rief Hunaui, das Oberhaupt der Dorfältesten. Seine Stimme klang dabei furchtsam und sensationsgierig zugleich.

„Ich sehe es selbst“, antwortete Charangu unwirsch. Die Sprache der Polynesier beherrschte er perfekt. Für ihn war diese Sprache allerdings nichts weiter als eine stupide Aneinanderreihung von Urlauten.

Er konzentrierte seine Aufmerksamkeit auf das Geschehen bei der schlanken Galeone. Die Sicht war hervorragend. Das Beiboot war zu Wasser gelassen worden, und blitzende Lichtreflexe zeigten an, daß die Riemenblätter eingetaucht wurden.

Charangus Anspannung wich. Zwar empfand er noch keine Erleichterung, aber wenigstens tat sich endlich etwas. Das Warten war nervenzermürbend gewesen. Trotz der beträchtlichen Entfernung war deutlich, daß es sich diesmal um ein größeres Beiboot handelte als bei der ersten unliebsamen Begegnung mit den fremden Seefahrern.

Neue Besorgnis wuchs in dem Inder.

Wenn die Engländer eine gewaltsame Aktion planten, war es schlecht bestellt um ihn. Es gab keine Feuerwaffen auf Kahoolawe, und es waren weniger als hundert Männer, die auf der Insel lebten. Selbst wenn er ihnen befahl, sich mit ihren primitiven Waffen zum Kampf zu stellen, würden sie ein rasch aufgezehrtes Kanonenfutter sein.

Nein, eine kriegerische Auseinandersetzung war alles andere als wünschenswert. Diplomatisches Geschick allein konnte helfen.

Schließlich geht es nur um das Mädchen, dachte Charangu, um sich selbst zu beruhigen, wenn ihnen soviel an der Kleinen liegt, dann sollen sie sie eben behalten!

Wieder wurde seine Aufmerksamkeit abgelenkt. Diesmal auf einen anderen bemerkenswerten Umstand.

Die Männer in dem Beiboot nahmen zielstrebig den richtigen Kurs. Ohne erkennbare Mühe fanden sie das natürliche Tor im Korallenriff auf Anhieb.

Charangu gelangte zu der Überzeugung, daß die Fremden über außergewöhnliche seemännische Fähigkeiten verfügten. Möglicherweise kannten sie sich sogar in der Südsee aus. Wenn das allerdings der Fall war, würden sie allzu rasch das Ungewöhnliche an den Lebensumständen auf Kahoolawe erkennen.

Charangu schüttelte sich. Wieder wurde sein Unbehagen stärker. Die Möglichkeit, Moana zum Austausch in die Waagschale zu werfen, vermochte ihn nicht länger zu beruhigen.

Gespannt spähte er zu dem zügig herannahenden Boot. Etwa zehn oder zwölf Männer waren es, die sich in die Riemen stemmten. Und sie verfügten über Bärenkräfte. Das ließ sich unschwer an der rauschenden Fahrt erkennen, die das Boot lief.

Zusehends schmolz die Entfernung zusammen. Einzelheiten wurden deutlicher, immer deutlicher.

Und jäh hatte Charangu das Gefühl, von einem imaginären Fausthieb getroffen zu werden.

Es riß ihn regelrecht aus der Sänfte. Er beugte sich vor und schirmte die Augen mit der Handfläche ab. An dem zunehmenden Geschnatter der Polynesier hörte er, daß sie das gleiche beobachteten wie er.

Dieser schwarzhaarige englische Riese im Heck des Bootes war aufgestanden.

Auf seiner Schulter thronte ein pechschwarzer Affe, hoch aufgerichtet, den Kopf mit unverschämter Arroganz in den Nacken geworfen.

Charangu hatte ein Gefühl, als würde ihm der Boden unter den Füßen weggerissen.

Der Engländer hatte ihn bis in das Mark seiner Knochen durchschaut.

Jetzt gab es nur noch eins. Charangu faßte diesen Entschluß in aller Eile, wie es seine rebellierenden Nerven geboten.

Freundlichkeit!

Man mußte den Fremden mit allergrößter Freundlichkeit entgegentreten.

Er straffte seine Haltung.

„Auf die Knie!“ rief er energisch. „Respekt vor dem fremden Gott!“

Die Polynesier gehorchten und schienen sogar froh, daß ihr König mit dieser Verhaltensmaßregel das Unerklärliche in geordnete Bahnen lenkte.

Es sah in der Tat wie ein Paradies aus, dem sie sich näherten.

Zierliche Auslegerboote ruhten auf dem weißgoldfarbenen Strand, der vom Wasser bis zum Palmenhain etwa fünfzig Yards breit war. Die mächtigen Bäume bildeten ein natürliches Dach, unter dem tropische Pflanzen in verschwenderischer Üppigkeit gediehen. Jenseits dieser grünen Wand aus Palmen, Kletterpflanzen und Bodengewächsen ragte eine dunkle Bergformation auf, deren höchster Punkt kegelförmig war. Wahrscheinlich handelte es sich um einen erloschenen Vulkan.

Hasard brauchte keinen Kieker, um zu erkennen, was sich dort am Rand des Palmenhains abspielte.

Die kleine Gruppe von Menschen war beim Anblick des Bootes in Bewegung geraten. Einige von ihnen rannten eilig hin und her. Nur Charangu und die alten Männer blieben an ihrem Platz. Anwachsendes Stimmengewirr war bis auf die Lagune zu hören. Jemand brachte den seidenen Umhang und legte ihn um Charangus Schultern. Der Inder hatte sich in seiner Sänfte aufgerichtet und scheuchte seine Untergebenen mit herrischen Bewegungen durch die Gegend. Auch der dicke alte Gibbon-Affe war wieder zur Stelle. Jetzt hockte er zu Charangus Füßen.

Die Männer der „Isabella“ pullten zügig weiter. Knapp eine halbe Kabellänge trennte sie noch von dem paradiesischen Strand.

Ein Paradies, das keins sein konnte – davon war Hasard überzeugt. Wo Menschen verfolgt wurden und Todesängste ausstanden, konnte von einem Paradies nicht die Rede sein.

Er hatte vorsorglich Pistolen und einen Vorrat an chinesischem Feuer in das Beiboot mannen lassen. Al Conroy war dabei, denn er beherrschte das Instrumentarium der Schwarzpulverladungen mit vollendeter Virtuosität. Es sah allerdings nicht danach aus, daß er seine Künste demonstrieren mußte. Mit im Boot waren außerdem Ferris Tukker, Edwin Carberry, Smoky, Blacky, Sam Roskill, Bob Grey, Luke Morgan, Stenmark und Pete Ballie. Ben Brighton war mit der restlichen Crew als Bordwache zurückgeblieben. Siri-Tong bemutterte nach wie vor das Mädchen Moana, wobei Dan O’Flynn ständig auf dem Sprung stand, seinerseits durch kleine Gefälligkeiten zu Moanas Wohlbefinden beizutragen.

Ein sichtlicher Genuß war für Arwenack indessen der erhöhte Platz auf der Schulter des Seewolfs. Anfangs war der Schimpanse verwirrt gewesen, doch Hasard hatte ihn schließlich dazu gebracht, in dieser ungewohnten Pose zu verharren. Mittlerweile trug Arwenack die breite Nase reichlich hoch. Herablassend ließ er seinen Blick über die Männer schweifen, die zu seinen Füßen schwitzten.

„Seht euch diesen schwarzen Stinker an“, knurrte Edwin Carberry, „der glaubt jetzt, er sei was Besonderes.“

„Soll er auch“, entgegnete Hasard lächelnd, „er soll sich fühlen wie ein junger Gott.“

„Warum nimmst du nicht mich auf die Schulter?“ rief Sam Roskill. Seine dunklen Augen funkelten vor Vergnügen. „So ein göttliches Gefühl könnte mir auch gefallen.“

„Verdammt ja!“ prustete Ferris Tucker. „Genug Ähnlichkeit mit einem Affen hat er, der Junge!“

Grölendes Gelächter setzte ein, und Sam Roskill zog den Kopf zwischen die Schultern, schweigend. Diese Kerle verstanden es doch immer wieder, einen gutgemeinten Scherz ins Gegenteil umzukehren.

„Ruhe jetzt“, mahnte der Seewolf, und das Gelächter verebbte.

Die lautstarke Fröhlichkeit war auf der Insel nicht unbemerkt geblieben. Charangu und seine Untertanen standen wie erstarrt und waren verstummt. Erst jetzt, als es im Boot der Seewölfe stiller wurde, setzten sie ihre hektische Betriebsamkeit fort.

Hasard erblickte einen Schwarm von Menschen, der sich aus dem Inneren der Insel zum Strand hin ergoß.

Nicht nur Menschen.

Langarmige, haarige Wesen hangelten überall aus Palmenkronen und Kletterpflanzen zu Boden und schlossen sich den Männern, Frauen und Kindern mit hüpfenden Bewegungen an.

Gibbons in geradezu unüberschaubarer Zahl – eine grauschwarze Menge, die jetzt den Strand erreichte und dort Aufstellung nahm. Frauen und Männer hasteten herum und versorgten die Gibbons mit Nüssen, Früchten und anderen Leckereien. In stoischer Ruhe nahmen die Affen das Naschwerk entgegen.

Hasard rieb sich verdutzt die Augen. Schlagartig wurde ihm klar, welches raffinierte Spiel der Inder hier inszeniert hatte. Der Seewolf hatte von den heiligen Kühen gehört und sogar von heiligen Ratten, die es an bestimmten Orten in Indien geben sollte.

Arwenack wurde unruhig, bleckte die Zähne, keckerte und schirmte die Augen mit der Hand ab. Eine solche Ansammlung von Artgenossen hatte er seit Ewigkeiten nicht mehr erlebt.

Den Männern verschlug es die Sprache, als Hasard sie auf die Versammlung am Strand hinwies. Die Tatsache, daß die Polynesier unbewaffnet und friedfertig warteten, geriet fast zur Bedeutungslosigkeit.

Der Kiel des Bootes knirschte auf den Sand.

Sam Roskill, Bob Grey, Luke Morgan und Blacky sprangen ins seichte Uferwasser und zogen die Jolle weiter hinauf. Behende schwangen sich auch die übrigen Mitglieder der Crew aus dem Boot. Zuletzt beförderte Hasard den Schimpansen an Land. Arwenack genoß dabei als einziger den Vorzug, trokkenen Fußes die Insel zu erreichen.

Männer, Frauen und Kinder waren ehrfürchtig auf die Knie gesunken und hielten die Köpfe gesenkt.

Charangu saß bewegungslos in seiner Sänfte, und der alte Gibbon-Affe – offenbar das Oberhaupt der ganzen Sippschaft – thronte wieder auf der Rükkenlehne.

Hasard versuchte, die Zahl der Affen zu schätzen. Es erwies sich jedoch als schwieriges Unterfangen, weil sie teilweise in dichten Gruppen zusammenhockten und sich dabei gegenseitig verdeckten. Alle waren eifrig damit beschäftigt, Früchte und Nüsse zu kauen. Schmatzend und gelangweilt blickten sie den Fremden entgegen. Hasard war aber sicher, daß es mehr als zweihundert Gibbons waren, die diese Insel bevölkerten. Ohne natürliche Feinde mußten sie sich rasend schnell vermehren.

„Baut euch ein wenig auf“, sagte der Seewolf halblaut, „anständig und zurückhaltend, verstanden!“

Die Männer folgten der Aufforderung mit mühsam unterdrücktem Grinsen. Drei, vier Schritte weit gingen sie den Strand hinauf, und dann bildeten sie einen lockeren Halbkreis hinter ihrem Kapitän. Die Arme auf den Rücken gelegt, standen sie da und versuchten, möglichst ernsthafte Mienen aufzusetzen.

Die bedauernswerten Menschen auf dieser Insel hatten es nicht verdient, verlacht zu werden.

Hasard hob die Hand zu einem freundschaftlichen Gruß, wie er es schon bei der ersten Begegnung mit Charangu auf dem Wasser getan hatte.

Arwenack entblößte sein mächtiges Gebiß und rollte mit den Augen.

Hasard wartete gespannt auf die Reaktion des Inders.

Charangus Miene blieb unbewegt, doch unvermittelt stieß er einen knappen Befehl in der Sprache der Polynesier hervor.

Eine Gruppe von Mädchen, die ebenso duftig und zart gekleidet waren wie Moana, sprang auf. Leichtfüßig eilten sie zum Strand und streiften die Blumenkränze ab, die sie um den Hals trugen.

Bevor sie sich den Männern näherten, verneigte sich jedes der Mädchen tief vor Arwenack, der das Geschehen mit fassungslosem Blinzeln verfolgte.

Dann traten die Mädchen auf die Seewölfe zu, lächelten, verneigten sich wieder und legten ihnen die Blumenkränze um.

Die Männer wechselten Blicke, aus denen Verlegenheit sprach, und selbst Ed Carberry brachte ausnahmsweise kein Wort über die Lippen.

Arwenack hielt es nicht länger auf der Schulter des Seewolfs. Mit einem Satz sprang er zu Boden. Um Aufmerksamkeit heischend, trommelte er gegen seine Brust.

Die schwarzhaarige Schönheit, die im Begriff war, sich Hasard mit einem Blumenkranz zu nähern, wich erschrocken zurück. Ihre Gefährtinnen fielen auf die Knie und wagten es vor lauter Respekt nicht, den Schimpansen anzusehen.

Ehe das schwarzhaarige Mädchen seinen Schock überwinden konnte, schnellte Arwenack auf sie zu, riß ihr den Blumenkranz aus der Hand und schlang ihn sich selbst um den Hals. Triumphierend hüpfte er vor den Männern der „Isabella“ im Kreis und klatschte sich selbst Beifall.

Die Seewölfe konnten ihr Lachen nicht mehr zurückhalten.

Hasard ging auf das schwarzhaarige Mädchen zu, das den Tränen nahe war. Behutsam legte er ihr seine Rechte auf die Schulter und gab ihr mit einigen Zeichen zu verstehen, daß alles in Ordnung sei. Sie blickte ihn aus feuchten Augen an, las in seinem Gesicht wie in einem Buch und wurde ruhiger.

Wieder ertönte ein Befehl vom Rand des Palmenhains her.

Sofort sprangen die Mädchen auf und hasteten zurück zu den übrigen Dorfbewohnern.

Charangu bequemte sich nun höchstpersönlich, den Fremden seinen Gruß zu entbieten. Die Sänftenträger packten auf einen herrischen Wink zu, hoben an und schleppten ihren König mitsamt Ober-Gibbon hinunter zum Strand. Fünf Schritte von Hasard und seinen blumengekränzten Männern entfernt ließen sie die Sänfte zu Boden sinken.

Würdevoll stand Charangu auf und hob seinerseits die Hand zu jenem Gruß, der Friedfertigkeit signalisierte. Zu einer Begrüßungsansprache kam er jedoch vorläufig nicht.

Arwenack, der seinen Triumphtanz unterbrochen hatte, stieß plötzlich ein helles Keckern aus, das sich wie Gelächter anhörte. Dieser Eindruck wurde noch dadurch bestärkt, daß er den Kopf heftig auf und ab bewegte und sich den Bauch mit beiden Händen hielt.

Der weißgesichtige alte Gibbon starrte ihn mit stumpfem Blick an.

Urplötzlich brach Arwenack sein Keckern ab, schnellte vor und hangelte mit besagter affenartiger Geschwindigkeit auf die freie Seite der Rückenlehne. Dort blieb er sitzen, verschränkte die Arme vor der Brust und blickte beifallheischend in die Runde.

Charangu war verdutzt einen Schritt beiseite getreten. Die Sänftenträger hatten sich zu Boden geworfen und starrten den Sand an.

Der Gibbon Guao bewegte sich in seiner Trägheit noch immer nicht. Lediglich den Oberkörper neigte er mißbilligend von seinem herausfordernden Artgenossen weg. Er musterte Arwenack mit einem Seitenblick, etwa so, wie ein Rassepferd einen zottigen Ackergaul betrachtet hätte.

Wieder fletschte Arwenack die Zähne. Mit der Rechten zog er einen imaginären Hut vom Kopf. Aus der Bewegung heraus verneigte er sich tief, wie es Sir Philip Hasard Killigrew bei einer Audienz vor der königlichen Lissy nicht vollendeter vermocht hätte.

Der Ober-Gibbon blinzelte begriffsstutzig. Seine Miene wurde zusehends saurer, und offensichtlich ging ihm der frivole Schimpanse allmählich auf die Nerven.

Unvermittelt beugte Arwenack sich vor und klopfte ihm freundschaftlich auf die haarige Schulter.

Guao zuckte zurück, schwang sich mühevoll von der Sitzlehne und landete mit einem dumpfen Laut im Sand. Die Sänftenträger wichen eilfertig beiseite, als sich ihr oberster Gott schwerfällig watschelnd zu seinen Artgenossen zurückzog und sich inmitten der schmatzenden Meute in Pascha-Pose niederließ. Hier schien er sich vor den unangenehmen Späßen des Neuankömmlings sicher zu fühlen.

Der Schimpanse von der „Isabella“ war im Begriff, ihm zu folgen.

„Arwenack!“ rief Hasard energisch.

Schmollend kehrte der Gefährte der Crew an die Seite des Seewolfs zurück.

Die Insulaner beobachteten es voller Staunen. Ein Gott, der einem Menschen behorchte – das war etwas, was sie nicht fassen konnten. Und umgekehrt mußte dieser riesenhafte Fremde, dem ein Gott gehorchte, selbst einen göttergleichen Status genießen.

Charangu fand endlich Zeit, zu seiner Rede anzusetzen.

„Seid mir gegrüßt, Engländer“, sagte er salbungsvoll, und nur der schaurige Akzent störte den Wohlklang seiner Worte. „Ich bedaure es außerordentlich, daß unsere erste Begegnung einen so unangenehmen Beigeschmack hatte. Lassen Sie mich betonen, daß ein Mißverständnis die Ursache gewesen sein muß. Ich bitte Sie, die Gastfreundschaft meines Volkes auf Kahoolawe zu genießen.“ Er verließ seine Sänfte, ging auf den Seewolf zu und reichte ihm die Hand.

Hasard bemerkte, daß diese Hand, deren Gelenk mit dem Eisenreif bewehrt war, äußerst kraftvoll zuzupacken vermochte. Er blickte dem Inder in die dunklen Augen. Ein unergründliches Feuer glomm in der Tiefe seiner Pupillen. Hasard spürte, daß er vor diesem Mann auf der Hut sein mußte und ihn nicht unterschätzen durfte.

„Ich bedanke mich, auch im Namen meiner Mannschaft“, erwiderte er, „und ich hoffe, daß wir unser gemeinsames Problem lösen werden.“

„Probleme sind dazu da, daß man sie beseitigt“, erwiderte Charangu mit breitem Lächeln. „In den Wirren der Geschehnisse tut man oftmals etwas, was einem hinterher, bei reiflicher Überlegung falsch erscheint.“

Hasard nickte. „Ich weiß Ihre Gastfreundschaft zu schätzen, Charangu. Leider können wir uns aber nur einen kurzen Aufenthalt leisten.“

Er bemerkte ein schwaches Aufleuchten in den Augen des Inders. War er erfreut? Erleichtert darüber, daß die Seewölfe womöglich bald wieder verschwinden würden? Hasard bewahrte diese Vermutung in seinem Bewußtsein.

„Nun“, entgegnete der Inder und verlieh seiner Stimme ein leises Bedauern, „ich hoffe doch, daß Sie und Ihre Männer uns wenigstens für diesen Tag die Ehre Ihrer Anwesenheit schenken werden.“

„Einige Stunden“, sagte Hasard, „das ließe sich einrichten.“

„Wollen Sie dann nicht auch Ihre übrigen Männer vom Schiff rufen? Wir werden ein großes Fest veranstalten. Denn Gäste gibt es nie in unserem Dorf. Für unsere Bevölkerung ist dies gewissermaßen eine einmalige Gelegenheit.“

„Ich verstehe. Aber es gehört zu den Gesetzen der königlich britischen Seefahrt, daß man ein Schiff Ihrer Majestät niemals ohne eine Mindestbesatzung läßt.“

Charangu zog die Augenbrauen hoch. „Ihr Schiff gehört der englischen Königin? Ein Kriegsschiff?“

Der Seewolf lächelte. „Wir segeln im Auftrag der Königin.“

Charangu nickte, obwohl er keineswegs verstand, was dies bedeutete. „Nun, Mister Killigrew, wenn ich dann vorschlagen darf, daß zunächst die Männer, die bei Ihnen sind, an unserem Fest teilnehmen. Später könnten Sie sie vielleicht gegen jene austauschen, die sich noch auf dem Schiff befinden.“

Hasard willigte ein. Er durfte Charangu jetzt nicht vor den Kopf stoßen. Gleichzeitig spürte er, daß irgend etwas in der Luft hing. Was es war, konnte er noch nicht einmal vermuten. Was verbarg der Inder hinter der unergründlichen Fassade seines Gesichts? Es mußte mehr sein als dieses verrückte Schauspiel, das er auf Kahoolawe inszenierte.

5.

Es war erstaunlich, was die Menschen aus dem wenigen zauberten, das sie besaßen.

Auf dem freien Platz im Zentrum des Dorfes wurde im Handumdrehen ein Festmahl bereitet, das sich sehen lassen konnte. Frauen und Mädchen servierten Früchte auf frischen Palmenblättern. Die Männer entfachten ein Feuer in einer Grube, und schließlich wurde die Glut mit Steinen überdeckt. Darauf garten sie Fische, die erst an diesem Morgen gefangen worden waren. Es gab schwere, süße Getränke, die die Männer der „Isabella“ anfangs nur zögernd genossen. Doch schon bald stellten sie fest, daß sich keine üblen Nachwirkungen zeigten. Verglichen mit dem hochprozentigen Gebräu, das sie aus der Karibik kannten, war dies hier eher harmlos.

Am Rand des Platzes hatte eine Gruppe von Musikern Aufstellung genommen – zwei Trommler und drei weitere junge Männer, die kleine, lautenähnliche Instrumente spielten. Die Klänge waren sanft und einschmeichelnd wie auch der Gesang, den sie dazu anstimmten.

Edwin Carberry, Ferris Tucker und die anderen hockten auf dem Erdboden, wie es die Polynesier auch taten. Und die Seewölfe zeigten offenes Vergnügen daran, sich von den Mädchen mit Gaumengenüssen verwöhnen zu lassen.

Überall hatten die Gibbons volle Bewegungsfreiheit, durften Leckereien von den Palmenblättern stibitzen und wurden von den Polynesiern bereitwillig gefüttert, sobald sie fordernd die überlangen Arme ausstreckten. Lediglich die Männer der „Isabella“ hatten das Recht, die haarigen Wesen aus ihrer Nähe zu verscheuchen. Als Menschen, die ihrerseits einen Affen-Gott befehligten, verfügten sie in den Augen der Polynesier offenbar automatisch über dieses Recht.

Arwenack hatte einen Ehrenplatz zu Füßen des Seewolfs und ein eigenes Palmenblatt mit Mango-Früchten und Kokosnüssen erhalten. Sein Interesse an dem Ober-Gibbon, der mit blasierter Miene durch die Menschenansammlung stolzierte und sich hier und da einen Bissen reichen ließ, war erlahmt.

Hasard saß neben dem Inder vor dessen königlicher Hütte. Ihre Sitzgelegenheit bestand aus stuhlähnlichen Holzgestellen, die mit Affenfellen ausgepolstert waren. Das schattenspendende Vordach der Hütte war aus Palmenblättern gefertig wie alles, was die Polynesier auf dieser Insel als Behausung verwendeten.

Wegen der Bordwache auf der „Isabella“ gab es für den Seewolf keine Sorgen. Ben Brighton, so war es vereinbart worden, hatte das Geschehen bei der Ankunft auf der Insel mit dem Spektiv beobachtet. So wußte er also, daß es bislang keine Komplikationen gegeben hatte.

„Ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel“, sagte Charangu nach einer Weile des Schweigens, „aber ich muß es noch einmal zur Sprache bringen …“ Er zögerte.

Hasard blickte ihn gelassen von der Seite an. „Das Mädchen?“

„So ist es, Mister Killigrew.“ Charangu biß ein Stück von einer Papaya-Frucht ab und warf den Rest auf ein hölzernes Tablett, das neben ihm auf einem Hocker stand. Mit einem weißen Tuch betupfte er seine Lippen. „Wissen Sie, es ist mir sehr unangenehm, daß ich dieses Thema nicht unter den Tisch fallen lassen kann. Aber es geht auch darum, daß ich meine Autorität als König dieses kleinen Volkes wahren muß.“

„Ich verstehe“, entgegnete Hasard ruhig und deutete auf die Polynesier, die in unmittelbarer Nähe am Boden hockten. „Eine grundsätzliche Frage: Versteht irgend jemand hier Englisch?“

Für einen Moment verzog Charangu das Gesicht, zwang sich dann aber, sein verbindliches Lächeln fortzusetzen.

„Nein, niemand. Alles, was sie können, haben sie von mir gelernt. Die englische Sprache habe ich ihnen nicht beigebracht. Wozu auch? Diese Insel ist eine Welt für sich. Es gibt keine Verbindung mit dem Rest der Welt.“

„Und woher stammen Ihre Englischkenntnisse, Charangu?“

„Nun, ich habe einiges von der Welt gesehen, bevor ich hierherverschlagen wurde. Und da Englisch beginnt, eine Weltsprache zu werden …“ Er hob die Hände zu einer Gebärde, die für sich sprechen sollte.

„Es klingt geheimnisvoll, was Sie sagen.“ Hasard hatte keine Skrupel, vom eigentlichen Thema abzulenken. Solange der Inder es sich gefallen ließ, bewies er seine Unsicherheit. „Sie sind also nicht freiwillig nach Kahoolawe gelangt?“

„Nein, nein.“ Charangu antwortete eine Spur zu hastig. „Ich bin als Schiffbrüchiger hier gelandet. Die Eingeborenen haben mich aufgepäppelt. Und weil ich für sie ein Wesen aus einer fremden Welt war, haben sie mich zu ihrem König ernannt. Ich konnte nichts dagegen tun. Aber hätten Sie sich an meiner Stelle gesträubt? Ein besseres Leben als jetzt kann ich kaum führen, nicht wahr?“

Hasard zuckte mit den Schultern.

„Jeder trifft seine eigenen Entscheidungen“, sagte er vieldeutig. „Wie lange leben Sie schon hier?“

„Genau weiß ich es nicht. Fünf Jahre, sechs Jahre … Wissen Sie, in der ersten Zeit habe ich mir meinen eigenen Kalender angefertigt. Aber man gewöhnt sich daran, daß man so etwas nicht braucht. Heute lebe ich im gleichen Rhythmus wie die Polynesier, und die richten sich nach dem Mond.“

„Auch nach dieser besonderen Art von Götterverehrung?“

Charangu lachte, und es klang unnatürlich. „Ja, damit wurde ich genauso konfrontiert wie Sie, Mister Killigrew. Sie haben es deutlich zum Ausdruck gebracht wie Sie darüber denken. Ich nehme es Ihnen beileibe nicht übel.“

„Sondern?“

„Ich habe mich mit den Dingen abgefunden, wie sie sind. Die Eingeborenen praktizierten diesen Affen-Kult bereits, als ich hier eintraf. Weil sie mich zu ihrem König ernannten, bin ich der einzige, der die lausigen Kreaturen nicht respektieren muß. Auch darüber bin ich froh. Oder hätten Sie Lust, ständig vor einem dummen Affen auf die Knie fallen zu müssen?“

„Ganz gewiß nicht.“ Hasard glaubte dem Inder kein Wort. Entweder hielt Charangu ihn für reichlich einfältig, oder er war allen Ernstes überzeugt, daß Hasard nicht über genügend Wissen verfügte, um ihn zu durchschauen.

Denn soviel stand für den Seewolf fest: Auf einer Insel in diesen Breiten gab es normalerweise keine Gibbons. Der Inder mußte die Tiere also mitgebracht haben. Zumindest ein Pärchen, das den Grundstock für die zahlenstarke Affen-Population gebildet hatte. Und das wiederum bedeutete, daß Charangu nicht als Schiffbrüchiger angetrieben worden sein konnte.

„Sicher erscheinen Ihnen die Umstände merkwürdig, was Moana betrifft“, sagte der Inder nach einer Weile zögernd.

„Allerdings.“

„Es ist aber nicht so, daß ich aus purem Vergnügen versucht habe, das Mädchen zurückzuholen. Sie ist eine Verbrecherin, wie ich sagte. Ich mußte ein Exempel an ihr statuieren. Wenn ich in solchen Fällen nicht hart durchgreife, könnte ein Chaos entstehen. Ich denke, Sie verstehen das.“

„Was hat sie getan?“

Charangus Antwort folgte prompt. Aber er hatte auch genügend Zeit gehabt, sich diese Antwort zurechtzulegen.

„Sie hat den Mann abgewiesen, der ihr zugeteilt wurde. Es ist hierzulande so wie in vielen anderen Teilen der Welt auch. Die Eltern eines Mädchens wählen für ihr Kind einen Bräutigam aus. Zwischen den Eltern des Mädchens und den Eltern des jungen Mannes wird ein Vertrag abgeschlossen, und daran hat sich gefälligst jeder zu halten. Moana aber entzog sich demjenigen, der ihr bestimmt war. Nur weil sie ihn nicht leiden konnte. Sie ist ein eigensinniges kleines Ding. Ich nehme an, sie war in einen anderen verliebt. Aber auch das ist streng verboten. Kein Mädchen darf vor der Heirat Beziehungen zu einem Mann haben. Sie können sich vielleicht vorstellen, welche strengen Sitten die einfältigen Menschen hier haben. Von mir als König erwartet man natürlich, daß ich in solchen Fällen für Ordnung sorge. Tue ich es nicht, muß ich selbst damit rechnen, daß ich bei meinem Volk in Ungnade falle.“

„Mhm“, brummte Hasard scheinbar verständnisvoll. Er runzelte die Stirn und tat, als denke er angestrengt nach. Schließlich gab er sich einen Ruck. „Wie wäre es, wenn Sie mit meiner Hilfe alles zum besten wenden?“

Charangu zog überrascht die Brauen hoch.

„Wie meinen Sie das?“

„Wir bringen Moana zurück auf die Insel. Dann verkünden wir, daß unser Schimpanse, der ja ein besonders hoher Gott ist, sein Urteil gesprochen hat.“ Hasard mußte sich zwingen, ernst zu bleiben. Er hatte alle Mühe, nicht in Gelächter auszubrechen.

„Und wie soll das Urteil lauten?“

„Unser Gott würde bestimmen, daß Moana den Mann wählen kann, den sie wirklich liebt. Das könnte dann auch für alle Zukunft gelten, so daß es Probleme dieser Art auf Kahoolawe nicht mehr geben würde. Damit wäre doch letzten Endes auch Ihnen gedient, nicht wahr?“

Charangu stützte das Kinn in seine rechte Hand und starrte mit zusammengekniffenen Augen zu Boden.

Hasard hätte viel darum gegeben, jetzt die Gedanken des Inders lesen zu können. Mit Sicherheit wurden seine Schwierigkeiten größer, als sie ohnehin schon waren.

In der Tat geriet Charangu innerlich in wachsende Bedrängnis. Einerseits war das Angebot des Engländers natürlich äußerst verlockend. Auf diese Weise kehrte Moana auf die Insel zurück, ohne daß man große Anstrengungen dafür unternehmen mußte. Und das kleine Schauspiel, was das sogenannte Gottesurteil des fremden Affen betraf, ließ sich leicht inszenieren – dank der Sprachbarriere. Charangu schätzte sich in diesem Moment besonders glücklich, der einzige auf Kahoolawe zu sein, der beide Sprachen beherrschte.

Andererseits aber wurde die Zeit knapp. Nur noch ein Tag blieb bis zur fälligen Auslieferung des Mädchens und der Perlenausbeute. Der Unsicherheitsfaktor waren in diesem Zusammenhang die Engländer. Wenn sie wirklich rechtzeitig verschwanden – in Ordnung. Wenn sie es sich aber noch anders überlegten …

Charangu hob den Kopf.

„Ich bin einverstanden“, sagte er und wußte im selben Moment, daß ihm ohnehin keine andere Wahl blieb.

„Sehr gut!“ rief Hasard mit übertriebener Freude. „Ich lasse Moana so schnell wie möglich zurückbringen, und Sie tun das Ihre, indem Sie den Leuten erklären, was unser Freund Arwenack entschieden hat.“ Er strich lächelnd über den Kopf des Schimpansen. „Wir werden Ihnen in dieser schwierigen Situation selbstverständlich beistehen, Charangu. Ich kenne Naturvölker. Vielleicht akzeptieren sie das, was wir als Gottesurteil bezeichnen, nicht. Deshalb werden wir so lange auf der Insel bleiben und Moana bewachen, bis wir sicher sein können, daß ihr nichts geschieht.“

Charangu beherrschte sich in letzter Sekunde, um nicht seine Fassungslosigkeit zu zeigen. Er hatte das Gefühl, in einen endlosen Abgrund zu versinken. Dieser gottverdammte Fremde hatte ihn hereingelegt. Kaltlächelnd und mit der linken Hand.

„Ich bin Ihnen zu tiefstem Dank verpflichtet, Mister Killigrew“, sagte Charangu dennoch mit überschwenglicher Höflichkeit und einer angedeuteten Verneigung. „Ich weiß Ihr Entgegenkommen sehr zu schätzen.“

Während er sich diese Worte abrang, wurde im eins klar: Es gab nur noch eine einzige Möglichkeit, um die Sache zum Guten zu wenden.

Wenn Moana erst einmal auf der Insel war, mußte sie verschwinden. Spurlos und so schnell wie möglich.

Die Nachmittagssonne brannte vom strahlend blauen Himmel, und der Strand leuchtete in einer gleißenden Helligkeit, die die Augen schmerzen ließ.

Eine Schar von Mädchen war bei den Auslegerbooten eifrig beschäftigt. Helles Lachen und Wortfetzen wehten durch die Luft. Ihre Stimmen klangen fröhlich und ausgelassen – mehr als sonst, denn Moana war wieder unter ihnen. Eilends verluden sie Flechtkörbe und Gerätschaften. Die Mädchen waren nur mit straff gewickelten Hüfttüchern bekleidet, und dennoch wirkten sie dabei natürlich, weil es für sie die selbstverständlichste Sache der Welt war.

Hasard und Siri-Tong saßen auf dem Stamm einer abgestorbenen, umgestürzten Palme.

Dan O’Flynn stand vor ihnen und drehte sich immer wieder zum Strand um. Er trug nur noch eine Leinenhose, die er bis zu den Knien aufgekrempelt hatte. Und er sah ungeduldig aus.

„Jetzt kannst du reden“, sagte der Seewolf. Dan hatte ihn in den vergangenen Stunden mehrmals mit verstohlenen Blicken und Gesten darauf aufmerksam gemacht. Seit die zweite Gruppe der „Isabella“-Crew auf der Insel gelandet war, hatten sie nun zum ersten Male Gelegenheit für ein unbeobachtetes Gespräch.

„Ich konnte mich mit Moana ein wenig verständigen“, sagte Dan hastig und drehte sich abermals um. „Mit der Zeichensprache kann man mehr ausdrükken, als ich für möglich gehalten hätte.“

Unten am Strand schoben die Mädchen das erste Auslegerboot ins Wasser.

„Und?“ drängte Hasard.

Siri-Tong blickte ihn lächelnd an, wurde aber sofort wieder ernst, als Dan O’Flynn fortfuhr:

„Moana hat mir verklart, daß sie sterben sollte. Deshalb ist sie geflohen. Wenn ich richtig verstanden habe, war sie die erste, die das jemals gewagt hat. Vor ihr sind regelmäßig junge Mädchen verschwunden, so ungefähr jeden Monat.“ Er drehte sich erneut um. Die Mädchen schoben das zweite Boot ins Wasser.

„Warum?“ fragte Siri-Tong. „Konntest du in Erfahrung bringen, warum die Mädchen verschwanden, Dan?“

„Nicht genau. Ich glaube, es war so eine Art Ritual. Die Leute mußten jedesmal das schönste Mädchen wählen, mit einer richtigen Abstimmung. Moana redete immer von ‚Kuolai‘. Das muß ein Berg sein, wenn ich richtig verstanden habe. Scheint so, als ob die Mädchen dorthin gebracht wurden. Mehr weiß ich nicht. Nur, daß Moana überglücklich ist. Immerhin haben wir ihr Leben gerettet.“

„Hat sie keine Angst?“ fragte Hasard zweifelnd. „Wir können sie doch nicht dauernd beschützen.“

„Sie glaubt an dieses – Gottesurteil“, entgegnete Dan, „sie glaubt daran, daß unsere Entscheidung durch nichts und niemanden umgestoßen werden kann.“ Er wandte sich um. Alle Auslegerboote waren mittlerweile zu Wasser gelassen worden. „Ich muß ein wenig nach dem Rechten sehen! Bis später!“ Dan hastete los, den Strand hinunter. Beim Laufen klatschte das schwere Entermesser gegen seine Hüfte. Er schnappte sich eins der leichteren Kanus und zog es zum seichten Wasser der Lagune.

„Was vermutest du?“ fragte Siri-Tong.

Hasard zog die Schultern hoch. Auch er hatte mittlerweile sein Hemd abgestreift und ließ seinen muskulösen Oberkörper von der Sonne umschmeicheln.

„Ich bin mir nicht sicher. Möglich, daß dieses Ritual mit Menschenopfern zu tun hat. Auf irgendwelchen Südseeinseln soll es vorkommen, daß sie Menschen in die brodelnden Krater von Vulkanen stoßen. Dadurch sollen die Götter besänftigt werden.“

„Welches Interesse sollte der Inder an solchen Opfern haben?“

„Eben. Das ist es, was mir nicht klar ist. Weshalb brauchen sie ausgerechnet besonders hübsche Mädchen für ein solches Ritual?“

Siri-Tong nickte bedächtig und versank in nachdenkliches Schweigen. Auch der Seewolf hing seinen Gedanken nach. Sinnierend blickte er Dan O’Flynn nach, der das kleine Kanu mit kräftigen Paddelschlägen auf die Lagune hinaustrieb, den Auslegerbooten folgend.

Was Hasard als ein „Gottesurteil“ geplant hatte, war reibungslos abgelaufen. Charangu hatte eine kurze Ansprache an die Polynesier gehalten, nachdem Moana auf die Insel zurückgekehrt war.

Aber was hatte der Inder wirklich gesagt?

Nur Dan O’Flynn konnte das herauskriegen, indem er das Mädchen per Zeichensprache ausfragte.

Von den französischen Freibeutern hatte offenbar keiner einen Fuß auf diese Insel gesetzt. Soviel schien inzwischen festzustehen. Denn alles sah danach aus, daß Charangu der erste Fremde gewesen sein mußte, der jemals auf Kahoolawe aufgetaucht war.

In erster Linie ging es darum, Moanas Leben zu schützen. Das betrachtete Hasard als seine Pflicht, nachdem er sie gerettet hatte. Denn letzteres war nicht geschehen, um sie jetzt einem skrupellosen Ritualmord auszusetzen – falls es sich wirklich darum handelte.

Zum anderen war Hasard mittlerweile versessen darauf, das Rätsel zu lösen, das auf Kahoolawe lastete. Die Menschen lebten hier unter einer ständigen Bedrohung. Und Hasard wurde das Gefühl nicht los, daß diese Bedrohung von niemandem anders als Charangu aufgebaut worden war.

Er würde den Inder aus der Reserve locken. Charangu war nervös geworden. Hasard spürte es.

Mit Siri-Tong und Dan O’Flynn waren Batuti, der Kutscher, Gary Andrews, Matt Davies, der alte O’Flynn, Jeff Bowie, Will Thorne, Big Old Shane und Moses Bill auf der Insel eingetroffen. Die anderen waren auf die Galeone zurückgekehrt, wo Ben Brighton nach wie vor das Kommando führte.

Es hatte erhebliche Mühe gekostet, die Zwillinge ebenfalls an Bord zu halten. Aber Siri-Tong hatte ihren Entschluß schließlich durchgesetzt, und die Söhne des Seewolfs hatten sich beleidigt ins Mannschaftslogis verkrochen. Hasard gab der Roten Korsarin indessen recht. Bei der Ungewißheit darüber, was sich zusammenbrauen konnte, war es zu riskant, wenn sie sich auch noch um die Sicherheit der beiden Jungen kümmern mußten.

In der Beziehung hatten sie mit den eigenwilligen kleinen Burschen zu viele schlechte Erfahrungen hinter sich.

6.

Der Wind hatte merklich nachgelassen. Nur noch mit verhaltener Kraft rollte die Brandung gegen das Korallenriff. Unbewegt und majestätisch lag die „Isabella“ weit draußen vor Anker.

Dan O’Flynn saß auf einer der Bänke des Riffs, die nur knapp über die Wasseroberfläche ragten. Gischtende kleine Wellen umspielten seine Füße, und er genoß die Abkühlung, die dies brachte. Er hatte das Kanu ebenfalls heraufgezogen, damit der empfindliche Rumpf aus Baumrinde nicht im Wellengang beschädigt wurde.

Die Mädchen waren nur einen Steinwurf weit entfernt. Ihre Auslegerboote dümpelten geschützt auf der Innenseite des Riffs, und dort tauchten Moana und ihre Gefährtinnen immer wieder hinunter zu den Muschelbänken. Ein unermeßlicher Reichtum mußte dort in der geringen Tiefe der Lagune ruhen, denn die Körbe der Mädchen füllten sich rasch mit jenen dunklen Muscheln, die die begehrten Perlen in sich bargen.

Dan stützte die Ellenbogen auf die Knie und das Kinn in beide Hände. Versonnen schaute er den Mädchen bei ihrer Arbeit zu. Es war ein faszinierendes Schauspiel, das sie boten. Mit ihren gertenschlanken Körpern verfügten sie über beträchtliche Ausdauer. Neidlos mußte Dan anerkennen, daß er selbst kaum in der Lage war, sie zu übertreffen. Wahrscheinlich hatten sie das Tauchen schon von Kindheit an geübt. Immer wieder zählte er in Gedanken mit, wenn Moana auftauchte, eine Handvoll Muscheln in den Korb in ihrem Boot warf, Luft holte und wieder wegtauchte.

Die Sekunden dehnten sich endlos. Dan schüttelte ungläubig den Kopf. Nur ständige Übung konnte zu solchen Leistungen führen. Und bei den gewandten Bewegungen der Mädchen tauchte in seinen Gedanken der Vergleich mit jenen Meeresbewohnern auf, die die nördlichsten Breiten der Erde bevölkerten. Wie phantastisch war es gewesen, diese unnachahmlich gleitenden und elastischen Bewegungen jener Seehunde und Robben zu beobachten, die eins waren mit dem nassen Element. Diese jungen Polynesierinnen bewiesen, daß auch Menschen sich diesem Element in hohem Maße anzupassen vermochten.

Immer wenn sie auftauchten, waren ihre glockenklaren Stimmen zu hören – fröhlich und ausgelassen. Dabei war es harte Arbeit, die sie leisteten. Dan gelangte zu der Überzeugung, daß ein so heiterer und stets freundlicher Menschenschlag wie hier in der Südsee äußerst selten war.

Aber für was leisteten sie überhaupt diese Arbeit? Weshalb bürdeten sie sich solche Mühe auf? Wenn es stimmte, daß die Bevölkerung dieser Insel noch niemals mit der Außenwelt Verbindung gehabt hatte – zu was brauchten sie dann die Perlen? War es nur, weil sie selbst Gefallen daran gefunden hatten? Wenn ja, dann mußten sie die Perlen irgendwo auf der Insel horten.

Dieser Gesichtspunkt stimmte Dan nachdenklich. Er beschloß, der Frage bei nächster Gelegenheit auf den Grund zu gehen.

Ein Impuls drang plötzlich in sein Bewußtsein vor. Es war eine Bewegung, die er anfangs nur aus den Augenwinkeln heraus wahrnahm. Und dennoch schlugen seine Sinne jäh Alarm.

Dans Kopf ruckte nach links.

Im selben Atemzug erstarrte er. Ihm war, als gefriere das Blut in seinen Adern.

Eine Dreiecksflosse.

Dunkelgrau und drohend schnitt sie durch die leuchtendgrünen Fluten – weniger als eine Kabellänge entfernt.

Dan wollte einen Warnschrei ausstoßen. Doch sein Blick wurde weiter nach links gelenkt.

Drei, vier, nein fünf weitere solcher Flossen, die tödliche Gefahr signalisierten. Ein ganzes Rudel von Haien war durch die Öffnung im Riff in die Lagune eingedrungen.

Dan sprang auf.

„Achtung!“ brüllte er. „Haie!“

Die Mädchen, die gerade aufgetaucht waren und sich an den Booten festhielten, lachten, winkten ihm zu. Sie verstanden ihn nicht. Er selbst war es, der ihre Aufmerksamkeit ablenkte. Und sie begriffen nichts von der mörderischen Gefahr, die ihnen nahte.

„In die Boote!“ versuchte Dan es noch einmal. Dazu gestikulierte er. Vielleicht zu hastig, denn sie reagierten noch immer nicht. Er erreichte nur, daß sie ihr Lachen und Winken abbrachen und verwundert zu ihm schauten.

Dan stieß einen Fluch aus. Sein Blick suchte Moana, doch er konnte sie nicht entdecken. Sie mußte sich noch unter Wasser befinden.

Er spannte die Muskeln. Wieder spähte er in die Richtung, in der er die Haie gesehen hatte.

Der vorderste hatte sich bereits auf eine halbe Kabellänge genähert. Fast hatte es den Anschein, als sondiere er die Lage für seine räuberischen Gefährten. Plötzlich, bevor Dan den Gedanken zu Ende führen konnte, schoß die Dreiecksflosse vorwärts und jagte mit rasch zunehmender Geschwindigkeit auf die Auslegerboote zu.

Das Rudel verharrte weiter entfernt.

Dan O’Flynn überlegte nicht mehr. Er stieß sich ab und schnellte mit kraftvollem Kopfsprung in die schimmernden Fluten.

Zwei Wahrnehmungen bestürmten ihn in dem winzigen Moment, bevor er eintauchte.

Der Entsetzensschrei, den die Mädchen ausstießen.

Und der schlanke Körper des Haies, der jetzt auf gleicher Höhe mit ihm war.

Dan riß die Augen weit auf und unterdrückte das anfängliche Brennen des Salzwassers. Mit zügigen Schwimmbewegungen glitt er knapp unter der Wasseroberfläche voran.

Der Hai hatte ihn bemerkt.

Dan sah, wie sich der mächtige Leib des Raubfischs schlagartig krümmte und seine Richtung änderte.

Reaktionsschnell tauchte der junge O’Flynn auf, holte tief Luft und stieß wieder hinunter.

Das menschenfressende Monstrum schoß auf ihn zu. Dan registrierte die Einzelheiten in grausamer Deutlichkeit: das breite Maul mit den mörderischen Zähnen, die tückisch funkelnden kleinen Augen. Es schien, als grinse das Tier in mörderischer Vorfreude.

Zwar sagte man, daß Haie nur dann angriffen, wenn sie frisches Blut gewittert hatten. Aber darauf wollte Dan sich nicht verlassen. Und dieser furchterregende Bursche sah beim besten Willen nicht so aus, als würde er sich durch eine Handbewegung verscheuchen lassen.

Dan zog das schwere Entermesser aus der Scheide. Noch fünf, sechs Yards. Rasend schnell schmolz die Entfernung zusammen.

Wie ein gigantisches, lebendes Geschoß raste das Tier auf ihn zu.

Dan berechnete den Moment seiner Gegenwehr mit eiskalter Todesverachtung. Er zählte die Sekunden.

Mit einem jähen Schwimmstoß, in den er alle Kraft legte, glitt er abwärts und drehte sich dabei gleichzeitig um die eigene Achse.

Der mächtige Körper glitt über ihn weg. Dan spürte die rauhe Haut des Tiers auf seinen Unterschenkeln.

Blitzschnell stieß er das Entermesser hoch.

Knapp vor der Schwanzflosse fuhr die breite Klinge in den Leib des Hais. Der Körper zuckte. Dunkelrotes Blut faserte wie eine düstere Wolke in das leuchtende Wasser. Die Schwanzflosse bewegte sich peitschend, und das Tier schoß davon.

Dan empfand noch keine Erleichterung. Der Druck, den die knapp werdende Atemluft in seinem Kopf verursachte, zwang ihn zum Auftauchen. Krampfhaft rang er nach Atem, als er über die Wasseroberfläche hinausschoß. Seine Muskeln waren zum Zerreißen gespannt. Er war bereit, wieder hinunterzutauchen und sich dem mörderischen Kampf zu stellen.

Da sah er die Dreiecksflosse, die sich entfernte – zur Öffnung im Riff hin.

Und schlagartig begriff Dan. Der Mörderhai ergriff die Flucht. Die Flucht vor seinen eigenen Artgenossen.

Dort, wo bis eben das Rudel der Haie gelauert hatte, entstand ein Brodeln. Mächtige Flossen peitschten das Wasser, Fontänen stiegen auf. Sie hatten das Blut gewittert, das ihren Tötungsinstinkt weckte. Daß es kein Menschenblut war, bedeutete für die Bestien keinen Unterschied. Und der verwundete Hai hatte die Gefahr mit eben jenem Instinkt gespürt. Aber die Flucht gelang ihm nicht mehr.

Weit vor dem natürlichen Tor des Riffs begann die Lagune zu kochen. Die kristallklaren Fluten färbten sich dunkel, und der Schaum, den die peitschenden Schwanzflossen auf der Wasseroberfläche verursachten, war hellrot.

Mehr war nicht zu sehen. Und dennoch genügte es. Allein die Vorstellung, wie die Haie ihren eigenen Artgenossen in unermeßlicher Freßgier zerfleischten, erregte in Dan O’Flynn ein Gefühl des Grauens. Er wandte sich ab und schwamm zu den Auslegerbooten hinüber.

Die Mädchen hatten sich bereits alle in die Boote gerettet. Mit vor Entsetzen geweiteten Augen blickten sie zu dem Schauplatz des grausigen Geschehens.

Es schien kein Ende zu nehmen. Immer noch brodelte das Wasser, und zeitweise waren Schwanz- oder Rückenflossen der Haie zu sehen.

Dan zog sich in das Boot, in dem Moana mit zwei Gefährtinnen kauerte. Vergessen waren die Fragen, die ihn bewegt hatten. Vergessen all das, über das er sich mit Moana hatte verständigen wollen. Jetzt zählte nur die Tatsache, daß ihr Leben gerettet war.

Moana umarmte den jungen Mann mit einem leisen Aufschrei. Zitternd barg sie ihren Kopf an seiner Schulter, und er strich ihr sanft über das. Haar. Die beiden anderen Mädchen wandten den Blick zur Seite. Sie waren blaß, ihre Gesichter noch immer vom Entsetzen gezeichnet.

„Es ist alles vorbei“, sagte Dan leise, obwohl er wußte, daß Moana ihn nicht verstand. Doch er wußte, daß sie spürte, was er ausdrücken wollte.

Irgendwann, nach endlosen Minuten, war die blutige Freßorgie der Haie vorüber. Die Dreiecksflossen zogen davon, durch das Tor im Riff, und ließen ein blutiges Feld im ruhiger werdenden Wasser der Lagune zurück.

Die Mädchen hatten sich halbwegs von ihrem Schreck erholt. Dan holte das Kanu und kehrte im Pulk der Auslegerboote an den Strand von Kahoolawe zurück.

Dort hatten sich Menschen und Gibbons in heller Aufregung versammelt. Doch als sie alle Mädchen unversehrt sahen, brach ein Sturm der Begeisterung los. Die Polynesier umringten Dan O’Flynn, der Moana im Arm hielt und sich insgeheim wunderte, warum kein eifersüchtiger Bräutigam auftauchte. Doch für solche Gedanken blieb keine Zeit. Frauen behängten Dan mit Blumenkränzen, und die Männer tanzten mit beifälligen Gesten um ihn herum.

In einem wahren Triumphzug geleiteten sie den Retter der Mädchen zurück ins Dorf. Die Männer von der „Isabella“ folgten der Meute mit einigem Abstand. Sie gönnten Dan den Ruhm, den er jetzt auf der Insel genoß. Denn immerhin hatte er nicht mehr und nicht weniger als sein Leben eingesetzt.

Hasard und Siri-Tong, die sich etwas abseits gehalten hatten, waren im Begriff, der Menschenmenge zu folgen.

Unvermittelt erblickten sie den Inder. Er hatte sich an den jubelnden Polynesiern vorbeigedrängt und näherte sich mit gravitätischen Schritten dem Strand. Der seidene Umhang, den er wieder trug, unterstrich sein Gehabe.

Die Rote Korsarin wechselte einen raschen Blick mit dem Seewolf. Sie blieben stehen. Siri-Tong hatte auf Anhieb ein schlechtes Gefühl gehabt, wie sie es nannte. Dieses schlechte Gefühl beschlich sie immer dann, wenn sie Menschen begegnete, die ihr unsympathisch waren, ohne daß sie eine Erklärung dafür hatte. Frauen, so pflegte sie zu erklären, hätten eben ein besonders ausgeprägtes Gefühl dafür, die Wesenszüge von Menschen auf Anhieb einzustufen.

Und Hasard hatte sich schon manches Mal gewundert, wie sehr diese besagten Gefühle Siri-Tongs zutrafen. In bezug auf Charangu war er mit ihr allerdings sofort voll und ganz einig gewesen.

„Einen tapferen jungen Burschen haben Sie da in Ihrer Mannschaft“, sagte der Inder und faltete die Hände vor dem Bauch.

Hasard nickte.

„Er hat getan, wozu er sich verpflichtet fühlte. Und er tat es so schnell, daß ich keine Gelegenheit mehr hatte, ihm zu Hilfe zu eilen.“

Charangu bewegte den Kopf auf und ab, obwohl seine geistesabwesende Miene zeigte, daß er kaum zugehört hatte.

„Es ist seltsam“, murmelte er, „wir haben sonst so gut wie nie Haie hier. Ob die Bestien durch das fremde Schiff angelockt wurden?“

„Sie meinen, durch mein Schiff?“

Charangu schien aus seiner Abwesenheit zu erwachen.

„Oh, Verzeihung, Mister Killigrew. So habe ich das nicht gemeint. Sie verstehen, ich suche eine Erklärung für diesen Zwischenfall. Ich muß mir etwas einfallen lassen. Möglicherweise könnte die Stimmung der Polynesier gegen Sie aufgewiegelt werden, wenn sie sich erst einmal von der Freude erholt haben. Vielleicht glauben diese einfältigen Menschen, daß die Götter zornig seien. Und dann werden sie es womöglich mit einem bösen Omen in Zusammenhang bringen. Ein böses Omen, das sich mit dem Erscheinen des fremden Schiffes in Verbindung bringen ließe.“

„So einen Unsinn würde ich nicht vermuten“, sagte Siri-Tong scharf. Sie ließ den Inder deutlich spüren, daß sie ihn nicht mochte. „Oder wollen Sie damit andeuten, daß es besser wäre, wenn wir die Insel vorzeitig verlassen würden?“

Charangu zuckte zusammen.

„Um Himmels willen, nein! Wie können Sie so etwas vermuten! Ich bitte um Verzeihung, wenn Sie einen solchen Eindruck aus meinen Worten gewinnen mußten.“

„Schon gut.“ Siri-Tong lächelte scheinbar freundlich. Sie kannte alle Überlegungen, die Hasard über Charangu und die merkwürdigen Verhältnisse auf Kahoolawe angestellt hatte. Und geradezu genüßlich fuhr sie fort: „Wir haben uns nämlich gerade überlegt, daß wir noch bis morgen oder übermorgen bleiben werden. Wir werden dann Zeit haben, frisches Wasser an Bord mannen zu lassen und vielleicht auch einige Proviantvorräte. Natürlich werden wir dafür einen Gegenwert an nützlichen Dingen zahlen, die die Leute hier gebrauchen können.“

Charangu wurde grau im Gesicht. Er hatte sichtliche Mühe, seine Fassung zu wahren. Die Willenskraft, mit der er sich zur Höflichkeit zwang, mußte enorm sein.

„Selbstverständlich sind Sie unsere Gäste, solange Sie wollen. Und ich würde es niemals zulassen, daß Sie für etwaige Vorräte bezahlen. Ich müßte das geradezu als Beleidigung auffassen.“

„Wie Sie meinen“, sagte Siri-Tong mit unverändertem Lächeln. „Wir sind Ihnen sehr dankbar, Majestät. Schon im voraus.“

„Oh, ich betrachte das als eine Selbstverständlichkeit.“ Charangu überhörte den unverhohlenen Spott im Unterton von Siri-Tongs Stimme und schaffte es sogar, wieder eine strahlende Miene aufzusetzen.

„Wir könnten ihnen auch eine gewisse Menge an Perlen abkaufen“, sagte Hasard, ohne zu wissen, daß er damit den gleichen Gedanken hatte, der auch Dan O’Flynn bereits bewegt hatte. „Denn in Europa werden Perlen zu Schmuck verarbeitet.“

Charangus Strahlen vereiste.

„Ja, ich habe davon gehört. Aber die Polynesier werden ihre Perlen nicht hergeben. Sie brauchen sie für kultische Zwecke. Es sind Schätze, die den Göttern geopfert werden, weil sie von den Göttern auf den Muschelbänken gesät wurden.“

Abrupt wandte sich der Inder ab und schritt mit wallendem Umhang zurück ins Dorf, wo die Musik und die ausgelassene Stimmung der Menschen lauter geworden waren.

7.

Die Nacht senkte sich rasch über Kahoolawe. Der Übergang vom hellen Tageslicht zur sanften Dunkelheit vollzog sich wie in einem Atemzug. Europäer, die dieses Phänomen in südlichen Breiten zum ersten Male erlebten, pflegten in Erstaunen zu geraten. Für den Seewolf und seine Männer war es indessen nichts Ungewöhnliches mehr.

Auf der Insel war Ruhe eingekehrt. Die Menschen hatten sich auf Charangus Anordnung folgsam in ihre Behausungen zurückgezogen. Auch für die Gäste aus dem unbekannten Teil der Welt gab es hinreichende Unterkunft. Nur vereinzelt war noch das Gezeter der Gibbons zu hören. Weiter entfernt kreischten einige der wenigen Tropenvögel, die Kahoolawe bevölkerten.

Am Rand des Palmenwaldes, der den Dorfplatz umgrenzte, hatten Hasard und Siri-Tong unter einem schrägen Schutzdach ihr Nachtlager aufgeschlagen. Es hatte sich nur wenig abgekühlt. Dennoch warfen sie sich die Decken über, die sie von der Galeone hatten herüberschaffen lassen. Während der Nachtstunden würden die Temperaturen noch beträchtlich absinken.

Der Himmel war sternenklar, und eine dünne Mondsichel spendete fahles Licht. Dennoch war es unter den mächtigen Kronen der Palmen fast völlig dunkel. Nur auf der Lichtung, die das Dorf einnahm, waren die Konturen der Hütten mit verschwommenen Schattenlinien zu erkennen.

Die Männer von der „Isabella“ hatten sich in verschiedenen Hütten für die Nacht eingerichtet – so, wie es sich durch die freundschaftlichen Kontakte, die sie tagsüber geknüpft hatten, ergeben hatte. Nach den ausgiebigen Gaumengenüssen waren sie alle augenblicklich in tiefen Schlaf gefallen. Diese angenehme Seite des Lebens hatte sie schläfriger werden lassen, als die härteste und knochenschindendste Arbeit an Bord der Galeone es vermocht hätte.

Hasard hatte sich vor Einbruch der Dunkelheit auch mit Ben Brighton verständigt. Ben würde eine verstärkte Nachtwache auf der „Isabella“ aufziehen lassen, und die Männer erhielten ausdrückliche Order, die Ohren zu spitzen und die Insel in regelmäßigen Abständen mit dem Kieker zu beobachten. Zur weiteren Verständigung verfügten die Seewölfe über die bewährten Mittel aus Al Conroys Trickkiste.

Arwenack, der mittlerweile jedes Interesse an den trägen und vollgefressenen Gibbons verloren hatte, kauerte neben dem schrägen Schutzdach aus Palmenblättern. Seine gedrungene Statur und sein schwarzes Fell verschmolzen mit der Dunkelheit, die ihn umgab. Tiefe Atemzüge zeigten an, daß auch der Seewolf und die Rote Korsarin zur Ruhe gefunden hatten. Eine wohlverdiente Ruhe nach den Strapazen der zurückliegenden Tage.

Die Zeit verrann. Sekunden zu Minuten und Minuten zu Stunden. Arwenack harrte regungslos aus. Der Instinkt hielt ihn in der Nähe seines Herrn. Ein Instinkt, der aus der fremden Umgebung herrührte, in der der Schimpanse sich ebensowenig auf Anhieb heimisch fühlen konnte wie ein Mensch. Er brauchte das Vertraute, und das waren in diesem Fall Hasard und Siri-Tong.

Auch das Zetern der Gibbons hatte mittlerweile nachgelassen. Nur vereinzelte Schreie von Vögeln waren noch aus größerer Entfernung zu hören.

Doch diese Schreie reichten nicht aus, um jene kaum merklichen Geräusche zu überdecken, die Arwenack plötzlich vernahm.

Ein leises Rascheln. Dann wieder Stille.

Arwenack hob den Kopf. Aber er bewegte sich nicht.

Wieder ein Rascheln.

Es war eine Erfahrung, die den Schimpansen handeln ließ. Eine Erfahrung, die er seinem Leben an Bord der englischen Galeone verdankte. In unzähligen gefahrvollen Situationen hatte er das Verhalten der Menschen beobachtet. So wußte auch er jetzt, was er zu tun hatte.

Langsam und völlig lautlos bewegte er sich auf den schlafenden Seewolf zu und zupfte an seiner Schulter.

Hasard erwachte sofort, doch er rührte sich nicht, sondern schlug lediglich die Augen auf.

Er sah die leuchtendweißen Zähne Arwenacks und das Helle seiner Augen. Unvermittelt legte der Schimpanse seinen langen schwarzen Zeigefinger vor die Lippen.

Hasard begriff augenblicklich. Vorsichtig schälte er seine Arme aus der Dekke und berührte Siri-Tong sanft am Oberarm. Auch sie reagierte so, wie es in vielen Momenten der Gefahr zur lebensrettenden Gewohnheit geworden war.

Der Seewolf und die Rote Korsarin blieben regungslos und stellten sich schlafend. Und nun hörten auch sie das, was den guten alten Arwenack alarmiert hatte.

Schritte.

Sie versuchten, sich so leise wie möglich zu bewegen. Doch auf dem mit Pflanzen und trockenem Gestrüpp überdeckten Boden war absolute Geräuschlosigkeit praktisch ausgeschlossen.

Langsam, unendlich langsam, befreiten sich der Seewolf und die Rote Korsarin vollends von ihren Decken.

Jäh waren die Schritte in ihrer unmittelbaren Nähe. Von allen Seiten.

Arwenack stieß plötzlich ein helles Keckern aus.

Im selben Moment geschah es.

Dunkle Gestalten stürmten auf Hasard und Siri-Tong ein. Ihre Augen hatten sich so weit an die Dunkelheit gewöhnt, daß sie die Silhouetten der Männer erkennen konnten.

Zischende Geräusche waren zu hören. Es blinkte metallisch. Knüppel und Messer.

Der Seewolf und die Rote Karsarin schnellten hoch.

Keins der Mordinstrumente traf sein Ziel.

Arwenack suchte mit einem schrillen Laut das Weite.

Ein dumpfer Schlag traf die Stelle, an der sich eben noch Siri-Tongs Kopf befunden hatte.

Aus dem Aufspringen heraus wirbelte der Seewolf herum. Unmittelbar vor ihm war eine der schattenhaften Gestalten. Der Polynesier konnte seinen eigenen Sprung nicht mehr bremsen. Von seinem ganzen Körpergewicht getrieben, fuhr sein Messer an der Stelle in den Erdboden, an der er den Kapitän der fremden Galeone noch vermutete.

Hasard schlug unbarmherzig zu. Der Mann sackte in sich zusammen und begrub das Messer unter sich. Aus den Augenwinkeln heraus sah Hasard, daß Siri-Tong wie eine Tigerin kämpfte. Mindestens drei oder vier Gestalten waren es, die auf sie eindrangen. Wie es schien, hatte Siri-Tong einen der Knüppel erwischt, mit denen die Polynesier bewaffnet waren.

Aber der Seewolf war selbst noch zu sehr in Bedrängnis. Er schaffte es noch nicht, der Roten Korsarin zu Hilfe zu eilen. Ein Messer blitzte haarscharf vor ihm auf. Hasard wich aus, unterlief den Angriff reaktionsschnell und konterte mit blitzartiger Gegenwehr. Der Angreifer schrie erschrocken auf, als er plötzlich von den Fäusten des Seewolfs emporgehoben wurde. Das Messer wirbelte durch die Luft und fiel irgendwo zu Boden – gefolgt von seinem Eigentümer, der hart aufschlug.

Hasard erhielt kaum Zeit zum Luftholen. Arme schlangen sich plötzlich von hinten um seinen Hals und drückten mit unerwarteter Kraft zu. Ein zweiter Angreifer schnellte von vorn auf ihn los. Der erhobene Knüppel wurde vor dem helleren Nachthimmel erkennbar. Hasard spannte seine Muskeln und mobilisierte alle Kraftreserven. Seine Fäuste ruckten empor und bekamen die Oberarme des Mannes zu fassen, der ihm im Nacken hing. Und beiden Angreifern wurde auf schmerzliche Weise klar, daß sie sich in der Muskelkraft des Seewolfs mächtig verschätzt hatten.

Hasard ging in die Knie und riß den Mann, der seine Kehle zudrückte, mit einem blitzartigen Ruck nach vorn. Der Polynesier stieß einen Schrei aus, als er fast waagerecht durch die Luft segelte. Und im nächsten Sekundenbruchteil verstummte er. Denn der Knüppel, der eigentlich dem Seewolf zugedacht war, traf ihn. Dann ging auch der Knüppelschwinger zu Boden, als er von dem Anprall seines Gefährten überrascht wurde.

Der Seewolf kreiselte herum. Siri-Tong hatte immer noch drei Gegner am Hals. Aber die Rote Korsarin hegte die gleichen Gedanken wie Hasard. Sie wollte diese Männer nicht töten – diese Menschen, die von Charangu zu willenlosen Werkzeugen erniedrigt worden waren.

Hasard wollte sich mit dem Burschen befassen, der sich soeben unter dem Körper des Bewußtlosen hervorschälte. Doch der Mann dachte nicht mehr an einen Angriff. In panischer Hast warf er sich herum und war im nächsten Moment in der Dunkelheit des Palmenwaldes verschwunden.

Unterdrücktes Keuchen und das Scharren von Schritten waren nach wie vor zu hören. Siri-Tong wehrte ihre zwei verbliebenen Gegner mit dem Knüppel ab, den sie als Barriere gegen die immer wieder zustoßenden Messer benutzte.

Der Seewolf war mit einem Satz bei ihr, und ehe die beiden Burschen begriffen, was ihnen blühte, hatte er sie im Nacken gepackt. Als er sie mit den Köpfen zusammenstieß, versanken sie augenblicklich in tiefen Schlaf.

„Meinst du, ich hätte das nicht selbst geschafft?“ sagte Siri-Tong, die nur ein wenig außer Atem geraten war. Ihre Augen sprühten Funken.

Hasard wollte antworten, doch ein Rascheln war plötzlich hinter seinem Rücken zu hören. Er wirbelte herum. Dann mußte er lächeln.

Ein Schatten glitt auf ihn zu, hangelte an seinem Arm empor und hockte im nächsten Moment auf seiner Schulter.

„Allmählich findet er Gefallen daran.“ Die Rote Korsarin lachte. „Paß auf, du wirst ihn bald nicht mehr los!“

„Diesmal hat er sich den Ehrenplatz redlich verdient“, entgegnete Hasard, „ich wüßte nicht, wo wir ohne ihn wären.“

Arwenack keckerte fröhlich, als hätte er die Worte des Seewolfs verstanden.

Hasard wußte indessen, daß mit dem Überfall die Geschehnisse dieser Nacht keineswegs ausgestanden waren. Er hatte das sichere Gefühl, daß es jetzt erst richtig losging.

Dan O’Flynn warf sich im Schlaf hin und her – von wirren Träumen geschüttelt, die wie eine Vorahnung aus seinem Unterbewußtsein auf ihn einstürmten. Die Unbefangenheit und Geradlinigkeit der Polynesier hatte es ihm erlaubt, für die Nacht eine Hütte mit Moana zu teilen.

Etwas fauchte an seinem Gesicht vorbei. Ein harter Schlag ließ den Boden unter seinem Kopf erbeben.

Dan war schlagartig hellwach und zuckte hoch. Eine Faust traf seinen Brustkasten und schleuderte ihn zurück. Er sah den Knüppel, der ihn um Haaresbreite verfehlt hatte. In der Dunkelheit der Hütte hörte er nur den hastigen Atem der Männer. Wie viele es waren, vermochte er beim besten Willen nicht abzuschätzen.

Geistesgegenwärtig griff er nach dem Knüppel, bevor dessen Besitzer ihn hochreißen konnte. Wieder traf ihn ein Faustschlag, doch Dan ließ nicht locker. Er zog mit einem kraftvollen Ruck. Der Mann, der den Knüppel hielt, fiel auf ihn und drängte ungewollt den anderen zur Seite, der ihn mit Fausthieben außer Gefecht zu setzen suchte.

Plötzlich ein leiser, erstickter Schrei. Dann war es sofort wieder still.

Es traf Dan bis ins Mark, denn er begriff augenblicklich, was geschah.

„Moana!“ keuchte er und versuchte gleichzeitig, die Last von seinem Körper zu wälzen.

Aber das Mädchen antwortete nicht. Hatten die Kerle sie schon umgebracht? Oder vielleicht nur bewußtlos geschlagen? Dans Nerven begannen zu rebellieren. Endlich gelang es ihm, den Mann zur Seite zu schleudern, der verzweifelt nach seinem Knüppel rang.

Doch sofort waren wieder die anderen zur Stelle, die Dan in der Dunkelheit nicht erkennen konnte.

Die Übermacht war zu groß. Mit geballtem Ansturm brachten sie Dan O’Flynn zu Fall, noch bevor er vollends auf die Beine gelangen konnte. Ein harter Schlag traf ihn. Er sank zurück und kämpfte verzweifelt gegen die Ohnmacht an, die in ihm aufzuwallen drohte.

Ein scharfer, gezischter Befehl ertönte.

Die Angreifer wandten sich ab und schienen es eilig zu haben. Ihre Schritte entfernten sich rasch.

Dan wandte alle Willenskraft auf, die in ihm steckte. Und mit der Zähigkeit seines jungen, gestählten Körpers gelang es ihm, die Bewußtlosigkeit zu bezwingen. Zwar brauchte er endlos lange, wie es ihm erschien, die Benommenheit abzuschütteln, doch schließlich schaffte er es, sich aufzurappeln. Schmerzen hämmerten in seinem Kopf. Er schwankte bedrohlich. Aber er blieb auf den Beinen. Sich zu bücken, riskierte er nicht. Mit den Füßen suchte er die Stelle ab, an der Moana geschlafen hatte.

Die Gewißheit traf ihn wie ein erneuter, imaginärer Hieb.

Die heimtückischen Kerle hatten das Mädchen entführt.

Dan stürmte ins Freie. Die Hütte stand am Rand des Dorfplatzes. Alles war ruhig. Niemand schien den Zwischenfall bemerkt zu haben. Wie gehetzt warf er den Kopf herum und spähte angestrengt nach allen Seiten.

Plötzlich waren Schritte zu hören. Hatten sich die Kerle bis eben versteckt? Suchten sie erst jetzt das Weite? Dan dachte keine Sekunde lang darüber nach.

Er war sicher, schattenhafte Bewegungen zwischen den lichten Stämmen der Palmen zu erkennen. Der hellere Nachthimmel, vor dem sich die Bäume abzeichneten, ermöglichte dies. Die Entführer flohen zur Ostseite der Insel. Dan sah es jetzt deutlich, und seine scharfen Augen hatten ihn noch nie im Stich gelassen.

„Ar – we – nack!“ brüllte er, während er schon loslief. „Ar – we – nack!“ Der alte Schlachtruf der Seewölfe hallte weit durch die Stille der Nacht.

Dan erreichte die Baumreihen.

„Ar – we – nack!“ schrie er wieder. „Nach Osten! Nach Osten!“

Hasard und Siri-Tong hörten es, als sie zum Zentrum des Dorfes eilten. Sie erkannten die Stimme Dan O’Flynns sofort.

Innerhalb von wenigen Sekunden wurde es lebendig. Von allen Seiten stürmten die Männer der „Isabella“ herbei. Gary Andrews hatte eine Fackel angezündet. Der blakende Feuerschein erhellte den Dorfplatz nur spärlich. Die Polynesier, die aus dem Schlaf geweckt worden waren, verharrten zögernd in der Nähe ihrer Hütten.

Die Männer versammelten sich um Hasard und Siri-Tong. Old Donegal Daniel O’Flynn tauchte als letzter auf.

„Habt ihr es gehört?“ rief er aufgeregt. „Nach Osten, hat er geschrien, nach Osten!“

„Ich weiß“, entgegnete der Seewolf, „wir haben keine Zeit zu verlieren. Wenn mich nicht alles täuscht, werden wir Zeugen einer Riesenschweinerei. Batuti, Matt und Jeff, ihr bleibt bei mir.“

„Aye, aye, Sir“, antworteten die drei wie aus einem Mund.

„Siri-Tong“, fuhr Hasard fort, „du gehst mit den anderen so schnell wie möglich zurück an Bord. Ich vermute, daß sich auf der Ostseite der Insel etwas abspielt, wovon wir noch nicht die geringste Ahnung haben. Ihr setzt Segel und seht nach dem Rechten. Kann sein, daß wir auf dem Landweg nicht viel schneller sind als ihr. Vor allem müssen wir uns jetzt um Dan kümmern.“

„In Ordnung“, antwortete die Rote Korsarin und gab den Männern ein Zeichen, ihre Ausrüstung und sonstige Habseligkeiten zusammenzusuchen. Sie respektierte die Entscheidung des Seewolfs, obwohl es ihr widerstrebte, ihn jetzt allein zu lassen. Aber es bestand eine Übereinkunft zwischen Hasard und ihr, daß sie seine Anordnungen vor den Männern niemals kritisierte, geschweige denn ihm widersprach. Siri-Tong wußte, wieviel Hasards Autorität bedeutete.

Nur der alte O’Flynn wagte einen Einwand.

„Es geht um meinen Sohn“, sagte er, während die anderen schon losrannten, um ihre Sachen zusammenzuklauben. „Ich komme mir verdammt schäbig vor, wenn ich jetzt einfach abhaue und ihn im Stich lasse.“

Hasard, der die Fackel von Gary Andrews übernommen hatte, klopfte dem alten Seebären verständnisvoll auf die Schulter.

„Uns liegt Dan genauso am Herzen wie dir, Donegal. Du kannst dich darauf verlassen, daß wir die Beine in die Hand nehmen werden, um ihn so schnell wie möglich herauszuhauen.“

Old O’Flynn stieß ein zögerndes Brummen aus. Schließlich nickte er zustimmend. „Schon gut, schon gut, Hasard, Sir. Ich weiß ja Bescheid.“

Dem Seewolf tat es in der Seele weh, den alten Mann abweisen zu müssen. Aber mit seinem Holzbein war er nun einmal eine unnötige Last, wenn es um eine rasche Verfolgung ging. Nur an Bord, auf den vertrauten Decksplanken, stand er noch immer seinen Mann, wenn die „Isabella“ in ein Seegefecht verwickelt und in Feuerrauch und Pulverdampf gehüllt war.

„Du beeilst dich besser, Donegal“, sagte Hasard deshalb, „bis die anderen ihren Kram zusammenhaben, kannst du schon die Jolle klarieren. Jede Minute zählt jetzt.“

„Aye, aye, Sir“, antwortete Old O’Flynn, machte kehrt und humpelte los, so schnell er konnte. Ihm war anzusehen, daß er froh war, jetzt eine Aufgabe zu haben.

Batuti, Matt Davies und Jeff Bowie kehrten zu Hasard zurück. Sie trugen die schweren Entermesser an ihren Hüften und Jeff zusätzlich eine große lederne Umhängetasche, in denen sich Höllenflaschen und einige weitere Spielereien aus Al Conroys unermeßlichem Arsenal befanden.

Siri-Tong war bereits zum Rand des Dorfes gelaufen. Die ersten Männer kehrten aus den Hütten zurück und versammelten sich bei der Roten Korsarin. Sie drehte sich noch einmal um und winkte dem Seewolf zu.

Hasard hob ebenfalls die Hand.

„Vorwärts jetzt“, sagte er rauh.

Die Polynesier beobachteten sie mit stummen Blicken, als der große schwarzhaarige Mann, der riesenhafte Gambianeger und die beiden Männer mit den furchterregenden Hakenprothesen auf die königliche Hütte Charangus zumarschierten.

Hasard schlug den Bastvorhang beiseite, der den Eingang verdeckte. Mit der Linken streckte er die Fackel in das Innere der Hütte. In der Rechten hielt er seinen Radschloßdrehling.

„Der Hundesohn hat sich verdrückt!“ stieß Batuti hervor, der über Hasards Schulter lugte.

Für den Seewolf war es keine große Überraschung. Er nickte nur, drehte sich um und schob die Waffe wieder unter den Gurt.

„Weiter!“

Als sie zum Ostrand des Dorfes liefen, war Siri-Tongs Gruppe vollzählig. Während Hasard und seine drei Begleiter im Palmenwald verschwanden, eilte die Rote Korsarin mit den anderen zum Strand hinunter.

Dort wartete Old O’Flynn schon bei der Jolle. Ein paar Schritte entfernt hatte er einen von Al Conroys Brandsätzen auf den hellen Sand gebettet. Das vereinbarte Zeichen für Ben Brighton und die Bordwache auf der Galeone.

„Zünden!“ rief Siri-Tong.

Old O’Flynn humpelte auf den Brandsatz zu und ging in die Hocke. Geschickt schlug er Feuer mit zwei Flints und zündete die Lunte im Handumdrehen.

Die Rote Korsarin packte selbst mit an, als die Männer begannen, die Jolle zum Wasser hinunterzuschieben. Old O’Flynn folgte ihnen und war zur Stelle, als das große Beiboot im seichten Uferwasser dümpelte. Siri-Tong und die Männer schwangen sich auf die Duchten. Gary Andrews, Big Old Shane und Moses Bill folgten als letzte, nachdem sie die Jolle auf größere Tiefe geschoben hatten.

Mit kraftvollen Schlägen begannen die Männer zu pullen. Das Boot gewann rasch an Fahrt.

Am Ufer erreichte die Lunte die Pulverladung des Brandsatzes. Eine weiße Stichflamme schoß zischend empor, und im nächsten Moment breitete sich hellrote Glut aus, die als übermannshoher Feuerball minutenlang loderte. Nur allmählich sank die Glut in sich zusammen, und der rötliche Schein, der sich auch auf die dunkle Wasserfläche gelegt hatte, schwand.

Siri-Tong warf einen Blick voraus.

Die Umrisse der „Isabella“ zeichneten sich wie ein scharfliniger Scherenschnitt vor dem Blau des Sternenhimmels ab. Und deutlich waren nun auch die Silhouetten der Männer zu erkennen, die an Bord in Bewegung gerieten und in den Wanten aufzuentern begannen. Befehle erklangen. Eine der Stimmen hallte so mächtig, daß sie mit Sicherheit noch im Dorf der Polynesier auf Kahoolawe zu hören war. Edwin Carberry war in seinem Element.

„Reise, reise, aufwachen, ihr müden Kakerlaken! Ihr pennt ja noch immer, ihr Heringe! Tempo, Tempo, bewegt euch, ihr verdammten Affenärsche, oder ich ziehe euch die Haut in Streifen ab!“

Siri-Tong mußte lächeln. Der gute alte Profos genoß es hörbar, daß sie nicht an Bord war. Noch nicht. Wenn er gewußt hätte, daß die Rote Korsarin herannahte, dann hätte er sich vermutlich an seinen eigenen Worten verschluckt. Denn Siri-Tong legte seit einiger Zeit besonderen Wert darauf, daß die Söhne des Seewolfs einen halbwegs anständigen Wortschatz mit auf ihren Lebensweg bekamen. Deshalb scheute sie sich nicht, Carberrys Ausdrucksweise bei jeder passenden Gelegenheit in Grund und Boden zu verdammen.

Als die Jolle kurze Zeit später längsseits ging, setzten die Männer im Handumdrehen Segel. Das Tuch flatterte in einer handigen Brise, die aus Nordwest wehte. Besser konnten die Seewölfe es nicht erwischen. Knarrend setzte sich das Ankerspill in Bewegung, während die Jolle noch an Bord gehievt würde.

Siri-Tong eilte zu Ben Brighton auf das Quarterdeck. Mit wenigen Worten informierte sie ihn über die Lage.

„Kurs Südost!“ rief der Erste Offizier mit energischer Befehlsstimme.

„Aye, aye, Sir! Kurs Südost!“ antwortete Pete Ballie aus dem Ruderhaus und wenig später: „Kurs Südost liegt an, Sir!“

Auf dem Hauptdeck brüllte Edwin Carberry und scheuchte die Männer an die Brassen.

Unter Vollzeug nahm die Galeone Fahrt auf.

8.

Dan O’Flynn lief im Wolfstrab. Sorgfältig achtete er darauf, seine Atemluft gut zu rationieren. Er hatte die Entführer aus den Augen verloren. Es war ihr Vorteil, daß sie das Gelände besser kannten.

Aber er war absolut sicher, daß er den richtigen Kurs eingeschlagen hatte. Düster und drohend ragten die Felsformationen vor ihm auf – scheinbar zum Greifen nahe und doch noch mindestens eine halbe Meile entfernt.

Im Zentrum des Bergmassivs reckte sich ein Kegelstumpf dem Sternenhimmel entgegen.

Kuolai …

Der Berg der Götter.

Dan erinnerte sich an das, was Moana ihm mühevoll erklärt hatte. Ein Schauer kroch über seinen Rükken. Er dachte an ihre sanfte, verängstigte Stimme und an die geschickten Zeichen ihrer schlanken Hände. Eines erschien ihm immer noch seltsam: Sie hatte zwar unendliche Angst vor diesem grausamen Opferritual empfunden, aber durch nichts hatte sie zu erkennen gegeben, daß sie es als Unrecht betrachtete. Nein, im Denken von Moana und ihren Stammesgefährtinnen waren die Menschenopfer anscheinend ein unabdingbares Schicksal, etwas, mit dem man sich abfinden und es erdulden mußte.

Zorn wallte in Dan O’Flynn auf. Zorn auf Charangu, den indischen Halunken, der die schlichte Mentalität der Menschen von Kahoolawe skrupellos ausnutzte.

Konnte er es allen Ernstes fertigbringen, die Mädchen in den Krater des Vulkans zu stürzen?

Dan begann zu zweifeln. Aber andererseits: Wohin verschwanden die Mädchen, wenn es zwischen dieser Insel und der Außenwelt keinerlei Kontakte gab? Dans Entschlossenheit, das grausame Rätsel zu lösen, wurde übermächtig. Unbändige Willenskraft trieb ihn voran, seine Muskeln arbeiteten wie von selbst, als gehörten sie nicht zu seinem Körper.

Das Gelände stieg jetzt an. Längst lag der Palmenwald hinter ihm. Gras, das bis zu seinen Hüften reichte, war durch einen schmalen Pfad geteilt.

Auch in den Hügeln, die dem Berg vorgelagert waren, setzte sich dieser Pfad fort. Es mußte sich um einen Weg handeln, der ziemlich oft benutzt wurde. Aber von wem? Wenn der Vulkan so etwas wie ein heiliger Berg war, dann galt er bei den Insulanern mit Sicherheit als tabu. Dann durften nur einige Auserwählte hierher vordringen.

Charangu und seine Schergen? Die Werkzeuge, die er sich unter den Polynesiern herangezogen hatte?

Möglich.

Dan brach seine Gedanken ab. Die Hügel forderten seine Kräfte mehr, als es zuvor in der Ebene der Fall gewesen war. Trotzdem gönnte er sich keine Verschnaufpause. Er verringerte lediglich sein Tempo und achtete weiterhin darauf, regelmäßig zu atmen.

Das Felsmassiv war jetzt so nahe, daß es ihn zu erdrücken schien. Es wurde merklich kühler. Eine geradezu bedrohliche Kälte schien von dem Berg auszustrahlen.

Dan überquerte eine flache Hügelkuppe. Nach der dahinterliegenden Senke stieg das Gelände steiler an. Abrupt endete die Vegetation. Doch deutlich war der schmale Paß zu erkennen, auf den der Trampelpfad zuführte. Der Boden unter Dans Füßen war hart und schwarz. Erkaltete Lava? Er hatte keine Zeit, es zu ergründen.

Im Paß hallten seine Schritte hohl. Zu beiden Seiten ragten die Felswände senkrecht auf. Dan hatte das Gefühl, sich in der Tiefe eines Schachts zu befinden, aus der es kein Entrinnen gab.

Nach etwa dreihundert Yards wichen die Felswände zurück und öffneten sich zu einem Plateau hin, das sich schwarz glänzend im Mondlicht ausdehnte. Am jenseitigen Ende des Plateaus ruhte der Kegelstumpf des Vulkans wie ein Koloß, der nur darauf wartete, zum Leben zu erwachen und den Tod zu bringen.

Dan schätzte die Entfernung auf nochmals dreihundert Yards. Er war sicher, daß er dort vorn auf einen mühelosen. Aufstieg zum Rand des Kraters stoßen würde.

Abermals beschleunigte er seine Schritte.

Die Hälfte der Entfernung schaffte er.

Aus der Dunkelheit am Fuß des Vulkans lösten sich Schatten. Sie wurden regelrecht ausgespien.

Fächerförmig schwärmten sie aus, nur als menschliche Silhouetten erkenntlich. Ihre Bewegungen waren leichtfüßig und elastisch.

Dan O’Flynn prallte zurück.

Geduckt blieb er stehen.

Kein Zweifel, daß sie versuchten, ihn einzukreisen. Und sie würden leichtes Spiel damit haben. Denn es waren neun oder zehn Männer. Eine erdrückende Übermacht.

Dans Rechte tastete zum Griff des Entermessers, das an seiner Hüfte baumelte.

Die Bewegungen der Männer wurden langsamer. Aber es lag kein Zögern in diesen Bewegungen. Auf Steinwurfweite waren sie herangenaht, und ihre Haltung hatte etwas Abtastendes, Lauerndes. Einen Halbkreis hatten sie bereits geformt. Wie ein Rudel Wölfe, das sein Opfer sicher wähnte. Und bei der ersten Nervenschwäche, die das Opfer zeigte, würden sie zustoßen.

Dan zog das Entermesser aus der Scheide. Hell schimmerte die breite Klinge im fahlen Mondlicht. Er wußte, daß seine Chancen gering waren. Dennoch befiel ihn eine eisige Ruhe – wie stets in jenen Situationen, deren Endpunkt nur Leben oder Tod sein konnte.

Daß sie ihn diesmal töten würden, stand fest. Diese Polynesier, die Moana entführt hatten, mußten von Charangu zu hirnlosen Instrumenten abgerichtet worden sein.

Dan konnte es ihnen nicht einmal vorwerfen, daß sie in ihrer Mordlust keine Grenzen kennen würden. Aber er konnte sie auch nicht schonen. Einige von ihnen würden sterben, bevor er selbst auf die letzte Reise ging.

Über eins fand er eine seltsame Art von Enttäuschung: Er hatte sich stets vorgestellt, daß er Schiffsplanken unter den Füßen haben würde, wenn die Zeit für ihn gekommen war. Ja, solche Gedanken hatte er gehegt, trotz seiner jungen Jahre. Denn allzu oft hatten sie auf der „Isabella“ dem Tod ins blanke Auge geblickt.

Doch jetzt war alles anders als in seiner Vorstellungswelt. Der Tod erwartete ihn in einer fremden und unwirklichen Umgebung.

Auch die Polynesier zogen jetzt ihre Messer. Sie taten es langsam, als hätten sie grenzenlose Zeit.

Ebenso langsam schlossen sie den Ring enger um Donegal Daniel O’Flynn.

Er fühlte sich so einsam wie nie zuvor in seinem Leben.

Auch darüber empfand er Bitterkeit. Denn auch dies hatte er sich anders vorgestellt – Seite an Seite mit seinen Kameraden, furchtlos lachend im wilden Kampfgetümmel –, das war ein würdiger Moment für einen Mann, zu sterben.

Nicht dies.

Die Südseite der Insel Kahoolawe ragte wie ein Spitzkeil in die See. In der Dunkelheit wirkten die dichten Palmen, die nur durch einen schmalen Streifen Strand vom Wasser getrennt waren, wie eine feste Wand.

Über Steuerbordbug segelnd, glitt die „Isabella“ mit ausreichendem Abstand vom Riff durch die ruhige See. Leise rang der Wind in Wanten und Pardunen. Rahen und Blöcke ließen nur ein verhaltenes Knarren hören.

Ben Brighton und Siri-Tong hatten ihren Platz auf dem Quarterdeck beibehalten. Aufmerksam spähte die Rote Korsarin zum Korallenriff, das sich durch die weiße Linie der schäumenden Brandung deutlich abzeichnete.

In kurzen Abständen gab Ben dem Rudergänger Kurskorrekturen. An Deck standen die Männer an den Brassen und warteten voller Spannung auf die Befehle Ben Brightons.

Das Gefühl, das sie alle gepackt hatte, war anders als in allen Seeschlachten, die hinter ihnen lagen. Meist war es so gewesen, daß sie gewußt hatten, mit welcherart Feind sie es zu tun kriegten. Einer Gefahr ins Auge zu schauen, die man kannte, war nun einmal leichter. Doch was sie östlich der Insel Kahoolawe erwartete, war mehr als ungewiß.

Vielleicht nur gähnende Leere.

Doch daran glaubte niemand an Bord der Galeone so recht. Etwas Unheimliches strahlte von diesem düsteren Vulkan aus, der Kahoolawe überschattete. Eine Gefahr formte sich daraus, die nicht greifbar zu sein schien.

Edwin Carberry verschaffte seinen Gefühlen Luft.

„Steht nicht herum wie belämmerte Schafe!“ grollte er. „Was ist los mit euch lausigen Bilgenratten? Was, zum Teufel, hat euch die Sprache verschlagen, daß ihr eure Affenärsche zusammenkneifen müßt, als ob …“

„Mister Carberry!“ rief Siri-Tong. Mehr nicht.

Der Profos, der in der Nähe des Großmastes stand, duckte sich unwillkürlich.

„Verzeihung“, brummte er mehr zu sich selbst, „hab vergessen, daß wir immer noch Minderjährige an Bord haben.“ Aber eines Tages, wenn die beiden kleinen Stinte ausgewachsen waren, dann würde er kein Blatt mehr vor den Mund nehmen. Das schwor er sich in diesem Moment.

Hasard junior und Philip junior kauerten in andächtigem Schweigen auf dem Vorkastell. Sie wußten es zu schätzen, daß sie ausnahmsweise Erlaubnis hatten, in einer unklaren Situation an Deck sein zu dürfen. Und ebenso wußten sie, daß sie bei Gefahr im Verzug schleunigst ins Mannschaftslogis zu verschwinden hatten. So verharrten sie mucksmäuschenstill – in der leisen Hoffnung, daß man bei etwaigem Getümmel vielleicht doch ihre Anwesenheit vergaß.

Die weiße Brandungslinie des Riffs schwang in weitem Bogen nach Osten. An Backbord blieb die Südspitze der Insel zurück.

Eine halbe Kabellänge vom südlichen Riff entfernt ließ Ben Brighton Ostkurs steuern. Die „Isabella“ krängte weiter nach Steuerbord und gewann zusätzliche Fahrt.

Die Ostseite der Insel schob sich langsam ins Blickfeld.

Unablässig beobachtete Ben Brighton die Lagune und den Strand durch das Spektiv.

An Bord war es wieder still geworden. Angespannt starrten die Männer auf die See hinaus. Silberne Fäden, vom Mond- und Sternenlicht hervorgerufen, schienen sich im schwachen Wellengang zu bewegen.

„Deck!“ ertönte plötzlich Bills Stimme aus dem Großmars. „Zweimaster Backbord voraus vor Anker! Entfernung drei bis vier Kabellängen!“ Diesmal vergaß der Moses sogar die Vokabel „Wasserfahrzeug“, auf die er zuvor so stolz gewesen war.

Ben Brighton hatte Bills Entdekkung im selben Moment geortet. Durch die hervorragende Optik des Spektivs erschien das Schiff als scharfgezeichneter Schattenriß.

Es zeigte keine Flagge. Auch waren alle Lampen an Bord gelöscht. Einwandfrei zu erkennen war, daß es sich um einen Rahsegler handelte. Eine merkwürdige Konstruktion, die mit dem europäischen Standard des Schiffbaues wenig gemein hatte. Die Aufbauten waren flach, der Rumpf aber eher plump als schnittig. Der Konstrukteur schien sich nicht ganz im klaren darüber gewesen zu sein, ob er höherer Tonnage oder größerer Geschwindigkeit den Vorzug geben sollte. Auf dem Achterdeck befand sich ein kastenförmiges Ding. Es sah aus, als ob sie kurzerhand eine Hütte aus einem Eingeborenendorf gepflückt und mit dem Hebebaum an Bord gehievt hatten. Das war anscheinend die Unterkunft für Kapitän und Mannschaften gleichermaßen.

Ben Brighton schätzte das Schiff auf knapp hundert Tonnen. Er ließ das Spektiv sinken und gab Befehl, Großsegel und Focksegel zu bergen. Kurz darauf auch das Blindesegel.

Mit katzenhafter Gewandtheit enterten die Männer in den Wanten auf. Knappe Kommandos wurden laut, und jetzt beschränkte sich auch Edwin Carberry auf das Notwendige.

„Pete, fünf Strich Steuerbord“, befahl Ben Brighton.

„Aye, aye, fünf Strich Steuerbord“, wiederholte Pete Ballie und legte Ruder.

„Anbrassen, ihr Heringe!“ brüllte der Profos auf dem Hauptdeck. Die Männer bewegten sich geschickt und blitzschnell. Carberrys Gebrüll störte sie dabei nicht. Jeder Handgriff saß, und jeder Mann wußte selbst in der größten Wuhling haargenau, wo er zupacken mußte. Auch bei Dunkelheit wie jetzt.

Die „Isabella“ gewann mehr Abstand vom Riff, glitt aber noch immer in spitzem Winkel auf das ankernde fremde Schiff zu.

Siri-Tong hatte ebenfalls ein Spektiv ans Auge gesetzt.

„Was für ein Landsmann könnte das sein?“ fragte Ben Brighton, der neben ihr an die Backbordseite der Balustrade getreten war.

„Kein Chinese“, erwiderte die Rote Korsarin. „Ich vermute, daß es sich um einen polynesischen Segler handelt. Im Gebiet der mikronesischen Inseln soll es eine Menge Halunken zur See geben, die plündernd und brandschatzend von Insel zu Insel ziehen. Vielleicht ist es ein solches Schiff, das sich bis hierher in die Hawaii-Inselgruppe vorgewagt hat. Womit bewiesen wäre, daß der merkwürdige Inder wüst gelogen hat.“

„Dieser Charangu?“ sagte Ben Brighton, der über die Zusammenhänge noch nicht vollends auf dem laufenden war.

Siri-Tong nickte. „Er hat behauptet, es gäbe von Kahoolawe keine Kontakte zur Außenwelt und die jungen Mädchen und die Perlenausbeute würden den Göttern geopfert.“

„Mhm“, entgegnete der Erste Offizier, „was die Piraten – wenn es welche sind – mit den Perlen anfangen, ist mir klar. Aber mit den Mädchen?“

Die Rote Korsarin ließ das Spektiv sinken. „Ben! Tust du nur so ahnungslos, oder bist du es wirklich?“

Er zuckte mit den Schultern und wiegte verlegen den Kopf. In Gegenwart einer Lady mochte er sich nicht gern darüber äußern, was seine Vermutungen waren.

Siri-Tong hob das Spektiv von neuem.

„Ben!“ rief sie halblaut, ohne den Kieker abzusetzen. „Bei denen rührt sich etwas an Bord! Sie versuchen, sich dabei zu verstecken, aber ihr Schanzkleid ist eine Idee zu flach!“

Ben Brighton beobachtete das Schiff genauer, und dank der präzise geschliffenen Optik sah auch er es jetzt. Nur vereinzelt waren die gekrümmten Rücken von hin und her huschenden Männern zu erkennen, die sich hinter dem niedrigen Schanzkleid bewegten.

Und noch eins sah Ben Brighton: Die Geschütze an der Backbordseite des Zweimasters standen in offenen Pforten. Es gab keine Luken. Ben zählte insgesamt vier Rohrmündungen. Neunpfünder bestenfalls. Geradezu lächerlich, verglichen mit der Bestückung der „Isabella“, die über je acht Siebzehn-Pfünder-Culverinen an Backbord und Steuerbord verfügte.

Ben faßte einen schnellen Entschluß. Nach der Kursänderung betrug die Entfernung noch etwa drei Kabellängen. Die kleinen Geschütze des Zweimasters konnten auf diese Distanz keinen großen Schaden anrichten, zumal sie in der Dunkelheit mit dem Zielen beträchtliche Schwierigkeiten haben würden.

Daß die Kerle auf dem Zweimaster sich auf ein Gefecht vorbereiteten, schien indessen offensichtlich.

Ben Brighton ließ beidrehen und das restliche Tuch aufgeien. Die Galeone verlor rasch an Fahrt und zeigte dem unbeleuchteten fremden Segler nun die Backbord-Breitseite.

„Alle Mann auf Gefechtsstation!“ befahl Ben halblaut. „Backbordgeschütze klar zum Gefecht! Und schafft mir die Jungen unter Deck!“ Er lächelte bei dem Gedanken, welche Enttäuschung die Söhne des Seewolfs jetzt wohl empfanden.

„Sie lichten den Anker“, meldete Siri-Tong, die nach wie vor den Zweimaster durch das Spektiv beobachtete. „Gleich werden sie Segel setzen und versuchen zu verschwinden. Auf alle Fälle müssen sie vor Schreck den Verstand verloren haben, wenn sie es auf eine Auseinandersetzung mit uns ankommen lassen wollen.“

„Jemand, dem der Schreck in die Glieder fährt, tut oftmals etwas, was er normalerweise nicht einmal im Traum tun würde“, sagte Hasards Stellvertreter.

An Deck arbeiteten die Männer zügig, doch ohne Hast. Die Geschützmannschaften klarierten die Culverinen an Backbord und justierten die Geschütze, nachdem sie die überlangen Rohre mit den von Al Conroy berechneten Pulvermengen und den Siebzehn-Pfünder-Kugeln geladen hatten. Al verteilte die Lunten an die einzelnen Geschütze. Aus der Kombüse hatte der Kutscher unterdessen ein Kohlenbecken mit Glut zum Zünden der Lunten herangeschafft. Die anderen stellten Wassereimer an Deck auf und streuten Sand auf den Planken aus.

„Schiff klar zum Gefecht!“ meldete Al Conroy schließlich. Er selbst hatte hinter der vordersten Culverine an Backbord Stellung bezogen. Die Taktik, die Ben Brighton beabsichtigte, war ihm klar. Ben war auf Fairneß bedacht und wollte einem ankernden Schiff gegenüber nicht den Vorteil größerer Beweglichkeit ausspielen. Und überdies war die jetzige Position der „Isabella“ für den fremden Zweimaster ein eindeutiges Warnsignal. Wenn der Fremde es unter diesen Umständen auf einen Kampf ankommen ließ, mußte er entweder nicht ganz bei Trost sein oder tatsächlich die verrückte Hoffnung hegen, noch das Weite suchen zu können.

Al Conroy hatte dies kaum zu Ende gedacht, als es drüben an der Breitseite des Zweimasters aufblitzte.

Ein Orgeln war zu hören, und im nächsten Atemzug rollte der Geschützdonner herüber.

Weit vor der Galeone klatschte die Kugel wie ein schlapper Beutel ins Wasser.

Al Conroy konnte nur den Kopf schütteln.

Abermals ein Mündungsblitz und wieder das gleiche Ergebnis. Spätestens jetzt mußten die Kerle begriffen haben, daß sie keine Chance hatten.

„Stückmeister!“ rief Ben Brighton.

„Sir?“

„Schick ihm einen Gruß vor den Bug, damit er klarere Gedanken kriegt!“

„Aye, aye, Sir!“ Al Conroy sprang auf, justierte das Rohr seiner Culverine und zündete die Lunte.

Das Zündpulver begann Funken zu sprühen. Und jäh stieß ein Feuerstrahl aus dem überlangen Rohr. Die Brooktaue fingen das zurückstoßende Geschütz auf. Eine Wolke von Pulverrauch wehte auf die See hinaus.

Gespannt beobachteten Ben Brighton und Siri-Tong den Zweimaster durchs Spektiv.

Haarscharf vor dem Bug riß Al Conroys Kugel eine hohe, weißschäumende Fontäne aus dem Wasser. Wieder hatte der Stückmeister der „Isabella“ bewiesen, welch ein Könner er auf seinem Gebiet war. Die anderen klopften ihm begeistert auf die Schulter.

Doch wenn sie geglaubt hatten, daß die Crew des Zweimasters zur Einsicht gebracht war, so hatten sie sich getäuscht.

Drüben wurden die Segel gesetzt, gleichzeitig blitzten von neuem Mündungsfeuer auf. Jetzt waren sie offenbar entschlossen, sich dem offenen Kampf zu stellen.

Ben Brighton dachte nicht daran, sie Fahrt gewinnen zu lassen.

Er würde den Zweimaster auf der Stelle festnageln.

9.

Ein unterdrückter Schrei war plötzlich zu hören.

Augenblicklich verharrte der Seewolf, denn seine und die Schritte seiner Männer hallten zwischen den Felswänden des Passes überlaut. Batuti, Matt und Jeff brachten ihn fast zu Fall, als sie gegen Hasards breiten Rücken prallten. In der Tat war es hier so dunkel, daß sie kaum die eigene Hand vor Augen sehen konnten.

„Still!“ zischte der Seewolf.

Und jetzt hörten sie es deutlich.

Unterdrückte Laute. Keuchen. Scharrende Schritte. Ein Kampf.

Hasard stürmte weiter, ohne noch Zeit für einen Befehl zu verlieren. Die anderen folgten ihm. Er wußte es. Denn sie hatten genauso begriffen wie er.

Als sie das schwarze Plateau erreichten, traf sie der Anblick wie ein Schock.

Eine wilde Meute hatte Dan O’Flynn umzingelt. Messer blitzten. Im Mondlicht waren die Angreifer wie Schatten. Irgendwo lag eine Gestalt am Boden, irgendwo hinter dem Ring, den sie um Dan geschlossen hatten. Und er kämpfte wie ein Löwe – mit jener Entschlossenheit, die nur ein Mann an den Tag legt, der seinen sicheren Tod vor Augen hat.

Der Seewolf stürmte auf die Meute der Angreifer los.

Batuti, Matt Davies und Jeff Bowie schwärmten aus und hetzten mit langen Sätzen voran.

Hasard und der Gambianeger zogen die Entermesser.

Matt und Jeff brauchten keine Waffen. Die spitzgeschliffenen Haken ihrer Armprothesen funkelten.

„Dan!“ brüllte der Seewolf, als sie noch zwanzig Schritte entfernt waren.

Die Polynesier wirbelten erschrokken herum. Zu sehr hatten sie sich auf den ungleichen Kampf konzentriert.

Dan O’Flynn, von den Spuren des Kampfes deutlich gezeichnet, stieß einen Freudenschrei aus. Und in blitzschneller Reaktion streckte er einen der Gegner nieder, der ihm in der Verwirrung zu nahe geraten war.

„Ar – we – nack!“ brüllte der Seewolf, und die anderen stimmten mit ein.

„Ar – we – nack!“ Der Kampfruf der „Isabella“-Crew hallte wie ein Brausen über das Plateau.

Die Polynesier erschauerten. Doch es gab kein Zurück für sie. In verzweifelter Gegenwehr stellten sie sich zum Kampf. Allein der Anblick der Männer wirkte demoralisierend auf sie. Dieser schwarzhaarige Riese mit den eisklaren hellen Augen, der herkulische Neger und die beiden Männer mit den furchterregenden Stahlhaken anstelle von Händen – genug, um Charangus Handlanger ins Entsetzen zu treiben.

Hasard und seine Männer zerschlugen den messerbewehrten Kreis um Dan O’Flynn beinahe mühelos. Trotz aller Wut bemühten sie sich, den Polynesiern gegenüber fair zu bleiben und sie nicht für das bezahlen zu lassen, was Charangu an ihnen verbrochen hatte.

Hasard und Batuti schlugen mit den platten Seiten der Entermesser zu, und Matt Davies und Jeff Bowie benutzten ihre Stahlhaken mehr als Drohmittel, während sie die Gegner mit ihren gesunden Fäusten niederstreckten.

Innerhalb weniger Minuten war der Kampf entschieden. Charangus Männer lagen in schöner Gemeinsamkeit langgestreckt auf dem schwarzen Gestein. Alle, hatten sie Blessuren davongetragen, doch sie waren nicht so schwer verletzt, daß sie es nicht überstehen würden.

„Himmel“, sagte Dan O’Flynn keuchend, „ich habe schon meinen eigenen Untergang vor Augen gesehen.“

„Dich kann man nie allein lassen“, sagte Batuti dröhnend, und deutliche Erleichterung klang aus seiner Stimme. Dann schlug er ihm mit der flachen Hand auf die Schulter, daß Dan in die Knie ging.

Rasch untersuchte Hasard die Schnittwunden, die Dan an den Armen davongetragen hatte. Es waren keine tiefen Wunden.

„Wo ist das Mädchen?“ fragte der Seewolf.

Dan deutete mit einer Kopfbewegung zum Kegelstumpf des Vulkans.

„Die Kerle kamen von dort.“

„Sehen wir nach“, sagte Hasard, „reicht es, wenn wir dich später verarzten?“

„Klar“, versicherte Dan grimmig.

Als sie losstürmten, klang rollender Geschützdonner von der See herauf.

Noch versperrte der Berg ihnen die Sicht. Aber Hasard und seine Männer konnten sich in etwa vorstellen, was sich an der Ostseite der Insel abspielte – an diesem Teil von Kahoolawe, der für die Polynesier offenbar tabu gewesen war.

Dan wies Hasard und den anderen die Richtung. Er hatte sich die Stelle eingeprägt, an der Moanas Entführer aufgetaucht waren, um ihn zu töten.

Als sie den Fuß des Vulkankegels erreichten, hatte sich der Geschützdonner verstärkt. Deutlich erkannten sie den sonoren Klang der Siebzehn-Pfünder-Culverinen, die in fast regelmäßigen Abständen abgefeuert wurden. Die anderen Geschütze klangen heller.

Das Gefecht trieb Hasard und seine Männer zur Eile an. In ihnen brannte die Ungewißheit darüber, was dort unten vor der Insel geschah.

Der Aufstieg zum höchsten Punkt des Vulkans gestaltete sich fast mühelos. Die Steigung war nur mäßig, denn ein natürlicher Grat im Fels führte schräg nach oben.

Schon wichen die angrenzenden Bergformationen zurück, und sie konnten bereits die weite Wasserfläche der See erkennen. Noch war ihnen aber der Blick auf die östliche Lagune verwehrt.

Das Donnern der Geschütze wurde spärlicher.

Nur noch wenige Yards trennten den Seewolf und seine Männer vom Rand des Kraters.

Eine schneidende Stimme stoppte ihre Schritte jäh ab.

„Bleibt, wo ihr seid, Engländer! Oder sie stirbt auf der Stelle!“

Hasard und den anderen gefror das Blut in den Adern.

Charangu war hinter einem etwa doppelt mannshohen Felsturm hervorgetreten, der wie ein überdimensionaler Finger über den Kraterrand hinausragte. Vor dem Felsturm, der ein erstklassiges Orientierungszeichen sein konnte, weitete sich der Kraterrand zu einer kleinen Felsplattform von kaum mehr als zehn Quadratyards.

Der Inder hielt das Mädchen in eisenhartem Griff. An seinem rechten Arm, den er um ihren Hals geschlungen hatte, schimmerte das matte Metall des Eisenreifs. In der Linken hielt er seinen Krummdolch, dessen rasiermesserscharfe Spitze auf Moanas Herzgegend gerichtet war.

Trotz des Halbdunkels sahen Hasard und die anderen, daß das Mädchen kreidebleich war. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie den Männern entgegen, und in diesen Augen las Hasard die Todesangst, die sie fast um den Verstand brachte.

Die Entfernung war lächerlich gering. Höchstens drei oder vier Schritte.

„Verdammter Mist!“ flüsterte Matt Davies kaum hörbar. „Wenn ich jetzt könnte, würde ich dem Kerl den Hals umdrehen!“

Das Krachen der Geschütze versiegte mehr und mehr. Stille kündigte sich an.

Hasard bewegte sich vorsichtig. Langsam setzte er den rechten Fuß vor. Weder den Radschloßdrehling noch das Entermesser konnte er jetzt ziehen. Beides hätte Moanas sicheren Tod bedeutet.

„Keinen Schritt weiter!“ schrie Charangu mit sich überschlagender Stimme. Sein Gesicht war in ohnmächtiger Wut verzerrt. Das fahle Mondlicht verursachte häßliche Schatten unter seinen funkelnden Augen und in den Mundwinkeln.

Die Spitze des Krummdolches erreichte Moanas Brust unter dem dünnen Stoff, mit dem sie bekleidet war.

Das Mädchen stieß einen gurgelnden Laut aus. Unter dem harten Griff des Inders wurde ihre Atemluft knapp.

Hasard verharrte.

„Tut, was er sagt“, befahl er seinen Begleitern laut und vernehmlich. „Rührt euch nicht vom Fleck!“ Er verfluchte die Tatsache, daß er seinen Drehling nicht gezogen hatte. Mit einem gezielten Schuß hätte er es schaffen können, Charangu außer Gefecht zu setzen, bevor er das Mädchen verletzen konnte.

„So ist es gut!“ schrie der Inder höhnisch. „Und jetzt werdet ihr eure Waffen fallen lassen. Einer nach dem anderen. Und dann …“

„Charangu“, unterbrach der Seewolf ihn beinahe beschwörend, „können Sie nicht begreifen, daß es keinen Sinn mehr hat? Haben Sie nicht gehört, was sich da unten vor der Insel abgespielt hat?“

„Ich bin nicht taub!“ schrie der Inder mit sich überschlagender Stimme. „Aber ihr werdet mir freies Geleit verschaffen. Wenn nicht, muß das Mädchen sterben.“

„Freies Geleit – wohin?“ entgegnete Hasard ruhig.

Charangu lachte unnatürlich und schrill.

„Das möchtest du gern wissen, Engländer, stimmt’s? Aber ich werde es dir nicht verraten, weil ich genug habe von deinen widerwärtigen Tricks. Und nun Schluß mit dem Gerede! Die Waffen weg!“

Der Seewolf nickte, und es sah fast gelassen aus. Daß er innerlich bis zum Zerreißen angespannt war, konnte man ihm nicht ansehen.

„Batuti“, sagte er, „du machst den Anfang. Tritt vor, damit es unser Freund Charangu deutlich sehen kann.“

„Aye, aye, Sir.“ Batuti war im Begriff, der Anordnung zu folgen.

„Halt!“ schrie der Inder. „So nicht! Ich habe nicht gesagt, daß …“

Was er noch sagen wollte, blieb ihm im Hals stecken.

Hasard nutzte die momentane Verwirrung.

Mit einem pantherhaften Satz schnellte er auf den Inder los.

Und Charangu überwand seine Schrecksekunde nicht schnell genug.

Der Seewolf brauchte nur einen Sekundenbruchteil, um Charangu zu erreichen. Zielsicher packte er das Handgelenk mit dem Krummdolch und riß es mit eisenhartem Ruck zur Seite.

Moana schrie gellend auf.

Charangu brüllte vor Schreck und Schmerz zugleich. Unter dem Anprall des Seewolfs geriet er ins Taumeln und lockerte ungewollt den Griff um Moanas Hals.

Mit versiegendem Schrei sank das Mädchen zu Boden.

Hinter ihr schlugen Charangu und der Seewolf der Länge nach hin.

Blitzartig war Dan O’Flynn zur Stelle, packte Moana, zog sie auf die Beine und hastete mit ihr aus der Gefahrenzone.

Für einen Moment hatte Hasard den Inder unter sich begraben. Hasards Rechte hielt noch immer den Messerarm. Charangu versuchte, sich aus dem Griff zu entwinden. Der Klingenstahl des Krummdolchs schabte über den felsigen Untergrund.

Mit jähem Ruck richtete sich Hasard halb auf, riß Charangus Arm hoch und drehte ihn nach hinten.

Der Inder stieß einen markerschütternden Schmerzensschrei aus.

Klirrend fiel der Krummdolch zu Boden.

Hasard stieß sich von dem Turbanmann ab und richtete sich auf. Nur zwei Schritte wich er zurück.

Charangus Schrei ging in ein Stöhnen über. Mit der unversehrten Rechten hielt er sich den schmerzenden linken Arm. Er dachte nicht mehr an den Krummdolch und versuchte nicht, ihn aufzuheben. Mühevoll beugte er sich vor, stützte sich ab und gelangte torkelnd auf die Beine.

Minutenlang stand er schwankend da. Aus blutunterlaufenen Augen starrte er den Seewolf an. Nach und nach wurde die Körperhaltung des Inders ruhiger.

Hasard wartete ab. Auch die Männer hinter ihm gaben keinen Ton von sich.

Der Geschützdonner war endgültig verstummt. Die Stille, die über der Insel lastete, hatte etwas Unnatürliches.

„Geben Sie auf, Charangu“, sagte der Seewolf ruhig, „es hat keinen Sinn mehr.“

Jäh verzerrte sich das Gesicht des Inders wieder zu einer haßverzerrten Fratze. Sein linker Arm hing kraftlos nach unten.

Er stieß einen wilden Wutschrei aus, riß die Rechte mit dem Eisenreif hoch und stürmte ohne erkennbaren Ansatz auf den Seewolf los.

Für Hasard war der Angriff überraschend. Doch reaktionsschnell duckte er sich unter dem sausenden Hieb. Charangus Handgelenk mit dem Eisenreif zischte haarscharf an seinem Kopf vorbei.

Aus der Bewegung heraus schnellte Hasard hoch und schmetterte die Fäuste vor den Brustkorb des Inders.

Charangu schrie wieder auf und wurde zurückgeschleudert. Mit den Armen rudernd, versuchte er, sein Gleichgewicht zu halten. Er geriet ins Stolpern und wurde durch seinen eigenen Körperdrall zu immer kleineren Rückwärtsschritten gezwungen.

Hasard erstarrte. Einen Atemzug lang glaubte er, sein Herzschlag setze aus.

Dann schnellte er vorwärts und versuchte, den Inder zu packen.

Zu spät.

Die Fäuste des Seewolfs griffen ins Leere.

Charangu kippte hintenüber. Aber es war kein Boden mehr unter ihm, der seinen Fall aufhielt.

Weit hallend und schrill ertönte sein Todesschrei, als er über den Rand des Kraters stürzte.

Der Schrei schien nicht enden zu wollen.

Starr vor Entsetzen standen Hasard und seine Männer am Rand des Vulkantrichters. In der Tiefe verschmolz der Schatten des Inders mit der Dunkelheit. Weit unten loderte eine hellrote Glut, unerreichbar tief.

Der Schrei versiegte.

Erst jetzt sahen die Männer, wie groß der Krater war – mehr als zweihundert Yards im Durchmesser.

Schweigend wandten sie sich ab. Dan O’Flynn hielt das zitternde Mädchen in seinen Armen.

Keiner von ihnen sprach ein Wort, als sie sich schon auf dem Abstieg zur Ostseite der Insel befanden. Ihnen, den hartgesottenen Männern der „Isabella“, schnürte das Grauen noch immer die Kehle zu. Schon von weitem sahen sie, was vor der östlichen Lagune geschehen sein mußte.

10.

Das vulkanische Gestein reichte an dieser Seite der Insel bis an den Strand. Offensichtlich hatte die Lava bei Vulkanausbrüchen vor langen Jahren alle Vegetation unter sich erstickt und sich immer weiter auf den Strand zugeschoben.

Hasard und seine kleine Gruppe erreichten den Strand im Laufschritt. Moana hatte sich rasch wieder erholt. Ihr Körper war äußerst widerstandsfähig, was sie zweifellos der anstrengenden Arbeit als Taucherin verdankte. Und die Bewegung half ihr, den Schock zu überwinden.

Eine Gruppe von Männern erwartete den Seewolf und die anderen am Ufer. Ein Beiboot, das von der „Isabella“ stammte, war an Land gezogen worden. Ein kleineres Boot, das verwittert und verkommen aussah, lag noch im seichten Wasser, mit dem Kiel auf Grund.

Hasard verlangsamte seine Schritte. Schon von weitem hatte er die Szenerie überblickt, die sich draußen, vor dem Riff, deutlich im Mondlicht abzeichnete.

Ein Zweimaster, der als solcher nur noch durch zwei Stummel zu erkennen war, lag mit beträchtlicher Schlagseite unmittelbar vor dem Riff. Möglicherweise war der klägliche Rest von einem Schiff sogar gestrandet. Das ließ sich nicht einwandfrei erkennen.

Die „Isabella“ lag mittlerweile vor Anker, zwei Kabellängen von dem Wrack entfernt.

Ben Brighton trat auf den Seewolf zu. Mit ihm waren Smoky, Ferris Tucker, Blacky und Sam Roskill an Land gegangen. Sie hatten ihre Steinschloßpistolen gezogen und hielten eine kleine Schar von Gestalten im Schach, denen der Schreck noch wie lesbare Lettern im Gesicht stand.

Fünf dunkelhäutige, sehnige Burschen waren es, kleiner als die Männer von der „Isabella“. Die schwarzen Haare fielen den Fremden bis auf die schmalen Schultern. Waffen hatten sie nicht mehr.

„Die Kerle wollten an Land türmen, um Hilfe zu holen“, erklärte Ben Brighton, „soviel habe ich schon herausgekriegt. Einer von ihnen spricht so was Ähnliches wie Englisch. Ein Filipino.“

„Piraten?“ fragte Hasard, während er die sehnigen Burschen musterte.

Ben lächelte.

„Das haben sie zwar nicht zugegeben, aber an der Art, wie sie es nicht zugegeben haben, konnte man erkennen, daß sie wirklich Piraten sind. Von der miesesten Sorte.“ Ben warf einen Blick zu Moana und atmete auf. „Was ist mit dem Inder?“

Hasard berichtete in knappen Worten. Mitleid konnte niemand mehr empfinden.

„Wer ist der Filipino?“ erkundigte sich der Seewolf schließlich.

Ben Brighton deutete auf einen der Piraten. Sein linkes Auge war geschlossen. Eine furchterregende Narbe umgab die Stelle, an der sich einmal dieses Auge befunden hatte.

Ferris Tucker gab ihm einen Wink.

„Beweg dich, du Stint! Unser Kapitän will mit dir reden!“

Der Filipino begriff. Und er gehorchte. Was ein Stint war, wußte er allerdings mit Sicherheit nicht. Zwei Schritte vor Hasard blieb er stehen. Er mußte zu dem Seewolf aufblikken.

„Wo seid ihr zu Hause?“ fragte Hasard. „Kannst du verstehen, was ich sage?“

„Aye, Mann, verstehe.“ Der Filipino sprach ein gutturales Kauderwelsch, das für die Seewölfe schwerer zu verstehen war als deren Englisch für ihn. „Kommen von Mariana-Inseln. Was gehört zu Mikronesien. Ehrbare Kaufleute wir sind, Mann. War Unrecht gegen uns.“

„Klar, Mann.“ Der Seewolf grinste. „Ich bin ja gern bereit, das Unrecht wiedergutzumachen – gegen eine kleine Gegenleistung von dir.“

„Hä?“

„Paß auf.“ Hasard: beugte sich zu ihm nieder und blickte ihm lächelnd in das martialisch aussehende Gesicht. „Du erzählst mir ein bißchen über Charangu. Dafür kriegt ihr von uns bei Tagesanbruch Unterstützung, damit ihr euren Kahn zusammenflicken und verschwinden könnt. Bedingung ist allerdings, daß ihr euch auf dieser Insel nie wieder blicken laßt. Wir werden das regelmäßig kontrollieren, denn wir sind im Auftrag der britischen Krone auf Hawaii stationiert.“

Hasard bemühte sich, seine Männer nicht anzusehen. Denn sie hätten zumindest ein Grinsen nicht verhindern können.

„Ist Trick das?“ fragte der Dunkelhäutige mißtrauisch, doch mit einem leuchtenden Auge.

„Kein Trick.“ Hasard schüttelte den Kopf. „Wir haben auf Kahoolawe erledigt, was zu erledigen war. Charangu ist tot.“ Auch dies war wichtig, denn ohne den Inder gab es für die Piraten keine Verbindung mehr zu der Insel. Und Hasard ging es vor allem darum, daß die Menschen auf diesem friedlichen Eiland nicht noch einmal von schurkischen Kerlen wie Charangu heimgesucht wurden. Deshalb war es notwendig, daß die Piraten verschwanden und sich nicht als Schiffbrüchige auf der Insel einnisteten.

Der Filipino zog die Augenbraue hoch, die ihm noch geblieben war.

„Will ich Hand drauf.“ Er streckte fordernd die Rechte aus.

Hasard tat ihm den Gefallen, und der Drahtige verzog schmerzerfüllt das Gesicht, als ihm der Seewolf die Hand drückte.

„Wie ist Charangu auf Kahoolawe gelandet?“ fragte Hasard.

Der andere grinste.

„Sache einfach, Mann. War Charangu Bandit böses in Mikronesien. War gekommen aus Indien. Hat Streit gemacht mit Chef unseres. Hat Krieg gegeben. Hat Chef unseres gewonnen. Und haben Charangu auf Insel hier geliefert – für – äh – Verbong … äh – Verbun …“

„Verbannung“, half Hasard.

„Verbannung“, sagte der Filipino. „Hat Charangu, schlaues Hund, Affen mitgenommen und sich König gemacht. War Chef unseres egal. Hauptsache, Charangu erfüllt Orders.“

„Was für Orders?“

Der Filipino grinste. Für einen Moment stierte er Moana mit seinem Auge an. Dann blickte er wieder zu dem Seewolf auf.

„Mädchen und Perlen, Mann. Hat Chef unseres Perlen an Kaufleute geliefert. Und Mädchen auch an Kaufleute. China, verstehen? Schanghai – Bordelle …“

Für Hasard und seine Männer war es fast keine Überraschung mehr. Etwas Derartiges hatten sie erwartet.

„In Ordnung“, sagte Hasard, „trollt euch jetzt zurück an Bord. Aber wagt nicht, noch einmal an Land zu gehen. Ihr werdet beobachtet. Morgen früh, bei Sonnenaufgang, wird unser Schiffszimmermann euch helfen, euren Kahn so weit zusammenzuflikken, daß ihr die Mariana-Inseln erreicht.“

Für die Menschen auf Kahoolawe war es selbstverständlich, daß den Seewölfen zu Ehren ein großes Abschiedsfest gegeben wurde.

Nachdem die Piraten gegen Mittag mit Behelfssegeln davongeschlichen waren, trafen sich die Dorfbewohner und die gesamte Crew der „Isabella“ auf dem großen Platz inmitten des Palmenwaldes.

Und diesmal wurde es ein noch rauschenderes Fest, denn mit Charangu war eine drückende Last von den Polynesiern genommen worden.

Dan O’Flynn hatte es geschafft, Moana in Zeichensprache alles zu erklären – auch, daß es keinen Ort auf der Insel gab, der tabu war, und Affen niemals Götter sein konnten.

Das Schicksal der verschwundenen Mädchen stimmte die Polynesier anfangs nachdenklich. Doch schließlich fanden sie – ihrem Naturell entsprechend – auch daran eine positive Seite: Immerhin, so erklärte Moana nach langem Palaver per Zeichensprache, seien die Mädchen nicht tot. Nun konnte man auf eine gütige Fügung hoffen, daß sie vielleicht eines Tages auf die Insel zurückkehren würden.

Nach anfänglicher Scheu begannen sie schließlich auch über die Gibbons zu lachen. Doch sie rächten sich nicht etwa an den unschuldigen Tieren. Vielmehr wurden die Affen fortan als eine Art Haustiere und Spielgefährten für die Kinder betrachtet.

Noch am Abend desselben Tages blies Hasard zum Aufbruch.


1.

Tückisch glimmende Augen zwischen den Blättern des Inseldschungels, schmatzende und blubbernde und andere abscheuliche Laute, Krallenhände, die vorsichtig die Zweige des Dickichts teilten – alles das schien Thomas Federmann plötzlich um sich herum wahrzunehmen.

Das Grauen war erschienen, um ihn heimzusuchen und einen qualvollen Tod sterben zu lassen hier, im Paradies auf Erden.

Die Dämonen der Südsee, die Mächte der Finsternis – plötzlich schienen sie überall zu sein. Sie hatten ihn umzingelt, schoben sich von allen Seiten auf ihn zu, krochen aus den Büschen hervor, griffen mit ihren feuchten, kalten, schwartigen Pfoten nach ihm.

Ein würgendes Gefühl stieg in seiner Kehle auf. Die Sinne drohten ihm zu schwinden. Ihm wurde übel und grenzenlos schwach zumute. Der Urwald schien sich mit mahlenden und singenden Geräuschen um ihn herum zu drehen, schneller, immer schneller.

Die Kreaturen hatten ihn umzingelt und duckten sich lauernd. Sie entblößten spitze Zähne, fuchtelten, keiften, heulten – und sprangen ihn ganz unvermittelt an.

Ein entsetzes Keuchen, mehr brachte Thomas Federmann nicht mehr hervor.

Der schwere Spaten mit dem groben, wuchtigen Holzstiel entglitt seinen Fäusten. Die Schatten der Nacht verwandelten sich in brüllende Wirbel, die ihn mitrissen und den Rachen der tobenden Bestien entgegenwarfen. Thomas lehnte sich zunächst vornüber, dann etwas nach rechts, dann gaben seine Knie nach, und er brach zusammen und blieb auf der rechten Körperseite liegen, reglos und zusammengekrümmt.

Seine Ohnmacht war nur kurz. Er kam wieder zu sich und bemerkte als erstes, daß die grausige Vision gewichen war. Die Realität jedoch war bitterer als jeder Alptraum.

Thomas wurde sich der Wirklichkeit wieder voll bewußt. Er preßte die Lippen zusammen, hielt die Augen fest geschlossen und wartete darauf, die Peitsche, die verdammte Peitsche wieder knallen zu hören.

„Hund!“ tönte Masots rauhe Stimme über die dunkle Insellichtung. „Willst du wohl aufstehen? Denkst du im Ernst, ich falle auf deine närrischen Tricks herein? Auf die Beine mit dir, oder ich lasse dich wieder tanzen, du Bastard!“

Thomas wollte etwas sagen, aber die Stimme versagte ihm den Dienst. Seine Gaumenhöhle war ausgetrocknet und ohne jedes Gefühl, die Zunge lag wie ein pelziger Klumpen darin.

Die Peitsche knallte. Gierig griffen die Lederriemen mit den hineingeflochtenen Knoten nach seinem nackten Rücken und schienen sich darin festzukrallen. Neun Riemen, die dem Höllenwerkzeug seinen Namen gegeben hatten – die neunschwänzige Katze, die Geißel der Piraten.

Heiß überrann es Thomas Federmann, stechend war der Schmerz, der seinen Rücken und den ganzen Körper durchfuhr. Er biß die Zähne zusammen und unterdrückte einen Schrei. Nur ein Stöhnen entrang sich seinen Lippen.

Diesmal, dachte er, diesmal stirbst du wirklich. Es ist endgültig aus, aus und vorbei. Du warst ein Narr, dies alles zu beginnen und auch noch zu hoffen, daß es irgendwie schon klappen würde.

„Hund!“ schrie Masot, der Piratenführer, noch einmal. „Ich will dein Gewinsel nicht hören. Zwing mich nicht, dich dauernd zu verdreschen! Grab weiter, schufte bis in die tiefe Nacht hinein, du kannst dich davor nicht drükken. Ich will den Schatz, hörst du? Den Schatz! Ehe du ihn mir nicht zeigst, gebe ich keine Ruhe. Er liegt doch hier, nicht wahr? Genau hier, an dieser Stelle, auf dieser elenden Lichtung ist er vergraben, stimmt’s?“

Thomas war versucht, ihm die Wahrheit zu gestehen, aber dann bezwang er sich doch, denn er dachte an Zegú, den König von Hawaii, und an die Mädchen Mara und Hauula und an die anderen achtzehn Geiseln an Bord der Galeone „Saint Vincent“, die in der Lagune ankerte. Wenn er, Federmann, sich jetzt verriet, dann waren auch sie geliefert.

„Ja“, preßte er darum hervor. „Es – stimmt – bin sicher …“

Masot beugte sich etwas vor und fragte mit gespielter Freundlichkeit: „Du stehst also auf?“

„Ja.“

„Ich danke dir, mein Freund. Ich wußte, daß du wieder Vernunft annehmen würdest. Bist ein kluger Bursche, ich hab’s von Anfang an gesagt.“ Er richtete sich wieder auf und blickte zu den beiden anderen Piraten, die auf der Lichtung Wache hielten. „Gugnot und Saint Cyr, ist es nicht so? Sagt mir, daß es wahr ist.“

„Ja“, brummte Gugnot. „Ein schlauer kleiner Hurensohn ist unser Freund. Das hast du gleich behauptet, als wir ihn auf Hawaii geschnappt haben.“

„Mhm“, machte Saint Cyr bestätigend.

Thomas erhob sich wankend. Unter Schmerzen, die siedendheiß und pulsierend über seinen Rücken jagten, griff er von neuem nach dem Spaten, stellte den rechten Fuß auf die Kante des Eisens, klammerte sich an dem Stiel fest und rammte die Spitze des Spatens in das Erdreich. Er verlor fast das Gleichgewicht, konnte sich aber im letzten Augenblick noch fangen.

Masot, der bereits wieder drohend die Neunschwänzige schwang, entblößte seine großen, weißlich schimmernden Zähne. „Es ist klug von dir, folgsam zu sein. Was nutzt es dir, wenn ich dich windelweich schlage? Nun? Nichts, gar nichts, du hast recht. Mich beeindruckt dein Zustand nicht, ich habe kein Mitleid mit dir. Und jemand anderes stelle ich schon gar nicht an deinen Platz, denn ich will ja, daß du den Schatz hebst – du ganz allein. Du hast ihn hier eingekuhlt. Dir allein steht es nun zu, ihn wieder herauszuholen.“

Ätzender Hohn lag in seiner Stimme.

Thomas grub mit verbissener Anstrengung und bemühte sich, nicht auf Masots Worte zu hören. Knirschend schob sich das zugespitzte Eisen in den weichen Untergrund, und mit leisem Schmatzen löste sich die Scholle.

Scholle um Scholle packte Thomas nach rechts und nach links auf die Erde, die er bereits ausgestochen hatte. Jedesmal hatte er den Eindruck, viele Pfunde Gewicht zu bewegen.

Die Grube, die er hier aushob, war noch keinen halben Yard tief. Er wußte, daß er es nicht schaffen würde, auch nur einen Yard tief zu graben, und war schon jetzt sicher, daß er vorher wieder zusammenbrechen würde. Dieses war nicht das erste Loch, das er in den Inselboden trieb, er hatte auf dem großen, seltsam geformten Eiland, das die Lagune umschloß, schon ein halbes Dutzend gegraben – jedes Mal ohne den gewünschten Erfolg.

Damit aber nicht genug: Vor drei Tagen hatten sie mit der Piraten-Galeone „Saint Vincent“ die nördliche Nachbarinsel angelaufen – wie sie hieß, wußten weder Federmann noch die entführten Bewohner Hawaiis – und waren dort gelandet. Masot hatte den Behauptungen des Deutschen geglaubt, bei diesem Fleckchen Erde handele es sich garantiert um die Insel, auf der er „seinerzeit den immensen Schatz vergraben hätte“.

Dieser „immense Schatz“ war ebenso erfunden wie die Aussage, daß Thomas Federmann vor Jahren die Inselwelt der Südsee bereist hätte. Thomas, der Deutsche, hatte außer Hawaii und dessen Nachbarinseln bislang kein einziges der vielen Eilande, die es in diesem riesigen Meer geben sollte, kennengelernt.

Er war dereinst aus Neu-Granada, das neuerdings auch Kolumbien genannt wurde, geflohen, und zwar an Bord einer spanischen Galeone – das stimmte. Was er für Masot, den französischen Freibeuterkapitän, jedoch hinzufabuliert hatte, war folgendes: Er, Thomas Federmann, hätte den Spaniern in der Neuen Welt einen Schatz entreißen können, ihn heimlich mit der Galeone fortgeschafft und nach einer gelungenen Meuterei an Bord des Schiffes, die ihm zum Kommando über die komplette Mannschaft verholfen hätte, auf zwei weit auseinander liegenden Inseln des Stillen Ozeans versteckt.

Die eine Insel hatte keinen Namen, aber er hatte ihr Aussehen und ihre ungefähre geographische Lage auf einer Skizze festgehalten. Die zweite Insel war Hawaii, dort hätte er sich niedergelassen und Freundschaft mit den Insulanern geschlossen, hatte er Masot erzählt.

Dieser Teil der Schilderung entsprach der Wahrheit, aber der Rest war wieder ein Produkt der reichen Phantasie des Deutschen: Bald hätte es Streit mit den übrigen Meuterern von der Galeone gegeben, hatte er behauptet, und ein Kampf wäre unvermeidlich gewesen. Aber die Insulaner hätten auf seiner Seite gestanden und bei einem Überraschungsangriff die Spanier dank ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit überwältigen können.

Die letzten Überlebenden wären in einer Schaluppe davongejagt worden, man hätte sie nie wiedergesehen. Die Galeone, mit der Thomas aus Neu-Granada geflohen war, hätte man zwischen Hawaii und Maui versenkt. So hätte man gehofft, mit dem einen Teil des Schatzes für alle Zeit in Frieden leben zu können – bis vor wenigen Tagen Masot und seine Piratenbande an Bord von zwei Schiffen, der „Saint Vincent“ und der „Saint Croix“, erschienen waren, um Hawaii zu überfallen.

Was Masot gesucht hatte? Nun, in erster Linie hatte er wohl mit seinen Kerlen über die hübschen Mädchen der Insel herfallen wollen. Weiter hatte er sicherlich vorgehabt, seine Proviant- und Trinkwasservorräte zu erneuern. Ganz zufällig hatte er auf seiner Fahrt durch die Südsee dieses Inselparadies Hawaii entdeckt und sogleich beschlossen, ein wüstes Fest darauf zu feiern, eine Orgie.

Thomas Federmann hatte ihn ablenken können. Natürlich hätte Masot ihm die abenteuerliche Geschichte niemals abgenommen, wenn nicht der „Beweis“ gewesen wäre: die spanischen Piaster, goldene und silberne Achterstücke, die der Deutsche vor einigen Jahren auf Anraten des Seewolfs hin im Inneren der Insel vergraben hatte. Es waren wohl fünfhunderttausend oder noch mehr Münzen, Thomas und die Polynesier hatten sie nie genau gezählt.

Sie stellten den Anteil der Insulaner an dem gelungenen Überfall auf die legendäre Manila-Galeone dar – und sie hatten Federmann und den Ureinwohnern von Hawaii nun diesen einmaligen Dienst erwiesen, daß nämlich die Piraten von den Mädchen abgelassen hatten. Trunken vor Gier hatten sie in den Münzen gewühlt – und unter dem Einfluß dieses wilden Freudentaumels hatte Thomas dem Anführer Masot die Mär aufgebunden, es gäbe noch einen zweiten, größeren Teil von diesem Schatz.

Schon seit Jahren fertigte Thomas, der ein begabter Maler und Zeichner war, Bilder und Skizzen von Phantasie-Inseln der Südsee an. Es waren Tagträume von der Beschaffenheit des weltabgeschiedenen Paradieses schlechthin, hier und da mit Hawaii identisch, meistens aber dem großen Vorstellungsvermögen des Deutschen entsprungen.

Eine dieser Skizzen hatte Thomas dem Franzosen vorgelegt. Wie immer dieses Eiland, das als wichtigstes Merkmal über eine große Bucht im Westen verfügte, hieß, wo es lag und wer immer es bewohnte – Masot hatte beschlossen, es zu finden. Auf südlichem Kurs segelnd, so hatte er sich überlegt, müßte er auf die angegebene Position stoßen.

Zuerst hatte er vermutet, bei der Insel handele es sich um einen Teil des Hawaii-Archipels, aber das hatte sich bald als Irrtum herausgestellt.

Südlich von Hawaii gab es zunächst keine Inseln mehr – nur Wasser, endlos wirkendes, tiefblaues Wasser.

Masot hatte nicht aufgegeben. So war er mit seiner Meute und den Geiseln, die er von Hawaii mitgenommen hatte, zuerst auf der einen unbekannten Insel – die mit der Skizze hätte identisch sein können – und anschließend auf diesem Eiland gelandet, das genauso namenlos und unerforscht wie das erste war.

Die Hauptinsel und einige winzige Eilande, die an sie anschlossen, bildeten ein Atoll, in dessen Zentrum sich die Lagune ausdehnte. Masot hatte eine Passage zwischen den gefährlichen Korallenriffen entdeckt und so mit dem Dreimaster in die Lagune einlaufen und dort ankern können. Die Insel selbst war öde und unbewohnt, wie sich bald herausgestellt hatte, es gab hier nur viele Schildkröten und Vögel, und in der Lagune konnte man Fische fangen, soviel man wollte.

Unbewohnt – damit war eine Hoffnung von Thomas Federmann zerstört worden. Er hatte darauf gebaut, daß sie auf Eingeborene stoßen würden, mit denen Zegú und er sich verbünden konnten. Aber diese Illusion war nun zerstört. Es gab keine Hoffnungen mehr.

Thomas hatte Masot gegenüber immer wieder bestätigt, daß er das genaue Versteck des Schatzes zwar auf der Skizze nicht eingezeichnet habe, es jedoch aus dem Gedächtnis wiederfinden würde.

So hatte er behauptet, dies wäre nun die gesuchte Insel, und er würde auch den Schatz – gut eine Million spanische Achterstücke – heben. Er allein würde sich das zutrauen.

Masot war nach den sechs vergeblichen Versuchen mißtrauisch geworden, daraus rührte jetzt sein Hohn her. Andererseits hielt ihn seine Gier nach noch größerem Reichtum davon ab, das Unternehmen abzubrechen.

Masot stand mit gespreizten Beinen auf der kleinen, leicht erhöht liegenden Insellichtung und ließ seinen Gefangenen keinen Moment aus den Augen. Masot war ein großer, wuchtig gebauter Mann mit dunklen Augen, einer kleinen Nase und einem breiten Mund, der sich in einem mächtigen schwarzen Vollbart verbarg. Als Zierde und Symbol seiner Stellung trug er eine Art Dreispitz auf dem Kopf. Diese Kopfbedeckung war zwar an manchen Stellen eingerissen und verbeult, aber keinem der französischen Freibeuter wäre es eingefallen, über das ramponierte Stück zu grinsen.

Masots mächtiger Körper war fast bis zu den Fußknöcheln in einen einstmals weinroten und jetzt kaum noch definierbar gefärbten Umhang gehüllt – eine Trophäe aus einer von vielen Seeschlachten. Seine Beine steckten in weiten schmutziggrauen Hosen, die am Bund von einem Rohledergürtel zusammengehalten wurden. Er trug Stiefel, richtige Stulpenstiefel, während seine Kerle barfuß liefen, und quer über seine Brust spannte sich von der linken Schulter herab bis zur Hüfte hinunter ein breiter, schwerer Gurt mit einer riesigen Schnalle. Zwei geladene Pistolen steckten darin, außerdem ein Schiffshauer mit leicht gekrümmter Klinge und ein Messer.

Vom Strand der Lagune flackerte Feuerschein herüber.

Gugnot wandte den Kopf, sah zu dem zuckenden Licht hinüber und brummte: „Die anderen braten jetzt den Fisch, den wir heute nachmittag in der Lagune gefangen haben.“

„Die haben’s gut“, sagte Saint Cyr so leise, daß Masot ihn nicht verstehen konnte.

Das Grölen der Piraten drang deutlich an ihre Ohren.

Gugnot zerdrückte einen Fluch auf den Lippen, dann meinte er gedämpft: „Sie saufen Rum und machen sich’s so richtig gemütlich. Ich wette, sie holen sich auch noch die Weiber. Ja, die Hunde toben sich aus, nur wir zwei Narren stehen uns hier die Beine in den Bauch. Wie lange? Bis zum Morgen? O Mann, möglich ist alles.“

Saint Cyr schüttelte den Kopf und deutete auf den wankenden, schwitzenden Deutschen. „Kaum, Gugnot, kaum. Der hält nicht mehr lange durch. Er krepiert noch heute nacht, entweder vor Erschöpfung oder unter Masots Hieben, das versichere ich dir.“ Er grinste gemein.

Hier, in der unmittelbaren Nähe des Äquators, ging die Sonne von einem Augenblick zum anderen unter, und die Dunkelheit senkte sich übergangslos auf die See. Die Schatten der Nacht drohten die Umrisse des großen Dreimasters, der sich mit südlichem Kurs durch die Fluten schob, zu schlucken. Es gelang ihnen, als sich eine Wolkenbank vor die Mondsichel schob. Die Konturen der Galeone verschmolzen mit der Finsternis.

Old O’Flynn hatte das Achterdeck der „Isabella VIII.“ geentert und war zu Philip Hasard Killigrew und Siri-Tong getreten. Seine Miene war verkniffen und voll Mißtrauen, seine Augen schienen überall Unheil zu erspähen.

„Der Wind schralt“, sagte er. „Es ziehen immer mehr Wolken herauf, und ich schwör’s euch, bald ist der Himmel über uns dicht. Wir kriegen ein Wetter um die Ohren, das ist mal sicher – und die verfluchte Insel finden wir sowieso nicht mehr.“

„Donegal.“ Der Seewolf drehte sich langsam zu dem Alten um. „Du weißt schon, was ich dir jetzt sagen will.“

„Ja. Daß ich mal wieder die Geduld und das Vertrauen verloren habe.“

„Eben.“

„Aber das stimmt nicht. Die Geduld, schön, die geht mir abhanden, das will ich gern zugeben. Aber das Vertrauen in dich und unser Schiff fehlt mir natürlich nicht, soweit führt’s bei mir auch im allerdicksten Schlamassel nicht.“ Der Alte schnaufte verdrossen. „Nur das eine will ich dir verklaren, Sir: Allein mit dem Vertrauen und dem Glauben an das Glück ist es nun mal nicht getan. Und herzaubern kannst du die Insel, die wir suchen, auch nicht.“

„Dann tu du es doch, Donegal“, meldete sich eine unfreundliche Stimme von achtern. Big Old Shane trat auf sie zu. Der ehemalige Schmied und Waffenmeister von Arwenack-Castle hatte sich am Heck aufgehalten und offenbar den Befehl des Seewolfs abgewartet, die große Achterlaterne anzuzünden. „Streng dich an und zaubere sie her, die Insel, Donegal“, fuhr er fort. „Du bist doch so ein alter Hellseher und Geistermann, vielleicht hast du ja magische Kräfte. Statt so laut und beleidigt herumzuquaken wie ein alter Ochsenfrosch, würde ich an deiner Stelle lieber was Brauchbares unternehmen.“

Er blieb dicht vor Old O’Flynn stehen und verschränkte die Arme vor der Brust.

Ben Brighton und Ferris Tucker stiegen gerade den Backbordniedergang hoch, der das Achterdeck mit dem Quarterdeck verband. Sie hatten das meiste von dem Gesprochenen gehört, vor allem die Sätze von Old O’Flynn und Shane. Sie tauschten einen Blick und grinsten belustigt.

Donegal Daniel O’Flynns Züge verfinsterten sich noch mehr. „Paß mal auf, Shane, was es gleich für einen Zauber gibt, wenn du dein Lästermaul nicht hältst“, sagte er drohend.

„Lästermaul?“ Shane senkte den Kopf ein wenig und fixierte den Alten grimmig. „Das mußt du auch gerade sagen, du Stint. Soll ich dir mal verraten, was du bist?“

„Ja. Kann’s kaum erwarten, die Wahrheit über mich zu erfahren“, sagte der grantige Alte.

Siri-Tong lachte auf und sagte: „Nun hört aber auf, euch zu streiten, ihr beiden. Damit kommen wir auch nicht weiter. Donegal, auf was willst du überhaupt hinaus? Meinst du, es wäre besser, wenn wir umkehren?“

„Umkehren? Nein, das nicht. Aber wir können nach Westen ablaufen. Der Wind dreht immer mehr und bläst bald aus Südosten, wie’s mir scheint. Mit der steifen Brise laufen wir bei westlichem Kurs verdammt gute Fahrt.“

„Da schau mal einer an“, sagte Ben Brighton, der jetzt hinzugetreten war.

„Jetzt schlägt’s aber dreizehn“, fügte Ferris Tucker hinter seinem Rücken ziemlich aufgebracht hinzu.

Und Big Old Shane stemmte die Fäuste in die Seiten und rückte noch einen Schritt näher auf Old O’Flynn zu. Seine Stimme sackte tief in den Keller ab, klang grollend und unheilverkündend. „So ist das also. Nach Westen, wie? Womöglich nach den Ladronen, den gottverfluchten Diebes-Inseln, hinüber und alte Bekannte besuchen, was? Das könnte dir so passen …“

„He!“ stieß der Alte verblüfft aus. „Was glotzt ihr mich denn alle so an? Ihr tut ja fast so, als hätte ich euch zur Meuterei aufgefordert.“

Ferris Tucker ließ einen dumpfen, grunzenden Laut vernehmen. „Hölle und Teufel, Donegal“, sagte er. „Bist du dir dessen, was du eben erklärt hast, überhaupt bewußt?“

„Wenn du damit sagen willst, daß ich nicht richtig im Oberstübchen bin, kannst du dich auf was gefaßt machen!“ fuhr der Alte ihn an.

„Nein, ich meine was anderes“, teilte der rothaarige Schiffszimmermann der „Isabella“ ihm grimmig mit. „Mit dem, was du vorgeschlagen hast, lassen wir Thomas Federmann und die Leute von Hawaii nämlich im Stich. Mit anderen Worten, wir gewähren es diesem französischen Hurensohn Masot, den Deutschen und die einundzwanzig Insulaner – Zegú inbegriffen – abzuschlachten. Verzeihung, Madam.“

„Verzeihung?“ fragte Siri-Tong verwundert zurück. „Warum, Ferris?“

„Wegen des Hurensohnes.“

„Oh, bitte.“ Die Rote Korsarin lachte wieder auf. Sie wollte entgegnen, daß sie ja eigentlich noch ganz andere Ausdrücke gewohnt sei, aber sie unterließ es lieber. Die Männer fluchten auch so schon genug, es war nicht richtig, sie darin noch zu bestärken.

Old O’Flynn hob seine Krücke an und begann damit zu fuchteln. „Du verlauster Quadratschädel, du wurmstichiger Klamphauer!“ wetterte er. „Du hast sie wohl nicht mehr alle, was? Ich bin weder ein Feigling noch ein Verräter unserer Sache, ich will lediglich darauf hindeuten, daß Masot, dieser Bastard, sich mit seiner Scheiß-Galeone ‚Saint Vincent‘ genausogut nach Westen gewandt haben könnte – äh, tut mir leid, Siri-Tong.“

„Soll ich solange in meine Kammer gehen?“ erkundigte sie sich amüsiert. Es schwang aber auch ein wenig Angriffslust in ihren Worten mit, denn allmählich ging ihr die Debatte der Männer auf die Nerven.

Von der Kuhl tönte Carberrys Stimme dröhnend zu ihnen herauf. „Was ist denn los da oben? Sir, ist was nicht in Ordnung? Hölle, wer brüllt denn da herum?“

„Schon gut, Ed“, rief Hasard zurück. „Bleib auf deinem Posten. Donegal meinte nur, es würde wohl Sturm geben.“

„Aber – Schockschwerenot noch mal, das braucht er doch nicht so herauszuposaunen. Wir merken’s schon noch früh genug, wenn wir was aufs Haupt kriegen!“

Old O’Flynn wollte schon wieder aufbegehren, aber der Seewolf fuhr zu ihm herum und sagte: „Ruhe an Deck!“

Der alte Donegal blieb mit offenem Mund stehen, und Ferris Tucker, Big Old Shane und Ben Brighton wußten für einen Moment auch nicht mehr, wie sie sich verhalten sollten. Dann aber beschlossen sie, ein gemeinsames „Aye, aye, Sir“, zu murmeln.

„Männer“, sagte Hasard. „Holt tief Luft und denkt mal darüber nach, was für ein Bild ihr vor der Crew abgebt, wenn ihr herumstreitet. Nun?“

Shane erwiderte: „Verzeihung, Sir, es war wohl meine Schuld. Ich nehme das gerne auf mich und erwarte eine Bestrafung.“

Old O’Flynn hob die rechte Hand. „Augenblick mal. Kommt gar nicht in Frage. Ich hab mich wohl ein bißchen verunglückt ausgedrückt, und das hat Shane und Ferris auf die Palme gebracht.“

„Mich auch“, erklärte Ben Brighton. „Ich schließe mich da nicht aus.“

„Es war also meine Schuld“, sagte der Alte verdrossen. „Wie viele Stock- oder Peitschenhiebe kriege ich verabreicht?“

„Zwanzig, wenn du nicht sofort den Mund hältst“, versetzte der Seewolf lächelnd. „Ist ja gut, ich nehme euch die kleine Diskussion nicht übel. Zugegeben, unsere Geduld wurde in den letzten Tagen auf eine harte Probe gestellt, und ein Ende unserer Suche ist zur Stunde nicht abzusehen. Da kann ich es verstehen, wenn du zu zweifeln beginnst, Donegal. Ich selbst habe auch nicht mehr als die Vermutung, daß wir auf dem richtigen Kurs segeln. Das heißt, ich reise nach Gutdünken und Gefühl.“

„Nicht ganz“, mischte sich die Rote Korsarin ein. „Unser Abstecher nach Kahoolawe hat sich zwar als Schlag ins Wasser erwiesen, zumindest, was die Suche nach den Verschleppten betrifft. Alewas Zeichnung von der Insel Thomas Federmanns war leider höchst unzureichend, so daß wir mehr oder weniger auf Verdacht nach Süden weitergesegelt sind. Aber dann haben wir ja dieses Eiland gefunden.“

„Ja, es lag in direkter Linie südlich von Hawaii“, bestätigte Ben Brighton. „Die Spuren im Sand waren frisch. Jemand war gelandet und hatte nach etwas gegraben. Mehr als dreißig Männer müssen sich über die Insel bewegt haben.“

„Dann, als sie nicht fündig wurden, verließen sie die Insel wieder“, fuhr Siri-Tong fort. „Es liegt doch auf der Hand, daß es sich um Masot und seine Kerle handelte. Und fast ebenso logisch ist es, daß sie weiter in südlicher Richtung segeln, aller Wahrscheinlichkeit nach auf Thomas Federmanns Angaben hin.“

Hasard sagte: „Von dieser Voraussetzung gehe ich aus. Aber wir müssen natürlich auch in Betracht ziehen, daß wir inzwischen jemand Falsches verfolgen und uns nur einbilden, dem Richtigen auf den Fersen zu sein. Daß wir ganz einfach einem Irrtum aufgesessen sind.“

„Dieses Risiko müssen wir eingehen“, meinte die Korsarin.

„Und wir geben nicht auf“, sagte Ben Brighton. „Weder heute noch morgen, noch in einer Woche, Sir.“

Hasard grinste ihn an. „Den Sir kannst du dir an den Hut stecken Ben, das habe ich dir schon öfter gesagt.“

„Aber du bist doch von Elizabeth I. höchstpersönlich zum Ritter geschlagen worden …“

„Und was nutzt mir das?“

„Eine ganze Menge, Sir!“ rief Ferris Tucker.

„Ja“, sagte der Seewolf gedehnt. „Masot zum Beispiel wird vor Ehrfurcht erstarren, wenn er mir endlich gegenübersteht. Fehlt bloß noch, daß ich ihm dann unseren Kaperbrief zeige. Shane, was hältst du davon?“

„Soll ich ehrlich meine Meinung sagen?“

„Ich befehle es dir.“

„Meiner Ansicht nach hilft’s mehr, wenn wir diesem Franzosen kräftig eins über die Rübe ziehen.“

Hasard lachte. „Ja, das finde ich auch.“

„Sir, soll ich jetzt die Hecklaterne anzünden?“ fragte Shane.

„Nein. Es sieht zwar so aus, als befänden wir uns in einem gottverlassenen Winkel der Erde, aber dieser Schein kann auch trügen. Ich will nicht, daß Masot oder irgend jemand anderes uns schon aus der Ferne sehen kann.“

„Aye, Sir.“

Der Seewolf drehte sein Gesicht in den jetzt steif aus Ostsüdost heranpfeifenden Wind. Die Bewegungen der „Isabella“ wurden heftiger, rollender. Man mußte sich schon am Schanzkleid oder an der Schmuckbalustrade festhalten, wenn man das Gleichgewicht nicht verlieren wollte.

„Wir knüppeln unsere alte Lady weiter nach Süden!“ rief Hasard. „Jedenfalls so lange wir den Kurs halten können!“

2.

Wie eine große schwarze Spinne war die Dunkelheit auch in das Innere der „Saint Vincent“ gekrochen und schien die Galeone der Piraten mit einem tödlichen Bann zu belegen.

Mara, das Mädchen von Hawaii, blickte ihre Freundin Hauula von der Seite an. „Ich habe Angst“, wisperte sie ihr zu. „Heute nacht holen sie uns. Ich spüre es.“

„Bleib ganz ruhig“, flüsterte Hauula.

„Ich kann es nicht …“

„Es ist unsere stärkste Waffe gegen diese Bestien.“

„Du meinst, nicht die Ruhe zu verlieren?“

„Ja.“

„Ich schaffe es nicht“, stöhnte Mara. „Mir zittern die Knie. Und die Hände. Meine Zähne schlagen aufeinander. Ich sterbe noch vor Angst.“

„Thomas wird uns helfen.“ Hauula versuchte, Zuversicht in ihre Stimme zu legen, aber es wollte ihr nicht recht gelingen.

Mara schwieg, aber eine der jungen Frauen antwortete aus der Finsternis des engen Schiffsraumes: „Er kann nichts mehr für uns tun. Er muß froh sein, wenn er selbst überlebt. Sie haben ihn auf die Insel geschafft und peinigen ihn so lange, bis er den Schatz herangeschafft oder die Wahrheit gesteht.“

„Zegú, unser König, ist jetzt auch auf der Insel“, raunte eine andere Frau.

„Was haben die Kerle mit ihm vor?“ wollte die entsetzte Mara wissen. Ihre Augen huschten unablässig hin und her, ihr Blick streifte die Gestalten der Leidensgefährtinnen. Sie waren zehn Mädchen und junge Frauen von der Insel Hawaii. Die französischen Freibeuter hatten sie bewußt von den zehn Männern getrennt, die sie ebenfalls als Faustpfand mitgeschleppt hatten. Die Trennung erhöhte die Furcht der völlig hilflosen Frauen und ließ sie zur Panik anwachsen.

Von der Insel drangen das Grölen und Singen der Piraten herüber.

„Sie feiern“, sagte Hauula. „Sie lassen die Mäuse auf dem Tisch tanzen, wie sie sagen. Sie haben lange kein Vergnügen mehr gehabt. Masot läßt es zu, daß sie sich betrinken. Er weiß, daß er es ihnen nach der Überfahrt und der sinnlosen Suche schuldig ist. Außerdem dürfen sie sich hier, in der Lagune, völlig sicher fühlen.“

„Es ist die Lagune des Teufels“, flüsterte Mara.

„Zegú“, sagte die eine Frau, die vorher schon gesprochen hatte. „Sie werden ihn quälen und sich daran weiden.“

„Nein!“ stieß Mara entsetzt hervor.

„Aber das ist nichts gegen das, was sie uns antun, wenn sie uns auf den Strand holen.“

„Sei still!“ zischte Hauula.

„Hört ihr?“ wisperte eine andere junge Frau. „Sind das nicht Geräusche im Wasser? Das Eintauchen von Paddeln?“

„Sie nennen die Paddel ihrer Boote Riemen“, korrigierte ein Mädchen, das an der dem Schiffsgang zugewandten Raumwand hockte. „Thomas hat es uns beigebracht, wie er uns auch die spanische Sprache und Ausdrücke aus dem Englischen und dem Deutschen gelehrt hat.“

„Das alles ist jetzt nichts mehr wert“, murmelte Mara. „Sie kommen. Es geht zu Ende mit uns. Lebt wohl, Schwestern.“

„Unsinn!“ zischte Hauula wütend. „Ich höre kein Boot und keine Riemen. Das ist doch bloß eine Einbildung!“

„Nein!“ raunte die, die die Laute gehört zu haben glaubte. „Ich schwöre es euch, da nähert sich ein Boot!“

Mara zerrte verzweifelt an den Stricken, die ihre Hände und Füße zusammenhielten. „Wenn wir doch bloß nicht gefesselt wären“, schluchzte sie.

„Dann wäre alles einfach gewesen“, sagte Hauula. „Dann hätten wir uns längst aus diesem Verlies befreit.“

„Still“, flüsterte das Mädchen an der Gangseite des Raumes. „Da ist was – Schritte! Schritte auf dem Gang! Nein, nein, ich täusche mich nicht. Schweigt und hört selbst hin.“

Sofort trat Totenstille ein. Dann konnten sie es alle vernehmen: tastende Schritte näherten sich dem Schott des Gefängnisses. Sie waren heran und verharrten. Gleich darauf begann jemand an der Verriegelung des Schotts herumzuhantieren.

Pele, Pele, feuerspeiende Göttin von Hawaii, steh uns bei, dachte Mara, vernichte diese grausamen Kerle. Sie wollten verrichten, was sie schon die ganze Zeit über mit uns tun wollten, und nur du, nur du ganz allein kannst sie noch zurückhalten!

Mit geschickten Fingern hatte der Mann den schweren Eisenriegel beiseite geschoben. Jetzt legte er seine Hände an die Kante des Holzschotts, zerrte daran – und atmete lächelnd auf, als es leise knarrend in seinen Angeln aufglitt. Der Mann, dessen nackter Oberkörper schweißbedeckt war, schlüpfte durch die Öffnung, kniete sich vor die Mädchen und jungen Frauen hin und legte seinen Zeigefinger gegen die Lippen, als Mara und zwei, drei andere entnervt aufschreien wollten.

„Das darf nicht wahr sein“, flüsterte Hauula völlig entgeistert. „Andai – bist du es wirklich?“

Der junge Polynesier schob sich auf sie zu. „Ja“, gab er genauso leise zurück. „Mir ist die Flucht gelungen. Aber verlieren wir keine weitere Zeit. Ich will euch von euren Fesseln befreien. Die anderen sind schon aus unserem gemeinsamen Verlies, dem Kabelgatt, heraus und suchen nach Waffen.“

„Wie habt ihr das geschafft?“ flüsterte Hauula.

Er hatte kein Messer und mußte mühselig die Knoten ihrer Hand- und Fußfesseln lösen. Mit zusammengepreßten Lippen ging er an die Arbeit. Erst als er es geschafft hatte und die Tauenden schlaff zu Boden fielen, entgegnete er: „In tagelanger Arbeit konnte ich eine Bodenplanke lösen. Daran wetzte ich zunächst meine Stricke kaputt und half dann den neun anderen Brüdern, sich der Fesseln zu entledigen. Zu dritt vergrößerten wir die Lücken in den Planken und gelangten so in den unter dem Kabelgatt liegenden Schiffsraum. Von dort aus schlichen wir wieder ein Deck höher, öffneten von außen das Schott unseres Gefängnisses, und dann machte ich mich auf den Weg zu euch. Wenn die anderen Waffen finden, bringen sie bestimmt auch uns gleich ein paar Messer und Pistolen.“

Hauula küßte Andai auf die Stirn und auf die Wangen, dann half sie mit, die Stammesschwestern von ihren Fesseln zu befreien. Mara erlösten sie als erste von den dicken, in die Haut schneidenden Tampen, und das Mädchen brach daraufhin in Tränen aus.

„Hör auf“, flüsterte Hauula ihr zu. „Hilf mir lieber.“

Mara wischte sich die Tränen ab und schickte sich an, ihrer Freundin Unterstützung zu leisten. Plötzlich aber erstarrte sie, denn zwei andere männliche Gestalten waren in dem halboffenen Schott aufgetaucht. Eine furchtbare Eingebung gaukelte Mara vor, die Wachtposten auf dem Schiff hätten alles bemerkt und wären nun erschienen, um den Ausbruch der Gefangenen im Keim zu ersticken.

Sie preßte die Fäuste gegen den Mund und gab einen keuchenden Laut des Entsetzens von sich.

Dann aber lockerte sich ihre Haltung wieder, denn sie erkannte trotz der Dunkelheit, daß es sich um zwei Stammesbrüder handelte. Sie bückten sich und glitten heran, um aktiv an dem Befreiungsunternehmen mitzuwirken.

„Numil und Moho“, flüsterte Hauula begeistert. „Pele sei Dank! Wenn Zegú und Thomas nur wüßten, daß es euch geglückt ist …“

„Warte“, raunte Andai ihr zu. „Wir haben erst den Anfang geschafft. He, ihr zwei, habt ihr die Waffen?“

„Nein“, erwiderte Numil.

„Der Weg zur Waffenkammer im Achterdeck ist versperrt“, flüsterte Moho. „In dem einen Raum davor brennt Licht. Dort sitzen mehrere Kerle beisammen und trinken und fluchen.“

„Die Wachablösung in der Mannschaftsmesse“, murmelte Andai. „Es sind mindestens vier Mann, schätze ich. Die sind mit den Pistolen schnell bei der Hand, außerdem haben sie Musketen, Messer und Säbel. Ehe wir sie überwältigen können, haben sie die meisten von uns getötet. Nein, auf diesem Weg können wir nicht in die Waffenkammer.“

„Dann bleibt nur der Weg über die Kuhl“, sagte Hauula.

„Oben stehen auch vier Männer“, gab Moho zu bedenken. „Die Ankerwache.“

„Vielleicht ist die leichter abzulenken“, wisperte Hauula.

Andai schüttelte den Kopf. „Unmöglich, wie denn wohl? Wir können nur auf einen Zufall hoffen, anderenfalls sitzen wir hier unten fest und können uns nicht rühren. Es würde in jedem Fall ein Blutbad geben, wenn wir …“

Hauula legte ihm die Hand auf den Mund. „Warte“, raunte sie. „Laß uns doch erst einmal alle zum Vordeck schleichen. Numil, wo sind die anderen Männer?“

„Draußen auf dem Gang.“

„Dann laßt uns keine Zeit verlieren“, wisperte das Mädchen. „Vom Schott des Vordecks aus können wir auf die Kuhl blicken und die Wache zumindest beobachten, nicht wahr, Andai?“

Er lächelte ihr im Dunkel des Schiffsraumes zu. „An dir ist ein richtiger Krieger verlorengegangen, Hauula. Glaubst du denn wirklich, daß wir ohne Blutvergießen von diesem Teufelsschiff fliehen können?“

„Pele wird uns dabei helfen.“

„Ja“, murmelte jetzt auch Mara. „Ich habe Pele, die allmächtige Göttin Hawaiis, angefleht – und sie hat mein Gebet erhört.“

„Sind alle von ihren Fesseln befreit?“ fragte Hauula leise.

„Alle“, raunten die jungen Frauen.

„Dann los.“ Hauula schlich zum offenen Schott. Sie folgte Andai, Numil und Moho, die jetzt bereits auf den Gang hinauspirschten. Mara und die anderen acht Mädchen und Frauen schlossen sich ihr lautlos an.

Grand Duc, ein Riese von Mann mit einem gelben Tuch um den Kopf, stand auf sicheren Beinen inmitten der Horde von zwanzig lärmenden Piraten und hob die Rumflasche. Der zuckende Feuerschein ließ sein Gesicht fratzenhaft erscheinen und hob die Narben und anderen Unregelmäßigkeiten darin hervor, die von Messerstichen und wüsten Schlägereien herrührten.

Grand Duc – kein Mensch wußte, warum er diesen Namen angenommen hatte, nur alle waren sich darüber im klaren, daß kein einziger Tropfen adligen Geblüts in den Adern des Kerles pulsierte –, Grand Duc also hob die Flasche an den Mund, nahm einen kräftigen Schluck, setzte sie wieder ab und fuhr sich mit dem Handrücken über die Lippen.

„Gut!“ rief er. „Das lasse ich mir gefallen! Heda, wie weit seid ihr Himmelhunde mit dem Braten der Fische?“

Einer der Piraten, die sich auf dem Strand der Lagune um die zwei Lagerfeuer gekauert hatten, erhob sich, gestikulierte zu dem Riesen herüber und schrie: „Grand Duc, du kannst es wohl kaum erwarten, den ersten Happen herunterzuschlingen, was? Komm her und probiere, wir haben inzwischen auch den dicksten Brokken gar gekriegt.“

„Das ist ein Wort, Picou.“ Grand Duc stapfte mit der zu gut einem Drittel geleerten Flasche auf das Feuer zu, stieß einen der Sitzenden beiseite und trat dicht vor den eisernen Spieß hin, den die Kerle gerade aus den Flammen gezogen hatten.

Auf dem Spieß steckte ein Fisch von imposanter Größe, er mochte gut und gern seine zwanzig Pfund wiegen. Grand Duc war sich nicht sicher, ob es ein Zackenbarsch oder ein Umber war, aber die genauere Bezeichnung der Art interessierte ihn nicht sonderlich.

Er gab Picou, einem hageren Typ mit scharfgeschnittenen Zügen und gekrümmter Nase, ein Zeichen. Picou rückte dem Fisch daraufhin mit einem Messer zu Leibe und säbelte das beste Stück heraus, um es dem Riesen zu reichen.

Grand Duc war Masots rechte Hand und bester Ratgeber. Auf der „Saint Vincent“ galt er als der erste Offizier, Bootsmann und Steuermann in einer Person. So war es mehr als gerechtfertigt, daß er die erste Portion von dem größten gefangenen Fisch empfing.

Er griff mit der Hand zu und verbrannte sich fast die Finger, stieß einen Fluch aus, stopfte sich das weiße, dampfende Fleisch zwischen die Zähne und schluckte es fast unzerkaut herunter. Er spülte mit einem Schluck Rum nach, ließ die Flasche wieder sinken und rief: „Mehr Salz, Picou, du Laus, mehr Salz, zum Teufel, das schmeckt ja elend fad!“

„Sofort“, sagte der Hagere.

Während er den Fisch zusätzlich mit Salz aus den Bordvorräten der „Saint Vincent“ einrieb, blickte sich Grand Duc im Kreise der wilden, abenteuerlich gekleideten Kerle um. Sie hatten ein ordinäres Lied angestimmt, und er sang völlig unmusikalisch die Melodie mit.

Mitten in der Strophe unterbrach er sich jedoch und brüllte: „He, was meint ihr wohl, ob Louis und die anderen von der ‚Saint Croix‘ sich auch so gut amüsieren wie wir?“

„Bestimmt!“ rief einer der Piraten zurück. „Sogar noch besser als wir, sage ich dir. Die Hundesöhne tummeln sich auf Hawaii und können sich die Zeit mit den Inselweibern vertreiben!“

„Die haben’s gut!“ grölte ein anderer.

Picou hatte den großen Fisch jetzt ausreichend gewürzt und schnitt wieder ein Stück für Grand Duc heraus. Grand Duc verspeiste diesen Brocken auf dieselbe Art wie den ersten, nickte, ließ einen undeutlichen, knurrenden Laut vernehmen und sagte dann: „Gut. So ist es recht. Eßt, trinkt, singt, ihr Höllenbraten, laßt uns lustig sein.“

„Wie wär’s, wenn wir die Weiber holen?“ schrie jemand.

Grand Duc achtete nicht auf ihn. Er nahm wieder einen großen Schluck aus der Rumflasche und schaute zu, wie Picou und ein zweiter Freibeuter zunächst den großen Fisch und dann andere gegrillte Fische und Schalentiere zerlegten und an die Kumpane verteilten.

Grand Duc grübelte eine Weile herum, dann wandte er sich ab und schritt zu den Palmen hinüber, die den breiten Sandstrand landeinwärts säumten. Er blieb stehen und blickte zu dem hölzernen Käfig auf, der im zunehmenden Ostwind hin und her schwankte.

Masot hatte diesen Käfig an Bord der „Saint Vincent“ zimmern lassen, um Zegú, den König von Hawaii, hineinzusperren und wie ein wildes Tier darin zu halten. Dies war eine zusätzliche Schmach und Erniedrigung für den stolzen Insulaner. Masot wußte sehr genau, wie er ihn zutiefst kränken konnte, und er hatte in der Absicht gehandelt, Zegú so sehr in seiner Ehre zu verletzen und seelisch zu quälen, wie er irgend konnte. Masot haßte die hochmütige Art, mit der der weißhaarige, hochgewachsene Polynesier ihm begegnet war.

Grand Duc hatte auf Masots Anweisung hin den Käfig mit dem Gefangenen auf die Insel schaffen lassen. Zwei Männer waren auf eine Kokospalme gestiegen, hatten das Tau, das mit dem Dach des Käfigs verbunden war, oben auf eine Weise befestigt, daß man die Gitterkonstruktion hochziehen konnte, und dann hatte Grand Duc den Käfig hochhieven lassen, so daß er gut sechs Fuß über dem Sand hing.

Das war eine weitere Schikane Masots. Er wollte Zegús Stolz brechen und ihn völlig demoralisieren.

Zegú stand aufrecht in seinem hölzernen Gefängnis und sah voll Verachtung auf den Riesen hinunter.

„Geh fort“, sagte er auf spanisch. „Ich will dich nicht sehen, Pirat. Deine Gegenwart beleidigt mich.“ Wie fast alle Bewohner der Dörfer Hawaiis hatte er von Thomas Federmann, dem deutschen Freund, genügend Spanisch, Englisch und Deutsch gelernt, um sich Europäern gegenüber verständlich auszudrücken.

Grand Duc zeigte sich unbeeindruckt. Er trank wieder aus seiner Flasche, spuckte aus und rief zu dem Gefangenen hinauf: „Ich hab schon verstanden, was du sagst, du braunhäutiger Affe. Soviel Spanisch kann ich, du Hund.“

„Verrecke“, sagte Zegú.

„Weißt du, was ich mit dir anstelle?“

„Ich verstehe dein Gekläff nicht“, antwortete Zegú im reinsten Kastilisch – und das stimmte sogar, denn er war der französischen Sprache nicht mächtig.

„Heute nacht lasse ich dich durchs Feuer tanzen, du Kannibale“, erklärte Grand Duc. „Fuego, kapiert? A toda velocidad, comprendido? Ah, du wirst schon sehen. Du wirst tanzen und singen, in den hellsten Tönen singen, das schwöre ich dir.“

Er registrierte eine Bewegung hinter seinem Rücken und fuhr herum. Seine freie Hand fiel auf den Kolben der Steinschloßpistole, die in seinem Waffengurt steckte, aber er hielt in der Geste inne, als er Picou erkannte.

„Gib dich das nächste Mal zu erkennen, du Idiot“, fuhr Grand Duc ihn an. „Ich kann es nicht leiden, wenn man hinter mir rumschleicht.“

„Ja, Grand Duc.“

„Was willst du? Ihr könnt es wohl kaum abwarten, den Kanaken durch die Flammen springen zu sehen, was?“

Picou schüttelte den Kopf. „Grand Duc, die Männer wollen die Weiber holen und ihren Spaß haben. Hörst du nicht, wie sie brüllen? Je mehr sie trinken, desto mehr geraten sie aus dem Häuschen.“

„Ich werde sie schon bändigen, die Bastarde …“

„Grand Duc – Masot hatte es zumindest in Aussicht gestellt, daß wir uns die Frauenzimmer heute nacht mal so richtig vornehmen dürfen.“

Der Riese grinste plötzlich. „Ja, stimmt, ich kann mich daran erinnern. Du meinst also, es ist kein eigenmächtiges Handeln von mir, wenn ich die wilden Weiber an unserem kleinen Fest teilhaben lasse?“

„Genau das meine ich“, erwiderte Picou. Er grinste jetzt auch – noch ein wenig hinterhältiger und begieriger als Grand Duc.

Grand Duc dachte wieder nach, dann hob er den Kopf und sagte entschlossen: „Also gut. Ich fahre selbst mit dem Boot zur ‚Saint Vincent‘ ’rüber und hole die Frauenzimmer. Picou, du begleitest mich. Nimm noch zwei andere als Rudergasten mit, verstanden?“

„Ja.“ Picou drehte sich um und lief zu den Feuern zurück.

Wenig später schwamm das eine Beiboot der Piraten-Galeone, das die Männer zum Übersetzen auf die Insel benutzt hatten, frei im flachen Wasser der Lagune. Grand Duc, Picou und zwei andere Freibeuter setzten sich unter den Hochrufen der anderen auf die Duchten und pullten los.

3.

Sie hatten sich bis zum Vordecksschott der Backbordseite vorgepirscht, ohne auch nur den geringsten Laut zu verursachen. Andai öffnete behutsam das Schott zur Kuhl. Hauula war neben ihm, hinter ihnen drängten sich Mara, die beiden jungen Männer Numil und Moho, und weiter achtern im Schiffsgang standen geduckt die übrigen Mädchen, jungen Frauen und Männer.

Das Schott stand nun spaltbreit offen, und Andai und Hauula spähten über die Kuhl zu den drei Männern, die sie nahe der Gräting undeutlich sehen konnten.

„Wo ist der vierte?“ wisperte Hauula.

„Vielleicht auf dem Achterdeck“, gab Andai genauso leise zurück.

„Oder über uns?“

„Möglich ist es. Auf jeden Fall sind es vier Ankerwachen.“

„Wir müssen sie überlisten. Irgendwie.“

„Das schaffen wir nie“, flüsterte Andai. „Wir haben im Vordeck nur ein paar hölzerne Knüppel als Waffen gefunden. Damit können wir sie nicht überwältigen. Niemals!“

„Nur, wenn sie uns den Rücken zukehren“, raunte Hauula.

„Den Gefallen tun sie uns nicht.“

Sie wandte ihm das Gesicht zu und musterte ihn im Dunkel des Niedergangsschachtes. Er konnte ihre Augen schimmern sehen.

„Andai“, flüsterte sie. „Ich könnte dafür sorgen. Daß sie abgelenkt werden, meine ich. Ich gehe zu ihnen und dann …“

„… schießen sie dich nieder. Nein.“ Er hielt sie am Arm fest.

„Auf ein Mädchen schießen sie nicht.“

„Weißt du das?“

„Sie werden mich packen, um sich einen – einen Spaß mit mir zu erlauben. Ganz bestimmt tun sie es.“

Seine Finger schlossen sich noch fester um ihren Unterarm. „Und in der Zwischenzeit fallen wir über sie her? Ja, ich begreife schon, wie du das meinst. Aber es klappt nicht. Als erstes werden sie sich fragen, wie du überhaupt dein Verlies verlassen konntest. Hast du daran gedacht?“

„Still“, raunte sie.

Über ihren Köpfen waren jetzt dumpfe Laute zu vernehmen. Schritte – sie bewegten sich auf den Planken der Back, also auf dem Deck, das sich genau über ihnen erstreckte. Die Schritte polterten die Stufen des Niedergangs der Backbordseite hinunter. Andai, Hauula, Mara, Numil, Moho und die anderen erstarrten und hielten unwillkürlich den Atem an.

Eine Männerstimme sagte etwas in der seltsamen, für die Insulaner unverständlichen Sprache der Freibeuter. Mit den knarrenden Schritten, die sich zügig über die Planken bewegten, schien diese Stimme dem Vordecksschott näher und näher zu rücken.

Andai hätte das Schott jetzt gern wieder geschlossen, aber er wagte es nicht. Er ließ Hauulas Arm los und umklammerte mit beiden Händen fest den hölzernen Belegnagel, den er beim Durchsuchen des leeren Mannschaftslogis’ entdeckt hatte. Er hob die primitive Waffe und war bereit, sie dem Ankömmling kräftig übers Haupt zu ziehen.

„He!“ sagte draußen die Stimme. „Grand Duc und drei andere von uns pullen mit der Jolle herüber, habt ihr’s schon gesehen?“

„Nein“, antwortete eine der drei Ankerwachen bei der Kuhlgräting. „Hast du eine Ahnung, was die wollen?“

„Ja, ich hab so eine Ahnung, daß sie sich was zum Zeitvertreib holen wollen“, sagte der, der gerade von der Back heruntergestiegen war.

Die anderen drei lachten.

Andai, Hauula und ihre Brüder und Schwestern atmeten auf, denn die Stimme dieses Sprechers entfernte sich jetzt doch von ihnen. Im nächsten Moment vermochte Andai auch die Gestalt dieses Kerles zu sehen, denn der Pirat wanderte von der Backbord- zur Steuerbordseite des Schiffes hinüber, und das Schott versperrte dem Insulaner zu diesem Bereich der Galeone hinüber nicht die Sicht.

Der Mann von der Back gesellte sich zu seinen drei Kumpanen. Alle vier traten sie jetzt an das Schanzkleid der Steuerbordseite, lehnten sich leicht über und spähten in die Nacht.

„Ja, es stimmt, da kommt die Jolle“, sagte der eine.

Jolle – dieses Wort hatte Andai verstanden. Und er wußte auch, daß die „Saint Vincent“ ihre Steuerbordseite dem Strand der großen Lagune zugekehrt hielt. Die Wachtposten blickten jetzt also dort hinüber und mußten im flackernden Schein der Lagerfeuer die Umrisse des Bootes gut erkennen können.

Andai wandte sich zu den anderen um. „Das Boot – diesmal nähert es sich wirklich“, flüsterte er ihnen zu. „Wir müssen jetzt handeln. Jetzt oder nie …“

„Ich bleibe an deiner Seite, Andai“, wisperte Hauula.

Andai schob das Schott noch ein Stück weiter auf – gerade so weit, daß der Spalt groß genug war, um einen Mann seiner Statur durchzulassen. Dann glitt er als erster hinaus auf die Kuhl, gefolgt von Hauula. Nach und nach schlüpften auch die anderen ins Freie. Als die Hälfte der Insulaner das Vordeck verlassen hatte, befanden sich Andai und Hauula bereits auf der Höhe der Gräting, schlichen sich an die Rükken der vier Piraten heran und hoben die Koffeynägel, die sie beide in den Händen hielten.

Numil und Moho waren mit zwei, drei Schritten neben Andai und Hauula. Numil hatte sich mit einer Handspake bewaffnet, Moho verfügte nur über ein Stück Planke, das er aus der Werkstatt des Schiffszimmermanns hatte entwenden können.

Die vier braunhäutigen Gestalten wuchsen hinter den Piraten hoch. Bevor ihre Schlagstöcke auf die Köpfe der Freibeuter niedersausten, nahm der Mann von der Back eine vage Regung hinter sich wahr, wandte den Kopf und gewahrte im nächsten Atemzug Moho, der mit drohend verzerrter Miene direkt hinter ihm stand.

Der Mann von der Back gab einen heiseren Laut von sich, griff zur Pistole und wollte sie aus dem Gurt reißen, aber seine Reaktion erfolgte zu spät.

Moho schlug zu.

Im selben Moment ließen auch Andai, Hauula und Numil ihre Knüppel auf die Häupter der Gegner niederhageln. Alle Schläge waren gut gezielt und von größter Wirksamkeit. Die Franzosen brachen zusammen und sanken schlaff auf die Planken der Kuhl.

Andai hielt seinen Belegnagel bereit, um gleich noch einmal zuzuhauen, aber er sah, daß dies nicht nötig war. Die vier Piraten waren bewußtlos.

Andai blickte über das Steuerbordschanzkleid zu den Lagerfeuern und konnte nun auch die Konturen des näher gleitenden Bootes erkennen.

Hauula, Numil und Moho hatten sich über die reglosen Gestalten gebeugt und waren dabei, ihnen die Waffen abzunehmen – die Pistolen, Entermesser, Säbel und Messer.

Die anderen Insulaner huschten kreuz und quer über die Kuhl und bemächtigten sich einiger Musketen und Tromblons, die bei den Geschützen beider Batterien gegen das Schanzkleid gelehnt standen.

Andai wandte sich zu ihnen um. Sein Blick fiel auf das zweite Beiboot der „Saint Vincent“, das festgezurrt und mit einem Stück gewachstem Segeltuch bedeckt auf der Backbordseite der Kuhl lag.

„Rasch“, zischte er seinen Stammesbrüdern zu. „Wir müssen das Boot aussetzen und damit fliehen. Das Schiff können wir nie und nimmer aus der Lagune manövrieren, wir verstehen es nicht, mit so einem großen Segler umzugehen. Rasch, rasch.“

Numil, Moho und die anderen jungen Männer eilten auf das Beiboot, eine Jolle, zu und lösten die Zurrings. Sie zerrten die Persenning herunter und schickten sich an, das Boot zunächst hoch- und dann außenbords zu hieven, um es anschließend an Backbord abfieren zu können – da wurden sie jäh in ihrer hastigen Tätigkeit gestört.

Einer der vier Piraten von der Wachablösung, die beim Würfelspiel um einen wuchtigen Holztisch in der Mannschaftsmesse versammelt saßen, richtete sich plötzlich kerzengerade auf und wandte mit mißtrauischer Miene den Kopf.

„Was war das?“ sagte er. „Still! Habt ihr das nicht gehört?“

Sein Kumpan zur Rechten grinste und griff zur Muck, die bis zur Hälfte mit Rum gefüllt war. „Du glaubst doch wohl nicht, daß wir darauf hereinfallen, Henri. Hältst du uns wirklich für so dämlich?“

„Ich erzähle keine Witze. Ich habe jemanden stöhnen hören.“

„Stöhnen?“ wiederholte der, der ihm gegenübersaß. „Hölle und Teufel, du hörst und siehst wohl Gespenster, was?“

„Nein.“ Henri stand auf. „Ich gehe nach oben und sehe nach, was los ist.“

„Du hast zuviel Rum getrunken“, sagte der vierte. „Das ist es. He, wir sollten überhaupt mit der Sauferei aufhören, denn bald ist Wachwechsel. Masot und Grand Duc drehen uns die Hälse um, wenn sie uns stinkbesoffen bei der Mittelwache erwischen.“

Henri rückte seinen Hocker beiseite und schritt auf das achtern befindliche Schott der Mannschaftsmesse zu. Er öffnete es, wandte sich dem Niedergang zu, der ihn nach oben, ein Deck höher, führte und zog dabei vorsorglich seine Pistole.

„Er spinnt“, sagte der zweite Freibeuter in der Messe. Er hob die Muck an den Mund und nahm einen Schluck Rum. „Der Alkohol ist ihm wirklich zu Kopf gestiegen. Statt friedlich seine Freiwache abzusitzen, steckt er seine Nase in Angelegenheiten, die ihn nichts angehen.“

Der dritte erhob sich aber auch und zückte wie Henri seine Pistole. „Mag sein, aber sicher ist sicher“, sagte er. „Ich gehe mit Henri rauf an Oberdeck und sehe nach dem Rechten.“

Der vierte hob verwundert die Augenbrauen. „Verdammt, denkst du etwa, die Gefangenen …“

„Ich denke gar nichts, ich finde nur, wir müssen ständig auf der Hut sein, ganz gleich, ob wir Wache haben oder nicht. Ihr zwei – kontrolliert mal das Kabelgatt und das Verlies der Weiber. Hölle, glotzt mich nicht so blöd an. Sie können da nicht raus, das weiß ich so gut wie ihr, aber Vorsicht ist immer noch besser als plötzlich überrascht zu werden, oder?“

Damit war er beim Schott und stürmte Henri nach.

Die beiden anderen verließen die Messe leicht schwankenden Schrittes in der entgegengesetzten Richtung und wandten sich dem Vordeck zu. Wenige Augenblicke später sollten sie die erschütternde Feststellung treffen, daß das Kabelgatt und auch der Gefängnisraum der jungen Frauen und Mädchen verlassen waren.

Henri rannte ein Deck höher durch den Mittelgang der Hütte, stieß das Schott zur Kuhl auf – und sah die Polynesier, die an dem Beiboot hantierten. Er sah die reglos daliegenden Kumpane an der Steuerbordseite der Kuhl, sah Andai und Hauula und Mara, die verblüfft zu ihm herumfuhren – und dann brachte er seine Pistole in Anschlag auf die ausgebrochenen Gefangenen.

Andai duckte sich tief und lief auf den Piraten zu.

Henri stieß einen Fluch aus und krümmte den Zeigefinger um den Abzug der Pistole. Die Ladung zündete mit einem wahren Donnerhall. Schwer brach der Schuß, ein Feuerblitz stach auf Andai zu, und weißlicher Pulverqualm stieg zu den Rahen der „Saint Vincent“ auf.

Fast im selben Augenblick fiel ein zweiter Schuß. Numil hatte die Muskete, die er auf der Kuhl erbeutet hatte, hochgerissen und mit dem Kolben gegen seine rechte Schulter gestemmt. Er stand hinter einem Backbordgeschütz und hatte geistesgegenwärtig auf den französischen Piraten gezielt. Jetzt raste die Musketenkugel auf Henri zu. Während Andai sich durch einen tigerhaften Satz nach links in Deckung warf, beging Henri den großen, folgenschweren Fehler, sich nicht um einen Zoll von seinem Platz im offenen Achterdecksschott wegzurühren.

Die Kugel traf seine Brust und warf ihn zurück. Sein Körper prallte gegen den des nachdrängenden Piraten. Dieser Mann strauchelte und fiel, rapptelte sich aber flink wieder auf.

„Henri“, stammelte er entgeistert. „Teufel, was …“

Er sprach nicht weiter, denn er hatte jetzt den feuchten Fleck auf Henris Brust ertastet und spürte, daß jegliches Leben aus dem Leib des Kumpanen gewichen war.

Mit einem mörderischen Fluch sprang er zum offenen Schott vor.

Die anderen beiden Freibeuter aus der Mannschaftsmesse hatten sich derweil bis ins Vorschiff vorgearbeitet und trafen jetzt gerade Anstalten, dieses durch genau dasselbe Schott zu verlassen, das vorher auch die Insulaner benutzt hatten.

Moho feuerte seine Muskete auf Henris Kumpan ab, der gerade in dem offenen Schott der Poop erschien. Es nutzte diesem Franzosen nichts mehr, daß er sich auf die Planken warf. Die Kugel traf seinen Kopf. Er hatte die Gefahr, der er sich hatte stellen wollen, unterschätzt.

Hauula stieß einen Warnlaut aus.

Die Männer von Hawaii fuhren daraufhin zum Vordeck herum. Buchstäblich im letzten Augenblick konnten sie sich hinter dem Beiboot und den Geschützen verstecken und sich so vor den Kugeln schützen, die die zwei Freibeuter vom Vordecksschott aus auf sie abfeuerten.

Andai und ein anderer Insulaner rollten sich aus ihren Deckungen hervor und schossen aus zwei Pistolen, die sie vorher den Bordwachen abgenommen hatten, zurück, ehe die Piraten ihre leergeschossenen Musketen mit ihren Pistolen vertauschen konnten.

Der eine Franzose brach getroffen zusammen und blieb halb auf dem Niedergang, halb auf den Planken der Kuhl liegen. Sein Mitstreiter schrie auf, warf sich herum und ergriff die Flucht.

Zwei Polynesier hetzten ihm nach und waren im Vordeck verschwunden, bevor Andai sie daran hindern konnte.

Andai blickte zu den Stammesbrüdern, die sich mit dem Beiboot beschäftigt hatten. „Schnell, hievt das Boot hoch!“ rief er ihnen zu. „Wir müssen fort, ehe die anderen Kerle über uns herfallen! Gegen sie können wir uns nicht behaupten!“

Flüche in der Sprache der Freibeuter hallten vom Wasser der Lagune zu ihnen herüber.

Mara, die einen Blick über das Steuerbordschanzkleid riskiert hatte, fuhr erschrocken zu den ihren herum und sagte: „Das Boot! Es ist uns jetzt sehr nahe!“

„Andai“, stieß Hauula hervor. „Die Kanonen – sind sie nicht geladen?“

„Ich weiß es nicht“, antwortete er. „Und keiner von uns kann mit diesen Geschützen umgehen.“

Im Inneren des Schiffes krachte dumpf ein Pistolenschuß. Moho lief zum Vordecksschott, gefolgt von zwei anderen jungen Männern. Hauula hastete plötzlich auf das Kombüsenschott zu, das dicht daneben lag, riß es auf und tauchte in dem stockfinsteren Rechteck der Öffnung unter.

Andai verfolgte es verstört und wußte nicht, ob er das Mädchen zurückholen oder gewähren lassen sollte. Er stand für einen Moment recht ratlos da, wandte sich dann aber den übrigen Männern und jungen Frauen zu, die jetzt mit vereinten Kräften das Beiboot der Galeone hochhievten, indem sie die Zugtaue Hand über Hand durchholten. Die Taue liefen durch Taljen, die an der Großrah und der Fockrah befestigt waren. Langsam hob sich die Jolle.

Andai warf wieder einen Blick zum Vordeck und atmete auf, als er Moho und gleich darauf auch die anderen vier Stammesbrüder aus dem Schott stürmen sah. Moho gab durch eine Gebärde zu verstehen, daß der kurze Kampf gegen den vierten Mann der Wachablösung erfolgreich verlaufen war – zugunsten der Polynesier.

Hauula erschien mit einemmal auch wieder auf der Kuhl. Sie trug ein kleines, stark abgeflachtes Metallbecken in ihren Händen, balancierte es vorsichtig vor sich her und transportierte es zu dem ersten Steuerbordgeschütz der Piratengaleone.

Andai sah die Holzkohlenglut darin glimmen und begriff, was das Mädchen vorhatte. Wieder erstaunte es ihn, welche Tapferkeit Hauula an den Tag legte. Er lief zu ihr, half ihr, das Kohlebecken neben der Geschützlafette abzusetzen und griff dann instinktiv zu dem Luntenstock mit der Zündschnur, der mit dem anderen Zubehör der Kanone neben der Lafette bereitlag.

Hauula wies auf das Kohlebecken. „Ich habe es auf dem Kombüsenherd vorgefunden“, erklärte sie. „Die Piraten müssen es dort für alle Fälle bereitgehalten haben.“

„Und du meinst wirklich, daß die Kanone geladen ist?“ fragte Andai atemlos.

„Versuchen wir es wenigstens.“

Schüsse peitschten in der Lagune auf, Feuerblitze waren zu sehen. Andai und das Mädchen zogen augenblicklich die Köpfe ein. Die Jolle mit Grand Duc und den drei anderen Piraten darin – soviel hatte Andai durch einen raschen Blick über das Schanzkleid eben noch sehen können – war der Galeone wirklich bedrohlich nahe.

Andai deutete auf die Stückpforte. „Wir müssen diese Klappe öffnen, glaube ich. Hilf mir.“ Er zerrte an der Verriegelung der Pforte.

Numil und Moho glitten heran, um ihnen bei dem Vorhaben zu helfen.

Die anderen Polynesier hatten das Beiboot jetzt über das Backbordschanzkleid hinausbefördert und begannen, es in Lee abzufieren.

Heftiger strich der ablandige Wind über das Deck der Galeone.

Wieder fiel in der heranschwimmenden Jolle ein Schuß, und diesmal glaubte Andai die Kugel haarscharf über seinen Kopf hinwegpfeifen zu hören.

Er hatte die Verriegelung der Stückpforte gelöst. Numil zog sie vermittels des dazugehörigen Tampens auf, und sie konnten jetzt durch die Öffnung genau auf die Jolle mit den vier Seeräubern blicken.

Hauula und Moho mühten sich damit ab, das Rohr der Kanone zu senken und sie in Feuerstellung zu bringen. Sie schafften es aber erst, als auch Andai und Numil mit zupackten.

Die Mündung des schweren 17-Pfünders richtete sich durch den Lukensüll auf die Jolle der Piraten.

Andai und seine Freunde taten dies alles zum erstenmal in ihrem Leben, aber sie wußten in etwa, wie sie mit der Culverine umzugehen hatten, denn Thomas Federmann hatte es ihnen zumindest theoretisch beigebracht. Der Erfolg, den sie mit den Handfeuerwaffen im Kampf gegen die Piraten zu verzeichnen gehabt hatten, bestärkte sie in ihrem Unternehmen.

Ehe die Jolle sich noch näher an den Segler heranschieben konnte, hatte Andai die Lunte in der glühenden Holzkohle entfacht und senkte den Stock auf das Bodenstück der Culverine. Hauula, Moho und Numil wichen zu den Seiten fort und hielten die Hände gegen die Ohren.

Andai sah, wie die Glut von der Lunte auf das Pulver im Zündkanal des Bodenstückes übersprang, und hörte es vernehmlich knistern. Dann rückte auch er aus der unmittelbaren Nähe des Geschützes fort – keinen Augenblick zu spät.

Das Wummern der Explosion war ohrenbetäubend, Andai schützte seinen Kopf mit den Händen, weil er glaubte, die Culverine würde ihnen nun um die Ohren fliegen. Hauula stieß einen Schreckensschrei aus. Numil verlor vor lauter Aufregung das Gleichgewicht und stürzte auf die Planken.

Der 17-Pfünder raste auf seiner Lafette zurück und spuckte Feuer und Eisen aus. Das Deck erbebte und schien zerspringen zu wollen. Es mutete wie ein Wunder an, daß die Planken diesem höllischen Rumpeln und Zittern doch standhielten. Die Brook stoppte den Rückstoß. Plötzlich stand das Geschütz still.

Im Heulen der 17-Pfünder-Kugel war das Brüllen der Piraten in der Jolle zu vernehmen. Grand Duc und seine drei Begleiter schrien in Todesangst.

4.

Thomas Federmann grub und grub mit seinem Spaten, seine Hände hatten Blasen und waren an mehreren Stellen aufgeplatzt. Er keuchte und duckte sich unwillkürlich, als er einen mehrfachen Peitschenknall zu hören glaubte. Ließ Masot die Neunschwänzige jetzt ohne jeglichen Grund auf seinem Rükken tanzen? Hatte er die Geduld verloren? Wollte er ihn totschlagen?

Die Gespenster der Nacht schienen wieder aus dem Busch zu schlüpfen und über den entkräfteten Deutschen herzufallen. Thomas fühlte es in seinem Kopf tosen und wirbeln, wankte wieder und vernahm kaum noch die Stimme Masots, die rief: „Teufel, was ist denn da unten in der Lagune los? Was …“

Wieder knallte es – zweimal kurz hintereinander.

„Das kommt von der ‚Saint Vincent‘“, sagte Gugnot verdattert.

Und Saint Cyr stieß fassungslos aus: „Beim Donner, das hört sich ja ganz so wie ein Überfall an.“

Masot drehte sich um, lief los und rief ihnen nur noch zu: „Paßt auf diesen Hurensohn von einem Deutschen auf! Ihr büßt mir mit eurem Kopf dafür, wenn er euch entwischt!“ Mit seinen letzten Worten verschwand er bereits im Dickicht, das die kleine Lichtung umsäumte.

Thomas Federmann sank auf die Knie.

Er kauerte jetzt in der fast einen Yard tiefen Grube, die weniger das Versteck eines riesigen Schatzes als vielmehr der Ort zu sein schien, an dem er sich zur ewigen Ruhe betten würde.

Sein Grab!

„Aufstehen und weitergraben, du Satansbraten!“ schrie Saint Cyr ihn an. „Bilde dir bloß nicht ein, du könntest jetzt faulenzen, weil Masot fort ist!“

„Wird’s bald?“ rief Gugnot.

Das Grollen, das jetzt von der Lagune herauftönte, schien geradewegs den Schlünden der Finsternis zu entspringen. In einer grausigen Vision sah Thomas all die Dämonen und Teufel, die Zerberusse und Schimären, die am Tag der großen Abrechnung wohl dem Jenseits entschlüpfen mußten, um auf Erden die Apokalypse herbeizuführen.

„Das war eine von unseren Kanonen“, stieß Saint Cyr entsetzt hervor. Er drehte sich um, trat an den westlichen Rand der Lichtung und reckte in der Hoffnung, dort unten in der Lagune etwas Genaueres erkennen zu können, den Hals.

Gugnot blickte von Thomas Federmann zu Saint Cyr und von dem Kumpanen zurück zu dem erschöpften Deutschen. Er wußte plötzlich nicht mehr, wie er sich verhalten sollte. Sollte er Federmann hochpeitschen – oder verlangte das Geschehen in der Inselbucht ihre volle Aufmerksamkeit? Wurden sie dort gebraucht?

„Mist“, fluchte er. „Was wird hier gespielt? Was ist los, he? Was, Saint Cyr?“

„Weiß ich das? Ich sage dir nur, das war eine unsrer Culverinen, da bin ich ganz sicher. Wessen Kanonen sollten hier wohl auch sonst in die Gegend feuern?“

Thomas hockte immer noch schwitzend und entkräftet in der ausgehobenen Grube, aber sein Geist war jetzt wieder imstande, klare Gedanken zu fassen.

Nein, du bist nicht verrückt, sagte er sich, noch hat die Stunde deines Unterganges nicht geschlagen. Noch hast du eine Chance.

Er wandte den Kopf, öffnete die Augen und sah Saint Cyr und Gugnot dort drüben, keine drei Yards entfernt, am Rand der Lichtung. Blickten sie nicht über das Dickicht hinweg nach Westen – zum Inselstrand? Sie hatten ihm den Rücken zugekehrt.

Er hielt den Atem an.

Dann kroch er so vorsichtig wie möglich aus der Grube heraus.

Er robbte von dem elenden, modrig riechenden Loch fort, fühlte, wie der Hauch des drohenden Todes von ihm abglitt und schöpfte neue Hoffnung. Ein unbändiger Lebenswille beseelte ihn plötzlich. Er ahnte, was auf der „Saint Vincent“ vorgefallen war.

Er kroch weiter, immer weiter, und erreichte das schützende Gebüsch.

Saint Cyr drehte sich um, um einen prüfenden Blick auf den Gefangenen zu werfen, von dem er annahm, daß dieser nach wie vor schwer atmend und unfähig, sich zu regen, in der Grube kauerte.

Gugnot zuckte zusammen, als Saint Cyr einen heiseren Schrei ausstieß.

„Da! Er haut ab!“ rief Saint Cyr. „Verfluchter Mist, der Hund türmt! Gugnot, so tu doch was, du Idiot!“

Gugnot wirbelte herum. Saint Cyr hatte seine Muskete in Anschlag gebracht und drückte auf die Gestalt des Deutschen ab, die soeben im Dikkicht verschwand. Der Schuß blaffte über die Lichtung, aber die Kugel traf nicht.

Thomas Federmann hatte sich im Dickicht halb aufgerichtet und arbeitete sich schneller voran. Die Musketenkugel schlug hinter seinen nackten Füßen in den weichen Untergrund.

Fluchend nahmen die Piraten die Verfolgung auf.

Thomas lief um sein Leben.

Masot sah nicht, wie die 17-Pfünder-Kugel dicht bei der Jolle ins Wasser der Lagune schlug und eine mächtige Fontäne hochriß. Er wurde nicht Zeuge, wie die Woge, die sich aus der Fontäne entwickelte, auf das Boot zulief und es zum Kentern brachte. Ja, Grand Duc, Picou und die anderen beiden Freibeuter befanden sich in derart ungünstiger Position, daß die Welle ihr Fahrzeug glatt umwarf. Zu allem Übel hatten sie auch noch die Riemen eingeholt, um ihre ganze Konzentration dem Musketen- und Pistolenfeuer widmen zu können, das sie auf die Eingeborenen auf der Kuhl der „Saint Vincent“ eröffnet hatten – und so verfügte die Jolle über weitaus weniger Stabilität im Wasser als mit ausgefahrenen Riemen.

Sie kenterte also, und Grand Duc, Picou und die anderen beiden landeten in den Fluten. Das Naß erstickte ihre lästerlichen Verwünschungen, und sie konnten heilfroh sein, daß sie nicht von dem niedersausenden Dollbord getroffen und erschlagen wurden.

Sie strampelten unter Wasser mit den Beinen und tauchten wieder auf, und Grand Duc fand als erster die Sprache wieder.

„Wir schwimmen“, keuchte er. „Wir schwimmen zum Schiff und entern und bringen sie alle um.“

Er zog sein Entermesser aus dem Gurt und schob sich die Klinge zwischen die Zähne. Er verging fast vor Wut auf die Feinde, schloß kurz die Augen, öffnete sie wieder und glitt mit weit ausholenden, kräftigen Zügen auf die Galeone zu. Picou und die anderen folgten seinem Beispiel.

Sie rechneten damit, von einem zweiten Kanonenböller empfangen zu werden. Deshalb hatte Grand Duc nichts Eiligeres zu tun, als sich und seine Mannen in die Nähe der schwarz aufragenden Bordwand zu bringen. Dort befanden sie sich im toten Schußwinkel – zumindest, was die Culverinen betraf. Mit Musketen und Tromblons und Pistolen konnten die Gegner immer noch auf sie feuern.

Grand Duc erreichte die Bordwand und stellte in ohnmächtigem Zorn fest, daß die Jakobsleiter, die hier vorher heruntergebaumelt hatte, jetzt verschwunden war.

Er trat Wasser und überlegte krampfhaft, was zu tun sei. Wie sollten sie entern, wenn sie keine Taue und Haken zur Verfügung hatten?

Es gab nur noch eine vernünftige, wenn auch zeitraubende Möglichkeit, an Bord der Galeone zu gelangen. Er mußte bis zum Ruder schwimmen und daran hochklimmen.

Grand Duc zögerte nicht. Er schwamm weiter, gelangte an das Heck des Dreimasters, tastete sich an das Ruderblatt, umklammerte es, holte zwischen seinen Zähnen und der dazwischen festgeklemmten Entermesserklinge ein paarmal tief Luft und kletterte dann hoch, dem Hennegat und dem Rudersteven entgegen.

Masot hatte derweil den Inseldschungel hinter sich gebracht und stürmte unter Palmen, die stark vom Ostwind gekrümmt wurden, auf den Strand zu.

Er sah jetzt endlich die Lagerfeuer, die ziemlich weit heruntergebrannt waren, und erkannte die Gestalten seiner Leute. Vergebens suchte er mit dem Blick nach Grand Duc.

Die Piraten standen dicht bei der Brandung und hielten die Augen auf die Lagune und die „Saint Vincent“ gerichtet. Stumm waren sie jetzt, betreten wirkte ihre Körperhaltung, alles Grölen und Singen und Trinken und Witzereißen war vergessen.

An einer der größten Kokospalmen hing der hölzerne Käfig mit dem Tau. Zegú, der König von Hawaii, hatte sich in seinem Verlies aufgerichtet, hielt die Gitterstäbe mit den Händen umschlossen und sah unverwandt zu der Galeone hinüber.

„Pele, Pele“, murmelte er immer wieder. „Feuerspeiende Göttin der Vulkane, hilf meinen Brüdern und Schwestern, daß sie entkommen. Um mein Leben ist es nicht schade, mir ist nicht mehr daran gelegen, dieses Eiland zu verlassen, aber sie sind alle noch jung, sie sind die Zukunft unserer Heimat, Pele.“

Masot langte schwer atmend bei seinen Männern an. Er spähte über ihre Schultern und sah jetzt undeutlich etwas im Wasser – nicht weit von der Galeone entfernt. Wellenringe liefen in der Nähe des seltsamen Gegenstandes auseinander oder leckten über ihn weg.

„Was ist das?“ brüllte Masot seine Meute an. „Das dort – was in aller Welt ist das für eine Teufelei?“

„Das ist unsere Jolle“, sagte einer der Kerle.

Masot stieß einen japsenden Laut aus, rang nach Luft. „Sie ist …“

„Gekentert“, sagte ein beherzter Freibeuter. Und er berichtete Masot auch gleich das, was sich seit dem ersten Schuß an Bord der „Saint Vincent“ ereignet hatte.

Masot taumelte und suchte nach einem Halt. „Das kann nicht sein. Die dreckigen Hunde, die braunen Bastarde – sie sind ausgebrochen und jetzt – jetzt wollen sie mit unserem Schiff türmen?“ Er blickte sich wild nach allen Seiten um. „Ein Boot! Ich brauche sofort ein Boot!“

„Die zweite Jolle befindet sich noch an Bord der ‚Saint Vincent‘“, sagte der Kerl. „Folglich sind uns die Hände gebunden, Masot.“

„Nein!“ schrie Masot. „Lieber schwimme ich zu meinem Schiff, als daß ich dastehe und tatenlos zusehen muß, wie …“

Er brach ab, um sich seinen Rock vom Leib zu reißen.

„Moment, da entert jemand am Ruder der ‚Saint Vincent‘ auf“, sagte plötzlich einer der Piraten. „Hölle, ich verwette meinen Kopf darauf, daß es Grand Duc ist!“

„Stimmt!“ pflichtete ihm sofort ein anderer Kerl bei. „Und Picou ist dicht hinter ihm.“

Die Freibeuter sprachen plötzlich durcheinander.

„Sie sind also nicht ertrunken!“

„Sie leben – alle vier!“

„Sie schaffen es!“

„Still“, zischte Masot. „Wollt ihr die Kanaken etwa warnen, ihr Satansbraten? Grand Duc hat einen Überraschungsangriff auf sie vor – und den führt er auch radikal durch, das kann ich euch versichern. Schweigt, damit die braunen Hurensöhne nichts von dem, was er plant, merken.“

Er trat ein paar Schritte nach rechts, senkte sein bärtiges Haupt und sah angestrengt zur Galeone hinüber. „Grand Duc, mein ganzer Dank gebührt dir, wenn du es fertigbringst, die ‚Saint Vincent‘ zurückzuerobern“, sagte er. „Und du kannst es. Ich weiß, daß du es kannst. Nur zu, Freund, zeig es diesen Bastarden, wie du mit ihnen umspringst.“

Langsam drehte er sich zu Zegú um, der immer noch aufrecht in seinem hängenden Holzkäfig stand. „Und mit dir“, flüsterte Masot. „Mit dir rechne ich nachher noch gründlich ab. Du hast deine Leute aufgewiegelt, als du noch an Bord der ‚Saint Vincent‘ warst. Nur weil du es ihnen befohlen hast, haben sie diesen Ausbruch gewagt. Ich weiß nicht, wie sie das geschafft haben, aber du wirst dafür büßen.“

Er hob die Faust und schüttelte sie zu Zegú hinüber.

Zegú maß ihn mit einem so kalten und verächtlichen Blick, daß Masot am liebsten seinen Schiffshauer gezückt und ihn damit umgebracht hätte.

5.

Die „Isabella“ krängte schwer nach Steuerbord. Mit Backbordhalsen hoch am Wind segelnd, hielt sie den vom Seewolf befohlenen Südkurs, aber es wurde für Rudergänger Pete Ballie und die Deckswache, die die Segelmanöver durchzuführen hatte, immer schwerer, nicht davon abzuweichen.

„Sir!“ rief Carberry von der Kuhl zum Quarterdeck hoch. „Mir scheint, der Wind dreht noch weiter und pfeift uns gleich aus Südosten entgegen!“

Der Seewolf hatte Pete Ballie im Ruderhaus einen kurzen Besuch abgestattet, jetzt trat er wieder aufs Quarterdeck hinaus und hielt mit nachdenklicher Miene die Nase in den Wind.

„Ja“, sagte er. „Donegal behält also doch recht mit seiner Vorhersage. Und auch der Rest wird wohl zutreffen.“

„Wir kriegen Sturm!“ rief Siri-Tong vom Achterdeck her.

„Ben, Ed!“ schrie der Seewolf. „Laßt vorsorglich die Manntaue spannen und haltet die Sturmsegel bereit!“

„Aye, aye, Sir!“

Hasard wandte sich zum Ruderhaus um und sagte im zunehmenden Heulen des Windes: „Pete, abfallen! Ruder etwas Steuerbord!“

„Abfallen, Sir“, wiederholte Pete Ballie. Das Rad drehte sich unter seinen schwieligen Händen. „Ruder liegt etwas Steuerbord.“

„Abfallen“, gab Ben Brighton, der auf dem Backbordniedergang zur Kuhl stand, den Befehl weiter. Die Crew bestätigte ihn.

„Sir!“ schrie hoch über den Köpfen der Männer und der Roten Korsarin plötzlich Bill, der Moses. Er hatte sich auf seinem Posten, dem Großmars, kerzengerade aufgerichtet und wies mit der ausgestreckten Hand Steuerbord voraus. „Ich sehe Licht! Steuerbord voraus!“

Hasard und alle anderen auf den Decks fuhren herum und blickten in die von Bill angegebene Richtung. Hasard sah noch das Zucken des Feuerblitzes in der Ferne, dann hörte er trotz des Jaulens und Summens des Windes das tiefe Grollen, das über die gefurchte See heranrollte.

„Kanonendonner“, sagte er.

„Nur ein einziger Schuß, Sir!“ rief Bill. „Es scheint kein weiterer abgegeben zu werden. Aber ich habe ein paar schwächere Blitze gesehen.“

„Schwächere Blitze?“ brüllte Carberry zum Großmars hinauf. „Was zum Teufel meinst du Kakerlak damit? Drück dich gefälligst deutlicher aus, oder du kriegst es mit mir zu tun.“

Hasard war an die Querbalustrade des Quarterdecks getreten und blickte zu den Männern, die er wie schemenhafte Wesen auf der Kuhl hin und her eilen sah. Carberry stand wie ein allgewaltiger Felsen in ihrer Mitte.

„Ed!“ rief er ihm zu. „Ich schätze, es könnte sich um Musketenfeuer gehandelt haben.“

„Aber ich hab’s nicht krachen hören, Sir!“

„Der Wind heult zu laut, und die See rauscht zu stark, Ed. Wir haben nur den Kanonenböller vernehmen können.“

„Jawohl, Sir. Wir haben da also ein fremdes Schiff vor der Nase?“

„Wahrscheinlich“, erwiderte der Seewolf.

Dan O’Flynn rief: „Was denn wohl sonst, Profos? Eine Reiterschwadron mit Kanonen vielleicht – oder eine fliegende Festung?“

„Mister O’Flynn!“ brüllte Carberry, daß es von den Querwänden der Schiffskastelle widerhallte. „Es könnte immerhin angehen, daß es eine Inselfestung ist, von der aus in die Gegend geballert wird, oder? Dein schwacher Geist braucht eine zünftige Behandlung, du Stint!“

„Ruhe!“ schrie der Seewolf. „Pete, weiter abfallen. Ruder Steuerbord!“

„Ruder liegt Steuerbord, Sir!“

„Abfallen, ihr Rübenschweine!“ tönte Carberrys Stimme über die Kuhl. „Habt ihr nicht gehört? He, ihr triefäugigen Seegurken, muß ich euch erst wachrütteln, was, wie?“

„Gott bewahre uns davor“, sagte der Kutscher, der soeben die Kombüse verlassen hatte, um sich an den Manövern zu beteiligen.

Philip und Hasard, die Zwillinge, waren jetzt auch an Oberdeck und lachten hinter der vorgehaltenen Hand. Carberry gewahrte sie, brüllte sie an und scheuchte sie quer über die Kuhl, damit sie beim Spannen der Manntaue mithalfen, und ihr Lachen war jetzt wie weggewischt.

Sir John, der karmesinrote Aracanga, schrie von irgendwoher seine wüsten Flüche, und zwar auf englisch und auf spanisch. Arwenack, der Schimpanse, hatte den Großmars, wo er Bill Gesellschaft geleistet hatte, verlassen und turnte kekkernd in der Takelage herum.

Es herrschte Aufregung an Bord.

„Den Feuerblitz ansteuern, Pete!“ rief der Seewolf.

„Aye, Sir. Ich hab’s mir gemerkt, wo die Stelle war!“ rief Pete Ballie aus dem Ruderhaus zurück.

Höher türmten sich die Wellen auf, dichter ballten sich die schwarzen Wolken am Nachthimmel zusammen. Gischt sprühte am Bug und an den Bordwänden der „Isabella“ hoch und näßte die Decksplanken und die Gestalten der Männer und der schwarzhaarigen Frau.

Siri-Tong war dicht neben Hasard getreten und fragte: „Sollten wir nicht lieber die Sturmsegel setzen?“

„Noch nicht“, erwiderte er. „Ich will so viel Fahrt wie möglich laufen und den Punkt erreichen, an dem geschossen wurde.“

Die „Isabella“ segelte immer noch mit Backbordhalsen und über Steuerbordbug liegend, aber die Gefahr, daß die Segel zu killen begannen, war gebannt, denn der Wind blies jetzt zwar steif bis stürmisch aus Südost, doch der neue Kurs lag Richtung Südwesten an.

„Was meinst du?“ fragte die Rote Korsarin vorsichtig. „Ob das wohl die ‚Saint Vincent‘ gewesen sein könnte?“

Hasard wandte den Kopf und blickte sie an. „Zu solch einer Hoffnung mag ich mich nicht versteigen. Ich kann nach wie vor nur alles dem Zufall überlassen. Was immer der Anlaß für die Schüsse war, was immer wir dort im Südwesten vorfinden – ich kann erst urteilen und handeln, wenn ich weiß, mit wem ich es dort zu tun habe.“

Sie richteten beide ihren Blick voraus und warteten darauf, wieder einen Feuerblitz in der Nacht zu sehen.

Aber es fielen keine Schüsse mehr.

Die „Isabella“ kämpfte sich mit gut sieben Knoten Fahrtgeschwindigkeit durch die stark kabbelige See und schien es selbst eilig zu haben, den Dingen auf den Grund zu gehen.

Grand Duc hatte es nie bedauert, daß die „Saint Vincent“ keine Heckgalerie hatte wie viele andere Segelschiffe ihrer Zeit, aber jetzt, als er triefendnaß mit dem Entermesser zwischen den Zähnen an dem riesigen Steuerruder hochkletterte, verfluchte er diese Tatsache. Eine Heckgalerie hätte sein Unternehmen wesentlich erleichtert. Er hätte sich über die Reling schwingen und in die Kapitänskammer eindringen können, um von dort aus quer durch die Hütte bis auf die Kuhl zu gelangen. So aber mußte er ganz bis zum hoch aufragenden Heck hinaufklettern.

Gewiß, er hätte eins der Bleiglasfenster der Kapitänskammer zertrümmern können, aber dieses Geräusch hätten die Insulaner zweifellos vernommen. Sie wären daraufhin sofort mit ihren Beutewaffen herbeigeeilt und hätten vom Achterdeck aus ein Zielschießen auf ihn, Grand Duc, und auf Picou und die beiden anderen Kerle veranstaltet.

Grand Duc arbeitete sich folglich vom Hennegat aus an den hölzernen Verzierungen des Schiffshecks hoch, um das Achterdeck zu erreichen. Er glitt zweimal mit den Händen ab und unterdrückte einen fürchterlichen Fluch, aber dann hatte er es endlich doch geschafft und konnte an der großen eisernen Hecklaterne vorbei über die Handleiste der Reling auf den hinteren Teil des Achterdecks entern.

Hier verharrte er geduckt.

Er hatte erwartet, daß die Polynesier wieder auf ihn und seine Kumpane schießen würden. Waren sie denn wirklich so einfältig, zu glauben, daß alle vier Piraten aus der Jolle ertrunken oder vom kenternden Boot erschlagen worden waren?

Nein. Unmöglich. Sie konnten nicht so dumm sein. Vielmehr hatten sie sich jetzt wohl gesagt, daß es klüger sei, sich still zu verhalten und den Feinden auf dem Deck der Galeone aufzulauern.

Eine Falle also.

Grand Duc wandte sich zu Picou um, der in diesem Augenblick über die Heckreling kroch. Er gab ihm ein Zeichen, sich vorsichtig zu verhalten.

Picou begriff und verständigte seinerseits die beiden anderen Piraten.

Kurz darauf bewegte sich das Quartett auf allen vieren über die Planken des Achterdecks. Grand Duc befand sich an der Spitze seines kleinen Stoßtrupps. Er hatte das Entermesser in die rechte Faust genommen. Jeden Moment rechnete er mit einem Angriff der Insulaner aus dem Hinterhalt. Er war sich im klaren darüber, daß sie den ausgebrochenen Geiseln gegenüber ohne Handfeuerwaffen auf jeden Fall unterlegen waren.

Trotzdem drang er immer weiter vor. Die Wut und der Haß, die in ihm gärten, und der draufgängerische Mut des hartgesottenen Karibik-Piraten, der vor nichts zurückschreckte, trieben ihn voran.

So langte er bei der Schmuckbalustrade an, die den Querabschluß zur Kuhl bildete.

Der Wind – jetzt aus Südosten wehend – strich pfeifend über die Insel und die Lagune und setzte dem Wasser eine kräuselnde Dünung auf. Die „Saint Vincent“ bewegte sich schwerfällig und schwojte an der Ankertrosse, ihre Blöcke und Rahen knarrten, das Wasser umspülte gurgelnd ihren Rumpf. Dies war die unheimliche Begleitmusik zu der wahrhaft gespenstischen Szene, die sich Grand Ducs Augen bot.

Er spähte zwischen zwei Pfosten der Schmuckbalustrade hindurch und konnte fünf reglose Gestalten erkennen. Vier lagen am Steuerbordschanzkleid, eine im offenen Vordeckschott. Grand Duc, dessen Augen sich ziemlich gut auf die Dunkelheit eingestellt hatten, sah, daß es sich nicht um Eingeborene von Hawaii, sondern um die Wachtposten des Schiffes handelte. Aus ihrer Kleidung konnte er dies eindeutig schließen.

Von den Insulanern war nichts zu entdecken.

Grand Duc beschloß, die Lage zu forcieren, sein Schicksal sozusagen herauszufordern, und richtete sich an der Schmuckbalustrade auf. So bot er etwaigen Heckenschützen seinen gewaltigen Oberkörper als Zielfläche dar.

Aber kein Schuß fiel.

Grand Duc lehnte sich etwas vor, spähte senkrecht nach unten und sah eine sechste Gestalt auf der Kuhl liegen – verkrümmt und augenscheinlich ohne einen Funken Leben im Leib. Es war einer der Piraten, die sich zur Wachablösung in der Mannschaftsmesse bereitgehalten hatten. Bis zum Achterdecksschott hatte er es geschafft, weiter nicht. Unter seinem Körper hatte sich eine dunkle Lache gebildet.

Grand Duc sah weder Picou noch die beiden anderen tropfnassen Männer neben sich. Er befand sich wie in Trance, als er jetzt zum Niedergang hinüberschlich, die Stufen hinunterstieg und auf die Kuhl trat.

Wenn sie ihn töten wollten, dann war dies die ideale Gelegenheit dazu.

Aber niemand griff ihn an, er konnte ungehindert zu dem Toten vor dem Achterdecksschott gehen und ihn einer kurzen Untersuchung unterziehen. Grand Duc konnte auch zu den vieren am Steuerbordschanzkleid hinüberwechseln und zu seinem Erstaunen registrieren, daß zwei von ihnen sich soeben bewegten und nach den Beulen an ihren Hinterköpfen tasteten, wobei sie üble Verwünschungen ausstießen. Grand Duc, Masots rechte Hand, begriff, daß alle vier nur bewußtlos geschlagen worden waren. Erst dann drehte er sich um, blickte nach Backbord und stellte fest, daß die zweite Jolle fehlte.

Nein, er hatte von seinem Boot aus nicht sehen können, wie die Insulaner die zweite Jolle hochgehievt und dann außenbords abgefiert hatten. Jetzt erst fand er die Erklärung für die lange Feuerpause, für die geisterhafte Stille, die nach dem Gefecht eingetreten war – und er stürmte zum Backbordschanzkleid.

Keine Jakobsleiter, nur zwei Taue waren dort belegt worden. Grand Duc lehnte sich über die Handleiste und sah die Taue außenbords baumeln. Daran also waren sie hinuntergehangelt.

„Picou!“ schrie er blind vor Wut.

Er hob den Blick etwas, spähte in die tiefe Finsternis der Lagune hinaus und glaubte plötzlich, die Umrisse der davongleitenden Jolle zu erkennen. Er wußte, daß es genausogut eine Täuschung sein konnte, aber er klammerte sich an diese letzte Möglichkeit, die Tat der Gefangenen zu vergelten.

„Picou, zu mir!“ brüllte er, dann löste er sich von dem Schanzkleid, eilte nach vorn und erklomm die Back mit zwei mächtigen Sätzen. Er stürzte an die linke der beiden auf der Balustrade der Back montierten Serpentinen, und dann erschien auch Picou, der natürlich begriffen und in aller Eile das Kupferbecken mit der immer noch glimmenden Holzkohle darin von der Kuhl mitgebracht hatte. Es war das Becken, in dem Andai kurz zuvor die Lunte für den 17-Pfünder entzündet hatte.

Grand Duc drehte das leichte Geschütz in der Gabellafette und richtete die Mündung auf jenen Punkt in der westlichen Lagune, an dem er die Jolle gesehen zu haben glaubte.

Picou entfachte die Lunte, als Grand Duc die Serpentine justiert und festgeschraubt hatte. Grand Duc entriß ihm den Luntenstock und zündete die Ladung selbst.

Die Serpentine krachte und rüttelte an der Gabellafette, als wollte sie sie aus der eisernen Verankerung reißen. Im Aufzucken des Mündungsblitzes glaubten Grand Duc und Picou die Jolle mit den Flüchtigen für einen Augenblick zu erkennen, aber dann erlosch der Schein, und die Wahrnehmung ging im finsteren Nichts unter.

Rauschend stieg eine Wasserfontäne auf, aber das Bersten von Holz und die Schreie tödlich Verwundeter blieben aus.

Grand Duc feuerte auch die zweite Serpentine ab – mit dem gleichen Mißerfolg. Zwei dröhnende Schüsse waren wirkungslos in der Nacht verpufft.

„Unsere Jolle bergen“, stieß Grand Duc hervor. Seine Schläfen- und Halsadern traten beängstigend hervor, soviel vermochte Picou trotz der Dunkelheit zu sehen. „Sie aufrichten, das Wasser ausösen, an Land und die Kameraden holen. Wir müssen ankerauf gehen und diesen Teufeln nachsegeln, wir …“

Er entdeckte die beiden anderen Kumpane. Sie hatten soeben die Back geentert und schnitten betretene Mienen.

„Habt ihr die Schiffsräume durchsucht?“ fragte Picou. „Nun redet doch schon! Was habt ihr gefunden?“

„Einen Toten im Vordeck“, erwiderte der linke der beiden Kerle.

„Ist es einer dieser braunen Hunde?“ fuhr Grand Duc ihn an.

„Nein. Einer von uns.“

„Und im Achterdecksgang liegt Henri. Er ist auch tot“, erklärte der andere leise.

Grand Duc sprach stockend, als bereite es ihm ungeheure Schwierigkeiten. „Die Geiseln – sind sie alle …“

„Sie sind alle geflohen, Grand Duc, daran besteht kein Zweifel“, sagte Picou. Die beiden anderen bestätigten es durch Kopfnicken.

„Die Jolle!“ brüllte Grand Duc sie an. „Die Jolle bergen, ihr Hunde!“ Er blieb stehen, als sie davonstoben und schüttelte den Kopf, als müsse er eine vernichtende Last abwerfen. Dann erst fiel ihm ein, daß er sich um ein Detail von außerordentlicher Wichtigkeit bislang noch nicht gekümmert hatte.

„Der Schatz“, murmelte er bestürzt. „Mon Dieu, der Schatz …“

Er verließ die Back, raste über die Kuhl, sprang über die Leichen, die den Achterdecksgang versperrten, und langte keuchend bei der Tür zur Kapitänskammer an. Er riß sie auf, stürzte zum Pult, öffnete die Schublade, entnahm ihr einen großen eisernen Schlüssel, verließ die Kammer wieder und eilte ein Deck tiefer zu einem verborgen liegenden Raum, zu dem nur Masot den Schlüssel hatte. Daß der Schlüssel im Kapitänspult aufbewahrt wurde, hatte er nur Grand Duc anvertraut.

Der Riese öffnete mit fliegenden Fingern die Tür. Er konnte nicht erkennen, was dahinterlag, als er sie aufzog, tat zwei tastende Schritte vorwärts und strauchelte dann fast über die schwere Truhe, die unverändert in der Mitte des engen, niedrigen Raumes stand.

Er bückte sich und öffnete sie, und er lachte heiser auf, als seine Finger bei der ersten flüchtigen Untersuchung voll in die prasselnden Gold- und Silberstücke griffen.

Pieces of eight. Achterstücke. Spanische Piaster, mehr als eine halbe Million davon. Thomas Federmann hatte sie ihnen ausgehändigt, als sie Hawaii besetzt hatten. Er hatte es tun müssen, es war ihm nichts anderes übriggeblieben, denn sonst hätte Masot alle Männer der Insel töten und die Frauen vergewaltigen lassen.

Grand Duc forschte weiter. Auch die zweite, kleinere Truhe, war noch da. Er hob auch ihren Deckel und stellte zu seiner Erleichterung fest, daß der Inhalt komplett war. Smaragdbesetzte Ketten, Armreifen und Diademe – „Esmeraldas“ aus Neu-Granada.

Grand Duc hatte nicht die geringste Ahnung, wie dieser Deutsche jemals an die grünen Diamanten herangekommen sein mochte, aber er maß dem auch keinerlei Bedeutung bei. Mochte es Federmanns Geheimnis bleiben, die Hauptsache war, daß die auf Hawaii erbeuteten Schätze noch vollständig vorhanden waren. Bei ihrer Flucht hatten die Insulaner keine Zeit und keine Gelegenheit gehabt, noch danach zu suchen.

Grand Duc schloß den Raum ab, brachte den Schlüssel wieder in die Kapitänskammer und kehrte zu den Kumpanen auf die Kuhl zurück.

Der Wind hatte zugenommen und heulte mit Sturmstärke über die Lagune, das konstatierte er sofort. Die Lagune lag geschützt zwischen der großen Insel, kleineren Eilanden und Riffen, hier konnte kein starker Seegang entstehen, aber draußen, auf dem offenen Meer, mußten die Wogen jetzt höher und höher steigen.

Picou wandte sich zu dem Riesen um und rief: „Grand Duc, wenn diese braunen Huren und Hurenböcke zwischen den Riffen hindurch auf die offene See pullen, dann haben sie ihr Todesurteil selbst unterschrieben. Sie werden alle ersaufen, die Hunde, denn das Wetter hat eben erst begonnen und wird noch schlimmer werden.“

Grand Duc blieb stehen. Seine Züge hellten sich plötzlich etwas auf. „Ich schätze, das nimmt uns ein hübsches Stück Arbeit ab, Picou. Laß sie krepieren, die Kanaken, sie haben es nicht anders verdient.“

6.

Bill, der Moses, meldete sich zwar sofort wieder aus dem Großmars, als im Südwesten die zwei Geschützfeuer kurz hintereinander losdonnerten, aber er hätte seinen Kapitän nicht darauf hinzuweisen brauchen, denn dieser hatte die ganze Zeit über aufmerksam vorausgespäht und das Aufblitzen der Kanonen im selben Moment wie sein Ausguck bemerkt.

„Al!“ rief er seinem Stückmeister und Waffenexperten zu. „Was für eine Art von Geschütz war das deiner Ansicht nach?“

„Hörte sich an wie das Feuer von zwei Minions!“ rief Al Conroy von der Kuhl aus zurück. „Aber genausogut können es Hinterlader gewesen sein, also Drehbassen oder Serpentinen.“

„Du schätzt also, daß es auf jeden Fall Schiffsgeschütze waren?“

„Darauf würde ich fast meine Mütze verwetten.“

„Potztausend!“ rief der Profos. „Wer will denn deine speckige Mütze schon haben?“

Siri-Tong, die immer noch neben dem Seewolf auf dem Quarterdeck stand, konnte sich ein leises Auflachen nicht verkneifen. Hasard hatte das Spektiv auseinandergezogen und vors Auge gehoben, drehte daran herum und versuchte, etwas zu erkennen und die Schärfe richtig einzustellen. Aber vor ihm lag wieder das unendlich wirkende, tiefschwarze Dunkel der Nacht, und kein neuer Mündungsblitz zerriß den schwarzen Vorhang.

Hasard hatte sich wieder genau eingeprägt, an welcher Stelle die Feuerblitze aufgeflammt waren. Er ließ Pete Ballie eine leichte Kurskorrektur vornehmen, spähte noch einmal versuchsweise durch das Spektiv, gab es dann aber auf und wandte sich, nachdem er das Rohr zusammengeschoben und in seiner Tasche hatte verschwinden lassen, an die Rote Korsarin.

„Hast du es bemerkt, Siri-Tong?“ sagte er. „Die Distanz ist ganz erheblich zusammengeschrumpft. Ich habe keinen Grund, daran zu zweifeln, daß die beiden Schüsse an demselben Ort wie zuvor abgegeben wurden, und dieser Ort liegt nur noch drei bis vier Meilen von uns entfernt.“

Sie war sehr schnell wieder ernst geworden und nickte ihm flüchtig zu. „Angenommen, wir haben das gesuchte Schiff der französischen Freibeuter vor uns …“

„Was noch höchst unwahrscheinlich ist …“

„Angenommen, es ist doch die ‚Saint Vincent‘“, sagte sie beharrlich. „Dann müssen wir doch voraussetzen, daß sie wieder vor einer Insel ankert, auf der Masot und seine Meute nach dem vermeintlichen Schatz forschen.“

„Auf was willst du hinaus?“

„Daß wir uns vor Korallenriffen in acht nehmen müssen, wenn wir uns an diese Insel heranpirschen.“

Er setzte eine grimmige Miene auf. „Keine Angst, ich lasse schon beizeiten das Zeug wegnehmen.“

Die „Isabella“ schob sich unter vollen Segeln auf ihr unbekanntes Ziel zu. Der Seewolf schätzte den Wind auf Sturmstärke, ließ sich aber von dem Heulen und Tosen und dem sprühenden Gischt rundherum nicht beeindrucken. Er wartete weiterhin damit, die Segel bergen und die kleineren, stärkeren Sturmsegel setzen zu lassen. Hart krängte die Dreimast-Galeone nach Steuerbord, so hart, daß die untere Leekante des Großsegels in die Fluten zu tauchen drohte. Das Steuerbordschanzkleid schnitt fast unter, und die Back, die Kuhl, das Quarter- und Achterdeck hatten sich in eine feuchte Rutschbahn verwandelt, die für jeden Mann der Besatzung unvermittelt zum tödlichen Abhang werden konnte. Wild schlingernde und taumelnde Bewegungen vollführte die „Isabella“ in den aufgewühlten Fluten. Jedesmal, wenn sie einen Brecher mit ihrem Bug zerteilte, krachte es beinah ohrenbetäubend.

Längst war auch die Freiwache auf Deck erschienen, keiner tat jetzt mehr ein Auge zu. Mit vereinten Kräften führten die Männer die Segelmanöver durch, prüften die Zurrings der Boote und Kanonen und achteten darauf, daß alles für die größtmögliche Sicherheit des Schiffes im Sturm getan wurde.

„Haltet euch an den Manntauen fest!“ brüllte der Profos. „Daß mir ja keiner über Bord geht, ihr matschäugigen Heringe!“

„Der Teufel soll ihn holen“, schrie Matt Davies, der gerade ein loses Ende an der Nagelbank auf der Backbordseite der Kuhl belegte. „Wofür hält der uns eigentlich? Für blutige Anfänger?“

Plötzlich rutschte er aus und mußte sich an der Nagelbank festhalten, um nicht quer über die Kuhl zu schlittern. Batuti, der Mann aus Gambia, der ihm am nächsten stand, grinste breit und mußte einen Schwall von Matts Flüchen über sich ergehen lassen.

„Soll ich die Zwillinge unter Deck begleiten?“ fragte die Rote Korsarin den Seewolf.

Er blickte sie an. „Nein. Solange das Wetter sich nicht verschlechtert, versehen sie weiter ihren Dienst an Deck. Sie haben die gleichen Pflichten wie jeder andere auf diesem Schiff.“

„Mit dem feinen Unterschied, daß sie Jungen und keine Männer sind“, sagte die Eurasierin angriffslustig. „Das darfst du nicht vergessen.“

„Aber die richtigen Seebeine sind ihnen inzwischen gewachsen.“

„Hasard, das …“

„Das hast du mir gestern selbst gesagt“, unterbrach er sie mit dem Anflug eines harten Grinsens.

„Und daraus schließt du – was?“

„Daß sie auch im Sturm ihren Mann zu stehen haben. Sie haben gefälligst aufzupassen, daß sie nicht über Bord gefegt werden“, sagte er. „Das erwarte ich von jedem Moses – und erst recht von meinen eigenen Söhnen.“

Sie stemmte die Fäuste in die Seiten und rief: „Also gut! Du hast ja recht. Wie immer hast du völlig recht mit dem, was du sagst und anordnest. Zufrieden?“

„Ja. Ich hasse nichts mehr als sinnlosen Widerspruch und Disziplinlosigkeit“, erwiderte er halb im Scherz, halb im Ernst.

Sie wollte aufbegehren, bezwang sich dann aber und schwieg. Dies war sein Schiff, nicht das ihre. Trotz des einmalig guten Verhältnisses, das sie zueinander hatten, konnte sie ihm in seine Entscheidungen nicht hineinreden. Er war der Kapitän und hatte zu bestimmen. Gelegentlich waren sie darüber aneinandergeraten, denn auch Siri-Tong verfügte über einen harten, unbeugsamen Charakter, aber sie war intelligent genug, einzusehen, daß dies der unpassendste Moment zum Diskutieren war.

Hasard hielt sich an der Querbalustrade des Quarterdecks fest und schaute voraus. Er fragte sich, welches Geheimnis sich mit den Schüssen verband, welches Drama dort, drei Meilen im Südwesten, wohl seinen Lauf nahm.

Er ahnte nicht, daß sich der Schleier der Ungewißheit schon bald auf ganz ungewöhnliche Weise lüften sollte.

Die Jolle der „Saint Vincent“ hatte die Korallenbänke vor der großen Lagune fast erreicht. Andai, der auf der Heckducht saß und die Ruderpinne übernommen hatte, feuerte die Männer an den Riemen durch Zurufe an. Er wußte, daß die namenlose Insel von gefährlichen Riffen umgeben sein mußte, und gab sich keinen Moment der Illusion hin, daß sie einfach aufs Geratewohl aus der Lagune steuern konnten. In diesem Punkt hatten er und die anderen Männer von Hawaii in ihrer Heimat reiche Erfahrungen sammeln können, denn auch dort gab es die tückischen Bänke, und sie hatten als geschickte Bootsfahrer und Fischer schon oft Berührung damit gehabt.

Es war also in erster Linie seinem Fingerspitzengefühl überlassen, ob er die Jolle sicher aus dem natürlichen Hafenbecken zu dirigieren vermochte oder nicht.

Moho kauerte vorn am Bug und hielt die Augen nach allen Seiten offen, aber er konnte kaum zwei, drei Schritte weit sehen und nahm nicht mehr wahr als das Schäumen der Wellenkronen, die sich, je näher sie der offenen See gelangten, höher und höher aufzutürmen schienen.

Andais größte Besorgnis drehte sich aber darum, daß das Boot überladen war. Eigentlich für acht, höchstens zehn Insassen konstruiert, mußte es jetzt zwanzig Menschen befördern. Das hatte zur Folge, daß der Tiefgang zu groß war und die Jolle immer wieder Wasser übernahm.

Hauula, Mara und die anderen Mädchen und Frauen östen das Naß eifrig mit Schöpfkellen aus. Mara schrie plötzlich auf, denn die Jolle neigte sich unter einer anrollenden Woge so stark nach Backbord, daß sie im nächsten Moment querzuschlagen drohte. Hauula hielt Mara fest und versuchte, sie zu beruhigen, die anderen klammerten sich fest, wo sie konnten, und warteten zitternd und mit angstgeweiteten Augen darauf, daß das Boot kenterte. Einige Mädchen rutschten nach Backbord, und durch die Gewichtsverlagerung krängte die Jolle noch weiter.

Es schien das Ende der kurzen Fahrt zu sein.

Dann aber glitt die Woge unter der Jolle hindurch und bauschte sich jenseits des Dollbordes auf, so daß sich das Fahrzeug aus seiner unglücklichen Lage aufrichtete und die normale Schwimmlage wiedergewann.

Andai atmete erleichtert auf. Hauula lächelte ihm aufmunternd zu, und auch die anderen gaben durch ihr Verhalten klar zu verstehen, daß sie neue Hoffnung gefaßt hatten.

Sie nahmen jede Entbehrung und Härte gern auf sich, wenn sie nur nicht wieder in ihre Gefängnisse an Bord der Piratengaleone zurück mußten. Nichts konnte schrecklicher sein als die Stunden, die Tage, die schier endlose Zeit, die sie dort in Furcht und Ungewißheit verbracht hatten.

Moho stieß einen Warnruf aus.

Andai drückte die Ruderpinne auf das Zeichen des Stammesbruders hin nach Steuerbord, und im nächsten Augenblick erblickten sie alle, was Moho vor ihnen entdeckt hatte: Drohend wuchs die schartige Korallenbank aus der aufgerührten See hervor, messerscharf schienen ihre Ränder zu sein.

Die Jolle glitt nahe daran vorbei.

Und die Riffe unter der Wasseroberfläche? Andai schauderte es bei dem Gedanken daran, was ihnen noch alles passieren konnte. Wenn ein Riff den Bootsrumpf aufschlitzte, dann nutzte alles Auslösen nichts mehr, dann konnten sie alle ihren Geist aufgeben und Pele und den anderen Gottheiten überantworten, die sie in diesen Augenblicken flehentlich anbeteten.

Andai konnte einer Gefahr, die er nicht zu erspähen vermochte, durch kein Mittel ausweichen, er war ihr gemeinsam mit seinen Brüdern und Schwestern machtlos ausgeliefert.

Die Männer pullten mit zusammengepreßten Lippen. Sie brachten die Jolle ziemlich schnell voran, denn sie mußten ja nicht gegen den Seegang arbeiten, sondern fuhren mit der Dünung. Der Wind aus Südosten fiel raumschots ein und drückte gegen das Heck des Bootes.

Wie durch ein Wunder gelangte die Jolle unbeschadet über die Riffe hinweg und schob sich in die lärmende See hinaus. Zwanzig halbnackten, nassen Gestalten war die nahezu unmöglich erscheinende Flucht aus der Teufels-Lagune somit gelungen, aber alle Schwierigkeiten schienen erst jetzt richtig zu beginnen.

Wütend packte die See das Boot, hob es hoch, ließ es in gähnende schwarze Wasserschluchten hinunterschießen und schüttelte es durch. Gnadenlos waren die Urgewalten der Natur, klein und ohnmächtig wirkte der Mensch.

Andai und die anderen Männer hatten einen simplen Plan gefaßt. Sie wollten erst einmal aus der Lagune heraus und dann das Atoll umrunden.

Masot würde ihrer Ansicht nach nicht damit rechnen, daß sie noch einmal zurückkehrten, aber genau das hatten sie vor, um Zegú, ihren König, und Thomas Federmann aus der Gewalt der Freibeuter zu befreien.

An einem unbeobachteten Punkt der Hauptinsel wollten sie wieder landen – irgendwo im Norden oder im Süden. Die Nacht und der Sturm wurden zu ihren Verbündeten, wenn ihnen dies gelang, denn die Seeräuber würden sich eher verkriechen, statt überall nach ihren flüchtigen Geiseln zu suchen.

So rechnete Andai sich aus, daß sie sich in den Busch schlagen und bis zum Lagerplatz am Strand schleichen konnten. Der Regenwald war ein Element, in dem sie sich sicher fühlten und vorzüglich auskannten, ganz im Gegensatz zu den Franzosen. Aus dem Dickicht heraus konnten sie auch mit den wenigen Waffen, die sie hatten, einige erfolgreiche Schläge gegen die Freibeuter führen.

Das würde die Kerle verunsichern, und genau diese Unruhe wollten die Insulaner ausnutzen, um in einer Blitzaktion ihre beiden Kameraden herauszuholen.

Zu diesem Zeitpunkt aber schienen Welten die Polynesier von der Verwirklichung ihres Planes zu trennen.

„Andai!“ rief Moho vom Bug her. „Wir schaffen es nicht! Wir müssen umkehren!“

„Niemals!“ schrie Andai zurück.

„Darauf warten unsere Feinde doch nur“, keuchte Hauula, die die jammernde und schluchzende Mara inzwischen festhalten mußte. „Wir bringen uns selbst um, wenn wir das tun.“

„Aber wir sterben so oder so!“ schrie eine junge Frau, die bei Numil hockte und sich mit beiden Händen verzweifelt an der Ducht festklammerte. „Das Wasser frißt uns auf, die Haie werden kommen und uns zerreißen!“

Andai begriff, daß er doch einen Fehler begangen hatte. Er hatte das offene Meer weit unterschätzt, hier drohte ihnen eine weit größere Gefahr als bei den Korallenbänken.

Hastig drehte er sich auf seiner Ducht um und blickte nach achtern. Er konnte jedoch kein Land mehr sehen. Das Atoll schien nicht mehr zu existieren und sich aufgelöst zu haben. Er spürte Panik in sich aufsteigen, kämpfte aber energisch dagegen an.

„Beruhigt euch!“ rief er den Freunden im Tosen des Wetters zu. „Wir versuchen jetzt, einen Bogen zu fahren. Wir halten auf eine Landzunge oder auf eine kleine Insel zu und gehen dort an Land. Wir warten ab, bis der Sturm vorbei ist.“

„Ja, das ist eine gute Idee“, pflichtete Hauula ihm bei. Sie wollte noch mehr rufen, aber ein neuer Brecher hob die Jolle an, trug sie auf seinem Kamm fort und schien sie in die brausende Finsternis hinausschleudern zu wollen.

Die Mädchen und Frauen schrien durcheinander und hielten sich gegenseitig fest. Die Männer taten alles, um das Boot zu halten, Andai durch die Arbeit mit der Ruderpinne, seine Brüder durch das Bewegen der Riemen.

Doch es nutzte alles nichts. Wie von Geisterhand bewegt, drehte sich das Boot plötzlich. Dann kippte es nach Backbord über, bäumte sich auf, lud seine lebendige Fracht aus und kenterte.

Andai fühlte sich gepackt und durch die Luft gewirbelt, dann traf etwas seinen Rücken – mit solcher Wucht, daß ihm die Schmerzen das Bewußtsein raubten. Er hörte Hauula verzweifelt schreien, aber dann endete jede Wahrnehmung. Unter ihm schienen die Fluten der mörderischen See auseinanderzuklaffen. Er raste in einen Abgrund hinunter, der in der glühenden Verdammnis endete.

7.

Bill, der Moses, war in den Jahren an Bord der „Isabella“ zu einem kräftigen und mutigen jungen Mann herangewachsen, und er hätte es sich ohne weiteres zugetraut, seinen Posten im Großmars beizubehalten. Aber der Seewolf hatte es doch vorgezogen, ihn abentern zu lassen, denn der Sturm nahm zu und es hätte leicht passieren können, daß Bill durch eine Bö von der wild hin und her schwankenden Plattform gefegt worden wäre.

Bill und Dan O’Flynn waren jetzt von der Back auf die Galionsplattform hinuntergestiegen, hatten sich mit Tauen festgebunden und spähten voraus, um ihren Kapitän auf jedes Riff und andere „unerfreuliche Erscheinungen“ aufmerksam machen zu können – wenn es auch in jedem Fall im allerletzten Augenblick geschehen würde. Die Finsternis und der Gischt ließen einen Ausblick auf mehr als zehn, fünfzehn Yards kaum zu, ja, manchmal konnte man im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr die Hand vor Augen sehen.

„Das geht nicht gut aus!“ schrie Bill Dan O’Flynn zu. „Wir laufen heute nacht noch auf Grund!“

„Mal den Teufel bloß nicht an die Wand!“ rief Dan zurück. „Fängst du auch schon so an wie mein Alter?“

„Es wäre mir lieber gewesen, wenn ich oben im Großmars geblieben wäre!“

„Das ist zu gefährlich!“

„Aber für einen Ausguck der richtige Platz …“

„Nein, nicht bei diesen Bedingungen! Da oben siehst du nicht mehr als hier, ich schwör’s dir! Ganz gleich, wo du stehst, die Nacht ist überall gleich schwarz – schwarz wie dicke Tinte!“

Dan mußte es wissen, er war lange Zeit der Ausguck der „Isabella“ gewesen. Und noch heute hatte er ebensogute Augen wie der Moses.

Bill wollte etwas erwidern, aber plötzlich hielt Dan ihn am Arm fest. „Da war doch was!“ stieß er hervor. „Ich hab was entdeckt – Backbord voraus!“

„Doch wohl kein Riff!“ rief Bill entsetzt. Er hielt selbst angestrengt Ausschau, aber vor ihnen schien nichts anderes als die brodelnde Wasserwelt zu sein.

„Kein Riff!“ brüllte Dan. „Ein Mensch!“

„Du bist verrückt!“

„Da!“ schrie Dan. „Da, sieh doch selbst, Hölle und Teufel, da schwimmt einer in der See, Junge, der ist am Absaufen!“

Bill erstarrte fast, denn genau in diesem Moment konnte auch er die Gestalt erkennen, die gar nicht weit von ihnen aus einem Wellenhang hervorzuwachsen schien und gleich darauf wieder verschwand.

„Almächtiger Gott im Himmel“, stammelte er. Dann schrie er mit Dan O’Flynn zusammen: „Sir – ein Schiffbrüchiger!“

Carberry hörte es als erster und fuhr auf der Kuhl nach achtern herum, um es mit seinem Stentororgan weiterzugeben: „Schiffbrüchiger voraus!“

Der Seewolf verließ unverzüglich seinen Platz auf dem Quarterdeck, sprang auf die Kuhl hinunter, hangelte an den Manntauen voraus und enterte schließlich die Back.

„Beidrehen und die Segel aufgeien!“ schrie er Ben Brighton und Edwin Carberry im Vorbeilaufen zu.

„Aye, Sir!“ riefen sie zurück.

Und dann – während der Seewolf von der Back aus zu Dan O’Flynn und Bill auf die Galionsplattform hinunterstieg – entwickelte sich eine geradezu fieberhafte Aktivität an Bord der „Isabella“. Das Ruderrad wirbelte unter Pete Ballies Fäusten, Pete legte Hartruder Backbord. Die Galeone drehte mit dem Vorschiff in den Wind und stemmte sich frontal gegen die anrollende See. Die Crew schrickte die Steuerbordschoten und Brassen weg, holte die Backbordschoten dicht, und die Rahen stellten sich gerade. Die Segel hätten jetzt wie verrückt zu killen begonnen, wenn Ben Brighton nicht dafür gesorgt hätte, daß sie schleunigst aufgegeit wurden.

Die Männer arbeiteten mit atemberaubender Geschwindigkeit.

Das Schiff gelangte zum Stillstand in den quirlenden, donnernden Fluten. Es war ein Manöver, das selbst einer erfahrenen Crew wie der des Seewolfes all ihr Können und ihre Geistesgegenwart abverlangte.

Hasard stand bei Dan und Bill auf der Galionsplattform und verfolgte beim Herumschwenken der „Isabella“, wie die Gestalt des Schiffbrüchigen erneut aus den Fluten auftauchte, diesmal an der Steuerbordseite, unmittelbar vor dem Bugspriet und der Galion.

Der Seewolf zögerte nicht. Er wand sich das Ende einer vor dem Schott bereitliegenden Taurolle um die Hüften, knotete es vor dem Bauchnabel zusammen, prüfte den Sitz und riß sich in aller Eile die lederne Weste, das Hemd und die Hose vom Leib. Er war jetzt nur noch mit einer kurzen Hose bekleidet.

Er kletterte über die Umrandung der Plattform, hielt sich mit einer Hand am Vorgeschirr fest, spähte noch einmal zu dem ertrinkenden Mann, ließ dann seinen Halt los und stieß sich mit den Füßen ab.

Kopfunter und mit vorgestreckten Armen tauchte er in die Fluten. Die Taurolle lief ab, er zog die Leine mit sich in die Tiefe.

„Aufpassen!“ rief Dan O’Flynn Bill zu. „Wenn die Rolle zu Ende ist, müssen wir das Tau festhalten und irgendwo belegen.“

„In Ordnung!“ schrie Bill. Die Aufregung über das Auftauchen des fremden Mannes in der See und über das schnelle und unerschrockene Handeln des Seewolfes stand ihm im Gesicht geschrieben.

Siri-Tong, Ben Brighton, Carberry, Ferris Tucker, Shane, Old O’Flynn und fast alle von der Crew waren ans Steuerbordschanzkleid der Kuhl gestürzt, lehnten sich über, so weit der Seegang und der Sturmwind es ihnen erlaubten, und verfolgten mit teils besorgten, teils verwegenen Mienen, was jetzt geschah.

Der Seewolf tauchte wieder auf. Er schaute sich um, konnte den Schiffbrüchigen aber nicht entdecken.

„Dort drüben, Hasard!“ schrie die Rote Korsarin. Mit dem ausgestreckten Arm wies sie ihm die Richtung, in die er zu schwimmen hatte. Sie hatte den bedauernswerten Mann eben gerade wieder in der See erspäht. Mehr noch, sie glaubte gesehen zu haben, daß dieser Mensch nicht weißer, sondern brauner Hautfarbe war. Und unwillkürlich verband sich in ihrem Geist die Beobachtung mit dem Gedanken an die verschleppten, verschollenen Insulaner, die sie suchten.

Ihr Herz begann schneller und heftiger zu schlagen.

Hasard schwamm wie in alten Zeiten mit kräftigen Armschlägen und ausgeglichenen Beinbewegungen. Es war sein ganz persönlicher Stil, sich im nassen Element voranzubringen – nicht sonderlich elegant, aber sehr zweckmäßig. Rasch glitt er dem armen Teufel näher.

Eine Woge hob ihn hoch und brachte ihn von der Richtung ab, er arbeitete hart dagegen an. Der zischende Gischtkamm baute sich über seinem Kopf auf, drohte zu überlappen und ihn unter sich zu begraben. Hasard begann zu fluchen, verstummte dann aber gleich wieder, denn er riskierte, einen ordentlichen Schwall Wasser zu schlucken.

Der Schaumkamm der Woge stülpte sich über ihm aus. Hasard tauchte unter, kam wieder hoch und sah den Schiffbrüchigen überraschenderweise vor sich, ganz nah, eher mit einem Schemen als mit einem menschlichen Wesen zu vergleichen.

Mit zwei Zügen brachte der Seewolf sich dem Unbekannten noch näher, dann konnte er nach ihm greifen und ihn festhalten.

Er registrierte, daß er einen polynesischen Eingeborenen vor sich hatte. Entweder hatte er so viel Wasser geschluckt und lag schon so lange in der See, daß er durch die erlebten Strapazen ohnmächtig geworden war, oder eine Verletzung hatte ihm das Bewußtsein geraubt. Wie auch immer, dieser arme Teufel trieb völlig hilflos in den Wogen, und erst jetzt, als Hasard sich in Rückenlage brachte und ihm unter die Achseln griff, um ihn abzuschleppen, regte sich der Fremde benommen.

Plötzlich entwickelte der Mann jedoch bedenkliche Aktivitäten. Er begann zu strampeln und um sich zu schlagen. Die Panik ließ ihn aufschreien.

Hasard blieb nichts anders übrig, als ihm einen Faustschlag an die Schläfe zu verpassen. Der Polynesier wurde gleich wieder besinnungslos. Aber auch jetzt hätte es dem Seewolf erhebliche Mühe bereitet, ihn abzuschleppen, ja, es wäre in der bewegten See ein nahezu aussichtsloses Unterfangen gewesen, den armen Teufel zu retten, wenn nicht das Tau gewesen wäre, das er sich vorsorglich um die Hüften geschlungen hatte.

Er brauchte Dan O’Flynn und Bill, dem Moses, jetzt nur ein Handzeichen zu geben, und die beiden begannen kräftig an dem Tau zu ziehen. Mittlerweile hatten sie das andere Ende an der vorderen Querbalustrade der Back belegt. Oben standen Smoky und Al Conroy, um darauf aufzupassen, daß die Knoten sich auch ja nicht lösten.

Carberry, Luke Morgan, Sam Roskill und Bob Grey kletterten gerade auf die Galionsplattform hinunter, banden sich mit kurzen Tauen fest und griffen nun mit zu, um das Tau, an dem ihr Kapitän und der Schiffbrüchige hingen, Hand über Hand durchzuholen.

Wenig später hievten die Männer Hasard und den Fremden an Bord.

„Kutscher!“ schrie der Seewolf zur Back hinauf, als er pudelnaß auf der Galionsplattform stand. „Kutscher, verarzte diesen Mann sofort, sonst stirbt er uns unter den Händen weg!“

„Aye, Sir!“ Der Kutscher stand auf der Back und bedachte den reglosen Eingeborenen mit prüfenden, besorgten Blicken. Sobald Hasard und die anderen den Mann von der Galionsplattform zur Back hochbugsiert hatten, übernahmen es der Kutscher, Smoky und Al Conroy, ihn über die Balustrade zu heben.

„Wiederbelebung“, sagte der Kutscher hastig. „Hier hilft nur eine Radikalkur.“ Er gab Smoky und Al Conroy ein paar knappe Anweisungen. Dann legten sie den Polynesier mit dem Bauch auf die Holzleiste der Balustrade und drückten ein wenig zu.

Mehrere Gallonen Wasser ergossen sich auf die Galionsplattform, die inzwischen von Hasard, Bill, Dan, Carberry und den anderen geräumt worden war.

Der Kutscher griff nach den Schultern des Polynesiers, drehte ihn herum, ließ ihn vorsichtig auf die schwankenden Planken der Back sinken und begann mit der Wiederbelebung, indem er ihm in rhythmischen Abständen mit beiden Händen auf die Brust drückte und gleich wieder losließ. Dies alles wurde durch den Seegang und den Wind erheblich erschwert, aber der Kutscher hatte dennoch Erfolg: Der braunhäutige Fremde kam zu sich, schlug die Augen auf und stammelte ein paar Worte, die sie nicht verstanden.

Hasard hatte sich neben den Kutscher gekniet.

„Sir, der Mann ist von einem harten Gegenstand am Rücken getroffen worden“, erklärte der Kutscher. „Er kann dabei noch froh sein, daß es ihm nicht das Kreuz gebrochen hat.“

„Und daß er nicht ersoffen ist“, fügte Carberry hinzu. „Wenn wir ihn nicht rausgefischt hätten, wäre es jeden Augenblick mit ihm aus gewesen.“

„Lange kann er noch nicht im Wasser gelegen haben“, meinte Dan O’Flynn. „Sonst wäre er nämlich so oder so abgekratzt, der arme Kerl.“

Der Eingeborene blickte den Seewolf an, und seine Augen weiteten sich plötzlich. Dann begann er zum großen Erstaunen der Männer und der Roten Korsarin, die unterdessen auch die Back geentert hatte, auf spanisch zu sprechen.

„Du – ich kenne dich – du bist – El Lobo del Mar!“

Hasard spürte einen feinen, eisigen Schauer auf seinem Rücken. Es war unmöglich, daß der erste Eingeborene, dem sie in diesem Winkel der Welt durch einen geradezu unerhörten Zufall begegneten, diese Sprache beherrschte – er konnte es einfach nicht glauben.

Und dann kannte er auch noch seinen Beinamen. Seewolf! Das setzte allem die Krone auf! Dafür gab es nur eine Erklärung.

„Du kommst von der Insel Hawaii!“ sagte Hasard.

„Ja.“

„Wie heißt du?“

„Andai.“

„Ich kann mich an dich nicht erinnern“, sagte der Seewolf. „Aber du mußt mir jetzt sofort erzählen, wo …“

„Die anderen – Brüder und Schwestern“, murmelte Andai. „Sie – wo sind sie – das Boot …“

„Ein Boot“, sagte Hasard erschüttert. „Sie haben also in einem Boot gesessen und sich in diesen Sturm hinausgewagt – entweder wurden sie von Masot, der ihrer überdrüssig war, einfach ausgesetzt, oder – oder sie sind von Bord der ‚Saint Vincent‘ geflohen …“

„Sir!“ brüllte Bill mit einemmal aus vollem Hals. „Da, Steuerbord voraus! Da treibt ein gekentertes Boot‘ O Himmel, so was gibt’s doch nicht!“

Er war kurzerhand in den Fockwanten auf geentert, um nach dem gelungenen Bergungsmanöver des verunglückten Andai erneut Umschau zu halten. Er riskierte dabei sein Leben, denn der Südostwind drohte ihn aus den Webeleinen zu schütteln, aber nur so hatte er diese neue, gleichsam ungeheuerliche Entdeckung machen können.

„Bill, du Höllenhund, reiß dich zusammen!“ schrie der Profos.

„Aye, Sir! Sir, ich sehe mehr als ein Dutzend Leute, die sich alle an dem Boot festhalten!“

Hasard hatte sich aufgerichtet, war zum Schanzkleid der Back gestürzt und blickte erschüttert in die von Bill genannte Richtung. Siri-Tong war wieder neben ihm.

Sie griff nach seinem Arm und sagte betroffen: „Das sind sie – die Geiseln der Freibeuter. Allmächtiger!“

„Kurs auf die Schiffbrüchigen!“ rief der Seewolf. „Wir setzen zwei Sturmsegel, um wieder Fahrt aufzunehmen. Wir manövrieren vorsichtig auf das Boot zu und fischen die Leute in Lee auf!“

Er rief es auf englisch, und Andai, der wieder völlig bei Bewußtsein war, verstand nicht alle Worte, weil Thomas Federmann ihm und den anderen Bewohnern Hawaiis ja in erster Linie spanisch beigebracht hatte. Aber das Wichtigste begriff er doch. Die Jolle der „Saint Vincent“ trieb in der Nähe der „Isabella“. Andai spürte instinktiv, daß nun auch seine Leute gerettet wurden und die Erlösung von allem Übel und Unglück sehr nah war.

Die Welt hatten sie mit ihrer „Isabella“ umsegelt, hatten Länder und Menschen kennengelernt, mit denen noch kein anderer Europäer Kontakt gehabt hatte. Schier Unglaubliches hatten sie erlebt, und daher hatte so mancher der Crew angenommen, daß es nichts mehr gäbe, das sie noch aus der Fassung bringen könne.

Aber das hier war denn doch fast zuviel. Wildeste Abenteuer und tolldreiste Amouren in allen Winkeln der Welt hatten sie nicht so erschüttern können wie diese Angelegenheit hier, bei Sturm mitten in der Nacht, mitten in der Südsee: ein Schwarm splitterfasernackter, nasser Mädchen enterte an den ausgebrachten Jakobsleitern an Bord der Galeone und stieß Jubellaute und kleine Schreie des Entzückens aus.

Zehn waren es, allesamt hübsch, es war keine dabei, die man auch nur annähernd als „uninteressant“ bezeichnen konnte. Auf dem schlingernden Deck der „Isabella“ stürzten sie auf die Männer zu, lachten und weinten vor Freude, umarmten die entgeisterten Kerle und drückten ihnen jede Menge Küsse auf.

Sogar der Kutscher, der als ein zurückhaltender Mensch galt, hatte plötzlich ein Mädchen am Hals hängen.

„Kutscher, schämst du dich gar nicht, du alter Lustmolch?“ schrie Matt Davies.

„Ist doch nicht meine Schuld …“

Mehr kriegte der Kutscher nicht heraus, denn das Hawaii-Mädchen erstickte jeden weiteren Einwand und Protest durch eine Serie von weichen, salzig schmeckenden Küssen. Der Kutscher war so verdattert, daß er sein Manntau losließ. Er verlor das Gleichgewicht. Das Mädchen kicherte und ging mit ihm zu Boden. Sie rutschten quer über die Planken der Kuhl, richteten sich in einer Krängung der „Isabella“ am Steuerbordschanzkleid wieder auf – und wären um ein Haar beide über Bord gegangen, wenn der Kutscher nicht auf den Boden der Realitäten zurückgekehrt und sich blitzschnell festgehalten hätte.

Die jungen Männer von Hawaii waren zu Andai auf die Back gestiegen. Sie schienen es nicht beunruhigend oder gar skandalös zu finden, daß sich die Mädchen den Männern der „Isabella“ an den Hals warfen. Im Gegenteil – für sie schien das die natürlichste Sache der Welt zu sein. Eine Selbstverständlichkeit sozusagen.

Siri-Tong stand ziemlich verdattert da und wußte nicht mehr, was sie sagen sollte.

„Madam“, sagte Ben Brighton, der bislang von den stürmischen Ovationen verschont geblieben war. „Sie erinnern sich doch an Hawaii, nicht wahr?“

„An das Hawaii vor sechs Jahren, Ben?“

„Ja, genau das meine ich.“

„Natürlich. Und ich weiß ja, was für eine freizügige Art die Inseldamen haben, uns zu begrüßen und sich bei uns zu bedanken. Aber das hier …“

„Madam, Sie dürfen nicht vergessen, daß wir sie vor dem sicheren Tod bewahrt haben.“

Sie seufzte. „Ich vergesse es nicht. Und ich bilde mir ein, über den Dingen zu stehen.“ Der Blick, den sie Hasard zuwarf, war aber nicht gerade als liebenswürdig zu bezeichnen. Hauula und Mara hatten sich an Hasard festgeklammert und ließen ihn nicht mehr los.

Eifersüchtig? dachte die Rote Korsarin. Mach dich nur nicht lächerlich …

„Lobo del Mar!“ riefen Mara und Hauula immer wieder. „Daß wir dich wiedersehen dürfen! Pele sei Dank, sie hat uns wirklich geholfen. Wie bist du hierhergekommen? Hast du gewußt, daß wir hier sind?“

Sie überschütteten ihn mit ihren Fragen, aber er konnte sie endlich doch auf sanfte, aber nachdrückliche Art zum Schweigen bringen und sich auch bei den anderen Gehör verschaffen.

„Ed!“ rief er. „Ben, Ferris, Shane!“

„Sir?“

„Habt ihr die geborgenen Schiffbrüchigen gezählt?“

„Hölle und Teufel“, wetterte der Profos los. „Ich hab’s ja gewußt, daß wir was vergessen haben.“ Er wollte schon zum Schanzkleid rennen und sich überbeugen, um bei der gekenterten Jolle, die längsseits der Galeone lag, nach weiteren Insulanern zu suchen, aber die Rote Korsarin rief: „Es sind zwanzig, Hasard. Zehn Mädchen und zehn Männer.“

„Zwei fehlen!“ stieß Big Old Shane entsetzt hervor. „Thomas Federmann und Zegú, von denen wir wissen, daß sie auch mit verschleppt worden sind.“

„Nein!“ schrie Blacky von der Back aus. „Andai hat mir eben gesagt, daß Thomas und der Häuptling von Hawaii noch auf der Insel sind!“

„Demnach haben wir aus der See wohl alle herausgefischt“, meinte Carberry verwirrt.

Andai stieg von der Back hinunter und bestätigte es auf spanisch. Er gesellte sich zu Moho und Numil, die inzwischen zu Siri-Tong getreten waren. Sie verbeugten sich alle drei vor der Korsarin, und Andai richtete sich als erster wieder auf und sagte – wieder auf spanisch: „Schöne Frau, Perle der Südsee, gestatte es uns, daß wir uns auch bei dir bedanken – für die Rettung.“

Sie lächelte ihnen zu und entgegnete: „Es war selbstverständlich für uns, dies zu tun. Es war unsere Pflicht. Mehr noch, wir sind euch ja von Hawaii aus gefolgt, um euch herauszuhauen.“

Andai beugte sich vor, legte ihr die Hände auf die Schultern und küßte sie auf beide Wangen.

Hasard stand da und staunte nicht schlecht. Er glaubte aber auch, den leicht spöttischen und auftrumpfenden Blick wahrzunehmen, den Siri-Tong ihm über Andais Schulter hinweg zuwarf.

„Schöne Perle mit schwarzem Haar“, stieß Numil aufgeregt hervor. „Erzähle uns mehr von Hawaii‘ Ihr – dort gewesen? Was dort passiert?“

Hauula und Mara blickten den Seewolf aus großen Augen an, und Mara flüsterte: „Ist das wahr? Von Hawaii kommt ihr?“

„Wartet“, sagte er.

Philip junior und Hasard junior hatten sich vorsichtig genähert und musterten die beiden Hawaii-Mädchen, die ihren Vater mit Beschlag belegt hatten, argwöhnisch.

„Dad“, sagte Philip junior. „Was wollen die beiden Tanten eigentlich von dir?“

„Herhören!“ rief der Seewolf. „Wir gehen alle bis auf die Deckswache in die Mannschaftsmesse hinunter. Dort können wir uns besser unterhalten.“

„Was wird mit dem Boot, Sir?“ fragte der Profos.

„Das bergen wir.“

„Aye, Sir – und welchen Kurs nehmen wir?“

Der Seewolf drehte sich zu ihm um. „Bevor ich das entscheide, muß ich den Bericht unserer Freunde von Hawaii gehört haben. Solange bleiben wir beigedreht im Sturm liegen, Ed.“

8.

In der Mannschaftsmesse der „Isabella“, die früher Teil des achteren Laderaums gewesen war und bis ins Quarterdeck reichte, stand der seltsame Ofen, den Ferris Tucker seinerzeit aus Mangel an Baumaterial aus Silberbarren errichtet hatte. Bei der Durchquerung der Nordwestpassage hatten sie diesen Ofen bitter nötig gehabt, aber inzwischen wurde er nicht mehr gebraucht. Auch in einer stürmischen Nacht wie dieser war es in diesen Breiten immer noch so warm, daß man bedenkenlos mit freiem Oberkörper herumlaufen konnte.

Daran hielten sich auch die Insulaner. Unbekümmert gruppierten sie sich um den Silberbarrenofen mit der Tür aus Kupferblech. Ehe Big Old Shane jedoch zwei Öllampen entfachte, schickte Siri-Tong die Zwillinge los, damit sie saubere Leinentücher aus einer der Achterdeckskammern holten. Damit sollten sich die Männer und Frauen erstens abtrocknen und zweitens ihre Blößen verhüllen.

Philip junior und Hasard junior brachten die Tücher – ganze Packen davon. Nachdem die Insulaner sich mit freundlichem Lächeln darin vermummt hatten, sorgte Shane für Licht.

In dem schwankenden Schiffsraum zuckte der Lampenschein hin und her und zeichnete vage Muster auf die Gestalten. Hasard richtete sein Wort an Andai und stellte ihm gezielte Fragen über das, was seit ihrem Aufbruch wider Willen von Hawaii geschehen war.

Wie bei Alewa, die ihnen in der Bucht vor Hawaii den Hergang der Ereignisse geschildert hatte, erforschte der Seewolf auch bei Andai das Geschehen, indem er ihn geschickt ausfragte. Für einen vollständigen, zusammenhängenden Bericht reichte Andais Spanisch nämlich nicht aus.

Als Andai die Flucht von der Piraten-Galeone und das Kentern des Bootes in allen Einzelheiten wiedergegeben hatte, sagte der Seewolf: „Und beim Kentern der Jolle erhieltest du das Dollbord ins Kreuz, Andai. So muß es gewesen sein. Himmel, deine Göttin Pele muß dir wirklich beigestanden haben, daß du es überlebt hast.“

„Ich dachte – tot zu sein“, sagte Andai in etwas schwerfälligem und fehlerhaftem Spanisch.

„Nicht tot, sondern bewußtlos“, berichtigte der Kutscher.

„Auf jeden Fall hast du ein höllisches Glück gehabt“, stellte der Profos noch einmal nachdrücklich fest. „Aber jetzt habe ich eine Frage, wenn sie mir gestattet ist. Sir?“

„Nur heraus damit, Ed.“

Carberrys Spanisch war auch nicht das beste, aber er gab sich redliche Mühe, sich der passenden Vokabeln zu bedienen, damit die Polynesier ihn auch verstanden.

„Warum seid ihr von der ‚Saint Vincent‘ getürmt? Ihr hättet nur noch den Anker zu lichten brauchen, dann hättet ihr euch heimlich aus der Bucht verholen können – und dieser Masot, dieser Bastard, hätte das Nachsehen dabei gehabt.“

„Zumal sich an Bord der ‚Saint Vincent‘ wohl auch der Schatz befindet, den sie euch abgenommen haben“, sagte Ferris Tucker auf die Worte Carberrys hin.

„Ja, die Achterstücke, die wir damals erbeutet haben, als wir vor Hawaii die Manila-Galeone aufgebracht haben!“ rief Dan O’Flynn.

Andai stand auf und begann zu gestikulieren. Moho sagte ihm etwas in ihrer Muttersprache, und Andai beruhigte sich daraufhin, fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen und erklärte: „Zu schwierig für uns. Können kein großes Schiff lenken. Brauchen dazu Hilfe von Thomas Federmann.“

„Ihr hattet Angst, zu stranden oder auf die Riffe zu laufen?“ erkundigte sich Old O’Flynn. „Hölle, nach dem, was wir eben über die Insel und das Atoll erfahren haben, kann ich das wirklich gut verstehen.“

„Erst einmal fort“, sagte Andai.

„So dachten wir“, fügte Moho hinzu.

„Aber großes Fehler von uns“, gestand Numil niedergeschlagen. „Zegú und Thomas allein bei Masot. Vielleicht jetzt schon tot.“

„Nein!“ schrie Mara.

Hauula kroch zu ihr hinüber und sprach leise auf sie ein. Das sehr schreckhafte, verängstigte Mädchen ließ sich besänftigen.

Damals, als Ciro de Galantes den schwarzen Segler entführt hatte, war sie mit Hauula, Alewa und Waialae an Bord gewesen. Damals hatte sie noch mehr Mut aufgebracht, aber bei der Landung von Masot und dessen Kerle auf Hawaii mußte sie einen nachhaltigen Schock erlitten haben, von dem sie sich erst nach und nach erholen würde.

„Ich glaube nicht, daß sich die Franzosen an Thomas und Zegú vergriffen haben“, sagte der Seewolf nachdenklich. „Noch hoffen sie, den Schatz zu finden. Sie können die beiden nicht einfach umbringen, vor allem Thomas ist ihnen zu wichtig.“

„Wir müssen die beiden befreien“, sagte die Rote Korsarin. „Noch in dieser Nacht.“

Die Tür öffnete sich, und Blacky trat herein. „Sir“, meldete er. „Der Sturm hat etwas nachgelassen. Wir schätzen, daß er nicht mehr von langer Dauer ist.“

„Ein merkwürdiger Sturm“, sagte Old O’Flynn. „Aber uns kann das nur recht sein. Uns ist diese Entwicklung gerade recht, was, Hasard?“

„Ja“, erwiderte der Seewolf. „Ich will die Gefangenen der Piraten zu uns an Bord holen, und ich will Masot auch die ‚Piece of eight‘ und den Smaragdschmuck aus Neu-Granada abnehmen. Ich weiß schon, wie wir vorgehen. Obwohl wir nicht wissen, wie die Struktur des Atolls aussieht, und dadurch ziemlich im Nachteil sind, werden wir eine Landung auf der Hauptinsel unternehmen. Blakky, ist das Beiboot der ‚Saint Vincent‘ geborgen und an Bord gehievt worden?“

„Ja, Sir. Die Jolle liegt an Deck und wird eben festgezurrt.“

„Vielleicht können wir sie noch gut gebrauchen“, sagte Hasard.

Carberry grinste wissend. „Soll ich mal raten, wozu?“

Der Seewolf schüttelte den Kopf. „Das wäre verfrüht, Ed. Du weißt ja, man soll den Tag nicht vor dem Abend loben – und die Nacht ist noch lang, das steht mal fest.“

Hauula hatte sich erhoben und trat auf den Seewolf zu. „Lobo del Mar“, sagte sie leise mit ihrer weichen, etwas heiseren Stimme. „Sag du uns jetzt – von Hawaii. Was ist dort? Die Piraten – ihr habt sie doch gesehen. Unsere Brüder und Schwestern, wie ist es ihnen ergangen?“

„Einen Augenblick noch“, stoppte der Seewolf ihren weiteren Redefluß. „Ben, Ed, Blacky, wir setzen wieder Vollzeug und segeln mit südlichem Kurs auf die Insel zu.“

„Aye, Sir“, sagten die Männer gleichzeitig.

„Wir versuchen, sie im Südwesten zu runden und dann einen Landtrupp abzusetzen. Dieser Trupp wird wieder von mir geführt – wie auf Hawaii. Der Rest der Crew wird sich unter deinem Kommando mit der ‚Isabella‘ an die Lagune heranpirschen, Ben.“

„Verstanden, Sir.“

„Das ist vorläufig alles“, sagte Hasard.

Ben Brighton, Blacky, Carberry und noch ein paar andere verließen die Mannschaftsmesse, um an Oberdeck die erforderlichen Segelmanöver zu veranlassen und bei ihrer Durchführung mitzuhelfen.

Hasard wandte sich unterdessen wieder an die zehn Mädchen und die zehn jungen Männer von Hawaii und erzählte ihnen, was sich dort, auf ihrer Heimatinsel, vor Tagen zugetragen hatte. Er begann mit der Schilderung dessen, was die Tsunami, die Riesenwelle, angerichtet hatte, und sie lauschten ihm mit geöffneten Mündern und verhaltenem Atem.

Dann aber berichtete der Seewolf, wie sie Alewa gefunden und aus der Gewalt der französischen Piraten befreit hatten – wie sie die Gefangenen aus dem Hauptdorf der Insel herausgeholt und gleichzeitig die „Saint Croix“, das zweite Schiff der Karibik-Freibeuter, angegriffen hatten. Louis, der Anführer der Meute, hatte eine schmähliche Niederlage erlitten.

„Euer Stamm ist wieder frei“, schloß Hasard. „Das Volk von Hawaii ist dabei, die erlittenen Schäden auszubessern. Alewa, Waialae, Koa, Lanoko und all die anderen warten jetzt nur noch auf eins – auf eure Heimkehr.“

Er schwieg.

Eine Zeitlang herrschte Stille in der Mannschaftsmesse, dann aber sprangen die Insulaner auf, umtanzten auf fast groteske Weise den Silberbarrenofen und lachten unter Tränen. Neuer Jubel war ausgebrochen, die Erleichterung und Freude dieser einfachen, liebenswerten und friedlichen Menschen schien keine Grenzen mehr zu kennen.

Hasard und seine Kameraden standen dabei und fühlten so etwas wie Verlegenheit in sich aufsteigen, als die Insulaner sie wieder mit Dankesworten überhäuften.

„Fehlt bloß noch, daß sie uns Blumenkränze umhängen“, brummelte Smoky, der Decksälteste.

„Das hätten sie längst getan, wenn sie welche zur Hand hätten“, sagte Old O’Flynn mit einem wohlwollenden Blick auf all die hübschen Mädchen.

Mit dem toten Henri und den anderen drei Leichen, die sie an Bord der „Saint Vincent“ gefunden hatten, hatte Grand Duc nicht viel Aufhebens gemacht. Er hatte sie kurzerhand übers Schanzkleid in die Lagune befördern lassen. Als die Jolle geborgen und wieder aufgerichtet war, lagen diese vier Toten längst auf dem Grund der Bucht.

Picou und die beiden anderen Piraten, die mit Grand Duc die Galeone geentert hatten, waren in die Jolle, die jetzt längsseits der Bordwand lag, hinuntergestiegen und östen das letzte Wasser aus, das noch unter den Duchten schwappte.

Ein Mann der vierköpfigen Deckswache trat auf der Kuhl auf den Riesen Grand Duc zu und sagte: „Grand Duc, hör zu. Ich habe dir etwas vorzuschlagen. Ich …“

Grand Ducs Augen verengten sich zu Schlitzen. Die häßlichen Narben und anderen Kampfspuren in seinem Gesicht waren auch in der Finsternis deutlich genug zu erkennen, und nichts in seinem Aussehen wirkte vertrauenerwekkend und aufrichtig. „Red nicht um den heißen Brei herum“, sagte er. „Komm zur Sache. Ich weiß, was du willst. Wollen wir wetten, daß ich es genau weiß?“

„Die Geiseln – sie haben sich von hinten an uns herangepirscht.“

„Und sie haben euch niedergeschlagen.“

„Wir waren durch euch abgelenkt, Grand Duc …“

„Fehlt bloß noch, daß ihr mir und den drei anderen die Schuld daran zuschiebt, daß sie euch fertiggemacht haben. Wir wollten die Weiber holen und uns einen Spaß mit ihnen erlauben. Und was erleben wir? Ihr Satansbraten laßt euch wie die Narren zusammenprügeln. Und jetzt habt ihr Angst vor Masot. Die Hosen voll habt ihr, und die Knie schlottern euch nur so, weil er sich an euch rächen wird.“

„Grand Duc, laß uns verschwinden“, flehte der Pirat.

„Wie? Mit der Jolle vielleicht? Du bist wohl nicht mehr ganz richtig im Kopf, was?“

„Hör zu.“ Der Mann senkte seine Stimme und schlug einen verschwörerischen Tonfall an. „Ich meine das anders. Wir sind zu siebt. Und der Schatz befindet sich an Bord der ‚Saint Vincent‘. Wir sieben brauchen jetzt nur ankerauf zu gehen und mit der Galeone aus der Lagune abzuhauen. Masot und die anderen können uns nicht folgen. Sie stehen völlig machtlos da, haben kein Boot, gar nichts – sie werden womöglich den Rest ihrer Tage auf dieser elenden Insel verbringen, wenn wir jetzt abhauen. Und wir vier hier entgehen unserer Bestrafung.“

Der Riese mit dem gelben Kopftuch stand eine Weile da und überlegte. Was der Kumpan gesagt hatte, hörte sich verlockend an.

„Grand Duc“, flüsterte der andere. „Wir brauchen den Schatz nur durch sieben zu teilen und booten alle anderen aus. Ist das nicht großartig?“

Grand Duc gab einen verhaltenen, brummenden Laut von sich. Er zwang sich dazu real zu denken. Draußen auf See wütete noch der Sturm. Dem konnten sie zwar trotzen, denn er hatte keine Orkanstärke. Aber die Gefahr, auf ein Riff zu laufen, war groß. Außerdem reichten sieben Mann nicht aus, um ein Schiff von der Größe der „Saint Vincent“ quer durch die Südsee zu steuern. Allein in dieser Hinsicht war der Vorschlag des anderen ein Hirngespinst.

Und noch etwas ließ Grand Duc zögern. Masot hatte ihn an diesem Nachmittag beiseite genommen und ihm seinen geheimen Plan offenbart: Nach Hawaii wollte Masot niemals zurückkehren. Sollte Louis, dieser Narr, doch sehen, wie er zurechtkam, sollte die Mannschaft der „Saint Croix“ bis in die Ewigkeit auf sie warten, sie sahen die „Saint Vincent“ nicht wieder – und den Schatz, den sie ihrem Anführer leichtsinnigerweise überlassen hatten, schon gar nicht.

Masot wollte zunächst in die Karibik zurückkehren und dort – nachdem er die Geiseln von Hawaii selbstverständlich unterwegs umgebracht hatte – in einem überraschenden Handstreich auch seine Schiffsbesatzung beseitigen. Nur Grand Duc, sein engster Vertrauter, sollte am Leben bleiben. So konnten sie den Schatz untereinander teilen und auf einer einsamen Insel vergraben, sich dann eine neue Bande suchen und zu neuen Taten aufbrechen. Es würde ein außerordentlich beruhigendes Gefühl für sie sein, ihr Schäfchen im trokkenen zu haben. Noch drei, vier blutige Streifzüge zur See, und sie hatten bis an ihr Lebensende ausgesorgt.

Grand Duc zog sehr schnell seine Pistole aus dem Waffengurt und richtete sie auf sein Gegenüber. Er war jetzt froh darüber, in der Zwischenzeit die Waffenkammer der „Saint Vincent“ aufgesucht und sich dort mit einer neuen Pistole und trockenem Pulver versehen zu haben. Alle anderen Waffen außer seinem Entermesser hatte er ja bei seinem unfreiwilligen Bad in der Lagune verloren.

„Fein hast du dir das ausgedacht, aber daraus wird nichts“, sagte er drohend. Er blickte auch zu den drei anderen, die nach wie vor ziemlich verstört am Schanzkleid standen und zu ihnen herüberschauten. Sicher, sie konnten ihn zu viert überwältigen, aber einen würde er durch den Pistolenschuß töten, und einen zweiten würde er durch einen Streich mit dem Entermesser wohl ebenfalls auf die Höllenfahrt schikken, ehe die beiden anderen ihm zu Leibe rückten. Unter diesem Aspekt fehlte den vier Kerlen der Mumm zu einem raschen Ausfall.

Grand Duc winkte ihnen mit der Pistole zu. „Los, ihr entert jetzt in die Jolle ab. Begeht bloß keine Dummheiten. Der erste, der irgendwelche Tricks versucht, kriegt eine Kugel. Picou!“ Er schritt an dem Kerl, der ihn zur Flucht hatte überreden wollen, vorbei, behielt ihn aber im Augen. „Picou!“ rief er noch einmal.

„Ja, wir sind mit dem Ausösen fertig!“ meldete Picou aus der Jolle.

„Dann steig jetzt wieder herauf und bring die beiden anderen mit“, ordnete Grand Duc an. „Ihr übernehmt die Ankerwache. Ich steige mit diesen vier Hurensöhnen hier in die Jolle und lasse mich zu Masot hinüberpullen.“

Picou enterte als erster an der Jakobsleiter auf, sein Kopf erschien hinter dem Schanzkleid. „Paß auf“, raunte er dem Riesen zu. „Die werden alles versuchen, um der Bestrafung durch Masot zu entgehen.“

„Gib mir deine Pistole“, sagte Grand Duc. „Besorg dir eine neue aus der Waffenkammer.“ Er nahm die Miqueletschloß-Pistole aus Picous Hand entgegen, steckte sie sich in den Gurt und nickte dem Kumpanen zu.

Mit zwei Pistolen, einem Entermesser und einem Messer konnte er sich besser gegen die vier Kerle behaupten. Er trug sein kleines Arsenal mit sich auf die Heckducht der Jolle hinunter, sobald Picou und die zwei anderen Piraten wieder an Deck waren, setzte sich hin und wartete darauf, daß die vier zu ihm abenterten.

9.

Die Lagerfeuer am Strand der Lagune waren jetzt ganz heruntergebrannt, nur die Holzkohlenglut schimmerte rötlich und wurde, wenn sie zu erlöschen drohte, immer wieder von dem Südostwind neu entfacht.

Masot schritt vor seinen Männern auf und ab, blickte immer wieder zur „Saint Vincent“ hinüber und wartete darauf, daß Grand Duc ihm signalisierte. Aber weder die große Hecklaterne noch eine andere Lampe leuchtete an Bord der Dreimast-Galeone auf. Die Erfolgsmeldung blieb aus.

„Da stimmt was nicht“, sagte Masot mit mühsam verhaltenem Zorn. „Sie haben mit den vorderen Serpentinen gefeuert, das heißt, daß die Kanaken irgendwie von Bord gegangen und davongeschwommen sind. Hölle, stehen die denn mit dem Teufel im Bund?“

„Masot.“ Ein untersetzter Kerl zu seiner Linken wies auf das Schiff. „Sie haben die Jolle geborgen, und jetzt pullen sie zu uns herüber, scheint mir.“

„Das wird aber auch Zeit.“ Der Schwarzbart war kurz stehengeblieben, nahm seine Wanderung jetzt aber wieder auf. „Und Vignoc? Wo steckt bloß Vignoc? Verdammt, ich habe ihn doch zur Lichtung geschickt, damit er nachsieht, warum dort geschossen worden ist. Was haben Saint Cyr und Gugnot bloß angestellt?“

Er warf seinen Kumpanen wilde, herausfordernde Blicke zu, aber sie wußten auf seine Fragen auch keine Antworten. Sie konnten nur betreten zu Boden blicken und darauf hoffen, daß er seine unbändige Wut nicht an ihnen, sondern an denen ausließ, die jetzt mit der Jolle auf sie zupullten.

„Holt Vignoc, diesen hirnverbrannten Idioten!“ brüllte Masot sie an. „Stellt fest, was für eine Schweinerei dort oben passiert ist! Wenn Saint Cyr und Gugnot den Deutschen niedergeschossen haben, können sie was erleben! Noch muß der Hund am Leben bleiben, denn ich will den Schatz, verflucht noch mal!“

Zwei Piraten wandten sich ab und rannten los. Sie überquerten den Strand und waren kurz darauf im Inseldickicht verschwunden.

Masot und die anderen Freibeuter blickten ihnen nach, fuhren dann aber zur Lagune herum, denn in der Jolle war ein Schuß gefallen.

Masot sah eine weißliche Qualmwolke von dem Beiboot hochpuffen und Grand Ducs große Gestalt, die sich von der achteren Ducht aufgerichtet hatte. Er konnte auch beobachten, wie die Gestalt eines anderen Mannes langsam über das rechte Dollbord nach außen sank, das Übergewicht erlangte und in den Fluten verschwand. Die Jolle schwankte ein wenig.

Grand Duc glich die Bewegungen durch Beinarbeit aus, hantierte mit seinen beiden Pistolen herum und rief so laut, daß es auch am Strand klar zu verstehen war: „Hat noch jemand Lust, sich mit mir anzulegen? Wer will die nächste Kugel in den Kopf haben?“

Masot ballte die Hände zu Fäusten und stöhnte in ohnmächtigem Zorn auf. Er war am Ende seiner Selbstbeherrschung und wußte, daß er jeden Augenblick zu toben beginnen würde.

Wenig später landete die Jolle.

Masot und seine Leute wateten ein Stück durch die Brandung und empfingen die vier Männer. Grand Duc kletterte als erster aus dem Boot und rief: „Die Wilden sind uns entwischt, und sie haben die vier Mann von der Wachablösung umgebracht. Das alles haben wir nur diesen Hunden hier zu verdanken!“

Er wollte in seinem Lagebericht fortfahren, aber Masot stieß einen Wutschrei aus und warf sich auf die drei Männer in der Jolle. Er sprang zu ihnen in das schwankende Fahrzeug und schlug wie ein Wahnsinniger um sich, ehe sie sich auch nur ansatzweise wehren konnten.

Zegú, der König von Hawaii, beobachtete dieses Geschehen von seinem hängenden Gitterverlies aus. „Die Bestien zerreißen sich untereinander“, murmelte er. „So ist es recht. Pele straft alle, die sich an ihren Kindern vergreifen. Feuerspeiende Göttin von Hawaii – steh meinen Leuten bei! Und hilf auch Thomas Federmann, daß er diesen Teufeln entkommt!“

Die Hauptinsel des Atolls schloß sich von Osten her wie eine Klaue um die große Lagune, und die Greifzangen dieses Gebildes bestanden im Norden und im Süden aus langgestreckten, faserigen Landzungen.

Am Südufer der unteren Landzunge war fast zur selben Zeit auch eine Jolle gelandet, aber davon ahnten Masot und seine Meute nichts. Vorsichtig hatte der schwarzhaarige Bootsführer die Jolle auf die Küste zumanövriert, in der ständigen Befürchtung, mit Untiefen zu kollidieren.

Jetzt aber lag das Boot sicher und unbeschädigt auf dem Strand, und die Brandungswellen umspülten rauschend seinen Rumpf. Der Wind aus Südosten hatte erheblich nachgelassen, umfächelte jetzt fast nur noch die Gestalten der neun Männer und der schwarzhaarigen Frau mit den dunklen Leinenhosen und der roten Bluse.

Der Trupp lief auf das Dickicht zu und tauchte darin unter.

Hasard hatte die Spitze übernommen, gleich hinter ihm folgte Siri-Tong. Ed Carberry, Ferris Tucker, Smoky und Dan O’Flynn schlossen sich an, und hinter ihnen waren Batuti, Sam Roskill, Matt Davies und Jeff Bowie.

Die „Isabella VIII.“ hatte das Westkap der Insel gerundet und war dann mit drei Kreuzschlägen bis dicht vor das südliche Ufer gesegelt. Jetzt hatte sie längst wieder gewendet, lief vor dem Wind nach Nordwesten ab und schickte sich unter Ben Brightons Kommando an, jenseits des Kaps auf Nordost-Kurs zu gehen. Andai, Moho und Numil fungierten als Lotsen, so gut sie konnten. Ben und der Rest der Besatzung sollten durch die Passage, die auch Masot benutzt hatte, um sein Ankergewässer zu erreichen, ganz behutsam in die Lagune lavieren.

Hasard hatte aus seiner privaten Waffensammlung einen scharfgeschiffenen Cutlass mitgenommen, mit dem er sich jetzt einen Weg durch das Dickicht säbelte. Er hatte sich außerdem den Radschloß-Drehling über die linke Schulter gehängt, eine gewehrartige Waffe mit einem sechsschüssigen Cylinder, die sie seinerzeit von den Ladronen mitgebracht hatten.

Die zweite „Wunderwaffe“ von den Diebes-Inseln war der Schnapphahn-Revolverstutzen, den man wechselweise mit einer sechs- oder achtschüssigen Trommel benutzen konnte. Siri-Tong trug den Stutzen bei sich, und sie hatte die Achtkammer-Trommel eingesetzt, um so viele Schüsse wie möglich zur Verfügung zu haben.

Der Profos, Ferris Tucker, Smoky und die fünf anderen hatten sich sowohl mit Pistolen als auch mit kurzläufigen Tromblons, Entermessern und Säbeln ausgestattet. Der schwarze Herkules aus Gambia hatte wie üblich Pfeil und Bogen mitgenommen. Ferris Tucker hatte sich vier prall gefüllte Flaschenbomben in die Jackentaschen gestopft – für alle Fälle. Kurzum, der Stoßtrupp der „Isabella“ war im wahrsten Sinne des Wortes bis an die Zähne bewaffnet.

Hasard plante, in nördlicher Richtung zu wandern und so auf den Strand der Lagune zu stoßen, wo Masots Leute ihre Lagerfeuer entfacht hatten. Es sollte ein Überraschungsangriff werden, kurz, hart, kompromißlos, mit dem Ziel, Zegú und Thomas Federmann herauszuhauen.

Masot mußte inzwischen wohl begriffen haben, daß es ein ausgesprochener Fehler gewesen war, das Lager am Strand einzurichten. Er hätte seine Bande lieber vollzählig an Bord der „Saint Vincent“ belassen sollen, dann wäre den zwanzig Geiseln die Flucht garantiert nicht geglückt.

Ehe Masot veranlassen konnte, daß seine Mannschaft auf die Galeone übersetzte, wollte Hasard seinen Überfall durchgeführt haben.

Ben Brighton sollte zur selben Zeit seinen Beitrag zu dem Unternehmen leisten – es hing viel davon ab, daß er die Passage fand und sich an die „Saint Vincent“ herantasten konnte.

Hasard hatte seine Gruppe ungefähr vierhundert bis fünfhundert Yards tief in den Inseldschungel geführt, da vernahm er plötzlich einen Laut schräg vor sich und blieb abrupt stehen. Durch eine Geste bedeutete er seinen Gefährten, sich gleichfalls still zu verhalten.

Er hatte sich nicht getäuscht – nah vor ihnen raschelte es im dichten Unterholz, und jemand schien mit einemmal in Todesangst zu keuchen. Der Seewolf konnte in der Finsternis nicht die geringste Kleinigkeit vor sich erkennen, im übrigen hätten auch die schweren, Feuchtigkeit ausschwitzenden Blätter des Gestrüpps seine Sicht behindert, aber er war sicher, daß dort vorn ein Kampf stattfand.

Geduckt arbeitete er sich weiter vor, verzichtete jetzt aber darauf, den Cutlass zu benutzen. Er wollte keine unnötigen Geräusche hervorrufen, kroch nur noch flach auf dem modrig riechenden Untergrund entlang und teilte mit den Händen die Zweige und Blätter.

Dann hatte er den Platz erreicht, an dem der Kampf stattfand.

Ein hagerer Mann mit nacktem Oberkörper lag auf dem Rücken, und über ihm kniete ein zweiter Mann in Siegerpose, soviel konnte der Seewolf in der Dunkelheit gerade erkennen. Als nächstes hatte er den Eindruck, daß der unten liegende, schwer atmende, total erschöpft wirkende Mann Thomas Federmann, der Deutsche, war, und er brauchte keine wertvolle Zeit mehr zu vergeuden, um sich endgültig Gewißheit darüber zu verschaffen.

„Fahr zur Hölle“, sagte der Besiegte nämlich – auf deutsch.

Ein dritter Kerl trat soeben hinzu. Er hielt eine Muskete in den Fäusten. Ihrer abenteuerlichen Kostümierung nach konnten die beiden Bezwinger des Deutschen nur Freibeuter sein. Die Situation war klar genug – Thomas war seinen Wächtern entflohen, aber jetzt hatten sie ihn wieder gefaßt.

Hasard schwang hoch, hechtete mit einem panthergleichen Satz auf den über Thomas Knienden zu und riß ihn mit sich von dem Deutschen fort.

Der andere Pirat wollte eingreifen, aber Siri-Tong, Carberry und Ferris Tukker sprangen wie die Teufel aus dem Dickicht und warfen sich gegen ihn, ehe er schießen oder schreien oder seinen Säbel zücken konnte.

Hasard wälzte sich mit dem ersten Kerl auf dem Boden. Es war Saint Cyr, mit dem er kämpfte, aber das sollte er erst später erfahren. Saint Cyr entwikkelte beachtliche Kräfte und brachte den Seewolf für einige Augenblicke in Schwierigkeiten, aber dann hatte Hasard zumindest seinen rechten Arm so weit frei, daß er dem Kerl die Faust unter die Kinnlade rammen konnte.

Siri-Tong hatte Gugnot, dem anderen Widersacher, beachtlich schnell die Muskete entrissen. Carberry wollte den Franzosen mit einem Hieb fällen, aber Ferris Tucker kam ihm zuvor. Seine Fingerknöchel massierten die Schläfe des Freibeuters, und dieser sank mit einem tiefen Seufzer zu Boden.

„Fesselt und knebelt die Burschen“, zischte der Seewolf. „Wir nehmen sie ein Stück mit. Wir können sie hier nicht einfach liegen lassen. Immerhin könnten sie sich befreien und uns dann verraten.“

Thomas Federmann hatte sich halb aufgerichtet. Er stützte sich auf seine Arme und stammelte: „Das – das geht nicht mehr mit rechten Dingen zu. Ich glaube, ich sehe doch Gespenster. Philip Hasard Killigrew, Siri-Tong, Carberry, Tucker – mein Gott, wie schrecklich ist doch der Wahnsinn.“

Smoky, Dan, Batuti, Sam, Matt und Jeff traten jetzt auch aus dem dichten Gebüsch hervor, und Hasards Decksältester wandte sich grinsend an den Deutschen. „Paß mal gut auf, was ich dir sage, mein Freund. Ich will auf der Stelle tot umkippen, wenn wir Geister oder so was Ähnliches sind. Unser Profos sieht zwar aus wie ein Monstrum aus dem Jenseits, aber das sollte dich nicht stören.“

„Wie war das?“ fragte Carberry.

„Ruhe“, raunte der Seewolf ihnen zu. „Himmel, es könnten noch mehr von diesen Kerlen im Dickicht stekken.“

„Ja, das halte ich auch für möglich, Hasard“, sagte Thomas Federmann. „Die beiden hier haben auf mich geschossen, und Masot hat daraufhin bestimmt jemanden losgeschickt, der nachsehen soll, was los ist.“

„Aha, er ist aufgewacht“, sagte Matt Davies.

„Den Rest kannst du uns später erzählen“, flüsterte Hasard dem Deutschen zu. „Mehr brauchen wir vorläufig nicht zu wissen. Kannst du dich auf den Beinen halten?“

„Ja. Jetzt sogar wieder sehr gut“, versetzte Thomas grimmig. „Aber wie seid ihr …“

„Später“, unterbrach ihn der Seewolf. „Zeig uns jetzt lieber, wie wir am schnellsten zum Strand der Lagune gelangen. Dan, gib Thomas deine Pistole und dein Messer, damit er nicht unbewaffnet ist.“

Dan befolgte den Befehl. Thomas Federmann nahm mit dankbarem Lächeln die Waffen entgegen, hob dann auch noch Gugnots Muskete auf und trat zu Hasard und zu Siri-Tong.

Batuti, Sam Roskill, Smoky und Dan O’Flynn hoben die reglosen Piraten Saint Cyr und Gugnot aus dem Dickicht auf. Hasard hatte sich wieder an den Kopf seines Trupps gebracht, blickte sich kurz um und fragte: „Alles in Ordnung da hinten?“

„Ja, Sir“, raunten die Männer.

„Dann los“, sagte er.

10.

Ben Brighton holte tief Luft und versuchte, nicht daran zu denken, was geschah, wenn sie auf ein Korallenriff liefen. Es wollte ihm nicht gelingen.

Gary Andrews lag vorn auf der Galionsplattform und lotete die Wassertiefe aus, aber das nutzte eigentlich herzlich wenig, denn wenn sich plötzlich eine Untiefe ankündigte, dann war es schon zu spät, um durch ein Manöver noch rechtzeitig ausweichen zu können. So ein Atoll war in seiner Struktur unberechenbar und äußerst trügerisch.

Ben Brighton stand auf der Back. Shane, Old O’Flynn und Al Conroy befanden sich in seiner unmittelbaren Nähe, und die Polynesier Andai, Moho und Numil hatten sich vorn über die Balustrade gebeugt, um nach allen Seiten Ausschau halten zu können und die „Isabella VIII.“ nach bestem Wissen und Vermögen durch die Passage zu schleusen.

Keiner sprach ein Wort.

Der Südostwind drückte die mit östlichem Kurs in die Lagune laufende Galeone immer weiter nach Norden hinauf. Ben mußte Überstag gehen und kreuzen, wenn er nicht ganz aus dem Kurs geraten wollte, aber er fragte sich verbissen, ob er überhaupt den Platz hatte, um auf den anderen Bug drehen zu können.

Gary Andrews stieß plötzlich einen verhaltenen Laut aus. Ben wußte nicht, ob es eine Warnung oder eine Erfolgsmeldung sein sollte, aber dann drehte sich Andai lächelnd um und bedeutete ihm durch eine Gebärde, daß sie es geschafft hatten. Tieferes Wasser war erreicht, die Passage lag hinter ihnen.

„Wir gehen auf Steuerbordbug und fahren einen Kreuzschlag nach Süden“, raunte Ben seinen Kameraden zu. „Al, gib das bitte nach achtern weiter.“

Al Conroy stieg zur Kuhl hinunter, um den Befehl weiterzuleiten.

Fast lautlos glitt die „Isabella“ durch die Lagune.

Picou und seine beiden Begleiter marschierten auf der Kuhl der „Saint Vincent“ auf und ab, stiegen hin und wieder auf die Back und auf das Achterdeck und hielten die Augen nach allen Himmelsrichtungen offen, damit ihnen nicht ein ähnlicher Fehler unterlief wie den Kumpanen, die inzwischen von Masot geohrfeigt und niedergeschlagen worden waren.

Picou überlegte sich, daß er durch sein tapferes und loyales Verhalten bestimmt in Grand Ducs Gunst gestiegen war. Der Riese würde dies Masot gegenüber gewiß nicht verschweigen, und das wiederum bedeutete, daß Picou sich einige Chancen ausrechnen durfte, bei der anteilmäßigen Vergabe der Schatzbeute besser als die anderen abzuschneiden. Picou malte sich dies in den schönsten Farben aus und sagte sich im stillen auch, daß es gut war, wenn die Besatzung der „Saint Vincent“ ein wenig schrumpfte. Fünf Mann hatten heute nacht schon das Zeitliche gesegnet – und vielleicht würden die drei übrigen Ankerwachen von Masot höchstpersönlich wegen ihres Versagens hingerichtet werden. Das waren dann acht Kerle weniger. Acht unnütze Parasiten, mit denen man nicht mehr zu teilen brauchte.

Am Strand entstand plötzlich Bewegung.

Picou fuhr herum.

„Ein Angriff!“ riefen seine beiden Kumpane noch. Und dann ging es auch schon los: Zwei Explosionsfeuer stachen zwischen den Palmen himmelan, Donnerschläge rasten über den Strand. Masot, Grand Duc und all die anderen Kerle bei der Jolle schrien auf, zückten ihre Waffen und setzten sich gegen den unbekannten Gegner zur Wehr, der da aus dem Dickicht heraus zu agieren schien.

Die Piraten saßen in der Falle.

Ihr Gebrüll hallte zur Galeone herüber, und Picou und seine beiden Kumpane stürzten entsetzt an das Steuerbordschanzkleid der Kuhl. Alle drei versuchten sie, Genaueres zu erkennen, aber weder mit dem bloßen Auge noch durch den Kieker war etwas von dem unheimlichen Feind im Dunkel zu erspähen. Er hatte sich im Gebüsch eingenistet und schien ein Zielschießen auf die französischen Freibeuter zu veranstalten.

Und was hatte diese rätselhaften Explosionen hervorgerufen?

„Wir müssen ihnen helfen!“ schrie Picou. „Los, feuern wir die Kanonen ab!“

„Und wenn wir unsere eigenen Leute treffen?“ rief sein Kumpan zur Rechten. „Was ist dann? Wir können doch gar nicht richtig zielen!“

Picou kümmerte sich nicht um diesen Einwand. Er stürzte an das Geschütz der Steuerbordseite, das ihm am nächsten stand, wollte die Lunte mit Feuerstein und Feuerstahl entfachen, aber unvermittelt hielt er inne und wandte sich zur anderen Schiffsseite um, weil er dort eine schattenhafte Bewegung wahrgenommen hatte.

Er fuhr zusammen, verschluckte sich und begann heftig zu husten.

Ein Gigant schien sich aus den Schleiern der Nacht hervorzuschieben. Von Backbord achtern schlich er auf die „Saint Vincent“ zu, geräuschlos, unheimlich, unaufhaltsam.

Die „Isabella“ hatte sich mit einem weiteren Kreuzschlag in der Lagune auf Ostkurs gebracht, war dann abgefallen und hatte sich in einer engen Schleife genau auf das Heck der Piraten-Galeone zugeschoben. Dank der ziemlich präzisen Angaben der Männer von Hawaii hatte Ben Brighton dieses Manöver trotz der tiefen Finsternis einwandfrei durchführen können.

Jetzt war die „Isabella“ heran und schickte sich an, bei der „Saint Vincent“ längsseits zu gehen. Auf der Back standen schon die Männer zum Entern bereit, allen voran Ben Brighton, Shane und der alte O’Flynn.

„An die Serpentinen!“ brüllte Picou.

Er stürmte noch zum Achterdeck hinauf und wollte die beiden achteren Hinterlader der Galeone auf den Feind abfeuern, aber dazu kam er nicht mehr. Drohend schob sich die „Isabella“ neben den Franzosen, die Seewölfe jumpten von Bord zu Bord, gefolgt von den Insulanern – ein Menschenschwall schien sich auf das Piratenschiff zu ergießen.

Picou hatte seine Pistole Grand Duc überlassen und sich dummerweise keinen Nachschub aus der Waffenkammer des Schiffes geholt. Er merkte, daß er einen großen Fehler begangen hatte, wollte seinen Säbel zücken, sah sich auf dem Achterdeck aber plötzlich einer überragenden Zahl von Feinden gegenüber. Entschlossen rückten sie auf ihn zu.

Knirschend und schabend drückte sich die „Isabella“ noch ein Stück weiter vor, ihre Kork- und Taufender verhinderten, daß die Bordwände eingedrückt wurden.

„Streicht die Flagge!“ rief Ben Brighton Picou zu. Sein Französisch war nicht das beste, aber es reichte aus, um sich zu verständigen.

Picou ließ den Säbel fallen. Seine Kumpane auf der Kuhl sahen ebenfalls ein, daß Widerstand zwecklos war. Was konnten drei Kerle schon gegen diese Übermacht ausrichten?

Sie ließen also auch von ihren Waffen ab und hoben die Hände.

„Na also“, sagte Ben zu seinen Begleitern. „Damit hätten wir den Zweck der Übung erreicht. Hasard wollte eine heile, seetüchtige ‚Saint Vincent‘ haben – kein Wrack.“

Die beiden Höllenflaschen, die Ferris Tucker und der Profos unter den Palmen hatten hochgehen lassen, hatten nur der Ablenkung gedient. Masot, Grand Duc und die übrigen Piraten waren verwirrt, hasteten quer über den Strand auf den Ort der Detonationen zu – und genau das hatte der Seewolf gewollt. Er brach mit seinem Trupp aus dem Dickicht hervor und fiel der Piratenbande in die Flanke, ehe diese richtig reagieren konnte.

Hasard wollte ein Blutvergießen vermeiden. Im Handgemenge fielen nur wenige Schüsse, und den Radschloß-Drehling brachte er überhaupt nicht zum Einsatz. Mit einigen gezielten Fausthieben trieb er eine Bresche in die Masse von Leibern, arbeitete sich zu Masot durch und forderte diesen vor die Klinge.

Siri-Tong schlug zwei Kerle mit dem Kolben des Schnapphahnstutzens nieder, dann zückte sie ihren Degen und parierte einen wilden Entermesserhieb von Grand Duc.

Smoky, Dan, Batuti, Sam, Matt und Jeff warfen sich derweil in den Kampf gegen die übrige Meute. Thomas Federmann griff ebenfalls mit ein, so gut er konnte.

Die gefesselten und geknebelten Piraten Gugnot und Saint Cyr hatten sie im Dickicht hinter sich zurückgelassen.

Carberry und Ferris wollten unter den Palmen hervortreten und die anstürmenden Piraten zurückwerfen, da gab es einen unerwarteten Zwischenfall. Von Süden her rückten Vignoc und die beiden anderen Freibeuter an, die nach dem Verbleib von Federmann und dessen Bewachern Gugnot und Saint Cyr geforscht hatten. Sie schossen auf den Profos und den rothaarigen Schiffszimmermann, und Ferris Tucker spürte es plötzlich siedendheiß über seine Schulter brennen.

Er warf sich hin, überrollte sich und brachte die dritte Höllenflasche zum Vorschein.

„Ferris!“ schrie der Profos, der sich hinter dem Stamm einer Palme in Dekkung geworfen hatte. „Hölle, du alter Klamphauer, hat es dich etwa erwischt?“

„Nur ein Streifer“, stieß Tucker undeutlich aus. Dann hatte er die Flaschenbombe gezündet und ließ sie mit einem wilden Schlenker des linken Armes zu den anstürmenden drei Franzosen hinübersegeln.

Die Ladung ging im richtigen Moment hoch, und die Todesschreie der Angreifer gellten über den Strand bis auf die Lagune hinaus. Dies gab den Ausschlag – die meisten Piraten ergaben sich plötzlich.

Carberry sah aber, daß Grand Duc die Rote Korsarin immer noch mit dem Entermesser bedrängte. Mit einem Fluch sprang der Profos auf, war mit zwei Sätzen bei Grand Duc und hieb diesem die Faust in die Körperseite. Der Riese mit dem gelben Kopftuch ächzte und ließ seine Hiebwaffe unwillkürlich sinken. Carberry schlug noch zweimal zu, ehe Grand Duc sich richtig gegen ihn zur Wehr setzen konnte. Der Pirat sank in den Knien ein und brach auf dem weißen Sand zusammen.

„Edwin“, sagte die Rote Korsarin lächelnd. „Ich danke dir für die Unterstützung. Es stimmt eben doch – wo der Profos hinhaut, da wächst kein Gras mehr.“

„Och“, meinte Carberry. „War doch nicht der Rede wert, das …“

Plötzlich wirbelte etwas durch die Luft – es war Masots Schiffshauer. Der Seewolf stand mit leicht gespreizten Beinen auf dem Strand und hielt dem Schwarzbart die Spitze seines Cutlass gegen die Gurgel.

„Töte mich!“ schrie Masot. „Warum zögerst du noch?“

„Fesselt ihn“, sagte Hasard, ohne auf das Geschrei des Kerls zu achten.

Ferris Tucker und Carberry packten den vor Zorn bebenden Mann. Hasard ließ den Cutlass sinken, steckte ihn weg und ging zu dem leicht hin und her schwankenden Holzkäfig hinüber, um Zegú, den König von Hawaii, aus seiner schmählichen Lage zu befreien.

Die Schlacht war geschlagen.

In dieser Nacht fand keiner Schlaf. Es gab eine turbulente Wiedersehensfeier der Seewölfe und der Männer und Frauen von Hawaii.

Der Morgen kündigte sich mit strahlendem Sonnenschein an, und die See hatte sich wieder beruhigt. Zwei Schiffe verließen die Lagune und segelten an den hier und da aus dem Wasser ragenden Mastspitzen gesunkener Schiffe vorbei – die „Isabella VIII.“ und die „Saint Vincent“. Fliegende Fische waren aufgetaucht und begleiteten beide Galeonen zur Passage, als wollten sie ihnen eine gute Reise wünschen.

Masot, Grand Duc und die anderen Überlebenden von der Piratenbande blieben auf der Koralleninsel zurück. Sie würden einige Zeit brauchen, bis sie sich von ihren Fesseln befreit hatten, und auch danach würde es ihnen nicht so leichtfallen, den ungastlichen Ort zu verlassen. Hasard hatte ihnen zwar die beiden Jollen der „Saint Vincent“ gelassen, aber er hatte sie weitab vom Ufer der Lagune an verschiedenen Küsten des Eilandes versteckt.

Die „Saint Vincent“ segelte mit Thomas Federmann, Zegú, Andai, Moho, Numil, Hauula, Mara und den anderen Insulanern an Bord nach Norden davon – zurück nach Hawaii mit dem Schatz an Bord. Es hatte eine ergreifende Abschiedszene gegeben, doch nichts hatte den Seewolf davon abhalten können, seine Absichten zu verfolgen.

Er lief mit der „Isabella“ an dem nun wieder aus Osten blasenden Wind nach Süden ab. So sehr Thomas und dessen Freunde ihn auch gebeten hatten, mit ihnen nach Hawaii zurückzukehren – er wollte tiefer in die unbekannte, bisher noch unerforschte Wasserwelt vordringen, die südlich des Atolls lag, und davon konnte ihn nichts und niemand abbringen.

Nicht einmal Siri-Tong hätte es vermocht – und das wollte schon etwas heißen.

Aber sie versuchte es auch gar nicht. Sie war selbst versessen darauf, zu erfahren, was jenseits des Äquators in den Weiten des Stillen Ozeans lag …


1.

Der spanische Kapitän der Dreimastgaleone „Kap Hoorn“ zuckte zusammen, als die Stimme aus dem Großmars erklang.

„Land! Land, zwei Strich Backbord voraus!“

Jesus Maria Sinona hob zum Zeichen, daß er verstanden hatte, die Hand und ließ sich das Spektiv reichen.

Was in der Optik als kleiner Ausschnitt erschien, brachte ein Lächeln auf seine Lippen.

Ja, das mußte die Insel sein, die sie suchten, daran gab es für ihn keinen Zweifel mehr.

Er sah einen dünnen Strich aus dem blauen Wasser ragen und glaubte, spitze Schroffen auf diesem Strich zu erkennen, der sich dunkelgrün vom noch fernen Horizont abhob. Weitere Einzelheiten vermochte er noch nicht zu sehen, denn am Horizont hing ein feiner trüber Schleier wie flüchtiger Nebel.

Sein Lächeln vertiefte sich, als er dem ersten Offizier das Spektiv zurückgab.

„Sehen Sie hindurch, Senor Fusté! Und dann vergleichen Sie noch einmal die Roteiros. Es müßte die Insel sein.“

Der Erste, ein kleiner, drahtiger Mann mit stechenden Augen und bläulichen Bartschatten im Gesicht, blickte ebenfalls durch das Spektiv und lehnte sich an die Schmuckbalustrade.

Nach einer Weile nickte er.

„Si, Senor Capitan“, sagte er. „Ich habe mich in der Navigation also doch nicht geirrt, wie Sie bemerkten.“

Er zog die in dunkles Leder gebundenen Roteiros zu sich heran, breitete sie auf dem Tisch aus, den man extra aufs Achterkastell gestellt hatte, und verglich die Angaben.

Die Roteiros waren umfangreich und ziemlich exakt. Um ihre geringfügigen Abweichungen hätte sie jeder Engländer beneidet. Diese Karten waren das Produkt sorgfältiger Forschungen, Skizzierungen und Vermessungen.

„Nun, was ist?“ fragte Sinona ungeduldig.

„Siebzehn Grad südlicher Breite, hundertneunundvierzig westlicher Länge“, erwiderte der Erste, „die Minuten kann ich nicht genau errechnen. Aber wir sind da. Weit und breit ist keine andere Insel in der Nähe zu sehen.“

„Es könnten ja noch andere dahinterliegen“, sagte Sinona sarkastisch. „Oder halten Sie das für ausgeschlossen, Senor Fusté?“

„Nein, aber meinen Berechnungen nach …“

Der Kapitän winkte ab und blickte zu dem feinen Landstrich.

Die „Kap Hoorn“ segelte mit Steuerbordhalsen auf Backbordbug liegend ihrem Ziel entgegen.

Der Himmel war von jener Bläue, wie es ihn hier nur in Polynesien gab. Die winzigen Wattewolken an Steuerbord gehörten zum täglichen Bild. Wie festgeleimt hingen sie im Blau des Himmels, seit Tagen schon, und sie schienen die „Kap Hoorn“ auf ihrem Weg zu begleiten, als hätte man sie extra bestellt.

Kapitän Jesus Maria Sinona begann auf dem Achterkastell auf und ab zu gehen. Das tat er immer, wenn er in Gedanken versunken war, und so überhörte er auch die Frage des ersten Offiziers.

Erst als Fusté sie zum zweiten Male stellte, vernahm er sie.

„Ja, natürlich ändern wir den Kurs“, sagte er ungeduldig. „Das erwarte ich von Ihnen in alleiniger Entscheidung. Diablo, Senor Fusté, das sollten Sie mittlerweile wissen, auch wenn es Ihre erste Reise an Bord der ‚Kap Hoorn‘ ist.“

Die kohlschwarzen Augen des Kapitäns blickten den Ersten durchbohrend an, der daraufhin verlegen nickte und die erforderlichen Befehle weitergab.

Der Kapitän nahm seine Wanderung wieder auf. Sie führte ihn von Steuerbord nach Backbord, mitunter blieb er ein paar Sekunden stehen, dann wanderte er weiter.

Seine Gedanken kreisten um seinen Auftrag, sie drehten sich um die Brotfrucht, genauer um den Brotfruchtbaum, der auf einigen wenigen Inseln Polynesiens wuchs. Auf den meisten anderen gab es ihn nicht.

Seine Aufgabe war es, die Brotfrucht auch dort zu verbreiten, wo sie nicht wuchs und sich Inseln in spanischem Besitz befanden. Gleichzeitig sollten die Heiden bekehrt werden, wie die Spanier es auch schon in weiten Teilen der Dritten Welt getan hatten. Das war eine Anordnung seiner Allerkatholischsten Majestät, Philipp des Zweiten.

Sinona war auf seinen vielen Reisen bisher immer erfolgreich gewesen und hatte sich gegen Engländer und Franzosen behaupten können.

Auch diesmal hoffte er es zu sein. Er hatte die Eingeborenen ganzer Völkerstämme zum Christentum bekehrt, und sein Name in der Dritten Welt war gefürchtet, geachtet – und verhaßt. Zweimal hatte er Kap Hoorn gerundet, und ihm zu Ehren hatte diese Dreimastgaleone auch ihren Namen.

Er unterbrach seine rastlose Wanderung und ließ sich wieder das Spektiv geben.

Die Insel, nach den Berechnungen war es Tahiti, war größer geworden, und erste Einzelheiten waren zu erkennen.

Grünbewaldete Berge erhoben sich in den Himmel, einige kegelförmig, andere spitz und schroff, aber ebenfalls dicht bewachsen.

Zwischen den Bergen schien es eine Bucht zu geben, aber er war sich nicht ganz sicher. Das konnte auch täuschen, vielleicht war es nur ein Einschnitt zwischen den Bergen.

Erste Zweifel kamen ihm jedoch, als sich die „Kap Hoorn“ noch weiter dem Land näherte.

„Sind Sie sicher, Senor Fusté“, fragte er, „daß Sie sich in Ihren Positionsangaben nicht getäuscht haben? Man müßte Hütten erkennen können, zumindest einen weißen Strand und hohe Kokospalmen. Prüfen Sie Ihre Roteiros noch einmal!“

Der Erste lief rot an, schluckte hart und wollte etwas erwidern. Doch die Autorität, die Sinona ausstrahlte, ließ ihn verstummen.

Er sah in die schwarzen, durchdringenden Augen und nickte, fast gegen seinen Willen.

„Ich überprüfe es, Senor Capitan, aber es ist ausgeschlossen, daß ich mich geirrt habe.“

„Ausgeschlossen ist nichts, Senor Fusté“, erwiderte der Kapitän mit harter Stimme. „Jeder kann sich mal irren, und auch ich gestehe Ihnen einen Fehler zu. Allerdings darf er nicht groß sein, sonst wäre er unverzeihlich.“

Fusté begann mit seinen komplizierten und langwährenden Berechnungen erneut, aber bis er alles überprüft hatte, waren sie der Insel schon ein ganzes Stück nähergerückt.

Er bemerkte den spöttischen, fast verächtlichen Blick des Kapitäns und preßte die Lippen zusammen. Wenn der Kapitän so blickte, fühlte er sich klein und häßlich und begann immer unsicherer zu werden.

„Hoffentlich sind Sie fertig, bis wir die Insel angelaufen haben“, sagte Sinona gehässig. „Oder wir wenden eine andere Methode an, um unsere Position festzustellen. Die Methode ist ganz einfach und hat sich immer bestens bewährt. Sie gehen einfach an Land und fragen den nächstbesten Kanaken, wie die Insel heißt.“

Dem Ersten stieg noch mehr Röte ins Gesicht, und er blickte auf.

„Ich weiß, daß dies Tahiti ist“, murmelte er gepreßt. „Ich habe mich nicht geirrt, Senor Capitan.“

„Dann bin ich beruhigt.“

Eine Zeitlang schwieg Sinona und lehnte lässig an der Schmuckbalustrade. Nur seine Augen irrten immer wieder über das Land, und Fusté sah, daß er unmerklich den Kopf schüttelte.

Nein, er hatte sich nicht verrechnet, todos los Santos, bei allen Heiligen nicht, darauf hätte er sogar seinen Kopf verwettet.

„Tatsächlich eine Bucht“, hörte er Sinona murmeln. „Wir werden in diese Bucht segeln, Senor Fusté, und hinter der Korallenbank vor Anker gehen. Alle Mann auf Stationen!“

Der Erste gab den Befehl an den bulligen Profos Orleano Bollo weiter, und der begann sofort zu brüllen, um die Crew sowie die Seesoldaten auf Trab zu bringen.

Zwei Segel wurden aufgegeit. In diesem Augenblick begann die „Kap Hoorn“ den zweiten bewachsenen Berg zu runden, hinter dem sich die langgestreckte Bucht ankündigte.

Es war ein eindrucksvolles Bild. Die ganze Insel war überwältigend, das ließ sich an den Gesichtern der Männer ablesen, die auf ihren Stationen standen und die Landschaft bewunderten.

Sie tuschelten erregt miteinander, zeigten immer wieder zum Land hinüber und einige begannen zu grinsen.

„Steht hier nicht rum!“ brüllte der Profos. „Denkt nicht schon wieder an Weiber, ihr verlausten Kerle. Tut eure Arbeit schnell und willig, sonst erlebt ihr die Hölle!“

Die Männer kuschten wie immer, wenn der meist übelgelaunte und rechthaberische Profos erschien. Das Getuschel hörte auf, als der Profos jeden Handgriff überwachte.

Die Männer hatten nicht einmal Zeit, die einmalige Schönheit dieser paradiesisch anmutenden Bucht zu bewundern.

Dafür genoß Sinona vom Achterkastell aus diesen märchenhaften Anblick, und insgeheim gab er seinem Ersten recht, daß sie doch die richtige Insel gefunden hatten.

Blendendweißer Sandstrand tauchte auf, aber merkwürdigerweise gab es hier nur ein paar Kokospalmen. Hinter dem weißen Strand begann dunkelgrünes Dickicht, gleich dahinter stiegen die bewachsenen Berge an.

Vor der „Kap Hoorn“ aber dehnte sich auf dem Wasser der Steuerbordseite eine phantastisch anmutende Korallenbank, an der sich schäumend weißes Wasser im dunklen Blau einer dahinterliegenden Lagune spiegelte.

Sidona warf einen schnellen Blick zu dem Rudergänger und gab ihm mit dem Daumen ein Zeichen, leicht nach Backbord abzufallen.

Er trat an die Schmuckbalustrade und sah ins Wasser, während die Galeone ganz leicht den Kurs änderte.

Eine Fahrrinne, von der Natur geschaffen, führte zum Strand hin. Es sah aus, als hätte Menschenhand sie geschaffen, so exakt verlief sie.

Korallenbänke befanden sich auch auf der anderen Seite, dazwischen gab es ein tiefes blaues Loch, das aber gleich in das sanfte Grün weiterer Korallen überging.

Das natürliche Riff war mindestens zweihundert Yards breit. Die Länge mochte mehr als drei Kabellängen betragen.

Wer hier auflief, überlegte Sinona, der war rettungslos verloren, denn die scharfen Korallenspitzen befanden sich zum Greifen nahe unter der brodelnden Wasseroberfläche. Eine leichte Berührung würde genügen, den Rumpf der Galeone von vorn bis achtern in ganzer Länge aufzuschlitzen.

In einem Abstand von knapp zehn Yards segelte die „Kap Hoorn“ an dem gefährlichen Riff langsam vorbei.

Sinona blickte immer noch wie gebannt ins Wasser. Er konnte den Blick von der einmaligen Farbenpracht nicht lösen. Er sah riesige, tellergleiche Korallen, dann wieder blutrote Äste, dicke Wurzeln und filigranartige gefiederte Blätter in allen Farben.

Den taktischen Fehler, den er begangen hatte, merkte er erst etwas später.

So prächtig und herrlich diese Lagune auch anzusehen war, sie erwies sich als heimtückische Falle, denn wenn ein anderes Schiff vor der natürlichen Einfahrt aufkreuzte, dann konnte es die Galeone mühelos und ohne sich selbst zu gefährden, unter Feuer nehmen.

Bei diesem Gedanken brach dem Kapitän der Schweiß aus, denn in die Lagune drang kaum noch Wind.

Die restlichen, noch stehenden Segel fielen schlaff in sich zusammen wie bei einer plötzlichen Flaute.

Sekundenlang spiegelte sich auf seinem Gesicht Unbeherrschtheit, und er ballte die Hände zu Fäusten.

Den Ersten hatte er wegen seiner vermeintlichen Positionsfehler gerügt, und jetzt unterlief ihm selbst dieser grobe Schnitzer, ihm, dem erfahrenen Kapitän.

Andererseits war kaum damit zu rechnen, daß hier ein Gegner auftauchte, aber es war eben nicht mit absoluter Sicherheit auszuschließen.

Nach einer weiteren Kabellänge wurde er jedoch ruhiger, und sein Körper entspannte sich.

Es gab aus dieser Lagune auch wieder einen Ausweg, einen prächtigen Ausweg sogar, wie er erkannte, und damit konnte ihnen niemand mehr gefährlich werden.

Sinona atmete erleichtert aus, als er den Weg sah, der sich ihm anbot. Im Halbrund führte die Fahrrinne in einem großen Bogen weiter, wurde dann immer breiter und lief wieder, diesmal zwischen zwei Bergen, ins Meer hinaus.

Damit erledigte sich sein Problem von selbst, und auch der sehr nachdenkliche Blick seines ersten Offiziers verschwand wieder.

Sinona lächelte vor sich hin. Nein, er hatte sich keine Blöße gegeben, und jeder glaubte, er kenne sich hier gut aus.

Er gab das Zeichen zum Ankersetzen und suchte mit dem Spektiv die Umgebung ab.

Keine Menschenseele hauste hier. Anscheinend war die Insel leer und verlassen, oder aber die Eingeborenen hatten das fremde Schiff entdeckt und waren geflohen.

Nun, es würden sich Hinweise finden lassen, dachte Sinona, es mußte Hütten und Spuren geben. Das würde die erste Exkursion an Land zeigen.

2.

Zwei Boote mit jeweils zwölf Mann liefen knirschend auf den weißen Strand.

Sinona sprang als erster hinaus.

„Profos! Sie übernehmen die erste Gruppe und gehen in südliche Richtung. Die zweite Gruppe, die Richtung Westen marschiert, übernimmt Senor Fusté. Die restlichen Leute folgen mir.“

Die Befehle des Kapitäns wurden umgehend bestätigt. Die Seesoldaten packten ihre Musketen, Pistolen und Entermesser und bauten sich am Strand auf.

Sinona warf einen Blick zum Schiff hinüber, das jetzt unter dem Kommando des zweiten Offiziers stand. Die „Kap Hoorn“ war gefechtsbereit. Die Stückpforten waren hochgezogen, die Kanonen ausgerannt.

„Feststellen, wo sich Eingeborene aufhalten“, schnarrte Sinona, „Kontakt vorerst vermeiden, sofort einen Melder zu mir. Ich selbst gehe in diese Richtung!“

Er wies mit der Hand zwischen die schmale und unübersichtliche Einbuchtung der Berge.

„Alle Brotfruchtbäume, die wir antreffen, sind sofort auszugraben“, ordnete Sinona an. „Selbstverständlich nur die jüngeren Pflanzen. Senor Fusté, Sie sind mir dafür verantwortlich, daß diese Pflanzen mit ganz besonderer Sorgfalt und ohne die Wurzeln zu beschädigen, ausgegraben werden.“

„Si, Senor Capitan“, sagte der Erste.

Die Männer marschierten los. Trotz der Hitze trugen sie Kupferhelme, und schon bald lief ihnen der Schweiß in Strömen über die Gesichter.

Die uniformierte Truppe mutete fremdartig und seltsam auf dieser Insel an. Sie paßte nicht in dieses friedliche Bild von sanften Buchten, weißen Stränden und strahlend blauem Himmel.

Während die beiden Gruppen unter dem Profos und dem Ersten in entgegengesetzte Richtung gingen, drang Sinona in den Einschnitt vor.

Er hatte nur fünf Männer dabei, aber die waren alle bis an die Zähne bewaffnet. Über ihre grimmig blikkenden Gesichter lief nun in Bächen der Schweiß.

Ein Stück ging es am Strand vorbei, dann drangen sie in das Dickicht ein und liefen einen von der Natur geschaffenen Pfad weiter.

Kein Lufthauch brachte Kühlung. Bis auf das Krächzen eines Seevogels blieb alles still und ruhig.

Sinona sah sich immer wieder um. Er hatte das Gefühl, als belauerten unsichtbare Augen jeden ihrer Schritte. Aber er sah niemanden, so sehr er sich auch anstrengte. Es hatte immer noch den Anschein, als sei diese Insel unbewohnt.

Ein Seesoldat blieb stehen und deutete auf einen Pfad, der schräg zum Berg hinaufführte.

„Was ist?“ fragte Sinona ungehalten.

„Senor Capitan, das hier ist kein natürlicher Pfad. Der ist künstlich angelegt worden.“

Der Soldat bückte sich und wies auf einige Pflanzen, die niedergetreten waren. Man sah es kaum, aber Sinona erkannte, daß der Mann recht hatte.

„Tatsächlich, dann hat mich meine Ahnung also doch nicht getrogen. Aufpassen, Männer! Gebt acht, falls sich jemand weiter oben in den Bergen zeigt, sonst sitzen wir in der Falle.“

Mit äußerster Vorsicht gingen sie weiter. Sie kannten sich mit Eingeborenen aus, die waren immer unberechenbar. Auf manchen Inseln hatte man sie mit liebenswerter Freundlichkeit empfangen, auf anderen hatte man sie ohne Warnung angegriffen und einige der Crew augenblicklich getötet.

Wie es hier war, ließ sich nicht voraussagen. Wenn die Eingeborenen erfuhren, was sie wollten, dann war es mit der Freundlichkeit vermutlich sofort vorbei.

Die Brotfrüchte stellten ihre Hauptnahrung dar, und die würden sie sich nicht so ohne weiteres wegnehmen lassen.

Sinona lachte ärgerlich auf. Sollten sie, er hatte genügend Soldaten an Bord, die mit den paar Insulanern im Handumdrehen fertig werden würden.

Sinona übernahm wieder die Führung, erklomm den schrägen Pfad und sah sich immer wieder um. Die Pistole hielt er in der rechten Hand, bereit, sich nicht überrumpeln zu lassen.

Ein winziger Seitenarm der Lagune lief weiter ins Land und teilweise um den Berg herum. Es war nicht mehr als ein kleiner Bach, und Sinona glaubte auch von ihm, daß er künstlich angelegt worden sei.

Nach etwa zehn Minuten erreichten sie die Biegung. Sinona blieb stehen, als sei er gegen eine unsichtbare Mauer geprallt.

Vor ihnen, in einem kleinen Tal, mehr einer größeren Mulde, lagen die Hütten der Eingeborenen.

Sieben Hütten zählte Sinona. Sie waren auf Pfählen errichtet, waren aber keine Pfahlbauten wie bei den Salzwasserleuten, denn hier waren die Pfähle nicht höher als ein Yard. Und die Hütten waren oval und nicht rechteckig oder lang wie bei den anderen.

Sinona nahm das Bild in sich auf.

Zwischen den sieben Hütten stand eine Gruppe Kokospalmen. Ganz dicht dabei befand sich ein Wasserlauf, der aus den Bergen als Rinnsal hinunterfloß, hier unten breiter wurde und in den Nebenarm der Lagune mündete.

Niemand erscheint, um uns zu begrüßen, dachte Sinona. Das winzige Dorf schien verlassen zu sein, aber dagegen sprachen die beiden Ziegen, die hinter der Palmengruppe standen und herüberäugten. Eingeborene waren nicht zu sehen.

Sinona lächelte, aber es war kein gutes Lächeln.

„Sie haben uns längst gesehen“, sagte er ärgerlich. „Und ich halte jede Wette, daß sie jetzt irgendwo in den Bergen sitzen und uns beobachten. Weiter, wir sehen uns das Dorf an! Haltet die Waffen schußbereit und paßt auf!“

Mit schußbereiten Waffen näherten sie sich den Hütten, erklommen die kurzen Leitern und durchsuchten sie.

Außer einigen Hühnern, die in den Hütten kreischend auseinanderstoben, fand sich kein Lebewesen.

„Die Hühner, Senor Capitan“, sagte ein Seesoldat, „und die beiden Ziegen. Sollen wir …“

Sinona, verärgert darüber, daß sich die Insulaner so heimlich empfohlen hatten, nickte knapp.

„Lassen Sie das Viehzeug an Bord bringen! Die Kokosnüsse werden ebenfalls geerntet.“

Da sich keiner der spanischen Seesoldaten auf die hohen Palmen hinauftraute, wurde die erste kurzerhand mit den Schiffshauern gefällt. Sie krachte in eine Hütte und zerschlug sie.

Als Sinona das kommentarlos geschehen ließ, fällten sie die anderen Palmen ebenfalls, erschlugen die Ziegen und trieben die Hühner zusammen, denen sie die Beine zusammenbanden.

Sinona suchte Brotfruchtpflanzen, aber er hatte schon zuvor keine entdekken können, und so fand sich auch hier keine einzige.

Mittlerweile hatten die Seesoldaten auch die letzte Palme gefällt und von den Hütten standen nur noch die Pfähle. Alles andere war von den stürzenden Stämmen und ihren dichten Wedeln zermalmt worden.

„Cerana, Sie begleiten mich dort hinauf“, sagte der Kapitän. „Dort hat man mit Sicherheit einen Blick über den größten Teil der Insel. Ich will sie mir ansehen. Die anderen warten hier, bis ich zurück bin. Krempelt hier im Tal alles um, vielleicht gibt es doch noch irgendwo Pflanzen der Brotfrucht.“

Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte sich Sinona um. Er fürchtete sich nicht vor den Eingeborenen, und er glaubte auch nicht mehr, daß sie ihn von den Bergen aus mit Steinen bombardieren würden. Dazu hatten sie zu sehr Angst. Sie mußten schon geflohen sein, als die „Kap Hoorn“ die Insel anlief und hielten sich jetzt irgendwo versteckt.

Cerana, einer der Bootsleute, ging schwitzend und keuchend den steilen Weg voran. Er schleppte die schwere Muskete, drei Pistolen im Gürtel, einen Schiffshauer und ein Entermesser. Immer wieder blickte er nach oben, in der Befürchtung, ihnen würde es Steine auf die Helme regnen.

Doch es regte sich nichts, alles blieb verdächtig still.

Es war ein mühsamer Aufstieg durch dichtes Unterholz, zugewachsenen dschungelartigen Busch und größere Geröllbrocken.

Je höher sie stiegen, desto malerischer wurde der Ausblick. Tief unter ihnen war jetzt die „Kap Hoorn“ winzig klein zu erkennen. Aus dieser Höhe sah man sogar die Korallenbänke und das dazugehörende prächtige Farbenspiel des Wassers. Es schimmerte grünlich, zarthellblau, dann wieder tiefdunkel oder, wie an den Rändern der Korallenbank, grünlichweiß mit wirbelndem Schaum.

Aber dafür hatte weder Sinona noch der nach Luft ringende Cerana einen Blick übrig. Sie beschränkten sich auf ein flüchtiges Hinsehen, ihre Gedanken waren ganz woanders.

Sinonas anfangs noch gute Laune verflog zusehends, als sie die letzten Yards erklommen und nun auf der Spitze standen, die ihnen einen Überblick über die gesamte Insel gestattete.

Der Kapitän stieß unbeherrscht einen Fluch aus.

„Puta madre santissimo!“ schrie er laut. „Todos Santos, sehen Sie sich das an, Cerana, und dann sagen Sie mir gefälligst auf der Stelle, wo wir hier eigentlich sind. Diesen unfähigen Idioten von Offizier werde ich mir später vorknöpfen.“

„Das – das ist nicht Tahiti, Senor Capitan“, murmelte Cerana. „Es muß sich um eine vorgelagerte Insel handeln, aber Tahiti liegt fraglos da vorn, weiter im Süden. Die Berge haben die eigentliche Insel unseren Blicken entzogen.“

„Wie schön, daß Sie das auch schon gemerkt haben“, sagte Sinona voller Sarkasmus. „Dieser navigatorische Versager wird das von seinem Sold bezahlen, alles, die gesamten Unkosten! Natürlich ist das Land im Süden Tahiti, und auf diesem lausigen Eiland werden wir ganz sicher keine Brotfrucht finden.“

Er hob das mitgebrachte Spektiv an die Augen und suchte die Strände der Insel ab.

Alle beide Gruppen waren zu sehen, die unter dem Profos und die andere, die Fusté führte. Nicht mehr lange, und die beiden hatten die Insel umrundet und würden sich begegnen.

Weitere Hütten der Eingeborenen gab es nicht, nur weiter hinten, direkt auf dem Strand, lag ein kleines Auslegerboot. Die paar Insulaner, die hier hausten, mochten sich irgendwo im Gewirr der Berge versteckt halten. Aber das war Sinona egal, mochte der Teufel die Insulaner holen, sie scherten ihn nicht mehr.

„Feuern Sie einen Schuß ab!“ befahl er und setzte das Spektiv wieder ans Auge, als sich neben ihm mit lautem Knall eine Pistole entlud.

Die Soldaten blieben Sekunden später stehen. Wie erstarrte Figuren aus einer Erzählung standen sie da. Dann setzten sie sich in Marsch und gingen den Weg zurück.

Sinona warf einen letzten, galligen Blick auf das Paradies, das sich tief unter ihm ausbreitete, und schaute zu der anderen Insel hinüber. Sie war höchstens zehn, zwölf Meilen entfernt und breitete sich aus wie Festland.

Gerade, als er sich endgültig abwenden wollte, sah er das Boot, das von der anderen Seite der Insel ins Wasser geschoben wurde. Es war ein Auslegerboot wie jenes, das am Strand lag. Ein knappes Dutzend Gestalten waren darin zu erkennen, die in auffallender Eile durch die schwache Brandung segelten und Kurs auf Tahiti nahmen.

„Sie haben uns beobachtet“, murmelte Sinona, „und jetzt treibt die Angst sie voran.“

Er winkte verächtlich ab. „Weiter, Cerana, diese Insulaner können uns nicht gefährlich werden, sie sind anscheinend nicht einmal mit Speeren bewaffnet.“

Cerana lächelte überheblich. Nein, dieses knappe Dutzend Insulaner konnte ihnen wirklich nicht gefährlich werden. Was wollten die schon gegen eine Kriegsgaleone der Spanier ausrichten?

Er folgte Sinona, der bereits mit dem Abstieg begann.

Unten warteten die anderen, aber Sinona verlor kein Wort darüber, was sie gesehen hatten. Er ließ sammeln und ordnete den Rückmarsch an. Die zwei Ziegen und die Hühner schleppten die Seesoldaten mit sich, ebenfalls die Kokosnüsse von den gefällten Palmen.

Die beiden anderen Gruppen warteten bereits vor den Booten am Strand.

Das Gesicht des ersten Offiziers war auffallend bleich, und er schlug die Augen nieder, als Sinona ihn höhnisch musterte.

„Tahiti, was?“ fragte er sanft.

Der Erste gab keine Antwort. Er blickte in den Sand und hatte die Hände auf dem Rücken verschränkt.

„Ich frage Sie, ob das hier Tahiti ist, Senor Fusté?“ schrie Sinona wütend.

„Nein, Senor Capitan“, erwiderte Fusté kleinlaut.

„Ach! Dann stimmen Ihre Berechnungen also gar nicht. Und ich dachte immer, Sie verstünden etwas von Navigation.“

Sinona scherte sich nicht darum, daß die Seesoldaten wie Puppen herumstanden und verlegen jedes Wort mithörten.

Der Anpfiff des Kapitäns seinem ersten Offizier gegenüber war ihnen ausgesprochen peinlich.

„Ihr Fehler kostet uns mindestens zwei Tage, Senor Fusté“, sagte Sinona kalt. „Ich lasse Ihnen jedoch zwei Möglichkeiten offen, Sie können als Decksmann weiterfahren, oder Sie übernehmen die Unkosten. Dazu zähle ich Proviant und selbstverständlich die Heuer der Besatzung für diese zwei Tage. Das wird die Kriegskasse zu Ihren Ungunsten ein wenig entlasten. Ihre Antwort erwarte ich bis heute abend, Senor.“

„Jawohl, Senor Capitan.“

Fusté wußte schon jetzt, daß er sich nicht zum einfachen Decksdienst entscheiden würde. Er hätte bei der gesamten Mannschaft das Gesicht verloren. Andererseits konnte er zwei oder drei Monate ohne Sold fahren, aber er war Sinona trotzdem dankbar, daß der ihm eine dieser beiden Möglichkeiten gelassen hatte.

Für Sinona war der Fall damit vorerst erledigt.

„Zurück an Bord!“ befahl er. „Wir gehen sofort ankerauf und segeln die andere Insel an, die richtige diesmal. Ich hoffe, Sie sind in der Lage, uns dort hinzuführen, Senor Fusté“, setzte er höhnisch hinzu.

3.

Vor der „Isabella VIII.“ dehnte sich endlos weit das Meer. Darüber stand wie eine Glocke aus blauem Samt der Himmel, von dem heiß die Sonne schien.

Eine unendlich sanfte Dünung hob und senkte die ranke Dreimastgaleone im gleichen Rhythmus und schaukelte sie ihrem noch fernen Ziel entgegen.

Philip Hasard Killigrew, der Seewolf, lief Kurs auf die polynesischen Südsee-Inseln.

Wenn ihre Berechnungen stimmten, dann lag – noch weit voraus – die Insel Tahiti vor ihnen.

Die Seewölfe kannten sie nur vom Hörensagen, aus den Berichten anderer, die diese Inselgruppe schon angelaufen hatten. Man hatte Tahiti immer als das Paradies schlechthin beschrieben.

Hasard beabsichtigte nur, diese herrlich gelegenen Eilande anzulaufen und sich nebenbei nach seltenen Gewürzen umzusehen. Natürlich wollten sie auch Land und Leute kennenlernen, ihren geistigen Horizont erweitern und neue Erkenntnisse sammeln.

Die Rote Korsarin, Siri-Tong, hatte das Steuer übernommen und den blonden Schweden Stenmark abgelöst. Mit routinierter Sicherheit bewegte sie das Ruder.

Ferris Tucker, der rothaarige Schiffszimmermann, hatte vor ein paar Tagen zusammen mit Smoky das Ruderhaus abgebaut. Es war nicht im eigentlichen Sinne abgebaut, sondern nur „flachgelegt“ worden, und es konnte bei Bedarf mit ein paar Handgriffen wieder aufgebaut werden.

Aber nach schlechtem Wetter sah es nicht aus, überkommende See war also nicht zu befürchten.

Der Seewolf stand neben der zarten Halbchinesin und blickte zur Kuhl hinunter. Dort saß auf der Kuhlgräting der alte Segelmacher Will Thorne, der emsig mit Segelnadel und Garn hantierte. Die beiden schwarzhaarigen Zwillinge des Seewolfs, Hasard und Philip, hockten daneben und ließen sich von Thorne immer wieder die Handgriffe zeigen, die der Alte flink und sorgsam ausführte.

Dazwischen hockte in stiller Eintracht der Schimpanse Arwenack, der genau so interessiert zusah, aber anscheinend wieder etwas im Schilde führte, denn immer wieder schoß seine haarige kleine Pranke vor, um nach dem blitzenden Ding zu greifen.

Seit sie die kalten Zonen des nördlichen Eismeeres verlassen hatten und wieder im Pazifischen Ozean segelten, fühlte sich der Affe ausgesprochen wohl. Ebenso erging es Sir John, dem Papagei, der lange in der Mannschaftsmesse eingesperrt gewesen war.

Jetzt saß er oben auf der Rahnock, krächzte laut und umflog die „Isabella“ ab und zu in einem großen Bogen. Hin und wieder stürzte er sich auch mit ausgebreiteten Schwingen wild krächzend an Deck und fing seinen mörderischen Sturzflug erst kurz vor den Planken ab. Dann ging das große Gezeter los.

„Ein Bild des Friedens“, sagte der Seewolf zu Siri-Tong. „Keiner streitet, es mangelt an nichts, und anscheinend sind alle zufrieden, bis auf Ed Carberry.“

„Ed sieht aber sehr zufrieden aus“, meinte die Rote Korsarin.

„Er ist es aber nicht, es ist ihm zu ruhig, es passiert nichts, und das kann der gute Ed nun mal nicht ausstehen. Er fühlt sich dann immer degradiert, wie er selbst einmal sagte.“

Siri-Tong lachte leise und warf einen Blick auf den Profos, der an der Backbordseite am Schanzkleid der Kuhl stand und ab und zu in die See spuckte.

Er hatte zwar die Arbeit an Deck eingeteilt, und die Seewölfe waren auch fast alle beschäftigt, aber das waren reine Routinearbeiten, bei denen der Profos sich schlecht hinstellen und brüllen konnte, weil es etwas zu bemängeln gab.

Nach einer Weile sahen sie ihn, wie er sich vom Schanzkleid abstieß und zum Vordeck ging. Dort besprach er etwas mit dem Decksältesten Smoky.

Siri-Tong warf ab und zu einen Blick auf den Kompaß, blickte dann fast gleichzeitig nach dem Stand der Segel und korrigierte kaum merklich den Kurs. Dann verlor sich ihr Blick wieder fast träumerisch in der blauen Ferne.

Hasard sah sie von der Seite an und fragte sich, was wohl in ihrem hübschen Köpfchen für Gedanken spazierengingen.

„An was denkst du?“ fragte er schließlich.

Ihr Blick kehrte aus der Ferne zurück und suchte seine Augen.

„Ich dachte an die Schlangen-Insel“, sagte sie. „Ich habe in letzter Zeit oft an die Insel gedacht, und ich würde gern wissen, wie es dort wohl zum jetzigen Zeitpunkt aussieht. Wie mag es Thorfin Njal oder Jean Ribault ergehen? Was tun die anderen? Das alles sind Fragen, die mich beschäftigen.“

„Der Wikinger“, sagte Hasard und mußte lächeln, als er sich den Nordmann mit dem blinkenden Kupferhelm vorstellte. Vor seinem geistigen Auge erschien der Franzose Jean Ribault, der draufgängerische Haudegen aus der Karibik, und all die anderen.

Ja, er hätte auch gern gewußt, wie es dort wohl aussah, nur so, aus reiner Neugier, und was sie alle so trieben.

„Hast du Sehnsucht nach der Schlangen-Insel?“ fragte er leise.

„Ja“, gab sie ehrlich zu. „Dort zieht es mich stärker hin als zu meiner eigentlichen Heimat, dem Land des Großen Chan.“

Hasard runzelte leicht die Stirn. „Es gefällt dir nicht mehr an Bord?“

„Du hast mich falsch verstanden, Hasard. Es war nur ein Gedanke, du denkst doch auch ab und zu mal daran.“

„Ja, das ist richtig. Ich habe immer vor, die Schlangen-Insel einmal zu einer uneinnehmbaren Festung auszubauen, aber bei dem Vorsatz blieb es bisher immer. Meist kam etwas dazwischen. Nun, bis wir die Insel wieder anlaufen, wird noch viel Zeit vergehen, aber wir werden sie wieder anlaufen, das steht fest.“

Während er sprach, hatte er weiterhin auf die Kuhl geblickt, und dort hatte der Schimpanse Arwenack jetzt endlich die begehrte, blitzende Segelnadel erwischt.

Er zog daran, packte blitzschnell zu und wollte türmen. Aber Will Thorne hatte noch den starken Faden im Segel hängen, und als der Schimpanse losrannte, wurde er jäh gestoppt, ließ die Nadel fahren und überschlug sich vor Schreck.

Zeternd und keckernd stand er da. Seine Wut und Enttäuschung waren ihm deutlich anzusehen. Außerdem nutzte der karmesinrote Aracanga Arwenacks Verwirrung und flog einen Sturzangriff auf ihn, was den zeternden Affen erneut erschreckte.

Das war das Signal für die Zwillinge, und gleich darauf balgten und tobten sie herum, bis Arwenack kreischend in den Großmars nach oben flüchtete und Sir John seinen Protest von der Rahnock auf das Deck schrie.

Auch Siri-Tong verfolgte amüsiert das Geschehen, und damit war das Thema Schlangen-Insel wieder so gut wie vergessen.

Hasard wollte etwas später noch einmal daran erinnern und auch noch von den gewaltigen, fast unvorstellbaren Schätzen sprechen, aber dann gab es eine Unterbrechnung.

„Deck!“ schrie Gary Andrews aus dem Großmars. „Schiff drei Strich Steuerbord voraus!“

Weit und breit war ihnen bisher kein Schiff begegnet. Das letzte Mal hatten sie einen Segler gesichtet, als sie an einer unbekannten Insel mitten im Pazifik vorbeiliefen. Die Identität war immer noch nicht geklärt, denn der Fremde war nur für kurze Zeit am Horizont aufgetaucht.

An der Kimm Steuerbord voraus hob sich ein winziger Strich ab. Seine Masten waren gerade noch durch das Spektiv erkennbar, aber es stand außer Zweifel, daß der Segler in spitzem Winkel ihren Kurs kreuzen würde. Vermutlich weit achteraus, das stand noch nicht fest.

Der Seewolf wurde neugierig.

War es ein Engländer, ein Franzose oder vielleicht ein Spanier, der sich hier herumtrieb?

„Vielleicht ist es ein Don“, sagte Ben Brighton. „Wir hatten schon lange keinen mehr vor den Rohren. Aber die treiben sich doch kaum in dieser Gegend herum.“

„Die sind überall zu Hause, um zu plündern“, sagte Hasard. „Wir werden uns den Burschen mal ansehen. Wir gehen einen Strich nach Steuerbord. Laß unsere Flagge einholen, Ben.“

„Aye, aye, Sir!“

Inzwischen war der junge Dan O’Flynn aufgeentert. Jetzt hing er auf halber Höhe in den Wanten und blickte auf den Strich, der langsam Konturen annahm und größer wurde.

Er enterte wieder ab und erklomm das Achterkastell.

„Scheint ein ganz schöner Brocken zu sein“, sagte er zu Hasard. „Wenn mich meine Augen nicht täuschen, dann ist es eine dickbauchige Galeone.“

„Und der Kapitän trägt eine Augenklappe und hat eine Narbe auf der Stirn“, setzte Brighton hinzu.

„Darauf habe ich nicht geachtet“, erwiderte Dan grinsend.

Was eine Begegnung zwischen einem Spanier und einem Engländer auf See bedeuten konnte, das hatten sie schon oft erfahren. Mitunter verlief sie sehr reizvoll, aber oft genug gab es auch Kleinholz und treibende Schiffstrümmer. Das brachte immer die jeweilige Situation mit sich. Man beschnüffelte sich kurz, und dann ging es zur Sache.

Hasard wandte sich an Carberry, der händereibend auf dem Quarterdeck stand und es wieder mal nicht erwarten konnte.

„Gefechtsbereitschaft, Sir?“ fragte er erwartungsvoll, noch ehe Hasard etwas sagen konnte.

„Ja, das wollte ich gerade sagen, Ed. Laß auch sofort die englische Flagge einholen. Al Conroy soll die Culverinen überprüfen, aber die Stückpforten bleiben vorerst geschlossen.“

Auf der „Isabella“ begann eine emsige Aktivität. Jeder kannte seine Handgriffe, jeder wußte was zu tun war, tausendmal hatten sie die gleichen Griffe getan, und sie konnten sie bereits im Schlaf. Die Flagge war schon eingeholt worden, die spanische lag ebenfalls bereit, falls sich erweisen sollte, daß ihnen ein Don entgegensegelte.

Sollte das der Fall sein, so überlegte Hasard, würden sie ihr Spielchen mit ihm treiben, und daran würde er ganz sicher keinen großen Spaß haben. Er entschied sich blitzschnell, und die Seewölfe sahen ihm an, daß er wieder etwas ausheckte, das nicht gerade zum Ruhme Spaniens beitragen würde.

„Wir sind spanische Handelsfahrer“, sagte Hasard. „Wir fahren auf eigene Rechnung für das altbekannte Kontor in Sevilla. Alle Blondhaarigen verschwinden unter Deck. Na, ihr kennt das Spiel ja noch. Es wird bestimmt wieder sehr lustig.“

„Nur für den Don nicht“, sagte der Profos grinsend. „Die sehen anschließend immer verdammt alt aus.“

Gelächter brandete auf, das jedoch schnell wieder erstarb.

„Und wenn er uns gar nicht beachtet?“ fragte Smoky.

„Dann segeln wir weiter“, sagte Hasard achselzuckend. „Was soll’s also! So oder so, etwas wird geschehen, ich bin ganz sicher, daß er uns beachtet.“

Inzwischen war der Brocken größer geworden, und die Bauweise ließ keinen Zweifel daran, daß es ein Spanier war. Es war eine dicke, etwas träge wirkende Galeone, die sich durch die See wälzte, als hätte sie irgendwelche Beschwerden.

Hasard griff wieder zum Spektiv. Die Galeone rückte sprunghaft näher heran.

Ferris Tucker blickte ebenfalls durch das Spektiv, das der Seewolf ihm reichte. Ein paarmal nickte er vor sich hin.

„Ja, ein Spanier“, sagte er, „obwohl man die Flagge nicht erkennen kann. Die typische Bauweise, und seine Armierung ist auch nicht übel. Der hat dreimal so viele Kanonen wie wir.“

Bill, der jüngste Mann an Bord, ging mit der spanischen Flagge nach achtern und zog sie auf.

Carberry grinste immer noch von einem Ohr zum anderen. Mit jeder Sekunde verbesserte sich zusehends seine Laune.

„Oh“, sagte er freundlich, „wir würden selbst dem Teufel Salz in offene Wunden streuen, nicht wahr, Ferris? Und wenn dieser lausige Don zehnmal mehr Kanonen hat als wir, das soll uns nicht jucken. Wir werden es ihm schon zeigen.“

„Vorausgesetzt, er will etwas von uns“, sagte Ferris Tucker abschwächend. „Hasard hat aber etwas anderes vor.“

„Ich meine ja auch nur, wenn es schiefgeht“, maulte Ed.

„Klar, dann werden wir es ihm zeigen.“

Als die spanische Flagge am Heck der dickbäuchigen Galeone endlich zu erkennen war, meldete Al Conroy das Schiff gefechtsklar bis auf die geschlossenen Stückpforten.

Alles war in unglaublicher Schnelligkeit abgelaufen, und daher nickte der Seewolf auch anerkennend.

Etwas später änderte der Spanier noch einmal leicht den Kurs, und jetzt war es klar, daß er etwas von ihnen wollte.

Aber seine Stückpforten waren ebenfalls geschlossen, und der Seewolf begann sich insgeheim zu fragen, ob die Dons vielleicht genau das gleiche Spiel trieben.

Danach sah es aber nicht aus. Der Spanier schien sorglos, dahinzusegeln und sich auf die Begegnung mit einem Landsmann zu freuen. Sollte er, dachte Hasard lächelnd.

Er schickte die Rote Korsarin unter Deck, ebenso die Zwillinge, und ließ den Gefechtsrudergänger Pete Ballie ans Steuer.

„Der Don geit Segel auf!“ schrie die Stimme aus dem Großmars.

Die Blinde und die Schiebblinde des Dons verschwanden, ein Segel nach dem anderen wurde ins Gei gehängt.

„Nein, der hat keine feindlichen Absichten“, vermutete Ben. „Der würde sich nie eine derartige Blöße geben. Er hält uns für Landsleute und denkt nicht im Traum daran, daß hier ein Engländer vor seiner Nase herumkrebst.“

Hasard gab keine Antwort. Sein Blick war starr auf die andere Galeone gerichtet. Durch den Kieker erkannte er Gestalten an Deck, uniformierte Seesoldaten in ihren bunten Kürbishosen und blinkenden Helmen. Nichts deutete darauf hin, daß der Spanier gefechtsbereit war.

„Hängt die Segel ins Gei!“ befahl Hasard, als der Don nur noch ein paar Kabellängen entfernt war und in der sanften Dünung schaukelte.

Er vergewisserte sich noch einmal, daß jeder Mann der „Isabella“ auf seinem Posten stand, daß es aber gleichzeitig so aussah, als wäre alles ganz harmlos.

Dann nickte er zufrieden, als die Segel, eins nach dem anderen, aufgegeit wurden.

„Die Initiative überlassen wir ihm“, sagte er. „Wir warten einfach ab, was er will, er wird sich schon melden.“

Die Verwunderung an Bord der „Isabella“ wurde noch größer, als der Don ein Beiboot abfierte.

„Schade“, murmelte der Profos bedauernd. „dabei hatte ich mich so auf die erste Begegnung mit den Dons gefreut. Nach der langen lausigen Kälte hätte ich mich gern einmal wieder so richtig warm geprügelt. Die Dons sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.“

Gesichter verzogen sich grinsend nach Eds Worten. Für den Profos war die Begegnung eine einzige Enttäuschung.

Ganz langsam trieben die Schiffe aufeinander zu. Pete Ballie hielt die „Isabella“ jedoch so, daß er im Notfall immer noch an der Luvseite lag. Wie unabsichtlich sah das aus, und der Spanier schien sich auch nichts dabei zu denken.

Hasard blickte auf den Namen am Bug, der in dicken Goldlettern prangte. Der Name sagte ihm nichts. Das schiff hieß „Patria“, was soviel wie Heimat oder Vaterland bedeutete.

Es dauerte lange, bis ein halbes Dutzend Spanier in dem Boot Platz nahm. Einer von ihnen war entweder der Kapitän oder der erste Offizier, so genau ließ sich das nicht erkennen. Jedenfalls bekleidete er einen höheren Rang.

Ein kleines Segel wurde gesetzt, das Boot nahm Fahrt auf und hielt auf die ranke Galeone zu.

Hasard sah gelassen zu. Die Seesoldaten trugen keine Musketen, sie hatten nur ihre Pistolen im Gürtel, und der Ranghöchste, in weißen Seidenstrümpfen und grünen Kürbishosen, trug einen Degen, der ihm sehr hinderlich schien, denn alle Augenblicke rückte er unruhig auf der Ducht hin und her.

Eineinhalb Kabellängen trennten das Boot noch von der „Isabella“, als sich der ranghöchste Spanier aufrichtete und in Richtung „Isabella“ knapp verneigte.

„Ein ganz höflicher Bursche“, sagte Ben anerkennend. „Der bricht vor lauter Höflichkeit ja fast ab.“

Das kleine Boot näherte sich nur langsam, aber die Gesichter der Spanier waren jetzt deutlich zu erkennen.

Der Kapitän, oder was immer er sein mochte, hatte ein hageres, fast asketisches Gesicht, in dem dunkle Augen brannten. Seine Nase stach scharf aus dem Gesicht hervor, seine Lippen waren schmal, und er hatte eine hohe Stirn.

Die grünen Kürbishosen, die er trug, waren durch rote Längsstreifen verziert. Er trug keinen Brustpanzer, dafür ein breites ledernes Wams mit einem verzierten Gürtel.

Hasard blieb an der Schmuckbalustrade des Achterkastells stehen. Auf der Kuhl hatten Ben Brighton, der junge O’Flynn, der Profos und Blakky Stellung bezogen. Die Jakobsleiter war bereits abgefiert worden.

Das kleine Segel wurde eingeholt, und in einem kleinen Bogen lief das Beiboot auf die Bordwand zu.

Der Mann in den bunten Kürbishosen richtete sich wieder auf und blieb stehen.

„Capitano Don Alfredo de los Domirez bittet, an Bord der ‚Isabella‘ aufgenommen zu werden!“ sagte der Mann mit fester, lauter Stimme.

Hasard vollführte mit der Hand eine einladende Bewegung.

„Es ist mir eine Ehre, Don Alfredo“, sagte er.

Die Seewölfe gaben sich so routiniert wie alte Spanier und waren längst in ihre Rollen geschlüpft.

Don Alfredo enterte umständlich auf. Umständlich deshalb, weil ihn der Degen ständig behinderte.

Dann stand er an Deck und musterte hoheitsvoll die Gesichter.

„Bitte, Capitano“, sagte der junge O’Flynn. „Man erwartet Sie bereits auf dem Achterkastell.“

Nichts an Dans Aussprache deutete darauf hin, daß er kein Spanier war. Nicht der kleinste Akzent verriet ihn, und so nickte der Spanier und ließ sich zum Achterkastell begleiten.

Unterwegs sah er sich die „Spanier“ an. Es waren Prachtexemplare darunter, fand er. Kerle, die doppelt so breit waren wie die meisten seiner Seesoldaten, Brocken, deren Gestalt allein schon furchteinflößend wirkte.

Auf dem Achterkastell wurde er von Hasard begrüßt. Die beiden Männer gaben sich die Hände.

„Capitan Pedro Moreno“, stellte Hasard sich vor, und er gab sich so verbindlich, wie sich ein spanischer Handelsfahrer dem Capitano eines Kriegsschiffes gegenüber gewöhnlich gab.

Don Alfredo musterte ungeniert das Schiff, nickte kaum merklich und war höchst erstaunt.

Ja, das ist ein Schiff, dachte er. Da ist alles dran, da ist mehr dran als an jedem anderen Spanier.

Diablo, er als alter Kap Hoornier hatte gewiß schon ungezählte Galeonen gesehen, aber hol’s der Teufel, das hier war doch eins der besten, herrlichsten, prachtvollsten und ranksten Schiffe, die je seinen Kurs gekreuzt hatten.

In Hasards Gesicht regte sich kein Muskel, als der Spanier ungeniert das Ruder musterte. Die Spanier hatten auf der „Patria“ einen Kolderstock, wie alle anderen auch, aber hier gab es ein Ruder, das den Kolderstock ersetzte, und das wunderte den Don.

Auch die Masten wunderten ihn, und er kam nicht umhin, ebenfalls über die Culverinen zu staunen mit ihren überlangen Rohren.

Dieses Schiff hatte zweifellos der beste Baumeister von Spanien entworfen, und der beste Schiffsbauer hatte es auf Kiel gelegt.

Er wollte sich jedoch nicht den Anschein totaler Unwissenheit geben, und so nickte er dem Seewolf freundlich zu.

„Man versteht es in Spanien, immer bessere und schnellere Schiffe zu bauen, Capitano Moreno“, sagte er anerkennend. „Vermutlich sind Sie ein reicher Mann, ein reicher Kaufmann“, setzte er hinzu.

„Ich fühle mich geschmeichelt“, sagte Hasard. „Nun, ich bin ein wenig begütert, aber das sind andere Handelsfahrer mitunter ja auch.“

Don Alfredo gab sich leutselig, aber er verhehlte auch seine Neugier nicht, und so stellte er immer wieder ein paar scheinbar nebensächliche Fragen.

Nein, er hat keinen Verdacht geschöpft, überlegte Hasard. Er ist auf beiden Augen blind, oder sie spielten ihre Rolle so vorzüglich, daß Don Alfredo ihnen alles abnahm.

„Ihr Ziel ist Tahiti?“ fragte Don Alfredo.

„Ja, Tahiti wollen wir anlaufen“, gab Hasard zu. „Wir suchen seltene Gewürze.“

„Interessant, Capitano. Ich habe im Auftrag der Regierung das gleiche Ziel. Und da wir uns hier begegneten, wollte ich gern einen Landsmann begrüßen.“

„Auch ich bin hocherfreut“, log der Seewolf. „Man trifft so selten auf einen Landsmann.“

Der Spanier war immer noch leutselig und jovial und benahm sich nicht so wichtigtuerisch wie der Capitano eines Kriegsschiffes. Vielleicht freute er sich wirklich, einen Landsmann zu sehen. Daß dieser Landsmann ein Engländer war, konnte er nicht wissen. Aber seine Freude wäre sicher merklich kleiner geworden.

„Sie werden bald noch mehr Landsleute treffen“, versprach der Capitano geheimnisvoll. „Mehr als sechs Schiffe sind mit Ziel Tahiti und die Insel unterwegs.“

„Das freut mich aufrichtig“, entgegnete Hasard, und diesmal lag die Freude fast ehrlich auf seinem Gesicht.

Donnerwetter, dachte er, was wollten sechs spanische Schiffe hier auf den friedlichen Inseln? Sie waren ganz sicher nicht unterwegs, um mit den Insulanern friedlichen Handel zu betreiben. Wo sie auftauchten, brachten sie nur Ärger, Angst und Verzweiflung.

Aber es war gut, das zu wissen, was Don Alfredo in seiner liebenswerten Ahnungslosigkeit ausplauderte.

Er wollte den Kapitän in die Kammer zu einem kleinen Trunk einladen, um ihn unauffällig auszuquetschen, doch der Spanier lehnte bedauernd ab.

„Ich wollte nur ein paar Neuigkeiten austauschen, Capitano Moreno“, sagte er. „Meine Zeit ist begrenzt, aber wir werden uns vermutlich auf den Inseln wiedersehen und dann mehr Zeit haben. Möglich, daß ich später Ihre Hilfe brauche, und ich hoffe auf Ihre Einsicht dabei. Schließlich dienen wir alle der spanischen Krone und seiner Majestät.“

Daher weht der Wind also, dachte Hasard, aber er gab sich auch weiterhin verbindlich und liebenswürdig.

„Selbstverständlich stehe ich Ihnen jederzeit zur Verfügung“, sagte er lächelnd. „Heißt das, daß Sie mein Schiff für irgendwelche Aufgaben requirieren wollen, falls Sie Hilfe brauchen?“

„Mein lieber Capitano! Welch hartes Wort! Ich nehme an, daß Sie anschließend nach Spanien zurücksegeln werden?“

„Allerdings.“

„Nun, von requirieren kann keine Rede sein. Aber es ist nicht ausgeschlossen, daß Sie etwas Fracht mitführen werden, falls sich das ergeben sollte. Sie stellen lediglich etwas Laderaum zur Verfügung, weiter nichts.“

So ist es üblich, dachte Hasard und verkniff sich das Grinsen.

„Ich stehe selbstverständlich zu Ihrer Verfügung“, sagte er. „Sie können über mein Schiff ganz nach Belieben verfügen, falls sich das als erforderlich erweisen sollte.“

Dann fragte er geradeheraus, um was es ginge.

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