Kitabı oku: «Seewölfe Paket 17», sayfa 14
3.
Dan O'Flynn und Piet Straaten jagten auf ihren Pferden durch die Nacht, hielten hin und wieder aber an, um den Boden vor ihnen auf Spuren zu untersuchen. Das Mondlicht, das fahl über der Landschaft lag, ließ diese Art von Nachforschungen zu. Und so gelang es den Männern, die Fährte zu halten und nicht mehr aus den Augen zu verlieren.
Die Abdrücke der beiden Pferde, auf denen die Mörder flüchteten, waren deutlich genug. Sie führten zur Grabow, einem Flüßchen, das unterhalb von Rügenwaldermünde von Süden her in die Wipper mündete, verliefen hindurch und zeichneten sich am anderen Ufer wieder ab. Die Fährte war nicht verwischt worden, fast mühelos vermochten Dan und Piet ihrem Verlauf zu folgen. Sie preschten weiter voran, trieben ihre Tiere zu größerer Geschwindigkeit an und tauchten in einem kleinen Erlengehölz unter, durch das die Spur führte.
Da geschah es.
Vor ihnen schnellte urplötzlich ein Seil vom Boden hoch. Es war unter altem Laub getarnt gewesen und wurde von der einen Seite jäh gespannt. Dan und Piet hatten keine Chance mehr, der Falle auszuweichen.
Sie sahen nur noch, wie zwei Gestalten in der Dunkelheit hochfuhren und rechts von ihnen das Seil blitzschnell an einem Baum belegten, hinter dem sie gelauert hatten. Das andere Ende des Seiles war bereits um einen anderen Baum an der linken Seite des Waldpfades geschlungen und dort verknotet worden.
Diese Einzelheiten nahmen Dan und Piet noch wahr, aber sie hatten weder die Gelegenheit, ihre Tiere aus dem vollen Galopp heraus zu stoppen noch eine Möglichkeit der Gegenwehr. Es ging alles viel zu schnell.
Ihre Pferde prallten gegen das gespannte Seil und stießen ein entsetztes Wiehern aus. Das eine Tier bäumte sich auf, das andere strauchelte und stürzte. Dan und Piet flogen wie von einem Katapult abgeschossen aus den Sätteln, und Dan konnte dabei sogar noch von Glück sagen, daß er nicht den Tod fand. Das stürzende Pferd überrollte sich auf dem Waldboden und hätte ihn unter sich zerquetscht, wenn er nicht weit von ihm fort befördert worden wäre.
Dan und Piet landeten aber dennoch unsanft. Piet streifte mit seinem Hinterkopf einen Baumstamm, schlug zu Boden und blieb reglos liegen. Der Anprall hatte ihm das Bewußtsein geraubt. Dan knallte mit dem Rücken auf den Boden und gab einen keuchenden Laut von sich.
Durch die harte Landung blieb ihm die Luft weg. Während er noch verzweifelt Atem zu holen betrachtete, kroch Bruno von Kreye aus dem Hinterhalt auf ihn zu und hob seine Pistole.
Dan war zu benommen und bemerkte den Gegner nicht. Und nach seinen Waffen tastete er rein instinktiv erst in diesem Moment, doch auch diese Reaktion erfolgte bereits zu spät. Von Kreye war heran und nahm die Pistole noch ein Stück höher. Dann ließ er sie auf Dans Kopf niedersausen. Der Knauf am Kolbenende traf, Dan verlor die Besinnung.
Von Kreye grinste höhnisch. »Das hast du nun davon, du Esel«, sagte er. »Du und dein Kumpan, ihr wäret wohl besser in Rügenwalde geblieben.«
Erich von Saxingen war unterdessen ebenfalls aufgesprungen und kümmerte sich um die beiden Pferde. Es war ihnen nichts zugestoßen, das gestrauchelte Tier hatte sich wieder erhoben und tänzelte zwar noch nervös auf der Stelle, wurde von Erich von Saxingen aber sogleich durch besänftigende Worte zur Ruhe gebracht. So auch das andere Tier – er verstand es, sie zu beschwichtigen und ihr Vertrauen zu gewinnen.
Schon immer hatte er sich dem Umgang mit Pferden und Hunden besser zu widmen gewußt als dem mit den Menschen. Menschen gegenüber kannte er wie sein Bruder Hugo weder Liebe noch Freundschaft, nur jene derbe Art von Jovialität, wie sie auf dem Gut der Saxingens üblich war.
Mit der Leutseligkeit und der Gönnermiene war es aber immer dann sehr schnell vorbei, wenn ihnen ein Besucher aus irgendeinem Grunde nicht mehr paßte. Dann konnte die auf Bier und Schnaps gegründete rohe Kumpanei sehr schnell in offenen Haß umschlagen.
»Den Pferden ist nichts passiert«, sagte Erich von Saxingen.
»Gut«, raunte von Kreye ihm zu. »Soll ich die zwei Narren hier fesseln und knebeln? Oder erledigen wir sie gleich?«
Von Saxingen näherte sich mit den Pferden und verharrte dicht bei den bewußtlosen Gefangenen. Er sah auf sie hinunter und konnte im Mondlicht, das durch die Wipfel der Erlen fiel, ihre Gesichter recht gut erkennen.
»Hurensöhne!« zischte er wütend. »Sie waren bei dem Überfall auf unser Gut dabei. Ich sehe sie noch vor mir, wie sie auf uns einschlugen und alles zu Bruch hauten.«
»Ich kann mich nur an diesen Killigrew und an den graubärtigen Bastard erinnern, der mich außer Gefecht gesetzt hat«, sagte von Kreye. »Und an den Kerl, der dir mit seinem eisernen Haken zugesetzt hat.« Vor seinem geistigen Auge erschienen die Gesichter von Big Old Shane und Matt Davies, die unter Hasards Führung der Orgie auf Gut Saxingen zu einem abrupten Ende verholfen hatten.
»Ja, schon gut«, sagte von Saxingen aufgebracht. »Hör auf, ich will das jetzt nicht mehr wissen. Die zwei hier waren dabei, daran gibt es keinen Zweifel.« Er trat zweimal mit dem rechten Fuß zu und traf Dan in die Seite. Piet erwischte er hingegen an der Schulter. Doch sie stöhnten nicht, zu tief war ihre Bewußtlosigkeit.
»Was ist nun?« fragte Bruno von Kreye ungeduldig und griff nach seinem Messer. »Soll ich sie abstechen oder nicht?«
»Nein«, erwiderte Erich von Saxingen. »Vielleicht brauchen wir sie noch als Geiseln.«
»Weil noch mehr Verfolger in der Nähe sein könnten? Zum Teufel, auf was haben wir uns bloß eingelassen!«
»Langsam, das meine ich nicht«, zischte von Saxingen. »Was ist los mit dir? Hast du vergessen, daß wir Hugo suchen? Ich bin davon überzeugt, daß er noch am Leben ist.«
»Wie kannst du da so sicher sein?«
»Ich habe es mir während unserer Flucht überlegt. Besonders für diesen Killigrew ist mein Bruder ein viel zu wichtiger Gefangener, den er nicht kurzerhand aufhängen oder ersäufen wird. Ja, und auch Manteuffel ist nicht versessen darauf, Hugo umzubringen. Sonst hätte er das nämlich schon in Reval getan.«
»Warum hast du dann die Frau erschossen?«
»Die hatte es sowieso verdient!« stieß von Saxingen mit verzerrtem Gesicht hervor. »Los jetzt, hilf mir. Wir fesseln und knebeln die Hurensöhne, dann schaffen wir sie von hier weg. Hier sind wir noch nicht sicher. Wir müssen zusehen, daß wir uns irgendwo verkriechen.«
Bruno von Kreye hielt es für wichtig, vorerst nichts mehr zu äußern. Er konnte sich mit den anderen immer noch herumstreiten, obwohl dabei sowieso nichts herauskam. Dennoch hielt er es nicht für richtig, daß Erich von Saxingen aus dem Hinterhalt auf Gisela von Lankwitz geschossen hatte. Es war eine brutale, frevelhafte Tat gewesen, die selbst er, von Kreye, für verabscheuungswürdig hielt.
Sie legten den beiden Gefangenen, die nach wie vor bewußtlos waren, Stricke an, banden ihnen die Hände auf dem Rücken fest und schlangen die Fesseln auch um ihre Fußknöchel so stramm zusammen, daß sie sich nicht mehr um einen Deut rühren konnten. Danach stopften sie ihnen ein paar Fetzen Stoff, die sie ihrem Sattelgepäck entnahmen, als Knebel in die Münder und vergewisserten sich, daß sie sich nicht lockern konnten.
Dann hoben sie zuerst Dan und anschließend Piet vom Waldboden auf und legten sie über die Rücken ihrer Pferde. Sie banden sie fest, so daß sie nicht von den Sätteln rutschen konnten, prüften den Sitz der Stricke, zupften noch mal hier und noch mal da herum und waren endlich davon überzeugt, daß sie ihnen nicht entwischen konnten und sie die beiden auch nicht verlieren würden.
Bruno von Kreye hob das Seil vom Boden auf und rollte es zusammen. Sie hatten gewußt, daß sie Verfolger im Nacken gehabt hatten. In Rügenwaldermünde hatten sie das Hufgeräusch noch deutlich genug hinter sich vernommen. Statt jedoch mit den Musketen auf sie zu schießen – von Saxingens Waffe hätte ohnehin erst nachgeladen werden müssen –, hatten sie beschlossen, ihnen eine Falle zu stellen.
Das hatte prächtig geklappt und sie konnten zufrieden mit sich sein. Sie verwischten sorgfältig alle Spuren, erst dann stiegen sie in die Sättel ihrer Pferde und zogen die Tiere mit Dan O'Flynn und Piet Straaten hinter sich her.
Die beiden Junker verschwanden mit ihren Gefangenen in der Dunkelheit. Es würde so leicht keinem Verfolger gelingen, ihre Fährte wiederaufzunehmen.
Etwa eine Stunde später zügelte Erich von Saxingen plötzlich sein Pferd. Von Kreye folgte seinem Beispiel, wußte aber nicht so recht, warum sein Kumpan angehalten hatte.
»Da vorn«, flüsterte Erich von Saxingen. »Siehst du es nicht?«
»Was ist da – eine Behausung?«
»Ja, eine Hütte, wenn mich nicht alles täuscht. Eine Hütte am Rande eines Waldes. Für uns könnte sie das ideale Versteck sein.«
»Zuerst müssen wir uns davon überzeugen, daß sie nicht bewohnt ist«, sagte Bruno von Kreye. »Licht brennt ja nicht, aber das ist noch kein sicheres Zeichen dafür, ob die Hütte verlassen ist.«
»Wir sehen nach«, flüsterte Erich von Saxingen. »Los, wir verlieren sonst nur unnötig Zeit.«
Sie trieben die Pferde durch leichten Schenkeldruck voran und näherten sich der Hütte, indem sie einen Bogen schlugen und sich am Saum des Waldes entlang anschlichen.
Als die Distanz nur noch höchstens zwanzig Yards betrug, bedeutete von Saxingen seinem Begleiter durch eine Gebärde, auf ihn zu warten. Von Kreye blieb also bei den Gefangenen zurück, die sich inzwischen zu regen begannen. Er zog seine Pistole, ließ sie nicht aus den Augen und war bereit, jeden Fluchtversuch der beiden sofort mit einer Kugel zu ahnden.
Erich von Saxingen glitt aus dem Sattel und pirschte auf das Gebäude zu. Es war, wie sich beim näheren Hinsehen herausstellte, ganz aus groben Steinen errichtet, die ohne Mörtel aufeinandergeschichtet worden waren. Das Dach schien aus Schiefer zu sein.
Hinter diesem winzigen Wohnhaus erhob sich eine andere, eigentümlichere Konstruktion, wie er erst jetzt registrierte. Interessiert schlich er an der Rückwand der Steinhütte entlang darauf zu. Das Gebilde, das große Ähnlichkeit mit einem sich nach oben hin verjüngenden Turm aufwies, entpuppte sich als der Ofen eines Köhlers.
Dann stieß er auch auf ein schlichtes Holzkreuz, das nah am Waldrand in den Boden gerammt war. Es trug keinerlei Aufschrift, doch für Erich von Saxingen war der Sachverhalt klar: Der Köhler, der hier gelebt hatte, war verstorben. Irgend jemand hatte ihn beerdigt. Wer? Seine Familie? Falls er Angehörige gehabt hatte, waren sie zweifellos weggezogen und hatten das bescheidene Anwesen dem Verfall überlassen.
Er umrundete die Steinhütte, öffnete die Tür, die sich quietschend in rostigen Eisenangeln bewegte, und warf einen Blick ins Innere. Allmählich gewöhnten sich seine Augen an das Dunkel, das in dem einzigen Raum herrschte. Das Mondlicht fiel durch die quadratischen Fensterlöcher und ermöglichte es ihm, sich weiterzubewegen, ohne zu riskieren, irgendwo anzustoßen.
So blieb er auch rechtzeitig genug stehen, nachdem er den Raum durchquert hatte. Er gewahrte eine Stiege, die in einen Kellerraum hinunterführte. Bei völliger Finsternis wäre er in das Kellerloch gestürzt und hätte sich wahrscheinlich einige Knochen im Leib gebrochen.
Er grinste.
»Na, das ist ja großartig«, sagte er mit etwas heiserer Stimme. »Hier können wir getrost unser Lager aufschlagen.«
Er kehrte ins Freie zurück, ging zu den Pferden und gab von Kreye ein Zeichen.
»Alles in Ordnung«, sagte er. »Wir können in dem Gemäuer bleiben, hier sucht uns kein Mensch. Der Köhler, der hier gehaust hat, ist verreckt, sein Grab ist hinten auf dem Hof.« Er lachte leise.
»Ich habe auch das Rauschen eines Baches im Wald gehört«, sagte Bruno von Kreye. »Wir werden also keinen Durst leiden müssen.«
Von Saxingen lachte wieder, aber es klang gekünstelt. »Wasser ist schlechter als Bier, aber immer noch besser als gar nichts. Na, was ist mit unseren Gefangenen? Sind die endlich aufgewacht? Herrgott, was sind das doch für elende Schlafmützen!«
»Und du?« sagte Piet Straaten. Er war jetzt wie Dan O'Flynn voll bei Bewußtsein. Als Holländer verstand er so viel Deutsch, daß er den Sinn von Erichs Worten zu deuten wußte – und er war auch in der Lage, darauf zu antworten. »Du bist ein dreckiger Hurensohn!«
Erich von Saxingen blieb ihm seinerseits eine Erwiderung nicht schuldig. Er trat neben das Pferd, über dessen Sattel Piet bäuchlings lag, holte mit der Faust aus und schmetterte sie ihm gegen die linke Wange. Piet nahm den Schlag hin, ohne auch nur einen Laut von sich zu geben oder mit der Wimper zu zucken.
»Hör auf«, sagte Bruno von Kreye. »Das hat doch jetzt keinen Zweck, Erich. Spar dir das für später auf.«
»Glaubst du, ich lasse mich beleidigen?« fuhr der andere ihn an.
»Nein, natürlich nicht.«
»Dann halt's Maul«, sagte von Saxingen grob. »Vorschriften lasse ich mir von keinem machen, verstehst du? Wenn dir irgendwas nicht paßt, kannst du von mir aus abhauen.«
Von Kreye brachte es fertig, zu grinsen. »Red keinen Unsinn. So war das nicht gemeint. Ich glaube, wir sind beide müde. Wir sollten uns erst mal ausruhen.« Er saß ab, und sie führten die Pferde an den Zügeln zu der Hütte.
Sie banden die Gefangenen von den Sätteln los und schleppten sie in die Hütte. Unsanft ließen sie sie zu Boden fallen. Von Saxingen lachte roh, als Dan sich dabei den Kopf stieß.
Von Kreye brachte die Pferde zu einem Verschlag, der als Anbau zwischen der Hütte und dem Köhlerofen stand, sattelte und zäumte sie ab und versorgte sie, so gut es ging. Das nahm einige Zeit in Anspruch. Erich unterzog unterdessen die Hütte einer genaueren Untersuchung. Er stieg sogar in den Keller hinunter, entfachte einen Kienspan und sah sich eingehend um.
Der Keller war mit aufgeschichteten Feldsteinen umwandet. Er lag ganz unter der Erde und hatte nicht einmal ein Luftloch, durch das eine Maus hätte kriechen können.
Sehr gut, dachte von Saxingen und grinste wieder, ein feines Gefängnis. Es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn sie hier wieder rauskämen.
Er kehrte nach oben zurück und vergewisserte sich sogleich, ob die Gefangenen noch am selben Platz lagen. So entging ihm auch nicht der haßerfüllte Blick, den Dan O'Flynn ihm zuwarf.
»Du dreckiger Mörder!« stieß Dan hervor. »Du kriegst noch dein Fett, verlaß dich drauf!«
»Was hast du gesagt?« schrie von Saxingen ihn an. »Sprich Deutsch, du englischer Bastard!«
»Er kann kein Deutsch«, sagte Piet Straaten.
»Aber du!« Von Saxingen trat Piet mit dem Stiefel in die linke Körperseite. »Was hat er gesagt? Raus damit!«
Piet biß die Zähne zusammen, der Schmerz flutete wie eine heiße Woge durch seinen Körper. Doch bevor der Kerl wieder zutreten konnte, antwortete er ihm: »Er hat gesagt, daß der Herr deiner armen Seele gnädig sein möge.«
»Warum?« schrie Erich von Saxingen.
»Weil du nicht mehr lange zu leben hast.«
Von Saxingen trat nun doch wieder zu, und zwar mit voller Wucht. Er ließ von Piet ab und wollte Dan traktieren, doch in diesem Moment wurde die Tür geöffnet, und Bruno von Kreye trat zu ihnen ins Innere der Hütte.
»Erich«, sagte er. »Wenn du weiter so herumschreist, kann es uns passieren, daß wir doch noch Besuch kriegen. Du weckst ja die ganze Gegend auf.«
»Willst du mich schon wieder maßregeln?« fragte Erich von Saxingen lauernd.
»Keineswegs.«
Erich von Saxingen schien zu überlegen, ob er seinem Spießgesellen noch trauen durfte. Nach einigem Nachdenken, das von Bruno von Kreyes Schweigen und Dans und Piets zornigen Blicken begleitet war, gelangte er jedoch zu dem Schluß, daß er auf von Kreye angewiesen war – genauso, wie dieser auf ihn. Es hatte wirklich keinen Zweck, sich zu streiten.
»Ist mit den Pferden alles in Ordnung?« fragte Erich von Saxingen.
»Alles«, erwiderte von Kreye. »Ich habe sogar ein wenig Heu gefunden, das ich ihnen zu fressen gegeben habe.«
»Gut. Dann hilf mir mal, die Kerle in den Keller zu tragen.« Von Saxingen kicherte plötzlich. »Du wirst staunen, was für ein feines Kellerchen das ist. Sie könnten, selbst wenn sie Schaufeln wie ein Maulwurf hätten, nicht raus, und wenn es uns zu bunt mit ihnen wird, brauchen wir nur das Loch zu schließen, dann ersticken sie.«
»Was hat er gesagt?« wollte Dan von Piet wissen.
»Ich glaube, er meint, daß er uns in dem Keller elendig verrecken lassen könnte«, entgegnete Piet.
»Er ist ein Sadist, ein perverses Schwein«, sagte Dan.
Erich von Saxingen trat wie verrückt mit dem Fuß nach ihnen und schrie sie an: »Noch ein Wort, ihr Bastarde, und ich stopfe euch wieder die Knebel zwischen die Zähne, die wir euch gnädigerweise abgenommen haben. Verstanden?«
»Verstanden«, sagte Piet gepreßt, dann wandte er sich auf englisch an Dan. »Wir sollen den Mund halten, sonst kriegen wir wieder die Knebel verpaßt.«
Sie schwiegen also. Es hatte keinen Zweck, Erich von Saxingen noch länger zu reizen. Sie mußten die Möglichkeit haben, sich untereinander zu verständigen, wenn sie erst unten im Keller lagen. Sie mußten nach einer Fluchtmöglichkeit suchen, koste es, was es wolle. Trotz ihrer Wut und ihres Hasses auf die zwei Kerle durften sie sich jetzt keinen Fehler erlauben, es war unklug, sich auch nur den Hauch einer Chance zu verscherzen.
Deshalb ließen Dan und Piet es sich widerstandslos gefallen, von den beiden Kerlen hochgehoben und über die schmale Stiege in den Keller getragen zu werden. Warum sollten sie sich auch wehren? Sie erreichten dadurch höchstens, daß die Junker allenfalls stürzten, mehr nicht. Es lohnte sich nicht. Sie mußten auf eine spätere, günstigere Gelegenheit warten, etwas zu unternehmen. Sie hofften beide inständig, daß sich diese Möglichkeit bieten würde. Wenn nicht, waren sie verloren, dann brauchten sie sich über ihre Zukunft keinen Illusionen mehr hinzugeben.
4.
Die Stufen der Stiege knarrten und ächzten, doch sie hielten dem Gewicht der Männer stand. Morsch und brüchig mochten sie zum Teil schon sein, aber doch nicht so, daß sie unter der ersten größeren Belastung nach langer Zeit der Nichtbenutzung sofort krachend zusammenbrachen. Dazu war das Holz zu hart. Es handelte sich, wie Dan im Licht des Kienspans zu erkennen glaubte, um gutes Eichenholz.
Erich von Saxingen rammte den Kienspan, den er wieder entfacht hatte, in einem Eisenhalter fest, den er in der Kellerwand entdeckt hatte. Somit war für Licht gesorgt, und er hatte doch die Hände frei, um die Gefangenen mit von Kreyes Hilfe in das Verlies hinunterzubefördern.
Unter wüsten Flüchen trugen sie zuerst Dan und dann Piet in den Keller, Piet aber entglitt ihren Händen, als sie sich auf den unteren Stufen der steilen Leiter befanden, und stürzte so hart und unglücklich, daß er sich um ein Haar den Hinterkopf an der Steinmauer aufgeschlagen hätte.
Erich von Saxingen glitt auf den Stufen aus und stieß mit dem rechten Knie gegen die Mauer. Die Verwünschungen, die er ausstieß, waren mit das Lästerlichste und Gemeinste, was Piet jemals in der deutschen Sprache vernommen hatte.
»Bruno, zur Hölle mit dir!« fuhr von Saxingen auch seinen Kumpan an. »Kannst du nicht aufpassen? Wenn uns die Kerle jetzt schon krepieren, können wir mit ihnen nichts mehr anfangen. Und wenn ich mich verletze und nicht mehr laufen kann, ist das ebenfalls schlecht für uns.«
»Es ist nicht meine Schuld, daß wir gestolpert sind und er uns weggerutscht ist«, verteidigte sich Bruno von Kreye.
»Nein? Ist es vielleicht meine Schuld?«
»Das habe ich nicht gesagt.«
»Aber du gibst es mir zu verstehen!« stieß von Saxingen aufbrausend hervor. »Langsam habe ich das Gefühl, hier stimmt was nicht!«
»Du übertreibst«, sagte von Kreye mit mürrischem Gesichtsausdruck. »Hör endlich mit dem Geschrei auf.«
Der andere sah ihn aus wütend funkelnden Augen an. »Ich schreie, so viel und so oft es mir paßt, klar? Es gibt weit und breit kein anderes Haus, also können wir gar nicht gehört werden.«
»Und was ist, wenn sich noch mehr Verfolger in der Umgebung befinden?« fragte Bruno von Kreye.
»Fängst du jetzt wieder damit an?«
»Es könnte ein Aufgebot aus Rügenwalde unterwegs sein.«
»Unmöglich«, sagte Erich von Saxingen. »Nur die beiden Idioten hier haben uns verschwinden sehen und waren schnell genug in den Sätteln, um uns verfolgen zu können. Es gibt sonst niemanden, der uns auf den Fersen sitzt, wie oft soll ich dir das noch sagen? Wir sind hier völlig sicher.«
»Schon gut«, sagte Bruno von Kreye.
Von Saxingen nahm den Kienspan wieder aus der Wandhalterung und kehrte nach oben zurück. Bruno von Kreye folgte ihm. Der Kellerraum wurde in tiefe Finsternis gehüllt.
Dan und Piet lauschten den Schritten, die über ihnen auf den Holzbohlen polterten. Die Bohlen wurden von dicken Balken getragen, aber sie bogen sich doch etwas durch und knarrten dabei. Staub rieselte zu Boden. Etwas wurde oben zurechtgerückt, offenbar handelte es sich um einen Tisch oder einen Stuhl.
In der Tat hatten die beiden in einer Ecke des Hüttenraumes einen wackligen Tisch entdeckt, der erst im Licht des Kienspans zu sehen gewesen war. Bruno von Kreye säuberte ihn vom Schmutz und von den Spinngeweben, die ihn überzogen, dann plazierten sie ihn gemeinsam in der Mitte des Raumes. Der Span verbreitete nach wie vor sein flackerndes rötliches Licht. Erich hatte ihn in eine Lücke zwischen zwei Mauersteinen gesteckt.
»So«, sagte Erich von Saxingen. »Jetzt brauchen wir bloß noch zwei Sitzgelegenheiten, dann haben wir es so richtig gemütlich. Steht da drüben nicht ein Hackklotz?«
»Richtig.« Bruno von Kreye holte den Klotz und setzte ihn vor dem Tisch mit einem krachenden Laut auf dem Boden ab. Die Bohlen erzitterten, es fiel wieder Staub in den Keller.
Dan und Piet husteten jedoch nicht. Sie waren bemüht, jedes Geräusch zu vermeiden. Sie preßten die Lippen zusammen und atmeten durch die Nasenlöcher ein und aus. Piet hatte die Benommenheit, die ihn nach seinem Sturz erfaßt hatte, rasch wieder abgeschüttelt und schob sich ganz vorsichtig auf seinen Kameraden zu.
»Ich sehe mich draußen nach einem zweiten Klotz um«, sagte von Saxingen gerade. »Außerdem will ich Wasser von dem Bach holen, ich habe nämlich eine ganz trockene Kehle.«
»Ich auch«, sagte Bruno von Kreye. »Ein tüchtiger Schluck Wasser ist jetzt genau das richtige für uns.«
»Bier wäre besser«, brummte von Saxingen, dann verließ er die Hütte und rammte die quietschende Tür hinter sich zu.
Piet lag jetzt dicht neben Dan.
»Weißt du was?« wisperte er. »Ich könnte mich selbst ohrfeigen.«
»Weil wir diesen beiden Hurensöhnen auf den Leim gegangen sind?« flüsterte Dan. »Ich mich auch. Aber das würde uns wenig nutzen.«
»Wir hätten die beiden bei unserem Besuch auf dem Saxingen-Gut tüchtiger versohlen sollen«, raunte Piet. »Sie haben die Jacke nicht voll genug gekriegt. – Der eine ist doch dieser Erich von Saxingen, nicht wahr?«
»Ja, und der andere heißt Bruno von Kreye. Ich war bei der Befreiung von Gisela von Lankwitz ja auch mit dabei und konnte genau verfolgen, wie sich Shane und Matt mit den Kerlen befaßten. Mein Gott, Piet, sag mir, daß es nicht wahr ist. Sag mir, daß sie noch lebt.«
»Sie ist tot«, sagte Piet mit kaum wahrnehmbarer Stimme. »Und keiner kann sie wieder auferstehen lassen.«
»Wer hat deiner Meinung nach den Schuß auf sie abgegeben?«
»Von Saxingen«, entgegnete Piet. »Aber von Kreye scheint damit nicht ganz einverstanden zu sein, wenn ich das richtig mitgekriegt habe.«
»Der Teufel soll die beiden holen«, zischte Dan. »So ein Mist, daß wir ausgerechnet ihnen in die Hände fallen mußten. Die warten doch nur darauf, sich an uns rächen zu können.«
»Aber sie müssen erst Hugo von Saxingen befreien, und dazu brauchen sie uns – als Geiseln.«
»Piet«, flüsterte Dan. »Ich weiß noch nicht, wie ich es anstellen soll, aber das eine schwöre ich dir – ich befreie mich von diesen Fesseln. Und dann helfe ich auch dir. Ich schaffe es.«
»Still jetzt«, wisperte Piet. »Sonst hören sie uns noch.«
Sie schwiegen und konnten aus den Geräuschen, die sich der Hütte näherten, schließen, daß von Saxingen zurückgekehrt war. Die Tür öffnete sich, und er sagte: »Hier, hilf mir mal, Bruno, ich hab einen zweiten Klotz gefunden. Wasser habe ich auch. Und sieh mal, was ich noch gefunden habe.«
Bruno von Kreye trat in die offene Tür und nahm ihm den schweren Holzklotz ab, den er wieder zum Tisch schleppte und dort auf dem Boden absetzte. Er wandte sich um und sah im Schein des blakenden Kienspans, wie von Saxingen einen vollen Wasserschlauch und eine dickbauchige grüne Flasche hereintrug.
Von Saxingen kicherte. »Ich habe den Schlauch von meinem Pferd losgebunden und bin dabei auf die Flasche gestoßen«, erklärte er. »Hölle und Teufel, ich hatte doch glatt vergessen, daß ich sie mir in Reval in die Satteltasche gesteckt hatte, bevor wir losritten. Nun rate mal, was für ein edler Tropfen da drin ist?«
»Korn, nehme ich an?«
»Nein. Es ist Beerwurz, echter samländischer Beerwurz. So ein Tröpfchen haben wir uns jetzt wirklich verdient.«
Erich von Saxingen war von dem Umtrunk, der sie erwartete, völlig hingerissen und dachte an nichts anderes mehr, nur noch daran. Er erweckte nicht den Eindruck eines Mannes, der vor kurzem eine junge Frau getötet hatte und damit zum Mörder geworden war. Er schien die Untat bereits vergessen zu haben.
Umständlich ließ er sich auf einem der beiden Hackklötze nieder. Von Kreye nahm ihm gegenüber Platz. Sie hatten keine Becher oder Krüge zum Trinken, doch das störte sie nicht. Das frische Bachwasser ließen sie sich direkt aus dem Schlauch in die Kehlen rinnen. Den Beerwurz tranken sie abwechselnd aus der klobigen grünen Flasche. Er war angenehm kühl und hatte genau die richtige Temperatur. Von Saxingen schnalzte nach dem ersten Schluck genießerisch mit der Zunge, wischte sich den Mund ab – und nahm gleich noch einen Schluck zu sich.
Im Keller verfolgten Dan und Piet alles, was die beiden Kerle sprachen, und Piet gab sich die allergrößte Mühe, wenigstens die wichtigsten Sätze zu verstehen und sie Dan zu übersetzen. Was sie hörten, versetzte sie in noch größere Wut und steigerte ihren Haß gegen Erich von Saxingen und Bruno von Kreye.
Die beiden Junker tranken jetzt weniger Wasser und immer mehr Schnaps. Die Flasche war bereits halb geleert, sie hatten beide einen kräftigen Zug. Da sie überdies seit den Mittagsstunden nichts mehr gegessen hatten, tat der hochprozentige Alkohol sehr rasch seine Wirkung. Ihre Sauferei sollte zu einem erbitterten Streitgespräch führen.
»Ist das nicht herrlich?« fragte von Saxingen begeistert. »Wir hocken hier gemütlich zusammen und saufen uns einen an, und in Rügenwalde heulen Killigrew und von Manteuffel und ihre Kerls sich die Augen darüber aus, daß die Lankwitz, die dumme Kuh, ins Gras gebissen hat.«
»Bist du ganz sicher, daß sie nur heulen?«
Von Saxingen war viel zu begeistert von seinem Beerwurz-Fund, um jetzt auf von Kreyes Bedenken einzugehen.
»Ja, ja«, antwortete er ihm nur. »Die verlassen sich ganz auf die beiden Narren hier unten. Bestimmt denken sie, daß die dummen Hunde uns gestellt und eingefangen haben. Aber denen husten wir was.«
»Der Schnaps reicht aber nur für heute nacht. Und zu beißen haben wir auch nichts bei uns.«
»Wie war das? Ach, du meinst, wir sitzen bald auf dem Trockenen? Herrgott, ein paar Tage können wir auch vom Wasser leben. Und was die Verpflegung betrifft: Da ist der Wald, wir haben unsere Musketen und ausreichend Munition. Wir können uns was jagen, hast du das vergessen?« Von Saxingen lachte.
Von Kreye schüttelte den Kopf. »Wenn wir erst in der Gegend herumballern, wird irgend jemand nachsehen, was hier los ist. Dann hat man uns bald entdeckt, und wir sitzen wirklich in der Falle.«
»Nein!« Erich von Saxingen schrie es fast, sein Jähzorn brach wieder durch. »Hör mit dieser blöden Schwarzmalerei auf! Auch in Pommern wird überall gejagt, landauf und landab! Es fragt keiner danach, wer die Rehe und die Hasen abknallt und woher er kommt!« Schnell nahm er einen Schluck aus der Flasche, um den aufkeimenden Zorn herunterzuspülen.
»Erich«, sagte Bruno von Kreye in eindringlichem Tonfall. »Überlege doch mal. Die beiden da unten kehren nicht an Bord ihres Schiffes zurück. Spätestens im Morgengrauen fangen Killigrew und von Manteuffel an, nach ihnen zu suchen. Vielleicht schaltet sich auch der Stadthauptmann von Rügenwalde noch mit ein. Sie kriegen dann bestimmt eine Meute von fünfzig Mann zusammen, die überall nach uns sucht. Dann bleibt uns nur eine Möglichkeit, uns nämlich in dieser Hütte zu verkriechen, mucksmäuschenstill zu verhalten und darauf zu hoffen, daß sie uns nicht finden.«
Von Saxingen umklammerte die grüne Flasche mit beiden Händen. Er hatte sie jetzt sozusagen beschlagnahmt und sah es als sein Vorrecht an, allein daraus zu trinken. Rasch hob er sie an den Mund und ließ noch einen kräftigen Schluck Beerwurz durch seine Kehle rinnen.
»Bist du verrückt?« sagte er dann mit etwas schwerer Zunge. »Das glaubst du doch wohl nicht im Ernst, oder?«
»Es ist mein voller Ernst«, entgegnete Bruno von Kreye.
»Aber wir haben die Geiseln!«
»Die nutzen uns wenig, wenn sie uns erst umzingelt haben.«
»Wir bringen als ersten den großen Blonden um!« brüllte von Saxingen seinen Kumpan über den Tisch hinweg an. »Wir schmeißen ihn aus der Hütte raus und diesem Killigrew-Bastard vor die Füße! Dann wagt es keiner mehr, hier noch in der Gegend herumzuschleichen!«
»Und danach?«
»Danach befreien wir Hugo, meinen Bruder«, sagte von Saxingen wütend. »Du gehst mir mit deinem Gefasel auf den Geist, Bruno. Hör endlich auf damit.«
»Sie warten nur darauf, daß wir nach Rügenwalde zurückkehren«, sagte von Kreye unbeirrt. »Dort lassen sie uns in eine Falle laufen.«
»Du Trauerkloß«, sagte von Saxingen und beugte sich mit verzerrter Miene vor. »Jetzt weiß ich, was mit dir los ist. Angst hast du – und was für welche. Ich wette, du hast die Hosen schon voll.«








