Kitabı oku: «Seewölfe Paket 19»
Impressum
© 1976/2018 Pabel-Moewig Verlag KG,
Pabel ebook, Rastatt.
eISBN: 978-3-95439-778-5
Internet: www.vpm.de und E-Mail: info@vpm.de
Inhalt
Nr. 361
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Nr. 362
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 363
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 364
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 365
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 366
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Nr. 367
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 368
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Nr. 369
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 370
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 371
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 372
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 373
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 374
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 375
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 376
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 377
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 378
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 379
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 380
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9

Roy Palmer
Die Schlacht um Gran Cayman
1.
Letzte Schwaden schwarzen, fetten Rauches trieben, vom Nordostwind bewegt und von den rötlichgrauen Schleiern der Abenddämmerung begleitet, von der Küste Honduras’ landeinwärts. Die Siedlung El Triunfo war ein einziger schwelender Trümmerhaufen. Der Tod hatte gewütet und seine Opfer gefordert. Zwischen den letzten Resten der Hütten, der ehemaligen spanischen Mission und der Kommandantur lagen die Leichen von Engländern und Franzosen.
Der Überfall des spanischen Geschwaders von zwanzig schwer armierten Kriegs-Galeonen war auf keinen nennenswerten Widerstand gestoßen. Zweihundert Siedler waren tot – fast die Hälfte aller Einwohner. Die anderen waren in den Dschungel geflohen, der sich wie eine riesige Barriere hinter El Triunfo erhob.
Einige dieser Männer waren jetzt bei der Black Queen. Tollkühn und verwegen hatte sie die letzten drei Galeonen angegriffen, die zur Bewachung in der Hafenbucht zurückgeblieben waren. Die „Bizarria“ war gesunken, ihre letzten überlebenden Besatzungsmitglieder hatten sich nur noch durch einen Sprung ins Wasser retten können. Die beiden anderen Schiffe – die „Buena Estrella“ und die „Vascongadas“ – befanden sich nach einem erfolgreichen Entermanöver in der Gewalt der Piraten.
Im verblassenden Licht des Tages beobachtete ein Mann vom Ufergestrüpp im Westen der Hafenbucht aus die Vorgänge an Bord der nun wieder vor Anker liegenden Schiffe. Sein Name war Rodrigo Alba Villas, und er war der Kapitän der „Bizarria“ gewesen.
Sein Gesicht, von einer Säbelwunde verunstaltet und zu einer Grimasse des Hasses verzerrt, spiegelte alle Ohnmacht und Schmach wider, die er erlitten hatte. Die Niederlage, der Verlust des Schiffes, das unehrenhafte Von-Bord-Fliehen, das Schreien der Sterbenden auf der „Vascongadas“ und der „Buena Estrella“ – er vermochte kaum noch an sich zu halten. Am liebsten wäre er aus dem Dickicht hervorgebrochen und hätte sich brüllend ins Wasser gestürzt.
Um was zu tun? Um die große schwarze Hure zu töten, die die „Buena Estrella“ gekapert hatte? Lachend hätte sie ihn mit ein paar gut gezielten Musketenschüssen töten lassen, während er das Schiff schwimmend zu erreichen versuchte.
Alba Villas hatte Mühe, seine durchgehenden Nerven unter Kontrolle zu kriegen. Er zwang sich zu nüchternen Überlegungen. Eine hitzige Aktion war mit Selbstmord gleichzusetzen. Wollte er überhaupt etwas erreichen, mußte er darauf warten, daß die Piraten die Boote abfierten und an Land gingen.
Und sie würden übersetzen – noch an diesem Abend. Er konnte sich leicht ausrechnen, daß ihr Erscheinen in El Triunfo kein purer Zufall war. Irgend etwas hatte sie hergeführt – vielleicht eine Ladung, die es abzuholen galt, oder aber ein geplanter Überfall. Warum sie die drei Kriegs-Galeonen angegriffen hatten?
Alba Villas umklammerte eine Mangrovenwurzel, als wolle er sie zerquetschen. Diese Frage brauchte er sich nicht zu stellen. Piraten wie diese, blutrünstige und grausame Galgenstricke, verbissen sich in jede Beute, die ihren Kurs kreuzte. Die gekaperten Schiffe waren allein wegen ihrer Armierung und der an Bord befindlichen Munition ein immenser Schatz.
Nur ganz wenige Überlebende hatte es auf der „Bizarria“, der „Buena Estrella“ und der „Vascongadas“ gegeben. Schwimmend hatten sie sich wie Alba Villas an Land gerettet, doch er wußte, daß er mit ihnen nicht mehr rechnen konnte. In ihrer Panik waren sie in den Dschungel geflohen und somit den Siedlern gefolgt, Abtrünnige, Fahnenflüchtige, Meuterer, denen die Gelegenheit nur recht war, auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden.
Er, Rodrigo Alba Villas, konnte es ihnen nicht einmal übelnehmen. An Bord spanischer Kriegsschiffe war bei weitem nicht alles eitel Wohlgefallen und Sonnenschein. Oft kam es zu Insubordination und Meuterei. Viele Seeleute und auch Seesoldaten beugten sich der Borddisziplin nur aus Angst vor den barbarischen Strafen. Im übrigen waren nicht alle Männer mit der Vergeltungsaktion in El Triunfo einverstanden gewesen. Don Alonso de Lopéz y Marqués hatte das ihm in Cartagena befohlene Exempel, das in Honduras zu statuieren war, strikt vollzogen. Doch einige der Kapitäne hatten gewisse Skrupel empfunden, vor allem, was das Erschießen der Siedler „auf der Flucht“ betraf.
Auch Alba Villas gehörte zu diesen Kapitänen. Jetzt aber überzeugte er sich davon, daß keine Maßnahme brutal genug war, wenn es galt, mit Piratengesindel aufzuräumen. Sein Herz schlug für Spanien, alles in ihm schrie nach Rache.
Möglich sogar, daß die Piraten an Bord der Schiffe Verbündete der Bewohner von El Triunfo waren, die ihnen zu Hilfe geeilt waren. Und die Männer von der Galeone, die Alba Villas so verdächtig bekannt erschien? Sie hatten die „Vascongadas“ vereinnahmt. Ihr Gebrüll, ihr Grölen und Lachen drangen mit dem Wind herüber, und er glaubte, einzelne Stimmen wiederzuerkennen.
Plötzlich durchzuckte ihn die Erkenntnis: Das waren Spanier! Und das Schiff mußte die „Aguila“ sein, jene Kriegs-Galeone, die vor Wochen Cartagena mit dem Auftrag, El Triunfo auszukundschaften, verlassen hatte und spurlos verschwunden war.
Das Geschwader war trotzdem ausgelaufen und hatte den Überfall durchgeführt, doch Don Alonso und seine Kapitäne ahnten, was mit der „Aguila“ geschehen war: Es hatte eine Meuterei an Bord gegeben.
So war es. Die lauteste Stimme von allen gehörte Jaime Cerrana, auch das hörte Alba Villas heraus. Schon immer war dieser Cerrana ein notorischer Querulant und Nörgler gewesen, ein Rebell und Aufwiegler. Kein Kapitän hatte ihn gern in seiner Mannschaft gehabt.
Denkbar war, daß Cerrana die Meuterei auf der „Aguila“ angeführt hatte. Er schien sich jetzt als der Kapitän aufzuspielen. Und er hatte sich mit einer wilden Meute von Piraten verbündet, die ausschließlich aus dunkelhäutigen Kerlen zu bestehen schien.
Das wirst du noch bereuen, Cerrana, dachte Rodrigo Alba Villas. Er fragte sich, was aus dem Kapitän und den Offizieren der „Aguila“ geworden sein mochte. Er konnte es sich denken. Seine Lippen waren zu einem dünnen, blutleeren Strich zusammengepreßt, als er beobachtete, was weiter geschah.
Beiboote wurden von den Piratenseglern abgefiert; Männer enterten an den Jakobsleitern ab und nahmen auf den Duchten Platz. Im Dunkelwerden sah Alba Villas nun auch wieder die Frau. Mit geschmeidigen, katzenhaften Bewegungen enterte sie in die eine Jolle ab, gefolgt von einem riesigen Schwarzen.
Es gab einige Unruhe, als ein dicker Mann in einem Bootsmannsstuhl abgefiert wurde. Er zappelte und jammerte, und die Kerle grölten vor Begeisterung. Die Jolle schwankte unter dem Gewicht des Dicken, legte ab und wurde mit kräftigen Riemenschlägen zum Ufer der Bucht gepullt.
Alba Villas schenkte weder dem Dicken noch dem schnauzbärtigen, wieselartigen Franzosen Beachtung, die zur Bootscrew gehörten. Seine volle Aufmerksamkeit galt der Black Queen. Er ließ sie nicht mehr aus den Augen. Ihr Boot schien fast genau auf sein Versteck zuzuhalten und würde nur wenige Fuß entfernt landen.
Der Spanier griff nach dem Heft des Messers. Nur diese Waffe war ihm geblieben, aber er würde sie zu benutzen verstehen. Mein Empfang gilt dir, schwarze Teufelin, dachte er. Ich töte dich!
Natürlich war der Kanonendonner, der zuletzt von El Triunfo herübergedrungen war, an der Mündung des Rio Leán nicht ungehört geblieben. Hier lag – gut versteckt hinter Mangroven und einem undurchdringlich wirkenden Vorhang aus Spanischem Moos – die „Le Vengeur III.“ vor Anker.
Für Jean Ribault, Siri-Töng und die Crew bestand kein Grund mehr, noch länger in Honduras zu verweilen. Die Black Queen hatte El Triunfo vor ihnen erreicht, aber eine Auseinandersetzung würde nicht stattfinden. Sie war durch das verfrühte Auftauchen der spanischen Galeonen vereitelt worden. Anders ausgedrückt: Ribault und die Rote Korsarin hatten keine Chance mehr, ihrer Feindin eine Niederlage zu bereiten. Wahrscheinlich hatte sie sich mit ihren Schiffen, der „Caribian Queen“ und der „Aguila“, inzwischen längst abgesetzt.
„Sie hat nicht gewagt, den Kampf gegen die Spanier aufzunehmen“, sagte Ribault in diesem Moment. „So verrückt ist sie nicht. Bestimmt hat sie sich mit ihren Leuten noch rechtzeitig genug aus der Siedlung zurückgezogen.“
„Und was hat der Kanonendonner von eben zu bedeuten?“ fragte Siri-Tong. „Waren es nicht doch die Geschütze der ‚Caribian Queen‘, die da abgefeuert wurden?“
„Das läßt sich nicht heraushören“, sagte Barba.
„Aber irgendwer hat die Spanier angegriffen“, sagte Jenkins, der Rudergänger. „Die Siedler können es nicht gewesen sein. Sie haben keine größeren Schiffe. Und es waren Galeonen, ausschließlich dicke Kaliber, die geschossen haben.“
„Das Rätselraten hat keinen Sinn“, meinte Carlos Rivero. „Und wir müssen ja doch die Nacht abwarten, um von den Spaniern ungesehen auslaufen zu können. Ich schlage vor, daß einige der Siedler und ich aufbrechen und die Lage erkunden. Wir erfahren bestimmt, was da geschehen ist.“
Eine Gruppe von mehr als zwanzig Siedlern befand sich an Bord der „Le Vengeur III.“ – Ribault und die anderen hatten sie vor einem spanischen Verfolgertrupp gerettet. Ebenso hatten sich Doc Delon und Marty, das schielende Kerlchen, beide aus El Triunfo, ihnen angeschlossen. Sie gehörten zu den wenigen, die nicht mit einer Umsiedlung aller Bewohner einverstanden gewesen waren, wie die Black Queen es Willem Tomdijk, dem Bürgermeister, vorgeschlagen hatte.
Doc Delon war es inzwischen mühelos gelungen, auch die kleine Gruppe von Engländern und Franzosen, die am Ufer des Flusses um ein Haar von den Spaniern erschossen worden wäre, von seinen Ansichten zu überzeugen. Die Queen spielte falsch. Sie brauchte Gefolgsleute, die dann später als Kanonenfutter verheizt werden sollten. Es empfahl sich, sich nicht von ihrem Busen und ihrem Hüftschwung blenden zu lassen.
„Es könnte auch sein, daß ihr auf der Strecke bleibt“, gab Jenkins zu bedenken. „Vergeßt das nicht. Es befinden sich immer noch Patrouillen der Spanier im Busch.“
„Wir kennen uns hier besser aus als die Dons“, sagte Marty. „Wir benutzen Schleichpfade und bedienen uns aller erdenklichen Tricks. Uns erwischt so leicht keiner, jedenfalls nicht im Dunkeln.“
„Na gut“, sagte Ribault. „Das ist richtig, wir haben es ja selbst erlebt. Aber ich begleite dich, Carlos.“
„Dann gehe auch ich mit“, sagte die Rote Korsarin.
Carlos Rivero schüttelte den Kopf. „Nein. Ihr müßt an Bord der ‚Vengeur‘ bleiben. Wenn die Spanier von der Seeseite auftauchen, seid ihr hier unentbehrlich. Versteht mich nicht falsch. Ich will nicht kommandieren, dies ist nur meine Empfehlung.“
Siri-Tong lächelte grimmig. „Wir legen deine Worte auch nicht falsch aus, ganz bestimmt nicht, Carlos. Aber wie willst du dich verteidigen, wenn ihr doch in eine Falle lauft?“
„Mit Waffen“, erwiderte der Spanier. „Wir nehmen Musketen, Tromblons, Pistolen und Säbel mit – und genügend Munition.“
Doc Delon mischte sich ein. „Ich finde Carlos’ Vorschlag auch gut. Die ‚Vengeur‘ braucht in dieser Situation ihre gesamte Schiffsführung und darf außerdem auf keinen Fall unterbemannt bleiben. Marty und ich schließen uns freiwillig Carlos an. Richtig, Marty?“
„Richtig“, antwortete das Kerlchen.
„Unser Doc ist ganz schön hartnäckig, was?“ sagte einer der Siedler und lachte.
„Ja“, erwiderte Jean Ribault. „Aber ich glaube, er hat recht.“
„Trotzdem ist das, was Carlos vorhat, riskant“, sagte die Rote Korsarin. „Und irgendwie gefällt mir die ganze Situation nicht.“
„Keine Sorge“, sagte Doc Delon. „Ich bin zwar nur ein verkrachter Wundarzt und hoffnungsloser Säufer, aber wenn man mir zu Leibe rückt, weiß ich mich meiner Haut zu wehren, Madam. Man reiche mir eine Pistole, ich kann damit umgehen.“
Sie händigte ihm eine Miqueletschloßpistole aus. „Ich zweifle nicht an Ihren Fähigkeiten, Doc. Aber nachdem Sie Jean Ribault und Carlos Rivero geholfen haben, fühle ich mich für Ihr Leben verantwortlich.“ Sie drehte sich zu den Siedlern um. „Das gilt auch für euch. Die Spanier haben in El Triunfo ein Massaker angerichtet. Es darf keine weiteren Todesopfer geben.“
Die Blicke der Männer waren auf sie gerichtet, keiner verbarg die Bewunderung, die er für diese Frau empfand. Es wurde noch eine Weile diskutiert, dann fällte Jean Ribault die Entscheidung: Carlos, der Arzt, Marty und zehn Freiwillige sollten mit ausreichender Bewaffnung an Land gehen und die Umgebung abforschen. Gab es Schwierigkeiten, würde Carlos mit der Muskete einen Signalschuß in die Luft abgeben. Auf dieses Zeichen hin sollte von der „Le Vengeur III.“ sofort ein Trupp von zehn Männern als Nachhut zur Unterstützung des Kommandos aufbrechen.
Die Patrouille begab sich an Land und war kurze Zeit darauf im verfilzten, Feuchtigkeit und giftige Dünste verströmenden Dickicht verschwunden. Wieder begann eine Zeit des Wartens und der Ungewißheit an Bord des Schiffes.
Ribault und die Rote Korsarin verließen das Achterdeck keinen Augenblick, und auch die Crew blieb auf den Beinen. Verstärkt durch die Siedler, die an Bord geblieben waren, brauchte sich keiner von ihnen wegen der Gefechtsbereitschaft zu sorgen.
Wurden sie angegriffen, konnten gleichzeitig die Geschütze und die Handfeuerwaffen bedient werden, und die „Le Vengeur III.“ würde sich in eine feuerspeiende Festung verwandeln. So gesehen, war allen Männern die Anwesenheit der Siedler nur recht. Was später mit ihnen geschehen sollte, wußte noch keiner.
„Jean“, sagte Siri-Tong, „uns sind mal wieder die Hände gebunden, und wir können nichts unternehmen. Eine ganz verdammte Lage ist das. Die Sache hier hat schlecht begonnen und könnte einen üblen Ausgang nehmen.“
„So pessimistisch bist du noch nie gewesen.“
„Ich habe schlicht und einfach das untrügliche Gefühl, daß die Queen bei dem Überfall der Spanier die lachende Dritte ist.“
„Und wir haben keine Aussicht, ihr das Handwerk zu legen, meinst du?“
Sie blickte ihn an. „Genau das. Wir müssen unverrichteter Dinge wieder davonsegeln. Das wurmt mich. Warum sind wir überhaupt hiergewesen?“
„Weil wir jede Bewegung der Queen verfolgen müssen“, erwiderte Ribault. „Sie hat jetzt zwei Schiffe und schart Männer um sich, die zu allem entschlossen sind und für sie durch die Hölle gehen. Dieser Narr Willem, der Bürgermeister, ist einer von ihnen. Aber je mehr wir über die Machenschaften der Queen und Caligulas wissen, desto besser können wir unsere Strategie entwerfen. Bald kommt der Tag, an dem wir sie endgültig vernichten.“
„Das klingt mir alles zu nebelhaft“, sagte Siri-Tong unwirsch.
Er schnitt eine Grimasse. „Ich bin natürlich kein Hellseher, das weißt du. Aber wir müssen uns den Gegebenheiten fügen, was bleibt uns anderes übrig?“
Schon kurze Zeit später gab es eine Überraschung. Raschelnde und knackende Laute im Unterholz verkündeten, daß sich jemand dem Fluß näherte. Die Männer duckten sich hinter das Schanzkleid und hielten ihre Musketen feuerbereit. Kein Wort wurde gesprochen oder auch nur geflüstert, es herrschte Totenstille. Von der „Le Vengeur III.“ war nicht einmal der Bugspriet zu sehen, sie lag sicher in ihrem Versteck und war für Außenstehende unsichtbar.
„He!“ zischte eine Stimme am Ufer. „Jean, Siri-Tong!“
„Wer da?“ fragte Ribault.
„Rivero. Die Parole lautet Arwenack.“
Die Männer an Bord atmeten auf.
„Ihr habt uns einen ganz schönen Schrecken eingejagt“, sagte Jenkins und erhob sich neben dem Geschütz, an dem er gekauert hatte. „Was ist los? Warum seid ihr so schnell zurückgekehrt?“
„Wir bringen jemanden mit“, entgegnete Carlos Rivero und zerrte einen zitternden, Unverständliches vor sich hinstammelnden Mann aus dem Gebüsch zu sich heran. „Er heißt Hinkle.“
„Ach du liebe Güte!“ stieß Ribault hervor. „Der Schwerhörige! Was sollen wir denn mit dem anfangen?“
„Er hat uns einiges zu berichten“, erwiderte der Spanier grimmig. Dann schickte er sich an, mit dem verstörten Hinkle, mit Doc Delon, Marty und dem zehnköpfigen Kommando an Bord zurückzukehren.
2.
Jaime Cerrana und eine Handvoll seiner Kerle hatten mit dem Boot der „Aguila“ an Land übersetzen wollen. Die Queen hatte sie zurück an Bord der Galeone geschickt. Es war taktisch nicht klug, die Spanier mitzunehmen. Wenn versprengte Siedler aus dem Busch auftauchten und auch nur ein einziges spanisches Wort vernahmen, konnte das zu unerwünschten Zwischenfällen führen. Ein solches Mißverständnis vermochte keiner rechtzeitig genug zu klären, deshalb mußte von vornherein verhindert werden, daß es böses Blut gab.
Grenzenlos war der Haß der Siedler von El Triunfo auf die Spanier. Es würde ohnehin einige Zeit dauern, bis die Queen und Caligula sie davon überzeugt hatten, daß von den Männern der „Aguila“ keine Gefahr drohte.
Die Black Queen verließ ihr Boot, das sich soeben auf den Sand des Ufers geschoben hatte. Caligula, Willem Tomdijk, Emile Boussac und sechs Piraten der „Caribian Queen“ folgten ihr. Ihr Weg führte von diesem etwas abgelegenen Landeplatz zum Zentrum der Siedlung. Die Queen war fest davon überzeugt, ihre Gefolgschaft doch noch vergrößern zu können. Sie wollte in El Triunfo und Umgebung nach Überlebenden forschen.
Plötzlich war eine Bewegung im Dickicht – nur zwei Yards von der Black Queen entfernt. Eine Gestalt löste sich aus dem Dunkel und flog mit einem gewaltigen Satz auf die Queen zu. Die Klinge eines hoch erhobenen Messers blinkte im Mondlicht auf. Caligula stieß noch einen Warnlaut aus, aber es schien zu spät zu sein – die Queen konnte nicht mehr ausweichen.
Willem gab ein entsetztes Keuchen von sich, Emile warf sich zu Boden. Die Piraten griffen zu den Waffen. Aber Rodrigo Alba Villas war bei der Queen und warf sie zu Boden. Zweimal stach er mit dem Messer zu, aber sie drehte sich wie eine Schlange unter ihm weg und entging den tödlichen Stößen. Dann riß sie ihr Knie hoch, kriegte etwas Luft und rollte sich zur Seite.
Er folgte ihr, stieß eine Verwünschung aus und versuchte, sie durch hackende Messerhiebe zu treffen. Ihr Fuß schnellte vor, traf seine Schulter und warf ihn zurück. Blitzschnell war sie auf den Beinen, zückte ihren Säbel und führte drei wilde Streiche. Sie trafen den Spanier voll. Mit einem gurgelnden Laut sank er auf den Strand.
Willem stöhnte, schlug beide Hände vor die Augen und mußte sich abwenden. Emile war kaum besser zumute. Caligula trat neben die Queen, gefolgt von den Kerlen, und wollte, ebenfalls mit seinem Säbel zustechen. Aber sie legte ihm die Hand auf den Unterarm.
„Das ist nicht mehr nötig“, sagte sie. „Was ich tue, das tue ich gründlich.“
Sie beugte sich über den sterbenden Mann. Er wollte die Faust gegen sie erheben, doch die Kraft wich aus seinem Körper. Er konnte kaum noch die Lippen bewegen.
„Schwarze Teufelin“, murmelte er. „Ich verfluche dich. Fahr zur Hölle.“
„Leider kann ich deinen Wunsch nicht erfüllen“, sagte sie kalt. „Wer bist du? Der Kapitän der ‚Bizarria‘?“
„Ja. Rodrigo – Alba Villas.“
„Ich wünsche dir eine angenehme Reise ins Fegefeuer.“
„Meine Landsleute – werden dich hetzen – bis ans Ende der Welt“, flüsterte er. „Was du getan hast – bleibt nicht ungesühnt.“
„Ich warte auf sie“, sagte die Queen. „Jedem Hundesohn von einem Don, der meinen Kurs kreuzt, ergeht es so wie dir und deinen Leuten.“ Sie stand über ihm und stemmte, nachdem sie den Säbel wieder weggesteckt hatte, die Fäuste in die Seiten. Ihr gemeines, hartes Lachen war das letzte, was Rodrigo Alba Villas vernahm.
Willem Tomdijk hatte sich erhoben. Der Schock ließ nach, er konnte wieder klar denken und erlangte seine Fassung wieder. Allerdings verkannte er die Lage.
„Herr Kapitän!“ stieß er entrüstet hervor. „Glauben Sie nicht, daß Sie so mit uns reden können! Sie vergessen, daß Sie und Ihre Landsleute es gewesen sind, die El Triunfo hinterhältig angegriffen haben! Hiermit verhafte ich Sie und erkläre Sie zu meinem Gefangenen! Ich bin der Bürgermeister und habe die. Vollmacht …“
Der Rest blieb ihm im wahrsten Sinne des Wortes im Hals stecken. Er war etwas näher an den Spanier herangetreten, um ihn besser erkennen zu können. Jetzt sah er die toten Augen, die blicklos in den Abendhimmel gerichtet waren. Er verschluckte sich und begann zu husten.
„Wie furchtbar das alles ist“, sagte Emile Boussac.
„Nimm es nicht so schwer, Willem“, sagte die Queen mit einem spöttischen Seitenblick auf den Dicken. „Er hat deine Worte nicht mehr gehört. Mal sehen, vielleicht finden wir ja noch jemanden, der ein wenig aufmerksamer ist und dir gegenüber mehr Respekt zeigt.“
Die Kerle lachten, dann packten sie den Toten an den Armen und Beinen und schleppten ihn ins Dickicht. Die Black Queen schritt weiter, erreichte die zerstörte Siedlung und blieb zwischen der ehemaligen spanischen Mission und der Kommandantur stehen. Aus schmalen, mißtrauischen Augen hielt sie nach allen Seiten Ausschau, während Caligula und die Kerle damit begannen, die Trümmer nach Überlebenden abzusuchen.
Willem sank auf die Knie und schlug verzweifelt die Hände zusammen.
„Du lieber Gott“, begann er zu jammern. „Das darf nicht wahr sein! Mein schönes Heim! Meine schöne Brauerei! Alles kaputt! Oh, was habe ich nur verbrochen, daß ich so bestraft werde?“
„Fängst du schon wieder an?“ sagte die Queen verächtlich. „Langsam wird mir das zu bunt. Reiß dich zusammen, Mann. Das Jammern nutzt dir nichts.“
Willem hörte überhaupt nicht hin, ebensowenig vernahm er die höhnischen Äußerungen der Piraten. Er war viel zu sehr mit sich, seinem Kummer und seinem unendlichen Selbstmitleid beschäftigt. Auf den Knien rutschte er zwischen den letzten Steinen der Mission herum und rang die Hände.
Emile Boussac klagte theatralisch und mit südländischem Temperament. „Dieses Elend! Was soll aus mir werden? Alle meine Pläne sind zunichte! Ich werde nie mehr lachen, nie mehr glücklich sein! Meine Schenke, meine Räume, mein Wein – alles dahin! Mon Dieu, was für eine Tragödie!“
„Queen“, sagte Caligula. „Soll ich den beiden das Maul stopfen?“
„Laß es sein“, erwiderte sie. „Sie beruhigen sich von selbst. Wegen des Bieres und des Weines tut es mir ja auch leid, was geschehen ist.“
„Und wegen des Schatzes, der im Keller der Mission lag, nicht wahr?“ sagte er leise und lachte.
Eine Kiste hatten sie ja retten können. Aber davon wußten weder Willem noch Emile etwas. Es war ihnen entgangen, wie die Piraten die Kiste mitgenommen und später an Bord der „Caribian Queen“ gehievt hatten.
Die Piraten hatten ihren ersten Rundgang abgeschlossen und kehrten zu ihrer Anführerin zurück.
„Keine Überlebenden“, meldete einer von ihnen nüchtern.
„Trotzdem richten wir einen Sammelplatz ein“, sagte sie unbeirrt und schritt ein Stück weiter.
Zwischen den Trümmerbergen zeichnete sich immerhin noch der Innenhof des ehemaligen Bürgermeister-Wohnsitzes ab. Hier verharrte sie und ließ ihren Blick erneut herumwandern. Dann deutete sie auf eine der reglosen Gestalten am Boden.
„Wer ist denn das?“ sagte sie. „Den kennen wir doch.“
Caligula beugte sich über den Toten.
„Morrison“, sagte er.
„Und hier drüben liegt Clark!“ stieß Emile Boussac aus. Er konnte ein trockenes Schluchzen nicht unterdrücken.
„O Morrison, o Clark!“ sagte Willem mit Grabesstimme. „Auch eure armen Seelen hat also Gevatter Tod geholt. Und die anderen? Ich mag gar nicht an sie denken. Es ist unsere Pflicht, sie zu bestatten.“
„Ich glaube, daraus wird nichts“, sagte die Black Queen, aber auch diese Worte nahm Willem Tomdijk nicht wahr.
„Ich frage mich, was aus Buisson geworden ist“, sagte Boussac. „Er war mit uns in der ‚Mouche Espagnole‘, und er war auch der erste, der Alarm gab.“
„Er ist tot“, sagte eine Stimme aus dem Dunkeln.
Die Queen, Caligula, Emile und die Piraten fuhren herum und hoben die Waffen. Nur Willem hockte nach wie vor mit abwesendem Blick da.
„Wer da?“ sagte die Queen mit scharfer Stimme. „Gib dich zu erkennen.“
Ein Mann trat in den Innenhof der Mission, und sie sahen, daß er einer der französischen Siedler war. Am Vortag hatte er sich an der Suche nach den „spanischen Spionen“, Jean Ribault und Carlos Rivero, beteiligt, später aber hatten ihn die Queen und Caligula aus den Augen verloren. Der Mann hieß Leroy.
„Buisson und die Männer, die sich ihm angeschlossen hatten, liegen im Dschungel“, sagte er. „Ich habe sie gesehen. Die Spanier haben sie überfallen und getötet. Ich bin den ganzen Tag über ziellos durch den Busch gelaufen und habe mich vor den Hunden versteckt. Ich habe keine Waffe mehr und hätte mich nicht gegen sie verteidigen können.“
Emile eilte zu ihm und drückte ihm einen Säbel in die Hand. „Da, jetzt hast du wieder eine. Wo sind die anderen? Hast du keinen Kameraden getroffen, der noch am Leben ist?“
„Nein. Aber ich bin sicher, daß noch eine ganze Reihe im Urwald umherstreift. Keiner weiß, wie er sich verhalten soll. Was ist hier vorgefallen?“
„Die Spanier sind abgerückt und haben nur drei Galeonen zurückgelassen“, erklärte die Black Queen. „Wir haben diese Schiffe angegriffen und geentert. Die Besatzungen sind tot. Wir konnten den Überfall nicht verhindern, aber wir haben wenigstens noch etwas für euch tun können. Die Spanier hatten den Auftrag, jeden zu erschießen, der nach El Triunfo zurückkehrt, verstehst du?“
„Ja. Hiermit bitte ich dich, mich in deine Mannschaft aufzunehmen.“
„Deinen Wunsch erfülle ich gern“, sagte sie lächelnd. Der verlangende Blick, mit dem er sie musterte, entging ihr natürlich nicht. Ihre provozierenden weiblichen Reize taten wieder einmal ihre Wirkung.
Sie drehte sich zu Caligula um. „Caligula, laß die Fackeln und die Laternen anzünden. Die Männer, die sich noch im Busch befinden, werden das Zeichen richtig deuten. Hier ist unsere Sammelstelle, hier wird jeder Mann, der zu uns stößt, registriert und den einzelnen Schiffen zugewiesen.“
Caligula gab einem der Kerle einen Wink, und dieser sorgte mit einem Feuerstein, den er gegen ein Stück Feuerstahl schlug, für den Funken, der die erste Fackel entfachte. Rötlichgelb flackerte der Schein auf. Auch die übrigen mitgebrachten Pechfackeln wurden angezündet, dann wurden auch die Öllampen aufgehängt.
Der Innenhof der Mission war in Licht getaucht. Im Zentrum stand die Queen. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und brauchte jetzt nur zu warten. Sie hatte die ganze Nacht über Zeit und auch noch den folgenden Tag, wenn es erforderlich war. Und sie würde mit komplett bemannten Galeonen El Triunfo verlassen, daran hegte sie nicht den geringsten Zweifel. Früher oder später tauchten die Flüchtlinge einzeln und gruppenweise aus dem Dschungel auf.
Und die Kerle fressen mir aus der Hand, dachte sie. Wenn ich es ihnen befehle, lassen sie sich für mich die Arme, die Beine und den Kopf abschlagen.
Hinkle wäre am liebsten in den Planken der „Le Vengeur III.“ versunken. Er wünschte sich, eine winzige Bordmaus zu sein, die sich in einem Loch verkriechen konnte. Er fürchtete sich vor Carlos Rivero, aber größer noch war seine Angst vor Jean Ribault.
Aber Siri-Tong war es, die den Mann davon überzeugte, daß er nichts mehr zu befürchten hatte.
Sie trat dicht vor ihn hin und sagte: „Ganz ruhig bleiben, Hinkle. Carlos und unser Landtrupp haben dich im Urwald gefunden, aber wir wollen dir nichts antun. Du siehst doch auch, daß Doc Delon, Marty und einige deiner Kameraden aus El Triunfo bei uns sind. Ist das nicht Beweis genug, daß wir keine feindlichen Absichten hegen?“
„Ich weiß nicht. Ich begreife überhaupt nichts mehr.“ Hinkles Blick huschte hin und her. Diese Frau imponierte ihm, sie war von exotischer Schönheit. Aber Rivero und Ribault hatten ihn schließlich dazu gezwungen, von der Pinasse ins Wasser der Hafenbucht zu springen. Und Ribault hatte ihn im Dschungel niedergeschlagen. Noch jetzt spürte Hinkle die Schmerzen, sie schienen von neuem zu erwachen.
Was also ging hier vor, was wurde gespielt? Wer war ein Freund, wer ein Feind? Was war richtig, was falsch? Hinkle taumelte etwas. Um ihn herum, auf dem Hauptdeck der „Le Vengeur III.“ schien sich alles zu drehen. Die Männer murmelten, Hinkle verstand nichts von dem, was sie sagten. Und er sah auch nicht sonderlich gut. Er mußte die Augen zusammenkneifen, um alle Gesichter klar erkennen zu können.
Unwillkürlich schrak er wieder zusammen. Der wilde Kerl mit dem dichten schwarzen Bartgestrüpp jagte ihm einen neuen Schrecken ein. Wer war das? Und der, dem das rechte Auge fehlte? Und der mit den gewaltigen Narben auf dem nackten Rücken? Waren das nicht Piraten, Schnapphähne, Küstenwölfe und Schlagetots?
Er richtete seinen Blick lieber wieder auf Siri-Tong. Ganz deutlich sah er sie vor sich, sie stand ja auch dicht genug vor ihm. Auch ihre Stimme klang silberhell in seinen Ohren.
„Ich weiß, was du denkst, Hinkle“, sagte sie. „Wer wir sind. Nun, wir sind Korsaren, und wir haben uns zum Ziel gesetzt, die Black Queen zu vernichten. Sie ist unsere erklärte Feindin – eine Gefahr für die ganze Karibik. Gegen El Triunfo und seine Bewohner haben wir aber nichts. Die ganze Geschichte mit Jean und Carlos beruht auf einem Mißverständnis.“
„Auf welchem denn, Madam?“ fragte Hinkle.
„Das habe ich dir schon zehnmal erklärt, Mann“, sagte Marty. „Sie sind keine Spione, aber Morrison und den anderen wollte das nicht in den Kopf.“
„Wann fällt bei dir endlich der Silberling, Hinkle?“ fragte Doc Delon mit fast verzweifelter Miene.
Siri-Tong setzte Hinkle sehr geduldig auseinander, wie sich alles entwickelt hatte, von Ribaults und Riveros Marsch durch den Dschungel begonnen bis hin zum Überfall der Spanier und dem kurzen Kampf am Fluß, bei dem Ribault, Rivero, Siri-Tong und die anderen die Gruppe von Siedlern vor dem sicheren Tod bewahrt hatten.
Doc Delon, Marty und die Siedler bestätigten das alles – und nun, endlich, atmete Hinkle auf. Er befand sich nicht mehr in Gefahr. Er war unter Freunden. Vergessen war die unglückliche Episode von der Flucht der beiden „Spione“, bei der Hinkle gleich zweimal großes Pech gehabt hatte, vergessen auch die Schrecken des Tages. Die Kämpfe waren vorbei, er brauchte nicht mehr um sein Leben zu bangen.
Mit schüchternem Grinsen nahm er eine Muck entgegen. Barba hatte sie mit Rum gefüllt und sagte: „Da, trink. Das muntert dich auf, mein Freund.“
Hinkle stürzte den Rum die Kehle hinunter. Doc Delon bekam ebenfalls Durst und nahm die nächste Muck entgegen. Reihum gingen die Flaschen, und die Männer und die Rote Korsarin stießen wie Verschwörer miteinander an.
Hinkle setzte sich auf den Rand der Kuhlgräting und begann zu berichten.
3.
Tatsächlich hatte dieser schwerhörige, kurzsichtige Hinkle einiges zu erzählen, wie Carlos Rivero schon angedeutet hatte. Hinkle war fast eine Schlüsselfigur bei den Geschehnissen in El Triunfo, denn er hatte alles von Anfang an aus nächster Nähe miterlebt.
So vernahmen die Zuhörer an Bord der „Le Vengeur III.“, wie er mit der Morrison-Patrouille, zu der er gehört hatte, zum erstenmal der Black Queen begegnet war. Zu spät hatte Hinkle Georges Buisson erkannt, und deshalb hatte es Tote gegeben, Axton und Longtree. Sie hatten ihr Leben auf dem feuchten Urwaldboden ausgehaucht.
In der Gruppe der Queen hatte es einen Verletzten gegeben – Doc Delon hatte ihn später auf Morrisons Befehl hin behandelt. Er hätte sich weigern können, hatte es dann aber doch nicht getan und sich nur darauf beschränkt, die Siedler vor der Black Queen zu warnen.
Willem Tomdijk, der Bürgermeister, hätte die Black Queen und Caligula wegen Axtons und Longtrees Tod zur Rechenschaft ziehen müssen. Es wäre seine Pflicht gewesen, die Bürgerversammlung zusammentreten und Gericht abhalten zu lassen, doch er hatte es nicht getan. Er hatte sich beschwatzen lassen, sowohl von der Queen als auch von Caligula und Buisson, die an dem großen Trinkgelage in der Mission teilgenommen hatten.
Die Einzelheiten über die nächtliche Orgie hatte bereits Marty zum besten gegeben, alle anderen Details hatte Doc Delon hinzugefügt. Hinkle übersprang also diese Phase der Geschehnisse und fuhr mit dem Bericht über das böse Erwachen in El Triunfo und den Angriff der Spanier fort.
Hinkle hatte Morrison und Clark neben sich sterben sehen. Er war in panischem Entsetzen in den Busch geflohen und hatte sich – wegen seiner schlechten Augen – völlig verirrt. Durch einen puren Zufall hatte er einen Kieker gefunden. Es war ihm gelungen, in der Abenddämmerung auf eine Anhöhe zu klettern und einen Baum zu ersteigen. Von dort aus hatte er durch das Spektiv den letzten Kampf beobachtet, der in der Hafenbucht von El Triunfo stattgefunden hatte.
„Mit so einem Fernrohr kann ich wie jeder normale Mensch sehen“, erklärte er.
„Eines Tages wird es Augengläser für Sehbehinderte geben“, sagte Doc Delon. „Aber jetzt weiter, Hinkle. Was ist in der Bucht geschehen?“
„Zwei Schiffe haben die drei Galeonen der Spanier angegriffen, die nach dem Auslaufen des Verbandes zurückgeblieben sind.“
„Also ist das Geschwader bereits nach Cartagena zurückgekehrt“, sagte die Rote Korsarin. „Wenn wir im richtigen Moment einen Ausguck am Seeufer postiert hätten, hätten wir die siebzehn Schiffe sehen können.“ Daß es sich um einen Verband von zwanzig Galeonen gehandelt hatte, war durch die Berichte von Ribault, Rivero, Doc Delon und Marty inzwischen bekannt.
„Es fällt aber nicht weiter ins Gewicht, daß wir sie nicht gesehen haben“, sagte Ribault. „Wichtig ist, daß die Dons uns nicht entdeckt haben.“ Er nickte Hinkle aufmunternd zu. „Nur weiter. Um welche Schiffe handelte es sich bei den Angreifern? Etwa um die ‚Caribian Queen‘ und die ‚Aguila‘?“ Er beschrieb die Galeonen.
Hinkle wurde ziemlich aufgeregt. „Ja, ja, das sind sie. Die Queen hat eine spanische Galeone versenkt und die beiden anderen gekapert. Ich wollte ’runter und zurück nach El Triunfo, habe mich aber wieder verlaufen. Dann bin ich eurem Kommando in die Hände gefallen und Rivero hat mich gepackt. Ich, äh, dachte: Das ist das Ende.“
„Du hast dich geirrt, Hinkle“, sagte Doc Delon. „Aber du wolltest gern zur Queen, oder?“
„Sie hat uns doch geholfen, nicht wahr?“
„Aus purem Eigennutz“, erwiderte der Arzt. „Aber vielleicht wirst du das nie begreifen. Ich glaube, du bist ein typischer Sturkopf.“
Der Bericht des Schwerhörigen war für Jean Ribault und Siri-Tong alles andere als ermutigend. Die Black Queen verfügte jetzt also über vier Schiffe – und sicher auch bald über eine stattliche Gefolgschaft, da sie mit Sicherheit die überlebenden Siedler einsammeln und an Bord nehmen würde.
Marty hatte eben noch ein paar Worte mit Hinkle gewechselt und fragte jetzt überrascht: „Wie war das? Unser Bürgermeister ist an Bord der ‚Caribian Queen‘?“
„Ich glaube, ihn erkannt zu haben. Und Emile Boussac, so scheint mir, ist auch mit dabei.“
„Dieser Willem“, sagte Doc Delon. „Er ist ein hoffnungsloser Narr. Die Queen hat ihn total verblendet. Wahrscheinlich hat er sich in sie verliebt. Sie wird ihn später, wenn sie ihn nicht mehr braucht, totschlagen und den Haien als Futter vorwerfen.“
„Das befürchte ich auch“, sagte Marty. „Und Boussac? Er hätte auf unserer Seite stehen können. Aber er wollte seine verdammte Kneipe retten und hat sich deswegen mit der Queen arrangiert. Und was hat er davon? Die ‚Mouche Espagnole‘ liegt in Schutt und Asche.“
„Wir können das Erstarken der Queen also nicht mehr verhindern“, sagte Jean Ribault. „Siri-Tong, dein Pessimismus war nicht unbegründet. Aber wir haben noch einen Pluspunkt.“
„Welchen denn?“ fragte sie. „Daß wir eher in See gehen als sie?“
„Genau das meine ich. Wir verlassen die Golfküste von Honduras unverzüglich und haben einen zeitlichen Vorsprung, den wir zu unserem Nutzen verwenden. Vergiß nicht, daß wir das Ziel der Queen kennen.“
„Tortuga und Hispaniola“, sagte die Rote Korsarin. „Falls sie dort landet und sich mit ihrer neuen Meute ausbreitet, verlagern sich die Machtverhältnisse in der Karibik tatsächlich.“
„Es ist jedem von uns klar, was das bedeutet, Madam“, sagte Jenkins. „Wir sollten die letzte Chance, der Queen doch noch das Handwerk zu legen, nicht verspielen.“
„Also gut“, sagte Jean Ribault. „Wir gehen in See und segeln nach Osten. Wir legen soviel Entfernung wie möglich zwischen uns und die Queen. Was geschieht, wenn sie uns mit ihrem Verband entdeckt, brauche ich wohl nicht näher zu erklären.“
„Gegen vier Galeonen haben wir keine Chance“, sagte Barba. „Besser ist, an der Kimm zu verduften. Aber was wird aus den Männern von El Triunfo?“ Er wies auf die Siedler, die mit offensichtlich gemischten Gefühlen verfolgten, wie sich die Männer der „Le Vengeur III.“ auf ihre Manöverposten begaben.
„Was mit euch geschieht, hängt von eurer Entscheidung ab“, sagte Ribault zu den Siedlern. „Ihr habt zwei Möglichkeiten: Entweder bleibt ihr hier und schlagt euch meinetwegen auf die Seite der Queen. Oder aber ihr segelt mit uns, und wir setzen euch irgendwo ab.“
„Wer will hierbleiben?“ fragte Doc Delon. „Hand hoch! Es ist sehr fair von Ribault, daß er keinem von uns Steine in den Weg legt! Los, Handzeichen!“
Kein Arm wurde gehoben. Marty räusperte sich und sagte: „Kurs Osten, nicht wahr? Nun, ich kenne eine Insel, auf der ich immer schon gern ein paar Monate verbracht hätte. Dort gibt es Wild, Fisch und Früchte in rauhen Mengen – und ein paar freundliche Eingeborene, die uns nichts zuleide tun.“
„Wo liegt denn dieses Paradies?“ fragte der Arzt.
„Querab der Laguna de Caratasca.“
„Das ist viel zu weit entfernt“, protestierte Doc Delon. „Wir können Ribault und Siri-Tong nicht zumuten, uns bis dorthin zu bringen. Ihr eigentlicher Kurs führt nach Tortuga und Hispaniola, wenn ich richtig verstanden habe. Das bedeutet also, daß sie sich nur um Meilen von der Küste entfernen und dann Kurs Nordosten wählen.“
Barba brachte eine Karte, Ribault rollte sie auseinander.
„Richtig, Doc“, sagte er. „Aber wir können vielleicht das eine mit dem anderen verbinden, ohne viel Zeit zu verlieren. Marty, zeig mir die genaue Position dieser Insel.“
Die Insel hieß Cayos Cajones und lag fünfzig Meilen nordöstlich der Laguna de Caratasca und der Küste von Honduras. Ribault, Siri-Tong, Barba, Jenkins, Doc Delon und Marty begaben sich in die Kapitänskammer und zeichneten im Schein einer Öllampe den Kurs ein.
„Die Sache läßt sich verwirklichen“, sagte Ribault. „Die Frage ist nur noch, ob auch Hinkle und die anderen auf Cajones an Land gesetzt werden möchten.“
Doc Delon und Marty brauchten weder Redekunst noch Überzeugungskraft anzuwenden, die Siedler waren sich bereits einig. Jeder Platz war ihnen als vorübergehender Aufenthaltsort willkommen, die Hauptsache war, daß sie dort vor Spaniern sicher waren. Die Insel, von der Marty gesprochen hatte, war außerdem vom Hörensagen bekannt. Es schien dort wirklich die idealen Voraussetzungen für ein angenehmes Leben zu geben.
„Vielleicht bleiben wir sogar für immer dort, wer weiß“, sagte Marty und verdrehte auf beängstigende Weise die Augen.
Doc Delon blickte zu Jean Ribault, der mit ihnen zusammen auf das Hauptdeck zurückgekehrt war und sich wie Siri-Tong anschickte, das Achterdeck zu entern.
„Es gäbe noch eine dritte Möglichkeit“, sagte er. „Wir könnten euch darum bitten, bei euch an Bord dieses Schiffes bleiben zu dürfen. Aber die ‚Vengeur‘ ist ja nicht unbemannt, und außerdem würden wir euch nur neue Probleme aufhalsen.“
„Das Hauptproblem ist, daß wir gegen die Queen kämpfen werden“, entgegnete Ribault. „Dabei bleibt kein Auge trocken. Es wäre nicht richtig von uns, euch da hineinzuziehen, Doc. Aber da ist noch ein anderer Punkt. Wahrscheinlich segeln wir bald zur Schlangen-Insel. Sie ist unser geheimes Versteck.“
„Ich würde es niemals verraten.“
„Das habe ich auch nicht sagen wollen“, erwiderte Ribault. „Versteh mich nicht falsch.“ Er deutete mit dem Kopf zu den Siedlern. „Aber der eine oder andere von diesen Männern könnte sich später wieder von uns trennen und das Geheimnis unvorsichtigerweise lüften. Versuche, das zu begreifen, Doc. Es steckt kein Mißtrauen dahinter. Es gehört nur zu unseren Vorsichtsmaßnahmen, keinen Uneingeweihten mit zur Schlangen-Insel zu nehmen.“
„Ich begreife das.“ Doc Delon seufzte. „Und eine richtige Seeschlacht gegen die Queen wäre wohl auch nicht gerade das, was ich mir zumuten möchte. Ich habe mich ja auch in El Triunfo aus den Beutezügen herausgehalten, die unsere Leute gegen die Spanier unternommen haben.“
Es gab nichts mehr zu sagen, alles war geklärt. Die „Le Vengeur III.“ glitt lautlos aus der Mündung des Rio Leán auf die offene See hinaus, setzte die Segel und ging hoch an den nach wie vor aus Nordosten einfallenden Wind. Mit Backbordhalsen und auf Steuerbordbug liegend lief sie nach Osten ab, unbemerkt von der Black Queen, Caligula und deren Spießgesellen, die nach wie vor in El Triunfo verweilten.
Teigig und verfallen wirkte das Gesicht von Willem Tomdijk im fahlen Licht des Mondes, die Hautfarbe erinnerte an alten, verdorbenen Talg. Willem schien den Tränen immer noch nahe zu sein. Mit Emiles Hilfe hatte er ein unzerstörtes Faß Bier unter den Trümmern hervorgezerrt, aber der Anstich war für ihn kein Anlaß zur Freude. Traurig hockte er da und ließ sich von Emile einen vollen Humpen aushändigen.
Er blickte starr auf den weißen Schaum und murmelte mit brüchiger Stimme: „O Gott, o Jesus, wie tief bin ich gesunken.“
Die Queen, Caligula und die Kerle stärkten sich mit dem Bier. Wenig später traf eine neue Gruppe von versprengten Siedlern am Sammelplatz ein: vier Männer, von denen zwei leicht verletzt waren. Bereitwillig trugen sie sich in die Liste ein, die die Queen vorbereitet hatte. Es war eine Art Musterrolle, sie wollte den Überblick nicht verlieren.
Nach Leroy waren insgesamt zwölf Männer auf dem Innenhof der Mission erschienen. Mit diesen vieren waren es jetzt also siebzehn, die die Mannschaften auf der „Caribian Queen“, der „Aguila“, der „Buena Estrella“ und der „Vascongadas“ ergänzen und verstärken würden.
Die Queen zog es allerdings vor, die neu rekrutierten Männer auf nur drei Schiffe zu verteilen. Es war besser, wenn die Männer an Bord der „Aguila“ auch weiterhin unter sich blieben, so befand sie im stillen, während sie ihr Bier austrank und sich den Humpen wieder vollzapfen ließ.
Es war immer noch nicht sicher, wie die Leute von El Triunfo nach dem Blutbad reagierten, wenn sie einen Spanier vor sich sahen. Jaime Cerrana hatte im übrigen vorläufig noch genug Männer für die „Aguila“, er hatte im Gefecht keinen einzigen seiner Kumpane verloren. Also war das Schiff nach wie vor voll seetüchtig, manövrierfähig und gefechtsklar.
Siedler mit seemännischen Fähigkeiten – davon gab es genug, denn die meisten der Engländer und Franzosen hatten sich ja als Küstenpiraten betätigt – wurden vorzugsweise auf die Beute-Galeonen „Buena Estrella“ und „Vascongadas“ geschickt. Pausenlos war das Beiboot der „Caribian Queen“ unterwegs, und auch von den beiden spanischen Galeonen waren die Jollen abgefiert worden.
Neue Männer trafen ein, diesmal waren es zwei Gruppen zu je fünf Mann. Ein paar Worte wurden gewechselt, dann trug die Queen die Namen der Männer ein. Es waren fast jedesmal die gleichen Sätze, die gesprochen wurden. Die Queen erklärte, daß sie die drei Galeonen überfallen und besiegt hätte, und bereit sei, jetzt den letzten Überlebenden von El Triunfo Beistand zu leisten. Die erschöpften Männer, die höllische Stunden im Dschungel hinter sich hatten, baten darum, in die Crew der Black Queen aufgenommen zu werden.
Willem Tomdijk hatte Einzelteile seiner Brauerei gefunden und verfiel in einen dumpfen Zustand des Brütens und der Depression. Er hob nur den Kopf, wenn wieder ehemalige Siedler den Hof betraten.
Dann murmelte er: „Marty? Nein, Marty lebt nicht mehr. Der Teufel soll ihn holen.“ Hätte er gewußt, daß sich das Kerlchen blühender Gesundheit erfreute, hätte er ihn wahrscheinlich auf noch schlimmere Weise verwünscht.
Emile Boussac hatte immer noch ein schlechtes Gewissen wegen des Messers, das er Jean Ribault zugesteckt hatte, damit dieser sich befreien konnte. Würde das noch bekannt werden? Er hoffte inständig, daß es sein Geheimnis blieb. Willem wußte es nicht, die Queen und Caligula ahnten nichts davon. Wenn Marty nicht, erschien, blieb der Fall ungeklärt und keiner sprach mehr davon.
Seufzend stocherte Emile mit dem Säbel in den morschen Trümmern herum, die nach wie vor schwelten. Welche Hoffnung gab es noch? Keine. Das Geschäft war zerstört, er würde keinen Silberling mehr verdienen, geschweige denn eine Goldmünze. Alles aus, dachte er, ich bin eben ein Pechvogel.
Die Black Queen hingegen verfiel fast in einen Zustand der Euphorie. An Bord der Schiffe war noch nicht zum zweitenmal geglast worden, seit sie an Land gegangen war, und schon hatte sie fast dreißig Männer zusammen. Mit gönnerhafter, zufriedener, versöhnungswilliger Miene trat sie zwischen Willem und Emile, die mit trübseligen Gesichtern dahockten.
„Kopf hoch, ihr beiden“, sagte sie. „Es wird alles wieder gut. Wir sind die Sieger.“
„Den Eindruck habe ich nicht“, brummte Willem. „Du weißt vielleicht nicht, was die Brauereieinrichtung wert war. Und der Schatz im Kellergewölbe? Darüber will ich lieber gar nicht reden. Das Gewölbe ist eingestürzt, keiner kann mehr an die Truhen und Kisten ’ran.“
„Es würde Wochen dauern, den Keller freizuräumen“, sagte Emile.
Die Queen schüttelte den Kopf und schnalzte leicht mit der Zunge. „Das lohnt sich jetzt für uns nicht. Wir müssen zusehen, daß wir so schnell wie möglich wieder verschwinden, ehe die Spanier aus Cartagena zurückkehren und nachsehen, wo ihre drei Galeonen bleiben. Später können wir immer noch mal hier aufkreuzen und den Schatz ausgraben. Es war ja auch kein sehr großer Schatz, nicht wahr, Willem?“
„Das Wertvollste war meine Brauerei“, sagte der Dicke weinerlich.
Sie grinste. „Beruhige dich endlich. Ich verspreche dir hiermit hoch und heilig, daß du auf Tortuga eine schöne neue Brauerei einrichten wirst.“
Er schaute zu ihr auf. „Ist das – wirklich wahr?“
„Ich habe mein Wort noch nie gebrochen.“
„Die schönste Brauerei in der – ganzen Karibik?“
„Die allerschönste, Willem.“ Die Black Queen hatte keine Ahnung, wie viele Bierbrauereien es in der Karibik gab. Sehr viele konnten es nicht sein. Vielleicht war die Hexenküche in der Missionskirche von El Triunfo sogar die einzige ihrer Art in der Neuen Welt gewesen. In diesen Breiten wurde gewöhnlich Wein getrunken – oder Rum. Aber das vorzügliche Bier des Holländers würde sich bestimmt auch auf Tortuga und Hispaniola durchsetzen.
Sie nahm noch einen kräftigen Schluck davon. Alles in allem betrachtet, sah die Welt nun schon wieder ganz anders aus. Der Seewolf, Ribault, die Rote Korsarin und der Nordmann mit dem lächerlichen Helm, kurz, die ganze Schlangen-Insel-Bande würde sich noch wundern. Bald würde sie sie heimsuchen – und diesmal einen überragenden Sieg erringen.
4.
Emile Boussac sah den dicken Willem an, der vor Rührung feuchte Augen gekriegt hatte.
„Und ich?“ sagte er. „Hilft mir keiner?“
Die Queen blickte ihn verwundert an. In Gedanken hatte sie sich schon als die Herrscherin der Schlangen-Insel gesehen. „Was willst du denn, Emile? Natürlich wirst du auf Tortuga eine Schenke einrichten, obwohl es dort schon eine gibt. Oder aber du läßt dich auf Hispaniola nieder.“
„Nein, nein, mein Problem ist ganz anderer Art“, sagte er unglücklich. „Ich habe es noch keinem erzählt, es ist mein großes Geheimnis.“ Er legte eine Hand aufs Herz. „Ich weiß nicht, ob ich es dir verraten soll.“
Ihre Miene verfinsterte sich. „Ist es eine gute oder eine schlechte Nachricht, Emile? Nimm dich in acht. Was hast du ausgefressen?“
Er biß sich auf die Unterlippe. War er im Begriff, sich zu verplappern? Ahnte sie etwas in bezug auf Ribault und das Messer? Hastig suchte er nach Worten.
„Das ist so“, entgegnete er. „Schon vor sechs Monaten bin ich mit einem französischen Händler einig geworden. Ich habe einen Kontrakt mit ihm abgeschlossen, wonach dieser mir – äh, fünfzig erstklassige Huren aus Paris zu liefern hat.“
Caligula horchte auf, und auch die Kerle, die gerade bei ihm standen und alles mitgehört hatten, fuhren mit verblüfften Mienen herum.
„Weiber?“ fragte Caligula. „Wirklich?“
„Straßendirnen“, erwiderte Emile bereitwillig. „Sie werden in Paris auf offener Straße entführt und an Bord von Schiffen verschleppt. Ich habe mich genau informiert, und man hat mir auch so manches bestätigt, was ich über das Leben in Paris vernommen habe.“ Fast war er wieder drauf und dran, Ribault und Rivero zu erwähnen, konnte sich aber rechtzeitig zügeln. „Ich weiß, ich weiß, das ist ein skrupelloses Unternehmen, aber was kann ich daran ändern?“
„Uns ist es doch egal, ob in Paris Huren verschwinden“, sagte die Queen mit spöttischem Lächeln. „Verrate mir lieber etwas Wichtigeres, Emile. Ist der Transport schon unterwegs hierher?“
„Er ist überfällig. Eigentlich müßte er jeden Tag eintreffen.“
„Huren“, sagte Caligula genüßlich. „Nicht schlecht. Wir könnten sie uns schnappen und auf Hispaniola verkaufen. Wie wäre das?“
„Ausgezeichnet“, erwiderte die Queen trocken. „Aber leider läßt sich das nicht in die Tat umsetzen – es sei denn, das Schiff mit den Mädchen trifft morgen früh hier ein.“
„Wenn es doch so wäre“, sagte Emile. „Ich wäre heilfroh, auch wenn ich kein Lokal mehr habe. Ich hätte alles so schön eingerichtet. Die Hinterzimmer wollte ich für die Mädchen in Séparées verwandeln. Verstehst du, Queen?“
„Natürlich. Du würdest auch deine eigene Schwester als Hure verkaufen, Emile.“
Die Piraten lachten grölend.
Emiles Gesicht verwandelte sich wieder in eine Maske der Traurigkeit. „Aber jetzt – was soll jetzt werden? El Triunfo und die ‚Mouche Espagnole‘ existieren nicht mehr.“
„Jeder Kapitän, der sich in der Karibik ein bißchen auskennt, kann zwei und zwei zusammenzählen“, sagte die Queen. „Beim Anblick der zerstörten Siedlung wird ein solcher Kapitän also schleunigst wieder in See gehen und sich auf den Inseln ein wenig umhören. Dann findet er sehr schnell heraus, wo die Leute von El Triunfo abgeblieben sind.“
Emile hob den Kopf. „Glaubst du wirklich? Ich meine, daß mein Kapitän so scharfsinnig vorgehen wird?“
„Ich hoffe doch, daß er kein Dummkopf ist.“
„Bestimmt nicht“, sagte Emile und grinste breit.
„Na also, du siehst, es renkt sich alles wieder ein“, sagte die Black Queen. „Sei kein Narr, hab Hoffnung in die Zukunft. Du kriegst deine Mädchen und eröffnest auf Tortuga oder auf Hispaniola ein großes Etablissement.“
„Einen Bums, den wir als erste ausprobieren!“ rief einer der Kerle, und die anderen stimmten ihm begeistert zu.
Die Gesichter von Willem Tomdijk und Emile Boussac waren jetzt verzückt. Eifrig halfen sie mit, die eintreffenden Siedler zu registrieren. Die Queen sah ihnen zu und lächelte triumphierend. Ja, ihr Einfluß auf diese Kerle war wirklich groß. Das mußte sie auch in Zukunft ausnutzen.
Die Nacht verging schnell. Am Morgen hatten sich über hundertfünfzig Engländer und Franzosen an der Sammelstelle eingefunden. Aber es befanden sich immer noch Versprengte im Dschungel, und deshalb harrte die Black Queen weiterhin an der Hafenbucht von El Triunfo aus. Zweihundert Männer waren von den Spaniern erschossen worden, knapp dreihundert hatten in den Urwald flüchten können.
Die Suchtrupps der Spanier hatten noch einige Opfer gefunden, aber nach den Schätzungen der Queen mußten es immer noch mehr als hundert Männer sein, die sich rund um die zusammengeschossene, niedergebrannte Siedlung versteckt hielten. Auf diese wertvollen Besatzungsmitglieder für ihre Schiffe wollte sie nicht verzichten. Noch blieb sie.
Eine Nacht kann ich noch in El Triunfo verbringen – wenn es sein muß, dachte sie.
Als der neue Morgen anbrach, erreichte die „Le Vengeur III.“ die Insel Cayos Cajones. Der Wind wehte jetzt aus Osten, aber die Galeone lag inzwischen auf Kurs Nordosten und brauchte nicht zu kreuzen – was der Fall gewesen wäre, wenn sich die Windrichtung nicht geändert hätte.
Mit prall gefüllten Segeln lief das Schiff die Insel direkt an. Kommandorufe wehten über die Decks, Barba stand am Ruder und erfüllte souverän seine Aufgabe. Jean Ribault, Siri-Tong, Doc Delon, Marty und Jenkins befanden sich mit ihm auf dem Achterdeck und richteten Kieker auf die näherrückende Insel. Eine geschwungene Bucht öffnete sich an der Südküste und bot sich als Ankerplatz an.
Wenig später ließ Jean Ribault die Marssegel ins Gei hängen, und die „Le Vengeur“ lief mit verringerter Fahrt in die Bucht. Sie ging über Stag und drehte bei, und nun wurden auch das Großsegel, die Fock, das Besansegel und die Blinde aufgegeit. Das Ausloten der Wassertiefe verlief positiv, die Bucht war ein natürlicher, ideal gelegener Hafen.
„Die Insel scheint wirklich ein kleines Paradies zu sein“, sagte Doc Delon. „Marty, du bist ein Teufelskerl. Woher kennst du dich hier aus?“
„Das Schiff, mit dem ich nach El Triunfo segelte, lag hier eine Nacht und einen halben Tag vor Anker“, erwiderte das Kerlchen. „Aber das ist eine Geschichte, die ich dir ausführlich ein andermal erzähle. Es wundert mich, daß wir uns nie darüber unterhalten haben.“
„Mich auch“, sagte der Arzt. „Aber so ist das Leben. Man lebt in einem Nest Haus an Haus beieinander und glaubt, alles über die Vergangenheit der Kameraden zu wissen – und dann gibt es doch Überraschungen wie diese.“
Hinkle stand auf dem Hauptdeck bei Roger Lutz, Eric Winlow und Dave Trooper. Nach einem ausgiebigen Blick durch das Spektiv zum Ufer sagte er: „Ich kann es kaum erwarten, alles auszukundschaften.“
„Überlaß das lieber uns, du Witzbold“, sagte Winlow und fuhr sich mit der Hand über die Glatze. „Du stolperst ja doch gleich dem ersten Kannibalen in die Arme, der aus dem Dickicht springt, und bist der erste, der verspeist wird.“
„Du meinst – hier gibt es Menschenfresser? Aber Marty hat doch von friedlichen, freundlichen Eingeborenen gesprochen!“ stieß der schwerhörige Mann entsetzt hervor.
„Ich habe schon Haie kotzen sehen“, sagte der Koch der „Le Vengeur“ trocken.
„Und ich habe schon so manches paradiesische Eiland betreten, das sich später als Hölle erwiesen hat“, sagte Lutz nicht sonderlich laut.
„Wie bitte?“ rief Hinkle.
„Auf jeder Insel lauern verborgene Gefahren“, sagte Jean Ribault, der das Achterdeck verlassen hatte und zu ihnen trat. Eben rauschte der Anker aus und klatschte ins Wasser. „Männer, fiert das Beiboot ab! Wir sehen uns dieses hübsche Fleckchen Erde genau an, ehe wir unsere Freunde ihrem Schicksal überlassen! Ich will wissen, ob es hier Spanier, Piraten oder mordlustige Wilde gibt!“
Rasch stellte er die Crew für das Beiboot zusammen. Sie bestand aus Barba, Pierre Puchan, Grand Couteau, Tom Coogan, Hinkle, Doc Delon, Marty und ihm. Acht Männer also – sie gingen von Bord und pullten mit der Jolle zum seichten, sandigen Ufer. Siri-Tong übernahm das Kommando an Bord der „Le Vengeur“. Das Schiff war gefechtsklar. Vom Hauptdeck, vom Achterdeck und von der Back aus wurde das Landemanöver der Bootscrew genau verfolgt.
Das Boot taumelte durch die Brandung und lief auf den Strand. Ribault sprang als erster an Land. Die Hand am Säbel, sah er sich nach allen Seiten um. Noch war alles ruhig, aus dem Dickicht hinter den vom Wind gebogenen Palmen ertönten lediglich das Kreischen von Vögeln und das Zetern von Äffchen. Aber die Stille konnte trügerisch sein und täuschen. Die Erfahrung lehrte, daß man dem Frieden nie trauen durfte.
Ribault wartete, bis die Männer ausgestiegen waren, dann teilte er Tom Coogan als Bootswache ein. Zu siebt begaben sich die Männer zu den Palmen, schritten unter ihren mächtigen Wipfeln hindurch und strebten auf das Dickicht zu, das so grün und undurchdringlich war wie das von El Triunfo.
„Achtung“, sagte Ribault plötzlich. „Da regt sich was.“ Er gab seinen Begleitern einen Wink. Sie griffen zu den Waffen und nahmen eine abwehrbereite, abwartende Haltung ein.
Es raschelte im Unterholz. Barba senkte unwillkürlich den Kopf, als gelte es, einen Gegner wie ein Stier anzugreifen. Hinkle stand rechts neben ihm, seine Augen weiteten sich, aber viel vermochte er nicht zu erkennen. Marty drohten die Augen aus den Höhlen zu fallen, er schielte noch stärker als gewöhnlich.
Drei Gestalten lösten sich aus dem Dickicht, ein braunhäutiger Mann und zwei barbusige Mädchen derselben Hautfarbe. Sie lächelten, deuteten etwas an, das wie eine Verbeugung wirkte, und legten dann etwas vor den Füßen der Männer ab, das in Palmenblätter eingewickelt war. Erstaunt nahm Ribault und sein Trupp zur Kenntnis, daß es sich um Kokosnüsse und Datteln handelte.
Der Eingeborene sagte etwas, das niemand verstand. Ribault erwiderte sein Lächeln und hob die Hand zum Zeichen der Freundschaft.
„Doc, es ist mir unverständlich, warum diese Menschen uns Fremden gegenüber so unbekümmert und gastfreundlich sind“, sagte er. „Es kann nur einen Grund dafür geben. Weder die Spanier noch irgendwelche Piraten sind hier jemals gelandet, um zu rauben und zu brandschatzen.“
„Wahrscheinlich gibt es auch nichts zu holen außer Kokosnüssen und Früchten“, sagte der Arzt nüchtern. „Aber diese drei scheinen ihrem Aussehen nach eher einer Südsee-Rasse anzugehören. Sie wirken wie Polynesier.“
„Das stimmt. Vielleicht erfahrt ihr, wie sie hierher geraten sind.“ Ribault folgte dem einladenden Nicken und den Gesten der Mädchen, Barba und Marty schlossen sich ihm spontan an. Die Mädchen kicherten, als sie Marty aus der Nähe betrachteten, aber sie ließen es sich gefallen, daß er sich bei ihnen unterhakte.
„Ich will den Deubel nicht ans Schott malen“, sagte Barba. „Aber das Ganze könnte auch eine raffinierte Falle sein.“
„Natürlich“, sagte Ribault und schenkte dem Eingeborenen ein freundliches Grinsen. „Ihr da hinten, haltet euch ein wenig zurück und paßt auf, was um uns herum vorgeht. Daß mir ja keiner schläft. Ein Mädchenhintern ist noch lange kein Grund, unvorsichtig zu werden.“
„Er wäre ein Grund“, sagte Grand Couteau, der die Mädchen nicht aus den Augen ließ. „Aber irgendwie habe ich mir vorgenommen, nicht auf dieser Insel zu sterben.“
Sie verschwanden im Urwald – und an Bord der „Le Vengeur III.“ sahen die Zurückgebliebenen sich untereinander an.
„Das halt ich im Kopf nicht aus“, stöhnte Roger Lutz. „Wäre ich doch bloß auch an Land gegangen. Diese Mädchen warten nur darauf, mich ein bißchen zu verwöhnen.“
„Du kannst noch hinterherschwimmen“, sagte Sven Nyberg grinsend. „Aber paß auf. Es sind Haie in der Bucht.“
„Ich hatte mal eine Freundin in Le Havre, die hatte genau die gleiche Figur wie eins von den Mädchen“, schwärmte Lutz. Er war nicht mehr zu halten. Und dann begann er, ihre äußerlichen Vorzüge zu beschreiben.
„Das genügt“, unterbrach ihn die Rote Korsarin. Sie war an die Querbalustrade des Achterdecks getreten und stützte sich mit beiden Händen auf. „Wie eine Frau aussieht und beschaffen ist, weiß jeder, Roger, du Schwerenöter. Haltet lieber die Augen offen. Das Ganze gefällt mir nicht. Wenn unsere Männer nicht gleich zurück sind, geben wir einen Signalschuß ab.“
Ribault und die sieben anderen Männer kehrten aber doch schon kurze Zeit darauf zurück und gaben durch Handzeichen zu verstehen, daß alles in Ordnung sei. Der Eingeborene und die beiden Mädchen waren wieder bei ihnen. Roger Lutz beobachtete sie durch den Kieker und stieß einen bedauernden Laut aus. Seine Miene war entsagungsvoll und tieftraurig. Die anderen lachten.
Ribault legte beide Hände an den Mund und rief: „Die Siedler sollen sich bereithalten! Wir setzen mit der Jolle über und holen sie an Land!“
An Bord der „Le Vengeur III.“ begannen die Männer auf und ab zu laufen, eine hastige Betriebsamkeit entwickelte sich. Die wenigen Habseligkeiten waren rasch zusammengepackt. Reihum wurden Hände geschüttelt, man klopfte sich auf die Schultern. Die Siedler nahmen Abschied von der Crew der „Le Vengeur III.“ – und von Siri-Tong, die sogar das Achterdeck verließ, um den Männern eine gute Zukunft zu wünschen.
„Madam“, sagte ein älterer Engländer mit graumeliertem Haar. „Ich will es aufrichtig im Namen aller meiner Kameraden sagen: Es tut uns leid, daß wir Sie nie wiedersehen werden.“
„Vielleicht treffen wir uns doch wieder“, sagte sie. „Diese Insel ist für uns nicht außerhalb unserer Reichweite. Es ist möglich, daß wir sie schon bald wieder anlaufen, was immer uns in diese Gegend führt.“
„Hurra!“ schrie ein junger Franzose. „Ein dreifaches Hurra für die Rote Korsarin – und für Jean Ribault und die Mannschaft der ‚Le Vengeur‘!“
„Hurra!“ brüllten die Siedler.
Die Jolle hatte sich in Bewegung gesetzt, Doc Delon, Marty und Hinkle pullten zum Schiff. Ribault und die anderen warteten solange an Land und schienen sich besonders mit den jungen Schönen ausgiebig zu unterhalten.
Doc Delon mußte unwillkürlich grinsen, als er das Geschrei hörte und ein paar Hüte und Mützen hochfliegen sah, die wieder aufgefangen wurden. Dann aber nahm seine Miene wieder den Ausdruck tiefen Bedauerns an. Als die Jolle längsseits schor, war er der erste, der die Sprossen der Jakobsleiter ergriff und aufenterte. Er kletterte über das Schanzkleid und trat zu den Männern von El Triunfo, die sich zum Verlassen des Schiffes versammelt hatten.
„Ich wäre gern noch eine Weile auf der ‚Vengeur‘ geblieben“, sagte Doc Delon. „Ich schätze Sie und Ihre Männer, Madam.“ Sein Blick ruhte die ganze Zeit über mit offener Bewunderung auf Siri-Tongs Gesicht.
„Vergessen Sie nicht, daß die ‚Vengeur‘ Jean Ribault gehört“, sagte sie und lächelte.
„Ich habe mich bereits bei ihm bedankt für alles, was Sie für uns getan haben.“
„Wenn ich mich nicht irre, haben der gute Jean und Carlos Rivero Ihnen auch etwas zu verdanken.“
„Das war doch nicht der Rede wert.“
„Ho, ho“, sagte Carlos Rivero. „Nur keine falsche Bescheidenheit, Doc! Wir vergessen dich nicht, und wir kommen wieder, um dich hier zu besuchen, verlaß dich drauf! Dann bringen wir auch den Seewolf mit, der dich bestimmt auch kennenlernen will!“
„Der Seewolf Philip Hasard Killigrew?“ Der Arzt nickte. „Darauf lege ich großen Wert, denn über diesen erstaunlichen Mann habe ich schon viel gehört. Also, ich nehme das als ein Versprechen hin.“
„Sehr gut“, sagte Marty, der inzwischen ebenfalls aufgeentert war. „Das ist wirklich bestens. In der Zwischenzeit richten wir es uns auf der Insel gemütlich ein.“
Hinkle war im Boot geblieben und wartete auf die ersten Siedler, die sich jetzt anschickten, die „Le Vengeur III.“ zu verlassen. Roger Lutz schickte ihnen einen so sehnsüchtigen Blick nach und spähte derart verlangend zu den Eingeborenenmädchen, daß Siri-Tong es sich nicht verkneifen konnte zu sagen: „Warum gehst du nicht mit an Land, Monsieur Lutz? Du kannst dann gleich bei deinem Kapitän abmustern.“
„Ich? Wieso?“
„Ich habe so den Eindruck, daß die Mädchen es dir angetan haben.“
Roger Lutz verlieh sich einen Ruck und hob stolz den Kopf. „Deswegen würde ich aber noch lange nicht von diesem Schiff abmustern, Madam. In diesem Punkt täuschen Sie sich wohl in mir.“
Sie lachte. „Das wollte ich nur wissen. Aber was hat es nun mit diesen Eingeborenen auf sich?“
„Sie sind friedfertig, wir haben uns davon überzeugen können“, erwiderte Doc Delon. „Ihr Dorf liegt nicht weit entfernt auf einer Lichtung im Urwald. Die Hütten sind an einen Hang gebaut worden, und es gibt ein paar Höhlen, in die diese Menschen sich zurückziehen, wenn Gefahr droht. Auf diese Weise haben sie bereits drei, vier Überfälle überstanden. Ihre Hütten wurden von Spaniern und Freibeutern niedergebrannt. Sie haben sie wieder aufgebaut. Nichts scheint den Mut dieser Insulaner zerstören zu können.“
„Und ihre innere Ausgeglichenheit“, sagte die Rote Korsarin. „Aber warum haben sie sich nicht auch vor uns versteckt? Und woher wissen Sie, was Sie eben erzählt haben, Doc?“
„Wir haben mit dem Häuptling gesprochen“, entgegnete der Arzt. „Der junge Mann, der die Mädchen begleitet, ist sein Sohn. Man hat uns vor Anker gehen sehen, aber der Häuptling war sicher, daß wir friedliche Absichten haben. Er könne es den Gesichtern der Menschen ablesen, was sie im Schilde führen, sagt er.“
„Sie verstehen seine Sprache?“
„Er spricht ein bißchen Englisch und Französisch. Wo er es gelernt hat, ist mir ein Rätsel. Auch weiß ich nicht, woher die Eingeborenen stammen. Sie können unmöglich auf Cajones geboren sein.“
„Sie sind ein ganz anderer Menschenschlag“, bestätigte Siri-Tong. „Nun, eines Tages werden vielleicht auch wir erfahren, welches Geheimnis dahintersteckt. Wichtig ist im Moment nur, daß die Eingeborenen Sie und Ihre Kameraden bei sich aufnehmen.“
„Ich habe ihnen versprochen, ihre Kranken zu pflegen“, sagte der Arzt. „Ich habe eine Frau gesehen, die ein schlimmes Auge hat, und zwei Kinder, die ununterbrochen husten. Ich glaube, ich kann ihnen helfen.“
„Viel Erfolg, Doc“, sagte Siri-Tong. Dann verabschiedete sie sich von ihm und drückte auch Marty die Hand, der mit dem linken Auge sie ansah und mit dem rechten zu Carlos Rivero hinüberschielte.
Die Abschiedsszene hatte fast etwas Rührendes an sich. In der kurzen Zeit ihrer Anwesenheit hatten die Siedler von El Triunfo sich an Bord der „Le Vengeur III.“ gut eingelebt. Es fiel ihnen nicht leicht, das Schiff zu verlassen, aber die Aussicht auf ein Wiedersehen mit den Korsaren stimmte sie doch zuversichtlich.
So wurden die Siedler in vier Fahrten an Land gebracht. Jean Ribault, Barba und die drei anderen Männer der „Le Vengeur III.“ verabschiedeten sich ebenfalls, dann stiegen sie in ihre Jolle und kehrten zum Schiff zurück.
„Viel Erfolg beim Kampf gegen die Black Queen!“ rief Doc Delon ihnen noch nach.
„Danke!“ schrie Jean Ribault. „Drückt uns die Daumen!“
„Viel Glück!“ brüllte Hinkle.
„Einen schönen Gruß an Willem Tomdijk, wenn ihr ihn mal wiederseht!“ rief Marty.
Dann ging alles relativ schnell. Die. Jolle legte an der Bordwand der „Le Vengeur III.“ an, die Männer enterten auf. Die Jolle wurde hochgehievt, eingeholt und auf dem Hauptdeck festgezurrt. Der Anker wurde gelichtet, die Segel gesetzt, und die Galeone glitt aus der Bucht, um die Insel an ihrer Leeseite – also im Westen – zu runden.
Noch lange winkten die Männer von El Triunfo dem entschwindenden Schiff nach, dann wandten sie sich ab und schritten zu den Eingeborenen, die geduldig auf sie warteten.
5.
Hoch am Wind segelte die „Le Vengeur III.“, der Wind aus Osten blies frisch und trieb sie rasch voran. Kurs Nordosten lag an. Jean Ribault und Siri-Tong wollten zuerst die Cayman-Inseln anlaufen und vorsichtshalber dort nach dem Rechten sehen. Wichtig war, daß sich kein Verbündeter der Black Queen womöglich auf Gran Cayman oder den Nachbarinseln einnistete. Jede Gefahr dieser Art mußte unterbunden, jedes Überraschungsmoment ausgeschlossen werden.
Ribault und die Rote Korsarin hatten jetzt endlich wieder Zeit, mögliche weitere Schritte gegen die Black Queen zu erörtern. Sie saßen in der Kapitänskammer zusammen und wälzten Pläne.
„Vier Schiffe“, sagte Ribault. „Sie ist jetzt stark, aber sie hat keine Flotte, der wir mit unserem kompletten Verband nicht gewachsen wären.“
„Auf der Überfahrt nach Tortuga und Hispaniola könnte sie sich weitere Schiffe beschaffen, vergiß das nicht“, sagte Siri-Tong. „Sie hat jetzt genug Männer, um für weitere zwei Galeonen oder drei kleinere Schiffe eine Mannschaft zusammenzustellen. Ich habe überschlagmäßig ausgerechnet, wie viele überlebende Siedler sie aus El Triunfo abgeborgen haben könnte.“
„Mehr als hundert“, meinte Ribault.
„Vielleicht sogar über zweihundert“, sagte sie. „Gerade diese Zahl gibt mir zu denken. Es ist der Grundstock für eine Streitmacht, der wir gegebenenfalls doch unterliegen, Jean.“
„Eine Schlacht um die Schlangen-Insel bahnt sich an“, brummte er. „Viele von uns könnten dabei sterben. Wir müssen das abwenden, um jeden Preis. Es steht außer Frage, daß die Siedler diesem Weib so gut wie hörig sind. Man braucht ja nur daran zu denken, wie hingerissen dieser dicke Bürgermeister und sogar Emile Boussac von ihr sind. Dabei hatte ich von Boussac eigentlich einen ganz vernünftigen Eindruck.“
„Jeder Kerl würde sich gern mit ihr befassen“, sagte Siri-Tong verächtlich. „Ihr Anblick ruft wilde Triebe wach. Ich schlage folgendes vor: Wir statten Gran Cayman nur einen kurzen Kontrollbesuch ab und segeln dann gleich weiter zur Schlangen-Insel. Wir holen Hasard und die anderen und nehmen erneut Kurs auf die Küste von Honduras. Mit ein wenig Glück begegnen wir der Queen und ihrem Verband.“
„Du meinst, es ist besser, sich auf See mit ihr zu schlagen?“ Ribault legte beide Hände auf das Pult und überlegte kurz. „Ja“, sagte er dann. „Ich bin ganz deiner Ansicht. Es ist besser, sie von der Schlangen-Insel abzulenken.“
„Ich glaube, der Bund der Korsaren wird diesem Vorschlag zustimmen“, sagte die Rote Korsarin. „Aber natürlich müssen wir diese Entscheidung erst abwarten. Danach sehen wir weiter.“
Sie verließen die Kapitänskammer und begaben sich auf das Achterdeck, nahmen Jenkins’ und Barbas Meldungen über Kurs und Position entgegen und begannen dann, mit den Spektiven die Kimm abzusuchen.
Kein anderes Schiff zeigte sich in der Umgebung. Sie schienen nicht verfolgt zu werden, und es begegnete ihnen auch kein fremder Segler. Gran Cayman rückte allmählich näher. Auch die Toppgasten begannen, nach der Insel Ausschau zu halten.
Kurz vor Anbruch der, Mittagsstunde dieses Tages stieß Pierre Puchan, der als Ausguck in den Vormars aufgeentert war, den entscheidenden Ruf aus: „Insel Backbord voraus! Gran Cayman in Sicht!“
Der Vorsicht halber ließen Jean Ribault und die Rote Korsarin die Kanonen besetzen und rundeten die Insel erst einmal. Wenig später öffnete sich die Todesbucht vor ihren Augen, und da gab es eine Überraschung, mit der keiner von ihnen gerechnet hatte.
In der Todesbucht ankerten die „Isabella, IX.“ und der Schwarze Segler.
Da kannte der Jubel an Bord der „Le Vengeur III.“ keine Grenzen mehr. Es wurde gepfiffen, gelacht und gejohlt und keiner vermochte die vielen „Hurras“ zu zählen.
Von „Eiliger Drache“ dröhnte Thorfin Njals gewaltiger Baß zurück: „Bei Odin und seinen Raben – es tut gut, euch wiederzusehen.“
„Willkommen auf Gran Cayman!“ schrien die Männer der „Isabella“.
Die „Le Vengeur III.“ ging in den Wind, die Segel wurden aufgegeit und anschließend aufgetucht, der Buganker rauschte an seiner Trosse aus. Jean Ribault ließ die Jolle abfieren und setzte mit Siri-Tong, Carlos Rivero, Barba und Mister Jenkins zur „Isabella“ über, wo gleichzeitig die Wikinger-Delegation eintraf: Thorfin Njal, Eike, Arne, Oleg und der Stör.
Nach dem ersten heftigen Begrüßungssturm auf dem Hauptdeck der „Isabella“ ließ der Seewolf eine doppelte Ration Rum austeilen. Der Kutscher und Mac Pellew füllten die Mucks und Becher, die Zwillinge reichten sie herum.
Siri-Tong glaubte, auf den Wangen der beiden Jungen die Spuren von Ohrfeigen zu erkennen und zog verwundert die Augenbrauen hoch. Carberry hatte ein schiefes Grinsen aufgesetzt. Erst später sollte sie erfahren, warum Philip junior und Hasard junior auf der Schlangen-Insel vom Profos höchstpersönlich je eine Ohrfeige und einen Tritt in den Hintern erhalten hatten.
Hasard stand bei Ribault und der Roten Korsarin.
„Wir sind heilfroh, daß ihr unversehrt seid“, sagte er. „Wir haben uns schon einige Sorgen um euch gemacht. Schließlich hat die Black Queen jetzt zwei gut armierte Schiffe.“
„Vier“, sagte Siri-Tong. „Aber darüber berichten wir gleich ausführlich. Was hat euch denn hierher verschlagen?“
„Thorfins Bericht“, erwiderte der Seewolf. „Ich habe auf der Schlangen-Insel den Bund der Korsaren zusammentreten lassen, und wir haben beschlossen, hier auf Gran Cayman ein wenig Blockadedienst zu schieben, um der Queen den Rückzug zu verbauen. Die ‚Tortuga‘ und die ‚Wappen von Kolberg‘ sind zur Bewachung der Schlangen-Insel zurückgeblieben. Ich glaube, so haben wir unsere kleine Streitmacht ganz gut verteilt.“
„Ihr habt also Gran Cayman besetzt“, sagte Ribault. „Ausgezeichnet. Auch eure Berechnung; daß wir über kurz oder lang hier eintreffen müssen, war richtig.“
„Ja“, sagte Thorfin Njal und lachte grollend. „Wir sind ja schließlich nicht auf den Kopf gefallen.“ Bedeutungsvoll klopfte er mit dem Fingerknöchel gegen seinen Kupferhelm. „Und wie ist die Lage nun? Haben wir die Ehre, bald wieder mit der schwarzen Höllenwalküre zusammenzutreffen? Oder müssen wir sie irgendwo suchen?“
„Wir haben El Triunfo vor ihr verlassen“, entgegnete Ribault. „So gesehen, haben wir also einen Vorteil. Aber inzwischen ist es ihr gelungen, zwei hervorragend armierte spanische Kriegs-Galeonen zu kapern. An Besatzungsmitgliedern mangelt es ihr auch nicht – die Siedler von El Triunfo sind bei ihr.“
„Wir sollten von Anfang an berichten, was sich zugetragen hat“, sagte Carlos Rivero.
Hasard, die Männer der „Isabella“, und die fünf Wikinger hatten erst jetzt richtig die Gelegenheit, sich näher mit dem Spanier zu befassen. Ein aufrichtiger, ehrlicher Mann, mutig und geradeheraus – das war der erste Eindruck, den sie von ihm hatten, und er sollte sich durch Riveros beispielhaftes Verhalten nur noch bestätigen.
Reihum gingen die Mucks, der Rum floß, es wurde eifrig erzählt. Mit gespannten Mienen lauschten die Arwenacks und die Wikinger dem Bericht von Ribault, Rivero und der Roten Korsarin. Die Geschehnisse an der Küste von Honduras konnten noch schwerwiegende Folgen für die gesamte Karibik haben, das war ihnen allen auf Anhieb klar.
6.
Galeonen pflügten die nur von einer schwachen Dünung gekräuselte See im Golf von Honduras. Sie segelten auf Kurs Nordosten hoch am Wind und auf Backbordbug liegend in Dwarslinie. Die Führung hatte die „Caribian Queen“ übernommen, es folgten die „Aguila“, die „Buena Estrella“ und die „Vascongadas“. Das Unternehmen El Triunfo war erfolgreich abgeschlossen. Jetzt sollten die Cayman-Inseln angesteuert werden.
Etwas zu voreilig hatte die Black Queen Willem Tomdijk die Benutzung ihrer Kapitänskammer versprochen, als dieser zum erstenmal die „Caribian Queen“ besichtigt hatte. Willem entsann sich selbstverständlich dieses Angebots und hatte den Salon im Achterdeck mit Beschlag belegt, kaum, daß die Schiffe die Hafenbucht von El Triunfo verlassen hatten, und er war nicht bereit, dieses Recht wieder zu räumen.
Sein Kummer war soweit verflogen, er begann sich wieder wohl zu fühlen. Seine Ansprüche stiegen, er erinnerte sich, daß er in El Triunfo Leibwächter und Diener gehabt hatte.
Emile Boussac war ein Schlafplatz im Logis zugewiesen worden. Die meiste Zeit hielt er sich aber in der Kombüse auf, jammerte dem schmierigen Koch, einem Kreolen, die Ohren voll und kritisierte außerdem ununterbrochen den „abscheulichen Fraß“, den der Kerl seinen Kumpanen unter der hochtrabenden Bezeichnung Essen vorzusetzen pflegte.
Caligula stand auf dem Achterdeck neben der Black Queen. Sein Gesicht war etwas verzerrt. Der Koch hatte sich bereits zweimal beschwert und angedroht, Emile samt den Kombüsenabfällen in Lee der See zu übergeben, wenn der nicht mit seinem Gequengel aufhöre.
„Mit diesem Dicken und seinem Freund, dem Wirt, haben wir uns einen Stein an den Hals gehängt“, brummte Caligula. „Mit denen gibt’s noch Ärger!“
Die Queen ließ das Spektiv sinken, mit dem sie die Kimm nach feindlichen Schiffen abgesucht hatte. Ihr Blick richtete sich auf Caligula. „Wir brauchen sie noch, vergiß das nicht. Ihr Einfluß auf die Siedler ist groß, und ich will jetzt keinen Ärger, schon gar keine Meuterei, die ich blutig niederschlagen müßte. Ich brauche jeden Mann, Caligula.“
„Deswegen können wir dem fetten Sack doch nicht die Füße lecken“, sagte der schwarze Riese aufgebracht.
„Wir brauchen ihm nur ein paar seiner lächerlichen Wünsche zu erfüllen“, sagte sie. „Damit hat sich der Fall. Sei nicht so starrsinnig.“
„Es war nicht richtig, ihm die Kapitänskammer zu überlassen.“
„Er wird deswegen nicht versuchen, das Kommando an sich zu reißen“, sagte sie spöttisch. „Man könnte fast denken, du bist eifersüchtig auf ihn. Aber dazu besteht kein Grund. Willem ist harmlos. Wenn er mich anfaßt, kriegt er was auf die Finger.“
„Und wo schläfst du heute nacht?“
Sie lachte. „Bei dir natürlich. Und was den kleinen Emile betrifft – ich halte es für das beste, ihn dem Koch als Gehilfen zur Seite zu stellen. Vielleicht wird der Fraß dann wirklich besser.“
Damit gab sich Caligula vorerst zufrieden. Er enterte auf das Hauptdeck ab, schritt zum Vorschiff und betrat die Kombüse. Schon als er das Schott öffnete, schlug ihm ein Gemisch von üblen Gerüchen entgegen. Der Koch rührte in seinen Kesseln und fluchte vor sich hin, Emile Boussac stimmte gerade ein neues Lamento über das „Geschäft seines Lebens“ an, das ihm durch die Lappen gegangen wäre.
„Fünf zig Mädchen, Mann“, stöhnte er. „Weißt du überhaupt, was das bedeutet?“
„Verdammt, ich weiß es!“ stieß der Koch hervor. „Fünfzig knackige Täubchen, die jeder von uns gern verspeist hätte! Aber was soll’s! Sie sind nun mal futsch.“
„Vielleicht taucht das Schiff doch noch auf.“
„Wenn es irgendwo in dieser Gegend segelt, kriegen unsere Toppgasten das schon spitz.“
„Oh, was für ein Pechvogel bin ich doch“, begann Emile wieder zu jammern. „Daß mir das auch passieren mußte. Einen Tag länger in El Triunfo, und das Schiff wäre vielleicht doch noch eingetroffen.“
„Hör auf“, sagte Caligula barsch. Sein Erscheinen wurde von den beiden erst jetzt bemerkt. Kombüsendünste umfingen Caligulas mächtige Gestalt, er wirkte wie ein rätselhaftes, unheimliches Wesen der Finsternis. „Du bist ab sofort von der Black Queen zum Kombüsendienst eingeteilt, Emile Boussac. Das ist die richtige Aufgabe für dich.“
„O ja, verdammt, ich werde diesem Haien schon beibringen, wie man eine gute Bouillabaisse zubereitet.“
Der Koch trat drohend auf ihn zu. „Du kannst mir alles an den Kopf werfen und mich ein Arschloch nennen, aber sag so was nie wieder.“
„Was denn?“ fragte Emile erstaunt.
„Laie und Bujabess. Das kann ich nicht leiden.“
„Mein Gott“, sagte Emile. „Wo bin ich nur gelandet? Was hab ich verbrochen, daß ich so bestraft werde? Caligula, gibt es auf diesem Schiff überhaupt jemanden, der lesen und schreiben kann?“
„Die Queen“, erwiderte Caligula, dann drehte er sich wieder um und stapfte ins Freie. Die Gerüche der Kombüse waren unerträglich. Man sollte einen größeren Rauchabzug einbauen, dachte er, ich werde der Queen das vorschlagen.
Daß es an Proviant und Trinkwasser schon bald mangeln würde, hatte der Koch schon in El Triunfo gemeldet. Nur wenig Eßbares hatte man in der Siedlung noch bergen und an Bord der Schiffe bringen können. Außer zwei kleinen Fässern Bier und einem Faß Wein, das sie aus der „Mouche Espagnole“, gerettet hatten, gab es kaum noch etwas zu trinken.
Darum steuerte die Queen die Cayman-Inseln an. Es war nur ein kurzer Aufenthalt vorgesehen, der der Versorgung der Schiffe mit frischem Proviant dienen sollte. Auf Gran Cayman, dessen konnten die Piraten sicher sein, waren sie keiner möglichen Bedrohung der Spanier aus Cartagena mehr ausgesetzt.
Caligula überquerte das Hauptdeck und wollte aufs Achterdeck zurückkehren, da eilte einer der Kerle, ein untersetzter, krummbeiniger Schwarzer, auf ihn zu und sagte: „Der Dicke will dich sprechen.“
„Mich? Warum?“
„Irgendwas scheint nicht zu stimmen. Ich habe aber nicht ganz kapiert, was er meint.“
Caligula hätte die Sache lieber ignoriert, aber er ließ seinen Impulsen freien Lauf. Wütend stürmte er ins Achterdeck, rannte den Mittelgang entlang und stieß die Tür zum Kapitänssalon auf. Er blieb wie vom Donner gerührt stehen und mußte den Anblick, der sich seinen Augen bot, erst einmal verarbeiten.
Willem Tomdijk hatte sich im wahrsten Sinne des Wortes ausgebreitet. Er stand nicht, er saß nicht, er lag auf einem Durcheinander von Kissen, Tüchern und Decken, die er der Koje und den Schapps entnommen und mitten auf dem Boden der Kammer ausgebreitet hatte. Sein mächtiger Rücken wurde von einer Art Keil angehoben, den er mit seinen stämmigen Händen geformt hatte.
Er hielt einen halbvollen Humpen Bier in der Rechten, hatte die Beine weit von sich gestreckt und sah Caligula aus kleinen, listigen Augen an. Schmutziggrau waren diese Augen, sie hatten die Farbe des Nordseewassers daheim in Holland, wo Willem geboren war.
„Mir ist schlecht“, sagte Willem mit ziemlich hoher, gequetschter Stimme. „Läßt sich das nicht ändern?“
Caligula hatte sich halbwegs von seinem Schock erholt und grinste hämisch. „Ich könnte ein paar Kerle abkommandieren und damit beauftragen, der See gut zuzureden. Dann hört der Seegang vielleicht auf.“
„Ja, ja, unser Caligula. Immer zu Scherzen aufgelegt, was?“
„Hat der Herr sonst noch Wünsche?“ fragte Caligula gepreßt.
Er hätte es lieber nicht tun sollen, denn Willem antwortete: „Natürlich. Die Bedienung funktioniert schlecht. Das Essen ist miserabel, ich habe es zurückgehen lassen. Keiner putzt mir die Stiefel. Hier herrscht Unordnung, aber keiner räumt auf. Ich brauche frische Wäsche. Ich will mich rasieren.“
Caligulas Unterkiefer war ein Stück nach unten gesackt, er konnte nichts dagegen tun.
„In El Triunfo hatte ich Diener und Leibwächter“, sagte Willem quengelig. „Wenn mir doch wenigstens Marty geblieben wäre. Auf den konnte ich mich verlassen. Ein Ruf genügte, ein Pfiff, ein Händeklatschen, und Marty war zur Stelle.“
„Die schielende Ratte, der ich gern den Hals umgedreht hätte“, sagte Caligula.
„Wie bitte?“ Willems Stimme wurde schrill. „Was ist denn das für eine Ausdrucksweise? Euch Kerlen muß man erst noch das richtige Benehmen beibringen! Wo ist die Queen? Ich verlange sie zu sprechen.“
„Die Queen ist auf dem Achterdeck. Sie ist unabkömmlich“, erwiderte Caligula grimmig. „Sie ist nämlich der Kapitän auf diesem Schiff.“
„Wo ist Emile? Ich verlange, daß er sein Quartier in der Nachbarkammer bezieht!“
„Die Nachbarkammer gehört mir!“ fuhr Caligula den Dicken an. „Ich schlafe dort – und mit mir die Queen! Emile ist im übrigen beschäftigt! Er hilft dem Koch, damit das Essen besser wird!“
Essen! Traurig verzog Willem sein beleidigtes Jungengesicht. Sein Magen knurrte, das Biertrinken half auch nicht dagegen. Und was er eben vernommen hatte, stimmte ihn nicht glücklicher. Die Queen würde bei Caligula schlafen! Er, Willem, ging also leer aus. Dabei hatte er sich die erste Nacht an Bord der „Caribian Queen“ so schön und romantisch vorgestellt.
„Ich will sofort die Queen sprechen!“ schrie er. „Das ist ein Befehl!“
„Von dir nehme ich keine Befehle entgegen, du fette Qualle!“ brüllte Caligula. „Beweg deinen dicken Hintern doch selber, wenn du die Queen sprechen willst! Ich bin nicht dein Lakai! Und sei froh, daß du an Bord sein darfst!“
„Wie bitte?“ Willem versuchte, sich aufzurichten, aber im ersten Anlauf mißlang das Manöver. „Du frecher Kerl, was nimmst du dir heraus? Ich lasse dich auspeitschen!“
„Umgekehrt!“ brüllte der schwarze Riese. „Ich lasse dir den Speck in Fetzen hauen, und anschließend hänge ich dich unter die Galion, damit du das Schwimmen lernst!“
Willem stieß einen pfeifenden Ächzer aus, knallte den Bierhumpen auf die Planken und ruderte wild mit den Armen. Bedrohlich schwankte er hin und her. Sein Gesicht war jetzt hochrot, er wirkte auf beängstigende Weise vom Schlag gefährdet. Wieder versuchte er aufzustehen, plumpste aber auf sein Kissenlager zurück: „Das ist der Gipfel!“ schrie er. „Das lasse ich mir nicht gefallen!“
Schritte näherten sich, die Black Queen erschien hinter Caligulas Rücken.
„Was ist hier los?“ fragte sie. „Habt ihr euch nun doch in der Wolle?“
„Er will einen Diener haben“, sagte Caligula mit drohend verzerrtem Gesicht. „Ich stecke ihm mein Messer zwischen die Rippen, wenn er nicht aufhört.“
„Dieser Kerl hat mich beleidigt!“ schrie Willem und fuchtelte aufgebracht mit den Armen. „Ich verlange, daß er bestraft wird!“
Die Queen trat auf ihn zu. „Beruhige dich, Willem“, sagte sie mit mühsam erzwungener Geduld. „Ich werde deinen Wunsch erfüllen.“ Sie fuhr zu Caligula herum. „Verzieh dich! Hau ab! Hüte dich, den Salon zu betreten! Wir sprechen uns nachher noch!“
Caligula verstand ihr Augenzwinkern und schritt leise fluchend davon. Die Queen beugte sich zu Willem hinunter und sagte leise: „Ich lasse ihn auspeitschen. Und er wird sich in Zukunft zurückhalten. Wenn du etwas haben willst, brauchst du nur zu rufen, ich stelle dir einen Aufklarer zur Verfügung.“
„Und das Essen?“
„Emile kümmert sich jetzt darum.“
„Gut.“ Willem seufzte. Er schien in sich zusammenzusinken, nichts konnte das Rollen seines Bauches aufhalten. „Aber – schläfst du wirklich bei Caligula?“
„Hat er das erzählt? Er lügt.“ Sie lächelte. „Ich schlafe auf dem Achterdeck, wie es sich für einen Kapitän gehört. Aber heute nacht, wenn alle schlafen, besuche ich dich.“
„Darauf freue ich mich schon“, sagte er friedlich, dann griff er wieder zum Humpen.
In dieser Nacht blieb alles ruhig an Bord der „Caribian Queen“. Der Wind wehte weiterhin aus Osten, der Vierer-Verband lief an die fünf Knoten Fahrt. Die „Caribian Queen“ war ein dunkler, drohender Schemen, der seine Schattenwesen anführte, das grinsende Antlitz des Todes schien sich auf den Flaggen zu bewegen, und am Ziel der Schiffe lauerten Mord und Verderben.
Emile Boussac hielt die ganze Nacht über Ausschau nach dem „Schiff seiner Träume“. Vielleicht konnte er die ersehnte Galeone mit den fünfzig französischen Mädchen herbeisehen? Er gab die Hoffnung nicht auf. Irgendwann würde ein Licht in der Nacht erscheinen – es gehörte dem Schiff, dessen Bestimmungsort El Triunfo war.
Die Black Queen begab sich nach der zweiten Wachablösung ins Achterkastell. Sie lauschte an der Tür der Kapitänskammer. Heftiges Schnarchen verriet ihr, daß Willem Tomdijk tief im Reich der Träume versunken war. Vielleicht träumte er von seiner Brauerei.
Sie lächelte und öffnete die Tür der Nachbarkammer. Caligula wartete schon auf sie. Sie trat ein, drückte die Tür hinter sich zu und entledigte sich ihres Lendenschurzes.
„Hast du die neunschwänzige Katze hier?“ fragte sie leise. „Ich muß dich noch auspeitschen, vergiß das nicht.“
Er lachte dunkel und heiser, dann streckte er die Hände nach ihr aus und zog sie zu sich auf die Koje. Manchmal, wenn sie sehr gute Laune hatte, belohnte sie ihn für all das, was er für sie tat. Und in dieser Nacht hatte die Black Queen ausgezeichnete. Laune – wegen ihrer Zukunftspläne.
Sie wäre etwas weniger optimistisch gewesen, wenn sie geahnt hätte, was zu dieser Stunde auf der Insel Gran Cayman vor sich ging. Die Vorkehrungen, die dort getroffen wurden, galten ihr und ihren Kerlen und dem Eintreffen der „Caribian Queen“, der „Aguila“, der „Buena Estrella“ und der „Vascongadas“.
7.
Es hatte einiger Stunden Zeit bedurft, die recht verwickelten Ereignisse, die sich in El Triunfo vor und nach dem Angriff der Spanier zugetragen hatten, detailgetreu zu berichten. Erst beim Dunkelwerden verließen Siri-Tong und die vier Männer der „Le Vengeur III.“ wieder die „Isabella IX.“ und kehrten an Bord ihres Schiffes zurück. Desgleichen enterten auch die Wikinger in ihre Jolle ab und pullten mit kräftigem, energischem Schlag zum Schwarzen Segler.
Der Plan, von Hasard entwickelt, war noch einmal durchgesprochen worden. Jeder wußte, was er zu tun hatte, es brauchten keine Fragen mehr gestellt, keine unnützen Rufe von Schiff zu Schiff gewechselt zu werden. Die Mannschaften waren auf ihren Posten, die Anker der „Isabella“ und des Schwarzen Seglers wurden gelichtet. Die „Vengeur“ blieb in der Bucht liegen. Alle drei Schiffe waren klar zum Gefecht.
Durch das Auftauchen der „Le Vengeur III.“ hatten sich neue Konstellationen ergeben, die Hasard um jeden Preis ausnutzen wollte. Vorher hatte er vorgehabt, mit der „Isabella“ und „Eiliger Drache“ in der Todesbucht auf das Eintreffen der Black Queen zu warten. Jetzt zog er es vor, die Taktik zu ändern.
Lautlos glitten die „Isabella“ und der Schwarze Segler aus der Bucht. Keine Laternen wurden gesetzt, kein Wort durfte gesprochen werden. Von jetzt an bestand stündlich die Möglichkeit, daß die Queen mit ihrem Verband von Galeonen erschien – und die Seewölfe und ihre Verbündeten durften sich durch nichts verraten.
Die Silhouetten der beiden Schiffe verschmolzen mit der Dunkelheit. Nur eine schmale Mondsichel stand am Nachthimmel und spendete kaum Licht. Die „Le Vengeur III.“ schwojte leicht an ihrer Ankertrosse, letzte Vorkehrungen wurden an Bord getroffen. Alle Mann befanden sich an Deck, es herrschte ununterbrochene Gefechtsbereitschaft.
Ein paar Geschütze wurden noch etwas justiert, Sand auf der Kuhl ausgestreut, Kugeln und Pulverfässer als Reserve aus der Munitionskammer an Deck gemannt. Alles verlief in tiefem Schweigen, nur das Plätschern des Seewassers an den Bordwänden und das Knarren im Rigg waren zu vernehmen. Auch auf der Insel war es totenstill, Gran Cayman schien ein Eiland ohne jegliches Leben zu sein.
Die „Isabella“ und der Schwarze Segler segelten am Wind eine Meile nach Norden, dann kreuzten sie gegen den Wind nach Osten auf. Nach knapp einer Stunde hatten sie ihr Ziel erreicht – die Ostseite der Insel. Sie liefen ein Stück nach Süden ab, langten an der von Hasard vorher festgelegten Position an und drehten eine Kabellänge vom Ufer entfernt bei.
Die Segel wurden ins Gei gehängt, die Anker rauschten aus. Auf der „Isabella“ wurde die kleine Jolle ausgeschwenkt und abgefiert. Jeder Handgriff saß, es war ein Routinemanöver, wie die Männer es Hunderte von Malen durchgeführt hatten.
Der Seewolf trat zu Dan O’Flynn und Bill, die sich anschickten, in die Jolle abzuentern.
„Es bleibt bei unserer Vereinbarung“, sagte er. „Wer die Schiffe der Black Queen als erster sieht, gibt ein Zeichen, bei Dunkelheit mit der Öllampe, bei Tageslicht mit einer Spiegelscherbe.“
„Ich hoffe, daß sie nicht allzulange auf sich warten läßt“, sagte Dan grimmig. „Ich bin nämlich schon gespannt auf ihre neuen Schiffe. Die Siedler von El Triunfo werden sich noch wundern. Sie werden es bereuen, daß sie sich der Bande angeschlossen haben – bei dem heißen Empfang, den wir ihnen bereiten.“
„Nicht zu sehr auf die Pauke hauen, Mister O’Flynn“, sagte Carberry. „Und das Wetter nicht vor dem Sturm loben. Die Queen ist keine blutige Anfängerin, sondern eine höllisch gefährliche Gegnerin, vergiß das nicht.“
„Aber sie ahnt nicht, daß wir hier auf der Lauer liegen“, sagte Dan. „Ich mache mir keine Illusionen. Ich weiß nur, welchen Trumpf wir in den Händen halten.“
„Was ist, wenn sie ohne Bordlaternen segelt?“ fragte Bill.
„Sobald die Schiffe nah genug an der Insel sind, entdecke ich sie auch bei Nacht, keine Angst“, sagte Dan. „Es müßte schon mit dem Teufel zugehen, wenn die Queen Gran Cayman ungesehen erreicht.“
„An Bescheidenheit ist bei dir kein Mangel“, sagte der Profos mit wildem Grinsen. „Dann mal los, Mister O’Flynn. Auf was wartest du noch? Ich bin froh, wenn du endlich von Bord bist.“
Dan und Bill enterten in die kleine Jolle ab. Sie waren ausreichend mit Waffen, Proviant und Kiekern versorgt. Eigentlich konnte nichts schiefgehen, was ihren Auftrag betraf. Sie lösten die Bootsleine, legten ab und griffen zu den Riemen. Dann pullten sie kräftig an und steuerten auf das Ufer zu.
Die Brandung hob die Jolle hoch und ließ sie wieder fallen, im Gischt schnellte sie auf den Strand zu. Der Rumpf wurde in seiner Bewegung gebremst, ein Ruck noch, und das Boot saß fest. Sie stiegen aus, zogen es ganz an Land und versteckten es unter Gestrüpp, das nah am Ufer wucherte. Mit wenigen Griffen hatten sie sich ihrer Ausrüstungsgegenstände bemächtigt und begannen den Marsch ins Innere der Insel.
Bald hatten sie die Felsen erreicht und stiegen in ihnen auf. Auf einer winzigen, plateauähnlichen Plattform verharrten sie und drehten sich um. Steil fiel das Gestein unter ihnen ab, die See dehnte sich tintenschwarz bis ins Unendliche aus.
„Kannst du die ‚Isabella‘ und den Schwarzen Segler noch sehen?“ fragte Dan.
„Nein“, erwiderte Bill. „Ich habe ungefähr den Ankerplatz im Kopf, aber ich kann ihre Umrisse nicht sehen, wirklich nicht.“
„Ich erkenne sie noch“, sagte Dan. „Das soll keine Überheblichkeit sein, nur meine ich, daß wir wirklich alle Chancen haben, die vier Schiffe der Queen zu entdecken, wenn sie sich im Dunkeln anpirschen.“
„Sicher. Du hast eben doch die schärfsten Augen.“
Sie setzten ihren Weg fort, er führte sie immer höher in das Felsenland der Insel hinauf. Dan orientierte sich mühelos, es war, als kenne er jeden Yard, jeden Stein, jede Baumwurzel, über die man stolpern konnte. Bald hatten sie das „Auge der Götter“ erreicht. Wie eine Platte aus geschliffenem schwarzem Marmor lag der See im Dunkeln da. In seiner Tiefe schien die Antwort auf viele ungelöste Geheimnisse zu schlummern.
„Hier möchte ich nicht begraben sein“, sagte Bill. „Ein Fluch scheint auf dem See zu lasten.“
„Mit solchen Äußerungen könntest du schon mit meinem Alten konkurrieren“, sagte Dan und grinste. „Aber du hast recht. Der Platz lädt nicht zum Hierbleiben ein. Hörst du das?“
Unterschwellig war ein Rumoren und Vibrieren zu vernehmen, das man weder auf See noch in den tiefergelegenen Bereichen der Insel wahrnehmen konnte. Der Vulkan schien vor sich hin zu murmeln, aber man brauchte nur an seine beängstigenden Aktivitäten zu denken, und schon lief einem ein kalter Schauer über den Rücken.
„Hoffentlich bricht der Vulkan nicht ausgerechnet jetzt aus“, sagte Bill.
Dan schüttelte den Kopf. „Er grummelt nur vor sich hin, keine Sorge. Er bereitet uns heute nacht bestimmt keine Schwierigkeiten. Das Schlimmste, was uns passieren könnte, wäre, daß das Wasser aus dem Auge der Götter abläuft und wir alle Schätze bergen, die auf seinem Grund liegen.“
Bill mußte lachen. Sie kletterten zu dem Aussichtspunkt hinauf, den der Seewolf bei Tageslicht durch den Kieker ausgewählt hatte, und richteten sich häuslich ein. Die Musketen legten sie auf den Boden, die Fernrohre fanden in einer Gesteinsmulde ihren Platz. Nachdem sie den Sitz ihrer Pistolen, Entermesser und Messer in den Gurten gesichert hatten, ließen Dan und Bill sich nieder und befaßten sich mit ihrer Wegzehrung: Schiffszwieback, Hartwurst, Käse und Wein in zwei mit Korken gut verschlossenen Flaschen.
„Übrigens Flaschen“, sagte Dan, als er die ersten Bissen mit Wein heruntergespült hatte. „Ferris hat wieder einige Sätze Hölleneier gebastelt. Die Queen wird sich wundern, wenn wir sie auf die Decks ihrer Kähne feuern.“
„Aber sie hat auch aus den vergangenen Gefechten gelernt“, sagte Bill. „Wir sollten wirklich nicht zu zuversichtlich, sondern besser auf einen harten Kampf gefaßt sein.“
Dan war ernst geworden. „Das tue ich auch, Bill. Du kennst doch meine Flachserei. Ich ziehe den Teufel gern am Schwanz, aber ich weiß genau, was uns bevorsteht. Die Queen und Caligula gehören zu den gefährlichsten Feinden, die wir je bekämpft haben.“ Er stellte seine Flasche weg und stieß Bill mit dem Ellbogen an. „Siehst du, dort unten?“
„Die Todesbucht, nicht wahr?“
„Ja. Ich kann auch die ‚Vengeur‘ sehen. Teufel, Jean und Siri-Tong hätten sich bestimmt nicht ausgemalt, daß sie als Köder herhalten müssen.“
„Die Frage ist, ob die Black Queen anbeißt“, sagte Bill. „Wenn alles so klappt, wie wir uns das vorstellen, läuft sie genau in die Falle. Und wir haben das Überraschungsmoment auf unserer Seite. Hast du dich jemals gefragt, wie es geschehen kann, daß eine Frau so grausam ist?“
„Nein. Es gibt Frauen, die sich schlimmer aufführen als der wildeste und skrupelloseste Kerl.“
„Was würdest du tun, wenn sie dir im Duell gegenüberstehen sollte?“
„Ich würde sie töten“, erwiderte Dan, ohne zu überlegen. „Sie kennt keine Gnade. Ich bin der Ansicht, daß man in diesem Fall gleiches mit gleichem vergelten sollte.“
Während er sprach, hielt er angestrengt nach allen Seiten Ausschau. Nichts konnte seiner Aufmerksamkeit entgehen. Aber noch näherte sich kein Schiff Gran Cayman.
Die Windverhältnisse waren im Heraufziehen des neuen Tages unverändert. Ein zufriedenes Lächeln glitt über die Züge der Black Queen. In aller Frühe stand sie wieder auf dem Achterdeck der „Caribian Queen“, warf einen prüfenden Blick auf den Stand der Segel und überprüfte den Kurs und die Position.
Die Entfernung nach Gran Cayman war auf fünfzig Meilen zusammengeschrumpft. Wenn der Wind nicht einschlief, konnte der Verband die Insel noch am Vormittag erreichen. Sie wandte sich um und warf einen Blick zurück zur „Aguila“, zur „Buena Estrella“ und zur „Vascongadas“. Auch dort schien alles in Ordnung zu sein. Die Schiffe hielten den Kurs und die Geschwindigkeit, es gab keine Verzögerungen.
Caligula enterte das Achterdeck. Die Queen begrüßte ihn mit einem harten Lächeln.
„Was treibt unser Freund Willem?“ fragte sie.
„Schläft.“
„Und Emile?“
„Der schläft in der Kombüse. Er scheint seine neue Aufgabe sehr ernst zu nehmen.“ Caligulas Miene war finster, er betrachtete den Holländer und den Franzosen nach wie vor als Störenfriede an Bord des Schiffes. Am liebsten hätte er sie ins Meer geworfen, aber er hielt sich mit seinen Wutausbrüchen zurück.
Die Queen hatte recht – noch brauchten sie die beiden. Aber was geschah, wenn sie Tortuga erreicht hatten? Vielleicht hatte er dann endlich Gelegenheit, auf seine Weise ein Wörtchen mit Willem Tomdijk und Emile Boussac zu reden.
Vor allem mit Willem wollte er abrechnen. Eine groteske Situation wie diese hatte es auf der „Caribian Queen“ noch nie gegeben. Ein dicker Mann, der obendrein eine Memme war, störte das Gleichgewicht. Das konnte nach Caligulas Überzeugung noch böse Folgen haben.
„Ich weiß, was du denkst“, sagte die Queen, die ihn nicht aus den Augen ließ. „Aber laß die Finger von Willem.“
„Unser Schiff ist kein Narrenhaus.“
„Natürlich nicht“, sagte sie scharf. „Aber spar dir deine idiotischen Bemerkungen. Ich weiß genau, was ich tue. Laß lieber die leeren Fässer auf die Kuhl mannen. Ich will auf Gran Cayman nicht mehr Zeit verlieren, als unbedingt erforderlich ist. Wir schaffen die Fässer an Land und füllen sie.“
„Ja. Und wer geht auf die Jagd?“
„Sechs Mann, du führst sie an. Im vertrauten Revier stöbert ihr genug Wild auf, das unseren Bedarf an Frischfleisch deckt. Die ‚Estrella‘ und die ‚Vascongadas‘ sind mit Fleisch auch noch ganz gut eingedeckt, es geht in erster Linie darum, unser Schiff und die ‚Aguila‘ zu versorgen.“
Caligula enterte auf die Kuhl ab. Er ließ alle notwendigen Vorkehrungen treffen, und schon kurze Zeit später waren nicht nur die „Caribian Queen“, sondern auch die drei anderen Galeonen zur Proviant- und Trinkwasserübernahme bereit. Jaime Cerrana und die beiden Männer, die als provisorische Kapitäne auf den spanischen Kriegsseglern eingesetzt worden waren, verständigten sich über ihre Toppgasten mit der Queen. Es wurde mit Flaggen signalisiert.
Die Stunden verstrichen jetzt schneller, die bevorstehende Ankunft auf Gran Cayman beschäftigte die Gedanken der Kerle. Man konnte sich ein wenig die Füße vertreten, die Jagd war eine willkommene Abwechslung. Vielleicht spendierte die Queen auch eine Extraration Rum, wie es in solchen Fällen oft geschah. Vielleicht wurde in der Todesbucht – zur Feier des Sieges in El Triunfo – eine rauschende Orgie mit den Siedlern abgehalten.
Emile Boussac erschien blinzelnd auf der Kuhl und trat ans Schanzkleid. Zeigte sich ein Schiff an der Kimm? Er seufzte. Nein, es gab keine Hoffnung. Er konnte die fünfzig Mädchen in den Wind schreiben. Er würde ihnen nicht begegnen, einen solchen gleichsam unerhörten Zufall gab es nicht. Jemand anderes würde die Mädchen kaufen – ein Gedanke, der ihn fast um den Verstand brachte.
Willem Tomdijk hatte sich schlaftrunken bis zum Achterdecksschott geschleppt. Er öffnete es und sah Emile am Schanzkleid stehen.
„Emile!“ rief er. „Komm sofort her!“
Mit leicht verwundertem Blick begab sich der Franzose zu dem Dicken. Dieser führte ihn in die Kapitänskammer, ließ sich ächzend auf seinem Lager nieder und sagte klagend: „Ich warte ständig auf dich, aber du verkriechst dich im Vordeck. Was ist los? Ist dir eine Laus über die Leber gekrochen? Hast du was gegen mich?“
„Natürlich nicht“, erwiderte Emile. „Aber ich muß immer an mein Schiff und die Mädchen denken. Außerdem habe ich jetzt die verantwortungsvolle Aufgabe, dem Koch, diesem Giftmischer, auf die Finger zu schauen.“
„Das heißt – das Essen wird besser?“
„Heute gibt es eine erlesene Bouillabaisse“, entgegnete Emile stolz.
„Endlich. Ich sterbe vor Hunger. Kannst du mir nicht das Frühstück bringen?“
„Ich sorge dafür, daß du es kriegst“, erwiderte der kleine Franzose ernst. Er erkannte, daß sich der Dicke in einem äußerst kritischen Zustand befand. Da war es nur ratsam, ihm gut zuzureden.
„Dieser Caligula führt was gegen mich im Schilde“, sagte Willem mit ärgerlicher, trotziger Miene. „Am liebsten würde er mir die Kehle durchschneiden, glaube ich. Er versucht, die Queen gegen mich aufzuhetzen. Heute nacht wollte sie mich besuchen, hat es aber nicht getan. Das ist alles seine Schuld.“
„Ich werde ein waches Auge auf ihn haben“, versprach Emile. Dabei fürchtete er Caligula noch mehr als die Pest. Nie würde er sich offen mit ihm anlegen – er war nicht lebensmüde.
Ein Ruf, der aus dem Großmars der „Caribian Queen“ ertönte, lenkte sie ab.
„Gran Cayman voraus!“
Bewegung entstand an Deck, das Trappeln von Schritten war zu vernehmen. Die Kerle stürzten auf die Back und ans Schanzkleid der Kuhl, um selbst vorauszuspähen. Jemand stieß einen Pfiff aus, ein anderer johlte. Bald war die Insel mit dem bloßen Auge zu erkennen, ein öder grauer Klotz, der aus der See aufragte.
„Was hat es mit dieser Insel bloß auf sich?“ fragte Willem seinen Gefährten. „Haben diese Piraten dort Schätze vergraben – oder wollen sie uns aussetzen und verhungern lassen?“
„Dir scheint heute morgen wirklich die Petersilie verhagelt zu sein“, sagte Emile. „Aber dagegen weiß ich ein gutes Mittel. Ich hole das Frühstück und bringe einen Krug Wein mit.“
„Trink lieber ein Bier mit mir“, sagte Willem traurig. „Dann sieht die Welt vielleicht schon wieder anders aus. Merkwürdig, ich habe den Eindruck, es war doch ein Fehler von mir, dieser Umsiedlung zuzustimmen. Vielleicht haben wir uns nichts als Ärger eingehandelt.“
„Du vergißt, daß die Queen uns vor den Spaniern gerettet hat.“
„Und was ist, wenn wir vom Regen in die Traufe geraten?“
„Das will ich nicht hoffen.“ Emile hob wieder den Kopf. Noch einmal war die Stimme des Ausgucks zu vernehmen.
„Schiff in Sicht! Es ankert vor der Todesbucht!“
„Was für ein Schiff?“ rief die Black Queen.
„Ein Dreimaster! Eine Galeone!“
Sofort war ihr Mißtrauen geweckt. „Klarschiff zum Gefecht! Signalisiert den anderen! Wir sehen uns das Schiff genauer an!“
„Eine Galeone“, flüsterte Emile Boussac. „Vielleicht habe ich doch noch Glück. Willem, warte hier auf mich.“
Er stürzte an Deck, ließ sich einen Kieker geben und hielt nach dem fremden Schiff Ausschau. Noch konnte er es im Dunst, der über Gran Cayman schwebte, nicht genau erkennen. Aber es war die Black Queen, die es als erste identifizierte.
Sie stieß einen lästerlichen Fluch aus.
„Das ist die ‚Vengeur‘!“ schrie sie. „Caligula, sofort zu mir!“
Caligula enterte von der Kuhl zum Achterdeck auf. Die Kerle fluchten und wetterten, es herrschte Unruhe. Emile verkroch sich in der Kombüse. In der Kapitänskammer des Achterdecks fuhr sich Willem Tomdijk mit beiden Händen durch das schwammige Gesicht.
„Das gibt ein Unheil!“ flüsterte er. „Ein großes Unheil. O Himmel, steh mir bei.“
8.
Dan O’Flynn und Bill hatten den Verband von vier Schiffen ihrerseits längst entdeckt. Dan warf einen letzten prüfenden Blick durch den Kieker, dann ließ er ihn sinken und gab Bill ein Zeichen.
Bill signalisierte zur „Isabella IX.“ und zum Schwarzen Segler. Die kleine Spiegelscherbe in seiner geöffneten rechten Hand reflektierte die Strahlen der Sonne und schickte sie zu den am Ostufer ankernden Schiffen hinunter. Sofort wurden die Blinkzeichen erwidert. Hasard und Thorfin Njal hatten die Nachricht verstanden.
„Los jetzt“, sagte Dan. „Ab nach unten. Wir dürfen keine Zeit verlieren.“
Sie rafften ihre Mitbringsel zusammen und begannen mit dem Abstieg. Ehe sie sich abwandten, warfen sie beide noch rasch einen Blick in die Tiefe. Das Schauspiel war grandios und bedrückend zugleich: Sieben Schiffe bei und vor Gran Cayman – die „Le Vengeur III.“ vor der Todesbucht, die „Isabella IX.“ und der Schwarze Segler am Ostufer, die Galeonen der Black Queen, die sich von Westen näherten und nun auf Kreuzkurs gingen. Höchstens noch fünf Meilen trennten die vier Dreimaster mit den gelohten Segeln von der Insel – es war höchste Zeit, den Ausguckposten zu räumen und zurück an Bord der „Isabella“ zu gehen.
Wieder führte der Weg am Auge der Götter vorbei. Durch das tiefblaue klare Wasser schien man bis auf den Grund blicken zu können – und doch gab der See nichts von seinen Schätzen preis. Verhalten meldete sich der Vulkan auch an diesem Morgen, sein Grollen klang wie eine Beschwerde über die Störenfriede, die sich anschickten, Gran Cayman anzulaufen. Während der Nacht hatte er geschwiegen, jetzt schien er zu neuem Leben zu erwachen.
Beim Abstieg zum Ufer strauchelte Bill. Er fiel hin und überschlug sich, krümmte sich aber so geistesgegenwärtig, daß ihm nichts geschah. Mit einem Satz war er wieder auf den Beinen und eilte weiter. Dan war ihm um einige Schritte voraus, aber er holte ihn wieder ein, als sie auf dem schmalen Streifen Sandstrand anlangten.
Sie packten die kleine Jolle an ihren Dollborden, zerrten sie aus dem Gestrüpp, schoben sie ins Wasser, verstauten ihr Gepäck und sprangen hinein. Dann pullten sie, so schnell sie konnten, zur „Isabella“.
Dort war alles klar zum Ankeraufgehen. Der Wikinger wartete auch nur auf Hasards Zeichen. Er saß drüben, auf dem Achterdeck von „Eiliger Drache“, auf seinem „Sesselchen“ und hatte sein „Messerchen“, ein gewaltiges Schwert, gründlich gewetzt.
Dan und Bill enterten an der Jakobsleiter auf. Die Jolle wurde in aller Eile hochgehievt und binnenbords geholt.
„Einen schönen guten Morgen wünsche ich euch“, sagte Dan. „Die Lady ist also da – und wir können uns auf einen heißen Tag gefaßt machen.“
„Laß die Sprüche“, erwiderte der Seewolf. „Sag mir lieber, ob die beiden Galeonen, die sie gekapert hat, den Beschreibungen von Jean und Siri-Tong entsprechen.“
„Aufs Haar“, bestätigte Dan. „Sie sind beide über dreihundert Tonnen groß und – den Stückpforten nach zu urteilen – bestens armiert. Genug Munition haben sie bestimmt auch an Bord, die Spanier haben Cartegena ja sicher mit hervorragend ausgerüsteten Schiffen verlassen, um El Triunfo in Schutt und Asche zu feuern.“
„Wir wissen nur nicht, wer diese beiden Schiffe befehligt“, sagte Bill. „Aber das ist wohl unerheblich. Für uns sind es Fremde.“
„Ja, und wir dürfen auf die Siedler von El Triunfo keine Rücksicht nehmen“, sagte Hasard. „Sie haben sich auf die Seite der Queen geschlagen und sind unsere Feinde. Wir werden fair kämpfen, aber es gibt keine Unterschiede, alle Gegner gehören der gleichen gefährlichen Sorte an. Wir haben gut hundertzwanzig Kanonen gegen uns, allein das ist ausschlaggebend.“
„Sicher ist, daß die Queen inzwischen die ‚Vengeur‘ entdeckt hat“, sagte Ben Brighton. „Wenn sie sich so verhält, wie wir annehmen, brauchen wir nicht mehr lange zu warten.“
„Alle Mann auf Gefechts- und Manöverstation!“ rief der Seewolf. „Ferris, dein Platz ist an der Höllenflaschenabschußkanone! Shane, Batuti – haltet euch mit Pfeil und Bogen bereit!“
„Aye, Sir!“ schrien die Männer.
„Thorfin!“ rief der Seewolf zum Schwarzen Segler hinüber. „Auf mein Zeichen ankerauf gehen und den Feind angreifen!“
„Verstanden!“ brüllte der Wikinger. „Dann laß ihn mal heran, den Feind! Odins Feuerhauch wird ihre Decks aufheizen und sie das Tanzen lehren!“
Grimmig hockte er auf seinem Thron und ließ den Blick prüfend über die Decks seines Viermasters wandern. Jeder Handgriff im Gefecht mußte sitzen, es durfte keine Verzögerungen beim Nachladen der Geschütze geben.
Er war sich darüber im klaren, daß die Black Queen ein harter Brocken sein würde, schwer abzuwehren und noch schwerer zu schlagen. Das hatte er ja selbst bereits erfahren. Er hatte sie zur Genüge kennengelernt, diese schwarze Hexe und Walküre, wie er sie nannte, und er wußte, daß es der größte Fehler war, sie zu unterschätzen.
Ähnliche Überlegungen stellte auch Hasard an, während sie auf das Auftauchen der „Le Vengeur III.“ warteten. Das Gefecht gegen einen starken Verband der Spanier hätte nicht schlimmer sein können. Gegner wie Mardengo, Duvalier oder Arvidson, die er auf der Reise nach Florida und zum Mississippi hatte bekämpfen müssen, verblaßten vor der Erscheinung der Black Queen.
Und Caligula? Nun, er war noch wilder und blutrünstiger als seinerzeit Caligu. Wer ihnen und der Meute von Galgenstricken und Schnapphähnen, die sie um sich geschart hatten, in die Hände fiel, starb unter entsetzlichen Leiden. Arkana und die Schlangenkriegerinnen waren der Queen nur wie durch ein Wunder entkommen, und auch Jean Ribault und Siri-Tong hatten höllisches Glück gehabt.
Aber die Narben auf Ribaults Rücken zeugten noch von der Behandlung, der Caligula ihn unterzogen hatte. Nie würde der Franzose diese Schmach vergessen, und seine Rache hatte erst begonnen. Er würde nicht eher ruhen, bis sie gemeinsam der Black Queen das blutige Handwerk gelegt hatten.
Die See dünte flach mit langgezogenen Wellen, der Wind wehte frisch aus Osten und trieb weiße Wolken über Gran Cayman hinweg. Sie standen wie zufällige Tupfer am blauen Himmel und verliehen der Szene einen Anflug von Heiterkeit. Alles in allem wirkte der Tag ruhig und beschaulich – ein Hohn der Natur. Denn das Unheil nahm seinen Lauf und ließ sich nicht mehr aufhalten.
Die Black Queen hatte nur kurz mit Caligula beratschlagt. Sie waren sich einig: Sie wollten einen direkten Vorstoß vornehmen und die „Le Vengeur III.“ angreifen. Mit vier Schiffen, die stark armiert und noch besser bemannt waren, waren sie für alle Eventualitäten gerüstet. Daß das Ganze eine Falle sein konnte, vermutete die Queen schon jetzt.
„Die ‚Vengeur‘!“ Caligula hatte das Wort bereits mehrmals wie einen Fluch ausgestoßen. „Ribault, Siri-Tong und Rivero! Wie haben die Hunde es geschafft, so schnell wieder aus El Triunfo abzuhauen? Das geht nicht mit rechten Dingen zu!“
„Sie sind vor uns ausgelaufen“, sagte die Queen. Ihr Gesicht war angespannt, aber sie war eisern darum bemüht, die Ruhe zu bewahren. „Wir hätten uns nach ihrem Schiff umsehen sollen, nachdem wir wußten, daß Ribault und Rivero in der Siedlung waren. Aber im Wirbel der Ereignisse ist es dann unterblieben. Ein Fehler von uns, Caligula.“
„Der Teufel soll diese Hunde holen! Es ist mir immer noch nicht klar, wie Ribault Rivero befreien und es geschehen konnte, daß diese dreckigen Säcke uns nach El Triunfo folgten!“
Sie blickte durch das Spektiv voraus. Die Insel rückte näher, und mit ihr die „Le Vengeur III.“, die scheinbar verlassen im Wasser lag und an ihrer Ankertrosse schwojte.
„Die Antwort darauf ist Rivero selbst“, sagte die Queen. „Streng deinen Geist an, Caligula. Er wußte über alles Bescheid, über den geplanten Angriff auf die Siedlung und den Auftrag der Spanier, alle Bewohner zu töten.“
„Rivero hat sich also mit Ribault und der Hure Siri-Tong verbündet?“
„Daran habe ich nicht den geringsten Zweifel.“
Caligula spuckte aus. „Verrecken soll er, dieser närrische Bastard. Ich werde ihn mir vor die Klinge holen – und diesmal entwischt er uns nicht.“
„Dann überlasse ich ihn also dir? Und ich nehme mir Ribault vor?“
„Der gehört auch mir!“ stieß der schwarze Riese zornig hervor. „Und auch die Rote Korsarin ist mein! Ich zerhacke sie mit meinem Säbel!“
„Dann bleibt für mich kaum noch jemand übrig“, murmelte die Queen. „Hoffentlich verläuft der Kampf wirklich so, wie du ihn dir vorstellst.“
Daß es zum Gefecht kam, schien unverrückbar festzustehen. Die „Le Vengeur III.“ rührte sich nicht vom Fleck. Kein Mann schien sich an Bord zu befinden.
Die Black Queen grinste hart. Ein alter Trick, dachte sie. Man entert, und aus allen Schotten springen die Kerle hervor. Aber für wie dumm hältst du mich, Ribault? Und du, Siri-Tong? Bildest du dir ein, ich falle darauf herein?
„Klarschiff zum Gefecht!“ rief sie.
Die Geschütze waren geladen, die Stückführer und Ladenummern standen bereit, Munition war auf die Kanonendecks gemannt worden, der Sand war ausgestreut. Jetzt öffneten sich die Stückpforten, und die Männer rannten die Geschütze aus.
Der Ruf der Queen gellte zur „Aguila“, zur „Buena Estrella“ und zur „Vascongadas“, und auch dort bewegten sich rumpelnd die Kanonen. Drohend blickten die Mündungen aus den Stückpforten, auch die Drehbassen auf den Backs und Achterdecks der Galeonen wurden auf den Feind gerichtet.
Der Verband fuhr einen Kreuzschlag nach Nordosten und rückte nun fast auf Schußweite an den Gegner heran. Da geschah es: Plötzlich wurde es an Bord der „Le Vengeur III.“ höchst lebendig.
9.
Barba, der häßliche Riese, schien hinter dem Ruderrad der „Le Vengeur III.“ emporzuwachsen. Er grinste und blickte zu Jean Ribault, Siri-Tong, Mister Jenkins und Carlos Rivero, die ebenfalls auf ihren Posten waren. Es konnte losgehen – der Köder hatte funktioniert, der Feind segelte auf.
Fred Finley, der Mann im Großmars, hatte nur ein Zischen ausgestoßen, das vereinbarte Zeichen. Sofort waren die Männer, die sich hinter den Geschützen, im Vor- und Achterkastell verborgen hatten, auf das Hauptdeck gestürzt, und schon wurde der Buganker gelichtet. Wie Affen kletterten ein paar Mann in den Wanten hoch, und auch die Segel lösten sich bereits aus dem Gei.
Im Nu war die Galeone segelbereit und ging auf Kurs Nordosten an den Wind.
Jean Ribault warf einen Blick zum Gegner.
„Die ‚Caribian Queen‘ ist fast auf Schußweite heran“, sagte er. „Gleich läßt die Queen ihre Kanonen sprechen.“
„Ich glaube nicht, daß sie Munition vergeudet“, sagte Siri-Tong. „Erst wenn sie sicher ist, daß ihr Wild in der Falle sitzt, zieht sie sämtliche Register.“
„Und dann läßt Barba die Kuh fliegen!“ rief der bärtige Riese. „Dann hageln die Brocken! Diesmal darf sie uns nicht entwischen.“
„Und was sagst du zu den über hundertzwanzig Kanonen der Galeonen?“ fragte Mister Jenkins.
„Die benutzt Barba als Zahnstocher!“ stieß der Riese hervor. Aber auch er wußte, daß es gegen ein Aufgebot von vier schweren Galeonen wenig zu lachen gab.
Längst war auch an Bord der „Le Vengeur III.“ alles klar zum Gefecht. Die Stückpforten öffneten sich, die Rohre schoben sich übers offene Wasser hinaus. Gran Cayman glitt an Steuerbord achteraus. Das Schiff lag hoch am Wind, krängte über Backbordbug und lief mit zunehmender Fahrt vor dem Gegner nach Nordosten ab.
Die Queen setzte jetzt alles daran, ihren Feind einzuholen und auf offener See zu stellen, aber die „Le Vengeur III.“ war ein schnelles Schiff, das auch ein Segler wie die „Caribian Queen“ nicht zu übertrumpfen vermochte, weder in der Geschwindigkeit noch in der Manövrierfähigkeit.
„Über Stag gehen!“ rief Jean Ribault. „Kurs Südosten!“
Die Männer arbeiteten an den Schoten und Brassen, das Ruderrad drehte sich unter Barbas schwieligen Fäusten. Sanft ging die Galeone mit dem Bug durch den Wind und fiel wieder ab.
Dann folgte der Ruf von Mister Jenkins: „Kurs Südosten liegt an, Sir!“
Die „Le Vengeur III.“ lief jetzt wieder auf die Insel zu. Ribault, Siri-Tong und Rivero beobachteten das Vorgehen des Gegners. Die Queen zog mit. Wie Riesenschwäne drehten sich ihre Schiffe, das Wendemanöver war beispielhaft.
„Auch die Kapitäne der beiden gekaperten Galeonen verstehen ihr Handwerk“, sagte Jean Ribault. „Sie stehen in nichts hinter der Queen und Jaime Cerrana zurück.“
„Du darfst nicht vergessen, daß die Männer von El Triunfo erfahrene Küstenpiraten sind“, sagte Siri-Tong. „Sie haben immer nur kleine Einmaster gehabt, aber ihre seemännische Erfahrung reicht trotzdem aus.“
„Und auch an der nötigen Verwegenheit mangelt es ihnen nicht“, sagte Carlos Rivero. „Sie werden bis zum Letzten kämpfen.“
„Das glaube ich auch“, sagte die Rote Korsarin. „Sie haben sich der Queen mit Haut und Haaren verschrieben. Ihr Einfluß auf die Kerle ist wie Opium.“
Gran Cayman war nah genug herangerückt, Ribault ließ wieder über Stag gehen. Inzwischen war das östliche Ufer nur noch wenige Meilen entfernt. Der Verband der Black Queen hielt mit, holte aber nicht auf. Ribault und die Rote Korsarin hatten allen Grund zu der Annahme, daß ihnen die Queen auf den Leim ging. Nach der mit dem Seewolf festgelegten Taktik sollte die „Le Vengeur III.“ als Köder den Verband der Gegner anlocken, damit dieser direkt in den Überraschungsangriff der „Isabella“ und des Schwarzen Seglers hineinlief. Anschließend sollte auch die „Le Vengeur III.“ in das Gefecht eingreifen.
Aber nun geschah etwas, mit dem weder Ribault noch die Rote Korsarin zu diesem Zeitpunkt noch gerechnet hatten.
„Achtung!“ stieß Mister Jenkins hervor, der gerade wieder einen Blick nach achtern geworfen hatte. „Da tut sich was!“
Siri-Tong und die Männer fuhren auf dem Achterdeck herum. Plötzlich fielen die vier Galeonen zurück. Sie gaben den Kreuzkurs auf und drehten überraschend bei.
„Hol’s der Henker“, sagte Jean Ribault entgeistert. „Die geien die Segel auf.“
„Sie haben uns durchschaut“, sagte Siri-Tong. „Die Queen gibt uns einen neuen Beweis für ihre Gerissenheit. Jetzt ist guter Rat teuer.“
„Wir segeln weiter“, sagte Ribault. „Wir müssen Hasard und den Wikinger sofort unterrichten. Ich nehme an, daß er trotzdem angreifen will. Aber das Überraschungsmoment haben wir jetzt natürlich verspielt.“
„Wir haben immer noch einen Trumpf, Sir“, erklärte Jenkins. „Die Luvposition.“
„Die reicht nicht aus, um eine Teufelin wie die Queen vernichtend zu schlagen“, entgegnete Ribault.
Keiner sah einen Anlaß, ihm zu widersprechen. Die Bedingungen hatten sich erneut verändert, und die Lage wendete sich zu ungunsten der „Le Vengeur III.“, der „Isabella IX.“ und des Schwarzen Seglers.
Ein höhnisches, überlegenes Lächeln beherrschte die Züge der Black Queen. Sie verfolgte die „Le Vengeur III.“ mit ihrem Blick. Das Schiff segelte mit Kreuzschlägen zur Ostseite von Gran Cayman, seine Umrisse wurden allmählich etwas kleiner, dann tauchte es im Morgennebel unter.
„Dreimal darfst du raten, was an der Ostseite der Insel auf uns wartet“, sagte die Queen. „Galeonen, Caligula, vielleicht sogar die ‚Isabella‘. Irgendwie ist es Ribault und Siri-Tong gelungen, Verstärkung zu holen.“
„Aber wie nur, wie?“
„Das darfst du mich nicht fragen“, erwiderte sie. „Und es spielt jetzt auch keine große Rolle. Wichtig ist nur, daß wir die Tricks der Hurensöhne erkennen und uns darauf einstellen.“
Nur zu genau erinnerte sie sich noch an den Fehler, den die Kapitäne ihrer beiden Schiffe begangen hatten, die Jean Ribault bis zur Windward Passage verfolgt hatten. Sie hatten mit dem Leben dafür bezahlt, und die Schiffe waren versenkt worden. Dieses Mal war die Queen nicht bereit, auch nur ein Schiff ihres Verbandes durch Leichtfertigkeit und übertriebene Impulsivität einzubüßen.
„Wir bleiben hier in Warteposition liegen“, sagte sie. „Mal sehen, was Ribault unternimmt. Verdrücken kann er sich nicht, dazu ist er zu stolz. Vielleicht wartet er die Dunkelheit ab, aber bis dahin ist noch viel Zeit. Wir können der Entwicklung gelassen entgegensehen.“
Caligula schwieg. Innerlich bereitete er sich auf das Gefecht vor. Er wollte sich Ribault vor die Klinge holen, er wollte ein Duell. Nicht nur, um der Queen zu imponieren – er hegte seinen persönlichen Haß gegen den Franzosen, und die endgültige Abrechnung stand noch bevor. Was auf Gran Cayman geschehen war, hatte er noch nicht vergessen. Ribault hatte sich an ihm gerächt, aber er würde es ihm heimzahlen.
Ganz anderen Gedanken hing Emile Boussac nach, der auf die Back der „Caribian Queen“ geentert war. Sein kühnster Traum war nicht in Erfüllung gegangen. Nicht das Schiff der fünfzig Mädchen hatte vor Gran Cayman vor Anker gelegen, sondern die Galeone dieses verdammten Jean Ribault, dem er in El Triunfo dummerweise das Messer zugesteckt hatte.
Emile beschloß, seinen Freund Willem aufzusuchen. Er berichtete ihm, was in der Zwischenzeit vorgefallen war, und Willem sah todtraurig zu ihm auf.
„Dieser Ribault“, murmelte er, „der bringt uns nichts als Verdruß. Ich würde am liebsten ins Wasser springen.“
„Du vergißt die Haie. Und wohin willst du schwimmen? Nach Gran Cayman? Die Insel ist verflucht. Keine tausend Teufel bringen mich dorthin.“
„Außerdem bin ich ein schlechter Schwimmer. Ich habe das ja auch nur so gesagt. Mir ist elend zumute, Emile. Ich glaube, heute muß ich sterben.“ Willem ließ den Kopf hängen. Der Zustand tiefster Niedergeschlagenheit nahm immer mehr zu und wollte nicht verschwinden.
Emile fand, daß es an der Zeit war, ein offenes Wort mit dem Dicken zu reden. „Hör mal zu, Willem. Während der ganzen Zeit der Überfahrt bist du nicht an Deck erschienen, du hast die Tage hier, in dem muffigen Salon, verbracht. Das ist nicht gut für dich. Komm mit an Deck und schnapp ein bißchen frische Luft. Das heitert dich wieder auf.“
„Du weißt doch, daß ich nicht gern laufe.“
Emile beugte sich zu ihm hinunter. „Du benimmst dich lächerlich. Reiß mir den Kopf ab, wenn du willst, aber laß es dir von mir gesagt sein: Du läßt dich viel zu sehr hängen. Nimm dich zusammen. Du bist der Bürgermeister von El Triunfo, wir haben dich zu unserem Sprecher und Vertreter gewählt. Es ist nicht nur dein gutes Recht, es ist deine Pflicht, die Black Queen nach ihren Plänen zu fragen.“
„Du meinst, was sie vorhat, nachdem Ribaults Schiff weitergesegelt und verschwunden ist?“
„Ja, genau das.“
„Sie wird ihn verfolgen wollen.“
„Warum hat sie dann beigedreht?“ Emile trat an die Rückwand der Kammer und öffnete die Tür, die auf die Heckgalerie hinausführte. „Da, sieh doch selbst. Wir segeln nicht mehr. Was hat das zu bedeuten? Die drei anderen Galeonen liegen auch beigedreht in der See. Interessiert es dich denn überhaupt nicht, zu erfahren, was jetzt aus uns wird? Die Männer von El Triunfo sehen zu uns herüber. Wie lange willst du noch tatenlos herumhocken?“
Willem Tomdijk fühlte sich bei seiner Ehre gepackt. Mit einem Ruck erhob er sich – diesmal klappte es gleich beim ersten Versuch. Er warf einen Blick zur Tür hinaus, stieß ein grimmiges Brummen aus und bewegte sich mit seinem typischen Watschelgang durch den Salon. Seine Füße waren nach außen gerichtet, seine Beine schienen kaum das Gewicht seines Körpers zu halten. Erstaunlich schnell begab er sich jedoch auf den Mittelgang. Emile rammte die Heckgalerietür hinter sich zu und folgte ihm.
Gemeinsam traten sie durch das Achterdecksschott auf die Kuhl. Sofort ertönte über ihnen eine barsche Stimme. „Ihr beiden! Verschwindet! Ihr habt hier nichts zu suchen!“
Willem fuhr zusammen wie von der Tarantel gestochen. Heftig wandte er sich um und blickte zu Caligula, dem Sprecher, auf.
„Wann ich auf Deck erscheine und wann nicht, bestimme ich selbst!“ schrie er.
„Irrtum! Hier fliegen gleich die Fetzen!“
„Wo ist die Black Queen?“ schrie Willem mit überschnappender Stimme.
„Hier!“ rief sie und war mit zwei Schritten neben Caligula. Drohend blickte sie ihn an. Ihre Stimme klang scharf und schneidend. „Schluß jetzt! Ab mit dir, Caligula! Ich will kein Wort mehr hören!“ Diesmal war es ihr ernst. Sie hatte die Farce satt und war entschlossen, energisch durchzugreifen, falls die Streitereien nicht aufhörten. „Schieb ab, wird’s bald?“ fuhr sie den schwarzen Riesen an.
Caligula begriff, daß es keinen Sinn hatte, ihr zu widersprechen. Sie war von rasch aufbrausendem, jähzornigem Temperament und konnte fuchsteufelswild werden, wenn man wagte, ihr zu widersprechen. Dann wurde sie auch sehr schnell handgreiflich – und sie war stärker, als mancher Kerl es von ihr annahm. Sie konnte es mit jedem Mann aufnehmen, auch mit Caligula.
Er wandte sich ab und begab sich nach achtern zum Rudergänger, versäumte aber nicht, im Herumdrehen noch einen haßerfüllten, mordlustigen Blick auf Willem abzuschießen.
Die Queen winkte dem Holländer und dem kleinen Franzosen zu. „Hier herauf!“ Ihr Tonfall war weniger kalt, aber immer noch herrisch. Sie verlangte, daß man ihr gehorchte und duldete kein Zögern. Willem und Emile spürten es. Sie enterten das Achterdeck über den Backbordniedergang.
Der Mantel der katzenhaften Freundlichkeit war von der Queen abgefallen, sie zeigte ihr wahres Gesicht. Sie hatte es ohnehin satt, Willem Honig um den Bart zu schmieren, obwohl sie andererseits auch nicht plante, ihn auszubooten. Nur: Die Gegebenheiten verlangten ihre äußerste Härte und Entschlossenheit.
Sie wartete, bis die beiden vor ihr standen, dann sagte sie: „Ich weiß, was ihr wollt. Ihr wollt wissen, was los ist und wie es weitergeht. Also schön. Es ist euer gutes Recht, alles zu erfahren. Aber wenn es zum Gefecht kommt, rate ich euch, das Deck zu räumen. Euer Leben ist euch doch sicher lieb.“
„O ja“, sagte Willem. Er hatte große Angst, aber er riß sich zusammen. „Und welchen Sinn hat es, diesen Ribault zu verfolgen?“ fragte er.
„Wir verfolgen ihn nicht. Wir warten hier auf ihn. Du mußt zugeben, daß das ein großer Unterschied ist.“
„Du meinst – er kehrt zurück?“ fragte Willem entgeistert.
„Mit Sicherheit. Er ist zur Ostseite von Gran Cayman gesegelt und holt Verstärkung“, erwiderte sie. „Du mußt wissen, daß er Verbündete wie den Seewolf und eine Bande von behelmten Nordmännern hat – Narren, die sich für ihn schlagen. Sie dachten, sie könnten uns hier eine Falle stellen, aber sie haben sich getäuscht.“
Willem war erblaßt, der Gedanke an die bevorstehende Schlacht ließ seine Knie weich werden. „Läßt sich das Gefecht denn nicht verhindern? Denk doch an die schönen Schiffe.“
„Es ist Ribault, der uns angreift“, sagte die Queen kühl. „Wir weichen nicht vor ihm zurück. Diese Blöße geben wir uns nicht. Wenn er uns herausfordert, schlagen wir voll zurück. Und vergiß nicht, daß er mit Rivero zusammen als Spion für die Spanier arbeitet.“ Sie fuhr herum und schrie zur „Aguila“ hinüber, die auf Rufweite herangestaffelt war: „Wollt ihr vor Ribault und Rivero kneifen?“
„Nein!“ rief Jaime Cerrana erbost zurück. „Lieber jage ich mir eine Kugel durch den Kopf! Und mit Rivero habe ich noch ein Hühnchen zu rupfen!“
„Wollt ihr also den Kampf?“
„Ja!“
Rufe schallten auch zwischen der „Aguila“ und der „Buena Estrella“ sowie der „Vascongadas“ hin und her. Rasch hatten sich die Siedler an Bord der beiden spanischen Galeonen davon überzeugt, daß es gut war, die „Le Vengeur III.“ und deren Verbündete zu vernichten. Schließlich waren das spanische Spione – so stellte die Queen es dar, und so nahmen die Männer es ihr auch unbesehen ab.
„Siehst du, Willem“, sagte die Queen. „Es herrscht Einigkeit, wir brauchen nicht abzustimmen. Die Umsiedlung nach Tortuga und Hispaniola darf durch Bastarde wie Ribault, Rivero und die Rote Korsarin nicht verhindert werden. Will dir das nicht in den Kopf?“
„Na-natürlich will mir das in den Kopf“, erwiderte er.
„Also hast du nichts an meinen Befehlen zu kritisieren?“ Durchdringend blickte sie ihn an.
„Absolut nichts.“
„Das habe ich gewußt“, sagte sie. „Dann überlege dir, ob du beim Kampf auf dem Achterdeck bleiben willst oder nicht. Ich würde es schätzen, dich an meiner Seite zu wissen, aber ich weiß nicht, ob du die Courage hast.“
Willem wußte selbst nicht, wie ihm geschah.
„Ich bleibe“, sagte er heiser. „Emile, du hast die freie Wahl.“
„Ich? Oh, ich muß nachsehen, ob die Kombüsenfeuer schon gelöscht worden sind.“ Mit diesen Worten verschwand Emile Boussac vom Achterdeck, eilte über die Kuhl und schlüpfte durch das Vordecksschott in die Kombüse. Aufatmend lehnte er sich mit dem Rücken gegen die Wand des Raumes.
Der Koch lachte hämisch. „Hast du die Hosen schon voll? Warte, bis dir die Kugeln und die Schiffstrümmer um die Ohren fliegen. So heiß ging es bestimmt nicht her, als dir deine Kneipe über dem Kopf zusammenbrach.“
Emile war elend zumute. Er war kein Held, aber ein bißchen zäher als Willem war er doch, jedenfalls bildete er sich das ein. Willem, dessen war er sicher, würde seinen heroischen Entschluß, auf dem Achterdeck zu bleiben, noch bereuen.
10.
Die „Le Vengeur III.“ hatte die „Isabella IX.“ und den Schwarzen Segler erreicht und drehte mit aufgegeiten Segeln auf Rufweite bei.
„Die Queen scheint uns durchschaut zu haben!“ rief Jean Ribault. „Sie denkt nicht daran, uns weiter zu verfolgen! Sie liegt mit ihrem Verband zwei Meilen nördlich querab der Todesbucht und wartet ab!“
„So ein Mist“, sagte der Seewolf. „Auf diese Weise packen wir sie also nicht.“
„Das habe ich mir schon gedacht“, sagte der alte O’Flynn.
„Warum hast du uns dann nicht gewarnt?“ fragte Big Old Shane drohend. Er lag fast ständig mit dem Alten im Streit, vor allem wegen dessen Aberglaubens.
„Ihr hättet ja sowieso nicht auf mich gehört“, erwiderte er störrisch.
Während sich der Disput zwischen ihnen entwickelte, faßte der Seewolf rasch seinen Entschluß. Er mußte erkennen, daß sein Plan nicht geklappt hatte. Die Queen war raffinierter, als er gedacht hatte, sie ging ihm nicht auf den Leim.
„Ruhe!“ rief Hasard, und jedes Gespräch verstummte. „Angriff ist die beste Verteidigung! Wenn wir die Queen noch stellen wollen, ist das unsere einzige Möglichkeit!“
„Dann verfahren wir nach dem Motto!“ brüllte Thorfin Njal von Bord des Schwarzen Seglers. „Auf was warten wir noch? Ich habe mein Messerchen gewetzt, aber wenn wir noch länger hier herumdümpeln, fängt es an zu rosten!“
„Jean, Siri-Tong, seid auch ihr einverstanden?“ rief der Seewolf.
„Ja!“ tönte es zweistimmig zurück.
„Den Anker lichten!“ schrie Hasard. „Wir gehen auf Kurs Norden, fallen nach drei Meilen ab und segeln vor dem Wind auf den Gegner zu!“
„Alle Mann auf Posten!“ brüllte Carberry. „Wird’s bald, ihr Kakerlaken? Bindet euch die Hosenbeine zu und zurrt die Ohren fest, damit sie euch nicht abfallen! Mister Davies, soll ich dir dein dämliches Grinsen aus dem Gesicht wischen? Bewegt euch, ihr Rübenschweine, hopp, hopp, keine Müdigkeit vorschützen! Ihr beiden – bringt die Hündin weg!“ Damit waren die Zwillinge gemeint, die auch sofort Plymmie in die Kombüse führten und einsperrten. „Sir John, du Nebelkrähe, verzieh dich!“ brüllte Carberry, und auch der Aracanga zog es vor, im Achterdeck Deckung zu suchen.
Es wurde ernst. Das Versteckspiel war vorbei, die Karten wurden offen auf den Tisch gelegt. Deswegen brauchten die Männer an Bord der drei Schiffe auch nicht mehr zu schweigen. Die Queen und deren Spießgesellen konnten das Gebrüll ohnehin nicht hören – der Wind trug es ins Innere der Insel.
Die Queen sah ihren Feind erst, als die „Le Vengeur III.“, die „Isabella IX.“ und der Schwarze Segler an der Nordostseite von Gran Cayman aus dem Morgendunst hervorstießen und Kurs auf ihre vier Galeonen nahmen.
Rasch schrumpfte der Abstand zwischen den beiden Parteien zusammen. Die Reichweite der Kanonen war jetzt fast gewährleistet, gut eine Meile lag zwischen den vier Galeonen und den drei Schiffen des Seewolfs. Aber kein Schuß fiel. Eine Nervenprobe begann – wer würde als erster feuern?
Hasard hatte den strikten Befehl gegeben, ohne sein Zeichen nicht das Feuer zu eröffnen. Daran hielten sich die Männer. Sie kauerten an ihren Geschützen und spähten aus zusammengekniffenen Augen zum Gegner, aber noch entzündeten sie nicht die Enden der Lunten in der Glut der bereitstehenden Kupferbecken.
Ferris Tucker stand an seiner Höllenflaschenabschußkanone, Big Old Shane und Batuti hielten sich mit ihren Langbögen aus englischer Eibe bereit. Sie schickten sich an, in den Großmars und Vormars der „Isabella“ aufzuentern, aber auch dazu warteten sie den Befehl des Seewolfes ab.
Thorfin Njal thronte wie Odin höchstpersönlich auf seinem Achterdecksstuhl und rührte sich nicht. Seine Miene war wie versteinert, kein Muskel zuckte in seinem Gesicht. Gespannt blickten seine Männer voraus, und auch auf dem Schwarzen Segler waren die Kanonen feuerbereit und glomm die Holzkohlenglut in den Metallbecken.
Die „Le Vengeur III.“ segelte am weitesten nach Norden versetzt. Noch hielten die drei Schiffe – die „Isabella“ lag in der Mitte, „Eiliger Drache“ segelte am dichtesten unter Land – auf Parallelkurs auf den Feind zu, aber das sollte sich rasch ändern. Platt lagen sie vor dem Wind, prall waren die Segel gebläht, aber plötzlich, ohne ein vom Gegner erkennbares Zeichen, luvten die „Le Vengeur“ und der Schwarze Segler leicht an, so daß der Dreierverband auseinanderfächerte.
Nun war es doch die Black Queen, die als erste die Nerven verlor. Sie ließ die Segel setzen. Jaime Cerrana und die Kapitäne an Bord der „Vascongadas“ und der „Buena Estrella“ folgten ihrem Beispiel, die Galeonen gingen auf Kurs.
Vom Bug der „Caribian Queen“ löste sich ein Schuß – eine Drehbasse war gezündet worden. Der Schuß raste hoch und senkte sich bogenförmig auf das Wasser, er lag vor dem Bug der „Isabella IX.“. Eine Wasserfontäne stieg auf, bildete eine Schaumkrone und fiel rauschend wieder in sich zusammen. Das war der Auftakt zum Gefecht.
„Anluven!“ schrie die Black Queen. „Kurs Norden! Eine volle Breitseite abgeben!“
Die Rauchwolke, die von der vorderen Drehbasse aufgestiegen war, verpuffte, mit fliegenden Fingern lud der Geschützführer nach. An den Steuerbordkanonen hockten die Piraten bereit zum Schuß. Das Schiff legte sich an den Wind und krängte nach Backbord, eine unsichtbare Macht schien sich gegen die Bordwand zu stemmen. In engem Bogen holte das Schiff herum, und die Mündungen der Kanonen richteten sich auf die „Isabella“, die ihren Kurs nicht geändert hatte und tollkühn auf den Gegner zuhielt.
Willem Tomdijk fuhr sich mit der Hand an den Hemdkragen. Ihm war plötzlich sehr heiß, und er schwitzte am ganzen Körper. Welcher Teufel hatte ihn geritten, als er sich dazu entschlossen hatte, an Deck zu bleiben? Warum floh er nicht?
Er war versucht, das Achterdeck zu räumen, aber irgend etwas hielt ihn fest. Er war unfähig, sich zu rühren. Und dann war es auch schon zu spät, noch etwas zu unternehmen. Das Gefecht begann.
„Feuer!“ schrie die Queen.
Die Geschützführer der Steuerbordseite senkten ihre glühenden Luntenstöcke auf die Bodenstücke der Kanonen. Es zischte und funkte, dann lösten sich die Kugeln mit urweltlichem Donner aus den Rohren. Das ganze Schiff erbebte unter dem Krachen und Grollen, die Kanonen rumpelten auf den Hartholzrädern ihrer Lafetten zurück. Dröhnend raste die Breitseite auf die „Isabella“ zu.
Der Seewolf hielt hartnäckig den Kurs. Die „Isabella“ wandte der „Caribian Queen“ ihre Bugpartie zu und bot eine relativ geringe Angriffsfläche. Wie auf Kommando lagen die Männer bäuchlings auf den Planken – keine Sekunde zu spät, denn die Kugeln waren heran.
Vier, fünf Stück flogen vorbei, an Backbord und an Steuerbord, doch der Rest der Ladung lag im Ziel. Es krachte, prasselte, knackte und barst, und etwas schien von unten her die Galion aufzuschlitzen. Der Bugspriet ruckte hoch, die Blinden flatterten an ihren Rahen, Hämmer schienen gegen die vordere Querwand der Back zu schlagen. Trümmer wirbelten durch die Luft und landeten auf dem Hauptdeck und dem Quarterdeck, so heftig war der Aufprall.
Al Conroy und Smoky rollten auf der Back bis zur achteren Balustrade, rappelten sich fluchend wieder auf und stürzten zurück zu den Drehbassen. Sie waren unverletzt. Auf dem Hauptdeck rieb sich Bob Grey den Hinterkopf, er war von einem Plankenteil getroffen worden. Aber außer einer Beule hatte auch er nichts abbekommen.
„Drehbassen – Feuer!“ schrie der Seewolf.
Belfernd entluden sich die Hinterlader. Sie ruckten in ihren Gabellafetten, und fast wirkte es so, als würden sie sich losreißen. Doch die Balustrade der Back war nicht so stark beschädigt, wie es anfangs den Anschein gehabt hatte. Auch der Bugspriet stand noch, und die Löcher in der Galion und im Bug lagen zum Glück oberhalb der Wasserlinie.
Noch während die Drehbassenkugeln zum Feind hinüberflogen, gab Hasard den Befehl zum Anluven. Wie die „Caribian Queen“ legte sich die „Isabella“ auf Kurs Norden. Die Black Queen versuchte unterdessen, vom Wind abzufallen und eine Halse zu fahren, aber sie war nicht schnell genug.
Wieder schrie der Seewolf „Feuer“, und die Siebzehn- und Zwanzigpfünder der Backbordseite spuckten Eisen, Feuer und Rauch aus.
Drei Löcher hackten die Kugeln in die Bordwand der „Caribian Queen“, drei weitere Kugeln heulten flach über die Decks weg. Die Piraten brüllten auf. Wassersäulen stiegen neben der Bordwand auf, die Gischt näßte die Decks der „Caribian Queen“. Es gab einen Toten und zwei Verletzte, und das Wutgeheul der Kerle ging in dem Johlen und Pfeifen der Arwenacks unter.
„Halsen!“ schrie Hasard. „Näher an den Feind heran! Steuerbordgeschützfeuer – bereithalten! Shane, Batuti – die Brandpfeile einsetzen! Ferris!“
„Klar zum Feuer, Sir!“ rief der rothaarige Riese.
Die „Buena Estrella“ war unterdessen nach Nordosten abgelaufen und griff die „Le Vengeur III.“ an. Die „Aguila“ und die „Vascongadas“ hielten Kurs auf Gran Cayman und versuchten, den schwarzen Segler in die Zange zu nehmen. Auf allen Schiffen donnerten die Kanonen, ein ohrenbetäubendes, gewaltiges Grollen rollte über die See. Bordwände zitterten, Masten erbebten, Trümmer flogen hoch durch die Luft. Männer schrien, und die See war von rauschenden Fontänen aufgewühlt.
Willem Tomdijk war leichenblaß, ihm drohten die Sinne zu schwinden. Er wich bis an die Heckreling zurück und versuchte, in dem Durcheinander, dem tosenden Inferno und heulenden Irrsinn noch etwas Klares zu erkennen. Es gelang ihm nicht. Fetter schwarzer Rauch zog in dichten Schwaden über die See und hüllte die Schiffe ein. Wo war der Gegner, wo die Verbündeten? Willem wußte es nicht mehr.
Er sah die Queen und Caligula wie Schemen auf und ab eilen und hörte ihre gebrüllten Befehle. Die „Caribian Queen“ hatte ihre Halse vollendet, und jetzt brüllten die Backbordgeschütze wie todwunde Riesentiere. Feuerblitze stachen wie dicke Keile in die Luft, und plötzlich jaulten auch wieder die Kugeln des Feindes heran. Ein Stakkato von Einschlägen traktierte die „Caribian Queen“, die Kerle fluchten und schrien. Willem sank auf die Knie und stieß ein jammerndes Gebet aus.
Etwas huschte auf ihn zu, er warf sich hin. Eine Kugel – sie riß ein Stück der Reling mit, taumelte der See entgegen und landete mit einem Zischen im Wasser.
Willem kroch wie von Sinnen weiter nach achtern. Er hatte begriffen, daß er nur wie durch ein Wunder dem Tod entgangen war. Er war seinem Schicksal ausgeliefert, jeden Augenblick konnte eine neue Kugel nahen, die diesmal seinem Leben ein jähes Ende setzte. Er wollte nicht sterben, aber er wußte nicht, wo er sich verkriechen sollte.
Die „Caribian Queen“ luvte wieder an, die Lage des Schiffskörpers veränderte sich. Die Krängung brachte Willem ins Rutschen – und mit einem schrillen Schrei schoß er durch die Lücke in der Heckreling. Er konnte sich nicht mehr festhalten, nichts hielt sein Abgleiten auf. Brüllend segelte er durch die Luft und verschwand mit einem gewaltigen Klatscher im Wasser.
Der Queen war es jedoch nicht entgangen.
„Mann über Bord!“ schrie sie. „Fischt ihn wieder auf! Es ist der Dicke!“
Pitcairn, ihr bester Schwimmer, mußte über das Schanzenkleid der Kuhl außenbords springen. Er tauchte mit einem Kopfsprung unter, schoß wieder hoch und hielt mit schnellen, knappen Zügen auf den zappelnden, wasserschluckenden Willem zu.
11.
Das mörderische Gefecht tobte hin und her. Eine Höllenflasche der „Isabella“ landete zischend auf dem Hauptdeck der „Caribian Queen“, Brand- und Pulverpfeile, von Shane und Batuti abgeschossen, stachen in die Takelage und setzten die Segel in Brand. Die Black Queen setzte sich mit allen Mitteln zur Wehr, aber sie mußte einen Teil ihrer Crew dazu abkommandieren, die hier und da aufflackernden Feuer zu löschen.
Die Explosion der Flaschenbombe riß ein Loch in die Planken, und zwei Piraten wälzten sich verletzt neben dem Großmast und stießen entsetzliche Laute aus. Pausenlos gellten die Befehle der Black Queen über die Schiffsdecks, aber sie konnte die entstehende Wuhling kaum noch verhindern.
Caligula griff sich eine neunschwänzige Katze und hieb damit wutentbrannt auf die Kerle ein. Er war außer sich vor Zorn und Haß. Aber sein Fluchen nutzte ihm nichts, es änderte nichts an der prekären Lage, in der sich die „Caribian Queen“ plötzlich befand.
Um sich vor neuen Höllenflaschen und Brandpfeilen zu schützend entfernte sich die Queen vorsichtshalber etwas aus dem unmittelbaren Schußbereich der „Isabella“. Der dichte Rauch schützte sie und entzog sie für kurze Zeit den Blicken des Gegners.
Jean Ribault und Siri-Tong trotzten unterdessen den Angriffen der „Buena Estrella“, die ihnen zwar der Armierung nach überlegen war, aber nicht so schnell manövrieren konnte. Folglich nutzte die Crew der „Le Vengeur III.“ ihre Wendigkeit aus. Mal brachte sie dem Gegner Schaden bei, mal fügte dieser ihr Treffer zu. Keiner gewann die Oberhand, die Lage schien verhext zu sein.
Auch der erbitterte Kampf zwischen der „Vascongadas“, der „Aguila“ und dem Schwarzen Segler wurde mit hohem Einsatz an Munition geführt, brachte aber keine Entscheidung. Jaime Cerrana, der sich am mutigsten auf das Schiff der Wikinger stürzte, war bereit, an Zauberei zu glauben: Auch die schlimmsten Treffer verwüsteten den düsteren Viermaster nicht, er schien aus Eisen gebaut zu sein. Nie hatte er, Cerrana, einen unheimlicheren Gegner vor sich gehabt.
Zwei Brandsätze, die von „Eiliger Drache“ herüberzischten und die Segel der „Vascongadas“ in Brand setzten, brachten Unruhe und Panik in die Piratenmannschaften. So zog sich die „Vascongadas“ vorläufig aus dem Gefecht zurück.
Die Siedler von El Triunfo waren zutiefst erschüttert – etwas Ähnliches hatten sie trotz vieler Überfälle auf spanische Galeonen noch nicht erlebt. Wer waren die behelmten Kerle auf dem Achterdeck des düsteren Schiffes, welcher grauen Vorzeit waren sie entstiegen? Keiner wußte eine Antwort darauf.
Doch auch Thorfin Njal gelang es nicht, den Gegner so zu packen, daß er ihn versenken oder entern konnte. Geschickt wich die „Aguila“ jedem Annäherungsversuch aus. Sie ließ sich auch nicht rammen. Cerrana, das mußte ihm der Neid lassen, verstand etwas vom seemännischen Handwerk.
So gewann keine Seite die eindeutige Überlegenheit im Gefecht. Immer noch donnerten die Kanonen, aber ihre Böller waren nicht mehr so dicht und rasch aufeinanderfolgend wie zuvor. Bei der Queen ließen der Kampfeifer und die Energie nach, Feuer mußten erstickt und Verwundete versorgt werden. Eine neue Taktik setzte sich durch: Man umschlich sich gegenseitig, ohne mit frischem Elan neue Attacken zu starten.
Aus Willem Tomdijks Sicht mutete der Status quo weitaus dramatischer an, als er in Wirklichkeit war. Er sah einen Toten an sich vorbeitreiben, sah Feuer, Rauch und Trümmer, und es war ihm, als müsse eine Galeone der Queen sinken. Welche es war, vermochte er nicht festzustellen. Er hörte das Schreien der Verwundeten, und wieder packte ihn alles Elend der Welt, so daß er unterging und einen tüchtigen Schwall Wasser schluckte.
Der Selbsterhaltungstrieb überwog. Wieder tauchte Willem auf und schlug mit den Händen um sich.
„Hilfe!“ schrie er. Er hätte sich besser treiben lassen – Fett schwimmt oben. Doch seine Panik raubte ihm den Verstand.
Dann sah er einen Kerl mit wüst verzerrtem Gesicht auf sich zuschwimmen. Einer der Kerle aus der Crew der Queen – hatte Caligula ihn geschickt?
„Hilfe!“ brüllte Willem. „Er will mich töten!“
„Halt die Luft an, Fettsack!“ stieß Pitcairn hervor. „Ich soll dich retten!“
Fast grotesk mutete das an, was sich nun im Wasser abspielte. Pitcairn versuchte, dem Dicken unter die Achseln zu greifen, um ihn abzuschleppen. Aber das war bei weitem nicht so einfach, wie er sich das vorgestellt hatte. Willem setzte sich zur Wehr. Er zappelte und kreischte und entzog sich immer wieder dem Griff des Piraten.
Pitcairn mußte selbst um sein Leben kämpfen, Willem drohte ihn unterzutauchen, seine Hände schlossen sich um Pitcairns Hals. Da sah der Pirat nur noch eine Möglichkeit. Er ließ sich mit Willem an die Wasseroberfläche treiben, schnappte nach Luft und hieb ihm die Faust unters Kinn.
Willem versank in tiefer Ohnmacht. Pitcairn schleppte ihn unter erheblichen Schwierigkeiten zur „Caribian Queen“, wo inzwischen ein Tau abgefiert worden war, an dem er sich festklammern konnte. Immer wieder drohte der Dicke seinem Griff zu entgleiten.
Die Black Queen ließ den Bootsmannsstuhl abfieren. Mit größter Mühe verfrachtete Pitcairn Willem in die Sitzgelegenheit und zurrte ihn fest, dann wurde der Dicke an Bord gehievt. Keuchend enterte auch Pitcairn auf und ließ sich keuchend auf die Planken sinken.
„Dieser Hurensohn!“ fluchte er. „Den ziehe ich nicht noch mal aus dem Teich!“
„Wir hätten ihn besser ersaufen lassen“, zischte Caligula, aber er hütete sich, es laut auszusprechen. Er wollte nicht schon wieder Ärger mit der Queen, sie war ohnehin außer sich vor Wut.
Willem erlangte wenig später das Bewußtsein und sah das Gesicht der Black Queen über sich.
„Ich habe dich gerettet, Willem Tomdijk“, sagte sie. „Aber laß so was nicht noch mal passieren. Das nächstemal überlasse ich dich den Haien. Ab mit dir in die Kammer, wir können dich hier nicht brauchen.“
Willem schlich davon wie ein geprügelter Hund. Er verkroch sich in dem Salon des Achterdecks und trank mit gierigen Schlucken einen ganzen Humpen Bier leer.
Nein, dachte er, das passiert mir auch nicht wieder. Ich spiele bei diesem ganzen Wahnsinn nicht mehr mit. Der Teufel soll die Queen, Caligula und ihre Bande von Teufeln holen.
Hätte er geahnt, was ihn erwartete, hätte er der Umsiedlung von El Triunfo nach Tortuga und Hispaniola niemals zugestimmt. So aber mußte er mit den Wölfen heulen und sich zwangsläufig den Gelegenheiten fügen.
Auch Emile Boussac, der sich in der Kombüse in Deckung geworfen hatte, hatte keine andere Wahl. Er richtete sich zwischen den Kesseln auf, die sich aus ihren Halterungen gelöst hatten und durcheinanderrumpelten, und dachte: Ich will verflucht sein, wenn ich mich jemals wieder auf solch ein Mordunternehmen einlasse. Dann kroch er zu dem Koch, der durch eine heruntergefallene Pfanne am Kopf verletzt worden war, und begann, ihn zu verarzten.
Caligula trat auf dem Achterdeck zur Black Queen.
„Die Feuer sind gelöscht“, sagte er.
„Wie viele Tote haben wir?“
„Drei.“
„Verletzte?“
„Sechs Mann. Sie werden versorgt.“
„Werft die Toten in die See“, sagte die Queen. „Ladet die Geschütze nach. Wir warten ab, was die Bastarde als nächstes unternehmen. Wenn sie nicht angreifen, unternehmen wir auch nichts.“
„Warum versuchen wir nicht, das Schiff des Seewolfs zu entern?“ fragte er wutbebend.
„Ich will nicht zu viel riskieren“, erwiderte sie. „Das Kräfteverhältnis ist gleich, es gelingt uns nicht, die Hundesöhne zu überrumpeln.“
„Und die ‚Le Vengeur‘?“
„Du kannst zu ihr schwimmen und sie entern, wenn du willst“, sagte die Queen kalt.
Caligula glaubte, den Verstand verlieren zu müssen. Er hatte sich das Gefecht einfacher vorgestellt und auf das Duell gegen Ribault oder Siri-Tong gewartet. Jetzt war alles ganz anders, kein Sieg, kein Entermanöver, kein Blankwaffenkampf an Bord der „Le Vengeur“ oder der „Isabella“ – es war alles wie verhext. Wutschnaubend mußte auch er einsehen, daß es vorläufig in dieser Schlacht keine Ansatzpunkte mehr gab.
In der Endphase des Gefechts hatte sich also eine Art Patt-Situation ergeben. Es fiel kein Kanonenschuß mehr. Der Rauch verzog sich allmählich, die Konturen der Schiffe schälten sich aus den Schwaden hervor. Beigedreht und mit aufgegeiten Segeln lagen die vier Galeonen der Black Queen vor der Nordküste von Gran Cayman, und nur anderthalb Meilen entfernt verholten die „Isabella“, die „Le Vengeur“ und der Schwarze Segler in dichtem Verband, um sich gegen neue Ausfälle des Feindes zu schützen.
Thorfin Njal fluchte Mord und Bein, seine Stimme dröhnte zur „Isabella“ und zur „Le Vengeur“ hinüber. „Bei Geri und Freki, Odins Raben, bei allen Teufeln der Hölle! Zerspringen sollen diese Bastarde, die Pest soll sie zerfressen!“
„Was ist los, Thorfin?“ schrie Hasard.
„Sie haben mich mit einem Treffer am Ruder erwischt!“
„Seid ihr manövrierunfähig?“
„Fast!“ erwiderte der Wikinger. „Das schlägt dem Faß den Boden aus! Ich habe es erst jetzt festgestellt! Beim Donner, das zahle ich ihnen heim!“
„Jean!“ rief der Seewolf. „Wie sieht es bei dir aus?“
„Sie haben uns den Bugspriet und den Fockmast weggeschossen“, entgegnete der Franzose. „Damit sind wir noch bedingt gefechtstauglich. Aber wir können trotzdem noch von Glück reden. Wir haben keine Toten und nur ein paar Leichtverletzte!“
„Bei uns auch nur ein paar Kratzer!“ brüllte Thorfin Njal. „Aber wie ist bei dir die Lage, Hasard?“
„Geringe Gefechtsschäden“, erwiderte der Seewolf. „Keine Toten, keine Verwundeten, nur ein paar Beulen und Abschürfungen. Wir sind noch voll einsatzbereit.“
„Deck!“ schrie Dan O’Flynn, der zu Big Old Shane in den Großmars der „Isabella“ aufgeentert war. Sofort hatte er mit dem Kieker Umschau gehalten, um sich von dem Zustand des Feindes ein Bild zu verschaffen. „Die Schiffe der Queen sind beschädigt, alle vier! Aber sie scheinen noch manövrierfähig zu sein! Am schlimmsten sieht es auf der ‚Caribian Queen‘ aus!“
„Ja“, sagte Ben Brighton. „Wir haben ihnen ganz schön eingeheizt. Ich frage mich aber, ob es überhaupt etwas genutzt hat.“
„Die Katze läßt das Mausen nicht“, sagte Old Donegal Daniel O’Flynn mit Leichenbittermiene. „Und der Schlagetot läßt das Töten nicht. Wenn sie Luft geschnappt hat, holt sie zu ihrem nächsten Schlag aus. Achtung, Männer, der Tanz ist noch nicht vorbei.“
Diesmal sollte er sich irren. Gut eine Stunde verstrich, ohne daß auf beiden Seiten nennenswerte Aktivitäten ergriffen wurden. Pausenlos beobachteten die Parteien sich gegenseitig, jeder war auf einen Ausfall des anderen vorbereitet. Die Kanonen waren wieder feuerbereit, die Männer hockten auf ihren Gefechtsstationen.
Dennoch geschah nichts. Die Wut der Black Queen hatte sich vorerst gelegt. Sie wägte alle Gesichtspunkte der Lage ab und entschied sich für einen Kompromiß. Sie verzichtete auf eine Entscheidung. Sie wußte, daß der Seewolf ihr nicht folgen würde, da er den Kampf mit der „Isabella“ allein nicht aufnehmen konnte. Andererseits lohnte es sich auch nicht, ihn erneut anzugreifen, denn die „Isabella“, die „Le Vengeur“ und das schwarze Schiff bildeten eine kampffähige Einheit, die nicht zu brechen war.
Deshalb hielt die Queen es für richtig, Gran Cayman zu verlassen. Das Proviant- und Wasserfassen mußte auf sich warten lassen, sie war gezwungen, sich ihre Vorräte anderswo zu suchen.
Wichtig war jetzt für sie, Kurs auf Tortuga zu nehmen. Die Siedler von El Triunfo mußten in Sicherheit gebracht werden. Diese Männer hatten für ihre Zukunftspläne eine größere Bedeutung als ein sinnloses Gefecht mit einem ebenbürtigen Gegner.
Ratlos und einigermaßen verwirrt beobachteten die Männer der „Isabella“ und ihre Gefährten von der „Le Vengeur“ und „Eiliger Drache“, wie an Bord der „Caribian Queen“, der „Aguila“, der „Vascongadas“ und der „Buena Estrella“ jetzt wieder die Segel gesetzt wurden. Der Wind wehte nach wie vor aus Osten und briste jetzt etwas auf. Die „Caribian Queen“ setzte sich an die Spitze ihres Verbandes, die drei anderen Galeonen schlossen sich ihr in Dwarslinie an, leicht ramponiert, aber – wie Dan richtig erkannt hatte – noch voll seetüchtig und manövrierfähig.
„Sir“, sagte Shane, der inzwischen aus dem Großmars abgeentert war. „Ist das dein Ernst? Du läßt die Queen wirklich ziehen?“
„Überlege mal, Shane. Haben wir noch eine Chance gegen sie?“
„Mit den Pulverpfeilen und den Höllenflaschen schon. Wir könnten ihr auch ein paar Brandsätze aus Thorfins Depot zwischen die Kiemen feuern.“
„Das hat keinen Wert“, sagte Ferris Tucker. „Nur die ‚Isabella‘ reicht nicht aus. Die Hunde würden uns zusammenschießen. Betrachte die Dinge mal ein bißchen sachlicher.“
„Wir haben keine andere Wahl“, sagte der Seewolf. „Wir müssen den Verband abziehen lassen.“
„Schon gut, ich sehe es ein“, sagte der graubärtige Riese.
„Aber das war kein Kampf nach unserem Geschmack“, sagte Roger Brighton. „Ihm fehlte die Würze.“
„Nur die Ruhe“, sagte sein Bruder ironisch. „Die Würze kriegst du noch zu schmecken, mein Junge, und das nicht zu knapp, wenn mich nicht alles täuscht.“
„Richtig“, sagte der Seewolf. „Wir sind gezwungen, hierzubleiben, unsere Verwundeten zu versorgen und die Schäden an der ‚Le Vengeur‘ und dem Schwarzen Segler zu beheben. Dann sehen wir weiter.“
„Daß das letzte Wort in dieser Geschichte noch nicht gesprochen ist, steht schon jetzt fest“, fügte Old O’Flynn hinzu. „Und ich schätze, wir sehen die Queen früher wieder, als uns lieb ist.“
„Der Teufel soll sie holen“, sagte der Seewolf. „Wir haben in diesen Breiten nicht eher Ruhe, bis wir sie besiegt haben.“
ENDE

Frank Moorfield
Die Galeone der Frauen
1.
Auf Tortuga bahnte sich an jenem Novembertag im Jahre des Herrn 1593, an dem die Sonne wie ein alles versengender Feuerball am tiefblauen Himmel stand, ziemlicher Ärger an.
Doch davon ahnte Diego, der dicke Wirt der Felsenkneipe „Zur Schildkröte“, vorerst nichts. Er war noch voll damit beschäftigt, einem betrunkenen Kerl zu beweisen, daß er sein Handwerk in jeder Beziehung verstand. Dieser verluderte Bursche hatte doch tatsächlich gewagt, ihm die Faust vor die Brust zu donnern, weil er sich geweigert hatte, ihm noch mehr Wein auf Pump zu kredenzen.
Der kleine, etwas bullige Mann geiferte vor Wut.
„Dir werde ich’s zeigen, du verdammter Geizkragen!“ schrie er. „Erst haue ich dich in Stücke, dann nehme ich mir dieses stinkende Rattenloch vor! Du wirst noch darum winseln, mir einen Humpen Wein spendieren zu dürfen!“
Diegos Schweinsäuglein verengten sich.
„Eins sage ich dir, du mickrige Saufeule: Diegos Kneipe mag – gemessen an ihren Gästen – eine Räuberhöhle sein. Aber sie ist kein stinkendes Rattenloch, das solltest du dir merken!“
Bevor der Betrunkene den Kopf senken konnte, um ihn dem Wirt in den mächtigen Bauch zu rammen, riß dieser die Arme hoch und trieb ihn mit raschen und wuchtigen Hieben vor sich her. Schließlich packte er ihn am Kragen seines dreckigen Hemdes und verpaßte ihm einen gewaltigen Fausthieb unter das Kinn.
Der Radaubruder ächzte wie ein vom Sturm gebeuteltes Schiff, taumelte zurück und stieß gegen den Tisch, an dem er noch vor wenigen Minuten gesessen hatte. Das grobgezimmerte Möbelstück stürzte um, und der wütende Zecher ging mit ihm zu Boden. Die wenigen Schlucke Rotwein, die sich noch in seinem Humpen befunden hatten, flossen über den kühlen Steinboden.
Diegos feistes Gesicht verzog sich zu einem schadenfrohen Grinsen.
„Gleich wirst du sehen, wo Schnorrer und Ratten hingehören“, versprach er. „Und wenn du dich noch mal hier blicken läßt, stopfe ich dich kopfüber in ein Essigfaß. Da kannst du umsonst saufen, soviel du willst.“
Der Wirt der „Schildkröte“, wußte, wie man eine Kneipe so richtig „ausmistete“, schließlich gehörte das zu seiner täglichen Arbeit. Außerdem mochte er es nicht, wenn man seine inniggeliebte Goldgrube als „stinkendes Rattenloch“ bezeichnete, auch wenn es sich nur um eine tief in den Felsen reichende Höhle handelte, in der es zahlreiche Räume, Gänge und Nischen gab.
Unter dem lauten Gegröle der anderen Zecher stapfte er auf den Kerl zu, der benommen am Boden lag, packte ihn kurzerhand am Gürtel und schleifte ihn zur Tür hinaus. Dort warf er ihn schwungvoll in die Gosse.
Nachdem Diego die Hände an seiner speckigen Schürze abgewischt hatte, wollte er in die „Schildkröte“ zurückkehren. Doch da fielen seine Blicke hinunter zur Hafenbucht. Was er dort sah, ließ das Grinsen in seinem Gesicht augenblicklich verschwinden.
„Por Dios!“ entfuhr es ihm, dann schlug er hastig das Kreuzzeichen.
Ähnlich erging es vielen anderen Bewohnern Tortugas, die teils fluchend, teils mit kalten Schauern auf dem Rücken zu den vier Schiffen starrten, die in die Hafenbucht einliefen.
Drei davon waren ihnen zwar unbekannt, aber das andere genügte, um reichlich gemischte Gefühle hervorzurufen – jener düster wirkende Zweidecker nämlich, der den anderen vorausgesegelt war und gerade vor Anker ging.
„Die Black Queen ist wieder da!“ Diese Nachricht verbreitete sich in Windeseile über die Insel. Und jeder, der sie hörte, wußte, was sie zu bedeuten hatte.
In der Karibik war seit Wochen der Teufel los, und zwar in Gestalt einer Frau, deren Haut so schwarz war wie ihre Augen und ihr dichtes Kraushaar. Seit sie mit ihrem rahgetakelten Zweidecker See und Küsten verunsicherte, gab es ständig neuen Ärger. Davon hatte man auf Tortuga ohnehin schon genug.
Die Insel, die Hispaniola im Norden vorgelagert ist, galt bereits seit Jahrzehnten als berüchtigtes Piratennest, in dem sich lichtscheues Gesindel aller Rassen und Sprachen herumtrieb. Obwohl von zahlreichen Machtkämpfen heimgesucht, hatte es doch keiner geschafft, das „Schildkröteneiland“ auf Dauer zu beherrschen. Nach blutigen Gefechten waren immer wieder Zeiten der Ruhe eingekehrt.
Doch seit die Black Queen mit ihrem Zweidecker namens „Caribian Queen“ vor Tortuga aufzukreuzen pflegte, konnte selbst der friedlichste Schnapphahn nicht mehr in Frieden leben.
Wo immer die herrschsüchtige Negerin vor Anker ging, da krachten bald die Kanonen – nicht zuletzt deshalb, weil das Teufelsweib, das sich mit Vorliebe Black Queen nennen ließ, dem „Bund der Korsaren“ den Krieg erklärt hatte.
Die unermeßlichen Schätze, die auf der geheimnisvollen Schlangen-Insel lagern sollten, gingen der Piratin seit Wochen nicht mehr aus dem Kopf. Und so blieb es nicht aus, daß sie immer wieder heftig mit Jean Ribault, der Roten Korsarin, dem behelmten Wikinger und zuletzt auch mit den Seewölfen aneinandergeriet. Die Kämpfe zwischen den Schiffen von der Schlangen-Insel und der Black Queen hatten Tortuga schon bis in die Grundfesten erschüttert.
Diego kratzte sich ausgiebig am Hinterkopf.
„O heiliger Santiago!“ seufzte er und wölbte den Bauch vor, daß die Schürze zu zerreißen drohte. „Was hat das nun wieder zu bedeuten?“
Der plötzliche Aufmarsch eines ganzen Verbandes gab ihm zu denken, denn ohne Zweifel gehörten die drei sehr spanisch aussehenden Galeonen zum Gefolge der Black Queen, auch wenn er sie noch nie im Hafen von Tortuga gesehen hatte.
Ihre Namen konnte er bald entziffern. Es handelte sich um die „Aguila“, die „Vascongadas“ und die „Buena Estrella“. Die Galeonen sahen demnach nicht nur spanisch aus, sondern hatten auch spanische Namen. Außerdem befanden sich, wie er deutlich sehen konnte, jede Menge Leute an Bord. Was hatte die Black Queen diesmal vor? Er wurde das verdammte Gefühl nicht los, daß es mit dieser Flotte eine besondere Bewandtnis haben mußte.
Diego verharrte noch einen Moment auf seinem Platz, denn in der Kneipe würden sich schon die Schankknechte darum kümmern, daß die Humpen rechtzeitig nachgefüllt wurden und das Geld dafür den Besitzer wechselte.
Doch plötzlich fiel dem dicken Diego ein, daß er ja der einzige Wirt auf Tortuga war. Sein ausgeprägter Geschäftssinn erwachte blitzartig und ließ ihn rasch das böse Omen, das die Anwesenheit der Black Queen für die Insel darstellte, vergessen. Vier Schiffe – dem Herrn sei Dank! –, das bedeutete, daß seine Felsenkneipe in kurzer Zeit von durstigen Männern überschwemmt sein würde.
Das feiste Gesicht des Wirts verzog sich zu einem zufriedenen Grinsen. Viele Zecher – das brachte Zuwachs für seine Lederbeutel, die er an einem sicheren Ort tief in der Grotte auf bewahrte, die würden von Stunde zu Stunde praller werden.
Diego rieb sich die Hände. Geld stank ja bekanntlich nicht, auch nicht, wenn es von der Black Queen und ihren Schnapphähnen stammte. Außerdem – was konnte ihm schon passieren? Er war ein neutraler und friedfertiger Mensch, der es bisher immer verstanden hatte, sich aus brenzligen Situationen herauszuhalten. Er schlängelte sich gewissermaßen in der Mitte hindurch und verstand es, auf allen Schultern zu tragen. Nur so konnte man auf Tortuga überleben, das hatte er schnell herausgekriegt.
Diego hatte es jetzt sehr eilig. So schnell ihn die Beine trugen, eilte er in die „Schildkröte“ zurück. Dort trat er noch einem Betrunkenen, der auf allen vieren am Boden herumkroch, in den Hintern und verscheuchte eine allzu aufdringliche Hafenhure. Dann verzog er sich hinter seinen Schanktisch.
Nachdem er seine Gehilfen mit zahlreichen Kruken in den Weinkeller geschickt hatte, ließ er jene Tische räumen, an denen Betrunkene ihren Rausch ausschliefen. Gleich wurde jede Menge Platz gebraucht, und den verschaffte sich Diego, ohne dabei zimperlich zu sein. Schließlich mußte die „Schildkröte“ auf den großen Ansturm vorbereitet sein.
Der Hafen von Tortuga, in dem meist ein buntes Leben und Treiben herrschte, wirkte innerhalb kurzer Zeit wie ausgestorben.
Die Piers und Stege, auf denen sonst Faulenzer, Neugierige und Abstauber herumlungerten, waren plötzlich wie leergefegt. Die Schnapphähne und Händler, die in der Nähe Beutegut verhökerten, packten ihren Kram zusammen und verschwanden. Einige Fischer versuchten hastig, ihre Boote zu einem abgelegeneren Teil der Hafenbucht zu bringen – für den Fall, daß es hier wieder einmal Kleinholz geben sollte.
Die Black Queen ging zusammen mit Caligula, Jaime Cerrana, Willem Tomdijk und Emile Boussac an Land. Sie bemerkte sehr wohl die überstürzten Sicherheitsvorkehrungen, aber sie bedachte das Ganze nur mit einem zynischen Lächeln. Schließlich zeigte diese Verhaltensweise, daß man einen höllischen Respekt vor ihr hatte. Das konnte ihr bei all ihren Zukunftsplänen nur recht sein.
Vorsichtshalber hatte die schwarze Piratin nur einem Drittel aller Männer Landgang gewährt, damit die Gefechtsbereitschaft aller vier Schiffe gewährleistet blieb. Sie hatte auf Tortuga bereits ihre Erfahrungen gesammelt, und die Niederlagen, die ihr der Franzose Jean Ribault und der Wikinger mit seinem schwarzen Schiff bereitet hatten, wollte sie auf keinen Fall noch einmal erleben.
Ja, sie bot ein beeindruckendes Bild, die Black Queen, wie sie da im Gefolge übler Halunken und Halsabschneider auf die „Schildkröte“ zuhielt.
Normalerweise hätte das Gesindel, das sonst den Hafen bevölkerte, Stielaugen gekriegt und gierig mit der Zunge geschnalzt, wenn sich eine Frau wie die Black Queen gezeigt hätte – halbnackt, nur mit einem Lendenschurz bekleidet, der von einem handbreiten Ledergürtel festgehalten wurde.
So aber hielt man sich zurück und ging dieser selbsternannten Königin mit dem geradezu athletischen Körperbau tunlichst aus dem Weg, denn sie war nicht nur mit weiblichen Reizen, goldenen Ohrringen und einer kostbaren, ineinander verschlungenen Halskette ausgestattet, sondern auch mit Waffen, die an ihren eigentlichen Charakter erinnerten. In ihrem Gürtel trug sie eine wertvolle doppelläufige Pistole und ein ungewöhnlich geformtes Entermesser.
Ihr Begleiter, Partner und Liebhaber namens Caligula, Sohn des berüchtigten Oberschnapphahns Caligu, der in der Windward-Passage sein Leben ausgehaucht hatte, war nicht weniger beeindruckend. Auch er war pechschwarz und von muskulöser Gestalt. Im Gürtel, der seine weiße Pumphose festhielt, trug er die gleichen Waffen wie die Black Queen, und was Skrupellosigkeit, Verschlagenheit, Brutalität und Intelligenz betraf, stand er ihr ebenfalls in nichts nach.
Caligula war es, der sein Gesicht zu einem spöttischen Grinsen verzog.
„Das Gelichter hier scheint uns aus dem Weg zu gehen“, bemerkte er. „Das sind gute Vorzeichen für die Zukunft, denn wir werden den Bewohnern von Tortuga künftig einigen Respekt abverlangen, nicht wahr?“
Die Queen lächelte.
„Laß die Köter nur kuschen, Caligula. Was sie bereits können, brauchen wir ihnen nicht beizubringen.“
Jaime Cerrana, der neue Anführer und Kapitän der Meuterer auf der „Aguila“, lachte dröhnend.
„Das ist ein wahres Wort, Queen“, sagte er. „Eines Tages wird die ganze Karibik vor uns kuschen, einschließlich der verdammten Kerle von der Schlangen-Insel.“
Das Gesicht der Queen wurde ernst und verbissen.
„Erinnere mich nicht an diese Bastarde, Jaime! Wenn ich nur an sie denke, könnte ich rasend werden. Das wird sich erst ändern, wenn mir diese Hunde winselnd aus der Hand fressen. Und das wird bald der Fall sein, das schwöre ich euch.“
Niemand sagte etwas darauf, selbst der geschwätzige Emile Boussac nicht. Sie wußten alle, was es für Folgen haben konnte, wenn die Black Queen innerlich kochte. Da genügte mitunter ein verkehrtes Wort oder ein schräger Blick, und sie riß ihr Entermesser aus dem Gürtel und stieß zu. Das aber wollte keiner riskieren, denn die Aussicht, halbtot oder tot über die berüchtigte Totenrutsche von Tortuga ins Wasser zu gleiten, wo eine Schar gefräßiger Haie ständig auf Nachschub lauerte, war alles andere als verlockend.
Bald war die Felsenkneipe „Zur Schildkröte“ erreicht. In der Grotte herrschte buchstäblich dicke Luft, es roch nach Bier, Wein, Rum und Schweiß. An den Tischen im Schankraum und in den zahlreichen Felsnischen verstummten sofort alle Gespräche, als die Black Queen mit ihrem Gefolge eintrat und sich mit prüfenden Blicken umsah. Es fiel den Zechern sehr wohl auf, daß sie dabei stets die Hand am Griff ihrer silberbeschlagenen Pistole hatte.
Lediglich Diego glaubte es dem Ruf seiner Kneipe schuldig zu sein – und wohl auch ein bißchen dem eigenen Hals –, die neuen „Gäste“ überschwenglich zu begrüßen. Er ahnte zwar instinktiv, daß es irgendwann Ärger geben würde, aber Geschäft war eben Geschäft.
„Welch eine Überraschung, dich in meiner bescheidenen Schenke zu sehen, Black Queen“, sagte er dienernd. „Wo möchtest du dich mit deinen Leuten niederlassen? Wenn euch der Trubel stört, lasse ich natürlich einige Trunkenbolde rauswerfen.“
Diego deutete eine leichte Verbeugung an, nicht ohne einen flüchtigen Blick auf die festen, nackten Brüste der Piratin zu werfen.
„Nicht nötig“, erwiderte die Queen. „Wenn mir eine Visage nicht paßt, werfe ich den dazugehörigen Kerl schon selber raus. Doch vielleicht hast du eine ruhige Ecke für uns, von der aus man die Grotte überblicken kann.“
„Natürlich!“
Diego eilte dienstbeflissen zu einer Felsennische, um einen hageren Kerl, der dort mit glasigem Blick hockte und wie hypnotisiert auf die halbnackte Black Queen starrte, zu verscheuchen.
„Verschwinde, Pedro!“ sagte er mit gedämpfter Stimme. „Dieser Platz wird gebraucht.“
Doch der hagere Mann, dem man den Schnapphahn auf den ersten Blick ansah, zeigte keine Anstalten, sich zu erheben. Seine gierigen Blicke hatten sich an der Negerin, die mit ihren Begleitern langsam auf die Nische zuging, festgesaugt.
„Du sollst verschwinden, Pedro!“ drängte Diego und packte den Hageren an der Schulter.
Doch der schüttelte die Hand des dicken Wirts ab.
„Ich – ich denke nicht daran!“ stieß er mit schwerer Zunge hervor. „We-wegen einer hergelaufenen Hafenhure stehe ich nicht auf. Bring mir noch einen Humpen Bier, Diego!“ Auf dem zernarbten Gesicht des Mannes erschien ein anzügliches Grinsen. Er schien nicht zu begreifen, mit wem er es zu tun hatte. Lallend fuhr er fort: „Die geht aber ran, he? Ist schon fast nackt. Teufel, was für ein Weib! We-wenn sie Platz braucht, soll sie sich doch zu mir setzen! Meine Knie sind noch frei.“
Diego erbleichte, und plötzlich war es in der Grotte so still, als befände man sich auf einem Friedhof.
Die Black Queen verhielt ihre Schritte, ihre pechschwarzen Augen funkelten böse.
„Du scheinst mich mit jemandem zu verwechseln, du Mistkerl“, sagte sie mit gefährlich leiser Stimme. „Deshalb wird es Zeit, daß du mich kennenlernst. Ich mag es nämlich nicht, wenn mich ein stinkender Ziegenbock als Hafenhure bezeichnet.“
Wie durch Zauberei lag plötzlich die doppelläufige Pistole in ihrer Hand. Ein Schuß krachte, und aus einem der beiden Läufe stach eine grelle Mündungsflamme hervor. Ohne noch einen Laut von sich zu geben, kippte der hagere Kerl von der Holzbank. Auf seiner Stirn klaffte ein Loch.
Die Queen drehte sich mit steinernem Gesicht um, immer noch die Pistole in der Hand haltend.
„Möchte noch jemand ein anzügliches Kompliment loswerden?“ fragte sie, und ihre Stimme klang unsagbar kalt und böse. „Ich habe noch eine Kugel im zweiten Lauf, und die Haie, die unter der Totenrutsche warten, vertragen bestimmt noch einen zweiten Happen.“
Es herrschte noch immer Totenstille. Niemand rührte sich. Selbst diejenigen, die nach ihren Humpen gegriffen hatten, führten sie nicht zum Mund.
Die Black Queen selber löste die allgemeine Verkrampfung.
„Laß den Toten wegschaffen, Diego“, sagte sie und schob die Pistole in den Gürtel zurück.
Noch während der Wirt dafür sorgte, daß die Schankknechte die Leiche hinaustrugen, ließ sich die schwarze Piratin, als sei nicht das geringste vorgefallen, mit Caligula, Willem Tomdijk, Jaime Cerrana und Emile Boussac in der „frei gewordenen“ Nische nieder.
„Bring uns Wein, Diego“, sagte Caligula, „aber den besten Tropfen, den du im Keller hast.“
Diego, der heftig schwitzte, eilte zum Schanktisch und griff sich einige der bereitstehenden Kruken. Einen Helfer beauftragte er damit, die Humpen zu tragen.
Inzwischen wanderten die Blicke der Queen und ihrer Begleiter durch die Grotte. Eine ganze Reihe von Zechern hatte es plötzlich eilig mit dem Verlassen der „Schildkröte“, viele aber wagten nicht einmal, sich von ihren Plätzen zu erheben.
Den dicken Diego störte es nicht, wenn zahlreiche Holzbänke frei wurden, denn er erwartete noch jede Menge Gäste von den vier Schiffen.
Nachdem die Humpen mit funkelndem Rotwein gefüllt waren, trank die Black Queen einen Schluck und stellte den Humpen auf den Tisch.
„Setz dich, Dicker“, erklärte sie. „Ich habe dir einiges zu sagen.“
Diego verspürte ein flaues Gefühl in der Magengegend. Was hatte diese Aufforderung zu bedeuten? Was wollte die Black Queen von ihm? Hatte sie gar etwas an seinem Wein auszusetzen? Du lieber Himmel, er hatte wirklich den besten Tropfen aus dem Keller holen lassen!
Der dicke Wirt setzte sich.
„Was – was gibt es?“ fragte er. Er konnte seine Erregung kaum verbergen. Sein Blick wirkte unruhig, und auf seiner Stirn glänzten dicke Schweißtropfen.
„Du kennst doch eine Menge Leute“, begann die Piratin. „Und du hast einige Bedienstete, nicht wahr?“
„Ja-ja, natürlich“, erwiderte Diego und nickte eifrig. „Ich habe einige. Schankknechte – faule Kerle übrigens, denen man öfter mal in den Hintern treten muß.“
„Das ist deine Sache“, fuhr die Queen lächelnd fort. „Jedenfalls könntest du einige davon losschicken, damit sie eine Nachricht über die Insel verbreiten.“ Die Frau lächelte immer noch. Nach einer kurzen Pause, in der sie in langen Zügen von dem guten spanischen Rotwein trank, von dem niemand so recht wußte, wie Diego ihn beschaffte, fuhr sie fort: „Ich werde nämlich ab sofort die Herrschaft über Tortuga antreten, damit dem regierungslosen Zustand auf der Insel ein Ende bereitet wird. Ab sofort bestimme ich, was hier geschieht, ich bin sozusagen das Gesetz. Hast du mich verstanden, Diego?“
Der Wirt war bestürzt, aber er verstand es, diesen Zustand weitgehend zu verbergen.
„Ich – ich habe dich verstanden“, sagte er Hastig. „Du – du wirst die Königin von Tortuga …“
„Irrtum“, sagte die Schwarze. „Ich werde es nicht, ich bin es schon, damit das klar ist!“
„Ganz klar“, bestätigte Diego. „Ich werde dafür sorgen, daß jeder auf Tortuga es erfährt.“
„Das hoffe ich“, sagte die Queen, „denn du bist ab sofort mein Vertrauensmann auf dieser Insel. Deshalb hast du auch als erster von meiner Machtübernahme erfahren.“
„Oh, das ist mir eine Ehre“, beteuerte Diego, obwohl ihm fast speiübel wurde. Nachdem er sich wieder etwas in der Gewalt hatte, fragte er listig: „Da wird sich auf Tortuga wohl einiges verändern, wie?“
Jetzt lachte Caligula dröhnend.
„Und ob, Dickerchen! Hier wird sich eine ganze Menge verändern. Wem das nicht paßt, der kann die Insel ja über die Totenrutsche verlassen.“
Über Diegos Rücken kroch eine Gänsehaut. Er wußte nur zu gut, daß Caligula keine leeren Versprechungen von sich gab. Die Piraten hatten ja gerade erst gezeigt, daß sie nicht lange fackelten, wenn jemand nicht nach ihrer Pfeife tanzte. Der Wirt konnte nicht verhindern, daß er reichlich blaß um die Nase wurde, und er war froh darüber, daß im Schein der blakenden Öllampen, die über den Nischen und Gängen baumelten, sein Gesicht nicht allzu deutlich zu sehen war.
„Außerdem“, fuhr die Black Queen fort, „habe ich an Bord der drei Galeonen etwa dreihundert französische und englische Siedler. Sie werden sich jedoch nur vorübergehend auf Tortuga aufhalten. Die Insel soll nur eine Zwischenstation für sie sein.“
Das klang nicht schlecht für Diegos Geschäft, dennoch wünschte er die mordgierige Piratin samt ihrem Anhang zum Teufel. Er war sich darüber klar, daß während der bevorstehenden Schreckensherrschaft viel Blut fließen würde, denn Caligula hatte ganz bestimmt nicht gescherzt, als er auf die Totenrutsche verwiesen hatte – auf jene westlich des Hafens gelegene Steilklippe, in der sich eine glattgeschliffene, körperbreite Rille befand, die fast senkrecht zum Meer abfiel. Über diese Rille oder Rutsche trat man auf Tortuga seine letzte Reise an.
Diego wischte sich den Schweiß von der Stirn. Wo, zum Teufel, steckte eigentlich der Seewolf? Und wo waren Ribault, der Wikinger und die Rote Korsarin? Wenn es überhaupt jemand schaffte, dem Treiben der Black Queen einen Riegel vorzuschieben, dann war das der Seewolf mit seinen Freunden. Doch sie alle schienen weit von Tortuga entfernt zu sein.
Der dicke Diego fühlte sich trotz der blühenden Geschäfte nicht mehr wohl in seiner Haut. Daß die Queen ihn zu ihrem Vertrauensmann ernannt hatte, paßte ihm überhaupt nicht, denn es bedeutete nichts anderes, als daß er Spitzeldienste leisten und der Piratin als „Mädchen für alles“ dienen sollte.
Aber was konnte er tun? Sich gegen die Black Queen und Caligula auflehnen? Nein, das wagte auch ein Schlitzohr wie Diego nicht.
Der funkelnde Rotwein schien der Black Queen und ihren Begleitern zu munden, wie Diego mit Erleichterung feststellte. Er mußte die Kruken und Humpen immer wieder neu auffüllen.
Bei Willem Tomdijk und Emile Boussac löste der edle Tropfen schon die Zungen. Die beiden Männer aus El Triunfo, die bisher schweigend und offensichtlich sehr interessiert die Kneipe gemustert hatten, tauten plötzlich auf.
„Der Wein ist wirklich sehr gut“, lobte Willem Tomdijk, der frühere Bürgermeister von El Triunfo. „Wird hier eigentlich auch Bier ausgeschenkt?“
„Natürlich, Señor“, erwiderte Diego, „aber nur in ganz geringem Umfang, denn es ist sehr schwierig, Bier einzukaufen. Deshalb nehmen die Leute eben das, was es gibt, nämlich Wein und Rum.“
Der füllige Niederländer mit dem rosigen Jungengesicht und dem blonden, widerborstigen Haar war über diese Auskunft begeistert.
„Also wird hier doch eine Brauerei gebraucht!“ rief er und strahlte die schwarze Piratin an. „Du hast mir nicht zuviel versprochen. Mit den bierlosen Zeiten auf Tortuga wird es bald vorbei sein. Einige Teile meiner Brauereiausrüstung habe ich ja – Gott sei’s gedankt – noch retten können. Wenn es mir gelingt, auch die noch fehlenden Teile zu beschaffen, dann wird Tortuga in kürzester Zeit zum Zentrum des karibischen Brauwesens ausgebaut. Ist das nichts?“
Die Queen lächelte gönnerhaft.
„Dann gibt es in der Karibik bald mehr Bier als Wasser, nicht wahr?“
„So ist es“, sagte Tomdijk. „Und es wird ein erstklassiges Bier sein, mindestens so gut und kräftig wie das, was ich in El Triunfo gebraut habe.“
Das Gesicht des Niederländers rötete sich vor Eifer. Er erweckte ganz den Eindruck, als wolle er sofort mit dem Bierbrauen beginnen. Die Braukunst hatte er daheim, in Leeuwarden, von der Pike auf gelernt. Als ihn die Abenteuerlust nach El Triunfo, eine französisch-englische Ansiedlung an der Golfküste von Honduras, verschlug, setzte er seine Kenntnisse in klingende Münze um.
Damals war für Willem Tomdijk von Vorteil, daß El Triunfo nur von Männern bewohnt wurde. Und so ein halbes Tausend durstiger Kehlen, die hatten ganz schön was weggeschluckt. Das Geschäft lief jedenfalls bestens – bis zu jenem schwarzen Tag, an dem die Spanier, denen die Siedlung längst ein Dorn im Auge gewesen war, mit einem Flottenverband von zwanzig Galeonen heransegelten und El Triunfo samt seiner beliebten Brauerei in Schutt und Asche legten. Dabei verloren rund zweihundert Siedler ihr Leben.
Die Black Queen, die schon vor dem Überfall angeboten hatte, die Engländer und Franzosen nach Tortuga und später nach Hispaniola umzusiedeln, um sie unter ihre Herrschaft zu bringen, hatte Willem Tomdijk den Aufbau einer neuen Brauerei versprochen. Schließlich mußte sie ihn wegen seines Einflusses auf die Siedler bei Laune halten, wenn ihre Zukunftspläne gelingen sollten.
Der dicke Diego allerdings konnte sich für die Pläne der Queen und ihrer Freunde absolut nicht begeistern. Er hörte den enthusiastischen Reden Tomdijks mit gemischten Gefühlen zu, denn das, was der Niederländer vorbrachte, roch gewaltig nach Konkurrenz. Darauf aber war Diego gar nicht scharf.
Trotzdem – wer garantierte ihm, daß diese Kerle nicht auch noch einige Kneipen eröffneten? In einer eigenen Kneipe konnten sie ihr Bier mit größerem Gewinn verkaufen als in der „Schildkröte“, wo der Wirt auch noch daran verdienen wollte. Diego zog beinahe ein essigsaures Gesicht bei diesem Gedanken.
Doch Tomdijks Pläne waren noch lange nicht alles, was an Veränderungen Tortuga zugedacht war. Da würde unter der Schirmherrschaft der Black Queen noch viel mehr „für das Wohl der Insel und ihrer Bewohner“ getan werden. Denn da war noch einer, der für sich einen geschäftlichen Aufschwung erwartete: Emile Boussac, ein kleiner, wieselflinker Franzose aus Rouen. Die Knopfaugen in seinem schmalen und spitzen Gesicht waren ständig in Bewegung und ließen ein hohes Maß an innerer Unruhe erkennen. Auch ihm spukten bereits eigene Pläne im Kopf herum.
Im früheren El Triunfo war Emile Boussac der Besitzer der Kneipe „La Mouche Espagnole“ gewesen. Aber die lag ebenso in Trümmer wie Tomdijks Bierbrauerei. Dabei hatte er sie um ein gewinnträchtiges Etablissement erweitern wollen. Der spanische Überfall jedoch hatte auch ihm einen dicken Strich durch die Rechnung gezogen.
Während der Niederländer Zukunftspläne spann, huschten Boussacs Blicke flink hin und her.
„Die Brauerei wird ein Riesengeschäft, Willem“, sagte er. „Du kannst von hier aus alle Kneipen der Karibik mit erstklassigem Bier beliefern. Außerdem lernen auch die Bewohner Tortugas endlich dieses herrliche Gesöff kennen. Wo es aber was zu schlucken gibt, da lassen sich die Leute nieder und geben ihr Geld aus. Das ist genau die richtige Atmosphäre für meine Mädchen aus Paris.“
Jaime Cerrana, ein ziemlich ungehobelter Klotz, der Unmengen von Wein in sich hineinsoff, stieß einen leisen Pfiff aus und begann anzüglich zu grinsen.
Diego aber horchte auf.
„Mädchen aus Paris?“ fragte er verständnislos.
Emile Boussac lachte meckernd.
„O ja, Monsieur“, sagte er. „Ich erwarte ein Schiff mit fünfzig erstklassigen Straßenmädchen aus Paris.“
„Mit Huren also?“ fragte Diego verblüfft.
„Ganz recht, mein Lieber“, erwiderte Boussac. „Wie ich bereits beobachtet habe, gibt es auf Tortuga nur sehr wenige käufliche Mädchen. Die Voraussetzungen sind also günstig, zumal die Zuckerpüppchen in El Triunfo nicht gebraucht werden.“
Der Franzose zog noch jetzt ein wehleidiges Gesicht, wenn er an seine zertrümmerte Kneipe und das geplante Etablissement dachte. Außerdem fürchtete er ständig, das nach El Triunfo beorderte Schiff mit den Mädchen könne nicht eintreffen. Woher sollte der Kapitän wissen, daß er sich jetzt auf Tortuga befand?
Jaime Cerrana schien seine Gedanken zu erraten. „Hoffentlich findet der Transport aus Paris den Weg nach Tortuga. Die Trümmer in El Triunfo werden dem Kapitän zunächst einige Rätsel aufgeben.“
Boussac nickte bekümmert. „Ich nehme doch an, daß er sich etwas umsieht und die Süßen nicht gleich wieder mit nach Frankreich nimmt. Das wäre jammerschade.“
Caligula grinste. „Wie ich dich kenne, wirst du auch woanders ein paar Weiber für deine Geschäfte auftreiben.“
Dem dicken Diego summte der Kopf. Bierbrauerei, Etablissements, Weiber und vielleicht sogar neue Kneipen – was hatten diese Kerle denn noch mit Tortuga vor?
Viel Zeit zum Überlegen hatte er nicht. Die Kruken und Humpen mußten nachgefüllt werden, außerdem wurden einige Kerle losgeschickt, um die Nachricht von der Machtübernahme der Black Queen unter die Leute zu bringen. Dann galt es, einige Maultiere aufzutreiben, weil die neue „Herrscherin“ mit einem Trupp ihrer Leute eine erste Erkundung der Insel vornehmen wollte.
Als die Schnapphähne die Felsenkneipe endlich verlassen hatten, schlug Diego abermals das Kreuzzeichen. Dann schlurfte er mit schweren Schritten zu seinem Schanktisch und kippte erst einmal einen Becher Rum herunter.
2.
Brütende Hitze überlagerte auch die drei zwischen Kuba und Jamaica liegenden Cayman-Inseln. Die Sonne verwandelte die Atemluft in eine flirrende und wabernde Masse, die alles Leben auf den Eilanden nach Wasser und Abkühlung lechzen ließ.
Auf Gran Cayman, der größten der drei Inseln, wurde die unwirtliche Atmosphäre noch durch das zeitweilige Brodeln und Rumoren, das aus dem „Auge der Götter“ drang, verstärkt. Der Vulkan, der den Dschungel, die sanften Hügel und grasbewachsenen Ebenen weit überragte, gab der Insel ein besonderes Gepräge.
In der halbkreisförmigen Todesbucht von Gran Cayman schwojten drei Schiffe an ihren Ankertrossen. Den Männern, die sich mit nackten und braungebrannten Oberkörpern über die Decks bewegten, drang der Schweiß durch alle Poren.
Bei den Schiffen handelte es sich um „Eiliger Drache über den Wassern“ – den Schwarzen Segler des Wikingers –, um die „Le Vengeur“ Jean Ribaults und um die „Isabella IX.“, die unter dem Kommando Philip Hasard Killigrews, des Seewolfs, fuhr.
Die Besatzungen aller drei Segler hatten in den vergangenen Tagen hart geschuftet, um sämtliche Gefechtsschäden zu beheben. Und die waren zum Teil recht umfangreich gewesen.
Es hatte gewaltig gekracht in den korallen- und riffreichen Gewässern um Gran Cayman. Die Black Queen war mit ihrem gesamten Verband und den Siedlern aus Honduras, die den Überfall der Spanier überlebt hatten, vor der Todesbucht aufgetaucht, um vor der Fahrt nach Tortuga Frischwasser und Proviant an Bord zu nehmen.
Den Schiffen von der Schlangen-Insel war es zwar gelungen, diesen Plan zu vereiteln und die Black Queen zum Abzug zu veranlassen, aber eine vernichtende Niederlage hatte ihr niemand beibringen können. Im Gegenteil – der Seewolf, Jean Ribault und der Wikinger hatten einige harte Brocken einstecken müssen.
Noch jetzt klang allen das fürchterliche Fluchen Thorfin Njals in den Ohren, dessen Schwarzer Segler einen schweren Treffer am Ruder erhalten hatte und dadurch nahezu manövrierunfähig geworden war.
Der „Le Vengeur“ war es nicht viel besser ergangen. Ihr hatte man den Bugspriet und den Fockmast weggeschossen.
Im Vergleich dazu war die „Isabella“ noch relativ glimpflich davongekommen. Sie war trotz einer Reihe kleinerer Schäden immer noch voll einsatzbereit. Dennoch wäre eine Verfolgung der Piratenflotte für sie allein aussichtslos gewesen.
Der Seewolf hatte bereits erkannt, daß die Black Queen und Caligula sehr gefährliche Gegner waren. Wenn es dieser Piratin und ihrem Geliebten gelang, die Vorherrschaft über Tortuga und Hispaniola zu erlangen, würden sie bald die ganze Karibik kontrollieren. Das aber würde ungeahnte Folgen für die Schlangen-Insel und ihre Bewohner haben. Also blieb dem Bund der Korsaren, dem auch die Seewölfe angehörten, gar nichts anderes übrig, als dem ungeheuren Expansionsdrang der Black Queen Grenzen zu setzen. Bisher jedoch war es noch niemandem gelungen, diesem Teufelsweib das Handwerk zu legen.
Die Reparaturarbeiten waren zum größten Teil abgeschlossen. Jeder hatte in den vergangenen Tagen kräftig mit zugepackt. Ein Teil der Seewölfe hatte auf dem Schwarzen Segler und der „Le Vengeur“ mitgeholfen, so zum Beispiel Smoky, Luke Morgan, Sam Roskill, Bob Grey, Nils Larsen, Batuti und Gary Andrews.
Als man der „Le Vengeur“ einen neuen Bugspriet und einen neuen Fockmast verpaßte, war auch die Hilfe Will Thornes und Roger Brightons willkommen gewesen. Der eine war ein ausgezeichneter Segelmacher und der andere ein erstklassiger Takelmeister.
Am meisten hatte es ohne Zweifel für die Schiffszimmerleute zu tun gegeben. Noch jetzt dröhnten wuchtige Axthiebe und Hammerschläge durch die Todesbucht.
Ferris Tucker, der rothaarige Zimmermann der „Isabella“, war noch immer mit kleineren Arbeiten beschäftigt. Auf seinen Armen traten dicke Muskelpakete hervor, wenn er die Axt hob und mit dem stumpfen Teil zuschlug. Auf seinem nackten Oberkörper glänzte der Schweiß.
An Bewunderern fehlte es ihm dabei nicht.
Old Donegal Daniel O’Flynn, der alte Haudegen mit dem Holzbein und dem wettergegerbten Gesicht, hatte sich eine Muck Wasser geholt und schlürfte das kühle Naß genießerisch, als sei es bester Wein.
Schon eine Weile sah er dem Schiffszimmermann bei seiner Arbeit zu, und Philip und Hasard junior, die dreizehnjährigen Zwillingssöhne des Seewolfs, leisteten ihm dabei Gesellschaft. Nicht etwa, daß die beiden „Rübenschweinchen“, wie der Profos sie nannte, eine ruhige Kugel an Bord schieben würden, o nein, auch sie hatten bei den Reparaturarbeiten mit zugepackt, genauso wie der alte O’Flynn. Jetzt aber war die Hauptarbeit getan, und Ferris Tucker gab dem Ganzen gewissermaßen den letzten Schliff.
Als die schwere Axt des rothaarigen Riesen abermals auf einen Holzkeil krachte, nickte Old Donegal anerkennend.
„Das Ding möchte ich nicht auf den Daumen kriegen“, sagte er.
Jung Philip pfiff leise durch die Zähne.
„Mister Tucker kann ganz schön ranklotzen“, meinte er. „Wo der hinhaut, da wächst kein Gras mehr.“
Old Donegal trank einen Schluck Wasser, dann schweifte sein Blick in die Ferne.
„Ja, damals auf der ‚Empress of Sea‘, da waren wir alle solche Kerle. Da hättet ihr mich mal erleben sollen. Selbst Ferris würde vor Neid erblassen. So ein richtiger Simson war ich da. Ja, ja, das waren noch Zeiten.“
„Was ist ein Simson, Mister O’Flynn, Sir?“ fragte Hasard junior.
Doch Old Donegal überhörte die Frage. Er hatte jetzt so einen richtig träumerischen Blick drauf.
„Damals“, so schwärmte er, „da brauchte ich in einer Kalme nur mal tief Luft zu holen, und die ‚Empress‘ jagte mit vollem Zeug durch die spiegelglatte See. Und wollte irgend so ein Kerl stänkern, da hat es genügt, wenn ich ihm die Faust zeigte. Die roch nämlich schon zehn Meilen gegen den Wind nach Friedhof.“ Der Alte grinste entrückt, dann schien er jedoch in die Wirklichkeit zurückzukehren. „Das alles heißt aber nicht, daß ich heute keinen Mumm mehr in den Knochen hätte“, fuhr er eilig fort. „Verfallt mir bloß nicht auf diesen Gedanken, ihr Hüpfer!“
Die Bengels stießen sich an und feixten. Natürlich übertrieb Old O’Flynn, der mütterlicherseits ihr Großvater war, wieder einmal gewaltig. Aber sie wußten nur zu gut, daß er noch immer ein rechter Haudegen war. Obwohl er nicht mehr zu den Jüngsten gehörte, war er noch voller Tatendrang und trug sich sogar mit dem Gedanken, auf der Schlangen-Insel eine eigene Kneipe zu eröffnen.
Hesekiel Ramsgate hatte außerdem bereits eine kleinere Ausgabe seiner heißgeliebten „Empress of Sea“ auf Kiel gelegt, damit er stets Nachschub für seine Kneipe heranschaffen konnte. Im übrigen war der Alte trotz seines Holzbeins erstaunlich beweglich, das zeigte sich bei jedem Gefecht und jedem Enterkampf.
Nein, ein beschaulicher Großvatertyp war er nicht. Er konnte vielmehr dreinschlagen, daß die Fetzen flogen. Zuweilen kriegten die Zwillinge das selber zu spüren, wenn sie ihm wieder einmal einen Streich gespielt hatten. Wenn man ihm da in die Hände fiel, konnte er einem kräftig den Hosenboden strammziehen.
„Du hast meine Frage noch nicht beantwortet, Mister O’Flynn, Sir“, sagte Jung Hasard, dem das Thema offensichtlich gefiel.
„Welche Frage?“
„Was ein Simson ist.“
„Ach so.“ Jetzt nickte der Alte. „Simson nennt man einen außergewöhnlich starken Mann.“
„So einen wie Mister Tucker?“
Old Donegal winkte ab. „Da ist schon ein Stärkerer damit gemeint. Gemäß den uralten Überlieferungen der Bibel war Simson ein Israelit, der sich besonders gut mit dem Großlord da oben im Himmel verstanden hat. Deshalb hat der ihn auch zum stärksten Mann geschaffen, der je gelebt hat. Dieser Simson hat einmal mit einem Eselskinnbacken tausend üble Burschen erschlagen. Philister hießen diese Schnapphähne, und der Großlord hat verdammt viel Ärger mit ihnen gehabt.“
Die „Rübenschweinchen“ staunten nicht wenig.
„Tausend Mann – mit einem Eselskinnbacken?“ Philip junior versuchte, sich dieses Massaker bildhaft vorzustellen.
„Genau“, fuhr Old Donegal fort. „Aber das war noch lange nicht alles. Ein anderes Mal hat Simson einen Löwen mit bloßen Händen mitten entzweigerissen, und zum Schluß hat er mal so eben die beiden Mittelsäulen eines riesigen Tempels umgestürzt, so daß das ganze Gebäude zusammenfiel und dreitausend von diesen Philistern erschlug. Er selber ist dabei auch ums Leben gekommen.“
Die Zwillinge waren hingerissen. Ihr Großvater konnte aber auch die wundersamsten Geschichten erzählen. Man mußte ihm nur immer erst die Zunge lösen, damit er loslegte.
„Ob Mister Tucker das auch könnte?“ fragte Jung Hasard. „Ich meine, mit einem Eselskinnbacken tausend Schnapphähnen was auf die Köpfe geben?“
Old Donegal kicherte. „Das schafft unser Holzwurm schon, wenn die tausend Kerle nicht alle gleichzeitig an Bord unserer Lady entern wollen. Da wir aber keine Eselskinnbacken in der Waffenkammer haben, müßte er dazu wohl seine Zimmermannsaxt benutzen.“
Die Jungen waren sichtlich beeindruckt.
Old O’Flynn aber war noch nicht am Ende.
„Dieser Simson“, so fuhr er fort, „war jedoch nicht nur außergewöhnlich stark, sondern auch sehr schlau. So fing er zum Beispiel in der Zeit, in der die Philister ihren Weizen ernten wollten, dreihundert Füchse und band ihnen brennende Fackeln an die Schwänze. Dann jagte er sie in die Felder und setzte alles in Brand.“
„Das ist stark!“ entfuhr es Philip junior. „Solche Füchse müßte man mal hinter der Black Queen herjagen, nicht wahr?“
„Geht nicht“, meinte der Alte. „Wo willst du hier dreihundert Füchse hernehmen? Außerdem läuft die Black Queen nicht in Weizenfeldern herum, sondern segelt mit ihrem finsteren Torfkahn nach Tortuga. Diesem Schnapphahn müssen wir schon weiterhin mit Pulverpfeilen, Höllenflaschen und Eisenkugeln einheizen. Irgendwann kriegen wir das Weibsstück auch am Rock zu packen, den es gar nicht anhat, darauf könnte ihr euch verlassen. Notfalls gehe ich selber an Land und besorge mir einen solchen Eselskinnbacken.“
Die Zwillinge fanden das zum Totlachen. Ferris Tucker, der den größten Teil des Gespräches mitgekriegt hatte, drehte sich um und grinste hinterhältig.
„Wenn du unbedingt einen Eselskinnbacken brauchst, Mister Simson“, sagte er zu Old O’Flynn, „dann brauchst du gar nicht erst von Bord zu gehen. Schau dich doch mal selber an. Mit einem Kinnbacken weniger verändert sich dein Aussehen nicht wesentlich.“
Doch so leicht kriegte man Old Donegal nicht unter. Er verzog das verwitterte Gesicht, lächelte das Lächeln der Wissenden und sagte bedauernd: „Was verstehst du schon vom guten Aussehen, du rotborstiger Beilschwinger. Zum Glück kannst du dich selbst nicht sehen, sonst würdest du laut schreiend davonlaufen. Dort nämlich, wo anständige Christenmenschen ihre Kinnbacken haben, hast du nur Sägemehl. Und immer, wenn du deine Futterluke so weit aufreißt, rieselt das Zeug aus deinen angesengten Bartstoppeln!“
Ferris Tucker fuhr sich reflexartig mit der Hand über das Gesicht. Tatsächlich, da hatte sich im Lauf der letzten Stunden, beim Sägen, Klopfen und Hämmern, so einiges an Sägemehl festgesetzt.
„Na schön“, meinte er. „Mir hängen die Holzbrösel eben im Gesicht, bei dir aber rieseln sie hinter der Kimm hervor, sobald du dich bückst. Und übrigens – wenn du hier schon keine Füchse hast, die du auf die Black Queen hetzen kannst, wie wär’s dann mit dir selber, he? Wenn du dich zur Geisterstunde auf den Rand ihrer Koje setzt, trifft sie vor Schreck der Schlag, und Caligula hüpft laut heulend über Bord. Ein Gespenst mit Holzbein haben die noch nie gesehen, schon gar nicht eins, dessen Fäuste nach Friedhof riechen.“
Old Donegal holte tief Luft und bedachte den Schiffszimmermann mit einem wilden Blick. Doch bevor er ihn über das Aussehen und die Eigenschaften eines „echten“ Gespenstes aufklären konnte, setzte die Stimme seines Sohnes Dan einen vorläufigen Schlußpunkt hinter das Wortgefecht.
„Mastspitzen an der westlichen Kimm!“ brüllte Dan O’Flynn, der in Ufernähe auf einen hohen Felsen geklettert war, um die Umgebung im Auge zu behalten. Er deutete mit ausgestrecktem Arm in die angegebene Richtung.
Old O’Flynn stieß schnaubend die Luft aus den Lungen und wandte sich von Ferris Tucker ab.
„Du heiliger Bimbam“, murmelte er. „Will sich das nackte Luder schon wieder mit uns anlegen?“ Er hob eine Hand über die Augen und spähte angestrengt über die silbrig glänzende Wasserfläche der Todesbucht. Aber er konnte noch nichts erkennen.
Der Wikinger, Jean Ribault, Siri-Tong und der Seewolf hielten sich seit dem letzten Glasen der Schiffsglocke auf dem Achterdeck der „Isabella“ auf. Sie hatten gerade damit begonnen, ihr weiteres Vorgehen gegen die Black Queen zu besprechen, als die Meldung Dans sie unterbrach.
Mastspitzen an der westlichen Kimm – was hatte das zu bedeuten?
„Wenn es die Queen ist“, stieß Thorfin Njal brummend hervor, „dann soll sie mir herzlich willkommen sein.“ Er rieb sich die mächtigen Pranken, denn jetzt, da die Reparaturarbeiten am Schwarzen Segler so gut wie beendet waren, hatte das Schiff seine frühere Manövrierbarkeit zurückerlangt. Zudem gab es nichts, was der Wikinger lieber getan hätte, als der Black Queen die schweren Treffer bis auf die kleinste Münze heimzuzahlen.
Auch Jean Ribault, der schlanke, drahtige Franzose, kniff die Augen zusammen. Er hatte die Queen und Caligula ganz besonders ins Herz geschlossen, seit ihn die beiden vor der Küste Tortugas ausgepeitscht und zutiefst gedemütigt hatten. Alles in ihm schrie nach Rache, und er würde nicht eher ruhen, bis die „Le Vengeur III.“, deren Namen „Der Rächer“ bedeutete, der Piratin ihre vernichtende Schlagkraft demonstriert hatte.
Siri-Tong konnte Jean Ribault am besten verstehen, denn sie verdankte der schwarzen Piratin den Verlust des „Roten Drachen“.
Der Seewolf hob den Messing-Kieker ans Auge, aber außer den Mastspitzen konnte auch er noch nichts erkennen.
„Wir wollen auf Nummer Sicher gehen und jedes überhöhte Risiko ausschließen“, sagte er mit ruhiger Stimme. „Ich schlage deshalb vor, daß wir sofort unsere Schiffe gefechtsklar machen. Sollte es sich wirklich um die Black Queen oder eins ihrer Schiffe handeln, dann werden wir die Galgenvögel gebührend empfangen.“
Damit war jeder einverstanden. Noch während Jean und Siri-Tong auf die „Le Vengeur III.“ und Thorfin Njal auf den Schwarzen Segler zurückkehrten, liefen auf der „Isabella IX.“ die Gefechtsvorbereitungen auf Hochtouren.
Die Seewölfe waren eine eingeschworene Crew, jeder Handgriff, den sie taten, saß. Sie verwandelten die Galeone, die Hesekiel Ramsgate noch in Plymouth erbaut hatte, im Handumdrehen in eine schwimmende Festung.
Kaum hatte Philip Hasard Killigrew den Befehl dazu gegeben, flogen auch schon die Stückpforten hoch. Die sechsundzwanzig schweren Kanonen bewegten sich beim Ausrennen rumpelnd auf ihren Holzrädern. Auch die Drehbassen, von denen es je zwei vorn und am Heck gab, waren in kurzer Zeit einsatzbereit. Daneben wurden kleine Becken mit glühenden Holzkohlen auf die Geschütze verteilt. Auf den Decksplanken wurde Sand ausgestreut.
Al Conroy, der schwarzhaarige Stückmeister, überwachte die Vorbereitungen und sorgte dafür, daß auch eine Anzahl Pistolen, Musketen und Tromblons aus der Waffenkammer geholt wurden.
Ferris Tucker hatte seine Zimmermannsarbeit längst unterbrochen und eilte mit einigen Höllenflaschen an die von ihm konstruierte Abschußvorrichtung. Big Old Shane und Batuti, die ihre Langbogen samt den dazugehörigen Brand- und Pulverpfeilen bereits an Deck geholt hatten, halfen zunächst noch beim Ausrennen der Quarterdecksgeschütze mit.
Jeder dieser hartgesottenen Männer wußte, was er zu tun hatte. Schließlich hatten sie dem Teufel auf allen Meeren der Welt bereits beide Ohren abgesegelt und verfügten somit über einen reichen Erfahrungsschatz. Da bedurfte es von seiten des Kapitäns keiner besonderen Anweisungen.
Sie alle waren grimmig entschlossen, der Black Queen mächtig an die Gurgel zu fahren, wenn sie tatsächlich noch einmal hier aufkreuzen sollte.
Auf der „Le Vengeur“ und dem Schwarzen Segler war man ebenfalls reichlich beschäftigt. Die dröhnende Stimme Thorfin Njals war auch auf der „Isabella“ deutlich zu hören, und Edwin Carberry mußte sich gehörig anstrengen, wenn er den Wikinger übertönen wollte.
Doch der Profos der „Isabella“ schaffte es, daß seine kernigen Sprüche, mit denen er die Mannschaft anzufeuern pflegte, nicht im allgemeinen Trubel untergingen.
„Hurtig, hurtig, ihr lahmen Böckchen!“ brüllte er. „Gebt der Queen was auf das Röckchen!“
Carberrys poetische Aufforderung löste lautes Gelächter aus. Die Aussicht, den Schnapphähnen von der „Caribian Queen“ kräftig einzuheizen, hob die Laune der Männer beträchtlich.
Die drei Segler von der Schlangen-Insel waren voll gefechtsklar, als sich das fremde Schiff endlich hinter der Kimm hervorschob. Doch die Erwartungen wurden bald enttäuscht, denn bei der Galeone, die da auf die Todesbucht von Gran Cayman zuhielt, handelte es sich nicht um die „Caribian Queen“, jenen düsteren Zweidecker der schwarzen Piratin, soviel war bereits zu erkennen.
Der Seewolf wartete noch damit, die Anker hieven zu lassen, denn das fremde Schiff war noch weit entfernt. Man brauchte wirklich nichts zu überstürzen.
Bald wurden erste Vermutungen laut, dennoch ahnten die Arwenacks nicht, daß eine faustdicke Überraschung auf sie wartete – eine Überraschung, die sie alle zunächst an ihrem Verstand zweifeln ließ, und ihnen in bezug auf die so eilig herbeigeführte Gefechtsbereitschaft ein Grinsen entlockte.
Wieder war es Dan O’Flynn, dessen scharfe Augen das Unglaubliche enthüllten. Er hatte längst seinen Ausguckposten an Land verlassen und war in den Großmars der „Isabella“ aufgeentert.
„Weiber!“ brüllte Dan plötzlich mit sich überschlagender Stimme. „Zum Teufel, das sind ja Weiber!“
Die Arwenacks starrten sich betroffen an.
„Ich muß dir wohl die Klüsen etwas nachpolieren, Mister O’Flynn, was, wie?“ rief der Profos zu Dan hinauf. „Seit du die Black Queen mit ihren riesigen – äh – den riesigen Dingsda betrachtest hast, siehst du wohl überall nur nackte Weiber, wie!“
„So ist es!“ ereiferte sich der knollennasige Paddy Rogers. „Wir erwarten nur ein einziges Frauenzimmer, und zwar ein kohlrabenschwarzes. Und dem möchte ich gerne mal einen kräftigen Klaps auf den Hintern geben.“
Dan wurde fuchtig.
„Himmel, Arsch und Suppenkraut!“ rief er aus dem Ausguck. „Wer hat denn was von nackten Weibern gesagt? Außerdem sind meine Klüsen noch völlig in Ordnung! Wenn ich sage, daß es Weiber sind, dann sind es auch welche!“
„Hähä!“ stieß Old Donegal belustigt hervor. „Vielleicht hat die Queen noch ein Dutzend hübscher Schwestern. Bestimmt sollen uns die Schnapphühner die Köpfe verdrehen.“
„Bleib auf den Planken, Donegal“, sagte der Seewolf. „Es handelt sich offenbar nicht um ein Schiff der Black Queen, sondern um eine fremde Galeone, die zudem recht merkwürdig aussieht. Es sind tatsächlich Frauen an Bord, soviel kann ich ebenfalls schon erkennen, und es scheinen weiße Frauen zu sein.“
„Das ist nur ein billiger Trick“, meinte Old Donegal. „Die Queen bildet sich ein, daß wir die ausgerannten Kanonen nicht sehen, sondern nur auf die Weiber starren.“
Hasard schüttelte verwundert den Kopf.
„Zum einen sind auf der fremden Galeone überhaupt keine ausgerannten Kanonen zu sehen“, entgegnete er, „und zum anderen könntest du – sobald das Schiff näher heran ist –, statt nach Weiberröcken zu sehen, darauf achten, ob die Stückpforten geöffnet werden.“
Old O’Flynn brummelte etwas vor sich hin und fuhr sich dann durch die Bartstoppeln; als müsse er noch vor der Ankunft der Frauen sein Aussehen überprüfen.
In der Tat blieben den Arwenacks die Einzelheiten des fremden Schiffes nicht mehr lange verborgen. Auch ohne Kieker konnten sie bald erkennen, daß Dan sich mit seiner Ankündigung nicht geirrt hatte. Einige von ihnen vergaßen vor lauter Verblüffung den Mund zu schließen.
Die Dreimastgaleone, die unter vollem Preß heransegelte, bot einen reichlich merkwürdigen Anblick. Das begann schon mit den unzähligen bunten Stoffbändern, die außenbords wie überdimensionale Fransen an den Verschanzungen flatterten.
Ergänzt wurde diese „Beflaggung“ von einer beigefarbenen Flagge mit einem großen roten Herzen darauf, die munter am Fockmasttopp wehte. Bei der Galionsfigur handelte es sich um einen goldenen Hahn, und der Name des Schiffes lautete „Le Coq d’Or“. Das ließ darauf schließen, daß der Dreimaster aus Frankreich stammte.
Aber das war noch nicht alles, was die Arwenacks in grenzenloses Erstaunen versetzte. Daß das Glas der Achterdeckslaterne rot angestrichen war, mochte ja noch angehen, aber daß man die Geschütze, die alles andere als gefechtsklar waren, mit bunten Tüchern umhüllt hatte – das ließ die Seewölfe an ihrem Verstand zweifeln.
Als Blickfang besonderer Art erwiesen sich die Wäschestücke, die an den Innenseiten der Wanten im Wind flatterten. Ganz offensichtlich hatte man sie dort zum Trocknen aufgehängt. Schließlich waren da noch die Frauen und Mädchen, die sich auf der Back und der Kuhl aufhielten und mit lachenden Gesichtern zu winken begannen.
Al Conroy, der sich als Stückmeister gerade noch um die Feuerbereitschaft der schweren Culverinen gekümmert hatte, faßte sich mit beiden Händen an den Kopf.
„Es muß ein Sonnenstich sein“, sagte er ächzend. „Oder seht ihr etwa dasselbe? Wir erwarten ein Schiff mit üblen Schnapphähnen – und was segelt da mit einem goldenen Hahn unter dem Bugspriet auf uns zu? Eine Weiber-Galeone!“
„So ist es – und sogar mit eingewickelten Kanonen“, murmelte Old O’Flynn entgeistert. „Vielleicht sind es – ich meine, es könnten sogar bunte Nachthemden sein, mit denen man die Geschützrohre abgedeckt hat.“
„Ha!“ entfuhr es Edwin Carberry. „Was da an den Wanten flattert, ist viel interessanter. Das sind Unterröcke, Hemdchen und noch eine ganze Menge andere De-delikatessen.“
„Du meinst delikate Kleidungsstücke“, berichtigte ihn der Kutscher. „Delikatessen sind feine Sachen, die man essen kann.“
„Egal!“ entschied der Profos, ohne den Blick von der Galeone abzuwenden. „Daß ihr Kombüsenhengste auch immer nur ans Essen denken müßt!“
Er hatte sein klotziges Rammkinn vorgeschoben, so daß Jung Philip seinem Bruder gegen die Rippen boxte und ihm etwas von einem Eselskinnbacken zuflüsterte.
Noch wußte niemand an Bord der „Isabella“ so recht, was er von diesem verrückten Schiff halten sollte.
„Eine Flagge mit rotem Herz“, murmelte Bill mit romantisch verklärtem Blick, und Luke Morgan stöhnte: „Weiber, Weiber – wohin man auch blickt.“
Auch auf dem Achterdeck wurden Rätsel gelöst.
„Weiß der Teufel, was das zu bedeuten hat“, sagte Ben Brighton, nachdem der Seewolf den Niedergang, der zum Quarterdeck führte, auf geentert war.
Philip Hasard Killigrew, ein mehr als sechs Fuß großer Mann mit schwarzen Haaren, zuckte mit den Schultern, ohne das Messingspektiv von den Augen zu nehmen.
„Dem Namen nach kann es nur ein französisches Schiff sein“, erwiderte er. „Es gibt eine Crew, die aus Männern besteht. Bei den Frauen scheint es sich um Passagiere zu handeln. Vielleicht sind es Siedler, oder aber …“ Der Seewolf überlegte kurz, und plötzlich ging ihm ein Licht auf. „Mann, Ben!“
„Was ist?“
„Das sind möglicherweise leichte Mädchen aus Frankreich!“
Ben Brighton, der alles im Leben etwas ruhig und besonnen anging, zog ein Gesicht, als sei ihm soeben ein leibhaftiges Gespenst erschienen.
„Wie kommst du denn auf so was?“ fragte er irritiert.
„Ich habe verschiedentlich davon gehört, daß man Mädchentransporte für die Neue Welt zusammengestellt hat, und zwar vorwiegend in Frankreich. Zwielichtige Händler sollen damit gute Geschäfte tätigen. Man verfrachtet Straßendirnen auf Schiffe und verschleppt sie. Manche sollen sogar freiwillig an Bord gehen, weil sie den wundersamen Versprechungen der Händler glauben.“ Ben runzelte die Stirn. „Und was sollen die hier auf Gran Cayman? Hier gibt es doch nichts für sie – ich wollte sagen, hier gibt es doch niemanden, den sie beglücken könnten.“
Jetzt grinste der Seewolf. „Du scheinst vergessen zu haben, daß hier drei Schiffe vor Anker liegen, deren Besatzungen sich bereits die Augen ausstarren.“
Der Erste Offizier der „Isabella IX.“ schnappte nach Luft. „Aber …“
„Ich weiß schon, was du sagen willst“, unterbrach ihn Hasard, „und du hast auch recht damit. Woher sollen die Frauen gewußt haben, daß hier drei Schiffe vor Anker liegen, nicht wahr? Wahrscheinlich laufen die Franzosen die Insel nur deshalb an, weil ihnen das Trinkwasser knapp geworden ist.“
„Nun ja“, meinte Ben Brighton, „wir werden ja sehen, was es mit diesen Ladys auf sich hat.“
3.
Die Gefechtsbereitschaft der „Isabella“, der „Le Vengeur III.“ und des Schwarzen Seglers erwies sich als völlig überflüssig.
„Wir können doch den Weibern nicht die Röcke wegschießen“, stellte Edwin Carberry fest. Er bedachte die überraschten Rufe, die von den beiden anderen Schiffen herübertönten, mit einem Grinsen, zumal er deutlich sehen konnte, wie sich der Wikinger irritiert am Helm kratzte.
Der alte O’Flynn meldete erneute Bedenken an.
„Weiber hin und Weiber her“, sagte er zu Ed. „Ich traue der Sache immer noch nicht.“
„Hast du etwa Angst vor ihnen, was, wie?“
Old Donegal tat entrüstet. „Ich und Angst vor hübschen Frauen? Daß ich nicht lache! Aber es könnte ja sein, daß dieses verrückte Schiff etwas mit der Black Queen zu tun hat. Was ist, wenn sie die Frauenzimmer losgeschickt hat, um uns – nun ja – um uns abzulenken …“
„Und wenn wir mit ihnen drüben am Strand Reigen tanzen, pirscht sich die Queen an uns heran“, unterbrach ihn der Profos. „Das wolltest du doch sagen, wie?“
„Genau, Ed, du hast das schnell begriffen. Ob ich mal mit Hasard darüber reden soll?“
Ed winkte ab. „Laß das lieber sein, unser Kapitän ist selbst nicht auf den Kopf gefallen. Er wird schon wissen, wie er sich zu verhalten hat. Im Moment jedenfalls droht uns keine Gefahr. Sollten weitere Schiffe hier auf kreuzen, dann müßten wir sie allemal rechtzeitig bemerken, wenn wir keine Bretter vor den Klüsen haben.“
Die Männer verstummten, denn auf der verrückten Galeone tat sich etwas. Ein untersetzter vollbärtiger Mann, bei dem es sich wohl um den Kapitän handeln mußte, signalisierte um die Erlaubnis, in der Bucht ankern zu dürfen. Die gefechtsbereiten Schiffe schienen ihn nicht im geringsten zu stören.
Hasard, der diese Anfrage erwartet hatte, ließ dem fremden Kapitän sein Einverständnis übermitteln, und so dauerte es nicht lange, bis die Galeone neben der „Isabella“ und den beiden anderen Schiffen vor Anker ging.
Die vielen Mädchen an Bord ließen bereits helle Begrüßungsrufe hören, und zwar eindeutig in französischer Sprache.
„Verstehst du etwas davon?“ fragte Old Donegal den Profos.
„Klar“, erwiderte Ed ungerührt. „Mit Französisch habe ich noch nie Schwierigkeiten gehabt.“
Old O’Flynn, der nur zu gut wußte, welch ein gräßliches Französisch Ed sprach, warf ihm einen listigen Blick zu.
„Was rufen sie denn?“ fragte er.
„Alles mögliche“, antwortete Ed und deutete dabei auf eine füllige Blondine von etwa zwanzig Jahren. „Die, zum Beispiel, hat mich so merkwürdig angesehen, und jetzt ruft sie ständig ‚Wulle wuh‘ …“
„Aha! Und was heißt das?“
„Nun ja“, druckste Ed herum. „Sie fragt damit, ob ich – ob ich …“
Donegal winkte ab. „Hör schon auf, bei deiner Aussprache kriegt man ja Magenkrämpfe. Außerdem hat die Blonde die ganze Zeit über mich angesehen. An dich hat sie höchstens einen einzigen Blick verschwendet, und davon hat sie schon Augenschmerzen gekriegt.“
Will Thorne, der Segelmacher, räusperte sich laut und vernehmlich.
„Sollte man bei euren geistreichen Gesprächen nicht die Rübenschweinchen unter Deck schicken?“
Der Profos schüttelte den Kopf.
„Wenn das nötig ist, wird sich schon ihr Vater darum kümmern. Ansonsten bin immer noch ich der Zuchtmeister, der für Ordnung, Disziplin und Sittlichkeit an Bord verantwortlich ist, nur damit du das weißt. Außerdem bin ich der Meinung, daß die Rübenschweinchen alt genug sind, um langsam mit den Wahrheiten des Lebens konfrontiert zu werden. Französisch ist eine vornehme Sprache, es schadet ihnen nichts, wenn sie die erlernen.“
„Du meine Güte“, murmelte Will Thorne, „es geht doch nicht um die Sprache.“
„Um was denn sonst, was, wie?“ fragte Ed mit treuherzigem Blick.
Der grauhaarige Segelmacher gab’s auf.
„Schon gut, Ed“, erwiderte er. „Ich will ja nichts gesagt haben.“
Unter der Crew kursierten seit einiger Zeit die wildesten Vermutungen. Nahezu alle Seewölfe standen an den Verschanzungen und verrenkten sich die Hälse. Nicht etwa im Hinblick auf die Black Queen, o nein. An die Piratin dachte im Augenblick niemand. Jeder beschäftigte sich ausschließlich mit dem französischen Dreimaster und seinen hübschen Passagieren.
„Dort müßte man mal eine Zeitlang anheuern“, meinte Paddy Rogers, „notfalls als Kombüsenhengst.“
„Bloß das nicht“, sagte Ed. „Du würdest deinen eigenen Hintern braten, in der Meinung, es sei ein dicker Schinken.“
Bill spukte immer noch die Herzflagge im Kopf herum.
„Das ist doch niemals die französische Flagge“, sagte er. „Ich möchte nur zu gern wissen, was das zu bedeuten hat.“
Der Profos warf ihm einen schrägen Blick zu.
„Was gibt’s denn da zu überlegen?“ röhrte er. „Die Mädchen wollen damit eine besondere Art von Herzlichkeit zum Ausdruck bringen.“ Grinsend fügte er hinzu: „Vielleicht soll das Herz ein Symbol für Liebe sein, nicht?“
Bill, der vor vielen Jahren als Schiffsjunge an Bord gekommen war, kriegte einen puterroten Kopf.
„Ach so“, sagte er nur.
Der Profos ließ jedoch nicht locker.
„Vielleicht ist damit auch käufliche Liebe gemeint. Aber wie dem auch sei – du brauchst deshalb nicht gleich rot zu werden wie die Unschuld vom Lande.“
„Aber – aber …“, stotterte Bill, „ich bin doch gar nicht rot.“
„Natürlich bist du das“, fuhr Ed ungerührt fort, „feuerrot sogar.“
Bill wurde die Sache zu brenzlig, zumal schon einige zu grinsen anfingen. Er verholte sich rasch in Richtung Back, damit der Profos den Faden nicht weiterspinnen konnte.
Doch die Aufmerksamkeit der Arwenacks konzentrierte sich gleich wieder auf andere Ereignisse. Der Kapitän der „Coq d’Or“ ließ zwei Beiboote aussetzen. Hasard, Jean Ribault und der Wikinger folgten seinem Beispiel. Man wollte sich der Einfachheit halber am nahen Strand treffen, um die Fronten abzustecken.
Schon bald war an Land ein großes Palaver im Gange, bei dem man sich gegenseitig beschnupperte.
Hasard hatte sich in seinen Vermutungen nicht getäuscht. Wie sich rasch herausstellte, waren die fünfzig Mädchen, die nach und nach an Land gepullt wurden, allesamt lebenslustige, sehr temperamentvolle Französinnen, die sich keinen allzu großen Gedanken darüber hingaben, daß man sie „verschachert“ hatte.
Die Reise in die Karibik war für sie nichts anderes als ein großes Abenteuer, und einige hegten die Hoffnung, hier ein neues Leben beginnen zu können. In Paris waren sie schließlich wie der letzte Dreck behandelt worden, hier aber sollte alles ganz anders sein. So jedenfalls hatte man es ihnen versprochen.
Das Stimmengewirr am Nordstrand von Gran Cayman wurde immer lebhafter. Die Mademoiselles aus Paris verhehlten nicht, daß ihnen die harten Kerle von der „Isabella“, von der „Le Vengeur“ und dem „Schwarzen Segler“ gefielen.
Edwin Carberry hatte endlich wieder einmal die Gelegenheit, seine fürchterlichen Französischkenntnisse zu verwerten, und Thorfin Njal, der sich immer wieder verlegen an seinem Helm kratzte, hatte plötzlich nichts mehr dagegen, daß seine Gotlinde diesmal nicht dabei war.
Einige Seewölfe unterhielten sich mit Crewmitgliedern der „Coq d’Or“, die die wildesten Geschichten darüber auftischten, wie abwechslungsreich die Überfahrt mit den Mädchen an Bord gewesen wäre. Natürlich stimmte nicht einmal die Hälfte davon, denn auch die Mädchen hatten ihre Ehre, wie sich später noch herausstellen sollte.
Edwin Carberry fühlte sich ganz als Gentleman. Er nickte in die eine Richtung und sagte betont vornehm „Bong schur, Missjöh“, und dann in die andere und flötete „Bong schur, Madmosell. Common tale wuh?“ Dazu schnitt er fürchterliche Grimassen, die jedoch ein freundliches Lächeln darstellen sollten.
Lediglich Sir John gelang es, den Profos, auf dessen linker Schulter er hockte, aus der Fassung zu bringen. Der Papagei stieß eine Menge englischer und spanischer Flüche hervor, die ganz und gar nicht dazu angetan waren, das Ansehen Edwin Carberrys zu heben.
Schließlich setzte die „Nebelkrähe“ allem die Krone auf, indem sie die Mademoiselles, die den Profos umringten, um das bunte Federkleid des exotischen Vogels auf seiner Schulter zu bewundern, als „verlauste Ziegenböcke“ bezeichnete. Ed wurde regelrecht verlegen, murmelte ein zerknirschtes „Pardon“ und verscheuchte Sir John von seinem Platz, denn wie verlauste Ziegenböcke sahen die Ladys nun wirklich nicht aus.
Die wabernde Hitze trieb den Männern den Schweiß aus allen Poren. Die Mädchen schienen die hohen Temperaturen nicht zu empfinden. Sie trugen zu ihren langen Röcken offenherzige Blusen und freuten sich wie kleine Kinder über den heißen Sand des Strandes, in den ihre nackten Füße einsanken.
Alle, die an Land gepullt waren, zogen sich in den Schatten der Palmenhaine zurück.
Der Seewolf war in ein Gespräch mit dem Kapitän der „Coq d’Or“ vertieft. Wie sich rasch herausstellte, war Lucien Amadou ein sympathischer und offener Mann. Er war von untersetzter Gestalt, hatte rötlichblonde Haare und einen entsprechenden Vollbart. Der Seewolf schätzte das Alter des mittelgroßen Mannes, in dessen blauen Augen der Schalk blitzte, auf etwa dreißig Jahre.
Hasard, Ben Brighton sowie Lucien Amadou und die vier Wortführerinnen der Mädchen hatten sich in unkonventioneller Art auf dem weichen Boden unter den Palmen niedergelassen.
Amadou hatte zunächst die vier Ladys vorgestellt, die im Interesse aller sprachen. Zu ihnen gehörte eine sogenannte Vertrauensperson namens Manon. Sie war dunkelhaarig, schlank, etwa fünfundzwanzig Jahre alt und so hübsch, daß sich jeder im stillen fragte, wie sie nur an diesen „Beruf“ geraten war.
Doch Manon hatte eine ziemlich düstere Vergangenheit hinter sich, und das Leben hatte es bisher alles andere als gut mit ihr gemeint. Als Findelkind war sie in falsche Hände geraten und schließlich aus dem ungastlichen „Zuhause“ geflohen. So war es geschehen, daß sie auf der Straße landete.
Auch die etwa fünf Jahre jüngere und etwas zur Fülle neigende Julie gehörte zu den Wortführerinnen – ebenso wie die brünette und gertenschlanke Cécile, die mit ihren achtzehn Jahren die Jüngste im Führungsgremium der Mädchen war.
Außerdem war da noch Esther. Sie hatte jettschwarzes Haar, dunkle und rätselhafte Augen und sah aus wie eine Südländerin.
„Ich gestehe, daß wir zunächst etwas überrascht waren über das Äußere Ihres Schiffes“, sagte Hasard lächelnd. Gleichzeitig wich er einem bewundernden Blick aus Esthers dunklen Augen aus. „Wir hatten eigentlich ein anderes Schiff erwartet, daraus erklärt sich auch unsere Gefechtsbereitschaft.“
Amadou lachte. „Nun, Monsieur Killigrew“, sagte er, „ein Schiff mit rauhem Bordleben und feuerspeienden Kanonen – all diese Dinge gehören nicht unbedingt zu einer Umgebung, in der sich Frauen und Mädchen wohlfühlen. Darauf beruht es wohl, daß die ‚Coq d’Or‘ von ihren weiblichen Passagieren ein bißchen umfunktioniert wurde. Ich habe das geduldet, um den Mädchen nicht die gute Laune zu verderben. Ich nehme an, daß sie sich so etwas wohler an Bord gefühlt haben. Ist es nicht so, ihr Hübschen?“
Die Mädchen nickten eifrig.
„Wir sind mit Kapitän Amadou sehr zufrieden“, bestätigte Manon. „Er hat sich nicht in unsere Angelegenheiten eingemischt und alles getan, um uns das Leben an Bord zu erleichtern. Sogar die gräßlichen Kanonen durften wir einhüllen, um sie nicht ständig vor Augen zu haben. Wir sind ihm zu großem Dank verpflichtet.“
„Die Mädchen sind also aus Paris?“ fragte Hasard.
„So ist es“, erwiderte Amadou. „Ich habe sie dort von einem Händler übernommen, mit dem Auftrag, sie nach Honduras zu bringen und in El Triunfo einem gewissen Emile Boussac zu übergeben. Er sollte der Besitzer einer Schenke namens ‚La Mouche Espagnole‘ sein. Aber in El Triunfo haben wir nur noch Rauch und Asche vorgefunden. Ich habe deshalb im Einvernehmen mit den Mädchen beschlossen, ein Stück weiter nach Osten zu segeln, etwas herumzuhorchen und die Mademoiselles notfalls an einem Ort ihrer Wahl an Land zu setzen. Zurück nach Frankreich wollten sie nicht.“
Manon lächelte.
„Eine Rückkehr nach Paris konnten wir Monsieur Amadou zum Glück ausreden“, sagte sie. „Wir wollen auf jeden Fall in der Neuen Welt oder in der Karibik bleiben. Irgendwo werden wir schon ein passendes Etablissement finden oder aber selber eins einrichten. Wir sind unternehmungslustig genug, um nicht aufzugeben. Wenn sich dieser Monsieur Boussac nicht mehr um uns kümmern kann, denn werden wir es eben selber tun.“ Aus ihrer hellen Stimme klangen Festigkeit und Entschlossenheit.
Amadou, der mit seinen überkreuzten Beinen wie ein orientalischer Pascha am Boden hockte, nickte zustimmend.
„Eigentlich haben wir Kurs auf diese Insel genommen, weil wir dachten, etwas über den Verbleib Emile Boussacs zu erfahren. Aber wie es aussieht, handelt es sich bei Ihnen und Ihren Männern um die einzigen menschlichen Wesen auf Gran Cayman.“
„Stimmt“, sagte der Seewolf. „Und auch wir werden nicht mehr lange hier sein. Ich denke jedoch, daß ich Ihnen zumindest einige Tips geben kann, die Ihnen weiterhelfen.“
Amadou und die vier Mädchen wurden hellhörig.
„Sie kennen Monsieur Boussac?“ fragte die dunkeläugige Ester.
„Kennen wäre zuviel gesagt“, fuhr Hasard fort. „Doch ich weiß von Monsieur Ribault, dem Kapitän der ‚Le Vengeur‘, was sich in El Triunfo abgespielt hat. Die Vermutung liegt nahe, daß Emile Boussac nach dem vernichtenden Überfall der Spanier zusammen mit der Black Queen nach Tortuga gesegelt ist. Das gleiche gilt für jene Siedler, die das Massaker überlebt haben.“
„Oh, das ist sehr interessant!“ rief die achtzehnjährige Cécile. „Wo findet man dieses Tortuga?“
„Die Insel liegt ziemlich dicht vor der Nordküste Hispaniolas“, erwiderte der Seewolf. „Wie es scheint, will die Black Queen die Siedler zunächst auf Tortuga unterbringen, um mit ihrer Unterstützung den eigenen Machtbereich zu sichern und auszudehnen.“
„Aber dann wissen wir ja, wo wir Monsieur Boussac zu suchen haben“, sagte Julie. Ihre Stimme klang begeistert. „Dann laßt uns nach Tortuga segeln, es wird uns dort bestimmt gefallen.“
Lucien Amadou vollführte eine beschwichtigende Geste.
„Nur langsam, Julie“, sagte er. „Da gibt es zunächst noch einiges zu klären.“ Er wandte sich an Hasard. „Sie erwähnten eine Black Queen, Monsieur Killigrew. Darf man erfahren, um wen es sich da handelt?“
„Natürlich.“ Der Seewolf nickte. „Die Black Queen, die sich übrigens selber so nennt, ist eine Schwarze, die einen Zweidecker namens ‚Caribian Queen‘ befehligt. Sie ist ohne Zweifel die raffinierteste, brutalste und schlagkräftigste Piratin, die es je in der Karibik gegeben hat. Sie scheint von dem Gedanken besessen zu sein, ihren Machtbereich über die ganze Karibik auszudehnen. Wir haben schon seit längerer Zeit Ärger mit ihr. Erst während der Überfahrt nach Tortuga hat sie sich mit unseren Schiffen hier angelegt. Während sie schließlich weitergesegelt ist, haben wir in den letzten Tagen unsere Gefechtsschäden repariert.“
Amadou und die Mädchen staunten.
„Eine Frau?“ fragte Manon. „Wie schafft sie das?“
„Diese Frage ist schnell beantwortet“, erwiderte der Seewolf. „Die Devise der Black Queen heißt nackte Gewalt. Dazu befehligt sie inzwischen mehrere Schiffe, denen sich kaum jemand entgegenzustellen wagt. Unterstützt wird sie von einem Schwarzen, der Caligula heißt und ihr in nichts nachsteht.“
„Das ist ungeheuerlich!“ entfuhr es Lucien Amadou. „Wenn ich Sie recht verstanden habe, will sich diese Piratin auch Tortuga unter ihre Herrschaft bringen. Das wiederum würde für die Mädchen bedeuten, daß sie sich auf Tortuga dieser Piratenherrschaft unterstellen müßten.“
Die Gesichter der vier Ladys wurden plötzlich ernst.
„Das allerdings klingt nicht sehr verlockend“, meinte Manon, „denn sicherlich muß auch Monsieur Boussac vor dieser Black Queen kuschen.“
„Das sehen Sie ganz richtig“, sagte Hasard, „vorausgesetzt, es gelingt der Black Queen tatsächlich, sich auf Tortuga festzusetzen. Gerade das wollen wir jedoch verhindern. Wie uns diese Piratin bereits mitgespielt hat, werden wir alles daransetzen, ihre Pläne zu durchkreuzen.“
Lucien Amadou hob den Kopf.
„Soll das heißen, daß Sie ebenfalls nach Tortuga segeln werden?“
„Das ist geplant“, erwiderte Hasard.
„Oh, das trifft sich ja ausgezeichnet“, fuhr Amadou fort. „Wenn wir Sie begleiten dürften, könnten wir Ihnen vielleicht in irgendeiner Weise dabei helfen, dem Piratengesindel das Handwerk zu legen. Danach würde auch den Plänen Boussacs und der Mädchen nichts mehr im Wege stehen.“
Der Seewolf überlegte kurz.
„Ich nehme Ihr Angebot gern an“, sagte er dann. „Allerdings möchte ich auf keinen Fall, daß Ihre Passagiere in ein Gefecht verwickelt werden. Nach unseren bisherigen Erfahrungen geht es im Kampf mit den Schiffen der Black Queen nicht gerade gemütlich zu.“
Ben Brighton, der bis jetzt still und zurückhaltend zugehört hatte, lächelte den vier Ladys plötzlich zu.
„Es könnte sogar sein“, sagte er, „daß Sie die hübschen bunten Tücher von den Kanonen nehmen müßten.“
„Genau das wollen wir aber vermeiden“, warf Hasard ein. „Es wird sogar gut sein, wenn an der ‚Coq d’Or‘ vorläufig nichts verändert wird.“
„Sie haben bereits einen Plan?“ fragte Amadou.
Hasard nickte. Dann unterbreitete er dem Kapitän der französischen Galeone und den Ladys aus Paris seine Vorschläge. Sein Plan war einfach, aber gut durchdacht. Außerdem hatte er nahezu alle Eventualitäten berücksichtigt.
Lucien Amadou war Feuer und Flamme und steuerte im Einvernehmen mit den Mädchen sogar eigene Ideen bei. Nachdem auch der Wikinger, Jean Ribault und Siri-Tong zu dem Vorhaben gehört worden waren, wurde die Sache mit einem kräftigen Händedruck besiegelt.
Amadous Begeisterung war nicht zuletzt auf die Sympathie zurückzuführen, die er für den Kapitän der „Isabella IX.“ empfand. Er hatte sofort bemerkt, daß Philip Hasard Killigrew ein aufrechter und charakterfester Mann war, dem man vertrauen konnte.
Und Vertraute – so sah es aus – konnte man in der „eisenhaltigen“ Luft der Karibik sehr gut brauchen.
4.
In einer der weißgetünchten Hütten, die nicht weit von Diegos Felsenkneipe entfernt waren, herrschte eine gespannte Atmosphäre.
Der mittelgroße, bullige Mann mit dem kahlrasierten Schädel, den sie alle nur El Toro – den Stier – nannten, kochte vor Wut und Haß. Während die Männer auf den Holzbänken hockten und ihn teils mit zustimmenden, teils mit skeptischen Blicken ansahen, stand er mitten im Raum und stützte die klobigen Fäuste in die Hüften.
Wie er so dastand, glich El Toro wirklich einem Stier, und zwar einem, den man mit einem roten Tuch gereizt hatte.
Das rote Tuch war in diesem Falle die Black Queen.
Es gab kaum noch jemanden in der näheren Umgebung der „Schildkröte“, der nicht bereits darüber informiert war, daß sich die schwarze Piratin zur Herrscherin über Tortuga aufgeschwungen hatte. Einige der Männer, die sich jetzt um El Toro geschart hatten, waren in Diegos Kneipe gewesen, als die Queen ihre Machtansprüche öffentlich kundgetan hatte.
„Du hast dir reichlich viel vorgenommen, El Toro“, sagte Juan, der meist als Tagedieb im Hafen herumlungerte. „Gegen dieses Teufelsweib kommst du nicht an. Du nicht und wir alle nicht.“
Der dürre Bursche blickte nach Zustimmung heischend in die Runde. Doch wie es schien, stand er inzwischen allein mit seiner Meinung. War es anfänglich noch die Mehrzahl der versammelten Männer gewesen, die versucht hatte, El Toro sein wahnwitziges Vorhaben auszureden, so war er jetzt der einzige. Die acht anderen Kerle hatten sich von El Toros Wutausbrüchen und haßvollen Reden überzeugen lassen.
Der Kahlköpfige warf Juan, einem ziemlich hellhäutigen Mulatten, einen kalten Blick zu.
„Du kannst noch aussteigen“, sagte er. „Wir sind freie Männer. Ich zwinge niemanden, selbst wenn ich die Sache allein erledigen müßte. Aber eins sage ich dir, Juan: Wenn du uns verpfeifst, ist dein lausiges Leben nicht einmal mehr den Dreck wert, den du unter deinen langen Fingernägeln hast. Ich hoffe, du hast mich verstanden!“
Juan tat entrüstet. „Willst du mich als Verräter hinstellen, El Toro? Mich, einen deiner engsten Freunde? Traust du mir tatsächlich zu, dich zu verraten? Hör zu: Ich will nicht, daß du so über mich denkst. Selbstverständlich stehe ich auf deiner Seite, auch wenn ich meine Bedenken gegen deinen Plan vorgebracht habe. Trotzdem wirst du zugeben müssen, daß es ein sehr gefährlicher Plan ist. Die Black Queen und ihre verfluchte Bande scheint mit dem Teufel im Bunde zu sein. Nicht einmal der Seewolf und seine Freunde haben ihr bisher eine vernichtende Schlappe zufügen können. Und wir – wir sind nur ein armseliges kleines Häuflein.“
Über El Toros Stirn legten sich tiefe Falten.
„Ich bin mir des Risikos durchaus bewußt“, sagte er. „Dennoch ist es die einzige Lösung für uns und für Tortuga. Und es wird uns gelingen, wir müssen es nur geschickt anpacken. Wir tun es nicht nur, weil dieses Weibsstück meinen Bruder kaltblütig ermordet hat, sondern weil es für jeden von uns um seine Existenz geht. Befindet sich die Insel erst einmal in den Klauen der Black Queen, hat keiner von uns mehr etwas zu lachen. Wir können uns dann jeden Tag, an dem wir uns von unserem Lager erheben, fragen, ob wir ihn durch die Gnade der Queen überleben werden, oder ob sie geruhen wird, uns ihr Entermesser in den Bauch zu jagen. Wenn sie am Leben bleibt, werden wir alle nur noch arme Tröpfe sein, die vor ihr und ihren Handlangern zu kuschen haben.“
Das leuchtete den mehr oder weniger wüsten Kerlen ein. Die meisten von ihnen hatten in der „Schildkröte“ miterlebt, wie dem betrunkenen Pedro von der Negerin ein Loch in die Stirn geschossen worden war, und das nur, weil er im Suff unüberlegt dahergeredet hatte.
Pedro war El Toros Bruder gewesen und in gewissem Sinne auch sein Partner. El Toro betrieb seine dunklen Geschäfte seit einigen Jahren von Tortuga aus. Offiziell war er Händler, doch in Wirklichkeit lebte er von der Hehlerei. Er kaufte zahlreichen Schnapphähnen in der gesamten Karibik Teile ihrer Beute zu Spottpreisen ab und verhökerte das Zeug dann weiter. Bisweilen griff er mit seiner Karavelle auch mal selber zu, weil das den Gewinn beträchtlich erhöhte. Kein Wunder, daß er durch die Machtgier der Black Queen seine Felle davonschwimmen sah.
„Mit uns kannst du rechnen, El Toro“, sagte Miguel, ein kleiner, kräftiger Bursche mit einem runden Vollmondgesicht. Die anderen murmelten zustimmend.
„Ich danke euch“, sagte El Toro. „Ich habe also richtig gehandelt, daß ich mich auf euch verlassen habe. Wir werden der Queen samt ihrer Brut den Garaus bereiten, das verspreche ich euch.“
„Es wird verdammt hart werden“, bemerkte Fernando, dem die Hütte gehörte, „aber wir werden es schaffen.“
El Toros Züge glätteten sich. „Natürlich hätten wir im offenen Kampf keine Chance gegen dieses Miststück. Doch diesmal handelt es sich nicht um ein Seegefecht gegen ihren ganzen Verband. Unser Angriff wird sie an Land überraschen und richtet sich ausschließlich gegen sie und die Handvoll Männer, die sie begleiten. Das müßte doch, verdammt noch mal, zu schaffen sein!“
„Wo willst du zuschlagen?“ Miguel sah den bulligen Händler erwartungsvoll an. „Am besten ist es wohl, wenn wir die Bande in einen Hinterhalt locken.“
El Toro grinste und zeigte dabei eine Reihe kräftiger Zähne, die vom Aussehen her an ein Pferdegebiß erinnerten.
„Wir brauchen sie gar nicht erst wohin zu locken“, versprach er. „Sie werden uns ganz von selber ins Netz gehen. Die Queen ist vor einer Stunde in östlicher Richtung aufgebrochen. Demnach wird sie, nachdem sie die Insel gerundet hat, von Westen her zum Hafen zurückkehren. Dabei muß sie jedoch das Felsengelände in der Nähe des Westufers durchqueren. Genau dort werden wir ihr auflauern. Während uns die Felsen die beste Deckung geben, die wir uns wünschen können, werden uns die Teufel auf ihren Maultieren direkt vor die Musketenläufe reiten. Das Überraschungsmoment wird auf jeden Fall auf unserer Seite sein.“
„Der Plan ist ausgezeichnet“, sagte Juan. Offensichtlich traute er sich nicht mehr, weitere Bedenken vorzubringen. „Wir brauchen uns nicht einmal zu beeilen, denn wenn man davon ausgeht, daß die Queen ihren Erkundungsritt während der Nacht unterbricht, kann sie frühestens morgen zum Hafen zurückkehren.“
„So ist es“, bestätigte El Toro. „Es bleibt uns also Zeit genug, unseren Angriff gründlich vorzubereiten. Die Black Queen wird ahnungslos in unsere Falle gehen. Auch wenn sie auf See einen legendären Ruf genießt – hier, in der unwirtlichen Wildnis von Tortuga, sind wir es, die sich besser auskennen. Wir sind genau zehn Mann, damit sind wir den Piraten zahlenmäßig gewachsen. Die Queen ist zusammen mit Caligula, dem Spanier und dem dicken Bierbrauer losgeritten und hat sechs Kerle von ihrem Schiff als Begleitschutz mitgenommen. Daß sie bis an die Zähne bewaffnet sind, wird ihnen nichts nutzen. Wir werden sie einfach abschießen, wenn ich das Zeichen dazu gebe. Hinterher lassen wir die Leichen verschwinden. Sie werden niemals gefunden werden, selbst wenn die Schnapphähne die ganze Insel Schritt für Schritt absuchen …“
„Du – du willst sie verschwinden lassen?“ Fernando zog ein verblüfftes Gesicht.
El Toro nickte. „Wir werden sie zu einer versteckten Höhle bringen, die in der Nähe des Felsengeländes liegt. Darin gibt es eine sehr tiefe Spalte, die man auch mit lodernden Fackeln nicht ausleuchten kann. Niemand wird sie dort jemals finden.“
„Aber die Schüsse wird man hören“, gab Miguel zu bedenken.
„Das wird sich nicht vermeiden lassen“, sagte El Toro, „aber man wird keine Erklärung dafür haben. Wenn man nicht feststellen kann, wo die Queen mit ihren Begleitern abgeblieben ist, kann man nichts gegen die Bewohner der Insel unternehmen. Vielleicht läßt sich sogar das Gerücht in die Welt setzen, die Schnapphähne seien mit einer Pinasse entführt worden. Wohin – darüber sollen sich die Piraten ruhig die Köpfe zerbrechen. Ohne die Queen und diesen Caligula sind die Kerle ziemlich hilflos, und niemand auf Tortuga wird viel zu befürchten haben.“
Alles, was El Toro vorbrachte, klang einfach und logisch. Ja, er hatte seine Männer tatsächlich davon überzeugt, daß man auch so gefährliche Gegner wie die Black Queen und Caligula loswerden konnte, wenn man es nur geschickt anstellte.
Fernando ging zu einem Wandregal und holte die beiden einzigen Humpen, die er besaß. Er füllte sie mit schwerem Rotwein.
„Wenn wir uns schon nicht zu beeilen brauchen“, sagte er, „dann können wir wenigstens einen Schluck auf das Gelingen unseren Planes trinken.“ Einen Humpen reichte er El Toro, den anderen behielt er, um ihn nach dem ersten Zug kreisen zu lassen.
„Auf die Vernichtung der Black Queen!“ sagte El Toro mit harter Stimme. „Und auf die Rache für Pedro!“
Mit verschwörerischen Mienen hoben die Männer die Humpen an die Lippen.
Erst einige Stunden später, im Schutz der Dunkelheit, brachen El Toro und seine Mannen einzeln auf. Sie achteten peinlichst darauf, daß sie nicht auffielen und trafen erst zusammen, als die blakenden Lichter des Hafens weit hinter ihnen lagen.
Fernando hatte drei Maultiere mitgebracht, mit denen die Leichen der Piraten vom Schauplatz abtransportiert werden sollten. Zunächst aber trugen die Tiere – wohlverpackt – die Waffen der zehn Männer auf dem Rücken.
Auch El Toro und seine Kumpane sparten nicht an der Bewaffnung, denn sie waren nach wie vor davon überzeugt, daß das Wild, das sie jagen wollten, mit der Hölle im Bunde stand.
Die Schatten der Nacht waren längst verflogen, und die morgendlichen Dunstschwaden wurden von der Sonne aufgelöst.
Die Black Queen, Caligula, Jaime Cerrana sowie Willem Tomdijk und die sechs Galgenvögel von der „Caribian Queen“ saßen längst wieder auf ihren Maultieren und ritten auf das Westufer von Tortuga zu.
Die Nacht hatten sie in einer Fischerhütte verbracht, nachdem sie den Besitzer samt seiner vielköpfigen Familie einfach ausquartiert hatten. Schließlich wäre es – wie Jaime Cerrana mit einem höhnischen Lachen festgestellt hatte – eine Ehre, die Herrscherin von Tortuga zu beherbergen.
Jetzt, am frühen Morgen, trieb die Queen ihr Reittier an. Sie hatte es eilig, wieder zum Hafen zurückzukehren. Wirklich sicher fühlte sie sich nur auf ihrem Schiff, jenem düsteren Zweidecker, der gestern in der Hafenbucht vor Anker gegangen war.
Außerdem wußte man nie, was die Kerle von der Schlangen-Insel ausheckten. Der Verband der Queen war zwar gefechtsklar, aber sie wollte dennoch dabei sein, falls einer dieser Kerle, vielleicht sogar der Seewolf selber, die Nase zu weit vorstreckte.
Zunächst aber zerbrachen sich die Black Queen und ihre Begleiter die Köpfe über die Unterbringung der zahlreichen Siedler aus El Triunfo. Niemand hatte einen Blick für das üppig wuchernde Grün, das die Insellandschaft überzog – für die wilden Orchideen und die zahlreichen anderen exotischen Blütenpflanzen, Kakteen und Farnbäume.
Die Hitze war um diese Zeit noch erträglich, aber schon bald würde die Sonne die Luft in eine flirrende Masse verwandeln.
„Wir werden die Engländer und Franzosen möglichst in Hafennähe ansiedeln“, sagte die Queen. „Unterkünfte werden wir nur errichten, soweit das erforderlich und unumgänglich ist. Sonst weichen wir am besten auf die Fischerdörfer in Küstennähe aus, weil wir so die Leute bei Bedarf am schnellsten zur Verfügung haben.“
„Dreihundert Männer sind eine ganze Menge“, bemerkte Willem Tomdijk und wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. „So problemlos werden sie sich nicht in den winzigen Fischersiedlungen unterbringen lassen.“
Die schwarze Piratin winkte ab.
„Nur keine großen Umstände“, sagte sie. „Es soll ja nicht für ewig sein. Ich bin nach wie vor dafür, daß wir Tortuga nur als Zwischenstation benutzen und später nach Hispaniola ausweichen. Deshalb bauen wir nur so viel, wie unbedingt nötig ist. Im übrigen werden sich die Bewohner von Tortuga einmal von ihrer gastfreundlichen Seite zeigen müssen.“
Caligula lachte rauh, denn die Leute, die sie bisher angetroffen hatten, schienen die Gastfreundschaft nicht gerade erfunden zu haben. Man hatte ihnen deutlich angemerkt, daß sie die Black Queen und ihre Begleiter als unwillkommene Besatzungsmacht ansahen. Aber das störte die Schnapphähne nicht, denn sie verstanden es hervorragend, wo immer es nötig war, der Gastfreundschaft ein bißchen nachzuhelfen.
Jaime Cerrana sagte: „Laß doch die Tagediebe, die hier überall herumlungern, antreten und die Unterkünfte bauen. Da hat das Pack wenigstens etwas zu tun.“
Willem Tomdijk winkte ab.
„Gar nicht nötig“, erklärte er. „Meine Leute können selber kräftig zupacken. Dreihundert harte Männer brauchen schließlich nicht wie Wickelkinder behandelt zu werden. Sie werden schon selber in die Hand nehmen, eine Behausung für sich auf die Beine zu stellen, man muß ihnen nur sagen, wo. Und außerdem …“
Der Bierbrauer aus den fernen Niederlanden und ehemaligen Bürgermeister von El Triunfo wurde durch den Ruf eines Maultieres unterbrochen.
Die Laute stammten jedoch nicht von einem ihrer Reittiere, sondern schienen etwas weiter entfernt ausgestoßen worden zu sein. Durch die weit ausladenden Farnbäume war jedoch nichts zu sehen.
Sofort hob die Black Queen die rechte Hand und stoppte ihren Trupp.
Ohne daß es eines besonderen Befehles bedurfte, rissen die Piraten ihre Musketen hoch. Die Queen selbst zog ihre doppelläufige Pistole aus dem Gürtel. Ihre wohlproportionierte Gestalt straffte sich, während ihre Augen flink die Umgebung abtasteten. Ihre Nasenflügel blähten sich auf wie bei einem witternden Raubtier.
Doch die Vorsicht erwies sich als unnötig. Das Maultier, das in das Blickfeld der Piraten geriet, wurde von einem nahezu unbewaffneten Mulatten geführt und war mit drei kleinen Holzfässern beladen.
Der dunkelhäutige Mann erschrak heftig, als er sich plötzlich der schwerbewaffneten Schar gegenübersah. Er hielt sein Tier an und starrte abwartend auf die Frau an der Spitze des Trupps.
„Tritt näher!“ befahl die Queen herrisch. „Oder erwartest du, daß wir zu dir kommen?“
Der Mulatte gehorchte zögernd. Zehn Schritte vor dem Maultier der Black Queen verhielt er jedoch und warf der halbnackten Frau einen mißtrauischen Blick zu.
„Wie heißt du, und wohin willst du?“ fragte die Queen.
„Ich heiße Paolo, Señora, und ich war im Hafen. Ich – ich habe diese drei Fässer eingekauft.“ Er deutete auf die Behälter, die auf dem Rücken des Maultieres festgebunden waren.
„Was ist da drin?“
Der Mann zögerte, denn er ahnte, wen er vor sich hatte. Im Hafen von Tortuga gab es kein anderes Gesprächsthema als die Black Queen. Schließlich sagte er: „Getränke, Señora.“
„Verdammt, ich weiß, daß du keinen Sand in diese Fässer gefüllt hast“, fauchte die schwarze Piratin. „Laß dir nicht jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen!“
Der Mulatte zuckte zusammen. „In zwei Fässern ist Wein, Señora. In dem anderen – ist Rum.“
Caligula begann dröhnend zu lachen und hieb sich mit der rechten Hand auf den Oberschenkel.
„Das trifft sich ja bestens“, brüllte er. „Sicher hast du gewußt, daß man eine trockene Kehle kriegt, wenn man diese verdammte Insel durchstreift. Nett von dir, daß du uns die drei Fässer als Erfrischung anbieten willst.“
„Aber Señor!“ Der Mulatte geriet ins Stammeln. „Das – das kann ich nicht …“ Seine Blicke huschten nervös von einem zum anderen.
„Was kannst du nicht?“ fragte Caligula lauernd. „Soll das vielleicht heißen, daß du der Black Queen und ihren Begleitern diese drei lächerlichen Fäßchen verweigern willst? Wir sind neun Männer und eine Frau – wie du siehst, und wir sind seit vielen Stunden unterwegs. Und du sagst einfach nein! Ist das die vielgepriesene Gastfreundschaft auf dieser Insel?“
Der Mann wand sich. „Señor, lassen Sie mich doch erklären! Der Inhalt dieser Fässer gehört mir nicht. Ich wurde lediglich von anderen Fischern beauftragt, den Wein und den Rum bei Diego abzuholen. Ich – ich kann doch nicht einfach …“
Willem Tomdijk mischte sich ein. „Lassen wir ihn weiterziehen, es mag sich durchaus so verhalten, wie er sagt.“
„Halte dich da raus, Tomdijk!“ herrschte ihn die Queen an. „Das ist eine Sache, die dich nichts angeht!“
Der Niederländer schwieg betreten.
Caligula glitt behende von seinem Maultier und zog seine Peitsche aus dem Gürtel. Bevor der Mulatte noch etwas sagen konnte, stand der muskulöse Neger vor ihm.
„So, du kannst also nicht“, sagte Caligula. „Hauptsache, das faule Fischerpack kriegt seihen Wein und kann sich die Hucke vollsaufen, alles andere ist dir egal.“
Caligula redete meist nicht viel, doch jetzt betrachtete er das Ganze als eine Art Spiel. Er liebte es, seine Opfer zu quälen.
Der Mulatte durchschaute dieses Spiel jedoch nicht. Er zog ein weinerliches Gesicht und verlegte sich aufs Jammern.
„Aber Señor, ich schwöre Ihnen bei der heiligen Madonna und bei …“
Caligula hatte keine Geduld mehr. Und Skrupel kannte er ohnehin nicht. Die Lederriemen seiner Peitsche zischten jäh durch die Luft.
Einmal, zweimal, dreimal.
Der Mulatte brach laut schreiend zusammen und hob abwehrend die Hände vors Gesicht.
Doch Caligula ließ sich dadurch nicht abhalten. Mit brutaler Gewalt verabreichte er dem Mann drei weitere Hiebe, bis sich dieser stöhnend und wimmernd am Boden wand.
Dann erst steckte der Liebhaber der Queen die Peitsche weg und gab einem der Kerle von der „Caribian Queen“ einen Wink. Dieser ritt an das Maultier des Mulatten heran und nahm die Zügel auf. Mit der „Beute“ im Schlepp setzte sich der Trupp wieder in Bewegung. Niemand würdigte den zusammengeschlagenen Mann noch eines Blickes.
„Bei der nächsten Rast werden wir uns einen Schluck genehmigen!“ rief Caligula mit einem höhnischen Grinsen. „Ich spendiere euch das Zeug!“
Jaime Cerrana brachte einen Hochruf auf Caligula aus, in den die sechs Kerle vom Begleitschutz begeistert mit einstimmten.
„Sie kommen!“ El Toros Gesicht verzog sich voller Haß. Er schob den Kieker in den Gürtel zurück und kletterte rasch von dem Felsblock hinunter, der ihm trotz der sengenden Hitze viele Stunden lang als Ausguck gedient hatte.
Die Männer, die schon seit der vergangenen Nacht auf der Lauer lagen, hatten ihrem Anführer immer wieder ungeduldige Blicke zugeworfen. Jetzt endlich war die erwartete Meldung erfolgt.
Es erfüllte El Toro mit Genugtuung, daß seine Kalkulation aufgegangen war. Er hatte von Anfang an damit gerechnet, daß die Piraten das von unzähligen Felsblöcken übersäte Geröllfeld dem mühsamen und schwer zugänglichen Weg durch die zerklüfteten Berge vorziehen würden.
El Toro und seine Männer waren längst kampfbereit. Die drei Maultiere, die sie vorsichtshalber mitgebracht hatten, waren weit genug vom Schauplatz entfernt am Stamm einer Palme festgebunden worden, damit sie von niemandem gehört werden konnten.
Die versteckte Höhle, in der die Leichen der Piraten für ewige Zeiten verschwinden sollten, lag nur eine knappe Meile von dem Geröllfeld entfernt am Fuße eines Bergmassivs.
Die Männer waren hinter mächtigen Felsbrocken in Deckung gegangen, die aussahen, als habe sie die Natur in einem gewaltigen Wutausbruch wahllos in die Gegend geschleudert.
Die Strategie war genau abgesprochen worden. Als erstes sollten die Musketen abgefeuert werden, dann die Pistolen. Die „Feinarbeit“, sollte, wie El Toro grinsend erklärt hatte, mit den Messern erledigt werden.
Die Maultiere der Black Queen würde man – sofern sie den Kampf überlebten – einfach laufen lassen. Vielleicht würde das eine oder andere zu seinem rechtmäßigen Besitzer zurückfinden.
Es herrschte Totenstille. Nur das Geschrei der Vögel drang gedämpft aus dem Dickicht herüber. Die Fäuste der Männer umklammerten hart das Holz der Musketen. Als das Hufgetrappel bereits zu hören war, hielten einige den Atem an.
Bald waren Stimmen zu hören. Ein Mann lachte rauh.
Endlich tauchte der Trupp hinter den Felsen auf. Die Black Queen saß kerzengerade im Sattel. Den Kopf mit dem dichten Kraushaar hatte sie hoch erhoben. Ihre nackten Brüste wippten im Rhythmus der Körperbewegungen ihres Reittieres.
Noch verhielt sich El Toro still. Er wollte auf keinen Fall voreilig handeln. Ungeduld konnte jetzt alles verderben, ja, sogar über Leben und Tod entscheiden. Je näher der Feind heranrückte, desto besser würden die Musketenkugeln treffen.
Doch dann geschah es, urplötzlich und völlig unvermittelt.
Juan, der hinter einem Felsblock kauerte, versuchte, sein Körpergewicht mehr nach rechts zu verlagern. Dabei stieß er mit dem nackten linken Fuß einen kopfgroßen Stein zur Seite. Im selben Augenblick schrie er gellend auf. Aber das nutzte nichts mehr. Die kleine, grünliche Schlange, die unter dem Stein wohl Schutz vor der sengenden Sonne gesucht hatte, löste ihre Zähne bereits wieder von seinem Fuß. Juan begriff instinktiv, daß der Biß dieser Viper tödlich war.
El Toro und die übrigen Männer wurden einen Lidschlag lang von lähmendem Entsetzen gepackt. Der laute Schrei Juans war – daran gab es keinen Zweifel – von der Queen und ihren Leuten gehört worden. Und das viel zu früh.
El Toro erlangte als erster die Fassung zurück.
„Feuer!“ brüllte er mit sich überschlagender Stimme. Im selben Augenblick begannen die Musketen zu krachen.
Aber auch die Black Queen und ihre Begleiter hatten schnell reagiert. Schon bei dem Aufschrei Juans waren sie vom Rücken ihrer Maultiere gerutscht und hatten sich flach auf das Geröll geworfen – gerade noch rechtzeitig genug, um dem ersten Kugelhagel zu entgehen.
Die Geschosse peitschten dicht über den Rücken der Maultiere hinweg und verloren sich irgendwo in der Landschaft. Niemand war getroffen worden, wie El Toro mit einem wilden Fluch feststellte.
Juan hatte seine Waffe nicht mehr abgefeuert. Er hockte wimmernd hinter dem Felsblock und starrte auf seinen rasch anschwellenden Fuß. Dann versuchte er, die Wunde mit einer jähen Verrenkung an den Mund zu kriegen, um sie auszusaugen.
Aber da fehlte es bereits an der nötigen Elastizität. Panische Angst packte ihn, und er schrie jetzt laut um Hilfe. Doch niemand achtete darauf. Seine Kumpane hatten im Moment ganz andere Sorgen.
„Nehmt die Pistolen!“ schrie El Toro. „Nieder mit der Black Queen!“
Doch die Piratin und ihre Kerle hatten die Schrecksekunden genutzt. Teils robbten sie flink hinter umherliegende Felsen, teils rannten sie in geduckter Haltung darauf zu.
Dabei ließ sich nicht vermeiden, daß einige von ihnen ausgerechnet Deckung hinter Felsbrocken suchten, die El Toros Leute bereits in Beschlag genommen hatten.
Im Handumdrehen entbrannte ein wilder Kampf.
Schreie und Flüche wurden ausgestoßen, Musketen und Pistolen krachten, und das Metall von Blankwaffen klirrte gegeneinander.
Auf beiden Seiten wurde zäh und verbissen gekämpft. Schon nach wenigen Augenblicken lagen die ersten Toten auf dem Geröll. Zu ihnen gehörte Juan, der kleine Tagedieb, der die meisten Bedenken gegen den Überfall geäußert hatte. Eine Kugel aus der Pistole Jaime Cerranas hatte ihn von der Angst erlöst, am Biß der Giftschlange sterben zu müssen.
Aber auch auf seiten der Piraten gab es bereits Opfer. Zwei Decksleute von der „Caribian Queen“ lagen verkrümmt am Boden, ihre Augen starrten ins Leere.
Am stärksten wütete der Sensenmann allerdings in den Reihen von El Toros Leuten. Schon nach kurzem Kampf sank der fünfte Mann tot in sich zusammen. Die letzte Kugel aus der doppelläufigen Pistole der Black Queen hatte ihn in die Brust getroffen.
Caligula lieferte Fernando, in dessen Hütte der Überfall geplant worden war, ein hitziges Messerduell. Der Fischer und Gelegenheitsschnapphahn aus Tortuga war zwar ein sehr geschickter Messerkämpfer, aber auf Dauer hatte er gegen den hünenhaften Schwarzen keine Chance. Der Kampf währte höchstens zwei Minuten, dann fuhr ihm Caligulas Entermesser in den Leib.
Auch Cerrana und Tomdijk kämpften wild und entschlossen. Jeder hatte begriffen, daß es hier unabdingbar um Leben und Tod ging.
Die Black Queen hatte ihre leergefeuerte Pistole in den Gürtel geschoben und ließ jetzt ihr Entermesser kreisen. Als ein weiterer Mann aus ihrer Begleitmannschaft von El Toros’ Dolch erwischt wurde und mit einem Röcheln auf die Steine sank, verwandelte sie sich in eine reißende Bestie.
El Toro und seine wenigen Kumpane, die noch am Leben waren, standen auf verlorenem Posten. Der schicksalhafte Schlangenbiß, der Juan unabsichtlich aufschreien ließ, sollte ihnen zum Verhängnis werden. Da half auch kein Fluchen und Hadern mehr, der Kampf war nach wenigen Minuten entschieden.
El Toro brüllte vor ohnmächtiger Wut wie ein Stier, als Miguel, der letzte seiner Männer, tot zusammenbrach – niedergemäht von dem seltsam geformten Entermesser der Black Queen. El Toro achtete nicht auf die tiefe Fleischwunde, die ihm einer der Piraten an der linken Schulter beigebracht hatte. Er war nur noch von dem Wunsch besessen, die Queen mit seinem Dolch zu töten, bevor es auch ihn erwischte.
Doch dazu sollte El Toro keine Gelegenheit mehr haben.
Die Piraten kreisten ihn ein wie ein gejagtes Wild. Schließlich gelang es Caligula, ihn von hinten zu packen und in einen harten Würgegriff zu nehmen. Er setzte ihm dabei das Messer an den Hals.
„Laß deine Waffe fallen!“ fauchte der Schwarze böse. In seinen Augen funkelte blanke Mordgier.
El Toro mußte keuchend gehorchen. Seine Brust hob und senkte sich in einem wilden Rhythmus, dann klirrte sein Dolch auf das Gestein.
Die Black Queen baute sich mit einem triumphierenden Lächeln vor ihm auf.
„So hast du dir das wohl nicht vorgestellt, wie? In wessen Auftrag habt ihr uns überfallen?“ Ihre Stimme klang hart und unerbittlich.
El Toro spuckte vor ihr aus.
Doch das brachte ihm nur eine fürchterliche Ohrfeige der Queen ein. Hätte ihn Caligula nicht fest im Griff gehabt, wäre er von dem Schlag unweigerlich zu Boden gegangen.
„Willst du jetzt antworten, du Bastard? Wer steckt dahinter? Heraus damit!“
„Ich“, sagte er mit haßerfüllter Stimme. „Ich, El Toro!“
„Du?“ Die Queen lachte spöttisch. „Ich kenne dich nicht einmal.“
„Dafür kenne ich dich um so besser!“ stieß El Toro hervor. Auf seinem kahlen Schädel perlte der Schweiß. „Erst gestern hast du in Diegos Kneipe meinen Bruder Pedro kaltblütig ermordet. Dafür wirst du sterben, Black Queen! Eines Tages wirst du bezahlen, du – du Hure!“
Für einen Augenblick verwandelten sich die Lippen der Frau in schmale Striche.
„Dein Bruder Pedro hat mich auch so genannt“, sagte sie mit scheinbar ruhiger Stimme. „Doch er hat es nicht überlebt, wie du weißt. Auch du wirst es mit dem Leben büßen, El Toro!“
Blitzschnell ruckte ihr Entermesser hoch. Eine Sekunde später hing El Toro tot im Arm Caligulas. Auf seinen Zügen spiegelte sich blankes Entsetzen.
Der Schwarze löste seinen eisernen Griff, und die Leiche El Toros prallte dumpf auf den Boden. Weder er noch seine Kumpane hatten das Massaker überlebt. Sie hatten hoch gespielt – und verloren.
Für die Black Queen und ihre Leute war mit dem Tod El Toros die Angelegenheit erledigt. Keiner von ihnen dachte auch nur im geringsten daran, die Leichen der Angreifer und der drei Männer aus den eigenen Reihen zu beseitigen.
Die selbsternannte Herrscherin über Tortuga wollte die Hafenbucht, die ungefähr fünf Meilen vom Schauplatz entfernt war, noch vor Anbruch der Abenddämmerung erreichen.
5.
Als die Black Queen in den späten Vormittagsstunden des nächsten Tages zusammen mit ihrem Anhang die Felsenkneipe „Zur Schildkröte“ betrat, hockte Emile Boussac bereits mit kummervoller Miene an einem Tisch und starrte in einen halbleeren Rotweinhumpen.
Jaime Cerrana lachte spöttisch.
„Was ist denn mit dir los, Monsieur Boussac? Du schneidest ja ein Gesicht, als hätten dir die Hühner das letzte Stück Brot weggefressen.“
Boussac hob den Kopf.
„Ihr habt gut reden“, jammerte er. „Mit euren Plänen geht es wenigstens vorwärts. Ihr könnt Tag für Tag neue Fortschritte verbuchen. Aber was ist mit mir, dem einst so stolzen Besitzer von ‚La Mouche Espagnole‘? Es ist zum Heulen! Ich sitze hier und warte auf meine Süßen aus Paris. Dabei weiß ich noch nicht einmal, ob sie jemals auf Tortuga eintreffen werden. Schließlich waren sie ja nach El Triunfo beordert und …“
Jetzt riß der Black Queen der Faden. „Hör endlich auf mit deinem ewigen Gejammer, Boussac! Das alles wissen wir längst, und ich kann dein Gejaule nicht mehr hören. Es gibt wahrhaftig wichtigere Dinge zu tun, als ständig hinter deinen lausigen Freudenmädchen her zu heulen. Huren gibt es überall auf der Welt, die kann man immer noch importieren, wenn die Siedler erst einmal Fuß gefaßt haben.“
Emile Boussac hob abwehrend die Hände.
„Ganz so einfach ist das nicht“, sagte er. „Schließlich stehen die Mädchen in Paris nicht in langen Schlangen, um auf ihren Abtransport zu warten. Außerdem dauert es verdammt lange, bis ein neuer Transport zusammengestellt ist. Dabei geht viel kostbare Zeit verloren, in der man keine Geschäfte tätigen kann. Es ist schon ein rechtes Kreuz, wenn man bedenkt, daß es auf Tortuga ganz hervorragende Möglichkeiten gibt …“
„Schluß jetzt, Boussac!“ Die Queen hieb mit der Faust auf den Tisch. „Ich kann’s nicht mehr hören. Plötzlich dreht sich auf Tortuga alles nur noch um Huren!“
Emile Boussac war beleidigt. Er murmelte etwas von Unverständnis und Mißgunst vor sich hin und zog sich schmollend zurück. Er spürte plötzlich, daß sein Kopf schwer geworden war, denn er hockte bereits seit dem frühen Morgen in der „Schildkröte“, schluckte einen Humpen Wein nach dem anderen und hoffte inbrünstig, daß seine „Püppchen“ doch noch den Weg nach Tortuga finden würden.
Jetzt aber war er müde, und irgendwo in den Felsengewölben würde er schon noch eine freie Nische finden, in der er sein müdes Haupt ein Stündchen auf die Tischplatte legen konnte.
Emile Boussac war davon überzeugt, daß sich langsam alles gegen ihn verschwor. Kein Wunder, daß er mit seinem Schicksal haderte. Das Gespräch, das er noch spät in der vergangenen Nacht mit Diego geführt hatte, war auch nicht gerade dazu angetan, seine Laune zu heben.
Wie der dicke Wirt beteuert hatte, waren die Geschäftsmöglichkeiten auf Tortuga gar nicht so rosig. Daß der schlitzohrige Diego absichtlich den Gang seiner Geschäfte in den düstersten Farben ausgemalt hatte, weil er nicht gern einen zweiten Schankwirt als Konkurrenten in der Nähe haben wollte, ahnte Boussac nicht.
Laut Diego konnte man als Schankwirt auf Tortuga nur ein sehr armseliges Dasein fristen, weil ja kaum etwas los war auf dieser einsamen Insel.
Mon Dieu, das Leben war manchmal hart und grausam. Emile Boussac seufzte tief und gottergeben, als er seinen bleischweren Kopf auf die verschränkten Arme sinken ließ.
Daß ein Mann von der „Caribian Queen“ im Laufschritt in die Kneipe stürmte, um der Black Queen die Ankunft eines gar seltsamen Schiffes zu melden, kriegte der sonst so quicklebendige Franzose nicht mehr mit.
„Was heißt hier seltsames Schiff?“ herrschte die Queen den Mann an. „Kommt es vielleicht durch die Luft geflogen?“
„Nein, Madam“, erwiderte der Kreole und glotzte die Queen dümmlich an. „Es – es schwimmt im Wasser.“
„Was du nicht sagst!“ Das Gesicht der schwarzen Piratin wurde böse. „Vielleicht klappst du jetzt dein verdammtes Maul auf und drückst dich klar und verständlich aus! Ist es ein Schiff des Seewolfs?“
„Nein, Madam, das ist es wohl nicht. Aber es sieht so – so komisch aus. Es flattern überall bunte Tücher herum. Die Kanonen sind auch in Tücher eingehüllt, und als Flagge führt die Galeone ein Stück Stoff mit einem roten Herzen darauf. Bei der Galionsfigur handelt es sich um einen goldenen Hahn …“
„Was soll das? Hast du schon am frühen Morgen Rum getrunken?“
„Gewiß nicht, Madam!“ Der Kreole deutete eine Verbeugung an. „Es ist so, wie ich gesagt habe. Das Schiff hält direkt auf die Hafenbucht zu. Und – und außerdem hat es eine Menge Frauen an Bord.“
„Frauen?“ Die Queen horchte auf und erhob sich spontan. „Zum Teufel, das können nur Boussacs Huren sein!“
Mit Tomdijk und Caligula im Gefolge begab sich die Black Queen schnurstracks zum Hafen, und schon bald konnte sie mit eigenen Augen erkennen, daß der Kreole nicht übertrieben hatte. Auf dem Schiff gab es tatsächlich eine ganze Menge Frauen, auch die merkwürdige Aufmachung stimmte mit der Meldung überein. „Coq d’Or“ hieß die Galeone und stammte eindeutig aus Frankreich.
„Das sind ohne Zweifel die Mädchen aus Paris“, sagte Caligula. „Da hätte sich Boussac das Gejammere sparen können. Der Kapitän war schon von selbst so schlau, sich etwas umzuhören, statt nach Frankreich zurückzukehren.“ Er grinste. „Und jetzt hockt der geschäftstüchtige Emile irgendwo in der ‚Schildkröte‘ und schnarcht die Wände an, statt seine Mädchen zu empfangen. Er wird dumm schauen, wenn er es erfährt.“
Willem Tomdijk lachte glucksend.
„Er wird vor Freude im Dreieck hüpfen, der gute Emile“, sagte er. „Wir sollten ihn benachrichtigen lassen.“
„Nein“, entschied die Queen. „Zunächst einmal müssen wir sicher sein, daß es auch tatsächlich seine Mädchen sind. Die Sache hat schließlich keine Eile.“
Als die seltsame Galeone in den Hafen einlief, erregte sie mächtiges Aufsehen. Die Kerle auf den Schiffen der Black Queen starrten sich fast die Augen aus, ebenso die Leute, die den Hafen bevölkerten.
Daß Emile Boussac einen Mädchentransport aus dem fernen Frankreich erwartete, hatte sich längst auf Tortuga herumgesprochen, so daß jedermann wußte, was es mit den winkenden und lachenden Mädchen auf sich hatte, die sich am Schanzkleid drängten.
Ja, das war für Tortuga schon etwas Besonderes. Und als Kapitän Lucien Amadou zusammen mit dem weiblichen „Führungsgremium“ bestehend aus Manon, Julie, Cécile und Esther, an Land ging und von der Black Queen, Caligula und Willem Tomdijk empfangen wurde, drängten sich eine Menge Schaulustiger am Ufer.
Dessen ungeachtet wurden an den Ankerplätzen bereits lautstarke „Vorverhandlungen“ von Schiff zu Schiff geführt. Die Mädchen, die sich noch an Bord der „Coq d’Or“ befanden, gingen bereitwillig auf die Zurufe der Schiffsmannschaften ein.
Der Black Queen gefiel das ganz und gar nicht. Sie hatte keine Lust, sich durch ein Schiff voller leichter Mädchen gewissermaßen die Schau stehlen zu lassen. War die Stimmung auf Tortuga seit ihrer Machtübernahme etwas gedrückt gewesen, so schienen die Bewohner jetzt plötzlich aufzutauen. Kaum jemand kümmerte sich noch um die Anwesenheit der Black Queen, alles drehte sich nur noch um die Mademoiselles aus Paris.
Die Queen wurde wütend.
„Ich möchte nicht, daß diese Weiber Unruhe auf die Insel bringen“, sagte sie zu Lucien Amadou. „Wir haben ohnehin schon Ärger genug mit dem Gesindel, das sich hier festgesetzt hat. Mir wäre es lieber, wenn Sie mit dem ganzen Weiberpack weitersegeln würden.“
Der rothaarige Amadou setzte sein verbindlichstes Lächeln auf.
„Aber Madam, wo denken Sie hin?“ sagte er. „Ich muß schließlich meine Vertragspflicht erfüllen. Ich habe diese fünfzig Mädchen einem gewissen Monsieur Emile Boussac auszuliefern, und da ich ihn in El Triunfo vergeblich gesucht habe, bin ich hier vor Anker gegangen, um mich etwas umzuhören. Vielleicht kann ich hier etwas über seinen Verbleib in Erfahrung bringen.“ Der Franzose setzte eine scheinheilige Miene auf.
Die Black Queen räusperte sich. Am liebsten hätte sie Amadou geantwortet, daß sie keinen Boussac kenne, denn der ganze Zirkus war ihr zutiefst zuwider. Doch dann mußte sie daran denken, daß ihr Boussac, der ja sehnsüchtig auf seine „Süßen“ wartete, noch länger auf die Nerven gehen würde. Es war deshalb am besten, wenn sie an dem Spiel wohl oder übel teilnahm. Auf ihre „persönliche“ Art konnte sie das Problem im Moment leider nicht lösen, wenn sie es nicht mit den dreihundert Siedlern, zu denen Boussac ja gehörte, verderben wollte.
Außerdem wäre es ohnehin schon zu spät dazu gewesen, Boussac zu verleugnen, dafür sorgten die Umstehenden, die grölend auf ihn hinwiesen.
„Er ist in der Felsenkneipe!“ rief ein Decksmann von der „Caribian Queen“, der Landgang hatte. „Er ist schon fast gestorben vor Sehnsucht nach den Weibern!“
Am liebsten hätte die Queen dem Kerl in den Hintern getreten, aber das hätte auch nichts mehr geändert, denn Emile Boussac war bereits unterwegs. Irgend jemand mußte ihn benachrichtigt haben, denn er eilte freudestrahlend herbei und fiel Lucien Amadou um den Hals.
„Ich habe es gewußt!“ rief er. „Ja, ich habe die Hoffnung nie aufgegeben, daß Sie den Weg nach Tortuga finden würden, Monsieur!“ Zu den Mädchen gewandt, fuhr er fort: „Seid willkommen, meine Täubchen! Ihr seid geradezu ins Paradies gesegelt und werdet es nicht bereuen, dem Ruf Emile Boussacs gefolgt zu sein.“
Völlig aus dem Häuschen umarmte er auch die vier Wortführerinnen, und zum Schluß gab er der drallen Julie noch einen Klaps auf den Hintern, den diese mit einem Kichern quittierte.
Ja, Emile war selig. Endlich konnten seine Geschäfte anlaufen. Daß die sich trotz der düsteren Schilderungen Diegos gar nicht so schlecht anlassen würden, konnte er bereits an den regen Verhandlungen erkennen, die von Bord zu Bord geführt wurden. Gewissermaßen wurden da schon die ersten Vormerkungen und Reservierungen getätigt!
Die Blicke der Queen verfinsterten sich mehr und mehr. Der ganze Rummel, den die Französinnen verursachten, paßte ihr nicht. Sie gewann langsam den Eindruck, daß nicht mehr sie es war, die auf Tortuga regierte, sondern daß die fremden Weiber jetzt das Sagen hatten.
„Ruhe!“ brüllte sie. „Monsieur Boussac, kümmerte dich darum, daß sich die Mädchen ordentlich benehmen und sofort mit ihrem albernen Gekichere und Gekreische aufhören! Man meint ja, man wäre unter eine Schar wilder Gänse geraten! Ich dulde das nicht auf Tortuga, hast du verstanden?“
Emile Boussac schüttelte verwundert den Kopf. „Was ist denn in dich gefahren, Black Queen? Gefallen dir die hübschen Mädchen nicht?“
Bevor die Piratin darauf antworten konnte, schalteten sich Manon und ihre Freundinnen ein.
„Was sagst du da?“ rief Manon zornig. „Wir sollen uns ordentlich benehmen? Was tun wir denn? Ist hier jemand, der sich unordentlich aufführt? Alle Mädchen sind schicklich gekleidet! Ich sehe nur eine Frau, die halbnackt auf der Insel herumläuft, und das bist du, Madam!“
„Manon hat recht!“ rief Julie. „Wir sind anständige Mädchen, jawohl!“
Das vierköpfige „Führungsgremium“ rückte bedrohlich auf die Black Queen zu, um ihr – wie Cécile ankündigte – die Haare auszureißen. Doch bevor sie über die Queen herfallen konnten, wurden sie von Caligula und dem übrigen Mannsvolk festgehalten und besänftigt.
Die Piratin war in der Tat einen Schritt vor den kreischenden Mädchen zurückgewichen. Ihre rechte Hand umklammerte jetzt den Griff ihres Entermessers.
„Ich werde dieses verrückte Weibervolk einkerkern lassen!“ brüllte sie wutentbrannt.
Doch als Antwort erntete sie nur einen vielstimmigen Protestschrei der anwesenden Männer.
Aye, Sir, es ging plötzlich alles drunter und drüber im Hafen von Tortuga. Die Black Queen mußte zum ersten Male erfahren, daß ihre Gefolgschaft nicht kuschte. Die Kerle waren wie toll wegen der Mädchen.
Sie begriff instinktiv, daß es jetzt falsch wäre, in einen Tobsuchtsanfall auszubrechen, denn in der gegenwärtigen Situation würde sie damit nur lächerlich wirken. Also beherrschte sie sich zähneknirschend und machte gute Miene zum bösen Spiel.
Dennoch gab ihr der ganze Rummel zu denken, denn andererseits konnte sie auch nicht zulassen, daß ihre Autorität von einer Schar Huren untergraben wurde.
6.
Der Kapitän der „Coq d’Or“ gab sich völlig unbekümmert. Er zeigte sich hocherfreut darüber, daß die Suche ein Ende hatte und die Mädchen doch noch auf ihren Betreuer gestoßen waren. Sein Auftrag war damit erledigt.
Eilig ließ er auch noch den Rest der Mademoiselles an Land bringen, während ein Teil seiner Männer Trinkwasser an Bord mannte.
Emile Boussac legte ihm leutselig die Hand auf die Schulter.
„Ich darf Sie doch zu einem Umtrunk in die ‚Schildkröte‘ einladen, Monsieur le capitaine?“ fragte er. „Ich meine, Sie haben das verdient nach all den Mühen, die Sie mit meinen Täubchen gehabt haben.“
„Oh, vielen Dank, Monsieur Boussac“, erwiderte Amadou, „aber ich kann Ihre freundliche Einladung leider nicht annehmen, denn ich habe durch das Anlaufen verschiedener Inseln sehr viel Zeit verloren. In Frankreich warten neue Aufträge auf mich, und ich möchte als Geschäftsmann natürlich nicht in Verzug geraten. Sie werden verstehen, wenn ich es ein bißchen eilig habe. Im übrigen war es mir ein Vergnügen, mit den Mademoiselles in die Karibik zu segeln. Sie waren liebenswürdige und eigentlich auch völlig problemlose Passagiere.“
„Das freut mich“, sagte Boussac, „und ich kann Sie auch gut verstehen, denn ich bin selber Geschäftsmann.“ Er lächelte schlitzohrig. Jetzt, da sein Wunschtraum in Erfüllung gegangen war, war er wieder ganz der alte. Da war keine Spur mehr von Griesgrämigkeit oder schlechter Laune. Seine flinken Augen huschten hin und her und versprühten Charme und Unternehmungslust.
Lucien Amadou aber, der offensichtlich froh war, seinen Auftrag hinter sich gebracht zu haben, ließ sofort den Anker hieven.
Die Mademoiselles standen noch eine Zeitlang am Ufer und winkten der „Coq d’Or“ mit bunten Tüchern nach. Einige von ihnen wischten sich sogar verstohlen über die Augen, denn schließlich hatte ihnen dieses Schiff für viele Wochen die Heimat ersetzt.
Auch Boussac winkte, bis ihm die Arme wehtaten, dann erst wandte er sich seinen „Täubchen“ zu.
„Kommt, Mädchen!“ rief er. „Schaut euch erst mal um auf Tortuga. Ihr werdet begeistert sein. So hübsche und wohlhabende Männer wie hier habt ihr noch nirgends gesehen. Da sind die Herren in Paris die reinsten Geizhälse dagegen, ihr werdet schon sehen!“
Er erntete lauten Beifall.
Niemand achtete in diesen Minuten auf die Black Queen, die einsam und verlassen am Ufer stand und der französischen Galeone, die aus der Hafenbucht hinaussegelte, nachblickte.
Die schwarze Piratin war wohl der einzige Mensch auf Tortuga, dem die Eile Lucien Amadous auffiel. Warum war der Franzose nicht mit seiner Crew bei Diego eingekehrt? So dringend konnten seine Geschäfte in Frankreich gar nicht sein, daß er sogar einen wohlverdienten Umtrunk abschlug. Oder gab es andere Ursachen für die plötzliche Eile?
Die Black Queen war von Natur aus mißtrauisch. Sie sah sich nach Caligula um und warf ihm einen giftigen Blick zu, als er Julie zulächelte.
Der schwarze Hüne wurde sofort wieder ernst. Schließlich war er der Liebhaber der Black Queen und wußte, daß sie sehr eifersüchtig werden konnte. Aber das wollte er vermeiden.
„Was gibt es?“ fragte er. „Ist etwas nicht in Ordnung?“
Die Queen antwortete mit einer Gegenfrage. „Ist dir nichts aufgefallen, Caligula? Oder hattest du nur noch Augen für die kleine Hure dort drüben?“
Den zweiten Teil der Frage überging Caligula geflissentlich. Zum ersten Teil sagte er: „Ich weiß nicht, was du meinst. Der französische Kapitän hat die Mädchen bei Boussac abgeliefert und segelt wieder zurück. Daß es jetzt erst einmal etwas turbulent auf Tortuga zugeht, liegt wohl in der Natur der Dinge. Das wird sich schon wieder legen, wenn alles in geordneten Bahnen verläuft.“
„Das meine ich nicht“, sagte die Queen. „Aber ist dir nicht aufgefallen, welche Eile dieser Amadou plötzlich hatte? Er hat Boussac sogar einen Umtrunk verwehrt und dringende Geschäfte als Grund angeführt.“
„Nun ja, vielleicht hat er es tatsächlich eilig“, sagte Caligula. „Oder was meinst du?“
Die Queen zuckte mit den Schultern. „Ich werde das verdammte Gefühl nicht los, daß da irgend etwas nicht stimmt. Vielleicht täusche ich mich, das mag sein. Trotzdem geht mir dieses seltsame Gebaren nicht aus dem Kopf. Wir sollten auf unser Schiff zurückkehren und uns davon überzeugen, daß dort alles seine Ordnung hat.“
„Du solltest nichts übertreiben“, sagte Caligula. „Aber bitte, wenn du meinst – schauen wir auf der ‚Caribian Queen‘ nach dem Rechten. Wir können uns dann immer noch darum kümmern, daß Boussac mit seinen Huren nicht zuviel Wirbel verursacht.“
Die beiden ließen sich zu ihrem Zweidecker übersetzen, wo sie sich als erstes davon überzeugten, daß eine ausreichende Besatzung an Bord war. Auch die übrigen Schiffe ihres Verbandes ließen sie überprüfen. Schließlich stellten sie zufrieden fest, daß man ihren Anordnungen Folge geleistet hatte. Auch wenn die Kerle nur noch Augen für die Mädchen hatten, würde es dennoch keiner wagen, ohne Erlaubnis sein Schiff zu verlassen.
Die Black Queen begab sich auf das Achterdeck und richtete ihr Spektiv auf die auslaufende „Coq d’Or“.
„Sie beginnen damit, das bunte Geflatter zu entfernen“, sagte sie. „Und sie befreien die Kanonen von ihren Umhüllungen.“
„Das ist wohl verständlich“, sagte Caligula grinsend. „Jetzt, da sie keine Weiber mehr an Bord haben, wird sich bei ihnen alles wieder normalisieren. Schließlich machen sie sich nur lächerlich mit dem bunten Firlefanz. Das Schiff gleicht einem Zirkus.“
„Vielleicht hast du recht“, meinte die Black Queen und drehte an der Optik ihres Kiekers herum.
An Land ging es weiterhin turbulent zu. In der Felsenkneipe „Zur Schildkröte“ herrschte Hochbetrieb.
Der dicke Diego und seine Schankknechte eilten dienstbeflissen hin und her. Auch wenn Diego das ganze Theater mit der Black Queen und den Mädchen nicht paßte, hatte er doch nichts gegen das glänzende Geschäft einzuwenden, daß sich jetzt anbahnte.
„Darf ich Ihnen meine Mädchen vorstellen, Monsieur?“ fragte Emile Boussac überflüssigerweise und zeigte mit Besitzerstolz auf die lebhafte Schar.
Diego wischte sich die feisten Hände an der Schürze ab und grinste breit.
„Eine wohlgelungene Zusammenstellung, Monsieur Boussac“, sagte er. „Eine schöner als die andere.“ Und mit gekonnt sorgenvoller Miene setzte er hinzu: „Da kann ich Ihnen nur wünschen, daß Ihre Geschäfte besser laufen als meine.“ Er hatte das Lamento noch nicht vergessen, daß er Boussac gegenüber angestimmt hatte. Jetzt mußte er bei seinen Aussagen bleiben.
Emile Boussac jedoch lächelte großmütig. „Das wird sich bald ändern, Monsieur Diego, Sie werden sehen. Von jetzt an rollen auf Tortuga die Goldstücke, dafür werde ich schon sorgen. Sehen Sie sich nur um, wie ausgehungert die Kerle auf die Mädchen starren. Sie können es gar nicht erwarten, ihr Geld loszuwerden.“ Er lachte, als habe er soeben einen guten Witz erzählt.
Willem Tomdijk, der hinzutrat, klopfte ihm auf die Schulter.
„Na siehst du, mein lieber Emile, ich habe dir von Anfang an Mut zugesprochen. Es braucht eben alles seine Zeit. Du hast dir wieder einmal ganz umsonst Sorgen bereitet. Dieser Kapitän Amadou ist ein cleverer Mann, er hat ein gutes Gespür und wußte, wo er dich auftreiben kann.“
Boussac fühlte sich wie im siebenten Himmel.
„Du hast recht, Willem“, sagte er. „Und wenn du erst deine neue Brauerei aufgebaut hast, so daß wir den Männern nicht nur erstklassige Mädchen, sondern auch erstklassiges Bier bieten können, dann sind wir alle wohlhabende Leute. Sie natürlich auch, Monsieur Diego“, fügte er noch hinzu.
Doch Diego winkte bescheiden ab, als erwarte er von der Zukunft nicht allzuviel.
Boussac fuhr fort: „Schauen Sie sich um, die ersten geschäftlichen Transaktionen bahnen sich bereits an. Der Ansturm der Männerwelt ist kolossal. Alles, was jetzt noch dringend gebraucht wird, sind einige Séparées – Sie verstehen? Ich brauche sie zumindest solange, bis ich ein eigenes Etablissement zur Verfügung habe. Selbstverständlich werden Sie bis dahin am Gewinn beteiligt.“
Diego schaffte es, einen gramgebeugten Eindruck zu erwecken, obwohl ihm innerlich das Herz hüpfte, wenn er an die prallen Lederbeutel dachte, in denen er sein Geld aufbewahrte. An die Black Queen verschwendete er in diesem seligen Augenblick nicht einen einzigen Gedanken.
Gerade wollte er sich – etwas von „ewiger Dankbarkeit“ murmelnd – zu seinem Schanktisch begeben, da gellte ein lauter Schrei durch die Kneipe. Diego fuhr verwundert herum und stellte fest, daß sich da ganz schön etwas zusammenbraute.
Fünf der „alteingesessenen“ Hafenhuren von Tortuga hatten sich Mut angetrunken, denn sie waren mit der übermächtigen Konkurrenz der fünfzig Mädchen aus Paris ganz und gar nicht einverstanden. Es war jetzt schon deutlich zu erkennen, daß die Kerle nur Augen für diese aufgeputzten Mademoiselles hatten. Und so etwas mußte böses Blut geben.
„Verschwindet, ihr verdammten Flittchen!“ schrie eine der Alteingesessenen – eine kleine, rundliche Lady, die nicht mehr zu den Jüngsten gehörte. „Geht dahin, wo der Pfeffer wächst, ihr verdammten Schlampen, oder wir kratzen euch die Augen aus!“
Boussac versuchte, die Lady zu beruhigen.
„Aber, aber, meine Liebe“, flötete er unter Aufbietung seines ganzen Charmes. „Warum diese Feindseligkeit? Hier auf Tortuga gibt es doch Arbeit und Brot für alle. Ich habe ein großmütiges Herz. Gerne nehme ich euch ebenfalls unter meine Fittiche.“
„Hör auf, große Töne zu spucken, du miese Ratte!“ kreischte die Dralle und stürzte sich im selben Moment auf Boussac. Noch bevor er sich von der Schrecksekunde erholen konnte, zog sie ihm die Fingernägel durch das Gesicht.
Ihre Kolleginnen fielen wie Furien über die verhaßte Konkurrenz her. Selbst Diego konnte nicht verhindern, daß in der „Schildkröte“ eine wüste Keilerei ihren Anfang nahm.
Während die Ladys schimpfend und kreischend aufeinander eindroschen und Manon von der Höhe eines Tisches aus ihre Einsatzbefehle brüllte, hockten die Männer an den Tischen und lachten, daß ihnen die Tränen über die Gesichter rollten. Ja, so etwas war ganz nach dem Herzen dieser Schnapphähne. Endlich war mal was los auf Tortuga.
7.
Die Black Queen kümmerte sich nicht um den schrillen Lärm, der aus der Felsenkneipe drang und bis zu den Ankerplätzen der Schiffe zu hören war. Ihre Aufmerksamkeit galt nach wie vor der „Coq d’Or“, die sich noch in Sichtweite befand.
Da geschah es plötzlich.
Die Black Queen hatte es zwar nicht wissen können, aber doch irgendwie instinktmäßig befürchtet: Wie aus heiterem Himmel rauschten drei Schiffe auf die Hafenbucht zu.
Es handelte sich um drei Segler, die der Black Queen nur allzugut bekannt waren: um die „Isabella IX.“, um die „Le Vengeur III.“ und den Schwarzen Segler, den der respekteinflößende Wikinger befehligte. Die Schiffe waren voll gefechtsklar und mußten bisher unter Land gesegelt sein, so daß sie niemand bemerkt hatte. Außerdem hatte die Aufmerksamkeit aller auf Tortuga der Ankunft der Mädchen aus Paris gegolten.
Da fiel es der Black Queen wie Schuppen von den Augen. Und jetzt wußte sie auch, daß ihr Mißtrauen begründet gewesen war. Es war ihr gleich verdächtig erschienen; daß der Franzose so eilig aufgebrochen war.
Die Queen setzte das Spektiv ab und ließ einen wenig damenhaften Fluch vom Stapel.
„Hab ich es doch geahnt!“ stieß sie hervor. „Der Seewolf ist es also, der dahintersteckt. Fein hat er sich das ausgedacht. Und hätte ich mich auch noch von den verdammten Huren täuschen lassen, dann wäre seine Rechnung sogar aufgegangen.“
Caligula starrte verblüfft auf das Bild, das sich seinen Augen bot. Er bewunderte in diesem Augenblick den Scharfsinn und das Gespür der Queen, die der Eile des französischen Kapitäns sofort mehr Bedeutung zugemessen hatte als alle anderen.
„Wir müssen schleunigst ankerauf gehen“, sagte er, und seine Stimme klang erregt. „Jetzt geht es um Minuten. Wenn es uns nicht gelingt, aus der Bucht auszubrechen, kriegen wir verdammt viele Schwierigkeiten.“
Darüber war sich auch die Queen im klaren. Sie brüllte augenblicklich ihre Befehle über die Decks und versetzte damit ihre eigene Mannschaft sowie die Besatzungen der drei anderen Galeonen in Alarmzustand.
Obwohl die Schiffe seit der Ankunft im Hafen von Tortuga gefechtsklar waren, entstand augenblicklich Wuhling auf sämtlichen Decks.
Niemand hatte damit gerechnet, daß der Seewolf den Trubel, den die eintreffenden Mädchen verursachten, für einen Überraschungsangriff nutzen würde. Sie alle fühlten sich regelrecht überrumpelt und fluchten im stillen darüber, daß sie ihre Augen nicht besser offengehalten hatten. Jetzt aber entschied die Schnelligkeit. Und daß keine Zeit verschwendet wurde, dafür sorgten die Black Queen und Caligula – wenn es sein mußte, mit Fußtritten und Fausthieben. Für Trödelei kündigten sie Strafen an, die selbst den abgebrühtesten Piraten an Bord des Zweideckers noch kalte Schauer über den Rücken jagten.
Aber der Druck, den sie ausübten, zeigte Erfolg.
Die „Caribian Queen“ setzte sich rasch in Bewegung und segelte mit vollem Zeug auf die Ausfahrt der Bucht zu.
„Wir müssen es schaffen!“ sagte die Queen zu ihrem Geliebten. „Wenn es uns gelingt, die offene See zu erreichen, bevor sie uns in die Zange nehmen, haben wir zusammen mit den drei anderen Galeonen eine gute Chance, ihnen von zwei Seiten her einzuheizen.“
Caligula lächelte grimmig. In seinen Augen loderten Wut und Haß.
„Wir werden ihnen ihren Plan versalzen, darauf kannst du dich verlassen“, sagte er.
Die Schnapphähne an Bord packten zu Sie hatten schnell begriffen, daß es jetzt um die eigene Haut ging. Daß mit dem Seewolf und seinen Gefährten nicht zu spaßen war, das hatten sie in den vergangenen Wochen zur Genüge erfahren.
Noch jetzt steckte einigen von ihnen das Schaudern in den Knochen, das ihnen die Schiffe von der Schlangen-Insel in der Todesbucht von Gran Cayman eingejagt hatten. Diesmal war die Situation sehr ähnlich, vielleicht sogar noch bedrohlicher, denn sie alle hatten nur lüstern den Mädchen nachgestarrt, die mit wiegenden Hüften im Hafen herumstolziert waren und einen Riesenzirkus veranstaltet hatten.
Die Queen kochte vor Wut, denn sie fühlte sich hereingelegt.
„Der verdammte Franzose hat uns hinters Licht geführt“, fauchte sie. „Er hat das mit dem Seewolf gemeinsam ausgeheckt. Der ganze Rummel war von Anfang an ein abgekartetes Spiel. Am liebsten würde ich Amadou folgen und ihm eine volle Breitseite auf den Pelz brennen.“
Caligula nickte verstehend. „Der Kerl hätte es wahrhaftig verdient, aber wir müssen dennoch einen klaren Kopf behalten. Wenn wir dem Franzosen folgen, sind die drei Schiffe in der Bucht dem Seewolf ziemlich hilflos ausgeliefert. So aber kriegt er es nicht nur mit ihnen, sondern auch noch mit uns zu tun – vorausgesetzt, wir schaffen den Durchbruch.“
„Wir müssen und werden ihn schaffen“, bekräftigte die Black Queen, und in ihren Zügen spiegelte sich wilde Entschlossenheit.
8.
Auch die Seewölfe zogen grimmige Gesichter.
Die „Isabella IX.“ hatte die Insel gerundet und rauschte jetzt von der Ostseite her mit vollem Preß auf die Hafenbucht zu. „Le Vengeur III.“ und „Eiliger Drache über den Wassern“ nahten aus westlicher Richtung. Das gemeinsame Ziel der drei Segler war, die Bucht abzuriegeln und die Schiffe der Black Queen von der Seeseite her in Fetzen zu schießen.
Zunächst hatte es so ausgesehen, als würde sich dieser Teil des Planes in die Tat umsetzen lassen, denn die „Coq d’Or“ hatte die Hafenausfahrt verlassen und segelte auf die offene See hinaus.
Demnach hatte Lucien Amadou die Mädchen wie vereinbart auf Tortuga an Land gesetzt und ihrem zukünftigen „Beschützer“, Emile Boussac, übergeben. Für die Seewölfe war somit genau der richtige Zeitpunkt gegeben, die Falle zuschnappen zu lassen.
Doch jetzt traten die ersten Komplikationen auf, denn auf der „Caribian Queen“ wurden in größter Eile die Anker gelichtet und die Segel gesetzt. Die Seewölfe wußten auf Anhieb, was das zu bedeuten hatte.
„Himmel, Arsch und Hagelwetter!“ entfuhr es dem Seewolf. „Die Queen muß etwas gemerkt haben, und jetzt versucht sie, noch rechtzeitig die Bucht zu verlassen. Man könnte wirklich meinen, diese Frau hätte einen sechsten Sinn.“
Auch Ben Brighton legte die Stirn in Falten.
„Wir müssen ihren Ausbruch unbedingt verhindern“, sagte er, „sonst sind wir am Ende diejenigen, die in die Zange genommen werden.“
Hasard lächelte grimmig. „Wie willst du das verhindern, Ben? Wir haben eh schon den letzten Fetzen Tuch gesetzt. Schneller geht es nicht. Auch Jean und Thorfin werden die Ausfahrt nicht vor uns erreichen. Genaugenommen hängt jetzt alles von der Queen ab. Wenn sie schnell genug ist, wird sie es schaffen. Verlaß dich darauf, daß sie alles dransetzen wird. Auf ihrem Zweidecker ist jetzt schon der Teufel los. Der traue ich sogar zu, daß sie ihre Kerle höchstpersönlich an der Rah hochzieht, wenn sie sich nicht selber übertreffen.“
Auch Old O’Flynn und Edwin Carberry, die zum Achterdeck aufgeentert waren, blickten finster drein.
„Ob nicht am Ende dieser Franzose falsch gespielt hat?“ fragte Old Donegal. „Es wäre doch möglich, daß er nur zum Schein auf unseren Plan eingegangen ist, um uns dann an die Queen zu verraten.“
„Hör auf zu spinnen, Donegal“, sagte Hasard mit ernstem Gesicht. „Amadou ist in Ordnung, für ihn lege ich die Hände ins Feuer. Aus welchem Grund sollte er uns wohl an die Queen verraten? Er ist bestimmt heilfroh, daß er Tortuga hinter sich hat.“
„Ich glaube auch nicht, daß Amadou etwas damit zu tun hat“, erklärte Ben Brighton. „Er ist ein aufrichtiger Mann, und was, zum Teufel, hätte er davon gehabt?“
Doch Old Donegal gab sich noch nicht geschlagen.
„Ich weiß ja, daß ihr einen Narren an Amadou gefressen habt“, sagte er, „aber es könnte sein, daß ihn die Queen reich für seine Tips belohnt hat. Für einige Beutel Gold hat sich schon manch einer was anderes überlegt.“
„Natürlich ist so etwas im Prinzip möglich“, sagte der Seewolf. „Aber im Fall Amadous müßte ich meine ganze Menschenkenntnis über Bord werfen. Nein, Donegal, er hat uns nicht verraten. Außerdem finde ich es nicht gerade anständig, daß wir ihn als Verräter verdächtigen. Er kann sich nicht einmal dagegen wehren.“
„Amadou scheidet aus“, bestätigte jetzt auch Edwin Carberry. „Er ist ein absolut ehrlicher Bursche, und ich will mir selber die Haut in Streifen von – äh – von meiner Kehrseite ziehen, wenn der uns verpfiffen hat. In deinem Kopf summt es nicht mehr richtig, Donegal!“
„Das mußt du gerade sagen!“ giftete der Alte. „Außerdem habe ich ja niemanden beschuldigt, sondern nur einige Überlegungen und Vermutungen angestellt. Irgend jemand muß sich ja schließlich den Kopf darüber zerbrechen, auf was die plötzliche Reaktion der Black Queen zurückzuführen ist. Geht das in deinen Quadratschädel rein?“
„Den Kopf kannst du dir zerbrechen, solange es dir Spaß bereitet“, gab Carberry ungerührt zurück. „Am schnellsten geht es, wenn du mit deinem weichgekochten Knödel gegen das Schanzkleid rennst. Aber anständige Leute wie Lucien Amadou solltest du dabei aus dem Spiel lassen. Der Mann hat uns und den Ladys einen echten Dienst erwiesen.“
„Das mag sein“, fuhr Donegal fort, „ich will das ja gar nicht abstreiten. Warum sollten es auch immer Männer sein, die Mist bauen, nicht? Wie steht es mit den Weibern? Amadou hat fünfzig Prachtexemplare an Bord gehabt. Was ist, wenn eine von denen nicht dichtgehalten hat? Ihr wißt so gut wie ich, daß manche Weiber recht geschwätzig sind …“
„Es soll auch geschwätzige Männer geben“, unterbrach ihn Hasard. „Außerdem, mein lieber Donegal, wußten an Bord der ‚Coq d’Or‘ nicht fünfzig Mädchen über unseren Plan Bescheid, sondern nur vier, nämlich Manon, Julie, Cécile und Esther. Und diese vier halte ich durchaus für zuverlässig genug, daß sie den Mund gehalten haben – schon in ihrem eigenen Interesse, denn sie hatten von Anfang an keine Lust, unter die Herrschaft der Black Queen zu geraten. Es wäre völlig unlogisch, wenn sie ein falsches Spiel mit uns getrieben hätten.“
„Na schön“, erwiderte Donegal lakonisch. „Ich hab’s ja nur gut gemeint. Mehr kann ich nicht anbieten.“
„Das ist auch gut so“, sagte der Seewolf, „denn im Moment nutzt es uns überhaupt nichts, wenn wir einen Schuldigen suchen. Meiner Meinung nach gibt es gar keinen. Wir haben unseren Plan zwar bis in alle Einzelheiten durchdacht, doch die Gegenseite ist niemals völlig berechenbar, und die Black Queen schon gar nicht. Diese Frau ist raffinierter als der Teufel selber. Wie es aussieht, werden wir uns an ihr noch die Zähne ausbeißen.“
Ben Brighton nickte mit zerknirschtem Gesicht. „Wahrscheinlich hat sie ihre Schnapphähne angewiesen, trotz des Trubels, den die Mädchen mit ziemlicher Sicherheit ausgelöst haben, höllisch aufzupassen, oder aber sie selber hat einkalkuliert, daß ein Dritter die Situation ausnutzen könnte. Intelligent genug ist sie ja. Und Caligula auch.“
„So wird es wohl gewesen sein“, sagte Hasard. „Irgend etwas hat ihr Mißtrauen erregt, deshalb die schnelle Reaktion. Aber wie dem auch sei – für uns ist das jetzt unerheblich. Wir müssen den Tatsachen ins Auge sehen. Die Queen versucht den Durchbruch, und wir müssen – falls sie ihn schafft – auf einen harten Kampf gefaßt sein.“
Darin sollte sich der Seewolf nicht getäuscht haben, denn die Queen schaffte den Ausbruch tatsächlich. Ihr düsterer Zweidecker stieß wie ein wilder Schwan auf See hinaus, ohne daß ein einziger Schuß fiel, denn die Schiffe von der Schlangen-Insel lagen noch außerhalb der Reichweite ihrer Kanonen.
„Fast sieht es so aus, als wolle sie die ‚Coq d’Or‘ verfolgen“, meinte Edwin Carberry. „Die hat bestimmt kapiert, daß Amadou eine Rolle in dieser Sache gespielt hat. Es sollte mich nicht wundern, wenn sie sich dafür mit einer Breitseite von ihm verabschieden würde …“
„Der Gedanke ist zwar naheliegend“, sagte Hasard, „aber andererseits ist sie dazu wieder zu schlau. Sie kann die drei Galeonen in der Bucht nicht ohne ihren Schutz zurücklassen, zumal wir weit gefährlichere Gegner für sie sind als Amadou.“
Er sollte auch damit recht behalten. Die „Caribian Queen“ segelte nicht hinter der „Coq d’Or“ her, sondern fiel plötzlich hart nach Backbord ab.
Die Arwenacks wußten, was das zu bedeuten hatte. Die Queen wollte sich von See her wie ein Falke auf die „Isabella“ stürzen, während die „Aguila“, die „Vascongadas“ und die „Buena Estrella“ von der Bucht her angegriffen. Damit hatte sich das Blatt sehr zuungunsten der Seewölfe gewendet.
Hasard konnte die Black Queen durch seinen Kieker deutlich erkennen. Sie stand in Herrscherpose auf dem Achterdeck ihres Schiffes und schrie laute Kommandos. Caligula war nicht weit von ihr entfernt.
„Ein sauberes Pärchen ist das“, sagte Ben Brighton. „Irgendwann muß die der Teufel mal aus der Hölle verjagt und an die frische Luft gesetzt haben.“
Die Arwenacks waren auf Stationen, denn es konnte nur noch Minuten dauern, bis vor der Hafenbucht von Tortuga die Hölle aufbrach.
Auf der „Le Vengeur III.“ und dem Schwarzen Segler erhitzten sich ebenfalls die Gemüter über die blitzschnelle Reaktion der Black Queen. Doch auch dort wurde die Lage richtig beurteilt. Lucien Amadou und die vier Mädchen vom „Führungsgremium“ waren über jeden Verdacht erhaben.
„Die Queen hat eben gut aufgepaßt“, sagte der Wikinger, der trotz der tropischen Hitze nicht auf seine heißgeliebten Felle und den Helm verzichtete.
„Jawohl, aufgepaßt“, sagte der Stör. Er hatte die nervtötende Angewohnheit, stets Wörter oder ganze Sätze des Wikingers zu wiederholen.
Eike, Arne und Olig, die zusammen mit dem Stör die Leibgarde Thorfin Njals bildeten, zogen ärgerliche Gesichter.
„Bei Thor und Odin!“ fauchte Eike. „Dabei hatten wir schon geglaubt, diese karibische Hexe endlich in der Falle zu haben. Das geht doch wirklich nicht mit rechten Dingen zu.“
„So ist das eben mit den Weibern“, sagte Thorfin Njal, der diesmal ohne seine angetraute Gotlinde unterwegs war, „manche sind eben nicht nur klug und listig, sondern auch so ausgekocht wie Schlangen.“
„Jawohl, klug, listig und gargekocht wie eine Schlange“, wiederholte der Stör mit todernstem Gesicht.
„Ich sagte ausgekocht, du angesengter Elch“, schnaubte Thorfin, „und nicht gargekocht.“
„Ausgekochte Schlange, jawohl.“
Der Wikinger gab es auf.
Olig kratzte sich am Hinterkopf. „Wenn wir diese Hexe endlich von Tortuga vertreiben würden, dann – dann könnten wir mal wieder in Diegos Kneipe einkehren.“
„Aha, so hast du dir das vorgestellt, du Lüstling“, sagte Thorfin Njal. „Warum bist du denn auf einmal so scharf auf Diegos Kneipe, he?“
Olig grinste verlegen. „Ich – ich habe Diego schon lange nicht mehr gesehen.“
„Bei Odins Raben!“ entfuhr es dem Wikinger. „Dieser Polaraffe hat doch tatsächlich Sehnsucht nach dem dicken Diego. Ich wußte gar nicht, daß du so anhänglich bist.“
„Hihi“, lachte der Stör. „Sehnsucht nach Diego!“
Eike und Arne sahen sich grinsend an.
„So ist das, du scheinheiliger Patron.“ Arne hob drohend den Zeigefinger. „Warum tust du so hinterhältig? Sag doch gleich, daß dir die Mädchen aus Frankreich gefallen haben. Deshalb willst du doch hin, nicht wahr? Meinst du, wir hätten nicht bemerkt, wie du einer kleinen Drallen nachgesehen hast? Mit richtigen Stielaugen! Jawohl! Wir würden ja auch gerne mal wieder bei Diego einkehren, aber nicht wegen des Dicken!“
Olig vollführte eine verlegene Geste. „Nun ja, aber daraus wird wohl vorerst nichts. Oder wir müssen die Black Queen um Erlaubnis fragen.“
„Die würde uns sicherlich mit offenen Armen empfangen“, sagte der Wikinger grollend und umklammerte den Griff seines „Messerchens“, das an seiner Hüfte baumelte. Es handelte sich dabei um ein riesiges Schwert, mit dem er schon manchem Gegner das Fürchten beigebracht hatte.
Auch „Eiliger Drache über den Wassern“, wie der Schwarze Segler mit vollem Namen hieß, war längst gefechtsklar, und die Crew brannte darauf, der Black Queen den Ruderschaden von Gran Cayman heimzuzahlen.
Rein äußerlich bot der Schwarze Segler, der eine Mischung aus Galeone und asiatischer Dschunke war, einen unheimlichen Anblick. Alles an ihm war rabenschwarz, selbst die mächtigen Segel zeichneten sich wie dunkle Gewitterwolken gegen den strahlend blauen Himmel der Karibik ab.
Das Holz des Schiffes sah aus wie Eisen, denn es war im Jahre des Herrn 1560 im fernen China, dem Reich des Großen Chan, aus ausgesuchten Harthölzern erbaut worden.
Doch selbst dieses Schiff hatte bisher gleich der „Isabella IX.“ in dem düsteren Zweidecker der Black Queen einen ebenbürtigen Gegner gefunden. Diesmal hatte man es sogar mit einem ganzen Verband zu tun. Genauer gesagt, mit vier Schiffen, so daß die Black Queen mit ihren Besatzungen den Männern von der Schlangen-Insel sogar zahlenmäßig überlegen war.
Der Seewolf und seine Freunde hatten sich auf allen Weltmeeren schon vielen Gegnern zum Kampf gestellt, aber noch keiner hatte sich als so hartnäckig, ausgekocht und gerissen gezeigt wie die Black Queen.
Ja, diese Frau glich einer Nuß, die einfach nicht zu knacken war. Aber gerade das reizte die Mitglieder des „Bundes der Korsaren“ um so mehr. Sie dachten nicht daran, sich von diesem „Oberschnapphuhn“, das sich die ganze Karibik einverleiben wollte, unterkriegen zu lassen.
Eins stand deshalb fest: Solange die Black Queen in dieser Gegend ihr Unwesen trieb, würden sich Situationen wie die heutige wiederholen – bis eines Tages eine endgültige Entscheidung herbeigeführt wurde.
9.
Die Absicht des Dreimasters mit den zwei Kanonendecks war unverkennbar. Die „Caribian Queen“ war nach Backbord abgefallen und ging auf Gegenkurs zur „Isabella“. Bald würde das schwerbewaffnete Schiff auf gleicher Höhe sein.
Die Arwenacks hatten sich darauf eingestellt. Doch zuvor wollten sie noch eine Breitseite in die Hafenbucht feuern, von wo aus sich die drei anderen Galeonen heranschoben.
„Wir müssen denen unbedingt was vor den Bug geben“, sagte Hasard. „Der Durchbruch der Queen hat sie wahrscheinlich ermutigt, denn sie verhalten sich gerade so, als hätten sie von unserer Seite überhaupt nichts zu befürchten.“
„Dann sollten wir sie schleunigst vom Gegenteil überzeugen“, sagte Ben.
Genau das geschah.
„Volle Steuerbordbreitseite – Feuer!“ brüllte der Seewolf, und die Männer an den dreizehn Kanonen senkten die brennenden Lunten auf die Zündkanäle.
Sekunden später ließ ein ungeheures Brüllen und Fauchen das ganze Schiff erzittern und hart überkrängen. Die schweren Culverinen hatten ihre Kugeln ausgestoßen und rollten in den Holzlafetten zurück. Pulverdampf wölkte auf und beißender Qualm zog über die Decks.
Da die drei gegnerischen Galeonen der „Isabella“ die Bugpartien zuwandten, raste nahezu die Hälfte der Kugeln ins Wasser und riß gischtende Säulen hoch. Etliche der Siebzehn- und Fünfundzwanzigpfünder fanden jedoch ihre Ziele.
Die „Aguila“, die unter dem Kommando von Jaime Cerrana fuhr, empfing gleich zwei Treffer. Eine Kugel fetzte einen Teil der Balustrade hinweg, die die Back zur Galion hin abgrenzte. Die zweite Kugel schlug in die Back und landete im Inneren des Schiffes. Welchen Schaden sie dort anrichtete, war auf der „Isabella“ nicht zu erkennen.
„Hoffentlich ist sie dem Koch in die Pfanne gekracht“, wünschte Edwin Carberry. „Dann würde den Rübenschweinen wenigstens das heiße Fett um die Ohren spritzen.“
Die „Buena Estrella“ hatte ebenfalls zwei Treffer erhalten. Ihre Blinde samt Rah war weggefetzt worden, und im Focksegel klaffte ein riesiges Loch. Was die Kugel dahinter noch angerichtet hatte, war nicht feststellbar.
Am schlimmsten aber hatte es die „Vascongadas“ erwischt, die sich am weitesten vorgewagt hatte. Da ihr Kapitän keine Chance mehr sah, aus der Bucht auszubrechen, war er leicht nach Backbord abgefallen, um die Breitseite seiner Galeone zum Tragen zu bringen.
Zwei Kugeln der „Isabella“ hatten zwar nur leichtere Holzschäden am Schanzkleid angerichtet, die dritte aber war in die Kuhl gerast und hatte eine Kanone aus ihrer Verankerung gerissen. Diese rollte, Verwüstung hinterlassend, über die Planken.
„Wenn sich die gelockten Ziegenböcke auf das Rohr setzen, unternehmen sie eine rasante Spazierfahrt“, bemerkte Edwin Carberry, der an einer Heckdrehbasse auf Station war. „Soll ich ihnen noch ein bißchen zum Tanz aufspielen, Sir, was, wie?“
Der Seewolf hob abwehrend die Hände. „Wir müssen uns jetzt auf die ‚Caribian Queen‘ konzentrieren!“ rief er. „Sie wird gleich auf einer Höhe mit uns sein.“
Während die Culverinen der Steuerbordseite in Windeseile nachgeladen wurden, sorgte Al Conroy auf der Backbordseite dafür, daß die Geschütze, so gut es ging, auf den Zweidecker der Queen ausgerichtet wurden.
„Wir warten nicht, bis uns die ‚Caribian Queen‘ genau gegenübersteht“, sagte der Seewolf, „sondern wir feuern mit den Vordeckgeschützen, sobald sie die Nase vorstreckt.“
Und so geschah es auch.
Als sich der Bug des Zweideckers auf die Höhe der „Isabella“ schob, gab Hasard seinem Stückmeister ein Zeichen.
„Al!“ rief er. „Willst du dir nachsagen lassen, du hättest die neue Herrscherin von Tortuga nicht freundlich begrüßt?“
„Nein, Sir“, brüllte Al Conroy zurück, „ich weiß schließlich, was sich gehört!“
Gleich darauf brüllten die drei 17-Pfünder im Vordeck auf und stießen ihre Ladungen donnernd und zischend zu der „Caribian Queen“ hinüber.
Eine Kugel lag zu kurz und ließ das Wasser aufspritzen. Die beiden anderen sorgten dafür, daß den Galgenvögeln der Black Queen, die auf dem Vorschiff auf Station waren, Holzsplitter um die Ohren flogen. Doch nennenswerte Schäden hatten sie offensichtlich nicht angerichtet.
Doch das alles war nur der Auftakt gewesen – die erste Fühlungnahme zweier Giganten gewissermaßen.
Plötzlich begann es auf allen Seiten zu krachen. An den verschiedensten Bordwänden blühten gewaltige Feuerblumen auf.
Der Schwarze Segler und die „Le Vengeur III.“ hatten sich weit genug vor die Hafenausfahrt geschoben, um ebenfalls ihre Geschütze auf die Begleitgaleonen der Black Queen abfeuern zu können.
Beide Schiffe spuckten Feuer und Eisen. Der Wikinger saß wie eine nordische Gottheit in seinem „Sesselchen“ – einem fest in den Planken des Achterdecks verankerten Holzstuhl – und versprach seinen Männern lautstark, sie in Thule vier Wochen lang mit dem nackten Hintern aufs Eis zu setzen, falls sie nicht richtig zielten.
Auch auf der „Vascongadas“, der „Buena Estrella“ und der „Aguila“ begannen die Kanonen zu donnern. Ein Inferno an Feuer und Rauch lag plötzlich über der Hafenbucht von Tortuga.
Die Geschütze der „Caribian Queen“ konzentrierte sich auf die „Isabella“. Die Arwenacks konnten nicht vermeiden, daß auch ihnen das Holz um die Ohren flog.
Doch wie der Seewolf mit Erleichterung feststellte, hatte die erste Breitseite des Zweideckers weniger Schaden angerichtet, als erwartet. Die Mehrzahl der Schüsse hatte zu hoch gelegen, und die Kugeln waren über die Decks hinweggejagt.
Lediglich aus den Balustraden waren einige Holzstücke herausgebrochen, sonst war nichts passiert. Vor allem von der Crew war niemand verletzt worden.
Die Lage spitzte sich jedoch im Handumdrehen zu, und die Arwenacks wußten nur zu gut, daß sie sich in eine teuflische Lage manövriert hatten.
Obwohl der Wikinger und Jean Ribault aus allen Rohren feuern ließen, um die drei Galeonen in der Bucht auf Distanz zu halten, war den Seewölfen klar, daß sie sich auf Dauer nicht allein gegen den großen Zweidecker der Black Queen halten konnten.
Jean Ribault begriff rasch. Er, der der Queen und ihrem Liebhaber besonders zugetan war, ließ die „Le Vengeur“ leicht nach Steuerbord abfallen, um die „Isabella“ zu unterstützen. Sein Ziel war es, den Zweidecker von der anderen Seite her unter Beschuß zu nehmen. Doch bis dahin würde es noch etwas dauern.
Inzwischen aber spuckte die „Caribian Queen“ ihre Ladungen aus, und man sah deutlich, wie die schwarze Piratin auf dem Achterdeck hin und her lief und laute Befehle brüllte.
Die Arwenacks schlugen sich tapfer.
Jetzt flogen auch die ersten Brand- und Pulverpfeile auf den Zweidecker zu, die Batuti und Big Old Shane mit ihren Langbogen abgeschossen hatten. Ferris Tucker legte gerade eine Höllenflasche in die Abschußvorrichtung.
Trotzdem wurde den Seewölfen schnell klar, daß sie mehr und mehr in die Verteidigerrolle gedrängt wurden. Es war gar nicht mehr daran zu denken, der Black Queen durch einen überraschenden Angriff eine vernichtende Niederlage zu bereiten.
Auch dem Wikinger erging es so, seit Jean Ribault versuchte, der „Isabella“ beizustehen. Der Schwarze Segler allein konnte sich die drei Galeonen in der Bucht auch nicht auf Dauer vom Leib halten. Thorfin Njal mußte ebenfalls – so sehr er auch fluchte – die Verteidigerrolle übernehmen.
Und das konnte wiederum Jaime Cerrana ausnutzen, um unter dem wilden Feuerschutz der anderen mit der „Aguila“ aus der Bucht auszubrechen.
Der ungehobelte Spanier hatte seine guten Gründe dafür, denn er hatte auf dem Achterdeck der „Le Vengeur“ Carlos Rivero erspäht. Und den wollte er nicht ungerupft entwischen lassen.
Carlos Rivero, der einmal Bootsmann auf der früheren spanischen Kriegsgaleone „Aguila“ gewesen war, hatte dort eine Meuterei angeführt, weil er nicht gewillt war, gegen die Siedler in El Triunfo vorzugehen. Später hatte er sich mit Jean Ribault und Siri-Tong gegen die Black Queen verbündet.
Jean Ribault und Carlos Rivero erkannten das Vorhaben Cerranas rechtzeitig und waren sich darüber klar, daß sie ihr ursprüngliches Vorhaben, der „Isabella“ zu helfen, aufgeben mußten, um sich die „Aguila“ vom Leib zu halten.
Schon nach kurzer Zeit brüllten Ribaults Kanonen der „Aguila“ entgegen, wo Cerrana auf dem Achterdeck seine Befehle brüllte und drohend die Fäuste schwang, um Rivero Tod und Verderben anzukündigen.
Die Seewölfe waren somit wieder auf sich allein gestellt, denn der Wikinger hatte nach wie vor mit den Gegnern in der Bucht alle Hände voll zu tun.
Da der Zweidecker an der „Isabella“ vorbeigerauscht war und die Absicht hegte, über Stag und auf Parallelkurs zu gehen, hatte das Schiff der Seewölfe eine kleine „Verschnaufpause“.
„Wir stecken in einer üblen Lage“, sagte Hasard. „Mit ihren zwei Kanonendecks ist uns die ‚Caribian Queen‘ auf Dauer überlegen. Von Jean und Thorfin ist keine Hilfe zu erwarten, sie haben sich selber ihrer Haut zu erwehren. Also müssen wir eine vernünftige Entscheidung treffen.“
„Da hast du recht“, sagte Ben Brighton. „Wir werden zwar noch eine Weile die Verteidiger spielen können, aber irgendwann wird es verdammt brenzlig für uns. Die Sache ist von Anfang an schiefgelaufen – dank der Wachsamkeit der Queen.“
Die eisblauen Augen des Seewolfs blitzten. „Aber noch ist nicht aller Tage Abend, Ben, auch wenn wir uns für heute zurückziehen müssen. Ich halte den Rückzug für die vernünftigste Lösung, denn wir stecken zur Zeit in einer Patt-Situation, die sich für uns nur verschlechtern kann.“
Als Edwin Carberry das hörte, zog er ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter.
„Ich könnte wahnsinnig werden, Sir!“ stieß er hervor. „Ich könnte mit dem Kopf gegen den Großmast rennen! Wir hatten einen so ausgezeichneten Plan, und jetzt müssen wir wegen dieser plattfüßigen Rübenschweine tatsächlich das Feld räumen.“
„Ich weiß, Ed“, sagte Hasard. „Auch mir fällt diese Entscheidung nicht leicht. Dennoch muß die Vernunft siegen. Wir helfen niemandem, wenn wir uns hier in Stücke schießen lassen. In unserer gegenwärtigen Lage heißt die Devise Rückzug und Neuorientierung. Die Black Queen wird Tortuga so schnell nicht aufgeben wollen. Also wissen wir, auf was wir uns in Zukunft zu konzentrieren haben. Wir müssen die Lage neu überdenken und neue Pläne ausarbeiten. Eines Tages wird uns die Queen ins offene Messer laufen, das verspreche ich dir, Ed.“
Der Profos schob sein Rammkinn vor. „Und dann werde ich ihr die Haut in extra kleinen Streifen von ihrem schwarzen Affenarsch ziehen!“
„Ich werde sie sogar festhalten, damit du es tun kannst, Ed“, sagte der Seewolf nicht ohne Grimm. Es wurmte ihn mehr, als er jetzt im Gespräch zugab, daß sie es bisher nicht geschafft hatten, der Piratin eine endgültige Niederlage zu bereiten. Ja, verdammt, sie hatten sich bisher an diesem Teufelsweib nahezu die Zähne ausgebissen.
Old O’Flynn schüttelte enttäuscht den Kopf.
„Wäre ich nur halb so stark wie Simson“, murmelte er, „und hätte ich auch nur einen einzigen Eselskinnbacken zur Verfügung – ich würde sofort auf die ‚Caribian Queen‘ überentern und diesen dunkelhäutigen Philistern die Köpfe schiefsetzen.“
Hasard und Ben warfen dem Alten fragende Blicke zu, dann schüttelten sie verwundert die Köpfe. Hasard ließ der „Le Vengeur“ und dem Schwarzen Segler den Rückzug signalisieren. Es war Eile geboten, auch wenn der Zweidecker der Queen sein Wendemanöver noch nicht beendet hatte.
Dennoch ließen es sich die Arwenacks nicht nehmen, der „Aguila“ noch einige Kugeln zu verpassen. Old Donegal strahlte wie ein frischgebackener Kuchen, als es ihm – gewissermaßen zum Abschied – noch gelang, der Galeone mit einer Kettenkugel das Besansegel zu zerfetzen und einen Teil der Rahen zu zertrümmern. Der rauhbeinige Alte verstand es, mit den schwenkbaren Drehbassen umzugehen, das hatte er schon oft unter Beweis gestellt.
Seine Freude währte jedoch nicht lange, denn am Rückzug änderte sich zu seinem großen Leidwesen nichts.
„Gerade jetzt bin ich so schön dabei, den Torfkahn in Holzstückchen und Stoffetzen zu verarbeiten“, maulte er und schüttelte drohend die Fäuste zu den feindlichen Schiffen hinüber. „Wenn erst einmal meine ‚Empress of Sea‘ fertig ist, wird den, Kerlen das Lachen vergehen, mit der ‚Empress‘ werde ich ihnen noch das Fürchten beibringen!“
„Mit deinem Schiffchen hätten wir sogar gesiegt“, sagte Edwin Carberry bissig. „Die Black Queen hätte sich nämlich über die Nußschale totgelacht, und wir hätten jetzt unsere Ruhe vor ihr.“
Das war in gewisser Hinsicht Galgenhumor, und den hatten die Arwenacks jetzt nötig. Sie setzten auch noch den letzten Fetzen Tuch und jagten dann unter vollem Preß auf die offene See hinaus.
Mit einer Verfolgung rechnete der Seewolf nicht.
„Das kann sich die Queen nicht leisten“, sagte er, „sonst würde sie ihre Position auf Tortuga schwächen. Schließlich kann sie die Insel nicht ohne ihren ‚Schutz‘ zurücklassen.“
Er sollte recht behalten.
Niemand zeigte Anstalten, die Schiffe von der Schlangen-Insel zu verfolgen. Die Queen kannte mittlerweile sehr wohl die Stärke des Seewolfs, und sie wußte auch, daß er sofort seinen Nutzen daraus ziehen würde, wenn sie Tortuga schutzlos zurückließe. Zwar schickte sie den davonsegelnden Schiffen noch einige Kanonenkugeln hinterher, doch diese versanken wirkungslos in der Karibischen See.
Die Arwenacks wußten, daß sie ihre Taktik grundlegend ändern mußten, wenn sie der Queen das Handwerk legen wollten. Eine erneute Beratung mit den Gefährten auf der Schlangen-Insel war deshalb unumgänglich. Außerdem mußten auch die Gefechtsschäden ausgebessert werden.
Der Seewolf hielt es unter diesen Umständen für das sinnvollste, zunächst einmal die Schlangen-Insel anzulaufen …
ENDE

Burt Frederick
Kanonendonner vor Tortuga
1.
Eine freudige Schar von Menschen erwartete die Heimkehrenden in der Bucht der Schlangen-Insel. Winkend und lachend bevölkerten die Daheimgebliebenen den Strand. Allem Anschein nach gab es Grund zur Erleichterung.
Denn die drei Schiffe, die in kurzen Abständen den Felsendom passierten und in die Bucht einliefen, wiesen keine erkennbaren größeren Schäden auf. So schien die Mission des Seewolfs und seiner Gefährten also erfolgreich verlaufen zu sein.
Indessen konnten weder Arne von Manteuffel, noch Hesekiel Ramsgate, Jerry Reeves, Oliver O’Brien oder Thorfin Njals Ehefrau Gotlinde und all die anderen ahnen, daß niemand an Bord der drei Segler an das Wort „Erfolg“ auch nur zu denken wagte.
Lediglich Arkana, die Schlangenpriesterin, stand ein wenig abseits. Sorgenfalten furchten ihre Stirn, denn seit ihrer letzten Zwiesprache mit dem Schlangengott wußte sie, daß das volle Ausmaß des Verdrusses für Hasard und seine Männer erst noch bevorstand. Gewiß, sie waren mit heiler Haut zurückgekehrt. Doch das bedeutete noch keinen Anlaß zum Aufatmen:
Mit jeder Faser ihrer Sinne spürte Arkana, welche Stimmung an Bord der Schiffe herrschte.
Für Philip Hasard Killigrew verhielt es sich nicht anders als für die meisten seiner Gefährten. Da stand im Vordergrund zunächst die Wiedersehensfreude. Es war wohltuend, die „Wappen von Kolberg“ und die „Tortuga“, das Schwesterschiff der „Le Vengeur III.“, am vertrauten Liegeplatz in der Bucht zu sehen.
Und Old Donegal Daniel O’Flynn bekam feuchte Augen beim Anblick der „Empress of Sea“, die vor der Werft des alten Ramsgate zur Ausrüstung lag. Das schmucke kleine Schiff war präzise nach den Wünschen des alten Donegal gebaut worden, und Hesekiel hatte sich wieder einmal selbst übertroffen.
Jetzt hatten die Männer auf der „Isabella“, auf der „Le Vengeur III.“ und auf dem Schwarzen Segler alle Hände voll damit zu tun, die Segel zu bergen und die Anker zu setzen. Die Begrüßungsrufe vom Strand wurden mit heiserem Gebrüll erwidert.
Vom Achterdeck der „Isabella“ aus erblickte der Seewolf die Schlangenpriesterin. Trotz der Entfernung blieb ihm ihr Gesichtsausdruck nicht verborgen. Plötzlich spürte er die Gedankenströme, die von der hochgewachsenen schlanken Frau ausgingen.
Ja, dachte er mit einem Anflug von Erbitterung, wir haben versagt. Es ist uns nicht gelungen, die Gefahr abzuwenden. Vielleicht wird unser aller Existenz eines Tages bedroht – auf eine schlimmere Art und Weise, als wir uns das vorstellen können.
Die Black Queen war auf dem besten Weg, ihr Ziel zu erreichen. Sie hatte sich vorgenommen, die gesamte Karibik zu beherrschen. Dazu gehörten auch die Schlangen-Insel und Coral Island.
Tortuga war für das schwarze Teufelsweib bereits zum Brückenkopf geworden. Dort hatte sie sich mit ihrer rasch angewachsenen Schar von Gefolgsleuten festgesetzt. Die wenigen Vertrauten, die Hasard und seine Freund auf Tortuga noch hatten, konnten nichts an den neuen Machtverhältnissen ändern.
Jean Ribault wirkte an diesem sonnigen Novembertag des Jahres 1593 ernster und verschlossener als in den vorangegangenen Tagen und Wochen. Er hatte die Geschehnisse von Anfang an hautnah miterlebt – und das im wahrsten Sinne des Wortes.
Caligula, der engste Vertraute der Black Queen, hatte ihn ausgepeitscht und gedemütigt. Jean hatte es Caligula heimgezahlt und ihm die schlimmste Niederlage seines Lebens zugefügt. Doch danach hatte das machthungrige Frauenzimmer die Gunst der Stunde zu nutzen gewußt. Es stand zu befürchten, daß auch die Schlangen-Insel und Coral Island in ernsthafte Gefahr gerieten.
Siri-Tong, die Rote Korsarin, wußte nur zu gut, was den schlanken Franzosen bewegte. Sie war von Anfang an auf der „Le Vengeur III.“ dabeigewesen, als Jean zu seinem Rachefeldzug aufgebrochen war.
Siri-Tong selbst hatte keinen geringen Grund, die Black Queen bis aufs Messer zu bekämpfen. Es schmerzte, die Schiffe in der Bucht der Schlangen-Insel versammelt zu sehen und dabei nicht auf den eigenen Planken stehen zu dürfen.
„Roter Drache“ fehlte in dieser stolzen kleinen Flotte, und auch diese Tatsache ging auf das Konto der Black Queen. Siri-Tong litt unter dem Verlust ihres Schiffes – an diesem Tag mehr als je zuvor.
Die Heimkehr hatte für sie etwas Unvollständiges. Doch niemand sollte ihr das anmerken. Sie würde an der Seite von Hasard, Jean und den anderen mit noch größerer Entschlossenheit kämpfen, um die Gefahr endgültig abzuwenden.
Von ähnlicher Willenskraft war auch jener Mann beseelt, der neben der Roten Korsarin und Jean Ribault auf dem Achterdeck der „Le Vengeur III.“ stand. Carlos Rivero hatte erfahren, was es bedeutete, sich der Black Queen nicht zu unterwerfen.
Jean Ribault hatte ihn aus den Klauen der machtbesessenen Schwarzen befreit und ihm das Leben gerettet. Gemeinsam hatten sie dann die Hölle von El Triunfo durchgestanden und einander schätzen gelernt. Aus vielen Gesprächen mit Jean und der Roten Korsarin wußte Carlos um die Bedeutung der Schlangen-Insel.
Er war sich des Vertrauens bewußt, das seine neugewonnenen Freunde in ihn setzten. Sie weihten ihn in ihr Geheimnis ein. Niemals, das schwor er sich, würde er dieses Geheimnis preisgeben.
Carlos Rivero sah die winkenden Menschen am Strand, und ein Lächeln kerbte sich in seine kantigen Gesichtszüge. Sie kannten ihn nicht, und sicherlich hielten sie ihn nicht für einen Spanier, der er war.
Wie unbeabsichtigt fuhr er sich mit den Fingern der Rechten durch das mittelblonde Haar, das es Fremden stets schwerfallen ließ, seine Herkunft zu erraten. Mit den blauen Augen hielten ihn die meisten für einen Skandinavier, bis sie erfuhren, daß seine Wiege im nordspanischen Aragon gestanden hatte.
Weniger still ging es auf dem Schwarzen Segler zu. Nachdem die Segel aufgetucht waren und der Anker gefaßt hatte, versammelten sich die Männer am Steuerbordschanzkleid. Mit wildem Gebrüll beantworteten sie die frohen Begrüßungsrufe vom Strand.
Lediglich Thorfin Njals Donnerstimme ließ sich ausnahmsweise nicht vom Achterdeck vernehmen. Im allgemeinen Trubel fiel niemandem auf, daß der riesenhafte Kerl einfach nur stumm und ergriffen dastand und zum Ufer starrte.
Die Worte, die er in seinen rötlichgrauen Bart murmelte, verstand natürlich keiner der Männer an Deck. Da sie ihn nicht beachteten, fanden sie auch keine Zeit, sich über ihn zu wundern. Hätten sie ihn gesehen, wie er trotz aller Nachdenklichkeit darauf verzichtete, sich am Helm zu kratzen, dann wären sie doch höchst besorgt um seinen Gemütszustand gewesen.
Thorfin Njal hatte nur Augen für seine Ehefrau Gotlinde. Groß und wohlgewachsen, stolz und mit einem Lächeln in den ebenmäßigen Gesichtszügen erwartete sie ihn dort am Strand. Thorfin wußte, daß dieses Lächeln nur ihm galt. Und er wußte auch, welche Gedanken Gotlinde bewegten.
Eben diese Gedanken waren es, die dem Wikinger vor Rührung die Kehle zuschnürten. Bei Odin, Hasard hatte recht gehabt. Auf seine Anweisung hin war Gotlinde auf der Schlangen-Insel geblieben. In ihrem Zustand, so hatte der Seewolf entschieden, konnte man ihr nicht mehr zumuten, gefahrvolle Schiffsreisen zu unternehmen.
Thorfin schloß sekundenlang die Augen und atmete schwer. Er schalt sich einen Narren, daß er überhaupt noch daran gedacht hatte, Gotlinde mitzunehmen.
Der kleine Wikinger, den sie ihm schenken würde, bedurfte äußerster Schonung. Nichts durfte die Entwicklung dieses jungen, hoffnungsvollen Lebens beeinträchtigen. Thorfin öffnete die Augen wieder und sah, wie der sanfte karibische Wind im langen blonden Haar seiner Gotlinde spielte.
Die Rückkehr zur Schlangen-Insel erschien dem Wikinger auf einmal wie die Rückkehr ins Paradies. Ein Paradies war es ja wohl auch, erst recht dank Gotlindes Anwesenheit.
Er, der bärenstarke Klotz von einem Kerl, schämte sich seiner rührseligen Gedanken nicht. Erstens gingen sie keinen etwas an, und zweitens erfuhr ja auch keiner davon.
Unvermittelt sah er, wie Gotlinde begann, ihm zuzuwinken. Sein Herz vollführte einen Freudenhüpfer, und er wollte die Rechte heben, um ihr Winken zu erwidern.
Im selben Moment bemerkte er eine andere Bewegung aus den Augenwinkeln heraus. Er ruckte herum und hatte das Gefühl, einer der Blitze des Donnergottes Thor habe ihn getroffen.
„Stör!“ brüllte er, und ein Wutausbruch des Donnergottes hätte nicht gewaltiger klingen können.
Der Mann mit dem beängstigend langen Gesicht zuckte zusammen, hielt mit dem Winken inne und zog den Kopf tiefer zwischen die Schultern. Langsam, das Unheil ahnend, wandte er sich dem Achterdeck zu.
„Ist was?“ Seine Stimme hörte sich kläglich an.
„Hierher!“ brüllte Thorfin mit unverminderter Lautstärke. „Ich will mit dir von Mann zu Mann reden, du Nordpolaffe!“ Er wußte sehr wohl, daß er einen von Ed Carberrys sinnigen Ausdrücken benutzte. Aber in diesem Moment erschien ihm das durchaus passend.
Die übrigen Männer waren inzwischen aufmerksam geworden. Sie grinsten sich eins, als der Stör wie ein geprügelter Hund den Niedergang hinaufschlurfte.
„Was ist denn jetzt schon wieder quergelaufen?“ Er quetschte die Worte zwischen den Zähnen hervor.
Die Zornesadern des Wikingers schwollen an. Er stemmte die Fäuste in das Fell über seinen Hüften und wippte drohend auf den Zehenspitzen.
„Das fragst du noch, du Unglücksrabe? Welcher merkwürdige Wurm sitzt in deinem Hirn und flüstert dir zu, daß du Gotlinde zuwinken sollst? Meiner Frau!“
Der Stör duckte sich unter der Wortgewalt, die wie ein Gewitter über ihn hereinbrach.
„Wurm im Gehirn“, murmelte er dennoch. „Gotlinde zuwinken …“
„Und das hört mir auch auf!“ brüllte Thorfin, noch einen Grad lauter.
„… hört mir auch auf.“ Der Stör hob den Kopf. Sein langes Gesicht spiegelte Begriffsstutzigkeit. „Meinst du jetzt den Wurm oder das Winken?“
Einen Atemzug lang sah es aus, als explodiere der Wikinger.
„Dein verdammtes Nachgequatsche“, sagte er jedoch mit mühsam erzwungener Ruhe. „Wann kapierst du das endlich, du Klippfisch? Du sollst mir nicht immer jedes Wort nachquatschen!“
„Aye, aye, Kapitän“, sagte der Stör dienstbeflissen, „nicht immer jedes Wort nachquatschen.“
Die Männer an Deck hielten sich den Bauch, und sie mußten sich abwenden, um nicht in schallendes Gelächter auszubrechen.
„Hoffentlich klappt das jetzt“, brummte Thorfin. Er schnaufte. „Jetzt zur Sache selbst. Was fällt dir ein, Gotlinde zuzuwinken, wenn sie mir zuwinkt?“
Die Kinnlade des Störs klappte herunter. Verdattert starrte er sein riesenhaftes Gegenüber an.
„Aber – ich – ich …“
„Recht so“, entgegnete der Wikinger wutschnaubend und mit grimmigem Nicken. „Bei soviel Hirnrissigkeit muß einer ja anfangen zu stottern. Mann, was soll ich bloß mit dir anfangen? Soll ich jetzt ein ernstes Wort mit dir reden, oder soll ich es dir in deinen wurmstichigen Schädel hämmern?“
„… Schädel hämmern“, wisperte der Stör erschrocken.
Dem Wikinger entging es trotzdem nicht. Jäh zuckten seine mächtigen Fäuste vor. Er packte den anderen am Kragen und schüttelte ihn durch. Wäre der Stör ein dürrer Baum gewesen, hätte er in diesem Augenblick jegliches Laub verloren.
„Ein für allemal!“ brüllte Thorfin Njal und schüttelte weiter. „Du hast Gotlinde nicht zuzuwinken. Du hast sie nicht anzuglotzen. Du hast ihr keine schönen Augen zuzuwerfen. Du hast nicht hinter ihr herzuschielen wie ein Dorftrottel. Du hast sie überhaupt nicht zu beachten.“ Er hielt inne, um Luft zu holen. „So! Das wirst du jetzt nachquatschen. Wort für Wort, damit ich weiß, ob dein Hirnwurm es gefressen hat.“ Er beendete das Schütteln, lockerte seinen Griff jedoch kein bißchen.
Das Gesicht des Störs war grau geworden.
„Aye, aye, Sir, nachquatschen“, erwiderte er ächzend. „Du hast Gotlinde nicht zuzuwinken. Du hast …“
„Ich nicht!“ donnerte der Wikinger entnervt. „Du! Los, noch mal von vorne!“
„Ich habe Gotlinde nicht zuzuwinken?“
„Ja, zum Teufel. Weiter!“
Der Stör ließ ein gequältes Stöhnen hören. Dann haspelte er die Anweisungen Thorfins Wort für Wort in der Ich-Form herunter.
„Na also“, brummte der Wikinger und entließ ihn aus seinem eisenharten Griff. „Schreib dir das jetzt hinter die Löffel. Und laß dich bloß nicht noch mal beim Winken erwischen.“
Erleichtert wandte sich der Stör ab. Er sah die grinsende Meute auf der Kuhl und tippte sich an die Stirn.
„… bloß nicht noch mal beim Winken erwischen“, murmelte er, während er über den Niedergang abenterte.
Aber zu seinem Glück hörte es der Wikinger diesmal nicht. Denn Thorfin hatte sich wieder an der Achterdecksverschanzung aufgebaut und schwenkte beide Arme hoch über dem Kupferhelm. Als Gotlinde sein zweifaches Winken erwiderte, war der Stör schon aus seinem Gedächtnis entschwunden.
Bereits eine Stunde später fand eine Lagebesprechung auf dem Ratsfelsen statt. Hier war vor nicht allzu langer Zeit der Bund der Korsaren gegründet worden, der das Leben auf der Schlangen-Insel und auf Coral Island in geordnete und gesicherte Bahnen lenken sollte.
Diesmal hatte der Seewolf die Versammlung einberufen. Daß die Zeit drängte, war zumindest denen klar, die die letzten Begegnungen mit der Black Queen vor Gran Cayman und Tortuga miterlebt hatten. Aber auch Arne von Manteuffel und die anderen, die auf der Schlangen-Insel geblieben waren, begriffen im Verlauf des Gesprächs sehr schnell, daß eilige Entscheidungen unumgänglich waren.
Zur Teilnehmerrunde auf dem Ratsfelsen gehörten Arkana und ihre Tochter Araua, deren Schönheit mit jedem neuen Tag ihres Lebens vollendeter zu werden schien. Außer Hasard und seinem blonden Vetter Arne waren Jean Ribault, Siri-Tong, Thorfin Njal, Carlos Rivero, Karl von Hutten und Jerry Reeves, der Kapitän der Galeone „Tortuga“ anwesend.
„Es gibt nur einen Punkt auf unserer Tagesordnung“, sagte der Seewolf und blickte in die Runde. „Maßnahmen gegen die Black Queen. Oder hat jemand noch etwas zu ergänzen?“
Die anderen schwiegen. Dann hob Carlos Rivero zögernd die Hand.
„Ich will mich nicht hervortun“, sagte er leise, „aber denen, die mich noch nicht kennen, würde ich gern sagen, wer ich bin, zumal ich eigentlich nicht in diese Runde gehöre.“
„Ich bin auch nicht stimmberechtigt“, sagte Jerry Reeves. Es sollte eine Aufmunterung für den Spanier sein, der in seiner Bescheidenheit bei allen den Eindruck eines aufrechten und grundehrlichen Mannes erweckte.
„Schon gut“, sagte Hasard, „ich hätte es erwähnen sollen. Carlos ist auf meine ausdrückliche Bitte dabei, weil er uns einige wichtige Informationen geben kann. Ich schlage vor, daß er über seine persönliche Geschichte zum Schluß berichtet. Einverstanden?“
Zustimmendes Nicken.
„Also gut“, fuhr der Seewolf fort, „ich gebe euch erst einmal einen Überblick über die Ereignisse der letzten Tage. Was vorher geschehen ist, schildern euch Jean Ribault, Siri-Tong, Thorfin und natürlich Carlos Rivero.“
Nachdem Hasard über die erfolglosen Auseinandersetzungen mit der Black Queen berichtet hatte, schlossen sich Jean, Siri-Tong und Thorfin an. Eingehend erläuterten sie die Geschehnisse um El Triunfo und Gran Cayman.
Carlos berichtete dann über die Meuterei auf der „Aguila“ und seine Begegnung mit der Black Queen, die für ihn um ein Haar tödlich geendet hätte. Deutlich war ihm anzusehen, wie schwer es ihm fiel, die blutigen Ereignisse auf der spanischen Kriegsgaleone noch einmal in seiner Erinnerung wachzurufen.
„Ich habe schwere Schuld auf mich geladen“, schloß er, „der Kapitän und die Offiziere hätten nicht sterben dürfen. Ich hätte damit rechnen müssen, als ich die Decksleute zur Meuterei anstiftete.“
„Anstiften ist das falsche Wort“, sagte Jean Ribault energisch, „nach den ungeschriebenen Gesetzen der Menschlichkeit waren deine Beweggründe richtig. Auch die Leute auf der ‚Aguila‘ müssen davon überzeugt gewesen sein, denn sonst wären sie dir nicht gefolgt. Ihr wolltet letztlich die Ungerechtigkeiten nicht mehr dulden, die im Namen der spanischen Krone ständig verübt werden. Daß dann Menschen sterben mußten, ist schlimm. Aber es fällt nicht unter deine Verantwortung. Du konntest die Meute in ihrer plötzlichen Blutgier nicht zurückhalten.“
Carlos preßte zweifelnd die Lippen aufeinander.
„Jean hat recht“, sagte Hasard, „die Mannschaft der ‚Aguila‘ hat ihre wahre Einstellung schließlich bewiesen. Als Piraten und Marodeure haben sie sich auf die Seite der Black Queen geschlagen. Über kurz oder lang werden sie ihre gerechte Strafe erhalten. Das steht für mich schon jetzt fest. Jedenfalls solltest du endlich aufhören, dich mit Selbstvorwürfen zu plagen, Carlos. Die Bewährungsprobe, vor der wir alle stehen, gilt auch für dich.“
Der Spanier warf dem Seewolf einen dankbaren Blick zu und lächelte kaum merklich.
Die Schlangenpriesterin räusperte sich vernehmlich und blickte mit ernster Miene in die. Runde.
„Eure ganze Kraft wird erforderlich sein“, sagte sie, „die schwarze Frau ist wie ein Fluch, der auf der Welt der karibischen Inseln lastet. Viele Menschen werden sterben müssen, wenn es überhaupt gelingen soll, diesen Fluch abzuwenden.“
Hasard erwiderte Arkanas Blick.
„Ich weiß“, sagte er, und in seinem Gesicht bildeten sich harte Linien. „Aber wir dürfen das Risiko nicht scheuen. Denn unser aller Leben wird nichts mehr wert sein, wenn die Black Queen ihr Ziel erreicht.“
„Sie ist auf dem besten Wege dazu“, sagte Siri-Tong erbittert, „mit jeder Stunde, die verrinnt, baut sie ihr Nest auf Tortuga besser aus. Wenn wir nicht aufpassen, wird sie die Insel fest in ihrer Hand haben. Ich schätze, sie wird Tortuga in eine uneinnehmbare Festung verwandeln.“
„Warum tut denn auf Tortuga niemand etwas dagegen?“ fragte Karl von Hutten. „Ich verstehe das nicht. Wir haben doch viele Freunde dort. Ich denke nur an Diego und jene, die auf seiner Seite sind.“
Hasard forderte Jean Ribault mit einer Kopfbewegung auf, zu antworten.
„Für jemanden, der es nicht selbst gesehen hat, ist es schwer, sich das vorzustellen“, sagte der Franzose. „Karl, du mußt dir vor Augen halten, daß sich die Queen mit einigen hundert Gefolgsleuten auf Tortuga eingenistet hat. Diego und die anderen müßten Selbstmörder sein, wenn sie sich dagegen auflehnen wollten. Sie haben nicht die geringste Chance. Die Queen hat vier gut ausgerüstete Schiffe mitsamt Besatzungen. Und dann noch die Siedler aus El Triunfo.“
„Ihre Rechnung ist aufgegangen“, sagte Siri-Tong und nickte. „Sie hat die Siedler aus den Klauen der Spanier befreit. Dafür erwartet sie ewige Dankbarkeit, und die wird sie auch erhalten.“
„Vergeßt die kleinen Mädchen aus Paris nicht“, sagte Thorfin mit dröhnender Stimme. „Die könnten sämtlichen Kerlen den Kopf verdrehen, und dann stünde dieses schwarze Höllenweib plötzlich ganz allein da.“
„Schön wär’s“, sagte der Seewolf mit dem Anflug eines Lächelns. „Aber ich fürchte, das bleibt reines Wunschdenken. Wir müssen wohl eher damit rechnen, daß die Black Queen nicht lange fackelt, auch ihr nächstes Ziel in Angriff zu nehmen.“
„Und das wäre?“ Karl von Hutten beugte sich gespannt vor.
„Tortuga ist eine Art Brückenkopf für sie. Sie wird versuchen, so viele Siedler wie möglich nach Hispaniola hinüberzuschaffen. Auf diese Weise wird sie auch dort Fuß fassen. Immer weiter breitet sie ihren Herrschaftsbereich aus, bis sie die gesamte Karibik unter Kontrolle hat.“
Carlos Rivero hob die Hand.
„Eines möchte ich dabei aber doch zu bedenken geben“, sagte er, nachdem Hasard ihm zugenickt hatte. „Ich glaube nicht, daß alle dreihundert Siedler aus El Triunfo auf der Seite der Queen stehen werden, wenn es auf Tortuga hart auf hart geht. Die meisten sind froh, dem Tod entronnen zu sein. Da haben sie keine Lust, sich schon wieder in Gefahr zu begeben.“
„Du meinst, das wäre der Fall, wenn wir Tortuga angreifen?“ fragte der Seewolf.
Carlos nickte. „Davon bin ich überzeugt.“
„Ich auch“, sagte Jean Ribault, der gemeinsam mit dem Spanier in El Triunfo gewesen und dabei in eine teuflische Falle geraten war. „Ich stelle mir beispielsweise Emile Boussac vor, den französischen Schankwirt. Der wird sich vor allem überlegen, wie er gegen Diego konkurrieren kann, aber nicht, wie er am besten die Queen unterstützt.“ Jean schüttelte entschieden den Kopf.
„Also gut“, sagte Hasard, „wir müssen diesen Punkt auf jeden Fall berücksichtigen, wenn wir einen Angriffsplan ausarbeiten. Diejenigen Siedler, die sich nicht auf die Seite der Queen schlagen, müssen aus allem herausgehalten werden. Genau wie die übrigen Bewohner von Tortuga. Das erschwert die Sache ungeheuer.“
Einen Augenblick blieb es in der Gesprächsrunde still. Die nachdenklichen Mienen zeigten, wie sehr sich jeder über die Schwierigkeit der bevorstehenden Aufgabe im klaren war. Auf keinen Fall durften Unbeteiligte in Gefahr gebracht werden. Darüber gab es nicht den geringsten Zweifel.
„Schluß der Debatte!“ rief Thorfin Njal schließlich. „Wir brauchen nicht mehr herumzureden. Diesmal schnappen wir uns das Satansweib, und wir versohlen ihr den schwarzen Hintern, daß sie sich nie wieder davon erholt.“
Die anderen konnten sich eines Lächelns nicht erwehren.
„Es stimmt, was Thorfin sagt“, erklärte Hasard, „jeder von uns kennt die entscheidenden Einzelheiten, und wir wissen in etwa, was uns bevorsteht. Deshalb beantrage ich Abstimmung: Wer ist dafür, daß wir mit allen Mitteln gegen die Black Queen vorgehen?“
Es gab kein Zögern. Alle Stimmberechtigten erhoben sofort die rechte Hand.
Zum Schluß meldete sich Carlos Rivero noch einmal zu Wort.
„Wenn alles vorüber ist“, sagte er bedächtig, „würde ich mich gern auf Tortuga niederlassen. Vielleicht könnte ich euch dort von Nutzen sein. Als euer Verbindungsmann.“
Niemand hatte etwas einzuwenden. Hasard legte dem Spanier wortlos die Hand auf die Schulter und lächelte.
2.
Auf dem sanften Wellengang erzeugten die Sonnenstrahlen ein Meer von flirrenden kleinen Lichtreflexen. Die Hafenbucht von Tortuga zeigte sich an diesem Tag in ihrem schönsten Licht. An Land wiegten sich die Blätter der Palmen in einer lauen Brise.
Die Black Queen war allein auf dem Achterdeck ihres Schiffes. Zum ersten Male seit vielen Tagen, ja sogar Wochen, empfand sie keinen Groll. Nichts und niemand konnte sie jetzt noch in Rage bringen. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie zuletzt mit sich und der Welt so zufrieden gewesen war.
Ihre Flotte, die in einträchtigem Beieinander in der Bucht ankerte, war ein stolzer Anblick.
Nur einen Steinwurf weit von der „Caribian Queen“ entfernt lag die „Aguila“. Die ehemalige spanische Kriegsgaleone war mit ihren vierhundertfünfzig Tonnen Registergewicht ein Schiff, auf das die Bezeichnung „stattlich“ ohne Einschränkung zutraf. Nicht minder bemerkenswert war die Armierung dieses Dreimasters mit insgesamt achtundzwanzig Siebzehn-Pfündern, vier Drehbassen und zwei Zwölf-Pfünder-Heckgeschützen.
Nur wenig kleiner waren die „Buena Estrella“ und die „Vascongadas“ mit ihren jeweils etwa dreihundertfünfzig Tonnen.
Stolz erfüllte die Black Queen bei der Erinnerung daran, wie sie diese beiden Kriegsgaleonen vor El Triunfo gekapert hatte. Das war ein Handstreich gewesen, den ihr so schnell keiner nachmachte. Wenn die Spanier in Cartagena davon erfuhren, würden sie wahrscheinlich vor Wut schäumen.
Auch die Zuverlässigkeit ihrer Gefolgschaft war nach Meinung der Black Queen weitgehend gesichert. Jaime Cerrana und seine Leute auf der „Aguila“ waren treue Verbündete, daran gab es nicht den geringsten Zweifel.
Für die „Buena Estrella“ und die „Vascongadas“ galt das gleiche. Deren Besatzungen bestanden aus den brauchbarsten Kerlen mit seemännischer Erfahrung, die in El Triunfo aufzutreiben gewesen waren. Jeder von ihnen schätzte sich glücklich, auf einem solchen Schiff segeln zu dürfen. Die lausigen Einmaster, über die sie in Honduras verfügt hatten, waren dagegen geradezu lächerlich gewesen.
Von den übrigen Siedlern, die inzwischen auf Tortuga provisorische Unterkünfte gefunden hatten, erwartete die Black Queen absolute Treue. Willem Tomdijk und seine Leute mußten wissen, daß sie ihr zu lebenslangem Dank verpflichtet waren. Sie würden Tortuga fest in ihre Hand bringen und dafür sorgen, daß man später die Fühler auf das benachbarte Hispaniola ausstreckte.
Und die Feinde?
Die hochgewachsene dunkelhäutige Frau lachte leise vor sich hin. Jean Ribault und diese kleine Hexe, die sich Rote Korsarin nannte, mußte die Nase gestrichen voll haben. Das galt auch für ihre Verbündeten. Allesamt mußten sie begriffen haben, daß sie ihr, der künftigen Herrscherin der Karibik, nicht im Traum das Wasser reichen konnten.
Trotzdem durfte man nicht unvorsichtig werden. Ein paar Tage hatte die Black Queen ihren Untergebenen Ruhe gegönnt. Jetzt aber galt es, Vorsichtsmaßnahmen zu treffen.
Dieser hochgewachsene Mann an Bord der „Isabella“ war ihr nicht ganz geheuer. Seewolf nannten sie ihn, und bei den letzten Auseinandersetzungen vor Gran Cayman und Tortuga hatte die Queen gemerkt, daß der Mann seinen Beinamen nicht zu Unrecht trug. Auch sein Schiff war eine verteufelt gute Konstruktion.
Ein Lächeln umspielte die vollen, doch keineswegs wulstigen Lippen der Schwarzen. Wenn sie ehrlich war, dann mußte sie zugeben, daß sie beim Anblick dieser ranken dreimastigen Galeone Neid empfunden hatte.
Das war ein Schiff, gegen das sie ihren Zweidecker durchaus eintauschen würde. Und welche symbolische Bedeutung würde jene „Isabella“ gewinnen, wenn sie einmal das Flaggschiff der Herrscherin der Karibik war!
Ja, das würde für alle Zeiten die Niederlage ihres wohl ärgsten Feindes veranschaulichen. Jedermann würde beim Anblick dieses Flaggschiffs wissen, daß es niemanden gab, der die Black Queen bezwingen konnte. Auch ein Seewolf nicht.
Aber bis dahin war es noch ein langer und mühevoller Weg. Mit allen Fasern ihrer Sinne spürte die Black Queen, daß ihr dieser Mann noch die meisten Schwierigkeiten bereiten würde. Er war ein ernstzunehmender Gegner, wenn auch nicht unbezwingbar. Aber er gehörte zu der Sorte von Kerlen, die nicht locker ließen, auch wenn sie dabei zugrunde gingen.
„Du wirst lernen, daß ich dir überlegen bin“, flüsterte die Black Queen haßerfüllt, „ich werde es dir mit Blut ins Gedächtnis schreiben.“
Von der „Aguila“ waren jetzt Hammerschläge zu hören, kurz darauf auch das rhythmische Kreischen von Sägen. Die Spanier waren mit den Ausbesserungsarbeiten beschäftigt. Nur geringe Schäden waren beim letzten Gefecht entstanden. Doch die Black Queen hatte angeordnet, daß auch die nebensächlichsten Kleinigkeiten schleunigst in Ordnung gebracht wurden. Ihre Flotte sollte von nun an stets ein stolzer Anblick sein, ohne jeden Makel.
So wie ich selbst, dachte sie amüsiert, als sie die verstohlenen Blicke bemerkte, die die Männer von Bord der „Aguila“ zu ihr herübersandten.
Die Black Queen wußte sehr wohl, daß sie allein mit ihrem Äußeren ständig begehrliche Anwandlungen in den Kerlen weckte. Manchmal fühlte sie sich dadurch geschmeichelt, wenn ihre Laune entsprechend gut war. Bei anderen Gelegenheiten jedoch konnte es so einem unverschämt stierenden Burschen durchaus passieren, daß sie ihn mit ein paar eisenharten Fausthieben auf die Planken beförderte.
Denn ihre muskulösen Oberarme wirkten nicht nur männlich, in ihnen steckte auch eine ungeheure Kraft, wie sie ein Mann von einer Frau kaum erwartete. Ihre nackten Brüste waren so prall und straff, daß sie wie eine Fortsetzung dieser bemerkenswerten Armmuskeln wirkten.
Das Haar der Black Queen bildete eine große krause Löwenmähne, tiefschwarz wie ihre Brauen und Wimpern, unter denen dunkle Augen kalt und herablassend blickten. In ihrem ebenmäßigen Gesicht dominierten hohe Wangenknochen.
Wie sie es gewohnt war, trug die Black Queen nur einen Lendenschurz mit einem breiten Ledergurt. Darunter steckten eine reichverzierte und entsprechend kostbare Pistole und ein Messer ohne Scheide. Die breite Klinge funkelte im Sonnenlicht. Eine mehrfach verschlungene Goldkette wand sich um den Hals der Queen, darunter lag das rote Tuch, dessen Zipfel bis zu ihren Brüsten reichte.
Sie wurde aus ihren Gedanken gerissen, als sie die Männer am Strand auftauchen sah.
Caligula war es, der mit sechs Männern von der „Caribian Queen“ auf eins der Beiboote zueilte. Hastig schoben sie das Boot ins Wasser und pullten kurz darauf mit kraftvollen Riemenschlägen auf den Zweidecker zu.
Die Black Queen runzelte die Stirn. Irgend etwas mußte geschehen sein, sonst hätte Caligula nicht solche Hast gezeigt. Doch um ernsthafte Probleme konnte es sich wohl nicht handeln. Tortuga war fest in ihrer Hand. Niemand würde hier noch wagen, sich gegen die neuen Machtverhältnisse aufzulehnen.
Voller Stolz betrachtete die Black Queen den herkulisch gebauten Neger, wie er im Boot herannahte. Er war ihr engster Vertrauter und unumwunden würdig, an ihrer Seite zu stehen. Der krause schwarze Bart verlieh ihm etwas Überlegenes und ließ ihn aus der Masse herausragen. An seinem Körper gab es kein überflüssiges Gramm Fett, an Kraft und Geschmeidigkeit war er der Queen zweifellos noch überlegen. Ging es um Mut und Raffinesse, um Verschlagenheit und Brutalität, war er ihr mindestens ebenbürtig.
Das Beiboot glitt längsseits, und Caligula enterte allein über die Jakobsleiter auf. Die Männer verharrten auf den Duchten. Wie immer war Caligula nur mit einer weißen Pumphose bekleidet. Am breiten Ledergürtel trug er ein Entermesser und eine Pistole.
Mit raubtierhaft federnden Bewegungen ließ er den Niedergang hinter sich und eilte seiner Gefährtin entgegen. Anerkennend bemerkte die Black Queen, daß er kein bißchen außer Atem war.
„Nun?“ sagte sie mit hochgezogenen Brauen. „Du siehst so aus, als ob du schlechte Nachrichten bringst.“
„Wie man’s nimmt. Diese verdammten Weiber wollen protestieren, und Boussac ist natürlich auf ihrer Seite.“
„Protestieren?“ entfuhr es der Queen. „Gegen was?“
„Gegen deine Anordnung natürlich. Sie wollen sich nicht einsperren lassen. Sie faseln davon, daß sie als freie Menschen in die Karibik gesegelt seien. Daß sie Paris nicht verlassen hätten, um sich hier unterdrücken zu lassen. Und so weiter. Alles dummes Gewäsch.“
Das Gesicht der Schwarzen verzog sich zu einer wütenden Grimasse. Ihre dunklen Augen blitzten.
„Du hast dir wieder den Kopf verdrehen lassen. Gib es zu.“
„Habe ich nicht!“ entgegnete Caligula aufbrausend. „Oben in den Felsen habe ich das eingezäunte Lager bauen lassen, wie du angeordnet hast. Dann bin ich hinuntergegangen in die Schildkröte. Dort hockt das gesamte Weibervolk beieinander, und Boussac ist der Hahn im Korb. Mit sechs Mann habe ich es nicht geschafft, sie rauszutreiben. Die wollen einfach nicht.“
„Sie haben dir schöne Augen zugeworfen“, entgegnete die Queen schroff, „und sie haben dir ein bißchen nackte weiße Haut gezeigt. Das kannst du nicht verkraften. Ich weiß doch, wie scharf du darauf bist, mal so ein weißes Püppchen in die Finger zu kriegen. Wenn ich dich von der Leine gelassen hätte, wärest du längst mit einer von ihnen in die Büsche gegangen.“
„Du bist ungerecht“, sagte Caligula beleidigt, „du weißt genau, daß ich dir treu bin. An der Leine brauchst du mich schon gar nicht zu halten. Ich würde doch niemals …“
Die Black Queen unterbrach ihn mit einem belustigten Lachen.
„Ich fange an, die Sache witzig zu finden. Ein paar dreckige Huren widersetzen sich meinem Befehl. Und mein sehr verehrter Caligula schaffte es zusammen mit sechs ausgewachsenen Kerlen nicht, diese Schlampen zur Räson zu bringen.“
„Wie sollten wir das denn anstellen? Sollten wir sie etwa einzeln raustragen?“
Die Schwarze blies die Luft durch die Nase.
„Warte nur ab. Ich werde dir zeigen, wie man mit dem widerspenstigen Dirnenvolk umspringt. Aber vorher kümmern wir uns um die wichtigeren Dinge.“
Caligula zog die Schultern hoch und ließ sie wieder sinken. Bereitwillig folgte er seiner Gefährtin, als sie vorausging und in das Beiboot abenterte. Er war sicher, daß sie ihre Anordnung durchsetzen würde, denn Widerspruch duldete sie unter keinen Umständen.
Solange mit einem Angriff auf Tortuga zu rechnen war, sollten die fünfzig Mädchen in dem Notlager interniert werden. Caligula war in diesem Punkt völlig einer Meinung mit der Black Queen, auch wenn sie immer noch glaubte, daß er an den Mädchen einen Narren gefressen hätte. Sie durften unter den Männern keine Verwirrung stiften, solange Gefahr bestand. Die Kerle hatten sich darauf zu konzentrieren, Tortuga zu verteidigen. Nichts und niemand durfte sie von dieser Aufgabe ablenken.
Die Black Queen ließ sich zu den beiden Beutegaleonen pullen. Nacheinander inspizierte sie gemeinsam mit Caligula die „Buena Estrella“ und die „Vascongadas“.
Die Männer an Bord hatten prompte und gute Arbeit geleistet. Eine stattliche Zahl von Reserve-Geschützrohren hatten sie aus den Laderäumen auf das Hauptdeck gehievt. Jeweils sechs Rohre waren es auf beiden Galeonen. Einmastige Schaluppen, die aus der Hafenbucht stammten, lagen bereits längsseits, um die Geschützrohre zu übernehmen.
Caligula erläuterte den Schiffsbesatzungen die Pläne, die er entworfen hatte. Darin waren die Positionen eingezeichnet, auf denen die Geschützrohre in den Felsen von Tortuga in Stellung gebracht werden sollten.
Jene Männer, die den Zaun für das Mädchen-Lager gebaut hatten, waren inzwischen bereits damit beschäftigt, Behelfslafetten für die Bronzerohre zu zimmern.
In den Pulverkammern der beiden Galeonen lagerten noch immer ausreichende Munitionsvorräte. Der spanische Flottenverband war gut ausgerüstet gewesen, als er Cartagena verlassen hatte, um El Triunfo in Stücke zu schießen. Die Mengen an Pulver, Blei und Eisen hätten wahrscheinlich ausgereicht, um die Siedlung in Honduras zweimal zu zerstören.
Man konnte sich also leisten, einen Teil der noch vorhandenen Munition in die Felsen hinaufschaffen zu lassen. Jede der behelfsmäßigen Geschützstellungen mußte so gut ausgerüstet sein, daß ein Angriff erfolgreich abgewehrt werden konnte. Die Standorte der Geschütze waren von Caligula so ausgewählt worden, daß sich kein Angreifer der Insel nähern konnte, ohne nicht sofort wirkungsvoll beschossen zu werden.
„Gute Arbeit“, sagte die Black Queen anerkennend, als sie die Inspektion der „Vascongadas“ beendet hatte und gemeinsam mit ihrem Gefährten in das Beiboot abenterte. Eins der Geschützrohre wurde bereits mittels einer an der Großrahnock angeschlagenen Talje in einen Einmaster abgefiert. Es würde also nur noch wenige Stunden dauern, bis die Verteidigungsbereitschaft Tortugas in vollem Umfang gewährleistet war.
Caligula grinste selbstgefällig, denn er bezog das Lob auf sich allein. Auf den Gedanken, daß die Queen vor allem auch den Schiffsbesatzungen Anerkennung zollte, verfiel er nicht. Mit einer herrischen Handbewegung gab er den Männern auf den Duchten Order, loszupullen.
„Trotzdem können wir uns nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen“, sagte die Black Queen nachdenklich.
„Wie meinst du das?“ Er blickte sie von der Seite an.
„Zum Teufel, Caligula, streng deinen Grips ein bißchen an. Fürs erste sind wir gerüstet. Mit ein paar Angreifern wie diesen Bastarden von der Schlangen-Insel werden wir fertig. Aber das reicht nicht für die Zukunft. Tortuga muß zur Festung ausgebaut werden. Dazu gehört zum Beispiel, daß wir die Munitionsvorräte vergrößern.“
Caligula grinste breit. „Kein Problem. Bei nächster Gelegenheit schnappen wir uns ein paar fette spanische Galeonen. Du hast gesehen, wie die ihre Pulverkammern vollstopfen. Bei denen mangelt es an nichts.“
Die Black Queen antwortete nicht. Ihre Gedanken wanderten in die fernere Zukunft. Später, wenn sie ihre Machtansprüche in der Karibik endgültig gesichert hatte, würde sie mehrere Stützpunkte von der Art Tortugas besitzen.
Zuverlässige Verbündete würden die Gewähr sein, daß ihr Herrschaftsbereich funktionierte. Und einer dieser Stützpunkte würde die Schlangen-Insel sein. Das stand schon jetzt fest. Sie würde nicht eher ruhen, bis sie die Insel dieser verdammten Bastarde erobert hatte.
3.
Eine knappe Viertelstunde war vergangen, als am Strand eine große Jolle zu Wasser gebracht wurde. Die Black Queen und Caligula erlebten den denkwürdigen Anblick nicht von Anfang an, da sie sich in die Kapitänskammer begeben hatten, um die Verteidigungspläne für Tortuga zu verfeinern.
Auf der „Caribian Queen“, der „Aguila“ und den beiden Beutegaleonen hielten die Männer mit ihrer Arbeit inne, um das Schauspiel zu beobachten.
Nicht weniger als acht Männer aus El Triunfo wurden eingesetzt, um das große Boot in sein Element zu bringen. Das lag jedoch keineswegs am Eigengewicht der Jolle.
Der Koloß, den sie alle kannten, wuchtete sein Lebendgewicht bereits an Land auf die mittlere Ducht. Unter den Kiel des Bootes waren Rundhölzer gelegt worden, und an jeder Seite hielten zwei Männer die Balance, während die übrigen vier am Spiegel Aufstellung nahmen und mit aller Kraft schoben.
Willem Tomdijk, ehemals Bürgermeister von El Triunfo, hockte wie ein zwei Zentner schweres Monument auf der Ducht. Jeder anderweitige Versuch, ihn an Bord zu bringen, hätte unweigerlich zum Kentern des Bootes geführt.
Es war eine schweißtreibende Aufgabe für die Helfer, die Jolle bis zur ausreichenden Wassertiefe zu bugsieren. Minutenlang knirschte der Kiel über den Sand, und einmal sah es aus, als würde das schwerbeladene Wasserfahrzeug steckenbleiben. Dann jedoch war es geschafft.
Willem Tomdijk wandte sich zu den anderen um und winkte ihnen zu. In seinem rosigen Jungengesicht lag energische Entschlossenheit. Das bedrohliche Schwanken des Bootes kümmerte ihn nicht, denn er konnte sich auf die Männer verlassen, die schnell genug zupackten, um ein Kentern zu verhindern.
Der füllige Mann, der aus Leeuwarden in den Niederlanden stammte, sah trotz seines enormen Körperumfangs aus wie ein unbedarfter kleiner Junge. Sein blondes Haar stand kurz und widerborstig auf einem mächtigen Schädel, wodurch der jungenhafte Eindruck noch verstärkt wurde.
Niemand war jemals in der Lage gewesen, sein Alter zu schätzen. Auch sah er keinen Grund, zu verraten, daß er fünfunddreißig Jahre alt war. Seine Leibesfülle ließ ihn älter erscheinen, während sein rosiges Gesicht das Gegenteil vermuten ließ.
Nur die listigen Augen Willem Tomdijks, die so schmutziggrau waren wie das Nordseewasser vor der Küste seiner Heimat, zeigten Menschenkennern etwas von seiner Raffinesse und Bauernschläue.
In El Triunfo hatten ihm diese Eigenschaften geholfen, den Posten des Bürgermeisters zu erlangen. Geschickt hatte er die Tatsache zu nutzen gewußt, daß er unter den rund fünfhundert Siedlern englischer und französischer Herkunft der einzige Holländer war.
Damit hatte er den Vorteil der Neutralität ausnutzen können.
Er hatte die rauhen und verwegenen Siedler an der Golfküste von Honduras nicht enttäuscht. Unter seiner Regie hatten sie es bereits zu bescheidenem Wohlstand gebracht, ehe die Spanier ihre Siedlung ausradierten.
Manon, die dunkelhaarige Wortführerin der Mädchen aus Paris, watete kurz entschlossen mit nackten Füßen ins seichte Uferwasser. Dann schürzte sie das einfache Leinenkleid, das ihren schlanken und wohlgeformten Körper umgab. Bereitwillig ließ sie sich von den Männern auf die Achterducht des Bootes helfen.
Ihr folgte Emile Boussac, der wieselflinke kleine Franzose aus Rouen, der sich unter Willem Tomdijks „Regierung“ emporgearbeitet und es bis zum erfolgreichen Schankwirt gebracht hatte. Seine Schenke, „La Mouche Espagnole“ genannt, war in El Triunfo zum blühenden Mittelpunkt aller Freizeitbeschäftigungen geworden.
Dorthin hatte er Manon und ihre Freundinnen bestellt, und dort hatten sie ein dankbares Betätigungsfeld finden sollen. Daß sie jetzt Tortuga als Ausweichquartier benutzen mußten, war für Emile Boussac eine schmerzliche Erfahrung.
Er hatte keine eigene Kneipe und mußte sich in dieser ungewissen Anfangszeit darauf beschränken, nach künftigen Geschäftsmöglichkeiten Ausschau zu halten. Die Mädchen hatten zwar genug zu tun, aber sie verdienten etwas Besseres als die lausige „Schildkröte“, in der dieser Bursche namens Diego seinen Fusel ausschenkte.
Die Black Queen und Caligula wurden von einem ihrer Posten alarmiert, als sich die tief im Wasser liegende Jolle schon auf halbem Weg zur „Caribian Queen“ befand.
Das Gelächter der Männer auf der Kuhl des Zweideckers war nicht zu überhören, und den Grund für die allgemeine Heiterkeit erkannten die Negerin und ihr Gefährte auch sofort, als sie ans Schanzkleid traten.
„O verdammt“, sagte Caligula und grinste.
„Was heißt das?“ fuhr ihn die Black Queen an. „Hast du etwa Angst vor diesen Schwachköpfen? Willst du dich wie eine Ratte verkriechen?“
„Das nicht. Aber du kennst unseren Freund Willem.“
„Ja, und? Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich ihn überhaupt an Bord lasse.“ Ein Gedanke durchfuhr die Queen, bei dem sie sich eines Lachens nicht erwehren konnte. Natürlich würde Willem niemals das Recht oder auch nur die Gelegenheit erhalten, die Laderäume und Kammern der „Caribian Queen“ zu durchstöbern. Andernfalls würde er wahrscheinlich Stielaugen kriegen, wenn er die Schatzkiste erblickte, die mit Gold, Silber und Juwelen gefüllt war.
Denn diese Kiste gehörte niemand anderem als Willem Tomdijk. In den Wirren des Geschehens um El Triunfo hatte die Black Queen die Kiste unbemerkt aus dem Keller der alten Missionskirche mitgehen lassen. Willem wußte nichts davon. Er glaubte, daß sein gehorteter Reichtum unter den Trümmern verschüttet und begraben wäre.
Caligula starrte seine Gefährtin an. „Überlege dir gut, was du tust. Der Dicke sieht zwar aus wie eine Witzfigur, aber er ist es nicht. Dreihundert Leute stehen hinter ihm, und er zieht sie jederzeit auf seine Seite, wenn er will.“
„Pah! Die wissen genau, daß sie auf mich angewiesen sind. Außerdem mußt du die Besatzungen der beiden Beutegaleonen abziehen. Die sind froh, daß sie solche schönen Schiffe unter den Füßen haben. So was geben die nicht auf. Die lassen sich nicht einfach von dem Freßsack herumkriegen.“
„Deine Rechnung stimmt nicht ganz“, widersprach Caligula, „wenn du Boussacs fünfzig Weiber mitrechnest, bist du wieder auf dreihundert. Du kannst es drehen und wenden, wie du willst.“
„Weiber!“ sagte die Queen schnaubend. „Die zählen überhaupt nicht.“
„Da hast du aber eine verdammt gute Meinung von deinesgleichen.“ Caligula grinste noch breiter. Im nächsten Moment, als er den durchbohrenden Blick seiner Gefährtin spürte, schwand sein Grinsen, und ein wohliger Schauer durchlief ihn.
„Meinesgleichen? Willst du allen Ernstes behaupten, daß sich eins von diesen käuflichen Miststücken mit mir vergleichen kann? In irgendeiner Beziehung?“ Die Stimme der Black Queen hatte sich zu einem dunklen, rauchigen Klang gesenkt, in ihren dunklen Augen lag all die Verlockung, die ihren Gefährten schon so oft um den Verstand gebracht hatte.
„Nein, nein“, stammelte er, „so habe ich das natürlich nicht gemeint. Ich – ich …“ Ihm versiegten die Worte, und er wünschte Willem Tomdijk und seine Begleiter zum Teufel.
Die verheißungsvollsten Momente ergaben sich eben immer zur unpassendsten Zeit. Ein Königreich hätte er dafür gegeben, jetzt mit der Queen allein sein zu können.
Unterdessen war die große Jolle längsseits gegangen.
„Bitten, an Bord kommen zu dürfen!“ dröhnte Willem Tomdijks Stimme herauf.
Die Black Queen wechselte einen Blick mit Caligula, und er nickte ihr aufmunternd zu. In dieser Situation behielt er den klareren Kopf, dessen war er sich bewußt. Wenn das Weibervolk miteinander zu tun hatte, dann war es nicht mehr zurechnungsfähig.
Die Black Queen seufzte, nickte und beugte sich über die Verschanzung.
„Genehmigt!“ rief sie und verlieh ihrer Stimme einen energischen, metallischen Klang.
Willem hatte den massigen Kopf in den Nacken gelegt und spähte zu ihr hoch, wie die anderen auch. Doch Willems Blick war nicht auf ihr Gesicht gerichtet, sondern auf ihre Brüste, die wie pralle dunkle Früchte über dem Schanzkleid ruhten. Nur mit Mühe riß er sich von diesem Anblick los.
„Dann laß den Bootsmannsstuhl runter, Madam. Ich will als erster an Bord sein. Manon und Emile haben nämlich Angst vor dir.“ Er lachte laut und schallend. Sein mächtiger Körper erinnerte dabei an ein Bergmassiv, das von einem Erdbeben durchgeschüttelt wurde.
Boussac und das Mädchen wollten etwas erwidern, aber Willem Tomdijk brachte sie mit einer energischen Handbewegung zum Schweigen.
Die Black Queen nickte ihm wortlos zu. Dann wandte sie sich den kichernden und glucksenden Kerlen auf der Kuhl ihres Zweideckers zu.
„Reißt euch zusammen!“ zischte sie. „Ich will kein blödes Grinsen sehen und kein albernes Lachen hören. Tomdijk ist ein wichtiger Mann, wir brauchen ihn auf unserer Seite. Wenn einer von euch nicht pariert, geht es ihm schlecht. Fiert jetzt den Bootsmannsstuhl ab und hievt den Fettsack an Bord.“
Die Galgenstricke, ausnahmslos dunkler Hautfarbe, wurden augenblicklich still. Sie beeilten sich, den Befehl ihrer Anführerin in die Tat umzusetzen. Jeder von ihnen wußte nur zu gut, was passierte, wenn die Black Queen in Rage geriet. Sie hatte in dieser Beziehung höllisch unangenehme Eigenheiten.
Minuten später schwebte Willem Tomdijk, von Tauen unter dem mächtigen Achtersteven getragen, über das Schanzkleid.
Manon und Emile Boussac, die das denkwürdige Geschehen beobachtet hatten, verließen die Jolle und enterten über die Jakobsleiter auf. Die Männer, die das Boot herübergepullt hatten, verharrten auf den Duchten.
Auf der Kuhl des Zweideckers befreiten die dunkelhäutigen Crew-Mitglieder den Ex-Bürgermeister von den Tauen des Bootsmannsstuhls.
Er wandte sich mit einem erleichterten Schnaufen um und ging der Black Queen und Caligula entgegen, die ihm beim Achterdecksniedergang erwarteten. Bei jedem Schritt wogten Willems Körpermassen, doch dabei wirkte er nicht schwerfällig. Seine Beine waren immerhin kräftig genug, um sein Gewicht zügig fortzubewegen.
Er trug ein kurzärmeliges Hemd mit weit offenstehendem Kragen. Die weite Hose hing von seinem Bauch abwärts wie ein Schlauch. Seine Füße steckten in bequemen Ledersandalen, die seinem Gang etwas Watschelndes verliehen.
Willems Gesichtshaut war leicht gerötet, auf seiner Stirn standen kleine Schweißperlen. Trotz der vielen Jahre, die er schon in der Karibik zugebracht hatte, konnte er sich noch immer nicht an das Klima gewöhnen.
„Seid mir gegrüßt“, sagte er mit einer ausladenden Handbewegung und blieb vor dem schwarzen Paar stehen. „Ich falle mit der Tür ins Haus. Kein langes Palaver. Einverstanden?“
„Ganz in meinem Sinn“, erwiderte die Black Queen und nickte.
„Es gibt da ein paar kleine Unstimmigkeiten“, entgegnete Willem, „aber ich denke, das ist wohl nur ein Mißverständnis. Das werden wir doch schnell aus der Welt räumen, wie?“
Boussac und seine dunkelhaarige Begleiterin waren durch die Pforte im Schanzkleid getreten und bauten sich neben ihrem ehemaligen Gemeindeoberhaupt auf.
„Kein Mißverständnis“, antwortete die Queen rauh. Sie schoß einen blitzenden Blick auf die Französin ab. „Ich kann mir nicht vorstellen, daß Caligula meine Anweisung nicht deutlich genug weitergegeben hat.“
„Das hat er“, sagte Caligula grinsend und klopfte sich mit der flachen Hand auf den breiten Brustkasten. „Das hat er ganz gewiß.“
„Dann ist es tatsächlich wahr?“ rief Manon erbost. „Wir sollen eingepfercht werden wie Vieh? Niemals!“
Emile Boussac hob die Rechte mit einem Ruck. Seine Geste hatte etwas Theatralisches und sollte die flammende Leidenschaft ausdrücken, mit der er bereit war, für seine Mädchen einzutreten.
„Manon hat recht“, sagte er. Er wippte auf den Zehenspitzen und verriet dadurch seine innere Unruhe. „Eine solche Behandlung der Desmoiselles wäre wirklich unwürdig und unerhört. Außerdem habe ich auch noch ein Wörtchen mitzureden. Schließlich bin ich der Dienstherr der Damen. Ich denke nicht daran, den Verdienstausfall hinzunehmen, der dadurch entstehen würde, daß …“
Die Black Queen schnitt ihm das Wort ab. Ihre Stimme war wie ein Hieb.
„Unwürdig? Du wagst es, dieses Wort in den Mund zu nehmen? Wenn etwas unwürdig ist, dann das, wozu sich diese Flittchen hergeben. Fasele mir also nichts von Ehrgefühl oder ähnlichem Unsinn vor. Ich habe eine klare Anweisung gegeben, und die wird befolgt. Basta!“
„Zwingt uns nicht, Gewalt anzuwenden“, fügte Caligula hinzu. Sein Grinsen war geschwunden, sein Gesicht spiegelte jetzt jene eisige Härte, die schon manchen seiner Gegner das Fürchten gelehrt hatte.
„Vielleicht läßt man mich wenigstens ausreden!“ schrie Emile Boussac. Sein Gesicht lief rot an. Er wollte fortfahren, verstummte aber, als Willem Tomdijk ihm die schwere Hand auf die Schulter legte.
Statt dessen war es Manon, die sich nicht länger zurückhalten konnte.
„Das lasse ich mir nicht bieten!“ fauchte sie. „Niemand hat das Recht, meine Freundinnen und mich in den Dreck zu ziehen. Wir haben Paris nicht verlassen, um uns in der Neuen Welt knechten zu lassen. Man hat uns ein freies Leben versprochen, und darauf bestehen wir. Außerdem hat unser Beruf seine Berechtigung. Jeder vernünftige Mann wird das bestätigen. Und jemand, der so herumläuft wie du“, ihr Arm schnellte mit ausgestrecktem Zeigefinger vor und wies auf den blanken Busen der Queen, „sollte andere nicht als Flittchen bezeichnen!“
Die Augen der Schwarzen verengten sich.
Caligula tat nichts, um sie zu besänftigen, „Manon“, flüsterte Emile Boussac erschrocken, „reiß dich zusam…“ Die letzte Silbe blieb ihm im Hals stecken.
Mit einem pantherhaften Satz schnellte die Black Queen vor. Manon zuckte zusammen und konnte nicht mehr reagieren.
Ein brutaler Hieb traf die Französin ins Gesicht und schleuderte sie auf die Planken. Reglos blieb sie liegen.
Emile Boussac wirbelte herum und wollte ihr zu Hilfe eilen.
Doch die Black Queen war schneller, packte ihn mit beiden Fäusten am Kragen und zog ihn zu sich heran.
„Laß dir das eine Warnung sein“, sagte sie drohend. „Ich bin nicht gewohnt, meine Anweisungen zweimal zu geben. Es liegt einzig und allein an euch, ob die Sache schlimmere Folgen hat oder nicht. Bis Einbruch der Dunkelheit ist das gesamte Dirnenpack im eingezäunten Lager. Wenn nicht, geht es euch dreckig.“
Boussac versuchte vergeblich, sich aus dem eisenharten Griff der Negerin zu befreien. Im nächsten Moment stieß sie ihn mit einem Ruck von sich. Willem Tomdijk fing ihn mit seinen fleischigen Armen auf.
Sein Blick, aus nordsee-grauen Augen auf die Black Queen gerichtet, schien ausdruckslos. Niemand konnte erkennen, welche Gedanken sich hinter seiner Stirn bewegten, auch Caligula nicht, der das Geschehen mit verschränkten Armen beobachtete.
„Schert euch von Bord!“ befahl die Queen scharf. „Alle drei!“
Emile Boussac warf ihr einen wütenden Blick zu, sagte aber nichts. Er wandte sich ab und half Manon auf die Beine, die stöhnend wieder zu Bewußtsein gelangte. Dann stützte er sie auf dem Weg zur Pforte im Schanzkleid.
„Über so eine Behandlung sind wir natürlich nicht erfreut“, sagte Willem Tomdijk dröhnend und scheinbar völlig ruhig.
„Das interessiert mich einen Dreck“, entgegnete die Black Queen schroff.
„Die Anweisungen müssen eben befolgt werden“, sagte Caligula und bemühte sich, seinen Worten einen versöhnlichen Klang zu geben. „Daran führt nun mal kein Weg vorbei. Wenn wir einen Angriff auf Tortuga zu erwarten haben, müssen wir unseren eigenen Laden in Ordnung halten. Die Mädchen würden nur Unruhe stiften, solange der Tanz nicht vorbei ist. Wir brauchen aber alle verfügbaren Kräfte, um Tortuga gegen unsere Feinde zu verteidigen.“
„So ist das also“, sagte Willem. Sein Dreifachkinn wackelte, als er nachdenklich den Kopf auf und ab bewegte.
„Keine Erklärungen mehr!“ zischte die Black Queen.
Caligula hütete sich, noch ein Wort von sich zu geben.
„In Ordnung.“ Der Ex-Bürgermeister von El Triunfo zog die massigen Schultern hoch und ließ sie wieder sinken. Er sah die Black Queen an. „Wir befolgen deine Order, Madam.“ Weder seiner Miene noch dem Klang seiner Stimme war anzumerken, was er wirklich dachte.
Er wandte sich ab und ließ sich von den schweigenden Crewmitgliedern den Bootsmannsstuhl anlegen.
Die Black Queen beobachtete es mit flammendem Blick. Und ihr hünenhafter Gefährte riskierte in diesem Moment nicht, sie anzusprechen.
4.
Über die Schlangen-Insel senkte sich das rotgoldene Licht der Spätnachmittagssonne. In den Furchen der Felsen entwarf dieses unwirklich scheinende Licht eine bizarre Maserung von Schattenrissen.
Zwei Menschen waren es, die hoch über dem Felsendom ausharrten, regungslos wie Statuen. Sie hatten eine der Beobachtungsplattformen erstiegen, um jenes Ereignis mitzuerleben, das für ihre Heimat in der Karibischen See von entscheidender Bedeutung sein sollte.
Im Schein der flachen Sonnenstrahlen nahm die Haut des Mannes einen bronzefarbenen Schimmer an. Sein Haar war blond und schulterlang, doch sein Gesicht war unverkennbar indianisch geschnitten.
Das Mädchen neben ihm strich die langen dunklen Haare aus dem Gesicht und beschirmte die Augen mit der flachen Hand. Der Wind umspielte ihren jungen, biegsamen Körper, der nur mit einem Lendenschurz bekleidet war.
Es war ein majestätischer Anblick, der sich den beiden Beobachtern bot.
Die „Isabella“ hatte den Felsendom passiert und ging auf Kurs Südwest. Der Wind wölbte das Tuch vor den schlanken Masten. Männer befanden sich hoch oben in den Rahen, um auch die Bramsegel zu setzen.
In Abständen von wenigen Minuten folgten auch die übrigen Schiffe, die die günstige Zeit vor dem Einsetzen des Mahlstroms nutzten.
Der Viermaster des Wikingers rauschte wie ein finster drohendes Ungeheuer auf das freie Fahrwasser hinaus. Doch für jene, denen der Anblick vertraut war, hatte der Schwarze Segler nichts Düsteres. Er kreuzte das Kielwasser der „Isabella“ und nahm mit drei Kabellängen Abstand Steuerbord achteraus Kurs auf.
Das dritte Schiff im Verband war die „Wappen von Kolberg“, jene stattliche Galeone, die in ihrer Bauweise mächtiger und behäbiger wirkte als die Schiffe von der Ramsgate-Werft. Doch dieser Eindruck täuschte. Arne von Manteuffel und seine Crew beherrschten das ehemalige polnische Flaggschiff mit absoluter Sicherheit, und sie bewiesen, daß es mit seinen Segeleigenschaften den anderen praktisch in nichts nachstand.
Den Abschluß bildeten die „Le Vengeur III.“ und die „Tortuga“, jene beiden Schwesterschiffe, die als letzte Neubauten auf der alten Werft in Plymouth entstanden waren, bevor Hesekiel Ramsgate seine Sachen gepackt und sich den Seewölfen beim Aufbruch in die Karibik angeschlossen hatte.
Bei günstigen nördlichen Winden segelten die fünf Schiffe unter Vollzeug und nahmen sehr bald Fahrt auf. Die sich bauschenden Segel schienen im rotgoldenen Sonnenlicht zu leuchten, die Heckseen bildeten breite schäumende Linien in den tief blauen und kristallklaren Fluten.
„Ich habe ein seltsames Gefühl“, sagte Araua, die Tochter der Schlangenpriesterin. „Es ist das Gefühl von Einsamkeit und Schutzlosigkeit.“
Karl von Hutten wandte den Blick von der Flotte des Seewolfs und sah das Mädchen an.
„Du täuschst dich. Es ist nur der Abschied, der solche Gefühle hervorruft. Wir sind nicht schutzlos, Araua. Denke an unsere Geschütze und an die vielen Kämpfer, die wir hier noch zur Verfügung haben.“
„Aber wir haben kein Schiff mehr zu unserer Verteidigung.“
„Der Seewolf weiß, was er tut. Unsere Feinde befinden sich auf Tortuga. Er muß schneller sein als sie, muß ihnen zuvorkommen und sie dort besiegen, wo sie sich zu einem neuen Angriff auf die Schlangen-Insel sammeln könnten. Nein, Araua, uns droht hier keine unmittelbare Gefahr.“
„Das ist es nicht allein“, sagte das Mädchen leise, „ich ahne blutiges Geschehen in der nahen Zukunft. Werden wir diese fünf Schiffe so wiedersehen, wie sie uns jetzt verlassen?“
Karl von Hutten lächelte und strich ihr über das Haar.
„Ja“, sagte er rauh, „wir werden an nichts anderes denken. Unsere Gedanken, mit denen wir die Freunde begleiten, dürfen nichts Unheilvolles haben.“
Araua hob den Kopf und erwiderte seinen Blick.
„Du hast recht. Meine Mutter würde nicht anders sprechen als du. Verzeih meine Angst. Sie ist falsch. Ich tue den Männern dort auf den Schiffen unrecht damit.“
Noch lange hielten sie auf der Beobachtungsplattform aus, bis die Segel nur noch als helle Punkte über der südwestlichen Kimm zu sehen waren.
Schon während der Seewolf und seine Gefährten mit ihren Schiffen ankerauf gegangen waren, hatte sich Arkana in das Felsengewölbe des Schlangengottes begeben.
Stumm und regungslos kniete die Schlangenpriesterin vor dem Standbild, umgeben von den züngelnden Lichtern der heiligen Flammen, die den magischen Kreis bildeten. Der Reif mit den beiden Schlangenköpfen ließ kleine Lichtreflexe über Arkanas Stirn glitzern. Es hatte den Anschein, als wanden sich die stilisierten Leiber in unablässiger Bewegung im Haar der Schlangenpriesterin.
Auch Arkanas ganzer Körper schien von dieser ständigen rhythmischen Bewegung erfaßt zu sein – wie in einem mystischen Tanz. Doch die Ursache war das Zucken der Flammen, die ihr Spiel von Licht und Schatten auf Arkanas brauner Haut trieben.
Die Schlangenpriesterin hielt die Augen geschlossen und den Kopf gesenkt. Sie konzentrierte die Kraft ihrer Gedanken darauf, alle Empfindungen auszuschließen. Nichts, was von außen an Wahrnehmungen auf sie eindrang, hatte jetzt noch eine Bedeutung. Ihr Bewußtsein war bereit, sich zu verlagern und den eingegrenzten Bereich des eigenen Ichs zu verlassen. Tief in ihrem Innern spürte sie, wie ihre Seele sich dafür öffnete, fremde Strömungen aufzunehmen und mit jenem Wesen in Zwiesprache zu treten, das sich nur ihr und Araua mitteilte.
Sie hob beide Arme und streckte sie dem Schlangengott entgegen. Der Moment war nahe. Sie spürte es deutlich, obwohl sie sich fern von Zeit und Raum befand. Ihr Bewußtseinszustand war wie das körperlose Schweben in einer unendlichen Leere.
„Sprich zu mir, Schlangengott, du, der du zahllose Generationen meines Volkes schützend auf seinem Weg begleitet hast. Sprich zu mir in dieser Stunde, in der meinem Volk und seinen Freunden vielleicht schlimmstes Unheil bevorsteht.“
Keines von diesen Worten war über Arkanas Lippen gedrungen. Die Worte schwangen in den Wellen ihres Bewußtseins mit und erreichten auf diese Weise die Gottheit, die gleichfalls nur auf einer fremden Bewußtseinsebene existierte und anderen Menschen unerreichbar bleiben würde.
„Öffne deine Augen, meine Hohepriesterin“, ließ sich der Schlangengott vernehmen.
Arkana gehorchte. Sie hob die Lider, und ihr Blick erfaßte die Statue, wanderte an ihr hoch und blieb an den grünen Augen des Schlangengottes haften, die jetzt in einem eigentümlichen Leuchten erglühten.
„Ich danke dir, daß du mich anhören willst“, sagte die Schlangenpriesterin, „ich danke dir heute besonders für die Güte, die du an meinem Volk und seinen Freunden sooft hast walten lassen.“
„Deine Worte sind ungewöhnlich. Du weißt, daß du mir nicht danken mußt. Ich spüre deine Empfindungen, die dahinterstehen.“ Das Leuchten in den Augen des Schlangengottes verminderte sich und nahm einen matten Hauch an, der ihn mitleidsvoll aussehen ließ.
„Ich weiß“, erwiderte er in der Bewußtseinsströmung, in der sie beide in Verbindung standen. „Aber es gibt nichts, womit ich deine Angst mildern kann. Die bösen Ahnungen, die dich erfüllen, sind sehr wohl berechtigt. Tödliche Gefahren warten auf den Seewolf und die anderen Männer – und auf Siri-Tong, die Rote Korsarin, die an mich glaubt.“
„Kannst du denn nichts tun?“ Arkanas geistige Stimme war beinahe flehentlich.
„Das, was mir möglich ist, werde ich gewiß tun. Ich werde dem Seewolf einen Weg weisen, der am besten geeignet sein wird, sein Vorhaben zu verwirklichen. Aber dann werden er und seine Gefährten auf sich allein gestellt sein. Denn die Black Queen verkörpert das Böse, das Böse, das sich außerhalb meines Machtbereichs befindet.“
„Du gibst mir wenig Hoffnung, Schlangengott.“
„Dann verstehst du mich falsch. Sei zuversichtlich. Eins ist sicher: Die Entscheidung des Seewolfs war richtig. Der Schlangen-Insel droht keine Gefahr, solange die Schiffe abwesend sind. Und was die Aufgabe in Tortuga betrifft: Hast du dich nicht immer auf die unerschütterliche Kraft des Seewolfs und seiner Männer verlassen können?“
„Das habe ich. Aber …“
„Es darf kein Aber geben, Schlangenpriesterin. Ich wiederhole: Sei zuversichtlich. In deinen Gedanken mußt du den Männern und der Roten Korsarin beistehen, du mußt sie beflügeln und ihnen Mut zusprechen. Düstere Gedanken sind nicht hilfreich. Nicht für dich selbst und nicht für andere.“
„Ich werde deinen Rat beherzigen“, sagte Arkana.
„Dann ist es gut. Du wirst mich nun allein lassen. Sicher werde ich dir schon bald mehr sagen können, aber für dieses Mal muß es genug sein. Achte darauf, daß das heilige Feuer weiterbrennt, bis es von selbst erlischt.“
Arkana senkte den Kopf und schloß die Augen. Als sie sie wieder öffnete, waren die Augen der Statue erloschen. Die heiligen Flammen bewegten sich ruhiger, als hätten sie einen Teil ihres Lebens verloren.
Die Schlangenpriesterin erhob sich langsam und wie in Trance. Aber in ihren Adern spürte sie das Pulsieren einer neuen Kraft. Es war wie nach einem langen und erholsamen Schlaf. Ihr Körper war wie neugeboren und damit auch ihr Geist.
Verflogen waren die bösen Ahnungen. Als sie das Gewölbe verließ, wußte sie es: Der Schlangengott hatte ihre Gedanken in die rechte Bahn gelenkt.
5.
Drei Tage waren verstrichen.
Eine Zeit nervöser Ungewißheit hatte auf Tortuga begonnen. Jeder, der mit der Black Queen zu tun hatte, spürte ihre wachsende Gereiztheit. Die Stimmung griff auf die Besatzungen der vier Schiffe über und pflanzte sich immer deutlicher auch an Land fort.
Die Black Queen hatte bereits am zweiten Tag der entnervenden Wartezeit erhöhte Alarmbereitschaft angeordnet. Dies galt für die Mannschaften ebenso wie für die Geschützbedienungen, die oben in den Felsen Stellung bezogen hatten und aus den Schiffskombüsen mit Verpflegung versorgt wurden.
Caligula wußte sehr wohl, daß sie froh sein konnten, für die Geschützstellungen an Land überhaupt noch genügend Leute gefunden zu haben. Aber er hütete sich, seiner Gefährtin das zu sagen. Sie erlitt jedesmal einen Tobsuchtsanfall, wenn man den wachsenden Unmut unter den Siedlern aus El Triunfo auch nur andeutete.
Vor sich selbst mußte sie inzwischen vielleicht sogar zugeben, daß es kein weiser Entschluß gewesen war, die Mädchen in das umzäunte Lager zu sperren. Die zunehmende Gereiztheit der Männer war sicherlich zum Teil auch auf diese Verfügung der Queen zurückzuführen. Aber sie konnte die Order nicht aufheben, wenn sie nicht ihr Gesicht verlieren wollte.
An diesem dritten Tag hatte sie einen Befehl ausgesprochen, der für die Decksmannschaften endlich etwas Klarheit brachte.
Die „Buena Estrella“ ging auf Weisung der Black Queen ankerauf und begab sich auf einen Kontrollkurs rund um Tortuga.
Für die übrigen Schiffsbesatzungen wurde damit deutlich, über was bislang nur vage Vermutungen angestellt werden konnten. Die Queen rechnete mit einem baldigen Angriff auf Tortuga. Sie hatte darüber kein offenes Wort verloren und ihre Untergebenen bis jetzt nicht für wert befunden, an ihren düsteren Vorahnungen teilzuhaben.
Am Abend dieses dritten Tages wurde die Kneipe „Zur Schildkröte“ zum Mittelpunkt des Geschehens auf Tortuga. Schon vor Einbruch der Dunkelheit versammelten sich die Siedler aus El Triunfo scharenweise in der Felsengrotte, um die besten Plätze zu ergattern.
Willem Tomdijk hatte sich am Kopfende von einem der langen Bohlentische niedergelassen. Dort thronte er als ruhender Pol, mit unbewegter Miene, einer Buddha-Statue nicht unähnlich. Nur seine hochgezogenen Augenbrauen verrieten von Zeit zu Zeit, daß er über die ständig anwachsende Zuhörerschar mehr als zufrieden war.
Dies war sein Abend. Er, Willem Tomdijk, hatte ein Wörtchen mitzureden, wenn es um Zukunftsentscheidungen ging. Das mußte auch die Black Queen lernen. Er hatte eine Bürgerversammlung einberufen, ohne die Schwarze zu fragen. Jetzt stand sie vor vollendeten Tatsachen, und er war gespannt, wie sie reagieren würde.
Dieser Abend war seine Revanche für die Art und Weise, wie sie Emile Boussac, Manon und ihn vor drei Tagen an Bord des Zweideckers abgekanzelt hatte.
„Mein Gott“, sagte Boussac, der neben ihm saß. „Wo sollen die Leute bloß alle Platz finden?“
Die Hauptgrotte war bereits überfüllt. Nur die Plätze, die Willem für die Black Queen und ihre Begleitung reserviert hatte, waren noch frei. Versorgungsschwierigkeiten gab es allerdings nicht.
Der dicke Diego, Schankwirt und Inhaber der „Schildkröte“, hatte für diesen Abend mehr als ein Dutzend Helfer eingestellt. Sie hatten alle Hände voll zu tun, die schaumgekrönten Bierkrüge und die Humpen mit bestem karibischem Rum an den Mann zu bringen.
„Zerbrich dir nicht den Kopf über ungefangene Fische“, sagte Willem brummend, „die Leute werden alle Platz finden. Schließlich gibt’s hier genug Nebengelasse. Wenn wir unsere Reden schwingen, brüllen wir eben etwas lauter.“
Emile Boussac zuckte mit den Schultern und blickte in die Runde. Stimmengewirr erfüllte die Grotte. Auch aus dem angrenzenden Labyrinth von Gängen, Nebenräumen, Nischen und Kellern war bereits ein dumpf hallendes Gemurmel zu hören. Willem hatte vermutlich recht. Wer später zu weit entfernt in der weitverzweigten Kneipenhöhle saß, dem wurde es eben von denen weitererzählt, die in der Hauptgrotte mitkriegten, um was es ging.
Willem schob den leeren Bierkrug von sich weg, und sein Gesicht wurde zu einer betrübten Landschaft von wulstartigen Falten.
„Diego!“ brüllte er. Zum Klang seiner Donnerstimme erbebte seine Körperfülle. Er hatte keine Mühe, das Stimmengewirr zu übertönen.
Der Schildkrötenwirt hastete eilends herbei. Schließlich hatte er den sich anbahnenden Rekordumsatz dieses Abends keinem anderen als dem Koloß aus Holland zu verdanken.
Diego, mit strähnigem Haar und listigem Grinsen im Runzelgesicht, war selbst füllig genug. Doch in Willem Tomdijks Nähe wirkte er wie ein schmächtiges Kerlchen.
„Noch mal das Gleiche?“ erkundigte er sich dienernd und griff nach dem leeren Bierkrug.
Auch Emile Boussac schob ihm seinen Krug hin und wollte etwas sagen. Doch Willem kam ihm zuvor.
„Das Zeug kannst du selber saufen“, sagte Willem grunzend und faltete die Hände über dem Bauch. „Ich geb’s endgültig auf, mein Freund. Wie oft war ich jetzt schon in deinem Saftladen und habe Bier bestellt!“
„Bist du mit der Bedienung nicht zufrieden?“ fragte Diego bestürzt. „Habe ich dich nicht immer bevorzugt behandelt, Señor Willem? Du hast doch dein Bierchen immer prompt erhalten, oder?“
„Wenn es bloß Bier gewesen wäre!“ stöhnte der Ex-Bürgermeister und verdrehte die seetrüben Augen unter den Wulst-Lidern. „Was du ausschenkst, ist alles andere, nur kein Bier. Zapfst du vielleicht deinem Personal den Schweiß ab und füllst ihn in Bierkrüge?“
„Oder Schlimmeres“, fügte Boussac kichernd hinzu, „mir kannst du mit dem Gesöff auch gestohlen bleiben, Kollege Diego.“
Der Schildkrötenwirt erbleichte.
„Ist das euer Ernst?“ hauchte er. „Ihr wollt mich auf den Arm nehmen, wie?“
„Dir ist bekannt, daß du einen Fachmann vor dir hast“, dröhnte ihn Willems Stimme an. „Auch Emile weiß, wovon er spricht. Zu Hause in El Triunfo hat er den edelsten Gerstensaft ausgeschenkt, den du in der ganzen neuen Welt kriegen kannst.“
„Ich weiß, ich weiß“, ächzte Diego, „du hast es oft genug erzählt. Aber was soll ich denn tun? Ich bin von meinen Lieferanten abhängig. Madre mia, ich muß das Bier, das sie mir liefern, teuer genug bezahlen.“
Willem lachte glucksend, und sein mächtiger Leib bewegte sich ruckhaft auf und ab.
„Das meiste, was du bezahlst, ist Wasser. Mann, Mann, die Inselaffen und Eimerschipper in dieser Gegend haben doch noch nie in ihrem Leben richtiges Bier getrunken. Ich sage dir, wenn du deine gelbe Brühe ins Meer kippst, fallen die Fische tot auf den Grund.“
„Das werde ich doch den Fischen nicht antun, Señor Willem.“ Diego schickte einen ergebenen Blick zur Felsendecke. „Wenn du erst einmal deine eigene Brauerei aufgebaut hast, werde ich dein wichtigster Abnehmer, und alle Leute auf Tortuga sind endlich glücklich und zufrieden.“
„Mhm“, brummte Willem, „du hast ja schon eine Menge gelernt, seit wir hier sind. Dann bring uns jetzt Rum. Das ist das einzige, was man in deinem Laden genießen kann, ohne daß sich einem der Magen umdreht.“
„Ganz wie Sie befehlen, Mijnheer“, sagte Diego und versuchte dabei, den holländischen Wortklang nachzuahmen, was ihm aber nur unzureichend gelang. Er schnappte sich die beiden Krüge, verbeugte sich und vollführte eine Kehrtwendung. Erst auf dem Weg zur Theke, als Willem es nicht mehr sehen konnte, begann er zu grinsen.
Natürlich wußte Diego, was der Holländer bei seinen Bemerkungen im Hinterkopf hatte. Nichts steckte Willem mehr in den Knochen als der Verlust seiner schönen Bierbrauerei in El Triunfo. Er würde Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um sich die Ausrüstung für eine neue Brauerei zu verschaffen. Schon jetzt betrieb er Werbung für seinen künftigen Gerstensaft, indem er die Konkurrenz in den Dreck zog.
Als Willem Tomdijk und Emile Boussac ihren Rum erhielten, herrschte bereits ein nicht mehr zu überblickendes Gedränge in der Kneipengrotte. Willem mußte immer wieder vorwitzige Kerle zurückscheuchen, die sich zu seiner Linken auf die reservierten Plätze setzen wollten. Emile stierte währenddessen trübsinnig in seinen Rum und dachte an seine kleinen Pariserinnen, die man so schmählich eingesperrt hatte.
Unvermittelt ebbte das Stimmengewirr ab. Ein beinahe andächtiges Raunen folgte. Willem hob den massigen Schädel, und auch Emile riß sich aus seinen Gedanken los.
„Platz da!“ ertönte eine barsche Stimme vom Eingang her. „Platz für die Black Queen!“
Das war Caligulas Stimme, unverkennbar. Willem Tomdijk und Emile Boussac wechselten einen Blick. Die schwarze Königin, wie sie sich in ihrer Vermessenheit nannte, hatte sich tatsächlich herabgelassen, der Einladung Folge zu leisten. Entsprechend mußte ihr Gemütszustand sein. Innerlich kochte sie wahrscheinlich vor Wut. Willem war auf einiges gefaßt.
Sekunden später bildete sich eine Gasse im Gedränge. Begehrliche Blicke hefteten sich auf die hochgewachsene Schwarze, die in majestätischer Haltung mit hoch erhobenem Kopf voranschritt.
Caligula folgte ihr mit einem Schritt Abstand. Seiner Miene war anzusehen, wie sehr er diesen Spießrutenlauf seiner Gefährtin haßte. Am liebsten hätte er den Kerlen für ihr gieriges Glotzen kräftig was auf die Finger gehauen. Aber dafür waren es wieder zu viele.
Willem verkniff sich ein Grinsen. Er nickte Emile zu. Der drahtige Franzose sprang sofort auf und winkte der Negerin und ihrem Begleiter zu. Die Queen bemerkte es und schien erleichtert, in dem Durcheinander einen Orientierungspunkt gefunden zu haben.
Willem Tomdijk erhob sich schnaufend und wies ihr und Caligula die beiden Plätze an seiner Seite zu. Sie folgten der Aufforderung. Die Queen verschränkte die Arme über den Brüsten, wobei sie eine hochmütige und unbeteiligte Miene aufsetzte.
Der ehemalige Bürgermeister von El Triunfo hob gebieterisch den fleischigen Arm. Augenblicklich kehrte in seiner unmittelbaren Umgebung Ruhe ein. Nach und nach pflanzte sich die Stille fort, sehr bald war auch aus den Nebengelassen der Kneipe kein Ton mehr zu hören.
„Ich begrüße euch alle auf das herzlichste!“ brüllte Willem. Jede Silbe hallte wie ein Paukenschlag durch das Gewölbe. „Eine besondere Ehre ist es, daß wir die Black Queen und Caligula zu unserer Bürgerversammlung willkommen heißen dürfen.“ Er legte eine wohlbedachte Pause ein, und die Männer begriffen, was er von ihnen erwartete.
Donnernder Beifall brandete auf.
Der stoische Gesichtsausdruck der Black Queen wich einem Ansatz des Lächelns. Sie konnte nicht umhin, sich geschmeichelt zu fühlen. Der Feiste war ein Schlitzohr, das wußte sie. Aber vielleicht war sein Willkommensgruß doch ernst gemeint.
Caligula beugte sich zu ihr und flüsterte in ihr Ohr.
„Siehst du. Sie können gar nicht anders, sie bewundern dich eben doch. Nach allem, was du für sie getan hast …“
Auf ein erneutes Handzeichen von Willem Tomdijk endete der Beifall. Abermals ließ er seine Stimme dröhnen.
„Nun zur Sache, Männer. Ihr wißt alle, warum wir uns zusammengefunden haben. Es geht um unsere Pläne für die Zukunft. Was soll aus uns werden? Wir haben alles verloren und praktisch nur unser nacktes Leben gerettet.“
„Nicht ihr!“ schrie die Black Queen dazwischen. Sie sprang auf. „Ich habe euch das Leben gerettet. Vergeßt das nicht. Vergeßt es nie!“ Ihr flammender Blick wanderte in die Runde.
Aber diesmal setzte kein Beifall ein.
Die Augen der Schwarzen verengten sich, und ihre Lippen bildeten einen Strich, als sie sich wieder auf die Bank sinken ließ. Sie fing an zu begreifen, was der Fettsack im Schilde führte.
„Selbstverständlich denken wir immer daran!“ rief Willem. „Wir vergessen doch nicht, wer uns geholfen hat! Auch, daß wir auf Tortuga oder später auf Hispaniola eine neue Heimat finden werden, verdanken wir doch nur unserer verehrten Madam, unserer Black Queen. Aber“, er holte Luft, und sein mächtiger Leib schien sich dabei aufzupumpen, „Dankbarkeit hat irgendwann ihre Grenzen. Und die Rettung aus der Not kann man so oder so betrachten: Geschah sie aus reiner Menschenfreundlichkeit, oder steckte eine Portion Eigennutz dahinter?“
„Eigennutz!“ rief jemand von weit hinten aus der Menge.
„Die Lady braucht uns als Fußvolk!“ ertönte die Stimme eines anderen.
Die Black Queen hieb mit der Faust auf den Tisch, daß es krachte. Wieder sprang sie auf. Ihre Augen funkelten den Holländer an.
„Du verdammter fetter Hurensohn!“ schrie sie. „Das hast du doch alles angezettelt! Du hast die Kerle gegen mich aufgebracht, damit sie …“
Ein Raunen, das plötzlich einsetzte, ließ sie verstummen. Es klang nicht einmal drohend, eher bestürzt. Aber es lag eine unterschwellige Mahnung darin, die sie daran erinnerte, sich die Situation vor Augen zu halten.
Allein in der Hauptgrotte hielten sich mehr als hundert Männer auf, allesamt aus El Triunfo und allesamt auf der Seite von Willem Tomdijk. Schlagartig wurde sich die Black Queen darüber klar, daß sie keine allzu großen Töne spucken durfte.
Natürlich wußten die Kerle, was sie riskierten, wenn sie sie wirklich angriffen. Keiner von ihnen würde dann mit dem Leben davonkommen, denn die Mitglieder der Crews befanden sich ohnehin in Alarmbereitschaft, und sie würden nicht lange fackeln. Andererseits konnte die Stimmung in einer Menschenansammlung explodieren wie ein Pulverfaß, dem man sich zu unvorsichtig mit einer Lunte genähert hatte.
Also schluckte die Black Queen den Rest ihrer Worte hinunter. Die Hundesöhne steckten doch sowieso mit dem Fettsack unter einer Decke. Natürlich hatte er sie angestiftet, sich gegen sie, die Herrscherin der Karibik, zu wenden, damit sie ihn in seiner lächerlichen und kleingeistigen Revanche für den Vorfall auf dem Zweidecker unterstützten.
„Aber, aber, wir wollen uns doch nicht beschimpfen“, sagte Willem mit gespieltem väterlichem Wohlwollen. Diesem Eindruck widersprach jedoch der spöttische Blick, mit dem er die Schwarze musterte. „Setz dich wieder, Madam, und laß uns alles in Ruhe besprechen. Es nutzt nichts, wenn wir uns die Köpfe heiß reden.“
„Du wirst mich noch kennenlernen!“ zischte sie, so daß nur er und bestenfalls Boussac es hören konnten. Aber sie gehorchte und ließ sich auf ihren Platz sinken.
Willem Tomdijk bemerkte, daß Caligula ihn haßerfüllt anstarrte. Doch auch der hünenhafte Neger wagte nicht, den Holländer anzugreifen, und sei es auch nur mit Worten. Caligula wußte, daß die Männer ihn auseinandernehmen würden, wenn er nur einen Finger gegen ihren Ex-Bürgermeister rührte.
Abermals hob Willem die Hand, und wieder kehrte Stille in der Grotte ein.
„Freunde!“ fuhr er dröhnend fort. „Männer von El Triunfo! Wir wollen uns nicht aufregen. Alles muß ruhig und sachlich abgewogen werden. Unsere verehrte Madam, die Black Queen, hat ganz recht, mich zu verbessern. Natürlich schulden wir ihr unseren Dank, ihr und niemandem sonst. Ich habe mich da ein bißchen falsch ausgedrückt.“
„Jetzt fängt er wieder an, uns Honig um den Bart zu schmieren“, flüsterte Caligula in das Ohr seiner Gefährtin.
Die Queen stieß ein Knurren aus. Mit grimmigem Interesse hörte sie Willem Tomdijks weiterer Rede zu.
„Dankbarkeit ist eine feine Sache, Freunde. Aber wenn es um Leben oder Tod geht, muß man ein bißchen genauer darüber nachdenken. Ich sehe das so: Wir wollen nicht vom Regen in die Traufe geraten. Wir wollen nicht schon wieder unser Leben riskieren. Bei der Rettung in El Triunfo hat uns die Black Queen eine neue, friedliche Heimat versprochen. Wenn das nicht so gewesen wäre, hätten wir uns auch in die Wälder von Honduras zurückziehen können. Oder?“
Die Pause, die Willem voller Absicht einlegte, nutzten die Zuhörer prompt und wie erwartet. Donnernder Beifall hallte durch die Grotte. Nach Minuten schnitt Willem den Lärm ab. Die Geste, die er dazu benutzte, war wie die eines Zauberkünstlers.
„Wir lassen uns nicht in eine Auseinandersetzung hineinziehen, die uns nichts angeht!“ rief er. „Warum, zum Teufel, können die Bewohner der Karibik nicht gemeinsam in Frieden leben? Es ist doch genug Platz für alle da. Wenn wir schon ans Kämpfen denken müssen, dann sollten wir uns lieber auf unsere gemeinsamen Feinde konzentrieren, auf die Spanier nämlich.“
Diesmal johlten und brüllten die Männer voller begeisterter Zustimmung.
Die wulstige Faltenlandschaft von Willem Tomdijks Gesicht war unbewegt, während er wartete, bis der Beifall verebbte. Aber seine kleinen nordsee-grauen Augen beobachteten die Black Queen und Caligula genau. Mit jeder Sekunde des Beifalls verzerrten sich ihre dunklen Gesichter in wachsendem Zorn.
„Ich habe gesagt, was zu sagen war!“ brüllte Willem schließlich. „Lassen wir jetzt die Madam sprechen!“ Auch das hatte er wohlweislich beabsichtigt. Sie erhielt erst dann Redeerlaubnis, wenn er seine Fäden ausgesponnen hatte. Die Männer aus El Triunfo mußten wissen, wer ihr wirkliches Oberhaupt war.
Caligula flüsterte erneut in das Ohr seiner Gefährtin.
„Beleidige ihn nicht noch einmal. Wir schneiden uns damit ins eigene Fleisch. Du siehst, wie er die Kerle unter seiner Fuchtel hat.“
Sie nickte nur. Dann stand sie auf und wandte sich der Menge zu. Es kümmerte sie nicht, daß sich die meisten Blicke auf ihre nackten Brüste konzentrierten. Mit dem, was sie hatte, konnte sie sich sehen lassen. Und fast immer hatte ihr das Bewunderung eingebracht. Warum, zum Teufel, sollte es hier nicht auch so sein?
Die Zuhörer verharrten jetzt in gespannter Stille.
„Ich bedanke mich für eure Aufmerksamkeit!“ rief sie mit mühsam erzwungener Freundlichkeit. „In einem Punkt gebe ich eurem Bürgermeister recht. Es nutzt nichts, wenn wir uns gegenseitig mit Vorwürfen und Anschuldigungen überhäufen. Aber so einfach, wie euer verehrter Willem die Dinge hinstellt, sind sie nun wirklich nicht. Verdammt noch mal, begreift denn hier keiner, was uns bevorsteht?“ Sie begann, sich in Rage zu reden. „Ihr habt alle miterlebt, wie wir von diesen verfluchten englischen Bastarden angegriffen wurden. Zweimal …“
Schrille Pfiffe schnitten ihr das Wort ab, begleitet von wütenden Buh-Rufen.
Die Black Queen biß sich auf die Zunge. Sie hatte ihren Fehler begriffen, kaum daß sie ausgesprochen hatte. Ein bestimmter Teil der Männer aus El Triunfo waren Engländer – ein verdammter Fehler, den sie sich geleistet hatte. Selbst die schlimmsten Halunken zeigten meist noch Nationalstolz, wenn es hart auf hart ging.
„Versteht mich richtig!“ schrie sie. „Ich rede von diesen Kerlen, die uns immer wieder auf den Pelz rücken. Damit meine ich doch nicht alle Engländer. Das müßt ihr auseinanderhalten. Hakt euch jetzt nicht an Kleinigkeiten fest. Diese Brut hat sich wahrscheinlich längst auf ihrer verdammten Schlangen-Insel zusammengerottet und plant den nächsten Angriff gegen uns. Vielleicht sind sie sogar schon unterwegs. Ich sage euch, die haben nur eins im Sinn: uns zu vernichten und sich Tortuga einzuverleiben. Solange diese Meute von elenden Piraten existiert, können wir nicht in Frieden leben. Die werden nicht eher ruhen, bis sie Tortuga erobert haben.“
„Wenn das so wäre“, ertönte eine empörte Stimme aus dem Hintergrund, „dann hätten sie es längst tun können. Ohne große Mühe. Wenn der Seewolf wirklich vorhätte, Tortuga zu besetzen, dann wäre das passiert, bevor deine Schiffe hier eintrafen, Black Queen!“ Niemand bemerkte im allgemeinen Durcheinander, daß es Diego war, der sich diesen Zwischenruf nicht verkneifen konnte.
„Unsinn!“ schrie die Black Queen zurück. „Diese ganze Geschichte hat sich erst jetzt ergeben. Euer sogenannter Seewolf hat nämlich begriffen, daß ich es bin, die den Menschen in der Karibik ein friedliches Leben ermöglichen will. Und genau das paßt ihm nicht. Er will euch ausbeuten und unterdrücken. Deshalb setzt er alles daran, mich zu beseitigen. Wartet nur ab, was euch blüht, wenn ihr euch auf seine Seite stellt. Dann ist Schluß mit dem Leben in Freiheit!“
„Lüge!“ tönte eine Stimme von weit hinten.
„Der Seewolf ist kein Unterdrücker!“ ließ sich ein anderer vernehmen.
„Vor allem ist er kein englischer Bastard!“
Diesmal waren es Diegos Helfer, die die Zwischenrufe von sich gaben. Besonders die letztere Bemerkung brachte ihnen den Beifall der Siedler aus El Triunfo ein.
„Ihr seid auf dem falschen Weg!“ Die Black Queen schleuderte ihre Worte mit überkippender Stimme in die Menge.
Doch nichts als empörtes, heiseres Gebrüll schlug ihr als Antwort entgegen.
Wieder war es Willem Tomdijk, der mit einer einzigen Handbewegung für Ruhe sorgte, nachdem er die ganze Zeit geduldig zugehört hatte.
„Freunde, ich denke, es wurde genug geredet. Laßt uns jetzt abstimmen. Oder hat jemand etwas dagegen einzuwenden?“
Stille.
„Also gut“, fuhr Willem fort. Er nickte zufrieden, und die Hautfalten seines Gesichts wogten auf und ab. „Ich glaube, eure und meine Meinung ist ziemlich klar. Wir sollten uns aus allen Auseinandersetzungen heraushalten. Ist einer von euch dagegen?“
Keine Hand erhob sich. Keine Stimme wurde laut. Auch aus den Nebengelassen der Kneipe war kein Laut zu hören, obwohl Willem lange genug wartete, bis er sicher war, daß seine Frage auch dorthin durchgedrungen war.
„Wenn ihr es so haben wollt“, sagte die Black Queen in die Stille, „dann müßt ihr euch auch über die Folgen im klaren sein. Wer nicht auf meiner Seite steht, kann auch nicht mehr mit meinem Schutz rechnen.“
„Wir wollen auf keiner Seite stehen“, sagte Willem Tomdijk, „wir wollen nur unsere Ruhe und unseren Frieden.“
Von neuem brüllten die Männer Beifall.
Die Black Queen wechselte einen Blick mit Caligula, und er nickte ihr zu. Ohne Tomdijk noch eines Blickes zu würdigen, standen sie auf und bahnten sich einen Weg durch die Menge. Das Beifallsgebrüll für den Ex-Bürgermeister begleitete sie.
Draußen klang es noch in ihren Ohren, als sie die „Schildkröte“ längst hinter sich gelassen hatten.
Schweigend nahmen sie den Weg zur Hafenbucht. Das Ergebnis dieser feinen Bürgerversammlung war niederschmetternd für die künftige „Herrscherin der Karibik“. Nur noch ein harter Kern stand jetzt praktisch auf ihrer Seite, nämlich Jaime Cerrana und seine Meuterer auf der „Aguila“, die Besatzungen der beiden Beutegaleonen und natürlich die Crew der „Caribian Queen“.
Eine direkte Auseinandersetzung mit denen, die sich für Tomdijks Kurs entschieden hatten, konnte sie sich nicht leisten. Darüber gab sich die Black Queen keinen Illusionen hin. Denn jeden Moment konnte die neuerliche Gefahr durch einen Angriff der Flotte von der Schlangen-Insel über sie hereinbrechen. Dieser Gefahr mußte zunächst ihre ganze Aufmerksamkeit gelten.
Erst wenn der Sieg über den verfluchten Seewolf errungen war, konnte man sich wieder den eigenen Problemen zuwenden. Eines schwor sich die Queen in diesem Augenblick: Tortuga, das sie schon so fest in ihrer Hand geglaubt hatte, würde ihr gehören. Jetzt erst recht. Die elenden aufsässigen Kerle würden lernen müssen, was es bedeutete, gegen ihre Entscheidungen anzugehen.
Dieses idiotische Gefasel von Frieden und freiheitlichem Leben mußte aufhören, ein für allemal.
6.
Die Wetterbedingungen entwickelten sich günstiger als erwartet. Lange vor Einbruch der Dunkelheit war eine dünne Wolkendecke von Nordwesten heraufgezogen, und diese Entwicklung hielt auch in den darauffolgenden Abendstunden an. Nur noch vereinzelt gab es Risse in der Wolkendecke, doch das blasse Licht, das Mond und Sterne dann herunterschickten, erreichte die Wasseroberfläche nicht, weil es von neuen Wolken verdeckt wurde.
Eine knappe Stunde vor Mitternacht war der Punkt erreicht, den der Seewolf durch seine Navigation bestimmt hatte. Die fünf Schiffe seines Verbandes waren bis jetzt mit Vollzeug von Norden her auf Tortuga zugesegelt. Obwohl sie sich noch außer Sichtweite befanden, waren längst alle Lampen auf den Decks gelöscht worden.
Die Dunkelheit der Nacht verschluckte den Verband von der Schlangen-Insel. Es hätte keine bessere Tarnung geben können. Es war wie ein vorgehängtes schwarzes Tuch, hinter dem sich die fünf Galeonen verbargen.
Hasard gab das vereinbarte Zeichen.
Auf dem Schwarzen Segler, der „Wappen von Kolberg“ und der „Le Vengeur III.“ wurden die Segel aufgegeit und Treibanker ausgebracht.
Die „Isabella“ und die „Tortuga“ behielten den ursprünglichen Kurs bei, allerdings mit verringerter Segelfläche. Nicht mehr als düstere Schatten waren die beiden schlanken Galeonen, die jetzt auf die rauhe Nordseite der Insel zuglitten.
Noch war Tortuga nicht in Sicht. Doch nach Hasards Berechnungen betrug die Distanz bestenfalls noch zwei Seemeilen. Was für die Schiffe galt, traf auch auf die Insel zu. Die Dunkelheit der Nacht verschluckte alles.
Alle Einzelheiten des Planes waren besprochen worden. Für keinen der Männer von der Schlangen-Insel gab es Ungewißheiten über das, was sich abspielen würde. Jeder einzelne wußte, für was er zu kämpfen hatte. Alle zusammen waren sie eine verschworene Gemeinschaft, die nur das eine Ziel vor Augen hatte – die Gefahr abzuwenden, die ihrem freiheitlichen Leben auf der Schlangen-Insel drohte.
In diesem unabänderlichen Willen, der ihren Kampfgeist beseelte, unterschieden sie sich sehr deutlich von der Moral, wie sie etwa auf spanischen Kriegsgaleonen anzutreffen war. Dort wurde das Geschehen nur von Befehl und Gehorsam bestimmt. Entsprechend gering war oftmals die Motivation der Decksmannschaften und Seesoldaten, die von ihren Offizieren in einen Kampf geschickt wurden, dessen Sinn sie nicht verstanden.
Hasard und Ben Brighton beobachteten vom Achterdeck der „Isabella“ aus die „Tortuga“, die um eine Kabellänge versetzt Steuerbord achteraus segelte.
Zwar war in der Dunkelheit nichts zu erkennen, doch die beiden Männer wußten, daß an Bord der kleineren Galeone bereits die Vorbereitungen für den Sondereinsatz getroffen wurden. Kein Laut wehte herüber. Alle Gespräche wurden im Flüsterton geführt, bei jedem Handschlag achteten die Männer darauf, so wenig Geräusche wie nur möglich zu verursachen.
Das galt auch für die Crew der „Isabella“. Selbst Edwin Carberry hatte sich mittlerweile daran gewöhnt, seine „Affenärsche“ nur noch mit gedämpfter Stimmgewalt über die Decks zu scheuchen.
Das „Viehzeug“ war unter Deck eingesperrt worden. In diesem Punkt hatte sich der Profos diesmal ohne Widerspruch durchgesetzt. Plymmie, die Bordhündin, befand sich für die Dauer des Angriffs auf Tortuga ebenso auf Nummer Sicher wie Arwenack, der Schimpanse, und Sir John, der Papagei.
Auf dem Hauptdeck der „Isabella“ hasteten die Männer auf leisen Sohlen hin und her, doch das Durcheinander war nur scheinbar. Die von Hasard angeordnete Gefechtsbereitschaft wurde mit der gewohnten Schnelligkeit hergestellt.
Auch die beiden Söhne des Seewolfs halfen dabei in der üblichen Manier mit, indem sie Sand auf den Planken ausstreuten und die Kohlebecken zum Zünden der Lunten vorbereiteten. Jeder Handgriff war tausendfach geübt, selbst mit geschlossenen Augen hätten die Männer ihre Arbeit bewältigt.
„Ich glaube“, sagte Ben Brighton leise, „Jerry Reeves ist dankbar, endlich einmal einen besonderen Auftrag zu haben.“
Hasard blickte wieder zur „Tortuga“ hinüber und brummte zustimmend. Das Schwesterschiff der „Le Vengeur III.“ segelte mit einer zusammengewürfelten Crew, die sich aber bereits bestens aufeinander eingespielt hatte. Neben Jerry Reeves und seinen Männern befanden sich an Bord zahlreiche Mitglieder aus Siri-Tongs Crew.
„Jerry war auf der Schlangen-Insel zu lange untätig“, antwortete der Seewolf, „er ist nicht der Mann, der die Hände in den Schoß legen kann. Außerdem dürften er und seine Leute für den Einsatz genau die Richtigen sein.“
Daran gab es keinen Zweifel. Selbst Ben Brighton, der sonst in seiner vorsichtigen Nachdenklichkeit manchmal fast pessimistisch wirkte, stimmte diesmal der gemeinsam getroffenen Entscheidung ohne Einschränkung zu.
Jerry Reeves und seine Freunde hatten bei etlichen Gelegenheiten bewiesen, daß man sich absolut auf sie verlassen konnte. Das war damals gewesen, als sie sich im Teufelskreis der Geschehnisse in der Bretagne kennengelernt hatten.
Ein halblauter Ruf aus dem Großmars riß die Männer aus ihrer Gedankenstille.
„Deck! Lichter Steuerbord voraus!“
„Verstanden!“ antwortete der Erste Offizier der „Isabella“ mit unterdrückter Stimme. Dann griff Ben zum Kieker und folgte damit dem Beispiel Hasards, der das Spektiv bereits angesetzt hatte.
Es dauerte eine Weile, bis sie in der Dunkelheit die schwachen Lichtpunkte geortet hatten. Bill, der den Dienst des Ausgucks versah, bewies wieder einmal, daß die Schärfe seiner Augen ausgezeichnet war.
Sehr rasch erkannten der Seewolf und sein Erster Offizier, daß es sich um die Deckslaternen eines größeren Schiffes handelte. Minuten später gab es bereits endgültige Klarheit.
„Eine dreimastige Galeone“, sagte Hasard, „und sie segelt auf Kollisionskurs.“
„Wahrscheinlich, ohne es zu wissen“, entgegnete Ben, „sonst hätten sie ihre Lampen gelöscht.“
Ein hartes Lächeln kerbte sich in die Mundwinkel des Seewolfs.
„Dann lassen wir sie nicht länger im Ungewissen, Ben. Servieren wir ihnen eine handfeste nächtliche Überraschung.“
„Aye, aye, Sir“, erwiderte der Erste, und seine Augen blitzten im Dunkel.
Ohne Umschweife verstaute Ben Brighton sein Spektiv und griff nach der verhüllten Öllampe, die auf den Planken des Achterdecks bereitstand. Er hob die Lampe und löste die Segeltuchummantelung nur so weit, daß der Lichtschein nach achteraus fiel – dreimal kurz hintereinander.
Auch dieses Zeichen war vereinbart worden. Der Seewolf und seine Gefährten hatten von vornherein die Möglichkeit einkalkuliert, daß ihnen beim Kurs auf Tortuga ein fremdes Schiff in die Quere geraten könnte.
Während Ben Brighton die erforderlichen Kommandos gab, konzentrierte Hasard sich darauf, die unbekannte Galeone zu beobachten. Auf den Decks der „Isabella“ hasteten die Männer an die Brassen. Pete Ballie, der als Gefechtsrudergänger schon bei Beginn der Mission seinen angestammten Platz eingenommen hatte, bewegte das Steuerruder unter seinen ankerklüsengroßen Fäusten.
Mit Eleganz schwenkte das Heck der „Isabella“ durch den Wind. Innerhalb von Sekunden wechselte die ranke Galeone den Kurs und segelte nun über Backbordbug nach West-Süd-West, der fremden Galeone entgegen, um ihr den nötigen Willkommensgruß zu entbieten, wenn es sein mußte.
Daran, daß dieser Gruß aus Feuer und Eisen bestehen würde, zweifelte der Seewolf nicht. Er vermutete, daß es sich bei der Galeone um eins der Schiffe der Black Queen handelte. So nah vor der Küste von Tortuga konnte es sich nur um eine Patrouillenfahrt handeln.
Mit einem kurzen Blick nach achtern überzeugte sich Hasard, daß die „Tortuga“ ihren ursprünglichen Kurs beibehielt. Die Umrisse von Jerry Reeves’ Schiff verschmolzen bereits mit der Dunkelheit.
Die Besatzung der fremden Galeone indessen schien von ihrem „Glück“ noch immer nichts zu ahnen. Die Lichtpunkte der Deckslaternen glitten unverändert zügig heran. Hasard schätzte die Entfernung auf mittlerweile weniger als eine Seemeile.
Mit schneller Fahrt näherte sich die „Isabella“ den offenbar Ahnungslosen – unaufhaltsam, wie von einem unsichtbaren Tau gezogen.
Ben Brighton verständigte sich mit dem Seewolf und schickte Al Conroy und seine Männer an die Steuerbordgeschütze. Sämtliche Rohre der Fünfundzwanzig-Pfünder und der Siebzehn-Pfünder waren bereits geladen. Die Geschützcrews verharrten in gespannter Aufmerksamkeit hinter der Verschanzung, bereit, die Luntenstöcke in die Glut der Kohlebecken zu stoßen und einen feurigen Teufelstanz zu entfachen.
In der Zwischenzeit verringerte die „Tortuga“ ihre Distanz in Richtung der felsigen Nordküste der Insel.
Im Grunde war den Arwenacks das Auftauchen des Patrouillenschiffes nicht einmal unwillkommen. Denn dadurch ergab sich die Gelegenheit, von dem Vorhaben abzulenken, das Jerry Reeves und seine Männer in wenigen Minuten in die Tat umzusetzen hatten.
Noch sechs oder sieben Kabellängen trennten die „Isabella“ von dem Dreimaster. Unvermittelt sah Hasard durch das Spektiv, wie es drüben im Schein der Deckslaternen lebendig wurde. Wuhling entstand. Der Schreck mußte der Crew in alle Knochen gefahren sein. Aber für eine erfolgversprechende Reaktion war es jetzt fast zu spät.
Auch Ben Brighton hatte wieder zum Spektiv gegriffen. Alle Vorkehrungen an Bord der „Isabella“ waren abgeschlossen. Bei raumem Wind über Backbordbug segelnd, stieß die Galeone des Seewolfs auf den noch unbekannten Dreimaster zu – bereit, sich innerhalb von Sekunden in eine feuerspeiende schwimmende Festung zu verwandeln.
„Den Burschen kennen wir doch!“ stieß Ben Brighton hervor. „Der Gehörnte soll mich holen, wenn das nicht eine von den Beutegaleonen der Black Queen ist.“
„Ich glaube, du hast recht“, erwiderte Hasard, „aber ich denke, wir werden es gleich ganz genau wissen.“
Er sollte sich nicht täuschen. Die Entfernung war auf fünf Kabellängen zusammengeschmolzen, als die Galeone eine Wende vollführte und bei halbem Wind Abstand zu gewinnen suchte. Dabei präsentierte sie ihre reichverzierte Heckpartie, im Schein der Hecklaterne war der Namenszug „Buena Estrella“ deutlich zu entziffern.
Doch es gab kein Entrinnen mehr. Der Konfrontation mit der „Isabella“ konnte sich die wesentlich behäbigere Galeone spanischer Bauart nicht mehr entziehen. Geradezu kläglich wirkte ihr Versuch, aus der Reichweite des Angreifers zu gelangen.
Al Conroys Geschützbediener entfachten die Luntenstöcke. Kleine Funken wirbelten knisternd aus den Kohlebecken auf und verloschen im nächsten Moment in der feucht-kühlen nächtlichen Seeluft. Die Männer verharrten wieder neben den Geschützrohren, ihre Muskeln waren angespannt. Sie fieberten dem Moment entgegen, in dem sich mit dem Donner der Geschütze auch ihre eigene Spannung entladen würde.
Die Distanz verringerte sich zusehends. Sekunden später war es soweit. Mit einem Abstand von nur zwei Kabellängen rauschte die „Isabella“ gleichauf mit der „Buena Estrella“. Deren Kapitän hatte den Fehler begangen, seinen Fluchtkurs beizubehalten. Offenbar hatte er bis zum letzten Moment geglaubt, der schlanken englischen Galeone davonlaufen zu können.
Die Arwenacks sahen die reichverzierte Heckgalerie noch immer schräg von achtern. Zu spät begriffen die Kerle drüben auf dem Dreimaster, daß ihre einzige Chance darin bestanden hätte, sich rechtzeitig zum Kampf zu stellen.
„Feuer frei!“ brüllte Ben Brighton.
Al Conroy peilte über das Rohr des vordersten Fünfundzwanzig-Pfünders. Dann gab der schwarzhaarige Stückmeister seinen Geschützmannschaften das Kommando. Wie auf einen Schlag senkten sich die Stöcke mit den glimmenden Lunten auf die Zündlöcher. Zischend und prasselnd fraßen sich die Funken durch die Zündkanäle der tonnenschweren Bronzerohre.
Ein urwelthaftes Brüllen zerriß die Stille. Mit leckenden Feuerzungen, die mitten aus der Hölle zu rasen schienen, donnerte die volle Breitseite der „Isabella“.
Behende sprangen die Männer zurück, ehe der mächtige Rückstoß die Geschützlafetten rumpelnd von den Stückpforten wegstieß, bis sie von den Brooktauen aufgefangen wurden.
Hart krängte die schlanke Galeone nach Backbord, die Planken vibrierten unter dem Stoß. Pulverrauch wölkte auf und verdeckte den Blick auf die Lichter der „Buena Estrella“.
Für Bruchteile von Sekunden war nur das Orgelgeräusch der Geschosse zu hören, dann das Krachen mehrerer Einschläge, Bersten und Splittern von Holz und das Rauschen von säulenartig aufsteigenden Fontänen. Ein paar der schweren Eisenkugeln war beiderseits der gegnerischen Galeone in die Wasseroberfläche geklatscht.
„Zwei Strich Backbord!“ brüllte Ben Brighton.
Pete Ballie reagierte prompt.
Im selben Augenblick setzte auf der Kuhl das Triumphgebrüll der Männer ein. Ihre Stimmen vereinten sich zum alten Kampfruf aus Cornwall, der dem Brüllen der Geschütze wie ein zweites Donnergrollen folgte.
„Ar – we – nack! Ar – we – nack!“
Im verfliegenden Pulverrauch sahen Hasard und Ben Brighton, was Al Conroys vortrefflich gezielte Breitseite angerichtet hatte.
Die Optiken der Spektive zeichneten ein Bild, das von rötlichem Schein erhellt war. Denn Flammen züngelten auf dem Achterdeck der „Buena Estrella“. Eine der Kugeln hatte die Heckbalustrade wegrasiert und die große Laterne quer über die Achterdecksplanken geschleudert.
Der Rudergänger harrte an seinem Platz aus. Schattenhaft huschende Männer versuchten verzweifelt, das brennende, ausgelaufene Öl zu löschen. Doch das Feuer fand rasche Nahrung, und erste Flammen leckten bereits am Besanmast.
Zwei weitere Treffer hatte die ehemals spanische Kriegsgaleone im Heckbereich empfangen. Ein Loch von der Größe eines Ankerspills klaffte dort, wo sich vermutlich die Kapitänskammer befand. Die Heckgalerie war nur noch ein Gewirr von faserigen Splittern. Auch der hübsch verschnörkelte Namenszug existierte nicht mehr.
Während die Männer auf der „Isabella“ die Geschütze nachluden, rauschte die „Tortuga“ von achteraus heran. George Baxter, der fast kahlköpfige Profos, hatte dort drüben an Bord das Kommando übernommen, da er schon immer als Stellvertreter von Jerry Reeves fungiert hatte.
Hasard ließ eine zweite Breitseite abfeuern, die aber mehr dazu dienen sollte, den Gegner endgültig zu demoralisieren.
Die „Tortuga“ stieß von Steuerbord achteraus auf den Flammenschein der „Buena Estrella“ zu und feuerte aus großer Entfernung demonstrativ die beiden vorderen Drehbassen ab. Zwar prasselte das gehackte Blei wirkungslos in die Wasseroberfläche. Aber das beabsichtigte Ergebnis zeigte sich wenig später.
Während der Seewolf die „Isabella“ abfallen ließ und auch George Baxter seinem Beispiel folgte, entfernte sich das brennende Besansegel der „Buena Estrella“ wie eine übergroße Fackel nach Westen.
Die Kerle hatten begriffen, daß sie es mit einem übermächtigen Gegner zu tun hatten. Es blieb ihnen nichts, als ihr Heil in der Flucht zu suchen und die Flammen zu löschen. Daß ihnen letzteres gelang, zeigte sich nach einer Weile, als es über der See wieder vollständig dunkel wurde.
Der Seewolf verspürte indessen keine Neigung, der „Buena Estrella“ den Todesstoß zu versetzen. Der Plan würde so ablaufen wie vorgesehen. Keine voreilige Augenblicksentscheidung sollte daran etwas ändern. Wenn Jerry Reeves seinen Auftrag erfüllte, war der erste Schritt getan. Der Black Queen sollten die Augen übergehen.
7.
Vorsichtig lavierten die Männer das Beiboot durch die Korallenriffe, die der felsigen Nordküste von Tortuga vorgelagert waren. Weiße Schaumkronen und gischtende Fontänen kennzeichneten die Gefahrenstellen, wo die Riffe wie steinharte Schneidewerkzeuge bis an die Wasseroberfläche ragten und den Bootsrumpf im Handumdrehen aufgeschlitzt hätten.
Nachdem der Geschützdonner verklungen war, hatte Jerry Reeves ein paarmal schwache Lichter hoch oben in den Felsen gesehen. Auch meinte er, Stimmen vernommen zu haben. Möglich war immerhin, daß die Gefolgsleute der Black Queen Geschützstellungen eingerichtet hatten. Wegen der Entfernung und der Dunkelheit war es ihnen aber nicht möglich gewesen, in das Gefecht einzugreifen.
Jerry Reeves beschloß, größte Vorsicht walten zu lassen. Sie durften sich nicht zu sicher fühlen und mußten jederzeit damit rechnen, jemandem in die Arme zu laufen. Unbewacht war die Küste jedenfalls nicht. Soviel stand für Jerry schon jetzt fest.
Der hochgewachsene dunkelhaarige Mann hielt die Ruderpinne mit eisernem Griff. Während die übrigen sechs Männer mit geräuschlosen und doch zügigen Schlägen pullten, achtete er sorgfältig darauf, das Boot aus den Gefahrenbereichen herauszuhalten.
Schwarz und düster ragten die Küstenfelsen vor ihnen auf und wuchsen immer näher auf sie zu wie eine unausgesprochene Bedrohung. Jerry Reeves und seine Gefährten sprachen kein Wort. Sie wahrten größtmögliche Geräuschlosigkeit auch bei jeder ihrer Bewegungen.
Für einen kurzen Moment, als die Wolkendecke aufriß, erspähte Jerry einen schmalen Einschnitt zwischen zwei Uferfelsen. Das Boot glitt fast haargenau darauf zu. Eine geringe Korrektur mit der Ruderpinne genügte.
Die Männer reagierten, ohne daß ein Befehl ausgesprochen werden mußte. Rechtzeitig hoben sie die Riemen und stellten sie senkrecht. Dabei paßten sie auf, daß keine Riemenblätter gegeneinanderschlugen. Sekunden später knirschte der Kiel auf das Stückchen Ufersand zwischen den Felsen.
Stoker legte den Riemen flach und schwang sich als erster über das Dollbord. Kein Laut war dabei von dem gedrungen wirkenden Mann zu hören, der auch an Bord der „Tortuga“ die Funktion des Decksältesten übernommen hatte.
Ihm folgte Mulligan, der Schiffszimmermann. Er hatte sein strohblondes Haar mit einer Mütze bedeckt, damit er in der Dunkelheit nicht so leicht zu erkennen war. Ray Hoback war ebenfalls dabei. Er schleppte zwar etliche Pfunde Lebendgewicht mehr mit sich herum als die anderen. Daß er aber nicht minder geschickt war und sich behende bewegen konnte, bewies er jetzt, als er ohne das leiseste Geräusch aus dem Boot ins seichte Uferwasser glitt.
Stoker, Mulligan und Hoback zogen das Boot höher auf die winzige Strandfläche. Dann verließen auch Albert, Gustave Le Testu und Montbars die Jolle. Jerry Reeves folgte als letzter.
Sie packten alle gemeinsam zu, um das Beiboot der „Tortuga“ vollends an Land zu ziehen. Wann sie es wieder abholen konnten, stand vorläufig noch in den Sternen. Gemessen an der Wichtigkeit ihres Auftrags war es der unbedeutendste Punkt.
Jerry Reeves stieß einen Zischlaut aus, und die Männer begriffen sofort. Mehrere Minuten lang verharrten sie regungslos und horchten in die Dunkelheit. Erst danach waren sie absolut sicher, daß sich in unmittelbarer Nähe nichts rührte. Nur der Wind sang sein unstetes Lied in der zerklüfteten Felsenlandschaft, begleitet vorn Rauschen der Brandung.
Längst hatten sich die Augen der Männer an die Finsternis gewöhnt, so daß sie sich gegenseitig schattenhaft wahrnehmen konnten. Jerry beugte sich in das Boot, stellte den Bottich mit Pech auf eine der Duchten und begann, sich Gesicht und Hände zu schwärzen.
Die anderen folgten seinem Beispiel. Bald darauf war nur noch das Weiße ihrer Augen zu sehen, wenn sie sich ansahen. Noch während Montbars und Le Testu ihre Gesichter schwärzten, begannen die anderen, ihre Waffen für den Einsatz herzurichten.
Mit langen Stoffstreifen, die schon auf der „Tortuga“ vorbereitet worden waren, umwickelten sie die Scheiden der Entermesser. Auch die fertig geladenen Pistolen, die Pulverflaschen und die Kugelbeutel wurden entsprechend gesichert, damit sie beim Gehen keine Geräusche hervorriefen.
Etwa eine Viertelstunde nach ihrer Ankunft in der engen Felsenbucht waren sie abmarschbereit. Für ihren Auftrag hatten sie die ganze Nacht zur Verfügung, jedenfalls so lange, wie die Dunkelheit anhielt.
Wortlos übernahm Jerry Reeves die Führung und fand nach kurzem Suchen einen geeigneten Weg für den Aufstieg. Die Oberfläche des Gesteins war an diesem Küstenabschnitt glattgewaschen, verlief jedoch mit verhältnismäßig geringer Steigung landeinwärts. Auf nahezu geradlinigem Weg konnten sie aufsteigen. Jerry und seine Gefährten trugen dünne Ledersandalen, die ihre Schritte zur Lautlosigkeit dämpften und gleichzeitig ihre Fußsohlen vor Schrammen und Schnitten bewahrten.
Auf halbem Weg verwehrte ein senkrecht aufragender haushoher Felsklotz ihr zügiges Vordringen. Jerry verharrte, wandte sich um und hielt Stoker mit der flachen Hand zurück. Der Decksälteste stoppte seine Schritte sofort und gab das Zeichen an die anderen weiter.
Sie warteten, bis ihr Kapitän die Umgebung des Felsbrockens abgesucht hatte und zu ihnen zurückkehrte, nachdem er rechter Hand einen geeigneten Weg für den weiteren Aufstieg gefunden hatte. Danach gelangten sie ohne erneuten Aufenthalt rasch voran. Wenn sie den Kopf wandten, sahen sie die Schaumkronen der Brandung tief unten als kleine weiße Flecken in der nächtlichen Schwärze der Fluten.
Als sie wenig später ein kleines Plateau erreichten, ließen sie sich der Länge nach auf das ebene Gestein sinken und rührten sich nicht. Wieder horchten sie scharf in die Dunkelheit.
Jerry glaubte, gedämpfte Stimmen zu hören – wie aus weiter Ferne. Doch er war nicht sicher. Es mochten ebensogut Windgeräusche sein, die in der Felsenlandschaft die seltsamsten Laute bildeten.
Etwa hundert Yards landeinwärts, so konnte Jerry in einem vorüberwandernden Streifen Mondlichts erkennen, begann eine Zone spärlicher Vegetation. Er entschied sich für diesen Weg. Es hatte keinen Sinn, zu nahe am Küstenverlauf zu bleiben. Felsbrocken, Spalten und Geröllfelder bildeten unberechenbare Hindernisse.
Ohne zuviel Zeit zu verlieren, pirschten sie weiter voran. Wieder übernahm der hochgewachsene Kapitän der „Tortuga“ die Führung. Das Gestrüpp am Rand des Plateaus war fast brusthoch und dornig. Jerry teilte es vorsichtig, und seine Gefährten hielten geringen Abstand. Langsamer jetzt, Schritt für Schritt, drangen sie behutsam vor und vermieden jedes Rascheln. Mehr als dreihundert Yards legten sie auf diese beschwerliche Weise zurück, bis sie freieres Gelände erreichten.
Jerry wandte sich nach links, in südöstlicher Richtung. Anders hatte es keinen Zweck. Sie mußten die bewohnten Teile der Insel ansteuern, wenn sie ihr Ziel erreichen wollten.
Nur zehn, zwölf Schritte legten sie zügig zurück. Jäh verharrten sie von neuem. Jerry Reeves brauchte ihre Blicke nicht erst in die richtige Richtung zu lenken. Sie sahen es alle im selben Moment.
Da war blakender Lichtschein, linker Hand, etwa einen Steinwurf weit entfernt. Auch undeutliche Stimmen waren jetzt zu vernehmen.
Der Kapitän der „Tortuga“ zögerte keine Sekunde. Er stieß Stoker und Mulligan an. Zu sagen brauchte er nichts. Lautlos schlossen sie sich ihm an, während er begann, auf die Lichtquelle zuzupirschen.
Schon wenige Schritte weiter erkannten sie, daß die Lampe hinter hohen Felsbrocken verborgen war. Die Umrisse des Gesteins zeichneten scharfkantige, bizarre Linien. Die Stimmen wurden lauter, aber immer noch wehten nur Wortfetzen herüber.
Im Gehen zog Jerry Reeves vorsichtig sein Entermesser. Kein schabendes Geräusch entstand dabei. Stoker und Mulligan taten es ihm nach.
Nur noch wenige Yards trennten sie jetzt von den Felsbrocken. Sie verlangsamten ihre Schritte und schoben sich behutsam an das kühle Gestein heran. Der Geruch, den die Ölfunzel ausströmte, stieg ihnen in die Nase.
Jetzt waren auch Worte zu verstehen. Die Männer auf der anderen Seite der Gesteinsbrocken sprachen Spanisch, allerdings mit einem schaurigen kehligen Akzent.
„… rühren wir uns hier nicht vom Fleck, wenn ich es euch sage. Die Madam hat einen klaren Befehl erteilt.“
„Stimmt. Daran halten wir uns. Die läßt uns glatt kielholen, wenn ihr gerade der Sinn danach steht.“
„Aber vielleicht sollte einer von uns doch Meldung erstatten. Kann doch sein, daß sie von dem Gefecht nichts mitgekriegt hat. Und wenn die ‚Buena Estrella‘ so stark beschädigt ist, daß sie sinkt, was dann?“
„So ein Quatsch. Die Kanonenschüsse waren bestimmt noch bis nach Hispaniola zu hören. Nein, nein: Der Befehl war klar. Alle Geschützmannschaften bleiben in ihren Stellungen und rühren sich nicht vom Fleck, bis Verstärkung eintrifft.“
„Außerdem hat die Queen schon richtig überlegt. Wenn jede Geschützmannschaft so denkt wie wir, dann fehlt in jeder Stellung jetzt ein Mann. Richtig?“
„Ja, schon, aber …“
Die Männer von der „Tortuga“ hörten nicht länger hin. Sie wußten Bescheid. Die Rechnung ging unerwartet gut auf: Nach den Stimmen zu urteilen, handelte es sich um drei Kerle, die hinter den Felsbrocken palaverten.
Jerry Reeves gab Stoker und Mulligan ein Zeichen, indem er sie kurz an der Schulter berührte. Dann schlich er als erster voran.
Er umrundete den Felsen, hinter dem sie gelauscht hatten. Der Lichtschein verstärkte sich, und dann hatte er plötzlich freien Blick. Innerhalb von einem Sekundenbruchteil erfaßte er die Situation.
Er sah ein Geschützrohr, das auf einer behelfsmäßig zusammengezimmerten Lafette ruhte und auf die See hinauszeigte, Kartuschen unter einer Persenning, aufgestapelte Eisenkugeln und drei Galgenstricke, deren Köpfe, erschrocken herumruckten.
Es durfte keine Gnade geben. Jerry Reeves ließ seine Beinmuskeln explodieren. Wie ein Panther schnellte er auf den vordersten der Kerle zu, noch bevor einer von ihnen den Mund aufreißen konnte.
Nur einen Sekundenbruchteil später waren auch Stoker und Mulligan zur Stelle. Die Klingen der Entermesser blitzten im matten Licht, das aus einer Lücke zwischen zwei Wolkenbänken herabfiel.
Die drei Geschützbediener starben, ohne noch einen Laut von sich zu geben. Jerry Reeves und die beiden anderen richteten sich auf und schoben die Entermesser zurück in die Scheiden.
Während Jerry und Stoker begannen, die Kartuschen zu öffnen und das Schwarzpulver den Abhang hinunterzustreuen, schlich Stoker zurück, um die wartenden Männer zu holen. Minuten später waren sie zur Stelle und halfen mit.
Sämtliche Kartuschen wurden beseitigt. Dann stopften sie nacheinander sechs Eisenkugeln in das Geschützrohr. Es würde elend lange dauern, bis diese Stellung jemals wieder einsatzbereit war.
Die Männer von der „Tortuga“ setzten ihren Weg fort. Wieder wahrten sie die gleiche Vorsicht, die ihnen bis jetzt ein unbehelligtes Vordringen ermöglicht hatte. Schon eine Viertelstunde später zahlte sich das aus.
Abermals verharrten sie, als sie Lichtschein erblickten. Kein Zweifel, daß es sich um eine weitere Geschützstellung handelte, denn auch diesmal schimmerte das Licht zwischen Felsbrocken unmittelbar vor dem Felsenhang der Küste.
Gustave Le Testu schob sich an Jerry Reeves heran.
„Jetzt sind wir an der Reihe“, flüsterte der Hugenotte in das Ohr seines Kapitäns. „Wir wollen schließlich auch unseren Beitrag leisten.“
„Einverstanden“, erwiderte Jerry.
Gustave, der Mann mit dem schmalen Oberlippenbärtchen, pirschte ohne Umschweife los. Ihm folgte Montbars, der Korse, dessen graues Haar einen ungewöhnlichen Kontrast zu seinen jettschwarzen Augen bildete.
Dritter im Bunde war der hagere Albert mit dem wirren schwarzen Haar. In Quimper an der französischen Atlantikküste war er als der Bucklige bekannt gewesen. Den falschen Buckel trug er schon lange nicht mehr unter dem langen schwarzen Umhang, und auch seine durchtriebenen Machenschaften gehörten der Vergangenheit an.
Während sie warteten und den drei Männern nachschauten, mußten Jerry Reeves und seine Gefährten ungewollt an die Ereignisse an der bretonischen Küste zurückdenken. Damals, als sie den Seewolf als einen zuverlässigen und gerechten Freund kennengelernt hatten, waren auch Gustave Le Testu und die anderen beiden zu ihnen gestoßen.
Gustave hatte eine Bande von Wegelagerern befehligt, mit der er Heinrich von Bourbon zu schaden versucht hatte, wo er nur konnte. Aber dann war die Bande von französischen Soldaten aufgerieben worden, und Gustave und Montbars waren die einzigen Überlebenden gewesen.
Dunkelheit verschluckte die beiden Franzosen und den Korsen im felsigen Küstenbereich. Minuten verstrichen, ohne daß ein Laut zu hören war. Dann, plötzlich, tauchten die Silhouetten der drei Männer im Lichtschein auf. Gustave war es, der kurz den Arm hob und winkte.
Jerry und die anderen setzten sich in Bewegung. Kurz darauf sahen sie, daß Gustave, Montbars und Albert ihr tödliches Handwerk mit jener unerbittlichen Zuverlässigkeit erledigt hatten, die damals in Frankreich dazu geführt hatte, daß sogar der Königshof auf sie aufmerksam, geworden war.
Auch diese Geschützstellung wurde in der schon gewohnten Weise zerstört. Es gab zwei Rohre weniger, die den Schiffen des Seewolfs schaden konnten. Allein das war schon ein Erfolg. Aber es reichte nicht. Die eigentliche Aufgabe stand noch bevor.
Auf dem weiteren Weg in Richtung Südosten erreichten Jerry und seine Männer bald darauf einen Trampelpfad, der von der Küste weg ins Innere der Insel führte. Jerry überlegte nicht lange und entschied sich für diesen Pfad. Wohin er auch immer führen mochte – er wurde von Menschen benutzt und mußte demzufolge eine Bestimmung haben.
Sie zogen die Entermesser, denn mit bösen Überraschungen war jetzt eher zu rechnen. Wieder übernahm der Kapitän der „Tortuga“ die Spitze seines Trupps. Beim Vordringen wurde nach allen Seiten gesichert. Mit zunehmender Vegetation setzten sehr bald auch Geräusche ein. Die Tierwelt im Dickicht beiderseits des Pfades kümmerte sich nicht um den menschlichen Lebensrhythmus und gab auch zu dieser späten Stunde keine Ruhe.
Der Schatten tauchte so plötzlich hinter einer Wegbiegung auf, daß selbst Jerry Reeves erschrak.
Er prallte mit dem Mann zusammen, der einen entsetzten Quieklaut ausstieß. Jerry reagierte dennoch blitzschnell. Mit der Linken packte er zu, riß die Gestalt herum, umklammerte sie und preßte ihr die Klinge des Entermessers an die Kehle.
Der andere begann zu zittern.
„Wer bist du?“ zischte Jerry. „Was hast du hier zu suchen?“ Da es sich nicht um einen Mann der Geschützbedienungen handelte, war nicht von vornherein anzunehmen, daß er aus den Reihen der Black Queen stammte.
„Mei-mein Name ist – Emile Boussac“, wisperte der andere mit vibrierender Stimme.
Jerry horchte auf.
„Boussac?“ flüsterte er erstaunt. „Der Schankwirt aus El Triunfo?“
„Ja, der bin ich. Aber woher …?“
„Du hast zwei Freunden von uns geholfen. Wenn du vernünftig bist, lasse ich dich los.“
„Ich war schon immer ein vernünftiger Mensch“, versicherte der Franzose eilfertig. „Die beiden Freunde, von denen du gesprochen hast, waren das etwa Monsieur Ribault und sein schweigsamer Begleiter?“
„So ist es.“ Jerry Reeves löste seinen Griff.
Emile Boussac atmete erleichtert auf und strich seine Kleidung glatt. Stoker schob sich vorbei, um die Sicherung nach vorn zu übernehmen. Am Schluß der kleinen Marschformation war Gustave Le Testu auf dem Posten.
„Die Kanonenschüsse“, hauchte Boussac, „und jetzt ihr, heimlich, still und leise! Die Black Queen ist in Aufruhr – alles zusammen bedeutet doch wohl, daß ein Angriff bevorsteht.“
„Mir ist lieber, wenn ich es bin, der die Fragen stellt“, entgegnete Jerry Reeves. „Dir passiert nichts, wenn du uns erzählst, wie die Lage auf Tortuga ist.“
„Warum denn nicht?“ sagte Emile Boussac leichthin. „Ich stehe doch eher auf eurer Seite.“ Mit einem nicht endenden Wortschwall berichtete er zunächst, daß er in der Berglandschaft herumgeschlichen sei, um das eingezäunte Lager zu suchen, in das man seine bedauernswerten Mädchen gesperrt habe.
Aus dem weiteren Redefluß des drahtigen Franzosen notierte Jerry Reeves nur das Wesentliche in seinem Gedächtnis. Nach dem Geschützdonner, der von der Nordseite der Insel herübergeweht war, hatte die Black Queen sofort alle verfügbaren Kräfte mobilisiert. Der Zweidecker und die „Aguila“ waren klar zum Auslaufen, während die „Vascongadas“ offenbar die Verteidigung der Hafenbucht übernehmen sollte.
Die Siedler um Willem Tomdijk hatten sich allesamt in den Grotten der Kneipe „Zur Schildkröte“ versammelt. Sie hatten beschlossen, sich aus allem herauszuhalten.
Jerry Reeves war mehr als zufrieden, dies zu hören. Der Unsicherheitsfaktor, der dem Seewolf am meisten Kopfzerbrechen bereitet hatte, war damit aus der Welt geräumt. Es bedeutete kein Problem mehr, die Unbeteiligten aus den Kampfhandlungen herauszuhalten.
Die Leute aus El Triunfo waren in der „Schildkröte“ in Sicherheit. Und die Pariserinnen waren von der Black Queen selbst in Sicherheit gebracht worden, ohne daß die Schwarze dies vermutlich jemals beabsichtigt hatte.
„Sehr gut“, sagte Jerry, als der andere seine heruntergehaspelte Schilderung beendete. „Wenn du auf unserer Seite stehst, kannst du uns jetzt noch einen Gefallen tun. Kennst du dich auf Tortuga schon einigermaßen aus?“
„Ich habe mir alle Plätze angesehen, wo man vielleicht eine zweite Kneipe einrichten könnte.“
„Wir brauchen mindestens zwei Einmaster“, sagte Jerry, „und zwar so, daß niemand etwas davon mitkriegt.“
Die Augen Emile Boussacs leuchteten verstehend in der Dunkelheit. Mit einem erneuten Wortschwall versicherte er nach kurzem Nachdenken, daß er genau die richtige Stelle wüßte.
In der Tat erwies sich die Behauptung des Franzosen als nicht übertrieben. Auf Schleichwegen führte er die Männer von der „Tortuga“ zu einer abseits gelegenen kleinen Bucht. Mehrere Einmaster lagen dort vertäut. Die Eigentümer hatten sich ohnehin aus den nahen Hütten zurückgezogen und im Inneren der Insel verkrochen.
Jerry Reeves entschied sich für zwei Pinassen, auf die er seine Männer verteilte. Boussac entließ er, nachdem er ihm das Versprechen abgenommen hatte, kein Wort über die nächtliche Begegnung zu verlieren. Minuten später wurden die Leinen der beiden Einmaster gelöst und die Segel gesetzt. Außerhalb der Bucht gingen sie sofort auf Nordkurs.
8.
Rings um die Hafenbucht von Tortuga war es still geworden. Auch hier hatten sich die Bewohner der Hütten zurückgezogen. Sie waren aus Erfahrung klug geworden. Oft genug war in der letzten Zeit die wahre Hölle losgebrochen. Wer auch immer sich in der Bucht oder vor der Bucht Gefechte lieferte – man konnte nie wissen, ob nicht einmal eine volle Breitseite versehentlich an Land einschlug.
Emile Boussac empfand leises Unbehagen, als er sich durch die unbefestigten Gassen der Bucht näherte. Die Leute waren vernünftiger als er. Die meisten von ihnen hockten wahrscheinlich zusammen mit Willem Tomdijk und seiner Anhängerschar bei Diego in der „Schildkröte“. Oder sie hatten sich andere beschauliche Plätze in einem sicheren Gebiet der Insel ausgesucht.
Emile sagte sich, daß er ein verdammter Narr war, jetzt noch zur Bucht zu gehen. Aber da war eine seltsame Art von Jagdfieber, das ihn gepackt hatte. Die Jagd nach Informationen konnte unter Umständen wichtiger sein als ein Gefecht auf See. Das begriff er jetzt, nachdem er den Freunden Jean Ribaults sein Wissen preisgegeben hatte.
Wußte er denn, ob nicht vielleicht ein zweites geheimes Landeunternehmen stattfand? Vielleicht konnte er noch einmal mit wichtigen Nachrichten zu Diensten sein. Möglich auch, daß sich so etwas auszahlte, wenn nicht in klingender Münze, dann doch auf die eine oder andere lohnende Weise.
Emile Boussac, der kleine Schankwirt aus El Triunfo, empfand plötzlichen Stolz darüber, wie bedeutend seine Person geworden war – und noch werden konnte. Nur durch die Weitergabe seines Wissens trug er vielleicht entscheidend zur Entwicklung des Geschehens auf Tortuga bei.
Verblüfft verharrte er, als er den Strand erreichte.
Alle drei Schiffe lagen noch in der Bucht – die „Caribian Queen“ die „Aguila“ und die „Vascongadas“. Das Laternenlicht enthüllte hektisches Treiben auf den Decks. Kisten und Fässer wurden aus längsseits liegenden Schaluppen und Pinassen an Bord gehievt. Zweifellos handelte es sich um Munitionsvorräte, die in die Pulverkammern verfrachtet wurden.
Die Black Queen mußte also einen Schiffsausrüster aufgetrieben haben, der sich bereit erklärt hatte, sie zu beliefern. Auf Tortuga, soviel hatte Emile Boussac mittlerweile begriffen, war das Unmögliche möglich. Hier gab es die denkwürdigsten und unvermutetsten Vorratsquellen. Man mußte nur dem richtigen Mann den richtigen Preis zahlen, dann gab es nichts, was man nicht erhalten konnte.
In seinem Hinterkopf notierte Emile Boussac die Tatsache, daß sich die Black Queen mit zusätzlicher Munition versorgt hatte, eine wichtige Erkenntnis, die vielleicht für die gegnerische Seite noch von Bedeutung war.
Er ging ein paar Schritte weiter und stutzte, als er eine kleine Jolle an einem der Stege liegen sah. Solche Beiboote wurden nur an Bord der großen Galeonen mitgeführt. Es handelte sich also nicht um ein Boot, das irgend jemandem gehörte, der hier zu Hause war.
Emile fand keine Zeit mehr, weiter über seine Beobachtung nachzudenken.
Das Geräusch, das er plötzlich hinter sich hörte, war nicht mehr als ein Huschen. Schreck durchzuckte ihn. Er kreiselte herum und streckte abwehrend die Arme aus. Zu spät.
Die Silhouette, die ihn ansprang, war schneller. Emile fühlte sich jäh in einem eisenharten Griff. Die Arme wurden ihm auf den Rücken gerissen, und erst jetzt sah er aus den Augenwinkeln heraus, daß es Caligula war, der ihn mit brutaler Gewalt festhielt.
Aus dem Dunkel trat die Black Queen. Das Weiße ihrer Augen leuchtete. Ein spöttischer Glanz schien darin zu liegen.
„Was hast du hier zu suchen, du lausiger Hurenbändiger?“ fauchte sie ihn an.
„Ich? Nichts, gar nichts“, stammelte Emile. „Hab mir nur ein bißchen die Beine vertreten.“
„Du lügst.“
„Natürlich lügt er“, fügte Caligula mit glucksendem Lachen hinzu. „Bestimmt sucht er Verbündete, mit denen er seine hübschen Püppchen befreien kann. Er denkt wohl, daß die Gelegenheit günstig ist, wenn wir was anderes zu tun haben.“
„Himmel, nein“, beteuerte Emile, „so ist es nicht, wirklich nicht.“
„Nein? Wie ist es denn?“ entgegnete die Black Queen, und der Spott lag jetzt unüberhörbar in ihrer Stimme.
Emile Boussac brachte seine Gedanken in rasender Schnelligkeit in geordnete Bahnen. Wenn er keine plausible Antwort fand, brachte sie es fertig, ihn zu foltern oder gar Schlimmeres mit ihm anzustellen. Jäh erwachte seine Händlerseele. Aber ja, schrie es in ihm, tu es!
Wenn er der einen Seite von Nutzen war, konnte er es der anderen ebenso sein. Aber es mußte sich natürlich lohnen. Umsonst würde er mit seinem Wissen nicht herausrücken, diesmal nicht.
„Du mußt ja lange darüber nachdenken“, knurrte Caligula in sein Ohr. „Soll ich dir mal auf die Füße treten?“
„Nein, nein“, sagte Emile hastig. „Ich weiß nur nicht, wie ich es erklären soll.“
„Spuck’s einfach aus“, forderte die Black Queen barsch, „dann ersparst du dir unnötige Schwierigkeiten.“
„Es handelt sich“, Emile ächzte, denn der hünenhafte Neger lockerte seinen schmerzhaften Griff um keinen Deut, „um Beobachtungen, die – hm, sagen wir – strategisch wichtig sein könnten. Was ist es dir wert, Madam, wenn ich ein bißchen darüber berichte?“
Die Black Queen wurde hellhörig. Es fiel nicht schwer, zwei und zwei zusammenzuzählen: Geschützdonner vor der Nordküste, Boussac schlich in der Gegend herum. Irgend etwas mußte sich abgespielt haben.
„Du weißt also etwas“, sagte sie gedehnt und tat, als dächte sie angestrengt nach. Dann gab sie sich einen gespielten Ruck. „Also gut: Ich werde deine Mädchen auf der Stelle freilassen, wenn du mit mir zusammenarbeitest. Vorausgesetzt, deine Neuigkeiten sind wirklich von Bedeutung.“
„Ich denke schon“, entgegnete Emile mit geschwellter Brust, „was würdest du sagen, wenn ich dir verrate, daß die Angreifer schon auf der Insel waren?“
Der Black Queen und auch Caligula verschlug es die Sprache.
„Rede“, sagte die Schwarze dann zähneknirschend, „und zwar schnell.“
Emile Boussac ließ die Worte sprudeln. Wenn seine Mädchen freikamen, war das bares Geld wert. Einen besseren Lohn konnte er nicht erwarten. Also schilderte er alle Einzelheiten über das Zusammentreffen mit Jean Ribaults Freunden und darüber, wie er sie zu der Nebenbucht geführt hatte, wo sie mit zwei Pinassen davongesegelt waren.
„Ist das alles?“
„Im Augenblick ja. Aber ich werde gern weiter Augen und Ohren offenhalten und …“
„Nicht nötig“, unterbrach ihn die Queen eisig. Mit einem jähen Ruck riß sie das handtellerbreite Messer aus dem Gurt.
Emile Boussac spürte, wie sein Herz aussetzte. Die Todesangst lähmte ihn. Viel zu spät schaffte er es, den Mund aufzureißen. Aber den Schrei brachte er nicht mehr hervor.
„Wenn du andere verrätst, verrätst du auch mich“, sagte die Schwarze und stach zu. Dreimal hintereinander, bis sie sicher war.
Caligula ließ den Toten fallen.
„Ein Segen“, sagte er, „wenn wir nicht zufällig noch mit dem Munitionshändler gefeilscht hätten, wäre diese französische Ratte ungestraft davongekommen.“
„Und wir wüßten nicht, was wir jetzt wissen“, sagte die Black Queen nachdenklich. „Ich frage mich nur, was die Kerle mit zwei Pinassen wollen.“
„Keine Ahnung. Vielleicht wollen sie ihre ganze Horde an der Nordseite landen lassen. Mit den Pinassen schaffen sie das dreimal so schnell wie mit ihren Jollen. Vielleicht sollten wir bei den Geschützstellungen erhöhte Alarmbereitschaft anordnen.“
„Möglich, daß du recht hast. Wir schicken auf jeden Fall einen Boten. Aber jetzt schleunigst an Bord. Ich will aus der verdammten Bucht heraus, bevor es zu spät ist. Die ‚Buena Estrella‘ müßte auch jeden Moment aufkreuzen.“
Caligula widersprach nicht. Er wartete, bis seine Gefährtin auf der mittleren Ducht Platz genommen hatte. Dann wriggte er das Boot hinaus, auf den Zweidecker zu.
Die fünf Schiffe des Verbandes von der Schlangen-Insel hatten die vereinbarte Position beibehalten.
Zweieinhalb Seemeilen nördlich von Tortuga stießen Jerry Reeves und seine Gefährten zu den Verbündeten. Nachdem die beiden Pinassen längsseits der „Isabella“ vertäut worden waren, begab sich Jerry sofort in die Kapitänskammer.
Stoker, Mulligan und die anderen blieben an Deck, um bei der Arbeit mitzuhelfen, die jetzt in aller Eile zu erledigen war. Unter der Anleitung von Ferris Tucker wurden die beiden Einmaster auf ihren Einsatz vorbereitet.
Mit Jerry Reeves war die Versammlungsrunde in der Kammer des Seewolfs komplett. Alle wandten sich ihm in gespannter Erwartung zu: Hasard, Arne von Manteuffel, Thorfin Njal, Jean Ribault und Siri-Tong.
Jerry setzte sich und bedankte sich mit einem Nicken für das Glas Rotwein, das Hasard ihm zuschob. Dann berichtete er über die erfolgreiche Mission. In knappen Worten beschränkte er sich auf das Wesentliche.
„Die ‚Buena Estrella‘ ist uns auf dem Rückweg begegnet“, schloß er, „allerdings waren wir weit genug entfernt, und sie hatten auch genug mit sich selbst zu tun.“
„Haben sie das Feuer an Bord gelöscht?“ fragte der Seewolf.
„Ja“, erwiderte Jerry. „Wenn wir richtig gehört haben, waren sie schon dabei, die Schäden auszubessern.“
„Habt ihr noch mehr Geschützstellungen an der Küste gesehen?“ erkundigte sich der Wikinger mit dröhnendem Organ.
„Nur die Lichter. Auf alle Fälle gibt es jede Menge von diesen behelfsmäßigen Stellungen. Uns haben sie entweder nicht bemerkt, oder sie konnten nicht rechtzeitig reagieren. Diese Pinassen sind nämlich verteufelt schnell.“
„Genau das, was wir brauchen“, sagte Jean Ribault und nickte zufrieden. Er warf einen Blick zu Siri-Tong hinüber.
Ein kaum merkliches Lächeln entstand in den Mundwinkeln der Roten Korsarin. Aber in ihren Augen zeigte sich ein harter Glanz, der ihre eisige Entschlossenheit spiegelte.
„Wenn alles vorüber ist, werden wir den Schaden ersetzen“, sagte Hasard. „Diego wird die Eigentümer der Pinassen ermitteln und ihnen das Geld in unserem Auftrag auszahlen.“
„Noch ist nicht alles vorüber“, entgegnete Siri-Tong pessimistisch, „ich glaube nicht daran, bevor ich den Zweidecker mit eigenen Augen sinken sehe. Diese Schwarze ist einfach zu gerissen.“
„Welch ein Kampfmoral!“ rief Arne von Manteuffel mit gespieltem Vorwurf. „Laß das auf unsere Männer abfärben, und wir nehmen am besten gleich wieder Kurs auf die Schlangen-Insel.“
„Siri-Tong meint es nicht so, wie du denkst“, sagte Jean Ribault, „wir haben nur schon zuviel mit dieser sogenannten Queen erlebt. Uns wundert nichts mehr.“
Der Seewolf beendete die beginnende Debatte mit einer energischen Handbewegung.
„Fassen wir zusammen: Selbst wenn man Abstriche an Boussacs Glaubwürdigkeit vornimmt, sind die Informationen doch wertvoll genug, um die Lage einigermaßen richtig einzuschätzen. Die Black Queen hat auf ihrer Seite nur die Schiffsbesatzungen. Und die sind auch vermindert um die Leute, die die Geschützstellungen in den Felsen besetzt haben.“
„Minus sechs“, warf Jerry Reeves ein.
Hasard nickte.
„Das habe ich nicht vergessen. Zur Sache also: Das einzige, was wir jetzt noch zu klären haben, ist die Frage der beiden Brander.“
„Was gibt es da noch zu klären?“ rief die Rote Korsarin aufbrausend. „Es stand von vornherein fest, daß Jean und ich die Pinassen ins Ziel steuern.“
„Allerdings“, fügte Ribault bekräftigend hinzu, „wenn wir diese Aufgabe übernehmen, dann wissen wir, warum. Gibt es jemanden, der einen besseren Grund hat als wir? Siri-Tong und ich haben eine verdammt persönliche Rechnung mit dem schwarzen Satansweib zu begleichen.“
„Es war euer Vorschlag, die Brander zu übernehmen“, stellte Hasard richtig, „unumstößlich war das meines Erachtens noch nicht. Ich meine, daß jeder bei seinen Entscheidungen einen klaren Kopf haben sollte. Wollt ihr das nicht noch einmal überdenken?“
„Nein“, entgegnete die Rote Korsarin prompt.
„Nein“, sagte auch Jean Ribault spontan.
„Also gut.“ Hasard zuckte mit den Schultern und lächelte. „Gegen eure Dickschädel kann man in diesem Fall wohl nichts tun. Ist jemand dagegen?“ Er blickte in die Runde.
„Laß ihnen ihren Willen“, brummte Thorfin Njal, „wer so verbissen ist, der wird seine Sache auch prächtig bewältigen.“
Auch Arne von Manteuffel und Jerry Reeves hatten nichts einzuwenden. Jeder wußte schließlich, wie sehr Jean Ribault danach fieberte, seine Rache zu vollenden. Und die Rote Korsarin stand dem in nichts nach.
Der Seewolf hob die Runde auf. Gemeinsam begaben sie sich an Deck.
Der hünenhafte Schiffszimmermann löste sich aus der Schar der Männer und trat ihnen entgegen.
„Brander klar, Sir“, meldete er knapp.
Hasard und die anderen traten an das Backbord-Schanzkleid.
Auf den Pinassen waren Scheiterhaufen aus trockenem Abfallholz aufgeschichtet worden, und zwar jeweils auf dem Vorschiff und mittschiffs hinter dem Mast, so daß sich das Lateinersegel noch unbeeinträchtigt bewegen ließ.
Ferris Tucker und seine Helfer hatten die Holzstapel mit Tauen gesichert, so daß sie selbst bei jähen Segelmanövern nicht auseinanderfielen oder über Bord gingen. Al Conroy hatte überdies eine besondere Zündvorrichtung aus seiner Trickkiste gezaubert.
Es gab keine Zeit mehr zu verlieren.
Jerry Reeves und seine Einsatztruppe wurden mit dem kleinen Beiboot der „Isabella“ an Bord der „Tortuga“ gebracht. Zur Unterstützung von Jean Ribault und Siri-Tong stellte Hasard sechs Mann ab, so daß sie auf den Pinassen jeweils zu viert waren.
Das Kommando an Bord der „Le Vengeur III.“ übernahm Nils Larsen, der keine Mühe haben würde, sich mit seiner alten Crew im Gefechtseinsatz zu verständigen.
Nachdem das Beiboot zurückgekehrt war, gab der Seewolf Befehl, Segel zu setzen.
9.
Immer wenn sie Tortuga aus der Ferne erblickten, drängte sich den Männern der Gedanke an Columbus auf, den legendären Entdecker. Wie treffend war doch sein Einfall gewesen, diese bucklige Insel als „Schildkröte“ zu bezeichnen! Denn nichts anderes bedeutete das spanische Wort „Tortuga“.
Jener Schildkröten-Buckel schälte sich im beginnenden Morgengrauen aus dem Dunst, als der Verband des Seewolfs heransegelte. Einen besseren Verbündeten als den handigen Nord-Nord-Ost konnte sich niemand an Bord wünschen. Die fünf Schiffe hatten die vorgesehene Formation eingenommen. Bei raumem Wind über Backbordbug segelnd, bildeten sie eine große, nach Süden gerichtete Pfeilspitze. Im Zentrum, also den anderen um eine Schiffslänge voraus, segelte die „Isabella“. An Steuerbord bildeten der Schwarze Segler und die „Tortuga“ den westlichen Schenkel der Pfeilspitze. Auf der anderen Seite waren es die „Wappen von Kolberg“ und die „Le Vengeur III.“.
Die beiden wesentlich schnelleren Pinassen kreuzten abwartend im Kielwasser der großen Schiffe.
Bis auf zwei Seemeilen hatte sich der Verband dem nordwestlichen Zipfel von Tortuga genähert, als Unerwartetes geschah.
„Deck!“ brüllte der Ausguck der „Isabella“. „Mastspitzen Backbord voraus!“
Heisere Rufe waren auch von den übrigen Schiffen zu hören. Überall auf den Achterdecks blinkte die Messingummantelung der Spektive im schwachen Mondlicht, das die Dunkelheit noch nicht vollends verdrängt hatte.
Die Umrisse traten aus dem grauen Zwielicht hervor, unverkennbar und höchstens eine Seemeile entfernt.
„Der Zweidecker!“ stieß Ben Brighton entgeistert hervor.
Hasard war nicht minder überrascht. Woher kannte die Black Queen den Zeitpunkt des Angriffs? Denn zweifellos befand sie sich nicht auf einer Erkundungsfahrt. Das ließ sich daraus schließen, daß sie von zwei Galeonen begleitet wurde, der „Aguila“ und der „Buena Estrella“. Letztere segelte ohne Besan, hatte die Gefechtsschäden also noch nicht vollständig behoben.
Die „Caribian Queen“ und die beiden Galeonen lagen auf einem Kreuzschlag nach Nordost. Allein nach den Windverhältnissen war die Position der „Herrscherin der Karibik“ ungünstig. Aber Hasard kannte sie mittlerweile gut genug, um zu wissen, daß sie es meistens verstand, die Dinge zu ihren Gunsten zu wenden.
Noch war nicht festzustellen, wie die Black Queen reagieren würde. Aber innerhalb von Minuten konnte sich die Lage entscheidend ändern. Hasard zögerte deshalb nicht. Er ließ Jean Ribault und Siri-Tong signalisieren, daß sie von nun an auf sich allein gestellt sein würden.
Die beiden Pinassen segelten nacheinander von Backbord auf die „Isabella“ zu, gingen bei voller Fahrt längsseits und hakten sich am Schanzkleid fest, bis die Männer aus der Crew des Seewolfs aufgeentert waren.
Dann lösten sich die Einmaster und jagten mit jener Eleganz davon, die ihnen ihre schlanke Bauweise ermöglichte. Mit Kurs Süd-Ost steuerten Siri-Tong und Jean Ribault geradewegs auf die Küste von Tortuga zu, um vor der Nase der Black Queen durchzuschlüpfen und den sicheren Küstenbereich zu erreichen.
Für den Moment glich die Situation einem gegenseitigen Belauern. Während sich die Distanz zwischen den gegnerischen Verbänden zusehends verringerte, schienen sich beide Parteien darin verbissen zu haben, ihren Kurs stur beizubehalten.
Doch unverhofft reagierte die Black Queen auf eine Weise, wie sie weder Hasard noch einer seiner Gefährten erwartet hatten.
Statt wie vermutet nach Osten abzufallen, um der Übermacht zunächst auszuweichen, legte sich der Zweidecker in eine todesmutige Wende nach Nord-West. Viel zu schnell verringerte sich jetzt die Entfernung und schmolz auf fünf, sechs Kabellängen zusammen.
Die Black Queen nutzte den kurzen Moment, in dem der Verband des Seewolfs im Begriff war, sich auf die neue Lage einzustellen und sich aufzulösen. Denn auch die „Aguila“ und die „Buena Estrella“ folgten mit ihrem Kurswechsel jetzt dem Beispiel der „Caribian Queen“.
Ein glühender Feuerteppich von Mündungsflammen zuckte plötzlich aus der Steuerbordseite des Zweideckers. Der Geschützdonner zerfetzte die morgendliche Stille.
Nils Larsen hatte seine Halse nach Südosten eben erst eingeleitet. Zu spät jedoch. Die Eisenkugeln rauschten im Schwarm heran. Zwei, drei Treffer schmetterten in das Vorschiff der „Le Vengeur III.“. Der Rest der Kugeln riß einen Fontänenwald aus dem Wasser.
Der Bugspriet von Jean Ribaults Galeone knickte weg wie ein zu dünner Kienspan, das Blindsegel klatschte als heller Fleck ins Wasser.
Triumphgebrüll ertönte auf dem Zweidecker, der sich jetzt anschickte, auch die „Wappen von Kolberg“ in den Visierbereich seiner Geschütze zu holen.
Aber eine zweite Überraschung ließen sich weder Arne von Manteuffel noch der Seewolf und die anderen bieten. Während Arne backbrassen ließ und im nächsten Moment fast auf der Stelle nach Osten halste, stürzte sich die „Isabella“ wie ein Löwe auf die „Caribian Queen.“
Der Schwarze Segler und die „Tortuga“ jagten unterdessen nach Südwesten, um die „Aguila“ abzufangen. Die Galeone der Meuterer segelte unter Vollzeug nach Westen, hart nach Backbord krängend und offenbar versucht, dem Gegner in den Rücken zu fallen, während die Black Queen Unheil und Verwirrung stiftete.
Dem Seewolf war klar, daß er sich allein auf die Black Queen konzentrieren mußte. Arnes Absicht war deutlich zu ahnen. Sobald er den Zweidecker nicht mehr im Genick hatte, würde er sich die „Buena Estrella“ vorknöpfen.
Auch Nils Larsen würde mit der „Le Vengeur III.“ in den Kampf eingreifen, wenn sie erst einmal alle Taue gekappt hatten und der Bugspriet nicht mehr längsseits hing.
Hasard hatte lediglich um zwei Strich nach Steuerbord abdrehen lassen. An den Backbordgeschützen standen die Männer auf dem Sprung. Big Old Shane und Batuti waren in die Marse aufgeentert, und auf der Back hatte Ferris Tucker seine Höllenflaschenabschußapparatur aufgebaut.
Einen Atemzug zu spät begriff die Black Queen ihren Fehler. Wenn sie geglaubt hatte, der „Wappen von Kolberg“ praktisch im Vorbeigehen eine Breitseite zu verpassen, so hatte sie die Arwenacks sträflich unterschätzt.
Das mußte sie jetzt erkennen, als sie die „Isabella“ plötzlich über den Bugspriet ihres düsteren Schiffes hinweg in voller Länge und in voller Gefährlichkeit erblickte.
„Feuer!“ brüllte der Seewolf.
Die Arwenacks zogen alle Register und ließen ihren wilden Kampfruf dröhnen, der im nächsten Moment im urgewaltigen Krachen der Fünfundzwanzigpfünder und Siebzehnpfünder unterging. Aus den Marsen feuerten Batuti und Shane mit ihren englischen Langbogen die ersten Brandpfeile ab. Ferris Tucker fieberte auf den Moment, in dem er die Queen in Reichweite hatte, um ihr den ersten höllischen Gruß hinüberzuschicken.
Während die „Isabella“ unter dem Rückstoß nach Steuerbord krängte und der dichte Pulverrauch aufstieg, folgte ein Geräusch, das den Arwenacks wie Musik in den Ohren klang.
Krachen, Bersten und Splittern von Holz!
Erneut hatten sie ihren Kampfruf auf den Lippen, als sie in fieberhafter Eile die Geschützrohre nachluden. Mit Todesverachtung gab der Seewolf Pete Ballie den Befehl, die „Isabella“ nach Süd-Ost zu schwenken, auf Parallelkurs zur „Caribian Queen“. Die schlanke Galeone reagierte prächtig, und die Segel klatschten und schlugen im Nord-Nord-Ost.
Im selben Moment gab der verfliegende Pulverrauch den Blick frei. Das Vorschiff des Zweideckers war ein Gewirr aus Splittern und zerborstenen Planken. Auf den Decks der „Caribian Queen“ herrschte Chaos.
In unablässiger Folge schlugen die Brandpfeile ein. Flammen fraßen sich bereits züngelnd im Focksegel hoch, überall an Deck hasteten die Kerle hin und her, um die immer neuen Brandherde zu löschen. Aber es waren auch genügend von ihnen zur Stelle, um die Backbordgeschütze einzusetzen.
Hasard wartete nicht, bis sich die „Isabella“ auf gleicher Höhe mit dem Zweidecker befand. Er gab Befehl, die drei vorderen Siebzehn-Pfünder zu zünden. Im selben Moment, in dem die Geschütze donnerten, schickte Ferris Tucker in rascher Folge seine ersten beiden Höllenflaschen hinüber.
Die Einschläge sorgten für einen wahren Hexenkessel an Bord der „Caribian Queen“. Einer der Siebzehnpfünder riß ein faßgroßes Loch in die Bugbeplankung, haargenau in der Wasserlinie. Und die Detonationen der Höllenflaschen sorgten an Deck für heilloses Durcheinander. Verwundete brüllten ihren Schmerz hinaus.
Das Befehlsgebrüll Caligulas und der Queen verebbte wirkungslos. Immer noch zischten die Brandpfeile hinüber. Das Focksegel brannte lichterloh, die Flammen näherten sich dem Marssegel, und auf der Kuhl leckten Flammen am Großmast.
Im Moment, in dem die „Isabella“ nach Süden abfiel, ließ Hasard die restlichen Geschütze an Backbord abfeuern. Sekunden später stießen Feuerzungen aus den Stückpforten des Zweideckers. Im selben Moment krachten die Einschläge in die Beplankung der „Caribian Queen“. Zwei Fünfundzwanzig-Pfünder rasten in die Wasserlinie, als der Zweidecker unter dem Rückstoß seiner eigenen Geschütze nach Steuerbord krängte.
Die „Isabella“ war schon fast aus dem Gefahrenbereich heraus. Doch die Geschwindigkeit der Queen-Geschütze war ohnehin nicht mehr gegeben. Wirkungslos orgelte der Geschoßschwarm an Backbord vorbei und klatschte weiter voraus ins Wasser.
Geschützdonner wurde jetzt aus südwestlicher Richtung laut. Dort hatten der Schwarze Segler und die „Tortuga“ die Galeone der Meuterer in die Zange genommen. Und vor der Nordwestküste der Insel stürzten sich die „Wappen von Kolberg“ und die „Le Vengeur III.“ auf die schon lädierte „Buena Estrella“.
Diesmal kannten die Gefährten des Seewolfs keine Gnade mehr. Der Kampf mußte endgültig entschieden werden. Jetzt und auf der Stelle.
10.
Noch waren die beiden heranjagenden Pinassen von der Hafenbucht aus nicht zu sehen. Eine Landzunge verwehrte die Sicht. Siri-Tong und Jean Ribault konnten es sich leisten, einen letzten Blick zurückzuwerfen.
Es gab Grund zur Hoffnung, wenn auch ein Aufatmen vielleicht noch verfrüht war.
Unter Rauchschwaden und bereits mit erkennbarer Schlagseite nach Backbord drehte die „Caribian Queen“ ihren Bug durch den Wind und versuchte, nach Nordosten Distanz zu gewinnen.
Für die „Aguila“ sah es ebenso schlecht aus wie für die zweite Galeone spanischer Bauart. Jerry Reeves und der Wikinger hatten die Galeone der Meuterer in die Zange genommen. Die Geschütze brüllten ihr ehernes Lied, und Treffer um Treffer krachte in die Beplankung der „Aguila“.
Für Carlos Rivero mußte es ein schmerzlicher Anblick sein. Aber es durfte keine Nachsicht geben.
Nicht viel besser sah es für die „Buena Estrella“ aus. Die „Le Vengeur III.“ hatte sich von ihrer Anfangsschlappe erholt und Nils Larsen zeigte jetzt, daß er einiges auszugleichen gedachte. Während die „Wappen von Kolberg“ ihre Breitseiten auf den Gegner hämmern ließ, bewies Nils, daß die „Le Vengeur III.“ auch ohne Bugspriet und Blinde ein ungeheuer wendiges Schiff war. Jedenfalls kein erreichbares Ziel für die „Buena Estrella“, die dagegen eher plump wirkte und gegen die Feuerkraft der Übermacht hoffnungslos ins Hintertreffen geriet.
Batuti und Big Old Shane schossen noch immer ihre Brandpfeile ab. Die Black Queen, Caligula und ihre Galgenstricke mußten höllisch aufpassen, daß nicht ihr ganzes Schiff in Flammen aufging. Die „Isabella“ leitete unterdessen eine Halse ein.
Bei diesem Stand der Dinge näherten sich die beiden Pinassen der Einfahrt zur Bucht.
Noch war es nicht hell geworden. Der trübe Schleier der Morgendämmerung hing wie zähflüssig über der Küstenlandschaft.
Siri-Tong und Jean Ribault verständigten sich durch ein Handzeichen. Ohne zu zögern, warfen sie die glimmenden Lunten auf die von Al Conroy vorbereitete Zündeinrichtung. Zischend und prasselnd fraßen sich die Funken in einer Schwarzpulverspur voran, die durch Bretter vor überkommenden Seen geschützt war und beide Holzstapel miteinander verband.
Die Bucht öffnete sich vor ihnen.
Breit und behäbig lag die „Vascongadas“ etwa in der Mitte der Bucht. Die geöffneten Stückpforten waren zu sehen, über der Verschanzung zeigten sich die Gesichter der Crew als helle Flecken im Grau des beginnenden Tages.
Das Schwarzpulver sprühte höhere Funken.
Ein letztes Mal korrigierten Siri-Tong und Jean Ribault die Stellung des Segels und des Ruders. Beides wurde durch straffe Taue unverrückbar arretiert. Über Steuerbordbug rauschten die Pinassen mit einem Abstand von etwa zwanzig Yards zueinander auf die Backbordseite der „Vascongadas“ zu.
Die Gesichter über der Verschanzung gerieten in Bewegung. Aufgeregte Stimmen wurden laut, heiseres Gebrüll und warnende Schreie.
Stichflammen zuckten jäh aus den Holzstapeln der Brander. Rasend schnell griffen die Flammen um sich, genährt von den Schalen mit Lampenöl, in die Al Conroy die Schwarzpulverspuren hatte münden lassen. In dem trockenen Holz fanden die Flammen rasche Nahrung, loderten immer höher und ließen schwarze Rauchfahnen aufsteigen.
Noch erfüllten die Lateinersegel ihren Zweck. Bevor sie vom Feuer erfaßt wurden, würden die Brander ihr Ziel erreichen.
Zweihundert Yards von der „Vascongadas“ entfernt sprangen Siri-Tong und Jean Ribault über Bord. Die kühlen Fluten nahmen sie schützend auf, und als sie den Kopf über Wasser hoben, war das Geschrei auf der Galeone zu einem gellenden Durcheinander angeschwollen.
Verzweifelt versuchten ein paar Männer, mit Drehbassenschüssen noch etwas zu ändern. Aber es half nichts. Das Krachen der schwenkbaren Hinterlader klang dünn und erbärmlich. Die Ladungen aus gehacktem Blei vermochten die Brander nicht mehr aus dem Kurs zu bringen.
Die Rote Korsarin und ihr Gefährte strebten mit kraftvollen Schwimmzügen auf die nördliche Landzunge zu.
Den Männern auf der „Vascongadas“ gelang es noch, eins der Beiboote abzufieren. Weitere Besatzungsmitglieder sprangen bereits über Bord. Auch jene, die noch immer die Drehbassen abfeuerten, wurden jetzt von Verzweiflung gepackt.
Es geschah, noch bevor Siri-Tong und Jean Ribault das Ufer erreichten.
Mit Getöse krachten die Brander in die Außenbordbeplankung der Galeone. Brennende Holzscheite wirbelten hoch und landeten auf den Decksplanken. Ein Flammenmeer, noch verstärkt durch die nun brennenden Segel, schwappte über die Verschanzung. In rasender Gier griffen die Flammen um sich, erfaßten Nagelbänke, Taurollen, Balustraden und Segel. Schrille Schreie gellten durch das beginnende Inferno. Menschen, die zu spät an ihre Rettung gedacht hatten, sprangen als lebende Fackeln von Bord.
Als Jean Ribault und die Rote Korsarin an Land wateten, standen die Masten und die im Gei hängenden Segel der „Vascongadas“ bereits in Flammen. Die Decks der Galeone waren eine einzige Flammenhölle, die sich bereits ihren Weg in die Unterdecksräume gebahnt haben mußte.
Minuten später war das Schicksal der Galeone besiegelt.
Eine Feuerblitz, der den trüben Morgenhimmel in unnatürlich grelles Licht tauchte, stieg aus dem Rumpf des Dreimasters auf. Holzteile wirbelten hoch in die Luft, das helle, fast weiße Detonationszentrum weitete sich aus und verschlang buchstäblich das ganze Schiff.
Selbst Siri-Tong und Jean Ribault spürten noch die Druckwelle, die über den Felsbrocken hinwegfegte, hinter dem sie kauerten. Als sie wieder den Kopf hoben, war es bereits vorüber.
Die „Vascongadas“ war in zwei brennende Teile zerfetzt worden, die in Minutenschnelle zischend und gurgelnd versanken.
An Land standen die Überlebenden stumm und fassungslos. In ihnen regte sich kein Gedanke mehr, noch für die Black Queen zu kämpfen.
„Putzt sie weg, die Strolche“, brüllte der Wikinger und stieß sein „Messerchen“ senkrecht in die Luft. Sein Kupferhelm leuchtete rötlich-golden im Feuerschein der „Aguila“.
Die Meuterer unter Jaime Cerrana kämpften mit dem Mut der Verzweiflung. In panischer Hast versuchten sie, die Geschütze an Backbord noch einmal nachzuladen, und ihr bulliger Anführer packte selbst mit zu.
In diesem Moment krachte die letzte, entscheidende Breitseite des Schwarzen Seglers. Die Einschläge ließen die „Aguila“ erzittern.
Eine der Eisenkugeln raste durch das Schanzkleid, und Jaime Cerrana wurde in einem tödlichen Schwall aus Holzsplittern und Eisen quer über die Decksplanken gefegt. In ihm war bereits kein Leben mehr, als er an Steuerbord in hohem Bogen in die Fluten wirbelte.
Eine Breitseite der „Tortuga“ gab der Meuterer-Galeone den Rest. Von unzähligen Kugeln durchbohrt, zog sie immer rascher Wasser. Dann, als sich das Heck zu heben begann, ging es plötzlich sehr schnell. Über den Bug rauschte die „Aguila“ wie von einer unsichtbaren Macht gezogen in die Tiefe. Es gab keine Überlebenden an Bord.
Auch die „Buena Estrella“ hatte keine Chance gehabt, der tödlichen Umklammerung durch die „Wappen von Kolberg“ und die „Le Vengeur III.“ zu entrinnen. Arne von Manteuffel und Nils Larsen zeigten keine Gnade.
Breitseite um Breitseite hämmerte in den zerfetzten gegnerischen Schiffsleib, bis sie den Dreimaster buchstäblich in Stücke geschossen hatten. Ein Meer von hölzernen Trümmern auf der Wasseroberfläche blieb alles, was an die ehemalige spanische Kriegsgaleone erinnerte.
Nach der Halse sahen der Seewolf und die übrigen Männer auf der „Isabella“ staunend, daß sich der Zweidecker bereits mit beträchtlicher Entfernung verzogen hatte. Die Black Queen hatte alles an Segeln gesetzt, was ihr noch geblieben war. Auf Ostkurs suchte sie ihr Heil in der Flucht, und der Zweidecker bewies, daß er trotz seiner Schäden noch ein verteufelt schnelles Schiff war.
Hasard verzichtete auf eine Verfolgung. Die Niederlage der Black Queen war so endgültig und demoralisierend, daß sie sich davon unmöglich wieder erholen konnte. Sie hatte ihre Flotte verloren. Ihr Traum von der Herrschaft über die Karibik war ausgeträumt. Sie konnte froh sein, daß sie nicht verfolgt wurde. Es wäre auch ihr Ende gewesen.
An erster Stelle stand für den Seewolf jetzt die Gewißheit, daß die Lage auf Tortuga geklärt war.
Die Bestätigung dafür gab es wenige Stunden später, als die Schiffe von der Schlangen-Insel in der Hafenbucht ankerten.
Ein unablässiges Händeschütteln und Schulterklopfen setzte ein, als sich die Männer um Diego und Willem Tomdijk mit den Arwenacks und ihren Gefährten trafen. Freudige Erleichterung herrschte auch bei Manon und den Mädchen aus Paris, und die Arwenacks hatten nichts dagegen einzuwenden, daß ihnen die Mademoiselles aus Dankbarkeit um den Hals fielen.
Klarheit gab es nun auch über das Doppelspiel, das Emile Boussac mit dem Leben bezahlt hatte. Für Hasard und seine Vertrauten lag es auf der Hand, daß Boussac sein Wissen entweder freiwillig oder unter Zwang an die Black Queen weitergegeben hatte.
Die Überlebenden von der „Vascongadas“ und der „Buena Estrella“ waren spontan zu Willem Tomdijk übergelaufen. Mit dem Seewolf einigte sich Willem, daß die Siedler aus El Triunfo zunächst auf Tortuga blieben – jetzt jedoch als Verbündete der Männer von der Schlangen-Insel. Willem wichtigstes Ziel war es, seinen Traum von der neuen Bierbrauerei zu verwirklichen.
Die Mädchen sahen ihren Traum darin, sich einem bürgerlichen Leben als Siedlersfrauen zuzuwenden. Mögliche Ehemänner gab es immerhin in großer Zahl, und die meisten von ihnen hatten vor, später nach Hispaniola überzusiedeln, wo es noch viel freies Land gab.
Hasard und seine Männer hatten nichts dagegen einzuwenden, an der Siegesfeier teilzunehmen, die den ganzen Tag andauern sollte.
Willem Tomdijk und Diego arrangierten dieses rauschende Fest in brüderlicher Zusammenarbeit. Selbst gegen das Bier, das Diego ausschenkte, hatte Willem an diesem Tag plötzlich nichts mehr einzuwenden …
ENDE

Roy Palmer
Die Totenrutsche
1.
Joao Nazario, der portugiesische Freibeuter, hockte hoch oben in der Astgabel einer mächtigen Zypresse und ließ sein linkes Bein baumeln. Hin und wieder nahm er den Kieker zur Hand und schaute lange und prüfend hindurch.
Der Aussichtspunkt erinnerte an den Großmars einer Galeone. Punta Gorda und ein großer Teil der Nordostküste von Hispaniola konnte von hier aus überblickt werden, ja, im Osten reichte die Sicht sogar fast bis zum Cabo Engano, das an der Mona-Passage lag. Nichts konnte der Aufmerksamkeit eines guten Ausgucks entgehen – und das war Joao Nazario.
In den Elendsvierteln von Lissabon war er geboren und aufgewachsen. Als Kind riß er von zu Hause aus und heuerte auf einem Seelenverkäufer an. Er hatte Stürme, Messerkämpfe, Meutereien und Seegefechte erlebt, war als Schiffbrüchiger an fremde Strände getrieben und von Wilden gefangengenommen worden. Es war fast ein Wunder, daß er noch am Leben war.
Zäh war er, dieser Joao Nazario. Fast sechs Fuß groß und hager, höllisch gewandt im Messerkampf und ungemein schnell, vermochte er fast jedem Gegner zu trotzen. Mit seinen langen dunklen Haaren, die ihm in Strähnen bis auf die Schultern hingen, und der großen, gekrümmten Nase, die sein Gesicht prägte, wirkte er wie das Urbild eines Piraten.
Irgendwann, irgendwo hatte er Gilbert Sarraux kennengelernt, und sie hatten sich zusammengetan. Auf verschlungenen und abenteuerlichen Wegen waren sie in die Karibik gelangt und auf Hispaniola „hängengeblieben“. Sie hielten zusammen wie Pech und Schwefel. Nichts schien sie trennen zu können.
Sarraux stand am Fuß der Zypresse, mit der Hand gegen den Stamm gelehnt. Er stammte aus Frankreich, und doch war er kein typischer Franzose, sondern ein Bretone, und das wollte etwas heißen, nämlich: Er war klein und untersetzt, breitschultrig und rothaarig. Ein alter Gallier – daß seine Vorfahren Kelten gewesen waren, ließ sich nicht leugnen.
Ein breites Gesicht voller Sommersprossen hatte Gilbert Sarraux, mittendrin funkelten listige graublaue Augen. Küstenhai, Beutelschneider, Galgenstrick und Schnapphahn, all das war er in einer Person, und Nazario hätte keinen verläßlicheren Kumpan zur Seite haben können, denn der Einfallsreichtum des Bretonen war unerschöpflich.
Sie unterhielten sich in einem französisch-portugiesischen Kauderwelsch, denn Sarraux beherrschte außer Französisch und seiner keltischen Heimatsprache nur noch ein bißchen Spanisch und ein paar portugiesische Brocken, die er von Nazario aufgeschnappt hatte. Dieser wiederum konnte kein Wort Französisch. Also waren sie auf ein wüstes Sprachengemisch angewiesen.
Wieder spähte Nazario durch den Kieker, und dieses Mal straffte sich seine Gestalt. „Donnerwetter“, sagte er. „Da rauscht ein stolzer Schwan heran. Wie ein Spuk ist er an der nordwestlichen Kimm erschienen.“
Der Bretone hob den Kopf. „Und? Der Kahn hat Kurs auf uns anliegen?“
„Sieht so aus. Folglich gibt es zwei Möglichkeiten.“
„Wie immer im Leben“, sagte Sarraux und grinste. „Entweder etwas Gutes oder etwas Schlechtes. Wie sieht er denn aus, der Kahn?“
Der Portugiese gab sich Mühe, Einzelheiten des fremden Schiffes zu erkennen. Er kniff das rechte Auge zusammen. „Ein Dreimaster, ziemlich groß. Zweidecker obendrein, gut bestückt. Die Segel sind dunkel geloht. Nur irgendwie zerrupft sieht er aus.“
Der Bretone spitzte den Mund und spuckte geräuschvoll aus. „Zwei Gründe gibt es für das Zerrupft-Sein – Sturm oder ein Gefecht.“
„Sturm haben wir nicht gehabt, die letzten Tage und Nächte waren verhältnismäßig ruhig“, sagte der Portugiese von seinem luftigen Sitz. „Also hat der Bruder einen Kampf hinter sich, und das nicht zu knapp.“
„Er ist also keine Bedrohung für uns?“
„Kaum. Eher braucht er Hilfe.“
„Wie groß ist die Besatzung?“
„Ein paar Kerle auf dem Hauptdeck, zwei auf der Back, drei oder vier auf dem Achterdeck“, erwiderte Nazario. „Kein allzu großer Haufen.“
„Der Kapitän braucht Männer, Proviant, Trinkwasser und Munition für seine Kanonen“, sagte Sarraux. „Hoffentlich bildet er sich nicht ein, er könne uns darum prellen.“ Er steckte zwei Finger in den Mund und stieß einen grellen Pfiff aus. Gleichzeitig gab Nazario zum Inneren der Insel hin eine Reihe von Handzeichen, die nur verstehen konnte, wer in Punta Gorda seßhaft war.
Knapp hundert Yards entfernt erhob sich ein dürrer Mann mit verschrumpeltem, verkniffenen Gesicht von seinem Lager, das aus getrocknetem Schilfgras und ein paar Lumpen bestand. Er blickte aus schmalen Augen zu Sarraux, brummelte etwas Unverständliches und leitete die Meldung ziemlich unwillig weiter.
Dodger hieß dieser Kerl – jedenfalls wurde er von allen nur so genannt, der Schwindler also, weil er die haarsträubendsten Lügengeschichten aufzutischen pflegte, wenn er ein paar Mucks üblen Zuckerrohrschnapses gekippt hatte. Keiner kannte Dodgers richtigen Namen, keiner wußte, wie alt er war, es ließ sich auch schlecht schätzen. Wo er geboren war, war auch nicht bekannt. Dodger selbst hatte erhebliche Gedächtnislücken und schien sich im übrigen nur höchst ungern an seine Vergangenheit zu erinnern.
Er hauste in einer Hütte auf einer wackligen Plattform, die er selbst in mühsamer Arbeit in der Krone eines gigantischen Eukalyptus’ errichtet hatte. Das „Baumhaus“ befand sich in schwindelnder Höhe, und nur einmal in der Woche stieg Dodger hinunter, um die wichtigsten Besorgungen zu erledigen oder in „El Escarabajo“, der Hafenspelunke von Punta Gorda, tüchtig einen zu heben und seine wilden Geschichten zum besten zu geben.
Dodger hatte eine Anzahl von Signalflaggen zur Verfügung, von denen er jetzt eine hißte. Der Eukalyptus stand am Saum des Urwalds, aber wegen seiner immensen Höhe war das Signal bis weit in den Busch zu erkennen. Hier lebte auf einer Lichtung, die eine Art Rondell auf einer sanften Anhöhe bildete, der Zwerg Amintore mit seinen beiden Frauen.
Amintore, nur knapp über vier Fuß groß, war italienischer Abstammung. Seit zehn Jahren lebte er auf Hispaniola – mit Rosa, seiner Frau, einer dicken, müden Matrone, die an nichts Interesse zu haben schien als am Essen, und mit Annamaria.
Annamaria war eine Mulattin, schön wie ein Paradiesvogel, und mindestens zwanzig Jahre jünger als Amintore, der seinerseits behauptete, zwölf Jahre jünger zu sein als Rosa, deren genaues Alter kaum zu erraten war. Amintore versicherte, daß Annamaria seine Tochter wäre, aber niemand nahm ihm das ernsthaft ab.
Der Spott, mit dem man ihn verfolgte, hatte ihn dazu veranlaßt, vom Hafen in den Dschungel zu ziehen. Hier sammelte er Wurzeln und seltene Früchte, die er in Punta Gorda verkaufte. Er konnte feilschen wie ein Levantiner und ließ sich von keinem übers Ohr hauen.
Ganz leise hatte Amintore Sarraux’ Pfiff vernommen und trat vor seine Hütte. Er sah die Flagge munter im Nordostwind flattern und wußte Bescheid.
„Annamaria“, sagte er. „Lauf zum Hafen. Sag den Männern Bescheid, daß sich ein Dreimaster aus Nordwesten nähert. Er segelt schon dicht unter Land. Beeil dich.“
Annamaria verließ die Hütte und eilte leichtfüßig wie eine Gazelle davon. Amintore sah ihr etwas verärgert nach. Wieder trug sie nur einen Fetzen am Leib, obwohl er sie schon oft ermahnt hatte, sich besser zu kleiden. Sie gab dann aber immer ziemlich patzig zurück, daß sie nichts anzuziehen habe. Amintore wußte dagegen nichts einzuwenden, er war machtlos. Annamarias Auftauchen im Hafen würde wie üblich einiges Aufsehen erregen. Aber sie wußte sich gegen die schmierigen, grinsenden, verwahrlosten Kerle zur Wehr zu setzen.
Rechtzeitig, bevor das fremde Schiff das Kap rundete, das Punta Gordas Bucht nach Westen hin vorgelagert war, würde man im Hafen also unterrichtet sein und Vorkehrungen treffen. Die Einmaster wurden bemannt, die Geschütze an Land besetzt, und in den Häusern verschanzte sich jeder, der eine Muskete hatte, um etwaigen Angreifern einen heißen Empfang zu bereiten. Schon mancher Angriff auf Punta Gorda war auf diese Weise zurückgeschlagen worden. Wilde Kämpfer waren die Kerle, die hier lebten, sie ließen sich so leicht nichts wegnehmen.
Das Warnsystem hatte sich als gut und brauchbar herausgestellt, es war sozusagen eine Sicherheitsgarantie für das Leben der Bewohner. Aus diesem Grunde wurde es auch nicht vernachlässigt, es hockte immer jemand hoch oben auf der Zypresse am Meeresufer und hielt Ausschau – und Dodger und Amintore verließen ihre Plätze nur in Ausnahmefällen.
Sonst aber gab es nichts richtig Organisiertes in Punta Gorda. Es herrschte ein buntes, quirliges Treiben ohne jegliche „ordnende Hand“, es gab keine Obrigkeit und auch keine sonstige Autorität. Jeder war sein eigener Herr, das Leben verlief in den paradiesischen Bahnen vollendeter Freiheit.
Neben Freibeutern, Hafenmädchen und Galgenstricken aller Art trafen sich in Punta Gorda auch Männer, die wie Sarraux, Nazario, Amintore oder Doger auf Hispaniola seßhaft werden wollten. Siedler – manche nannten sie auch die Bukanier. Sie besorgten sich das, was sie zum Leben brauchten, durch Jagd, Ackerbau, Fischfang und Küstenpiraterie.
Rosa, die Dicke, tat nichts von alledem. Sie ließ sich von Amintore und Annamaria umsorgen und verhätscheln. Eben leckte sie sich die Finger ab, die sie in den Feigenmarmeladentopf gesteckt hatte, schmatzte genüßlich und sagte: „Es gibt also Verdruß? Sollen die Kerle sich die Köpfe abhacken lassen, soll ganz Punta Gorda verrecken. Ich rühre mich von hier nicht weg.“
„Das habe ich mir fast gedacht“, sagte Amintore höhnisch.
Joao Nazario war unterdessen zur vereinbarten Zeit von einem anderen Freibeuter abgelöst worden, der seinen Platz in der Astgabel der Zypresse einnahm. Der Posten sah eben noch, wie der Zweidecker in einer Nebenbucht vor Anker ging, dann verlor er ihn aus den Augen.
„Keine Sorge“, zischte Nazario ihm zu, während er nach unten kletterte. „Gilbert und ich behalten den Kahn im Auge und bespitzeln die Mannschaft. Sollten die Hunde an Land gehen, geben wir ein Zeichen.“
Er landete mit einem Satz auf dem Boden und eilte mit Sarraux davon. Daß der düstere Zweidecker in einer westlichen Nebenbucht vor Anker ging und Punta Gorda nicht direkt anlief, konnte ein gutes Zeichen sein: Der Kapitän wollte keine Konfrontation mit den Bewohnern des Hafens. Er fühlte sich nicht stark genug für einen Kampf. Vielleicht wollte er nur die Gefechtsschäden ausbessern lassen.
Nazario und der Bretone eilten durch das Dickicht zu der Bucht, die sie selbst bestens kannten. Sie schlichen sich an, ohne von der Mannschaft des fremden Schiffes entdeckt zu werden. Im Unterholz kauerten sie sich hin, teilten die Zweige und Blätter vorsichtig mit den Händen und hatten den Blick frei auf das unheimlich wirkende Schiff, das einem unheilverkündenden Schicksalsboten gleich in die Bucht gesegelt war.
Nazario zog den Kieker wieder auseinander und spähte hindurch.
„Der Teufel soll mich holen“, raunte er seinem Kumpan zu. „Die ganze Crew besteht aus Dunkelhäutigen – und auf dem Achterdeck steht eine Negerin mit nackter Brust. Wie die sich benimmt, scheint sie der Kapitän zu sein.“
„Das gibt’s nicht“, flüsterte der Bretone, dann verlangte er das Spektiv. Er sah selbst hindurch und konnte das, was der Portugiese erspäht hatte, nur bestätigen.
Eine Galeone mit einer Crew von Schwarzen, Kreolen, Mulatten und Mestizen, aus deren Schar ein dunkler Riese mit krausem Vollbart herausragte – und eine Frau als Anführerin. Tatsächlich war sie nur mit einem Lendenschurz bekleidet und lenkte die Blicke der Beobachter wie in einem magischen Bann auf sich.
Wer war diese Frau? Was wollte sie? Und wer hatte ihr Schiff derart zugerichtet?
Caligula überwachte das Ankerwerfen und das Auftuchen der Segel, dann gab er den Befehl, das Beiboot der „Caribian Queen“ abzufieren. Er drehte sich auf dem Hauptdeck zu der Black Queen um und schaute zu ihr auf. Sie stand an der Querbalustrade des Achterdecks und hatte beide Hände aufgestützt.
„Wir haben Glück“, sagte Caligula, „und scheinen nicht bemerkt worden zu sein. Dabei ist Punta Gorda nur ein paar Meilen entfernt.“
„Ja, Glück haben wir wirklich“, sagte sie mit zynischer, verächtlicher Miene. „Besonders in der letzten Zeit. Aber paß auf, es könnten Beobachter im Busch stecken, die uns nicht aus den Augen lassen. Die Leute von Punta Gorda sind keine einfältigen Narren. Wir dürfen sie auf keinen Fall unterschätzen.“
„Natürlich nicht. Aber unsere Absichten sind friedlich.“
„Wir brauchen Proviant, Trinkwasser und Munition“, sagte sie. „Und wir werden dafür bezahlen.“ Sie sprach laut genug – für den Fall, daß sie jemand belauschte.
Nach der Niederlage im Gefecht gegen den Seewolf und dessen Verbündete hatte es auf der Hand gelegen, nach Hispaniola zu segeln. In erster Linie hatte die Queen die Absicht, so viel Abstand wie möglich zwischen sich und den Feind zu legen. Sie hatte mit einer Verfolgung gerechnet und sich darauf vorbereitet, Hispaniola ganz zu umrunden. Doch kein Fühlungshalter hatte sich ihr an die Fersen geheftet. Den Grund dafür konnte sie vorläufig nur erahnen – vielleicht ging es dem Seewolf zunächst darum, jetzt seine Position auf Tortuga zu festigen.
So bot es sich an, in Punta Gorda Station einzulegen, die „Caribian Queen“ instand zu setzen und die Vorräte in den Lagerräumen zu erneuern. Die Verwundeten konnten sorgfältig verarztet werden, und vielleicht gelang es der Queen und Caligula, im Hafen ein paar neue Männer für ihr Schiff anzuwerben. Die Galeone war zwar nicht unterbemannt, aber die Verluste machten sich doch bemerkbar.
Das Boot lag zum Ablegen bereit an der Bordwand. Die Black Queen suchte vier Männer als Begleiter aus und ließ sie abentern. Dann stieg auch sie in die Jolle, begleitet von Caligula. Einer der Kerle drückte mit dem Peekhaken gegen die Bordwand des Schiffes, und die Jolle dümpelte ein Stück davon. Dann griffen die Männer zu den Riemen und begannen zu pullen.
Schweigend verlief die kurze Überfahrt zum Ufer der Bucht, Stille herrschte auch an Bord der „Caribian Queen“. Über was sollte auch groß gesprochen werden? Geflucht hatten sie alle ausgiebig. Wenn sich alles bewahrheitete, würden die Seewölfe und ihre Verbündeten bald in den tiefsten Schlünden der Hölle schmoren. Die Schlacht von Tortuga bedurfte keines Kommentars – es gab an der Niederlage nichts zu beschönigen und nichts hinzuzufügen.
Das Boot schob sich auf den weißen Ufersand, die Frau und die fünf Männer stiegen aus. Die Kerle sicherten das Boot, und einer blieb als Wachtposten zurück. Mit Caligula und den drei anderen Piraten schritt die Black Queen auf das Dickicht zu und verschwand darin.
Kaum einer der Männer an Bord der „Caribian Queen“ schickte den fünfen auch nur einen Blick nach. Von der Bewunderung, die diese skrupellosen und gnadenlos harten Kerle für die Queen empfunden hatten, war kaum noch etwas übrig. Sie hatte ihre Machtposition auf Tortuga und in der ganzen Karibik stärken und die Vorherrschaft an sich reißen wollen, aber erreicht hatte sie das Gegenteil.
Deprimiert war sie, aber sie zeigte es vor den anderen nicht. Dennoch wußte zumindest Caligula genau, wie ihr zumute war. Die Niederlage, die sie vor Tortuga erlitten hatte, war schlimm – schlimmer als alles, was sie bisher erlebt hatte.
Ihre stolze Flotte, der Grundstock für einen künftigen Großverband möglicherweise, war zerschlagen. Die „Aguila“, die „Vascongadas“ und die „Buena Estrella“ existierten nicht mehr, ein Schiff war in die Luft geflogen, die beiden anderen hatte der Gegner versenkt. So war der Queen nur noch die „Caribian Queen“ geblieben, auf deren Decks jetzt die zerschundenen, verletzten Kerle hockten und ihre Blessuren leckten.
Das Allerschlimmste aber war, daß die Gefolgsleute, die die Queen schon sicher auf ihrer Seite gewähnt hatte, ins gegnerische Lager übergelaufen waren. Anders ausgedrückt: Die Siedler von El Triunfo hatten keine Lust, für die Queen ihren Kopf hinzuhalten und sich für ihre hochgesteckten Ziele verheizen zu lassen – wenn sie auch vorher von ihr begeistert gewesen waren. Der reine Selbsterhaltungstrieb überwog, und Willem Tomdijk, der holländische Bürgermeister von El Triunfo, hatte wieder nahezu alle seine Männer hinter sich. El Triunfo war niedergebrannt, doch auf Tortuga, so schien es, hatten die Siedler vorläufig einen Platz gefunden, an dem sie sicher waren.
Die Black Queen trachtete danach, all dies aus ihrem Gedächtnis zu verbannen. Aber sie konnte sich jetzt, als sie sich mit ihren Männern einen Weg durch das Dickicht des Dschungels bahnte, der unangenehmen Erinnerungen nicht erwehren. Zu frisch waren sie und zu groß die erlittene Schmach.
Die Black Queen fühlte sich klein und häßlich, und doch hegte sie bereits die Zuversicht, daß das Schlimmste vorbei war. Sie hatte den Tiefpunkt erreicht, aber es würde wieder aufwärtsgehen.
In ihre Gedanken verstrickt, schritt sie voran und legte sich Pläne zurecht, wie sie ihre Mannschaft stärken und einen neuen Schlag gegen den Seewolf durchführen konnte. Sie bemerkte nicht die beiden Augenpaare, die sie aus dem Busch beobachteten, und auch Caligula und den anderen entging es, daß sie von Nazario und Sarraux belauert wurden.
Der Portugiese und der Bretone fanden Gelegenheit, ihren Kumpan im Wipfel der Zypresse durch Zeichen zu verständigen. Keine Gefahr schien von diesen fünf Fremden zu drohen. Die Nachricht wurde über Dodger und Amintore weitergeleitet – und in Punta Gorda atmeten die Kerle, die ihre Verteidigungspositionen längst bezogen hatten, auf. Mit einiger Gelassenheit blickte man dem Erscheinen der Queen und ihrer kleinen Schar entgegen.
2.
In der „Schildkröte“, der tief in den Felsen gehauenen, weitverzweigten Kneipengrotte von Tortuga, herrschte Hochstimmung. Es wurde gefeiert, daß „die Höhlenwände wackelten und die Balken sich bogen“, wie Carberry sich ausdrückte.
Das Singen, Lachen und Grölen, das Kichern und Kreischen der Mädchen drangen bis zur Hafenbucht, wo die „Isabella IX.“, die „Le Vengeur III.“, der Schwarze Segler, die „Wappen von Kolberg“ und die „Tortuga“ ankerten. Nie hatte es ein größeres und ausgelasseneres Fest auf der Insel gegeben, und Diego, der Wirt, überschlug sich fast vor Beflissenheit. Eilfertig rannte er zwischen den Tischen und Bänken auf und ab und servierte Wein und Rum.
Philip Hasard Killigrew, Jean Ribault, Siri-Tong, Thorfin Njal, Arne von Manteuffel und Jerry Reeves hockten mit Willem Tomdijk, Carlos Rivero und den Mädchen Manon, Julie, Cécile und Esther in einer Nische zusammen – ziemlich gedrängt, denn sehr viel Platz gab es nicht. Tomdijk, der von Esther und Julie flankiert wurde, konnte das nur recht sein. Treuherzig legte er den beiden die fleischigen Hände auf die Schultern.
„Es ist nur richtig, daß ihr brave Siedlerfrauen werden wollt!“ rief er. „Und vielleicht kann ich auch noch Helferinnen in der Brauerei gebrauchen, die ich bauen werde!“
„Aber wir werden doch nach Hispaniola übersiedeln, nicht wahr?“ fragte Cécile.
„Mit Sicherheit“, erwiderte Carlos Rivero. „Es wartet eine schöne Zeit auf uns, arbeitsreich, aber vielversprechend.“
Manon warf ihm einen verheißungsvollen Blick zu. „Das glaube ich auch. Dann laßt uns auf die Zukunft anstoßen.“
Sie hoben die Becher und Humpen und stießen über dem Zentrum des grob zusammengehauenen Tisches miteinander an. Hasard blickte immer wieder zu den Nachbarnischen und den anderen Tischen. Er konnte sich eines Lächelns nicht erwehren. Carberry war gerade dabei, zwei Mädchen Sir John vorzuführen. Matt Davies und Jeff Bowie zeigten stolz ihre Eisenhakenprothesen vor. Batuti ließ wie zufällig seine Oberarmmuskeln spielen. Keiner konnte es ihnen übelnehmen, daß sie wie aus dem Häuschen waren. Aber eine Enttäuschung mußte der Seewolf ihnen doch bereiten.
„Der ist ja niedlich!“ stieß eins der Mädchen hervor.
Sie hatte Sir John den Zeigefinger hingehalten und ihn rasch zurückgezogen, als er hineinzuhacken versuchte. Ärgerlich wetzte der Vogel seinen Schnabel an der Jacke, die sich über der mächtigen Profos-Schulter spannte.
„Kann er auch sprechen?“ fragte ihre Nachbarin, eine entzückende Blondine mit prallen, strotzenden Brüsten, die aus ihrem. Ausschnitt hervorzuquellen drohten.
„Affenärsche und Bilgenratten“, schnarrte Sir John. „Stinkstiefel, hart Backbord, verwanzte Prielwürmer.“
„Voilà!“ stieß die Blondine aus. „Reizend! Aber ich verstehe nicht, was er sagt!“
Carberry grinste. „Ich verstehe auch nicht, was du sagst“, erklärte er in einem grauenvollen Kauderwelsch aus Englisch, Spanisch und französischen Brocken. „Aber das schadet nichts. Wirklich nicht.“
„Sieh mal“, sagte Matt Davies im selben Moment zu einer der „Ladys“. Demonstrativ hielt er seinen scharfgeschliffenen Eisenhaken hoch. „Damit rasiere ich mich jeden Morgen.“
„Und was kannst du noch alles damit tun?“ fragte sie ihn.
Er erklärte es ihr, so gut er konnte, und sie riß die Augen in ungläubigem Erstaunen auf.
„Freunde!“ rief Willem Tomdijk und breitete die Arme aus. „Ich bin ja so froh, daß sich alles zum Guten gewendet hat! Ich will ehrlich sein: Als ich an Bord der ‚Caribian Queen‘ war, habe ich Angst gehabt – große Angst. Dieser Caligula hätte mir gern die Gurgel durchgeschnitten, und auch die Black Queen hat mich nur geduldet, weil sie wußte, welchen Einfluß ich auf unsere Leute habe! Aber das alles ist jetzt vorbei.“
„Ja“, sagte der Seewolf. „Und für uns heißt es Abschied nehmen.“
„Wie?“ Der Dicke glaubte, nicht richtig gehört zu haben. „Ist das dein Ernst? Das kann doch nicht wahr sein. Ich dachte, ihr würdet noch ein paar fröhliche Tage mit uns verbringen. Das kannst du uns nicht antun!“
Auch Hasard fiel es schwer, die Insel wieder zu verlassen. Auch er war von Manons, Julies, Céciles und Esthers Reizen beeindruckt und fühlte ähnlich wie seine Männer. Aber er wußte, daß ihn die Pflicht rief. Die Pflicht – das war die Verantwortung über die Schlangen-Insel, über Arkana, Araua, Karl von Hutten, Ramsgate und die Schlangenkrieger und Kriegerinnen, die dort auf seine Rückkehr warteten. Auch Coral Island wollte bewacht werden.
Die Vorsichtsmaßnahmen durften nicht vernachlässigt werden. Mit einem Angriff von See – beispielsweise durch die rachsüchtigen Spanier – war ständig zu rechnen. Er durfte sich keinesfalls darauf verlassen, daß die Schlangen-Insel ein geheimer, absolut sicherer Zufluchtsort war. Wie die Black Queen die Insel entdeckt hatte, so konnte es auch dem spanischen Feind gelingen, durch Zufall auf sie zu stoßen.
Folglich drängte die Lage nach einem raschen Aufbruch – Hasard durfte keine Zeit mehr verlieren. Eindringlich sprach er auf die neuen Freunde ein und legte ihnen die Gründe dar, die für ein schnelles Verlassen von Tortuga sprachen.
Carlos Rivero sagte: „Mir leuchtet das alles ein. Es wäre unklug von uns, euch aufzuhalten. Aber mußt du denn mit allen Schiffen zur Schlangen-Insel segeln?“
„Ich schlage vor, daß die ‚Wappen von Kolberg‘ hierbleibt“, sagte Hasard. „Was sagt der Bund der Korsaren dazu?“
Nur kurze Zeit dauerte die Beratung, dann stand es fest. Arne von Manteuffel sollte mit der „Wappen von Kolberg“ im Hafen von Tortuga bleiben, gewissermaßen als Nachhut und zur Sicherung der Insel. Arne stimmte Hasards Vorschlag spontan zu, denn er wollte die Gelegenheit nutzen, um ausführliche Gespräche mit Willem Tomdijk und Carlos Rivero zu führen.
„Über die allgemeine strategische Lage in der Karibik“, sagte er. „Ihr beiden kennt euch ja hervorragend aus und könnt das Bild abrunden, das ich mir zu verschaffen versuche.“
„Einverstanden“, sagte Willem. „Aber ich werde dich auch über die Bedeutung des Brauereiwesens in der Karibik aufklären, lieber Freund, das verspreche ich dir.“
„Mir sausen davon jetzt schon die Ohren“, erklärte Diego, der gerade eine neue Runde Wein brachte. „Und das eine laß dir gesagt sein, Willem Tomdijk: Hier auf Tortuga, ist mit Bier nicht viel zu werden. Die Geschäfte laufen ohnehin schlecht.“
„Das sehe ich“, sagte der Dicke lachend. „Aber keine Angst, Diego, dir mache ich keine Konkurrenz. Ich bin kein Narr, wie Emile es war. Ich kenne meine Möglichkeiten – und meine Grenzen.“
„Hoffen wir’s“, sagte Diego, dann eilte er wieder davon.
Emile Boussac, der Verräter – keiner weinte ihm eine Träne nach. Er hatte ein doppeltes Spiel in Szene gesetzt und mit dem Tod dafür bezahlt. Man hatte seine Leiche gefunden. Es schien keinen Zweifel zu geben: Die Black Queen hatte ihn auf dem Gewissen.
Noch einmal wurden die Geschehnisse durchgesprochen, und Willem war drauf und dran, den Seewolf erneut hochleben zu lassen. Doch Hasard wehrte es ab. Er begann, sich zu verabschieden, erhob sich, begab sich an die Nachbartische und überzeugte seine Männer davon, daß es an der Zeit wäre, Tortuga zu verlassen.
Lange Gesichter, entsagungsvolle Blicke, die den Mädchen galten – all das ließ sich nicht vermeiden. Aber am Ende sahen sie alle ein, daß die Entscheidung des Seewolfs nur richtig war. Die Schlangen-Insel und Coral Island warteten auf sie, sie mußten so schnell wie möglich dort nach dem Rechten sehen und die wartenden Freunde vor möglichen üblen Überraschungen bewahren.
So kehrten die Mannschaften an Bord der Schiffe zurück, und jeder nahm seinen Manöverposten ein. Wenig später wurden auf der „Isabella“, der „Le Vengeur“, der „Tortuga“ und dem Schwarzen Segler die Anker gelichtet und die Segel gesetzt. In Kiellinie segelten die vier Schiffe aus der Hafenbucht von Tortuga und gingen in See – und die letzten Blicke der Männer an Bord galten den Mädchen, die am Ufer standen und ihnen nachwinkten.
Auch Arne von Manteuffel und dessen Crew von der „Wappen von Kolberg“ fiel es nicht leicht, sich von Hasard und den anderen trennen zu müssen. Aber sie wußten, daß die Situation es erforderte. Ihr Zurückbleiben auf Tortuga entsprach allen strategischen und taktischen Gesichtspunkten, die Hasard mit seinem Vetter durchgesprochen hatte. Arne, Oliver O’Brien, Hein Ropers und Renke Eggens waren davon überzeugt, daß sich schon bald die ersten Erfolge dieser Maßnahme zeigen würden.
Die Zukunft war noch ungewiß, aber die Bedrohung durch die Black Queen schien vorerst gebannt zu sein. Hasard hatte sie nicht verfolgt, es war ihm vordringlicher gewesen, die Verhältnisse auf Tortuga zu klären. Im übrigen war ihre Niederlage so endgültig gewesen, daß die Annahme berechtigt erschien, sie würde sich davon nicht wieder erholen.
In diesem Punkt aber unterschätzte auch Hasard die Black Queen – ein Fehler, den sowohl er als auch seine Männer und Verbündeten noch bereuen sollten.
In Punta Gorda erregte das Erscheinen der Black Queen und ihrer vier Begleiter das erwartete Aufsehen. Nicht nur Gilbert Sarraux und Joao Nazario waren zur Stelle, um sie ausgiebig zu betrachten. Eine Gruppe von wüst aussehenden Kerlen scharte sich vor dem Eingang der Hafenkneipe „El Escarabajo“ zusammen, als die fünf Fremden die teils aus Steinen, teils aus Holz und Schilfmatten errichtete Hütte betraten. Die Kerle grinsten, stießen sich untereinander an und ließen anzügliche Bemerkungen vernehmen.
Caligula wandte sich zu ihnen um, seine Hand lag am Heft seines Säbels. Sein Gesicht war verzerrt. Aber die Queen hielt ihn zurück.
„Vergiß nicht, wir sind als Freunde hier, Caligula“, sagte sie. „Wir müssen uns so diplomatisch wie möglich verhalten.“
Von Diplomatie hatte Caligula nie etwas gehört, er wußte nicht, welche Bedeutung dieser Begriff hatte. Aber er sah ein, daß er nicht handgreiflich werden durfte. Die Queen wollte keine Streitigkeiten. Daran mußten er und die drei Piraten der „Caribian Queen“ sich halten.
„El Escarabajo“, der „Käfer“, war das Zentrum des Lebens von Punta Gorda. Hier traf man sich, hier wurden Beutezüge besprochen, Pläne gewälzt und die tollsten Abenteuer erzählt. Wer etwas an den Mann zu bringen hatte, knüpfte hier die erforderlichen Kontakte an, wer etwas erstehen wollte, war an der richtigen Adresse.
Die Queen spürte instinktiv, daß sie hier mit den Leuten ins Gespräch kommen konnte. Sie wollte nicht nur Proviant einkaufen, den sie bezahlen konnte, sie wollte mehr. Was es genau war, wußte sie sich selbst gegenüber noch nicht zu erklären, aber ihr Bestreben war darauf ausgerichtet, neue Rachepläne gegen den Seewolf zu entwickeln. Sie haßte ihn jetzt bis aufs Blut, und ihr einziges Ziel war die Vergeltung.
Die Männer, die sich vor dem Eingang eingefunden hatten, drängten nach, als die Queen und ihre Gefolgschaft das Innere der Spelunke betraten. Entschlossen steuerte die Queen auf den Tresen zu, der so windschief wirkte wie der ganze Bau. Im Halbdunkel erblickte sie die Gestalt des Wirtes. Er bediente drei Zecher, die schon einigen Wein und Rum getrunken zu haben schienen, wandte sich aber sofort der Queen zu. Sein Gebaren war diensteifrig und unterwürfig.
Ratte, dachte sie abfällig.
Caligula und die drei Piraten nahmen neben und hinter ihr Aufstellung. Die Kneipe füllte sich immer mehr mit Gestalten, gleich zwei Dutzend Kerle rückten auf die Theke zu. Caligula ahnte, daß er die Queen nicht abschirmen konnte, und wieder schob sich seine Hand an den Griff des Säbels.
„Womit kann ich den Herrschaften dienen?“ fragte der Wirt.
„Mit Wein und Rum“, erwiderte die Queen. „Wir sind durstig. Und mit ein paar Auskünften.“
„Zum Beispiel?“
Je mehr er katzbuckelte, um so widerwärtiger war er ihr. Aber sie bezwang sich und entgegnete so freundlich wie möglich: „Ich brauche Proviant, Wasser und Munition für mein Schiff. Ich bin bereit, dafür zu bezahlen. Meine Männer und ich haben nicht die Zeit, auf die Jagd zu gehen und eine Quelle zu suchen. Wir sind in Eile.“
„Außerdem gehört dieser Küstenstrich uns“, sagte jetzt einer der Kerle, die sich genähert hatten. Er war groß und hager und hatte eine breite, häßliche Messernarbe im Gesicht, die sich quer über seine linke Wange zog. Seine Kumpane nannten ihn Larsky, und er stammte, wenn man seinen Erzählungen Glauben schenken durfte, aus dem fernen Land Polen. „Die Gegend ist also unser Hoheitsbereich“, fuhr er fort. „Jeder, der hier ankert, fischt oder auf die Jagd geht, hat uns zuerst um unsere Genehmigung zu bitten. Das gleiche gilt auch für Weiberröcke, die hier ihrem Gewerbe nachzugehen gedenken.“ Ungeniert und herausfordernd zugleich musterte er sie von oben bis unten. Dann glitt sein Blick wieder an ihr hoch und verharrte auf ihren Brüsten.
Caligula wollte aufbegehren, aber die Queen hielt ihn wieder zurück – durch einen einzigen Blick. Er bedeutete: Laß nur, mit dem Kerl werde ich auch allein fertig. Mit einer knappen Gebärde gab sie Caligula und den drei anderen Kerlen von ihrem Schiff zu verstehen, daß sie sich heraushalten sollten.
Die vier Männer wichen etwas zur Seite. Larsky trat in die sich öffnende Lücke und stand jetzt so dicht vor der Queen, daß sein Oberkörper ihre Brust zu berühren drohte.
„Wer bist du überhaupt?“ fragte er und grinste unverschämt.
Die Kerle, die sich hinter seinem Rücken heranschoben, lachten.
„Die Black Queen“, erwiderte sie. „Und du?“
„Larsky. Das hier sind meine Freunde T-Bone, Lee Crapper und Norimbergo und die anderen – ach, es würde zu weit führen, sie alle vorzustellen. Du lernst sie auch so noch kennen.“ Er grinste immer noch, und wieder lachten die anderen.
Die Queen erwiderte das Grinsen. „Und du bist hier der größte Maulheld, was, Larsky?“
„Ich möchte von dir wissen, was du willst.“
„Euch allen einen schönen guten Tag wünschen.“
„Uns sonst?“
„Etwas kaufen, das habe ich wohl schon gesagt“, erwiderte sie seelenruhig. „Aber vielleicht habe ich auch etwas anzubieten.“
„Das habe ich mir schon gedacht“, sagte er. „Teufel, du hast die größte, prächtigste Galion, die ich je gesehen habe.“
Schallendes Gelächter in der Kneipe. Die Kerle schienen sich prächtig zu amüsieren. Auf eine Abwechslung wie diese hatten sie schon lange gewartet.
Auch Annamaria, Amintores vermeintliche Tochter, war zugegen, aber sie hielt sich im Hintergrund. Es war ihr zuwider, wie die Kerle sich an die Black Queen heranarbeiteten. Hoffentlich haut sie ihnen ein paar runter, dachte sie.
„Laß mal sehen, was du außer deinem Vorschiff noch alles zu bieten hast“, sagte T-Bone, ein knochiger Kerl mit großen Zähnen. Er drängelte sich vor, schob sich neben Larsky und griff nach dem Lendenschurz der Queen. „He, ich gebe einen doppelten Rum für dich aus, wenn du mich als ersten an Bord läßt!“
Es gab ein scharfes, klatschendes Geräusch, und T-Bone zog die Hand zurück. Seine Miene war verwirrt. Damit hatte er nicht gerechnet. Blitzschnell hatte die Queen ihm mit unerwarteter Härte auf die Finger geschlagen.
Larsky lachte. „Du bist nicht ihr Typ, T-Bone“, sagte er. „Sie ist wählerisch. Laß mich mal ran. Hallo, Queen, schick deine Aufpasser ruhig weg. Ich gebe eine Runde Wein für sie aus, und wir haben unsere Ruhe. Na, ist das ein Angebot?“
„Ja.“ Sie ließ ihn heranrücken, dann schoß ihre Hand überraschend hoch. Es klatschte zum zweitenmal, Larsky rieb sich die schmerzende Wange – die mit der Messernarbe.
„Ich habe Ohrfeigen, Boxhiebe und Tritte anzubieten“, sagte die Queen kalt. „Für den Fall, daß mich noch jemand mit einer billigen Hafenhure verwechselt. Also, wer ist der nächste?“
„Ich“, antwortete ein Bulle von Kerl, der sich hinter Larsky und T-Bone gehalten hatte. „Lee Crapper. Manoleto, räum den Tresen. Ich lege die schwarze Hure flach und versohle ihr den Hintern. Das hat sie für ihre Frechheit verdient.“
Manoleto war der Wirt. Übersetzt bedeutete der Name soviel wie „Dreckfinger“, nicht etwa „Manuelito“ oder „Manuel“, wie man beim ersten Hinhören vermuten mochte. Manoleto hatte nie saubere Hände, und das hatte ihm den Beinamen eingebracht. Kurzum, er war einer der schmierigsten und schlitzohrigsten Kerle, die es in Punta Gorda und auf ganz Hispaniola gab.
Er warf Crapper einen huschenden Blick zu und zog sich dann schleunigst zurück. Er bangte mehr um seine Flaschen und Fässer als um die allgemeine Ordnung, die in diesem Hafen ohnehin nur symbolisch existierte.
Crapper griff nach dem Arm der Queen und wollte sie zu sich heranreißen. Er überragte sie um eine halbe Kopfeshöhe, und seine Muskelpakete hatten gewaltige Ausmaße. Caligula und die drei Piraten der „Caribian Queen“ trafen Anstalten, sich jetzt doch auf diesen Kerl zu stürzen, aber wieder war es die Queen, die die Initiative ergriff.
Sie ließ sich am Arm zu Crapper heranreißen, aber dann bückte sie sich gedankenschnell und warf ihn über ihre Schultern hinweg zu Boden. Es dröhnte, und Crappers Sturz war so hart, daß er ein entsetztes Keuchen ausstieß. Manoleto duckte sich hinter die Theke. T-Bone, Larsky, Norimbergo und die anderen Bewohner von Punta Gorda griffen zu den Waffen.
Doch die Queen hatte plötzlich wie durch Zauberei den Säbel in der linken und die Pistole in der rechten Faust.
„Schluß der Vorstellung“, sagte sie. „Ich bin nicht hier, um mit euch zu kämpfen, aber wenn ich angegriffen werde, wehre ich mich.“ Sie wartete, bis Crapper wieder auf den Beinen war, dann wandte sie sich erneut an ihn. „Ich bin bereit, mich mit dir zu duellieren. Vielleicht wird es Zeit, daß jemand in diesem Elendsnest ein Exempel statuiert. Daß ihr in totaler Freiheit lebt, ist noch lange kein Grund dafür, Fremde zu belästigen und anzufallen, die mit friedlichen Absichten erschienen sind.“ Ihre Stimme nahm noch einen etwas schärferen, schneidenderen Klang an. „Männer von Punta Gorda – ihr habt euch in mir getäuscht!“
3.
In seiner überschäumenden Wut hätte sich Lee Crapper am liebsten auf die Black Queen gestürzt, aber etwas hielt ihn zurück. Was war es? Die erstaunliche Kraft dieser Frau? Ihre Intelligenz, ihre Entschlossenheit? Sie schien hart, grausam und unduldsam zu sein, und ihre handfesten Argumente wirkten überzeugend. Für einen Moment sah er sie noch haßerfüllt an, dann aber senkte er den Blick. Ihr Mut hatte über seine Wildheit gesiegt.
„Ich verzichte auf ein Duell“, sagte er. „Ich schlage mich nicht mit Frauen.“
„Gut, Crapper.“ Sie steckte die Waffen weg und hielt ihm die rechte Hand hin. „Dann nichts für ungut. Du mußt dich aber auch davon überzeugen, daß nicht jede Frau eine billige Hure ist.“
Erst zögerte er, dann ergriff er die ihm angebotene Hand und drückte sie fest. Er hob den Kopf und grinste. „Einverstanden.“ Er drehte sich zu den anderen um. „He, Larsky, T-Bone, Norimbergo – was ist? Wollt ihr nicht auch mit der Black Queen Frieden schließen?“
Ja, sie wollten. Sie gaben ihre feindselige Haltung auf und folgten Crappers Beispiel. Es war kein Schwächebeweis, es war nur richtig, diese ungewöhnliche Frau gebührend zu empfangen und zu feiern. Teils leutselig, teils verlegen grinsend, traten die Kerle vor die Queen hin und schüttelten ihr artig die Hand, einer nach dem anderen. Die Queen stellte ihnen Caligula und die drei anderen von der „Caribian Queen“ vor, und dann tat sie das, was in dieser Lage genau richtig war: Sie bestellte eine Runde für alle.
Manoleto atmete auf. Er zapfte ein neues Faß an und füllte vor lauter Erleichterung die Humpen, Mucks und Pints bis zum Rand, was sonst ganz gegen seine Gewohnheiten war.
Die Black Queen und die Männer ließen sich an den Tischen von „El Escarabajo“ nieder, stießen miteinander an und begannen eine angeregte Unterhaltung.
„Natürlich können wir euch mit Proviant versorgen!“ rief Larsky jetzt. „Es hängt nur davon ab, ob wir uns über den Preis einigen!“
„Bestimmt“, sagte die Queen. „Ich bezahle mit Silbermünzen.“ Von den Goldstücken, die sie an Bord der „Caribian Queen“ verwahrte, erwähnte sie lieber nichts, auch nichts von dem Diamantschmuck und den ungeschliffenen, rohen Juwelen, die zu ihrem Privatschmuck gehörten. So ganz traute sie den Kerlen immer noch nicht.
Es konnte gut möglich sein, daß Larsky und seine Kumpane bei Nacht einen Überfall auf die „Caribian Queen“ unternahmen, wenn sie dort Beute witterten. In ihrem derzeitigen Zustand und mit der angeschlagenen Crew an Bord war die Galeone ziemlich leicht zu entern. Nein, die Kerle von Punta Gorda durften gar nicht erst auf den Gedanken verfallen, etwas Derartiges zu versuchen.
„Und wieviel Munition brauchst du?“ fragte Lee Crapper.
„Soviel wie möglich, ich habe mit jemandem eine Rechnung zu begleichen.“
„Wir werden sehen, was sich auftreiben läßt“, sagte Norimbergo, ein dunkelhaariger, aalglatter Bursche. „Unsere Lager wollen wir zwar nicht plündern, aber wir können dir gewiß mit Pulver und einigen Siebzehnpfünderkugeln dienen.“
„Das geringste Problem dürfte wohl die Wasserbeschaffung sein“, sagte Caligula mit galliger Miene. Er war nicht ganz einverstanden, daß die Queen mit den Kerlen dicke Freundschaft schloß. Ein bißchen Eifersucht war auch mit dabei, aber die wollte er sich lieber nicht anmerken lassen, um sich nicht lächerlich zu machen.
„Wasser gibt es gratis!“ rief T-Bone aus und zeigte lachend seine riesigen Zähne. „Wasser ist in Punta Gorda wenig gefragt! He, Manoleto, wo bleibt der Nachschub? Wein her, die Becher sind leer!“
Manoleto füllte die Becher, Mucks und Humpen. Caligula blickte mißtrauisch in seinen Humpen, er rechnete damit, Kakerlaken im Wein schwimmen zu sehen. Erstaunlicherweise war dies nicht der Fall. Dennoch blieb Manoleto in Caligulas Augen die schmierigste Ratte, der er je begegnet war. Die Stühle und Bänke, die Tische, der Tresen und der Fußboden der Kneipe „El Escarabajo“ klebten vor Schmutz, sie bereitete ihrem Namen die erforderliche Ehre.
Geschickt lenkte die Black Queen das Gespräch in die richtigen Bahnen. Sie berichtete von dem Kampf gegen den Seewolf und ließ zündende Haßtiraden auf diesen Philip Hasard Killigrew, auf Ribault, die Rote Korsarin, den Wikinger und all die anderen Korsaren von der Schlangen-Insel los.
„Dieses Lumpenpack, das vor nichts zurückschreckt, ist eine Bedrohung für alle ehrlichen Piraten der Karibik!“ rief sie aus und hieb mit der Faust auf den Tisch. „Sollten sie jemals in Punta Gorda auftauchen, eröffnet sofort das Feuer auf sie!“
„Zur Hölle mit diesen Hunden!“ brüllte Lee Crapper dazwischen. Er hatte bereits eine Gallone Wein getrunken. „Verrecken sollen sie! Wir versenken ihre Kähne, wenn sie sich hierher verirren!“ Er glaubte, die Brüste der Queen vor seinen Augen tanzen zu sehen, und ihm wurde etwas schwindlig. Vielleicht lag das aber auch noch an seinem Sturz auf die Bohlen der Spelunke.
Aber auch die anderen beteiligten sich an den Flüchen und den Verwünschungen, die gegen den Seewolf und dessen Männer ausgestoßen wurden. Natürlich hatten sie alle schon von jenem legendären Killigrew gehört, der den Spaniern und Portugiesen hier wie in der Alten Welt das Leben erschwerte.
Sie wußten auch, daß der Seewolf ein fairer Kämpfer war, der jeden Schnapphahn und Galgenstrick verachtete. Sein Zorn richtete sich gegen alle jene, die grundlos wehrlose Seeleute und Eingeborene überfielen, wie es auch die Kerle von Punta Gorda zu tun pflegten.
Von „ehrlichen Piraten“ zu sprechen, wie es die Queen tat, war da schon ein Hohn. Aber die Kerle gingen ihr auf den Leim und erklärten sich mit ihr solidarisch. Ihre Blicke schienen an ihren Lippen zu hängen. Sie war eine gute Rednerin und verstand es, Kerle wie diese für ihre Sache zu gewinnen.
Eben das wollte sie – für ihre Ziele werben und sich den Rücken stärken. Ein oder zwei Niederlagen bedeuteten nichts. Sie folgte unbeirrt ihrem Weg, der sie zur Herrscherin der gesamten Karibik erhob.
„Es lebe die Black Queen!“ schrie Larsky.
„Hurra!“ brüllte Lee Crapper und hob seinen Becher. „Drei Hurras für die Queen! Und nieder mit dem Seewolf!“
„Hurra!“ schrien die Kerle wüst durcheinander. Die Black Queen spürte, wie ihr Selbstvertrauen wieder wuchs. Natürlich versprach sie sich nicht zuviel von der Zustimmung der Kerle. Auch in El Triunfo hatte man sie so gefeiert – und doch hatte sie sich in den Siedlern getäuscht.
Nur der eine oder andere, so wußte sie, würde sich auf ganz bestimmte Weise für ihre Zwecke einsetzen lassen. Noch wußte sie nicht genau, wie ihr nächster Zug war, aber sie ahnte, daß sich die Dinge in dieser Beziehung von selbst entwickelten.
Gilbert Sarraux und Joao Nazario hatten sich an einem Nebentisch niedergelassen. Es behagte ihnen nicht, sich mit Kerlen wie Larsky, T-Bone, Crapper und Norimbergo um die schwarze Frau zu scharen, sie hielten sich lieber etwas im Hintergrund und sondierten erst einmal die Lage.
Nazario drehte sich immer wieder zu Annamaria um und winkte ihr zu. Er wollte sie zu einem Glas Wein einladen. Schon seit langem versuchte er, sie allein zu treffen und für sich zu gewinnen. Doch sie schien Amintore, diesem häßlichen Zwerg, in ewiger Treue verbunden zu sein.
Nazario grinste dem Mädchen zu.
„Na, wie ist es, trinken wir zusammen einen Becher Wein?“ fragte er.
„Ich mag keinen Wein, und ich muß gleich wieder weg“, sagte sie.
„Hast du gesehen, wie diese Black Queen mit den Kerlen aufgeräumt hat?“
„Ja“, erwiderte sie. „Toll war das. Ich bewundere sie.“
„Möchtest du lieber einen Rum?“
„Keinen Rum. Ich gehe.“ Sie wandte sich ab und schritt lautlos davon. Nazario blickte auf ihre Hüften und auf ihre Beine, wollte sich erheben, um ihr zu folgen, wurde aber von dem Bretonen zurückgehalten.
„Laß das, Joao“, zischte er. „Willst du Ärger?“
„Sie ist genau mein Fall“, sagte der Portugiese. „Irgendwann kriege ich sie, und es ist mir egal, ob Amintore und die alte Vettel es erfahren oder nicht.“
„Das solltest du dir reiflich überlegen“, sagte Sarraux. „Aber hör gut zu, ich habe eine Idee.“
„Heraus damit“, sagte sein Freund. „Willst du das Schiff der Black Queen entern und ausmisten? Laß die Finger davon, die Sache ist zu heiß. Sie hat trotz allem zu viele Leute an Bord.“
Sarraux hatte sich über den Tisch zu ihm vorgebeugt. „Ich meine etwas ganz anderes. Wir gehen dabei nicht das geringste Risiko ein. Es ist immer wichtig, die Ohren offenzuhalten und eine Situation gewinnbringend auszunutzen, das weißt du.“
„Ja. Aber auf was willst du hinaus?“
„Diese Queen haßt den Seewolf.“
„Sie will ihn töten“, sagte Nazario. „Aber ich spiele nicht den Handlanger für sie. Schlag dir das aus dem Kopf.“
„Laß mich doch erst mal ausreden“, raunte der Bretone. „Daß der Seewolf ein höllisch gefährlicher Gegner ist, weiß ich selbst. Ich habe auch nicht im Sinn, ihn meuchlings zu ermorden oder so. Ich zähle nur zwei und zwei zusammen. Die Queen hat gesagt, daß der Seewolf noch auf Tortuga sei, und sie ist für jeden Hinweis über seine nächsten Züge dankbar. Außerdem hat sie Silbermünzen.“
Nazario grinste jetzt. „Aber sie kann keinen ihrer Kerle nach Tortuga schicken, denn deren Visagen sind dort bekannt. Ist es das, was du meinst?“
„Richtig, genau das. Wir aber sind noch nie auf Tortuga gewesen. Man kennt uns dort nicht.“
„Und wir könnten die Lage ein bißchen auskundschaften“, sagte Nazario. „Es dürfte uns nicht schwerfallen, Wissenswertes für die Queen zu erfahren. Darauf trinken wir noch einen, Gilbert. Und anschließend sprechen wir mit der Queen.“
„Aber erst, wenn sich die anderen verzogen haben“, sagte der Bretone. Keiner sollte auf eine ähnliche Idee verfallen, denn außer dem Portugiesen duldete er keine Partner, mit denen es zu teilen galt.
So warteten sie ab, bis es Larsky und dessen Gefolgschaft einfiel, im trunkenen Zustand mit den wenigen Mädchen anzubändeln, die vor der Kneipe im Sonnenlicht auf und ab spazierten und die Wärme genossen. Bei der Queen konnte keiner von ihnen landen, weder auf die rauhe noch auf die freundliche Art, das hatten sie inzwischen eingesehen. Folglich verschafften sie sich ihr Vergnügen auf die übliche, problemlose Weise.
Gilbert Sarraux und Joao Nazario traten an den Tisch der Black Queen.
Caligula blickte lauernd auf und fragte: „Was ist? Habt ihr auch Schiffszwieback und Hartwurst zu verkaufen? Oder wollt ihr eure Pulvervorräte loswerden?“
„Weder das eine noch das andere“, erwiderte Sarraux. „Aber was wir anbieten, ist gegen gute, harte Silbermünzen zu haben. Am liebsten nehmen wir Piaster an.“
Die Queen sah sie eher mitleidig an. „Kannst du dich nicht deutlicher ausdrücken? Wer bist du überhaupt? Ein Franzose? Bei Franzosen weiß man nie, ob sie die Wahrheit sprechen.“
„Das stimmt“, entgegnete Sarraux zu ihrer Überraschung. „Aber ich bin Bretone, und das ist ein Unterschied. Mein Wort gilt, und ich löse meine Versprechen stets ein.“
„Bei mir ist es nicht anders“, fügte Joao Nazario hinzu. „Vielleicht hast du Verwendung für zwei harte Burschen wie Gilbert und mich. Wir könnten gewisse Kohlen für dich aus dem Feuer holen – gegen gute Bezahlung, wie schon gesagt.“
Die Queen wies auf zwei Stühle. „Nehmt Platz. Mir ist da etwas eingefallen.“
„Wir könnten nach Tortuga segeln“, sagte Sarraux.
„Du hast es genau erfaßt. Aber wichtig dabei ist, ob ihr zwei schon einmal dort gewesen seid. Kennt man euch dort?“
„Nein“, entgegnete der Bretone mit listigem Grinsen. „Und das ist auch der Grund, warum wir uns entschlossen haben, dich anzusprechen. Wir haben gehört, wie du über Tortuga und den Seewolf geredet hast – und wir fragen uns, ob es nicht doch einen Weg gibt, diesem Oberhurensohn das Handwerk zu legen.“
„Es gibt ihn“, sagte sie, und ihre Miene verhärtete sich. „Aber man muß einen Feind in allen Einzelheiten kennen, wenn man ihn besiegen will.“ Ihr Blick fixierte zuerst den Bretonen, dann den Portugiesen. „Nur eins ist mir noch nicht klar. Warum seid ihr so scharf darauf, die Machenschaften des Seewolfs auszuspionieren?“
„Weil wir dafür von dir bezahlt werden“, erwiderte Nazario prompt. Er ließ sich langsam auf einem der Stühle nieder, sein Freund folgte seinem Beispiel. „Wir handeln aus reinem Eigennutz“, fuhr Nazario fort. „Wir sind knapp bei Kasse und brauchen Geld. Vielleicht können wir uns von dem, was du uns gibst, ein Boot kaufen.“
„Eine eigene Pinasse“, sagte Sarraux. „Das war schon immer unser Traum. Bislang sind wir immer nur bei anderen mitgefahren, wenn es auf Beutezug ging. Das haben wir langsam satt.“
„Ich verstehe“, sagte die Queen. „Und ihr kriegt die Piaster von mir, aber nur, wenn ihr meinen Auftrag erfolgreich ausführt.“
„Wie lautet er denn?“ fragte Nazario. „Wir heften uns dem Seewolf an die Fersen. Das ist es doch, was du willst, oder?“
„Wir werden dich nicht enttäuschen“, versprach Sarraux. Die Augen der Black Queen wurden schmal. „Es gab auf Tortuga einen Mann namens Emile Boussac, den ich dummerweise aus El Triunfo gerettet hatte. Er betrieb Erkundungsarbeit hinter den feindlichen Linien, Spionage sozusagen. Aber er trieb ein doppeltes Spiel – und dafür mußte er mit dem Leben bezahlen.“
Sarraux und Nazario tauschten einen Blick. Sie brauchten nicht danach zu fragen, wer diesen Boussac getötet hatte. Es gehörte kein Scharfsinn dazu, es zu erraten. Außerdem verriet die Miene, mit der Caligula die Queen ansah, auch einiges.
„Wir suchen uns unsere Partner gut aus“, sagte Sarraux, der jetzt ebenfalls ernst geworden war. „Und wir arbeiten immer nur mit einem Verbündeten zusammen. Eine Kriegslist ist richtig – aber kein Verrat. Wir kapieren, wovor du uns warnen willst, aber du brauchst keine Sorge zu haben. Wir eifern diesem Boussac nicht nach.“
Wieder taxierte die Queen die beiden Männer, dann sagte sie: „Ihr werdet lachen – ich glaube euch. Also schön, dann hört jetzt zu, welchen Auftrag ich für euch habe. Ihr braucht dazu einen Einmaster, aber den können wir hier in Punta Gorda leicht auftreiben, denke ich.“
„Wir könnten die Pinasse von Dodger ausleihen“, sagte Sarraux. „Er benutzt sie sowieso nie und hockt nur immer in seinem Baumhaus.“
„Ist die Pinasse seetüchtig?“ fragte die Queen.
„Sie braucht nur ein bißchen kalfatert und gepönt zu werden“, entgegnete Nazario. „In einem halben Tag schaffen wir das.“
„In Ordnung.“ Die Queen beugte sich vor und begann, ihnen ihr Vorhaben auseinanderzusetzen. Bald waren Sarraux und Nazario sich einig: Was sie auf Tortuga zu erledigen hatten, waren „kleine Fische“, sie würden kaum Schwierigkeiten dabei haben. Der Lohn war hoch: zwanzig Achterstücke, echte Goldmünzen aus Spanien, wenn alles klappte. Sie durften aber mit niemandem darüber sprechen, der Auftrag war geheim. Sarraux und Nazario legten einen Eid darauf ab. Sie setzten Verschwörermienen auf und sprachen die letzten Einzelheiten mit der Black Queen durch.
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