Kitabı oku: «Seewölfe Paket 24», sayfa 19

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2.

Die Kurse der „Golden Hen“ und des Kriegsschiffverbandes kreuzten sich. Als nur noch etwa eine Meile beide Seiten voneinander trennte, wurde aus den Masttoppen der größten Kriegsgaleone signalisiert.

„Sollen wir das jetzt verstehen?“ fragte Renke Eggens. „Wir sind ja Deutsche und haben unsere eigenen Signale, nicht wahr?“

Jean Ribault grinste. „Klar, aber wir haben auch genug Erfahrung, um ausländische Zeichen zu verstehen. Die Dons fordern uns zum Beidrehen auf. Na, dann mal los.“

„Die haben sonst nichts anderes zu tun“, brummte Hein Ropers, der mit Hanno Harms, dem Mann aus Hinterpommern, auf dem achteren Bereich der Kuhl stand. „Die sagen sich, na, diesen komischen Vogel mit den unbekannten Flaggen sehen wir uns mal näher an.“

„Von mir aus“, sagte Renke Eggens lachend. „Wir sind doch harmlose Menschen.“

Jean Ribault deutete eine Verbeugung zu Renke hin an. „Mein Herr, würden Sie bitte geruhen, das Kommando zu übernehmen?“

„Gern, mein Herr“, erwiderte Renke. „Es wird mir eine Ehre sein.“

„Karl, komm, wir mischen uns unters Schiffsvolk“, sagte Jean Ribault.

Er verließ das Achterdeck, gefolgt von Karl von Hutten. Grinsend gesellten sie sich zu den Männern auf der Kuhl. Hanno Harms enterte auf einen Wink von Renke hin aufs Achterdeck. Pierre Puchan überließ ihm das Ruder und stieg ebenfalls zur Crew hinunter.

„Na schön“, sagte Renke. „Dann wollen wir mal beidrehen, bevor sie uns einen Schuß vor den Bug setzen.“

Kurze Zeit darauf lag die „Golden Hen“ beigedreht im Wind nur noch etwa eine Kabellänge von den spanischen Kriegsschiffen entfernt, die inzwischen ebenfalls beigedreht und die Segel aufgegeit hatten. Renke ließ eine Jakobsleiter ausbringen, dann wartete er ab.

„Bitte sehr“, sagte er. „Wir haben nichts zu verbergen.“

„Man zu“, brummte Hanno Harms. „Wir verlieren bloß Zeit wegen dem Kram.“

Die Männer beobachteten, wie von der größeren Kriegsgaleone eine Jolle zu Wasser gelassen wurde. Uniformierte Männer enterten in das Boot ab – sieben Mann. Ihre Helme und Brustpanzer funkelten in der Sonne. Renke glaubte zu erkennen, daß einer von ihnen den Rang eines Teniente hatte.

Die Jolle legte von der Bordwand der Kriegsgaleone ab. Die Riemen tauchten ein und hoben sich wieder aus dem Wasser, immer schneller. Der Teniente trieb die Soldaten zur Eile an.

„Ein schneidiges Bürschchen“, sagte Jean Ribault. „Der weiß, was er will.“

„Ich frage mich, was er will“, murmelte Karl von Hutten.

„Na, er wird schon klare Anweisungen von seinem Capitán haben“, sagte Ribault. „Das fremde Schiff kontrollieren. Wenn sie sich davon überzeugt haben, daß wir keine Piraten sind, werden sie uns weitersegeln lassen.“

Der Teniente Don José de Zavallo saß auf der achteren Ducht der Jolle und musterte aus schmalen Augen das fremde Schiff. Welche Nationalität hatte es? Auch der Kommandant hatte es nicht gewußt. Hatte man in diesen Breiten jemals einen solchen Kahn gesehen? Seiner Bauart nach hätte er durchaus auch ein spanisches Schiff sein können. Aber seine Flaggen gaben den Spaniern ein Rätsel auf.

De Zavallo ließ mit der Jolle bei der Karavelle längsseits gehen, dann enterte er mit seinen Soldaten auf. Er trat als erster auf die Kuhl, warf dem „Schiffsvolk“ nur einen geringschätzigen Blick zu und schritt sofort auf den Niedergang des Achterdecks zu. Die Soldaten blieben am Schanzkleid der Kuhl stehen.

Jean Ribault und Karl von Hutten tauschten heimlich einen Blick. Ja, das war ein Kerlchen, dieser Teniente! Schneidig und stramm, arrogant und blasiert. Von Hutten spürte schon jetzt, daß es Ärger mit ihm geben würde.

De Zavallo stieg die Stufen des Niederganges hoch und trat auf dem Achterdeck auf Renke Eggens zu.

„Willkommen an Bord der ‚Goldenen Henne‘“, sagte Renke – zuerst auf Deutsch, dann auf Spanisch. Er musterte den Spanier. Aufgeputzter Bursche, dachte er, fühlt sich mächtig stark und unerhört wichtig. „Mit wem habe ich die Ehre?“ fragte er.

„Don José de Zavallo“, entgegnete der Teniente.

„Renke Eggens“, sagte Renke. „Kapitän der ‚Goldenen Henne‘.“

„Ein seltsamer Name für ein Schiff“, sagte de Zavallo schroff. Er gab sich keine Mühe, sein Mißtrauen zu verbergen.

„Eine Anekdote gab der ‚Henne‘ ihren Namen“, erklärte Renke.

„Eine was?“

„Sagen wir – eine Geschichte.“

„Aha“, sagte de Zavallo. „Woher kommen Sie? Zu welchem Land gehört Ihr Schiff?“

„Deutschland.“

„An der Nordsee?“

„Deutschland an der Nord- und Ostsee“, entgegnete Renke geduldig.

„Welcher Hafen?“ wollte de Zavallo wissen.

„Kolberg.“

„Kolberg? Nie gehört“, sagte der Teniente unwirsch.

„Kolberg an der Ostsee“, erklärte Renke so ruhig wie möglich. „Ein sehr alter Hafen, der schon zu Zeiten der Hanse existierte.“

„Von dieser Hanse ist mir nichts bekannt“, sagte de Zavallo. „Was ist Ihr Ziel, Señor Ecke?“

„Eggens.“

„Eckens. Welchen Hafen laufen Sie an?“

„Havanna auf Kuba“, erwiderte Renke, obwohl er die Fragen allmählich anmaßend fand.

„Warum Havanna?“ fragte de Zavallo.

„Dort befindet sich das Handelshaus des deutschen Kaufherrn Arne von Manteuffel“, sagte Renke.

De Zavallo lachte verächtlich. „Ein deutsches Handelshaus? In Havanna? Unmöglich, so was gibt es nicht!“

„Eine Niederlassung des Stammhauses in Kolberg, zu dem wir gehören“, versuchte Renke ihm auseinanderzusetzen. „Unser Kaufherr hat sie mit der Genehmigung des Gouverneurs von Kuba, Don Antonio de Quintanilla, errichtet.“

„In Havanna?“

„Das sagte ich bereits.“

„Das kann ich nicht glauben“, sagte der Teniente. „Da stimmt was nicht. Welchen Grund sollte Spanien haben, einem Deutschen so etwas zu genehmigen?“

„Das müssen Sie schon Ihren Gouverneur fragen, Señor“, erwiderte Renke. „Ich nehme an, es hängt mit internationalen Handelsbeziehungen zusammen. Geschäfte kennen keine Grenzen, meine ich.“

„Welche Ladung haben Sie?“ fragte Don José de Zavallo.

„Keine. Wir wollen erst in Havanna Ladung übernehmen“, erwiderte Renke.

„Welcher Art von Ladung?“

„Exotische Hölzer und Spezereien.“

„Was für Hölzer?“

„Hölzer für den Schiffsbau“, entgegnete Renke.

„Was will man in Deutschland mit Spezereien?“ fragte der Teniente.

„Das gleiche wie überall, nämlich Speisen würzen“, antwortete Renke.

„Gewürze finden nur in der spanischen Küche Verwendung“, sagte de Zavallo arrogant. „Ich habe gehört, daß nicht mal die Franzosen richtig kochen können, geschweige denn die Nordeuropäer.“

„Sie müssen es schon uns überlassen, was wir mit den Waren tun, die wir in Havanna kaufen“, sagte Renke, dem die Galle hochstieg.

„Ja, ja“, sagte de Zavallo, aber er schien gar nicht zuzuhören. Er schaute sich wieder um, dann trat er an die Schmuckbalustrade des Achterdecks und gab seinen Soldaten einen Wink. „Durchsucht das Schiff!“

„Ja, Teniente“, sagten die sechs Soldaten. Dann marschierten sie auf die Schotts von Vor- und Achterdeck zu, rissen sie auf und begannen mit der Inspektion. Ihre Schritte polterten durch das Schiff. Sie sahen in jeden Raum und schnüffelten in jeder Ecke und jedem Winkel herum.

Don José de Zavallo drehte sich wieder zu Renke Eggens um. Sein Blick wanderte zu Hanno Harms, dessen Miene unbeweglich und verschlossen war.

„Ist das der Rudergänger?“ fragte de Zavallo.

„Ja“, erwiderte Renke.

„Deutscher?“

„Ja.“

De Zavallo wies auf die Crew. „Das sind auch alles Deutsche, nicht wahr?“

„Ja“, entgegnete Renke. „Was wollen Sie noch wissen?“

„Keine Mischlinge darunter?“

„Wie bitte?“ fragte Renke verdutzt.

„Kerle, die nicht reinrassig sind“, sagte der Teniente.

„Was geht Sie das eigentlich an?“ fragte Renke. Er hatte die Nase voll. „Wenn Sie Zweifel an unserer Herkunft haben, können Sie die Schiffspapiere prüfen. Sie geben klar Auskunft. Hier hat alles seine Ordnung, Señor.“

„Von einem Hafen namens Kolberg habe ich nie was gehört.“

„Dann sollten Sie Ihre Karten zu Rate ziehen“, sagte Renke.

„Der König von Spanien würde es nicht zulassen, daß ein Deutscher in Havanna ein Handelshaus eröffnet“, sagte de Zavallo hochnäsig und kalt.

„Sagen Sie das dem Gouverneur von Kuba“, sagte Renke. „Haben Sie sonst noch Fragen?“

Der Teniente wies zu den Masttoppen. „Was sind das für merkwürdige Flaggen?“

„Die Flaggen von Kolberg und von Pommern.“

„Soso.“ Der Teniente blickte zu den Soldaten, die inzwischen wieder an Oberdeck erschienen waren. „Irgend etwas Verdächtiges entdeckt?“ fragte er sie.

„Nichts, Señor“, meldete der dienstälteste Soldat, der den kleinen Trupp anführte.

„Keine Ladung?“

„Keine Ladung, Señor.“

„Das sagte ich bereits“, erklärte Renke Eggens frostig. „Die Durchsuchung hätten Sie sich sparen können.“

De Zavallo sah ihn feindselig an. „Señor, ich empfehle Ihnen, nicht frech zu werden. Sie befinden sich hier in spanischem Herrschaftsbereich, vergessen Sie das nicht.“

„Ich denke die ganze Zeit daran“, sagte Renke. „Wir befinden uns mitten im spanischen Weltreich. Es ist nicht unsere erste Reise dieser Art, und wir sind bisher mit unseren spanischen Handelspartnern bestens ausgekommen.“

De Zavallo schien über diese Äußerung nachzudenken. Eigentlich war ja alles in Ordnung. Es schien auch wenig empfehlenswert zu sein, irgendwie die Geschäfte des Gouverneurs von Kuba zu durchkreuzen. Dennoch: Dieses schöne Schiff wieder davonsegeln zu lassen, mißfiel de Zavallo. Er mußte es irgendwie festhalten. Aber wie?

Sein Blick fiel auf die Crew. Plötzlich entdeckte er den Mann, der wie ein Indianer aussah. Er streckte die Hand aus und deutete auf ihn.

„Sie haben gelogen, Kapitän!“ sagte er scharf. „Sie haben nicht nur Deutsche an Bord! Wer ist dieser Bastard?“ Er wies auf Karl von Hutten.

„Das ist mein Lotse“, erklärte Renke Eggens frostig. Die penetrante Fragerei ließ ihm restlos die Galle hochsteigen, ganz abgesehen davon, daß dieser Kerl es gewagt hatte, Karl von Hutten einen Bastard zu nennen.

De Zavallos Argwohn war wieder da. „Lotse? Wieso Lotse?“

„Ich brauche in diesen Gewässern einen Führer“, entgegnete Renke nur mühsam beherrscht.

Der Teniente sagte: „Das gibt es doch überhaupt nicht – daß dreckige Indianermischlinge etwas von Navigation verstehen. Und überhaupt – es ist ungeheuerlich, daß so ein halbfarbener Strolch an Bord eines Schiffes fährt, das mit weißen Seeleuten besetzt ist!“

Da platzte dem geduldigen Renke nun doch der Kragen.

„Señor!“ fuhr er de Zavallo an. „Sie müssen es schon mir, dem Kapitän der ‚Goldenen Henne‘ überlassen, wen ich anheuere und wen nicht!“

„Aber keine Indianerbastarde!“

„Der Lotse hat hervorragende Revierkenntnisse, und die sind wichtiger als eine Hautfarbe, die mich nicht im mindesten interessiert, Señor!“ schrie Renke.

Jetzt wurde der Teniente ebenfalls hitzig. „Ich verbitte mir diese Belehrungen!“ stieß er aus.

„An Bord meines Schiffes bestimme ich, was geschieht!“ rief Renke zornig.

De Zavallo stand an der Schmuckbalustrade und blickte voll Haß und Wut auf den vermeintlichen Kapitän der Karavelle. Alle warteten gespannt auf seine Reaktion, auch die Spanier an Bord der beiden Kriegsgaleonen und der Kriegskaravelle. Würde sich de Zavallo von dem Deutschen zurechtweisen lassen? Oder holte er zum Gegenschlag aus? Fast wirkte es so, als wolle er die Neunschwänzige von seinem Gurt lösen und damit auf Renke Eggens einschlagen. Dann aber schien er es sich anders zu überlegen.

Noch einmal zeigte er mit dem Finger auf Karl von Hutten.

„Der Kerl ist verhaftet“, sagte er.

„Wie bitte?“ fragte Renke verblüfft.

„Der Indianerbastard wird abgeführt.“

Renke sagte: „Ich verlange, den Grund für diese absurde Verhaftung zu erfahren.“

De Zavallo musterte ihn wieder. „Burschen wie dieser Mischling sind grundsätzlich gefährliche und aufrührerische Elemente, die wir im spanischen Herrschaftsbereich nicht dulden.“

„Sondern?“

„Wir sperren sie hinter Schloß und Riegel, damit sie keinen Schaden stiften“, erklärte de Zavallo.

Sie sind ja verrückt! wollte Renke dem Teniente entgegenschleudern, aber noch einmal beherrschte er sich.

„Was Sie da behaupten, ist völlig aus der Luft gegriffen“, sagte er nur.

„Der Kerl braucht nur in Havanna von Bord Ihres Schiffes zu verschwinden, und schon gibt es Mord und Totschlag“, sagte Don José de Zavallo. „Das kennt man ja. Wollen Sie das riskieren? Sie wissen nicht, auf was Sie sich da eingelassen haben. Ich kann das besser beurteilen als Sie. Der Bastard ist eine Gefahr für die Allgemeinheit, ein Parasit, der kaltgestellt werden muß.“

Renke Eggens kochte vor Wut. Am liebsten hätte er dem aufgeblasenen Kerl ein paar Ohrfeigen verpaßt und ihn mitsamt seinen sechs Seesoldaten überwältigt, doch das konnte und wollte er nicht riskieren. Aber das ganze Benehmen dieses Teniente sah verdammt nach Schikane aus, und dieser Art von gemeinem, hinterhältigem Spiel gedachte er, Renke, sich nicht zu beugen. Es war ihm auch zu dumm, mit dem Kerl zu debattieren.

Du Würstchen, dachte er aufgebracht.

Laut sagte Renke: „Jetzt reicht’s mir aber, Teniente. Ich verlange, den Verbandsführer zu sprechen. Sofort.“

De Zavallo hob den Kopf und zog die Augenbrauen hoch. „Das ist nicht erforderlich. Ich habe Handlungsvollmacht.“

„Trotzdem will ich Ihren Kommandanten sprechen!“ stieß Renke wütend hervor.

„Nein! Ich bin der Vertreter des Verbandsführers! Daher ist es unnötig, diesen zu belästigen!“

„So?“ rief Renke wutschnaubend. „Dann nehmen Sie zur Kenntnis, daß Sie schon das ganze Schiff beschlagnahmen müssen!“

„Ist das Ihr Ernst?“ fragte der Teniente lauernd.

„Ja! Der Lotse bleibt an Bord!“

Innerlich triumphierte de Zavallo. Das Spielchen nahm genau die Richtung, die er gewünscht hatte.

„Überlegen Sie sich, was Sie da sagen!“ erklärte er barsch.

„Der Lotse bleibt“, sagte Renke noch einmal. „Ich denke gar nicht daran, in diesen navigatorisch schwierigen Gewässern ohne ihn weiterzusegeln.“

„Die Konsequenzen haben Sie sich selbst zuzuschreiben, Señor“, sagte der Teniente.

„Das werden wir ja sehen! Ich werde über meinen Handelsherrn, Señor de Manteuffel, eine geharnischte Beschwerde beim Gouverneur von Kuba einreichen, darauf können Sie sich verlassen!“

Kühl erwiderte de Zavallo: „Tun Sie, was Sie nicht lassen können. Mich interessiert das nicht.“

„Diese Verhaftung ist ein ungeheuerlicher Willkürakt gegenüber einem friedlichen Handelsfahrer!“ fuhr Renke aufgebracht fort. „Das lasse ich mir nicht bieten.“

Aber Don José de Zavallo blieb stur und ließ sich nicht beeinflussen. So passierte, was an Bord der „Goldenen Henne“ niemand für möglich gehalten hätte. Der Teniente schlug mit der flachen Hand auf die Schmuckbalustrade.

„Hiermit erkläre ich das Schiff für beschlagnahmt“, verkündete er. „Das bedeutet, daß sich Kapitän und Mannschaft als Gefangene zu betrachten haben.“

Renke lachte höhnisch auf. „Und weiter?“

„Sie werden unserem Verband zur näheren Untersuchung des Falles nach St. Augustine folgen, Señor“, erwiderte de Zavallo.

Karl von Hutten hatte lange genug geschwiegen. Er stand auf der Kuhl inmitten der Männer und blickte zum Achterdeck hoch. Als de Zavallo ihn beschimpft und beleidigt hatte, hätte er sich am liebsten auf ihn gestürzt, aber Jean Ribault hatte ihn zurückgehalten. Es wäre Wahnsinn gewesen, wegen der aberwitzigen Anschuldigungen dieses Teniente alles aufs Spiel zu setzen. Das sah auch von Hutten ein. Aber er mußte etwas tun, um die Situation zu retten. Er wandte sich an Renke Eggens.

„Ich bin bereit, mich verhaften zu lassen“, sagte er auf Deutsch. Er war eiskalt und völlig beherrscht. „Viel wichtiger ist, daß die ‚Goldene Henne‘ nach Havanna segelt. Ich selbst werde schon Mittel und Wege finden, den Spaniern wieder zu entwischen.“

„Was sagt der Kerl?“ rief Don José de Zavallo.

„Etwas, das nur für mich bestimmt ist“, entgegnete Renke.

„Was ist das für eine Sprache?“

„Deutsch.“

„Was, der Bastard kann Deutsch?“

„Ja“, sagte Renke. „Was ist daran so erstaunlich? Bastarde sind manchmal gescheiter als Männer, die sich für Übermenschen halten.“

„Übersetzen Sie, was der Hund sagt!“ stieß de Zavallo hervor.

Renke wandte sich an von Hutten. „Damit bin ich nicht einverstanden“, sagte er in deutscher Sprache. „Ich danke dir für deinen Vorschlag, aber wir werden dich nicht im Stich lassen.“

Auch Jean Ribault schüttelte unmerklich den Kopf. Immerhin konnte er so viel Deutsch, daß er von Huttens Vorschlag verstanden hatte.

„Hölle“, brummte Hein Ropers. „Wir sind bisher durch dick und dünn gegangen, wir tun’s auch diesmal.“

„Klar, wir liefern dich doch diesen Scheißdons nicht einfach so aus“, sagte Hanno Harms.

Das war es eben: Keiner ließ den anderen im Stich.

„Dann sollen die verdammten Spanier gleich alle mitgehen lassen“, sagte Hein Ropers.

Don José de Zavallo legte seine rechte Hand auf den Kolben seiner Pistole. Es war eine unmißverständliche, drohende Geste.

„Ich will wissen, was hier gesprochen wird!“ sagte er.

„Meine Männer stehen voll hinter mir“, erwiderte Renke. „Keiner läßt sich diese Behandlung gefallen.“

„Widerstand?“ Der Teniente gab seinen Soldaten ein Zeichen, und sie nahmen die Musketen hoch. Es knackte, als sie die Hähne spannten. „Wer auch nur eine Hand gegen uns hebt, wird erschossen!“ rief de Zavallo.

Jean Ribault und Renke Eggens tauschten einen raschen Blick miteinander. Nein, es hatte keinen Sinn. Zwar wären sie mit den sechs Soldaten wahrscheinlich im Handumdrehen fertig geworden. Doch da waren die Kriegsschiffe.

Die Männer der „Goldenen Henne“ konnten sicher sein, daß hinter den geschlossenen Stückpforten die Geschütze klar zum Gefecht waren. Im Handumdrehen konnten die Spanier das Feuer eröffnen – und dann hatte die Karavelle kaum eine Chance, gegen sie zu bestehen. Zwei Kriegsgaleonen und eine Kriegskaravelle, alle gut bestückt, waren ein zu starker Gegner.

Folglich mußten die Männer davon absehen, den bornierten Teniente samt seiner Gefolgschaft ins Wasser zu werfen. Es hatte keinen Zweck. Sie mußten sich ihrem Schicksal fügen.

Zwar hatte Renke Eggens nur geblufft, als er de Zavallo entgegengehalten hatte, er müsse schon das ganze Schiff beschlagnahmen, um den „Indianer-Bastard“ verhaften zu können, doch er hatte nicht damit gerechnet, daß der Teniente darauf eingehen würde. Tatsächlich stieg in Renke erst jetzt der Verdacht auf, daß die Spanier auf jeden Fall die „Goldene Henne“ beschlagnahmen wollten und der „Bastard“ nur ein vorgeschobener Grund war.

Renke konnte es selbst kaum fassen, aber sein Verdacht schien sich zu bestätigen. Auch Jean Ribault, Karl von Hutten und den anderen Männern der Karavelle ging es nach und nach auf: Die Spanier – darauf deutete alles hin – waren jetzt bereits darauf angewiesen, Schiffe auf diese miese Tour zu beschlagnahmen. Ihr eigener Schiffsraum wurde zu knapp, ihre Werften produzierten zu langsam.

Sie brauchten dringend neue Schiffe, um ihre Stützpunkte in der Neuen Welt zu halten und zu festigen. Das also war der wahre Grund, der hinter Don José de Zavallos dreistem Auftreten und der sinnlosen, absurden Verhaftung von Karl von Hutten stand: Er wollte ihnen die „Goldene Henne“ wegnehmen.

3.

Nichts ließ sich mehr rückgängig machen oder aufhalten, die Dinge nahmen ihren fatalen Verlauf. Don José de Zavallo verständigte sich nur kurz mit seinem Kommandanten an Bord der Führungsgaleone. Dem schien wieder einmal alles recht zu sein.

Und es war keineswegs falsch, die beschlagnahmte Karavelle nach St. Augustine zu bringen. Der Festungskommandant würde es begrüßen, ein weiteres Schiff als Verstärkung seiner Patrouillen zu erhalten. Und dies wiederum warf ein günstiges Licht auf den Verbandsführer.

Noch zehn Seesoldaten setzten sich mit einer zweiten Jolle zur „Goldenen Henne“ in Bewegung. Sie enterten an Bord, um mit den anderen zusammen die Deutschen zu „bewachen“. De Zavallo blieb gleich an Bord des requirierten Schiffes, die überrumpelten „Handelsfahrer“ mußten sich zähneknirschend seinen Befehlen beugen.

Die Seeleute der Führungsgaleone beobachteten genau, was sich an Bord der „Goldenen Henne“ abspielte.

„So“, sagte Lombardez gedämpft. „Jetzt sind wir den Hund von einem Teniente erst mal los. Ihr solltet froh darüber sein.“

„Bist du’s vielleicht nicht?“ zischte El Rojo ihm zu.

„Doch, natürlich.“

„Ich wünsche ihm nur das eine“, sagte Pedro Tores mit finsterer Miene. „Daß die Kerle dort drüben, wer immer sie auch sind, ihm die Gurgel durchschneiden.“

„Den Gefallen werden sie dir nicht tun“, raunte der Decksälteste. „So dumm können sie nicht sein. Wenn sie sich zur Wehr setzen, eröffnen wir das Feuer auf sie.“

„Mit unseren Leuten an Bord der Karavelle?“ fragte der Einarmige. „Das glaube ich aber nicht.“

„Wenn die Männer der Karavelle was unternehmen, werden sie den Teniente und die Soldaten höchstwahrscheinlich zu den Fischen befördern“, erklärte Lombardez ruhig. „Das wiederum bedeutet für uns, daß wir das Schiff in Stücke schießen können.“

„Und wenn sie den Schweinehund als Geisel nehmen?“ fragte Tores. „Was dann?“

Lombardez lächelte ein wenig. „Dann liegt die Bewertung bei unserem Kommandanten. Was ist ihm wichtiger, de Zavallos Leben oder das Schiff?“

„Für das Schiff würde er de Zavallo hopsgehen lassen“, sagte El Rojo leise. „Ganz klar. Hoffen wir, daß es soweit kommt.“

Doch so gespannt sie auch darauf warteten – an Bord der „Goldenen Henne“ geschah nichts dergleichen. De Zavallo führte den Befehl, das Schiff schien bereits ihm zu gehören oder seinem Kommando zu unterstehen. Alles beugte sich seiner Gewalt.

Insgeheim schalt sich Renke Eggens einen kompletten Narren und Anfänger. Welcher Teufel hatte ihn geritten, diesem Hundesohn von einem Teniente die Karavelle gewissermaßen anzubieten? War er verrückt?

Nein. Es hatte ja wirklich niemand ahnen können, was passieren würde. Renke traf keine eigentliche Schuld. Er hatte nicht wissen können, daß ein Mann wie dieser de Zavallo an Bord erschien. Und daß die Spanier zu solchen Mitteln wie diesem griffen, um sich Schiffe anzueignen.

Hinterher war man immer klüger.

„Wir hätten ausreißen können“, murmelte Hein Ropers. „Gleich, als wir die drei Kriegsschiffe sichteten.“

„Irgendwie war mir das Ganze gleich nicht geheuer“, sagte Karl von Hutten leise. „Aber ich habe auch nicht ahnen können, was kommt.“

„Scheiße“, sagte Jean Ribault nur.

Zur Hölle mit den Spaniern! Die „Goldene Henne“ war ein schnelles Schiff, sie hätte den Verband mit einiger Sicherheit abgehängt, wenn die Spanier nicht sehr reaktionsschnell gehandelt hätten. Aber genau das hatte Ribault ja vermeiden wollen – daß man vor den Dons Reißaus nahm. Das hatte er nun davon!

Die „Goldene Henne“ wurde von den Schiffen des Dreierverbandes eskortiert. Als sie wieder Fahrt aufnahmen, segelte die Kriegskaravelle im Kielwasser der „Goldenen Henne“, und je eine der Galeonen befand sich an Backbord und Steuerbord. Der Kurs führte nordwärts, St Augustine entgegen.

De Zavallo hatte Renke Eggens unterdessen mit neuen Fragen überhäuft. Renke mußte auf alles antworten, es blieb ihm keine andere Wahl. Ja, Kolberg existierte wirklich. Es lag an der Ostsee. Und es gab auch das Handelshaus von Manteuffel mit einer Niederlassung in Havanna.

Renke mußte die Papiere vorzeigen – und das Logbuch. Ja, die Crew bestand ausschließlich aus Deutschen, von dem „Bastard“ Karl von Hutten abgesehen. Jean Ribault hieß jetzt Jan Rebauer und war der Erste Offizier der „Goldenen Henne“. So einfach war das.

Aber was nutzte es, daß de Zavallo zumindest darauf hereinfiel? Überhaupt nichts – sie waren ihm ausgeliefert.

Als de Zavallo begann, persönlich die „Henne“ zu inspizieren, hatten Renke Eggens, Jean Ribault und Karl von Hutten Gelegenheit, sich miteinander zu unterhalten. Zwar hatte de Zavallo den „Indianerbastard“ unter Arrest gestellt, doch das beschränkte sich vorläufig darauf, daß die Soldaten von Hutten im Auge behielten, wie sie auch die anderen Männer bewachten.

Ribault und von Hutten konnten immerhin unbehelligt das Achterdeck betreten. Dort standen zwei Soldaten mit den Musketen in den Fäusten, aber sie konnten nicht verstehen, was Renke mit den beiden Männern besprach.

„So“, flüsterte Renke. „Jetzt sitzen wir im Schlamassel. Tut mir leid, aber das ist meine Schuld.“

„Unsinn“, sagte Jean Ribault. „Dir wirft keiner etwas vor.“

„Es wäre besser gewesen, wenn ich mich unter Deck zurückgezogen hätte“, sagte von Hutten. „Dann wäre dieser Drecksack nicht auf mich aufmerksam geworden.“

„Er hat doch nur einen Vorwand gesucht, um die ‚Hen‘ zu beschlagnahmen“, murmelte Renke. „Er hätte schon was anderes gefunden, keine Sorge. Vielleicht hätte ihm meine Nase nicht gepaßt, weil sie spanienfeindlich ist.“

„So ungefähr“, sagte Jean Ribault. „Aber was passiert ist, ist nun mal passiert. Laßt uns lieber überlegen, was wir unternehmen können, statt Trübsal zu blasen.“

„Wie stehen unsere Chancen?“ fragte von Hutten. „Wenn wir die Dons jetzt aus ihren Brustpanzern stoßen, haben wir die drei Kriegssegler am Hals.“

„Man könnte zum Beispiel den Teniente als Geisel nehmen“, schlug Jean Ribault leise vor. „Wäre das nicht eine Idee?“

„Wir halten ihm eine Pistole an die Schläfe und erpressen auf diese Weise freie Fahrt“, sagte Renke. „Warum nicht?“

„Oder wir brechen nachts aus dem Verband aus“, flüsterte von Hutten.

Jean Ribault schüttelte den Kopf. „Alles Mist. Witzlos. Die Dons kennen ja unser Ziel. Sie können uns nach Havanna folgen.“

„Was ist, wenn wir nicht nach Havanna segeln?“ fragte von Hutten.

„Darüber habe ich auch schon nachgedacht“, erwiderte Jean Ribault. „Aber welchen Sinn hätte es? Wenn wir zur Cherokee-Bucht segeln, schaffen wir uns mit Hilfe unserer Freunde zwar die Dons vom Hals, aber Arne bleibt in Havanna weiterhin im Ungewissen, wo wir unseren neuen Stützpunkt anlegen.“

„Und das geht nicht“, sagte Renke. „Da gebe ich dir recht. Wenn Arnes Beobachtertätigkeit in Havanna überhaupt einen Zweck haben soll, dann muß er schleunigst wissen, wo er uns per Brieftauben erreichen kann.“

„Logisch“, sagte von Hutten. „Und die Brieftauben müssen sowieso erst auf die neue Flugroute eingetrimmt werden.“

„Pech auf der ganzen Linie“, sagte Jean Ribault. „Fatal in diesem Zusammenhang ist eben auch, daß wir nur mit der ‚Golden Hen‘ nach Havanna segeln können, mit keinem anderen Schiff.“

„Weil niemand unsere ‚Henne‘ kennt“, brummte Renke. „Ja, das war alles so schön ausgedacht und eingefädelt, und die Tarnung als deutsches Handelsschiff war perfekt. Beim Donner, warum mußte das schiefgehen?“

„Wegen dieses idiotischen Teniente“, sagte von Hutten. „Wir können es drehen und wenden, wie wir wollen. Wir sind die einzigen, die Arne unterrichten können. Und wir müssen es tun, so schnell wie möglich. Die ‚Wappen von Kolberg‘ und die ‚Pommern‘ können Havanna ja erst etwa im August wieder anlaufen, weil sie offiziell am 13. Februar Kuba mit Kurs Kolberg verlassen haben.“

„Da haben wir nun das Problem“, sagte Jean Ribault wütend. „Wie sollen wir es lösen?“ Er ärgerte sich auch über sich selbst. Er hätte dem spanischen Kriegsschiffverband wohl doch besser ausweichen sollen. Doch was nutzte es jetzt noch, sich Vorwürfe zu machen?

Von Hutten sagte: „Vielleicht wäre es aus dieser Sicht doch besser gewesen, wenn ihr auf meinen Vorschlag eingegangen wäret.“

Renke blockte diesen Einwand sofort ab. „Nein! Ich habe das doch schon mal gesagt: Die Dons wollen das Schiff, nicht dich. Die haben nur einen fadenscheinigen Grund gesucht, unsere ‚Henne‘ zu beschlagnahmen. So, und jetzt nimm sie ihnen mal wieder weg.“

„Diese Hundesöhne“, sagte Jean Ribault. „Aber es ist klar – sie brauchen dringend Schiffe. Wie viele eigentlich? Wollen sie sich in St. Augustine eine Flotte zulegen? Na, wir werden ja sehen.“

„Besser wär’s, wenn wir St. Augustine gar nicht erst sehen würden“, sagte Renke. „Wenn es uns vorher gelänge, abzuhauen.“

„Wir hauen auf jeden Fall ab“, murmelte Jean Ribault.

„Aber wie?“ raunte von Hutten.

„Uns wird schon was einfallen“, brummte Renke.

Don José de Zavallo war mit sich selbst und der Welt zufrieden. „Goldene Henne“ war zwar ein verdammt komischer Name für ein Segelschiff, aber was kümmerte ihn das? Viel wichtiger war, daß es sich um eine solide Karavelle neuer Bauart handelte. Sehr alt konnte sie noch nicht sein, höchstens vier, fünf Jahre. Das zählte. Nichts war morsch und wurmstichig, nirgends war ein Leck zu entdecken. Das Schiff war gut in Schuß, das mußte man diesen deutschen Tölpeln lassen.

Als erstes nahm sich de Zavallo das Vordeck vor. Ein Blick in die Kombüse verriet ihm, wie die Deutschen es mit der Sauberkeit hielten: alles bestens in Ordnung, keine Fettflecken auf der Anrichte, keine schmutzigen Töpfe und Pfannen, keine schmierigen Planken, auf denen man ausrutschen konnte.

Alle Achtung, dachte der Teniente insgeheim. Irgendwie empfand er sogar etwas Respekt vor diesen seltsamen Teutonen, auch, wenn sie einen Indianerbastard als Lotsen an Bord hatten. Von der Seefahrt und ordentlicher Seemannschaft schienen sie was zu verstehen, das bewies auch das Rigg des Schiffes, das tadellos in Schuß war.

Bis in den untersten Schiffsraum stieg de Zavallo hinunter und untersuchte auch hier alles eingehend. Kein Leck, nur das übliche bißchen Wasser in der Bilge. Ein schmuckes, sauberes Schiffchen, das nicht einmal einer Überholung bedurfte. Er konnte es sofort übernehmen.

Nicht einmal keimte in de Zavallo der Verdacht auf, daß es sich bei der „Goldenen Henne“ gar nicht um ein deutsches Schiff handelte. Wie sollte er das auch ahnen? Er wußte ja nichts von den Umständen, unter denen der Seewolf und sein Potosi-Trupp das Schiff der Schnapphahn-Bande Flores-Caspicara am Golf von San Blas abgenommen hatten. Und noch weniger konnte er wissen, daß wiederum Flores und Caspicara die Karavelle von Spaniern erobert hatten.